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+The Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Frauenfrage
+ ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite
+
+Author: Lily Braun
+
+Release Date: November 17, 2004 [EBook #14075]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+Die Frauenfrage
+
+ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite
+
+
+Von Lily Braun
+
+
+Leipzig
+
+Verlag von S. Hirzel
+
+1901
+
+
+
+
+Meinem Mann und meinem Sohn.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Auf Grund vieljähriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die
+Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen.
+Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das für ihr Verständnis entscheidende
+Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch
+das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des
+weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden für die
+Vergangenheit wie für die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden,
+ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die ökonomischen
+Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschließt sich
+der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren
+integrierender Bestandteil sie ist.
+
+Mein Buch giebt zunächst eine gedrängte Geschichte der Entwicklung der
+Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ältesten Zeiten bis zum 19.
+Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die
+wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die ökonomische Lage
+der Frau in den wichtigsten Kulturländern, bespricht die
+sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres
+Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter
+denen eine organische Lösung der Frauenfrage möglich ist.
+
+Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes
+bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und
+öffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische
+Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.
+
+Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige
+Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: daß die
+Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere
+auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatsächlichen Zustände
+handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie
+privaten Enqueten, kurz so weit als möglich auf quellenmäßigen
+Untersuchungen beruht.
+
+_Berlin_, Oktober 1901.
+
+Lily Braun.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+Vorwort
+
+
+ERSTER ABSCHNITT.
+
+Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.
+
+
+_Erstes Kapitel_: Die Frauenfrage im Altertum
+
+Die Periode des Mutterrechts.--Die Blutgemeinschaftsfamilie und die
+Schwägerschaftsverbände.--Die Entwicklung zur Monogamie.--Die
+Gesetzgebung in Bezug auf die Frauen.--Platos und Aristoteles' Stellung
+zur Frauenfrage.--Die Frauenfrage im römischen Reich.--Die Stellung der
+Frauen bei den Germanen.
+
+
+_Zweites Kapitel_: Das Christentum und die Frauen
+
+Christus und die Frauen.--Das kanonische Recht.--Die römisch-katholische
+Kirche in Bezug auf die Frauenfrage.--Die Nonnenklöster und ihre
+Bildung.--Die Folgen der Reformation für das weibliche Geschlecht.
+
+
+_Drittes Kapitel_: Die wirtschaftliche Lage der Frauen
+
+Die hörigen Frauen in Burgen und Klöstern.--Die Prostitution im
+Mittelalter.--Das zünftige Handwerk und seine Stellung zur
+Frauenarbeit.--Weibliche Genossenschaften und Beginenkonvente.--Der
+Ausschluß der Frauen aus den Zünften.--Die Anfänge der industriellen
+Entwicklung.
+
+
+_Viertes Kapitel_: Die Stellung der Frauen im Geistesleben
+
+Frauenbildung in der italienischen Renaissance.--Die berühmten Frauen
+Spaniens.--Christine de Pisan und die Bildung der Frauen
+Frankreichs.--Der erste deutsche Vorkämpfer der Frauenbewegung.--Die
+gelehrten Frauen und ihre Neigung zur Mystik.--Die Erziehungspläne Mary
+Astells.--Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. Jahrhunderts.--Die
+französische Salondame.--Rousseaus Einfluß auf die Frauen.
+
+
+_Fünftes Kapitel_: Die Frauen im Zeitalter der Revolution
+
+Die französischen Frauen in Philosophie und Politik.--Die
+Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in Amerika.--Talleyrand und das
+Recht der Frauen auf Bildung.--Die französischen Arbeiterinnen und ihre
+Forderungen.--Die Frauenvereine während der Revolution.--Olympe de
+Gouges.--Auflösung der Frauenvereine durch den Konvent.--Condorcets
+Verteidigung der Frauenrechte.--Mary Wollstonecraft.--Hippels
+"bürgerliche Verbesserung der Weiber".
+
+
+ZWEITER ABSCHNITT.
+
+Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.
+
+
+_Erstes Kapitel_: Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt
+
+Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher
+Arbeit: Fénelons Reform der Mädchenerziehung.--Basedow und Karoline
+Rudolphi über die Erziehung der Töchter.--Die Erziehungsreform in
+England und Amerika.--Der Einfluß der Klassiker auf deutsche
+Frauenbildung.--Das Eindringen der Frauen in bürgerliche Berufssphären:
+in Amerika,--in England,--in Frankreich,--in Deutschland.--Die Anfänge
+der deutschen Frauenbewegung.--Die Bestrebungen für Frauenbildung und
+Frauenarbeit in neuester Zeit: in den Vereinigten Staaten,--in
+England,--in Frankreich,--in Rußland,--in Schweden,--in Dänemark,--in
+Holland und Belgien,--in der Schweiz,--in Italien,--in Spanien und
+Portugal,--in Oesterreich,--in Deutschland.
+
+
+_Zweites Kapitel_: Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung
+
+Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts über das
+männliche.--Das Verhältnis der Knaben- und Mädchengeburten in
+bürgerlichen und proletarischen Familien.--Die Verheiratbarkeit nach
+den Altersstufen.--Statistik der verheirateten und der ledigen
+Frauen--Der Knabenüberschuß bei der Geburt.--Die größere
+Sterblichkeit der Männer.--Der Rückgang der Heiratsziffern und seine
+Ursachen.--Statistik der erwerbsthätigen Frauen.--Statistik der
+Frauenarbeit in bürgerlichen Berufen.--Die verheirateten Frauen in
+bürgerlichen Berufen.--Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.--Die
+Löhne der Handelsangestellten.--Die Bühnenkünstlerinnen und die
+weiblichen Journalisten.
+
+
+_Drittes Kapitel_: Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen
+Gesichtspunkten
+
+Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die Körperkräfte.--Das
+weibliche Gehirn.--Der Einfluß der Geschlechtsfunktionen auf die
+Berufsthätigkeit.--Mutterschaft und Frauenarbeit.--Die Zerstörung der
+Weiblichkeit durch die Berufsthätigkeit.--Der Unterschied der
+Geschlechter in Bezug auf die geistige Befähigung.--Das weibliche Genie
+und seine Zukunft.
+
+
+_Viertes Kapitel_: Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit
+
+Die technische Revolution im Anfang des 19. Jahrhunderts.--Die Zunahme
+der Frauenarbeit infolge der Einführung der Maschinen.--Der Kampf der
+Arbeiter gegen die Maschine.--Der Kampf der Männer gegen die
+Frauenarbeit.--Die Entwicklung der modernen Hausindustrie.--Frauenlöhne
+um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Arbeiterwohnungen.--Die sanitären
+Zustände in den ersten Fabriken.--Die Lage der Landarbeiterinnen
+um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Die Entwicklung der
+Dienstbotenfrage.--Proletarische Frauenarbeit im Handel.
+
+
+_Fünftes Kapitel_: Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach
+den letzten Zählungen
+
+Das numerische Verhältnis der proletarischen Frauenarbeit zur
+bürgerlichen.--Das Wachstum der proletarischen Arbeit im Verhältnis zum
+Wachstum der Bevölkerung.--Das numerische Verhältnis der männlichen zu
+den weiblichen Arbeitern.--Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre
+Zu- resp. Abnahme.--Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in der
+Industrie.--Die proletarische Frauenarbeit in Alleinbetrieben.--Die
+mithelfenden Familienangehörigen.--Die Verteilung der Frauenarbeit in
+der Industrie je nach den Berufsarten.--Die Statistik der Hausindustrie:
+in Deutschland,--in Oesterreich,--in Frankreich,--in Belgien--Die
+Abnahme der häuslichen Dienstboten.--Die Altersgliederung der
+Arbeiterinnen.--Der Familienstand der Arbeiterinnen.--Die Zunahme der
+Arbeit verheirateter Frauen.
+
+
+_Sechstes Kapitel_: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart
+
+_Die Großindustrie_: Die Löhne der Fabrikarbeiterinnen.--Verhältnis der
+Frauen- zu den Männerlöhnen.--Differenzierung der Arbeit nach
+Geschlechtern.--Die Ursachen der Erwerbsarbeit verheirateter
+Frauen.--Das Verhältnis des Lohnes zu den Lebensbedürfnissen.--Die
+Arbeitszeit der Fabrikarbeiterin.--Der Einfluß der Fabrikarbeit auf die
+Gesundheit der Frau.--Der Einfluß der Fabrikarbeit verheirateter Frauen
+auf die Familie.
+
+_Hausindustrie und Heimarbeit_: Die Textil-Hausindustrie.--Die Lage der
+Arbeiterinnen in absterbenden Hausindustrien.--Die Dezentralisation des
+Großbetriebes und ihr Einfluß auf die Frauenarbeit.--Die Lage der
+Nadelarbeiterinnen.--Das Sweating-System.--Die sanitären und sittlichen
+Folgen der Hausindustrie.--Die Existenzbedingungen der Hausindustrie.
+
+_Der Handel_: Die Löhne der Verkäuferinnen.--Die Ladenzeit.--Die
+Ueberbürdung der Lehrlinge.--Das Alter der Verkäuferinnen.--Die
+gesundheitlichen und sittlichen Folgen der Frauenarbeit im Handel.--Die
+Entwicklung zum Großbetrieb.
+
+_Die Landwirtschaft_: Die Gliederung der ländlichen Arbeiterschaft.--Das
+landwirtschaftliche Gesinde.--Die Instleute, Scharwerker, Deputanten
+und Heuerlinge.--Die Tagelöhner.--Die Wanderarbeiter.--Die
+Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.--Die
+ländlichen Arbeiterwohnungen.--Die Sittlichkeit auf dem Lande.
+
+_Der häusliche und der persönliche Dienst_: Dienstbotenlöhne.--Die
+Dienstvermittlung.--Die Wohnräume der Dienstmädchen.--Die
+Beköstigung.--Die ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.--Die freie Zeit
+der Dienstmädchen.--Ihre Herkunft.--Die sittlichen Gefahren des
+häuslichen Dienstes.--Das Ammenwesen.--Umwandlung des Haushalts durch
+den Mangel an Dienstboten.--Die Wäschereien im Klein- und
+Großbetrieb.--Die Entwicklung des Wirtshauslebens.--Die Lehrzeit im
+Kellnerinnenberuf.--Die Arbeitszeit der Kellnerinnen.--Die
+Lohnverhältnisse im Gastwirtsgewerbe.--Die Trinkgelder und ihr
+Einfluß.--Wohnung und Kost.--Die sanitären und sittlichen Folgen
+des Kellnerinnenberufs.
+
+
+_Siebentes Kapitel_: Die Arbeiterinnenbewegung
+
+Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der Arbeiterbewegung.--Die
+Nur-Frauengewerkschaften.--Die Trennung der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung von der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die
+gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,--in
+Oesterreich,--in England,--in Frankreich,--in den Vereinigten Staaten.
+Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen und ihre Gründe.--Die
+Mittel zur Besiegung der Organisationsunfähigkeit der Frauen.--Die
+Teilnahme der Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.--Die
+Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.--Die politischen
+Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.--Die Stellung der
+Arbeiterinnenbewegung zur bürgerlichen Frauenbewegung.--Die positiven
+Aufgaben der Arbeiterinnenbewegung.
+
+
+_Achtes Kapitel_: Die Bürgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung Zur
+Arbeiterinnenfrage
+
+Die Wohlthätigkeitsbestrebungen und die soziale Hilfsarbeit.--Die
+prinzipielle Ablehnung des Arbeiterinnenschutzes durch die bürgerliche
+Frauenbewegung.--Die Sozialreform und ihre Vertretung innerhalb
+der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die Stellung des Bundes
+deutscher Frauenvereine zur Arbeiterinnenfrage.--Die Haltung der
+Frauenrechtlerinnen gegenüber der Dienstbotenfrage.--Die Organisation
+der Arbeiterinnen durch die bürgerliche Frauenbewegung.--Die Wirkungen
+der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Arbeiterinnen.
+
+
+_Neuntes Kapitel_: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre Aufgaben
+
+_Der Arbeiterinnenschutz_: Seine historische Entwicklung.--Synoptische
+Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Regelung der Arbeitszeit in der
+Großindustrie.--Der Ausschluß der verheirateten Frauen aus
+den Fabriken.--Die Ueberarbeit und die Nachtarbeit.--Die
+Sonntagsarbeit.--Arbeitsverbote in gesundheitsgefährlichen
+Betrieben.--Der Schutz der Schwangeren und Wöchnerinnen.--Die Ausdehnung
+des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.--Sanitäre Vorschriften in
+Bezug auf die Hausindustrie.--Unterdrückung der Heimarbeit.--Der
+Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.--Die Aufgaben der Gesetzgebung
+gegenüber den Landarbeitern.--Der Kellnerinnenschutz.--Die
+Trinkgelderfrage.--Die Gesindeordnungen.--Arbeiterschutz für
+Dienstboten.--Die genossenschaftliche Hauswirtschaft.--Die
+Fortbildungsschulen.--Die freie Verfügung über den Arbeitsertrag.--Die
+Gewerbegerichte.--Das Koalitionsrecht.
+
+_Die Arbeiterinnenversicherung_: Ihre historische Entwicklung.--
+Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Krankenversicherung.--
+Die Mutterschaftsversicherung.--Die Unfallversicherung.--Die Alters- und
+Invaliditätsversicherung.--Die Versorgung der Witwen und Waisen.--Die
+Frage der Arbeitslosenversicherung.--Die kommunale und staatliche
+Arbeitsvermittlung.--Die Ausdehnung der Arbeiterversicherung.
+
+_Die Grenzen der Gesetzgebung_: Der Gegensatz der Interessen zwischen
+Unternehmern und Arbeitern.--Die Prostitution.--Die Frauenarbeit, das
+revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung.
+
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+
+Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.
+
+
+
+
+1. Die Frauenfrage im Altertum.
+
+
+Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen
+Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an überliefert wird,
+einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine Geschichte
+der Kriege und daher eine der Männer, die wir unserem Gedächtnis haben
+einprägen müssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein
+Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die
+Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Fürsten und Helden
+des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner
+geistigen Führer. Der natürliche menschliche Egoismus hatte der
+Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden
+und Gebildeten sahen über ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den
+Feldzugsberichten nur von dem Heerführer als dem Sieger spricht, ihm
+allein Lorbeeren weiht und Denkmäler baut, und die Tausende, die
+eigentlich die Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das
+Volk, der Träger der Menschheitsgeschichte, über denjenigen fast
+vergessen, die, begünstigt von Glück oder von der Begabung, weithin
+sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende ökonomische
+Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem
+Sklavenverhältnis, und während auf der einen Seite die Unterschiede
+zwischen Reichtum und Armut sich verschärften, wurde andrerseits eine
+gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklärung befördert. Mit der
+Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum
+Selbstbewußtsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der
+Bestimmung über sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem
+Machtfaktor, mit dem gerechnet werden muß. Als es anfing, sich bemerkbar
+zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man
+begann, sein Leben, Fühlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu
+erforschen, und eröffnete damit ein Gebiet, das einen fast
+unerschöpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt.
+
+Einen ähnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen.
+Sie steht jetzt in allen Kulturländern auf dem Punkt, sich ihre
+wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu
+erkämpfen. Nur für denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der
+weiß, welch langen, mühevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurücklegen
+mußte, wird die große, weit über ihr Geschlecht hinausreichende
+Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen
+Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und
+sie muß bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze
+Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die
+richtigen Mittel zu ihrer Lösung zu finden.
+
+Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich,
+soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln
+sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden
+verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein Bild des Lebens
+der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in
+einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persönlichen Daseins. Er war
+zunächst durch die Natur ihres Geschlechts selbst begründet. Die
+Mutterschaft beschränkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie
+schutzbedürftig, obgleich--was wir berechtigt sind anzunehmen--die
+Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute mit pathologischen
+Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte infolge
+seiner völligen Unselbständigkeit der mütterlichen Fürsorge und während
+der Mann--in welcher Periode der Menschheitsentwicklung
+immer--ungehindert durch Geschlechtsbeschränkungen seinen Trieben folgen
+konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum Bewußtsein kommende
+Naturgesetz, daß die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die
+Frau im Vergleich, zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und
+Leiden auf, die niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim
+der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich.
+
+Die Mutterliebe, jenes ursprünglichste Gefühl, war die erste Erhellung
+moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede
+Erhebung der Gesittung aus.[1] Denn nicht der Bund zwischen Mann und
+Weib war, wie uns viele glauben machen wollen, die erste, unumstößliche
+Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.[2]
+
+Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste
+Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologieen vieler
+Völker finden wir daher die Spuren göttlicher Verehrung des weiblichen
+Prinzips in der Natur: In der Göttin Isis beteten die Aegypter die
+fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand,
+war die Personifikation der mütterlichen, gebärenden Kraft. Von der
+Urmutter Themis erfährt Zeus das nur ihr bekannte Geheimnis des Alls.
+Ueber Odin, den Göttervater und alle Götter der Germanen stehen. Die
+Schicksalsgöttinnen, die Nornen. Gunnlöd, ein Weib, verwahrt den Trank
+der höchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil.
+
+Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen
+Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, sondern auch
+dem primitiven Recht zu Grunde. Für das natürliche, durch keinerlei
+Klügeleien beirrte Rechtsbewußtsein war das Kind Eigentum der Mutter,
+die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernährte, seine ersten
+Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu
+verwundern, daß sich übereinstimmend bei zahlreichen Völkern eine
+Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen läßt.
+
+Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit
+Weiberherrschaft identisch wäre, und es giebt sogar Vorkämpfer der
+Frauenbewegung, die in der Gynäkokratie das goldene Zeitalter der
+Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechtes preisen, das
+verlorene Paradies, das wieder gefunden werden muß. Wer dagegen die
+Forschungen Morgans, Bachofens und anderer nüchtern prüft, vor dessen
+Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklärung
+als ein Zustand primitivster Kultur für Mann und Weib, und er findet
+keinerlei Zeichen dafür, daß das Weib eine "Oberherrschaft" nach unseren
+Begriffen ausgeübt hat.[3]
+
+Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach
+jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Tierreich
+losgelöst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutz vor den
+wilden und stärkeren Tieren vermutlich aufgehalten hat, zur Erde
+herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes
+gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens
+schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete.
+Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen
+und kämpfen, giebt es doch noch heute wilde Völkerschaften, in denen die
+Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,[4] aber sobald sie
+Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht zugleich
+die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das schützende Dach für sich und
+ihren hilflosen Säugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt,
+hüllt sie instinktiv das kleine frierende Geschöpf und gewinnt dadurch
+die Anregung, schließlich auch für sich ein deckendes und wärmendes
+Kleidungsstück zu schaffen. Sie muß, wenn die Nahrungsquelle in ihrer
+Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so
+lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des
+Wildes, der Fische und Vögel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen
+Jagdzügen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Körner und Früchte, die
+sie selbst findet, und gewinnt schließlich die Fertigkeit, sie für den
+Gebrauch anzupflanzen.[5]
+
+Die Frau wurde immer seßhafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen
+Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Hütte bald als den Zufluchtsort an,
+wo er nicht nur zu flüchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und
+Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch
+anziehender wurde die Hütte für den Mann und noch wichtiger die
+Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schätzen
+lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zündkraft des Blitzes
+bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum--ein echtes Geschenk
+des Himmels--gehütet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst
+in weit späterer Zeit erworben wurde. Die natürliche Hüterin und
+Bewahrerin des Feuers war die Frau.[6] Und so war es nicht der dem
+Urmenschen so häufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib
+und Kind--Gefühle, die nur die Produkte einer höheren Kultur sein
+können--, welche ihn an den häuslichen Herd immer wieder zurückzogen,
+sondern lediglich die rohen, physischen Bedürfnisse.
+
+Von einer Ehe in unserem Sinn war natürlich keine Rede; dem regellosen
+Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in
+der die einzelnen Generationen sich nicht mehr miteinander vermischten.
+Bei der geringen numerischen Ausdehnung, die die Menschheit ursprünglich
+gehabt haben muß, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die
+Vermischung von Blutsverwandten selbstverständlich. Ebenso
+selbstverständlich ist es aber auch, daß diese Form der Familie nicht
+auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von
+selbst auflöste, sobald sie durch ihre Größe im Bereich des mütterlichen
+Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der
+Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwägerschaftsverbände
+(Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine höhere sittliche
+Erkenntnis zurückzuführen, sondern auf die uralten Triebkräfte der
+Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die
+Moral einer jeden Zeit.
+
+Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen
+Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete sozusagen
+alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen
+Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen wurde ein
+väterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehörten
+ausschließlich der Mutter, die sie geboren hatte, und deren Stamm. Der
+Mann führte das Weib nicht wie ein persönliches Eigentum in sein Haus,
+sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser
+Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der
+Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische
+Wertschätzung der Frau zurückzuführen, sondern auf die ursprüngliche
+Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er hatte
+auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr
+den Grund zu der feststehenden Meinung, daß das Arbeitsgebiet der Frau
+allein auf das Haus zu beschränken sei.
+
+Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen Zweigen, mit
+der Zunahme der Bebauung des Bodens--lauter Arbeitsarten, die im
+Bereiche des ursprünglichen Hauswesens lagen und daher hauptsächlich der
+Frau zufielen--, wurde die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er
+selbst war, je dichter sich die Erde bevölkerte, immer mehr in Kämpfen
+mit den Nachbarn oder mit den Volksstämmen, durch deren Land er als
+Nomade zog, verwickelt. Zunächst waren es nur Kämpfe um die tägliche
+Nahrung, um die Jagdgründe; als er es aber verstand, die Tiere nicht nur
+zu erlegen, sondern zu zähmen und zu züchten, da kämpfte er für den
+Schutz und um die Vergrößerung seines Besitzes. In früheren Perioden, wo
+er nichts besaß, als was er täglich gebrauchte, hatte er den gefangenen
+Feind entweder getötet, oder als Gleichen und Freien in seine
+Blutsfreundschaft aufgenommen, jetzt, wo er mehr besaß, als er
+gebrauchte, bedurfte er der Arbeitskräfte in seinem Dienst, daher machte
+er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im
+unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die Sklaverei.
+Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des Herrn beugen
+mußte, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, zur ersten Sklavin
+geworden.
+
+Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten
+Verhältnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen. Durch sie
+erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder erkämpfte, ein
+Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der Besitz vergrößerte, desto
+wichtiger wurde ihre Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster
+Kultur auch eine erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den
+steigenden Bedürfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und
+umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die Hütte, die das Weib einst
+zusammenfügte, war nichts als ein Obdach, das alle im Notfall benutzen
+konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet oder aus behauenen
+Blöcken aufgerichtet wurde und Waffen, Vorräte, Erz und Felle barg, war
+ein wertvoller Besitz. Das Wild, das der Mann früher täglich erlegte,
+war nichts als ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt
+auf seinem Boden weideten, repräsentierten ein Kapital, das durch
+Männerfäuste gegen den Nachbarn geschützt werden mußte. Und die Kinder,
+die früher das unbestrittene Eigentum der Mutter waren, wurden zu
+wertvollen Arbeitskräften und Kampfgenossen für den Vater. Es kam aber
+noch ein sehr wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte nächst der
+Habsucht jenen Egoismus gezeitigt, der über den Tod hinaus reicht und
+dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der
+Besitzende wünschte rechtmäßige Erben für seinen Besitz.
+
+Das Mutterrecht mußte dem Rechte des Vaters weichen. Als Arbeiterin und
+als Mutter rechtmäßiger Kinder hatte das Weib einen Wert bekommen, der
+sich dadurch ausdrückte, daß sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh,
+Waffen oder Erz eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit,
+die grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter
+mußte sich die möglichste Sicherheit verschaffen, daß sie ihm legitime
+Erben gebar.
+
+Der für die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle Fortschritt
+zur Einzelehe war daher für die Frau zunächst nichts als eine Station
+auf ihrem Kreuzesweg.[7] Denn die monogame Familie entstand nicht
+infolge der Erkenntnis ihres höheren sittlichen Werts, sondern auf Grund
+ökonomischer Rücksichten. Die Monogamie bestand nur für die Frau, wie
+die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert wurde.
+
+Sich, wie es häufig geschieht, über diese einseitige Monogamie und über
+die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung der Treue sittlich zu
+entrüsten, hieße ihren Ursprung verkennen, der nicht in der Niedertracht
+des männlichen Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen
+Verhältnissen zu suchen ist.
+
+Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von Religion und
+Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles Recht, von der Manava
+an bis zum Koran, als göttliches Gesetz betrachtet wurde und auf
+religiöser Basis[8] ruhte, so war das Sklavenverhältnis des Weibes hier
+das festeste und überdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich
+mit ihr, ihren Pflichten und Rechten beschäftigen, lassen sich dahin
+zusammenfassen, daß sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor allem der
+Söhne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse des Vaters an
+rechtmäßigen Leibeserben, das in der patriarchalischen Familie seinen
+stärksten Ausdruck fand, erweiterte sich bald zum Interesse des Staates
+an einer genügenden Zahl kampffähiger Männer. Die Heirat war eine
+Pflicht gegenüber dem Staat, daher wurden z.B. in China in jedem
+Frühjahr die unverheirateten Männer von 30 und Frauen von 20 Jahren
+einer harten Bestrafung unterworfen, und es bestanden genaue gesetzliche
+Vorschriften über die ehelichen Pflichten zum Zweck der
+Kindererzeugung[9]. Bei den Indern konnte eine unfruchtbare Frau im
+achten Jahre der Ehe mit einer anderen vertauscht werden, eine, deren
+Kinder gestorben waren, im zehnten, eine, die nur Töchter geboren hatte,
+im elften Jahre[10]. Der Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare
+Frau zu verstoßen oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter
+Beistand der rechtmäßigen Gattin zur Welt kamen und dadurch als legitime
+Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die kinderlose, zu Abraham:
+"Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen
+möge."[11] Und obwohl bei allen Völkern des Orients die Untreue der Frau
+mit dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religiösen
+Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mußte sich in Indien einem
+Mitglied der Familie des Mannes unter religiösen Ceremonien vor den
+Augen ihrer Angehörigen hingeben;[12] sie fiel in Israel, wenn ihr Gatte
+starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte, seinem ältesten Bruder zu,
+damit er dem Verstorbenen noch Nachkommen zeuge.[13] Sie war des Mannes
+unbeschränktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben Stufe mit
+den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes Vermögen zu besitzen. Die
+heiligen Gesetze Indiens erklären ausdrücklich, daß alles, was eine Frau
+oder ein Sklave etwa erwirbt, selbständiges Eigentum des Herrn ist, "dem
+sie gehören".[14] Von Geburt an bis zum Tode sind die Frauen vollständig
+unfrei; als Mädchen sind sie von ihrem Vater, als Frauen von ihrem
+Gatten, als Witwen von ihren Söhnen oder Blutsverwandten abhängig.[15]
+
+Aus alledem geht hervor, daß die Frauen im Orient nur ein Werkzeug zur
+Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Außerhalb ihres einzigen Berufes,
+dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei Wert und Bedeutung, ja sie
+wurden so ausschließlich als Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet,
+daß von jener ehrfürchtigen Verehrung, welche die in den
+Phantasiegestalten zahlreicher Göttinnen personifizierte Mutterschaft
+unter den Völkern des Abendlandes genoß, im Orient, mit Ausnahme von
+Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das Weib
+verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig erwünschten
+Sohnes eine Tochter gebar.[16] Die Jüdin, die einen Knaben zur Welt
+brachte, blieb sieben Tage unrein; war ihr Kind ein Mädchen, so blieb
+sie es vierzehn Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die
+Mutter eines blühenden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein
+unheiliges, von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel
+gekennzeichnetes Geschöpf. Dieser Auffassung entsprach auch der Mythus
+von der Stammmutter Eva, von der alle Sünde und alles Unglück der
+Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu, ist niederträchtig wie die
+Falschheit selbst, es muß wie Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche
+oder dem Strick gezüchtigt werden.[17] Nur der Mann hat, nach dem
+Glauben der Chinesen, eine unsterbliche Seele;[18] Brahma verbietet dem
+Weibe, die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt,
+daß die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen bleiben; mit
+den Kindern und Sklaven stehen die Hebräerinnen auf einer Stufe, wenn
+auch ihnen die Berührung des Gesetzes nicht gestattet ist. Der Talmud
+schätzt die Ehre der Frau nach ihrem Vermögen, denn nur dann gilt sie
+als rechtmäßige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn sie eine
+Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung mit dem Mann
+nur ein Konkubinat.[19]
+
+Die Kulturentwicklung der alten orientalischen Völker stand schon weit
+genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um das Verbrechen,
+arm zu sein, durch Schande zu strafen. Groß war daher die Zahl der armen
+Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft ihren Leib verkaufen mußten. So hart
+aber auch das Los der als Mägde und Sklavinnen in strengem
+Dienstverhältnis zu ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer
+Unterschied zwischen dem der begüterten und der rechtmäßigen Gattinnen
+war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes stand
+gleichmäßig tief.
+
+Gegenüber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen für die
+Repräsentanten einer bedeutend höheren Kultur zu halten. Nehmen wir
+jedoch die Stellung der Frau zum Maßstab für unser Urteil, so muß es
+ganz anders lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten
+sogar erhebliche Rückschritte auf.
+
+Die Familie war im Orient ein Staat für sich gewesen, der Vater der
+Patriarch, der König darin. Sie wurde in Griechenland fast
+bedeutungslos, denn der Staat übernahm viele ihrer wichtigsten
+Funktionen; der Familienvater war nicht mehr Herrscher, sondern
+Unterthan, seine Bürgerpflichten entrissen ihn vollkommen seiner
+Häuslichkeit, sein Leben als Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und
+Künstler spielte sich außerhalb des Hauses ab, dessen Geschäfte und
+Obliegenheiten er ausschließlich der Gattin und den Sklaven überließ.
+Eines freien Mannes waren sie unwürdig und wurden um so verachteter, je
+mehr die Sklaverei zu einem wichtigen Faktor im sozialen Leben sich
+entwickelte. Während der Orientale, besonders der Israelit, in der
+Arbeit keine Schande sah und die Züchtung und Hütung der Herden zu
+seinen Pflichten gehörte, während der Schwerpunkt seines Lebens in
+seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch, trotz
+aller Unterdrückung, menschlich näher stand, sank sie in Griechenland
+vollständig in die Reihen der Sklaven hinab.
+
+Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der Vater,
+wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin geben; der
+Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie unfruchtbar, so
+galt es für ein Verbrechen gegen die Götter, wenn sie nicht verstoßen
+wurde. Die Pflicht, zum Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu
+schließen, wurde vom Staate den Männern auferlegt;[20] durch Solons
+Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe unterworfen. Denn
+noch waren die Länder nur schwach bevölkert und vom Zuwachs tüchtiger
+Bürger hing das Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher
+beschäftigt sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer
+so eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung.
+
+Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau haben;
+die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war aber
+unbeschränkt, und der einzige Fortschritt gegenüber den orientalischen
+Zuständen bestand darin, daß ihre Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder
+der Familie waren, sondern es erst durch die Legitimation ihres Vaters
+werden konnten. Die aus dem väterlichen Hause meist in sehr jungen
+Jahren in das des Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in
+völliger Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Berührung mit der
+Außenwelt; sie durfte weder am öffentlichen noch am geselligen Leben
+Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, über deren Grenze die tugendhafte
+Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und wenn Dichter und Schriftsteller
+auch versuchten, sie ihr zu verklären[21]--genau wie es heute
+geschieht--so war ihre Lage doch die einer physisch und geistig allen
+Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche verachtet wurde.
+Von einem Griechen stammt jener bekannte Ausspruch, wonach diejenigen
+Frauen am meisten Ruhm verdienen, von denen am wenigsten gesprochen
+wird,[22] und er bedeutet nichts anderes, als daß die Frau im Guten
+ebensowenig wie im Bösen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach
+nur der allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes
+der Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und sagte,
+daß man Frauen nur nehme, um rechtmäßige Kinder zu zeugen,
+Beischläferinnen, um eine gute Pflege zu haben, und Buhlerinnen, um die
+Freuden der Liebe zu genießen. Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte
+der Grieche nicht.[23] Im besten Fall war sein Gefühl für die Gattin die
+wohlwollende Anhänglichkeit eines Patrons zu seinem Klienten.[24] Nicht
+die in strenger Zurückgezogenheit lebende, von klein auf zu kühler
+Keuschheit und Zurückhaltung erzogene Frau war der Gegenstand seiner
+Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die Hetäre.
+
+Die uralte Verehrung des mütterlichen Prinzips in der Natur, der
+Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem allmählichen
+Verfall des Mutterrechts mehr und mehr verwandelt. Einst mußten sich die
+Jungfrauen Aegyptens einmal in ihrem Leben im Tempel der Göttin der
+Fruchtbarkeit einem Fremden preisgeben, später bevölkerten zahlreiche
+Frauen das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder
+Mylitta. Denn hart war das Los der Mägde und Sklavinnen; nur die
+Mädchen, welche eine Mitgift besaßen, hatten Aussicht auf eine legitime
+Ehe, und auch das Schicksal rechtmäßiger Frauen war ein trauriges. Da
+kann es nicht wunder nehmen, wenn Not, Glückssehnsucht und
+Freiheitsdurst Scharen Armer und Unterdrückter in den Dienst der
+Liebesgöttin trieb. Geheiligt durch die Religion, gefördert durch Not
+und Unterdrückung--so entstand in der ältesten Zeit die Prostitution.
+Sie wuchs mit der Ausdehnung der Sklaverei,--fast alle bekannten Hetären
+waren ursprünglich Sklavinnen,--und gewann an Ansehen und Bedeutung, je
+tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im allgemeinen war. Ihre
+Blütezeit erlebte sie in Griechenland, als Kunst und Wissenschaft auf
+ihrer Höhe standen und der Kultus der Schönheit die Religion beinahe
+ersetzte.
+
+Gern trat die schöne Sklavin, auf die das bewundernde Auge des Gebieters
+gefallen war, aus dem engen dumpfen Gynäkonitis mit seiner einförmigen
+Arbeitspflicht auf den offenen Markt hinaus, um von den Dichtern
+besungen, den Künstlern gemalt und gemeißelt, dem Volke verehrt zu
+werden. Und diejenigen Frauen, deren reger Geist sich durch das
+abgeschlossene Leben nicht ertöten ließ, in deren Gemach ein Schimmer
+vom Glanz griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten häufig
+genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die Buhlerin war
+in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe folgen, die an der
+hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes persönlichen Anteil nehmen
+konnte.[25] Die Geliebte des Perikles, Aspasia, die Lehrerin des
+Sokrates, Diotima, die Schülerin des Plato, Lastheneia, die des Epikur,
+Leontion, nahmen dem griechischen Hetärentum das Odium eines ehrlosen
+Gewerbes und erhoben die Hetäre in den Augen der hervorragendsten Männer
+über die Hausfrau, deren Geistes- und Gefühlsleben künstlich verkümmert
+wurde.
+
+Die Geschichte weiß von keiner einzigen Griechin zu berichten, die sich
+gegen Sittengesetze empört hätte, welche als Lohn auf die weibliche
+Tugend--die dauernde Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster--die
+Freiheit setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe,
+wenn er seine Iphigenie sagen läßt: "Der Frauen Schicksal ist
+beklagenswert", aber in Wirklichkeit besaß das weibliche Geschlecht in
+dem sonnigen, ruhmgekrönten Hellas keine Priesterin, die seinem stummen
+Leid Worte verlieh. Nur den größten Denkern der Nation, Plato und
+Aristoteles, scheint es zum Bewußtsein gekommen zu sein, daß die
+Stellung der griechischen Frau eine unwürdige war. Wer Platos
+Aussprüche, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib dieselbe Natur,
+vermöge deren sie geschickt sind zur Staatshut", und "die Aemter--(im
+Staat)--sind Frauen und Männern gemeinsam",[26] aus dem Zusammenhang
+herausreißt, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei im
+modernsten Sinne ein Vorkämpfer der Gleichberechtigung der Geschlechter
+gewesen. Der Sachverhalt ist aber thatsächlich folgender: Er teilt die
+Bevölkerung seines Idealstaates in drei Klassen, von denen die oberste,
+die der Hüter und Wächter, die geistig und körperlich vollendetste sein
+soll, weswegen die dafür Berufenen eine ganz ungewöhnlich treffliche
+Erziehung genießen müssen. Aber sie sollen nicht nur für ihre hohe
+verantwortliche Stellung als Staatsleiter erzogen, sie sollen schon
+dafür geboren werden. Und deshalb müssen ihre Mütter in gleicher Weise
+zu geistig und körperlich über der Masse stehenden Wesen herangebildet
+werden, wie ihre Väter. Plato erklärt,--und das kann bei der hohen
+geistigen Bildung vieler Hetären seiner Zeit nicht Wunder nehmen,--daß
+Männer und Frauen gleiche Fähigkeiten besitzen, und da der Staat das
+höchste Interesse daran habe, daß begabte und kräftige Kinder geboren
+werden, so müsse er die besten männlichen und weiblichen Exemplare der
+obersten Klasse zwangsweise miteinander vermählen. Genau wie der
+Tierzüchter nach seinem Belieben Hengst und Stute zusammenführt, so
+sollen die Oberen bestimmen, nicht nur welche Männer und Frauen sich
+vermählen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen dürfen,[27] damit "der
+Staat weder größer werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den
+Willen der Oberen erzeugt würde, dessen Eltern sich also freiwillig, aus
+Liebe umarmten, sollte dem Staat für unecht und unheilig gelten,[28] und
+demselben Schicksal verfallen wie die Verkrüppelten und Schwachen. Der
+Staat allein sollte das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten
+Mann zu geben, und zwar nicht ein für allemal, sondern so oft er es für
+nützlich hielt auch einem anderen. Der Kinderernährung und Pflege
+sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten ihnen sofort
+entrissen und gemeinsam von Ammen und Wärterinnen aufgezogen werden. Die
+Frau sollte, erklärt Plato ausdrücklich, vom zwanzigsten bis zum
+vierzigsten Jahre "dem Staat gebären".[29] Er vertritt den echt
+griechischen Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und führt in
+logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die Sitte
+von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate die Bürger
+zu schenken, Plato wünschte, daß es auch tüchtige Bürger seien, darum
+verlangte er, daß die Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet
+würden. Aber, wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus
+diesem Umstand und daraus, daß er Weibergemeinschaft, gewaltsame
+Trennung von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise
+Geschlechtsverbindung als das Wünschenswerte pries, läßt sich ersehen,
+wie fern es ihm lag, die Frauen, um ihrer selbst willen, aus einer
+unwürdigen Stellung zu befreien und sie insgesamt den Männern
+gleichzustellen. So gewiß es ist, daß große Geister, die einen
+tieferen Blick für die hinter ihnen und die vor ihnen liegende
+Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit
+gewisser Umwälzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur ihre
+Möglichkeit einzusehen vermag, so gewiß ist es auch, daß Fragen, die
+erst nach langer Zeit zur Lösung reif sein werden, nicht schon
+Jahrhunderte vorher von einem einzelnen in der Theorie gelöst werden
+können.
+
+Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen großen Dienst
+geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und die Pflicht
+des Staates, sie für ihren Naturberuf fähig und würdig zu machen, in
+eindringlicher Weise zum Ausdruck brachte.
+
+Weniger eingehend hat sich Aristoteles über die Stellung der Frauen
+ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach modernen Begriffen
+war, so wenig war Aristoteles der erste Antifrauenrechtler, für den er
+oft gehalten wird. Wenn er sagt, daß die Herrschaft des Mannes über das
+Weib mit der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien
+Republik zu vergleichen sei,[30] und wenn er erklärt, daß die eheliche
+nicht zugleich die ursprünglichste herrschaftliche Gesellschaft und das
+Weib nicht der Sklave des Mannes sei,[31] so war das gegenüber der
+thatsächlichen Stellung der griechischen Frau eine revolutionäre
+Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er sogar mit Plato überein,
+denn auch er forderte Musik und Gymnastik[32] für beide Geschlechter.
+Einen höheren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen
+Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie für ihre höchste Form.
+Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen Tugenden spricht[33] und
+meint, ein Mann sei noch feige, wenn er so heldenmütig wäre, wie eine
+Frau, so erinnert dieser Ausspruch augenfällig an den Platos, der im
+Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, daß alle feigen und ungerechten
+Männer bei der Wiedergeburt "wie billig" zu Weibern würden.[34]
+
+So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen nicht von
+dem Einfluß ihrer Zeit und ihres Volkes befreien. Auch für sie war die
+Frau ein minderwertiger Mensch.
+
+Wollen wir nun statt der Griechin die Römerin betrachten, so tritt der
+Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir Cornelia, die
+Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter Telemachs,
+gegenüberstellen: hier würdevolle Größe, ruhige Selbständigkeit, dort
+ängstliche Schüchternheit, Bedürfnis nach Schutz und Anlehnung; hier
+Söhne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der sie, als
+der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der Egeria, der
+weisen Beraterin König Numa Pompilius', spricht sich die Achtung des
+Römers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag in der dünnen Bevölkerung des
+Landes zu suchen sein, in dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die
+Geschichte vom Raub der Sabinerinnen spricht für diese Annahme, ebenso
+die ursprünglich für Mann und Weib gleich strenge monogamische Ehe. Es
+gab nicht so viel Frauen, als daß der Mann ihrer mehrere hätte haben
+können. Er forderte von seinem Weibe unverbrüchliche Treue, aber seine
+Volksgenossen forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte
+zugleich den Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten.
+
+Die Römer waren in ihren ersten historischen Anfängen ein abgehärtetes
+Landvolk. Ihre Götter waren Personifikationen der Saat, des Lichtes, des
+Lenzes. Der Begriff der Familie umschloß Eltern, Kinder, Knechte und
+Mägde gleichmäßig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die Arbeit, der
+nichts Ehrloses anhaftete, beschäftigte sie gemeinsam. Die römische
+Hausfrau, die Matrone, stand der inneren Wirtschaft und der Erziehung
+der Kinder vor. Ihre Stellung war von vornherein eine gefestigtere und
+ehrwürdigere, da sie keine Rivalin neben sich hatte und die einzige
+Herrin im Hause war.
+
+Die höhere Achtung, die sie genoß, verschaffte der Römerin auch größere
+Freiheit. Sie empfing des Hauses Gäste mit dem Gatten, sie war nicht in
+das Frauenhaus eingeschlossen, sie nahm teil an öffentlichen Festen und
+besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die
+Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals
+verfügte sie frei über ihr Eigentum; thatsächlich war es sogar das
+Eigentum, durch das sie unmündig wurde. So konnte nach altrömischem
+Recht das unter väterlicher Gewalt lebende Mädchen, das also selbst kein
+Vermögen besaß, über seine Person frei verfügen; die unter Vormundschaft
+stehende Waise dagegen, die im Besitz des väterlichen Erbes war, blieb
+in allen ihren Handlungen völlig unfrei. Daraus ergiebt sich, daß nicht
+die Frau an sich, sondern die Frau als Eigentümerin eines Vermögens
+unter gesetzlichem Schutze stand.[35] Sie durfte weder ein Testament,
+noch Geschenke, noch Schulden machen; die römischen Rechtslehrer selbst
+erkennen an,[36] daß die Vormundschaft über die Frau eine Institution
+sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag. Nur in
+einem Punkt genoß sie während der Blütezeit der Republik dieselben
+Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum Forum und konnte sowohl in
+eigener wie in fremder Sache als Zeuge oder als Verteidiger auftreten.
+So wird von Amesia Sentia erzählt, daß sie sich unter ungeheuerem
+Zulauf des Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand,
+worauf fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,[37] und von
+Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre
+glühende Beredsamkeit durchsetzte, daß die Frauen der Bezahlung einer
+ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.[38]
+
+Allzu schnell wurden die Römer aus einem schlichten ackerbautreibenden
+Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und früh schon trug ihre Existenz
+den Todeskeim in sich. Die siegreichen Feldzüge, die Unterdrückung
+ganzer Nationen waren von bösen Folgen begleitet, denn nicht nur daß auf
+ihre rohe Kultur griechische Überfeinerung, orientalische Perversität
+und Genußsucht gepfropft wurde--ein Umstand, der auf alle Naturvölker
+verderblich wirkt--, auch das Grundübel der Staatenbildung im Altertum,
+das Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich hier
+zur höchsten Blüte.[39] Ungeheuere Reichtümer strömten aus allen Teilen
+der Welt in Rom zusammen; sie vereinigten sich in den Händen weniger. An
+Stelle der kleinen, freien Bauern trat der Großgrundbesitzer, an Stelle
+des kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Großkaufmann mit
+seinen Sklaven.[40] Massen von Sklaven arbeiteten in den Palästen für
+ihre Gebieter und ein solches Gemeinwesen aus Millionären und Bettlern
+mußte die äußerste sittliche Zerrüttung zur Folge haben.[41]
+
+Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der Arbeit.
+Nur der reiche Mann, der durch die Thätigkeit des Sklaven lebte, galt
+für anständig; jede Arbeit, die körperliche Anstrengung erforderte, war
+ehrlos, und der Arme, der sich durch seiner Hände Arbeit sein Brot
+verdiente, wurde verächtlich als ein gemeiner Mann behandelt.[42]
+Verderblicher noch als für die männliche Bevölkerung war diese
+moralische Dekadenz für die weibliche. Der römische Bürger konnte, auch
+wenn die manuelle Arbeit eine für ihn unwürdige war, seine geistigen und
+physischen Kräfte als Politiker, als Philosoph, als Künstler, Dichter
+und Krieger bethätigen. Er konnte dadurch dem entsittlichenden Einfluß
+des Reichtums Schranken setzen. Seine Gattin dagegen, der die Führung
+des Hausstandes, ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von
+Sklaven abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte
+dem Staat gegenüber weder Rechte noch Pflichten und daher kein
+Verständnis für öffentliche Fragen; ihre Erziehung wurde in jeder Weise
+vernachlässigt, daher hatte sie nur ein ganz oberflächliches Interesse
+an Kunst und Wissenschaft. Reichtum und Langeweile trieb die römische
+Bürgerin der Genußsucht und Sittenlosigkeit in die Arme, während die
+arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen, die
+Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl vermehrte. Der
+aus Griechenland und dem Orient eingeführte Dienst der Liebesgöttinnen
+kam dabei den Neigungen und Wünschen der Frauen entgegen, die die
+wüstesten Orgien aus ihm machten.[43]
+
+Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon während
+der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr Besitz an Gold und
+Kleidern beschränkt und ihnen verboten wurde, in einem Wagen zu fahren.
+Bald jedoch empörten sich die Frauen gegen diese Beeinträchtigung und
+zwei Bürgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da trat
+zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter altrömischer
+Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die Frauen auf. Unter großem
+Zusammenlauf der Römerinnen erklärte er, daß jede Menschenart gefährlich
+sei, wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu
+beratschlagen. Gebe man den Wünschen der Frauen nach, die lediglich
+ihrer Genußsucht fröhnen wollten, so würden sie bald volle
+Gleichberechtigung fordern und die Männer auch im Staatsleben zu
+beherrschen suchen.[44] Diese Philippika des strengen Römers,--der es
+übrigens selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte
+hielt, daß er sich von seiner Frau scheiden ließ, weil ein Freund von
+ihm sie zu heiraten wünschte, und sie wieder zur Gattin nahm, als dieser
+sie nicht mehr mochte--hatte zunächst wenig Erfolg, denn das Oppische
+Gesetz wurde aufgehoben. Siebzehn Jahre später beantragte der Tribun
+Voconius, daß keine Frau erbberechtigt sein und Legate von mehr als
+100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen dürfe. Der damals
+achtzigjährige Cato versagte es sich nicht, mit dem ganzen Gewicht
+seines Ansehens und seiner Beredsamkeit für diesen Antrag zu kämpfen,
+indem er die Ausschweifungen und die Genußsucht der Römerinnen heftig
+tadelte, und seine Annahme schließlich durchsetzte.[45]
+
+Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur mit den
+Symptomen statt mit dem Grundübel beschäftigt, so hatte auch dieses
+keine anderen Folgen, als daß die davon Betroffenen es auf Schleichwegen
+zu umgehen suchten. Um sich von der vermögensrechtlichen
+Unselbständigkeit zu befreien, schlossen die Frauen häufig mit Männern,
+die sich dazu hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.[46] Sie
+versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einfluß zu gewinnen,
+indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art die Abschaffung der
+Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser Thatsache, die in die
+Zeit des Verfalls der römischen Republik fiel, ist sehr häufig der
+Schluß gezogen worden, daß die Emanzipationsbestrebungen der Frauen
+stets ein Zeichen für die Dekadenz des Volks, dem sie angehören,
+und ein Beweis für die Korruption aller Sitten sind. Die
+Emanzipationsbestrebungen der Römerinnen aber waren keineswegs identisch
+mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie
+entsprangen weder der Not, noch dem Bildungsdrang, noch dem
+Pflichtgefühl gegenüber Staat und Gesellschaft; sie beschränkten sich
+auf den kleinen Kreis der herrschenden, bürgerlichen Klasse, die niemals
+eine Trägerin großer Reformen und einschneidender Umwälzungen gewesen
+ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im modernen Sinn konnte es nicht
+geben. Dazu waren die römischen Bürgerinnen durch den großen Reichtum
+moralisch zu schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der
+Sklavinnen durch die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und
+vertiert geworden. Wir finden in der römischen Geschichte nirgends eine
+Spur von dem Kampf der Frauen um höhere Bildung oder politische Rechte,
+sie verlangten nur über ihr Vermögen frei verfügen zu können, um in
+ihrem Genußleben unbeschränkt zu sein.
+
+Von der altrömischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden. Noch stand
+auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die Gattinnen
+hochgestellter römischer Bürger gaben das Beispiel, wie man sich ihr
+entziehen könne; sie ließen sich in die Listen der Prostituierten
+eintragen, die straflos ihrem Gewerbe nachgehen konnten.[47]
+
+Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit überhand; die Männer
+scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen Hausstandes und zogen ein
+freies Lotterleben vor, das die Denker und Dichter ihnen sogar
+empfahlen.[48] Selbst einer der besten Männer des damaligen Rom, der
+Censor Metellus Macedonicus, der den Bürgern die Pflicht zu heiraten
+nachdrücklich einschärfte, erklärte sie für eine schwere Last, die der
+Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen müsse,[49] damit der Staat
+nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon früh als eine
+der ersten Bürgerpflichten hervorhob,--durch eine zahlreiche
+Nachkommenschaft dem Vaterland zu nutzen,--das hat die römische erst
+spät in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn für den Römer war die
+Bezeichnung Kinderzeuger--proletarius--lange Zeit ein Ehrenname gewesen;
+erst mit dem Niedergang der Republik war er zu einem Schimpfnamen
+geworden. Von den Frauen wurde das Gebären als eine sehr unangenehme
+Beeinträchtigung ihrer Schönheit und ihrer Vergnügungslust empfunden.
+Die Männer wünschten sich so wenig Kinder als möglich, damit ihr
+angehäufter Reichtum nicht zersplittert würde. Infolgedessen drohte die
+Kinderlosigkeit verhängnisvoll zu werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe
+schaffen. Während Cäsars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach
+denen Unverheiratete keine Legate annehmen und die Väter vieler Kinder
+bedeutende Privilegien genießen sollten.[50] Aber der beabsichtigte
+Segen dieser Gesetze wurde in den Händen der entarteten Bürgerschaft in
+sein Gegenteil verkehrt. Es wurden Ehen geschlossen, nur um der Legate
+nicht verlustig zu gehen; viele Männer wurden zu Kupplern an ihren
+eigenen Frauen, um an den Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen.
+
+Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die ein
+Leben äußerlicher Genußsucht nicht befriedigen konnte, versuchten durch
+Hinterthüren in die für sie verschlossenen heiligen Hallen der Politik
+einzudringen, oder sie benutzten das einzige öffentliche Recht, das sie
+besaßen--das vor Gericht zu plaidieren--, um ihrem leeren Leben dadurch
+Inhalt zu geben. Vielleicht, daß es unter ihnen Frauen gab, die durch
+ihre Freimütigkeit den Zorn der männlichen Herrscher erregten,
+vielleicht, daß sie für eine gute Sache eintraten und große Herren in
+ihrem Ansehen schädigten,--wir wissen nichts Genaueres darüber, aber wir
+können annehmen, daß selbst für die ungerechtesten Gesetzgeber kein
+einzelnes Vorkommnis, wie das von dem Valerius Maximus erzählt, die
+Ursache sein konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich
+abzuerkennen. Der römische Historiker berichtet nämlich,[51] daß die
+Gattin des Senators Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie später
+nannte, mit Leidenschaft Prozesse führte und stets ihr eigener Anwalt
+war. Dabei soll sie sich so skandalös benommen haben, daß der Prätor
+sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor Gericht erließ, weil
+sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht zukommenden schamhaften
+Zurückhaltung" in anderer Leute Angelegenheiten gemengt und männliche
+Tugenden ausgeübt hätten.[52] Die spätere Justinianische Gesetzgebung
+setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie erklärte:[53] "Frauen
+sind von allen Aemtern, bürgerlichen wie öffentlichen, ausgeschlossen,
+können daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch können sie
+klagen oder für andere als Beistände oder als Sachwalter vor Gericht
+auftreten." Die Begründung für dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein
+angenommen, daß Frauen und Sklaven öffentliche Aemter nicht auszufüllen
+vermögen."[54] Durch den Vellejanischen Senatsschluß wurden sie
+schließlich auch in privater Beziehung völlig rechtlos, da sie für
+unfähig erklärt wurden, Bürgschaften irgend welcher Art zu
+übernehmen.[55]
+
+Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist das
+dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen hatte. Kaum
+ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter, die sonst die
+Frauen immer zu preisen pflegen, überhäuften ihre Zeitgenossinnen mit
+Hohn und Spott, oder besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen
+keine die geistige Höhe griechischer Hetären erreicht hatte. Nur
+vereinzelt und beinahe schüchtern versuchten einige Schriftsteller der
+allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht, wie
+man infolge einer mißverständlichen Auffassung des Textes oft meint, für
+die Abschaffung der Vormundschaft der Frauen, sondern vielmehr dafür
+aus, daß jene Art Sittenpolizei, die über die Aufführung und den Luxus
+der Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom eingeführt
+werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein, der die Männer lehre,
+ihre Weiber gehörig zu leiten".[56]
+
+Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen Biographieen seine
+Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu, daß die Römerin im Gegensatz
+zur Griechin an Gastmählern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie
+jene im Frauenhaus eingesperrt sei.[57] Wichtiger, als diese kurzen
+Bemerkungen, die nur deshalb erwähnenswert sind, weil ihre Bedeutung
+leicht überschätzt und Cicero zuweilen als Vorkämpfer der
+Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die Schrift Plutarchs über die
+Tugenden der Weiber. Er erzählt darin von einer ganzen Anzahl edler und
+heldenmütiger Frauen und erklärt in der Einleitung, durch diese
+historische Beweisführung den Satz bewahrheiten zu wollen, daß die
+Tugend des Mannes und die des Weibes gleich sei.[58] Aber auch er ist
+weit entfernt davon, den Schluß auf die Notwendigkeit gleicher Rechte
+daraus zu ziehen.
+
+Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vorkämpfern" der Sache der Frauen
+ging einem anderen, geistig und moralisch höher stehenden römischen
+Schriftsteller--Tacitus--die Not seiner Zeit, die unwürdige Stellung
+seiner weiblichen Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie
+suchte er dagegen anzukämpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein
+schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es hauptsächlich
+geschrieben, damit Rom an dieser schlichten Reinheit seine eigene
+Verworfenheit erkennen möge. Er glaubte an die Wirkung des guten
+Beispiels mehr als an die wohlgemeinter Predigten und zog dabei nicht in
+Betracht, daß gute Sitten sich nicht durch den guten Willen verpflanzen
+lassen, sondern von selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur
+hervorwachsen müssen.
+
+In allen Völkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am nächsten
+steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich, frei und unfrei
+noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine verhältnismäßig
+günstige, weil die für die ganze Familie notwendig auszuführende Arbeit
+allein in ihren Händen ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter
+eine gleiche ist, und die uralte göttliche Verehrung der Mutterschaft
+ihren Glorienschein noch auf das Weib zurückwirft. Die germanische Frau
+erschien Tacitus in ihrer Keuschheit, ihrem Fleiß, ihrer Einfachheit als
+das gerade Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen
+Römerin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit Peitschenhieben
+vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann; "verführen und verführt werden
+nennt man nicht Zeitgeist, und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo
+gute Gesetze."[59] Die Mühseligkeiten mondelanger Wanderungen mit
+Kindern und Hausgerät, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die
+Weiber mit den Männern. Das Klima ihrer Heimat und die Strapazen ihres
+Lebens hatten sie widerstandsfähiger und kräftiger werden lassen als
+andere ihres Geschlechts. Trotz alledem war die Germanin nicht der Typus
+der glücklichen, freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus
+auf den ersten flüchtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur des
+Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes, lag
+allein in ihren Händen, während der Mann im Frieden auf der Bärenhaut
+lag. Sie mußte den Pflug führen und auf schweren Handmühlen das Getreide
+mahlen, sie mußte die Hütte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen und
+weben; sie blieb auch dann noch überlastet, als nach den großen
+Wanderungen auch die Männer Ackerbauer geworden waren, denn das Gebiet
+ihrer Thätigkeit umspannte, außer der häuslichen Wirtschaft, die
+Viehzucht, die Schafschur, die Flachsbereitung und nicht zum mindesten
+die aufmerksame Bedienung des Mannes.[60]
+
+In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die Stellung der
+Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer Geschlechtsfunktionen und der
+notwendig daraus folgenden Beschränkungen war sie dem Manne
+untergeordnet; Religion, Recht und Sitte heiligten und befestigten
+diesen Zustand. Die wirtschaftlichen Verhältnisse trieben sie noch nicht
+in den offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war
+nicht die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es
+gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst mußte
+die Frauenfrage in ihrer ganzen Schärfe formuliert werden, ehe eine
+Bewegung sich ihre Lösung zum Ziel setzen konnte. Nur leise Spuren von
+ihr haben wir in Griechenland und Rom verfolgen können. Mit dem
+Zusammenbruch der antiken Gesellschaft und dem allmählichen Auftauchen
+neuer Lebens- und Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis
+sie auf jenen Höhepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen überall
+sichtbar werden sollte.
+
+
+
+
+2. Das Christentum und die Frauen.
+
+
+Während Rom auf der Höhe seiner äußeren Macht zu stehen schien, im
+Innern aber von der schleichenden Krankheit der allgemeinen Korruption
+so zerfressen wurde, daß sein Zusammensturz nahe bevorstand, war über
+Bethlehem, mitten unter dem geknechteten, geschmähten Judenvolk jener
+Stern aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft
+auferstehen sollte.
+
+Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der Entstehung des
+Christentums mit den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen der
+Zeit, in der es sich ausbreitete, näher zu erörtern. Es mußte über den
+Kreis des armen Volks, dem sein Gründer angehörte, schnell
+hinauswachsen, weil der Boden im römischen Reich überall dafür
+vorbereitet war. Den Philosophen waren seine Gedanken zum Teil schon
+vertraut; von dem Nebenmenschen als dem Bruder hatte schon Plato
+gesprochen; die Stoiker lehrten die Verachtung irdischer Güter und waren
+die ersten gewesen, die erklärten, daß der Mensch auch gegen seine
+Sklaven moralische Verpflichtungen zu erfüllen habe. Und der Mühseligen
+und Beladenen gab es mehr als genug; für sie alle war das Christentum
+der Rettungsanker, der sie über ihr eigenes Elend hinaushob, der
+Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht leuchtete. Es war nicht jene vage
+Hoffnung der späteren Christen, die von der ewigen Seligkeit die
+Entschädigung für ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der
+sichere Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und
+an die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches. Unter all den Armen und
+Elenden, die ihm zuströmten, kamen auch jene gequältesten aller Menschen
+in Scharen, die Frauen. Ihnen brachte das Christentum neben dem Trost
+und der Hoffnung, die es allen Unterdrückten brachte, noch etwas ganz
+Besonderes: Die Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches
+Wesen, als "Kind Gottes".
+
+Sowohl die orthodoxen Anhänger des Christentums als seine fanatischen
+Verächter sind, soweit sie für die Frauenemanzipation eintreten, anderer
+Ansicht. Die einen behaupten, indem sie das Wort des Apostels Paulus:
+"Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier,
+hier ist kein Mann noch Weib;"[61] aus dem Zusammenhang herausreißen,
+daß das Christentum sich darin für die volle Gleichberechtigung der
+Frauen ausspricht; die anderen stützen sich auf jenen Satz desselben
+Apostels: "Das Weib schweige in der Gemeine,"[62] wenn sie erklären, das
+Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit,
+sondern nur noch vollständiger geknechtet.
+
+Das ursprüngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen gleich weit
+entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist ihm ebenso fremd,
+wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war. Dagegen hatten Leid,
+Not und Unterdrückung die männlichen und weiblichen Lasttiere der
+Gesellschaft so aneinander gekettet, daß die neue Religion beiden
+denselben Trost, dieselbe Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mußte.
+Wenn der Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so fügt er
+gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und schickt
+voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo
+Jesu".[63] Nur vor Gott also, nicht vor dem Staat, sind Herren und
+Sklaven, Männer und Frauen gleich. Aber auch die Verachtung des Weibes
+ist keine ursprüngliche Lehre des Christentums. Wenn als eine natürliche
+Reaktion gegen die furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener
+Zeit die Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig
+und eines Christen würdig gepriesen wurde, so wurde die keusche Jungfrau
+stets dem keuschen Jüngling gleich gestellt.[64] Nicht der Mann wurde
+vor der Berührung des Weibes, als des bösen Prinzips, gewarnt, sondern
+beiden wurde der ledige Stand als der gottgefälligere anempfohlen.[65]
+
+Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes für ein
+todeswürdiges Verbrechen, während der ehebrecherische Mann zumeist
+straflos ausging. Christus stellte das sündige Weib dem sündigen Manne
+gleich, indem er sagte: "wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den
+ersten Stein auf sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.[66] Er
+forderte von beiden die eheliche Treue,[67] seine Jünger verlangten vom
+Mann, daß er sein Weib liebe, wie sie ihn,[68] und die Ausgießung des
+heiligen Geistes erfolgte ausdrücklich über "Söhne und Töchter".[69] In
+dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die
+Bedeutung des Christentums für das weibliche Geschlecht. Weiter aber
+reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie sich auf das Weib
+beziehen, erheben sich nicht über die bekannten religiösen und
+weltlichen Gesetze der morgen- und abendländischen Völker. Das Weib muß
+dem Manne gehorchen, ihm unterthan,[70] schweigsam und häuslich
+sein,[71] es darf weder lernen noch lehren[72] und soll selig werden
+durch Kinderzeugen.[73] Das alles bedeutet keinen Fortschritt in Bezug
+auf die Auffassung von der Stellung des weiblichen Geschlechts, aber es
+bedeutet ebensowenig eine verschärfte Knechtung.
+
+Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und Verfolgten zur
+Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner Hauptträger eine den
+neuen Verhältnissen entsprechende Umwandlung. Die Kirchenväter und die
+Gesetzgeber des kanonischen Rechts nutzten Aussprüche Christi und der
+Apostel insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche
+förderlich sein konnten, und ließen andere außer acht, die diesem Zweck
+nicht dienstbar zu machen waren. Während Paulus seine Predigt von der
+größeren Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter
+richtet, sondern sie ausdrücklich damit einleitet, daß er sagt, er teile
+nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des Herrn mit,[74] klammerten
+sich asketische Eiferer an Sätze wie: "Es ist dem Menschen gut, daß er
+kein Weib berühre",[75] und "Adam ward nicht verführet; das Weib aber
+ward verführet und hat die Uebertretung eingeführet"[76] und verdammten
+die Ehe als ein Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang
+verschaffte.[77] Das kanonische Recht erhob die Auslegungen der
+apostolischen Lehren durch die Kirchenväter zum Gesetz, indem es unter
+anderem verfügte: "die Frau ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen.
+Adam ist durch Eva verführt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist
+daher recht, daß der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur Sünde
+reizte, auf daß er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt, daß die Frau
+dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin sei."[78]
+
+Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die römische
+Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem Rechtsbewußtsein
+der Germanen gegenübertritt, und zwar ist eine einzige Thatsache
+ausreichend, um den Gegensatz beider zu kennzeichnen: die Germanen
+verlangten für ein verletztes Weib ein höheres Wehrgeld als für einen
+verletzten Mann, weil sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die
+Schwache und Wehrlose zu verwunden für besonders schmachvoll galt; vom
+Mörder einer Frau forderten sie ein zweimal höheres Wehrgeld, als vom
+Mörder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das durch die
+römische Kirche einem germanischen Volke gegeben wurde--dem Fuero juzgo
+der Wisigoten--und das in Bezug auf die Ansichten des Klerus von den
+Rechten der Frau typisch ist, galt des Weibes Leben nur halb so viel als
+das des Mannes, denn ihrem Mörder wurde nur die halbe Buße
+auferlegt.[79]
+
+In einer Beziehung nur machte die römische Kirche den heidnischen
+Germanen und ihrer Verehrung des mütterlichen Prinzips in der Natur eine
+Konzession, um sie dadurch leichter unter Kreuz und Krummstab zwingen zu
+können: sie erhob die Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels.
+Dem ursprünglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern gelegen;
+die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast vollständig,
+Christus selbst weist sie hart zurück, als sie wagt, ihm einmal einen
+mütterlichen Rat zu geben. Ihre Gestalt, wie sie der Katholizismus heute
+kennt, und die Verehrung, die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als
+eine Reminiszenz an den heidnischen Götterdienst. Die Kirche verstand
+es, die heidnischen Feste durch christliche, die Götter durch Heilige zu
+ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter Gottes"
+vertraut zu machen. Daß der Madonnenkultus ein dem Baum der Kirche
+künstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon daraus hervor, daß trotz
+der Verehrung der himmlischen Jungfrau die Missachtung des weiblichen
+Geschlechts sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte.
+
+Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der Flucht vor
+dem Weibe. Auf dem Konzil zu Mâcon entschied sich die Majorität dafür,
+dem Klerus zu befehlen, die Frauen zu fliehen. Das Konzil zu Metz
+verschärfte diesen Befehl, indem es den Priestern sogar den Umgang mit
+Mutter und Schwester verbot. Während sich in der ersten Zeit des
+Christentums nur die Mönche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten,
+wurde es nun für den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des
+Cölibats einer großen Zahl von Männern--meist der geistig
+hervorragendsten ihrer Zeit--waren von weittragender Bedeutung. Wohl hat
+sich die Kirche in ihnen eine Armee hingebender Kämpfer geschaffen, die
+durch keinerlei Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegenüber
+abgelenkt wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der
+Keuschheit, durch die erzwungene Abtötung der geschlechtlichen Triebe im
+Dienste einer höheren Sittlichkeit zu handeln, so hatte sie nur mit
+abstrakten Theorieen, nicht aber mit der lebendigen Natur gerechnet. Sie
+erreichte nicht nur das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, denn neben
+dem außerehelichen Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der
+Prostitution wuchsen besonders in den Klöstern die widernatürlichen
+Laster empor, sie fügte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen
+Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das weibliche
+Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte die
+natürlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und suchte sie
+als etwas, dessen sich der Mensch schämen müsse, zu verhüllen; die Ehe
+war für sie in erster Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die
+Geschlechtsliebe in der Ehe galt für sündhaft oder besten Falls für
+einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner
+Gottentfremdung bringen müsse.[80] Die äußere Heiligung der Ehe durch
+ihre Erhebung zum Sakrament und die Erklärung ihrer Unauflöslichkeit hat
+die innere Zerstörung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu
+einander durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht.
+Heuchelei, Prüderie, Unterdrückung der besten Gefühle durch eine falsche
+Moralität sind die Folgen davon und ein großer Teil der psychologischen
+und sittlichen Seite der Frauenfrage ist auf die durch die römische
+Kirche dem Volksbewußtsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe
+zurückzuführen.
+
+Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der Frauenfrage
+durch die Kirche beeinflußt: der wachsenden Zahl der ehelosen
+Geistlichen und Mönche stand eine gleiche Zahl alleinstehender Frauen
+gegenüber. Die Gründung der Nonnenklöster war eine notwendige Folge
+davon. In Massen strömten die Frauen in ihre schützenden Mauern. Es
+blieb ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und
+wenn auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die
+Zahl derer immer größer, die sich vor den Unbilden des rauhen Lebens
+draußen in der Welt nach einer Stätte friedlicher Arbeit und geistiger
+Vertiefung sehnten. In den Klöstern wurde den Frauen eine im Vergleich
+zur allgemeinen Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil.
+Sie lernten die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der
+Wissenschaften und manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von
+Päpsten und Königen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die
+Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert neben
+Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und zoologischer Werke
+schrieb.[81] Auf derselben Stufe der Bildung stand die vielbewunderte
+"nordische Seherin" Brigitta von Schweden[82] und Hrotswith, die
+lateinische Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen
+beschäftigten sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von
+Initialen und Miniaturen, während andere als Lehrerinnen in den
+Mädchenschulen ihrer Klöster, als Krankenpflegerinnen, Stickerinnen,
+Weberinnen und Wäscherinnen thätig waren. So lösten die Klöster zum Teil
+die mittelalterliche Frauenfrage, indem sie nicht nur der großen Menge
+alleinstehender Frauen eine Zuflucht gewährten, sondern sie auch geistig
+auf eine höhere Stufe erhoben und ihnen selbständige Berufe eröffneten.
+Freilich darf nicht vergessen werden, daß ihre Bedeutung für die Hebung
+des weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend blieb,
+denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr sittlicher
+Verfall. Die bedenklichen, sich immer häufiger wiederholenden
+Gründungen von Doppelklöstern,--Mönchs- und Nonnenklöster dicht
+nebeneinander,--gaben mit den Anlaß dazu. Die Natur ließ ihrer nicht
+spotten; sie siegte über einen asketischen Fanatismus, der die
+unfruchtbaren "Gottesbräute" heilig sprach und die Mütter vor ihnen
+erniedrigte. Aus Orten der Gelehrsamkeit und des Fleißes wurden die
+Klöster Orte des geistigen Stumpfsinns und der Trägheit, aus Stätten
+frommer Andacht und reiner Sitte, Stätten lüsterner Freuden und wilder
+Unzucht. Die Reformation fegte sie fort, und es ist nicht zu verwundern,
+daß die Reformatoren in ihrem blinden Eifer vergaßen, den Weizen von der
+Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen Geschlecht um so
+mehr, als es in den Stürmen des dreißigjährigen Krieges und dem
+allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtsstätten dringend nötig
+hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr denn je in die Arme
+getrieben wurde.
+
+Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war nicht
+geeignet, es aus seiner gedrückten physischen und moralischen Lage zu
+befreien. In schroffem Gegensatz zu der katholischen Predigt von der
+Kreuzigung des Fleisches und der Verherrlichung des Cölibats hielten sie
+das eheliche Leben für das eines Christen allein würdige,[83] aber nicht
+als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdrücklich als ein
+"weltlich Geschäft", eine Vereinigung von Mann und Weib zur Befriedigung
+natürlicher Bedürfnisse. Luther ging soweit, zu erklären, daß der Mann
+das Recht habe mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu
+verstoßen, wenn es ihm nicht zu Willen sei[84] und er gestattete sogar
+dem Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu
+schließen, weil er eine Doppelehe für sittlicher hielt, als eine
+Mätressenwirtschaft und von der Unterdrückung sinnlicher Leidenschaft
+nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau ausschließlich für den Mann
+geschaffen; um Haushaltung und Kinderwartung allein hatte sie sich zu
+kümmern,[85] eine Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen
+Kirche bis in die Neuzeit hinein erhalten hat.[86] Dem, übrigens
+sagenhaften Streit der katholischen Priester zu Mâcon, ob die Frau eine
+Seele habe, können die einundfünfzig Thesen der Wittenberger
+Protestanten, welche beweisen sollten, daß die Weiber keine Menschen
+seien, würdig zur Seite gestellt werden.
+
+Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier
+entgegenkamen, für das sie glaubensmutig den Märtyrertod starben, hat
+ihre Hoffnungen nicht erfüllt. Mehr noch als aus den direkten
+Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese Thatsache aus der
+allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in rechtlicher,
+wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung während der geschichtlichen
+Entwicklung der früheren Jahrhunderte hervor.
+
+Das germanische Recht, dem das Gefühl der Hochachtung für die Frau und
+Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr jenem Rechte Platz, das dem
+heidnischen und dem christlichen Rom zusammen seinen Ursprung verdankte,
+und daher für das weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie
+es im allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und
+Unverletzlichkeit des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese
+Tendenz besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes
+unumschränktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte seine Tochter
+vermählen, mit wem er wollte; der Vormund hatte volles Verfügungsrecht
+über sein Mündel. Der Mann konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13.
+Jahrhundert herein war es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu
+verkaufen.[87] Seine Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes
+Stück seines Vermögens; und charakteristisch für die Rechtsanschauung
+der Zeit war es, daß nur die Frau die Ehe brechen konnte,[88] denn sie
+beging dadurch ein Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er
+unbeschränkt in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben,
+niemand nahm Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegenüber befand
+sich die Frau, sofern es männlichen Geschlechts war, in untergeordneter
+Stellung. Nur während der ersten Kindheit hatte die Mutter rechtliche
+Gewalt über den Sohn. Mit dem siebenten Jahre schon war er ihr
+entwachsen[89] und konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht
+mehr am Leben war, selbst für mündig erklären und der Vormund der
+eigenen Mutter werden.
+
+Wie in der Familie, so war die Frau natürlich auch sonst überall
+rechtlos. Sie konnte keinerlei Geschäfte selbständig abschließen; es war
+genau vorgeschrieben, für welche Summe die Hausfrau, ohne die
+Einwilligung des Hausherrn einzuholen, Einkäufe machen durfte. Nach
+päpstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da ihr Zeugnis
+stets für unzuverlässig galt.[90] Wo das Landesrecht es ihr gestattete,
+wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur die Aussage zweier Frauen die
+Beweiskraft der eines Mannes.[91]
+
+Hinter all diesen Vorschriften standen die höchsten Autoritäten:
+Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit, Unterwürfigkeit,
+Selbstlosigkeit--das waren die Tugenden, die den Frauen von früh an
+gepriesen wurden und die sie mit allen Unfreien gemeinsam hatten. Die
+Gleichwertigkeit aller Menschen,--der Herren und Knechte, der Männer und
+Weiber,--war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum wieder
+verschwunden war.
+
+
+
+
+3. Die wirtschaftliche Lage der Frauen.
+
+
+Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, daß das
+Fortschreiten der Menschheit zu höherer Kultur von sittlichen Ideen und
+moralischen Reformen in erster Linie abhängig sei, so schwer ins Gewicht
+fallen, als die Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des
+Christentums. Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Gläubiger
+beschränkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Höhe, je mehr sie sich
+jedoch ausbreiteten, desto mehr mußten sie sich den äußeren
+Verhältnissen anbequemen, desto mehr sahen sie sich, wenn sie nicht ganz
+untergehen wollten, gezwungen, ihnen ein Ideal nach dem anderen zu
+opfern. So hatten auch die Grundforderungen des Urchristentums der
+wirtschaftlichen Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand
+unfreier, gehorsamer, demütiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen
+müssen.
+
+Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wäldern ein
+wirtschaftliches Zentrum für sich, in dem aller Bedarf der Einwohner von
+ihnen selbst geschaffen werden mußte. Der Herr des Landes war zugleich
+ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre Arbeitskraft, dem ihr Leben
+selbst gehörte. "Er ist mein eigen, ich mag ihn sieden oder braten",
+lautet ein altes Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenüber
+gebrauchte. Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13.
+Jahrhunderts die Lage der Hörigen, indem er sagt: "Diese können nichts
+erwerben, es sei denn für ihre Herren; sie wissen am Abend nicht, welche
+Dienste ihrer am Morgen warten; sie können von ihren Herren geschlagen,
+gestoßen, gefangen werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren,
+und wenn sie im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus
+Gnade, ohne Sicherheit, von einem Tage zum anderen."[92] Die Hörigkeit
+war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr gegenüber kaum
+nennenswerte rechtliche und sittliche Fortschritte auf, sodaß ein hoher
+Grad von Selbstbetrug dazu gehört, wenn die christliche Kirche
+behauptet, sie habe die Sklaverei abgeschafft, und sei thatsächlich,
+ihrem Ursprung getreu, ein Hort der Armen und Unterdrückten geworden.
+Ihre Organe, die Priester und Aebte, übten dieselben Herrenrechte aus,
+wie die Fürsten und weltlichen Machthaber. Das Los der Hörigen der
+Klöster war kein besseres, als das derer, die im Dienste der Ritter
+standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, gekauft werden konnten, und es
+für ihre Herren bei der Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig
+war, eine genügende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu züchten,
+wie das vierfüßige Eigentum. Die Klöster, deren Macht auf ihrem Reichtum
+beruhte, hatten strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren
+Hörigen. Klöster desselben Ordens pflegten sie untereinander
+auszutauschen, um eine gleichmäßige Verteilung der Geschlechter
+herbeizuführen und, durch Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen
+kräftigen Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat
+einer hörigen Frau mit dem Hörigen eines anderen Herrn zu verbieten,[93]
+oder sie nur dann zu gestatten, wenn statt der ihm verloren gehenden
+Arbeitskraft eine andere geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich
+daraus eine bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter
+den Karolingern konnte der Herr die hörige Frau, falls ihm nichts
+gezahlt und kein Ersatz für sie gestellt worden war, gewaltsam ihrem
+Gatten entreißen,[94] was meist dann geschah, wenn sie mehrere Kinder
+geboren hatte, die er zur Hälfte mit der Mutter in seine Dienstbarkeit
+zwingen durfte. Die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe wurde nur
+insoweit anerkannt, als die Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei
+Schaden litt.
+
+Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschätzt, denn die
+schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. Die geistlichen
+und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, Höfen und Klöstern
+ausgedehnte Werkstätten, in denen oft bis zu 300 hörige Frauen mit
+Spinnen und Weben, Nähen und Sticken beschäftigt wurden.[95] Den
+Stoff gaben nicht nur die Schafschuren und Flachsernten der
+Herrengüter,--Arbeiten, die wieder von Frauen verrichtet
+wurden,--sondern auch die Abgaben und Lieferungen der Unfreien und
+Zinsleute.[96] Wie die moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hörige
+zum Frauengemach.[97] Ihre Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis
+Sonnenuntergang, erst im späteren Mittelalter wurde das Arbeiten bei
+künstlicher Beleuchtung üblich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist
+unzureichende Beköstigung,[98] und, wo diese fortfiel, vier Pfennig
+täglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die zuweilen die Herrin
+selbst war, stand den Arbeiten vor; Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen
+für die Stickereien an, die überall, auf Männer-und Frauenkleidern,
+Wäsche, Wand- und Möbelbezügen angebracht wurden und oft sehr kunstvoll
+waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch geschätzt wie die
+Wirkerinnen seidener Bänder zum Besatz der Gewänder oder zum Schmuck des
+Zaumzeugs. Da nicht nur für den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern
+stets ein Vorrat von Kleidern und Wäsche zum Geschenk an die Gäste oder
+zur Ausstattung des großen Gefolges bei Turnieren und Festlichkeiten
+vorhanden sein mußte, so war die Arbeit eine ununterbrochene und der
+Arbeitskräfte gab es nie zu wenig. Auch die Herrinnen und ihre Töchter
+hatten vollauf zu thun. Wie Weib und Weben schon in einer gewissen
+sprachlichen Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben
+ausdrücklich für eine der höchsten Tugenden der Frauen. "Sie war fromm
+und spann", heißt es häufig auf alten Grabsteinen oder in
+Geschlechtsurkunden. "Die Männer sollen streiten, die Frauen sollen
+spinnen", mahnte der christliche Volksredner Berthold von Regensburg.
+Auch ist diese Frauenthätigkeit trotz ihrer unbeschränkten Ausnutzung
+gewiß nicht die schlimmste gewesen. Weit härter war die Landarbeit, die
+die hörigen Frauen zu verrichten hatten und zwar nicht nur für den
+Gebieter, sondern auch für den eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten.
+Es ist mehr als eine Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte
+Englands erzählt, daß ein Landmann, der einen Ochsen verloren hatte,
+wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu haben.
+
+Auch der Hausdienst der hörigen Frauen in den Höfen und Burgen war,
+infolge der primitiven Hilfsmittel, außerordentlich schwer. Da sie Tag
+und Nacht auf dem Posten und ihren Gebietern zur Verfügung stehen
+mußten, so wohnten die für diesen Dienst bestimmten Mägde im Burgfrieden
+selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem neben der Werkstätte
+befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo sie aber nur schliefen, da
+jede Stunde des Tages ihre Kräfte in Anspruch nahm. Vor der Erfindung
+der Wassermühlen mußte das Korn von den Mägden mit der Hand gemahlen,
+der Mühlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mächtigen Holzscheiten
+wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im Hof, oder aus der
+Quelle im Thal wurden die Wassereimer heraufgeschleppt. Neben der
+Reinigung von Stuben und Küchen, wurde auch der Stall und der Garten
+allein von Frauen besorgt.[99] Die Bedienung der Herrin, die Wartung der
+Kinder, das Kochen und Auftragen der Speisen und Getränke gehörte
+selbstverständlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung der Männer
+gehörte dazu. Die Mägde halfen dem Herrn wie jedem Gast beim An- und
+Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht nur das Bad, sie reichten ihm auch
+die Linnentücher und trockneten ihm die Glieder.[100] Wünschte er es, so
+mußten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft leisten--eine
+Sitte, die im späteren Mittelalter so ausartete, daß es eine Forderung
+der Gastfreundschaft war, eine Magd dem Gaste während seines Aufenthalts
+zur freien Verfügung zu stellen.[101] So wurde die Einrichtung der
+Frauenhäuser frühzeitig ein Herd der Prostitution, ein Harem der Ritter
+und Fürsten,[102] und das berüchtigte jus primae noctis, dessen
+Vorhandensein so vielfach angezweifelt wird, war überall in Kraft, wenn
+es auch vielleicht als geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat.
+
+Arbeits- oder Lustsklavin--das war das Los der armen und unfreien
+Frauen. Mit der durch Fehden, Bürgerzwiste und unaufhörliche Kriege
+wachsenden Verelendung des Volkes, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen
+Niedergang wuchs die Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange
+familienlose Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die
+Laster des Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu
+bei. Den europäischen Söldnerheeren folgten Scharen von Dirnen, deren
+Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die männliche Bevölkerung von
+den zügellosen Horden niedergemacht, die weibliche geschändet,
+und--soweit sie jung war--mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewändern,
+hoch zu Roß, oder in Wagen und Sänften, zogen die Konkubinen der
+geistlichen und weltlichen Herren mit zu den Reichstagen, den Konzilen
+und ins Feld. So folgten dem Heere des Herzogs von Alba nach den
+Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 zu Fuße nach.[103] An den
+Höfen von Frankreich und England waren vornehme Herren als Marschälle
+über die Dirnen gesetzt. Im Felde führten besondere Amtmänner, die
+Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross eine
+legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl
+"fahrender Fräulein" durch bittere Not und harte Gewalt hineingetrieben
+worden sein; viele unter ihnen aber, das ist zweifellos, zogen den
+Landsknechten nach, weil sie in heißer Liebe und selbstloser Aufopferung
+alles Elend und alle Gefahren mit dem Geliebten teilen wollten. So
+unflätig und roh die Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren
+klingen mögen, wir werden uns dem gefühlswarmen Ton echter Hingebung
+nicht verschließen können, der den Grundakkord bildet, sobald der Sänger
+von seinem tapferen Liebchen erzählt. Um so höher ist diese Tapferkeit
+einzuschätzen, als alles fahrende Volk, die Frauen insbesondere,
+vogelfrei, ehr- und rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und
+getötet werden--für sie gab es keine Gerechtigkeit.
+
+Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen Abwesenheiten der
+Hausherrn aus mehr als einem Grunde zerstörend: Nur zu häufig suchten
+die verlassenen Frauen, wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben
+führen wollten, bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesängern Trost,
+und die Männer lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von steifer
+Konvenienz und falscher Prüderei nichts weiß, die ganz Hingebung und
+Aufopferung ist, und sie erfuhren, daß das Weib nicht nur zwischen den
+wohlbehüteten friedlichen vier Pfählen des eigenen Heims eine sorgsame
+Hausfrau sein kann, sondern daß sie als froher, bedürfnisloser
+Zeltgenoß, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens enthüllt, die er sonst
+kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, und deren Wert unschätzbar
+ist. Während die Kirche durch ihre übersinnliche Auffassung von der Ehe
+erstickenden Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die
+Ausbreitung der mittelalterlichen freien Liebe wie glühender Sonnenbrand
+auf eine nur an Schatten gewöhnte Pflanze. Der Ursprung dieser
+tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und sittlichen
+Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurück. Daß die für unheilig
+erklärte, aus der Ehe herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher
+und zügelloser und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem
+Schönen und Großen, der Ausgang furchtbarer Laster und Verirrungen
+wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen
+Zuständen des Mittelalters nicht zu verwundern.
+
+Mit dem Aufblühen der Städte, dem verhältnismäßigen Wohlstand und
+ruhigen, gesicherten Leben ihrer Bürger schienen im Schutze ihrer Mauern
+die sittlichen Zustände reinere zu werden. Aber die tiefgreifende
+Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an Stelle der hörigen
+Arbeiterin nach und nach den freien Handwerker treten, die Arbeiten der
+Hausfrau und ihrer Mägde durch die verschiedenartigsten Gewerbe
+übernehmen ließ, machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen überflüssig,
+sie selbst brot- und obdachlos, und führte sie dem Laster in die Arme.
+Die ehrsamen Bürger, vor deren Augen die Prostitution sich mehr und mehr
+breit machte, wußten diesem Uebelstand nicht anders zu begegnen, als
+indem sie sogenannte Töchterhäuser oder Jungfrauenhöfe, die Nachfolger
+der antiken Lupanare und Vorläufer der modernen Bordelle errichteten.
+Sie verbargen dadurch nicht nur den ärgerniserregenden Anblick der
+Dirnen, sie schufen sich auch einen geordneten, gesetzlich
+sanktionierten Zugang zu ihnen, und halfen mit ihrer Schande den
+Stadtsäckel füllen.[104] Der Magistrat verpachtete nämlich die Häuser an
+Wirte und Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten mußten, "der Stadt
+treu und hold zu sein und Frauen zu werben".[105] Vornehme Gäste wurden
+vom Magistrat selbst in die offenen Häuser geführt, oder von den
+schönsten, festlich geschmückten oder ganz entkleideten Dirnen
+empfangen. Jetzt erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch
+äußerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich gemacht wurde,
+jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als "fahrendes Fräulein"
+doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich durch reine Liebe über sich
+selbst zu erheben, das unauslöschliche Brandmal der Schande.
+
+Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem
+weiblichen Teil der städtischen Bevölkerung zunächst außerordentlich
+erschwert, denn das zünftige Handwerk monopolisierte die Arbeit und
+schloß die Frauen aus seinen Verbindungen überall aus. Trotzdem ergab es
+sich von selbst, daß der Handwerker Frau und Töchter, deren Arbeitskraft
+nicht mehr, wie früher, vom Haushalt allein in Anspruch genommen wurde,
+zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und schließlich auch die Mägde daran
+teilnehmen ließ. Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon
+von Sohn oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der
+Mainzer Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrücklich, Frau,
+Kinder und Magd zum Nähen zu verwenden, auch im Nürnberger Stadtrecht
+ist von "Knaben oder Mägdelein" als Erlerner eines Handwerks oder einer
+Kunst die Rede, und eine Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts über
+die Aufnahme der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die
+Mitarbeit der Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur
+gleichberechtigten selbständigen Ausübung des Handwerks betrachtet,
+denn zunächst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die Zünfte noch
+verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell zunahm, die sich ihre
+Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu Nutze machten, das Handwerk
+selbständig betrieben und durch Unterbieten der üblichen Preise eine
+gefährliche Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die
+Handwerker auch den Frauen gegenüber den Zunftzwang auszuüben. So zwang
+der Rat von Soest im Jahre 1317 die Näherinnen, der Zunft beizutreten.
+Wenige Jahre später verfügte der Straßburger Rat infolge der Klagen der
+Wollenweber über die außerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, daß die
+Weberinnen ihr beitreten müßten, und auch die in großer Zahl für sich
+arbeitenden Schleier- und Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Stühle
+entsprechend, einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.[106]
+
+Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am zünftigen
+Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in den seltensten Fällen
+die Bestimmungen für beide Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der
+Frauen in die Handwerke, die an die Körperkräfte große Anforderungen
+stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, weil niemand ein
+Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es nicht in allen seinen
+Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten vermochte.[107] Aber auch in den
+Zünften, die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen
+nur selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbständigen
+Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft
+erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten
+schon betrieben hatten. So heißt es, in Anerkennung der Notwendigkeit
+der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in der Schneiderordnung
+von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen sollen all das Recht
+haben, das ihre Männer hatten, damit sie sich mit ihren Kindern ernähren
+können. Diese Bestimmung erfuhr jedoch meist eine große Einschränkung
+dadurch, daß die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen die
+Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen
+durften,[108] sodaß sie nach wenigen Jahren schon aus Mangel an
+Hilfskräften das Handwerk wieder aufzugeben gezwungen waren. Nur
+ausnahmsweise entschlossen sich einige Zünfte, angesichts der bedrängten
+wirtschaftlichen Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht
+zuzugestehen, ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der
+Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen--eine Bestimmung, die schon
+deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, kinderreiche
+Witwe gar nicht die Möglichkeit besaß, eine lange Lehrzeit
+durchzumachen.[109] Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war fast immer
+der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich die Gelegenheit um so
+leichter bot, als er dadurch sofort Meister wurde.[110] Der weitere
+Vorteil solcher Heirat war der, daß, wenn beide Eheleute desselben
+Handwerks Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten
+durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine Meisterstochter
+heiratete, ja sie verschärfte sich oft noch in der Weise, daß die
+Gewinnung der Meisterschaft davon abhing.[111] Die Zünfte suchten
+dadurch dem Eindringen einer unerwünschten Menge von Konkurrenten
+vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge
+beschränkten, die Lehrjahre verlängerten, oder zu dem letzten
+Gewaltmittel, der Schließung des Handwerks, schritten. Ideelle Bedenken
+kamen ihnen inmitten des materiellen Kampfes nicht in den Sinn. Daß sie
+den Egoismus förderten, der Habgier Thür und Thor öffneten, den
+sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloßen Geschäft
+degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, mögen
+auch heute die Schwärmer für die gute alte Zeit des romantischen
+Mittelalters nicht einsehen. Wo trotzdem ein freiwilliger Liebesbund
+zwischen Mitgliedern verschiedener Zünfte vorkam, pflegte die Frau das
+Handwerk, das sie als Mädchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus
+ergiebt sich, daß schon vor vier-, fünfhundert Jahren die Not die Frauen
+zwang, mitzuverdienen und für die Masse des Volkes das Ideal der auf den
+Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und Mutter unerreicht blieb.
+
+Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den Weberzünften
+zu finden. In Schlesien übertraf schon im 14. Jahrhundert die Zahl der
+Garnzieherinnen die der Garnzieher; in Bremen, Köln, Dortmund, Danzig,
+Speier, Ulm und München waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen
+zu Hause.[112] In den Baseler Steuerregistern von 1453 werden zünftige
+Teppichwirkerinnen angeführt; aber auch als Kürschner, Bäcker,
+Wappensticker, Gürtler, Tuchscherer, Riemenschneider, Lohgerber,
+Goldspinner und Goldschläger waren Frauen thätig.[113] Besonders in
+Frankreich, für das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254
+gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der Arbeitsgebiete
+des weiblichen Geschlechts ermöglicht ist, waren die Frauen in den
+verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks beschäftigt. Bei den
+Kristallschleifern, den Seidenspinnern, den Leinenhosenmachern, und den
+Nadelmachern fanden sich weibliche Lehrlinge und Gesellen in großer
+Zahl. In einigen Gewerben, wie bei den Webern und Fransenmachern,
+konnten Frauen Meisterinnen werden und Lehrlinge anlernen, und während
+im Anfang des Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die
+Meistertöchter und allenfalls die im Hause dienenden Mägde als
+Lehrdirnen zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde
+Frauen in die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und
+Leinenweber in München und Speier wird der fremden Lehrmädchen besonders
+Erwähnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden Menge
+armer Mädchen, die aus dem durch die fortwährenden inneren Fehden
+verwüsteten Lande in die Städte getrieben wurden, wo sie hofften,
+lohnendere Beschäftigung und größere persönliche Sicherheit zu finden.
+Infolge des großen Angebots weiblicher Arbeitskräfte sanken die
+Gesellenlöhne und diejenigen Handwerker, die Frauen beschäftigten,
+hatten im Wettbewerb vor den anderen einen Vorsprung.[114] Daher machte
+der Haß der Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr früh schon
+geltend, ohne daß sich dem immer zahlreicheren Eintritt weiblicher
+Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten ließ. Kriege und Seuchen rafften
+die Männer hinweg; durch das Zölibat der katholischen Geistlichkeit
+wurden viele Frauen selbst zum Zölibat und selbständigen Erwerb ihres
+Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten Zünfte, daß
+der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen Rauch" haben durfte,[115] und
+im Hause des Meisters leben mußte, wo seine Arbeitskraft mehr
+ausgebeutet, sein Lohn durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr
+verkürzt werden konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mädchen. Die
+Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, weil
+die Aussicht, Meister zu werden, wegen des großen bei diesen Handwerken
+nötigen Kapitals nur gering war,[116] mußten meist auch auf die
+selbständige Erwerbsarbeit ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte
+Stückwerker nur ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die
+Gesellen anderer Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus
+der Zunft ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Störer" sich
+niederließen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise gegen die
+Meister der Zunft konkurrierten,[117] bildeten das rasch zunehmende
+Proletariat des Handwerks, das den Frauen auch nur Hunger und übermäßige
+Arbeit zu bieten hatte. Es einzuschränken, um die schädigende Konkurrenz
+los zu werden, war das eifrige Bestreben der Zünfte, die daher auch das
+Heiratsverbot noch besonders verschärften, indem sie, wie aus der
+Nürnberger Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklärten, daß
+kein Gesell in seinem Handwerk gefördert oder unterstützt werden dürfte,
+der ein Weib hat.[118]
+
+Alle diese Umstände zusammengenommen führten dazu, daß nicht nur die
+Zahl der Frauen an und für sich die der Männer bei weitem übertraf,
+sondern daß auch die Zahl der alleinstehenden, auf selbständigen Erwerb
+angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an einer
+umfassenden Statistik darüber, die Berechnungen aber, die einzelne
+Städte anstellten, lassen auf die allgemeinen Bevölkerungsverhältnisse
+annähernd richtige Schlüsse zu. Eine Zählung der Bevölkerung Frankfurts
+a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend männliche elfhundert weibliche
+Personen; eine zu Nürnberg im Jahre 1449 auf tausend erwachsene Männer
+zwölfhundert und sieben Frauen; eine zu Basel im Jahre 1454 auf tausend
+Männer über vierzehn Jahren zwölfhundert und sechsundvierzig
+Frauen.[119] Die daraus entstehende Frauenfrage mußte sich auch dem
+Gedankenlosen aufdrängen, um so mehr als ein erschreckendes Anwachsen
+der Prostitution die nächste Folge war. Durch die Einrichtung von
+Zünften, die bis auf ein oder zwei Zunftmeister das männliche Geschlecht
+ausschlossen, suchten sich die Frauen selbst zu helfen. Die
+französischen Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen,
+Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. Jahrhunderts
+waren in solchen Zünften vereinigt, an deren Spitze eine
+Zunftmeisterin--preudefames--zu stehen pflegte. In Köln bestanden schon
+im 13. Jahrhundert verschiedene große weibliche Genossenschaften, wie
+die der Spinnerinnen, Näherinnen und Stickerinnen,[120] und die
+Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene weibliche
+Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.[121] Aber dadurch
+waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht untergebracht. Die
+Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit seiner langen Lehrzeit und
+seiner beschränkten Zahl von Gesellen ausgeschlossen. Um sie
+unterzubringen, reichten die Klöster nicht aus, die auch häufig die
+Einzahlung eines kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und
+die Pforten zum Leben rücksichtslos hinter ihr verriegelten. Die
+Zuflucht armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an
+die überall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, die
+der Wohlthätigkeit der Bürger oder der städtischen Initiative ihre
+Entstehung verdankten. Sie nahmen in dazu bestimmten Häusern oder
+Straßen Mädchen und Frauen auf, die zwar kein Ordensgelübde abzulegen
+genötigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen waren, gleiche
+Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen durften, und ihren
+Lebensunterhalt selbst erwerben mußten. Es gab kaum eine größere Stadt,
+die nicht mehrere Beginenkonvente hatte; Köln allein besaß deren im 15.
+Jahrhundert über hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, in Basel
+gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, ein Frankfurt
+a.M. gehörten im 14. Jahrhundert 6% der erwachsenen weiblichen
+Bevölkerung den Beginenvereinen an.[122]
+
+Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher
+außerordentlich groß. Die Beginen spannen, webten, nähten und wuschen,
+sie kamen in die Häuser der Bürger zur Aushilfe im Haushalt, sie
+beschäftigten sich mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil
+sie umsonst wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und
+ihre Bedürfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn
+zufrieden sein. Auch außerhalb der Zünfte, der Klöster und der Vereine
+wagten es alleinstehende Frauen einen Broterwerb zu suchen. In größeren
+Städten gab es zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem
+Ansehen brachten, wie z.B. die Augsburger Bürgerin Klara Hätzler, die
+infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Häufiger werden weibliche
+Aerzte erwähnt; in Frankfurt a.M. wird ihre Zahl am Ende des 14.
+Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem Edikt der französischen
+Regierung vom Jahre 1311, wonach Aerzte und Aerztinnen sich einer
+Prüfung unterziehen mußten,[123] geht hervor, daß man auch dort an
+diesem weiblichen Beruf keinen Anstoß nahm. Jedenfalls war die Zahl der
+Frauen, die sich ihm widmeten, zu gering, um den Konkurrenzneid ihrer
+männlichen Kollegen zu erregen und sie wäre neben der Masse der armen
+Handarbeiterinnen nicht zu erwähnen, wenn nicht daraus zu ersehen wäre,
+wie früh die Frauen sich schon gezwungen sahen, auch in die höheren
+Berufe einzudringen.
+
+Die ersten, die den Kampf gegen die beängstigende Zunahme der
+Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchführten, waren die Zünfte.
+Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht organisierten Arbeiterinnen
+dadurch zu unterdrücken gesucht hatten, daß sie ihren Eintritt in die
+Zünfte erzwangen, wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Zünfte
+und die der ausschließlich weiblichen Zünfte über den Kopf; sie
+veränderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus den Zünften
+wieder hinauszutreiben versuchten. Charakteristischerweise verhüllten
+sie ihren Konkurrenzneid zunächst mit einem sentimentalen Mäntelchen:
+die Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei für Frauen zu schwer, und
+schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Zünften aus; die
+Tuchwalker und die Kölner Tuchscherer und Hutmacher thaten
+desgleichen,[124] indem sie feierlich erklärten, daß ihr Handwerk dem
+"Manne zugehört". Bald bemühte man sich nicht mehr mit solchen
+Erklärungen, denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete
+über, auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden
+Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her
+hauptsächlich den Frauen offen standen: der Textil- und
+Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem die
+Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks über die Zunahme
+ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es nicht nur durch, daß den
+Frauen verboten wurde, andere als weibliche Kleidungsstücke
+anzufertigen, sondern auch daß die Zahl der weiblichen Gehilfen und
+Lehrlinge auf je einen bei einem Meister beschränkt wurde. Noch weiter
+gingen die Württemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher
+Lehrlinge, selbst der Meisterstöchter überhaupt untersagten, und die
+Färber, die alle Frauen aus der Zunft ausschlossen.
+
+Das treibende Element in diesen Kämpfen waren weniger die Meister der
+Zünfte, die durch die billige weibliche Arbeitskraft, durch die
+Beschäftigung ihrer Frauen und Töchter ihre Konkurrenten aus dem Felde
+schlugen, als die zu immer größerer Macht gelangenden Gesellenverbände.
+Für die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die besiegt
+werden mußte, um vorwärts zu kommen.
+
+So hatte ein Gürtlermeister in Straßburg Mitte des 16. Jahrhunderts
+seine beiden Stieftöchter zum Handwerk erzogen und erregte dadurch den
+Zorn des Gesellenverbandes seiner Zunft in dem Maße, daß es zur
+Arbeitseinstellung kam, die zwei Jahre währte und mit der Niederlage des
+Meisters und der Frauenarbeit endete.[125] Und wie hier das Kampfmittel
+des Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg
+angewandt. Die Straßburger Nestler beklagten sich nämlich bei den
+Nürnbergern, daß diese Mägde beschäftigten und das Handwerk daher zu
+Schaden käme, und drohten ihnen, alle in Nürnberg gelernten Nestler für
+untauglich und unredlich zu erklären, wenn sie diesen Uebelstand nicht
+beseitigen würden.[126]
+
+Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand geht mit
+der Veränderung wirtschaftlicher Zustände, bietet die Thatsache, daß der
+Frauenarbeit im Verlaufe des Kampfes gegen sie und nach ihrer
+Unterdrückung der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer
+deutlicher aufgeprägt wurde. Der Mann hielt es für unter seiner Würde,
+neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und Gürtlerordnung sowie
+die Nürnberger Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen
+ausdrücklich.[127] Die Nürnberger Buchbindergesellen erklärten jeden für
+unehrlich, der mit einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die
+Gesellenverbände und die Zünfte beschlossen, wurde schließlich in die
+Ratsschlüsse und landesherrlichen Verfügungen aufgenommen. Sie verboten
+nicht nur die Arbeit der Frauen in den Zünften, sie hielten sie auch für
+schändend, indem sie die mit den Frauen arbeitenden Männer als
+unredliche bezeichneten.
+
+Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem zünftigen
+Handwerk hinausgedrängt und das männliche Geschlecht wurde überall zur
+Bedingung des Eintritts.[128] So schien der Feind besiegt, während
+thatsächlich die Sterbestunde der Zünfte schlug, und er sich nur in den
+Hintergrund zurückgezogen hatte, um von da aus des Handwerks goldenen
+Boden weiter zu unterminieren.
+
+Verbieten ließ sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not zwang sie dazu,
+und es hieß jetzt nur, neue Bedingungen für sie zu suchen. Wie die
+sogenannten Stückwerker, die, außerhalb der Zünfte stehend, für geringen
+Lohn arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Maße von den
+Meistern und den "Verlegern", kaufmännischen Auftraggebern, in ihrem
+eigenen Hause beschäftigt.[129] Da diese Beschäftigungsweise an keine
+Werkstatt, an keine zünftigen Bestimmungen gebunden war, für die Frauen
+einen sehr gesuchten, wenn auch noch so kümmerlichen Erwerb bildete und
+für die Auftraggeber stets ein glänzendes Geschäft bedeutete, so dehnte
+sie sich rasch bis in die entferntesten Bauernhöfe aus und riß die große
+Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht mehr
+jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die für den Bedarf der
+Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht mehr die Arbeit im
+Rahmen des zünftigen Handwerks, die doch einige Aussicht auf
+Vorwärtskommen, auf Selbständigkeit in sich schloß, es war vielmehr jene
+Lohnarbeit, durch die eine immer wachsende Zahl der Bevölkerung in
+dauernde Abhängigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und
+aussichtslosen Proletariat herabgedrückt wurde. Durch sie zerfiel das
+Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die Hausindustrie,[130]
+denn zahlreiche verarmte Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde
+der Unternehmer und nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das
+zünftige Handwerk nicht beschäftigt hatte, wurden zur Mitarbeit
+herangezogen, um den kümmerlichen Verdienst ein wenig zu erhöhen.
+
+Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution vorbereitet, die
+die gesamte Arbeit überhaupt, die Frauenarbeit insbesondere, von Grund
+aus umgestalten sollte. Sie beschleunigte die Auflösung des zünftigen
+Handwerks, sie entführte die Frauen mehr und mehr dem häuslichen Herd,
+aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Großindustrie, die Mann und
+Weib schließlich gleichmäßig in ihre Dienste zwang.
+
+Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen,
+wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des Strumpfwirkerstuhls führte
+und die Produktivität auf diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die
+durch Barbara Uttmann erfundene Spitzenklöppelei beschäftigte in
+Deutschland viele Hunderte von fleißigen Händen, während die von Frau
+Gilbert aus Italien in Frankreich eingeführte Kunst venezianischer
+Spitzenarbeit schnell zu einer blühenden Industrie sich entwickelte, in
+der am Ende des vorigen Jahrhunderts gegen 100000 Arbeiterinnen thätig
+waren.[131] Mit dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die
+Weißstickerei sich rapid; durch die Band- und Schermühle, die
+Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug
+fanden zahllose Frauen Beschäftigung, denn eine mannigfaltigere und
+reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen zugänglich und die
+Bedürfnisse danach, die sich früher, bei der schwierigen und
+langwierigen Art ihrer Herstellung, auf die großen Damen der Höfe, die
+Patrizierinnen der Handelsstädte und die Courtisanen beschränkten, ein
+Gemeingut auch der Frauen des Bürgerstandes.
+
+Aber wie geringfügig erscheint der Einfluß all der genannten technischen
+Vervollkommnungen der Arbeitsmittel gegenüber der geradezu umwälzenden,
+die von England 1767 durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny,
+einer zunächst durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie
+wurde von Jahr zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schließlich
+bis zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der
+Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.[132] Noch vor Anwendung
+der Dampfkraft, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, entstanden
+in England und Schottland die ersten Spinnereien, und 1788 gab es dort
+bereits 142 Fabriken, die nicht weniger als 59000 Frauen und 48000
+Kinder beschäftigten.[133] Große Fortschritte hatte indessen auch die
+mechanische Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch
+Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine trat
+neben den außerordentlich vervollkommneten Webstühlen in Thätigkeit und
+es waren auch hier Frauen, die in erster Linie zu ihrer Bedienung
+herangezogen wurden. Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich,
+hauptsächlich in Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben
+von Linon, Batist und Gaze beschäftigt.[134]
+
+Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung mußten für das
+weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung sein. Jede neue
+Maschine, die die Arbeit von so und so vielen Handarbeiterinnen
+verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte ihre hausindustrielle
+Thätigkeit und drückte auf ihren Lohn. Sie entriß aber auch den Frauen
+ihnen bisher fast ausschließlich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das
+Spinnen und Weben, indem sie Männer und Kinder zur Mitarbeit heranzog
+und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen ließ. Und endlich
+griff sie auflösend und zersetzend in den einst so fest umfriedeten
+Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau klaffte von nun an ein
+furchtbarer Riß: die bittere Not zwang sie in die Fabrik, wo sie der
+Ausbeutung schutzlos preisgegeben war, die Mutterliebe und die von
+alters her ehrwürdigen Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim.
+
+Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt hervorwachsenden, in
+das Volksleben tief eingreifenden Fragen, stand die Gesellschaft ratlos
+gegenüber. Mit ungeschickten Händen versuchte man einzelne Knoten zu
+entwirren, um nur immer neue zu knüpfen. Durch Unterdrückung der
+gefährlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft sollte der
+Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder hergestellt werden. So
+wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse mit der Begründung, sie ihren
+Frauenpflichten wiedergeben zu wollen, schon 1640 die Arbeit verboten;
+in Sachsen verfügte ein Gesetz, daß Bauerndirnen keinen anderen Beruf,
+als den häuslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz wie
+in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht verdingen
+wollten, mit schweren Steuern belastet.[135] Aus den Badestuben, dem
+Schankgeschäft und dem Kleinhandel wurden die Frauen vertrieben. Die
+Menge der Spitzenklöpplerinnen in Nürnberg veranlaßte den Kameralisten
+J.L. Dorn strenge Polizeimaßregeln gegen selbständige Arbeiterinnen zu
+verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten diese
+Mauern und Wällchen nicht aufzuhalten, und die hingeworfenen Strohhalme
+konnten die Menge der mit den Fluten Kämpfenden nicht retten. Den Frauen
+des arbeitenden Volkes blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger
+und Schande.
+
+Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre
+wirtschaftliche Existenz mußten sie nicht nur selbständig kämpfen, sie
+mußten sie auch von Grund aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben
+Lasten wie ihre männlichen Arbeitsgenossen, nur daß sie noch
+unterdrückter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am schwersten
+Leidenden duldeten sie stumm.
+
+
+
+
+4. Die Stellung der Frauen im Geistesleben.
+
+
+Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Maße auf die
+Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf der einen und
+die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der geistige Fortschritt,
+die Ausbreitung allgemeinen Wissens und höherer Kultur wurden dadurch
+bestimmt: harte Arbeit, unaufhörlicher Kampf ums tägliche Brot, raubten
+dem Volk sowohl die notwendige Muße, als die geistige Frische und
+Empfänglichkeit für eine tiefere Bildung, die daher zu einem Privilegium
+der besitzenden Klassen werden mußte. Mehr noch als für die Männer gilt
+diese scharfe Trennung für die Frauen, denen bedeutend weniger
+Hilfsmittel zu Gebote standen, um die widrigen äußeren Lebensumstände
+überwinden zu können.
+
+Auch in die Klöster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens
+Zufluchtsstätten aller Bildung waren, traten meist nur begüterte und
+vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit
+aufgenommen, so fanden sie als Mägde Verwendung und nahmen keinen Teil
+an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die
+Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt
+werden soll, so darf nicht vergessen werden, daß sie sich im allgemeinen
+auf die Kreise der Besitzenden beschränkt, wie die Geschichte der
+Frauenarbeit fast ausschließlich nur von den besitzlosen Frauen sprechen
+konnte.
+
+Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die
+Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von
+Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der
+Männer im allgemeinen übertraf. Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann
+furchtsam und weibisch mache und daher möglichst zu vermeiden sei.[136]
+Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die
+Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhörlichen inneren
+Wirren verursachten Zustände, verbunden mit dem Einfluß der
+protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war,
+hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des
+weiblichen Geschlechts. Im Süden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht
+wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiöser Kämpfe
+geführten Kriege der Fürsten untereinander allen Wohlstand untergraben,
+die Gemüter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religiösen,
+erfüllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter
+geöffnet als je vorher.
+
+Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem
+Leben erwacht. Alle Umstände wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu
+ermöglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero
+nicht untergehen ließen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland,
+sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden
+Sänger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle
+bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blühenden
+Handelsstädte mit ihrem freien Bürgertum, die glänzenden Fürstenhöfe mit
+ihren an Mitteln und Muße reichen Bewohnern bildeten den Nährboden, aus
+dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der
+Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprünglichen
+Christentums längst vergessen machen.
+
+Die Frauen nahmen, soweit sie den begüterten Volksklassen angehörten,
+ohne darum kämpfen zu müssen an den geistigen Schätzen teil, die in fast
+unerschöpflicher Fülle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kräfte wurden
+nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thätigkeit
+früherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie
+die Herstellung einer großen Menge Gebrauchsgegenstände übernommen
+hatten und die grobe tägliche Arbeit ausschließlich den Mägden
+überlassen blieb. So war es nur eine natürliche Folge der Befreiung des
+begüterten Teils des weiblichen Geschlechts von einförmiger Arbeitslast,
+daß er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er
+reden hörte, lebhafteres Interesse nahm und daß einzelne, besonders
+begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder künstlerisch thätig
+waren. In den Häusern der Handelsherrn und den Palästen der Fürsten
+genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten
+Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pädagogen widmeten ihre
+ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zöglinge, sodaß z.B. eine Cäcilia
+Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die
+klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige
+Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die
+harmonische Ausbildung der ganzen Persönlichkeit, die Individualisierung
+des einzelnen Menschen.[138] Die große Errungenschaft der Renaissance
+für das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, daß die
+Universitäten den Frauen geöffnet wurden und der Ruhm einzelner
+weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfüllte, sondern in der
+Anerkennung der Frau als eines selbständischen Menschen. Die höhere Form
+des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen
+Novellisten[139] und Biographen erzählen, ist allein schon ein Beweis
+dafür. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den
+Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin
+und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor
+ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr
+reifes Urteil wurde dem der Männer gleich geachtet, ja häufig wog es
+schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig,
+Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in
+Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig
+lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und
+Künstler abhing. Die größere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance
+genossen, die Selbständigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen
+und Gefühlen folgten, hat religiöse und moralische Zeloten veranlaßt,
+sie als ganz besonders sittenlose Geschöpfe hinzustellen, und manche
+führen sie noch heute als Beispiele dafür an, daß das Weib verderbe,
+wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch
+zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs
+und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen
+Italiens zur gleichen Zeit, muß durchaus zu Gunsten dieser entschieden
+werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder
+hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher häufig die Bande
+entwürdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese
+höhere Sittlichkeit schloß von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit
+gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus.
+
+Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit
+ausartete und wo Frauen als Künstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen
+öffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar:
+ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein völlig männliches Gepräge,
+und das höchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen männlichen
+Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert
+in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "männlichen
+Kraft" ihrer Rede berühmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des
+kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin
+von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "männlichem
+Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Päpsten und Kaisern Vorträge
+hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf
+dem Kongreß zu Mantua den Papst begrüßte, Isikratea Monti und Emilia
+Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhörern anzog--sie alle sahen
+ihren höchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so
+sehr war diese Auffassung gang und gäbe, daß sogar bedeutende Frauen
+vor sich selbst das Gelübde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen
+dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des
+mütterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen
+gehörte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche
+Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen
+Höhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war,
+die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als
+Künstlerin und Gelehrte nicht zu überbrücken. Und an diesem Punkt mußten
+die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als
+ausübende, nicht nur als anregende und urteilende Kräfte im geistigen
+Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des
+gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur
+eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war.
+Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war
+nicht einmal ein ausreichender Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit
+der Frauen, weil sie zu ängstlich in die Fußstapfen der Männer traten,
+statt zu zeigen, daß sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen.
+
+Durch oberflächliche Beurteilung könnte aus den zahllosen Schriften
+jener Zeit über die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fähigkeiten eine
+tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nähere Kenntnis jedoch
+beweist, daß viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend,
+einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein
+glaubte, wenn er Biographien berühmter Männer schrieb. Solche berühmter
+Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie überall mit im Vordergrund des
+geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran
+und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus
+virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den
+Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkämpfer
+der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche
+Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie
+suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse
+der verherrlichten Frauen zu übertreffen, bis schließlich Peter Paul
+Ribera durch sein Werk über die unsterblichen Triumphe und heldenhaften
+Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein
+Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit großem Aufwand
+von tönenden Worten nunmehr der höhere Wert des weiblichen Geschlechts
+vor dem männlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff
+gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher
+Witz sich übten. Einen tieferen Eindruck hinterließ diese ganze
+Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedürfnis zu
+fern lag und nur für jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die
+dank ihrer günstigen äußeren Verhältnisse sich mit gleichen geistigen
+Waffen mit den Männern zu messen vermochten.
+
+Ihre Zahl war, trotz der 845 berühmten Frauen Riberas, im Verhältnis zur
+Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur
+gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres
+männlichen Geistes wegen rühmten, brachte nur wenige wirklich
+hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin
+Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte
+Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.
+
+Während in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kämpfen zu müssen,
+gewissermaßen selbstverständlich an den geistigen Errungenschaften teil
+nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich,
+England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren
+gedrückt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst
+gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand
+zunächst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der
+Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller
+Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug für die Zustände in
+Mitteleuropa--häufig in Gemeinschaft mit dem Bedürfnis nach einem
+Broterwerb auf. Die französische Schriftstellerin Christine de Pisan ist
+ein klassisches Beispiel dafür.[148] Früh verwitwet, sah sie sich
+gezwungen, ihre Kinder zu ernähren und groß zu ziehen. Da sie eine, für
+die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen
+hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermöglichte
+es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu können. Ihr
+Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr über
+die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Für die Beurteilung
+der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cité des
+dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken
+der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknüpfend, für
+die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklärte zum
+Schluß, daß die Männer nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie
+fürchteten, die Frauen könnten klüger werden als sie. Christine de Pisan
+genießt den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der
+Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres
+eigenen Lebenskampfes, prädestiniert dazu. Nicht der Süden, der über
+seine Kinder einen solchen Ueberfluß an Reichtum und Schönheit
+ausschüttete, daß auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern
+die Länder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch
+die Frauen erfaßte, waren der Nährboden der Frauenfrage und der
+Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrückung ihres
+Geschlechts zuerst bewußt wurden und sie in Worte zu fassen wagten,
+konnten natürlich nicht die Allermißhandeltsten sein; sie mußten auf
+einer gewissen Höhe der Bildung und des Verständnisses stehen. Denn die
+tiefste Not macht stumpf; sie zerstört alle Thatkraft; sie läßt selbst
+das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen.
+
+Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine
+Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die
+Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der
+Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen
+Erfolg hatten diese Bemühungen selbstverständlich nicht, aber sie
+wirkten im Verein mit dem Einfluß des Humanismus, dem Aufblühen von
+Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks
+wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhöhung der
+Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Königin, die
+beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge
+gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz'
+I.[149] Ihre Erzählungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr
+Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem
+Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch
+überall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre
+gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester,
+Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fünfzig
+Jahre später einen selbständigeren Stil und verfaßte, voller Verachtung
+für die sie umgebende schwächliche und gemeine Männerwelt, trotzend auf
+ihren energischen Geist, eine Schrift über die Ueberlegenheit des
+weiblichen Verstandes.
+
+Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen
+Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der
+Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy
+Lefèbre und Gattin seines unbedeutenden Schülers André Dacier. Die
+ersten französischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des
+Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift:
+Traité des causes de la corruption du goût, worin sie die Angriffe
+Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurückwies, hat einen
+dauernden Wert behalten. Daß Anna Dacier so allein steht, ist leicht
+begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung,
+vertieften und verfeinerten Lebens für alle hätte werden sollen, wurde
+zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schließlich bis zu
+lächerlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in
+Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer
+wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe
+und der Mutterschaft, um sich ungestört ihren Studien zu widmen. So
+brachten z.B. die Précieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen
+in berechtigten Verruf, und wenn Molière in seinen Lustspielen
+Précieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tödliche Streiche
+versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund
+des weiblichen Geschlechts.
+
+Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die
+Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands
+eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm,
+die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer häuslichen Sorgen,
+als daß sie in nennenswerter Weise daran hätten teilnehmen können. Erst
+sehr allmählich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der
+Gelehrten und den Hörsälen der Universitäten auch zu ihnen. Während das
+fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Blütezeit weiblicher
+Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war,
+setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts
+ein. Viel früher beschäftigten sich jedoch die Humanisten mit der
+theoretischen Erörterung der Frauenfrage, wie sie die italienische
+Renaissance dadurch aufgestellt hatte, daß sie den Frauen die Pforten
+zur klassischen Bildung nicht verschloß. Was dort ohne Kampf unter dem
+unmittelbaren Eindruck der großen geistigen Errungenschaften geschah,
+darüber mußte der grüblerische Deutsche erst langatmige Theorieen
+aufstellen, und der langsame, künstlich niedergehaltene Geist der
+deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homöopathischen Dosen
+vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkämpfer dieser Art Frauenfrage
+gelten kann, war der merkwürdige platonisch-christliche Philosoph
+Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift über den Vorzug des
+weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie
+eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geißelt
+die Erziehung der Mädchen zur Faulheit und erklärt, daß nur sie daran
+schuld sei, wenn die Frauen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln und den
+Beweis ihrer der männlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern
+könnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrückt freilich häufig den
+klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der
+Federkrieg für und wider die höhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner
+verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, daß die Weiber keine
+Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke,
+Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig
+heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb
+die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschränkt; eine
+Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher
+Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, ähnlich den Prinzessinnen
+an den Höfen italienischer Mäcene, zwischen ihnen lebte, gehörte zu den
+sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Bürgertum
+beschränkt und nüchtern, die Fürstenhöfe arm und klein. Erst mit dem 17.
+Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit
+der Männer etwas Müdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug,
+konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedürfnis der Frauen nach
+höherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl
+lernten Fürstinnen und Gelehrtentöchter die klassischen Sprachen, wohl
+wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12
+Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten
+einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, daß
+ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Ströme von
+Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich
+durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persönlichkeit ist
+unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberfläche,
+sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen
+abschütteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu
+werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz,
+die Tochter des unglücklichen Winterkönigs gemacht, die durch großes
+Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige
+Schülerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel
+gestanden hatte, und warf schließlich all ihre gelehrten Bücher bei
+seite, die ihr Gemüt unbefriedigt ließen, und der Hunger nach einem
+vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen
+war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und
+schließlich den Quäkern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und
+Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehörte jene weit über ihr
+Verdienst bewunderte Niederländerin Anna Maria von Schurmann. Man pries
+sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch
+sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte
+ebenfalls, eine schlichte Büßerin, dem neuen Propheten Jean Labadie.
+
+Das Schicksal der gelehrten Königin Christine von Schweden gestaltete
+sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung
+ihres Daseins, auch sie suchte schließlich durch ihren Uebertritt zum
+Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte:
+Befriedigung für ihr vernachlässigtes Gemüt.
+
+Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des
+weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, für die
+Erziehung der eigenen Kinder fähige Frauen schaffen sollte, ließ
+allenthalben den Wunsch nach höheren Schulen für Mädchen laut werden. In
+England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat
+der Dissenter und treue Anhänger Wilhelms von Oranien, Daniel
+Defoe,[156] für die Gründung einer Frauenakademie ein, indem er
+erklärte: Wenn Wissen und Verstand überflüssige Zuthaten für das
+weibliche Geschlecht wären, so hätte ihnen Gott nicht die Fähigkeiten
+dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan
+als Vorkämpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann,
+unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen
+Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu gründen, in denen nicht nur die
+Mädchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die
+alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthätigen Frauen zu nützlicher
+Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159]
+Mit logischer Schärfe wandte sie sich gegen das Recht des Stärkeren:
+"Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau überlegen ist, so dürfte
+selbst die größte Königin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener
+gehorsam sein ... Wenn bloße Stärke das Recht zu herrschen giebt, so
+sind wir jedem Lastträger Gehorsam schuldig ... Aber der kräftigste ist
+nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott
+unparteiisch unter die Geschlechter verteilte."
+
+Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, daß keine zaghafte,
+unselbständige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften
+Bildung stand die Engländerin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und
+ihren Charakter betrifft, über den Frauen des nördlichen Kontinents. Die
+freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann
+einen Staatsbürger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht
+hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorübergehen. Und die
+großen Herrscher ihres Geschlechtes mußten die gesamte Meinung über die
+Frau günstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer
+Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der höheren Stände
+politische Rechte besessen hatten. Die Großgrundbesitzerinnen aus den
+alten eingesessenen Familien und die freien Bürgerinnen der Städte
+sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der
+Friedensrichter, wurden häufig von Frauen bekleidet. Erst auf das
+Betreiben des berühmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die
+Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als
+Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18.
+Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrücklich ausgeschlossen.[160] In Anna
+Clifford verkörperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze
+Selbständigkeit der englischen Staatsbürgerin. Jahrelang protestierte
+sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr
+Wahlrecht ausübte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung
+an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklärte sie ihr:
+"Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein König hat mich verachtet, aber
+ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland
+nicht vertreten."
+
+Der Kampf um die mit Füßen getretenen Grundrechte des englischen Volkes
+und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Bestätigung im
+Jahre 1689 mußten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn
+sie auch persönlich unberücksichtigt blieb. Steigerte doch die
+Erweiterung und Befestigung der Rechte der Bürger, die Einschränkung der
+Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewußtsein
+jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfänge
+der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent.
+Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu,
+und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den
+Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna
+Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der
+gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse für die
+Wissenschaften äußerte sich weit mehr durch Gründung und Unterstützung
+gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwölf Colleges wurden vom 14. bis
+zum 16. Jahrhundert von Frauen gegründet[161]--als durch produktive
+Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule für ihr
+eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells
+Vorschlag blieben somit unbeachtet.
+
+In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Pläne
+handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im
+Anfang des 18. Jahrhunderts erörterten das Thema nach allen Richtungen
+hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu gründen. Aber
+es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare
+allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl
+einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der
+litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder,
+während seine weit klügere Frau sich in ihren Briefen wiederholt über
+die Frauen lustig machte, deren sehnsüchtig erstrebtes Ziel der
+Doktorhut war. Thatsächlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel
+selbständiger Leistungen deutlich genug zeigten, daß mehr Eitelkeit und
+Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens
+waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Dorothea von Schlözer, die unter
+anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes
+Thema, wie die russische Münzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste
+aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne
+Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhöhung ihres Ruhmes der akademischen
+Würden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs
+Kometen, die große Gehilfin ihres großen Bruders.
+
+Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen über die weiblichen
+Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fällen ist, dürfen doch die
+Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten:
+sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewöhnlichen
+Rahmen des Frauenlebens die Frage der höheren weiblichen Bildung in Fluß
+und auf sie ist es mit zurückzuführen, daß ihre Lösung die erste Aufgabe
+der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder
+ihrer Entstehung wurde.
+
+Um aber das Bild der Frau der oberen Stände bis zur Schwelle des 19.
+Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmäßige
+Frauenbewegung überall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die
+französische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht
+vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich
+das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolität, ihre
+Gefühlsroheit und ihre Sentimentalität, ihre tiefe Erniedrigung und ihr
+Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klöster, in denen die
+jungen Mädchen erzogen wurden, schlüpfte die Lascivität: so schmiedete
+eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schülerin den Plan, durch
+den sie den König einfangen wollte.[163] Glanz und Vergnügen war Aller
+Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die
+Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum
+erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares
+abgemachtes Geschäft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt für
+altmodisch und lächerlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die
+Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der
+umständlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten
+Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die
+auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhänge geschützt werden konnte,
+nachts auf den üppigen Maskenbällen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die
+Mode alle Natur unterdrückte, die Taille gewaltsam einzwängte, die
+Hüften durch Reifröcke ins Ungeheuerliche vergrößerte, die Haare durch
+Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und
+Schönpflästerchen zur Maske machte, so waren auch alle natürlichen
+Gefühle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand
+nur im Dienst der Genußsucht. Die vielgerühmte geistreiche Konversation
+des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflächlich, nur auf Triumphe
+der Eitelkeit berechnet. Für die Korruption des weiblichen Geschlechts
+spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung
+der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die
+Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nähren, verbot die
+Rücksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens.
+Zurückgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante
+übergeben, die so früh als möglich einen jungen Herrn oder eine junge
+Dame aus ihm machten. Daß es eine fröhliche Kindheit für diese armen
+Geschöpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben
+der Anzüge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten
+Löckchen. Das Kloster löste schließlich die Erziehung durch die
+Gouvernante ab.[165] Und währenddessen ging die Mutter dem Vergnügen
+nach, ohne selbst zu wissen, daß sie in dieser Hetzjagd dasjenige
+suchte, was ihr verlassenes Kind ihr hätte bieten können: ein innerlich
+reiches Leben.
+
+Aber während auf der einen Seite ihr Gemütsleben abstarb und über all
+den schönen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht,
+entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches
+Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die
+Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schönen
+Künste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Könige, die Minister und
+Diplomaten wurden in ihren Entschlüssen von ihr gelenkt, in ihren
+Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflußt.[166] In den Salons der
+Gräfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der
+Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die
+Fäden der inneren und äußeren Politik zusammen. Das Reich der Frauen
+war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister
+handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie
+jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte nicht kennt,
+durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die
+Frauen treiben mußten, weil sie öffentliche Rechte nicht besaßen, wirkte
+natürlich äußerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und
+intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr
+Interesse für die Fragen des öffentlichen Lebens dadurch erweckt, und
+während die große Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin
+zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft
+politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Bürgertums,
+eine Necker, eine Roland, für die Vorkämpfer der Revolution in die
+Schranken der politischen Arena.
+
+Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren
+Freunden, den Encyklopädisten, getragen wurde, fand Unterstützung durch
+die Frauen. Aber diese Unterstützung darf nicht überschätzt werden. Nur
+zu oft war es das Bedürfnis nach neuen Sensationen, das den modernen
+Philosophen die Salons und die Herzen öffnete. Alle Genüsse hatten diese
+Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genuß.
+Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopädisten
+leicht zu erklären, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben
+zunächst überraschende Umstand, daß keine Frau es zu großen
+schöpferischen Leistungen brachte. Während aber ein Voltaire die Frauen
+verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und
+nur ihre körperlichen Reize gelten ließ,[169] war es Rousseau, der die
+Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem
+psychologischen Verständnis ihren Ursachen nachzuspüren und sie von da
+aus zu bekämpfen. Wenn er dabei über das Ziel hinausschoß und die
+Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu
+seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und für das
+Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr
+leicht gegenüber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat.
+Unnachsichtig in seiner Kritik, erklärte er doch zugleich viele ihrer
+Schwächen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht,
+meinte er, zeigt dadurch, daß sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre
+Langeweile zu töten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die
+harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe
+wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu wählen, sondern
+ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen,
+damit sie ihre eigene innere und äußere Unnatur beschämt erkennen
+möchte. Er geißelte rücksichtslos ihren Müßiggang, und wandte sich an
+beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthätigkeit verzehrt, was
+er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlösende Wort
+jedoch für die eingeschnürte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es
+in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nähre dein Kind an deinem eigenen
+Busen, hüte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit
+verschwinden, das Gefühlsleben zur Natur zurückkehren, werden die
+Eheleute sich innig verbunden fühlen; denn sobald die Frauen wieder
+anfangen, Mütter zu sein, werden die Männer es lernen, wieder Gatten und
+Väter zu werden.[174]
+
+Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau
+die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er
+aber kein Prophet im Sinne naiver Gläubiger war, aus dessen Kopf völlig
+neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des
+Zeus, sondern nur einer jener genialen Männer, die das geheime Leid
+ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen
+und aussprechen, so begrüßten zahllose ihn als ihren Erlöser. Sagte er
+doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur
+den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten.
+Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen
+Memoiren der Madame d'Epinay. Für eine kommende Zeit und ein neues
+Geschlecht mit jugendkräftigen Gliedern und warm pulsierendem
+Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das
+Grablied sang, den feurigen Morgengruß: Der Mensch ist frei geboren....
+Stärke gewährt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf
+seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten
+verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft muß an Stelle der
+physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit
+setzen.[175]
+
+Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden
+Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die
+Leitsätze für eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die
+kräftigste Saat unfruchtbar bleiben muß, wenn sie nicht auf fruchtbaren
+Boden fällt, so wäre auch keiner dieser Gedanken in die Köpfe und
+Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und
+politische Entwicklung sie dafür empfänglich gemacht hätte. Nicht die
+wenigen Männer, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der
+Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die
+Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den
+gesamten verrotteten Zuständen heraus; und nicht die wenigen Frauen, die
+infolge persönlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen
+überschritten, oder infolge persönlicher Schicksale ihre unwürdige Lage
+erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mußte die
+materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus
+und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kämpften, damit sie
+entstehen konnte.
+
+
+
+
+5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution.
+
+
+Nach schwächlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach
+die Revolution aus. Sie mußte von Frankreich ausgehen, obwohl in allen
+Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier
+alle Umstände zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen
+welterschütternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein
+jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der
+herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende
+Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige
+Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die
+Encyklopädisten. In der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts
+finden sich alle jene Ideen, die in den Stürmen der Revolution nach
+Verwirklichung strebten.[176]
+
+Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren
+und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den
+Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit
+vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschülerin, durch die Schriften
+Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schülerin
+Rousseaus;[177] ähnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der
+Herrschaft über die Helden der Anfänge der Revolution, Sophie de
+Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels
+Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus
+Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber
+auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu
+spielen nicht bestimmt waren, nährten ihren Geist an denselben Quellen
+und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflußt durch Rousseau,
+wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaßen. Es ist kein
+Zufall, daß die Zeit der ersten Begeisterung für "Emile" mit der Zeit
+der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre,
+Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfällt, denn in den Händen
+ihrer Mütter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die
+Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker,
+die Träume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefühl und
+machten daher die Frauen zu ihren glühendsten Vertreterinnen. In ihren
+Salons versammelten sich die führenden Geister und achteten ihr Urteil
+als ein dem der Männer durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit
+war erfüllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen
+kann, der in seinen Strom gerät, und das alle schlummernden Kräfte des
+Geistes zu reger Bethätigung auslöst.[180] Während der eine Teil der
+Frauen sich damit begnügte für Natur, Freiheit und Gleichheit zu
+schwärmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und
+griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Staël erinnert--nicht nur
+urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik
+ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am
+politischen Leben darf aber ein Umstand nicht außer acht gelassen
+werden: der Einfluß Amerikas. Wie er sich in der Erklärung der
+Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der
+freiheitliche Luftzug, der von den Unabhängigkeitskriegen ausging, manch
+mittelalterlichen Trödel aus Europa austreiben half, so ist auch die
+Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Züge auf ihn
+zurückzuführen.
+
+Die Frauen Amerikas schürten von Anfang an den Widerstand ihres
+Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die
+Schwester des feurigen Freiheitskämpfers James Otis, vereinigte in ihrem
+Salon die Führer der Bewegung; als sogar Washington von der endgültigen
+Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte,
+forderte sie die Unabhängigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in
+lebhaftem Briefwechsel und die Unabhängigkeitserklärung zeigt deutlich
+die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die
+Gattin des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch
+die ersten Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen
+Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongreß die Verfassung
+zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die künftige
+Verfassung den Frauen keine gründliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind
+wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht für verpflichtet
+uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung
+unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die
+Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den öffentlichen Schulen und
+begründete ihre Forderung, indem sie erklärte, daß ein Staat, der
+Helden, Staatsmänner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst
+wahrhaft gebildete Mütter haben müsse. Infolgedessen wurden die Schulen
+den Frauen geöffnet, während der Wunsch nach politischer
+Gleichberechtigung für die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfüllt
+blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt
+ihren weiblichen Bürgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die
+weit über die Grenzen Amerikas hinaus das größte Aufsehen erregte.[182]
+
+Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung für die
+Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafür
+vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach
+höherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kämpfe der Zeit
+eingreifen zu können, machte sich zunächst geltend. Die Konversation in
+den Salons, die Privatlektüre genügten nicht mehr und so wurde im Jahre
+1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum
+gegründet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde,
+denen sich ein kleiner Kreis von Männern,--im ganzen etwa 700
+Personen,--anschloß. Die letzten der Encyklopädisten und ihre Nachfolger
+lasen dort über Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und
+Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre
+gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien
+in der phrygischen Mütze auf der Tribüne,[183] und die Schüler, zu denen
+Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehörten, wurden
+aus Zuhörern handelnde Personen in dem Drama, das sich draußen
+entwickelte.
+
+Durch die Gründung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung
+anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten
+die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses
+Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen
+Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den
+Bericht über die Neuordnung des öffentlichen Unterrichts vorlegte,
+widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der
+von den übrigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausführungen
+durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm
+gewünschte Einschränkung der Frauenbildung auf das geringste Maß zu
+begründen, griff er bis auf die Frage zurück, ob Frauen als Staatsbürger
+anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, daß es wie eine mit den
+Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende
+Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hälfte des Menschengeschlechts
+außerhalb der Verfassung stehe, aber, so fügte er hinzu, ein anderer
+wichtiger Umstand müsse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck
+aller staatlichen Einrichtungen muß das Glück der größten Anzahl sein;
+wenn die Ausschließung der Frauen von allen öffentlichen Rechten für
+beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glücks zu erhöhen, so
+muß jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung
+der männlichen Jugend das Ziel hat, Bürger heranzubilden, die allen
+Rechten und Pflichten dem Staate gegenüber gewachsen sind, die Natur den
+Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer
+Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle
+des Unglücks ist, so müssen die Erziehungsmethoden für beide
+Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschluß an Talleyrands
+Bericht beschloß die Nationalversammlung die Mädchen nur bis zum achten
+Lebensjahr in öffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der
+häuslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt,
+sollen an Stelle der früheren klösterlichen Erziehungsanstalten
+weltliche treten, in denen die Mädchen in allen ihrem Geschlecht
+angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der
+Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, daß alle Kinder,
+ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in
+sogenannten maisons d'égalité gemeinsam erzogen werden sollten.[186]
+Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen
+Geschlechts zu heben oder gar der männlichen gleichzustellen, findet
+sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu
+sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als daß diese Forderung
+der Frauen eingehende Berücksichtigung hätte finden können. Sie wurde
+auch von ihnen selbst ohne großen Nachdruck verfolgt; die Frauen der
+Bourgeoisie saßen sowieso schon als Gleichberechtigte an der
+reichbesetzten Tafel geistiger Genüsse, und die Frauen der arbeitenden
+Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spüren, wo der
+physische ihren Körper verzehrte.
+
+Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789
+bis 1799 waren für die französische Industrie verderblich, nicht nur
+weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie förmlich erdrückte,
+sondern,--und das spürten die arbeitenden Frauen besonders
+empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des großen
+geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide
+zurückging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen
+der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an.
+
+Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zählte man 50000 Bettler in
+Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand,
+wuchs die Zahl der Bettler in den nächsten zehn Jahren bis auf 1-1/2
+Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um
+1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf
+680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter
+ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshäusern interniert, wo die
+gräßlichsten Krankheiten nie aufhörten, und man die Armen, als ob sie
+nicht durch das eigene Unglück genug gegeißelt würden, mit
+Peitschenhieben züchtigte.[190] Die größte Not aber herrschte in den
+Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs
+mit dem Elend der Haß empor, und er richtete sich nicht nur gegen den
+Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Haß
+der Bourgeoisie, sondern in erhöhtem Maße gegen die Ausbeuter und
+Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tägliche
+Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so
+daß Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder
+hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der
+Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schätzte doch
+Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf
+70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von
+den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu
+verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten,
+weil die gewaltigsten Triebkräfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu
+den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf
+jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenüber den
+Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit
+geschlagen; sie schwärmten für Freiheit und Gleichheit, für ein
+friedliches Leben in der Natur, für Brüderlichkeit und allenfalls für
+Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische
+Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit
+entfernt davon, über die Kluft, die sie vom Proletariat trennte,
+hinwegzuschreiten oder auch nur hinüberzusehen. Selbst die Memoiren der
+bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal
+einen Hinweis auf das Elend ihrer ärmsten Geschlechtsgenossinnen. So
+merkwürdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf
+bewußte Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst
+vortrefflichen Menschen schwer fällt, den Kreis ihrer Gefühle so über
+die eigene Klasse auszudehnen, daß keinerlei Regung des Klassenegoismus
+mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die
+inneren und äußeren Schranken zwischen den Ständen weit größere waren,
+noch viel schwerer. Das Proletariat mußte seine Sache selbst führen,
+wenn es überhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die
+Heerführer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlösser des Adels in Flammen
+aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem
+wütenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die
+Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und
+der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfüllt von dem Wunsch,
+Abhilfe zu schaffen, auf die verödeten Werkstätten und die Massen der
+Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mütter waren, vom
+Unglück doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis
+sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbständigem Handeln
+erwachten.
+
+Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der
+Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von
+Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie möglich.
+Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um
+Hilfe, aber sie wußten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194]
+daß sie kamen, war schon Wagnis genug, wie hätten sie sich auch noch zur
+Aussprache bestimmter Forderungen entschließen können? Ihre That, so
+ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender
+Bedeutung: die Frauen fühlten den Mut, zu sagen, was sie quälte; die
+durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte
+immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage
+gelangte zu klarem Bewußtsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende
+Broschüren beschäftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung;
+die ganze Not des armen alleinstehenden Mädchens, das von der
+ehrlichen Arbeit ihrer Hände nicht leben kann und der Schande
+gewaltsam in die Arme gestoßen wird, klang aus der "Motion de la
+pauvre Javotte"[195] erschütternd heraus; als eine notwendige Folge der
+wirtschaftlichen Zustände wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin
+unerhörter Schluß!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie
+einzuschränken, gesucht. Auf die Zurückdrängung der Frauen von guten
+Erwerbsmöglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschäftlichen
+Gründen geschlossenen Ehen zurückgeführt, und die Forderung, dem
+weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt
+ermöglichender Arbeit zu eröffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In
+einer Petition der Frauen an den König fand sie ihre klarste Fassung.
+Die Männer, so heißt es darin, sollen die den Frauen zukommenden
+Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausüben
+dürfen, dafür würden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompaß noch
+das Winkelmaß zu führen; "wir wollen Beschäftigung haben, nicht um die
+Autorität der Männer an uns zu reißen, sondern um unser Leben zu
+fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wünsche natürlich nicht, aber
+die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr
+überhört und vergessen werden. Sie beeinflußte die Diskussion über die
+Lage der Zünfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach
+ganz aus ihren Verbänden herausgedrängt hatten, und deren Auflösung im
+Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrüßt wurde. Sie
+bedeutete für sie, gleichgültig welches die weiteren Folgen waren, die
+Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem
+Gebiete manueller Arbeit.
+
+Das öffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschränkte
+sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie
+die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die
+Kämpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie
+Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hyänen werden, zu
+illustrieren suchen. Gewiß ist, daß der Sturm entfesselter
+Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er
+mit allen Mitteln der Gewalt unterdrückt worden war, und daß es unter
+den Frauen wie unter den Männern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie
+in erregten Zeiten überall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der
+Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober
+1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerüchte
+der skandalösen Vorgänge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser
+Volks aufs äußerste gesteigert, aber nicht die Männer, sondern die
+Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstädte, die Händlerinnen der Hallen
+waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus
+gestürmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der
+Zahl, nach Versailles.[197]
+
+Diese revolutionäre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem
+natürlichen Gefühl des Volks herauswuchs, gehört den Frauen, wie die des
+14. Juli den Männern gehört hatte. Die Männer eroberten die Bastille,
+die Frauen den König und damit das Königtum.[198] Denn obwohl es
+zunächst den Anschein hatte, als wäre die Revolution beendet, fing sie
+in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener
+Kraft ihren Platz im öffentlichen Leben erkämpft; mochten sie auch der
+Rechte der Staatsbürger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte
+nicht mehr überhört, ihre Lage nicht mehr übersehen werden. Dabei war
+ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und äußeren Politik
+geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch
+in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund
+dieser Erkenntnis zu treibenden Kräften der revolutionären
+Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der
+Männer ein und beteiligten sich an den Debatten, sie gründeten nunmehr
+auch in fast allen großen Städten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft
+eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zählte
+allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes
+républicaines et révolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem
+der Patriotes des deux sexes défenseurs de la Constitution, der unter
+dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehört auch Madame
+Roland, die einflußreichste Politikerin der Revolution als Mitglied an.
+Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einfluß verdankte ihr Gatte
+seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die
+französischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von
+ihrer Hand geschrieben sind. Sie übertraf an Kenntnissen, an Reinheit
+der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur
+sie war im stände jenen Brief an den König zu schreiben, der die
+Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach
+ihre Person den Beweis für die Berechtigung der Forderungen der
+Frauenbewegung lieferte, so wenig übte sie irgend welche direkten
+Einfluß auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung.
+
+Eine der eigentümlichsten Persönlichkeiten, welche die an Originalen so
+reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin
+und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr
+eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Bürger von
+Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß sie einem
+Verhältnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich später nannte,--mit
+dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr
+jung heiratet das blühend schöne Mädchen, deren bourbonische Züge zu
+dem Gerücht Anlaß gaben, daß Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber
+schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglücklichen
+Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr
+mangelhaften Bildung infolge ihres sprühenden Geistes und ihrer
+Schönheit der Mittelpunkt fröhlicher Geselligkeit wurde. Daß das
+unerfahrene Geschöpf dabei ihr Herz vor stürmischen Leidenschaften nicht
+behüten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgründe und
+die Höhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte,
+die Vorkämpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie
+suchte sich zunächst einen Ausweg in litterarischer Produktion für das
+Theater, natürlich, trotz geistreicher Aperçus, bei ihrer geringen
+Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck
+der fortschreitenden Revolution dieser Thätigkeit und ihrem ganzen
+bisherigen Leben den Rücken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der
+Arbeit für das öffentliche Wohl rückhaltlos in die Arme zu werfen." Sie
+that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialität
+überwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das
+Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewöhnliche
+Kräfte verlieh. Sie überraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer
+wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache.
+Selbst die Nationalversammlung hörte staunend dieser glänzenden Rednerin
+zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was
+sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schönsten
+Zügen. Angesichts der Hungersnot veranlaßte sie durch einen öffentlichen
+Aufruf und durch ihr Beispiel, daß zahlreiche Frauen in wetteiferndem
+Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie
+das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschäftigte sich mit der
+brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie
+Einrichtung öffentlicher Unterstützungskassen zu seiner Bekämpfung, dann
+aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewußtsein kam,
+agitierte sie in Wort und Schrift für die Errichtung staatlicher
+Musterwerkstätten für Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur
+Verwirklichung kam.
+
+Alle diese Bestrebungen aber waren gegenüber ihrer Thätigkeit zu gunsten
+ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete
+der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer
+Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, daß auch
+unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt
+sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thätigen Anteil
+nehmen?" Als aber die Erklärung der Menschenrechte erschien und alles
+begeisterte, veröffentlichte sie ein Manifest, die Erklärung der Rechte
+der Frauen, das in kurzen kräftigen Zügen das Programm der
+Frauenbewegung enthält. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie
+nachweist, daß das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der
+Frauen die Ursache nationalen Unglücks und sittlicher Korruption wäre,
+fährt sie fort:
+
+"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das
+Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der
+unveräußerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des
+Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die
+Unterdrückung.... Die Ausübung der Rechte, die der Frau von Natur
+gebühren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der
+Gemeinschaft von Männern und Frauen besteht die Nation, auf der der
+Staat beruht; die Gesetzgebung muß der Ausdruck des Willens dieser
+Allgemeinheit sein. Alle Bürgerinnen müssen ebenso wie alle Bürger
+persönlich oder durch ihre gewählten Vertreter an ihrer Gestaltung
+teilnehmen. Sie muß für alle die gleiche sein. Daher müssen alle
+Bürgerinnen und alle Bürger, entsprechend ihren Fähigkeiten, zu allen
+öffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmäßig
+zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente
+dürfen den Maßstab für ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das
+Schaffot zu besteigen, die Tribüne zu besteigen, sollte sie dasselbe
+Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und
+nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.
+
+"Die Frau trägt ebenso wie der Mann zum Vermögen des Staates bei, sie
+hat dasselbe Recht wie er, über dessen Verwaltung Rechenschaft zu
+fordern. Eine Verfassung ist ungültig, wenn nicht die Mehrheit aller
+Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung
+mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit
+hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr
+sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft
+der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie
+die Männer nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Füßen liegen,
+sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu
+teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203]
+
+Ihre Erklärung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschüren für und
+gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden
+Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift für die
+Frauenbewegung: l'Observateur féminin. Die Nationalversammlung wurde mit
+Petitionen bestürmt, die politische und soziale Gleichstellung
+verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch
+die des männlichen Geschlechts," hieß es in der einen; "das Volk wird in
+den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum
+befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de
+Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick für gekommen, die
+vereinzelten Kämpferinnen für Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem
+Vorgehen größeren Nachdruck zu verleihen. Sie gründete die ersten
+politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glänzendste Agitatorin sie
+wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frühzeitiges Ende bereitet
+werden. Ihrem Gefühl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der
+Freiheit verüben sah, und sie gehörte nicht zu denen, die es verstehen,
+der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu
+bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde,
+schändet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte
+Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die
+Nationalversammlung die Absetzung des Königs gefordert und angesichts
+der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit für Sie,
+um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie über Pyramiden von
+Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Prozeß
+des Königs geführt wurde, empörte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr
+mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, hütet euch, daß ihr nicht
+unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte
+Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen
+sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles
+gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte
+jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit
+die Massen hinzureißen verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an
+der Spitze einer royalistischen Verschwörung zu stehen, zu der sie, als
+natürliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fühle. Statt nun
+in ihren öffentlichen Angriffen auf die Führer der Revolution
+vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rücksichtsloser, denn das
+Todesurteil über den König versetzte sie in die äußerste Erregung. Sie
+sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie fürchtete auch die Folgen für
+die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen;
+eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelöst
+werden." In dem Bedürfnis, nichts unversucht zu lassen, um das
+Verhängnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen
+leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum
+äußersten für ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent
+zur Verteidigung des Königs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie,
+ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schärfsten Pamphlete,
+in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch
+ausrief: "Auch dein Thron wird einst das Schaffot sein." Dabei versuchte
+sie, auch auf die Frauenvereine in ihrem Sinn Einfluß zu üben, und
+erreichte vielfach, daß diese eine drohende Haltung einnahmen und
+öffentlich für die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de
+Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht lange
+entgehen. Im Sommer 1793--sie war 45 Jahre alt--wurde sie verhaftet, am
+3. November fiel ihr Kopf unter dem Fallbeil.[205] Mochte sie in ihrem
+abenteuerreichen Leben die Grenzen bürgerlicher Sittsamkeit noch so oft
+überschritten haben, mochte ihr exzentrisches Wesen dem landläufigen
+Begriff zurückhaltender Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,--die
+Frauenbewegung darf dennoch stolz auf ihre Vorkämpferin sein. Das Urteil
+über die öffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt sich vorwiegend
+nach den Wirkungen, die er durch seine Thätigkeit auf den sozialen
+Fortschritt ausgeübt hat. Von diesem Standpunkt aus gebührt Olympe de
+Gouges der Ruhm, die Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem
+beachtenswerten Faktor im öffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war
+ihr Auftreten typisch für die Haltung der Frauen und ihrer Vereine
+überhaupt.
+
+Sie erregten in steigendem Maße die lebhafteste Unzufriedenheit des
+Konvents und der Kommune; teils wurde den Frauen unsittlicher
+Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches Eingreifen in die
+politischen Kämpfe zum Vorwurf gemacht. Das geschah gewiß nicht ohne
+Grund, denn eine Zeit, in der alle alten Institutionen ins Wanken
+geraten, wirft schwache Charaktere und heiße Herzen nur zur leicht aus
+dem rechten Geleise; aber es muß angesichts der harten Urteile der
+Zeitgenossen über die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden,
+daß sie ihr und ihren Forderungen gegenüber fast sämtlich einen von
+vornherein feindseligen Standpunkt einnahmen. Selbst die radikalsten
+Politiker hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste
+Verständnis für sie. Die Frauen standen fast vollständig allein, dazu
+kam, daß sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefühlsseite hin am
+stärksten entwickelt ist, rücksichtslos gegen jedermann vorgingen, der
+sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit schuldig machte. Eine große
+Anzahl der Anklagen gegen Frauen gründete sich darauf, daß sie sich
+mitleidig eines Gefangenen angenommen, oder für einen, ihrer Meinung
+nach unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war
+den Männern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit gegenüber
+den Leiden der Gegner so unverständlich, daß sie es sich immer nur
+durch das Bestehen eines Liebesverhältnisses zwischen der betreffenden
+Frau und dem Verurteilten zu erklären vermochten. Auch eine der
+begabtesten Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der
+Frauen nach Versailles angeführt hatte, geriet unter diesen Verdacht,
+obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkämpferin der Revolution,
+am wenigsten begründet zu sein scheint. Infolge der Erbitterung gegen
+die öffentlich auftretenden Frauen, die im Jahre 1793, dem Todesjahr
+Olympe de Gouges, ihren Höhepunkt erreicht hatte, gestalteten sich die
+Angriffe gegen Rose Lacombe schließlich zum Kampf gegen die
+Frauenbewegung selbst.
+
+Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenüber beklagt, daß Gefangene
+tagelang im Gefängnis schmachteten, ohne auch nur verhört zu werden, wie
+es bei dem Maire von Toulouse, in dessen Sohn man ihren Liebhaber
+vermutete, geschehen war, und sie forderte, man solle beschließen, jeden
+Gefangenen binnen 24 Stunden zu verhören, ihm die Freiheit zu schenken,
+wenn seine Unschuld sich erweist, ihn zu töten, wenn er schuldig ist.
+Eine Behandlung, wie die gegenwärtige, verstieße gegen die Gesetze der
+Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik sein müßten. Auf die Frage,
+warum gerade der Maire von Toulouse, ein Aristokrat, sie, die
+Verfolgerin der Aristokraten, zur Verteidigerin gewinnen könne,
+erwiderte sie ruhig: "Er verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklärung
+erschien Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub
+und stieß um so weniger auf Widerstand, als der revolutionäre
+republikanische Frauenverein, an dessen Spitze Rose Lacombe stand, durch
+den Mut, mit dem er der Selbstherrlichkeit Robespierres gegenüber die
+Rechte des Volks verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu
+bahnen versuchte, schon längst verdächtigt wurde.[206] Rose Lacombe
+versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; man ließ sie
+nicht zum Worte kommen und übergab ihre Sache der Kommission für
+öffentliche Sicherheit.[207] Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde,
+beantragte die Kommission, der Konvent möge beschließen, daß alle
+Frauenvereine, gleichgültig, welchen Namen sie trügen, aufgelöst und
+ein für allemal verboten würden. Die Rede des Konventmitglieds Amar, die
+diesen Antrag begründete, ist bezeichnend für die Stellung, welche die
+Männer der Revolution der Frauenbewegung gegenüber einnehmen. Er
+verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte
+ausüben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen dürften, und ob es
+ihnen gestattet sein sollte, politische Vereine zu bilden, indem er
+folgendermaßen argumentierte:
+
+"Regieren heißt, die öffentlichen Angelegenheiten durch Gesetze leiten,
+deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, strenge Unparteilichkeit,
+ernste Selbstverleugnung zur Voraussetzung hat; regieren heißt, die
+Handlungen der Diener des Staates unter ständiger Aufsicht haben. Sind
+die Frauen dazu fähig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften dafür?
+Nur durch recht wenige Beispiele könnte diese Frage bejaht werden. Die
+politischen Rechte der Bürger bestehen darin, im Interesse des Staates
+Beschlüsse zu fassen, sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen.
+Haben die Frauen die moralische und physische Kraft, welche das eine wie
+das andere dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht
+dagegen...."
+
+"Der Zweck der Volksvereine ist, die Thätigkeit der Feinde des
+öffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen Bürger, die Beamten des
+Staates, ja selbst die gesetzgebende Körperschaft zu beaufsichtigen; die
+Begeisterung Aller durch das Beispiel republikanischer Tugenden
+anzufeuern; sich selbst durch öffentliche Besprechungen über die Fehler
+oder die Vorteile politischer Maßnahmen aufzuklären. Können Frauen sich
+diesen ebenso nützlichen wie schwierigen Arbeiten unterziehen? Nein,
+denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen Sorgen hinzugeben, die
+die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes Geschlecht ist zu der Thätigkeit
+berufen, die ihm entspricht; seine Handlungen sind auf einen Kreis
+beschränkt, den es nicht überschreiten darf, weil die Natur selbst diese
+Grenzen dem Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe,
+daß es sich öffentlich zeigt, daß es mit Männern diskutiert, und
+öffentlich, angesichts des Volkes, sich über die Fragen ausspricht, von
+denen das Wohl der Republik abhängt? Im allgemeinen sind die Frauen
+unfähig hoher Konzeptionen und ernster Überlegungen.... Aber noch unter
+einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine gefährlich. Wenn wir
+bedenken, daß die politische Erziehung der Männer noch im Frührot der
+Entwicklung steht, und daß wir das Wort Freiheit erst zu stammeln
+vermögen, um wie viel weniger aufgeklärt sind dann die Frauen, deren
+Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in den Volksvereinen
+würde daher Personen einen aktiven Anteil an der Regierung gewähren, die
+dem Irrtum und der Verführung stärker ausgesetzt sind als andere. Fügen
+wir hinzu, daß die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die
+Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert würden, was die
+Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr hervorbringt...."
+
+Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der Konvent am
+30. Oktober 1793 ihre Auflösung zum Beschluß.[208]
+
+In stürmischen Versammlungen protestierten die Frauen dagegen, und eine
+Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in den Sitzungssaal der
+Kommune, um hier persönlich für die Anullierung des Beschlusses, soweit
+die Stadt Paris in Betracht kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum
+Wort, da der Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in
+einer wütenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er folgte
+darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schließlich seiner Rede den
+ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn ihre Gründe nicht
+durchschlagen, schließlich die Unentschiedenen für sich zu gewinnen
+pflegen. "Die Natur sagte der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die
+Erziehung der Kinder, die häuslichen Sorgen, die süßen Mühen der
+Mutterschaft--das ist das Reich deiner Arbeit; dafür erhebe ich dich zur
+Göttin des häuslichen Tempels, du wirst durch deine Reize, durch deine
+Schönheit und deine Tugenden alles beherrschen, was dich
+umgiebt!--Thörichte Frauen, die ihr zu Männern werden wollt, was
+verlangt ihr noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen
+euch zu Füßen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere Kraft nicht
+brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der Natur, bleibt was
+ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die Kämpfe unseres Lebens zu
+beneiden, begnügt euch damit, sie uns vergessen zu machen!"[209]
+
+Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schloß die Kommune sich dem
+Beschluß des Konvents an und erklärte außerdem, Frauendeputationen nicht
+mehr empfangen zu wollen. Trotz alledem setzten die Frauen diesen
+Beschlüssen den äußersten Widerstand entgegen, mußten aber schließlich
+der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den Tribünen des Konvents,
+man untersagte ihnen die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen, ja man
+ging soweit, ein Gesetz zu erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als
+fünf zusammenfanden, mit Gefängnis bestraft werden sollten.[210]
+
+So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos verlaufen zu
+sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: Der erste
+stürmische Angriff wurde von den Gegnern zurückgeschlagen, nicht nur,
+weil ihrer noch viel zu viele waren, sondern weil das Ziel der Bewegung
+noch zu wenig geklärt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine
+Schwierigkeiten daher nicht übersehen werden konnten.
+
+Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, thatsächlich wirkte sie
+jedoch im stillen weiter, indem sie die Köpfe gewann und hervorragende
+Denker sich mit ihren Problemen beschäftigten.
+
+Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte der
+großen französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Condorcet, auf
+sie aufmerksam und widmete ihr in seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois
+de New-Haven à un citoyen de Virginie[211] einen bemerkenswerten
+Abschnitt. Er ging von der Voraussetzung aus, daß die Frauen, ebenso wie
+die Männer, fühlende, mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fähige
+Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben mußten, wie die Männer. Er
+forderte das aktive und das passive Wahlrecht für sie und wollte sie von
+keinem Amt gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklärte, daß es
+überflüssig sei, den Bürgern zu verbieten, sie z.B. zu Heerführern zu
+wählen, da man ihnen doch auch nicht zu untersagen brauche, etwa einen
+Blinden zum Gerichtssekretär zu machen.
+
+Im Jahre 1789 veröffentlichte er im Journal de la société (No. 5)[212]
+einen Artikel über die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht, der auch
+heute noch als die glänzendste Rechtfertigung und Verteidigung der
+Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider noch
+unerfüllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde das von der
+Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch auf das
+empfindlichste verletzt, daß die Hälfte des Menschengeschlechts des
+Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung teilzunehmen. Wolle man für
+diese Thatsache eine Anerkennung, so müsse nachgewiesen werden, daß
+nicht nur die natürlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der
+Männer, sondern daß sie auch unfähig seien, die Bürgerrechte auszuüben.
+Da die Frau ein Mensch sei wie der Mann, habe sie dieselben natürlichen
+Rechte wie er, denn entweder gebe es überhaupt keine angeborenen
+Menschenrechte, oder jeder Mensch, gleichgültig welches sein Geschlecht,
+seine Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die
+Gründe betrifft, die angeführt werden zum Beweise der Unfähigkeit der
+Frau, den Pflichten eines Staatsbürgers zu genügen, so wandte sich
+Condorcet zunächst gegen den ihrer physischen Konstitution, indem er
+ausführte, daß er nicht einsehen könne, wieso Schwangerschaften und
+vorübergehende Unpäßlichkeiten die Frauen für Ausübung der Bürgerrechte
+untauglich machen sollten, da doch auch die Männer Krankheiten aller Art
+ausgesetzt seien, ohne daß man es für notwendig halte, ihnen deshalb die
+Pflichten und Ehren der Bürger abzusprechen. Ferner sagt man, daß keine
+Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet oder Beweise von Genie
+gegeben habe, aber man habe doch nie daran gedacht, die Verleihung des
+Bürgerrechts an die Männer von ihrer Begabung abhängig zu machen. Auch
+das geringere Maß an Kenntnissen, die schwächere Urteilskraft, die man
+den Frauen zum Vorwurf mache, könne, selbst wenn man sie zugeben wolle,
+nicht als Grund angesehen werden, sie politisch für rechtlos zu
+erklären. Als Konsequenz dieser Anschauung müsse man sonst auf jede
+freie Verfassung verzichten und die Regierung, wie den Einfluß auf die
+Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft
+aufgeklärter Männer überlassen. Was man an den Frauen mit Recht
+aussetzen könne,--ihren Mangel an Gerechtigkeitsgefühl, ihre
+Einseitigkeit und geringe Bildung,--sei lediglich eine Folge ihrer
+schlechten Erziehung und der sie umgebenden sozialen Verhältnisse, die
+man daher zu ändern trachten müsse. Auch eine Reihe von
+Nützlichkeitsgründen werden gegen die Zulassung der Frauen zum
+Bürgerrecht hervorgebracht: man fürchte ihren Einfluß auf die
+Männer,--als ob ihr geheimer Einfluß nicht viel bedenklicher sei, als es
+ihr öffentlicher sein würde, man glaube, sie würden ihre natürlichen
+Pflichten dem Haushalte, den Kindern gegenüber vernachlässigen, und doch
+habe man nie Bedenken in Bezug auf die Männer gehabt, die doch auch
+ihrem Beruf, ihrer Arbeit nachgehen müssen. Man scheine dabei auch
+absichtlich übersehen zu wollen, daß nicht alle Frauen einen Haushalt
+und kleine, der Pflege bedürftige Kinder haben, und die Ausübung des
+Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten würde, als die banalen
+Vergnügungen und Zerstreuungen, denen sie jetzt nachgehen. Solche
+Nützlichkeitsgründe haben immer, wo andere nicht ausreichten,
+Tyrannenherrschaft rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lägen Handel und
+Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger noch
+heute, in ihrem Namen füllte man die Bastille und wendete die Folter an.
+Die Frage der Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht dürfe aber nicht mehr
+mit Nützlichkeitsgründen, Phrasen und Witzen abgethan werden. Auch die
+Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs zwischen den Männern
+festsetzte, habe eine Flut geschwollener Reden und billiger Scherze
+hervorgerufen, stichhaltige Gründe jedoch habe niemand vorzubringen
+vermocht. "Ich glaube," so schliesst Condorcet, "daß es mit der
+Rechtsgleichheit der Geschlechter nicht anders sein wird."
+
+Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des
+französischen Philosophen in England und Deutschland eine
+wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen Verhältnisse in
+jenen Ländern ließen dem Einzelnen mehr Zeit zum Nachdenken und
+Theoretisieren, während die Lage Frankreichs zum Handeln aufforderte.
+So schrieb ein deutscher Historiker eine vielbändige Geschichte des
+weiblichen Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, daß die
+Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so empörendes, Abscheu
+und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel darbiete, als die
+der Frauen,[213] und ein englischer Gelehrter, der denselben Stoff
+behandelte, sprach sich ähnlich aus, indem er erklärte, daß die
+empörende Behandlung des weiblichen Teils der menschlichen Species nur
+dem menschlichen Manne eigentümlich sei, und in der ganzen Natur kein
+Gegenstück und kein Vorbild habe.[214]
+
+Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf diesem
+Gebiet war das Werk der Engländerin Mary Wollstonecraft: Vindication of
+the rights of women.[215] Ein Leben voll innerer und äußerer Kämpfe und
+Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. In
+ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und Bildungsfrage sie
+schon lebhaft beschäftigt, so daß sie als ihre erste litterarische
+Arbeit eine kleine Schrift über die Erziehung junger Mädchen erscheinen
+ließ. Ihr folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und
+einige selbständige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und sie
+zugleich in persönliche Beziehungen zu ihrem Verleger Johnson brachten,
+bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr fand. Er selbst wie alle
+seine Gäste verfolgten die Ereignisse der französischen Revolution mit
+stürmischer Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der
+Lorbeer der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser
+Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in
+Johnsons Salon die Menschenrechte verkündete. So wurde Mary
+Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen und
+Burkes Angriff auf sie gab den Anstoß, daß die feurige Frau sich
+öffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die Rechtfertigung der
+Menschenrechte" hieß die kleine Schrift, die den Namen der Verfasserin
+über den Kreis ihrer Freunde hinaus bekannt machte.[216] Aber sie war
+nur das Vorspiel und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung
+der Rechte der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung
+des französischen Schulwesens Einfluß üben zu können, Talleyrand
+widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse folgend brachte sie die
+umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu Papier, ohne sich zu ruhigem
+Nachdenken Zeit zu lassen. Sie trägt denn auch die Spuren ihrer
+Entstehung an sich und besteht aus völlig ungeordneten, oft sprunghaft
+wechselnden Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalität Mary
+Wollstonecrafts und der Schärfe ihrer Beobachtung zeugen. Den größten
+Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren Vernachlässigung sie die
+Ursache der Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts sieht. Auf
+einen ungesunden Geist führt sie das Verhalten der Frauen zurück und
+vergleicht ihn mit einer Pflanze, die in zu üppigem Boden steht und
+schöne Blüten, aber keine Früchte hervorbringt. Es werden wohl "Damen",
+aber keine Frauen erzogen, man lehre sie Sitten, aber keine Moral, man
+richte ihr Streben auf Eitelkeiten und nichtigen Tand, aber nicht auf
+ernste Ziele, man gewöhne sie, sich mit Spielereien zu beschäftigen und
+durch Vergnügungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu gewöhnen und
+ihre Muße den Freuden der Kunst, der Natur und der Wissenschaft zu
+widmen. So werden jene schwachen, gedankenlosen Wesen gradezu gezüchtet,
+denen ihre eigenen Züchter, die Männer, nachträglich ihre Schwäche und
+Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre Erziehung
+genauer betrachte, könne sich nicht wundern, daß sie Vorurteilen zum
+Raub fallen, unselbständig urteilen und zu blindem Autoritätsglauben
+geneigt sind. Sie seien durch die sie umgebenden Verhältnisse
+thatsächlich minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur
+künstlich so herabgedrückt worden seien, dürfe man nicht das weibliche
+Geschlecht als solches nach seinem gegenwärtigen Stand beurteilen. Erst
+gebe man den Frauen Raum, sich zu entwickeln, ihre Kräfte zu bethätigen,
+dann bestimme man, welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen
+Stufenleiter sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernünftigen Wesen erzogen
+worden seien, dürfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt werden
+und müssen dieselben Rechte genießen, wie die Männer.
+
+In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem
+Gesinnungsgenossen Condorcet gegenüber als die Vorsichtigere,
+Zurückhaltendere. Während er auf Grund der überall gleichen
+Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische
+Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht zum
+Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Männer keiner Prüfung
+ihrer Geisteskräfte unterliegen, ehe sie als vollwertige Staatsbürger
+anerkannt werden, erklärt sie die Reform der Erziehung für die
+Voraussetzung der Reform der Gesetze.
+
+In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte Schülerin
+der Revolution. Nicht nur, daß sie in vielen ihrer abschweifenden
+Gedanken das Königtum, die stehenden Heere, die Aristokratie heftig
+angreift, sie erörtert auch das Problem der Armut und erklärt sie für
+eine der wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Für die Frauen
+folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich unabhängig vom Mann
+zu sein. Diese, auch im modernen Sinn radikale Forderung ist von ihr
+zuerst ausgesprochen worden und erhebt sie in die Reihe der
+aufgeklärtesten und weitblickendsten Vorkämpfer der Frauenbewegung. Aber
+auch in anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der
+Keuschheit, die für beide Geschlechter dieselbe sein müsse, fordert sie,
+daß Knaben und Mädchen gemeinsam in öffentlichen Schulen erzogen werden.
+Nur wo ein kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer
+zwischen den Geschlechtern von früh an zu finden sei, werde die Liebe
+zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden die Ehen
+glücklichere sein. Neben die geistige solle auch die körperliche
+Erziehung treten, damit ein kräftigeres, schöneres Geschlecht
+heranwachse, damit das Vaterland Mütter habe, die gesunde Kinder
+hervorzubringen und zu erziehen im stände seien.
+
+Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um ihres
+heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, das aus
+ihrem Schoße hervorwächst, von ihrem Körper und von ihrem Geist seine
+erste, die spätere Entwicklung bestimmende Nahrung empfängt, soll das
+Weib dem Manne ebenbürtig zur Seite stehen, ein freier Bürger wie er.
+
+Mary Wollstonecrafts kühnes Buch machte ungeheures Aufsehen. Die
+heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich natürlich auch gegen
+ihre Person, unter der Spötter und Karikaturenzeichner sich ein
+starkknochiges, häßliches Mannweib vorstellten, während sie eine zarte,
+im besten Sinne weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel
+der Weiblichkeit trägt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde gleich nach
+seinem Erscheinen ins Französische und von ihrem Freunde, dem bekannten
+Schnepfenthaler Pädagogen Salzmann, ins Deutsche übersetzt.
+
+Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in Deutschland
+verkünden sollte, war ein anderes ihm zuvorgekommen: Theodor von Hippels
+Buch über die bürgerliche Verbesserung der Weiber,[217] das im selben
+Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in London. Schon
+im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift über die Ehe, in der er
+Frauen und Männern derbe Lektionen gab, sein Interesse an der Stellung
+der Frau im bürgerlichen Leben kund gethan.[218] Aber erst die
+französische Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kämpfen regte
+ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlüssen wie
+Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen darüber
+nicht verhehlen, daß die französische Verfassung kurzsichtig und
+engherzig genug war, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung zu
+verweigern. Dabei ging er so weit, zu erklären, daß die Sklaverei, wenn
+sie auch nur in einer einzigen Beziehung geduldet werde, über kurz oder
+lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwänden gegen die
+Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger Schärfe. Soll,
+so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, auch wenn sie schon Tausende
+von Jahren alt ist, nur deshalb fortbestehen, weil ihre Abänderung mit
+Schwierigkeiten verknüpft ist und man vermutet, es könnten bedenkliche
+Folgen daraus erwachsen? Man müsse endlich das andere Geschlecht zum
+Volk zu machen sich entschließen. Freilich müßte eine durchaus
+veränderte Erziehung die Frauen dazu befähigen, denn jetzt, wo sie nur
+zum Spielzeug der Männer gemodelt wären, könnten sie ihren Pflichten nur
+schlecht genügen. Man erziehe Bürger für den Staat, ohne Unterschied des
+Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der Knaben und Mädchen, Zulassung der
+Frauen zu allen Berufen, verlangte Hippel. Nur das "Monopol des
+Schwertes" soll den Männern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal
+nicht ohne Menschenschlächter behelfen kann oder will!" Zur
+Erleichterung körperlicher Ausbildung rät er zu einer gleichen Kleidung
+der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit
+auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefühl des Mangels an
+körperlichen Kräften wie in der Beschränktheit des Verstandes habe,
+dürfe keine Seite des Wesens in der Erziehung vernachlässigt werden. Für
+thöricht hält er den Einwand, daß die Weiber zu viel Zeit auf ihren Putz
+verwenden,--sind es nicht grade die Männer, die ihnen die Seele
+bestreiten und sie auf den Körper beschränken? Jetzt haben sie keine
+andere olympische Bahn, als mit ihren Reizen Männer zu fangen; sie
+werden Wunder thun, wenn man ihnen andere eröffnet. Auch die natürliche
+Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das
+Kindergebären, das zum Hauptbeweis dieser Schwäche angeführt zu werden
+pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis seiner Stärke ab.
+
+Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er großes: "Gewiß
+hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden
+Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den
+Fluten ringen, Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schweiß
+und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden." So
+forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des
+Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der
+Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft
+gefordert hatte.
+
+Während Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur einander gleich
+standen, vergrößerte sich mit der fortschreitenden ökonomischen
+Entwicklung der Abstand zwischen ihnen mehr und mehr. Die Interessen,
+die Kämpfe, die Ziele des physisch stärkeren, durch die Bedingungen des
+Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus und
+Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und
+rechtlichen Trennung, die von der Frau zunächst nicht empfunden werden
+konnte, weil sie durch ihre häusliche Thätigkeit vollauf in Anspruch
+genommen war und infolge der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse
+über die ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken
+vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in wachsendem
+Maße von dem Handwerk und der Industrie übernommen wurden, und die Frau,
+soweit sie als Angehörige der besitzenden Klassen Muße gewann, sich
+überflüssig fühlte, die Leere ihres inneren und äußeren Lebens empfand
+oder als Mitglied der besitzlosen, gezwungen war, ihre häusliche
+Thätigkeit in Lohnarbeit außer dem Hause und getrennt von der Familie
+umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drückenden Lage bewußt. Nicht nur, daß
+sie auf einer Stufe geistiger Rückständigkeit festgebannt war, die
+vergangenen Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch
+wirtschaftliche, rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein,
+den sie wie der Mann zu kämpfen hatte, untauglich gemacht. Diese
+Widersprüche wurden die Ursache einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die
+stetig wuchs und in der Frauenbewegung der französischen Revolution
+einen Höhepunkt erreichte. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit,
+das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz waren die Ziele, die die
+Revolution proklamierte und die durch ihre litterarischen Vertreter
+theoretische Begründung fanden.
+
+Das neunzehnte Jahrhundert stellte _neue_ Probleme der Frauenfrage nicht
+mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie wurde, in um so
+deutlicher ausgeprägte einzelne Seiten, ebenso wie der Strom kurz vor
+seinem Eintritt in das Meer ihm seine mächtig angeschwollenen
+Wassermassen nicht in einem Fluß, sondern in vielen Flußarmen zuführt.
+Jeder einzelne wird zu einem Strom für sich und jede Seite der
+Frauenfrage umfaßt schließlich ein so weites Gebiet, daß sowohl von
+historischen als von kritischen Gesichtspunkten aus eine gesonderte
+Behandlung notwendig wird.
+
+Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der Frauenfrage, die an
+der Hand der Geschichte gewonnen wird, führt notwendig dazu, ihre
+ökonomische Seite in den Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus
+entwickelt sich erst die rechtliche und aus beiden die sittliche Seite
+der Frauenfrage. Alle Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des
+Gesamtproblems enthalten.
+
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+
+Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.
+
+
+
+
+1. Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt.
+
+Erste Periode. Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt
+beruflicher Arbeit.
+
+
+Theoretische Erörterungen der Frauenfrage haben weder wissenschaftlichen
+Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie lediglich von vorgefaßten
+Meinungen oder allgemeinen ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu
+richtigen Resultaten zu gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der
+Thatsachen zu fußen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die
+geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im Menschheitsleben im
+allgemeinen darzustellen, es ist auch erforderlich, von dem Zeitpunkt
+an, wo die Frauenfrage sich erweitert und in ihr verschiedene gleich
+wichtige Seiten hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der
+theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum
+handeln, einzelne Thatsachen mit möglichster Vollständigkeit
+zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der Entwicklung in seinen
+großen Zügen zu verfolgen und seine treibenden Kräfte aufzudecken.
+
+Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze Erwerbsleben
+des weiblichen Geschlechts von den Höhen wissenschaftlicher Arbeit bis
+in den düsteren Abgrund der Prostitution umfaßt, bedarf besonders dieser
+Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit über das Recht der Frauen
+auf Arbeit, über ihre Zulassung zu oder ihre Ausschließung von
+männlichen Berufen würden vermieden werden, viele nur moralisierende
+Sittlichkeitsapostel würden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen,
+wenn an Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefühle die
+historische Erkenntnis treten würde. Sich der Entwicklung in den Weg zu
+werfen, ist ein nutzloses Bemühen; auch der, der sie fürchtet, kann ihre
+unheilvollen Wirkungen nicht anders abwenden, als indem er ihr die Wege
+bahnt. Was die Frauenbewegung an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das
+verdankt sie ausschließlich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden.
+Ihr eigner Gang ist ein klarer, gesetzmäßiger, der auch in dem Kampf um
+Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt deutlich zum Ausdruck kommt.
+
+Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war für die Frauenwelt eine der
+bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl waren schon vorher Männer
+und Frauen aufgetreten, die mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte
+Arbeitsmöglichkeiten für das weibliche Geschlecht gewünscht hatten, aber
+sie waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast
+ungehört. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die theoretischen und
+philosophischen Erörterungen über die Rechte das Weibes in den Bereich
+praktischer Forderungen. Aber es waren weniger die vielen rednerischen
+und schriftstellerischen Auseinandersetzungen und Erklärungen der
+politischen Rechte, die zu Erfolgen führten, als vielmehr die von den
+Massen der Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit.
+
+Schon das französische Edikt von 1776 hatte mit der Proklamierung der
+Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und nach der Revolution
+schien es, als stünden den Frauen nunmehr dieselben Wege offen, auf
+denen die Männer ihrem Broterwerb nachgingen. Bald zeigte sich jedoch,
+daß die größten Hindernisse erst noch zu überwinden waren, denn es
+fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs offene Meer
+hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und Kompaß mitzugeben.
+
+Die Frauen und Töchter des arbeitenden Volkes, die in immer
+ausgedehnterem Maße gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu suchen,
+strömten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter brauchen konnten.
+Lohndruck, Vergrößerung des Elends, infolgedessen neuer Zuzug
+weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus diesen Anfängen heraus
+entwickelte sich die Arbeiterinnenbewegung. Aber während diese Schicht
+der weiblichen Bevölkerung den Kampf ums tägliche Brot von jeher ebenso,
+ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die Männer, waren die
+Frauen und Töchter der Bourgeoisie vom Erwerbszwang bisher verschont
+geblieben. Sie lebten der häuslichen Thätigkeit und der Kindererziehung,
+häufig aber lediglich dem Vergnügen, der Schöngeisterei oder anderem
+maskierten Müßiggang. Die Verarmung des Bürgerstandes, die Revolutionen
+und Kriege, die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Töchter und
+Witwen der Opfer des Schlachtfeldes, nötigten die Frauen zu einer
+Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige Verhältnis in der
+Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen hatten, nicht nur an sich
+schwer fiel, sondern auch wie eine möglichst zu verbergende Schande
+erschien. Zahlreich waren schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die
+armen adeligen Fräuleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen
+fürstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja selbst als
+Hofdamen an den vielen kleinen Fürstenhöfen nichts anderes suchten als
+einen Broterwerb und sich oft, unter ängstlicher Aufrechterhaltung
+äußeren Glanzes kümmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur
+sentimentale Romane, auch manche der an die Nationalversammlung
+gerichteten Petitionen führen den Beweis dafür, daß viele Bürgertöchter
+sich gezwungen sahen, durch Stickereien und Wirkereien ihr Brot zu
+verdienen. Mit den Frauen des handarbeitenden Volkes teilten sie das
+gleiche Schicksal: die Not trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch
+noch ein anderes mit ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu
+einem Erwerbsberuf. Aber während für jene, dank der Entwicklung der
+Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der Industriearbeiter
+Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch ungelernte Arbeitskraft, eine
+begehrte war, standen diese vor geschlossenen Thüren, vor denen
+Unbildung und Vorurteil Wache hielt. Die Arbeiterin kämpfte bereits in
+Reih und Glied mit dem Mann den harten Kampf ums Dasein, während die
+Frau der Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen
+hatte. Aus diesem Umstand erklärt sich die oft bis zu Gegensätzen sich
+steigernde Verschiedenheit der bürgerlichen und der proletarischen
+Frauenbewegung und auch, die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander
+zu behandeln.
+
+Die Frau der Bourgeoisie wurde für das Haus und für die Geselligkeit
+erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue Zeit für sie
+forderte, und die über den Religions- und Haushaltungsunterricht des
+Mittelalters hinausging, hatte nur den Zweck, die geselligen Talente zu
+unterstützen und dem Mann eine verständnisvollere Gefährtin zu sein.
+
+Die erste Stelle unter den Vorkämpfern der Reform der Mädchenerziehung
+nahm Fénelon ein.[219] Seine pädagogischen Grundsätze veranlaßten Frau
+von Maintenon, in St. Cyr die erste höhere Mädchenschule zu gründen, die
+insofern noch ein besonderes Interesse beansprucht, als sie zugleich die
+erste Anstalt war, die, durch Ausbildung von Erzieherinnen, der
+beruflichen Thätigkeit der Frau die Wege bahnte.[220] Aber sie war nur
+eine Oase in der Wüste und entsprach so wenig der Zeitströmung, daß sie
+bald auf das jämmerliche Niveau der üblichen Mädchenschulen herabsank,
+und Putz, Tanz und Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb.
+Ihrer deutschen Nachahmung, dem Gynäceum A.H. Franckes, erging es nicht
+anders. Er, der einfache, fromme Mann, mußte es sich gefallen lassen,
+daß auch seine Gründung, wie damals alle Erziehungsanstalten für
+Mädchen, in die Hände französischer Gouvernanten fiel, die Modepüppchen
+darin dressierten.[221] Die französische Sprache, die Umgangssprache der
+höheren Stände, trat überall in den Mittelpunkt des Unterrichts.
+Französische Erzieher und Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist
+ihre Muttersprache war, wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf
+"Bildung" Anspruch machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen
+gelangten besonders in Preußen, wo Friedrichs II. Vorliebe für die
+französische Sprache maßgebend war, zu derartigen Stellungen. Die
+Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder und oberflächlicher
+als die des Mittelalters. Eine Reaktion gegen die herrschende Strömung,
+gegen die Ausschließung des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren
+Kenntnissen, gegen sein einseitiges Interesse für Putz und Tand,
+Spielerei und Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland
+durch Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und--gerichtet. Denn
+statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mädchen
+anzustreben, beschränkte er und sein Kreis sich auf die Treibhauskultur
+einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die mehr als die
+geputzten Dämchen der höfischen Salons für den niedrigen Stand
+weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis ablegten.[222] Die häufigen
+Krönungen von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher
+Doktoren muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wäre aber
+durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch war
+für die Frauen die Bildung nur ein äußeres Schmuckstück, Kunst und
+Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in geistreichen Salons zu glänzen.
+Vertiefung, ernste Arbeit war erst da zu erwarten, wo sie zu einer
+Berufsthätigkeit die Grundlage zu schaffen hatten, daß sie anfingen, aus
+diesem Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und
+nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von
+Erziehung der Töchter schreiben, geben denselben so viel Anmut oder so
+glückliche Umstände, daß man an ihrer baldigen Verheiratung nicht
+zweifeln darf. Aber giebt es denn keine häßlichen und gebrechlichen
+Töchter? Keine, die in ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen
+Sitten in Gefahr sind, von einem würdigen Manne nicht begehrt zu
+werden?" Er giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermögen
+besitzen", den Rat, ihre Töchter nicht wie bisher allein im Hinblick auf
+die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu geben, die es ihnen
+ermöglicht, als Lehrerinnen und Gesellschafterinnen einmal ein
+Unterkommen zu finden.[223] Sein mutiger Ausspruch, den bisher viele
+gefühlt, aber niemand zu thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden.
+So manches unbefriedigte, einsame Mädchen schuf sich im Lehrberuf einen
+befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, dazu
+bei, daß seinem vernachlässigten, unwissenden Geschlecht geholfen wurde.
+Als die hervorragendste ihrer Art sei Karoline Rudolphi genannt, die
+nach entbehrungsreicher Jugend und Jahren inneren Kampfes zu dem
+Entschluß kam, Erzieherin zu werden und schließlich in Hamburg eine
+Mädchenschule gründete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre
+Erziehungsgrundsätze hat sie in ihrem Buche: "Gemälde weiblicher
+Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: "Lasset euere
+Kinder Menschen werden!"[224] Erziehet die Mädchen nicht zuerst zu Damen
+und Hausfrauen, sondern zu tüchtigen Menschen, die im Notfall auch
+allein durchs Leben gehen können, die nicht zu verzweifeln brauchen,
+wenn die führende Hand des Mannes fehlt.
+
+In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer Zeitgenossin,
+Madame de Genlis, die die Mädchen nur für die Ehe, nur für den Mann
+erziehen wollte, die in der Bildung nichts als ein Mittel, die
+Langeweile zu bekämpfen und dem Müßiggang vorzubeugen, sah und in
+logischer Konsequenz zu dem Schlüsse kam: "Das Genie ist für die Frauen
+eine gefährliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer Bestimmung
+und läßt sie diese nur als drückend empfinden."[225] Die Verfasserin,
+die typische Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus,
+was die Ansicht dessen war, der für die nächsten Dezennien die Geschicke
+der Welt in seinen eisernen Händen hielt: Napoleons. Wie Rousseau sah er
+in den Frauen nur Mütter; zu solchen, zu Gebärerinnen und Erzieherinnen
+eines Geschlechts von Helden, wollte er sie erzogen wissen. Und so
+schroff und festgewurzelt war seine Meinung, daß er allen geistreichen
+und gelehrten Frauen mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der
+sich bis zu dem kleinlichen Kampf gegen Madame de Staël steigern konnte.
+Aber ebenso wie man, besonders außerhalb Frankreichs, über dem Eroberer
+den Reformator zu vergessen pflegt, so vergißt man auch über dem Gegner
+der Frauenemanzipation den Beförderer einer verbesserten
+Mädchenerziehung. Die Mädchenpensionate der Madame Campan in St. Germain
+und Ecouen fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einfluß
+entstanden in Italien die ersten höheren Mädchenschulen. Er scheute sich
+sogar nicht, eine Frau in ein öffentliches Amt einzusetzen, wo er
+glaubte, daß sie die Erziehung der Mädchen günstig beeinflussen könnte:
+1810 wurde Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.[226] Irgend
+welche staatliche Hilfe den Mädchenschulen angedeihen zu lassen, lag
+jedoch ganz außerhalb seiner Gedankenrichtung. Aber ein Einzelner, so
+allmächtig er auch sein mochte, konnte den Gang der Entwicklung nicht
+ändern, noch aufhalten. Die französischen Frauen forderten nachdrücklich
+ihr Anrecht an den geistigen Gütern der Nation. Es entstanden immer mehr
+Mädchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister Duruy, von
+allen Seiten gedrängt, das Projekt wieder auf,[227] das schon neunzig
+Jahre vorher der Abbé de St. Pierre entworfen hatte, wenn er eine
+staatliche Unterstützung der Mädchenerziehung verlangte.[228] Wenn auch
+sein Plan zunächst an dem mangelnden Verständnis der Regierung
+scheiterte, so faßte die Idee, daß die Gesellschaft die Verpflichtung
+habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der männlichen annähernd
+ebenbürtige Erziehung zu gewähren, immer tiefer Wurzel und die Frauen
+selbst nahmen sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten
+Reihe kämpfte die Gräfin Rémusat.[229] Von der Voraussetzung ausgehend,
+daß die Frau dem Manne nicht untergeben, daß sie als intelligentes
+Geschöpf von ihm nicht verschieden und durchaus fähig sei, öffentliche
+Berufe auszuüben, hielt sie eine Anpassung der Mädchenerziehung an die
+neuen Verhältnisse für notwendig, ja sie sprach schon von der
+Zuerkennung einer gewissen Gleichberechtigung an das weibliche
+Geschlecht, und forderte von den öffentlichen Verwaltungen, daß sie
+neben dem Lehrerinnenberuf, die Ausübung einer geregelten
+Wohlthätigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der Kämpfern Arbeit
+war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, und die Zeit, in der die
+Frauen zuerst nach ihm riefen, war die Geburtsstunde der bürgerlichen
+Frauenbewegung. Sie vollzog sich in merkwürdiger, und doch für den, der
+die Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus
+Fürstengezänk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, verständlicher
+Uebereinstimmung in allen Kulturländern zu gleicher Zeit.
+
+In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary Wollstonecraft
+den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine Zeitgenossen mit
+glühender Begeisterung auf den Wert der Frauenbildung aufmerksam machte,
+denn "von der Geisteskultur der Frauen hängt die Weisheit der Männer
+ab", entstanden schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine,
+die sich die Hebung der Mädchenerziehung zum Ziel setzten. Der
+praktische Sinn der Engländer erkannte früh, daß die bessere Erziehung
+ihrer Töchter von der gründlicheren Ausbildung ihrer Lehrerinnen
+abhängig ist. Von solchen, die sich auf Grund ganz unzureichender
+Kenntnisse dafür ausgaben, war England überschwemmt, und die Lehrerin
+war daher eine komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und
+Dickens noch ihren Witz ausließen. Ihr Los war traurig genug: die Not
+zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und kümmerlicher
+Unterhalt und allgemeine Mißachtung waren ihr Lohn. Erst mit der Zunahme
+geregelterer Mädchenschulen änderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen,
+wie Hannah More und Maria Edgeworth waren hier die Wortführerinnen der
+beginnenden Frauenbewegung.
+
+In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen
+nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen
+geltend, weil auch hier die Schäden dieselben waren. Die Vorteile, die
+die tapferen Kämpferinnen der Befreiungskriege für ihr Geschlecht
+errungen hatten, waren entweder dürftig von Anfang an oder mit der
+ebbenden Begeisterung wieder verschwunden. Die wenigen Mädchenschulen,
+die im Anfang des Jahrhunderts überhaupt bestanden, waren nur während
+der Hälfte des Jahres geöffnet und auch dann nur zwei Stunden am Tag,
+während die Knaben, die dasselbe Schulhaus besuchten, Freistunden
+hatten. Die reaktionärsten Ansichten der alten Welt, die das Mädchen
+allein auf das Haus verwiesen, fanden in der neuen die allgemeinste
+Vertretung, um so mehr als hier der Umstand viel weniger ins Gewicht
+fiel, der der Frauenbewegung Europas den Anstoß gab: der Zwang zur
+Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard für die höhere Bildung ihres
+Geschlechts eintrat, stieß sie auf Spott und heftigsten Widerstand. Als
+sie aber im Jahre 1821, ohne noch länger auf das allgemeine Wohlwollen
+ihrer Landsleute zu rechnen, in Troy das erste Mädchenseminar gründete,
+zeigte es sich, daß es eine Notwendigkeit gewesen war, denn es fand
+zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.[230] Emma Willards Schule
+ist der Grundstein des ausgedehnten Gebäudes weiblicher Bildung
+geworden, das heute Amerika schmückt. Zu gleicher Zeit begann eine
+andere Frau ihre öffentliche Thätigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog
+sie ungehindert als Predigerin der Quäker durch die Staaten, nicht nur
+eine Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der
+Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafür lieferte, daß
+die Frau mit derselben Fähigkeit und demselben Erfolg ihren Geist in den
+Dienst allgemeiner Interessen stellen kann.
+
+Kehren wir nach Deutschland zurück. Dort waren die Schulverhältnisse,
+trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, aufs äußerste verwahrlost.
+"Unsere Töchter sind von aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte
+ein braver deutscher Mann.[231] "Aus dem ABC-Unterricht werden sie ohne
+Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das Putzzimmer verstoßen."
+Und eine mit seltenem Scharfblick ausgestattete Frau, Helene Unger,
+schilderte in ihrem Roman "Julchen Grünthal" die traurige
+Pensionserziehung der Mädchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und
+Spiel, französische Konversation und seichte Lektüre füllten das Leben
+des Schulmädchens aus, um später in die nächste Modekrankheit, die
+rührselige, vom wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit
+überzugehen.[232] Aber diese Klagen und verurteilenden Darstellungen
+waren an sich schon ein Zeichen des Fortschritts. Und es begann in der
+That in den Köpfen und Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen.
+Die klassische Dichtung und die politische Umwälzung waren seine
+Erzeuger. Zwar wäre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der
+Umgebung der großen Dichter auf alle übrigen schließen zu wollen; erst
+ganz nach und nach drangen ihre Werke bis in die dunklen Winkel
+bürgerlichen Frauenlebens, erweckten Begeisterung, Sinn für das Schöne
+und erhoben die armen Vernachlässigten und Verirrten in eine andere
+geistige Lebenssphäre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem Klärchen
+kam die warmblütige Natürlichkeit wieder zu ihrem Recht. Und eine Minna
+von Barnhelm, eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart führten den
+Blick über die Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die
+Empfindsamen sich in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr
+noch wirkte die drückende Not darauf, die ganz Deutschland in einen
+Trauermantel hüllte. Die Frauen, deren Väter und Brüder, deren Gatten
+und Söhne unter den Waffen standen, verloren nicht nur den Sinn für die
+Tändeleien früherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den
+großen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des Destillierens der
+gegenseitige Gefühle, der endlosen Gespräche über sentimentale
+Romanheldinnen, machte der Unterhaltung über die Ereignisse des Lebens
+Platz. Rahel Varnhagens Kreis[233] ist das bekannteste Beispiel für die
+belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen Briefwechsel
+zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafür, daß er überall
+durchbrach, und mit ihm regte sich das Bedürfnis nach einer gründlichen
+Aenderung der Mädchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Bürgerfrauen
+fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten und
+denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. Denn wenn
+auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert worden war und
+seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie stand allein; es
+fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die Möglichkeit der Vorbereitung zum
+Studium. Aber das Verlangen nach vertiefterer Bildung der Töchter und
+das Bedürfnis nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und
+führten zwischen 1800 und 1825 zur Gründung eine Reihe von
+Töchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils mit
+Unterstützung der Gemeinden entstanden.[234]
+
+
+Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in bürgerliche
+Berufssphären.
+
+Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde von jenem
+Lande gethan, das es nicht erst nötig hatte, seine Kräfte durch mühsames
+Ueberbordwerfen des Ballastes der Vergangenheit abzunutzen, von Amerika,
+wo Horace Mann die Grundlage zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer
+dringenderen Verlangen nach einer der der Knaben gleichen
+Mädchenbildung, konnte man, bei der dünnen Bevölkerung des Landes, durch
+Gründung besonderer Mädchenschulen nicht nachkommen. So wurde denn aus
+der Not eine Tugend gemacht und in den neu entstehenden Freien
+Normalschulen Co-Education eingeführt. Die weittragende Bedeutung des
+gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter hatte sich Horace Mann, der
+mehr einem praktischen Bedürfnis entgegenkommen wollte, nicht klar
+gemacht. Nicht nur, daß auch höhere Schulen, in der Art unserer
+Gymnasien, nach diesem Vorbild eingerichtet wurden,--Oberlin-College in
+Ohio als das erste seiner Art,--schon 1835 rüttelte eine Schar
+mutiger Mädchen, die sich mit ihren Schulkameraden die nötige
+wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der alten
+Harvard-Universität[235] und kurz darauf begehrte der erste weibliche
+Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens Einlaß.[236] Was ihr verwehrt
+wurde, sollte wenige Jahre später der tapferen Pionierin des
+Frauenstudiums, Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester
+Emily sahen sich plötzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die
+Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter und
+ihre jüngeren Brüder und Schwester zu ernähren. Da kam ihnen die
+Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. Sie sahen, wie wenige
+und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur offen standen und bemerkten
+"die Massen der Konkurrentinnen, von denen eine die andere
+niederzutreten suchte. Wir beschlossen, lieber einen neuen Pfad für uns
+zu entdecken, als in schon überfüllten Berufen einen Platz zu
+erobern."[237] Elisabeth wurde, nachdem sie zwölf medizinische Schulen
+vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von Geneva,
+Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem ersten, eben
+gegründeten Frauenhospital in New York, jene ging nach England, der
+Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande Pionierdienste leistend.
+Indessen wurde durch Gründung von Lehrerinnenseminarien und Colleges dem
+Bedürfnis der weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860
+entstand das erste College nur für Frauen,--Vassar-College,--das von
+Anfang an auf einem höheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die
+anderen oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine
+Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde als
+Professor für Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar berufen. Kurze
+Zeit später gestattete der oberste Gerichtshof von Iowa Arabella
+Mansfield die Ausübung der Praxis als Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im
+Verein mit den Schwestern Blackwell, gebührt der Ruhm, in Amerika ihrem
+Geschlecht Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universität
+Michigan ihm als erste ihre Thore öffnete, war dies gleichsam die
+Anerkennung des Beweises, den die Frauen für ihre wissenschaftliche
+Befähigung erbracht hatten.
+
+Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die Frauen
+Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Läden, in denen weibliche
+Kommis thätig waren, von den sittlich entrüsteten Einwohnern
+geboykottet,[238] aber schon zwei Jahre später, 1856, wurde mit privaten
+Mitteln die erste Handels- und Gewerbeschule für Frauen in New York
+eröffnet. Dem wachsenden Bedürfnis gegenüber war sie jedoch keineswegs
+ausreichend. 1859 gründete Peter Cooper, selbst ein Kaufmann, der die
+Vorteile weiblicher Arbeit erkannt hatte, eine Schule der Art im
+größten Stil, die heute noch besteht und eine Musteranstalt genannt
+werden kann. Eine lebhafte Kontroverse über die Zunahme der
+Frauenarbeit, ihre Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse
+und wurde durch Broschüren und Bücher über den Gegenstand vertieft und
+erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als Agitatoren im
+Interesse der Frauen auf und forderten ihre völlige Gleichstellung mit
+dem Mann in Bezug auf Unterricht, Beruf und Erwerbsbedingungen.[239]
+Epochemachend für ganz Amerika waren die Schriften Virginia Pennys[240],
+in denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million
+arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezählt hatte, zu arbeiten
+gezwungen wären, und wie nur eine gründliche Vorbereitung zur
+Berufsarbeit ihre Lage zu ändern im stande wäre. Die Agitation, die in
+Amerika weniger die Aufgabe hatte, mit heftigen Gegnern zu kämpfen, als
+vielmehr Blinden die Augen zu öffnen, hatte überall Erfolg: Colleges und
+Gewerbeschulen öffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die
+staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben
+gerufen waren, daß der Washingtoner Kongreß von 1862 den einzelnen
+Staaten zu diesem Zweck große Ländereien überwiesen hatte, ließen in
+immer größerem Umfange Frauen zu. Zum Verständnis für diese, im
+Vergleich zu Europa ungewöhnlich frühe Erfüllung der Wünsche der Frauen,
+die zwar darum zu kämpfen hatten, aber auf geringeren Widerstand
+stießen, muß man sich vergegenwärtigen, daß nicht etwa der größere
+Edelmut oder das tiefere Verständnis der Amerikaner für die Bestrebungen
+des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, sondern vielmehr die
+Thatsache, daß die Vereinigten Staaten erst auf eine kurze
+wirtschaftliche Entwicklung zurücksahen und von einer Ueberfüllung der
+Berufe, die den Widerstand der Männer hätte hervorrufen müssen, keine
+Rede war.
+
+Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 Karoline
+Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der englischen
+Astronomischen Gesellschaft erwählt worden und ihre wissenschaftlichen
+Verdienste dadurch zu einer bisher unerhörten Anerkennung gelangt,[241]
+aber die allgemeine Lage der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so
+gut wie unberücksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen
+Verhältnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren mühselige
+Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses Alter sicherte, die
+Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein Pensionsverein für Lehrerinnen
+gegründet, und nach unermüdlichen Kämpfen der Lehrerinnen selbst, die
+längst eingesehen hatten, daß sie nur auf Grund besserer Leistungen eine
+höhere Entschädigung beanspruchen konnten, wurde 1846 das erste
+Lehrerinnenseminar eröffnet,[242] dem wenige Jahre später Queens College
+und Bedford-College folgten. Das war ein großer Schritt auf dem Wege der
+Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, als,
+wieder infolge zäher Agitation, die bis dahin privaten Anstalten die
+Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem immer noch
+verlachten, als unweiblich bekämpften Brotstudium der Frau die erste
+öffentliche Sanktion erteilt worden. Es hatte dazu noch einer stärkeren
+treibenden Kraft bedurft, als der Agitation einiger Frauen; sie fand
+sich in den Ergebnissen der Volkszählung 1851. Furchtbare Zustände
+deckte sie auf und man stand entsetzt vor der Thatsache, daß über zwei
+Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen waren,
+ohne daß ihnen die Mittel dazu zur Verfügung standen. Miß Leigh Smith
+bearbeitete zuerst in einer aufsehenerregenden Broschüre, Women und
+Work, die Ergebnisse der Statistik und schuf in dem Englishwomens
+Journal--1875--das Organ der nunmehr kräftig einsetzenden
+Frauenbewegung.
+
+Ein neuer Beruf für gentlewomen hatte sich inzwischen aufgethan: die
+internationale Telegraphengesellschaft stellte seit 1853 Frauen als
+Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika die zunehmende
+Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in seiner oben erwähnten
+Broschüre ganz richtig sagte, nicht auf humanitäre, sondern pekuniäre
+Ursachen zurückzuführen ist, so wurden hier die weiblichen Arbeitskräfte
+lediglich ihrer größeren Billigkeit wegen den männlichen vorgezogen.
+Die kapitalistische Gesellschaft stürzte sich wie ein Raubtier auf seine
+Beute, auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der
+bürgerlichen Frauenbewegung fehlte dafür aber das Verständnis. Sie
+jubelte nur über jede neue Möglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden
+Schutzbefohlenen unterzubringen.[243] Neue Arbeitsgebiete zu schaffen,
+mußte auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr wesentlichstes
+Bestreben sein.
+
+Die Universitäten waren den Frauen noch verschlossen; wie Miß Hunt in
+Amerika ein Jahrzehnt früher, so hatte Miß Jessie Meriton 1856 in
+England den ersten vergeblichen Versuch gemacht, zugelassen zu
+werden.[244] Der ersten Engländerin von Geburt, die im Ausland Medizin
+studiert hatte, Elisabeth Garret, gelang es erst 1865 nach langen
+Kämpfen, das Recht zu erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft
+zu praktizieren. Dieser Weg war also vorläufig für die Masse der Frauen
+ungangbar. Es mußten andere, die schneller zum Ziele führten und von
+vielen betreten werden konnten, gefunden werden. Zu diesem Zweck
+entstand im Jahre 1859 unter Leitung von Miß Jessie Boucherett die
+Society for Promoting the Employment of Women. Sie setzte sich
+ausdrücklich das Ziel, den notleidenden Frauen der Bürgerklasse--den
+gentlewomen--Hilfe zu bringen. Sie eröffnete Unterrichtskurse für
+Handelsangestellte, Zeichnerinnen, Photographinnen, Holzschneiderinnen,
+Lithographinnen, Kunststickerinnen u. dergl. und es strömten ihr nicht
+nur die Schülerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht ein
+Unterkommen. Während es 1851 in ganz England keine Photographin und
+keine Buchhalterin und nur 1742 Verkäuferinnen gab, zählte man 1861
+bereits 308 Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000
+Verkäuferinnen, und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf
+1755 gestiegen.
+
+Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben
+Zustände Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die Frauenzeitung
+Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; höhere Unterrichtskurse
+für Mädchen, eine Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in
+den Jahren 1859 bis 1861. Selbst Rußland wurde vom Zuge der Zeit
+berührt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der Lehrerinnen,
+deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr Einkommen, entschloß man
+sich schon 1867, Universitätskurse für Frauen einzurichten. Schon ein
+Jahr später promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der
+medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.[245] Zu gleicher Zeit
+machte ihre Landsmännin, Nadjesda Suslawa in Zürich, wo Frauen nur als
+Hörerinnen hie und da zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.[246] In
+Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine für den gewerblichen
+Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe war
+ihr erster praktischer Erfolg in den Niederlanden[247]; die Errichtung
+einer Handels- und Gewerbeschule in Brüssel ihre erste That dort.[248]
+
+Der fruchtbarste Boden jedoch für die sich anbahnende Umwälzung war der
+von politischen Stürmen wie von einer Pflugschar immer wieder
+aufgewühlte Frankreichs. Als die Julirevolution ausbrach, kam der
+Gedanke an die Befreiung auch der Frauen aus langer Knechtschaft aufs
+neue deutlicher zum Ausdruck und erregte die Frauenwelt selbst aufs
+tiefste. Die alte Forderung der politischen Emanzipation trat wieder in
+den Vordergrund, und der Saint-Simonismus warf einen neuen Zündstoff in
+die Welt, indem er die Befreiung der Frau von der männlichen Tyrannei
+auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkündete. Eines der
+interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 in Paris
+erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, die darin
+geschildert wird, deren Existenzmöglichkeit durch Umwandlung der Gesetze
+und Sitten gesichert werden sollte, forderte auch ihr Recht auf Arbeit,
+als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann vom Jahre 1836 ab Madame
+Poutret de Mauchamps an der Spitze der französischen Frauenbewegung
+trat, begann sie systematisch vorzugehen. La Gazette des femmes wurde
+ihr Organ, ein treues Spiegelbild ihres Wachstums. Die Eröffnung der
+Universitäten, die Zulassung der Frauen zu höheren Berufen, das waren
+die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren Feldzug eröffnete und die
+Gründung einer Gesellschaft zur Hebung der Lage der Frauen,--der ersten
+ihrer Art,--war ihr nächster praktischer Erfolg.[249] Ein ideeller
+Erfolg aber von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit
+dem Männer der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So hielt
+Ernest Legouvé im Jahre 1847 im Collège de France eine Reihe von
+Vorlesungen über die moralische Geschichte der Frauen[250], in denen er
+durch die Schilderung ihrer traurigen Lage den größten Eindruck
+hervorrief. "Keine öffentliche Erziehung, kein gewerblicher Unterricht
+für die Mädchen; das Leben ohne Heirat eine Unmöglichkeit für sie, und
+die Heirat ohne Mitgift unmöglich", rief er aus, und malte mit dunklen
+Farben das Los der armen Töchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster,
+der Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende
+Bettlerleben bei begüterten Verwandten übrig blieb. Er forderte für sie
+Zulassung zum ärztlichen Beruf und wünschte ihre staatliche Anstellung
+als Schul-, Gefängnis- und Fabrikinspektoren,--eine Forderung, über
+deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert später, in gewissen
+Ländern noch immer gestritten wird! "Die Arbeit, das heißt Freiheit und
+Leben" war für ihn der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das
+Gesetz von 1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet
+wurden, mindestens eine Mädchenschule zu gründen[251], und die den
+Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des Collège de France
+beizuwohnen, können als Erfolg der von Legouvé mit getragenen Agitation
+betrachtet werden. Die Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere
+Vorwärtsbewegung. Die höhere Mädchenerziehung, die einen so
+vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt besonders schwer
+unter der rapiden Zunahme der Erziehungsklöster, die die Revolution von
+1789 völlig unterdrückt und Napoleon auf das äußerste beschränkt hatte.
+Ihre Konkurrenz war für die weltlichen Pensionen fast vernichtend; nicht
+nur daß die Bourgeoisie die gut eingerichteten, von Gärten umgebenen,
+Vorteile aller Art bietenden Klöster den engen, dunklen weltlichen
+Erziehungsanstalten für ihre Töchter vorzog, auch die Lehrerinnen
+vermochten sich den Klosterschwestern gegenüber kaum zu behaupten. Die
+Unterlehrerinnen in den Pensionaten mußten Dienstbotenarbeit mit
+übernehmen und erreichten kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die
+Privatlehrerinnen waren froh, wenn sie nach einem ermüdenden 12- bis
+14stündigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre Zahl infolge
+des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es allein 3000
+Klavierlehrerinnen in Paris![252] Erst Englands Beispiel rüttelte die
+Frauen aus ihrer Lethargie. Madame Allard und Jules Simon gründeten nach
+dem Vorbild des englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen
+Vorbildung der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 über
+die Frage der Frauenarbeit im Journal des Débats erschienen und das auf
+gründlichen Studien beruhende Buch von Jeanne Daubié über die Lage der
+vermögenslosen Frauen[253], beeinflußten die öffentliche Meinung und
+unterstützten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und Gewerbeschulen
+für Frauen wurden eröffnet und fanden binnen kurzem zahlreichen
+Zuspruch.[254] Die Post machte zuerst den Versuch mit der Verwendung von
+Frauen, der Staat stellte sie, nachdem seit Frau von Genlis keine Frau
+mehr den Posten bekleidet hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in
+England und Amerika, so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine
+Brés, an die Pforten der Universität und verlangte, zu den Vorlesungen
+der medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Ihre Forderung wurde
+dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der Kaiserin
+Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, daß die Pariser
+Universität den Frauen geöffnet und die Erwerbung akademischer Grade
+ihnen ermöglicht wurde.[255] Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten
+Condorcets und Olympe de Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier
+die Revolution es jedesmal war, mit der der Aufschwung der
+Frauenbewegung zusammenfällt, so löste sie auch in Deutschland die Zunge
+der Stummen.
+
+Ihrem Einfluß hat die bürgerliche Frauenbewegung ihre erste
+Vorkämpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam sie in ihren
+stürmischen Anfängen einen politischen Charakter, der aber unter der
+eisernen Rute der Reaktion schnell wieder verschwand. Die praktische
+Frage des augenblicklichen Notstands trat in den Vordergrund, und die
+Erregung, die sich darüber der Gemüter bemächtigte, spiegelte sich vor
+allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mädchenschulen ab; die
+Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen erwerbsfähig machen,
+die Konservativen wollten dagegen den häuslichen Beruf wieder stärken
+und betonen.[256] Da sie am Staatsruder saßen und die deutschen Frauen
+selbst viel zaghafter waren, als ihre ausländischen Genossinnen,--selbst
+eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion eingeschüchtert, viele Jahre
+lang,--blieben sie Sieger im Kampf auch gegen die privaten
+Unternehmungen zur Erweiterung der Frauenbildung. Die unter den
+glänzendsten Aussichten von Emilie Wüstenfeld 1849 in Hamburg
+gegründete, zwei Jahre lang von Karl Fröbel geleitete Hochschule für
+Frauen wurde zur Schließung gezwungen. Selbst in den Fröbelschen
+Kindergärten, die schon vielen Frauen befriedigende Beschäftigung
+sicherten, sah man Herde verderblicher Aufklärung; sie wurden 1851 von
+Staats wegen aufgelöst.[257] Man brachte die Notleidenden zum
+Schweigen,--das war ja von jeher das Ziel antirevolutionärer
+Bewegungen,--aber die Not selbst wuchs im Stillen um so schneller.
+
+Der einzige Beruf bürgerlicher Frauen, der der Lehrerin, war schon aufs
+äußerste überfüllt. Von 1825 bis 1861 war ihre Zahl allein in Preußen
+von 705 auf 7366 gewachsen[258], während die Gründung von
+Mädchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten hatte.
+Es kam vor, daß sich innerhalb einer Woche zu einer Schulstelle 114
+Bewerberinnen meldeten![259] Dazu kam, daß die preußische Volkszählung
+von 1861 nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mädchen
+ergeben hatte. Als daher die Berichte über die englischen und
+französischen Vereine, die gegen dieselben Zustände kämpften, die hier
+in die Augen sprangen, nach Deutschland gelangten, wirkten sie wie
+Schlüssel zu einer neuen Welt. Es waren nicht Frauen, wie dort, sondern
+Männer--und das ist bezeichnend für den Standpunkt der deutschen
+Frauen--, die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im
+Jahre 1865 dem Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen eine
+Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung und
+persönlicher Beobachtungen, die Gründung eines dem englischen und
+französischen Vorbild ähnlichen Vereines befürwortete.[260] Dieser müsse
+sich in seiner Thätigkeit, so führte er aus, ausschließlich auf die
+Frauen des Mittelstandes beschränken, und ihnen durch Einführung
+praktischer Unterrichtskurse neue Berufszweige eröffnen. Als solche
+bezeichnete er in der Heilkunde den ärztlichen Beruf und den der
+Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von chemischen,
+chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, von Farben,
+Parfümerien und Essenzen, sowie von Photographieen; im Handel:
+Buchhaltung, Korrespondenz, Kassenführung, Warenverkauf; im öffentlichen
+Dienst: Post und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefähr die Berufe,
+die auch heute noch als Berufe bürgerlicher Frauen angesehen werden
+können. Wenn er, seine Anhänger und alle Beförderer seiner Ideen in
+ihren Bestrebungen nicht über den Kreis dieser Frauen hinausgehen
+wollten, so drückt sich darin ein Klassenegoismus aus, der um so
+abstoßender wirkt, als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach
+Abhilfe zu schreien schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die
+Stärke der jungen Bewegung. Indem sie mit den beschränkten Kräften, die
+sie noch besaß, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte sie sicher sein,
+sie schließlich zu erreichen. Der Gedanke entsprach so sehr der
+Zeitströmung, daß er nicht allein durch den Mund Lettes zum Ausdruck
+kam. Auf dem Vereinstage deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz
+Müller, daß Staat und Gemeinden veranlaßt werden möchten, Gewerbeschulen
+für Frauen zu gründen, denn "die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt,
+zu der sie befähigt sind"; der schlesische Gewerbetag nahm eine
+Resolution zu gunsten der kaufmännischen Ausbildung und der Anstellung
+der Frauen im Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein
+Hauptmann außer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung
+die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, als
+Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, an deren
+Spitze die alte Kämpferin Luise Otto trat. Auch hier wurde die Frage der
+Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise allein erörtert. Ihr
+praktisches Ergebnis war die Gründung des Allgemeinen Deutschen
+Frauenvereins, als dessen Ziel "die erhöhte Bildung des weiblichen
+Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen
+Hindernissen" aufgestellt wurde.[261] Während der in Berlin ins Leben
+gerufene Letteverein von Männern geleitet wurde und Frauen nur zur
+Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich sofort auf
+radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur Vorsitzenden wählte und
+Männer sowohl von der Leitung als von der Mitgliedschaft ausschloß. Hier
+also kämpften die deutschen Frauen zum erstenmal persönlich, in
+organisiertem Verbande für ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion
+gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch
+wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu fördern. Dieselbe
+Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt sich
+auch in ihren Ansprüchen wieder und beweist, daß der aus rein
+wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit die Urquelle der
+bürgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir verlangen nur, daß die Arena der
+Arbeit den Frauen geöffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die
+eigentliche Wortführerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
+ausgerufen.[262] "Die einzige Emanzipation, die wir für unsere Frauen
+anstreben, ist die Emanzipation ihrer Arbeit"[263], schrieb Luise Otto.
+Und Fanny Lewald-Stahr, die von sich selbst erzählt, daß sie heimlich
+habe arbeiten müssen, weil es sich für Mädchen ihrer Art nicht schickte,
+Geld zu verdienen, und die anerkennt, daß "der gewaltigste Aufklärer,
+die bittere Not" es war, die vielen die Augen geöffnet hat, erklärt die
+"Emanzipation zur Arbeit" für die einzige, von der vor der Hand geredet
+werden kann.[264]
+
+So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und Deutschland,
+dem sich ein Jahr später, durch Gründung des Frauenerwerbvereins, auch
+Oesterreich anschloß, jener Prozeß vollzogen, durch den die bürgerliche
+Frau in eine neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung
+der Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und
+Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner von
+Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, voraussah, ja
+die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurück hätte schaudern lassen, wenn
+sie sie hätten ahnen können.
+
+
+Dritte Periode. Die Bestrebungen für Frauenbildung und Frauenarbeit in
+neuester Zeit.
+
+Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens
+einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn der
+modernen Frauenbewegung. Es mußte ihm erst die wirtschaftliche
+Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und mehr aus der
+Vereinzelung der häuslichen Thätigkeit herausriß, sie zwang, Arbeit
+außerhalb der engen vier Wände zu suchen und sie schließlich ihre
+Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverständlich konzentrierte sich die
+Frauenbewegung je nach dem Grade der Verarmung des Bürgerstandes und der
+Zahl den die Männer überwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und
+der Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde,
+gestaltete sich dort am schärfsten, wo die allgemeine wirtschaftliche
+Lage die gedrückteste, die Ueberfüllung der Berufe die größte und die
+Konkurrenz der Männer infolgedessen die stärkste war.
+
+Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die
+Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in erster
+Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich
+hauptsächlich die Gegner, während der Wunsch, der Frauen, zu den höheren
+Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, auf geringeren
+Widerstand stieß. Zwar wurde im Anfang der Vorwurf der Unweiblichkeit
+auch gegen die Schülerinnen der ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von
+der Kanzel herunter gegen sie gepredigt, besonders das System des
+gemeinsamen Unterrichts beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald
+beschränkte sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den
+siebziger Jahren öffnete sich den andrängenden Frauen eine Hochschule
+nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum Teil, ihnen
+akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten entstehenden
+Frauenvereine hatten die Forderung höheren Unterrichts in ihre Statuten
+aufgenommen; besondere Vereine, wie die Female Medical Educational
+Society, richteten ihre Agitation auf bestimmte Berufsvorbereitungen.
+Schon 1874 wurde in der medizinischen Fakultät der Universität Boston
+ein besonderer Kursus für weibliche Studenten eingerichtet; heute stehen
+ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen Schulen offen.
+Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet bahnbrechend vorgegangen war,
+so Antoinette Brown auf dem des Studiums der Theologie. Im
+Oberlin-College, wo sie ihr Examen glänzend bestanden hatte, waren ihr
+schon von den Lehrern die größten Schwierigkeiten bereitet worden und
+man strafte ihr "unweibliches" Vorgehen damit, daß man ihren Namen nicht
+in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre später jedoch
+begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der katholischen
+und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen Schulen auch weibliche
+Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte sich das Studium der
+Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst für sich erzwungen hatte.
+Viel schwieriger wurde es den Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur
+Berufsthätigkeit zugelassen zu werden.
+
+Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon dadurch
+unmöglich gemacht, daß keines der bestehenden Krankenhäuser sie zuließ,
+noch weniger fanden sie natürlich Patienten, man begegnete ihnen sogar
+mit Mißtrauen und Geringschätzung. Als Dr. Emily Blackwell und Dr. Marie
+Zakzrewska sich in New York niederließen, wo das erste Krankenhaus für
+Frauen, an dem nur weibliche Aerzte ordinierten, durch sie entstand, war
+es ihnen zuerst unmöglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr
+wollte die Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder
+von den Gerichtshöfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie warteten
+vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine Sache
+anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, zuweilen
+sogar mit Steinwürfen vertrieben, und die Graduierten der
+philosophischen Fakultäten fanden nur selten einen Lehrstuhl in einem
+College. Etwas rascher gelang den Erwerb Suchenden der Eintritt in den
+kaufmännischen Beruf und zwar war die Regierung ihnen hier behilflich.
+Schon 1862 stellte General Spinner, die allgemeine Entrüstung darüber
+nicht achtend, sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und
+1875 konnte er von über tausend Angestellten im Staatsdienst berichten,
+und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.[265]
+Ebenso bewährten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der sechziger
+Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschäftigt wurden. Ihr Eintritt in
+bürgerliche Berufe machte von da an rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz
+von Vereinen aller Art spann sich über Amerika aus; ihre Agitatorinnen
+reisten von Ort zu Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch
+selbständige Arbeit überall hin tragend.
+
+Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch ihre
+Leistungen während des Bürgerkrieges, wo sie den Beweis für ihre
+Arbeitsfähigkeit führten. Nicht nur, daß weibliche Journalisten als
+Leiter von Zeitungen und Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es
+waren auch allein die Frauen, die mit heldenmütiger Aufopferung die
+Pflege der Soldaten und ihrer Hinterbliebenen übernahmen und einheitlich
+organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis dahin
+Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend den
+furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan eines
+allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf der Genfer
+Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben trat. Zur
+obersten Leiterin der Verwundetenpflege war während des Krieges Dorothea
+Dix in Anerkennung für ihre Leistungen als Reformatorin des
+Gefängniswesens von der Regierung ernannt worden. Zu gleicher Zeit
+riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen Frauenverein ins Leben, der
+zunächst nur den Zweck hatte, für die Pflege, Nahrung, Bekleidung und
+Unterstützung der Soldaten und ihrer Angehörigen zu sorgen, sich aber
+nachher zu jener Sanitäts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine
+heute in jedem Staat und fast jeder Stadt für die unbemittelten Kranken
+Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft zur Arbeit und Verständnis
+für öffentliche Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um
+Bildung und Arbeit wurde immer schwächer. Heute haben sie von 484
+Colleges und Universitäten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen
+zu 28. Außerdem bestehen 4 Universitäten und gegen 160 Colleges für
+Mädchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. 36000 an diesen Anstalten
+studierende Frauen gezählt wurden[266], hat ihre Zahl sich verdoppelt;
+allein 25000 studieren davon an den Universitäten.[267] Neben 6
+medizinischen Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen für Männer auch
+den Frauen offen; in 6 Frauenhospitälern können sie ihrer klinischen
+Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der Theologie ist ihnen
+ermöglicht.
+
+Diese glänzenden Resultate eines fast hundertjährigen Kampfes dürfen
+jedoch nicht mit europäischem Maßstab gemessen werden. Es giebt,
+besonders im Westen, sogenannte Universitäten, deren Unterrichtskreis
+nicht über die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die
+meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und Prima,
+sodaß der zum Schluß verliehene Grad eines Bachelor of Arts (B.A.) nicht
+höher steht, als unser Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen
+höheren Töchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, daß
+Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert sind;
+andere wieder erreichen die Höhe deutscher Universitäten. So kann
+angenommen werden, daß von den 25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in
+unserem Sinne Studentinnen sind.[268] Danach kann auf eine gewisse Höhe
+der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf
+wissenschaftliche Gründlichkeit geschlossen werden. In der Erkenntnis
+dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an einer
+europäischen Universität den Doktorgrad zu erringen, sie haben sich auch
+zur Verbindung der Collegiate Alumnae zusammengethan, die durch
+Stipendien das Studium im Auslande ermöglicht und ein höheres Niveau der
+inländischen Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel
+aber für die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte
+Eröffnung der vier bedeutendsten Universitäten: Harvard, Yale, Johns
+Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr philosophisches
+Doktorexamen machen dürfen, und diese mußte sich mit einer privaten
+Bescheinigung darüber begnügen. Da sich nun aus den, als B.A.
+entlassenen Schülerinnen der Universitäten die Schulvorsteherinnen und
+Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges rekrutieren,
+so gehen deren Schülerinnen selbstverständlich wieder als mangelhaft
+Vorgebildete aus ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen
+werden wird, wenn die schärfer werdende Konkurrenz mit den Männern die
+Frauen zu größerer Energie um vertiefteren Unterricht aufstachelt.
+
+Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu bürgerlichen
+Berufen--wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder kommunalen
+Ehrenämtern--nur selten erschwert. Seit 1872, wo Illinois durch Gesetz
+bestimmte, daß alle Berufe ohne Unterschied des Geschlechtes jedem offen
+ständen, sind etwa zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel
+gefolgt. Kaum ein Beruf dürfte den Frauen vollständig verschlossen sein;
+seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur Militärärztin mit dem Range
+eines Leutnants scheint selbst die militärische Karriere ihnen in
+gewisser Weise offen zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich
+nicht nur Frauen in subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden
+sie das Amt eines Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit
+anderen Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher
+giebt es in größerer Zahl.[269] In 22 Staaten finden sich 227
+Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, Miß
+Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum Oberinspektor der
+gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan fungiert seit 1899 eine
+Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 Prozent aller Schulräte und 5
+Prozent aller Notare Frauen. In verschiedenen Parlamenten sind die
+amtlichen Stenographen Frauen; 30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in
+den Bundesstaaten. Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich
+angestellt. In allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche
+Beamte beschäftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl
+der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22
+Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington
+stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Männern gleich. Bis
+heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche Universitätsprofessoren finden
+sich auch an den ersten Universitäten des Landes, so in Boston Mercy
+Jackson als Professor für Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell
+als Professor der Nationalökonomie. Außer in den genannten Berufen haben
+Frauen sich durch kaufmännische Unternehmungen selbständig zu machen
+gesucht, und besonders in den Süd- und Weststaaten haben sie sich als
+Besitzer und Leiter von ausgedehnten Viehzüchtereien und
+Milchwirtschaften, von Gemüse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum
+Reichtum emporzuarbeiten verstanden.[270]
+
+Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage kommt die
+englische am nächsten; die politische Freiheit verbunden mit der open
+door policy, d.h. dem Gedanken des freien Wettbewerbs, hatte einen
+rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge, der auch den Frauen
+zugute kam. Der Platz am Brotkorb brauchte ihnen nicht in so heftiger
+Weise streitig gemacht zu werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen
+nach höherer Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg
+gelegt.
+
+Nachdem die königliche Kommission zur Untersuchung der Schulzustände,
+die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches Mitglied Miß Beale den
+Stand der höheren Mädchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar
+ungünstigsten Berichte über den Unterricht des weiblichen Geschlechts zu
+geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine zur Verbesserung
+der Mädchenerziehung, die auf die Höhe des vorbereitenden Unterrichts
+der Knaben zur Universität gehoben werden sollte. Um einen Maßstab für
+sie zu haben, richtete sich die nächste Agitation auf die Zulassung der
+Mädchen zu den Lokalexamen der Universitäten. Schon 1865 verstand sich
+Cambridge, etwas später Oxford zur Abhaltung dieser Examen, die etwa
+zwischen das 13. und 16. Lebensjahr der Schüler zu fallen pflegen.[271]
+Sie stehen ungefähr den Examen unserer Realschulen gleich und
+berechtigen keineswegs zum Universitätsstudium. Um dies zu erreichen,
+das den Frauen hartnäckig verweigert wurde, legte Miß Emily Davies, die
+schon die erfolgreiche Agitatorin für die Lokalexamen gewesen war, im
+Jahr 1869 zuerst in einem kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu
+Girton College. Es gelang ihr, einige Professoren von Cambridge für ihre
+Idee, ihre Schülerinnen zunächst zu dem leichtesten--dem sogenannten
+little-go--Universitätsexamen vorbereiten, zu gewinnen. Sie bestanden
+nicht nur dies, sondern drei Jahre später auch das schwerste, das
+Triposexamen. Inzwischen wurden nach dem Muster von Girton,
+Newnham-College, gegründet. Durch vereinte Bemühungen, die oft zu
+heftigem Federkrieg führten, wurde endlich erreicht, daß die Frauen zu
+einzelnen Vorlesungen in der Universität selbst Zutritt erlangten und
+schließlich--im Jahre 1881--wurden sie zu den Universitätsexamen, dem
+little-go und Tripos, offiziell zugelassen; bis heute jedoch müssen sie
+sich, trotz dauernder Bemühungen, mit einem einfachen Zertifikat
+begnügen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei den
+männlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen standhaft
+verweigert,--es ist das das letzte Prärogativ, das die Männer sich
+vorbehalten wollen!--Der Kampf um Oxford war ein ähnlicher, wie der um
+Cambridge.[272] In dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen
+nach und nach zu den Vorlesungen und Examen aller Fakultäten, mit
+Ausnahme der medizinischen zugelassen, aber die Titel gönnten ihnen auch
+hier ihre männlichen Kollegen nicht. Dafür gewährte ihnen schon 1878 die
+Universität London--lediglich eine Examinationsbehörde--sämtliche Grade,
+was um so wichtiger ist, als ihre Examen für die weitaus schwersten
+gelten. Mit kleinen Unterschieden,--so ist das Studium der Theologie und
+Medizin an einigen Universitäten den Frauen verboten--nehmen heute
+sämtliche Universitäten Großbritanniens weibliche Studenten mit gleichen
+Rechten auf wie männliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der
+englischen Prüderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem
+Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Männer muß es angesehen
+werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen sich um das Studium der
+Medizin, vor allem um die klinische Ausbildung drehte. Keine Schule und
+keine Examinationsbehörde wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie
+sich denn, sich selbst zu helfen, indem sie, mit Unterstützung einiger
+Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London school
+of Medicine for women gründeten. Ihrem energischen Vorgehen war es zu
+danken, daß durch Parlamentsbeschluß zwei Jahre später die
+Prüfungsbehörden autorisiert wurden, weibliche Studenten zu examinieren.
+Sie folgten freilich nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung.
+Bis heute haben sich neun Universitäten und medizinische Schulen dazu
+bereit erklärt, außerdem stehen ihnen acht allgemeine Krankenhäuser
+neben achtzehn Frauenhospitälern offen.[273]
+
+Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die indischen
+Universitäten sind seit 1878 den Frauen geöffnet; vier höhere Schulen,
+von denen die in Pronah unter Leitung der gelehrten und wohlthätigen
+Indierin Pundita Ramabai steht, sorgen für die Vorbereitung; die
+australischen Universitäten Sydney und Melbourne haben nie einen
+Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.[274]
+
+Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts für
+bürgerliche Lebensberufe ist für das weibliche Geschlecht in England
+fast ebenso gut gesorgt, wie für das männliche. Private und öffentliche
+Schulen zur gewerblichen, kaufmännischen und künstlerischen Ausbildung
+nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es für Frauen mehr
+giebt als für Männer, genießen sie die Vergünstigung unentgeltlicher
+Ausbildung.
+
+Den Weg zu einem neuen Frauenberuf eröffnete die 1891 gegründete
+Gartenbauschule von Swanley[275]. Durch ihre Erfolge wurde den Frauen
+auch die Schule der königlichen botanischen Gesellschaft zugänglich.
+Eine landwirtschaftliche Schule, die statutengemäß ausschließlich für
+gentlewomen, d.h. Frauen der bürgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete
+Lady Warwick auf ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Gärtnerei
+die Geflügel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis neuer
+$Arbeitsmöglichkeiten einbezog, so geschieht es auch durch die von den
+Grafschaftsräten und Gemeinden vielfach ins Leben gerufenen
+landwirtschaftlichen Schulen; auch die landwirtschaftliche Nationalunion
+von Großbritannien hat sich durch Gründung eines Frauenzweigvereins der
+Sache angenommen. Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am
+St. Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, nachdem
+ihr im Krimkrieg die Schäden der dilettantischen Krankenpflege traurig
+genug bekannt geworden waren, wurde auch dieser Beruf ein Erwerbsberuf
+gebildeter Frauen. So giebt es kaum ein Gebiet des Berufslebens, für das
+die Engländerinnen sich nicht vorbereiten könnten. Im Unterschied von
+Amerika aber ist die Erziehung der Geschlechter,--mit Ausnahme von
+Irland, wo kürzlich der Versuch eines für Knaben und Mädchen gemeinsamen
+Colleges gemacht wurde,--fast durchweg eine getrennte. Daraus ergeben
+sich sowohl praktische als psychologische Folgen schädlichster Natur und
+die Ausbildung der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie
+z.B. in zwei Jahren zu Landschaftsgärtnern vorbereitet, während Männer
+dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und fast alle, für
+das weibliche Geschlecht allein eingerichteten kaufmännischen und
+künstlerischen Schulen haben einen kürzeren oder weniger gründlichen
+Studiengang, als die für Männer bestimmten. Andererseits wird aber auch
+durch das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern,
+der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch verschärft, statt
+daß er durch gemeinschaftliche Erziehung hätte gemildert werden und der
+Begriff der Interessengemeinschaft seine Stelle hätte einnehmen können.
+
+Der Zugang zu bürgerlichen Berufen wurde den Engländerinnen im
+allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie waren nicht nur seit den
+Zeiten des Feudalismus keine unbekannte Erscheinung im öffentlichen
+Leben, sie hatten auch durch frühe, ausgedehnte und vortrefflich
+organisierte philanthropische Thätigkeit für ihr Verständnis und ihre
+Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der Reformatorin des
+Gefängniswesens, bis zu Beatrice Webb finden wir eine Reihe bedeutender
+Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr als durch ihre Worte für das
+Recht der Frau auf Arbeit kämpften. So konnte die Regierung schon 1873
+den Versuch machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor
+der unter dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen,
+und wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der
+Schulverhältnisse berufen und ihr eine außerordentlich wertvolle Arbeit
+zu verdanken hatte, so übergab sie nach und nach immer häufiger Frauen
+wichtige Aufgaben. Von einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung
+einer Kommission zur Untersuchung der Arbeiterverhältnisse, in der vier
+Frauen mit Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden.
+Sie bewährten sich so, daß kurze Zeit später eine von ihnen, Miß
+Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine andere, Miß Collet, als
+Korrespondentin des Labour Department angestellt wurde. Auch Aerztinnen
+wurden als Bezirksärzte, als Sanitätsinspektorinnen, als Leiter
+öffentlicher Krankenhäuser,--besonders in den Kolonieen,--Beamte der
+Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement beschäftigt.
+
+Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem Besitz der
+privaten Gesellschaft übernommen und die weiblichen Angestellten
+beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften Agitation dagegen,--der
+einzigen, die in so großem Stil gegen das Eindringen der Frauen in
+bürgerliche Berufe in England entfaltet wurde,--Frauen bei den
+Postsparkassen angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und
+Telegraphendienst Großbritanniens.[276] Unter ihnen giebt es eine
+Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern emporgestiegen sind. Fast
+in allen Ministerien beschäftigt die Regierung Beamtinnen, ebenso in der
+Gefängnisverwaltung und -Aufsicht, auf königlichen Observatorien und als
+Assistenten der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen
+jedoch befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren führte Miss
+Abraham ziemlich selbständig die Geschäfte des aus 7 Personen
+bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch infolge ihrer
+Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die weiblichen Inspektoren
+unter die Leitung des männlichen Oberinspektors zu stellen. Es scheint,
+daß sich in der: Zurückdrängung der Frauen auf untergeordnete Stellungen
+der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben ausdrückt. Er
+spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen ebenso ab, obwohl die
+Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und segensreicher wirkt, als im
+Dienst der Regierung. Wohl haben die Frauenvereine in jedem Ort, fast in
+jeder Gemeinde um die Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen
+müssen, jetzt aber können sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden
+sie als Schul-, Sanitäts und Handelsinspektoren, als Polizeimatronen und
+Leiterinnen öffentlicher Anstalten aller Art, als Standes- und
+Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als Steuererheber, als
+Landschaftsgärtner öffentlicher Anlagen und als Dozentinnen in den
+Haushaltungs- und landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsräte
+thätig, aber Gemeindevorsteher und Bürgermeister wie in Amerika finden
+wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die
+persönliche Leistungsfähigkeit allein den Ausschlag giebt. Nicht
+nur, daß weibliche Handelsangestellte, Stenographinnen und
+Maschinenschreiberinnen vor den Männern schon vielfach den Vorzug
+erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich zu Leiterinnen großer
+Geschäfte, selbst zu Bankiers empor, die, obwohl die Börse ihnen
+verschlossen ist, zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der
+Privatgelehrten und Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter
+nimmt Jahr um Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen
+fernliegenden Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thätig
+und zwar mit solchem Erfolg, daß kürzlich eine von ihnen zum Mitglied
+der sehr exklusiven Königlichen Gesellschaft der Architekten gewählt
+wurde. Unter den gelehrten Berufen aber ist der medizinische derjenige,
+in dem die Frauen in England wie in Amerika sich am meisten auszeichnen.
+Sie erfreuen sich großer Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch
+den Konkurrenzneid der Männer soweit besiegte, daß sie vor wenigen
+Jahren Mrs. Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer großen Abteilung der
+fast nur aus Männern bestehenden medizinischen Gesellschaft erwählten.
+
+Am stärksten ist natürlich das weibliche Geschlecht im Lehrberuf
+vertreten. Nicht nur, daß sie die männlichen Lehrer an Zahl überwiegen,
+es ist ihnen gelungen, leitende Stellungen, auch an Knabenschulen zu
+erobern. Dabei muß eingeschaltet werden, daß das englische höhere
+Schulwesen ausschließlich in Privathänden ruht, weder Staatshilfe noch
+Staatsaufsicht genießt und die Gesellschaften, die es leiten, zum großen
+Teil auch aus Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische
+Lehrerin zu solcher Bedeutung gelangen. Die männlichen Staats- und
+Lokalverwaltungen repräsentieren immer eine konservative Macht, die nur
+schwerfällig vorwärts schreitet. Das zeigt sich auch dort, wo die Frau
+solche Stellungen zu erreichen strebt, auf deren Gewährung die Behörden,
+vom eingewurzelten Vorurteil überdies unterstützt, irgend welchen
+Einfluß üben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und Unterricht waren
+seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der Familien und des
+Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn über die
+ursprünglichen Grenzen herauszuführen, um zur Armenpflegerin und
+Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu führen. Berufe aber, die nicht
+von Anfang an mit dem Weib als Geschlechtswesen in engem Zusammenhang
+standen, galten von vornherein für unweiblich und wurden ihr daher
+verschlossen. So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des
+Geistlichen und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen
+und Missionarinnen, die Hochkirche läßt sie ebensowenig zu wie die
+lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten dürfen Frauen
+seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten schließt jeder
+Gerichtshof vorläufig noch aus.
+
+Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung und Ziel
+gegeben und sie in den revolutionären Stürmen des 19. Jahrhunderts
+jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb schließlich in seinen
+Erfolgen hinter Amerika und England zurück. Die Ursache davon ist
+vorwiegend in der durch die Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen
+zivilrechtlich ungünstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die
+Frauenbewegung sich von der Reaktion der fünfziger Jahre erholt hatte,
+verwandte sie ihre besten Kräfte auf den Kampf gegen eine Unterdrückung,
+die wohl geeignet war, jedes Vorwärtsstreben zu erschweren. Ihre
+Agitation für höheren Unterricht und Zulassung zu bürgerlichen Berufen
+war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine lebhafte.
+Zunächst galt es, die teilweise Eröffnung der Universität nicht dadurch
+illusorisch werden zu lassen, daß die Erfüllung der Vorbedingungen nicht
+vorhanden war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der
+Einrichtung freier Vortragskurse für Mädchen, ohne Erfolg zu haben. Auch
+die Privatanstalten genügten nicht. Legouvé, der nach wie vor an der
+Spitze dieser Bewegung stand, sammelte schließlich eine immer größere
+Zahl von Frauen und Männern um sich, die für die Idee der staatlichen
+Intervention eintraten und die Errichtung von Mädchengymnasien
+verlangten, die denen für Knaben entsprechen sollten. Aber erst im Jahre
+1880 setzte Camille Sée ein Gesetz durch, wonach der Staat sich
+verpflichtete, mit Unterstützung der Kommunen höhere Mädchenschulen ins
+Leben zu rufen. Wenn dies Gesetz auch den Wünschen der Frauen und ihrer
+Freunde noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die
+neuen Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 städtische
+bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu Gymnasien,
+so war die Anerkennung der Notwendigkeit höherer Frauenbildung durch den
+Staat immerhin ein Fortschritt. Seine Bedeutung ist um so größer, als
+von vornherein ausschließlich Frauen zu Leitern und Lehrern in den
+Lyceen bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs
+mit sich und führte schon ein Jahr später zur Gründung der Ecole normale
+in Sèvres, an der die Ausbildung der dem höheren Mädchenunterricht sich
+widmenden Frauen erfolgt[277], soweit sie sich nicht durch
+Universitätsstudien vorbereiten. Seit 1870 schon stehen ihnen, mit
+Ausnahme der theologischen, nicht nur sämtliche Fakultäten offen, sie
+können auch dieselben Grade erwerben wie die Männer. Auf dem Gebiet der
+Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kämpfen, der bis heute noch
+nicht ganz zum Ziele führte: Zur klinischen und chirurgischen Ausbildung
+und dem damit verbundenen Examen wurde ihnen gar nicht oder nur
+ausnahmsweise Zulaß gewährt. Schließlich erreichten sie es, in den
+Pariser Spitälern vier Jahre studieren zu dürfen, ohne daß man sie
+jedoch zu den höheren Prüfungen zuließ. Die Studenten sowohl wie die
+Aerzte waren während des ganzen Kampfes ihre ausgesprochenen Gegner.
+Auch auf einem anderen Gebiete, dem des künstlerischen Studiums, war von
+einer Gleichberechtigung der Frauen lange Zeit hindurch keine Rede.
+Selbst die Leistungen einer Rosa Bonheur, einer Vigé-Lebrun waren nicht
+im stande gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu
+ermöglichen. Die traditionelle Meinung, daß die guten Sitten dadurch
+verletzt würden, mußte hier ebenso wie beim klinischen Unterricht als
+Vorwand der Ausschließung dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die
+französische Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur
+Gründung von zwei Ateliers für Schülerinnen, um damit dem Vorurteil der
+gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu kommen.
+
+Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und kaufmännischen
+Unterrichts der Frauen einer Lösung entgegen. Schon 1870 zählten die
+fünf Pariser kaufmännischen Schulen 800 Schülerinnen. In den Provinzen
+entstanden, zum Teil durch die Kommunen, ähnliche Anstalten, deren
+starke Frequenz dafür Zeugnis ablegt, daß sie einem dringenden Bedürfnis
+entsprechen.
+
+Die Frau im kaufmännischen Beruf ist denn auch seit langem eine
+wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rühmt ihr allgemein ihre
+Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, die ihr Geschäft
+wirklich ganz selbständig leiten, sind hier daher verhältnismäßig
+häufiger zu finden, als in anderen Ländern. Schon in den
+fünfziger Jahren wurden ihre Talente dadurch anerkannt, daß die
+Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux anzustellen,
+und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts Frauen im Postdienst
+beschäftigt hatte, vermehrte ihre Zahl von 1877 ab bedeutend.[278]
+Außerdem vertraute er sämtliche Tabakgeschäfte--die Tabakfabrikation und
+der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol--, Frauen an, und
+beschäftigt eine große Zahl von ihnen in der Bank von Frankreich. Im
+übrigen ist die Zahl der staatlich angestellten Frauen gering und sie
+befinden sich fast ausschließlich in untergeordneten Stellungen. Den
+höchsten Rang nehmen die Gefängnis- und Schulinspektorinnen--von denen
+es allerdings nur drei giebt--ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden
+nur das Amt von Assistentinnen, haben sich aber so bewährt, daß z.B.
+allein im Seine-Departement 14 thätig sind. Außer ihnen sind weibliche
+Staatsbeamte als Gefangenenwärter, als Lehrerinnen in Taubstummen- und
+Hebammenschulen zu finden. Seit einiger Zeit hat die Regierung auch
+Aerztinnen in ihren Dienst genommen: Madame Sarraute wirkt an der großen
+Oper; für das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen
+angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen
+angeschlossen oder an staatlichen Mädchenlyceen verwendet.[279] Von
+allen Frauen werden natürlich Lehrerinnen vom Staat und von den Kommunen
+am meisten beschäftigt. Ihr Einfluß reicht soweit, daß sie sowohl den
+Departementsräten als dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder
+angehören können. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an
+der Universität zugelassen zu werden oder die Leitung eines Hospitals in
+die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene oder besser bezahlte
+Stellungen handelt, hört auch bei den damenfreundlichen Franzosen das
+Entgegenkommen auf. Trotzdem wird der Zugang zu bürgerlichen Berufen den
+Frauen leichter gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der
+stagnierenden Bevölkerung die Konkurrenz keine so lebhafte ist, sei es,
+weil die Französinnen der bürgerlichen Kreise selbst noch nicht nach Amt
+und Brot so heftig zu streben gezwungen sind. Unter den Studentinnen
+giebt es wenig geborene Französinnen, selbst unter den Aerztinnen, von
+denen in Paris allein 77 eine große Praxis ausüben, sind viele
+Ausländerinnen. Neuerdings hat die französische Frauenbewegung dadurch
+einen wichtigen Schritt vorwärts gethan, daß die Frauen zur Advokatur
+zugelassen wurden. Es war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz
+der Zulassung zum juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor
+Jahren glänzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, um
+zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der
+Rechtsanwälte hatten Frauen festen Fuß gefaßt. 1899 jedoch nahm die
+Kammer einen Antrag des sozialistischen Abgeordneten Viviani an, der die
+Zulassung der Frauen zur Advokatur forderte. Im Herbst 1900 bestätigte
+der Senat das Votum und ein Vierteljahr später wurde die erste
+Advokatin, Madame S. Balachowski-Petit, feierlich vereidet.
+
+Unter den bürgerlichen Berufen privater Natur, in denen die Französinnen
+thätig sind, wird einer von ihnen besonders geschätzt: der
+schriftstellerische und journalistische. Von jeher haben sich die
+Französinnen durch ihre Gewandtheit, mit der Feder umzugehen,
+hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de Staël, Georges Sand, Madame
+d'Agoult (Daniel Stern), neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die
+Gyp und viele andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen
+Ländern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen Talente
+zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem Titel La
+Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja sogar gedruckte
+politische Tageszeitung gründete. So wenig solch ein Unternehmen auch
+dem wirklichen Fortschritt entspricht und im Interesse der
+Frauenbewegung gelegen ist--denn erst das Zusammenarbeiten von Mann und
+Weib auf gleichen Gebieten und unter gleichen Bedingungen würde ihre
+Kräfte stählen und erproben--, so liefert es doch für die Fähigkeiten
+der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen Erwerbsmöglichkeiten.
+
+Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der bürgerlichen
+Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in demselben Tempo
+erfolgt, wie man es nach den Anfängen der französischen Frauenbewegung
+hätte annehmen können, und in dem, was erreicht wurde, ist es von
+manchen anderen Ländern überflügelt worden.
+
+Nur ein flüchtiger Ueberblick,--die Schilderung der Frauenbewegung eines
+jeden Landes würde ins Endlose führen und im großen und ganzen dieselben
+Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,--soll den
+Beweis dafür erbringen.
+
+In Rußland, das schon in den sechziger Jahren Universitäts- und
+medizinische Kurse eingerichtet hatte, vermochte selbst die mehr als
+zehnjährige Reaktionszeit von 1882 an, während der das Studium der
+Medizin den Frauen nicht gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache
+nicht Einhalt zu gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52
+Aerztinnen. 1896 erfolgte dann die Neueröffnung der medizinischen
+Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden läßt, wie
+sie die Männer erhalten, und sie denselben Prüfungen unterwirft. Sowohl
+in Moskau als in Kiew können sie unter gleichen Verhältnissen Medizin
+studieren, außerdem steht ihnen in Petersburg ein orientalisches Seminar
+zur Verfügung. Die Vorbereitung zur Universität vermitteln die schon
+1868 von Frauen gegründeten und geleiteten höheren Frauenkurse, die mit
+der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung immer
+besser ausgebildet wurden. Außer ihnen bestehen noch klassische
+Mädchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum Universitätsstudium
+berechtigt, und 350 Mädchenlyceen, die in manchen Punkten unseren
+höheren Töchterschulen ähnlich sind, in anderen wieder,--z.B. werden die
+klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur fakultativ
+ist,--weit über sie hinaus gehen.[280] Besonders hoch steht in Rußland
+die Ausbildung der Lehrerinnen. Nicht nur, daß sie großenteils
+Universitätsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den "Instituten der
+Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei unterstehen, eine ebenso
+billige wie vortreffliche Erziehung geboten, die sie, nach Absolvierung
+der Prüfungen, zum Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf
+berechtigt. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß
+unter den russischen Frauen die Lehrerin die Trägerin nicht nur der
+Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Beförderin der
+Volksaufklärung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre Leistungen
+fanden soweit öffentliche Anerkennung, daß Mädchenschulen und
+Mädchengymnasien großenteils weibliche Lehrkräfte und sogar weibliche
+Direktoren haben, die allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in
+einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis stehen.
+
+Einer großen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte, deren
+staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im Gegensatz zu der
+herkömmlichen Ansicht, daß Frauen großen körperlichen Strapazen nicht
+gewachsen sind, hat es sich gezeigt, daß gerade die Landärztinnen, die
+gezwungen sind, unter elenden Verhältnissen, inmitten einer rohen
+Bevölkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen Schauern eines
+russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich außerordentlich
+bewähren. Aber auch in den Großstädten sind sie mit Erfolg thätig. In
+Petersburg, wo neben 21 männlichen 15 weibliche Bezirksärzte und
+außerdem 35 Aerztinnen in staatlichen Krankenhäusern Anstellung
+fanden[281], hat der Magistrat in einem offiziellen Bericht
+festgestellt, daß auf einen männlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf
+einen weiblichen 7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum
+bevorzugt werden. Außer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen
+Apotheker eines guten Rufs. Noch ein anderer für die russischen
+Verhältnisse wichtiger Frauenberuf findet die Unterstützung des Staates:
+Seit kurzem hat das Ministerium für Landwirtschaft landwirtschaftliche
+Lehranstalten für Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in
+denen sie sich für alle in Betracht kommenden Fächer ausbilden können.
+Die ersten, die ihre Studien zu Ende führten, wurden von der Regierung
+teils in den Bureaux des Ministeriums, teils als Inspektorinnen
+angestellt. Auch der Frage der Fabrikinspektoren ist Rußland in
+ähnlicher Weise nahegetreten, indem es zunächst die Einrichtung von
+Unterrichtskursen plant, deren Schülerinnen dann als Aufsichtsbeamte
+Verwendung finden sollen. Als ein großer Erfolg kann es ferner
+betrachtet werden, daß die Staatsbank Frauen beschäftigt. Diese
+Unterstützung, die seitens der öffentlichen Verwaltung der
+Frauenbewegung zu teil wird, läßt sich wesentlich aus dem Mangel an
+Arbeitskräften erklären und der geringe Widerstand, der ihr seitens der
+Männer entgegengesetzt wird, hat seinen Grund darin, daß das riesige
+Land und das große Volk besonders für Lehrer und Aerzte noch unendlich
+viel Platz haben.
+
+Noch weiter vorgeschritten als Rußland ist Finland, wo Gymnasien und
+Universität dem weiblichen Geschlecht mit gleichen Rechten offen stehen,
+wie dem männlichen. Hier finden sich neben staatlich angestellten
+Aerztinnen auch weibliche Armenpfleger und Direktoren von Armenhäusern.
+In den Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und
+Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse hervorgethan.
+
+Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitäten den Frauen
+eröffnete und ihnen die medizinische Laufbahn erschloß, gewährt
+ihnen heute fast überall dieselben Rechte wie den Männern. Die
+Mädchenschulen, an die sich Gymnasialklassen anschließen, bereiten zum
+Abiturientenexamen vor, das auch von den Mädchen mit Vorliebe gemacht
+wird, die nicht das Universitätsstudium daran schließen; infolgedessen
+ist die Bildung der Schwedinnen eine im allgemeinen hohe. Seit Sonja
+Kowalewska als erster weiblicher Dozent den Lehrstuhl für Mathematik in
+Stockholm bestieg, steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen
+Fries war ihre nächste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson
+zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universität berufen. Ein
+Jahr später wurde eine Aerztin am Pathologisch-Anatomischen Institut der
+Stockholmer medizinischen Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an
+der Lehrerschaft Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, können schon
+seit 15 Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehörden werden, auch als
+Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen Verwendung.
+Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur zugelassen.
+Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste
+juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf die Seite der
+Frauen gestellt, daß sogar ihre Zulassung zum Verwaltungsdienst und zum
+Notarberuf erfolgte,[282] Die Universität, die ihnen erst 1880 eröffnet
+wurde, läßt sie heute zu jedem Studium und zu allen Prüfungen zu, ebenso
+sind die Gymnasien ihnen geöffnet. Apothekerinnen und Aerztinnen,
+Gymnasiallehrerinnen und Schulinspektorinnen sind schon lange eine
+gewohnte Erscheinung. Im Post- und Telegraphendienst befinden sich
+Frauen in Norwegen und Schweden schon seit 1857 resp. 1860.
+
+Dänemark steht hinter den genannten Ländern zurück. Zwar läßt die
+Universität Kopenhagen seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu,
+Aerztinnen sind den Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehörden haben
+weibliche Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und
+der Staat stellt nur selten weibliche Beamte an.
+
+Ein ähnliches Verhältnis besteht in Belgien, wo sogar die Aerztinnen
+ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen können. Besonders gut
+eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und landwirtschaftliche
+Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat dadurch unterstützt wird, daß
+landwirtschaftliche Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und
+Leitung praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen
+heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kämpfen bisher die Frauen
+unter Führung der Juristin Marie Popelin um Zulassung zur
+Advokatur.[283]
+
+Weit größere Fortschritte hat die holländische Frauenbewegung zu
+verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung genießen
+die Frauen genau dieselben Vorteile wie die Männer. Auch die
+Gymnasien besuchen Knaben und Mädchen gemeinsam. Ebenso ist kein
+wissenschaftlicher Beruf ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit
+erfreuen sich die weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Fräulein Dr. von
+Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die
+Universität Utrecht berufen. Unter den drei von der Kommunal-Verwaltung
+Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine Frau, und die
+medizinische Examinationskommission hat seit 1898 auch ein weibliches
+Mitglied. Im Staatsdienst steht außerdem eine Assistentin der
+Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings erst das Ergebnis einer
+sehr langen Agitation gewesen ist.
+
+Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universitätsstudium zuließ, ist ihrem
+frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu geblieben. Zunächst spricht die
+steigende Verwendung von Lehrerinnen dafür: seit 1871 haben sie um 87
+Proz., die Lehrer nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch stärkeren Beweis
+liefert der Umstand, daß die Frauen nicht nur als Schulräte,
+Schulinspektoren, Armenpfleger und,--wenn auch vorläufig in geringem
+Umfang,--als Arbeitsinspektoren thätig sind, sondern daß ihnen auch das
+Recht gewährt wurde, Lehrstühle der Universitäten einzunehmen, sowie
+seit 1899 als Rechtsanwälte zu praktizieren.
+
+Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht verleugnet. Wie im
+Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche Dozenten an den
+Universitäten, die den weiblichen Studenten nie verschlossen waren, und
+in denen sie seit 1890 den männlichen in jeder Beziehung gleichstehen.
+Die Knabengymnasien werden auch von Mädchen besucht, außerdem existieren
+noch besondere Mädchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, von denen das
+erste 1891 vom Kultusministerium in Rom eröffnet wurde. Schon 1868
+stellte der Staat die erste Schulinspektorin an[284]; heute sind doppelt
+soviel Lehrerinnen als Lehrer thätig und wirken sowohl an Knaben- wie an
+Mädchenschulen. Aerztinnen und Apothekerinnen stehen den Männern völlig
+gleich. Nur um die Zulassung zur Advokatur kämpfen die Frauen, seitdem
+Laida Poët, nach glänzend absolviertem Doktorexamen, energisch dafür
+eintrat[285], bis heute ebenso vergebens wie in Belgien, und im
+Staatsdienst stehen, außer den Post- und Telegraphenbeamtinnen, nur
+wenige Frauen.
+
+Unter den romanischen Ländern sind Spanien und Portugal die
+zurückgebliebensten, obwohl auch ihre Universitäten, zum Teil sogar seit
+Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt jedoch an den Mitteln zur
+nötigen Vorbildung. In Spanien sind auch die höheren Berufe den Frauen
+verschlossen, während in Portugal weibliche Aerzte praktizieren
+dürfen.[286] Selbst die Türkei, wo ein Mädchengymnasium besteht,
+gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und ließ
+sie bereits ein Jahr früher zur ärztlichen Praxis zu. Griechenland,
+Serbien und Rumänien gewähren den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf
+fast völlig gleiche Rechte mit den Männern. Rumänien läßt sie zu den
+Lehrstühlen der Universität und zur Advokatur zu.[287] Erklären läßt
+sich diese, für die kulturell im allgemeinen zurückgebliebenen Länder
+merkwürdige Erscheinung dadurch, daß der Zudrang zum Studium und zu den
+wissenschaftlichen Berufen seitens der Männer kein großer ist, und man
+nicht nur die Lücken durch Frauen ausfüllen, sondern auch durch ihren
+Wettbewerb die Leistungen der Männer steigern will. Hierzu kommt, daß
+weibliche Aerzte gerade in muhamedanischen Bevölkerungen, wo die kranken
+Frauen jeder ärztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von Männern
+ausging, einem dringenden Bedürfnis entsprechen.
+
+Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon verhältnismäßig früh
+entschlossen, Aerztinnen anzustellen, obwohl seine Stellung zur
+Frauenbewegung damals noch eine reaktionäre war. 1890 wurde die erste
+Aerztin, Dr. Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere
+folgten. Sie stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den
+männlichen Aerzten völlig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch
+nur auf nicht-österreichischen Universitäten nachgehen. Obwohl bereits
+im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gäste einzelnen Vorlesungen an
+österreichischen Universitäten beiwohnen durften, wurden sie erst seit
+1897 als Studentinnen zu den Vorlesungen und Prüfungen der
+philosophischen Fakultät zugelassen, während sie offiziell weder Medizin
+studieren noch darin geprüft werden konnten. Erst neuerdings ist es
+ihnen ermöglicht worden; es steht sogar zu erwarten, daß das Studium der
+Jurisprudenz ihnen an allen Universitäten gestattet wird. Günstiger
+stellt sich die Frage des Universitätsstudiums der Frauen in Ungarn, wo
+sie 1896 an der Universität Budapest zu allen Fakultäten zugelassen
+wurden.[288] Die Vorbereitung zur Universität ist die Aufgabe einer
+Anzahl privater Mädchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in
+Prag, Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zähe
+Agitation verschiedener Frauenvereine zurückzuführen sind.
+
+Die Berufsthätigkeit der österreichischen Frauen, die sich besonders im
+letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, beschränkt sich trotzdem nur auf
+wenige Berufe. Zwar steht ihnen die ärztliche Laufbahn offen, in Ungarn
+sind sie auch zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden
+sich die meisten erwerbsuchenden Frauen aus bürgerlichen Kreisen noch
+dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich nach
+und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach auch die
+Knabenklassen, weiblichen Lehrkräften anzuvertrauen. Seit
+kurzem--1899--hat Galizien den Anfang gemacht, Frauen auch in den
+Bezirksschulrat aufzunehmen,--ein Vorgehen, das von den übrigen Ländern
+der österreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden dürfte.
+Im Staats- und Gemeindedienst stehen, außer den Volksschullehrerinnen,
+die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren Zulassung erst nach hartem
+Kampf mit den männlichen Kollegen erfolgte, eine Anzahl
+Gerichtssachverständige und Bureaubeamte in untergeordneten Stellungen.
+
+Noch ein Blick auf die außereuropäischen Länder vollende die Uebersicht:
+in Australien genießen die Frauen fast überall die gleichen Rechte auf
+Bildung und Beruf wie die Männer. Sie stehen als Fabrik- und
+Schulinspektoren, als Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als
+Aerzte, Anwälte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien können
+sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in Asien hat die
+Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche Aerzte und
+Rechtsanwälte sind in Indien, dessen Universitäten den Frauen offen
+stehen, keine Seltenheit. Neuerdings nimmt auch die japanische
+Universität Studentinnen auf und die Gründung einer eigenen
+Frauenhochschule steht in Aussicht. Im japanischen Postdienst finden
+Frauen Verwendung. China hat kürzlich ein Mädchengymnasium gegründet und
+an der Universität Peking dozieren weibliche Professoren. Der Negus von
+Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen an ihren Hof
+berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung die Ideen der
+Frauenbewegung.
+
+Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich
+zurückgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, gleichsam wie ein
+dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von der vorgeschrittenen
+Entwicklung der übrigen Länder abhebe.
+
+Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunächst allein durch die
+Organisation der Frauen bezeichnet. Für die deutsche Frau, die mehr als
+irgend eine andere an die Familie, an das Haus gebunden gewesen war,
+erschien die Gründung von Frauenvereinen an sich schon als ein
+bedeutsames Ereignis. Daß es einem Bedürfnis entsprach, bewies das
+zahlreiche ins Leben treten von Verbänden im Anschluß an den Allgemeinen
+deutschen Frauenverein und an den Letteverein. Einesteils drängte das
+von Sorgen und Zweifeln übervolle Frauenherz nach Aussprache,
+andererseits trieben die traurigen Vermögensverhältnisse Tausende auf
+die Suche nach Arbeit. Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die
+Spitze eines Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten,
+deren Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemäßigte Sprache
+führte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein konnte für sich und
+seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen Bahnen" ins Leben rufen, das
+etwas energischer auftrat. Auf eine bessere Ausbildung der Mädchen
+versuchten beide zunächst einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie
+sie in Berlin, Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden[289],
+wurden auch anderwärts eingerichtet, um die Mädchen vor allem zum
+kaufmännischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten ihr Entstehen
+jedoch fast ausschließlich privater Unterstützung. Staat und
+Kommunalverwaltungen verhielten sich ganz ablehnend. Noch schroffer war
+ihre Haltung, sobald die Frage der wissenschaftlichen Erziehung der
+Mädchen an sie herantrat. Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den
+bestehenden Gymnasien gefordert[290]; der Allgemeine deutsche
+Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner
+Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die Gründung
+von Realgymnasien für Mädchen befürwortete. Aber nicht nur außerhalb,
+auch innerhalb des Vereins gab es noch ängstliche Gemüter genug, die um
+die Gefährdung der Weiblichkeit zitterten, oder die Bestrebungen der
+Frauen mit Hohn und Spott überschütteten. Unter den Politikern, wie
+unter den Männern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer
+Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von
+Mädchengymnasien wurde mit Entrüstung zurückgewiesen[291], und Heinrich
+von Sybel machte sich zum Wortführer der Gegner des Frauenstudiums,
+indem er sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort
+von dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein,
+schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der Frauenbewegung
+mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde führen. Ganz blind konnte
+jedoch selbst er nicht an den thatsächlichen Verhältnissen vorübergehen,
+die es vielen Frauen unmöglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu
+erfüllen und so entschloß er sich zu der Inkonsequenz, der
+Unverheirateten wegen, die Einrichtung von naturwissenschaftlichen,
+medizinischen und kaufmännischen Schulen für wünschenswert zu
+erklären.[292]
+
+Eine ähnliche Stimmung zeigte sich überall: man gab die Notwendigkeit
+besserer Mädchenerziehung zu, aber man hütete sich ängstlich, sich
+einzugestehen, wodurch sie verursacht wurde. Charakteristisch hierfür
+waren die Verhandlungen der Töchterlehrerversammlung in Weimar 1872.
+Eine Neuorganisation des höheren Mädchenschulwesens, sogar ihre
+gesetzliche Regelung wurde allgemein gewünscht, die Erwerbsfrage aber
+feige verleugnet und ausdrücklich bestimmt, daß die Mädchenschule die
+Teilnahme an der allgemeinen Geistesbildung den Frauen ermöglichen
+solle, ihre Gestaltung aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des
+Weibes Rücksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein für das höhere
+Mädchenschulwesen, der ein Jahr später ins Leben trat, fußte auf diesen
+Grundsätzen, und als sich im selben Jahre das preußische
+Unterrichtsministerium entschloß, sich mit der Frage zu beschäftigen,
+stellte es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der
+Frauenbewegung insofern eine Konzession, als es erklärte, daß die
+Vorbildung für künftige Berufsarbeit besonderen Einrichtungen
+vorbehalten werden müsse. Solche Einrichtungen zu treffen, sollte jedoch
+ganz der privaten Initiative überlassen bleiben. Eine Ausländerin, Miß
+Archer, war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter
+dem Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der
+Mädchen, die die Schule absolviert hatten, sich wissenschaftlich
+weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre später wurde die Humboldt-Akademie
+in Berlin zu ähnlichem Zweck gegründet, ohne daß beide zunächst
+praktische Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten
+zu keinerlei Prüfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die
+Agitation der Frauen für ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie beschränkte
+sich fast nur auf die Thätigkeit innerhalb der Vereine. Dagegen setzte
+die litterarische Fehde seit Sybels Auftreten ihr Für und Wider lebhaft
+fort. Die streitbare Feder Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger
+Jahre in den Dienst der Frauenbewegung[293], während die milde Luise
+Büchners durch Rücksichtnahme auf Tradition und Vorurteil die Leser zu
+gewinnen suchte[294]. So wurde zwar die Aufmerksamkeit mehr als bisher
+auf die Frauenfrage gelenkt, aber von öffentlichem Interesse war sie
+nicht.
+
+Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine lebhaftere
+Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts der Frauen.
+Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des Allgemeinen deutschen
+Frauenvereins, der außerdem seine Kräfte vielfach verzettelte, wurde der
+Verein Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung
+von Mädchengymnasien und Eröffnung von Universitäten zu
+seinem ausschließlichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die
+Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine Petition
+um Zulassung zu den Maturitätsprüfungen der Gymnasien und dem Studium an
+den Hochschulen versandte. Inzwischen war auch der Allgemeine deutsche
+Frauenverein lebendiger geworden; er reichte im selben Jahre allen
+Kultusministerien Deutschlands ein Gesuch ein, wonach das Studium der
+Medizin, sowie alle Studien und Prüfungen, durch welche die Männer die
+Befähigung zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen
+freigegeben werden möchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten,
+gaben die Stimmung Deutschlands gegenüber den Frauen zu einer Zeit, wo
+sie in fast allen Kulturländern studieren, als Aerztinnen oder
+Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige Staatsämter
+ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: dem Verein
+Frauenbildungs-Reform gegenüber erklärten sich die Einzelstaaten nicht
+kompetent zur Lösung der Frage, der Reichstag aber verwies wieder an
+die Einzelstaaten, und der Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7
+Staaten eine ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung
+kam der Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das
+Recht erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine
+offizielle Prüfungsbehörde examinieren ließ.
+
+Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen unter dem
+Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gründung von Realkursen für
+Mädchen entschloß, aus denen einige Jahre später unter der Leitung von
+Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und
+energischen Agitation war es auch zu danken, daß endlich, 1893, die
+Zulassung zum Abiturientenexamen den Mädchen gestattet wurde. Die
+Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von
+Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schüler
+auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmählich
+entstanden in einer Reihe deutscher Großstädte Gymnasien nach dem Muster
+der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mädchen nur nach der
+absolvierten Töchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von
+großer Bedeutung war es, daß die Stadt Karlsruhe das Gymnasium
+schließlich selbst übernahm, es schien gewissermaßen die öffentliche
+Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Städte
+München und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mädchengymnasien
+selbständig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem
+staatsgefährlichen Beginnen versagt! Der damalige preußische
+Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen
+von einem Flämmchen, das er ersticken müsse, ehe es zur verheerenden
+Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Rußland
+schon 30 Jahre lang staatliche Mädchengymnasien besaß, und China im
+Begriffe stand, das erste zu gründen! Daß die Haltung der Regierung und
+der Volksvertretung gegenüber der Forderung der Zulassung der Frauen zu
+den Universitäten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung
+dafür keine Unterstützung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die
+erste Petition um Freigabe des ärztlichen Studiums im deutschen
+Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionärer Akt
+betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche
+Sittsamkeit", wurden mit großem Aufwand an Pathos ihr gegenüber
+verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit
+nachdrücklichem Ernst für die Sache der Frauen ein[295],--gefährliche
+Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die
+Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die
+Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter
+liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb
+dasselbe: die Wünsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur
+Tagesordnung erledigt.[296]
+
+Seitdem hat eine Aenderung der Verhältnisse sich im stillen vorbereitet.
+Die Universitäten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen,
+zunächst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen
+Weibe"--wesentlich Ausländerinnen, von denen einige sogar deutsche
+Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die
+Erfahrungen, die man machte, mußten keine schlechten sein, denn, obwohl
+die Aufnahme weiblicher Hörer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing,
+steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar ließen, im
+Unterschied zu anderen Ländern, Professoren aller Fakultäten, auch der
+theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen
+Wert besaß ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und
+nicht geprüft wurden. Erst im Jahr 1899 beschloß der Bundesrat die
+Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und
+pharmazeutischen Staatsprüfungen. Gegenwärtig hat er auf Antrag des
+Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugeständnisse zu machen,
+indem ihnen die Studienzeit auf ausländischen Universitäten,--auf die
+sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen
+abschließen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprüfung voll
+angerechnet werden soll. Das ist für Deutschland ein großer Fortschritt,
+auch wenn man in Betracht zieht, daß in Italien schon seit zehn Jahren
+weibliche Dozenten der Medizin Lehrstühle der Universitäten bekleiden,
+Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Türkei gar um fünf Jahre
+voraus ist, und in Rußland schon seit nahezu 18 Jahren die
+Staatsprüfungen den Frauen offen stehen.
+
+Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen
+Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewährten ihnen
+volles akademisches Bürgerrecht.
+
+Nach alledem sind die deutschen Töchter der Bourgeoisie auf folgende
+Bildungsmöglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten
+580 höhere Mädchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 höheren
+Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preußischen
+Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17
+staatlich. Sie können ferner Mädchengymnasien, die, bis auf eins, unter
+privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung
+finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in
+Deutschland 114 Seminare zur Verfügung. Charakteristisch ist, daß in
+Preußen allein 112 Staatsseminare für Männer und--10 für Frauen gezählt
+werden. Das Oberlehrerinnenexamen können sie auf Grund ihrer Studien am
+Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Göttingen
+eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitäten
+können sie mit gleichen Rechten wie die Männer studieren und nur das
+medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell überall offen. Die
+staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht
+anders als die Mehrzahl der Universitäten.
+
+Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung
+weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast
+ausschließlich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen
+verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach
+dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen für Frauen entstanden.
+
+Das trübe Bild, das wir entwerfen mußten und das auf einen
+außerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schließen läßt, wird
+noch um vieles trüber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung für das
+Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst übergehen.
+
+Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im
+Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezügliche
+erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des
+Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich
+fünf Jahre später, unter Führung des Staatssekretärs von Stephan
+wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum
+Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung
+überwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um
+Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war
+ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken,
+und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die
+Erwerbsmöglichkeiten in eingehende Erwägung gezogen. Der Börsenkrach von
+1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mädchen dazu, sich
+nach einem Beruf, der sie ernähren konnte, umzusehen. Man petitionierte
+bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von
+Lehrerinnen, man gründete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen
+Stipendienfonds, um arme Mädchen im Ausland studieren zu lassen, man
+sprach zum erstenmal davon, daß Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-,
+Armen- und Arbeitshäusern, in Gefängnissen und bei der Sittenpolizei
+Verwendung finden müßten, ohne natürlich den geringsten positiven Erfolg
+zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen"
+Mädchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein
+angenehmes und besonders einträgliches sei".[299] Thatsächlich wandten
+sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie
+Arbeiten zu, die ihnen für Haus und Familie schon gewohnt waren und die
+sie nun ernähren, oder--der häufigste Fall--ihre finanzielle Lage
+verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das
+Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entriß, sympathisch; kämpfte
+er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon
+lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich
+weniger Vorurteil und Sentimentalität, als Konkurrenzfurcht.--Die
+Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein für
+das höhere Mädchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere
+Kreise. Die Männer wollten die Thätigkeit des weiblichen Erziehers
+womöglich nur auf die Elementarfächer beschränken, während die Frauen,
+gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen,
+und den ganzen Mädchenunterricht in die Hände bekommen wollten, indem
+sie sich natürlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und
+wie die schönen Worte alle heißen, die dem Deutschen besonders geläufig
+sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein für höhere
+Mädchenschulen darum petitionierte, daß die Leitung solcher
+Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem
+Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in
+der Mittel- und Oberstufe hauptsächlich den Frauen überlassen werden
+sollte. Erst nach fast zwanzigjährigem Kampf bestimmte das preußische
+Kultusministerium die stärkere Verwendung weiblicher Lehrkräfte und die
+Anstellung von Oberlehrerinnen für die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war
+großenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken,
+die sich unter Leitung von Fräulein Helene Lange 1890 zu einem Verein
+zusammengeschlossen hatten, der heute über elftausend Mitglieder zählt.
+Trotz seiner numerischen Stärke, die allerdings zu der Gesamtzahl der
+deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mißverhältnis steht, ist die
+Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der
+noch dadurch beeinträchtigt wurde, daß die Wünsche der Männer von der
+Regierung insofern Berücksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht
+selbständige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als
+oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.
+
+Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition
+für sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen
+Bourgeoisie der Aerztin gegenüber. Sie konnte zwar, dank der
+Gewerbefreiheit, nicht an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden,
+aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede öffentliche
+Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch ständig der Gefahr
+ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot
+gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl
+wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und
+die Gleichstellung der weiblichen mit den männlichen Aerzten wünschten.
+Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die
+Regierung sowohl als die Majorität des Reichstags sprach sich gegen sie
+aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser
+Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rückhaltlos auf die
+Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche
+Liberalismus seinen revolutionären Geist und seine demokratischen Ideen
+so sehr eingebüßt, daß er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und
+mehr der Sozialdemokratie überließ. So kam es, daß zu einer Zeit, wo die
+Frage der Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf in Amerika, England,
+Frankreich, Rußland und Oesterreich soweit entschieden war, daß sie
+sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lösung zu
+Gunsten der Frauen wie ein revolutionärer Akt gefürchtet wurde. So kam
+es aber auch, daß die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden"
+Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose
+von ihren Vätern, Männern und Brüdern abhängige Frauen sich entweder
+ganz von ihr zurückzogen, oder so vorsichtig und zurückhaltend in ihren
+Wünschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets
+gewesen ist.
+
+Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes
+gegründete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so bürgerlich ängstlich
+er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an
+der großen Organisation--er umfaßt heute 131 Vereine--einen Rückhalt
+hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger
+herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafür ist die Haltung der
+Aerzte gegenüber den Ansprüchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren
+Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der
+die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne
+weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie
+die Verhältnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu
+unterstützen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die
+Verhandlungen und Beschlüsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden
+1898, wo im Anschluß an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material
+beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur ärztlichen
+Berufsthätigkeit Beschluß gefaßt wurde,--im selben Jahr, als der große
+englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner
+Präsidentin erwählte! Einen ähnlichen, in schroffster Form ausgedrückten
+Beschluß faßte zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, während
+ein Jahr früher der belgische Pharmazeutenkongreß zu Mons genau das
+Gegenteil erklärt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule
+für Frauen gründete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche
+Apotheker thätig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte
+sich der Kongreß deutscher Zahnärzte, eine Berufskollegin als
+Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner ärztliche Standesverein
+denunzierte den Hilfsverein für weibliche Angestellte, weil er es gewagt
+hatte, für seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen.
+Infolgedessen befahl das Polizeipräsidium die Streichung der Aerztinnen
+aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten,
+nicht auszusterben, erließen die Kliniker in Halle einen fulminanten
+Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung
+von Frauen an klinischen Vorlesungen; schließlich kamen diese Ansichten
+im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische
+Sachverständigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen
+Geschlechts zum ärztlichen Beruf noch nicht für spruchreif
+erklärte--nachdem seit über zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika,
+Australien, England, Rußland praktizierten, und der Negus von Abessinien
+und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus
+waren, daß sie Leib- und Hausärztinnen ernannten.
+
+Diese lächerlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung,
+vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland
+thätigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Fräulein Dr.
+Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer großen Praxis. Die
+Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren
+Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung
+1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, daß ihre
+Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine
+Anzahl Aerztinnen in Krankenhäusern und Sanatorien. Kürzlich hat auch
+die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit
+einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegründete und
+geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitälern
+Amerikas und Englands, aber sicher eine günstige Entwicklung haben wird.
+Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprüfungen dürfte die
+Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelöst sein.
+
+Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der
+Berufsthätigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie
+im Lichte der ausländischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden
+hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt,
+den bisher Männer zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen
+machen den Versuch mit der Beschäftigung von Armen- und
+Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der
+höheren Mädchenschule berufen; auch in städtischen Arbeitsvermittlungen
+sind zuweilen Frauen thätig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-,
+Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefängnisaufseherinnen in
+untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverständige und
+Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der
+Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an
+Universitätsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thätig. Weit
+wichtiger ist die nach langer hartnäckiger Agitation endlich erfolgte
+Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern,
+Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schließlich auch in
+Preußen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den
+Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der
+Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten
+unterstützte Forderung mit Gelächter aufgenommen, etwas später entschloß
+man sich zu ernster Erörterung, begründete aber die ablehnende Haltung
+mit den--Mißerfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders
+in Amerika, während ihre Existenz in Frankreich überhaupt angezweifelt
+wurde. Als schließlich auch die Liberalen der Sache Verständnis
+entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekämpft, als gelte
+es, die Grundlagen des Staates zu schützen. Man sprach sogar von Seiten
+der Regierung die Befürchtung aus, die weiblichen Beamten könnten zu
+sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im sächsischen Landtag
+erklärte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre
+Anstellung für verletzt, und als im März 1899 die Frage dem preußischen
+Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont,
+daß nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall
+selbständig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen
+werden dürfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung
+getroffen.
+
+Einen etwas günstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung
+der Berufsthätigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition
+geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher für die
+einzelnen mehr eine Opferthat religiöser Gesinnung, als ein aus Gründen
+des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den
+modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes,
+als, in noch höherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den
+Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiöser
+Engherzigkeit befreite Thätigkeit.[302] Aber das Odium christlicher
+Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest
+an, daß er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei
+eine Aufgabe alles persönlichen Behagens fordert, der nur wenige
+gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz für viele. Erst
+eine völlige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz
+verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und würde viele brach
+liegende Frauenkräfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lösung der
+Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine
+Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.
+
+Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in
+Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lösen
+geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl
+in rapider Zunahme begriffen und sie bewähren sich so sehr, daß ihre
+Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer häufigere
+ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte
+in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der
+Rechtsanwälte und der großen Industriellen. Zumeist aber erklärt sich
+ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedürfnissen der
+Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, daß sie ihren
+männlichen Berufsgenossen gegenüber als Lohndrücker ausgespielt werden.
+Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben,
+fällt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht.
+
+So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfspräparatoren, in
+einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker
+thätig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu
+nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in großen
+Werkstätten Anstellung fanden, oder selbständig als Kunststicker,
+Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Gärtner, Obst- und
+Gemüsezüchter finden Frauen eine lukrative Berufsthätigkeit. Ebenso sind
+weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine
+Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur
+Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen eröffnet,
+indem sie in immer größerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist
+weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog.
+Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber
+eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befähigung der Frauen.
+Vorteilhafter für sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus.
+Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als
+Kriegskorrespondentinnen großer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als
+Leiterinnen politischer Blätter thätig zu sein, ihre Mitarbeit
+beschränkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der
+Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften,
+aber ihrem Einfluß ist der Umschwung in der Stimmung gegenüber der
+Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von
+wesentlicher Bedeutung hierfür ist es jedoch, daß auch die deutschen
+Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethätigen, und durch ihre
+Leistungen dem Gegner Achtung abnötigen. Während bis vor nicht allzu
+langer Zeit selbst die Führerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an
+Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der
+oft geradezu verblüffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts
+an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben
+Arbeiten über die rechtliche sowohl wie über die soziale Lage des
+weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer
+Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch
+verraten, daß sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schoßkind gerade
+der deutschen Frauen, endgültig gebrochen haben. Auch das Prinzip
+ängstlicher Zurückhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung
+kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berührung mit
+dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich
+im Anschluß an den internationalen Frauenbund bildete,--die
+Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen
+Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von
+belebendem Einfluß. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit
+ihren Peitschenhieben auch die Trägsten vorwärts treibt.
+
+
+
+
+2. Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung.
+
+
+Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt zeigt, sowohl in
+Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf seinen
+gegenwärtigen Stand, in den verschiedenen Ländern eine auffallende
+Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem Mittelalter einzelne
+Vorläufer gefunden hat, setzt er um die erste Hälfte des 19.
+Jahrhunderts überall ein und wird in der zweiten Hälfte aus einer Art
+Guerillakrieg zu einem überlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die
+von Jahr zu Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, außer
+dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domäne des
+männlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind überall, hier etwas
+langsamer und dort etwas rascher, im Vordringen begriffen, dem bisher
+keine noch so heftige Gegnerschaft Einhalt gebieten konnte.
+
+Diese gleichmäßigen Erscheinungen müssen demnach auf gleiche Ursachen
+zurückzuführen sein.
+
+Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu erklären,
+pflegt darin zu bestehen, daß in der Mehrzahl der Kulturländer das
+weibliche Geschlecht das männliche an Zahl überragt, und die Ehe, die in
+den bürgerlichen Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet,
+von vornherein für viele unerreichbar ist. Diese Begründung erweist sich
+insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so mehr die treibende
+Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je größer der Frauenüberschuß
+des betreffenden Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:[307]
+
+Länder Zählungsjahr Weibliche
+ auf
+ 1000 männliche
+
+Deutschland 1890 1040
+Oesterreich 1890 1044
+Schweiz 1888 1057
+Niederlande 1889 1024
+Belgien 1890 1005
+Dänemark 1890 1051
+Schweden 1890 1065
+Norwegen 1891 1092
+Großbritannien und Irland 1891 1060
+Frankreich 1891 1007
+
+In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in erster
+Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in bürgerliche
+Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf 1000 Männer 953 Frauen.
+Betrachten wir Nordamerika aber genauer, so zeigt es sich, daß die
+Frauenbewegung in den Oststaaten, wo auf 1000 Männer 1005 Frauen gezählt
+werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren
+energischsten Ausdruck gefunden hat, während die westlichen Staaten, wo
+1000 Männern nur 698 Frauen gegenüberstehen, von ihr nur leise berührt
+werden.
+
+Dem Argument des Frauenüberschusses haben manche Gegner der
+Frauenbewegung die Thatsache gegenübergestellt, daß die gezählte
+Bevölkerung der Erde einen Männerüberschuß aufweist. Soweit sie sich
+überhaupt statistisch feststellen läßt, ist die Verteilung der
+Geschlechter folgende:[308]
+
+Erdteile Männliche Weibliche Weibliche
+ auf
+ 1000 männliche
+
+Europa 170818561 174914119 1024
+Amerika 41643389 40540386 973
+Asien 177648044 170269179 958
+Australien 2197799 1871821 852
+Afrika 6994064 6771360 968
+Zusammen 399301857 394366865 988
+
+Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser
+Berechnung--Millionen können statistisch gar nicht erreicht
+werden--kommt es bei der Beurteilung dieser Frage weit weniger auf große
+allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf an, wie das Verhältnis der
+Geschlechter in den einzelnen Ländern sich stellt. Ist es schon für die
+überzähligen Frauen Europas ein schlechter Trost, daß es in Australien
+oder Asien überzählige Männer giebt, so ist auch z.B. den Frauen von
+Rhode Island, von denen 1078 auf 1000 Männer kommen, wenig geholfen,
+wenn in den Oststaaten das umgekehrte Verhältnis besteht, oder denen der
+niederländischen Kolonieen im westindischen Archipel, die gar um 263 auf
+1000 die Männer überragen, wenn man sie auf die überzähligen Asiaten
+verweisen wollte. Es kommt aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher
+ganz unbeachtet blieb und gerade im Hinblick auf die bürgerliche
+Frauenfrage schwer ins Gewicht fällt: das ist die Frage, aus welchen
+sozialen Schichten der Bevölkerung sich der Männer- oder Frauenüberschuß
+zusammensetzt. Es ist klar, daß bei den heutigen, aus den Gegensätzen
+zwischen Arm und Reich herrührenden Unterschieden in Bildung und
+Lebensgewohnheiten die etwa überzähligen Töchter der Bourgeoisie nicht
+auf die vielleicht gleichfalls überzähligen Söhne des Proletariats als
+künftige Ehegatten rechnen können. Die Statistik läßt uns hierbei
+freilich im Stich, denn die Volkszählungen fragen nicht nach der
+sozialen Herkunft der Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an
+Anhaltspunkten, um die Behauptung, daß der Frauenüberschuß in der
+Bourgeoisie im Verhältnis ein größerer ist, als der der Frauenwelt im
+allgemeinen, nicht als völlig aus der Luft gegriffen erscheinen zu
+lassen.
+
+Schon die bloße Beobachtung lehrt, daß die Familien der unteren
+Bevölkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der
+oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau
+vorgenommen wurden, bestätigten es. So stellte Bertillon für 20
+Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit
+und der Geburtenhäufigkeit fest und fand, daß auf je 1000 Frauen
+zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevölkerung durchschnittlich
+108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der
+reichen 53 und der sehr reichen 34 jährliche Geburten kamen[309]; es hat
+sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rückgangs
+der französischen Bevölkerung besonders bemerkenswert,--daß ihr Zuwachs
+in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und
+der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu
+verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen über
+das Geschlecht der Kinder keinen Aufschluß, dagegen hat man in Sachsen
+für einen zehnjährigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen
+Kindern auf ca. 1 Million Mütter festgestellt, daß die fruchtbarsten
+Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche
+Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so läßt sich doch
+vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie
+unterstützt, der Schluß daraus ziehen, daß die kinderreichen unteren
+Bevölkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen,
+daß also der Frauenüberschuß in den bürgerlichen Kreisen ein größerer
+ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden
+z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen großen Ueberschuß an
+Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das männliche Geschlecht
+überwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in
+Elsaß-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Männer.[312] Für die
+Verheiratbarkeit der Töchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch
+ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, daß der Männerüberschuß
+lediglich auf die starke Industriebevölkerung und die vielen Soldaten
+zurückzuführen ist. Ein ähnliches Verhältnis weist Nordamerika auf,
+dessen Männerüberschuß--953 Frauen auf 1000 Männer--auf den ersten Blick
+zu der Annahme verführt, als müßte seine Frauenbewegung anderen als
+wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitären, wie
+viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch außer acht
+gelassen, daß die große Zahl der Männer der Einwanderung zu verdanken
+ist und daß diese Einwanderer zum größten Teil Handwerker, Landleute,
+Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist,
+daß, trotz des allgemeinen Männerüberschusses, in der Bourgeoisie ein
+Frauenüberschuß besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine
+beschränkte bleibt.
+
+Nach alledem scheint es klar zu sein, daß, selbst wenn auf der ganzen
+Erde eine annähernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden
+könnte, die bürgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelöst sein
+würde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete
+Jungfernfrage auch in solchen Ländern besteht, wo ein Ueberschuß an
+Männern konstatiert wurde.
+
+Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, daß eine Gegenüberstellung
+der Geschlechter allein nicht genügt, um die Verheiratbarkeit
+festzustellen, sondern die Gegenüberstellung der Heiratsfähigen dazu
+notwendig ist. Berechnen wir zunächst beide Geschlechter nach gleichen
+Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu müssen, 20
+Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich
+folgendes[314]:
+
+Auf 1000 männliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen:
+
+Deutschland 1034
+Oesterreich 1047
+Schweiz 1080
+Niederlande 1029
+Belgien 987
+Dänemark 1102
+Schweden 1096
+England und Wales 1093
+Schottland 1104
+Irland 1062
+Frankreich 1003
+
+Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen.
+Denn, da das Heiratsalter der Männer in den meisten Ländern erst mit dem
+25. Jahre beginnt und später schließt, als das der Frauen[315], so müßte
+man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge
+der großen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach
+den Nationalitäten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Männer im
+Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenüberstellen
+Leider müssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Länder
+beschränken, weil die Bevölkerung nicht durchweg, wie es wünschenswert
+wäre, nach fünfjährigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist
+dieses[316]:
+
+ Männer Frauen Auf 1000 Männer
+Länder 25-45 Jahre 20-40 Jahre kommen Frauen
+
+Deutschland 6229564 7272025 1167
+Oesterreich 3147188 3638396 1154
+Frankreich 5420922 5743177 1069
+
+Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhältnissen ist
+es klar, daß bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die
+_Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene
+bleiben muß, weil es stets mehr Frauen über 20 als Männer über 25 Jahren
+giebt_.
+
+Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die
+Heirat eine Versorgung finden können, sondern vielmehr darum, welcher
+Prozentsatz von ihnen thatsächlich heiratet.
+
+Die letzten Zählungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen:
+
+Länder Zählungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent
+ Frauen Frauen
+ 15 u.
+ darüber
+
+Deutschland 1895 16531748 8398607 50,80
+Oesterreich 1891 9353260 4022202 43,00
+Frankreich 1891 12359544 7656679 61,95
+England 1891 9848981 4916449 41,71
+Vereinigte Staaten 1890 19602178 11126196 56,76
+
+Wir sehen daraus, daß zur Zeit der betreffenden Zählung circa die Hälfte
+heiratsfähiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese
+Thatsache hat die bürgerliche Frauenbewegung vielfach als
+Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden
+erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den
+Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschluß. Denn ganz abgesehen
+davon, daß ein großer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von
+ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch
+eigenes Vermögen, Pension oder dergleichen sich erhält, kann ein
+beträchtlicher Prozentsatz der Mädchen noch darauf rechnen, zu heiraten,
+um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Männer sondern auch auf
+die Witwer zählen können, die bekanntlich sehr häufig zu einer zweiten
+Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen
+viel näher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge
+faßt, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit
+überschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen
+ergeben hat, daß für Frauen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten
+haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so können
+wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das
+Ergebnis ist dies:
+
+Länder Unter 100 weibl. Personen
+ von 40 und mehr Jahren
+ sind ledig
+
+Deutschland 10,7
+Oesterreich 15,6
+Frankreich 12,7
+Großbritannien und Irland 14,0
+Belgien 17,6
+Niederlande 13,5
+Schweiz 18,3
+
+Damit aber können wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, daß es
+bis zu vierzig Jahren noch eine große Zahl Mädchen giebt, die nicht
+heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir müssen
+vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die
+Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen
+berücksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt früher heiraten als die
+Männer, eine längere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten
+Male heiraten, so ist es natürlich, daß es eine große Zahl Witwen giebt,
+zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen
+sind folgende:
+
+Länder Frauen Auf 100 Frauen über
+ 15 Jahren sind Witwen
+
+Deutschland 2208579 13,36
+Oesterreich 1001136 10,70
+England 1124310 11,40
+Frankreich 2060778 16,67
+Vereinigte Staaten 2226510 11,30
+
+Wir müssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der
+gerade für die bürgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die späten
+Heiraten. Nach einer preußischen Statistik[317] heiraten Mädchen in
+bürgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem
+gegenüber auch behauptet werden kann, daß die Berufsthätigkeit die
+Heirat hinausschiebt, so muß andererseits doch auch betont werden, daß
+die späten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher können auch, soweit
+nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne
+weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen,
+weil thatsächlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren.
+
+Auf Grund der bisherigen Erörterungen sind wir zu dem Resultat gekommen,
+daß eine große Zahl von Frauen nicht heiraten können, weil es an Männern
+fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen
+Männer keine große, ist. Für die künftige Entwicklung der Frauenfrage,
+der bürgerlichen insbesondere, ist es nun aber von größter Bedeutung, ob
+eine Aussicht vorhanden ist, daß zwei ihrer Ursachen,--der
+Frauenüberschuß und die Heiratsunlust der Männer,--verschwinden oder in
+ihren Wirkungen abgeschwächt werden können. Da entsteht zunächst die
+Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.
+
+Die feststehende Thatsache eines Knabenüberschusses bei der Geburt, 106
+Knaben auf 100 Mädchen, hat viele[318] zu der Annahme verführt, als
+bestände ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben
+gesehen, daß schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der
+Geschlechter dem widerspricht. Für den vorhandenen Frauenüberschuß ist
+jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhältnissen der
+Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich für das letzte
+Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaßen gestaltet[320]:
+
+ Setzt man die männliche Sterbe-
+ Männer Frauen ziffer = 100, so ergeben sich
+ für die weibliche Sterbeziffer:
+
+Italien 26,2 25,6 98
+Frankreich 23,6 21,6 92
+Schweiz 21,3 19,5 91
+Belgien 21,9 19,8 90
+Niederlande 20,8 19,2 92
+Deutschland 25,0 22,5 90
+Oesterreich 29,8 26,8 90
+Ungarn 33,7 32,2 96
+England und Wales 20,6 17,8 89
+Schottland 19,6 18,7 95
+Irland 18,4 18,5 100,6
+Schweden 17,8 16,7 91
+Norwegen 18,3 16,5 91
+Dänemark 19,7 18,3 93
+Finland 22,2 20,4 92
+Massachusetts 20,7 19,0 92
+Connecticut 20,5 18,7 91
+Rhode Island 20,4 19,0 93
+Japan 21,7 21,1 97
+
+Die größere Sterblichkeit der männlichen Säuglinge vor den weiblichen,
+die längere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene
+Mädchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100
+gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108
+Männer,--scheint für die stärkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von
+einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, daß die Männer sowohl als
+Soldaten wie als Erwerbsthätige im allgemeinen größeren Gefahren
+ausgesetzt sind, als die Frauen und daß sie infolge ihrer
+Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenuß u.
+dergl.,--zerstörenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter
+den gegenwärtig herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen, die die
+Intensität des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend
+auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit
+der Männer nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen
+Erwerbsthätigkeit eher eine Annäherung der Sterbeziffern beider
+Geschlechter möglich.
+
+Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen
+sie sich folgendermaßen dar[321]:
+
+Auf 100 Einwohner heirateten
+
+ 1841/50 1881/90
+
+Schweden 7,27 6,26
+Norwegen 7,78 6,52
+Dänemark 7,87 7,33
+Finland 8,15 7,32
+England 8,05 7,47
+Niederlande 7,41 7,08
+Belgien 6,79 7,07
+Deutsches Reich 8,05 7,77
+Westösterreich 7,71 7,50
+Galizien 9,54 8,50
+Frankreich 7,94 7,38
+
+Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich die
+Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. Umfassen die
+Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind natürlich auch die Differenzen
+geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur
+Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschluß, daraufhin ein
+durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu
+wollen[322], und es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses
+Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. Nicht nur, daß das
+Heiratsalter der Männer in bürgerlichen Kreisen sich immer weiter
+hinausschiebt,--in Preußen beträgt es bei den Berufslosen
+durchschnittlich 41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die
+Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch
+in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt sich das statistisch nicht
+feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach
+sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung über die
+Bevölkerung Kopenhagens kommen auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen
+nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf
+diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; über die
+Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch
+hier nichts, sie läßt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der
+allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo
+eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie allein auf
+Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein,
+während die Eheschließungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme
+befinden. Und hier stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied
+zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der
+Proletarier heiratet früh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die
+Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die
+Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste
+Mitgift; der Mann aus bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer,
+weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen
+Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das
+Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen
+würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Maß des höheren
+Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefördernd"[326], im
+Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann,
+scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die
+Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu
+erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine
+Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhältnissen
+verzettelt hat, je unfähiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des
+Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurücktreten. Der
+moderne junge Mann der bürgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier,
+Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein--hat aber gewöhnlich nur ein
+Einkommen, das kaum ihm persönlich ein standesgemäßes Leben sichert, und
+es gehört mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die
+Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein
+Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in jeder Beziehung
+bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer und billiger, als es das
+eheliche Leben sein würde, das ihm überdies, wenn er Umschau hält unter
+seinen verheirateten Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen
+wird. Auch seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld befriedigen;
+setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als
+eheliche kosten würden, er trägt keine Verantwortung für ihr Fortkommen
+und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt
+heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den
+bitteren Grund der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und
+Pflege bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der
+bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die Eheschließung
+immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedürfnissen in
+größtem Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig die
+Familiengründung, indem er Reisen und häufigen Ortswechsel nach sich
+zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit
+abhängig ist. Aber die Schuld,--wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen
+wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an
+dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Männer.
+
+In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von
+fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die Erziehung
+der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten
+Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie können weder geistig
+gleichstehende Gefährtinnen, noch gute Hausfrauen und Mütter werden; sie
+sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflächlichen
+Schulkenntnissen und traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr
+niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den Mann
+Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die Haremsfrauen für die
+Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu
+erhöhen.
+
+Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der Söhne an den
+Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit für sie,
+sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein
+preußischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75
+bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30.
+Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt für die Mitgift der
+Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr
+und mehr, während ihre Ansprüche schon unwillkürlich durch die
+Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr
+Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste
+Not vor der Thür. Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein
+preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis höchstens 4000
+Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jährlich
+pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag
+von--216 Mk. und dem Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur
+die Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 und
+20000 Mk. gewöhnt war[328]; das Waisengeld beträgt 1/5 der
+Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder,
+entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, zu erziehen. In
+demselben Verhältnis bewegen sich die für Beamte, deren Witwen und
+Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, daß auch der
+kaufmännische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage
+befindet, da er mehr und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb
+zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum großen Teil die
+abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, und ihr zunehmendes Eindringen
+in die Erwerbsarbeit.
+
+So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der Heiratsfrequenz, der in der
+Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, die Zunahme
+der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft
+weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung,
+insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der
+einzige.
+
+Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte,
+sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine
+Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin,
+wenn auch oft aus anderen Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht
+gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen,
+der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren
+brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je
+mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als
+Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die
+Zentralheizung, die Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren
+im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine
+unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der öffentliche
+Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre
+hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womöglich von dem geistig und
+körperlich korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der
+Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre Zeit zurück, das
+sich dadurch noch vermehrt, daß die Berufsarbeit und die politischen
+Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause führen. Ueber diese
+Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich
+gegenüberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht
+ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer
+unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens.
+Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter haben die Wahl, ihre Zeit mit
+Vergnügungen totzuschlagen oder sie mit nützlicher Thätigkeit
+auszufüllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden
+sie sie in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis
+entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun eine
+ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem Wunsche nach einer
+geregelten Berufsthätigkeit führt. So läßt sich mit Recht behaupten, daß
+die Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard
+von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein würde, daß vielmehr
+der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der
+sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer
+sichert, eine um so längere, als das steigende Mißverhältnis zwischen
+Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen anfängt, für den Erwerb
+zu arbeiten.
+
+Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die
+Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der
+Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden
+notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in
+alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres
+Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum,
+festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses
+Tempo im Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst von
+der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit ab, so
+ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes Verhältnis der
+erwerbsthätigen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung:
+
+Länder |Zählungs-|Gesamtbevölkerung|Erwerbsthätige |Von 100
+ |periode | |Bevölkerung |Männern resp.
+ | | | |Frauen sind
+ | | | |erwerbsthätig
+ | |-----------------+----------------+------+------
+ | |Männer |Frauen |Männer |Frauen |Männer|Frauen
+-----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------
+Vereinigte | | | | | | |
+Staaten | 1880 |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74
+Vereinigte | | | | | | |
+Staaten | 1890 |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81
+England u. | | | | | | |
+Wales | 1881 |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53
+England u. | | | | | | |
+Wales | 1891 |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87
+Frankreich | 1881 |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84
+Frankreich | 1891 |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03
+Deutschland| 1882 |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02
+Deutschland| 1895 |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94
+Oesterreich| 1880 |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40
+Oesterreich| 1890 |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16
+
+Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den Zeitraum von
+1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:
+
+Länder | Männer | Frauen
+ |---------------------+---------------------
+ |absolute|Zunahme |absolute|Zunahme
+ |Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten
+------------------+--------+------------+--------+------------
+Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64 | 1267414| 47,88
+England und Wales | 1099598| 12,38 | 612312| 15,22
+Frankreich | 640413| 6,10 | 157480| 3,11
+Deutschland | 2116426| 15,78 | 1036833| 18,71
+Oesterreich | 956600| 14,02 | 1556386| 33,19
+
+Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir
+feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthätigen zu der der
+männlichen in den bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu
+folgendem Resultat:
+
+Länder |Zählungs-|Die erwerbstätige |Von 100
+ |periode |Bevölkerung |Erwerbstätigen
+ | | |waren
+ | |--------------------------+--------------
+ | |im ganzen|Männer |Frauen |Männer|Frauen
+------------------+---------+---------+--------+-------+------+-------
+Vereinigte Staaten| 1880 | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22
+ " " | 1890 | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90
+England u. Wales | 1881 | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41
+ " " " | 1891 | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91
+Frankreich | 1881 | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41
+ " | 1891 | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80
+Deutschland | 1882 | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76
+ " | 1895 | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75
+Oesterreich | 1880 | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67
+ " | 1890 | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53
+
+Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich
+folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß die Frauenarbeit
+im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung durchschnittlich um
+2,86 Proz., die Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist.
+Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, daß der
+Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat
+Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die weibliche Erwerbsthätigkeit um
+9,76 Proz. zugenommen haben soll, während die betreffende Zahl für
+Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07
+Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. und für
+Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der
+österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen
+werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen
+zurückführen läßt, so müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von
+1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder die von 1890
+bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung,
+enthält. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu
+gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der
+Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13
+Proz., und die Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis,
+das zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr beruhigen
+dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den großen Frauenüberschuß
+zurückzuführen. Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche
+Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen zurückbleibt und wo die
+weiblichen Erwerbsthätigen im Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die
+männlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.
+
+Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der
+nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen
+eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung seine Ursache hat und
+dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den
+größeren Wohlstand der Bevölkerung zurückzuführen ist,--wenn nicht die
+Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld trägt,--zeigt es
+sich, daß die Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den
+betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des
+männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevölkerung, so
+zeigt sich, daß, während die männliche Bevölkerung durchschnittlich um
+13,77 Proz., die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, die
+weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthätigen
+um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der
+Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es
+in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies
+Verhältnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in
+welchem Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit beteiligt
+sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenüber den hohen
+Zahlen anderer Länder wenig ins Gewicht fällt, wächst der Anteil der
+Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der
+alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er außerordentlich
+gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da
+nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden
+stetig wächst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur
+Arbeit genötigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die
+etwa gar durch äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, überhaupt
+nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit
+in den anderen gedrängt werden, ihre Entwicklung aber ist eine
+gesetzmäßige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.
+
+Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus
+dem Bereich der weiblichen Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen,
+der die bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den
+liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf große
+Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptsächlich darum, die Zahl von
+erwerbsthätigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie
+hervorgegangen sind und hierfür fehlen, da an eine Feststellung der
+sozialen Herkunft der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher
+so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen
+Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß
+Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte
+aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht das für
+Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen,
+Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese
+Berufe aus Gliedern bürgerlicher und proletarischer Schichten zusammen.
+Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner
+Hilfsverein für weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt
+wurde[329], verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den
+kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, daß 84 Proz.
+des kaufmännisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals,
+und 66 Proz. der Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses
+Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der
+Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite
+umfaßt und das Verhältnis in den Provinzstädten und unter den
+Nichtorganisierten ein anderes sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit
+nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zählungen der verschiedenen Länder
+das zulassen,--die Verkäuferinnen aus dem Kreis der bürgerlichen
+Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmännisch gebildete
+Personal vollständig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa
+aus proletarischen Schichten stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen
+ersetzt werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen
+darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbständigen
+erwerbsthätigen Frauen. Ein großer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu
+denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und
+wirklich selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind
+vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs
+die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt
+der Frauenfrage völlig belanglos. Um so bedeutsamer wäre es jedoch,
+ließe es sich ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch
+festzustellen, die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne
+gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur Künstler,
+Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker können ohne weiteres
+berechnet und in die Kategorie der bürgerlichen Erwerbsthätigen
+einbezogen werden; im allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich
+auf Grund der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen,
+daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme
+begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn dabei die Betriebszählungen
+zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den
+Selbständigen von den bürgerlichen zu sondern.
+
+Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder gestaltet
+sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen thätigen Frauen für
+eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die
+Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in
+Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug
+auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der
+Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden müßten.
+
+Nach alledem steht es fest, daß die statistische Umgrenzung der
+bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit
+machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr
+geben dürfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich
+nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszählungen
+entnommen habe, folgendermaßen dar.
+
+Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte
+ |land | reich | | u. Wales |Staaten
+-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
+1. Beamte und | \ | | | |\
+ Bureauangestellte | } | | | | }
+ im Staatsdienst | } | 865 | 445 | 8546 | }
+2. Beamte und | } 1852 | | | | } 4875
+ Bureauangestellte | } | | | | }
+ im Gemeinde- | } | | | | }
+ und Kommunaldienst | / | 357 | 387 | 5165 |/
+3. Polizeibeamte, | | | | |
+ Gendarmerie | | | | |
+ und Wachtdienst | -- | 10 | -- | -- | 279
+4. Post-, Telegraphen-| | | | |
+ und Telephonbeamte | 2499 | 2703 | 5211 | 4356 | 8474
+5. Eisenbahnbeamte | 382 | 605 | 3767 | 849 | 1438
+6. Geistliche | -- | -- | -- | 4194[335]| 1143
+7. Kirchen- und | | | | |
+ Anstaltsbeamte | 430 | 2715 | -- | -- | --
+8. Aerzte, Chirurgen |\ | | | |
+ und Zahnärzte | } | 37 | 870 | 446 | 4894
+9. Krankenpflegerinnen| }72837 | | | |
+ und Hebammen |/ [330] | 14623 |13475[333]| 53057 | 41396
+10. Tierärzte | -- | -- | -- | 2 | 2
+11. Advokaten | -- | 6[332]| -- | -- | 208
+12. Bureaubeamte | | | | |
+ bei Advokaten | -- | | | |
+ und Notaren | [331] | 102 | 389 | -- | --
+13. Professoren | | |\ |\ |
+ an Universitäten | | | } | } |
+ und Lyceen | -- | -- | }68448 | }144393 | 695
+14. Lehrer | 66181 | 21417 |/ |/ | 245371
+15. Privatgelehrte |\ |\ |\ | 42 |\
+16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725
+ und Redakteure | } 410 | } | } 391 | } 660 |/
+17. Journalisten |/ | } 332 |/ |/ | 888
+18. Stenographen und | | } | | |
+ Maschinenschreiber | 436 |/ | -- | 127 | 21270
+19. Bibliotheks-, | | | | |
+ Museums- | | | | |
+ und Privatbeamte | 865 | 572 | -- | 240 | --
+20. Architekten | -- | 20 | -- | 19 | 22
+21. Ingenieure | -- | -- | -- | -- | 124
+22. Maler und Bildhauer| 839 | 337 | \ 3818 | 3032 | 10815
+23. Musiker |\ |\ | / | \ 19111 |\ 34519
+24. Musiklehrer | } | } | 4888 | / |/
+25. Schauspieler | } 8976 | }2586 | | |
+ und Sänger |/ |/ | 5301 | 3696 | 3949
+26. Theaterbeamte | 195 | 1074 | -- | -- | --
+27. Chemiker | 92 | 42 | \ 657 | 27 | 39
+28. Apotheker | 60 | 134 | / | 160 | 734
+29. Photographen | 208 |\ | -- | 2496 | 2201
+30. Zeichner, | | } | | |
+ Musterzeichner, | | } 156 | | |
+ Graveure, | | } | | |
+ Modelleure | 114 |/ | -- | -- | 346
+31. Agenten | 195 |\ 1809 | 91 | 765 | 4875
+32. Handelsreisende |\ |/ | -- | 165 | 611
+33. Buchhalter | } |\ | \94003 | 50 | 27772
+34. Handelskommis | }11987 | }8138 | / [334] | 17859 | 64219
+35. Bankbeamte |/ |/ | 1135 | 249 | 217
+36. Verwalter, | | | | |
+ Wirtschaftsbeamte | | | | |
+ und Rechnungsführer| | | | |
+ in landschaftlichen| | | | |
+ Betrieben | 17170 | 1001 | 16766 | -- | --[336]
+37. Technisch gebildete| | | | |
+ Beamte in | | | | |
+ industriellen | | | | |
+ Betrieben | 5099 | 2094 | -- | 748 | --[337]
+38. Andere freie Berufe| -- | 177 | -- | -- | 479
+-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
+Summa: | 190827 | 61382 | 220042 | 269454 | 484580
+
+Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ größte Anzahl bürgerlicher
+Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen
+thätig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen
+Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der
+Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprünglichsten
+und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres
+Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen
+Frau ruhende Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin,
+die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und
+Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn für
+Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an geübte
+Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts für
+den kaufmännischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung
+entsprechen auch die öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in
+immer erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen über
+die Befähigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In
+England und Amerika werden Frauen hauptsächlich im Bureaudienst, als
+Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren
+verwendet.
+
+Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl bürgerlich erwerbsthätiger
+Frauen zu kommen, muß sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen
+Männer verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zählung
+für die betreffenden Länder als Resultat:
+
+Länder Von 100 Erwerbstätigen
+ in bürgerlichen Berufen sind
+
+ Männer Frauen
+
+Deutschland 88,34 11,46
+Oesterreich 87,77 12,23
+Frankreich 78,02 21,98
+England 77,67 22,33
+Vereinigte Staaten 81,25 18,75
+
+Die Berechnung zeigt, daß die geringste Beteiligung der Frauen am
+bürgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen
+am meisten erschwert wird, und die höchste da vorhanden ist, wo nicht
+nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein
+starker Frauenüberschuß konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein
+Männerüberschuß besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen
+Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer.
+
+Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich,
+sobald wir das Wachstum der bürgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung
+unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschluß darüber:
+
+Erwerbstätige in bürgerlichen Berufen:
+
+Länder |1880 resp. |1890 resp. | Absolute |Prozentuale
+ |1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der |Zunahme der
+ |-------------+--------------+--------------+-------------
+ |Männer|Frauen|Männer |Frauen| Männer|Frauen|Männer|Frauen
+-----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------
+Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61
+Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22
+Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79
+England |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47
+Verein. | | | | | | | |
+Staaten |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19
+
+Sie zeigt deutlich, daß die Zunahme der bürgerlichen Frauenarbeit in
+England und Amerika, wo eine große Ausbreitungsmöglichkeit für sie
+besteht, eine weit raschere ist, als die der Männer.
+
+Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier
+wiedergeben, und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt für
+Amerika vor:[338]
+
+Von 100 Erwerbstätigen in Amerika waren
+
+Berufe 1870 1880 1890
+ Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen
+
+Künstler und Kunstlehrer 89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08
+Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54
+Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84
+Buchhalter und Kommis 96,53 3,47 92,90 7,10 83,07 16,93
+
+Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in
+rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe drängt, und es läßt
+sich daraus schließen, daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern
+zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort ihnen öffnen.
+Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und
+Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich läßt sich unschwer
+der Beweis dafür erbringen:
+
+ Oesterreich Deutschland
+ Zunahme der Zunahme der
+ Männer Frauen Männer Frauen
+Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84
+Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21
+
+Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der
+bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. Dafür spricht auch der Umstand, daß
+jeder offenen Stelle eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen
+gegenüberstehen, die natürlich dort den größten Umfang annimmt, wo die
+arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben.
+Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich
+bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193
+offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben
+hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die
+jährlich höchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als
+6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crédit Lyonnais zählte für ca. 80
+Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im
+Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen
+zeigen nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die Mädchen
+aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie für
+die Proletarierinnen, sie sprechen auch für die wachsende Not, die sie
+zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafür ist die rasche
+Zunahme der weiblichen Studenten. An den preußischen Universitäten, die
+sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem
+vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer
+Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340]
+Diese Zahlen würden noch bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium
+und der Eintritt in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer
+forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden
+sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb zu
+gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit
+und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Züge in der
+bürgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an
+dieser Stelle erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr
+Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:
+
+ Auf 100 Erwerbsthätige in bürgerlichen
+Länder Berufen kommen verheiratete Frauen
+
+Deutschland 15,02
+Oesterreich 36,22
+Vereinigte Staaten 8,92
+
+Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der
+Männer gegen die Zulassung der Frauen zu bürgerlichen Berufen ausdrückt,
+ist daher nicht unbegründet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die
+Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung
+unterziehen. Ueberall, selbst in den Ländern, wo die Frauenarbeit die
+glänzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, daß ihre Bewertung, auch
+bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Männer. In den
+Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars
+wöchentlich, ihre männlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars.
+Männliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000
+Dollars jährlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem
+Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Höchstgehalt von 1200
+Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehälter der Lehrer und
+Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschluß:[341]
+
+ Durchschnittlicher Verdienst der
+ Männer Frauen
+
+New York 74,95 $ 51,33 $
+Massachusetts 128,55 $ 48,38 $
+Rhode Island 101,83 $ 50,06 $
+Connecticut 85,58 $ 41,88 $
+Delaware 36,60 $ 34,08 $
+Maryland 48,00 $ 40,40 $
+South-Carolina 25,46 $ 22,32 $
+Florida 35,50 $ 34,00 $
+
+Der Umstand, daß der weitaus größte Teil der Lehrer in Amerika Frauen
+sind, fällt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, daß die
+Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern
+geringerer Ansprüche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das
+rasche Vordringen der Engländerin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken.
+Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden
+Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund
+jährlich,--fast die Hälfte dessen, was ihren männlichen Kollegen
+zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an höheren Mädchenschulen
+sind in keiner günstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur
+eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen
+von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200
+Pfund. Noch schlechter sind die Verhältnisse der Volksschullehrerinnen,
+die von der Girls Day School Company angestellt werden und
+durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jährlichen Gehalt beziehen! Die
+Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch
+nur in Ausnahmefällen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhöhen.[343]
+Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschließlich
+bürgerlichen Kreisen entstammen, werden für ihre aufopfernde Thätigkeit
+in ungenügender Weise entschädigt: neben Wohnung und Beköstigung
+erhalten sie 12 bis 30 Pfund jährlich. Selbst die vom Staat angestellten
+Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer
+glänzenden Stellung, da der größte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im
+Jahr bezieht, ihre männlichen Kollegen erhalten für gleiche Leistungen
+ein Mindestgehalt von 70 Pfund und während sie in den höheren Stellungen
+eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben
+Stellungen im günstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches läßt sich von
+den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund
+im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der
+Männer.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in
+Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die
+weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein
+Anfangsgehalt von 1000 Frs., die männlichen bei gleicher Leistung 1500
+Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der
+Männer alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Höchstgehalt der Frauen endlich
+beträgt 1800 Frs., das der Männer dagegen weit über das Doppelte,
+nämlich 4000 Frs.[346]
+
+Trauriger noch sind die Zustände in Deutschland und Oesterreich. Giebt
+es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300
+bis 450 Mk. beträgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders
+schlecht gestellten Wäschenäherin vergleichen läßt. Eine
+Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer
+bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jähriger angestrengter
+Thätigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht
+sie nach 20jährigem Dienst ein Höchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei
+Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt
+von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehälter der
+Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den höheren Mädchenschulen stehen,
+zeigt folgende Tabelle über ihre niedrigsten und höchsten Einnahmen an
+den genannten Orten:[348]
+
+ Lehrerinnen Lehrer
+Berlin 1800-2600 Mk. 2800-6000 Mk.
+Breslau 1300-2300 " 1800-4550 "
+Danzig 1200-2000 " 1800-4850 "
+Hannover 1000-2000 " 2250-5150 "
+Kassel 1200-1950 " 2600-5150 "
+Köln 1200-2200 " 1800-6075 "
+
+Dabei ist berechnet worden, daß eine großstädtische Lehrerin bei
+bescheidensten Ansprüchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben muß.
+
+Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo
+sie häufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein müssen[349] und überdies durch
+Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten
+für Lehrerinnen für ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die
+Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewähren, die, unter
+Verzicht auf persönliches Lebensglück, ihre besten Jahre der
+Heranbildung der Töchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug:
+sie beträgt 405 bis 912 Mk. jährlich;--es liegt grimmiger Hohn darin,
+diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist
+auch für die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten
+Jahren kaum existieren kann, ohne Vermögen zu besitzen, oder--der
+häufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Kräfte aufzureiben,
+so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht
+aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre
+Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab läuft, um
+sich noch ein paar Mark zu verdienen.
+
+Die Handelsangestellten befinden sich in keiner günstigeren Lage, als
+die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag
+als Höchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Männer in
+gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehälter zwischen 20 und
+30 Mk. monatlich gehören, besonders in der Provinz, nicht zu den
+Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, daß
+eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. für die Handelsangestellten
+ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner
+Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich
+ihre Ausgaben für Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wäsche,
+Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergnügungen ganz
+abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von
+28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Für Oesterreich werden
+die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaßen berechnet: 60
+Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10
+Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf
+noch höhere Gehälter. Trotz dieser jämmerlichen Bezahlung drängen sich
+die Mädchen zum kaufmännischen Beruf; so mußte z.B. eine der
+unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352]
+Die männlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40
+Gulden zu beziehen und stehen nach längerem Dienst unverhältnismäßig
+günstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt
+von 360 bis 600 Gulden jährlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme
+von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhältnisse bei den
+Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden
+monatlich, das alle fünf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den
+Höchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hälfte der
+Angestellten beziehen gegenwärtig den niedrigsten Gehalt, und während
+die Bezüge der männlichen Beamten, von denen keine höhere Vorbildung und
+keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal,
+wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei
+Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschäftigt, für die Frauen
+unverändert geblieben. Die Pensionen, die nur bei völliger
+Dienstunfähigkeit gewährt werden, entsprechen dem Gehalt: nach
+dreißigjährigem Dienst, dem längsten, der nach den gemachten Erfahrungen
+erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354]
+
+Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja
+geradezu haarsträubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie
+nutzen die Zwangslage, in der sich die Mädchen dadurch befinden, daß sie
+erst nach zweijähriger Lehrthätigkeit zur Lehrbefähigungsprüfung, die
+sie in eine höhere Gehaltsstufe aufrücken läßt, zugelassen werden, aus,
+indem sie die jungen Lehrerinnen großenteils--umsonst arbeiten lassen.
+Es kommt vor, daß die Entschädigung für 4 bis 5 Stunden Unterricht im
+Gabelfrühstück besteht; in den Klosterschulen werden die Volontärinnen
+am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock
+belohnt. Nur wenige Institute gewähren ein Höchstgehalt von 30 bis 35
+Gulden während der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15
+oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach
+zweijähriger Arbeit unter den elendesten Verhältnissen gelungen, eine
+Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunächst auf 1,16
+bis 1,33 Gulden täglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis
+15 Jahre in ähnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um
+Industrielehrerinnen, so können sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen
+von 450 bis 600 Gulden rechnen, müssen aber auch darauf gefaßt sein,
+jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind für sehr bescheidene
+Bedürfnisse die notwendigen Ausgaben einer in bürgerlichen Berufen
+thätigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben für
+Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten,
+Bildungsmittel, Vergnügungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat
+sich ergeben, daß 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358]
+Es zeigt sich also auch hier, daß die Einnahmen zu den Ausgaben in
+schreiendem Mißverhältnis stehen.
+
+Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden
+Frau, das auf alle Länder gleichmäßig paßt, behandelt die Lage der
+Bühnenkünstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen häufig dem der
+Männer gleichzustehen, thatsächlich ist es ganz bedeutend geringer, weil
+Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Männern
+keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bühnen, auch die
+historischen Kostüme selbst zu beschaffen haben, die ihren männlichen
+Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen für
+Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden
+hinab, auf denen noch, als eine unerträgliche Steuer, die Prozentabgaben
+an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Höhe,
+die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Großstädten
+die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage
+verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen
+großen Toiletteaufwand garantieren, Überhand nimmt.[359]
+
+Werfen wir noch einen Blick auf die große, rasch wachsende Zahl der
+weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, daß ihre starke Mitarbeit
+an Familienblättern zweiten und dritten Ranges zum größten Teil auf ihre
+geringen Ansprüche zurückzuführen ist. Selbst in England, dem Dorado
+schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen,
+die, dank ihres Talents, glänzend situiert sind. Im allgemeinen können
+100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360]
+Dasselbe gilt für die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend
+schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie
+die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thätigen Frauen, geben sich mit
+Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen würde,
+anzubieten.
+
+Das rasche Vordringen der Frau in die bürgerlichen Berufe läßt sich
+nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere
+Ansprüche erklären; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder
+Fabrikant, der Arbeiterinnen beschäftigt: es ist für ihn eine Ersparnis.
+Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den
+verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunächst ist die Frau als
+selbständig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem
+durch den Mann zu ernährenden Weibe, vollständig widerspricht. Die
+Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur für einen Zuschuß zum
+Lebensunterhalt, nicht für seine vollständigen Kosten, und der
+sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen.
+Menschenfreunde dem armen Mädchen helfen wollen, entspringt demselben
+Boden, aus dem der rohe Cynismus wächst, mit dem Kaufleute und
+Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu
+treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der
+Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau
+für die Berufsarbeit eine unzulängliche und der dadurch erzeugte
+Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen,
+unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die
+dasselbe leisten wie die Männer. Und noch ein anderes, für die
+bürgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine
+große Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollständig auf ihre
+Erträgnisse angewiesen; sei es, daß sie bei den Eltern wohnen und nur
+ein Nadelgeld verdienen müssen, sei es, daß sie eine Rente beziehen, die
+nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der
+Lage, die Männer, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not
+leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das
+skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidaritätsgefühl. Ihre
+jahrhundertelange Vereinzelung als Töchter, Gattinnen und Mütter--jede
+in einer engen Welt für sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch
+gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das
+sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lösen helfen. Solange aber
+Beamtentöchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen
+wünschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken,
+solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im
+Erwerbsleben nicht zu Ende geführt werden können.
+
+
+
+
+3. Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten.
+
+
+Für die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der
+Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden
+Thatsache der minderwertigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten des
+weiblichen Geschlechts.
+
+Was zunächst die körperlichen Fähigkeiten betrifft, so fallen selbst
+gelehrte Männer, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den
+Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der
+Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das
+Moment der körperlichen Ausbildung ganz außer acht zu lassen. Beginnt
+doch ihre Verschiedenheit für Mann und Frau schon in frühester Jugend:
+dem Mädchen wird gelehrt, mit vielen langen Röcken, die die
+Bewegungsfreiheit beeinträchtigen, still bei den Puppen zu sitzen,
+während der Knabe in kurzen Höschen zum Laufen und Springen angehalten
+wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele außerhalb
+stärken weiter seine Muskeln, dem Mädchen dagegen wird dafür bestenfalls
+ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie über
+geisttötenden Handarbeiten, oder quält sich und andere am Klavier,
+während ihr Bruder Fußball spielt, oder fröhliche Wanderungen
+unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung
+geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung
+des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der größeren Selbständigkeit
+und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mädchen deutlich zu Tage
+tritt, und auch darin einen glücklichen Ausdruck findet, daß der Absatz
+der Klaviere seit seiner Einführung in stetigem Sinken begriffen ist.
+Die Masse der bürgerlichen Mädchen aber, besonders in Deutschland und
+Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berührt, wie von
+der günstigen Aenderung der körperlichen Ausbildung, die in Amerika und
+England Platz greift. Würde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft
+eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der männlichen, so dürften
+die Frauen dem Durchschnitt der Männer zweifellos gleichkommen, das
+lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von
+den Lastträgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur
+Genüge. Aber selbst wenn es nicht geschähe, würde dadurch etwas anderes
+bewiesen werden, als daß gewisse Berufe, wie etwa die der Bergführer,
+den Männern überlassen werden müssen? Auf die Geisteskräfte sind die
+Muskelkräfte jedenfalls ohne hervorragenden Einfluß, und noch immer ist
+der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist.
+
+Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Gründe für
+ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als
+sekundäre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die
+Verschiedenartigkeit des weiblichen vom männlichen Gehirn und die
+weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die
+verhältnismäßige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit
+hindurch, hauptsächlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr
+Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, daß die
+Geisteskräfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatsächlich haben
+die Männer ein absolut größeres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich
+aber schließlich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, daß es
+im Vergleich zum Körpergewicht kleiner ist als das des Weibes, daß die
+Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Männer.[361]
+Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus
+hervor, daß die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem
+Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem
+einfachen Tagelöhner und dem Zoologen Cuvier gehörten. Als eine Ironie
+der Natur kann es wohl auch angesehen werden, daß Bischof, der aus dem
+absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schärfe ihre geistige
+Inferiorität beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es
+nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das
+Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl
+nichts weiter gefunden wurde, als daß es bei den Mädchen schneller
+zunimmt, früher zu wachsen aufhört und notwendigerweise infolgedessen
+auch früher anfängt abzunehmen, als bei den Männern. Weiter wurde die
+Größe des Stirnlappens für ausschlaggebend erachtet. Experimente mit
+Tieren und der Umstand, daß Schwachsinnige die größten zu haben pflegen,
+sprechen aber für die Hinfälligkeit auch dieses Beweises. Bei den
+Wägungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, daß ein
+wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf
+nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, daß durch die
+Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann
+und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa
+bestehen, haben für die Lösung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil
+nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um
+allgemein gültige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre größte
+Menge Mitgliedern geistig und körperlich unterdrückter Klassen angehört
+hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen
+Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die
+Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit
+denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den
+Einfluß der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten könnte.
+
+Weit begründeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes
+als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von
+der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwürdige Thatsache eines
+periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen
+hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit
+auszuschließen. "Das Weib leitet beständig an dem Vernarben einer
+inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklärt sie für ein von Natur
+schwaches und krankes Tier. Kulturvölker des Altertums und Naturvölker
+der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als
+Unreine und haben abergläubische Furcht vor ihnen.[362] All diese
+Ansichten sind durchaus verständlich, da es sich um eine den Männern
+vollständig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie
+daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen
+während der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme
+der Kräfte und die Unfähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten,
+so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder
+Kleidung und Lebensweise, sich aber hüten, diese Erscheinungen für
+natürliche zu erklären.[363] Hierüber dürfte das endgültige Urteil den
+Frauen allein zustehen und dabei würde sich herausstellen, daß die
+Gesunden unter ihnen von einem Einfluß der Menstruation auf ihre Körper-
+oder Geisteskräfte überhaupt gar nichts spüren, manche sich sogar
+während der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber
+sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die kränklichen
+Männer, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehören. Günstige
+Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja für alle ohne
+Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--können daher Frauen
+trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn
+sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch
+ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thüren zum Erwerb zu
+verschließen als es Grund wäre, die Männer von der Arbeit
+zurückzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben.
+
+Den Vorwand dazu bietet für viele auch der Umstand, daß die Vorbereitung
+zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist
+gebückter Stellung zu sitzen, der körperlichen Konstitution des Weibes
+besonders schädlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschränkung zu.
+Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Töchter bürgerlicher
+Eltern während der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen über
+nervenzerrüttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das
+stundenlange nächtliche Tanzen in überhitzten Sälen der Gesundheit
+zuträglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen
+und akademischen Erziehung nicht auf die männliche Jugend ebenso
+traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum
+zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesündere Formen der
+Ausbildung für alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbürdung
+Hand in Hand gehende körperliche Vernachlässigung endgültig über Bord zu
+werfen, denn die im ersten Augenblick rührend erscheinende Sorge für die
+künftigen Mütter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit
+entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die künftigen Väter
+verbindet. Vielleicht, daß die Thatsache der mehr und mehr in die
+bürgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an
+den blassen, rundrückigen, kurzsichtigen männlichen Opfern unserer
+wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorübergingen, endlich die Augen
+öffnen wird. Damit hätte die Frauenbewegung eine ihrer großen Missionen
+erfüllt und bewiesen, daß sie zu jenem frischen Lebensstrom gehört, der
+die stagnierenden Gewässer der gegenwärtigen Zustände von innen heraus
+aufwühlt und fortschwemmt.
+
+Damit aber wäre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen
+Berufsthätigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis
+zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen
+verlacht und kommt gewöhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige
+Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein
+anderer vereinbar. Thatsächlich ist dies Argument das schwerwiegendste
+und begründetste, und die große Schwierigkeit, es zu widerlegen, drückt
+sich schon darin aus, daß die Vertreter der Frauenemanzipation ihm
+entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und
+oberflächlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Möglichkeit
+der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schließlich allein davon
+abhängt, ob es steht oder fällt. Angesichts der gegenwärtigen
+Verhältnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir
+gesehen haben, es hauptsächlich alleinstehende Frauen sind, die in
+bürgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel
+gesetzt hat, alle Frauen durch selbständige Arbeit aus ihrer
+wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht
+werden, ob, wie weit und auf welche Weise das überhaupt geschehen kann.
+
+Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder
+Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht früh zu seinem
+Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach
+Hause, und muß meist auch einen großen Teil des Nachmittags seinem
+Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort
+und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der
+Berufsarbeit noch verschärft, so daß nur sehr starke, elastische Geister
+sich davor bewahren können, zu bloßen Arbeitsmaschinen einzutrocknen.
+Bringen wir in Gedanken zunächst die verheiratete kinderlose Frau in
+dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine
+selbständige Wirtschaft zu führen hat, ohne Schaden ihren Beruf
+ausfüllen kann? Abgesehen davon, daß sie sich natürlich zu derselben
+unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr männlicher Kollege,
+ist es unseres Erachtens dann möglich, wenn eine zuverlässige
+Wirtschafterin ihr die häuslichen Geschäfte abnimmt, denn sich auch mit
+ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hieße sich jeder
+Ruhe berauben und die Gesundheit vollständig untergraben. In ähnlicher
+Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur daß hier die Frage
+entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre
+dauernde Unterbrechung der Berufsthätigkeit, die jede Möglichkeit, darin
+vorwärts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fähigkeit
+dafür geraubt hat. Besser wäre es für sie, wenn sie, wie es in England
+und Amerika auch häufig geschieht, in einen neuen, für sie geeigneten
+Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch
+Beteiligung an Wohlthätigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit
+vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es käme dabei
+wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in
+Frage[365], und es ist sicher, daß es für all die Frauen, die sich, sobald
+die Kinder das Haus verlassen, plötzlich so gut wie aller Thätigkeit
+beraubt sehen und die nur zu häufig in öden Vergnügungen aller Art oder
+in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel
+des Nichtaltwerdenkönnens bieten, ein Segen wäre, fänden sie ein Feld
+für ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau
+würde durch Berufsarbeit über viele Klippen und heimliche nagende
+Schmerzen leicht hinweggeführt werden.
+
+Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jüngere verheiratete
+Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten.
+Gemäß den heutigen Verhältnissen, besonders in Europa, kämen
+für sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen
+vier Wände erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin
+und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnärztin, falls die Praxis
+beschränkt wird. Aber auch dann muß die Frau verstehen, mit ihrer Zeit
+hauszuhalten, muß entweder von vornherein in günstiger Lage sein, um
+sich gute Dienstboten halten zu können, oder der Ertrag ihrer Arbeit muß
+es ihr ermöglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen,
+das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsführung fremden, und--was
+die Hauptsache ist--meist ungeschulten Kräften überlassen bleibt. Vor
+allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch
+an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte,
+bis zur körperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der
+Oberaufsicht darüber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese
+divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte
+glücklich zu lösen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der
+Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe
+unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins
+ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus äußeren oder inneren
+Gründen, berufsthätig sein muß, ihre Kinderzahl zu beschränken suchen,
+denn für die nervösen, degenerierten Damen unserer Zeit ist
+Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten
+Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die
+Mutter stark in Anspruch. Daß unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen
+unserer Zeit die bürgerliche Berufsthätigkeit außer dem Hause für die
+junge verheiratete Frau unmöglich ist, oder den Ruin der Kinder und der
+häuslichen Wirtschaft nachziehen muß, braucht nach alledem nicht noch
+bewiesen werden. Geschichten, die häufig von amerikanischen Frauen
+erzählt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine große Praxis haben,
+daneben den Haushalt persönlich führen und ein Dutzend Kinder
+ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Märchen, und nur die
+leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der
+bürgerlichen Frauenbewegung können naiv genug sein, sie zu verbreiten.
+
+Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation überhaupt? Ganz
+und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und
+Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden
+Zuständen anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der
+Frauenbewegung angstvoll zuschauen, müßten sich dazu bereit finden,
+statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drängen und der
+Zerrüttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der
+Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatürliches
+brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den
+wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam
+nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht
+werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen käme es darauf an, die
+ungeheure Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln, die heute durch
+die Masse der Einzelwirtschaften,--den kümmerlichen Rest der großen
+Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudämmen. Das
+könnte in großen Mietshäusern durch Zentralküchen geschehen, die unter
+der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten
+Wirtschafterin stehen müßten und in der Lage wären, sich alle modernen
+Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen.
+Das wäre nicht nur eine große Ersparnis, sondern dadurch würde auch dem
+Dilettantismus in der Küche,--in nichts anderem besteht die mit so viel
+Aufwand an Sentimentalität festgehaltene Thätigkeit der
+Durchschnittsfrau und ihrer Köchin,--ein Ende bereitet, statt daß man
+ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernährung des
+Menschen es ist, Unheil stiften läßt. Es wäre ferner mit keinen großen
+Schwierigkeiten verbunden, für bestimmt umgrenzte Häusergruppen Turn-
+und Spielplätze, im Winter in Sälen, im Sommer in Gärten, anzulegen und
+auf gemeinsame Kosten der Eltern für ihren Beruf gründlich vorgebildete
+Erzieherinnen und Kindergärtnerinnen anzustellen; selbst für die
+Kleinsten, die heute gewöhnlich zu verhätschelten Egoisten erzogen
+werden, wäre es von großem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der
+traurigen Frühreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit
+Altersgenossen sich herumtummeln könnten, sondern auch beizeiten
+lernten, ihr kleines Ich nicht für den einzigen Mittelpunkt der Welt zu
+betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den
+Vororten großer Städte, womöglich in Verbindung mit Gruppen kleiner
+Familienhäuser, treffen ließen,--es handelt sich ja, wie wir wissen,
+zunächst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthätiger
+Frauen,--hätten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer
+Verfügung, und die übrige Zeit würden sie sich um so frischer und
+freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, während heute nur zu
+häufig aus geistig angeregten, begabten Mädchen, unter dem Druck der
+häuslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlässigung ihrer geistigen
+Bedürfnisse, und dem oft herzzerreißenden stillen Kampf zwischen der
+nach Leben und Bethätigung drängenden Begabung und den notwendig zu
+erfüllenden Pflichten, früh alternde, interesselose, stumpfe Frauen
+werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und
+Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefährtin sein können.
+
+Natürlich wird diesen Ausführungen das bekannte Schlagwort von der
+Auflösung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch
+einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu
+betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob
+nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der
+wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehört,
+ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, daß
+gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen
+Strömungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift:
+oder werden Mädchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und
+Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht für Jahre in Institute,
+Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mütterliche Einfluß
+wegfällt; und hat sie nicht noch andere, recht schädliche Einrichtungen
+hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der
+Männer, und zwar in den vorgeschrittensten Ländern am meisten, zwischen
+Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst
+nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu
+folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein
+wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu
+verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre
+Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es,
+ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen,
+daß die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung
+der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergräbt, und es an uns
+liegt, den neuen Formen für das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib
+und Kind nachzuspüren und sie aufbauen zu helfen.
+
+Für das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten
+Anschauungen längst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung,
+wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Ansätze
+dazu finden sich in den Kindergärten, Kinderhorten, in den vielfach
+entstehenden Krippen in der Nähe der mütterlichen Arbeitsstätte, die den
+Frauen ermöglichen, ihre Kinder zu nähren; in der Errichtung von
+Arbeiterwohnungen, die Zentralküchen, Kinderhorte, Gärten, Säle für
+gesellige Zusammenkünfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und
+Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunächst fast nur in der Idee
+bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schließlich in der
+ganzen Gesetzgebung für Arbeiterschutz. Aehnliche Maßregeln werden auch
+für bürgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich übrigens sowohl
+in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und
+mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die
+Regelung und Beschränkung der Arbeitszeit für Beamte, Bureauangestellte,
+Lehrer und ähnliche Berufsthätige die größte Bedeutung haben.
+Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und
+Hauswirtschaftsverhältnisse Hand in Hand geht, wird die bürgerliche
+Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe
+abzuschließen brauchen, sie wird sich auch leichter ermöglichen lassen,
+weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz für viele frei wird.
+
+Damit wäre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische
+Seite der Frage, deren Erörterung nicht hierher gehört, einzugehen, das
+Argument der Gegner, das die körperlichen Funktionen des Weibes als
+Hinderung seiner Berufsarbeit auffaßt, zugleich gestützt und widerlegt:
+neue wirtschaftliche Gestaltungen, veränderte Arbeitsbedingungen sind
+notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel
+vollständig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und körperlichem
+und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder führen soll. Dabei
+gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen
+unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger
+Persönlichkeit auszubilden verstanden, und die natürliche Sehnsucht
+ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Maße besitzen, weil
+keine Konvention ihr Herz verkrüppelte, wenden sich doch von der Ehe,
+wie sie ihnen heute erscheint, bewußt ab. Denn was sie von ihr sehen,
+widerspricht ihrem geistigen und persönlichen Freiheitsbedürfnis und sie
+lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkümmern, als daß sie sich zu ihr
+entschließen. Und das wird um so häufiger geschehen, je weniger sie
+einer Versorgung bedürfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im
+stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im
+Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die
+besten Mütter zu sichern; die Art des Familienlebens müßte sich daher
+auch deshalb den neuen Bedürfnissen anpassen.
+
+Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in männliche
+Berufssphären findet aber noch andere Begründungen: in dem Hinweis auf
+die Menge der männlichen Bewerber drückt sich ein brutaler
+Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollständig
+überwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in
+welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es,
+wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schädigung ihrer Weiblichkeit
+gefürchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewöhnlich nicht geschieht,
+zunächst über diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens läßt er sich
+in zwei Worte fassen: Anmut und Güte. Daß diese Eigenschaften, statt
+sich zu höchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einfluß des Kampfes
+ums Dasein in seinen gegenwärtigen barbarischen Formen verkümmern und
+häufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die
+drückende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen,
+gewähren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre
+äußere Erscheinung zu pflegen, ihr Schönheitsbedürfnis zu kultivieren,
+und die häufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den
+Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rücksichtslos gegen
+andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich
+allein nur erhalten zu können, ihre natürliche Güte unterdrückt. Dazu
+kommt, daß gerade die bürgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die
+Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen,
+zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der
+die Schärfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte.
+Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und
+Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich
+vernachlässigen, männliche Allüren annehmen, ihr Weibsein äußerlich und
+innerlich unterdrücken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie
+jede soziale und revolutionäre Bewegung sie hervorbringt, und der
+Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung für
+sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswüchse der Frauenbewegung hervor:
+so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr
+verschärfen helfen, statt daß der gesunden Tendenz der Frauenbewegung,
+die sie wieder einander nähern will, allein nachgegeben würde; so die
+von England ausgehende halbmännliche Uniformierung der Frauen mit ihren
+großen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhüten und ihren die Brust
+zurückdrängenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenüber,
+die abzuleugnen Thorheit wäre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob
+unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und
+Streben nicht auf das männliche Geschlecht in ähnlicher Art einwirkt. Wo
+findet sich bei unseren männlichen geistigen Arbeitern, die über
+Manuskripten und Büchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch
+zuströmen, noch männliche Kraft und Schönheit? Besitzen sie, die in der
+Mehrzahl unter der Geißel der Abhängigkeit Frondienste leisten, noch
+jene gerühmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhängigkeit? Sind
+nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jünger der Wissenschaft, die
+Studenten, in einem viel jämmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen
+Genossen?
+
+So kann man wohl mit Recht behaupten, daß die Weiblichkeit unter unseren
+heutigen Berufs- und Arbeitsverhältnissen Schaden leidet, aber man soll
+nicht vergessen, hinzuzufügen, daß die Männlichkeit nicht weniger
+geschädigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch gründliche
+Reformen vorgebeugt werden kann.
+
+Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem
+Gebiet der Wissenschaft und der bürgerlichen Berufe bleibt zu erörtern;
+ihre angebliche untergeordnete geistige Befähigung.
+
+Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden,
+wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich
+sichere Schlüsse über die Begabung der beiden Geschlechter ziehen
+ließen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroßer, weil
+sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der
+Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat
+eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt
+gezeigt, daß die Mädchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und
+Begriffe aus der nächsten Umgebung und dem täglichen Leben überlegen
+sind, während die Knaben von äußeren entfernteren Dingen genauer
+unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen
+Untersuchung stellte es sich heraus, daß Mädchen lieber lernen als
+Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mädchen, die für nichts
+Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber läßt sich für
+unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, daß Mädchen von klein auf
+an häusliche Thätigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewöhnt
+werden, und Knaben sich meist frei draußen herumtummeln dürfen, also
+äußere Dinge kennen lernen, ja daß schon das verschiedenartige Spielzeug
+nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden
+Mädchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenküchen,
+mit Pferden, Viehställen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von
+Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an
+geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den
+Knaben konstatiert wurde, läßt sich sicherlich zum großen Teil auf ihre
+frühe geistige Ueberbürdung zurückführen. Vielleicht daß auch die häufig
+beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mädchen
+in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedächtniskram eine
+Erklärung findet, während die vom 20. Jahre ab sich meist geltend
+machende Ueberlegenheit der jungen Männer ihre Ursache gewiß darin hat,
+daß sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen können, während
+das Dasein der Mädchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie
+vor dem größten Lehrmeister, der persönlichen Lebenserfahrung, ängstlich
+behütet. Auch auf den Umstand, daß Frauen im Bureaudienst mehr Fleiß und
+Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der
+englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die
+Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einfluß gewesen. Und die
+andere vielfach auftauchende Klage, daß sie für ihren Dienst wenig
+persönliches Interesse haben, wird ebenso wie die häufige Nachlässigkeit
+ihrer Vorbildung dadurch vollständig erklärt, daß leider heute noch fast
+alle Mädchen in ihrer Erwerbsthätigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem
+sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales
+Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu überwinden hoffen. Selbst
+die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fähigkeit zu raschen
+Entschlüssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu
+sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des
+Charakters, als darauf, daß ihr in bedeutend höherem Maße als dem Mann
+mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritäten in ihr
+groß gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen
+Selbständigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen
+anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht
+Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil
+sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial
+ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, daß das rechte Wissen in der
+auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewißheit und nicht im bloßen
+Nachbeten anderer besteht? Und wie verhält es sich mit dem Mangel an
+Energie und Unabhängigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht
+vorwirft und auf Grund dessen man meint, daß keine Frau ein Bacon oder
+Galilei werden könnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene
+Weiblichkeit in ihr groß gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der
+bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht?
+Mehren sich nicht heute, wo man anfängt, von diesem Ideal sich
+abzuwenden, die Zeichen für eine ganz enorme Energie des Weibes und
+einen Unabhängigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen
+Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkämpferinnen der
+Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende
+Zahl mutiger und durchaus selbständiger Schriftstellerinnen beider
+Hemisphären.
+
+Gewöhnlich wird die geistige Begabung des Weibes für eine so
+minderwertige gehalten, daß man sich aus diesem Grunde berechtigt
+glaubt, ihr den Zugang zu männlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt
+es an vollgültigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil über die
+Befähigung der Frauen stützen könnten. Aber selbst Gelehrte, die gewöhnt
+sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials
+allgemeine Schlüsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom
+Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, daß sie in leichtsinnigster
+Weise urteilen. So berief sich ein berühmter Mediziner und enragierter
+Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Gründen befragte, auf
+folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung über
+Gehirnanatomie befand sich eine ältere weibliche Hörerin; nach Schluß
+der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwähnt hatte, daß das
+weibliche Gehirn in seinem Wachstum früher zum Stillstand kommt, und
+auch früher abzunehmen beginnt, als das männliche, kam die Dame zu ihm
+und sagte, daß sie das nicht glauben könne, denn sie sei doch schon 50
+Jahr und fühle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskräfte. "Niemals würde ein
+Student," meinte der Professor, "solch eine thörichte, auf rein
+subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist
+ausschliesslich Frauenart." So gründen viele Universitätslehrer ihre
+absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen
+Zuhörern machten, aber während die einen,--zumeist solche, die seit
+Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor
+Winter in München[371],--ihnen das größte Lob erteilen und sie den
+Männern völlig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige,
+schlecht vorbereitete Schülerinnen haben, von ihrer durchgehenden
+Mittelmäßigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den
+Frauen die Befähigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf
+zuzuerkennen, sie ihnen aber für den ärztlichen vollständig
+abzusprechen; sind sie Juristen, so möchten sie ihnen den Bureaudienst
+zwar überlassen, halten sie aber für unfähig, als Advokaten oder Richter
+zu praktizieren. Demgegenüber stößt uns nicht nur wieder die Frage auf,
+ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen
+Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkürlich unter den
+männlichen Studenten, den männlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob
+denn hier nicht auch die Mittelmäßigkeit dominiert, ja, ob die Begabung
+überhaupt der Maßstab dafür ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich
+vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast
+allein den Ausschlag? Sind aber die Männer trotzdem von der
+Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest überzeugt, so brauchten
+sie ja seine Konkurrenz nicht zu fürchten. Wer aber beiden Geschlechtern
+durchschnittlich ähnliche Fähigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt
+der Frauen in die bürgerlichen Berufe schon darum befürworten, damit
+eine genauere Auslese der Besten möglich ist und die Mittelmäßigkeit,
+die männliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position
+gedrängt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, daß dieser als Folge
+der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer
+heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die
+unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen muß: der Egoismus, der
+Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und körperliche
+Vernachlässigung, die dadurch schon unter den Männern hervorgebracht
+werden, müssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken.
+Das abzuleugnen, wäre ebenso thöricht, als es thöricht ist, von der
+Zulassung zu den Universitäten und den bürgerlichen Berufen die
+Befreiung der Frau zu erwarten.
+
+Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hüten und die
+Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen
+daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, daß der Eintritt
+der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schädlich,
+sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken
+muß. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das
+weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.
+
+Urteilslose Anhänger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu
+widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berühmter Frauen von
+Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten.
+Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das
+Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist
+uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets
+ihre Persönlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und
+neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von
+ernstem Studium und großem Fleiß und überragen diejenigen vieler Männer
+der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine
+bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen.
+Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklärung abzugeben, daß
+die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit,
+seine Ausschließung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache
+hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn
+gehabt für ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam
+auf gleiche Stufe zu stellen mit den Männern, und statt über die
+geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen über das,
+was sie, trotz der Ungunst der Verhältnisse, geleistet haben. Der Mangel
+an weiblichen Genies aber läßt sich dadurch noch nicht zur Genüge
+erklären und er fällt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der
+Kunst, zu dem der Zutritt überdies den Frauen viel leichter gemacht
+wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente,
+starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine
+schöpferische Kraft. Selbst große Dichterinnen wie Annette v.
+Droste-Hülshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch
+nicht von ferne die Höhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen
+sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der männlichen Dichter. Ihre
+große Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht,
+die sich mit männlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen
+könnte, und keine der berühmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als
+Tüchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir
+noch auf andere Gebiete über, auf denen genialer Erfindungsgeist zum
+Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen
+haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst,
+der Wäscherei und Schneiderei, keinerlei umwälzende Leistungen zu
+verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand
+sehr nützliche Erfindungen machten. Alledem gegenüber ist man häufig zu
+dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine
+produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr große
+Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als
+männliche Virtuosen gäbe. Ich glaube, daß eine Entscheidung hierüber
+sich kaum treffen läßt, und daß sie nur in Betreff der Schauspielerinnen
+zu Gunsten der Frauen ausfallen könnte. Ich bin vielmehr der
+Ueberzeugung, daß die Genialität der Frau auf einem ganz anderen Gebiet
+sich zu äußern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der
+Menschheit erschließt.
+
+Wir haben gesehen, daß die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der
+Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der
+Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und
+Bureaubeamtin--der Mütterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir
+können, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon
+konstatieren, daß sie sich in den von ihnen gewählten Berufen ganz
+besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, daß fast alle
+Wohlthätigkeitsbestrebungen, auch die größten Stils, fast ausschließlich
+den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, daß sie sich
+überall in wachsendem Maße an allem beteiligen, was unter den Begriff
+Sozialreform fällt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr
+Bestes leisten. Während sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hängen
+pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Männern
+überließen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verständnis
+und seltener Energie den jüngsten der Wissenschaften, den
+Sozialwissenschaften, zu, und kämpfen darum, in ihren Rahmen zu
+praktischer Thätigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor
+sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persönlichkeit
+zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum,
+Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um,
+wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu
+begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes
+Hammer, Meißel und Pflugschar als Symbol des Völkerlebens aufzurichten.
+Und besteht nicht Genialität im Ausdruck der Persönlichkeit?
+
+Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum
+nimmt die Frauenbewegung so große Dimensionen an: weil die Atmosphäre
+sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus,
+Sklaverei und Krieg im Bewußtsein der Menschheit mehr und mehr als
+barbarische Reste einer überwundenen Vergangenheit angesehen werden,
+weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes
+und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die
+ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen
+Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es für mich außer
+allem Zweifel, daß sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner
+recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber
+unrecht, wenn sie meinen, daß es eins der Schwäche, der Degeneration
+sein wird. Denn erst die Ergänzung der männlichen Begabung durch die
+weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch
+mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevölkern, kann Wirkungen
+hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil
+schädigen. Wären die Fähigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wäre
+der Eintritt der Frauen in das öffentliche Leben für die Menschheit
+vollkommen wertlos und würde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf
+hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, daß das ganze Wesen des Weibes ein
+vom Manne verschiedenes ist, daß es ein neues belebendes Prinzip im
+Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie
+trotz mißgünstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen
+Revolution.
+
+Die bürgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen
+Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche
+Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie
+spitzt sich um so mehr zu, je größer der Frauenüberschuß ist, je
+geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegensätze zwischen
+Einnahmen und Bedürfnissen sich gestalten. Die Eröffnung der
+Universitäten, der höheren Lehranstalten aller Art und der bürgerlichen
+Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lösung der Frauenfrage; unter
+den bestehenden Verhältnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die
+Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber
+auch eine Reihe von Uebelständen, die in dem immer heftiger werdenden
+Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schärfsten Ausdruck kommen, nach
+sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die
+körperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder
+nachteilig einwirken, und der Thatsache, daß von ihrer wirtschaftlichen
+Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen,
+die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Maße zum Erwerb
+gezwungen sind, durch Arbeit ökonomisch selbständig zu werden vermögen,
+ist eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs-
+und Hauswirtschaftsverhältnisse und der Formen des Familienlebens die
+unausbleibliche Voraussetzung der Lösung der wirtschaftlichen Seite der
+Frauenfrage. Ein Urteil über den Wert des Anteils der Frauen an der
+bürgerlichen Berufsthätigkeit wird auch erst dann zu fällen möglich
+sein, wenn ihre individuellen Fähigkeiten ungehemmt zur Entwicklung
+gelangen können, und die eigentümliche Genialität der Frau sich
+entfalten kann.
+
+Damit ist auch über die heutige bürgerliche Frauenbewegung, die sich
+weder ihrer treibenden Kräfte vollkommen bewußt wird, noch ihre letzten
+Konsequenzen klar ins Auge faßt und eingesteht, das Urteil gesprochen.
+Das höchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu
+führen, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide
+Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen
+können.
+
+
+
+
+4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.
+
+
+Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu
+schreiben unternehmen wollte, müßte zugleich die Geschichte der Maschine
+schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintönig
+rasselnde Rede und ihren feuersprühenden Atem jene dunklen, endlosen
+Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimstätten herauslockte und
+in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht
+durch die Handarbeit der Frau ein großer Teil der allgemeinen
+Bedürfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft
+der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es
+möglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und
+Zange, mit Hobel und Säge in der eigenen kräftigen Faust beherrschte der
+Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die
+Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft
+beruht, aber er muß dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die
+mechanischen Triebkräfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren
+Eigenschaften des menschlichen Körpers Gewandtheit und Geschicklichkeit
+erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige
+Folge der aufblühenden Großindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben
+nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggründe--etwa
+den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung
+und verkürzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach
+Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so führt dasselbe Verlangen
+zur Beschäftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine wählt die in der
+Frau verkörperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl für eine
+Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen
+Maschine oder die Benutzung motorischer Kräfte kann ein ungeübtes
+Mädchen den gelernten kräftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die
+Veränderung des Arbeitsprozesses ermöglicht also die Beschäftigung der
+Frauen.[374]
+
+Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener große Umschwung auf
+dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung für die
+Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny,
+der Kämmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des
+Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung
+der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwälzung im gewerblichen Leben
+war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel
+phantastischer Träume schwebenden demokratischen Ideen eine reale
+Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entriß zahlreiche
+Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und führte sie
+breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der
+Mensch früher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die
+Maschine zwölf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen
+gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von
+Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch
+die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England
+zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach
+Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000
+Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben
+traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen
+Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einführung
+der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in
+Mülhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische
+Spinnereien waren im Oberelsaß allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte
+später rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwälzungen
+hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthätig
+arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln
+treibt. Aber auch sämtliche Vorbereitungsarbeiten, die früher in
+langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgeführt wurden, sind von der
+Maschine übernommen worden: die Wollkämmer, die unter der
+schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen
+ausgerüstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur höchsten
+Vollkommenheit ausgebildeten Kämmmaschine übergeben müssen, und sowohl
+das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf
+mechanischem Wege. Am längsten widerstand die Seidenspinnerei der
+Einführung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das
+langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser
+gesundheitsschädliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einführung
+von Schlagmaschinen ersetzt worden.
+
+Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt
+die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Während gemusterte Gewebe
+früher nur auf sehr mühsame und kostspielige Weise hergestellt werden
+konnten, ermöglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf
+der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten
+Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem
+Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit
+notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter
+Handgriffe. Die Erfindung des selbstthätig arbeitenden Webstuhls, mit
+dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschäftigt hatte, bedeutete
+einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19.
+Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika,
+England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der
+Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt daß eine Spulerin an
+dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine
+fünfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbäumen, eine sehr
+beschwerliche Arbeit für die Handwerker früherer Zeit, besorgt eine
+Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der
+Garnsträhne in verschiedenartige Lösungen oder durch Bürsten der schon
+auf dem Webstuhl befindlichen Fäden besorgt wurde und nachher noch ein
+langwieriges Trocknen nötig machte, besorgt eine Maschine in
+erstaunlicher Geschwindigkeit. Während noch ein Jahrzehnt früher jedes
+gewebte Stück zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Färben, Drucken
+und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe überging, vereinigte die
+Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Räumen. Das
+Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von
+innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne
+abhängig; das Walken des Tuchs, das unter großer Kraftanstrengung durch
+die Hände des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den
+schweren Hämmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht
+allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, daß der Arbeiter mit
+den rauhen Fruchtköpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark
+andrückend bestrich--eine sehr zeitraubende Thätigkeit--ist jetzt
+durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken
+mit der Handpresse, wodurch große Gewerbe Beschäftigung fanden, ist
+durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter
+Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben
+auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen könnte, der
+sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpreßt und für jede neue Farbe
+immer wieder von vorne anfangen muß, oder wer zuschauen könnte, wie der
+Samtweber früherer Zeiten die wie in Schläuchen aufliegenden Faden des
+Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mußte, während der
+mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene
+Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch
+Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so daß zwei
+vollständig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der würde sich von
+dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen können, vor dem die
+phantastischsten Märchenbilder verblassen müßten.
+
+Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das
+ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen
+nötig machte, war der Einfluß der technischen Fortschritte auf die
+Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten
+waren Jahrhunderte hindurch ausschließlich Handarbeit gewesen, die
+Klöppel, die Nähnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die
+Erfindung der Bobbinetmaschine, später noch vervollkommnet durch
+Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwälzung
+auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren
+bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom
+einfachen Tüllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten
+Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst
+nur in wenigen Stücken den Reichsten zugänglich war. Noch tiefer griff
+die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in
+die häusliche Arbeit der Frauen ein. Statt daß mit der Nähnadel ein
+Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin
+nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift
+des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es
+nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunächst die
+mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang
+rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so daß die
+Weißstickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer
+weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die
+Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nämlich ein
+Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder
+Stickboden der Stickerei weggeätzt wurde, entstanden außerordentlich
+feine, sogenannte Luftspitzen, die manche künstlerische Gebilde früherer
+Zeit in den Schatten stellen.
+
+Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine
+eine Unterstützung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben
+wurde, und statt des einen Paares grober Strümpfe, die eine
+Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar
+erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie
+notwendigerweise zum Fabrikbetrieb über. Heute erzeugt die selbstthätige
+Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast völlig
+fertiger Strümpfe täglich. Auch die der Strickerei so außerordentlich
+ähnliche Wirkerei war zunächst für den Handbetrieb eingerichtet; ein
+Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine geübte
+Handstrickerin höchstens 100. Neben diesen Stühlen, die nur einfache
+gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19.
+Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform
+hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwäsche und des übrigen
+gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurückzuführen.
+
+Die Thätigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und
+Webemaschinen eingeschlossen, beschränkt sich, sobald sie im Gang sind,
+großenteils auf das Ausrücken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist
+und auf das Anknüpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach
+mechanische Ausrückvorrichtungen in Anwendung gebracht, so daß die
+Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und
+der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden
+zusammenzuknüpfen braucht. Daß diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger
+erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverständlich. Das
+Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fußbetrieb war fast immer Arbeit des
+Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der
+Bewegungsmotor wurde, mußte er Frauen, ja selbst Kindern weichen.
+
+Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der Maschine. Noch
+erzählen unsere Großeltern, wie sie sich ihre Briefumschläge stets
+mühsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Häusern der Aermsten
+durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und
+Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen
+die Kuverts und liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen
+Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden,
+damit sie die fertigen Umschläge--4000 in der Stunde!--auf der anderen
+wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des
+Zuschneidens, das kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die
+Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der
+Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun
+übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große Veränderung die
+Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum
+erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist,
+daß sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthätig zu fertigem Papier
+verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst
+der Maschine: Die Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre unmöglich
+gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hölzchen,
+die früher Stück für Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe
+gekommen wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit
+armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und gefüllt--25000
+täglich!
+
+Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen
+die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; wohl aber kann ohne weiteres
+behauptet werden, daß keine eine so nachhaltige, sich immer weiter
+ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und
+Webstühle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie
+blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die
+erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich
+mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich
+hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder
+Fuß, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit
+verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Händen
+der Frauen gelegen hatte. Sie verzwölffachte überdies die Leistung der
+Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378]
+Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die
+Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die
+Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in der
+Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes Aufkommen schon
+das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den
+Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische
+Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die
+der der Weberei annähernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle
+Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen
+worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das
+Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das
+für den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des Oberleders
+mühelos ausführt, bis zum Glätten des fertigen Schuhs, dem Nähen der
+Knopflöcher und Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die
+meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die
+alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer bloßen
+Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten großen
+Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst
+die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Märchenprinzessin, der graue
+König Dampf und ließ über ihr sein erstes, prophetisches,
+eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter
+seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten
+Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen
+in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der
+Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der
+mit stillem weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre überstrahlte
+und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird
+er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hüllen helfen?----
+
+Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter
+Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der
+sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der muß erwarten, eine
+von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion
+reich gewordene, gesunde und glückliche Menschheit vor sich zu sehen.
+Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur
+einige der für unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten
+die große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie rissen,
+soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit oder der Einführung
+des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die
+Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten
+sie ihrer selbständigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre
+Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten
+die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am
+rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten entwickelt
+ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Großindustrie,
+in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, daß von den 419560
+Fabrikarbeitern in Großbritannien 242296 Frauen waren; in den
+Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den
+Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter
+weiblich.[380] Und zwanzig Jahre später konstatierte der englische
+Fabrikinspektor Robert Baker, daß die männlichen Arbeiter seit 1835 um
+92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen
+größeren Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der
+Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der männlichen
+Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die
+absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382]
+(s. Tabelle).
+
+ | 1841 | 1851 | 1861 | 1871 | 1881 | 1891
+ | Männer|Frauen|Männer |Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen
+-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
+Töpferei | 23600| 7400| 34800| 11100| 42500| 13400| 49700| 17700| 52200| 19700| 64300| 23800
+Gas, Chemikalien | 5800| 300| 16400| 1700| 24800| 1500| 34900| 4100| 44000| 4000| 66400| 6300
+Pelzwerk, Leder, | | | | | | | | | | | |
+ Leim | 31600| 2400| 44500| 6500| 47300| 2300| 49400| 10200| 49400| 13300| 59100| 18200
+Holzwaren, Wagen | 147500| 4900| 180200| 8900| 202200| 14100| 214200| 19500| 221600| 18400| 253600| 23300
+Papier etc. | 8900| 3200| 13600| 8300| 14600| 10700| 20300| 13400| 24600| 23200| 28600| 34200
+Textilwaren, | | | | | | | | | | | |
+ Färberei | 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600
+Bekleidung | 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300
+Ernährung, | | | | | | | | | | | |
+ Getränke, Tabak | 82700| 8000| 120100| 12400| 133400| 15600| 145700| 18500| 152300| 28900| 173100| 50200
+Uhren, Instrumente,| | | | | | | | | | | |
+ Spielzeug | 19600| 800| 23500| 1300| 32800| 2900| 35900| 3000| 41700| 3400| 44600| 5500
+Buckdruckerei, | | | | | | | | | | | |
+ Buchbinderei etc.| 21100| 1800| 30400| 3800| 41300| 6200| 57600| 8600| 75000| 13100| 102100| 19100
+-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
+Total: |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500
+
+Selbst in solchen Industrieen, für die die Frauenarbeit ganz ungeeignet
+zu sein scheint, wie in den Gelbgießereien, der Minen- und
+Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast
+ausschließlich Frauen beschäftigt.[383]
+
+Obwohl sich für andere Länder genauere auf längere Zeiträume sich
+erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafür,
+daß die Entwicklung überall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die
+Textilindustrie in Deutschland überhaupt erst anfing, Bedeutung zu
+gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die
+Landmädchen strömten in Scharen in die Fabrikstädte; kleine Orte, wie
+z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern,
+und in Krefeld war ein Frauenüberschuß von 50% die Folge.[384] In
+Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816
+neben 10000 Männern 66000 Frauen gezählt[385], und in den
+Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661
+weibliche Arbeiter beschäftigt, die zehn Jahre später auf 75169
+angewachsen waren, während sich zur selben Zeit in den Wirkereien
+dreimal so viel Frauen als Männer befanden.[386] Für die Vereinigten
+Staaten im allgemeinen zeigt es sich, daß 1870 in der Industrie auf 100
+arbeitende Männer gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Männer über 25
+Frauen beschäftigt waren. Natürlich trat, wie es uns die Entwicklung der
+Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen
+Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der
+Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrängung
+der Männer durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in
+Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer
+Ehemänner waren in denselben Fabriken thätig, während 3927 als
+anderwärts beschäftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und für 659
+nähere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis
+drei Männer, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom
+arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, für deren Unterhalt die
+Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die
+Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre
+billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Männer zu seiner
+Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nähnadeln täglich, Marx
+berichtet, daß die Maschine in elf Stunden 145000 Nähnadeln
+hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann,
+was einer Produktion von 600000 Stück täglich gleichkommt.[388] Eine
+Frau ersetzte also fast 130 Männer! In Rheims waren im Anfang des 19.
+Jahrhunderts 10000 häusliche Wollkämmer vollauf beschäftigt; nach
+Einführung der Kämmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, während
+junge Mädchen an der Maschine standen.[389] In die Nägel- und
+Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein:
+die Maschine machte die männliche Kraft entbehrlich.[390] Fünfzig Jahre
+früher führte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und
+produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem
+Mädchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wöchentlich[391], d.h. sie
+schafft die Arbeit von sieben Männern. Ueberall zeigt sich dasselbe
+Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die
+schwierige Arbeit von Männern, eine neue Maschine ermöglicht es,
+ungelernte Frauen anzustellen, die für dieselbe Leistung statt 18 sh.
+nur 12 sh. wöchentlich erhalten. In den Konservenbüchsenfabriken, wo
+früher auch nur Männer für 15 bis 20 sh. wöchentlich thätig waren,
+arbeiten jetzt gleichfalls Frauen für den halben Lohn und die Arbeit des
+Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Büchereinbände haben sie sogar für
+ein Drittel des Männerlohnes übernommen.[392] Den größten Einfluß nach
+dieser Richtung hatte die Einführung der mechanischen Spinnerei und
+Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule füllte, trat das
+Spulmädchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte;
+zahlreiche selbständige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik
+zu gehen, wo ihre Frauen und Töchter, die die alten schweren Webstühle
+nicht hatten beherrschen können, ihre siegreichen Konkurrenten geworden
+waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmäßige Ausbildung früher
+unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie überflüssig machten,
+drangen die Frauen vor. So führte die Papiermachémasse sehr bald schon
+weibliche Arbeitskräfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das
+Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein
+Privilegium der Männer gewesen war.[394] Und die Handmaler für
+Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten,
+sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die
+Möglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anlaß bot, ungeübte Mädchen für
+einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon
+gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die
+Schneiderei fängt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den großen
+Fabriken zu Leeds selbst der für ganz unentbehrlich geltende Mann, der
+Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen
+ausstanzt, ersetzt wurde.
+
+Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu
+vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, daß dieses scheinbare
+Verdrängen der Männer durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben
+ist, und die Zahlen fast überall beweisen, daß zwar das Wachstum der
+Frauenarbeit im Verhältnis bedeutend größer ist als das der Männer, jene
+aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer
+bedeutend überflügelt werden; aber es ist auch begreiflich, daß die
+vollständig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben,
+wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemüter
+außerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefährlichen Bedrohung
+des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten stürmische
+Empörungen hervor, die zu Anfang einen revolutionären Charakter
+annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kämpfe gegen den eisernen
+Riesen, der den Boden unterwühlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen
+glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glück und der
+Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die
+den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab.
+Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwörungen und offenen
+Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem
+Jubelgeheul der Massen zerstörten die Bewohner Blackburns Hargreaves
+Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu
+haben, als die Empörung gegen ihn und sein Werk sich bis zum
+Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem
+Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am
+meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte.
+Gegen Cartwrights Kämmmaschine richtete sich eine so wütende Agitation
+der Handkämmer, daß ihre Einführung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung
+möglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf;
+er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und
+Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen
+zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz
+England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und
+Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu
+eingeführte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte
+seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der
+untersten Stufe der Existenzmöglichkeit angekommen war, und sich nun mit
+Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mußte. Systematisch
+war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19.
+Jahrhunderts gegen die Maschine führten. Sie widersetzten sich mit allen
+ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einführung; sie nahmen
+lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie
+z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als daß sie nachgegeben
+hätten.[397] Und mit derselben zähen Energie versuchten sie die
+Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger
+Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde
+um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der
+weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege,
+den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch
+gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden,
+gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften
+vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, daß kein Mitglied neben einer
+Frau arbeiten dürfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich
+zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore
+der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn
+nicht gar Beleidigungen gröbster Art. Es kam häufig vor, daß sie sich
+durch Hinterpförtchen in die Arbeitsräume schleichen mußten, um
+überhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle
+Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat,
+das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwächter Form, auf dem
+Kontinent. Ueberall betrachteten die Männer ihre weiblichen
+Arbeitsgenossen mit Haß und Mißtrauen und versuchten sich ihrer zu
+entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit führte
+an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die
+Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim
+Gewerbeministerium zu beantragen, daß den Frauen, mit Ausnahme der
+Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden
+sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen
+dürften.[400] Dasselbe Gefühl, das die Innung zu diesem Antrag trieb,
+beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848,
+als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der große
+Markt für die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.
+
+Man hat häufig versucht, den erbitterten Kampf der Männer gegen die
+Frauenarbeit ihnen zum persönlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der
+sich nur aus einer völligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen
+Entwicklungsgeschichte erklären läßt. Thatsächlich war und ist zum Teil
+heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man
+überhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des
+Wirtschaftslebens gegenüber immer thöricht ist,--so müßte er sich weit
+eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie überhaupt arbeiteten, das
+war eine bittere Notwendigkeit für sie, sondern weil sie die männlichen
+Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprüche
+zu besiegen suchten. Aus der häuslichen Vereinzelung, aus der sie früher
+großenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn
+arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der
+Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der
+nächsten persönlichsten Bedürfnisse, die außerordentlich geringe waren;
+die jahrhundertelange Niederdrückung des weiblichen Geschlechts, die
+unaufhörliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige
+Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schließlich
+selber glaubten, rächte sich nun an den Männern: die weiblichen Arbeiter
+waren mit Löhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stück Brot
+gewährleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts
+von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne
+etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude über Arbeitsgelegenheit;
+sie ließen sich ausbeuten bis aufs äußerste und nahmen es hin, wie ein
+Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafür einen Tag lang den schlimmsten
+Hunger stillen konnten. Das Gefühl von Solidarität mit den Genossen
+ihrer Arbeit müßte denen völlig fremd sein, deren höchste Tugend bisher
+die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So mußten
+sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert
+verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der
+Männer. Sie drückten die Löhne und machten es infolgedessen immer mehr
+Männern unmöglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu
+eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Daß die
+Männer eine Gefahr darin sahen, daß sie nicht blinden Auges und kalten
+Herzens an der Zerstörung der Häuslichkeit und der Verwahrlosung der
+Kinder vorübergehen konnten, war nur natürlich.
+
+Nicht allzu lange sollten die Männer allein unter dem Wachstum des
+Großbetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der
+Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie
+wieder hinaus. Während früher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mädchen zum
+Schlagen der Kokons nötig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und
+mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mädchen aufs Pflaster. Die
+Einführung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsaß hatte
+zur Folge, daß die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der
+Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken
+war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr
+angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt
+hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige
+verbesserte Spinnmaschine die Hälfte aller Arbeiterinnen.[403] Am
+furchtbarsten waren die Folgen der Einführung der Nähmaschine. Eine
+einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nähmaschinen aufstellte, von
+denen eine die Arbeit von 6 Handnäherinnen ausführte, machte ca. 2000
+Näherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nähmaschine
+versprachen, weil sie der Frau ermöglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb
+nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die
+schwächsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods
+parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einführung neuer oder die
+Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Löhne
+zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem
+Kapitalisten zu Gute kam, mußte die überflüssig gewordene menschliche
+Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie
+dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtsstätte fand,
+in der Hausindustrie.
+
+Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein
+feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden
+letzten Berufszählungen eingehend mit der Hausindustrie beschäftigte,
+versteht darunter die "Arbeit zu Hause für fremde Rechnung". Die
+Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h.
+diejenigen, die im eignen Wohnraum für die Unternehmer beschäftigt sind,
+umfassen und die Werkstattarbeiter ausschließen. Das geschieht
+ausdrücklich durch die neueste belgische Statistik, die als
+Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf
+Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das österreichische
+Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf
+beschränkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werkstätte ohne
+gewerbliches Hilfspersonal" höchstens mit Angehörigen des eigenen
+Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind
+verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die
+Hausindustrie als Großvertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe
+hergestellt werden[405], bezeichnet, während nicht die Art des
+Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen
+erklärt man sie für großindustrielle Arbeit in kleinen Werkstätten und
+in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein
+schwankendes Bild giebt. Die sinngemäßeste, die Sache klar bezeichnende
+Erklärung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform
+der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren
+eigenen Wohnungen oder Werkstätten beschäftigt werden.[407]
+
+Mit der Hausindustrie früherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen
+gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Großindustrie. Einerseits
+nährt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbständige
+Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich
+verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestädten
+infolge der sich zusammendrängenden proletarischen Bevölkerung
+massenhaft emporschießt oder vereinzelt in abseits liegenden
+Gebirgsthälern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige
+Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich
+nicht entgehen lassen. Mit der Möglichkeit der Arbeitszerlegung, der
+Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstärkte sich noch die
+Tendenz, die Hausindustrie groß zu ziehen. Dazu kam, daß nicht nur die
+Ersparnisse in Bezug auf die Löhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl
+die Kosten für Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung,
+Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das beförderte selbstverständlich
+eine weitere Dezentralisierung des Großbetriebs. Beweis hierfür ist
+unter anderem die Rückentwicklung des Cigarrengroßbetriebs zur
+Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Groß- zum
+Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwächsten, die die Fabrik als die
+wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten
+Elend kein Hauch der neuen Zeit berührte, die Frauen, die Kinder und die
+Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die
+Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehöfte, die
+entlegensten Landstädtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die
+Keller der Großstädte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb
+menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um überall
+Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der
+Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder
+bekommt sie vom Fabrikanten, für den er arbeitet, geliefert.
+Nähmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten
+Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen
+der elendesten Sklaven des Kapitalismus; über die Strickmaschine sitzen
+sie gebückt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der
+Schweiz verbreitet hat, macht aus den blühenden Kindern der Berge
+dieselben flachbrüstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der
+Großstädte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft
+billiger ist als Dampf und Elektrizität, werden die Unternehmer sie für
+sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Großindustrie,
+den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, daß sie
+fast ihren Vater überragt.
+
+Ein riesiges Arbeitsfeld eröffnete sich den Frauen durch die
+Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nähmaschine gehörte die
+Herstellung der Wäsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich
+häuslicher Thätigkeit. Hausfrau und Haustöchter, eventuell die
+verfügbaren Dienstmädchen, beschäftigten sich damit. In einer späteren
+Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Näherin als
+Hilfskraft hinzu und die bei sich für die Kunden arbeitende Schneiderin
+war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschäfte, die mit Hilfe der
+hausindustriell thätigen Näherinnen fertige Kleider verkauften, kamen
+erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nähmaschine die
+Massenproduktion ermöglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und
+suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende
+Ausbeutung der Arbeiterinnen möglich war. "Alle Näherinnen," sagte ein
+englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel
+und Mangel an Nahrung." Während der Saison saßen in London gegen 30
+Mädchen in Räumen zusammen, die kaum für ein Drittel die nötige Luft
+gewährten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklöchern,
+wenn sie überhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene
+Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehörte durchaus nicht zu den
+Ausnahmen; die physische Unfähigkeit, die Nadel noch länger zu führen,
+war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht
+infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne
+Walkley, von der Marx erzählt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit
+der Hunger. Für 4-1/2 sh. wöchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren
+Londoner Kleidernäherinnen 16 und mehr Stunden täglich. Und doch waren
+sie noch in glänzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die
+Wäsche nähten: Für ein gewöhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, für
+elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte,
+betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlöhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei
+angestrengter Thätigkeit gang und gäbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom
+Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt
+nicht nur für die armseligsten Töchter des reichen England; ihre
+Unglücksgefährten verteilten sich über die ganze zivilisierte Welt. Mit
+Tagelöhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000
+Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen
+lebte in New-York in ständigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410]
+Die Pariser Näherinnen der fünfziger und sechziger Jahre, die, infolge
+der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten
+gehörten, mußten sich mit Löhnen von 40 und 60 c. täglich begnügen[411],
+während, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an
+täglicher Nahrung gewährleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt
+freien Arbeiterinnen, die thatsächlich ein weit elenderes Leben führten,
+als die schwarzen Sklaven Amerikas, für deren Befreiung eine ganze Welt
+sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukämpfen, die
+großenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthäter der Armen
+nennen ließen. So nötigten die Armenhäuser Londons, deren Insassen
+Hemden nähten, die Näherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe
+niedrige Niveau und die Klöster Frankreichs, in denen Männerhemden für
+10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stück für 1,10 fr.
+hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschäftigten
+und von denen Jules Simon berichtete, daß von 100 Dutzend Hemden, die in
+Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klöstern hergestellt
+wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in
+die Arme.[414] Kein Wunder, daß 1866 doppelt so viel Frauen als Männer
+der Armenpflege anheim fielen.
+
+Dieselbe Konkurrenz drückte auch auf die Spitzenindustrie, die durch
+Colberts Einfluß in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte;
+1866 waren 250000 Frauen in ihr beschäftigt. Zwanzig Jahre früher sah
+Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit
+nicht mehr als 52 c. täglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert
+der jährlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet
+wurde, betrug ihr höchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte
+Jules Simon, daß für die Herstellung der points d'Alençon, jener
+kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht
+einbüßten, 75 c., und für die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die
+Brüsseler, gar nur 30 c. täglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die
+Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in
+Frankreich beschäftigten, verdiente die größte Mehrzahl nicht mehr als
+20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der
+vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als
+Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) täglich verdiente und die vier Kinder
+betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der
+kümmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem
+Erdboden, allein für Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wöchentlich
+gebrauchten[417],--dürfte für das Proletariat jener Zeit typisch sein.
+
+Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den
+dreißiger Jahren betrugen die Frauenlöhne in den englischen
+Leinenwebereien bei einer zwölf- bis sechzehnstündigen Arbeitszeit 4 bis
+5 sh. die Woche, von denen für Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in
+den Baumwollfabriken sanken die Löhne auf 1 bis 4 sh., junge Mädchen
+unter sechzehn Jahren verdienten bei zwölfstündiger Arbeitszeit oft
+nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis
+1845 überstieg der Verdienst der französischen Fabrikarbeiterinnen
+selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei
+vierzehnstündiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen höheren
+Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Löhne sowohl in der
+Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsaß
+in den dreißiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn
+betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der höchste, selten erreichte,
+3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung
+der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedürfnisse, noch war sie
+eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Großindustrie im 19.
+Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten für die Arbeiterin Hunger
+und Entbehrung. Die geringfügigste Trübung des geschäftlichen Horizontes
+wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den
+dreißiger Jahren sanken die Löhne der Weber am Niederrhein bei einer
+Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2
+bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850
+waren in Krefeld allein 12000 Personen vollständig brotlos[423],--von
+dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die große
+wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und
+Südstaaten Amerikas über Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs
+neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort
+sanken die Frauenlöhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich für
+die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem französischen Krieg. Die
+Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webstühlen
+gerieten vollständig in Stillstand.[425]
+
+Aber die industriellen Umwälzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren
+nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und
+untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem
+Arbeiter und der Maschine: er verausgabte für beide nur genau so viel,
+als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue
+Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen höheren
+Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der
+menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem
+war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit
+Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkürlich
+stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfährig zu machen, wurde
+auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten
+Schürzen und Bänder, Tücher und Mützen. Wie oft kam die arme Arbeiterin
+am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit
+nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf
+die Heimkehr des Mannes--er saß im Kramladen seines Chefs und ließ sich
+in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib
+Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld
+hätte kaufen können! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die
+Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts überall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter
+den Thüren der Kaufläden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten,
+und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die
+Entlassung nicht fürchten wollte. So verkaufte der Konfektionär wie der
+Zwischenmeister den Näherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die
+Preise, die er dafür anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so
+schon kärglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krämer des
+Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhändler der
+Hausindustriellen ist, das Material für ihre Arbeit zu Wucherpreisen an
+sie.
+
+Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hieße ein Buch
+schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines
+Höllenbreughel weit hinter sich ließen. Blicken wir in die Wohnungen
+jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer
+ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Häusern 12000 Personen;
+ganze Familien, ja ganze Generationen besaßen nur ein kleines Zimmer, in
+dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein
+Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glücklich zu
+nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaßen überhaupt kein
+Obdach; sie drängten sich nachts, soweit es irgend ging, in den
+Logierhäusern zusammen--Männer, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde,
+Nüchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fünf und sechs in einem
+Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die
+Millionäre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem
+schwarzen, stinkenden Fluß voll Schmutz und Unrat, ragten die
+Arbeiterkasernen auf; um fürchterlich kleine Höfe drängten sie sich,
+verräuchert, verfallen, oft ohne Thüren und Fenster, mit winzigen
+Stübchen, die für zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten;
+die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben
+Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straßen,
+in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in
+Lille die Häuser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender
+Rinnstein, der alle Abwässer aufnahm; aus Sparsamkeitsgründen waren die
+Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den
+überfüllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Räumen herrschte
+ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen
+Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blöden Augen dem
+Fremden entgegen, der sich in diese Hölle verirrte.[427] Welch ein Glück
+für sie, daß der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben
+erlöste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fünften Jahr![428]
+Zwanzig Jahre später hatten sich die Verhältnisse noch um kein Haar
+gebessert![429] In Rouen waren die Zustände ähnlich: Der Eingangsflur
+war zugleich offener Kanal für die Abwässer; Wendeltreppen ohne Licht
+und ohne Geländer führten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist
+das Bild, das Villermé von Mülhausen entwirft, wo infolge des raschen
+industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den früher 7000 Menschen
+innehatten, nun 20000 sich zusammendrängten. Jules Simon sah in Reims
+einen feuchten, dunklen, über einem Kloset befindlichen Raum, den zwei
+Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er
+einen dunklen Hängeboden über einem kleinen von sechs Personen bewohnten
+Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Säugling, der Tags über im
+Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer
+Treppe, 2 zu 1-1/2 m groß, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte.
+Wie groß das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes
+Kämmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen
+Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fuß hinsetzte,
+folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die
+Wohnungsverhältnisse Berlins in den fünfziger Jahren jeder Beschreibung.
+Charakteristisch für sie waren besonders die zahlreichen
+Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fuß hoch stand. Noch
+1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher
+feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern,
+Schlafburschen und Schlafmädchen zugleich besetzt.[432]
+
+Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Höhlen,--denn der Ausdruck Wohnung
+erscheint solchen Behausungen gegenüber ganz ungeeignet,--in die
+Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier ähnliche Zustände
+wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hälfte des
+neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Häusern, Klöstern und
+Schlössern eingerichtet. Die Räume wurden ohne Rücksicht auf
+die Sicherheit der Arbeiter auf das äußerste ausgenutzt,
+sodaß sich der Einzelne nur mit großer Vorsicht zwischen den
+schwingenden Rädern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch
+Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der
+Baumwollspinnereien,--bis zu 37° Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen
+bis in die fünfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung
+mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die
+Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Knöcheln im
+Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den
+Seidenspinnereien saßen die Frauen selbst im heißesten Sommer zwischen
+glühendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger
+tauchen mußten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In
+feuchten, halbdunklen Kellern saßen die Spitzenarbeiterinnen, weil die
+feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es für
+diese Unglücklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub
+mußten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von
+den Aufsehern häufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine
+Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit
+entging.[435] Wohnten sie außerhalb der Fabrikstädte, so hieß es früh um
+vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436]
+Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schweiß gebadet, ohne schützende
+Hülle, bloßfüßig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die
+Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder
+schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel
+der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niederträufelte.[437]
+Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder
+ein Stückchen Hering sollen die Körperkräfte aufrecht halten, um sie
+täglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafür
+reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der
+Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen
+Industriezentren erschreckend rasch zu.[438]
+
+Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht
+nicht heilig war, aus den überfüllten, schmutzstarrenden Häusern, aus
+den Wolken von Staub und glühendem Dampf, der die Fabriken erfüllte,
+wuchs in riesenhafter Größe jenes hohläugige Gespenst hervor, das von
+nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straßen der Armen schritt und
+die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der
+Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindsüchtiger auf 45
+Arbeiter und zehn Jahr später schon einer auf acht.[439] Kein Weber
+konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu überleben[440] und
+dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die
+schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hälfte vor dem zweiten
+Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der
+Entbindung trieb die Not ihre Mütter zurück in die Fabrik; die Milch,
+durch die ihre Kleinen groß und stark hätten werden können, lief ihnen
+bei der Arbeit aus den Brüsten![441] Die deutsche Reichserhebung von
+1874 erklärte mit einem eigenen Cynismus, daß die Arbeiterinnen in den
+Zündholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz
+oder teilweise verlören, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie
+konstatierte ferner, daß die Atmosphäre der Fabriken diejenigen
+lungenkrank machen muß, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte
+diese Anlage nicht?! Die zunehmende körperliche Degenerierung der
+arbeitenden Bevölkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es
+vermocht hätten.
+
+Aber es blieb nicht bei der körperlichen allein. Die Zusammenarbeit der
+Geschlechter in glühender Hitze, fast unbekleidet, das fast völlige
+Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleideräume, die gemeinsame Arbeit von
+Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gängen der Bergwerke und
+der frühe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben,
+steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwüstete schon die
+Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustände unterstützten diese moralische
+Degeneration. Nicht nur, daß die Geschlechter, die Schlafburschen und
+Schlafmädchen und die Kinder regellos in engen Räumen zusammen wohnen
+mußten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrängt. In
+Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--überall wurden ihnen elende
+Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das
+Vieh. Weit mehr noch als diese äußeren Umstände, unter denen Männer und
+Frauen gleichmäßig litten, wirkten die Lohnverhältnisse der weiblichen
+Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedürfnisse der
+verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschuß
+brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mädchen, die oft nur für
+ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch
+die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergänzung umzusehen.
+Die einen,--die Glücklichsten von ihnen,--hatten keine eigene
+Schlafstelle, sie brachten die Nächte bei ihren Liebhabern zu[444], das
+Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das
+Gesetz es noch dadurch förderte, daß es das uneheliche Kind der Mutter
+allein zur Last fallen ließ, nach einer Enquête der vierziger Jahre in
+einer Industrie auf einen verheirateten zwölf im Konkubinat lebende
+Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglücklichsten,--lehrten
+Not und Hunger frühzeitig, ihren Körper verkaufen, wie ihre
+Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft
+siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die
+Arbeitsstelle nur dadurch, daß sie sich dem Herrn oder dem Werkführer
+preisgaben. Das Fabrikmädchen stand infolgedessen häufig nicht höher im
+Ansehen, als die Straßendirne.
+
+Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat
+gehen müssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tägliche Brot gebracht,
+glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf,
+unermüdlich Tag für Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit
+Erlösung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie
+war ja so bedürfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, für die sie
+schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein
+Dach über dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Nötigste, den
+Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und
+Schande,--rastlos auf ihren Fersen.
+
+Warum strömten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend
+zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit
+besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen
+dagegen sprechen.
+
+Den ersten klaren Einblick in die Verhältnisse der Landarbeiter
+vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446]
+Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mädchen und
+Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit,
+z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war
+grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmöglich,
+weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche
+Gutsbesitzer sehr häufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch für
+die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt.
+Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen
+Hütten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine
+Trennung der Tagelöhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen
+und leere Ställe dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der
+Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmöglich," sagt die
+englische Kommission, "den schädlichen Einfluß der Wohnungen nach der
+physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, ökonomischen und
+intellektuellen Seite hin zu übertreiben."[448] Die traurigste
+Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das
+Gangsystem, das darin bestand, daß Agenten Scharen von Mädchen und
+jungen Männern,--den Mädchen wurde übrigens immer der Vorzug
+gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs
+Land führten. Nicht nur, daß die in der Entwicklungszeit sich
+befindenden Mädchen durch die harte Arbeit körperlich schwer geschädigt
+wurden, frühzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie
+vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anständige
+Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewähren. Für ihn waren sie nichts als
+billige Arbeitsmaschinen, die ihn im übrigen nichts angingen. Natürlich
+war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich für die alten
+eingesessenen Tagelöhner. Für den Gutsherrn war es viel billiger und
+bequemer, zur Zeit dringender Arbeit über ein Heer von Arbeitskräften zu
+verfügen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die
+Gutstagelöhner durch die stille Zeit mit durchfüttern zu müssen. Auch
+das Gangsystem trieb daher die Tagelöhner beiderlei Geschlechts vom
+Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengängerei Deutschlands, deren
+erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie
+zusammenfällt, haben wir eine ähnliche Erscheinung. Auch sie ist
+zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang
+diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, daß in der
+Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000
+Personen vom Lande in die Industriestädte übersiedelten.[450] In England
+verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000.
+Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die
+Dreschmaschine nicht nur thatsächlich eine Menge Arbeiter überflüssig,
+sie führte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine
+früher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hände, wurde jetzt in
+kürzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Für die
+Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, daß das Spinnen
+und Weben, die allgemeine Winterbeschäftigung der Landarbeiterinnen,
+durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die
+arbeitslosen Zeiten verlängerten sich daher für sie mehr und mehr, und
+diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie
+sich eher durchschlagen zu können glaubten. Hatte doch auch der im
+Verhältnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes für sie.
+Eine französische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B.
+selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergänzung vielfach eine
+ungenügende Kost und Wohnung. Eine Tagelöhnerin brachte es nicht über 60
+bis 75 c. täglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten
+das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhängig von ihren
+Herren, daß auch häufig die Eheschließung ihnen erschwert, wenn nicht
+gar unmöglich gemacht wurde.
+
+Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglühte, trugen erst
+die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Dörfer und
+Gutshöfe. Den Druck der Abhängigkeit fingen die Landarbeiter an nach und
+nach zu spüren das Bewußtsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach
+Freiheit dämmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als
+verwandter Begriff. Je stärker das Klassenbewußtsein sich in ihnen
+regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das ländliche
+Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen
+Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preußen
+auf 100 Personen der Bevölkerung gewerbliches (landwirtschaftliches)
+Gesinde:
+
+1819: 8,5
+1837: 7,0
+1849: 6,9
+1852: 6,4
+1855: 6,7
+1861: 5,7
+1871: 3,6.
+
+In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im
+Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf
+3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre
+1882.[453] Wenn auch der Mangel an ländlichen Arbeitern durchaus keine
+neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren
+durch die Einführung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekämpfen--, in
+seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewußtseins
+und nicht nur die sporadische Folge besonders drückender Verhältnisse
+ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kämpfe angesehen werden.
+
+Dasselbe gilt für die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur
+die Thatsache, daß die häuslichen Arbeiter sich mehr und mehr in
+industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch
+die die Abnahme der häuslichen Dienstboten ihre natürliche Erklärung
+findet, denn thatsächlich übersteigt die Nachfrage überall das Angebot,
+es ist vielmehr das erwachende Selbstgefühl, das die Mädchen vom
+Dienstbotenberuf in immer stärkerem Maße zurücktreibt. Kaum giebt es
+einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die
+das klassische Altertum aufweist, so unveränderlich haften geblieben
+ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste
+Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier
+nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaßen seine ganze Person, er
+steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab
+seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das
+Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwürdigsten", als
+"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prügelstrafe
+als allein richtige Erziehungsmittel anführt.[454] Und der Geist Luthers
+spukte weiter in allen Köpfen. Die Klagen über die schlechten
+Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang
+des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine
+Klasse von Menschen übermütiger, trotziger und widerspenstiger als der
+größte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und
+Unzucht, über Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten
+Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar
+nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und
+Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich
+geblieben ist, geht aus folgenden Aussprüchen hervor: "Bei den
+Gesindeschulen," sagt Kränitz[456], "muß man sein Hauptaugenmerk darauf
+richten, daß man darin frommes und gottesfürchtiges, in der Religion
+wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklärt v.d.
+Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich
+bleibenden Klagen über die dienende Bevölkerung liegen in der
+Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der menschlichen Natur
+begründet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der
+Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmäßigen Erziehung
+der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt
+weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist
+vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten über
+die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die
+Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten
+Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche
+Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine stärkere Knechtung war
+ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts
+entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie
+alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des
+"patriarchalischen Zustandes", jenes Märchens, das sich die deutschen
+Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden
+lassen, wird allseitig als das erwünschteste Ziel betrachtet. Daß es die
+rechtlichen, sozialen und ökonomischen Zustände sind, die einer
+Besserung dringend bedürfen, und aus denen sich sowohl die durch sie
+gezüchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklären
+lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn
+gekommen.
+
+Der Mangel an Dienstboten wurde immer fühlbarer und sie kehrten nicht
+nur ihrem Beruf den Rücken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch
+nur sehr schüchtern und vereinzelt, über ihre Lage aus. Im April 1848
+fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die
+Erhöhung der Löhne, bessere Kost und längere Nachtruhe forderte. Wie es
+thatsächlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein
+deutscher Autor[460] folgendermaßen: "Man giebt ihnen die roheste Kost;
+sie müssen zu zwei und drei in Räumen schlafen, die nicht einmal den
+Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das
+für Marterinstrumente, welche Pfühle voll Krankheitsstoff diese sind!
+Außerdem, daß die Dienstboten nicht allein vom frühen Morgen bis zum
+Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, können die Dienstherren
+doch nicht genug kriegen und verlangen darüber und immer noch mehr!" Was
+die Lage der häuslichen Dienstboten aber noch verschärfte, waren die
+sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere
+Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Männerwelt, besonders
+der gebildeten, für vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hälfte der
+Frauen in den öffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmädchen, und mehr
+als die Hälfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmädchen zu Müttern.
+Wie tief die armen Mädchen sanken, beweist die Thatsache, daß zur selben
+Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verführtes
+Dienstmädchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmörderinnen in
+Frankreich ausmachten.[461]
+
+Die psychologischen, die ökonomischen und die moralischen Gründe sind
+nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich
+erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhältnis zur Bevölkerung
+veränderte, läßt sich, abgesehen von den letzten Zählungen, schwer
+feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das häusliche Gesinde
+auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde.
+Einen annähernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der häuslichen
+Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462]
+
+Auf 100 Personen der Gesamtbevölkerung kamen Dienstboten in
+
+Länder | 1811/19 | 1847/49 | 1861/66 | 1871 | 1880 | 1882 | 1885
+----------------+---------+---------+---------+------+------+------+------
+Preußen | 0,9 | 1,1 | | | | 3,2 |
+Hamburg | 10,5 | | 12,1 | 7,5 | 6,3 | 5,7 | 4,8
+Oldenburg | | | | 3,1 | 2,4 | | 2,5
+Sachsen | | | 2,2 | | | 2,7 |
+Bayern | | 0,9 | | | | 1,7 |
+Mecklenburg | | | | 3,6 | | 2,2 |
+Hessen | | | 2,77 | 2,50 | | 1,94 |
+Sachsen - | | | | | | |
+ Altenburg | | | 2,1 | | | 1,7 |
+Sachsen - | | | | | | |
+ Weimar | | | 2,4 | | | 1,5 |
+Schwarzburg- | | | | | | |
+ Sondershausen | | | 2,0 | | | 1,6 |
+
+So unzulänglich und wenig beweiskräftig auch diese Zusammenstellung
+ist, so geht doch aus ihr schon hervor, daß auch dieser proletarische
+Frauenberuf,--der älteste vielleicht, den es überhaupt giebt,--im
+letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung
+entgegenzugehen, die sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher
+ausprägt. Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drängt eben
+immer stärker dazu, diejenigen Frauenberufe, die früher als die fast
+einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger direkter
+Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch andere zu
+entwerten und abzulösen.
+
+Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jüngste
+Zeit fällt, ist der der Verkäuferinnen anzusehen. Während die
+fachmännisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus
+bürgerlichen Kreisen stammen, strömen dem Beruf der ungelernten
+Verkäuferinnen immer mehr Proletariertöchter zu. Diese Bewegung begann
+schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten
+Fällen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und höhere
+Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen
+emporhoben, konnten sie für ihre Töchter an Stellungen denken, die ein
+gewisses Maß von feinerer Lebensart erforderten, und, äußerlich
+betrachtet, einige Stufen höher standen, als die der Fabrik- oder
+Werkstattarbeiterin. Wer näher zusah, bemerkte freilich vor lauter
+Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum
+äußersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der
+Zahl der Verkäuferinnen war leider großenteils darauf zurückzuführen,
+daß sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrüstung von
+sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis
+dessen, was sie hätten beanspruchen können, sondern auch im scharfen
+Konkurrenzkampf gegen die vielen Mädchen aus dem Mittelstand, die, weil
+sie Anschluß an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten,
+mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben.
+
+Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert
+beschränkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort
+eine rapide. Für die Industrie wird sie durch die großartige
+Entwicklung der Technik unterstützt, ja vielfach überhaupt erst durch
+sie ermöglicht. Das wachsende Mißverhältnis zwischen dem Einkommen der
+Männer und den Bedürfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit;
+durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben übten sie jedoch
+wieder einen Druck auf die Löhne aller aus. Sie befinden sich demnach in
+einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmöglich scheint.
+
+Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im
+Hausdienst ist teils auf ökonomische Motive,--niedrige Löhne und lange
+Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und
+Freudebedürfnis erwachender Individualitäten,--zurückzuführen, und bei
+oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem
+entstehenden Mangel an Arbeitskräften in beiden Berufsgebieten
+ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie.
+
+Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine
+bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im großen und ganzen
+in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch
+weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause,
+ihr Zusammenströmen in den Betrieben der Großindustrie, ihre durch die
+Maschine bedingte veränderte Organisation, die die Frau von der Stellung
+eines gewissermaßen selbständigen Handwerkers, der seine Arbeit in all
+ihren Teilen allein ausführte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der
+Maschine herabsinken ließ, rief eine Umwandlung hervor, die einer
+Neuschöpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der
+Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles
+vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend stürzte,
+hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wäre die Frau stets in
+ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie
+wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom
+ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde über den Kreis der Familie
+hinausgeführt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit
+derselben Hingebung auch mit und für sie kämpfen lernen, mit der sie
+einst nur für ihr eigen Fleisch und Blut gekämpft hat.
+
+
+
+
+5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten
+Zählungen.
+
+
+Um ein klares Bild des gegenwärtigen Standes der proletarischen
+Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunächst, ihre Ausbreitung zahlenmäßig
+festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch große
+Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Länder sind,
+was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausführung
+betrifft, so abweichend voneinander, daß eine Zusammenstellung
+internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten
+führen kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland,
+Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten
+beschränken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zählungen zu thun.
+Schon der Begriff der Berufsthätigen überhaupt ist kein feststehender,
+Deutschland und Oesterreich zählen, zum Teil in hohem Maße, die
+mithelfenden Familienangehörigen dazu, während England z.B. sie
+vollständig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und
+Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zählung der proletarischen
+Arbeit dadurch nicht erfüllt, daß die soziale Schichtung, d.h. die
+Einteilung der Berufsthätigen in Selbständige, Angestellte, Arbeiter
+u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den
+allerdings ungenügenden Zählungen von 1881 und 1891 die soziale
+Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte,
+ist in der Zählung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und
+Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, sodaß sie, trotz
+ihrer sonstigen Vorzüge, für unseren Zweck nur mit Einschränkungen
+brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber,
+Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in
+der letzten Zählung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung,
+und nur die große Detaillierung der Arbeitszweige ermöglicht eine
+annähernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt
+für Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollständig fehlt
+und nur die Ausführlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe
+darüber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in
+Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zählung nach so
+verschiedenen Prinzipien erfolgt, daß auch hier ein Vergleich schwer
+ist.
+
+So hat man in Oesterreich neben den Selbständigen, Angestellten und
+Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelöhner geschaffen, die bei
+internationalen Vergleichungen sehr störend wirkt, weil sie sich in
+dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht
+darin, daß der Begriff der "Selbständigen" ein sehr schwankender ist.
+Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer
+landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Näherin oder Putzmacherin,
+die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszählung hilft diesem
+Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die
+ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmöglich dagegen
+ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden"
+die große Schneiderin, ebenso wie die arme Näherin umfassen kann; und in
+Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die früher
+besonders berechnet wurden, in der letzten Zählung ohne weiteres den
+Arbeitern zugezählt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf
+die einzelnen Länder, gilt für alle das gleiche: daß nämlich gerade die
+proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen
+ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und
+Häuserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfällig und
+unaufgeklärt, um genaue Antworten geben zu können. Die folgenden
+Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials
+zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der
+proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben.
+
+Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhältnis zur
+Erwerbsthätigkeit überhaupt giebt den besten Begriff für ihre Bedeutung.
+
+ | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs-
+ | Zähl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer
+ | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen
+Länder |periode| Männer |Arbei- ||Frauen |rinnen || kamen
+ | | |ter || | ||Arbei-|Arbeite-
+ | | | || | || ter | rinnen
+-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+--------
+ | | | || | || |
+Deutschland| 1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55
+ " | 1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47
+ | | | || | || |
+Oesterreich| 1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69
+ " | 1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04
+ | | | || | || |
+Frankreich | 1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23
+ " | 1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05
+ | | | || | || |
+Verein. | 1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12
+Staaten | 1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18
+ | | | || | || |
+England u. | | | || | || |
+Wales | 1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51
+
+Zunächst geht aus der Zusammenstellung hervor, daß die Frauenarbeit
+überhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei
+Viertel aller erwerbsthätigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das
+übrigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte
+kam und sich mit seinen Wünschen in den Vordergrund zu drängen
+verstand, so ist dies ein Beweis mehr für die traurige Lage der
+Arbeiterinnen: sie bildeten jene große Armee der Stummen, denen die Not
+den Mund verschloß. Für ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle
+nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich
+der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren
+Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rückgang statt, der
+sich für Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrückt. Diese
+frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch
+die Zählung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr
+geringfügige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt,
+Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, müssen beide Kategorien, um
+einen Vergleich zu ermöglichen, auch für 1891 zusammengezählt werden.
+Das Resultat ist folgendes:
+
+ | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs-
+ | Zahl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer
+ | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen
+Land |periode| Männer |Arbei- || Frauen |rinnen || kamen
+ | | |ter und|| |und An- ||Arbei-|Arbeite-
+ | | |Ange- || |gestell-|| ter | rinnen
+ | | |stellte|| |te ||
+-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+--------
+ | | | || | || |
+Frankreich | 1891 |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96| 71,97
+ " | 1896 |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61| 69,67
+
+Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung
+der Erwerbsthätigen aus bürgerlichen und proletarischen Elementen durch
+die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und
+der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an bürgerlichen
+Berufen im Laufe des zehnjährigen Zeitraumes zur Genüge erklärt. Aber
+noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins
+Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in
+Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und übersteigt
+die Zahl der männlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends
+wiederkehrendes Verhältnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten
+Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zählungsresultate zu legen ist,
+so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zählung, mit dem wir uns noch
+werden beschäftigen müssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es
+hauptsächlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten
+arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art
+mit untergelaufen sind.
+
+Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit muß aber noch von
+anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunächst im Vergleich mit dem
+Wachstum der Bevölkerung:
+
+ |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100
+ |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |Arbeiterinnen
+Länder |der ersten |der ersten |der ersten |der ersten
+ |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs-
+ |periode |periode |periode |periode
+ |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der
+ |zweiten |zweiten | zweiten |zweiten
+-----------+--------------+--------------+-------------+-------------
+Deutschland| 115 | 114 | 116 | 120
+Oesterreich| 108 | 108 | 119 | 147
+Frankreich | 101 | 102 | 114 | 99
+Vereinigte | | | |
+ Staaten | 126 | 124 | 124 | 140
+
+Aus vorstehender Berechnung geht hervor, daß eine normale Zunahme der
+Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevölkerung entspricht, nur
+soweit die Männer in Betracht kommen und zwar bloß in Deutschland und
+Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist überall
+eine anormale, sie übersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil,
+und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen
+Bevölkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr große, ja es
+zeigt sich auch hier eine weit stärkere Zunahme der weiblichen
+Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevölkerung, wenn wir der Berechnung
+die Zählungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen.
+
+ |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 Ar-
+ |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |beiterinnen
+Land |der Zählung |der Zählung |der Zählung|der Zählung
+ |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891 |von 1891
+ |1896[463] |1896 |kamen 1896 |kamen 1896
+-----------+--------------+--------------+-----------+-----------
+Frankreich | 100 | 100,35 | 151 | 115
+
+Für England ist es unmöglich, den Fortschritt der proletarischen
+Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zählung eine
+soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthätige
+weibliche Bevölkerung über zehn Jahr in ihrem Verhältnis zur weiblichen
+Bevölkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung
+nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen über zehn
+Jahr 34,05 erwerbsthätig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz
+der männlichen Erwerbstätigen hat sich nicht verschoben, er betrug in
+beiden Zählungsperioden 83%.[464]
+
+Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und
+seine Verschiebung im Laufe der Zeit muß gleichfalls einer näheren
+Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschluß darüber:
+
+Länder |Zählungs-| | |Von
+ |periode |Männer |Frauen |100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |
+ | | | |Männer|Frauen
+------------------+---------+-------+-------+------+------
+Deutschland | 1882 |8020114|4408116| 64,53| 35,47
+ " | 1895 |9295082|5293277| 63,65| 36,35
+Oesterreich | 1880 |3670338|3642864| 50,19| 49,81
+ " | 1890 |4363074|5310639| 45,10| 54,90
+Frankreich[465] | 1881 |4376604|3635802| 54,62| 45,38
+ " | 1891 |4990635|3584518| 59,36| 40,64
+ " | 1891 |5563898|3735904| 53,44| 46,54
+ " | 1896 |8290204|4287006| 65,86| 34,14
+England und Wales | 1881 | -- | -- | -- | --
+ " " " | 1891 |5368965|3113256| 63,30| 36,70
+Vereinigte Staaten| 1880 |7053702|2041466| 77,56| 22,44
+ " " | 1890 |8735622|2864818| 75,30| 24,70
+
+Mit Ausnahme von Frankreich wäre der Eindruck eines Zurückdrängens der
+Männer durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der
+Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wäre, daß thatsächlich die
+Zunahme der männlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevölkerung gleichen
+Schritt hält, ja sie zum Teil übersteigt. Es handelt sich also wohl um
+eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rückgang der männlichen
+Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das
+Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zählung scheinen die Frauen
+den Männern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen
+der männlichen Arbeiter bringt die Erklärung dafür: danach sollen die
+Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fünf Jahren eine Zunahme von
+fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen
+Zunahme der Bevölkerung, selbst dann eine Unmöglichkeit, wenn in
+Betracht gezogen wird, daß die Zählung von 1896 die Kleinmeister (petits
+patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das
+Wahrscheinlichste angenommen werden, daß die Statistik von 1891 einen
+großen Teil der Arbeiter nicht erfaßte. Ist das der Fall, so würde die
+Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden.
+
+Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit
+einer Verdrängung der Männerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise
+dafür beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch
+von uns angeführte Thatsache, daß durch die Einführung neuer, leichter
+zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an
+Stelle der Männer treten. Ganz abgesehen davon, daß es auch Maschinen
+giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit
+verdrängen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, daß im allgemeinen
+von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein
+kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige
+Behauptung ist auch eines jener auf ungenügender Kenntnis der Thatsachen
+beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum
+Beweis dafür.[466] Es verblieben nämlich in der Stellung von berufslosen
+Familienangehörigen:
+
+Von je 1000 Personen | Deutschland | Oesterreich
+in der Altersklasse |-----------------+-----------------
+ |männlich|weiblich|männlich|weiblich
+--------------------------+--------+--------+--------+--------
+unter 20 Jahr | 742 | 812 | 655 | 691
+von 20-30 Jahr | 24 | 531 | 28 | 268
+ " 30-40 " | 9 | 743 | 11 | 340
+ " 40-50 " | 7 | 710 | 7 | 304
+ " 50-60 " | 10 | 632 | 8 | 267
+ " 60-70 " | 22 | 553 | 18 | 261
+ " 70 Jahr und darüber | 106 | 469 | 54 | 253
+
+Daraus geht hervor, daß in den für die Berufsarbeit entscheidenden
+Altersklassen kaum 1% Männer zum Eintritt in den Erwerb übrig bleibt.
+Man kann annehmen, daß dieses eine Prozent großenteils aus jenen
+physisch und moralisch Kranken besteht, die überhaupt von der
+Berufsarbeit ausgeschlossen sind, daß daher fast alle verfügbaren Männer
+zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr
+Anteil an der Berufsarbeit fällt wesentlich in das 20. bis 30.
+Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hälfte der Frauen
+erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den
+Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch
+nehmen. Erst in späteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rücktritt der
+Männer in die Reihen der Berufslosen beginnt, wächst wieder, infolge der
+großen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben.
+Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfähige
+Frauen verfügbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die
+ihr nötigen, aus der Männerwelt nicht zu deckenden Arbeitskräfte.
+Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische
+Frauenarbeit im Verhältnis stärker zunehmen als die Männerarbeit, ohne
+daß diese durch jene gefährdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar
+durch den Hinweis auf die große Zahl der Arbeitslosen entkräftet werden.
+Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem
+Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte
+Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Männer und
+Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht.
+
+Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch
+ein näheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen
+Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhältnis zu den Männern
+folgendermaßen:
+
+Länder |Zählungs-|Landwirtschaft
+ |periode |
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 |3629959|2251860| 61,71 | 38,29
+Deutschland | 1895 |3239646|2388148| 57,57 | 42,43
+Oesterreich | 1880 |1646317|2088985| 43,70 | 56,30
+Oesterreich | 1890 |1962688|3652445| 34,95 | 65,05
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1858131|1542407| 54,67 | 45,33
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2120799|1452924| 59,34 | 40,66
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2166351|1482772| 59,37 | 40,63
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3818509|1487123| 71,97 | 28,03
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | 807608| 40346| 95,26 | 4,74
+England und Wales | 1891 | 734984| 24150| 96,82 | 3,18
+Vereinigte Staaten | 1880 |2208400| 399309| 84,69 | 15,31
+Vereinigte Staaten | 1890 |2316399| 363544| 86,43 | 13,57
+
+Länder |Zählungs-|Industrie
+ |periode |
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 |3551014| 545229| 86,69 | 13,31
+Deutschland | 1895 |4963409| 992302| 83,35 | 16,65
+Oesterreich | 1880 |1193265| 449746| 72,63 | 27,37
+Oesterreich | 1890 |1558914| 585692| 72,69 | 27,31
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1869639|1161960| 61,67 | 38,33
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2146156|1173061| 64,72 | 35,28
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2262222|1219217| 64,98 | 35,02
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3048030|1611078| 65,42 | 34,58
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | | | |
+England und Wales | 1891 |3926934|1466130| 72,81 | 27,19
+Vereinigte Staaten | 1880 |2878133| 690798| 80,65 | 19,35
+Vereinigte Staaten | 1890 |4236760|1206807| 77,83 | 22,17
+
+Länder |Zählungs-|Handel und Verkehr
+ |periode |
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 | 582885| 144777| 80,11 | 19,89
+Deutschland | 1895 | 868042| 365005| 70,40 | 29,60
+Oesterreich | 1880 | 131043| 31039| 80,86 | 19,14
+Oesterreich | 1890 | 189281| 59246| 76,16 | 23,84
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | 304605| 119115| 71,89 | 28,11
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | 497655| 228656| 68,52 | 31,48
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | 909310| 334038| 73,10 | 26,90
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |1223919| 527073| 69,90 | 30,10
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | | | |
+England und Wales | 1891 | 638423| 12556| 98,07 | 1,93
+Vereinigte Staaten | 1880 | 91502| 4803| 95,90 | 4,10
+Vereinigte Staaten | 1890 | 127619| 10027| 92,72 | 7,28
+
+Länder |Zählungs-|Persönlicher Dienst und
+ |periode |Lohnarbeit wechselnder Art
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 | 213746| 183836| 53,76 | 46,24
+Deutschland | 1895 | 198626| 233865| 45,91 | 54,09
+Oesterreich | 1880 | 495425| 501500| 49,70 | 50,30
+Oesterreich | 1890 | 620301| 588169| 51,23 | 48,77
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | | | |
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | | | |
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 | | | |
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | 5728| 95826| 5,65 | 94,35
+England und Wales | 1891 | 10097| 124253| 7,50 | 92,50
+Vereinigte Staaten | 1880 |1715733| 70179| 99,60 | 0,40
+Vereinigte Staaten | 1890 |1828265| 53096| 99,72 | 0,28
+
+Länder |Zählungs-|Häusliche Dienstboten
+ |periode |
+ | |Männer|Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 | 42510|1282414| 3,20 | 96,80
+Deutschland | 1895 | 25359|1313957| 1,89 | 98,11
+Oesterreich | 1880 |204288| 571594| 26,53 | 73,67
+Oesterreich | 1890 | 31890| 424387| 6,99 | 93,01
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |344229| 812320| 29,76 | 70,24
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |199746| 661732| 23,19 | 76,81
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | 66262|1230406| 5,11 | 94,89
+England und Wales | 1891 | 58527|1386167| 4,06 | 95,94
+Vereinigte Staaten | 1880 |159934| 876377| 15,43 | 84,57
+Vereinigte Staaten | 1890 |226679|1231344| 15,50 | 84,50
+
+Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit
+Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat,
+eine Abnahme, die sich für England und Amerika auch in den absoluten
+Zahlen ausdrückt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und
+Amerika eine raschere als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich
+und Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme
+stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die Frauenarbeit im
+Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle Länder. Für die Lohnarbeit
+wechselnder Art hat überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer
+stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen
+erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von
+Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, wieder mit Ausnahme
+von Amerika, überall an Zahl bedeutend zurückgingen. Eine absolute
+Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch für die weiblichen
+Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau
+genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen
+Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums zeigt am
+besten die Tabelle.
+
+Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.
+
+ | Landwirtschaft | Industrie | Handel und Verkehr
+ | | |
+ |-------------------+-------------------+-------------------
+ | Auf 100
+Länder |-------------------+-------------------+-------------------
+ |männliche|weibliche|männliche|weibliche|männliche|weibliche
+ |-----------------------------------------------------------
+ | Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der zweiten
+---------------+---------+---------+---------+---------+---------+---------
+Deutschland | | | | | |
+ 1882 bis 1890| 89 | 106 | 140 | 182 | 149 | 253
+Oesterreich | | | | | |
+ 1880 bis 1890| 119 | 175 | 131 | 130 | 144 | 191
+Frankreich | | | | | |
+ 1881 bis 1891| 114 | 94 | 116 | 101 | 163 | 192
+Frankreich | | | | | |
+ 1891 bis 1896| 176 | 100 3/10| 135 | 132 | 134 | 158
+Vereinigte | | | | | |
+ Staaten | | | | | |
+ 1880 bis 1890| 105 | 92 | 113 | 176 | 139 | 209
+
+ |Lohnarbeit |
+ |wechselnder Art | Dienstboten
+ |-------------------+-------------------
+ | Auf 100
+Länder |-------------------+-------------------
+ |männliche|weibliche|männliche|weibliche
+ |---------------------------------------
+ | Arbeiter der ersten Zählungsperiode
+ | kommen in der zweiten
+---------------+---------+---------+---------+---------
+Deutschland | | | |
+ 1882 bis 1890| 108 | 127 | 60 | 103
+Oesterreich | | | |
+ 1880 bis 1890| 125 | 117 | 16 | 72
+Frankreich | | | |
+ 1881 bis 1891| -- | -- | 66 | 86
+Frankreich | | | |
+ 1891 bis 1896| -- | -- | 87 | 95
+Vereinigte | | | |
+ Staaten | | | |
+ 1880 bis 1890| 106 | 76 | 142 | 141
+
+Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevölkerung, wie die
+Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, daß die proletarische
+Frauenarbeit in Industrie und Handel überall bedeutend rascher
+zugenommen hat als die Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die
+Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit
+hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung zurückblieben. Die
+verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen
+Arbeiterschaft während der letzten und der vorletzten Zählungsperiode
+giebt einen noch drastischeren Beweis dafür:
+
+ | | Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt in
+ | |-------------------------------------------------
+ | | | |Handel | |Häusliche
+ Länder |Zählungs-| Land- | | und |Lohnarbeit| Dienst-
+ | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art| boten
+-----------+---------+----------+---------+-------+----------+---------
+Deutschland| 1882 | 51,08 | 12,37 | 3,29 | 4,17 | 29,09
+ " | 1895 | 45,16 | 18,70 | 6,90 | 4,42 | 24,82
+Oesterreich| 1880 | 57,34 | 12,35 | 0,85 | 13,77 | 15,69
+ " | 1890 | 68,78 | 11,03 | 1,12 | 11,08 | 7,99
+Frankreich | 1891 | 39,69 | 32,64 | 8,94 | -- | 18,73
+ " | 1896 | 34,69 | 37,58 | 12,29 | -- | 15,44
+Vereinigte | 1880 | 19,56 | 32,84 | 0,24 | 3,44 | 42,92
+ Staaten | 1890 | 12,69 | 42,13 | 0,35 | 1,85 | 42,98
+
+Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der
+Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.
+
+In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zählungen der
+Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen
+beschränkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der
+deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen
+folgendermaßen gestaltet:[467]
+
+ | Weibliche Arbeiter
+ |
+Zählungs-|-------------------------
+periode |absolute | Zunahme
+ |Zahl |---------------
+ | |absolut|Prozent
+---------+---------+-------+-------
+ 1895 | 739 755| |
+ 1896 | 781 882| 41,127| 5,7
+ 1897 | 822 462| 40,580| 5,2
+ 1898 | 859 203| 36,741| 4,5
+ 1899 | 884 239| 35,036| 4,1
+
+Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich eine sehr starke ist,
+daß sie aber von Jahr zu Jahr an Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine
+rasche Zunahme der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht ziehen,
+obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht möglich
+ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß auch das Tempo des
+Wachstums der männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die
+industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die
+entsprechenden Zahlen für Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der
+mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden müssen,--sind
+besonders merkwürdig. Es zeigt sich nämlich, wie nachstehende Tabelle
+angiebt, daß dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den
+nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag folgte:
+
+ | Weibliche Arbeiter | Männliche Arbeiter
+ |--------------------------+--------------------------
+Zählungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme
+periode |--------------------------+--------------------------
+ | Zahl |absolut | Prozent| Zahl |absolut | Prozent
+---------+--------+--------+--------+--------+--------+--------
+ 1894 | 732760 | | | 1722183| |
+ 1896 | 844911 | 112,151| 15,9 | 1828403| 106,220| 6,2
+ 1898 | 812591 | -32,320| -3,9 | 1820979| -7,424| 0,4
+
+Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, wenn auch nicht in genau
+demselben Maß, doch das gleiche gilt.[468]
+
+Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch
+die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es giebt zweifellos
+auch unter den Selbständigen eine große Zahl proletarischer Existenzen,
+die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und
+Gewerbezählung annähernd feststellen lassen und diese liegt nur für
+Deutschland vor.[469] Wir müssen daher hierbei auf internationale
+Vergleichungen ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die
+Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig erfassen, weil die
+Einteilung der Betriebe nach ihren Größenklassen uns daran verhindert:
+Sie werden nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis
+20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke müssen wir daher
+bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, während Betriebe mit 2 Personen
+zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der
+Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein
+klares Bild zu bekommen, muß die Zahl der Frauen in den
+Gehilfenbetrieben ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender
+Tabelle geschieht:
+
+Gewerbearten | Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu-
+ |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab-
+ |betrieben| nahme |betrieben| nahme
+ | 1895 |seit 1882| 1895 |seit 1882
+----------------------+---------+---------+---------+----------
+Gärtnerei, Tierzucht | | | |
+ und Fischerei | 708 | 285 | 17998 | 10505
+Industrie, Bergbau, | | | |
+ Baugewerbe | 443333 | -87753 | 1114986 | 479030
+Handel, Verkehr, Gast-| | | |
+ und Schankwirtschaft| 145165 | 42500 | 617115 | 385591
+
+Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in
+der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus
+der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die
+Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist.
+Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht
+besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch deutlicher:
+
+Gewerbearten |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp.
+ |Allein- |Abnahme ||Gehilfen-|Abnahme
+ |betrieben| ||betrieben|
+-----------------------+---------+---------++---------+---------
+Strickerei und Wirkerei| 15472 | -2324 || 28164 | 14950
+Häkelei und Stickerei | 6178 | -336 || 6049 | 3413
+Spitzen-Verfert., | | || |
+ Weißzeugstickerei | 7802 | -8737 || 11532 | 7017
+Näherei | 185716 | -58183 || 28078 | 3848
+Schneiderei | 89250 | 35227 || 84350 | 46746
+Kleider- und | | || |
+ Wäschekonfektion | 585 | -3886 || 35409 | 15946
+Putzmacherei, | | || |
+ künstl. Blumen | 12429 | -1150 || 28874 | 11213
+Handschuh, Kravatten, | | || |
+ Hosenträger | 3995 | -4109 || 7760 | 1754
+Wäscherei, Plätterei | 66029 | -17662 || 27687 | 14057
+
+Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch die Zunahme
+in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser
+Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen
+selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbständigen immer noch
+eine außerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht:
+
+ |Von 100 |Von 100
+Gewerbearten |selbständigen|selbständigen
+ |Frauen sind |Männern sind
+--------------------------------+-------------+-------------
+Inhaber von Alleinbetrieben | 84,4 | 50,0
+ " " Gehilfenbetrieben | 15,6 | 50,0
+ " mit bis zu 5 Personen | 13,9 | 40,5
+ " " 6-20 Personen | 1,5 | 6,9
+ " " 21 und mehr Personen| 0,2 | 2,6
+
+Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der erwerbthätigen Frauen mit
+aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbständigen Frauen arbeiten
+allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich
+noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen
+Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die Stellung
+kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist.
+Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei
+Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der
+Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in
+sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich
+konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf
+dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen.
+
+In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein ähnliches. Rechnen wir die
+Selbständigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften,
+zu den Proletariern, so sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht
+weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende
+Tabelle giebt die genaueren Zahlen:
+
+Areal |Selbständige in der Landwirtschaft |Von je
+ |------------------------------------|100 Selb-
+ | Absolut | in Prozenten |ständigen
+ | | |sind
+ | Männer | Frauen | Männer | Frauen |weiblich
+---------------+--------+--------+--------+---------+---------
+unter 2 ha | 248209 | 177088 | 15,96 | 52,24 | 33,71
+2 bis 5 " | 604562 | 74565 | 27,70 | 22,00 | 10,98
+5 " 10 " | 501482 | 40059 | 22,98 | 11,82 | 7,40
+10 " 50 " | 636275 | 41167 | 29,15 | 12,14 | 6,08
+50 " 100 " | 62920 | 4182 | 2,88 | 1,23 | 6,23
+100 und mehr ha| 28921 | 1918 | 1,33 | 0,57 | 6,21
+
+Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts Genaueres, nach
+Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl
+ein schwacher Rückgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63%
+auf 76,51%,--angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der
+selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann
+darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der
+Industriestädte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Maß
+Gemüse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese
+Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der
+Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die
+von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Männern
+geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine
+schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die für die steigende
+Erwerbsthätigkeit der Frauen überhaupt: Not, und die durch die
+Erträgnisse des männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten
+Bedürfnisse.
+
+Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie nicht allein
+ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist ein Blick auf eine andere
+Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen.
+Sie für alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein
+das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist,
+daß, während fast sämtliche männliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter
+sind, von den weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden
+Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, auch unter
+Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, dieses:
+
+ || Von 100 berufsmäßigen ||Von 100 mithelfenden
+ || Arbeitern sind weiblich ||Familienangehörigen
+ || in Betrieben ||sind weiblich in Betrieben
+Berufsarten ||--------------------------||---------------------------
+ ||bis 5 |6 bis 20|über 20 ||bis 5 |6 bis 20|über 20
+ ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen
+--------------++--------+--------+--------++---------+--------+--------
+Landwirtschaft|| 14,3 | 25,6 | 19,9 || 76,5 | 85,6 | 85,7
+Industrie || 9,8 | 15,2 | 19,9 || 84,4 | 77,9 | 44,2
+Handel und || | | || | |
+ Verkehr || 44,0 | 34,0 | 20,2 || 92,9 | 85,9 | 79,7
+--------------++--------+--------+--------++---------+--------+--------
+ im ganzen || 18,9 | 19,5 | 20,0 || 90,2 | 82,0 | 56,0
+
+Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen läßt, ist außerordentlich
+wichtig für die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen,
+was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung
+emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten
+berufsmäßigen Arbeiterinnen,--besonders hervorstechend ist das
+Verhältnis in der Industrie,--und fast alle mithelfenden
+Familienangehörigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung
+des Großbetriebs eine Förderung der berufsmäßigen proletarischen
+Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben,
+eine große Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenüber
+steht. Gegenüber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie
+ausgebeuteten Kräfte sind die natürlichen Feinde der aufstrebenden
+weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und
+hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhöhung
+der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen
+zu sein, an der Familie einen Rückhalt haben.
+
+Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen läßt sich
+feststellen, daß die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in
+rascherem Tempo zugenommen hat, als die Männerarbeit und viel schneller
+gewachsen ist, als die weibliche Bevölkerung. Nur in Zeiten
+wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrängen der männlichen
+Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhältnissen zeigt sich dagegen,
+daß durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten,
+besonders in der Industrie, die männlichen Arbeitskräfte großenteils
+erschöpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie
+erfolgt in um so stärkerem Maße, als Frauen zur Verfügung stehen. Bis
+jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrücken der weiblichen Reservearmee
+zugleich ein Einrücken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten.
+Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annähernd ähnlichem Tempo wie
+die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres
+numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen
+zu höherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist
+als nichts Unnatürliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr
+durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schäden, die sie
+mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit überhaupt,
+sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der
+Arbeitsbedingungen.
+
+Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer
+Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte
+eingehender Erörterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von
+ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die
+Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen
+die meisten Frauen beschäftigt sind, giebt Aufschluß darüber:
+
+Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.[470]
+
+ | Deutschland | Oesterreich | England u. | Vereingte | Frankreich | Belgien
+ | | | Wales | Staaten | |
+ +-------------+-------------+--------------+--------------+--------------+-------------
+ | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von
+ | |100 | |100 | |100 | |100 | |100 | |100
+ | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar-
+ | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit-
+ | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern
+Gewerbearten | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei-
+ | |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei
+ |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge-
+ |der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-
+ |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts
+ |beite-|sind |beite-|sind |beite- |sind |beite- |sind |beite- |sind |beite-|sind
+ |rinnen|weibl.|rinnen|weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen|weibl.
+-----------------+------+------+------+------+-------+------+-------+------+-------+------+------+------
+Kleider- und | | | | | | | | | | | |
+ Wäschekonfektion| 27453| 83,38| 59923| 93,58| 38812| 95,83| 304303| 98,08|\ |\ |\ |\
+Schneiderinnen | 61480| 31,66|\43678|\35,72| 82667| 48,89| 63809| 34,42|} |} |} |}
+Näherinnen | 97979|100,00|/ |/ |\ |\ | 146043| 97,33|} |} |}44324|}66,06
+Putzmacherinnen | 16517| 98,33| 7388| 89,04|}257408|}98,80| 60087| 99,35|} |} |} |}
+Korsettnäherinnen| 5663| 88,80| -- | -- |/ |/ | 5800| 88,78|} |} |/ |/
+Handschuh-, | | | | | | | | |} |} | |
+ Kravatten- und | | | | | | | | |}976161|}88,50| |
+ Hosenträger- | | | | | | | | |} |} | |
+ fabrikation | 6428| 54,45| 7863| 63,26| 9007| 78,50| 8675| 57,28|} |} | 3043| 52,20
+Hutfabrikation | | | | | | | | |} |} | |
+ und Kürschnerei | 7659| 31,24| 5070| 30,28| 16392| 45,74| 6694| 23,71|} |} | 1052| 23,88
+Blumen- und | | | | | | | | |} |} | |
+ Federn- | | | | | | | | |} |} | |
+ fabrikation | 8227| 87,32| -- | -- | 6174| 88,76| 2543| 83,48|/ |/ | -- | --
+Schuhfabrikation | 11537| 7,03| 8774| 6,54| 43671| 22,93| 33677| 15,77| -- | -- | 3154| 11,76
+Stroh-, Bast- und| | | | | | | | | | | |
+ Holzflechterei, | | | | | | | | | | | |
+ Strohhüte | 7297| 32,50| -- | -- | 11227| 54,58| 2423| 66,09| -- | -- | -- | --
+Spitzen- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation, | | | | | | | | | | | |
+ Stickerei und | | | | | | | | | | | |
+ Häkelei | 12376| 70,34| 18030| 75,35| 6945| 87,57| 4435| 84,38|\ |\ |\ |\
+Strickerei und | | | | | | | | |} |} |} |}
+ Wirkerei | 25325| 54,59| 8639| 62,35| 29111| 63,29| 20810| 70,40|} |} |} |}
+Posamenten- | | | | | | | | |} |} |} |}
+ fabrikation | 9974| 52,07| 5001| 67,72| 19634| 62,47| -- | -- |} |} |}95944|}62,80
+Spinnerei, | | | | | | | | |}483393|}52,18|} |}
+ Hechelei, | | | | | | | | |} |} |} |}
+ Haspelei |103350| 59,76| 31586| 55,46|\540832|\59,82|\202848|\49,72|} |} |} |}
+Weberei |175918| 48,47|116034| 43,01|/ |/ |/ |/ |} |} |/ |/
+Färberei und | | | | | | | | |} |} | |
+ Bleicherei | 22551| 29,96| 4494| 23,60| 5167| 11,75| 3246| 15,52|/ |/ | 1285| 21,88
+Gummi-, | | | | | | | | | | | |
+ Guttapercha-, | | | | | | | | | | | |
+ und Kautschuk- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation | 3532| 29,31| 308| 35,16| 4112| 40,22| 6456| 39,95|\ |\ | 306| 53,11
+Buchbinderei | | | | | | | | |} 23370|}35,76| |
+ und Kartonage | 15010| 32,22| 3242| 33,70| 30234| 71,15| 24603| 59,11|} |} | -- | --
+Papierfabrikation| 22352| 33,70| 6362| 40,12| 13101| 39,79| 2961| 13,57|/ |/ | 3043| 35,60
+Setzer, Drucker, | | | | | | | | | | | |
+ Lithographen und| | | | | | | | | | | |
+ Schriftgießer | 13071| 13,93| 1966| 15,72| 4737| 5,46| 12054| 10,32| 14720| 19,58| 745| 7,30
+Bäcker und | | | | | | | | | | | |
+ Konditoren | 23740| 14,10| 6617| 9,40| 26358| 28,56| 7961| 23,57|\ |\ | 228 | 2,15
+Herstellung | | | | | | | | |} |} | |
+ vegetabilischer | | | | | | | | |} 43795|}13.98| |
+ Nahrungsmittel | 13142| 28,60| 7916| 27,54| 5228| 5,36|\ |\ |} |} | -- | --
+Animalische | | | | | | |} 2130|}10,12|} |} | |
+ Nahrungsmittel | 18140| 15,20| 6192| 12,36| 26022| 29,54|/ |/ |/ |/ | -- | --
+Tabakfabrikation | 65286| 53,75| 16985| 89,01| 12574| 60,41| 27997| 25,08| -- | -- | 7710| 33,83
+Ziegelei, | | | | | | | | | | | |
+ Thonröhren- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation | 12925| 7,45| 7785| 68,10| 2601| 6,27| 144| 0,24| -- | -- |\ |\
+Steingut-, | | | | | | | | | | |} 1176|}19,90
+ Porzellan- | | | | | | | | | | |} |}
+ fabrikation | 11204| 27,22| 4552| 31,47| 21679| 39,28| -- | -- | -- | -- |/ |/
+Glasbläserei | 5095| 12,12| 11882| 32,57| 2086| 8,80| 1710| 0,50| -- | -- | 3174| 11,20
+Verarbeitung | | | | | | | | | | | |
+ edler Metalle | 9737| 30,55| 1222| 14,81| 3156| 16,54| 3349| 16,53| 7209| 31,95| -- | --
+Zinnwaren- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation | 7027| 13,48| 106| 20,78| 6466| 15,10| 899| 1,62| -- | -- | -- | --
+Nägelfabrikation | 1685| 12,78| 1152| 16,36| 4690| 50,52| 477| 10,41| -- | -- | -- | --
+Näh- und | | | | | | | | | | | |
+ Stecknadeln, | | | | | | | | | | | |
+ Stahlfedern | 2912| 26,98| -- | -- | 5220| 68,19| -- | -- | -- | -- | -- | --
+Besen- und | | | | | | | | | | | |
+Bürstenmacher |\ |\ | 758| 25,68| 5945| 80,56| 1166| 11,53| -- | -- | -- | --
+Schirmmacher und |} 5608|}30,07| | | | | | | | | |
+ Stockarbeiter |/ |/ | 4907| 15,49| 4086| 53,13| 1938| 56,95| -- | -- | -- | --
+Möbelfabrikation | | | | | | | | | | | |
+ und Tischlerei | 1760| 0,67| 5946| 7,73| 10921| 15,18| 1748| 6,81| -- | -- | 1040| 8,73
+Andere Industrie-| | | | | | | | | | | |
+ arbeiter | 6459| 23,23| 60164| 48,64| 40843| 5,64| 15908| 20,74| -- | -- | 8769| 86,59
+
+Sie zeigt deutlich, daß die Konzentration der Frauenarbeit auf
+bestimmte Berufe eine um so stärkere ist, je fortgeschrittner die
+industrielle Entwicklung des betreffenden Landes sich darstellt. Nehmen
+wir z.B. die Spitzenfabrikation, Stickerei und Häkelei: Deutschland
+zählt 70 %, England dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei
+und Kartonage, in der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in
+England 71 % Arbeiterinnen beschäftigt werden. Besonders
+charakteristisch ist auch die Möbeltischlerei: Deutschland zählt darin
+wenig über 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt zeigt es
+sich, daß in anderen Berufen die Frauenarbeit in den industriell
+vorgeschrittenen Ländern sehr geringen Anteil an ihnen hat. Als Beispiel
+diene die Glasbläserei: Oesterreich zählt 32 %, Deutschland 12, England
+8 und Amerika 1/2 % Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in
+der Oesterreich 16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter
+beschäftigt. So viele Umstände auch sonst noch bei der Zusammensetzung
+der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so scheint doch
+festzustehen, daß die allgemeine Tendenz eine Differenzierung nach
+Berufen bevorzugt, und das wachsende Eindringen der Frauen in bestimmte
+Berufe mit einem Rückgang der weiblichen Arbeiterschaft in anderen
+Berufen Hand in Hand geht, daß sich also nach und nach bestimmte fast
+ausschließlich von Frauen und andere fast ausschließlich von Männern
+besetzte Berufe herausbilden werden.
+
+Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der
+Konfektion, der Näherei, der Putzmacherei, der Blumen-, Federn- und
+Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und Kartonage, die
+Papier-, die Guttapercha- und die Kautschukfabrikation versprechen
+Frauenberufe zu werden. Die Gründe dieser sich immer stärker
+ausprägenden Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthätigkeit
+liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und körperlichen
+Veranlagung, teils in dem Umstand, daß bestimmte wohlfeile
+Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. möglichst billiger
+Arbeitskräfte notwendig machen. Was die Veranlagung betrifft, die an
+dieser Stelle ausschließlich in Betracht gezogen werden soll, weil der
+zweite Punkt die Arbeitsbedingungen berührt, die nicht hierher gehören,
+so ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein
+wesentliches Moment, das die Frau für alle Thätigkeiten prädestiniert,
+die in das Bereich der feinen Handarbeit fallen. Die Konfektion, die
+Stickerei, die Spitzenfabrikation u.a.m. gehören daher ebensowohl
+hierher, wie die Spinnerei und Weberei, solange sie keine großen
+Körperkräfte erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen
+besonders befähigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum
+Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie überall
+dort die männlichen Arbeiter verdrängen, wo die Maschine die menschliche
+Kraft ersetzt. Negativ sind im wesentlichen auch die geistigen
+Eigenschaften, die die Frauen in bestimmte Arbeitszweige hineintreiben.
+So werden sie durch ihren Mangel an geistiger Schulung und technischer
+Vorbildung für alle diejenigen Arbeiten gewählt, die ungelernte Arbeiter
+im allgemeinen gebrauchen können und die fast stets zu beobachtende
+Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle Gedanken auf eine Arbeit
+zu richten, ist die Ursache, daß rein mechanische Thätigkeiten ihnen mit
+Vorliebe überlassen werden. Diese negativen sowohl körperlichen als
+geistigen Fähigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige Resultat der
+gänzlichen Vernachlässigung, unter der das weibliche Geschlecht leidet,
+und das die Armen stets besonders hart getroffen hat. Aber auch die
+Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger sind die Folge der
+Erziehung und Gewohnheit. Die Hände des Mannes härteten sich, sie wurden
+breit und stark infolge der Arbeiten, die er von Urzeiten an
+verrichtete, die des Weibes wurden zarter, schmaler und gewandter, weil
+alle feineren Arbeiten meistens ihr überlassen blieben. Von größtem
+Einfluß hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist es aber
+auch, die den weiblichen Geist ungünstig beeinflußte, indem sie die
+Zerfahrenheit und Gedankenlosigkeit unterstützt hat; nichts ermöglicht
+mehr ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der
+Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die Einführung des
+maschinenmäßigen Betriebs, der, selbst in seiner einfachsten Form, der
+Nähmaschine, ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher
+auch von diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil für die Frauen.
+Würde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und körperliche
+Ausbildung, die der der Männer entspricht, Hand in Hand gehen, so wäre
+zu erwarten, daß nach Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflüsse
+die genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen
+Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren könnten. Das scheint
+unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer schärferen
+Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre Berufsarbeiten zu
+widersprechen, während es sie thatsächlich nur bestätigt. Denn erst die
+Beseitigung anerzogener Eigenschaften wird den natürlichen zur
+Entwicklung verhelfen und zwar dürfte sich dabei folgendes
+herausstellen: in Bezug auf ihre Körperkräfte werden die Geschlechter
+sich einander nähern, weil einerseits die bisher fast ungenutzten des
+Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke Muskelkraft
+erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre Existenzberechtigung
+mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch Mangel an Uebung notwendig
+an Kraft verlieren wird. Die geistigen Kapazitäten der Geschlechter
+dagegen werden sich in durchaus verschiedener Richtung entwickeln und
+die Differenzierung in den Berufen wird infolgedessen nicht wie heute
+auf ihre körperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen Eigenschaften
+zurückzuführen sein.
+
+Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen zu den
+Thatsachen zurück. Da ist es nun notwendig ein wichtiges, weit
+ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, das großenteils noch
+arg im Dunkel liegt: die Hausindustrie.
+
+Deutschland und Belgien gebührt bis jetzt das Verdienst, eine Statistik
+der Hausindustrie unternommen zu haben. Natürlich ist sie eine
+unvollkommene geblieben, weil gerade die in ihr beschäftigten Personen
+außerordentlich schwer zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht
+angenommen werden kann, daß die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind,
+so ist der Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten
+Zählungen in Deutschland insofern zuverlässig, als ihre Methoden die
+gleichen waren. Es zeigt sich danach, daß die Hausindustriellen im
+allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind sie, nach den Angaben der
+Arbeiter, bei der Gewerbezählung von 476080 im Jahre 1882 auf 460085 im
+Jahre 1895, nach den Angaben der Unternehmer von 544980 auf 490711
+zurückgegangen; die Betriebe dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie
+beschäftigen, sind von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der
+einzelnen Gewerbearten führt jedoch zu dem Resultat, daß die Abnahme
+sich nicht auf alle gleichmäßig verteilt, daß vielmehr bedeutende
+Abnahmen auf der einen Seite von starken Zunahmen auf der anderen
+begleitet werden.[471] Eine Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je
+nach der Verschiedenheit ihrer Entwicklung, führt zu folgenden
+Resultaten:
+
+Gewerbearten mit Verminderungstendenz.
+
+ | Seit 1882 haben abgenommen
+ |------------------------------
+Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl
+ | | um
+--------------------------------+--------------+---------------
+ | |
+Zeugschmiede, Scherenschleifer, | |
+ Feilenhauer | 2006 | 4044
+Seiden- und Shoddyspinnerei | 2037 | 2922
+Baumwollspinnerei | 4067 | 3645
+Seidenweberei | 20000 | 34381
+Leinenweberei | 10660 | 14667
+Baumwollenweberei | 18859 | 19089
+Weberei von gemischten Waren | 5811 | 4895
+Strickerei und Wirkerei | 7026 | 12768
+Häkelei und Stickerei | 1251 | 549
+Posamentenfabrikation | 73 | 2098
+Strohhutfabrikation und | |
+ Strohflechterei | 4185 | 2836
+Näherinnen | 12391 | 11502
+Handschuhmacherei, | |
+ Kravattenfabrikation | 4087 | 3653
+ |--------------+---------------
+ | 92483 | 117049
+
+Gewerbearten mit Vermehrungstendenz.
+
+ | Seit 1882 haben zugenommen
+ |------------------------------
+Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl
+ | | um
+--------------------------------+--------------+---------------
+Grobschmiede | 1394 | 2638
+Schlosser | 1126 | 2903
+Stellmacher | 986 | 1519
+Musikinstrumente | 1383 | 1955
+Wollenweberei | 645 | 4072
+Gummi- und Haarflechterei | 1712 | 889
+Spitzenverfertigung und | |
+ Weißzeugstickerei | 2091 | 5560
+Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 1041 | 1673
+Verfertigung grober Holzwaren | 530 | 634
+Tischlerei und | |
+ Parkettfabrikation | 3934 | 9338
+Korbmacherei | 3903 | 6007
+Dreh- und Schnitzwaren | 1805 | 3526
+Tabakfabrikation | 3400 | 6949
+Schneiderei | 17268 | 30106
+Konfektion | 382 | 885
+Putzmacherei | 376 | 96
+Schuhmacherei | 7099 | 7765
+Wäscherei | 1353 | 2388
+ |--------------+---------------
+ | 50228 | 88883
+
+Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, daß diejenige Art der
+Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten handwerksmäßigen
+Organisation angesehen werden kann, im allgemeinen im Absterben
+begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im ersten Augenblick überraschend
+wirkt, die Zahl der Näherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen
+darauf zurückzuführen, daß sie sich in Werkstatthausindustrielle
+umgewandelt haben. Das beweist folgende Zusammenstellung: Es wurden
+Näherinnen gezählt in Betrieben mit
+
+
+ |zwei |drei bis |sechs bis |zwei bis
+ |Personen|fünf Pers.|zehn Pers.|zehn Pers.
+-----+--------+----------+----------+----------
+1882 | 6551 | 2321 | 793 | 9656
+1895 | 11514 | 9247 | 2456 | 23247
+
+Diese Tendenz zur Zusammenfassung der früher vereinzelt
+arbeitenden Näherinnen in Werkstätten ist im wesentlichen auf die
+Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Die Ausgaben für Miete werden
+geringer, wenn der Arbeitsraum erspart und eine bloße Schlafstelle dafür
+eingetauscht wird.
+
+Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin
+beschäftigten Personen betrifft, so hängt sie fast ohne Ausnahme mit der
+Entwicklung einer durchaus modernen Form der Hausindustrie zusammen, die
+zugleich die allein lebensfähige ist: die Werkstattarbeit mit dem
+Zwischenmeister, an der Spitze, der zwischen dem Verleger und dem
+Arbeiter die Vermittlung übernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich
+diese Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in
+der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der
+Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten
+ist.
+
+Das Geschlechtsverhältnis in der deutschen Hausindustrie ist von
+besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es zunächst die übliche
+Meinung von einem Ueberwiegen der Frauen. Das Verhältnis ist
+dieses:[472]
+
+ 1895 | 1882 | 1895
+-------------------+----------------------------------
+männliche|weibliche|Von je 100 Hausindustriellen sind
+-------------------+----------------------------------
+ Hausindustrielle | Männer Frauen | Männer Frauen
+-------------------+-----------------+----------------
+ 256131 | 201853 | 56,3 43,7 | 55,9 44,1
+
+Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine zufällige oder
+vorübergehende, sie hängt vielmehr eng mit der ganzen modernen
+Entwicklung der Hausindustrie zusammen, die mit darauf zurückzuführen
+ist, daß der Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse
+machen will. Er sucht die billigsten Arbeitskräfte und stößt dabei
+zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in welchen Arbeitszweigen die
+Zunahme der Frauenarbeit am stärksten war:
+
+ | 1882 | 1895
+ |------------------
+ | Von je 100
+Gewerbearten | Hausindustriellen
+ | sind weiblich
+-------------------------------------+------------------
+Töpferei | 7,9 | 29,9
+Glasbläserei vor der Lampe | 27,7 | 44,9
+Gold- und Silberschlägerei | 50,0 | 53,3
+Gold- und Silberdrahtzieherei | 80,3 | 86,9
+Verfertigung von Spielwaren aus | |
+ Metall, feinen Blei- und Zinnwaren | 38,6 | 60,1
+Erzeugung von Metalllegierungen | 13,3 | 35,8
+Blechwarenfabrikation | 5,1 | 27,6
+Fabrikation von Weberei- und | |
+ Spinnereimaschinen | 30,5 | 37,2
+Verfertigung von Bleistiften | 65,8 | 83,5
+Leinenweberei | 35,0 | 43,4
+Baumwollweberei | 25,9 | 43,3
+Weberei von gemischten Waren | 18,7 | 33,4
+Gummi- und Haarflechterei | |
+ und -Weberei | 60,6 | 81,5
+Strickerei und Wirkerei | 29,0 | 50,3
+Leinenbleicherei und -Färberei | 19,4 | 50,9
+Färberei und Bleicherei | 19,7 | 21,2
+Verfertigung von Papiermachéwaren | 42,0 | 50,0
+Buchbinderei und Kartonage | 36,3 | 40,8
+Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 32,7 | 44,7
+Verfertigung von Dreh- und | |
+ Schnitzwaren | 6,7 | 13,2
+Tabakfabrikation | 30,3 | 45,2
+Putzmacherei | 93,8 | 99,8
+Hutmacherei und Filzwaren | 34,8 | 36,3
+Verfertigung von Korsetts | 67,1 | 94,8
+
+Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß eine Verschiebung zu
+Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr vielen Fällen dort
+stattfindet, wo es sich um alte, absterbende Formen der Hausindustrie
+handelt. Sie nimmt die verlassene, dem Untergang geweihte Männerarbeit
+auf, und ist in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der
+Entwicklung. Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Textilindustrie.
+Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich ein
+Rückgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; allein von
+den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre 1895 weniger
+gezählt worden. Trotz dieses Rückgangs zeigt die Frauenarbeit im
+Verhältnis zur Männerarbeit wesentliche Fortschritte. Sie verlängert den
+Todeskampf der Textilhausindustrie. Der Umstand, daß dem Unternehmertum
+eine Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeiläßt, gegen
+Hungerlöhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die Entwicklung der
+Hausindustrie zur Großindustrie, wie sie andernfalls heute schon möglich
+wäre. Das sehen wir unter anderem bei der Tabakfabrikation und der
+Buchbinderei und Kartonage. Der Maschinenbetrieb könnte an Stelle des
+Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer
+schlimmsten Form den Todesstoß versetzen. Das gilt auch in
+beschränkterem Maße von der Nähmaschinenarbeit in jeder Form: die
+Einführung motorisch betriebener Nähmaschinen scheitert wesentlich an
+der Billigkeit weiblicher Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer höchsten
+Vollendung, der mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige
+Gegner, der die Hausindustrie zu besiegen im stände ist. Außerhalb ihres
+Eroberungsgebiets giebt es keine fühlbare Aufsaugung durch die
+Fabrik.[473]
+
+Unter den übrigen hier in Betracht kommenden Ländern hat zweifellos
+Oesterreich eine besonders hohe Zahl von Hausindustriellen zu
+verzeichnen. Es fehlt aber an einer zusammenfassenden Statistik.
+Neuerdings sind Spezialberichte der Gewerbeinspektoren erschienen, die
+aber noch nicht vollendet vorliegen. Der erste Band[474] behandelt nur
+Böhmen und giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende
+Aufschlüsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst die
+unübersteiglichen Hindernisse, die einer genauen zahlenmäßigen
+Darstellung entgegenstehen: Mißtrauen der Unternehmer sowohl wie der
+Arbeiter, die als den Zweck der Nachfragen eine schärfere Besteuerung
+vermuten, Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter
+Gründe, die auch die deutsche Statistik als ungenügend kennzeichnen
+ließen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, hat eine Statistik
+aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren Heimarbeiter beschäftigt:
+
+Heimarbeiter im Budweiser Bezirk
+
+männlich|weiblich|mithelfende |im ganzen
+ | |Familienangehörige|
+--------+--------+------------------+---------
+ 5231 | 6107 | 4317 | 15655
+
+Die Zahl der Frauen überwiegt danach die der Männer um fast tausend und
+ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter den "mithelfenden
+Familienangehörigen" sich neben den Kindern zweifellos mehr Frauen als
+Männer befinden. Besonders stark sind die Frauen in Oesterreich in der
+Spitzenindustrie, der Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der
+noch vielfach ganz im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei
+beschäftigt. An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische
+Berechnung der Brünner Handelskammer, die auf einer Kombination der
+Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik
+beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller Arbeiter,
+feststellt[475], kann nur ungenau sein und bleibt jedenfalls hinter der
+Wirklichkeit zurück.
+
+Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und ihre
+zahlenmäßige Erfassung eine ganz unzuverlässige. Für die Frauen kommt im
+wesentlichen die Seiden- und die Spitzenindustrie, die Näherei,
+Schneiderei, die Handschuhnäherei und die Verfertigung der sogenannten
+Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhône wurden noch gegen
+20000 Handwebstühle für Seidenwaren gezählt, die eine noch größere Zahl
+von Arbeitern für die erste Bearbeitung der rohen Seide zur
+Voraussetzung haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie
+beschäftigt vielleicht heute noch eine viertel Million Arbeiterinnen. In
+der Schneiderei beschäftigt allein Paris 72 % Frauen, in der
+Handschuhnäherei 57 %, in der Herstellung von Articles de Paris 80 %,
+fast lauter Hausindustrielle.
+
+England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der alten Form
+der Hausindustrie schon gründlich aufgeräumt. Dagegen hat die moderne
+sich rasch entwickelt. Sie umfaßt hauptsächlich die Konfektionsindustrie
+und die Schuhmacherei. Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie
+vollständig. Für Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die
+Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die ihre
+Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von dem
+elendesten und schwächsten Menschenmaterial nährt, das Europa abstößt.
+Ueber ihre Zunahme giebt folgende, auf Illinois bezügliche Tabelle
+Aufklärung:[476]
+
+Zählungs-| | | |
+ periode |Werkstätten|Männer|Frauen|Kinder|Im ganzen
+---------+-----------+------+------+------+---------
+ 1893 | 704 | 2611 | 3617 | 595 | 6823
+ 1894 | 1413 | 4469 | 5912 | 721 | 11101
+ 1895 | 1715 | 5817 | 7780 | 1307 | 14904
+ 1896 | 2378 | 6383 | 7181 | 1188 | 14752
+
+Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine raschere
+Zunahme als die Männerarbeit, der gegenüber sie auch absolut im
+Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres erklärt sich teils aus
+der strengeren Handhabung der Gesetze, teils daraus, daß es sich bei den
+vorliegenden Zahlen nur um Werkstättenarbeiter handelt, die vereinzelten
+Heimarbeiter dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die
+Gesetzgebung in die Werkstätten eingreift, wobei es sich fast immer um
+den Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich
+in die Heimarbeit zurückziehen müssen.
+
+Die belgische Berufszählung von 1896[477]--die erste, die sich hier mit
+der Frage beschäftigte--teilt alle Arbeiter in zwei große Kategorien
+ein: 1.) Die in Fabriken, Werkstätten u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich
+zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthätig
+sind. Das heißt mit anderen Worten, daß nur die eigentlichen
+Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen
+Ergebnisse der nach diesen Grundsätzen erfolgten Erhebung waren
+folgende:
+
+ | Es waren beschäftigt | Von 100
+ |-----------------------| Arbeitern
+ | Männer | Frauen | waren weiblich
+------------------+-----------+-----------+---------------
+In Fabriken, Werk-| | |
+ stätten u.s.w. | 588248 | 115981 | 16,47
+Zu Hause | 41689 | 77058 | 64,89
+------------------+-----------+-----------+---------------
+Im ganzen | 629937 | 193039 | 23,43
+
+Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel bedeutender
+als die der Männer und beträchtlich größer als der Anteil der
+Arbeiterinnen an der Fabrikarbeit im Verhältnis zu dem der Männer. Die
+wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind:
+
+Spitzenarbeiterinnen 49158
+Kleiderkonfektion 7166
+Handschuhfabrikation 3477
+Strohflechterei für Hüte 2611
+Wollenweberei und Spinnerei 2458
+Leinenweberei und Spinnerei 2383
+Strickerei 2376
+Schuhmacherei 1437
+
+Die große Zahl der Spitzenarbeiterinnen fällt hier besonders ins Auge.
+Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr allergrößter Teil, nämlich über
+47000, auf dem Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist
+aber jetzt schon eine gefährliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum
+Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestädte zu entvölkern.
+
+Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die
+erwerbsthätigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. Sie würde
+weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen gehen, wenn nicht
+gerade die Frauen sie zäh am Leben erhielten, worin sie von den
+Unternehmern--allein die Zunahme der hausindustriellen Betriebe in
+Deutschland spricht dafür--unterstützt werden. Die Gründe dafür sind
+teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, unter dem die an
+Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und die den aufklärenden
+Ideen den Zugang zu ihr verschließen, teils in dem Bestreben des
+profitgierigen Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsräumen,
+Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze zu
+umgehen. Beweis dafür ist unter anderem, daß in dem industriell
+fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie den geringsten und
+in einem der zurückgebliebenen Länder z.B. in Oesterreich, allem
+Anschein nach den größten Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar
+hervor, daß die fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer
+gegenwärtigen Form nach und nach vernichten wird.
+
+Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine besondere
+Betrachtung: diejenigen nämlich, die in persönlichen oder häuslichen
+Diensten stehen, und zu denen, außer den Dienstboten, die
+Aufwartefrauen, Köche etc., die Wäscherinnen und die Kellnerinnen
+gehören. Ihre Zahl ist folgende:
+
+-------------------------------------------------------------------------------
+ | | | England |
+Berufsarten | Deutsch- | Oester- | und | Vereinigte
+ | land | reich | Wales | Staaten
+-----------------------------------+----------+---------+---------+------------
+Häusliche Dienstboten | 1313957 | 424387 | 1386167 | 1302728
+Aufwartefrauen, Köche u.s.w. | 182769 | 75533 | 124253 | 3444
+Wäscherinnen | 129513 | -- | 185246 | 216631
+Kellnerinnen und Hotelbedienstete | 302743 | 76083 | 87984 | --
+
+Wir haben schon gesehen, daß die Zahl der Dienstboten fast überall im
+Rückgang begriffen ist. Vergleichen wir die Zahl der weiblichen
+Dienstboten im Verhältnis zur Bevölkerung, so ist das Resultat dieses:
+
+ | | Auf 100 Personen
+ Länder |Zählungs- | der Bevölkerung
+ |periode | kamen weibliche
+ | | Dienstboten
+-------------------+----------+------------------
+Deutschland | 1882 | 2,84
+ " | 1895 | 2,54
+Oesterreich | 1880 | 2,58
+ " | 1890 | 1,78
+England und Wales | 1881 | 2,69
+ " " " | 1891 | 2,28
+Vereinigte Staaten | 1880 | 1,75
+ " " | 1890 | 1,97
+Frankreich | 1881 | 2,17
+ " | 1891 | 1,84
+ " | 1896 | 1,73
+
+Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika überall eine Abnahme
+der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika fällt auch nicht
+schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von 1880 ein ungemein niedriger
+war und der wachsende Reichtum eines Teils der Bevölkerung eine
+Steigerung im Gefolge haben mußte. Das Bild dürfte sich wesentlich
+verschieben, sobald die Ergebnisse der Zählung von 1900 vorliegen, denn
+das Verhältnis der Zahl der Dienstboten zur Bevölkerung hängt nicht nur
+von deren pekuniären Lage, von der Lust oder Unlust der Mädchen zum
+Dienen ab, sondern sehr wesentlich auch von dem Umstand, welche
+Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft umfaßt. Je mehr sie, wie es z.B. in
+England und Frankreich besonders deutlich sichtbar ist,
+zusammenschrumpfen, desto mehr werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen
+werden sich die für gelegentliche Dienstleistungen benötigten außer dem
+Hause wohnenden Hilfskräfte vermehren. Sie standen in folgendem
+Verhältnis zur Bevölkerung:
+
+ | |Auf 100 Personen
+ | |der Bevölkerung
+ | |kamen außerhäus-
+Länder |Zählungsperiode|liche Dienstboten
+------------------+---------------+-----------------
+Deutschland | 1882 | 0,26
+ " | 1895 | 0,35
+Oesterreich | 1880 | --
+ " | 1890 | 0,32
+England und Wales | 1881 | 0,47
+ " " " | 1891 | 0,55
+
+Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen Stand der
+Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf Zugehörigen ein
+sehr unbestimmter ist,--deshalb mußten die Zahlen für Frankreich und die
+Vereinigten Staaten ganz fortgelassen werden,--sondern weil sicher viele
+hierher Gehörige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", "Tagelöhner" etc.
+einbezogen worden sind. Eine starke Vermehrung hat auch die Zahl der
+Kellnerinnen und Hotelbediensteten erfahren, die sich aber nur für
+Deutschland feststellen läßt, wo sie 33 % beträgt. Es kann aber auch im
+allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und Restaurant-Personals
+angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit der Abnahme der Dienstboten
+und beweist auch ihrerseits, daß der Privathaushalt zu Gunsten des
+öffentlichen im Rückgang begriffen ist: Das Leben außer dem Hause ist
+für einen großen Teil der Bevölkerung immer mehr in Aufnahme gekommen.
+
+Eine außerordentlich wichtige Seite der Arbeiterinnenfrage, deren
+Statistik freilich bisher im allgemeinen sehr unzureichend blieb, ist
+die Alters- und Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie
+gewährt einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische
+Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und Reformpläne
+nach dieser Richtung.
+
+Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundsätzen, als den Prinzipien
+geistig-sittlicher Volkserziehung, daß die Erwerbsthätigkeit in ihrer
+heutigen aufreibenden Form nicht vor dem achtzehnten resp. dem
+zwanzigsten Lebensjahre einsetzen sollte. Betrachten wir daraufhin
+folgende Tabellen:
+
+Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von
+---------------------------------------------
+ unter 20 Jahren 346
+ 20-30 " 314
+ 30-40 " 124
+Deutschland 40-50 " 92
+ 50-60 " 73
+ 60-70 " 39
+ 70 Jahren und darüber 12
+---------------------------------------------
+ unter 20 Jahren 200
+ 21-30 " 220
+ 31-40 " 182
+Oesterreich 41-50 " 173
+ 51-60 " 135
+ 61-70 " 71
+ über 70 " 19
+---------------------------------------------
+ unter 18 Jahren 141
+ 18-24 " 209
+ 25-34 " 218
+Frankreich 35-44 " 152
+ 45-54 " 125
+ 55-64 " 90
+ 65 Jahren und darüber 65
+
+Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen hierbei
+auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! In
+Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich fällt
+die stärkste Beteiligung der Frauen an der proletarischen Arbeit in das
+einundzwanzigste bis dreißigste, in Frankreich in das fünfundzwanzigste
+bis vierunddreißigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser Richtung
+hier die gesündesten Verhältnisse vor uns. Andererseits aber sehen wir,
+daß vom vierzigsten Jahre ab in Deutschland die Frauenarbeit bedeutend
+abnimmt, während sie in Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in
+Frankreich im vierundfünfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und
+während in Deutschland die über siebzigjährigen Greisinnen 12 % der
+Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % und Frankreich für die
+über fünfundsechzigjährigen gar 65 % auf. Im allgemeinen verteilt sich
+die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland
+weit regelmäßiger über das ganze Leben, hat daher, die starke
+Beteiligung der Greisinnen abgerechnet, einen normaleren Charakter
+angenommen. Noch deutlicher tritt uns die Altersgliederung der
+Arbeiterinnen entgegen, wenn wir sie im Verhältnis zur weiblichen
+Bevölkerung betrachten:
+
+Von je 1000 weiblichen Personen
+ im Alter sind
+ von Arbeiterinnen
+------------------------------------------
+ 14-20 Jahren 397
+ 20-30 " 273
+ 30-40 " 136
+Deutschland 40-50 " 127
+ 50-60 " 127
+ 60-70 " 105
+ 70 Jahren und darüber 57
+------------------------------------------
+ 11-20 Jahren 570
+ 21-30 " 685
+ 31-40 " 577
+Oesterreich 41-50 " 561
+ 51-60 " 507
+ 61-70 " 393
+ über 70 " 218
+------------------------------------------
+ unter 24 Jahren 517
+ 25-34 " 324
+Frankreich 35-44 " 256
+ 45-54 " 237
+ 55-64 " 245
+ 65 Jahren und darüber 161
+
+In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller vierzehn- bis
+zwanzigjährigen Mädchen im Kampf ums Brot. Eine erschreckende Zahl! In
+Frankreich, wo der Vergleich nicht genauer durchgeführt werden konnte,
+weil zwar die Bevölkerung nach fünfjährigen Altersperioden gegliedert
+wurde, man für die Berufsthätigen der jüngeren Altersklassen aber eine
+andere Einteilung, nämlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis
+vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung sämtlicher
+Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine außerordentlich hohe.
+Die gesteigerte Erwerbsthätigkeit fällt besonders für die Altersklasse
+zwischen dem fünfundfünfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre auf.
+
+Von noch größerer Bedeutung für die Beurteilung der proletarischen
+Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes der Arbeiterinnen. Leider
+ist das vorliegende statistische Material insofern ganz ungenügend, als
+die Darstellung des Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und
+der sozialen Schichtung zum Teil vollständig fehlt. Ein Vergleich
+zwischen den Zählungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur für
+Deutschland möglich, und zwar auch hier mit der Einschränkung, daß im
+Jahre 1882 die Verwitweten, resp. Geschiedenen mit den Ledigen
+zusammengerechnet, während sie 1895 getrennt gezählt wurden.
+
+Auf Grund der letzten Zählungen stellt sich die Gliederung nach dem
+Familienstand folgendermaßen dar:
+
+ | | Von je 1000 Arbeiterinnen waren
+Länder | Zählungsperiode |---------------------------------
+ | | ledig | verheiratet | verwitwet
+------------+-----------------+--------+-------------+----------
+Deutschland | 1895 | 702 | 215 | 83
+Oesterreich | 1890 | 424 | 446 | 130
+Frankreich | 1896 | 649 | 206 | 145
+Vereinigte | | | |
+ Staaten | 1890 | 791 | 113 | 96
+
+Bei dieser Zusammenstellung fällt Oesterreich wieder besonders ins Auge,
+wo mehr verheiratete als ledige Frauen Arbeiterinnen sein sollen. Dieses
+Verhältnis kann nicht allein dadurch erklärt werden, daß bei der Zählung
+die Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke
+war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine
+Berücksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der österreichischen
+Statistik führt vielmehr zu dem merkwürdigen Resultat, daß in der
+Landwirtschaft 2106618 verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382
+verheirateten Arbeitern aufgeführt werden! Um festzustellen, ob diese
+enorme Zahl verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der Möglichkeit
+liegt, müßte man in Erfahrung bringen können, wo sich die Ehemänner
+dieser Frauen befinden. Möglich, daß die Gattinnen der Besitzer
+landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also unter der Rubrik der
+Selbständigen zu finden wären, sich als Arbeiterinnen bezeichneten,
+immerhin könnte das für die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht
+zutreffen, da nur 1500000 selbständige verheiratete Landwirte ihnen
+gegenüber stehen, deren Frauen unmöglich fast alle Arbeiterinnen sein
+können. Es bleibt also nur noch übrig anzunehmen, daß Frauen von
+Industriearbeitern, die etwa neben der Hauswirtschaft ein kleines
+Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen eingetragen wurden. Diesen
+günstigsten Fall, und nicht, wie es nahe läge, positive Fehler in der
+Erhebung selbst angenommen, scheint es klar zu sein, daß diese zwei
+Millionen verheirateter Landarbeiterinnen zu einem großen Teil nicht als
+Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden können. Auffallend
+bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der hohe Prozentsatz Verwitweter
+resp. Geschiedener in Oesterreich und Frankreich. Die Armut des Volks
+zwingt in Oesterreich eine besonders große Zahl von Witwen zur
+Erwerbsarbeit, während in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und
+eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einfluß auf die prozentuale
+Gestaltung des Familienstandes sind.
+
+Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verhältnis zu dem der vorletzten
+Zählungsperiode, so ergiebt sich für Deutschland folgendes:
+
+ | | Von 1000 Arbeiterinnen waren
+ | Zählungsperiode |-------------------------------
+ | | ledig resp. ver- | verheiratet
+ | | witwet |
+------------+-----------------+------------------+------------
+Deutschland | 1882 | 827 | 173
+ " | 1895 | 785 | 215
+
+In absoluten Zahlen ausgedrückt ist das Verhältnis dieses:
+
+ | | Von 1000 Arbeiterinnen waren[A]
+ | Zählungsperiode |-------------------------------
+ | | ledig resp. ver- | verheiratet
+ | | witwet |
+------------+-----------------+------------------+------------
+Deutschland | 1882 | 2433682 | 507784
+ " | 1895 | 2938283 | 807172
+------------------------------+------------------+------------
+Zunahme: | 504601 | 299388
+
+[Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende "Von
+1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.]
+
+Für Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht möglich. Dagegen liegt
+eine Spezialerhebung vor, die nicht ohne Wert für die vorliegende Frage
+ist.[478] Ihre Resultate sind aus einer Enquête gewonnen worden, die
+1067 verschiedene industrielle Betriebe in dreißig verschiedenen Staaten
+mit 42990 männlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in der früheren
+Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380 männlichen und 79987
+weiblichen Arbeitern in der letzten (1895 bis 96) umfaßte. Wir haben es
+also in beiden Fällen mit ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten
+Staaten zu thun, wonach die Bedeutung der Ergebnisse sich annähernd
+bewerten läßt. Sie waren folgende:
+
+Von 51539 Frauen waren 1885-86
+
+Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt
+-----------++-----------++-----------++-----------++------------
+Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz.
+solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut|
+-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------
+32801|63,6 || 1357| 2,6 || 498 | 1,0 || 4 | -- ||16879| 32,8
+
+Von 79987 Frauen waren 1895-96
+
+Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt
+-----------++-----------++-----------++-----------++------------
+Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz.
+solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut|
+-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------
+70921|88,7 || 6775| 8,5 ||2011 | 2,5 || 36 | -- || 244| 0,3
+
+Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr eingeschränkt,
+daß in der früheren Zählungsperiode von fast einem Drittel aller
+Arbeiterinnen der Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der
+Augenschein dafür spricht, daß die Verheirateten und die Verwitweten
+zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht aufzunehmen, da
+die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten Familienstandes im Jahr 1885
+bis 1886 einen genauen Vergleich von vornherein ausschließt.
+
+Für England sind wir auf noch unsicherere Zahlen angewiesen. Eine
+Zählung des Familienstandes in Verbindung mit der Berufsthätigkeit und
+der sozialen Schichtung wurde weder 1881 noch 1891 im Zusammenhang mit
+dem Zensus vorgenommen. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden, auf
+Grund seiner Ergebnisse den Familienstand der Arbeiterinnen
+festzustellen.[479] Zwei Angaben der Erhebungen bildeten die
+Anhaltspunkte für die Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl
+aller berufsthätigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, wohl
+bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthätigen übertraf, gab die
+Differenz zwischen beiden Zahlen die Minimalzahl der verheirateten
+berufsthätigen Frauen an. Wenn auch dabei betont wird, daß es sich um
+Minimalzahlen handelt, so sind selbst diese von vornherein
+problematisch, weil doch ohne weiteres einzusehen ist, daß nirgends alle
+Ledigen berufsthätig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die
+Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten
+Arbeiterinnen konstatieren, höchst fraglicher Natur. Nur neunzehn Städte
+sind von 61 mit über 50000 Einwohnern in Betracht gezogen worden, und
+die einzelnen Berechnungen weisen in ihrer Methode beträchtliche Fehler
+auf.[480] Wir können uns daher nicht auf sie stützen und müssen die
+Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen lassen.
+
+Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den Berufsabteilungen?
+
+Folgende Tabelle beantwortet die Frage:
+
+ | | Von 1000 Arbeiterinnen waren in der
+ | |--------------------------------------------------
+Länder |Zählungs-| | |
+ |periode |Landwirtschaft | Industrie | Handel
+ | |--------------------------------------------------
+ | | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ver-|ver-
+ | |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei-
+ | | |wet |ratet| |wet |ratet| |wet |ratet
+-----------+---------+-----+----+-----+-----+----+-----+-----+----+-----
+Deutschland| 1895 | 671 | 91 | 238 | 751 | 81 | 168 | 763 | 36| 201
+Oesterreich| 1890 | 419 | 63 | 518 | 663 | 96 | 241 | 511 | 201| 288
+Frankreich | 1896 | 714 | 88 | 199 | 629 | 74 | 297 | 340 | 232| 428
+
+Das Bild, das sie uns vorführt, ist kein einheitliches. Den stärksten
+Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland und Oesterreich in
+der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der Industrie auf. Stärker als
+die Ledigen sind die Verheirateten in der Landwirtschaft Oesterreichs
+und im Handel Frankreichs vertreten, wo in beiden Fällen auch die
+Verwitweten einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten
+Verwitweten zählt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. Die meisten
+Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie in Oesterreich
+und die Landwirtschaft in Frankreich.
+
+Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem Familienstand,
+ihrem Beruf im Verhältnis zu früheren Zählungen betrifft, so kann
+hierbei nur Deutschland in Betracht kommen, weil die anderen Staaten
+keine so eingehende Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle
+kennzeichnet die Lage in Deutschland:
+
+ | 1882 | 1895 |
+ |--------------------------+--------------------------|
+ | | nicht | | nicht |
+ |verheiratet | verheiratet |verheiratet | verheiratet |
+--------------+------------+-------------+------------+-------------|
+Landwirtschaft|414189|18,39|1877671|81,61|567542|23,76|1820606|76,24|
+Industrie | 69215|12,69| 476014|87,31|166338|16,76| 825964|83,24|
+Handel | 24380|16,89| 119997|83,11|73212 |20,08| 291713|79,92|
+
+Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft und
+Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. Für die
+Landwirtschaft kann angenommen werden, daß eine stärkere Erfassung der
+mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat beigetragen hat. Die Zunahme der
+Verheirateten in der Industrie dagegen läßt sich nicht nur, wie es stets
+und fast ausschließlich geschieht, daraus erklären, daß zur
+Befriedigung der Bedürfnisse der Familie der Verdienst des Mannes allein
+nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme der Arbeiterinnen
+überhaupt. Es ist klar, daß, je mehr die Zahl der Arbeiterinnen wächst,
+die Männer desto mehr darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthätige
+Frauen zu heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der
+Frau eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger häufig tritt daher
+die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem außerhäuslichen Beruf in das
+Haus und das Familienleben zurück. Das alte Ideal des Familienlebens,
+dessen typisches Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblaßt
+mehr und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der
+Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatürliches sehen. Im
+Volksbewußtsein ist sie das nicht mehr. Und mit Recht. So wenig wie die
+Frauenarbeit überhaupt eine beklagenswerte Erscheinung innerhalb der
+sozialen Entwicklung ist, so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen.
+Verderblich wirkt auch sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie
+vor sich geht.
+
+Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in welchen
+Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen thätig sind.
+Nach den letzten Zählungen für Deutschland, Oesterreich und
+Nordamerika,--die Ergebnisse für Frankreich liegen im einzelnen noch
+nicht vor,--zeigt sich folgendes:
+
+Deutschland
+
+ | von 100
+ | Arbeiterinnen
+Berufsarten | des betreffenden
+ | Berufs sind
+ | verheiratet
+----------------------------+-----------------
+Fleischerei | 40,92
+Ziegelei | 30,01
+Bäckerei | 29,45
+Weberei | 25,30
+Tuchmacherei | 24,94
+Zubereitung v. Spinnstoffen | 24,88
+Tabakfabrikation | 24,72
+Lohnarbeit wechselnd. Art | 19,55
+Bleicherei, Appretur | 18,59
+
+Oesterreich
+
+ | von 100
+ | Arbeiterinnen
+Berufsarten | des betreffenden
+ | Berufs sind
+ | verheiratet
+---------------------------------+------------------
+Verarbeitung von Eisen und Stahl | 34,50
+Verfertigung von Maschinen | 33,98
+Textilindustrie | 28,49
+Industrie der Nahrungsmittel | 24,77
+
+Vereinigte Staaten
+
+ | von 100
+ | Arbeiterinnen
+Berufsarten | des betreffenden
+ | Berufs sind
+ | verheiratet
+----------------------+------------------
+Wäscherei | 31,60
+Häusliche Dienste | 26,78
+Putzmacherei | 17,66
+Tabakfabrikation | 16,53
+Bäcker und Konditoren | 12,95
+Baumwollenweber | 12,59
+Kleiderkonfektion | 12,23
+Schuhmacher | 11,36
+
+Daraus geht hervor, daß die verheirateten Arbeiterinnen besonders in der
+Textilindustrie beschäftigt sind.
+
+Nachstehende Tabelle bringt einen noch stärkeren Beweis dafür:[481]
+
+ |Land |Zählungs-|Von 100
+Industriezweige | | jahr |Arbeiterinnen
+ | | |waren
+ | | |verheiratet
+ | | |
+--------------------+-------------------------+---------+-------------
+ |Massachusetts | 1885 | 14,9
+ |Lancashire and Cheshire | 1894 | 22,2
+ |Burnley | | 30,3
+ |Blackburn | | 29,4
+Baumwollindustrie |Stockport | | 26,3
+ |Oldham | | 23,2
+ |Bolton | | 12,6
+ |Wigan | | 5,7
+--------------------+-------------------------+---------+-------------
+ |Massachusetts | 1885 | 14,6
+ |England | 1894 | 24,5
+Streichgarnindustrie|Gloucestershire und | |
+ | Somersetshire | 1894 | 37,4
+ |Sächsische Bezirke | |
+ | Krimmitschau und Werdau| 1892 | 31,3
+
+Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je
+nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der
+deutschen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.[482] Danach verteilen
+sich die Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in
+folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:
+
+ |Verheiratete |Von 100
+ |Arbeiterinnen|verheirateten
+ Industriezweige | |Arbeiterinnen
+ | |in dem betr.
+ | |Industriezweig
+ | |beschäftigt.
+--------------------------------+-------------+--------------
+Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen,| |
+Torfgräberei | 1333 | 0,58
+Industrie der Steine und Erden | 19475 | 8,49
+Metallverarbeitung | 10739 | 4,68
+Industrie der Maschinen, | |
+ Instrumente und Apparate | 4493 | 1,99
+Chemische Industrie | 4380 | 1,91
+Industrie der forst- | |
+ wirtschaftlichen Nebenprodukte| 1162 | 0.51
+Textilindustrie | 111194 | 48,49
+Papierindustrie | 11049 | 4,82
+Lederindustrie | 2063 | 0,86
+Industrie der Holz- | |
+ und Schnitzstoffe | 5635 | 2,46
+Industrie der Nahrungs- und | |
+ Genußmittel | 39080 | 17,04
+Bekleidungs- und | |
+ Reinigungsgewerbe | 13156 | 5,74
+Baugewerbe | 141 | 0,06
+Polygraphische Gewerbe | 4770 | 2,08
+Sonstige Industriezweige | 664 | 0,29
+--------------------------------+-------------+--------------
+ Im ganzen: | 229334 | 100,00
+
+Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind
+danach in der Textilindustrie beschäftigt. Ganz besonders interessant
+dabei ist, daß die Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und
+verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, die
+höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen überhaupt; ihnen zunächst
+steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die
+Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der
+Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete
+Frauen gezählt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so
+sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und
+in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus wieder, daß die
+Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den
+Fortschritt der Industrie zu höheren Arbeitsprozessen merklich
+aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, daß die verheirateten
+Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in
+wenige Berufsgruppen zusammendrängen.
+
+Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von Ländern das Wachstum
+der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so läßt sich aus den fast
+überall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedürfnisse und Zunahme
+der Frauenarbeit überhaupt,--der Schluß ziehen, daß jedenfalls von einem
+Rückgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar
+eine raschere sein dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.
+
+Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und
+Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf größere Not
+allein zurückzuführen? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten
+häufiger als früher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre
+1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Kräfte der Männer früher
+erschöpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen
+Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Männer--also auch
+kränkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der
+verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand
+kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe
+der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese
+Entwicklung zweifellos unterstützt. Weder ist die Frau in dem Maße wie
+früher einfach infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer
+Kinder an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er selbst ihr
+gegenüber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das
+mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der
+weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren
+Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je
+selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto freier wird sie
+dem Zuge ihres Herzens folgen können.
+
+Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen
+Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein
+will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der
+Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die
+Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die
+Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die
+Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib,
+dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und
+denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie
+aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt.
+
+
+
+
+6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.
+
+Die Großindustrie.
+
+
+Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die
+Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine
+Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines
+Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu
+gestalten.
+
+Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine
+Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die
+Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält,
+müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und
+Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar
+nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist
+leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt
+genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative
+Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß
+ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als
+der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch
+schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen
+Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um
+so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs
+feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die
+selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße
+Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im
+mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von
+demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden
+müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und
+Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene
+Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche
+etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta
+essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine
+reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und
+eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der
+eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer
+empfundene Entbehrung.
+
+Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur
+Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten
+Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und
+zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige
+Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche
+der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der
+Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist
+das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es
+könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der
+daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen,
+wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur
+Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf
+ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes
+kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig
+beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die
+Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen
+Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch
+das ist nur in gewissem Umfang möglich.
+
+Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur
+auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne
+über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen.
+
+Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist
+ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die
+deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von
+Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr
+häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine
+große Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde für die
+Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige
+Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen
+aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch
+in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So
+erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur
+einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner
+Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich
+bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse
+herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die
+niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl.
+für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn
+angesehen wurde.[487] In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne
+von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten
+2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen
+der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am häufigsten--250 frs.
+festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie
+Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60
+frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen
+eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt,
+immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken
+Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen
+unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen
+Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh.,
+nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.[491] In
+Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $
+beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts
+Seltenes.[492] Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über
+Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht
+gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen
+Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller
+Befragten,--antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht
+erfaßt.
+
+Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen
+besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben,
+wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen
+könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur
+bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich
+z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren
+die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die
+weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar
+schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten
+40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für
+die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer
+3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall
+einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde
+festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten,
+71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten
+sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 %
+Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach
+einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit
+17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit
+35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich
+schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter
+folgendermaßen:[495]
+
+ |Grossbritannien|Massachusetts
+ |---------------+--------------
+ | Männer| Frauen|Männer| Frauen
+--------------------------------------+-------+-------+------+-------
+ | $ | $ | $ | $
+Durchschnittlicher höchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57
+ " niedrigster " | 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62
+ " Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09
+
+Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir
+sehen, der Unterschied zwischen Männer- und Frauenlöhnen ein
+außerordentlich beträchtlicher. In all diesen Fällen fragt es sich nun
+aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage
+unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der
+Löhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht
+gerückt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner
+Kontobuchindustrie stanzen Männer und Frauen Titel auf der
+Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stück, die
+Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen
+Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12
+bis 15 Mk.[496] Die männlichen Ketten- und Karabinermacher in der
+Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von
+26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die männlichen
+Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im
+besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die
+Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrüchen in Nord-Amerika
+verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre männlichen Kollegen 9 bis 18 $
+für dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die
+Arbeitsverrichtungen der Männer und Frauen läßt insofern noch keine
+allgemeineren Schlüsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der
+Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Löhnen zu
+Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B.
+langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger
+Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr
+geringerer Lohn durchaus erklärlich. Es muß daher Zeit- und Stücklohn
+auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu
+ermöglichen. Die umfangreiche französische Lohnstatistik liefert die
+beste Grundlage für diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt
+zunächst eine Uebersicht über die Lohnverhältnisse in solchen
+Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie
+aber nicht beherrscht:
+
+ | | Männer | Frauen
+ | Zeit |-----------------------+-----------------------
+ | oder-|Niedr.|Höchst| Durch- |Niedr.|Höchst| Durch-
+Gewerbeart |Stück |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts-
+ | lohn-|lohn |lohn | Tagel. |lohn |lohn | Tagel.
+----------------------+------+------+------+---------+------+------+---------
+ | |frs. |frs. | frs. |frs. |frs. | frs.
+Papierfabrikation: | | | | | | |
+ Maschinenpapier- | | | | | | |
+ herstellung | Zeit |1,75 |2,50 | ---- |1,25 |1,50 | ----
+ Appreteur |Stück |1,50 |2,50 | 2,35 |0,75 |2,00 | 1,45
+ Kouvertfalzung | Zeit |1,50 |4,25 | 2,55 |2,00 |2,75 | 2,35
+ Lumpensortierer | " |1,50 |6,00 | 5,00 |2,00 |2,75 | 2,35
+ Zuschneider von | | | | | | |
+ Cigarettenpapier | " |3,50 |5,00 | 4,45 |1,75 |2,25 | 2,00
+Kartonage: | | | | | | |
+ Lackierer | " |0,50 |6,50 | 5,00 |0,50 |3,00 | 2,00
+Druckerei: | | | | | | |
+ Typographen | " |4,50 |5,00 | ---- |1,50 |2,00 | ----
+ Lithographen | " |3,00 |4,50 | ---- |1,75 |2,25 | ----
+ Setzer | " |1,75 |3,50 | 3,30 |1,00 |2,00 | 2,00
+Gummischuhfabrikation:| | | | | | |
+ Zuschneider | " |2,00 |5,50 | 3,85 |2,00 |6,00 | 3,75
+ Montiere | " |2,00 |4,50 | 2,85 |1,50 |4,00 | 2,35
+ Sohlenarbeiter |Stück |4,25 |5,75 | 4,90 |2,50 |3,50 | 2,90
+Lacklederfabrikation: | | | | | | |
+ Polierer | Zeit |3,75 |4,25 | 4,10 |2,00 |2,25 | 2,10
+Stiefelfabrikation: | | | | | | |
+ Montierer |Stück |4,00 |6,00 | 4,75 |1,25 |2,25 | 1,50
+Handschuhfabrikation: | | | | | | |
+ Dresseur | " |4,00 |5,00 | 4,25 |2,50 |4,00 | 3,25
+
+Wir sehen zunächst daraus, daß sich in der niedrigsten Lohnstufe
+vielfach nicht nur gleiche Löhne für Männer und Frauen, sondern sogar
+zuweilen höhere Frauenlöhne vorfinden, in der höchsten dagegen
+differieren sie zum größten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die
+Statistik des vorigen Abschnitts hat über die Altersgliederung der
+Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschluß gegeben und es hat sich dabei
+herausgestellt, daß die stärkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts
+an der proletarischen Arbeit in die jüngsten Jahrgänge fällt, mit
+anderen Worten: zu einer Zeit, wo der männliche Arbeiter in seinem Fach
+die höchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die
+Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rücken gekehrt. Die Frauen
+bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen
+und können daher auch die höchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen
+weiteren Beweis hierfür bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in
+denen der höchste Lohnsatz der Männer von den Frauen fast erreicht, ja
+sogar übertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh-
+und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfächer
+haben geübte, also ältere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche
+weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung
+entsprechend, ohne Berücksichtigung des Geschlechts. Noch schärfer
+beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Löhne in solchen
+Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe
+dargestellt haben, und in denen die größte Mehrzahl der verheirateten,
+also der älteren Frauen, beschäftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus
+derselben Statistik ist besonders charakteristisch:
+
+ | | Männer | Frauen
+ |Zeit- |------------------------+------------------------
+ |oder |Niedr.|Höchst.|Durch- |Niedr.|Höchst.|Durch-
+Gewerbearten |Stück-|Tage- |Tage- |schnittl.|Tage- |Tage- |schnittl.
+ |lohn |lohn |lohn |Tagel. |lohn |lohn |Tagel.
+-------------------+------+------+-------+---------+------+-------+---------
+ | | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. | frs.
+Leinenspinnerei: | | | | | | |
+ Spinner | Zeit | 2,00 | 2,50 | 2,25 | 2,00 | 2,25 | 2,15
+Hanfweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 2,00 | 2,75 | 2,50 | 1,50 | 2,50 | 1,90
+ Weber | " | 2,25 | 2,75 | 2,50 | 1,25 | 1,75 | 1,50
+Tuchfabrikation: | | | | | | |
+ Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85
+ Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | --
+ Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 1,75 | 2,40
+ Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35
+Leinenweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 2,00 | 3,50 | 2,75 | 2,00 | 3,50 | 2,55
+Netzstrickerei: | | | | | | |
+ Netzstricker | " | 2,75 | 4,00 | 2,75 | 1,75 | 2,00 | 1,75
+Baumwollspinnerei: | | | | | | |
+ Kämmer | Zeit | 2,00 | 2,25 | 2,10 | 2,00 | 2,25 | 2,10
+ Knüpfer | " | 2,00 | 3,50 | 2,45 | 2,00 | 3,50 | 2,15
+ Spuler | " | 1,25 | 2,50 | 1,60 | 1,75 | 2,50 | 1,80
+ Haspler |Stück | 3,00 | 4,00 | 3,50 | 2,75 | 4,00 | 3,50
+ Spinner | " | 4,00 | 5,00 | -- | 1,50 | 2,75 | --
+ Spinner | " | 4,50 | 5,25 | 4,80 | 4,00 | 4,25 | 4,10
+ Packer | " | 1,50 | 1,75 | 1,75 | 1,50 | 2,75 | 2,00
+Baumwollweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | 3,75 | --
+ Weber | " | 3,00 | 3,50 | -- | 2,00 | 2,75 | --
+ Weber | " | 3,00 | 3,75 | 3,25 | 2,75 | 3,75 | 2,60
+ Weber | " | 2,25 | 4,25 | 2,55 | 1,50 | 3,50 | 2,25
+ Weber | " | 1,50 | 3,25 | 2,20 | 1,50 | 3,25 | 2,20
+ Weber | " | 2,00 | 2,75 | 2,05 | 2,00 | 2,75 | 2,00
+ Weber | " | 2,00 | 2,25 | 2,05 | 2,00 | 2,50 | 2,20
+Wollkämmerei: | | | | | | |
+ Kämmer | Zeit | 1,75 | 3,00 | 2,70 | 1,50 | 3,00 | 2,25
+Wollweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | -- | 4,00
+ Weber | " | 3,50 | 5,00 | 4,00 | 2,75 | 3,75 | 3,05
+ Weber | " | 4,00 | 6,00 | 4,50 | 3,75 | 5,50 | 4,50
+Tuchfabrikation: | | | | | | |
+ Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | --
+ Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85
+ Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 2,75 | 2,40
+ Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35
+ Färber | " | 2,25 | 3,50 | 2,40 | 1,50 | 2,25 | 1,60
+Seidenweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | -- | -- | 2,20 | -- | -- | 2,20
+ Weber | " | -- | -- | 3,00 | -- | -- | 3,00
+ Weber | " | 1,75 | 4,50 | 2,50 | 1,75 | 4,50 | 2,50
+ Weber | " | 1,50 | 4,00 | -- | 2,75 | 3,00 |
+ Weber | " | 1,50 | 3,50 | 1,75 | 1,50 | 2,50 | 1,65
+Sammetweberei: | | | | | | |
+ Weber | Zeit | 2,50 | 3,50 | 3,10 | 2,50 | 3,50 | 3,00
+ Bandweber |Stück | 3,50 | 4,50 | 3,65 | 3,50 | 4,50 | 3,40
+Mechanische | | | | | | |
+Stickerei: | | | | | | |
+ Sticker | Zeit | 0,75 | 1,25 | 0,95 | 0,75 | 1,25 | 0,95
+ Sticker |Stück | 2,75 | 6,00 | -- | 1,50 | 1,75 | --
+
+Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende
+Gleichheit der Männer- und Frauenlöhne, aber es zeigt sich zu gleicher
+Zeit, daß die Frauenlöhne nicht etwa auf der Höhe der Männerlöhne
+stehen, sondern daß vielmehr die Männerlöhne eher die Tendenz haben, zum
+Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik
+wiederholt dasselbe Bild:[500]
+
+ | Durchschnitt- | Vorkommender
+ | licher |
+ | Wochenlohn | Wochenlohn
+Gewerbeart |-----------------+-----------------
+ |Höchster|Niedrig-|Höchster|Niedrig-
+ | |ster | |ster
+----------------------------+--------+--------+--------+--------
+Männliche Maschinenstricker | 7,50 | 6,00 | 12,00 | 4,39
+Weibliche " " | 7,00 | 5,20 | 13,87 | 3,15
+Männliche Baumwollenweber | 5,91 | 5,11 | 10,20 | 2,20
+Weibliche " " | 5,76 | 4,83 | 10,00 | 1,80
+Männliche Flanellweber | 8,55 | 7,39 | 12,00 | 3,45
+Weibliche " " | 7,00 | 5,60 | 9,99 | 3,41
+
+Eine Zusammenstellung der Löhne besonders geschickter englischer
+Baumwollweber beiderlei Geschlechts bestätigt unsere Auffassung
+gleichfalls:[501]
+
+Männer |Frauen |Männer |Frauen
+-------+-------+-------+------
+ sh. | sh. | sh. | sh.
+ 21,7 | 21,4 | 19,5 | 19,4
+ 22,2 | 20,11 | 19,7 | 19,0
+ 21,11 | 20,9 | 19,2 | 18,11
+ 21,0 | 20,8 | 19,8 | 18,4
+ 21,5 | 20,4 | 22,2 | 17,11
+
+Ziehen wir zum Vergleich nur einige Löhne in ausschließlichen
+Männerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau
+nehmen wöchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der
+Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen
+verdienen zwischen 29 und 40 sh., während die Löhne der Baumwollweber
+zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh.
+schwanken.[502]
+
+Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, daß Industrien mit hohen
+Löhnen Monopole der Männer sind[503], aber nur deshalb, weil es sich
+dabei um Arbeitsarten handelt, für die die Männer ihrer ganzen
+körperlichen und geistigen Disposition nach hauptsächlich befähigt und
+in der sie lange thätig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die
+besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigen, denen die Frauen schon
+gewissermaßen durch die Tradition angehören, weisen niedrige Lohnsätze
+auf, und wo Männer und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie
+zusammen nur wenig mehr, wie Männer in den Industrien verdienen, wo sie
+allein arbeiten.[504]
+
+Die Gründe für die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre
+allgemeine lohndrückende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man
+ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem
+Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den männlichen und
+weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den bürgerlichen
+Berufssphären her gewohnt ist, Männer und Frauen als Lehrer,
+Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte
+in genau denselben Arbeitsgebieten thätig zu sehen, und annimmt, daß
+dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatsächlich sind die
+Verhältnisse hier ganz andere und in gewiß 9/10 industrieller Arbeiten
+findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt.
+Selbst in den Industrien, wo Männer und Frauen scheinbar mit völlig
+gleicher Arbeit beschäftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der
+Ausführung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die
+weiblichen Setzer für 1000 Typen um 2 p. weniger als die männlichen,
+weil sie nicht die vollständige Arbeit bewältigen können, sie bedürfen
+zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Männer und können bei
+schwereren Druckarbeiten nicht beschäftigt werden.[506] In der Londoner
+Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der
+Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stück Stoff, während Männer
+zwei auf einmal schneiden können. In der englischen Töpferei füllen
+Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der
+Zeichnungen mit Farbe aus, während Männer die schwierigere Arbeit
+machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wöchentlich nur
+9000, Männer aber 13000 Stück.[508] In den Seidenwebereien Derbys
+erreichen die Männer einen höheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur
+einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Männer auch an
+schwereren Webstühlen beschäftigt.[510] In italienischen Webereien, wo
+sie an gleichen Stühlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger,
+und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, daß
+sie genötigt sind, auf das Muster zu sehen, während die Männer mehr nach
+dem Gedächtnis arbeiten.[511] In der französischen Papier- und
+Lederfabrikation, für die wir in der Tabelle [oben] beträchtliche
+Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende
+Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den
+Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch
+eine verschiedene für Männer und Frauen, als diese die kleineren und
+jene die großen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer
+Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mädchen die leichteren
+Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513]
+
+Die Niedrigkeit der Löhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem
+wesentlichen Teil auf ihre Inferiorität in der Handfertigkeit und in der
+Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantität, manchmal
+in Bezug auf die Qualität äußert, zurückzuführen.
+
+Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Löhne
+für die außerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die für
+gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier,
+daß der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der
+Männer. Ich brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge
+technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer treten, z.B.
+in der englischen Töpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit
+machen, als früher die Arbeiter, oder an die Löhne in den speziellen
+Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der
+Höhe jeder männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese traurige
+Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast daran verzweifeln
+könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem
+dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen
+erfaßt sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern
+sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur
+Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umständen die
+Verpflichtung, sich selbständig zu machen, sie findet vielfach in der
+Familie noch einen Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran,
+einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert
+einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, daß die
+Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe erreicht haben, wie
+keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben
+durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht
+von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst
+nimmt, wie der Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein
+ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung
+zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstände zu verdanken: sie
+haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukämpfen, der die Masse der
+Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist
+nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit
+weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der
+bürgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen
+Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschuß zum
+Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle
+diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen
+ferner, die in den Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um
+jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem
+Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit
+zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft festhalten.
+
+In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die
+verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu müssen.[514] Die
+Vergnügungssucht, die Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen,
+die häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen sich die
+Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen Pflichten nachzugehen,--so
+jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es
+bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkräften. Erst auf Grund
+einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die
+Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt,
+und es stellte sich übereinstimmend heraus[515], daß der weitaus größte
+Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen
+ist. Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder
+eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch
+von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen lebt, ist diese
+Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig konstatiert worden; so hat sich die
+Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen
+für 71 % in Mainz für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 %
+in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig für 97 %
+aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber angestellt
+wurden,--unbegreiflicherweise hat man versäumt, den Beamten dahingehende
+allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, daß die Ehemänner
+dieser Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder solche
+Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie,
+thätig sind, also ganz unzulängliche Einnahmen haben. Von 78
+Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben
+über den Verdienst der Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von
+mir zusammengestellt wurden:
+
+ |Anteil der| Wochenlohn | Anteil | Wochenlohn
+ |Ehemänner | der |der Frauen| der
+Bezirk | in | Ehemänner | in | Frauen
+ |Prozenten | |Prozenten |
+--------------+----------+-------------------+----------+----------------
+Danzig | -- | 10-20 Mk. | -- | 5-10 Mk.
+ | | | |
+Elbing | 3 | unter 5 " | 47 | 7 "
+ | 25 | " 10 " | 53 | 10,76 "
+ | 71 | " 15 " | -- | --
+ | | | |
+Berlin- | | durchschnittlich:| |
+Charlottenburg| -- | 19,50 Mk. | -- | --
+ | | von 12-30 Mk. | |
+ | | | |
+Oppeln | -- | 6,72-11 Mk. | -- | 3,60-7,51 Mk.
+ | | | |
+Magdeburg | -- | -- | 25 | unter 7 Mk.
+ | | | 50 | 7-8 "
+ | | | 17 | über 9 "
+ | | | |
+Erfurt | 75 | 9-17 Mk. | 50 | 3-7 "
+ | 25 | 17-20 " | 33 | 8-10 "
+ | | | 17 | 11-20 "
+ | | | |
+Schleswig | -- |unter 20 " | -- | 7,5-12 "
+ | | | |
+Hannover | -- | -- | 2 | unter 6 "
+ | | | 24 | 6-9 "
+ | | | 48 | 9-12 "
+ | | | 26 | über 12 "
+ | | | |
+Aachen | -- | -- | 20 | 4-8 "
+ | | | 47 | 8-12 "
+ | | | 25 | 12-16 "
+ | | | 8 | über 16 "
+ | | | |
+Oberbayern | 13 | nichts oder nicht | 4 | 6 "
+ | | ermittelt | |
+ | 6 | 9-12 Mk. | 38 | 6-9 Mk.
+ | 11 | 12-15 " | 44 | 9-12 "
+ | 51 | 15-20 " | 11 | 12-15 "
+ | 19 | 20 Mr. u. darüber | 3 | über 15 Mk.
+ | | | |
+Oberpfalz u. | | | |
+Regensb. | -- | 6-22 Mk. | -- | 6,60-9,50 Mk.
+ | | | |
+ | | Im Durchschnitt: | | Im Durchschnitt:
+Mittelfranken | -- | 18,50 Mk. | -- | 8,50
+ | | | |
+ | | | | Im Durchschnitt:
+Württemberg I | -- | -- | -- | 10,74 Mk.
+ | | | |
+ | | | | Im Durchschnitt:
+ " II| -- | -- | -- | 10,00 Mk.
+ | | | |
+Darmstadt | -- | -- | 59 | 2-6 Mk.
+ | | | 35 | 6-10 "
+ | | | 6 | 10-18 "
+ | | | |
+Gießen | 0,4 | nichts | -- | Im Durchschnitt:
+ | 10 | 4-10 Mk. | | 7,80 Mk.
+ | 76 | 12-16 Mk. | |
+ | 10 | 18-24 " | |
+ | | | |
+Bremen | 19 | 9-13 " | 26 | 5-9 Mk.
+ | 24 | 13-15 " | 26 | 9-10 "
+ | 15 | 16-17 " | 41 | 10-12 "
+ | 34 | 18-20 | 4 | 12-14 "
+ | 8 | 21-30 " | 3 | 14-16 "
+ | | | |
+Unterelsaß | -- | 10,80-16,80 Mk. | -- | 6-12 "
+ | | | |
+ | | Im Durchschnitt: | |
+Oberelsaß | -- | 15 Mk. | -- | --
+ | | | |
+Lothringen | 40 | 9-12 " | 13 | 3-6 Mk.
+ | 50 | 16-20 " | 71 | 7-12 "
+ | 10 | 22 Mk. u. darüber | 26 | 13-24 "
+
+Nur in einem Bezirk,--in Gießen,--und auch hier nur für eine Industrie,
+hat man eine Zusammenstellung der thatsächlichen Familieneinnahmen
+gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen
+mit ihren Männern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65
+Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk.
+durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr
+starker Frauenbeteiligung.
+
+Sehr häufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, daß es sich bei
+den Ehemännern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde
+und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrößten Teil für
+sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernähren
+ließen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die
+moralische Entrüstung über das Verhalten der Gatten ein klein wenig
+einzudämmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhältnismäßig hohe
+Lebenshaltung gewöhnt, da sie den Lohn allein für sich verbrauchen
+konnten, und es gehört ein Grad von Charakterstärke dazu, nach der
+Heirat die Lebensbedürfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur
+ernst angelegte Naturen fähig sein können. Aber auch dort, wo eine
+direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in
+die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen müssen die
+Schulden für die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden;
+ist das vorbei, so möchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen
+zurücklegen können, was vom Verdienst des Mannes allein nicht möglich
+ist; die Mütter--und zwar gerade die besten--möchten für ihre Kinder
+etwas erübrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die über das tägliche
+Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehört meiner Ansicht nach in
+dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie
+tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes
+Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach
+frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so
+vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach
+über dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmückt und
+erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der
+verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr für den Fortschritt ihrer
+geistigen und seelischen Entwicklung, als für deren Niedergang. Ihre
+Wirkung aber ist, wenn wir zunächst die auf die Löhne in Betracht
+ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschäftigung
+verheirateter Frauen sind nicht nur die Männerlöhne besonders niedrig,
+auch die Löhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als
+ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als
+die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine
+notwendige Ergänzung des männlichen Einkommens, Die Steigerung des
+männlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, daß er nicht mehr
+die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit
+verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des
+unzureichenden Einkommens der Männer und sie ist einer der Steine, die
+den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zuständen im Wege
+liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird
+diese lohndrückende Tendenz dauernd verschärfen und zwar um so mehr, je
+mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine
+Ausnahmestellung, nicht nur ihren männlichen, sondern auch ihren
+alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenüber einnehmen.
+
+Eine Beurteilung der Lohnverhältnisse kann aber nur dann zu richtigen
+Resultaten führen, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes,
+andererseits die Bedürfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen
+werden. Für beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das
+vorhandene ist ungenügend. Im allgemeinen wird für die hier in Betracht
+kommenden europäischen Staaten angenommen werden können, daß im Laufe
+des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp.
+verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die
+Löhne der Arbeiterinnen in der Großindustrie sind in derselben Zeit
+teils um ein Drittel, teils um die Hälfte gestiegen[518], die
+Bedürfnisse dagegen, deren Wachstum sich natürlich zahlenmäßig nicht
+feststellen läßt, haben im Verhältnis weit rascher zugenommen, obwohl
+gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht
+hat. Wenn schon bei dieser ganz äußerlichen Betrachtung ein Defizit
+unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur
+Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19.
+Jahrhunderts,--das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den
+weiblichen Arbeitern noch unverhältnismäßig stark war. Selbst den
+günstigsten Fall angenommen, daß sowohl die Lebensbedürfnisse als die
+Löhne um die Hälfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprüngliche
+Mißverhältnis nicht nur unverändert bestehen, es steigert sich auch noch
+infolge der erhöhten Bedürfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht
+fallenden Thatsache, daß die industrielle Entwicklung den verschiedenen
+Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrückt.
+Die Maschine ermöglicht eine kolossale Produktivität in einem kurzen
+Zeitraum und wirft eine große Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten
+fieberhafter Thätigkeit für Wochen mitleidslos aufs Pflaster, während
+andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die
+Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mühsam
+durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenüber.
+
+Einige Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei,
+daß im allgemeinen die Ernährung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen
+ausmacht, was männliche dafür gebrauchen; gehen wir von dem
+Beköstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro
+Tag und Mann rechnet, so wären ca. achtzig Pfennige für arbeitende
+Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß die
+Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im großen für die
+ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Beköstigung zu
+bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich für ihr Geld schaffen kann.
+Für eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete
+gefordert, ein möbliertes Zimmer,--das sehnlichst erträumte Ideal all
+der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fünfzehn bis zwanzig Mark zu
+haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wöchentlich
+für Kost und Wohnung ausgeben muß, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes
+Zimmer, so muß sie allein zehn Mark für Logis und Ernährung ansetzen.
+Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewöhnlichsten
+Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Großstädten auf 8,70 Mk.[519] Es
+blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernähren wollen
+und nicht in der eigenen Familie wohnen können, ca. 78 Pf. wöchentlich
+für alle übrigen Lebensbedürfnisse--Kleidung, Wäsche etc.
+Inbegriffen--übrig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, daß die
+Wocheneinnahme sich das ganze Jahr über gleich bleiben müßte, während
+thatsächlich im günstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen
+regelmäßigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine
+ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis
+sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten
+Lohnsätzen angenommen werden kann, daß es sich meist um jugendliche
+Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben,
+wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele übrig, die
+bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt
+noch zahlreiche Unglückliche, die eine alte Mutter, oder ein armes
+vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn
+von neun bis zwölf Mark, dem üblichsten für deutsche Arbeiterinnen, und
+einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe
+angesehen werden muß,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen
+170 Mk. für alle übrigen Ausgaben übrig bleiben,--lebt die Arbeiterin in
+unaufhörlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustände
+wiederholen sich überall, wo die Industrie, der große Eroberer,
+eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat.
+
+In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine
+Erholung, kein Vergnügen gönnt, niemals krank wird und niemanden zu
+unterstützen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens
+verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Löhne von 1 fl. 80 kr.
+bis 3 fl. noch immer häufig genug vor[520], während die arbeitslose Zeit
+für sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden muß. Das
+mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine
+Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer täglichen
+Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an
+beginnt ein gesichertes Leben für die Alleinstehende[522], dabei gehören
+Tagelöhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf
+unfreiwillige Ferien muß sich jede Arbeiterin gefaßt machen.
+
+Durch vier Auskunftsmittel,--eins fürchterlicher als das andere,--sucht
+die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit,
+Unterernährung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird
+dadurch möglich, daß sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit
+nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende
+Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt,
+zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten,
+Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als
+nötig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die
+Unterernährung aussieht, dafür giebt es Beispiele genug. Eine
+Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann höchstens 40 bis 50
+Pf. für ihre tägliche Beköstigung ausgeben,[523] Sie lebt von
+Cichorienbrühe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser
+Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemüse, das, wenn überhaupt,
+in minimalen Quantitäten genossen wird, ist meist von so schlechter
+Qualität, daß von einem genügenden Nährwert gar nicht die Rede sein
+kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen
+Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu können. So
+genießen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages
+Kaffee und Brot und abends ein Stück Wurst; sie verderben sich den
+Magen, wenn sie einmal kräftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um
+für die an sich schon mangelhafte Ernährung noch vollends den Appetit zu
+verderben, ja sie gradezu widerlich und gefährlich zu machen, kommt der
+Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen
+Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen
+wird, auf Höfen und Treppen ist der "Eßsaal" der meisten
+Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen
+angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen
+in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die
+Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Möglichkeit,
+sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend
+anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch
+nur selten in ausreichendem Maße gegeben, und so schlucken die armen
+Geschöpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime
+in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemütliche Eßzimmer des
+Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem
+frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf
+deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder
+einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer
+Wurst, bei deren näherer Untersuchung wir schaudern würden, belegtes
+Brot verzehren, müßte allein genügen, um das Verbrecherische der
+herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen.
+
+Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft
+gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein
+eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin
+gezählt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum
+untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben
+Zimmer. In einer großen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in
+Berlin gezählt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und
+Schlafmädchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch
+ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunksüchtigen Mann, einer
+schwindsüchtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmädchen.[528] Am
+günstigsten ist es noch für sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmädchen
+zusammen schlafen, sehr häufig aber müssen sie ihr Lager mit den Kindern
+ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien
+hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhältnisse sogar ergeben,
+daß jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett
+angewiesen waren![529] Nicht nur, daß die Arbeiter nur zu oft weniger
+Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages
+Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie
+sich ausruhen und erholen können! Ja, das arme Schlafmädchen hat außer
+den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags
+über ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Küche, Kinderstube, in
+dem für sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben,
+so kommt es auch, daß das Elend des Schlafstellenwesens sich zum
+Grauenhaften steigern kann: die Mädchen bringen schließlich von ihren
+zuerst erzwungenen, später freiwilligen abendlichen Vergnügungen ihre
+Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die
+intimsten Dinge täglich vor aller Augen zu verrichten, längst aller
+Scham entblößt, ungestört durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder,
+mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt
+Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die
+ehelichen übertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein
+Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schließliche
+Heirat selbstverständlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, daß ein
+Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verläßt, er
+würde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie
+oft aber fällt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet
+keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft,
+sie muß sich den Lüsten der Werkführer, häufig auch der des Chefs selber
+fügen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nächsten
+Geschäftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes
+freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in
+gleichförmiger öder Farblosigkeit verfließt, prädestiniert sie noch
+dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach;
+nicht bloß der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber
+unterstützen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren,
+der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin
+eine furchtbare Grausamkeit, daß das bißchen Lebensfreude,--oft besteht
+es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fähnchen und reichlichen
+Mahlzeiten,--von den Proletariermädchen so häufig nur durch Schande
+erkauft werden kann?!
+
+Ein Fabrikmädchen! Naserümpfend hört man es oft sagen. Für die Leute,
+die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr
+eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an
+körperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe
+von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrückt, wie viel
+heldenmütige Entsagung, von der nur manche stillen, früh gealterten
+Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglück
+ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine
+Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwächst.
+
+Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die
+verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der
+Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor für die physische
+und geistige Entwicklungsmöglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht
+werden muß, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die
+Frauen in der Großindustrie genießen fast überall den Vorzug, daß die
+Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Für sie
+besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstündige
+Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis
+aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner
+Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der
+mangelhaften Kontrolle leicht mögliche Uebertretung der gesetzlichen
+Vorschriften vielfach überschritten. Nach den deutschen
+Gewerbeaufsichtsberichten für 1899 wurden für rund 184000 Arbeiterinnen
+nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535]
+
+Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten
+überhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, würden diese Zahl gewiß mehr
+als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast
+illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den
+Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die
+Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu
+erhöhen. Auf diese Weise verlängert sich die Arbeitszeit ins
+ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernährung untergraben
+diese Verhältnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres
+Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Körper des Weibes sich zu
+seiner schönsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch
+geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und
+gesunde Nahrung gestählt werden müßte, wird er dazu verdammt, mindestens
+zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu
+sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichförmige, nur bestimmte
+Muskeln ausbildende Bewegung auszuführen. Die Bleichsucht, mit ihrem
+Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und
+geistiger Depression, Verkrümmung des Rückgrats und der Beine u. dergl.
+mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den
+Proletariermädchen.[536]
+
+In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine
+große Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze
+des gesetzlich Zulässigen ermöglichen, tritt die Tendenz der
+freiwilligen Verkürzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch für
+einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu
+Gute. Für Frankreich und England läßt sich die gleiche Entwicklung
+verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche
+Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist häufig, selbst bei
+geringerer Leistungsfähigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise
+Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlängerung der
+Arbeitszeit dürfte daher immer noch viel häufiger vorkommen, als ihre
+Verkürzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer
+stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidaritätsgefühl
+sich zusammendrängen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp.
+Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit
+dem männlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit
+der Berufsarbeit nicht die Arbeit überhaupt, die auszuführen ihnen
+obliegt, erledigt haben. Nicht nur, daß es Arbeiterinnen giebt, die, um
+einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den
+Kindern, oder, wie es häufig vorkommt, in irgend einem Zweige der
+Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig
+ist,--für fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die
+Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverständliches. So wird
+der zehn- oder elfstündige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und
+mehrstündigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und
+Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hält auch die ärmste
+Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille gürtet, in den
+Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem möglichst modernen Kleid,
+womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich häufig all ihre
+Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bißchen kräftige
+Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gönnen könnte. Engherzige
+Puritaner schlagen wohl über die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hände
+über dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mädchen der
+wohlhabenden Bevölkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger
+Genugthuung zuerkennt, soll für sie durchaus keine Geltung haben. Und
+dabei bedenkt man nicht einmal, daß der Proletarierin für andere
+Genüsse, für deren Verständnis man die bürgerliche Jugend von früh an
+erzieht, die Aufnahmefähigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und
+Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig
+erreichbare Lebensfreude.
+
+Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafür, daß sie nicht
+üppig ins Kraut schießt, und die traurigen sanitären Verhältnisse in
+Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frühzeitig das Sonnenlicht, in
+dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in günstigerer
+Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher
+überall eine stärkere Empfänglichkeit für die Schädlichkeiten gewisser
+Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe,
+die sie einatmet, wirken stärker auf sie, als auf den Mann[538], auch
+Betriebsunfällen ist sie in höherem Maße ausgesetzt. Die Gründe dafür
+sind vielfach rein äußerlicher Natur: In den langen Kleidern und den
+leider immer noch üblichen vielen Unterröcken, in den unbedeckten
+langen Haaren können sich unendlich mehr jener schädlichen
+Fremdkörperchen festsetzen, als bei den Männern. Ein Wechseln der
+Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, daß die Arbeiterin
+nur einen Arbeitsanzug hat, häufig aber wird es unterlassen, weil es an
+einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter
+Vorhang von dem der Männer, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem
+selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen muß, gar nicht
+hinhängen mag. Aus ähnlichen Gründen unterdrückt sie nur zu oft zum
+Schaden ihrer Gesundheit natürliche Funktionen ihres Körpers, weil das
+Kloset teils unverschließbar in nächster Nähe des von den Männern
+benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich
+befindet.
+
+Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschäftigt sind, bringen
+besondere Gefahren für Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir
+zunächst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine
+Spinnerei: Mit heißem Wasserdampf ist die Luft gesättigt, auf dem
+Steinboden steht das Wasser, ein ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem
+Spinnwasser, das die Abfälle und leimigen Substanzen des Gespinstes
+aufnimmt. Mit Händen und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der
+unreinen, klebrigen Flüssigkeit; eiternde Geschwüre an Händen und Armen,
+schwere Augenentzündungen stellen sich infolgedessen häufig ein. Mit
+bloßen Füßen steht sie auf dauernd nassem Boden, ungenügend bekleidet
+vertauscht sie dann den Aufenthalt im glühenden Arbeitsraum womöglich
+mit der Winterkälte draußen,--rheumatische Krankheiten,
+Unterleibsentzündungen sind die Folge.[539] Dauernder Druck auf
+besonders empfindliche Teile führen zu frühzeitigen Erkrankungen der
+Geschlechtsorgane.[540] In kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher
+Wolle fauliger Urin verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfüllt
+daher die Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Händen der
+Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff gebraucht,
+treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur völligen geistigen
+Umnachtung führen können.[541] In den Wollkämmereien herrschen tropische
+Glut und ekelerregende Ausdünstungen; die Gasräume der Seidenfabriken
+wetteifern mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die
+Arbeiterinnen durch das Ausströmen des Gases.[542] Die Fabrikation von
+Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd furchtbarer
+Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die Kunstwolle gemacht
+wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, Infektionskrankheiten schlimmster
+Art, chronische Bronchialkatarrhe überfallen heimtückisch die
+Arbeiterinnen, die sogenannte Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber
+beginnt und im Starrkrampf endet, tötet sie in wenigen Tagen. Das
+Sortieren der Abfälle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter:
+findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter![543] Mit
+wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien am
+Webstuhl, bis die Kraft sie verläßt[544]; zerstörend wirkt das Blei, das
+in gefärbter Baumwolle sich meist befindet, auf die Weberinnen, und
+stärker noch auf die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt
+es gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie
+Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird
+Bleiweiß dazu verwandt, ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit; den
+Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen "Händen" die Arbeit entsinkt,
+er findet Ersatz genug! In Webereien, in der Fabrikation von Kartons und
+buntem Papier und künstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der
+Fabrikation eiserner Bettstellen strömt das Gift in die Atmungsorgane,
+in die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim getragen;
+ja es kommt vor, daß sie es mit dem Essen zu sich nimmt, weil kein
+anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafür zur Verfügung steht.[545]
+Koliken, Magenerkrankungen, Kopfleiden sind die Folge. In den
+Bleiweißfabriken erreichen diese Leiden den höchsten Grad: epileptische
+Krämpfe, Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des
+letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode
+führen kann.[546] Der Schwefelkohlenstoff in der Kautschukfabrikation
+führt zu ähnlichen Erscheinungen, nur mit der Variation, daß Lähmungen
+der Geschlechtsorgane schließlich hinzutreten können.[547]
+
+Eine große Zahl von Frauen beschäftigt, wie wir gesehen haben, die
+Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am schlechtesten bezahlten und
+die schwächsten von allen. Schon nach den ersten sechs Monaten der
+Beschäftigung erkranken von 100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei
+den jüngeren Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und
+Magenleiden und Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.[548] Wie dies
+Gift den Körper von innen zerstört, zerstört das Phosphor in der
+Zündholzfabrikation ihn von außen: zu einer grauenhaften Maske wird das
+Antlitz der Frau durch die Kiefernekrose, die zuerst die Zähne und dann
+den Kiefer zerfrißt.[549]
+
+Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die Anämie, ergreift
+männliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum
+sich auf der Oberfläche von Ringöfenanlagen befindet, aus denen
+unaufhörlich giftige Dämpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter,
+besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, füllt sich durch
+Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit förmlichen Steinen,
+schwärzliche Steine bilden den Auswurf.[550] Kein Leiden aber erreicht
+das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon wird ihr Gesicht
+aschfahl, die Augen trüb, der Gang schwankend, wie der eines
+Rückenmarkleidenden. Bei dem Anblick eines Fremden überfällt sie
+konvulsivisches Zittern; das kärgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu
+führen, die Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise
+nehmen die Geistesfähigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem Blödsinn.
+Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der Speichelfluß macht ihren Anblick
+widerlich und vor dem Hauch ihres Mundes prallt man zurück.[551]
+
+Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Körperkraft. Dem
+"schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu
+Boden werfen. In Steinbrüchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei
+Bauten schleppen oder schieben sie schwerbeladene Tröge und Schubkarren;
+in Zuckerfabriken tragen sie täglich während zehn Stunden bis zu 800 je
+16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.[552] In den
+Spinnereien und Webereien stehen sie oft während elf und zwölf Stunden;
+geschwollene Füße, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen
+davon.
+
+Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die Maschinennäherei! In
+gebückter Stellung sitzen die Armen an ihrer rasselnden Tyrannin,
+unausgesetzt bewegen sich die Beine auf und nieder. Junge und Alte,
+Kranke und Gesunde--alle glauben sich fähig zu dieser mörderlichen
+Arbeit, die schließlich auch die stärkste Konstitution untergräbt. Ein
+Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich beschäftige nur Mädchen von sechzehn
+bis achtzehn Jahren an der Nähmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind
+sie reif für's Hospiz."[553] Und er hat nicht übertrieben. Die
+Bleichsucht in all ihren Stadien, Unterleibsleiden, Lageveränderungen
+der Gebärmutter, die eine Mutterschaft fast unmöglich machen,
+neurasthenische Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als böse
+Gäste.[554] Wohl hat die Technik, wie überall so auch hier, ein Mittel
+zur Hilfe geschaffen: statt durch die Füße der Näherinnen kann die
+Maschine durch Dampf oder Elektrizität in Bewegung gesetzt werden, aber
+die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit derselben
+Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwärts gepeitschte
+Menschenkraft die Räder, als die motorische Kraft es thun würde, und
+der Profit ist der einzige ausschlaggebende Faktor.
+
+Furchtbarer als Dantes Hölle ist diese Welt der Arbeit, bevölkert mit
+bleichen Gestalten, die sich auf wunden Füßen nur schwer fortbewegen,
+deren Hände, aus denen Behaglichkeit, Wärme, Schönheit, Nahrung,
+Kleidung für die glücklicheren Menschen hervorgehen, bluten und
+schwären, deren Rücken gekrümmt, deren Glieder zerfressen sind von
+Giften, aus deren irren Blicken oft der Wahnsinn starrt. Und doch fehlt
+zur Vollendung des Bildes noch eins: dichte Wolken von Staub umhüllen
+die Gestalten,--Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und
+Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet sich
+vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das in den
+Proletariervierteln sein Wesen treibt: der Lungenschwindsucht. Wer kann
+sagen, in welchem Industriezweig es am meisten zu Hause ist: bei den
+Textilarbeitern, bei den Tabakarbeitern, bei den Töpfern?! Es herrscht
+überall, wo die Jagd nach Gewinn rücksichtslos über Menschenleichen
+dahinbraust!
+
+Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns vorüberzog? O
+ja; und es findet sich dort, wo es die Frau nicht mehr allein, sondern
+durch sie auch ihre Kinder trifft. Das Mädchen träumt noch von der
+Zukunft; es glaubt, die Ehe wird sie aus dem Arbeitsjoch erlösen, darum
+bringt es seinem Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der
+Mann ihm entgegenbringt, für den er zum ausschließlichen Lebensberuf
+werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf Befreiung. Und
+ihre Not verschärft sich ins unerträgliche durch den Anblick der Not
+ihrer Kinder. Wie häufig hört man angesichts des Elends sagen: Die Leute
+sinds nicht anders gewöhnt, sie spüren es nicht. So richtig es nun auch
+sein mag, daß die im Elend Geborenen nicht die Empfindung dafür haben,
+wie die, welche erst hineingestoßen wurden, so falsch ist es, daß irgend
+eine Mutter in der Welt, und wäre es die allerärmste, sich jemals an das
+Leid ihrer Kinder gewöhnen wird. Kinderleid ist das größte auf Erden,
+weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft.
+
+Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau und
+zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre die
+notwendigsten Bedürfnisse decken.[555] Eine auskömmliche Lebenshaltung,
+bei der aber von einer Befriedigung höherer Bedürfnisse,--Kunst,
+Theater, Natur,--auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann,
+ist erst mit einer jährlichen Einnahme von 2000 Mk. möglich.[556] Es
+müßte demnach für den ersten Fall eine tägliche Einnahme,--ohne
+Unterbrechung!--von fünf Mark, im zweiten eine von fast sieben Mark
+gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefällen die Rede sein kann,
+lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. Aeußerst selten nur erreicht
+der Mann allein solch einen Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der
+Frau, die sich, nach diesem Maßstab gemessen, als unbedingt notwendig
+erweist, kann ihn nicht gewährleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk.
+gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind vollständig
+unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. sind es, sobald mehr als
+zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt geradezu wie Wahnsinn, und doch
+ist es Thatsache: je mehr Kinder die Familie besitzt, je mehr also die
+Mutter zu Hause nötig ist, desto notwendiger muß sie in die Fabrik. Und
+doch kann sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaßen
+behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der Häuserwucher
+verschlingt zum großen Teil, was sie erwirbt, und läßt ihr dafür eine
+elende Behausung, die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre
+1880 wurde in deutschen Großstädten eine erschreckende Zahl
+übervölkerter Wohnungen konstatiert[557]; die Untersuchungen des Vereins
+für Sozialpolitik deckten entsetzliche Zustände auf, die vielleicht nur
+noch von denen in Wien übertroffen wurden.[558] Hier wurde z.B. ein
+Zimmer mit Küche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten
+bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem Sofa
+teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem Flur hauste
+ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 qm Bodenfläche,
+fand sich eine siebenköpfige Familie! Parterrewohnungen in
+Hinterhäusern, die mit dem engen Hofe auf gleicher Höhe liegen, im
+Sommer heiße, im Winter eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem
+heizbaren Raum, oder ganz ohne Küche, sogenannte Kochstuben, als
+einzigen Raum[559],--das sind die Wohnungen, in denen das Familienleben
+der Arbeiter sich abspielen und gedeihen soll! Und doch sind auch diese
+vielfach noch unerschwingbar für ihren schwindsüchtigen Beutel. In
+Nürnberg kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in
+den größten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, im
+Dachgeschoß 4,15 Mk.[560] In den Fabrikstädten Nordböhmens kostet ein
+cbm Luftraum jährlich nur um eine Kleinigkeit weniger, als in den
+Palästen der Wiener Ringstraße.[561] Nach einer Zusammenstellung des
+Gewerbeaufsichtsbeamten für Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die Summe,
+die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu verausgaben
+hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er müßte bis zu 57 Tagen
+arbeiten, um allein den Mietspreis zu verdienen, während für die
+begüterten Schichten der Bevölkerung die Ausgabe für Wohnungsmiete im
+allgemeinen mit zehn bis höchstens zwanzig Prozent des Einkommens
+angesetzt wird.[562] Die Armen haben also für ihre elende Wohnung
+relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und sind daher gezwungen, sie
+mit Fremden, Aftermietern und Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht
+nur ohne Luft und Licht aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der
+moralischen Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn
+die Hausfrau in die Fabrik gehen muß. Am frühen Morgen, häufig ehe die
+Kinder erwachen, muß sie zur Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis
+einundeinhalbstündige Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich
+gewährleistet wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und
+niemals um, wie die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu
+besorgen. Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen
+aufgewärmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen brodelnde
+auf den Tisch gestellt, in beiden Fällen ist aus den an sich schon
+minderwertigen Speisen der Nährwert entflohen. Am häufigsten begnügt
+sich die ganze Familie bis zur Heimkehr der Mutter am Abend mit
+Butterbrot und Kaffee, dann erst bereitet die übermüdete Frau die
+Hauptmahlzeit, dann erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstündiger
+Arbeit, beginnt ihre häusliche Thätigkeit. Sie näht und flickt und
+wäscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so daß ihr kaum fünf
+Stunden zum Schlafen übrig bleiben. Vorzeitiges Altern, geistige und
+körperliche Erschöpfung sind die Folgen. Oder sie kümmert sich um nichts
+mehr, wenn die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgültig gemacht
+hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen diesen
+beiden Wegen allein hat sie zu wählen! Wie oft sie den ersten wählt,
+dafür spricht die Bewunderung, mit der die gewiß wenig enthusiastischen
+deutschen Fabrikinspektoren von der Willensstärke, dem Opfermut und der
+unermüdlichen Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.[563]
+Aber selbst mit der Hingabe ihrer Kräfte können sie dem Haushalt nicht
+die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter ersetzen.
+
+Eine gründliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen giebt es
+leider nicht. Die deutschen Erhebungen der Gewerbeaufsichtsbeamten für
+das Jahr 1899 sind nach dieser Richtung völlig ungenügend. Nur in
+siebzehn Bezirken von 78 wurden Untersuchungen darüber angestellt, und
+auch hier handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen
+aber immerhin genügendes Licht in dieses dunkle Bereich des
+Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine Zusammenstellung
+aller Ergebnisse:
+
+ |Anzahl |Von diesen| Von den Kindern waren
+ Bezirk |der be-| Frauen |---------------------------------
+ |fragten| hatten |noch nicht| schul- | schul-
+ |Frauen | Kinder | schul- |pflichtig |entlassen
+ | | |pflichtig | |
+ | | | | | | | | |
+ | |absolut|% |absolut|% |absolut| % |absolut| %
+---------------+-------+-------+--+-------+--+-------+---+-------+--
+Oppeln | -- | 1057 |--| 765 |35| 886 | 41| 509 |24
+Magdeburg | 2680 | 1858 |70| 1283 |31| 1878 | 45| 996 |24
+Minden | 1120 | 701 |63| 703 |46| 804 | 54| -- |--
+ | | | |`------v-------------´| |
+Aachen | 2412 | 1576 |65| 2859 |82| | | 643 |18
+Sigmaringen | 56 | 29 |52| 37 |55| 21 | 31| 9 |14
+Anhalt | -- | 805 |--| 511 |28| 742 | 41| 577 |31
+Bremen | 541 | 411 |76| 428 |41| 628 | 59| -- |--
+Württemberg III| 175 | 147 |84| 154 |47| 77 | 23| 97 |30
+ | | | |`---------------v---------------´
+Darmstadt | 848 | 522 |62| | | 1513 | | |
+Offenbach | 843 | 568 |67| -- |--| -- | --| -- |--
+Gießen | 510 | 420 |82| 318 |32| 352 | 35| 328 |33
+Oberbayern | 641 | 347 |54| 1231 |54| 844 | 37| 188 | 9
+ | | | |`----------------v--------------´
+Niederbayern | 329 | 232 |74| | | 690 | | |
+ | | | |`----------------v--------------´
+Pfalz | 1978 | 1348 |70| | | 3208 | | |
+Oberpfalz | 213 | 165 |77| 143 |37| 154 | 39| 93 |24
+ | | | |`----------------v--------------´
+Unterpfalz | 388 | 272 |70| | | 578 | | |
+ | | | |`----------------v--------------´
+Zittau | 4494 | 2523 |56| | | 4484 | | |
+
+Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, daß 65 % aller Frauen Kinder
+haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, darunter 90 Kinder
+unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im allgemeinen 201 Kinder,
+die noch nicht der Schule entwachsen sind. Legen wir denselben Maßstab
+an sämtliche verheiratete Arbeiterinnen an, wie die deutsche
+Berufszählung von 1895 sie zählte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 %
+aller verheirateten Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch
+zu Hause sind. Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil
+die ledigen Mütter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. Es
+dürfte wohl kaum übertrieben sein, wenn wir sagen, daß etwa eine halbe
+Million Kinder unter 14 Jahren in Deutschland Arbeiterinnen zu Müttern
+haben, also so gut wie mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit
+beginnt schon in der allerersten Lebenszeit der Säuglinge: Kaum vier
+Wochen nach der Geburt muß die Mutter wieder zur Arbeit zurück, ja wo
+die Not groß ist, versucht sie noch viel früher etwas zu verdienen,
+indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch verschlossen sind,
+durch Waschen, Nähen oder Reinemachen das Nötigste zum Leben zu schaffen
+versucht. Die Nahrung, die eine gütige Natur dem mütterlichen Weibe für
+das hilflose kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt;
+noch häufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte Ernährung
+während der Entwicklungsjahre des Mädchens und während der
+Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung treten lassen. Statt dessen
+wurde im Mutterleibe schon das Kind vergiftet; man hat im Fruchtwasser,
+wie im Fötus all diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und
+durch die Poren in den Körper der Arbeiterin eindringen: Blei,
+Quecksilber, Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; häufig schädigen sie
+sogar die Frucht mehr als die Mutter[564], und für die Erblichkeit der
+Tuberkulose, jener eigentlichen Proletarierkrankheit, spricht deutlicher
+als das Urteil medizinischer Autoritäten ein Blick auf die Kinder in den
+Proletariervierteln.
+
+Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der Säuglinge, ist die
+Folge der ursprünglichen Infizierung und der Entziehung der Muttermilch.
+Nur sieben von tausend mit Muttermilch genährten Kindern pflegen im
+ersten Lebensjahr zu sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten
+genährten dagegen 125, und zu ihnen gehören die meisten Arbeiterkinder.
+Nur 8 % der Kinder der höheren Stände sterben im ersten Lebensjahr, für
+die Kinder des Proletariats steigt die Sterbeziffer bis auf 30 %[565] Im
+reichsten Wiener Stadtviertel kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr
+auf 870 Bewohner, im Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im
+wohlhabenden Viertel der Berliner Friedrichstadt starben von 1000
+Säuglingen 148, im armen des Wedding 346.[566] In den Fabrikbezirken am
+Niederrhein starb die Hälfte der Arbeiterkinder im ersten
+Lebensjahr[567]; die verheirateten Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts
+verloren 23 % ihrer Kinder im gleichen Alter.[568] Wie sehr die
+Säuglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im Zusammenhang
+steht, geht aus seinem Wachstum in den Industriezentren hervor. In
+Berlin ist sie während eines vierjährigen Zeitraumes fast um das
+Doppelte[569], in Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899
+gestiegen.[570] Die Beschäftigungsarten der Mütter sind dabei von
+größtem Einfluß In Bezirken der englischen Textilindustrie starben von
+100 22, in denen der deutschen 38 Säuglinge im ersten Lebensjahr.[571]
+Von 100 Kindern der Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger
+als 48 im Säuglingsalter.[572] Der höchste Prozentsatz der
+Säuglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der
+Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen sind
+dem Tode verfallen[573], noch viel mehr erblicken gar nicht das Licht
+der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, daß Frauen, welche Kinder haben
+wollen und sich schwanger fühlen, die Tabakfabrik verlassen, während
+schwangere Mädchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von
+Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie
+meist gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod
+aus den Brüsten der Mütter, deren Milch von Nikotin durchsetzt ist.[574]
+Dabei beschäftigt die Tabakindustrie nächst der Textilindustrie die
+meisten Frauen! Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen
+Kinder lebendig zur Welt. So war ein Fürther Spiegelbeleger dreimal mit
+Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein einziges
+lebte und auch die Mütter starben sämtlich an der Auszehrung.[575] In
+einem anderen Fall hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht
+Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fünf
+Monaten starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in
+Plättereien, Glasbläsereien u.s.w., auf das keimende Leben. Wo es nicht
+geschieht, wächst ein skrophulöses, rachitisches, schwachsinniges Kind
+heran.[576] So werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben
+unschuldiger Kinder geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die
+Gefahren, die sie bedrohen, nicht geringer. Die Straße ist ihr
+Spielplatz, ihre Erziehungsanstalt; daß sie, besonders in den
+Großstädten, keinen günstigen Einfluß übt, daß der physische und
+moralische Schmutz, den sie vielfach ausströmt, an den Kindern hängen
+bleiben kann, bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen
+Gefahren gegenüber nicht blind. Sie möchte ihre Kinder davor behüten und
+kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie schließt die Kinder
+bis zu ihrer Rückkehr im Zimmer ein, sie bindet sie im Bettchen fest,
+sie wird grausam aus lauter ängstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann
+kommt es zu jenen schrecklichen Unglücksfällen, von denen die Zeitungen
+so häufig berichten, und denen gegenüber der behäbige Bürger nicht genug
+über die "Roheit" der proletarischen Mütter zetern kann. Die armen
+Kleinen kommen dem Ofen zu nahe und verbrennen, sie greifen in das
+Waschfaß, verlieren das Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum
+Fenster, um doch wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu
+vertreiben--Spielzeug, das sie beschäftigen könnte, haben sie ja
+nicht--und stürzen kopfüber auf den Hof, sie verwickeln sich im Bettchen
+und die Mutter findet, heimkehrend, ihr Jüngstes erstickt unter dem
+Kissen.
+
+Neben all diesen äußeren und inneren Gefahren, die die Kinder der
+Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, giebt es aber noch
+andere, denen sie unterworfen sind, wenn die Mutter heimkehrt. Sie hat
+auch dann keine Zeit für ihre Kinder. Einen erzieherischen Einfluß auf
+sie kann sie nur in oberflächlichster Weise ausüben. Sie hat keine Ruhe,
+um ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der
+unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist durch
+den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so hat sie
+ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfüllen und begeistern
+könnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon eine gute Mutter, wenn
+sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen ausreichend zu essen gab und
+sie nicht betteln schickte. Aber eine Freundin der heranwachsenden
+Kinder hat sie nur in seltenen Fällen zu werden vermocht. Und doch
+beruht gerade auf dem geistigen und sittlichen Einfluß der Mutter ein
+gut Teil der Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in
+Herz und Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm völlig verwehen,
+aus ihm wächst häufig der starke Baum empor, der dem erwachsenen
+Menschen den einzigen Schutz gewährt. So wird die Ueberlastung der
+Mutter zum Fluch für die Kinder und für die Gesellschaft, deren Glieder
+sie sind, deren gute und schlechte Entwicklung mit von ihnen abhängt.
+
+Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu leiden:
+sie hat auch für ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, die sie daheim
+verbringt, muß sie der Haushaltung und den Kindern widmen. Ist die
+Arbeit gethan, so sinkt sie müde aufs Bett, unfähig, an anderen Dingen
+teil zu nehmen als an den täglichen, sie umdrängenden Sorgen. So wird
+sie oft dem Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht
+und sie bekämpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen kosten.
+Gelangweilt, verärgert, von der unordentlichen Wirtschaft und dem
+schlechten Essen angewidert, sucht so mancher seine Zuflucht mehr und
+mehr in der Kneipe und im Alkoholgenuß.
+
+Für die Frau persönlich bedeutet die Ueberlastung mit Arbeit den
+körperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, daß sie unnatürlich früh
+altert--seht doch die Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig
+Jahren schon alte Frauen!--sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen
+Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe gönnen, auch
+wenn sie der Ruhe bedürftig ist, darum stellen sich Leiden aller Art bei
+ihr ein, die entweder ihr ganzes Leben vergiften, sie arbeitsunfähig
+machen oder einem frühen Tode entgegenführen.
+
+So hart wie ihren Körper trifft die Ueberlastung ihren Geist. Ihm, dem
+schon die Volksschule nur die allernotdürftigste Nahrung zuführte,
+vermag sie noch weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle
+des Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch
+die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt an den
+Fragen des öffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit dazu, sich satt
+zu trinken.
+
+Je mehr die Frau in die Großindustrie eindringt, desto mehr werden sich
+all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und vergrößern, die wir
+geschildert haben.
+
+Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit stützen wird,
+desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die beide auf dem Wege der
+Emanzipation des Weibes liegen: die lohndrückende und die
+arbeitszeitverkürzende Tendenz ihrer Arbeit. Unter Lohndrückung verstehe
+ich hier die Hemmung einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich
+entwickeln würde, wenn der Mann der alleinige Ernährer der Familie
+bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto näher rückt das
+weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner Befreiung, der
+ökonomischen Selbständigkeit. Daß tiefgehende Umwandlungen sowohl des
+Familien- und häuslichen, als des öffentlichen Lebens damit in
+Verbindung stehen werden, beweist nur nochmals, welche revolutionierende
+Macht der Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem
+Gebiete der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz
+war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der
+Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei zeigt
+sich aber, daß sie notwendig auch die Regelung der männlichen
+Arbeitszeit nach sich ziehen muß. In allen Industrien, wo Männer und
+Frauen beschäftigt werden, regelt sich schon jetzt die männliche
+Arbeitszeit nach der der Frauen, weil anderenfalls Betriebsstörungen
+eintreten würden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird
+zunächst für die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der geradezu
+völkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, eintreten müssen und wieder
+auf die Männer zurückwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich
+dann als notwendig erweisen, da es aber an männlichen Arbeitskräften
+mangelt, wird Platz geschaffen für die in immer stärkerem Maße
+arbeitsuchenden Frauen. Und ganz allmählich wird die befreiende Macht
+der Arbeit auch an ihnen zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon
+treten heute schon hervor: es entwickelt sich gerade aus der
+Arbeiterschaft heraus ein Geschlecht thatkräftiger, geistig und
+materiell selbständiger Frauen, die beginnen, über den engen Kreis ihrer
+Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spüren, die bisher fast
+nur zu stumpfer Resignation geführt haben, und an ihrer Lösung
+mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis der eigenen Lage ist das
+erste Mittel, sich aus ihr zu befreien.
+
+
+Hausindustrie und Heimarbeit
+
+Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit überblickt, der sieht
+nichts als eine gleichmäßige graue Oede: Arbeit und Not,--Not und
+Arbeit. Die Unterschiede, die zu Tage treten, sind nichts als
+Variationen desselben Themas. Was für die Arbeiterin in der
+Großindustrie gilt, das gilt ebenso für die in der Hausindustrie, im
+Handel oder im persönlichen Dienst Beschäftigte. Es kann daher für uns
+nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung stehende
+Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres Elends
+aufzudecken, ohne das Allgemeingültige nochmals zu wiederholen. Die
+Hausindustrie ist allzu reich an Zügen, die uns zwar in der
+Großindustrie schon begegneten, dort aber gewissermaßen nur die ersten
+Sorgenfalten des Antlitzes waren, während sie hier jenen tiefen Furchen
+gleichen, die ein Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute
+unauslöschlich eingeprägt hat. Alles ist hier ins Ungeheuerliche
+vergröbert und vergrößert: die Niedrigkeit der Löhne, die schlechten
+Wohnungen und Arbeitsstätten und ihre physischen und moralischen
+Folgeerscheinungen. Das gilt für beide Organisationsformen der
+Hausindustrie--die Heimarbeit und die Werkstattarbeit--und in höchstem
+Maße für diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating
+System" sich einer traurigen Berühmtheit erfreut. Einzelbilder aus
+denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche Arbeit eine
+bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten erhärten.
+
+Betrachten wir zunächst die Textilindustrie, deren hausindustrieller
+Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen verzweifelten Kampf um
+seine Existenz zu kämpfen hat, der um so härter ist, als die Schwächsten
+ihn auszufechten haben.
+
+Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid und
+Grauen zerfließen, gehen eine Stunde später mit dem beruhigten
+Gefühl nach Hause, daß alles, was sie hörten und sahen, einer
+längstverflossenen Zeit angehört. Thatsächlich aber sahen sie ein
+Spiegelbild des Elends von heute. Die böhmischen Weber z.B. wohnen in
+ihrer übergroßen Mehrzahl in Hütten, in deren oft einzigem Raum neben
+dem Webstuhl der Herd und die Lagerstätten der Familie sich befinden.
+Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen und gearbeitet; zwischen den
+verwahrlosten Kindern treiben sich im Winter auch noch Hühner und Ziegen
+herum. Eine dicke, feuchtwarme Luft schlägt dem Eintretenden daraus
+entgegen, zu ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster
+geschlossen. Der üble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfähige
+und giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst
+der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem Staub
+des Webens. Dabei ist an gründliche Reinigung kaum je zu denken,--denn
+die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit gezwungen,--Küchenabfall,
+schmutzige Wäsche und dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs äußerste.
+Oft steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich
+daran ablösen; eine vierzehn-, sechzehn- und achtzehnstündige
+Arbeitszeit gehört nicht zu den Seltenheiten.[577] Vom sechsjährigen
+Kinde an bis zum Greise ringt ein jedes in unablässigem Mühen um sein
+Stück Brot.[578] Zeiten der Arbeitslosigkeit bedeuten Hunger; überfallen
+Schneeverwehungen die im Gebirge wohnenden Weber, die dadurch oft auf
+Monate vom Arbeitgeber abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in
+erschreckender Weise zu.[579]
+
+Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit des
+Betriebs auf der anderen Seite stehen die Löhne in schreiendem
+Mißverhältnis. Das Weben feiner Leinengewebe, z.B. der
+Damast-Tischgedecke, die sich vorläufig von der Maschine nicht in
+derselben Güte herstellen lassen, bringt noch am meisten ein, und doch
+verdient ein Arbeiter bei größter Ausnutzung seiner Kräfte selten mehr
+als 7 fl. die Woche[580] ein Shawlweber kann es bis auf 10 fl. bringen,
+wenn er von früh vier Uhr bis abends zehn Uhr zu arbeiten im stande
+ist.[581] Der häufigste Jahresverdienst böhmischer Weberfamilien
+schwankt zwischen 120 und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen
+erhalten werden müssen![582] Eine achtgliedrige Familie, die sich in der
+besonders günstigen Lage befand, über eine Jahreseinnahme von 350 fl. zu
+verfügen, gab täglich für Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; für
+alle übrigen Ausgaben blieben 70 fl. übrig. Eine Witwe mit nicht weniger
+als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im Jahr trotz allem Fleiß
+aufbringen[583], d.h. diese elf Personen mußten mit fünfundfünfzig
+Kreuzern täglich ihre sämtlichen Bedürfnisse befriedigen! Ein Arbeiter,
+der mit Frau und Kindern sogenannte Putzel-Leinwand herstellte,
+verdiente 1,48 fl. die Woche; ein anderer, der leichte Baumwollwaren
+unter Mithilfe seiner Familie webte, kam bei zwölfstündiger Arbeitszeit
+aller auf 1,20 fl.[584] Unter den alleinarbeitenden Frauen sind die
+Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie erreichen den hohen Lohn
+von--2 fl. wöchentlich.[585] Die Spulerinnen der Baumwollunterketten für
+Plüschgewebe dagegen,--meist lebensmüde Greisinnen mit zitternden Händen
+und gekrümmten Rücken,--kommen bei großem Fleiß auf 1,10 fl. die
+Woche[586], und die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor
+fünfzehn Jahren für 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter
+auf 75 kr., wobei häufig vier volle Arbeitstage darauf gehen.[587] Wie
+es bei solchen Löhnen mit der Ernährung der Bevölkerung
+aussieht,--allein im Königgrätzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber
+gezählt[588],--bedarf keiner näheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch
+ein besonderes Glück, wenn der Weber überhaupt seinen Lohn zu sehen
+bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, dem
+eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Händen haben,
+beschäftigen nur solche Weber, die von vornherein auf den Geldlohn
+verzichten und sich durch Waren aus ihren Kramläden entschädigen lassen.
+Manche arme Mutter, deren Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen
+mit irgend einem wertlosen Stück Stoff, einem Tuch od. dergl. nach
+Hause. Ist der Faktor Gastwirt, so verführt er den Weber, Branntwein
+statt Lohn zu nehmen[589], was den vollständigen Ruin der unglücklichen
+Familien herbeiführt. Aber das ist noch nicht alles: wird der Lohn
+gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch willkürliche Schadenersatz- oder
+Strafgelder oft bis zur Hälfte hinabzudrücken[590] und der in seiner
+Vereinzelung wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit
+vor Augen sieht, fügt sich stumm darein. Ja, er entschließt sich sogar,
+den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu bestechen,
+um der Arbeit sicher zu sein.[591]
+
+Gegenüber solchen Zuständen kann man sich nicht einmal damit trösten,
+daß sie sich etwa auf den einen Landstrich beschränken, denn sie
+herrschen überall, wo die motorisch getriebene Maschine im Großbetrieb
+noch nicht hat Einzug halten können. In Belgien z.B., wo die mechanische
+Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat[592],
+mußte sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, wie der
+feinen Battiste überlassen.[593] Seltsam genug: die Luxusartikel der
+Reichsten werden in den elendesten Höhlen des Jammers von den Händen der
+Ärmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten meist in
+feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fäden am Brechen zu
+verhindern.[594] Sie erblinden infolgedessen häufig und ihre Glieder
+krümmen sich unter rheumatischen und gichtischen Schmerzen. Wie in
+Böhmen haust die ganze Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie
+dort ist der Lohn ein kläglicher. Die geschickteste Weberin feiner
+Leinwand verdient im günstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit
+1,80 fr. täglich, während Wochenlöhne von 3 fr. gar nicht selten
+sind.[595] Ein trauriges Bild, das sich den geschilderten würdig
+anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie Frankreichs. Schon die Zucht
+der Seidenraupen in den Privathäusern, die hauptsächlich in den Händen
+der Frauen liegt, ist im höchsten Grade widerlich: jeder Winkel der
+Wohnung wird dafür ausgenutzt, Massen von welken Blättern, toten Raupen
+und ihren Exkrementen bedecken den Boden und verbreiten ekelhafte
+Gerüche; mitten darin wohnt, schläft und kocht die ganze Familie.[596]
+In den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die
+Ausdünstung des heißen, klebrigen Wassers, in das sie bei der Arbeit
+unaufhörlich die Hände tauchen müssen, atembeklemmend. Die Lyoner
+Seidenweber, von denen die Hälfte weiblichen Geschlechts sind, haben es
+nicht besser. Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der
+Länge ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882
+fr.[597] Eine der besten Lyoner Hausweberinnen, die ein siebenjähriges
+Kind zu versorgen hatte und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte
+folgendes Budget auf:[598]
+
+Wohnung 130,00 fr.
+Nahrung 653,35 fr.
+Heizung 34,80 fr.
+Kleidung 63,80 fr.
+-----------------------------------
+ Im ganzen: 918,45 fr.
+
+Trotzdem sie für Nahrung täglich nur 1,80 fr. rechnete, und die Kleidung
+für das Kind durch ihren Bruder beschafft wurde, muß das Defizit ein
+bedeutend höheres sein, als sie angab, weil sie weder für Krankheit,
+noch für Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. Wohlthätigkeit oder
+Prostitution sind die einzigen Mittel, um es wett zu machen; die
+Arbeiterin, die sich aufreibt von früh bis spät, hat dafür nicht einmal
+die Genugthuung, durch eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu
+können,--sie muß betteln gehen oder sich verkaufen!
+
+Fast an jedem Stück unserer Kleidung und unseres Hausrats kleben der
+Schweiß und die Thränen unglücklicher Frauen. Für elegante Brustbesätze
+von Hemden, die den gepflegten Körper reicher Damen umhüllen und für die
+sie selbst drei bis fünf Gulden zahlen müssen, empfängt die Stickerin
+des Erzgebirges nur sechzehn bis achtzehn Kreuzer, für kunstvoll
+gestickte Bettdecken, die ihr weiches Lager umhüllen, und bei einer
+täglichen Arbeitszeit von zwölf bis fünfzehn Stunden fünf Wochen zur
+Fertigstellung erfordern, empfängt die Arbeiterin ganze--fünf
+Gulden![599] Die gestickten Röckchen und Häubchen, die die zarten
+Glieder glücklicher Kinder wärmen, bringen den böhmischen Strickerinnen
+zwanzig Kreuzer den Tag.[600] Ob wohl die Heldinnen großstädtischer
+Feste, deren von Füttern und Perlen glitzerndes Kleid sie wie eine
+Schlangenhaut umgiebt, jener vogesischen Stickerinnen gedenken, die in
+zwölf- und vierzehnstündiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder
+zur Arbeit angenommenen Kinder diese verführerischen Gewänder
+herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?![601]
+Auch die goldgestickten Uniformen der Männer können vom Elend derer, die
+sie schufen, erzählen. Eine fleißige französische Goldstickerin mit
+einem dreijährigen Kind hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und
+eine Ausgabe für die notwendigsten Bedürfnisse von 707,90 fr. Das
+Defizit erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glücklicherweise
+jemanden, der das deckt."[602] Eine ihrer Kolleginnen in Paris verdiente
+wöchentlich bei elfstündiger Arbeitszeit 11,50 fr., womit sie kaum ihre
+Ernährung beschaffen konnte; "sie hat einen Liebhaber, Gott sei Dank,"
+sagte ihre Nachbarin auf eine mitleidige Frage.[603] Dabei bietet diese
+ganze Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Löhne, denn
+die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine
+Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wöchentlich verdiente, stand sie
+sich zehn Jahre später bereits auf 17 bis höchstens 23 Mk.[604]
+
+Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger Feind. Nach
+Hunderttausenden schätzte Leroy-Beaulieu noch vor dreißig Jahren die
+französischen Spitzenarbeiterinnen.[605] Ihre Zahl ist heute sehr
+zusammengeschrumpft. Eine blühende Industrie war einst die böhmische
+Spitzenklöppelei, heute vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu
+ernähren. Sechzehn bis achtzehn Stunden muß die Klöpplerin über dem
+Kissen gebückt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von 30--sage und
+schreibe dreißig!--bis höchstens 100 Gulden erreichen will. Fünfjährige
+Kinder müssen schon acht Stunden täglich neben der Mutter sitzen und
+klöppeln, um drei bis zwölf Kreuzer zu verdienen. Ein elendes Geschlecht
+wächst unter solchen Umständen heran, tuberkulös und skrophulös,
+physisch und geistig herabgekommen.[606] Im klassischen Lande der
+Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom sechsten
+Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwölf Stunden täglich in feuchter
+Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 fr. im Jahre zu verdienen.[607]
+Bei einer jährlichen Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen
+Mark, stehen sich die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c.
+täglich.[608] Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner
+Spitzennäherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen Satz nur
+dann, wenn bei täglicher zwölfstündiger Arbeitszeit im Laufe des Jahres
+keine Arbeitsunterbrechung stattfindet. Dasselbe gilt für die
+Schleierarbeiterinnen, die dabei noch schlimmer daran sind, weil sie
+keine differenzierte Arbeit haben, wie die Spitzennäherinnen; alle Tage,
+zwölf Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen
+auf das feine Gewebe.[609] Zehrende Krankheiten sind das Gefolge der
+Spitzenarbeit. Noch schärfer als in der Fabrik wirkt das Blei, das zur
+Appretur angewendet wird, auf die Arbeiterinnen; fast alle weisen
+Zeichen der Vergiftung auf, neben rasch abnehmender Sehkraft.[610] Auch
+hier ist die Lage völlig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte
+Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen.
+
+Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu können, daß die
+Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und die Zustände, die
+sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. Dies Sterben ist aber leider
+nicht nur ein außerordentlich langsames, dieselben Verhältnisse finden
+sich vielmehr auch bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht
+leben und nicht sterben können. Sehen wir z.B. jene englischen
+Heimarbeiter an, die Zündholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet
+eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der ganze,
+auch im Sommer geheizte Raum ist erfüllt mit trocknenden Schachteln,
+Geruch von schlechtem Leim erfüllt die Luft, und 7 sh. wöchentlich ist
+die höchste zu erzielende Einnahme.[611] Oder betrachten wir jene in den
+Dörfern und Flecken Böhmens verstreuten Glasarbeiter-Familien, deren
+Frauen die schwersten und gesundheitsschädlichsten Arbeiten obliegen;
+stundenweit, bei jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden müssen sie die
+schweren Lastkörbe schleppen, um Waren abzuliefern und Material zu
+holen[612], oder sie sind mit der Glasmalerei beschäftigt und infolge
+der bleihaltigen Farben Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.[613] Blaß
+und hohläugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen Thüringens. Um
+den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen Glanz zu geben, blasen die
+Mädchen eine übelriechende, oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte
+von Fischschuppen und Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und
+augenkrank, aber sie erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75
+Pf. täglich![614] Noch elender daran sind die belgischen
+Strohflechterinnen, die täglich 47 bis 57 c. verdienen, und dabei
+vollständig in den Händen des Faktors sind, der sie am liebsten mit
+Waren entlohnt.[615]
+
+Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne Anstoß von
+außen, ihrem natürlichen Verfall entgegen, so wäre damit die
+Hausindustrie an sich nicht aus der Welt geschafft. Denn wie sie
+einerseits durch die Großindustrie erdrückt wird,--ein Prozeß, der in
+der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck kommt,--so werden
+ihr andrerseits durch sie neue Gebiete eröffnet, auf denen eine fast
+grenzenlose Ausbreitungsmöglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation
+des Großbetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf hervor;
+hier ist die Heimarbeit überall in starkem Zunehmen begriffen[616],
+obwohl deren Schäden zum Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit
+spielt hier eine solche Rolle, daß, wo eigene Kinder fehlen, fremde,
+sogenannte Kaufkinder angenommen werden.[617] Es kommen Räume von kaum
+zwei Meter Höhe vor, in denen Frauen mit fünf bis acht Kindern den
+ganzen Tag Cigarren machen; in Küchen und Schlafkammern wird der zum
+Entrippen angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so daß der Tabakdunst nicht
+mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.[618] Welche Folgen
+die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir schon erfahren. Dabei
+verdient eine ganze, aus Mann, Frau und Kindern bestehende hart
+arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, während eine alleinstehende
+Frau mit einem Kind auf 6 bis höchstens 10 Mk. rechnen kann.[619] Welche
+Gefahren die hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch für die
+Konsumenten mit sich bringt, dafür nur ein Beispiel: In New-York fand
+ein Sanitätsinspektor eine Familie, die in derselben engen Kammer
+Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an Diphtheritis schwer krank
+danieder lagen.[620]
+
+Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die Spielwarenindustrie, die
+von alters her eines der traurigsten Kapitel der Hausindustrie bildet
+und weiter bilden wird, weil der Großbetrieb sich besonders für billiges
+Spielzeug als weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In
+ihrer deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten
+Lohn- und Wohnungsverhältnisse. Typisch war eine Behausung, die aus
+Küche und Kammer bestand. Die Küche, zugleich Wohn- und Arbeitsraum,
+wurde dauernd geheizt, damit die ringsum aufgeschichteten Sachen,
+Puppenköpfe und dergleichen, schneller trocknen; die kaum ventilierbare
+Kammer war durch zwei bis drei Betten ganz ausgefüllt, in denen oft
+zwei- bis dreimal so viel Menschen schliefen. Die Beköstigung bestand
+neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der Fleischer
+Würste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die aus dem Rindfleisch
+als unbrauchbar entfernt werden.[621] Diese Ernährung soll dem Körper
+Kräfte genug verleihen, um in der Hochsaison eine tägliche Arbeitszeit
+von achtzehn bis zwanzig Stunden auszuhalten.[622] Dabei waren die Löhne
+so elend,--eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei angestrengter
+Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die Woche, mußte sich
+aber mit diesem Verdienst auch noch über eine vier- bis sechsmonatliche
+Arbeitslosigkeit hinweghelfen[623],--daß die Drechsler sich ihr Holz
+stehlen mußten, um nur existieren zu können.[624] Man sage nicht, daß
+diese Zustände zwanzig Jahre hinter uns liegen und überwunden sind; denn
+heute ist das Elend in der Thüringer Spielwarenindustrie noch viel
+größer.[625] Eine Drückerfamilie, die aus Papiermaché Spielzeug
+herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen,
+heißen Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein Säugling in der
+Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, ein Stuhl, eine einzige
+Schüssel, die zum Waschen und Essen gleichzeitig benutzt wurde, bildeten
+die ganze Einrichtung; dem gegenüber hatte der Pfarrer des Orts die
+Stirn, zu behaupten, daß alle Leute gut und angenehm wohnen[626]! Die
+Löhne sind von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Heute verdient z.B. eine
+Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von 25 bis 30 cm Länge, mit
+Aermeln, Schleifen, Spitzen und Knöpfen nicht mehr als 12 bis 20
+Pf.[627] Die beliebten Puppentäuflinge liefert der Sonneberger
+Hausindustrielle für 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro Stück--1 Pf.
+verdient! Eine Bossiererfamilie von vier erwachsenen Personen kommt bei
+täglicher,--den Sonntag mitgerechnet,--vierzehn-bis fünfzehnstündiger
+Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von 34
+Pf. täglich für die Person.[628] daß unter solchen Verhältnissen die
+Männer sich bemühen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die
+Schwächsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie auf. 81 %
+der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger Spielwarenindustrie zur
+Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den Schulstunden oft bis zehn und
+zwölf Uhr nachts, drängt die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr,
+ehe sie zur Ruhe kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert,
+daß im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose
+Erwachsene gegenüberstanden.[629] Auch in anderen Zweigen der
+Spielwarenindustrie müssen die Mütter nicht nur all ihre Kräfte daran
+geben, um einen nennenswerten Verdienst zu erreichen, sie sind auch noch
+gezwungen, das Liebste, was sie haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem
+unersättlichen Moloch in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der
+Zinnsoldaten hauptsächlich in ihren Händen. Sie sitzen beide blaß und
+still vor den Farbentöpfen, nur die Hände fieberhaft bewegend; das arme
+Kind mit dem alten, müden Zug um Mund und Augen wendet teilnahmlos die
+bunten Figürchen in den Händen, es weiß gar nicht, was Spielen heißt.
+Hunderte von Nürnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; bei
+vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit erreichen sie einen
+wöchentlichen Reinverdienst von höchstens 4,35 Mk.[630] Die Räume, in
+denen all dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus
+Holz und Papiermaché, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer
+verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime mit
+den Waren in die Familien der ahnungslosen Käufer getragen werden. Eine
+unbewußte Rache der Elenden an den Reichen, wenn sie ihnen mit dem
+bunten Spielzeug den unheimlichsten Würgeengel der Menschheit ins Haus
+schicken!
+
+Wir kommen nunmehr zu jenem großen Arbeitsgebiet, auf dem sich die
+Frauen in Scharen zusammendrängen, und das die Näherei in allen ihren
+Zweigen umfaßt. Die Art der Arbeit ist hier eine sehr differenzierte.
+Wir haben die Werkstattarbeiterin in den Schwitzhöhlen, die
+Heimarbeiterin, die für die Konfektions- und Putzgeschäfte arbeitet, die
+Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft
+leben, die Näherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst näht.
+Dabei handelt es sich neben der Herstellung der Wäsche und Kleidung um
+die der Hüte, der Handschuhe, der Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet für
+die Frauenarbeit ist, geht schon daraus hervor, daß allein in
+Deutschland zwei Drittel aller hausindustriell thätigen Frauen der
+Bekleidungsindustrie angehören. Die Nadel ist eines der urältesten
+Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr geblieben als eines jener
+wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form und Idee nach im Laufe der
+Jahrhunderte kaum verändert haben, und in der Bekleidungsindustrie mehr
+als in irgend einer anderen, hat sich bestätigt, was wir schon in Bezug
+auf andere Berufsarten ausführten, daß die Frauenarbeit die technische
+Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das Maschinenwesen gerade in
+der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Fortschritt
+gemacht, nur in der Näherei ist man seit fünfzig Jahren bei denselben
+primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie herrscht
+nicht nur noch unumschränkt, sie hat sogar die beste Aussicht, den
+Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde zu schlagen.
+
+Für die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt es zwar nicht
+an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den etwa
+Momentphotographien aus einem Feldzug für die Beurteilung des ganzen
+Krieges haben: Wo der Kampf am heißesten ist, wo die Wunden am
+schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. Meist haben
+plötzlich an die Oberfläche tretende Mißstände das Elend der Konfektion
+der Oeffentlichkeit vor Augen geführt; Erhebungen, wie die beiden
+deutschen im Jahre 1886, veranlaßt durch den Kampf der Arbeiter gegen
+den geplanten Nähgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des
+Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben
+gewähren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der
+Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die Verhältnisse. An
+umfassenden, sorgfältig vorbereiteten, besonders die Höhe der
+Wochenlöhne und Jahreseinnahmen berücksichtigenden Enqueten fehlt es
+jedoch vollständig. Mit der Angabe der Wochenlöhne allein wäre nicht
+viel gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so
+ausgeprägter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die Hochsaison
+nur fünf Monate, die übrigen sieben bedeuten teils eine stille, teils
+eine vollständig tote Zeit für die Arbeiterin. Selbst Wochenlöhne von 15
+bis 20 Mk., die außerordentlich selten vorkommen, können demnach oft nur
+eine kümmerliche Existenz gewährleisten. In folgender Tabelle habe ich
+versucht, einige der festgestellten Wochenlöhne in Verbindung mit den
+Jahreseinnahmen der Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen:
+
+ | Wochen- | Jahres-
+ Art der Arbeit | lohn | ein-
+ | | kommen
+ | |
+ | Mk. | Mk.
+-----------------------+---------+--------
+Kleider- und Mäntel- | |
+konfektion[631]: Berlin| 8-9 | 160-180
+ " " | 4-5 | 80-100
+Wäschekonfektion: | |
+ Rheinprovinz | 5,95 | 314,64
+Wäschekonfektion: | |
+ Erfurt | 6-7 | 250
+Knabenkonfektion: | |
+ Stettin | 3-4,80| 250
+Knabenkonfektion[632]: | |
+ Berlin | 3-10 | 280-300
+Wäschekonfektion[633]: | |
+ Erfurt | 2,25 bis|
+ | 4,75 | 167,25
+ " | 3,45 bis|
+ | 7,20 | 253,95
+ " | 4,60 bis|
+ | 9,60 | 338,60
+Herrenkonfektion: | |
+ Berlin | 12,46 | 490
+ " | 9,70 | 380
+ " | 6,30 | 250
+ " | 6,99 | 280
+Wäschekonfektion: | |
+ Berlin | 9,48 | 470
+Knabenkonfektion: | |
+ Stettin | 7,50 | 300
+Damenkonfektion: | |
+ Berlin | -- | 375
+Damenkonfektion: | |
+ Breslau | -- | 250
+Damenkonfektion: | |
+ Erfurt | -- | 220
+Wäschekonfektion: | |
+ Berlin | 5,88 | --
+Damenkonfektion: | |
+ Berlin | 7 | 280
+Unterrock- | |
+ konfektion[634]: | |
+ Berlin | 7-8 |
+Blusenkonfektion: | |
+ Berlin | 3,50 bis| 200-311
+ | 4,50 | --
+ " | 7-7,50| --
+ " | 9 | --
+Kleiderkonfektion[635]:| |
+ Breslau | 4,50 bis|
+ | 7,50 | 250-300
+ " | 2-3 | 100-150
+Konfektion[636]: | |
+ Lübbecke | -- | 250
+ " | -- | 376
+Damenkonfektion[637]: | |
+ Berlin | 7,42 | 386
+ " | -- | 322
+ " | 5,95 | 309
+ " | -- | 393
+ | |
+
+Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fällen Jahreseinnahmen
+unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, daß eine regelmäßige
+wöchentliche Einnahme von 9 Mk. und eine jährliche von 468 Mk. gerade
+nur das notdürftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu sichern
+vermag, eine großstädtische Arbeiterin sogar unter 600 Mk. nicht
+auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts hinzuzufügen, um ihre Sprache
+beredter zu machen. Dabei erreicht die Arbeiterin diese Hungerlöhne nur
+mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von
+vierzehn bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die
+Stepperinnen in den Berliner Zwischenmeisterwerkstätten oft bis elf
+Uhr nachts und länger;[638] Nürnberger Näherinnen, die acht bis neun
+Mark verdienen, müssen dafür fünfzehn bis sechzehn Stunden hinter der
+Maschine sitzen.[639] In den Werkstätten beträgt die Arbeitszeit selten
+weniger als zwölf bis dreizehn Stunden, sehr häufig,--das konnte die
+Kommission für Arbeiterstatistik wiederholt konstatieren,--wird,
+besonders vor den Liefertagen, die Nacht durch gearbeitet. Ins Endlose
+wird sie noch dadurch ausgedehnt, daß die Arbeiterinnen Arbeit mit nach
+Hause nehmen und hier noch drei bis fünf Stunden ihr letztes bißchen
+Kraft daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam
+vor, daß Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125
+Arbeitsstunden wöchentlich berechnen konnten.[640] Die Vorteile der
+Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts zusammen, um so
+mehr, als auch die Werkstatt in den meisten Fällen nichts weiter ist,
+als eine enge, schlecht beleuchtete und schlecht ventilierte
+Proletarierwohnung. In demselben Raum, der vom Dunst der Bügeleisen
+erfüllt ist, in dem Glieder der Familie des Zwischenmeisters nächtigen,
+der womöglich auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die
+Näherinnen dicht gedrängt vor dem oft einzigen Fenster. Werkstätten in
+feuchten Kellern, oder in glühendheißen Dachstuben kommen vor, dabei ist
+häufig die Ueberfüllung so groß, daß statt 28 cbm nur 5 bis 12 cbm
+Luftraum auf die Person kommen.[641] Und doch steht die
+Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die Heimarbeiterin. Das
+größte Elend ist dort zu Hause, wo, versteckt in den eigenen vier
+Wänden, die arme Witwe, die verlassene Ehefrau, die Gattin des
+Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen für sich und ihre Kinder den harten
+Kampf ums Dasein kämpfen. Rücksichtslos und schutzlos sind sie der
+unbeschränktesten Ausbeutung preisgegeben. Daß sie zum großen Teil nicht
+freiwillig die Heimarbeit gewählt haben, sondern sich dazu gezwungen
+sehen, weil Familiensorgen sie ans Haus fesseln, geht schon daraus
+hervor, daß die meisten Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild
+so oft verherrlichten "flotten Nähmamsellen" gehören, sondern
+sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren
+abhängt.[642] Fast durchweg liegt die Herstellung der gewöhnlicheren
+Konfektion in ihren Händen,[643] infolgedessen erreichen sie bei
+höchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, wo sie
+dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist ihr Verdienst
+geringer.[644] Eine verwitwete Näherin in Berlin mußte, um 10 Mk.
+Wochenlohn zu erreichen, von früh vier und fünf Uhr bis nachts elf Uhr
+arbeiten; trotz dieser übermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre
+Familie nicht allein erhalten, sie mußte noch zur Armenunterstützung
+ihre Zuflucht nehmen![645] Eine Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten
+Morgengrauen ihre Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr
+nachts; weil sie sich die Zeit dafür nicht nehmen konnte, mußte ihr
+ältester elfjähriger Bub das Mittagessen bereiten und die Geschwister
+beaufsichtigen.[646] Berliner Blusennäherinnen wiesen Wochenlöhne von
+3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf![647] In Essen verdiente eine Mutter mit ihrer
+Tochter bei sechzehn- bis achtzehnstündiger Arbeitszeit 9,75 Mk. für das
+Nähen leinener Arbeiterhosen; pro Stück erhielten sie--12 Pf., obwohl
+das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflöcher, zehn Knöpfe neben
+den Maschinennähten zu nähen waren und das Garn dazu geliefert werden
+mußte.[648] Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk.
+wöchentlichen Verdienst, Knopflochnäherinnen in der stillen Zeit auf 2
+bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine Wäschenäherin, Mutter von
+vier kleinen Kindern, konnte bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als
+9 Mk. wöchentlich verdienen.[649] Wie sich bei solchen Einnahmen die
+Lebenshaltung gestaltet, dafür nur einige Beispiele. Eine
+alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wöchentlich verdiente,
+hatte folgendes Wochenbudget:
+
+Mit einer anderen geteilte Kochstube 1,50 Mk.
+Feuerung 0,30 "
+Spiritus zum Kochen 0,20 "
+Petroleum 0,30 "
+Wäsche 0,15 "
+Mehl, Gemüse, Gegräupe 0,70 "
+Kartoffeln 0,15 "
+Brot 1,00 "
+Milch 0,35 "
+Salz, Schweden etc 0,10 "
+Kaffee 0,40 "
+Butter 0,50 "
+Schmalz 0,38 "
+Kassenbeitrag 0,22 "
+ ----------
+Im ganzen: 6,25 Mk.
+
+Ihre tägliche Ausgabe für die Nahrung betrug demnach nicht ganz 50 Pf.,
+für Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben blieben wöchentlich nur 75
+Pf. übrig.[650] Eine andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag
+für 30 Pf. täglich auswärts aß, brauchte, da sie sich ein wenig besser
+nährte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben einer Breslauer Näherin,
+die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, stellten sich folgendermaßen:
+
+Wohnung 1,00 Mk.
+Mittagessen 1,75 "
+Frühstück, Vesper, Abendbrot 2,25 "
+Heizung, Beleuchtung, Wäsche 1,35 "
+Kassenbeitrag 0,15 "
+ ------------
+Im ganzen: 6,50 Mk.
+
+Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller Art nicht
+in Rechnung gestellt wurden, und die tägliche Ausgabe für die Ernährung
+nur 57 Pf. beträgt, ein wöchentliches Defizit von 50 Pf.[651] Sobald
+noch Kinder zu ernähren sind, wird die Lage natürlich zu einer ganz
+verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjährigen Sohn, die 366 Mk. im
+Jahr, also ca. 7 Mk. wöchentlich verdiente, und die Ausgabe für Miete
+durch Aftervermietung deckte, hatte folgende Wochenausgaben:
+
+Feuerung 0,90 Mk.
+Petroleum 0,55 "
+Brot 1,30 "
+Ein Pfund Fett 0,60 "
+Zehn Pfund Kartoffeln 0,30 "
+Gemüse und Gegräupe 0,70 "
+Knochen zum Auskochen 0,15 "
+Sonntags 1/2 Pfund Fleisch 0,30 "
+Salz, Schweden, Wichse etc 0,10 "
+Wäsche 0,15 "
+Kaffee 0,60 "
+Milch 0,35 "
+ -------------
+Im ganzen: 6,00 Mk.
+
+Für die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. für Krankheit, Fahrten,
+Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. wöchentlich übrig, die Nahrung
+stellte sich täglich auf 30 Pf. pro Person![652] Kann man sich wohl von
+einer Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer
+Wocheneinnahme von fünf oder gar nur drei Mark beruht?! Läßt sich das
+Elend ausdenken, das herrschen muß, wenn mehr als ein Kind davon
+erhalten werden soll?!
+
+Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß solche Verhältnisse vielleicht
+einzig dastehen und sich in anderen Ländern nicht wiederholen. Leider
+zeigt sich aber auch hier, daß gewisse soziale Zustände im unmittelbaren
+Gefolge wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher überall die
+gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben Stand
+erreicht hat. Die Wiener Näherin, die von sechs Uhr früh bis in die
+späte Nacht Trikottaillen näht, um 3,50 fl. zu verdienen; die beiden
+Schwestern, die zusammen 10, höchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft
+nicht mehr wie 20 kr. für ihr Mittagessen auszugeben vermögen;[653] die
+böhmische Handschuhnäherin, die bei vierzehnstündiger Arbeitszeit nur
+208 fl. im Jahr einnimmt, für Nahrung, Heizung und Wohnung für sich und
+ihr Kind aber allein 252 fl. braucht[654],--sie alle geben ihren
+deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse aber
+ist es, daß selbst im gelobten Lande der Näherei und Schneiderei, das
+die Modedamen der ganzen Welt mit seinen Erzeugnissen versorgt, in
+Frankreich, die Lage derjenigen, aus deren Händen all die Wunderwerke
+hervorgehen, keine günstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach
+hoch, sie ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die
+deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch intensiverer
+ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa diejenigen, die als
+Vorarbeiterinnen in den Werkstätten der großen Konfektionshäuser
+beschäftigt werden, können auf eine annähernd regelmäßige Arbeit während
+des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 bis höchstens 230,
+die gewöhnlichen,--und die meisten!--haben 60 bis 160 Tage zu thun.[655]
+In der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die täglich eine
+bis zwei Stunden Beschäftigung gewährt, in der hohen Saison dagegen
+kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden vor![656] Bei vierzehn- bis
+fünfzehnstündiger Arbeitszeit kann die Durchschnittskonfektionsnäherin
+in Paris eine Jahreseinnahme von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75
+c. bis 1,25 fr. täglich verdient.[657] Bei einer Einnahme von 900 fr.
+aber fängt erst die Möglichkeit an, selbständig davon leben zu können,
+und nur ein Drittel aller ihrer Arbeiterinnen verdienen, nach den
+Aussagen der Chefs der ersten Pariser Konfektionsfirmen, mehr als
+das.[658] Eine der ersten Pariser Schneiderinnen, die für ein großes
+Haus Modelle arbeitet, also höchst selten arbeitslos ist, verdiente
+jährlich 875 fr. Sie hatte folgendes Ausgabenbudget[659]:
+
+Nahrung 550 fr.
+Miete 200 "
+Wäsche 20 "
+Zwei Paar Schuhe 20 "
+Zwei Kleider (selbst genäht) 40 "
+Zwei Hüte (selbst garniert) 10 "
+Schirm, Handschuhe 10 "
+Kleine Ausgaben 25 "
+
+Im ganzen: 875 fr.
+
+Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, daß selbst für eine Kraft
+ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert erscheint, wenn nicht nur
+die Ansprüche geringe sind, die Gesundheit gefestigt ist und auf
+Vergnügungen fast ganz verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es
+sich nur um die Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen,
+auch noch zu den besseren Arbeiterinnen zu zählenden Näherin, die 3 fr.
+täglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die Ausgaben
+folgendermaßen[660]:
+
+Nahrung 511 fr.
+Miete 120 "
+Kleidung 55 "
+Wäsche 48 "
+Stiefel 30 "
+Licht und Heizung 25 "
+Kleine Ausgaben 40 "
+
+Im ganzen: 829 fr.
+
+Wir stoßen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst durch äußerste
+Einschränkung nicht zu decken wäre. Daß es unmöglich ist, beweist das
+Budget einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschäfte. Sie
+gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufügte, daß sie sich
+dabei alles versagen müsse, was das trübe, einförmige Leben erheitern
+könne. Trotz einer achtmonatlichen, mit 4 fr. täglich entlohnten Arbeit,
+hatte sie am Schluß des Jahres gegen 200 fr. Schulden.[661] Wie sich
+aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. einnehmen und
+davon auszukommen versuchen, dafür nur ein Beispiel: Eine Pariser
+Konfektionsnäherin hatte ein Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie
+gab aus für:[662]
+
+Miete 100,00 fr.
+Nahrung 237,25 "
+Licht 4,00 "
+Ein Kleid 5,00 "
+Ein Fichu 2,00 "
+Zwei Paar Strümpfe 1,30 "
+Zwei Paar Schuhe 8,00 "
+Zwei Hemden 2,50 "
+Eine Hose 1,25 "
+Zwei Taschentücher 0,80 "
+Zwei Servietten 0,80 "
+
+Im ganzen: 362,90 fr.
+
+Ihre tägliche Nahrung bestritt sie für 55 c., d.h. für 5 c. Milch, für
+20 c. Brot, für 10 c. Kartoffeln, für 10 c. Käse und für 10 c. Wurst!
+Selbst die Heizung mußte sie sich versagen, von Vergnügungen war keine
+Rede, ein einziges Fähnchen für 5 fr. mußte das ganze Jahr aushalten!
+Und das war ein Mädchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach
+Glück und Freude, die so stürmisch nach Erfüllung verlangt; ein Mädchen
+von zwanzig Jahren mitten in der von Lebenslust fiebernden Luft von
+Paris! Und doch giebt es noch tiefere Stufen des Elends. Die
+Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf ihnen angelangt: hier finden sich
+Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 fr., während das Leben sich mit
+weniger als 350 fr. unmöglich bestreiten läßt.[663]
+
+Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die alten
+Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im
+Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie unumschränkt. Die
+furchtbaren Enthüllungen des Elends in den kleinen Werkstätten des
+Londoner Ostens waren es, die überhaupt zuerst die Blicke der Welt auf
+die Zustände in der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des
+Sweating-Systems stammt von dort. In den Werkstätten der
+Zwischenmeister, wo in dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut
+dicht gedrängt zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht
+ruht, wo die Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden
+Händen für ein Stück Brot die Nadel führen, wo der Fluch Jehovahs: "Im
+Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" erst in Erfüllung
+gegangen zu sein scheint, übt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in
+Manchester, in Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Löhne und lange
+Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, Näherinnenlöhne
+von 6 p. an sind an der Tagesordnung[664]; die Glasgower
+Heimarbeiterinnen in der Wäschekonfektion, die häufig von sechs Uhr früh
+bis zehn Uhr abends in ihrem verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen
+oder kranken Kindern an den feinen Batisthemden sticheln, die irgend
+eine Herzogin ahnungslos über den gepflegten Körper ziehen wird,
+verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche[665]; in den
+Londoner Schneiderwerkstätten erreicht eine gelernte Schneiderin bei
+vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit im besten Fall 4 sh.
+täglich, häufig muß sie sich mit derselben Summe als Wochenlohn
+zufrieden geben[666], während die Heimarbeiterin überhaupt kaum mehr zu
+verdienen vermag[667], sie näht z.B. Unterröcke für 7 p. das Stück,
+wobei sie den Faden noch zugeben muß.[668]
+
+Selbst in die neue Welt brachten die unglücklichsten Flüchtlinge der
+alten das Sweating-System mit. Blühende Industrien, die ihren Arbeitern
+ein gutes Auskommen sicherten, brachen unter der Schmutzkonkurrenz der
+kleinen Werkstätten und der armen Heimarbeiter zusammen.[669]
+Ein einziger Stadtteil Chicagos wies nicht weniger als 162
+Konfektionswerkstätten auf, über die Hälfte aller Arbeiter darin waren
+verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den notwendigsten
+Ausgaben das Gleichgewicht halten.[670] Als typisches Beispiel für die
+Wirkung der Hausindustrie kann folgendes gelten: ein Schneider, der seit
+seinem vierzehnten Jahre ein fleißiges und nüchternes Leben führte, und
+trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jährlich einnahm, hatte nach zwanzig
+Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und wurde selbst, im
+Alter von 34 Jahren! als altersschwach und arbeitsunfähig befunden.[671]
+Da die Löhne der weiblichen Arbeiter noch viel niedriger sind--solche
+von 25 c. täglich kommen sehr oft vor--, ihre Widerstandsfähigkeit eine
+geringere ist und ihre Kräfte sich oft in wenigen Jahren
+verbrauchen,[672] so kann man sich ungefähr eine Vorstellung von der
+Lage machen, in der sie sich befinden.
+
+Als notwendige Folge der niedrigen Löhne ist die Überarbeit, die
+Unterernährung und die Wohnungsnot überall die gleiche. Es giebt naive
+Gemüter, die in der Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur
+Aufrechterhaltung des durch die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens
+sehen. Sie stellen sich die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der
+handarbeitenden Frau aus bürgerlichen Kreisen vor, die nur müßige
+Stunden auszufüllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer Wirtschaft
+stets zur Verfügung steht. Sie wollen nicht einsehen, daß Heimarbeit zu
+fieberhafter Thätigkeit verdammt, daß sie den Menschen der Maschine
+gegenüberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf aufnehmen
+muß, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem sterbenden Kinde muß die
+New-Yorker Arbeiterin ihr Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit,
+ihre Toten zu begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten
+können, schickt sie auf die Straße, oder bestenfalls zu Pflegefrauen, um
+in der Arbeit nicht gestört zu werden.[673] Ihre Berliner
+Leidensgefährtin greift zu dem Mittel, ihre Kleinen in Kisten zu
+pferchen, oder an Stühle anzubinden, weil sie keine Zeit hat,
+aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen oder die Umherlaufenden zu
+beaufsichtigen.[674] Die Hausindustrie erhält die Frau nicht der
+Familie, denn sie muß Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso
+vernachlässigen, als ginge sie in die Fabrik.[675] Die Hausindustrie
+zerstört vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik
+noch erhält, weil sie ihrer Sklavin überhaupt keine Ruhe läßt, weil sie
+den armseligen Wohnraum des Proletariers auch noch zur Werkstatt
+verwandelt. Die ganze Familie und die ganze Arbeit der Berliner
+Heimarbeiterin drängt sich in einem Raum, der womöglich auch noch zum
+Kochen benutzt wird, zusammen; die kleine Stube daneben muß an
+Schlafleute vermietet werden und wird oft noch von den Kindern
+geteilt.[676] Wie sie keinen Raum besitzen, in dem sie bei Tage für sich
+sein können, so haben sie nachts kaum ein Bett für sich allein; zwei
+Drittel aller Berliner Heimarbeiterinnen müssen ihr Bett mit anderen
+teilen.[677] Bilder grauenhaften Elends rollen sich auf, wenn wir diese
+Wohnungen näher betrachten: Im fünften Stock eines Berliner Hauses
+befindet sich ein einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose
+Küche; darin haust eine gelähmte Greisin, ihre Tochter, die Näherin ist,
+und deren vier Kinder. In einem Keller derselben Stadt wohnt in einer
+Küche von 8 qm Bodenfläche eine Witwe mit vier Kindern, die Stube
+daneben hat sie an Schlafburschen vermietet; in beiden Räumen schimmeln
+die Möbel, so feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen
+Räumen haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmädchen; den
+Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs. In einem
+Keller, dessen Dielen verfault sind, und dessen Fenster tief unter der
+Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern für die, die droben in Luft und
+Sonne lachend vorübergehen. In einem anderen Keller ähnlicher Art liegt
+der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau näht
+neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit ein.[678] In
+New-York fand man eine siebenköpfige Familie in einer Wohnung von drei
+Räumen, von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als
+fünfzehn Schlafleuten,--alle waren auf nur drei Betten angewiesen.[679]
+In einer anderen Wohnung, in die ein Fabrikinspektor nachts eindrang,
+lagen zehn bis zwölf Menschen, Männer, Frauen und Kinder, manche halb
+nackt, auf dem bloßen Fußboden.[680]
+
+Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen Elends
+nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des ersten
+Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" betrachten:
+sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. Nachhaltiger aber
+dürfte ihr Schrecken sein, wenn sie erführen, daß jene Armut ihnen
+selbst an das liebe Leben greift: in einem Zimmer Berlins nähte eine
+arme Mutter Blusen, halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei
+diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die
+eben noch an derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten
+gleich darauf sieben Arbeiterinnen.[681] Masern, Keuchhusten,
+Scharlach,--kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der armseligen
+Stube der Näherin ein, und werden von ihren Hemden und Blusen und Röcken
+in die Häuser der Käufer getragen. Die Schwindsucht haftet an den
+beliebten billigen Jacken und Mänteln der großen Warenhäuser; das
+furchtbare Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und
+moralisch reinsten Familien.[682] Niemand kann ermessen, wie oft es
+geschieht, keiner aber sollte sich die Größe der Gefahr verhehlen.
+Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in die Arme.
+
+Wir haben gesehen, daß die Hausindustrie Löhne aufweist, durch die kaum
+das nackte Leben erhalten werden kann. Ihre Arbeiterinnen aber sind
+jung, es graut sie mit vollem Recht vor einem Dasein, das aller Freude
+entbehrt; sie sind Mütter, sie können ihre Kinder nicht darben lassen;
+sie sehen das Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden.
+Selbst durch den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft können sie nicht
+leben, der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre muß die Ergänzung sein. Die
+Arbeit selbst müssen sie häufig damit bezahlen. Am günstigsten noch
+gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein festes Verhältnis haben, wie jene
+arme Mutter, die erklärte, sie habe sich dazu entschließen müssen, sonst
+wäre sie zu Grunde gegangen.[683] Ein Liebhaber aus den eigenen Kreisen
+wird vielleicht einmal ein Ehemann. In den weitaus meisten Fällen jedoch
+fallen die hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen
+Prostitution anheim.[684] Hunger und Lebenslust sind stärker als alle
+Moral, und die Moralpredigt oder gar die moralische Entrüstung wird
+angesichts dieses Elends zu einer ekelhaften Farce.
+
+Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu ihrer
+letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung der
+Zustände verheißt? Kann die Hausindustrie ihren Arbeitern, wie der
+Fabrikbetrieb nach und nach eine höhere Lebenshaltung ermöglichen? Um
+diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich die Ursachen des
+herrschenden Elends klar zu machen.
+
+Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie sich
+festgesetzt: in den Großstädten, wo eine große Arbeiterbevölkerung sich
+vorfindet.[685] Hier strömen in wachsender Zahl die Proletarier
+zusammen, ihre Frauen und Töchter schaffen ein übermäßiges Angebot von
+Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von Landmädchen und
+durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und Mädchen aus den Kreisen
+des Bürgertums ständig gesteigert wird. Diese Arbeitskräfte können aber
+nur von Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine
+Ansprüche machen und deren technische Entwicklung noch in den Anfängen
+stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien aller Art, in erster
+Linie diejenigen, die an alte hauswirtschaftliche Frauenarbeit
+anknüpfen, wie die Näherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders
+geeignet, alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergänzung des
+männlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im Hause
+beschäftigt. All diese zusammentreffenden Umstände nun: die
+Konzentrierung proletarischer Elemente in den Großstädten, das starke
+Angebot weiblicher Arbeitskräfte, die zum Teil durch ihre Leistungen
+nicht ihren ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz
+der Industrie, möglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen der
+großstädtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an physischem und
+sittlichem Elend. Für England und Amerika gilt dasselbe, nur daß dort
+die billigen Arbeitskräfte durch die armen Einwanderer gestellt werden.
+
+Aber nicht nur in den Großstädten findet die Hausindustrie die
+Voraussetzungen für ihre Existenz. Sie findet sie in gleichem Maße in
+den Gebirgen, wo infolge der schlechten Transportverhältnisse der
+Fabrikbetrieb nicht Fuß fassen kann,[686] und in den Landorten des
+Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der
+Landwirtschaft allein seine Familie zu ernähren. Da die Hausindustrie
+einerseits mit Frauen, andererseits mit Männern und Frauen zu thun hat,
+die von der modernen Arbeiterbewegung nicht erreicht werden, weil sie
+abgeschnitten sind vom Verkehr mit der Welt, so hat sie neben einem
+billigen auch ein außerordentlich fügsames Material in der Hand. Trotz
+alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu kämpfen. Ihre
+Kampfmittel sind neben den niedrigen Löhnen, der langen Arbeitszeit und
+dem Trucksystem die Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen
+Werkstätten beschäftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womöglich
+gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskräfte und entlassen sie,
+sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine Anstellung erwartet
+wird.[687]
+
+Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die Existenzbedingungen der
+Hausindustrie fernerhin vorhanden sein werden, und ob ihre
+Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum Vorteil der Arbeiter zu
+verändern.
+
+Es giebt Industrien, z.B., um gleich die für unseren Zweck wichtigste zu
+nennen, die Textilindustrie, die durch große technische
+Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den Todesstoß
+versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr aushalten, sie wird
+gewissermaßen ausgehungert. In England hat sich dieser Prozeß bereits
+vollzogen, in anderen Ländern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere
+dagegen--und hier kommt im wesentlichen die Bekleidungsindustrie in
+Betracht--bedürfen in der Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre
+Maschinen, die Nähmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue
+Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen
+Voraussetzung. Und sie werden durch äußere Umstände auf absehbare Zeit
+hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die Bevölkerungsverhältnisse
+sich in der selben und nicht in der entgegengesetzten Richtung
+weiterentwickeln. Die proletarische Bevölkerung wächst ebenso aus sich
+heraus, wie durch Zuwanderung und durch ein allmähliches Hinabsinken des
+Kleinbürgertums. Dazu kommt, daß die Höhe der männlichen Arbeitslöhne
+immer mehr durch den Frauenerwerb, der als Ergänzung hinzugedacht wird,
+beeinflußt wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher Hände
+steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des Bürgerstandes hat
+eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen der Männer weder den erhöhten
+Bedürfnissen, noch der allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein
+das riesige Indiehöheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der
+Frauen zur Notwendigkeit[688], der andererseits auch vielfach, infolge
+des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile entspringen
+mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die Weiterentwicklung der
+Hausindustrie in ihrer modernen Form zu sichern: die Tendenz zur
+Dezentralisation des Großbetriebs. Die Ausdehnung und schärfere
+Handhabung der Arbeiterschutzgesetzgebung läßt den Unternehmer nach
+einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in der
+Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafür ein besonders drastisches
+Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und zur Ausbreitung der
+Hausindustrie, und zwar grade dort, wo Frauenarbeit eine bedeutende
+Rolle spielt, sind demnach gegeben. Dabei ist aber auch die Frage nach
+der Möglichkeit der Hebung der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum
+Teil mit beantwortet. Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunächst
+unmöglich erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich
+Ursache und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg über den Fabrikbetrieb
+beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen
+Arbeitskraft bis an die Grenze des Möglichen. Ein Rückgang der Löhne, im
+Gegensatz zu ihrer Zunahme im Fabrikbetrieb, zeigt sich überall.[689]
+Die Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen,
+ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur
+Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fällen wählt sie, in der
+Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr nützen zu können, die
+Heimarbeit. Der größte Teil der Heimarbeiterinnnen sind überall Frauen
+mit Kindern.[690] Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden
+Preis. Ihre Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der
+schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen und
+Töchter der Bourgeoisie, jene "verschämten" Armen, die ihre
+Erwerbsarbeit als nicht standesgemäß möglichst geheim zu halten
+suchen[691], und die an primitive Lebensverhältnisse gewöhnte, daher
+billig arbeitende Landbevölkerung. Die Näherinnen im Vogtland z.B., die
+viel für Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die Berliner
+Arbeiterinnen.[692] Und diese gefährliche Konkurrenz wird teils durch
+den Staat, der Webe- und Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils
+durch kurzsichtige Privatwohlthätigkeit, die im Gebirge und auf dem
+Lande den sogenannten "Gewerbefleiß" einführt, unterstützt[693], auch
+noch künstlich großgezogen. Die Frauen, die Landbewohner und schließlich
+auch die Völker mit niedriger Lebenshaltung,--der Einfluß der fabelhaft
+billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit beginnt
+bereits fühlbar zu werden,--bilden das riesige Reservoir, aus dem die
+Hausindustrie stets neue Nahrung schöpft, und die sie gegeneinander
+ausspielt. Sie ist wie ein ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil
+er aus trüben unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der
+mit seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und
+Lebenskräftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich nicht aus
+sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um seine Wirkungen zu
+beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst muß verschwinden.
+
+
+Der Handel.
+
+Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem Umfang
+erst viel später in Erscheinung getreten, als in anderen
+Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die Berliner Kommis an
+das preußische Staatsministerium um Einschränkung der weiblichen
+Konkurrenz[694], aber erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen
+durch sie eine ernste Gefahr. Einerseits sind es die Töchter des
+mittleren und kleinen Bürgerstandes, die mehr und mehr vor die
+Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt werden
+und im kaufmännischen Beruf ein standesgemäßes Unterkommen zu finden
+glauben, andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine
+höhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in steigendem Maße
+ihre Töchter hinauf zu heben.
+
+Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und
+Warenhäusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer geringer werden
+hier die Anforderungen an kaufmännische Bildung und genaue
+Warenkenntnis, da jede Verkäuferin nur eine bestimmte Abteilung
+zugewiesen bekommt und auf den einzelnen Gegenständen die Preise meist
+deutlich vermerkt zu werden pflegen. Infolgedessen ist es erklärlich,
+daß in zahlreichen Geschäftszweigen, besonders in den Geschäften für
+Bekleidung und solchen für frische Nahrungsmittel mehr Frauen als Männer
+zu finden sind; sie rekrutieren sich meist aus proletarischen Kreisen,
+haben oft nur die Volksschule besucht und können, wie z.B. in Berlin,
+nur selten grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.[695]
+Aber nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer
+Arbeit nach, müssen die Verkäuferinnen zu den Kreisen der proletarischen
+Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen aller Länder,
+die sich mit ihrer Lage beschäftigen, stimmen darin überein, daß
+der Lohn zur Leistung in größtem Mißverhältnis steht, und alle
+charakteristischen Zeichen der proletarischen Arbeit,--Ueberarbeit und
+Arbeitslosigkeit,--auch auf sie zutreffen.
+
+Was zunächst die Lohnfrage betrifft, so ist ein einigermaßen
+ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung nicht vorhanden. Selbst die
+deutsche Kommission für Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer
+Untersuchungen der Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise
+förmlich ängstlich vermieden, sich über den Stand der
+Arbeitsentschädigung Aufklärung zu verschaffen. Auch die englische
+Arbeitskommission bringt nur spärliche Ziffern. Wir müssen uns daher im
+wesentlichen auf die Resultate privater Enqueten stützen.
+
+Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkäuferinnen wird vom
+kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte auf 58 Mk.
+monatlich geschätzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit durchschnittlich
+1-3/4 Monate betragen soll, so würde ein Jahreseinkommen von 594 Mk.,
+eine tägliche Einnahme von 1,60 Mk. zu verzeichnen sein.[696] Schon mit
+dieser Summe ist es für die großstädtische Verkäuferin nicht möglich
+auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine Jahreseinnahme
+von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen werden kann, die der
+Berliner Verkäuferin eine sorgenfreie Existenz zu sichern vermag. Nun
+gehören aber die Mitglieder des Hilfsvereins für weibliche Angestellte
+zweifellos zur Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher für die
+große Masse nicht maßgebend sein. Thatsächlich kommen selbst in Berlin
+Monatslöhne von 30 bis 40, ja sogar von 20 bis 30 Mk. vor; in der
+Provinz, besonders in den kleinen Städten, sind solche Sätze keine
+Seltenheit; das Durchschnittsgehalt der Verkäuferinnen in Köln betrug
+40, in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Königsberg gar nur 27 Mk.[697],
+ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen zurücksteht.
+Selbst Leipzig weist Monatslöhne von 20 bis 30, ja sogar solche unter 20
+Mk. auf.[698] Verkäuferinnen, die eben die Lehrzeit hinter sich haben,
+müssen sich sogar oft genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.[699]
+Männlichen Verkäufern wagt man solchen Gehalt nur höchst selten
+anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen Anfangsgehalt, der
+schnell gesteigert wird; ihr Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk.
+angegeben, beträgt also fast das Doppelte des Einkommens ihrer
+weiblichen Kollegen. Je nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch
+die Verkäuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk.
+bezeichnen aber in den meisten Fällen ein nur schwer erreichbares
+Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen nur ausnahmsweise
+vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich häufig bis auf drei Monate
+ausdehnt, so schrumpft die im ganzen Jahr der Verkäuferin zu Gebote
+stehende Summe so sehr zusammen, daß ein Auskommen schwer möglich ist.
+Die Angaben Berliner Handelsgehilfinnen bestätigen das. Danach betrug
+die durchschnittliche Ausgabe für Kost und Wohnung 51 Mk., 30 Mk. wurde
+als das geringste bezeichnet, womit das Leben sich notdürftig bestreiten
+ließe.[700] Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58
+Mk. gegenüber, so ist ohne weiteres klar, daß mit einem Rest von 7 Mk.
+die Ausgaben für Wäsche, Kleidung, Tramwayfahrten etc.--vom Vergnügen
+ganz abgesehen--nicht gedeckt werden können. Besonders die Ansprüche an
+die Toilette, die das Budget der Handelsangestellten so sehr belasten,
+können damit nicht bezahlt werden und doch riskiert die Verkäuferin
+ihre Stellung, wenn sie sie nicht erfüllt. Wie hoch sie sind, beweist
+eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben für Wohnung und
+Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. Während die
+Fabrikmädchen oft kaum den vierten Teil dessen für ihre Kleidung
+verwenden, was sie für ihre Wohnung ausgeben, übersteigt die Summe, mit
+der die Verkäuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die Ausgaben
+für die Wohnung, sehr oft sogar ist sie höher, als diejenige, die sie
+für ihren ganzen Lebensunterhalt anlegen.[701] Denken wir nun aber an
+Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, die
+vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei einer
+Aufwendung von nur 30 Mk. für Kost und Wohnung, wobei nur eine
+Schlafstelle in Betracht kommen kann und die Unterernährung chronisch
+wird, ein bedeutendes Defizit unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann
+gesichert, wenn die dermaßen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie
+wohnen. In welchem Umfang dies thatsächlich geschieht, läßt sich nicht
+feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner Handelsangestellte
+umfaßte, ergab, daß 585, also 71 %, von ihnen bei Familienangehörigen
+wohnen; 240 sind darauf angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu
+beschaffen, und zwar haben 36,75 % dieser selbständigen Mädchen eine
+Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.[702], sie gehören also zu
+denjenigen, die nach unserer Berechnung entweder nur unter größten
+Entbehrungen, oder unter fortwährender Anhäufung von Schulden ihr Leben
+fristen können. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen um
+besonders Bevorzugte handelt,--nur die besser gestellten,
+intelligenteren unter ihnen entschließen sich, einem Verein beizutreten,
+und Vereinsmitglieder waren sämtliche Expertinnen,--so ergiebt sich, daß
+für die Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als
+der der Alleinstehenden ein wesentlich höherer sein muß. Aber selbst
+wenn wir die sehr günstige Berliner Berechnung zu Grunde legen, um die
+Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu beurteilen, zeigt es sich, daß
+von 365005 nicht weniger als 105851 allein stehen, und von diesen wieder
+beinahe 17000 von dem Ertrag ihrer Arbeit nicht leben können.
+
+In England sind die Lohnverhältnisse keineswegs besser, obwohl man
+zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die Handelsangestellten neben
+dem Gehalt freie Station haben. Aber selbst den unwahrscheinlichen Fall
+angenommen, daß diese so vortrefflich ist, daß ein Zuschuß zur Ernährung
+aus dem eigenen Beutel sich nicht als nötig erweist, reicht ein
+Jahreseinkommen von 10 bis 12 £[703] in den Großstädten Englands bei
+weitem nicht aus, um die notwendigen Ausgaben, die den Verkäuferinnen
+erwachsen, zu bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der
+Strafgelder in ausgedehntestem Maße. In manchen Geschäften giebt es bis
+zu hundert verschiedene Versäumnisse, die durch Lohnabzüge gebüßt werden
+müssen.[704]
+
+Für Frankreich können wir uns auf offizielle Untersuchungen nicht
+berufen, um die Lage der Handelsangestellten danach zu schildern; dafür
+liegt in Zolas "Au Bonheur des Dames" ein weit wertvolleres Dokument
+vor. Es zeigt uns den kleinen Laden mit seinen schlecht genährten und
+schlecht bezahlten Arbeitern, es führt uns in das fieberhafte Getriebe
+des großen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkräfte untergräbt; es
+öffnet uns die Thür zu den winzigen, unheizbaren, allen Komforts
+entbehrenden Dachkammern, wo die Mädchen abends halb ohnmächtig auf ihr
+Lager sinken und zu den Eßsälen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen
+mit weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen
+Maschinen in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner großartigen
+Wirklichkeitsschilderung jede Illusion über die Lage der Ladenmädchen.
+Aber weit mehr noch als für das Riesenhandelshaus, das durch seinen
+gewaltigen Umsatz im stande ist, seinen Angestellten eine gesicherte
+Stellung zu geben, trotz aller Ausbeutung und Vernachlässigung, gilt es
+für die kleinen, mühsam um ihr Bestehen kämpfenden Geschäfte, wenn sich
+der äußere Glanz des kaufmännischen Berufs bei näherem Zuschauen in sein
+Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto
+trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor allem,
+daß die Wohnung und Beköstigung im Hause des Prinzipals zwar eine
+Wohlthat ist, aber nicht für die Angestellten, sondern für ihn. Er
+macht dadurch nicht nur Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in
+der Hand, über seine Angestellten wie über häusliche Dienstboten frei
+verfügen zu können.[705] Die Beköstigung im Hause des Chefs, die in
+Deutschland besonders auch dort häufig üblich ist[706], wo die
+Verkäuferinnen für ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den
+willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr einzuschränken oder
+überhaupt dem Zufall und der momentanen Geschäftsruhe zu überlassen. In
+England wurden Mittagspausen von zehn bis höchstens zwanzig Minuten
+festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von
+Kunden unterbrochen werden konnten[707]; in Deutschland ist es nicht
+viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; Frühstücks- und
+Vesperpausen werden, vor allem in den kleinen Geschäften, sehr selten
+gewährt.[708] Abendbrot giebt es in England häufig gar nicht, so daß die
+Mädchen genötigt sind, es sich selbst zu beschaffen[709]; die
+Beköstigung ist dort wie in Deutschland meist, was Quantität und
+Qualität betrifft, gleich minderwertig[710], und muß im Geschäftsraum
+selbst oder in engen, dumpfigen Nebenräumen hastig verschlungen werden.
+Nur die großen Geschäfte, die großen Warenhäuser und Bazare machen hie
+und da eine rühmliche Ausnahme; wo sie überhaupt ihren Angestellten
+Beköstigung bieten, ist sie ausreichend, besondere Speisesäle sind dafür
+angelegt und die Zeit zu ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, daß sie
+auch ein Ausruhen in sich schließen kann. In den kleinen Städten und in
+den kleinen Geschäften, wo die weiblichen Angestellten auch häusliche
+Arbeiten verrichten müssen, ist ihre Lage durchweg eine traurige; auch
+in Bezug auf die Wohnung unterscheiden sie sich nicht von den
+Dienstmädchen: es werden ihnen unheizbare Dachstuben oder schlecht
+gelüftete, halbdunkle Räume neben dem Laden zur Unterkunft
+angewiesen[711]; in England und Amerika gilt dasselbe sogar in den
+großen Städten und Geschäften. Londoner Verkäuferinnen müssen sich oft
+zu zweien in ein Bett teilen, und die Räume, in denen sie hausen,
+entbehren jeder Bequemlichkeit.[712] In den Riesengeschäften New-Yorks
+wohnen die Mädchen so eng, daß man Gefangenen solch einen Mangel an
+Luftraum nicht bieten würde.[713] Damit sind die Nachteile der freien
+Station jedoch noch nicht erschöpft; die Prinzipale bestimmen auch,
+unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral und des
+patriarchalischen Familienverhältnisses, über die freie Zeit der
+Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der strengsten Aufsicht
+unterworfen, sie dürfen auch nur an bestimmten Abenden der Woche
+ausgehen und müssen vor Thorschluß heimkehren, da sie sonst keinen
+Einlaß mehr finden.[714] In England sind sie andererseits vielfach
+verpflichtet, am Sonntag früh das Zimmer zu verlassen und erst spät
+abends heimzukehren.[715] Der Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig
+Tagen des Jahres die Beköstigung; die arme Verkäuferin aber, die oft am
+liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie Zeit,
+zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen möchte, muß entweder an solch
+erzwungenen Festtagen ihre schmale Börse leeren, oder Bekanntschaft
+suchen, die sie versorgt.
+
+Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das härteste,
+denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor kurzem eine ganz
+unbeschränkte. Die Ladenzeit betrug im Deutschen Reich im Maximum bis zu
+achtzehn Stunden, im Durchschnitt vierzehn Stunden täglich[716]; nicht
+weniger als 43 % der Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine
+Ladenzeit von dreizehn bis sechzehn Stunden.[717] Die längste fand sich
+in der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer
+Kolonialwarenhandlungen kam es vor, daß der Laden um fünf Uhr früh
+geöffnet und um zehn oder elf Uhr nachts geschlossen wurde.[718] In der
+Hochsaison verlängerte sie sich überall, dabei war von einer Vergütung
+der Überstunden selten die Rede,[719] und wenn der Laden geschlossen
+war, ging die aufreibende Arbeit hinter verschlossenen Jalousien bis in
+die sinkende Nacht weiter. In England waren die Verhältnisse genau
+dieselben.[720] Und doch wären diese Zustände noch erträglich zu nennen,
+wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschärft worden wären:
+nicht nur, daß die armen Mädchen von morgens bis abends mit freundlichem
+Diensteifer die Kunden,--und unter ihnen die unangenehmsten,--zu
+bedienen haben, daß sie die Leitern hinauf und hinab klettern, Stöße von
+Waren hin und her schleppen müssen, sie dürfen sich, auch wenn niemand
+im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre Füße schmerzen,
+nicht setzen[721]! Stehen--stehen--zwölf, vierzehn und mehr Stunden
+stehen--und dabei lächeln, immer lächeln! Eine Folter, die würdig wäre,
+spanische Inquisitoren zu Erfindern zu haben!
+
+Erst in jüngster Zeit hat man allenthalben den Versuch gemacht, diesen
+Übelstand aus der Welt zu schaffen; bei der Zaghaftigkeit aber, mit der
+vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, daß er, in etwas gemilderter
+Form vielleicht, noch immer besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt
+dasselbe; ist doch sogar nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten
+Mädchen überall gesichert; auch am Sonntag müssen sie stundenweise im
+Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein Pfennig Profit
+entgeht.
+
+Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre Prügelknaben und
+Mädchen für alles, daran. Kaum der Schule entwachsene Kinder werden mit
+Vorliebe aufgenommen; sie kosten wenig und lassen sich widerstandslos
+ausnutzen. Welchen riesigen Umfang ihre Beschäftigung annimmt, geht
+daraus hervor, daß sie in einem Viertel aller deutschen Geschäfte die
+Gehilfen an Zahl überragen, in einem Fünftel sich noch einmal so viel
+Lehrlinge als Gehilfen befinden, und es sogar vorkommt, daß Geschäfte
+vielfach alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.[722] Sie sind
+Laufmädchen, Hausmädchen, Verkäuferin--alles in einer Person. In einem
+Alter, wo der weibliche Körper der Schonung bedarf, müssen sie
+dieselben, ja oft noch längere Arbeitszeiten aushalten, als die
+Erwachsenen.[723] Nur die Stärksten überstehen es, die anderen werden in
+der Blüte geknickt, noch ehe ihnen die Frühlingssonne recht aufging.
+Trotzdem fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten,
+fliegen die Mädchen zu dem blendenden Licht hinter den Spiegelscheiben,
+von dem sie Märchenwunder erwarten. Und der Handel braucht Jugend! Die
+Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; ein hübsches junges Mädchen ist
+eine stärkere Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in
+den Geschäften, besonders in denen der Großstadt: fast lauter junge
+Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und glänzenden Augen treten uns
+entgegen. Die Statistik bestätigt das: von den Berliner Verkäuferinnen
+sind 71 % 15 bis 21 Jahre alt[724]! Wo bleiben die Alternden,
+diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewöhnliche Glück haben,
+sich selbständig machen zu können? Die edelsten Pferde haben das
+traurige Schicksal, daß sie aus dem Rennstall-Palais, wo sie in ihrer
+Jugend genährt, gepflegt und gehütet wurden, sorgfältiger als mancher
+Mensch, zuerst in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den
+armseligen Ackergäulen des Bauern geraten--je älter sie werden, desto
+härter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, und unter ihnen ganz
+besonders den Verkäuferinnen, geht es nicht anders. Werden sie alt und
+häßlich, so treten Junge an ihren Platz, und sie müssen sich mit immer
+schlechteren Stellungen begnügen. Der in Deutschland bisher übliche
+Modus, wonach keine oder nur ganz kurze Kündigungsfristen ausgemacht
+wurden,--d.h. der Prinzipal konnte die Angestellte oft von einem Tag zum
+andern entlassen, die Angestellte aber mußte die Kündigung vier Wochen
+vorher einreichen,[725]--hatte zur Folge, daß die alternden Gehilfinnen
+sich einer dauernden Wanderschaft ausgesetzt sahen und nie wissen
+konnten, ob nicht der nächste Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren
+freilich sind sie so wie so schon verbraucht.
+
+Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der schlechten
+Ernährung tritt schon früh allgemeine Entkräftung und Muskelschwäche
+ein. Die jungen Mädchen werden fast durchweg von der Bleichsucht
+heimgesucht,--ein Blick in die Gesichter der Verkäuferinnen beweist das
+zur Genüge,--Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen die
+Fußgelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, Magenkrankheiten
+zerstören den Rest der Nervenkraft. Infolgedessen wird die Mutterschaft
+für die meisten ehemaligen Verkäuferinnen zu einer schweren
+Krankheit.[726] Die große körperliche Abspannung, die oft so weit geht,
+daß die jungen Mädchen sich abends mit den Kleidern aufs Bett werfen,
+weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich auszuziehen,[727] führt
+schließlich auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die
+Interessen über die alltäglichen, persönlichen hinaus; ein energischer
+Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz außerhalb der
+Vorstellungsmöglichkeit.
+
+Neben die körperlichen und geistigen Folgen der proletarischen
+Frauenarbeit im Handel treten aber noch die traurigen moralischen hinzu.
+Die große Masse der Angestellten kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht
+leben; nicht nur, daß sie sehr häufig das einfachste Leben kaum fristen
+können, ihre Ansprüche sind auch von Haus aus höhere und werden durch
+ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und Konfektionsgeschäften,
+noch gesteigert. Und Gewohnheit und Ansprüche gilt es in Rechnung zu
+ziehen, wenn man Notlagen und die Größe der damit verbundenen Gefahren
+richtig beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen
+sächsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen gesichert und
+befriedigt fühlen, das eine Verkäuferin in einem Berliner Geschäft der
+Schande in die Arme treibt. Weit stärkere Einflüsse, als auf die arme
+Arbeiterin, wirken bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der
+Ansicht kühler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwählter sieht in ihrer
+Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, für jene aber ist die Heirat ein
+selten erreichter Traum, denn ihre männlichen Arbeitsgenossen suchen vor
+allem eine klingende Mitgift, um sich dadurch selbständig machen zu
+können, und schließt für die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn die Not
+sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres Herzens und ihrer
+Sinne, der sie in jene Liebesverhältnisse verstrickt, die so oft ein
+tragisches Ende finden. Dabei naht ihr auch die Verführung mehr als
+anderen durch den Verkehr mit der Kundschaft. Es ist nicht übertrieben,
+sondern entspricht den täglich zu beobachtenden Thatsachen, daß die
+Lebemänner der Großstädte in den Bazaren und Warenhäusern ein beliebtes
+Feld für ihre Jagd nach Menschenware erblicken. Aber auch für die Chefs
+selbst sind ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mädchen
+muß entweder ein hohes Maß an sittlicher Kraft, Selbstverleugnung und
+Entsagungsfähigkeit, oder einen traurigen Mangel an Jugendlust und
+Liebessehnsucht besitzen, um rein und unangefochten aus diesem Leben
+hervorzugehen. Wie Zolas Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von
+leichtsinnigen, sondern auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und
+damit berühren wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im
+Handel, der es so vielen unmöglich macht, sich durch eigene Kraft
+ehrlich durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkäuferin und mehr
+noch der Probiermamsell verbirgt sich häufig die Prostitution in grober
+und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die hierbei in
+Betracht kommt, und da sie hübsch ist und jung und elegant, auf die Höhe
+des Lohnes wenig Wert legt, so macht der Unternehmer ein gutes Geschäft
+durch ihre Anstellung. Schulter an Schulter mit ihr machen die
+wohlerzogenen Töchter des mittleren Bürgerstandes, die Wohnung und Kost
+bei ihren Eltern haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld
+repräsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, mühsam sich
+emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste Konkurrenz. Sie erhalten
+die Löhne auf einem niedrigen Niveau, ja sie drücken sie durch ihr
+massenhaftes Eintreten in den Handel vielfach noch herunter.
+Infolgedessen zeigt sich in höherem Maße noch als in der Fabrikarbeit,
+daß die Entwicklung der Löhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach
+den Frauenlöhnen zu gestalten, so daß der Unterhalt der Familie auf dem
+Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die verheiratete Frau aber unter den
+Angestellten eine beinahe unmögliche Erscheinung ist,--die Heirat
+bedeutet fast stets den Austritt aus dem Geschäft,--so sind die Folgen
+dieser Entwicklung zunächst für Mann und Weib gleich traurige.
+
+Die Lage der Handelsgehilfinnen würde eine verzweifelte sein, wenn sich
+nicht in der öden Wüste ihres Daseins Quellen künftigen blühenden Lebens
+nachweisen ließen. Eine der stärksten und wichtigsten ist auch hier die
+Entwicklung zum Großbetrieb. Je größer der Betrieb desto höher ist der
+Lohn, desto kürzer die Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto
+mehr nimmt aber auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der
+Angestellten ab. Damit schwindet das patriarchalische Verhältnis mehr
+und mehr, der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie
+der Fabrikarbeiter, dessen persönliches, häusliches Leben und Treiben
+den Unternehmer nicht kümmert. Hierdurch und durch die allerdings erst
+in den ersten Anfängen steckende Regelung der Arbeitszeit, wird es
+schließlich auch der verheirateten Frau leichter möglich sein, ihrem
+Mädchenberuf treu zu bleiben. Das alles würde aber nur wenig nützen,
+wenn nicht noch ein anderes Moment hinzukäme: die Töchter des
+Bürgerstandes werden durch den Druck der Verhältnisse,--nicht zum
+mindesten hervorgerufen durch die, das kleine Geschäft tötenden
+Warenhäuser,--gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als Mittel zur
+Befriedigung von Luxusbedürfnissen, sondern als Mittel zum
+Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die Keime für ihre
+Beseitigung.
+
+Neben der Entwicklung zum Großbetrieb, die aber,--das sei all denen
+gesagt, die bequem genug sind, sich durch Zukunftshoffnungen über die
+Gegenwart trösten zu lassen,--eine außerordentlich langsame ist, läuft
+eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint und
+gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme der von
+Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zählung von 1895 gab es deren
+145165, was gegenüber der Zählung von 1882 einer Zunahme von 41 %
+gleichkam, während die von Männern geleiteten Alleinbetriebe um 5 %
+abgenommen haben.[728] Trotz der Selbständigkeit der Händlerinnen ist
+ihre Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart,
+als der der Arbeiterin. Ueber die Hälfte,--56 %,--sind Witwen, 27 %
+verheiratete Frauen, aber nur 17 % ledige. Die Witwen richten das
+Geschäft, wenn es nicht vom Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen
+Kapital ein, um sich und ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten
+Frauen, häufig ehemalige Dienstmädchen, wenden ihren Sparpfennig daran,
+um durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergänzen; alternde
+Mädchen, oft frühere Verkäuferinnen in ähnlichen Geschäften, versuchen
+gleichfalls damit ihr Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei
+dieser Art Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten
+und gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu
+konzentrieren: die Waren bilden den täglichen Bedarf jeder
+Hauswirtschaft, sie müssen also möglichst in der Nähe zu haben sein und
+können daher auch nicht in Warenhäusern aufgestapelt werden; allein das
+Wachstum der Städte führt ihre Vermehrung herbei, die scharfe Konkurrenz
+jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die Besitzerinnen,
+die bisher mühsam ihre Selbständigkeit aufrecht erhielten, zur
+Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, solange die Privatküchen bestehen
+werden, wahrscheinlich und sicher ist, daß sich gerade dieses
+Handelszweiges mehr und mehr die Frauen bemächtigen werden.
+
+Welches Los härter ist, das der Angestellten im glänzenden Kaufhaus, die
+in seinem Dienst hinwelkt, die ihre Jugend entweder vertrauern oder
+wegwerfen muß, oder das der Händlerin im düsteren Keller oder stickigen
+Laden, die oft auch noch die Nächte opfert, um ihre armselige
+Häuslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar Pfennige plagt
+von früh bis spät--das wage ich nicht zu entscheiden.
+
+
+Die Landwirtschaft.
+
+Während die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte Erscheinungen
+sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt gewonnen haben, die
+das Interesse der Nationalökonomen, der Politiker und der Gesetzgeber
+erregen, ist die Landarbeiterin bisher ein ziemlich vager Begriff
+geblieben. Man ereifert sich höchstens über ihre Landflucht und wundert
+sich, daß sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens
+preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das machen
+sich nur Wenige klar und diese wenigen müssen sich teils auf ihre
+eigenen beschränkten Beobachtungen, teils auf Privat-Untersuchungen
+stützen, die auch immer nur unzulänglich bleiben können. Aber noch durch
+einen anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen
+erschwert.
+
+Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen gekennzeichnete Masse,
+sie gliedern sich vielmehr in zwei Kategorien von Arbeitern: die
+kontraktlich gebundenen und die freien, und in eine ganze Anzahl von
+Unterabteilungen beider. Zu den ersteren gehören zunächst die in festem
+Jahreslohn stehenden Mägde, die Wohnung und Nahrung von der
+Herrschaft empfangen und deren Arbeit eine teils häusliche, teils
+landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehören ferner im ostelbischen
+Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung und ein Stück Land,
+außerdem einen gewissen Anteil am Ertrage des Gutes erhalten, dafür aber
+nicht nur ihre eigene und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst
+stellen, sondern auch eine Anzahl, gewöhnlich zwei, andere Arbeiter für
+den Gutsherrn halten müssen; es sind das die Scharwerker, meist
+Angehörige des Instmanns, seine Töchter und Söhne, auch seine Mutter
+oder sein Enkelkind, sehr oft aber auch fremde Mägde und Knechte, die
+der Instmann zu dem Zweck dingt.[729] Im Westen Deutschlands nehmen die
+Heuerleute eine ähnliche Stellung ein, nur daß ihnen Wohnung und Land
+nicht geliefert wird, sondern daß sie es gegen geringes Entgelt pachten
+müssen, dafür aber verpflichtet sind, für eine bestimmte Reihe von Tagen
+um die Hälfte des ortsüblichen Lohns für den Besitzer Arbeit zu
+leisten.[730] Eine breite Schicht der Landarbeiter sind in Ostelbien
+auch noch die Deputanten, die neben dem Lohn rohe Lebensmittel
+geliefert bekommen. Im übrigen Deutschland wiederholt sich häufig den
+Tagelöhnern gegenüber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen
+Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelöhner mit selbständigem
+Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben können, so daß sie
+gezwungen sind Lohnarbeit zu suchen. Sie gehören ebenso zweifellos zu
+den Proletariern, wie ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung
+und Bestellung der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der
+Bauer und die Bäuerin, die keine Lohnarbeiter beschäftigen, sondern sich
+von früh bis spät allein abrackern, um sich vom Ertrage ihrer Mühen zu
+ernähren, sind, trotzdem sie auf eigenem Grund und Boden stehen, nichts
+anderes als Proletarier.[731]
+
+Die eigenartigste Klasse unter dem ländlichen Proletariat ist die der
+Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengänger begegnen wir ihnen in
+Deutschland; in England war es das Gangsystem, das ihre Beschäftigung
+beförderte; in Frankreich sind es zum großen Teil belgische Arbeiter,
+die sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den
+Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere Wanderung
+der Arbeiter. Während das landwirtschaftliche Gesinde und die Instleute
+die älteste Art der Landarbeiter, gewissermaßen die Nachkommen der
+Hörigen und Leibeignen, darstellen, repräsentieren die Wanderarbeiter
+die modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der
+Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine Arbeit
+verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter Beschäftigung
+fanden, mehr und mehr den Charakter des Saisongewerbes an. Die
+intensivere Kultur der landwirtschaftlichen Betriebe,--dabei sei nur an
+die Molkereien und an die Zuckerrübenpflanzungen erinnert,--zu der die
+zu geschäftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte notwendig
+gedrängt werden, unterstützt gleichfalls die allmähliche Umwandlung des
+ländlichen Proletariats.[732] In England, das zwar im allgemeinen noch
+alle Arten landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt: mit eigenem Land,
+mit Allotment, mit Haus- und Gartenüberlassung oder mit bestimmtem
+Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, wo nur mit
+wöchentlich oder täglich engagierten freien Tagelöhnern gearbeitet wird,
+schon vollzogen.[733] Bezeichnend dafür ist, daß der Begriff des
+Landarbeiters im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn
+der Bedarf an Landarbeitern wurde früher durch die zum Dienst
+verpflichteten Bauern, in Preußen auch durch die zum Zwangsgesindedienst
+genötigten Bauernkinder[734], in außereuropäischen Ländern, besonders in
+Amerika, durch die Sklaven gedeckt.
+
+Aus dem Gesagten geht hervor, daß es sehr schwierig ist, die Einnahmen
+der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und Naturallohn, aus
+freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung und Land, aus Anteilen
+am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. Was zunächst das ländliche
+Gesinde betrifft, so variiert allein in Deutschland sein Jahreslohn
+ungemein. Er ist am niedrigsten, wo die Frauenarbeit am stärksten ist;
+je weiter nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreußen kamen
+Mägdelöhne von 50 Mk. vor; Kuhmägde pflegen 75 bis 80 Mk. jährlich zu
+verdienen, sogenannte Leuteköchinnen 90 Mk. Im Westen und Süden, z.B. in
+Oldenburg, Hannover, Hessen und Württemberg, variieren die Frauenlöhne
+zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.[735] Die
+höchsten Lohnsätze finden sich in Schleswig-Holstein und im Jeverlande,
+wo der Mangel an Mägden schon zu einer großen Kalamität geworden ist.
+Hier beträgt der niedrigste Lohn 90 Mk., die Großmägde kommen zu einem
+Verdienst von 200 bis 230 Mk., Löhne von 250 Mk. werden auch zuweilen
+gezahlt.[736] Neben diesem Geldlohn wird Verpflegung und Wohnung selten
+berechnet; für Württemberg werden die Ausgaben für eine Magd
+einschließlich des Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230
+Mk. angegeben, so daß ihre Gesamteinnahme 295 bis höchstens 400 Mk.
+jährlich beträgt.[737] So begegnet uns hier wieder die beinahe typische
+Jahreseinnahme aller schlecht gestellten Proletarierinnen. Die
+französischen Landmägde stehen sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis
+200 fr. zu betragen pflegt, noch schlechter, ihre Beköstigung dagegen
+wird im allgemeinen höher veranschlagt werden dürfen.[738]
+
+Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der ostelbischen
+Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen Heuerlinge
+festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was ihnen geliefert
+wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im Aufziehen und
+Verkaufen von Vieh und Geflügel, und von dem jeweiligen Anteil an dem
+Ertrag des Gutes abhängig ist. Der Geldlohn der Frauen beträgt
+gewöhnlich im Sommer 30 bis 50, im Winter 20 bis 35 Pf. täglich. Dieser
+Lohn wird jedoch niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann,
+als dem Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich für seine
+Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde[739], ausgezahlt. Für
+seine Frau, noch mehr aber für die Scharwerksmädchen, die er natürlich
+bei der eigenen Armut nur auf das notdürftigste unterhält, bedeutet das
+eine große Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fließt nur zu oft
+in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn nur sehr niedrig
+stehende, physisch oder moralisch herabgekommene Mädchen sich zum
+Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit besser ist die Lage der
+westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch sie von den Männern
+vollständig abhängig sind. Sie sind jedoch nur zu einem geringeren Maß
+von Arbeit verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der
+dürftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste Schicht der
+kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber diejenigen, die nicht wie
+die Instleute zum großen Teil abhängig sind von den schwankenden
+Erträgnissen des herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von
+denen der eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes
+Deputat erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt,
+so ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei
+Fällen, bei den Instleuten, einschließlich der Scharwerker, den
+Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich demnach dasselbe
+eigentümliche Bild einer völligen Abhängigkeit auch der arbeitenden Frau
+von ihrem Ehemann. Die Stellung einer selbständigen Lohnarbeiterin ist
+für sie nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des
+Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht gesprochen
+werden.
+
+Eine Stufe höherer Entwicklung in Bezug auf die Selbständigkeit des
+weiblichen Landarbeiters bedeutet daher die freie Tagelöhnerarbeit. Auch
+sie wird teils nur durch Geld, teils durch Geld und Beköstigung
+entlohnt, und zwar ist der Lohn nicht nur niedriger als der des
+Mannes,--obwohl die Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,--sehr
+häufig wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewährt,
+wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch
+erhöht wird. Ueber die Lohnverhältnisse in Deutschland giebt folgende
+Tabelle einige Aufklärung:[740]
+
+Land | ohne Kost | mit Kost
+ | Pf. | Pf.
+-----------------------------+-----------+---------
+Posen | 30- 50 | --
+Regierungsbezirk Magdeburg | 60-130 | 40- 90
+Regierungsbezirk Merseburg | 60-125 | 40- 90
+Regierungsbezirk Erfurt | 70-130 | 50-120
+Provinz Hannover | 70-150 | 40- 80
+Regierungsbezirk Kassel | 60-150 | 30-100
+Provinz Hessen-Nassau | 80-150 | 50-100
+Großherzogtum Hessen | 80-175 | 30-100
+Provinz Schleswig-Holstein | 50-150 | 20-120
+Herzogtum Anhalt | 70-150 | 40- 75
+Thüringische Staaten | 60-150 | 40-100
+Königreich Sachsen | 60-150 | 40- 80
+Bayern | 60-120 | 30-100
+Hohenzollern | 70-220 | 30-160
+
+Die höchsten Löhne werden im Sommer, hauptsächlich zur Erntezeit
+gezahlt, die niedrigsten im Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen
+Jahreszeiten hat keine Tagelöhnerin. Rechnen wir, daß sie etwa 250 Tage
+voll beschäftigt ist, davon während 125 Tagen den höchsten täglichen
+Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 Mk., also im ganzen 178,75 Mk.,
+während weiterer 125 Tage den täglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63
+Pf., also im ganzen 78,75 Mk. erhält, so erreicht sie einen
+Jahresverdienst von 257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit
+Beköstigung nach demselben Schema, so beträgt ihre Jahreseinnahme nur
+172,50 Mk. Daß diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht z.B.
+aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelöhnerfamilie in Holstein
+hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleißigster Arbeit nur 450 bis 600
+Mk., jährlich verdienen.[741] Uebersteigt die Zahl der Familienglieder
+vier Personen, sind womöglich alte Eltern oder kränkliche Angehörige mit
+zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine
+äußerst kümmerliche. Hat der Tagelöhner eigenen Landbesitz, zieht er
+Schweine oder Geflügel, so kann seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk.
+steigern[742], dann ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an
+die Grenze des Möglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die
+Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere zufällt.[743]
+In der schlimmsten Lage aber befindet sich die Alleinstehende, um so
+schlimmer, wenn sie Kinder hat. Selbst auf dem Lande läßt sich das Leben
+mit einem Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit
+mit all ihren Schrecken, das Hütekinderwesen mit seinen traurigen Folgen
+an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die nächsten
+selbstverständlichen Resultate solcher Lohnverhältnisse.
+
+In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst der
+Frauen beträgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 c.; im Sommer
+1,87 fr. resp. 1,14 fr.[744]; in einzelnen Landstrichen, z.B. in der
+Bretagne, sinken die Löhne bis auf 50 c. resp. 1 fr. täglich, während
+sie andererseits freilich zuweilen, z.B. in der Normandie, bis auf 2 und
+3 fr. steigen[745]; im allgemeinen übersteigt die Jahreseinnahme der
+französischen Tagelöhnerin höchst selten 229 fr., während 300 fr. das
+mindeste ist, womit ein Existenzminimum ihr gesichert wird.[746] Ihre
+deutsche Arbeitsgenossin im fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit
+mühsam der Erde ihre Früchte abgerungen werden, hat also keinen Grund,
+die Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer
+etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie
+nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen steigen
+ihre Löhne und ermöglichen ihr ein erträgliches Leben.[747] Mehr und
+mehr aber beschränkt sie sich auf die ausschließliche Bewirtschaftung
+des eigenen kleinen Eigentums, während ihr Mann als Tagelöhner in Arbeit
+geht. Mit ihr auf gleicher Stufe steht die Frau und die Tochter des
+kleinen selbständigen Landwirts, nur daß ihre Einkommen lediglich vom
+Ertrage ihrer Besitzung abhängen. Sie sind fast immer wahre
+Arbeitssklaven, sehr häufig tüchtiger als die Männer, die nur zu oft dem
+Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen
+Proletarierinnen von ihnen abhängiger, als irgend eine Lohnarbeiterin
+von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine ebenso
+selbstverständliche angesehen, wie die der Instmannsfrau, und ihr
+klingender Ertrag fließt allein in die Tasche des Familienoberhauptes.
+Dies Verhältnis vollkommener Abhängigkeit drückt sich in der Picardie
+noch heute dadurch aus, daß die Frau ihren Mann nicht anders nennt als
+_mon maître_, und der Mann sein Weib in der Vendée nicht anders als
+_ma créature_.[748]
+
+Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt
+sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der
+eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die
+Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines
+persönlichen Verhältnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehört. Die
+Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablösung ländlicher
+Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an
+Beschäftigung für die seßhaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung
+schließlich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die
+Wanderungen ländlicher Arbeiter überall begünstigt. Oft, wie z.B. in
+Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen,
+oft werden aber auch Ausländer, wie in Frankreich Belgier, in
+Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und
+russische Polen eingeführt. In größerem Umfange organisierte Wanderungen
+finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre
+Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und
+führen sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit
+der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei
+der Arbeit hinter ihnen, denn häufig richtet sich ihr Lohn nach der
+Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren
+noch ganz besonders berüchtigt deshalb, weil fast ausschließlich Kinder
+dazu angeworben, und, infolge ihrer völligen Wehrlosigkeit dem
+Gangmeister gegenüber, auf das äußerste ausgenutzt und in ihren
+Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das
+System heute überwunden, ohne daß die Wanderungen deshalb aufgehört
+haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengängerei den
+größten Umfang angenommen.
+
+Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rübenzuckerkultur in Sachsen
+zu verdanken, die während bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher
+Arbeitskräfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter
+auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich
+aus den östlichen Provinzen Preußens und bestehen großenteils aus jungen
+Mädchen. Für das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezählt, die sich von
+Brandenburg, Pommern, Westpreußen, Posen und Schlesien aus auf die
+Wanderschaft begaben.[749] Auf sächsischen Gütern kommen auf 150 Männer
+337 Mädchen.[750] Der normale Lohn für sie beträgt 1 Mk., während die
+Männer durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es
+kommen aber auch Löhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Außerdem wird
+Wohnung, zum Teil auch Beköstigung,--natürlich bei niedrigeren
+Lohnsätzen,--gewährt. Charakteristisch ist, daß der Unterschied zwischen
+der Bewertung der Männer- und der Frauenarbeit sich bis auf die
+Reisevergütung ausdehnt, die für Frauen ein Drittel weniger beträgt als
+für Männer.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengängerin ist bei einer
+Beschäftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf
+424 Mk. geschätzt worden.[754] Das würde jedoch einem Tagesverdienst von
+1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet
+wird,--nur von den tüchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mädchen
+erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine
+Seltenheit. Trotzdem sind infolge äußerster Sparsamkeit und wahrhaft
+trostloser Unterernährung fast alle Mädchen im stande, Ersparnisse zu
+machen, die die Höhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Möglich ist das nur,
+wenn die Wochenausgaben für die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht
+übersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengängerinnen eine
+starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die
+Beköstigung geliefert. Die Lohnabzüge jedoch stehen zur Qualität und
+Quantität der dafür gegebenen Nahrung in keinem Verhältnis; auf einem
+Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers für die
+Ernährung der Sachsengänger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem
+anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall täglich 17, in dem
+anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewiß das Ideal der Volksernährung
+repräsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengänger in
+ihre Heimat zurückzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder,
+wenn diese nicht zureichen, von den Erträgnissen hausindustrieller
+Thätigkeit zu leben pflegen. Mädchen, die nur 200 Mk. verdient haben,
+also bei größter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurücklegen konnten,
+wären natürlich nicht im stande, während 18 Wochen davon zu existieren,
+wenn sie nicht bei ihren Angehörigen, die sie in der Regel dafür
+entschädigen müssen, ein Unterkommen fänden. Bringen sie, wie es häufig
+geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit
+nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten
+Sachsengängerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie muß
+auch während der Winterwochen, die sie so dringend nötig hat, um sich
+nach der übermäßigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen,
+die, wenn sie überhaupt zu finden ist, nur kärglichen Lohn abwirft.
+
+Nach alledem dürften es kaum die Löhne sein, die den immer wieder
+behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen
+können. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der
+landwirtschaftlichen Thätigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber
+damit erklärt und entschuldigt, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen
+unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphären, und der
+Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen würde.
+Diese Auffassung rief auch jenes Märchen von den drallen Landmägden und
+den blühenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die
+Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe
+sitzt. Für diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen,
+hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders
+wahrhaftig ist, angefangen, ihren Märchenglauben zu erschüttern.
+Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist
+die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen
+Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders
+während der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Für
+das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn
+alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hühnerhof und im Haus,
+erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengänger repräsentieren auch nach
+dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit
+von früh fünf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen
+zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schließt aber
+natürlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht
+um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergütung erfährt. Eine zwölf- bis
+vierzehnstündige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz
+Erträgliches erscheinen, der nicht weiß, worin sie besteht, oder sich
+bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten
+wir die Thätigkeit der Landarbeiterin mit nüchternen Augen, so wird sie
+schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die
+Arbeit der Mägde im Kuhstall, und nicht aus bloßem Uebermut gehen jetzt
+schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und
+dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Ställe
+sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken
+anstrengend und gesundheitsschädlich. Geschwüre an den Händen sind keine
+Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im
+Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen würde, wird nur
+selten für notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren
+können, der in die dunklen, stickigen Ställe tritt und sieht, wie sich
+die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie
+stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfängt,
+während der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fährt! Auch das
+Ausmisten der Ställe, das nicht immer den Knechten überlassen bleibt,
+verlangt große Körperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der
+gefüllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den
+Mägden obliegt, ist eine noch weit widerwärtigere Arbeit; ich habe
+Mädchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Ställe hineinkriechen
+mußten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz
+wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer
+Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse. Wie bei
+den vorhergehenden muß auch in diesem Fall von den wenigen
+Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen
+Ställen die Milchwirtschaft im großen mit Hilfe von Maschinen und
+motorischen oder Pferdekräften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im
+Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die
+stundenlang am Butterfaß steht und den schweren Schwengel auf- und
+niederbewegt, die all die vielen Gefäße täglich scheuert und putzt, die
+keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf
+ihr zu schwer und zu schlecht sein, von früh bis spät ist sie auf den
+Beinen. Und doch ist ihre Thätigkeit noch jeder anderen vorzuziehen,
+weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zuläßt.
+Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder
+gar der Zuckerrüben gegenüber: im glühenden Sonnenbrand oder im kalten
+Herbstwind steht die Arbeiterin zwölf und mehr Stunden mit gekrümmtem
+Rücken über die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der
+Zuckerrübenkultur, bis über die Knöchel in den Schlamm; oder sie kniet
+und hockt etwa wie beim Unkrautjäten, auf durchfeuchteter Erde. Zur
+Erntezeit fällt ihr das schwere Garbenbinden regelmäßig zu, sie muß aber
+auch vielfach mähen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne daß
+ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre
+Arbeit noch leichter, als in den Gebirgsländern. Von den abgelegensten
+Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden
+Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so daß ihr Rücken sich krümmt
+unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Für die
+ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergünstigung, wenn
+sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wäldern meilenweit nach Hause
+tragen können.
+
+Je weiter nach Osten und Süden, desto härter ist die Arbeit; die
+russische Landarbeiterin muß es sich selbst gefallen lassen, den Pflug
+durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne über Italien wahre
+Fieberhitze ausströmt, arbeitet die Tagelöhnerin Schulter an Schulter
+mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme
+steckend.
+
+Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelöhnerin, deren
+Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau
+des armen Bauern oder die selbständige Besitzerin eines kleinen
+Landguts. Die französische Bäuerin z.B., die tagsüber ihren Gemüsegarten
+allein bearbeitete, fährt oft schon früh um drei Uhr in die Stadt, um
+ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die
+selbständige sowohl wie die abhängige,--verheiratet, hat sie Kinder, so
+ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt für sie aufs
+neue, wenn sie abends todmüde nach Hause kommt. Ist sie Tagelöhnerin
+mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren
+unumgänglich nötig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem
+Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Für sie
+giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln
+oder jäten Unkraut, arme Wöchnerinnen binden Garben oder führen den
+Rechen. Die früh gealterten welken Frauen mit krummem Rücken und
+zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt
+begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung für die
+"naturgemäßen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten
+die meisten schon in früher Jugend diese rasche Zerstörung vor. Die
+Wanderarbeiterinnen sind zum großen Teil ganz junge Mädchen; auf
+sächsischen Gütern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren
+alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedürften, werden sie
+den Einflüssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu ständigem gebückten
+Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden
+die runden Mädchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den
+Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des
+frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frühlingszeit auf
+einen der Bahnhöfe Berlins, wo man die Sachsengänger wie das liebe Vieh
+in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit
+werden!
+
+Aber auch auf die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse treffen die
+vorgefaßten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man
+sich's gerne vorstellen möchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch
+und Hühnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemüsen. Er produziert
+nicht für den eignen Verbrauch, sondern für den Verkauf. Schon aus der
+Summe, die die Sachsengänger für ihre Beköstigung anlegen, läßt sich auf
+die Art derselben schließen; thatsächlich besteht sie in schwarzem
+Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die
+besser Gewöhnten gönnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlklöße.[759] Die
+Güte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, daß sie häufig vom
+Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden müssen![760] Die
+kontraktlich gebundenen Tagelöhner leben kaum besser; die kleinen
+Besitzer sparen, so viel sie können, am Essen. Dabei entzieht die
+Ausdehnung der großen Molkereien den Landleuten in steigendem Maß ihr
+wichtigstes und gesündestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher,
+aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefüllte Flasche im Mund,
+während Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengeführt
+werden, genügt allein, um diese Zustände zu illustrieren.
+
+Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur
+den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie
+wird gut gefüttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am
+schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die
+Hofgängerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie übrig
+läßt, das ist gewöhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter
+den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge sträflicher
+Genußsucht, als grimmigen Hungers.
+
+Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, daß die
+deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in
+leeren Ställen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es
+vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der
+Sachsengänger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten;
+Musterhäuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch
+die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen
+großen Gütern Sachsens. Die häufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen,
+ihre Abneigung gegen die gemeinsame Beköstigung wird oft zum Vorwand
+genommen, dergleichen Einrichtungen für überflüssig zu erklären, während
+doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die für den trostlosen
+Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles
+fördern sollten, was eine Arbeiterbevölkerung, die nach
+hunderttausenden zählt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben
+könnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den
+Stumpfsinn des Sklaven für bewußte Befriedigung zu halten!
+
+Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefährlich
+für die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem
+Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat
+eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine
+Kammer. Diese beiden Räume werden außer von der meist kinderreichen
+Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgültig ob es junge
+Burschen, Mädchen mit Kindern, Krüppel, kränkliche, verdorbene, eben der
+Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Häufig sind drei und vier
+Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen
+zusammen und sind von früh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs
+ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller übrigen
+Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft
+alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] häufig genug teilen Hühner,
+Gänse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen.
+Wer solch eine Höhle betritt, prallt zurück vor dem unbeschreiblichen
+Gestank, der ihr entströmt, vor dem Bild des Elends und der
+Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet
+vielfach auch hier, daß es die Leute nicht anders haben wollen, daß neue
+Wohnungen mit gedielten Fußboden von ihnen verschmäht werden. Neben dem
+tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche
+Wohnungsverhältnisse gewaltsam zurückgehalten werden, ist es die Not,
+die sie an sie fesselt: ihre Hühner und Gänse und Ziegen bilden einen
+wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Möglichkeit sie in
+strenger Winterkälte zu erhalten, außer wenn sie ihnen ihr Zimmer
+öffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie
+gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb
+gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreußen leer stehen[767], weil ihre
+Schönheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht übrigens nur einen
+geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich
+handelt; die westfälischen Heuer wohnen nicht besser, als die
+ostpreußischen Instleute[768], die Tagelöhner wohnen sogar vielfach noch
+schlechter. In Südwestdeutschland wurden z.B. ländliche Haushaltungen
+mit nur einem Wohnraum gezählt[769]:
+
+mit 4 bis 5 Personen bewohnt 8297
+mit 6 bis 10 Personen bewohnt 4757
+mit 11 und mehr Personen bewohnt 53
+
+Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort
+oder einer in nächster Nähe des Brunnens, Fenster, die häufig aus
+Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung
+norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch
+schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer
+einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen
+Kammern von 8 qm Grundfläche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und
+im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhöhlen, 1 m in, 1 m über der Erde,
+deren Grundfläche 12 qm beträgt und deren Wände und Decken aus mit Sand
+und Rasen beworfenen Rundhölzern bestehen. Die Reicheren unter den
+Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm groß, die anderen haben statt dessen
+nur Löcher in den Wänden. In diesen Räumen wohnen Tagelöhnerfamilien mit
+Schweinen, Ziegen und Hühnern zusammen. Vor den Thüren liegt der
+Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun
+aber nicht, daß Deutschland allein solche Vorzüge aufzuweisen hat. Im
+reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhäuser als einzige Oeffnung
+die Thür, die bloße Erde zum Fußboden und, um den Raum auszunutzen, die
+Betten zu drei und vier übereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist
+vielfach Fachwerkhäuser mit nassem Boden und feuchten Wänden auf, die
+nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie
+die kleinen Besitzer wohnen häufig mit dem Vieh zusammen.[775]
+
+Auf großen Gütern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im
+allgemeinen die Mägde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre
+Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein
+Bett teilen müssen und ist nicht verschließbar. In ärmeren Wirtschaften
+ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwürdige: in
+unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen
+Mägde und Knechte in oder dicht neben den Ställen. Um in ihre Kammer zu
+gelangen, müssen die Mägde häufig den Schlafraum der Knechte passieren
+und umgekehrt. In den Berggehöften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf
+dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in
+den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie
+auch wohl einfach auf die Heuboden.
+
+Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhältnisse liegen auf der Hand.
+Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs
+gewöhnt, die bei den Knechten schlafenden Hütekinder werden früh in die
+dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte
+von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Märchen, wie die von den
+gesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Landarbeiter. Nicht nur,
+daß der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte
+ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das
+jus primae noctis zu betrügen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die
+"Prüfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nämlich erwies,
+daß sie zur Mutterschaft fähig ist[777], auch die wüsteste
+Sittenlosigkeit wird auf dem Lande großgezogen. Die meisten Mädchen, die
+Scharwerkerinnen, die Sachsengängerinnen, die Mägde kommen zuerst durch
+Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts
+als ein Spaß. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt
+noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon
+hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als
+Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich
+gemeinen Soldatenlieder würden allein schon ausreichen, das Gesagte zu
+beweisen. Und doch wäre die ländliche Sittenlosigkeit noch nicht so
+verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mägden allein
+abspielte, weil die Heirat die gewöhnliche Folge zu sein pflegt; daß sie
+oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption,
+als die der äußeren Verhältnisse. Die Gründung des Hausstandes hängt von
+den zurückgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim
+besten Willen nur sein können, haben wir aus den Löhnen gesehen. Handelt
+es sich um festangestellte Tagelöhner, besonders Instleute, oder das
+ländliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder
+Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine
+Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, daß die
+weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwächt wird. Weit
+bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen für die Mädchen begleitet,
+ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelüste ihrer Herren werden. In der
+Enquete der evangelischen Pastoren über die Sittlichkeit auf dem Lande
+werden die Gutshöfe "Hauptherde ländlicher Unzucht" genannt[781], und
+das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Söhne und Gäste,
+besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell
+beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mädchen, heißt es vielfach; sie sehen
+in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhängigkeit sich
+leicht ihrem Willen fügen. So kommt es, daß selten ein Landmädchen als
+Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, daß die Korruption der
+Landbevölkerung kaum eine geringere ist, als die der städtischen.
+
+Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, daß
+die Lage beider eine gleich schlechte, ja daß die der Landarbeiterin
+vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer städtischen
+Leidensgenossin, denn sie genießt keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat
+in Deutschland wenigstens nicht die Möglichkeit sich durch Organisation
+selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt
+an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt,
+wenn sie sich ihr ununterbrochenes ländliches Dasein vorstellt, ihre
+Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem
+freudig den Rücken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, daß es überhaupt
+noch Mädchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die
+Vergnügungssucht triebe sie in die Städte, so ist zweifellos viel Wahres
+daran, es ist aber eine berechtigte Vergnügungssucht, denn ein unklares
+Bedürfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr
+aber als dies ist es der Wunsch, dem drückenden Elend und der quälenden
+Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefühle aber, die zur Landflucht
+den Anstoß geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter
+durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des ländlichen
+Proletariats in sich. Auch die ostelbische ländliche Arbeitsverfassung,
+die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevölkerung
+zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschüttert; selbst die Instleute
+opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persönlichen
+Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewußtsein läßt eine
+rapide zunehmende Zahl ländlicher Arbeiter der Arbeit außerhalb ihrer
+eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedürfnis der von der
+einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei
+entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer
+Weise bevorzugt, weil sie für fleißiger, sparsamer und bescheidener
+gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand für Unterbringung und
+Ernährung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche
+Verantwortung fortfällt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, daß die
+Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb
+des ländlichen Proletariats dadurch gefördert haben, ebenso wie jeder
+Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Großbetrieb ausweitet, dem
+Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je
+mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto
+leichter wird es auch möglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu
+schützen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die
+Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel,
+sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer
+elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einführung
+der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind,
+werden trotz ihrer momentan grade für die Arbeiter sehr empfindlichen
+Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmälert z.B. ihren Verdienst um ein
+Bedeutendes[787],--die Lage der ländlichen Arbeiter schließlich
+wesentlich umwandeln und verbessern. Für die Frauenarbeit kommen dabei
+vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in
+Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mägden eine der
+unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von
+innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine
+durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr
+Bahn bricht, daß die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in
+einer Lage befinden, die geeignet ist, die körperliche und sittliche
+Gesundheit des Volks bedenklich zu gefährden, und daß es Märchen, und
+nichts als Märchen sind, die man geflissentlich über sie verbreitete,
+und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betäuben.
+
+
+Der häusliche und der persönliche Dienst.
+
+Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung
+zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den häuslichen
+Dienstboten, einschließlich der außer dem Hause der Arbeitgeber
+wohnenden, den Wäscherinnen und Plätterinnen, den Kellnerinnen und den
+sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr
+gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewöhnlichen Sinn des Wortes
+sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen
+nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel
+produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der
+Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das
+Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern
+ließe, ein sehr unzureichendes. Den Wäschereien und ihren Arbeiterinnen
+wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Großbetrieben sich
+entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten.
+Zögernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende
+Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den häuslichen Dienstboten ging
+man so gut wie achtlos vorüber. Nicht nur, daß man nicht wagte, den
+Schleier zu heben, der über ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten,
+wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der
+Feudalzeit würdig wären, dachte man selbst in den Jahren lebhafter
+sozialer Gesetzesthätigkeit nicht im entferntesten daran, diese
+Millionen Menschen aus dem drückenden Joch zu befreien. Auch das
+Bürgerliche Gesetzbuch für das deutsche Reich, welches das Recht des 20.
+Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverändert bestehen lassen.
+Der Kultus der Familie hat die häuslichen Dienstboten mit einer
+chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute für strafbar
+gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt
+und so dicht vor Augen geführt wurde, daß selbst die Kurzsichtigsten es
+sehen mußten, wagte man es schüchtern und vorsichtig, eine kleine
+Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um
+das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den häuslichen
+Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln
+versuchen, so hieße das die Mauer umreißen und der Oeffentlichkeit in
+die eigenen Familienverhältnisse Zutritt gewähren. Selbst freisinnige
+Geister, die den Zuständen der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken
+wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden
+reaktionär, sobald die Dienstbotenfrage berührt wird. "_My house is my
+castle_" heißt es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen
+Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer
+Erkenntnis.
+
+Obwohl die Lage der häuslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein
+sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie
+täglich vor Augen sehen, hat die einschläfernde Macht der Gewohnheit bis
+jetzt die aufklärende Gewalt persönlicher Erfahrung zu unterdrücken
+gewußt. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeußerungen über die
+Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen
+Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage
+erscheint dem weitaus größten Teil derer, die sie in den Mund nehmen,
+nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der
+Dienstboten abzuhelfen ist. Daß sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und
+wie sie behandelt werden muß, daß der große Strom der Entwicklung, der
+in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern
+des bürgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen
+Grundpfeilern erschüttert,--und der häusliche Dienst ist solch ein
+Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fängt erst jetzt an zu dämmern, wo die
+Dienstboten selbst anfangen, zum Bewußtsein ihrer Lage zu kommen. Nun
+entdeckt man gleichsam in der uns täglich umgebenden eine neue
+unbekannte Welt und fängt an, zu begreifen, daß ein Leben noch kein
+menschenwürdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner
+bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.
+
+Die große Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die
+einzelnen Länder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es
+besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren
+z.B. in Deutschland die Löhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der
+Durchschnittssatz dürfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise
+sind es die Kindermädchen, die den niedrigsten, die Köchinnen, die den
+höchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der
+Kinderstube und der Küche liegen soll?! Was thatsächlich damit
+ausgedrückt wird, ist die Anforderung, die man an Köchin und
+Kindermädchen stellt: während die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem
+Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben muß, wird von dem
+gewöhnlichen Kindermädchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule
+entwachsen, hält man es für fähig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die
+nächste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mädchen für Alles" ein,
+das Kinder-, Stubenmädchen und Köchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt
+sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmädchen, das die
+Zimmer zu reinigen, das Küchenmädchen, das abzuwaschen und der Köchin zu
+helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfräuleins oder
+Kindergärtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmädchen und
+Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten höher entlohnt zu werden.
+Einen höheren Lohn erreicht das feine Stubenmädchen, das gewöhnlich die
+Plätterei und Näherei verstehen muß, und die Jungfer, der die
+persönliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie
+zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75
+Mk. im Monat. Die Köchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie
+gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der
+Mehrzahl deutscher, bürgerlicher Haushaltungen dürfte sie zwischen 18
+und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in großen
+Häusern oder auf Landgütern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von
+Küche und Vorratsraum in Händen hat und die Amme, die an Stelle der
+Mutter den Säugling ernährt.
+
+Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die höchsten Löhne in
+Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmädchen umfaßt, kommt
+zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach:
+
+ 21 Mädchen oder 4,7 Proz. einen Jahreslohn von 100-150 Mk.
+152 " " 33,9 " " " " 150-200 "
+179 " " 39,9 " " " " 200-250 "
+ 56 " " 12,5 " " " " 250-300 "
+ 41 " " 9,0 " " " " 300 u. mehr "
+
+Die Mädchen für Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 %
+von ihnen haben weniger als 200 Mk. jährliches Einkommen. Die Köchinnen
+erreichen die höchsten Lohnsätze, die außerdem bei ihnen niemals unter
+150 und selten unter 200 Mk. herabsinken.
+
+In England, für das eine offizielle Untersuchung über Dienstbotenlöhne
+vorliegt[789], sind die Verhältnisse ganz ähnliche, obwohl die Löhne
+eine größere Höhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn
+englischer Dienstmädchen beträgt 15,10 £, in Schottland steigt er auf
+17,12 £, in London auf 18,2 £, während er in dem armen Irland auf 12 bis
+14 £ fällt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule
+entwachsenen Kindermädchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis
+6 £ begnügen müssen.[790] Die Stufenleiter ist im übrigen folgende:[791]
+
+Mädchen für Alles erhalten einen Jahreslohn von 6-17 £
+Küchenmädchen " " " " 5-21 "
+Einfache Hausmädchen " " " " 7-24 "
+Stubenmädchen " " " " 14-24 "
+Köchinnen " " " " 11-28 "
+Kinderwärterinnen " " " " 6-30 "
+Kammerjungfern " " " " 19-30 "
+Wirtschafterinnen " " " " 34-52 "
+
+Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es
+notwendig, auch die Durchschnittslöhne festzustellen, die aus der
+Untersuchung der Lohnverhältnisse von 5338 weiblichen Dienstboten
+gewonnen wurden. Sie betrugen für
+
+Mädchen für Alles 16 £
+Kinderwärterinnen 16 "
+Hausmädchen 16 "
+Stubenmädchen 20 "
+Köchinnen 20 "
+Kammerjungfern 24 "
+Wirtschafterinnen 34 "
+
+Das Kindermädchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter
+der Köchin. Noch drastischer tritt dieses Verhältnis in Frankreich, der
+Hochburg kulinarischer Genüsse hervor, wo die Löhne der Köchinnen
+zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darüber schwanken, während
+Kindermädchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40
+zu bekommen pflegen. Ungewöhnlich hoch sind hier die Löhne der Ammen,
+die häufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Löhne, im
+Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten
+gezahlt. Nach einer Enquete beträgt der durchschnittliche Lohn der
+Dienstmädchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 %
+ebensoviel oder weniger, so daß sich daraus ein Jahreseinkommen von
+durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mädchen für
+alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $
+wöchentlich,--und die Köchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am
+besten stehen.[792]
+
+Nach alledem scheint festzustehen, daß nicht die Quantität, sondern die
+Qualität der geleisteten Arbeit am höchsten bezahlt wird, und zwar ist
+die Ursache davon nicht die, daß die Nachfrage nach der qualitativen
+Leistungsfähigkeit absolut eine besonders starke ist,--könnte man es
+zahlenmäßig nachweisen, so würden zweifellos die Mädchen für Alles als
+die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhältnis zum
+Angebot gelernter Arbeiterinnen überall hoch erscheint, und von den
+zahlungsfähigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Gründen sind die Löhne
+der männlichen Dienstboten unverhältnismäßig höher als die der
+weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr dürfte kaum ein deutscher Diener,
+unter 38 £ kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch
+verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat
+durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 £.
+
+Als Ergänzung des Lohns kann das Trinkgeld und das häufig im Geldwert
+bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden.
+In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele
+Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine
+oft respektable Höhe. So ist mir bekannt, daß ein Stubenmädchen in der
+Familie eines höheren Offiziers, das den geladenen Gästen beim Aus- und
+Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk.
+einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem
+Maße das Odium des Entehrenden an, weil es thatsächlich nur als
+Belohnung für außergewöhnliche Dienste auftritt und die Höhe des Lohns
+durch die Aussicht darauf nicht beeinflußt wird. Anders steht es, soweit
+die Stubenmädchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie
+werden in den weitaus meisten Fällen mit einem sehr geringen Lohn
+angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Für ihre
+harte Arbeit müssen sie auch noch in der beschämenden Haltung der
+Bittenden vor die Fremden hintreten, müssen ihnen, wie die Strauchritter
+am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres
+guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen
+entgegennehmen, an das noch dazu häufig genug beleidigende Anforderungen
+geknüpft werden.
+
+In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Höhe des
+Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip läßt
+sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint
+fast als müßte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein,
+weil sie nicht selbst für Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird
+stets außer acht gelassen, daß allein an die Kleidung des Dienstmädchens
+ganz andere Ansprüche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin,
+und daß gerade bei der häuslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur
+in reichen Häusern Englands und Frankreichs, sehr selten in
+Deutschland,--wo man sich auf das weiße Häubchen als Abzeichen der
+Dienstbarkeit beschränkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art
+Uniform ist, den Dienstmädchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist
+müssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch
+schmaler werden läßt. In sehr vielen Fällen aber haben sie von ihrem
+Lohn alte Eltern und Geschwister zu unterstützen. Wie oft sind mir
+Mädchen begegnet, die über die Hälfte ihres Geldes nach Hause schickten.
+Noch häufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernähren,
+wofür sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben müssen--meist den
+größten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglücklichen sind die
+Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und
+peinigen, sie halten überall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wäre die
+Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie können keine Ersparnisse
+machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange
+der müde Rücken es aushält, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein
+verbrauchtes Hausgerät. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die für
+niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drücken
+kann: die Dienstvermittlungsgebühren.
+
+Die Dienstvermittlung ruht fast ausschließlich in den Händen privater
+Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preußen gab es hier allein
+5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft
+waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Händen das Los der
+Dienstmädchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre möglichste
+Ausbeutung liegt natürlich im Interesse der Vermittler und so müssen die
+Dienstmädchen für jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in
+Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt,
+oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die großstädtischen
+Dienstmädchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen
+dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes würdig wären. In Wien
+allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus
+eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mädchen zu tragen
+haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr häufig nehmen die
+Vermittlerinnen sie während der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und
+Wohnung; sie üben dadurch, daß sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der
+Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es
+überdies in der Hand, die Mädchen möglichst lange bei sich festzuhalten.
+Die unerfahrenen Mädchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets
+ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen,
+durch Schmeicheleien und wohl auch durch häusliche Feste,--wobei die
+Mädchen natürlich die Zeche bezahlen müssen,--an sich zu fesseln, so ist
+das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in
+das Wartezimmer einer großstädtischen Vermieterin enthüllt
+für den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des
+Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrängt die Mädchen, vor ihnen die
+feilschenden "Gnädigen" mit prüfenden Blicken und Fragen, die eines
+Untersuchungsrichters würdig wären,--ein Sklavenmarkt mit all seinen
+Schrecken! Jedes deutsche und österreichische Mädchen hat überdies noch
+ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren
+ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthält, die alles vermuten
+und erraten lassen. Wagt es das Dienstmädchen seinerseits nach den
+Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es für frech
+und unverschämt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat,
+zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhör
+nimmt.
+
+Und was wartet seiner?
+
+Zur Entlohnung der häuslichen Dienstboten gehört, außer dem Lohn,
+Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein
+üblich; die vollständige Abhängigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in
+der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch
+zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfährt sie
+Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen
+Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo
+mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie
+ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen
+können.[794] Daß es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender
+Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in
+Süddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten
+in den Mietshäusern immer im obersten Stockwerk. Sehr häufig sind sie
+nicht zu heizen, so daß die Kälte im Winter sehr empfindlich ist, aber
+noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glühenden
+Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Nötigste zu fassen vermag,
+hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmädchen zusammen. Thür an Thür
+führt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung,
+Mädchen und Männer, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben
+nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsräume noch als gute zu
+bezeichnen im Vergleich mit denen, die der größten Mehrzahl der
+weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Städten geboten werden. Die
+Hängeböden sind hierfür besonders charakteristisch. Man versteht
+darunter Räume, die auf halber Höhe über dem Badezimmer, dem Kloset, dem
+Flur oder einem Küchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur
+mittelst einer Leiter oder einer steilen Hühnerstiege zu erreichen sind.
+Meist sind sie so niedrig, daß ein normal gewachsener Mensch nicht
+aufrecht darin stehen kann, und so klein, daß neben dem Bett kaum Platz
+genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natürlich
+stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenständen gerechnet, die nach der
+Küche oder dem Flur hinausmündende Thür ist dann das einzige
+Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft führt der Kamin der
+Küche direkt daran entlang, so daß eine unerträgliche Hitze sich der
+schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine förmliche
+Brutstätte hier findet. Noch häufiger liegt Badezimmer und Kloset unter
+dem Hängeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphäre erfüllt.
+Einen solchen Wohnraum für Dienstmädchen habe ich in einem der
+vornehmsten Häuser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen
+kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst für kleine Menschen zu niedrig
+war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklärte stolz, daß er
+geräumig genug sei, um zwei Mädchen zu beherbergen! Natürlich besaß sie
+einen Salon, der nur für Gesellschaftszwecke geöffnet wurde und ein
+Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des
+Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten
+Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmädchen, das während der
+Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner
+zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug.
+Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhältnisse kommen zu
+denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder
+Dachkammern, Kellerräume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich
+zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen
+Expertinnen als ihre Schlafräume angegeben, und zwar sind es nicht
+weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn
+24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so
+entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmädchen nur 93 diesen
+Anforderungen; etwa die Hälfte sind in Bezug auf die sanitären
+Bedingungen ihrer Wohnung ungünstiger daran als die Gefangenen in
+preußischen Zuchthäusern.[795]
+
+In einigen Städten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende
+Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen
+gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden
+Hängeböden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hängeböden, außer
+von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Höhe und bestimmtem
+Luftraum untersagt. Natürlich steht all dergleichen fast nur auf dem
+Papier, denn die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten sind nicht etwa
+nur der Ausfluß ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge
+der allgemeinen ökonomischen Verhältnisse. Mit den gesteigerten
+Lebensansprüchen haben die Einnahmen des weitaus größten Teils der
+Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie
+reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr
+aus. Infolgedessen wird überall dort gespart, wo das Auge des Fremden
+nicht hindringen kann, und die großstädtischen Wohnungen sind der
+Ausdruck dieser Entwicklung: das Eßzimmer, der Salon sind geräumig und
+glänzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel,
+der Raum für das Dienstmädchen ist eine Art Höhle. Wer weiß, in welchem
+Maße von der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins das Ansehen, der
+Kredit, ja die Existenz der Familien abhängt, wer dabei die furchtbare
+Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu überwinden nur Auserwählten
+gelingt, der wird sich auch sagen müssen, daß die Wohnungsmisère der
+Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten
+beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen
+Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hängeböden tritt nämlich
+nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein
+schwer zu öffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer
+erhellt, aufweist und ebenso wie die Hängeböden, nicht Raum genug
+bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstände
+unterzubringen. In den seltensten Fällen, in Privathäusern, bei reichen
+oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmädchen ein Zimmer, in das es
+sich abends, nach der Arbeit, gern zurückzieht, wo es aufatmen, sich
+selbständig und unbeaufsichtigt fühlen kann. Wohnräume für Dienstboten,
+wo ihre Freunde sie besuchen können, gehören auf dem Kontinent zu den
+größten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Häusern zu finden sind.
+Die Küche ist fast immer ihr Wohn-, Eß- und Empfangszimmer.
+
+Wie der Lohn, so ist die Beköstigung der Dienstboten die
+verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualität, als was die Art der
+Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Länder, die über
+eine Schar dienstbarer Geister verfügen, ist es üblich, daß für sie
+extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an
+gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des
+"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist für die Herstellung
+der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht
+gerade schlecht zu sein; um so erträglicher ist die Ernährung, als sie
+mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer
+eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begünstigten
+die Masse der Mädchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mäßig
+begüterten Bürger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein
+völlig verändertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger
+zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die
+Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten
+des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause muß
+sie in der Küche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel
+des Tisches, der notdürftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden.
+Sehr häufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre
+Quantität betrifft: das Mädchen darf sich nicht nach Gefallen satt
+essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In
+Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders
+geformte tiefe Teller, ähnlich den Näpfen, in denen man den Haushunden
+das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin
+zusammengeworfen. Man hält es vielfach für selbstverständlich, daß das
+schwer arbeitende junge Dienstmädchen durch das geringste Maß an Kost,
+durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein muß: eine Tasse dünnen
+Kaffees mit einer dünn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter
+Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewärmtem
+Kaffee--darin besteht nur zu oft die tägliche Nahrung. Trotzdem wird das
+Los des Dienstmädchens gegenüber dem der Fabrikarbeiterin als ein
+glänzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost
+betrifft häufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost
+durch einen bestimmten Geldbetrag abzulösen; in Deutschland, England und
+Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld üblich, das in
+Deutschland kaum über 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15
+bis 25 frs. erreicht. In großen englischen Haushaltungen wird manchmal
+für die ganze Beköstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die
+für Mädchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. täglich zu betragen pflegt. Für das
+Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese
+Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbständigung der
+Dienstboten, sie entspringen aber zunächst der Bequemlichkeit der
+Herrschaften, die sich dadurch einer lästigen Kontrolle enthoben fühlen
+und der gefürchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben.
+Thatsächlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das
+Dienstmädchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt,
+das legt sie am liebsten zurück, oder giebt es für etwas anderes aus,
+als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernährung veranlaßt,
+indem sie von ihrem ersten Frühstück oder ihrem Mittagbrot noch etwas
+zum Abend sich aufspart, oder sie ißt trotzdem aus der Speisekammer der
+Herrschaft. Es heißt auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei
+einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mädchen, das unsere Wohnung
+und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von
+unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der
+einen Seite, soweit es den Herrschenden nämlich zum Vorteil gereicht,
+durchaus aufrecht erhalten will, läßt sich auf der anderen nicht
+willkürlich durchbrechen. Nur das Gewähren von Geld als Ersatz für
+alkoholische Getränke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den
+notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehören und man dadurch,--eine
+Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem
+Genuß entgegenwirkt.
+
+Während Löhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen
+aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist,
+darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im
+allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des
+Sklaventums, daß der Herr die Person des Sklaven, seine ganze
+Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das
+Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen,
+wenn auch den allergrößten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote
+verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu
+folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmäßigkeit. "Mit welchem
+Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart
+auf die ungemessenen Fronden früherer Jahrhunderte zurück, ohne zu
+bedenken, daß sie zu ihren Dienstboten in einem ganz ähnlichen
+Rechtsverhältnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags
+darin erblickt, daß der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft für
+eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfügung stellt, so
+haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24
+Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begüterten oder minder begüterten
+Familien ändert sich nur die Intensität der Arbeit; die Arbeitszeit, die
+sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhängigkeit vom Willen
+anderer und der der freien Verfügung über die eigene Person kennzeichnen
+läßt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der höchste Grad
+der Arbeitsintensität findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den
+Kindermädchen und den Mädchen für Alles. Die Mutter erfreut sich der
+ungestörten Nachtruhe, das Kindermädchen aber opfert ihrem Sprößling die
+ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder für das Kind
+beschäftigt, denn während es schläft, wird die Kinderwäsche gewaschen,
+gebügelt, geflickt; während es wacht, wird es genährt, angekleidet,
+unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der
+gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsüberlastung dadurch vielfach
+aufgewogen, daß das Kindermädchen sich stundenlang mit ihrem Schützling
+in frischer Luft aufhalten muß, aber der Zwang, die Kinder tragen zu
+müssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrücksichten auf sie ist er
+besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder
+in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mädchen sind dadurch
+allen Gefahren der Rückgratsverkrümmungen und Unterleibsleiden
+ausgesetzt. Können die Kinder laufen, so ist die körperliche Anstrengung
+zwar geringer, die der Nerven aber um so größer. Ununterbrochen Kinder
+zu hüten, gehört thatsächlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint,
+die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermädchens für ein wahres
+Faulenzerleben zu erklären, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mütter
+aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich
+haben, können trotzdem nicht genug über die Roheit und Schlechtigkeit
+der Kindermädchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie
+meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer,
+dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensität der Mädchen
+für Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die
+an sie gestellt werden, oft unerfüllbare: Kochen und einkaufen, waschen
+und plätten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nähen und flicken, die
+Familie bedienen, den Gästen aufwarten,--das alles und noch mehr ist
+ihre Aufgabe. Von früh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefüllt; oft
+muß sie bis ein, zwei Uhr und länger thätig sein, weil Gesellschaft im
+Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil für die
+schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frühstück zur
+gewöhnlichen Zeit bereit stehen muß. Spät in der Nacht hat sie wohl auch
+die gnädige Frau oder das gnädige Fräulein vom Ball oder vom Theater
+heimzuholen. Niemandem fällt es ein, welchen Gefahren ein junges Mädchen
+bei weiten nächtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am
+wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber
+dem armen Ding, wenn es Müdigkeit oder Mißmut fühlen läßt; auch die
+gleichmäßige gute Laune gehört zu den ausbedungenen Pflichten eines
+Dienstmädchens. Die Arbeitszeit der Köchin ist vielfach weniger
+ausgefüllt als die des Mädchens für Alles; auf sie dürfte im allgemeinen
+zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthausköchinnen
+ergeben hat, die während vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich
+zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert,
+sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen
+verursacht Krampfadern und geschwollene Füße, das Einatmen der
+Speisenausdünstungen bewirkt Magenstörungen, die oft chronisch werden,
+das beständige Hantieren am glühenden Herd zerrüttet die Nerven. Die
+Klagen über launenhafte cholerische Köchinnen, denen es doch "so gut"
+geht, sind nur allzu bekannt!
+
+Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist
+ihre Nachtruhe oft mehr beeinträchtigt als die des Kindermädchens. In
+der Zeit der geselligen Hochflut, die für viele Damen der großen Welt,
+deren Leben sich zwischen der Großstadt und den Modebädern abspielt, nur
+durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine
+ausreichende und ungestörte Nachtruhe. Was es aber für ein junges
+Mädchen heißt, ihre oft viel ältere Herrin Tag für Tag in glänzender
+Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, während es, das
+junge, hübsche, lebenslustige Mädchen, zu gleicher Zeit allein in seiner
+Kammer sitzen und bei trübem Lampenlicht allnächtlich auf die Heimkehr
+der "Gnädigen" warten muß,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird
+denn auch die Gefühle eines Dienstmädchens mit demselben Maße messen,
+wie die eigenen!
+
+Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmädchen in den
+Hotels, in Pensionen. Um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird
+so wenig als möglich Personal angestellt. Es kommt vor, daß ein Mädchen
+die Bedienung von 30 bis 40 Gästen, die Instandhaltung von 20 bis 25
+Zimmern zu übernehmen hat.[798] Die Nachtruhe währt oft kaum fünf bis
+sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und
+nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine
+Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden dürfte kaum zu den
+Ausnahmen gehören.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner
+Dienstbotenverhältnisse bestätigt nur alle unsere Angaben. Von 547
+Mädchen arbeitet die Hälfte,--51,5%,--länger als 16 Stunden täglich. Die
+andere Hälfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12
+Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mädchen
+für Alles, die am längsten arbeiten müssen; für 59% dauert der
+Arbeitstag über 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen
+Verhältnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der
+Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer
+Berechnung,--ob nämlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage
+diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild
+hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmädchen sollen 10
+Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thätig
+sein.[801]
+
+Die freie Zeit der Dienstmädchen beschränkt sich in Deutschland,
+Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei
+Wochen. Für Berlin hat sich herausgestellt, daß 69% der Dienstmädchen
+innerhalb eines halben Monats nur fünf bis sechs Stunden für sich
+haben.[802] Denn der vierzehntägige Ausgang schrumpft noch
+außerordentlich zusammen, weil das Mädchen erst nach beendeter Arbeit
+fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurück sein muß. Nur
+selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewährt, in der es
+seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in
+Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Häuser, wo die
+Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen übernommen werden
+kann, ohne daß es die Bequemlichkeit der Herrschaft stört. In den
+begüterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, daß jeder halbe
+Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den
+Dienstboten freigegeben wird, häufig bekommen sie sogar vierzehn Tage
+Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der
+Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen
+Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des
+freien Abends in der Woche nach und nach eingebürgert.[803] Auf dem
+Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmädchen als eine
+unerhörte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rückgangs alter Zucht
+und Ordnung" angesehen. Daß das Dienstmädchen Zeit für sich braucht,
+wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, daß es ein Bedürfnis
+nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben
+könnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am
+wenigsten denen, die selbst im Winter fast täglich in Gesellschaften
+gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fällt ihnen
+aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmädchen zu erhöhen, wenn sie
+sehen, daß die überlange Arbeitszeit sie nötigt, ihre Kleidung von
+Lohnarbeiterinnen ändern und herstellen zu lassen.
+
+Die Folgen der niedrigen Löhne, der schlechten Wohnung und ungenügenden
+Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind
+in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren
+Dienstmädchen nicht scharf genug rügen können. So wurde von jeher
+darüber geklagt, daß die Dienstmädchen die Herrschaften dadurch
+übervorteilen, daß sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, daß
+sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese
+alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhöhen, wird heute von den
+Dienstboten und den Verkäufern als ein selbstverständliches Recht
+angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmädchen für jeden Einkauf vom
+Händler einen Sou (fünf Centimes) für den bezahlten Franc. In
+Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt
+also in seinem Interesse, die Herrschaft zu möglichst vielen Ausgaben zu
+veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist
+demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so
+doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und
+Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel
+eines eigenen Zimmers, durch den jedes persönliche Leben unmöglich
+gemacht wird, führt andererseits dazu, daß die Dienstmädchen sich nicht
+heimisch fühlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts
+der Hängeböden von ihnen zu verlangen. Die Unmöglichkeit, mit
+seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der ständigen Kontrolle auch der
+wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mädchen auf die Straße,
+in den Grünkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen
+jammern dann über ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit,
+Faulheit und Liederlichkeit".
+
+Das gilt besonders für jene Mädchen für Alles, die keine Gefährtin im
+Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mädchens, dessen Sehnsucht nach
+dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit
+zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem
+Verderben in die Arme treibt, haben die Brüder Goncourt mit vollendeter
+Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch
+darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch
+Wohlwollen auf der einen und Anhänglichkeit auf der anderen Seite nicht
+überbrücken läßt.[805] Selbst der Versuch, den gutmütige, aber
+unverständige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mädchen zur Familie
+heranziehen, es womöglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit
+ihnen am selben Platz nähen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz für
+den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere
+geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in
+unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt.
+Zieht nun aber solch ein Mädchen den Küchenwinkel dem Platz am
+Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht
+darin den Beweis dafür, daß die Dienstboten sich gar nicht aus der
+Einöde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen
+jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbürdung
+und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel
+bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit,
+Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt
+deprimierender als das graue Einerlei unaufhörlicher Werkeltage und die
+Unmöglichkeit, sich selbst zu gehören. Aber noch ein Resultat rufen
+diese Zustände zusammen hervor, das für den Charakter der Herren wie der
+Diener gleich schädlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die
+antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte
+ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenüber.
+Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfügen über kein anderes
+Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter
+hintergehen und belügen, das Dienstmädchen, das im Grünkramkeller mit
+ihren Freundinnen zusammentrifft, muß für ihr langes Ausbleiben nach
+einer anderen Ausrede suchen; heimlich verläßt sie abends das Haus, will
+sie sich amüsieren, heimlich empfängt sie ihre Besuche; ihre, durch die
+äußeren Verhältnisse großgezogenen Untugenden sind wieder die Ursache
+jenes tiefgewurzelten Mißtrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie
+wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und
+Lüge. Sie beleidigen dadurch unaufhörlich das Ehrgefühl der
+Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen
+Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave
+Mirbeaus Kammerjungfer Célestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn
+sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn!
+Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in
+der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an
+Korruption, an rebellischen, von Haß erzeugten Gefühlen in sich
+schließt.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle
+Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer
+Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und
+leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen
+einem vorübergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der
+Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von kränkendem Mißtrauen
+verfolgt, das die Thüren, die Schränke, die Schlösser vor uns
+verschließt und das ohne Aufhören über unsere Hände, in unsere Taschen,
+unsere Koffer die Schmach spürender Blicke gleiten läßt.... Und dann die
+Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritäten,
+alles Lächelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen
+unübersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrücktem Haß und
+quälendem Neid auftürmt."
+
+Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenüber, als in der
+Häuslichkeit. Es gehört der ganze Stumpfsinn niedergedrückter, von der
+frischen Luft der neuen Zeit künstlich abgeschlossener Volksschichten
+dazu, um es erklärlich zu machen, daß die Dienstboten angesichts dieser
+krassen Gegensätze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer
+großen Mehrzahl nach aus sozial und ökonomisch tief stehenden Schichten
+der Bevölkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berührt
+wurden. Der Stadt gehen sie mit der größten Erwartung entgegen, in ihr
+atmen sie, im Vergleich zu den Verhältnissen, denen sie auf dem Lande
+meist entronnen sind, Freiheitsluft und fügen sich daher ohne Murren in
+harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen
+Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmädchen[807], und in einem Jahr,
+1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren
+Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von außerhalb.[809] In Amerika
+sind die meisten Dienstmädchen arme Ausländerinnen, deren Ansprüche weit
+geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England
+bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mädchen,--eine
+Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu
+schämen haben, denn überall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als
+Lohndrücker auf. Dazu kommt ferner, daß die sozialen Schichten, aus
+denen die Dienstmädchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner
+Dienstmädchen z.B. stammen ab von[810]
+
+Handwerkern 27 Proz.
+Arbeitern 24 "
+Kleinen Landwirten 17 "
+Kleinen Beamten 12 "
+Anderen Gewerbetreibenden 7 "
+Ungenau 13 "
+
+Die große Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder
+angeben konnten, findet darin ihre Erklärung, daß es gerade unter den
+Dienstmädchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von
+früh an im Dienst fremder Leute herumgestoßen werden.[811] Die meisten
+von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr früh. Von den österreichischen
+Dienstmädchen waren nach der letzten Zählung 28 % 11 bis 20 Jahre
+alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmädchen
+gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18
+Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt
+zu haben, die Außenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von früh an
+vor der Berührung mit ihr sorgfältig abgeschlossen. Nicht nur, daß sie
+ihre besten Jahre der härtesten Fron opfern und durch sie verbraucht
+werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und
+Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen
+zusammenzuschließen.[814] Aus all diesen Gründen sind sie so rückständig
+und fangen erst langsam an, das Unerträgliche ihrer Lage zu empfinden.
+Nicht auf den äußeren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht
+es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen
+lassen müssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausübung der
+schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall kühle
+Gleichgültigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit
+unserer Freude, sie sollen Rücksicht nehmen auf unsere Nerven, uns
+pflegen, wenn wir krank sind,--daß auch ihr Leben Schmerz und Freude
+kennt, daß auch sie Nerven haben und krank sein können, das fällt den
+guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie
+über Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie
+beklagen sich bitter über die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer
+Mädchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß solch ein
+armes Geschöpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die dürftigsten
+Verhältnisse und nun plötzlich den bürgerlichen Haushalt und die
+bürgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie
+viele Hausfrauen zeigen ihren Mädchen niemals ein freundliches Gesicht;
+keine Bitte, kein Dank kommt über ihre Lippen, Scheltworte statt dessen
+um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thätlichkeiten fehlt es nicht, wie
+zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das
+Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen
+gegenüber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den
+Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den
+großen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmädchen das Opfer der
+Begierden der früh verdorbenen Söhne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau
+begegnet, die das Verhältnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmädchen mit
+der Begründung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die
+Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fällen die
+Verführer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen,
+wie die Fabrikanten und Geschäftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die
+Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in
+die humoristische Presse. Sie beschäftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit
+den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rücken der Gattin mit den
+Dienstmädchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Münchener Fliegenden
+Blätter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder
+frivol, wie die stärker auftragenden französischen Journale.
+
+Die größten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmädchen in den Hotels
+und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu
+den persönlichen Diensten, die für ein Trinkgeld geleistet werden
+müssen, die Befriedigung ihrer Lüste oft wie etwas Selbstverständliches
+zählt, übersteigt häufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen
+Vergewaltigung.[815] Nun wäre es freilich übertrieben, die große Zahl
+unverheirateter Mütter unter den Dienstmädchen,--in Berlin haben 33 %
+aller unehelichen Kinder Dienstmädchen zu Müttern,--allein auf die
+Verführung ihrer Herren und deren Söhne zurückzuführen. Die Ursache
+davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprünglichen Liederlichkeit
+der Mädchen, über die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in
+den Verhältnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen
+mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anständigen
+Raum dafür, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so
+empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und
+verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthält, als
+das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht
+mehr zu fürchten sind, auf nächtliche Vergnügungen. Haben sie nicht etwa
+dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die
+Töchter ihrer Gnädigen? Die bürgerliche Gesellschaft treibt sie zum
+Fall; es gehört große sittliche Festigkeit dazu, unberührt zu bleiben,
+die von den Mädchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der
+Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem
+Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten
+Dienstmädchen kehren aus den Städten mit einem Kinde aufs Land
+zurück.[816] Sehr viele fallen schließlich der Prostitution in die Arme.
+So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, daß von 100
+Prostituierten 36 ehemalige Dienstmädchen waren[817], eine amerikanische
+Berechnung zählt sogar 47 auf 100.[818]
+
+Aber noch andere indirekte Einflüsse kommen hinzu, um die weiblichen
+Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit
+Recht, daß vor seinem Bedienten der Größte klein wird; das heißt mit
+anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille,
+keiner wird so vertraut mit den häßlichen, gemeinen, niedrigen
+Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch
+wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte
+unberührt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und
+Verschwendungssucht, Frivolität und Liederlichkeit, daneben oft die
+ganze Verlogenheit äußeren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken
+soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man müßte ein gereifter,
+moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphäre rein
+hervorzugehen, nicht aber ein junges Mädchen, das aus dem Dunkel kommt
+und geblendet wird von all dem gleißenden Schein. "Der Dienstbote ist
+kein normales Wesen mehr", sagt Célestine[819], "... er gehört nicht
+mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in
+deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und
+die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der
+Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Möglichkeit zu haben, sie
+zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese
+anständige bürgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache,
+daß er den tödlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet
+hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur völligen Aufgabe
+seiner Persönlichkeit." Wie sehr rügen die braven Bürgerfrauen die
+Putzsucht ihrer Dienstmädchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu
+thun; als ob sie selbst nicht häufig genug durch ihren Luxus und ihre
+Sucht, die reiche Nachbarin womöglich in der Kleiderpracht noch zu
+übertreffen, den Ruin der Familie herbeiführen helfen. Wie kommen sie
+dazu, von ihrem armen Dienstmädchen mehr Bescheidenheit und
+Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich
+selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler,
+sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmädchen: sie härmen sich mehr
+an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen häufig
+innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrückt; sie
+verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit größerem Interesse
+unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach
+mit größter, gradezu mütterlicher Sorgfalt.[820] Statt daß ihre
+Klatschsucht Empörung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr
+über ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten
+Diener, den ich veranlaßte, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er
+hatte schon viele Seiten gefüllt, da zerriß er sein Manuskript, aus
+Angst, nach seiner Veröffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen.
+Selbst die Anonymität, glaubte er, könne ihn nicht schützen. Wenn der
+Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos öffnen kann, so wird die
+Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hören müssen. Ein Mensch
+mit niedriger kriechender Gesinnung wird verächtlich eine Bedientennatur
+genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstärke gegenüber Höherstehenden
+wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der
+Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche
+Zeichen dafür, daß das beschämende Bewußtsein des eigenen physischen und
+seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den
+entehrenden Ketten zu rütteln beginnen.
+
+Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends,
+das die bürgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter
+nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glühende Ansprachen
+an die Mütter sind längst verhallt, beinahe zu einer litterarischen
+Merkwürdigkeit geworden; die Degeneration der bürgerlichen Gesellschaft
+hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brüste ihrer Mütter sind
+immer häufiger leer, teils, weil die Sünden der Vorfahren sich an ihnen
+rächen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer
+Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergnügungssucht und
+Eitelkeit stärker als das Bewußtsein der Mutterpflichten, und statt dem
+Kinde zu geben, was die gütige Natur für es geschaffen hat, wird ein
+Ersatz dafür gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der
+Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernährung fremder Kinder
+mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden!
+Dieselbe Gesellschaft, die verächtlich auf ein gefallenes Mädchen
+herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt,
+züchtet künstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet
+das einfachste Ehrgefühl, zerstört die Familien, denen sie die Mütter
+entreißt, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig
+gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten
+Sprößlingen. Der ganze Spreewald Preußens lebt von dem Verdienste der
+Ammen; häufig gehen die Mädchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach,
+bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder
+bis ihre Gebärfähigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne wählt seine Frau
+je nach der Fähigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine
+Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem
+eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womöglich zu
+versaufen und zu verprassen.[821] Die kräftige Nahrung, die oft kostbare
+Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewährt wird,--nicht aus
+Mitleid und Dankbarkeit natürlich, sondern nur aus Rücksicht auf den
+Säugling,--bietet keinen Ersatz für das unendliche Elend, die um sich
+fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe
+dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen
+nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nähren, die
+Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepäppelt wurde,
+wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich
+gestalten, wenn ihre Mutter sie genährt hat, nachdem sie früher
+ahnungslos ein syphilitisches Bürgerkind an ihren gesunden Brüsten groß
+zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das
+das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht überträgt die lebendige
+Nährmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene
+Mütter währenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brüste beim
+strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der
+Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben.
+
+Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der
+jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch über sie
+unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen
+gesunden Gefühls und kräftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, daß
+diese Not ständig zunimmt. Nach einem Bericht der städtischen
+Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein läßt,
+ihre Zöglinge für den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten,
+waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6
+Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden,
+sie hatten die persönliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und
+Not erkauft werden muß, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die
+Allüren des Herrentums annimmt, vorgezogen.
+
+Für viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend
+der Fabrikarbeiterin hören, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not
+zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmädchen!
+Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte
+Ernährung der Arbeiterfamilie wird darauf zurückgeführt, daß die Frauen
+nicht vor der Ehe Dienstmädchen waren, und es giebt Leute genug, die
+nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu nützen glauben,
+wenn sie für die jungen Mädchen eine Art Dienstzwang einführen möchten.
+
+Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600
+Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen,
+warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafür
+übereinstimmend folgende Gründe an: 1) Mangel an Freiheit und
+unaufhörliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das
+Unterthänigkeitsverhältnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kränkende
+Behandlung besonders von seiten der Herren und Söhne des Hauses. 5) Kein
+eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine
+Möglichkeit, Freunde zu empfangen, außer in der Küche unter Aufsicht der
+Herrschaft.[822]
+
+Diesseits des Oceans sind die Gründe dieselben wie jenseits. Es fragt
+sich nur, ob die bürgerliche Familie mit ihrer gegenwärtig bestehenden
+Privathaushaltung im stände ist, sie aus der Welt zu räumen. Eine
+verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der
+Dienstmädchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem
+schlechten Charakter und bösen Willen der Arbeitgeber und der
+Arbeitnehmer, sondern der ökonomischen und sozialen Seite des
+persönlichen Dienstverhältnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition.
+
+Wir haben gesehen, daß in den Häusern der oberen Zehntausend, wo infolge
+eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem
+Lohn, gutem Unterkommen und anständiger Kost gewährt zu werden pflegt
+und nebenbei auch, bei der persönlichen Distanz zwischen Herrn und
+Diener, die Reibungsmöglichkeiten seltener sind und das sogenannte
+patriarchalische Verhältnis ganz ausgelöscht ist, die Lage der
+häuslichen Bediensteten sich am günstigsten gestaltet. Je kleiner der
+Haushalt und je beschränkter die Mittel, desto unerträglicher wird sie.
+Da nun aber die große Masse des Bürgertums, teils infolge direkter
+Vermögensverluste, teils infolge des zunehmenden Mißverhältnisses
+zwischen Einnahmen und Ansprüchen, sich pekuniär keinesfalls in
+aufsteigender Linie bewegt, so ist für eine Hebung der Lage der
+Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das
+Mädchen für Alles zur begehrtesten Persönlichkeit werden; weder ihr
+Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit können eine
+wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben,
+die sich in dem Glauben wiegen, die bürgerliche Welt, wie sie heute
+geworden ist, wäre insgesamt im stande, die eigenen Bedürfnisse den
+Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschränken, sich etwa mit einem
+Zimmer weniger zu begnügen, um es dafür dem Dienstmädchen einzuräumen,
+Vergnügungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten
+aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewähren zu
+können? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung
+volles Verständnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen
+abgesehen, außer stände, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch
+die sittlichen Mißstände und die Divergenz der Interessen können sich
+mit der zunehmenden Aufklärung der Dienstboten und dem Widerstand der
+Herrschaften dagegen nur verschärfen. Denn mit der Abnahme der
+Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, daß damit die
+Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage
+steht, und der vielfach wütende Fanatismus, mit dem die große Mehrzahl
+der Hausfrauen, von der bürgerlichen Presse lebhaft unterstützt, gegen
+die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwärtig
+meist noch unklare Gefühl davon zurückzuführen.
+
+Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat
+sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten
+nur rascher vorwärts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit
+angebahnt. Nicht nur, daß die Produktion für den Haushalt schon längst
+nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der
+häuslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von außer dem Hause
+wohnenden Arbeitskräften übernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der
+Aufwartefrauen läßt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen
+und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder
+erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen
+und die Flickerinnen, die ins Haus kommen.
+
+Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese
+Arbeiten außer das Haus verlegte. In den Großstädten wird es besonders
+mehr und mehr üblich, die Wäsche in Wäschereien reinigen und plätten zu
+lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszählung 73766
+Wäschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar
+entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber
+werden 66662 gezählt.[823] Die sanitären Verhältnisse sind überall
+höchst bedenkliche: In den Großbetrieben, meist Dampfwäschereien,
+herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35° R. erreicht und in der die
+meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten müssen, die
+Atmosphäre wird aber zu einer noch bedeutend gefährlicheren in den
+Plättereien, wo die Gasdünste der Plätteisen die Luft verpesten. Trotz
+aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine höchst
+mangelhafte, weil die Rücksicht auf die Wäsche, die durch den
+eindringenden Staub beschmutzt werden könnte, der Rücksicht auf die
+Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese großen
+Wäschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitsstätten, denn
+alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme
+Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines
+Mädchens die Arbeit übernimmt, pflegt zunächst die abgeholte schmutzige
+Wäsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren,
+nachzuzählen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr
+anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem
+engen Raum fest, wo kleine Kinder in nächster Nähe schlafen, oder
+zwischen der schmutzigen Wäsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft
+kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen für die Familie bereitet
+wird, in großen Kesseln die Wäsche; der daraus aufsteigende Dunst
+erfüllt das ganze Zimmer. Häufig genug wird selbst ein Teil der Wäsche
+im Wohnraum zum Trocknen aufgehängt, womöglich über den Betten der
+Kinder und der Kranken. Die Plätterei steigert noch die Gefahren für die
+Arbeiterinnen wie für die übrigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter
+ist der Plättplatz dicht neben dem glühenden Ofen, um möglichst schnell
+die Eisen aus dem Feuer ziehen zu können. Und in dieser Umgebung,
+inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die
+ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen
+entwachsene Mädchen bis zur Entkräftung darin. Zum Schluß wird die
+sauber zusammengelegte Wäsche zum Nachzählen abermals im Zimmer
+ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, daß bei den engen Räumlichkeiten
+fertige Wäschestücke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder
+liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wäsche reicher Leute in
+die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Häuser
+der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" löst sich
+eben, in der Nähe betrachtet, ebenso in trübe Elendsbilder auf, wie das
+Idyll der "lustigen Nähmamsell". Würden nicht die Hausfrauen mit einer
+Zähigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an
+den kleinen Wäschereien festhalten, weil die Dampfwäschereien angeblich
+die Wäsche mehr verderben, sie wären schneller, als es jetzt schon
+geschieht, dem verdienten Untergang geweiht.
+
+Mehr noch als die Vergebung häuslicher Arbeiten an Außenstehende hat die
+rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshäuser die bisherige Form des
+Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu
+erschüttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben
+allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und
+die Zahl der darin beschäftigten Personen um 295713, d.h. um 132 %
+zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Männer eine alte
+Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine
+Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und
+Englands in wachsendem Maße zur Auflösung des privaten Haushalts führt.
+
+Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Häuslichkeit
+betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Küche und Keller oder
+bei der Bedienung der Gäste beschäftigt, galten für häusliche
+Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale
+Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe
+von Mißständen schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im
+Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr für die männliche Tugend zu
+erblicken, entschloß man sich, die Zustände einmal in der Nähe zu
+betrachten. Durch die Königliche Arbeitskommission geschah es in
+England, durch die Kommission für Arbeiterstatistik in Deutschland, eine
+Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergänzend hinzu. Nur ein sehr
+kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten
+erfaßt,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil,
+4093,--und, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am
+niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberührt. Kellnerinnen
+aus Cafés, Café-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden
+befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich,
+trauriger Berühmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen.
+Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mißliches; man war ausgezogen,
+bereit, den Bannstrahl über Scharen von Sünderinnen zu schleudern, und
+fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung
+schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen.
+
+Betrachten wir zunächst die Anforderungen, die an sie gestellt, und
+sodann die Entschädigungen, die ihnen dafür geboten werden. Als ein
+junges, schmächtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die
+angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die nötigen
+Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird
+Wassermädchen, d.h. sie hat den Gästen nur das Wasser zu bringen und
+steht gewissermaßen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die
+unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr
+abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewöhnlich
+lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen muß und
+sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis
+achtzehnstündige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft
+noch schulpflichtige Mädchen ganze Nächte durch aushilfsweise
+beschäftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu
+sein, sie befinden sich in einer fast ständigen Hast, als Sündenbock von
+jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hübsch und
+verfügt sie über eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine
+Staffel empor zu rücken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch
+private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schärfer
+handhaben, als die für häusliche Dienstboten. Gebühren von 10 bis 30
+Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein
+Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurückbehalten wird, wenn die
+Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden,
+so wird sie in den weitaus meisten Fällen ohne schriftliche
+Vertragsschließung angetreten und von einer Kündigungsfrist ist, unter
+Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede,
+weil die Kellnerin es sich gefallen lassen muß "auf Probe" angestellt zu
+werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich,
+vielleicht gefällt sie den Gästen nicht, dann fliegt sie hinaus von
+einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der
+sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt,
+um recht viel an ihr zu verdienen.[830]
+
+Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto früher.
+In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmädchen und ehe sie
+Gäste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der
+Gastzimmer, der Gläser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so
+hat sie das für diese Arbeiten angestellte Personal zum großen Teil aus
+eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit
+dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Füßen;
+immer lächelnd, immer zuvorkommend, der gröbsten wie der gemeinsten
+Behandlung gegenüber, hat sie die Getränke und Gerichte
+heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebäder wurde fast durchweg
+konstatiert, daß die Kellnerinnen von sieben Uhr früh bis zwei Uhr
+nachts thätig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wöchentliche
+Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger
+Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen
+Kellnerinnen haben eine regelmäßige tägliche Arbeitszeit von
+
+12 und weniger Stunden 5,0 Proz.
+12 bis 14 Stunden 19,3 Proz.
+14 bis 16 Stunden 51,8 Proz.
+16 bis 18 Stunden 23,4 Proz.
+mehr als 18 Stunden 0,5 Proz.[832]
+
+Die überwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis
+sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gäste steigert
+sich diese Arbeitszeit willkürlich. Während des Karnevals in München
+kommt es vor, daß Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistündiger Pause
+während vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden hintereinander Dienst
+thaten.[833] Von regelmäßigen Pausen ist überhaupt nur selten die Rede;
+sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die
+Wirtsstube leer, so kann das müde Mädchen vielleicht auf kurze Zeit des
+Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heißt es geschäftig
+aufspringen und seine Wünsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshäusern
+wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschäftigt sind, das
+Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden
+machen könnte. Nur beim Essen können sich auf kurze Zeit die matten
+Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie
+Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der
+Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, für die
+glücklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In München wird
+vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche
+gewährt[834], aber auch nur unter der Bedingung, daß ein Ersatz von der
+Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der
+Kommission für Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die
+Angestellten regelmäßig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwölfmal,
+in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch öfter im Jahr. In
+der Hälfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber
+immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshäusern
+giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der
+Hälfte giebt es nicht einmal freie Stunden!
+
+Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften,
+die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens
+zugestehen[836], und sich dann, ähnlich wie die Hausfrauen den
+Dienstboten gegenüber, darauf berufen, daß ihre Angestellten einen
+leichten Dienst hätten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie
+Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehören kann, zu
+ersetzen im stände wäre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird
+nun aber auch in der größten Anzahl der Fälle in Räumen zugebracht, die
+allen hygienischen Ansprüchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube
+vermischt sich darin mit den Speisengerüchen und den Ausdünstungen der
+Menschen. Wo gelüftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten
+Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermüdung
+und Erhitzung rufen aber auch ein ständiges Durstgefühl hervor, das in
+Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit
+folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch
+nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit
+Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehört es
+zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie
+mit ihm trinkt und so eine möglichst hohe Zeche erzielt. Zum
+Entgegenkommen gegenüber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun
+beim Trinken besteht, ist sie überhaupt immer gezwungen; mehr als von
+ihrer Arbeitstüchtigkeit hängt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um
+die Gäste möglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich häufig genug
+genötigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur
+in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende
+Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zündhölzchen und
+dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf
+ihre äußere Erscheinung erstrecken sich schließlich noch die
+Dienstvorschriften: in großen Lokalen ist eine bestimmte Toilette,
+selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mädchen veranlaßt werden,
+sich täglich vom Friseur die Haare machen lassen zu müssen,
+Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostüme häufig
+geliefert; Mädchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen
+mögen, was so und so viele mehr oder weniger fragwürdige Vorgängerinnen
+schon getragen haben, müssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer
+dieser verschiedenartigen Pflichten, Müdigkeit, Unfreundlichkeit gegen
+einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender
+Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar
+keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeußeres Mißfallen
+zu erregen, so muß sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn
+eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heißt es bei
+den Gästen: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes
+Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gästen durch den
+Wechsel einen Gefallen zu thun, kündigen die Wirte den Kellnerinnen,
+lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, daß über
+die Hälfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur
+drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller über ein Jahr in
+ihrer Stellung waren.[841]
+
+Je älter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die
+vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines großstädtischen Lokals
+war, muß schließlich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein
+armseliges Dasein zu führen. Die Gäste wollen nur von jungen, hübschen
+Mädchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895
+giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die über 30
+Jahre alt sind. Schließlich stellt selbst das geringste Wirtshaus die
+alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann
+sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler
+werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wäscherin, Geschirrputzerin
+oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich
+empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Straße, als die
+verachtetste aller Frauen.[843]
+
+Und doch strömen dem Kellnerinnenberuf jährlich Tausende zu; immer
+wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die
+Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glänzend, um diesen Zudrang zu
+rechtfertigen? Die Kommission für Arbeiterstatistik stellte fest, daß
+von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch
+Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergänzt wird. 21 % bekommen demnach
+gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die
+eine Hälfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk.
+und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die
+Lohnverhältnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die
+Hälfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Großstädten, wo die
+Animierkneipen eine große Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, daß
+sie überhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur
+8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Süddeutschland steigt dagegen der
+Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch
+hier machen die Großstädte eine Ausnahme. In München, wo allein gegen
+3000 Kellnerinnen gezählt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz
+abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in großen
+Restaurants fast durchweg Sitte ist, daß der Oberkellner dafür, daß er
+bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch
+immer häufiger vor, daß von den weiblichen Angestellten dasselbe
+verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies
+System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen
+beschäftigt, zum erstenmal eingeführt, und hat sich seitdem überall hin
+verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den großen Bädern, wie in
+Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders üblich sein, jedenfalls ist
+dort der feste Lohn so gut wie vollständig abgekommen. Sein Ersatz ist
+das Trinkgeld.
+
+In der Anerkennung außergewöhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung
+zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demütigendes an sich. Es
+bildete jedoch den Ansporn für die profitgierigen Wirte, die
+Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich
+auf den Gast abzuwälzen. Aus einem freiwilligen Geschenk für besondere
+Fälle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu
+tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner
+halb bittend, halb fordernd verlangen, für dessen Erreichung besonders
+die Kellnerin sich nur zu oft demütigen und ihre Würde preisgeben muß.
+Es ist gewissermaßen der äußerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems:
+jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der
+sie bezahlt, durch irgend etwas mißfällt, die Kellnerin setzt ebenso
+ihre Existenz aufs Spiel, nur daß sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit
+groschenweise zusammenbetteln muß. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber
+nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der
+trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und
+Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen
+bestehende Arbeit, und verlangt für jeden Groschen einen Dank. Zu dem
+Herabwürdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine
+vollständige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund
+der Einnahmen ist für die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und
+wäre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, förmlich zur
+unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsführung dressiert, denn sie
+weiß von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird.
+Außerordentlich schwer läßt sich die Höhe der Trinkgelder bestimmen; die
+Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu
+niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es
+vorkommen, daß die abendliche Abrechnung einen Ueberschuß von 6 bis 7
+Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger dürften in nicht so
+bevorzugten Plätzen weit häufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen
+hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es
+nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn.
+Die Wassermädchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen
+werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk.
+jährlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren großen
+Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, daß jeder Kellnerin
+für zerbrochenes Geschirr täglich ein für allemal 20 Pf. angerechnet
+werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist
+dabei stets vom Wirt willkürlich zusammengestellt, ohne daß die
+Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst für die
+Lieferung der Kostüme werden den Kellnerinnen häufig 30 Pf. bis 1 Mk.
+vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst muß demnach schon ein ganz guter
+sein, ehe sie für sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld
+besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten
+Prozenten der verkauften Getränke,--ein System, das die armen Mädchen
+dazu zwingt, durch möglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu
+verlocken.
+
+Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die
+Existenz der Kellnerin. Sie ist vollständig von ihm abhängig. Wer
+begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen
+der Männer in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der
+Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen
+prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf
+sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede
+käufliche Dirne. Daß die schmutzigsten Gespräche ungeniert vor ihr
+geführt werden, ist das geringste der Uebel; man belästigt sie aber mit
+zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann
+nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf
+die Duldung seiner Zärtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequälten
+aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine
+Beschwerde des Gastes beim Wirt über die "Unfreundlichkeit" der
+Kellnerin genügt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies
+ebenso für die anständigen Wirte, wie für die der Animierkneipen. Hier
+allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu
+gehen. Wenn auch in den meisten Städten Polizeiverordnungen bestehen,
+die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht,
+bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier,
+und es giebt beinahe überall in dieser Art Wirtschaften sogenannte
+Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten
+dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die
+Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, daß kein
+völlig unbescholtenes Mädchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser
+Art verlieren wird. Thatsächlich wurde konstatiert, daß die meisten
+Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen
+sind[850], aber, ganz abgesehen davon, daß diese stets mehr
+Unglücklichen als Schuldigen,--verführte Dienstmädchen, verlassene
+Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen könnten, statt
+hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn
+eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Pürschgang nach
+flüchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen
+solchen Kneipen nur zu oft zugeführt. Können sie die Vermittlungsgebühr
+nicht gleich bezahlen, so hält allein die Notwendigkeit, diese Schuld
+nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr
+vielen Fällen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten
+giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer
+Lüste sehen und dann noch dem Gast gegenüber Kupplerdienste
+leisten.[851]
+
+Sehr oft sieht sich die Kellnerin genötigt, auch für Kost und Wohnung
+selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Süddeutschland, ihr
+beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafür, das die oft einzige
+Entschädigung für ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In
+unheizbaren, schlecht zu lüftenden Dachkammern, häufig zu zweien in
+einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, daß
+eine Lüftung überhaupt unmöglich ist, oder daß die Bettwäsche nicht
+einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das
+ganze Küchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854]
+Da ist es nicht zu verwundern, daß sie, wenn es irgend geht, eine eigene
+Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der
+weiß, welch eine Mühe es überhaupt einzelnen Frauen kostet, ein
+Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein
+das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie muß für ihre Wohnung doppelt
+und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder
+ähnlichem Gelichter in die Hände zu fallen. Nicht besser als die Wohnung
+ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in
+aufgewärmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den
+Gästen auf den Tellern übrig gelassen, an Zwirnsfäden aufgereiht und
+aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu häufig,
+sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal
+bestimmte Essenszeiten; sie muß es hinunterschlingen, wenn gerade wenig
+zu thun ist, oft muß sie sich bis spät abends mit Kaffee, Bier oder
+sonstigen Getränken aufrecht erhalten.
+
+Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch
+schlechte Wohnung und Kost, im übrigen fast allein begründet auf dem
+groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gäste.
+
+Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner
+eingehenden Untersuchungen festgestellt, daß die Erkrankungsgefahr und
+die Krankheitsdauer der Kellnerinnen größer sind, als für den
+Durchschnitt sämtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten
+Personen; die übermäßig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner
+gefunden, daß die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wütet
+und sie in frühem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt
+in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkräftung ist ihr
+Nährboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie außerdem noch
+ausgesetzt: Krampfaderentzündungen, geschwollenen Füßen, Bleichsucht,
+Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die
+unzureichende Ernährung, als Ergänzung der starke Genuß von
+alkoholischen Getränken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles:
+nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die
+Kellnerinnen weitaus die Hälfte aller Geschlechtskranken aus; in
+badischen Krankenhäusern setzt sich der größte Teil der syphilitisch
+kranken Mädchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Münchener
+Kassenärzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptsächlich dem
+Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehören, vertreten die Ansicht,
+daß 80 % der Erkrankungen der Mädchen auf Geschlechtskrankheiten
+zurückzuführen[859], und die Hamburger Kassenärzte gehen so weit, zu
+behaupten, daß von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860]
+Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen
+Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos überliefert werden. Das ist
+die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die
+Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele
+ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe
+gegen tägliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den
+Kellnerinnen der süddeutschen Kaffee- und Bierhäuser und denen der
+norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre
+Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede
+Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer ökonomischen
+Abhängigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner
+Verführungskunst und ihrer eigenen natürlichen Jugendlust und
+Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem häßlichen Ausdruck
+"fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt,
+Liebesverhältnisse, die zwei junge warmblütige Menschenkinder ohne die
+standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu
+verurteilen, so steht doch das Eine fest, daß in den weitaus meisten
+Fällen die Mädchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die
+Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die
+Entwöhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu
+leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre
+Arbeitskraft, es ist ihr Körper, den sie nun zu Markte trägt.
+
+Einen langen, öden Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne,
+bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot
+Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und
+junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstraße die Last
+ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die
+Fiebersonne der pontinischen Sümpfe, die sie ins Verderben zieht mit
+ihrem Kuß. Nicht ein notwendiges Lebensbedürfnis, kein Genuß, kein
+Luxus, an dem nicht der Schweiß dieser Scharen klebte. Aus ihrem Fleiß
+wächst die Muße der Glücklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus
+ihrem Leid ihre Freude.
+
+Die Alten hielten die körperliche Arbeit für eine Schmach; wir glauben
+darüber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei,
+als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber
+thatsächlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht höher als
+Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht für einen
+Ehrentitel. Ein Fabrikmädel--eine Nähmamsell--eine Kellnerin,--welch
+eine Flut von cynischer Verachtung drückt sich in diesen Worten aus! Die
+schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit.
+Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das
+ist der Preis dafür. Und die Schande, das ist seine Ergänzung.
+
+Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege
+verfolgten, drängt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre
+Kinder. Aus müden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben,
+das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und
+sie rächen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre
+Gegengabe für Hunger und Schmerz.
+
+In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit
+lebenslänglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder
+tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und
+Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben
+wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoße der Erde entriß, hat
+die bürgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die fürchterlicher
+ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die
+Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rücken und schwieligen Händen
+immer weiter und weiter für den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der
+Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter
+und Denker preisen: Großmut, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, und die
+Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden
+Menschheit schlägt. Mit dem Fuß auf dem Nacken der Frau ragt der Koloß
+der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein.
+
+Während die bürgerliche Frau die Arbeit als die große Befreierin sucht,
+ist sie für die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden;
+und während das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte
+ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber
+eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der
+Entwürdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist
+das Todesurteil gesprochen.
+
+
+
+
+7. Die Arbeiterinnenbewegung.
+
+
+Als den Ausgangspunkt der bürgerlichen Frauenbewegung haben wir den
+Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den
+Mann, weil es galt, in seine Berufssphären einzudringen. Die
+proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf
+durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit
+ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt
+und Fabrik erobert, als die bürgerliche Frau noch schwer um den Platz im
+Hörsaal und auf dem Katheder ringen mußte. Die bürgerliche Gegnerschaft
+gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft
+mit dem Mann.
+
+Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender
+Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nächstes Ziel ist: die Lage des
+Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei
+verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels,
+durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einfluß zu
+gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von
+Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer
+Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen
+wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher
+Thätigkeit. Bedingung ist in allen drei Fällen die Organisation. Sie muß
+daher gesetzlich gewährleistet und gesichert sein, wenn an ein
+erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann.
+
+Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes
+den weiblichen wie den männlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der
+Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der
+deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl
+deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten
+ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen
+Fragen außerordentlich schwankende sind. Für die gesamte weibliche
+Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht,
+der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Während nämlich
+die Vereinigung von Männern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe
+die selbstverständliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte,
+scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Männer, die sich der
+Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der
+Männer verschaffte der für die weiblichen Lohnarbeiter völlig falschen,
+irreführenden Auffassung der bürgerlichen Frauenbewegung von der
+Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre
+Rechte Eingang bei ihnen, und so gründeten sie zunächst
+gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschließlich weiblichen
+Mitgliedern.
+
+In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang
+der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein
+schnelles Ende nahmen. Erst dem großen Organisationstalent einer
+ehemaligen Setzerin, Miß Emma Smith, später Mrs. Paterson, gelang es,
+System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's
+Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der
+Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und
+zwar in Männergewerkschaften, soweit sie Zulassung fänden, in
+Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt,
+oder die Männer die Frauen ausschließen.[861] Unter dem Einfluß
+bürgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die
+Gründung von Frauengewerkschaften der größte Nachdruck gelegt: die
+Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wäscherinnen und
+Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten
+eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei
+von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im
+selben Jahr versuchten Pariser Näherinnen ein Syndikat zu gründen, das
+nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflöste.[864]
+In Deutschland, wo der bürgerliche Einfluß hemmend gewirkt hatte, fing
+man erst viel später an, Arbeiterinnenvereine mit einem annähernd
+gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder
+eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein äußerer
+Anlaß trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von
+der bürgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfähig. 1882 kam
+Gräfin Guillaume-Schack nach Berlin, um für die Ideen der englischen
+Föderation zur Bekämpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der
+Kulturbund, den sie gründete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte,
+eine der englischen ähnliche große Bewegung zu Gunsten der Abschaffung
+der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor,
+es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die
+Erziehung verwahrloster Mädchen, die Gründung von Heimstätten und
+ähnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die
+Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie nötig ihre sittliche Hebung
+sei. Aber die Zeiten der Abhängigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand
+der Wohlthäter zurück und erklärten, daß wer der Arbeiterklasse helfen
+wolle, zuerst dafür sorgen müsse, ihre materielle Lage zu
+verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit:
+"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlössen sich sofort 500 Frauen
+und Mädchen zu einem selbständigen Arbeiterinnenverein zusammen[865],
+der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung
+bei weitem übertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der
+Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die
+Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm
+sie in ihre Statuten auf; ein Rest bürgerlicher Auffassungsweise zeigte
+sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschließlich weiblicher
+Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenüber dem
+Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einfluß der Gräfin
+Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurückgestoßen von der
+jämmerlichen Haltung der bürgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der
+Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen
+Feministen befangen war.
+
+Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von
+der Regierung projektierte Nähgarnzoll, der die armen Näherinnen, die
+das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben würde, gab den
+Anstoß zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge
+Verein und zwei neue, ausschließlich von Arbeiterinnen gegründete und
+geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein
+der Mäntelnäherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack
+unterstützte sie durch die von ihr gegründete Zeitschrift "Die
+Staatsbürgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen
+rücksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und
+Lebensverhältnisse durch diese Vereine förderten dann noch ein Material
+zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrütteln
+mußte. Im Anschluß daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich
+zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der
+Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur bestätigen und
+ergänzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die
+Verschärfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das
+erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen
+durch ihr Eintreten für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von
+dem letzten Rest bürgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in
+dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem kräftigen Leben
+führen sollte, wurde die "Staatsbürgerin" polizeilich verboten,
+sämtliche Vereine, auch die außerhalb Berlins, aufgelöst und ihre
+Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr für Deutschland" sahen
+die Behörden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft.
+Aber eine aus den Bedürfnissen der Massen entspringende Bewegung mußte
+selbst der zähesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen
+die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die
+gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidaritätsgefühl
+der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestärkt hervor.
+
+Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schärfster Unterdrückung, die
+Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre
+selbstbewußten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, daß
+es einer gefürchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuführen hieß,
+wenn man sie von den männlichen Berufsvereinen ausschloß, führten in der
+Haltung der Männer nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in
+Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands
+gegründet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren
+Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlaßte sofort bei sämtlichen
+Vorständen der Vereine, daß, soweit Frauen von der Mitgliedschaft
+ausgeschlossen waren, Anträge auf Statutenänderung gestellt wurden, die
+in den meisten Fällen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung
+entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten
+der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie
+sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermüdlich im Auftrage
+der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend,
+denen sie in ausdehntestem Maße ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen
+Lokalen sprechen sie oft Abend für Abend, um ihren Zuhörerinnen klar zu
+machen, daß sie ihre Lage nur dann verbessern können, wenn sie sich mit
+den Genossen ihrer Arbeit zusammenschließen und der Profitgier und der
+Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Kräfte
+gegenüberstellen. Der Erfolg dieser Bemühungen, die durch massenhafte
+Verbreitung von Flugblättern und Broschüren noch unterstützt wird, ist
+bisher noch kein großer. Aus folgender Zusammenstellung geht das
+langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der
+Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zählten weibliche
+Mitglieder:
+
+1892: 4355
+1893: 5384
+1894: 5251
+1895: 6697
+1896: 15295
+1897: 14644
+1898: 13009
+1899: 19280
+1900: 22844
+
+In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das Fünffache
+gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die hier allein in
+Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen Arbeiterinnen und die
+Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, sind immerhin erst 2,30 %
+organisiert und von den achtundfünfzig zentralisierten Gewerkschaften
+weisen nach der letzten Zählung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder
+auf. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:[867]
+
+ | Zahl der | Von 100
+ | weiblichen | Arbeiterinnen
+Organisation | Mitglieder | des
+ | 1900 | betreffenden
+ | | Berufs sind
+ | | organisiert
+---------------------------+------------+--------------
+Buchbinder | 3046 | 22,50
+Buchdruckereihilfsarbeiter | 698 | 12,15
+Fabrikarbeiter | 2889 | 4,97
+Glasarbeiter | 33 | 1,02
+Handlungsgehilfen | 80 |\ 0,10
+Lagerhalter | 9 |/
+Handschuhmacher | 105 | 6,65
+Holzarbeiter | 726 | 6,62
+Hutmacher | 121 | 2,81
+Konditoren | 15 | 0,76
+Masseure | 46 | --
+Metallarbeiter | 2693 | 11,37
+Porzellanarbeiter | 357 | 4,40
+Sattler | 31 | 2,04
+Schneider | 758 | 1,19
+Schuhmacher | 1916 | 20,31
+Tabakarbeiter | 3922 |\ 6,58
+Cigarrensortierer | 80 |/
+Tapezierer | 37 | 10,57
+Textilarbeiter | 5254 | 1,16
+Vergolder | 28 | 4,45
+----------------------------------------+--------------
+ 22844 | 2,76
+
+Außerhalb dieser durch die Generalkommission zusammengehaltenen
+Verbände, stehen eine ganze Anzahl sogenannter Lokalorganisationen, die
+aber zumeist keine Frauen aufnehmen können, weil sie einen ausgesprochen
+politischen Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche
+Frauenvereine, die nur ein kümmerliches Dasein fristen. Etwas
+bedeutungsvoller ist die Teilnahme der Frauen an den 1868
+gegründeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmäßig
+sozialdemokratische Arbeiter ausschließen, und, von bürgerlich-liberaler
+Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch geleitet, bis zum Jahre 1895 der
+Organisation der Frauen ablehnend gegenüber standen. Auf dem
+Verbandstage jenes Jahres jedoch wurde eine Resolution zu Gunsten der
+Frauen angenommen, und nach dem Bericht für das Jahr 1901 sind
+infolgedessen 3392 den Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen
+sind Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung
+ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische und
+eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit
+1882, zählt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden
+Frauenvereine sind ausschließlich religiöser Art und haben keinerlei
+gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische Richtung hat ihren
+Ursprung in dem Gewerkverein christlicher Bergleute, der im Jahre 1894
+gegründet wurde. Mit den Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die
+entschieden feindliche Stellung gegenüber der Sozialdemokratie, betont
+aber nebenbei noch die religiös-christliche Gesinnung. Von Anfang an
+hatte sie ein gewisses sympathisches Verständnis für die weiblichen
+Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen fußend, die jede
+Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib ablehnen, trat sie nicht für
+eine gemeinsame Organisation beider Geschlechter, sondern für gesonderte
+Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der männlichen Berufsgenossen
+anzugliedern sind und als "Schutzverbände der Arbeiterinnen" unter ihrer
+Leitung und Oberaufsicht stehen, damit im Falle von Arbeitseinstellungen
+trotz der Sonderung ein gemeinsames Vorgehen gesichert ist.[868] Wir
+finden hier jenes Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknüpfung
+mit Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie
+sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,--und um eines ihrer
+Schoßkinder handelt es sich dabei,--aufweisen. An einer genaueren
+Statistik der organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen
+Verbänden die männlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezählt
+wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbände,--der eine in Aachen, der
+andere in Eupen,--mit zusammen 430 Mitgliedern, werden besonders
+genannt.[869] Alles in allem dürften in Deutschland, von den Gründungen
+der bürgerlichen Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen
+gewerkschaftlich organisiert sein.
+
+In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch
+außerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, 1899 9206
+organisierte Frauen gezählt. Die verhältnismäßig starke Zunahme in den
+letzten drei Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thätigkeit der
+Arbeiterinnen selbst zurückzuführen. Sie gründeten in Wien ein
+Frauenreichskomitee, an das sich in den Provinzstädten Sektionen
+angliedern, und deren Hauptzweck die Organisierung der Arbeiterinnen
+ist. Sie leiten eine systematische Agitation über ganz Oesterreich und
+werden zweifellos bald noch größere Erfolge aufweisen können. Immerhin
+erfährt auch die letzte Zählung der Organisierten insofern eine
+Einschränkung, als von den 9206 angegebenen Vereinsmitgliedern nur 5556
+wirklichen Berufsvereinen angehören. Sie verteilen sich
+folgendermaßen[870]:
+
+ Organisation | Weibliche
+ | Mitglieder
+-------------------------------+------------
+Baugewerbe | 104
+Bekleidungsindustrie | 433
+Bergbau | 187
+Chemische Industrie | 94
+Eisen- und Metallindustrie | 105
+Galanterie | 52
+Glas- und keramische Industrie | 949
+Graphische Gewerbe | 1147
+Holzindustrie | 36
+Handel | 58
+Nahrungs- und Genußmittel | 310
+Lederindustrie | 76
+Textilindustrie | 1950
+Verschiedene Gewerbe | 55
+
+Aehnlich wie in Deutschland entschloß sich in England erst 1889 der
+Gewerkvereinskongreß zu Dundee dazu, die Notwendigkeit der Organisation
+der Arbeiterinnen grundsätzlich anzuerkennen und seine Unterstützung
+zuzusagen. Trotzdem entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur
+111 dazu, weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie
+festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft
+beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die älteste und die größte
+ist. Außer diesen 111 gemischten Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine
+nur mit weiblichen Mitgliedern.[871] Die Gesamtzahl der Organisierten
+betrug in den Jahren
+
+1896: 117888
+1897: 120254
+1898: 116048
+1899: 120448.
+
+Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in stärkerem Maße an der
+gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die deutschen. Der Wert
+dieser höheren Zahlen verliert aber an Bedeutung, wenn wir nicht nur
+das Alter der gewerkschaftlichen Bewegung in Betracht ziehen,--schon
+1824 waren viele Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins
+und zu Owen's Grand National strömten 1833--34 die Frauen[872],--sondern
+uns auch erinnern, daß der Organisation der Frauen von seiten des Staats
+und der Behörden keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden; selbst die
+Landarbeiter und die Dienstboten, die in Deutschland vom Koalitionsrecht
+so gut wie ausgeschlossen sind, können sich zu Gewerkvereinen
+zusammenthun. Im Verhältnis zu sämtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der
+Organisierten demnach sehr gering, sie beträgt nur 0,39%, im Verhältnis
+allein zu den Industriearbeiterinnen beträgt sie dagegen 8,22%. Was die
+Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an der Organisation
+betrifft, so stellt sie sich folgendermaßen dar:
+
+ | Anzahl der |Anzahl der|Von 100
+ |Gewerkvereine|Mitglieder|Arbeiterinnen
+ | | |sind organi-
+ | | |siert
+-----------------------------+-------------+----------+-------------
+Textilindustrie: | 88 | 109 076 | 19,70
+Schuh- und Stiefelproduktion:| 2 | 618 | 1,42
+Bekleidungsindustrie: | 11 | 1 128 | 0,26
+Hut- und Mützenindustrie: | 2 | 2 330 | 14,21
+Druckerei, Papierfabrikation | | |
+ u. ähnl.: | 7 | 763 | 1,51
+Tabakindustrie: | 4 | 2 403 | 19,11
+Andere Industrien: | 25 | 4 130 | 1,33
+-----------------------------+-------------+----------+-------------
+ | 139 | 120 448 | 8,22
+
+Wir sehen aus vorstehender Tabelle, daß gegenüber der starken
+Organisation der Textilarbeiterinnen,--sie machen fast 91 % aller
+Organisierten aus,--sämtliche andere fast verschwinden. Außerordentlich
+gering ist die Zahl der Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier
+finden wir auch unter 9 Gewerkvereinen fünf mit nur weiblichen
+Mitgliedern, deren kleinster 18 und deren größter 120 Mitglieder hat.
+Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei
+landwirtschaftlichen Vereinen angehörten und den Dienstboten, die 1897
+noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaßen, ist heute keine einzige
+mehr organisiert.
+
+In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr spät
+ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre männlichen Berufsgenossen
+überließen sie gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher
+Vereinigungen. Auch eine, überdies sehr mangelhafte Statistik der
+Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst für das Jahr 1900.[873]
+Dabei stellte es sich heraus, daß 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder
+angehören. Da aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbände
+und diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern angehören,
+verstanden werden, so ist es für unsere Zwecke notwendig, sie
+auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur Arbeiterorganisationen
+anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben 30975 weibliche
+Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften übrig; von diesen sind 17
+nur Frauengewerkschaften. Nach der Zahl der in den verschiedenen Berufen
+Organisierten ist ihre Zusammensetzung folgende[874]:
+
+Berufsarten | Zahl der
+ | Mitglieder
+---------------------+-----------
+Tabakindustrie | 10194
+Textilindustrie | 6802
+Handelsgewerbe | 4376
+Eisenbahnangestellte | 1611
+Bekleidung | 1597
+Gärtnerei, Obstzucht | 1000
+Lederbearbeitung | 746
+---------------------+-----------
+ | 26326
+
+Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, z.T.
+winzigen Gewerkschaften, deren häufig außerordentlich geringer Umfang
+ein Charakteristikum des französischen, jeder Zentralisierung
+entbehrenden Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind
+folgende:
+
+Berufsarten | Zahl der | Zahl der
+ | Gewerk- | Mitglieder
+ | schaften |
+---------------------+----------+------------
+Tabakarbeiterinnen | 4 | 1760
+Federnschmückerinnen | 1 | 300
+Dienstboten | 2 | 220
+Typographen | 1 | 210
+Wäscherinnen | 1 | 100
+Stenographen | 2 | 94
+Kravattennäherinnen | 1 | 89
+Schneiderinnen | 3 | 62
+Blumenmacherinnen | 1 | 53
+Stickerinnen | 1 | 36
+Korsettnäherinnen | 1 | 30
+---------------------+----------+------------
+ | 18 | 2954
+
+Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende Vereine,
+die nur mühsam ihr Leben fristen, meist mit Unterstützung der Damen der
+bürgerlichen Frauenbewegung, denen einige auch ihre Gründung verdanken.
+Da die französischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit den
+Männern und allein verbinden können, so ist das Ergebnis in jeder
+Beziehung ein klägliches: von 3-1/2 Millionen kaum 31000 organisiert!
+
+Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der Vereinigten
+Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste große
+Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die Knights of Labour,
+der 1870 ins Leben trat, nahm nach zehnjährigem Bestehen weibliche
+Mitglieder auf, und stellte sie den männlichen nicht nur völlig gleich,
+er eröffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine
+wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.[875] Schon nach
+wenigen Jahren zählte allein der Zweigverein von Massachusetts 6000
+weibliche Mitglieder.[876] Dem Einflüsse der Knights of Labour ist es
+wohl auch zuzuschreiben, daß die Gewerkschaften sich den Frauen
+gegenüber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von Anfang an in
+den großen Unionen der Typographen und der Cigarrenarbeiter zugelassen
+und nur sehr selten kommt es daher vor, daß sie selbständige
+Frauenvereine gründen.[877] Wo es geschieht, ist es meist nur das
+Resultat bürgerlichen Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen
+Gewerben organisierten Frauen städtische Ausschüsse gegründet, in denen
+jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten ist und die speziellen
+Fraueninteressen beraten werden. Auch ein allgemeiner amerikanischer
+Arbeitsverband der Frauen besteht, der den Zweck verfolgt, die
+Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder zu vertreten und Klagen über
+Arbeitsverhältnisse zu untersuchen. Trotz der günstigen Lage aber, in
+der die amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Möglichkeit
+gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in sehr
+geringem Maße organisiert.[878] Die beständige Einwanderung niedrig
+stehender Volkselemente, die die Sprache des Landes nicht kennen, die
+schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig acceptieren, und aus denen sich
+ein großer Teil der weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die
+wesentliche Ursache hiervon.
+
+Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche Organisation
+scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt zu haben. Weil dem
+überall so ist, müssen die Gründe dafür auch überall die gleichen sein.
+Wir haben sie zunächst in dem Widerstand der Männer und in der Jugend
+der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafür ist der
+verhältnismäßig hohe Prozentsatz der englischen organisierten
+Textilarbeiterinnen: hier war der männliche Widerstand schon Anfang des
+19. Jahrhunderts gebrochen; fast hundert Jahre ist demnach auch die
+Bewegung hier alt. Aber diese Gründe können unmöglich die einzigen
+sein, schon weil das späte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf
+selten der Frauen selbst der Begründung bedarf. Ein Blick auf die
+gewerkschaftliche Bewegung der Männer dient schon zur Erklärung: teils
+ist sie eine moderne Fortsetzung der alten Gesellenverbände und
+ähnlicher Vereinigungen, an denen Frauen fast niemals teilnahmen, teils
+ist sie den Bedürfnissen der in der Großindustrie zusammengedrängten
+Arbeiter entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der
+Großindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den Männern zurück,
+und nehmen eine beherrschende Stellung nur in wenigen Industrien ein. Wo
+sie es thun, wie in der Textilindustrie, in der französischen
+Tabakindustrie, die infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf
+diesem Gebiet fast ganz verdrängt hat, sind sie, wie wir gesehen haben,
+gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten ist
+es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie vorherrscht,
+z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die Arbeiterin vereinzelt
+arbeitet, wie im häuslichen Dienst, und zum Teil in der Landwirtschaft.
+Nicht nur, daß die Arbeiterin hier abgeschnitten ist von dem Einfluß
+sozialer Bewegungen, daß sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmädchen
+schwer zu dem Bewußtsein solidarischer Verbindung mit ihren
+Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch--und das ist ein Moment, das nie
+genügend hervorgehoben wird--in fast völliger Abgeschlossenheit von dem
+männlichen Arbeiter, dem Hauptvermittler politischer und
+gewerkschaftlicher Aufklärung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in
+der Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto schwerer
+wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der Stellung der
+Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie bei weitem nicht so
+organisationsfähig als der Mann. Die Arbeit ist für ihn der einzige
+Beruf; die Frau ist zwar gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem
+Erwerbe nachzujagen, aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen,
+daß sie nicht nur hinter ihm zurückbleibt und früh erlahmt, sondern auch
+nicht die mindeste Zeit hat, über ihre Lage und die Bedingungen ihrer
+Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht nur Arbeiterin geworden,
+sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch Mutter. Während der Mann sich in
+Versammlungen aufklärt, sich mit seinen Kameraden verständigt, Bücher
+und Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nähen, zu flicken, Kinder zu
+pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der Kinder willen
+wird sie sogar häufig zu einer heftigen Gegnerin der Gewerkschaft, die
+Beiträge von ihr fordert, die sie so notwendig für die Befriedigung
+ihrer Bedürfnisse braucht, die sie sogar zur Arbeitseinstellung nötigen
+kann. Und ebenso wie sie die alte Hausfrauenthätigkeit in ihr modernes
+Erwerbsleben mit hinübernahm, so hat sie auch alte Träume und
+Traditionen nicht abzuschütteln vermocht. Fast jedes junge Mädchen
+erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben ausfüllen und in
+Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin bildet darin keine Ausnahme:
+ihre Arbeit ist für sie kein Lebensberuf, sondern nur die
+Durchgangsstation zu dem eigentlichen Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat
+sie kein Interesse an der Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den
+Beiträgen angelegt werden müßte, lieber für ein wenig Putz und Tand aus,
+um ihre Person vor dem Erlöser, den Mann, möglichst verführerisch zu
+gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, die der Organisierung der
+Frauen entgegenstehen, aber noch nicht erschöpft.
+
+Wir haben gesehen, daß die Frauen infolge ihrer schlechten Ausbildung
+und ihrer körperlichen Veranlagung sehr häufig nach Qualität oder
+Quantität geringwertigere Arbeit leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber
+von ihren Mitgliedern Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des
+Lohntarifs, der jedoch wieder seinerseits eine gewisse Höhe der
+Leistungsfähigkeit voraussetzt. So entschloß sich der Verein Londoner
+Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen wie Männer,
+infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches Mitglied, weil die
+anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen zu erfüllen. Ebenso
+erklärten die französischen Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen,
+wenn sie den Lohntarif acceptierten,--es fand sich keine einzige, die
+das vermochte, teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils
+weil die Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen.
+Wenn daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschließen, wie der
+der englischen Bürstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter oder der
+Kettenaufbäumer und Zwirner, so geschieht es in der Annahme, daß der
+Eintritt der Frauen ein Herunterdrücken der Gewerkschaftsbedingungen
+notwendig nach sich ziehen müsse.[879] Wie berechtigt das ist, sehen
+wir daran, daß die Lohnsätze der Industrien mit starker
+Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlöhnen und nicht nach den
+Männerlöhnen zu regeln pflegen.
+
+Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist
+überhaupt Aussicht vorhanden, daß unter den herrschenden
+wirtschaftlichen Verhältnissen eine nennenswerte Organisation der
+Arbeiterinnen sich wird ermöglichen lassen? Das sind die Fragen, die uns
+zunächst aufstoßen. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung hilft sie
+beantworten. Die Entwicklung zur Großindustrie war die Grundlage, auf
+der die Organisationen der Männer entstehen und erstarken konnten. Die
+Frauen stehen aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den
+die Männer vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer
+wesentlich großindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in jeder Form
+zu unterdrücken, ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen zur
+Organisierung der Arbeiterinnen.
+
+Was aber ferner die männlichen Arbeiter antreibt, sich zur Erkämpfung
+besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, ist der Umstand, daß
+ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer Existenz bildet, deren schlechtere
+oder bessere Gestaltung allein von ihm abhängt. Will man die Frau
+organisationsfähig machen, so gilt es, ihre Selbständigkeit im
+Erwerbsleben sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu fördern.
+Unterdrückung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, denn sie
+unterstützt die Unselbständigkeit, indem sie den Frauen ermöglicht, als
+Haustöchter und Hausfrauen einem Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere
+Leistungsfähigkeit der Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer
+Organisierung. Da gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch
+ausreichende Vorbildung zu einer möglichst vollkommenen zu gestalten,
+sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch zurückbleibende
+Differenz zwischen der ihrigen und der des Mannes möglichst
+auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben dieser Schwierigkeit
+gegenüber häufig die Ansicht vertreten, daß für Frauen besondere
+Lohntarife aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege
+der Nur-Frauengewerkschaften führen würde. Annehmbarer schon erscheint
+die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach die Frauen die
+leichten Maschinen, die Männer die schweren zu bedienen hätten, und jede
+Konkurrenz dadurch im Keime erstickt würde. Es liegt aber zugleich eine
+Ungerechtigkeit in diesem Beschluß, da die Arbeit an den leichten
+Stühlen geringer entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen
+sind, die über ausreichende Kräfte zur Bedienung der schweren verfügen.
+Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, die eine feste, für
+Männer und Frauen gleichmäßig gültige Stücklohnpreisliste aufstellten.
+Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst eine Sonderung
+der Geschlechter ein, indem die Frauen an den schmalen, die Männer an
+den breiten Stühlen arbeiteten. Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich
+aber nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Stärke und der
+Geschicklichkeit; eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie
+ein schwacher Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.[880] Die
+Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher die
+schädigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst aufheben und den
+Eintritt der Frauen ermöglichen können.
+
+Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, daß die gut
+bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten organisieren,
+während die sozial tiefstehenden, geistig rückständigen diejenigen sind,
+die durch völligen Mangel an Solidaritätsgefühl vereinzelt bleiben und
+jeder für sich versuchen, dem Höherstehenden Schmutzkonkurrenz zu
+machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht entlohnten
+Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre demütig-stumpfsinnige
+Bedürfnislosigkeit, die sie nicht weiter sehen läßt, als über den engen
+Horizont ihrer eigenen vier Wände und der Befriedigung des rein
+physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekämpfen, gehört zu den
+weiteren wichtigen Aufgaben der gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber
+aufzuklären, muß zunächst die Möglichkeit gegeben sein, daß diese
+Aufklärung sie überhaupt erreicht, d.h. sie müssen Zeit haben, um
+Versammlungen zu besuchen, Zeitungen und Bücher zu lesen. Die
+Entlastung der erwerbsthätigen Frau von der häuslichen Arbeit, die
+Verkürzung ihrer Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte
+Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in die
+Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber muß auch die
+Möglichkeit dazu durch ein gesichertes Koalitionsrecht ihnen gegeben
+sein.
+
+Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nächst dem der
+Gewerkschaft beschreiten können, ist der der Genossenschaft. In dem
+einen Fall ist die Erhöhung des Einkommens eines der wichtigsten Ziele,
+in dem anderen die billigere Beschaffung der Lebens- und
+Wirtschaftsbedürfnisse. Unter den vielen Arten der Genossenschaften
+kommen für die Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in
+erster Linie in Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,--arme
+englische Weber,--die die Bahnbrecher der großen englischen
+Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie hervortretende,
+oder gar führende Rolle haben die Frauen nicht darin gespielt, obwohl
+sie als Konsumenten, als Hausfrauen, wesentlich daran interessiert sein
+sollten. Erst 1883 wurde in England ein Verein weiblicher
+Genossenschafter gegründet, dessen Zweige mit den Konsumvereinen in
+Verbindung stehen, und der lediglich den Zweck hat, die Frauen für die
+Genossenschaften zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine
+ins Leben zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo
+die Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine
+ähnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur nichts
+dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den Genossenschaften
+selbst ist eine äußerst matte. Lassalles Ansicht, daß die Konsumvereine
+eine Lohnherabsetzung zur Folge haben würden, spukt, obwohl sie längst
+durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den Köpfen, vor allem
+aber zeigt sich auch hier, was wir bei der Gewerkschaftsbewegung gesehen
+haben, daß sozial tiefstehende, schlecht entlohnte Arbeiter für sie
+nicht zu haben sind, und daß deshalb die Frauen im großen und ganzen ihr
+fern bleiben und ihr verständnislos und mißtrauisch gegenüberstehen. Nur
+wo sie durch höheren Lohn und kürzere Arbeitszeit eine gewisse soziale
+Höhe erreicht haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der
+Selbsthilfe zu beschreiten.
+
+Wir sehen also, daß zwei der wichtigsten Ziele der Organisierung
+zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie für die Frauen
+weit entscheidender ins Gewicht als für die Männer, weil die weibliche
+Arbeit noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung steht und durch tief
+eingreifende, mit dem mütterlichen und dem häuslichen Beruf der Frau
+zusammenhängende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann eine bloße
+gewerkschaftliche Agitation und Aufklärung bei den Frauen nicht
+annähernd den Erfolg haben, wie bei den Männern, es müssen ihr vielmehr
+gesetzliche Reformen vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von
+Lancashire waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und
+organisationsunfähig, wie heute die Mehrzahl der Arbeiterinnen. Erst
+nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, auf schlechte
+Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den Gewerkschaften und
+Genossenschaften beizutreten.[881]
+
+Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die
+politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer
+Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre männlichen
+Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem
+praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der
+Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der bürgerlichen
+Begriffswelt angehört hatte und überzeugt gewesen war, daß alle
+Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von außen
+willkürlich gemacht werden, konnte er des Glaubens sein, daß die
+Frauenarbeit sich einfach wieder aus der Welt schaffen ließe; dem
+modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie Marx und Engels ihn
+begründeten, blieb es vorbehalten, die ökonomischen Ursachen und
+Zusammenhänge alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, daß auch
+die Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden
+kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als mit
+einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum handelt,
+"die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente
+aufzuheben"[882], d.h. sie ebenso wie den Arbeiter nicht von der Arbeit,
+sondern von der Lohnsklaverei zu befreien. Vom Standpunkt des
+Sozialismus aus haben die Frauen den Kampf um ihre Interessen nicht mehr
+als Geschlechtsgenossinnen zu führen, sondern als Genossinnen der
+unterdrückten und beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich
+solidarisch fühlen müssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und
+Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung aufeinander
+angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts,
+ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest schließt:
+Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es war der erste klare
+Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die zwischen den Interessen
+der bürgerlichen Gesellschaft und dem des Proletariats eine ungeheuere
+Kluft gegraben hat, es war aber auch die erste öffentliche
+Mündigkeitserklärung der Frau, die durch Arbeit und Not mündig geworden
+war.
+
+In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller Länder nimmt
+die Emanzipation der Frau daher einen breiten Raum ein, und in den
+Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die Gesetze es zulassen, volle
+Gleichberechtigung eingeräumt worden. Sie haben Sitz und Stimme in den
+Kongressen, sie sind Mitglieder der Vorstände, sie teilen sich mit den
+Männern auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen
+weitgehenden Einfluß auf die Haltung der Partei gewonnen.
+
+Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebührt der Ruhm, sich zuerst und
+mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie angeschlossen zu haben.
+Daß es in so unzweideutiger Weise geschah, war nicht zum wenigsten den
+polizeilichen Verfolgungen und Vereinsauflösungen zu verdanken, die, wie
+wir gesehen haben, die ersten, zunächst rein wirtschaftlichen
+Bestrebungen der Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrücken suchten. Die
+Frauen sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten
+und selbst öffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der
+allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre
+natürlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem Arbeiterkongreß in
+Eisenach, kam es zu einer längeren Erörterung der Frauenarbeit, und die
+damals noch allgemein herrschende Feindschaft der Männer gegen die
+weiblichen Konkurrenten äußerte sich in einem Antrag, der die
+Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen
+wollte. Er wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, daß das Ziel, das
+er im Auge habe, nicht erreicht werden könne, und jede Unterdrückung der
+Frauenarbeit die auf den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der
+Prostitution in die Arme treiben würde. Die gefährliche Konkurrenz der
+Frauen aber ließe sich beseitigen: durch ihre Organisation mit den
+Männern, durch die Erweckung des Klassenbewußtseins in ihnen und die
+Erhebung des Weibes zur gleichstehenden Genossin. Diesen Grundsätzen ist
+die Partei treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist
+wesentlich der Teilnahme der Frauen an ihrer Thätigkeit und ihrer
+Entwicklung zu verdanken.
+
+Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in völliger Unkenntnis der
+Handhabung der Gesetze ihnen gegenüber sich ziemlich eng an die Partei
+anschlossen, entstanden Anfang der siebziger Jahre. Ihre Mitglieder
+waren zugleich die ersten Frauen Deutschlands, die sich 1874 an der
+Wahlbewegung durch unermüdliche, opferfreudige Agitation beteiligten.
+Die Behörden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflösung sämtlicher
+Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre wachsende Stärke auch
+ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten ausführlichen Antrag zur
+Abänderung der Gewerbeordnung, den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und
+der zur Hebung der Lage der Arbeiterinnen Beschränkung der Arbeitszeit,
+Schutz der Wöchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der
+Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen
+forderte.[883] Die sozialdemokratischen Frauen erweiterten diese
+Vorschläge, indem sie die zuerst von ihnen allein aufrecht erhaltene
+Forderung der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erhoben. Die
+Reichstagsfraktion ihrer Partei machte sie zu der ihren und verlangte
+demgemäß 1884 die Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht.
+Das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der
+Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen
+Gesetzentwurf zur Abänderung der Gewerbeordnung dem Reichstag vorlegte,
+stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen gegenüber, der
+für die Frauen das Wahlrecht zu den von ihr geplanten Arbeitskammern in
+Aussicht nahm. Nach der Ablehnung ihres Entwurfs beantragte sie noch in
+derselben Session, daß den Arbeiterinnen das aktive und das passive
+Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zuerkannt werde.
+
+Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den
+sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu
+befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und der
+Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der Statistik
+wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der Frauenfrage mit
+der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, daß erst die
+wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre Emanzipation vollenden könne.
+Die Wirkung dieses Buchs ging bald über Deutschlands Grenzen weit hinaus
+und hat nicht nur die Frauenfrage in ein neues Licht gerückt, sondern
+allmählich die Ansichten über ihre Lösung von Grund aus umwandeln
+helfen.
+
+Die durch alle diese Einflüsse immer mehr erstarkende
+Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie an
+dem politischen Vereinsleben der Männer infolge der gesetzlichen
+Beschränkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden 1891 allerorten
+sogenannte Agitationskommissionen gegründet, deren Aufgabe es war, die
+Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu einer einheitlichen und
+planmäßigen zu gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre
+der Bewegung ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde
+und später unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hände von Frau Klara
+Zetkin überging. Der steigende Einfluß der Frauen drückte sich in den
+Beschlüssen des Erfurter Parteitags aus. In dem Programm, das er
+aufstellte, und das bis jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist,
+wurde die Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen
+für den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung aller
+Gesetze, welche die Frau in öffentlich-und privatrechtlicher Beziehung
+gegenüber dem Manne benachteiligen und die freie Meinungsäußerung und
+das Recht der Vereinigung und Versammlung einschränken oder
+unterdrücken, der rechtlichen Gleichstellung der landwirtschaftlichen
+Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern, der
+Abschaffung der Gesindeordnungen. Gleichsam ein Echo dieser Beschlüsse
+war es, wenn im selben Jahre seitens der Behörden eine wahre Razzia
+unter den neu entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in
+Frankfurt und in Halle wurden sie zuerst aufgelöst. Das war jedoch nur
+ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die Arbeiterinnenbewegung,
+die ganz dazu angethan war, revolutionierende Ideen bis in den Schoß der
+Familie zu tragen, war den Behörden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die
+Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenüber Stellung
+nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die unter dem
+Zeichen der Militärvorlage standen, eine fast fieberhafte Thätigkeit
+entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein erschien ihnen verdächtig, am
+verdächtigsten aber die Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie
+und sämtliche Vereine aufgelöst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt
+und bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine über ganz
+Deutschland sich erstreckende Agitation für die Reform des Vereins- und
+Versammlungsrechts, das für die Frauen, soweit sie sozialistischer
+Gesinnung verdächtig sind, nichts als ein großes Unrecht ist. Die
+politischen Vertreter der Partei waren auch jetzt die Vertreter der
+Arbeiterinnen, indem sie im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit für
+die Frauen forderten.
+
+Um die Arbeiterinnenbewegung nicht völlig dem Zufall zu überlassen, kam
+man nach der Vernichtung der Agitationskommissionen zu dem Ausweg,
+weibliche Vertrauenspersonen zu wählen, die nunmehr die Leitung und das
+systematische Vorgehen bei der Agitation in Händen haben. Es stehen
+ihnen eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der
+Arbeiterinnen selbst zur Verfügung, die mit großer Ausdauer fast ständig
+auf Reisen sind, um bis in die fernsten und kleinsten Winkel des Reichs
+die Ideen des Sozialismus zu tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehärtete
+Körper, der von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung für ihre
+Sache erfüllte Geist hebt sie über alle Chikanen und Verfolgungen der
+Behörden, über alle Gehässigkeit und alle Verachtung der bürgerlichen
+Gesellschaft hinweg. Weniger als früher haben ihre Reden allgemeine
+politische Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, daß es
+gilt, alle Kräfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn etwas
+erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 und der zu
+Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. Die
+Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nächste Aufgabe den
+Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover aufgestellten
+Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden[884]:
+
+1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit für Frauen. 2) Verbot der Verwendung
+von Frauen bei allen Beschäftigungsarten, welche dem weiblichen
+Organismus besonders schädlich sind. 3) Einführung des gesetzlichen
+Achtstundentages für die Arbeiterinnen. 4) Freigabe des
+Sonnabendnachmittags für die Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der
+Schutzbestimmungen für Schwangere und Wöchnerinnen auf mindestens einen
+Monat vor und zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der
+Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines ärztlichen
+Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die
+Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 8) Sicherung
+völliger Koalitionsfreiheit für die Arbeiterinnen. 9) Aktives und
+passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten.
+
+In der Frauenkonferenz, die im Anschluß an den Mainzer Parteitag
+stattfand, wurde diesen Beschlüssen noch der hinzugefügt, neben der
+mündlichen, auch eine schriftliche Agitation für den Arbeiterinnenschutz
+durch Flugblätter und Broschüren zu entfalten. In derselben Versammlung
+wurde das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine
+Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch Bestimmungen
+über die Art ihrer Thätigkeit noch einheitlicher ausgebaut und der
+wichtige Beschluß gefaßt, daß überall dort, wo die Vereinsgesetze dem
+nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den Organen
+der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen hinzuzuziehen
+sind.[885]
+
+Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung, so läßt sich eine zahlenmäßige Antwort, wie bei
+der Erörterung ihrer gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann
+weder die ihren Ideen gewonnenen Frauen zählen, wie die bürgerliche
+Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die männlichen
+Genossen durch die bei der Reichstagwahl abgegebenen Stimmen. Der einzig
+richtige Maßstab, an dem sie gemessen werden können, ist die
+Gesetzgebung und die öffentliche Meinung. Dabei sei zunächst an folgende
+Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der
+Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nähgarnzoll; die
+Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die
+Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustände in der
+Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur Verschärfung der
+Truckgesetze führte. Wenige Jahre später leiteten Berliner
+Sozialdemokratinnen die erste Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine
+Entsetzen über das was sie zu Tage förderte, führte zu der sich durch
+Jahre hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die
+Kommission für Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur Beratung
+stehenden Vorschlägen für eine Schutzgesetzgebung. Der große
+Konfektionsarbeiterstreik 1896, der die bürgerliche Gesellschaft zwang,
+in Tiefen des Elends einen Blick zu thun, über die sie bisher achtlos
+fortgeschritten war, nötigte abermals zu eingehenden Untersuchungen und
+zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der Hausindustrie. Aber mehr
+noch: da die Arbeiterinnenbewegung Deutschlands durchaus identisch ist
+mit der Arbeiterbewegung und ihr Einfluß auf die Haltung der
+sozialdemokratischen Partei unverkennbar ist, so sind die Fortschritte
+gesetzlichen Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mögen, mit ein
+Erfolg ihrer agitatorischen Thätigkeit. Die Anträge, die die Fraktion
+1877 nach dieser Richtung stellte und die mit überwältigender Majorität
+abgelehnt wurden, erschienen 13 Jahre später zum großen Teil in der
+Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Fürst Bismarck
+gesagt hat, daß wir ohne die Sozialdemokratie auch das bißchen
+Sozialreform nicht hätten, was wir besitzen, so können wir hinzufügen,
+daß wir einen Teil von ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht
+haben würden.
+
+Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie der
+Lage der Arbeiterinnen gegenüberstellen: sie erscheinen nicht viel
+anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer eines ungeheuren
+dunklen Schlosses. Und vergegenwärtigen wir uns weiter, welch eine Macht
+die Millionen proletarischer Arbeiterinnen ausüben könnten, wie sie im
+stande wären, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages zu
+tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen stünden,--so
+erkennen wir, daß wir überhaupt erst am Anfang der Bewegung stehen, und
+es drängt sich uns die Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um
+vorwärts zu kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art.
+Betrachten wir zunächst die negativen.
+
+Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die
+Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im bürgerlichen
+Sinne annimmt. Soweit sie eine selbständige Existenz neben der
+Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der Entwicklung der
+Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in der bürgerlichen Welt,
+sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie vielfach durch die rechtliche
+Stellung, besonders der deutschen Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter
+Zwang nicht vorliegt, ist jede Nur-Frauenorganisation in der
+Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. Dahin gehören z.B. die vielen in
+Deutschland und Oesterreich entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine,
+dahin gehören die selbständigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie
+in Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehören vor allem die
+Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von den radikalen
+französischen Frauenrechtlerinnen angestrebt werden. Eine sich ihrer
+Grundlagen und ihrer Ziele klar bewußte Arbeiterinnenbewegung hat diese
+Art der Organisierung nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften
+um ausschließliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um solche
+Orte handelt, wo überhaupt gar kein anderer, den Arbeiterinnen
+zugänglicher Verein besteht. Grundsätzlich aber sollte sie sich ihnen
+gegenüber stets ablehnend verhalten, denn sie können am letzten Ende nur
+verwirrend wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt groß ziehen,
+der das Solidaritätsgefühl zwischen Arbeiter und Arbeiterin, die
+wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf des
+Proletariats, nicht aufkommen läßt. Die selbstverständliche Konsequenz
+dieses Standpunktes ist natürlich auch die Ablehnung jeder gemeinsamen
+Arbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung. Darunter verstehe ich den
+Eintritt in oder den Zusammenschluß mit bürgerlichen Frauenvereinen
+einerseits, oder die Zulassung bürgerlicher Frauenrechtler in
+Arbeiterinnenvereine andererseits. Wie reaktionär beides wirkt, dafür
+liefert England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von
+Damen der bürgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs,
+Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen für die
+politische Rückständigkeit der englischen Arbeiterinnen, ebenso
+wie die Einmischung der französischen Frauenrechtler in die
+Arbeiterinnenbewegung fast einer Zerstörung gleichkommt. Völlig
+abzulehnen ist daher auch die Thätigkeit bürgerlicher Frauen in
+Gewerkschaften, die man vielfach selbst in Arbeiterkreisen für
+unbedenklich hält. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die
+deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der bürgerlichen
+Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. Aber weder deren
+Feindseligkeit gegenüber den sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie
+sich bei Gelegenheit der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine
+dokumentierte, noch ihre Gleichgültigkeit, die am drastischsten in dem
+Auflösungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die behauptete
+Solidarität mit den "ärmeren Schwestern" in der Form energischer
+Proteste einmal durch die That zu beweisen, bot die Veranlassung dazu,
+sondern vielmehr die klare Erkenntnis der völligen Differenz der beiden
+Bewegungen zu Grunde liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit
+ihrer Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.[886] Diese Differenz fand
+in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen Resolution ihren
+prägnanten Ausdruck, in der es unter anderem heißt[887]:
+
+"Als Kämpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der
+rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne, als die
+Klein- und Mittelbürgerin und die Frau der bürgerlichen Intelligenz. Als
+selbständige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verfügung über ihr
+Einkommen (Lohn) und ihre Person als die Frau der großen Bourgeoisie.
+Aber trotz aller Berührungspunkte in rechtlichen und politischen
+Reformforderungen hat die Proletarierin in den entscheidenden
+ökonomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen
+Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das
+Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des
+gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts."
+
+Kommen wir nun, im Anschluß hieran, zu den positiven Mitteln, deren sich
+die Arbeiterinnenbewegung bedienen muß, so ist eines der wichtigsten,
+die Ausbreitung ihrer propagandistischen Thätigkeit über alle Kreise
+weiblicher Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung
+befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunächst in sich zu
+konsolidieren, sich über die eigenen Zwecke und Ziele klar zu werden,
+jede Berührung mit einem fremden Element unbedingt auszuschließen. Die
+sozialdemokratische Partei ist nicht anders verfahren und der Erfolg
+beweist, daß ein Zuviel nach dieser Richtung immer besser ist als ein
+Zuwenig. Es ist wie mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen
+ihn erst dann, wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt
+erscheint, daß man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen
+lassen zu können, ohne fürchten zu müssen, daß sie ihn zu Grunde
+richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die Kinderschuhe
+ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr verändern, wohl aber vermag
+sie es anderen aufzuprägen; sie steht fest auf eigenen Füßen, sie bedarf
+keiner Hilfe Außenstehender, um vorwärts zu kommen. Aus diesem Gefühl
+ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren Einfluß überall, wo
+die Wege dazu offen stehen, zur Geltung zu bringen suchen. Auch in der
+bürgerlichen Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer
+Hilfe bedürften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung erreicht
+hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht genug, große
+Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu ziehen, sie hat Bedeutung
+genug, sich im öffentlichen Leben Einfluß zu verschaffen. Es ist eine
+Unterlassungssünde, die sich schon gerächt hat, und ein Mangel an
+Selbstvertrauen, wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit
+vorübergehen läßt, wo sie dem Sozialismus einen Fuß breit Erde gewinnen
+kann, wenn sie für sie nicht Propaganda macht für die Vereinigung auch
+derjenigen Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen
+Lohnarbeiterinnen fast alle, im Banne bürgerlicher Anschauungsweise
+stehen, wenn sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausübt. Diese
+Beeinflussung der Glieder der bürgerlichen Frauenbewegung steht durchaus
+nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit mit ihr, denn es
+handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und Einreihen. Ein Beispiel
+illustriere das Gesagte: Der große liberale Frauenverband Englands, der
+schroffste Gegner jedes gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit
+kurzem eine merkwürdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes
+durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen überzeugten
+Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den Versammlungen des
+Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. Kein Frauenkongreß,
+keine die Interessen der Arbeiterinnen berührende Versammlung sollte
+vorübergehen, ohne daß der sozialistische Standpunkt propagiert worden
+wäre.
+
+Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von ihr, der
+die Frauen umfaßt, ist wie ein junger Riese, der sich seiner Kräfte
+nicht recht bewußt ist und die mächtigen Glieder noch nicht vollkommen
+zu beherrschen weiß. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um
+sich dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle
+diejenigen, die marsch- und kampffähig sind, in seine Gefolgschaft zu
+zwingen.
+
+Aber der Bethätigungskreis der Arbeiterinnenbewegung müßte sich auch
+noch in anderer Richtung entwickeln: in der genossenschaftlichen
+nämlich. Sie müßte bei den Frauen das Interesse für die
+Konsumgenossenschaften zu erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer
+Lage bedeutet einen Schritt näher zur gewerkschaftlichen Organisation
+und zur politischen Aufklärung. Und ebenso wie billigere und bessere
+Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie die
+Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer Lage. Von
+nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dabei der erzieherische Einfluß
+der Genossenschaften: sie fördern die Solidarität und das
+Klassenbewußtsein, weil sie sich selbstbewußt dem kapitalistischen
+Unternehmertum gegenüberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur
+Geschäftskenntnisse, sie machen sie auch fähig zur Leitung
+geschäftlicher Unternehmungen,--eine Erziehung, die sich in der Zukunft
+als außerordentlich wichtig erweisen dürfte. Neben die sehr
+vernachlässigte Propaganda für die bestehenden, sollte jedoch auch noch
+die für eine neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den
+Frauen zu Gute kommen.
+
+Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, wie bei
+der Erörterung der Organisationsschwierigkeiten im Hinblick auf die
+Frauen haben wir gesehen, daß die doppelte Arbeitslast,--die Hausarbeit
+neben der Erwerbsarbeit,--sie besonders schädigt und ihren Fortschritt
+hemmt. Es müßten daher Mittel und Wege gefunden werden, um sie von der
+Hauswirtschaft möglichst zu befreien. In der genossenschaftlichen
+Hauswirtschaft, wie ich sie bereits als eines der Mittel schilderte, um
+die Erwerbsarbeit der bürgerlichen Frauen zu ermöglichen, glaube ich es
+auch für die Proletarierinnen gefunden zu haben.[888] Die Grundidee, die
+Frauen zu entlasten, die Kosten für die Hauswirtschaft durch den Ersatz
+der verschwenderischen Kleinbetriebe durch Großbetriebe zu verringern,
+die Lebenshaltung durch bessere, weil verständiger zubereitete Nahrung
+zu erhöhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und hat verschiedene
+Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum Teil in der von mir
+vertretenen Weise der Verwirklichung entgegengeführt[889], zum Teil
+versucht man, die Frauen dadurch zu entlasten, daß möglichst alle
+Speisen außer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.[890] In
+England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche
+Verteilungsküchen zu gründen, die die fertigen Mahlzeiten ins Haus
+liefern, und in Frankreich entstehen Arbeitergenossenschaften, die
+Restaurants ins Leben rufen, aus denen das Essen auch nach Hause geholt
+werden kann. Jedenfalls liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung,
+wenn an die Stelle des innerlich schon überwundenen Einzelhaushalts der
+genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehört um so mehr zur Aufgabe
+der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche Gemäuer vollends
+umzustoßen, wenn Frauen in Gefahr kommen, darin zu Grunde zu gehen.[891]
+
+Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, ohne die
+alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine immer festere
+Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu suchen, die
+Proletarierinnen politisch aufzuklären und ihr zuzuführen. Die
+Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz richtig:
+
+"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer
+Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung
+bedeutet, daß sie, wie der Proletarier, nur härter als er, vom
+Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der
+Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Männer der
+eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Männern ihrer Klasse
+gegen die Kapitalistenklasse. Das nächste Ziel dieses Kampfes ist die
+Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein
+Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der
+Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeiführung der
+sozialistischen Gesellschaft."
+
+Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch nicht in
+Fleisch und Blut übergegangen ist, auch die Männer stehen ihr zum Teil
+gleichgültig gegenüber. Mag die Gleichberechtigung des weiblichen
+Geschlechts in der gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung
+noch so allgemein und offiziell anerkannt sein, mögen die
+Parteiprogramme aller Länder sich noch so feierlich zu ihr bekennen, in
+sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die Frauenfrage noch
+der alte reaktionäre Philister. In einer Variation des Napoleonischen
+Ausspruchs heißt es bei ihnen: _Tout pour la femme, mais rien avec
+elle_,--wir wollen der Frau alle Rechte erkämpfen, aber wir wollen
+nicht, daß sie mit uns kämpft. Die Zunahme der weiblichen Arbeiter hat
+diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark erschüttert, denn die
+Organisierung der Frauen wird mehr und mehr zu einer Lebensbedingung für
+sie: die unorganisierten Arbeiterinnen vermögen den Kampf um bessere
+Arbeitsbedingungen zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen
+Bewegung aber liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die
+gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der
+Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die Bewegung
+zu Gunsten der Bürgerrechte der Frau an Boden gewinnt,--und sie hat in
+Amerika, in Australien und in England bereits große Siege zu
+verzeichnen--desto dringender wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht
+politisch aufzuklären und zu erziehen, denn es können einmal die Stimmen
+der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle Errungenschaften eines
+jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den Fortschritt hemmen, wie das
+Eis im Winter die Wellen des Stromes. Aber noch ein anderes kommt hinzu:
+das Weib ist die Mutter derer, in deren Händen die künftigen Geschicke
+der Menschheit ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was
+sie ihnen aufprägte, ist fast unzerstörbar. Gewinnt der Sozialismus die
+Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die
+Arbeiterinnenbewegung zu fördern, sie immer enger an sich zu schließen,
+die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, überall in die That
+zu übersetzen, ist daher nichts, was von den Sozialisten gefordert wird,
+wie man etwa einst von den Rittern den Frauendienst forderte, es gehört
+vielmehr zu den Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im
+Interesse ihrer selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die
+Arbeiterinnenbewegung gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr
+vollkommenes Aufgehen in der Arbeiterbewegung gestatten.
+
+
+
+
+8. Die bürgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur
+Arbeiterinnenfrage.
+
+
+Während die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren einheitlichen
+Klassengefühl getragen und bestimmt war, ist das Verhalten der
+bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage ein
+unklares und zwiespältiges. In der Vergangenheit überwiegt das
+philanthropische Moment jedes andere, und der kindliche Glaube
+beherrscht die Frauen, daß Wohlthätigkeit, Armenpflege und allseitiger
+guter Wille die Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen.
+Dieser durch Religion und Sitte in den Frauen groß gezogene
+Gefühlsstandpunkt und seine Bethätigung haben, so schön sie vielfach
+erscheinen mögen, die traurigsten Folgen gehabt: sie haben sowohl auf
+seiten der Wohlthäter, wie auf der ihrer Schützlinge die Empfindung für
+Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle
+setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, daß
+Wohlthätigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute vielfach für
+identisch gehalten werden. Sie haben das Verständnis dafür unterdrückt,
+daß jeder arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat
+und es zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Kränkung fügen heißt,
+wenn man ihn, in welcher Form immer, mit Almosen abspeisen will. Sie
+haben die Entwicklung zu tieferer Erkenntnis der sozialen Probleme
+vielfach aufgehalten und nur die eine fruchtbringende Folge gezeitigt,
+daß den Frauen der Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte
+Begriffe blieben.
+
+In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische Frauen
+an der Armenpflege. Und ihrer unermüdlichen Agitation ist ihre
+Reorganisation und die große Rolle, die die Frauen in ihr spielen, zu
+verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule für soziale Arbeit. Den
+meisten Bestrebungen, die mit diesem Namen bezeichnet werden können,
+klebt allerdings bis heute die Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind
+immer noch Wohlthaten, die von selten der Begüterten den Armen
+freiwillig gespendet werden. Hierher gehören z.B. die Speisehäuser und
+Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie gegründeten
+und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den Alleinstehenden ein
+Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind zweifellos von größtem Nutzen
+für sie, aber ebenso zweifellos ist es, daß sie ein gewisses
+Abhängigkeits- und Unterthänigkeitsgefühl befestigen oder großziehen,
+das das Klassenbewußtsein der Arbeiterin unterdrückt und ihren
+Befreiungskampf aufhält. In viel höherem Maße gilt das noch für die
+vielen in allen Kulturländern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen
+gegründeten und erhaltenen Mädchen- und Arbeiterinnenheime, die für
+wenig Geld Wohnung und Nahrung bieten, die geistige und physische
+Freiheit der Bewohner aber in jeder Weise beschränken. Nur wenige
+unabhängige Heime, so z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs
+nachgeahmt ist und die Selbständigkeit der Arbeiterin möglichst zu
+wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die Settlements,
+jene Niederlassungen bürgerlicher Männer und Frauen inmitten der
+Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in beträchtlicher Zahl
+aufweist, stehen schon eine Stufe höher, weil diejenigen, die ihr Geld,
+ihre Zeit und ihre Kraft den Proletariern zur Verfügung stellen, auch
+mit ihnen leben, wodurch die Stellung des Wohlthäters gegenüber dem
+Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird,
+erniedrigt den Empfänger nicht: es ist Teilnahme, Rat, Bildung. Die
+zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mädchen, die Stellenvermittlungen
+und Rechtsbeistände gehören hierher. Auch jener erste deutsche
+Arbeiterinnenverein, den Luise Otto-Peters in Berlin 1869 gründete[892],
+lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und
+belehrende Vorträge auf eine höhere geistige Stufe zu heben, und die
+versuchte Einführung des unentgeltlichen Rechtsschutzes für
+Arbeiterinnen durch den Allgemeinen deutschen Frauenverein
+in den achtziger Jahren[893] können in das Gebiet sozialer
+Hilfsthätigkeit,--wie man die Erweiterung oder Wohlthätigkeit mit Recht
+benennt,--gerechnet werden.[894] In dieselbe Kategorie gehört die
+Universitäts-Ausdehnungs-Bewegung, die in England ihren Ausgang nahm und
+sich in Amerika, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, Dänemark, Finland
+mit mehr oder weniger Erfolg ausbreitete, gehören die dänischen
+Volkshochschulen, die der vernachlässigten Landbevölkerung Bildung
+zutragen, gehört die aufopfernde Thätigkeit der russischen Lehrerinnen,
+die die Fackel der Aufklärung in das Dunkel geistigen und physischen
+Elends tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie
+die Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst überwinden
+konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die geistigen
+Almosen--eben nur Almosen! Das Gebotene ist Stückwerk und muß Stückwerk
+bleiben; es vermittelt einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt,
+um sie untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und
+befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es immer
+nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und
+Ausgebeutetsten,--dazu gehören, wie wir wissen, die Masse der
+Arbeiterinnen,--nicht die Zeit und die physischen und geistigen
+Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher Gaben nötig sind.
+Der Bankerotterklärung,--d.h. dem Eingeständnis der Unfähigkeit, die
+Masse der Proletarier in nennenswerter Weise aus materieller und
+geistiger Not zu befreien,--der materiellen Wohlthätigkeit wird daher
+die der ideellen folgen müssen.
+
+Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren
+zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser Untersuchung
+sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun haben und nur
+insofern für uns von Interesse sind, als sie die Stellung der
+bürgerlichen Frauen gegenüber der Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist
+aber auch die selbständige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los
+ihrer "ärmeren Schwestern",--wie sie mit so viel sentimentalem Pathos zu
+sagen pflegen,--fast erschöpft. Sobald das Gebiet der Wohlthätigkeit im
+weiteren Sinn verlassen und das des Rechts betreten wurde, lehnten sich
+die Frauen der Bourgeoisie teils an eine der politischen Parteien und
+deren Anschauungsweisen an, teils übertrugen sie, rein mechanisch, in
+naiver Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, die Theorien der
+bürgerlichen Frauenbewegung auf die Arbeiterinnenfrage.
+
+So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden Einfluß
+jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur immer eine
+schwache Kopie gesehen haben, dessen die öffentliche Meinung
+beherrschende Stellung aber um so stärker auf die Frauen wirkte, als
+ihre Interessen schon seit langem im wesentlichen politische waren. Sein
+Einfluß bestimmte auch ihre Stellung gegenüber der Arbeiterinnenfrage.
+Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem
+frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der Geschlechter
+beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: infolgedessen kämpften
+sie mit einer Heftigkeit, die jetzt erst nachzulassen beginnt, gegen
+jede gesetzliche Beschränkung der Frauenarbeit. Was für die bürgerlichen
+Frauen vollste Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann
+sich erst erringen mußten, das sollte auch für die Proletarierinnen
+gelten, die längst schon Seite an Seite mit den männlichen
+Arbeitsgenossen sich körperlich und geistig zu Grunde richteten. Die
+liberalen Frauen gingen dabei von der Ansicht aus, daß jede gesetzliche
+Verkürzung der Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein
+Anwendung findet, jeder Ausschluß der Frauen aus bestimmten
+Arbeitszweigen die Arbeitsmöglichkeit für sie beschränkt und sie den
+Männern gegenüber benachteiligt. In naivem Unverständnis für die
+thatsächlichen Verhältnisse, befangen durch abstrakte Theorien, zogen
+sie im Namen der persönlichen Freiheit die Ausbeutung der Arbeiterin dem
+gesetzlichen Schutze vor. Ihre Ansichten gewannen um so größere
+Bedeutung, seit sie offiziell durch die Women's Liberal Federation
+vertreten wurden, die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet,
+und über 100000 Mitglieder zählt. Im Jahre 1893 erhob die
+Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den gesetzlichen
+Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines völlig gleichen Schutzes für
+Männer und Frauen zum Beschluß,--ein Beweis, wie die Idee der rein
+mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Köpfe verwirrt hatte.
+Als die Regierung dann 1895 dem Parlament Abänderungen des
+Fabrikgesetzes und Zusätze dazu vorlegte, die eine Erweiterung des
+Arbeiterinnenschutzes zum Ziele hatten, entfaltete der Verband eine
+fieberhafte Agitation dagegen, die selbst davor nicht zurückscheute, die
+Ausdehnung der Schutzzeit für Schwangere und Wöchnerinnen zu bekämpfen,
+und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen im
+besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im allgemeinen Stellung
+nahm.[895] Die Gegner der Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem
+Vorgehen einen starken Rückhalt, und es gelang den vereinten Kräften der
+Frauen, die für Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der
+Männer, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, eine
+Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, wohl aber
+bedeutend abzuschwächen. Indessen ist nach und nach ein leiser Umschwung
+in den Ansichten des Verbandes eingetreten, der dadurch zum Ausdruck
+kam, daß er in seiner Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals
+gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit
+einer schwachen Majorität von 33 Stimmen. Seitdem verficht die
+Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten
+frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu
+stützen, daß sie alle diejenigen Fälle ihren Lesern vorführt, aus denen
+hervorgeht, daß der gesetzliche Arbeiterinnenschutz auf die
+Erwerbsverhältnisse nachteilig gewirkt hat. Daß solche Fälle in Zeiten
+des Uebergangs zahlreich sind, daß es Arbeiterinnen infolge der
+Beschränkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder gar des
+Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschädlichen Berufen schwer fällt,
+neue Stellungen sich zu verschaffen, ist zweifellos. Und es ist eine aus
+der ganzen Erziehung, vor allem aber aus der intensiven Beschäftigung
+mit der Wohlthätigkeit erklärliche Eigenschaft der Frauen, über der
+Härte des Einzelfalls den Vorteil für das Ganze vollständig zu
+übersehen. Sie sind gewohnt, den Kindern, den Kranken, den
+Arbeitsunfähigen, kurz den Schwachen helfend und schützend zur Seite zu
+stehen und sie schrecken, ganz vom Gefühlsstandpunkt beherrscht, vor dem
+grausamen aber leider unvermeidlichen Weg zurück, um der Gesamtheit
+willen das Schicksal Einzelner zu gefährden. So verwirft ein sehr
+großer Teil frei denkender Engländerinnen unter dem tönenden Kampfruf
+"Free Labour Defense" den Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht
+mehr ins Endlose arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot
+mangelt, weil das Fabrikmädchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr
+findet und der Schande in die Arme fällt. Um so erstaunlicher war es,
+daß der liberale Frauenverband sich prinzipiell für einen gesetzlichen
+Schutz der Heimarbeit erklärte. Begreiflich wird das nur, wenn man sich
+klar macht, daß es sich dabei nicht um den Ausdruck erweiterter
+Erkenntnis, sondern im wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung
+und des persönlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der Arbeiterin
+vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz der Konsumenten
+vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, wie groß diese
+thatsächlich sind, und sowohl in England wie in Amerika wird der Kampf
+gegen die Hausindustrie, von bürgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem
+Gesichtspunkt aus geführt.
+
+Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der Geschlechter in
+Bezug auf die Erwerbsmöglichkeiten sind es auch, die die Haltung der
+deutschen bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage
+beeinflussen. Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche
+Frauenverein an den Kongreß der volkswirtschaftlichen Vereine, der in
+Hamburg tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, daß darauf
+hingewirkt werden möge, "die weibliche Arbeitskraft von der
+Verkümmerung, in der sie sich gegenwärtig befindet, zu retten und zu
+einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt heranzuziehen", und an
+den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre zusammentrat, wurde
+gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine Unterstützung der
+Frauenarbeit forderte.[896] Der Gedanke des gesetzlichen
+Arbeiterinnenschutzes mußte in jener Zeit den Frauen um so ferner
+liegen, als thatsächlich überall der Eintritt der Arbeiterinnen in die
+Industrie durch die Arbeiter mit allen Mitteln bekämpft wurde. Was
+damals aber begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, während deren
+alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft fielen,
+nur als ein Ausfluß blinder Prinzipienreiterei und mangelhafter Kenntnis
+der einschlägigen Verhältnisse. So allein ist es zu erklären, daß die
+französische Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongreß im
+Jahre 1900,--der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr ein
+nationaler war,--mit großem Nachdruck gegen jeden besonderen
+Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die Art wie es
+geschah einen Fortschritt.
+
+In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts war jene große
+Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an deren Spitze Marx, Engels
+und Lassalle standen. Der Sozialismus, wütend bekämpft von der
+bürgerlichen Gesellschaft, drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen,
+durch geschlossene und verbarrikadierte Thüren und Fenster hinein. In
+vielen seiner Züge war er geradezu prädestiniert, die Frauen zu
+gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jüngerinnen an sich zog,
+weil es an das Gefühl appellierte, weil es den "Mühseligen und
+Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die Gefühlsseite des
+Sozialismus, die heute so stark auf die Frauen wirkt, oft ohne daß sie
+es wissen und meist ohne daß sie es eingestehen wollen. Wo es sich um
+bürgerliche Frauen handelt, hört ihr Verständnis und ihre Zustimmung
+meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des
+gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder den
+Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu verfolgen. Aber
+ihre Gefühlswelt ist durch ihn befangen; kürzere Arbeitszeit, höherer
+Lohn, Schutz den Frauen und Kindern--das sind Ideen, die ihnen, denen
+die Armut in jeder Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein
+müssen. Auch die Form der Beschlüsse des französischen Kongresses von
+1900 ist auf den wachsenden Einfluß des französischen Sozialismus
+zurückzuführen. Sie lehnen zwar den gesetzlichen Schutz für weibliche
+Arbeiter ab,--eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,--aber sie
+verlangen ihn in ausgedehntem Maße für beide Geschlechter, indem sie die
+grundlegende Forderung der organisierten Arbeiterschaft,--den
+Achtstundentag,--an die Spitze stellen.[897]
+
+Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich der
+Einfluß der Arbeiterbewegung auf die Haltung der deutschen bürgerlichen
+Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage. daß es ihr möglich war,
+mit bestimmten ihrer Ideen in ihr Fuß zu fassen, ist die natürliche
+Folge der völligen Vernachlässigung der Frauenfrage durch die
+bürgerlichen Parteien Deutschlands. Indem der englische Liberalismus die
+Forderungen der Frauen nicht nur ernst nahm, sondern auch vielfach
+acceptierte, und er ebenso wie die konservative Partei den Drang der
+Frauen zu politischer Thätigkeit geschickt für sich ausnutzte, sie
+gewissermaßen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine kluge
+Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten einen
+Rückhalt, eine Stütze an ihnen, während die deutschen Frauen bis vor
+kurzem von allen bürgerlichen Parteien gleichmäßig geächtet waren.
+
+Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche bürgerliche Frauenbewegung
+vollzog sich natürlich außerordentlich langsam und setzte äußerlich
+bemerkbar erst dann ein, als der Bannfluch, der mit dem
+Sozialistengesetz den Sozialismus und seine Vertreter in den Augen der
+bürgerlichen Welt getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872
+erklärte Fräulein Auguste Schmidt, die eigentliche Führerin des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die
+Frauenbewegung repräsentierte, die Bildung für den eigentlichen Kern-
+und Schwerpunkt der Frauenfrage.[898] Wenige Jahre später, angesichts
+des Sozialistengesetzes, hielt sie sich für verpflichtet, die deutsche
+Frauenbewegung gegen jeden Verdacht revolutionärer Bestrebungen
+öffentlich zu verwahren.[899] Erst 1881, zum ersten Male wieder seit der
+Gründung des längst eingegangenen Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869
+durch Luise Otto, beschäftigte sich die Generalversammlung des Vereins,
+infolge eines Referats von Fräulein Marianne Menzzer, mit der traurigen
+Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn für gleiche
+Arbeit", die in England und Frankreich längst aufgestellt worden war und
+durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs ist, fand lebhaften
+Widerhall.[900] Als dann zwei Jahre später dieselbe Frage zur Beratung
+stand, zeigte sich die ganze Einsichtslosigkeit der Versammlung darin,
+daß sie in erster Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die
+moralische Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu unterstützen,
+daß die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen Geschäften zu
+kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. Ein Fortschritt jedoch
+trat damals schon hervor: einige wenige Frauen, unter Leitung von Frau
+Guillaume-Schack, befürworteten statt dessen die Gründung von
+Arbeiterinnen- und Gewerkvereinen,[901] Frau Guillaume-Schack war die
+erste ausgesprochene Sozialistin in der bürgerlichen Frauenbewegung. Als
+sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen konnte und der bürgerlichen
+Frauenbewegung den Rücken wandte, schien es, als ob damit das Interesse
+an der Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es
+fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, unter
+denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach unter Leitung
+von Frau Minna Cauer und unter dem Einfluß von Frau Jeanette Schwerin zu
+dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging die Agitation für Anstellung
+weiblicher Gewerbeinspektoren aus, sie versuchte mit aller Energie die
+Frauenbewegung aus der Bahn der Wohlthätigkeit in die sozialer
+Hilfsarbeit hineinzulenken. Dieser ganzen Strömung entstand im Jahre
+1894 ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegründeten
+"Frauenbewegung".
+
+Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier geleistet
+wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der bürgerlichen
+Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so daß selbst die ruhige
+Vernunft dadurch unterdrückt wurde, das beweist die in demselben Jahr
+erfolgte Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine.[902] Seine
+Entstehung verdankte er der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich
+des internationalen Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen
+nationalen Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von
+vornherein kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die
+Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den Einfluß aller
+Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" zuwenden wollte, "zu denen
+alle von Herzen ihre Zustimmung geben können".[903] Von, diesem Bündnis
+nun, das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach
+dem Ausspruch der Vorsitzenden der Gründungsversammlung, Fräulein
+Auguste Schmidt, "die sozialistischen Arbeiterinnenvereine
+selbstverständlich" ausgeschlossen, und in diesem Sinne stimmte die
+überwiegende Majorität der Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an
+der Sitzung teilnahmen, fanden sich nur fünf, die auf meine Initiative
+hin gegen diese engherzige, die ganze Gründung von vornherein
+brandmarkende Auffassung öffentlichen Protest erhoben. Als
+Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens erklärte
+der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner offiziellen
+Schriften[904], daß die betreffenden Vereine zum Beitritt nicht hätten
+aufgefordert werden können, weil das Gesetz das in Verbindung treten
+politischer Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine
+anzusehen, unmöglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den
+meisten Staaten Deutschlands die Gründung politischer Vereine durch
+Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab demnach in diesem
+Sinn überhaupt keine "sozialistischen" Arbeiterinnenvereine und die
+ganze Beweisführung des Bundes soll nur noch heute die Angst, sich
+öffentlich zu kompromittieren, verschleiern. Thatsächlich haben
+inzwischen soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der
+bürgerlichen Frauenbewegung mehr an Einfluß gewonnen, als im deutschen
+Bunde. Schüchtern setzten sie ein mit der Forderung an die Kommunen,
+Kinderhorte einzurichten und an die Regierungen, weibliche
+Gewerbeinspektoren anzustellen, und innerhalb sechs Jahren haben sie
+sich soweit entwickelt, daß der Bund von sich sagen kann: "In der Frage
+des Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie die
+organisierten deutschen Arbeiterinnen"[905], d.h. wie die
+Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen Ungestüm
+aller derer, die eine Wahrheit plötzlich erkannt haben, petitionierte er
+bei den Volksvertretungen und Regierungen um die Ausdehnung des
+Wahlrechts und der Wählbarkeit zu den Gewerbegerichten auf weibliche
+Arbeitgeber und Arbeiter, um den Achtuhrladenschluß, zweistündige
+Mittags-, je eine viertelstündige Frühstücks- und Vesperpause,
+den achtstündigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang für
+jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der
+Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die Einführung
+obligatorischer Fortbildungsschulen für Mädchen, um die Schaffung eines
+einheitlichen Reichsvereins- und Versammlungsrechts und Gewährung
+gleicher Rechte für die Frauen wie für die Männer. Zugleich regte die
+1899 gegründete Kommission für Arbeiterinnenschutz an, Enquêten der Lage
+der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. Dementsprechend hat in Leipzig der
+Allgemeine deutsche Frauenverein Untersuchungen der Frauenarbeit im
+Kürschnergewerbe, und in Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim-
+und Fabrikarbeit der Strohhutnäherinnen veranstaltet. Die Bedeutung
+aller dieser Maßnahmen läßt sich nicht nur am Vergleich mit der nach
+anderen Richtungen so vorgeschrittenen französischen und englischen
+Frauenbewegung ermessen, sondern vor allem daran, daß sie von 137
+Vereinen ausgehen, deren 71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem
+rückständigen, antisozialistischen deutschen Bürgertum zusammensetzen.
+Wahrlich, ein deutliches Zeichen für die Macht sozialer Ideen! Auch
+abseits vom Bunde, in kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im
+evangelisch-sozialen Kongreß durch den Einfluß zweier mit der Lage der
+Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Kühne und
+Fräulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in dem orthodoxen
+evangelischen Frauenbund durchzudringen.
+
+Selbstverständlich lehnt die bürgerliche Frauenbewegung nach wie vor
+jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus ab, und dokumentiert das vielfach
+durch Unterlassungssünden, durch Worte und Thaten. Als die
+proletarischen Frauenorganisationen im Jahre 1895 unter dem Zeichen des
+drohenden Umsturzgesetzes in der schlimmsten Weise verfolgt und
+geschädigt wurden und die Gelegenheit geboten gewesen wäre, die
+Solidarität mit den Arbeiterinnen zu beweisen, hüllte die offizielle
+Vertretung der bürgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine
+Protesterklärung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, die ich
+veröffentlicht hatte, fand nur verhältnismäßig wenig Unterschriften. Und
+bei Gelegenheit der großen Agitation gegen das bürgerliche Gesetzbuch
+seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine Flut von Reden,
+Artikeln, Broschüren und Petitionen mit sich führte, blieben die für die
+Proletarierin so wichtigen Fragen des Rechts auf dem Gebiete des
+Arbeitsvertrags, der Gesindeordnungen, der Stellung der ländlichen
+Arbeiter von alledem völlig unberührt. Wie vorsichtig und
+zurückhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen Deutschlands der
+Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht, dafür noch folgendes Beispiel:
+Unter der Leitung des Vereins "Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes
+ein Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen
+Bestrebungen,--sie decken sich fast ganz mit denen des Bundes,--als in
+ihrer energischen Betonung und radikalen Färbung von ihm abweicht. Er
+stellte den Antrag, der Bund möge eine Verständigung zwischen der
+sozialistischen und bürgerlichen Frauenbewegung für wünschenswert
+erklären, wurde aber damit zurückgewiesen und es trat eine äußerst matte
+Erklärung an seine Stelle, wonach "die Möglichkeit einer Verständigung
+von Fall zu Fall in Betracht" gezogen werden sollte.
+
+Am deutlichsten aber trat der bürgerliche Klassencharakter der
+Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die häuslichen Dienstboten
+anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und sich gegen die
+unwürdige Lage, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Bis ins innerste
+Herz wurde die ganze bürgerliche Gesellschaft dadurch getroffen; solange
+die Arbeiterinnenbewegung sich außerhalb der eignen vier Wände
+abspielte, konnte sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den
+Frauen, die keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen
+glaubten fürchten zu müssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich in
+ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie
+verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von
+wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja vielfach in
+Haß, der alle diejenigen in Acht und Bann erklärte, die mit der
+Dienstbotenbewegung sympathisirten. Schon die Haltung des Berliner
+Internationalen Frauenkongresses war charakteristisch; für lange
+Berichte über Wohlthätigkeitsorganisationen war Zeit in Fülle vorhanden,
+als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage erörtern wollte,
+konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand ging in der Diskussion
+darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten des Berliner
+Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina Morgenstern: um das
+"Verlieren" der in Deutschland üblichen, mit Zeugnissen versehenen
+Dienstbücher wirkungslos zu machen, verlangte er die direkte Einreichung
+dieser Zeugnisse an die Polizei, damit die Herrschaften hier stets
+Einsicht von ihnen nehmen könnten.
+
+Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunächst die Zunge
+gelähmt zu haben. Erst allmählich entschloß man sich, sie vorsichtig und
+zurückhaltend zu erörtern; persönlichen Anteil daran nahmen aber nur
+wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen
+Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu nichts
+weiter entschließen als zu einer Petition um Einführung der
+Unfallversicherung für das häusliche Gesinde, und eine Anzahl Vereine
+erklärten mit großem Pathos, die Mißachtung, unter der die Dienstboten
+zu leiden haben, dadurch zu beseitigen, daß sie von nun an nicht mehr
+Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das für
+den Hängeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als ein ausreichendes
+Aequivalent erscheint?! Etwas energischer äußerte sich eine der
+Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza Ichenhäuser, indem sie noch den Ersatz
+des Dienstbuches durch ein fakultatives Arbeitszeugnis und die
+gesetzliche Festlegung eines Wochenminimums an Freiheit forderte.[906]
+Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng
+thatsächlich die Grenzen für seine sogenannt radikalen Anschauungen
+gezogen sind, indem er sich in seiner Generalversammlung im Oktober 1901
+nicht einmal zu dieser Forderung entschließen konnte, sondern sich nur
+darauf beschränkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die
+Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, und
+die Zuständigkeit der Gewerbegerichte für Rechtsstreitigkeiten, die aus
+dem Dienstverhältnis sich ergeben, zu verlangen.
+
+Das Haus und seine Ordnung ist thatsächlich vor allem für die deutsche
+Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie bisher von der primitiven Art
+ihrer Haushaltung und Wirtschaftsführung abzugehen, und wie es eine alte
+Erfahrung ist, daß das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen
+geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst willen
+eingeführt werden, ein äußerer Zwang sie vielmehr zur Notwendigkeit
+machen muß, so wird eine Aenderung dieser Verhältnisse, die die traurige
+Lage der Dienstboten bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an
+häuslichen Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafür ist die Haltung der
+bürgerlichen Frauen gegenüber der Dienstbotenfrage im Ausland, wo es
+mehr und mehr an Kräften fehlt, die sich dem Hausdienst zur Verfügung
+stellen. Nicht nur, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen überall
+bessere sind als in Deutschland, daß Einrichtungen aller Art den Dienst
+erleichtern, daß weder Dienstbücher, noch Ausnahmerechte, wie unsere und
+die österreichischen Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch
+das Dienstverhältnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der Pariser
+Frauenkongreß von 1900 lehnte zwar die Beschränkung der Arbeitszeit ab,
+er verlangte aber eine Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der
+Praxis als ziemlich dasselbe herausstellen dürfte. Auf dem Londoner
+Frauenkongreß ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter lebhaftem
+Beifall die Ansicht vertreten, für alle häuslichen Dienste, außer dem
+Hause wohnende Arbeitskräfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach
+geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwärterinnen, Lohndiener beschäftigt
+werden.[907] In Amerika hat sich zu diesem Zweck ein besonderer
+Frauenverein gebildet, der für den häuslichen Dienst die
+Arbeitsvermittlung in Händen hat, und bei dem die Hausfrauen für jede
+Art Arbeit stunden- und tageweise Mädchen engagieren können. Eine andere
+Art, dem Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu
+entlasten,--wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der
+bürgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, daß es in erster Linie
+das persönliche Interesse ist, das zu Reformen zwingt,--wurde auf der
+Konferenz der englischen Gesellschaft für Frauenarbeit im Jahre 1899
+vorgeschlagen: "Ein spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin,
+"sollte hier der Pionier sein, indem er Mietshäuser mit je einer
+Zentralküche und einer Zentralwaschküche baut.... Man hat berechnet, daß
+man halb so viel für Nahrung ausgeben würde, wenn die Verschwendung an
+Materialien und Arbeitskräften, die unzweckmäßige Kochart wegfielen....
+Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines genügt, warum hundert
+Küchengeräte abwaschen, wenn nur eines nötig gewesen wäre.... Was finden
+wir denn heute in den berühmten, poetisch verherrlichten englischen
+Häusern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wäschedunst und abgearbeitete
+Frauen."[908] Genau denselben Standpunkt vertritt eine Amerikanerin,
+wenn sie sagt[909]: "Während jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten
+den ganzen Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungenügend
+erfüllen, könnte dieselbe Arbeit besser und in kürzerer Zeit durch
+wenige Spezialisten ausgeführt werden."
+
+Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als Mittel zu
+ihrer Befreiung hat die bürgerliche Frauenbewegung am spätesten erkannt.
+Selbstverständlich: Denn das bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der
+alten Anschauungsweise, die darauf beruht, daß die Armen Wohlthätigkeit
+und Recht aus den Händen der Herrschenden entgegen zu nehmen haben. Sich
+durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen der meisten heute
+noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch gilt hier, was bei den
+Fragen der Gesetzgebung gilt, daß die Initiative niemals von den
+Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten erst dann als Organisatorinnen
+und Agitatorinnen der Gewerkschaften auf den Plan, als die Proletarier
+selbst die schwerste Arbeit, die Erringung der gesetzlichen Anerkennung
+hinter sich hatten, und eine Gefahr für Staat und Gesellschaft nicht
+mehr in ihnen erblickt wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der
+bürgerlichen Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte
+Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fällt, war ihr Einfluß ein direkt
+nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kämpfe um den Arbeiterschutz,
+frauenrechtlerische Ideen hinein und statt daß die Solidarität der
+Arbeiterin mit dem Arbeiter sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde
+die ursprünglich frauenrechtlerische Männerfeindschaft dadurch
+propagiert, daß man Gewerkschaften mit ausschließlich weiblichen
+Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische Women's
+Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres Bestehens unter die
+Leitung von Damen der hohen Aristokratie geriet, und es daher geraume
+Zeit dauerte und erst die Folge vieler bitterer Erfahrungen und harter
+Enttäuschungen war, ehe die Propaganda für Nur-Frauen-Gewerkschaften der
+für gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis
+der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu
+verdanken, daß heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady Dilke an
+der Spitze, einsehen, daß nicht das Geschlecht, sondern die Klasse das
+Bindemittel der Solidarität sein muß. In Frankreich tritt gerade in
+dieser Richtung der frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor,
+weil die Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung erst in
+allerjüngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation der
+Arbeiterinnen zu beschäftigen und ihnen nicht, wie in Deutschland, eine
+kräftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht. Sie haben in
+Paris in rascher Folge die verschiedensten Frauengewerkschaften
+geschaffen, für die diejenige der weiblichen Typographen,--von der
+"Fronde" und ihrer Direktorin ausgehend,--besonders charakteristisch
+ist: sie steht in schroffem Gegensatz zu den männlichen Kollegen, und
+kämpft, entgegen dem Gesetz und den Grundsätzen der gesamten
+Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit für Frauen, wenigstens
+in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso schädigend für die
+Interessen der Arbeiterinnen, kommt in den Organisationen zum Ausdruck,
+die kirchliche Kreise schufen und erhalten. Sie umfassen, wie das
+Syndikat l'Aiguille in Paris, Unternehmer und Angestellte, wodurch die
+Möglichkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein
+ausgeschlossen ist, oder sie sind, wie die Société de Secours mutuel,
+die Gesellschaften La Couturière, La Mutualité maternelle, l'Avenir
+fast ausschließlich Wohlthätigkeitsvereine, die unter strengem
+kirchlichen Regimente stehen.
+
+Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften als
+sozialer Kampforganisationen durch den Einfluß bürgerlicher Elemente
+tritt aber nirgends so deutlich zu Tage als in Deutschland. Sehr spät
+erst, von einzelnen fruchtlosen Bemühungen abgesehen, ist die
+bürgerliche Frauenbewegung der gewerkschaftlichen Frage näher getreten
+und zwar zuerst in einem Berufskreis, der ihr persönlich am nächsten
+stand: in dem der Handelsangestellten. In vollständiger Verkennung der
+Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur durch
+Zusammenschluß der Arbeiter allein erreichen und die Schmutzkonkurrenz
+der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den männlichen Arbeitsgenossen
+beseitigen kann, gründete der Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den
+Hilfsverein für weibliche Angestellte, der nicht ausschließlich die
+Frauen organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfaßt. In
+verschiedenen Großstädten Deutschlands wurden ähnliche Vereine
+geschaffen und die Handelsangestellten strömten ihnen um so eher zu, als
+ihnen nicht nur Vorteile aller Art,--deren Wert für sie wir gewiß nicht
+verkennen wollen,--geboten werden, sondern der ursprüngliche
+Standesdünkel der Töchter der kleinen Bourgeoisie hier genährt wird. Die
+Zahlen der auf diese Weise organisierten Frauen sind folgende:
+
+Berlin 13000
+Frankfurt a. M. 800
+Breslau 950
+Königsberg i. Pr. 600
+Kassel 210
+Köln 400
+Stuttgart 345
+Leipzig 700
+Magdeburg 160
+Bromberg 120
+Danzig 240
+München 210
+Thorn 60
+Stettin 150
+Mainz 115
+Mannheim 210
+Posen 150
+Hamburg 600
+Dresden 120
+ ---------------
+ Im ganzen 19140
+
+Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu
+unterschätzen, wenn auch angenommen werden kann, daß von den
+Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen angehören. Aber
+alles, was sie, infolge ihrer numerischen Stärke, ihren Mitgliedern
+bieten, kaufmännische Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek,
+Vorträge, Theater, Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung,
+Krankenversicherung u.s.w., wird durch den großen Schaden aufgewogen,
+den sie ihnen zufügen, indem sie das Abhängigkeitsgefühl von den
+Arbeitgebern und dem bürgerlichen Element in ihrer Mitte in den an sich
+schon rückständigen Mitgliedern befestigen, das Aufkommen des
+Solidaritätsgefühls mit den Lohnarbeitern aller Berufe unterdrücken, und
+die Kräfte, die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen
+lassen.
+
+Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage völlig
+verkennende Standpunkt der bürgerlichen Frauenbewegung in dem ersten
+Versuch einer Dienstbotenorganisation hervor, wie ihn Mathilde Weber
+1894 durch die Gründung des Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.[910]
+Auch sie dachte dabei allein an die Töchter der eigenen Klasse: die
+Gesellschafterinnen, Stützen der Hausfrau, Wirtschafterinnen,
+Kindergärtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung sich von dem
+einfachen Dienstmädchen meist nur durch den Titel "Fräulein"
+unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt ausschließlich in den
+Händen der Herrschaften und die Mitglieder haben so wenig zu sagen, daß
+die Generalversammlung sich auch dann für beschlußfähig erklärt, wenn
+nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenüber bedeutete der fünf Jahre
+später gegründete Verein Berliner Dienstherrschaften und
+Dienstangestellter immerhin einen leisen Fortschritt, indem er zwar, wie
+die Vereine der Handelsangestellten auf dem unmöglichen
+Harmoniestandpunkt zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem
+doch dieselben Rechte einräumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und
+Unterdrückung des Solidaritätsgefühls, des allein zum Selbstbewußtsein
+erziehenden Klassenbewußtseins ist aber überall gleich groß. So auch in
+den Versuchen der Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die
+Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899
+gegründete Verein etwa 200 Mitglieder zählt. Sie laufen im wesentlichen
+auf Wohlthätigkeit hinaus und nähren in den Proletarierinnen jenen
+verderblichen Sklavensinn, der von Rechten nichts weiß, sondern alles,
+was ihm geboten wird, demütig und dankbar aus der Hand des Herrn
+entgegennimmt.
+
+Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer reiferen
+Erkenntnis bildet der von Münchener Frauenrechtlerinnen gegründete
+Kellnerinnenverein: er ist, auch was seine Leitung betrifft, ein reiner
+Arbeiterinnenverein, der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen
+Unternehmern und Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht
+zurückhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Gründer gemahnt, ist
+die Thatsache, daß der Verein ausschließlich auf weibliche Mitglieder
+zugeschnitten ist, dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwächt
+wird, daß in München männliche Kellner zu den Ausnahmen gehören. Von den
+2 bis 3000 Münchener Kellnerinnen sind 230 Vereinsmitglieder.
+
+Die Zurückgebliebenheit der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die
+gewerkschaftliche Organisation ist auf Grund ihres Ursprungs vollkommen
+verständlich; die wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschluß der
+weiblichen Arbeitskraft aus allen bürgerlichen Arbeitsgebieten
+ausdrückte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein mehr oder
+weniger gewaltsames Vordringen in seine Berufssphären war die Folge. Die
+bürgerliche Frauenwelt bildete gewissermaßen eine gegen den Unterdrücker
+solidarisch verbundene Klasse der Unterdrückten, und sie lebte des
+Glaubens, daß ihre Interessen die Interessen des gesamten weiblichen
+Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am meisten
+eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der zäheste Widerstand
+entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung geringschätzt, wo sie noch
+nicht den mindesten politischen Einfluß haben. Dahin gehört vor allem
+Deutschland. Hier fühlen sie sich als eine Partei für sich, und es ist
+nur die idealistische Verbrämung einer traurigen Thatsache, wenn sie
+nicht müde werden, zu erklären: wir stehen "über" den Parteien; ihr
+naives Selbstgefühl und ihr völliger Mangel an Einsicht in die sozialen
+und wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es möglich
+zu machen, daß sie in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit nur das
+künstliche Produkt politischer Parteiungen sehen und auch hier Frieden
+zu stiften glauben, wenn sie die "ärmeren Schwestern" in ihre Arme
+ziehen. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, daß ihre Wege
+sich völlig voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der
+Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie äußert sich
+nicht im Ausschluß der weiblichen Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten
+durch den Mann, sondern in der übermäßigen Ausbeutung der Arbeitskräfte
+beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie daher
+nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren Arbeits- und
+Leidensgenossen. Wo die bürgerliche Frauenbewegung dieses
+Interesse nicht aufkommen läßt, wie durch zahlreiche ihrer
+Wohlthätigkeitsinstitutionen, wo sie an seine Stelle die
+Interessengemeinschaft mit den Vertretern des Kapitalismus zu setzen
+sucht, wo sie das Gefühl der Solidarität der weiblichen mit den
+männlichen Arbeitern bewußt oder unbewußt erschüttert und unterdrückt,
+wie fast durchweg in ihren Organisationsversuchen, wo sie sich endlich
+der Hebung der Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung
+der Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefährliche Feindin der
+Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur Lösung der
+Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, die sie ihr gegenüber
+einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie stiften kann, ist die
+Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der Notlage des weiblichen
+Proletariats und die Propagierung der Arbeiterschutzgesetze im Sinne der
+Arbeiter selbst. Nicht zu einer unmöglichen Harmonie zwischen den
+Klassen, wohl aber zu einer schließlichen Aufhebung der
+Klassengegensätze würde sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege
+ebnen helfen.
+
+
+
+
+9. Die sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben.
+
+Der Arbeiterinnenschutz.
+
+
+Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das Resultat
+eines zähen Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker und
+entsprang viel weniger ethischer Einsicht oder humanitären Bestrebungen,
+als dem Selbsterhaltungstrieb der herrschenden Klasse. Diese
+charakteristischen Züge tragen bereits die ersten Anfänge der englischen
+Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die verheerenden
+Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands entwickelten und die
+kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften, nötigten zu dem ersten
+Schutzgesetz des Jahres 1802. Die nationale Gefahr eines frühzeitigen
+Verbrauches des Menschenmaterials wurde aber schließlich auch von allen
+anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schwächlichen Versuchen eines
+gesetzlichen Kinderschutzes entschloß man sich indessen erst, als die
+grauenhaftesten Zustände mit nicht zu übersehender Deutlichkeit an das
+Licht des Tages traten und die öffentliche Meinung in starke Erregung
+versetzt worden war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten
+die schrankenlose Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie
+beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das durch
+den Eingriff des Staates in das Verhältnis zwischen Unternehmern und
+Arbeitern verletzt würde und wurden darin durch die manchesterliche
+Nationalökonomie unterstützt. Aber wie einerseits die moderne
+Produktionsweise ihnen zu Macht und Reichtum verhalf, so entwickelte
+sich andererseits mit ihr jener wichtige Faktor, der der Ausbreitung
+ihrer Machtsphäre einen Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne
+Arbeiterbewegung. Wie sie Schritt für Schritt vordrang, immer wieder
+zurückgestoßen von denen, die in ihr mit Recht den einzigen Feind
+fürchteten, der ihre Herrschaft erschüttern könnte, wie sie schließlich,
+am Ende des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest gefügter
+Phalanx gegenübersteht,--das ist ein Werdegang, der auch in der
+Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen hat.
+
+Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man
+durchsetzte. Natürlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf sie, die
+immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung nicht so
+schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab, den Müttern des
+Volkes, ob auf kommende Generationen arbeitsfähiger Menschen zu rechnen
+sei. Aber selbst diese, vom Standpunkt der Fabrikanten aus
+einleuchtenden Gründe blieben lange Zeit hindurch völlig unbeachtet. Es
+waren der Arbeitsuchenden zu viele, als daß man aus egoistischen Motiven
+den Schutz der Einzelnen für nötig gehalten hätte: mochten die Frauen
+mit 25 Jahren arbeitsunfähig sein, mochten die Kinder in Scharen zu
+Grunde gehen, es gab noch tausendfältigen Ersatz für sie. Eines langen
+und erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten
+Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschloß.
+
+Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die
+Zehnstundenbewegung, an deren Spitze bürgerliche Philanthropen standen,
+die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der Geknechteten gegen ihre
+Unterdrücker zum Ausdruck kam,--waren die beiden großen Feldzüge, die
+mit den ersten spärlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der
+Zehnstundentag für die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz. Ihm zur
+Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf für sich, den die
+Arbeiter mit Unterstützung der ersten aufopferungsvollen
+Fabrikinspektoren zu führen hatten. Durch die Einführung schichtweiser
+Beschäftigung suchten die Fabrikanten zunächst das Gesetz zu umgehen,
+bis eine neue Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allmählich wurden
+auch andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre
+wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der physischen
+und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das blödeste
+Auge, die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche Schranke und Regel
+des Arbeitstages durch halbhundertjährigen Bürgerkrieg Schritt für
+Schritt abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch
+'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.[911] Mit der Erkenntnis
+aber, daß der Arbeiterschutz ihnen selbst zum Vorteil gereichte, war der
+Widerstand der Fabrikanten dagegen gebrochen.
+
+Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen, wie in
+seiner politischen Entwicklung die Erklärung findet, war für den
+Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem relativ langsam
+vollzog und alle vorwärts treibenden Kräfte sich auf den Kampf gegen die
+politische Reaktion konzentrieren mußten, kein anfeuerndes Beispiel.
+Selbst jener erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge französische
+Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die
+Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte keinerlei
+praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die Durchführung
+des Gesetzes zu gewährleisten. Erst 1874, nach endlosen heftigen
+Streitigkeiten, gelangte der erste schüchterne Versuch eines besonderen
+Arbeiterinnenschutzes in der Nationalversammlung zur Annahme. Er
+beschränkte sich auf das Verbot der Nachtarbeit Minderjähriger und das
+Verbot der Arbeit unter Tage für Frauen jeden Alters. Aber selbst diese
+kläglichen Bestimmungen stießen auf den heftigsten Widerstand der
+Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen, oder ihre
+Abschaffung durchzusetzen,--ein Zustand des Kampfes und des vielfach
+fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz schützen wollte, der
+achtzehn Jahre andauerte.
+
+Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in Oesterreich,
+denn vor 1885 war überhaupt kaum eine Spur von ihm vorhanden: sowohl die
+Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage wurde den Frauen nicht verwehrt.
+Dann aber nahm er einen Aufschwung, durch den er Frankreich
+überflügelte: der Elfstundentag, der vierwöchentliche Wöchnerinnenschutz
+wurde eingeführt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht verboten.
+
+Deutschlands Anfänge auf dem Gebiete des Arbeiterinnenschutzes fallen
+ziemlich genau mit dem Erstarken der sozialdemokratischen Partei
+zusammen, deren mit immer größerem Nachdruck vorgebrachte Forderungen
+das treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins
+hinzu, dessen Wichtigkeit nicht unterschätzt werden darf, und dessen
+Träger die politische Vertretung des deutschen Katholizismus, das
+Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten Standpunkten ausgehend,
+grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen beide Parteien in ihren
+praktischen Forderungen gelegentlich zu ähnlichen Resultaten. Aber
+während die Sozialdemokratie im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und
+Arbeiterinnen nur ein Mittel sah, sie körperlich und geistig für den
+Klassenkampf zu stärken und fähig zu machen, glaubte das Centrum durch
+ihn die Entwicklung zurückzuschrauben. Es propagierte an erster Stelle
+die Sonntagsruhe, nicht aus hygienischen, sondern aus religiösen
+Gründen, es forderte einen Arbeiterinnenschutz, der den völligen
+Ausschluß der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie
+in ihrer alten Form zu erhalten und den Einfluß der Arbeitsgenossen auf
+die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die Ihren, statt dessen
+wieder unter den Einfluß der Kirche zu zwingen. Von diesem
+Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im Verein mit manchen
+Konservativen sogar vielfach zum Beschützer der Hausindustrie und der
+Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei, Thatsache ist, daß die
+Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes in Deutschland mit unter dem
+Einfluß des Centrums vor sich ging.
+
+Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag des
+Reichstags folgend, eine Enquete über die Lage der kindlichen und
+weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle zur Gewerbeordnung
+hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte. Sie enthielt in Bezug
+auf den Arbeiterinnenschutz einige Bestimmungen,--so das Verbot der
+Beschäftigung von Wöchnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der
+Niederkunft und das der Frauenarbeit unter Tage,--und erteilte dem
+Bundesrat die Ermächtigung, die Beschäftigung von Frauen und
+jugendlichen Arbeitern aus Gründen der Gesundheit und Sittlichkeit in
+bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung selbst dieser
+schwächlichen Verbesserungen der Schutzvorschriften wurde dadurch im
+Keime erstickt, daß sie nicht mit der obligatorischen Einführung der
+Fabrikaufsicht Hand in Hand gingen. Mit denselben Gründen, durch die die
+englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen die
+Schutzgesetzgebung gestützt hatten, kämpfte in Deutschland die
+Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die Gewerbeaufsicht[912], und
+noch zehn Jahre später verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit
+durchgreifenden Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte,
+seine Zustimmung, weil er ein Bedürfnis dafür nicht anzuerkennen
+vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der Frauenarbeit in
+unbeschränktem Maße, und die Arbeiterfamilien, so fügte er hinzu, um
+sich nicht die Blöße einseitiger Interessen zu geben, bedürfen ihrer
+nicht minder.
+
+Schließlich aber sah sich die Regierung gezwungen, den Wünschen des
+Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie, durch soziale Reformen
+die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu erschüttern. Das
+theatralische Schaustück einer internationalen Arbeiterschutzkonferenz
+wurde insceniert, und war im stande auch ernsten Leuten Sand in die
+Augen zu streuen. Thatsächlich war ihre Bedeutung lediglich eine
+symptomatische, indem sie bewies, daß das Bestreben der Arbeiter nach
+Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu teilweisem
+Siege zu führen schien, und eine informierende, indem sich zeigte, wie
+weit der Gedanke eines erweiterten Arbeiterinnenschutzes,--denn neben
+der Frage der Sonntagsruhe und der Kinderarbeit beschäftigte man sich
+lediglich mit der Fabrikarbeit der Frauen,--in den einzelnen Staaten
+bereits Fuß gefaßt hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit berührt
+wurde, war geringfügig genug. Deutschland, Oesterreich, England und die
+Schweiz einigten sich über folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe für
+alle Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit für jugendliche Arbeiter
+und für Frauen, Zehnstundentag für Jugendliche, Elfstundentag für
+Frauen, vierwöchentliche Arbeitsunterbrechung für Wöchnerinnen, Verbot
+der Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den
+Arbeiterinnenschutz zu den zurückgebliebensten Ländern gehört, und
+Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten bei den meisten
+Punkten Vorbehalte oder sie erklärten sich direkt dagegen. Ohne zu
+positiven Resultaten gelangt zu sein, ging die Konferenz auseinander und
+es blieb jedem einzelnen Staat wieder überlassen, den Arbeiterschutz
+nach seinem Gutdünken auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten
+Jahrhunderts, an dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem
+grenzenlosen Jammer gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine
+stumme Qual und Ausbrüche wütender Verzweiflung verdüstert wurde, bot
+den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen von seiner
+üppigen Tafel. Sie kamen, nächst den Kindern, wesentlich den Frauen zu
+gute.
+
+Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
+Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten].
+
+Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen Arbeiterinnen
+und er schließt sowohl die näheren Bestimmungen über Hausindustrie und
+Heimarbeit als alle diejenigen Gesetze aus, die sich mit den
+Handelsangestellten, den Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und
+Dienstboten beschäftigen.
+
+Betrachten wir zunächst die Frage der Arbeitszeit. Der Normalarbeitstag
+war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung gewesen. In England
+und mehr noch in Australien hatten sich die Gewerkschaften die
+allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit erkämpft und vielfach ihr Ziel,
+den Achtstundentag, durch kollektive Vertragschließung erreicht. Sie
+hatten, belehrt durch ihre Lebenslage, die nur durch Verkürzung der
+Arbeitszeit eine menschenwürdige werden konnte, den Standpunkt des
+einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die Persönlichkeit,
+jede Einschränkung des freien Willens ablehnt, längst aufgegeben und
+erstrebten überall auch die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um
+so heftiger sträubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge
+um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu
+verkleiden suchten, daß es niemanden verwehrt sein dürfe, für seine
+Familie, für seine Kinder so lange zu arbeiten als er wolle. Aber ihre
+Berufung auf die Freiheit des Individuums im allgemeinen und die
+Freiheit des Arbeitsvertrags im besonderen,--eine der wichtigsten
+Grundsätze des Liberalismus,--kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter
+in Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze bürgerliche
+Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem ihre Existenz zum Teil
+beruht: der Erhaltung der Familie und des Familienlebens in seiner alten
+Form, als deren Trägerin die Frau erscheint. Und so war es der indirekte
+Einfluß der weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der
+Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege zum
+Normalarbeitstag gehen ließ. In allen fünf Staaten unserer Tabelle ist
+die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch Rußland, Australien und
+Nordamerika sind in ähnlicher Weise vorgegangen, während Belgien,
+Holland, die skandinavischen Länder und Italien die gesetzliche
+Beschränkung des Arbeitstages nur für Kinder und junge Leute eingeführt
+haben. Was aber die Bestimmungen der einzelnen Länder wesentlich
+voneinander unterscheidet ist vor allem der Umstand, daß sie sich nur
+noch zum Teil allein auf die weiblichen Arbeiter beziehen:
+Frankreich--mit einer gewissen Modifikation--, Oesterreich, die Schweiz,
+einige Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschränken die
+Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Maß wie die
+erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die natürliche Erwägung, daß die
+Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei Geschlechts nebeneinander
+arbeiten, eine außerordentliche Störung erleiden, wenn der eine Teil
+zehn oder elf, der andere zwölf oder dreizehn Stunden beschäftigt ist,
+hat dazu den Anlaß gegeben. Die Notwendigkeit der Beschränkung der
+Arbeitszeit der Frauen führte daher die viel und heiß umstrittene Frage
+des Maximalarbeitstages der Männer ihrer Lösung entgegen. Das zeigt sich
+noch deutlicher in den Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der
+Männerarbeit noch nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen
+Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der
+Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit
+zuzuwenden. Während sie im Jahr 1885, vor der Regelung der Frauenarbeit,
+noch eine zwölf-, dreizehn- und mehrstündige Arbeitszeit der Männer
+feststellten, schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung,
+zwischen neun und elf Stunden.[913] In England, wo die Macht der
+Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt sich
+dasselbe Bild.[914] Angesichts dessen und der uns bekannten Thatsache
+der rapiden Zunahme der Frauenarbeit beantwortet sich die Frage nach dem
+Nutzen oder Schaden ihrer gesetzlichen Beschränkung von selbst, und es
+zeugt nur von großem Mangel an Einsicht, wenn man über die Entscheidung
+im Zweifel sein kann. Die Beschränkung der Arbeitszeit weiblicher
+Arbeiter ist nicht nur für sie selbst von größter Bedeutung, sie ist es
+auch im Interesse ihrer männlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch,
+und das ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung
+vielfach übersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven
+Arbeitszeit der Männer entfernt, zum Nachteil der Frauen ausschlagen,
+besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen dann die Frauen
+durch Männer ersetzt werden würden. Für deutsche Verhältnisse z.B. wäre
+eine Reduktion der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden
+gegenwärtig schon ohne Schaden für sie durchführbar, weil auch die
+Männer in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl immer näher kommen. Den
+Achtstundentag aber für die Frauen allein heute schon erkämpfen zu
+wollen, hieße ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger wäre es gegenwärtig
+auch für die Frauen mit größtem Nachdruck für den gesetzlichen
+Maximalarbeitstag der Männer einzutreten, wie ihn Frankreich durch den
+in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden Zehnstundentag zum Gesetz
+erhoben hat. Selbstverständlich bleibt der Achtstundentag das weitere
+Ziel, aber, wohl gemerkt, für Männer und Frauen. Er ist die
+Voraussetzung für die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und
+geistiger Knechtschaft, er ermöglicht erst ihre lebendige Teilnahme an
+den Errungenschaften der modernen Kultur. Für die Frau aber, vor allem
+für die Mutter und Hausfrau, würde er von noch größerem Werte sein, und
+daraus erklärt es sich, daß die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein für
+ihr Geschlecht erringen wollen.
+
+Wir kommen damit zur Kritik der Länge des Arbeitstags, wie er gesetzlich
+für die Frauen festgelegt wurde. Ist die Reduzierung der Arbeit auf zehn
+oder elf Stunden wirklich ausreichend, um die Körperkräfte der Frau
+nicht zu überbürden, ihre Gesundheit nicht zu gefährden und sie ihrer
+Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen, wie wir sie
+kennen lernten, erübrigt eine Antwort.
+
+So groß der Fortschritt ist gegenüber der unbegrenzten Arbeitszeit, so
+gering ist er gegenüber den notwendigsten Bedürfnissen; für das junge
+Mädchen, die werdende Mutter, vor allem aber für die Mutter kleiner
+Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer zu
+den traurigsten Resultaten führt. Die Erkenntnis, daß besonders die
+verheiratete Frau zur Führung ihres Haushalts mehr freier Zeit bedarf,
+hat zur Festsetzung der Mittagspause geführt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu
+dauern pflegt. Es wirkt wie Ironie, wenn man sich vergegenwärtigt, daß
+in dieser Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der
+Familie eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden
+muß, und die Arbeiterin meist für den Weg hin und her von der Fabrik den
+größten Teil der verfügbaren Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die
+deutsche Gesetzgebung hat überdies nicht einmal die anderthalb Stunden
+festgelegt, sondern nur eine, und bestimmt, daß die weitere halbe Stunde
+der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche
+Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer
+Arbeitsgelegenheit zittert, entschließt sich zu solcher Bitte?
+Thatsächlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt, daß
+Arbeiterinnen, die den Wunsch danach aussprachen, mit Entlassung bedroht
+wurden. Es ist daher nur natürlich, wenn der Wunsch nicht allzu häufig
+laut wird. Die halbe Stunde ist auch oft nicht der Mühe wert. Es fragt
+sich nun, ob demgegenüber eine Verlängerung der Mittagspause
+wünschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen werden, daß eine
+ausreichende Erweiterung,--auf drei Stunden etwa,--undurchführbar ist,
+weil die Betriebsstörung zu groß und die Differenz mit der Arbeit der
+Männer eine zu tiefgehende wäre. Viel vorteilhafter für die Frau und die
+Arbeiterfamilie wäre es, wenn sie, neben einer etwa einstündigen Pause,
+die Arbeit am Abend früher verlassen könnte, womöglich gemeinsam mit dem
+Mann. An Stelle der mittäglichen Hetze würde eine ununterbrochene Zeit
+treten, durch die auch für den Arbeiter eine Spur häuslicher
+Gemütlichkeit zuweilen erobert werden könnte. Man pflegt diese
+Tageseinteilung als die Einführung der englischen Tischzeit zu
+bezeichnen, weil sie in England vielfach durchgeführt worden ist. In
+Verbindung aber mit dem zehn- oder elfstündigen Arbeitstag wird das
+Ideal, die Sicherung des Familienlebens, die Möglichkeit der
+Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht. Wohlwollende,
+aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit reaktionären Politikern, wie
+das Centrum sie aufweist, sind daher auf den Gedanken gekommen, daß die
+Fabrikarbeit verheirateter Frauen überhaupt verboten werden müsse, die
+Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten habe.[915]
+Auch in Arbeiterkreisen fehlt es nicht an Stimmen, die für diese
+Maßregel eintreten; die Kongresse der christlichen Arbeiter von
+Rheinland und Westfalen forderten schon seit 1873 die Unterdrückung der
+eheweiblichen Fabrikarbeit[916]; eine große Gruppe lediger
+Fabrikarbeiterinnen Englands kämpft mit aller Energie gegen die
+verheirateten Arbeitsgenossinnen.[917] Auf verschiedene Motive ist diese
+Stellungnahme zurückzuführen: auf den uneigennützigen Wunsch, die Mutter
+den Kindern zurückzugeben und auf das eigennützige Verlangen, eine
+lästige, meist lohndrückende Konkurrenz los zu werden.
+
+Abzuleugnen, daß die Fabrikarbeit der verheirateten Frau ihr und ihren
+Kindern durch ihre große Ausdehnung empfindlich schadet, wäre,
+angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit. Es fragt sich nur, ob die
+zwangsweise Ausschließung davon ihr nutzen würde. Für Deutschland ist es
+durch die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, daß die
+übergroße Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik getrieben wird.
+Einer der Befürworter des Ausschlusses definiert den Begriff Not, indem
+er erklärt, nur dort dürfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst
+der Frau "unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben
+könne.[918] Um solche Not handelt es sich zumeist; wir sehen aber Not
+auch dort, wo zwar der momentane Hunger gestillt wird, aber die Angst um
+die Zukunft nie weicht und alle Freuden des Lebens entbehrt werden
+müssen. Auch in diesem Fall hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu
+arbeiten. Schließen sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die
+Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie aufnehmen,
+und man wird die Zersetzung rückständiger Betriebsformen dadurch noch
+länger aufhalten. Der vorhin zitierte Gegner der eheweiblichen
+Fabrikarbeit sieht darin allerdings einen glücklichen Ausweg für
+wirklich notleidende Ehefrauen; sie können, so sagt er "in der
+Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel
+Beschäftigung suchen, oder Aufwartungen übernehmen, als Kochfrau oder
+Pflegerinnen gehen etc."[919] Alle diese Beschäftigungen also, die sich
+fast sämtlich des Vorzugs erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle
+und Einschränkung unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren
+Familienpflichten weniger entziehen als die gesetzlich geregelte
+Fabrikarbeit! Zur Durchführung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur
+Zeit einer wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der
+Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind[920]; d.h. er
+will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit gerade dann
+entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er ist naiv genug,
+von den Unternehmern zu erwarten, daß sie gerade dann sich ihrer
+billigsten Arbeitskräfte gutwillig berauben werden.
+
+Aber nicht nur, daß der Erwerbszwang die verheirateten Frauen in die
+sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete drängen würde, er würde, da ihre
+Arbeitskraft ihre Mitgift bedeutet und unerläßlich ist zur Erhaltung der
+Familie, an Stelle der Eheschließung in erweitertem Umfang das
+Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind, an
+dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Anstoß zu nehmen, so
+gewiß ist es doch, daß das Konkubinat unter den heutigen Verhältnissen
+die Frau und ihre Kinder der Willkür des Mannes erbarmungslos aussetzt
+und beide dem tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber
+noch andere Gründe hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur
+unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik führen müssen: Die Fabrikarbeit ist die einzige Form der Arbeit,
+durch die die Frauen in engere Verbindung mit ihren Klassengenossen
+gebracht werden, davon aber hängt ihre Aufklärung, ihre
+Organisationsfähigkeit ab, und ihre stärkere oder geringere
+Organisationsfähigkeit wieder beeinflußt die raschere oder langsamere
+Entwicklung der sozialpolitischen Gesetzgebung.
+
+Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der Ausschluß
+der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen
+Gewerbeinspektorenberichte für 1899 haben das interessante Resultat
+ergeben, daß nach der Aussage der Mehrzahl der Fabrikanten teils nicht
+genug ledige Arbeiterinnen zur Verfügung stehen[921], vor allem aber die
+verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.[922] Die Gründe
+dafür sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen meist um ältere,
+erfahrene Arbeiterinnen, die überdies, weil sie ihren Beruf nicht mehr,
+wie die meisten ledigen, nur als einen Uebergang zur Ehe betrachten,
+besonders eifrig und strebsam sind. Also auch das Interesse der
+Unternehmer spricht gegen ihren Ausschluß. Wer die furchtbaren Schäden
+der Fabrikarbeit verheirateter Frauen ausmerzen will, muß zu anderen
+Mitteln greifen. Er muß sie in stärkerem Maße als bisher der
+Fabrikarbeit zuführen und der Hausindustrie und der Heimarbeit
+entreißen. Die Einrichtung von Schulkantinen und Kinderhorten durch die
+Kommunen und die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit muß damit Hand
+in Hand gehen.
+
+Schon die gegenwärtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit für Frauen
+würde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn sie thatsächlich ein
+Maximalarbeitstag wäre. Unsere Tabelle zeigt aber, daß nicht nur
+Ueberstunden in ausgedehntem Maß bewilligt werden können, sondern daß
+sogar allgemeine Dispensationen für bestimmte Fabrikationszweige im
+Bereiche der Möglichkeit liegen. Besonders die Saison- und
+Campagneindustrien spielen dabei eine große Rolle, d.h. alle diejenigen
+Arbeitszweige, die der Mode im hohen Maß unterworfen sind, oder die von
+Jahreszeiten und Festtagen abhängen. Dazu gehört vor allem die
+Herstellung der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und
+in Paris der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest
+beeinflußt werden. Die Ausnahmebewilligungen und Dispensationen sind
+hier so groß, daß die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur
+Ausnahme wird, und zwar um so mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne
+besondere Erlaubnis möglichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen
+dieser Art kommen, wie die Fabrikinspektoren aller Länder
+übereinstimmend berichten, am häufigsten vor. Wo ein ausgeprägtes
+Solidaritätsgefühl fehlt, wo die Organisation nicht hinter der
+Arbeiterin steht, ist sie nicht nur willenlos gegenüber den Wünschen des
+Unternehmers, sie bietet womöglich selbst die Hand zu ihrer Erfüllung.
+So wird der zehn- oder elfstündige Arbeitstag in der Praxis vielfach zu
+einem zwölf- und dreizehnstündigen.
+
+Aehnlich liegen die Verhältnisse in Bezug auf die Nachtarbeit: sie ist
+im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von Ausnahmen öffnen der
+Uebertretung der Vorschriften Thür und Thor. Nur England und die Schweiz
+erfreuen sich eines absoluten Verbots. In Deutschland wird unter
+bestimmten Bedingungen eine Verlängerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts,
+ein Beginn zwischen 4-1/2 und 5 Uhr früh gestattet, aber auch die
+Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der
+Einschränkung, daß Tag- und Nachtschichten wöchentlich wechseln müssen,
+kann durch den Bundesrat erlaubt werden. Für Molkereien und
+Konservenfabriken, für Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, für
+Ziegeleien und schließlich auch für Konfektionswerkstätten wurden
+Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der Gewährung
+von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit auch in der
+Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Feß- und Zuckerfabrikation,
+sowie in zahlreichen Zweigen der Textilindustrie gestattet. Das
+französische Gesetz wird in gleicher Weise durchlöchert, nur daß es den
+Vorteil bietet, an Stelle der zulässigen zehnstündigen Nachtarbeit
+Deutschlands und der elfstündigen Oesterreichs die siebenstündige
+festgesetzt zu haben.[923]
+
+Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und
+Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bezügliche Verordnung
+auch, hauptsächlich aus religiösen Gründen, straffer gehandhabt wird,
+und Frankreich die Bestimmung getroffen hat, daß für die notwendig
+gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche gewährt
+werden muß.
+
+Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach alledem
+durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn nicht
+annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen, daß der
+Segen, den sie verbreiten sollte, sehr fragwürdig erscheint. Und doch
+ist diese Zwiespältigkeit des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge
+des Standpunkts, den die Regierungen der Arbeiterfrage gegenüber
+einnehmen und der sich dadurch kennzeichnet, daß die Interessen der
+Arbeiter zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den
+Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter
+Arbeiterschutz ist aber nur dann durchführbar, wenn man bei seiner
+Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen hat. Der
+Fortschritt des Arbeiterschutzes hängt darum hauptsächlich von dem
+Einfluß und der Macht der Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der
+Verkürzung der Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das
+Wohl der Arbeiter in erster Linie beruht, ist der größte Nachdruck
+gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und der Schweiz
+beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil für die Industrie
+die Durchführung der Nacht- und Sonntagsruhe möglich, und zwar,
+bestimmte Ausnahmen abgerechnet, auch für Männer. Was die Ueberstunden
+betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, daß ihre völlige
+Aufhebung auch möglich ist, denn sie hat sich trotzdem, oder vielleicht
+gerade deshalb, so großartig entwickelt. Die Unternehmer, die auf die
+Höhe ihres Profits nicht verzichten wollten, sahen sich eben genötigt,
+die fehlenden Menschenkräfte durch schneller produzierende Maschinen zu
+ersetzen,--ein Prozeß, der stets bei der Verkürzung der Arbeitszeit
+eintreten muß, so daß der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten
+Mittel zur Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung
+erweist. Auch für Saison- und Campagneindustrien könnten die
+Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschränkt und der Ausfall durch
+Mehreinstellung von Arbeitskräften wett gemacht werden. Eine künstliche
+Einschränkung der in wilder Hetzjagd einander folgenden Modethorheiten
+wäre auch für die Konsumenten nicht vom Uebel. Zunächst freilich dürfte
+die Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen womöglich
+blos auf solche Fälle, wo Unglücksfälle oder Naturereignisse sie
+unbedingt notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf
+dem Boden internationaler Vereinbarungen auf Erfüllung rechnen kann.
+Selbst die vielfach ans Märchenhafte grenzende Entwicklung des
+Maschinenwesens, die geradezu prädestiniert erscheint, die Arbeitszeit
+immer mehr zu verkürzen, hat unter der gegenwärtig herrschenden
+schrankenlosen Konkurrenz nur dazu dienen müssen, den Profit zu erhöhen.
+Erfindungen, die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei
+Vorteil bringen, ja ihm womöglich nur Kosten verursachen, werden ohne
+äußeren Zwang nirgends eingeführt. Der Staat und die Kommunen, die zwar
+solche Einrichtungen gesetzlich einführen können, die direkt Leben und
+Gesundheit der Arbeiter schützen, aber nicht die Befugnis haben, die
+Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen,
+müßten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen Betrieben darin
+mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es müßte zu den Aufgaben der
+Arbeiterorganisationen gehören, überall für ihre Einführung einzutreten.
+Verbände sich diese Agitation mit einer jedesmaligen Revidierung der
+Lohntarife, so daß durch neue Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter
+verringert würden, so wäre sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur
+Erreichung des Normalarbeitstags.
+
+Erwägungen ähnlicher Art drängen sich auf, wenn wir die Betriebe
+betrachten, aus denen die Frauen in Rücksicht auf ihre Gesundheit
+entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen worden sind. Mit Ausnahme
+derjenigen Beschäftigungsarten, die, wie die Arbeit unter Tage, der
+Transport von Rohmaterial in Ziegeleien u.s.w., ihrer körperlichen
+Konstitution nicht entsprechen, sind es entweder solche, die
+Vergiftungsgefahren mit sich führen, wie die Herstellung elektrischer
+Akkumulatoren aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von
+Arsenik, Nitrobenzin, Bleiweiß u.s.w., oder solche, die die
+Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die Arbeit in
+Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien u.s.w. Frankreich
+ist in diesen Verboten besonders weit gegangen und hat die Frauen fast
+aus der ganzen chemischen Industrie entfernt. Nun haben wir aber bei der
+Betrachtung der Lage der Fabrikarbeiterinnen gesehen, daß Vergiftungen
+durch Blei und Bleiweiß z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen,
+der Ausschluß von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und seiner
+Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir haben ferner
+gefunden, daß die schwersten körperlichen Leiden die Folgen aller Arten
+von Arbeiten sein können. Müssen wir demnach fordern, daß alle diese
+Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewiß nicht! Die
+einzige vernünftige Folgerung wird vielmehr die sein, die
+Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es durchführbar ist, die
+Herstellung gewisser Stoffe ganz zu verbieten. An Mitteln und Wegen dazu
+fehlt es nicht, wohl aber an der nötigen Initiative, sie zu ergreifen
+und diejenigen, die sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen.
+Ein glücklicher Anfang dazu ist kürzlich in Frankreich gemacht worden,
+wo die Benutzung von Bleiweiß bei Anstreicherarbeiten durch einen Erlaß
+des Handelsministers verboten wurde, und Zinkweiß,--das allerdings
+teuerer ist,--an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken,
+besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur, der
+Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird überall Bleiweiß
+verwandt, obwohl es ebenso leicht verhindert werden könnte und auch dann
+verhindert werden müßte, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an
+Glanz und Weiße verlören.
+
+Gewiß muß die Frauenarbeit für bestimmte, die Kräfte der Frau
+übersteigende Arbeiten verboten werden, dies Verbot aber systematisch
+immer weiter auszudehnen ist ein gefährliches Beginnen und zwar
+gefährlich sowohl im Interesse der Frauen als in dem der Männer. Wenn
+die Frauen nämlich prinzipiell aus allen gesundheitsgefährlichen
+Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze für dieses
+Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man gewissermaßen
+durch den Ausschluß der Frauen sein Gewissen und überläßt nunmehr die
+Männer ruhig den gefährlichen Einflüssen der Gifte, der hohen
+Temperaturen u.s.w., als ob sie völlig unempfänglich dafür wären! Der
+richtige Weg wäre vielmehr der, durch Herabsetzung der Arbeitszeit,
+durch genaue Vorschriften in Betreff der Kleidung, durch
+Schutzeinrichtungen aller Art, durch Ventilation, Staubabsaugung,
+gründliche Reinigung, zwangsweise Einführung aller derjenigen Maschinen,
+die die Gefahr verringern, schließlich auch durch Verbot der Herstellung
+entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.[924] Auch hier hätten kräftige
+Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der Thätigkeit vor sich, indem sie
+die Arbeit in gefährlichen, nicht genügend geschützten Betrieben und die
+Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten.
+
+Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche
+Schädlichkeiten ist kein ursprüngliches Charakteristikum ihres
+Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen künstlich
+gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung, unhygienische
+Kleidung, schlechte Ernährung,--viel schlechter als die der
+Männer,--doppelte Arbeitslast, sobald es sich um Verheiratete handelt,
+vor allem aber durch Hungerlöhne. An die Wurzeln des Uebels ist daher
+auch hier die Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den
+Schutz der Arbeiterin auch während der Menstruation für notwendig zu
+erklären. Sehen wir einmal von der Undurchführbarkeit solcher Maßregel
+ab, so haben wir schon einmal betont, daß diese Funktion der weiblichen
+Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die
+Leistungsfähigkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird, so sind
+die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der Entwicklungszeit
+gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will sie zur Kräftigung der
+Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die Arbeitszeit jugendlicher
+Arbeiterinnen auf das äußerste zu beschränken, wenn nicht die
+Erwerbsarbeit der Mädchen unter sechzehn Jahren überhaupt zu verbieten.
+Das könnte für die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen,
+weil sich erwiesenermaßen ein Knabe zwischen vierzehn und sechzehn
+Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der Zeit lebhaftesten
+Wachstums befindet, und ebenso der Schonung bedarf, wie das Mädchen.
+Eine gesunde Arbeiterin, die nicht schon in der frühsten Jugend all ihre
+Kraft dem Erwerb hat opfern müssen, wird dann, wenn sie in das
+Berufsleben eintritt, von der Menstruation nicht mehr spüren, als ein
+Mann vom Schnupfen.
+
+Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und
+Wöchnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der Schwangeren kennt
+nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn Dänemark, wo er sich sogar auf
+vier Wochen ausdehnen soll, einzuführen.[925] Ueber seine Berechtigung
+dürfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob mit einem
+bloßen Arbeitsverbot für eine kurze Zeit vor der Entbindung genug
+geschehen ist. Hirt verlangt, daß die Thätigkeit der Frauen während der
+zweiten Hälfte der Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten
+werden soll; dazu gehört die Näherei, die Färberei und Stoffdruckerei,
+die Fabrikation vom gefärbtem Papier, künstlichen Blumen, Spitzen und
+Phosphorstreichhölzern. Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der
+Erörterung des Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgefährlichen
+Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine
+ganze Anzahl anderer,--ich erinnere nur an die Tabakindustrie,--für die
+Schwangere und den Fötus ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in
+diesem Fall um die kommende Generation handelt, so genügt zu ihrem
+Schutz die Erfüllung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit
+aufstellten, nicht, und es wäre zweifellos das Beste nicht nur für die
+zweite Hälfte der Schwangerschaft,--bekanntlich bringt die erste schwere
+Gefahren mit sich,--sondern für die ganze Zeit der Schwangerschaft
+überhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten. Dadurch aber würde den Frauen
+unter den gegenwärtigen Verhältnissen viel mehr geschadet als genutzt
+werden, denn sie würden sich scharenweise der Hausindustrie und der
+Heimarbeit zuwenden müssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der
+Entbindung ist daher das äußerste, was im Augenblick von der
+Gesetzgebung verlangt werden kann.
+
+Die Wöchnerin erfreut sich jetzt schon fast überall eines Schutzes,
+Frankreich macht beinahe allein eine unrühmliche Ausnahme hiervon, aber
+die Schutzzeit ist nur in der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf
+diejenige Zeit festgesetzt, in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes
+die Rückbildung der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das
+gleichfalls sechs Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die
+Gestattung von Ausnahmen die Regel so gut wie umgestoßen. Aber selbst
+eine sechswöchentliche Schutzzeit ist nur für vollständig gesunde Frauen
+und nur für diese allein ausreichend, das Kind, dem die Mutterbrust und
+die mütterliche Pflege nach dieser Frist schon entzogen wird, hat eine
+nicht viel größere Aussicht das erste Jahr zu überleben, oder, wenn es
+geschieht, sich zu einem kräftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die
+Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen hätte. Angesichts dieser
+Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer längeren
+Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich ausdehnen? Die
+deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion fordert acht Wochen,
+erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale und erstrebenswerteste
+Zustand ist es freilich, wenn die Mutter ebenso wie neun Monate vor so
+neun Monate nach der Geburt von der Erwerbsarbeit befreit ist und den
+Säugling so lange nähren kann, als es sich möglich und notwendig
+erweist. Aber wir haben leider mit sehr realen Verhältnissen zu rechnen.
+Schon heute sehen sich viele Mütter, denen die Thore der Fabrik noch
+geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen, als Heimarbeiterin,
+Aufwärterin u. dergl. dem Verdienst nachzugehen. Ein auf Monate
+ausgedehnter Schutz würde überall zu diesem Resultat führen und jeder
+Art nicht oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung
+verhelfen, während es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade diese aus
+dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier für die Gegenwart
+bescheiden müssen, und den achtwöchentlichen Schutz als die äußerste
+Forderung aufstellen. Im Interesse der Kinder aber muß sie mit
+der Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen
+Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang
+beschäftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu errichten,
+und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den Müttern die Zeit gewährt
+wird, dort ihre Kinder zu nähren. Aber auch hier, wie für das ganze
+Gebiet des Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden
+Fortschritts die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum
+Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen
+dieser einen gegenüber in zweiter Linie. Gerade für die Frau als Mutter
+ist die Beschränkung der Arbeitszeit von der allergrößten Wichtigkeit;
+auf ihr beruht die Möglichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und
+Entwicklungsfähigkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer Kinder.
+
+Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, über das die
+Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf den
+ersten Blick, daß es ein sehr beschränktes ist. Sie finden in allen
+Ländern nur auf die Fabrikarbeiter eine gleichmäßige, allgemeine
+Anwendung, die Arbeiter in der Landwirtschaft und die Dienstboten sind
+ganz davon ausgeschlossen, die Handelsgehilfen, die Kellner und die
+Heimarbeiter fast ganz, nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie
+genießen scheinbar relativ am meisten die Segnungen des
+Arbeiterschutzes. Der Grund für die Zaghaftigkeit der europäischen
+Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegenüber der
+Heimarbeit äußert, ist einerseits die Rücksicht auf die Geschlossenheit
+der Einzelfamilie, und andererseits die Angst, eine der Stützen unserer
+industriellen Entwicklung zu untergraben.
+
+Die gesetzgeberischen Maßregeln, die die _Hausindustrie_ berühren,
+lassen sich in drei Kategorien einteilen: eine, von den Grundsätzen des
+Arbeiterschutzes ausgehende, die gegenüber den Hausindustriellen in
+ähnlicher Weise verfährt, wie gegenüber den Fabrikarbeitern, die
+Schwachen also gegen die allzu rücksichtslose Ausbeutung der Starken zu
+schützen und den wirtschaftlichen Egoismus einzudämmen sucht; eine
+zweite, die den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und
+sich auf sanitäre Vorschriften beschränkt, und eine dritte endlich,
+deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdrücken. Von diesen drei
+Gesichtspunkten aus werden wir die einschlägige Gesetzgebung und ihre
+Wirkungen zu betrachten haben.
+
+Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist die
+landläufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene Forderung, durch
+deren Erfüllung man ihren schädlichen Auswüchsen wirksam zu begegnen
+glaubt. Sie ist denn auch teilweise verwirklicht worden, indem sie aber
+in den europäischen Staaten und auch in einem Teil der außereuropäischen
+vor der Heimarbeit und der Familienwerkstatt Halt machte. In England,
+Frankreich und Oesterreich sind die Werkstätten in Bezug auf den
+Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die
+scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu überschreiten, sofern
+Kinder und junge Leute in ihr beschäftigt werden; Frankreich unterwirft
+auch Werkstätten religiöser Kongregationen und solche, die von
+Wohlthätigkeitsanstalten abhängen, dem Gesetz, während Oesterreich sie
+nicht mit einschließt. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle
+Werkstätten aus, die mehr als 6 Personen beschäftigen, und auf alle ohne
+Unterschied, in denen ein gefährliches Gewerbe betrieben wird.
+Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch auf die Familienwerkstätten,
+in dem einen Fall, soweit 2, in dem anderen, soweit 4 Personen darin
+beschäftigt sind, den Arbeiterschutz ausgedehnt.
+
+Vergegenwärtigen wir uns dem gegenüber einmal die äußere Situation der
+Hausindustrie: sie breitet sich über die großen Städte, wie über die
+kleinen, über das flache Land und das einsame Dörfchen, wie über die
+unzugänglichsten Thäler und Hochplateaus der Gebirge aus. Sie haust im
+Kellerwinkel und in der Dachkammer, sie versteckt sich hinter dem Glanz
+besserer Tage im Salon der Damen der bürgerlichen Welt. Sie hat in den
+Großstädten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer bewegliche
+Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die Scholle, ihre
+Werkstätten sind ebenso schnell aufgeschlagen, wie abgebrochen. Hat der
+gesetzliche Arbeiterschutz dem gegenüber irgend eine Aussicht zur
+Wirksamkeit? Selbst ein Heer von Beamten könnte ihm nicht dazu
+verhelfen. Es ist wohl mit diese Erwägung, die in den Ländern, wo die
+Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die
+Familienwerkstätte außerhalb des Gesetzes stellen hieß. Dadurch
+beschränkt sich der der Aufsicht unterstehende Kreis natürlich
+bedeutend, die Elendesten und Unglücklichsten, zu denen die Frauen und
+Kinder das größte Kontingent stellen, werden damit schutzlos der
+Ausbeutung preisgegeben, ohne daß den Werkstattarbeitern wesentlich
+geholfen wäre. Denn die Schwierigkeit der ausreichenden Beaufsichtigung
+wird noch durch die Stumpfheit der zu Schützenden gesteigert. Die
+Existenz der Hausindustrie beruht im wesentlichen auf der Thatsache, daß
+die menschliche Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die
+notwendige Ergänzung aber der niedrigen Löhne ist die lange Arbeitszeit.
+Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen Bedingungen bisher immer
+unterworfen waren, sind nicht einsichtsvoll genug, um die Durchführung
+der Gesetze zu unterstützen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen
+Kreisen aufgeklärter großstädtischer Arbeiter abgesehen, in der
+Beschränkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene Verminderung ihrer an
+sich schon kärglichen Einnahmen sehen und die Bestimmungen des Gesetzes
+zu umgehen suchen. Dabei ist ihre Organisationsfähigkeit nicht nur
+infolge ihrer niedrigen Lebenshaltung und ihrer Arbeitsüberlastung,
+sondern auch infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so daß auch
+hier nur in seltenen Fällen an die Stelle des einzelnen Schwachen die
+durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten kann.
+
+Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben. Sie haben
+daher verschiedene Versuche gemacht, zunächst einmal den Kreis der
+Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung finden soll,
+festzustellen. Soweit es sich um Werkstätten handelt, haben die
+australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland für sie die alljährlich
+zu wiederholende Registrierung vorgeschrieben und verfügt, daß eine
+Werkstatt erst dann als solche benutzt werden darf, wenn der
+Gewerbeinspektor, dem ihre Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis
+dazu erteilt hat. Durch diese Maßregel sollen einerseits die Werkstätten
+zur Kenntnis der Behörden kommen, andererseits die sanitätspolizeiliche
+Kontrolle von Anfang an ermöglicht werden. Was aber in einem kleinen
+Staate möglich ist, wird in einem großen mit ausgedehnter Hausindustrie
+fast undurchführbar. Denn im Grunde müßte wieder eine Kontrolle
+notwendig sein, um festzustellen, ob die vorschriftsmäßige Anmeldung zur
+Kontrolle auch durchgängig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat
+im Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigentümer,
+eventuell auch den Verleger für die rechtzeitige Anmeldung haftbar zu
+machen.[926] Aber selbst wenn die Kontrolle dadurch gesichert würde,
+bliebe ein großer Nachteil bestehen: nicht immer könnte der
+Gewerbeinspektor zur Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch
+notwendig werdende Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen
+Ausfall am Verdienst.
+
+Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu erfassen, haben
+eine Anzahl nordamerikanischer und australischer Staaten den Verlegern
+die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer Arbeiter zu führen, die auf
+Verlangen dem Gewerbeinspektor vorzulegen sind, und England ist noch
+einen Schritt weiter gegangen, indem es, allerdings nur für eine
+beschränkte, Zahl von Gewerben, verlangte, daß die Werkstattinhaber und
+Liefermeister jährlich zweimal die Namen und Adressen ihrer Arbeiter dem
+Gewerbeinspektor einzureichen haben.[927] Diese Bestimmung ist gewiß
+eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung verdient; einen wirklichen Wert
+aber hat sie nur dann, wenn die Beamten auch im stände sind, sämtliche
+Arbeiter ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der
+Sache, völlig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die Durchführung der
+Schutzgesetze zu gewährleisten, scheint demnach der zu sein, die
+Verantwortlichkeit dafür auf eine Reihe von Personen auszudehnen und so
+eine Art freiwillige Inspektion zu schaffen, die die staatliche
+unterstützt. Die englische Gesetzgebung hat für bestimmte Gewerbe
+demgemäß entschieden und den Unternehmer für haftbar erklärt, wenn seine
+Arbeiter unter gesundheitsgefährlichen Bedingungen beschäftigt werden.
+Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es sich
+etwa um die Beschaffenheit der Werkstätten in sanitärer Hinsicht
+handelt. Das Wichtigste aber, die Sicherstellung der Arbeitszeit, der
+Pausen, des Wöchnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht
+gewährleistet werden, weil auch der Unternehmer keine ständige Kontrolle
+ausüben kann und sich kaum dazu gezwungen sieht, denn er weiß viel zu
+genau, wie selten die Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden
+würde. Was Thun von einem rheinischen Industriellen erzählt, der, als er
+wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe
+verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder aus den
+Kindern heraus"[928], würde sich hier mit einigen Variationen
+wiederholen; die Verantwortlichkeit müßte daher nicht nur von dem
+Unternehmer getragen werden. Beatrice Webb schlägt vor, daß auch der
+Hausherr und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden müßte.[929]
+In New-York ist diese Forderung teilweise zum Gesetz erhoben worden, und
+der Hausherr muß für bestimmte Gewerbe dafür einstehen, daß die Waren
+erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der Werkstätte bei der
+Aufsichtsbehörde erfolgte. Ueber diese Bestimmung hinaus scheint mir die
+Haftbarmachung praktischerweise auch nicht gehen zu können, weil
+andernfalls eine für den Werkstattinhaber und seine Familie
+unerträgliche Chikanierung seitens des Hausherrn daraus entstehen würde.
+Hat der Hausherr oder sein Vertreter,--und man mache sich einmal klar,
+welche Art Menschen das häufig sind, und wie sie von Anfang an dem
+armen Arbeiter mißtrauisch gegenüberstehen,--die Berechtigung, seine
+Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein derjenigen, die ihm aus
+irgend einem Grunde mißliebig sind, zu einem qualvollen gestalten, von
+Uebergriffen aller Art zu geschweigen, die die Folge sein müßten. Diese
+Art Kontrolle könnte außerdem immer nur im Weichbild der Städte möglich
+sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf dem Lande und im Gebirge nicht
+nur häufig Besitzer ihrer armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab
+vom Verleger wohnen.
+
+Noch ein Mittel bleibt zu erwähnen, das für einen begrenzten Kreis von
+Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit sichern helfen
+soll. Es besteht in dem Verbot, den Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach
+Ablauf der Arbeitszeit noch Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist
+in dieser Weise vorgegangen, hat aber ausdrücklich bestimmt, daß nur
+dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn die
+Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit beschäftigt
+wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen Thür und Thor geöffnet, weil
+unmöglich festgestellt werden kann, ob man ihr für den ihr gesetzlich
+zur Verfügung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit nach
+Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des Gesetzes auf
+die Frauen Rücksicht nehmen zu müssen, die, weil sie Kinder zu hüten und
+ein Hauswesen zu leiten haben, nur stundenweise in der Werkstatt
+arbeiten können; ihnen wollte man nicht die Möglichkeit rauben, durch
+häusliche Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erhöhen, und opferte
+dieser Rücksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer Frauen, denen
+dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit aufgebürdet werden kann, daß sie
+zwar zu Hause bis in die Nacht hinein arbeiten müssen, aber weder Zeit
+finden, für ihre Kinder, noch für ihr Hauswesen zu sorgen. Soll,
+wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche
+Arbeiterin vor Ausbeutung geschützt werden, so muß das Verbot, Arbeit
+mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein.
+
+Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die
+Hausindustrie läuft darauf hinaus, daß alle Bemühungen, sie in vollem
+Umfang durchzusetzen, fruchtlose bleiben. Der wesentliche Grund dafür
+ist der, daß die Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte
+Rinnsale auseinanderfließen, die sich notwendigerweise der Aufsicht
+entziehen. In dem schmerzlichen Gefühl der Resignation angesichts dieser
+Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf beschränkt, die
+Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine sanitäre Vorschriften
+abzuschwächen. Sie gingen dabei ursprünglich nicht vom Interesse der
+Arbeiter, sondern von dem der Konsumenten aus, die sie vor dem Einfluß
+der unter gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu
+schützen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union ist dieses
+System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren Herd die
+Schwitzhöhlen der Hausindustrie waren, gaben den Anstoß dazu. Man
+verfügte, um die gefährliche Ueberfüllung der kleineren Arbeitsstuben zu
+vermeiden, daß in den Zimmern der Mietshäuser, die zugleich zum Essen
+und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskräfte zur Herstellung
+verkäuflicher Waren nicht beschäftigt werden dürfen. Es war dies
+zugleich ein erster, vielverheißender Schritt zur zwangsweisen
+Einrichtung abgesonderter Werkstätten, es war aber auch zugleich eine
+indirekte Unterstützung der Familienwerkstätten, in denen die Ausbeutung
+ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer der billigsten
+Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine Ausbreitung der Heimarbeit
+eher fördern als hindern helfen.[930] Um aber auch die Familienwerkstatt
+und ihre Gesundheitsverhältnisse unter Aufsicht halten zu können, wurde
+ihre Anmeldepflicht bei der Sanitätspolizei und ihre Lizenzierung durch
+sie eingeführt. Für die Befolgung dieser Vorschrift machte man in
+New-York den Hausherrn, in Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese
+Weise werden die Arbeitsräume, zum Teil nur soweit sie der
+Konfektionsindustrie dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit
+überhaupt Waren darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der
+Sanitätsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das Verbot,
+Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten herrschen,
+das auch England erlassen hat, sind die natürliche Folge hiervon. Man
+ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter gegangen, In New-York,
+Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das Gesetz, daß Waren, von denen
+in Erfahrung gebracht wird, daß sie Werkstätten oder Familienbetrieben
+entstammen, die einer Lizenz ermangeln, oder daß sie sonst unter
+ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanitäts- oder Gewerbeinspektor
+mit einer Marke versehen werden müssen, die die Bezeichnung Tenement
+made enthält, also sowohl Händler wie Konsumenten vor dem Kauf
+abschreckt. Waren, die in Räumen verfertigt wurden, in denen ansteckende
+Krankheiten herrschen, müssen nach der Markierung desinfiziert werden
+und zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von auswärts
+eingeführte Verkaufsgegenstände. Diese ganze, in der Idee gut gemeinte
+Einrichtung trägt aber den Stempel völliger Unzulänglichkeit schon an
+der Stirn, ja sie führt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer vermöchte
+dafür einzustehen, daß jedes Kinderjäckchen, das im Zimmer des
+Typhuskranken entstand, jede Cigarre, die neben dem Bett des
+Schwindsüchtigen gearbeitet wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am
+Bett ihres diphtheritiskranken Kindes nähte, kontrolliert und markiert
+werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und Blusen,
+die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen versandt
+werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder nicht? Die Angst
+vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt die Heimarbeiter aber
+auch zu einem förmlichen System der Verheimlichung und Vertuschung. Noch
+später als bisher werden sie sich entschließen, den Arzt zu holen oder
+ansteckende Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die
+verhängnisvolle Marke an den Waren hängt, wird sie auf der großen Reise,
+die sie antritt, trotz aller auf ihre Beschädigung oder Entfernung
+verhängten Strafen, daran bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, daß
+ein gesäumtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem Entstehungsort bis
+zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden können! Haftet aber die
+Marke trotz alledem, so wird die traurige Scheidung zwischen Reich und
+Arm noch in erweitertem Maße als bisher sich vollziehen: es werden
+Kreise von Händlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und
+sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf
+nehmen, wenn sie dafür weniger zu bezahlen brauchen. Also selbst die
+Durchführbarkeit der Markierungsvorschriften vorausgesetzt, würden sie
+nur dem Schütze der begüterten Käufer dienen.
+
+Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die
+Hausindustrie-Gesetzgebung zu kämpfen hat, und an denen sie nach jeder
+Richtung hin scheitern muß, vergegenwärtigen, so zeigt es sich, daß sie
+sich alle unter dem einen Wort Heimarbeit zusammenfassen
+lassen,--Heimarbeit im weitesten Sinn, die sowohl die Arbeit der
+einzelnen Frau in ihrem Stübchen, als die Familienwerkstatt und die
+kleine Werkstatt der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten Räumen
+in sich begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die
+Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu überbrücken vermochte, in den sie
+vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen hinabstößt, vor
+allem die schwächsten, die Kinder und die Frauen. Um den
+Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die Kosten der Fabrikanlagen zu
+ersparen und das Risiko der stillen Zeiten und der Krisen auf die
+Arbeiter abzuwälzen, hat das Unternehmertum die Hausindustrie
+großgezogen. Wird sie von der Gesetzgebung gleichfalls erfaßt, so wirft
+sich die Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so
+geringfügige Vorschrift wie die deutsche Konfektionsverordnung, hat
+vielfach schon eine Zunahme der Heimarbeiter zur Folge gehabt[931], und
+die Einführung des achtstündigen Normalarbeitstages für Fabriken und
+Werkstätten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins Leben
+gerufen.[932] Vor ihr aber steht, unter dem Banne geheiligter
+Traditionen der europäische Gesetzgeber still, der die Schwelle des
+Hauses nicht zu überschreiten wagt, auch wenn sie längst nicht mehr zu
+den heimlichen Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die
+düstere Werkstatt der Familienausbeutung führt. Vielleicht hält ihn auch
+eine unbestimmte Furcht zurück, die Grenzen seiner Macht, der für
+grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der Amerikaner und der Australier,
+den sentimentale Rücksichten nicht mehr in dem Maße beherrschen, hat
+sich den Eintritt erzwungen, aber all seine Pillen und Tränke, die er
+gegen die große Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos
+geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist eine
+Krankheit, die rettungslos zum Tode führt. Viele verschließen sich der
+Richtigkeit dieser Diagnose, andere erkennen sie an, aber nach dem
+Beispiel der Aerzte am menschlichen Totenbett suchen sie das
+entfliehende Leben mit allen Mitteln der Kunst aufzuhalten, und nur sehr
+wenige sehen darin die ärgste Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar
+erleichtern, den Auflösungsprozeß aber beschleunigen. Es kann nach allem
+bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir uns zu
+stellen haben.
+
+Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der
+Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bemühung um
+bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der
+organisationsunfähigen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung der
+Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die Schneider
+führten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer, um sie zu zwingen,
+alle Arbeiter nur in eigenen Werkstätten zu beschäftigen. Die
+Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel durch Arbeitseinstellungen, die
+Schneider blieben fast ganz erfolglos, auch ihr Appell an die
+Konsumenten, nur in solchen Geschäften zu kaufen, die in
+Betriebswerkstätten arbeiten lassen, fand nicht das Gehör, das notwendig
+gewesen wäre, wenn es hätte Eindruck machen sollen.[933] Ein Teil der
+englischen Sozialdemokratie, die auf dem Züricher Arbeiterschutzkongreß
+vertreten war, sprach sich im Sinne der Arbeiter aus und befürwortete
+eine Resolution, die die Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der
+notwendigen, gesetzgeberischen Maßregeln hinstellte. Aber selbst vor
+diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung,
+Betriebswerkstätten einzurichten, traten auch die deutschen Arbeiter
+1895 vor die Konfektionäre, und legten, um den Streit auszufechten, im
+Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das völlig ungenügende Gesetz, das
+die Werkstattarbeiter der Konfektion der Arbeiterschutzgesetzgebung
+unterstellte, war die Folge ihres Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der
+er ausging, geschah nichts.[934]
+
+Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung von
+Betriebswerkstätten, die noch dazu, wo der Wunsch danach bisher
+auftauchte, von keinem Parlament befürwortet wurden, ist von ihrem
+Standpunkt aus vollkommen erklärlich: die Errichtung oder Miete von
+Räumen für die Werkstätten, die Anschaffung von Maschinen, die
+Anstellung von Werkführern, und nicht zum mindesten die schließlich
+folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und der
+Arbeiterversicherung, denen sie bei der Beschäftigung von
+Hausindustriellen fast ganz entgehen, würde eine Kapitalanlage erfordern
+und den Profit zunächst so beschneiden, daß auch für die Zukunft an ein
+Nachgeben der Unternehmer um so weniger zu denken ist, als die in
+Betracht kommenden Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu
+einer geschlossenen starken Organisation, die ihren Wünschen den nötigen
+Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen sind
+einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe geschritten. In
+Genf und Lausanne, in Bern und in Zürich waren es die Schneider, die
+sich mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft eigene Werkstätten
+einrichteten, in Wien thaten die Meerschaumschnitzer das gleiche.[935]
+Die ganze Bewegung beschränkte sich aber auf kleine Kreise, weil
+einerseits keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das
+nötige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen und
+Anwendung motorischer Kräfte schnellere und bessere Arbeit zu liefern,
+und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden abzugraben. Die
+Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich um Unterstützung
+wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer Bestrebungen an, glaubte
+aber, in Rücksicht auf den Stadtsäckel, keinen Präzedenzfall schaffen zu
+dürfen.
+
+Ein anderes Mittel, die Heimarbeit möglichst einzuschränken, forderte
+ein Gesetzentwurf, den der Minister Peacock 1895 dem Parlament von
+Viktoria vorlegte, der sich aber auch nur auf die Konfektionsindustrie
+bezog. Er enthielt die Bestimmung, daß Heimarbeiter nur gegen
+Erlaubnisscheine beschäftigt werden dürften, und zwar sollten nur
+diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und dabei aus
+irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf Anspruch erheben
+können; diese Einschränkung aber hätte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit
+getreten wäre, seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und
+durchgreifender erscheint daher der Vorschlag eines deutschen
+Sozialpolitikers, der gleichfalls in der schließlichen Unterdrückung der
+Heimarbeit die einzige Lösung der brennenden Frage sieht, und zwar den
+gegenwärtig beschäftigten Heimarbeitern ihre Arbeit im eigenen Haus
+gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch gestatten, neu eintretende
+aber davon ausschließen will, so daß die Heimarbeit dadurch auf den
+Aussterbeetat gesetzt wird.[936] Die hier gekennzeichneten Forderungen
+und Wünsche sind, jede für sich, berechtigt, aber sie sind entweder in
+der angegebenen Form unerfüllbar, oder sie würden sich, wenn sie
+verwirklicht wären, der großen Aufgabe gegenüber als viel zu schwach
+erweisen. Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer
+grausamen Härte werden, nur das Resultat einer systematischen
+Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen, das
+Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster Schritt
+zu diesem Ziel wäre die Verbindung von Wohnung und Werkstatt allen
+denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei sich beschäftigen, und
+die Mitgabe von Arbeit nach Hause ausnahmslos zu untersagen; die
+Gewerbeinspektoren, deren Zahl um ein beträchtliches erhöht werden
+müßte, hätten die Durchführung der Vorschrift zu beaufsichtigen, während
+die Verantwortung dafür auch vom Verleger zu tragen wäre. Um aber zu
+gleicher Zeit die Zwischenmeister, häufig selbst nur wenig besser
+gestellte Proletarier, nicht zu ruinieren, müßten alle Gemeinden, in
+deren Bereich sich hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet
+werden unter Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere,
+allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Räume, womöglich eigens
+für den Zweck erbaute fabrikähnliche Gebäude mit Motorbetrieb, den
+Hausindustriellen gegen eine Miete, die die früher dafür aufgewendeten
+Mittel nicht übersteigen dürfte, zur Verfügung zu stellen. Auf
+alle diese Werkstätten wären sodann sämtliche Vorschriften
+der Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und
+Kommunalverwaltungen hätten die Verpflichtung einzugehen, ihre Aufträge
+nur von solchen Werkstätten ausführen zu lassen.[937]
+
+Bliebe man aber hierbei stehen, so würden die Familienwerkstätten
+selbstverständlich, den Erfahrungen in anderen Ländern entsprechend,
+enorm zunehmen. Dem müßte die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr
+das Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die
+Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in Rücksicht auf
+zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege alter Angehöriger oder durch
+eigene Gebrechlichkeit gezwungen sind, daheim zu bleiben, wären zunächst
+Erlaubnisscheine für die Ausübung ihres Berufes im Hause zu erteilen.
+Nach dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen hätte die kommunale
+Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen Heimarbeitern
+zuzuwenden und nach Maßgabe des Bedürfnisses, Kinderkrippen und
+Kinderhorte, Heimstätten und Siechenhäuser zu schaffen oder zu
+erweitern, oder durch direkte Unterstützung da einzugreifen, wo es not
+thut, so daß nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit sämtliche
+Heimarbeiter in die Werkstätten übergeführt werden könnten, und die
+Kinder, die Alten und Leidenden versorgt sind. Die selbstverständliche
+Voraussetzung für den Eingriff der Armenpflege wäre natürlich, daß alle,
+die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des
+Wahlrechts, in Fortfall kämen. Die Pflege der Kranken, Alten und
+Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren Erfüllung sie
+Anspruch haben, und die Armut gewissermaßen zu bestrafen, ist ein
+trauriges Zeichen für die völlige Verwirrung klarer Begriffe.
+
+Nachdem alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, könnte gegen die
+Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen wird, mit größerem
+Nachdruck vorgegangen werden. Die Näherei in all ihren verschiedenen
+Zweigen käme zunächst in Betracht, weil sie sich am leichtesten überall
+zu verbergen vermag. Hier müßte eine neue Maßregel einsetzen: das
+Verbot des Antriebs der Maschinen durch menschliche Kraft überall dort,
+wo nicht für den Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, daß
+nach Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einführung des
+Dampfbetriebs in der Näherei mehr als manches andere zur Hebung der
+Gesundheit beitragen würde[938], wäre diese Vorschrift leicht
+durchführbar, weil das Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert,
+um so mehr, wenn in diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede
+industrielle Arbeit in Miets- und Wohnhäusern, sowohl für die Arbeiter
+als für die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen
+würde.[939]
+
+Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer
+allmählichen Entwicklung, immer nur in den Städten, wo die Arbeiter sich
+zusammendrängen und die Aufsicht leichter möglich ist, durchführbar.
+Sind sie aber hier in Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der
+modernen Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskräfte
+aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung, der
+in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das Land, in
+die einsamen Thäler, auf die fernen Höhen werfen. Um hier denselben
+Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung zu verschaffen, muß die
+Verkehrspolitik in ihren Dienst gestellt werden.[940] Jede Eisenbahn,
+jede gute Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte
+Thatsache, über die Naturfreunde nicht genug klagen können, daß der
+Fabrikschornstein überall emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die
+Vereinigung der ländlichen Hausindustriellen in Werkstätten wird sich
+mit dieser Unterstützung allmählich auch durchsetzen lassen. Zur
+Schaffung der Werkstätten könnten die Arbeitgeber um so straffer
+herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren Löhne, gegenüber den
+Arbeitgebern der städtischen Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind.
+
+Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In New-York und
+Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer strengen Regelung
+unterliegt, haben die Konfektionäre sich ihr dadurch zu entziehen
+gewußt, daß sie ihre Waren aus anderen Staaten beziehen, die solche
+Gesetze noch nicht kennen, und in die die Schwitzmeister von New York
+und Massachusetts massenhaft übersiedelten. Dasselbe würde sich in
+Europa wiederholen, wenn die Gesetzgebung zur Bekämpfung der
+Hausindustrie sich auf ein oder zwei Länder beschränken würde. Die
+Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends
+stärker hervor als hier, und es wäre an der Zeit, daß wenigstens
+zunächst einmal die internationalen Gesellschaften für Arbeiterschutz
+sich eingehend mit dieser Frage beschäftigen möchten, statt daß sie ihre
+Universalität durch eine oberflächliche Vielseitigkeit beweisen zu
+müssen glauben. Vor allem aber sollte die Arbeiterschaft aller Länder,
+ihr ein thatkräftiges Interesse zuwenden, und in den Parlamenten
+einmütig ihr gegenüber Stellung nehmen, denn von der Unterdrückung der
+Hausindustrie hängt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die Vereinigung der
+männlichen und weiblichen Arbeiter in den Werkstätten wird ihre
+Aufklärung fördern und ihre gewerkschaftliche Organisation ermöglichen.
+Solange sie wie die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den
+organisierten Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder
+streitig machen. Lohnerhöhungen insbesondere, vor allem feste
+Lohntarife, jene wichtige Aufgabe der Arbeiterverbände, von deren
+Erreichung die Sicherheit der Existenz vielfach abhängt, werden, solange
+die Hausindustrie besteht, nur selten zu erkämpfen und noch seltener
+festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt es noch Leute
+genug, die zwar die Schäden der Hausindustrie anerkennen, trotzdem aber
+vor durchgreifenden Maßnahmen zurückscheuen, weil sie die Familie und
+die Freiheit des Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch
+zweifellos, daß es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die
+Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne Härten nicht
+abgehen wird. Wo aber in der Welt wäre der Fortschritt leicht erkauft
+worden? Gegenüber allen Arbeiterschutzgesetzen hat es Menschen gegeben,
+die sich in ihrer Freiheit beschränkt, in ihrem Verdienst geschmälert
+sahen. Die allmähliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat
+gewiß schwere Wunden geschlagen und schlägt sie noch heute, für die
+Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der Sozialreformer aber und
+der Gesetzgeber dürfen nach den Gefühlen Einzelner nicht ihre
+Handlungen einrichten, sie haben vielmehr die Aufgabe, den
+Entwicklungstendenzen nachzuspüren und diejenigen zu fördern, durch die
+die Menschheit im allgemeinen zu höheren Daseinsformen gehoben werden
+wird. Die Hausindustrie hält sie auf der Stufe physischer und geistiger
+Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen
+Verhältnissen, darum muß auch hier das sentimentale Mitleid von der
+ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden Menschenliebe überwunden
+werden.
+
+Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit hindurch
+auch die _Handelsgehilfen_. Und sie selbst, die den Unterschied zwischen
+sich und den Fabrikarbeitern stets scharf betonten, wünschten auch auf
+diesem Gebiet keine Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842
+gegründete englische Verein zur Erkämpfung des frühen Ladenschlusses,
+nach fast fünfzigjährigen vergeblichen Bemühungen einsah, daß auf dem
+Wege der Selbsthilfe nichts zu erreichen war, trat er für gesetzliche
+Maßregeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die kaufmännischen Vereine
+Deutschlands bestimmte Forderungen an die Gesetzgebung. Die Entstehung
+der Großbetriebe auf dem Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung
+vorgearbeitet, denn sie verwandelte langsam die Masse der jungen
+Kaufleute, die ihre Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur
+eignen Selbständigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in
+abhängiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines gesetzlichen
+Schutzes bedürfen. Der erste Schritt hierzu war die gesetzliche
+Fixierung einer wöchentlichen Maximalarbeitszeit von 74 Stunden für
+Ladengehilfen unter 18 Jahren in England, der aber über ein Jahrzehnt
+hindurch nur zur Ausfüllung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle
+über seine Ausführung vorhanden war. Der Londoner Grafschaftsrat
+entschloß sich erst vor wenigen Jahren zur Anstellung von
+Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine große Zahl von
+Gesetzesübertretungen konstatieren konnten. Die einzige Bestimmung, die
+diesem vielverheißenden Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die
+Vorschrift, in allen Läden, wo weibliche Verkäufer thätig sind, Sitze
+für sie aufzustellen,--eine Vorschrift, betreff deren eine Anzahl
+nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel vorangegangen war und die
+auch von Deutschland und Frankreich neuerdings erlassen wurde. Die
+schweren Schäden aber, mit der die Arbeit im Handel die Angestellten
+bedroht, sind damit noch kaum berührt, und doch schien es, als ob die
+wichtigste Reform, die Verkürzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen
+wäre. Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erkämpfen; aber sie blieb
+problematisch und besteht im Grunde nur in einer Beschränkung der
+Sonntagsarbeit, denn nicht nur, daß alle Handelsgehilfen in Deutschland
+eine fünf-, in Oesterreich sogar eine sechsstündige Sonntagsarbeit
+haben, für eine Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch
+zuungunsten der Angestellten aufgehoben. daß nach dieser Erfahrung die
+Verkürzung der täglichen Arbeitszeit noch auf größere Schwierigkeiten
+stoßen würde, war vorauszusehen.
+
+Als die deutsche Kommission für Arbeiterstatistik auf Grund der
+Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen stellte, erhob
+sich ein Sturm der Entrüstung in der Handelswelt. Eine ganze Anzahl von
+Arbeitgeberverbänden und Handelskammern hielt die vorgeschlagene
+Festsetzung des Achtuhrladenschlusses nicht nur für den Anfang ihres
+Ruins, sondern auch für verderblich für die Angestellten, die dadurch
+zur mißbräuchlichen Verwendung der freien Zeit, zu Leichtsinn und
+Unsittlichkeit verführt werden würden. Der "Eingriff des Staates in die
+Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie einst die gesetzliche Regelung der
+Fabrikarbeit schroff zurückgewiesen und für eine Kränkung der Berufsehre
+angesehen.[941] Trotzdem gelangte schließlich der Neunuhrladenschluß zur
+Annahme. Im weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die
+Gewährung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden und die
+Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald die Mahlzeit
+außer dem Hause eingenommen wird, obligatorisch gemacht. Aber wie bei
+der Arbeiterschutzgesetzgebung überhaupt, so wurden diese Bestimmungen
+durch die Zulassung einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn
+nicht nur, daß sie auf Arbeiten, die zur Verhütung des Verderbens von
+Waren sofort vorgenommen werden müssen, auf die Aufnahme der Inventur,
+sowie bei Neueinrichtungen und Umzügen keine Anwendung finden, die
+Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10 Uhr abends verlängert, die
+an sich schon spärliche Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten
+vollends fast ganz aufgehoben werden. Unberührt von irgend welchen
+durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafräume der Angestellten,
+die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des Chefs sich befinden,
+viel zu wünschen übrig lassen. Selbst über die Einrichtung der
+Geschäftsräume bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings
+durch Verordnung des Bundesrats genauer präzisiert werden können. Bisher
+ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit der Verkäuferinnen
+geschehen. Alle diese Reformen haben blos den Wert erster Versuche, um
+so mehr, als keine besondere Kontrolle ihnen Nachdruck verleiht, ihre
+Durchführung vielmehr nur unter Aufsicht der Ortspolizeibehörden
+gestellt ist.
+
+Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung äußerst vorsichtig
+vorgegangen. Das gilt im besonderen in Bezug auf die Lehrlingszüchterei.
+Wie die Erhebungen der Kommission für Arbeiterstatistik ergaben, besteht
+sie in ausgedehntem Maß im deutschen Handel. Je kleiner die Geschäfte,
+desto mehr suchen sie sich mit den billigsten Arbeitskräften zu
+behelfen, es zeigte sich sogar, daß von 8235 Betrieben 671 mehr
+Lehrlinge als Gehilfen und 659 überhaupt nur Lehrlinge beschäftigen; die
+Konkurrenz, die dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung
+jugendlicher Arbeitskräfte, die daraus klar genug hervorgeht, hätten
+eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begnügte man sich mit
+der allgemeinen Bestimmung, daß der Lehrherr nur soviel Lehrlinge halten
+darf, als im Verhältnis zum Umfang und der Art seines Betriebes steht
+und ihre Ausbildung dadurch nicht gefährdet wird. Allerdings wurde auch
+hier für den Bundesrat eine Thür offen gelassen, der befugt ist, durch
+besondere Vorschriften einzugreifen,--das bekannte deutsche Mittel,
+womit man glaubt, dem Reformbedürfnis Genüge zu thun.
+
+Nicht anders verhält es sich in Bezug auf einen anderen Uebergriff der
+Geschäftsleiter, der geeignet ist, den Handelsgehilfen in seinem ganzen
+Fortkommen zu behindern: der sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht
+darin, daß sich der Gehilfe dem Chef gegenüber verpflichtet, falls er
+seine Stellung verläßt, im Verlauf einer gewissen Zeit entweder in der
+Nähe kein eigenes ähnliches Geschäft zu gründen, oder eine geraume Zeit
+hindurch, die zuweilen bis zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein
+ähnliches Geschäft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele
+Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den Klassencharakter
+an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm verlangen, daß er selbst
+über sein persönliches Abhängigkeitsverhältnis hinaus, auf die
+Interessen und den Profit des Chefs Rücksicht nimmt. Und die Gesetzgeber
+haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der
+Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen
+Bestimmung haben sie sich entschließen können: daß solche Vereinbarungen
+zwischen Unternehmern und Angestellten nur dann verbindlich sind, wenn
+sie nicht die Grenzen überschreiten, durch welche "eine unbillige"
+Erschwerung ihres Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit
+Minderjährigen sind sie überhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz
+im Handel erschöpft: er läßt eine zwölf-, dreizehn-, ja selbst eine
+vierzehnstündige Arbeitszeit zu, die bestenfalls durch eine Pause von
+1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet die Ausbeutung
+jugendlicher Arbeitskräfte und erlaubt, daß der Gehilfe in seinem
+berechtigten Streben nach sozialem Fortkommen gehindert wird! Und doch
+repräsentiert die deutsche Gesetzgebung den Fortschritt auf dem
+europäischen Kontinent.
+
+In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar in
+ähnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist noch weniger
+sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf jede Weise
+durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie besteht, ist sie
+ebenso wie der Ladenschluß die Folge langjähriger Kämpfe der
+Organisationen der Handelsangestellten, die sich um so kräftiger
+entwickeln konnten, als das Uebergewicht der großen Warenhäuser
+gegenüber den kleinen schon früh in Erscheinung trat. Die
+fortgeschrittenste Gesetzgebung repräsentiert Australien und
+Neu-Seeland. Die Ladenschlußstunde ist teilweise schon auf sechs Uhr und
+nur an einem oder zwei Wochentagen auf spätere Abendstunden festgesetzt.
+Außer der vollen Sonntagsruhe wird den Angestellten ein halber freier
+Wochentag gewährleistet. Für jugendliche und weibliche Gehilfen besteht
+vielfach der acht- oder neunstündige Arbeitstag. Wie es heißt, haben
+diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich geführt.
+Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht, wie die Gegner
+gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe verlangen.[942]
+
+Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch die
+Rücksicht auf das Publikum, die man immer zu haben vorgiebt, wenn man
+eine Verkürzung der Arbeitszeit für undurchführbar erklärt, nicht
+hintangehalten werden. Vor allem aber müßten besondere Organe, sowohl
+eine Handels- als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer
+Durchführung Sorge tragen. Eine Ergänzung müßte sie durch Bestimmungen
+finden, die je nach der Größe und der Art des Betriebs die Minimalzahl
+der Anzustellenden festsetzen. Was helfen die schönsten
+Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders in den großen Warenhäusern der
+Fall ist, die Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden,
+die jede Möglichkeit zum Ausruhen ausschließt. Wie auf anderen Gebieten,
+so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen Entwicklung, die zum
+Großbetrieb drängt, und mehr und mehr einen Arbeiterstand im Handel
+schaffen hilft, die Bahn frei zu machen. Denn die Durchführung des
+Arbeiterschutzes und sein Ausbau wird im Handel ebenso wie in der
+Industrie durch das mehr oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der
+großen über die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng
+damit zusammenhängende Organisationsfähigkeit der Arbeiter und ihre
+Unterstützung gewährleistet werden.
+
+Für alle bisher berührten Arbeitsgebiete ist der Arbeiterschutz unter
+bestimmten Voraussetzungen bis zu einer gewissen Grenze durchführbar,
+und man hat überall wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollständig
+unberührt von ihm blieb die _Landwirtschaft_. Die Ursache davon beruht
+nicht nur auf der Meinung, daß der Landarbeiter eines Schutzes nicht
+bedürfe,--sie ist durch offizielle und private Untersuchungen schon gar
+zu oft erschüttert worden,--sondern mehr noch darauf, daß die
+landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen
+läßt wie die industrielle und kommerzielle, und die Bedingungen ihrer
+Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des Arbeiterschutzes, wie
+wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in Bezug auf wenige
+Bestimmungen möglich. Aber auch die Durchführung jedes besonderen
+Landarbeiterschutzes hängt so eng mit den Problemen der agrarischen
+Fragen zusammen, daß es eines Werkes für sich bedürfen würde, um ihn
+theoretisch zu erörtern und praktisch festzusetzen. Nur allgemeine
+Gesichtspunkte können im Rahmen dieser Arbeit beleuchtet werden.
+
+Wir haben bisher gesehen, daß der Grad der Durchführbarkeit des
+Arbeiterschutzes wesentlich davon abhängt, in welchem Maße die zu
+schützenden Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit
+vorgeschritten und wie weit sie infolgedessen im stande sind, für die
+Wahrung ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber
+tritt in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte
+Saisonarbeiten,--z.B. die Frühjahrsbestellung, die Ernte, der
+Zuckerrübenbau,--die Heranziehung einer größeren Menge von Arbeitern
+nötig machen. Zur Förderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine
+schon viel beigetragen; die Einführung anderer Maschinen, womöglich mit
+Hilfe elektrischer Motoren, müßte weiter revolutionierend wirken. Um dem
+Arbeiterschutz eine Grundlage zu schaffen, wäre es demnach notwendig,
+diese Entwicklung auf jede Weise zu fördern. Eines der wichtigsten
+Mittel dazu ist die Unterstützung der landwirtschaftlichen
+Genossenschaften, die allein im stande sind, die Nachteile des
+Kleinbetriebs durch gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum
+Großbetrieb zu fördern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der
+landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen
+Tagelöhner, gefördert werden. Sie wird in der Gegenwart als eine die
+Interessen der einheimischen Arbeiter schädigende betrachtet. Und mit
+Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden Arbeiter sozial
+tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat die Sozialpolitik
+zunächst einmal hier einzugreifen. Das kann auf dreierlei
+Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug auf die
+Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und die Schaffung einer ländlichen
+Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder Saisonarbeit besonders
+angepaßte Beschränkung des Arbeitstags, und durch direkte Förderung
+der Organisation der Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer
+landwirtschaftlichen Betriebsinspektion wäre im Anschluß hieran
+notwendig, aber, bei dem großen Umfang des ihr unterstehenden Gebiets,
+wäre zunächst an einschneidende direkte Folgen ihrer Thätigkeit
+ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung der Schutzgesetze
+selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der staatlichen Verwaltung
+ihre Durchführung sicherte. Ihre Bedeutung wäre für den Anfang
+wesentlich eine erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer
+Arbeit in ihre Heimat zurückkehren, kämen mit anderen Begriffen und
+Bedürfnissen heim, als sie gegangen sind, und würden auf die
+Zurückgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so daß eine allmähliche
+Hebung ganzer Volksschichten ermöglicht würde. Sie müßte aber auch noch
+von anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot
+der ländlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit für junge Leute unter
+achtzehn Jahren. Wenn in Rücksicht auf die Gefährdung der Sittlichkeit
+durch die Wanderarbeit zuweilen gefordert wird, daß dies Verbot auf alle
+minderjährigen Mädchen ausgedehnt werden soll[943], so scheint mir das
+zu weit zu gehen. Von diesem Standpunkt aus müßte man sie überhaupt alle
+zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur Genüge gesehen haben,
+kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre Sittlichkeit nicht gefährdet wird.
+Hielte man sie aber nur von der Wanderarbeit zurück, so wären sie
+gezwungen, sich einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr
+scheint mir dagegen für beide Geschlechter eine angemessene Grenze
+darzustellen. Die notwendige Ergänzung des Arbeitsverbots müßte die
+Erweiterung des Schulzwangs und die Einrichtung ländlicher
+Fortbildungsschulen sein, deren Besuch obligatorisch wäre. Aber die
+Wanderarbeiter rekrutieren sich nicht nur aus der einheimischen
+Bevölkerung. Nach Deutschland kommen sie aus Rußland, nach Frankreich
+aus Belgien, selbst die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach
+schon als eine Möglichkeit zur Steuerung der ländlichen Arbeiternot
+hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche
+Besserung der Zustände auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt doch auch
+hier, was für die Hausindustrie gilt, daß eine internationale Regelung
+erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen sein kann. Immerhin aber werden
+die nationalen Reformen auch auf die ausländische Arbeiterschaft ihren
+erzieherischen Einfluß nicht verfehlen.
+
+Auf viel größere Schwierigkeiten stößt der Schutz der ortseingesessenen
+landwirtschaftlichen Arbeiter infolge ihrer Vereinzelung und des Mangels
+an Aufklärung, der besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine
+Ursache hat. Trotzdem müßte auch hier die grundlegende Bestimmung jedes
+Arbeiterschutzes, die Beschränkung der Arbeitszeit, der keine
+technischen Schwierigkeiten gegenüberstehen, zur Durchführung gelangen,
+und durch eine ausreichende staatliche Aufsicht unterstützt werden. Alle
+Verordnungen ferner, die das Koalitionsrecht der Landarbeiter
+einschränken oder ganz illusorisch machen, müßten aufgehoben werden,
+auch wenn zunächst noch nicht erwartet werden könnte, daß sie sich als
+fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen gewährten Recht den für
+sie vorteilhaftesten Gebrauch zu machen. Die Verbesserung der
+Wohnungsverhältnisse durch eine Wohnungsinspektion, das Verbot, die
+öffentliche Stellung eines Amtmanns oder Landlords mit der privaten des
+Arbeitgebers in einer Person zu vereinigen, wären geeignet, manche
+Unzuträglichkeiten aus dem Wege zu räumen. Denn jedes Mittel zur Hebung
+der sozialen Lage und zur Unterdrückung persönlicher Abhängigkeit, wäre
+zugleich ein Mittel zur Durchführung des Arbeiterschutzes; daher ist
+auch jeder Rest feudaler Arbeitsverhältnisse, wie das Insten- und
+Deputantentum zu bekämpfen.[944] Für die Frauen aber gilt es mit allem
+Nachdruck auf die Durchführung einer Arbeiterschutzvorschrift
+hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf die Landarbeit von größter
+Bedeutung ist: das Arbeitsverbot für Schwangere und Wöchnerinnen. Wie es
+möglich ist, zu behaupten, daß die Lohnarbeit der verheirateten Frau und
+der Mädchen auf dem Lande "wenig Anlaß zu einer besonderen
+Schutzgesetzgebung" giebt[945], wird jedem unbegreiflich erscheinen, der
+nur einmal gesehen hat, wie eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld
+hackt, oder eine erst kürzlich Entbundene beim Heuaufladen beschäftigt
+ist. Das frühe Altern der Landarbeiterinnen, ihre Kränklichkeit und die
+Schwächlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten darauf
+zurückzuführen. Soweit es daher im Bereiche der Möglichkeit liegt,
+sollte kein Mittel unversucht gelassen werden, um den Schutz der
+Schwangeren vier Wochen vor und der Wöchnerin acht Wochen nach der
+Entbindung für die ländliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell
+wäre die Verantwortung dafür auf sämtliche Vorgesetzte der
+Arbeiterin,--Inspektoren u.s.w.,--auszudehnen, und die Hebammen zur
+Anzeige der Gesetzesübertretungen zu verpflichten.
+
+All diesen Einzelforderungen gegenüber darf jedoch nicht vergessen
+werden, daß die Voraussetzung für ihre Durchführung die Mitarbeit der zu
+Schützenden selber ist. Nicht nur, daß sie im Besitze eines gesicherten
+Koalitionsrechts sich befinden müssen, sie müssen auch lernen, es zu
+gebrauchen. Die Berührung mit dem organisierten, aufgeklärten
+Industriearbeiter ist dazu eines der besten Mittel; deshalb muß sowohl
+die Freizügigkeit des Landarbeiters eine unbeschränkte sein, als auch
+dafür gesorgt werden muß, daß im Hinblick auf sein Interesse, wie auf
+das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des Eisenbahnnetzes
+und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg in die Städte ihm
+erleichtert, andererseits aber die Anlage von Fabriken auf dem Lande
+dadurch ermöglicht wird. Es liegt nun aber nahe, anzunehmen, daß die
+Folge mancher dieser Maßnahmen nur eine Verstärkung der Landflucht sein
+würde. In gewissem Umfang, der durch einen gut funktionierenden
+öffentlichen Arbeitsnachweis allmählich geregelt werden könnte, halte
+ich das gleichfalls für wahrscheinlich. Selbst hohe Löhne und bessere
+Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf dem
+Lande zu fesseln vermögen, weil die Stadt mit ihrem Glanz und ihrer
+Abwechselung und weil die relative Freiheit der industriellen Arbeiter
+einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle ausübt, die nicht in ihr zu
+leben gewohnt sind. Auch die Ueberführung städtischer Kultur auf das
+Land, z.B. durch Wanderbibliotheken, wie in England, durch ländliche
+Hochschulkurse u.A.m., wie in Dänemark, würde nicht viel dagegen
+ausrichten, weil die Aufnahmefähigkeit gerade hierfür bei dem
+Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es läßt sich aber aus der
+Psychologie des modernen Industriearbeiters, dessen Bedürfnis nach
+ländlicher Ruhe und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, daß,
+wenn die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich
+einmal denen in der Industrie angenähert haben, die Möglichkeit für ein
+Zurückfluten des städtischen Proletariats auf das Land gegeben ist.
+Industrielle Krisen werden es befördern helfen.
+
+Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt für die Landwirtschaft zu
+konstatieren, die auf dem Wege gesunden Fortschritts vor sich gehen: die
+Landflucht einheimischer Arbeiter und die Einwanderung fremder
+Saisonarbeiter, durch die beide Kategorien höheren sozialen Kulturstufen
+zugeführt werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die
+Bedingungen der Landarbeit es möglich machen, und kann dann für die
+Industriebevölkerung eine physische Regeneration anbahnen. Auch hier
+gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung meistern zu
+wollen, sondern sie bewußt in ihren Dienst zu stellen.
+
+Ein unbekanntes Land für den Arbeiterschutz fast aller Staaten war
+bisher das große Gebiet des _persönlichen und häuslichen Dienstes_. Die
+ersten Reformbestrebungen nach dieser Richtung gingen von Schweizer
+Kantonen aus. Basel machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in
+Gastwirtschaften vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte,
+daß Mädchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der Töchter des Wirts, nicht
+zur Bedienung der Gäste zu verwenden sind, und allen Kellnerinnen eine
+Mindestruhezeit von 7 Stunden täglich zu gewähren ist. Diesem Beispiel
+folgte Glarus, St. Gallen und Zürich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden
+und, als Ersatz der Sonntagsruhe, einen wöchentlichen freien Nachmittag
+von 6 Stunden festsetzten. Da es aber an der nötigen Kontrolle für die
+Durchführung selbst dieser geringen Reformen fehlte,--lassen sie doch
+sämtlich eine Arbeitszeit von 16-17 Stunden zu!--und von seiten der
+Kellnerinnen auf keine Unterstützung zu rechnen ist, so blieben sie fast
+ganz wirkungslos.[946] Trotz dieser Erfahrung hat das Vorgehen der
+Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der Gesetzentwurf, der
+die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht nur in wenigen Punkten
+über sein Vorbild hinaus. An Stelle der Festsetzung der Arbeitszeit,
+einer selbstverständlichen Forderung, sobald man anerkennt, daß das
+menschliche Leben noch einen höheren Inhalt haben soll als Lohnarbeit
+und Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestmaßes von Ruhe, das in
+Deutschland in Kleinstädten 8 und in Großstädten, wo der Hin- und Herweg
+von der Arbeitsstätte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden
+betragen soll; ein wöchentlicher Freinachmittag von 6 Stunden, ein
+vollständiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen kommen ergänzend
+hinzu. Das heißt mit anderen Worten, daß die Kellnerin täglich 15 bis 16
+Stunden auf den Beinen sein muß und wöchentlich 99-106 Stunden
+Arbeitszeit hat! Im Laufe der täglichen Arbeit, die mindestens ebenso
+anstrengend und noch um vier bis fünf Stunden länger ist, als die in der
+Fabrik, wird der Kellnerin nicht einmal eine Mittagspause
+sichergestellt, statt dessen kann ihre Ruhezeit an nicht weniger als
+sechzig Tagen im Jahr noch verkürzt werden. Außerdem steht es nach wie
+vor im Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren
+Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat. Angesichts der
+bestehenden Verhältnisse und der völligen Schutzlosigkeit, die bisher
+herrschte, würden diese Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt
+bedeuten, wenn auf ihre strikte Anwendung gerechnet werden könnte. Aber
+davon wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an
+entsprechende Vorschriften über die Schaffung einer ausreichenden
+Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist. Trotzdem sträuben sich
+die Wirte jetzt schon aufs äußerste gegen den Entwurf, der, so behaupten
+sie, sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gefährden im
+stande ist.[947] Sie scheint demnach nur durch eine mehr als 16stündige
+Arbeitszeit der Angestellten gesichert zu sein! Entspräche dies den
+Thatsachen, so wäre man versucht, auszurufen, wie der preußische
+Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der Kinder
+erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!"
+
+Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck einer
+wirklichen Schutzvorschrift macht, enthält der Entwurf; sie besagt, daß
+Mädchen unter 18 Jahren nicht zur Bedienung der Gäste verwendet werden
+dürfen. Angesichts der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen,
+die gerade dieser Beruf an die Körperkräfte stellt, erscheint dieser
+Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur nicht
+allein auf die Bedienung beschränken möchte! Darin zeigt sich deutlich,
+daß es sich hier nicht um Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der
+Sittlichkeit im Sinne der deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese
+sind in ihrer Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis
+auf das 21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug,
+von dieser Maßregel zu erwarten, daß sie der "Unkeuschheit im
+Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu den
+Todesstoß versetzen" wird![948] Während also der Entwurf das 18.
+Lebensjahr als Grenze für den Eintritt in den Kellnerinnenberuf
+festsetzt, läßt er gleichzeitig die 15-16stündige Ausbeutung der Mädchen
+unter 18 Jahren, also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und
+16jährigen, in der Gasthofsküche ohne Bedenken zu.
+
+Daß der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten würde rechnen
+können, war von vornherein anzunehmen. Freilich waren es nur Wenige, die
+ihre Wünsche laut werden ließen. Die Meisten, die unter ihrer traurigen
+Lage seufzen, sind noch gar nicht so weit, darüber nachzudenken, wie man
+sie bessern könnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte dem
+Entwurf diese Forderungen gegenüber: 1) Bestimmungen über Zahlung eines
+auskömmlichen Lohnes. 2) Festsetzung bestimmter Arbeitspausen,
+insbesondere einer ununterbrochenen zehnstündigen Ruhezeit nach jedem
+Arbeitstag. 3) Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf das
+Gastwirtsgewerbe, einschließlich der Beaufsichtigung der Wohn- und
+Schlafräume der Angestellten; und der Münchener Kellnerinnenverein
+verlangte: 1) Eine ununterbrochene Mindestruhezeit von zehn Stunden
+täglich. 2) Einen wöchentlichen vierundzwanzigstündigen Ruhetag. 3)
+Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um den
+Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. 4) Festsetzung der
+Altersgrenze für die Zulassung junger Mädchen zur Bedienung von Gästen
+auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer zweijährigen Lehrzeit, während
+welcher die Lehrmädchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs
+Uhr morgens nicht beschäftigt werden dürfen. 6) Ueberschreitung der
+täglichen Arbeitszeit nur an dreißig Tagen des Jahres.
+
+Aber all diese Maßnahmen wären angesichts der herrschenden Zustände im
+Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend und legen nur von der
+Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis ab.
+
+Jeder wirksame Arbeiterschutz muß einerseits von der Verkürzung der
+Arbeitszeit ausgehen, andererseits für seine Durchführung auf die
+Unterstützung der Beteiligten rechnen können. Sowohl der fünfzehn- bis
+sechzehnstündige Arbeitstag des Entwurfs als der vierzehnstündige, den
+die Kellnerinnen fordern, kann unmöglich die Bedeutung haben, die er als
+Ausgangspunkt aller anderen Reformen haben muß; der Fortbestand des
+Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer möglichsten
+Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie daran, geschlossen für
+seine Herabsetzung einzutreten, und sie zu sichern, falls sie gesetzlich
+eingeführt wird. Will man die Lage der Kellnerinnen verbessern und sie
+zunächst zum Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der
+für sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten würde, so muß der Hebel zu
+gleicher Zeit an beiden Punkten, der Arbeitszeit und dem
+Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das könnte zunächst in der Weise
+geschehen, daß neben der ununterbrochenen zehnstündigen Nachtruhe, eine
+zusammenhängende zweistündige Tagespause festgelegt würde, so daß eine
+effektive Arbeitszeit von zwölf Stunden die Folge wäre. Jeder
+Gasthofsbetrieb hat im Laufe des Tages eine ruhige Zeit,--das haben die
+Wirte selbst erklärt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung
+nahmen,--in der es möglich gemacht werden kann, den größten Teil der
+Angestellten, auch der männlichen, zu entbehren. Jedenfalls muß es zu
+ermöglichen sein, da schon eine zwölfstündige Arbeitszeit das äußerste
+Maß bezeichnete.
+
+Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der bloßen Bestimmung,
+daß die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben, ist ihr nicht
+beizukommen und bis zur Schaffung starker Organisationen der
+Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen könnten, ist noch ein
+weiter Weg. Noch weniger ist auf das Publikum zu rechnen, von dem man
+manchmal erwartete, es würde sich im Kampf gegen das Trinkgeld
+solidarisch fühlen. Dagegen böte ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg:
+die Bestimmung nämlich, daß die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu
+erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird dadurch
+zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, aber doch fast ganz, da der
+Gast sich meist in dem Augenblick dazu aufgefordert fühlt, wo er der
+Bedienung die Zeche bezahlt, und sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein
+anderes Mittel, das wohl noch mehr dem Gang der Entwicklung entspricht,
+aber zunächst nur in größeren Lokalen Anwendung finden könnte, wäre die
+durchgängige Bezahlung der Zeche, die im Verhältnis zu der Gesamtausgabe
+einen bestimmten Prozentsatz für die Bedienung in Anrechnung bringen
+müßte, an den Zahlkellner, der zum selbständigen Unternehmer würde,--was
+er heute schon vielfach ist,--und den bedienenden Kellnern einen festen
+Lohn zu zahlen hätte. Ist das erreicht, so hat die Kellnerin kein
+Interesse mehr an der Länge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die
+gesetzlich vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allmählich,
+wenn Geist und Körper unter der Erschöpfung durch endlose Arbeitszeit
+nicht mehr zu leiden haben, organisationsfähig werden. Ein
+vierundzwanzigstündiger Ruhetag im Laufe von je sieben Tagen, die
+Sicherung guter Unterkunftsräume durch die Aufsicht der
+Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter sechzehn Jahren
+überhaupt und unter achtzehn länger als acht Stunden täglich zu
+beschäftigen, die Verfügung endlich, daß sämtliche Schutzvorschriften
+auch auf die Familie des Wirts auszudehnen sind,--der Entwurf schließt
+sie ausdrücklich aus, ohne sich auch nur über den Grad der
+Familienzugehörigkeit näher auszulassen, --und die Einsetzung einer
+besonderen Inspektion für das Gastwirtsgewerbe,--denn man kann es den
+wenigen schon stark überlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten doch
+nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu beaufsichtigen,--das
+alles sind Bestimmungen, die die Grenzen des Notwendigen noch nicht
+einmal erreichen, und die Ergänzung der Beschränkung der Arbeitszeit für
+Erwachsene und des Trinkgelderwesens bilden müßten. Soweit die
+Sittlichkeit von den Arbeitsbedingungen abhängt, wird sie durch ein
+Gesetz dieses Inhalts auch nur gefördert werden. Sie darüber hinaus
+"schützen" zu wollen, ist überhaupt nicht Aufgabe der Gesetzgebung. Sie
+hat allein die Grundlage zu sichern, auf der eine menschenwürdige
+Existenz sich aufbauen kann, und die äußeren Bedingungen zu regeln, die
+die Unabhängigkeit jedes Einzelnen zu gewährleisten vermögen.
+
+Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat, daß der
+gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen Arbeitsgebieten durchführbar
+ist, so scheint sie jetzt an den Punkt angelangt zu sein, wo die
+angewandte Methode nicht mehr zum Ziele führen kann: am _häuslichen
+Dienst_. Die Dienstboten stehen außerhalb der Gewerbeordnung; nur von
+Neu-Südwales heißt es, daß der achtstündige Arbeitstag auch für sie
+Geltung haben soll; alle übrigen Staaten haben entweder keinerlei
+besondere Vorschriften, die die häusliche Lohnarbeit regeln, oder sie
+besitzen sie in der Form von Gesindeordnungen, wie Deutschland und
+Oesterreich. Aber auch hierbei handelt es sich nicht um einheitliche
+Rechtsvorschriften, sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen
+voneinander abweichende Einzelbestimmungen--Deutschland allein zählt
+ihrer gegen 60--, die dadurch schon den Stempel einer überwundenen
+Epoche, der die Freizügigkeit noch unbekannt war, an der Stirne tragen;
+denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem Juristen schwer
+fällt, kann von dem von Ort zu Ort und von Land zu Land wandernden
+Dienstboten unmöglich verlangt werden. Was sie aber in noch viel
+drastischerer Weise als Reste der Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr
+Inhalt, der zu jeder modernen Auffassung des Arbeitsvertrags und des
+Dienstverhältnisses in scharfem Gegensatz steht.
+
+Einige Beispiele mögen das Gesagte erhärten: Nach der deutschen
+Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in die
+Arbeitsbücher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die meisten
+Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen über das
+persönliche Verhalten des Dienstboten den Arbeitgebern zur Pflicht. Auf
+Grund derselben Gewerbeordnung ist die Aufrechnung von irgend welchen
+Forderungen des Arbeitgebers gegen die Lohnforderungen des Arbeiters
+unzulässig, die Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugefügten
+Schaden nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann
+sogar, falls dieser nicht ausreicht, eine Vergütung durch unentgeltliche
+Dienstleistung von ihm fordern,--eine neue Form für die mittelalterliche
+Schuldknechtschaft! Auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches und des
+Handelsgesetzbuchs für das Deutsche Reich kann das Dienstverhältnis von
+jedem Teil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn
+ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe Recht nach
+den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er mißhandelt wird mit
+Gefahr für Leib und Leben", wenn die Herrschaft ihn "mit ausschweifender
+und ungewöhnlicher Härte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und
+unmoralischen Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt,
+oder die Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die Thüre
+setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause hervorruft",
+"beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich Veruntreuungen zu
+schulden kommen läßt", "ohne Vorwissen und Erlaubnis nachts aus dem
+Hause bleibt", "seines Vergnügens wegen ausläuft, über die erlaubte Zeit
+hinaus fortbleibt, mutwillig den Dienst vernachlässigt", ja selbst "wenn
+ihm die Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen
+vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen, wenn er
+den Dienstboten ohne Entschädigung los werden will, während der
+Dienstbote erst körperliche oder moralische Mißhandlungen nachweisen
+muß, um ohne Einhaltung der Kündigungsfrist den Dienst aufgeben zu
+können. Der gewerbliche Arbeiter kann gegenüber unerträglichen
+Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne Kündigung verlassen, ohne daß er
+sich dadurch ehrenrührige Strafen zuzieht; der Kontraktbruch beim
+Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt, und jedes Dienstmädchen, das
+davonläuft, kann von uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher,
+wieder in die alte Stellung zurücktransportiert werden. Um jeden Weg zur
+Selbsthilfe endgültig abzuschneiden, steht das Gesinde,--und unter
+dieser Bezeichnung ist in Deutschland und Oesterreich nicht nur das
+häusliche, sondern auch das landwirtschaftliche zu verstehen,--auch in
+Bezug auf das verfassungsmäßig jedem Staatsbürger gewährleistete freie
+Vereins- und Versammlungsrecht unter Sondergesetzen. Das heute noch
+gültige Gesetz vom Jahr 1854 bestimmt, daß das Gesinde mit
+Gefängnisstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum
+Zweck der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt,
+sich mit anderen dazu verabredet, oder sie dazu auffordert.
+
+Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen in
+Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des Verhältnisses
+zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine ganze Reihe von Geboten und
+Verboten schnüren noch außerdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten
+ein, ohne daß ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu
+teil würde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige Reden",
+"unfleißiges Verhalten", "ungebührliches Benehmen" in verschiedenen
+deutschen Gesindeordnungen unter Strafe gestellt. Ja selbst die
+Prügelstrafe kann von den Herrschaften den Dienstboten gegenüber noch in
+Anwendung gebracht werden, denn die Gesindeordnungen von Braunschweig,
+Pommern, Sachsen, Reuß und Meiningen erkennen den Dienstgebern das
+Züchtigungsrecht ausdrücklich zu, und in Preußen können sie sich
+straflos der "Beleidigung und leichten Körperverletzung" schuldig
+machen.
+
+Man hoffte, daß das Bürgerliche Gesetzbuch diesen Bestimmungen, die das
+Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die Hände liefern, ein Ende machen
+würde. Und es erklärte thatsächlich, daß ein Züchtigungsrecht der
+Herrschaft nicht zustehe; nur daß diese Erklärung für die Praxis dadurch
+jede Bedeutung verlor, daß Art. 95 des Einführungsgesetzes zum
+Bürgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen ausdrücklich bestehen
+läßt, und,--um darüber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,--eine
+preußische Ministerialverordnung folgendes bestimmte[949]: "Was die in
+dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung anbelangt,
+wonach dem Dienstberechtigten gegenüber dem Gesinde ein Züchtigungsrecht
+nicht zusteht, so werden dadurch die in Preußen bestehenden
+landesgesetzlichen Vorschriften nicht berührt, da keine der letzteren
+ein solches Recht statuiert, auch der § 77 der Gesindeordnung nicht,
+indem derselbe nur geringe Thätlichkeiten der Herrschaft unbestraft
+läßt, welche durch ungebührliches, zum Zorn reizendes Betragen des
+Gesindes veranlaßt werden." Die Erlaubnis zu geringen Thätlichkeiten ist
+also, nach der Logik preußischer Minister, kein Züchtigungsrecht und das
+Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden!
+
+Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen Richtung der
+sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht, konnte auch den
+Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn man sich schon
+scheute, die Familienwerkstatt und den Familiengasthofsbetrieb unter
+gesetzliche Regeln und gesetzliche Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr
+mußte man sich davor scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen.
+Jeder Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels
+95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So
+beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893 die
+Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895 aber
+stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden Absatzes im
+Bürgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der Gesindeordnungen. Das
+Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit derselben Beratung die
+Unterstellung des Gesindes unter die Gewerbeordnung durchzusetzen; ein
+Jahr später im Plenum aber erklärte es sich dagegen. 1897 nahm dann der
+Reichstag eine Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging,
+und die Regierung aufforderte, die Rechtsverhältnisse des Gesindes
+reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast fünf Jahren, ist es aber
+immer noch bei dem bloßen Wunsch geblieben, obwohl inzwischen die
+Dienstboten angefangen haben, für ihre Rechte einzutreten. Ihr
+konsequenter Vorkämpfer ist bisher allein die sozialdemokratische Partei
+gewesen, die nicht nur durch ihr Programm, das die rechtliche
+Gleichstellung der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern fordert,
+sondern durch eine Reihe dahin zielender Anträge im Plenum des
+Reichstages diese notwendige Reform durchzusetzen versuchte, vor allem
+für die Abschaffung der Gesindeordnungen und des jede Organisation
+verhindernden Gesetzes von 1854 eintrat. Natürlich ohne jeden Erfolg.
+
+Vorwärts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von den
+Vereinigten Staaten ausging und über die skandinavischen Länder den Weg
+nach Deutschland nahm, fühlten sich auch, wie wir gesehen haben,
+einzelne Gruppen der bürgerlichen Frauenbewegung zu Reformvorschlägen
+genötigt, die in der Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in
+Bezug auf die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich
+entweder vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen
+stellen. Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete über die
+Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt
+insofern noch hinter ihnen zurück, als die Freigabe des
+Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden, sondern
+das Dienstmädchen nur zur Arbeit während dieser Zeit nicht
+"verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen Standpunkt gegenüber
+der Dienstbotenfrage nehmen einige amerikanische und englische
+Frauenrechtlerinnen ein,--denn von einer allgemeinen feststehenden
+Stellung der Frauenbewegung zu diesem Problem ist auch hier keine Rede.
+Sie fordern die Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allmählich
+die im Hause wohnenden Dienstboten durch außer dem Hause wohnende
+organisierte und für jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen ersetzen
+sollen und glauben, daß die Ausdehnung des Arbeiterinnenschutzes auf sie
+erst unter diesen Voraussetzungen ermöglicht werden kann.
+
+Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden Reform, aber
+sie haben jeder für sich nur den Wert vorbereitender Arbeit. Erst ihre
+Zusammenfassung und organische Ausbildung kann zu einer Regelung des
+Verhältnisses der häuslichen Arbeiter führen. Vor allem haben wir uns
+auch hier zunächst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne bei der
+nüchternen Ueberlegung dem Einfluß subjektiver Gefühle zu viel Spielraum
+zu gewähren. Gerade hier ist diese Gefahr groß, denn so trivial es auch
+klingen mag, so wahr ist es doch, daß der Gedanke an die Familie, an die
+stillen Freuden der Häuslichkeit bei den Angehörigen der bürgerlichen
+Welt eng mit dem Gedanken an die eigene Köchin in der eigenen Küche
+zusammenhängt, und man mit der Preisgabe des einen das andere zu
+erschüttern glaubt. Der objektive Beobachter aber wird sich der
+Erkenntnis nicht verschließen können, daß Alles--die wachsende
+Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme der
+Frauenerwerbsarbeit in bürgerlichen Kreisen, die sich rapide
+ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals privater,
+häuslicher Thätigkeiten,--eine fundamentale Umwandlung des häuslichen
+Lebens vorbereitet. Dieser Entwicklung könnte auch dann nicht mit
+dauerndem Erfolg in die Zügel gefallen werden, wenn sie, wie viele
+behaupten wollen, eine nur schädliche Tendenz in sich trüge. Sie muß
+aber um so mehr gefördert werden, als sie thatsächlich glücklicheren
+Zuständen die Wege bahnt.
+
+Der Kreis der bürgerlichen Familie umschloß früher den großen Hausstand
+mit all seinen Mägden und Knechten; von einem intimen Zusammenleben
+zwischen Mann und Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die
+häusliche Atmosphäre war der Ausfluß so vieler verschiedener
+Individualitäten, daß ihr Einfluß auf die Kinder nicht als der der
+Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt zusammenschrumpfte,
+desto mehr stieg die Möglichkeit häuslicher Intimität, desto inniger
+konnten seine wenigen Glieder sich zusammenschließen, und endlich wird
+die Entwicklung auf der höheren Kulturstufe da anlangen, von wo sie auf
+der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen
+Familiendreieinigkeit,--Mann, Weib und Kinder. Der Ausschluß jeden
+fremden Elements aus dem persönlichen Leben des Menschen liegt aber in
+der Richtung der Steigerung und Vertiefung des persönlichen Glücks.
+Durch ihn wird die Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der
+Kinder, die sie auch mit der Milch ihres Geistes wird nähren können. Für
+die Dienstboten aber ist die Auflösung des persönlichen
+Dienstverhältnisses der einzige Weg zu ihrer Befreiung. Wir haben uns
+daher auch in den Dienst dieser Entwicklung zu stellen.
+
+Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des
+Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und der
+Einwand, daß infolgedessen immer weniger Menschen im stande sein würden,
+sich Dienstboten zu halten, verwandelt sich in eine Befürwortung der
+Maßregel. Die einzelnen Forderungen an die Gesetzgebung, die natürlich
+mit der Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen müßte, lassen sich
+kurz zusammenfassen: der elf- bis zwölfstündige Arbeitstag für über
+Achtzehnjährige könnte den Anfang bilden, seine Ergänzung wäre die
+1-1/2stündige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und, als
+Entschädigung für die halbe Sonntagsarbeit, ein freier halber Wochentag;
+Ueberstunden und Extraarbeiten, die in bestimmtem Umfang erlaubt sein
+müssen, wären selbstverständlich besonders zu vergüten. Die Arbeitszeit
+selbst könnte zwischen 7 Uhr früh und 9 Uhr abends zu verteilen sein.
+Strenge Vorschriften in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse der
+Dienstboten müßten durch eine energische Wohnungsinspektion und die
+Haftbarmachung jedes Hauswirts noch verschärft werden.
+
+Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, daß diese Bestimmungen
+unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben würden, selbst wenn
+man in jedes Haus einen Inspektor setzte. Ihre erzieherische Wirkung
+aber wäre um so bedeutsamer: die Dienstmädchen würden infolge der freien
+Zeit, über die sie zu verfügen hätten, der Aufklärung leichter
+zugänglich sein, organisationsfähiger werden und lernen, ihre Rechte
+selber zu schützen; die Hausfrauen andererseits würden schnell genug
+einsehen, daß sich der Kleinbetrieb unter solchen Umständen nicht mehr
+lohnt. Alle neuen Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute
+infolge des bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast
+unbenutzt bleiben, würden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in
+Anwendung gebracht werden. Da das aber für den Einzelhaushalt ebenso
+verschwenderisch wäre, als wenn man einen elektrischen Motor zum Antrieb
+eines einzigen Webstuhls anschaffte, so würde naturgemäß allmählich der
+genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte Wirtschaftsführung
+die Funktionen der einzelnen Haushalte aufsaugen. Die Dienstboten aber
+würden sich in freie Arbeiter verwandeln, die ebenso wie diese in die
+Fabrik, in die Zentralküchen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa
+die Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre
+Angestellten zu bestimmten häuslichen Verrichtungen, wie
+Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und
+Teppichklopfanstalten der großen Städte, wie die Household economic
+Associations Amerikas werden sich infolgedessen immer weiter verbreiten,
+die Zentralisierung der Heizung, der Beleuchtung wird sich ausbilden,
+kurz, alles das, was jetzt oft nur ein kümmerliches Dasein fristet,
+weil die Sonne der Gunst des Publikums ihm fehlt, wird sich
+durch den Antrieb praktischer Bedürfnisse rasch entwickeln. Je
+mehr es aber geschieht, desto energischer kann und muß die
+Arbeiterinnenschutzgesetzgebung auf die Dienstmädchen Anwendung finden.
+Auf einer anderen Basis, als auf der der Loslösung des Gesindes aus dem
+persönlichen Dienstverhältnis, auf eine Reform des Gesindewesens zu
+rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr losmachen, je rascher
+wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar sich entwickelnden
+Verhältnissen anzupassen, desto schmerzloser wird sich der allmähliche
+Prozeß der Umwandlung vollziehen, wie er sich schon früher, für viele
+fast unbemerkt, vollzogen hat.
+
+Die ökonomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und Unternehmer führt mit
+Notwendigkeit zu den staatlichen Maßregeln des Arbeiterschutzes. Der
+rechtlich freie Arbeitsvertrag würde niemals ein faktisch freier sein,
+weil er die schwächere soziale und wirtschaftliche Stellung des
+Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien
+Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen. Jeder
+Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet für den Unternehmer eine
+Einschränkung seines Verfügungsrechts über die von ihm gekaufte
+Arbeitskraft und für den Arbeiter größere persönliche Freiheit und
+Sicherheit. Das Recht darauf und das Bedürfnis danach ist für beide
+Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den Frauen in Bezug auf die
+Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu teil werden läßt, als den
+Männern, so hat das keine prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der
+notwendige erste Schritt zu allgemeiner, gleichmäßiger Regelung. Nur
+soweit die Frau die Verantwortung für die Existenz und die Gesundheit
+eines anderen Menschen, ihres Kindes trägt, hat sie Anspruch auf
+besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung nach, weniger als
+Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz charakterisiert. Aber in
+dem Schutz von Leben und Gesundheit, in der Schaffung von
+Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische Existenz des Arbeiters
+zu einer erträglichen gestalten, sondern auch die Grundlage zu geistiger
+Fortentwicklung legen helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen
+angenommen wird, die einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie
+hat sich nicht mit dem äußeren Schutz zu begnügen, vielmehr die ernste
+und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen zum Siege zu
+verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial höhere Stufen
+erreichen kann: sie muß die Hausindustrie und den häuslichen Dienst
+einer tiefgehenden Umwandlung entgegenführen, sie muß den Großbetrieb in
+Gewerbe und Handel fördern.
+
+Die Voraussetzung aber für die Wirksamkeit und den Fortschritt des
+Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der Zunächstbeteiligten an seiner
+Durchführung und seinem Ausbau. Alle öffentlichen Einrichtungen und alle
+Gesetze, die sie dazu fähig zu machen vermögen, sind als notwendige
+Ergänzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie bilden
+gewissermaßen die Vollendung der Erziehung, die nicht darin allein
+besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern ihnen die Waffen in
+die Hand zu geben, mit denen sie sich selber schützen können. In diesem
+Sinne werden die Frauen noch immer als kleine Kinder behandelt.
+
+Wir haben gesehen, daß die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit meist
+auf ihre geringere qualitative oder quantitative Leistungsfähigkeit
+zurückzuführen ist. Es läge demnach sowohl im Interesse der Frauen, als
+in dem der Männer, denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen
+zu erhöhen, d.h. ihnen eine der männlichen gleichwertige Ausbildung zu
+teil werden zu lassen. Der Besuch der _Fortbildungsschulen_, zu dem nach
+der deutschen Gewerbeordnung die Kommunalbehörden lediglich die
+männlichen Arbeiter verpflichten können, und der von Reichswegen nur für
+männliche und weibliche Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, müßte
+demnach für alle, der Volksschule entwachsenen Mädchen obligatorisch
+werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken. Die Voraussetzung
+wäre, daß sämtliche Fortbildungs- und Fachschulen, die gegenwärtig
+häufig wohlthätigen Vereinen ihre Existenz verdanken und eine gründliche
+Ausbildung nicht zu geben vermögen, von den Gemeinden oder dem Staat
+eingerichtet und geleitet würden, wie es in Oesterreich z.B. vielfach
+geschehen ist, vor allem aber, daß sie, wo es sich nicht um spezifisch
+weibliche oder männliche Arbeiten handelt, die gemeinsame Erziehung der
+Geschlechter grundsätzlich durchzuführen hätten. Erst dadurch würden die
+Kräfte der männlichen und weiblichen Schüler sich aneinander messen
+können und die notwendige Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie
+der Wettbewerb auf gleichen Arbeitsgebieten.
+
+Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs für Mädchen sich aus dem
+wachsenden Erwerbszwang von selbst ergiebt, so ist es nur die
+selbstverständliche Konsequenz der Zunahme der Lohnarbeit verheirateter
+Frauen, wenn nicht nur jedes gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege
+steht, beseitigt, sondern ihre _freie Verfügung über ihren
+Arbeitsertrag_ gesichert werden muß. Bisher ist das keineswegs der Fall;
+in Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur
+Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein Vertrag,
+der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch seinen Einspruch
+ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gelöst werden, in Deutschland bedarf
+der Ehemann dazu die Ermächtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst
+der durch eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte
+persönliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem Mann in
+Gütergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch Ehevertrag ausdrücklich
+ausgesondert worden, so kann der Mann ihn in Besitz nehmen und darüber
+verfügen; in Frankreich und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer
+Stelle den Lohn für sich einfordern. Daß dadurch unter Umständen ganze
+Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Fleißes der Mutter,
+bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und Arbeitsscheue hat
+das Recht, den mühsam erworbenen Lohn der Frau, durch den sie ihre
+Kinder ernähren wollte, zu verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat
+diesen Verhältnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die
+selbständige Schließung von Arbeitsverträgen ermöglichte und ihren
+Erwerb für sie sicher stellte. Der Schutz der verheirateten Arbeiterin
+ist ohne diese zivilrechtliche Ergänzung jedenfalls ein unvollständiger.
+Angesichts der Entwicklung der Frauenarbeit muß sie nicht nur über ihre
+Arbeitskraft frei verfügen können, sondern sich auch im
+uneingeschränkten Genuß ihres Erwerbs befinden. Die wirtschaftliche
+Unabhängigkeit, die dadurch geschaffen wird, ist eine der Grundlagen für
+die soziale und politische Emanzipation der Frau.
+
+Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der sich
+gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt, ist das
+_Wahlrecht zu den Gewerbegerichten_, denen die Aufgabe zufällt,
+Streitigkeiten zwischen den selbständigen Gewerbetreibenden und ihren
+Angestellten zu untersuchen und zum Austrag zu bringen. Die Mitglieder
+dieser Gerichte, die Frankreich als Conseils des prud'hommes, Italien
+als Collegio dei probi viri kennt, werden in gleicher Zahl und mit
+gleichen Rechten von den Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte
+gewählt; da es nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter
+ebenso wie männliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen
+und Unternehmern ebenso häufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern und
+ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor, warum den
+Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den Männern.
+Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt, als es die Frauen
+zum aktiven Wahlrecht zuließ, Italien gewährte ihnen auch das passive;
+in Frankreich stimmte die Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der
+Frauen, der Senat aber hat dem Beschluß seine Zustimmung versagt, indem
+er erklärte, die Interessen der Frauen seien auf das Familienleben zu
+beschränken! In Deutschland ist die Mehrheit des Reichstags noch
+derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare Thatsache der 5-1/2
+Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch immer nicht davon zu
+überzeugen, daß dem Familienleben durch den Wahlzettel die geringste
+Gefahr droht.
+
+Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der Frauen zu
+den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die Gesetzgebung in
+Bezug auf das _Koalitionsrecht_. Das preußische Vereinsgesetz und mit
+ihm eine ganze Anzahl von den übrigen 26 verschiedenen deutschen
+Vereinsgesetzen, verbietet "Frauen, Schülern und Lehrlingen"
+ausdrücklich die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung
+solcher Vereine. Das österreichische Gesetz steht auf demselben
+Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche" Ziele
+verfolgen, können auch weibliche Mitglieder angehören. Durch diese
+Bestimmungen kennzeichnet sich das Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung,
+die durch die wirtschaftliche Entwicklung einerseits und den Fortschritt
+der sozialpolitischen Gesetzgebung andererseits längst überholt wurde.
+Seitdem die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb
+nachgeht, und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung
+wurde, ist es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme
+zu verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der
+wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche Grenzlinie
+festzuhalten. Für die daraus folgende Verwirrung der Begriffe liefert
+die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen; Arbeiterinnenvereinen und
+Gewerkschaften gegenüber erklärte sie wiederholt Fragen für politisch,
+und begründete damit Auflösungen und Maßregelungen, die, sobald sie von
+bürgerlichen Vereinen behandelt wurden, unbeanstandet als
+wirtschaftliche passierten. Das preußische Kammergericht sprach sich in
+einem Urteil sogar folgendermaßen aus[950]: "Zu den politischen
+Gegenständen im Sinne des Vereinsgesetzes gehören solche, welche
+Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der Arbeitszeit
+betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor allem aber die, an
+der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf Gnade und Ungnade der
+Willkür der Behörden überliefert.
+
+Die Durchführung des Arbeiterschutzes aber und sein weiterer Ausbau
+hängt, wie wir gesehen haben, wesentlich von den Arbeitern und ihrer
+thatkräftigen Unterstützung selbst ab, und die traurige Lage, in der vor
+allem die weibliche Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten
+dadurch in ihrer schrecklichen Gleichmäßigkeit erhalten, daß den Frauen
+die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der Charakter der
+Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die Arbeiterin zu
+beschützen, nicht aber so weit, sie fähig zu machen, daß sie sich selbst
+beschützen kann, kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck als im
+Vereinsrecht Deutschlands und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt
+kennt Aehnliches. Von einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die
+Rede sein, als bis dieser Stein, der ihre Straße versperrt, aus dem Weg
+geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber würde die bloße Gleichstellung der
+Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden Rechts nicht genügen, es
+müßte vielmehr ein den modernen Verhältnissen, der Entwicklung und den
+Ansprüchen der Arbeiterklasse angepaßtes, einheitliches, neues Recht an
+dessen Stelle treten, das für die volle Koalitionsfreiheit die Gewähr
+böte, und von dessen unbeschränkten Genuß keine Arbeiterkategorie
+auszuschließen wäre.--
+
+So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht lediglich als
+eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als ein System
+verschiedener gesetzlichen Maßnahmen, die organisch ineinander greifen,
+und gegenseitig bedingt werden. Sozialreform, in diesem Sinne aufgefaßt,
+ist nicht ein in sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die
+Quintessenz der Gesetzgebung überhaupt.
+
+
+Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung.
+
+
+Deutschland
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, Werkstätten der Kleider- und
+ Wäschekonfektion, ausgenommen diejenigen, in denen nur
+ Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen,
+ Aufbereitungsanstalten, Brüche und Gruben, Zimmerplätze, Bauhöfe,
+ Werften, Hüttenwerke, Ziegeleien.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+ 10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and
+ nachmittags.
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1 Stunde
+ Mittagspause; für die, welche ein Hauswesen zu besorgen haben und
+ einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet.
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ Auf 2 Wochen nicht über 13 Stunden täglich, im Jahr nicht mehr als 40
+ Tage gestattet. Länger als 2 Wochen durch Erlaubnis der höheren
+ Verwaltungsbehörde, aber auch dann dürfen 40 Tage im Jahr nicht
+ überschritten werden. Außerdem kann der Bundesrat für ganze
+ Fabrikationszweige Dispensation erteilen: für Fabriken mit
+ ununterbrochenem Feuer, für Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten
+ beschränkt sind, für Saisonindustrien.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die höhere
+ Verwaltungsbehörde und den Reichskanzler Ausnahmen gestattet, unter
+ denselben Voraussetzungen wie bei den Ueberstunden.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten. Durch die höhere Verwaltungsbehörde und den Bundesrat sind
+ Ausnahmen gestattet: Bei Bedürfnisgewerben, Saisongewerben und aus
+ technischen Gründen, sowie bei besonderen Notlagen oder
+ Unglücksfällen.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist ermächtigt durch
+ besondere Verordnungen die Arbeit in gesundheitsgefährlichen Betrieben
+ gleichfalls zu verbieten oder einzuschränken.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ Keine.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ 6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand ärztlichen Attestes um 14 Tage
+ verkürzt werden.
+
+
+Oesterreich
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, handwerksmäßige Betriebe, Werkstätten, außer denjenigen, in
+ denen nur Familienmitglieder arbeiten.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im ganzen
+ nicht mehr als während 15 Wochen im Jahr.
+
+ Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
+ zulässig.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Nur für Fabrikbetriebe soweit Frauen über 16 Jahre alt von 8-1/2 Uhr
+ abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in Deutschland
+ zugelassen, für Jugendliche auch im Gewerbebetriebe.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten, Ausnahmen ähnlich wie in Deutschland gestattet.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen
+ können Arbeiten in gesundheitsgefährlichen Betrieben gleichfalls
+ verboten werden.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ Keine.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ 4 Wochen. Bei Arbeiten über Tage im Bergbau 6 Wochen.
+
+
+Frankreich
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, Bergwerke, Steinbrüche, Bauplätze, Werkstätten, außer
+ denjenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten, und alle damit
+ in Zusammenhang stehenden industriellen Betriebe, öffentliche,
+ private, religiöse.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+--
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden. Vom
+ Jahre 1904 ab 10 Stunden für Fabriken, in denen Männer und Frauen
+ zusammen arbeiten.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ Verboten.
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ In einzelnen Industriezweigen dürfen Frauen bis 11 Uhr abends
+ beschäftigt werden, doch nicht öfter als während 60 Tagen im Jahr, bei
+ besonderen Anlässen auch sonst noch Ausnahmen zugelassen.
+
+ Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
+ zulässig.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen ähnlich wie in
+ Deutschland zugelassen.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten. Ausnahmen für besondere Industrien zeitweise gestattet, doch
+ muß als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein anderer vollständiger Ruhetag
+ gewährt werden.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Wie in Deutschland und Oesterreich.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ Keine.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ Keine.
+
+
+Schweiz
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, die mehr als 5 Personen, alle
+ industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen, und alle
+ gefährlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen beschäftigen, mit
+ Ausnahme der Werkstätten, in denen nur Familienmitglieder arbeiten und
+ in denen ungefährliche Gewerbe betrieben werden.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1 Stunde
+ Pause. Für Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, 1-1/2 Stunde.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ Für nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere Erlaubnis der
+ Behörden gestattet.
+
+ Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
+ zulässig.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Wie in Deutschland und Oesterreich.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ 14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ 6 Wochen.
+
+[Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein Teil.
+(Daten für mindestens ein weiteres Land.)]
+
+
+Die Arbeiterinnenversicherung.
+
+
+Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte große
+Errungenschaft der Arbeiterklasse, die Arbeiterversicherung. Der
+Gedanke, daß der arme Arbeiter sich vor den Wechselfällen seines Lebens
+auf irgend eine Weise schützen müsse, war durchaus kein neuer: die
+englischen Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich
+schon früh auch nach dieser Richtung zu großartigen Organisationen, die
+ihren Mitgliedern vor allem Krankenunterstützung und Begräbnisgelder
+gewährten. Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten
+in ähnlicher Weise für die ihr Zugehörigen, ebenso die modernen freien
+Hilfskassen, deren Anfänge bis in das Revolutionsjahr zurückreichen. Die
+französischen Societés de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen
+vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen Notfällen
+des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die verschiedenen
+Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber dieses ganze
+freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben großen Uebel: es
+umfaßte immer nur einen äußerst beschränkten Kreis von Arbeitern und
+überließ gerade die Hilfsbedürftigsten der bittersten Not. Zu ihnen
+gehörten aber die Frauen. Nicht nur, daß sie schwer sich entschließen
+konnten, von ihrem geringen Einkommen regelmäßige Beiträge zu den
+verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie wir
+schon gesehen haben, äußerst schwer zu organisieren. Die Unverheirateten
+sehen die Fürsorge für Alter und Gebrechlichkeit als überflüssig an,
+weil sie meinen, daß die Ehe ihnen beides sichern wird, die
+Verheirateten darben sich jeden Pfennig lieber für ihre Kinder ab. In
+England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in
+größerem Umfang den Friendly Societies bei oder gründeten für sich
+allein selbständige freie Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste
+Kasse der Art auf Anregung der Gräfin Guillaume-Schack erst im Jahre
+1884 in Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein
+derselben Art, während seine Unterstützungs- und Versicherungsvereine
+entweder nur wenige weibliche Mitglieder hatten oder sie sogar
+statutenmäßig ausschlossen. Nur in Bezug auf Witwenunterstützung geschah
+hie und da etwas Nennenswertes für die Frauen.
+
+Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung für alle Arbeiter, wie er
+sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher, vom Standpunkt der
+weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein außerordentlich fruchtbarer.
+Daran ändert die für die Geschichte der Arbeiterversicherung
+bezeichnende Thatsache nichts, daß ihre Urheber, wie es die kaiserliche
+Botschaft vom 17. November 1881 erklärte, die Schaffung der
+Arbeiterversicherung lediglich als eine Ergänzung zur "Repression
+sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des Sozialistengesetzes,
+betrachteten.
+
+Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die Unfallversicherung und
+schließlich die Alters- und Invaliditätsversicherung eingeführt.
+Oesterreich, Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel
+Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so weit
+auszudehnen.
+
+Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
+Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende Tabelle.
+
+Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische Arbeiterversicherung in
+Deutschland, dem Mutterland der Idee, am ausgiebigsten zur Durchführung
+gekommen. Aber wie es bei der Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen
+jeglichen Vorbilds und der Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen
+nicht anders möglich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an Mängeln
+sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich ihrer
+Ausdehnung.
+
+Zuerst wurde die _Krankenversicherung_ geordnet und für Arbeiter und
+Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer obligatorischen gemacht. So
+segensreich sie sich aber auch im Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie
+selbst als private und freiwillige Versicherung nur für kleine Gruppen
+von Arbeitern existierte, so stellte sie sich doch bald als unzulänglich
+heraus. Eine ihrer schwächsten Seiten ist die Frage der
+Geldunterstützung. Wenn eine kranke Arbeiterin wöchentlich zwischen 4
+und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der Lohnausfall für die Familie
+natürlich nicht gedeckt, noch weniger aber ist sie in den Stand gesetzt,
+sich gehörig zu pflegen und gut zu ernähren. Dazu kommt, daß die
+schlecht bezahlten, überanstrengten Kassenärzte sie nur schablonenhaft
+behandeln können, und diesen dabei in jeder Hinsicht die Hände gebunden
+sind, weil die Kassenvorstände Verordnungen von Milch, Bädern, Wein etc.
+der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines Erachtens
+müßte das Krankengeld bis zur Höhe des vollen Lohnes erhoben werden
+können, vor allem aber müßte die Krankenhauspflege in erweitertem Maße
+als bisher in Anwendung gebracht werden.
+
+Diese Forderung stößt zunächst auf den Widerstand der Arbeiterinnen
+selbst und man pflegt sich nicht genug darüber zu empören, daß sie sich
+so energisch gegen die Aufnahme im Krankenhaus sträuben. Wer aber einmal
+die Säle und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich erzählen
+ließ, wie Frauen und Mädchen zu Studienzwecken einer ganzen Reihe von
+Studenten sich darbieten müssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche
+Arbeiterin an das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren
+Stöhnen und Jammern ihre Nächte zu qualvollen macht, zurückdenkt, der
+wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus berechtigt finden. An der
+Reorganisation der Krankenhäuser und der Krankenpflege muß daher der
+Hebel angesetzt werden, sollen sie wirklich der arbeitenden Bevölkerung
+zum Heil gereichen.
+
+Die Krankenkassen haben aber auch nächst der Sorge für die Erkrankten
+die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die Möglichkeit hierzu zu
+gewinnen, müßten sie zunächst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder
+kennen lernen und im Auge behalten, was einerseits durch enge Fühlung
+mit den Gewerkschaften unterstützt werden könnte, andererseits dadurch
+am leichtesten geschähe, daß ihnen das Recht zustände, Sanitäts- oder
+Wohnungsinspektoren männlichen und weiblichen Geschlechts zu
+erwählen. Die Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre
+Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen gemacht.
+Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider überall mangelt, könnte
+durch diese Organe der Krankenkassen verbreitet werden. Oft genügt ja
+ein verständiger Wink, um arme Arbeiterfrauen über Kinderpflege und
+Ernährung, über Lüftung, Alkoholgenuß etc. aufzuklären. In den weitaus
+meisten Fällen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von
+Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschläge und Arzneien nichts
+helfen können, aber wenigstens sollte versucht werden, die Kinder von
+diesen Einflüssen einigermaßen frei zu machen: die Einrichtung von
+Ferienaufenthalten, die Gründung von Kinderasylen wäre eine weitere
+Aufgabe der Krankenkassen, deren Thätigkeitskreis sich mit Erfolg nach
+allen Richtungen erweitern ließe. Eine vernünftige Regierung sollte
+ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen nicht zu
+unterschätzenden Einfluß auf die Verwaltung der Krankenkassen könnten in
+Deutschland die Arbeiterinnen gewinnen, wenn sie eines der wenigen
+Rechte, das sie besitzen, das aktive und passive Wahlrecht für die
+Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher
+benutzen wollten. Es wäre das zugleich eine Erziehung zum besseren
+Verständnis öffentlicher Angelegenheiten.
+
+Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger, als die
+Krankenkassen auch die Trägerinnen der Wöchnerinnenunterstützungen sind.
+Der ganze Wöchnerinnenschutz wäre eine Phrase oder eine Grausamkeit,
+wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu gleicher Zeit
+mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die deutsche
+Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen ähnlicher Art im
+Auslande, haben die Bestimmung getroffen, daß Wöchnerinnen bis auf die
+Dauer von sechs Wochen durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit
+mindestens sechs Monaten angehören, eine Geldunterstützung erhalten
+müssen, die mindestens die Hälfte, oder auch bis zu drei Viertel des
+durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze Halbheit der
+Maßregel ist auf den ersten Blick einleuchtend. Schon unter normalen
+Verhältnissen reicht der volle Lohn der Arbeiterin nicht aus, um die
+notwendigsten Bedürfnisse zu decken, wie viel weniger kann die Hälfte
+oder drei Viertel davon sich als genügend erweisen, wenn nicht nur die
+Wöchnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll. Ist schon
+eine größere Familie vorhanden, für die gesorgt werden muß, so wird der
+Wöchnerinnenschutz und die Wöchnerinnenversicherung völlig illusorisch,
+weil die geringe Unterstützung nicht dazu ausreicht, für die Führung des
+Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme Mutter gezwungen ist,
+so schnell als möglich das Bett zu verlassen, um selbst nach dem Rechten
+zu sehen. Das ist um so häufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt
+sind, die Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der
+Wöchnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im Sinne des
+Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als Krankheit, und
+freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den Kranken zugesichert. Die
+völlige Unzulänglichkeit der Wöchnerinnenversicherung ist im
+wesentlichen auf ihre Verquickung mit der Krankenversicherung
+zurückzuführen, mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde
+nichts zu thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf
+längstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder entsprechende
+Behandlung im Krankenhaus gewährt, die ferner berechtigt ist, die
+Krankenunterstützung bis auf ein Jahr zu verlängern, oder die Kranken in
+Reconvalescentenheimen unterzubringen, ging bei der Festsetzung der Höhe
+der Geldunterstützung von der Rücksicht auf eine mögliche starke Zunahme
+der Simulanten aus und sah sich deshalb verhindert, über den üblichen
+Lohn hinauszugehen, oder ihn auch nur zu erreichen.
+
+Diese Besorgnis fällt bei der Frage der Wöchnerinnenunterstützung fort.
+Trotzdem sie nun aber eine, wie wir gesehen haben, völlig ungenügende
+ist, belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den
+Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im Jahre
+1900 die Einnahmen pro Kopf der männlichen Mitglieder um 6,09 Mk. höher
+als die Ausgaben, während die Ausgaben pro Kopf der weiblichen
+Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk. überstiegen. Die Ursache hiervon
+liegt nun zwar wesentlich in der allgemeinen traurigen Lage der
+weiblichen Arbeiter, zum großen Teil aber auch in der Vernachlässigung
+und mangelhaften Pflege der Schwangeren und Wöchnerinnen, die zahllose
+Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die Kassen auf der
+einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen wieder zu. Der
+Schutz der Frau als Mutter stellt an die Versicherungsgesetzgebung so
+weitreichende Anforderungen, daß sie im Rahmen der Krankenversicherung
+unmöglich erfüllt werden können. Sie müßten einer besonderen
+_Mutterschaftsversicherung_ übertragen werden.
+
+Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher müßte der
+Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz stellen und allen
+bedürftigen Müttern des Volks die beste Pflege in weitestem Maße
+zusichern. Dazu gehört eine Geldunterstützung während vier Wochen vor
+und acht Wochen nach der Entbindung in der vollen Höhe des
+durchschnittlichen Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie
+Wochenpflege einschließlich der Pflege des Säuglings und der Sorge für
+den Haushalt, die Errichtung von Asylen für Schwangere und Wöchnerinnen
+und von Entbindungsanstalten, eventuell auch die Errichtung von Krippen,
+wie wir sie im Interesse der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel
+hierzu müßten, neben den Beiträgen der Versicherten, aus einer allgemein
+zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht die Unverheirateten
+und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen werden könnten. Das
+entbehrt nicht eines komischen Beigeschmacks, weil es an die
+Hagestolzensteuer erinnert, die vielfach gewissermaßen als Strafe für
+das Ledigbleiben vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten
+Hintergrund, da die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen
+Verhältnissen thatsächlich ein weit sorgenloseres Leben führen, als die
+Verheirateten und Kinderreichen.[951] Jedenfalls sollte die Frage der
+Aufbringung der Mittel bei einer Sache von so weittragender Bedeutung
+keine Rolle spielen. Ein Blick auf die Proletarierinnen und ihre Kinder
+müßte genügen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden Maßregel jedem
+vor Augen zu führen, daß sie noch nirgends in der hier befürworteten
+Ausdehnung zur Durchführung kam, beruht einmal auf der Neuheit des
+ganzen Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und
+Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre persönlichen
+Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.
+
+Auf die Krankenversicherung folgte die Einführung der
+_Unfallversicherung_, die in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz,
+Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von den
+Unternehmern aufgebracht, und hat daher den großen Vorteil gehabt, zur
+Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen und so die Unfälle
+möglichst zu verhüten. Da aber der Begriff der Betriebsunfälle durchaus
+kein feststehender ist und auch ihre "vorsätzliche" Herbeiführung, die
+die Entschädigung ausschließt, sich nicht immer mit unbedingter
+Sicherheit feststellen läßt, die Renten überdies ganz unzureichende
+sind, so werden ihre Vorteile dadurch erheblich eingeschränkt. Das gilt
+in noch höherem Maße für die _Invaliditäts- und Altersversicherung_.
+
+Deutschland gebührt der Ruhm den wahrhaft großen Gedanken, den Arbeiter,
+der im Dienst der Allgemeinheit seine Arbeitskraft verlor oder ein Alter
+erreichte, das ihm Ruhe gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu
+lassen, sondern ihm das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen.
+Nur traurig, daß die praktische Ausführung des Gedankens so weit hinter
+dem Ideal zurückblieb. Zunächst hat nur derjenige auf Invalidenrente
+Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner normalen Erwerbsfähigkeit
+besitzt. Eine Arbeiterin also, die in gesunden Zeiten etwa 700 Mk.
+jährlich zu verdienen vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk.
+verdienen kann,--denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch
+jahrelanges Maschinennähen ihre Arbeitskraft soweit einbüßen,--hat, auch
+wenn sie dem größten Elend gegenübersteht, keinerlei Anspruch auf eine
+Rente. Sie muß nach wie vor, sei es durch Betteln oder durch die Schande
+der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich zu verschaffen suchen, wenn
+sie nicht verhungern will. Ist aber ihre Erwerbsfähigkeit so weit
+vermindert, daß sie zum Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so
+ist sie dadurch weder von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um
+Armenunterstützung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten betragen
+nämlich:
+
+Nach | In Lohnklasse |
+Beitragswochen |---------------------------------|
+ | I | II | III | IV | V |
+----------------+------+------+------+------+-----|
+ | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. |
+200 | 116 | 132 | 146 | 160 | 174 |
+300 | 119 | 138 | 154 | 170 | 186 |
+500 | 125 | 150 | 170 | 190 | 210 |
+1000 | 140 | 180 | 210 | 240 | 270 |
+1500 | 155 | 210 | 250 | 290 | 330 |
+2000 | 170 | 240 | 290 | 340 | 390 |
+2500 | 185 | 270 | 330 | 390 | 450 |
+
+Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenlöhne wird die dritte Lohnklasse
+(550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im allgemeinen die
+höchste sein, für die Einzahlungen durch die Frauen geleistet werden
+können. Und nach fünfzig arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330
+Mk. erreicht! Wie aber, wenn die Invalidität früher und für Angehörige
+einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein armes, vom Kampf ums
+Dasein vorzeitig zerriebenes Geschöpf mit 116, 150, 220 Mk. leben
+können?! Man hat bei der Festsetzung der Invalidenrente vielfach
+gefürchtet, die Arbeiter würden den Empfang dieses Goldregens gar nicht
+abwarten wollen und sich auf alle Weise die erforderliche Invalidität
+künstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese Sätze wird das selbst der
+ärmsten Näherin nicht einfallen. Man glaubte ferner darauf Rücksicht
+nehmen zu müssen, daß durch die Gewährung der Renten nicht etwa die
+Verpflichtung der Familienangehörigen, sich gegenseitig zu unterstützen,
+aufgehoben würde, und hat nicht daran gedacht, daß die Möglichkeit dazu
+in der Arbeiterbevölkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es um
+die Altersrenten. Siebzig Jahre muß die Arbeiterin alt werden, ehe sie
+auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat sie das Glück, bei
+ihren Kindern wohnen zu können, so bedeutet die Summe immerhin eine
+erfreuliche Erleichterung für die meist trostlose Abhängigkeit der Alten
+von den Jungen, steht sie allein, so genügt sie auch nicht, um davon in
+irgend einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing
+ihr Leben an, mit Darben und Betteln hört es auf.
+
+Ein für die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig, dessen erste
+schüchterne Ansätze im deutschen Versicherungswesen zu finden sind, ist
+die _Witwen- und Waisenversorgung_. Während auf Grund der
+Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht und
+die Invalidenversicherung zur Rückerstattung der Hälfte der für den
+verstorbenen Versicherten gezahlten Markenbeiträge an die Witwe oder die
+Waisen verpflichtet ist,--eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk.
+beträgt,--gewährt die Unfallversicherung ihnen eine Rente bis zu 60% des
+Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz, der um so mehr als billig
+anerkannt werden muß, als er durch die etwaige Erwerbsfähigkeit der
+Witwe nicht geschmälert werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in
+den Genuß der Rente gelangen, ist ein äußerst geringer. Die große Masse
+der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und hat, nach dem Tode des
+Haupternährers, unter den schwierigsten Umständen für sich selbst zu
+sorgen. Zu dem notwendigsten Ausbau der Arbeiterversicherung würde daher
+eine allgemeine Witwen-und Waisenversicherung gehören, die durch
+allgemeine Steuern gedeckt werden müßte. Es scheint mir wenigstens eine
+selbstverständliche Forderung zu sein, daß die gesamte Gesellschaft
+überall dort einzutreten hat, wo die Interessen der Kinder, auf denen
+die Zukunft des Staates beruht, auf dem Spiele stehen.[952]
+
+Krankheit und Unfall, Erwerbsunfähigkeit und Alter sind aber nicht die
+einzigen finsteren Mächte, die das durch niedrige Löhne und schlechte
+Arbeitsbedingungen schon genug gefährdete Leben der Arbeiterin bedrohen.
+Denn selbst auf die Zeiten gewinnbringender Thätigkeit fällt verdüsternd
+der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder gerät,
+der _Arbeitslosigkeit_. Die Gewalt, die sie besitzt, der Schrecken, den
+sie verbreitet, ist zuerst von den Gewerkschaften anerkannt worden;
+durch Unterstützung der arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis
+für sie suchten sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der
+Verband der Gewerkschaften,--die Confédération générale du Travail,--und
+der Verband der Arbeitsbörsen,--die Föderation des Bourses du
+Travail,--die sich um die Organisation der Stellenvermittlung verdient
+gemacht haben. Der Gedanke aber, daß die Arbeitsvermittlung eine
+öffentliche Angelegenheit von höchster Wichtigkeit ist und daher vom
+Staat und von den Kommunen geregelt werden müsse, hat sich erst seit
+kurzem Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die
+durch Gründung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten Beispiel
+vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem süddeutsche Städte, die
+sich schließlich zu einem "Verband deutscher Arbeitsnachweise"
+untereinander verbunden haben, um eine noch regere Arbeitsvermittlung
+zu ermöglichen.[953] Mit Unterstützung der Arbeitsbörsen
+hat der französische Handelsminister die Einrichtung eines
+Zentralarbeitsnachweises unternommen, der die Bestimmung hat, alle
+Börsen miteinander in Verbindung zu bringen, also ungefähr dasselbe Ziel
+verfolgt, wie der deutsche Verband. Für die brennende Frage der
+Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von größter Bedeutung und
+diejenigen, die sie am nächsten angeht, müßten sie besonders lebhaft
+unterstützen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation des
+Arbeitsnachweises kann zu ersprießlichen Resultaten führen, kann zu
+einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen und Angebot und Nachfrage,
+soweit es möglich ist, miteinander in Einklang bringen. Die notwendige
+Voraussetzung dafür aber ist die völlige Unterdrückung der privaten
+Stellenvermittlung. Sie ist, besonders für die Arbeiterin, eine Quelle
+der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher Fäulnis. Von ihrer
+Vernichtung sollte man sich nicht durch sentimentale Rücksichten auf die
+Inhaber der privaten Bureaus abhalten lassen, die, soweit sie sich
+tüchtig genug erwiesen haben, im Bureaudienst der öffentlichen
+Vermittlung vielfache Verwendung finden können. Vor allem die
+arbeitsuchenden Frauen werden, bei der Beschränktheit ihres
+Gesichtskreises und ihrer Scheu vor jeder Berührung mit Organen der
+öffentlichen Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern
+aller Art in die Hände fallen, und niemals zum Genuß kommunaler oder
+staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine private Vermittlung
+daneben besteht. Daß diese Forderung keine utopische ist, beweist nicht
+nur die uns etwas weit abliegende und daher schwer kontrollierbare
+staatliche Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen
+Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der französischen
+Kammer angenommene Gesetz, das die allmähliche Beseitigung der privaten
+Stellenvermittlung zum Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von
+unentgeltlichen Arbeitsnachweisen über das ganze Land verbreiten will.
+Ob der Senat es bestätigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. Seine
+Durchführung würde jedenfalls für die ganze Frage des Arbeitsnachweises
+einen großen Fortschritt bedeuten.
+
+Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis könnte die Arbeitslosigkeit
+nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das Gleichgewicht zwischen
+Angebot und Nachfrage ganz ohne Einfluß bleiben wird. Je mehr der
+Saisoncharakter der Industrien sich entwickelt, desto häufiger werden
+die Arbeiter wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede
+wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der
+Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in
+erweitertem Maße durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei aber vor
+allem die Männer Berücksichtigung finden. Wo man den Frauen helfen
+wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch Einführung von
+Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie mit der Anfertigung von
+Kinderkleidern beschäftigt, die in kleineren Geschäften ihre Abnehmer
+fanden. Als ausreichend erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends.
+Die Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit muß daher die
+Ergänzung des geregelten Arbeitsnachweises sein.
+
+Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den ersten
+Anfängen stecken geblieben, wie die fakultativen Winterversicherungen
+der Städte Bern und Köln, oder völlig fehl geschlagen, wie die
+obligatorische allgemeine Versicherung von St. Gallen. Diese Mißerfolge
+auf einem so schwierigen Gebiet dürften Sozialpolitiker und Gesetzgeber
+aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, um
+die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der Armenpflege und
+der Privatwohlthätigkeit zu überlassen.
+
+Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum
+mindesten darauf, daß der Begriff des Almosens durch sie immer mehr
+eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an Boden gewinnt, daß
+jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner Existenz ein Anrecht hat. Um
+ihn zum herrschenden zu machen, bedarf es aber nicht nur der
+Versicherung gegen jede drohende Not und Gefahr, sondern vor allem der
+Ausdehnung der Zwangsversicherung auf das ganze Volk, zunächst
+wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie es durch die deutsche
+Invaliditätsversicherung bereits geschehen ist. Diese Ausdehnung würde
+neben den direkten Vorteilen, indirekte von großer Tragweite mit sich
+führen. So wäre sie eines der Mittel, die Heimarbeit einzuschränken, da
+der Unternehmer, der die Heimarbeiter versichern muß, weniger
+Ersparnisse als bisher durch ihre Beschäftigung machen und der Zwang zur
+Unfallversicherung ihn geneigter machen dürfte, eigene Werkstätten
+einzurichten. Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung
+haben ihre Wirkungslosigkeit überall erwiesen. Hat doch z.B. die
+Berliner Hausindustrie, deren traurige Zustände durch eine
+Reihe von Untersuchungen und nicht zuletzt durch den großen
+Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein Jahrzehnt
+warten müssen, ehe auch nur die Krankenversicherung auf sie ausgedehnt
+wurde. Und die Dienstboten, für die zwar die Herrschaften auf die Dauer
+von 6 Wochen zur Verpflegung und ärztlichen Behandlung,--sofern nicht
+"grobe Fahrlässigkeit" die Krankheitsursache ist,--verpflichtet sind,
+spüren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar nichts.
+
+
+Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung.
+
+
+Deutschland
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung: für Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und
+ Handel.
+
+ Statutarisch: für Landwirtschaft und Hausindustrie.
+
+ Freiwillig: für Dienstboten.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Freie ärztliche Behandlung und Arznei längstens für 13 Wochen oder
+ Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu legenden Lohns.
+ Wochenbettunterstützung: bis auf die Dauer von 6 Wochen. Sterbegeld:
+ das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns (letzteres beides nur
+ durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder Innungskassen).
+ Rekonvalescentenfürsorge bis auf die Dauer eines Jahrs.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für: Arbeiter und Betriebsbeamte in Gewerbe und
+ Landwirtschaft. Statutarisch: für Betriebsbeamte mit Jahresgehalt über
+ 2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe und Landwirtschaft.
+ Freiwillig für Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges
+ Personal.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder freie
+ Anstaltspflege nebst Angehörigenrente von der 13. Woche an bis 60% des
+ Jahreslohns. Sterbegeld in der Höhe des zwanzigfachen Tagelohns,
+ Hinterbliebenenrente bis 60% des Jahreslohns. Schadenersatz bei
+ Verletzungen.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für alle Lohnarbeiter und Angestellte. Durch
+ Beschluß des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer und
+ Hausindustrielle.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ Freie Kur nebst Angehörigenunterstützung zur Verhütung der
+ Invalidität. Beitragserstattung bei Tod oder Heirat. Nach vollendetem
+ 70. Lebensjahr eine Altersrente nach Lohnklassen abgestuft von 110 bis
+ 230 Mk. jährlich. Nach eingetretener Invalidität eine nach der Zahl
+ der Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren
+ unterste Grenze 116,40 Mk. beträgt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50
+ Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen kann.
+
+
+Oesterreich
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+
+ Freiwillig: für Landwirtschaft und Hausindustrie.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Wie in Deutschland aber: Unterstützungsdauer bis zu 20 Wochen.
+ Krankengeld 60% des ortsüblichen Lohns.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte in der Industrie,
+ im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der Landwirtschaft.
+ Freiwillig für Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges
+ Personal.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab.
+ Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld.
+ Schadenersatz wie in Deutschland.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung nur für Bergarbeiterinnen, Witwen- und
+ Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in Vorbereitung.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ --
+
+
+Frankreich
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis
+ 66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns für Hinterbliebene.
+ Begräbniskosten.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für alle Staatsbürger, Zwangsversicherung in Vorbereitung.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ Altersrente für mindeste Fünfzigjährige; Invalidenrente für
+ Erwerbsunfähige, Beitragserstattung im Todesfall.
+
+
+Großbritannien
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Freiwillig.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+ Haftpflichtgesetz.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder
+ Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen,
+ Jahreslohn an die Hinterbliebenen.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für alle Staatsbürger.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk.
+
+
+Die Grenzen der Gesetzgebung.
+
+Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung aller
+Länder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus denen sie
+hervorwächst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren ersten Anfängen fast
+unbewußt, gegenwärtig aber mit vollem Bewußtsein geführten
+Interessenkampfes zwischen der Arbeiterklasse und der Klasse der
+Unternehmer. Der Ursprung dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen
+Produktionsweise selbst, die jene beiden Klassen,--die Besitzer der
+Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf der
+anderen Seite,--zur Voraussetzung hat. Aus den verschiedenen Phasen des
+Kampfes, aus den Schwankungen der Machtverhältnisse der Kämpfenden,
+erklären sich die unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und
+seine tastenden Versuche nach allen Richtungen hin. Das Übergewicht
+aber, das die Unternehmer besitzen, kommt in der äußerst mangelhaften
+Durchführung der geltenden Gesetzgebung zu drastischem Ausdruck.
+
+Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die
+unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen
+Fortschrittes gelegen ist, wächst die Masse des Proletariats, d.h. der
+von den Unternehmern abhängigen Lohnarbeiter, bringt beide Geschlechter
+mehr und mehr in eine übereinstimmende Klassenlage und verstärkt
+infolgedessen ihre Macht und ihren Einfluß. Die Weiterentwicklung der
+sozialpolitischen Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in
+größerem Maß als bisher der rücksichtslosen Geltendmachung
+kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das Abhängigkeitsverhältnis
+der Arbeiter von den Unternehmern mildern, aber darüber hinaus wird ihre
+Wirksamkeit sich selbst dann nicht erstrecken können, wenn sie ihre
+Aufgaben in weitestem Maße zu erfüllen im stande wäre. Nehmen wir an,
+die Arbeitszeit wäre so niedrig als möglich festgesetzt, ein Minimallohn
+gesichert, die Koalitionsfreiheit gewährleistet, durch staatliche
+Versicherung die traurigen Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und
+Arbeitslosigkeit beseitigt, so bliebe als ungelöster Rest der
+Ausgangspunkt der Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine
+Folge, die Abhängigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische
+Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die wirtschaftlichen
+Krisen, auf denen die Unsicherheit der proletarischen Existenz beruht.
+
+Wenn somit auch die optimistische Anschauung des möglichen
+Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit
+anerkennen muß, und ich selbst außer stände war, in meinen Forderungen
+über bestimmte Grenzen hinauszugehen, weil sie an den gegebenen
+Machtverhältnissen eine Schranke fänden, so werden sie sich in
+Wirklichkeit noch viel enger gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert
+nicht zuletzt an dem Problem der Frauenarbeit.
+
+Wir wissen, daß die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu, allen Zeiten
+in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer gegenwärtigen Form ein
+Produkt der großindustriellen Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit
+unverrückbarer Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr
+dem Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in
+steigendem Maße auf alle Frauen, auch auf die verheirateten,
+auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir die
+Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer mütterlichen
+Kräfte, der Fähigkeit, gesunde Kinder zur Welt zu bringen und sie zu
+nähren, in dem frühen Altern ausdrückt, die Degeneration der Kinder, die
+in ihrer höheren und früheren Sterblichkeit, ihrer Schwäche und
+Kränklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als unausbleibliches
+Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die Prostitution
+entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue Erscheinung ist, in
+dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des Erwerbes eines supplementären
+Lohnes für ganze Schichten der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die
+moderne Frauenarbeit selbst, das Ergebnis der kapitalistischen
+Produktionsweise. Das beweist, mehr als irgend etwas anderes, die
+Thatsache, daß wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in
+innigem Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen
+Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches Moment
+genährt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte, wie die unsere: die
+Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit der Unternehmerklasse auf
+die in Armut und Abhängigkeit lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der
+Reichtum früherer Zeiten zog sich vornehm in Paläste und Patrizierhäuser
+zurück, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz der
+Kaufhäuser, der Pracht der Hotels, er wird in den Luxuszügen und
+Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt verbinden, in den Modebädern
+und durch die Presse mit allen Mitteln der Vervielfältigungskunst den
+Massen vor Augen geführt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur
+Prostitution zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser Verführungskünste
+den armen Mädchen Glück und Freiheit vor.
+
+Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen Problemen.
+Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und Kinder
+abzuschwächen, wie sie durch Herabsetzung der Arbeitszeit, Sicherung von
+Minimallöhnen, Auflösung der Heimarbeit, Versicherung gegen
+Arbeitslosigkeit den äußeren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer
+Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter nicht
+wiedergeben und kann nicht verhindern, daß die Frau, um die Not zu
+lindern, ihren Körper verkauft, wie ihre Arbeitskraft.
+
+Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit voller
+Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist. Je weiter die
+kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto schwieriger wird die
+Lösung ihres Sphinxrätsels. Desto entschiedener aber wird auch die
+Frauenarbeit nicht nur zu seiner Lösung hindrängen, sondern sie auch
+vorbereiten helfen. Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der
+Produktionsweise zu verdanken, sie trägt alle Elemente in sich, diese
+Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an einem
+ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann und Weib und
+Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei keinem der
+historischen Klassen- und Machtkämpfe geschehen ist. Das konservativste
+Element in der Menschheit, das weibliche, wird zur Triebkraft des
+radikalsten Fortschritts.
+
+Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht
+bestehen und wird immer weniger ohne sie bestehen können. Die
+Frauenarbeit aber untergräbt die alte Form der Familie, erschüttert die
+Begriffe der Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der
+bürgerlichen Gesellschaft aufbaut, und gefährdet die Existenz des
+Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mütter sind. Will die
+Menschheit schließlich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die
+kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben müssen.
+
+Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem Ziel. Und
+das ist ihre größte, wenn auch unbeabsichtigte Aufgabe. Sie macht die
+Männer und Frauen der Lohnarbeiterklasse fähig, sich ihres solidarischen
+Zusammenhanges bewußt zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle der Almosen
+und zerstört den unterwürfigen Sklavencharakter, der die Arbeiter der
+vorkapitalistischen Zeit noch kennzeichnete. Sie schweißt die Massen
+noch fester zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine
+Interessen gegen die ihren ausspielt.
+
+So wirkt, bewußt und unbewußt, alles zusammen, um an Stelle der alten
+Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager spaltete, eine neue
+aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der ökonomischen Unabhängigkeit
+Platz machen, in der die Arbeit der Frau sie nicht schädigen und
+schänden, sondern zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der
+sie ihre höchste Bestimmung erfüllen kann, wie nie zuvor, und ein
+starkes, frohes Geschlecht dafür zeugen wird, daß ihm die Mutter niemals
+fehlte.
+
+
+
+
+Anmerkungen:
+
+[1] Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10.
+
+[2] Vgl. K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tübingen 1898,
+S. 13.
+
+[3] Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart
+1887, II. Bd. S. 23 ff.
+
+[4] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff.
+
+[5] Vgl. Bücher, a.a.O., S., 14 u. 37.
+
+[6] Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S. 28.
+
+[7] Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage.
+Stuttgart 1896, S. 52 f.
+
+[8] Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition privée de la femme. Paris
+1885, S. 37.
+
+[9] Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide, a.a.O.
+
+[10] Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen Übersetzung des Sir W. Jone
+ins Deutsche übertragen von Th. Chr. Hüttner. Weimar 1797, S. 74 fg.
+
+[11] I. Buch Mose, 16. Kapitel.
+
+[12] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325.
+
+[13] 5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10.
+
+[14] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315.
+
+[15] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318.
+
+[16] Vgl. E. Legouvé, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13 f.
+
+[17] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355.
+
+[18] Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide.
+
+[19] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff.
+
+[20] Vgl. Platos Gastmahl in der Übersetzung von Schleiermacher. Berlin
+1824, S. 416.
+
+[21] Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II.
+
+[22] Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. Übersetzt von Kämpf. S.
+167.
+
+[23] Vgl. über die Stellung der griechischen Frauen den Artikel On femal
+society in Greece im 22. Band der Saturday Review und Rainneville, La
+femme dans l'antiquité. Paris 1865.
+
+[24] Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798.
+
+[25] Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. Übersetzt von Dr. H.
+Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg.
+
+[26] Platos Staat, übersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S. 274 u.
+281.
+
+[27] Plato, a.a.O., S. 281.
+
+[28] Plato, a.a.O., S. 283.
+
+[29] Plato, a.a.O., S. 282.
+
+[30] Vgl. Aristoteles' Politik, übersetzt von Garve. Breslau 1799, S.
+38.
+
+[31] Aristoteles, a.a.O., S. 4.
+
+[32] Aristoteles, a.a.O., S. 635.
+
+[33] Aristoteles, a.a.O., S. 200.
+
+[34] Vgl. Platos Timaeus, übersetzt von B.E.Chr. Schneider. Breslau
+1874, S. 105 fg.
+
+[35] Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg.
+
+[36] Vgl. Gajus, Institutionen, übersetzt von Backhaus. Bonn 1857, S. 12
+f. und 71 ff.
+
+[37] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten,
+übersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8, Kap. III, S. 494.
+
+[38] Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495.
+
+[39] Vgl. Th. Mommsen, Römische Geschichte. 8. Aufl. Berlin 1889, Bd.
+III S. 510 fg.
+
+[40] Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834.
+
+[41] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 68 ff.
+
+[42] Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, übersetzt von Friedr. Richter.
+Leipzig, I, 41.
+
+[43] Vgl. Sueton, Biographien, übersetzt von Sarrazin. Stuttgart 1883,
+und Tacitus, Annalen, übersetzt von Roth. Berlin 1888.
+
+[44] Vgl. Titus Livius, Römische Geschichte, übersetzt von Hausinger.
+Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215.
+
+[45] Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff.
+
+[46] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874.
+
+[47] Vgl. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. 7.
+Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen und Martials
+Epigramme.
+
+[48] Vgl. Horaz, Satiren, übersetzt von H. Düntzer.
+
+[49] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404.
+
+[50] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff.
+
+[51] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten, Buch
+VIII, Kap. 3, § 3, S. 495.
+
+[52] Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht, übersetzt von
+Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140.
+
+[53] Ostrogorski, a.a.O., S. 141
+
+[54] Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12.
+
+[55] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff.
+
+[56] Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs Bücher vom Staat, übersetzt von J.
+Christ. F. Bähr. Berlin, Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S.
+198 fg.
+
+[57] Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G. Roße.
+Aschersleben 1880. Vorrede.
+
+[58] Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften, übersetzt von
+J. Christ. F. Bähr. Stuttgart 1830, S. 744-802.
+
+[59] Vgl. Tacitus, Germania, übersetzt von M. Oberbreyer. Leipzig, S.
+28.
+
+[60] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen 1862, Bd. I
+S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S. 325.
+
+[61] Galater 3, V. 28.
+
+[62] I. Korinther 14, V. 34.
+
+[63] Galater 3, V. 26-28.--Vgl. auch Römer 10, V. 12.--I. Korinther 12,
+V. 13.
+
+[64] I. Korinther 7, V. 1-8.
+
+[65] I. Korinther 7, V. 28.
+
+[66] I. Johannis 8, V. 6-11.
+
+[67] Matthäi 19, V. 6.
+
+[68] Kolosser 3, V. 19.--Epheser 5, V. 25-31.
+
+[69] Apostelgeschichte 2, V. 17, 18.
+
+[70] Epheser 5, V. 22.--Kolosser 3, V. 18.--I. Korinther 11, V. 3.--I.
+Petri 3, V. 1 ff.
+
+[71] I. Timotheus 2, V. 12.--Titus 2, V. 4-5.
+
+[72] I. Timotheus 2, V. 12.--I. Korinther 14, V. 34-35.
+
+[73] I. Timotheus 2, V. 15.
+
+[74] I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25.
+
+[75] I. Korinther 7, V. 1.
+
+[76] I. Timotheus 2, V. 14.
+
+[77] Tertullians sämtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner. Köln 1882,
+I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185.
+
+[78] Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai sur
+la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43.
+
+[79] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen
+Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183.
+
+[80] Vgl. hierfür das für die Auffassung der Frauenfrage durch die
+katholische Kirche höchst interessante Buch des Redemptoristenpaters A.
+Rößler: Die Frauenfrage. Wien 1893.
+
+[81] Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard. Freiburg
+1879.
+
+[82] Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. München 1891.
+
+[83] Vgl. Martin Luther, Gründliche und erbauliche Auslegung des ersten
+Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther über die Ehe. S. 176.
+
+[84] Vgl. Martin Luther, Sämtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom ehelichen
+Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl.
+
+[85] Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von Förstemann u.
+Bindseil. IV. Abt. S. 121 f.
+
+[86] Vgl. hierfür die charakteristische Schrift des Stuttgarter
+Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892.
+
+[87] Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer. 3. Aufl. Göttingen
+1881. S. 461.
+
+[88] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23.
+
+[89] Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff.
+
+[90] Vgl. Rößlin, Abhandlung von besonderen weiblichen Rechten. Mannheim
+1775. S. 16
+
+[91] A.a.O. S. 21.
+
+[92] Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition civile
+et politique des femmes. Paris 1842. S. 320.
+
+[93] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen 1862. Bd.
+III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498.
+
+[94] Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327.
+
+[95] Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206.
+
+[96] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S.
+387 f., Bd. III S. 325.
+
+[97] Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung in
+deutscher Vorzeit. Schriften der Görres-Gesellschaft. Köln 1880. S. 40.
+
+[98] In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die
+hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender
+Beredsamkeit.
+
+[99] Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltertümer. S. 350 f.
+
+[100] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f.
+
+[101] Vgl. De la Curne de St. Palaye, Mémoires sur l'ancienne
+Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff.
+
+[102] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205.
+
+[103] Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle Édition. Paris
+1787. T. IV, p. 93 ff.
+
+[104] Vgl. Maurer, Geschichte der Städteverfassung. Erlangen 1870. Bd.
+III S. 103 ff.
+
+[105] Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und Sünden der Sittenpolizei.
+Leipzig 1897. S. 56.
+
+[106] Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in Straßburg.
+Straßburg 1879. S. 521.
+
+[107] Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gießen 1874. S. 58.
+
+[108] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52.
+
+[109] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81.
+
+[110] Vgl. Schoenlank, Soziale Kämpfe vor dreihundert Jahren. Leipzig
+1894. S. 50.
+
+[111] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44.
+
+[112] Vgl. Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter. Tübingen 1882, S. 12
+ff.
+
+[113] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 14-15.
+
+[114] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67.
+
+[115] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274.
+
+[116] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277.
+
+[117] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50.
+
+[118] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58.
+
+[119] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 4 ff.
+
+[120] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40.
+
+[121] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78.
+
+[122] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff.
+
+[123] Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Brüssel. Paris 1897 S. 61 ff.
+
+[124] Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt Köln. Bd. II, S. 623.
+
+[125] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff.
+
+[126] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff.
+
+[127] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144.
+
+[128] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91.
+
+[129] Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins
+für Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff.
+
+[130] Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns
+Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S. 113.
+
+[131] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX. siècle.
+Paris 1873. p. 21 ff.
+
+[132] Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. Aufl.
+Stuttgart 1892, S. 6 f.
+
+[133] Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des
+Handwörterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S. 643.
+
+[134] Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvrières en France depuis
+1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7.
+
+[135] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93.
+
+[136] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115.
+
+[137] Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6.
+Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff.
+
+[138] Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff.
+
+[139] Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O. II.
+Bd. S. 111 ff.
+
+[140] Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das
+interessante Einzelheiten über die Bildung der Frauen enthält.
+
+[141] Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg.
+
+[142] Vgl. M. Thomas, Essay sur le caractère, les moeurs et l'esprit des
+femmes. Paris 1772. S. 82.
+
+[143] Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg.
+
+[144] Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881.
+
+[145] Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen Mönch, der in zwei
+Quartbänden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16.
+Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch seine
+Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen lächerlich erschien.
+
+[146] Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595)
+über die Vorzüge des weiblichen vor dem männlichen Geschlecht, und von
+Lucretia Marinelli, hundert Jahre später, über die Vortrefflichkeit der
+Frauen und die Fehler der Männer.
+
+[147] Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83.
+
+[148] Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer
+1882.
+
+[149] Vgl. Miß Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra. London 1855
+und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page 451.
+
+[150] Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887 und
+Brantome, a.a.O., p. 376.
+
+[151] Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem
+Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre 1721
+in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges und
+curieuses Tractätgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem männlichen
+Geschlecht.
+
+[152] Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und
+Süd", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff.
+
+[153] Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten
+Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66.
+
+[154] Zu erwähnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren astronomische
+Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs erfreuten, und die
+Philosophin Katharina Erxleben in Halle.
+
+[155] Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens
+Curieuse Schaubühne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs Lobwürdige
+Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und Wohlgelehrtes
+teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des gelehrten
+Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das gelehrte
+Frauenzimmer".
+
+[156] Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697.
+
+[157] Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. 78.
+
+[158] Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124 ff.
+
+[159] Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious
+proposal to the Ladies for the advancement of their true and greatest
+interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre 1700 folgte die
+bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage.
+
+[160] Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv für
+soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417 ff.
+
+[161] Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff.
+
+[162] Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London 1875.
+
+[163] Vgl. E. et J. de Goncourt, Les maîtresses de Louis XV. Paris 1860.
+Bd. I, S. 52.
+
+[164] Vgl. Mémoires du maréchal duc de Richelieu. Paris 1793.
+
+[165] Vgl, Mémoires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und Théâtre à
+l'usage des jeunes personnes par madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La
+Colombe.
+
+[166] Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huitième siècle. Paris
+1862. p. 322.
+
+[167] Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83 ff.
+
+[168] Vgl. Barthélemy, Mémoires secrets de madame de Tencin. Grenoble
+1790.
+
+[169] Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2.
+
+[170] Vgl. J.J. Rousseau, Émile. Francfort s.M. 1855. Livre V, P. 28.
+
+[171] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29.
+
+[172] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff.
+
+[173] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240.
+
+[174] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff.
+
+[175] Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit
+politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9.
+
+[176] Vgl. Tocqueville, L'ancien régime et la révolution. Paris 1856. S.
+9 ff.
+
+[177] Vgl. Mémoires de Madame Roland, publiés par C.A. Dauban. Paris
+1864. S. 16 und 66.
+
+[178] Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897.
+
+[179] Vgl. Michelet, Les femmes de la révolution. Paris 1898. S. 5 ff.
+
+[180] Vgl. Staël, Considérations sur la révolution française. Paris
+1818. Bd. I, S. 380 ff.
+
+[181] Vgl. J.A. de Ségur, Les femmes, leurs conditions et leurs
+influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff.
+
+[182] Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman
+suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff.
+
+[183] Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff.
+
+[184] Vgl, Ch.L. Chassin, Le génie de la révolution. Paris 1863. Bd. I,
+S. 298 ff.
+
+[185] Vgl. M. de Talleyrand-Périgord, Rapport sur l'instruction
+publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff.
+
+[186] Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire générale. T. VIII. La révolution
+française. Paris 1896. S. 532 ff.
+
+[187] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.
+
+[188] Vgl. Louis Blanc, Histoire de la révolution française. Paris 1847.
+Bd. I, S. 498.
+
+[189] Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegensätze von 1789. Stuttgart 1889.
+S. 60.
+
+[190] Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489.
+
+[191] Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la société française
+pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff.
+
+[192] A.a.O., S. 227.
+
+[193] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.
+
+[194] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff.
+
+[195] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476.
+
+[196] Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la révolution. S. 122.
+Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht. Uebersetzt von
+Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31.
+
+[197] Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255.
+
+[198] Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56.
+
+[199] Vgl. Ségur, a.a.O., S. 19 f.
+
+[200] Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27.
+
+[201] Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la révolution. Paris 1900. p.
+11 ff.
+
+[202] Ihren größten Triumph nach dieser Richtung feierte sie durch die
+im Théâtre Italien veranstaltete Gedächtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo
+l'Ombre de Mirabeau aux Champs-Elysées von ihr zur Aufführung kam.
+
+[203] Vgl. E. Lairtullier, Les femmes célèbres de la révolution. Paris
+1840. Bd. II, S. 137 ff.
+
+[204] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff.
+
+[205] Vgl. für ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 49
+ff.--Michelet, a.a.O., S. 111 ff.--Blanc, a.a.O., Bd. VII, S. 450 f.--L.
+Lacour, a.a.O., p. 3 ff.
+
+[206] Vgl. Léopold Lacour, a.a.O., p. 337 ff.
+
+[207] Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff.
+
+[208] Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L. Frank,
+Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 317 ff.
+
+[209] Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff.
+
+[210] Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff.
+
+[211] Vgl. Oeuvres de Condorcet, publiées par A. Condorcet-O'Connor et
+M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff.
+
+[212] Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130.
+
+[213] Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover
+1788. Bd. I, S. 1.
+
+[214] Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S. 35.
+
+[215] Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann
+ins Deutsche übersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry Fawcett
+eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche Uebersetzung von P.
+Berthold folgte.
+
+[216] Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to
+Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien 1897.
+
+[217] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die bürgerliche Verbesserung der
+Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen.
+
+[218] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym
+erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben.
+
+[219] Vgl. Fénelon, Éducation des filles. Nouvelle édition, Paris 1884.
+
+[220] Vgl. E. von Sallwürck, Fénelon und die Litteratur der weiblichen
+Bildung in Frankreich. Langensalza 1886.
+
+[221] Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des
+deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f.
+
+[222] Einen Beweis dafür, wenn auch einen unbeabsichtigten, liefert
+Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Fleiß, mit dem er alle die
+Damen der verdienten Vergessenheit entrissen hat.
+
+[223] Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch für Väter und Mütter, Familien und
+Völker. Altona 1770. S. 324 ff.
+
+[224] Vgl. Karoline Rudolphi, Gemälde weiblicher Erziehung. Heidelberg
+1815. Vorrede, S. XLVI.
+
+[225] Vgl. Madame de Genlis, Adèle et Théodore, ou lettre sur
+l'éducation. Paris 1782. I. p. 30 ff.
+
+[226] Vgl. E. von Sallwürck, a.a.O., S. 307.
+
+[227] Vgl. Stephan Waetzholdt, Das höhere Mädchenschulwesen des
+Auslandes. Im Handbuch des höheren Mädchenschulwesens. Herausg. von Dr.
+Wychgram. Leipzig 1897. S. 66 ff.
+
+[228] Vgl. Abbé de St. Pierre, Projet pour multiplier les collèges de
+filles. Paris 1730.
+
+[229] Vgl. Comtesse de Rémusat, Essai sur l'éducation des femmes. Paris
+1825. p. 23 ff.
+
+[230] Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement féministe aux
+États-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5. Jahrg. Nr. 50.
+Paris 1898. p. 160.
+
+[231] Vgl. Natorp, Grundriß zur Organisation allgemeiner Stadtschulen.
+Duisburg-Essen 1804.
+
+[232] Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300 ff.
+
+[233] Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff. u.
+S. 180 ff.
+
+[234] Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des höheren
+Mädchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff.
+
+[235] Vgl. R. Gneist, Ueber die Universitätsbildung der Frauen nach den
+neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten. Berlin 1873.
+
+[236] Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891.
+p. 147 f.
+
+[237] Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March
+1888.
+
+[238] Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York
+1900. p. 38.
+
+[239] Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286.
+
+[240] Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and Wages.
+Boston 1869-70.
+
+[241] Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II.
+p. 139
+
+[242] Vgl. K.H. Schaible, Die höhere Frauenbildung in Großbritannien,
+Karlsruhe 1894. S. 97 f.
+
+[243] Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London 1884,
+p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859.
+
+[244] Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144.
+
+[245] Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium
+uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel tüchtiger Aerzte litten.
+
+[246] Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus, daß
+nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende nehmen werde!
+Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin 1867, S. 441 f.,
+veröffentlichte Rede.
+
+[247] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167.
+
+[248] Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women of
+1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff.
+
+[249] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f.
+
+[250] Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr später unter dem Titel:
+Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten Dokumente
+der Frauenfrage.
+
+[251] Vgl. Jeanne Chauvin, Étude historique sur les professions
+accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f.
+
+[252] Vgl. J.V. Daubié, La femme pauvre au XIX. siècle. Paris 1866. S.
+135 ff.
+
+[253] A.a.O.
+
+[254] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX. siècle.
+Paris 1874. p. 327.
+
+[255] Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes médecins. Bordeaux 1889. p. 11.
+
+[256] Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14.
+
+[257] Vgl. L. von Marenholtz-Bülow, Erinnerungen an Friedrich Fröbel.
+Berlin 1876. S. 132.
+
+[258] Vgl. V. Heft der vom königl. statistischen Bureau herausgegebenen
+preußischen Statistik. Berlin 1864.
+
+[259] Vgl. Adolph Lette, Denkschrift über die Erwerbsquellen für das
+weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg. 1865, S. 354 f.
+
+[260] Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff.
+
+[261] Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff.
+
+[262] Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. S.
+80.
+
+[263] A.a.O., Vorwort, S.V.
+
+[264] Fanny Lewald-Stahr, Für und wider die deutschen Frauen. Berlin
+1896. S. 10 ff.
+
+[265] Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York 1900.
+p. 43 u. 50.
+
+[266] Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to
+1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57.
+
+[267] Vgl. Hugo Münsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in Kirchhoff,
+Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343.
+
+[268] Vgl. Hugo Münsterberg, a.a.O., S. 345.
+
+[269] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p. 20.
+
+[270] Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress, a.a.O.,
+p. 154 ff.
+
+[271] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff.
+
+[272] Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866, und
+Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff.
+
+[273] Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p. 1
+ff. u. 105 ff.
+
+[274] Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement féministe en Australie. Revue
+politique et parlamentaire. 5. année. Nr. 45. p. 520 ff.
+
+[275] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142 ff.
+
+[276] Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post
+Office, p. 2, 42 f.
+
+[277] Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f.
+
+[278] Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles
+1893. p. 49 ff.
+
+[279] Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en Médecine. Paris
+1901.
+
+[280] Vgl. Dr. Otto Neustätter, Das Frauenstudium im Ausland. München
+1899. Seite 9 f.
+
+[281] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p.
+58.
+
+[282] Vgl. J. Ingelbrecht, Le Féminisme et la Femme Témoin. Revue
+politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68 u. Nr. 69. p. 367 ff. u.
+601 ff.
+
+[283] Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff.
+
+[284] Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement féministe en Italie. Revue
+politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481 ff.
+
+[285] Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff.
+
+[286] Vgl. Der Internationale Kongreß für Frauenwerke und
+Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59.
+
+[287] Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 26 f.
+
+[288] Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 6 f.
+
+[289] Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund, 5.
+Jahrg. 1867. S. 337 ff.
+
+[290] Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21.
+
+[291] Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25jährigen Wirksamkeit des
+Lettevereins. Berlin 1891. S. 59.
+
+[292] Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn
+1870.
+
+[293] Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage.
+Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr).
+
+[294] Vgl. Luise Büchner, Die Frauen und ihr Beruf. Fünfte Auflage.
+Berlin 1884.
+
+[295] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session 1890/91.
+
+[296] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50. Sitzung
+und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86. Sitzung.
+
+[297] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665.
+
+[298] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760.
+
+[299] Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen
+deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45.
+
+[300] Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des höheren Mädchenschulwesens
+in Deutschland. Im Handbuch des höheren Mädchenschulwesens.
+Herausgegeben von Dr. J. Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff.
+
+[301] Vgl. z.B. die Broschüre von Professor Albert, Die Frauen und das
+Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem sagt, daß von
+1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen wurden, während
+thatsächlich 260 Studentinnen bis 1895 das medizinische Staatsexamen
+bestanden.
+
+[302] Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4.
+Auflage. Herborn 1897.
+
+[303] Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der
+Krankenpflegerinnen. Dresden 1901.
+
+[304] Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur
+Lösung der Frauenfrage. Berlin 1894.
+
+[305] Vgl. Eliza Ichenhäuser, Erwerbsmöglichkeiten für Frauen. 2. Aufl.
+Berlin 1898.
+
+[306] Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der Nationalökonomie. Berlin
+1899. Sonderabdruck aus dem Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik.
+
+[307] Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd.
+Freiburg i.B. 1897. S. 70 f.
+
+[308] Vgl. Karl Bücher, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf
+der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem statistischen Archiv, 2. Jahrg.
+Tübingen 1892. S. 369 ff.
+
+[309] Vgl. J. Bertillon, De la dépopulation de la France et des remèdes
+à y apporter. Im Journal de la Société de Statistique. 1895. p. 416 ff.
+
+[310] Vgl. J. Goldstein, Bevölkerungsprobleme und Berufsgliederung in
+Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff.
+
+[311] Vgl. Arthur Geißler, Beiträge zur Frage des
+Geschlechtsverhältnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des Königl.
+sächsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg. Dresden 1889.
+
+[312] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71.
+
+[313] Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und
+Auswanderungspolitik, in G.v. Schönbergs Handbuch der politischen
+Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband. Tübingen 1898. S. 498.
+
+[314] Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle
+angeführten Tabelle berechnet.
+
+[315] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f.
+
+[316] Diese, wie alle anderen Berechnungen, für die keine Quellen
+angegeben werden, sind aus den offiziellen Volkszählungen der
+betreffenden Länder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir benutzt:
+Für die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880, Washington 1883-1889,
+Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington 1890 bis 1895, Vol. I-III und
+Compendium Vol. I; XI'th Annual Report of the Commissioner of Labor
+1895-96, Washington 1897.--Für England: Census of England and Wales
+1881, London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London
+1893, Vol. III und IV und General Report.--Für Frankreich: Résultats
+statistiques du Dénombrement de 1881, Paris 1883; Résultats statistiques
+du Dénombrement de 1891, Paris 1894.--Für Oesterreich: Oesterreichische
+Statistik nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 31. Dezember 1880,
+Wien 1882-1884, Bd. I bis V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31.
+Dezember 1890, Wien 1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.--Für Deutschland:
+Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik nach
+der Berufszählung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs- und
+Gewerbezählung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102, 103 und 111.
+
+[317] Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsthätigkeit der
+eheschließenden Personen. Zeitschrift des kgl. preußischen statistischen
+Bureaus. Berlin 1889.
+
+[318] Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen
+1874. S. 40 ff.
+
+[319] Vgl. hierfür unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68 ff.--K.
+Bücher, Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt. Basel 1890. S.
+19.--Derselbe, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf der
+Erde, a.a.O., S. 388 f.
+
+[320] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230.
+
+[321] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384.
+
+[322] Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche
+Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut.
+
+[323] Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erwähnte preußische
+Statistik der Eheschließungen nach dem Beruf hätte darüber Aufschluß
+geben können, wenn man die berufslosen Haustöchter, die fast die Hälfte
+der heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern
+klassifiziert hätte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und überdies
+mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G. von Mayr, a.a.O., S.
+411 f.
+
+[324] Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890.
+Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle
+dadurch gewonnen worden, daß ich Gruppe I--Männer in liberalen Berufen,
+größere Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers--mit Gruppe III--Lehrer,
+Musiker, Kontoristen, Handelskommis, Angestellte in öffentlichen
+Kontoren--zusammenberechnete und den Gruppen II, IV, V--Kleinhändler,
+Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister; Ausläufer, Kellner,
+Dienstboten; Arbeiter, Taglöhner, Matrosen--gegenüberstellte.
+
+[325] Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin 1895.
+
+[326] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386.
+
+[327] Vgl. Fircks Taschenkalender für das Heer. Berlin 1900. S. 379.
+
+[328] A.a.O, S. 96 und 128.
+
+[329] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
+Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Neue Folge.
+Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401.
+
+[330] Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung "Direktions-und
+ärztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den Hebammen zusammen,
+während sie als "Wartepersonal" alle Arten Pflegerinnen und Wärterinnen
+bezeichnet. Die anderen Länder dagegen rechnen die Aerzte besonders,
+zählen dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher
+gezwungen, um einen Vergleich zu ermöglichen, alle drei Berufe für alle
+Länder unter die bürgerliche Frauenarbeit mitzuzählen.
+
+[331] Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet.
+
+[332] Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen sind,
+muß diese Zahl auf einem Irrtum bei der Zählung beruhen.
+
+[333] Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen dürften
+sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden.
+
+[334] Die französische Statistik von 1891 zählt nur Handelsangestellte
+im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die große Zahl erklärt sich
+daher daraus, daß die Verkäuferinnen mit einbegriffen sind.
+
+[335] Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser,
+Missionare und Prediger.
+
+[336] Diese Rubrik kann für Amerika nicht ausgefüllt werden, weil die
+Statistik die selbständigen Landwirte mit Aufsehern und Verwaltern
+zusammenwirft.
+
+[337] Auch für diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller
+Feststellung.
+
+[338] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor.
+Washington 1897. p. 22 f.
+
+[339] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères des Femmes. Paris
+1900. p. 132 ff.
+
+[340] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr. 9,
+S. 292 f.
+
+[341] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p. 15.
+
+[342] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221 ff.
+
+[343] Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work.
+London 1894. p. 10 ff.
+
+[344] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry. Lond.
+1898. p. 65.
+
+[345] Vgl a.a.O., p. 42 ff.
+
+[346] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20.
+
+[347] Vgl. Auguste Sprengel, Die äußere Lage der Lehrerinnen in
+Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423 ff.
+
+[348] Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten Konversationslexikon
+der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55.
+
+[349] Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und
+Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f.
+
+[350] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408.
+
+[351] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
+Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18.
+
+[352] Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien. II.
+Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff.
+
+[353] A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff.
+
+[354] A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff.
+
+[355] A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff.
+
+[356] A.a.O., Bd. I. Nr. 1. März 1899. S. 10 ff.
+
+[357] A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff.
+
+[358] Vgl. Dr. Käthe Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau. In
+Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101 ff.
+
+[359] Vgl. hierfür: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7. Juli
+1900. S. 236 ff.--Konversationslexikon der Frau, a.a.O., Artikel:
+Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.--Women in Professions. London Congress,
+a.a.O., Vol. III. p. 188 ff.
+
+[360] Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff.
+
+[361] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche Ausgabe
+von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff.
+
+[362] Vgl. H. Ploß, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 5. Aufl.
+Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff.
+
+[363] Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O., S.
+112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der
+"allmonatlich eintretenden Beschränkung der körperlichen und geistigen
+Leistungsfähigkeit" als von etwas Selbstverständlichem sprechen.
+
+[364] A.a.O., S. 4, 33 u. 91.
+
+[365] Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff.
+
+[366] Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance
+maternelle, Bruxelles-Paris 1897.
+
+[367] Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f.
+
+[368] A.a.O., S. 186.
+
+[369] A.a.O., S. 187 ff.
+
+[370] Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of
+Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff.
+
+[371] Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124.
+
+[372] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage. Hamburg
+1890. S. 346 ff.
+
+[373] Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London
+1894. p. 319.
+
+[374] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London
+1898. p. 97 ff.
+
+[375] Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69 ff.
+
+[376] Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX. Siècle. Paris
+1874. p. 29.
+
+[377] Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und ihre
+Arbeiter. Straßburg 1887. S. 116 f.
+
+[378] Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wäsche-Industrie im
+19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und
+Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft 2. 1896. S. 250.
+
+[379] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296.
+
+[380] Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in
+England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237
+
+[381] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292.
+
+[382] A.a.O., p. 291.
+
+[383] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f.
+
+[384] Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105
+ff.
+
+[385] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff.
+
+[386] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f.
+
+[387] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff.
+
+[388] Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425.
+
+[389] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33.
+
+[390] A.a.O., p. 41.
+
+[391] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224.
+
+[392] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62.
+
+[393] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f.
+
+[394] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. Erster Teil. Jena
+1882. S. 15.
+
+[395] A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53.
+
+[396] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
+Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S. 373.
+
+[397] A.a.O., I. Bd., S. 354 ff.
+
+[398] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff.
+
+[399] Vgl. J.V. Daubié, La Femme pauvre du XIX. Siècle. Paris 1866. p.
+51.
+
+[400] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXV. Untersuchungen
+über die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil. 1895. S. 120.
+
+[401] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126.
+
+[402] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139.
+
+[403] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff.
+
+[404] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437.
+
+[405] Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen
+Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig 1900, S. 93,
+und die ähnliche Ansicht Stiedas in Litteratur, heutige Zustände und
+Entstehung der deutschen Hausindustrie, Leipzig 1889, S. 22.
+
+[406] Vgl. Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., S. 16.
+
+[407] Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handwörterbuch der
+Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141.
+
+[408] Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff.
+
+[409] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff.
+
+[410] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f.
+
+[411] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon,
+L'Ouvrière, 2ième édition. Paris 1861. p. 248 f.
+
+[412] Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff.
+
+[413] Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46.
+
+[414] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff.
+
+[415] A.a.O., p. 42 ff.
+
+[416] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff.
+
+[417] Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvrières en France pendant l'Année
+1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f.
+
+[418] Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women
+and Girls. London 1898. p. 7 ff.
+
+[419] Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvrières en France. Paris
+1867. Vol. II. p. 150.
+
+[420] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubié, a.a.O., p.
+54.
+
+[421] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O., S.
+129 f.
+
+[422] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31.
+
+[423] A.a.O., S. 126.
+
+[424] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff.
+
+[425] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f.
+
+[426] Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff.
+
+[427] Vgl. Villermé, Tableau de l'Etat physique et moral des Ouvriers
+dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris 1840. Vol. I.
+p. 86 ff.
+
+[428] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f.
+
+[429] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff.
+
+[430] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff.
+
+[431] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff.
+
+[432] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
+Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff.
+
+[433] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.--A. Thun, a.a.O., S. 176
+ff.--H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff.
+
+[434] Vgl. Villermé, a.a.O., p. 164 f.--Daubié, a.a.O., p. 56 f.
+
+[435] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f.
+
+[436] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120.
+
+[437] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff.
+
+[438] Vgl. von Schultze-Gävernitz, Der Großbetrieb. Leipzig 1892. S. 40.
+
+[439] Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff.
+
+[440] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff.
+
+[441] Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f.
+
+[442] Vgl. Die Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den
+Fabriken auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen.
+Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S. 24 f.
+
+[443] A.a.O., S. 24.
+
+[444] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff.
+
+[445] Vgl. Daubié, a.a.O., p. 63.
+
+[446] Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children, young
+Persons and Women in Agriculture. London 1868.
+
+[447] A.a.O., XIII.
+
+[448] A.a.O., XI.
+
+[449] Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit. Deutsch
+von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f.
+
+[450] Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p. 291.
+
+[451] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216.
+
+[452] Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff.
+
+[453] Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8 ff.
+
+[454] Vgl. Dr. Martin Luthers sämtliche Werke. Erlanger Ausgabe. Bd. 20,
+S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389; Bd. 36, S. 298
+ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen Dienstboten in
+Berlin. 1901.
+
+[455] Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und
+dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich, a.a.O.
+
+[456] Vgl. Kränitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O.
+
+[457] Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des Gesindewesens.
+Danzig 1873. S. 22.
+
+[458] Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu höherer
+Geistesbildung. 1802.
+
+[459] Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S.
+22.
+
+[460] Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f.
+
+[461]Vgl. J.V. Daubié, a.a.O., p. 89 ff.
+
+[462] Vgl. W. Kähler, a.a.O., S. 34 ff.
+
+[463] Die männliche Bevölkerung hat um 9703 Personen abgenommen, die
+weibliche um 135 626 zugenommen.
+
+[464] Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of Women
+and Girls. London 1894. p. 71 f.
+
+[465] Für die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die Arbeiter
+gerechnet worden, für die beiden letzten Arbeiter und Angestellte.
+
+[466] Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen
+Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und Derselbe, Die Bevölkerung
+Oesterreichs. Wien 1895. S. 15.
+
+[467] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
+Gewerbeaufsichtsbeamten für 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin 1896, 1897,
+1898, 1899, und Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr
+1899. 4. Bd. Berlin 1900.
+
+[468] Vgl. Rapports sur L'Application des Lois réglementant le Travail.
+1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900.
+
+[469] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
+Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die
+Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. Neue
+Folge. Bd. 112. Berlin 1898.
+
+[470] Vgl. für meine Zusammenstellung: Für Deutschland: Berufsstatistik
+für das Reich im ganzen. Erster Teil. Statistik des Deutschen Reiches.
+Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897. S. 13 ff.--Für Oesterreich:
+Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895.
+XXXIII. Bd. S. 38 ff.--Für England und Wales: Census of England and
+Wales 1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.--Für de Vereinigten Staaten:
+XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S. 304, ff.--Für
+Frankreich: Die vorläufige Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie
+nach der Berufszählung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail, Juin
+1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte Darstellung der
+Berufsarten, wie sie eigentlich für die vorliegende Tabelle notwendig
+gewesen wäre, liegt bis jetzt nur für Paris und das Seine-Departement
+vor.--Für Belgien: Recensement général des Industries et des Metiers (31
+Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles 1900. S. 30 ff. Die
+Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt auch hier.
+
+[471] Vgl. hierfür wie für das Folgende die Ausführungen Werner Sombarts
+über Hausindustrie im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV,
+2. Aufl. S. 1138 ff.
+
+[472] Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs
+nach der Berufs- und Gewerbezählung. Schriften des Vereins für
+Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108.
+
+[473] Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung.
+Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 25.
+
+[474] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion über die Heimarbeit in
+Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900.
+
+[475] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148.
+
+[476] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157.
+
+[477] Vgl. Recensement général des Industries et des Métiers. 31 Octobre
+1896. Analyse des Vols. I et II. Bruxelles 1900. p. 11 ff.
+
+[478] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895 to
+1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington 1897.
+
+[479] Vgl. Miß Collet, Report on the Statistics of Employment of Women
+and Girls. London 1894.
+
+[480] Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns
+Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S. 682 ff.
+
+[481] Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik. Tübingen 1897. S. 41. Der Verfasser stützt sich unter anderem
+auf Miß Collets Untersuchungen, nach denen, wie schon erwähnt wurde, die
+Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben wurde.
+
+[482] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken. Nach den
+Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899 bearbeitet
+vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256 ff.
+
+[483] Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken
+auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen. Berlin 1877. S. 76
+ff.
+
+[484] A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218.
+
+[485] Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart 1900.
+
+[486] Elis. Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner
+Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32.
+
+[487] Vgl. Die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Wiener
+Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquête
+über Frauenarbeit. Wien 1897.
+
+[488] Vgl. J. Singer, Untersuchungen über die sozialen Zustände in den
+Fabrikbezirken des nordöstlichen Böhmens. Leipzig 1885. S. 117.
+
+[489] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans
+L'Industrie française, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff.
+
+[490] Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p. 12
+ff.
+
+[491] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1893.
+p. 35 ff., 68 ff.
+
+[492] Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women
+in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff.
+
+[493] Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und ihre
+Arbeiter. Straßburg i.E. 1887. S. 308.
+
+[494] Vgl. F. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in
+Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff.
+
+[495] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London
+1898. p. 48.
+
+[496] Vgl. Elis. Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 54.
+
+[497] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899,
+Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff.
+
+[498] Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306.
+
+[499] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans
+L'Industrie française. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292 ff.
+
+[500] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work and
+Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514 ff.
+
+[501] Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52.
+
+[502] Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics of
+the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff.
+
+[503] Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298.
+
+[504] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und
+Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 26.
+
+[505] Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear, Die
+Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins für
+Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251.
+
+[506] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1894.
+p. 290 f.
+
+[507] A.a.O., p. 281.
+
+[508] A.a.O., p. 285.
+
+[509] A.a.O., p. 135.
+
+[510] A.a.O., p. 100.
+
+[511] Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28.
+
+[512] Vgl. Elisabeth Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 55.
+
+[513] Vgl. Großherzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale Lage
+der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u. 116.
+
+[514] Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
+Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste
+Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war klug
+genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen Gewerbeaufsichtsberichte
+für 1899 zu thun, sonst hätte er seine ganze Arbeit im Papierkorb
+verschwinden lassen müssen.
+
+[515] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899.
+Berlin 1900. 4 Bände.
+
+[516] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. III,
+S. 906 f.
+
+[517] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail etc., a.a.O.,
+t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
+Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734.
+
+[518] Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara
+Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54.
+
+[519] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
+Berlin. Berlin 1897. S. 229 f.
+
+[520] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener
+Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim.
+
+[521] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères de Femmes. Paris
+1900. p. 29.
+
+[522] Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvrières de l'Aiguille à Paris, Paris 1895.
+p. 106.
+
+[523] Vgl. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim.
+Karlsruhe 1891. S. 230.
+
+[524] Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 60. Die soziale
+Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 155.
+
+[525] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen,
+passim.
+
+[526] Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f.
+
+[527] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2. S. 206.
+
+[528] A.a.O., S. 342 ff.
+
+[529] Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196.
+
+[530] Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der
+Kommission für Arbeitsstatistik. Verhältnisse in der Wäschekonfektion.
+Verhandlungen Nr. 11, S. 13.
+
+[531] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O.,
+S. 113.
+
+[532] A.a.O., S. 114.
+
+[533] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90; Gnauck-Kühne,
+a.a.O., S. 64; Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
+a.a.O., S. 119.
+
+[534] Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 227 ff.
+
+[535] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr
+1899, passim.
+
+[536] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für Arbeiterinnen und
+deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 85 f.
+
+[537] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O. S.
+64 ff.
+
+[538] Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87.
+
+[539] Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der
+Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff.
+
+[540] Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen über die
+Gesundheitsverhältnisse in der Schweiz. Archiv für Hygiene. 1894. 2. Bd.
+
+[541] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f.
+
+[542] Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100 f.
+
+[543] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff.
+
+[544] Vgl. Singer, a.a.O., S. 81.
+
+[545] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53.
+
+[546] A.a.O., p. 151 ff.
+
+[547] Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der
+Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f.
+
+[548] Vgl. Dr. Deborah Bernson, Nécessite d'une Loi protectrice pour la
+Femme ouvrière. Lille 1899. p. 41 f.
+
+[549] Vgl. Helbig, Phosphor und Zündwaren. Weyls Handbuch, a.a.O. S. 768
+ff.
+
+[550] Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924 ff.
+
+[551] Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und
+ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 256 ff.
+
+[552] Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvrière en France. Paris 1901. p. 105.
+
+[553] Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316.
+
+[554] Vgl. P. Straßmann, Die Einwirkung der Nähmaschinenarbeit auf die
+weiblichen Genitalorgane. Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S.
+343 ff.--Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Beschäftigung verheirateter
+Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff.
+
+[555] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.--Die Beschäftigung verheirateter
+Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.--Die soziale Lage der Pforzheimer
+Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123 ff.
+
+[556] Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden 1892.
+S. 107 f.
+
+[557] Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik deutscher
+Großstädte. Leipzig 1886.
+
+[558] Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverhältnisse. Brauns
+Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7. 1894. S 215 ff.
+
+[559] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. I,
+S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff.
+
+[560] Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57.
+
+[561] Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72.
+
+[562] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd.
+IV. S. 283 ff.
+
+[563] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O, S.
+36 f. u. 122 f.
+
+[564] Vgl. Porak, Du Passage des Substances étrangères à l'Organisme à
+travers le placenta. Archives de Médecine expérimentale et d'Anatomie
+pathologique 1894. p. 203 ff.
+
+[565] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für Arbeiterinnen und
+deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 92.
+
+[566] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f.
+
+[567] Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67.
+
+[568] Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91.
+
+[569] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82.
+
+[570] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd. II.
+S. 857.
+
+[571] Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik. Tübingen 1897. S. 69 f.
+
+[572] Vgl. El. Gnauck-Kühne, a.a.O, S. 34.
+
+[573] Vgl. Hirt, Die gewerbliche Thätigkeit der Frauen vom hygienischen
+Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff.
+
+[574] Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41.
+
+[575] Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther Quecksilberspiegelbelegen und
+ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 259.
+
+[576] Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche
+Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2. Abschnitt. S.
+91 ff.
+
+[577] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion über die Heimarbeit in
+Oesterreich. Herausgegeben vom k.k. Handelsministerium. Wien 1900. I.
+Bd. S. 271 ff.
+
+[578] A.a.O., S. 264.
+
+[579] A.a.O., S. 233.
+
+[580] A.a.O., S. 273.
+
+[581] A.a.O., S. 257.
+
+[582] A.a.O., S. 277 ff.
+
+[583] A.a.O., S. 277.
+
+[584] A.a.O., S. 244 und 250 f.
+
+[585] A.a.O., S. 253.
+
+[586] A.a.O., S. 236 und 257.
+
+[587] A.a.O., S. 259.
+
+[588] A.a.O., S. 235.
+
+[589] A.a.O., S. 241.
+
+[590] A.a.O., S. 239.
+
+[591] A.a.O., S. 241.
+
+[592] Vgl. Office du Travail. Les Industries à Domicile en Belgique.
+Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f.
+
+[593] A.a.O., p. 72 ff.
+
+[594] A.a.O., p. 94.
+
+[595] A.a.O., p. 145.
+
+[596] Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f.
+
+[597] Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises à Domicile. Lyon 1896,
+p. 15 f.
+
+[598] A.a.O., p. 75.
+
+[599] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff.
+
+[600] A.a.O., S. 340.
+
+[601] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVI. 2.
+Bd.--Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise Saarburg. S.
+343 ff.
+
+[602] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76.
+
+[603] Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93.
+
+[604] Vgl. L. Bein, Die Industrie des sächsischen Vogtlands. Leipzig
+1884. 2. Tl. S. 419 ff.
+
+[605] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f.
+
+[606] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff.
+
+[607] Vgl. G. Degreef, L'Ouvrière dentellière en Belgique. Bruxelles
+1886. p. 86 f.
+
+[608] A.a.O., p. 51 f.
+
+[609] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff.
+
+[610] Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p.
+220.--Degreef, a.a.O, p. 88 f.
+
+[611] Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6 f.
+
+[612] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff.
+
+[613] A.a.O., S. 42 f.
+
+[614] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. I. Teil. Jena 1882.
+S. 112 f.
+
+[615] Vgl. Les Industries á Domicile en Belgique, a.a.O., Vol. II, p. 59
+ff.
+
+[616] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.
+Bd. III. S. 414.
+
+[617] Vgl. E. Jaffé, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der deutschen
+Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.
+S. 314 u. 322.
+
+[618] A.a.O., S. 312 f.
+
+[619] A.a.O., S. 322 f.
+
+[620] Helen Campbell, a.a.O., p. 225.
+
+[621] Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff.
+
+[622] A.a.O., S. 43.
+
+[623] A.a.O., S. 51.
+
+[624] A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57.
+
+[625] Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlands.
+Jena 1899. S. 14.
+
+[626] A.a.O., S. 55 ff.
+
+[627] A.a.O., S. 66.
+
+[628] A.a.O., S. 10 f.
+
+[629] A.a.O., S. 19 f.
+
+[630] Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in Nürnberg und Fürth.
+Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXIV. I. Bd. S. 155 ff.
+
+[631] Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältnisse in der
+Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche sowie über den Verkauf oder
+die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nähfaden u.s.w.) seitens der
+Arbeitgeber an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht über die
+Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session, 1887.
+Bd. III.
+
+[632] Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion.
+Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg.
+
+[633] Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik. Nr.
+10-13. Berlin 1896.
+
+[634] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in
+der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzen- und Trikotfabrikation.
+Leipzig 1898.
+
+[635] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
+Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd.
+
+[636] Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion. Schriften d. Vereins f.
+Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.
+
+[637] Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des
+Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd.
+
+[638] Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189.
+
+[639] Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik, a.a.O,
+Nr. 10, S. 205.
+
+[640] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196.
+
+[641] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S.
+194 ff.
+
+[642] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff.
+
+[643] Hans Grandke, a.a.O, S. 383.
+
+[644] A.a.O., S. 247 f.
+
+[645] A.a.O., S. 251.
+
+[646] Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion.
+Leipzig 1896. S. 51.
+
+[647] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f.
+
+[648] Vgl. E. Jaffé, a.a.O, S. 163 ff.
+
+[649] Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner
+Wäscheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff.
+
+[650] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59.
+
+[651] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
+Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f.
+
+[652] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f.
+
+[653] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen,
+a.a.O, S. 163, 604.
+
+[654] Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435.
+
+[655] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le Vêtement à
+Paris. Paris 1896. p. 495 ff.
+
+[656] A.a.O., p. 503 ff.
+
+[657] Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff.
+
+[658] A.a.O., p. 70 ff.
+
+[659] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. 526
+ff.
+
+[660] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f.
+
+[661] Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff.
+
+[662] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f.
+
+[663] Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff.
+
+[664] Vgl. Second Report from the select Committee of the House of Lords
+on the Sweating System. London 1888. p. 585 f.
+
+[665] Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I. p.
+1 ff.
+
+[666] Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893.
+Vol. IV. p. 50 ff.
+
+[667] A.a.O., p. 271.
+
+[668] A.a.O., p. 55 f.
+
+[669] Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten
+Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f.
+
+[670] Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p. 33
+ff. u. 82 ff.
+
+[671] A.a.O., p. 37.
+
+[672] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff.
+
+[673] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625.
+
+[674] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68.
+
+[675] Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f.
+
+[676] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45.
+
+[677] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f.
+
+[678] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff.
+
+[679] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629.
+
+[680] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkung der Heimarbeit in
+Nordamerika. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig
+1899. 4. Bd. S. 213.
+
+[681] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45.
+
+[682] Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff.
+
+[683] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f.
+
+[684] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.--Kuno Frankenstein, a.a.O.,
+S. 13 f.--Ergebnisse der Ermittlungen über die Lohnverhältnisse in der
+Konfektion, a.a.O., S. 701 ff.--Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff.
+
+[685] Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der großstädtischen
+Frauenhausindustrie. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2.
+Bd. S. XXXIX ff.
+
+[686] Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der
+Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft. Leipzig
+1901. S. 23.
+
+[687] Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116 ff.--J.
+Timm, a.a.O., S. 294.--Working Women in large Cities, a.a.O., p. 26.
+
+[688] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p. 666.--Alfr.
+Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S. XXXVI.
+
+[689] Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.--Feig, a.a.O., S. 51 ff.--G.
+Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.--E. Jaffé, a.a.O., S. 151.
+
+[690] Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I--XVII.--Home Industries of Women in
+London, p. 12 ff.--Charles Booth, a.a.O., Vol. I, p. 61.--Hans Grandke,
+a.a.O., S. 267.--Gustav Lange, a.a.O., S. 136 f.
+
+[691] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+269.--Charles Booth, a.a.O., p. 295.--Working Women in large Cities,
+a.a.O., p. 15 f.--Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältnisse
+der Arbeiterinnen in der Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.--Verhandlungen
+der Kommission für Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.--E. Jaffé,
+a.a.O., S. 118 ff.--E. Neubert, Hausindustrie in den Regierungsbezirken
+Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. I.
+Bd. S. 118 ff.--Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.--Alfred Weber, Das
+Sweating-System in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S.
+518.
+
+[692] Vgl. Feig, a.a.O., S. 112.
+
+[693] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Fünf Dorfgemeinden auf dem Hohen Taunus.
+Leipzig 1889. S. 72 ff.--Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre
+gesetzliche Regelung, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik.
+Leipzig 1900. S. 13.
+
+[694] Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gemäß den Erhebungen
+der Kommission für Arbeiterstatistik. Stuttgart 1900. S. 54.
+
+[695] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
+Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416.
+
+[696] Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418.
+
+[697] A.a.O., S. 1441.
+
+[698] Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig.
+Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff.
+
+[699] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
+Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II.
+
+[700] A.a.O., S. 18.
+
+[701] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff.
+
+[702] Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18.
+
+[703] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff.,
+234 ff.
+
+[704] A.a.O., p. 85 ff., 234 ff.
+
+[705] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35
+
+[706] Vgl. Erhebungen über Arbeitszeit, Kündigungsfristen und
+Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober 1892. Berlin
+1893. Tabelle X.
+
+[707] Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women, a.a.O.,
+p. 3 ff., 85 ff.
+
+[708] Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII.
+
+[709] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85.
+
+[710] Vgl. a.a.O.--Vernehmungen von Auskunftspersonen über Arbeitszeit,
+Kündigungsfristen und Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. 9. bis
+10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff.
+
+[711] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.
+
+[712] Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London
+1884. p. 38 f.
+
+[713] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f.
+
+[714] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.
+
+[715] Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of
+Labour, a.a.O., p. 3 ff.
+
+[716] Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III.
+
+[717] A.a.O., S. 79.
+
+[718] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104.
+
+[719] Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f.
+
+[720] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287
+f.--Sutherst, a.a.O., p. 20 ff.
+
+[721] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243 f.--Julius
+Meyer, a.a.O., S. 22.
+
+[722] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff.
+
+[723] A.a.O., S. 141.
+
+[724] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420.
+
+[725] Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.--Vernehmungen, a.a.O., S. 94.
+
+[726] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f.,
+318.--Sutherst, a.a.O., p. 128.--J. Silbermann, Die Lage der deutschen
+Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S. 363.
+
+[727] Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138.
+
+[728] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Gewerbe
+und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42.
+
+[729] Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen
+Deutschland. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LV. 3. Bd. S. 18
+ff.
+
+[730] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Die Verhältnisse der
+Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1. Bd. S. 3.
+
+[731] Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166.
+
+[732] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen
+Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2 ff.--G. Herkner, Die
+Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 210.
+
+[733] Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214 f.
+
+[734] Vgl. Von der Goltz, Die ländliche Arbeiterklasse und der
+preußische Staat. Jena 1893. S. 5 ff.
+
+[735] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 1. Bd., S. 40
+f. 110 ff., 177 ff. und 261 f.
+
+[736] A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff.
+
+[737] A.a.O., Bd. 1, S. 261 f.
+
+[738] Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris
+1885. t. I. p. 337 ff.
+
+[739] Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen
+Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21.
+
+[740] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 367
+ff. K. Kaerger, Die Sachsengängerei. Berlin 1890. S. 165.
+
+[741] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd. S. 440.
+
+[742] A.a.O., S. 94 f.
+
+[743] Vgl. Goltz, Die Lage der ländlichen Arbeiter im Deutschen Reich.
+Berlin 1875. S. 448.
+
+[744] Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322.
+
+[745] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f.
+
+[746] A.a.O., t. III, p. 443.
+
+[747] Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers.
+London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f.
+
+[748] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184.
+
+[749] Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257.
+
+[750] A.a.O., S. 43.
+
+[751] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.
+
+[752] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, Bd. I, S. 134.
+
+[753] A.a.O., S. 98.
+
+[754] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59.
+
+[755] A.a.O., S. 58 f.
+
+[756] A.a.O., S. 54.
+
+[757] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41.
+
+[758] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43.
+
+[759] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55.
+
+[760] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.
+
+[761] Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269.
+
+[762] Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f.
+
+[763] Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnissen der
+evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895. Bd. I. S.
+46
+
+[764] Vgl. M. Weber, Die Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen
+Deutschland. Leipzig 1892. S. 143.
+
+[765] Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220.
+
+[766] A.a.O., S. 28.
+
+[767] Vgl. Weber, a.a.O., S. 192.
+
+[768] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., 1. Bd. S.
+121.
+
+[769] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251.
+
+[770] Vgl. Ascher, Die ländlichen Arbeiterwohnungen in Preußen. Berlin
+1897.
+
+[771] Vgl. Weber, a.a.O., S. 553.
+
+[772] Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f.
+
+[773] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205.
+
+[774] A.a.O., p. 608 ff.
+
+[775] A.a.O., t. III, p. 200.
+
+[776] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44.
+
+[777] A.a.O., I, S. 81.
+
+[778] A.a.O., I, S. 45 u. 73.
+
+[779] A.a.O., II, S. 309.
+
+[780] A.a.O., I, S. 46.
+
+[781] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198.
+
+[782] A.a.O., I, S. 32.
+
+[783] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209.
+
+[784] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 484
+ff.
+
+[785] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23.
+
+[786] Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24.
+
+[787] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, S. 265, 280,
+322, 323, 411, 427.
+
+[788] Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstmädchen in Berlin. Berlin
+1901.
+
+[789] Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Miß Collet on
+the Money Wages of indoor Domestic Servants. London 1899.
+
+[790] Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217.
+
+[791] Miß Collet, a.a.O., p. 14 ff.
+
+[792] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition.
+New-York 1901. p. 96.
+
+[793] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588.
+
+[794] Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219.
+
+[795] Vgl. O. Stillich, a.a.O.
+
+[796] Vgl. Anton Menger, Das bürgerliche Recht und die besitzlosen
+Volksklassen. In Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung u. Statistik.
+Bd. II. 1889. S. 463.
+
+[797] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 9. Erhebung über die Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Kellner
+und Kellnerinnen. 2. Teil. Berlin 1895. S. 77.
+
+[798] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663.
+
+[799] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[800] A. a. O.
+
+[801] Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff.
+
+[802] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[803] Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f.
+
+[804] Vgl. hierfür die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs Roman:
+Das tägliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde.
+
+[805] Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle
+édition. Paris 1896.
+
+[806] Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris
+1901. p. 347 f.
+
+[807] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596.
+
+[808] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158.
+
+[809] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585.
+
+[810] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[811] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[812] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586.
+
+[813] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S. 141
+
+[814] Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221 ff.
+
+[815] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.
+
+[816] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.
+
+[817] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75.
+
+[818] Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch für Volkswirtschaft. Berlin
+1874.
+
+[819] Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f.
+
+[820] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler
+Kongreß für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, 19.-26.
+September 1896. Berlin 1897. S. 405.
+
+[821] Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Remplaçantes, Paris 1901, das
+mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit diese Zustände schildert.
+
+[822] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff.
+
+[823] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
+Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30.
+
+[824] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+17 und 21 ff.
+
+[825] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f.
+
+[826] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6. Erhebung über die Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Kellner
+und Kellnerinnen. Berlin 1894. S. 132 f.--Royal Commission on Labour.
+Employment of Women. p. 288.
+
+[827] Vgl. Referat des Münchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in der
+Sitzung der königlichen Lokalschulkommission am 22. 3. 1900.
+
+[828] Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der
+Münchener Kellnerinnen. Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. V. Bd. 1892. S. 129.
+
+[829] A.a.O., S. 117.
+
+[830] Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin 1893.
+S. 28.
+
+[831] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+197 ff.
+
+[832] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54.
+
+[833] Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in München. Stuttgart 1899. S.
+210.
+
+[834] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110.
+
+[835] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff.
+
+[836] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208.
+
+[837] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112.
+
+[838] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216.
+
+[839] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16. Protokolle über die Verhandlungen und die
+Vernehmung von Auskunftspersonen über die Verhältnisse der in Gast- und
+Schankwirtschaften beschäftigten Personen. Berlin 1899. S. 89.
+
+[840] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66.
+
+[841] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6, S. 136.
+
+[842] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16, S. 72.
+
+[843] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197.
+
+[844] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69.
+
+[845] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203.
+
+[846] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204.
+
+[847] Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24
+ff., und Cohen, a.a.O., S. 121.
+
+[848] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17.
+
+[849] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38.
+
+[850] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff.
+
+[851] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f.
+
+[852] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 81.
+
+[853] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f.
+
+[854] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218.
+
+[855] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113.
+
+[856] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59.
+
+[857] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die Beschäftigung
+von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. 17. Bd. 1901.
+
+[858] Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S. 119.
+
+[859] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff.
+
+[860] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52.
+
+[861] Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's
+Trade-Union-League. Ohne Datum.
+
+[862] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen
+Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283 f.
+
+[863] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter den
+englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S. 166 ff.
+
+[864] Vgl. Office du Travail.--La petite Industrie, a.a.O., t. II, p.
+669.
+
+[865] Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen
+Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f.
+
+[866] Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigjährige Arbeiterinnenbewegung
+Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889.
+
+[867] Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften
+Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542.
+
+[868] Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche
+Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Thätigkeit. M.-Gladbach 1900. S. 40 ff.
+
+[869] A.a.O., S. 54.
+
+[870] Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900.
+
+[871] Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on
+Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128 ff.
+
+[872] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen
+Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 124.
+
+[873] Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels,
+commerciaux et agricoles. Paris 1900.
+
+[874] Ein Vergleich der Organisierten mit sämtlichen Arbeiterinnen der
+einzelnen Berufe läßt sich nicht ziehen, weil die Einteilungen nicht
+übereinstimmen.
+
+[875] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f.
+
+[876] Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington
+1888. p. 144.
+
+[877] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f.
+
+[878] Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten
+Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715.
+
+[879] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
+Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43 ff.
+
+[880] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f.
+
+[881] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 90
+f.
+
+[882] Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin,
+1891, S. 22.
+
+[883] Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte
+Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung.
+
+[884] Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im
+Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff.
+
+[885] Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der
+sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom 17.
+bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff.
+
+[886] Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der
+Gegenwart, Berlin 1894, und meine Broschüre: Frauenfrage und
+Sozialdemokratie, Berlin 1896.
+
+[887] Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der
+sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896.
+Berlin 1896. S. 174.
+
+[888] Vgl. meine Broschüre: Frauenarbeit und Hauswirtschaft. Berlin
+1900.
+
+[889] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London 1899.
+p. 242 ff.
+
+[890] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition.
+New-York 1901. p. 212 ff.
+
+[891] Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl.
+Stuttgart 1895. S. 422 ff.
+
+[892] Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18.
+
+[893] A.a.O., S. 62.
+
+[894] Für alle Bestrebungen der Art vergl. für Deutschland: Lina
+Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin 1893.--Für
+England: Emily Janes, The English Woman's Yearbook. London 1901.--Für
+Frankreich: Camille Pert, Le Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte
+d'Haussonville, a.a.O., S. 46, 61, 64 ff.--Für Amerika: Working Women in
+large Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff.
+
+[895] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 83.
+
+[896] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16.
+
+[897] Vgl. die stenographischen Kongreßberichte in der Zeitung: "La
+Fronde" vom 6. und 7. September 1900.
+
+[898] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22.
+
+[899] A.a.O., S. 51.
+
+[900] A.a.O., S. 55.
+
+[901] A.a.O., S. 61 f.
+
+[902] Für die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des Bundes
+deutscher Frauenvereine, begründet von Jeanette Schwerin. Herausgeben
+von Marie Stritt. 3 Jahrgänge und Marie Stritt und Ika Freudenberg, Der
+Bund deutscher Frauenvereine. Frankenberg 1900.
+
+[903] Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will
+und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9.
+
+[904] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9.
+
+[905] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13.
+
+[906] Vgl. Eliza Ichenhäuser, Die Dienstbotenfrage und ihre Reform.,
+Berlin 1900.
+
+[907] Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86 ff.
+
+[908] Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women
+Workers, London 1900. p. 177.
+
+[909] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245.
+
+[910] Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895.
+
+[911] Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259.
+
+[912] Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149
+f.
+
+[913] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
+Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim.
+
+[914] Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages and
+Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende
+Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London 1901.
+p. 116 ff.
+
+[915] Vgl. die Verhandlungen des Züricher Arbeiterschutzkongresses
+1897.--Rudolf Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik. Tübingen 1897.--Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
+Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.--Massachusetts Bureau of Labour
+Statistics 1875. p. 183 f.
+
+[916] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff.
+
+[917] Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London 1894.
+p. 102.
+
+[918] Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43.
+
+[919] A.a.O., S. 47.
+
+[920] A.a.O., S. 27.
+
+[921] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O.,
+S. 63.
+
+[922] Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899. Bd.
+I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S. 165, 238, 413,
+659.
+
+[923] Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvrières de l'Industrie
+dans les Pays étrangers. Bruxelles 1898.
+
+[924] Vgl. J. Henrotte, La Réglementation internationale du Travail.
+Congrès international de Législation du Travail à Bruxelles 1897.
+Bruxelles 1898. p. 129 ff.
+
+[925] Vgl. Soziale Rundschau, Wien. März 1900. S. 426.
+
+[926] Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I.
+London 1894. pag. 108.
+
+[927] Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der
+Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f.
+
+[928] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21.
+
+[929] Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract
+Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating
+System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963 f.
+
+[930] Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschränkung der
+Heimarbeit. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd.
+Leipzig 1899. S. 224.
+
+[931] Vgl. E. Jaffé, a.a.O., S. 113.
+
+[932] Vgl. G. Ruhland, Der achtstündige Arbeitstag und die
+Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Schäffles Zeitschrift für die
+gesamte Staatswissenschaft. Tübingen 1891. 2. Heft. S. 350 ff.
+
+[933] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90.
+
+[934] Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen
+Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die
+Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff., sowie
+Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff.
+
+[935] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff.
+
+[936] Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in
+Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd, Berlin
+1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik im
+September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S. 35.
+
+[937] Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat und
+Reichstage überreicht vom Verband der Schneider und Schneiderinnen.
+Stuttgart 1901. S. 130.
+
+[938] Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O.,
+p. 36.
+
+[939] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkungen etc., a.a.O., S.
+225.
+
+[940] Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f.
+
+[941] Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und
+ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f.
+
+[942] Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f.
+
+[943] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371.
+
+[944] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222.
+
+[945] Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f.
+
+[946] Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die Beschäftigung
+der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17. Bd.
+
+[947] Vgl. A. Cohen, a.a.O.
+
+[948] Vgl. Henning, Denkschrift über das Kellnerinnenwesen.
+Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19.
+
+[949] Vgl. Ministerialblatt für die gesamte innere Verwaltung, 1898. S.
+201.
+
+[950] Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in
+Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35.
+
+[951] Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle.
+Bruxelles-Paris 1897.
+
+[952] Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen
+Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin 1892.
+S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der Arbeiterwitwen und
+-Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10. Bd. Berlin 1897. S. 466
+ff.
+
+[953] Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der
+Arbeitslosen-Versicherung und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.
+Berlin 1901.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE ***
+
+***** This file should be named 14075-8.txt or 14075-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Frauenfrage
+ ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite
+
+Author: Lily Braun
+
+Release Date: November 17, 2004 [EBook #14075]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAUENFRAGE ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<h1>Die Frauenfrage</h1>
+
+<h2>ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite</h2>
+
+<h2>Von Lily Braun</h2>
+
+<h3>Leipzig</h3>
+
+<h3>Verlag von S. Hirzel</h3>
+
+<h3>1901</h3>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h3>Meinem Mann und meinem Sohn.</h3>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<a name="Vorwort" />
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+<p>Auf Grund vielj&auml;hriger Arbeit habe ich den Versuch
+unternommen, die Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer
+Darstellung zu unterziehen. Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das
+f&uuml;r ihr Verst&auml;ndnis entscheidende Moment der
+wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch das
+weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen
+des weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden
+f&uuml;r die Vergangenheit wie f&uuml;r die Gegenwart den
+orientierenden Ariadnefaden, ohne den das Urteil fehl gehen muss.
+Nur indem man die &ouml;konomischen Thatsachen nach der ihnen
+zukommenden Bedeutung wertet, erschlie&szlig;t sich der
+Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren
+integrierender Bestandteil sie ist.</p>
+
+<p>Mein Buch giebt zun&auml;chst eine gedr&auml;ngte Geschichte der
+Entwicklung der Frauenfrage und der Frauenbewegung von den
+&auml;ltesten Zeiten bis zum 19. Jahrhundert. In eingehender
+Darstellung behandelt es sodann die wirtschaftliche Seite der
+Frauenfrage, schildert die &ouml;konomische Lage der Frau in den
+wichtigsten Kulturl&auml;ndern, bespricht die sozialpolitische
+Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres Einflusses
+fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter denen eine
+organische L&ouml;sung der Frauenfrage m&ouml;glich ist.</p>
+
+<p>Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes
+bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und
+&ouml;ffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und
+ethische Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.</p>
+
+<p>Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird
+sachkundige Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen:
+da&szlig; die Darstellung auf einem umfassenden Studium der
+Litteratur, insbesondere auch, soweit es sich um die Ermittelung
+der thats&auml;chlichen Zust&auml;nde handelt, auf der Benutzung
+der amtlichen Statistiken, staatlichen wie privaten Enqueten, kurz
+so weit als m&ouml;glich auf quellenm&auml;&szlig;igen
+Untersuchungen beruht.</p>
+
+<p><i>Berlin</i>, Oktober 1901.</p>
+
+<p>Lily Braun.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Inhalt" />Inhalt.</h2>
+
+<p><a href="#Vorwort"><b>Vorwort</b></a></p>
+
+<p><b>ERSTER ABSCHNITT.</b></p>
+
+<p>Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.</p>
+
+<p><a href="#1_Die_Frauenfrage_im_Altertum"><i>Erstes Kapitel</i>:
+Die Frauenfrage im Altertum</a></p>
+
+<p>Die Periode des Mutterrechts.&mdash;Die Blutgemeinschaftsfamilie
+und die Schw&auml;gerschaftsverb&auml;nde.&mdash;Die Entwicklung
+zur Monogamie.&mdash;Die Gesetzgebung in Bezug auf die
+Frauen.&mdash;Platos und Aristoteles' Stellung zur
+Frauenfrage.&mdash;Die Frauenfrage im r&ouml;mischen
+Reich.&mdash;Die Stellung der Frauen bei den Germanen.</p>
+
+<p><a href="#2_Das_Christentum_und_die_Frauen"><i>Zweites
+Kapitel</i>: Das Christentum und die Frauen</a></p>
+
+<p>Christus und die Frauen.&mdash;Das kanonische Recht.&mdash;Die
+r&ouml;misch-katholische Kirche in Bezug auf die
+Frauenfrage.&mdash;Die Nonnenkl&ouml;ster und ihre
+Bildung.&mdash;Die Folgen der Reformation f&uuml;r das weibliche
+Geschlecht.</p>
+
+<p><a href="#3_Die_wirtschaftliche_Lage_der_Frauen"><i>Drittes
+Kapitel</i>: Die wirtschaftliche Lage der Frauen</a></p>
+
+<p>Die h&ouml;rigen Frauen in Burgen und Kl&ouml;stern.&mdash;Die
+Prostitution im Mittelalter.&mdash;Das z&uuml;nftige Handwerk und
+seine Stellung zur Frauenarbeit.&mdash;Weibliche Genossenschaften
+und Beginenkonvente.&mdash;Der Ausschlu&szlig; der Frauen aus den
+Z&uuml;nften.&mdash;Die Anf&auml;nge der industriellen
+Entwicklung.</p>
+
+<p><a href="#4_Die_Stellung_der_Frauen_im_Geistesleben"><i>Viertes
+Kapitel</i>: Die Stellung der Frauen im Geistesleben</a></p>
+
+<p>Frauenbildung in der italienischen Renaissance.&mdash;Die
+ber&uuml;hmten Frauen Spaniens.&mdash;Christine de Pisan und die
+Bildung der Frauen Frankreichs.&mdash;Der erste deutsche
+Vork&auml;mpfer der Frauenbewegung.&mdash;Die gelehrten Frauen und
+ihre Neigung zur Mystik.&mdash;Die Erziehungspl&auml;ne Mary
+Astells.&mdash;Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18.
+Jahrhunderts.&mdash;Die franz&ouml;sische
+Salondame.&mdash;Rousseaus Einflu&szlig; auf die Frauen.</p>
+
+<p><a href=
+"#5_Die_Frauen_im_Zeitalter_der_Revolution"><i>F&uuml;nftes
+Kapitel</i>: Die Frauen im Zeitalter der Revolution</a></p>
+
+<p>Die franz&ouml;sischen Frauen in Philosophie und
+Politik.&mdash;Die Vork&auml;mpferinnen der Frauenemanzipation in
+Amerika.&mdash;Talleyrand und das Recht der Frauen auf
+Bildung.&mdash;Die franz&ouml;sischen Arbeiterinnen und ihre
+Forderungen.&mdash;Die Frauenvereine w&auml;hrend der
+Revolution.&mdash;Olympe de Gouges.&mdash;Aufl&ouml;sung der
+Frauenvereine durch den Konvent.&mdash;Condorcets Verteidigung der
+Frauenrechte.&mdash;Mary Wollstonecraft.&mdash;Hippels
+"b&uuml;rgerliche Verbesserung der Weiber".</p>
+
+<p><b>ZWEITER ABSCHNITT.</b></p>
+
+<p>Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.</p>
+
+<p><a href=
+"#1_Der_Kampf_um_Arbeit_in_der_burgerlichen_Frauenwelt"><i>Erstes
+Kapitel</i>: Der Kampf um Arbeit in der b&uuml;rgerlichen
+Frauenwelt</a></p>
+
+<p>Anf&auml;nge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt
+beruflicher Arbeit: F&eacute;nelons Reform der
+M&auml;dchenerziehung.&mdash;Basedow und Karoline Rudolphi
+&uuml;ber die Erziehung der T&ouml;chter.&mdash;Die
+Erziehungsreform in England und Amerika.&mdash;Der Einflu&szlig;
+der Klassiker auf deutsche Frauenbildung.&mdash;Das Eindringen der
+Frauen in b&uuml;rgerliche Berufssph&auml;ren: in Amerika,&mdash;in
+England,&mdash;in Frankreich,&mdash;in Deutschland.&mdash;Die
+Anf&auml;nge der deutschen Frauenbewegung.&mdash;Die Bestrebungen
+f&uuml;r Frauenbildung und Frauenarbeit in neuester Zeit: in den
+Vereinigten Staaten,&mdash;in England,&mdash;in
+Frankreich,&mdash;in Ru&szlig;land,&mdash;in Schweden,&mdash;in
+D&auml;nemark,&mdash;in Holland und Belgien,&mdash;in der
+Schweiz,&mdash;in Italien,&mdash;in Spanien und Portugal,&mdash;in
+Oesterreich,&mdash;in Deutschland.</p>
+
+<p><a href=
+"#2_Die_treibenden_Krafte_der_burgerlichen_Frauenbewegung"><i>Zweites
+Kapitel</i>: Die treibenden Kr&auml;fte der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung</a></p>
+
+<p>Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts &uuml;ber
+das m&auml;nnliche.&mdash;Das Verh&auml;ltnis der Knaben- und
+M&auml;dchengeburten in b&uuml;rgerlichen und proletarischen
+Familien.&mdash;Die Verheiratbarkeit nach den
+Altersstufen.&mdash;Statistik der verheirateten und der ledigen
+Frauen&mdash;Der Knaben&uuml;berschu&szlig; bei der
+Geburt.&mdash;Die gr&ouml;&szlig;ere Sterblichkeit der
+M&auml;nner.&mdash;Der R&uuml;ckgang der Heiratsziffern und seine
+Ursachen.&mdash;Statistik der erwerbsth&auml;tigen
+Frauen.&mdash;Statistik der Frauenarbeit in b&uuml;rgerlichen
+Berufen.&mdash;Die verheirateten Frauen in b&uuml;rgerlichen
+Berufen.&mdash;Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.&mdash;Die
+L&ouml;hne der Handelsangestellten.&mdash;Die
+B&uuml;hnenk&uuml;nstlerinnen und die weiblichen Journalisten.</p>
+
+<p><a href=
+"#3_Die_burgerliche_Berufsthatigkeit_von_prinzipiellen_Gesichtspunkten">
+<i>Drittes Kapitel</i>: Die b&uuml;rgerliche Berufsth&auml;tigkeit
+von prinzipiellen Gesichtspunkten</a></p>
+
+<p>Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die
+K&ouml;rperkr&auml;fte.&mdash;Das weibliche Gehirn.&mdash;Der
+Einflu&szlig; der Geschlechtsfunktionen auf die
+Berufsth&auml;tigkeit.&mdash;Mutterschaft und
+Frauenarbeit.&mdash;Die Zerst&ouml;rung der Weiblichkeit durch die
+Berufsth&auml;tigkeit.&mdash;Der Unterschied der Geschlechter in
+Bezug auf die geistige Bef&auml;higung.&mdash;Das weibliche Genie
+und seine Zukunft.</p>
+
+<p><a href=
+"#4_Die_Entwicklung_der_proletarischen_Frauenarbeit"><i>Viertes
+Kapitel</i>: Die Entwicklung der proletarischen
+Frauenarbeit</a></p>
+
+<p>Die technische Revolution im Anfang des 19.
+Jahrhunderts.&mdash;Die Zunahme der Frauenarbeit infolge der
+Einf&uuml;hrung der Maschinen.&mdash;Der Kampf der Arbeiter gegen
+die Maschine.&mdash;Der Kampf der M&auml;nner gegen die
+Frauenarbeit.&mdash;Die Entwicklung der modernen
+Hausindustrie.&mdash;Frauenl&ouml;hne um die Mitte des 19.
+Jahrhunderts.&mdash;Arbeiterwohnungen.&mdash;Die sanit&auml;ren
+Zust&auml;nde in den ersten Fabriken.&mdash;Die Lage der
+Landarbeiterinnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts.&mdash;Die
+Entwicklung der Dienstbotenfrage.&mdash;Proletarische Frauenarbeit
+im Handel.</p>
+
+<p><a href=
+"#5_Die_Statistik_der_proletarischen_Frauenarbeit_nach_den_letzten">
+<i>F&uuml;nftes Kapitel</i>: Die Statistik der proletarischen
+Frauenarbeit nach den letzten Z&auml;hlungen</a></p>
+
+<p>Das numerische Verh&auml;ltnis der proletarischen Frauenarbeit
+zur b&uuml;rgerlichen.&mdash;Das Wachstum der proletarischen Arbeit
+im Verh&auml;ltnis zum Wachstum der Bev&ouml;lkerung.&mdash;Das
+numerische Verh&auml;ltnis der m&auml;nnlichen zu den weiblichen
+Arbeitern.&mdash;Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre Zu-
+resp. Abnahme.&mdash;Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in
+der Industrie.&mdash;Die proletarische Frauenarbeit in
+Alleinbetrieben.&mdash;Die mithelfenden
+Familienangeh&ouml;rigen.&mdash;Die Verteilung der Frauenarbeit in
+der Industrie je nach den Berufsarten.&mdash;Die Statistik der
+Hausindustrie: in Deutschland,&mdash;in Oesterreich,&mdash;in
+Frankreich,&mdash;in Belgien&mdash;Die Abnahme der h&auml;uslichen
+Dienstboten.&mdash;Die Altersgliederung der
+Arbeiterinnen.&mdash;Der Familienstand der Arbeiterinnen.&mdash;Die
+Zunahme der Arbeit verheirateter Frauen.</p>
+
+<p><a href=
+"#6_Die_Lage_der_Arbeiterinnen_in_der_Gegenwart"><i>Sechstes
+Kapitel</i>: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart</a></p>
+
+<p><a href="#6_1"><i>Die Gro&szlig;industrie</i></a>: Die
+L&ouml;hne der Fabrikarbeiterinnen.&mdash;Verh&auml;ltnis der
+Frauen- zu den M&auml;nnerl&ouml;hnen.&mdash;Differenzierung der
+Arbeit nach Geschlechtern.&mdash;Die Ursachen der Erwerbsarbeit
+verheirateter Frauen.&mdash;Das Verh&auml;ltnis des Lohnes zu den
+Lebensbed&uuml;rfnissen.&mdash;Die Arbeitszeit der
+Fabrikarbeiterin.&mdash;Der Einflu&szlig; der Fabrikarbeit auf die
+Gesundheit der Frau.&mdash;Der Einflu&szlig; der Fabrikarbeit
+verheirateter Frauen auf die Familie.</p>
+
+<p><a href="#6_2"><i>Hausindustrie und Heimarbeit</i></a>: Die
+Textil-Hausindustrie.&mdash;Die Lage der Arbeiterinnen in
+absterbenden Hausindustrien.&mdash;Die Dezentralisation des
+Gro&szlig;betriebes und ihr Einflu&szlig; auf die
+Frauenarbeit.&mdash;Die Lage der Nadelarbeiterinnen.&mdash;Das
+Sweating-System.&mdash;Die sanit&auml;ren und sittlichen Folgen der
+Hausindustrie.&mdash;Die Existenzbedingungen der Hausindustrie.</p>
+
+<p><a href="#6_3"><i>Der Handel</i></a>: Die L&ouml;hne der
+Verk&auml;uferinnen.&mdash;Die Ladenzeit.&mdash;Die
+Ueberb&uuml;rdung der Lehrlinge.&mdash;Das Alter der
+Verk&auml;uferinnen.&mdash;Die gesundheitlichen und sittlichen
+Folgen der Frauenarbeit im Handel.&mdash;Die Entwicklung zum
+Gro&szlig;betrieb.</p>
+
+<p><a href="#6_4"><i>Die Landwirtschaft</i></a>: Die Gliederung der
+l&auml;ndlichen Arbeiterschaft.&mdash;Das landwirtschaftliche
+Gesinde.&mdash;Die Instleute, Scharwerker, Deputanten und
+Heuerlinge.&mdash;Die Tagel&ouml;hner.&mdash;Die
+Wanderarbeiter.&mdash;Die Arbeitsbedingungen der
+landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.&mdash;Die l&auml;ndlichen
+Arbeiterwohnungen.&mdash;Die Sittlichkeit auf dem Lande.</p>
+
+<p><a href="#6_5"><i>Der h&auml;usliche und der pers&ouml;nliche
+Dienst</i></a>: Dienstbotenl&ouml;hne.&mdash;Die
+Dienstvermittlung.&mdash;Die Wohnr&auml;ume der
+Dienstm&auml;dchen.&mdash;Die Bek&ouml;stigung.&mdash;Die
+ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.&mdash;Die freie Zeit der
+Dienstm&auml;dchen.&mdash;Ihre Herkunft.&mdash;Die sittlichen
+Gefahren des h&auml;uslichen Dienstes.&mdash;Das
+Ammenwesen.&mdash;Umwandlung des Haushalts durch den Mangel an
+Dienstboten.&mdash;Die W&auml;schereien im Klein- und
+Gro&szlig;betrieb.&mdash;Die Entwicklung des
+Wirtshauslebens.&mdash;Die Lehrzeit im Kellnerinnenberuf.&mdash;Die
+Arbeitszeit der Kellnerinnen.&mdash;Die Lohnverh&auml;ltnisse im
+Gastwirtsgewerbe.&mdash;Die Trinkgelder und ihr
+Einflu&szlig;.&mdash;Wohnung und Kost.&mdash;Die sanit&auml;ren und
+sittlichen Folgen des Kellnerinnenberufs.</p>
+
+<p><a href="#7_Die_Arbeiterinnenbewegung"><i>Siebentes Kapitel</i>:
+Die Arbeiterinnenbewegung</a></p>
+
+<p>Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der
+Arbeiterbewegung.&mdash;Die Nur-Frauengewerkschaften.&mdash;Die
+Trennung der deutschen Arbeiterinnenbewegung von der
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung.&mdash;Die gewerkschaftliche
+Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,&mdash;in
+Oesterreich,&mdash;in England,&mdash;in Frankreich,&mdash;in den
+Vereinigten Staaten. Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen
+und ihre Gr&uuml;nde.&mdash;Die Mittel zur Besiegung der
+Organisationsunf&auml;higkeit der Frauen.&mdash;Die Teilnahme der
+Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.&mdash;Die
+Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.&mdash;Die
+politischen Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.&mdash;Die
+Stellung der Arbeiterinnenbewegung zur b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung.&mdash;Die positiven Aufgaben der
+Arbeiterinnenbewegung.</p>
+
+<p><a href=
+"#8_Die_burgerliche_Frauenbewegung_in_ihrer_Stellung_zur"><i>Achtes
+Kapitel</i>: Die B&uuml;rgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung
+Zur Arbeiterinnenfrage</a></p>
+
+<p>Die Wohlth&auml;tigkeitsbestrebungen und die soziale
+Hilfsarbeit.&mdash;Die prinzipielle Ablehnung des
+Arbeiterinnenschutzes durch die b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung.&mdash;Die Sozialreform und ihre Vertretung
+innerhalb der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung.&mdash;Die Stellung
+des Bundes deutscher Frauenvereine zur
+Arbeiterinnenfrage.&mdash;Die Haltung der Frauenrechtlerinnen
+gegen&uuml;ber der Dienstbotenfrage.&mdash;Die Organisation der
+Arbeiterinnen durch die b&uuml;rgerliche Frauenbewegung.&mdash;Die
+Wirkungen der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die
+Arbeiterinnen.</p>
+
+<p><a href=
+"#9_Die_sozialpolitische_Gesetzgebung_und_ihre_Aufgaben"><i>Neuntes
+Kapitel</i>: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre
+Aufgaben</a></p>
+
+<p><a href="#9_1"><i>Der Arbeiterinnenschutz</i></a>: Seine
+historische Entwicklung.&mdash;Synoptische Uebersicht des geltenden
+Rechts.&mdash;Die Regelung der Arbeitszeit in der
+Gro&szlig;industrie.&mdash;Der Ausschlu&szlig; der verheirateten
+Frauen aus den Fabriken.&mdash;Die Ueberarbeit und die
+Nachtarbeit.&mdash;Die Sonntagsarbeit.&mdash;Arbeitsverbote in
+gesundheitsgef&auml;hrlichen Betrieben.&mdash;Der Schutz der
+Schwangeren und W&ouml;chnerinnen.&mdash;Die Ausdehnung des
+Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.&mdash;Sanit&auml;re
+Vorschriften in Bezug auf die
+Hausindustrie.&mdash;Unterdr&uuml;ckung der Heimarbeit.&mdash;Der
+Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.&mdash;Die Aufgaben der
+Gesetzgebung gegen&uuml;ber den Landarbeitern.&mdash;Der
+Kellnerinnenschutz.&mdash;Die Trinkgelderfrage.&mdash;Die
+Gesindeordnungen.&mdash;Arbeiterschutz f&uuml;r
+Dienstboten.&mdash;Die genossenschaftliche
+Hauswirtschaft.&mdash;Die Fortbildungsschulen.&mdash;Die freie
+Verf&uuml;gung &uuml;ber den Arbeitsertrag.&mdash;Die
+Gewerbegerichte.&mdash;Das Koalitionsrecht.</p>
+
+<p><a href="#9_2"><i>Die Arbeiterinnenversicherung</i></a>: Ihre
+historische Entwicklung.&mdash; Synoptische Uebersicht des
+geltenden Rechts.&mdash;Die Krankenversicherung.&mdash; Die
+Mutterschaftsversicherung.&mdash;Die Unfallversicherung.&mdash;Die
+Alters- und Invalidit&auml;tsversicherung.&mdash;Die Versorgung der
+Witwen und Waisen.&mdash;Die Frage der
+Arbeitslosenversicherung.&mdash;Die kommunale und staatliche
+Arbeitsvermittlung.&mdash;Die Ausdehnung der
+Arbeiterversicherung.</p>
+
+<p><a href="#9_3"><i>Die Grenzen der Gesetzgebung</i></a>: Der
+Gegensatz der Interessen zwischen Unternehmern und
+Arbeitern.&mdash;Die Prostitution.&mdash;Die Frauenarbeit, das
+revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Erster_Abschnitt" />Erster Abschnitt.</h2>
+
+<p>Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="1_Die_Frauenfrage_im_Altertum" />1. Die Frauenfrage im
+Altertum.</h2>
+
+<p>Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen
+Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an &uuml;berliefert
+wird, einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine
+Geschichte der Kriege und daher eine der M&auml;nner, die wir
+unserem Ged&auml;chtnis haben einpr&auml;gen m&uuml;ssen. Erst in
+neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein Umschwung
+vorzubereiten. Neben die politische tritt die Kulturgeschichte,
+neben die Thaten und Abenteuer der F&uuml;rsten und Helden des
+Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner geistigen
+F&uuml;hrer. Der nat&uuml;rliche menschliche Egoismus hatte der
+Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die
+Herrschenden und Gebildeten sahen &uuml;ber ihren Kreis nicht
+hinaus; wie man in den Feldzugsberichten nur von dem
+Heerf&uuml;hrer als dem Sieger spricht, ihm allein Lorbeeren weiht
+und Denkm&auml;ler baut, und die Tausende, die eigentlich die
+Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das Volk, der
+Tr&auml;ger der Menschheitsgeschichte, &uuml;ber denjenigen fast
+vergessen, die, beg&uuml;nstigt von Gl&uuml;ck oder von der
+Begabung, weithin sichtbar aus der Masse hervorragten. Die
+fortschreitende &ouml;konomische Entwicklung befreite diese Masse
+mehr und mehr aus ihrem Sklavenverh&auml;ltnis, und w&auml;hrend
+auf der einen Seite die Unterschiede zwischen Reichtum und Armut
+sich versch&auml;rften, wurde andrerseits eine gewisse Gleichheit
+der Bildung und Aufkl&auml;rung bef&ouml;rdert. Mit der Sklaverei
+und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum
+Selbstbewu&szlig;tsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht,
+bei der Bestimmung &uuml;ber sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und
+gedieh zu einem Machtfaktor, mit dem gerechnet werden mu&szlig;.
+Als es anfing, sich bemerkbar zu machen, wurde es von der
+Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man begann, sein Leben,
+F&uuml;hlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu
+erforschen, und er&ouml;ffnete damit ein Gebiet, das einen fast
+unersch&ouml;pflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt.</p>
+
+<p>Einen &auml;hnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau
+durchmessen. Sie steht jetzt in allen Kulturl&auml;ndern auf dem
+Punkt, sich ihre wirtschaftliche, rechtliche und sittliche
+Gleichberechtigung zu erk&auml;mpfen. Nur f&uuml;r denjenigen, der
+die Entwicklungsgeschichte kennt, der wei&szlig;, welch langen,
+m&uuml;hevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zur&uuml;cklegen
+mu&szlig;te, wird die gro&szlig;e, weit &uuml;ber ihr Geschlecht
+hinausreichende Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der
+Tiefe des weiblichen Wesens und seiner Geschichte ist die
+Frauenfrage herausgewachsen, und sie mu&szlig; bis in ihre Wurzeln
+hinein verfolgt werden, um die ganze Schwierigkeit der in ihr
+enthaltenen Probleme zu erkennen und die richtigen Mittel zu ihrer
+L&ouml;sung zu finden.</p>
+
+<p>Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt
+sich, soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im
+Dunkeln sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir
+diesen Boden verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein
+Bild des Lebens der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen,
+finden wir sie immer in einem Zustand der Enge und Begrenztheit des
+pers&ouml;nlichen Daseins. Er war zun&auml;chst durch die Natur
+ihres Geschlechts selbst begr&uuml;ndet. Die Mutterschaft
+beschr&auml;nkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie
+schutzbed&uuml;rftig, obgleich&mdash;was wir berechtigt sind
+anzunehmen&mdash;die Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute
+mit pathologischen Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind
+jedoch bedurfte infolge seiner v&ouml;lligen Unselbst&auml;ndigkeit
+der m&uuml;tterlichen F&uuml;rsorge und w&auml;hrend der
+Mann&mdash;in welcher Periode der Menschheitsentwicklung
+immer&mdash;ungehindert durch Geschlechtsbeschr&auml;nkungen seinen
+Trieben folgen konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum
+Bewu&szlig;tsein kommende Naturgesetz, da&szlig; die Mutter an das
+Kind gefesselt war. Es machte die Frau im Vergleich, zum Mann von
+vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und Leiden auf, die niemand
+ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim der Entwicklung
+aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich.</p>
+
+<p>Die Mutterliebe, jenes urspr&uuml;nglichste Gef&uuml;hl, war die
+erste Erhellung moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging
+vom Weibe jede Erhebung der Gesittung aus.<a name=
+"FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1"><sup>1</sup></a> Denn nicht
+der Bund zwischen Mann und Weib war, wie uns viele glauben machen
+wollen, die erste, unumst&ouml;&szlig;liche Vereinigung, sondern
+der Bund zwischen Mutter und Kind.<a name="FNanchor_2"></a><a href=
+"#Footnote_2"><sup>2</sup></a></p>
+
+<p>Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das
+erste Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den
+Mythologieen vieler V&ouml;lker finden wir daher die Spuren
+g&ouml;ttlicher Verehrung des weiblichen Prinzips in der Natur: In
+der G&ouml;ttin Isis beteten die Aegypter die fruchtbare Erde an.
+Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand, war die
+Personifikation der m&uuml;tterlichen, geb&auml;renden Kraft. Von
+der Urmutter Themis erf&auml;hrt Zeus das nur ihr bekannte
+Geheimnis des Alls. Ueber Odin, den G&ouml;ttervater und alle
+G&ouml;tter der Germanen stehen. Die Schicksalsg&ouml;ttinnen, die
+Nornen. Gunnl&ouml;d, ein Weib, verwahrt den Trank der
+h&ouml;chsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil.</p>
+
+<p>Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft
+zwischen Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion,
+sondern auch dem primitiven Recht zu Grunde. F&uuml;r das
+nat&uuml;rliche, durch keinerlei Kl&uuml;geleien beirrte
+Rechtsbewu&szlig;tsein war das Kind Eigentum der Mutter, die es
+unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ern&auml;hrte, seine ersten
+Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu
+verwundern, da&szlig; sich &uuml;bereinstimmend bei zahlreichen
+V&ouml;lkern eine Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen
+l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie
+mit Weiberherrschaft identisch w&auml;re, und es giebt sogar
+Vork&auml;mpfer der Frauenbewegung, die in der Gyn&auml;kokratie
+das goldene Zeitalter der Freiheit und Gleichheit des weiblichen
+Geschlechtes preisen, das verlorene Paradies, das wieder gefunden
+werden mu&szlig;. Wer dagegen die Forschungen Morgans, Bachofens
+und anderer n&uuml;chtern pr&uuml;ft, vor dessen Augen erscheint
+die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verkl&auml;rung als
+ein Zustand primitivster Kultur f&uuml;r Mann und Weib, und er
+findet keinerlei Zeichen daf&uuml;r, da&szlig; das Weib eine
+"Oberherrschaft" nach unseren Begriffen ausge&uuml;bt hat.<a name=
+"FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3"><sup>3</sup></a></p>
+
+<p>Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach
+jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem
+Tierreich losgel&ouml;st; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich
+zum Schutz vor den wilden und st&auml;rkeren Tieren vermutlich
+aufgehalten hat, zur Erde herabgestiegen und hat den ersten Triumph
+seines entwickelten Geistes gefeiert, indem er nicht nur den Stein
+gegen die Bedroher seines Lebens schleudern lernte, sondern ihn
+durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete. Nun wird der Verfolgte zum
+Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen und k&auml;mpfen,
+giebt es doch noch heute wilde V&ouml;lkerschaften, in denen die
+Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,<a name=
+"FNanchor_4"></a><a href="#Footnote_4"><sup>4</sup></a> aber sobald
+sie Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht
+zugleich die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das
+sch&uuml;tzende Dach f&uuml;r sich und ihren hilflosen
+S&auml;ugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt,
+h&uuml;llt sie instinktiv das kleine frierende Gesch&ouml;pf und
+gewinnt dadurch die Anregung, schlie&szlig;lich auch f&uuml;r sich
+ein deckendes und w&auml;rmendes Kleidungsst&uuml;ck zu schaffen.
+Sie mu&szlig;, wenn die Nahrungsquelle in ihrer Brust versiegt, den
+Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so lernt sie die
+Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des Wildes,
+der Fische und V&ouml;gel dazu verwendet, das ihr der Mann von
+seinen Jagdz&uuml;gen bringt, sie benutzt auch die Knollen,
+K&ouml;rner und Fr&uuml;chte, die sie selbst findet, und gewinnt
+schlie&szlig;lich die Fertigkeit, sie f&uuml;r den Gebrauch
+anzupflanzen.<a name="FNanchor_5"></a><a href=
+"#Footnote_5"><sup>5</sup></a></p>
+
+<p>Die Frau wurde immer se&szlig;hafter und der Mann, dessen Leben
+sich zwischen Kampf und Jagd abspielte, sah ihre H&uuml;tte bald
+als den Zufluchtsort an, wo er nicht nur zu fl&uuml;chtiger Ruhe
+einkehrte und Obdach, Nahrung und Kleidung fand, sondern wo er auch
+seine Beute verwahren konnte. Noch anziehender wurde die H&uuml;tte
+f&uuml;r den Mann und noch wichtiger die Gebundenheit der Frau, als
+die Menschheit das Feuer kennen und sch&auml;tzen lernte.
+Wahrscheinlich ist es ihr durch die Z&uuml;ndkraft des Blitzes
+bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum&mdash;ein echtes
+Geschenk des Himmels&mdash;geh&uuml;tet, weil die Fertigkeit, es
+selbst hervorzurufen, erst in weit sp&auml;terer Zeit erworben
+wurde. Die nat&uuml;rliche H&uuml;terin und Bewahrerin des Feuers
+war die Frau.<a name="FNanchor_6"></a><a href=
+"#Footnote_6"><sup>6</sup></a> Und so war es nicht der dem
+Urmenschen so h&auml;ufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe
+zu Weib und Kind&mdash;Gef&uuml;hle, die nur die Produkte einer
+h&ouml;heren Kultur sein k&ouml;nnen&mdash;, welche ihn an den
+h&auml;uslichen Herd immer wieder zur&uuml;ckzogen, sondern
+lediglich die rohen, physischen Bed&uuml;rfnisse.</p>
+
+<p>Von einer Ehe in unserem Sinn war nat&uuml;rlich keine Rede; dem
+regellosen Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte
+Blutgemeinschaftsfamilie, in der die einzelnen Generationen sich
+nicht mehr miteinander vermischten. Bei der geringen numerischen
+Ausdehnung, die die Menschheit urspr&uuml;nglich gehabt haben
+mu&szlig;, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die
+Vermischung von Blutsverwandten selbstverst&auml;ndlich. Ebenso
+selbstverst&auml;ndlich ist es aber auch, da&szlig; diese Form der
+Familie nicht auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich
+vielmehr von selbst aufl&ouml;ste, sobald sie durch ihre
+Gr&ouml;&szlig;e im Bereich des m&uuml;tterlichen Herdes weder Raum
+noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der
+Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der
+Schw&auml;gerschaftsverb&auml;nde (Punaluafamilie, nach Morgan) ist
+nicht auf eine h&ouml;here sittliche Erkenntnis
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, sondern auf die uralten Triebkr&auml;fte
+der Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der
+Sitte die Moral einer jeden Zeit.</p>
+
+<p>Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des
+einen Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete
+sozusagen alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und
+der ehelichen Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen
+wurde ein v&auml;terliches Recht an den Kindern nicht geltend
+gemacht, sie geh&ouml;rten ausschlie&szlig;lich der Mutter, die sie
+geboren hatte, und deren Stamm. Der Mann f&uuml;hrte das Weib nicht
+wie ein pers&ouml;nliches Eigentum in sein Haus, sondern er kam in
+das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser Rechtszustand, der zur
+Zeit der Blutgemeinschafts- wie der Punaluafamilie der herrschende
+war, nicht auf eine hohe moralische Wertsch&auml;tzung der Frau
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, sondern auf die urspr&uuml;ngliche
+Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er
+hatte auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte
+vielmehr den Grund zu der feststehenden Meinung, da&szlig; das
+Arbeitsgebiet der Frau allein auf das Haus zu beschr&auml;nken
+sei.</p>
+
+<p>Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen
+Zweigen, mit der Zunahme der Bebauung des Bodens&mdash;lauter
+Arbeitsarten, die im Bereiche des urspr&uuml;nglichen Hauswesens
+lagen und daher haupts&auml;chlich der Frau zufielen&mdash;, wurde
+die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er selbst war, je dichter
+sich die Erde bev&ouml;lkerte, immer mehr in K&auml;mpfen mit den
+Nachbarn oder mit den Volksst&auml;mmen, durch deren Land er als
+Nomade zog, verwickelt. Zun&auml;chst waren es nur K&auml;mpfe um
+die t&auml;gliche Nahrung, um die Jagdgr&uuml;nde; als er es aber
+verstand, die Tiere nicht nur zu erlegen, sondern zu z&auml;hmen
+und zu z&uuml;chten, da k&auml;mpfte er f&uuml;r den Schutz und um
+die Vergr&ouml;&szlig;erung seines Besitzes. In fr&uuml;heren
+Perioden, wo er nichts besa&szlig;, als was er t&auml;glich
+gebrauchte, hatte er den gefangenen Feind entweder get&ouml;tet,
+oder als Gleichen und Freien in seine Blutsfreundschaft
+aufgenommen, jetzt, wo er mehr besa&szlig;, als er gebrauchte,
+bedurfte er der Arbeitskr&auml;fte in seinem Dienst, daher machte
+er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im
+unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die
+Sklaverei. Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des
+Herrn beugen mu&szlig;te, war das Weib, die Mutter seiner Kinder,
+zur ersten Sklavin geworden.</p>
+
+<p>Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten
+Verh&auml;ltnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen.
+Durch sie erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder
+erk&auml;mpfte, ein Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der
+Besitz vergr&ouml;&szlig;erte, desto wichtiger wurde ihre
+Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster Kultur auch eine
+erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den steigenden
+Bed&uuml;rfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und
+umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die H&uuml;tte, die das
+Weib einst zusammenf&uuml;gte, war nichts als ein Obdach, das alle
+im Notfall benutzen konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet
+oder aus behauenen Bl&ouml;cken aufgerichtet wurde und Waffen,
+Vorr&auml;te, Erz und Felle barg, war ein wertvoller Besitz. Das
+Wild, das der Mann fr&uuml;her t&auml;glich erlegte, war nichts als
+ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt auf seinem
+Boden weideten, repr&auml;sentierten ein Kapital, das durch
+M&auml;nnerf&auml;uste gegen den Nachbarn gesch&uuml;tzt werden
+mu&szlig;te. Und die Kinder, die fr&uuml;her das unbestrittene
+Eigentum der Mutter waren, wurden zu wertvollen Arbeitskr&auml;ften
+und Kampfgenossen f&uuml;r den Vater. Es kam aber noch ein sehr
+wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte n&auml;chst der Habsucht
+jenen Egoismus gezeitigt, der &uuml;ber den Tod hinaus reicht und
+dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der
+Besitzende w&uuml;nschte rechtm&auml;&szlig;ige Erben f&uuml;r
+seinen Besitz.</p>
+
+<p>Das Mutterrecht mu&szlig;te dem Rechte des Vaters weichen. Als
+Arbeiterin und als Mutter rechtm&auml;&szlig;iger Kinder hatte das
+Weib einen Wert bekommen, der sich dadurch ausdr&uuml;ckte,
+da&szlig; sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh, Waffen oder Erz
+eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit, die
+grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter
+mu&szlig;te sich die m&ouml;glichste Sicherheit verschaffen,
+da&szlig; sie ihm legitime Erben gebar.</p>
+
+<p>Der f&uuml;r die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle
+Fortschritt zur Einzelehe war daher f&uuml;r die Frau zun&auml;chst
+nichts als eine Station auf ihrem Kreuzesweg.<a name=
+"FNanchor_7"></a><a href="#Footnote_7"><sup>7</sup></a> Denn die
+monogame Familie entstand nicht infolge der Erkenntnis ihres
+h&ouml;heren sittlichen Werts, sondern auf Grund &ouml;konomischer
+R&uuml;cksichten. Die Monogamie bestand nur f&uuml;r die Frau, wie
+die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert
+wurde.</p>
+
+<p>Sich, wie es h&auml;ufig geschieht, &uuml;ber diese einseitige
+Monogamie und &uuml;ber die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung
+der Treue sittlich zu entr&uuml;sten, hie&szlig;e ihren Ursprung
+verkennen, der nicht in der Niedertracht des m&auml;nnlichen
+Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen zu
+suchen ist.</p>
+
+<p>Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von
+Religion und Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles
+Recht, von der Manava an bis zum Koran, als g&ouml;ttliches Gesetz
+betrachtet wurde und auf religi&ouml;ser Basis<a name=
+"FNanchor_8"></a><a href="#Footnote_8"><sup>8</sup></a> ruhte, so
+war das Sklavenverh&auml;ltnis des Weibes hier das festeste und
+&uuml;berdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich mit ihr,
+ihren Pflichten und Rechten besch&auml;ftigen, lassen sich dahin
+zusammenfassen, da&szlig; sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor
+allem der S&ouml;hne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse
+des Vaters an rechtm&auml;&szlig;igen Leibeserben, das in der
+patriarchalischen Familie seinen st&auml;rksten Ausdruck fand,
+erweiterte sich bald zum Interesse des Staates an einer
+gen&uuml;genden Zahl kampff&auml;higer M&auml;nner. Die Heirat war
+eine Pflicht gegen&uuml;ber dem Staat, daher wurden z.B. in China
+in jedem Fr&uuml;hjahr die unverheirateten M&auml;nner von 30 und
+Frauen von 20 Jahren einer harten Bestrafung unterworfen, und es
+bestanden genaue gesetzliche Vorschriften &uuml;ber die ehelichen
+Pflichten zum Zweck der Kindererzeugung<a name="FNanchor_9"></a><a
+href="#Footnote_9"><sup>9</sup></a>. Bei den Indern konnte eine
+unfruchtbare Frau im achten Jahre der Ehe mit einer anderen
+vertauscht werden, eine, deren Kinder gestorben waren, im zehnten,
+eine, die nur T&ouml;chter geboren hatte, im elften Jahre<a name=
+"FNanchor_10"></a><a href="#Footnote_10"><sup>10</sup></a>. Der
+Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare Frau zu
+versto&szlig;en oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter
+Beistand der rechtm&auml;&szlig;igen Gattin zur Welt kamen und
+dadurch als legitime Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die
+kinderlose, zu Abraham: "Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch
+vielleicht aus ihr mich bauen m&ouml;ge."<a name=
+"FNanchor_11"></a><a href="#Footnote_11"><sup>11</sup></a> Und
+obwohl bei allen V&ouml;lkern des Orients die Untreue der Frau mit
+dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religi&ouml;sen
+Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mu&szlig;te sich in
+Indien einem Mitglied der Familie des Mannes unter religi&ouml;sen
+Ceremonien vor den Augen ihrer Angeh&ouml;rigen hingeben;<a name=
+"FNanchor_12"></a><a href="#Footnote_12"><sup>12</sup></a> sie fiel
+in Israel, wenn ihr Gatte starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte,
+seinem &auml;ltesten Bruder zu, damit er dem Verstorbenen noch
+Nachkommen zeuge.<a name="FNanchor_13"></a><a href=
+"#Footnote_13"><sup>13</sup></a> Sie war des Mannes
+unbeschr&auml;nktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben
+Stufe mit den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes
+Verm&ouml;gen zu besitzen. Die heiligen Gesetze Indiens
+erkl&auml;ren ausdr&uuml;cklich, da&szlig; alles, was eine Frau
+oder ein Sklave etwa erwirbt, selbst&auml;ndiges Eigentum des Herrn
+ist, "dem sie geh&ouml;ren".<a name="FNanchor_14"></a><a href=
+"#Footnote_14"><sup>14</sup></a> Von Geburt an bis zum Tode sind
+die Frauen vollst&auml;ndig unfrei; als M&auml;dchen sind sie von
+ihrem Vater, als Frauen von ihrem Gatten, als Witwen von ihren
+S&ouml;hnen oder Blutsverwandten abh&auml;ngig.<a name=
+"FNanchor_15"></a><a href="#Footnote_15"><sup>15</sup></a></p>
+
+<p>Aus alledem geht hervor, da&szlig; die Frauen im Orient nur ein
+Werkzeug zur Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Au&szlig;erhalb
+ihres einzigen Berufes, dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei
+Wert und Bedeutung, ja sie wurden so ausschlie&szlig;lich als
+Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet, da&szlig; von jener
+ehrf&uuml;rchtigen Verehrung, welche die in den Phantasiegestalten
+zahlreicher G&ouml;ttinnen personifizierte Mutterschaft unter den
+V&ouml;lkern des Abendlandes geno&szlig;, im Orient, mit Ausnahme
+von Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das
+Weib verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig
+erw&uuml;nschten Sohnes eine Tochter gebar.<a name=
+"FNanchor_16"></a><a href="#Footnote_16"><sup>16</sup></a> Die
+J&uuml;din, die einen Knaben zur Welt brachte, blieb sieben Tage
+unrein; war ihr Kind ein M&auml;dchen, so blieb sie es vierzehn
+Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die Mutter eines
+bl&uuml;henden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein unheiliges,
+von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel
+gekennzeichnetes Gesch&ouml;pf. Dieser Auffassung entsprach auch
+der Mythus von der Stammmutter Eva, von der alle S&uuml;nde und
+alles Ungl&uuml;ck der Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu,
+ist niedertr&auml;chtig wie die Falschheit selbst, es mu&szlig; wie
+Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche oder dem Strick
+gez&uuml;chtigt werden.<a name="FNanchor_17"></a><a href=
+"#Footnote_17"><sup>17</sup></a> Nur der Mann hat, nach dem Glauben
+der Chinesen, eine unsterbliche Seele;<a name="FNanchor_18"></a><a
+href="#Footnote_18"><sup>18</sup></a> Brahma verbietet dem Weibe,
+die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt,
+da&szlig; die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen
+bleiben; mit den Kindern und Sklaven stehen die Hebr&auml;erinnen
+auf einer Stufe, wenn auch ihnen die Ber&uuml;hrung des Gesetzes
+nicht gestattet ist. Der Talmud sch&auml;tzt die Ehre der Frau nach
+ihrem Verm&ouml;gen, denn nur dann gilt sie als
+rechtm&auml;&szlig;ige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn
+sie eine Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung
+mit dem Mann nur ein Konkubinat.<a name="FNanchor_19"></a><a href=
+"#Footnote_19"><sup>19</sup></a></p>
+
+<p>Die Kulturentwicklung der alten orientalischen V&ouml;lker stand
+schon weit genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um
+das Verbrechen, arm zu sein, durch Schande zu strafen. Gro&szlig;
+war daher die Zahl der armen Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft
+ihren Leib verkaufen mu&szlig;ten. So hart aber auch das Los der
+als M&auml;gde und Sklavinnen in strengem Dienstverh&auml;ltnis zu
+ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer Unterschied
+zwischen dem der beg&uuml;terten und der rechtm&auml;&szlig;igen
+Gattinnen war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes
+stand gleichm&auml;&szlig;ig tief.</p>
+
+<p>Gegen&uuml;ber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen
+f&uuml;r die Repr&auml;sentanten einer bedeutend h&ouml;heren
+Kultur zu halten. Nehmen wir jedoch die Stellung der Frau zum
+Ma&szlig;stab f&uuml;r unser Urteil, so mu&szlig; es ganz anders
+lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten sogar
+erhebliche R&uuml;ckschritte auf.</p>
+
+<p>Die Familie war im Orient ein Staat f&uuml;r sich gewesen, der
+Vater der Patriarch, der K&ouml;nig darin. Sie wurde in
+Griechenland fast bedeutungslos, denn der Staat &uuml;bernahm viele
+ihrer wichtigsten Funktionen; der Familienvater war nicht mehr
+Herrscher, sondern Unterthan, seine B&uuml;rgerpflichten entrissen
+ihn vollkommen seiner H&auml;uslichkeit, sein Leben als
+Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und K&uuml;nstler spielte
+sich au&szlig;erhalb des Hauses ab, dessen Gesch&auml;fte und
+Obliegenheiten er ausschlie&szlig;lich der Gattin und den Sklaven
+&uuml;berlie&szlig;. Eines freien Mannes waren sie unw&uuml;rdig
+und wurden um so verachteter, je mehr die Sklaverei zu einem
+wichtigen Faktor im sozialen Leben sich entwickelte. W&auml;hrend
+der Orientale, besonders der Israelit, in der Arbeit keine Schande
+sah und die Z&uuml;chtung und H&uuml;tung der Herden zu seinen
+Pflichten geh&ouml;rte, w&auml;hrend der Schwerpunkt seines Lebens
+in seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch,
+trotz aller Unterdr&uuml;ckung, menschlich n&auml;her stand, sank
+sie in Griechenland vollst&auml;ndig in die Reihen der Sklaven
+hinab.</p>
+
+<p>Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der
+Vater, wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin
+geben; der Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie
+unfruchtbar, so galt es f&uuml;r ein Verbrechen gegen die
+G&ouml;tter, wenn sie nicht versto&szlig;en wurde. Die Pflicht, zum
+Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu schlie&szlig;en,
+wurde vom Staate den M&auml;nnern auferlegt;<a name=
+"FNanchor_20"></a><a href="#Footnote_20"><sup>20</sup></a> durch
+Solons Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe
+unterworfen. Denn noch waren die L&auml;nder nur schwach
+bev&ouml;lkert und vom Zuwachs t&uuml;chtiger B&uuml;rger hing das
+Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher besch&auml;ftigt
+sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer so
+eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung.</p>
+
+<p>Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau
+haben; die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war
+aber unbeschr&auml;nkt, und der einzige Fortschritt gegen&uuml;ber
+den orientalischen Zust&auml;nden bestand darin, da&szlig; ihre
+Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder der Familie waren, sondern es
+erst durch die Legitimation ihres Vaters werden konnten. Die aus
+dem v&auml;terlichen Hause meist in sehr jungen Jahren in das des
+Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in v&ouml;lliger
+Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Ber&uuml;hrung mit der
+Au&szlig;enwelt; sie durfte weder am &ouml;ffentlichen noch am
+geselligen Leben Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, &uuml;ber
+deren Grenze die tugendhafte Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und
+wenn Dichter und Schriftsteller auch versuchten, sie ihr zu
+verkl&auml;ren<a name="FNanchor_21"></a><a href=
+"#Footnote_21"><sup>21</sup></a>&mdash;genau wie es heute
+geschieht&mdash;so war ihre Lage doch die einer physisch und
+geistig allen Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche
+verachtet wurde. Von einem Griechen stammt jener bekannte
+Ausspruch, wonach diejenigen Frauen am meisten Ruhm verdienen, von
+denen am wenigsten gesprochen wird,<a name="FNanchor_22"></a><a
+href="#Footnote_22"><sup>22</sup></a> und er bedeutet nichts
+anderes, als da&szlig; die Frau im Guten ebensowenig wie im
+B&ouml;sen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach nur der
+allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes der
+Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und
+sagte, da&szlig; man Frauen nur nehme, um rechtm&auml;&szlig;ige
+Kinder zu zeugen, Beischl&auml;ferinnen, um eine gute Pflege zu
+haben, und Buhlerinnen, um die Freuden der Liebe zu genie&szlig;en.
+Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte der Grieche nicht.<a name=
+"FNanchor_23"></a><a href="#Footnote_23"><sup>23</sup></a> Im
+besten Fall war sein Gef&uuml;hl f&uuml;r die Gattin die
+wohlwollende Anh&auml;nglichkeit eines Patrons zu seinem
+Klienten.<a name="FNanchor_24"></a><a href=
+"#Footnote_24"><sup>24</sup></a> Nicht die in strenger
+Zur&uuml;ckgezogenheit lebende, von klein auf zu k&uuml;hler
+Keuschheit und Zur&uuml;ckhaltung erzogene Frau war der Gegenstand
+seiner Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die
+Het&auml;re.</p>
+
+<p>Die uralte Verehrung des m&uuml;tterlichen Prinzips in der
+Natur, der Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem
+allm&auml;hlichen Verfall des Mutterrechts mehr und mehr
+verwandelt. Einst mu&szlig;ten sich die Jungfrauen Aegyptens einmal
+in ihrem Leben im Tempel der G&ouml;ttin der Fruchtbarkeit einem
+Fremden preisgeben, sp&auml;ter bev&ouml;lkerten zahlreiche Frauen
+das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder
+Mylitta. Denn hart war das Los der M&auml;gde und Sklavinnen; nur
+die M&auml;dchen, welche eine Mitgift besa&szlig;en, hatten
+Aussicht auf eine legitime Ehe, und auch das Schicksal
+rechtm&auml;&szlig;iger Frauen war ein trauriges. Da kann es nicht
+wunder nehmen, wenn Not, Gl&uuml;ckssehnsucht und Freiheitsdurst
+Scharen Armer und Unterdr&uuml;ckter in den Dienst der
+Liebesg&ouml;ttin trieb. Geheiligt durch die Religion,
+gef&ouml;rdert durch Not und Unterdr&uuml;ckung&mdash;so entstand
+in der &auml;ltesten Zeit die Prostitution. Sie wuchs mit der
+Ausdehnung der Sklaverei,&mdash;fast alle bekannten Het&auml;ren
+waren urspr&uuml;nglich Sklavinnen,&mdash;und gewann an Ansehen und
+Bedeutung, je tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im
+allgemeinen war. Ihre Bl&uuml;tezeit erlebte sie in Griechenland,
+als Kunst und Wissenschaft auf ihrer H&ouml;he standen und der
+Kultus der Sch&ouml;nheit die Religion beinahe ersetzte.</p>
+
+<p>Gern trat die sch&ouml;ne Sklavin, auf die das bewundernde Auge
+des Gebieters gefallen war, aus dem engen dumpfen Gyn&auml;konitis
+mit seiner einf&ouml;rmigen Arbeitspflicht auf den offenen Markt
+hinaus, um von den Dichtern besungen, den K&uuml;nstlern gemalt und
+gemei&szlig;elt, dem Volke verehrt zu werden. Und diejenigen
+Frauen, deren reger Geist sich durch das abgeschlossene Leben nicht
+ert&ouml;ten lie&szlig;, in deren Gemach ein Schimmer vom Glanz
+griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten h&auml;ufig
+genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die
+Buhlerin war in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe
+folgen, die an der hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes
+pers&ouml;nlichen Anteil nehmen konnte.<a name="FNanchor_25"></a><a
+href="#Footnote_25"><sup>25</sup></a> Die Geliebte des Perikles,
+Aspasia, die Lehrerin des Sokrates, Diotima, die Sch&uuml;lerin des
+Plato, Lastheneia, die des Epikur, Leontion, nahmen dem
+griechischen Het&auml;rentum das Odium eines ehrlosen Gewerbes und
+erhoben die Het&auml;re in den Augen der hervorragendsten
+M&auml;nner &uuml;ber die Hausfrau, deren Geistes- und
+Gef&uuml;hlsleben k&uuml;nstlich verk&uuml;mmert wurde.</p>
+
+<p>Die Geschichte wei&szlig; von keiner einzigen Griechin zu
+berichten, die sich gegen Sittengesetze emp&ouml;rt h&auml;tte,
+welche als Lohn auf die weibliche Tugend&mdash;die dauernde
+Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster&mdash;die Freiheit
+setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe, wenn
+er seine Iphigenie sagen l&auml;&szlig;t: "Der Frauen Schicksal ist
+beklagenswert", aber in Wirklichkeit besa&szlig; das weibliche
+Geschlecht in dem sonnigen, ruhmgekr&ouml;nten Hellas keine
+Priesterin, die seinem stummen Leid Worte verlieh. Nur den
+gr&ouml;&szlig;ten Denkern der Nation, Plato und Aristoteles,
+scheint es zum Bewu&szlig;tsein gekommen zu sein, da&szlig; die
+Stellung der griechischen Frau eine unw&uuml;rdige war. Wer Platos
+Ausspr&uuml;che, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib
+dieselbe Natur, verm&ouml;ge deren sie geschickt sind zur
+Staatshut", und "die Aemter&mdash;(im Staat)&mdash;sind Frauen und
+M&auml;nnern gemeinsam",<a name="FNanchor_26"></a><a href=
+"#Footnote_26"><sup>26</sup></a> aus dem Zusammenhang
+herausrei&szlig;t, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei
+im modernsten Sinne ein Vork&auml;mpfer der Gleichberechtigung der
+Geschlechter gewesen. Der Sachverhalt ist aber thats&auml;chlich
+folgender: Er teilt die Bev&ouml;lkerung seines Idealstaates in
+drei Klassen, von denen die oberste, die der H&uuml;ter und
+W&auml;chter, die geistig und k&ouml;rperlich vollendetste sein
+soll, weswegen die daf&uuml;r Berufenen eine ganz ungew&ouml;hnlich
+treffliche Erziehung genie&szlig;en m&uuml;ssen. Aber sie sollen
+nicht nur f&uuml;r ihre hohe verantwortliche Stellung als
+Staatsleiter erzogen, sie sollen schon daf&uuml;r geboren werden.
+Und deshalb m&uuml;ssen ihre M&uuml;tter in gleicher Weise zu
+geistig und k&ouml;rperlich &uuml;ber der Masse stehenden Wesen
+herangebildet werden, wie ihre V&auml;ter. Plato
+erkl&auml;rt,&mdash;und das kann bei der hohen geistigen Bildung
+vieler Het&auml;ren seiner Zeit nicht Wunder
+nehmen,&mdash;da&szlig; M&auml;nner und Frauen gleiche
+F&auml;higkeiten besitzen, und da der Staat das h&ouml;chste
+Interesse daran habe, da&szlig; begabte und kr&auml;ftige Kinder
+geboren werden, so m&uuml;sse er die besten m&auml;nnlichen und
+weiblichen Exemplare der obersten Klasse zwangsweise miteinander
+verm&auml;hlen. Genau wie der Tierz&uuml;chter nach seinem Belieben
+Hengst und Stute zusammenf&uuml;hrt, so sollen die Oberen
+bestimmen, nicht nur welche M&auml;nner und Frauen sich
+verm&auml;hlen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen
+d&uuml;rfen,<a name="FNanchor_27"></a><a href=
+"#Footnote_27"><sup>27</sup></a> damit "der Staat weder
+gr&ouml;&szlig;er werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den
+Willen der Oberen erzeugt w&uuml;rde, dessen Eltern sich also
+freiwillig, aus Liebe umarmten, sollte dem Staat f&uuml;r unecht
+und unheilig gelten,<a name="FNanchor_28"></a><a href=
+"#Footnote_28"><sup>28</sup></a> und demselben Schicksal verfallen
+wie die Verkr&uuml;ppelten und Schwachen. Der Staat allein sollte
+das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten Mann zu geben,
+und zwar nicht ein f&uuml;r allemal, sondern so oft er es f&uuml;r
+n&uuml;tzlich hielt auch einem anderen. Der Kinderern&auml;hrung
+und Pflege sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten
+ihnen sofort entrissen und gemeinsam von Ammen und W&auml;rterinnen
+aufgezogen werden. Die Frau sollte, erkl&auml;rt Plato
+ausdr&uuml;cklich, vom zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahre "dem
+Staat geb&auml;ren".<a name="FNanchor_29"></a><a href=
+"#Footnote_29"><sup>29</sup></a> Er vertritt den echt griechischen
+Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und f&uuml;hrt in
+logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die
+Sitte von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate
+die B&uuml;rger zu schenken, Plato w&uuml;nschte, da&szlig; es auch
+t&uuml;chtige B&uuml;rger seien, darum verlangte er, da&szlig; die
+Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet w&uuml;rden. Aber,
+wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus diesem Umstand
+und daraus, da&szlig; er Weibergemeinschaft, gewaltsame Trennung
+von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise
+Geschlechtsverbindung als das W&uuml;nschenswerte pries,
+l&auml;&szlig;t sich ersehen, wie fern es ihm lag, die Frauen, um
+ihrer selbst willen, aus einer unw&uuml;rdigen Stellung zu befreien
+und sie insgesamt den M&auml;nnern gleichzustellen. So gewi&szlig;
+es ist, da&szlig; gro&szlig;e Geister, die einen tieferen Blick
+f&uuml;r die hinter ihnen und die vor ihnen liegende
+Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit
+gewisser Umw&auml;lzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur
+ihre M&ouml;glichkeit einzusehen vermag, so gewi&szlig; ist es
+auch, da&szlig; Fragen, die erst nach langer Zeit zur L&ouml;sung
+reif sein werden, nicht schon Jahrhunderte vorher von einem
+einzelnen in der Theorie gel&ouml;st werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen gro&szlig;en
+Dienst geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und
+die Pflicht des Staates, sie f&uuml;r ihren Naturberuf f&auml;hig
+und w&uuml;rdig zu machen, in eindringlicher Weise zum Ausdruck
+brachte.</p>
+
+<p>Weniger eingehend hat sich Aristoteles &uuml;ber die Stellung
+der Frauen ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach
+modernen Begriffen war, so wenig war Aristoteles der erste
+Antifrauenrechtler, f&uuml;r den er oft gehalten wird. Wenn er
+sagt, da&szlig; die Herrschaft des Mannes &uuml;ber das Weib mit
+der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien Republik
+zu vergleichen sei,<a name="FNanchor_30"></a><a href=
+"#Footnote_30"><sup>30</sup></a> und wenn er erkl&auml;rt,
+da&szlig; die eheliche nicht zugleich die urspr&uuml;nglichste
+herrschaftliche Gesellschaft und das Weib nicht der Sklave des
+Mannes sei,<a name="FNanchor_31"></a><a href=
+"#Footnote_31"><sup>31</sup></a> so war das gegen&uuml;ber der
+thats&auml;chlichen Stellung der griechischen Frau eine
+revolution&auml;re Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er
+sogar mit Plato &uuml;berein, denn auch er forderte Musik und
+Gymnastik<a name="FNanchor_32"></a><a href=
+"#Footnote_32"><sup>32</sup></a> f&uuml;r beide Geschlechter. Einen
+h&ouml;heren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen
+Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie f&uuml;r ihre
+h&ouml;chste Form. Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen
+Tugenden spricht<a name="FNanchor_33"></a><a href=
+"#Footnote_33"><sup>33</sup></a> und meint, ein Mann sei noch
+feige, wenn er so heldenm&uuml;tig w&auml;re, wie eine Frau, so
+erinnert dieser Ausspruch augenf&auml;llig an den Platos, der im
+Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, da&szlig; alle feigen und
+ungerechten M&auml;nner bei der Wiedergeburt "wie billig" zu
+Weibern w&uuml;rden.<a name="FNanchor_34"></a><a href=
+"#Footnote_34"><sup>34</sup></a></p>
+
+<p>So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen
+nicht von dem Einflu&szlig; ihrer Zeit und ihres Volkes befreien.
+Auch f&uuml;r sie war die Frau ein minderwertiger Mensch.</p>
+
+<p>Wollen wir nun statt der Griechin die R&ouml;merin betrachten,
+so tritt der Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir
+Cornelia, die Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter
+Telemachs, gegen&uuml;berstellen: hier w&uuml;rdevolle
+Gr&ouml;&szlig;e, ruhige Selbst&auml;ndigkeit, dort &auml;ngstliche
+Sch&uuml;chternheit, Bed&uuml;rfnis nach Schutz und Anlehnung; hier
+S&ouml;hne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der
+sie, als der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der
+Egeria, der weisen Beraterin K&ouml;nig Numa Pompilius', spricht
+sich die Achtung des R&ouml;mers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag
+in der d&uuml;nnen Bev&ouml;lkerung des Landes zu suchen sein, in
+dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die Geschichte vom Raub der
+Sabinerinnen spricht f&uuml;r diese Annahme, ebenso die
+urspr&uuml;nglich f&uuml;r Mann und Weib gleich strenge
+monogamische Ehe. Es gab nicht so viel Frauen, als da&szlig; der
+Mann ihrer mehrere h&auml;tte haben k&ouml;nnen. Er forderte von
+seinem Weibe unverbr&uuml;chliche Treue, aber seine Volksgenossen
+forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte zugleich den
+Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten.</p>
+
+<p>Die R&ouml;mer waren in ihren ersten historischen Anf&auml;ngen
+ein abgeh&auml;rtetes Landvolk. Ihre G&ouml;tter waren
+Personifikationen der Saat, des Lichtes, des Lenzes. Der Begriff
+der Familie umschlo&szlig; Eltern, Kinder, Knechte und M&auml;gde
+gleichm&auml;&szlig;ig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die
+Arbeit, der nichts Ehrloses anhaftete, besch&auml;ftigte sie
+gemeinsam. Die r&ouml;mische Hausfrau, die Matrone, stand der
+inneren Wirtschaft und der Erziehung der Kinder vor. Ihre Stellung
+war von vornherein eine gefestigtere und ehrw&uuml;rdigere, da sie
+keine Rivalin neben sich hatte und die einzige Herrin im Hause
+war.</p>
+
+<p>Die h&ouml;here Achtung, die sie geno&szlig;, verschaffte der
+R&ouml;merin auch gr&ouml;&szlig;ere Freiheit. Sie empfing des
+Hauses G&auml;ste mit dem Gatten, sie war nicht in das Frauenhaus
+eingeschlossen, sie nahm teil an &ouml;ffentlichen Festen und
+besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die
+Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals
+verf&uuml;gte sie frei &uuml;ber ihr Eigentum; thats&auml;chlich
+war es sogar das Eigentum, durch das sie unm&uuml;ndig wurde. So
+konnte nach altr&ouml;mischem Recht das unter v&auml;terlicher
+Gewalt lebende M&auml;dchen, das also selbst kein Verm&ouml;gen
+besa&szlig;, &uuml;ber seine Person frei verf&uuml;gen; die unter
+Vormundschaft stehende Waise dagegen, die im Besitz des
+v&auml;terlichen Erbes war, blieb in allen ihren Handlungen
+v&ouml;llig unfrei. Daraus ergiebt sich, da&szlig; nicht die Frau
+an sich, sondern die Frau als Eigent&uuml;merin eines
+Verm&ouml;gens unter gesetzlichem Schutze stand.<a name=
+"FNanchor_35"></a><a href="#Footnote_35"><sup>35</sup></a> Sie
+durfte weder ein Testament, noch Geschenke, noch Schulden machen;
+die r&ouml;mischen Rechtslehrer selbst erkennen an,<a name=
+"FNanchor_36"></a><a href="#Footnote_36"><sup>36</sup></a>
+da&szlig; die Vormundschaft &uuml;ber die Frau eine Institution
+sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag.
+Nur in einem Punkt geno&szlig; sie w&auml;hrend der Bl&uuml;tezeit
+der Republik dieselben Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum
+Forum und konnte sowohl in eigener wie in fremder Sache als Zeuge
+oder als Verteidiger auftreten. So wird von Amesia Sentia
+erz&auml;hlt, da&szlig; sie sich unter ungeheuerem Zulauf des
+Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand, worauf
+fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,<a name=
+"FNanchor_37"></a><a href="#Footnote_37"><sup>37</sup></a> und von
+Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre
+gl&uuml;hende Beredsamkeit durchsetzte, da&szlig; die Frauen der
+Bezahlung einer ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.<a
+name="FNanchor_38"></a><a href="#Footnote_38"><sup>38</sup></a></p>
+
+<p>Allzu schnell wurden die R&ouml;mer aus einem schlichten
+ackerbautreibenden Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und
+fr&uuml;h schon trug ihre Existenz den Todeskeim in sich. Die
+siegreichen Feldz&uuml;ge, die Unterdr&uuml;ckung ganzer Nationen
+waren von b&ouml;sen Folgen begleitet, denn nicht nur da&szlig; auf
+ihre rohe Kultur griechische &Uuml;berfeinerung, orientalische
+Perversit&auml;t und Genu&szlig;sucht gepfropft wurde&mdash;ein
+Umstand, der auf alle Naturv&ouml;lker verderblich wirkt&mdash;,
+auch das Grund&uuml;bel der Staatenbildung im Altertum, das
+Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich
+hier zur h&ouml;chsten Bl&uuml;te.<a name="FNanchor_39"></a><a
+href="#Footnote_39"><sup>39</sup></a> Ungeheuere Reicht&uuml;mer
+str&ouml;mten aus allen Teilen der Welt in Rom zusammen; sie
+vereinigten sich in den H&auml;nden weniger. An Stelle der kleinen,
+freien Bauern trat der Gro&szlig;grundbesitzer, an Stelle des
+kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Gro&szlig;kaufmann
+mit seinen Sklaven.<a name="FNanchor_40"></a><a href=
+"#Footnote_40"><sup>40</sup></a> Massen von Sklaven arbeiteten in
+den Pal&auml;sten f&uuml;r ihre Gebieter und ein solches
+Gemeinwesen aus Million&auml;ren und Bettlern mu&szlig;te die
+&auml;u&szlig;erste sittliche Zerr&uuml;ttung zur Folge haben.<a
+name="FNanchor_41"></a><a href="#Footnote_41"><sup>41</sup></a></p>
+
+<p>Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der
+Arbeit. Nur der reiche Mann, der durch die Th&auml;tigkeit des
+Sklaven lebte, galt f&uuml;r anst&auml;ndig; jede Arbeit, die
+k&ouml;rperliche Anstrengung erforderte, war ehrlos, und der Arme,
+der sich durch seiner H&auml;nde Arbeit sein Brot verdiente, wurde
+ver&auml;chtlich als ein gemeiner Mann behandelt.<a name=
+"FNanchor_42"></a><a href="#Footnote_42"><sup>42</sup></a>
+Verderblicher noch als f&uuml;r die m&auml;nnliche Bev&ouml;lkerung
+war diese moralische Dekadenz f&uuml;r die weibliche. Der
+r&ouml;mische B&uuml;rger konnte, auch wenn die manuelle Arbeit
+eine f&uuml;r ihn unw&uuml;rdige war, seine geistigen und
+physischen Kr&auml;fte als Politiker, als Philosoph, als
+K&uuml;nstler, Dichter und Krieger beth&auml;tigen. Er konnte
+dadurch dem entsittlichenden Einflu&szlig; des Reichtums Schranken
+setzen. Seine Gattin dagegen, der die F&uuml;hrung des Hausstandes,
+ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von Sklaven
+abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte dem
+Staat gegen&uuml;ber weder Rechte noch Pflichten und daher kein
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r &ouml;ffentliche Fragen; ihre Erziehung
+wurde in jeder Weise vernachl&auml;ssigt, daher hatte sie nur ein
+ganz oberfl&auml;chliches Interesse an Kunst und Wissenschaft.
+Reichtum und Langeweile trieb die r&ouml;mische B&uuml;rgerin der
+Genu&szlig;sucht und Sittenlosigkeit in die Arme, w&auml;hrend die
+arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen,
+die Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl
+vermehrte. Der aus Griechenland und dem Orient eingef&uuml;hrte
+Dienst der Liebesg&ouml;ttinnen kam dabei den Neigungen und
+W&uuml;nschen der Frauen entgegen, die die w&uuml;stesten Orgien
+aus ihm machten.<a name="FNanchor_43"></a><a href=
+"#Footnote_43"><sup>43</sup></a></p>
+
+<p>Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon
+w&auml;hrend der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr
+Besitz an Gold und Kleidern beschr&auml;nkt und ihnen verboten
+wurde, in einem Wagen zu fahren. Bald jedoch emp&ouml;rten sich die
+Frauen gegen diese Beeintr&auml;chtigung und zwei
+B&uuml;rgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da
+trat zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter
+altr&ouml;mischer Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die
+Frauen auf. Unter gro&szlig;em Zusammenlauf der R&ouml;merinnen
+erkl&auml;rte er, da&szlig; jede Menschenart gef&auml;hrlich sei,
+wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu
+beratschlagen. Gebe man den W&uuml;nschen der Frauen nach, die
+lediglich ihrer Genu&szlig;sucht fr&ouml;hnen wollten, so
+w&uuml;rden sie bald volle Gleichberechtigung fordern und die
+M&auml;nner auch im Staatsleben zu beherrschen suchen.<a name=
+"FNanchor_44"></a><a href="#Footnote_44"><sup>44</sup></a> Diese
+Philippika des strengen R&ouml;mers,&mdash;der es &uuml;brigens
+selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte hielt,
+da&szlig; er sich von seiner Frau scheiden lie&szlig;, weil ein
+Freund von ihm sie zu heiraten w&uuml;nschte, und sie wieder zur
+Gattin nahm, als dieser sie nicht mehr mochte&mdash;hatte
+zun&auml;chst wenig Erfolg, denn das Oppische Gesetz wurde
+aufgehoben. Siebzehn Jahre sp&auml;ter beantragte der Tribun
+Voconius, da&szlig; keine Frau erbberechtigt sein und Legate von
+mehr als 100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen d&uuml;rfe. Der
+damals achtzigj&auml;hrige Cato versagte es sich nicht, mit dem
+ganzen Gewicht seines Ansehens und seiner Beredsamkeit f&uuml;r
+diesen Antrag zu k&auml;mpfen, indem er die Ausschweifungen und die
+Genu&szlig;sucht der R&ouml;merinnen heftig tadelte, und seine
+Annahme schlie&szlig;lich durchsetzte.<a name="FNanchor_45"></a><a
+href="#Footnote_45"><sup>45</sup></a></p>
+
+<p>Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur
+mit den Symptomen statt mit dem Grund&uuml;bel besch&auml;ftigt, so
+hatte auch dieses keine anderen Folgen, als da&szlig; die davon
+Betroffenen es auf Schleichwegen zu umgehen suchten. Um sich von
+der verm&ouml;gensrechtlichen Unselbst&auml;ndigkeit zu befreien,
+schlossen die Frauen h&auml;ufig mit M&auml;nnern, die sich dazu
+hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.<a name=
+"FNanchor_46"></a><a href="#Footnote_46"><sup>46</sup></a> Sie
+versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einflu&szlig;
+zu gewinnen, indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art
+die Abschaffung der Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser
+Thatsache, die in die Zeit des Verfalls der r&ouml;mischen Republik
+fiel, ist sehr h&auml;ufig der Schlu&szlig; gezogen worden,
+da&szlig; die Emanzipationsbestrebungen der Frauen stets ein
+Zeichen f&uuml;r die Dekadenz des Volks, dem sie angeh&ouml;ren,
+und ein Beweis f&uuml;r die Korruption aller Sitten sind. Die
+Emanzipationsbestrebungen der R&ouml;merinnen aber waren keineswegs
+identisch mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten
+Jahrhunderts. Sie entsprangen weder der Not, noch dem
+Bildungsdrang, noch dem Pflichtgef&uuml;hl gegen&uuml;ber Staat und
+Gesellschaft; sie beschr&auml;nkten sich auf den kleinen Kreis der
+herrschenden, b&uuml;rgerlichen Klasse, die niemals eine
+Tr&auml;gerin gro&szlig;er Reformen und einschneidender
+Umw&auml;lzungen gewesen ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im
+modernen Sinn konnte es nicht geben. Dazu waren die r&ouml;mischen
+B&uuml;rgerinnen durch den gro&szlig;en Reichtum moralisch zu
+schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der Sklavinnen durch
+die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und vertiert
+geworden. Wir finden in der r&ouml;mischen Geschichte nirgends eine
+Spur von dem Kampf der Frauen um h&ouml;here Bildung oder
+politische Rechte, sie verlangten nur &uuml;ber ihr Verm&ouml;gen
+frei verf&uuml;gen zu k&ouml;nnen, um in ihrem Genu&szlig;leben
+unbeschr&auml;nkt zu sein.</p>
+
+<p>Von der altr&ouml;mischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden.
+Noch stand auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die
+Gattinnen hochgestellter r&ouml;mischer B&uuml;rger gaben das
+Beispiel, wie man sich ihr entziehen k&ouml;nne; sie lie&szlig;en
+sich in die Listen der Prostituierten eintragen, die straflos ihrem
+Gewerbe nachgehen konnten.<a name="FNanchor_47"></a><a href=
+"#Footnote_47"><sup>47</sup></a></p>
+
+<p>Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit &uuml;berhand;
+die M&auml;nner scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen
+Hausstandes und zogen ein freies Lotterleben vor, das die Denker
+und Dichter ihnen sogar empfahlen.<a name="FNanchor_48"></a><a
+href="#Footnote_48"><sup>48</sup></a> Selbst einer der besten
+M&auml;nner des damaligen Rom, der Censor Metellus Macedonicus, der
+den B&uuml;rgern die Pflicht zu heiraten nachdr&uuml;cklich
+einsch&auml;rfte, erkl&auml;rte sie f&uuml;r eine schwere Last, die
+der Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen m&uuml;sse,<a name=
+"FNanchor_49"></a><a href="#Footnote_49"><sup>49</sup></a> damit
+der Staat nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon
+fr&uuml;h als eine der ersten B&uuml;rgerpflichten
+hervorhob,&mdash;durch eine zahlreiche Nachkommenschaft dem
+Vaterland zu nutzen,&mdash;das hat die r&ouml;mische erst sp&auml;t
+in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn f&uuml;r den R&ouml;mer war
+die Bezeichnung Kinderzeuger&mdash;proletarius&mdash;lange Zeit ein
+Ehrenname gewesen; erst mit dem Niedergang der Republik war er zu
+einem Schimpfnamen geworden. Von den Frauen wurde das Geb&auml;ren
+als eine sehr unangenehme Beeintr&auml;chtigung ihrer
+Sch&ouml;nheit und ihrer Vergn&uuml;gungslust empfunden. Die
+M&auml;nner w&uuml;nschten sich so wenig Kinder als m&ouml;glich,
+damit ihr angeh&auml;ufter Reichtum nicht zersplittert w&uuml;rde.
+Infolgedessen drohte die Kinderlosigkeit verh&auml;ngnisvoll zu
+werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe schaffen. W&auml;hrend
+C&auml;sars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach denen
+Unverheiratete keine Legate annehmen und die V&auml;ter vieler
+Kinder bedeutende Privilegien genie&szlig;en sollten.<a name=
+"FNanchor_50"></a><a href="#Footnote_50"><sup>50</sup></a> Aber der
+beabsichtigte Segen dieser Gesetze wurde in den H&auml;nden der
+entarteten B&uuml;rgerschaft in sein Gegenteil verkehrt. Es wurden
+Ehen geschlossen, nur um der Legate nicht verlustig zu gehen; viele
+M&auml;nner wurden zu Kupplern an ihren eigenen Frauen, um an den
+Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen.</p>
+
+<p>Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die
+ein Leben &auml;u&szlig;erlicher Genu&szlig;sucht nicht befriedigen
+konnte, versuchten durch Hinterth&uuml;ren in die f&uuml;r sie
+verschlossenen heiligen Hallen der Politik einzudringen, oder sie
+benutzten das einzige &ouml;ffentliche Recht, das sie
+besa&szlig;en&mdash;das vor Gericht zu plaidieren&mdash;, um ihrem
+leeren Leben dadurch Inhalt zu geben. Vielleicht, da&szlig; es
+unter ihnen Frauen gab, die durch ihre Freim&uuml;tigkeit den Zorn
+der m&auml;nnlichen Herrscher erregten, vielleicht, da&szlig; sie
+f&uuml;r eine gute Sache eintraten und gro&szlig;e Herren in ihrem
+Ansehen sch&auml;digten,&mdash;wir wissen nichts Genaueres
+dar&uuml;ber, aber wir k&ouml;nnen annehmen, da&szlig; selbst
+f&uuml;r die ungerechtesten Gesetzgeber kein einzelnes Vorkommnis,
+wie das von dem Valerius Maximus erz&auml;hlt, die Ursache sein
+konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich
+abzuerkennen. Der r&ouml;mische Historiker berichtet
+n&auml;mlich,<a name="FNanchor_51"></a><a href=
+"#Footnote_51"><sup>51</sup></a> da&szlig; die Gattin des Senators
+Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie sp&auml;ter nannte, mit
+Leidenschaft Prozesse f&uuml;hrte und stets ihr eigener Anwalt war.
+Dabei soll sie sich so skandal&ouml;s benommen haben, da&szlig; der
+Pr&auml;tor sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor
+Gericht erlie&szlig;, weil sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht
+zukommenden schamhaften Zur&uuml;ckhaltung" in anderer Leute
+Angelegenheiten gemengt und m&auml;nnliche Tugenden ausge&uuml;bt
+h&auml;tten.<a name="FNanchor_52"></a><a href=
+"#Footnote_52"><sup>52</sup></a> Die sp&auml;tere Justinianische
+Gesetzgebung setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie
+erkl&auml;rte:<a name="FNanchor_53"></a><a href=
+"#Footnote_53"><sup>53</sup></a> "Frauen sind von allen Aemtern,
+b&uuml;rgerlichen wie &ouml;ffentlichen, ausgeschlossen,
+k&ouml;nnen daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch
+k&ouml;nnen sie klagen oder f&uuml;r andere als Beist&auml;nde oder
+als Sachwalter vor Gericht auftreten." Die Begr&uuml;ndung f&uuml;r
+dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein angenommen, da&szlig;
+Frauen und Sklaven &ouml;ffentliche Aemter nicht auszuf&uuml;llen
+verm&ouml;gen."<a name="FNanchor_54"></a><a href=
+"#Footnote_54"><sup>54</sup></a> Durch den Vellejanischen
+Senatsschlu&szlig; wurden sie schlie&szlig;lich auch in privater
+Beziehung v&ouml;llig rechtlos, da sie f&uuml;r unf&auml;hig
+erkl&auml;rt wurden, B&uuml;rgschaften irgend welcher Art zu
+&uuml;bernehmen.<a name="FNanchor_55"></a><a href=
+"#Footnote_55"><sup>55</sup></a></p>
+
+<p>Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist
+das dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen
+hatte. Kaum ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter,
+die sonst die Frauen immer zu preisen pflegen,
+&uuml;berh&auml;uften ihre Zeitgenossinnen mit Hohn und Spott, oder
+besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen keine die geistige
+H&ouml;he griechischer Het&auml;ren erreicht hatte. Nur vereinzelt
+und beinahe sch&uuml;chtern versuchten einige Schriftsteller der
+allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht,
+wie man infolge einer mi&szlig;verst&auml;ndlichen Auffassung des
+Textes oft meint, f&uuml;r die Abschaffung der Vormundschaft der
+Frauen, sondern vielmehr daf&uuml;r aus, da&szlig; jene Art
+Sittenpolizei, die &uuml;ber die Auff&uuml;hrung und den Luxus der
+Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom
+eingef&uuml;hrt werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein,
+der die M&auml;nner lehre, ihre Weiber geh&ouml;rig zu leiten".<a
+name="FNanchor_56"></a><a href="#Footnote_56"><sup>56</sup></a></p>
+
+<p>Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen
+Biographieen seine Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu,
+da&szlig; die R&ouml;merin im Gegensatz zur Griechin an
+Gastm&auml;hlern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie jene im
+Frauenhaus eingesperrt sei.<a name="FNanchor_57"></a><a href=
+"#Footnote_57"><sup>57</sup></a> Wichtiger, als diese kurzen
+Bemerkungen, die nur deshalb erw&auml;hnenswert sind, weil ihre
+Bedeutung leicht &uuml;bersch&auml;tzt und Cicero zuweilen als
+Vork&auml;mpfer der Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die
+Schrift Plutarchs &uuml;ber die Tugenden der Weiber. Er
+erz&auml;hlt darin von einer ganzen Anzahl edler und
+heldenm&uuml;tiger Frauen und erkl&auml;rt in der Einleitung, durch
+diese historische Beweisf&uuml;hrung den Satz bewahrheiten zu
+wollen, da&szlig; die Tugend des Mannes und die des Weibes gleich
+sei.<a name="FNanchor_58"></a><a href=
+"#Footnote_58"><sup>58</sup></a> Aber auch er ist weit entfernt
+davon, den Schlu&szlig; auf die Notwendigkeit gleicher Rechte
+daraus zu ziehen.</p>
+
+<p>Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vork&auml;mpfern" der Sache
+der Frauen ging einem anderen, geistig und moralisch h&ouml;her
+stehenden r&ouml;mischen Schriftsteller&mdash;Tacitus&mdash;die Not
+seiner Zeit, die unw&uuml;rdige Stellung seiner weiblichen
+Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie suchte er
+dagegen anzuk&auml;mpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein
+schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es
+haupts&auml;chlich geschrieben, damit Rom an dieser schlichten
+Reinheit seine eigene Verworfenheit erkennen m&ouml;ge. Er glaubte
+an die Wirkung des guten Beispiels mehr als an die wohlgemeinter
+Predigten und zog dabei nicht in Betracht, da&szlig; gute Sitten
+sich nicht durch den guten Willen verpflanzen lassen, sondern von
+selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur hervorwachsen
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>In allen V&ouml;lkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am
+n&auml;chsten steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich,
+frei und unfrei noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig g&uuml;nstige, weil die f&uuml;r
+die ganze Familie notwendig auszuf&uuml;hrende Arbeit allein in
+ihren H&auml;nden ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter
+eine gleiche ist, und die uralte g&ouml;ttliche Verehrung der
+Mutterschaft ihren Glorienschein noch auf das Weib
+zur&uuml;ckwirft. Die germanische Frau erschien Tacitus in ihrer
+Keuschheit, ihrem Flei&szlig;, ihrer Einfachheit als das gerade
+Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen
+R&ouml;merin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit
+Peitschenhieben vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann;
+"verf&uuml;hren und verf&uuml;hrt werden nennt man nicht Zeitgeist,
+und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze."<a
+name="FNanchor_59"></a><a href="#Footnote_59"><sup>59</sup></a> Die
+M&uuml;hseligkeiten mondelanger Wanderungen mit Kindern und
+Hausger&auml;t, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die
+Weiber mit den M&auml;nnern. Das Klima ihrer Heimat und die
+Strapazen ihres Lebens hatten sie widerstandsf&auml;higer und
+kr&auml;ftiger werden lassen als andere ihres Geschlechts. Trotz
+alledem war die Germanin nicht der Typus der gl&uuml;cklichen,
+freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus auf den
+ersten fl&uuml;chtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur
+des Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes,
+lag allein in ihren H&auml;nden, w&auml;hrend der Mann im Frieden
+auf der B&auml;renhaut lag. Sie mu&szlig;te den Pflug f&uuml;hren
+und auf schweren Handm&uuml;hlen das Getreide mahlen, sie
+mu&szlig;te die H&uuml;tte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen
+und weben; sie blieb auch dann noch &uuml;berlastet, als nach den
+gro&szlig;en Wanderungen auch die M&auml;nner Ackerbauer geworden
+waren, denn das Gebiet ihrer Th&auml;tigkeit umspannte, au&szlig;er
+der h&auml;uslichen Wirtschaft, die Viehzucht, die Schafschur, die
+Flachsbereitung und nicht zum mindesten die aufmerksame Bedienung
+des Mannes.<a name="FNanchor_60"></a><a href=
+"#Footnote_60"><sup>60</sup></a></p>
+
+<p>In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die
+Stellung der Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer
+Geschlechtsfunktionen und der notwendig daraus folgenden
+Beschr&auml;nkungen war sie dem Manne untergeordnet; Religion,
+Recht und Sitte heiligten und befestigten diesen Zustand. Die
+wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse trieben sie noch nicht in den
+offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war nicht
+die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es
+gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst
+mu&szlig;te die Frauenfrage in ihrer ganzen Sch&auml;rfe formuliert
+werden, ehe eine Bewegung sich ihre L&ouml;sung zum Ziel setzen
+konnte. Nur leise Spuren von ihr haben wir in Griechenland und Rom
+verfolgen k&ouml;nnen. Mit dem Zusammenbruch der antiken
+Gesellschaft und dem allm&auml;hlichen Auftauchen neuer Lebens- und
+Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis sie auf jenen
+H&ouml;hepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen &uuml;berall
+sichtbar werden sollte.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="2_Das_Christentum_und_die_Frauen" />2. Das Christentum
+und die Frauen.</h2>
+
+<p>W&auml;hrend Rom auf der H&ouml;he seiner &auml;u&szlig;eren
+Macht zu stehen schien, im Innern aber von der schleichenden
+Krankheit der allgemeinen Korruption so zerfressen wurde, da&szlig;
+sein Zusammensturz nahe bevorstand, war &uuml;ber Bethlehem, mitten
+unter dem geknechteten, geschm&auml;hten Judenvolk jener Stern
+aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft
+auferstehen sollte.</p>
+
+<p>Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der
+Entstehung des Christentums mit den wirtschaftlichen und
+politischen Verh&auml;ltnissen der Zeit, in der es sich
+ausbreitete, n&auml;her zu er&ouml;rtern. Es mu&szlig;te &uuml;ber
+den Kreis des armen Volks, dem sein Gr&uuml;nder angeh&ouml;rte,
+schnell hinauswachsen, weil der Boden im r&ouml;mischen Reich
+&uuml;berall daf&uuml;r vorbereitet war. Den Philosophen waren
+seine Gedanken zum Teil schon vertraut; von dem Nebenmenschen als
+dem Bruder hatte schon Plato gesprochen; die Stoiker lehrten die
+Verachtung irdischer G&uuml;ter und waren die ersten gewesen, die
+erkl&auml;rten, da&szlig; der Mensch auch gegen seine Sklaven
+moralische Verpflichtungen zu erf&uuml;llen habe. Und der
+M&uuml;hseligen und Beladenen gab es mehr als genug; f&uuml;r sie
+alle war das Christentum der Rettungsanker, der sie &uuml;ber ihr
+eigenes Elend hinaushob, der Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht
+leuchtete. Es war nicht jene vage Hoffnung der sp&auml;teren
+Christen, die von der ewigen Seligkeit die Entsch&auml;digung
+f&uuml;r ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der sichere
+Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und an
+die Aufrichtung des tausendj&auml;hrigen Reiches. Unter all den
+Armen und Elenden, die ihm zustr&ouml;mten, kamen auch jene
+gequ&auml;ltesten aller Menschen in Scharen, die Frauen. Ihnen
+brachte das Christentum neben dem Trost und der Hoffnung, die es
+allen Unterdr&uuml;ckten brachte, noch etwas ganz Besonderes: Die
+Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches Wesen, als
+"Kind Gottes".</p>
+
+<p>Sowohl die orthodoxen Anh&auml;nger des Christentums als seine
+fanatischen Ver&auml;chter sind, soweit sie f&uuml;r die
+Frauenemanzipation eintreten, anderer Ansicht. Die einen behaupten,
+indem sie das Wort des Apostels Paulus: "Hier ist kein Jude noch
+Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch
+Weib;"<a name="FNanchor_61"></a><a href=
+"#Footnote_61"><sup>61</sup></a> aus dem Zusammenhang
+herausrei&szlig;en, da&szlig; das Christentum sich darin f&uuml;r
+die volle Gleichberechtigung der Frauen ausspricht; die anderen
+st&uuml;tzen sich auf jenen Satz desselben Apostels: "Das Weib
+schweige in der Gemeine,"<a name="FNanchor_62"></a><a href=
+"#Footnote_62"><sup>62</sup></a> wenn sie erkl&auml;ren, das
+Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit,
+sondern nur noch vollst&auml;ndiger geknechtet.</p>
+
+<p>Das urspr&uuml;ngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen
+gleich weit entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist
+ihm ebenso fremd, wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war.
+Dagegen hatten Leid, Not und Unterdr&uuml;ckung die m&auml;nnlichen
+und weiblichen Lasttiere der Gesellschaft so aneinander gekettet,
+da&szlig; die neue Religion beiden denselben Trost, dieselbe
+Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mu&szlig;te. Wenn der
+Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so f&uuml;gt
+er gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und
+schickt voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an
+Christo Jesu".<a name="FNanchor_63"></a><a href=
+"#Footnote_63"><sup>63</sup></a> Nur vor Gott also, nicht vor dem
+Staat, sind Herren und Sklaven, M&auml;nner und Frauen gleich. Aber
+auch die Verachtung des Weibes ist keine urspr&uuml;ngliche Lehre
+des Christentums. Wenn als eine nat&uuml;rliche Reaktion gegen die
+furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener Zeit die
+Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig und
+eines Christen w&uuml;rdig gepriesen wurde, so wurde die keusche
+Jungfrau stets dem keuschen J&uuml;ngling gleich gestellt.<a name=
+"FNanchor_64"></a><a href="#Footnote_64"><sup>64</sup></a> Nicht
+der Mann wurde vor der Ber&uuml;hrung des Weibes, als des
+b&ouml;sen Prinzips, gewarnt, sondern beiden wurde der ledige Stand
+als der gottgef&auml;lligere anempfohlen.<a name=
+"FNanchor_65"></a><a href="#Footnote_65"><sup>65</sup></a></p>
+
+<p>Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes
+f&uuml;r ein todesw&uuml;rdiges Verbrechen, w&auml;hrend der
+ehebrecherische Mann zumeist straflos ausging. Christus stellte das
+s&uuml;ndige Weib dem s&uuml;ndigen Manne gleich, indem er sagte:
+"wer unter euch ohne S&uuml;nde ist, der werfe den ersten Stein auf
+sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.<a name=
+"FNanchor_66"></a><a href="#Footnote_66"><sup>66</sup></a> Er
+forderte von beiden die eheliche Treue,<a name="FNanchor_67"></a><a
+href="#Footnote_67"><sup>67</sup></a> seine J&uuml;nger verlangten
+vom Mann, da&szlig; er sein Weib liebe, wie sie ihn,<a name=
+"FNanchor_68"></a><a href="#Footnote_68"><sup>68</sup></a> und die
+Ausgie&szlig;ung des heiligen Geistes erfolgte ausdr&uuml;cklich
+&uuml;ber "S&ouml;hne und T&ouml;chter".<a name=
+"FNanchor_69"></a><a href="#Footnote_69"><sup>69</sup></a> In
+dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die
+Bedeutung des Christentums f&uuml;r das weibliche Geschlecht.
+Weiter aber reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie
+sich auf das Weib beziehen, erheben sich nicht &uuml;ber die
+bekannten religi&ouml;sen und weltlichen Gesetze der morgen- und
+abendl&auml;ndischen V&ouml;lker. Das Weib mu&szlig; dem Manne
+gehorchen, ihm unterthan,<a name="FNanchor_70"></a><a href=
+"#Footnote_70"><sup>70</sup></a> schweigsam und h&auml;uslich
+sein,<a name="FNanchor_71"></a><a href=
+"#Footnote_71"><sup>71</sup></a> es darf weder lernen noch lehren<a
+name="FNanchor_72"></a><a href="#Footnote_72"><sup>72</sup></a> und
+soll selig werden durch Kinderzeugen.<a name="FNanchor_73"></a><a
+href="#Footnote_73"><sup>73</sup></a> Das alles bedeutet keinen
+Fortschritt in Bezug auf die Auffassung von der Stellung des
+weiblichen Geschlechts, aber es bedeutet ebensowenig eine
+versch&auml;rfte Knechtung.</p>
+
+<p>Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und
+Verfolgten zur Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner
+Haupttr&auml;ger eine den neuen Verh&auml;ltnissen entsprechende
+Umwandlung. Die Kirchenv&auml;ter und die Gesetzgeber des
+kanonischen Rechts nutzten Ausspr&uuml;che Christi und der Apostel
+insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche
+f&ouml;rderlich sein konnten, und lie&szlig;en andere au&szlig;er
+acht, die diesem Zweck nicht dienstbar zu machen waren.
+W&auml;hrend Paulus seine Predigt von der gr&ouml;&szlig;eren
+Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter
+richtet, sondern sie ausdr&uuml;cklich damit einleitet, da&szlig;
+er sagt, er teile nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des
+Herrn mit,<a name="FNanchor_74"></a><a href=
+"#Footnote_74"><sup>74</sup></a> klammerten sich asketische Eiferer
+an S&auml;tze wie: "Es ist dem Menschen gut, da&szlig; er kein Weib
+ber&uuml;hre",<a name="FNanchor_75"></a><a href=
+"#Footnote_75"><sup>75</sup></a> und "Adam ward nicht
+verf&uuml;hret; das Weib aber ward verf&uuml;hret und hat die
+Uebertretung eingef&uuml;hret"<a name="FNanchor_76"></a><a href=
+"#Footnote_76"><sup>76</sup></a> und verdammten die Ehe als ein
+Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang
+verschaffte.<a name="FNanchor_77"></a><a href=
+"#Footnote_77"><sup>77</sup></a> Das kanonische Recht erhob die
+Auslegungen der apostolischen Lehren durch die Kirchenv&auml;ter
+zum Gesetz, indem es unter anderem verf&uuml;gte: "die Frau ist
+nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen. Adam ist durch Eva
+verf&uuml;hrt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist daher recht,
+da&szlig; der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur S&uuml;nde
+reizte, auf da&szlig; er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt,
+da&szlig; die Frau dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin
+sei."<a name="FNanchor_78"></a><a href=
+"#Footnote_78"><sup>78</sup></a></p>
+
+<p>Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die
+r&ouml;mische Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem
+Rechtsbewu&szlig;tsein der Germanen gegen&uuml;bertritt, und zwar
+ist eine einzige Thatsache ausreichend, um den Gegensatz beider zu
+kennzeichnen: die Germanen verlangten f&uuml;r ein verletztes Weib
+ein h&ouml;heres Wehrgeld als f&uuml;r einen verletzten Mann, weil
+sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die Schwache und Wehrlose
+zu verwunden f&uuml;r besonders schmachvoll galt; vom M&ouml;rder
+einer Frau forderten sie ein zweimal h&ouml;heres Wehrgeld, als vom
+M&ouml;rder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das
+durch die r&ouml;mische Kirche einem germanischen Volke gegeben
+wurde&mdash;dem Fuero juzgo der Wisigoten&mdash;und das in Bezug
+auf die Ansichten des Klerus von den Rechten der Frau typisch ist,
+galt des Weibes Leben nur halb so viel als das des Mannes, denn
+ihrem M&ouml;rder wurde nur die halbe Bu&szlig;e auferlegt.<a name=
+"FNanchor_79"></a><a href="#Footnote_79"><sup>79</sup></a></p>
+
+<p>In einer Beziehung nur machte die r&ouml;mische Kirche den
+heidnischen Germanen und ihrer Verehrung des m&uuml;tterlichen
+Prinzips in der Natur eine Konzession, um sie dadurch leichter
+unter Kreuz und Krummstab zwingen zu k&ouml;nnen: sie erhob die
+Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels. Dem
+urspr&uuml;nglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern
+gelegen; die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast
+vollst&auml;ndig, Christus selbst weist sie hart zur&uuml;ck, als
+sie wagt, ihm einmal einen m&uuml;tterlichen Rat zu geben. Ihre
+Gestalt, wie sie der Katholizismus heute kennt, und die Verehrung,
+die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als eine Reminiszenz an
+den heidnischen G&ouml;tterdienst. Die Kirche verstand es, die
+heidnischen Feste durch christliche, die G&ouml;tter durch Heilige
+zu ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter
+Gottes" vertraut zu machen. Da&szlig; der Madonnenkultus ein dem
+Baum der Kirche k&uuml;nstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon
+daraus hervor, da&szlig; trotz der Verehrung der himmlischen
+Jungfrau die Missachtung des weiblichen Geschlechts sich von
+Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte.</p>
+
+<p>Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der
+Flucht vor dem Weibe. Auf dem Konzil zu M&acirc;con entschied sich
+die Majorit&auml;t daf&uuml;r, dem Klerus zu befehlen, die Frauen
+zu fliehen. Das Konzil zu Metz versch&auml;rfte diesen Befehl,
+indem es den Priestern sogar den Umgang mit Mutter und Schwester
+verbot. W&auml;hrend sich in der ersten Zeit des Christentums nur
+die M&ouml;nche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten, wurde
+es nun f&uuml;r den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des
+C&ouml;libats einer gro&szlig;en Zahl von M&auml;nnern&mdash;meist
+der geistig hervorragendsten ihrer Zeit&mdash;waren von
+weittragender Bedeutung. Wohl hat sich die Kirche in ihnen eine
+Armee hingebender K&auml;mpfer geschaffen, die durch keinerlei
+Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegen&uuml;ber abgelenkt
+wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der
+Keuschheit, durch die erzwungene Abt&ouml;tung der geschlechtlichen
+Triebe im Dienste einer h&ouml;heren Sittlichkeit zu handeln, so
+hatte sie nur mit abstrakten Theorieen, nicht aber mit der
+lebendigen Natur gerechnet. Sie erreichte nicht nur das Gegenteil
+von dem, was sie bezweckte, denn neben dem au&szlig;erehelichen
+Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der Prostitution wuchsen
+besonders in den Kl&ouml;stern die widernat&uuml;rlichen Laster
+empor, sie f&uuml;gte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen
+Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das
+weibliche Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte
+die nat&uuml;rlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und
+suchte sie als etwas, dessen sich der Mensch sch&auml;men
+m&uuml;sse, zu verh&uuml;llen; die Ehe war f&uuml;r sie in erster
+Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die Geschlechtsliebe in
+der Ehe galt f&uuml;r s&uuml;ndhaft oder besten Falls f&uuml;r
+einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner
+Gottentfremdung bringen m&uuml;sse.<a name="FNanchor_80"></a><a
+href="#Footnote_80"><sup>80</sup></a> Die &auml;u&szlig;ere
+Heiligung der Ehe durch ihre Erhebung zum Sakrament und die
+Erkl&auml;rung ihrer Unaufl&ouml;slichkeit hat die innere
+Zerst&ouml;rung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu einander
+durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht.
+Heuchelei, Pr&uuml;derie, Unterdr&uuml;ckung der besten
+Gef&uuml;hle durch eine falsche Moralit&auml;t sind die Folgen
+davon und ein gro&szlig;er Teil der psychologischen und sittlichen
+Seite der Frauenfrage ist auf die durch die r&ouml;mische Kirche
+dem Volksbewu&szlig;tsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der
+Frauenfrage durch die Kirche beeinflu&szlig;t: der wachsenden Zahl
+der ehelosen Geistlichen und M&ouml;nche stand eine gleiche Zahl
+alleinstehender Frauen gegen&uuml;ber. Die Gr&uuml;ndung der
+Nonnenkl&ouml;ster war eine notwendige Folge davon. In Massen
+str&ouml;mten die Frauen in ihre sch&uuml;tzenden Mauern. Es blieb
+ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und wenn
+auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die
+Zahl derer immer gr&ouml;&szlig;er, die sich vor den Unbilden des
+rauhen Lebens drau&szlig;en in der Welt nach einer St&auml;tte
+friedlicher Arbeit und geistiger Vertiefung sehnten. In den
+Kl&ouml;stern wurde den Frauen eine im Vergleich zur allgemeinen
+Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil. Sie lernten
+die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der Wissenschaften und
+manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von P&auml;psten und
+K&ouml;nigen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die
+Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert
+neben Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und
+zoologischer Werke schrieb.<a name="FNanchor_81"></a><a href=
+"#Footnote_81"><sup>81</sup></a> Auf derselben Stufe der Bildung
+stand die vielbewunderte "nordische Seherin" Brigitta von
+Schweden<a name="FNanchor_82"></a><a href=
+"#Footnote_82"><sup>82</sup></a> und Hrotswith, die lateinische
+Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen besch&auml;ftigten
+sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von Initialen und
+Miniaturen, w&auml;hrend andere als Lehrerinnen in den
+M&auml;dchenschulen ihrer Kl&ouml;ster, als Krankenpflegerinnen,
+Stickerinnen, Weberinnen und W&auml;scherinnen th&auml;tig waren.
+So l&ouml;sten die Kl&ouml;ster zum Teil die mittelalterliche
+Frauenfrage, indem sie nicht nur der gro&szlig;en Menge
+alleinstehender Frauen eine Zuflucht gew&auml;hrten, sondern sie
+auch geistig auf eine h&ouml;here Stufe erhoben und ihnen
+selbst&auml;ndige Berufe er&ouml;ffneten. Freilich darf nicht
+vergessen werden, da&szlig; ihre Bedeutung f&uuml;r die Hebung des
+weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend
+blieb, denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr
+sittlicher Verfall. Die bedenklichen, sich immer h&auml;ufiger
+wiederholenden Gr&uuml;ndungen von
+Doppelkl&ouml;stern,&mdash;M&ouml;nchs- und Nonnenkl&ouml;ster
+dicht nebeneinander,&mdash;gaben mit den Anla&szlig; dazu. Die
+Natur lie&szlig; ihrer nicht spotten; sie siegte &uuml;ber einen
+asketischen Fanatismus, der die unfruchtbaren "Gottesbr&auml;ute"
+heilig sprach und die M&uuml;tter vor ihnen erniedrigte. Aus Orten
+der Gelehrsamkeit und des Flei&szlig;es wurden die Kl&ouml;ster
+Orte des geistigen Stumpfsinns und der Tr&auml;gheit, aus
+St&auml;tten frommer Andacht und reiner Sitte, St&auml;tten
+l&uuml;sterner Freuden und wilder Unzucht. Die Reformation fegte
+sie fort, und es ist nicht zu verwundern, da&szlig; die
+Reformatoren in ihrem blinden Eifer verga&szlig;en, den Weizen von
+der Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen
+Geschlecht um so mehr, als es in den St&uuml;rmen des
+drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges und dem allgemeinen
+wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtsst&auml;tten dringend
+n&ouml;tig hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr
+denn je in die Arme getrieben wurde.</p>
+
+<p>Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war
+nicht geeignet, es aus seiner gedr&uuml;ckten physischen und
+moralischen Lage zu befreien. In schroffem Gegensatz zu der
+katholischen Predigt von der Kreuzigung des Fleisches und der
+Verherrlichung des C&ouml;libats hielten sie das eheliche Leben
+f&uuml;r das eines Christen allein w&uuml;rdige,<a name=
+"FNanchor_83"></a><a href="#Footnote_83"><sup>83</sup></a> aber
+nicht als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdr&uuml;cklich
+als ein "weltlich Gesch&auml;ft", eine Vereinigung von Mann und
+Weib zur Befriedigung nat&uuml;rlicher Bed&uuml;rfnisse. Luther
+ging soweit, zu erkl&auml;ren, da&szlig; der Mann das Recht habe
+mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu versto&szlig;en,
+wenn es ihm nicht zu Willen sei<a name="FNanchor_84"></a><a href=
+"#Footnote_84"><sup>84</sup></a> und er gestattete sogar dem
+Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu
+schlie&szlig;en, weil er eine Doppelehe f&uuml;r sittlicher hielt,
+als eine M&auml;tressenwirtschaft und von der Unterdr&uuml;ckung
+sinnlicher Leidenschaft nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau
+ausschlie&szlig;lich f&uuml;r den Mann geschaffen; um Haushaltung
+und Kinderwartung allein hatte sie sich zu k&uuml;mmern,<a name=
+"FNanchor_85"></a><a href="#Footnote_85"><sup>85</sup></a> eine
+Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen Kirche bis in
+die Neuzeit hinein erhalten hat.<a name="FNanchor_86"></a><a href=
+"#Footnote_86"><sup>86</sup></a> Dem, &uuml;brigens sagenhaften
+Streit der katholischen Priester zu M&acirc;con, ob die Frau eine
+Seele habe, k&ouml;nnen die einundf&uuml;nfzig Thesen der
+Wittenberger Protestanten, welche beweisen sollten, da&szlig; die
+Weiber keine Menschen seien, w&uuml;rdig zur Seite gestellt
+werden.</p>
+
+<p>Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier
+entgegenkamen, f&uuml;r das sie glaubensmutig den M&auml;rtyrertod
+starben, hat ihre Hoffnungen nicht erf&uuml;llt. Mehr noch als aus
+den direkten Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese
+Thatsache aus der allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in
+rechtlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung w&auml;hrend
+der geschichtlichen Entwicklung der fr&uuml;heren Jahrhunderte
+hervor.</p>
+
+<p>Das germanische Recht, dem das Gef&uuml;hl der Hochachtung
+f&uuml;r die Frau und Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr
+jenem Rechte Platz, das dem heidnischen und dem christlichen Rom
+zusammen seinen Ursprung verdankte, und daher f&uuml;r das
+weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie es im
+allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und Unverletzlichkeit
+des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese Tendenz
+besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes
+unumschr&auml;nktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte
+seine Tochter verm&auml;hlen, mit wem er wollte; der Vormund hatte
+volles Verf&uuml;gungsrecht &uuml;ber sein M&uuml;ndel. Der Mann
+konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13. Jahrhundert herein war
+es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu verkaufen.<a name=
+"FNanchor_87"></a><a href="#Footnote_87"><sup>87</sup></a> Seine
+Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes St&uuml;ck
+seines Verm&ouml;gens; und charakteristisch f&uuml;r die
+Rechtsanschauung der Zeit war es, da&szlig; nur die Frau die Ehe
+brechen konnte,<a name="FNanchor_88"></a><a href=
+"#Footnote_88"><sup>88</sup></a> denn sie beging dadurch ein
+Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er unbeschr&auml;nkt
+in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben, niemand nahm
+Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegen&uuml;ber befand sich
+die Frau, sofern es m&auml;nnlichen Geschlechts war, in
+untergeordneter Stellung. Nur w&auml;hrend der ersten Kindheit
+hatte die Mutter rechtliche Gewalt &uuml;ber den Sohn. Mit dem
+siebenten Jahre schon war er ihr entwachsen<a name=
+"FNanchor_89"></a><a href="#Footnote_89"><sup>89</sup></a> und
+konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht mehr am Leben
+war, selbst f&uuml;r m&uuml;ndig erkl&auml;ren und der Vormund der
+eigenen Mutter werden.</p>
+
+<p>Wie in der Familie, so war die Frau nat&uuml;rlich auch sonst
+&uuml;berall rechtlos. Sie konnte keinerlei Gesch&auml;fte
+selbst&auml;ndig abschlie&szlig;en; es war genau vorgeschrieben,
+f&uuml;r welche Summe die Hausfrau, ohne die Einwilligung des
+Hausherrn einzuholen, Eink&auml;ufe machen durfte. Nach
+p&auml;pstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da
+ihr Zeugnis stets f&uuml;r unzuverl&auml;ssig galt.<a name=
+"FNanchor_90"></a><a href="#Footnote_90"><sup>90</sup></a> Wo das
+Landesrecht es ihr gestattete, wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur
+die Aussage zweier Frauen die Beweiskraft der eines Mannes.<a name=
+"FNanchor_91"></a><a href="#Footnote_91"><sup>91</sup></a></p>
+
+<p>Hinter all diesen Vorschriften standen die h&ouml;chsten
+Autorit&auml;ten: Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit,
+Unterw&uuml;rfigkeit, Selbstlosigkeit&mdash;das waren die Tugenden,
+die den Frauen von fr&uuml;h an gepriesen wurden und die sie mit
+allen Unfreien gemeinsam hatten. Die Gleichwertigkeit aller
+Menschen,&mdash;der Herren und Knechte, der M&auml;nner und
+Weiber,&mdash;war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum
+wieder verschwunden war.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="3_Die_wirtschaftliche_Lage_der_Frauen" />3. Die
+wirtschaftliche Lage der Frauen.</h2>
+
+<p>Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung,
+da&szlig; das Fortschreiten der Menschheit zu h&ouml;herer Kultur
+von sittlichen Ideen und moralischen Reformen in erster Linie
+abh&auml;ngig sei, so schwer ins Gewicht fallen, als die
+Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des Christentums.
+Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Gl&auml;ubiger
+beschr&auml;nkten, blieben sie auf ihrer sittlichen H&ouml;he, je
+mehr sie sich jedoch ausbreiteten, desto mehr mu&szlig;ten sie sich
+den &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnissen anbequemen, desto mehr
+sahen sie sich, wenn sie nicht ganz untergehen wollten, gezwungen,
+ihnen ein Ideal nach dem anderen zu opfern. So hatten auch die
+Grundforderungen des Urchristentums der wirtschaftlichen
+Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand unfreier,
+gehorsamer, dem&uuml;tiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und W&auml;ldern
+ein wirtschaftliches Zentrum f&uuml;r sich, in dem aller Bedarf der
+Einwohner von ihnen selbst geschaffen werden mu&szlig;te. Der Herr
+des Landes war zugleich ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre
+Arbeitskraft, dem ihr Leben selbst geh&ouml;rte. "Er ist mein
+eigen, ich mag ihn sieden oder braten", lautet ein altes
+Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegen&uuml;ber gebrauchte.
+Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13.
+Jahrhunderts die Lage der H&ouml;rigen, indem er sagt: "Diese
+k&ouml;nnen nichts erwerben, es sei denn f&uuml;r ihre Herren; sie
+wissen am Abend nicht, welche Dienste ihrer am Morgen warten; sie
+k&ouml;nnen von ihren Herren geschlagen, gesto&szlig;en, gefangen
+werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren, und wenn sie
+im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus Gnade, ohne
+Sicherheit, von einem Tage zum anderen."<a name=
+"FNanchor_92"></a><a href="#Footnote_92"><sup>92</sup></a> Die
+H&ouml;rigkeit war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr
+gegen&uuml;ber kaum nennenswerte rechtliche und sittliche
+Fortschritte auf, soda&szlig; ein hoher Grad von Selbstbetrug dazu
+geh&ouml;rt, wenn die christliche Kirche behauptet, sie habe die
+Sklaverei abgeschafft, und sei thats&auml;chlich, ihrem Ursprung
+getreu, ein Hort der Armen und Unterdr&uuml;ckten geworden. Ihre
+Organe, die Priester und Aebte, &uuml;bten dieselben Herrenrechte
+aus, wie die F&uuml;rsten und weltlichen Machthaber. Das Los der
+H&ouml;rigen der Kl&ouml;ster war kein besseres, als das derer, die
+im Dienste der Ritter standen. Da sie nicht, wie die Sklaven,
+gekauft werden konnten, und es f&uuml;r ihre Herren bei der
+Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig war, eine
+gen&uuml;gende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu
+z&uuml;chten, wie das vierf&uuml;&szlig;ige Eigentum. Die
+Kl&ouml;ster, deren Macht auf ihrem Reichtum beruhte, hatten
+strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren
+H&ouml;rigen. Kl&ouml;ster desselben Ordens pflegten sie
+untereinander auszutauschen, um eine gleichm&auml;&szlig;ige
+Verteilung der Geschlechter herbeizuf&uuml;hren und, durch
+Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen kr&auml;ftigen
+Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat einer
+h&ouml;rigen Frau mit dem H&ouml;rigen eines anderen Herrn zu
+verbieten,<a name="FNanchor_93"></a><a href=
+"#Footnote_93"><sup>93</sup></a> oder sie nur dann zu gestatten,
+wenn statt der ihm verloren gehenden Arbeitskraft eine andere
+geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine
+bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter den
+Karolingern konnte der Herr die h&ouml;rige Frau, falls ihm nichts
+gezahlt und kein Ersatz f&uuml;r sie gestellt worden war, gewaltsam
+ihrem Gatten entrei&szlig;en,<a name="FNanchor_94"></a><a href=
+"#Footnote_94"><sup>94</sup></a> was meist dann geschah, wenn sie
+mehrere Kinder geboren hatte, die er zur H&auml;lfte mit der Mutter
+in seine Dienstbarkeit zwingen durfte. Die Heiligkeit und
+Unaufl&ouml;slichkeit der Ehe wurde nur insoweit anerkannt, als die
+Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei Schaden litt.</p>
+
+<p>Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch gesch&auml;tzt,
+denn die schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr.
+Die geistlichen und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen,
+H&ouml;fen und Kl&ouml;stern ausgedehnte Werkst&auml;tten, in denen
+oft bis zu 300 h&ouml;rige Frauen mit Spinnen und Weben, N&auml;hen
+und Sticken besch&auml;ftigt wurden.<a name="FNanchor_95"></a><a
+href="#Footnote_95"><sup>95</sup></a> Den Stoff gaben nicht nur die
+Schafschuren und Flachsernten der Herreng&uuml;ter,&mdash;Arbeiten,
+die wieder von Frauen verrichtet wurden,&mdash;sondern auch die
+Abgaben und Lieferungen der Unfreien und Zinsleute.<a name=
+"FNanchor_96"></a><a href="#Footnote_96"><sup>96</sup></a> Wie die
+moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die H&ouml;rige zum
+Frauengemach.<a name="FNanchor_97"></a><a href=
+"#Footnote_97"><sup>97</sup></a> Ihre Arbeitszeit dauerte von
+Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, erst im sp&auml;teren
+Mittelalter wurde das Arbeiten bei k&uuml;nstlicher Beleuchtung
+&uuml;blich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist unzureichende
+Bek&ouml;stigung,<a name="FNanchor_98"></a><a href=
+"#Footnote_98"><sup>98</sup></a> und, wo diese fortfiel, vier
+Pfennig t&auml;glich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die
+zuweilen die Herrin selbst war, stand den Arbeiten vor;
+Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen f&uuml;r die Stickereien an,
+die &uuml;berall, auf M&auml;nner-und Frauenkleidern, W&auml;sche,
+Wand- und M&ouml;belbez&uuml;gen angebracht wurden und oft sehr
+kunstvoll waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch
+gesch&auml;tzt wie die Wirkerinnen seidener B&auml;nder zum Besatz
+der Gew&auml;nder oder zum Schmuck des Zaumzeugs. Da nicht nur
+f&uuml;r den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern stets ein
+Vorrat von Kleidern und W&auml;sche zum Geschenk an die G&auml;ste
+oder zur Ausstattung des gro&szlig;en Gefolges bei Turnieren und
+Festlichkeiten vorhanden sein mu&szlig;te, so war die Arbeit eine
+ununterbrochene und der Arbeitskr&auml;fte gab es nie zu wenig.
+Auch die Herrinnen und ihre T&ouml;chter hatten vollauf zu thun.
+Wie Weib und Weben schon in einer gewissen sprachlichen
+Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben
+ausdr&uuml;cklich f&uuml;r eine der h&ouml;chsten Tugenden der
+Frauen. "Sie war fromm und spann", hei&szlig;t es h&auml;ufig auf
+alten Grabsteinen oder in Geschlechtsurkunden. "Die M&auml;nner
+sollen streiten, die Frauen sollen spinnen", mahnte der christliche
+Volksredner Berthold von Regensburg. Auch ist diese
+Frauenth&auml;tigkeit trotz ihrer unbeschr&auml;nkten Ausnutzung
+gewi&szlig; nicht die schlimmste gewesen. Weit h&auml;rter war die
+Landarbeit, die die h&ouml;rigen Frauen zu verrichten hatten und
+zwar nicht nur f&uuml;r den Gebieter, sondern auch f&uuml;r den
+eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten. Es ist mehr als eine
+Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte Englands
+erz&auml;hlt, da&szlig; ein Landmann, der einen Ochsen verloren
+hatte, wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu
+haben.</p>
+
+<p>Auch der Hausdienst der h&ouml;rigen Frauen in den H&ouml;fen
+und Burgen war, infolge der primitiven Hilfsmittel,
+au&szlig;erordentlich schwer. Da sie Tag und Nacht auf dem Posten
+und ihren Gebietern zur Verf&uuml;gung stehen mu&szlig;ten, so
+wohnten die f&uuml;r diesen Dienst bestimmten M&auml;gde im
+Burgfrieden selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem
+neben der Werkst&auml;tte befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo
+sie aber nur schliefen, da jede Stunde des Tages ihre Kr&auml;fte
+in Anspruch nahm. Vor der Erfindung der Wasserm&uuml;hlen
+mu&szlig;te das Korn von den M&auml;gden mit der Hand gemahlen, der
+M&uuml;hlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit m&auml;chtigen
+Holzscheiten wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im
+Hof, oder aus der Quelle im Thal wurden die Wassereimer
+heraufgeschleppt. Neben der Reinigung von Stuben und K&uuml;chen,
+wurde auch der Stall und der Garten allein von Frauen besorgt.<a
+name="FNanchor_99"></a><a href="#Footnote_99"><sup>99</sup></a> Die
+Bedienung der Herrin, die Wartung der Kinder, das Kochen und
+Auftragen der Speisen und Getr&auml;nke geh&ouml;rte
+selbstverst&auml;ndlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung
+der M&auml;nner geh&ouml;rte dazu. Die M&auml;gde halfen dem Herrn
+wie jedem Gast beim An- und Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht
+nur das Bad, sie reichten ihm auch die Linnent&uuml;cher und
+trockneten ihm die Glieder.<a name="FNanchor_100"></a><a href=
+"#Footnote_100"><sup>100</sup></a> W&uuml;nschte er es, so
+mu&szlig;ten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft
+leisten&mdash;eine Sitte, die im sp&auml;teren Mittelalter so
+ausartete, da&szlig; es eine Forderung der Gastfreundschaft war,
+eine Magd dem Gaste w&auml;hrend seines Aufenthalts zur freien
+Verf&uuml;gung zu stellen.<a name="FNanchor_101"></a><a href=
+"#Footnote_101"><sup>101</sup></a> So wurde die Einrichtung der
+Frauenh&auml;user fr&uuml;hzeitig ein Herd der Prostitution, ein
+Harem der Ritter und F&uuml;rsten,<a name="FNanchor_102"></a><a
+href="#Footnote_102"><sup>102</sup></a> und das ber&uuml;chtigte
+jus primae noctis, dessen Vorhandensein so vielfach angezweifelt
+wird, war &uuml;berall in Kraft, wenn es auch vielleicht als
+geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat.</p>
+
+<p>Arbeits- oder Lustsklavin&mdash;das war das Los der armen und
+unfreien Frauen. Mit der durch Fehden, B&uuml;rgerzwiste und
+unaufh&ouml;rliche Kriege wachsenden Verelendung des Volkes, mit
+dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang wuchs die
+Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange familienlose
+Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die Laster des
+Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu bei.
+Den europ&auml;ischen S&ouml;ldnerheeren folgten Scharen von
+Dirnen, deren Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die
+m&auml;nnliche Bev&ouml;lkerung von den z&uuml;gellosen Horden
+niedergemacht, die weibliche gesch&auml;ndet, und&mdash;soweit sie
+jung war&mdash;mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gew&auml;ndern,
+hoch zu Ro&szlig;, oder in Wagen und S&auml;nften, zogen die
+Konkubinen der geistlichen und weltlichen Herren mit zu den
+Reichstagen, den Konzilen und ins Feld. So folgten dem Heere des
+Herzogs von Alba nach den Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800
+zu Fu&szlig;e nach.<a name="FNanchor_103"></a><a href=
+"#Footnote_103"><sup>103</sup></a> An den H&ouml;fen von Frankreich
+und England waren vornehme Herren als Marsch&auml;lle &uuml;ber die
+Dirnen gesetzt. Im Felde f&uuml;hrten besondere Amtm&auml;nner, die
+Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross
+eine legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl
+"fahrender Fr&auml;ulein" durch bittere Not und harte Gewalt
+hineingetrieben worden sein; viele unter ihnen aber, das ist
+zweifellos, zogen den Landsknechten nach, weil sie in hei&szlig;er
+Liebe und selbstloser Aufopferung alles Elend und alle Gefahren mit
+dem Geliebten teilen wollten. So unfl&auml;tig und roh die
+Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren klingen m&ouml;gen,
+wir werden uns dem gef&uuml;hlswarmen Ton echter Hingebung nicht
+verschlie&szlig;en k&ouml;nnen, der den Grundakkord bildet, sobald
+der S&auml;nger von seinem tapferen Liebchen erz&auml;hlt. Um so
+h&ouml;her ist diese Tapferkeit einzusch&auml;tzen, als alles
+fahrende Volk, die Frauen insbesondere, vogelfrei, ehr- und
+rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und get&ouml;tet
+werden&mdash;f&uuml;r sie gab es keine Gerechtigkeit.</p>
+
+<p>Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen
+Abwesenheiten der Hausherrn aus mehr als einem Grunde
+zerst&ouml;rend: Nur zu h&auml;ufig suchten die verlassenen Frauen,
+wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben f&uuml;hren wollten,
+bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnes&auml;ngern Trost, und
+die M&auml;nner lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von
+steifer Konvenienz und falscher Pr&uuml;derei nichts wei&szlig;,
+die ganz Hingebung und Aufopferung ist, und sie erfuhren, da&szlig;
+das Weib nicht nur zwischen den wohlbeh&uuml;teten friedlichen vier
+Pf&auml;hlen des eigenen Heims eine sorgsame Hausfrau sein kann,
+sondern da&szlig; sie als froher, bed&uuml;rfnisloser
+Zeltgeno&szlig;, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens
+enth&uuml;llt, die er sonst kennen zu lernen keine Gelegenheit
+hatte, und deren Wert unsch&auml;tzbar ist. W&auml;hrend die Kirche
+durch ihre &uuml;bersinnliche Auffassung von der Ehe erstickenden
+Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die Ausbreitung
+der mittelalterlichen freien Liebe wie gl&uuml;hender Sonnenbrand
+auf eine nur an Schatten gew&ouml;hnte Pflanze. Der Ursprung dieser
+tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und
+sittlichen Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zur&uuml;ck.
+Da&szlig; die f&uuml;r unheilig erkl&auml;rte, aus der Ehe
+herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher und z&uuml;gelloser
+und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem
+Sch&ouml;nen und Gro&szlig;en, der Ausgang furchtbarer Laster und
+Verirrungen wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und
+politischen Zust&auml;nden des Mittelalters nicht zu
+verwundern.</p>
+
+<p>Mit dem Aufbl&uuml;hen der St&auml;dte, dem
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Wohlstand und ruhigen,
+gesicherten Leben ihrer B&uuml;rger schienen im Schutze ihrer
+Mauern die sittlichen Zust&auml;nde reinere zu werden. Aber die
+tiefgreifende Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an
+Stelle der h&ouml;rigen Arbeiterin nach und nach den freien
+Handwerker treten, die Arbeiten der Hausfrau und ihrer M&auml;gde
+durch die verschiedenartigsten Gewerbe &uuml;bernehmen lie&szlig;,
+machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen &uuml;berfl&uuml;ssig, sie
+selbst brot- und obdachlos, und f&uuml;hrte sie dem Laster in die
+Arme. Die ehrsamen B&uuml;rger, vor deren Augen die Prostitution
+sich mehr und mehr breit machte, wu&szlig;ten diesem Uebelstand
+nicht anders zu begegnen, als indem sie sogenannte
+T&ouml;chterh&auml;user oder Jungfrauenh&ouml;fe, die Nachfolger
+der antiken Lupanare und Vorl&auml;ufer der modernen Bordelle
+errichteten. Sie verbargen dadurch nicht nur den
+&auml;rgerniserregenden Anblick der Dirnen, sie schufen sich auch
+einen geordneten, gesetzlich sanktionierten Zugang zu ihnen, und
+halfen mit ihrer Schande den Stadts&auml;ckel f&uuml;llen.<a name=
+"FNanchor_104"></a><a href="#Footnote_104"><sup>104</sup></a> Der
+Magistrat verpachtete n&auml;mlich die H&auml;user an Wirte und
+Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten mu&szlig;ten, "der Stadt
+treu und hold zu sein und Frauen zu werben".<a name=
+"FNanchor_105"></a><a href="#Footnote_105"><sup>105</sup></a>
+Vornehme G&auml;ste wurden vom Magistrat selbst in die offenen
+H&auml;user gef&uuml;hrt, oder von den sch&ouml;nsten, festlich
+geschm&uuml;ckten oder ganz entkleideten Dirnen empfangen. Jetzt
+erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch
+&auml;u&szlig;erlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich
+gemacht wurde, jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als
+"fahrendes Fr&auml;ulein" doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich
+durch reine Liebe &uuml;ber sich selbst zu erheben, das
+unausl&ouml;schliche Brandmal der Schande.</p>
+
+<p>Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem
+weiblichen Teil der st&auml;dtischen Bev&ouml;lkerung zun&auml;chst
+au&szlig;erordentlich erschwert, denn das z&uuml;nftige Handwerk
+monopolisierte die Arbeit und schlo&szlig; die Frauen aus seinen
+Verbindungen &uuml;berall aus. Trotzdem ergab es sich von selbst,
+da&szlig; der Handwerker Frau und T&ouml;chter, deren Arbeitskraft
+nicht mehr, wie fr&uuml;her, vom Haushalt allein in Anspruch
+genommen wurde, zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und
+schlie&szlig;lich auch die M&auml;gde daran teilnehmen lie&szlig;.
+Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon von Sohn
+oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der Mainzer
+Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdr&uuml;cklich,
+Frau, Kinder und Magd zum N&auml;hen zu verwenden, auch im
+N&uuml;rnberger Stadtrecht ist von "Knaben oder M&auml;gdelein" als
+Erlerner eines Handwerks oder einer Kunst die Rede, und eine
+Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts &uuml;ber die Aufnahme
+der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die Mitarbeit der
+Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur gleichberechtigten
+selbst&auml;ndigen Aus&uuml;bung des Handwerks betrachtet, denn
+zun&auml;chst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die
+Z&uuml;nfte noch verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell
+zunahm, die sich ihre Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu
+Nutze machten, das Handwerk selbst&auml;ndig betrieben und durch
+Unterbieten der &uuml;blichen Preise eine gef&auml;hrliche
+Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die Handwerker auch
+den Frauen gegen&uuml;ber den Zunftzwang auszu&uuml;ben. So zwang
+der Rat von Soest im Jahre 1317 die N&auml;herinnen, der Zunft
+beizutreten. Wenige Jahre sp&auml;ter verf&uuml;gte der
+Stra&szlig;burger Rat infolge der Klagen der Wollenweber &uuml;ber
+die au&szlig;erhalb der Zunft arbeitenden Frauen, da&szlig; die
+Weberinnen ihr beitreten m&uuml;&szlig;ten, und auch die in
+gro&szlig;er Zahl f&uuml;r sich arbeitenden Schleier- und
+Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer St&uuml;hle entsprechend,
+einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.<a name=
+"FNanchor_106"></a><a href="#Footnote_106"><sup>106</sup></a></p>
+
+<p>Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am
+z&uuml;nftigen Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in
+den seltensten F&auml;llen die Bestimmungen f&uuml;r beide
+Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der Frauen in die
+Handwerke, die an die K&ouml;rperkr&auml;fte gro&szlig;e
+Anforderungen stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen,
+weil niemand ein Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es
+nicht in allen seinen Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten
+vermochte.<a name="FNanchor_107"></a><a href=
+"#Footnote_107"><sup>107</sup></a> Aber auch in den Z&uuml;nften,
+die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen nur
+selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbst&auml;ndigen
+Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft
+erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten
+schon betrieben hatten. So hei&szlig;t es, in Anerkennung der
+Notwendigkeit der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in
+der Schneiderordnung von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen
+sollen all das Recht haben, das ihre M&auml;nner hatten, damit sie
+sich mit ihren Kindern ern&auml;hren k&ouml;nnen. Diese Bestimmung
+erfuhr jedoch meist eine gro&szlig;e Einschr&auml;nkung dadurch,
+da&szlig; die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen
+die Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen
+durften,<a name="FNanchor_108"></a><a href=
+"#Footnote_108"><sup>108</sup></a> soda&szlig; sie nach wenigen
+Jahren schon aus Mangel an Hilfskr&auml;ften das Handwerk wieder
+aufzugeben gezwungen waren. Nur ausnahmsweise entschlossen sich
+einige Z&uuml;nfte, angesichts der bedr&auml;ngten wirtschaftlichen
+Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht zuzugestehen,
+ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der
+Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen&mdash;eine Bestimmung,
+die schon deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme,
+kinderreiche Witwe gar nicht die M&ouml;glichkeit besa&szlig;, eine
+lange Lehrzeit durchzumachen.<a name="FNanchor_109"></a><a href=
+"#Footnote_109"><sup>109</sup></a> Der einzige Ausweg, der ihr
+blieb, war fast immer der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich
+die Gelegenheit um so leichter bot, als er dadurch sofort Meister
+wurde.<a name="FNanchor_110"></a><a href=
+"#Footnote_110"><sup>110</sup></a> Der weitere Vorteil solcher
+Heirat war der, da&szlig;, wenn beide Eheleute desselben Handwerks
+Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten
+durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine
+Meisterstochter heiratete, ja sie versch&auml;rfte sich oft noch in
+der Weise, da&szlig; die Gewinnung der Meisterschaft davon
+abhing.<a name="FNanchor_111"></a><a href=
+"#Footnote_111"><sup>111</sup></a> Die Z&uuml;nfte suchten dadurch
+dem Eindringen einer unerw&uuml;nschten Menge von Konkurrenten
+vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge
+beschr&auml;nkten, die Lehrjahre verl&auml;ngerten, oder zu dem
+letzten Gewaltmittel, der Schlie&szlig;ung des Handwerks,
+schritten. Ideelle Bedenken kamen ihnen inmitten des materiellen
+Kampfes nicht in den Sinn. Da&szlig; sie den Egoismus
+f&ouml;rderten, der Habgier Th&uuml;r und Thor &ouml;ffneten, den
+sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum blo&szlig;en
+Gesch&auml;ft degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum
+Zweck wurde, m&ouml;gen auch heute die Schw&auml;rmer f&uuml;r die
+gute alte Zeit des romantischen Mittelalters nicht einsehen. Wo
+trotzdem ein freiwilliger Liebesbund zwischen Mitgliedern
+verschiedener Z&uuml;nfte vorkam, pflegte die Frau das Handwerk,
+das sie als M&auml;dchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus
+ergiebt sich, da&szlig; schon vor vier-, f&uuml;nfhundert Jahren
+die Not die Frauen zwang, mitzuverdienen und f&uuml;r die Masse des
+Volkes das Ideal der auf den Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und
+Mutter unerreicht blieb.</p>
+
+<p>Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den
+Weberz&uuml;nften zu finden. In Schlesien &uuml;bertraf schon im
+14. Jahrhundert die Zahl der Garnzieherinnen die der Garnzieher; in
+Bremen, K&ouml;ln, Dortmund, Danzig, Speier, Ulm und M&uuml;nchen
+waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen zu Hause.<a name=
+"FNanchor_112"></a><a href="#Footnote_112"><sup>112</sup></a> In
+den Baseler Steuerregistern von 1453 werden z&uuml;nftige
+Teppichwirkerinnen angef&uuml;hrt; aber auch als K&uuml;rschner,
+B&auml;cker, Wappensticker, G&uuml;rtler, Tuchscherer,
+Riemenschneider, Lohgerber, Goldspinner und Goldschl&auml;ger waren
+Frauen th&auml;tig.<a name="FNanchor_113"></a><a href=
+"#Footnote_113"><sup>113</sup></a> Besonders in Frankreich,
+f&uuml;r das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254
+gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der
+Arbeitsgebiete des weiblichen Geschlechts erm&ouml;glicht ist,
+waren die Frauen in den verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks
+besch&auml;ftigt. Bei den Kristallschleifern, den Seidenspinnern,
+den Leinenhosenmachern, und den Nadelmachern fanden sich weibliche
+Lehrlinge und Gesellen in gro&szlig;er Zahl. In einigen Gewerben,
+wie bei den Webern und Fransenmachern, konnten Frauen Meisterinnen
+werden und Lehrlinge anlernen, und w&auml;hrend im Anfang des
+Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die Meistert&ouml;chter
+und allenfalls die im Hause dienenden M&auml;gde als Lehrdirnen
+zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde Frauen in
+die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und Leinenweber in
+M&uuml;nchen und Speier wird der fremden Lehrm&auml;dchen besonders
+Erw&auml;hnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden
+Menge armer M&auml;dchen, die aus dem durch die fortw&auml;hrenden
+inneren Fehden verw&uuml;steten Lande in die St&auml;dte getrieben
+wurden, wo sie hofften, lohnendere Besch&auml;ftigung und
+gr&ouml;&szlig;ere pers&ouml;nliche Sicherheit zu finden. Infolge
+des gro&szlig;en Angebots weiblicher Arbeitskr&auml;fte sanken die
+Gesellenl&ouml;hne und diejenigen Handwerker, die Frauen
+besch&auml;ftigten, hatten im Wettbewerb vor den anderen einen
+Vorsprung.<a name="FNanchor_114"></a><a href=
+"#Footnote_114"><sup>114</sup></a> Daher machte der Ha&szlig; der
+Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr fr&uuml;h schon
+geltend, ohne da&szlig; sich dem immer zahlreicheren Eintritt
+weiblicher Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten lie&szlig;.
+Kriege und Seuchen rafften die M&auml;nner hinweg; durch das
+Z&ouml;libat der katholischen Geistlichkeit wurden viele Frauen
+selbst zum Z&ouml;libat und selbst&auml;ndigen Erwerb ihres
+Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten
+Z&uuml;nfte, da&szlig; der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen
+Rauch" haben durfte,<a name="FNanchor_115"></a><a href=
+"#Footnote_115"><sup>115</sup></a> und im Hause des Meisters leben
+mu&szlig;te, wo seine Arbeitskraft mehr ausgebeutet, sein Lohn
+durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr verk&uuml;rzt werden
+konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender M&auml;dchen. Die
+Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften,
+weil die Aussicht, Meister zu werden, wegen des gro&szlig;en bei
+diesen Handwerken n&ouml;tigen Kapitals nur gering war,<a name=
+"FNanchor_116"></a><a href="#Footnote_116"><sup>116</sup></a>
+mu&szlig;ten meist auch auf die selbst&auml;ndige Erwerbsarbeit
+ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte St&uuml;ckwerker nur
+ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die Gesellen anderer
+Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus der Zunft
+ausgeschlossen, in kleinen Orten als "St&ouml;rer" sich
+niederlie&szlig;en, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise
+gegen die Meister der Zunft konkurrierten,<a name=
+"FNanchor_117"></a><a href="#Footnote_117"><sup>117</sup></a>
+bildeten das rasch zunehmende Proletariat des Handwerks, das den
+Frauen auch nur Hunger und &uuml;berm&auml;&szlig;ige Arbeit zu
+bieten hatte. Es einzuschr&auml;nken, um die sch&auml;digende
+Konkurrenz los zu werden, war das eifrige Bestreben der
+Z&uuml;nfte, die daher auch das Heiratsverbot noch besonders
+versch&auml;rften, indem sie, wie aus der N&uuml;rnberger
+Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erkl&auml;rten,
+da&szlig; kein Gesell in seinem Handwerk gef&ouml;rdert oder
+unterst&uuml;tzt werden d&uuml;rfte, der ein Weib hat.<a name=
+"FNanchor_118"></a><a href="#Footnote_118"><sup>118</sup></a></p>
+
+<p>Alle diese Umst&auml;nde zusammengenommen f&uuml;hrten dazu,
+da&szlig; nicht nur die Zahl der Frauen an und f&uuml;r sich die
+der M&auml;nner bei weitem &uuml;bertraf, sondern da&szlig; auch
+die Zahl der alleinstehenden, auf selbst&auml;ndigen Erwerb
+angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an
+einer umfassenden Statistik dar&uuml;ber, die Berechnungen aber,
+die einzelne St&auml;dte anstellten, lassen auf die allgemeinen
+Bev&ouml;lkerungsverh&auml;ltnisse ann&auml;hernd richtige
+Schl&uuml;sse zu. Eine Z&auml;hlung der Bev&ouml;lkerung Frankfurts
+a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend m&auml;nnliche elfhundert
+weibliche Personen; eine zu N&uuml;rnberg im Jahre 1449 auf tausend
+erwachsene M&auml;nner zw&ouml;lfhundert und sieben Frauen; eine zu
+Basel im Jahre 1454 auf tausend M&auml;nner &uuml;ber vierzehn
+Jahren zw&ouml;lfhundert und sechsundvierzig Frauen.<a name=
+"FNanchor_119"></a><a href="#Footnote_119"><sup>119</sup></a> Die
+daraus entstehende Frauenfrage mu&szlig;te sich auch dem
+Gedankenlosen aufdr&auml;ngen, um so mehr als ein erschreckendes
+Anwachsen der Prostitution die n&auml;chste Folge war. Durch die
+Einrichtung von Z&uuml;nften, die bis auf ein oder zwei
+Zunftmeister das m&auml;nnliche Geschlecht ausschlossen, suchten
+sich die Frauen selbst zu helfen. Die franz&ouml;sischen
+Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen,
+Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14.
+Jahrhunderts waren in solchen Z&uuml;nften vereinigt, an deren
+Spitze eine Zunftmeisterin&mdash;preudefames&mdash;zu stehen
+pflegte. In K&ouml;ln bestanden schon im 13. Jahrhundert
+verschiedene gro&szlig;e weibliche Genossenschaften, wie die der
+Spinnerinnen, N&auml;herinnen und Stickerinnen,<a name=
+"FNanchor_120"></a><a href="#Footnote_120"><sup>120</sup></a> und
+die Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene
+weibliche Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.<a
+name="FNanchor_121"></a><a href="#Footnote_121"><sup>121</sup></a>
+Aber dadurch waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht
+untergebracht. Die Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit
+seiner langen Lehrzeit und seiner beschr&auml;nkten Zahl von
+Gesellen ausgeschlossen. Um sie unterzubringen, reichten die
+Kl&ouml;ster nicht aus, die auch h&auml;ufig die Einzahlung eines
+kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und die Pforten
+zum Leben r&uuml;cksichtslos hinter ihr verriegelten. Die Zuflucht
+armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an die
+&uuml;berall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine,
+die der Wohlth&auml;tigkeit der B&uuml;rger oder der
+st&auml;dtischen Initiative ihre Entstehung verdankten. Sie nahmen
+in dazu bestimmten H&auml;usern oder Stra&szlig;en M&auml;dchen und
+Frauen auf, die zwar kein Ordensgel&uuml;bde abzulegen
+gen&ouml;tigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen
+waren, gleiche Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen
+durften, und ihren Lebensunterhalt selbst erwerben mu&szlig;ten. Es
+gab kaum eine gr&ouml;&szlig;ere Stadt, die nicht mehrere
+Beginenkonvente hatte; K&ouml;ln allein besa&szlig; deren im 15.
+Jahrhundert &uuml;ber hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen,
+in Basel gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen,
+ein Frankfurt a.M. geh&ouml;rten im 14. Jahrhundert 6% der
+erwachsenen weiblichen Bev&ouml;lkerung den Beginenvereinen an.<a
+name="FNanchor_122"></a><a href=
+"#Footnote_122"><sup>122</sup></a></p>
+
+<p>Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher
+au&szlig;erordentlich gro&szlig;. Die Beginen spannen, webten,
+n&auml;hten und wuschen, sie kamen in die H&auml;user der
+B&uuml;rger zur Aushilfe im Haushalt, sie besch&auml;ftigten sich
+mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil sie umsonst
+wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und ihre
+Bed&uuml;rfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn
+zufrieden sein. Auch au&szlig;erhalb der Z&uuml;nfte, der
+Kl&ouml;ster und der Vereine wagten es alleinstehende Frauen einen
+Broterwerb zu suchen. In gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten gab es
+zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem Ansehen
+brachten, wie z.B. die Augsburger B&uuml;rgerin Klara H&auml;tzler,
+die infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. H&auml;ufiger
+werden weibliche Aerzte erw&auml;hnt; in Frankfurt a.M. wird ihre
+Zahl am Ende des 14. Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem
+Edikt der franz&ouml;sischen Regierung vom Jahre 1311, wonach
+Aerzte und Aerztinnen sich einer Pr&uuml;fung unterziehen
+mu&szlig;ten,<a name="FNanchor_123"></a><a href=
+"#Footnote_123"><sup>123</sup></a> geht hervor, da&szlig; man auch
+dort an diesem weiblichen Beruf keinen Ansto&szlig; nahm.
+Jedenfalls war die Zahl der Frauen, die sich ihm widmeten, zu
+gering, um den Konkurrenzneid ihrer m&auml;nnlichen Kollegen zu
+erregen und sie w&auml;re neben der Masse der armen
+Handarbeiterinnen nicht zu erw&auml;hnen, wenn nicht daraus zu
+ersehen w&auml;re, wie fr&uuml;h die Frauen sich schon gezwungen
+sahen, auch in die h&ouml;heren Berufe einzudringen.</p>
+
+<p>Die ersten, die den Kampf gegen die be&auml;ngstigende Zunahme
+der Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchf&uuml;hrten, waren
+die Z&uuml;nfte. Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht
+organisierten Arbeiterinnen dadurch zu unterdr&uuml;cken gesucht
+hatten, da&szlig; sie ihren Eintritt in die Z&uuml;nfte erzwangen,
+wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Z&uuml;nfte und die
+der ausschlie&szlig;lich weiblichen Z&uuml;nfte &uuml;ber den Kopf;
+sie ver&auml;nderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus
+den Z&uuml;nften wieder hinauszutreiben versuchten.
+Charakteristischerweise verh&uuml;llten sie ihren Konkurrenzneid
+zun&auml;chst mit einem sentimentalen M&auml;ntelchen: die
+Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei f&uuml;r Frauen zu schwer, und
+schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Z&uuml;nften aus;
+die Tuchwalker und die K&ouml;lner Tuchscherer und Hutmacher thaten
+desgleichen,<a name="FNanchor_124"></a><a href=
+"#Footnote_124"><sup>124</sup></a> indem sie feierlich
+erkl&auml;rten, da&szlig; ihr Handwerk dem "Manne zugeh&ouml;rt".
+Bald bem&uuml;hte man sich nicht mehr mit solchen Erkl&auml;rungen,
+denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete &uuml;ber,
+auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden
+Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her
+haupts&auml;chlich den Frauen offen standen: der Textil- und
+Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem
+die Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks
+&uuml;ber die Zunahme ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es
+nicht nur durch, da&szlig; den Frauen verboten wurde, andere als
+weibliche Kleidungsst&uuml;cke anzufertigen, sondern auch da&szlig;
+die Zahl der weiblichen Gehilfen und Lehrlinge auf je einen bei
+einem Meister beschr&auml;nkt wurde. Noch weiter gingen die
+W&uuml;rttemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher
+Lehrlinge, selbst der Meisterst&ouml;chter &uuml;berhaupt
+untersagten, und die F&auml;rber, die alle Frauen aus der Zunft
+ausschlossen.</p>
+
+<p>Das treibende Element in diesen K&auml;mpfen waren weniger die
+Meister der Z&uuml;nfte, die durch die billige weibliche
+Arbeitskraft, durch die Besch&auml;ftigung ihrer Frauen und
+T&ouml;chter ihre Konkurrenten aus dem Felde schlugen, als die zu
+immer gr&ouml;&szlig;erer Macht gelangenden Gesellenverb&auml;nde.
+F&uuml;r die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die
+besiegt werden mu&szlig;te, um vorw&auml;rts zu kommen.</p>
+
+<p>So hatte ein G&uuml;rtlermeister in Stra&szlig;burg Mitte des
+16. Jahrhunderts seine beiden Stieft&ouml;chter zum Handwerk
+erzogen und erregte dadurch den Zorn des Gesellenverbandes seiner
+Zunft in dem Ma&szlig;e, da&szlig; es zur Arbeitseinstellung kam,
+die zwei Jahre w&auml;hrte und mit der Niederlage des Meisters und
+der Frauenarbeit endete.<a name="FNanchor_125"></a><a href=
+"#Footnote_125"><sup>125</sup></a> Und wie hier das Kampfmittel des
+Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg
+angewandt. Die Stra&szlig;burger Nestler beklagten sich
+n&auml;mlich bei den N&uuml;rnbergern, da&szlig; diese M&auml;gde
+besch&auml;ftigten und das Handwerk daher zu Schaden k&auml;me, und
+drohten ihnen, alle in N&uuml;rnberg gelernten Nestler f&uuml;r
+untauglich und unredlich zu erkl&auml;ren, wenn sie diesen
+Uebelstand nicht beseitigen w&uuml;rden.<a name=
+"FNanchor_126"></a><a href="#Footnote_126"><sup>126</sup></a></p>
+
+<p>Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand
+geht mit der Ver&auml;nderung wirtschaftlicher Zust&auml;nde,
+bietet die Thatsache, da&szlig; der Frauenarbeit im Verlaufe des
+Kampfes gegen sie und nach ihrer Unterdr&uuml;ckung der Stempel des
+Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer deutlicher
+aufgepr&auml;gt wurde. Der Mann hielt es f&uuml;r unter seiner
+W&uuml;rde, neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und
+G&uuml;rtlerordnung sowie die N&uuml;rnberger
+Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen
+ausdr&uuml;cklich.<a name="FNanchor_127"></a><a href=
+"#Footnote_127"><sup>127</sup></a> Die N&uuml;rnberger
+Buchbindergesellen erkl&auml;rten jeden f&uuml;r unehrlich, der mit
+einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die Gesellenverb&auml;nde
+und die Z&uuml;nfte beschlossen, wurde schlie&szlig;lich in die
+Ratsschl&uuml;sse und landesherrlichen Verf&uuml;gungen
+aufgenommen. Sie verboten nicht nur die Arbeit der Frauen in den
+Z&uuml;nften, sie hielten sie auch f&uuml;r sch&auml;ndend, indem
+sie die mit den Frauen arbeitenden M&auml;nner als unredliche
+bezeichneten.</p>
+
+<p>Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem
+z&uuml;nftigen Handwerk hinausgedr&auml;ngt und das m&auml;nnliche
+Geschlecht wurde &uuml;berall zur Bedingung des Eintritts.<a name=
+"FNanchor_128"></a><a href="#Footnote_128"><sup>128</sup></a> So
+schien der Feind besiegt, w&auml;hrend thats&auml;chlich die
+Sterbestunde der Z&uuml;nfte schlug, und er sich nur in den
+Hintergrund zur&uuml;ckgezogen hatte, um von da aus des Handwerks
+goldenen Boden weiter zu unterminieren.</p>
+
+<p>Verbieten lie&szlig; sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not
+zwang sie dazu, und es hie&szlig; jetzt nur, neue Bedingungen
+f&uuml;r sie zu suchen. Wie die sogenannten St&uuml;ckwerker, die,
+au&szlig;erhalb der Z&uuml;nfte stehend, f&uuml;r geringen Lohn
+arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Ma&szlig;e von
+den Meistern und den "Verlegern", kaufm&auml;nnischen
+Auftraggebern, in ihrem eigenen Hause besch&auml;ftigt.<a name=
+"FNanchor_129"></a><a href="#Footnote_129"><sup>129</sup></a> Da
+diese Besch&auml;ftigungsweise an keine Werkstatt, an keine
+z&uuml;nftigen Bestimmungen gebunden war, f&uuml;r die Frauen einen
+sehr gesuchten, wenn auch noch so k&uuml;mmerlichen Erwerb bildete
+und f&uuml;r die Auftraggeber stets ein gl&auml;nzendes
+Gesch&auml;ft bedeutete, so dehnte sie sich rasch bis in die
+entferntesten Bauernh&ouml;fe aus und ri&szlig; die gro&szlig;e
+Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht
+mehr jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die f&uuml;r
+den Bedarf der Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht
+mehr die Arbeit im Rahmen des z&uuml;nftigen Handwerks, die doch
+einige Aussicht auf Vorw&auml;rtskommen, auf Selbst&auml;ndigkeit
+in sich schlo&szlig;, es war vielmehr jene Lohnarbeit, durch die
+eine immer wachsende Zahl der Bev&ouml;lkerung in dauernde
+Abh&auml;ngigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und
+aussichtslosen Proletariat herabgedr&uuml;ckt wurde. Durch sie
+zerfiel das Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die
+Hausindustrie,<a name="FNanchor_130"></a><a href=
+"#Footnote_130"><sup>130</sup></a> denn zahlreiche verarmte
+Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde der Unternehmer und
+nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das z&uuml;nftige
+Handwerk nicht besch&auml;ftigt hatte, wurden zur Mitarbeit
+herangezogen, um den k&uuml;mmerlichen Verdienst ein wenig zu
+erh&ouml;hen.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution
+vorbereitet, die die gesamte Arbeit &uuml;berhaupt, die
+Frauenarbeit insbesondere, von Grund aus umgestalten sollte. Sie
+beschleunigte die Aufl&ouml;sung des z&uuml;nftigen Handwerks, sie
+entf&uuml;hrte die Frauen mehr und mehr dem h&auml;uslichen Herd,
+aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Gro&szlig;industrie,
+die Mann und Weib schlie&szlig;lich gleichm&auml;&szlig;ig in ihre
+Dienste zwang.</p>
+
+<p>Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter
+zur&uuml;ckverfolgen, wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des
+Strumpfwirkerstuhls f&uuml;hrte und die Produktivit&auml;t auf
+diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die durch Barbara Uttmann
+erfundene Spitzenkl&ouml;ppelei besch&auml;ftigte in Deutschland
+viele Hunderte von flei&szlig;igen H&auml;nden, w&auml;hrend die
+von Frau Gilbert aus Italien in Frankreich eingef&uuml;hrte Kunst
+venezianischer Spitzenarbeit schnell zu einer bl&uuml;henden
+Industrie sich entwickelte, in der am Ende des vorigen Jahrhunderts
+gegen 100000 Arbeiterinnen th&auml;tig waren.<a name=
+"FNanchor_131"></a><a href="#Footnote_131"><sup>131</sup></a> Mit
+dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die Wei&szlig;stickerei
+sich rapid; durch die Band- und Scherm&uuml;hle, die
+Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug
+fanden zahllose Frauen Besch&auml;ftigung, denn eine
+mannigfaltigere und reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen
+zug&auml;nglich und die Bed&uuml;rfnisse danach, die sich
+fr&uuml;her, bei der schwierigen und langwierigen Art ihrer
+Herstellung, auf die gro&szlig;en Damen der H&ouml;fe, die
+Patrizierinnen der Handelsst&auml;dte und die Courtisanen
+beschr&auml;nkten, ein Gemeingut auch der Frauen des
+B&uuml;rgerstandes.</p>
+
+<p>Aber wie geringf&uuml;gig erscheint der Einflu&szlig; all der
+genannten technischen Vervollkommnungen der Arbeitsmittel
+gegen&uuml;ber der geradezu umw&auml;lzenden, die von England 1767
+durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny, einer zun&auml;chst
+durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie wurde von Jahr
+zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schlie&szlig;lich bis
+zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der
+Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.<a name=
+"FNanchor_132"></a><a href="#Footnote_132"><sup>132</sup></a> Noch
+vor Anwendung der Dampfkraft, in der zweiten H&auml;lfte des 18.
+Jahrhunderts, entstanden in England und Schottland die ersten
+Spinnereien, und 1788 gab es dort bereits 142 Fabriken, die nicht
+weniger als 59000 Frauen und 48000 Kinder besch&auml;ftigten.<a
+name="FNanchor_133"></a><a href="#Footnote_133"><sup>133</sup></a>
+Gro&szlig;e Fortschritte hatte indessen auch die mechanische
+Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch
+Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine
+trat neben den au&szlig;erordentlich vervollkommneten
+Webst&uuml;hlen in Th&auml;tigkeit und es waren auch hier Frauen,
+die in erster Linie zu ihrer Bedienung herangezogen wurden.
+Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich, haupts&auml;chlich in
+Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben von Linon,
+Batist und Gaze besch&auml;ftigt.<a name="FNanchor_134"></a><a
+href="#Footnote_134"><sup>134</sup></a></p>
+
+<p>Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung mu&szlig;ten
+f&uuml;r das weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung
+sein. Jede neue Maschine, die die Arbeit von so und so vielen
+Handarbeiterinnen verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte
+ihre hausindustrielle Th&auml;tigkeit und dr&uuml;ckte auf ihren
+Lohn. Sie entri&szlig; aber auch den Frauen ihnen bisher fast
+ausschlie&szlig;lich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das Spinnen
+und Weben, indem sie M&auml;nner und Kinder zur Mitarbeit heranzog
+und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen lie&szlig;. Und
+endlich griff sie aufl&ouml;send und zersetzend in den einst so
+fest umfriedeten Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau
+klaffte von nun an ein furchtbarer Ri&szlig;: die bittere Not zwang
+sie in die Fabrik, wo sie der Ausbeutung schutzlos preisgegeben
+war, die Mutterliebe und die von alters her ehrw&uuml;rdigen
+Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim.</p>
+
+<p>Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt
+hervorwachsenden, in das Volksleben tief eingreifenden Fragen,
+stand die Gesellschaft ratlos gegen&uuml;ber. Mit ungeschickten
+H&auml;nden versuchte man einzelne Knoten zu entwirren, um nur
+immer neue zu kn&uuml;pfen. Durch Unterdr&uuml;ckung der
+gef&auml;hrlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft
+sollte der Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder
+hergestellt werden. So wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse
+mit der Begr&uuml;ndung, sie ihren Frauenpflichten wiedergeben zu
+wollen, schon 1640 die Arbeit verboten; in Sachsen verf&uuml;gte
+ein Gesetz, da&szlig; Bauerndirnen keinen anderen Beruf, als den
+h&auml;uslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz
+wie in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht
+verdingen wollten, mit schweren Steuern belastet.<a name=
+"FNanchor_135"></a><a href="#Footnote_135"><sup>135</sup></a> Aus
+den Badestuben, dem Schankgesch&auml;ft und dem Kleinhandel wurden
+die Frauen vertrieben. Die Menge der Spitzenkl&ouml;pplerinnen in
+N&uuml;rnberg veranla&szlig;te den Kameralisten J.L. Dorn strenge
+Polizeima&szlig;regeln gegen selbst&auml;ndige Arbeiterinnen zu
+verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten
+diese Mauern und W&auml;llchen nicht aufzuhalten, und die
+hingeworfenen Strohhalme konnten die Menge der mit den Fluten
+K&auml;mpfenden nicht retten. Den Frauen des arbeitenden Volkes
+blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger und Schande.</p>
+
+<p>Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre
+wirtschaftliche Existenz mu&szlig;ten sie nicht nur
+selbst&auml;ndig k&auml;mpfen, sie mu&szlig;ten sie auch von Grund
+aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben Lasten wie ihre
+m&auml;nnlichen Arbeitsgenossen, nur da&szlig; sie noch
+unterdr&uuml;ckter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am
+schwersten Leidenden duldeten sie stumm.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="4_Die_Stellung_der_Frauen_im_Geistesleben" />4. Die
+Stellung der Frauen im Geistesleben.</h2>
+
+<p>Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Ma&szlig;e
+auf die Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf
+der einen und die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der
+geistige Fortschritt, die Ausbreitung allgemeinen Wissens und
+h&ouml;herer Kultur wurden dadurch bestimmt: harte Arbeit,
+unaufh&ouml;rlicher Kampf ums t&auml;gliche Brot, raubten dem Volk
+sowohl die notwendige Mu&szlig;e, als die geistige Frische und
+Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r eine tiefere Bildung, die daher zu
+einem Privilegium der besitzenden Klassen werden mu&szlig;te. Mehr
+noch als f&uuml;r die M&auml;nner gilt diese scharfe Trennung
+f&uuml;r die Frauen, denen bedeutend weniger Hilfsmittel zu Gebote
+standen, um die widrigen &auml;u&szlig;eren Lebensumst&auml;nde
+&uuml;berwinden zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Auch in die Kl&ouml;ster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens
+Zufluchtsst&auml;tten aller Bildung waren, traten meist nur
+beg&uuml;terte und vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und
+Barmherzigkeit aufgenommen, so fanden sie als M&auml;gde Verwendung
+und nahmen keinen Teil an dem vielfach reichen geistigen Leben des
+Klosters. Wenn daher die Geschichte der geistigen Entwicklung des
+weiblichen Geschlechts verfolgt werden soll, so darf nicht
+vergessen werden, da&szlig; sie sich im allgemeinen auf die Kreise
+der Besitzenden beschr&auml;nkt, wie die Geschichte der
+Frauenarbeit fast ausschlie&szlig;lich nur von den besitzlosen
+Frauen sprechen konnte.</p>
+
+<p>Im fr&uuml;hen Mittelalter waren Geistliche und fahrende
+Spielleute die Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen
+einen Grad von Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber
+immerhin den der M&auml;nner im allgemeinen &uuml;bertraf.
+Hie&szlig; es doch, da&szlig; Gelehrsamkeit den Mann furchtsam und
+weibisch mache und daher m&ouml;glichst zu vermeiden sei.<a name=
+"FNanchor_136"></a><a href="#Footnote_136"><sup>136</sup></a>
+Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch
+die Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die
+unaufh&ouml;rlichen inneren Wirren verursachten Zust&auml;nde,
+verbunden mit dem Einflu&szlig; der protestantischen Kirche, die
+aller Frauenbildung durchaus abhold war, hemmten im Norden Europas
+die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des weiblichen
+Geschlechts. Im S&uuml;den dagegen, vor allem in Italien, wo nicht
+wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religi&ouml;ser
+K&auml;mpfe gef&uuml;hrten Kriege der F&uuml;rsten untereinander
+allen Wohlstand untergraben, die Gem&uuml;ter erhitzt und mit dem
+schlimmsten Fanatismus, dem religi&ouml;sen, erf&uuml;llt hatten,
+wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter ge&ouml;ffnet
+als je vorher.</p>
+
+<p>Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu
+neuem Leben erwacht. Alle Umst&auml;nde wirkten zusammen, um diese
+Wiedergeburt zu erm&ouml;glichen. Die Kleriker, die die Sprache des
+Horaz und des Cicero nicht untergehen lie&szlig;en, die
+Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland, sondern auch das Land
+Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden S&auml;nger, die
+ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle
+bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die
+bl&uuml;henden Handelsst&auml;dte mit ihrem freien B&uuml;rgertum,
+die gl&auml;nzenden F&uuml;rstenh&ouml;fe mit ihren an Mitteln und
+Mu&szlig;e reichen Bewohnern bildeten den N&auml;hrboden, aus dem
+es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der
+Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des
+urspr&uuml;nglichen Christentums l&auml;ngst vergessen machen.</p>
+
+<p>Die Frauen nahmen, soweit sie den beg&uuml;terten Volksklassen
+angeh&ouml;rten, ohne darum k&auml;mpfen zu m&uuml;ssen an den
+geistigen Sch&auml;tzen teil, die in fast unersch&ouml;pflicher
+F&uuml;lle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kr&auml;fte wurden
+nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche
+Th&auml;tigkeit fr&uuml;herer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da
+Handwerk und Industrie die Herstellung einer gro&szlig;en Menge
+Gebrauchsgegenst&auml;nde &uuml;bernommen hatten und die grobe
+t&auml;gliche Arbeit ausschlie&szlig;lich den M&auml;gden
+&uuml;berlassen blieb. So war es nur eine nat&uuml;rliche Folge der
+Befreiung des beg&uuml;terten Teils des weiblichen Geschlechts von
+einf&ouml;rmiger Arbeitslast, da&szlig; er an der Kunst, die ihn
+umgab, an der Wissenschaft, von der er reden h&ouml;rte,
+lebhafteres Interesse nahm und da&szlig; einzelne, besonders
+begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder k&uuml;nstlerisch
+th&auml;tig waren. In den H&auml;usern der Handelsherrn und den
+Pal&auml;sten der F&uuml;rsten genossen die Kinder beiderlei
+Geschlechts von humanistisch gebildeten Erziehern denselben
+Unterricht. Hervorragende P&auml;dagogen widmeten ihre ganze Kraft
+der Heranbildung ihrer Z&ouml;glinge, soda&szlig; z.B. eine
+C&auml;cilia Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit
+zehn Jahren die klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.<a
+name="FNanchor_137"></a><a href="#Footnote_137"><sup>137</sup></a>
+Aber nicht einseitige Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung,
+vielmehr war es die harmonische Ausbildung der ganzen
+Pers&ouml;nlichkeit, die Individualisierung des einzelnen
+Menschen.<a name="FNanchor_138"></a><a href=
+"#Footnote_138"><sup>138</sup></a> Die gro&szlig;e Errungenschaft
+der Renaissance f&uuml;r das weibliche Geschlecht lag demnach nicht
+darin, da&szlig; die Universit&auml;ten den Frauen ge&ouml;ffnet
+wurden und der Ruhm einzelner weiblicher Gelehrten die damalige
+Welt erf&uuml;llte, sondern in der Anerkennung der Frau als eines
+selbst&auml;ndischen Menschen. Die h&ouml;here Form des Umganges
+zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen Novellisten<a
+name="FNanchor_139"></a><a href="#Footnote_139"><sup>139</sup></a>
+und Biographen erz&auml;hlen, ist allein schon ein Beweis
+daf&uuml;r. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein
+in den Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur
+Schaffnerin und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen
+Unterhaltungen teil, vor ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio
+ihre Dichtungen vor, und ihr reifes Urteil wurde dem der
+M&auml;nner gleich geachtet, ja h&auml;ufig wog es schwerer, als
+jenes.<a name="FNanchor_140"></a><a href=
+"#Footnote_140"><sup>140</sup></a> Frauen, wie Katharina Cornaro in
+Venedig, Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino,
+Isabella von Este in Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der
+Mittelpunkt geistig lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm
+so mancher Dichter und K&uuml;nstler abhing. Die gr&ouml;&szlig;ere
+Freiheit, welche die Frauen der Renaissance genossen, die
+Selbst&auml;ndigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen und
+Gef&uuml;hlen folgten, hat religi&ouml;se und moralische Zeloten
+veranla&szlig;t, sie als ganz besonders sittenlose Gesch&ouml;pfe
+hinzustellen, und manche f&uuml;hren sie noch heute als Beispiele
+daf&uuml;r an, da&szlig; das Weib verderbe, wenn es dem Manne sich
+gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch zwischen den im
+allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs und Englands
+im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen Italiens
+zur gleichen Zeit, mu&szlig; durchaus zu Gunsten dieser entschieden
+werden.<a name="FNanchor_141"></a><a href=
+"#Footnote_141"><sup>141</sup></a> Sie waren keine stillen stumpfen
+Dulderinnen oder hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher
+h&auml;ufig die Bande entw&uuml;rdigender Ehen und folgten der
+Stimme ihres Herzens, und diese h&ouml;here Sittlichkeit
+schlo&szlig; von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit gerade bei
+den bedeutendsten unter ihnen aus.</p>
+
+<p>Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige
+Gelehrsamkeit ausartete und wo Frauen als K&uuml;nstlerinnen,
+Dichterinnen oder Rednerinnen &ouml;ffentlich auftraten, machte
+sich ein Charakterzug besonders bemerkbar: ihre Wissenschaft wie
+ihre Kunst trugen ein v&ouml;llig m&auml;nnliches Gepr&auml;ge, und
+das h&ouml;chste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen
+m&auml;nnlichen Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die
+im 13. Jahrhundert in Bologna predigte und Professor wurde,<a name=
+"FNanchor_142"></a><a href="#Footnote_142"><sup>142</sup></a> war
+wegen der "m&auml;nnlichen Kraft" ihrer Rede ber&uuml;hmt. Novella
+d'Andrea, die holdselige Lehrerin des kanonischen Rechts und
+Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin von "de legibus
+connubialibus"<a name="FNanchor_143"></a><a href=
+"#Footnote_143"><sup>143</sup></a> waren Rechtsgelehrte von
+"m&auml;nnlichem Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor P&auml;psten
+und Kaisern Vortr&auml;ge hielt, Cassandra Fedele, die in Padua
+dozierte, Ippolita Sforza, die auf dem Kongre&szlig; zu Mantua den
+Papst begr&uuml;&szlig;te, Isikratea Monti und Emilia Brembati,
+deren Redekunst Hunderte von Zuh&ouml;rern anzog&mdash;sie alle
+sahen ihren h&ouml;chsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen
+zu machen. Und so sehr war diese Auffassung gang und g&auml;be,
+da&szlig; sogar bedeutende Frauen vor sich selbst das Gel&uuml;bde
+der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen dem Dienst der
+Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des
+m&uuml;tterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu
+ihnen geh&ouml;rte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die
+unsterbliche Freundin Michelangelos.<a name="FNanchor_144"></a><a
+href="#Footnote_144"><sup>144</sup></a> Auch sie vermochte, trotz
+der geistigen H&ouml;he, auf der sie stand, trotz der geistigen
+Kraft, die ihr eigen war, die Kluft zwischen dem Weibe als
+Geschlechtswesen und dem Weibe als K&uuml;nstlerin und Gelehrte
+nicht zu &uuml;berbr&uuml;cken. Und an diesem Punkt mu&szlig;ten
+die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als
+aus&uuml;bende, nicht nur als anregende und urteilende Kr&auml;fte
+im geistigen Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der
+inneren Entwicklung des gesamten weiblichen Geschlechts
+herauswachsenden Bewegung, sondern nur eine spontane Befreiung
+einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war. Darum blieb diese
+Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war nicht einmal
+ein ausreichender Beweis f&uuml;r die geistige Ebenb&uuml;rtigkeit
+der Frauen, weil sie zu &auml;ngstlich in die Fu&szlig;stapfen der
+M&auml;nner traten, statt zu zeigen, da&szlig; sie auch ihren
+eigenen Weg zu gehen wissen.</p>
+
+<p>Durch oberfl&auml;chliche Beurteilung k&ouml;nnte aus den
+zahllosen Schriften jener Zeit &uuml;ber die Frauen, ihren Ruhm und
+ihre F&auml;higkeiten eine tiefgehende Frauenbewegung gefolgert
+werden. Eine n&auml;here Kenntnis jedoch beweist, da&szlig; viele
+Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend, einen wahren
+Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein glaubte, wenn
+er Biographien ber&uuml;hmter M&auml;nner schrieb. Solche
+ber&uuml;hmter Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie &uuml;berall
+mit im Vordergrund des geistigen Lebens standen. Boccaccio ging
+zuerst mit dem Beispiel voran und schilderte in seiner lateinisch
+geschriebenen Abhandlung: De casibus virorum et feminarum
+illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den Griechen an bis
+zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vork&auml;mpfer der
+Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche
+Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;<a name=
+"FNanchor_145"></a><a href="#Footnote_145"><sup>145</sup></a> sie
+suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die
+Masse der verherrlichten Frauen zu &uuml;bertreffen, bis
+schlie&szlig;lich Peter Paul Ribera durch sein Werk &uuml;ber die
+unsterblichen Triumphe und heldenhaften Abenteuer von 845 Frauen
+alle in den Schatten stellte. Es war nur ein Schritt weiter auf dem
+einmal betretenen Wege, wenn mit gro&szlig;em Aufwand von
+t&ouml;nenden Worten nunmehr der h&ouml;here Wert des weiblichen
+Geschlechts vor dem m&auml;nnlichen gepriesen<a name=
+"FNanchor_146"></a><a href="#Footnote_146"><sup>146</sup></a> und
+die Frage zum Stoff gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem
+Redekunst und geistreicher Witz sich &uuml;bten. Einen tieferen
+Eindruck hinterlie&szlig; diese ganze Litteratur auf die Dauer in
+Italien nicht, weil sie dem Bed&uuml;rfnis zu fern lag und nur
+f&uuml;r jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die dank
+ihrer g&uuml;nstigen &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse sich mit
+gleichen geistigen Waffen mit den M&auml;nnern zu messen
+vermochten.</p>
+
+<p>Ihre Zahl war, trotz der 845 ber&uuml;hmten Frauen Riberas, im
+Verh&auml;ltnis zur Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die
+sie sich verteilten, nur gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich
+damals mehr als andere ihres m&auml;nnlichen Geistes wegen
+r&uuml;hmten, brachte nur wenige wirklich hervorragende weibliche
+Gelehrte hervor, unter denen die Theologin Isabella von Cordoba<a
+name="FNanchor_147"></a><a href="#Footnote_147"><sup>147</sup></a>
+und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte Rednerin Juliana
+Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.</p>
+
+<p>W&auml;hrend in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum
+k&auml;mpfen zu m&uuml;ssen, gewisserma&szlig;en
+selbstverst&auml;ndlich an den geistigen Errungenschaften teil
+nahmen&mdash;als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in
+Frankreich, England und vor allem in Deutschland eine durchaus
+andere. Sie waren gedr&uuml;ckt durch die wirtschaftliche Lage, und
+Wissenschaft und Kunst gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu
+ihnen. Darum entstand zun&auml;chst nur in wenigen Frauen durch das
+Beispiel der Italienerinnen der Wunsch nach geistiger Fortbildung,
+nach intellektueller Gleichberechtigung. Und er
+trat&mdash;bezeichnend genug f&uuml;r die Zust&auml;nde in
+Mitteleuropa&mdash;h&auml;ufig in Gemeinschaft mit dem
+Bed&uuml;rfnis nach einem Broterwerb auf. Die franz&ouml;sische
+Schriftstellerin Christine de Pisan ist ein klassisches Beispiel
+daf&uuml;r.<a name="FNanchor_148"></a><a href=
+"#Footnote_148"><sup>148</sup></a> Fr&uuml;h verwitwet, sah sie
+sich gezwungen, ihre Kinder zu ern&auml;hren und gro&szlig; zu
+ziehen. Da sie eine, f&uuml;r die Ansichten ihrer Zeit, des 15.
+Jahrhunderts, gute Erziehung genossen hatte, bildete sie sich mit
+eiserner Energie weiter aus und erm&ouml;glichte es, von ihrer
+Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu k&ouml;nnen. Ihr Roman
+von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr
+&uuml;ber die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen.
+F&uuml;r die Beurteilung der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre
+Streitschrift "La cit&eacute; des dames" besonders interessant. Sie
+schilderte darin das Leben und Wirken der italienischen Juristin
+Novella d'Andrea, um, daran ankn&uuml;pfend, f&uuml;r die
+wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erkl&auml;rte
+zum Schlu&szlig;, da&szlig; die M&auml;nner nur aus dem Grunde
+dagegen seien, weil sie f&uuml;rchteten, die Frauen k&ouml;nnten
+kl&uuml;ger werden als sie. Christine de Pisan genie&szlig;t den
+Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der
+Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge
+ihres eigenen Lebenskampfes, pr&auml;destiniert dazu. Nicht der
+S&uuml;den, der &uuml;ber seine Kinder einen solchen
+Ueberflu&szlig; an Reichtum und Sch&ouml;nheit aussch&uuml;ttete,
+da&szlig; auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern die
+L&auml;nder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle,
+auch die Frauen erfa&szlig;te, waren der N&auml;hrboden der
+Frauenfrage und der Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not
+und Unterdr&uuml;ckung ihres Geschlechts zuerst bewu&szlig;t wurden
+und sie in Worte zu fassen wagten, konnten nat&uuml;rlich nicht die
+Allermi&szlig;handeltsten sein; sie mu&szlig;ten auf einer gewissen
+H&ouml;he der Bildung und des Verst&auml;ndnisses stehen. Denn die
+tiefste Not macht stumpf; sie zerst&ouml;rt alle Thatkraft; sie
+l&auml;&szlig;t selbst das Gef&uuml;hl der Unzufriedenheit mit dem
+eigenen Elend nicht aufkommen.</p>
+
+<p>Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch
+eine Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die
+Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung
+der Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten
+praktischen Erfolg hatten diese Bem&uuml;hungen
+selbstverst&auml;ndlich nicht, aber sie wirkten im Verein mit dem
+Einflu&szlig; des Humanismus, dem Aufbl&uuml;hen von Kunst und
+Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks wachsenden
+Wohlstand der oberen Klassen auf die Erh&ouml;hung der
+Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine
+K&ouml;nigin, die beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden
+ist, aus der Menge gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra,
+die Schwester Franz' I.<a name="FNanchor_149"></a><a href=
+"#Footnote_149"><sup>149</sup></a> Ihre Erz&auml;hlungen, ihre
+Gedichte, vor allem aber ihr Briefwechsel, geben den Geist des 16.
+Jahrhunderts mit all seinem Leichtsinn und seiner Grazie lebendig
+wieder, sie weisen aber auch &uuml;berall die Spuren der Nachahmung
+italienischer Vorbilder auf. Ihre gleich kluge, aber, im Gegensatz
+zu ihr, sittenlose Namensschwester, Margarete von Valois, die
+Gattin Heinrichs IV.<a name="FNanchor_150"></a><a href=
+"#Footnote_150"><sup>150</sup></a>, schrieb f&uuml;nfzig Jahre
+sp&auml;ter einen selbst&auml;ndigeren Stil und verfa&szlig;te,
+voller Verachtung f&uuml;r die sie umgebende schw&auml;chliche und
+gemeine M&auml;nnerwelt, trotzend auf ihren energischen Geist, eine
+Schrift &uuml;ber die Ueberlegenheit des weiblichen Verstandes.</p>
+
+<p>Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die
+Frauen Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt
+aus der Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen
+Tanneguy Lef&egrave;bre und Gattin seines unbedeutenden
+Sch&uuml;lers Andr&eacute; Dacier. Die ersten franz&ouml;sischen
+Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des Terenz und vor
+allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift:
+Trait&eacute; des causes de la corruption du go&ucirc;t, worin sie
+die Angriffe Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch
+zur&uuml;ckwies, hat einen dauernden Wert behalten. Da&szlig; Anna
+Dacier so allein steht, ist leicht begreiflich, denn die
+Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung, vertieften und
+verfeinerten Lebens f&uuml;r alle h&auml;tte werden sollen, wurde
+zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schlie&szlig;lich
+bis zu l&auml;cherlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden,
+wie in Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und
+ihrer wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach
+der Liebe und der Mutterschaft, um sich ungest&ouml;rt ihren
+Studien zu widmen. So brachten z.B. die Pr&eacute;cieuses des Hotel
+Rambouillet die gelehrten Frauen in berechtigten Verruf, und wenn
+Moli&egrave;re in seinen Lustspielen Pr&eacute;cieuses ridicules
+und Femmes savantes ihrer Unnatur t&ouml;dliche Streiche versetzte,
+so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund des
+weiblichen Geschlechts.</p>
+
+<p>Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die
+Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands
+eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu
+arm, die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer
+h&auml;uslichen Sorgen, als da&szlig; sie in nennenswerter Weise
+daran h&auml;tten teilnehmen k&ouml;nnen. Erst sehr allm&auml;hlich
+drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der Gelehrten und den
+H&ouml;rs&auml;len der Universit&auml;ten auch zu ihnen.
+W&auml;hrend das f&uuml;nfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die
+Bl&uuml;tezeit weiblicher Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum
+Teil auch in Frankreich war, setzte sie in Deutschland erst im
+Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ein. Viel fr&uuml;her
+besch&auml;ftigten sich jedoch die Humanisten mit der theoretischen
+Er&ouml;rterung der Frauenfrage, wie sie die italienische
+Renaissance dadurch aufgestellt hatte, da&szlig; sie den Frauen die
+Pforten zur klassischen Bildung nicht verschlo&szlig;. Was dort
+ohne Kampf unter dem unmittelbaren Eindruck der gro&szlig;en
+geistigen Errungenschaften geschah, dar&uuml;ber mu&szlig;te der
+gr&uuml;blerische Deutsche erst langatmige Theorieen aufstellen,
+und der langsame, k&uuml;nstlich niedergehaltene Geist der
+deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in
+hom&ouml;opathischen Dosen vertragen. Der erste Gelehrte, der als
+Vork&auml;mpfer dieser Art Frauenfrage gelten kann, war der
+merkw&uuml;rdige platonisch-christliche Philosoph Cornelius Agrippa
+von Nettesheim. Seine Schrift &uuml;ber den Vorzug des weiblichen
+Geschlechts,<a name="FNanchor_151"></a><a href=
+"#Footnote_151"><sup>151</sup></a> die 1505 erschien, liest sich
+zum Teil wie eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf
+Bildung. Er gei&szlig;elt die Erziehung der M&auml;dchen zur
+Faulheit und erkl&auml;rt, da&szlig; nur sie daran schuld sei, wenn
+die Frauen ihre F&auml;higkeiten nicht entwickeln und den Beweis
+ihrer der m&auml;nnlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern
+k&ouml;nnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdr&uuml;ckt
+freilich h&auml;ufig den klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem
+Erscheinen ab nahm der Federkrieg f&uuml;r und wider die
+h&ouml;here Frauenbildung kein Ende. Die Gegner verstiegen sich
+sogar bis zu der Behauptung, da&szlig; die Weiber keine Menschen
+seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke, Andreas
+Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig heraus.<a
+name="FNanchor_152"></a><a href="#Footnote_152"><sup>152</sup></a>
+Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb die
+weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschr&auml;nkt;
+eine Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten
+deutscher Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, &auml;hnlich
+den Prinzessinnen an den H&ouml;fen italienischer M&auml;cene,
+zwischen ihnen lebte, geh&ouml;rte zu den sehr vereinzelten
+Ausnahmen.<a name="FNanchor_153"></a><a href=
+"#Footnote_153"><sup>153</sup></a> Der Adel war verroht, das
+B&uuml;rgertum beschr&auml;nkt und n&uuml;chtern, die
+F&uuml;rstenh&ouml;fe arm und klein. Erst mit dem 17. Jahrhundert
+trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit der
+M&auml;nner etwas M&uuml;des, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich
+trug, konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bed&uuml;rfnis
+der Frauen nach h&ouml;herer Bildung nicht in lebenspendender Weise
+befriedigt werden. Wohl lernten F&uuml;rstinnen und
+Gelehrtent&ouml;chter die klassischen Sprachen, wohl wurden
+Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12 Jahren
+alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten
+einzelne Frauen<a name="FNanchor_154"></a><a href=
+"#Footnote_154"><sup>154</sup></a> es zu einem solchen Grade von
+Gelehrsamkeit, da&szlig; ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen
+starben, wohl wurden Str&ouml;me von Tinte zu ihrem Lobe
+verschrieben,<a name="FNanchor_155"></a><a href=
+"#Footnote_155"><sup>155</sup></a> aber keine einzige, wirklich
+durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche
+Pers&ouml;nlichkeit ist unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit
+haftete nur an der Oberfl&auml;che, sie war nichts weiter als jener
+"Wissenskram" Fausts, den starke Naturen absch&uuml;tteln, wie
+bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu werden. Einen
+Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz, die Tochter
+des ungl&uuml;cklichen Winterk&ouml;nigs gemacht, die durch
+gro&szlig;es Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war
+zuerst eine eifrige Sch&uuml;lerin von Descartes gewesen, mit dem
+sie in regem Briefwechsel gestanden hatte, und warf
+schlie&szlig;lich all ihre gelehrten B&uuml;cher bei seite, die ihr
+Gem&uuml;t unbefriedigt lie&szlig;en, und der Hunger nach einem
+vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu
+stillen war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten
+und schlie&szlig;lich den Qu&auml;kern zu, weil auch sie die
+Einheit zwischen Leben und Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden
+geh&ouml;rte jene weit &uuml;ber ihr Verdienst bewunderte
+Niederl&auml;nderin Anna Maria von Schurmann. Man pries sie als das
+Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch sie
+Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte
+ebenfalls, eine schlichte B&uuml;&szlig;erin, dem neuen Propheten
+Jean Labadie.</p>
+
+<p>Das Schicksal der gelehrten K&ouml;nigin Christine von Schweden
+gestaltete sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und
+Bereicherung ihres Daseins, auch sie suchte schlie&szlig;lich durch
+ihren Uebertritt zum Katholizismus in der Religion das was sie
+bisher nicht gefunden hatte: Befriedigung f&uuml;r ihr
+vernachl&auml;ssigtes Gem&uuml;t.</p>
+
+<p>Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung
+des weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende,
+f&uuml;r die Erziehung der eigenen Kinder f&auml;hige Frauen
+schaffen sollte, lie&szlig; allenthalben den Wunsch nach
+h&ouml;heren Schulen f&uuml;r M&auml;dchen laut werden. In England,
+wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat der
+Dissenter und treue Anh&auml;nger Wilhelms von Oranien, Daniel
+Defoe,<a name="FNanchor_156"></a><a href=
+"#Footnote_156"><sup>156</sup></a> f&uuml;r die Gr&uuml;ndung einer
+Frauenakademie ein, indem er erkl&auml;rte: Wenn Wissen und
+Verstand &uuml;berfl&uuml;ssige Zuthaten f&uuml;r das weibliche
+Geschlecht w&auml;ren, so h&auml;tte ihnen Gott nicht die
+F&auml;higkeiten dazu verliehen,<a name="FNanchor_157"></a><a href=
+"#Footnote_157"><sup>157</sup></a> und Mary Astell,<a name=
+"FNanchor_158"></a><a href="#Footnote_158"><sup>158</sup></a> die
+mit Christine de Pisan als Vork&auml;mpferin der Frauenbewegung in
+eine Reihe gestellt werden kann, unterwarf die Erziehung des
+weiblichen Geschlechts einer scharfen Kritik. Sie schlug vor,
+Anstalten zu gr&uuml;nden, in denen nicht nur die M&auml;dchen in
+den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die alleinstehenden,
+unzufriedenen, weil unth&auml;tigen Frauen zu n&uuml;tzlicher
+Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden
+sollten.<a name="FNanchor_159"></a><a href=
+"#Footnote_159"><sup>159</sup></a> Mit logischer Sch&auml;rfe
+wandte sie sich gegen das Recht des St&auml;rkeren: "Wenn durch
+Naturgesetz jeder Mann jeder Frau &uuml;berlegen ist, so
+d&uuml;rfte selbst die gr&ouml;&szlig;te K&ouml;nigin nicht
+regieren, sondern ihrem letzten Diener gehorsam sein ... Wenn
+blo&szlig;e St&auml;rke das Recht zu herrschen giebt, so sind wir
+jedem Lasttr&auml;ger Gehorsam schuldig ... Aber der
+kr&auml;ftigste ist nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein
+Geschenk, das Gott unparteiisch unter die Geschlechter
+verteilte."</p>
+
+<p>Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, da&szlig; keine
+zaghafte, unselbst&auml;ndige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz
+der mangelhaften Bildung stand die Engl&auml;nderin, was ihre
+Stellung in der Gesellschaft und ihren Charakter betrifft,
+&uuml;ber den Frauen des n&ouml;rdlichen Kontinents. Die
+freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem
+Mann einen Staatsb&uuml;rger mit den Rechten und Pflichten eines
+solchen gemacht hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos
+vor&uuml;bergehen. Und die gro&szlig;en Herrscher ihres
+Geschlechtes mu&szlig;ten die gesamte Meinung &uuml;ber die Frau
+g&uuml;nstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer
+Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der h&ouml;heren
+St&auml;nde politische Rechte besessen hatten. Die
+Gro&szlig;grundbesitzerinnen aus den alten eingesessenen Familien
+und die freien B&uuml;rgerinnen der St&auml;dte sandten ihre
+Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der
+Friedensrichter, wurden h&auml;ufig von Frauen bekleidet. Erst auf
+das Betreiben des ber&uuml;hmten Juristen, Sir Edward Coke, der
+sich auf die Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau
+nicht einmal als Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche
+Geschlecht Anfang des 18. Jahrhunderts vom Wahlrecht
+ausdr&uuml;cklich ausgeschlossen.<a name="FNanchor_160"></a><a
+href="#Footnote_160"><sup>160</sup></a> In Anna Clifford
+verk&ouml;rperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze
+Selbst&auml;ndigkeit der englischen Staatsb&uuml;rgerin. Jahrelang
+protestierte sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie
+unter Karl II. ihr Wahlrecht aus&uuml;bte, ihre Wahl jedoch
+beanstandet wurde und die Regierung an Stelle ihres Kandidaten
+einen anderen aufstellte, erkl&auml;rte sie ihr: "Ein Usurpator hat
+mich vergewaltigt, ein K&ouml;nig hat mich verachtet, aber ein
+Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland
+nicht vertreten."</p>
+
+<p>Der Kampf um die mit F&uuml;&szlig;en getretenen Grundrechte des
+englischen Volkes und die Declaration of rights, sowie ihre
+gesetzliche Best&auml;tigung im Jahre 1689 mu&szlig;ten auch in das
+geistige Leben der Frau eingreifen, wenn sie auch pers&ouml;nlich
+unber&uuml;cksichtigt blieb. Steigerte doch die Erweiterung und
+Befestigung der Rechte der B&uuml;rger, die Einschr&auml;nkung der
+Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das
+Selbstbewu&szlig;tsein jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten
+zusammen, um die Anf&auml;nge der Frauenfrage in England anders zu
+gestalten, als auf dem Kontinent. Sie spitzte sich gleich zu einer
+rechtlichen und politischen Frage zu, und der Kampf um die
+intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den Hintergrund.
+Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna Clifford,
+ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der gelehrten
+Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse f&uuml;r die
+Wissenschaften &auml;u&szlig;erte sich weit mehr durch
+Gr&uuml;ndung und Unterst&uuml;tzung gelehrter
+Anstalten&mdash;nicht weniger als zw&ouml;lf Colleges wurden vom
+14. bis zum 16. Jahrhundert von Frauen gegr&uuml;ndet<a name=
+"FNanchor_161"></a><a href=
+"#Footnote_161"><sup>161</sup></a>&mdash;als durch produktive
+Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule
+f&uuml;r ihr eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und
+Mary Astells Vorschlag blieben somit unbeachtet.</p>
+
+<p>In Deutschland fanden sie&mdash;soweit es sich eben nur um
+Pl&auml;ne handelte&mdash;zahlreiche Nachahmer. Die moralischen
+Wochenschriften im Anfang des 18. Jahrhunderts er&ouml;rterten das
+Thema nach allen Richtungen hin. In Hamburg war man sogar nahe
+daran, eine Akademie zu gr&uuml;nden. Aber es kam nicht dazu. Statt
+dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare allgemeine Bildung zu
+vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl einseitiger "gelehrter
+Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der litterarische
+Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder, w&auml;hrend
+seine weit kl&uuml;gere Frau sich in ihren Briefen wiederholt
+&uuml;ber die Frauen lustig machte, deren sehns&uuml;chtig
+erstrebtes Ziel der Doktorhut war. Thats&auml;chlich erwarben ihn
+Frauen, die durch den Mangel selbst&auml;ndiger Leistungen deutlich
+genug zeigten, da&szlig; mehr Eitelkeit und Ehrgeiz, als Talent und
+Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens waren. Zu den wenigen
+Ausnahmen geh&ouml;rte Dorothea von Schl&ouml;zer, die unter
+anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes
+Thema, wie die russische M&uuml;nzgeschichte, behandelte. Die
+hervorragendste aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich
+weit in die moderne Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erh&ouml;hung
+ihres Ruhmes der akademischen W&uuml;rden nicht: es war Karoline
+Herschel,<a name="FNanchor_162"></a><a href=
+"#Footnote_162"><sup>162</sup></a> die Entdeckerin von sechs
+Kometen, die gro&szlig;e Gehilfin ihres gro&szlig;en Bruders.</p>
+
+<p>Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen &uuml;ber
+die weiblichen Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu
+f&auml;llen ist, d&uuml;rfen doch die Dienste nicht vergessen
+werden, die sie der Frauenbewegung leisteten: sie brachten durch
+eigenes energisches Heraustreten aus dem gew&ouml;hnlichen Rahmen
+des Frauenlebens die Frage der h&ouml;heren weiblichen Bildung in
+Flu&szlig; und auf sie ist es mit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren,
+da&szlig; ihre L&ouml;sung die erste Aufgabe der deutschen
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder
+ihrer Entstehung wurde.</p>
+
+<p>Um aber das Bild der Frau der oberen St&auml;nde bis zur
+Schwelle des 19. Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab
+eine planm&auml;&szlig;ige Frauenbewegung &uuml;berall zum
+Durchbruch kam, zu vollenden, darf die franz&ouml;sische
+Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht vergessen
+werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich das Bild
+ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolit&auml;t, ihre
+Gef&uuml;hlsroheit und ihre Sentimentalit&auml;t, ihre tiefe
+Erniedrigung und ihr Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der
+Kl&ouml;ster, in denen die jungen M&auml;dchen erzogen wurden,
+schl&uuml;pfte die Lascivit&auml;t: so schmiedete eine der
+Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Sch&uuml;lerin den Plan,
+durch den sie den K&ouml;nig einfangen wollte.<a name=
+"FNanchor_163"></a><a href="#Footnote_163"><sup>163</sup></a> Glanz
+und Vergn&uuml;gen war Aller Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin
+eines Skandals zu sein und die Kavaliere des Hofes konnten sich der
+Verfolgungen hoher Damen kaum erwehren.<a name=
+"FNanchor_164"></a><a href="#Footnote_164"><sup>164</sup></a> Die
+Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares abgemachtes
+Gesch&auml;ft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt f&uuml;r
+altmodisch und l&auml;cherlich, wenn die Gatten einander Liebe
+zeigten. Die Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen.
+Bei der umst&auml;ndlichen Morgentoilette empfing die Dame des
+Hauses ihre ersten Besuche; abends in der kleinen, dicht
+verschlossenen Theaterloge, die auch gegen den Zuschauerraum durch
+Vorh&auml;nge gesch&uuml;tzt werden konnte, nachts auf den
+&uuml;ppigen Maskenb&auml;llen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die
+Mode alle Natur unterdr&uuml;ckte, die Taille gewaltsam
+einzw&auml;ngte, die H&uuml;ften durch Reifr&ouml;cke ins
+Ungeheuerliche vergr&ouml;&szlig;erte, die Haare durch Puder ihrer
+Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und
+Sch&ouml;npfl&auml;sterchen zur Maske machte, so waren auch alle
+nat&uuml;rlichen Gef&uuml;hle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst,
+Wissenschaft&mdash;alles stand nur im Dienst der Genu&szlig;sucht.
+Die vielger&uuml;hmte geistreiche Konversation des 18. Jahrhunderts
+war schillernd und oberfl&auml;chlich, nur auf Triumphe der
+Eitelkeit berechnet. F&uuml;r die Korruption des weiblichen
+Geschlechts spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere:
+die Verachtung der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum
+geboren, schickte die Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst
+zu n&auml;hren, verbot die R&uuml;cksicht auf die Gestalt und die
+Forderung des geselligen Lebens. Zur&uuml;ckgekehrt, wurde es einem
+Hofmeister, oder einer Gouvernante &uuml;bergeben, die so fr&uuml;h
+als m&ouml;glich einen jungen Herrn oder eine junge Dame aus ihm
+machten. Da&szlig; es eine fr&ouml;hliche Kindheit f&uuml;r diese
+armen Gesch&ouml;pfe nicht gab, beweisen die steifen
+Toiletten&mdash;Miniaturausgaben der Anz&uuml;ge
+Erwachsener&mdash;die geschminkten Kinderwangen und gepuderten
+L&ouml;ckchen. Das Kloster l&ouml;ste schlie&szlig;lich die
+Erziehung durch die Gouvernante ab.<a name="FNanchor_165"></a><a
+href="#Footnote_165"><sup>165</sup></a> Und w&auml;hrenddessen ging
+die Mutter dem Vergn&uuml;gen nach, ohne selbst zu wissen,
+da&szlig; sie in dieser Hetzjagd dasjenige suchte, was ihr
+verlassenes Kind ihr h&auml;tte bieten k&ouml;nnen: ein innerlich
+reiches Leben.</p>
+
+<p>Aber w&auml;hrend auf der einen Seite ihr Gem&uuml;tsleben
+abstarb und &uuml;ber all den sch&ouml;nen und klugen Frauen jener
+Zeit ein Schatten von Trauer ruht, entwickelte sich auf der anderen
+Seite ihr Verstand, ihr kritisches Urteil in einem bisher
+unbekannten Grade, und die Frau wurde die Herrscherin nicht nur im
+Reiche der Geselligkeit, der Mode, der sch&ouml;nen K&uuml;nste,
+sondern auch im Reiche der Politik. Die K&ouml;nige, die Minister
+und Diplomaten wurden in ihren Entschl&uuml;ssen von ihr gelenkt,
+in ihren Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflu&szlig;t.<a
+name="FNanchor_166"></a><a href="#Footnote_166"><sup>166</sup></a>
+In den Salons der Gr&auml;fin Boufflers, der Freundin des Prinzen
+Conti, der Du Barry, der Estrades, der Herzogin von Gramont, der
+Prie und der Langeac liefen die F&auml;den der inneren und
+&auml;u&szlig;eren Politik zusammen. Das Reich der Frauen war, wie
+Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister handeln
+sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie
+jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kr&auml;fte
+nicht kennt, durch die sie bewegt wird."<a name=
+"FNanchor_167"></a><a href="#Footnote_167"><sup>167</sup></a> Diese
+Hintertreppenpolitik, welche die Frauen treiben mu&szlig;ten, weil
+sie &ouml;ffentliche Rechte nicht besa&szlig;en, wirkte
+nat&uuml;rlich &auml;u&szlig;erst nachteilig auf ihren Charakter;
+denn je schlauer und intriganter sie waren, desto mehr erreichten
+sie. Andererseits wurde ihr Interesse f&uuml;r die Fragen des
+&ouml;ffentlichen Lebens dadurch erweckt, und w&auml;hrend die
+gro&szlig;e Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin
+zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft
+politisierte und intriguierte,<a name="FNanchor_168"></a><a href=
+"#Footnote_168"><sup>168</sup></a> traten die Frauen des
+B&uuml;rgertums, eine Necker, eine Roland, f&uuml;r die
+Vork&auml;mpfer der Revolution in die Schranken der politischen
+Arena.</p>
+
+<p>Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert,
+und ihren Freunden, den Encyklop&auml;disten, getragen wurde, fand
+Unterst&uuml;tzung durch die Frauen. Aber diese Unterst&uuml;tzung
+darf nicht &uuml;bersch&auml;tzt werden. Nur zu oft war es das
+Bed&uuml;rfnis nach neuen Sensationen, das den modernen Philosophen
+die Salons und die Herzen &ouml;ffnete. Alle Gen&uuml;sse hatten
+diese Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem
+neuen Genu&szlig;. Daher ist die entschieden frauenfeindliche
+Richtung der Encyklop&auml;disten leicht zu erkl&auml;ren, ebenso
+wie der bei dem lebendigen geistigen Leben zun&auml;chst
+&uuml;berraschende Umstand, da&szlig; keine Frau es zu gro&szlig;en
+sch&ouml;pferischen Leistungen brachte. W&auml;hrend aber ein
+Voltaire die Frauen verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben
+des Geistes absprach und nur ihre k&ouml;rperlichen Reize gelten
+lie&szlig;,<a name="FNanchor_169"></a><a href=
+"#Footnote_169"><sup>169</sup></a> war es Rousseau, der die Fehler
+und Schw&auml;chen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit
+feinem psychologischen Verst&auml;ndnis ihren Ursachen
+nachzusp&uuml;ren und sie von da aus zu bek&auml;mpfen. Wenn er
+dabei &uuml;ber das Ziel hinausscho&szlig; und die Frauen, die,
+losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu seiner Zeit
+halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und f&uuml;r das
+Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr
+leicht gegen&uuml;ber den Diensten, die er den Frauen geleistet
+hat. Unnachsichtig in seiner Kritik, erkl&auml;rte er doch zugleich
+viele ihrer Schw&auml;chen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage
+zum Anziehen braucht, meinte er, zeigt dadurch, da&szlig; sie
+nichts Besseres zu thun hat, um ihre Langeweile zu t&ouml;ten.<a
+name="FNanchor_170"></a><a href="#Footnote_170"><sup>170</sup></a>
+Der Kindheit und der Jugend wollte er die harmlose, ungebundene
+Heiterkeit,<a name="FNanchor_171"></a><a href=
+"#Footnote_171"><sup>171</sup></a> dem Weibe die reine Liebe
+wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu
+w&auml;hlen, sondern ihr eigenes Herz.<a name="FNanchor_172"></a><a
+href="#Footnote_172"><sup>172</sup></a> Er hielt ihr den Spiegel
+der Natur vor Augen, damit sie ihre eigene innere und
+&auml;u&szlig;ere Unnatur besch&auml;mt erkennen m&ouml;chte. Er
+gei&szlig;elte r&uuml;cksichtslos ihren M&uuml;&szlig;iggang, und
+wandte sich an beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in
+Unth&auml;tigkeit verzehrt, was er nicht selbst verdient hat, ist
+ein Dieb.<a name="FNanchor_173"></a><a href=
+"#Footnote_173"><sup>173</sup></a> Das erl&ouml;sende Wort jedoch
+f&uuml;r die eingeschn&uuml;rte Frauenseele war dies noch nicht; er
+fand es in der kurzen Weisung: werde Mutter! N&auml;hre dein Kind
+an deinem eigenen Busen, h&uuml;te es, erziehe es, und von selbst
+wird die Sittenlosigkeit verschwinden, das Gef&uuml;hlsleben zur
+Natur zur&uuml;ckkehren, werden die Eheleute sich innig verbunden
+f&uuml;hlen; denn sobald die Frauen wieder anfangen, M&uuml;tter zu
+sein, werden die M&auml;nner es lernen, wieder Gatten und
+V&auml;ter zu werden.<a name="FNanchor_174"></a><a href=
+"#Footnote_174"><sup>174</sup></a></p>
+
+<p>Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte
+Rousseau die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts
+aufgedeckt. Da er aber kein Prophet im Sinne naiver Gl&auml;ubiger
+war, aus dessen Kopf v&ouml;llig neue Gedanken unvermittelt
+aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des Zeus, sondern nur einer
+jener genialen M&auml;nner, die das geheime Leid ihrer
+Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen
+und aussprechen, so begr&uuml;&szlig;ten zahllose ihn als ihren
+Erl&ouml;ser. Sagte er doch nur, was sie selbst dumpf empfunden
+hatten, wies er ihnen doch nur den Weg, den sie unsicher tappend,
+wie Blinde, selbst schon suchten. Nirgendwo zeigt sich diese
+Wirkung deutlicher als in den wundervollen Memoiren der Madame
+d'Epinay. F&uuml;r eine kommende Zeit und ein neues Geschlecht mit
+jugendkr&auml;ftigen Gliedern und warm pulsierendem Herzensblut,
+schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das Grablied
+sang, den feurigen Morgengru&szlig;: Der Mensch ist frei
+geboren.... St&auml;rke gew&auml;hrt kein Recht.... Auf seine
+Freiheit verzichten, hei&szlig;t auf seine Menschheit, seine
+Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten verzichten.... Der
+Grundvertrag der Gesellschaft mu&szlig; an Stelle der physischen
+Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit setzen.<a
+name="FNanchor_175"></a><a href=
+"#Footnote_175"><sup>175</sup></a></p>
+
+<p>Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des
+bestehenden Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu
+gleicher Zeit die Leits&auml;tze f&uuml;r eine Revolutionierung der
+Stellung der Frau. Da aber die kr&auml;ftigste Saat unfruchtbar
+bleiben mu&szlig;, wenn sie nicht auf fruchtbaren Boden f&auml;llt,
+so w&auml;re auch keiner dieser Gedanken in die K&ouml;pfe und
+Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und
+politische Entwicklung sie daf&uuml;r empf&auml;nglich gemacht
+h&auml;tte. Nicht die wenigen M&auml;nner, deren spekulativer
+Verstand ihnen die Erkenntnis der Notwendigkeit tiefgreifender
+Wandlungen vermittelte, machten die Revolution, sondern sie wuchs
+mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den gesamten verrotteten
+Zust&auml;nden heraus; und nicht die wenigen Frauen, die infolge
+pers&ouml;nlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen
+&uuml;berschritten, oder infolge pers&ouml;nlicher Schicksale ihre
+unw&uuml;rdige Lage erkannten, machten die Frauenbewegung&mdash;zu
+der sittlichen mu&szlig;te die materielle Not der Masse der Frauen
+kommen, die, herausgerissen aus Haus und Familie, in harter Arbeit
+den Kampf ums Dasein k&auml;mpften, damit sie entstehen konnte.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="5_Die_Frauen_im_Zeitalter_der_Revolution" />5. Die
+Frauen im Zeitalter der Revolution.</h2>
+
+<p>Nach schw&auml;chlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher
+Reformen brach die Revolution aus. Sie mu&szlig;te von Frankreich
+ausgehen, obwohl in allen Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu
+Tage traten, weil gerade hier alle Umst&auml;nde zusammentrafen,
+aus denen allein sie in ihrer ganzen weltersch&uuml;tternden Gewalt
+hervorwachsen konnte: die durch ein jahrhundertelanges frivoles
+Lasterleben erzeugte Korruption der herrschenden Klassen, die damit
+in engstem Zusammenhang stehende Verelendung des arbeitenden Volks
+und&mdash;nicht zuletzt&mdash;die geistige Revolutionierung der
+Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die
+Encyklop&auml;disten. In der franz&ouml;sischen Philosophie des 18.
+Jahrhunderts finden sich alle jene Ideen, die in den St&uuml;rmen
+der Revolution nach Verwirklichung strebten.<a name=
+"FNanchor_176"></a><a href="#Footnote_176"><sup>176</sup></a></p>
+
+<p>Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die
+Memoiren und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon
+Philipon den Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker
+Helden, mit vierzehn Jahren verlor sie, eine Klostersch&uuml;lerin,
+durch die Schriften Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und
+wurde eine feurige Sch&uuml;lerin Rousseaus;<a name=
+"FNanchor_177"></a><a href="#Footnote_177"><sup>177</sup></a>
+&auml;hnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der
+Herrschaft &uuml;ber die Helden der Anf&auml;nge der Revolution,
+Sophie de Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch
+Mark Aurels Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren
+Voltaires und Rousseaus Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum
+Ende treu zu bleiben.<a name="FNanchor_178"></a><a href=
+"#Footnote_178"><sup>178</sup></a> Aber auch andere Frauen, die in
+der Geschichte der Revolution eine Rolle zu spielen nicht bestimmt
+waren, n&auml;hrten ihren Geist an denselben Quellen und gaben
+ihren Kindern, denen sie sich, beeinflu&szlig;t durch Rousseau,
+wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besa&szlig;en.
+Es ist kein Zufall, da&szlig; die Zeit der ersten Begeisterung
+f&uuml;r "Emile" mit der Zeit der Geburt und Kindheit der Helden
+der Revolution, der Robespierre, Danton, Desmoulins und vieler
+anderer zusammenf&auml;llt, denn in den H&auml;nden ihrer
+M&uuml;tter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie
+die Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.<a name=
+"FNanchor_179"></a><a href="#Footnote_179"><sup>179</sup></a> Die
+Theorieen der Denker, die Tr&auml;ume der Philosophen appellierten
+wie nie zuvor an das Gef&uuml;hl und machten daher die Frauen zu
+ihren gl&uuml;hendsten Vertreterinnen. In ihren Salons versammelten
+sich die f&uuml;hrenden Geister und achteten ihr Urteil als ein dem
+der M&auml;nner durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit war
+erf&uuml;llt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich
+entziehen kann, der in seinen Strom ger&auml;t, und das alle
+schlummernden Kr&auml;fte des Geistes zu reger Beth&auml;tigung
+ausl&ouml;st.<a name="FNanchor_180"></a><a href=
+"#Footnote_180"><sup>180</sup></a> W&auml;hrend der eine Teil der
+Frauen sich damit begn&uuml;gte f&uuml;r Natur, Freiheit und
+Gleichheit zu schw&auml;rmen, zog der andere die Konsequenzen der
+neuen Wahrheit und griff&mdash;es sei hier nur an eine Roland, eine
+Sta&euml;l erinnert&mdash;nicht nur urteilend, sondern auch leitend
+in das Getriebe der inneren Politik ein.<a name=
+"FNanchor_181"></a><a href="#Footnote_181"><sup>181</sup></a> Bei
+der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am politischen
+Leben darf aber ein Umstand nicht au&szlig;er acht gelassen werden:
+der Einflu&szlig; Amerikas. Wie er sich in der Erkl&auml;rung der
+Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der
+freiheitliche Luftzug, der von den Unabh&auml;ngigkeitskriegen
+ausging, manch mittelalterlichen Tr&ouml;del aus Europa austreiben
+half, so ist auch die Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen
+ihrer Z&uuml;ge auf ihn zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Die Frauen Amerikas sch&uuml;rten von Anfang an den Widerstand
+ihres Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis
+Warren, die Schwester des feurigen Freiheitsk&auml;mpfers James
+Otis, vereinigte in ihrem Salon die F&uuml;hrer der Bewegung; als
+sogar Washington von der endg&uuml;ltigen Trennung der Kolonieen
+vom Mutterlande noch nichts wissen wollte, forderte sie die
+Unabh&auml;ngigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in lebhaftem
+Briefwechsel und die Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung zeigt
+deutlich die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail
+Smith Adams, die Gattin des ersten Pr&auml;sidenten der Vereinigten
+Staaten, waren aber auch die ersten Vork&auml;mpferinnen der
+Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Als im Jahre 1776
+der kontinentale Kongre&szlig; die Verfassung zu beraten hatte,
+schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die k&uuml;nftige
+Verfassung den Frauen keine gr&uuml;ndliche Aufmerksamkeit schenkt,
+so sind wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht
+f&uuml;r verpflichtet uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine
+Stimme und keine Vertretung unserer Interessen zusichern." Zu
+gleicher Zeit verlangte sie die Zulassung des weiblichen
+Geschlechts zu den &ouml;ffentlichen Schulen und begr&uuml;ndete
+ihre Forderung, indem sie erkl&auml;rte, da&szlig; ein Staat, der
+Helden, Staatsm&auml;nner und Philosophen hervorbringen wolle,
+zuerst wahrhaft gebildete M&uuml;tter haben m&uuml;sse.
+Infolgedessen wurden die Schulen den Frauen ge&ouml;ffnet,
+w&auml;hrend der Wunsch nach politischer Gleichberechtigung
+f&uuml;r die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerf&uuml;llt
+blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der
+Welt ihren weiblichen B&uuml;rgern das Wahlrecht&mdash;eine
+gesetzgeberische That, die weit &uuml;ber die Grenzen Amerikas
+hinaus das gr&ouml;&szlig;te Aufsehen erregte.<a name=
+"FNanchor_182"></a><a href="#Footnote_182"><sup>182</sup></a></p>
+
+<p>Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung
+f&uuml;r die Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da
+der Boden daf&uuml;r vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar
+bleiben. Der Wunsch nach h&ouml;herer Bildung, um durch sie
+wirkungsvoller in die K&auml;mpfe der Zeit eingreifen zu
+k&ouml;nnen, machte sich zun&auml;chst geltend. Die Konversation in
+den Salons, die Privatlekt&uuml;re gen&uuml;gten nicht mehr und so
+wurde im Jahre 1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und
+Condorcet ein Lyceum gegr&uuml;ndet, das bald der Sammelpunkt der
+hervorragendsten Frauen wurde, denen sich ein kleiner Kreis von
+M&auml;nnern,&mdash;im ganzen etwa 700
+Personen,&mdash;anschlo&szlig;. Die letzten der
+Encyklop&auml;disten und ihre Nachfolger lasen dort &uuml;ber
+Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und Philosophie;
+aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre gelehrten
+Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien in
+der phrygischen M&uuml;tze auf der Trib&uuml;ne,<a name=
+"FNanchor_183"></a><a href="#Footnote_183"><sup>183</sup></a> und
+die Sch&uuml;ler, zu denen Madame Roland, Marquise Condorcet und
+Madame Tallien geh&ouml;rten, wurden aus Zuh&ouml;rern handelnde
+Personen in dem Drama, das sich drau&szlig;en entwickelte.</p>
+
+<p>Durch die Gr&uuml;ndung des Lyceums war das Recht der Frauen auf
+Bildung anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung
+zusammentrat, forderten die Frauen in Petitionen und Flugschriften
+die Anerkennung dieses Rechtes auch vom Staat.<a name=
+"FNanchor_184"></a><a href="#Footnote_184"><sup>184</sup></a> Die
+Konstitution von 1791 nahm zu diesen Forderungen Stellung.
+Talleyrand, der der Nationalversammlung den Bericht &uuml;ber die
+Neuordnung des &ouml;ffentlichen Unterrichts vorlegte, widmete der
+Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der von den
+&uuml;brigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen
+Ausf&uuml;hrungen durch seinen agitatorischen Ton auffallend
+absticht.<a name="FNanchor_185"></a><a href=
+"#Footnote_185"><sup>185</sup></a> Um die von ihm gew&uuml;nschte
+Einschr&auml;nkung der Frauenbildung auf das geringste Ma&szlig; zu
+begr&uuml;nden, griff er bis auf die Frage zur&uuml;ck, ob Frauen
+als Staatsb&uuml;rger anzusehen seien. Er gab von vornherein zu,
+da&szlig; es wie eine mit den Idealen der Revolution in schroffstem
+Widerspruch stehende Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine
+H&auml;lfte des Menschengeschlechts au&szlig;erhalb der Verfassung
+stehe, aber, so f&uuml;gte er hinzu, ein anderer wichtiger Umstand
+m&uuml;sse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck aller
+staatlichen Einrichtungen mu&szlig; das Gl&uuml;ck der
+gr&ouml;&szlig;ten Anzahl sein; wenn die Ausschlie&szlig;ung der
+Frauen von allen &ouml;ffentlichen Rechten f&uuml;r beide
+Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Gl&uuml;cks zu
+erh&ouml;hen, so mu&szlig; jeder Staat sie in seine Verfassung
+aufnehmen. Da nun die Erziehung der m&auml;nnlichen Jugend das Ziel
+hat, B&uuml;rger heranzubilden, die allen Rechten und Pflichten dem
+Staate gegen&uuml;ber gewachsen sind, die Natur den Frauen dagegen
+das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer Kinder
+bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle
+des Ungl&uuml;cks ist, so m&uuml;ssen die Erziehungsmethoden
+f&uuml;r beide Geschlechter durchaus verschieden sein. Im
+Anschlu&szlig; an Talleyrands Bericht beschlo&szlig; die
+Nationalversammlung die M&auml;dchen nur bis zum achten Lebensjahr
+in &ouml;ffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der
+h&auml;uslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese
+fehlt, sollen an Stelle der fr&uuml;heren kl&ouml;sterlichen
+Erziehungsanstalten weltliche treten, in denen die M&auml;dchen in
+allen ihrem Geschlecht angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten
+unterrichtet werden. Der Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem
+er bestimmte, da&szlig; alle Kinder, ohne Unterschied des
+Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in sogenannten maisons
+d'&eacute;galit&eacute; gemeinsam erzogen werden sollten.<a name=
+"FNanchor_186"></a><a href="#Footnote_186"><sup>186</sup></a> Eine
+andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen
+Geschlechts zu heben oder gar der m&auml;nnlichen gleichzustellen,
+findet sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen
+standen viel zu sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als
+da&szlig; diese Forderung der Frauen eingehende
+Ber&uuml;cksichtigung h&auml;tte finden k&ouml;nnen. Sie wurde auch
+von ihnen selbst ohne gro&szlig;en Nachdruck verfolgt; die Frauen
+der Bourgeoisie sa&szlig;en sowieso schon als Gleichberechtigte an
+der reichbesetzten Tafel geistiger Gen&uuml;sse, und die Frauen der
+arbeitenden Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu
+sp&uuml;ren, wo der physische ihren K&ouml;rper verzehrte.</p>
+
+<p>Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre
+1789 bis 1799 waren f&uuml;r die franz&ouml;sische Industrie
+verderblich, nicht nur weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie
+f&ouml;rmlich erdr&uuml;ckte, sondern,&mdash;und das sp&uuml;rten
+die arbeitenden Frauen besonders empfindlich,&mdash;weil infolge
+der Emigration und der Stockung des gro&szlig;en geselligen
+Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide
+zur&uuml;ckging.<a name="FNanchor_187"></a><a href=
+"#Footnote_187"><sup>187</sup></a> Dabei stiegen die
+Lebensmittelpreise und die Scharen der hungernden Arbeitslosen
+wuchsen erschreckend an.</p>
+
+<p>Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution z&auml;hlte man 50000
+Bettler in Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre
+Galeerenstrafe stand, wuchs die Zahl der Bettler in den
+n&auml;chsten zehn Jahren bis auf 1-1/2 Millionen;<a name=
+"FNanchor_188"></a><a href="#Footnote_188"><sup>188</sup></a> in
+Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um 1787 30000
+Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf 680000
+Einwohner 116000 Bettler.<a name="FNanchor_189"></a><a href=
+"#Footnote_189"><sup>189</sup></a> Vielfach wurden die Frauen unter
+ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitsh&auml;usern
+interniert, wo die gr&auml;&szlig;lichsten Krankheiten nie
+aufh&ouml;rten, und man die Armen, als ob sie nicht durch das
+eigene Ungl&uuml;ck genug gegei&szlig;elt w&uuml;rden, mit
+Peitschenhieben z&uuml;chtigte.<a name="FNanchor_190"></a><a href=
+"#Footnote_190"><sup>190</sup></a> Die gr&ouml;&szlig;te Not aber
+herrschte in den Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du
+Temple. Hier wuchs mit dem Elend der Ha&szlig; empor, und er
+richtete sich nicht nur gegen den Absolutismus, die
+Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Ha&szlig; der
+Bourgeoisie, sondern in erh&ouml;htem Ma&szlig;e gegen die
+Ausbeuter und Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch
+um das t&auml;gliche Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl
+vergifteten, so da&szlig; Skorbut und Dysenterie besonders
+massenhaft die Kinder hinwegrafften.<a name="FNanchor_191"></a><a
+href="#Footnote_191"><sup>191</sup></a> Hier war der Herd jener
+furchtbaren Seuche, der Prostitution, die entsetzenerregende
+Dimensionen annahm. Sch&auml;tzte doch Pater Havel im Jahre 1784
+die Zahl der Prostituierten in Paris auf 70000!<a name=
+"FNanchor_192"></a><a href="#Footnote_192"><sup>192</sup></a> Aber
+von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von den
+Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu
+verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen
+sollten, weil die gewaltigsten Triebkr&auml;fte der Natur, Hunger
+und Liebe,&mdash;Liebe zu den jammernden, schuldlosen Erben ihres
+Elends,&mdash;sie in den Kampf jagten. Die Frauen der Bourgeoisie
+schienen vor 1789 gegen&uuml;ber den Leiden und Forderungen der
+Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit geschlagen; sie
+schw&auml;rmten f&uuml;r Freiheit und Gleichheit, f&uuml;r ein
+friedliches Leben in der Natur, f&uuml;r Br&uuml;derlichkeit und
+allenfalls f&uuml;r Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug
+auf Bildung und politische Rechte, aber sie waren, wie die gesamte
+Bourgeoisie jener Epoche, weit entfernt davon, &uuml;ber die Kluft,
+die sie vom Proletariat trennte, hinwegzuschreiten oder auch nur
+hin&uuml;berzusehen. Selbst die Memoiren der bedeutendsten unter
+ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal einen Hinweis
+auf das Elend ihrer &auml;rmsten Geschlechtsgenossinnen. So
+merkw&uuml;rdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann
+daraus auf bewu&szlig;te Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es
+noch heute selbst vortrefflichen Menschen schwer f&auml;llt, den
+Kreis ihrer Gef&uuml;hle so &uuml;ber die eigene Klasse
+auszudehnen, da&szlig; keinerlei Regung des Klassenegoismus mehr
+bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die
+inneren und &auml;u&szlig;eren Schranken zwischen den St&auml;nden
+weit gr&ouml;&szlig;ere waren, noch viel schwerer. Das Proletariat
+mu&szlig;te seine Sache selbst f&uuml;hren, wenn es &uuml;berhaupt
+beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die Heerf&uuml;hrer,
+nicht umgekehrt. Erst als die Schl&ouml;sser des Adels in Flammen
+aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter
+dem w&uuml;tenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen
+sich die Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des
+Frondienstes und der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb
+erf&uuml;llt von dem Wunsch, Abhilfe zu schaffen, auf die
+ver&ouml;deten Werkst&auml;tten und die Massen der Arbeitslosen
+hin.<a name="FNanchor_193"></a><a href=
+"#Footnote_193"><sup>193</sup></a> Und die Frauen, die, soweit sie
+M&uuml;tter waren, vom Ungl&uuml;ck doppelt getroffen wurden,
+fanden nicht eher Beachtung, als bis sie endlich aus ihrem stumpfen
+Dulderdasein zu selbst&auml;ndigem Handeln erwachten.</p>
+
+<p>Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der
+Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von
+Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie
+m&ouml;glich. Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre
+Not, sie baten um Hilfe, aber sie wu&szlig;ten selbst nicht, wie
+man ihnen helfen sollte;<a name="FNanchor_194"></a><a href=
+"#Footnote_194"><sup>194</sup></a> da&szlig; sie kamen, war schon
+Wagnis genug, wie h&auml;tten sie sich auch noch zur Aussprache
+bestimmter Forderungen entschlie&szlig;en k&ouml;nnen? Ihre That,
+so ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender
+Bedeutung: die Frauen f&uuml;hlten den Mut, zu sagen, was sie
+qu&auml;lte; die durch die wirtschaftliche Entwicklung der
+voraufgehenden Jahrhunderte immer klarer in Erscheinung tretende
+soziale Seite der Frauenfrage gelangte zu klarem Bewu&szlig;tsein.
+Zahlreiche, meist anonym erscheinende Brosch&uuml;ren
+besch&auml;ftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung;
+die ganze Not des armen alleinstehenden M&auml;dchens, das von der
+ehrlichen Arbeit ihrer H&auml;nde nicht leben kann und der Schande
+gewaltsam in die Arme gesto&szlig;en wird, klang aus der "Motion de
+la pauvre Javotte"<a name="FNanchor_195"></a><a href=
+"#Footnote_195"><sup>195</sup></a> ersch&uuml;tternd heraus; als
+eine notwendige Folge der wirtschaftlichen Zust&auml;nde wurde in
+anderen Schriften,&mdash;ein bis dahin unerh&ouml;rter
+Schlu&szlig;!&mdash;die Prostitution betrachtet und Mittel, sie
+einzuschr&auml;nken, gesucht. Auf die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung der
+Frauen von guten Erwerbsm&ouml;glichkeiten wurde die Korruption der
+nur aus gesch&auml;ftlichen Gr&uuml;nden geschlossenen Ehen
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, und die Forderung, dem weiblichen
+Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt
+erm&ouml;glichender Arbeit zu er&ouml;ffnen, wurde immer lauter und
+bestimmter. In einer Petition der Frauen an den K&ouml;nig fand sie
+ihre klarste Fassung. Die M&auml;nner, so hei&szlig;t es darin,
+sollen die den Frauen zukommenden Gewerbe, Schneiderei, Stickerei,
+Putzmacherei etc., nicht aus&uuml;ben d&uuml;rfen, daf&uuml;r
+w&uuml;rden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompa&szlig;
+noch das Winkelma&szlig; zu f&uuml;hren; "wir wollen
+Besch&auml;ftigung haben, nicht um die Autorit&auml;t der
+M&auml;nner an uns zu rei&szlig;en, sondern um unser Leben zu
+fristen."<a name="FNanchor_196"></a><a href=
+"#Footnote_196"><sup>196</sup></a> Ein Resultat hatten ihre
+W&uuml;nsche nat&uuml;rlich nicht, aber die einmal aufgeworfene
+Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr &uuml;berh&ouml;rt und
+vergessen werden. Sie beeinflu&szlig;te die Diskussion &uuml;ber
+die Lage der Z&uuml;nfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht
+nach und nach ganz aus ihren Verb&auml;nden herausgedr&auml;ngt
+hatten, und deren Aufl&ouml;sung im Jahre 1791 daher von seiten der
+Frauen jubelnd begr&uuml;&szlig;t wurde. Sie bedeutete f&uuml;r
+sie, gleichg&uuml;ltig welches die weiteren Folgen waren, die
+Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf
+dem Gebiete manueller Arbeit.</p>
+
+<p>Das &ouml;ffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks
+beschr&auml;nkte sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete,
+und es ist bekannt, wie die Gegner der Revolution sich darin
+gefallen, ihr Eingreifen in die K&auml;mpfe des Tages in den
+grausigsten Farben zu schildern, indem sie Schillers Ausspruch von
+den Weibern, die zu Hy&auml;nen werden, zu illustrieren suchen.
+Gewi&szlig; ist, da&szlig; der Sturm entfesselter Leidenschaften
+nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er mit allen
+Mitteln der Gewalt unterdr&uuml;ckt worden war, und da&szlig; es
+unter den Frauen wie unter den M&auml;nnern Abenteuerer und
+Verbrecher gab, wie sie in erregten Zeiten &uuml;berall
+aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der Revolution sind aber von
+diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober 1789 war der Tag ihres
+Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Ger&uuml;chte der
+skandal&ouml;sen Vorg&auml;nge in Versailles hatten die Aufregung
+des Pariser Volks aufs &auml;u&szlig;erste gesteigert, aber nicht
+die M&auml;nner, sondern die Frauen, die Arbeiterinnen der
+Vorst&auml;dte, die H&auml;ndlerinnen der Hallen waren es, die sich
+zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus gest&uuml;rmt
+und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der Zahl,
+nach Versailles.<a name="FNanchor_197"></a><a href=
+"#Footnote_197"><sup>197</sup></a></p>
+
+<p>Diese revolution&auml;re Aktion vom 6. Oktober, die
+unvorbereitet aus dem nat&uuml;rlichen Gef&uuml;hl des Volks
+herauswuchs, geh&ouml;rt den Frauen, wie die des 14. Juli den
+M&auml;nnern geh&ouml;rt hatte. Die M&auml;nner eroberten die
+Bastille, die Frauen den K&ouml;nig und damit das K&ouml;nigtum.<a
+name="FNanchor_198"></a><a href="#Footnote_198"><sup>198</sup></a>
+Denn obwohl es zun&auml;chst den Anschein hatte, als w&auml;re die
+Revolution beendet, fing sie in Wahrheit erst an. Die Frauen des
+Volks aber hatten sich aus eigener Kraft ihren Platz im
+&ouml;ffentlichen Leben erk&auml;mpft; mochten sie auch der Rechte
+der Staatsb&uuml;rger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme
+konnte nicht mehr &uuml;berh&ouml;rt, ihre Lage nicht mehr
+&uuml;bersehen werden. Dabei war ihr eigenes Interesse an den
+Fragen der inneren und &auml;u&szlig;eren Politik geweckt worden,
+sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch in ihr
+Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund dieser
+Erkenntnis zu treibenden Kr&auml;ften der revolution&auml;ren
+Propaganda.<a name="FNanchor_199"></a><a href=
+"#Footnote_199"><sup>199</sup></a> Sie traten nicht nur in die
+politischen Klubs der M&auml;nner ein und beteiligten sich an den
+Debatten, sie gr&uuml;ndeten nunmehr auch in fast allen
+gro&szlig;en St&auml;dten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft eine
+sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution
+z&auml;hlte allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,<a name=
+"FNanchor_200"></a><a href="#Footnote_200"><sup>200</sup></a> und
+der Verein der Femmes r&eacute;publicaines et
+r&eacute;volutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem der
+Patriotes des deux sexes d&eacute;fenseurs de la Constitution, der
+unter dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, geh&ouml;rt
+auch Madame Roland, die einflu&szlig;reichste Politikerin der
+Revolution als Mitglied an. Sie war die Seele der Gironde; ihrem
+Ruf und Einflu&szlig; verdankte ihr Gatte seine Bedeutung und seine
+Wiederberufung ins Ministerium; die franz&ouml;sischen Archive
+enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von ihrer Hand
+geschrieben sind. Sie &uuml;bertraf an Kenntnissen, an Reinheit der
+Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur
+sie war im st&auml;nde jenen Brief an den K&ouml;nig zu schreiben,
+der die Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So
+sehr demnach ihre Person den Beweis f&uuml;r die Berechtigung der
+Forderungen der Frauenbewegung lieferte, so wenig &uuml;bte sie
+irgend welche direkten Einflu&szlig; auf ihren Fortschritt und ihre
+Organisierung.</p>
+
+<p>Eine der eigent&uuml;mlichsten Pers&ouml;nlichkeiten, welche die
+an Originalen so reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte
+die erste Organisatorin und Agitatorin der Frauenbewegung werden:
+Olympe de Gouges. Ihr eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre
+Eltern einfache B&uuml;rger von Montauban, doch scheint es nicht
+ausgeschlossen, da&szlig; sie einem Verh&auml;ltnis ihrer Mutter
+Olympe,&mdash;nach der sie sich sp&auml;ter nannte,&mdash;mit dem
+Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.<a name=
+"FNanchor_201"></a><a href="#Footnote_201"><sup>201</sup></a> Noch
+sehr jung heiratet das bl&uuml;hend sch&ouml;ne M&auml;dchen, deren
+bourbonische Z&uuml;ge zu dem Ger&uuml;cht Anla&szlig; gaben,
+da&szlig; Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber schon nach wenigen
+Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief ungl&uuml;cklichen Ehe von
+sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr
+mangelhaften Bildung infolge ihres spr&uuml;henden Geistes und
+ihrer Sch&ouml;nheit der Mittelpunkt fr&ouml;hlicher Geselligkeit
+wurde. Da&szlig; das unerfahrene Gesch&ouml;pf dabei ihr Herz vor
+st&uuml;rmischen Leidenschaften nicht beh&uuml;ten konnte, darf
+nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgr&uuml;nde und die
+H&ouml;hen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu
+gelangte, die Vork&auml;mpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre
+reiche Phantasie suchte sich zun&auml;chst einen Ausweg in
+litterarischer Produktion f&uuml;r das Theater, nat&uuml;rlich,
+trotz geistreicher Aper&ccedil;us, bei ihrer geringen Bildung mit
+wenig Erfolg.<a name="FNanchor_202"></a><a href=
+"#Footnote_202"><sup>202</sup></a> Bald jedoch wandte sie unter dem
+Eindruck der fortschreitenden Revolution dieser Th&auml;tigkeit und
+ihrem ganzen bisherigen Leben den R&uuml;cken. "Ich brenne darauf,"
+schrieb sie, "mich der Arbeit f&uuml;r das &ouml;ffentliche Wohl
+r&uuml;ckhaltlos in die Arme zu werfen." Sie that es mit der ganzen
+Energie ihres Charakters. Ihre Genialit&auml;t &uuml;berwand
+spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das Elend
+des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungew&ouml;hnliche
+Kr&auml;fte verlieh. Sie &uuml;berraschte nach dem Urteil der
+Zeitgenossen immer wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die
+Macht ihrer Sprache. Selbst die Nationalversammlung h&ouml;rte
+staunend dieser gl&auml;nzenden Rednerin zu und folgte vielfach
+ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was sie schrieb und
+sagte, sprach die weibliche Natur in ihren sch&ouml;nsten
+Z&uuml;gen. Angesichts der Hungersnot veranla&szlig;te sie durch
+einen &ouml;ffentlichen Aufruf und durch ihr Beispiel, da&szlig;
+zahlreiche Frauen in wetteiferndem Opfermut ihren Schmuck dem
+Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie das Elend im Armenhaus
+von St. Denis und besch&auml;ftigte sich mit der brennenden Frage
+der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie Einrichtung
+&ouml;ffentlicher Unterst&uuml;tzungskassen zu seiner
+Bek&auml;mpfung, dann aber, als ihr das Erniedrigende des
+Almosenempfanges zum Bewu&szlig;tsein kam, agitierte sie in Wort
+und Schrift f&uuml;r die Errichtung staatlicher
+Musterwerkst&auml;tten f&uuml;r Arbeitslose, ein Gedanke, der
+teilweise zur Verwirklichung kam.</p>
+
+<p>Alle diese Bestrebungen aber waren gegen&uuml;ber ihrer
+Th&auml;tigkeit zu gunsten ihres eigenen Geschlechts nur von
+ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete der Frauenbewegung war ihr
+Auftreten epochemachend. Schon in ihrer Adresse an die Frauen hatte
+sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, da&szlig; auch unter uns Frauen
+eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt sein? Werden
+wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft th&auml;tigen Anteil
+nehmen?" Als aber die Erkl&auml;rung der Menschenrechte erschien
+und alles begeisterte, ver&ouml;ffentlichte sie ein Manifest, die
+Erkl&auml;rung der Rechte der Frauen, das in kurzen kr&auml;ftigen
+Z&uuml;gen das Programm der Frauenbewegung enth&auml;lt. Nach
+einigen einleitenden Worten, in denen sie nachweist, da&szlig; das
+Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der Frauen die
+Ursache nationalen Ungl&uuml;cks und sittlicher Korruption
+w&auml;re, f&auml;hrt sie fort:</p>
+
+<p>"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich.
+Das Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der
+unver&auml;u&szlig;erlichen Rechte beider Geschlechter: der
+Freiheit, des Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands
+gegen die Unterdr&uuml;ckung.... Die Aus&uuml;bung der Rechte, die
+der Frau von Natur geb&uuml;hren, ist aber bisher in engen
+Schranken gehalten worden. Aus der Gemeinschaft von M&auml;nnern
+und Frauen besteht die Nation, auf der der Staat beruht; die
+Gesetzgebung mu&szlig; der Ausdruck des Willens dieser
+Allgemeinheit sein. Alle B&uuml;rgerinnen m&uuml;ssen ebenso wie
+alle B&uuml;rger pers&ouml;nlich oder durch ihre gew&auml;hlten
+Vertreter an ihrer Gestaltung teilnehmen. Sie mu&szlig; f&uuml;r
+alle die gleiche sein. Daher m&uuml;ssen alle B&uuml;rgerinnen und
+alle B&uuml;rger, entsprechend ihren F&auml;higkeiten, zu allen
+&ouml;ffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen
+gleichm&auml;&szlig;ig zugelassen werden; nur die Verschiedenheit
+ihrer Tugenden und Talente d&uuml;rfen den Ma&szlig;stab f&uuml;r
+ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das Schaffot zu
+besteigen, die Trib&uuml;ne zu besteigen, sollte sie dasselbe Recht
+besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und
+nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.</p>
+
+<p>"Die Frau tr&auml;gt ebenso wie der Mann zum Verm&ouml;gen des
+Staates bei, sie hat dasselbe Recht wie er, &uuml;ber dessen
+Verwaltung Rechenschaft zu fordern. Eine Verfassung ist
+ung&uuml;ltig, wenn nicht die Mehrheit aller Individuen, aus denen
+die Nation besteht, an ihrer Gestaltung mitgearbeitet hat....
+Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit hat die Wolken der
+Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr sehend werden?
+Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft der
+Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie
+die M&auml;nner nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren
+F&uuml;&szlig;en liegen, sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte
+der Menschheit mit euch zu teilen, Hand in Hand mit euch gehen."<a
+name="FNanchor_203"></a><a href=
+"#Footnote_203"><sup>203</sup></a></p>
+
+<p>Ihre Erkl&auml;rung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche
+Brosch&uuml;ren f&uuml;r und gegen die Forderungen der Frauen
+erschienen. Aus der unbedeutenden Modenzeitung Journal des femmes
+entstand die erste Zeitschrift f&uuml;r die Frauenbewegung:
+l'Observateur f&eacute;minin. Die Nationalversammlung wurde mit
+Petitionen best&uuml;rmt, die politische und soziale Gleichstellung
+verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt
+auch die des m&auml;nnlichen Geschlechts," hie&szlig; es in der
+einen; "das Volk wird in den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die
+Neger werden befreit, warum befreit man nicht auch die Frauen?" in
+der anderen.<a name="FNanchor_204"></a><a href=
+"#Footnote_204"><sup>204</sup></a> Olympe de Gouges hielt in
+richtiger Erkenntnis den Augenblick f&uuml;r gekommen, die
+vereinzelten K&auml;mpferinnen f&uuml;r Frauenrechte zu vereinigen,
+um ihrem Vorgehen gr&ouml;&szlig;eren Nachdruck zu verleihen. Sie
+gr&uuml;ndete die ersten politischen Frauenvereine, deren Leiterin
+und gl&auml;nzendste Agitatorin sie wurde. Leider sollte ihrer
+Wirksamkeit ein fr&uuml;hzeitiges Ende bereitet werden. Ihrem
+Gef&uuml;hl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der
+Freiheit ver&uuml;ben sah, und sie geh&ouml;rte nicht zu denen, die
+es verstehen, der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum
+Schweigen zu bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam
+vergossen wurde, sch&auml;ndet die Revolution," rief sie aus. Wohl
+war sie eine begeisterte Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte
+sie in einem Brief an die Nationalversammlung die Absetzung des
+K&ouml;nigs gefordert und angesichts der Hungersnot in einer
+Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit f&uuml;r Sie, um sich
+selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie &uuml;ber Pyramiden
+von Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie
+der Proze&szlig; des K&ouml;nigs gef&uuml;hrt wurde, emp&ouml;rte
+sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr mit rauher Hand den Baum der
+Monarchie umhaut, h&uuml;tet euch, da&szlig; ihr nicht unter ihm
+begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte
+Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein,
+wogegen sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,&mdash;sie hatte
+den Armen alles gegeben, was sie besessen hatte,&mdash;zu
+verteidigen suchte. Man wollte jedoch der unbequemen Mahnerin nicht
+trauen, die durch ihre Beredsamkeit die Massen hinzurei&szlig;en
+verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an der Spitze einer
+royalistischen Verschw&ouml;rung zu stehen, zu der sie, als
+nat&uuml;rliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen
+f&uuml;hle. Statt nun in ihren &ouml;ffentlichen Angriffen auf die
+F&uuml;hrer der Revolution vorsichtiger zu werden, wurde sie nur
+noch r&uuml;cksichtsloser, denn das Todesurteil &uuml;ber den
+K&ouml;nig versetzte sie in die &auml;u&szlig;erste Erregung. Sie
+sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie f&uuml;rchtete auch die
+Folgen f&uuml;r die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt
+die Geister und Herzen; eine tyrannische Regierungsform wird nur
+von der anderen abgel&ouml;st werden." In dem Bed&uuml;rfnis,
+nichts unversucht zu lassen, um das Verh&auml;ngnis, das sie nahen
+sah, abzuwenden und in dem allen leidenschaftlich empfindenden
+Naturen gemeinsamen Drang, bis zum &auml;u&szlig;ersten f&uuml;r
+ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent zur
+Verteidigung des K&ouml;nigs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb
+sie, ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die
+sch&auml;rfsten Pamphlete, in denen sie besonders Robespierre
+heftig angriff und prophetisch ausrief: "Auch dein Thron wird einst
+das Schaffot sein." Dabei versuchte sie, auch auf die Frauenvereine
+in ihrem Sinn Einflu&szlig; zu &uuml;ben, und erreichte vielfach,
+da&szlig; diese eine drohende Haltung einnahmen und &ouml;ffentlich
+f&uuml;r die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de
+Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht
+lange entgehen. Im Sommer 1793&mdash;sie war 45 Jahre
+alt&mdash;wurde sie verhaftet, am 3. November fiel ihr Kopf unter
+dem Fallbeil.<a name="FNanchor_205"></a><a href=
+"#Footnote_205"><sup>205</sup></a> Mochte sie in ihrem
+abenteuerreichen Leben die Grenzen b&uuml;rgerlicher Sittsamkeit
+noch so oft &uuml;berschritten haben, mochte ihr exzentrisches
+Wesen dem landl&auml;ufigen Begriff zur&uuml;ckhaltender
+Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,&mdash;die Frauenbewegung
+darf dennoch stolz auf ihre Vork&auml;mpferin sein. Das Urteil
+&uuml;ber die &ouml;ffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt
+sich vorwiegend nach den Wirkungen, die er durch seine
+Th&auml;tigkeit auf den sozialen Fortschritt ausge&uuml;bt hat. Von
+diesem Standpunkt aus geb&uuml;hrt Olympe de Gouges der Ruhm, die
+Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem beachtenswerten
+Faktor im &ouml;ffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war ihr
+Auftreten typisch f&uuml;r die Haltung der Frauen und ihrer Vereine
+&uuml;berhaupt.</p>
+
+<p>Sie erregten in steigendem Ma&szlig;e die lebhafteste
+Unzufriedenheit des Konvents und der Kommune; teils wurde den
+Frauen unsittlicher Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches
+Eingreifen in die politischen K&auml;mpfe zum Vorwurf gemacht. Das
+geschah gewi&szlig; nicht ohne Grund, denn eine Zeit, in der alle
+alten Institutionen ins Wanken geraten, wirft schwache Charaktere
+und hei&szlig;e Herzen nur zur leicht aus dem rechten Geleise; aber
+es mu&szlig; angesichts der harten Urteile der Zeitgenossen
+&uuml;ber die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden,
+da&szlig; sie ihr und ihren Forderungen gegen&uuml;ber fast
+s&auml;mtlich einen von vornherein feindseligen Standpunkt
+einnahmen. Selbst die radikalsten Politiker hatten, von wenigen
+Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste Verst&auml;ndnis f&uuml;r
+sie. Die Frauen standen fast vollst&auml;ndig allein, dazu kam,
+da&szlig; sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gef&uuml;hlsseite
+hin am st&auml;rksten entwickelt ist, r&uuml;cksichtslos gegen
+jedermann vorgingen, der sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit
+schuldig machte. Eine gro&szlig;e Anzahl der Anklagen gegen Frauen
+gr&uuml;ndete sich darauf, da&szlig; sie sich mitleidig eines
+Gefangenen angenommen, oder f&uuml;r einen, ihrer Meinung nach
+unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war
+den M&auml;nnern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit
+gegen&uuml;ber den Leiden der Gegner so unverst&auml;ndlich,
+da&szlig; sie es sich immer nur durch das Bestehen eines
+Liebesverh&auml;ltnisses zwischen der betreffenden Frau und dem
+Verurteilten zu erkl&auml;ren vermochten. Auch eine der begabtesten
+Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der Frauen
+nach Versailles angef&uuml;hrt hatte, geriet unter diesen Verdacht,
+obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vork&auml;mpferin der
+Revolution, am wenigsten begr&uuml;ndet zu sein scheint. Infolge
+der Erbitterung gegen die &ouml;ffentlich auftretenden Frauen, die
+im Jahre 1793, dem Todesjahr Olympe de Gouges, ihren H&ouml;hepunkt
+erreicht hatte, gestalteten sich die Angriffe gegen Rose Lacombe
+schlie&szlig;lich zum Kampf gegen die Frauenbewegung selbst.</p>
+
+<p>Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegen&uuml;ber beklagt,
+da&szlig; Gefangene tagelang im Gef&auml;ngnis schmachteten, ohne
+auch nur verh&ouml;rt zu werden, wie es bei dem Maire von Toulouse,
+in dessen Sohn man ihren Liebhaber vermutete, geschehen war, und
+sie forderte, man solle beschlie&szlig;en, jeden Gefangenen binnen
+24 Stunden zu verh&ouml;ren, ihm die Freiheit zu schenken, wenn
+seine Unschuld sich erweist, ihn zu t&ouml;ten, wenn er schuldig
+ist. Eine Behandlung, wie die gegenw&auml;rtige, verstie&szlig;e
+gegen die Gesetze der Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik
+sein m&uuml;&szlig;ten. Auf die Frage, warum gerade der Maire von
+Toulouse, ein Aristokrat, sie, die Verfolgerin der Aristokraten,
+zur Verteidigerin gewinnen k&ouml;nne, erwiderte sie ruhig: "Er
+verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erkl&auml;rung erschien
+Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub und
+stie&szlig; um so weniger auf Widerstand, als der
+revolution&auml;re republikanische Frauenverein, an dessen Spitze
+Rose Lacombe stand, durch den Mut, mit dem er der
+Selbstherrlichkeit Robespierres gegen&uuml;ber die Rechte des Volks
+verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu bahnen
+versuchte, schon l&auml;ngst verd&auml;chtigt wurde.<a name=
+"FNanchor_206"></a><a href="#Footnote_206"><sup>206</sup></a> Rose
+Lacombe versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen;
+man lie&szlig; sie nicht zum Worte kommen und &uuml;bergab ihre
+Sache der Kommission f&uuml;r &ouml;ffentliche Sicherheit.<a name=
+"FNanchor_207"></a><a href="#Footnote_207"><sup>207</sup></a>
+Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde, beantragte die
+Kommission, der Konvent m&ouml;ge beschlie&szlig;en, da&szlig; alle
+Frauenvereine, gleichg&uuml;ltig, welchen Namen sie tr&uuml;gen,
+aufgel&ouml;st und ein f&uuml;r allemal verboten w&uuml;rden. Die
+Rede des Konventmitglieds Amar, die diesen Antrag begr&uuml;ndete,
+ist bezeichnend f&uuml;r die Stellung, welche die M&auml;nner der
+Revolution der Frauenbewegung gegen&uuml;ber einnehmen. Er
+verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte
+aus&uuml;ben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen
+d&uuml;rften, und ob es ihnen gestattet sein sollte, politische
+Vereine zu bilden, indem er folgenderma&szlig;en argumentierte:</p>
+
+<p>"Regieren hei&szlig;t, die &ouml;ffentlichen Angelegenheiten
+durch Gesetze leiten, deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse,
+strenge Unparteilichkeit, ernste Selbstverleugnung zur
+Voraussetzung hat; regieren hei&szlig;t, die Handlungen der Diener
+des Staates unter st&auml;ndiger Aufsicht haben. Sind die Frauen
+dazu f&auml;hig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften
+daf&uuml;r? Nur durch recht wenige Beispiele k&ouml;nnte diese
+Frage bejaht werden. Die politischen Rechte der B&uuml;rger
+bestehen darin, im Interesse des Staates Beschl&uuml;sse zu fassen,
+sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen. Haben die Frauen
+die moralische und physische Kraft, welche das eine wie das andere
+dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht
+dagegen...."</p>
+
+<p>"Der Zweck der Volksvereine ist, die Th&auml;tigkeit der Feinde
+des &ouml;ffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen
+B&uuml;rger, die Beamten des Staates, ja selbst die gesetzgebende
+K&ouml;rperschaft zu beaufsichtigen; die Begeisterung Aller durch
+das Beispiel republikanischer Tugenden anzufeuern; sich selbst
+durch &ouml;ffentliche Besprechungen &uuml;ber die Fehler oder die
+Vorteile politischer Ma&szlig;nahmen aufzukl&auml;ren. K&ouml;nnen
+Frauen sich diesen ebenso n&uuml;tzlichen wie schwierigen Arbeiten
+unterziehen? Nein, denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen
+Sorgen hinzugeben, die die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes
+Geschlecht ist zu der Th&auml;tigkeit berufen, die ihm entspricht;
+seine Handlungen sind auf einen Kreis beschr&auml;nkt, den es nicht
+&uuml;berschreiten darf, weil die Natur selbst diese Grenzen dem
+Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe,
+da&szlig; es sich &ouml;ffentlich zeigt, da&szlig; es mit
+M&auml;nnern diskutiert, und &ouml;ffentlich, angesichts des
+Volkes, sich &uuml;ber die Fragen ausspricht, von denen das Wohl
+der Republik abh&auml;ngt? Im allgemeinen sind die Frauen
+unf&auml;hig hoher Konzeptionen und ernster &Uuml;berlegungen....
+Aber noch unter einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine
+gef&auml;hrlich. Wenn wir bedenken, da&szlig; die politische
+Erziehung der M&auml;nner noch im Fr&uuml;hrot der Entwicklung
+steht, und da&szlig; wir das Wort Freiheit erst zu stammeln
+verm&ouml;gen, um wie viel weniger aufgekl&auml;rt sind dann die
+Frauen, deren Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in
+den Volksvereinen w&uuml;rde daher Personen einen aktiven Anteil an
+der Regierung gew&auml;hren, die dem Irrtum und der Verf&uuml;hrung
+st&auml;rker ausgesetzt sind als andere. F&uuml;gen wir hinzu,
+da&szlig; die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die
+Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert w&uuml;rden, was
+die Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr
+hervorbringt...."</p>
+
+<p>Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der
+Konvent am 30. Oktober 1793 ihre Aufl&ouml;sung zum
+Beschlu&szlig;.<a name="FNanchor_208"></a><a href=
+"#Footnote_208"><sup>208</sup></a></p>
+
+<p>In st&uuml;rmischen Versammlungen protestierten die Frauen
+dagegen, und eine Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in
+den Sitzungssaal der Kommune, um hier pers&ouml;nlich f&uuml;r die
+Anullierung des Beschlusses, soweit die Stadt Paris in Betracht
+kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum Wort, da der
+Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in einer
+w&uuml;tenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er
+folgte darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schlie&szlig;lich
+seiner Rede den ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn
+ihre Gr&uuml;nde nicht durchschlagen, schlie&szlig;lich die
+Unentschiedenen f&uuml;r sich zu gewinnen pflegen. "Die Natur sagte
+der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die Erziehung der Kinder, die
+h&auml;uslichen Sorgen, die s&uuml;&szlig;en M&uuml;hen der
+Mutterschaft&mdash;das ist das Reich deiner Arbeit; daf&uuml;r
+erhebe ich dich zur G&ouml;ttin des h&auml;uslichen Tempels, du
+wirst durch deine Reize, durch deine Sch&ouml;nheit und deine
+Tugenden alles beherrschen, was dich umgiebt!&mdash;Th&ouml;richte
+Frauen, die ihr zu M&auml;nnern werden wollt, was verlangt ihr
+noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen euch zu
+F&uuml;&szlig;en, euer Despotismus ist der einzige, den unsere
+Kraft nicht brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der
+Natur, bleibt was ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die
+K&auml;mpfe unseres Lebens zu beneiden, begn&uuml;gt euch damit,
+sie uns vergessen zu machen!"<a name="FNanchor_209"></a><a href=
+"#Footnote_209"><sup>209</sup></a></p>
+
+<p>Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schlo&szlig; die
+Kommune sich dem Beschlu&szlig; des Konvents an und erkl&auml;rte
+au&szlig;erdem, Frauendeputationen nicht mehr empfangen zu wollen.
+Trotz alledem setzten die Frauen diesen Beschl&uuml;ssen den
+&auml;u&szlig;ersten Widerstand entgegen, mu&szlig;ten aber
+schlie&szlig;lich der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den
+Trib&uuml;nen des Konvents, man untersagte ihnen die Teilnahme an
+&ouml;ffentlichen Versammlungen, ja man ging soweit, ein Gesetz zu
+erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als f&uuml;nf
+zusammenfanden, mit Gef&auml;ngnis bestraft werden sollten.<a name=
+"FNanchor_210"></a><a href="#Footnote_210"><sup>210</sup></a></p>
+
+<p>So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos
+verlaufen zu sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen:
+Der erste st&uuml;rmische Angriff wurde von den Gegnern
+zur&uuml;ckgeschlagen, nicht nur, weil ihrer noch viel zu viele
+waren, sondern weil das Ziel der Bewegung noch zu wenig
+gekl&auml;rt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine
+Schwierigkeiten daher nicht &uuml;bersehen werden konnten.</p>
+
+<p>Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken,
+thats&auml;chlich wirkte sie jedoch im stillen weiter, indem sie
+die K&ouml;pfe gewann und hervorragende Denker sich mit ihren
+Problemen besch&auml;ftigten.</p>
+
+<p>Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte
+der gro&szlig;en franz&ouml;sischen Philosophen des 18.
+Jahrhunderts, Condorcet, auf sie aufmerksam und widmete ihr in
+seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois de New-Haven &agrave; un
+citoyen de Virginie<a name="FNanchor_211"></a><a href=
+"#Footnote_211"><sup>211</sup></a> einen bemerkenswerten Abschnitt.
+Er ging von der Voraussetzung aus, da&szlig; die Frauen, ebenso wie
+die M&auml;nner, f&uuml;hlende, mit Vernunft begabte, sittlicher
+Ideen f&auml;hige Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben
+mu&szlig;ten, wie die M&auml;nner. Er forderte das aktive und das
+passive Wahlrecht f&uuml;r sie und wollte sie von keinem Amt
+gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erkl&auml;rte, da&szlig;
+es &uuml;berfl&uuml;ssig sei, den B&uuml;rgern zu verbieten, sie
+z.B. zu Heerf&uuml;hrern zu w&auml;hlen, da man ihnen doch auch
+nicht zu untersagen brauche, etwa einen Blinden zum
+Gerichtssekret&auml;r zu machen.</p>
+
+<p>Im Jahre 1789 ver&ouml;ffentlichte er im Journal de la
+soci&eacute;t&eacute; (No. 5)<a name="FNanchor_212"></a><a href=
+"#Footnote_212"><sup>212</sup></a> einen Artikel &uuml;ber die
+Zulassung der Frauen zum B&uuml;rgerrecht, der auch heute noch als
+die gl&auml;nzendste Rechtfertigung und Verteidigung der
+Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider
+noch unerf&uuml;llt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde
+das von der Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch
+auf das empfindlichste verletzt, da&szlig; die H&auml;lfte des
+Menschengeschlechts des Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung
+teilzunehmen. Wolle man f&uuml;r diese Thatsache eine Anerkennung,
+so m&uuml;sse nachgewiesen werden, da&szlig; nicht nur die
+nat&uuml;rlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der
+M&auml;nner, sondern da&szlig; sie auch unf&auml;hig seien, die
+B&uuml;rgerrechte auszu&uuml;ben. Da die Frau ein Mensch sei wie
+der Mann, habe sie dieselben nat&uuml;rlichen Rechte wie er, denn
+entweder gebe es &uuml;berhaupt keine angeborenen Menschenrechte,
+oder jeder Mensch, gleichg&uuml;ltig welches sein Geschlecht, seine
+Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die
+Gr&uuml;nde betrifft, die angef&uuml;hrt werden zum Beweise der
+Unf&auml;higkeit der Frau, den Pflichten eines Staatsb&uuml;rgers
+zu gen&uuml;gen, so wandte sich Condorcet zun&auml;chst gegen den
+ihrer physischen Konstitution, indem er ausf&uuml;hrte, da&szlig;
+er nicht einsehen k&ouml;nne, wieso Schwangerschaften und
+vor&uuml;bergehende Unp&auml;&szlig;lichkeiten die Frauen f&uuml;r
+Aus&uuml;bung der B&uuml;rgerrechte untauglich machen sollten, da
+doch auch die M&auml;nner Krankheiten aller Art ausgesetzt seien,
+ohne da&szlig; man es f&uuml;r notwendig halte, ihnen deshalb die
+Pflichten und Ehren der B&uuml;rger abzusprechen. Ferner sagt man,
+da&szlig; keine Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet
+oder Beweise von Genie gegeben habe, aber man habe doch nie daran
+gedacht, die Verleihung des B&uuml;rgerrechts an die M&auml;nner
+von ihrer Begabung abh&auml;ngig zu machen. Auch das geringere
+Ma&szlig; an Kenntnissen, die schw&auml;chere Urteilskraft, die man
+den Frauen zum Vorwurf mache, k&ouml;nne, selbst wenn man sie
+zugeben wolle, nicht als Grund angesehen werden, sie politisch
+f&uuml;r rechtlos zu erkl&auml;ren. Als Konsequenz dieser
+Anschauung m&uuml;sse man sonst auf jede freie Verfassung
+verzichten und die Regierung, wie den Einflu&szlig; auf die
+Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft
+aufgekl&auml;rter M&auml;nner &uuml;berlassen. Was man an den
+Frauen mit Recht aussetzen k&ouml;nne,&mdash;ihren Mangel an
+Gerechtigkeitsgef&uuml;hl, ihre Einseitigkeit und geringe
+Bildung,&mdash;sei lediglich eine Folge ihrer schlechten Erziehung
+und der sie umgebenden sozialen Verh&auml;ltnisse, die man daher zu
+&auml;ndern trachten m&uuml;sse. Auch eine Reihe von
+N&uuml;tzlichkeitsgr&uuml;nden werden gegen die Zulassung der
+Frauen zum B&uuml;rgerrecht hervorgebracht: man f&uuml;rchte ihren
+Einflu&szlig; auf die M&auml;nner,&mdash;als ob ihr geheimer
+Einflu&szlig; nicht viel bedenklicher sei, als es ihr
+&ouml;ffentlicher sein w&uuml;rde, man glaube, sie w&uuml;rden ihre
+nat&uuml;rlichen Pflichten dem Haushalte, den Kindern
+gegen&uuml;ber vernachl&auml;ssigen, und doch habe man nie Bedenken
+in Bezug auf die M&auml;nner gehabt, die doch auch ihrem Beruf,
+ihrer Arbeit nachgehen m&uuml;ssen. Man scheine dabei auch
+absichtlich &uuml;bersehen zu wollen, da&szlig; nicht alle Frauen
+einen Haushalt und kleine, der Pflege bed&uuml;rftige Kinder haben,
+und die Aus&uuml;bung des Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten
+w&uuml;rde, als die banalen Vergn&uuml;gungen und Zerstreuungen,
+denen sie jetzt nachgehen. Solche N&uuml;tzlichkeitsgr&uuml;nde
+haben immer, wo andere nicht ausreichten, Tyrannenherrschaft
+rechtfertigen sollen: in ihrem Namen l&auml;gen Handel und
+Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger
+noch heute, in ihrem Namen f&uuml;llte man die Bastille und wendete
+die Folter an. Die Frage der Zulassung der Frauen zum
+B&uuml;rgerrecht d&uuml;rfe aber nicht mehr mit
+N&uuml;tzlichkeitsgr&uuml;nden, Phrasen und Witzen abgethan werden.
+Auch die Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs
+zwischen den M&auml;nnern festsetzte, habe eine Flut geschwollener
+Reden und billiger Scherze hervorgerufen, stichhaltige Gr&uuml;nde
+jedoch habe niemand vorzubringen vermocht. "Ich glaube," so
+schliesst Condorcet, "da&szlig; es mit der Rechtsgleichheit der
+Geschlechter nicht anders sein wird."</p>
+
+<p>Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des
+franz&ouml;sischen Philosophen in England und Deutschland eine
+wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen
+Verh&auml;ltnisse in jenen L&auml;ndern lie&szlig;en dem Einzelnen
+mehr Zeit zum Nachdenken und Theoretisieren, w&auml;hrend die Lage
+Frankreichs zum Handeln aufforderte. So schrieb ein deutscher
+Historiker eine vielb&auml;ndige Geschichte des weiblichen
+Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, da&szlig; die
+Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so emp&ouml;rendes,
+Abscheu und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel
+darbiete, als die der Frauen,<a name="FNanchor_213"></a><a href=
+"#Footnote_213"><sup>213</sup></a> und ein englischer Gelehrter,
+der denselben Stoff behandelte, sprach sich &auml;hnlich aus, indem
+er erkl&auml;rte, da&szlig; die emp&ouml;rende Behandlung des
+weiblichen Teils der menschlichen Species nur dem menschlichen
+Manne eigent&uuml;mlich sei, und in der ganzen Natur kein
+Gegenst&uuml;ck und kein Vorbild habe.<a name="FNanchor_214"></a><a
+href="#Footnote_214"><sup>214</sup></a></p>
+
+<p>Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf
+diesem Gebiet war das Werk der Engl&auml;nderin Mary
+Wollstonecraft: Vindication of the rights of women.<a name=
+"FNanchor_215"></a><a href="#Footnote_215"><sup>215</sup></a> Ein
+Leben voll innerer und &auml;u&szlig;erer K&auml;mpfe und
+Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt.
+In ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und
+Bildungsfrage sie schon lebhaft besch&auml;ftigt, so da&szlig; sie
+als ihre erste litterarische Arbeit eine kleine Schrift &uuml;ber
+die Erziehung junger M&auml;dchen erscheinen lie&szlig;. Ihr
+folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und
+einige selbst&auml;ndige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und
+sie zugleich in pers&ouml;nliche Beziehungen zu ihrem Verleger
+Johnson brachten, bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr
+fand. Er selbst wie alle seine G&auml;ste verfolgten die Ereignisse
+der franz&ouml;sischen Revolution mit st&uuml;rmischer
+Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der Lorbeer
+der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser
+Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in
+Johnsons Salon die Menschenrechte verk&uuml;ndete. So wurde Mary
+Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen
+und Burkes Angriff auf sie gab den Ansto&szlig;, da&szlig; die
+feurige Frau sich &ouml;ffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die
+Rechtfertigung der Menschenrechte" hie&szlig; die kleine Schrift,
+die den Namen der Verfasserin &uuml;ber den Kreis ihrer Freunde
+hinaus bekannt machte.<a name="FNanchor_216"></a><a href=
+"#Footnote_216"><sup>216</sup></a> Aber sie war nur das Vorspiel
+und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung der Rechte
+der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung des
+franz&ouml;sischen Schulwesens Einflu&szlig; &uuml;ben zu
+k&ouml;nnen, Talleyrand widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse
+folgend brachte sie die umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu
+Papier, ohne sich zu ruhigem Nachdenken Zeit zu lassen. Sie
+tr&auml;gt denn auch die Spuren ihrer Entstehung an sich und
+besteht aus v&ouml;llig ungeordneten, oft sprunghaft wechselnden
+Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalit&auml;t Mary
+Wollstonecrafts und der Sch&auml;rfe ihrer Beobachtung zeugen. Den
+gr&ouml;&szlig;ten Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren
+Vernachl&auml;ssigung sie die Ursache der Fehler und Schw&auml;chen
+des weiblichen Geschlechts sieht. Auf einen ungesunden Geist
+f&uuml;hrt sie das Verhalten der Frauen zur&uuml;ck und vergleicht
+ihn mit einer Pflanze, die in zu &uuml;ppigem Boden steht und
+sch&ouml;ne Bl&uuml;ten, aber keine Fr&uuml;chte hervorbringt. Es
+werden wohl "Damen", aber keine Frauen erzogen, man lehre sie
+Sitten, aber keine Moral, man richte ihr Streben auf Eitelkeiten
+und nichtigen Tand, aber nicht auf ernste Ziele, man gew&ouml;hne
+sie, sich mit Spielereien zu besch&auml;ftigen und durch
+Vergn&uuml;gungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu
+gew&ouml;hnen und ihre Mu&szlig;e den Freuden der Kunst, der Natur
+und der Wissenschaft zu widmen. So werden jene schwachen,
+gedankenlosen Wesen gradezu gez&uuml;chtet, denen ihre eigenen
+Z&uuml;chter, die M&auml;nner, nachtr&auml;glich ihre Schw&auml;che
+und Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre
+Erziehung genauer betrachte, k&ouml;nne sich nicht wundern,
+da&szlig; sie Vorurteilen zum Raub fallen, unselbst&auml;ndig
+urteilen und zu blindem Autorit&auml;tsglauben geneigt sind. Sie
+seien durch die sie umgebenden Verh&auml;ltnisse thats&auml;chlich
+minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur k&uuml;nstlich
+so herabgedr&uuml;ckt worden seien, d&uuml;rfe man nicht das
+weibliche Geschlecht als solches nach seinem gegenw&auml;rtigen
+Stand beurteilen. Erst gebe man den Frauen Raum, sich zu
+entwickeln, ihre Kr&auml;fte zu beth&auml;tigen, dann bestimme man,
+welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen Stufenleiter
+sie einnehmen. Wenn sie dann zu vern&uuml;nftigen Wesen erzogen
+worden seien, d&uuml;rfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt
+werden und m&uuml;ssen dieselben Rechte genie&szlig;en, wie die
+M&auml;nner.</p>
+
+<p>In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem
+Gesinnungsgenossen Condorcet gegen&uuml;ber als die Vorsichtigere,
+Zur&uuml;ckhaltendere. W&auml;hrend er auf Grund der &uuml;berall
+gleichen Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische
+Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht
+zum Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die M&auml;nner
+keiner Pr&uuml;fung ihrer Geisteskr&auml;fte unterliegen, ehe sie
+als vollwertige Staatsb&uuml;rger anerkannt werden, erkl&auml;rt
+sie die Reform der Erziehung f&uuml;r die Voraussetzung der Reform
+der Gesetze.</p>
+
+<p>In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte
+Sch&uuml;lerin der Revolution. Nicht nur, da&szlig; sie in vielen
+ihrer abschweifenden Gedanken das K&ouml;nigtum, die stehenden
+Heere, die Aristokratie heftig angreift, sie er&ouml;rtert auch das
+Problem der Armut und erkl&auml;rt sie f&uuml;r eine der
+wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. F&uuml;r die
+Frauen folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich
+unabh&auml;ngig vom Mann zu sein. Diese, auch im modernen Sinn
+radikale Forderung ist von ihr zuerst ausgesprochen worden und
+erhebt sie in die Reihe der aufgekl&auml;rtesten und
+weitblickendsten Vork&auml;mpfer der Frauenbewegung. Aber auch in
+anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der
+Keuschheit, die f&uuml;r beide Geschlechter dieselbe sein
+m&uuml;sse, fordert sie, da&szlig; Knaben und M&auml;dchen
+gemeinsam in &ouml;ffentlichen Schulen erzogen werden. Nur wo ein
+kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer
+zwischen den Geschlechtern von fr&uuml;h an zu finden sei, werde
+die Liebe zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden
+die Ehen gl&uuml;cklichere sein. Neben die geistige solle auch die
+k&ouml;rperliche Erziehung treten, damit ein kr&auml;ftigeres,
+sch&ouml;neres Geschlecht heranwachse, damit das Vaterland
+M&uuml;tter habe, die gesunde Kinder hervorzubringen und zu
+erziehen im st&auml;nde seien.</p>
+
+<p>Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um
+ihres heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen,
+das aus ihrem Scho&szlig;e hervorw&auml;chst, von ihrem K&ouml;rper
+und von ihrem Geist seine erste, die sp&auml;tere Entwicklung
+bestimmende Nahrung empf&auml;ngt, soll das Weib dem Manne
+ebenb&uuml;rtig zur Seite stehen, ein freier B&uuml;rger wie
+er.</p>
+
+<p>Mary Wollstonecrafts k&uuml;hnes Buch machte ungeheures
+Aufsehen. Die heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich
+nat&uuml;rlich auch gegen ihre Person, unter der Sp&ouml;tter und
+Karikaturenzeichner sich ein starkknochiges, h&auml;&szlig;liches
+Mannweib vorstellten, w&auml;hrend sie eine zarte, im besten Sinne
+weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel der
+Weiblichkeit tr&auml;gt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde
+gleich nach seinem Erscheinen ins Franz&ouml;sische und von ihrem
+Freunde, dem bekannten Schnepfenthaler P&auml;dagogen Salzmann, ins
+Deutsche &uuml;bersetzt.</p>
+
+<p>Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in
+Deutschland verk&uuml;nden sollte, war ein anderes ihm
+zuvorgekommen: Theodor von Hippels Buch &uuml;ber die
+b&uuml;rgerliche Verbesserung der Weiber,<a name=
+"FNanchor_217"></a><a href="#Footnote_217"><sup>217</sup></a> das
+im selben Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in
+London. Schon im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift &uuml;ber
+die Ehe, in der er Frauen und M&auml;nnern derbe Lektionen gab,
+sein Interesse an der Stellung der Frau im b&uuml;rgerlichen Leben
+kund gethan.<a name="FNanchor_218"></a><a href=
+"#Footnote_218"><sup>218</sup></a> Aber erst die franz&ouml;sische
+Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren K&auml;mpfen regte
+ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schl&uuml;ssen
+wie Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen
+dar&uuml;ber nicht verhehlen, da&szlig; die franz&ouml;sische
+Verfassung kurzsichtig und engherzig genug war, dem weiblichen
+Geschlecht die Gleichberechtigung zu verweigern. Dabei ging er so
+weit, zu erkl&auml;ren, da&szlig; die Sklaverei, wenn sie auch nur
+in einer einzigen Beziehung geduldet werde, &uuml;ber kurz oder
+lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einw&auml;nden gegen die
+Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger
+Sch&auml;rfe. Soll, so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung,
+auch wenn sie schon Tausende von Jahren alt ist, nur deshalb
+fortbestehen, weil ihre Ab&auml;nderung mit Schwierigkeiten
+verkn&uuml;pft ist und man vermutet, es k&ouml;nnten bedenkliche
+Folgen daraus erwachsen? Man m&uuml;sse endlich das andere
+Geschlecht zum Volk zu machen sich entschlie&szlig;en. Freilich
+m&uuml;&szlig;te eine durchaus ver&auml;nderte Erziehung die Frauen
+dazu bef&auml;higen, denn jetzt, wo sie nur zum Spielzeug der
+M&auml;nner gemodelt w&auml;ren, k&ouml;nnten sie ihren Pflichten
+nur schlecht gen&uuml;gen. Man erziehe B&uuml;rger f&uuml;r den
+Staat, ohne Unterschied des Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der
+Knaben und M&auml;dchen, Zulassung der Frauen zu allen Berufen,
+verlangte Hippel. Nur das "Monopol des Schwertes" soll den
+M&auml;nnern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal nicht ohne
+Menschenschl&auml;chter behelfen kann oder will!" Zur Erleichterung
+k&ouml;rperlicher Ausbildung r&auml;t er zu einer gleichen Kleidung
+der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit
+auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gef&uuml;hl des Mangels
+an k&ouml;rperlichen Kr&auml;ften wie in der Beschr&auml;nktheit
+des Verstandes habe, d&uuml;rfe keine Seite des Wesens in der
+Erziehung vernachl&auml;ssigt werden. F&uuml;r th&ouml;richt
+h&auml;lt er den Einwand, da&szlig; die Weiber zu viel Zeit auf
+ihren Putz verwenden,&mdash;sind es nicht grade die M&auml;nner,
+die ihnen die Seele bestreiten und sie auf den K&ouml;rper
+beschr&auml;nken? Jetzt haben sie keine andere olympische Bahn, als
+mit ihren Reizen M&auml;nner zu fangen; sie werden Wunder thun,
+wenn man ihnen andere er&ouml;ffnet. Auch die nat&uuml;rliche
+Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das
+Kindergeb&auml;ren, das zum Hauptbeweis dieser Schw&auml;che
+angef&uuml;hrt zu werden pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis
+seiner St&auml;rke ab.</p>
+
+<p>Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er
+gro&szlig;es: "Gewi&szlig; h&auml;tten wir alsdann weniger
+Tyrannen, die auf festem Grund und Boden Schiffbr&uuml;chige mit
+Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den Fluten ringen,
+Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schwei&szlig; und
+das Blut der Unterthanen ohne Ma&szlig; und Ziel verschwenden." So
+forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des
+Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der
+Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft
+gefordert hatte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur
+einander gleich standen, vergr&ouml;&szlig;erte sich mit der
+fortschreitenden &ouml;konomischen Entwicklung der Abstand zwischen
+ihnen mehr und mehr. Die Interessen, die K&auml;mpfe, die Ziele des
+physisch st&auml;rkeren, durch die Bedingungen des
+Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus
+und Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und
+rechtlichen Trennung, die von der Frau zun&auml;chst nicht
+empfunden werden konnte, weil sie durch ihre h&auml;usliche
+Th&auml;tigkeit vollauf in Anspruch genommen war und infolge der
+allgemeinen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse &uuml;ber die
+ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken
+vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in
+wachsendem Ma&szlig;e von dem Handwerk und der Industrie
+&uuml;bernommen wurden, und die Frau, soweit sie als
+Angeh&ouml;rige der besitzenden Klassen Mu&szlig;e gewann, sich
+&uuml;berfl&uuml;ssig f&uuml;hlte, die Leere ihres inneren und
+&auml;u&szlig;eren Lebens empfand oder als Mitglied der
+besitzlosen, gezwungen war, ihre h&auml;usliche Th&auml;tigkeit in
+Lohnarbeit au&szlig;er dem Hause und getrennt von der Familie
+umzuwandeln, wurde sie sich ihrer dr&uuml;ckenden Lage
+bewu&szlig;t. Nicht nur, da&szlig; sie auf einer Stufe geistiger
+R&uuml;ckst&auml;ndigkeit festgebannt war, die vergangenen
+Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch wirtschaftliche,
+rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein, den sie wie
+der Mann zu k&auml;mpfen hatte, untauglich gemacht. Diese
+Widerspr&uuml;che wurden die Ursache einer tiefgehenden
+Unzufriedenheit, die stetig wuchs und in der Frauenbewegung der
+franz&ouml;sischen Revolution einen H&ouml;hepunkt erreichte. Das
+Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gleichheit
+vor dem Gesetz waren die Ziele, die die Revolution proklamierte und
+die durch ihre litterarischen Vertreter theoretische
+Begr&uuml;ndung fanden.</p>
+
+<p>Das neunzehnte Jahrhundert stellte <i>neue</i> Probleme der
+Frauenfrage nicht mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie
+wurde, in um so deutlicher ausgepr&auml;gte einzelne Seiten, ebenso
+wie der Strom kurz vor seinem Eintritt in das Meer ihm seine
+m&auml;chtig angeschwollenen Wassermassen nicht in einem
+Flu&szlig;, sondern in vielen Flu&szlig;armen zuf&uuml;hrt. Jeder
+einzelne wird zu einem Strom f&uuml;r sich und jede Seite der
+Frauenfrage umfa&szlig;t schlie&szlig;lich ein so weites Gebiet,
+da&szlig; sowohl von historischen als von kritischen
+Gesichtspunkten aus eine gesonderte Behandlung notwendig wird.</p>
+
+<p>Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der
+Frauenfrage, die an der Hand der Geschichte gewonnen wird,
+f&uuml;hrt notwendig dazu, ihre &ouml;konomische Seite in den
+Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus entwickelt sich erst die
+rechtliche und aus beiden die sittliche Seite der Frauenfrage. Alle
+Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des Gesamtproblems
+enthalten.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Zweiter_Abschnitt" />Zweiter Abschnitt.</h2>
+
+<p>Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"1_Der_Kampf_um_Arbeit_in_der_burgerlichen_Frauenwelt" />1. Der
+Kampf um Arbeit in der b&uuml;rgerlichen Frauenwelt.</h2>
+
+<p>Erste Periode. Anf&auml;nge einer Erziehungsreform unter dem
+Gesichtspunkt beruflicher Arbeit.</p>
+
+<p>Theoretische Er&ouml;rterungen der Frauenfrage haben weder
+wissenschaftlichen Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie
+lediglich von vorgefa&szlig;ten Meinungen oder allgemeinen
+ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu richtigen Resultaten zu
+gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der Thatsachen zu
+fu&szlig;en. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die
+geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im
+Menschheitsleben im allgemeinen darzustellen, es ist auch
+erforderlich, von dem Zeitpunkt an, wo die Frauenfrage sich
+erweitert und in ihr verschiedene gleich wichtige Seiten
+hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der
+theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum
+handeln, einzelne Thatsachen mit m&ouml;glichster
+Vollst&auml;ndigkeit zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der
+Entwicklung in seinen gro&szlig;en Z&uuml;gen zu verfolgen und
+seine treibenden Kr&auml;fte aufzudecken.</p>
+
+<p>Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze
+Erwerbsleben des weiblichen Geschlechts von den H&ouml;hen
+wissenschaftlicher Arbeit bis in den d&uuml;steren Abgrund der
+Prostitution umfa&szlig;t, bedarf besonders dieser
+Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit &uuml;ber das Recht der
+Frauen auf Arbeit, &uuml;ber ihre Zulassung zu oder ihre
+Ausschlie&szlig;ung von m&auml;nnlichen Berufen w&uuml;rden
+vermieden werden, viele nur moralisierende Sittlichkeitsapostel
+w&uuml;rden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen, wenn an
+Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gef&uuml;hle
+die historische Erkenntnis treten w&uuml;rde. Sich der Entwicklung
+in den Weg zu werfen, ist ein nutzloses Bem&uuml;hen; auch der, der
+sie f&uuml;rchtet, kann ihre unheilvollen Wirkungen nicht anders
+abwenden, als indem er ihr die Wege bahnt. Was die Frauenbewegung
+an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das verdankt sie
+ausschlie&szlig;lich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden. Ihr
+eigner Gang ist ein klarer, gesetzm&auml;&szlig;iger, der auch in
+dem Kampf um Arbeit in der b&uuml;rgerlichen Frauenwelt deutlich
+zum Ausdruck kommt.</p>
+
+<p>Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war f&uuml;r die
+Frauenwelt eine der bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl
+waren schon vorher M&auml;nner und Frauen aufgetreten, die mehr
+Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte Arbeitsm&ouml;glichkeiten
+f&uuml;r das weibliche Geschlecht gew&uuml;nscht hatten, aber sie
+waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast
+ungeh&ouml;rt. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die
+theoretischen und philosophischen Er&ouml;rterungen &uuml;ber die
+Rechte das Weibes in den Bereich praktischer Forderungen. Aber es
+waren weniger die vielen rednerischen und schriftstellerischen
+Auseinandersetzungen und Erkl&auml;rungen der politischen Rechte,
+die zu Erfolgen f&uuml;hrten, als vielmehr die von den Massen der
+Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit.</p>
+
+<p>Schon das franz&ouml;sische Edikt von 1776 hatte mit der
+Proklamierung der Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und
+nach der Revolution schien es, als st&uuml;nden den Frauen nunmehr
+dieselben Wege offen, auf denen die M&auml;nner ihrem Broterwerb
+nachgingen. Bald zeigte sich jedoch, da&szlig; die
+gr&ouml;&szlig;ten Hindernisse erst noch zu &uuml;berwinden waren,
+denn es fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs
+offene Meer hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und
+Kompa&szlig; mitzugeben.</p>
+
+<p>Die Frauen und T&ouml;chter des arbeitenden Volkes, die in immer
+ausgedehnterem Ma&szlig;e gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu
+suchen, str&ouml;mten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter
+brauchen konnten. Lohndruck, Vergr&ouml;&szlig;erung des Elends,
+infolgedessen neuer Zuzug weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus
+diesen Anf&auml;ngen heraus entwickelte sich die
+Arbeiterinnenbewegung. Aber w&auml;hrend diese Schicht der
+weiblichen Bev&ouml;lkerung den Kampf ums t&auml;gliche Brot von
+jeher ebenso, ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die
+M&auml;nner, waren die Frauen und T&ouml;chter der Bourgeoisie vom
+Erwerbszwang bisher verschont geblieben. Sie lebten der
+h&auml;uslichen Th&auml;tigkeit und der Kindererziehung,
+h&auml;ufig aber lediglich dem Vergn&uuml;gen, der
+Sch&ouml;ngeisterei oder anderem maskierten M&uuml;&szlig;iggang.
+Die Verarmung des B&uuml;rgerstandes, die Revolutionen und Kriege,
+die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der T&ouml;chter und Witwen
+der Opfer des Schlachtfeldes, n&ouml;tigten die Frauen zu einer
+Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige
+Verh&auml;ltnis in der Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen
+hatten, nicht nur an sich schwer fiel, sondern auch wie eine
+m&ouml;glichst zu verbergende Schande erschien. Zahlreich waren
+schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die armen adeligen
+Fr&auml;uleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen
+f&uuml;rstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja
+selbst als Hofdamen an den vielen kleinen F&uuml;rstenh&ouml;fen
+nichts anderes suchten als einen Broterwerb und sich oft, unter
+&auml;ngstlicher Aufrechterhaltung &auml;u&szlig;eren Glanzes
+k&uuml;mmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur sentimentale
+Romane, auch manche der an die Nationalversammlung gerichteten
+Petitionen f&uuml;hren den Beweis daf&uuml;r, da&szlig; viele
+B&uuml;rgert&ouml;chter sich gezwungen sahen, durch Stickereien und
+Wirkereien ihr Brot zu verdienen. Mit den Frauen des
+handarbeitenden Volkes teilten sie das gleiche Schicksal: die Not
+trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch noch ein anderes mit
+ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu einem
+Erwerbsberuf. Aber w&auml;hrend f&uuml;r jene, dank der Entwicklung
+der Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der
+Industriearbeiter Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch
+ungelernte Arbeitskraft, eine begehrte war, standen diese vor
+geschlossenen Th&uuml;ren, vor denen Unbildung und Vorurteil Wache
+hielt. Die Arbeiterin k&auml;mpfte bereits in Reih und Glied mit
+dem Mann den harten Kampf ums Dasein, w&auml;hrend die Frau der
+Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen hatte.
+Aus diesem Umstand erkl&auml;rt sich die oft bis zu
+Gegens&auml;tzen sich steigernde Verschiedenheit der
+b&uuml;rgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung und auch,
+die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander zu behandeln.</p>
+
+<p>Die Frau der Bourgeoisie wurde f&uuml;r das Haus und f&uuml;r
+die Geselligkeit erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue
+Zeit f&uuml;r sie forderte, und die &uuml;ber den Religions- und
+Haushaltungsunterricht des Mittelalters hinausging, hatte nur den
+Zweck, die geselligen Talente zu unterst&uuml;tzen und dem Mann
+eine verst&auml;ndnisvollere Gef&auml;hrtin zu sein.</p>
+
+<p>Die erste Stelle unter den Vork&auml;mpfern der Reform der
+M&auml;dchenerziehung nahm F&eacute;nelon ein.<a name=
+"FNanchor_219"></a><a href="#Footnote_219"><sup>219</sup></a> Seine
+p&auml;dagogischen Grunds&auml;tze veranla&szlig;ten Frau von
+Maintenon, in St. Cyr die erste h&ouml;here M&auml;dchenschule zu
+gr&uuml;nden, die insofern noch ein besonderes Interesse
+beansprucht, als sie zugleich die erste Anstalt war, die, durch
+Ausbildung von Erzieherinnen, der beruflichen Th&auml;tigkeit der
+Frau die Wege bahnte.<a name="FNanchor_220"></a><a href=
+"#Footnote_220"><sup>220</sup></a> Aber sie war nur eine Oase in
+der W&uuml;ste und entsprach so wenig der Zeitstr&ouml;mung,
+da&szlig; sie bald auf das j&auml;mmerliche Niveau der
+&uuml;blichen M&auml;dchenschulen herabsank, und Putz, Tanz und
+Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb. Ihrer
+deutschen Nachahmung, dem Gyn&auml;ceum A.H. Franckes, erging es
+nicht anders. Er, der einfache, fromme Mann, mu&szlig;te es sich
+gefallen lassen, da&szlig; auch seine Gr&uuml;ndung, wie damals
+alle Erziehungsanstalten f&uuml;r M&auml;dchen, in die H&auml;nde
+franz&ouml;sischer Gouvernanten fiel, die Modep&uuml;ppchen darin
+dressierten.<a name="FNanchor_221"></a><a href=
+"#Footnote_221"><sup>221</sup></a> Die franz&ouml;sische Sprache,
+die Umgangssprache der h&ouml;heren St&auml;nde, trat &uuml;berall
+in den Mittelpunkt des Unterrichts. Franz&ouml;sische Erzieher und
+Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist ihre Muttersprache war,
+wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf "Bildung" Anspruch
+machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen gelangten besonders
+in Preu&szlig;en, wo Friedrichs II. Vorliebe f&uuml;r die
+franz&ouml;sische Sprache ma&szlig;gebend war, zu derartigen
+Stellungen. Die Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder
+und oberfl&auml;chlicher als die des Mittelalters. Eine Reaktion
+gegen die herrschende Str&ouml;mung, gegen die Ausschlie&szlig;ung
+des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren Kenntnissen, gegen
+sein einseitiges Interesse f&uuml;r Putz und Tand, Spielerei und
+Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland durch
+Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und&mdash;gerichtet. Denn
+statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der M&auml;dchen
+anzustreben, beschr&auml;nkte er und sein Kreis sich auf die
+Treibhauskultur einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die
+mehr als die geputzten D&auml;mchen der h&ouml;fischen Salons
+f&uuml;r den niedrigen Stand weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis
+ablegten.<a name="FNanchor_222"></a><a href=
+"#Footnote_222"><sup>222</sup></a> Die h&auml;ufigen Kr&ouml;nungen
+von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher Doktoren
+muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es w&auml;re aber
+durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch
+war f&uuml;r die Frauen die Bildung nur ein &auml;u&szlig;eres
+Schmuckst&uuml;ck, Kunst und Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in
+geistreichen Salons zu gl&auml;nzen. Vertiefung, ernste Arbeit war
+erst da zu erwarten, wo sie zu einer Berufsth&auml;tigkeit die
+Grundlage zu schaffen hatten, da&szlig; sie anfingen, aus diesem
+Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und
+nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von
+Erziehung der T&ouml;chter schreiben, geben denselben so viel Anmut
+oder so gl&uuml;ckliche Umst&auml;nde, da&szlig; man an ihrer
+baldigen Verheiratung nicht zweifeln darf. Aber giebt es denn keine
+h&auml;&szlig;lichen und gebrechlichen T&ouml;chter? Keine, die in
+ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen Sitten in Gefahr
+sind, von einem w&uuml;rdigen Manne nicht begehrt zu werden?" Er
+giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Verm&ouml;gen
+besitzen", den Rat, ihre T&ouml;chter nicht wie bisher allein im
+Hinblick auf die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu
+geben, die es ihnen erm&ouml;glicht, als Lehrerinnen und
+Gesellschafterinnen einmal ein Unterkommen zu finden.<a name=
+"FNanchor_223"></a><a href="#Footnote_223"><sup>223</sup></a> Sein
+mutiger Ausspruch, den bisher viele gef&uuml;hlt, aber niemand zu
+thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden. So manches
+unbefriedigte, einsame M&auml;dchen schuf sich im Lehrberuf einen
+befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half,
+dazu bei, da&szlig; seinem vernachl&auml;ssigten, unwissenden
+Geschlecht geholfen wurde. Als die hervorragendste ihrer Art sei
+Karoline Rudolphi genannt, die nach entbehrungsreicher Jugend und
+Jahren inneren Kampfes zu dem Entschlu&szlig; kam, Erzieherin zu
+werden und schlie&szlig;lich in Hamburg eine M&auml;dchenschule
+gr&uuml;ndete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre
+Erziehungsgrunds&auml;tze hat sie in ihrem Buche: "Gem&auml;lde
+weiblicher Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch:
+"Lasset euere Kinder Menschen werden!"<a name="FNanchor_224"></a><a
+href="#Footnote_224"><sup>224</sup></a> Erziehet die M&auml;dchen
+nicht zuerst zu Damen und Hausfrauen, sondern zu t&uuml;chtigen
+Menschen, die im Notfall auch allein durchs Leben gehen
+k&ouml;nnen, die nicht zu verzweifeln brauchen, wenn die
+f&uuml;hrende Hand des Mannes fehlt.</p>
+
+<p>In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer
+Zeitgenossin, Madame de Genlis, die die M&auml;dchen nur f&uuml;r
+die Ehe, nur f&uuml;r den Mann erziehen wollte, die in der Bildung
+nichts als ein Mittel, die Langeweile zu bek&auml;mpfen und dem
+M&uuml;&szlig;iggang vorzubeugen, sah und in logischer Konsequenz
+zu dem Schl&uuml;sse kam: "Das Genie ist f&uuml;r die Frauen eine
+gef&auml;hrliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer
+Bestimmung und l&auml;&szlig;t sie diese nur als dr&uuml;ckend
+empfinden."<a name="FNanchor_225"></a><a href=
+"#Footnote_225"><sup>225</sup></a> Die Verfasserin, die typische
+Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus, was die
+Ansicht dessen war, der f&uuml;r die n&auml;chsten Dezennien die
+Geschicke der Welt in seinen eisernen H&auml;nden hielt: Napoleons.
+Wie Rousseau sah er in den Frauen nur M&uuml;tter; zu solchen, zu
+Geb&auml;rerinnen und Erzieherinnen eines Geschlechts von Helden,
+wollte er sie erzogen wissen. Und so schroff und festgewurzelt war
+seine Meinung, da&szlig; er allen geistreichen und gelehrten Frauen
+mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der sich bis zu dem
+kleinlichen Kampf gegen Madame de Sta&euml;l steigern konnte. Aber
+ebenso wie man, besonders au&szlig;erhalb Frankreichs, &uuml;ber
+dem Eroberer den Reformator zu vergessen pflegt, so vergi&szlig;t
+man auch &uuml;ber dem Gegner der Frauenemanzipation den
+Bef&ouml;rderer einer verbesserten M&auml;dchenerziehung. Die
+M&auml;dchenpensionate der Madame Campan in St. Germain und Ecouen
+fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einflu&szlig;
+entstanden in Italien die ersten h&ouml;heren M&auml;dchenschulen.
+Er scheute sich sogar nicht, eine Frau in ein &ouml;ffentliches Amt
+einzusetzen, wo er glaubte, da&szlig; sie die Erziehung der
+M&auml;dchen g&uuml;nstig beeinflussen k&ouml;nnte: 1810 wurde
+Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.<a name=
+"FNanchor_226"></a><a href="#Footnote_226"><sup>226</sup></a>
+Irgend welche staatliche Hilfe den M&auml;dchenschulen angedeihen
+zu lassen, lag jedoch ganz au&szlig;erhalb seiner Gedankenrichtung.
+Aber ein Einzelner, so allm&auml;chtig er auch sein mochte, konnte
+den Gang der Entwicklung nicht &auml;ndern, noch aufhalten. Die
+franz&ouml;sischen Frauen forderten nachdr&uuml;cklich ihr Anrecht
+an den geistigen G&uuml;tern der Nation. Es entstanden immer mehr
+M&auml;dchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister
+Duruy, von allen Seiten gedr&auml;ngt, das Projekt wieder auf,<a
+name="FNanchor_227"></a><a href="#Footnote_227"><sup>227</sup></a>
+das schon neunzig Jahre vorher der Abb&eacute; de St. Pierre
+entworfen hatte, wenn er eine staatliche Unterst&uuml;tzung der
+M&auml;dchenerziehung verlangte.<a name="FNanchor_228"></a><a href=
+"#Footnote_228"><sup>228</sup></a> Wenn auch sein Plan
+zun&auml;chst an dem mangelnden Verst&auml;ndnis der Regierung
+scheiterte, so fa&szlig;te die Idee, da&szlig; die Gesellschaft die
+Verpflichtung habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der
+m&auml;nnlichen ann&auml;hernd ebenb&uuml;rtige Erziehung zu
+gew&auml;hren, immer tiefer Wurzel und die Frauen selbst nahmen
+sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten Reihe
+k&auml;mpfte die Gr&auml;fin R&eacute;musat.<a name=
+"FNanchor_229"></a><a href="#Footnote_229"><sup>229</sup></a> Von
+der Voraussetzung ausgehend, da&szlig; die Frau dem Manne nicht
+untergeben, da&szlig; sie als intelligentes Gesch&ouml;pf von ihm
+nicht verschieden und durchaus f&auml;hig sei, &ouml;ffentliche
+Berufe auszu&uuml;ben, hielt sie eine Anpassung der
+M&auml;dchenerziehung an die neuen Verh&auml;ltnisse f&uuml;r
+notwendig, ja sie sprach schon von der Zuerkennung einer gewissen
+Gleichberechtigung an das weibliche Geschlecht, und forderte von
+den &ouml;ffentlichen Verwaltungen, da&szlig; sie neben dem
+Lehrerinnenberuf, die Aus&uuml;bung einer geregelten
+Wohlth&auml;tigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der
+K&auml;mpfern Arbeit war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam,
+und die Zeit, in der die Frauen zuerst nach ihm riefen, war die
+Geburtsstunde der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung. Sie vollzog
+sich in merkw&uuml;rdiger, und doch f&uuml;r den, der die
+Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus
+F&uuml;rstengez&auml;nk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet,
+verst&auml;ndlicher Uebereinstimmung in allen Kulturl&auml;ndern zu
+gleicher Zeit.</p>
+
+<p>In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary
+Wollstonecraft den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine
+Zeitgenossen mit gl&uuml;hender Begeisterung auf den Wert der
+Frauenbildung aufmerksam machte, denn "von der Geisteskultur der
+Frauen h&auml;ngt die Weisheit der M&auml;nner ab", entstanden
+schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine, die sich
+die Hebung der M&auml;dchenerziehung zum Ziel setzten. Der
+praktische Sinn der Engl&auml;nder erkannte fr&uuml;h, da&szlig;
+die bessere Erziehung ihrer T&ouml;chter von der gr&uuml;ndlicheren
+Ausbildung ihrer Lehrerinnen abh&auml;ngig ist. Von solchen, die
+sich auf Grund ganz unzureichender Kenntnisse daf&uuml;r ausgaben,
+war England &uuml;berschwemmt, und die Lehrerin war daher eine
+komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und Dickens
+noch ihren Witz auslie&szlig;en. Ihr Los war traurig genug: die Not
+zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und
+k&uuml;mmerlicher Unterhalt und allgemeine Mi&szlig;achtung waren
+ihr Lohn. Erst mit der Zunahme geregelterer M&auml;dchenschulen
+&auml;nderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen, wie Hannah More
+und Maria Edgeworth waren hier die Wortf&uuml;hrerinnen der
+beginnenden Frauenbewegung.</p>
+
+<p>In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen
+nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen
+geltend, weil auch hier die Sch&auml;den dieselben waren. Die
+Vorteile, die die tapferen K&auml;mpferinnen der Befreiungskriege
+f&uuml;r ihr Geschlecht errungen hatten, waren entweder
+d&uuml;rftig von Anfang an oder mit der ebbenden Begeisterung
+wieder verschwunden. Die wenigen M&auml;dchenschulen, die im Anfang
+des Jahrhunderts &uuml;berhaupt bestanden, waren nur w&auml;hrend
+der H&auml;lfte des Jahres ge&ouml;ffnet und auch dann nur zwei
+Stunden am Tag, w&auml;hrend die Knaben, die dasselbe Schulhaus
+besuchten, Freistunden hatten. Die reaktion&auml;rsten Ansichten
+der alten Welt, die das M&auml;dchen allein auf das Haus verwiesen,
+fanden in der neuen die allgemeinste Vertretung, um so mehr als
+hier der Umstand viel weniger ins Gewicht fiel, der der
+Frauenbewegung Europas den Ansto&szlig; gab: der Zwang zur
+Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard f&uuml;r die h&ouml;here
+Bildung ihres Geschlechts eintrat, stie&szlig; sie auf Spott und
+heftigsten Widerstand. Als sie aber im Jahre 1821, ohne noch
+l&auml;nger auf das allgemeine Wohlwollen ihrer Landsleute zu
+rechnen, in Troy das erste M&auml;dchenseminar gr&uuml;ndete,
+zeigte es sich, da&szlig; es eine Notwendigkeit gewesen war, denn
+es fand zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.<a name=
+"FNanchor_230"></a><a href="#Footnote_230"><sup>230</sup></a> Emma
+Willards Schule ist der Grundstein des ausgedehnten Geb&auml;udes
+weiblicher Bildung geworden, das heute Amerika schm&uuml;ckt. Zu
+gleicher Zeit begann eine andere Frau ihre &ouml;ffentliche
+Th&auml;tigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog sie ungehindert als
+Predigerin der Qu&auml;ker durch die Staaten, nicht nur eine
+Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der
+Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis daf&uuml;r
+lieferte, da&szlig; die Frau mit derselben F&auml;higkeit und
+demselben Erfolg ihren Geist in den Dienst allgemeiner Interessen
+stellen kann.</p>
+
+<p>Kehren wir nach Deutschland zur&uuml;ck. Dort waren die
+Schulverh&auml;ltnisse, trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow,
+aufs &auml;u&szlig;erste verwahrlost. "Unsere T&ouml;chter sind von
+aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte ein braver deutscher
+Mann.<a name="FNanchor_231"></a><a href=
+"#Footnote_231"><sup>231</sup></a> "Aus dem ABC-Unterricht werden
+sie ohne Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das
+Putzzimmer versto&szlig;en." Und eine mit seltenem Scharfblick
+ausgestattete Frau, Helene Unger, schilderte in ihrem Roman
+"Julchen Gr&uuml;nthal" die traurige Pensionserziehung der
+M&auml;dchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und Spiel,
+franz&ouml;sische Konversation und seichte Lekt&uuml;re
+f&uuml;llten das Leben des Schulm&auml;dchens aus, um sp&auml;ter
+in die n&auml;chste Modekrankheit, die r&uuml;hrselige, vom
+wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit
+&uuml;berzugehen.<a name="FNanchor_232"></a><a href=
+"#Footnote_232"><sup>232</sup></a> Aber diese Klagen und
+verurteilenden Darstellungen waren an sich schon ein Zeichen des
+Fortschritts. Und es begann in der That in den K&ouml;pfen und
+Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen. Die klassische
+Dichtung und die politische Umw&auml;lzung waren seine Erzeuger.
+Zwar w&auml;re es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der
+Umgebung der gro&szlig;en Dichter auf alle &uuml;brigen
+schlie&szlig;en zu wollen; erst ganz nach und nach drangen ihre
+Werke bis in die dunklen Winkel b&uuml;rgerlichen Frauenlebens,
+erweckten Begeisterung, Sinn f&uuml;r das Sch&ouml;ne und erhoben
+die armen Vernachl&auml;ssigten und Verirrten in eine andere
+geistige Lebenssph&auml;re. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem
+Kl&auml;rchen kam die warmbl&uuml;tige Nat&uuml;rlichkeit wieder zu
+ihrem Recht. Und eine Minna von Barnhelm, eine Jungfrau von
+Orleans, eine Maria Stuart f&uuml;hrten den Blick &uuml;ber die
+Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die Empfindsamen sich
+in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr noch wirkte die
+dr&uuml;ckende Not darauf, die ganz Deutschland in einen
+Trauermantel h&uuml;llte. Die Frauen, deren V&auml;ter und
+Br&uuml;der, deren Gatten und S&ouml;hne unter den Waffen standen,
+verloren nicht nur den Sinn f&uuml;r die T&auml;ndeleien
+fr&uuml;herer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den
+gro&szlig;en Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des
+Destillierens der gegenseitige Gef&uuml;hle, der endlosen
+Gespr&auml;che &uuml;ber sentimentale Romanheldinnen, machte der
+Unterhaltung &uuml;ber die Ereignisse des Lebens Platz. Rahel
+Varnhagens Kreis<a name="FNanchor_233"></a><a href=
+"#Footnote_233"><sup>233</sup></a> ist das bekannteste Beispiel
+f&uuml;r die belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen
+Briefwechsel zwischen Freunden und Freundinnen zeugen daf&uuml;r,
+da&szlig; er &uuml;berall durchbrach, und mit ihm regte sich das
+Bed&uuml;rfnis nach einer gr&uuml;ndlichen Aenderung der
+M&auml;dchenerziehung. Verarmte und vereinsamte B&uuml;rgerfrauen
+fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten
+und denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf.
+Denn wenn auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert
+worden war und seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie
+stand allein; es fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die
+M&ouml;glichkeit der Vorbereitung zum Studium. Aber das Verlangen
+nach vertiefterer Bildung der T&ouml;chter und das Bed&uuml;rfnis
+nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und
+f&uuml;hrten zwischen 1800 und 1825 zur Gr&uuml;ndung eine Reihe
+von T&ouml;chterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils
+mit Unterst&uuml;tzung der Gemeinden entstanden.<a name=
+"FNanchor_234"></a><a href="#Footnote_234"><sup>234</sup></a></p>
+
+<p>Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in b&uuml;rgerliche
+Berufssph&auml;ren.</p>
+
+<p>Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde
+von jenem Lande gethan, das es nicht erst n&ouml;tig hatte, seine
+Kr&auml;fte durch m&uuml;hsames Ueberbordwerfen des Ballastes der
+Vergangenheit abzunutzen, von Amerika, wo Horace Mann die Grundlage
+zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer dringenderen Verlangen
+nach einer der der Knaben gleichen M&auml;dchenbildung, konnte man,
+bei der d&uuml;nnen Bev&ouml;lkerung des Landes, durch
+Gr&uuml;ndung besonderer M&auml;dchenschulen nicht nachkommen. So
+wurde denn aus der Not eine Tugend gemacht und in den neu
+entstehenden Freien Normalschulen Co-Education eingef&uuml;hrt. Die
+weittragende Bedeutung des gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter
+hatte sich Horace Mann, der mehr einem praktischen Bed&uuml;rfnis
+entgegenkommen wollte, nicht klar gemacht. Nicht nur, da&szlig;
+auch h&ouml;here Schulen, in der Art unserer Gymnasien, nach diesem
+Vorbild eingerichtet wurden,&mdash;Oberlin-College in Ohio als das
+erste seiner Art,&mdash;schon 1835 r&uuml;ttelte eine Schar mutiger
+M&auml;dchen, die sich mit ihren Schulkameraden die n&ouml;tige
+wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der
+alten Harvard-Universit&auml;t<a name="FNanchor_235"></a><a href=
+"#Footnote_235"><sup>235</sup></a> und kurz darauf begehrte der
+erste weibliche Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens
+Einla&szlig;.<a name="FNanchor_236"></a><a href=
+"#Footnote_236"><sup>236</sup></a> Was ihr verwehrt wurde, sollte
+wenige Jahre sp&auml;ter der tapferen Pionierin des Frauenstudiums,
+Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester Emily sahen
+sich pl&ouml;tzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die
+Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter
+und ihre j&uuml;ngeren Br&uuml;der und Schwester zu ern&auml;hren.
+Da kam ihnen die Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes.
+Sie sahen, wie wenige und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur
+offen standen und bemerkten "die Massen der Konkurrentinnen, von
+denen eine die andere niederzutreten suchte. Wir beschlossen,
+lieber einen neuen Pfad f&uuml;r uns zu entdecken, als in schon
+&uuml;berf&uuml;llten Berufen einen Platz zu erobern."<a name=
+"FNanchor_237"></a><a href="#Footnote_237"><sup>237</sup></a>
+Elisabeth wurde, nachdem sie zw&ouml;lf medizinische Schulen
+vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von
+Geneva, Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem
+ersten, eben gegr&uuml;ndeten Frauenhospital in New York, jene ging
+nach England, der Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande
+Pionierdienste leistend. Indessen wurde durch Gr&uuml;ndung von
+Lehrerinnenseminarien und Colleges dem Bed&uuml;rfnis der
+weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860 entstand
+das erste College nur f&uuml;r
+Frauen,&mdash;Vassar-College,&mdash;das von Anfang an auf einem
+h&ouml;heren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die anderen
+oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine
+Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde
+als Professor f&uuml;r Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar
+berufen. Kurze Zeit sp&auml;ter gestattete der oberste Gerichtshof
+von Iowa Arabella Mansfield die Aus&uuml;bung der Praxis als
+Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im Verein mit den Schwestern
+Blackwell, geb&uuml;hrt der Ruhm, in Amerika ihrem Geschlecht
+Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universit&auml;t
+Michigan ihm als erste ihre Thore &ouml;ffnete, war dies gleichsam
+die Anerkennung des Beweises, den die Frauen f&uuml;r ihre
+wissenschaftliche Bef&auml;higung erbracht hatten.</p>
+
+<p>Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die
+Frauen Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten L&auml;den,
+in denen weibliche Kommis th&auml;tig waren, von den sittlich
+entr&uuml;steten Einwohnern geboykottet,<a name=
+"FNanchor_238"></a><a href="#Footnote_238"><sup>238</sup></a> aber
+schon zwei Jahre sp&auml;ter, 1856, wurde mit privaten Mitteln die
+erste Handels- und Gewerbeschule f&uuml;r Frauen in New York
+er&ouml;ffnet. Dem wachsenden Bed&uuml;rfnis gegen&uuml;ber war sie
+jedoch keineswegs ausreichend. 1859 gr&uuml;ndete Peter Cooper,
+selbst ein Kaufmann, der die Vorteile weiblicher Arbeit erkannt
+hatte, eine Schule der Art im gr&ouml;&szlig;ten Stil, die heute
+noch besteht und eine Musteranstalt genannt werden kann. Eine
+lebhafte Kontroverse &uuml;ber die Zunahme der Frauenarbeit, ihre
+Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse und wurde durch
+Brosch&uuml;ren und B&uuml;cher &uuml;ber den Gegenstand vertieft
+und erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als
+Agitatoren im Interesse der Frauen auf und forderten ihre
+v&ouml;llige Gleichstellung mit dem Mann in Bezug auf Unterricht,
+Beruf und Erwerbsbedingungen.<a name="FNanchor_239"></a><a href=
+"#Footnote_239"><sup>239</sup></a> Epochemachend f&uuml;r ganz
+Amerika waren die Schriften Virginia Pennys<a name=
+"FNanchor_240"></a><a href="#Footnote_240"><sup>240</sup></a>, in
+denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million
+arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gez&auml;hlt hatte, zu
+arbeiten gezwungen w&auml;ren, und wie nur eine gr&uuml;ndliche
+Vorbereitung zur Berufsarbeit ihre Lage zu &auml;ndern im stande
+w&auml;re. Die Agitation, die in Amerika weniger die Aufgabe hatte,
+mit heftigen Gegnern zu k&auml;mpfen, als vielmehr Blinden die
+Augen zu &ouml;ffnen, hatte &uuml;berall Erfolg: Colleges und
+Gewerbeschulen &ouml;ffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die
+staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben
+gerufen waren, da&szlig; der Washingtoner Kongre&szlig; von 1862
+den einzelnen Staaten zu diesem Zweck gro&szlig;e L&auml;ndereien
+&uuml;berwiesen hatte, lie&szlig;en in immer gr&ouml;&szlig;erem
+Umfange Frauen zu. Zum Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese, im
+Vergleich zu Europa ungew&ouml;hnlich fr&uuml;he Erf&uuml;llung der
+W&uuml;nsche der Frauen, die zwar darum zu k&auml;mpfen hatten,
+aber auf geringeren Widerstand stie&szlig;en, mu&szlig; man sich
+vergegenw&auml;rtigen, da&szlig; nicht etwa der gr&ouml;&szlig;ere
+Edelmut oder das tiefere Verst&auml;ndnis der Amerikaner f&uuml;r
+die Bestrebungen des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist,
+sondern vielmehr die Thatsache, da&szlig; die Vereinigten Staaten
+erst auf eine kurze wirtschaftliche Entwicklung zur&uuml;cksahen
+und von einer Ueberf&uuml;llung der Berufe, die den Widerstand der
+M&auml;nner h&auml;tte hervorrufen m&uuml;ssen, keine Rede war.</p>
+
+<p>Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835
+Karoline Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der
+englischen Astronomischen Gesellschaft erw&auml;hlt worden und ihre
+wissenschaftlichen Verdienste dadurch zu einer bisher
+unerh&ouml;rten Anerkennung gelangt,<a name="FNanchor_241"></a><a
+href="#Footnote_241"><sup>241</sup></a> aber die allgemeine Lage
+der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so gut wie
+unber&uuml;cksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen
+Verh&auml;ltnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren
+m&uuml;hselige Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses
+Alter sicherte, die Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein
+Pensionsverein f&uuml;r Lehrerinnen gegr&uuml;ndet, und nach
+unerm&uuml;dlichen K&auml;mpfen der Lehrerinnen selbst, die
+l&auml;ngst eingesehen hatten, da&szlig; sie nur auf Grund besserer
+Leistungen eine h&ouml;here Entsch&auml;digung beanspruchen
+konnten, wurde 1846 das erste Lehrerinnenseminar er&ouml;ffnet,<a
+name="FNanchor_242"></a><a href="#Footnote_242"><sup>242</sup></a>
+dem wenige Jahre sp&auml;ter Queens College und Bedford-College
+folgten. Das war ein gro&szlig;er Schritt auf dem Wege der
+Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann,
+als, wieder infolge z&auml;her Agitation, die bis dahin privaten
+Anstalten die Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem
+immer noch verlachten, als unweiblich bek&auml;mpften Brotstudium
+der Frau die erste &ouml;ffentliche Sanktion erteilt worden. Es
+hatte dazu noch einer st&auml;rkeren treibenden Kraft bedurft, als
+der Agitation einiger Frauen; sie fand sich in den Ergebnissen der
+Volksz&auml;hlung 1851. Furchtbare Zust&auml;nde deckte sie auf und
+man stand entsetzt vor der Thatsache, da&szlig; &uuml;ber zwei
+Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen
+waren, ohne da&szlig; ihnen die Mittel dazu zur Verf&uuml;gung
+standen. Mi&szlig; Leigh Smith bearbeitete zuerst in einer
+aufsehenerregenden Brosch&uuml;re, Women und Work, die Ergebnisse
+der Statistik und schuf in dem Englishwomens
+Journal&mdash;1875&mdash;das Organ der nunmehr kr&auml;ftig
+einsetzenden Frauenbewegung.</p>
+
+<p>Ein neuer Beruf f&uuml;r gentlewomen hatte sich inzwischen
+aufgethan: die internationale Telegraphengesellschaft stellte seit
+1853 Frauen als Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika
+die zunehmende Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in
+seiner oben erw&auml;hnten Brosch&uuml;re ganz richtig sagte, nicht
+auf humanit&auml;re, sondern pekuni&auml;re Ursachen
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, so wurden hier die weiblichen
+Arbeitskr&auml;fte lediglich ihrer gr&ouml;&szlig;eren Billigkeit
+wegen den m&auml;nnlichen vorgezogen. Die kapitalistische
+Gesellschaft st&uuml;rzte sich wie ein Raubtier auf seine Beute,
+auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung fehlte daf&uuml;r aber das
+Verst&auml;ndnis. Sie jubelte nur &uuml;ber jede neue
+M&ouml;glichkeit, ihre nach Arbeit suchenden Schutzbefohlenen
+unterzubringen.<a name="FNanchor_243"></a><a href=
+"#Footnote_243"><sup>243</sup></a> Neue Arbeitsgebiete zu schaffen,
+mu&szlig;te auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr
+wesentlichstes Bestreben sein.</p>
+
+<p>Die Universit&auml;ten waren den Frauen noch verschlossen; wie
+Mi&szlig; Hunt in Amerika ein Jahrzehnt fr&uuml;her, so hatte
+Mi&szlig; Jessie Meriton 1856 in England den ersten vergeblichen
+Versuch gemacht, zugelassen zu werden.<a name="FNanchor_244"></a><a
+href="#Footnote_244"><sup>244</sup></a> Der ersten Engl&auml;nderin
+von Geburt, die im Ausland Medizin studiert hatte, Elisabeth
+Garret, gelang es erst 1865 nach langen K&auml;mpfen, das Recht zu
+erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft zu praktizieren.
+Dieser Weg war also vorl&auml;ufig f&uuml;r die Masse der Frauen
+ungangbar. Es mu&szlig;ten andere, die schneller zum Ziele
+f&uuml;hrten und von vielen betreten werden konnten, gefunden
+werden. Zu diesem Zweck entstand im Jahre 1859 unter Leitung von
+Mi&szlig; Jessie Boucherett die Society for Promoting the
+Employment of Women. Sie setzte sich ausdr&uuml;cklich das Ziel,
+den notleidenden Frauen der B&uuml;rgerklasse&mdash;den
+gentlewomen&mdash;Hilfe zu bringen. Sie er&ouml;ffnete
+Unterrichtskurse f&uuml;r Handelsangestellte, Zeichnerinnen,
+Photographinnen, Holzschneiderinnen, Lithographinnen,
+Kunststickerinnen u. dergl. und es str&ouml;mten ihr nicht nur die
+Sch&uuml;lerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht
+ein Unterkommen. W&auml;hrend es 1851 in ganz England keine
+Photographin und keine Buchhalterin und nur 1742
+Verk&auml;uferinnen gab, z&auml;hlte man 1861 bereits 308
+Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000 Verk&auml;uferinnen,
+und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf 1755
+gestiegen.</p>
+
+<p>Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben
+Zust&auml;nde Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die
+Frauenzeitung Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung;
+h&ouml;here Unterrichtskurse f&uuml;r M&auml;dchen, eine
+Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in den Jahren
+1859 bis 1861. Selbst Ru&szlig;land wurde vom Zuge der Zeit
+ber&uuml;hrt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der
+Lehrerinnen, deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr
+Einkommen, entschlo&szlig; man sich schon 1867,
+Universit&auml;tskurse f&uuml;r Frauen einzurichten. Schon ein Jahr
+sp&auml;ter promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der
+medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.<a name=
+"FNanchor_245"></a><a href="#Footnote_245"><sup>245</sup></a> Zu
+gleicher Zeit machte ihre Landsm&auml;nnin, Nadjesda Suslawa in
+Z&uuml;rich, wo Frauen nur als H&ouml;rerinnen hie und da
+zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.<a name=
+"FNanchor_246"></a><a href="#Footnote_246"><sup>246</sup></a> In
+Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine f&uuml;r den
+gewerblichen Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum
+Apothekerberufe war ihr erster praktischer Erfolg in den
+Niederlanden<a name="FNanchor_247"></a><a href=
+"#Footnote_247"><sup>247</sup></a>; die Errichtung einer Handels-
+und Gewerbeschule in Br&uuml;ssel ihre erste That dort.<a name=
+"FNanchor_248"></a><a href="#Footnote_248"><sup>248</sup></a></p>
+
+<p>Der fruchtbarste Boden jedoch f&uuml;r die sich anbahnende
+Umw&auml;lzung war der von politischen St&uuml;rmen wie von einer
+Pflugschar immer wieder aufgew&uuml;hlte Frankreichs. Als die
+Julirevolution ausbrach, kam der Gedanke an die Befreiung auch der
+Frauen aus langer Knechtschaft aufs neue deutlicher zum Ausdruck
+und erregte die Frauenwelt selbst aufs tiefste. Die alte Forderung
+der politischen Emanzipation trat wieder in den Vordergrund, und
+der Saint-Simonismus warf einen neuen Z&uuml;ndstoff in die Welt,
+indem er die Befreiung der Frau von der m&auml;nnlichen Tyrannei
+auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verk&uuml;ndete. Eines
+der interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834
+in Paris erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau,
+die darin geschildert wird, deren Existenzm&ouml;glichkeit durch
+Umwandlung der Gesetze und Sitten gesichert werden sollte, forderte
+auch ihr Recht auf Arbeit, als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann
+vom Jahre 1836 ab Madame Poutret de Mauchamps an der Spitze der
+franz&ouml;sischen Frauenbewegung trat, begann sie systematisch
+vorzugehen. La Gazette des femmes wurde ihr Organ, ein treues
+Spiegelbild ihres Wachstums. Die Er&ouml;ffnung der
+Universit&auml;ten, die Zulassung der Frauen zu h&ouml;heren
+Berufen, das waren die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren
+Feldzug er&ouml;ffnete und die Gr&uuml;ndung einer Gesellschaft zur
+Hebung der Lage der Frauen,&mdash;der ersten ihrer Art,&mdash;war
+ihr n&auml;chster praktischer Erfolg.<a name="FNanchor_249"></a><a
+href="#Footnote_249"><sup>249</sup></a> Ein ideeller Erfolg aber
+von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit dem
+M&auml;nner der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So
+hielt Ernest Legouv&eacute; im Jahre 1847 im Coll&egrave;ge de
+France eine Reihe von Vorlesungen &uuml;ber die moralische
+Geschichte der Frauen<a name="FNanchor_250"></a><a href=
+"#Footnote_250"><sup>250</sup></a>, in denen er durch die
+Schilderung ihrer traurigen Lage den gr&ouml;&szlig;ten Eindruck
+hervorrief. "Keine &ouml;ffentliche Erziehung, kein gewerblicher
+Unterricht f&uuml;r die M&auml;dchen; das Leben ohne Heirat eine
+Unm&ouml;glichkeit f&uuml;r sie, und die Heirat ohne Mitgift
+unm&ouml;glich", rief er aus, und malte mit dunklen Farben das Los
+der armen T&ouml;chter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster, der
+Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende
+Bettlerleben bei beg&uuml;terten Verwandten &uuml;brig blieb. Er
+forderte f&uuml;r sie Zulassung zum &auml;rztlichen Beruf und
+w&uuml;nschte ihre staatliche Anstellung als Schul-,
+Gef&auml;ngnis- und Fabrikinspektoren,&mdash;eine Forderung,
+&uuml;ber deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert
+sp&auml;ter, in gewissen L&auml;ndern noch immer gestritten wird!
+"Die Arbeit, das hei&szlig;t Freiheit und Leben" war f&uuml;r ihn
+der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das Gesetz von
+1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet wurden,
+mindestens eine M&auml;dchenschule zu gr&uuml;nden<a name=
+"FNanchor_251"></a><a href="#Footnote_251"><sup>251</sup></a>, und
+die den Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des
+Coll&egrave;ge de France beizuwohnen, k&ouml;nnen als Erfolg der
+von Legouv&eacute; mit getragenen Agitation betrachtet werden. Die
+Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere
+Vorw&auml;rtsbewegung. Die h&ouml;here M&auml;dchenerziehung, die
+einen so vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt
+besonders schwer unter der rapiden Zunahme der
+Erziehungskl&ouml;ster, die die Revolution von 1789 v&ouml;llig
+unterdr&uuml;ckt und Napoleon auf das &auml;u&szlig;erste
+beschr&auml;nkt hatte. Ihre Konkurrenz war f&uuml;r die weltlichen
+Pensionen fast vernichtend; nicht nur da&szlig; die Bourgeoisie die
+gut eingerichteten, von G&auml;rten umgebenen, Vorteile aller Art
+bietenden Kl&ouml;ster den engen, dunklen weltlichen
+Erziehungsanstalten f&uuml;r ihre T&ouml;chter vorzog, auch die
+Lehrerinnen vermochten sich den Klosterschwestern gegen&uuml;ber
+kaum zu behaupten. Die Unterlehrerinnen in den Pensionaten
+mu&szlig;ten Dienstbotenarbeit mit &uuml;bernehmen und erreichten
+kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die Privatlehrerinnen
+waren froh, wenn sie nach einem erm&uuml;denden 12- bis
+14st&uuml;ndigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre
+Zahl infolge des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es
+allein 3000 Klavierlehrerinnen in Paris!<a name=
+"FNanchor_252"></a><a href="#Footnote_252"><sup>252</sup></a> Erst
+Englands Beispiel r&uuml;ttelte die Frauen aus ihrer Lethargie.
+Madame Allard und Jules Simon gr&uuml;ndeten nach dem Vorbild des
+englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen Vorbildung
+der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 &uuml;ber
+die Frage der Frauenarbeit im Journal des D&eacute;bats erschienen
+und das auf gr&uuml;ndlichen Studien beruhende Buch von Jeanne
+Daubi&eacute; &uuml;ber die Lage der verm&ouml;genslosen Frauen<a
+name="FNanchor_253"></a><a href="#Footnote_253"><sup>253</sup></a>,
+beeinflu&szlig;ten die &ouml;ffentliche Meinung und
+unterst&uuml;tzten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und
+Gewerbeschulen f&uuml;r Frauen wurden er&ouml;ffnet und fanden
+binnen kurzem zahlreichen Zuspruch.<a name="FNanchor_254"></a><a
+href="#Footnote_254"><sup>254</sup></a> Die Post machte zuerst den
+Versuch mit der Verwendung von Frauen, der Staat stellte sie,
+nachdem seit Frau von Genlis keine Frau mehr den Posten bekleidet
+hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in England und Amerika,
+so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine Br&eacute;s, an die
+Pforten der Universit&auml;t und verlangte, zu den Vorlesungen der
+medizinischen Fakult&auml;t zugelassen zu werden. Ihre Forderung
+wurde dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der
+Kaiserin Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, da&szlig;
+die Pariser Universit&auml;t den Frauen ge&ouml;ffnet und die
+Erwerbung akademischer Grade ihnen erm&ouml;glicht wurde.<a name=
+"FNanchor_255"></a><a href="#Footnote_255"><sup>255</sup></a>
+Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten Condorcets und Olympe de
+Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier die Revolution es
+jedesmal war, mit der der Aufschwung der Frauenbewegung
+zusammenf&auml;llt, so l&ouml;ste sie auch in Deutschland die Zunge
+der Stummen.</p>
+
+<p>Ihrem Einflu&szlig; hat die b&uuml;rgerliche Frauenbewegung ihre
+erste Vork&auml;mpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam
+sie in ihren st&uuml;rmischen Anf&auml;ngen einen politischen
+Charakter, der aber unter der eisernen Rute der Reaktion schnell
+wieder verschwand. Die praktische Frage des augenblicklichen
+Notstands trat in den Vordergrund, und die Erregung, die sich
+dar&uuml;ber der Gem&uuml;ter bem&auml;chtigte, spiegelte sich vor
+allem in dem Kampf um die Entwicklung der M&auml;dchenschulen ab;
+die Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen
+erwerbsf&auml;hig machen, die Konservativen wollten dagegen den
+h&auml;uslichen Beruf wieder st&auml;rken und betonen.<a name=
+"FNanchor_256"></a><a href="#Footnote_256"><sup>256</sup></a> Da
+sie am Staatsruder sa&szlig;en und die deutschen Frauen selbst viel
+zaghafter waren, als ihre ausl&auml;ndischen
+Genossinnen,&mdash;selbst eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion
+eingesch&uuml;chtert, viele Jahre lang,&mdash;blieben sie Sieger im
+Kampf auch gegen die privaten Unternehmungen zur Erweiterung der
+Frauenbildung. Die unter den gl&auml;nzendsten Aussichten von
+Emilie W&uuml;stenfeld 1849 in Hamburg gegr&uuml;ndete, zwei Jahre
+lang von Karl Fr&ouml;bel geleitete Hochschule f&uuml;r Frauen
+wurde zur Schlie&szlig;ung gezwungen. Selbst in den
+Fr&ouml;belschen Kinderg&auml;rten, die schon vielen Frauen
+befriedigende Besch&auml;ftigung sicherten, sah man Herde
+verderblicher Aufkl&auml;rung; sie wurden 1851 von Staats wegen
+aufgel&ouml;st.<a name="FNanchor_257"></a><a href=
+"#Footnote_257"><sup>257</sup></a> Man brachte die Notleidenden zum
+Schweigen,&mdash;das war ja von jeher das Ziel
+antirevolution&auml;rer Bewegungen,&mdash;aber die Not selbst wuchs
+im Stillen um so schneller.</p>
+
+<p>Der einzige Beruf b&uuml;rgerlicher Frauen, der der Lehrerin,
+war schon aufs &auml;u&szlig;erste &uuml;berf&uuml;llt. Von 1825
+bis 1861 war ihre Zahl allein in Preu&szlig;en von 705 auf 7366
+gewachsen<a name="FNanchor_258"></a><a href=
+"#Footnote_258"><sup>258</sup></a>, w&auml;hrend die Gr&uuml;ndung
+von M&auml;dchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt
+gehalten hatte. Es kam vor, da&szlig; sich innerhalb einer Woche zu
+einer Schulstelle 114 Bewerberinnen meldeten!<a name=
+"FNanchor_259"></a><a href="#Footnote_259"><sup>259</sup></a> Dazu
+kam, da&szlig; die preu&szlig;ische Volksz&auml;hlung von 1861
+nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und M&auml;dchen
+ergeben hatte. Als daher die Berichte &uuml;ber die englischen und
+franz&ouml;sischen Vereine, die gegen dieselben Zust&auml;nde
+k&auml;mpften, die hier in die Augen sprangen, nach Deutschland
+gelangten, wirkten sie wie Schl&uuml;ssel zu einer neuen Welt. Es
+waren nicht Frauen, wie dort, sondern M&auml;nner&mdash;und das ist
+bezeichnend f&uuml;r den Standpunkt der deutschen Frauen&mdash;,
+die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im Jahre
+1865 dem Verein f&uuml;r das Wohl der arbeitenden Klassen eine
+Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der
+Volksz&auml;hlung und pers&ouml;nlicher Beobachtungen, die
+Gr&uuml;ndung eines dem englischen und franz&ouml;sischen Vorbild
+&auml;hnlichen Vereines bef&uuml;rwortete.<a name=
+"FNanchor_260"></a><a href="#Footnote_260"><sup>260</sup></a>
+Dieser m&uuml;sse sich in seiner Th&auml;tigkeit, so f&uuml;hrte er
+aus, ausschlie&szlig;lich auf die Frauen des Mittelstandes
+beschr&auml;nken, und ihnen durch Einf&uuml;hrung praktischer
+Unterrichtskurse neue Berufszweige er&ouml;ffnen. Als solche
+bezeichnete er in der Heilkunde den &auml;rztlichen Beruf und den
+der Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von
+chemischen, chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten,
+von Farben, Parf&uuml;merien und Essenzen, sowie von
+Photographieen; im Handel: Buchhaltung, Korrespondenz,
+Kassenf&uuml;hrung, Warenverkauf; im &ouml;ffentlichen Dienst: Post
+und Telegraphie. Damit umschrieb er ungef&auml;hr die Berufe, die
+auch heute noch als Berufe b&uuml;rgerlicher Frauen angesehen
+werden k&ouml;nnen. Wenn er, seine Anh&auml;nger und alle
+Bef&ouml;rderer seiner Ideen in ihren Bestrebungen nicht &uuml;ber
+den Kreis dieser Frauen hinausgehen wollten, so dr&uuml;ckt sich
+darin ein Klassenegoismus aus, der um so absto&szlig;ender wirkt,
+als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach Abhilfe zu schreien
+schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die St&auml;rke der
+jungen Bewegung. Indem sie mit den beschr&auml;nkten Kr&auml;ften,
+die sie noch besa&szlig;, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte
+sie sicher sein, sie schlie&szlig;lich zu erreichen. Der Gedanke
+entsprach so sehr der Zeitstr&ouml;mung, da&szlig; er nicht allein
+durch den Mund Lettes zum Ausdruck kam. Auf dem Vereinstage
+deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz M&uuml;ller, da&szlig;
+Staat und Gemeinden veranla&szlig;t werden m&ouml;chten,
+Gewerbeschulen f&uuml;r Frauen zu gr&uuml;nden, denn "die Frauen
+sind zu jeder Arbeit berechtigt, zu der sie bef&auml;higt sind";
+der schlesische Gewerbetag nahm eine Resolution zu gunsten der
+kaufm&auml;nnischen Ausbildung und der Anstellung der Frauen im
+Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein Hauptmann
+au&szlig;er Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung
+die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr,
+als Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein,
+an deren Spitze die alte K&auml;mpferin Luise Otto trat. Auch hier
+wurde die Frage der Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise
+allein er&ouml;rtert. Ihr praktisches Ergebnis war die
+Gr&uuml;ndung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, als dessen
+Ziel "die erh&ouml;hte Bildung des weiblichen Geschlechts und die
+Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen" aufgestellt
+wurde.<a name="FNanchor_261"></a><a href=
+"#Footnote_261"><sup>261</sup></a> W&auml;hrend der in Berlin ins
+Leben gerufene Letteverein von M&auml;nnern geleitet wurde und
+Frauen nur zur Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich
+sofort auf radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur
+Vorsitzenden w&auml;hlte und M&auml;nner sowohl von der Leitung als
+von der Mitgliedschaft ausschlo&szlig;. Hier also k&auml;mpften die
+deutschen Frauen zum erstenmal pers&ouml;nlich, in organisiertem
+Verbande f&uuml;r ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion
+gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch
+wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu f&ouml;rdern. Dieselbe
+Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt
+sich auch in ihren Anspr&uuml;chen wieder und beweist, da&szlig;
+der aus rein wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit
+die Urquelle der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir
+verlangen nur, da&szlig; die Arena der Arbeit den Frauen
+ge&ouml;ffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die eigentliche
+Wortf&uuml;hrerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
+ausgerufen.<a name="FNanchor_262"></a><a href=
+"#Footnote_262"><sup>262</sup></a> "Die einzige Emanzipation, die
+wir f&uuml;r unsere Frauen anstreben, ist die Emanzipation ihrer
+Arbeit"<a name="FNanchor_263"></a><a href=
+"#Footnote_263"><sup>263</sup></a>, schrieb Luise Otto. Und Fanny
+Lewald-Stahr, die von sich selbst erz&auml;hlt, da&szlig; sie
+heimlich habe arbeiten m&uuml;ssen, weil es sich f&uuml;r
+M&auml;dchen ihrer Art nicht schickte, Geld zu verdienen, und die
+anerkennt, da&szlig; "der gewaltigste Aufkl&auml;rer, die bittere
+Not" es war, die vielen die Augen ge&ouml;ffnet hat, erkl&auml;rt
+die "Emanzipation zur Arbeit" f&uuml;r die einzige, von der vor der
+Hand geredet werden kann.<a name="FNanchor_264"></a><a href=
+"#Footnote_264"><sup>264</sup></a></p>
+
+<p>So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und
+Deutschland, dem sich ein Jahr sp&auml;ter, durch Gr&uuml;ndung des
+Frauenerwerbvereins, auch Oesterreich anschlo&szlig;, jener
+Proze&szlig; vollzogen, durch den die b&uuml;rgerliche Frau in eine
+neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung der
+Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und
+Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner
+von Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten,
+voraussah, ja die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zur&uuml;ck
+h&auml;tte schaudern lassen, wenn sie sie h&auml;tten ahnen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Dritte Periode. Die Bestrebungen f&uuml;r Frauenbildung und
+Frauenarbeit in neuester Zeit.</p>
+
+<p>Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens
+einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn
+der modernen Frauenbewegung. Es mu&szlig;te ihm erst die
+wirtschaftliche Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und
+mehr aus der Vereinzelung der h&auml;uslichen Th&auml;tigkeit
+herausri&szlig;, sie zwang, Arbeit au&szlig;erhalb der engen vier
+W&auml;nde zu suchen und sie schlie&szlig;lich ihre
+Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverst&auml;ndlich
+konzentrierte sich die Frauenbewegung je nach dem Grade der
+Verarmung des B&uuml;rgerstandes und der Zahl den die M&auml;nner
+&uuml;berwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und der
+Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde,
+gestaltete sich dort am sch&auml;rfsten, wo die allgemeine
+wirtschaftliche Lage die gedr&uuml;ckteste, die Ueberf&uuml;llung
+der Berufe die gr&ouml;&szlig;te und die Konkurrenz der M&auml;nner
+infolgedessen die st&auml;rkste war.</p>
+
+<p>Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die
+Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in
+erster Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich
+haupts&auml;chlich die Gegner, w&auml;hrend der Wunsch, der Frauen,
+zu den h&ouml;heren Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden,
+auf geringeren Widerstand stie&szlig;. Zwar wurde im Anfang der
+Vorwurf der Unweiblichkeit auch gegen die Sch&uuml;lerinnen der
+ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von der Kanzel herunter gegen
+sie gepredigt, besonders das System des gemeinsamen Unterrichts
+beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald beschr&auml;nkte
+sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den siebziger
+Jahren &ouml;ffnete sich den andr&auml;ngenden Frauen eine
+Hochschule nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum
+Teil, ihnen akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten
+entstehenden Frauenvereine hatten die Forderung h&ouml;heren
+Unterrichts in ihre Statuten aufgenommen; besondere Vereine, wie
+die Female Medical Educational Society, richteten ihre Agitation
+auf bestimmte Berufsvorbereitungen. Schon 1874 wurde in der
+medizinischen Fakult&auml;t der Universit&auml;t Boston ein
+besonderer Kursus f&uuml;r weibliche Studenten eingerichtet; heute
+stehen ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen
+Schulen offen. Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet
+bahnbrechend vorgegangen war, so Antoinette Brown auf dem des
+Studiums der Theologie. Im Oberlin-College, wo sie ihr Examen
+gl&auml;nzend bestanden hatte, waren ihr schon von den Lehrern die
+gr&ouml;&szlig;ten Schwierigkeiten bereitet worden und man strafte
+ihr "unweibliches" Vorgehen damit, da&szlig; man ihren Namen nicht
+in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre sp&auml;ter
+jedoch begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der
+katholischen und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen
+Schulen auch weibliche Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte
+sich das Studium der Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst
+f&uuml;r sich erzwungen hatte. Viel schwieriger wurde es den
+Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur Berufsth&auml;tigkeit
+zugelassen zu werden.</p>
+
+<p>Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon
+dadurch unm&ouml;glich gemacht, da&szlig; keines der bestehenden
+Krankenh&auml;user sie zulie&szlig;, noch weniger fanden sie
+nat&uuml;rlich Patienten, man begegnete ihnen sogar mit
+Mi&szlig;trauen und Geringsch&auml;tzung. Als Dr. Emily Blackwell
+und Dr. Marie Zakzrewska sich in New York niederlie&szlig;en, wo
+das erste Krankenhaus f&uuml;r Frauen, an dem nur weibliche Aerzte
+ordinierten, durch sie entstand, war es ihnen zuerst
+unm&ouml;glich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr wollte die
+Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder von
+den Gerichtsh&ouml;fen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie
+warteten vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine
+Sache anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen,
+zuweilen sogar mit Steinw&uuml;rfen vertrieben, und die Graduierten
+der philosophischen Fakult&auml;ten fanden nur selten einen
+Lehrstuhl in einem College. Etwas rascher gelang den Erwerb
+Suchenden der Eintritt in den kaufm&auml;nnischen Beruf und zwar
+war die Regierung ihnen hier behilflich. Schon 1862 stellte General
+Spinner, die allgemeine Entr&uuml;stung dar&uuml;ber nicht achtend,
+sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und 1875 konnte
+er von &uuml;ber tausend Angestellten im Staatsdienst berichten,
+und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.<a
+name="FNanchor_265"></a><a href="#Footnote_265"><sup>265</sup></a>
+Ebenso bew&auml;hrten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der
+sechziger Jahre gleichfalls die ersten Frauen besch&auml;ftigt
+wurden. Ihr Eintritt in b&uuml;rgerliche Berufe machte von da an
+rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz von Vereinen aller Art spann
+sich &uuml;ber Amerika aus; ihre Agitatorinnen reisten von Ort zu
+Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch selbst&auml;ndige
+Arbeit &uuml;berall hin tragend.</p>
+
+<p>Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch
+ihre Leistungen w&auml;hrend des B&uuml;rgerkrieges, wo sie den
+Beweis f&uuml;r ihre Arbeitsf&auml;higkeit f&uuml;hrten. Nicht nur,
+da&szlig; weibliche Journalisten als Leiter von Zeitungen und
+Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es waren auch allein
+die Frauen, die mit heldenm&uuml;tiger Aufopferung die Pflege der
+Soldaten und ihrer Hinterbliebenen &uuml;bernahmen und einheitlich
+organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis
+dahin Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend
+den furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan
+eines allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf
+der Genfer Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben
+trat. Zur obersten Leiterin der Verwundetenpflege war w&auml;hrend
+des Krieges Dorothea Dix in Anerkennung f&uuml;r ihre Leistungen
+als Reformatorin des Gef&auml;ngniswesens von der Regierung ernannt
+worden. Zu gleicher Zeit riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen
+Frauenverein ins Leben, der zun&auml;chst nur den Zweck hatte,
+f&uuml;r die Pflege, Nahrung, Bekleidung und Unterst&uuml;tzung der
+Soldaten und ihrer Angeh&ouml;rigen zu sorgen, sich aber nachher zu
+jener Sanit&auml;ts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine
+heute in jedem Staat und fast jeder Stadt f&uuml;r die
+unbemittelten Kranken Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft
+zur Arbeit und Verst&auml;ndnis f&uuml;r &ouml;ffentliche
+Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um Bildung und
+Arbeit wurde immer schw&auml;cher. Heute haben sie von 484 Colleges
+und Universit&auml;ten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen
+zu 28. Au&szlig;erdem bestehen 4 Universit&auml;ten und gegen 160
+Colleges f&uuml;r M&auml;dchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca.
+36000 an diesen Anstalten studierende Frauen gez&auml;hlt wurden<a
+name="FNanchor_266"></a><a href="#Footnote_266"><sup>266</sup></a>,
+hat ihre Zahl sich verdoppelt; allein 25000 studieren davon an den
+Universit&auml;ten.<a name="FNanchor_267"></a><a href=
+"#Footnote_267"><sup>267</sup></a> Neben 6 medizinischen
+Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen f&uuml;r M&auml;nner
+auch den Frauen offen; in 6 Frauenhospit&auml;lern k&ouml;nnen sie
+ihrer klinischen Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der
+Theologie ist ihnen erm&ouml;glicht.</p>
+
+<p>Diese gl&auml;nzenden Resultate eines fast hundertj&auml;hrigen
+Kampfes d&uuml;rfen jedoch nicht mit europ&auml;ischem
+Ma&szlig;stab gemessen werden. Es giebt, besonders im Westen,
+sogenannte Universit&auml;ten, deren Unterrichtskreis nicht
+&uuml;ber die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die
+meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und
+Prima, soda&szlig; der zum Schlu&szlig; verliehene Grad eines
+Bachelor of Arts (B.A.) nicht h&ouml;her steht, als unser
+Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen h&ouml;heren
+T&ouml;chterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, da&szlig;
+Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert
+sind; andere wieder erreichen die H&ouml;he deutscher
+Universit&auml;ten. So kann angenommen werden, da&szlig; von den
+25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in unserem Sinne
+Studentinnen sind.<a name="FNanchor_268"></a><a href=
+"#Footnote_268"><sup>268</sup></a> Danach kann auf eine gewisse
+H&ouml;he der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf
+wissenschaftliche Gr&uuml;ndlichkeit geschlossen werden. In der
+Erkenntnis dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an
+einer europ&auml;ischen Universit&auml;t den Doktorgrad zu
+erringen, sie haben sich auch zur Verbindung der Collegiate Alumnae
+zusammengethan, die durch Stipendien das Studium im Auslande
+erm&ouml;glicht und ein h&ouml;heres Niveau der inl&auml;ndischen
+Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel aber
+f&uuml;r die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte
+Er&ouml;ffnung der vier bedeutendsten Universit&auml;ten: Harvard,
+Yale, Johns Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr
+philosophisches Doktorexamen machen d&uuml;rfen, und diese
+mu&szlig;te sich mit einer privaten Bescheinigung dar&uuml;ber
+begn&uuml;gen. Da sich nun aus den, als B.A. entlassenen
+Sch&uuml;lerinnen der Universit&auml;ten die Schulvorsteherinnen
+und Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges
+rekrutieren, so gehen deren Sch&uuml;lerinnen
+selbstverst&auml;ndlich wieder als mangelhaft Vorgebildete aus
+ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen werden wird,
+wenn die sch&auml;rfer werdende Konkurrenz mit den M&auml;nnern die
+Frauen zu gr&ouml;&szlig;erer Energie um vertiefteren Unterricht
+aufstachelt.</p>
+
+<p>Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu b&uuml;rgerlichen
+Berufen&mdash;wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder
+kommunalen Ehren&auml;mtern&mdash;nur selten erschwert. Seit 1872,
+wo Illinois durch Gesetz bestimmte, da&szlig; alle Berufe ohne
+Unterschied des Geschlechtes jedem offen st&auml;nden, sind etwa
+zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel gefolgt. Kaum ein
+Beruf d&uuml;rfte den Frauen vollst&auml;ndig verschlossen sein;
+seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur
+Milit&auml;r&auml;rztin mit dem Range eines Leutnants scheint
+selbst die milit&auml;rische Karriere ihnen in gewisser Weise offen
+zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich nicht nur Frauen in
+subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden sie das Amt eines
+Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit anderen
+Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher giebt es in
+gr&ouml;&szlig;erer Zahl.<a name="FNanchor_269"></a><a href=
+"#Footnote_269"><sup>269</sup></a> In 22 Staaten finden sich 227
+Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau,
+Mi&szlig; Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum
+Oberinspektor der gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan
+fungiert seit 1899 eine Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20
+Prozent aller Schulr&auml;te und 5 Prozent aller Notare Frauen. In
+verschiedenen Parlamenten sind die amtlichen Stenographen Frauen;
+30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in den Bundesstaaten.
+Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich angestellt. In
+allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche Beamte
+besch&auml;ftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl
+der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22
+Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington
+stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den M&auml;nnern
+gleich. Bis heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche
+Universit&auml;tsprofessoren finden sich auch an den ersten
+Universit&auml;ten des Landes, so in Boston Mercy Jackson als
+Professor f&uuml;r Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell
+als Professor der National&ouml;konomie. Au&szlig;er in den
+genannten Berufen haben Frauen sich durch kaufm&auml;nnische
+Unternehmungen selbst&auml;ndig zu machen gesucht, und besonders in
+den S&uuml;d- und Weststaaten haben sie sich als Besitzer und
+Leiter von ausgedehnten Viehz&uuml;chtereien und Milchwirtschaften,
+von Gem&uuml;se-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum Reichtum
+emporzuarbeiten verstanden.<a name="FNanchor_270"></a><a href=
+"#Footnote_270"><sup>270</sup></a></p>
+
+<p>Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage
+kommt die englische am n&auml;chsten; die politische Freiheit
+verbunden mit der open door policy, d.h. dem Gedanken des freien
+Wettbewerbs, hatte einen rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur
+Folge, der auch den Frauen zugute kam. Der Platz am Brotkorb
+brauchte ihnen nicht in so heftiger Weise streitig gemacht zu
+werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen nach h&ouml;herer
+Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg gelegt.</p>
+
+<p>Nachdem die k&ouml;nigliche Kommission zur Untersuchung der
+Schulzust&auml;nde, die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches
+Mitglied Mi&szlig; Beale den Stand der h&ouml;heren
+M&auml;dchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar
+ung&uuml;nstigsten Berichte &uuml;ber den Unterricht des weiblichen
+Geschlechts zu geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine
+zur Verbesserung der M&auml;dchenerziehung, die auf die H&ouml;he
+des vorbereitenden Unterrichts der Knaben zur Universit&auml;t
+gehoben werden sollte. Um einen Ma&szlig;stab f&uuml;r sie zu
+haben, richtete sich die n&auml;chste Agitation auf die Zulassung
+der M&auml;dchen zu den Lokalexamen der Universit&auml;ten. Schon
+1865 verstand sich Cambridge, etwas sp&auml;ter Oxford zur
+Abhaltung dieser Examen, die etwa zwischen das 13. und 16.
+Lebensjahr der Sch&uuml;ler zu fallen pflegen.<a name=
+"FNanchor_271"></a><a href="#Footnote_271"><sup>271</sup></a> Sie
+stehen ungef&auml;hr den Examen unserer Realschulen gleich und
+berechtigen keineswegs zum Universit&auml;tsstudium. Um dies zu
+erreichen, das den Frauen hartn&auml;ckig verweigert wurde, legte
+Mi&szlig; Emily Davies, die schon die erfolgreiche Agitatorin
+f&uuml;r die Lokalexamen gewesen war, im Jahr 1869 zuerst in einem
+kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu Girton College. Es gelang
+ihr, einige Professoren von Cambridge f&uuml;r ihre Idee, ihre
+Sch&uuml;lerinnen zun&auml;chst zu dem leichtesten&mdash;dem
+sogenannten little-go&mdash;Universit&auml;tsexamen vorbereiten, zu
+gewinnen. Sie bestanden nicht nur dies, sondern drei Jahre
+sp&auml;ter auch das schwerste, das Triposexamen. Inzwischen wurden
+nach dem Muster von Girton, Newnham-College, gegr&uuml;ndet. Durch
+vereinte Bem&uuml;hungen, die oft zu heftigem Federkrieg
+f&uuml;hrten, wurde endlich erreicht, da&szlig; die Frauen zu
+einzelnen Vorlesungen in der Universit&auml;t selbst Zutritt
+erlangten und schlie&szlig;lich&mdash;im Jahre 1881&mdash;wurden
+sie zu den Universit&auml;tsexamen, dem little-go und Tripos,
+offiziell zugelassen; bis heute jedoch m&uuml;ssen sie sich, trotz
+dauernder Bem&uuml;hungen, mit einem einfachen Zertifikat
+begn&uuml;gen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei
+den m&auml;nnlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen
+standhaft verweigert,&mdash;es ist das das letzte Pr&auml;rogativ,
+das die M&auml;nner sich vorbehalten wollen!&mdash;Der Kampf um
+Oxford war ein &auml;hnlicher, wie der um Cambridge.<a name=
+"FNanchor_272"></a><a href="#Footnote_272"><sup>272</sup></a> In
+dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen nach und nach zu
+den Vorlesungen und Examen aller Fakult&auml;ten, mit Ausnahme der
+medizinischen zugelassen, aber die Titel g&ouml;nnten ihnen auch
+hier ihre m&auml;nnlichen Kollegen nicht. Daf&uuml;r gew&auml;hrte
+ihnen schon 1878 die Universit&auml;t London&mdash;lediglich eine
+Examinationsbeh&ouml;rde&mdash;s&auml;mtliche Grade, was um so
+wichtiger ist, als ihre Examen f&uuml;r die weitaus schwersten
+gelten. Mit kleinen Unterschieden,&mdash;so ist das Studium der
+Theologie und Medizin an einigen Universit&auml;ten den Frauen
+verboten&mdash;nehmen heute s&auml;mtliche Universit&auml;ten
+Gro&szlig;britanniens weibliche Studenten mit gleichen Rechten auf
+wie m&auml;nnliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der englischen
+Pr&uuml;derie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem
+Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der M&auml;nner
+mu&szlig; es angesehen werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen
+sich um das Studium der Medizin, vor allem um die klinische
+Ausbildung drehte. Keine Schule und keine Examinationsbeh&ouml;rde
+wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie sich denn, sich
+selbst zu helfen, indem sie, mit Unterst&uuml;tzung einiger
+Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London
+school of Medicine for women gr&uuml;ndeten. Ihrem energischen
+Vorgehen war es zu danken, da&szlig; durch Parlamentsbeschlu&szlig;
+zwei Jahre sp&auml;ter die Pr&uuml;fungsbeh&ouml;rden autorisiert
+wurden, weibliche Studenten zu examinieren. Sie folgten freilich
+nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung. Bis heute haben
+sich neun Universit&auml;ten und medizinische Schulen dazu bereit
+erkl&auml;rt, au&szlig;erdem stehen ihnen acht allgemeine
+Krankenh&auml;user neben achtzehn Frauenhospit&auml;lern offen.<a
+name="FNanchor_273"></a><a href=
+"#Footnote_273"><sup>273</sup></a></p>
+
+<p>Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die
+indischen Universit&auml;ten sind seit 1878 den Frauen
+ge&ouml;ffnet; vier h&ouml;here Schulen, von denen die in Pronah
+unter Leitung der gelehrten und wohlth&auml;tigen Indierin Pundita
+Ramabai steht, sorgen f&uuml;r die Vorbereitung; die australischen
+Universit&auml;ten Sydney und Melbourne haben nie einen Unterschied
+zwischen den Geschlechtern gemacht.<a name="FNanchor_274"></a><a
+href="#Footnote_274"><sup>274</sup></a></p>
+
+<p>Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts
+f&uuml;r b&uuml;rgerliche Lebensberufe ist f&uuml;r das weibliche
+Geschlecht in England fast ebenso gut gesorgt, wie f&uuml;r das
+m&auml;nnliche. Private und &ouml;ffentliche Schulen zur
+gewerblichen, kaufm&auml;nnischen und k&uuml;nstlerischen
+Ausbildung nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es
+f&uuml;r Frauen mehr giebt als f&uuml;r M&auml;nner, genie&szlig;en
+sie die Verg&uuml;nstigung unentgeltlicher Ausbildung.</p>
+
+<p>Den Weg zu einem neuen Frauenberuf er&ouml;ffnete die 1891
+gegr&uuml;ndete Gartenbauschule von Swanley<a name=
+"FNanchor_275"></a><a href="#Footnote_275"><sup>275</sup></a>.
+Durch ihre Erfolge wurde den Frauen auch die Schule der
+k&ouml;niglichen botanischen Gesellschaft zug&auml;nglich. Eine
+landwirtschaftliche Schule, die statutengem&auml;&szlig;
+ausschlie&szlig;lich f&uuml;r gentlewomen, d.h. Frauen der
+b&uuml;rgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete Lady Warwick auf
+ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der G&auml;rtnerei die
+Gefl&uuml;gel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis
+neuer $Arbeitsm&ouml;glichkeiten einbezog, so geschieht es auch
+durch die von den Grafschaftsr&auml;ten und Gemeinden vielfach ins
+Leben gerufenen landwirtschaftlichen Schulen; auch die
+landwirtschaftliche Nationalunion von Gro&szlig;britannien hat sich
+durch Gr&uuml;ndung eines Frauenzweigvereins der Sache angenommen.
+Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am St.
+Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte,
+nachdem ihr im Krimkrieg die Sch&auml;den der dilettantischen
+Krankenpflege traurig genug bekannt geworden waren, wurde auch
+dieser Beruf ein Erwerbsberuf gebildeter Frauen. So giebt es kaum
+ein Gebiet des Berufslebens, f&uuml;r das die Engl&auml;nderinnen
+sich nicht vorbereiten k&ouml;nnten. Im Unterschied von Amerika
+aber ist die Erziehung der Geschlechter,&mdash;mit Ausnahme von
+Irland, wo k&uuml;rzlich der Versuch eines f&uuml;r Knaben und
+M&auml;dchen gemeinsamen Colleges gemacht wurde,&mdash;fast
+durchweg eine getrennte. Daraus ergeben sich sowohl praktische als
+psychologische Folgen sch&auml;dlichster Natur und die Ausbildung
+der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie z.B. in
+zwei Jahren zu Landschaftsg&auml;rtnern vorbereitet, w&auml;hrend
+M&auml;nner dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und
+fast alle, f&uuml;r das weibliche Geschlecht allein eingerichteten
+kaufm&auml;nnischen und k&uuml;nstlerischen Schulen haben einen
+k&uuml;rzeren oder weniger gr&uuml;ndlichen Studiengang, als die
+f&uuml;r M&auml;nner bestimmten. Andererseits wird aber auch durch
+das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern,
+der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch
+versch&auml;rft, statt da&szlig; er durch gemeinschaftliche
+Erziehung h&auml;tte gemildert werden und der Begriff der
+Interessengemeinschaft seine Stelle h&auml;tte einnehmen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Zugang zu b&uuml;rgerlichen Berufen wurde den
+Engl&auml;nderinnen im allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie
+waren nicht nur seit den Zeiten des Feudalismus keine unbekannte
+Erscheinung im &ouml;ffentlichen Leben, sie hatten auch durch
+fr&uuml;he, ausgedehnte und vortrefflich organisierte
+philanthropische Th&auml;tigkeit f&uuml;r ihr Verst&auml;ndnis und
+ihre Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der
+Reformatorin des Gef&auml;ngniswesens, bis zu Beatrice Webb finden
+wir eine Reihe bedeutender Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr
+als durch ihre Worte f&uuml;r das Recht der Frau auf Arbeit
+k&auml;mpften. So konnte die Regierung schon 1873 den Versuch
+machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor der unter
+dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen, und
+wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der
+Schulverh&auml;ltnisse berufen und ihr eine au&szlig;erordentlich
+wertvolle Arbeit zu verdanken hatte, so &uuml;bergab sie nach und
+nach immer h&auml;ufiger Frauen wichtige Aufgaben. Von
+einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung einer Kommission
+zur Untersuchung der Arbeiterverh&auml;ltnisse, in der vier Frauen
+mit Erhebungen &uuml;ber die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden.
+Sie bew&auml;hrten sich so, da&szlig; kurze Zeit sp&auml;ter eine
+von ihnen, Mi&szlig; Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine
+andere, Mi&szlig; Collet, als Korrespondentin des Labour Department
+angestellt wurde. Auch Aerztinnen wurden als Bezirks&auml;rzte, als
+Sanit&auml;tsinspektorinnen, als Leiter &ouml;ffentlicher
+Krankenh&auml;user,&mdash;besonders in den Kolonieen,&mdash;Beamte
+der Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement
+besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p>Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem
+Besitz der privaten Gesellschaft &uuml;bernommen und die weiblichen
+Angestellten beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften
+Agitation dagegen,&mdash;der einzigen, die in so gro&szlig;em Stil
+gegen das Eindringen der Frauen in b&uuml;rgerliche Berufe in
+England entfaltet wurde,&mdash;Frauen bei den Postsparkassen
+angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und
+Telegraphendienst Gro&szlig;britanniens.<a name=
+"FNanchor_276"></a><a href="#Footnote_276"><sup>276</sup></a> Unter
+ihnen giebt es eine Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern
+emporgestiegen sind. Fast in allen Ministerien besch&auml;ftigt die
+Regierung Beamtinnen, ebenso in der Gef&auml;ngnisverwaltung und
+-Aufsicht, auf k&ouml;niglichen Observatorien und als Assistenten
+der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen jedoch
+befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren f&uuml;hrte Miss
+Abraham ziemlich selbst&auml;ndig die Gesch&auml;fte des aus 7
+Personen bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch
+infolge ihrer Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die
+weiblichen Inspektoren unter die Leitung des m&auml;nnlichen
+Oberinspektors zu stellen. Es scheint, da&szlig; sich in der:
+Zur&uuml;ckdr&auml;ngung der Frauen auf untergeordnete Stellungen
+der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben
+ausdr&uuml;ckt. Er spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen
+ebenso ab, obwohl die Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und
+segensreicher wirkt, als im Dienst der Regierung. Wohl haben die
+Frauenvereine in jedem Ort, fast in jeder Gemeinde um die
+Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen m&uuml;ssen, jetzt
+aber k&ouml;nnen sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden sie
+als Schul-, Sanit&auml;ts und Handelsinspektoren, als
+Polizeimatronen und Leiterinnen &ouml;ffentlicher Anstalten aller
+Art, als Standes- und Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als
+Steuererheber, als Landschaftsg&auml;rtner &ouml;ffentlicher
+Anlagen und als Dozentinnen in den Haushaltungs- und
+landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsr&auml;te th&auml;tig,
+aber Gemeindevorsteher und B&uuml;rgermeister wie in Amerika finden
+wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die
+pers&ouml;nliche Leistungsf&auml;higkeit allein den Ausschlag
+giebt. Nicht nur, da&szlig; weibliche Handelsangestellte,
+Stenographinnen und Maschinenschreiberinnen vor den M&auml;nnern
+schon vielfach den Vorzug erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich
+zu Leiterinnen gro&szlig;er Gesch&auml;fte, selbst zu Bankiers
+empor, die, obwohl die B&ouml;rse ihnen verschlossen ist,
+zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der Privatgelehrten und
+Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter nimmt Jahr um
+Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen fernliegenden
+Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie th&auml;tig und
+zwar mit solchem Erfolg, da&szlig; k&uuml;rzlich eine von ihnen zum
+Mitglied der sehr exklusiven K&ouml;niglichen Gesellschaft der
+Architekten gew&auml;hlt wurde. Unter den gelehrten Berufen aber
+ist der medizinische derjenige, in dem die Frauen in England wie in
+Amerika sich am meisten auszeichnen. Sie erfreuen sich gro&szlig;er
+Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch den Konkurrenzneid der
+M&auml;nner soweit besiegte, da&szlig; sie vor wenigen Jahren Mrs.
+Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer gro&szlig;en Abteilung der
+fast nur aus M&auml;nnern bestehenden medizinischen Gesellschaft
+erw&auml;hlten.</p>
+
+<p>Am st&auml;rksten ist nat&uuml;rlich das weibliche Geschlecht im
+Lehrberuf vertreten. Nicht nur, da&szlig; sie die m&auml;nnlichen
+Lehrer an Zahl &uuml;berwiegen, es ist ihnen gelungen, leitende
+Stellungen, auch an Knabenschulen zu erobern. Dabei mu&szlig;
+eingeschaltet werden, da&szlig; das englische h&ouml;here
+Schulwesen ausschlie&szlig;lich in Privath&auml;nden ruht, weder
+Staatshilfe noch Staatsaufsicht genie&szlig;t und die
+Gesellschaften, die es leiten, zum gro&szlig;en Teil auch aus
+Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische Lehrerin zu
+solcher Bedeutung gelangen. Die m&auml;nnlichen Staats- und
+Lokalverwaltungen repr&auml;sentieren immer eine konservative
+Macht, die nur schwerf&auml;llig vorw&auml;rts schreitet. Das zeigt
+sich auch dort, wo die Frau solche Stellungen zu erreichen strebt,
+auf deren Gew&auml;hrung die Beh&ouml;rden, vom eingewurzelten
+Vorurteil &uuml;berdies unterst&uuml;tzt, irgend welchen
+Einflu&szlig; &uuml;ben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und
+Unterricht waren seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der
+Familien und des Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn
+&uuml;ber die urspr&uuml;nglichen Grenzen herauszuf&uuml;hren, um
+zur Armenpflegerin und Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu
+f&uuml;hren. Berufe aber, die nicht von Anfang an mit dem Weib als
+Geschlechtswesen in engem Zusammenhang standen, galten von
+vornherein f&uuml;r unweiblich und wurden ihr daher verschlossen.
+So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des Geistlichen
+und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen und
+Missionarinnen, die Hochkirche l&auml;&szlig;t sie ebensowenig zu
+wie die lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten
+d&uuml;rfen Frauen seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten
+schlie&szlig;t jeder Gerichtshof vorl&auml;ufig noch aus.</p>
+
+<p>Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung
+und Ziel gegeben und sie in den revolution&auml;ren St&uuml;rmen
+des 19. Jahrhunderts jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb
+schlie&szlig;lich in seinen Erfolgen hinter Amerika und England
+zur&uuml;ck. Die Ursache davon ist vorwiegend in der durch die
+Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen zivilrechtlich
+ung&uuml;nstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die
+Frauenbewegung sich von der Reaktion der f&uuml;nfziger Jahre
+erholt hatte, verwandte sie ihre besten Kr&auml;fte auf den Kampf
+gegen eine Unterdr&uuml;ckung, die wohl geeignet war, jedes
+Vorw&auml;rtsstreben zu erschweren. Ihre Agitation f&uuml;r
+h&ouml;heren Unterricht und Zulassung zu b&uuml;rgerlichen Berufen
+war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine
+lebhafte. Zun&auml;chst galt es, die teilweise Er&ouml;ffnung der
+Universit&auml;t nicht dadurch illusorisch werden zu lassen,
+da&szlig; die Erf&uuml;llung der Vorbedingungen nicht vorhanden
+war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der Einrichtung
+freier Vortragskurse f&uuml;r M&auml;dchen, ohne Erfolg zu haben.
+Auch die Privatanstalten gen&uuml;gten nicht. Legouv&eacute;, der
+nach wie vor an der Spitze dieser Bewegung stand, sammelte
+schlie&szlig;lich eine immer gr&ouml;&szlig;ere Zahl von Frauen und
+M&auml;nnern um sich, die f&uuml;r die Idee der staatlichen
+Intervention eintraten und die Errichtung von M&auml;dchengymnasien
+verlangten, die denen f&uuml;r Knaben entsprechen sollten. Aber
+erst im Jahre 1880 setzte Camille S&eacute;e ein Gesetz durch,
+wonach der Staat sich verpflichtete, mit Unterst&uuml;tzung der
+Kommunen h&ouml;here M&auml;dchenschulen ins Leben zu rufen. Wenn
+dies Gesetz auch den W&uuml;nschen der Frauen und ihrer Freunde
+noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die neuen
+Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 st&auml;dtische
+bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu
+Gymnasien, so war die Anerkennung der Notwendigkeit h&ouml;herer
+Frauenbildung durch den Staat immerhin ein Fortschritt. Seine
+Bedeutung ist um so gr&ouml;&szlig;er, als von vornherein
+ausschlie&szlig;lich Frauen zu Leitern und Lehrern in den Lyceen
+bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs mit
+sich und f&uuml;hrte schon ein Jahr sp&auml;ter zur Gr&uuml;ndung
+der Ecole normale in S&egrave;vres, an der die Ausbildung der dem
+h&ouml;heren M&auml;dchenunterricht sich widmenden Frauen erfolgt<a
+name="FNanchor_277"></a><a href="#Footnote_277"><sup>277</sup></a>,
+soweit sie sich nicht durch Universit&auml;tsstudien vorbereiten.
+Seit 1870 schon stehen ihnen, mit Ausnahme der theologischen, nicht
+nur s&auml;mtliche Fakult&auml;ten offen, sie k&ouml;nnen auch
+dieselben Grade erwerben wie die M&auml;nner. Auf dem Gebiet der
+Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu k&auml;mpfen, der bis
+heute noch nicht ganz zum Ziele f&uuml;hrte: Zur klinischen und
+chirurgischen Ausbildung und dem damit verbundenen Examen wurde
+ihnen gar nicht oder nur ausnahmsweise Zula&szlig; gew&auml;hrt.
+Schlie&szlig;lich erreichten sie es, in den Pariser Spit&auml;lern
+vier Jahre studieren zu d&uuml;rfen, ohne da&szlig; man sie jedoch
+zu den h&ouml;heren Pr&uuml;fungen zulie&szlig;. Die Studenten
+sowohl wie die Aerzte waren w&auml;hrend des ganzen Kampfes ihre
+ausgesprochenen Gegner. Auch auf einem anderen Gebiete, dem des
+k&uuml;nstlerischen Studiums, war von einer Gleichberechtigung der
+Frauen lange Zeit hindurch keine Rede. Selbst die Leistungen einer
+Rosa Bonheur, einer Vig&eacute;-Lebrun waren nicht im stande
+gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu
+erm&ouml;glichen. Die traditionelle Meinung, da&szlig; die guten
+Sitten dadurch verletzt w&uuml;rden, mu&szlig;te hier ebenso wie
+beim klinischen Unterricht als Vorwand der Ausschlie&szlig;ung
+dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die franz&ouml;sische
+Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur Gr&uuml;ndung
+von zwei Ateliers f&uuml;r Sch&uuml;lerinnen, um damit dem
+Vorurteil der gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu
+kommen.</p>
+
+<p>Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und
+kaufm&auml;nnischen Unterrichts der Frauen einer L&ouml;sung
+entgegen. Schon 1870 z&auml;hlten die f&uuml;nf Pariser
+kaufm&auml;nnischen Schulen 800 Sch&uuml;lerinnen. In den Provinzen
+entstanden, zum Teil durch die Kommunen, &auml;hnliche Anstalten,
+deren starke Frequenz daf&uuml;r Zeugnis ablegt, da&szlig; sie
+einem dringenden Bed&uuml;rfnis entsprechen.</p>
+
+<p>Die Frau im kaufm&auml;nnischen Beruf ist denn auch seit langem
+eine wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man r&uuml;hmt ihr
+allgemein ihre Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen,
+die ihr Gesch&auml;ft wirklich ganz selbst&auml;ndig leiten, sind
+hier daher verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig h&auml;ufiger zu finden,
+als in anderen L&auml;ndern. Schon in den f&uuml;nfziger Jahren
+wurden ihre Talente dadurch anerkannt, da&szlig; die
+Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux
+anzustellen, und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts
+Frauen im Postdienst besch&auml;ftigt hatte, vermehrte ihre Zahl
+von 1877 ab bedeutend.<a name="FNanchor_278"></a><a href=
+"#Footnote_278"><sup>278</sup></a> Au&szlig;erdem vertraute er
+s&auml;mtliche Tabakgesch&auml;fte&mdash;die Tabakfabrikation und
+der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol&mdash;, Frauen
+an, und besch&auml;ftigt eine gro&szlig;e Zahl von ihnen in der
+Bank von Frankreich. Im &uuml;brigen ist die Zahl der staatlich
+angestellten Frauen gering und sie befinden sich fast
+ausschlie&szlig;lich in untergeordneten Stellungen. Den
+h&ouml;chsten Rang nehmen die Gef&auml;ngnis- und
+Schulinspektorinnen&mdash;von denen es allerdings nur drei
+giebt&mdash;ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden nur das Amt von
+Assistentinnen, haben sich aber so bew&auml;hrt, da&szlig; z.B.
+allein im Seine-Departement 14 th&auml;tig sind. Au&szlig;er ihnen
+sind weibliche Staatsbeamte als Gefangenenw&auml;rter, als
+Lehrerinnen in Taubstummen- und Hebammenschulen zu finden. Seit
+einiger Zeit hat die Regierung auch Aerztinnen in ihren Dienst
+genommen: Madame Sarraute wirkt an der gro&szlig;en Oper; f&uuml;r
+das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen
+angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen
+angeschlossen oder an staatlichen M&auml;dchenlyceen verwendet.<a
+name="FNanchor_279"></a><a href="#Footnote_279"><sup>279</sup></a>
+Von allen Frauen werden nat&uuml;rlich Lehrerinnen vom Staat und
+von den Kommunen am meisten besch&auml;ftigt. Ihr Einflu&szlig;
+reicht soweit, da&szlig; sie sowohl den Departementsr&auml;ten als
+dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder angeh&ouml;ren
+k&ouml;nnen. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an
+der Universit&auml;t zugelassen zu werden oder die Leitung eines
+Hospitals in die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene
+oder besser bezahlte Stellungen handelt, h&ouml;rt auch bei den
+damenfreundlichen Franzosen das Entgegenkommen auf. Trotzdem wird
+der Zugang zu b&uuml;rgerlichen Berufen den Frauen leichter
+gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der
+stagnierenden Bev&ouml;lkerung die Konkurrenz keine so lebhafte
+ist, sei es, weil die Franz&ouml;sinnen der b&uuml;rgerlichen
+Kreise selbst noch nicht nach Amt und Brot so heftig zu streben
+gezwungen sind. Unter den Studentinnen giebt es wenig geborene
+Franz&ouml;sinnen, selbst unter den Aerztinnen, von denen in Paris
+allein 77 eine gro&szlig;e Praxis aus&uuml;ben, sind viele
+Ausl&auml;nderinnen. Neuerdings hat die franz&ouml;sische
+Frauenbewegung dadurch einen wichtigen Schritt vorw&auml;rts
+gethan, da&szlig; die Frauen zur Advokatur zugelassen wurden. Es
+war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz der Zulassung zum
+juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor Jahren
+gl&auml;nzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten,
+um zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der
+Rechtsanw&auml;lte hatten Frauen festen Fu&szlig; gefa&szlig;t.
+1899 jedoch nahm die Kammer einen Antrag des sozialistischen
+Abgeordneten Viviani an, der die Zulassung der Frauen zur Advokatur
+forderte. Im Herbst 1900 best&auml;tigte der Senat das Votum und
+ein Vierteljahr sp&auml;ter wurde die erste Advokatin, Madame S.
+Balachowski-Petit, feierlich vereidet.</p>
+
+<p>Unter den b&uuml;rgerlichen Berufen privater Natur, in denen die
+Franz&ouml;sinnen th&auml;tig sind, wird einer von ihnen besonders
+gesch&auml;tzt: der schriftstellerische und journalistische. Von
+jeher haben sich die Franz&ouml;sinnen durch ihre Gewandtheit, mit
+der Feder umzugehen, hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de
+Sta&euml;l, Georges Sand, Madame d'Agoult (Daniel Stern),
+neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die Gyp und viele
+andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen
+L&auml;ndern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen
+Talente zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem
+Titel La Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja
+sogar gedruckte politische Tageszeitung gr&uuml;ndete. So wenig
+solch ein Unternehmen auch dem wirklichen Fortschritt entspricht
+und im Interesse der Frauenbewegung gelegen ist&mdash;denn erst das
+Zusammenarbeiten von Mann und Weib auf gleichen Gebieten und unter
+gleichen Bedingungen w&uuml;rde ihre Kr&auml;fte st&auml;hlen und
+erproben&mdash;, so liefert es doch f&uuml;r die F&auml;higkeiten
+der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen
+Erwerbsm&ouml;glichkeiten.</p>
+
+<p>Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der
+b&uuml;rgerlichen Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in
+demselben Tempo erfolgt, wie man es nach den Anf&auml;ngen der
+franz&ouml;sischen Frauenbewegung h&auml;tte annehmen k&ouml;nnen,
+und in dem, was erreicht wurde, ist es von manchen anderen
+L&auml;ndern &uuml;berfl&uuml;gelt worden.</p>
+
+<p>Nur ein fl&uuml;chtiger Ueberblick,&mdash;die Schilderung der
+Frauenbewegung eines jeden Landes w&uuml;rde ins Endlose
+f&uuml;hren und im gro&szlig;en und ganzen dieselben
+Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,&mdash;soll
+den Beweis daf&uuml;r erbringen.</p>
+
+<p>In Ru&szlig;land, das schon in den sechziger Jahren
+Universit&auml;ts- und medizinische Kurse eingerichtet hatte,
+vermochte selbst die mehr als zehnj&auml;hrige Reaktionszeit von
+1882 an, w&auml;hrend der das Studium der Medizin den Frauen nicht
+gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache nicht Einhalt zu
+gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52 Aerztinnen.
+1896 erfolgte dann die Neuer&ouml;ffnung der medizinischen
+Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden
+l&auml;&szlig;t, wie sie die M&auml;nner erhalten, und sie
+denselben Pr&uuml;fungen unterwirft. Sowohl in Moskau als in Kiew
+k&ouml;nnen sie unter gleichen Verh&auml;ltnissen Medizin
+studieren, au&szlig;erdem steht ihnen in Petersburg ein
+orientalisches Seminar zur Verf&uuml;gung. Die Vorbereitung zur
+Universit&auml;t vermitteln die schon 1868 von Frauen
+gegr&uuml;ndeten und geleiteten h&ouml;heren Frauenkurse, die mit
+der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung
+immer besser ausgebildet wurden. Au&szlig;er ihnen bestehen noch
+klassische M&auml;dchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum
+Universit&auml;tsstudium berechtigt, und 350 M&auml;dchenlyceen,
+die in manchen Punkten unseren h&ouml;heren T&ouml;chterschulen
+&auml;hnlich sind, in anderen wieder,&mdash;z.B. werden die
+klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur
+fakultativ ist,&mdash;weit &uuml;ber sie hinaus gehen.<a name=
+"FNanchor_280"></a><a href="#Footnote_280"><sup>280</sup></a>
+Besonders hoch steht in Ru&szlig;land die Ausbildung der
+Lehrerinnen. Nicht nur, da&szlig; sie gro&szlig;enteils
+Universit&auml;tsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den
+"Instituten der Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei
+unterstehen, eine ebenso billige wie vortreffliche Erziehung
+geboten, die sie, nach Absolvierung der Pr&uuml;fungen, zum
+Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf berechtigt. Es ist
+wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, da&szlig; unter den
+russischen Frauen die Lehrerin die Tr&auml;gerin nicht nur der
+Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Bef&ouml;rderin der
+Volksaufkl&auml;rung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre
+Leistungen fanden soweit &ouml;ffentliche Anerkennung, da&szlig;
+M&auml;dchenschulen und M&auml;dchengymnasien gro&szlig;enteils
+weibliche Lehrkr&auml;fte und sogar weibliche Direktoren haben, die
+allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in einem gewissen
+Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis stehen.</p>
+
+<p>Einer gro&szlig;en Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen
+Aerzte, deren staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im
+Gegensatz zu der herk&ouml;mmlichen Ansicht, da&szlig; Frauen
+gro&szlig;en k&ouml;rperlichen Strapazen nicht gewachsen sind, hat
+es sich gezeigt, da&szlig; gerade die Land&auml;rztinnen, die
+gezwungen sind, unter elenden Verh&auml;ltnissen, inmitten einer
+rohen Bev&ouml;lkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen
+Schauern eines russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich
+au&szlig;erordentlich bew&auml;hren. Aber auch in den
+Gro&szlig;st&auml;dten sind sie mit Erfolg th&auml;tig. In
+Petersburg, wo neben 21 m&auml;nnlichen 15 weibliche
+Bezirks&auml;rzte und au&szlig;erdem 35 Aerztinnen in staatlichen
+Krankenh&auml;usern Anstellung fanden<a name="FNanchor_281"></a><a
+href="#Footnote_281"><sup>281</sup></a>, hat der Magistrat in einem
+offiziellen Bericht festgestellt, da&szlig; auf einen
+m&auml;nnlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf einen weiblichen
+7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum bevorzugt werden.
+Au&szlig;er ihnen erfreuen sich auch die weiblichen Apotheker eines
+guten Rufs. Noch ein anderer f&uuml;r die russischen
+Verh&auml;ltnisse wichtiger Frauenberuf findet die
+Unterst&uuml;tzung des Staates: Seit kurzem hat das Ministerium
+f&uuml;r Landwirtschaft landwirtschaftliche Lehranstalten f&uuml;r
+Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in denen sie sich
+f&uuml;r alle in Betracht kommenden F&auml;cher ausbilden
+k&ouml;nnen. Die ersten, die ihre Studien zu Ende f&uuml;hrten,
+wurden von der Regierung teils in den Bureaux des Ministeriums,
+teils als Inspektorinnen angestellt. Auch der Frage der
+Fabrikinspektoren ist Ru&szlig;land in &auml;hnlicher Weise
+nahegetreten, indem es zun&auml;chst die Einrichtung von
+Unterrichtskursen plant, deren Sch&uuml;lerinnen dann als
+Aufsichtsbeamte Verwendung finden sollen. Als ein gro&szlig;er
+Erfolg kann es ferner betrachtet werden, da&szlig; die Staatsbank
+Frauen besch&auml;ftigt. Diese Unterst&uuml;tzung, die seitens der
+&ouml;ffentlichen Verwaltung der Frauenbewegung zu teil wird,
+l&auml;&szlig;t sich wesentlich aus dem Mangel an
+Arbeitskr&auml;ften erkl&auml;ren und der geringe Widerstand, der
+ihr seitens der M&auml;nner entgegengesetzt wird, hat seinen Grund
+darin, da&szlig; das riesige Land und das gro&szlig;e Volk
+besonders f&uuml;r Lehrer und Aerzte noch unendlich viel Platz
+haben.</p>
+
+<p>Noch weiter vorgeschritten als Ru&szlig;land ist Finland, wo
+Gymnasien und Universit&auml;t dem weiblichen Geschlecht mit
+gleichen Rechten offen stehen, wie dem m&auml;nnlichen. Hier finden
+sich neben staatlich angestellten Aerztinnen auch weibliche
+Armenpfleger und Direktoren von Armenh&auml;usern. In den
+Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und
+Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse
+hervorgethan.</p>
+
+<p>Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universit&auml;ten
+den Frauen er&ouml;ffnete und ihnen die medizinische Laufbahn
+erschlo&szlig;, gew&auml;hrt ihnen heute fast &uuml;berall
+dieselben Rechte wie den M&auml;nnern. Die M&auml;dchenschulen, an
+die sich Gymnasialklassen anschlie&szlig;en, bereiten zum
+Abiturientenexamen vor, das auch von den M&auml;dchen mit Vorliebe
+gemacht wird, die nicht das Universit&auml;tsstudium daran
+schlie&szlig;en; infolgedessen ist die Bildung der Schwedinnen eine
+im allgemeinen hohe. Seit Sonja Kowalewska als erster weiblicher
+Dozent den Lehrstuhl f&uuml;r Mathematik in Stockholm bestieg,
+steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen Fries war
+ihre n&auml;chste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson
+zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universit&auml;t
+berufen. Ein Jahr sp&auml;ter wurde eine Aerztin am
+Pathologisch-Anatomischen Institut der Stockholmer medizinischen
+Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an der Lehrerschaft
+Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, k&ouml;nnen schon seit 15
+Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbeh&ouml;rden werden, auch als
+Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen
+Verwendung. Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur
+zugelassen. Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen.
+Der erste juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf
+die Seite der Frauen gestellt, da&szlig; sogar ihre Zulassung zum
+Verwaltungsdienst und zum Notarberuf erfolgte,<a name=
+"FNanchor_282"></a><a href="#Footnote_282"><sup>282</sup></a> Die
+Universit&auml;t, die ihnen erst 1880 er&ouml;ffnet wurde,
+l&auml;&szlig;t sie heute zu jedem Studium und zu allen
+Pr&uuml;fungen zu, ebenso sind die Gymnasien ihnen ge&ouml;ffnet.
+Apothekerinnen und Aerztinnen, Gymnasiallehrerinnen und
+Schulinspektorinnen sind schon lange eine gewohnte Erscheinung. Im
+Post- und Telegraphendienst befinden sich Frauen in Norwegen und
+Schweden schon seit 1857 resp. 1860.</p>
+
+<p>D&auml;nemark steht hinter den genannten L&auml;ndern
+zur&uuml;ck. Zwar l&auml;&szlig;t die Universit&auml;t Kopenhagen
+seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu, Aerztinnen sind den
+Aerzten gleichgestellt, und die Schulbeh&ouml;rden haben weibliche
+Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und der
+Staat stellt nur selten weibliche Beamte an.</p>
+
+<p>Ein &auml;hnliches Verh&auml;ltnis besteht in Belgien, wo sogar
+die Aerztinnen ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen k&ouml;nnen.
+Besonders gut eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und
+landwirtschaftliche Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat
+dadurch unterst&uuml;tzt wird, da&szlig; landwirtschaftliche
+Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und Leitung
+praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen
+heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf k&auml;mpfen bisher
+die Frauen unter F&uuml;hrung der Juristin Marie Popelin um
+Zulassung zur Advokatur.<a name="FNanchor_283"></a><a href=
+"#Footnote_283"><sup>283</sup></a></p>
+
+<p>Weit gr&ouml;&szlig;ere Fortschritte hat die holl&auml;ndische
+Frauenbewegung zu verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche
+Ausbildung genie&szlig;en die Frauen genau dieselben Vorteile wie
+die M&auml;nner. Auch die Gymnasien besuchen Knaben und
+M&auml;dchen gemeinsam. Ebenso ist kein wissenschaftlicher Beruf
+ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die
+weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Fr&auml;ulein Dr. von
+Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die
+Universit&auml;t Utrecht berufen. Unter den drei von der
+Kommunal-Verwaltung Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine
+Frau, und die medizinische Examinationskommission hat seit 1898
+auch ein weibliches Mitglied. Im Staatsdienst steht au&szlig;erdem
+eine Assistentin der Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings
+erst das Ergebnis einer sehr langen Agitation gewesen ist.</p>
+
+<p>Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universit&auml;tsstudium
+zulie&szlig;, ist ihrem frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu
+geblieben. Zun&auml;chst spricht die steigende Verwendung von
+Lehrerinnen daf&uuml;r: seit 1871 haben sie um 87 Proz., die Lehrer
+nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch st&auml;rkeren Beweis liefert
+der Umstand, da&szlig; die Frauen nicht nur als Schulr&auml;te,
+Schulinspektoren, Armenpfleger und,&mdash;wenn auch vorl&auml;ufig
+in geringem Umfang,&mdash;als Arbeitsinspektoren th&auml;tig sind,
+sondern da&szlig; ihnen auch das Recht gew&auml;hrt wurde,
+Lehrst&uuml;hle der Universit&auml;ten einzunehmen, sowie seit 1899
+als Rechtsanw&auml;lte zu praktizieren.</p>
+
+<p>Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht
+verleugnet. Wie im Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche
+Dozenten an den Universit&auml;ten, die den weiblichen Studenten
+nie verschlossen waren, und in denen sie seit 1890 den
+m&auml;nnlichen in jeder Beziehung gleichstehen. Die
+Knabengymnasien werden auch von M&auml;dchen besucht,
+au&szlig;erdem existieren noch besondere M&auml;dchengymnasien mit
+dem gleichen Lehrplan, von denen das erste 1891 vom
+Kultusministerium in Rom er&ouml;ffnet wurde. Schon 1868 stellte
+der Staat die erste Schulinspektorin an<a name=
+"FNanchor_284"></a><a href="#Footnote_284"><sup>284</sup></a>;
+heute sind doppelt soviel Lehrerinnen als Lehrer th&auml;tig und
+wirken sowohl an Knaben- wie an M&auml;dchenschulen. Aerztinnen und
+Apothekerinnen stehen den M&auml;nnern v&ouml;llig gleich. Nur um
+die Zulassung zur Advokatur k&auml;mpfen die Frauen, seitdem Laida
+Po&euml;t, nach gl&auml;nzend absolviertem Doktorexamen, energisch
+daf&uuml;r eintrat<a name="FNanchor_285"></a><a href=
+"#Footnote_285"><sup>285</sup></a>, bis heute ebenso vergebens wie
+in Belgien, und im Staatsdienst stehen, au&szlig;er den Post- und
+Telegraphenbeamtinnen, nur wenige Frauen.</p>
+
+<p>Unter den romanischen L&auml;ndern sind Spanien und Portugal die
+zur&uuml;ckgebliebensten, obwohl auch ihre Universit&auml;ten, zum
+Teil sogar seit Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt
+jedoch an den Mitteln zur n&ouml;tigen Vorbildung. In Spanien sind
+auch die h&ouml;heren Berufe den Frauen verschlossen, w&auml;hrend
+in Portugal weibliche Aerzte praktizieren d&uuml;rfen.<a name=
+"FNanchor_286"></a><a href="#Footnote_286"><sup>286</sup></a>
+Selbst die T&uuml;rkei, wo ein M&auml;dchengymnasium besteht,
+gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und
+lie&szlig; sie bereits ein Jahr fr&uuml;her zur &auml;rztlichen
+Praxis zu. Griechenland, Serbien und Rum&auml;nien gew&auml;hren
+den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf fast v&ouml;llig gleiche
+Rechte mit den M&auml;nnern. Rum&auml;nien l&auml;&szlig;t sie zu
+den Lehrst&uuml;hlen der Universit&auml;t und zur Advokatur zu.<a
+name="FNanchor_287"></a><a href="#Footnote_287"><sup>287</sup></a>
+Erkl&auml;ren l&auml;&szlig;t sich diese, f&uuml;r die kulturell im
+allgemeinen zur&uuml;ckgebliebenen L&auml;nder merkw&uuml;rdige
+Erscheinung dadurch, da&szlig; der Zudrang zum Studium und zu den
+wissenschaftlichen Berufen seitens der M&auml;nner kein
+gro&szlig;er ist, und man nicht nur die L&uuml;cken durch Frauen
+ausf&uuml;llen, sondern auch durch ihren Wettbewerb die Leistungen
+der M&auml;nner steigern will. Hierzu kommt, da&szlig; weibliche
+Aerzte gerade in muhamedanischen Bev&ouml;lkerungen, wo die kranken
+Frauen jeder &auml;rztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von
+M&auml;nnern ausging, einem dringenden Bed&uuml;rfnis
+entsprechen.</p>
+
+<p>Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig fr&uuml;h entschlossen, Aerztinnen
+anzustellen, obwohl seine Stellung zur Frauenbewegung damals noch
+eine reaktion&auml;re war. 1890 wurde die erste Aerztin, Dr.
+Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere folgten. Sie
+stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den m&auml;nnlichen
+Aerzten v&ouml;llig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch nur
+auf nicht-&ouml;sterreichischen Universit&auml;ten nachgehen.
+Obwohl bereits im Jahre 1878 die ersten Frauen als G&auml;ste
+einzelnen Vorlesungen an &ouml;sterreichischen Universit&auml;ten
+beiwohnen durften, wurden sie erst seit 1897 als Studentinnen zu
+den Vorlesungen und Pr&uuml;fungen der philosophischen
+Fakult&auml;t zugelassen, w&auml;hrend sie offiziell weder Medizin
+studieren noch darin gepr&uuml;ft werden konnten. Erst neuerdings
+ist es ihnen erm&ouml;glicht worden; es steht sogar zu erwarten,
+da&szlig; das Studium der Jurisprudenz ihnen an allen
+Universit&auml;ten gestattet wird. G&uuml;nstiger stellt sich die
+Frage des Universit&auml;tsstudiums der Frauen in Ungarn, wo sie
+1896 an der Universit&auml;t Budapest zu allen Fakult&auml;ten
+zugelassen wurden.<a name="FNanchor_288"></a><a href=
+"#Footnote_288"><sup>288</sup></a> Die Vorbereitung zur
+Universit&auml;t ist die Aufgabe einer Anzahl privater
+M&auml;dchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in Prag,
+Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die z&auml;he
+Agitation verschiedener Frauenvereine zur&uuml;ckzuf&uuml;hren
+sind.</p>
+
+<p>Die Berufsth&auml;tigkeit der &ouml;sterreichischen Frauen, die
+sich besonders im letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat,
+beschr&auml;nkt sich trotzdem nur auf wenige Berufe. Zwar steht
+ihnen die &auml;rztliche Laufbahn offen, in Ungarn sind sie auch
+zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden sich die
+meisten erwerbsuchenden Frauen aus b&uuml;rgerlichen Kreisen noch
+dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich
+nach und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach
+auch die Knabenklassen, weiblichen Lehrkr&auml;ften anzuvertrauen.
+Seit kurzem&mdash;1899&mdash;hat Galizien den Anfang gemacht,
+Frauen auch in den Bezirksschulrat aufzunehmen,&mdash;ein Vorgehen,
+das von den &uuml;brigen L&auml;ndern der
+&ouml;sterreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden
+d&uuml;rfte. Im Staats- und Gemeindedienst stehen, au&szlig;er den
+Volksschullehrerinnen, die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren
+Zulassung erst nach hartem Kampf mit den m&auml;nnlichen Kollegen
+erfolgte, eine Anzahl Gerichtssachverst&auml;ndige und Bureaubeamte
+in untergeordneten Stellungen.</p>
+
+<p>Noch ein Blick auf die au&szlig;ereurop&auml;ischen L&auml;nder
+vollende die Uebersicht: in Australien genie&szlig;en die Frauen
+fast &uuml;berall die gleichen Rechte auf Bildung und Beruf wie die
+M&auml;nner. Sie stehen als Fabrik- und Schulinspektoren, als
+Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als Aerzte,
+Anw&auml;lte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien
+k&ouml;nnen sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in
+Asien hat die Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche
+Aerzte und Rechtsanw&auml;lte sind in Indien, dessen
+Universit&auml;ten den Frauen offen stehen, keine Seltenheit.
+Neuerdings nimmt auch die japanische Universit&auml;t Studentinnen
+auf und die Gr&uuml;ndung einer eigenen Frauenhochschule steht in
+Aussicht. Im japanischen Postdienst finden Frauen Verwendung. China
+hat k&uuml;rzlich ein M&auml;dchengymnasium gegr&uuml;ndet und an
+der Universit&auml;t Peking dozieren weibliche Professoren. Der
+Negus von Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen
+an ihren Hof berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung
+die Ideen der Frauenbewegung.</p>
+
+<p>Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich
+zur&uuml;ckgestellt haben, damit es sich um so deutlicher,
+gleichsam wie ein dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von
+der vorgeschrittenen Entwicklung der &uuml;brigen L&auml;nder
+abhebe.</p>
+
+<p>Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zun&auml;chst
+allein durch die Organisation der Frauen bezeichnet. F&uuml;r die
+deutsche Frau, die mehr als irgend eine andere an die Familie, an
+das Haus gebunden gewesen war, erschien die Gr&uuml;ndung von
+Frauenvereinen an sich schon als ein bedeutsames Ereignis.
+Da&szlig; es einem Bed&uuml;rfnis entsprach, bewies das zahlreiche
+ins Leben treten von Verb&auml;nden im Anschlu&szlig; an den
+Allgemeinen deutschen Frauenverein und an den Letteverein.
+Einesteils dr&auml;ngte das von Sorgen und Zweifeln &uuml;bervolle
+Frauenherz nach Aussprache, andererseits trieben die traurigen
+Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse Tausende auf die Suche nach Arbeit.
+Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die Spitze eines
+Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten, deren
+Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gem&auml;&szlig;igte
+Sprache f&uuml;hrte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein
+konnte f&uuml;r sich und seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen
+Bahnen" ins Leben rufen, das etwas energischer auftrat. Auf eine
+bessere Ausbildung der M&auml;dchen versuchten beide zun&auml;chst
+einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie sie in Berlin,
+Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden<a name=
+"FNanchor_289"></a><a href="#Footnote_289"><sup>289</sup></a>,
+wurden auch anderw&auml;rts eingerichtet, um die M&auml;dchen vor
+allem zum kaufm&auml;nnischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten
+ihr Entstehen jedoch fast ausschlie&szlig;lich privater
+Unterst&uuml;tzung. Staat und Kommunalverwaltungen verhielten sich
+ganz ablehnend. Noch schroffer war ihre Haltung, sobald die Frage
+der wissenschaftlichen Erziehung der M&auml;dchen an sie herantrat.
+Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den bestehenden Gymnasien
+gefordert<a name="FNanchor_290"></a><a href=
+"#Footnote_290"><sup>290</sup></a>; der Allgemeine deutsche
+Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner
+Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die
+Gr&uuml;ndung von Realgymnasien f&uuml;r M&auml;dchen
+bef&uuml;rwortete. Aber nicht nur au&szlig;erhalb, auch innerhalb
+des Vereins gab es noch &auml;ngstliche Gem&uuml;ter genug, die um
+die Gef&auml;hrdung der Weiblichkeit zitterten, oder die
+Bestrebungen der Frauen mit Hohn und Spott
+&uuml;bersch&uuml;tteten. Unter den Politikern, wie unter den
+M&auml;nnern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer
+Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von
+M&auml;dchengymnasien wurde mit Entr&uuml;stung
+zur&uuml;ckgewiesen<a name="FNanchor_291"></a><a href=
+"#Footnote_291"><sup>291</sup></a>, und Heinrich von Sybel machte
+sich zum Wortf&uuml;hrer der Gegner des Frauenstudiums, indem er
+sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort von
+dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein,
+schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der
+Frauenbewegung mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde
+f&uuml;hren. Ganz blind konnte jedoch selbst er nicht an den
+thats&auml;chlichen Verh&auml;ltnissen vor&uuml;bergehen, die es
+vielen Frauen unm&ouml;glich machten, ihren "einzigen Beruf" zu
+erf&uuml;llen und so entschlo&szlig; er sich zu der Inkonsequenz,
+der Unverheirateten wegen, die Einrichtung von
+naturwissenschaftlichen, medizinischen und kaufm&auml;nnischen
+Schulen f&uuml;r w&uuml;nschenswert zu erkl&auml;ren.<a name=
+"FNanchor_292"></a><a href="#Footnote_292"><sup>292</sup></a></p>
+
+<p>Eine &auml;hnliche Stimmung zeigte sich &uuml;berall: man gab
+die Notwendigkeit besserer M&auml;dchenerziehung zu, aber man
+h&uuml;tete sich &auml;ngstlich, sich einzugestehen, wodurch sie
+verursacht wurde. Charakteristisch hierf&uuml;r waren die
+Verhandlungen der T&ouml;chterlehrerversammlung in Weimar 1872.
+Eine Neuorganisation des h&ouml;heren M&auml;dchenschulwesens,
+sogar ihre gesetzliche Regelung wurde allgemein gew&uuml;nscht, die
+Erwerbsfrage aber feige verleugnet und ausdr&uuml;cklich bestimmt,
+da&szlig; die M&auml;dchenschule die Teilnahme an der allgemeinen
+Geistesbildung den Frauen erm&ouml;glichen solle, ihre Gestaltung
+aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des Weibes
+R&uuml;cksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein f&uuml;r das
+h&ouml;here M&auml;dchenschulwesen, der ein Jahr sp&auml;ter ins
+Leben trat, fu&szlig;te auf diesen Grunds&auml;tzen, und als sich
+im selben Jahre das preu&szlig;ische Unterrichtsministerium
+entschlo&szlig;, sich mit der Frage zu besch&auml;ftigen, stellte
+es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der Frauenbewegung
+insofern eine Konzession, als es erkl&auml;rte, da&szlig; die
+Vorbildung f&uuml;r k&uuml;nftige Berufsarbeit besonderen
+Einrichtungen vorbehalten werden m&uuml;sse. Solche Einrichtungen
+zu treffen, sollte jedoch ganz der privaten Initiative
+&uuml;berlassen bleiben. Eine Ausl&auml;nderin, Mi&szlig; Archer,
+war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter dem
+Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der
+M&auml;dchen, die die Schule absolviert hatten, sich
+wissenschaftlich weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre sp&auml;ter
+wurde die Humboldt-Akademie in Berlin zu &auml;hnlichem Zweck
+gegr&uuml;ndet, ohne da&szlig; beide zun&auml;chst praktische
+Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten zu
+keinerlei Pr&uuml;fung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die
+Agitation der Frauen f&uuml;r ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie
+beschr&auml;nkte sich fast nur auf die Th&auml;tigkeit innerhalb
+der Vereine. Dagegen setzte die litterarische Fehde seit Sybels
+Auftreten ihr F&uuml;r und Wider lebhaft fort. Die streitbare Feder
+Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger Jahre in den Dienst der
+Frauenbewegung<a name="FNanchor_293"></a><a href=
+"#Footnote_293"><sup>293</sup></a>, w&auml;hrend die milde Luise
+B&uuml;chners durch R&uuml;cksichtnahme auf Tradition und Vorurteil
+die Leser zu gewinnen suchte<a name="FNanchor_294"></a><a href=
+"#Footnote_294"><sup>294</sup></a>. So wurde zwar die
+Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Frauenfrage gelenkt, aber
+von &ouml;ffentlichem Interesse war sie nicht.</p>
+
+<p>Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine
+lebhaftere Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts
+der Frauen. Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der au&szlig;erdem seine
+Kr&auml;fte vielfach verzettelte, wurde der Verein
+Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung von
+M&auml;dchengymnasien und Er&ouml;ffnung von Universit&auml;ten zu
+seinem ausschlie&szlig;lichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die
+Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine
+Petition um Zulassung zu den Maturit&auml;tspr&uuml;fungen der
+Gymnasien und dem Studium an den Hochschulen versandte. Inzwischen
+war auch der Allgemeine deutsche Frauenverein lebendiger geworden;
+er reichte im selben Jahre allen Kultusministerien Deutschlands ein
+Gesuch ein, wonach das Studium der Medizin, sowie alle Studien und
+Pr&uuml;fungen, durch welche die M&auml;nner die Bef&auml;higung
+zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen freigegeben
+werden m&ouml;chten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten,
+gaben die Stimmung Deutschlands gegen&uuml;ber den Frauen zu einer
+Zeit, wo sie in fast allen Kulturl&auml;ndern studieren, als
+Aerztinnen oder Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige
+Staats&auml;mter ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder:
+dem Verein Frauenbildungs-Reform gegen&uuml;ber erkl&auml;rten sich
+die Einzelstaaten nicht kompetent zur L&ouml;sung der Frage, der
+Reichstag aber verwies wieder an die Einzelstaaten, und der
+Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7 Staaten eine
+ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung kam der
+Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das Recht
+erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine offizielle
+Pr&uuml;fungsbeh&ouml;rde examinieren lie&szlig;.</p>
+
+<p>Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen
+unter dem Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gr&uuml;ndung
+von Realkursen f&uuml;r M&auml;dchen entschlo&szlig;, aus denen
+einige Jahre sp&auml;ter unter der Leitung von Helene Lange
+Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und energischen
+Agitation war es auch zu danken, da&szlig; endlich, 1893, die
+Zulassung zum Abiturientenexamen den M&auml;dchen gestattet wurde.
+Die Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,&mdash;nur die
+Gymnasien von Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch
+weibliche Sch&uuml;ler auf,&mdash;man sah sich daher wieder auf
+Selbsthilfe angewiesen. Allm&auml;hlich entstanden in einer Reihe
+deutscher Gro&szlig;st&auml;dte Gymnasien nach dem Muster der
+Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die M&auml;dchen nur nach der
+absolvierten T&ouml;chterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild.
+Von gro&szlig;er Bedeutung war es, da&szlig; die Stadt Karlsruhe
+das Gymnasium schlie&szlig;lich selbst &uuml;bernahm, es schien
+gewisserma&szlig;en die &ouml;ffentliche Sanktion der bisher
+privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die St&auml;dte
+M&uuml;nchen und Breslau gingen noch weiter, indem sie
+M&auml;dchengymnasien selbst&auml;ndig errichten wollten. Aber die
+Erlaubnis wurde ihrem staatsgef&auml;hrlichen Beginnen versagt! Der
+damalige preu&szlig;ische Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug
+auf das Breslauer Unternehmen von einem Fl&auml;mmchen, das er
+ersticken m&uuml;sse, ehe es zur verheerenden Flamme werde. Und das
+geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Ru&szlig;land schon 30
+Jahre lang staatliche M&auml;dchengymnasien besa&szlig;, und China
+im Begriffe stand, das erste zu gr&uuml;nden! Da&szlig; die Haltung
+der Regierung und der Volksvertretung gegen&uuml;ber der Forderung
+der Zulassung der Frauen zu den Universit&auml;ten keine
+freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung daf&uuml;r keine
+Unterst&uuml;tzung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die
+erste Petition um Freigabe des &auml;rztlichen Studiums im
+deutschen Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein
+revolution&auml;rer Akt betrachtet. "Das deutsche Weib", "die
+deutsche Familie", "die deutsche Sittsamkeit", wurden mit
+gro&szlig;em Aufwand an Pathos ihr gegen&uuml;ber verteidigt. Nur
+die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit
+nachdr&uuml;cklichem Ernst f&uuml;r die Sache der Frauen ein<a
+name="FNanchor_295"></a><a href=
+"#Footnote_295"><sup>295</sup></a>,&mdash;gef&auml;hrliche
+Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die
+Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die
+Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter
+liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber
+blieb dasselbe: die W&uuml;nsche der Frauen wurden durch einfachen
+Uebergang zur Tagesordnung erledigt.<a name="FNanchor_296"></a><a
+href="#Footnote_296"><sup>296</sup></a></p>
+
+<p>Seitdem hat eine Aenderung der Verh&auml;ltnisse sich im stillen
+vorbereitet. Die Universit&auml;ten fingen an, Frauen als
+Hospitantinnen zuzulassen, zun&auml;chst&mdash;wahrscheinlich aus
+Ehrfurcht vor dem "deutschen Weibe"&mdash;wesentlich
+Ausl&auml;nderinnen, von denen einige sogar deutsche Doktordiplome
+erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die Erfahrungen, die man
+machte, mu&szlig;ten keine schlechten sein, denn, obwohl die
+Aufnahme weiblicher H&ouml;rer von dem Wohlwollen jedes Dozenten
+abhing, steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar
+lie&szlig;en, im Unterschied zu anderen L&auml;ndern, Professoren
+aller Fakult&auml;ten, auch der theologischen, Frauen zu ihren
+Vorlesungen zu. Aber einen praktischen Wert besa&szlig; ihr Studium
+insofern nicht, als sie immer nur geduldet und nicht gepr&uuml;ft
+wurden. Erst im Jahr 1899 beschlo&szlig; der Bundesrat die
+Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und
+pharmazeutischen Staatspr&uuml;fungen. Gegenw&auml;rtig hat er auf
+Antrag des Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere
+Zugest&auml;ndnisse zu machen, indem ihnen die Studienzeit auf
+ausl&auml;ndischen Universit&auml;ten,&mdash;auf die sie bisher
+allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen
+abschlie&szlig;en,&mdash;bei der Meldung zur deutschen
+Staatspr&uuml;fung voll angerechnet werden soll. Das ist f&uuml;r
+Deutschland ein gro&szlig;er Fortschritt, auch wenn man in Betracht
+zieht, da&szlig; in Italien schon seit zehn Jahren weibliche
+Dozenten der Medizin Lehrst&uuml;hle der Universit&auml;ten
+bekleiden, Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die
+T&uuml;rkei gar um f&uuml;nf Jahre voraus ist, und in Ru&szlig;land
+schon seit nahezu 18 Jahren die Staatspr&uuml;fungen den Frauen
+offen stehen.</p>
+
+<p>Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der
+deutschen Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg
+gew&auml;hrten ihnen volles akademisches B&uuml;rgerrecht.</p>
+
+<p>Nach alledem sind die deutschen T&ouml;chter der Bourgeoisie auf
+folgende Bildungsm&ouml;glichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen
+neben Privatinstituten 580 h&ouml;here M&auml;dchenschulen offen,
+im Gegensatz zu 850 h&ouml;heren Knabenschulen, die aber nur
+gehobene Elementarschulen und im preu&szlig;ischen Etat z.B. den
+Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17 staatlich. Sie
+k&ouml;nnen ferner M&auml;dchengymnasien, die, bis auf eins, unter
+privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen
+Zulassung finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so
+stehen ihnen in Deutschland 114 Seminare zur Verf&uuml;gung.
+Charakteristisch ist, da&szlig; in Preu&szlig;en allein 112
+Staatsseminare f&uuml;r M&auml;nner und&mdash;10 f&uuml;r Frauen
+gez&auml;hlt werden. Das Oberlehrerinnenexamen k&ouml;nnen sie auf
+Grund ihrer Studien am Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie
+oder in den von G&ouml;ttingen eingerichteten Fortbildungskursen
+machen. Nur an zwei Universit&auml;ten k&ouml;nnen sie mit gleichen
+Rechten wie die M&auml;nner studieren und nur das medizinische
+Doktorexamen steht ihnen offiziell &uuml;berall offen. Die
+staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht
+anders als die Mehrzahl der Universit&auml;ten.</p>
+
+<p>Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die
+Vorbereitung weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen
+auch hier fast ausschlie&szlig;lich privater Initiative ihren
+Ursprung und ihr Bestehen verdanken. Neben den Handels- und
+Gewerbeschulen sind neuerdings, nach dem Muster Englands, auch
+Gartenbauschulen f&uuml;r Frauen entstanden.</p>
+
+<p>Das tr&uuml;be Bild, das wir entwerfen mu&szlig;ten und das auf
+einen au&szlig;erordentlich langsamen zaghaften Fortschritt
+schlie&szlig;en l&auml;&szlig;t, wird noch um vieles tr&uuml;ber,
+wenn wir von dem Kampf um Ausbildung f&uuml;r das Berufsleben zum
+Kampf um die Berufe selbst &uuml;bergehen.</p>
+
+<p>Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit
+Erfolg im Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf
+bez&uuml;gliche erste Petition des Allgemeinen deutschen
+Frauenvereins im Reichstag des Norddeutschen Bundes nichts als
+schallende Heiterkeit<a name="FNanchor_297"></a><a href=
+"#Footnote_297"><sup>297</sup></a>, die sich f&uuml;nf Jahre
+sp&auml;ter, unter F&uuml;hrung des Staatssekret&auml;rs von
+Stephan wiederholte<a name="FNanchor_298"></a><a href=
+"#Footnote_298"><sup>298</sup></a>, und nur insofern einen
+Fortschritt in der Stimmung zum Ausdruck brachte, als sie dem
+Reichskanzler zur Ber&uuml;cksichtigung &uuml;berwiesen wurde.
+Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um Zulassung der Frauen
+zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war ein leiser, aber
+anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken, und so wurden
+in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die
+Erwerbsm&ouml;glichkeiten in eingehende Erw&auml;gung gezogen. Der
+B&ouml;rsenkrach von 1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von
+Frauen und M&auml;dchen dazu, sich nach einem Beruf, der sie
+ern&auml;hren konnte, umzusehen. Man petitionierte bei den
+verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von
+Lehrerinnen, man gr&uuml;ndete&mdash;im Allgemeinen deutschen
+Frauenverein&mdash;einen Stipendienfonds, um arme M&auml;dchen im
+Ausland studieren zu lassen, man sprach zum erstenmal davon,
+da&szlig; Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-, Armen- und
+Arbeitsh&auml;usern, in Gef&auml;ngnissen und bei der Sittenpolizei
+Verwendung finden m&uuml;&szlig;ten, ohne nat&uuml;rlich den
+geringsten positiven Erfolg zu haben. In der Not verstieg man sich
+sogar dazu, den "wohlerzogenen" M&auml;dchen den Beruf der
+Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein angenehmes und besonders
+eintr&auml;gliches sei".<a name="FNanchor_299"></a><a href=
+"#Footnote_299"><sup>299</sup></a> Thats&auml;chlich wandten sich
+auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie
+Arbeiten zu, die ihnen f&uuml;r Haus und Familie schon gewohnt
+waren und die sie nun ern&auml;hren, oder&mdash;der h&auml;ufigste
+Fall&mdash;ihre finanzielle Lage verbessern sollten. Dem deutschen
+Philister war solch ein Vorgehen, das Weib und Tochter nicht dem
+"trauten Heim" entri&szlig;, sympathisch; k&auml;mpfte er doch
+sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon lange
+ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich
+weniger Vorurteil und Sentimentalit&auml;t, als
+Konkurrenzfurcht.&mdash;Die Differenzen zwischen Lehrern und
+Lehrerinnen traten zuerst im Verein f&uuml;r das h&ouml;here
+M&auml;dchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere
+Kreise. Die M&auml;nner wollten die Th&auml;tigkeit des weiblichen
+Erziehers wom&ouml;glich nur auf die Elementarf&auml;cher
+beschr&auml;nken, w&auml;hrend die Frauen, gereizt durch diese
+Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen, und den ganzen
+M&auml;dchenunterricht in die H&auml;nde bekommen wollten, indem
+sie sich nat&uuml;rlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit,
+Weiblichkeit und wie die sch&ouml;nen Worte alle hei&szlig;en, die
+dem Deutschen besonders gel&auml;ufig sind, beriefen. Dieser Streit
+spitzte sich zu, als der Verein f&uuml;r h&ouml;here
+M&auml;dchenschulen darum petitionierte, da&szlig; die Leitung
+solcher Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen
+dagegen dem Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach
+der Unterricht in der Mittel- und Oberstufe haupts&auml;chlich den
+Frauen &uuml;berlassen werden sollte. Erst nach fast
+zwanzigj&auml;hrigem Kampf bestimmte das preu&szlig;ische
+Kultusministerium die st&auml;rkere Verwendung weiblicher
+Lehrkr&auml;fte und die Anstellung von Oberlehrerinnen f&uuml;r die
+Oberstufe.<a name="FNanchor_300"></a><a href=
+"#Footnote_300"><sup>300</sup></a> Dieser Erfolg war
+gro&szlig;enteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst
+zu danken, die sich unter Leitung von Fr&auml;ulein Helene Lange
+1890 zu einem Verein zusammengeschlossen hatten, der heute
+&uuml;ber elftausend Mitglieder z&auml;hlt. Trotz seiner
+numerischen St&auml;rke, die allerdings zu der Gesamtzahl der
+deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mi&szlig;verh&auml;ltnis
+steht, ist die Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster
+Erfolg geblieben, der noch dadurch beeintr&auml;chtigt wurde,
+da&szlig; die W&uuml;nsche der M&auml;nner von der Regierung
+insofern Ber&uuml;cksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht
+selbst&auml;ndige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor
+als oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.</p>
+
+<p>Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die
+Tradition f&uuml;r sich hat, war bis in die neueste Zeit die
+Stellung der deutschen Bourgeoisie der Aerztin gegen&uuml;ber. Sie
+konnte zwar, dank der Gewerbefreiheit, nicht an der Aus&uuml;bung
+ihres Berufs gehindert werden, aber sie rangierte unter den
+Kurpfuschern, und jede &ouml;ffentliche Stellung war ihr nicht nur
+verschlossen, sie war auch st&auml;ndig der Gefahr ausgesetzt, auf
+Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot gebracht zu
+werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl wie an
+die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und die
+Gleichstellung der weiblichen mit den m&auml;nnlichen Aerzten
+w&uuml;nschten. Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000
+Unterschriften. Aber die Regierung sowohl als die Majorit&auml;t
+des Reichstags sprach sich gegen sie aus. Wie in der Frage des
+Studiums, so stellte sich auch in dieser Berufsfrage die
+sozialdemokratische Partei allein r&uuml;ckhaltlos auf die Seite
+der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche
+Liberalismus seinen revolution&auml;ren Geist und seine
+demokratischen Ideen so sehr eingeb&uuml;&szlig;t, da&szlig; er die
+Vertretung liberaler Forderungen mehr und mehr der Sozialdemokratie
+&uuml;berlie&szlig;. So kam es, da&szlig; zu einer Zeit, wo die
+Frage der Zulassung der Frauen zum &auml;rztlichen Beruf in
+Amerika, England, Frankreich, Ru&szlig;land und Oesterreich soweit
+entschieden war, da&szlig; sie sogar im Staatsdienst Verwendung
+fanden, in Deutschland ihre L&ouml;sung zu Gunsten der Frauen wie
+ein revolution&auml;rer Akt gef&uuml;rchtet wurde. So kam es aber
+auch, da&szlig; die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden"
+Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und
+zahllose von ihren V&auml;tern, M&auml;nnern und Br&uuml;dern
+abh&auml;ngige Frauen sich entweder ganz von ihr zur&uuml;ckzogen,
+oder so vorsichtig und zur&uuml;ckhaltend in ihren W&uuml;nschen
+wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets
+gewesen ist.</p>
+
+<p>Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen
+Nationalverbandes gegr&uuml;ndete Bund deutscher Frauenvereine
+wirkte, so b&uuml;rgerlich &auml;ngstlich er auch auftrat, doch
+belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an der gro&szlig;en
+Organisation&mdash;er umfa&szlig;t heute 131 Vereine&mdash;einen
+R&uuml;ckhalt hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur
+noch heftiger herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis
+daf&uuml;r ist die Haltung der Aerzte gegen&uuml;ber den
+Anspr&uuml;chen, die die Frauen auf Eintritt in ihren Beruf
+erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der
+die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das
+ohne weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker,
+indem sie die Verh&auml;ltnisse im Ausland unrichtig darstellten,
+um ihre Ansicht zu unterst&uuml;tzen.<a name="FNanchor_301"></a><a
+href="#Footnote_301"><sup>301</sup></a> Zu einem gemeinsamen
+Vorgehen gestalteten sich die Verhandlungen und Beschl&uuml;sse des
+26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden 1898, wo im Anschlu&szlig; an
+Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material beruhendem Referat
+gegen die Zulassung der Frauen zur &auml;rztlichen
+Berufsth&auml;tigkeit Beschlu&szlig; gefa&szlig;t wurde,&mdash;im
+selben Jahr, als der gro&szlig;e englische Verein der Mediziner
+Mrs. Garrett-Anderson zu seiner Pr&auml;sidentin erw&auml;hlte!
+Einen &auml;hnlichen, in schroffster Form ausgedr&uuml;ckten
+Beschlu&szlig; fa&szlig;te zu gleicher Zeit der deutsche
+Apothekerverein, w&auml;hrend ein Jahr fr&uuml;her der belgische
+Pharmazeutenkongre&szlig; zu Mons genau das Gegenteil erkl&auml;rt
+hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule f&uuml;r
+Frauen gr&uuml;ndete und in Holland bereits seit 30 Jahren
+weibliche Apotheker th&auml;tig waren! Aber das war noch nicht
+alles. 1899 weigerte sich der Kongre&szlig; deutscher
+Zahn&auml;rzte, eine Berufskollegin als Teilnehmerin aufzunehmen,
+und der Berliner &auml;rztliche Standesverein denunzierte den
+Hilfsverein f&uuml;r weibliche Angestellte, weil er es gewagt
+hatte, f&uuml;r seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte
+anzustellen. Infolgedessen befahl das Polizeipr&auml;sidium die
+Streichung der Aerztinnen aus der Liste. Damit aber auch die alten
+Aerzte sicher sein konnten, nicht auszusterben, erlie&szlig;en die
+Kliniker in Halle einen fulminanten Protest "im Interesse der
+Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung von Frauen an
+klinischen Vorlesungen; schlie&szlig;lich kamen diese Ansichten im
+Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische
+Sachverst&auml;ndigen-Konferenz die Frage der Zulassung des
+weiblichen Geschlechts zum &auml;rztlichen Beruf noch nicht
+f&uuml;r spruchreif erkl&auml;rte&mdash;nachdem seit &uuml;ber
+zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika, Australien, England,
+Ru&szlig;land praktizierten, und der Negus von Abessinien und der
+Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus
+waren, da&szlig; sie Leib- und Haus&auml;rztinnen ernannten.</p>
+
+<p>Diese l&auml;cherlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die
+Bewegung, vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in
+Deutschland th&auml;tigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin
+Fr&auml;ulein Dr. Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer
+gro&szlig;en Praxis. Die Lebensversicherungsgesellschaften stellen
+sie mehr und mehr in ihren Dienst, und die Krankenkassen, die sich
+auf ihrer Generalversammlung 1899 einstimmig zu ihren Gunsten
+aussprachen, setzten es durch, da&szlig; ihre Anstellung offiziell
+genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine Anzahl Aerztinnen
+in Krankenh&auml;usern und Sanatorien. K&uuml;rzlich hat auch die
+Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit
+einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegr&uuml;ndete
+und geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den
+Hospit&auml;lern Amerikas und Englands, aber sicher eine
+g&uuml;nstige Entwicklung haben wird. Durch die Zulassung der
+Studentin zu den Staatspr&uuml;fungen d&uuml;rfte die
+Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gel&ouml;st sein.</p>
+
+<p>Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet
+der Berufsth&auml;tigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind
+minimal, wenn wir sie im Lichte der ausl&auml;ndischen Entwicklung
+betrachten: Seit kurzem werden hie und da weibliche Inspizienten
+des Handarbeitsunterrichts angestellt, den bisher M&auml;nner zu
+begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen machen den Versuch
+mit der Besch&auml;ftigung von Armen- und Waisenpflegerinnen; in
+Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der h&ouml;heren
+M&auml;dchenschule berufen; auch in st&auml;dtischen
+Arbeitsvermittlungen sind zuweilen Frauen th&auml;tig. Im
+Staatsdienst stehen, neben den Post-, Telegraph- und
+Telephonbeamtinnen, Gef&auml;ngnisaufseherinnen in untergeordneten
+Stellungen und einige Gerichtssachverst&auml;ndige und Dolmetscher;
+neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der
+Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an
+Universit&auml;tsinstituten sind gleichfalls auch Frauen
+th&auml;tig. Weit wichtiger ist die nach langer hartn&auml;ckiger
+Agitation endlich erfolgte Anstellung weiblicher Assistenten der
+Fabrikinspektoren in Bayern, W&uuml;rttemberg, Baden, Hessen,
+Sachsen-Coburg-Gotha und schlie&szlig;lich auch in Preu&szlig;en.
+Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den
+Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der
+Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten
+unterst&uuml;tzte Forderung mit Gel&auml;chter aufgenommen, etwas
+sp&auml;ter entschlo&szlig; man sich zu ernster Er&ouml;rterung,
+begr&uuml;ndete aber die ablehnende Haltung mit
+den&mdash;Mi&szlig;erfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und
+besonders in Amerika, w&auml;hrend ihre Existenz in Frankreich
+&uuml;berhaupt angezweifelt wurde. Als schlie&szlig;lich auch die
+Liberalen der Sache Verst&auml;ndnis entgegenbrachten, wurde sie
+von den Konservativen bek&auml;mpft, als gelte es, die Grundlagen
+des Staates zu sch&uuml;tzen. Man sprach sogar von Seiten der
+Regierung die Bef&uuml;rchtung aus, die weiblichen Beamten
+k&ouml;nnten zu sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im
+s&auml;chsischen Landtag erkl&auml;rte ein Abgeordneter die
+Standesehre der Fabrikanten durch ihre Anstellung f&uuml;r
+verletzt, und als im M&auml;rz 1899 die Frage dem preu&szlig;ischen
+Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten
+betont, da&szlig; nur ein Versuch gemacht werden solle und die
+Frauen auf keinen Fall selbst&auml;ndig sein, sondern nur als
+"Beamte zweiter Kategorie" angesehen werden d&uuml;rfen. Nur in
+diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung getroffen.</p>
+
+<p>Einen etwas g&uuml;nstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur
+Erweiterung der Berufsth&auml;tigkeit auf privatem Gebiet. Der von
+der Tradition geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der
+bisher f&uuml;r die einzelnen mehr eine Opferthat religi&ouml;ser
+Gesinnung, als ein aus Gr&uuml;nden des Erwerbs aufgesuchter
+Lebensberuf war, begann sich langsam den modernen Forderungen
+anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes, als, in noch
+h&ouml;herem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den
+Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von
+religi&ouml;ser Engherzigkeit befreite Th&auml;tigkeit.<a name=
+"FNanchor_302"></a><a href="#Footnote_302"><sup>302</sup></a> Aber
+das Odium christlicher Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt,
+klebt dem Berufe noch so fest an, da&szlig; er noch keinen
+ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei eine Aufgabe alles
+pers&ouml;nlichen Behagens fordert, der nur wenige gewachsen
+sind.<a name="FNanchor_303"></a><a href=
+"#Footnote_303"><sup>303</sup></a> Infolgedessen bietet er noch
+Platz f&uuml;r viele. Erst eine v&ouml;llige Umgestaltung, durch
+die die Erinnerung an die Nonne ganz verwischt wird, kann hierin
+Wandel schaffen, und w&uuml;rde viele brach liegende
+Frauenkr&auml;fte nutzbar machen. Wenn auch eine "L&ouml;sung der
+Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist<a name=
+"FNanchor_304"></a><a href="#Footnote_304"><sup>304</sup></a>, so
+doch eine Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.</p>
+
+<p>Manche Enthusiasten der Frauenarbeit&mdash;es giebt auch solche
+in Deutschland!&mdash;haben durch einen anderen Beruf die
+Frauenfrage zu l&ouml;sen geglaubt: durch den der
+Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl in rapider Zunahme
+begriffen und sie bew&auml;hren sich so sehr, da&szlig; ihre
+Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer
+h&auml;ufigere ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und
+Agenten, weibliche Beamte in Lebensversicherungs-Gesellschaften und
+Banken, in den Bureaux der Rechtsanw&auml;lte und der gro&szlig;en
+Industriellen. Zumeist aber erkl&auml;rt sich ihre starke
+Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bed&uuml;rfnissen der Frauen
+entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, da&szlig; sie ihren
+m&auml;nnlichen Berufsgenossen gegen&uuml;ber als Lohndr&uuml;cker
+ausgespielt werden. Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst
+neuerdings erobert haben, f&auml;llt dieser Umstand weit weniger
+ins Gewicht.</p>
+
+<p>So sind in den zoologischen Instituten weibliche
+Hilfspr&auml;paratoren, in einzelnen chemischen Fabriken akademisch
+gebildete weibliche Chemiker th&auml;tig, und den Aufschwung des
+Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu nutze gemacht, indem sie
+als gelernte Modelleure und Zeichner in gro&szlig;en
+Werkst&auml;tten Anstellung fanden, oder selbst&auml;ndig als
+Kunststicker, Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als
+G&auml;rtner, Obst- und Gem&uuml;sez&uuml;chter finden Frauen eine
+lukrative Berufsth&auml;tigkeit. Ebenso sind weibliche
+Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine Seltenheit
+mehr.<a name="FNanchor_305"></a><a href=
+"#Footnote_305"><sup>305</sup></a> Einen weiteren Schritt auf dem
+Wege zur Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den
+Frauen er&ouml;ffnet, indem sie in immer gr&ouml;&szlig;erem
+Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist weibliche Doktoren, zur
+Abhaltung von Vortragskursen heranzog. Allerdings ist das nicht im
+entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber eine Anerkennung der
+wissenschaftlichen Bef&auml;higung der Frauen. Vorteilhafter
+f&uuml;r sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus. Zwar
+sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als
+Kriegskorrespondentinnen gro&szlig;er Zeitungen, oder, wie in
+Frankreich, als Leiterinnen politischer Bl&auml;tter th&auml;tig zu
+sein, ihre Mitarbeit beschr&auml;nkt sich meist auf spezielle
+Gebiete des Frauenlebens und der Frauenfrage, und sie stehen nur an
+der Spitze von Frauenzeitschriften, aber ihrem Einflu&szlig; ist
+der Umschwung in der Stimmung gegen&uuml;ber der Frauenbewegung,
+der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von wesentlicher
+Bedeutung hierf&uuml;r ist es jedoch, da&szlig; auch die deutschen
+Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu beth&auml;tigen, und durch
+ihre Leistungen dem Gegner Achtung abn&ouml;tigen. W&auml;hrend bis
+vor nicht allzu langer Zeit selbst die F&uuml;hrerinnen der
+Frauenbewegung einen Mangel an Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr
+eigentliches Gebiet, verrieten, der oft geradezu verbl&uuml;ffend
+war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts an Vertiefung und
+Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben Arbeiten &uuml;ber
+die rechtliche sowohl wie &uuml;ber die soziale Lage des weiblichen
+Geschlechts geliefert<a name="FNanchor_306"></a><a href=
+"#Footnote_306"><sup>306</sup></a>, die zwar an die Leistungen
+einer Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber
+doch verraten, da&szlig; sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen
+Scho&szlig;kind gerade der deutschen Frauen, endg&uuml;ltig
+gebrochen haben. Auch das Prinzip &auml;ngstlicher
+Zur&uuml;ckhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung
+kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die
+Ber&uuml;hrung mit dem Ausland,&mdash;ein Verdienst des Bundes
+deutscher Frauenvereine, der sich im Anschlu&szlig; an den
+internationalen Frauenbund bildete,&mdash;die Kenntnisnahme der
+Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen Frauen, die mit
+der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von belebendem
+Einflu&szlig;. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit
+ihren Peitschenhieben auch die Tr&auml;gsten vorw&auml;rts
+treibt.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"2_Die_treibenden_Krafte_der_burgerlichen_Frauenbewegung" />2. Die
+treibenden Kr&auml;fte der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung.</h2>
+
+<p>Der Kampf um Arbeit in der b&uuml;rgerlichen Frauenwelt zeigt,
+sowohl in Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf
+seinen gegenw&auml;rtigen Stand, in den verschiedenen L&auml;ndern
+eine auffallende Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem
+Mittelalter einzelne Vorl&auml;ufer gefunden hat, setzt er um die
+erste H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts &uuml;berall ein und wird in
+der zweiten H&auml;lfte aus einer Art Guerillakrieg zu einem
+&uuml;berlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die von Jahr zu
+Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, au&szlig;er
+dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Dom&auml;ne
+des m&auml;nnlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind
+&uuml;berall, hier etwas langsamer und dort etwas rascher, im
+Vordringen begriffen, dem bisher keine noch so heftige Gegnerschaft
+Einhalt gebieten konnte.</p>
+
+<p>Diese gleichm&auml;&szlig;igen Erscheinungen m&uuml;ssen demnach
+auf gleiche Ursachen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein.</p>
+
+<p>Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu
+erkl&auml;ren, pflegt darin zu bestehen, da&szlig; in der Mehrzahl
+der Kulturl&auml;nder das weibliche Geschlecht das m&auml;nnliche
+an Zahl &uuml;berragt, und die Ehe, die in den b&uuml;rgerlichen
+Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet, von
+vornherein f&uuml;r viele unerreichbar ist. Diese Begr&uuml;ndung
+erweist sich insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so
+mehr die treibende Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je
+gr&ouml;&szlig;er der Frauen&uuml;berschu&szlig; des betreffenden
+Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:<a name=
+"FNanchor_307"></a><a href="#Footnote_307"><sup>307</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Z&auml;hlungsjahr</th>
+<th>Weibliche auf<br />
+1000 m&auml;nnliche</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1040</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1044</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweiz</td>
+<td align="center">1888</td>
+<td align="center">1057</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Niederlande</td>
+<td align="center">1889</td>
+<td align="center">1024</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Belgien</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1005</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>D&auml;nemark</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1051</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweden</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1065</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Norwegen</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">1092</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gro&szlig;britannien und Irland</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">1060</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">1007</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in
+erster Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in
+b&uuml;rgerliche Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf
+1000 M&auml;nner 953 Frauen. Betrachten wir Nordamerika aber
+genauer, so zeigt es sich, da&szlig; die Frauenbewegung in den
+Oststaaten, wo auf 1000 M&auml;nner 1005 Frauen gez&auml;hlt
+werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren
+energischsten Ausdruck gefunden hat, w&auml;hrend die westlichen
+Staaten, wo 1000 M&auml;nnern nur 698 Frauen gegen&uuml;berstehen,
+von ihr nur leise ber&uuml;hrt werden.</p>
+
+<p>Dem Argument des Frauen&uuml;berschusses haben manche Gegner der
+Frauenbewegung die Thatsache gegen&uuml;bergestellt, da&szlig; die
+gez&auml;hlte Bev&ouml;lkerung der Erde einen
+M&auml;nner&uuml;berschu&szlig; aufweist. Soweit sie sich
+&uuml;berhaupt statistisch feststellen l&auml;&szlig;t, ist die
+Verteilung der Geschlechter folgende:<a name="FNanchor_308"></a><a
+href="#Footnote_308"><sup>308</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Erdteile</th>
+<th>M&auml;nnliche</th>
+<th>Weibliche</th>
+<th>Weibliche auf<br />
+1000 m&auml;nnliche</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Europa</td>
+<td align="right">170818561</td>
+<td align="right">174914119</td>
+<td align="right">1024</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Amerika</td>
+<td align="right">41643389</td>
+<td align="right">40540386</td>
+<td align="right">973</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Asien</td>
+<td align="right">177648044</td>
+<td align="right">170269179</td>
+<td align="right">958</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Australien</td>
+<td align="right">2197799</td>
+<td align="right">1871821</td>
+<td align="right">852</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Afrika</td>
+<td align="right">6994064</td>
+<td align="right">6771360</td>
+<td align="right">968</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zusammen</td>
+<td align="right">399301857</td>
+<td align="right">394366865</td>
+<td align="right">988</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser
+Berechnung&mdash;Millionen k&ouml;nnen statistisch gar nicht
+erreicht werden&mdash;kommt es bei der Beurteilung dieser Frage
+weit weniger auf gro&szlig;e allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf
+an, wie das Verh&auml;ltnis der Geschlechter in den einzelnen
+L&auml;ndern sich stellt. Ist es schon f&uuml;r die
+&uuml;berz&auml;hligen Frauen Europas ein schlechter Trost,
+da&szlig; es in Australien oder Asien &uuml;berz&auml;hlige
+M&auml;nner giebt, so ist auch z.B. den Frauen von Rhode Island,
+von denen 1078 auf 1000 M&auml;nner kommen, wenig geholfen, wenn in
+den Oststaaten das umgekehrte Verh&auml;ltnis besteht, oder denen
+der niederl&auml;ndischen Kolonieen im westindischen Archipel, die
+gar um 263 auf 1000 die M&auml;nner &uuml;berragen, wenn man sie
+auf die &uuml;berz&auml;hligen Asiaten verweisen wollte. Es kommt
+aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher ganz unbeachtet blieb
+und gerade im Hinblick auf die b&uuml;rgerliche Frauenfrage schwer
+ins Gewicht f&auml;llt: das ist die Frage, aus welchen sozialen
+Schichten der Bev&ouml;lkerung sich der M&auml;nner- oder
+Frauen&uuml;berschu&szlig; zusammensetzt. Es ist klar, da&szlig;
+bei den heutigen, aus den Gegens&auml;tzen zwischen Arm und Reich
+herr&uuml;hrenden Unterschieden in Bildung und Lebensgewohnheiten
+die etwa &uuml;berz&auml;hligen T&ouml;chter der Bourgeoisie nicht
+auf die vielleicht gleichfalls &uuml;berz&auml;hligen S&ouml;hne
+des Proletariats als k&uuml;nftige Ehegatten rechnen k&ouml;nnen.
+Die Statistik l&auml;&szlig;t uns hierbei freilich im Stich, denn
+die Volksz&auml;hlungen fragen nicht nach der sozialen Herkunft der
+Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an Anhaltspunkten, um die
+Behauptung, da&szlig; der Frauen&uuml;berschu&szlig; in der
+Bourgeoisie im Verh&auml;ltnis ein gr&ouml;&szlig;erer ist, als der
+der Frauenwelt im allgemeinen, nicht als v&ouml;llig aus der Luft
+gegriffen erscheinen zu lassen.</p>
+
+<p>Schon die blo&szlig;e Beobachtung lehrt, da&szlig; die Familien
+der unteren Bev&ouml;lkerungsschichten weit mehr mit Kindern
+gesegnet sind, als die der oberen, und Untersuchungen, die in
+Frankreich besonders genau vorgenommen wurden, best&auml;tigten es.
+So stellte Bertillon f&uuml;r 20 Arrondissements von Paris den
+Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit und der
+Geburtenh&auml;ufigkeit fest und fand, da&szlig; auf je 1000 Frauen
+zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bev&ouml;lkerung
+durchschnittlich 108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr
+wohlhabenden 65, der reichen 53 und der sehr reichen 34
+j&auml;hrliche Geburten kamen<a name="FNanchor_309"></a><a href=
+"#Footnote_309"><sup>309</sup></a>; es hat sich ferner
+ergeben,&mdash;und das ist angesichts des allgemeinen
+R&uuml;ckgangs der franz&ouml;sischen Bev&ouml;lkerung besonders
+bemerkenswert,&mdash;da&szlig; ihr Zuwachs in der Hauptsache dem
+Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und der Berg- und
+Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu verdanken
+ist.<a name="FNanchor_310"></a><a href=
+"#Footnote_310"><sup>310</sup></a> Leider geben die betreffenden
+Untersuchungen &uuml;ber das Geschlecht der Kinder keinen
+Aufschlu&szlig;, dagegen hat man in Sachsen f&uuml;r einen
+zehnj&auml;hrigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen
+Kindern auf ca. 1 Million M&uuml;tter festgestellt, da&szlig; die
+fruchtbarsten Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.<a name=
+"FNanchor_311"></a><a href="#Footnote_311"><sup>311</sup></a> So
+vorsichtig solche Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so
+l&auml;&szlig;t sich doch vielleicht, da die Erfahrung und der
+allgemeine Volksglaube sie unterst&uuml;tzt, der Schlu&szlig;
+daraus ziehen, da&szlig; die kinderreichen unteren
+Bev&ouml;lkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben
+erzeugen, da&szlig; also der Frauen&uuml;berschu&szlig; in den
+b&uuml;rgerlichen Kreisen ein gr&ouml;&szlig;erer ist als in den
+proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden z.B.
+innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen gro&szlig;en
+Ueberschu&szlig; an Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das
+m&auml;nnliche Geschlecht &uuml;berwiegt, so kommen in Westfalen
+958, im Rheinland 998 und in Elsa&szlig;-Lothringen 989 Frauen auf
+1000 M&auml;nner.<a name="FNanchor_312"></a><a href=
+"#Footnote_312"><sup>312</sup></a> F&uuml;r die Verheiratbarkeit
+der T&ouml;chter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch ohne
+jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, da&szlig; der
+M&auml;nner&uuml;berschu&szlig; lediglich auf die starke
+Industriebev&ouml;lkerung und die vielen Soldaten
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Ein &auml;hnliches Verh&auml;ltnis
+weist Nordamerika auf, dessen
+M&auml;nner&uuml;berschu&szlig;&mdash;953 Frauen auf 1000
+M&auml;nner&mdash;auf den ersten Blick zu der Annahme
+verf&uuml;hrt, als m&uuml;&szlig;te seine Frauenbewegung anderen
+als wirtschaftlichen Ursachen&mdash;etwa rein ethischen und
+humanit&auml;ren, wie viele behaupten wollen&mdash;entsprungen
+sein. Dabei wird jedoch au&szlig;er acht gelassen, da&szlig; die
+gro&szlig;e Zahl der M&auml;nner der Einwanderung zu verdanken ist
+und da&szlig; diese Einwanderer zum gr&ouml;&szlig;ten Teil
+Handwerker, Landleute, Arbeiter sind<a name="FNanchor_313"></a><a
+href="#Footnote_313"><sup>313</sup></a>, also auch hier die Annahme
+nicht unberechtigt ist, da&szlig;, trotz des allgemeinen
+M&auml;nner&uuml;berschusses, in der Bourgeoisie ein
+Frauen&uuml;berschu&szlig; besteht und die Verheiratbarkeit auch
+hier eine beschr&auml;nkte bleibt.</p>
+
+<p>Nach alledem scheint es klar zu sein, da&szlig;, selbst wenn auf
+der ganzen Erde eine ann&auml;hernde Gleichheit der Geschlechter
+festgestellt werden k&ouml;nnte, die b&uuml;rgerliche Frauenfrage
+dadurch noch nicht gel&ouml;st sein w&uuml;rde, und die von Eduard
+von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete Jungfernfrage auch in
+solchen L&auml;ndern besteht, wo ein Ueberschu&szlig; an
+M&auml;nnern konstatiert wurde.</p>
+
+<p>Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, da&szlig; eine
+Gegen&uuml;berstellung der Geschlechter allein nicht gen&uuml;gt,
+um die Verheiratbarkeit festzustellen, sondern die
+Gegen&uuml;berstellung der Heiratsf&auml;higen dazu notwendig ist.
+Berechnen wir zun&auml;chst beide Geschlechter nach gleichen
+Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu
+m&uuml;ssen, 20 Jahre als untere und 40 Jahre als obere
+Altersgrenze an, so ergiebt sich folgendes<a name=
+"FNanchor_314"></a><a href="#Footnote_314"><sup>314</sup></a>:</p>
+
+<p>Auf 1000 m&auml;nnliche im Alter von 20-40 Jahren treffen
+weibliche Personen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="right">1034</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="right">1047</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweiz</td>
+<td align="right">1080</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Niederlande</td>
+<td align="right">1029</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Belgien</td>
+<td align="right">987</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>D&auml;nemark</td>
+<td align="right">1102</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweden</td>
+<td align="right">1096</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="right">1093</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schottland</td>
+<td align="right">1104</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Irland</td>
+<td align="right">1062</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="right">1003</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu
+treffen. Denn, da das Heiratsalter der M&auml;nner in den meisten
+L&auml;ndern erst mit dem 25. Jahre beginnt und sp&auml;ter
+schlie&szlig;t, als das der Frauen<a name="FNanchor_315"></a><a
+href="#Footnote_315"><sup>315</sup></a>, so m&uuml;&szlig;te man,
+um zu einem genaueren Resultat zu kommen,&mdash;obwohl auch das,
+infolge der gro&szlig;en Verschiedenheit des Altersaufbaus der
+Heiratenden, je nach den Nationalit&auml;ten, nicht unbedingt
+sicher sein kann,&mdash;die M&auml;nner im Alter von 25-45 Jahren
+den Frauen von 20-40 Jahren gegen&uuml;berstellen Leider
+m&uuml;ssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger
+L&auml;nder beschr&auml;nken, weil die Bev&ouml;lkerung nicht
+durchweg, wie es w&uuml;nschenswert w&auml;re, nach
+f&uuml;nfj&auml;hrigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis
+ist dieses<a name="FNanchor_316"></a><a href=
+"#Footnote_316"><sup>316</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>M&auml;nner 25-45 Jahre</th>
+<th>Frauen 20-40 Jahre</th>
+<th>Auf 1000 M&auml;nner<br />
+kommen Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">6229564</td>
+<td align="center">7272025</td>
+<td align="center">1167</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">3147188</td>
+<td align="center">3638396</td>
+<td align="center">1154</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">5420922</td>
+<td align="center">5743177</td>
+<td align="center">1069</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Auch abgesehen von den in die Augen springenden
+Zahlenverh&auml;ltnissen ist es klar, da&szlig; bei dem bestehenden
+Altersaufbau der Heiratenden die <i>Verheiratbarkeit des weiblichen
+Geschlechts immer eine unvollkommene bleiben mu&szlig;, weil es
+stets mehr Frauen &uuml;ber 20 als M&auml;nner &uuml;ber 25 Jahren
+giebt</i>.</p>
+
+<p>Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen
+durch die Heirat eine Versorgung finden k&ouml;nnen, sondern
+vielmehr darum, welcher Prozentsatz von ihnen thats&auml;chlich
+heiratet.</p>
+
+<p>Die letzten Z&auml;hlungen ergaben folgende Anzahl verheirateter
+Frauen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th>Zahl der Frauen 15<br />
+u. dar&uuml;ber</th>
+<th>Verheiratete Frauen</th>
+<th>Prozent</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">16531748</td>
+<td align="right">8398607</td>
+<td align="center">50,80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">9353260</td>
+<td align="right">4022202</td>
+<td align="center">43,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">12359544</td>
+<td align="right">7656679</td>
+<td align="center">61,95</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">9848981</td>
+<td align="right">4916449</td>
+<td align="center">41,71</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">19602178</td>
+<td align="right">11126196</td>
+<td align="center">56,76</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sehen daraus, da&szlig; zur Zeit der betreffenden
+Z&auml;hlung circa die H&auml;lfte heiratsf&auml;higer Frauen
+ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese Thatsache hat die
+b&uuml;rgerliche Frauenbewegung vielfach als Agitationsmittel zu
+verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden erwachsenen
+Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den Erwerb
+angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschlu&szlig;. Denn ganz
+abgesehen davon, da&szlig; ein gro&szlig;er Teil der Ledigen noch
+bei den Eltern lebt und von ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn
+auch ein viel kleinerer, durch eigenes Verm&ouml;gen, Pension oder
+dergleichen sich erh&auml;lt, kann ein betr&auml;chtlicher
+Prozentsatz der M&auml;dchen noch darauf rechnen, zu heiraten, um
+so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen M&auml;nner sondern auch
+auf die Witwer z&auml;hlen k&ouml;nnen, die bekanntlich sehr
+h&auml;ufig zu einer zweiten Ehe schreiten. Man kommt daher der
+Zahl der wirklich Uebriggebliebenen viel n&auml;her, wenn man nicht
+die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge fa&szlig;t, sondern nur
+diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit &uuml;berschritten
+haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen ergeben hat,
+da&szlig; f&uuml;r Frauen, die das vierzigste Lebensjahr
+&uuml;berschritten haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr
+geringe ist, so k&ouml;nnen wir die ledig Bleibenden von dieser
+Altersgrenze an zusammenstellen. Das Ergebnis ist dies:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Unter 100 weibl. Personen<br />
+von 40 und mehr Jahren<br />
+sind ledig</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">10,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">15,6</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">12,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gro&szlig;britannien und Irland</td>
+<td align="center">14,0</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Belgien</td>
+<td align="center">17,6</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Niederlande</td>
+<td align="center">13,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweiz</td>
+<td align="center">18,3</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Damit aber k&ouml;nnen wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht
+nur, da&szlig; es bis zu vierzig Jahren noch eine gro&szlig;e Zahl
+M&auml;dchen giebt, die nicht heiraten, oder sagen wir lieber, die
+nicht geheiratet werden, wir m&uuml;ssen vielmehr, bei der
+Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die Ledigen
+allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen
+ber&uuml;cksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt fr&uuml;her
+heiraten als die M&auml;nner, eine l&auml;ngere Lebensdauer haben
+als sie und schwerer zum zweiten Male heiraten, so ist es
+nat&uuml;rlich, da&szlig; es eine gro&szlig;e Zahl Witwen giebt, zu
+denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen
+sind folgende:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>Auf 100 Frauen<br />
+&uuml;ber 15 Jahren<br />
+sind Witwen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td>2208579</td>
+<td align="center">13,36</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td>1001136</td>
+<td align="center">10,70</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England</td>
+<td>1124310</td>
+<td align="center">11,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td>2060778</td>
+<td align="center">16,67</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td>2226510</td>
+<td align="center">11,30</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir m&uuml;ssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht
+ziehen, der gerade f&uuml;r die b&uuml;rgerliche Frauenfrage von
+Wichtigkeit ist: die sp&auml;ten Heiraten. Nach einer
+preu&szlig;ischen Statistik<a name="FNanchor_317"></a><a href=
+"#Footnote_317"><sup>317</sup></a> heiraten M&auml;dchen in
+b&uuml;rgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und
+wenn dem gegen&uuml;ber auch behauptet werden kann, da&szlig; die
+Berufsth&auml;tigkeit die Heirat hinausschiebt, so mu&szlig;
+andererseits doch auch betont werden, da&szlig; die sp&auml;ten
+Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher k&ouml;nnen auch, soweit
+nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht
+ohne weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb
+nachgingen, weil thats&auml;chlich viele von ihnen vor der Ehe
+darauf angewiesen waren.</p>
+
+<p>Auf Grund der bisherigen Er&ouml;rterungen sind wir zu dem
+Resultat gekommen, da&szlig; eine gro&szlig;e Zahl von Frauen nicht
+heiraten k&ouml;nnen, weil es an M&auml;nnern fehlt und noch mehr
+nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen M&auml;nner keine
+gro&szlig;e, ist. F&uuml;r die k&uuml;nftige Entwicklung der
+Frauenfrage, der b&uuml;rgerlichen insbesondere, ist es nun aber
+von gr&ouml;&szlig;ter Bedeutung, ob eine Aussicht vorhanden ist,
+da&szlig; zwei ihrer Ursachen,&mdash;der Frauen&uuml;berschu&szlig;
+und die Heiratsunlust der M&auml;nner,&mdash;verschwinden oder in
+ihren Wirkungen abgeschw&auml;cht werden k&ouml;nnen. Da entsteht
+zun&auml;chst die Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.</p>
+
+<p>Die feststehende Thatsache eines Knaben&uuml;berschusses bei der
+Geburt, 106 Knaben auf 100 M&auml;dchen, hat viele<a name=
+"FNanchor_318"></a><a href="#Footnote_318"><sup>318</sup></a> zu
+der Annahme verf&uuml;hrt, als best&auml;nde ein Naturgesetz des
+Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben gesehen, da&szlig; schon
+die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der Geschlechter
+dem widerspricht. F&uuml;r den vorhandenen
+Frauen&uuml;berschu&szlig; ist jedoch der Hauptgrund in den
+verschiedenen Absterbeverh&auml;ltnissen der Geschlechter zu
+suchen.<a name="FNanchor_319"></a><a href=
+"#Footnote_319"><sup>319</sup></a> Die Sterbeziffern haben sich
+f&uuml;r das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts
+folgenderma&szlig;en gestaltet<a name="FNanchor_320"></a><a href=
+"#Footnote_320"><sup>320</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>&nbsp;</td>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>Setzt man die m&auml;nnliche<br />
+Sterbeziffer = 100,<br />
+so ergeben sich<br />
+f&uuml;r die weibliche Sterbeziffer:</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Italien</td>
+<td align="center">26,2</td>
+<td align="center">25,6</td>
+<td align="center">98</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">23,6</td>
+<td align="center">21,6</td>
+<td align="center">92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweiz</td>
+<td align="center">21,3</td>
+<td align="center">19,5</td>
+<td align="center">91</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Belgien</td>
+<td align="center">21,9</td>
+<td align="center">19,8</td>
+<td align="center">90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Niederlande</td>
+<td align="center">20,8</td>
+<td align="center">19,2</td>
+<td align="center">92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">25,0</td>
+<td align="center">22,5</td>
+<td align="center">90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">29,8</td>
+<td align="center">26,8</td>
+<td align="center">90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ungarn</td>
+<td align="center">33,7</td>
+<td align="center">32,2</td>
+<td align="center">96</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">20,6</td>
+<td align="center">17,8</td>
+<td align="center">89</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schottland</td>
+<td align="center">19,6</td>
+<td align="center">18,7</td>
+<td align="center">95</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Irland</td>
+<td align="center">18,4</td>
+<td align="center">18,5</td>
+<td align="center">100,6</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweden</td>
+<td align="center">17,8</td>
+<td align="center">16,7</td>
+<td align="center">91</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Norwegen</td>
+<td align="center">18,3</td>
+<td align="center">16,5</td>
+<td align="center">91</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>D&auml;nemark</td>
+<td align="center">19,7</td>
+<td align="center">18,3</td>
+<td align="center">93</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Finland</td>
+<td align="center">22,2</td>
+<td align="center">20,4</td>
+<td align="center">92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Massachusetts</td>
+<td align="center">20,7</td>
+<td align="center">19,0</td>
+<td align="center">92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Connecticut</td>
+<td align="center">20,5</td>
+<td align="center">18,7</td>
+<td align="center">91</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Rhode Island</td>
+<td align="center">20,4</td>
+<td align="center">19,0</td>
+<td align="center">93</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Japan</td>
+<td align="center">21,7</td>
+<td align="center">21,1</td>
+<td align="center">97</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die gr&ouml;&szlig;ere Sterblichkeit der m&auml;nnlichen
+S&auml;uglinge vor den weiblichen, die l&auml;ngere Lebensdauer der
+Frauen im allgemeinen,&mdash;auf 100 gestorbene M&auml;dchen im
+Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100 gestorbene
+Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108
+M&auml;nner,&mdash;scheint f&uuml;r die st&auml;rkere Lebenskraft
+der Frauen zu zeugen. Von einschneidenderer Bedeutung jedoch ist
+es, da&szlig; die M&auml;nner sowohl als Soldaten wie als
+Erwerbsth&auml;tige im allgemeinen gr&ouml;&szlig;eren Gefahren
+ausgesetzt sind, als die Frauen und da&szlig; sie infolge ihrer
+Lebensweise,&mdash;geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenu&szlig; u.
+dergl.,&mdash;zerst&ouml;renden Krankheiten leichter unterworfen
+werden. Unter den gegenw&auml;rtig herrschenden wirtschaftlichen
+Verh&auml;ltnissen, die die Intensit&auml;t des Kampfes ums Dasein
+steigern und sittlich korrumpierend auf Reiche und Arme wirken, ist
+daher an eine Abnahme der Sterblichkeit der M&auml;nner nicht zu
+denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen
+Erwerbsth&auml;tigkeit eher eine Ann&auml;herung der Sterbeziffern
+beider Geschlechter m&ouml;glich.</p>
+
+<p>Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so
+stellen sie sich folgenderma&szlig;en dar<a name=
+"FNanchor_321"></a><a href="#Footnote_321"><sup>321</sup></a>:</p>
+
+<p>Auf 100 Einwohner heirateten</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td></td>
+<th>1841/50</th>
+<th>1881/90</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schweden</td>
+<td align="center">7,27</td>
+<td align="center">6,26</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Norwegen</td>
+<td align="center">7,78</td>
+<td align="center">6,52</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>D&auml;nemark</td>
+<td align="center">7,87</td>
+<td align="center">7,33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Finland</td>
+<td align="center">8,15</td>
+<td align="center">7,32</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England</td>
+<td align="center">8,05</td>
+<td align="center">7,47</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Niederlande</td>
+<td align="center">7,41</td>
+<td align="center">7,08</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Belgien</td>
+<td align="center">6,79</td>
+<td align="center">7,07</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutsches Reich</td>
+<td align="center">8,05</td>
+<td align="center">7,77</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>West&ouml;sterreich</td>
+<td align="center">7,71</td>
+<td align="center">7,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Galizien</td>
+<td align="center">9,54</td>
+<td align="center">8,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">7,94</td>
+<td align="center">7,38</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, da&szlig; sich
+die Heiratsziffer &uuml;berwiegend im R&uuml;ckgang befindet.
+Umfassen die Berechnungen k&uuml;rzere Zeitr&auml;ume, so sind
+nat&uuml;rlich auch die Differenzen geringer, ja es zeigen sich
+zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur Schwankungen. Es ist aber
+ein Fehlschlu&szlig;, daraufhin ein durchschnittliches
+Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu wollen<a name=
+"FNanchor_322"></a><a href="#Footnote_322"><sup>322</sup></a>, und
+es ist verkehrt, den T&ouml;chtern der Bourgeoisie dieses
+Gleichbleiben gewisserma&szlig;en als Tr&ouml;stung vorzuhalten.
+Nicht nur, da&szlig; das Heiratsalter der M&auml;nner in
+b&uuml;rgerlichen Kreisen sich immer weiter hinausschiebt,&mdash;in
+Preu&szlig;en betr&auml;gt es bei den Berufslosen durchschnittlich
+41, bei den &ouml;ffentlichen Beamten 33 Jahr,&mdash;und die
+Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist
+auch in st&auml;ndiger Abnahme begriffen. Leider l&auml;&szlig;t
+sich das statistisch nicht feststellen, da es fast ganz an einer
+Einteilung der Heiratenden nach sozialen Schichten fehlt.<a name=
+"FNanchor_323"></a><a href="#Footnote_323"><sup>323</sup></a> Nach
+einer Berechnung &uuml;ber die Bev&ouml;lkerung Kopenhagens kommen
+auf 100 M&auml;nner in b&uuml;rgerlichen Berufen nur 51,94%
+Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, w&auml;hrend auf
+diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen<a name=
+"FNanchor_324"></a><a href="#Footnote_324"><sup>324</sup></a>;
+&uuml;ber die Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet
+sich aber auch hier nichts, sie l&auml;&szlig;t sich jedoch mit
+einiger Sicherheit auf Grund der allgemeinen Entwicklungstendenz
+behaupten.<a name="FNanchor_325"></a><a href=
+"#Footnote_325"><sup>325</sup></a> Wo eine Schwankung, wo eine
+Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, d&uuml;rften sie
+allein auf Rechnung der gr&ouml;&szlig;eren Heiratsfrequenz im
+Proletariat zu setzen sein, w&auml;hrend die Eheschlie&szlig;ungen
+in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme befinden. Und hier
+sto&szlig;en wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied zwischen
+der b&uuml;rgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der
+Proletarier heiratet fr&uuml;h und leicht&mdash;sogenannt
+leichtsinnig&mdash;, weil die Frau in der Ehe keine "Versorgung"
+sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die M&ouml;glichkeit, sich selbst zu
+versorgen, ist sogar meist die gesuchteste Mitgift; der Mann aus
+b&uuml;rgerlichen Kreisen heiratet sp&auml;t und schwer, weil die
+ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen
+Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo
+das Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht
+machen w&uuml;rde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses
+Ma&szlig; des h&ouml;heren Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht
+mehr ehef&ouml;rdernd"<a name="FNanchor_326"></a><a href=
+"#Footnote_326"><sup>326</sup></a>, im Gegenteil: der Junggeselle,
+der sich ein bequemes Leben schaffen kann, scheut sich, es
+aufzugeben. Und die praktischen Erw&auml;gungen &uuml;ber die
+M&ouml;glichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen
+Niveau zu erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine
+Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und
+Verh&auml;ltnissen verzettelt hat, je unf&auml;higer er also ist,
+in erster Linie einem Zuge des Herzens zu folgen, hinter den alle
+Bedenken von selbst zur&uuml;cktreten. Der moderne junge Mann der
+b&uuml;rgerlichen Kreise&mdash;mag er Beamter, Offizier,
+Schriftsteller, K&uuml;nstler oder Kaufmann sein&mdash;hat aber
+gew&ouml;hnlich nur ein Einkommen, das kaum ihm pers&ouml;nlich ein
+standesgem&auml;&szlig;es Leben sichert, und es geh&ouml;rt mit zu
+jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, da&szlig; die
+Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist.
+Sein Junggesellenleben, das ihm besonders in der Gro&szlig;stadt in
+jeder Beziehung bequem gemacht wird, ist f&uuml;r ihn angenehmer
+und billiger, als es das eheliche Leben sein w&uuml;rde, das ihm
+&uuml;berdies, wenn er Umschau h&auml;lt unter seinen verheirateten
+Bekannten, h&ouml;chst selten verlockend erscheinen wird. Auch
+seine Herzensbed&uuml;rfnisse kann er f&uuml;r wenig Geld
+befriedigen; setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht
+so viel, als eheliche kosten w&uuml;rden, er tr&auml;gt keine
+Verantwortung f&uuml;r ihr Fortkommen und sie haben so gut wie
+keine Rechte an ihn. Wenn er &uuml;berhaupt heiratet, so geschieht
+es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den bitteren Grund
+der genossenen Freuden gesto&szlig;en ist und der Ruhe und Pflege
+bedarf. Doch auch f&uuml;r sittlich ernst denkende M&auml;nner der
+b&uuml;rgerlichen Kreise, die gern heiraten m&ouml;chten, wird die
+Eheschlie&szlig;ung immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist
+zu den Bed&uuml;rfnissen in gr&ouml;&szlig;tem
+Mi&szlig;verh&auml;ltnis; ihr Beruf selbst erschwert h&auml;ufig
+die Familiengr&uuml;ndung, indem er Reisen und h&auml;ufigen
+Ortswechsel nach sich zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer
+leichteren Beweglichkeit abh&auml;ngig ist. Aber die
+Schuld,&mdash;wenn &uuml;berhaupt gegen&uuml;ber den Ergebnissen
+wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden
+kann,&mdash;an dem R&uuml;ckgang der Heiratsfrequenz trifft nicht
+allein die M&auml;nner.</p>
+
+<p>In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von
+fortschrittlichen Ideen am schwersten ber&uuml;hrt wird, ist die
+Erziehung der T&ouml;chter im allgemeinen durchaus dazu angethan,
+gerade die besten M&auml;nner vom Heiraten abzuschrecken: sie
+k&ouml;nnen weder geistig gleichstehende Gef&auml;hrtinnen, noch
+gute Hausfrauen und M&uuml;tter werden; sie sind Dilettantinnen in
+allen Dingen, von ihren oberfl&auml;chlichen Schulkenntnissen und
+traurigen k&uuml;nstlerischen Bet&auml;tigungen an bis in ihr
+niedergetretenes Gef&uuml;hlsleben hinein. Sie sind f&uuml;r den
+Mann Luxusgegenst&auml;nde, nicht viel anders als es die
+Haremsfrauen f&uuml;r die Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu
+angethan, den Trieb zur Ehe zu erh&ouml;hen.</p>
+
+<p>Bei den gesteigerten Anspr&uuml;chen, die die Erziehung der
+S&ouml;hne an den Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden
+Schwierigkeit f&uuml;r sie, sich selbst zu erhalten, auch wenn sie
+ganz bescheiden leben,&mdash;ein preu&szlig;ischer Leutnant ist oft
+zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75 bis 97 Mark<a name=
+"FNanchor_327"></a><a href="#Footnote_327"><sup>327</sup></a>, und
+unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30. Lebensjahr ganz auf
+ihre Eltern angewiesen,&mdash;bleibt f&uuml;r die Mitgift der
+T&ouml;chter immer weniger &uuml;brig, und ihre Heiratsaussichten
+schwinden mehr und mehr, w&auml;hrend ihre Anspr&uuml;che schon
+unwillk&uuml;rlich durch die Gewohnheit des Lebens im elterlichen
+Hause gesteigerte sind. Wird ihr Vater pensioniert, oder ihre
+Mutter wird Witwe, so steht die bitterste Not vor der Th&uuml;r.
+Einige Zahlen m&ouml;gen zur Illustration dienen: Ein
+preu&szlig;ischer Hauptmann erh&auml;lt eine Pension von 1033 bis
+h&ouml;chstens 4000 Mark j&auml;hrlich, ein Stabsoffizier kann
+schon mit 2300 Mk. j&auml;hrlich pensioniert werden; das Witwengeld
+schwankt zwischen dem Mindestbetrag von&mdash;216 Mk. und dem
+H&ouml;chstbetrag von 3000 Mk. j&auml;hrlich, den aber nur die
+Witwe eines Generals erh&auml;lt, die an ein Jahreseinkommen von 10
+und 20000 Mk. gew&ouml;hnt war<a name="FNanchor_328"></a><a href=
+"#Footnote_328"><sup>328</sup></a>; das Waisengeld betr&auml;gt 1/5
+der Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die
+Kinder, entsprechend der sozialen Schicht, der sie angeh&ouml;ren,
+zu erziehen. In demselben Verh&auml;ltnis bewegen sich die f&uuml;r
+Beamte, deren Witwen und Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir
+noch darauf hin, da&szlig; auch der kaufm&auml;nnische Mittelstand
+sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage befindet, da er mehr
+und mehr vom kaufm&auml;nnischen Gro&szlig;betrieb
+zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wird, so erkl&auml;rt sich daraus zum
+gro&szlig;en Teil die abnehmende Verheiratbarkeit der T&ouml;chter,
+und ihr zunehmendes Eindringen in die Erwerbsarbeit.</p>
+
+<p>So ist vorauszusehen, da&szlig; der R&uuml;ckgang der
+Heiratsfrequenz, der in der Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, die Zunahme der auf Erwerb
+angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft weiter
+entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung,
+insbesondere der b&uuml;rgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch
+nicht der einzige.</p>
+
+<p>Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die
+unversorgte, sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der
+Bourgeoisie eine Berufsth&auml;tigkeit zu suchen gezwungen ist,
+ebenso wie die Proletarierin, wenn auch oft aus anderen
+Gr&uuml;nden als sie. Dabei will ich derer nicht gedenken, die, um
+ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erh&ouml;hen, der
+Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren
+brachliegende Kr&auml;fte nach Beth&auml;tigung verlangen. Ihre
+Zahl steigt, je mehr die Industrie sie als Hausfrau und die
+Schul-Erziehung sie als Mutter entlastet. Der Gasherd, die
+elektrische Beleuchtung, die Zentralheizung, die
+Dampfw&auml;schereien sind schon heute wichtige Faktoren im
+Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen
+eine unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kinderg&auml;rten, der
+&ouml;ffentliche Schulunterricht, die zunehmende Neigung,
+heranwachsende Kinder auf Jahre hinaus Instituten anzuvertrauen,
+die sie wom&ouml;glich von dem geistig und k&ouml;rperlich
+korrumpierenden Einflu&szlig; der St&auml;dte fernhalten, geben der
+Mutter ein gut St&uuml;ck der freien Verf&uuml;gung &uuml;ber ihre
+Zeit zur&uuml;ck, das sich dadurch noch vermehrt, da&szlig; die
+Berufsarbeit und die politischen Interessen des Mannes ihn immer
+mehr aus dem Hause f&uuml;hren. Ueber diese Dinge mag man denken,
+wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich
+gegen&uuml;berstehen,&mdash;ableugnen lassen sie sich nicht und auf
+ihnen beruht ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben
+einer unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen
+Familienlebens. Die unbesch&auml;ftigten Gattinnen und M&uuml;tter
+haben die Wahl, ihre Zeit mit Vergn&uuml;gungen totzuschlagen oder
+sie mit n&uuml;tzlicher Th&auml;tigkeit auszuf&uuml;llen. Die
+besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zun&auml;chst fanden sie sie
+in Wohlth&auml;tigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis
+entwickelt sich dann aus dem oft recht sch&auml;dlichen Wohlthun
+eine ernstere soziale Hilfsarbeit, die schlie&szlig;lich zu dem
+Wunsche nach einer geregelten Berufsth&auml;tigkeit f&uuml;hrt. So
+l&auml;&szlig;t sich mit Recht behaupten, da&szlig; die
+Frauenbewegung mit der L&ouml;sung der Jungfernfrage, nicht, wie
+Eduard von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein
+w&uuml;rde, da&szlig; vielmehr der Kampf um Arbeit auch der
+verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der sich eben erst im
+Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer sichert, eine um
+so l&auml;ngere, als das steigende Mi&szlig;verh&auml;ltnis
+zwischen Bed&uuml;rfnissen und Einnahmen sie schon zu n&ouml;tigen
+anf&auml;ngt, f&uuml;r den Erwerb zu arbeiten.</p>
+
+<p>Es hat sich gezeigt, da&szlig; die Zunahme der alleinstehenden
+Frauen, die Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not
+als Ursachen der Frauenbewegung in allen L&auml;ndern anzusehen
+sind. Gleiche Ursachen werden notwendig gleiche Wirkungen
+hervorbringen. Das Vordringen der Frau in alle Erwerbsgebiete haben
+wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres Kampfes um Arbeit
+kennen gelernt. Es handelt sich nun darum, festzustellen, in
+welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses Tempo im
+Vergleich zur M&auml;nnerarbeit darstellt. Sehen wir zun&auml;chst
+von der Unterscheidung in b&uuml;rgerliche und proletarische Arbeit
+ab, so ergiebt sich f&uuml;r nachbenannte Staaten folgendes
+Verh&auml;ltnis der erwerbsth&auml;tigen Bev&ouml;lkerung zur
+Gesamtbev&ouml;lkerung:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="2">Gesamtbev&ouml;lkerung</th>
+<th colspan="2">Erwerbsth&auml;tige Bev&ouml;lkerung</th>
+<th colspan="2">Von 100 M&auml;nnern resp.<br />
+Frauen sind erwerbsth&auml;tig</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">25518820</td>
+<td align="right">24636963</td>
+<td align="right">14744942</td>
+<td align="right">2647157</td>
+<td align="center">57,78</td>
+<td align="center">10,74</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">32067880</td>
+<td align="right">30554370</td>
+<td align="right">18821090</td>
+<td align="right">3914571</td>
+<td align="center">58,69</td>
+<td align="center">12,81</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England u. Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">12639902</td>
+<td align="right">13334537</td>
+<td align="right">7783656</td>
+<td align="right">3403918</td>
+<td align="center">61,58</td>
+<td align="center">25,53</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England u. Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">14052901</td>
+<td align="right">14949624</td>
+<td align="right">8883254</td>
+<td align="right">4016230</td>
+<td align="center">63,20</td>
+<td align="center">26,87</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">18656518</td>
+<td align="right">18748772</td>
+<td align="right">10496652</td>
+<td align="right">5033604</td>
+<td align="center">56,26</td>
+<td align="center">26,84</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">18932354</td>
+<td align="right">19201031</td>
+<td align="right">11137065</td>
+<td align="right">5191084</td>
+<td align="center">58,82</td>
+<td align="center">27,03</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">22150749</td>
+<td align="right">23071364</td>
+<td align="right">13415415</td>
+<td align="right">5541527</td>
+<td align="center">60,56</td>
+<td align="center">24,02</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">25409191</td>
+<td align="right">26361123</td>
+<td align="right">15531841</td>
+<td align="right">6578350</td>
+<td align="center">57,19</td>
+<td align="center">24,94</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">10819737</td>
+<td align="right">11324516</td>
+<td align="right">6823891</td>
+<td align="right">4688687</td>
+<td align="center">63,07</td>
+<td align="center">41,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">11689129</td>
+<td align="right">12206284</td>
+<td align="right">7780491</td>
+<td align="right">6245073</td>
+<td align="center">66,56</td>
+<td align="center">51,16</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Zunahme der M&auml;nner- und der Frauenarbeit f&uuml;r den
+Zeitraum von 1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th colspan="2">M&auml;nner</th>
+<th colspan="2">Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>absolute Zunahme</th>
+<th>Zunahme in Prozenten</th>
+<th>absolute Zunahme</th>
+<th>Zunahme in Prozenten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="right">4076148</td>
+<td align="right">27,64</td>
+<td align="right">1267414</td>
+<td align="right">47,88</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="right">1099598</td>
+<td align="right">12,38</td>
+<td align="right">612312</td>
+<td align="right">15,22</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="right">640413</td>
+<td align="right">6,10</td>
+<td align="right">157480</td>
+<td align="right">3,11</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="right">2116426</td>
+<td align="right">15,78</td>
+<td align="right">1036833</td>
+<td align="right">18,71</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="right">956600</td>
+<td align="right">14,02</td>
+<td align="right">1556386</td>
+<td align="right">33,19</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite,
+indem wir feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen
+Erwerbsth&auml;tigen zu der der m&auml;nnlichen in den
+bez&uuml;glichen Z&auml;hlungsperioden stellt, so kommen wir zu
+folgendem Resultat:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="3">Die erwerbst&auml;tige Bev&ouml;lkerung</th>
+<th colspan="2">Von 100 Erwerbst&auml;tigen waren</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>im ganzen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">17392099</td>
+<td align="right">14744942</td>
+<td align="right">2647157</td>
+<td align="center">84,78</td>
+<td align="center">15,22</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">22735661</td>
+<td align="right">18821090</td>
+<td align="right">3914571</td>
+<td align="center">84,10</td>
+<td align="center">15,90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">England u. Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">11187574</td>
+<td align="right">7783656</td>
+<td align="right">3403918</td>
+<td align="center">69,59</td>
+<td align="center">30,41</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">12899484</td>
+<td align="right">8883254</td>
+<td align="right">4016230</td>
+<td align="center">68,09</td>
+<td align="center">31,91</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Frankreich</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">15540256</td>
+<td align="right">10496652</td>
+<td align="right">5033604</td>
+<td align="center">67,59</td>
+<td align="center">32,41</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">16328149</td>
+<td align="right">11137056</td>
+<td align="right">5191084</td>
+<td align="center">68,20</td>
+<td align="center">31,80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">18956932</td>
+<td align="right">13415415</td>
+<td align="right">5541517</td>
+<td align="center">71,24</td>
+<td align="center">28,76</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">22110191</td>
+<td align="right">15531841</td>
+<td align="right">6578350</td>
+<td align="center">70,25</td>
+<td align="center">29,75</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">11512578</td>
+<td align="right">6823891</td>
+<td align="right">4688687</td>
+<td align="center">59,27</td>
+<td align="center">40,67</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">14025564</td>
+<td align="right">7780491</td>
+<td align="right">6245073</td>
+<td align="center">55,47</td>
+<td align="center">45,53</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich
+folgende Schl&uuml;sse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, da&szlig;
+die Frauenarbeit im Verh&auml;ltnis zur gesamten weiblichen
+Bev&ouml;lkerung durchschnittlich um 2,86 Proz., die
+M&auml;nnerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist.
+Betrachten wir diese Tabelle n&auml;her, so ergiebt sich jedoch,
+da&szlig; der Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich
+auf das Resultat Oesterreichs zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, wo die
+weibliche Erwerbsth&auml;tigkeit um 9,76 Proz. zugenommen haben
+soll, w&auml;hrend die betreffende Zahl f&uuml;r Amerika,&mdash;das
+das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,&mdash;2,07
+Proz., f&uuml;r England 1,34 Proz., f&uuml;r Frankreich 0,19 Proz.
+und f&uuml;r Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe
+Zunahme der &ouml;sterreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen
+Stellen wieder begegnen werden, sich auf keinerlei besondere
+wirtschaftliche Ursachen zur&uuml;ckf&uuml;hren l&auml;&szlig;t, so
+m&uuml;ssen wir annehmen, da&szlig; entweder die Zahlung von 1880
+nicht alle weiblichen Erwerbsth&auml;tigen umfa&szlig;t hat, oder
+die von 1890 bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in
+der Berechnung, enth&auml;lt. Schalten wir deshalb, um eine
+richtigere Durchschnittszahl zu gewinnen, Oesterreich hier aus, so
+stellt sich die Zunahme der Frauenarbeit im Verh&auml;ltnis zur
+gesamten weiblichen Bev&ouml;lkerung auf 1,13 Proz., und die
+Zunahme der M&auml;nnerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis, das
+zun&auml;chst die Gegner der Erwerbsth&auml;tigkeit der Frau sehr
+beruhigen d&uuml;rfte, ist jedoch im wesentlichen auf den
+gro&szlig;en Frauen&uuml;berschu&szlig; zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.
+Als Beweis daf&uuml;r dient Amerika, dessen weibliche
+Bev&ouml;lkerung an Zahl hinter der m&auml;nnlichen
+zur&uuml;ckbleibt und wo die weiblichen Erwerbsth&auml;tigen im
+Verh&auml;ltnis zu ihr um 2,07 Proz., die m&auml;nnlichen dagegen
+nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.</p>
+
+<p>Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus
+der n&auml;chsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich,
+dessen eigent&uuml;mliches Bild im Stillstand der Bev&ouml;lkerung
+seine Ursache hat und dessen besonders langsam wachsende
+Frauenarbeit vielleicht auf den gr&ouml;&szlig;eren Wohlstand der
+Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist,&mdash;wenn nicht die
+Unvollkommenheit der Z&auml;hlung einen Teil der Schuld
+tr&auml;gt,&mdash;zeigt es sich, da&szlig; die
+Erwerbsth&auml;tigkeit des weiblichen Geschlechts in den
+betreffenden L&auml;ndern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die
+des m&auml;nnlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der
+Bev&ouml;lkerung, so zeigt sich, da&szlig;, w&auml;hrend die
+m&auml;nnliche Bev&ouml;lkerung durchschnittlich um 13,77 Proz.,
+die m&auml;nnlichen Erwerbsth&auml;tigen um 15,18 Proz. zunahmen,
+die weibliche Bev&ouml;lkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen
+Erwerbsth&auml;tigen um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen
+Zahlen spricht deutlich der Notstand, unter dem das weibliche
+Geschlecht zu leiden hat und der es in Scharen in den Kampf um
+Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies Verh&auml;ltnis durch die
+dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in welchem
+Verh&auml;ltnis die Geschlechter an der Erwerbsth&auml;tigkeit
+beteiligt sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber
+gegen&uuml;ber den hohen Zahlen anderer L&auml;nder wenig ins
+Gewicht f&auml;llt, w&auml;chst der Anteil der Frau am
+Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der
+alleinstehenden Frauen abh&auml;ngig ist: in Amerika ist er
+au&szlig;erordentlich gering, in England sehr hoch und in
+raschester Zunahme begriffen. Da nun, wie wir oben darstellten,
+nicht nur die Menge der Alleinstehenden stetig w&auml;chst, sondern
+auch die verheirateten Frauen immer mehr zur Arbeit gen&ouml;tigt
+werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die etwa gar durch
+&auml;u&szlig;ere Ma&szlig;regeln herbeigef&uuml;hrt werden soll,
+&uuml;berhaupt nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig
+der Erwerbsarbeit in den anderen gedr&auml;ngt werden, ihre
+Entwicklung aber ist eine gesetzm&auml;&szlig;ige, deren
+aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.</p>
+
+<p>F&uuml;r den gegenw&auml;rtigen Zweck der Untersuchung ist es
+nun notwendig, aus dem Bereich der weiblichen
+Erwerbsth&auml;tigkeit den Kreis herauszusch&auml;len, der die
+b&uuml;rgerlichen Berufe umfa&szlig;t. Dabei kann man nicht bei den
+liberalen Berufen stehen bleiben und st&ouml;&szlig;t deshalb auf
+gro&szlig;e Schwierigkeiten. Handelt es sich doch
+haupts&auml;chlich darum, die Zahl von erwerbsth&auml;tigen Frauen
+festzustellen, die aus der Bourgeoisie hervorgegangen sind und
+hierf&uuml;r fehlen, da an eine Feststellung der sozialen Herkunft
+der Erwerbsth&auml;tigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher so gut
+wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen Anhaltspunkte.
+Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, da&szlig;
+Lehrerinnen, h&ouml;here weibliche Beamte, weibliche Aerzte und
+Gelehrte aller Art aus b&uuml;rgerlichen Kreisen stammen, so steht
+das f&uuml;r Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen,
+Wirtschafterinnen, Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest,
+vielmehr setzen sich diese Berufe aus Gliedern b&uuml;rgerlicher
+und proletarischer Schichten zusammen. Eine Untersuchung, die auf
+Grund des Materials, das dem Berliner Hilfsverein f&uuml;r
+weibliche Angestellte zur Verf&uuml;gung steht, angestellt wurde<a
+name="FNanchor_329"></a><a href="#Footnote_329"><sup>329</sup></a>,
+verbreitet einiges Licht &uuml;ber diese Frage, soweit sie den
+kaufm&auml;nnischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus,
+da&szlig; 84 Proz. des kaufm&auml;nnisch gebildeten, also des
+Aufsichts- und Bureaupersonals, und 66 Proz. der
+Verk&auml;uferinnen b&uuml;rgerlichen Kreisen entstammen. Dieses
+Resultat l&auml;&szlig;t sich jedoch nicht ohne weiteres auf die
+Gesamtheit der Handelsangestellten anwenden, weil der genannte
+Verein ihre Elite umfa&szlig;t und das Verh&auml;ltnis in den
+Provinzst&auml;dten und unter den Nichtorganisierten ein anderes
+sein d&uuml;rfte. Wir glauben der Wahrheit nahe zu kommen, wenn
+wir,&mdash;soweit die Z&auml;hlungen der verschiedenen L&auml;nder
+das zulassen,&mdash;die Verk&auml;uferinnen aus dem Kreis der
+b&uuml;rgerlichen Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das
+kaufm&auml;nnisch gebildete Personal vollst&auml;ndig dazurechnen;
+der Prozentsatz unter ihm, der etwa aus proletarischen Schichten
+stammt, d&uuml;rfte durch den der Verk&auml;uferinnen ersetzt
+werden k&ouml;nnen, der ihre Herkunft aus b&uuml;rgerlichen Kreisen
+darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der
+selbst&auml;ndigen erwerbsth&auml;tigen Frauen. Ein gro&szlig;er
+Prozentsatz von ihnen kann nicht zu denen gerechnet werden, die
+sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und wirklich
+selbst&auml;ndige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind
+vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind
+keineswegs die leitenden Kr&auml;fte; ihre Zu- resp. Abnahme ist
+daher vom Standpunkt der Frauenfrage v&ouml;llig belanglos. Um so
+bedeutsamer w&auml;re es jedoch, lie&szlig;e es sich
+erm&ouml;glichen, diejenigen unter ihnen statistisch festzustellen,
+die als selbst&auml;ndig Erwerbsth&auml;tige in unserem Sinne
+gelten k&ouml;nnen. Das ist aber beinahe unm&ouml;glich: nur
+K&uuml;nstler, Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker
+k&ouml;nnen ohne weiteres berechnet und in die Kategorie der
+b&uuml;rgerlichen Erwerbsth&auml;tigen einbezogen werden; im
+allgemeinen verm&ouml;gen wir nur, und zwar wesentlich auf Grund
+der amerikanischen und englischen Verh&auml;ltnisse, anzunehmen,
+da&szlig; die Zahl der selbst&auml;ndigen Frauen aus eigner Kraft
+in steter Zunahme begriffen ist. Leichter schon w&auml;re es, wenn
+dabei die Betriebsz&auml;hlungen zu Grunde gelegt werden, die
+proletarischen Existenzen unter den Selbst&auml;ndigen von den
+b&uuml;rgerlichen zu sondern.</p>
+
+<p>Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen L&auml;nder
+gestaltet sich die Feststellung der in b&uuml;rgerlichen Berufen
+th&auml;tigen Frauen f&uuml;r eine internationale Vergleichung,
+weil die Methoden, nach denen die Berufe eingeteilt werden, gar zu
+verschiedene sind. Teils werden, wie in Amerika und England, die
+sozialen Schichten nicht scharf genug auseinandergehalten, teils
+Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der Hebammen und
+Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgef&uuml;hrt werden
+m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Nach alledem steht es fest, da&szlig; die statistische
+Umgrenzung der b&uuml;rgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf
+vollkommene Genauigkeit machen kann, trotzdem aber ein im
+allgemeinen richtiges Bild von ihr geben d&uuml;rfte. Teilen wir
+sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich nach den Ergebnissen,
+die ich den letzten offiziellen Berufsz&auml;hlungen entnommen
+habe, folgenderma&szlig;en dar.</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufe</th>
+<th>Deutschland</th>
+<th>Oesterreich</th>
+<th>Frankreich</th>
+<th>England u. Wales</th>
+<th>Vereinigte Staaten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1. Beamte und Bureauangestellte im Staatsdienst</td>
+<td align="right" rowspan="2">1852</td>
+<td align="right">865</td>
+<td align="right">445</td>
+<td align="right">8546</td>
+<td align="right" rowspan="2">4875</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>2. Beamte und Bureauangestellte im Gemeinde- und
+Kommunaldienst</td>
+<td align="right">357</td>
+<td align="right">387</td>
+<td align="right">5165</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>3. Polizeibeamte, Gendarmerie und Wachtdienst</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">10</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">279</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>4. Post-, Telegraphen- und Telephonbeamte</td>
+<td align="right">2499</td>
+<td align="right">2703</td>
+<td align="right">5211</td>
+<td align="right">4356</td>
+<td align="right">8474</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>5. Eisenbahnbeamte</td>
+<td align="right">382</td>
+<td align="right">605</td>
+<td align="right">3767</td>
+<td align="right">849</td>
+<td align="right">1438</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>6. Geistliche</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right"><a name="FNanchor_335"></a><a href=
+"#Footnote_335"><sup>335</sup></a>4194</td>
+<td align="right">1143</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>7. Kirchen- und Anstaltsbeamte</td>
+<td align="right">430</td>
+<td align="right">2715</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>8. Aerzte, Chirurgen und Zahn&auml;rzte</td>
+<td align="right" rowspan="2"><a name="FNanchor_330"></a><a href=
+"#Footnote_330"><sup>330</sup></a>72837</td>
+<td align="right">37</td>
+<td align="right">870</td>
+<td align="right">446</td>
+<td align="right">4894</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>9. Krankenpflegerinnen und Hebammen</td>
+<td align="right">14623</td>
+<td align="right"><a name="FNanchor_333"></a><a href=
+"#Footnote_333"><sup>333</sup></a>13475</td>
+<td align="right">53057</td>
+<td align="right">41396</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>10. Tier&auml;rzte</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">2</td>
+<td align="right">2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>11. Advokaten</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right"><a name="FNanchor_332"></a><a href=
+"#Footnote_332"><sup>332</sup></a>6</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">208</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>12. Bureaubeamte bei Advokaten und Notaren</td>
+<td align="right"><a name="FNanchor_331"></a><a href=
+"#Footnote_331"><sup>331</sup></a>--</td>
+<td align="right">102</td>
+<td align="right">389</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>13. Professoren an Universit&auml;ten und Lyceen</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right" rowspan="2">68448</td>
+<td align="right" rowspan="2">144393</td>
+<td align="right">695</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>14. Lehrer</td>
+<td align="right">66181</td>
+<td align="right">21417</td>
+<td align="right">245371</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>15. Privatgelehrte</td>
+<td align="right" rowspan="3">410</td>
+<td align="right" rowspan="4">332</td>
+<td align="right" rowspan="3">391</td>
+<td align="right">42</td>
+<td align="right" rowspan="2">2725</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>16. Schriftsteller und Redakteure</td>
+<td rowspan="2" align="right">660</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>17. Journalisten</td>
+<td align="right">888</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>18. Stenographen und Maschinenschreiber</td>
+<td align="right">436</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">127</td>
+<td align="right">21270</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>19. Bibliotheks-, Museums- und Privatbeamte</td>
+<td align="right">865</td>
+<td align="right">572</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">240</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>20. Architekten</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">20</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">19</td>
+<td align="right">22</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21. Ingenieure</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">124</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>22. Maler und Bildhauer</td>
+<td align="right">839</td>
+<td align="right">337</td>
+<td align="right" rowspan="2">3818</td>
+<td align="right">3032</td>
+<td align="right">10815</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>23. Musiker</td>
+<td align="right" rowspan="3">8976</td>
+<td align="right" rowspan="3">2586</td>
+<td rowspan="2" align="right">19111</td>
+<td align="right" rowspan="2">34519</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>24. Musiklehrer</td>
+<td align="right">4888</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>25. Schauspieler und S&auml;nger</td>
+<td align="right">5301</td>
+<td align="right">3696</td>
+<td align="right">3949</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>26. Theaterbeamte</td>
+<td align="right">195</td>
+<td align="right">1074</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>27. Chemiker</td>
+<td align="right">92</td>
+<td align="right">42</td>
+<td align="right" rowspan="2">657</td>
+<td align="right">27</td>
+<td align="right">39</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>28. Apotheker</td>
+<td align="right">60</td>
+<td align="right">134</td>
+<td align="right">160</td>
+<td align="right">734</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>29. Photographen</td>
+<td align="right">208</td>
+<td align="right" rowspan="2">156</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">2496</td>
+<td align="right">2201</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>30. Zeichner, Musterzeichner, Graveure, Modelleure</td>
+<td align="right">114</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">346</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>31. Agenten</td>
+<td align="right">195</td>
+<td align="right" rowspan="2">1809</td>
+<td align="right">91</td>
+<td align="right">765</td>
+<td align="right">4875</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>32. Handelsreisende</td>
+<td align="right" rowspan="4">11987</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">165</td>
+<td align="right">611</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>33. Buchhalter</td>
+<td rowspan="3" align="right">8138</td>
+<td align="right" rowspan="2"><a name="FNanchor_334"></a><a href=
+"#Footnote_334"><sup>334</sup></a>94003</td>
+<td align="right">50</td>
+<td align="right">27772</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>34. Handelskommis</td>
+<td align="right">17859</td>
+<td align="right">64219</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>35. Bankbeamte</td>
+<td align="right">1135</td>
+<td align="right">249</td>
+<td align="right">217</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>36. Verwalter, Wirtschaftsbeamte und Rechnungsf&uuml;hrer in
+landschaftlichen Betrieben</td>
+<td align="right">17170</td>
+<td align="right">1001</td>
+<td align="right">16766</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right"><a name="FNanchor_336"></a><a href=
+"#Footnote_336"><sup>336</sup></a>--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>37. Technisch gebildete Beamte in industriellen Betrieben</td>
+<td align="right">5099</td>
+<td align="right">2094</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">748</td>
+<td align="right"><a name="FNanchor_337"></a><a href=
+"#Footnote_337"><sup>337</sup></a>--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>38. Andere freie Berufe</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">177</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">479</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Summa:</th>
+<td align="right">190827</td>
+<td align="right">61382</td>
+<td align="right">220042</td>
+<td align="right">269454</td>
+<td align="right">484580</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sehen aus dieser Tabelle, da&szlig; die relativ
+gr&ouml;&szlig;te Anzahl b&uuml;rgerlicher Frauen als Lehrerinnen,
+Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen th&auml;tig sind. Wo
+sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen Berufen
+haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der
+Theologie zuzuf&uuml;hren. Bei dieser Berufswahl kommen die
+urspr&uuml;nglichsten und durch die Erziehung der Jahrtausende
+gefestigten Begabungen ihres Geschlechts zum Ausdruck, als deren
+Grundzug die in jeder unverdorbenen Frau ruhende
+M&uuml;tterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin, die
+statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und
+Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn
+f&uuml;r Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen
+Ansiedelung an ge&uuml;bte Kunst der Haushaltung kommt in dem
+Talent des weiblichen Geschlechts f&uuml;r den kaufm&auml;nnischen
+Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung entsprechen auch die
+&ouml;ffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in immer
+erweitertem Ma&szlig;e zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen
+&uuml;ber die Bef&auml;higung der Frauen zum Staats- und
+Gemeindedienst gemacht hat: In England und Amerika werden Frauen
+haupts&auml;chlich im Bureaudienst, als Erzieher, Armenpfleger,
+Armenhaus-, Sanit&auml;ts- und Gewerbe-Inspektoren verwendet.</p>
+
+<p>Um aber zu einer richtigen W&uuml;rdigung der Zahl
+b&uuml;rgerlich erwerbsth&auml;tiger Frauen zu kommen, mu&szlig;
+sie mit der Zahl der in denselben Berufen th&auml;tigen M&auml;nner
+verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten
+Z&auml;hlung f&uuml;r die betreffenden L&auml;nder als
+Resultat:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th colspan="2">Von 100 Erwerbst&auml;tigen<br />
+in b&uuml;rgerlichen Berufen sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">88,34</td>
+<td align="center">11,46</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">87,77</td>
+<td align="center">12,23</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">78,02</td>
+<td align="center">21,98</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England</td>
+<td align="center">77,67</td>
+<td align="center">22,33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">81,25</td>
+<td align="center">18,75</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Berechnung zeigt, da&szlig; die geringste Beteiligung der
+Frauen am b&uuml;rgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der
+Zugang dazu ihnen am meisten erschwert wird, und die h&ouml;chste
+da vorhanden ist, wo nicht nur die Berufe ihnen offen stehen,
+sondern wo zu gleicher Zeit ein starker Frauen&uuml;berschu&szlig;
+konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein
+M&auml;nner&uuml;berschu&szlig; besteht, ist, trotz der Zulassung
+der Frauen zu allen Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein
+geringerer.</p>
+
+<p>Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch
+wesentlich, sobald wir das Wachstum der b&uuml;rgerlichen
+Frauenarbeit einer Betrachtung unterziehen. Folgende
+Zusammenstellung giebt Aufschlu&szlig; dar&uuml;ber:</p>
+
+<p>Erwerbst&auml;tige in b&uuml;rgerlichen Berufen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th colspan="2">1880 resp. 1881 und 1882</th>
+<th colspan="2">1890 resp. 1891 und 1895</th>
+<th colspan="2">Absolute Zunahme der</th>
+<th colspan="2">Prozentuale Zunahme der</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="right">808213</td>
+<td align="right">118070</td>
+<td align="right">1474072</td>
+<td align="right">190827</td>
+<td align="right">665859</td>
+<td align="right">72757</td>
+<td align="right">82,32</td>
+<td align="right">61,61</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="right">276070</td>
+<td align="right">41693</td>
+<td align="right">440288</td>
+<td align="right">61328</td>
+<td align="right">164218</td>
+<td align="right">19690</td>
+<td align="right">59,52</td>
+<td align="right">47,22</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="right">660459</td>
+<td align="right">196296</td>
+<td align="right">781052</td>
+<td align="right">220042</td>
+<td align="right">120593</td>
+<td align="right">23746</td>
+<td align="right">18,26</td>
+<td align="right">10,79</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England</td>
+<td align="right">605245</td>
+<td align="right">168656</td>
+<td align="right">936970</td>
+<td align="right">269454</td>
+<td align="right">331725</td>
+<td align="right">100798</td>
+<td align="right">54,81</td>
+<td align="right">59,47</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verein. Staaten</td>
+<td align="right">992736</td>
+<td align="right">229451</td>
+<td align="right">2099513</td>
+<td align="right">484580</td>
+<td align="right">1106777</td>
+<td align="right">255129</td>
+<td align="right">89,69</td>
+<td align="right">111,19</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Sie zeigt deutlich, da&szlig; die Zunahme der b&uuml;rgerlichen
+Frauenarbeit in England und Amerika, wo eine gro&szlig;e
+Ausbreitungsm&ouml;glichkeit f&uuml;r sie besteht, eine weit
+raschere ist, als die der M&auml;nner.</p>
+
+<p>Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir
+hier wiedergeben, und die sich &uuml;ber zwei Jahrzehnte erstreckt,
+liegt f&uuml;r Amerika vor:<a name="FNanchor_338"></a><a href=
+"#Footnote_338"><sup>338</sup></a></p>
+
+<p>Von 100 Erwerbst&auml;tigen in Amerika waren</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Berufe</th>
+<th colspan="2">1870</th>
+<th colspan="2">1880</th>
+<th colspan="2">1890</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&uuml;nstler und Kunstlehrer</td>
+<td align="right">89,90</td>
+<td align="right">10,10</td>
+<td align="right">77,36</td>
+<td align="right">22,64</td>
+<td align="right">51,92</td>
+<td align="right">48,08</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Musiker und Musiklehrer</td>
+<td align="right">64,07</td>
+<td align="right">35,93</td>
+<td align="right">56,75</td>
+<td align="right">43,25</td>
+<td align="right">44,46</td>
+<td align="right">55,54</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Professoren und Lehrer</td>
+<td align="right">33,73</td>
+<td align="right">66,27</td>
+<td align="right">32,21</td>
+<td align="right">67,79</td>
+<td align="right">29,16</td>
+<td align="right">70,84</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Buchhalter und Kommis</td>
+<td align="right">96,53</td>
+<td align="right">3,47</td>
+<td align="right">92,90</td>
+<td align="right">7,10</td>
+<td align="right">83,07</td>
+<td align="right">16,93</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die
+Frauen in rapidem Tempo in die sich ihnen &ouml;ffnenden Berufe
+dr&auml;ngt, und es l&auml;&szlig;t sich daraus schlie&szlig;en,
+da&szlig; dasselbe Verh&auml;ltnis sich in anderen L&auml;ndern
+zeigen wird, wenn die verschlossenen Th&uuml;ren sich auch dort
+ihnen &ouml;ffnen. Vor allem aus der prozentualen Zunahme der
+Lehrerinnen und Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich
+l&auml;&szlig;t sich unschwer der Beweis daf&uuml;r erbringen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<th colspan="2">Oesterreich Zunahme der</th>
+<th colspan="2">Deutschland Zunahme der</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lehrer</td>
+<td align="right">42,14</td>
+<td align="right">44,62</td>
+<td align="right">24,79</td>
+<td align="right">48,84</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handelsangestellte</td>
+<td align="right">115,81</td>
+<td align="right">126,66</td>
+<td align="right">80,60</td>
+<td align="right">279,21</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen
+Wachstums der b&uuml;rgerlichen Frauenarbeit gegen&uuml;ber.
+Daf&uuml;r spricht auch der Umstand, da&szlig; jeder offenen Stelle
+eine erschreckend gro&szlig;e Zahl Bewerberinnen
+gegen&uuml;berstehen, die nat&uuml;rlich dort den
+gr&ouml;&szlig;ten Umfang annimmt, wo die arbeitsuchenden Frauen
+die geringste Auswahl unter den Berufen haben. Nach einer in
+Frankreich angestellten Untersuchung<a name="FNanchor_339"></a><a
+href="#Footnote_339"><sup>339</sup></a> bewarben sich bei einer
+Konkurrenz allein im Seine-Departement &uuml;ber 8000 Frauen um 193
+offene Schulstellen; f&uuml;r 200 Stellungen, die die Post
+ausgeschrieben hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank
+von Frankreich, die j&auml;hrlich h&ouml;chstens 25 Stellen neu zu
+besetzen hat, stellten mehr als 6000 Arbeitsuchende sich vor; der
+Cr&eacute;dit Lyonnais z&auml;hlte f&uuml;r ca. 80 Stellen 700 bis
+800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im Durchschnitt
+100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen zeigen
+nicht nur, da&szlig; das Problem der Arbeitslosigkeit f&uuml;r die
+M&auml;dchen aus b&uuml;rgerlichen Kreisen vielfach in demselben
+Grade besteht, wie f&uuml;r die Proletarierinnen, sie sprechen auch
+f&uuml;r die wachsende Not, die sie zur Erwerbsarbeit treibt. Ein
+weiterer Beweis daf&uuml;r ist die rasche Zunahme der weiblichen
+Studenten. An den preu&szlig;ischen Universit&auml;ten, die sich
+bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem
+vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den
+Schweizer Universit&auml;ten betr&auml;gt die Zunahme von 1890 bis
+1900 184 zu 1026.<a name="FNanchor_340"></a><a href=
+"#Footnote_340"><sup>340</sup></a> Diese Zahlen w&uuml;rden noch
+bedeutend h&ouml;her sein, wenn nicht das Studium und der Eintritt
+in einen gelehrten Beruf gro&szlig;e finanzielle Opfer forderte,
+die bis jetzt in erster Linie nur den S&ouml;hnen gebracht worden
+sind. Bei den Frauen gilt es meist, m&ouml;glichst rasch zum Erwerb
+zu gelangen, daher w&auml;hlen sie Berufe deren Vorbereitung nicht
+zu viel Zeit und Geld erfordert. Und das ist einer der
+proletarischen Z&uuml;ge in der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung.
+Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an dieser Stelle
+erw&auml;hnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr
+Verh&auml;ltnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Auf 100 Erwerbsth&auml;tige<br />
+in b&uuml;rgerlichen Berufen<br />
+kommen verheiratete Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="right">15,02</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="right">36,22</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="right">8,92</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen
+Kampf der M&auml;nner gegen die Zulassung der Frauen zu
+b&uuml;rgerlichen Berufen ausdr&uuml;ckt, ist daher nicht
+unbegr&uuml;ndet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die
+Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung
+unterziehen. Ueberall, selbst in den L&auml;ndern, wo die
+Frauenarbeit die gl&auml;nzendsten Fortschritte macht, zeigt es
+sich, da&szlig; ihre Bewertung, auch bei gleicher Leistung, eine
+geringere ist als die der M&auml;nner. In den Oststaaten
+Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars
+w&ouml;chentlich, ihre m&auml;nnlichen Kollegen dagegen 10 bis 35
+Dollars. M&auml;nnliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein
+Gehalt von 800 bis 2000 Dollars j&auml;hrlich, Frauen in gleichen
+Stellungen beginnen mit einem Mindestgehalt von 500 und erreichen
+nur ein H&ouml;chstgehalt von 1200 Dollars. Ueber die
+Verschiedenheit der Geh&auml;lter der Lehrer und Lehrerinnen giebt
+folgende Tabelle Aufschlu&szlig;:<a name="FNanchor_341"></a><a
+href="#Footnote_341"><sup>341</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<th colspan="2">Durchschnittlicher Verdienst der</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>New York</td>
+<td align="right">74,95 $</td>
+<td align="right">51,33 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Massachusetts</td>
+<td align="right">128,55 $</td>
+<td align="right">48,38 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Rhode Island</td>
+<td align="right">101,83 $</td>
+<td align="right">50,06 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Connecticut</td>
+<td align="right">85,58 $</td>
+<td align="right">41,88 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Delaware</td>
+<td align="right">36,60 $</td>
+<td align="right">34,08 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Maryland</td>
+<td align="right">48,00 $</td>
+<td align="right">40,40 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>South-Carolina</td>
+<td align="right">25,46 $</td>
+<td align="right">22,32 $</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Florida</td>
+<td align="right">35,50 $</td>
+<td align="right">34,00 $</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Der Umstand, da&szlig; der weitaus gr&ouml;&szlig;te Teil der
+Lehrer in Amerika Frauen sind, f&auml;llt dabei besonders schwer
+ins Gewicht und beweist, da&szlig; die Mehranstellung von Frauen
+nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern geringerer
+Anspr&uuml;che erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das
+rasche Vordringen der Engl&auml;nderin in alle Erwerbsgebiete zu
+verdanken. Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in
+leitenden Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis
+80 Pfund j&auml;hrlich,&mdash;fast die H&auml;lfte dessen, was
+ihren m&auml;nnlichen Kollegen zugestanden wird.<a name=
+"FNanchor_342"></a><a href="#Footnote_342"><sup>342</sup></a> Auch
+die Lehrerinnen an h&ouml;heren M&auml;dchenschulen sind in keiner
+g&uuml;nstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur eine
+Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen
+von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf
+200 Pfund. Noch schlechter sind die Verh&auml;ltnisse der
+Volksschullehrerinnen, die von der Girls Day School Company
+angestellt werden und durchschnittlich 12 Pfund 12 sh
+j&auml;hrlichen Gehalt beziehen! Die Lehrerinnen der
+Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch nur in
+Ausnahmef&auml;llen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erh&ouml;hen.<a
+name="FNanchor_343"></a><a href="#Footnote_343"><sup>343</sup></a>
+Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast
+ausschlie&szlig;lich b&uuml;rgerlichen Kreisen entstammen, werden
+f&uuml;r ihre aufopfernde Th&auml;tigkeit in ungen&uuml;gender
+Weise entsch&auml;digt: neben Wohnung und Bek&ouml;stigung erhalten
+sie 12 bis 30 Pfund j&auml;hrlich. Selbst die vom Staat
+angestellten Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich
+keineswegs einer gl&auml;nzenden Stellung, da der gr&ouml;&szlig;te
+Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im Jahr bezieht, ihre
+m&auml;nnlichen Kollegen erhalten f&uuml;r gleiche Leistungen ein
+Mindestgehalt von 70 Pfund und w&auml;hrend sie in den h&ouml;heren
+Stellungen eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die
+Frauen in denselben Stellungen im g&uuml;nstigsten Falle 400
+Pfund.<a name="FNanchor_344"></a><a href=
+"#Footnote_344"><sup>344</sup></a> Gleiches l&auml;&szlig;t sich
+von den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis
+40 Pfund im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist,
+als die der M&auml;nner.<a name="FNanchor_345"></a><a href=
+"#Footnote_345"><sup>345</sup></a> Dasselbe Bild wiederholt sich in
+Frankreich, und ist in Bezug auf die staatlich Angestellten
+besonders unerfreulich. Die weiblichen Beamten im Post- und
+Telegraphendienst beziehen ein Anfangsgehalt von 1000 Frs., die
+m&auml;nnlichen bei gleicher Leistung 1500 Frs.; die Einnahme der
+Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der M&auml;nner alle 3
+Jahre mit 300 Frs.; das H&ouml;chstgehalt der Frauen endlich
+betr&auml;gt 1800 Frs., das der M&auml;nner dagegen weit &uuml;ber
+das Doppelte, n&auml;mlich 4000 Frs.<a name="FNanchor_346"></a><a
+href="#Footnote_346"><sup>346</sup></a></p>
+
+<p>Trauriger noch sind die Zust&auml;nde in Deutschland und
+Oesterreich. Giebt es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen,
+deren Jahreseinkommen 300 bis 450 Mk. betr&auml;gt, eine Einnahme,
+die sich mit der einer besonders schlecht gestellten
+W&auml;schen&auml;herin vergleichen l&auml;&szlig;t. Eine
+Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,&mdash;kein
+Lehrer bezieht unter 900 Mk.,&mdash;hat die Aussicht, nach 31
+j&auml;hriger angestrengter Th&auml;tigkeit 1560 Mk. alles in allem
+zu erhalten. In Gumbinnen erreicht sie nach 20j&auml;hrigem Dienst
+ein H&ouml;chstgehalt von 1150 Mk.<a name="FNanchor_347"></a><a
+href="#Footnote_347"><sup>347</sup></a> Zwei Drittel der
+technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt von&mdash;25
+Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Geh&auml;lter der
+Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den h&ouml;heren
+M&auml;dchenschulen stehen, zeigt folgende Tabelle &uuml;ber ihre
+niedrigsten und h&ouml;chsten Einnahmen an den genannten Orten:<a
+name="FNanchor_348"></a><a href=
+"#Footnote_348"><sup>348</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td></td>
+<th>Lehrerinnen</th>
+<th>Lehrer</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Berlin</td>
+<td>1800-2600 Mk.</td>
+<td>2800-6000 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Breslau</td>
+<td>1300-2300 &nbsp;&nbsp;"</td>
+<td>1800-4550 &nbsp;&nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Danzig</td>
+<td>1200-2000 &nbsp;&nbsp;"</td>
+<td>1800-4850 &nbsp;&nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hannover</td>
+<td>1000-2000 &nbsp;&nbsp;"</td>
+<td>2250-5150 &nbsp;&nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kassel</td>
+<td>1200-1950 &nbsp;&nbsp;"</td>
+<td>2600-5150 &nbsp;&nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&ouml;ln</td>
+<td>1200-2200 &nbsp;&nbsp;"</td>
+<td>1800-6075 &nbsp;&nbsp;"</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Dabei ist berechnet worden, da&szlig; eine
+gro&szlig;st&auml;dtische Lehrerin bei bescheidensten
+Anspr&uuml;chen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben
+mu&szlig;.</p>
+
+<p>Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an
+Privatschulen, wo sie h&auml;ufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein
+m&uuml;ssen<a name="FNanchor_349"></a><a href=
+"#Footnote_349"><sup>349</sup></a> und &uuml;berdies durch Einkauf
+in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten
+f&uuml;r Lehrerinnen f&uuml;r ihr Alter selbst zu sorgen haben.
+Freilich ist die Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen
+gew&auml;hren, die, unter Verzicht auf pers&ouml;nliches
+Lebensgl&uuml;ck, ihre besten Jahre der Heranbildung der
+T&ouml;chter des Landes geopfert haben, jammervoll genug: sie
+betr&auml;gt 405 bis 912 Mk. j&auml;hrlich;&mdash;es liegt
+grimmiger Hohn darin, diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu
+bezeichnen, denn von Ruhe ist auch f&uuml;r die alternde Lehrerin
+keine Rede. Wie sie schon in ihren besten Jahren kaum existieren
+kann, ohne Verm&ouml;gen zu besitzen, oder&mdash;der h&auml;ufigste
+Fall&mdash;durch Privatstunden den Rest ihrer Kr&auml;fte
+aufzureiben, so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht
+erfreuen, wenn sie nicht aus anderen Quellen eine Pension sich
+selbst sicherte, oder, bis ihre Gesundheit ganz versagt, tagaus,
+tagein, treppauf, treppab l&auml;uft, um sich noch ein paar Mark zu
+verdienen.</p>
+
+<p>Die Handelsangestellten befinden sich in keiner g&uuml;nstigeren
+Lage, als die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen
+Bureaupersonals vermag als H&ouml;chstgehalt das Monatseinkommen zu
+erringen, das die M&auml;nner in gleichen Stellungen in der Regel
+beziehen.<a name="FNanchor_350"></a><a href=
+"#Footnote_350"><sup>350</sup></a> Geh&auml;lter zwischen 20 und 30
+Mk. monatlich geh&ouml;ren, besonders in der Provinz, nicht zu den
+Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung,
+da&szlig; eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. f&uuml;r die
+Handelsangestellten ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben
+einer Anzahl Berliner Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb
+angewiesen sind, stellen sich ihre Ausgaben f&uuml;r Wohnung und
+Nahrung&mdash;also ohne Kleidung, W&auml;sche, Extraausgaben, wie
+Omnibusfahrten u. dergl., von Vergn&uuml;gungen ganz
+abgesehen&mdash;auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die
+Einnahmen von 28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.<a name=
+"FNanchor_351"></a><a href="#Footnote_351"><sup>351</sup></a>
+F&uuml;r Oesterreich werden die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen
+folgenderma&szlig;en berechnet: 60 Proz. haben ein Gehalt von 10-25
+Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10 Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz.
+50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf noch h&ouml;here
+Geh&auml;lter. Trotz dieser j&auml;mmerlichen Bezahlung
+dr&auml;ngen sich die M&auml;dchen zum kaufm&auml;nnischen Beruf;
+so mu&szlig;te z.B. eine der unentgeltlichen Fachschulen von 600
+Aufnahmesuchenden 292 abweisen.<a name="FNanchor_352"></a><a href=
+"#Footnote_352"><sup>352</sup></a> Die m&auml;nnlichen
+Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40 Gulden zu
+beziehen und stehen nach l&auml;ngerem Dienst
+unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig g&uuml;nstiger als die Frauen.
+Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt von 360 bis 600 Gulden
+j&auml;hrlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme von 840
+Gulden.<a name="FNanchor_353"></a><a href=
+"#Footnote_353"><sup>353</sup></a> Aehnlich sind die
+Verh&auml;ltnisse bei den Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit
+einem Gehalt von 30 Gulden monatlich, das alle f&uuml;nf Jahre um 5
+Gulden steigt, bis es den H&ouml;chstgehalt von 50 Gulden erreicht
+hat. Fast die H&auml;lfte der Angestellten beziehen
+gegenw&auml;rtig den niedrigsten Gehalt, und w&auml;hrend die
+Bez&uuml;ge der m&auml;nnlichen Beamten, von denen keine
+h&ouml;here Vorbildung und keine anderen Leistungen verlangt
+werden, als vom weiblichen Personal, wiederholte Aufbesserung
+erfuhren, sind sie in den ca. drei Jahrzehnten, seit denen der
+Staat Frauen besch&auml;ftigt, f&uuml;r die Frauen unver&auml;ndert
+geblieben. Die Pensionen, die nur bei v&ouml;lliger
+Dienstunf&auml;higkeit gew&auml;hrt werden, entsprechen dem Gehalt:
+nach drei&szlig;igj&auml;hrigem Dienst, dem l&auml;ngsten, der nach
+den gemachten Erfahrungen erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden
+monatlich angewiesen.<a name="FNanchor_354"></a><a href=
+"#Footnote_354"><sup>354</sup></a></p>
+
+<p>Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja
+geradezu haarstr&auml;ubend, soweit die Privatschulen in Betracht
+kommen. Sie nutzen die Zwangslage, in der sich die M&auml;dchen
+dadurch befinden, da&szlig; sie erst nach zweij&auml;hriger
+Lehrth&auml;tigkeit zur Lehrbef&auml;higungspr&uuml;fung, die sie
+in eine h&ouml;here Gehaltsstufe aufr&uuml;cken l&auml;&szlig;t,
+zugelassen werden, aus, indem sie die jungen Lehrerinnen
+gro&szlig;enteils&mdash;umsonst arbeiten lassen. Es kommt vor,
+da&szlig; die Entsch&auml;digung f&uuml;r 4 bis 5 Stunden
+Unterricht im Gabelfr&uuml;hst&uuml;ck besteht; in den
+Klosterschulen werden die Volont&auml;rinnen am Ende des Schuljahrs
+mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock belohnt. Nur wenige
+Institute gew&auml;hren ein H&ouml;chstgehalt von 30 bis 35 Gulden
+w&auml;hrend der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15
+oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.<a name=
+"FNanchor_355"></a><a href="#Footnote_355"><sup>355</sup></a> Ist
+es ihnen endlich nach zweij&auml;hriger Arbeit unter den elendesten
+Verh&auml;ltnissen gelungen, eine Anstellung als Unterlehrerin zu
+erhalten, so sind sie zun&auml;chst auf 1,16 bis 1,33 Gulden
+t&auml;glich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis 15
+Jahre in &auml;hnlicher Stellung zu bleiben.<a name=
+"FNanchor_356"></a><a href="#Footnote_356"><sup>356</sup></a>
+Handelt es sich um Industrielehrerinnen, so k&ouml;nnen sie
+bestenfalls auf ein Jahreseinkommen von 450 bis 600 Gulden rechnen,
+m&uuml;ssen aber auch darauf gefa&szlig;t sein, jahrelang mit 180
+Gulden auszukommen.<a name="FNanchor_357"></a><a href=
+"#Footnote_357"><sup>357</sup></a> Nun sind f&uuml;r sehr
+bescheidene Bed&uuml;rfnisse die notwendigen Ausgaben einer in
+b&uuml;rgerlichen Berufen th&auml;tigen Oesterreicherin
+zusammengestellt worden, wobei Ausgaben f&uuml;r Arzt und Apotheke,
+Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten,
+Bildungsmittel, Vergn&uuml;gungen etc. nicht in Rechnung kamen, und
+es hat sich ergeben, da&szlig; 703 Gulden das Geringste ist, wessen
+sie bedarf.<a name="FNanchor_358"></a><a href=
+"#Footnote_358"><sup>358</sup></a> Es zeigt sich also auch hier,
+da&szlig; die Einnahmen zu den Ausgaben in schreiendem
+Mi&szlig;verh&auml;ltnis stehen.</p>
+
+<p>Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der
+erwerbenden Frau, das auf alle L&auml;nder gleichm&auml;&szlig;ig
+pa&szlig;t, behandelt die Lage der B&uuml;hnenk&uuml;nstlerinnen.
+Nominell scheint ihr Einkommen h&auml;ufig dem der M&auml;nner
+gleichzustehen, thats&auml;chlich ist es ganz bedeutend geringer,
+weil Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei
+den M&auml;nnern keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren
+B&uuml;hnen, auch die historischen Kost&uuml;me selbst zu
+beschaffen haben, die ihren m&auml;nnlichen Kollegen geliefert
+werden. Wir finden in Deutschland Gagen f&uuml;r Solistinnen bis zu
+50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden hinab, auf denen
+noch, als eine unertr&auml;gliche Steuer, die Prozentabgaben an die
+Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die H&ouml;he,
+die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den
+Gro&szlig;st&auml;dten die Unsitte der Anstellung sogen.
+"Luxusdamen", die oft auf jede Gage verzichten, hingegen der
+Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen gro&szlig;en
+Toiletteaufwand garantieren, &Uuml;berhand nimmt.<a name=
+"FNanchor_359"></a><a href="#Footnote_359"><sup>359</sup></a></p>
+
+<p>Werfen wir noch einen Blick auf die gro&szlig;e, rasch wachsende
+Zahl der weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, da&szlig;
+ihre starke Mitarbeit an Familienbl&auml;ttern zweiten und dritten
+Ranges zum gr&ouml;&szlig;ten Teil auf ihre geringen Anspr&uuml;che
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Selbst in England, dem Dorado
+schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden
+Autorinnen, die, dank ihres Talents, gl&auml;nzend situiert sind.
+Im allgemeinen k&ouml;nnen 100 Pfund im Jahr schon als eine sehr
+gute Einnahme gelten.<a name="FNanchor_360"></a><a href=
+"#Footnote_360"><sup>360</sup></a> Dasselbe gilt f&uuml;r die
+Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend schlechter
+gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie die in
+allen Zweigen des Kunstgewerbes th&auml;tigen Frauen, geben sich
+mit Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen
+w&uuml;rde, anzubieten.</p>
+
+<p>Das rasche Vordringen der Frau in die b&uuml;rgerlichen Berufe
+l&auml;&szlig;t sich nach alledem weniger durch bessere Leistungen,
+als durch geringere Anspr&uuml;che erkl&auml;ren; selbst der Staat
+handelt nicht anders wie jeder Fabrikant, der Arbeiterinnen
+besch&auml;ftigt: es ist f&uuml;r ihn eine Ersparnis. Die Ursachen
+aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den
+verschiedensten Gebieten zu suchen. Zun&auml;chst ist die Frau als
+selbst&auml;ndig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen,
+von dem durch den Mann zu ern&auml;hrenden Weibe, vollst&auml;ndig
+widerspricht. Die Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur f&uuml;r
+einen Zuschu&szlig; zum Lebensunterhalt, nicht f&uuml;r seine
+vollst&auml;ndigen Kosten, und der sentimentale Hinweis auf den
+Schutz der Familie, womit sogen. Menschenfreunde dem armen
+M&auml;dchen helfen wollen, entspringt demselben Boden, aus dem der
+rohe Cynismus w&auml;chst, mit dem Kaufleute und Theaterdirektoren
+ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu treiben
+suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der Brotgeber.
+Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau f&uuml;r
+die Berufsarbeit eine unzul&auml;ngliche und der dadurch erzeugte
+Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen,
+unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die
+dasselbe leisten wie die M&auml;nner. Und noch ein anderes,
+f&uuml;r die b&uuml;rgerliche Frauenarbeit charakteristisches
+Moment kommt hinzu: eine gro&szlig;e Zahl der Arbeit suchenden
+Frauen ist nicht vollst&auml;ndig auf ihre Ertr&auml;gnisse
+angewiesen; sei es, da&szlig; sie bei den Eltern wohnen und nur ein
+Nadelgeld verdienen m&uuml;ssen, sei es, da&szlig; sie eine Rente
+beziehen, die nur nicht ganz zum Leben ausreicht,&mdash;auf jeden
+Fall sind sie in der Lage, die M&auml;nner, und, was noch schlimmer
+ist, die wirklich Not leidenden weiblichen Konkurrenten zu
+unterbieten. Und sie thun das skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem
+Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl. Ihre jahrhundertelange Vereinzelung
+als T&ouml;chter, Gattinnen und M&uuml;tter&mdash;jede in einer
+engen Welt f&uuml;r sich&mdash;hat sie kurzsichtig und egoistisch
+gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden,
+das sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage l&ouml;sen helfen.
+Solange aber Beamtent&ouml;chter durch Bureaudienst nur
+Toilettengeld zu verdienen w&uuml;nschen und junge Damen sich die
+Langeweile wegpinseln und wegsticken, solange wird ein
+erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im Erwerbsleben
+nicht zu Ende gef&uuml;hrt werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"3_Die_burgerliche_Berufsthatigkeit_von_prinzipiellen_Gesichtspunkten" />3.
+Die b&uuml;rgerliche Berufsth&auml;tigkeit von prinzipiellen
+Gesichtspunkten.</h2>
+
+<p>F&uuml;r die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere
+Bewertung der Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer
+Meinung feststehenden Thatsache der minderwertigen
+k&ouml;rperlichen und geistigen F&auml;higkeiten des weiblichen
+Geschlechts.</p>
+
+<p>Was zun&auml;chst die k&ouml;rperlichen F&auml;higkeiten
+betrifft, so fallen selbst gelehrte M&auml;nner, blind gemacht
+durch ihre Voreingenommenheit, in den Fehler, die zweifellose
+Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der Minderwertigkeit des
+weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das Moment der
+k&ouml;rperlichen Ausbildung ganz au&szlig;er acht zu lassen.
+Beginnt doch ihre Verschiedenheit f&uuml;r Mann und Frau schon in
+fr&uuml;hester Jugend: dem M&auml;dchen wird gelehrt, mit vielen
+langen R&ouml;cken, die die Bewegungsfreiheit beeintr&auml;chtigen,
+still bei den Puppen zu sitzen, w&auml;hrend der Knabe in kurzen
+H&ouml;schen zum Laufen und Springen angehalten wird. Die
+Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele au&szlig;erhalb
+st&auml;rken weiter seine Muskeln, dem M&auml;dchen dagegen wird
+daf&uuml;r bestenfalls ein minderwertiges Surrogat geboten, meist
+aber sitzt sie &uuml;ber geistt&ouml;tenden Handarbeiten, oder
+qu&auml;lt sich und andere am Klavier, w&auml;hrend ihr Bruder
+Fu&szlig;ball spielt, oder fr&ouml;hliche Wanderungen unternimmt.
+Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung
+geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der
+Selbstbefreiung des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der
+gr&ouml;&szlig;eren Selbst&auml;ndigkeit und der Vereinfachung der
+Kleidung der jungen M&auml;dchen deutlich zu Tage tritt, und auch
+darin einen gl&uuml;cklichen Ausdruck findet, da&szlig; der Absatz
+der Klaviere seit seiner Einf&uuml;hrung in stetigem Sinken
+begriffen ist. Die Masse der b&uuml;rgerlichen M&auml;dchen aber,
+besonders in Deutschland und Oesterreich, wird von diesem
+Fortschritt ebensowenig ber&uuml;hrt, wie von der g&uuml;nstigen
+Aenderung der k&ouml;rperlichen Ausbildung, die in Amerika und
+England Platz greift. W&uuml;rde der Entwicklung der weiblichen
+Muskelkraft eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der
+m&auml;nnlichen, so d&uuml;rften die Frauen dem Durchschnitt der
+M&auml;nner zweifellos gleichkommen, das lehren die weiblichen
+Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von den
+Lasttr&auml;gerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w.,
+zur Gen&uuml;ge. Aber selbst wenn es nicht gesch&auml;he,
+w&uuml;rde dadurch etwas anderes bewiesen werden, als da&szlig;
+gewisse Berufe, wie etwa die der Bergf&uuml;hrer, den M&auml;nnern
+&uuml;berlassen werden m&uuml;ssen? Auf die Geisteskr&auml;fte sind
+die Muskelkr&auml;fte jedenfalls ohne hervorragenden Einflu&szlig;,
+und noch immer ist der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als
+Muskelkraft ohne Geist.</p>
+
+<p>Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere
+Gr&uuml;nde f&uuml;r ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte
+hinweisen, die man als sekund&auml;re Geschlechtsmerkmale
+bezeichnet, und unter denen die Verschiedenartigkeit des weiblichen
+vom m&auml;nnlichen Gehirn und die weiblichen Lebensfunktionen
+besonders hervorgehoben werden. Die
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Leichtigkeit des Gehirns der
+Frauen ist lange Zeit hindurch, haupts&auml;chlich auf Grund der
+Untersuchungen Bischofs, ihr Hauptargument gewesen, indem man ohne
+weiteres annahm, da&szlig; die Geisteskr&auml;fte damit in direktem
+Zusammenhange stehen. Thats&auml;chlich haben die M&auml;nner ein
+absolut gr&ouml;&szlig;eres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich
+aber schlie&szlig;lich infolge genauerer Untersuchungen
+herausgestellt, da&szlig; es im Vergleich zum K&ouml;rpergewicht
+kleiner ist als das des Weibes, da&szlig; die Frauen daher ein
+relativ schwereres Gehirn haben als die M&auml;nner.<a name=
+"FNanchor_361"></a><a href="#Footnote_361"><sup>361</sup></a> Wie
+wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus
+hervor, da&szlig; die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem
+Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew,
+einem einfachen Tagel&ouml;hner und dem Zoologen Cuvier
+geh&ouml;rten. Als eine Ironie der Natur kann es wohl auch
+angesehen werden, da&szlig; Bischof, der aus dem absolut leichteren
+Gehirn der Frau mit besonderer Sch&auml;rfe ihre geistige
+Inferiorit&auml;t beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn
+hatte, als es nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich
+besitzen. Auch das Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der
+Frauen ausgelegt, obwohl nichts weiter gefunden wurde, als
+da&szlig; es bei den M&auml;dchen schneller zunimmt, fr&uuml;her zu
+wachsen aufh&ouml;rt und notwendigerweise infolgedessen auch
+fr&uuml;her anf&auml;ngt abzunehmen, als bei den M&auml;nnern.
+Weiter wurde die Gr&ouml;&szlig;e des Stirnlappens f&uuml;r
+ausschlaggebend erachtet. Experimente mit Tieren und der Umstand,
+da&szlig; Schwachsinnige die gr&ouml;&szlig;ten zu haben pflegen,
+sprechen aber f&uuml;r die Hinf&auml;lligkeit auch dieses Beweises.
+Bei den W&auml;gungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner
+ergeben, da&szlig; ein wesentlicher Unterschied zwischen den
+Geschlechtern in Bezug hierauf nicht besteht. Es stellt sich nach
+alledem heraus, da&szlig; durch die Hirnuntersuchungen in Bezug auf
+die intellektuelle Veranlagung von Mann und Weib nichts bewiesen
+wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa bestehen, haben f&uuml;r
+die L&ouml;sung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil nicht nur
+die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um
+allgemein g&uuml;ltige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil
+ihre gr&ouml;&szlig;te Menge Mitgliedern geistig und
+k&ouml;rperlich unterdr&uuml;ckter Klassen angeh&ouml;rt hat, eine
+Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen Veranlagung
+aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die
+Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts
+mit denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man
+zugleich den Einflu&szlig; der Erziehung auf die Gehirnentwicklung
+beobachten k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Weit begr&uuml;ndeter erscheint es, wenn die
+Geschlechtsfunktionen des Weibes als eine von der Natur gegebene
+Schranke betrachtet werden, die sie von der Berufsarbeit trennt.
+Schon die merkw&uuml;rdige Thatsache eines periodisch
+wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen hat,
+die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit
+auszuschlie&szlig;en. "Das Weib leitet best&auml;ndig an dem
+Vernarben einer inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani
+erkl&auml;rt sie f&uuml;r ein von Natur schwaches und krankes Tier.
+Kulturv&ouml;lker des Altertums und Naturv&ouml;lker der Gegenwart
+betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als Unreine und
+haben abergl&auml;ubische Furcht vor ihnen.<a name=
+"FNanchor_362"></a><a href="#Footnote_362"><sup>362</sup></a> All
+diese Ansichten sind durchaus verst&auml;ndlich, da es sich um eine
+den M&auml;nnern vollst&auml;ndig fremde Funktion handelt, deren
+Folgen zu beurteilen sie daher durchaus nicht imstande sind. Wenn
+Aerzte an den heutigen Frauen w&auml;hrend der Zeit der
+Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme der Kr&auml;fte
+und die Unf&auml;higkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten, so
+sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder
+Kleidung und Lebensweise, sich aber h&uuml;ten, diese Erscheinungen
+f&uuml;r nat&uuml;rliche zu erkl&auml;ren.<a name=
+"FNanchor_363"></a><a href="#Footnote_363"><sup>363</sup></a>
+Hier&uuml;ber d&uuml;rfte das endg&uuml;ltige Urteil den Frauen
+allein zustehen und dabei w&uuml;rde sich herausstellen, da&szlig;
+die Gesunden unter ihnen von einem Einflu&szlig; der Menstruation
+auf ihre K&ouml;rper- oder Geisteskr&auml;fte &uuml;berhaupt gar
+nichts sp&uuml;ren, manche sich sogar w&auml;hrend der Zeit eines
+besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber sind nicht besser
+und nicht schlechter daran, als die kr&auml;nklichen M&auml;nner,
+die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten geh&ouml;ren.
+G&uuml;nstige Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,&mdash;und diese
+sind ja f&uuml;r alle ohne Unterschied des Geschlechts eine
+Notwendigkeit,&mdash;k&ouml;nnen daher Frauen trotz der
+Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn sie
+sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch
+ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Th&uuml;ren zum
+Erwerb zu verschlie&szlig;en als es Grund w&auml;re, die
+M&auml;nner von der Arbeit zur&uuml;ckzuhalten, weil sie zuweilen
+Schnupfen oder Rheumatismus haben.</p>
+
+<p>Den Vorwand dazu bietet f&uuml;r viele auch der Umstand,
+da&szlig; die Vorbereitung zum Beruf, das Studium und der damit
+verbundene Zwang, lange in meist geb&uuml;ckter Stellung zu sitzen,
+der k&ouml;rperlichen Konstitution des Weibes besonders
+sch&auml;dlich sein soll.<a name="FNanchor_364"></a><a href=
+"#Footnote_364"><sup>364</sup></a> Das geben wir ohne
+Einschr&auml;nkung zu. Es fragt sich nur, ob das traditionelle
+Leben der T&ouml;chter b&uuml;rgerlicher Eltern w&auml;hrend der in
+Betracht kommenden Jahre, das Sitzen &uuml;ber
+nervenzerr&uuml;ttenden Romanen und geistig abstumpfenden
+Handarbeiten, das stundenlange n&auml;chtliche Tanzen in
+&uuml;berhitzten S&auml;len der Gesundheit zutr&auml;glicher ist,
+und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen und
+akademischen Erziehung nicht auf die m&auml;nnliche Jugend ebenso
+traurige sind. Ist dies der Fall,&mdash;und daran werden
+Einsichtige kaum zweifeln,&mdash;so sollte die Folge nur die sein,
+ges&uuml;ndere Formen der Ausbildung f&uuml;r alle zu schaffen, und
+die mit der geistigen Ueberb&uuml;rdung Hand in Hand gehende
+k&ouml;rperliche Vernachl&auml;ssigung endg&uuml;ltig &uuml;ber
+Bord zu werfen, denn die im ersten Augenblick r&uuml;hrend
+erscheinende Sorge f&uuml;r die k&uuml;nftigen M&uuml;tter wird
+schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit entkleidet, wenn sie sich
+nicht mit der Sorge um die k&uuml;nftigen V&auml;ter verbindet.
+Vielleicht, da&szlig; die Thatsache der mehr und mehr in die
+b&uuml;rgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die
+bisher an den blassen, rundr&uuml;ckigen, kurzsichtigen
+m&auml;nnlichen Opfern unserer wissenschaftlichen Lehrinstitute
+blind vor&uuml;bergingen, endlich die Augen &ouml;ffnen wird. Damit
+h&auml;tte die Frauenbewegung eine ihrer gro&szlig;en Missionen
+erf&uuml;llt und bewiesen, da&szlig; sie zu jenem frischen
+Lebensstrom geh&ouml;rt, der die stagnierenden Gew&auml;sser der
+gegenw&auml;rtigen Zust&auml;nde von innen heraus aufw&uuml;hlt und
+fortschwemmt.</p>
+
+<p>Damit aber w&auml;re das wichtigste Argument der Gegner der
+weiblichen Berufsth&auml;tigkeit noch nicht aus der Welt geschafft.
+Es ist uralt, bis zur Phrase herabgesunken; es wird von den
+typischen Frauenrechtlerinnen verlacht und kommt gew&ouml;hnlich
+mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige Beruf des Weibes ist der,
+Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein anderer vereinbar.
+Thats&auml;chlich ist dies Argument das schwerwiegendste und
+begr&uuml;ndetste, und die gro&szlig;e Schwierigkeit, es zu
+widerlegen, dr&uuml;ckt sich schon darin aus, da&szlig; die
+Vertreter der Frauenemanzipation ihm entweder mit bedeutungsvollem
+Schweigen oder mit billigem Spott und oberfl&auml;chlichen
+Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die M&ouml;glichkeit der
+Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schlie&szlig;lich
+allein davon abh&auml;ngt, ob es steht oder f&auml;llt. Angesichts
+der gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnisse ist es freilich weniger
+bedeutungsvoll, weil, wie wir gesehen haben, es haupts&auml;chlich
+alleinstehende Frauen sind, die in b&uuml;rgerlichen Berufen
+stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel gesetzt hat,
+alle Frauen durch selbst&auml;ndige Arbeit aus ihrer
+wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst
+untersucht werden, ob, wie weit und auf welche Weise das
+&uuml;berhaupt geschehen kann.</p>
+
+<p>Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder
+Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht fr&uuml;h zu
+seinem Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur
+Mittagsstunde nach Hause, und mu&szlig; meist auch einen
+gro&szlig;en Teil des Nachmittags seinem Berufe nachgehen. Die
+Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort und wird in
+ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der Berufsarbeit
+noch versch&auml;rft, so da&szlig; nur sehr starke, elastische
+Geister sich davor bewahren k&ouml;nnen, zu blo&szlig;en
+Arbeitsmaschinen einzutrocknen. Bringen wir in Gedanken
+zun&auml;chst die verheiratete kinderlose Frau in dieselbe Lage und
+fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine selbst&auml;ndige
+Wirtschaft zu f&uuml;hren hat, ohne Schaden ihren Beruf
+ausf&uuml;llen kann? Abgesehen davon, da&szlig; sie sich
+nat&uuml;rlich zu derselben unerfreulichen Erscheinung entwickeln
+wird, wie ihr m&auml;nnlicher Kollege, ist es unseres Erachtens
+dann m&ouml;glich, wenn eine zuverl&auml;ssige Wirtschafterin ihr
+die h&auml;uslichen Gesch&auml;fte abnimmt, denn sich auch mit
+ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hie&szlig;e
+sich jeder Ruhe berauben und die Gesundheit vollst&auml;ndig
+untergraben. In &auml;hnlicher Lage befindet sich die Mutter
+erwachsener Kinder, nur da&szlig; hier die Frage entsteht, ob eine
+durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre dauernde
+Unterbrechung der Berufsth&auml;tigkeit, die jede M&ouml;glichkeit,
+darin vorw&auml;rts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht
+auch die F&auml;higkeit daf&uuml;r geraubt hat. Besser w&auml;re es
+f&uuml;r sie, wenn sie, wie es in England und Amerika auch
+h&auml;ufig geschieht, in einen neuen, f&uuml;r sie geeigneten
+Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch
+Beteiligung an Wohlth&auml;tigkeitsbestrebungen und an sozialer
+Hilfsarbeit vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich
+ist. Es k&auml;me dabei wesentlich der Armen- und Krankendienst und
+etwa die Schulinspektion in Frage<a name="FNanchor_365"></a><a
+href="#Footnote_365"><sup>365</sup></a>, und es ist sicher,
+da&szlig; es f&uuml;r all die Frauen, die sich, sobald die Kinder
+das Haus verlassen, pl&ouml;tzlich so gut wie aller Th&auml;tigkeit
+beraubt sehen und die nur zu h&auml;ufig in &ouml;den
+Vergn&uuml;gungen aller Art oder in Toilettenluxus einen Ersatz
+suchen und das tragikomische Schauspiel des
+Nichtaltwerdenk&ouml;nnens bieten, ein Segen w&auml;re, f&auml;nden
+sie ein Feld f&uuml;r ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch
+die kinderlose Frau w&uuml;rde durch Berufsarbeit &uuml;ber viele
+Klippen und heimliche nagende Schmerzen leicht hinweggef&uuml;hrt
+werden.</p>
+
+<p>Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um j&uuml;ngere
+verheiratete Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche
+erwarten. Gem&auml;&szlig; den heutigen Verh&auml;ltnissen,
+besonders in Europa, k&auml;men f&uuml;r sie nur solche Berufe in
+Betracht, die sich innerhalb der heimischen vier W&auml;nde
+erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin und
+Kunststickerin, allenfalls die der Zahn&auml;rztin, falls die
+Praxis beschr&auml;nkt wird. Aber auch dann mu&szlig; die Frau
+verstehen, mit ihrer Zeit hauszuhalten, mu&szlig; entweder von
+vornherein in g&uuml;nstiger Lage sein, um sich gute Dienstboten
+halten zu k&ouml;nnen, oder der Ertrag ihrer Arbeit mu&szlig; es
+ihr erm&ouml;glichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten
+ausgleichen, das zweifellos entsteht, wenn die
+Wirtschaftsf&uuml;hrung fremden, und&mdash;was die Hauptsache
+ist&mdash;meist ungeschulten Kr&auml;ften &uuml;berlassen bleibt.
+Vor allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der
+Muttermilch an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder
+werden sollte, bis zur k&ouml;rperlichen und geistigen Pflege, oder
+mindestens der Oberaufsicht dar&uuml;ber. Nicht viele werden im
+stande sein, alle diese divergierenden Aufgaben miteinander zu
+vereinen, alle Konflikte gl&uuml;cklich zu l&ouml;sen, die daraus
+entstehen, und sich und das Leben der Ihren zu einem harmonischen
+zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe unter der anderen, oder die
+Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins ist die Folge: sie
+wird, falls sie, sei es aus &auml;u&szlig;eren oder inneren
+Gr&uuml;nden, berufsth&auml;tig sein mu&szlig;, ihre Kinderzahl zu
+beschr&auml;nken suchen, denn f&uuml;r die nerv&ouml;sen,
+degenerierten Damen unserer Zeit ist Schwangerschaft und Wochenbett
+meist eine Krankheit, und die ersten Jahre des Kindes nehmen,
+selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die Mutter stark in Anspruch.
+Da&szlig; unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen unserer Zeit die
+b&uuml;rgerliche Berufsth&auml;tigkeit au&szlig;er dem Hause
+f&uuml;r die junge verheiratete Frau unm&ouml;glich ist, oder den
+Ruin der Kinder und der h&auml;uslichen Wirtschaft nachziehen
+mu&szlig;, braucht nach alledem nicht noch bewiesen werden.
+Geschichten, die h&auml;ufig von amerikanischen Frauen erz&auml;hlt
+werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine gro&szlig;e Praxis
+haben, daneben den Haushalt pers&ouml;nlich f&uuml;hren und ein
+Dutzend Kinder ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind
+M&auml;rchen, und nur die leider so zahlreichen unverheirateten
+oder kinderlosen Sprecherinnen der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung
+k&ouml;nnen naiv genug sein, sie zu verbreiten.</p>
+
+<p>Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation
+&uuml;berhaupt? Ganz und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die
+Forderung an Denker und Gesetzgeber heran, die Formen zu finden,
+die sich den neu entstehenden Zust&auml;nden anpassen. Gerade
+diejenigen, die der Entwicklung der Frauenbewegung angstvoll
+zuschauen, m&uuml;&szlig;ten sich dazu bereit finden, statt sie
+durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu dr&auml;ngen und der
+Zerr&uuml;ttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen
+Not der Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues,
+Unnat&uuml;rliches brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man
+brauchte nur den wirtschaftlichen und industriellen
+Entwicklungstendenzen aufmerksam nachzugehen und die
+Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht werden, weiter
+auszubilden. Im wesentlichen k&auml;me es darauf an, die ungeheure
+Verschwendung von Arbeitskr&auml;ften und Mitteln, die heute durch
+die Masse der Einzelwirtschaften,&mdash;den k&uuml;mmerlichen Rest
+der gro&szlig;en Hauswirtschaft des Mittelalters,&mdash;getrieben
+wird, einzud&auml;mmen. Das k&ouml;nnte in gro&szlig;en
+Mietsh&auml;usern durch Zentralk&uuml;chen geschehen, die unter der
+Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten
+Wirtschafterin stehen m&uuml;&szlig;ten und in der Lage w&auml;ren,
+sich alle modernen Errungenschaften der Chemie und des
+Maschinenwesens zu Nutze zu machen. Das w&auml;re nicht nur eine
+gro&szlig;e Ersparnis, sondern dadurch w&uuml;rde auch dem
+Dilettantismus in der K&uuml;che,&mdash;in nichts anderem besteht
+die mit so viel Aufwand an Sentimentalit&auml;t festgehaltene
+Th&auml;tigkeit der Durchschnittsfrau und ihrer
+K&ouml;chin,&mdash;ein Ende bereitet, statt da&szlig; man ihn noch
+weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ern&auml;hrung des
+Menschen es ist, Unheil stiften l&auml;&szlig;t. Es w&auml;re
+ferner mit keinen gro&szlig;en Schwierigkeiten verbunden, f&uuml;r
+bestimmt umgrenzte H&auml;usergruppen Turn- und Spielpl&auml;tze,
+im Winter in S&auml;len, im Sommer in G&auml;rten, anzulegen und
+auf gemeinsame Kosten der Eltern f&uuml;r ihren Beruf
+gr&uuml;ndlich vorgebildete Erzieherinnen und
+Kinderg&auml;rtnerinnen anzustellen; selbst f&uuml;r die Kleinsten,
+die heute gew&ouml;hnlich zu verh&auml;tschelten Egoisten erzogen
+werden, w&auml;re es von gro&szlig;em Vorteil, wenn sie nicht nur,
+um vor der traurigen Fr&uuml;hreife der Stadtkinder bewahrt zu
+werden, mit Altersgenossen sich herumtummeln k&ouml;nnten, sondern
+auch beizeiten lernten, ihr kleines Ich nicht f&uuml;r den einzigen
+Mittelpunkt der Welt zu betrachten. Durch solche Einrichtungen, die
+sich besonders in den Vororten gro&szlig;er St&auml;dte,
+wom&ouml;glich in Verbindung mit Gruppen kleiner
+Familienh&auml;user, treffen lie&szlig;en,&mdash;es handelt sich
+ja, wie wir wissen, zun&auml;chst nur um einen kleinen Prozentsatz
+verheirateter berufsth&auml;tiger Frauen,&mdash;h&auml;tten sie
+Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer Verf&uuml;gung, und
+die &uuml;brige Zeit w&uuml;rden sie sich um so frischer und
+freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, w&auml;hrend heute
+nur zu h&auml;ufig aus geistig angeregten, begabten M&auml;dchen,
+unter dem Druck der h&auml;uslichen Sorgen, der erzwungenen
+Vernachl&auml;ssigung ihrer geistigen Bed&uuml;rfnisse, und dem oft
+herzzerrei&szlig;enden stillen Kampf zwischen der nach Leben und
+Beth&auml;tigung dr&auml;ngenden Begabung und den notwendig zu
+erf&uuml;llenden Pflichten, fr&uuml;h alternde, interesselose,
+stumpfe Frauen werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine
+Erzieherin und Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gef&auml;hrtin
+sein k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich wird diesen Ausf&uuml;hrungen das bekannte
+Schlagwort von der Aufl&ouml;sung der Familie entgegengeschleudert
+werden. Sehen wir aber doch einmal ehrlich, ohne die rosige Brille,
+mit der man das Familienleben zu betrachten pflegt, den Thatsachen
+ins Gesicht, und fragen wir uns, ob nicht die alte Familienform
+ohne unser Zuthun, einfach infolge der wirtschaftlichen
+Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angeh&ouml;rt, ihrer
+Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, da&szlig;
+gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen
+Str&ouml;mungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz
+greift: oder werden M&auml;dchen und Knaben nicht mit Vorliebe
+Bonnen und Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht f&uuml;r
+Jahre in Institute, Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder
+m&uuml;tterliche Einflu&szlig; wegf&auml;llt; und hat sie nicht
+noch andere, recht sch&auml;dliche Einrichtungen hervorgebracht?
+Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der M&auml;nner,
+und zwar in den vorgeschrittensten L&auml;ndern am meisten,
+zwischen Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es
+ihnen schleunigst nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung
+offenen Auges zu folgen und sie in der Hand zu behalten, sie
+durchgehen lassen wie ein wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor
+der Wahrheit die Augen zu verbinden und zu versuchen, die Gegner zu
+entwaffnen, indem man in ihre Heiligpreisung der Familie einstimmt.
+Eine weit bessere Politik ist es, ihnen und uns den Gang der Dinge
+klar zu machen und ruhig auszusprechen, da&szlig; die
+Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung der
+Frau, zweifellos die heutige Familienform untergr&auml;bt, und es
+an uns liegt, den neuen Formen f&uuml;r das Gemeinschaftsleben
+zwischen Mann, Weib und Kind nachzusp&uuml;ren und sie aufbauen zu
+helfen.</p>
+
+<p>F&uuml;r das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den
+hergebrachten Anschauungen l&auml;ngst keine Rede mehr ist, bahnt
+sich eine Neugestaltung, wenn auch sehr langsam und sehr
+vorsichtig, nach und nach an. Ans&auml;tze dazu finden sich in den
+Kinderg&auml;rten, Kinderhorten, in den vielfach entstehenden
+Krippen in der N&auml;he der m&uuml;tterlichen Arbeitsst&auml;tte,
+die den Frauen erm&ouml;glichen, ihre Kinder zu n&auml;hren; in der
+Errichtung von Arbeiterwohnungen, die Zentralk&uuml;chen,
+Kinderhorte, G&auml;rten, S&auml;le f&uuml;r gesellige
+Zusammenk&uuml;nfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und
+Invalidenversicherung, in der, wenn auch zun&auml;chst fast nur in
+der Idee bestehenden Mutterschaftsversicherung<a name=
+"FNanchor_366"></a><a href="#Footnote_366"><sup>366</sup></a>,
+sowie schlie&szlig;lich in der ganzen Gesetzgebung f&uuml;r
+Arbeiterschutz. Aehnliche Ma&szlig;regeln werden auch f&uuml;r
+b&uuml;rgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich
+&uuml;brigens sowohl in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung
+ihrer Arbeitskraft mehr und mehr proletarisieren, nach und nach
+notwendig werden. Dabei wird die Regelung und Beschr&auml;nkung der
+Arbeitszeit f&uuml;r Beamte, Bureauangestellte, Lehrer und
+&auml;hnliche Berufsth&auml;tige die gr&ouml;&szlig;te Bedeutung
+haben. Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und
+Hauswirtschaftsverh&auml;ltnisse Hand in Hand geht, wird die
+b&uuml;rgerliche Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem
+Eintritt in die Ehe abzuschlie&szlig;en brauchen, sie wird sich
+auch leichter erm&ouml;glichen lassen, weil bei geringer Ausnutzung
+der einzelnen Platz f&uuml;r viele frei wird.</p>
+
+<p>Damit w&auml;re, ohne auf die gleich wichtige ethische und
+psychologische Seite der Frage, deren Er&ouml;rterung nicht hierher
+geh&ouml;rt, einzugehen, das Argument der Gegner, das die
+k&ouml;rperlichen Funktionen des Weibes als Hinderung seiner
+Berufsarbeit auffa&szlig;t, zugleich gest&uuml;tzt und widerlegt:
+neue wirtschaftliche Gestaltungen, ver&auml;nderte
+Arbeitsbedingungen sind notwendig, falls das Streben nach der
+Befreiung der Frau sein Ziel vollst&auml;ndig erreichen und nicht
+zu neuer Versklavung und k&ouml;rperlichem und geistigem Siechtum
+ihrer selbst und ihrer Kinder f&uuml;hren soll. Dabei gilt es, noch
+ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen unserer
+Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger
+Pers&ouml;nlichkeit auszubilden verstanden, und die nat&uuml;rliche
+Sehnsucht ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem
+Ma&szlig;e besitzen, weil keine Konvention ihr Herz
+verkr&uuml;ppelte, wenden sich doch von der Ehe, wie sie ihnen
+heute erscheint, bewu&szlig;t ab. Denn was sie von ihr sehen,
+widerspricht ihrem geistigen und pers&ouml;nlichen
+Freiheitsbed&uuml;rfnis und sie lassen lieber ihr tiefstes Wesen
+verk&uuml;mmern, als da&szlig; sie sich zu ihr entschlie&szlig;en.
+Und das wird um so h&auml;ufiger geschehen, je weniger sie einer
+Versorgung bed&uuml;rfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im
+stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im
+Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation
+die besten M&uuml;tter zu sichern; die Art des Familienlebens
+m&uuml;&szlig;te sich daher auch deshalb den neuen
+Bed&uuml;rfnissen anpassen.</p>
+
+<p>Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in m&auml;nnliche
+Berufssph&auml;ren findet aber noch andere Begr&uuml;ndungen: in
+dem Hinweis auf die Menge der m&auml;nnlichen Bewerber dr&uuml;ckt
+sich ein brutaler Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur
+einer vollst&auml;ndig &uuml;berwundenen Rechtsanschauung, irgend
+jemandem zu verwehren, sich in welchem Beruf immer durchzusetzen.
+Etwas ernsteren Charakter hat es, wenn von der Erwerbsarbeit der
+Frauen eine Sch&auml;digung ihrer Weiblichkeit gef&uuml;rchtet
+wird. Dabei sollte man sich, was gew&ouml;hnlich nicht geschieht,
+zun&auml;chst &uuml;ber diesen Begriff klar werden. Meines
+Erachtens l&auml;&szlig;t er sich in zwei Worte fassen: Anmut und
+G&uuml;te. Da&szlig; diese Eigenschaften, statt sich zu
+h&ouml;chster Vollendung zu entfalten, unter dem Einflu&szlig; des
+Kampfes ums Dasein in seinen gegenw&auml;rtigen barbarischen Formen
+verk&uuml;mmern und h&auml;ufig in ihr Gegenteil umschlagen,
+unterliegt kaum einem Zweifel. Die dr&uuml;ckende Arbeitslast,
+verbunden mit dem unzureichenden Einkommen, gew&auml;hren den
+meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre
+&auml;u&szlig;ere Erscheinung zu pflegen, ihr
+Sch&ouml;nheitsbed&uuml;rfnis zu kultivieren, und die h&auml;ufige
+innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den Rest der Anmut
+ihres Wesens, wie der Zwang, sich r&uuml;cksichtslos gegen andere
+durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich allein
+nur erhalten zu k&ouml;nnen, ihre nat&uuml;rliche G&uuml;te
+unterdr&uuml;ckt. Dazu kommt, da&szlig; gerade die b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung, die wesentlich die Forderungen alleinstehender
+Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen, zum Teil ins Groteske
+auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der die
+Sch&auml;rfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck
+brachte. Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in
+England und Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen,
+die sich vernachl&auml;ssigen, m&auml;nnliche All&uuml;ren
+annehmen, ihr Weibsein &auml;u&szlig;erlich und innerlich
+unterdr&uuml;cken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie
+jede soziale und revolution&auml;re Bewegung sie hervorbringt, und
+der Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende
+Bezeichnung f&uuml;r sie. Aus ihrer Richtung gehen alle
+Ausw&uuml;chse der Frauenbewegung hervor: so die Damenklubs, die
+die Trennung der Geschlechter noch mehr versch&auml;rfen helfen,
+statt da&szlig; der gesunden Tendenz der Frauenbewegung, die sie
+wieder einander n&auml;hern will, allein nachgegeben w&uuml;rde; so
+die von England ausgehende halbm&auml;nnliche Uniformierung der
+Frauen mit ihren gro&szlig;en, absatzlosen Stiefeln, ihren
+Herrenh&uuml;ten und ihren die Brust zur&uuml;ckdr&auml;ngenden
+Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegen&uuml;ber, die
+abzuleugnen Thorheit w&auml;re, wollen wir doch die Frage
+aufwerfen, ob unser gesellschaftliches, soziales und
+wirtschaftliches Leben und Streben nicht auf das m&auml;nnliche
+Geschlecht in &auml;hnlicher Art einwirkt. Wo findet sich bei
+unseren m&auml;nnlichen geistigen Arbeitern, die &uuml;ber
+Manuskripten und B&uuml;chern hocken und zur Erholung dem Skat- und
+Biertisch zustr&ouml;men, noch m&auml;nnliche Kraft und
+Sch&ouml;nheit? Besitzen sie, die in der Mehrzahl unter der
+Gei&szlig;el der Abh&auml;ngigkeit Frondienste leisten, noch jene
+ger&uuml;hmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und
+Unabh&auml;ngigkeit? Sind nicht, bei Licht betrachtet, unsere
+J&uuml;nger der Wissenschaft, die Studenten, in einem viel
+j&auml;mmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen Genossen?</p>
+
+<p>So kann man wohl mit Recht behaupten, da&szlig; die Weiblichkeit
+unter unseren heutigen Berufs- und Arbeitsverh&auml;ltnissen
+Schaden leidet, aber man soll nicht vergessen, hinzuzuf&uuml;gen,
+da&szlig; die M&auml;nnlichkeit nicht weniger gesch&auml;digt wird,
+und der weiteren Degenerierung nur durch gr&uuml;ndliche Reformen
+vorgebeugt werden kann.</p>
+
+<p>Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen
+auf dem Gebiet der Wissenschaft und der b&uuml;rgerlichen Berufe
+bleibt zu er&ouml;rtern; ihre angebliche untergeordnete geistige
+Bef&auml;higung.</p>
+
+<p>Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden,
+wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich
+sichere Schl&uuml;sse &uuml;ber die Begabung der beiden
+Geschlechter ziehen lie&szlig;en, und auch der Wert der vorhandenen
+ist kein allzugro&szlig;er, weil sich die von der ersten Kindheit
+an verschiedenartige Erziehung der Geschlechter als eine nicht zu
+vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat eine Untersuchung an einer
+Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt gezeigt, da&szlig; die
+M&auml;dchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und Begriffe aus
+der n&auml;chsten Umgebung und dem t&auml;glichen Leben
+&uuml;berlegen sind, w&auml;hrend die Knaben von &auml;u&szlig;eren
+entfernteren Dingen genauer unterrichtet waren.<a name=
+"FNanchor_367"></a><a href="#Footnote_367"><sup>367</sup></a> Als
+das Ergebnis einer italienischen Untersuchung stellte es sich
+heraus, da&szlig; M&auml;dchen lieber lernen als Knaben, und es
+weit mehr Knaben giebt als M&auml;dchen, die f&uuml;r nichts
+Interesse haben.<a name="FNanchor_368"></a><a href=
+"#Footnote_368"><sup>368</sup></a> Mit solchen Einzelheiten aber
+l&auml;&szlig;t sich f&uuml;r unseren Zweck wenig anfangen, wissen
+wir doch, da&szlig; M&auml;dchen von klein auf an h&auml;usliche
+Th&auml;tigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gew&ouml;hnt
+werden, und Knaben sich meist frei drau&szlig;en herumtummeln
+d&uuml;rfen, also &auml;u&szlig;ere Dinge kennen lernen, ja
+da&szlig; schon das verschiedenartige Spielzeug nach dieser
+Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden
+M&auml;dchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und
+Puppenk&uuml;chen, mit Pferden, Viehst&auml;llen und Bleisoldaten
+spielen, denselben Kreis von Begriffen und Vorstellungen haben, wie
+die Knaben. Der Mangel an geistigen Interessen, die geringere
+Lernbegierde endlich, die bei den Knaben konstatiert wurde,
+l&auml;&szlig;t sich sicherlich zum gro&szlig;en Teil auf ihre
+fr&uuml;he geistige Ueberb&uuml;rdung zur&uuml;ckf&uuml;hren.
+Vielleicht da&szlig; auch die h&auml;ufig beobachtete Thatsache der
+schnelleren geistigen Entwicklung der M&auml;dchen in der
+geringeren Belastung ihres Gehirns mit Ged&auml;chtniskram eine
+Erkl&auml;rung findet, w&auml;hrend die vom 20. Jahre ab sich meist
+geltend machende Ueberlegenheit der jungen M&auml;nner ihre Ursache
+gewi&szlig; darin hat, da&szlig; sie sich nun frei und ungehindert
+im Leben umsehen k&ouml;nnen, w&auml;hrend das Dasein der
+M&auml;dchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie vor
+dem gr&ouml;&szlig;ten Lehrmeister, der pers&ouml;nlichen
+Lebenserfahrung, &auml;ngstlich beh&uuml;tet. Auch auf den Umstand,
+da&szlig; Frauen im Bureaudienst mehr Flei&szlig; und Geduld als
+Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der
+englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben<a name=
+"FNanchor_369"></a><a href="#Footnote_369"><sup>369</sup></a>, ist
+die Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einflu&szlig;
+gewesen. Und die andere vielfach auftauchende Klage, da&szlig; sie
+f&uuml;r ihren Dienst wenig pers&ouml;nliches Interesse haben, wird
+ebenso wie die h&auml;ufige Nachl&auml;ssigkeit ihrer Vorbildung
+dadurch vollst&auml;ndig erkl&auml;rt, da&szlig; leider heute noch
+fast alle M&auml;dchen in ihrer Erwerbsth&auml;tigkeit keinen
+Lebensberuf sehen, dem sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern
+nur ein fatales Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu
+&uuml;berwinden hoffen. Selbst die schnellere Auffassungsgabe der
+Frau, ihre F&auml;higkeit zu raschen Entschl&uuml;ssen, scheint
+kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu sein, denn sie
+beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des
+Charakters, als darauf, da&szlig; ihr in bedeutend h&ouml;herem
+Ma&szlig;e als dem Mann mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder
+Respekt vor Autorit&auml;ten in ihr gro&szlig; gezogen wurde, und
+sie den Zweifel als die Ursache der geistigen Selbst&auml;ndigkeit,
+aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen anderer und des
+vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht Unrecht,
+wenn er meint<a name="FNanchor_370"></a><a href=
+"#Footnote_370"><sup>370</sup></a>, die Frauen seien geistig so
+beweglich, weil sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem
+Thatsachenmaterial ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden,
+da&szlig; das rechte Wissen in der auf eigenen Untersuchungen
+beruhenden Gewi&szlig;heit und nicht im blo&szlig;en Nachbeten
+anderer besteht? Und wie verh&auml;lt es sich mit dem Mangel an
+Energie und Unabh&auml;ngigkeitssinn, den man dem weiblichen
+Geschlecht vorwirft und auf Grund dessen man meint, da&szlig; keine
+Frau ein Bacon oder Galilei werden k&ouml;nnte? Hat man nicht
+Jahrtausende hindurch jene Weiblichkeit in ihr gro&szlig; gezogen
+und verehrt, deren Inbegriff in der bedingungslosen Hingabe, der
+Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht? Mehren sich nicht heute,
+wo man anf&auml;ngt, von diesem Ideal sich abzuwenden, die Zeichen
+f&uuml;r eine ganz enorme Energie des Weibes und einen
+Unabh&auml;ngigkeitssinn, der keine anderen als die selbst
+gezogenen Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die
+Vork&auml;mpferinnen der Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in
+Amerika, an die wachsende Zahl mutiger und durchaus
+selbst&auml;ndiger Schriftstellerinnen beider Hemisph&auml;ren.</p>
+
+<p>Gew&ouml;hnlich wird die geistige Begabung des Weibes f&uuml;r
+eine so minderwertige gehalten, da&szlig; man sich aus diesem
+Grunde berechtigt glaubt, ihr den Zugang zu m&auml;nnlichen Berufen
+zu verwehren. Dabei fehlt es an vollg&uuml;ltigen Beweisen, die
+dies apodiktische Urteil &uuml;ber die Bef&auml;higung der Frauen
+st&uuml;tzen k&ouml;nnten. Aber selbst Gelehrte, die gew&ouml;hnt
+sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials
+allgemeine Schl&uuml;sse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom
+Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, da&szlig; sie in
+leichtsinnigster Weise urteilen. So berief sich ein ber&uuml;hmter
+Mediziner und enragierter Feind des Frauenstudiums, den ich nach
+seinen Gr&uuml;nden befragte, auf folgende Erfahrung, die er
+gemacht hatte: In einer Vorlesung &uuml;ber Gehirnanatomie befand
+sich eine &auml;ltere weibliche H&ouml;rerin; nach Schlu&szlig; der
+Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erw&auml;hnt hatte,
+da&szlig; das weibliche Gehirn in seinem Wachstum fr&uuml;her zum
+Stillstand kommt, und auch fr&uuml;her abzunehmen beginnt, als das
+m&auml;nnliche, kam die Dame zu ihm und sagte, da&szlig; sie das
+nicht glauben k&ouml;nne, denn sie sei doch schon 50 Jahr und
+f&uuml;hle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskr&auml;fte. "Niemals
+w&uuml;rde ein Student," meinte der Professor, "solch eine
+th&ouml;richte, auf rein subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung
+machen, das ist ausschliesslich Frauenart." So gr&uuml;nden viele
+Universit&auml;tslehrer ihre absprechende Meinung auf die
+Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen Zuh&ouml;rern machten, aber
+w&auml;hrend die einen,&mdash;zumeist solche, die seit Jahren viele
+Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor Winter
+in M&uuml;nchen<a name="FNanchor_371"></a><a href=
+"#Footnote_371"><sup>371</sup></a>,&mdash;ihnen das
+gr&ouml;&szlig;te Lob erteilen und sie den M&auml;nnern v&ouml;llig
+gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige, schlecht
+vorbereitete Sch&uuml;lerinnen haben, von ihrer durchgehenden
+Mittelm&auml;&szlig;igkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so
+pflegen sie den Frauen die Bef&auml;higung zum Hebammen- und
+Krankenpflegerinnenberuf zuzuerkennen, sie ihnen aber f&uuml;r den
+&auml;rztlichen vollst&auml;ndig abzusprechen; sind sie Juristen,
+so m&ouml;chten sie ihnen den Bureaudienst zwar &uuml;berlassen,
+halten sie aber f&uuml;r unf&auml;hig, als Advokaten oder Richter
+zu praktizieren. Demgegen&uuml;ber st&ouml;&szlig;t uns nicht nur
+wieder die Frage auf, ob denn die bisher gemachten ganz minimalen
+Erfahrungen zu solchen Urteilen berechtigen, sondern wir schauen
+uns unwillk&uuml;rlich unter den m&auml;nnlichen Studenten, den
+m&auml;nnlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob denn hier nicht
+auch die Mittelm&auml;&szlig;igkeit dominiert, ja, ob die Begabung
+&uuml;berhaupt der Ma&szlig;stab daf&uuml;r ist, zu welchem Beruf
+ein junger Mann sich vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und
+der Stand des Vaters fast allein den Ausschlag? Sind aber die
+M&auml;nner trotzdem von der Minderwertigkeit des weiblichen
+Geschlechts fest &uuml;berzeugt, so brauchten sie ja seine
+Konkurrenz nicht zu f&uuml;rchten. Wer aber beiden Geschlechtern
+durchschnittlich &auml;hnliche F&auml;higkeiten zuerkennt, der
+sollte den Eintritt der Frauen in die b&uuml;rgerlichen Berufe
+schon darum bef&uuml;rworten, damit eine genauere Auslese der
+Besten m&ouml;glich ist und die Mittelm&auml;&szlig;igkeit, die
+m&auml;nnliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden
+Position gedr&auml;ngt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen,
+da&szlig; dieser als Folge der Frauenbewegung auftretende und mit
+ihrem Fortschreiten immer heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf
+notwendigerweise die unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen
+mu&szlig;: der Egoismus, der Brotneid, die geistige
+Ueberanstrengung und k&ouml;rperliche Vernachl&auml;ssigung, die
+dadurch schon unter den M&auml;nnern hervorgebracht werden,
+m&uuml;ssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken.
+Das abzuleugnen, w&auml;re ebenso th&ouml;richt, als es
+th&ouml;richt ist, von der Zulassung zu den Universit&auml;ten und
+den b&uuml;rgerlichen Berufen die Befreiung der Frau zu
+erwarten.</p>
+
+<p>Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen h&uuml;ten
+und die Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber
+neben diesen daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten,
+da&szlig; der Eintritt der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf
+sie selbst sch&auml;dlich, sondern vor allen Dingen auf den
+Fortschritt der Welt hemmend einwirken mu&szlig;. Und zwar berufen
+sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das weibliche
+Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.</p>
+
+<p>Urteilslose Anh&auml;nger des Feminismus pflegen dem unbedingt
+zu widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat
+ber&uuml;hmter Frauen von Sappho und Hypatia an bis auf Sonja
+Kowalewska vor uns ausbreiten. Betrachten wir sie aber genau und
+ohne Voreingenommenheit, so ist das Ergebnis dieses: Von den
+Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist uns fast nur der Name
+geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets ihre
+Pers&ouml;nlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten
+neuerer und neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend,
+sie zeugen von ernstem Studium und gro&szlig;em Flei&szlig; und
+&uuml;berragen diejenigen vieler M&auml;nner der Wissenschaft, aber
+eine wirklich geniale Leistung, eine bahnbrechende
+wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen. Die Freunde
+der Frauenbewegung pflegen hier die Erkl&auml;rung abzugeben,
+da&szlig; die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale
+Gebundenheit, seine Ausschlie&szlig;ung von den wissenschaftlichen
+Lehranstalten die Ursache hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur
+wenige Frauen haben freie Bahn gehabt f&uuml;r ihre Entwicklung,
+erst die neueste Zeit beginnt sie langsam auf gleiche Stufe zu
+stellen mit den M&auml;nnern, und statt &uuml;ber die geringen
+Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen &uuml;ber das,
+was sie, trotz der Ungunst der Verh&auml;ltnisse, geleistet haben.
+Der Mangel an weiblichen Genies aber l&auml;&szlig;t sich dadurch
+noch nicht zur Gen&uuml;ge erkl&auml;ren und er f&auml;llt noch
+mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der Kunst, zu dem der
+Zutritt &uuml;berdies den Frauen viel leichter gemacht wird, mit in
+den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente, starke
+Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine
+sch&ouml;pferische Kraft. Selbst gro&szlig;e Dichterinnen wie
+Annette v. Droste-H&uuml;lshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada
+Negri, erreichen auch nicht von ferne die H&ouml;hen der Klassiker;
+im Drama stehen die Frauen sogar zweifellos unter dem Durchschnitt
+der m&auml;nnlichen Dichter. Ihre gro&szlig;e Neigung zur Musik hat
+noch nicht eine Komponistin hervorgebracht, die sich mit
+m&auml;nnlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen
+k&ouml;nnte, und keine der ber&uuml;hmten Malerinnen kann
+beanspruchen, mehr als T&uuml;chtiges geleistet oder gar neue Wege
+gewiesen zu haben. Greifen wir noch auf andere Gebiete &uuml;ber,
+auf denen genialer Erfindungsgeist zum Ausdruck kommen kann, so
+bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen haben auch im Umkreis
+naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst, der W&auml;scherei
+und Schneiderei, keinerlei umw&auml;lzende Leistungen zu
+verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die
+allerhand sehr n&uuml;tzliche Erfindungen machten. Alledem
+gegen&uuml;ber ist man h&auml;ufig zu dem Resultat gekommen, das
+die geniale Begabung der Frau keine produktive, sondern eine
+reproduktive sei, da es mehr gro&szlig;e Schauspielerinnen als
+Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als m&auml;nnliche
+Virtuosen g&auml;be. Ich glaube, da&szlig; eine Entscheidung
+hier&uuml;ber sich kaum treffen l&auml;&szlig;t, und da&szlig; sie
+nur in Betreff der Schauspielerinnen zu Gunsten der Frauen
+ausfallen k&ouml;nnte. Ich bin vielmehr der Ueberzeugung, da&szlig;
+die Genialit&auml;t der Frau auf einem ganz anderen Gebiet sich zu
+&auml;u&szlig;ern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst
+jetzt der Menschheit erschlie&szlig;t.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, da&szlig; die von den Frauen bevorzugten
+Berufe&mdash;die der Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin
+und Aerztin, der Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der
+Handelsangestellten und Bureaubeamtin&mdash;der M&uuml;tterlichkeit
+ihres Wesens entsprechen, und wir k&ouml;nnen, trotz einer nicht
+allzulangen Erfahrung, doch heute schon konstatieren, da&szlig; sie
+sich in den von ihnen gew&auml;hlten Berufen ganz besonders
+auszeichnen. Wir wissen ferner, da&szlig; fast alle
+Wohlth&auml;tigkeitsbestrebungen, auch die gr&ouml;&szlig;ten
+Stils, fast ausschlie&szlig;lich den Frauen ihr Entstehen und ihre
+Entwicklung verdanken, da&szlig; sie sich &uuml;berall in
+wachsendem Ma&szlig;e an allem beteiligen, was unter den Begriff
+Sozialreform f&auml;llt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte
+hier ihr Bestes leisten. W&auml;hrend sie im allgemeinen am
+Althergebrachten zu h&auml;ngen pflegten und die schwierige
+Position der Avantgarde stets den M&auml;nnern
+&uuml;berlie&szlig;en, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem
+Verst&auml;ndnis und seltener Energie den j&uuml;ngsten der
+Wissenschaften, den Sozialwissenschaften, zu, und k&auml;mpfen
+darum, in ihren Rahmen zu praktischer Th&auml;tigkeit zu gelangen.
+Sie sehen ein ungeheures Feld vor sich, dessen Bearbeitung ihnen
+entspricht, in der ihre Pers&ouml;nlichkeit zum vollendeten
+Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum, Mittel und
+Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um, wie
+einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu
+begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes
+Hammer, Mei&szlig;el und Pflugschar als Symbol des
+V&ouml;lkerlebens aufzurichten. Und besteht nicht Genialit&auml;t
+im Ausdruck der Pers&ouml;nlichkeit?</p>
+
+<p>Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund,
+darum nimmt die Frauenbewegung so gro&szlig;e Dimensionen an: weil
+die Atmosph&auml;re sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag,
+weil Despotismus, Sklaverei und Krieg im Bewu&szlig;tsein der
+Menschheit mehr und mehr als barbarische Reste einer
+&uuml;berwundenen Vergangenheit angesehen werden, weil die Kraft
+der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes und Herzens
+langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die ersten
+Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen
+Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es f&uuml;r
+mich au&szlig;er allem Zweifel, da&szlig; sie kommen werden. In
+diesem Sinne haben die Gegner recht, wenn sie ein Zeitalter des
+Feminismus voraussehen; sie haben aber unrecht, wenn sie meinen,
+da&szlig; es eins der Schw&auml;che, der Degeneration sein wird.
+Denn erst die Erg&auml;nzung der m&auml;nnlichen Begabung durch die
+weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja
+doch mit gleichen Daseinsrechten die Erde bev&ouml;lkern, kann
+Wirkungen hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den
+einen Teil sch&auml;digen. W&auml;ren die F&auml;higkeiten des
+Geistes und Herzens gleich, so w&auml;re der Eintritt der Frauen in
+das &ouml;ffentliche Leben f&uuml;r die Menschheit vollkommen
+wertlos und w&uuml;rde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf
+hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, da&szlig; das ganze Wesen des
+Weibes ein vom Manne verschiedenes ist, da&szlig; es ein neues
+belebendes Prinzip im Menschheitsleben bedeuten wird, macht die
+Frauenbewegung zu dem, was sie trotz mi&szlig;g&uuml;nstiger Feinde
+und lauer Freunde ist: einer sozialen Revolution.</p>
+
+<p>Die b&uuml;rgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der
+bisherigen Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine
+wirtschaftliche Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum
+Ausdruck kommt. Sie spitzt sich um so mehr zu, je gr&ouml;&szlig;er
+der Frauen&uuml;berschu&szlig; ist, je geringer die
+Heiratsaussichten, je schroffer die Gegens&auml;tze zwischen
+Einnahmen und Bed&uuml;rfnissen sich gestalten. Die Er&ouml;ffnung
+der Universit&auml;ten, der h&ouml;heren Lehranstalten aller Art
+und der b&uuml;rgerlichen Berufe sind ein notwendiger Schritt zur
+L&ouml;sung der Frauenfrage; unter den bestehenden
+Verh&auml;ltnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die
+Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen
+aber auch eine Reihe von Uebelst&auml;nden, die in dem immer
+heftiger werdenden Konkurrenzkampf der Geschlechter zum
+sch&auml;rfsten Ausdruck kommen, nach sich. Angesichts dieser
+Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die k&ouml;rperliche
+Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder
+nachteilig einwirken, und der Thatsache, da&szlig; von ihrer
+wirtschaftlichen Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die
+verheirateten Frauen, die auch in der Bourgeoisie in immer
+ausgedehnterem Ma&szlig;e zum Erwerb gezwungen sind, durch Arbeit
+&ouml;konomisch selbst&auml;ndig zu werden verm&ouml;gen, ist eine
+tiefgreifende Ver&auml;nderung der Arbeitsbedingungen, der
+Wohnungs- und Hauswirtschaftsverh&auml;ltnisse und der Formen des
+Familienlebens die unausbleibliche Voraussetzung der L&ouml;sung
+der wirtschaftlichen Seite der Frauenfrage. Ein Urteil &uuml;ber
+den Wert des Anteils der Frauen an der b&uuml;rgerlichen
+Berufsth&auml;tigkeit wird auch erst dann zu f&auml;llen
+m&ouml;glich sein, wenn ihre individuellen F&auml;higkeiten
+ungehemmt zur Entwicklung gelangen k&ouml;nnen, und die
+eigent&uuml;mliche Genialit&auml;t der Frau sich entfalten
+kann.</p>
+
+<p>Damit ist auch &uuml;ber die heutige b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung, die sich weder ihrer treibenden Kr&auml;fte
+vollkommen bewu&szlig;t wird, noch ihre letzten Konsequenzen klar
+ins Auge fa&szlig;t und eingesteht, das Urteil gesprochen. Das
+h&ouml;chste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem
+Wege zu f&uuml;hren, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer
+allgemeinen, beide Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis
+zum Ende werden gehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"4_Die_Entwicklung_der_proletarischen_Frauenarbeit" />4. Die
+Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.</h2>
+
+<p>Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19.
+Jahrhundert zu schreiben unternehmen wollte, m&uuml;&szlig;te
+zugleich die Geschichte der Maschine schreiben. Sie war es, die wie
+ein Hexenmeister durch ihre eint&ouml;nig rasselnde Rede und ihren
+feuerspr&uuml;henden Atem jene dunklen, endlosen Scharen bleicher
+Frauen aus ihren stillen Heimst&auml;tten herauslockte und in ihre
+Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht durch
+die Handarbeit der Frau ein gro&szlig;er Teil der allgemeinen
+Bed&uuml;rfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo
+die Kraft der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu
+ersetzen, war es m&ouml;glich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen
+anzustellen. Mit Hammer und Zange, mit Hobel und S&auml;ge in der
+eigenen kr&auml;ftigen Faust beherrschte der Mann die Produktion;
+er beherrscht sie auch dann noch, wenn die Triebkraft der
+komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft beruht, aber er
+mu&szlig; dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die
+mechanischen Triebkr&auml;fte sich entwickeln und an Stelle der
+brutaleren Eigenschaften des menschlichen K&ouml;rpers Gewandtheit
+und Geschicklichkeit erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war
+daher die notwendige Folge der aufbl&uuml;henden
+Gro&szlig;industrie.<a name="FNanchor_372"></a><a href=
+"#Footnote_372"><sup>372</sup></a> Aber wie das rastlose Streben
+nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen
+Beweggr&uuml;nde&mdash;etwa den Wunsch nach Entlastung des
+Menschen, nach verringerter Anstrengung und verk&uuml;rzter
+Arbeitszeit&mdash;hat, sondern von dem Verlangen nach Verbilligung
+der Produktion beherrscht wird, so f&uuml;hrt dasselbe Verlangen
+zur Besch&auml;ftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine w&auml;hlt
+die in der Frau verk&ouml;rperte billigste Arbeitskraft<a name=
+"FNanchor_373"></a><a href="#Footnote_373"><sup>373</sup></a>, und
+ihre Wahl f&uuml;r eine Arbeit wird durch die Arbeitsarten
+bestimmt. Die Erfindung einer neuen Maschine oder die Benutzung
+motorischer Kr&auml;fte kann ein unge&uuml;btes M&auml;dchen den
+gelernten kr&auml;ftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die
+Ver&auml;nderung des Arbeitsprozesses erm&ouml;glicht also die
+Besch&auml;ftigung der Frauen.<a name="FNanchor_374"></a><a href=
+"#Footnote_374"><sup>374</sup></a></p>
+
+<p>Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener gro&szlig;e
+Umschwung auf dem Gebiete der Technik, der von so weittragender
+Bedeutung f&uuml;r die Entwicklung der Industrie sein sollte. Die
+Erfindung der Spinning-Jenny, der K&auml;mmmaschine, der
+Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des
+Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die
+Erfindung der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umw&auml;lzung im
+gewerblichen Leben war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine,
+die den im Nebel phantastischer Tr&auml;ume schwebenden
+demokratischen Ideen eine reale Grundlage schaffen half: die
+gesteigerte Produktion entri&szlig; zahlreiche Gebrauchsartikel dem
+Alleinbesitz privilegierter Klassen und f&uuml;hrte sie breiteren
+Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der
+Mensch fr&uuml;her spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts
+durch die Maschine zw&ouml;lf und mehr Spindeln, an Stelle der vier
+Nadeln, mit denen gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl
+mit Hunderten von Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die
+ihren Eroberungszug durch die Kulturwelt antrat; Ende des 18.
+Jahrhunderts wurde sie in England zum erstenmal in Bewegung
+gesetzt, kurz darauf kam sie nach Massachusetts, wo bis zum Jahr
+1809 87 Spinnereien mit 80000 Spinning-Jennys und einem Stamm von
+66000 weiblichen Arbeitern ins Leben traten<a name=
+"FNanchor_375"></a><a href="#Footnote_375"><sup>375</sup></a>; zu
+gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen Spinnereien
+in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einf&uuml;hrung der
+Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in
+M&uuml;lhausen bereits mit Dampf getrieben<a name=
+"FNanchor_376"></a><a href="#Footnote_376"><sup>376</sup></a>, und
+sieben mechanische Spinnereien waren im Oberelsa&szlig; allein im
+Gang.<a name="FNanchor_377"></a><a href=
+"#Footnote_377"><sup>377</sup></a> Zwei Jahrzehnte sp&auml;ter rief
+die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umw&auml;lzungen
+hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die
+selbstth&auml;tig arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute
+bis zu 1200 Spindeln treibt. Aber auch s&auml;mtliche
+Vorbereitungsarbeiten, die fr&uuml;her in langsamster und z.T.
+ungesundester Weise ausgef&uuml;hrt wurden, sind von der Maschine
+&uuml;bernommen worden: die Wollk&auml;mmer, die unter der
+schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen
+ausger&uuml;stet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur
+h&ouml;chsten Vollkommenheit ausgebildeten K&auml;mmmaschine
+&uuml;bergeben m&uuml;ssen, und sowohl das Waschen wie das Krempeln
+der Baumwolle und der Wolle geschieht auf mechanischem Wege. Am
+l&auml;ngsten widerstand die Seidenspinnerei der Einf&uuml;hrung
+komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das langwierige und
+durch die dauernde Hantierung im Wasser gesundheitssch&auml;dliche
+Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einf&uuml;hrung von
+Schlagmaschinen ersetzt worden.</p>
+
+<p>Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der
+Spinnerei hielt die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen.
+W&auml;hrend gemusterte Gewebe fr&uuml;her nur auf sehr
+m&uuml;hsame und kostspielige Weise hergestellt werden konnten,
+erm&ouml;glichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf
+der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten
+durchlochten Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf
+mechanischem Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und
+Kunstfertigkeit notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe
+weniger, leicht gelernter Handgriffe. Die Erfindung des
+selbstth&auml;tig arbeitenden Webstuhls, mit dessen Problem sich
+schon Lionardo da Vinci besch&auml;ftigt hatte, bedeutete einen
+neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19.
+Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in
+Amerika, England und Frankreich, durch die auch die
+Vorbereitungsarbeiten der Hausindustrie mehr und mehr entrissen
+wurden: statt da&szlig; eine Spulerin an dem Aufwickeln einer
+Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine f&uuml;nfzig und
+mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufb&auml;umen, eine sehr
+beschwerliche Arbeit f&uuml;r die Handwerker fr&uuml;herer Zeit,
+besorgt eine Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das
+durch Eintauchen der Garnstr&auml;hne in verschiedenartige
+L&ouml;sungen oder durch B&uuml;rsten der schon auf dem Webstuhl
+befindlichen F&auml;den besorgt wurde und nachher noch ein
+langwieriges Trocknen n&ouml;tig machte, besorgt eine Maschine in
+erstaunlicher Geschwindigkeit. W&auml;hrend noch ein Jahrzehnt
+fr&uuml;her jedes gewebte St&uuml;ck zum Appretieren, Walken,
+Rauhen, Scheren, F&auml;rben, Drucken und Pressen an ebensoviele
+andere Gewerbe &uuml;berging, vereinigte die Fabrik bald auch diese
+Arbeitsweisen in ihren eigenen R&auml;umen. Das Trocknen der
+appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von innen
+geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne
+abh&auml;ngig; das Walken des Tuchs, das unter gro&szlig;er
+Kraftanstrengung durch die H&auml;nde des Arbeiters im warmen
+Wasser geschah, wird jetzt von den schweren H&auml;mmern der
+Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht allzulanger Zeit in
+der Weise vorgenommen wurde, da&szlig; der Arbeiter mit den rauhen
+Fruchtk&ouml;pfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark
+andr&uuml;ckend bestrich&mdash;eine sehr zeitraubende
+Th&auml;tigkeit&mdash;ist jetzt durchweg Maschinenarbeit; das
+Scheren mit der Handschere, das Bedrucken mit der Handpresse,
+wodurch gro&szlig;e Gewerbe Besch&auml;ftigung fanden, ist durch
+sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter
+Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig
+Farben auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen
+k&ouml;nnte, der sein Druckmodel dem Stoff nach und nach
+aufpre&szlig;t und f&uuml;r jede neue Farbe immer wieder von vorne
+anfangen mu&szlig;, oder wer zuschauen k&ouml;nnte, wie der
+Samtweber fr&uuml;herer Zeiten die wie in Schl&auml;uchen
+aufliegenden Faden des Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden
+mu&szlig;te, w&auml;hrend der mechanische Webstuhl zwei miteinander
+durch die Florkette verbundene Stoffstreifen schafft, die zu
+gleicher Zeit mit dem Weben durch Schneidvorrichtungen
+auseinandergeschnitten werden, so da&szlig; zwei vollst&auml;ndig
+fertige Samtgewebe auf einmal entstehen&mdash;der w&uuml;rde sich
+von dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen
+k&ouml;nnen, vor dem die phantastischsten M&auml;rchenbilder
+verblassen m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und
+Weben, das ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch
+primitiver Maschinen n&ouml;tig machte, war der Einflu&szlig; der
+technischen Fortschritte auf die Spitzenindustrie, die Stickerei
+und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten waren Jahrhunderte
+hindurch ausschlie&szlig;lich Handarbeit gewesen, die Kl&ouml;ppel,
+die N&auml;hnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die
+Erfindung der Bobbinetmaschine, sp&auml;ter noch vervollkommnet
+durch Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine
+Umw&auml;lzung auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein
+Jahrzehnt nachher waren bereits allein in England 920 solcher
+Maschinen im Gange und vom einfachen T&uuml;llgrund und dem
+Schleier angefangen bis zum gemusterten Vorhang und der feinsten
+Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst nur in wenigen
+St&uuml;cken den Reichsten zug&auml;nglich war. Noch tiefer griff
+die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene
+Plattstichstickmaschine in die h&auml;usliche Arbeit der Frauen
+ein. Statt da&szlig; mit der N&auml;hnadel ein Faden vorsichtig
+neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin nunmehr nichts
+weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift des
+Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die
+es nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der
+zun&auml;chst die mechanische Triebkraft nicht in Anwendung
+gebracht werden konnte, drang rasch in die fernsten Winkel der
+Hausindustrie, so da&szlig; die Wei&szlig;stickereiproduktion einen
+enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer weiteren Vervollkommnung
+aber auch noch revolutionierender auf die Spitzenindustrie, als die
+Bobbinetmaschine. Indem man n&auml;mlich ein
+Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder
+Stickboden der Stickerei wegge&auml;tzt wurde, entstanden
+au&szlig;erordentlich feine, sogenannte Luftspitzen, die manche
+k&uuml;nstlerische Gebilde fr&uuml;herer Zeit in den Schatten
+stellen.</p>
+
+<p>Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste
+Strickmaschine eine Unterst&uuml;tzung der Hausindustrie, da sie
+mit der Hand getrieben wurde, und statt des einen Paares grober
+Str&uuml;mpfe, die eine Handstrickerin in einem Tage fertigstellen
+konnte, deren 10 bis 12 Paar erzeugte. Mit der Erfindung der
+mechanischen Strumpfstrickerei ging sie notwendigerweise zum
+Fabrikbetrieb &uuml;ber. Heute erzeugt die selbstth&auml;tige
+Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast
+v&ouml;llig fertiger Str&uuml;mpfe t&auml;glich. Auch die der
+Strickerei so au&szlig;erordentlich &auml;hnliche Wirkerei war
+zun&auml;chst f&uuml;r den Handbetrieb eingerichtet; ein
+Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine
+ge&uuml;bte Handstrickerin h&ouml;chstens 100. Neben diesen
+St&uuml;hlen, die nur einfache gewirkte Stoffbreiten herstellen,
+entstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus
+dem die Stoffe in Schlauchform hervorgehen. Die Entwicklung der
+gewirkten Leibw&auml;sche und des &uuml;brigen gewirkten
+Unterzeuges ist auf sie zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Die Th&auml;tigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die
+Spinn- und Webemaschinen eingeschlossen, beschr&auml;nkt sich,
+sobald sie im Gang sind, gro&szlig;enteils auf das Ausr&uuml;cken
+des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist und auf das
+Ankn&uuml;pfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach
+mechanische Ausr&uuml;ckvorrichtungen in Anwendung gebracht, so
+da&szlig; die Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in
+Wegfall kommt und der Arbeiter nur, sobald die Maschine still
+steht, den gebrochenen Faden zusammenzukn&uuml;pfen braucht.
+Da&szlig; diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger erfordert, zu
+einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverst&auml;ndlich. Das Weben am
+Webstuhl mit Hand- oder Fu&szlig;betrieb war fast immer Arbeit des
+Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der
+Bewegungsmotor wurde, mu&szlig;te er Frauen, ja selbst Kindern
+weichen.</p>
+
+<p>Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einflu&szlig; der
+Maschine. Noch erz&auml;hlen unsere Gro&szlig;eltern, wie sie sich
+ihre Briefumschl&auml;ge stets m&uuml;hsam selbst herstellten, wenn
+sie nicht in den H&auml;usern der Aermsten durch Kinder und Frauen
+mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und Pinsel hergestellt
+wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen die Kuverts und
+liefern bis zu 300000 t&auml;glich; und in einer anderen Maschine
+braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden,
+damit sie die fertigen Umschl&auml;ge&mdash;4000 in der
+Stunde!&mdash;auf der anderen wieder herauswirft. Aehnliches
+geschieht in der Kartonage. An Stelle des Zuschneidens, das
+kr&auml;ftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die Formen aus,
+sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der Ausnutzung
+aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun
+&uuml;brig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre gro&szlig;e
+Ver&auml;nderung die Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde
+der Handbetrieb zum erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die
+heute so vervollkommnet ist, da&szlig; sie das Rohmaterial aufnimmt
+und selbstth&auml;tig zu fertigem Papier verarbeitet. Auch eine
+andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst der Maschine: Die
+Verbreitung der Z&uuml;ndh&ouml;lzchen. Sie w&auml;re
+unm&ouml;glich gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der
+kleinen H&ouml;lzchen, die fr&uuml;her St&uuml;ck f&uuml;r
+St&uuml;ck mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe gekommen
+w&auml;re. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit
+armer Kinder gewesen sind, fabrikm&auml;&szlig;ig hergestellt und
+gef&uuml;llt&mdash;25000 t&auml;glich!</p>
+
+<p>Es l&auml;&szlig;t sich schwer abmessen, welche von all diesen
+genialen Erfindungen die Frauenarbeit am meisten beeinflu&szlig;te;
+wohl aber kann ohne weiteres behauptet werden, da&szlig; keine eine
+so nachhaltige, sich immer weiter ausdehnende Wirkung hatte, als
+die zur selben Zeit wie die Spinn- und Webst&uuml;hle in ihrer
+einfachsten Gestalt auftauchende N&auml;hmaschine. Sie blieb lange
+unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die erste,
+wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich
+mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an
+sich hatte, als ihre verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Kleinheit,
+der Betrieb durch Hand oder Fu&szlig;, ihr in jedem Haus Eingang
+verschaffte und sie eine Arbeit verrichtete, die mehr als irgend
+eine andere, von jeher in den H&auml;nden der Frauen gelegen hatte.
+Sie verzw&ouml;lffachte &uuml;berdies die Leistung der
+Handn&auml;herin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.<a
+name="FNanchor_378"></a><a href="#Footnote_378"><sup>378</sup></a>
+Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die
+Knopfloch- und Knopfann&auml;h-, die Kurbel- und Festoniermaschine,
+die Handschuh-N&auml;hmaschine, und endlich die verschiedenen, in
+der Schuhwarenindustrie benutzten N&auml;hmaschinen, deren erstes
+Aufkommen schon das altehrw&uuml;rdige Schuhmacherhandwerk zu
+untergraben anfing und den Frauen den Eingang dazu verschaffte.
+Heute hat die mechanische Herstellung der Schuhwaren einen Grad von
+Vollkommenheit erreicht, die der der Weberei ann&auml;hernd gleich
+kommt. Auch hier sind fast alle Vorbereitungs- und
+Vollendungsarbeiten von der Maschine &uuml;bernommen worden: vom
+Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das Zuschneiden
+entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das f&uuml;r
+den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Fa&ccedil;onbiegen des
+Oberleders m&uuml;helos ausf&uuml;hrt, bis zum Gl&auml;tten des
+fertigen Schuhs, dem N&auml;hen der Knopfl&ouml;cher und
+Ann&auml;hen der Kn&ouml;pfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die
+meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und
+die alte vielseitige Th&auml;tigkeit des Schusters beinahe zu einer
+blo&szlig;en Aufsicht f&uuml;hrenden zusammenschrumpfte, ist eine
+der letzten gro&szlig;en Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An
+seiner Wiege stand, wie einst die Gaben spendenden Feen an der
+Wiege der M&auml;rchenprinzessin, der graue K&ouml;nig Dampf und
+lie&szlig; &uuml;ber ihr sein erstes, prophetisches,
+eint&ouml;nig-dr&ouml;hnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein
+Leben; unter seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und
+die gewaltigsten Eisenkolosse hervor, er h&uuml;llte die Scharen
+seiner Diener und Dienerinnen in sein eigenes schwarzgraues
+Gewand&mdash;das Kleid der Armut und der Trauer. Einen neuen
+Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der mit stillem
+wei&szlig;leuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre
+&uuml;berstrahlte und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf
+zu ersticken droht. Wird er seine Unterthanen in die Kleider des
+Lichts sich h&uuml;llen helfen?&mdash;&mdash;</p>
+
+<p>Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter
+Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von
+der sozialen und politischen Entwicklung nichts wei&szlig;, der
+mu&szlig; erwarten, eine von schwerer Arbeit befreite, durch die
+enorm gesteigerte Produktion reich gewordene, gesunde und
+gl&uuml;ckliche Menschheit vor sich zu sehen. Aber er findet nichts
+von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur einige der f&uuml;r
+unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten die
+gro&szlig;e Masse des Volks abh&auml;ngig von ihren Besitzern; sie
+rissen, soweit sie infolge ihrer gro&szlig;e und Kompliziertheit
+oder der Einf&uuml;hrung des motorischen Betriebs das Fabriksystem
+zur Bedingung hatten, die Menschen aus dem eigenen Haus, der
+eigenen Werkstatt heraus, beraubten sie ihrer selbst&auml;ndigen
+Existenz und zogen auch die Frauen in ihre Dienste, weil sie
+ungelernte Arbeitskr&auml;fte brauchten und die billigsten die
+willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am
+rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am h&ouml;chsten
+entwickelt ist.<a name="FNanchor_379"></a><a href=
+"#Footnote_379"><sup>379</sup></a> Das zeigt sich besonders in dem
+Mutterlande der Gro&szlig;industrie, in England. Schon 1839 gab
+Lord Ashley an, da&szlig; von den 419560 Fabrikarbeitern in
+Gro&szlig;britannien 242296 Frauen waren; in den Baumwollfabriken
+waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den Seidenfabriken
+70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter
+weiblich.<a name="FNanchor_380"></a><a href=
+"#Footnote_380"><sup>380</sup></a> Und zwanzig Jahre sp&auml;ter
+konstatierte der englische Fabrikinspektor Robert Baker, da&szlig;
+die m&auml;nnlichen Arbeiter seit 1835 um 92%, die weiblichen
+dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen gr&ouml;&szlig;eren
+Zeitraum berechnet, erh&ouml;ht sich die Ziffer zu Gunsten der
+Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der
+m&auml;nnlichen Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um
+221% gestiegen.<a name="FNanchor_381"></a><a href=
+"#Footnote_381"><sup>381</sup></a> Die absoluten Zahlen
+veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher<a name=
+"FNanchor_382"></a><a href="#Footnote_382"><sup>382</sup></a> (s.
+Tabelle).</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<th colspan="2">1841</th>
+<th colspan="2">1851</th>
+<th colspan="2">1861</th>
+<th colspan="2">1871</th>
+<th colspan="2">1881</th>
+<th colspan="2">1891</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>T&ouml;pferei</td>
+<td align="right">23600</td>
+<td align="right">7400</td>
+<td align="right">34800</td>
+<td align="right">11100</td>
+<td align="right">42500</td>
+<td align="right">13400</td>
+<td align="right">49700</td>
+<td align="right">17700</td>
+<td align="right">52200</td>
+<td align="right">19700</td>
+<td align="right">64300</td>
+<td align="right">23800</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gas, Chemikalien</td>
+<td align="right">5800</td>
+<td align="right">300</td>
+<td align="right">16400</td>
+<td align="right">1700</td>
+<td align="right">24800</td>
+<td align="right">1500</td>
+<td align="right">34900</td>
+<td align="right">4100</td>
+<td align="right">44000</td>
+<td align="right">4000</td>
+<td align="right">66400</td>
+<td align="right">6300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Pelzwerk, Leder, Leim</td>
+<td align="right">31600</td>
+<td align="right">2400</td>
+<td align="right">44500</td>
+<td align="right">6500</td>
+<td align="right">47300</td>
+<td align="right">2300</td>
+<td align="right">49400</td>
+<td align="right">10200</td>
+<td align="right">49400</td>
+<td align="right">13300</td>
+<td align="right">59100</td>
+<td align="right">18200</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Holzwaren, Wagen</td>
+<td align="right">147500</td>
+<td align="right">4900</td>
+<td align="right">180200</td>
+<td align="right">8900</td>
+<td align="right">202200</td>
+<td align="right">14100</td>
+<td align="right">214200</td>
+<td align="right">19500</td>
+<td align="right">221600</td>
+<td align="right">18400</td>
+<td align="right">253600</td>
+<td align="right">23300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Papier etc.</td>
+<td align="right">8900</td>
+<td align="right">3200</td>
+<td align="right">13600</td>
+<td align="right">8300</td>
+<td align="right">14600</td>
+<td align="right">10700</td>
+<td align="right">20300</td>
+<td align="right">13400</td>
+<td align="right">24600</td>
+<td align="right">23200</td>
+<td align="right">28600</td>
+<td align="right">34200</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilwaren, F&auml;rberei</td>
+<td align="right">346200</td>
+<td align="right">257600</td>
+<td align="right">462400</td>
+<td align="right">472100</td>
+<td align="right">439700</td>
+<td align="right">526500</td>
+<td align="right">414500</td>
+<td align="right">555500</td>
+<td align="right">396400</td>
+<td align="right">566200</td>
+<td align="right">430500</td>
+<td align="right">585600</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bekleidung</td>
+<td align="right">343600</td>
+<td align="right">177200</td>
+<td align="right">397500</td>
+<td align="right">471200</td>
+<td align="right">378600</td>
+<td align="right">550900</td>
+<td align="right">363300</td>
+<td align="right">552700</td>
+<td align="right">344700</td>
+<td align="right">609300</td>
+<td align="right">353800</td>
+<td align="right">681300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ern&auml;hrung, Getr&auml;nke, Tabak</td>
+<td align="right">82700</td>
+<td align="right">8000</td>
+<td align="right">120100</td>
+<td align="right">12400</td>
+<td align="right">133400</td>
+<td align="right">15600</td>
+<td align="right">145700</td>
+<td align="right">18500</td>
+<td align="right">152300</td>
+<td align="right">28900</td>
+<td align="right">173100</td>
+<td align="right">50200</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Uhren, Instrumente, Spielzeug</td>
+<td align="right">19600</td>
+<td align="right">800</td>
+<td align="right">23500</td>
+<td align="right">1300</td>
+<td align="right">32800</td>
+<td align="right">2900</td>
+<td align="right">35900</td>
+<td align="right">3000</td>
+<td align="right">41700</td>
+<td align="right">3400</td>
+<td align="right">44600</td>
+<td align="right">5500</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Buckdruckerei, Buchbinderei etc.</td>
+<td align="right">21100</td>
+<td align="right">1800</td>
+<td align="right">30400</td>
+<td align="right">3800</td>
+<td align="right">41300</td>
+<td align="right">6200</td>
+<td align="right">57600</td>
+<td align="right">8600</td>
+<td align="right">75000</td>
+<td align="right">13100</td>
+<td align="right">102100</td>
+<td align="right">19100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Total:</th>
+<td>1030600</td>
+<td align="right">463600</td>
+<td align="right">1324200</td>
+<td align="right">997900</td>
+<td align="right">1357200</td>
+<td align="right">1150100</td>
+<td align="right">1385500</td>
+<td align="right">1203200</td>
+<td align="right">1401900</td>
+<td align="right">1299500</td>
+<td align="right">1576100</td>
+<td align="right">1447500</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Selbst in solchen Industrieen, f&uuml;r die die Frauenarbeit
+ganz ungeeignet zu sein scheint, wie in den Gelbgie&szlig;ereien,
+der Minen- und Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei
+waren fast ausschlie&szlig;lich Frauen besch&auml;ftigt.<a name=
+"FNanchor_383"></a><a href="#Footnote_383"><sup>383</sup></a></p>
+
+<p>Obwohl sich f&uuml;r andere L&auml;nder genauere auf
+l&auml;ngere Zeitr&auml;ume sich erstreckende Berechnungen nicht
+machen lassen, so spricht alles daf&uuml;r, da&szlig; die
+Entwicklung &uuml;berall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die
+Textilindustrie in Deutschland &uuml;berhaupt erst anfing,
+Bedeutung zu gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender
+Weise zu. Die Landm&auml;dchen str&ouml;mten in Scharen in die
+Fabrikst&auml;dte; kleine Orte, wie z.B. Gladbach, riefen in einem
+Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern, und in Krefeld war ein
+Frauen&uuml;berschu&szlig; von 50% die Folge.<a name=
+"FNanchor_384"></a><a href="#Footnote_384"><sup>384</sup></a> In
+Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts
+1816 neben 10000 M&auml;nnern 66000 Frauen gez&auml;hlt<a name=
+"FNanchor_385"></a><a href="#Footnote_385"><sup>385</sup></a>, und
+in den Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon
+62661 weibliche Arbeiter besch&auml;ftigt, die zehn Jahre
+sp&auml;ter auf 75169 angewachsen waren, w&auml;hrend sich zur
+selben Zeit in den Wirkereien dreimal so viel Frauen als
+M&auml;nner befanden.<a name="FNanchor_386"></a><a href=
+"#Footnote_386"><sup>386</sup></a> F&uuml;r die Vereinigten Staaten
+im allgemeinen zeigt es sich, da&szlig; 1870 in der Industrie auf
+100 arbeitende M&auml;nner gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100
+M&auml;nner &uuml;ber 25 Frauen besch&auml;ftigt waren.
+Nat&uuml;rlich trat, wie es uns die Entwicklung der Maschine schon
+ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen Industriezweigen eine
+mehr oder weniger starke Verschiebung der Geschlechter ein, die,
+besonders in der ersten Zeit, einer Verdr&auml;ngung der
+M&auml;nner durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412
+Fabriken in Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und
+nur 5314 ihrer Ehem&auml;nner waren in denselben Fabriken
+th&auml;tig, w&auml;hrend 3927 als anderw&auml;rts
+besch&auml;ftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und f&uuml;r
+659 n&auml;here Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede
+Fabrik zwei bis drei M&auml;nner, die von der Arbeit ihrer Frauen
+lebten. Das Bild einer vom arbeitslosen Mann geleiteten
+Hauswirtschaft, f&uuml;r deren Unterhalt die Frau allein sorgt, war
+zu jener Zeit durchaus kein seltenes.<a name="FNanchor_387"></a><a
+href="#Footnote_387"><sup>387</sup></a> Die Maschine brauchte ihre
+gelenken Finger und das Unternehmertum ihre billige Arbeitskraft.
+Nach Adam Smith produzierten zehn M&auml;nner zu seiner Zeit durch
+Teilung der Arbeit etwa 48000 N&auml;hnadeln t&auml;glich, Marx
+berichtet, da&szlig; die Maschine in elf Stunden 145000
+N&auml;hnadeln hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen
+beaufsichtigen kann, was einer Produktion von 600000 St&uuml;ck
+t&auml;glich gleichkommt.<a name="FNanchor_388"></a><a href=
+"#Footnote_388"><sup>388</sup></a> Eine Frau ersetzte also fast 130
+M&auml;nner! In Rheims waren im Anfang des 19. Jahrhunderts 10000
+h&auml;usliche Wollk&auml;mmer vollauf besch&auml;ftigt; nach
+Einf&uuml;hrung der K&auml;mmmaschine gab es bald keinen einzigen
+mehr, w&auml;hrend junge M&auml;dchen an der Maschine standen.<a
+name="FNanchor_389"></a><a href="#Footnote_389"><sup>389</sup></a>
+In die N&auml;gel- und Schraubenfabrikation Englands drangen schon
+1843 weibliche Arbeiter ein: die Maschine machte die m&auml;nnliche
+Kraft entbehrlich.<a name="FNanchor_390"></a><a href=
+"#Footnote_390"><sup>390</sup></a> F&uuml;nfzig Jahre fr&uuml;her
+f&uuml;hrte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und
+produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von
+einem M&auml;dchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen
+w&ouml;chentlich<a name="FNanchor_391"></a><a href=
+"#Footnote_391"><sup>391</sup></a>, d.h. sie schafft die Arbeit von
+sieben M&auml;nnern. Ueberall zeigt sich dasselbe Bild: So war die
+Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die schwierige
+Arbeit von M&auml;nnern, eine neue Maschine erm&ouml;glicht es,
+ungelernte Frauen anzustellen, die f&uuml;r dieselbe Leistung statt
+18 sh. nur 12 sh. w&ouml;chentlich erhalten. In den
+Konservenb&uuml;chsenfabriken, wo fr&uuml;her auch nur M&auml;nner
+f&uuml;r 15 bis 20 sh. w&ouml;chentlich th&auml;tig waren, arbeiten
+jetzt gleichfalls Frauen f&uuml;r den halben Lohn und die Arbeit
+des Stempelns vergoldeter Buchstaben auf B&uuml;chereinb&auml;nde
+haben sie sogar f&uuml;r ein Drittel des M&auml;nnerlohnes
+&uuml;bernommen.<a name="FNanchor_392"></a><a href=
+"#Footnote_392"><sup>392</sup></a> Den gr&ouml;&szlig;ten
+Einflu&szlig; nach dieser Richtung hatte die Einf&uuml;hrung der
+mechanischen Spinnerei und Weberei. An Stelle des Spuljungen, der
+eine Spule f&uuml;llte, trat das Spulm&auml;dchen, das zwanzig und
+mehr an der Maschine beaufsichtigte; zahlreiche selbst&auml;ndige
+Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik zu gehen, wo ihre
+Frauen und T&ouml;chter, die die alten schweren Webst&uuml;hle
+nicht hatten beherrschen k&ouml;nnen, ihre siegreichen Konkurrenten
+geworden waren.<a name="FNanchor_393"></a><a href=
+"#Footnote_393"><sup>393</sup></a> Ueberall dort, wo eine
+handwerksm&auml;&szlig;ige Ausbildung fr&uuml;her unausbleiblich
+schien, aber neue Erfindungen sie &uuml;berfl&uuml;ssig machten,
+drangen die Frauen vor. So f&uuml;hrte die Papiermach&eacute;masse
+sehr bald schon weibliche Arbeitskr&auml;fte in die
+Spielwarenindustrie ein, die, solange das Schnitzen und Bossieren
+ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein Privilegium der
+M&auml;nner gewesen war.<a name="FNanchor_394"></a><a href=
+"#Footnote_394"><sup>394</sup></a> Und die Handmaler f&uuml;r
+Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten,
+sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die
+M&ouml;glichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anla&szlig; bot,
+unge&uuml;bte M&auml;dchen f&uuml;r einen Hungerlohn anzustellen.<a
+name="FNanchor_395"></a><a href="#Footnote_395"><sup>395</sup></a>
+Die Schuhmacherei ist, wie wir schon gesehen haben, neuerdings
+derselben Wandlung unterworfen; die Schneiderei f&auml;ngt an,
+denselben Weg zu gehen, seitdem in den gro&szlig;en Fabriken zu
+Leeds selbst der f&uuml;r ganz unentbehrlich geltende Mann, der
+Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen
+ausstanzt, ersetzt wurde.</p>
+
+<p>Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe
+Urteil zu vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, da&szlig;
+dieses scheinbare Verdr&auml;ngen der M&auml;nner durch die Frauen
+fast immer nur ein Verschieben ist, und die Zahlen fast
+&uuml;berall beweisen, da&szlig; zwar das Wachstum der Frauenarbeit
+im Verh&auml;ltnis bedeutend gr&ouml;&szlig;er ist als das der
+M&auml;nner, jene aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in
+Frage kommen, noch immer bedeutend &uuml;berfl&uuml;gelt werden;
+aber es ist auch begreiflich, da&szlig; die vollst&auml;ndig neue
+Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben, wie sie
+zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gem&uuml;ter
+au&szlig;erordentlich erregte. In Verbindung mit der
+gef&auml;hrlichen Bedrohung des Handwerks durch die Maschine rief
+sie allerorten st&uuml;rmische Emp&ouml;rungen hervor, die zu
+Anfang einen revolution&auml;ren Charakter annahmen. Jeder einzelne
+dieser fruchtlosen K&auml;mpfe gegen den eisernen Riesen, der den
+Boden unterw&uuml;hlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen
+glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das
+Gl&uuml;ck und der Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener
+antiken Tragik an sich, die den Helden mit der Gewalt eines
+Naturgesetzes der Vernichtung preis gab. Die erste Wut richtete
+sich in geheimen Verschw&ouml;rungen und offenen Revolten gegen
+ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem Jubelgeheul
+der Massen zerst&ouml;rten die Bewohner Blackburns Hargreaves
+Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht
+gefunden zu haben, als die Emp&ouml;rung gegen ihn und sein Werk
+sich bis zum Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was
+es enthielt, dem Erdboden gleich machte. Er selbst starb im
+Armenhause, von denen am meisten verfolgt und verachtet, denen er
+sein Bestes gegeben hatte. Gegen Cartwrights K&auml;mmmaschine
+richtete sich eine so w&uuml;tende Agitation der Handk&auml;mmer,
+da&szlig; ihre Einf&uuml;hrung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung
+m&ouml;glich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in
+Flammen auf; er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu
+Land vertrieben und Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen
+Verbindung der Ludditen zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen
+verschworen hatte und ganz England in Schrecken versetzte. Ein
+Kampf, wenn auch ohne Feuer und Schwert, war es auch, wenn der
+Handwerker sich krampfhaft gegen die neu eingef&uuml;hrte Maschine
+zu behaupten versuchte, indem er die Produkte seiner Arbeit so
+lange im Preise herabsetzte<a name="FNanchor_396"></a><a href=
+"#Footnote_396"><sup>396</sup></a>, bis er auf der untersten Stufe
+der Existenzm&ouml;glichkeit angekommen war, und sich nun mit Frau
+und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mu&szlig;te.
+Systematisch war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um
+die Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Maschine f&uuml;hrten. Sie
+widersetzten sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen
+ihre Einf&uuml;hrung; sie nahmen lieber die Entbehrungen wochen-
+und mondelanger Streiks auf sich&mdash;wie z.B. die Schuster von
+Northamptonshire&mdash;, als da&szlig; sie nachgegeben
+h&auml;tten.<a name="FNanchor_397"></a><a href=
+"#Footnote_397"><sup>397</sup></a> Und mit derselben z&auml;hen
+Energie versuchten sie die Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen.
+So entspann sich ein heftiger Kampf der Setzer gegen die 1848
+zuerst angestellten Frauen, und er wurde um so bitterer, als der
+Streik der Setzer von Edinburgh infolge der weiblichen
+Streikbrecher mit einer Niederlage endete.<a name=
+"FNanchor_398"></a><a href="#Footnote_398"><sup>398</sup></a> Zu
+dem Siege, den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen
+durch gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen
+wurden, gelangten sie freilich nicht.<a name="FNanchor_399"></a><a
+href="#Footnote_399"><sup>399</sup></a> Dagegen griffen die
+Gewerkschaften vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, da&szlig;
+kein Mitglied neben einer Frau arbeiten d&uuml;rfe, fand sich in
+zahlreichen Statuten und findet sich zum Teil heute noch darin. Wo
+weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore der Fabrik
+durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn nicht
+gar Beleidigungen gr&ouml;bster Art. Es kam h&auml;ufig vor,
+da&szlig; sie sich durch Hinterpf&ouml;rtchen in die
+Arbeitsr&auml;ume schleichen mu&szlig;ten, um &uuml;berhaupt hinein
+zu gelangen. Was in England, wo die industrielle Entwicklung eine
+rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat, das
+wiederholte sich, wenn auch in abgeschw&auml;chter Form, auf dem
+Kontinent. Ueberall betrachteten die M&auml;nner ihre weiblichen
+Arbeitsgenossen mit Ha&szlig; und Mi&szlig;trauen und versuchten
+sich ihrer zu entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der
+Revolutionszeit f&uuml;hrte an verschiedenen Orten des Landes sogar
+zu kleinen Revolten gegen die Frauen und die Berliner
+Schneiderinnung ging so weit, beim Gewerbeministerium zu
+beantragen, da&szlig; den Frauen, mit Ausnahme der Witwen von
+Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden sollte,
+und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen
+d&uuml;rften.<a name="FNanchor_400"></a><a href=
+"#Footnote_400"><sup>400</sup></a> Dasselbe Gef&uuml;hl, das die
+Innung zu diesem Antrag trieb, beherrschte auch das Frankfurter
+Handwerkerparlament des Jahres 1848, als es kategorische Gesetze
+gegen das Fabriksystem, durch das der gro&szlig;e Markt f&uuml;r
+die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.</p>
+
+<p>Man hat h&auml;ufig versucht, den erbitterten Kampf der
+M&auml;nner gegen die Frauenarbeit ihnen zum pers&ouml;nlichen
+Vorwurf zu machen, ein Versuch, der sich nur aus einer
+v&ouml;lligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen
+Entwicklungsgeschichte erkl&auml;ren l&auml;&szlig;t.
+Thats&auml;chlich war und ist zum Teil heute noch dieser Kampf ihre
+notwendige Begleiterscheinung. Wollte man &uuml;berhaupt einen
+Vorwurf erheben,&mdash;was allgemeinen Erscheinungen des
+Wirtschaftslebens gegen&uuml;ber immer th&ouml;richt ist,&mdash;so
+m&uuml;&szlig;te er sich weit eher gegen die Frauen richten. Nicht,
+weil sie &uuml;berhaupt arbeiteten, das war eine bittere
+Notwendigkeit f&uuml;r sie, sondern weil sie die m&auml;nnlichen
+Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere
+Anspr&uuml;che zu besiegen suchten. Aus der h&auml;uslichen
+Vereinzelung, aus der sie fr&uuml;her gro&szlig;enteils auch dann
+nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn arbeiteten, traten
+sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der Industriearbeiter
+hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der n&auml;chsten
+pers&ouml;nlichsten Bed&uuml;rfnisse, die au&szlig;erordentlich
+geringe waren; die jahrhundertelange Niederdr&uuml;ckung des
+weiblichen Geschlechts, die unaufh&ouml;rliche Predigt von der
+Demut und Bescheidenheit, die ewige Wiederholung von der
+Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schlie&szlig;lich selber
+glaubten, r&auml;chte sich nun an den M&auml;nnern: die weiblichen
+Arbeiter waren mit L&ouml;hnen zufrieden, die ihnen grade nur ein
+St&uuml;ck Brot gew&auml;hrleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen
+worden waren, hatten nichts von einer Rebellennatur mehr in sich.
+Sie wurden zu Streikbrechern, ohne etwas anderes dabei zu
+empfinden, als Freude &uuml;ber Arbeitsgelegenheit; sie
+lie&szlig;en sich ausbeuten bis aufs &auml;u&szlig;erste und nahmen
+es hin, wie ein Fatum, wenn sie nur ihren Kindern daf&uuml;r einen
+Tag lang den schlimmsten Hunger stillen konnten. Das Gef&uuml;hl
+von Solidarit&auml;t mit den Genossen ihrer Arbeit m&uuml;&szlig;te
+denen v&ouml;llig fremd sein, deren h&ouml;chste Tugend bisher die
+gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So
+mu&szlig;ten sie werden, was sie waren, und leider noch
+sind,&mdash;ein Jahrhundert verwischt nicht die Spuren von
+Jahrtausenden&mdash;: Schmutzkonkurrenten der M&auml;nner. Sie
+dr&uuml;ckten die L&ouml;hne und machten es infolgedessen immer
+mehr M&auml;nnern unm&ouml;glich, ihre Familien allein zu erhalten;
+so zog jede neu eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer
+nach sich. Da&szlig; die M&auml;nner eine Gefahr darin sahen,
+da&szlig; sie nicht blinden Auges und kalten Herzens an der
+Zerst&ouml;rung der H&auml;uslichkeit und der Verwahrlosung der
+Kinder vor&uuml;bergehen konnten, war nur nat&uuml;rlich.</p>
+
+<p>Nicht allzu lange sollten die M&auml;nner allein unter dem
+Wachstum des Gro&szlig;betriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde
+bald auch das der Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik
+gezogen hatte, trieb sie wieder hinaus. W&auml;hrend fr&uuml;her
+z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 M&auml;dchen zum Schlagen der Kokons
+n&ouml;tig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und mehr
+Hasplerinnen, warf also mindestens 6 M&auml;dchen aufs Pflaster.
+Die Einf&uuml;hrung verbesserter Maschinen in den Webereien des
+Oberelsa&szlig; hatte zur Folge, da&szlig; die Arbeiterzahl trotz
+der starken Vermehrung der Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf
+19000 im Jahre 1851 gesunken war<a name="FNanchor_401"></a><a href=
+"#Footnote_401"><sup>401</sup></a>; in 35 englischen Spinnereien
+waren 1829 1060 Spinner mehr angestellt als 1841, obwohl die Zahl
+der Spindeln sich um 99000 vermehrt hatte<a name=
+"FNanchor_402"></a><a href="#Footnote_402"><sup>402</sup></a> und
+in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige verbesserte
+Spinnmaschine die H&auml;lfte aller Arbeiterinnen.<a name=
+"FNanchor_403"></a><a href="#Footnote_403"><sup>403</sup></a> Am
+furchtbarsten waren die Folgen der Einf&uuml;hrung der
+N&auml;hmaschine. Eine einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400
+N&auml;hmaschinen aufstellte, von denen eine die Arbeit von 6
+Handn&auml;herinnen ausf&uuml;hrte, machte ca. 2000 N&auml;herinnen
+brotlos. Der Segen, den viele sich von der N&auml;hmaschine
+versprachen, weil sie der Frau erm&ouml;glichte, im eigenen Heim
+ihrem Erwerb nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie
+erschlug die schw&auml;chsten Handarbeiter; in London lief die
+Zunahme des Hungertods parallel mit ihrer Ausbreitung.<a name=
+"FNanchor_404"></a><a href="#Footnote_404"><sup>404</sup></a> Da
+die Einf&uuml;hrung neuer oder die Verbesserung alter Maschinen nun
+keineswegs eine Steigerung der L&ouml;hne zur Folge hatte, sondern
+die Entlassung von Arbeitern nur dem Kapitalisten zu Gute kam,
+mu&szlig;te die &uuml;berfl&uuml;ssig gewordene menschliche
+Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand
+sie dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende
+Zufluchtsst&auml;tte fand, in der Hausindustrie.</p>
+
+<p>Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus
+kein feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren
+beiden letzten Berufsz&auml;hlungen eingehend mit der Hausindustrie
+besch&auml;ftigte, versteht darunter die "Arbeit zu Hause f&uuml;r
+fremde Rechnung". Die Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur
+die Heimarbeiter, d.h. diejenigen, die im eignen Wohnraum f&uuml;r
+die Unternehmer besch&auml;ftigt sind, umfassen und die
+Werkstattarbeiter ausschlie&szlig;en. Das geschieht
+ausdr&uuml;cklich durch die neueste belgische Statistik, die als
+Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf
+Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das
+&ouml;sterreichische Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff
+der Hausindustrie darauf beschr&auml;nkt, indem es "Erwerbsarbeiter
+in eigener Werkst&auml;tte ohne gewerbliches Hilfspersonal"
+h&ouml;chstens mit Angeh&ouml;rigen des eigenen Hausstands,
+darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind
+verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die
+Hausindustrie als Gro&szlig;vertrieb von Waren, die im
+Kleinbetriebe hergestellt werden<a name="FNanchor_405"></a><a href=
+"#Footnote_405"><sup>405</sup></a>, bezeichnet, w&auml;hrend nicht
+die Art des Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet,
+auf der anderen erkl&auml;rt man sie f&uuml;r
+gro&szlig;industrielle Arbeit in kleinen Werkst&auml;tten und in
+der Wohnung<a name="FNanchor_406"></a><a href=
+"#Footnote_406"><sup>406</sup></a>, wobei wieder die Bezeichnung
+"klein" ein schwankendes Bild giebt. Die sinngem&auml;&szlig;este,
+die Sache klar bezeichnende Erkl&auml;rung dagegen ist diese:
+Hausindustrie ist diejenige Betriebsform der kapitalistischen
+Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren eigenen Wohnungen
+oder Werkst&auml;tten besch&auml;ftigt werden.<a name=
+"FNanchor_407"></a><a href="#Footnote_407"><sup>407</sup></a></p>
+
+<p>Mit der Hausindustrie fr&uuml;herer Zeiten hat diese fast nur
+noch den Namen gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der
+Gro&szlig;industrie. Einerseits n&auml;hrt sie sich vom
+untergehenden Handwerk,&mdash;der einst selbst&auml;ndige Meister
+wird zum Verleger,&mdash;andererseits von der um jeden Preis sich
+verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den
+Industriest&auml;dten infolge der sich zusammendr&auml;ngenden
+proletarischen Bev&ouml;lkerung massenhaft emporschie&szlig;t oder
+vereinzelt in abseits liegenden Gebirgsth&auml;lern und
+Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige
+Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie
+sich nicht entgehen lassen. Mit der M&ouml;glichkeit der
+Arbeitszerlegung, der Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb,
+verst&auml;rkte sich noch die Tendenz, die Hausindustrie gro&szlig;
+zu ziehen. Dazu kam, da&szlig; nicht nur die Ersparnisse in Bezug
+auf die L&ouml;hne sich als bedeutende erwiesen: sowohl die Kosten
+f&uuml;r Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung,
+Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das bef&ouml;rderte
+selbstverst&auml;ndlich eine weitere Dezentralisierung des
+Gro&szlig;betriebs. Beweis hierf&uuml;r ist unter anderem die
+R&uuml;ckentwicklung des Cigarrengro&szlig;betriebs zur
+Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom
+Gro&szlig;- zum Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schw&auml;chsten,
+die die Fabrik als die wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten,
+die in ihrem versteckten Elend kein Hauch der neuen Zeit
+ber&uuml;hrte, die Frauen, die Kinder und die Greise wurden die
+ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die Maschine,
+durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggeh&ouml;fte, die
+entlegensten Landst&auml;dtchen vordrang, sich in die Dachkammern
+und die Keller der Gro&szlig;st&auml;dte einschlich. Alle
+Maschinen, die zum Antrieb menschliche Kraft gebrauchen konnten und
+klein genug waren, um &uuml;berall Platz zu finden, sind in der
+Hausindustrie vertreten; der Hausindustrielle kauft sie auf
+Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder bekommt sie vom Fabrikanten,
+f&uuml;r den er arbeitet, geliefert. N&auml;hmaschinen aller Art,
+von der einfachsten bis zur komplizierten Stiefelstepp- und
+Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen der elendesten
+Sklaven des Kapitalismus; &uuml;ber die Strickmaschine sitzen sie
+geb&uuml;ckt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der
+Schweiz verbreitet hat, macht aus den bl&uuml;henden Kindern der
+Berge dieselben flachbr&uuml;stigen, blassen Gesellen, wie die
+Fabrikarbeiter der Gro&szlig;st&auml;dte es sind. Und so lange die
+menschliche motorische Kraft billiger ist als Dampf und
+Elektrizit&auml;t, werden die Unternehmer sie f&uuml;r sich
+ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der
+Gro&szlig;industrie, den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt
+hat, wird wachsen, da&szlig; sie fast ihren Vater
+&uuml;berragt.</p>
+
+<p>Ein riesiges Arbeitsfeld er&ouml;ffnete sich den Frauen durch
+die Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der N&auml;hmaschine
+geh&ouml;rte die Herstellung der W&auml;sche und der Kleidung im
+wesentlichen in das Bereich h&auml;uslicher Th&auml;tigkeit.
+Hausfrau und Haust&ouml;chter, eventuell die verf&uuml;gbaren
+Dienstm&auml;dchen, besch&auml;ftigten sich damit. In einer
+sp&auml;teren Periode erst kam die im Hause der Kundschaft
+arbeitende N&auml;herin als Hilfskraft hinzu und die bei sich
+f&uuml;r die Kunden arbeitende Schneiderin war schon ein Produkt
+der Neuzeit. Modegesch&auml;fte, die mit Hilfe der hausindustriell
+th&auml;tigen N&auml;herinnen fertige Kleider verkauften, kamen
+erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die N&auml;hmaschine die
+Massenproduktion erm&ouml;glichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der
+Erde und suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch
+steigende Ausbeutung der Arbeiterinnen m&ouml;glich war. "Alle
+N&auml;herinnen," sagte ein englischer Arzt, "leiden an dreifachem
+Elend&mdash;Ueberarbeit, Luftmangel und Mangel an Nahrung."
+W&auml;hrend der Saison sa&szlig;en in London gegen 30 M&auml;dchen
+in R&auml;umen zusammen, die kaum f&uuml;r ein Drittel die
+n&ouml;tige Luft gew&auml;hrten, sie schliefen zu zweien in einem
+Bett in engen Stickl&ouml;chern, wenn sie &uuml;berhaupt zum
+Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene Arbeitszeit von 18 bis
+24, ja 26 Stunden geh&ouml;rte durchaus nicht zu den Ausnahmen; die
+physische Unf&auml;higkeit, die Nadel noch l&auml;nger zu
+f&uuml;hren, war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen
+sie nicht infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,&mdash;wie die
+arme Mary Anne Walkley, von der Marx erz&auml;hlt<a name=
+"FNanchor_408"></a><a href=
+"#Footnote_408"><sup>408</sup></a>,&mdash;so drohte ihnen in der
+toten Zeit der Hunger. F&uuml;r 4-1/2 sh. w&ouml;chentlich
+arbeiteten in den vierziger Jahren Londoner Kleidern&auml;herinnen
+16 und mehr Stunden t&auml;glich. Und doch waren sie noch in
+gl&auml;nzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die
+W&auml;sche n&auml;hten: F&uuml;r ein gew&ouml;hnliches Hemd
+bekamen sie&mdash;1-1/2 pence, f&uuml;r elegante Hemden, deren
+Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte, betrug ihr Lohn 6
+pence. Wochenl&ouml;hne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei angestrengter
+Th&auml;tigkeit gang und g&auml;be.<a name="FNanchor_409"></a><a
+href="#Footnote_409"><sup>409</sup></a> Aber Thomas Hoods Lied vom
+Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab,
+galt nicht nur f&uuml;r die armseligsten T&ouml;chter des reichen
+England; ihre Ungl&uuml;cksgef&auml;hrten verteilten sich &uuml;ber
+die ganze zivilisierte Welt. Mit Tagel&ouml;hnen von 20 bis 50
+cents sollten nicht weniger als 20000 Arbeiterinnen Bostons ihr
+Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen lebte in New-York in
+st&auml;ndigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.<a name=
+"FNanchor_410"></a><a href="#Footnote_410"><sup>410</sup></a> Die
+Pariser N&auml;herinnen der f&uuml;nfziger und sechziger Jahre,
+die, infolge der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den
+bestgestellten geh&ouml;rten, mu&szlig;ten sich mit L&ouml;hnen von
+40 und 60 c. t&auml;glich begn&uuml;gen<a name=
+"FNanchor_411"></a><a href="#Footnote_411"><sup>411</sup></a>,
+w&auml;hrend, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum
+allein an t&auml;glicher Nahrung gew&auml;hrleisteten.<a name=
+"FNanchor_412"></a><a href="#Footnote_412"><sup>412</sup></a> Dabei
+hatten diese sogenannt freien Arbeiterinnen, die thats&auml;chlich
+ein weit elenderes Leben f&uuml;hrten, als die schwarzen Sklaven
+Amerikas, f&uuml;r deren Befreiung eine ganze Welt sich
+begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzuk&auml;mpfen,
+die gro&szlig;enteils von jenen geschaffen wurde, die sich
+Wohlth&auml;ter der Armen nennen lie&szlig;en. So n&ouml;tigten die
+Armenh&auml;user Londons, deren Insassen Hemden n&auml;hten, die
+N&auml;herinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe niedrige
+Niveau und die Kl&ouml;ster Frankreichs, in denen M&auml;nnerhemden
+f&uuml;r 10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 St&uuml;ck
+f&uuml;r 1,10 fr. hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein
+150000 Frauen besch&auml;ftigten und von denen Jules Simon
+berichtete, da&szlig; von 100 Dutzend Hemden, die in Paris in den
+Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Kl&ouml;stern hergestellt
+wurden<a name="FNanchor_413"></a><a href=
+"#Footnote_413"><sup>413</sup></a>, warfen sie mitleidlos dem
+Hunger oder der Prostitution in die Arme.<a name=
+"FNanchor_414"></a><a href="#Footnote_414"><sup>414</sup></a> Kein
+Wunder, da&szlig; 1866 doppelt so viel Frauen als M&auml;nner der
+Armenpflege anheim fielen.</p>
+
+<p>Dieselbe Konkurrenz dr&uuml;ckte auch auf die Spitzenindustrie,
+die durch Colberts Einflu&szlig; in Frankreich eine riesige
+Verbreitung gefunden hatte; 1866 waren 250000 Frauen in ihr
+besch&auml;ftigt. Zwanzig Jahre fr&uuml;her sah Blanqui in Dieppe
+Arbeiterinnen, die bei f&uuml;nfzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit
+nicht mehr als 52 c. t&auml;glich verdienten und in den Vogesen, wo
+der Wert der j&auml;hrlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen
+Franken berechnet wurde, betrug ihr h&ouml;chster Verdienst 80 c.<a
+name="FNanchor_415"></a><a href="#Footnote_415"><sup>415</sup></a>!
+Noch 1860 konstatierte Jules Simon, da&szlig; f&uuml;r die
+Herstellung der points d'Alen&ccedil;on, jener kostbaren Spitzen,
+bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht
+einb&uuml;&szlig;ten, 75 c., und f&uuml;r die wunderbarsten Spitzen
+Belgiens, die Br&uuml;sseler, gar nur 30 c. t&auml;glich an Lohn
+gezahlt wurde.<a name="FNanchor_416"></a><a href=
+"#Footnote_416"><sup>416</sup></a> Die Stickerinnen waren in
+derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in Frankreich
+besch&auml;ftigten, verdiente die gr&ouml;&szlig;te Mehrzahl nicht
+mehr als 20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von
+Lille,&mdash;Mitte der vierziger Jahre,&mdash;wo der Mann in guten
+Zeiten 2 frs., die Frau als Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!)
+t&auml;glich verdiente und die vier Kinder betteln gingen, weil
+sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der k&uuml;mmerlichsten
+Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem Erdboden, allein
+f&uuml;r Wohnung und Nahrung 12,75 frs. w&ouml;chentlich
+gebrauchten<a name="FNanchor_417"></a><a href=
+"#Footnote_417"><sup>417</sup></a>,&mdash;d&uuml;rfte f&uuml;r das
+Proletariat jener Zeit typisch sein.</p>
+
+<p>Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren
+Lage. In den drei&szlig;iger Jahren betrugen die Frauenl&ouml;hne
+in den englischen Leinenwebereien bei einer zw&ouml;lf- bis
+sechzehnst&uuml;ndigen Arbeitszeit 4 bis 5 sh. die Woche, von denen
+f&uuml;r Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in den
+Baumwollfabriken sanken die L&ouml;hne auf 1 bis 4 sh., junge
+M&auml;dchen unter sechzehn Jahren verdienten bei
+zw&ouml;lfst&uuml;ndiger Arbeitszeit oft nicht mehr als 4 sh. in
+drei Wochen!<a name="FNanchor_418"></a><a href=
+"#Footnote_418"><sup>418</sup></a> In der Periode von 1830 bis 1845
+&uuml;berstieg der Verdienst der franz&ouml;sischen
+Fabrikarbeiterinnen selten 1,60 frs. pro Tag.<a name=
+"FNanchor_419"></a><a href="#Footnote_419"><sup>419</sup></a> Die
+Seidenweberinnen Lyons erreichten bei vierzehnst&uuml;ndiger
+Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen h&ouml;heren Jahresverdienst
+als 300 frs.<a name="FNanchor_420"></a><a href=
+"#Footnote_420"><sup>420</sup></a> Zwar stiegen die L&ouml;hne
+sowohl in der Wollmanufaktur Frankreichs wie in der
+Baumwollmanufaktur des Oberelsa&szlig; in den drei&szlig;iger
+Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn betrug auch dann
+noch l bis 1,25 frs. und der h&ouml;chste, selten erreichte, 3
+frs.<a name="FNanchor_421"></a><a href=
+"#Footnote_421"><sup>421</sup></a>, und die Steigerung hielt weder
+Schritt mit der Steigerung der Wohnungen, der Lebensmittel und
+sonstigen Bed&uuml;rfnisse, noch war sie eine stetig
+fortschreitende. Alle Krisen, denen die Gro&szlig;industrie im 19.
+Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten f&uuml;r die
+Arbeiterin Hunger und Entbehrung. Die geringf&uuml;gigste
+Tr&uuml;bung des gesch&auml;ftlichen Horizontes wurde von den
+Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den
+drei&szlig;iger Jahren sanken die L&ouml;hne der Weber am
+Niederrhein bei einer Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die
+sinkende Nacht auf 1-1/2 bis 3 Thaler die Woche<a name=
+"FNanchor_422"></a><a href="#Footnote_422"><sup>422</sup></a> in
+den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850 waren in Krefeld allein
+12000 Personen vollst&auml;ndig brotlos<a name=
+"FNanchor_423"></a><a href=
+"#Footnote_423"><sup>423</sup></a>,&mdash;von dem Weberelend in
+Schlesien gar nicht zu reden! Die gro&szlig;e wirtschaftliche
+Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und
+S&uuml;dstaaten Amerikas &uuml;ber Europa hereinbrach, steigerte
+die Not aufs neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000
+Arbeiter, in Belfort sanken die Frauenl&ouml;hne bis auf 20 c.<a
+name="FNanchor_424"></a><a href="#Footnote_424"><sup>424</sup></a>
+Kaum weniger empfindlich f&uuml;r die deutschen Arbeiter waren die
+Jahre nach dem franz&ouml;sischen Krieg. Die Einnahmen sanken
+vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webst&uuml;hlen gerieten
+vollst&auml;ndig in Stillstand.<a name="FNanchor_425"></a><a href=
+"#Footnote_425"><sup>425</sup></a></p>
+
+<p>Aber die industriellen Umw&auml;lzungen und die wirtschaftlichen
+Krisen waren nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der
+Arbeiter bedrohten und untergruben. Der Kapitalismus machte keinen
+Unterschied zwischen dem Arbeiter und der Maschine: er verausgabte
+f&uuml;r beide nur genau so viel, als notwendig war, um sie in
+Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue Errungenschaft der
+Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen h&ouml;heren Profit
+zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der
+menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das
+Trucksystem war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit
+Geld mit Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer
+willk&uuml;rlich stellen konnte. Um die Frauen noch besonders
+willf&auml;hrig zu machen, wurde auf ihre Eitelkeit spekuliert: an
+Stelle des baren Verdienstes traten Sch&uuml;rzen und B&auml;nder,
+T&uuml;cher und M&uuml;tzen. Wie oft kam die arme Arbeiterin am
+Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit
+nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete
+sie auf die Heimkehr des Mannes&mdash;er sa&szlig; im Kramladen
+seines Chefs und lie&szlig; sich in Branntwein den Lohn auszahlen.
+Vielleicht brachte er noch einen Laib Brot nach Hause,&mdash;um den
+doppelten Preis als er ihn von seinem Geld h&auml;tte kaufen
+k&ouml;nnen! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die Auszahlung
+des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts &uuml;berall zu finden. Nach und nach versteckte es
+sich hinter den Th&uuml;ren der Kaufl&auml;den, die der Fabrikherr
+oder seine Beamten hielten, und in denen einzukaufen der arme
+Arbeiter gezwungen war, wenn er die Entlassung nicht f&uuml;rchten
+wollte. So verkaufte der Konfektion&auml;r wie der Zwischenmeister
+den N&auml;herinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die Preise,
+die er daf&uuml;r anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so
+schon k&auml;rglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine
+Kr&auml;mer des Dorfes, der zugleich der Verleger oder
+Zwischenh&auml;ndler der Hausindustriellen ist, das Material
+f&uuml;r ihre Arbeit zu Wucherpreisen an sie.</p>
+
+<p>Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen,
+hie&szlig;e ein Buch schreiben, dessen Bilder in seiner
+Grauenhaftigkeit die Phantasie eines H&ouml;llenbreughel weit
+hinter sich lie&szlig;en. Blicken wir in die Wohnungen jener
+Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer
+ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen H&auml;usern 12000
+Personen; ganze Familien, ja ganze Generationen besa&szlig;en nur
+ein kleines Zimmer, in dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte
+jede Art von Einrichtung, ein Haufen Lumpen war das Bett aller. Und
+doch waren sie noch gl&uuml;cklich zu nennen, denn nicht weniger
+als 50000 Menschen besa&szlig;en &uuml;berhaupt kein Obdach; sie
+dr&auml;ngten sich nachts, soweit es irgend ging, in den
+Logierh&auml;usern zusammen&mdash;M&auml;nner, Weiber, Alte, Junge,
+Kranke und Gesunde, N&uuml;chterne und Betrunkene, alle
+durcheinander, zu f&uuml;nf und sechs in einem Bett. Nicht anders
+sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die
+Million&auml;re des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am
+Irk, einem schwarzen, stinkenden Flu&szlig; voll Schmutz und Unrat,
+ragten die Arbeiterkasernen auf; um f&uuml;rchterlich kleine
+H&ouml;fe dr&auml;ngten sie sich, verr&auml;uchert, verfallen, oft
+ohne Th&uuml;ren und Fenster, mit winzigen St&uuml;bchen, die
+f&uuml;r zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten; die
+meisten enthielten nichts als Strohhaufen.<a name=
+"FNanchor_426"></a><a href="#Footnote_426"><sup>426</sup></a> In
+derselben Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich.
+Schmale Stra&szlig;en, in denen kaum zwei Menschen nebeneinander
+gehen konnten, trennten in Lille die H&auml;user voneinander. In
+der Mitte befand sich ein stinkender Rinnstein, der alle
+Abw&auml;sser aufnahm; aus Sparsamkeitsgr&uuml;nden waren die
+Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den
+&uuml;berf&uuml;llten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten
+R&auml;umen herrschte ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte
+Kinder mit geschwollenen Gliedern, zerfressen von Ungeziefer,
+starrten mit bl&ouml;den Augen dem Fremden entgegen, der sich in
+diese H&ouml;lle verirrte.<a name="FNanchor_427"></a><a href=
+"#Footnote_427"><sup>427</sup></a> Welch ein Gl&uuml;ck f&uuml;r
+sie, da&szlig; der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben
+erl&ouml;ste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem
+f&uuml;nften Jahr!<a name="FNanchor_428"></a><a href=
+"#Footnote_428"><sup>428</sup></a> Zwanzig Jahre sp&auml;ter hatten
+sich die Verh&auml;ltnisse noch um kein Haar gebessert!<a name=
+"FNanchor_429"></a><a href="#Footnote_429"><sup>429</sup></a> In
+Rouen waren die Zust&auml;nde &auml;hnlich: Der Eingangsflur war
+zugleich offener Kanal f&uuml;r die Abw&auml;sser; Wendeltreppen
+ohne Licht und ohne Gel&auml;nder f&uuml;hrten in die oberen
+Stockwerke.<a name="FNanchor_430"></a><a href=
+"#Footnote_430"><sup>430</sup></a> Entsetzlich ist das Bild, das
+Villerm&eacute; von M&uuml;lhausen entwirft, wo infolge des raschen
+industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den fr&uuml;her 7000
+Menschen innehatten, nun 20000 sich zusammendr&auml;ngten. Jules
+Simon sah in Reims einen feuchten, dunklen, &uuml;ber einem Kloset
+befindlichen Raum, den zwei Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam
+bewohnten; in Roubaix fand er einen dunklen H&auml;ngeboden
+&uuml;ber einem kleinen von sechs Personen bewohnten Zimmer, in dem
+eine Arbeiterin mit einem S&auml;ugling, der Tags &uuml;ber im Bett
+angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer
+Treppe, 2 zu 1-1/2 m gro&szlig;, den eine andere schon 2-1/2 Jahre
+bewohnte. Wie gro&szlig; das Elend war, bewies eine alte Frau, die,
+auf ihr feuchtes K&auml;mmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht
+reich, aber ich habe einen Strohsack, Gott sei Dank!"<a name=
+"FNanchor_431"></a><a href="#Footnote_431"><sup>431</sup></a> Wo
+die Industrie den Fu&szlig; hinsetzte, folgte ihr die Not und der
+Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die
+Wohnungsverh&auml;ltnisse Berlins in den f&uuml;nfziger Jahren
+jeder Beschreibung. Charakteristisch f&uuml;r sie waren besonders
+die zahlreichen Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3
+Fu&szlig; hoch stand. Noch 1875 machten sie 10% aller Wohnungen
+aus; ein einziger solcher feuchtdunkler Raum war vielfach von einem
+Ehepaar, Kindern, Schlafburschen und Schlafm&auml;dchen zugleich
+besetzt.<a name="FNanchor_432"></a><a href=
+"#Footnote_432"><sup>432</sup></a></p>
+
+<p>Kamen die Arbeiter aus ihren elenden H&ouml;hlen,&mdash;denn der
+Ausdruck Wohnung erscheint solchen Behausungen gegen&uuml;ber ganz
+ungeeignet,&mdash;in die Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden
+sie hier &auml;hnliche Zust&auml;nde wieder. Die ersten Fabriken
+wurden bis tief in die zweite H&auml;lfte des neunzehnten
+Jahrhunderts hinein in alten H&auml;usern, Kl&ouml;stern und
+Schl&ouml;ssern eingerichtet. Die R&auml;ume wurden ohne
+R&uuml;cksicht auf die Sicherheit der Arbeiter auf das
+&auml;u&szlig;erste ausgenutzt, soda&szlig; sich der Einzelne nur
+mit gro&szlig;er Vorsicht zwischen den schwingenden R&auml;dern
+hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch
+Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze
+der Baumwollspinnereien,&mdash;bis zu 37&deg;
+Celsius,&mdash;schlugen die Arbeiterinnen bis in die f&uuml;nfziger
+Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung mit Ruten, und
+atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die
+Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den
+Kn&ouml;cheln im Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens
+notwendig war.<a name="FNanchor_433"></a><a href=
+"#Footnote_433"><sup>433</sup></a> In den Seidenspinnereien
+sa&szlig;en die Frauen selbst im hei&szlig;esten Sommer zwischen
+gl&uuml;hendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre
+Finger tauchen mu&szlig;ten, was schwere Erkrankungen zur Folge
+hatte.<a name="FNanchor_434"></a><a href=
+"#Footnote_434"><sup>434</sup></a> In feuchten, halbdunklen Kellern
+sa&szlig;en die Spitzenarbeiterinnen, weil die feuchtkalte Luft der
+Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es f&uuml;r diese
+Ungl&uuml;cklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub
+mu&szlig;ten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern
+wurde es von den Aufsehern h&auml;ufig in den Mund geschoben, damit
+die Maschine keine Sekunde still zu stehen brauchte und dem
+Unternehmer kein Atom Profit entging.<a name="FNanchor_435"></a><a
+href="#Footnote_435"><sup>435</sup></a> Wohnten sie au&szlig;erhalb
+der Fabrikst&auml;dte, so hie&szlig; es fr&uuml;h um vier schon
+sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.<a name=
+"FNanchor_436"></a><a href="#Footnote_436"><sup>436</sup></a> Eine
+Schar bleicher, magerer Frauen, in Schwei&szlig; gebadet, ohne
+sch&uuml;tzende H&uuml;lle, blo&szlig;f&uuml;&szlig;ig waten sie im
+Schmutz,&mdash;so schildert ein Augenzeuge die
+Heimkehrenden,&mdash;daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder
+schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom
+Oel der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie
+niedertr&auml;ufelte.<a name="FNanchor_437"></a><a href=
+"#Footnote_437"><sup>437</sup></a> Kartoffeln und wieder
+Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder ein St&uuml;ckchen
+Hering sollen die K&ouml;rperkr&auml;fte aufrecht halten, um sie
+t&auml;glich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und
+selbst daf&uuml;r reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind
+verschuldet, die Zahl der Pfandleiher, zu denen nur zu oft das
+letzte Bett wanderte, nahm in allen Industriezentren erschreckend
+rasch zu.<a name="FNanchor_438"></a><a href=
+"#Footnote_438"><sup>438</sup></a></p>
+
+<p>Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die
+Nacht nicht heilig war, aus den &uuml;berf&uuml;llten,
+schmutzstarrenden H&auml;usern, aus den Wolken von Staub und
+gl&uuml;hendem Dampf, der die Fabriken erf&uuml;llte, wuchs in
+riesenhafter Gr&ouml;&szlig;e jenes hohl&auml;ugige Gespenst
+hervor, das von nun an rastlos, erbarmungslos durch die
+Stra&szlig;en der Armen schritt und die Luft mit seinem Hauch
+vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der Spitzenindustrie
+Englands kam im Jahre 1852 ein Schwinds&uuml;chtiger auf 45
+Arbeiter und zehn Jahr sp&auml;ter schon einer auf acht.<a name=
+"FNanchor_439"></a><a href="#Footnote_439"><sup>439</sup></a> Kein
+Weber konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu
+&uuml;berleben<a name="FNanchor_440"></a><a href=
+"#Footnote_440"><sup>440</sup></a> und dann schon sah er aus wie
+ein Greis; von den Kindern der Weber, die schon im Mutterleibe
+vergiftet waren, starb die H&auml;lfte vor dem zweiten Jahr. Sie
+kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der Entbindung
+trieb die Not ihre M&uuml;tter zur&uuml;ck in die Fabrik; die
+Milch, durch die ihre Kleinen gro&szlig; und stark h&auml;tten
+werden k&ouml;nnen, lief ihnen bei der Arbeit aus den
+Br&uuml;sten!<a name="FNanchor_441"></a><a href=
+"#Footnote_441"><sup>441</sup></a> Die deutsche Reichserhebung von
+1874 erkl&auml;rte mit einem eigenen Cynismus, da&szlig; die
+Arbeiterinnen in den Z&uuml;ndholzfabriken zwar an Nekrose litten
+und den Unterkieferknochen ganz oder teilweise verl&ouml;ren, ihnen
+das aber gar nichts schadete!<a name="FNanchor_442"></a><a href=
+"#Footnote_442"><sup>442</sup></a> Sie konstatierte ferner,
+da&szlig; die Atmosph&auml;re der Fabriken diejenigen lungenkrank
+machen mu&szlig;, die "Anlage dazu haben".<a name=
+"FNanchor_443"></a><a href="#Footnote_443"><sup>443</sup></a> Und
+wer hatte diese Anlage nicht?! Die zunehmende k&ouml;rperliche
+Degenerierung der arbeitenden Bev&ouml;lkerung sprach deutlicher
+als alle Erhebungen es vermocht h&auml;tten.</p>
+
+<p>Aber es blieb nicht bei der k&ouml;rperlichen allein. Die
+Zusammenarbeit der Geschlechter in gl&uuml;hender Hitze, fast
+unbekleidet, das fast v&ouml;llige Fehlen gesonderter Wasch- und
+Ankleider&auml;ume, die gemeinsame Arbeit von Mann und Weib in den
+verschwiegenen, dunklen G&auml;ngen der Bergwerke und der
+fr&uuml;he Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben,
+steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verw&uuml;stete
+schon die Unschuld der Kinder. Die Wohnungszust&auml;nde
+unterst&uuml;tzten diese moralische Degeneration. Nicht nur,
+da&szlig; die Geschlechter, die Schlafburschen und
+Schlafm&auml;dchen und die Kinder regellos in engen R&auml;umen
+zusammen wohnen mu&szlig;ten, sie wurden von den Unternehmern
+selbst dazu gedr&auml;ngt. In Ziegeleien, bei Bergwerken, zur
+Landarbeit&mdash;&uuml;berall wurden ihnen elende Baracken zum
+Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das Vieh. Weit
+mehr noch als diese &auml;u&szlig;eren Umst&auml;nde, unter denen
+M&auml;nner und Frauen gleichm&auml;&szlig;ig litten, wirkten die
+Lohnverh&auml;ltnisse der weiblichen Arbeiter auf ihre
+Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bed&uuml;rfnisse der
+verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen
+Zuschu&szlig; brauchten, und der bei den Eltern wohnenden
+M&auml;dchen, die oft nur f&uuml;r ihre Kleidung zu sorgen hatte,
+bestimmt; die Alleinstehenden waren durch die bitterste Not
+gezwungen, sich nach einer andern Erg&auml;nzung umzusehen. Die
+einen,&mdash;die Gl&uuml;cklichsten von ihnen,&mdash;hatten keine
+eigene Schlafstelle, sie brachten die N&auml;chte bei ihren
+Liebhabern zu<a name="FNanchor_444"></a><a href=
+"#Footnote_444"><sup>444</sup></a>, das Konkubinat verbreitete sich
+infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das Gesetz es noch dadurch
+f&ouml;rderte, da&szlig; es das uneheliche Kind der Mutter allein
+zur Last fallen lie&szlig;, nach einer Enqu&ecirc;te der vierziger
+Jahre in einer Industrie auf einen verheirateten zw&ouml;lf im
+Konkubinat lebende Arbeiter.<a name="FNanchor_445"></a><a href=
+"#Footnote_445"><sup>445</sup></a> Den anderen,&mdash;und das waren
+die Ungl&uuml;cklichsten,&mdash;lehrten Not und Hunger
+fr&uuml;hzeitig, ihren K&ouml;rper verkaufen, wie ihre
+Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft
+siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die
+Arbeitsstelle nur dadurch, da&szlig; sie sich dem Herrn oder dem
+Werkf&uuml;hrer preisgaben. Das Fabrikm&auml;dchen stand
+infolgedessen h&auml;ufig nicht h&ouml;her im Ansehen, als die
+Stra&szlig;endirne.</p>
+
+<p>Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert
+hat gehen m&uuml;ssen. Aus dem Hause vertrieben, um das
+t&auml;gliche Brot gebracht, glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung
+zu finden. Sie opferte sich auf, unerm&uuml;dlich Tag f&uuml;r Tag;
+endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit Erl&ouml;sung bringen,
+Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie war ja so
+bed&uuml;rfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, f&uuml;r die
+sie schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht?
+Kaum ein Dach &uuml;ber dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib,
+kaum das N&ouml;tigste, den Hunger zu stillen, und die drohenden
+Gespenster,&mdash;Not und Schande,&mdash;rastlos auf ihren
+Fersen.</p>
+
+<p>Warum str&ouml;mten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl
+diesem Elend zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten
+nicht in weit besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl
+die Thatsachen dagegen sprechen.</p>
+
+<p>Den ersten klaren Einblick in die Verh&auml;ltnisse der
+Landarbeiter vermittelte die englische Untersuchungskommission im
+Jahre 1867.<a name="FNanchor_446"></a><a href=
+"#Footnote_446"><sup>446</sup></a> Das Bild, das sie entrollte, war
+ein schauerliches. Die M&auml;dchen und Frauen wurden allgemein bei
+der schwersten und schmutzigsten Arbeit, z.B. Heu-, Korn- und
+Dungladen, verwendet.<a name="FNanchor_447"></a><a href=
+"#Footnote_447"><sup>447</sup></a> Ihre Arbeitszeit war grenzenlos
+und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unm&ouml;glich,
+weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der
+deutsche Gutsbesitzer sehr h&auml;ufig zugleich Amtsvorsteher ist.
+Dabei war auch f&uuml;r die Wohnung der Landarbeiter in der
+unzureichendsten Weise gesorgt. Ganze Familien wohnten nicht nur in
+halb verfallenen, einzimmerigen H&uuml;tten, es wurden ihrer oft
+zwei und drei zusammengepfercht. An eine Trennung der
+Tagel&ouml;hner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen und
+leere St&auml;lle dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren
+der Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unm&ouml;glich,"
+sagt die englische Kommission, "den sch&auml;dlichen Einflu&szlig;
+der Wohnungen nach der physischen sowohl wie der moralischen,
+sozialen, &ouml;konomischen und intellektuellen Seite hin zu
+&uuml;bertreiben."<a name="FNanchor_448"></a><a href=
+"#Footnote_448"><sup>448</sup></a> Die traurigste Erscheinung aber
+im Leben der englischen Landarbeiter war das Gangsystem, das darin
+bestand, da&szlig; Agenten Scharen von M&auml;dchen und jungen
+M&auml;nnern,&mdash;den M&auml;dchen wurde &uuml;brigens immer der
+Vorzug gegeben,&mdash;mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine
+bestimmte Zeit aufs Land f&uuml;hrten. Nicht nur, da&szlig; die in
+der Entwicklungszeit sich befindenden M&auml;dchen durch die harte
+Arbeit k&ouml;rperlich schwer gesch&auml;digt wurden,
+fr&uuml;hzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie
+vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen
+anst&auml;ndige Unterkunft und Beaufsichtigung zu gew&auml;hren.
+F&uuml;r ihn waren sie nichts als billige Arbeitsmaschinen, die ihn
+im &uuml;brigen nichts angingen. Nat&uuml;rlich war die Konkurrenz
+dieser jungen Leute auch verderblich f&uuml;r die alten
+eingesessenen Tagel&ouml;hner. F&uuml;r den Gutsherrn war es viel
+billiger und bequemer, zur Zeit dringender Arbeit &uuml;ber ein
+Heer von Arbeitskr&auml;ften zu verf&uuml;gen, die er entlassen
+konnte, wenn er wollte, als die Gutstagel&ouml;hner durch die
+stille Zeit mit durchf&uuml;ttern zu m&uuml;ssen. Auch das
+Gangsystem trieb daher die Tagel&ouml;hner beiderlei Geschlechts
+vom Lande fort in die Stadt.<a name="FNanchor_449"></a><a href=
+"#Footnote_449"><sup>449</sup></a> In der Sachseng&auml;ngerei
+Deutschlands, deren erstes Aufkommen gleichfalls mit der
+Ausbreitung der Industrie zusammenf&auml;llt, haben wir eine
+&auml;hnliche Erscheinung. Auch sie ist zugleich Folge und Ursache
+der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang diese annahm und wie
+sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, da&szlig; in der Periode 1871
+bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000 Personen
+vom Lande in die Industriest&auml;dte &uuml;bersiedelten.<a name=
+"FNanchor_450"></a><a href="#Footnote_450"><sup>450</sup></a> In
+England verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf
+1881 um 273000. Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige
+Rolle. So machte die Dreschmaschine nicht nur thats&auml;chlich
+eine Menge Arbeiter &uuml;berfl&uuml;ssig, sie f&uuml;hrte auch
+eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine
+fr&uuml;her wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler H&auml;nde,
+wurde jetzt in k&uuml;rzester Zeit mit wenig menschlicher
+Hilfskraft erledigt.<a name="FNanchor_451"></a><a href=
+"#Footnote_451"><sup>451</sup></a> F&uuml;r die Frauen fiel
+besonders schwer der Umstand ins Gewicht, da&szlig; das Spinnen und
+Weben, die allgemeine Winterbesch&auml;ftigung der
+Landarbeiterinnen, durch die Konkurrenz der Maschine ihnen
+entrissen wurde. Die arbeitslosen Zeiten verl&auml;ngerten sich
+daher f&uuml;r sie mehr und mehr, und diese wachsende Unsicherheit
+der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie sich eher durchschlagen
+zu k&ouml;nnen glaubten. Hatte doch auch der im Verh&auml;ltnis
+hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes f&uuml;r sie.
+Eine franz&ouml;sische Landmagd verdiente Mitte des vorigen
+Jahrhunderts z.B. selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als
+Erg&auml;nzung vielfach eine ungen&uuml;gende Kost und Wohnung.
+Eine Tagel&ouml;hnerin brachte es nicht &uuml;ber 60 bis 75 c.
+t&auml;glich.<a name="FNanchor_452"></a><a href=
+"#Footnote_452"><sup>452</sup></a> Aber noch andere Schwierigkeiten
+verbitterten das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit
+abh&auml;ngig von ihren Herren, da&szlig; auch h&auml;ufig die
+Eheschlie&szlig;ung ihnen erschwert, wenn nicht gar unm&ouml;glich
+gemacht wurde.</p>
+
+<p>Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt
+durchgl&uuml;hte, trugen erst die Eisenbahnen mit ihrer steigenden
+Ausdehnung in die fernen D&ouml;rfer und Gutsh&ouml;fe. Den Druck
+der Abh&auml;ngigkeit fingen die Landarbeiter an nach und nach zu
+sp&uuml;ren das Bewu&szlig;tsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht
+nach Freiheit d&auml;mmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen
+bald als verwandter Begriff. Je st&auml;rker das
+Klassenbewu&szlig;tsein sich in ihnen regte, desto entschiedener
+strebten sie vom Lande fort. Das l&auml;ndliche Gesinde, meist aus
+unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen Leuten
+bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in
+Preu&szlig;en auf 100 Personen der Bev&ouml;lkerung gewerbliches
+(landwirtschaftliches) Gesinde:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>1819:</td>
+<td>8,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1837:</td>
+<td>7,0</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1849:</td>
+<td>6,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1852:</td>
+<td>6,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1855:</td>
+<td>6,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1861:</td>
+<td>5,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1871:</td>
+<td>3,6.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von
+10,8% im Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im
+Jahre 1861 auf 3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre
+1861 auf 1,38% im Jahre 1882.<a name="FNanchor_453"></a><a href=
+"#Footnote_453"><sup>453</sup></a> Wenn auch der Mangel an
+l&auml;ndlichen Arbeitern durchaus keine neue Erscheinung
+ist&mdash;suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren durch die
+Einf&uuml;hrung des Gesinde-Zwangsdienstes zu
+bek&auml;mpfen&mdash;, in seiner heutigen Gestalt aber, wo er der
+Ausdruck des Klassenbewu&szlig;tseins und nicht nur die sporadische
+Folge besonders dr&uuml;ckender Verh&auml;ltnisse ist, kann er als
+der Beginn ernster sozialer K&auml;mpfe angesehen werden.</p>
+
+<p>Dasselbe gilt f&uuml;r die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es
+ist nicht nur die Thatsache, da&szlig; die h&auml;uslichen Arbeiter
+sich mehr und mehr in industrielle verwandeln, und die
+Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch die die Abnahme der
+h&auml;uslichen Dienstboten ihre nat&uuml;rliche Erkl&auml;rung
+findet, denn thats&auml;chlich &uuml;bersteigt die Nachfrage
+&uuml;berall das Angebot, es ist vielmehr das erwachende
+Selbstgef&uuml;hl, das die M&auml;dchen vom Dienstbotenberuf in
+immer st&auml;rkerem Ma&szlig;e zur&uuml;cktreibt. Kaum giebt es
+einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen,
+die das klassische Altertum aufweist, so unver&auml;nderlich haften
+geblieben ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis
+in die neueste Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der
+Arbeiter verkauft hier nicht seine Arbeitskraft, sondern
+gewisserma&szlig;en seine ganze Person, er steht Tag und Nacht im
+Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab seinerzeit nur der
+allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das Gesinde als
+eine "Plage von Gott", als die "Allerunw&uuml;rdigsten", als
+"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und
+Pr&uuml;gelstrafe als allein richtige Erziehungsmittel
+anf&uuml;hrt.<a name="FNanchor_454"></a><a href=
+"#Footnote_454"><sup>454</sup></a> Und der Geist Luthers spukte
+weiter in allen K&ouml;pfen. Die Klagen &uuml;ber die schlechten
+Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am
+Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war
+vielleicht eine Klasse von Menschen &uuml;berm&uuml;tiger,
+trotziger und widerspenstiger als der gr&ouml;&szlig;te Teil
+unserer jetzigen Dienstboten."<a name="FNanchor_455"></a><a href=
+"#Footnote_455"><sup>455</sup></a> Ueber Putzsucht und Unzucht,
+&uuml;ber Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten
+Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder
+gar nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung
+und Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch
+gleich geblieben ist, geht aus folgenden Ausspr&uuml;chen hervor:
+"Bei den Gesindeschulen," sagt Kr&auml;nitz<a name=
+"FNanchor_456"></a><a href="#Footnote_456"><sup>456</sup></a>,
+"mu&szlig; man sein Hauptaugenmerk darauf richten, da&szlig; man
+darin frommes und gottesf&uuml;rchtiges, in der Religion wohl
+unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erkl&auml;rt
+v.d. Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich
+gleich bleibenden Klagen &uuml;ber die dienende Bev&ouml;lkerung
+liegen in der Unvollkommenheit und S&uuml;ndhaftigkeit der
+menschlichen Natur begr&uuml;ndet."<a name="FNanchor_457"></a><a
+href="#Footnote_457"><sup>457</sup></a> Amalie Holst sieht 1802 die
+Hauptursache der Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer
+zweckm&auml;&szlig;igen Erziehung der niederen Volksklassen,"<a
+name="FNanchor_458"></a><a href="#Footnote_458"><sup>458</sup></a>
+und Mathilde Weber ist keinen Schritt weiter gekommen, wenn sie
+1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist vielfach ein Produkt der
+Nichterziehung."<a name="FNanchor_459"></a><a href=
+"#Footnote_459"><sup>459</sup></a> Wo solche Ansichten &uuml;ber
+die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht
+die Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten
+Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur
+falsche Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine
+st&auml;rkere Knechtung war ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln
+die Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen oder umgewandelten
+Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie alle privaten Bestrebungen
+auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des "patriarchalischen
+Zustandes", jenes M&auml;rchens, das sich die deutschen Hausfrauen
+besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden
+lassen, wird allseitig als das erw&uuml;nschteste Ziel betrachtet.
+Da&szlig; es die rechtlichen, sozialen und &ouml;konomischen
+Zust&auml;nde sind, die einer Besserung dringend bed&uuml;rfen, und
+aus denen sich sowohl die durch sie gez&uuml;chteten Eigenschaften
+der Dienstboten wie ihre Abnahme erkl&auml;ren lassen, ist bis zum
+20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn gekommen.</p>
+
+<p>Der Mangel an Dienstboten wurde immer f&uuml;hlbarer und sie
+kehrten nicht nur ihrem Beruf den R&uuml;cken, sondern sie sprachen
+sich auch, wenn auch nur sehr sch&uuml;chtern und vereinzelt,
+&uuml;ber ihre Lage aus. Im April 1848 fand in Leipzig sogar eine
+Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die Erh&ouml;hung der
+L&ouml;hne, bessere Kost und l&auml;ngere Nachtruhe forderte. Wie
+es thats&auml;chlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867
+ein deutscher Autor<a name="FNanchor_460"></a><a href=
+"#Footnote_460"><sup>460</sup></a> folgenderma&szlig;en: "Man giebt
+ihnen die roheste Kost; sie m&uuml;ssen zu zwei und drei in
+R&auml;umen schlafen, die nicht einmal den Namen einer Kammer
+verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das f&uuml;r
+Marterinstrumente, welche Pf&uuml;hle voll Krankheitsstoff diese
+sind! Au&szlig;erdem, da&szlig; die Dienstboten nicht allein vom
+fr&uuml;hen Morgen bis zum Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten
+werden, k&ouml;nnen die Dienstherren doch nicht genug kriegen und
+verlangen dar&uuml;ber und immer noch mehr!" Was die Lage der
+h&auml;uslichen Dienstboten aber noch versch&auml;rfte, waren die
+sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als
+andere Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der
+M&auml;nnerwelt, besonders der gebildeten, f&uuml;r vogelfrei. 1866
+waren in Paris fast die H&auml;lfte der Frauen in den
+&ouml;ffentlichen Entbindungsanstalten Dienstm&auml;dchen, und mehr
+als die H&auml;lfte der unehelichen Kinder hatten
+Dienstm&auml;dchen zu M&uuml;ttern. Wie tief die armen M&auml;dchen
+sanken, beweist die Thatsache, da&szlig; zur selben Zeit unter zehn
+Prostituierten in Paris sich ein verf&uuml;hrtes Dienstm&auml;dchen
+befand und sie den dritten Teil der Kindsm&ouml;rderinnen in
+Frankreich ausmachten.<a name="FNanchor_461"></a><a href=
+"#Footnote_461"><sup>461</sup></a></p>
+
+<p>Die psychologischen, die &ouml;konomischen und die moralischen
+Gr&uuml;nde sind nach alledem stark genug, um die Abnahme der
+Dienstboten begreiflich erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im
+Verh&auml;ltnis zur Bev&ouml;lkerung ver&auml;nderte,
+l&auml;&szlig;t sich, abgesehen von den letzten Z&auml;hlungen,
+schwer feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das
+h&auml;usliche Gesinde auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen
+zusammen gerechnet wurde. Einen ann&auml;hernden Begriff von der
+Zu- resp. Abnahme der h&auml;uslichen Dienstboten giebt folgende
+Tabelle.<a name="FNanchor_462"></a><a href=
+"#Footnote_462"><sup>462</sup></a></p>
+
+<p>Auf 100 Personen der Gesamtbev&ouml;lkerung kamen Dienstboten
+in</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>1811/19</th>
+<th>1847/49</th>
+<th>1861/66</th>
+<th>1871</th>
+<th>1880</th>
+<th>1882</th>
+<th>1885</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Preu&szlig;en</td>
+<td align="right">0,9</td>
+<td align="right">1,1</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">3,2</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hamburg</td>
+<td align="right">10,5</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">12,1</td>
+<td align="right">7,5</td>
+<td align="right">6,3</td>
+<td align="right">5,7</td>
+<td align="right">4,8</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oldenburg</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">3,1</td>
+<td align="right">2,4</td>
+<td align="right"></td>
+<td align="right">2,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sachsen</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,2</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,7</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bayern</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">0,9</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1,7</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Mecklenburg</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">3,6</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,2</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hessen</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,77</td>
+<td align="right">2,50</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1,94</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sachsen - Altenburg</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,1</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1,7</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sachsen - Weimar</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,4</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1,5</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schwarzburg- Sondershausen</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">2,0</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1,6</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>So unzul&auml;nglich und wenig beweiskr&auml;ftig auch diese
+Zusammenstellung ist, so geht doch aus ihr schon hervor, da&szlig;
+auch dieser proletarische Frauenberuf,&mdash;der &auml;lteste
+vielleicht, den es &uuml;berhaupt giebt,&mdash;im letzten Drittel
+des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung entgegenzugehen, die
+sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher auspr&auml;gt.
+Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung dr&auml;ngt eben
+immer st&auml;rker dazu, diejenigen Frauenberufe, die fr&uuml;her
+als die fast einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger
+direkter Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch
+andere zu entwerten und abzul&ouml;sen.</p>
+
+<p>Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die
+j&uuml;ngste Zeit f&auml;llt, ist der der Verk&auml;uferinnen
+anzusehen. W&auml;hrend die fachm&auml;nnisch vorgebildeten
+weiblichen Handelsangestellten meist aus b&uuml;rgerlichen Kreisen
+stammen, str&ouml;men dem Beruf der ungelernten Verk&auml;uferinnen
+immer mehr Proletariert&ouml;chter zu. Diese Bewegung begann schon
+um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten
+F&auml;llen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und
+h&ouml;here Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus
+den Massen emporhoben, konnten sie f&uuml;r ihre T&ouml;chter an
+Stellungen denken, die ein gewisses Ma&szlig; von feinerer
+Lebensart erforderten, und, &auml;u&szlig;erlich betrachtet, einige
+Stufen h&ouml;her standen, als die der Fabrik- oder
+Werkstattarbeiterin. Wer n&auml;her zusah, bemerkte freilich vor
+lauter Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung
+bis zum &auml;u&szlig;ersten gingen meist Hand in Hand und das
+enorm rasche Anwachsen der Zahl der Verk&auml;uferinnen war leider
+gro&szlig;enteils darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, da&szlig; sie
+sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entr&uuml;stung
+von sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven
+Unkenntnis dessen, was sie h&auml;tten beanspruchen k&ouml;nnen,
+sondern auch im scharfen Konkurrenzkampf gegen die vielen
+M&auml;dchen aus dem Mittelstand, die, weil sie Anschlu&szlig; an
+ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten, mit jedem
+Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben.</p>
+
+<p>Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert
+beschr&auml;nkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier
+wie dort eine rapide. F&uuml;r die Industrie wird sie durch die
+gro&szlig;artige Entwicklung der Technik unterst&uuml;tzt, ja
+vielfach &uuml;berhaupt erst durch sie erm&ouml;glicht. Das
+wachsende Mi&szlig;verh&auml;ltnis zwischen dem Einkommen der
+M&auml;nner und den Bed&uuml;rfnissen der Familie trieb die Frauen
+zur Lohnarbeit; durch ihren massenhaften Eintritt in das
+Erwerbsleben &uuml;bten sie jedoch wieder einen Druck auf die
+L&ouml;hne aller aus. Sie befinden sich demnach in einem Zirkel,
+aus dem ein Entrinnen unm&ouml;glich scheint.</p>
+
+<p>Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der
+Landwirtschaft und im Hausdienst ist teils auf &ouml;konomische
+Motive,&mdash;niedrige L&ouml;hne und lange
+Arbeitszeit,&mdash;teils auf psychologische,&mdash;das Freiheits-
+und Freudebed&uuml;rfnis erwachender
+Individualit&auml;ten,&mdash;zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, und bei
+oberfl&auml;chlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei
+dem entstehenden Mangel an Arbeitskr&auml;ften in beiden
+Berufsgebieten ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in
+Handel und Industrie.</p>
+
+<p>Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert
+eine bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im
+gro&szlig;en und ganzen in den Grenzen des Hauses und dessen, was
+man unter spezifisch weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes
+Heraustreten aus dem Hause, ihr Zusammenstr&ouml;men in den
+Betrieben der Gro&szlig;industrie, ihre durch die Maschine bedingte
+ver&auml;nderte Organisation, die die Frau von der Stellung eines
+gewisserma&szlig;en selbst&auml;ndigen Handwerkers, der seine
+Arbeit in all ihren Teilen allein ausf&uuml;hrte, zur
+Teilarbeiterin und Bedienerin der Maschine herabsinken lie&szlig;,
+rief eine Umwandlung hervor, die einer Neusch&ouml;pfung gleich
+kam. Die moderne Proletarierin hat mit der Arbeiterin vergangener
+Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles vor ihr voraus.
+Denn die Maschine, die sie in Not und Elend st&uuml;rzte, hilft ihr
+auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie w&auml;re die Frau stets in
+ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie
+wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom
+ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde &uuml;ber den Kreis der
+Familie hinausgef&uuml;hrt; sie lernte leiden mit ihren
+Arbeitsgenossen, und wird mit derselben Hingebung auch mit und
+f&uuml;r sie k&auml;mpfen lernen, mit der sie einst nur f&uuml;r
+ihr eigen Fleisch und Blut gek&auml;mpft hat.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"5_Die_Statistik_der_proletarischen_Frauenarbeit_nach_den_letzten" />5.
+Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten
+Z&auml;hlungen.</h2>
+
+<p>Um ein klares Bild des gegenw&auml;rtigen Standes der
+proletarischen Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zun&auml;chst,
+ihre Ausbreitung zahlenm&auml;&szlig;ig festzustellen. Diesem
+Bestreben stellen sich jedoch gro&szlig;e Schwierigkeiten entgegen:
+die Erhebungen der verschiedenen L&auml;nder sind, was ihre
+grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausf&uuml;hrung
+betrifft, so abweichend voneinander, da&szlig; eine
+Zusammenstellung internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt
+richtigen Resultaten f&uuml;hren kann. Selbst wenn wir uns im
+wesentlichen auf Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England und
+die Vereinigten Staaten beschr&auml;nken, haben wir es mit ganz
+ungleichartigen Z&auml;hlungen zu thun. Schon der Begriff der
+Berufsth&auml;tigen &uuml;berhaupt ist kein feststehender,
+Deutschland und Oesterreich z&auml;hlen, zum Teil in hohem
+Ma&szlig;e, die mithelfenden Familienangeh&ouml;rigen dazu,
+w&auml;hrend England z.B. sie vollst&auml;ndig ausscheidet. Ferner
+ist in Frankreich, England und Nordamerika die erste Voraussetzung
+einer Z&auml;hlung der proletarischen Arbeit dadurch nicht
+erf&uuml;llt, da&szlig; die soziale Schichtung, d.h. die Einteilung
+der Berufsth&auml;tigen in Selbst&auml;ndige, Angestellte, Arbeiter
+u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in
+den allerdings ungen&uuml;genden Z&auml;hlungen von 1881 und 1891
+die soziale Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter
+vorgenommen hatte, ist in der Z&auml;hlung von 1896 davon
+abgegangen und hat Angestellte und Arbeiter unbegreiflicherweise
+wieder zusammengeworfen, soda&szlig; sie, trotz ihrer sonstigen
+Vorz&uuml;ge, f&uuml;r unseren Zweck nur mit Einschr&auml;nkungen
+brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber,
+Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese
+erst in der letzten Z&auml;hlung von 1891, der von 1881 fehlt fast
+jede Einteilung, und nur die gro&szlig;e Detaillierung der
+Arbeitszweige erm&ouml;glicht eine ann&auml;hernd richtige
+Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt f&uuml;r
+Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollst&auml;ndig
+fehlt und nur die Ausf&uuml;hrlichkeit in der Darstellung der
+einzelnen Berufe dar&uuml;ber hinwegzuhelfen vermag. In
+Oesterreich, zum Teil auch in Deutschland, sind die letzte und die
+vorletzte Z&auml;hlung nach so verschiedenen Prinzipien erfolgt,
+da&szlig; auch hier ein Vergleich schwer ist.</p>
+
+<p>So hat man in Oesterreich neben den Selbst&auml;ndigen,
+Angestellten und Arbeitern eine vierte Schicht, die der
+Tagel&ouml;hner geschaffen, die bei internationalen Vergleichungen
+sehr st&ouml;rend wirkt, weil sie sich in dieser Form nirgends
+wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, da&szlig;
+der Begriff der "Selbst&auml;ndigen" ein sehr schwankender ist. Die
+deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer
+landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede N&auml;herin oder
+Putzmacherin, die auf eigene Rechnung arbeitet. Die
+Betriebsz&auml;hlung hilft diesem Uebelstande zum Teil ab, und man
+kann wenigstens mit ihrer Hilfe die ausgesprochen proletarischen
+Existenzen aussondern. Unm&ouml;glich dagegen ist es in England, wo
+die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden" die gro&szlig;e
+Schneiderin, ebenso wie die arme N&auml;herin umfassen kann; und in
+Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die
+fr&uuml;her besonders berechnet wurden, in der letzten Z&auml;hlung
+ohne weiteres den Arbeitern zugez&auml;hlt. Ganz abgesehen von all
+diesen Bedenken in Bezug auf die einzelnen L&auml;nder, gilt
+f&uuml;r alle das gleiche: da&szlig; n&auml;mlich gerade die
+proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu
+erfassen ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden-
+und H&auml;userwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu
+schwerf&auml;llig und unaufgekl&auml;rt, um genaue Antworten geben
+zu k&ouml;nnen. Die folgenden Tabellen, die auf Grund eines so
+unzureichenden Materials zusammengestellt wurden, machen daher
+nicht den Anspruch, den Stand der proletarischen Frauenarbeit
+unbedingt richtig wiederzugeben.</p>
+
+<p>Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verh&auml;ltnis
+zur Erwerbsth&auml;tigkeit &uuml;berhaupt giebt den besten Begriff
+f&uuml;r ihre Bedeutung.</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th rowspan="2">Erwerbsth&auml;tige M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Davon waren Arbeiter</th>
+<th rowspan="2">Erwerbsth&auml;tige Frauen</th>
+<th rowspan="2">Davon waren Arbeiterinnen</th>
+<th colspan="2">Auf 100 erwerbsth&auml;tige M&auml;nner resp.
+Frauen kamen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Arbeiter</th>
+<th>Arbeiterinnen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">13415415</td>
+<td align="right">8020114</td>
+<td align="right">5541517</td>
+<td align="right">4408116</td>
+<td align="center">59,78</td>
+<td align="center">79,55</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">15531841</td>
+<td align="right">9295082</td>
+<td align="right">6578350</td>
+<td align="right">5293277</td>
+<td align="center">59,85</td>
+<td align="center">80,47</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">6823891</td>
+<td align="right">3670338</td>
+<td align="right">4688687</td>
+<td align="right">3642864</td>
+<td align="center">53,79</td>
+<td align="center">77,69</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">7780491</td>
+<td align="right">4363074</td>
+<td align="right">6245073</td>
+<td align="right">5310639</td>
+<td align="center">56,07</td>
+<td align="center">85,04</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Frankreich</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">10496652</td>
+<td align="right">4376604</td>
+<td align="right">5033604</td>
+<td align="right">3635802</td>
+<td align="center">41,69</td>
+<td align="center">72,23</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">11137065</td>
+<td align="right">4990635</td>
+<td align="right">5191084</td>
+<td align="right">3584518</td>
+<td align="center">43,91</td>
+<td align="center">69,05</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Verein. Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">14744943</td>
+<td align="right">7053702</td>
+<td align="right">2647157</td>
+<td align="right">2041466</td>
+<td align="center">47,84</td>
+<td align="center">77,12</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">18821090</td>
+<td align="right">8735622</td>
+<td align="right">3914571</td>
+<td align="right">2864818</td>
+<td align="center">46,41</td>
+<td align="center">73,18</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England u. Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">8883254</td>
+<td align="right">5368965</td>
+<td align="right">4016230</td>
+<td align="right">3113256</td>
+<td align="center">60,44</td>
+<td align="center">77,51</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Zun&auml;chst geht aus der Zusammenstellung hervor, da&szlig;
+die Frauenarbeit &uuml;berhaupt einen ausgesprochen proletarischen
+Charakter hat: etwa drei Viertel aller erwerbsth&auml;tigen Frauen
+sind Arbeiterinnen. Wenn das &uuml;brigbleibende eine Viertel
+bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte kam und sich mit
+seinen W&uuml;nschen in den Vordergrund zu dr&auml;ngen verstand,
+so ist dies ein Beweis mehr f&uuml;r die traurige Lage der
+Arbeiterinnen: sie bildeten jene gro&szlig;e Armee der Stummen,
+denen die Not den Mund verschlo&szlig;. F&uuml;r ihre Zunahme
+scheint die vorstehende Tabelle nicht zu sprechen; nur in
+Deutschland und Oesterreich verschiebt sich der Anteil der
+Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren Gunsten; in
+Frankreich und Nordamerika findet ein R&uuml;ckgang statt, der sich
+f&uuml;r Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdr&uuml;ckt.
+Diese frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet,
+wird durch die Z&auml;hlung von 1896 berichtigt, da hier nur eine
+relative und zwar sehr geringf&uuml;gige Abnahme zu konstatieren
+ist. Da sie jedoch, wie gesagt, Arbeiter und Angestellte
+zusammenrechnet, m&uuml;ssen beide Kategorien, um einen Vergleich
+zu erm&ouml;glichen, auch f&uuml;r 1891 zusammengez&auml;hlt
+werden. Das Resultat ist folgendes:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Land</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th rowspan="2">Erwerbsth&auml;tige M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Davon waren Arbeiter und Angestellte</th>
+<th rowspan="2">Erwerbsth&auml;tige Frauen</th>
+<th rowspan="2">Davon waren Arbeiterinnen und Angestellte</th>
+<th colspan="2">Auf 100 erwerbsth&auml;tige M&auml;nner resp.
+Frauen kamen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Arbeiter</th>
+<th>Arbeiterinnen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Frankreich</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">11197065</td>
+<td align="center">5563898</td>
+<td align="center">5191084</td>
+<td align="center">3735904</td>
+<td align="center">49,96</td>
+<td align="center">71,97</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="center">11725978</td>
+<td align="center">8290204</td>
+<td align="center">6152983</td>
+<td align="center">4287006</td>
+<td align="center">70,61</td>
+<td align="center">69,67</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der
+Zusammensetzung der Erwerbsth&auml;tigen aus b&uuml;rgerlichen und
+proletarischen Elementen durch die Zunahme der ersteren, infolge
+des starken geistigen Aufschwungs und der erheblich gesteigerten
+Anteilnahme der Frauen an b&uuml;rgerlichen Berufen im Laufe des
+zehnj&auml;hrigen Zeitraumes zur Gen&uuml;ge erkl&auml;rt. Aber
+noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins
+Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in
+Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und
+&uuml;bersteigt die Zahl der m&auml;nnlichen Arbeiter um ca. eine
+Million&mdash;ein nirgends wiederkehrendes Verh&auml;ltnis! So
+wenig Wert, der verschiedenen angewandten Methoden wegen, auf den
+Vergleich beider Z&auml;hlungsresultate zu legen ist, so wichtig
+bleibt das Ergebnis der letzten Z&auml;hlung, mit dem wir uns noch
+werden besch&auml;ftigen m&uuml;ssen. Hier sei nur darauf
+hingewiesen, da&szlig; es haupts&auml;chlich dem Umstand der
+starken Erfassung der verheirateten arbeitenden Frauen entspringt
+und zweifellos Fehler schwerwiegender Art mit untergelaufen
+sind.</p>
+
+<p>Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit mu&szlig; aber
+noch von anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zun&auml;chst
+im Vergleich mit dem Wachstum der Bev&ouml;lkerung:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Auf 100 m&auml;nnliche Personen der ersten Z&auml;hlungsperiode
+kommen in der zweiten</th>
+<th>Auf 100 weibliche Personen der ersten Z&auml;hlungsperiode
+kommen in der zweiten</th>
+<th>Auf 100 Arbeiter der ersten Z&auml;hlungsperiode kommen in der
+zweiten</th>
+<th>Auf 100 Arbeiterinnen der ersten Z&auml;hlungsperiode kommen in
+der zweiten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="right">115</td>
+<td align="right">114</td>
+<td align="right">116</td>
+<td align="right">120</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="right">108</td>
+<td align="right">108</td>
+<td align="right">119</td>
+<td align="right">147</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="right">101</td>
+<td align="right">102</td>
+<td align="right">114</td>
+<td align="right">99</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="right">126</td>
+<td align="right">124</td>
+<td align="right">124</td>
+<td align="right">140</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aus vorstehender Berechnung geht hervor, da&szlig; eine normale
+Zunahme der male, sie &uuml;bersteigt, mit Ausnahme von Frankreich,
+zum Teil, und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme
+der weiblichen Bev&ouml;lkerung. In Frankreich ist die Differenz
+keine sehr gro&szlig;e, ja es zeigt sich auch hier eine weit
+st&auml;rkere Zunahme der weiblichen Arbeiterschaft, als der
+weiblichen Bev&ouml;lkerung, wenn wir der Berechnung die
+Z&auml;hlungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen.</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Land</th>
+<th>Auf 100 m&auml;nnliche Personen der Z&auml;hlung von 1891 kamen
+1896<a name="FNanchor_463"></a><a href=
+"#Footnote_463"><sup>463</sup></a></th>
+<th>Auf 100 weibliche Personen der Z&auml;hlung von 1891 kamen
+1896</th>
+<th>Auf 100 Arbeiter der Z&auml;hlung von 1891 kamen 1896</th>
+<th>Auf 100 Arbeiterinnen der Z&auml;hlung von 1891 kamen 1896</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="right">100</td>
+<td align="right">100,35</td>
+<td align="right">151</td>
+<td align="right">115</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>F&uuml;r England ist es unm&ouml;glich, den Fortschritt der
+proletarischen Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die
+letzte Z&auml;hlung eine soziale Schichtung kennt. Betrachten wir
+die gesamte erwerbsth&auml;tige weibliche Bev&ouml;lkerung
+&uuml;ber zehn Jahr in ihrem Verh&auml;ltnis zur weiblichen
+Bev&ouml;lkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen
+Vermehrung nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen
+Personen &uuml;ber zehn Jahr 34,05 erwerbsth&auml;tig, 1891 dagegen
+34,42. Aber auch der Prozentsatz der m&auml;nnlichen
+Erwerbst&auml;tigen hat sich nicht verschoben, er betrug in beiden
+Z&auml;hlungsperioden 83%.<a name="FNanchor_464"></a><a href=
+"#Footnote_464"><sup>464</sup></a></p>
+
+<p>Das Verh&auml;ltnis der m&auml;nnlichen und weiblichen Arbeiter
+zu einander und seine Verschiebung im Laufe der Zeit mu&szlig;
+gleichfalls einer n&auml;heren Betrachtung unterzogen werden.
+Folgende Tabelle giebt Aufschlu&szlig; dar&uuml;ber:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th rowspan="2">M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Frauen</th>
+<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="center">8020114</td>
+<td align="center">4408116</td>
+<td align="center">64,53</td>
+<td align="center">35,47</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="center">9295082</td>
+<td align="center">5293277</td>
+<td align="center">63,65</td>
+<td align="center">36,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="center">3670338</td>
+<td align="center">3642864</td>
+<td align="center">50,19</td>
+<td align="center">49,81</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">4363074</td>
+<td align="center">5310639</td>
+<td align="center">45,10</td>
+<td align="center">54,90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="4">Frankreich<a name="FNanchor_465"></a><a href=
+"#Footnote_465"><sup>465</sup></a></td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="center">4376604</td>
+<td align="center">3635802</td>
+<td align="center">54,62</td>
+<td align="center">45,38</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">4990635</td>
+<td align="center">3584518</td>
+<td align="center">59,36</td>
+<td align="center">40,64</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">5563898</td>
+<td align="center">3735904</td>
+<td align="center">53,44</td>
+<td align="center">46,54</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="center">8290204</td>
+<td align="center">4287006</td>
+<td align="center">65,86</td>
+<td align="center">34,14</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">5368965</td>
+<td align="center">3113256</td>
+<td align="center">63,30</td>
+<td align="center">36,70</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="center">7053702</td>
+<td align="center">2041466</td>
+<td align="center">77,56</td>
+<td align="center">22,44</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">8735622</td>
+<td align="center">2864818</td>
+<td align="center">75,30</td>
+<td align="center">24,70</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Mit Ausnahme von Frankreich w&auml;re der Eindruck eines
+Zur&uuml;ckdr&auml;ngens der M&auml;nner durch die Frauen hiernach
+der vorherrschende, wenn nicht aus der Tabelle auf Seite 248 schon
+hervorgegangen w&auml;re, da&szlig; thats&auml;chlich die Zunahme
+der m&auml;nnlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bev&ouml;lkerung
+gleichen Schritt h&auml;lt, ja sie zum Teil &uuml;bersteigt. Es
+handelt sich also wohl um eine andere Zusammensetzung, nicht aber
+um einen R&uuml;ckgang der m&auml;nnlichen Arbeiter. Interessant
+ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das Frankreich bietet. Auch
+nach der neuesten Z&auml;hlung scheinen die Frauen den M&auml;nnern
+bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen der
+m&auml;nnlichen Arbeiter bringt die Erkl&auml;rung daf&uuml;r:
+danach sollen die Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur
+f&uuml;nf Jahren eine Zunahme von fast drei Millionen erfahren
+haben! Das ist, angesichts der minimalen Zunahme der
+Bev&ouml;lkerung, selbst dann eine Unm&ouml;glichkeit, wenn in
+Betracht gezogen wird, da&szlig; die Z&auml;hlung von 1896 die
+Kleinmeister (petits patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es
+kann als das Wahrscheinlichste angenommen werden, da&szlig; die
+Statistik von 1891 einen gro&szlig;en Teil der Arbeiter nicht
+erfa&szlig;te. Ist das der Fall, so w&uuml;rde die Zusammensetzung
+der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden.</p>
+
+<p>Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast
+immer mit einer Verdr&auml;ngung der M&auml;nnerarbeit in
+Zusammenhang gebracht. Zum Beweise daf&uuml;r beruft man sich auf
+die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch von uns
+angef&uuml;hrte Thatsache, da&szlig; durch die Einf&uuml;hrung
+neuer, leichter zu handhabender Maschinen in gewissen
+Fabrikationszweigen Frauen an Stelle der M&auml;nner treten. Ganz
+abgesehen davon, da&szlig; es auch Maschinen giebt,&mdash;z.B. die
+Setzmaschine,&mdash;die ihrerseits wieder die Frauenarbeit
+verdr&auml;ngen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, da&szlig;
+im allgemeinen von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen
+kaum die Rede sein kann, es sich vielmehr um Verschiebungen
+handelt. Die gegenteilige Behauptung ist auch eines jener auf
+ungen&uuml;gender Kenntnis der Thatsachen beruhenden Schlagworte
+der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum Beweis daf&uuml;r.<a
+name="FNanchor_466"></a><a href="#Footnote_466"><sup>466</sup></a>
+Es verblieben n&auml;mlich in der Stellung von berufslosen
+Familienangeh&ouml;rigen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Von je 1000 Personen<br />
+in der Altersklasse</th>
+<th colspan="2">Deutschland</th>
+<th colspan="2">Oesterreich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>unter 20 Jahr</td>
+<td align="right">742</td>
+<td align="right">812</td>
+<td align="right">655</td>
+<td align="right">691</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>von 20-30 Jahr</td>
+<td align="right">24</td>
+<td align="right">531</td>
+<td align="right">28</td>
+<td align="right">268</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>" 30-40 "</td>
+<td align="right">9</td>
+<td align="right">743</td>
+<td align="right">11</td>
+<td align="right">340</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>" 40-50 "</td>
+<td align="right">7</td>
+<td align="right">710</td>
+<td align="right">7</td>
+<td align="right">304</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>" 50-60 "</td>
+<td align="right">10</td>
+<td align="right">632</td>
+<td align="right">8</td>
+<td align="right">267</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>" 60-70 "</td>
+<td align="right">22</td>
+<td align="right">553</td>
+<td align="right">18</td>
+<td align="right">261</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>" 70 Jahr und dar&uuml;ber</td>
+<td align="right">106</td>
+<td align="right">469</td>
+<td align="right">54</td>
+<td align="right">253</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Daraus geht hervor, da&szlig; in den f&uuml;r die Berufsarbeit
+entscheidenden Altersklassen kaum 1% M&auml;nner zum Eintritt in
+den Erwerb &uuml;brig bleibt. Man kann annehmen, da&szlig; dieses
+eine Prozent gro&szlig;enteils aus jenen physisch und moralisch
+Kranken besteht, die &uuml;berhaupt von der Berufsarbeit
+ausgeschlossen sind, da&szlig; daher fast alle verf&uuml;gbaren
+M&auml;nner zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den
+Frauen. Ihr Anteil an der Berufsarbeit f&auml;llt wesentlich in das
+20. bis 30. Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die
+H&auml;lfte der Frauen erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit
+steigert sich erheblich in den Jahren, wo Mutter- und
+Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch nehmen. Erst in
+sp&auml;teren Jahren, zu einer Zeit, wo der R&uuml;cktritt der
+M&auml;nner in die Reihen der Berufslosen beginnt, w&auml;chst
+wieder, infolge der gro&szlig;en Zahl von Witwen, der Anteil der
+Frauen am Erwerbsleben. Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen
+noch viele erwerbsf&auml;hige Frauen verf&uuml;gbar, und aus ihren
+Reihen nimmt besonders die Industrie die ihr n&ouml;tigen, aus der
+M&auml;nnerwelt nicht zu deckenden Arbeitskr&auml;fte.
+Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische
+Frauenarbeit im Verh&auml;ltnis st&auml;rker zunehmen als die
+M&auml;nnerarbeit, ohne da&szlig; diese durch jene gef&auml;hrdet
+wird. Diese Auffassung kann scheinbar durch den Hinweis auf die
+gro&szlig;e Zahl der Arbeitslosen entkr&auml;ftet werden. Aber nur
+scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem
+Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte
+Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und
+M&auml;nner und Frauen werden gleicherweise von ihr
+heimgesucht.</p>
+
+<p>Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber
+auch ein n&auml;heres Eingehen auf ihre Beteiligung an den
+einzelnen Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verh&auml;ltnis
+zu den M&auml;nnern folgenderma&szlig;en:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="4">Landwirtschaft</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th rowspan="2">M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Frauen</th>
+<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">3629959</td>
+<td align="right">2251860</td>
+<td align="right">61,71</td>
+<td align="right">38,29</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">3239646</td>
+<td align="right">2388148</td>
+<td align="right">57,57</td>
+<td align="right">42,43</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">1646317</td>
+<td align="right">2088985</td>
+<td align="right">43,70</td>
+<td align="right">56,30</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">1962688</td>
+<td align="right">3652445</td>
+<td align="right">34,95</td>
+<td align="right">65,05</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">1858131</td>
+<td align="right">1542407</td>
+<td align="right">54,67</td>
+<td align="right">45,33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">2120799</td>
+<td align="right">1452924</td>
+<td align="right">59,34</td>
+<td align="right">40,66</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">2166351</td>
+<td align="right">1482772</td>
+<td align="right">59,37</td>
+<td align="right">40,63</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">3818509</td>
+<td align="right">1487123</td>
+<td align="right">71,97</td>
+<td align="right">28,03</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">807608</td>
+<td align="right">40346</td>
+<td align="right">95,26</td>
+<td align="right">4,74</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">734984</td>
+<td align="right">24150</td>
+<td align="right">96,82</td>
+<td align="right">3,18</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">2208400</td>
+<td align="right">399309</td>
+<td align="right">84,69</td>
+<td align="right">15,31</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">2316399</td>
+<td align="right">363544</td>
+<td align="right">86,43</td>
+<td align="right">13,57</td>
+</tr>
+</table>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="4">Industrie</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th rowspan="2">M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Frauen</th>
+<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">3551014</td>
+<td align="right">545229</td>
+<td align="right">86,69</td>
+<td align="right">13,31</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">4963409</td>
+<td align="right">992302</td>
+<td align="right">83,35</td>
+<td align="right">16,65</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">1193265</td>
+<td align="right">449746</td>
+<td align="right">72,63</td>
+<td align="right">27,37</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">1558914</td>
+<td align="right">585692</td>
+<td align="right">72,69</td>
+<td align="right">27,31</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">1869639</td>
+<td align="right">1161960</td>
+<td align="right">61,67</td>
+<td align="right">38,33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">2146156</td>
+<td align="right">1173061</td>
+<td align="right">64,72</td>
+<td align="right">35,28</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">2262222</td>
+<td align="right">1219217</td>
+<td align="right">64,98</td>
+<td align="right">35,02</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">3048030</td>
+<td align="right">1611078</td>
+<td align="right">65,42</td>
+<td align="right">34,58</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">3926934</td>
+<td align="right">1466130</td>
+<td align="right">72,81</td>
+<td align="right">27,19</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">2878133</td>
+<td align="right">690798</td>
+<td align="right">80,65</td>
+<td align="right">19,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">4236760</td>
+<td align="right">1206807</td>
+<td align="right">77,83</td>
+<td align="right">22,17</td>
+</tr>
+</table>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="4">Handel und Verkehr</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th rowspan="2">M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Frauen</th>
+<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">582885</td>
+<td align="right">144777</td>
+<td align="right">80,11</td>
+<td align="right">19,89</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">868042</td>
+<td align="right">365005</td>
+<td align="right">70,40</td>
+<td align="right">29,60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">131043</td>
+<td align="right">31039</td>
+<td align="right">80,86</td>
+<td align="right">19,14</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">189281</td>
+<td align="right">59246</td>
+<td align="right">76,16</td>
+<td align="right">23,84</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">304605</td>
+<td align="right">119115</td>
+<td align="right">71,89</td>
+<td align="right">28,11</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">497655</td>
+<td align="right">228656</td>
+<td align="right">68,52</td>
+<td align="right">31,48</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">909310</td>
+<td align="right">334038</td>
+<td align="right">73,10</td>
+<td align="right">26,90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">1223919</td>
+<td align="right">527073</td>
+<td align="right">69,90</td>
+<td align="right">30,10</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">638423</td>
+<td align="right">12556</td>
+<td align="right">98,07</td>
+<td align="right">1,93</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">91502</td>
+<td align="right">4803</td>
+<td align="right">95,90</td>
+<td align="right">4,10</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">127619</td>
+<td align="right">10027</td>
+<td align="right">92,72</td>
+<td align="right">7,28</td>
+</tr>
+</table>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="4">Pers&ouml;nlicher Dienst und Lohnarbeit<br />
+wechselnder Art</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th rowspan="2">M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Frauen</th>
+<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">213746</td>
+<td align="right">183836</td>
+<td align="right">53,76</td>
+<td align="right">46,24</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">198626</td>
+<td align="right">233865</td>
+<td align="right">45,91</td>
+<td align="right">54,09</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">495425</td>
+<td align="right">501500</td>
+<td align="right">49,70</td>
+<td align="right">50,30</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">620301</td>
+<td align="right">588169</td>
+<td align="right">51,23</td>
+<td align="right">48,77</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td>&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">5728</td>
+<td align="right">95826</td>
+<td align="right">5,65</td>
+<td align="right">94,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">10097</td>
+<td align="right">124253</td>
+<td align="right">7,50</td>
+<td align="right">92,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">1715733</td>
+<td align="right">70179</td>
+<td align="right">99,60</td>
+<td align="right">0,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">1828265</td>
+<td align="right">53096</td>
+<td align="right">99,72</td>
+<td align="right">0,28</td>
+</tr>
+</table>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="4">H&auml;usliche Dienstboten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th rowspan="2">M&auml;nner</th>
+<th rowspan="2">Frauen</th>
+<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">42510</td>
+<td align="right">1282414</td>
+<td align="right">3,20</td>
+<td align="right">96,80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">25359</td>
+<td align="right">1313957</td>
+<td align="right">1,89</td>
+<td align="right">98,11</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">204288</td>
+<td align="right">571594</td>
+<td align="right">26,53</td>
+<td align="right">73,67</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">31890</td>
+<td align="right">424387</td>
+<td align="right">6,99</td>
+<td align="right">93,01</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">344229</td>
+<td align="right">812320</td>
+<td align="right">29,76</td>
+<td align="right">70,24</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">226015</td>
+<td align="right">699877</td>
+<td align="right">24,30</td>
+<td align="right">75,70</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">226015</td>
+<td align="right">699877</td>
+<td align="right">24,30</td>
+<td align="right">75,70</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">199746</td>
+<td align="right">661732</td>
+<td align="right">23,19</td>
+<td align="right">76,81</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="right">66262</td>
+<td align="right">1230406</td>
+<td align="right">5,11</td>
+<td align="right">94,89</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England und Wales</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">58527</td>
+<td align="right">1386167</td>
+<td align="right">4,06</td>
+<td align="right">95,94</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">159934</td>
+<td align="right">876377</td>
+<td align="right">15,43</td>
+<td align="right">84,57</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">226679</td>
+<td align="right">1231344</td>
+<td align="right">15,50</td>
+<td align="right">84,50</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Es zeigt sich dabei, da&szlig; in der Landwirtschaft die
+Frauenarbeit, mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich,
+wesentlich abgenommen hat, eine Abnahme, die sich f&uuml;r England
+und Amerika auch in den absoluten Zahlen ausdr&uuml;ckt. In der
+Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und Amerika eine raschere
+als die M&auml;nnerarbeit, w&auml;hrend sie in Oesterreich und
+Frankreich von dieser &uuml;berrannt wird, obwohl eine absolute
+Zunahme stattfand. Ganz bedeutend rascher w&auml;chst dagegen die
+Frauenarbeit im Handel und Verkehr und zwar gilt das f&uuml;r alle
+L&auml;nder. F&uuml;r die Lohnarbeit wechselnder Art hat
+&uuml;berall eine Verschiebung zu Gunsten der M&auml;nner
+stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen
+erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme
+von Amerika, rascher zugenommen als die m&auml;nnlichen, die,
+wieder mit Ausnahme von Amerika, &uuml;berall an Zahl bedeutend
+zur&uuml;ckgingen. Eine absolute Verminderung fand in Oesterreich
+und Frankreich auch f&uuml;r die weiblichen Dienstboten statt.
+Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau genug die
+Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen
+Berufsabteilungen. Das prozentuale Verh&auml;ltnis des Wachstums
+zeigt am besten die Tabelle.</p>
+
+<p>Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="4">L&auml;nder</th>
+<th colspan="2">Landwirtschaft</th>
+<th colspan="2">Industrie</th>
+<th colspan="2">Handel und Verkehr</th>
+<th colspan="2">Lohnarbeit wechselnder Art</th>
+<th colspan="2">Dienstboten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="10">Auf 100</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnliche</th>
+<th>weibliche</th>
+<th>m&auml;nnliche</th>
+<th>weibliche</th>
+<th>m&auml;nnliche</th>
+<th>weibliche</th>
+<th>m&auml;nnliche</th>
+<th>weibliche</th>
+<th>m&auml;nnliche</th>
+<th>weibliche</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="10">Arbeiter der ersten Z&auml;hlungsperiode kommen in
+der zweiten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland 1882 bis 1890</td>
+<td align="right">89</td>
+<td align="right">106</td>
+<td align="right">140</td>
+<td align="right">182</td>
+<td align="right">149</td>
+<td align="right">253</td>
+<td align="right">108</td>
+<td align="right">127</td>
+<td align="right">60</td>
+<td align="right">103</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich 1880 bis 1890</td>
+<td align="right">119</td>
+<td align="right">175</td>
+<td align="right">131</td>
+<td align="right">130</td>
+<td align="right">144</td>
+<td align="right">191</td>
+<td align="right">125</td>
+<td align="right">117</td>
+<td align="right">16</td>
+<td align="right">72</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich 1881 bis 1891</td>
+<td align="right">114</td>
+<td align="right">94</td>
+<td align="right">116</td>
+<td align="right">101</td>
+<td align="right">163</td>
+<td align="right">192</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">66</td>
+<td align="right">86</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich 1891 bis 1896</td>
+<td align="right">176</td>
+<td align="right">100 3/10</td>
+<td align="right">135</td>
+<td align="right">132</td>
+<td align="right">134</td>
+<td align="right">158</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">87</td>
+<td align="right">95</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten 1880 bis 1890</td>
+<td align="right">105</td>
+<td align="right">92</td>
+<td align="right">113</td>
+<td align="right">176</td>
+<td align="right">139</td>
+<td align="right">209</td>
+<td align="right">106</td>
+<td align="right">76</td>
+<td align="right">142</td>
+<td align="right">141</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der
+Bev&ouml;lkerung, wie die Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich,
+da&szlig; die proletarische Frauenarbeit in Industrie und Handel
+&uuml;berall bedeutend rascher zugenommen hat als die
+Bev&ouml;lkerung, da&szlig; die Landarbeiterinnen und die
+Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten
+weit hinter dem prozentualen Wachstum der Bev&ouml;lkerung
+zur&uuml;ckblieben. Die verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb
+der weiblichen Arbeiterschaft w&auml;hrend der letzten und der
+vorletzten Z&auml;hlungsperiode giebt einen noch drastischeren
+Beweis daf&uuml;r:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="5">Von 100 Arbeiterinnen waren besch&auml;ftigt
+in</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Landwirtschaft</th>
+<th>Industrie</th>
+<th>Handel und Verkehr</th>
+<th>Lohnarbeit wechs. Art</th>
+<th>H&auml;usliche Dienstboten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">51,08</td>
+<td align="right">12,37</td>
+<td align="right">3,29</td>
+<td align="right">4,17</td>
+<td align="right">29,09</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">45,16</td>
+<td align="right">18,70</td>
+<td align="right">6,90</td>
+<td align="right">4,42</td>
+<td align="right">24,82</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">57,34</td>
+<td align="right">12,35</td>
+<td align="right">0,85</td>
+<td align="right">13,77</td>
+<td align="right">15,69</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">68,78</td>
+<td align="right">11,03</td>
+<td align="right">1,12</td>
+<td align="right">11,08</td>
+<td align="right">7,99</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Frankreich</td>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="right">39,69</td>
+<td align="right">32,64</td>
+<td align="right">8,94</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">18,73</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">34,69</td>
+<td align="right">37,58</td>
+<td align="right">12,29</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">15,44</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="right">19,56</td>
+<td align="right">32,84</td>
+<td align="right">0,24</td>
+<td align="right">3,44</td>
+<td align="right">42,92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">12,69</td>
+<td align="right">42,13</td>
+<td align="right">0,35</td>
+<td align="right">1,85</td>
+<td align="right">42,98</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der
+Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.</p>
+
+<p>In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die
+Z&auml;hlungen der Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen,
+obwohl sie immer nur einen beschr&auml;nkten Kreis von Arbeitern
+umfassen. Nach den Berichten der deutschen Inspektoren hat sich die
+Zunahme der Industriearbeiterinnen folgenderma&szlig;en
+gestaltet:<a name="FNanchor_467"></a><a href=
+"#Footnote_467"><sup>467</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="3">Weibliche Arbeiter</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th rowspan="2">absolute Zahl</th>
+<th colspan="2">Zunahme</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>absolut</th>
+<th>Prozent</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="center">739755</td>
+<td align="center">&nbsp;</td>
+<td align="center">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="center">781882</td>
+<td align="center">41,127</td>
+<td align="center">5,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1897</td>
+<td align="center">822462</td>
+<td align="center">40,580</td>
+<td align="center">5,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1898</td>
+<td align="center">859203</td>
+<td align="center">36,741</td>
+<td align="center">4,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1899</td>
+<td align="center">884239</td>
+<td align="center">35,036</td>
+<td align="center">4,1</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sehen daraus, da&szlig; zwar die Zunahme allj&auml;hrlich
+eine sehr starke ist, da&szlig; sie aber von Jahr zu Jahr an
+Intensit&auml;t abnimmt. Ein Schlu&szlig; auf eine rasche Zunahme
+der m&auml;nnlichen Arbeiter l&auml;&szlig;t sich daraus nicht
+ziehen, obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material
+nicht m&ouml;glich ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht
+daf&uuml;r, da&szlig; auch das Tempo des Wachstums der
+m&auml;nnlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die
+industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die
+entsprechenden Zahlen f&uuml;r Frankreich,&mdash;so vorsichtig sie
+auch wegen der mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden
+m&uuml;ssen,&mdash;sind besonders merkw&uuml;rdig. Es zeigt sich
+n&auml;mlich, wie nachstehende Tabelle angiebt, da&szlig; dem
+starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den
+n&auml;chsten zwei Jahren ein empfindlicher R&uuml;ckschlag
+folgte:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="3">Weibliche Arbeiter</th>
+<th colspan="3">M&auml;nnliche Arbeiter</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="3">absolute Zu- resp. Abnahme</th>
+<th colspan="3">absolute Zu- resp. Abnahme</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Zahl</th>
+<th>absolut</th>
+<th>Prozent</th>
+<th>Zahl</th>
+<th>absolut</th>
+<th>Prozent</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1894</td>
+<td align="right">732760</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1722183</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">844911</td>
+<td align="right">112,151</td>
+<td align="right">15,9</td>
+<td align="right">1828403</td>
+<td align="right">106,220</td>
+<td align="right">6,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1898</td>
+<td align="right">812591</td>
+<td align="right">-32,320</td>
+<td align="right">-3,9</td>
+<td align="right">1820979</td>
+<td align="right">-7,424</td>
+<td align="right">0,4</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Es zeigt sich aber auch, da&szlig; f&uuml;r die M&auml;nner,
+wenn auch nicht in genau demselben Ma&szlig;, doch das gleiche
+gilt.<a name="FNanchor_468"></a><a href=
+"#Footnote_468"><sup>468</sup></a></p>
+
+<p>Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein
+durch die soziale Schicht der Arbeiterinnen ersch&ouml;pft. Es
+giebt zweifellos auch unter den Selbst&auml;ndigen eine gro&szlig;e
+Zahl proletarischer Existenzen, die sich allerdings nur an der Hand
+einer eingehenden Betriebs- und Gewerbez&auml;hlung ann&auml;hernd
+feststellen lassen und diese liegt nur f&uuml;r Deutschland vor.<a
+name="FNanchor_469"></a><a href="#Footnote_469"><sup>469</sup></a>
+Wir m&uuml;ssen daher hierbei auf internationale Vergleichungen
+ganz verzichten. Wir k&ouml;nnen aber auch in Deutschland die
+Proletarier unter den Selbst&auml;ndigen nicht v&ouml;llig
+erfassen, weil die Einteilung der Betriebe nach ihren
+Gr&ouml;&szlig;enklassen uns daran verhindert: Sie werden
+n&auml;mlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis
+20, 21 und mehr Personen eingeteilt. F&uuml;r unsere Zwecke
+m&uuml;ssen wir daher bei den Alleinbetrieben stehen bleiben,
+w&auml;hrend Betriebe mit 2 Personen zweifellos noch einen
+proletarischen Charakter tragen. Um von der Verteilung, der Zu-
+resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein klares Bild zu
+bekommen, mu&szlig; die Zahl der Frauen in den Gehilfenbetrieben
+ihnen gegen&uuml;bergestellt werden, wie es in folgender Tabelle
+geschieht:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Gewerbearten</th>
+<th>Frauen in Alleinbetrieben 1895</th>
+<th>Ihre Zu- resp. Abnahme seit 1882</th>
+<th>Frauen in Gehilfenbetrieben 1895</th>
+<th>Ihre Zu- resp. Abnahme seit 1882</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>G&auml;rtnerei, Tierzucht und Fischerei</td>
+<td align="right">708</td>
+<td align="right">285</td>
+<td align="right">17998</td>
+<td align="right">10505</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie, Bergbau, Baugewerbe</td>
+<td align="right">443333</td>
+<td align="right">-87753</td>
+<td align="right">1114986</td>
+<td align="right">479030</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handel, Verkehr, Gast- und Schankwirtschaft</td>
+<td align="right">145165</td>
+<td align="right">42500</td>
+<td align="right">617115</td>
+<td align="right">385591</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sehen daraus, da&szlig; die weiblichen Leiter von
+Alleinbetrieben nur in der Industrie erheblich abgenommen haben,
+ein Umstand, der, wie wir aus der Zunahme der Arbeiter in den
+Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die Verschiebung zu Gunsten des
+Mittel- und Gro&szlig;betriebs zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Eine
+Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht
+besonders stark vertreten ist, erl&auml;utert das Gesagte noch
+deutlicher:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Gewerbearten</th>
+<th>Frauen in Alleinbetrieben</th>
+<th>Zu- resp. Abnahme</th>
+<th>Frauen in Gehilfenbetrieben</th>
+<th>Zu- resp. Abnahme</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strickerei und Wirkerei</td>
+<td align="right">15472</td>
+<td align="right">-2324</td>
+<td align="right">28164</td>
+<td align="right">14950</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>H&auml;kelei und Stickerei</td>
+<td align="right">6178</td>
+<td align="right">-336</td>
+<td align="right">6049</td>
+<td align="right">3413</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spitzen-Verfert., Wei&szlig;zeugstickerei</td>
+<td align="right">7802</td>
+<td align="right">-8737</td>
+<td align="right">11532</td>
+<td align="right">7017</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>N&auml;herei</td>
+<td align="right">185716</td>
+<td align="right">-58183</td>
+<td align="right">28078</td>
+<td align="right">3848</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schneiderei</td>
+<td align="right">89250</td>
+<td align="right">35227</td>
+<td align="right">84350</td>
+<td align="right">46746</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleider- und W&auml;schekonfektion</td>
+<td align="right">585</td>
+<td align="right">-3886</td>
+<td align="right">35409</td>
+<td align="right">15946</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Putzmacherei, k&uuml;nstl. Blumen</td>
+<td align="right">12429</td>
+<td align="right">-1150</td>
+<td align="right">28874</td>
+<td align="right">11213</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handschuh, Kravatten, Hosentr&auml;ger</td>
+<td align="right">3995</td>
+<td align="right">-4109</td>
+<td align="right">7760</td>
+<td align="right">1754</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;scherei, Pl&auml;tterei</td>
+<td align="right">66029</td>
+<td align="right">-17662</td>
+<td align="right">27687</td>
+<td align="right">14057</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast &uuml;berall durch
+die Zunahme in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz
+dieser Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem
+der Frauen selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden
+Selbst&auml;ndigen immer noch eine au&szlig;erordentlich hohe, wie
+aus folgender Tabelle hervorgeht:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Gewerbearten</th>
+<th>Von 100 selbst&auml;ndigen<br />
+Frauen sind</th>
+<th>Von 100 selbst&auml;ndigen<br />
+M&auml;nnern sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Inhaber von Alleinbetrieben</td>
+<td align="right">84,4</td>
+<td align="right">50,0</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
+"&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "&nbsp;&nbsp;&nbsp;
+Gehilfenbetrieben</td>
+<td align="right">15,6</td>
+<td align="right">50,0</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; " mit bis zu 5 Personen</td>
+<td align="right">13,9</td>
+<td align="right">40,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "&nbsp;&nbsp; "&nbsp; 6-20
+Personen</td>
+<td align="right">1,5</td>
+<td align="right">6,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "&nbsp;&nbsp; "&nbsp; 21 und mehr
+Personen</td>
+<td align="right">0,2</td>
+<td align="right">2,6</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aus diesen Ziffern ist die gedr&uuml;ckte Lage der
+erwerbth&auml;tigen Frauen mit aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast
+alle selbst&auml;ndigen Frauen arbeiten allein, d.h. sie sind fast
+ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn
+wir ins Auge fassen, da&szlig;, w&auml;hrend die m&auml;nnlichen
+Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und h&auml;ufig die
+Stellung kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum
+die Rede ist. Ueber ein F&uuml;nftel von ihnen finden wir in der
+Hausindustrie, zwei F&uuml;nftel in der Bekleidung und Reinigung,
+18,8% im Handel, 11,3% in der Textilindustrie, 4,8% in der Gast-
+und Schankwirtschaft, 3,4 % in sonstigen Gewerben. Diese noch dazu
+auf so wenige Gewerbe sich konzentrierende Vereinzelung der Frauen
+ist ein schweres Hindernis auf dem Wege zu besseren
+Arbeitsbedingungen.</p>
+
+<p>In der Landwirtschaft ist das &auml;u&szlig;ere Bild ein
+&auml;hnliches. Rechnen wir die Selbst&auml;ndigen, soweit sie ein
+Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, zu den Proletariern, so
+sind von den selbst&auml;ndigen Landwirtinnen nicht weniger als
+drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende Tabelle
+giebt die genaueren Zahlen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Areal</th>
+<th colspan="4">Selbst&auml;ndige in der Landwirtschaft</th>
+<th rowspan="3">Von je 100<br />
+Selbst&auml;ndigen<br />
+sind weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="2">Absolut</th>
+<th colspan="2">in Prozenten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>unter 2 ha</td>
+<td align="right">248209</td>
+<td align="right">177088</td>
+<td align="right">15,96</td>
+<td align="right">52,24</td>
+<td align="right">33,71</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>2 bis 5 &nbsp;"</td>
+<td align="right">604562</td>
+<td align="right">74565</td>
+<td align="right">27,70</td>
+<td align="right">22,00</td>
+<td align="right">10,98</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>5 &nbsp;&nbsp;" 10 "</td>
+<td align="right">501482</td>
+<td align="right">40059</td>
+<td align="right">22,98</td>
+<td align="right">11,82</td>
+<td align="right">7,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>10 " 50 "</td>
+<td align="right">636275</td>
+<td align="right">41167</td>
+<td align="right">29,15</td>
+<td align="right">12,14</td>
+<td align="right">6,08</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>50 " 100 "</td>
+<td align="right">62920</td>
+<td align="right">4182</td>
+<td align="right">2,88</td>
+<td align="right">1,23</td>
+<td align="right">6,23</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>100 und mehr ha</td>
+<td align="right">28921</td>
+<td align="right">1918</td>
+<td align="right">1,33</td>
+<td align="right">0,57</td>
+<td align="right">6,21</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Ueber die Zu- resp. Abnahme l&auml;&szlig;t sich leider nichts
+Genaueres, nach Geschlechtern gesondert, feststellen. Im
+allgemeinen aber kann, obwohl ein schwacher R&uuml;ckgang der
+betreffenden Betriebe stattfand,&mdash;von 76,63% auf
+76,51%,&mdash;angenommen werden, da&szlig; wenigstens die Zahl der
+selbst&auml;ndigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat;
+man kann darunter n&auml;mlich meist solche Frauen verstehen, die
+an den Grenzen der Industriest&auml;dte sogenannte "Lauben"
+besitzen, und hier im kleinsten Ma&szlig; Gem&uuml;se, Blumen und
+Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, w&auml;re diese Vermehrung
+von Alleinbetrieben freudig zu begr&uuml;&szlig;en, weil sie der
+Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo
+die von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von
+M&auml;nnern geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die
+Folgen keine sch&auml;dlichen, die Ursachen aber sind dieselben,
+wie die f&uuml;r die steigende Erwerbsth&auml;tigkeit der Frauen
+&uuml;berhaupt: Not, und die durch die Ertr&auml;gnisse des
+m&auml;nnlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten
+Bed&uuml;rfnisse.</p>
+
+<p>Wie sehr die Thatsache, da&szlig; das Haupt der Familie sie
+nicht allein ern&auml;hren kann, ins Gewicht f&auml;llt, beweist
+ein Blick auf eine andere Seite der Frauenarbeit: die Zahl der
+mithelfenden Familienangeh&ouml;rigen. Sie f&uuml;r alle
+Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein das
+Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist,
+da&szlig;, w&auml;hrend fast s&auml;mtliche m&auml;nnliche
+Arbeiter,&mdash;99,2%,&mdash;Berufsarbeiter sind, von den
+weiblichen mehr als ein F&uuml;nftel zu den helfenden
+Familiengliedern geh&ouml;ren. Das genauere Verh&auml;ltnis ist,
+auch unter Bezugnahme auf die Gr&ouml;&szlig;e der Betriebe,
+dieses:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Berufsarten</th>
+<th colspan="3">Von 100 berufsm&auml;&szlig;igen Arbeitern<br />
+sind weiblich in Betrieben</th>
+<th colspan="3">Von 100 mithelfenden Familienangeh&ouml;rigen<br />
+sind weiblich in Betrieben</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>bis 5<br />
+Personen</th>
+<th>6 bis 20<br />
+Personen</th>
+<th>&uuml;ber 20<br />
+Personen</th>
+<th>bis 5<br />
+Personen</th>
+<th>6 bis 20<br />
+Personen</th>
+<th>&uuml;ber 20<br />
+Personen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Landwirtschaft</td>
+<td align="right">14,3</td>
+<td align="right">25,6</td>
+<td align="right">19,9</td>
+<td align="right">76,5</td>
+<td align="right">85,6</td>
+<td align="right">85,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie</td>
+<td align="right">9,8</td>
+<td align="right">15,2</td>
+<td align="right">19,9</td>
+<td align="right">84,4</td>
+<td align="right">77,9</td>
+<td align="right">44,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handel und Verkehr</td>
+<td align="right">44,0</td>
+<td align="right">34,0</td>
+<td align="right">20,2</td>
+<td align="right">92,9</td>
+<td align="right">85,9</td>
+<td align="right">79,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>im ganzen</td>
+<td align="right">18,9</td>
+<td align="right">19,5</td>
+<td align="right">20,0</td>
+<td align="right">90,2</td>
+<td align="right">82,0</td>
+<td align="right">56,0</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen l&auml;&szlig;t,
+ist au&szlig;erordentlich wichtig f&uuml;r die Erkenntnis der
+proletarischen Frauenarbeit und dessen, was ihr Not thut, will man
+sie aus ihrer untergeordneten Stellung emporheben: in den kleinen
+Betrieben finden sich die wenigsten berufsm&auml;&szlig;igen
+Arbeiterinnen,&mdash;besonders hervorstechend ist das
+Verh&auml;ltnis in der Industrie,&mdash;und fast alle mithelfenden
+Familienangeh&ouml;rigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die
+Entwicklung des Gro&szlig;betriebs eine F&ouml;rderung der
+berufsm&auml;&szlig;igen proletarischen Frauenarbeit, der jetzt
+noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben, eine gro&szlig;e
+Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegen&uuml;ber
+steht. Gegen&uuml;ber in jedem Sinn: denn diese in und durch die
+Familie ausgebeuteten Kr&auml;fte sind die nat&uuml;rlichen Feinde
+der aufstrebenden weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den
+Kleinbetrieb erhalten, und hindern die Verbesserung der
+Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erh&ouml;hung der weiblichen
+Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen zu sein,
+an der Familie einen R&uuml;ckhalt haben.</p>
+
+<p>Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen
+l&auml;&szlig;t sich feststellen, da&szlig; die proletarische
+Frauenarbeit im allgemeinen in rascherem Tempo zugenommen hat, als
+die M&auml;nnerarbeit und viel schneller gewachsen ist, als die
+weibliche Bev&ouml;lkerung. Nur in Zeiten wirtschaftlichen
+Niedergangs kann von einem Verdr&auml;ngen der m&auml;nnlichen
+Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verh&auml;ltnissen zeigt
+sich dagegen, da&szlig; durch die Entwicklung der proletarischen
+Arbeitsgelegenheiten, besonders in der Industrie, die
+m&auml;nnlichen Arbeitskr&auml;fte gro&szlig;enteils ersch&ouml;pft
+wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie
+erfolgt in um so st&auml;rkerem Ma&szlig;e, als Frauen zur
+Verf&uuml;gung stehen. Bis jetzt allerdings bedeutet dieses
+Nachr&uuml;cken der weiblichen Reservearmee zugleich ein
+Einr&uuml;cken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten. Eine
+wirtschaftliche Entwicklung in nur ann&auml;hernd &auml;hnlichem
+Tempo wie die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein
+weiteres numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf
+ihr Emporsteigen zu h&ouml;herem wirtschaftlichen Wert zu rechnen.
+Das Wachstum an sich ist als nichts Unnat&uuml;rliches anzusehen
+oder zu beklagen, es liegt vielmehr durchaus auf dem Wege normaler
+Evolution. Die schweren Sch&auml;den, die sie mit sich bringt, sind
+nicht die Folgen der Frauenarbeit &uuml;berhaupt, sondern vielmehr
+die Folgen der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen.</p>
+
+<p>Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und
+ihrer Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit
+bedurfte eingehender Er&ouml;rterung, auch ihre Verteilung auf die
+Berufsarten ist von ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich
+im Hinblick auf die Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen
+Berufsarten, in denen die meisten Frauen besch&auml;ftigt sind,
+giebt Aufschlu&szlig; dar&uuml;ber:</p>
+
+<p>Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.<a name=
+"FNanchor_470"></a><a href="#Footnote_470"><sup>470</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Gewerbearten</th>
+<th colspan="2">Deutschland</th>
+<th colspan="2">Oesterreich</th>
+<th colspan="2">England u. Wales</th>
+<th colspan="2">Vereingte Staaten</th>
+<th colspan="2">Frankreich</th>
+<th colspan="2">Belgien</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Zahl der Arbeite-<br />
+ rinnen</th>
+<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th>
+<th>Zahl der Arbeite-<br />
+ rinnen</th>
+<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th>
+<th>Zahl der Arbeite-<br />
+ rinnen</th>
+<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th>
+<th>Zahl der Arbeite-<br />
+ rinnen</th>
+<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th>
+<th>Zahl der Arbeite-<br />
+ rinnen</th>
+<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th>
+<th>Zahl der Arbeite-<br />
+ rinnen</th>
+<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleider- und W&auml;schekonfektion</td>
+<td align="right">27453</td>
+<td align="right">83,38</td>
+<td align="right">59923</td>
+<td align="right">93,58</td>
+<td align="right">38812</td>
+<td align="right">95,83</td>
+<td align="right">304303</td>
+<td align="right">98,08</td>
+<td align="right" rowspan="8">976161</td>
+<td align="right" rowspan="8">88,50</td>
+<td align="right" rowspan="5">44324</td>
+<td align="right" rowspan="5">66,06</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schneiderinnen</td>
+<td align="right">61480</td>
+<td align="right">31,66</td>
+<td align="right" rowspan="2">43678</td>
+<td align="right" rowspan="2">35,72</td>
+<td align="right">82667</td>
+<td align="right">48,89</td>
+<td align="right">63809</td>
+<td align="right">34,42</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>N&auml;herinnen</td>
+<td align="right">97979</td>
+<td align="right">100,00</td>
+<td align="right" rowspan="3">257408</td>
+<td align="right" rowspan="3">98,80</td>
+<td align="right">146043</td>
+<td align="right">97,33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Putzmacherinnen</td>
+<td align="right">16517</td>
+<td align="right">98,33</td>
+<td align="right">7388</td>
+<td align="right">89,04</td>
+<td align="right">60087</td>
+<td align="right">99,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Korsettn&auml;herinnen</td>
+<td align="right">5663</td>
+<td align="right">88,80</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">5800</td>
+<td align="right">88,78</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handschuh-, Kravatten- und Hosentr&auml;ger- fabrikation</td>
+<td align="right">6428</td>
+<td align="right">54,45</td>
+<td align="right">7863</td>
+<td align="right">63,26</td>
+<td align="right">9007</td>
+<td align="right">78,50</td>
+<td align="right">8675</td>
+<td align="right">57,28</td>
+<td align="right">3043</td>
+<td align="right">52,20</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hutfabrikation und K&uuml;rschnerei</td>
+<td align="right">7659</td>
+<td align="right">31,24</td>
+<td align="right">5070</td>
+<td align="right">30,28</td>
+<td align="right">16392</td>
+<td align="right">45,74</td>
+<td align="right">6694</td>
+<td align="right">23,71</td>
+<td align="right">1052</td>
+<td align="right">23,88</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Blumen- und Federn- fabrikation</td>
+<td align="right">8227</td>
+<td align="right">87,32</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">6174</td>
+<td align="right">88,76</td>
+<td align="right">2543</td>
+<td align="right">83,48</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schuhfabrikation</td>
+<td align="right">11537</td>
+<td align="right">7,03</td>
+<td align="right">8774</td>
+<td align="right">6,54</td>
+<td align="right">43671</td>
+<td align="right">22,93</td>
+<td align="right">33677</td>
+<td align="right">15,77</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">3154</td>
+<td align="right">11,76</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stroh-, Bast- und Holzflechterei, Strohh&uuml;te</td>
+<td align="right">7297</td>
+<td align="right">32,50</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">11227</td>
+<td align="right">54,58</td>
+<td align="right">2423</td>
+<td align="right">66,09</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spitzen- fabrikation, Stickerei und H&auml;kelei</td>
+<td align="right">12376</td>
+<td align="right">70,34</td>
+<td align="right">18030</td>
+<td align="right">75,35</td>
+<td align="right">6945</td>
+<td align="right">87,57</td>
+<td align="right">4435</td>
+<td align="right">84,38</td>
+<td align="right" rowspan="6">483393</td>
+<td align="right" rowspan="6">52,18</td>
+<td align="right" rowspan="5">95944</td>
+<td align="right" rowspan="5">62,80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strickerei und Wirkerei</td>
+<td align="right">25325</td>
+<td align="right">54,59</td>
+<td align="right">8639</td>
+<td align="right">62,35</td>
+<td align="right">29111</td>
+<td align="right">63,29</td>
+<td align="right">20810</td>
+<td align="right">70,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Posamenten- fabrikation</td>
+<td align="right">9974</td>
+<td align="right">52,07</td>
+<td align="right">5001</td>
+<td align="right">67,72</td>
+<td align="right">19634</td>
+<td align="right">62,47</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spinnerei, Hechelei, Haspelei</td>
+<td align="right">103350</td>
+<td align="right">59,76</td>
+<td align="right">31586</td>
+<td align="right">55,46</td>
+<td align="right" rowspan="2">540832</td>
+<td align="right" rowspan="2">59,82</td>
+<td align="right" rowspan="2">202848</td>
+<td align="right" rowspan="2">49,72</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weberei</td>
+<td align="right">175918</td>
+<td align="right">48,47</td>
+<td align="right">116034</td>
+<td align="right">43,01</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>F&auml;rberei und Bleicherei</td>
+<td align="right">22551</td>
+<td align="right">29,96</td>
+<td align="right">4494</td>
+<td align="right">23,60</td>
+<td align="right">5167</td>
+<td align="right">11,75</td>
+<td align="right">3246</td>
+<td align="right">15,52</td>
+<td align="right">1285</td>
+<td align="right">21,88</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gummi-, Guttapercha-, und Kautschuk- fabrikation</td>
+<td align="right">3532</td>
+<td align="right">29,31</td>
+<td align="right">308</td>
+<td align="right">35,16</td>
+<td align="right">4112</td>
+<td align="right">40,22</td>
+<td align="right">6456</td>
+<td align="right">39,95</td>
+<td align="right" rowspan="3">23370</td>
+<td align="right" rowspan="3">35,76</td>
+<td align="right">306</td>
+<td align="right">53,11</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Buchbinderei und Kartonage</td>
+<td align="right">15010</td>
+<td align="right">32,22</td>
+<td align="right">3242</td>
+<td align="right">33,70</td>
+<td align="right">30234</td>
+<td align="right">71,15</td>
+<td align="right">24603</td>
+<td align="right">59,11</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Papierfabrikation</td>
+<td align="right">22352</td>
+<td align="right">33,70</td>
+<td align="right">6362</td>
+<td align="right">40,12</td>
+<td align="right">13101</td>
+<td align="right">39,79</td>
+<td align="right">2961</td>
+<td align="right">13,57</td>
+<td align="right">3043</td>
+<td align="right">35,60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Setzer, Drucker, Lithographen und Schriftgie&szlig;er</td>
+<td align="right">13071</td>
+<td align="right">13,93</td>
+<td align="right">1966</td>
+<td align="right">15,72</td>
+<td align="right">4737</td>
+<td align="right">5,46</td>
+<td align="right">12054</td>
+<td align="right">10,32</td>
+<td align="right">14720</td>
+<td align="right">19,58</td>
+<td align="right">745</td>
+<td align="right">7,30</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>B&auml;cker und Konditoren</td>
+<td align="right">23740</td>
+<td align="right">14,10</td>
+<td align="right">6617</td>
+<td align="right">9,40</td>
+<td align="right">26358</td>
+<td align="right">28,56</td>
+<td align="right">7961</td>
+<td align="right">23,57</td>
+<td align="right" rowspan="3">43795</td>
+<td align="right" rowspan="3">13,98</td>
+<td align="right">228</td>
+<td align="right">2,15</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Herstellung vegetabilischer Nahrungsmittel</td>
+<td align="right">13142</td>
+<td align="right">28,60</td>
+<td align="right">7916</td>
+<td align="right">27,54</td>
+<td align="right">5228</td>
+<td align="right">5,36</td>
+<td align="right" rowspan="2">2130</td>
+<td align="right" rowspan="2">10,12</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Animalische Nahrungsmittel</td>
+<td align="right">18140</td>
+<td align="right">15,20</td>
+<td align="right">6192</td>
+<td align="right">12,36</td>
+<td align="right">26022</td>
+<td align="right">29,54</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakfabrikation</td>
+<td align="right">65286</td>
+<td align="right">53,75</td>
+<td align="right">16985</td>
+<td align="right">89,01</td>
+<td align="right">12574</td>
+<td align="right">60,41</td>
+<td align="right">27997</td>
+<td align="right">25,08</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">7710</td>
+<td align="right">33,83</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ziegelei, Thonr&ouml;hren- fabrikation</td>
+<td align="right">12925</td>
+<td align="right">7,45</td>
+<td align="right">7785</td>
+<td align="right">68,10</td>
+<td align="right">2601</td>
+<td align="right">6,27</td>
+<td align="right">144</td>
+<td align="right">0,24</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right" rowspan="2">1176</td>
+<td align="right" rowspan="2">19.90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Steingut-, Porzellan- fabrikation</td>
+<td align="right">11204</td>
+<td align="right">27,22</td>
+<td align="right">4552</td>
+<td align="right">31,47</td>
+<td align="right">21679</td>
+<td align="right">39,28</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Glasbl&auml;serei</td>
+<td align="right">5095</td>
+<td align="right">12,12</td>
+<td align="right">11882</td>
+<td align="right">32,57</td>
+<td align="right">2086</td>
+<td align="right">8,80</td>
+<td align="right">1710</td>
+<td align="right">0,50</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">3174</td>
+<td align="right">11,20</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verarbeitung edler Metalle</td>
+<td align="right">9737</td>
+<td align="right">30,55</td>
+<td align="right">1222</td>
+<td align="right">14,81</td>
+<td align="right">3156</td>
+<td align="right">16,54</td>
+<td align="right">3349</td>
+<td align="right">16,53</td>
+<td align="right">7209</td>
+<td align="right">31,95</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zinnwaren- fabrikation</td>
+<td align="right">7027</td>
+<td align="right">13,48</td>
+<td align="right">106</td>
+<td align="right">20,78</td>
+<td align="right">6466</td>
+<td align="right">15,10</td>
+<td align="right">899</td>
+<td align="right">1,62</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>N&auml;gelfabrikation</td>
+<td align="right">1685</td>
+<td align="right">12,78</td>
+<td align="right">1152</td>
+<td align="right">16,36</td>
+<td align="right">4690</td>
+<td align="right">50,52</td>
+<td align="right">477</td>
+<td align="right">10,41</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>N&auml;h- und Stecknadeln, Stahlfedern</td>
+<td align="right">2912</td>
+<td align="right">26,98</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">5220</td>
+<td align="right">68,19</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Besen- und B&uuml;rstenmacher</td>
+<td align="right" rowspan="2">5608</td>
+<td align="right" rowspan="2">30,07</td>
+<td align="right">758</td>
+<td align="right">25,68</td>
+<td align="right">5945</td>
+<td align="right">80,56</td>
+<td align="right">1166</td>
+<td align="right">11,53</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schirmmacher und Stockarbeiter</td>
+<td align="right">4907</td>
+<td align="right">15,49</td>
+<td align="right">4086</td>
+<td align="right">53,13</td>
+<td align="right">1938</td>
+<td align="right">56,95</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>M&ouml;belfabrikation und Tischlerei</td>
+<td align="right">1760</td>
+<td align="right">0,67</td>
+<td align="right">5946</td>
+<td align="right">7,73</td>
+<td align="right">10921</td>
+<td align="right">15,18</td>
+<td align="right">1748</td>
+<td align="right">6,81</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">1040</td>
+<td align="right">8,73</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Andere Industrie- arbeiter</td>
+<td align="right">6459</td>
+<td align="right">23,23</td>
+<td align="right">60164</td>
+<td align="right">48,64</td>
+<td align="right">40843</td>
+<td align="right">5,64</td>
+<td align="right">15908</td>
+<td align="right">20,74</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">8769</td>
+<td align="right">86,59</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Sie zeigt deutlich, da&szlig; die Konzentration der Frauenarbeit
+auf bestimmte Berufe eine um so st&auml;rkere ist, je
+fortgeschrittner die industrielle Entwicklung des betreffenden
+Landes sich darstellt. Nehmen wir z.B. die Spitzenfabrikation,
+Stickerei und H&auml;kelei: Deutschland z&auml;hlt 70 %, England
+dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei und Kartonage, in
+der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in England 71 %
+Arbeiterinnen besch&auml;ftigt werden. Besonders charakteristisch
+ist auch die M&ouml;beltischlerei: Deutschland z&auml;hlt darin
+wenig &uuml;ber 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt
+zeigt es sich, da&szlig; in anderen Berufen die Frauenarbeit in den
+industriell vorgeschrittenen L&auml;ndern sehr geringen Anteil an
+ihnen hat. Als Beispiel diene die Glasbl&auml;serei: Oesterreich
+z&auml;hlt 32 %, Deutschland 12, England 8 und Amerika 1/2 %
+Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in der Oesterreich
+16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter
+besch&auml;ftigt. So viele Umst&auml;nde auch sonst noch bei der
+Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so
+scheint doch festzustehen, da&szlig; die allgemeine Tendenz eine
+Differenzierung nach Berufen bevorzugt, und das wachsende
+Eindringen der Frauen in bestimmte Berufe mit einem R&uuml;ckgang
+der weiblichen Arbeiterschaft in anderen Berufen Hand in Hand geht,
+da&szlig; sich also nach und nach bestimmte fast
+ausschlie&szlig;lich von Frauen und andere fast
+ausschlie&szlig;lich von M&auml;nnern besetzte Berufe herausbilden
+werden.</p>
+
+<p>Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der
+Konfektion, der N&auml;herei, der Putzmacherei, der Blumen-,
+Federn- und Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und
+Kartonage, die Papier-, die Guttapercha- und die
+Kautschukfabrikation versprechen Frauenberufe zu werden. Die
+Gr&uuml;nde dieser sich immer st&auml;rker auspr&auml;genden
+Differenzierung der Geschlechter in der Berufsth&auml;tigkeit
+liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und k&ouml;rperlichen
+Veranlagung, teils in dem Umstand, da&szlig; bestimmte wohlfeile
+Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h.
+m&ouml;glichst billiger Arbeitskr&auml;fte notwendig machen. Was
+die Veranlagung betrifft, die an dieser Stelle ausschlie&szlig;lich
+in Betracht gezogen werden soll, weil der zweite Punkt die
+Arbeitsbedingungen ber&uuml;hrt, die nicht hierher geh&ouml;ren, so
+ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein
+wesentliches Moment, das die Frau f&uuml;r alle Th&auml;tigkeiten
+pr&auml;destiniert, die in das Bereich der feinen Handarbeit
+fallen. Die Konfektion, die Stickerei, die Spitzenfabrikation
+u.a.m. geh&ouml;ren daher ebensowohl hierher, wie die Spinnerei und
+Weberei, solange sie keine gro&szlig;en K&ouml;rperkr&auml;fte
+erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen besonders
+bef&auml;higt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum
+Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie
+&uuml;berall dort die m&auml;nnlichen Arbeiter verdr&auml;ngen, wo
+die Maschine die menschliche Kraft ersetzt. Negativ sind im
+wesentlichen auch die geistigen Eigenschaften, die die Frauen in
+bestimmte Arbeitszweige hineintreiben. So werden sie durch ihren
+Mangel an geistiger Schulung und technischer Vorbildung f&uuml;r
+alle diejenigen Arbeiten gew&auml;hlt, die ungelernte Arbeiter im
+allgemeinen gebrauchen k&ouml;nnen und die fast stets zu
+beobachtende Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle
+Gedanken auf eine Arbeit zu richten, ist die Ursache, da&szlig;
+rein mechanische Th&auml;tigkeiten ihnen mit Vorliebe
+&uuml;berlassen werden. Diese negativen sowohl k&ouml;rperlichen
+als geistigen F&auml;higkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige
+Resultat der g&auml;nzlichen Vernachl&auml;ssigung, unter der das
+weibliche Geschlecht leidet, und das die Armen stets besonders hart
+getroffen hat. Aber auch die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der
+Finger sind die Folge der Erziehung und Gewohnheit. Die H&auml;nde
+des Mannes h&auml;rteten sich, sie wurden breit und stark infolge
+der Arbeiten, die er von Urzeiten an verrichtete, die des Weibes
+wurden zarter, schmaler und gewandter, weil alle feineren Arbeiten
+meistens ihr &uuml;berlassen blieben. Von gr&ouml;&szlig;tem
+Einflu&szlig; hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist
+es aber auch, die den weiblichen Geist ung&uuml;nstig
+beeinflu&szlig;te, indem sie die Zerfahrenheit und
+Gedankenlosigkeit unterst&uuml;tzt hat; nichts erm&ouml;glicht mehr
+ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der
+Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die
+Einf&uuml;hrung des maschinenm&auml;&szlig;igen Betriebs, der,
+selbst in seiner einfachsten Form, der N&auml;hmaschine, ein
+gewisses Ma&szlig; von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher auch von
+diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil f&uuml;r die Frauen.
+W&uuml;rde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und
+k&ouml;rperliche Ausbildung, die der der M&auml;nner entspricht,
+Hand in Hand gehen, so w&auml;re zu erwarten, da&szlig; nach
+Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einfl&uuml;sse die
+genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen
+Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren k&ouml;nnten. Das
+scheint unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer
+sch&auml;rferen Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre
+Berufsarbeiten zu widersprechen, w&auml;hrend es sie
+thats&auml;chlich nur best&auml;tigt. Denn erst die Beseitigung
+anerzogener Eigenschaften wird den nat&uuml;rlichen zur Entwicklung
+verhelfen und zwar d&uuml;rfte sich dabei folgendes herausstellen:
+in Bezug auf ihre K&ouml;rperkr&auml;fte werden die Geschlechter
+sich einander n&auml;hern, weil einerseits die bisher fast
+ungenutzten des Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke
+Muskelkraft erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre
+Existenzberechtigung mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch
+Mangel an Uebung notwendig an Kraft verlieren wird. Die geistigen
+Kapazit&auml;ten der Geschlechter dagegen werden sich in durchaus
+verschiedener Richtung entwickeln und die Differenzierung in den
+Berufen wird infolgedessen nicht wie heute auf ihre
+k&ouml;rperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen
+Eigenschaften zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein.</p>
+
+<p>Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen
+zu den Thatsachen zur&uuml;ck. Da ist es nun notwendig ein
+wichtiges, weit ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten,
+das gro&szlig;enteils noch arg im Dunkel liegt: die
+Hausindustrie.</p>
+
+<p>Deutschland und Belgien geb&uuml;hrt bis jetzt das Verdienst,
+eine Statistik der Hausindustrie unternommen zu haben.
+Nat&uuml;rlich ist sie eine unvollkommene geblieben, weil gerade
+die in ihr besch&auml;ftigten Personen au&szlig;erordentlich schwer
+zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht angenommen werden kann,
+da&szlig; die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind, so ist der
+Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten Z&auml;hlungen
+in Deutschland insofern zuverl&auml;ssig, als ihre Methoden die
+gleichen waren. Es zeigt sich danach, da&szlig; die
+Hausindustriellen im allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind
+sie, nach den Angaben der Arbeiter, bei der Gewerbez&auml;hlung von
+476080 im Jahre 1882 auf 460085 im Jahre 1895, nach den Angaben der
+Unternehmer von 544980 auf 490711 zur&uuml;ckgegangen; die Betriebe
+dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie besch&auml;ftigen, sind
+von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der einzelnen
+Gewerbearten f&uuml;hrt jedoch zu dem Resultat, da&szlig; die
+Abnahme sich nicht auf alle gleichm&auml;&szlig;ig verteilt,
+da&szlig; vielmehr bedeutende Abnahmen auf der einen Seite von
+starken Zunahmen auf der anderen begleitet werden.<a name=
+"FNanchor_471"></a><a href="#Footnote_471"><sup>471</sup></a> Eine
+Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je nach der Verschiedenheit
+ihrer Entwicklung, f&uuml;hrt zu folgenden Resultaten:</p>
+
+<p>Gewerbearten mit Verminderungstendenz.</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Gewerbearten</th>
+<th colspan="2">Seit 1882 haben abgenommen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Betriebe um</th>
+<th>Personenzahl um</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zeugschmiede, Scherenschleifer, Feilenhauer</td>
+<td align="right">2006</td>
+<td align="right">4044</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Seiden- und Shoddyspinnerei</td>
+<td align="right">2037</td>
+<td align="right">2922</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Baumwollspinnerei</td>
+<td align="right">4067</td>
+<td align="right">3645</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Seidenweberei</td>
+<td align="right">20000</td>
+<td align="right">34381</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Leinenweberei</td>
+<td align="right">10660</td>
+<td align="right">14667</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Baumwollenweberei</td>
+<td align="right">18859</td>
+<td align="right">19089</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weberei von gemischten Waren</td>
+<td align="right">5811</td>
+<td align="right">4895</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strickerei und Wirkerei</td>
+<td align="right">7026</td>
+<td align="right">12768</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>H&auml;kelei und Stickerei</td>
+<td align="right">1251</td>
+<td align="right">549</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Posamentenfabrikation</td>
+<td align="right">73</td>
+<td align="right">2098</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strohhutfabrikation und Strohflechterei</td>
+<td align="right">4185</td>
+<td align="right">2836</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>N&auml;herinnen</td>
+<td align="right">12391</td>
+<td align="right">11502</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handschuhmacherei, Kravattenfabrikation</td>
+<td align="right">4087</td>
+<td align="right">3653</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<td>
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+<td>
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">92483</td>
+<td align="right">117049</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Gewerbearten mit Vermehrungstendenz.</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Gewerbearten</th>
+<th colspan="2">Seit 1882 haben zugenommen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Betriebe um</th>
+<th>Personenzahl um</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Grobschmiede</td>
+<td align="right">1394</td>
+<td align="right">2638</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schlosser</td>
+<td align="right">1126</td>
+<td align="right">2903</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stellmacher</td>
+<td align="right">986</td>
+<td align="right">1519</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Musikinstrumente</td>
+<td align="right">1383</td>
+<td align="right">1955</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Wollenweberei</td>
+<td align="right">645</td>
+<td align="right">4072</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gummi- und Haarflechterei</td>
+<td align="right">1712</td>
+<td align="right">889</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spitzenverfertigung und Wei&szlig;zeugstickerei</td>
+<td align="right">2091</td>
+<td align="right">5560</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sattlerei, Spielwaren aus Leder</td>
+<td align="right">1041</td>
+<td align="right">1673</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung grober Holzwaren</td>
+<td align="right">530</td>
+<td align="right">634</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tischlerei und Parkettfabrikation</td>
+<td align="right">3934</td>
+<td align="right">9338</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Korbmacherei</td>
+<td align="right">3903</td>
+<td align="right">6007</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Dreh- und Schnitzwaren</td>
+<td align="right">1805</td>
+<td align="right">3526</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakfabrikation</td>
+<td align="right">3400</td>
+<td align="right">6949</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schneiderei</td>
+<td align="right">17268</td>
+<td align="right">30106</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Konfektion</td>
+<td align="right">382</td>
+<td align="right">885</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Putzmacherei</td>
+<td align="right">376</td>
+<td align="right">96</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schuhmacherei</td>
+<td align="right">7099</td>
+<td align="right">7765</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;scherei</td>
+<td align="right">1353</td>
+<td align="right">2388</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<td>
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+<td>
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">50228</td>
+<td align="right">88883</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, da&szlig; diejenige Art
+der Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten
+handwerksm&auml;&szlig;igen Organisation angesehen werden kann, im
+allgemeinen im Absterben begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im
+ersten Augenblick &uuml;berraschend wirkt, die Zahl der
+N&auml;herinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen darauf
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, da&szlig; sie sich in
+Werkstatthausindustrielle umgewandelt haben. Das beweist folgende
+Zusammenstellung: Es wurden N&auml;herinnen gez&auml;hlt in
+Betrieben mit</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th></th>
+<th>zwei Personen</th>
+<th>drei bis f&uuml;nf Pers.</th>
+<th>sechs bis zehn Pers.</th>
+<th>zwei bis zehn Pers.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1882</td>
+<td align="right">6551</td>
+<td align="right">2321</td>
+<td align="right">793</td>
+<td align="right">9656</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1895</td>
+<td align="right">11514</td>
+<td align="right">9247</td>
+<td align="right">2456</td>
+<td align="right">23247</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Diese Tendenz zur Zusammenfassung der fr&uuml;her vereinzelt
+arbeitenden N&auml;herinnen in Werkst&auml;tten ist im wesentlichen
+auf die Wohnungsverh&auml;ltnisse zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die
+Ausgaben f&uuml;r Miete werden geringer, wenn der Arbeitsraum
+erspart und eine blo&szlig;e Schlafstelle daf&uuml;r eingetauscht
+wird.</p>
+
+<p>Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin
+besch&auml;ftigten Personen betrifft, so h&auml;ngt sie fast ohne
+Ausnahme mit der Entwicklung einer durchaus modernen Form der
+Hausindustrie zusammen, die zugleich die allein lebensf&auml;hige
+ist: die Werkstattarbeit mit dem Zwischenmeister, an der Spitze,
+der zwischen dem Verleger und dem Arbeiter die Vermittlung
+&uuml;bernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich diese
+Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in
+der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der
+Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark
+vertreten ist.</p>
+
+<p>Das Geschlechtsverh&auml;ltnis in der deutschen Hausindustrie
+ist von besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es
+zun&auml;chst die &uuml;bliche Meinung von einem Ueberwiegen der
+Frauen. Das Verh&auml;ltnis ist dieses:<a name=
+"FNanchor_472"></a><a href="#Footnote_472"><sup>472</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th colspan="2">1895</th>
+<th colspan="2">1882</th>
+<th colspan="2">1895</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>m&auml;nnliche</th>
+<th>weibliche</th>
+<th colspan="4">Von je 100 Hausindustriellen sind</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="2">Hausindustrielle</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">256131</td>
+<td align="center">201853</td>
+<td align="center">56,3</td>
+<td align="center">43,7</td>
+<td align="center">55,9</td>
+<td align="center">44,1</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine
+zuf&auml;llige oder vor&uuml;bergehende, sie h&auml;ngt vielmehr
+eng mit der ganzen modernen Entwicklung der Hausindustrie zusammen,
+die mit darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, da&szlig; der
+Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse machen
+will. Er sucht die billigsten Arbeitskr&auml;fte und
+st&ouml;&szlig;t dabei zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in
+welchen Arbeitszweigen die Zunahme der Frauenarbeit am
+st&auml;rksten war:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Gewerbearten</th>
+<th>1882</th>
+<th>1895</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="2">Von je 100 Hausindustriellen<br />
+sind weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>T&ouml;pferei</td>
+<td align="right">7,9</td>
+<td align="right">29,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Glasbl&auml;serei vor der Lampe</td>
+<td align="right">27,7</td>
+<td align="right">44,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gold- und Silberschl&auml;gerei</td>
+<td align="right">50,0</td>
+<td align="right">53,3</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gold- und Silberdrahtzieherei</td>
+<td align="right">80,3</td>
+<td align="right">86,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung von Spielwaren aus Metall, feinen Blei- und
+Zinnwaren</td>
+<td align="right">38,6</td>
+<td align="right">60,1</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Erzeugung von Metalllegierungen</td>
+<td align="right">13,3</td>
+<td align="right">35,8</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Blechwarenfabrikation</td>
+<td align="right">5,1</td>
+<td align="right">27,6</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Fabrikation von Weberei- und Spinnereimaschinen</td>
+<td align="right">30,5</td>
+<td align="right">37,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung von Bleistiften</td>
+<td align="right">65,8</td>
+<td align="right">83,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Leinenweberei</td>
+<td align="right">35,0</td>
+<td align="right">43,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Baumwollweberei</td>
+<td align="right">25,9</td>
+<td align="right">43,3</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weberei von gemischten Waren</td>
+<td align="right">18,7</td>
+<td align="right">33,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gummi- und Haarflechterei und -Weberei</td>
+<td align="right">60,6</td>
+<td align="right">81,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strickerei und Wirkerei</td>
+<td align="right">29,0</td>
+<td align="right">50,3</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Leinenbleicherei und -F&auml;rberei</td>
+<td align="right">19,4</td>
+<td align="right">50,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>F&auml;rberei und Bleicherei</td>
+<td align="right">19,7</td>
+<td align="right">21,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung von Papiermach&eacute;waren</td>
+<td align="right">42,0</td>
+<td align="right">50,0</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Buchbinderei und Kartonage</td>
+<td align="right">36,3</td>
+<td align="right">40,8</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sattlerei, Spielwaren aus Leder</td>
+<td align="right">32,7</td>
+<td align="right">44,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung von Dreh- und Schnitzwaren</td>
+<td align="right">6,7</td>
+<td align="right">13,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakfabrikation</td>
+<td align="right">30,3</td>
+<td align="right">45,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Putzmacherei</td>
+<td align="right">93,8</td>
+<td align="right">99,8</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hutmacherei und Filzwaren</td>
+<td align="right">34,8</td>
+<td align="right">36,3</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung von Korsetts</td>
+<td align="right">67,1</td>
+<td align="right">94,8</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, da&szlig; eine
+Verschiebung zu Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr
+vielen F&auml;llen dort stattfindet, wo es sich um alte,
+absterbende Formen der Hausindustrie handelt. Sie nimmt die
+verlassene, dem Untergang geweihte M&auml;nnerarbeit auf, und ist
+in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der Entwicklung.
+Den schlagendsten Beweis daf&uuml;r liefert die Textilindustrie.
+Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich
+ein R&uuml;ckgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen;
+allein von den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre
+1895 weniger gez&auml;hlt worden. Trotz dieses R&uuml;ckgangs zeigt
+die Frauenarbeit im Verh&auml;ltnis zur M&auml;nnerarbeit
+wesentliche Fortschritte. Sie verl&auml;ngert den Todeskampf der
+Textilhausindustrie. Der Umstand, da&szlig; dem Unternehmertum eine
+Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeil&auml;&szlig;t,
+gegen Hungerl&ouml;hne zu Hause zu arbeiten, verhindert die
+Entwicklung der Hausindustrie zur Gro&szlig;industrie, wie sie
+andernfalls heute schon m&ouml;glich w&auml;re. Das sehen wir unter
+anderem bei der Tabakfabrikation und der Buchbinderei und
+Kartonage. Der Maschinenbetrieb k&ouml;nnte an Stelle des
+Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer
+schlimmsten Form den Todessto&szlig; versetzen. Das gilt auch in
+beschr&auml;nkterem Ma&szlig;e von der N&auml;hmaschinenarbeit in
+jeder Form: die Einf&uuml;hrung motorisch betriebener
+N&auml;hmaschinen scheitert wesentlich an der Billigkeit weiblicher
+Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer h&ouml;chsten Vollendung, der
+mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige Gegner, der die
+Hausindustrie zu besiegen im st&auml;nde ist. Au&szlig;erhalb ihres
+Eroberungsgebiets giebt es keine f&uuml;hlbare Aufsaugung durch die
+Fabrik.<a name="FNanchor_473"></a><a href=
+"#Footnote_473"><sup>473</sup></a></p>
+
+<p>Unter den &uuml;brigen hier in Betracht kommenden L&auml;ndern
+hat zweifellos Oesterreich eine besonders hohe Zahl von
+Hausindustriellen zu verzeichnen. Es fehlt aber an einer
+zusammenfassenden Statistik. Neuerdings sind Spezialberichte der
+Gewerbeinspektoren erschienen, die aber noch nicht vollendet
+vorliegen. Der erste Band<a name="FNanchor_474"></a><a href=
+"#Footnote_474"><sup>474</sup></a> behandelt nur B&ouml;hmen und
+giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende
+Aufschl&uuml;sse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst
+die un&uuml;bersteiglichen Hindernisse, die einer genauen
+zahlenm&auml;&szlig;igen Darstellung entgegenstehen:
+Mi&szlig;trauen der Unternehmer sowohl wie der Arbeiter, die als
+den Zweck der Nachfragen eine sch&auml;rfere Besteuerung vermuten,
+Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter
+Gr&uuml;nde, die auch die deutsche Statistik als ungen&uuml;gend
+kennzeichnen lie&szlig;en. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser,
+hat eine Statistik aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren
+Heimarbeiter besch&auml;ftigt:</p>
+
+<p>Heimarbeiter im Budweiser Bezirk</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>m&auml;nnlich</th>
+<th>weiblich</th>
+<th>mithelfende Familienangeh&ouml;rige</th>
+<th>im ganzen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">5231</td>
+<td align="center">6107</td>
+<td align="center">4317</td>
+<td align="center">15655</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Zahl der Frauen &uuml;berwiegt danach die der M&auml;nner um
+fast tausend und ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter
+den "mithelfenden Familienangeh&ouml;rigen" sich neben den Kindern
+zweifellos mehr Frauen als M&auml;nner befinden. Besonders stark
+sind die Frauen in Oesterreich in der Spitzenindustrie, der
+Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der noch vielfach ganz
+im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei besch&auml;ftigt.
+An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische Berechnung
+der Br&uuml;nner Handelskammer, die auf einer Kombination der
+Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik
+beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller
+Arbeiter, feststellt<a name="FNanchor_475"></a><a href=
+"#Footnote_475"><sup>475</sup></a>, kann nur ungenau sein und
+bleibt jedenfalls hinter der Wirklichkeit zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und
+ihre zahlenm&auml;&szlig;ige Erfassung eine ganz
+unzuverl&auml;ssige. F&uuml;r die Frauen kommt im wesentlichen die
+Seiden- und die Spitzenindustrie, die N&auml;herei, Schneiderei,
+die Handschuhn&auml;herei und die Verfertigung der sogenannten
+Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rh&ocirc;ne wurden
+noch gegen 20000 Handwebst&uuml;hle f&uuml;r Seidenwaren
+gez&auml;hlt, die eine noch gr&ouml;&szlig;ere Zahl von Arbeitern
+f&uuml;r die erste Bearbeitung der rohen Seide zur Voraussetzung
+haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie
+besch&auml;ftigt vielleicht heute noch eine viertel Million
+Arbeiterinnen. In der Schneiderei besch&auml;ftigt allein Paris 72
+% Frauen, in der Handschuhn&auml;herei 57 %, in der Herstellung von
+Articles de Paris 80 %, fast lauter Hausindustrielle.</p>
+
+<p>England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der
+alten Form der Hausindustrie schon gr&uuml;ndlich aufger&auml;umt.
+Dagegen hat die moderne sich rasch entwickelt. Sie umfa&szlig;t
+haupts&auml;chlich die Konfektionsindustrie und die Schuhmacherei.
+Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie vollst&auml;ndig.
+F&uuml;r Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die
+Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die
+ihre Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von
+dem elendesten und schw&auml;chsten Menschenmaterial n&auml;hrt,
+das Europa abst&ouml;&szlig;t. Ueber ihre Zunahme giebt folgende,
+auf Illinois bez&uuml;gliche Tabelle Aufkl&auml;rung:<a name=
+"FNanchor_476"></a><a href="#Footnote_476"><sup>476</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th>Werkst&auml;tten</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>Kinder</th>
+<th>Im ganzen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1893</td>
+<td align="right">704</td>
+<td align="right">2611</td>
+<td align="right">3617</td>
+<td align="right">595</td>
+<td align="right">6823</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1894</td>
+<td align="right">1413</td>
+<td align="right">4469</td>
+<td align="right">5912</td>
+<td align="right">721</td>
+<td align="right">11101</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">1715</td>
+<td align="right">5817</td>
+<td align="right">7780</td>
+<td align="right">1307</td>
+<td align="right">14904</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">2378</td>
+<td align="right">6383</td>
+<td align="right">7181</td>
+<td align="right">1188</td>
+<td align="right">14752</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine
+raschere Zunahme als die M&auml;nnerarbeit, der gegen&uuml;ber sie
+auch absolut im Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres
+erkl&auml;rt sich teils aus der strengeren Handhabung der Gesetze,
+teils daraus, da&szlig; es sich bei den vorliegenden Zahlen nur um
+Werkst&auml;ttenarbeiter handelt, die vereinzelten Heimarbeiter
+dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die Gesetzgebung in
+die Werkst&auml;tten eingreift, wobei es sich fast immer um den
+Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich
+in die Heimarbeit zur&uuml;ckziehen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die belgische Berufsz&auml;hlung von 1896<a name=
+"FNanchor_477"></a><a href=
+"#Footnote_477"><sup>477</sup></a>&mdash;die erste, die sich hier
+mit der Frage besch&auml;ftigte&mdash;teilt alle Arbeiter in zwei
+gro&szlig;e Kategorien ein: 1.) Die in Fabriken, Werkst&auml;tten
+u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich zu Hause auf Rechnung von
+Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsth&auml;tig sind. Das
+hei&szlig;t mit anderen Worten, da&szlig; nur die eigentlichen
+Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen
+Ergebnisse der nach diesen Grunds&auml;tzen erfolgten Erhebung
+waren folgende:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2"></th>
+<th colspan="2">Es waren besch&auml;ftigt</th>
+<th rowspan="2">Von 100 Arbeitern<br />
+waren weiblich</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>In Fabriken, Werkst&auml;tten u.s.w.</td>
+<td align="right">588248</td>
+<td align="right">115981</td>
+<td align="center">16,47</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zu Hause</td>
+<td align="right">41689</td>
+<td align="right">77058</td>
+<td align="center">64,89</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen</td>
+<td align="right">629937</td>
+<td align="right">193039</td>
+<td align="center">23,43</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel
+bedeutender als die der M&auml;nner und betr&auml;chtlich
+gr&ouml;&szlig;er als der Anteil der Arbeiterinnen an der
+Fabrikarbeit im Verh&auml;ltnis zu dem der M&auml;nner. Die
+wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Spitzenarbeiterinnen</td>
+<td align="right">49158</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleiderkonfektion</td>
+<td align="right">7166</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handschuhfabrikation</td>
+<td align="right">3477</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strohflechterei f&uuml;r H&uuml;te</td>
+<td align="right">2611</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Wollenweberei und Spinnerei</td>
+<td align="right">2458</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Leinenweberei und Spinnerei</td>
+<td align="right">2383</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Strickerei</td>
+<td align="right">2376</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schuhmacherei</td>
+<td align="right">1437</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die gro&szlig;e Zahl der Spitzenarbeiterinnen f&auml;llt hier
+besonders ins Auge. Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr
+allergr&ouml;&szlig;ter Teil, n&auml;mlich &uuml;ber 47000, auf dem
+Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist aber jetzt
+schon eine gef&auml;hrliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum
+Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriest&auml;dte zu
+entv&ouml;lkern.</p>
+
+<p>Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die
+erwerbsth&auml;tigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein.
+Sie w&uuml;rde weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen
+gehen, wenn nicht gerade die Frauen sie z&auml;h am Leben
+erhielten, worin sie von den Unternehmern&mdash;allein die Zunahme
+der hausindustriellen Betriebe in Deutschland spricht
+daf&uuml;r&mdash;unterst&uuml;tzt werden. Die Gr&uuml;nde
+daf&uuml;r sind teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen,
+unter dem die an Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und
+die den aufkl&auml;renden Ideen den Zugang zu ihr
+verschlie&szlig;en, teils in dem Bestreben des profitgierigen
+Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsr&auml;umen,
+Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze
+zu umgehen. Beweis daf&uuml;r ist unter anderem, da&szlig; in dem
+industriell fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie
+den geringsten und in einem der zur&uuml;ckgebliebenen L&auml;nder
+z.B. in Oesterreich, allem Anschein nach den gr&ouml;&szlig;ten
+Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar hervor, da&szlig; die
+fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer
+gegenw&auml;rtigen Form nach und nach vernichten wird.</p>
+
+<p>Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine
+besondere Betrachtung: diejenigen n&auml;mlich, die in
+pers&ouml;nlichen oder h&auml;uslichen Diensten stehen, und zu
+denen, au&szlig;er den Dienstboten, die Aufwartefrauen, K&ouml;che
+etc., die W&auml;scherinnen und die Kellnerinnen geh&ouml;ren. Ihre
+Zahl ist folgende:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufsarten</th>
+<th>Deutschland</th>
+<th>Oesterreich</th>
+<th>England und Wales</th>
+<th>Vereinigte Staaten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>H&auml;usliche Dienstboten</td>
+<td align="right">1313957</td>
+<td align="right">424387</td>
+<td align="right">1386167</td>
+<td align="right">1302728</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Aufwartefrauen, K&ouml;che u.s.w.</td>
+<td align="right">182769</td>
+<td align="right">75533</td>
+<td align="right">124253</td>
+<td align="right">3444</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;scherinnen</td>
+<td align="right">129513</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">185246</td>
+<td align="right">216631</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kellnerinnen und Hotelbedienstete</td>
+<td align="right">302743</td>
+<td align="right">76083</td>
+<td align="right">87984</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir haben schon gesehen, da&szlig; die Zahl der Dienstboten fast
+&uuml;berall im R&uuml;ckgang begriffen ist. Vergleichen wir die
+Zahl der weiblichen Dienstboten im Verh&auml;ltnis zur
+Bev&ouml;lkerung, so ist das Resultat dieses:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th>Auf 100 Personen<br />
+der Bev&ouml;lkerung kamen<br />
+weibliche Dienstboten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="center">2,84</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="center">2,54</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="center">2,58</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1,78</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="center">2,69</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">2,28</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="center">1,75</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">1,97</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Frankreich</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="center">2,17</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">1,84</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="center">1,73</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika &uuml;berall
+eine Abnahme der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika
+f&auml;llt auch nicht schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von
+1880 ein ungemein niedriger war und der wachsende Reichtum eines
+Teils der Bev&ouml;lkerung eine Steigerung im Gefolge haben
+mu&szlig;te. Das Bild d&uuml;rfte sich wesentlich verschieben,
+sobald die Ergebnisse der Z&auml;hlung von 1900 vorliegen, denn das
+Verh&auml;ltnis der Zahl der Dienstboten zur Bev&ouml;lkerung
+h&auml;ngt nicht nur von deren pekuni&auml;ren Lage, von der Lust
+oder Unlust der M&auml;dchen zum Dienen ab, sondern sehr wesentlich
+auch von dem Umstand, welche Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft
+umfa&szlig;t. Je mehr sie, wie es z.B. in England und Frankreich
+besonders deutlich sichtbar ist, zusammenschrumpfen, desto mehr
+werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen werden sich die f&uuml;r
+gelegentliche Dienstleistungen ben&ouml;tigten au&szlig;er dem
+Hause wohnenden Hilfskr&auml;fte vermehren. Sie standen in
+folgendem Verh&auml;ltnis zur Bev&ouml;lkerung:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>L&auml;nder</th>
+<th>Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th>Auf 100 Personen<br />
+der Bev&ouml;lkerung kamen<br />
+au&szlig;erh&auml;usliche Dienstboten</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="center">0,26</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="center">0,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Oesterreich</td>
+<td align="center">1880</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="center">0,32</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">England und Wales</td>
+<td align="center">1881</td>
+<td align="center">0,47</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1891</td>
+<td align="center">0,55</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen
+Stand der Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf
+Zugeh&ouml;rigen ein sehr unbestimmter ist,&mdash;deshalb
+mu&szlig;ten die Zahlen f&uuml;r Frankreich und die Vereinigten
+Staaten ganz fortgelassen werden,&mdash;sondern weil sicher viele
+hierher Geh&ouml;rige unter "Lohnarbeit wechselnder Art",
+"Tagel&ouml;hner" etc. einbezogen worden sind. Eine starke
+Vermehrung hat auch die Zahl der Kellnerinnen und Hotelbediensteten
+erfahren, die sich aber nur f&uuml;r Deutschland feststellen
+l&auml;&szlig;t, wo sie 33 % betr&auml;gt. Es kann aber auch im
+allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und
+Restaurant-Personals angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit
+der Abnahme der Dienstboten und beweist auch ihrerseits, da&szlig;
+der Privathaushalt zu Gunsten des &ouml;ffentlichen im
+R&uuml;ckgang begriffen ist: Das Leben au&szlig;er dem Hause ist
+f&uuml;r einen gro&szlig;en Teil der Bev&ouml;lkerung immer mehr in
+Aufnahme gekommen.</p>
+
+<p>Eine au&szlig;erordentlich wichtige Seite der
+Arbeiterinnenfrage, deren Statistik freilich bisher im allgemeinen
+sehr unzureichend blieb, ist die Alters- und
+Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie gew&auml;hrt
+einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische
+Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und
+Reformpl&auml;ne nach dieser Richtung.</p>
+
+<p>Nun entspricht es sowohl hygienischen Grunds&auml;tzen, als den
+Prinzipien geistig-sittlicher Volkserziehung, da&szlig; die
+Erwerbsth&auml;tigkeit in ihrer heutigen aufreibenden Form nicht
+vor dem achtzehnten resp. dem zwanzigsten Lebensjahre einsetzen
+sollte. Betrachten wir daraufhin folgende Tabellen:</p>
+
+<p>Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td rowspan="7">Deutschland</td>
+<td>unter 20 Jahren</td>
+<td align="right">346</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>20-30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">314</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>30-40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">124</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>40-50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>50-60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">73</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>60-70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">39</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>70 Jahren und dar&uuml;ber</td>
+<td align="right">12</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="7">Oesterreich</td>
+<td>unter 20 Jahren</td>
+<td align="right">200</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21-30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">220</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>31-40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">182</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>41-50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">173</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>51-60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">135</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>61-70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">71</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>&uuml;ber 70&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">19</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="7">Frankreich</td>
+<td>unter 18 Jahren</td>
+<td align="right">141</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>18-24&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">209</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>25-34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">218</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>35-44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">152</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>45-54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">125</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>55-64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>65 Jahren und dar&uuml;ber</td>
+<td align="right">65</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen
+hierbei auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt!
+In Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich
+f&auml;llt die st&auml;rkste Beteiligung der Frauen an der
+proletarischen Arbeit in das einundzwanzigste bis drei&szlig;igste,
+in Frankreich in das f&uuml;nfundzwanzigste bis
+vierunddrei&szlig;igste Lebensjahr; wir haben also nach dieser
+Richtung hier die ges&uuml;ndesten Verh&auml;ltnisse vor uns.
+Andererseits aber sehen wir, da&szlig; vom vierzigsten Jahre ab in
+Deutschland die Frauenarbeit bedeutend abnimmt, w&auml;hrend sie in
+Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in Frankreich im
+vierundf&uuml;nfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und
+w&auml;hrend in Deutschland die &uuml;ber siebzigj&auml;hrigen
+Greisinnen 12 % der Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 %
+und Frankreich f&uuml;r die &uuml;ber
+f&uuml;nfundsechzigj&auml;hrigen gar 65 % auf. Im allgemeinen
+verteilt sich die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im
+Gegensatz zu Deutschland weit regelm&auml;&szlig;iger &uuml;ber das
+ganze Leben, hat daher, die starke Beteiligung der Greisinnen
+abgerechnet, einen normaleren Charakter angenommen. Noch deutlicher
+tritt uns die Altersgliederung der Arbeiterinnen entgegen, wenn wir
+sie im Verh&auml;ltnis zur weiblichen Bev&ouml;lkerung
+betrachten:</p>
+
+<p>Von je 1000 weiblichen Personen</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th></th>
+<th>im Alter von</th>
+<th>sind Arbeiterinnen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="7">Deutschland</td>
+<td>14-20 Jahren</td>
+<td align="right">397</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>20-30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">273</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>30-40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">136</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>40-50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">127</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>50-60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">127</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>60-70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">105</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>70 Jahren und dar&uuml;ber</td>
+<td align="right">57</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="7">Oesterreich</td>
+<td>11-20 Jahren</td>
+<td align="right">570</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21-30&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">685</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>31-40&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">577</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>41-50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">561</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>51-60&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">507</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>61-70&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">393</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>&uuml;ber 70&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">218</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="6">Frankreich</td>
+<td>unter 24 Jahren</td>
+<td align="right">517</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>25-34&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">324</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>35-44&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">256</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>45-54&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">237</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>55-64&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">245</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>65 Jahren und dar&uuml;ber</td>
+<td align="right">161</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller
+vierzehn- bis zwanzigj&auml;hrigen M&auml;dchen im Kampf ums Brot.
+Eine erschreckende Zahl! In Frankreich, wo der Vergleich nicht
+genauer durchgef&uuml;hrt werden konnte, weil zwar die
+Bev&ouml;lkerung nach f&uuml;nfj&auml;hrigen Altersperioden
+gegliedert wurde, man f&uuml;r die Berufsth&auml;tigen der
+j&uuml;ngeren Altersklassen aber eine andere Einteilung,
+n&auml;mlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis
+vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung s&auml;mtlicher
+Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine
+au&szlig;erordentlich hohe. Die gesteigerte Erwerbsth&auml;tigkeit
+f&auml;llt besonders f&uuml;r die Altersklasse zwischen dem
+f&uuml;nfundf&uuml;nfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre
+auf.</p>
+
+<p>Von noch gr&ouml;&szlig;erer Bedeutung f&uuml;r die Beurteilung
+der proletarischen Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes
+der Arbeiterinnen. Leider ist das vorliegende statistische Material
+insofern ganz ungen&uuml;gend, als die Darstellung des
+Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und der sozialen
+Schichtung zum Teil vollst&auml;ndig fehlt. Ein Vergleich zwischen
+den Z&auml;hlungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur
+f&uuml;r Deutschland m&ouml;glich, und zwar auch hier mit der
+Einschr&auml;nkung, da&szlig; im Jahre 1882 die Verwitweten, resp.
+Geschiedenen mit den Ledigen zusammengerechnet, w&auml;hrend sie
+1895 getrennt gez&auml;hlt wurden.</p>
+
+<p>Auf Grund der letzten Z&auml;hlungen stellt sich die Gliederung
+nach dem Familienstand folgenderma&szlig;en dar:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="3">Von je 1000 Arbeiterinnen waren</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>ledig</th>
+<th>verheiratet</th>
+<th>verwitwet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">702</td>
+<td align="right">215</td>
+<td align="right">83</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">424</td>
+<td align="right">446</td>
+<td align="right">130</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">649</td>
+<td align="right">206</td>
+<td align="right">145</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vereinigte Staaten</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">791</td>
+<td align="right">113</td>
+<td align="right">96</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Bei dieser Zusammenstellung f&auml;llt Oesterreich wieder
+besonders ins Auge, wo mehr verheiratete als ledige Frauen
+Arbeiterinnen sein sollen. Dieses Verh&auml;ltnis kann nicht allein
+dadurch erkl&auml;rt werden, da&szlig; bei der Z&auml;hlung die
+Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke
+war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine
+Ber&uuml;cksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der
+&ouml;sterreichischen Statistik f&uuml;hrt vielmehr zu dem
+merkw&uuml;rdigen Resultat, da&szlig; in der Landwirtschaft 2106618
+verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382 verheirateten Arbeitern
+aufgef&uuml;hrt werden! Um festzustellen, ob diese enorme Zahl
+verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der M&ouml;glichkeit liegt,
+m&uuml;&szlig;te man in Erfahrung bringen k&ouml;nnen, wo sich die
+Ehem&auml;nner dieser Frauen befinden. M&ouml;glich, da&szlig; die
+Gattinnen der Besitzer landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also
+unter der Rubrik der Selbst&auml;ndigen zu finden w&auml;ren, sich
+als Arbeiterinnen bezeichneten, immerhin k&ouml;nnte das f&uuml;r
+die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht zutreffen, da nur 1500000
+selbst&auml;ndige verheiratete Landwirte ihnen gegen&uuml;ber
+stehen, deren Frauen unm&ouml;glich fast alle Arbeiterinnen sein
+k&ouml;nnen. Es bleibt also nur noch &uuml;brig anzunehmen,
+da&szlig; Frauen von Industriearbeitern, die etwa neben der
+Hauswirtschaft ein kleines Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen
+eingetragen wurden. Diesen g&uuml;nstigsten Fall, und nicht, wie es
+nahe l&auml;ge, positive Fehler in der Erhebung selbst angenommen,
+scheint es klar zu sein, da&szlig; diese zwei Millionen
+verheirateter Landarbeiterinnen zu einem gro&szlig;en Teil nicht
+als Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden
+k&ouml;nnen. Auffallend bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der
+hohe Prozentsatz Verwitweter resp. Geschiedener in Oesterreich und
+Frankreich. Die Armut des Volks zwingt in Oesterreich eine
+besonders gro&szlig;e Zahl von Witwen zur Erwerbsarbeit,
+w&auml;hrend in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und
+eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einflu&szlig; auf die
+prozentuale Gestaltung des Familienstandes sind.</p>
+
+<p>Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verh&auml;ltnis zu dem der
+vorletzten Z&auml;hlungsperiode, so ergiebt sich f&uuml;r
+Deutschland folgendes:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2"></th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="2">Von 1000 Arbeiterinnen waren</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>ledig resp. verwitwet</th>
+<th>verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">827</td>
+<td align="right">173</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">785</td>
+<td align="right">215</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>In absoluten Zahlen ausgedr&uuml;ckt ist das Verh&auml;ltnis
+dieses:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2"></th>
+<th rowspan="2">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="2">Von 1000 Arbeiterinnen waren[A]</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>ledig resp. verwitwet</th>
+<th>verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Deutschland</td>
+<td align="center">1882</td>
+<td align="right">2433682</td>
+<td align="right">507784</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">2938283</td>
+<td align="right">807172</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="2">Zunahme:</th>
+<td align="right">504601</td>
+<td align="right">299388</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>[Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende
+"Von 1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.]</p>
+
+<p>F&uuml;r Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht
+m&ouml;glich. Dagegen liegt eine Spezialerhebung vor, die nicht
+ohne Wert f&uuml;r die vorliegende Frage ist.<a name=
+"FNanchor_478"></a><a href="#Footnote_478"><sup>478</sup></a> Ihre
+Resultate sind aus einer Enqu&ecirc;te gewonnen worden, die 1067
+verschiedene industrielle Betriebe in drei&szlig;ig verschiedenen
+Staaten mit 42990 m&auml;nnlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in
+der fr&uuml;heren Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380
+m&auml;nnlichen und 79987 weiblichen Arbeitern in der letzten (1895
+bis 96) umfa&szlig;te. Wir haben es also in beiden F&auml;llen mit
+ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten Staaten zu thun, wonach
+die Bedeutung der Ergebnisse sich ann&auml;hernd bewerten
+l&auml;&szlig;t. Sie waren folgende:</p>
+
+<p>Von 51539 Frauen waren 1885-86</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th colspan="2">Ledig</th>
+<th colspan="2">Verheiratet</th>
+<th colspan="2">Verwitwet</th>
+<th colspan="2">Geschieden</th>
+<th colspan="2">Unbekannt</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">32801</td>
+<td align="center">63,6</td>
+<td align="center">1357</td>
+<td align="center">2,6</td>
+<td align="center">498</td>
+<td align="center">1,0</td>
+<td align="center">4</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">16879</td>
+<td align="center">32,8</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Von 79987 Frauen waren 1895-96</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th colspan="2">Ledig</th>
+<th colspan="2">Verheiratet</th>
+<th colspan="2">Verwitwet</th>
+<th colspan="2">Geschieden</th>
+<th colspan="2">Unbekannt</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+<th>Absolut</th>
+<th>Proz.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">70921</td>
+<td align="center">88,7</td>
+<td align="center">6775</td>
+<td align="center">8,5</td>
+<td align="center">2011</td>
+<td align="center">2,5</td>
+<td align="center">36</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">244</td>
+<td align="center">0,3</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr
+eingeschr&auml;nkt, da&szlig; in der fr&uuml;heren
+Z&auml;hlungsperiode von fast einem Drittel aller Arbeiterinnen der
+Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der Augenschein
+daf&uuml;r spricht, da&szlig; die Verheirateten und die Verwitweten
+zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht
+aufzunehmen, da die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten
+Familienstandes im Jahr 1885 bis 1886 einen genauen Vergleich von
+vornherein ausschlie&szlig;t.</p>
+
+<p>F&uuml;r England sind wir auf noch unsicherere Zahlen
+angewiesen. Eine Z&auml;hlung des Familienstandes in Verbindung mit
+der Berufsth&auml;tigkeit und der sozialen Schichtung wurde weder
+1881 noch 1891 im Zusammenhang mit dem Zensus vorgenommen. Trotzdem
+ist der Versuch gemacht worden, auf Grund seiner Ergebnisse den
+Familienstand der Arbeiterinnen festzustellen.<a name=
+"FNanchor_479"></a><a href="#Footnote_479"><sup>479</sup></a> Zwei
+Angaben der Erhebungen bildeten die Anhaltspunkte f&uuml;r die
+Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl aller
+berufsth&auml;tigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen,
+wohl bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsth&auml;tigen
+&uuml;bertraf, gab die Differenz zwischen beiden Zahlen die
+Minimalzahl der verheirateten berufsth&auml;tigen Frauen an. Wenn
+auch dabei betont wird, da&szlig; es sich um Minimalzahlen handelt,
+so sind selbst diese von vornherein problematisch, weil doch ohne
+weiteres einzusehen ist, da&szlig; nirgends alle Ledigen
+berufsth&auml;tig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die
+Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten
+Arbeiterinnen konstatieren, h&ouml;chst fraglicher Natur. Nur
+neunzehn St&auml;dte sind von 61 mit &uuml;ber 50000 Einwohnern in
+Betracht gezogen worden, und die einzelnen Berechnungen weisen in
+ihrer Methode betr&auml;chtliche Fehler auf.<a name=
+"FNanchor_480"></a><a href="#Footnote_480"><sup>480</sup></a> Wir
+k&ouml;nnen uns daher nicht auf sie st&uuml;tzen und m&uuml;ssen
+die Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen
+lassen.</p>
+
+<p>Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den
+Berufsabteilungen?</p>
+
+<p>Folgende Tabelle beantwortet die Frage:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">L&auml;nder</th>
+<th rowspan="3">Z&auml;hlungsperiode</th>
+<th colspan="9">Von 1000 Arbeiterinnen waren in der</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="3">Landwirtschaft</th>
+<th colspan="3">Industrie</th>
+<th colspan="3">Handel</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>ledig</th>
+<th>verwitwet</th>
+<th>verheiratet</th>
+<th>ledig</th>
+<th>verwitwet</th>
+<th>verheiratet</th>
+<th>ledig</th>
+<th>verwitwet</th>
+<th>verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Deutschland</td>
+<td align="center">1895</td>
+<td align="right">671</td>
+<td align="right">91</td>
+<td align="right">238</td>
+<td align="right">751</td>
+<td align="right">81</td>
+<td align="right">168</td>
+<td align="right">763</td>
+<td align="right">36</td>
+<td align="right">201</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oesterreich</td>
+<td align="center">1890</td>
+<td align="right">419</td>
+<td align="right">63</td>
+<td align="right">518</td>
+<td align="right">663</td>
+<td align="right">96</td>
+<td align="right">241</td>
+<td align="right">511</td>
+<td align="right">201</td>
+<td align="right">288</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankreich</td>
+<td align="center">1896</td>
+<td align="right">714</td>
+<td align="right">88</td>
+<td align="right">199</td>
+<td align="right">629</td>
+<td align="right">74</td>
+<td align="right">297</td>
+<td align="right">340</td>
+<td align="right">232</td>
+<td align="right">428</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Das Bild, das sie uns vorf&uuml;hrt, ist kein einheitliches. Den
+st&auml;rksten Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland
+und Oesterreich in der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der
+Industrie auf. St&auml;rker als die Ledigen sind die Verheirateten
+in der Landwirtschaft Oesterreichs und im Handel Frankreichs
+vertreten, wo in beiden F&auml;llen auch die Verwitweten einen
+ungew&ouml;hnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten
+Verwitweten z&auml;hlt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft.
+Die meisten Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie
+in Oesterreich und die Landwirtschaft in Frankreich.</p>
+
+<p>Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem
+Familienstand, ihrem Beruf im Verh&auml;ltnis zu fr&uuml;heren
+Z&auml;hlungen betrifft, so kann hierbei nur Deutschland in
+Betracht kommen, weil die anderen Staaten keine so eingehende
+Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle kennzeichnet die Lage
+in Deutschland:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td></td>
+<th colspan="4">1882</th>
+<th colspan="4">1895</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td></td>
+<th colspan="2">verheiratet</th>
+<th colspan="2">nicht verheiratet</th>
+<th colspan="2">verheiratet</th>
+<th colspan="2">nicht verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Landwirtschaft</td>
+<td align="right">414189</td>
+<td align="right">18,39</td>
+<td align="right">1877671</td>
+<td align="right">81,61</td>
+<td align="right">567542</td>
+<td align="right">23,76</td>
+<td align="right">1820606</td>
+<td align="right">76,24</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie</td>
+<td align="right">69215</td>
+<td align="right">12,69</td>
+<td align="right">476014</td>
+<td align="right">87,31</td>
+<td align="right">166338</td>
+<td align="right">16,76</td>
+<td align="right">825964</td>
+<td align="right">83,24</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handel</td>
+<td align="right">24380</td>
+<td align="right">16,89</td>
+<td align="right">119997</td>
+<td align="right">83,11</td>
+<td align="right">73212</td>
+<td align="right">20,08</td>
+<td align="right">291713</td>
+<td align="right">79,92</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft
+und Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen.
+F&uuml;r die Landwirtschaft kann angenommen werden, da&szlig; eine
+st&auml;rkere Erfassung der mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat
+beigetragen hat. Die Zunahme der Verheirateten in der Industrie
+dagegen l&auml;&szlig;t sich nicht nur, wie es stets und fast
+ausschlie&szlig;lich geschieht, daraus erkl&auml;ren, da&szlig; zur
+Befriedigung der Bed&uuml;rfnisse der Familie der Verdienst des
+Mannes allein nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme
+der Arbeiterinnen &uuml;berhaupt. Es ist klar, da&szlig;, je mehr
+die Zahl der Arbeiterinnen w&auml;chst, die M&auml;nner desto mehr
+darauf angewiesen sind, bereits erwerbsth&auml;tige Frauen zu
+heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der Frau
+eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger h&auml;ufig tritt
+daher die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem
+au&szlig;erh&auml;uslichen Beruf in das Haus und das Familienleben
+zur&uuml;ck. Das alte Ideal des Familienlebens, dessen typisches
+Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verbla&szlig;t mehr
+und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der
+Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernat&uuml;rliches
+sehen. Im Volksbewu&szlig;tsein ist sie das nicht mehr. Und mit
+Recht. So wenig wie die Frauenarbeit &uuml;berhaupt eine
+beklagenswerte Erscheinung innerhalb der sozialen Entwicklung ist,
+so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen. Verderblich wirkt auch
+sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie vor sich geht.</p>
+
+<p>Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in
+welchen Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen
+th&auml;tig sind. Nach den letzten Z&auml;hlungen f&uuml;r
+Deutschland, Oesterreich und Nordamerika,&mdash;die Ergebnisse
+f&uuml;r Frankreich liegen im einzelnen noch nicht vor,&mdash;zeigt
+sich folgendes:</p>
+
+<p>Deutschland</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufsarten</th>
+<th>von 100 Arbeiterinnen<br />
+des betreffenden Berufs<br />
+sind verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Fleischerei</td>
+<td align="center">40,92</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ziegelei</td>
+<td align="center">30,01</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>B&auml;ckerei</td>
+<td align="center">29,45</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weberei</td>
+<td align="center">25,30</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tuchmacherei</td>
+<td align="center">24,94</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zubereitung v. Spinnstoffen</td>
+<td align="center">24,88</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakfabrikation</td>
+<td align="center">24,72</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lohnarbeit wechselnd. Art</td>
+<td align="center">19,55</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bleicherei, Appretur</td>
+<td align="center">18,59</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Oesterreich</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufsarten</th>
+<th>von 100 Arbeiterinnen<br />
+des betreffenden Berufs<br />
+sind verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verarbeitung von Eisen und Stahl</td>
+<td align="center">34,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verfertigung von Maschinen</td>
+<td align="center">33,98</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilindustrie</td>
+<td align="center">28,49</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie der Nahrungsmittel</td>
+<td align="center">24,77</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Vereinigte Staaten</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufsarten</th>
+<th>von 100 Arbeiterinnen<br />
+des betreffenden Berufs<br />
+sind verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;scherei</td>
+<td align="center">31,60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>H&auml;usliche Dienste</td>
+<td align="center">26,78</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Putzmacherei</td>
+<td align="center">17,66</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakfabrikation</td>
+<td align="center">16,53</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>B&auml;cker und Konditoren</td>
+<td align="center">12,95</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Baumwollenweber</td>
+<td align="center">12,59</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleiderkonfektion</td>
+<td align="center">12,23</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schuhmacher</td>
+<td align="center">11,36</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Daraus geht hervor, da&szlig; die verheirateten Arbeiterinnen
+besonders in der Textilindustrie besch&auml;ftigt sind.</p>
+
+<p>Nachstehende Tabelle bringt einen noch st&auml;rkeren Beweis
+daf&uuml;r:<a name="FNanchor_481"></a><a href=
+"#Footnote_481"><sup>481</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Industriezweige</th>
+<th>Land</th>
+<th>Z&auml;hlungsjahr</th>
+<th>Von 100 Arbeiterinnen<br />
+waren verheiratet</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="8">Baumwollindustrie</td>
+<td>Massachusetts</td>
+<td align="center">1885</td>
+<td align="right">14,9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lancashire and Cheshire</td>
+<td align="center">1894</td>
+<td align="right">22,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Burnley</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td align="right">30,3</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Blackburn</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td align="right">29,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stockport</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td align="right">26,3</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oldham</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td align="right">23,2</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bolton</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td align="right">12,6</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Wigan</td>
+<td>&nbsp;</td>
+<td align="right">5,7</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="6">Streichgarnindustrie</td>
+<td>Massachusetts</td>
+<td align="center">1885</td>
+<td align="right">14,6</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>England</td>
+<td align="center">1894</td>
+<td align="right">24,5</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gloucestershire und Somersetshire</td>
+<td align="center">1894</td>
+<td align="right">37,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>S&auml;chsische Bezirke Krimmitschau und Werdau</td>
+<td align="center">1892</td>
+<td align="right">31,3</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Am wertvollsten f&uuml;r die Beurteilung der Arbeit
+verheirateter Frauen je nach den Berufsarten sind die Ergebnisse
+der Untersuchungen der deutschen Gewerbeinspektoren f&uuml;r das
+Jahr 1899.<a name="FNanchor_482"></a><a href=
+"#Footnote_482"><sup>482</sup></a> Danach verteilen sich die
+Ehefrauen einschlie&szlig;lich der Verwitweten und Geschiedenen in
+folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Industriezweige</th>
+<th>Verheiratete Arbeiterinnen</th>
+<th>Von 100 verheirateten<br />
+Arbeiterinnen in dem betr.<br />
+Industriezweig besch&auml;ftigt.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bergbau-, H&uuml;tten-, Salinenwesen, Torfgr&auml;berei</td>
+<td align="right">1333</td>
+<td align="right">0,58</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie der Steine und Erden</td>
+<td align="right">19475</td>
+<td align="right">8,49</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Metallverarbeitung</td>
+<td align="right">10739</td>
+<td align="right">4,68</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate</td>
+<td align="right">4493</td>
+<td align="right">1,99</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Chemische Industrie</td>
+<td align="right">4380</td>
+<td align="right">1,91</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte</td>
+<td align="right">1162</td>
+<td align="right">0.51</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilindustrie</td>
+<td align="right">111194</td>
+<td align="right">48,49</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Papierindustrie</td>
+<td align="right">11049</td>
+<td align="right">4,82</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lederindustrie</td>
+<td align="right">2063</td>
+<td align="right">0,86</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie der Holz- und Schnitzstoffe</td>
+<td align="right">5635</td>
+<td align="right">2,46</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Industrie der Nahrungs- und Genu&szlig;mittel</td>
+<td align="right">39080</td>
+<td align="right">17,04</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe</td>
+<td align="right">13156</td>
+<td align="right">5,74</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Baugewerbe</td>
+<td align="right">141</td>
+<td align="right">0,06</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Polygraphische Gewerbe</td>
+<td align="right">4770</td>
+<td align="right">2,08</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sonstige Industriezweige</td>
+<td align="right">664</td>
+<td align="right">0,29</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td align="right">229334</td>
+<td align="right">100,00</td>
+<td align="right"></td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Fast die H&auml;lfte aller verheirateten Arbeiterinnen
+Deutschlands sind danach in der Textilindustrie besch&auml;ftigt.
+Ganz besonders interessant dabei ist, da&szlig; die
+Berufsz&auml;hlung von 1895 allein 38506 verheiratete und
+verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie z&auml;hlte,
+die h&ouml;chste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen
+&uuml;berhaupt; ihnen zun&auml;chst steht, wie nach den Ergebnissen
+der Gewerbeinspektorenberichte, die Berufsgruppe der Bekleidung und
+Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der Hausindustrie. Da in der
+gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete Frauen gez&auml;hlt
+wurden,&mdash;48 % aller weiblichen Hausindustriellen,&mdash;so
+sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie
+und in der Bekleidung und Reinigung th&auml;tig. Wir sehen daraus
+wieder, da&szlig; die Frauen, speziell die verheirateten, an das
+Haus gebundenen Frauen, den Fortschritt der Industrie zu
+h&ouml;heren Arbeitsprozessen merklich aufhalten. Wir sehen aber
+auch im allgemeinen, da&szlig; die verheirateten Arbeiterinnen sich
+noch intensiver, als die Arbeiterinnen &uuml;berhaupt, in wenige
+Berufsgruppen zusammendr&auml;ngen.</p>
+
+<p>Wenn es auch nicht m&ouml;glich war, f&uuml;r eine Reihe von
+L&auml;ndern das Wachstum der Arbeit verheirateter Frauen
+festzustellen, so l&auml;&szlig;t sich aus den fast &uuml;berall
+gleichen Vorbedingungen,&mdash;gesteigerte Bed&uuml;rfnisse und
+Zunahme der Frauenarbeit &uuml;berhaupt,&mdash;der Schlu&szlig;
+ziehen, da&szlig; jedenfalls von einem R&uuml;ckgang nicht die Rede
+sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar eine raschere sein
+d&uuml;rfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.</p>
+
+<p>Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und
+Eheverlassenen ist der Erw&auml;gung zu unterziehen. Ist es auf
+gr&ouml;&szlig;ere Not allein zur&uuml;ckzuf&uuml;hren? Meiner
+Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten h&auml;ufiger als
+fr&uuml;her,&mdash;im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre
+1895 41 % verheiratet;&mdash;da nun nichts die Kr&auml;fte der
+M&auml;nner fr&uuml;her ersch&ouml;pft als die proletarische
+Arbeit, und sie, bei der kolossalen Entwicklung, vor allem der
+Industrie immer mehr M&auml;nner&mdash;also auch kr&auml;nkliche
+und schwache&mdash;in Anspruch nimmt, so mu&szlig; die Zahl der
+verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer
+Umstand kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es
+ohne Hilfe der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen
+Geschlechts hat diese Entwicklung zweifellos unterst&uuml;tzt.
+Weder ist die Frau in dem Ma&szlig;e wie fr&uuml;her einfach
+infolge der t&auml;glichen Notdurft ihrer selbst und ihrer Kinder
+an den Mann als den Ern&auml;hrer gefesselt, noch f&uuml;hlt er
+selbst ihr gegen&uuml;ber ein so starkes
+Verantwortlichkeitsgef&uuml;hl wie einst. Auch das mag guten Seelen
+als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der weiblichen
+Erwerbsarbeit erscheinen, w&auml;hrend es, von einem h&ouml;heren
+Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt.
+Je selbst&auml;ndiger das Weib dem Manne gegen&uuml;bersteht, desto
+freier wird sie dem Zuge ihres Herzens folgen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den
+trockenen Zahlen entgegengetreten ist, mu&szlig; jedem, der nicht
+blind ist oder sein will, das Eine klar vor Augen f&uuml;hren:
+keine andere Erscheinung in der Neuzeit wirkt so revolutionierend
+wie sie. Ohne sie w&uuml;rde die Neugestaltung des wirtschaftlichen
+und sozialen Lebens, wie die Arbeiterklasse sie anstrebt, eine
+Illusion bleiben. Denn sie legt die Axt an die Wurzeln der alten
+Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, dieses konservativste
+Element im V&ouml;lkerleben, zu einem strebenden und denkenden
+Menschen; sie allein ist seine gro&szlig;e Emanzipatorin, die sie
+aus der Sklaverei zur Freiheit emporf&uuml;hrt.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="6_Die_Lage_der_Arbeiterinnen_in_der_Gegenwart" />6.
+Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.</h2>
+
+<a name="6_1" />
+<h3>Die Gro&szlig;industrie.</h3>
+
+<p>Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute
+die Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in
+ihr eine Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend
+eines Galeerenstr&auml;flings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die
+sie dazu gestalten.</p>
+
+<p>Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, f&uuml;r
+den er seine Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie
+sich die Bestreitung der notwendigen Lebensbed&uuml;rfnisse zu den
+Einnahmen verh&auml;lt, m&uuml;&szlig;te man sich auf eingehende,
+nach Staaten, nach Stadt- und Landbezirken, nach allen Zweigen der
+verschiedenen Industrien, und sogar nach Jahreszeiten
+differenzierte Untersuchungen st&uuml;tzen k&ouml;nnen. Das ist
+leider unm&ouml;glich. Nicht nur, da&szlig; die vorhandene
+Lohnstatistik statt genauer Einzelangaben, meist
+Durchschnittszahlen oder approximative Bestimmungen enth&auml;lt,
+sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, da&szlig; ihre
+Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als
+der Ausgangspunkt unumst&ouml;&szlig;licher Erkenntnisse gelten
+k&ouml;nnen. Noch schlimmer steht es um die Feststellung der
+Ausgaben f&uuml;r die notwendigen Lebensbed&uuml;rfnisse. Was an
+Angaben dar&uuml;ber zu finden ist, erscheint um so
+unzuverl&auml;ssiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs
+feststeht. Und doch m&uuml;&szlig;te die Statistik der
+Lebensbed&uuml;rfnisse die selbstverst&auml;ndliche Erg&auml;nzung
+der Lohnstatistik sein, da die blo&szlig;e Angabe der H&ouml;he der
+L&ouml;hne uns &uuml;ber die Lage des Arbeiters nicht im mindesten
+aufkl&auml;rt. Er kann z.B. in einem Dorfe S&uuml;d-Frankreichs von
+demselben Lohn ausk&ouml;mmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not
+leiden m&uuml;&szlig;te. Aber nicht nur die Verschiedenheit der
+Lebensmittel- und Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch
+das verschiedene Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei k&auml;me es
+nicht nur auf Vergleiche etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit
+tagaus tagein Polenta essenden Italiener und dem Maschinenbauer
+Englands an, der an eine reichliche Fleischkost gew&ouml;hnt ist,
+sondern auf viel feinere und eingehendere zwischen den
+Arbeiterschichten desselben Landes: was der eine nicht im mindesten
+vermi&szlig;t, das ist dem anderen schon eine schwer empfundene
+Entbehrung.</p>
+
+<p>F&uuml;r unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger.
+Denn zur Beurteilung der Arbeiterinnenl&ouml;hne w&auml;re es neben
+den genannten Gesichtspunkten notwendig, sie mit den
+M&auml;nnerl&ouml;hnen zu vergleichen, und zwar nicht im
+allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige
+Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar
+Versuche der Art, sie sind aber unzul&auml;nglich. Nehmen wir z.B.
+an, da&szlig; unter der Rubrik Papierkartons M&auml;nner- und
+Frauenl&ouml;hne verglichen werden, so ist das Resultat nichts als
+eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es k&ouml;nnte nur dann
+Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der daran
+geleisteten Arbeit pr&auml;zisiert w&uuml;rde. Auch genauere
+Bezeichnungen, wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht
+aus, da es zur Beurteilung der Lohnh&ouml;he von m&auml;nnlichen
+und weiblichen Arbeitern darauf ank&auml;me, welche Sorten Westen
+gesteppt werden. Aber noch ein anderes kommt hinzu: Die Lage der
+Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig beurteilt werden, wenn
+sich feststellen l&auml;&szlig;t, ob ihr Lohn wirklich die
+Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Erg&auml;nzung eines
+anderen Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des
+Vaters etc. Auch das ist nur in gewissem Umfang m&ouml;glich.</p>
+
+<p>Alle diese Einschr&auml;nkungen vorausgeschickt, k&ouml;nnen wir
+uns daher nur auf Untersuchungen st&uuml;tzen, die den Wert von
+Stichproben haben, ohne &uuml;ber das ganze Gebiet volle Klarheit
+zu verschaffen.</p>
+
+<p>Was bei der Betrachtung der Frauenl&ouml;hne zun&auml;chst in
+die Augen f&auml;llt, ist ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit
+der sie sich steigern. Die deutsche Untersuchung von 1876
+konstatierte Wocheneinnahmen von Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk.
+an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr h&auml;ufig vor, w&auml;hrend
+solche von 12 bis h&ouml;chstens 19 Mk. schon als eine gro&szlig;e
+Seltenheit bezeichnet wurden.<a name="FNanchor_483"></a><a href=
+"#Footnote_483"><sup>483</sup></a> Um dieselbe Zeit wurde f&uuml;r
+die Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, da&szlig;
+besonders t&uuml;chtige Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen
+k&ouml;nnten, die weniger t&uuml;chtigen aber bei 5 bis
+h&ouml;chstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.<a name=
+"FNanchor_484"></a><a href="#Footnote_484"><sup>484</sup></a> Aber
+auch in j&uuml;ngster Zeit geh&ouml;ren L&ouml;hne der Art
+keineswegs zu den Ausnahmen. So erreichten in Stuttgart die
+H&auml;lfte aller Arbeiterinnen nur einen Wochenverdienst bis zu 9
+Mk.<a name="FNanchor_485"></a><a href=
+"#Footnote_485"><sup>485</sup></a>, und in der Berliner
+Papierwarenindustrie traf f&uuml;r 56 % dasselbe zu.<a name=
+"FNanchor_486"></a><a href="#Footnote_486"><sup>486</sup></a> In
+Wien haben sich bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enqu&ecirc;te
+&auml;hnliche Verh&auml;ltnisse herausgestellt. In der Papier- und
+in der Textilindustrie wurden die niedrigsten Wochenl&ouml;hne mit
+1 fl. 50 kr. angegeben, w&auml;hrend 4 bis 5 fl. f&uuml;r die
+gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn angesehen
+wurde.<a name="FNanchor_487"></a><a href=
+"#Footnote_487"><sup>487</sup></a> In Fabriken B&ouml;hmens fanden
+sich sogar Frauenl&ouml;hne von 1 fl. w&ouml;chentlich, und
+&uuml;ber die H&auml;lfte der Arbeiterinnen verdienten 2 fl. 25 kr.
+bis 3 fl. 25 kr.<a name="FNanchor_488"></a><a href=
+"#Footnote_488"><sup>488</sup></a> F&uuml;r Frankreich wurden
+Jahreseinnahmen der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und&mdash;am
+h&auml;ufigsten&mdash;250 frs. festgestellt.<a name=
+"FNanchor_489"></a><a href="#Footnote_489"><sup>489</sup></a>
+Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie Wochenl&ouml;hne
+von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 frs.
+auf.<a name="FNanchor_490"></a><a href=
+"#Footnote_490"><sup>490</sup></a> In England, wo im allgemeinen
+die Lage der Arbeiterinnen eine bessere zu sein scheint, ist das
+Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, immer noch ein sehr tiefes. So
+verdienten z.B. in den Schneiderfabriken Dudleys und in den
+Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen unter 6 sh.
+w&ouml;chentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der gro&szlig;en
+Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12
+sh., nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % &uuml;ber 18 sh. die
+Woche.<a name="FNanchor_491"></a><a href=
+"#Footnote_491"><sup>491</sup></a> In Nordamerika, wo der
+Durchschnittsfrauenlohn in 22 gro&szlig;en St&auml;dten 5,24 $
+betr&auml;gt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar
+nichts Seltenes.<a name="FNanchor_492"></a><a href=
+"#Footnote_492"><sup>492</sup></a> Dabei mu&szlig;, wie
+&uuml;berhaupt bei allen Enqueten &uuml;ber Frauenarbeit, besonders
+denen mittelst Fragebogen, in Betracht gezogen werden, da&szlig;
+nur die intelligentesten, die eigentlichen
+Elitearbeiterinnen,&mdash;im vorliegenden Fall nur 7 % aller
+Befragten,&mdash;antworten und richtig antworten. Die gro&szlig;e
+Masse wird nicht erfa&szlig;t.</p>
+
+<p>Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von
+Lohntabellen bes&auml;&szlig;en, sie w&uuml;rden nichts als
+eindruckslose Zahlen f&uuml;r uns bleiben, wenn wir ihnen nicht die
+entsprechenden der M&auml;nnerl&ouml;hne gegen&uuml;berstellen
+k&ouml;nnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material daf&uuml;r, es
+erweist sich nur bei n&auml;herer Betrachtung zum gro&szlig;en Teil
+als unzureichend. So findet sich z.B., da&szlig; in den
+oberels&auml;ssischen Spinnereien in den achtziger Jahren die
+m&auml;nnlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. t&auml;glich
+verdienten, die weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser
+Unterschied beginnt sogar schon bei den arbeitenden Kindern; die
+m&auml;nnlichen Geschlechts verdienten 40 Pf. bis 1,20 Mk., die
+weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. F&uuml;r die Webereien
+galt das gleiche: w&auml;hrend die Tageseinnahmen der M&auml;nner
+3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall
+einen Lohn von 2,40 Mk.<a name="FNanchor_493"></a><a href=
+"#Footnote_493"><sup>493</sup></a> In den Mannheimer Fabriken wurde
+festgestellt, da&szlig; 56 % der M&auml;nner 15 bis 25 Mk. in der
+Woche verdienten, 71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 %
+der M&auml;nner konnten sogar auf einen Verdienst von &uuml;ber 35
+Mk. rechnen, w&auml;hrend nur 0,08 % Frauen die h&ouml;chste
+Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.<a name="FNanchor_494"></a><a
+href="#Footnote_494"><sup>494</sup></a> Nach einer Zusammenstellung
+f&uuml;r Gro&szlig;britannien, die sich auf 110 Fabriken mit 17430
+Arbeitern bezieht, und f&uuml;r Massachusetts, die 210 Fabriken mit
+35902 Arbeitern umfa&szlig;t und im ganzen 24 verschiedene
+Industrien in sich schlie&szlig;t, gestalten sich die
+Lohnverh&auml;ltnisse f&uuml;r beide Geschlechter
+folgenderma&szlig;en:<a name="FNanchor_495"></a><a href=
+"#Footnote_495"><sup>495</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td></td>
+<th colspan="2">Grossbritannien</th>
+<th colspan="2">Massachusetts</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td></td>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td></td>
+<th>$</th>
+<th>$</th>
+<th>$</th>
+<th>$</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Durchschnittlicher h&ouml;chster Wochenlohn</td>
+<td align="right">11,36</td>
+<td align="right">4,10</td>
+<td align="right">25,41</td>
+<td align="right">8,57</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;"&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
+niedrigster &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;"</td>
+<td align="right">4,72</td>
+<td align="right">2,27</td>
+<td align="right">7,09</td>
+<td align="right">4,62</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;"&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
+Wochenlohn</td>
+<td align="right">8,26</td>
+<td align="right">3,37</td>
+<td align="right">11,85</td>
+<td align="right">6,09</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist,
+wie wir sehen, der Unterschied zwischen M&auml;nner- und
+Frauenl&ouml;hnen ein au&szlig;erordentlich betr&auml;chtlicher. In
+all diesen F&auml;llen fragt es sich nun aber, welche Art von
+Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage unbeantwortet
+bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der
+L&ouml;hne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres
+Licht ger&uuml;ckt wird die Frage durch folgende Angaben: In der
+Berliner Kontobuchindustrie stanzen M&auml;nner und Frauen Titel
+auf der Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000
+St&uuml;ck, die Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen,
+haben einen Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche
+Arbeit verrichten, 12 bis 15 Mk.<a name="FNanchor_496"></a><a href=
+"#Footnote_496"><sup>496</sup></a> Die m&auml;nnlichen Ketten- und
+Karabinermacher in der Bijouterieindustrie Badens erreichen einen
+Maximalwochenverdienst von 26,74 Mk., die weiblichen einen von
+17,98 Mk., die m&auml;nnlichen Drahtzieher, Presser und Aushauer in
+derselben Industrie verdienen im besten Fall 26,18 Mk., die
+weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.<a name="FNanchor_497"></a><a href=
+"#Footnote_497"><sup>497</sup></a> Die Marmorpoliererinnen an den
+Niagara-Marmorbr&uuml;chen in Nord-Amerika verdienen 4,80 $ bis 8 $
+die Woche, ihre m&auml;nnlichen Kollegen 9 bis 18 $ f&uuml;r
+dieselbe Arbeit.<a name="FNanchor_498"></a><a href=
+"#Footnote_498"><sup>498</sup></a> Aber auch dieses speziellere
+Eingehen auf die Arbeitsverrichtungen der M&auml;nner und Frauen
+l&auml;&szlig;t insofern noch keine allgemeineren Schl&uuml;sse zu,
+als, mit Ausnahme der Arbeiter an der Vergolderpresse, nicht
+feststeht, welche Arbeitsleistung den L&ouml;hnen zu Grunde liegt.
+Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B. langsamer,
+als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger Ketten
+oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr
+geringerer Lohn durchaus erkl&auml;rlich. Es mu&szlig; daher Zeit-
+und St&uuml;cklohn auseinander gehalten werden, um ein Resultat der
+Vergleiche zu erm&ouml;glichen. Die umfangreiche franz&ouml;sische
+Lohnstatistik liefert die beste Grundlage f&uuml;r diese
+Untersuchung.<a name="FNanchor_499"></a><a href=
+"#Footnote_499"><sup>499</sup></a> Folgende Tabelle giebt
+zun&auml;chst eine Uebersicht &uuml;ber die Lohnverh&auml;ltnisse
+in solchen Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark
+beteiligt ist, die sie aber nicht beherrscht:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Gewerbeart</th>
+<th rowspan="3">Zeit oder St&uuml;cklohn</th>
+<th colspan="3">M&auml;nner</th>
+<th colspan="3">Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Niedr. Tagelohn</th>
+<th>H&ouml;chst Tagelohn</th>
+<th>Durchschnitts- Tagel.</th>
+<th>Niedr. Tagelohn</th>
+<th>H&ouml;chst Tagelohn</th>
+<th>Durchschnitts- Tagel.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Papierfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Maschinenpapier- herstellung</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">----</td>
+<td align="center">1,25</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">----</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Appreteur</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">2,35</td>
+<td align="center">0,75</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">1,45</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kouvertfalzung</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">4,25</td>
+<td align="center">2,55</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lumpensortierer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zuschneider von Cigarettenpapier</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">4,45</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Kartonage:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lackierer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">0,50</td>
+<td align="center">6,50</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">0,50</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">2,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Druckerei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Typographen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">----</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">----</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lithographen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">----</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">----</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Setzer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">3,30</td>
+<td align="center">1,00</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Gummischuhfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zuschneider</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">5,50</td>
+<td align="center">3,85</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">3,75</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Montiere</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">2,85</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">2,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sohlenarbeiter</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">4,25</td>
+<td align="center">5,75</td>
+<td align="center">4,90</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Lacklederfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Polierer</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">4,25</td>
+<td align="center">4,10</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,10</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Stiefelfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Montierer</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">4,75</td>
+<td align="center">1,25</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">1,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Handschuhfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Dresseur</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">4,25</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">3,25</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sehen zun&auml;chst daraus, da&szlig; sich in der
+niedrigsten Lohnstufe vielfach nicht nur gleiche L&ouml;hne
+f&uuml;r M&auml;nner und Frauen, sondern sogar zuweilen h&ouml;here
+Frauenl&ouml;hne vorfinden, in der h&ouml;chsten dagegen
+differieren sie zum gr&ouml;&szlig;ten Teil wieder bedeutend. Und
+die Ursache? Die Statistik des vorigen Abschnitts hat &uuml;ber die
+Altersgliederung der Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschlu&szlig;
+gegeben und es hat sich dabei herausgestellt, da&szlig; die
+st&auml;rkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der
+proletarischen Arbeit in die j&uuml;ngsten Jahrg&auml;nge
+f&auml;llt, mit anderen Worten: zu einer Zeit, wo der
+m&auml;nnliche Arbeiter in seinem Fach die h&ouml;chste
+Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die
+Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den R&uuml;cken gekehrt. Die
+Frauen bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter
+Arbeiter stehen und k&ouml;nnen daher auch die h&ouml;chste
+Lohnstufe nicht erreichen. Einen weiteren Beweis hierf&uuml;r
+bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in denen der
+h&ouml;chste Lohnsatz der M&auml;nner von den Frauen fast erreicht,
+ja sogar &uuml;bertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in
+der Gummischuh- und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle
+drei Arbeitsf&auml;cher haben ge&uuml;bte, also &auml;ltere
+Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche weiblichen Geschlechts
+vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung entsprechend, ohne
+Ber&uuml;cksichtigung des Geschlechts. Noch sch&auml;rfer
+beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die L&ouml;hne
+in solchen Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als
+Frauenberufe dargestellt haben, und in denen die gr&ouml;&szlig;te
+Mehrzahl der verheirateten, also der &auml;lteren Frauen,
+besch&auml;ftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus derselben
+Statistik ist besonders charakteristisch:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Gewerbearten</th>
+<th rowspan="3">Zeit- oder St&uuml;cklohn</th>
+<th colspan="3">M&auml;nner</th>
+<th colspan="3">Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Niedr. Tagelohn</th>
+<th>H&ouml;chst. Tagelohn</th>
+<th>Durchschnittl. Tagel.</th>
+<th>Niedr. Tagelohn</th>
+<th>H&ouml;chst. Tagelohn</th>
+<th>Durchschnittl. Tagel.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+<th>frs.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Leinenspinnerei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spinner</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,15</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Hanfweberei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,25</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">1,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Tuchfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">2,60</td>
+<td align="center">1,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">1,85</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kardierer</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">3,25</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">2,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kardierer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">2,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Leinenweberei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,55</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Netzstrickerei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Netzstricker</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">1,75</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Baumwollspinnerei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&auml;mmer</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,10</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,10</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kn&uuml;pfer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,45</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,15</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spuler</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,25</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,60</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Haspler</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spinner</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spinner</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">5,25</td>
+<td align="center">4,80</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">4,25</td>
+<td align="center">4,10</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Packer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Baumwollweberei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">3,25</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">2,60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">4,25</td>
+<td align="center">2,55</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,25</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">3,25</td>
+<td align="center">2,20</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">3,25</td>
+<td align="center">2,20</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,05</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,05</td>
+<td align="center">2,00</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">2,20</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Wollk&auml;mmerei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&auml;mmer</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">2,70</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">2,25</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Wollweberei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">4,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">3,05</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">5,50</td>
+<td align="center">4,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Tuchfabrikation:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">2,60</td>
+<td align="center">1,00</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">1,85</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kardierer</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">5,00</td>
+<td align="center">3,25</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">2,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kardierer</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">3,75</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">2,35</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>F&auml;rber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">2,40</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,25</td>
+<td align="center">1,60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Seidenweberei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">2,20</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">2,20</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">3,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">2,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">4,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">3,00</td>
+<td align="center"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">1,65</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Sammetweberei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weber</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">3,10</td>
+<td align="center">2,50</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">3,00</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bandweber</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">3,65</td>
+<td align="center">3,50</td>
+<td align="center">4,50</td>
+<td align="center">3,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="8">Mechanische Stickerei:</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sticker</td>
+<td align="center">Zeit</td>
+<td align="center">0,75</td>
+<td align="center">1,25</td>
+<td align="center">0,95</td>
+<td align="center">0,75</td>
+<td align="center">1,25</td>
+<td align="center">0,95</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sticker</td>
+<td align="center">St&uuml;ck</td>
+<td align="center">2,75</td>
+<td align="center">6,00</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">1,50</td>
+<td align="center">1,75</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast
+durchgehende Gleichheit der M&auml;nner- und Frauenl&ouml;hne, aber
+es zeigt sich zu gleicher Zeit, da&szlig; die Frauenl&ouml;hne
+nicht etwa auf der H&ouml;he der M&auml;nnerl&ouml;hne stehen,
+sondern da&szlig; vielmehr die M&auml;nnerl&ouml;hne eher die
+Tendenz haben, zum Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine
+amerikanische Statistik wiederholt dasselbe Bild:<a name=
+"FNanchor_500"></a><a href="#Footnote_500"><sup>500</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Gewerbeart</th>
+<th colspan="2">Durchschnittlicher<br />
+ Wochenlohn</th>
+<th colspan="2">Vorkommender<br />
+ Wochenlohn</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>H&ouml;chster</th>
+<th>Niedrigster</th>
+<th>H&ouml;chster</th>
+<th>Niedrigster</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>M&auml;nnliche Maschinenstricker</td>
+<td align="right">7,50</td>
+<td align="right">6,00</td>
+<td align="right">12,00</td>
+<td align="right">4,39</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weibliche &nbsp;&nbsp;&nbsp; "&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">7,00</td>
+<td align="right">5,20</td>
+<td align="right">13,87</td>
+<td align="right">3,15</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>M&auml;nnliche Baumwollenweber</td>
+<td align="right">5,91</td>
+<td align="right">5,11</td>
+<td align="right">10,20</td>
+<td align="right">2,20</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weibliche &nbsp;&nbsp;&nbsp; "&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">5,76</td>
+<td align="right">4,83</td>
+<td align="right">10,00</td>
+<td align="right">1,80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>M&auml;nnliche Flanellweber</td>
+<td align="right">8,55</td>
+<td align="right">7,39</td>
+<td align="right">12,00</td>
+<td align="right">3,45</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Weibliche &nbsp;&nbsp;&nbsp; "&nbsp;&nbsp;&nbsp; "</td>
+<td align="right">7,00</td>
+<td align="right">5,60</td>
+<td align="right">9,99</td>
+<td align="right">3,41</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Eine Zusammenstellung der L&ouml;hne besonders geschickter
+englischer Baumwollweber beiderlei Geschlechts best&auml;tigt
+unsere Auffassung gleichfalls:<a name="FNanchor_501"></a><a href=
+"#Footnote_501"><sup>501</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+<th>M&auml;nner</th>
+<th>Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>sh.</th>
+<th>sh.</th>
+<th>sh.</th>
+<th>sh.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21,7</td>
+<td>21,4</td>
+<td>19,5</td>
+<td>19,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>22,2</td>
+<td>20,11</td>
+<td>19,7</td>
+<td>19,0</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21,11</td>
+<td>20,9</td>
+<td>19,2</td>
+<td>18,11</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21,0</td>
+<td>20,8</td>
+<td>19,8</td>
+<td>18,4</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>21,5</td>
+<td>20,4</td>
+<td>22,2</td>
+<td>17,11</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Ziehen wir zum Vergleich nur einige L&ouml;hne in
+ausschlie&szlig;lichen M&auml;nnerberufen heran: Die
+Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau nehmen
+w&ouml;chentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der
+Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die
+Typographen verdienen zwischen 29 und 40 sh., w&auml;hrend die
+L&ouml;hne der Baumwollweber zwischen 18 und 30 sh., die der
+Wollenweber zwischen 10 und 24 sh. schwanken.<a name=
+"FNanchor_502"></a><a href="#Footnote_502"><sup>502</sup></a></p>
+
+<p>Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, da&szlig;
+Industrien mit hohen L&ouml;hnen Monopole der M&auml;nner sind<a
+name="FNanchor_503"></a><a href="#Footnote_503"><sup>503</sup></a>,
+aber nur deshalb, weil es sich dabei um Arbeitsarten handelt,
+f&uuml;r die die M&auml;nner ihrer ganzen k&ouml;rperlichen und
+geistigen Disposition nach haupts&auml;chlich bef&auml;higt und in
+der sie lange th&auml;tig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die
+besonders zahlreiche Arbeiterinnen besch&auml;ftigen, denen die
+Frauen schon gewisserma&szlig;en durch die Tradition
+angeh&ouml;ren, weisen niedrige Lohns&auml;tze auf, und wo
+M&auml;nner und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie
+zusammen nur wenig mehr, wie M&auml;nner in den Industrien
+verdienen, wo sie allein arbeiten.<a name="FNanchor_504"></a><a
+href="#Footnote_504"><sup>504</sup></a></p>
+
+<p>Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die niedrige Entlohnung der
+Frauenarbeit und ihre allgemeine lohndr&uuml;ckende Tendenz sind
+damit aber noch nicht gegeben. Man ist im allgemeinen gewohnt, hier
+ohne viel Ueberlegung mit dem Schlagwort von dem Konkurrenzkampf
+zwischen den m&auml;nnlichen und weiblichen Arbeitern zu operieren,
+weil man von den b&uuml;rgerlichen Berufssph&auml;ren her gewohnt
+ist, M&auml;nner und Frauen als Lehrer, Journalisten,
+Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte in genau
+denselben Arbeitsgebieten th&auml;tig zu sehen, und annimmt,
+da&szlig; dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft.
+Thats&auml;chlich sind die Verh&auml;ltnisse hier ganz andere und
+in gewi&szlig; 9/10 industrieller Arbeiten findet eine scharfe
+Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt. Selbst in den
+Industrien, wo M&auml;nner und Frauen scheinbar mit v&ouml;llig
+gleicher Arbeit besch&auml;ftigt werden, giebt es Unterschiede in
+der Art der Ausf&uuml;hrung.<a name="FNanchor_505"></a><a href=
+"#Footnote_505"><sup>505</sup></a> So bekamen z.B. in einer
+Glasgower Druckerei die weiblichen Setzer f&uuml;r 1000 Typen um 2
+p. weniger als die m&auml;nnlichen, weil sie nicht die
+vollst&auml;ndige Arbeit bew&auml;ltigen k&ouml;nnen, sie
+bed&uuml;rfen zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der
+M&auml;nner und k&ouml;nnen bei schwereren Druckarbeiten nicht
+besch&auml;ftigt werden.<a name="FNanchor_506"></a><a href=
+"#Footnote_506"><sup>506</sup></a> In der Londoner
+Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in
+der Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein St&uuml;ck Stoff,
+w&auml;hrend M&auml;nner zwei auf einmal schneiden k&ouml;nnen. In
+der englischen T&ouml;pferei f&uuml;llen Frauen, infolge ihrer
+geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der Zeichnungen mit Farbe
+aus, w&auml;hrend M&auml;nner die schwierigere Arbeit machen.<a
+name="FNanchor_507"></a><a href="#Footnote_507"><sup>507</sup></a>
+In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen w&ouml;chentlich nur
+9000, M&auml;nner aber 13000 St&uuml;ck.<a name=
+"FNanchor_508"></a><a href="#Footnote_508"><sup>508</sup></a> In
+den Seidenwebereien Derbys erreichen die M&auml;nner einen
+h&ouml;heren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur einen Webstuhl
+bedienen.<a name="FNanchor_509"></a><a href=
+"#Footnote_509"><sup>509</sup></a> Vielfach sind die M&auml;nner
+auch an schwereren Webst&uuml;hlen besch&auml;ftigt.<a name=
+"FNanchor_510"></a><a href="#Footnote_510"><sup>510</sup></a> In
+italienischen Webereien, wo sie an gleichen St&uuml;hlen arbeiten,
+leisten die Frauen bedeutend weniger, und in der Handweberei zeigt
+sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, da&szlig; sie gen&ouml;tigt
+sind, auf das Muster zu sehen, w&auml;hrend die M&auml;nner mehr
+nach dem Ged&auml;chtnis arbeiten.<a name="FNanchor_511"></a><a
+href="#Footnote_511"><sup>511</sup></a> In der franz&ouml;sischen
+Papier- und Lederfabrikation, f&uuml;r die wir in der Tabelle
+[oben] betr&auml;chtliche Lohnunterschiede konstatierten, findet
+eine fast durchgehende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
+statt. Die Arbeit an den Vergolderpressen der Berliner
+Kontobuchfabrikation ist insofern auch eine verschiedene f&uuml;r
+M&auml;nner und Frauen, als diese die kleineren und jene die
+gro&szlig;en Sachen pressen.<a name="FNanchor_512"></a><a href=
+"#Footnote_512"><sup>512</sup></a> In der Pforzheimer
+Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den M&auml;dchen die
+leichteren Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten
+zu.<a name="FNanchor_513"></a><a href=
+"#Footnote_513"><sup>513</sup></a></p>
+
+<p>Die Niedrigkeit der L&ouml;hne weiblicher Arbeiter ist daher zu
+einem wesentlichen Teil auf ihre Inferiorit&auml;t in der
+Handfertigkeit und in der Produktionskraft, die sich manchmal in
+Bezug auf die Quantit&auml;t, manchmal in Bezug auf die
+Qualit&auml;t &auml;u&szlig;ert, zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die
+L&ouml;hne f&uuml;r die au&szlig;erordentlich seltene identische
+Arbeit, sondern die f&uuml;r gleichwertige Arbeit miteinander
+vergleichen, so zeigt sich auch hier, da&szlig; der Verdienst der
+Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der M&auml;nner. Ich
+brauche nur an all die F&auml;lle zu erinnern, wo, infolge
+technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der M&auml;nner
+treten, z.B. in der englischen T&ouml;pferei, wo sie um den halben
+Preis dieselbe Arbeit machen, als fr&uuml;her die Arbeiter, oder an
+die L&ouml;hne in den speziellen Frauenberufen, etwa der
+Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der H&ouml;he jeder
+m&auml;nnlichen in speziellen M&auml;nnerberufen steht. Diese
+traurige Thatsache hat leider so viele Ursachen, da&szlig; man fast
+daran verzweifeln k&ouml;nnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen.
+Die wichtigste liegt in dem dilettantischen Charakter der
+weiblichen Arbeit &uuml;berhaupt. Das M&auml;dchen erfa&szlig;t sie
+nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern sieht in
+ihr&mdash;so wenig es auch zutreffen mag&mdash;eine
+Durchgangsstation zur Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht
+unter allen Umst&auml;nden die Verpflichtung, sich selbst&auml;ndig
+zu machen, sie findet vielfach in der Familie noch einen
+R&uuml;ckhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran, einen
+gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert
+einen st&auml;rkeren Beweis hierf&uuml;r, als der Umstand,
+da&szlig; die Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnh&ouml;he
+erreicht haben, wie keine andere Gruppe ihrer
+Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben durch eine fast schon
+ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht von Arbeiterinnen
+herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst nimmt, wie der
+Mann und f&auml;hig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein
+ausgepr&auml;gtes Klassenbewu&szlig;tsein besitzt. Freilich haben
+sie ihre Erhebung zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen
+Umst&auml;nde zu verdanken: sie haben nicht mehr gegen jenen Feind
+anzuk&auml;mpfen, der die Masse der Arbeiterinnen am Emporkommen in
+ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist nicht der Mann
+gemeint,&mdash;er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit weit
+weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der
+b&uuml;rgerlichen,&mdash;sondern vielmehr der Amateurarbeiter des
+eigenen Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen
+Zuschu&szlig; zum Verdienst des Mannes erwerben will.
+Amateurarbeiter sind alle diejenigen, die nur ein Taschengeld
+verdienen wollen, alle diejenigen ferner, die in den
+Zwischenr&auml;umen h&auml;uslicher Besch&auml;ftigungen Arbeit um
+jeden Preis &uuml;bernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen
+in dem Hexenzirkel, wo niedrige L&ouml;hne zu schlechter Arbeit und
+schlechte Arbeit zu niedrigen L&ouml;hnen f&uuml;hren, krampfhaft
+festhalten.</p>
+
+<p>In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch
+gemeint, die verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu
+m&uuml;ssen.<a name="FNanchor_514"></a><a href=
+"#Footnote_514"><sup>514</sup></a> Die Vergn&uuml;gungssucht, die
+Luxusbed&uuml;rfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen, die
+h&auml;uslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb dr&auml;ngen
+sich die Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren h&auml;uslichen
+Pflichten nachzugehen,&mdash;so jammert man. An Material, um diese
+Behauptung zu beweisen, fehlte es bisher ebenso, wie an solchem, um
+sie zu entkr&auml;ften. Erst auf Grund einer Resolution des
+Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die
+Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage
+beauftragt, und es stellte sich &uuml;bereinstimmend heraus<a name=
+"FNanchor_515"></a><a href="#Footnote_515"><sup>515</sup></a>,
+da&szlig; der weitaus gr&ouml;&szlig;te Teil der verheirateten
+Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen ist.
+Selbstverst&auml;ndlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen
+oder eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen,
+aber auch von den Frauen, deren sogenannter Ern&auml;hrer mit ihnen
+lebt, ist diese Thatsache sogar vielfach zahlenm&auml;&szlig;ig
+konstatiert worden; so hat sich die Notlage als Veranlassung der
+Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen f&uuml;r 71 % in Mainz
+f&uuml;r 73 % in Niederbayern f&uuml;r 74 %, in Plauen f&uuml;r 75
+% in Lothringen f&uuml;r 83 % in Aachen f&uuml;r 88 % in Schleswig
+f&uuml;r 97 % aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen dar&uuml;ber
+angestellt wurden,&mdash;unbegreiflicherweise hat man
+vers&auml;umt, den Beamten dahingehende allgemeine Direktiven zu
+geben,&mdash;zeigte es sich, da&szlig; die Ehem&auml;nner dieser
+Frauen fast ausschlie&szlig;lich ungelernte Tagel&ouml;hner oder
+solche Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der
+Textilindustrie, th&auml;tig sind, also ganz unzul&auml;ngliche
+Einnahmen haben. Von 78 Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur
+zwanzig brauchbare Angaben &uuml;ber den Verdienst der
+Ehem&auml;nner gemacht, die in folgender Tabelle von mir
+zusammengestellt wurden:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Bezirk</th>
+<th>Anteil der Ehem&auml;nner<br />
+in Prozenten</th>
+<th>Wochenlohn<br />
+der Ehem&auml;nner</th>
+<th>Anteil der Frauen<br />
+in Prozenten</th>
+<th>Wochenlohn<br />
+der Frauen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Danzig</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">10-20 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">5-10 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Elbing</td>
+<td align="center">3</td>
+<td align="center">unter 5 "</td>
+<td align="center">47</td>
+<td align="center">7 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">25</td>
+<td align="center">" 10 "</td>
+<td align="center">53</td>
+<td align="center">10,76 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">71</td>
+<td align="center">" 15 "</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Berlin- Charlottenburg</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">durchschnittlich: 19,50 Mk.<br />
+von 12-30 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oppeln</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">6,72-11 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">3,60-7,51 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Magdeburg</td>
+<td rowspan="3" align="center">--</td>
+<td rowspan="3" align="center">--</td>
+<td align="center">25</td>
+<td align="center">unter 7 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">50</td>
+<td align="center">7-8 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">17</td>
+<td align="center">&uuml;ber 9 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Erfurt</td>
+<td align="center">75</td>
+<td align="center">9-17 Mk.</td>
+<td align="center">50</td>
+<td align="center">3-7 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">25</td>
+<td align="center">17-20 "</td>
+<td align="center">33</td>
+<td align="center">8-10 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center"></td>
+<td align="center"></td>
+<td align="center">17</td>
+<td align="center">11-20 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schleswig</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">unter 20 "</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">7,5-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="4">Hannover</td>
+<td rowspan="4" align="center">--</td>
+<td rowspan="4" align="center">--</td>
+<td align="center">2</td>
+<td align="center">unter 6 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">24</td>
+<td align="center">6-9 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">48</td>
+<td align="center">9-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">26</td>
+<td align="center">&uuml;ber 12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="4">Aachen</td>
+<td rowspan="4" align="center">--</td>
+<td rowspan="4" align="center">--</td>
+<td align="center">20</td>
+<td align="center">4-8 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">47</td>
+<td align="center">8-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">25</td>
+<td align="center">12-16 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">8</td>
+<td align="center">&uuml;ber 16 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="5">Oberbayern</td>
+<td align="center">13</td>
+<td align="center">nichts oder nicht ermittelt</td>
+<td align="center">4</td>
+<td align="center">6 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">6</td>
+<td align="center">9-12 Mk.</td>
+<td align="center">38</td>
+<td align="center">6-9 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">11</td>
+<td align="center">12-15 "</td>
+<td align="center">44</td>
+<td align="center">9-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">51</td>
+<td align="center">15-20 "</td>
+<td align="center">11</td>
+<td align="center">12-15 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">19</td>
+<td align="center">20 Mr. u. dar&uuml;ber</td>
+<td align="center">3</td>
+<td align="center">&uuml;ber 15 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oberpfalz u. Regensb.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">6-22 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">6,60-9,50 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Mittelfranken</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">Im Durchschnitt: 18,50 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">Im Durchschnitt: 8,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&uuml;rttemberg I</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">Im Durchschnitt: 10,74 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&uuml;rttemberg II</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">Im Durchschnitt: 10,00 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Darmstadt</td>
+<td rowspan="3" align="center">--</td>
+<td rowspan="3" align="center">--</td>
+<td align="center">59</td>
+<td align="center">2-6 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">35</td>
+<td align="center">6-10 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">6</td>
+<td align="center">10-18 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="4">Gie&szlig;en</td>
+<td align="center">0,4</td>
+<td align="center">nichts</td>
+<td rowspan="4" align="center">--</td>
+<td rowspan="4" align="center">Im Durchschnitt: 7,80 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">10</td>
+<td align="center">4-10 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">76</td>
+<td align="center">12-16 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">10</td>
+<td align="center">18-24 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="5">Bremen</td>
+<td align="center">19</td>
+<td align="center">9-13 "</td>
+<td align="center">26</td>
+<td align="center">5-9 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">24</td>
+<td align="center">13-15 "</td>
+<td align="center">26</td>
+<td align="center">9-10 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">15</td>
+<td align="center">16-17 "</td>
+<td align="center">41</td>
+<td align="center">10-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">34</td>
+<td align="center">18-20 "</td>
+<td align="center">4</td>
+<td align="center">12-14 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">8</td>
+<td align="center">21-30 "</td>
+<td align="center">3</td>
+<td align="center">14-16 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Unterelsa&szlig;</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">10,80-16,80 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">6-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oberelsa&szlig;</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">Im Durchschnitt: 15 Mk.</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Lothringen</td>
+<td align="center">40</td>
+<td align="center">9-12 "</td>
+<td align="center">13</td>
+<td align="center">3-6 Mk</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">50</td>
+<td align="center">16-20 "</td>
+<td align="center">71</td>
+<td align="center">7-12 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">10</td>
+<td align="center">22 Mk. u. dar&uuml;ber</td>
+<td align="center">26</td>
+<td align="center">13-24 "</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Nur in einem Bezirk,&mdash;in Gie&szlig;en,&mdash;und auch hier
+nur f&uuml;r eine Industrie, hat man eine Zusammenstellung der
+thats&auml;chlichen Familieneinnahmen gemacht; danach erreichten 53
+der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen mit ihren M&auml;nnern
+einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65 Mk., 23 weniger
+geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk.
+durchschnittlich.<a name="FNanchor_516"></a><a href=
+"#Footnote_516"><sup>516</sup></a> Es handelt sich auch hier um
+einen Beruf mit sehr starker Frauenbeteiligung.</p>
+
+<p>Sehr h&auml;ufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten,
+da&szlig; es sich bei den Ehem&auml;nnern der Fabrikarbeiterinnen
+um Arbeitsscheue, Trunkenbolde und Liederliche handelte, die ihren
+Verdienst zum allergr&ouml;&szlig;ten Teil f&uuml;r sich selbst
+verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ern&auml;hren
+lie&szlig;en. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet
+ist, die moralische Entr&uuml;stung &uuml;ber das Verhalten der
+Gatten ein klein wenig einzud&auml;mmen: Sie haben sich vor der Ehe
+an eine verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hohe Lebenshaltung
+gew&ouml;hnt, da sie den Lohn allein f&uuml;r sich verbrauchen
+konnten, und es geh&ouml;rt ein Grad von Charakterst&auml;rke dazu,
+nach der Heirat die Lebensbed&uuml;rfnisse mehr und mehr
+herabzuschrauben, zu dem nur ernst angelegte Naturen f&auml;hig
+sein k&ouml;nnen. Aber auch dort, wo eine direkte Notlage nicht
+vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in die Fabriken
+treibt: in fast allen jungen Proletarierehen m&uuml;ssen die
+Schulden f&uuml;r die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt
+werden; ist das vorbei, so m&ouml;chten gerade die Ordentlichsten
+einen Notgroschen zur&uuml;cklegen k&ouml;nnen, was vom Verdienst
+des Mannes allein nicht m&ouml;glich ist; die M&uuml;tter&mdash;und
+zwar gerade die besten&mdash;m&ouml;chten f&uuml;r ihre Kinder
+etwas er&uuml;brigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die &uuml;ber
+das t&auml;gliche Brot und die Schlafstelle hinausliegen,
+geh&ouml;rt meiner Ansicht nach in dieses Gebiet. Oder ist es etwa
+nicht Not, wenn die Proletarierfamilie tagaus tagein, Sommer und
+Winter nichts sieht, als ihr dumpfes Arbeiterviertel und ihre
+staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach frischer Luft und
+freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so vermessen?
+Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach
+&uuml;ber dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein
+schm&uuml;ckt und erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die
+Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr f&uuml;r
+den Fortschritt ihrer geistigen und seelischen Entwicklung, als
+f&uuml;r deren Niedergang. Ihre Wirkung aber ist, wenn wir
+zun&auml;chst die auf die L&ouml;hne in Betracht ziehen, keine
+erfreuliche. In Industrien mit starker Besch&auml;ftigung
+verheirateter Frauen sind nicht nur die M&auml;nnerl&ouml;hne
+besonders niedrig, auch die L&ouml;hne der alleinstehenden Frauen
+sind nichts weniger als ausreichend, weil die Verheirateten den
+Ertrag ihrer Arbeit nicht als die alleinige Grundlage ihrer
+Existenz ansehen, sondern nur als eine notwendige Erg&auml;nzung
+des m&auml;nnlichen Einkommens, Die Steigerung des m&auml;nnlichen
+Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, da&szlig; er nicht mehr
+die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit
+verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des
+unzureichenden Einkommens der M&auml;nner und sie ist einer der
+Steine, die den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren
+Zust&auml;nden im Wege liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren
+Anfang wir erst stehen, wird diese lohndr&uuml;ckende Tendenz
+dauernd versch&auml;rfen und zwar um so mehr, je mehr die
+verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine
+Ausnahmestellung, nicht nur ihren m&auml;nnlichen, sondern auch
+ihren alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegen&uuml;ber
+einnehmen.</p>
+
+<p>Eine Beurteilung der Lohnverh&auml;ltnisse kann aber nur dann zu
+richtigen Resultaten f&uuml;hren, wenn einerseits die Kaufkraft des
+Geldes, andererseits die Bed&uuml;rfnisse der Lohnarbeiter in
+Betracht gezogen werden. F&uuml;r beides fehlt es an ausreichendem
+Material und auch das vorhandene ist ungen&uuml;gend. Im
+allgemeinen wird f&uuml;r die hier in Betracht kommenden
+europ&auml;ischen Staaten angenommen werden k&ouml;nnen, da&szlig;
+im Laufe des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt
+resp. verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.<a
+name="FNanchor_517"></a><a href="#Footnote_517"><sup>517</sup></a>
+Die L&ouml;hne der Arbeiterinnen in der Gro&szlig;industrie sind in
+derselben Zeit teils um ein Drittel, teils um die H&auml;lfte
+gestiegen<a name="FNanchor_518"></a><a href=
+"#Footnote_518"><sup>518</sup></a>, die Bed&uuml;rfnisse dagegen,
+deren Wachstum sich nat&uuml;rlich zahlenm&auml;&szlig;ig nicht
+feststellen l&auml;&szlig;t, haben im Verh&auml;ltnis weit rascher
+zugenommen, obwohl gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten
+Fortschritte gemacht hat. Wenn schon bei dieser ganz
+&auml;u&szlig;erlichen Betrachtung ein Defizit unvermeidlich ist,
+so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur Zeit des hier
+angenommenen Ausgangspunktes,&mdash;dem Anfang des 19.
+Jahrhunderts,&mdash;das Mi&szlig;verh&auml;ltnis zwischen Einnahmen
+und Ausgaben bei den weiblichen Arbeitern noch
+unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig stark war. Selbst den
+g&uuml;nstigsten Fall angenommen, da&szlig; sowohl die
+Lebensbed&uuml;rfnisse als die L&ouml;hne um die H&auml;lfte
+gestiegen sind, bleibt dieses urspr&uuml;ngliche
+Mi&szlig;verh&auml;ltnis nicht nur unver&auml;ndert bestehen, es
+steigert sich auch noch infolge der erh&ouml;hten Bed&uuml;rfnisse,
+und infolge der schwer ins Gewicht fallenden Thatsache, da&szlig;
+die industrielle Entwicklung den verschiedenen Arbeitszweigen mehr
+und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdr&uuml;ckt. Die
+Maschine erm&ouml;glicht eine kolossale Produktivit&auml;t in einem
+kurzen Zeitraum und wirft eine gro&szlig;e Zahl von Arbeiterinnen
+nach Monaten fieberhafter Th&auml;tigkeit f&uuml;r Wochen
+mitleidslos aufs Pflaster, w&auml;hrend andere sich starke
+Lohnreduktionen gefallen lassen m&uuml;ssen. Die Arbeiterin, die
+sich schon in der lebhaften Zeit nur m&uuml;hsam durchschlagen
+kann, steht in der stillen der bittersten Not gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>Einige Beispiele m&ouml;gen das Gesagte illustrieren.
+Vorausgeschickt sei, da&szlig; im allgemeinen die Ern&auml;hrung
+weiblicher Arbeiter 4/5 dessen ausmacht, was m&auml;nnliche
+daf&uuml;r gebrauchen; gehen wir von dem Bek&ouml;stigungsbudget
+der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro Tag und Mann
+rechnet, so w&auml;ren ca. achtzig Pfennige f&uuml;r arbeitende
+Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf,
+da&szlig; die Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im
+gro&szlig;en f&uuml;r die ausgesetzte Summe eine weit bessere und
+reichlichere Bek&ouml;stigung zu bieten vermag, als die Arbeiterin
+sie sich f&uuml;r ihr Geld schaffen kann. F&uuml;r eine
+Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete gefordert,
+ein m&ouml;bliertes Zimmer,&mdash;das sehnlichst ertr&auml;umte
+Ideal all der armen Heimatlosen!&mdash;ist kaum unter f&uuml;nfzehn
+bis zwanzig Mark zu haben. Das Mindeste also, was eine
+alleinstehende Arbeiterin w&ouml;chentlich f&uuml;r Kost und
+Wohnung ausgeben mu&szlig;, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes
+Zimmer, so mu&szlig; sie allein zehn Mark f&uuml;r Logis und
+Ern&auml;hrung ansetzen. Nun stellt sich der durchschnittliche
+Wochenverdienst der gew&ouml;hnlichsten Arbeiterinnen in zwanzig
+deutschen Gro&szlig;st&auml;dten auf 8,70 Mk.<a name=
+"FNanchor_519"></a><a href="#Footnote_519"><sup>519</sup></a> Es
+blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend
+ern&auml;hren wollen und nicht in der eigenen Familie wohnen
+k&ouml;nnen, ca. 78 Pf. w&ouml;chentlich f&uuml;r alle &uuml;brigen
+Lebensbed&uuml;rfnisse&mdash;Kleidung, W&auml;sche etc.
+Inbegriffen&mdash;&uuml;brig! Dabei ist die Voraussetzung noch die,
+da&szlig; die Wocheneinnahme sich das ganze Jahr &uuml;ber gleich
+bleiben m&uuml;&szlig;te, w&auml;hrend thats&auml;chlich im
+g&uuml;nstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen
+regelm&auml;&szlig;igen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt
+aber auch eine ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja
+die nur drei bis sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei
+den niedrigsten Lohns&auml;tzen angenommen werden kann, da&szlig;
+es sich meist um jugendliche Arbeiterinnen, die vielfach bei den
+Eltern wohnen, handelt, so bleiben, wie die Ergebnisse vieler
+Untersuchungen beweisen, noch viele &uuml;brig, die bei solch einem
+Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt noch
+zahlreiche Ungl&uuml;ckliche, die eine alte Mutter, oder ein armes
+vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem
+Wochenlohn von neun bis zw&ouml;lf Mark, dem &uuml;blichsten
+f&uuml;r deutsche Arbeiterinnen, und einer Jahreseinnahme von 430
+bis 570 Mk.,&mdash;die schon als eine sehr hohe angesehen werden
+mu&szlig;,&mdash;wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen
+170 Mk. f&uuml;r alle &uuml;brigen Ausgaben &uuml;brig
+bleiben,&mdash;lebt die Arbeiterin in unaufh&ouml;rlichem Kampf mit
+Not und Verschuldung. Dieselben Zust&auml;nde wiederholen sich
+&uuml;berall, wo die Industrie, der gro&szlig;e Eroberer,
+eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat.</p>
+
+<p>In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich
+keine Erholung, kein Vergn&uuml;gen g&ouml;nnt, niemals krank wird
+und niemanden zu unterst&uuml;tzen hat, gerade auskommen. 60 %
+arbeitender Frauen Wiens verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es
+kommen L&ouml;hne von 1 fl. 80 kr. bis 3 fl. noch immer h&auml;ufig
+genug vor<a name="FNanchor_520"></a><a href=
+"#Footnote_520"><sup>520</sup></a>, w&auml;hrend die arbeitslose
+Zeit f&uuml;r sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen
+werden mu&szlig;. Das mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum
+Leben braucht, ist eine Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.<a
+name="FNanchor_521"></a><a href="#Footnote_521"><sup>521</sup></a>,
+unter einer t&auml;glichen Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste
+Elend und erst von 4 frs. an beginnt ein gesichertes Leben f&uuml;r
+die Alleinstehende<a name="FNanchor_522"></a><a href=
+"#Footnote_522"><sup>522</sup></a>, dabei geh&ouml;ren
+Tagel&ouml;hne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen,
+und auf unfreiwillige Ferien mu&szlig; sich jede Arbeiterin
+gefa&szlig;t machen.</p>
+
+<p>Durch vier Auskunftsmittel,&mdash;eins f&uuml;rchterlicher als
+das andere,&mdash;sucht die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu
+begegnen: Ueberarbeit, Unterern&auml;hrung, schlechte Wohnung und
+Prostitution. Die Ueberarbeit wird dadurch m&ouml;glich, da&szlig;
+sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit nach Hause nimmt,
+wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende Leben zu
+erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt, zu dem
+im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten,
+Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als
+n&ouml;tig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die
+Unterern&auml;hrung aussieht, daf&uuml;r giebt es Beispiele genug.
+Eine Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann
+h&ouml;chstens 40 bis 50 Pf. f&uuml;r ihre t&auml;gliche
+Bek&ouml;stigung ausgeben,<a name="FNanchor_523"></a><a href=
+"#Footnote_523"><sup>523</sup></a> Sie lebt von
+Cichorienbr&uuml;he, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig
+kraftloser Suppe, Wurst oder Hering<a name="FNanchor_524"></a><a
+href="#Footnote_524"><sup>524</sup></a>; Fleisch und Gem&uuml;se,
+das, wenn &uuml;berhaupt, in minimalen Quantit&auml;ten genossen
+wird, ist meist von so schlechter Qualit&auml;t, da&szlig; von
+einem gen&uuml;genden N&auml;hrwert gar nicht die Rede sein kann.
+Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen
+Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu
+k&ouml;nnen. So genie&szlig;en die meisten Wiener Arbeiterinnen
+nichts als dreimal des Tages Kaffee und Brot und abends ein
+St&uuml;ck Wurst; sie verderben sich den Magen, wenn sie einmal
+kr&auml;ftigere Nahrung zu sich nehmen!<a name=
+"FNanchor_525"></a><a href="#Footnote_525"><sup>525</sup></a> Und
+um f&uuml;r die an sich schon mangelhafte Ern&auml;hrung noch
+vollends den Appetit zu verderben, ja sie gradezu widerlich und
+gef&auml;hrlich zu machen, kommt der Ort, wo sie zumeist
+eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen Fabriksaal, oder,
+falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen wird, auf
+H&ouml;fen und Treppen ist der "E&szlig;saal" der meisten
+Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum
+Essen angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von
+Fabrikkantinen in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu
+reichen selten die Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu
+weit. Die M&ouml;glichkeit, sich vor dem Essen zu waschen, die
+staubigen, von Oel, Leim und tausend anderen Dingen beschmutzten
+Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch nur selten in
+ausreichendem Ma&szlig;e gegeben, und so schlucken die armen
+Gesch&ouml;pfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und
+Krankheitskeime in sich hinein. Ein einziger Blick in das
+gem&uuml;tliche E&szlig;zimmer des Fabrikherrn mit den
+schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem frisch gedeckten
+Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf deren
+Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder
+einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und
+einer Wurst, bei deren n&auml;herer Untersuchung wir schaudern
+w&uuml;rden, belegtes Brot verzehren, m&uuml;&szlig;te allein
+gen&uuml;gen, um das Verbrecherische der herrschenden
+Wirtschaftsordnung einzusehen.</p>
+
+<p>Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft
+gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein
+eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in
+Berlin gez&auml;hlt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem
+Raum untergebracht<a name="FNanchor_526"></a><a href=
+"#Footnote_526"><sup>526</sup></a>, d.h. sie schliefen mit der
+ganzen Familie im selben Zimmer. In einer gro&szlig;en Zahl von
+ihnen,&mdash;1885 wurden 607 der Art in Berlin
+gez&auml;hlt,&mdash;hausten neben der Familie Schlafburschen und
+Schlafm&auml;dchen, bis zu acht an der Zahl!<a name=
+"FNanchor_527"></a><a href="#Footnote_527"><sup>527</sup></a> In
+Leipzig fand sich solch ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen
+trunks&uuml;chtigen Mann, einer schwinds&uuml;chtigen Frau, drei
+Kindern und zwei Schlafm&auml;dchen.<a name="FNanchor_528"></a><a
+href="#Footnote_528"><sup>528</sup></a> Am g&uuml;nstigsten ist es
+noch f&uuml;r sie, wenn in einem Bett zwei Schlafm&auml;dchen
+zusammen schlafen, sehr h&auml;ufig aber m&uuml;ssen sie ihr Lager
+mit den Kindern ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts,
+teilen; in Belgien hat eine Untersuchung der
+Arbeiter-Wohnungsverh&auml;ltnisse sogar ergeben, da&szlig;
+jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett
+angewiesen waren!<a name="FNanchor_529"></a><a href=
+"#Footnote_529"><sup>529</sup></a> Nicht nur, da&szlig; die
+Arbeiter nur zu oft weniger Luftraum im Zimmer haben, als die
+Gefangenen, sie haben nach des Tages Last und Arbeit nicht einen
+Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie sich ausruhen und
+erholen k&ouml;nnen! Ja, das arme Schlafm&auml;dchen hat
+au&szlig;er den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren
+Bettanteil; tags &uuml;ber ist der Raum, in dem sie mietete,
+Werkstatt, K&uuml;che, Kinderstube, in dem f&uuml;r sie kein Platz
+ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben, so kommt es auch,
+da&szlig; das Elend des Schlafstellenwesens sich zum Grauenhaften
+steigern kann: die M&auml;dchen bringen schlie&szlig;lich von ihren
+zuerst erzwungenen, sp&auml;ter freiwilligen abendlichen
+Vergn&uuml;gungen ihre Liebhaber mit nach Hause, und verkehren
+hier, durch den Zwang, die intimsten Dinge t&auml;glich vor aller
+Augen zu verrichten, l&auml;ngst aller Scham entbl&ouml;&szlig;t,
+ungest&ouml;rt durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder, mit
+ihnen.<a name="FNanchor_530"></a><a href=
+"#Footnote_530"><sup>530</sup></a> Die enorme Zunahme der
+unehelichen Kinder,&mdash;es giebt Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig
+und Chemnitz, wo sie an Zahl die ehelichen &uuml;bertreffen<a name=
+"FNanchor_531"></a><a href=
+"#Footnote_531"><sup>531</sup></a>,&mdash;ist die Folge davon. Ist
+der Vater ein Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen
+die schlie&szlig;liche Heirat selbstverst&auml;ndlich zu sein, denn
+selten nur kommt es vor, da&szlig; ein Arbeiter die Vaterschaft
+nicht anerkennt und die Geliebte verl&auml;&szlig;t, er w&uuml;rde
+sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.<a name=
+"FNanchor_532"></a><a href="#Footnote_532"><sup>532</sup></a> Wie
+oft aber f&auml;llt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer:
+Sie findet keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre
+Ehre verkauft, sie mu&szlig; sich den L&uuml;sten der
+Werkf&uuml;hrer, h&auml;ufig auch der des Chefs selber f&uuml;gen,
+wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der n&auml;chsten
+Gesch&auml;ftsstockung ihre Stelle zu verlieren.<a name=
+"FNanchor_533"></a><a href="#Footnote_533"><sup>533</sup></a> Und
+ihr ganzes freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben
+will, in gleichf&ouml;rmiger &ouml;der Farblosigkeit
+verflie&szlig;t, pr&auml;destiniert sie noch dazu. Sie hat doch
+auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach; nicht
+blo&szlig; der physische Hunger zwingt sie, sich von einem
+Liebhaber unterst&uuml;tzen zu lassen<a name="FNanchor_534"></a><a
+href="#Footnote_534"><sup>534</sup></a>, oder sich gelegentlich zu
+prostituieren, der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt
+nicht gerade darin eine furchtbare Grausamkeit, da&szlig; das
+bi&szlig;chen Lebensfreude,&mdash;oft besteht es in weiter nichts,
+als in ein paar bunten F&auml;hnchen und reichlichen
+Mahlzeiten,&mdash;von den Proletarierm&auml;dchen so h&auml;ufig
+nur durch Schande erkauft werden kann?!</p>
+
+<p>Ein Fabrikm&auml;dchen! Naser&uuml;mpfend h&ouml;rt man es oft
+sagen. F&uuml;r die Leute, die mit reinen Kleidern am Familientisch
+sitzen und abends in ihr eigenes warmes Bett kriechen, verbindet
+sich mit dem Wort der Gedanke an k&ouml;rperlichen und sittlichen
+Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe von Qual und Entbehrung
+und Hoffnungslosigkeit es ausdr&uuml;ckt, wie viel
+heldenm&uuml;tige Entsagung, von der nur manche stillen, fr&uuml;h
+gealterten Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch
+namenloses Ungl&uuml;ck ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder
+wollen nicht sehen, welch eine Anklage gegen sie und ihresgleichen
+aus diesen Worten emporw&auml;chst.</p>
+
+<p>Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung,
+die verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn,
+als der Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor
+f&uuml;r die physische und geistige Entwicklungsm&ouml;glichkeit,
+tritt die Zeit, die aufgebracht werden mu&szlig;, um ihn zu
+verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die Frauen in der
+Gro&szlig;industrie genie&szlig;en fast &uuml;berall den Vorzug,
+da&szlig; die Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich
+geregelt sind. F&uuml;r sie besteht, in der Theorie wenigstens, der
+zehn- oder elfst&uuml;ndige Maximalarbeitstag und teilweises Verbot
+der Nachtarbeit, in der Praxis aber wird er nicht nur durch die
+sehr weitgehende Erlaubnis seiner Ausdehnung durch Ueberstunden,
+sondern auch durch die infolge der mangelhaften Kontrolle leicht
+m&ouml;gliche Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften vielfach
+&uuml;berschritten. Nach den deutschen Gewerbeaufsichtsberichten
+f&uuml;r 1899 wurden f&uuml;r rund 184000 Arbeiterinnen nicht
+weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.<a name=
+"FNanchor_535"></a><a href="#Footnote_535"><sup>535</sup></a></p>
+
+<p>Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den
+Beamten &uuml;berhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, w&uuml;rden
+diese Zahl gewi&szlig; mehr als verdoppeln. Was aber die
+gesetzlichen Vorschriften vollends fast illusorisch macht, das ist
+die Gewohnheit der Unternehmer, den Arbeiterinnen noch Arbeit mit
+nach Hause zu geben, und die Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen,
+dadurch ihren Lohn ein wenig zu erh&ouml;hen. Auf diese Weise
+verl&auml;ngert sich die Arbeitszeit ins ungemessene. In Verbindung
+mit der schlechten Ern&auml;hrung untergraben diese
+Verh&auml;ltnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz
+ihres Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der K&ouml;rper
+des Weibes sich zu seiner sch&ouml;nsten Bestimmung, der
+Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch geeignete Abwechselung von
+Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und gesunde Nahrung
+gest&auml;hlt werden m&uuml;&szlig;te, wird er dazu verdammt,
+mindestens zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu
+stehen, oder zu sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine
+gleichf&ouml;rmige, nur bestimmte Muskeln ausbildende Bewegung
+auszuf&uuml;hren. Die Bleichsucht, mit ihrem Gefolge von Reizung
+zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und geistiger
+Depression, Verkr&uuml;mmung des R&uuml;ckgrats und der Beine u.
+dergl. mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den
+Proletarierm&auml;dchen.<a name="FNanchor_536"></a><a href=
+"#Footnote_536"><sup>536</sup></a></p>
+
+<p>In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische
+Einrichtungen eine gro&szlig;e Produktion auch ohne Ausnutzung der
+Arbeitszeit bis an die Grenze des gesetzlich Zul&auml;ssigen
+erm&ouml;glichen, tritt die Tendenz der freiwilligen
+Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit hervor.<a name=
+"FNanchor_537"></a><a href="#Footnote_537"><sup>537</sup></a> Das
+gilt auch f&uuml;r einen Teil der Textilindustrie und kommt
+insofern auch den Frauen zu Gute. F&uuml;r Frankreich und England
+l&auml;&szlig;t sich die gleiche Entwicklung verfolgen, aber ihr
+Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche Arbeitskraft, und
+besonders die weibliche, ist h&auml;ufig, selbst bei geringerer
+Leistungsf&auml;higkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise
+Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verl&auml;ngerung der
+Arbeitszeit d&uuml;rfte daher immer noch viel h&auml;ufiger
+vorkommen, als ihre Verk&uuml;rzung, und zwar vor allem in den
+Betrieben, wo die Frauen mit ihrer stumpfen Resignation, ihrem
+Mangel an energischen Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl sich
+zusammendr&auml;ngen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp.
+Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter,
+verglichen mit dem m&auml;nnlichen, immer noch im Nachteil, weil
+die Mehrzahl der Frauen mit der Berufsarbeit nicht die Arbeit
+&uuml;berhaupt, die auszuf&uuml;hren ihnen obliegt, erledigt haben.
+Nicht nur, da&szlig; es Arbeiterinnen giebt, die, um einen Teil der
+Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den Kindern, oder,
+wie es h&auml;ufig vorkommt, in irgend einem Zweige der Heimarbeit
+helfen,&mdash;eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig
+ist,&mdash;f&uuml;r fast alle die, welche bei den Eltern wohnen,
+ist die Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas
+Selbstverst&auml;ndliches. So wird der zehn- oder elfst&uuml;ndige
+Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und mehrst&uuml;ndigen und der
+Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und Instandhaltung der
+Kleidung gewidmet. Denn darauf h&auml;lt auch die &auml;rmste
+Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille g&uuml;rtet,
+in den Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem m&ouml;glichst
+modernen Kleid, womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich
+h&auml;ufig all ihre Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens
+auch das bi&szlig;chen kr&auml;ftige Nahrung opfert, die sie sich
+sonst vielleicht g&ouml;nnen k&ouml;nnte. Engherzige Puritaner
+schlagen wohl &uuml;ber die "Putzsucht" der Arbeiterin die
+H&auml;nde &uuml;ber dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das
+man den M&auml;dchen der wohlhabenden Bev&ouml;lkerung voller
+Wohlwollen und sogar voll freudiger Genugthuung zuerkennt, soll
+f&uuml;r sie durchaus keine Geltung haben. Und dabei bedenkt man
+nicht einmal, da&szlig; der Proletarierin f&uuml;r andere
+Gen&uuml;sse, f&uuml;r deren Verst&auml;ndnis man die
+b&uuml;rgerliche Jugend von fr&uuml;h an erzieht, die
+Aufnahmef&auml;higkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und Branntwein,
+das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig erreichbare
+Lebensfreude.</p>
+
+<p>Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon daf&uuml;r,
+da&szlig; sie nicht &uuml;ppig ins Kraut schie&szlig;t, und die
+traurigen sanit&auml;ren Verh&auml;ltnisse in Werkstatt und Fabrik
+nehmen ihr vollends fr&uuml;hzeitig das Sonnenlicht, in dem sie
+allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in
+g&uuml;nstigerer Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen
+Geschlecht hat sich bisher &uuml;berall eine st&auml;rkere
+Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r die Sch&auml;dlichkeiten gewisser
+Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die
+Giftstoffe, die sie einatmet, wirken st&auml;rker auf sie, als auf
+den Mann<a name="FNanchor_538"></a><a href=
+"#Footnote_538"><sup>538</sup></a>, auch Betriebsunf&auml;llen ist
+sie in h&ouml;herem Ma&szlig;e ausgesetzt. Die Gr&uuml;nde
+daf&uuml;r sind vielfach rein &auml;u&szlig;erlicher Natur: In den
+langen Kleidern und den leider immer noch &uuml;blichen vielen
+Unterr&ouml;cken, in den unbedeckten langen Haaren k&ouml;nnen sich
+unendlich mehr jener sch&auml;dlichen Fremdk&ouml;rperchen
+festsetzen, als bei den M&auml;nnern. Ein Wechseln der Kleidung
+verbietet sich schon dadurch oft von selbst, da&szlig; die
+Arbeiterin nur einen Arbeitsanzug hat, h&auml;ufig aber wird es
+unterlassen, weil es an einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft
+trennt ihn nur ein leichter Vorhang von dem der M&auml;nner, oder
+dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem selbst, wo die Arbeiterin
+ihre Sachen, die sie schonen mu&szlig;, gar nicht hinh&auml;ngen
+mag. Aus &auml;hnlichen Gr&uuml;nden unterdr&uuml;ckt sie nur zu
+oft zum Schaden ihrer Gesundheit nat&uuml;rliche Funktionen ihres
+K&ouml;rpers, weil das Kloset teils unverschlie&szlig;bar in
+n&auml;chster N&auml;he des von den M&auml;nnern benutzten liegt,
+teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich
+befindet.</p>
+
+<p>Alle Industriezweige fast, in denen Frauen besch&auml;ftigt
+sind, bringen besondere Gefahren f&uuml;r Leben und Gesundheit mit
+sich. Werfen wir zun&auml;chst einen Blick auf die Textilindustrie
+und treten wir in eine Spinnerei: Mit hei&szlig;em Wasserdampf ist
+die Luft ges&auml;ttigt, auf dem Steinboden steht das Wasser, ein
+ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem Spinnwasser, das die
+Abf&auml;lle und leimigen Substanzen des Gespinstes aufnimmt. Mit
+H&auml;nden und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der unreinen,
+klebrigen Fl&uuml;ssigkeit; eiternde Geschw&uuml;re an H&auml;nden
+und Armen, schwere Augenentz&uuml;ndungen stellen sich
+infolgedessen h&auml;ufig ein. Mit blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en
+steht sie auf dauernd nassem Boden, ungen&uuml;gend bekleidet
+vertauscht sie dann den Aufenthalt im gl&uuml;henden Arbeitsraum
+wom&ouml;glich mit der Winterk&auml;lte
+drau&szlig;en,&mdash;rheumatische Krankheiten,
+Unterleibsentz&uuml;ndungen sind die Folge.<a name=
+"FNanchor_539"></a><a href="#Footnote_539"><sup>539</sup></a>
+Dauernder Druck auf besonders empfindliche Teile f&uuml;hren zu
+fr&uuml;hzeitigen Erkrankungen der Geschlechtsorgane.<a name=
+"FNanchor_540"></a><a href="#Footnote_540"><sup>540</sup></a> In
+kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher Wolle fauliger Urin
+verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erf&uuml;llt daher die
+Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den H&auml;nden der
+Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff
+gebraucht, treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur
+v&ouml;lligen geistigen Umnachtung f&uuml;hren k&ouml;nnen.<a name=
+"FNanchor_541"></a><a href="#Footnote_541"><sup>541</sup></a> In
+den Wollk&auml;mmereien herrschen tropische Glut und ekelerregende
+Ausd&uuml;nstungen; die Gasr&auml;ume der Seidenfabriken wetteifern
+mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die Arbeiterinnen
+durch das Ausstr&ouml;men des Gases.<a name="FNanchor_542"></a><a
+href="#Footnote_542"><sup>542</sup></a> Die Fabrikation von
+Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd
+furchtbarer Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die
+Kunstwolle gemacht wird, wirbelt Millionen Bakterien auf,
+Infektionskrankheiten schlimmster Art, chronische Bronchialkatarrhe
+&uuml;berfallen heimt&uuml;ckisch die Arbeiterinnen, die sogenannte
+Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber beginnt und im Starrkrampf
+endet, t&ouml;tet sie in wenigen Tagen. Das Sortieren der
+Abf&auml;lle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter:
+findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter!<a name=
+"FNanchor_543"></a><a href="#Footnote_543"><sup>543</sup></a> Mit
+wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien
+am Webstuhl, bis die Kraft sie verl&auml;&szlig;t<a name=
+"FNanchor_544"></a><a href="#Footnote_544"><sup>544</sup></a>;
+zerst&ouml;rend wirkt das Blei, das in gef&auml;rbter Baumwolle
+sich meist befindet, auf die Weberinnen, und st&auml;rker noch auf
+die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt es
+gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie
+Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird
+Bleiwei&szlig; dazu verwandt, ohne R&uuml;cksicht auf Leben und
+Gesundheit; den Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen
+"H&auml;nden" die Arbeit entsinkt, er findet Ersatz genug! In
+Webereien, in der Fabrikation von Kartons und buntem Papier und
+k&uuml;nstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der Fabrikation
+eiserner Bettstellen str&ouml;mt das Gift in die Atmungsorgane, in
+die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim
+getragen; ja es kommt vor, da&szlig; sie es mit dem Essen zu sich
+nimmt, weil kein anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen daf&uuml;r
+zur Verf&uuml;gung steht.<a name="FNanchor_545"></a><a href=
+"#Footnote_545"><sup>545</sup></a> Koliken, Magenerkrankungen,
+Kopfleiden sind die Folge. In den Bleiwei&szlig;fabriken erreichen
+diese Leiden den h&ouml;chsten Grad: epileptische Kr&auml;mpfe,
+Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des
+letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode
+f&uuml;hren kann.<a name="FNanchor_546"></a><a href=
+"#Footnote_546"><sup>546</sup></a> Der Schwefelkohlenstoff in der
+Kautschukfabrikation f&uuml;hrt zu &auml;hnlichen Erscheinungen,
+nur mit der Variation, da&szlig; L&auml;hmungen der
+Geschlechtsorgane schlie&szlig;lich hinzutreten k&ouml;nnen.<a
+name="FNanchor_547"></a><a href=
+"#Footnote_547"><sup>547</sup></a></p>
+
+<p>Eine gro&szlig;e Zahl von Frauen besch&auml;ftigt, wie wir
+gesehen haben, die Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am
+schlechtesten bezahlten und die schw&auml;chsten von allen. Schon
+nach den ersten sechs Monaten der Besch&auml;ftigung erkranken von
+100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei den j&uuml;ngeren
+Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und Magenleiden und
+Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.<a name=
+"FNanchor_548"></a><a href="#Footnote_548"><sup>548</sup></a> Wie
+dies Gift den K&ouml;rper von innen zerst&ouml;rt, zerst&ouml;rt
+das Phosphor in der Z&uuml;ndholzfabrikation ihn von au&szlig;en:
+zu einer grauenhaften Maske wird das Antlitz der Frau durch die
+Kiefernekrose, die zuerst die Z&auml;hne und dann den Kiefer
+zerfri&szlig;t.<a name="FNanchor_549"></a><a href=
+"#Footnote_549"><sup>549</sup></a></p>
+
+<p>Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die
+An&auml;mie, ergreift m&auml;nnliche wie weibliche Ziegelarbeiter,
+besonders, wenn ihr Schlafraum sich auf der Oberfl&auml;che von
+Ring&ouml;fenanlagen befindet, aus denen unaufh&ouml;rlich giftige
+D&auml;mpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter, besonders
+der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, f&uuml;llt sich durch
+Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit f&ouml;rmlichen Steinen,
+schw&auml;rzliche Steine bilden den Auswurf.<a name=
+"FNanchor_550"></a><a href="#Footnote_550"><sup>550</sup></a> Kein
+Leiden aber erreicht das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon
+wird ihr Gesicht aschfahl, die Augen tr&uuml;b, der Gang
+schwankend, wie der eines R&uuml;ckenmarkleidenden. Bei dem Anblick
+eines Fremden &uuml;berf&auml;llt sie konvulsivisches Zittern; das
+k&auml;rgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu f&uuml;hren, die
+Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise nehmen
+die Geistesf&auml;higkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem
+Bl&ouml;dsinn. Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der
+Speichelflu&szlig; macht ihren Anblick widerlich und vor dem Hauch
+ihres Mundes prallt man zur&uuml;ck.<a name="FNanchor_551"></a><a
+href="#Footnote_551"><sup>551</sup></a></p>
+
+<p>Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und
+K&ouml;rperkraft. Dem "schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die
+Schultern gelegt, die es zu Boden werfen. In Steinbr&uuml;chen,
+Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei Bauten schleppen oder
+schieben sie schwerbeladene Tr&ouml;ge und Schubkarren; in
+Zuckerfabriken tragen sie t&auml;glich w&auml;hrend zehn Stunden
+bis zu 800 je 16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.<a
+name="FNanchor_552"></a><a href="#Footnote_552"><sup>552</sup></a>
+In den Spinnereien und Webereien stehen sie oft w&auml;hrend elf
+und zw&ouml;lf Stunden; geschwollene F&uuml;&szlig;e, Krampfadern,
+Nieren- und Unterleibsleiden zeugen davon.</p>
+
+<p>Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die
+Maschinenn&auml;herei! In geb&uuml;ckter Stellung sitzen die Armen
+an ihrer rasselnden Tyrannin, unausgesetzt bewegen sich die Beine
+auf und nieder. Junge und Alte, Kranke und Gesunde&mdash;alle
+glauben sich f&auml;hig zu dieser m&ouml;rderlichen Arbeit, die
+schlie&szlig;lich auch die st&auml;rkste Konstitution
+untergr&auml;bt. Ein Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich
+besch&auml;ftige nur M&auml;dchen von sechzehn bis achtzehn Jahren
+an der N&auml;hmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind sie reif
+f&uuml;r's Hospiz."<a name="FNanchor_553"></a><a href=
+"#Footnote_553"><sup>553</sup></a> Und er hat nicht
+&uuml;bertrieben. Die Bleichsucht in all ihren Stadien,
+Unterleibsleiden, Lagever&auml;nderungen der Geb&auml;rmutter, die
+eine Mutterschaft fast unm&ouml;glich machen, neurasthenische
+Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als b&ouml;se
+G&auml;ste.<a name="FNanchor_554"></a><a href=
+"#Footnote_554"><sup>554</sup></a> Wohl hat die Technik, wie
+&uuml;berall so auch hier, ein Mittel zur Hilfe geschaffen: statt
+durch die F&uuml;&szlig;e der N&auml;herinnen kann die Maschine
+durch Dampf oder Elektrizit&auml;t in Bewegung gesetzt werden, aber
+die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit
+derselben Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorw&auml;rts
+gepeitschte Menschenkraft die R&auml;der, als die motorische Kraft
+es thun w&uuml;rde, und der Profit ist der einzige ausschlaggebende
+Faktor.</p>
+
+<p>Furchtbarer als Dantes H&ouml;lle ist diese Welt der Arbeit,
+bev&ouml;lkert mit bleichen Gestalten, die sich auf wunden
+F&uuml;&szlig;en nur schwer fortbewegen, deren H&auml;nde, aus
+denen Behaglichkeit, W&auml;rme, Sch&ouml;nheit, Nahrung, Kleidung
+f&uuml;r die gl&uuml;cklicheren Menschen hervorgehen, bluten und
+schw&auml;ren, deren R&uuml;cken gekr&uuml;mmt, deren Glieder
+zerfressen sind von Giften, aus deren irren Blicken oft der
+Wahnsinn starrt. Und doch fehlt zur Vollendung des Bildes noch
+eins: dichte Wolken von Staub umh&uuml;llen die
+Gestalten,&mdash;Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und
+Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet
+sich vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das
+in den Proletariervierteln sein Wesen treibt: der
+Lungenschwindsucht. Wer kann sagen, in welchem Industriezweig es am
+meisten zu Hause ist: bei den Textilarbeitern, bei den
+Tabakarbeitern, bei den T&ouml;pfern?! Es herrscht &uuml;berall, wo
+die Jagd nach Gewinn r&uuml;cksichtslos &uuml;ber Menschenleichen
+dahinbraust!</p>
+
+<p>Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns
+vor&uuml;berzog? O ja; und es findet sich dort, wo es die Frau
+nicht mehr allein, sondern durch sie auch ihre Kinder trifft. Das
+M&auml;dchen tr&auml;umt noch von der Zukunft; es glaubt, die Ehe
+wird sie aus dem Arbeitsjoch erl&ouml;sen, darum bringt es seinem
+Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der Mann ihm
+entgegenbringt, f&uuml;r den er zum ausschlie&szlig;lichen
+Lebensberuf werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf
+Befreiung. Und ihre Not versch&auml;rft sich ins unertr&auml;gliche
+durch den Anblick der Not ihrer Kinder. Wie h&auml;ufig h&ouml;rt
+man angesichts des Elends sagen: Die Leute sinds nicht anders
+gew&ouml;hnt, sie sp&uuml;ren es nicht. So richtig es nun auch sein
+mag, da&szlig; die im Elend Geborenen nicht die Empfindung
+daf&uuml;r haben, wie die, welche erst hineingesto&szlig;en wurden,
+so falsch ist es, da&szlig; irgend eine Mutter in der Welt, und
+w&auml;re es die aller&auml;rmste, sich jemals an das Leid ihrer
+Kinder gew&ouml;hnen wird. Kinderleid ist das gr&ouml;&szlig;te auf
+Erden, weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft.</p>
+
+<p>Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau
+und zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre
+die notwendigsten Bed&uuml;rfnisse decken.<a name=
+"FNanchor_555"></a><a href="#Footnote_555"><sup>555</sup></a> Eine
+ausk&ouml;mmliche Lebenshaltung, bei der aber von einer
+Befriedigung h&ouml;herer Bed&uuml;rfnisse,&mdash;Kunst, Theater,
+Natur,&mdash;auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann,
+ist erst mit einer j&auml;hrlichen Einnahme von 2000 Mk.
+m&ouml;glich.<a name="FNanchor_556"></a><a href=
+"#Footnote_556"><sup>556</sup></a> Es m&uuml;&szlig;te demnach
+f&uuml;r den ersten Fall eine t&auml;gliche Einnahme,&mdash;ohne
+Unterbrechung!&mdash;von f&uuml;nf Mark, im zweiten eine von fast
+sieben Mark gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmef&auml;llen
+die Rede sein kann, lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen.
+Aeu&szlig;erst selten nur erreicht der Mann allein solch einen
+Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der Frau, die sich, nach
+diesem Ma&szlig;stab gemessen, als unbedingt notwendig erweist,
+kann ihn nicht gew&auml;hrleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk.
+gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind
+vollst&auml;ndig unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk.
+sind es, sobald mehr als zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt
+geradezu wie Wahnsinn, und doch ist es Thatsache: je mehr Kinder
+die Familie besitzt, je mehr also die Mutter zu Hause n&ouml;tig
+ist, desto notwendiger mu&szlig; sie in die Fabrik. Und doch kann
+sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigerma&szlig;en
+behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der
+H&auml;userwucher verschlingt zum gro&szlig;en Teil, was sie
+erwirbt, und l&auml;&szlig;t ihr daf&uuml;r eine elende Behausung,
+die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre 1880 wurde in
+deutschen Gro&szlig;st&auml;dten eine erschreckende Zahl
+&uuml;berv&ouml;lkerter Wohnungen konstatiert<a name=
+"FNanchor_557"></a><a href="#Footnote_557"><sup>557</sup></a>; die
+Untersuchungen des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik deckten
+entsetzliche Zust&auml;nde auf, die vielleicht nur noch von denen
+in Wien &uuml;bertroffen wurden.<a name="FNanchor_558"></a><a href=
+"#Footnote_558"><sup>558</sup></a> Hier wurde z.B. ein Zimmer mit
+K&uuml;che von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten
+bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem
+Sofa teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem
+Flur hauste ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13
+qm Bodenfl&auml;che, fand sich eine siebenk&ouml;pfige Familie!
+Parterrewohnungen in Hinterh&auml;usern, die mit dem engen Hofe auf
+gleicher H&ouml;he liegen, im Sommer hei&szlig;e, im Winter
+eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem heizbaren Raum,
+oder ganz ohne K&uuml;che, sogenannte Kochstuben, als einzigen
+Raum<a name="FNanchor_559"></a><a href=
+"#Footnote_559"><sup>559</sup></a>,&mdash;das sind die Wohnungen,
+in denen das Familienleben der Arbeiter sich abspielen und gedeihen
+soll! Und doch sind auch diese vielfach noch unerschwingbar
+f&uuml;r ihren schwinds&uuml;chtigen Beutel. In N&uuml;rnberg
+kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in den
+gr&ouml;&szlig;ten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04,
+im Dachgescho&szlig; 4,15 Mk.<a name="FNanchor_560"></a><a href=
+"#Footnote_560"><sup>560</sup></a> In den Fabrikst&auml;dten
+Nordb&ouml;hmens kostet ein cbm Luftraum j&auml;hrlich nur um eine
+Kleinigkeit weniger, als in den Pal&auml;sten der Wiener
+Ringstra&szlig;e.<a name="FNanchor_561"></a><a href=
+"#Footnote_561"><sup>561</sup></a> Nach einer Zusammenstellung des
+Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die
+Summe, die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu
+verausgaben hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er
+m&uuml;&szlig;te bis zu 57 Tagen arbeiten, um allein den Mietspreis
+zu verdienen, w&auml;hrend f&uuml;r die beg&uuml;terten Schichten
+der Bev&ouml;lkerung die Ausgabe f&uuml;r Wohnungsmiete im
+allgemeinen mit zehn bis h&ouml;chstens zwanzig Prozent des
+Einkommens angesetzt wird.<a name="FNanchor_562"></a><a href=
+"#Footnote_562"><sup>562</sup></a> Die Armen haben also f&uuml;r
+ihre elende Wohnung relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und
+sind daher gezwungen, sie mit Fremden, Aftermietern und
+Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht nur ohne Luft und Licht
+aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der moralischen
+Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn die
+Hausfrau in die Fabrik gehen mu&szlig;. Am fr&uuml;hen Morgen,
+h&auml;ufig ehe die Kinder erwachen, mu&szlig; sie zur
+Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis einundeinhalbst&uuml;ndige
+Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich gew&auml;hrleistet
+wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und niemals um, wie
+die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu besorgen.
+Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen
+aufgew&auml;rmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen
+brodelnde auf den Tisch gestellt, in beiden F&auml;llen ist aus den
+an sich schon minderwertigen Speisen der N&auml;hrwert entflohen.
+Am h&auml;ufigsten begn&uuml;gt sich die ganze Familie bis zur
+Heimkehr der Mutter am Abend mit Butterbrot und Kaffee, dann erst
+bereitet die &uuml;berm&uuml;dete Frau die Hauptmahlzeit, dann
+erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnst&uuml;ndiger Arbeit, beginnt
+ihre h&auml;usliche Th&auml;tigkeit. Sie n&auml;ht und flickt und
+w&auml;scht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so da&szlig;
+ihr kaum f&uuml;nf Stunden zum Schlafen &uuml;brig bleiben.
+Vorzeitiges Altern, geistige und k&ouml;rperliche Ersch&ouml;pfung
+sind die Folgen. Oder sie k&uuml;mmert sich um nichts mehr, wenn
+die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichg&uuml;ltig gemacht
+hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen
+diesen beiden Wegen allein hat sie zu w&auml;hlen! Wie oft sie den
+ersten w&auml;hlt, daf&uuml;r spricht die Bewunderung, mit der die
+gewi&szlig; wenig enthusiastischen deutschen Fabrikinspektoren von
+der Willensst&auml;rke, dem Opfermut und der unerm&uuml;dlichen
+Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.<a name=
+"FNanchor_563"></a><a href="#Footnote_563"><sup>563</sup></a> Aber
+selbst mit der Hingabe ihrer Kr&auml;fte k&ouml;nnen sie dem
+Haushalt nicht die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter
+ersetzen.</p>
+
+<p>Eine gr&uuml;ndliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen
+giebt es leider nicht. Die deutschen Erhebungen der
+Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das Jahr 1899 sind nach dieser
+Richtung v&ouml;llig ungen&uuml;gend. Nur in siebzehn Bezirken von
+78 wurden Untersuchungen dar&uuml;ber angestellt, und auch hier
+handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen aber immerhin
+gen&uuml;gendes Licht in dieses dunkle Bereich des
+Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine
+Zusammenstellung aller Ergebnisse:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Bezirk</th>
+<th rowspan="3">Anzahl der<br />
+befragten Frauen</th>
+<th rowspan="2" colspan="2">Von diesen Frauen<br />
+hatten Kinder</th>
+<th colspan="6">Von den Kindern waren</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th colspan="2">noch nicht<br />
+schulpflichtig</th>
+<th colspan="2">schulpflichtig</th>
+<th colspan="2">schulentlassen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>absolut</th>
+<th>%</th>
+<th>absolut</th>
+<th>%</th>
+<th>absolut</th>
+<th>%</th>
+<th>absolut</th>
+<th>%</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oppeln</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">1057</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">765</td>
+<td align="right">35</td>
+<td align="right">886</td>
+<td align="right">41</td>
+<td align="right">509</td>
+<td align="right">24</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Magdeburg</td>
+<td align="right">2680</td>
+<td align="right">1858</td>
+<td align="right">70</td>
+<td align="right">1283</td>
+<td align="right">31</td>
+<td align="right">1878</td>
+<td align="right">45</td>
+<td align="right">996</td>
+<td align="right">24</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Minden</td>
+<td align="right">1120</td>
+<td align="right">701</td>
+<td align="right">63</td>
+<td align="right">703</td>
+<td align="right">46</td>
+<td align="right">804</td>
+<td align="right">54</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="4">&nbsp;</td>
+<td colspan="3"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt=
+"" /></td>
+<td colspan="3">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Aachen</td>
+<td align="right">2412</td>
+<td align="right">1576</td>
+<td align="right">65</td>
+<td align="right">2859</td>
+<td align="right">82</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">643</td>
+<td align="right">18</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sigmaringen</td>
+<td align="right">56</td>
+<td align="right">29</td>
+<td align="right">52</td>
+<td align="right">37</td>
+<td align="right">55</td>
+<td align="right">21</td>
+<td align="right">31</td>
+<td align="right">9</td>
+<td align="right">14</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Anhalt</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">805</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">511</td>
+<td align="right">28</td>
+<td align="right">742</td>
+<td align="right">41</td>
+<td align="right">577</td>
+<td align="right">31</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bremen</td>
+<td align="right">541</td>
+<td align="right">411</td>
+<td align="right">76</td>
+<td align="right">428</td>
+<td align="right">41</td>
+<td align="right">628</td>
+<td align="right">59</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&uuml;rttemberg III</td>
+<td align="right">175</td>
+<td align="right">147</td>
+<td align="right">84</td>
+<td align="right">154</td>
+<td align="right">47</td>
+<td align="right">77</td>
+<td align="right">23</td>
+<td align="right">97</td>
+<td align="right">30</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="4">&nbsp;</td>
+<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt=
+"" /></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Darmstadt</td>
+<td align="right">848</td>
+<td align="right">522</td>
+<td align="right">62</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">1513</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Offenbach</td>
+<td align="right">843</td>
+<td align="right">568</td>
+<td align="right">67</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gie&szlig;en</td>
+<td align="right">510</td>
+<td align="right">420</td>
+<td align="right">82</td>
+<td align="right">318</td>
+<td align="right">32</td>
+<td align="right">352</td>
+<td align="right">35</td>
+<td align="right">328</td>
+<td align="right">33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oberbayern</td>
+<td align="right">641</td>
+<td align="right">347</td>
+<td align="right">54</td>
+<td align="right">1231</td>
+<td align="right">54</td>
+<td align="right">844</td>
+<td align="right">37</td>
+<td align="right">188</td>
+<td align="right">9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="4">&nbsp;</td>
+<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt=
+"" /></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Niederbayern</td>
+<td align="right">329</td>
+<td align="right">232</td>
+<td align="right">74</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">690</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="4">&nbsp;</td>
+<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt=
+"" /></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Pfalz</td>
+<td align="right">1978</td>
+<td align="right">1348</td>
+<td align="right">70</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">3208</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Oberpfalz</td>
+<td align="right">213</td>
+<td align="right">165</td>
+<td align="right">77</td>
+<td align="right">143</td>
+<td align="right">37</td>
+<td align="right">154</td>
+<td align="right">39</td>
+<td align="right">93</td>
+<td align="right">24</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="4">&nbsp;</td>
+<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt=
+"" /></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Unterpfalz</td>
+<td align="right">388</td>
+<td align="right">272</td>
+<td align="right">70</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">578</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td colspan="4">&nbsp;</td>
+<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt=
+"" /></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zittau</td>
+<td align="right">4494</td>
+<td align="right">2523</td>
+<td align="right">56</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">4484</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+<td align="right">&nbsp;</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, da&szlig; 65 % aller
+Frauen Kinder haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder,
+darunter 90 Kinder unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im
+allgemeinen 201 Kinder, die noch nicht der Schule entwachsen sind.
+Legen wir denselben Ma&szlig;stab an s&auml;mtliche verheiratete
+Arbeiterinnen an, wie die deutsche Berufsz&auml;hlung von 1895 sie
+z&auml;hlte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 % aller verheirateten
+Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch zu Hause sind.
+Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil die
+ledigen M&uuml;tter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind.
+Es d&uuml;rfte wohl kaum &uuml;bertrieben sein, wenn wir sagen,
+da&szlig; etwa eine halbe Million Kinder unter 14 Jahren in
+Deutschland Arbeiterinnen zu M&uuml;ttern haben, also so gut wie
+mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit beginnt schon in der
+allerersten Lebenszeit der S&auml;uglinge: Kaum vier Wochen nach
+der Geburt mu&szlig; die Mutter wieder zur Arbeit zur&uuml;ck, ja
+wo die Not gro&szlig; ist, versucht sie noch viel fr&uuml;her etwas
+zu verdienen, indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch
+verschlossen sind, durch Waschen, N&auml;hen oder Reinemachen das
+N&ouml;tigste zum Leben zu schaffen versucht. Die Nahrung, die eine
+g&uuml;tige Natur dem m&uuml;tterlichen Weibe f&uuml;r das hilflose
+kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt; noch
+h&auml;ufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte
+Ern&auml;hrung w&auml;hrend der Entwicklungsjahre des M&auml;dchens
+und w&auml;hrend der Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung
+treten lassen. Statt dessen wurde im Mutterleibe schon das Kind
+vergiftet; man hat im Fruchtwasser, wie im F&ouml;tus all
+diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und durch die Poren
+in den K&ouml;rper der Arbeiterin eindringen: Blei, Quecksilber,
+Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; h&auml;ufig sch&auml;digen sie
+sogar die Frucht mehr als die Mutter<a name="FNanchor_564"></a><a
+href="#Footnote_564"><sup>564</sup></a>, und f&uuml;r die
+Erblichkeit der Tuberkulose, jener eigentlichen
+Proletarierkrankheit, spricht deutlicher als das Urteil
+medizinischer Autorit&auml;ten ein Blick auf die Kinder in den
+Proletariervierteln.</p>
+
+<p>Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der
+S&auml;uglinge, ist die Folge der urspr&uuml;nglichen Infizierung
+und der Entziehung der Muttermilch. Nur sieben von tausend mit
+Muttermilch gen&auml;hrten Kindern pflegen im ersten Lebensjahr zu
+sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten gen&auml;hrten
+dagegen 125, und zu ihnen geh&ouml;ren die meisten Arbeiterkinder.
+Nur 8 % der Kinder der h&ouml;heren St&auml;nde sterben im ersten
+Lebensjahr, f&uuml;r die Kinder des Proletariats steigt die
+Sterbeziffer bis auf 30 %<a name="FNanchor_565"></a><a href=
+"#Footnote_565"><sup>565</sup></a> Im reichsten Wiener Stadtviertel
+kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr auf 870 Bewohner, im
+Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im wohlhabenden Viertel der
+Berliner Friedrichstadt starben von 1000 S&auml;uglingen 148, im
+armen des Wedding 346.<a name="FNanchor_566"></a><a href=
+"#Footnote_566"><sup>566</sup></a> In den Fabrikbezirken am
+Niederrhein starb die H&auml;lfte der Arbeiterkinder im ersten
+Lebensjahr<a name="FNanchor_567"></a><a href=
+"#Footnote_567"><sup>567</sup></a>; die verheirateten
+Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts verloren 23 % ihrer Kinder im
+gleichen Alter.<a name="FNanchor_568"></a><a href=
+"#Footnote_568"><sup>568</sup></a> Wie sehr die
+S&auml;uglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im
+Zusammenhang steht, geht aus seinem Wachstum in den
+Industriezentren hervor. In Berlin ist sie w&auml;hrend eines
+vierj&auml;hrigen Zeitraumes fast um das Doppelte<a name=
+"FNanchor_569"></a><a href="#Footnote_569"><sup>569</sup></a>, in
+Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899 gestiegen.<a
+name="FNanchor_570"></a><a href="#Footnote_570"><sup>570</sup></a>
+Die Besch&auml;ftigungsarten der M&uuml;tter sind dabei von
+gr&ouml;&szlig;tem Einflu&szlig; In Bezirken der englischen
+Textilindustrie starben von 100 22, in denen der deutschen 38
+S&auml;uglinge im ersten Lebensjahr.<a name="FNanchor_571"></a><a
+href="#Footnote_571"><sup>571</sup></a> Von 100 Kindern der
+Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger als 48 im
+S&auml;uglingsalter.<a name="FNanchor_572"></a><a href=
+"#Footnote_572"><sup>572</sup></a> Der h&ouml;chste Prozentsatz der
+S&auml;uglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der
+Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen
+sind dem Tode verfallen<a name="FNanchor_573"></a><a href=
+"#Footnote_573"><sup>573</sup></a>, noch viel mehr erblicken gar
+nicht das Licht der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, da&szlig;
+Frauen, welche Kinder haben wollen und sich schwanger f&uuml;hlen,
+die Tabakfabrik verlassen, w&auml;hrend schwangere M&auml;dchen
+darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von Tabakarbeiterinnen
+lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie meist
+gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod
+aus den Br&uuml;sten der M&uuml;tter, deren Milch von Nikotin
+durchsetzt ist.<a name="FNanchor_574"></a><a href=
+"#Footnote_574"><sup>574</sup></a> Dabei besch&auml;ftigt die
+Tabakindustrie n&auml;chst der Textilindustrie die meisten Frauen!
+Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen Kinder
+lebendig zur Welt. So war ein F&uuml;rther Spiegelbeleger dreimal
+mit Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein
+einziges lebte und auch die M&uuml;tter starben s&auml;mtlich an
+der Auszehrung.<a name="FNanchor_575"></a><a href=
+"#Footnote_575"><sup>575</sup></a> In einem anderen Fall hatte eine
+Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht Fehlgeburten, eine
+Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach f&uuml;nf Monaten
+starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in
+Pl&auml;ttereien, Glasbl&auml;sereien u.s.w., auf das keimende
+Leben. Wo es nicht geschieht, w&auml;chst ein skrophul&ouml;ses,
+rachitisches, schwachsinniges Kind heran.<a name=
+"FNanchor_576"></a><a href="#Footnote_576"><sup>576</sup></a> So
+werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben unschuldiger Kinder
+geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die Gefahren, die sie
+bedrohen, nicht geringer. Die Stra&szlig;e ist ihr Spielplatz, ihre
+Erziehungsanstalt; da&szlig; sie, besonders in den
+Gro&szlig;st&auml;dten, keinen g&uuml;nstigen Einflu&szlig;
+&uuml;bt, da&szlig; der physische und moralische Schmutz, den sie
+vielfach ausstr&ouml;mt, an den Kindern h&auml;ngen bleiben kann,
+bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen Gefahren
+gegen&uuml;ber nicht blind. Sie m&ouml;chte ihre Kinder davor
+beh&uuml;ten und kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie
+schlie&szlig;t die Kinder bis zu ihrer R&uuml;ckkehr im Zimmer ein,
+sie bindet sie im Bettchen fest, sie wird grausam aus lauter
+&auml;ngstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann kommt es zu jenen
+schrecklichen Ungl&uuml;cksf&auml;llen, von denen die Zeitungen so
+h&auml;ufig berichten, und denen gegen&uuml;ber der beh&auml;bige
+B&uuml;rger nicht genug &uuml;ber die "Roheit" der proletarischen
+M&uuml;tter zetern kann. Die armen Kleinen kommen dem Ofen zu nahe
+und verbrennen, sie greifen in das Waschfa&szlig;, verlieren das
+Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum Fenster, um doch
+wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu
+vertreiben&mdash;Spielzeug, das sie besch&auml;ftigen k&ouml;nnte,
+haben sie ja nicht&mdash;und st&uuml;rzen kopf&uuml;ber auf den
+Hof, sie verwickeln sich im Bettchen und die Mutter findet,
+heimkehrend, ihr J&uuml;ngstes erstickt unter dem Kissen.</p>
+
+<p>Neben all diesen &auml;u&szlig;eren und inneren Gefahren, die
+die Kinder der Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist,
+giebt es aber noch andere, denen sie unterworfen sind, wenn die
+Mutter heimkehrt. Sie hat auch dann keine Zeit f&uuml;r ihre
+Kinder. Einen erzieherischen Einflu&szlig; auf sie kann sie nur in
+oberfl&auml;chlichster Weise aus&uuml;ben. Sie hat keine Ruhe, um
+ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der
+unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist
+durch den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so
+hat sie ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erf&uuml;llen und
+begeistern k&ouml;nnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon
+eine gute Mutter, wenn sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen
+ausreichend zu essen gab und sie nicht betteln schickte. Aber eine
+Freundin der heranwachsenden Kinder hat sie nur in seltenen
+F&auml;llen zu werden vermocht. Und doch beruht gerade auf dem
+geistigen und sittlichen Einflu&szlig; der Mutter ein gut Teil der
+Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in Herz und
+Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm v&ouml;llig
+verwehen, aus ihm w&auml;chst h&auml;ufig der starke Baum empor,
+der dem erwachsenen Menschen den einzigen Schutz gew&auml;hrt. So
+wird die Ueberlastung der Mutter zum Fluch f&uuml;r die Kinder und
+f&uuml;r die Gesellschaft, deren Glieder sie sind, deren gute und
+schlechte Entwicklung mit von ihnen abh&auml;ngt.</p>
+
+<p>Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu
+leiden: sie hat auch f&uuml;r ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden,
+die sie daheim verbringt, mu&szlig; sie der Haushaltung und den
+Kindern widmen. Ist die Arbeit gethan, so sinkt sie m&uuml;de aufs
+Bett, unf&auml;hig, an anderen Dingen teil zu nehmen als an den
+t&auml;glichen, sie umdr&auml;ngenden Sorgen. So wird sie oft dem
+Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht und
+sie bek&auml;mpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen
+kosten. Gelangweilt, ver&auml;rgert, von der unordentlichen
+Wirtschaft und dem schlechten Essen angewidert, sucht so mancher
+seine Zuflucht mehr und mehr in der Kneipe und im
+Alkoholgenu&szlig;.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Frau pers&ouml;nlich bedeutet die Ueberlastung mit
+Arbeit den k&ouml;rperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur,
+da&szlig; sie unnat&uuml;rlich fr&uuml;h altert&mdash;seht doch die
+Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig Jahren schon alte
+Frauen!&mdash;sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen
+Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe
+g&ouml;nnen, auch wenn sie der Ruhe bed&uuml;rftig ist, darum
+stellen sich Leiden aller Art bei ihr ein, die entweder ihr ganzes
+Leben vergiften, sie arbeitsunf&auml;hig machen oder einem
+fr&uuml;hen Tode entgegenf&uuml;hren.</p>
+
+<p>So hart wie ihren K&ouml;rper trifft die Ueberlastung ihren
+Geist. Ihm, dem schon die Volksschule nur die
+allernotd&uuml;rftigste Nahrung zuf&uuml;hrte, vermag sie noch
+weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle des
+Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch
+die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt
+an den Fragen des &ouml;ffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit
+dazu, sich satt zu trinken.</p>
+
+<p>Je mehr die Frau in die Gro&szlig;industrie eindringt, desto
+mehr werden sich all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und
+vergr&ouml;&szlig;ern, die wir geschildert haben.</p>
+
+<p>Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit
+st&uuml;tzen wird, desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die
+beide auf dem Wege der Emanzipation des Weibes liegen: die
+lohndr&uuml;ckende und die arbeitszeitverk&uuml;rzende Tendenz
+ihrer Arbeit. Unter Lohndr&uuml;ckung verstehe ich hier die Hemmung
+einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich entwickeln
+w&uuml;rde, wenn der Mann der alleinige Ern&auml;hrer der Familie
+bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto n&auml;her
+r&uuml;ckt das weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner
+Befreiung, der &ouml;konomischen Selbst&auml;ndigkeit. Da&szlig;
+tiefgehende Umwandlungen sowohl des Familien- und h&auml;uslichen,
+als des &ouml;ffentlichen Lebens damit in Verbindung stehen werden,
+beweist nur nochmals, welche revolutionierende Macht der
+Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem Gebiete
+der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz
+war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der
+Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei
+zeigt sich aber, da&szlig; sie notwendig auch die Regelung der
+m&auml;nnlichen Arbeitszeit nach sich ziehen mu&szlig;. In allen
+Industrien, wo M&auml;nner und Frauen besch&auml;ftigt werden,
+regelt sich schon jetzt die m&auml;nnliche Arbeitszeit nach der der
+Frauen, weil anderenfalls Betriebsst&ouml;rungen eintreten
+w&uuml;rden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird
+zun&auml;chst f&uuml;r die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der
+geradezu v&ouml;lkermordenden Folgen der Ueberanstrengung,
+eintreten m&uuml;ssen und wieder auf die M&auml;nner
+zur&uuml;ckwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich dann
+als notwendig erweisen, da es aber an m&auml;nnlichen
+Arbeitskr&auml;ften mangelt, wird Platz geschaffen f&uuml;r die in
+immer st&auml;rkerem Ma&szlig;e arbeitsuchenden Frauen. Und ganz
+allm&auml;hlich wird die befreiende Macht der Arbeit auch an ihnen
+zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon treten heute schon
+hervor: es entwickelt sich gerade aus der Arbeiterschaft heraus ein
+Geschlecht thatkr&auml;ftiger, geistig und materiell
+selbst&auml;ndiger Frauen, die beginnen, &uuml;ber den engen Kreis
+ihrer Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte sp&uuml;ren,
+die bisher fast nur zu stumpfer Resignation gef&uuml;hrt haben, und
+an ihrer L&ouml;sung mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis
+der eigenen Lage ist das erste Mittel, sich aus ihr zu
+befreien.</p>
+
+<a name="6_2" />
+<h3>Hausindustrie und Heimarbeit</h3>
+
+<p>Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit
+&uuml;berblickt, der sieht nichts als eine gleichm&auml;&szlig;ige
+graue Oede: Arbeit und Not,&mdash;Not und Arbeit. Die Unterschiede,
+die zu Tage treten, sind nichts als Variationen desselben Themas.
+Was f&uuml;r die Arbeiterin in der Gro&szlig;industrie gilt, das
+gilt ebenso f&uuml;r die in der Hausindustrie, im Handel oder im
+pers&ouml;nlichen Dienst Besch&auml;ftigte. Es kann daher f&uuml;r
+uns nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung
+stehende Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres
+Elends aufzudecken, ohne das Allgemeing&uuml;ltige nochmals zu
+wiederholen. Die Hausindustrie ist allzu reich an Z&uuml;gen, die
+uns zwar in der Gro&szlig;industrie schon begegneten, dort aber
+gewisserma&szlig;en nur die ersten Sorgenfalten des Antlitzes
+waren, w&auml;hrend sie hier jenen tiefen Furchen gleichen, die ein
+Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute
+unausl&ouml;schlich eingepr&auml;gt hat. Alles ist hier ins
+Ungeheuerliche vergr&ouml;bert und vergr&ouml;&szlig;ert: die
+Niedrigkeit der L&ouml;hne, die schlechten Wohnungen und
+Arbeitsst&auml;tten und ihre physischen und moralischen
+Folgeerscheinungen. Das gilt f&uuml;r beide Organisationsformen der
+Hausindustrie&mdash;die Heimarbeit und die
+Werkstattarbeit&mdash;und in h&ouml;chstem Ma&szlig;e f&uuml;r
+diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating
+System" sich einer traurigen Ber&uuml;hmtheit erfreut. Einzelbilder
+aus denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche
+Arbeit eine bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten
+erh&auml;rten.</p>
+
+<p>Betrachten wir zun&auml;chst die Textilindustrie, deren
+hausindustrieller Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen
+verzweifelten Kampf um seine Existenz zu k&auml;mpfen hat, der um
+so h&auml;rter ist, als die Schw&auml;chsten ihn auszufechten
+haben.</p>
+
+<p>Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid
+und Grauen zerflie&szlig;en, gehen eine Stunde sp&auml;ter mit dem
+beruhigten Gef&uuml;hl nach Hause, da&szlig; alles, was sie
+h&ouml;rten und sahen, einer l&auml;ngstverflossenen Zeit
+angeh&ouml;rt. Thats&auml;chlich aber sahen sie ein Spiegelbild des
+Elends von heute. Die b&ouml;hmischen Weber z.B. wohnen in ihrer
+&uuml;bergro&szlig;en Mehrzahl in H&uuml;tten, in deren oft
+einzigem Raum neben dem Webstuhl der Herd und die Lagerst&auml;tten
+der Familie sich befinden. Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen
+und gearbeitet; zwischen den verwahrlosten Kindern treiben sich im
+Winter auch noch H&uuml;hner und Ziegen herum. Eine dicke,
+feuchtwarme Luft schl&auml;gt dem Eintretenden daraus entgegen, zu
+ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster geschlossen. Der
+&uuml;ble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsf&auml;hige und
+giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst
+der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem
+Staub des Webens. Dabei ist an gr&uuml;ndliche Reinigung kaum je zu
+denken,&mdash;denn die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit
+gezwungen,&mdash;K&uuml;chenabfall, schmutzige W&auml;sche und
+dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs &auml;u&szlig;erste. Oft
+steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich
+daran abl&ouml;sen; eine vierzehn-, sechzehn- und
+achtzehnst&uuml;ndige Arbeitszeit geh&ouml;rt nicht zu den
+Seltenheiten.<a name="FNanchor_577"></a><a href=
+"#Footnote_577"><sup>577</sup></a> Vom sechsj&auml;hrigen Kinde an
+bis zum Greise ringt ein jedes in unabl&auml;ssigem M&uuml;hen um
+sein St&uuml;ck Brot.<a name="FNanchor_578"></a><a href=
+"#Footnote_578"><sup>578</sup></a> Zeiten der Arbeitslosigkeit
+bedeuten Hunger; &uuml;berfallen Schneeverwehungen die im Gebirge
+wohnenden Weber, die dadurch oft auf Monate vom Arbeitgeber
+abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in erschreckender Weise
+zu.<a name="FNanchor_579"></a><a href=
+"#Footnote_579"><sup>579</sup></a></p>
+
+<p>Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit
+des Betriebs auf der anderen Seite stehen die L&ouml;hne in
+schreiendem Mi&szlig;verh&auml;ltnis. Das Weben feiner
+Leinengewebe, z.B. der Damast-Tischgedecke, die sich vorl&auml;ufig
+von der Maschine nicht in derselben G&uuml;te herstellen lassen,
+bringt noch am meisten ein, und doch verdient ein Arbeiter bei
+gr&ouml;&szlig;ter Ausnutzung seiner Kr&auml;fte selten mehr als 7
+fl. die Woche<a name="FNanchor_580"></a><a href=
+"#Footnote_580"><sup>580</sup></a> ein Shawlweber kann es bis auf
+10 fl. bringen, wenn er von fr&uuml;h vier Uhr bis abends zehn Uhr
+zu arbeiten im stande ist.<a name="FNanchor_581"></a><a href=
+"#Footnote_581"><sup>581</sup></a> Der h&auml;ufigste
+Jahresverdienst b&ouml;hmischer Weberfamilien schwankt zwischen 120
+und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen erhalten werden
+m&uuml;ssen!<a name="FNanchor_582"></a><a href=
+"#Footnote_582"><sup>582</sup></a> Eine achtgliedrige Familie, die
+sich in der besonders g&uuml;nstigen Lage befand, &uuml;ber eine
+Jahreseinnahme von 350 fl. zu verf&uuml;gen, gab t&auml;glich
+f&uuml;r Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; f&uuml;r alle
+&uuml;brigen Ausgaben blieben 70 fl. &uuml;brig. Eine Witwe mit
+nicht weniger als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im
+Jahr trotz allem Flei&szlig; aufbringen<a name=
+"FNanchor_583"></a><a href="#Footnote_583"><sup>583</sup></a>, d.h.
+diese elf Personen mu&szlig;ten mit f&uuml;nfundf&uuml;nfzig
+Kreuzern t&auml;glich ihre s&auml;mtlichen Bed&uuml;rfnisse
+befriedigen! Ein Arbeiter, der mit Frau und Kindern sogenannte
+Putzel-Leinwand herstellte, verdiente 1,48 fl. die Woche; ein
+anderer, der leichte Baumwollwaren unter Mithilfe seiner Familie
+webte, kam bei zw&ouml;lfst&uuml;ndiger Arbeitszeit aller auf 1,20
+fl.<a name="FNanchor_584"></a><a href=
+"#Footnote_584"><sup>584</sup></a> Unter den alleinarbeitenden
+Frauen sind die Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie
+erreichen den hohen Lohn von&mdash;2 fl. w&ouml;chentlich.<a name=
+"FNanchor_585"></a><a href="#Footnote_585"><sup>585</sup></a> Die
+Spulerinnen der Baumwollunterketten f&uuml;r Pl&uuml;schgewebe
+dagegen,&mdash;meist lebensm&uuml;de Greisinnen mit zitternden
+H&auml;nden und gekr&uuml;mmten R&uuml;cken,&mdash;kommen bei
+gro&szlig;em Flei&szlig; auf 1,10 fl. die Woche<a name=
+"FNanchor_586"></a><a href="#Footnote_586"><sup>586</sup></a>, und
+die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor f&uuml;nfzehn
+Jahren f&uuml;r 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter
+auf 75 kr., wobei h&auml;ufig vier volle Arbeitstage darauf
+gehen.<a name="FNanchor_587"></a><a href=
+"#Footnote_587"><sup>587</sup></a> Wie es bei solchen L&ouml;hnen
+mit der Ern&auml;hrung der Bev&ouml;lkerung aussieht,&mdash;allein
+im K&ouml;niggr&auml;tzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber
+gez&auml;hlt<a name="FNanchor_588"></a><a href=
+"#Footnote_588"><sup>588</sup></a>,&mdash;bedarf keiner
+n&auml;heren Beschreibung. Es ist dabei oft noch ein besonderes
+Gl&uuml;ck, wenn der Weber &uuml;berhaupt seinen Lohn zu sehen
+bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger,
+dem eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in H&auml;nden
+haben, besch&auml;ftigen nur solche Weber, die von vornherein auf
+den Geldlohn verzichten und sich durch Waren aus ihren
+Kraml&auml;den entsch&auml;digen lassen. Manche arme Mutter, deren
+Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen mit irgend einem
+wertlosen St&uuml;ck Stoff, einem Tuch od. dergl. nach Hause. Ist
+der Faktor Gastwirt, so verf&uuml;hrt er den Weber, Branntwein
+statt Lohn zu nehmen<a name="FNanchor_589"></a><a href=
+"#Footnote_589"><sup>589</sup></a>, was den vollst&auml;ndigen Ruin
+der ungl&uuml;cklichen Familien herbeif&uuml;hrt. Aber das ist noch
+nicht alles: wird der Lohn gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch
+willk&uuml;rliche Schadenersatz- oder Strafgelder oft bis zur
+H&auml;lfte hinabzudr&uuml;cken<a name="FNanchor_590"></a><a href=
+"#Footnote_590"><sup>590</sup></a> und der in seiner Vereinzelung
+wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit vor Augen
+sieht, f&uuml;gt sich stumm darein. Ja, er entschlie&szlig;t sich
+sogar, den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu
+bestechen, um der Arbeit sicher zu sein.<a name=
+"FNanchor_591"></a><a href="#Footnote_591"><sup>591</sup></a></p>
+
+<p>Gegen&uuml;ber solchen Zust&auml;nden kann man sich nicht einmal
+damit tr&ouml;sten, da&szlig; sie sich etwa auf den einen
+Landstrich beschr&auml;nken, denn sie herrschen &uuml;berall, wo
+die motorisch getriebene Maschine im Gro&szlig;betrieb noch nicht
+hat Einzug halten k&ouml;nnen. In Belgien z.B., wo die mechanische
+Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat<a
+name="FNanchor_592"></a><a href="#Footnote_592"><sup>592</sup></a>,
+mu&szlig;te sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste,
+wie der feinen Battiste &uuml;berlassen.<a name=
+"FNanchor_593"></a><a href="#Footnote_593"><sup>593</sup></a>
+Seltsam genug: die Luxusartikel der Reichsten werden in den
+elendesten H&ouml;hlen des Jammers von den H&auml;nden der
+&Auml;rmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten
+meist in feuchtdunklen Kellern, um die feinen F&auml;den am Brechen
+zu verhindern.<a name="FNanchor_594"></a><a href=
+"#Footnote_594"><sup>594</sup></a> Sie erblinden infolgedessen
+h&auml;ufig und ihre Glieder kr&uuml;mmen sich unter rheumatischen
+und gichtischen Schmerzen. Wie in B&ouml;hmen haust die ganze
+Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie dort ist der Lohn
+ein kl&auml;glicher. Die geschickteste Weberin feiner Leinwand
+verdient im g&uuml;nstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit
+1,80 fr. t&auml;glich, w&auml;hrend Wochenl&ouml;hne von 3 fr. gar
+nicht selten sind.<a name="FNanchor_595"></a><a href=
+"#Footnote_595"><sup>595</sup></a> Ein trauriges Bild, das sich den
+geschilderten w&uuml;rdig anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie
+Frankreichs. Schon die Zucht der Seidenraupen in den
+Privath&auml;usern, die haupts&auml;chlich in den H&auml;nden der
+Frauen liegt, ist im h&ouml;chsten Grade widerlich: jeder Winkel
+der Wohnung wird daf&uuml;r ausgenutzt, Massen von welken
+Bl&auml;ttern, toten Raupen und ihren Exkrementen bedecken den
+Boden und verbreiten ekelhafte Ger&uuml;che; mitten darin wohnt,
+schl&auml;ft und kocht die ganze Familie.<a name=
+"FNanchor_596"></a><a href="#Footnote_596"><sup>596</sup></a> In
+den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die
+Ausd&uuml;nstung des hei&szlig;en, klebrigen Wassers, in das sie
+bei der Arbeit unaufh&ouml;rlich die H&auml;nde tauchen
+m&uuml;ssen, atembeklemmend. Die Lyoner Seidenweber, von denen die
+H&auml;lfte weiblichen Geschlechts sind, haben es nicht besser.
+Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der L&auml;nge
+ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882
+fr.<a name="FNanchor_597"></a><a href=
+"#Footnote_597"><sup>597</sup></a> Eine der besten Lyoner
+Hausweberinnen, die ein siebenj&auml;hriges Kind zu versorgen hatte
+und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte folgendes Budget auf:<a
+name="FNanchor_598"></a><a href=
+"#Footnote_598"><sup>598</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Wohnung</td>
+<td align="right">130,00 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Nahrung</td>
+<td align="right">653,35 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Heizung</td>
+<td align="right">34,80 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleidung</td>
+<td align="right">63,80 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>918,45 fr.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Trotzdem sie f&uuml;r Nahrung t&auml;glich nur 1,80 fr.
+rechnete, und die Kleidung f&uuml;r das Kind durch ihren Bruder
+beschafft wurde, mu&szlig; das Defizit ein bedeutend h&ouml;heres
+sein, als sie angab, weil sie weder f&uuml;r Krankheit, noch
+f&uuml;r Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte.
+Wohlth&auml;tigkeit oder Prostitution sind die einzigen Mittel, um
+es wett zu machen; die Arbeiterin, die sich aufreibt von fr&uuml;h
+bis sp&auml;t, hat daf&uuml;r nicht einmal die Genugthuung, durch
+eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu k&ouml;nnen,&mdash;sie
+mu&szlig; betteln gehen oder sich verkaufen!</p>
+
+<p>Fast an jedem St&uuml;ck unserer Kleidung und unseres Hausrats
+kleben der Schwei&szlig; und die Thr&auml;nen ungl&uuml;cklicher
+Frauen. F&uuml;r elegante Brustbes&auml;tze von Hemden, die den
+gepflegten K&ouml;rper reicher Damen umh&uuml;llen und f&uuml;r die
+sie selbst drei bis f&uuml;nf Gulden zahlen m&uuml;ssen,
+empf&auml;ngt die Stickerin des Erzgebirges nur sechzehn bis
+achtzehn Kreuzer, f&uuml;r kunstvoll gestickte Bettdecken, die ihr
+weiches Lager umh&uuml;llen, und bei einer t&auml;glichen
+Arbeitszeit von zw&ouml;lf bis f&uuml;nfzehn Stunden f&uuml;nf
+Wochen zur Fertigstellung erfordern, empf&auml;ngt die Arbeiterin
+ganze&mdash;f&uuml;nf Gulden!<a name="FNanchor_599"></a><a href=
+"#Footnote_599"><sup>599</sup></a> Die gestickten R&ouml;ckchen und
+H&auml;ubchen, die die zarten Glieder gl&uuml;cklicher Kinder
+w&auml;rmen, bringen den b&ouml;hmischen Strickerinnen zwanzig
+Kreuzer den Tag.<a name="FNanchor_600"></a><a href=
+"#Footnote_600"><sup>600</sup></a> Ob wohl die Heldinnen
+gro&szlig;st&auml;dtischer Feste, deren von F&uuml;ttern und Perlen
+glitzerndes Kleid sie wie eine Schlangenhaut umgiebt, jener
+vogesischen Stickerinnen gedenken, die in zw&ouml;lf- und
+vierzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder zur
+Arbeit angenommenen Kinder diese verf&uuml;hrerischen Gew&auml;nder
+herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?!<a
+name="FNanchor_601"></a><a href="#Footnote_601"><sup>601</sup></a>
+Auch die goldgestickten Uniformen der M&auml;nner k&ouml;nnen vom
+Elend derer, die sie schufen, erz&auml;hlen. Eine flei&szlig;ige
+franz&ouml;sische Goldstickerin mit einem dreij&auml;hrigen Kind
+hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und eine Ausgabe f&uuml;r
+die notwendigsten Bed&uuml;rfnisse von 707,90 fr. Das Defizit
+erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe gl&uuml;cklicherweise
+jemanden, der das deckt."<a name="FNanchor_602"></a><a href=
+"#Footnote_602"><sup>602</sup></a> Eine ihrer Kolleginnen in Paris
+verdiente w&ouml;chentlich bei elfst&uuml;ndiger Arbeitszeit 11,50
+fr., womit sie kaum ihre Ern&auml;hrung beschaffen konnte; "sie hat
+einen Liebhaber, Gott sei Dank," sagte ihre Nachbarin auf eine
+mitleidige Frage.<a name="FNanchor_603"></a><a href=
+"#Footnote_603"><sup>603</sup></a> Dabei bietet diese ganze
+Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der L&ouml;hne,
+denn die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine
+Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. w&ouml;chentlich verdiente,
+stand sie sich zehn Jahre sp&auml;ter bereits auf 17 bis
+h&ouml;chstens 23 Mk.<a name="FNanchor_604"></a><a href=
+"#Footnote_604"><sup>604</sup></a></p>
+
+<p>Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger
+Feind. Nach Hunderttausenden sch&auml;tzte Leroy-Beaulieu noch vor
+drei&szlig;ig Jahren die franz&ouml;sischen Spitzenarbeiterinnen.<a
+name="FNanchor_605"></a><a href="#Footnote_605"><sup>605</sup></a>
+Ihre Zahl ist heute sehr zusammengeschrumpft. Eine bl&uuml;hende
+Industrie war einst die b&ouml;hmische Spitzenkl&ouml;ppelei, heute
+vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu ern&auml;hren. Sechzehn
+bis achtzehn Stunden mu&szlig; die Kl&ouml;pplerin &uuml;ber dem
+Kissen geb&uuml;ckt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von
+30&mdash;sage und schreibe drei&szlig;ig!&mdash;bis h&ouml;chstens
+100 Gulden erreichen will. F&uuml;nfj&auml;hrige Kinder m&uuml;ssen
+schon acht Stunden t&auml;glich neben der Mutter sitzen und
+kl&ouml;ppeln, um drei bis zw&ouml;lf Kreuzer zu verdienen. Ein
+elendes Geschlecht w&auml;chst unter solchen Umst&auml;nden heran,
+tuberkul&ouml;s und skrophul&ouml;s, physisch und geistig
+herabgekommen.<a name="FNanchor_606"></a><a href=
+"#Footnote_606"><sup>606</sup></a> Im klassischen Lande der
+Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom
+sechsten Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zw&ouml;lf Stunden
+t&auml;glich in feuchter Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200
+fr. im Jahre zu verdienen.<a name="FNanchor_607"></a><a href=
+"#Footnote_607"><sup>607</sup></a> Bei einer j&auml;hrlichen
+Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen Mark, stehen sich
+die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c. t&auml;glich.<a
+name="FNanchor_608"></a><a href="#Footnote_608"><sup>608</sup></a>
+Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner
+Spitzenn&auml;herinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen
+Satz nur dann, wenn bei t&auml;glicher zw&ouml;lfst&uuml;ndiger
+Arbeitszeit im Laufe des Jahres keine Arbeitsunterbrechung
+stattfindet. Dasselbe gilt f&uuml;r die Schleierarbeiterinnen, die
+dabei noch schlimmer daran sind, weil sie keine differenzierte
+Arbeit haben, wie die Spitzenn&auml;herinnen; alle Tage, zw&ouml;lf
+Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen
+auf das feine Gewebe.<a name="FNanchor_609"></a><a href=
+"#Footnote_609"><sup>609</sup></a> Zehrende Krankheiten sind das
+Gefolge der Spitzenarbeit. Noch sch&auml;rfer als in der Fabrik
+wirkt das Blei, das zur Appretur angewendet wird, auf die
+Arbeiterinnen; fast alle weisen Zeichen der Vergiftung auf, neben
+rasch abnehmender Sehkraft.<a name="FNanchor_610"></a><a href=
+"#Footnote_610"><sup>610</sup></a> Auch hier ist die Lage
+v&ouml;llig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte
+Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen.</p>
+
+<p>Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu k&ouml;nnen,
+da&szlig; die Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und
+die Zust&auml;nde, die sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden.
+Dies Sterben ist aber leider nicht nur ein au&szlig;erordentlich
+langsames, dieselben Verh&auml;ltnisse finden sich vielmehr auch
+bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht leben und nicht
+sterben k&ouml;nnen. Sehen wir z.B. jene englischen Heimarbeiter
+an, die Z&uuml;ndholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet
+eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der
+ganze, auch im Sommer geheizte Raum ist erf&uuml;llt mit
+trocknenden Schachteln, Geruch von schlechtem Leim erf&uuml;llt die
+Luft, und 7 sh. w&ouml;chentlich ist die h&ouml;chste zu erzielende
+Einnahme.<a name="FNanchor_611"></a><a href=
+"#Footnote_611"><sup>611</sup></a> Oder betrachten wir jene in den
+D&ouml;rfern und Flecken B&ouml;hmens verstreuten
+Glasarbeiter-Familien, deren Frauen die schwersten und
+gesundheitssch&auml;dlichsten Arbeiten obliegen; stundenweit, bei
+jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden m&uuml;ssen sie die
+schweren Lastk&ouml;rbe schleppen, um Waren abzuliefern und
+Material zu holen<a name="FNanchor_612"></a><a href=
+"#Footnote_612"><sup>612</sup></a>, oder sie sind mit der
+Glasmalerei besch&auml;ftigt und infolge der bleihaltigen Farben
+Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.<a name="FNanchor_613"></a><a
+href="#Footnote_613"><sup>613</sup></a> Bla&szlig; und
+hohl&auml;ugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen
+Th&uuml;ringens. Um den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen
+Glanz zu geben, blasen die M&auml;dchen eine &uuml;belriechende,
+oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte von Fischschuppen und
+Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und augenkrank, aber sie
+erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75 Pf.
+t&auml;glich!<a name="FNanchor_614"></a><a href=
+"#Footnote_614"><sup>614</sup></a> Noch elender daran sind die
+belgischen Strohflechterinnen, die t&auml;glich 47 bis 57 c.
+verdienen, und dabei vollst&auml;ndig in den H&auml;nden des
+Faktors sind, der sie am liebsten mit Waren entlohnt.<a name=
+"FNanchor_615"></a><a href="#Footnote_615"><sup>615</sup></a></p>
+
+<p>Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne
+Ansto&szlig; von au&szlig;en, ihrem nat&uuml;rlichen Verfall
+entgegen, so w&auml;re damit die Hausindustrie an sich nicht aus
+der Welt geschafft. Denn wie sie einerseits durch die
+Gro&szlig;industrie erdr&uuml;ckt wird,&mdash;ein Proze&szlig;, der
+in der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck
+kommt,&mdash;so werden ihr andrerseits durch sie neue Gebiete
+er&ouml;ffnet, auf denen eine fast grenzenlose
+Ausbreitungsm&ouml;glichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation
+des Gro&szlig;betriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf
+hervor; hier ist die Heimarbeit &uuml;berall in starkem Zunehmen
+begriffen<a name="FNanchor_616"></a><a href=
+"#Footnote_616"><sup>616</sup></a>, obwohl deren Sch&auml;den zum
+Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit spielt hier eine
+solche Rolle, da&szlig;, wo eigene Kinder fehlen, fremde,
+sogenannte Kaufkinder angenommen werden.<a name=
+"FNanchor_617"></a><a href="#Footnote_617"><sup>617</sup></a> Es
+kommen R&auml;ume von kaum zwei Meter H&ouml;he vor, in denen
+Frauen mit f&uuml;nf bis acht Kindern den ganzen Tag Cigarren
+machen; in K&uuml;chen und Schlafkammern wird der zum Entrippen
+angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so da&szlig; der Tabakdunst
+nicht mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.<a name=
+"FNanchor_618"></a><a href="#Footnote_618"><sup>618</sup></a>
+Welche Folgen die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir
+schon erfahren. Dabei verdient eine ganze, aus Mann, Frau und
+Kindern bestehende hart arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche,
+w&auml;hrend eine alleinstehende Frau mit einem Kind auf 6 bis
+h&ouml;chstens 10 Mk. rechnen kann.<a name="FNanchor_619"></a><a
+href="#Footnote_619"><sup>619</sup></a> Welche Gefahren die
+hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch f&uuml;r die
+Konsumenten mit sich bringt, daf&uuml;r nur ein Beispiel: In
+New-York fand ein Sanit&auml;tsinspektor eine Familie, die in
+derselben engen Kammer Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an
+Diphtheritis schwer krank danieder lagen.<a name=
+"FNanchor_620"></a><a href="#Footnote_620"><sup>620</sup></a></p>
+
+<p>Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die
+Spielwarenindustrie, die von alters her eines der traurigsten
+Kapitel der Hausindustrie bildet und weiter bilden wird, weil der
+Gro&szlig;betrieb sich besonders f&uuml;r billiges Spielzeug als
+weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In ihrer
+deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten
+Lohn- und Wohnungsverh&auml;ltnisse. Typisch war eine Behausung,
+die aus K&uuml;che und Kammer bestand. Die K&uuml;che, zugleich
+Wohn- und Arbeitsraum, wurde dauernd geheizt, damit die ringsum
+aufgeschichteten Sachen, Puppenk&ouml;pfe und dergleichen,
+schneller trocknen; die kaum ventilierbare Kammer war durch zwei
+bis drei Betten ganz ausgef&uuml;llt, in denen oft zwei- bis
+dreimal so viel Menschen schliefen. Die Bek&ouml;stigung bestand
+neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der
+Fleischer W&uuml;rste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die
+aus dem Rindfleisch als unbrauchbar entfernt werden.<a name=
+"FNanchor_621"></a><a href="#Footnote_621"><sup>621</sup></a> Diese
+Ern&auml;hrung soll dem K&ouml;rper Kr&auml;fte genug verleihen, um
+in der Hochsaison eine t&auml;gliche Arbeitszeit von achtzehn bis
+zwanzig Stunden auszuhalten.<a name="FNanchor_622"></a><a href=
+"#Footnote_622"><sup>622</sup></a> Dabei waren die L&ouml;hne so
+elend,&mdash;eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei
+angestrengter Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die
+Woche, mu&szlig;te sich aber mit diesem Verdienst auch noch
+&uuml;ber eine vier- bis sechsmonatliche Arbeitslosigkeit
+hinweghelfen<a name="FNanchor_623"></a><a href=
+"#Footnote_623"><sup>623</sup></a>,&mdash;da&szlig; die Drechsler
+sich ihr Holz stehlen mu&szlig;ten, um nur existieren zu
+k&ouml;nnen.<a name="FNanchor_624"></a><a href=
+"#Footnote_624"><sup>624</sup></a> Man sage nicht, da&szlig; diese
+Zust&auml;nde zwanzig Jahre hinter uns liegen und &uuml;berwunden
+sind; denn heute ist das Elend in der Th&uuml;ringer
+Spielwarenindustrie noch viel gr&ouml;&szlig;er.<a name=
+"FNanchor_625"></a><a href="#Footnote_625"><sup>625</sup></a> Eine
+Dr&uuml;ckerfamilie, die aus Papiermach&eacute; Spielzeug
+herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen,
+hei&szlig;en Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein
+S&auml;ugling in der Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank,
+ein Stuhl, eine einzige Sch&uuml;ssel, die zum Waschen und Essen
+gleichzeitig benutzt wurde, bildeten die ganze Einrichtung; dem
+gegen&uuml;ber hatte der Pfarrer des Orts die Stirn, zu behaupten,
+da&szlig; alle Leute gut und angenehm wohnen<a name=
+"FNanchor_626"></a><a href="#Footnote_626"><sup>626</sup></a>! Die
+L&ouml;hne sind von Jahr zu Jahr zur&uuml;ckgegangen. Heute
+verdient z.B. eine Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von
+25 bis 30 cm L&auml;nge, mit Aermeln, Schleifen, Spitzen und
+Kn&ouml;pfen nicht mehr als 12 bis 20 Pf.<a name=
+"FNanchor_627"></a><a href="#Footnote_627"><sup>627</sup></a> Die
+beliebten Puppent&auml;uflinge liefert der Sonneberger
+Hausindustrielle f&uuml;r 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro
+St&uuml;ck&mdash;1 Pf. verdient! Eine Bossiererfamilie von vier
+erwachsenen Personen kommt bei t&auml;glicher,&mdash;den Sonntag
+mitgerechnet,&mdash;vierzehn-bis f&uuml;nfzehnst&uuml;ndiger
+Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von
+34 Pf. t&auml;glich f&uuml;r die Person.<a name=
+"FNanchor_628"></a><a href="#Footnote_628"><sup>628</sup></a>
+da&szlig; unter solchen Verh&auml;ltnissen die M&auml;nner sich
+bem&uuml;hen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die
+Schw&auml;chsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie
+auf. 81 % der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger
+Spielwarenindustrie zur Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den
+Schulstunden oft bis zehn und zw&ouml;lf Uhr nachts, dr&auml;ngt
+die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr, ehe sie zur Ruhe
+kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert, da&szlig;
+im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose
+Erwachsene gegen&uuml;berstanden.<a name="FNanchor_629"></a><a
+href="#Footnote_629"><sup>629</sup></a> Auch in anderen Zweigen der
+Spielwarenindustrie m&uuml;ssen die M&uuml;tter nicht nur all ihre
+Kr&auml;fte daran geben, um einen nennenswerten Verdienst zu
+erreichen, sie sind auch noch gezwungen, das Liebste, was sie
+haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem uners&auml;ttlichen Moloch
+in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der Zinnsoldaten
+haupts&auml;chlich in ihren H&auml;nden. Sie sitzen beide
+bla&szlig; und still vor den Farbent&ouml;pfen, nur die H&auml;nde
+fieberhaft bewegend; das arme Kind mit dem alten, m&uuml;den Zug um
+Mund und Augen wendet teilnahmlos die bunten Fig&uuml;rchen in den
+H&auml;nden, es wei&szlig; gar nicht, was Spielen hei&szlig;t.
+Hunderte von N&uuml;rnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben;
+bei vierzehn- bis siebzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit erreichen sie
+einen w&ouml;chentlichen Reinverdienst von h&ouml;chstens 4,35
+Mk.<a name="FNanchor_630"></a><a href=
+"#Footnote_630"><sup>630</sup></a> Die R&auml;ume, in denen all
+dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus Holz
+und Papiermach&eacute;, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer
+verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime
+mit den Waren in die Familien der ahnungslosen K&auml;ufer getragen
+werden. Eine unbewu&szlig;te Rache der Elenden an den Reichen, wenn
+sie ihnen mit dem bunten Spielzeug den unheimlichsten
+W&uuml;rgeengel der Menschheit ins Haus schicken!</p>
+
+<p>Wir kommen nunmehr zu jenem gro&szlig;en Arbeitsgebiet, auf dem
+sich die Frauen in Scharen zusammendr&auml;ngen, und das die
+N&auml;herei in allen ihren Zweigen umfa&szlig;t. Die Art der
+Arbeit ist hier eine sehr differenzierte. Wir haben die
+Werkstattarbeiterin in den Schwitzh&ouml;hlen, die Heimarbeiterin,
+die f&uuml;r die Konfektions- und Putzgesch&auml;fte arbeitet, die
+Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft
+leben, die N&auml;herin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst
+n&auml;ht. Dabei handelt es sich neben der Herstellung der
+W&auml;sche und Kleidung um die der H&uuml;te, der Handschuhe, der
+Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet f&uuml;r die Frauenarbeit ist,
+geht schon daraus hervor, da&szlig; allein in Deutschland zwei
+Drittel aller hausindustriell th&auml;tigen Frauen der
+Bekleidungsindustrie angeh&ouml;ren. Die Nadel ist eines der
+ur&auml;ltesten Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr
+geblieben als eines jener wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form
+und Idee nach im Laufe der Jahrhunderte kaum ver&auml;ndert haben,
+und in der Bekleidungsindustrie mehr als in irgend einer anderen,
+hat sich best&auml;tigt, was wir schon in Bezug auf andere
+Berufsarten ausf&uuml;hrten, da&szlig; die Frauenarbeit die
+technische Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das
+Maschinenwesen gerade in der letzten H&auml;lfte des 19.
+Jahrhunderts einen enormen Fortschritt gemacht, nur in der
+N&auml;herei ist man seit f&uuml;nfzig Jahren bei denselben
+primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie
+herrscht nicht nur noch unumschr&auml;nkt, sie hat sogar die beste
+Aussicht, den Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde
+zu schlagen.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt
+es zwar nicht an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den
+etwa Momentphotographien aus einem Feldzug f&uuml;r die Beurteilung
+des ganzen Krieges haben: Wo der Kampf am hei&szlig;esten ist, wo
+die Wunden am schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht.
+Meist haben pl&ouml;tzlich an die Oberfl&auml;che tretende
+Mi&szlig;st&auml;nde das Elend der Konfektion der Oeffentlichkeit
+vor Augen gef&uuml;hrt; Erhebungen, wie die beiden deutschen im
+Jahre 1886, veranla&szlig;t durch den Kampf der Arbeiter gegen den
+geplanten N&auml;hgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des
+Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben
+gew&auml;hren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der
+Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die
+Verh&auml;ltnisse. An umfassenden, sorgf&auml;ltig vorbereiteten,
+besonders die H&ouml;he der Wochenl&ouml;hne und Jahreseinnahmen
+ber&uuml;cksichtigenden Enqueten fehlt es jedoch vollst&auml;ndig.
+Mit der Angabe der Wochenl&ouml;hne allein w&auml;re nicht viel
+gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so
+ausgepr&auml;gter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die
+Hochsaison nur f&uuml;nf Monate, die &uuml;brigen sieben bedeuten
+teils eine stille, teils eine vollst&auml;ndig tote Zeit f&uuml;r
+die Arbeiterin. Selbst Wochenl&ouml;hne von 15 bis 20 Mk., die
+au&szlig;erordentlich selten vorkommen, k&ouml;nnen demnach oft nur
+eine k&uuml;mmerliche Existenz gew&auml;hrleisten. In folgender
+Tabelle habe ich versucht, einige der festgestellten
+Wochenl&ouml;hne in Verbindung mit den Jahreseinnahmen der
+Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="2">Art der Arbeit</th>
+<th>Wochenlohn</th>
+<th>Jahreseinkommen</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Mk.</th>
+<th>Mk.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Kleider- und M&auml;ntelkonfektion<a name=
+"FNanchor_631"></a><a href="#Footnote_631"><sup>631</sup></a>:
+Berlin</td>
+<td align="center">8-9</td>
+<td align="center">160-180</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">4-5</td>
+<td align="center">80-100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;schekonfektion: Rheinprovinz</td>
+<td align="center">5,95</td>
+<td align="center">314,64</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;schekonfektion: Erfurt</td>
+<td align="center">6-7</td>
+<td align="center">250</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Knabenkonfektion: Stettin</td>
+<td align="center">3-4,80</td>
+<td align="center">250</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Knabenkonfektion<a name="FNanchor_632"></a><a href=
+"#Footnote_632"><sup>632</sup></a>: Berlin</td>
+<td align="center">3-10</td>
+<td align="center">280-300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">W&auml;schekonfektion<a name="FNanchor_633"></a><a
+href="#Footnote_633"><sup>633</sup></a>: Erfurt</td>
+<td align="center">2,25 bis 4,75</td>
+<td align="center">167,25</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">3,45 bis 7,20</td>
+<td align="center">253,95</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">4,60 bis 9,60</td>
+<td align="center">338,60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="4">Herrenkonfektion: Berlin</td>
+<td align="center">12,46</td>
+<td align="center">490</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">9,70</td>
+<td align="center">380</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">6,30</td>
+<td align="center">250</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">6,99</td>
+<td align="center">280</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;schekonfektion: Berlin</td>
+<td align="center">9,48</td>
+<td align="center">470</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Knabenkonfektion: Stettin</td>
+<td align="center">7,50</td>
+<td align="center">300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Damenkonfektion: Berlin</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">375</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Damenkonfektion: Breslau</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">250</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Damenkonfektion: Erfurt</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">220</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;schekonfektion: Berlin</td>
+<td align="center">5,88</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Damenkonfektion: Berlin</td>
+<td align="center">7</td>
+<td align="center">280</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Unterrockkonfektion<a name="FNanchor_634"></a><a href=
+"#Footnote_634"><sup>634</sup></a>: Berlin</td>
+<td align="center">7-8</td>
+<td align="center"></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="3">Blusenkonfektion: Berlin</td>
+<td align="center">3,50 bis 4,50</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">7-7,50</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">9</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Kleiderkonfektion<a name="FNanchor_635"></a><a
+href="#Footnote_635"><sup>635</sup></a>: Breslau</td>
+<td align="center">4,50 bis 7,50</td>
+<td align="center">250-300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">2-3</td>
+<td align="center">100-150</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">Konfektion<a name="FNanchor_636"></a><a href=
+"#Footnote_636"><sup>636</sup></a>: L&uuml;bbecke</td>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">250</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">376</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="4">Damenkonfektion<a name="FNanchor_637"></a><a href=
+"#Footnote_637"><sup>637</sup></a>: Berlin</td>
+<td align="center">7,42</td>
+<td align="center">386</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">322</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">5,95</td>
+<td align="center">309</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">--</td>
+<td align="center">393</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten F&auml;llen
+Jahreseinnahmen unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir,
+da&szlig; eine regelm&auml;&szlig;ige w&ouml;chentliche Einnahme
+von 9 Mk. und eine j&auml;hrliche von 468 Mk. gerade nur das
+notd&uuml;rftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu
+sichern vermag, eine gro&szlig;st&auml;dtische Arbeiterin sogar
+unter 600 Mk. nicht auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts
+hinzuzuf&uuml;gen, um ihre Sprache beredter zu machen. Dabei
+erreicht die Arbeiterin diese Hungerl&ouml;hne nur mit Aufbietung
+ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von vierzehn
+bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die Stepperinnen
+in den Berliner Zwischenmeisterwerkst&auml;tten oft bis elf Uhr
+nachts und l&auml;nger;<a name="FNanchor_638"></a><a href=
+"#Footnote_638"><sup>638</sup></a> N&uuml;rnberger N&auml;herinnen,
+die acht bis neun Mark verdienen, m&uuml;ssen daf&uuml;r
+f&uuml;nfzehn bis sechzehn Stunden hinter der Maschine sitzen.<a
+name="FNanchor_639"></a><a href="#Footnote_639"><sup>639</sup></a>
+In den Werkst&auml;tten betr&auml;gt die Arbeitszeit selten weniger
+als zw&ouml;lf bis dreizehn Stunden, sehr h&auml;ufig,&mdash;das
+konnte die Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik wiederholt
+konstatieren,&mdash;wird, besonders vor den Liefertagen, die Nacht
+durch gearbeitet. Ins Endlose wird sie noch dadurch ausgedehnt,
+da&szlig; die Arbeiterinnen Arbeit mit nach Hause nehmen und hier
+noch drei bis f&uuml;nf Stunden ihr letztes bi&szlig;chen Kraft
+daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam
+vor, da&szlig; Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125
+Arbeitsstunden w&ouml;chentlich berechnen konnten.<a name=
+"FNanchor_640"></a><a href="#Footnote_640"><sup>640</sup></a> Die
+Vorteile der Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts
+zusammen, um so mehr, als auch die Werkstatt in den meisten
+F&auml;llen nichts weiter ist, als eine enge, schlecht beleuchtete
+und schlecht ventilierte Proletarierwohnung. In demselben Raum, der
+vom Dunst der B&uuml;geleisen erf&uuml;llt ist, in dem Glieder der
+Familie des Zwischenmeisters n&auml;chtigen, der wom&ouml;glich
+auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die
+N&auml;herinnen dicht gedr&auml;ngt vor dem oft einzigen Fenster.
+Werkst&auml;tten in feuchten Kellern, oder in
+gl&uuml;hendhei&szlig;en Dachstuben kommen vor, dabei ist
+h&auml;ufig die Ueberf&uuml;llung so gro&szlig;, da&szlig; statt 28
+cbm nur 5 bis 12 cbm Luftraum auf die Person kommen.<a name=
+"FNanchor_641"></a><a href="#Footnote_641"><sup>641</sup></a> Und
+doch steht die Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die
+Heimarbeiterin. Das gr&ouml;&szlig;te Elend ist dort zu Hause, wo,
+versteckt in den eigenen vier W&auml;nden, die arme Witwe, die
+verlassene Ehefrau, die Gattin des Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen
+f&uuml;r sich und ihre Kinder den harten Kampf ums Dasein
+k&auml;mpfen. R&uuml;cksichtslos und schutzlos sind sie der
+unbeschr&auml;nktesten Ausbeutung preisgegeben. Da&szlig; sie zum
+gro&szlig;en Teil nicht freiwillig die Heimarbeit gew&auml;hlt
+haben, sondern sich dazu gezwungen sehen, weil Familiensorgen sie
+ans Haus fesseln, geht schon daraus hervor, da&szlig; die meisten
+Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild so oft
+verherrlichten "flotten N&auml;hmamsellen" geh&ouml;ren, sondern
+sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren
+abh&auml;ngt.<a name="FNanchor_642"></a><a href=
+"#Footnote_642"><sup>642</sup></a> Fast durchweg liegt die
+Herstellung der gew&ouml;hnlicheren Konfektion in ihren
+H&auml;nden,<a name="FNanchor_643"></a><a href=
+"#Footnote_643"><sup>643</sup></a> infolgedessen erreichen sie bei
+h&ouml;chster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da,
+wo sie dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist
+ihr Verdienst geringer.<a name="FNanchor_644"></a><a href=
+"#Footnote_644"><sup>644</sup></a> Eine verwitwete N&auml;herin in
+Berlin mu&szlig;te, um 10 Mk. Wochenlohn zu erreichen, von
+fr&uuml;h vier und f&uuml;nf Uhr bis nachts elf Uhr arbeiten; trotz
+dieser &uuml;bermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre Familie
+nicht allein erhalten, sie mu&szlig;te noch zur
+Armenunterst&uuml;tzung ihre Zuflucht nehmen!<a name=
+"FNanchor_645"></a><a href="#Footnote_645"><sup>645</sup></a> Eine
+Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten Morgengrauen ihre
+Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr nachts; weil
+sie sich die Zeit daf&uuml;r nicht nehmen konnte, mu&szlig;te ihr
+&auml;ltester elfj&auml;hriger Bub das Mittagessen bereiten und die
+Geschwister beaufsichtigen.<a name="FNanchor_646"></a><a href=
+"#Footnote_646"><sup>646</sup></a> Berliner Blusenn&auml;herinnen
+wiesen Wochenl&ouml;hne von 3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf!<a name=
+"FNanchor_647"></a><a href="#Footnote_647"><sup>647</sup></a> In
+Essen verdiente eine Mutter mit ihrer Tochter bei sechzehn- bis
+achtzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit 9,75 Mk. f&uuml;r das N&auml;hen
+leinener Arbeiterhosen; pro St&uuml;ck erhielten sie&mdash;12 Pf.,
+obwohl das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopfl&ouml;cher,
+zehn Kn&ouml;pfe neben den Maschinenn&auml;hten zu n&auml;hen waren
+und das Garn dazu geliefert werden mu&szlig;te.<a name=
+"FNanchor_648"></a><a href="#Footnote_648"><sup>648</sup></a>
+Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk.
+w&ouml;chentlichen Verdienst, Knopflochn&auml;herinnen in der
+stillen Zeit auf 2 bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine
+W&auml;schen&auml;herin, Mutter von vier kleinen Kindern, konnte
+bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als 9 Mk. w&ouml;chentlich
+verdienen.<a name="FNanchor_649"></a><a href=
+"#Footnote_649"><sup>649</sup></a> Wie sich bei solchen Einnahmen
+die Lebenshaltung gestaltet, daf&uuml;r nur einige Beispiele. Eine
+alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. w&ouml;chentlich
+verdiente, hatte folgendes Wochenbudget:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Mit einer anderen geteilte Kochstube</td>
+<td>1,50 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Feuerung</td>
+<td>0,30&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Spiritus zum Kochen</td>
+<td>0,20&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Petroleum</td>
+<td>0,30&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;sche</td>
+<td>0,15&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Mehl, Gem&uuml;se, Gegr&auml;upe</td>
+<td>0,70&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kartoffeln</td>
+<td>0,15&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Brot</td>
+<td>1,00&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Milch</td>
+<td>0,35&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Salz, Schweden etc</td>
+<td>0,10&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kaffee</td>
+<td>0,40&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Butter</td>
+<td>0,50&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schmalz</td>
+<td>0,38&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kassenbeitrag</td>
+<td>0,22&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>6,25 Mk.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Ihre t&auml;gliche Ausgabe f&uuml;r die Nahrung betrug demnach
+nicht ganz 50 Pf., f&uuml;r Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben
+blieben w&ouml;chentlich nur 75 Pf. &uuml;brig.<a name=
+"FNanchor_650"></a><a href="#Footnote_650"><sup>650</sup></a> Eine
+andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag f&uuml;r 30 Pf.
+t&auml;glich ausw&auml;rts a&szlig;, brauchte, da sie sich ein
+wenig besser n&auml;hrte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben
+einer Breslauer N&auml;herin, die durchschnittlich 6 Mk. verdiente,
+stellten sich folgenderma&szlig;en:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Wohnung</td>
+<td>1,00 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Mittagessen</td>
+<td>1,75&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Fr&uuml;hst&uuml;ck, Vesper, Abendbrot</td>
+<td>2,25&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Heizung, Beleuchtung, W&auml;sche</td>
+<td>1,35&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kassenbeitrag</td>
+<td>0,15&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>6,50 Mk.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller
+Art nicht in Rechnung gestellt wurden, und die t&auml;gliche
+Ausgabe f&uuml;r die Ern&auml;hrung nur 57 Pf. betr&auml;gt, ein
+w&ouml;chentliches Defizit von 50 Pf.<a name="FNanchor_651"></a><a
+href="#Footnote_651"><sup>651</sup></a> Sobald noch Kinder zu
+ern&auml;hren sind, wird die Lage nat&uuml;rlich zu einer ganz
+verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfj&auml;hrigen Sohn, die 366
+Mk. im Jahr, also ca. 7 Mk. w&ouml;chentlich verdiente, und die
+Ausgabe f&uuml;r Miete durch Aftervermietung deckte, hatte folgende
+Wochenausgaben:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Feuerung</td>
+<td>0,90 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Petroleum</td>
+<td>0,55&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Brot</td>
+<td>1,30&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ein Pfund Fett</td>
+<td>0,60&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zehn Pfund Kartoffeln</td>
+<td>0,30&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gem&uuml;se und Gegr&auml;upe</td>
+<td>0,70&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Knochen zum Auskochen</td>
+<td>0,15&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sonntags 1/2 Pfund Fleisch</td>
+<td>0,30&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Salz, Schweden, Wichse etc</td>
+<td>0,10&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;sche</td>
+<td>0,15&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kaffee</td>
+<td>0,60&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Milch</td>
+<td>0,35&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>6,00 Mk.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>F&uuml;r die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. f&uuml;r
+Krankheit, Fahrten, Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk.
+w&ouml;chentlich &uuml;brig, die Nahrung stellte sich t&auml;glich
+auf 30 Pf. pro Person!<a name="FNanchor_652"></a><a href=
+"#Footnote_652"><sup>652</sup></a> Kann man sich wohl von einer
+Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer Wocheneinnahme
+von f&uuml;nf oder gar nur drei Mark beruht?! L&auml;&szlig;t sich
+das Elend ausdenken, das herrschen mu&szlig;, wenn mehr als ein
+Kind davon erhalten werden soll?!</p>
+
+<p>Man k&ouml;nnte versucht sein, anzunehmen, da&szlig; solche
+Verh&auml;ltnisse vielleicht einzig dastehen und sich in anderen
+L&auml;ndern nicht wiederholen. Leider zeigt sich aber auch hier,
+da&szlig; gewisse soziale Zust&auml;nde im unmittelbaren Gefolge
+wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher &uuml;berall
+die gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben
+Stand erreicht hat. Die Wiener N&auml;herin, die von sechs Uhr
+fr&uuml;h bis in die sp&auml;te Nacht Trikottaillen n&auml;ht, um
+3,50 fl. zu verdienen; die beiden Schwestern, die zusammen 10,
+h&ouml;chstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft nicht mehr wie 20
+kr. f&uuml;r ihr Mittagessen auszugeben verm&ouml;gen;<a name=
+"FNanchor_653"></a><a href="#Footnote_653"><sup>653</sup></a> die
+b&ouml;hmische Handschuhn&auml;herin, die bei
+vierzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit nur 208 fl. im Jahr einnimmt,
+f&uuml;r Nahrung, Heizung und Wohnung f&uuml;r sich und ihr Kind
+aber allein 252 fl. braucht<a name="FNanchor_654"></a><a href=
+"#Footnote_654"><sup>654</sup></a>,&mdash;sie alle geben ihren
+deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse
+aber ist es, da&szlig; selbst im gelobten Lande der N&auml;herei
+und Schneiderei, das die Modedamen der ganzen Welt mit seinen
+Erzeugnissen versorgt, in Frankreich, die Lage derjenigen, aus
+deren H&auml;nden all die Wunderwerke hervorgehen, keine
+g&uuml;nstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach hoch, sie
+ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die
+deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch
+intensiverer ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa
+diejenigen, die als Vorarbeiterinnen in den Werkst&auml;tten der
+gro&szlig;en Konfektionsh&auml;user besch&auml;ftigt werden,
+k&ouml;nnen auf eine ann&auml;hernd regelm&auml;&szlig;ige Arbeit
+w&auml;hrend des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200
+bis h&ouml;chstens 230, die gew&ouml;hnlichen,&mdash;und die
+meisten!&mdash;haben 60 bis 160 Tage zu thun.<a name=
+"FNanchor_655"></a><a href="#Footnote_655"><sup>655</sup></a> In
+der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die
+t&auml;glich eine bis zwei Stunden Besch&auml;ftigung gew&auml;hrt,
+in der hohen Saison dagegen kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden
+vor!<a name="FNanchor_656"></a><a href=
+"#Footnote_656"><sup>656</sup></a> Bei vierzehn- bis
+f&uuml;nfzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit kann die
+Durchschnittskonfektionsn&auml;herin in Paris eine Jahreseinnahme
+von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75 c. bis 1,25 fr.
+t&auml;glich verdient.<a name="FNanchor_657"></a><a href=
+"#Footnote_657"><sup>657</sup></a> Bei einer Einnahme von 900 fr.
+aber f&auml;ngt erst die M&ouml;glichkeit an, selbst&auml;ndig
+davon leben zu k&ouml;nnen, und nur ein Drittel aller ihrer
+Arbeiterinnen verdienen, nach den Aussagen der Chefs der ersten
+Pariser Konfektionsfirmen, mehr als das.<a name=
+"FNanchor_658"></a><a href="#Footnote_658"><sup>658</sup></a> Eine
+der ersten Pariser Schneiderinnen, die f&uuml;r ein gro&szlig;es
+Haus Modelle arbeitet, also h&ouml;chst selten arbeitslos ist,
+verdiente j&auml;hrlich 875 fr. Sie hatte folgendes
+Ausgabenbudget<a name="FNanchor_659"></a><a href=
+"#Footnote_659"><sup>659</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Nahrung</td>
+<td>550 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Miete</td>
+<td>200 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;sche</td>
+<td>20&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Paar Schuhe</td>
+<td>20&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Kleider (selbst gen&auml;ht)</td>
+<td>40&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei H&uuml;te (selbst garniert)</td>
+<td>10&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schirm, Handschuhe</td>
+<td>10&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleine Ausgaben</td>
+<td>25&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>875 fr.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, da&szlig; selbst
+f&uuml;r eine Kraft ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert
+erscheint, wenn nicht nur die Anspr&uuml;che geringe sind, die
+Gesundheit gefestigt ist und auf Vergn&uuml;gungen fast ganz
+verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es sich nur um die
+Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen, auch noch
+zu den besseren Arbeiterinnen zu z&auml;hlenden N&auml;herin, die 3
+fr. t&auml;glich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die
+Ausgaben folgenderma&szlig;en<a name="FNanchor_660"></a><a href=
+"#Footnote_660"><sup>660</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Nahrung</td>
+<td>511 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Miete</td>
+<td>120 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleidung</td>
+<td>55&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;sche</td>
+<td>48&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stiefel</td>
+<td>30&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Licht und Heizung</td>
+<td>25&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleine Ausgaben</td>
+<td>40&nbsp; "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>829 fr.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sto&szlig;en hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst
+durch &auml;u&szlig;erste Einschr&auml;nkung nicht zu decken
+w&auml;re. Da&szlig; es unm&ouml;glich ist, beweist das Budget
+einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Gesch&auml;fte. Sie
+gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzuf&uuml;gte,
+da&szlig; sie sich dabei alles versagen m&uuml;sse, was das
+tr&uuml;be, einf&ouml;rmige Leben erheitern k&ouml;nne. Trotz einer
+achtmonatlichen, mit 4 fr. t&auml;glich entlohnten Arbeit, hatte
+sie am Schlu&szlig; des Jahres gegen 200 fr. Schulden.<a name=
+"FNanchor_661"></a><a href="#Footnote_661"><sup>661</sup></a> Wie
+sich aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr.
+einnehmen und davon auszukommen versuchen, daf&uuml;r nur ein
+Beispiel: Eine Pariser Konfektionsn&auml;herin hatte ein
+Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie gab aus f&uuml;r:<a name=
+"FNanchor_662"></a><a href="#Footnote_662"><sup>662</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Miete</td>
+<td>100,00 fr.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Nahrung</td>
+<td>237,25 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Licht</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 4,00 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ein Kleid</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 5,00 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ein Fichu</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 2,00 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Paar Str&uuml;mpfe</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 1,30 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Paar Schuhe</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 8,00 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Hemden</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 2,50 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Eine Hose</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 1,25 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Taschent&uuml;cher</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 0,80 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Zwei Servietten</td>
+<td>&nbsp; &nbsp; 0,80 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen:</td>
+<td>362,90 fr.</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Ihre t&auml;gliche Nahrung bestritt sie f&uuml;r 55 c., d.h.
+f&uuml;r 5 c. Milch, f&uuml;r 20 c. Brot, f&uuml;r 10 c.
+Kartoffeln, f&uuml;r 10 c. K&auml;se und f&uuml;r 10 c. Wurst!
+Selbst die Heizung mu&szlig;te sie sich versagen, von
+Vergn&uuml;gungen war keine Rede, ein einziges F&auml;hnchen
+f&uuml;r 5 fr. mu&szlig;te das ganze Jahr aushalten! Und das war
+ein M&auml;dchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach
+Gl&uuml;ck und Freude, die so st&uuml;rmisch nach Erf&uuml;llung
+verlangt; ein M&auml;dchen von zwanzig Jahren mitten in der von
+Lebenslust fiebernden Luft von Paris! Und doch giebt es noch
+tiefere Stufen des Elends. Die Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf
+ihnen angelangt: hier finden sich Jahreseinnahmen von 170, 200, 250
+fr., w&auml;hrend das Leben sich mit weniger als 350 fr.
+unm&ouml;glich bestreiten l&auml;&szlig;t.<a name=
+"FNanchor_663"></a><a href="#Footnote_663"><sup>663</sup></a></p>
+
+<p>Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die
+alten Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im
+Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie
+unumschr&auml;nkt. Die furchtbaren Enth&uuml;llungen des Elends in
+den kleinen Werkst&auml;tten des Londoner Ostens waren es, die
+&uuml;berhaupt zuerst die Blicke der Welt auf die Zust&auml;nde in
+der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des Sweating-Systems
+stammt von dort. In den Werkst&auml;tten der Zwischenmeister, wo in
+dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut dicht gedr&auml;ngt
+zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht ruht, wo die
+Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden
+H&auml;nden f&uuml;r ein St&uuml;ck Brot die Nadel f&uuml;hren, wo
+der Fluch Jehovahs: "Im Schwei&szlig;e deines Angesichts sollst du
+dein Brot essen" erst in Erf&uuml;llung gegangen zu sein scheint,
+&uuml;bt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in Manchester, in
+Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige L&ouml;hne und lange
+Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen,
+N&auml;herinnenl&ouml;hne von 6 p. an sind an der Tagesordnung<a
+name="FNanchor_664"></a><a href="#Footnote_664"><sup>664</sup></a>;
+die Glasgower Heimarbeiterinnen in der W&auml;schekonfektion, die
+h&auml;ufig von sechs Uhr fr&uuml;h bis zehn Uhr abends in ihrem
+verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen oder kranken Kindern an
+den feinen Batisthemden sticheln, die irgend eine Herzogin
+ahnungslos &uuml;ber den gepflegten K&ouml;rper ziehen wird,
+verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche<a name=
+"FNanchor_665"></a><a href="#Footnote_665"><sup>665</sup></a>; in
+den Londoner Schneiderwerkst&auml;tten erreicht eine gelernte
+Schneiderin bei vierzehn- bis siebzehnst&uuml;ndiger Arbeitszeit im
+besten Fall 4 sh. t&auml;glich, h&auml;ufig mu&szlig; sie sich mit
+derselben Summe als Wochenlohn zufrieden geben<a name=
+"FNanchor_666"></a><a href="#Footnote_666"><sup>666</sup></a>,
+w&auml;hrend die Heimarbeiterin &uuml;berhaupt kaum mehr zu
+verdienen vermag<a name="FNanchor_667"></a><a href=
+"#Footnote_667"><sup>667</sup></a>, sie n&auml;ht z.B.
+Unterr&ouml;cke f&uuml;r 7 p. das St&uuml;ck, wobei sie den Faden
+noch zugeben mu&szlig;.<a name="FNanchor_668"></a><a href=
+"#Footnote_668"><sup>668</sup></a></p>
+
+<p>Selbst in die neue Welt brachten die ungl&uuml;cklichsten
+Fl&uuml;chtlinge der alten das Sweating-System mit. Bl&uuml;hende
+Industrien, die ihren Arbeitern ein gutes Auskommen sicherten,
+brachen unter der Schmutzkonkurrenz der kleinen Werkst&auml;tten
+und der armen Heimarbeiter zusammen.<a name="FNanchor_669"></a><a
+href="#Footnote_669"><sup>669</sup></a> Ein einziger Stadtteil
+Chicagos wies nicht weniger als 162 Konfektionswerkst&auml;tten
+auf, &uuml;ber die H&auml;lfte aller Arbeiter darin waren
+verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den
+notwendigsten Ausgaben das Gleichgewicht halten.<a name=
+"FNanchor_670"></a><a href="#Footnote_670"><sup>670</sup></a> Als
+typisches Beispiel f&uuml;r die Wirkung der Hausindustrie kann
+folgendes gelten: ein Schneider, der seit seinem vierzehnten Jahre
+ein flei&szlig;iges und n&uuml;chternes Leben f&uuml;hrte, und
+trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ j&auml;hrlich einnahm, hatte
+nach zwanzig Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und
+wurde selbst, im Alter von 34 Jahren! als altersschwach und
+arbeitsunf&auml;hig befunden.<a name="FNanchor_671"></a><a href=
+"#Footnote_671"><sup>671</sup></a> Da die L&ouml;hne der weiblichen
+Arbeiter noch viel niedriger sind&mdash;solche von 25 c.
+t&auml;glich kommen sehr oft vor&mdash;, ihre
+Widerstandsf&auml;higkeit eine geringere ist und ihre Kr&auml;fte
+sich oft in wenigen Jahren verbrauchen,<a name=
+"FNanchor_672"></a><a href="#Footnote_672"><sup>672</sup></a> so
+kann man sich ungef&auml;hr eine Vorstellung von der Lage machen,
+in der sie sich befinden.</p>
+
+<p>Als notwendige Folge der niedrigen L&ouml;hne ist die
+&Uuml;berarbeit, die Unterern&auml;hrung und die Wohnungsnot
+&uuml;berall die gleiche. Es giebt naive Gem&uuml;ter, die in der
+Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur Aufrechterhaltung des durch
+die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens sehen. Sie stellen sich
+die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der handarbeitenden Frau
+aus b&uuml;rgerlichen Kreisen vor, die nur m&uuml;&szlig;ige
+Stunden auszuf&uuml;llen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer
+Wirtschaft stets zur Verf&uuml;gung steht. Sie wollen nicht
+einsehen, da&szlig; Heimarbeit zu fieberhafter Th&auml;tigkeit
+verdammt, da&szlig; sie den Menschen der Maschine
+gegen&uuml;berstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf
+aufnehmen mu&szlig;, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem
+sterbenden Kinde mu&szlig; die New-Yorker Arbeiterin ihr
+Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit, ihre Toten zu
+begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten
+k&ouml;nnen, schickt sie auf die Stra&szlig;e, oder bestenfalls zu
+Pflegefrauen, um in der Arbeit nicht gest&ouml;rt zu werden.<a
+name="FNanchor_673"></a><a href="#Footnote_673"><sup>673</sup></a>
+Ihre Berliner Leidensgef&auml;hrtin greift zu dem Mittel, ihre
+Kleinen in Kisten zu pferchen, oder an St&uuml;hle anzubinden, weil
+sie keine Zeit hat, aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen
+oder die Umherlaufenden zu beaufsichtigen.<a name=
+"FNanchor_674"></a><a href="#Footnote_674"><sup>674</sup></a> Die
+Hausindustrie erh&auml;lt die Frau nicht der Familie, denn sie
+mu&szlig; Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso vernachl&auml;ssigen,
+als ginge sie in die Fabrik.<a name="FNanchor_675"></a><a href=
+"#Footnote_675"><sup>675</sup></a> Die Hausindustrie zerst&ouml;rt
+vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik noch
+erh&auml;lt, weil sie ihrer Sklavin &uuml;berhaupt keine Ruhe
+l&auml;&szlig;t, weil sie den armseligen Wohnraum des Proletariers
+auch noch zur Werkstatt verwandelt. Die ganze Familie und die ganze
+Arbeit der Berliner Heimarbeiterin dr&auml;ngt sich in einem Raum,
+der wom&ouml;glich auch noch zum Kochen benutzt wird, zusammen; die
+kleine Stube daneben mu&szlig; an Schlafleute vermietet werden und
+wird oft noch von den Kindern geteilt.<a name="FNanchor_676"></a><a
+href="#Footnote_676"><sup>676</sup></a> Wie sie keinen Raum
+besitzen, in dem sie bei Tage f&uuml;r sich sein k&ouml;nnen, so
+haben sie nachts kaum ein Bett f&uuml;r sich allein; zwei Drittel
+aller Berliner Heimarbeiterinnen m&uuml;ssen ihr Bett mit anderen
+teilen.<a name="FNanchor_677"></a><a href=
+"#Footnote_677"><sup>677</sup></a> Bilder grauenhaften Elends
+rollen sich auf, wenn wir diese Wohnungen n&auml;her betrachten: Im
+f&uuml;nften Stock eines Berliner Hauses befindet sich ein
+einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose K&uuml;che;
+darin haust eine gel&auml;hmte Greisin, ihre Tochter, die
+N&auml;herin ist, und deren vier Kinder. In einem Keller derselben
+Stadt wohnt in einer K&uuml;che von 8 qm Bodenfl&auml;che eine
+Witwe mit vier Kindern, die Stube daneben hat sie an Schlafburschen
+vermietet; in beiden R&auml;umen schimmeln die M&ouml;bel, so
+feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen R&auml;umen
+haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafm&auml;dchen;
+den Mann zerfri&szlig;t auf dem Lager voll Lumpen der
+Kehlkopfkrebs. In einem Keller, dessen Dielen verfault sind, und
+dessen Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern
+f&uuml;r die, die droben in Luft und Sonne lachend
+vor&uuml;bergehen. In einem anderen Keller &auml;hnlicher Art liegt
+der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau
+n&auml;ht neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit
+ein.<a name="FNanchor_678"></a><a href=
+"#Footnote_678"><sup>678</sup></a> In New-York fand man eine
+siebenk&ouml;pfige Familie in einer Wohnung von drei R&auml;umen,
+von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als
+f&uuml;nfzehn Schlafleuten,&mdash;alle waren auf nur drei Betten
+angewiesen.<a name="FNanchor_679"></a><a href=
+"#Footnote_679"><sup>679</sup></a> In einer anderen Wohnung, in die
+ein Fabrikinspektor nachts eindrang, lagen zehn bis zw&ouml;lf
+Menschen, M&auml;nner, Frauen und Kinder, manche halb nackt, auf
+dem blo&szlig;en Fu&szlig;boden.<a name="FNanchor_680"></a><a href=
+"#Footnote_680"><sup>680</sup></a></p>
+
+<p>Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen
+Elends nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des
+ersten Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles"
+betrachten: sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran.
+Nachhaltiger aber d&uuml;rfte ihr Schrecken sein, wenn sie
+erf&uuml;hren, da&szlig; jene Armut ihnen selbst an das liebe Leben
+greift: in einem Zimmer Berlins n&auml;hte eine arme Mutter Blusen,
+halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei diphtheritiskranke
+Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die eben noch an
+derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten gleich
+darauf sieben Arbeiterinnen.<a name="FNanchor_681"></a><a href=
+"#Footnote_681"><sup>681</sup></a> Masern, Keuchhusten,
+Scharlach,&mdash;kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der
+armseligen Stube der N&auml;herin ein, und werden von ihren Hemden
+und Blusen und R&ouml;cken in die H&auml;user der K&auml;ufer
+getragen. Die Schwindsucht haftet an den beliebten billigen Jacken
+und M&auml;nteln der gro&szlig;en Warenh&auml;user; das furchtbare
+Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und
+moralisch reinsten Familien.<a name="FNanchor_682"></a><a href=
+"#Footnote_682"><sup>682</sup></a> Niemand kann ermessen, wie oft
+es geschieht, keiner aber sollte sich die Gr&ouml;&szlig;e der
+Gefahr verhehlen. Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in
+die Arme.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, da&szlig; die Hausindustrie L&ouml;hne
+aufweist, durch die kaum das nackte Leben erhalten werden kann.
+Ihre Arbeiterinnen aber sind jung, es graut sie mit vollem Recht
+vor einem Dasein, das aller Freude entbehrt; sie sind M&uuml;tter,
+sie k&ouml;nnen ihre Kinder nicht darben lassen; sie sehen das
+Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden. Selbst durch
+den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft k&ouml;nnen sie nicht leben,
+der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre mu&szlig; die Erg&auml;nzung
+sein. Die Arbeit selbst m&uuml;ssen sie h&auml;ufig damit bezahlen.
+Am g&uuml;nstigsten noch gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein
+festes Verh&auml;ltnis haben, wie jene arme Mutter, die
+erkl&auml;rte, sie habe sich dazu entschlie&szlig;en m&uuml;ssen,
+sonst w&auml;re sie zu Grunde gegangen.<a name=
+"FNanchor_683"></a><a href="#Footnote_683"><sup>683</sup></a> Ein
+Liebhaber aus den eigenen Kreisen wird vielleicht einmal ein
+Ehemann. In den weitaus meisten F&auml;llen jedoch fallen die
+hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen Prostitution
+anheim.<a name="FNanchor_684"></a><a href=
+"#Footnote_684"><sup>684</sup></a> Hunger und Lebenslust sind
+st&auml;rker als alle Moral, und die Moralpredigt oder gar die
+moralische Entr&uuml;stung wird angesichts dieses Elends zu einer
+ekelhaften Farce.</p>
+
+<p>Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu
+ihrer letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung
+der Zust&auml;nde verhei&szlig;t? Kann die Hausindustrie ihren
+Arbeitern, wie der Fabrikbetrieb nach und nach eine h&ouml;here
+Lebenshaltung erm&ouml;glichen? Um diese Fragen zu beantworten, ist
+es notwendig, sich die Ursachen des herrschenden Elends klar zu
+machen.</p>
+
+<p>Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie
+sich festgesetzt: in den Gro&szlig;st&auml;dten, wo eine
+gro&szlig;e Arbeiterbev&ouml;lkerung sich vorfindet.<a name=
+"FNanchor_685"></a><a href="#Footnote_685"><sup>685</sup></a> Hier
+str&ouml;men in wachsender Zahl die Proletarier zusammen, ihre
+Frauen und T&ouml;chter schaffen ein &uuml;berm&auml;&szlig;iges
+Angebot von Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von
+Landm&auml;dchen und durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und
+M&auml;dchen aus den Kreisen des B&uuml;rgertums st&auml;ndig
+gesteigert wird. Diese Arbeitskr&auml;fte k&ouml;nnen aber nur von
+Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine
+Anspr&uuml;che machen und deren technische Entwicklung noch in den
+Anf&auml;ngen stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien
+aller Art, in erster Linie diejenigen, die an alte
+hauswirtschaftliche Frauenarbeit ankn&uuml;pfen, wie die
+N&auml;herei und Schneiderei. Sie sind auch besonders geeignet,
+alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Erg&auml;nzung des
+m&auml;nnlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im
+Hause besch&auml;ftigt. All diese zusammentreffenden Umst&auml;nde
+nun: die Konzentrierung proletarischer Elemente in den
+Gro&szlig;st&auml;dten, das starke Angebot weiblicher
+Arbeitskr&auml;fte, die zum Teil durch ihre Leistungen nicht ihren
+ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz der
+Industrie, m&ouml;glichst billig zu produzieren, sind die Ursachen
+der gro&szlig;st&auml;dtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an
+physischem und sittlichem Elend. F&uuml;r England und Amerika gilt
+dasselbe, nur da&szlig; dort die billigen Arbeitskr&auml;fte durch
+die armen Einwanderer gestellt werden.</p>
+
+<p>Aber nicht nur in den Gro&szlig;st&auml;dten findet die
+Hausindustrie die Voraussetzungen f&uuml;r ihre Existenz. Sie
+findet sie in gleichem Ma&szlig;e in den Gebirgen, wo infolge der
+schlechten Transportverh&auml;ltnisse der Fabrikbetrieb nicht
+Fu&szlig; fassen kann,<a name="FNanchor_686"></a><a href=
+"#Footnote_686"><sup>686</sup></a> und in den Landorten des
+Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der
+Landwirtschaft allein seine Familie zu ern&auml;hren. Da die
+Hausindustrie einerseits mit Frauen, andererseits mit M&auml;nnern
+und Frauen zu thun hat, die von der modernen Arbeiterbewegung nicht
+erreicht werden, weil sie abgeschnitten sind vom Verkehr mit der
+Welt, so hat sie neben einem billigen auch ein
+au&szlig;erordentlich f&uuml;gsames Material in der Hand. Trotz
+alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu
+k&auml;mpfen. Ihre Kampfmittel sind neben den niedrigen
+L&ouml;hnen, der langen Arbeitszeit und dem Trucksystem die
+Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen Werkst&auml;tten
+besch&auml;ftigen sie wochenlang unentgeltlich oder wom&ouml;glich
+gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskr&auml;fte und
+entlassen sie, sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine
+Anstellung erwartet wird.<a name="FNanchor_687"></a><a href=
+"#Footnote_687"><sup>687</sup></a></p>
+
+<p>Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die
+Existenzbedingungen der Hausindustrie fernerhin vorhanden sein
+werden, und ob ihre Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum
+Vorteil der Arbeiter zu ver&auml;ndern.</p>
+
+<p>Es giebt Industrien, z.B., um gleich die f&uuml;r unseren Zweck
+wichtigste zu nennen, die Textilindustrie, die durch gro&szlig;e
+technische Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den
+Todessto&szlig; versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr
+aushalten, sie wird gewisserma&szlig;en ausgehungert. In England
+hat sich dieser Proze&szlig; bereits vollzogen, in anderen
+L&auml;ndern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere
+dagegen&mdash;und hier kommt im wesentlichen die
+Bekleidungsindustrie in Betracht&mdash;bed&uuml;rfen in der
+Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre Maschinen, die
+N&auml;hmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue
+Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen
+Voraussetzung. Und sie werden durch &auml;u&szlig;ere Umst&auml;nde
+auf absehbare Zeit hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die
+Bev&ouml;lkerungsverh&auml;ltnisse sich in der selben und nicht in
+der entgegengesetzten Richtung weiterentwickeln. Die proletarische
+Bev&ouml;lkerung w&auml;chst ebenso aus sich heraus, wie durch
+Zuwanderung und durch ein allm&auml;hliches Hinabsinken des
+Kleinb&uuml;rgertums. Dazu kommt, da&szlig; die H&ouml;he der
+m&auml;nnlichen Arbeitsl&ouml;hne immer mehr durch den
+Frauenerwerb, der als Erg&auml;nzung hinzugedacht wird,
+beeinflu&szlig;t wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher
+H&auml;nde steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des
+B&uuml;rgerstandes hat eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen
+der M&auml;nner weder den erh&ouml;hten Bed&uuml;rfnissen, noch der
+allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein das riesige
+Indieh&ouml;heschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der Frauen
+zur Notwendigkeit<a name="FNanchor_688"></a><a href=
+"#Footnote_688"><sup>688</sup></a>, der andererseits auch vielfach,
+infolge des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile
+entspringen mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die
+Weiterentwicklung der Hausindustrie in ihrer modernen Form zu
+sichern: die Tendenz zur Dezentralisation des Gro&szlig;betriebs.
+Die Ausdehnung und sch&auml;rfere Handhabung der
+Arbeiterschutzgesetzgebung l&auml;&szlig;t den Unternehmer nach
+einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in
+der Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet daf&uuml;r ein
+besonders drastisches Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und
+zur Ausbreitung der Hausindustrie, und zwar grade dort, wo
+Frauenarbeit eine bedeutende Rolle spielt, sind demnach gegeben.
+Dabei ist aber auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit der Hebung
+der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum Teil mit beantwortet.
+Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zun&auml;chst unm&ouml;glich
+erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich Ursache
+und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg &uuml;ber den Fabrikbetrieb
+beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen
+Arbeitskraft bis an die Grenze des M&ouml;glichen. Ein
+R&uuml;ckgang der L&ouml;hne, im Gegensatz zu ihrer Zunahme im
+Fabrikbetrieb, zeigt sich &uuml;berall.<a name=
+"FNanchor_689"></a><a href="#Footnote_689"><sup>689</sup></a> Die
+Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen,
+ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur
+Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten F&auml;llen w&auml;hlt
+sie, in der Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr
+n&uuml;tzen zu k&ouml;nnen, die Heimarbeit. Der gr&ouml;&szlig;te
+Teil der Heimarbeiterinnnen sind &uuml;berall Frauen mit Kindern.<a
+name="FNanchor_690"></a><a href="#Footnote_690"><sup>690</sup></a>
+Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden Preis. Ihre
+Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der
+schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen
+und T&ouml;chter der Bourgeoisie, jene "versch&auml;mten" Armen,
+die ihre Erwerbsarbeit als nicht standesgem&auml;&szlig;
+m&ouml;glichst geheim zu halten suchen<a name="FNanchor_691"></a><a
+href="#Footnote_691"><sup>691</sup></a>, und die an primitive
+Lebensverh&auml;ltnisse gew&ouml;hnte, daher billig arbeitende
+Landbev&ouml;lkerung. Die N&auml;herinnen im Vogtland z.B., die
+viel f&uuml;r Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die
+Berliner Arbeiterinnen.<a name="FNanchor_692"></a><a href=
+"#Footnote_692"><sup>692</sup></a> Und diese gef&auml;hrliche
+Konkurrenz wird teils durch den Staat, der Webe- und
+Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils durch kurzsichtige
+Privatwohlth&auml;tigkeit, die im Gebirge und auf dem Lande den
+sogenannten "Gewerbeflei&szlig;" einf&uuml;hrt, unterst&uuml;tzt<a
+name="FNanchor_693"></a><a href="#Footnote_693"><sup>693</sup></a>,
+auch noch k&uuml;nstlich gro&szlig;gezogen. Die Frauen, die
+Landbewohner und schlie&szlig;lich auch die V&ouml;lker mit
+niedriger Lebenshaltung,&mdash;der Einflu&szlig; der fabelhaft
+billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit
+beginnt bereits f&uuml;hlbar zu werden,&mdash;bilden das riesige
+Reservoir, aus dem die Hausindustrie stets neue Nahrung
+sch&ouml;pft, und die sie gegeneinander ausspielt. Sie ist wie ein
+ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil er aus tr&uuml;ben
+unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der mit
+seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und
+Lebenskr&auml;ftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich
+nicht aus sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um
+seine Wirkungen zu beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst
+mu&szlig; verschwinden.</p>
+
+<a name="6_3" />
+<h3>Der Handel.</h3>
+
+<p>Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem
+Umfang erst viel sp&auml;ter in Erscheinung getreten, als in
+anderen Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die
+Berliner Kommis an das preu&szlig;ische Staatsministerium um
+Einschr&auml;nkung der weiblichen Konkurrenz<a name=
+"FNanchor_694"></a><a href="#Footnote_694"><sup>694</sup></a>, aber
+erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen durch sie eine
+ernste Gefahr. Einerseits sind es die T&ouml;chter des mittleren
+und kleinen B&uuml;rgerstandes, die mehr und mehr vor die
+Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt
+werden und im kaufm&auml;nnischen Beruf ein
+standesgem&auml;&szlig;es Unterkommen zu finden glauben,
+andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine
+h&ouml;here Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in
+steigendem Ma&szlig;e ihre T&ouml;chter hinauf zu heben.</p>
+
+<p>Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und
+Warenh&auml;usern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer
+geringer werden hier die Anforderungen an kaufm&auml;nnische
+Bildung und genaue Warenkenntnis, da jede Verk&auml;uferin nur eine
+bestimmte Abteilung zugewiesen bekommt und auf den einzelnen
+Gegenst&auml;nden die Preise meist deutlich vermerkt zu werden
+pflegen. Infolgedessen ist es erkl&auml;rlich, da&szlig; in
+zahlreichen Gesch&auml;ftszweigen, besonders in den Gesch&auml;ften
+f&uuml;r Bekleidung und solchen f&uuml;r frische Nahrungsmittel
+mehr Frauen als M&auml;nner zu finden sind; sie rekrutieren sich
+meist aus proletarischen Kreisen, haben oft nur die Volksschule
+besucht und k&ouml;nnen, wie z.B. in Berlin, nur selten
+grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.<a name=
+"FNanchor_695"></a><a href="#Footnote_695"><sup>695</sup></a> Aber
+nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer
+Arbeit nach, m&uuml;ssen die Verk&auml;uferinnen zu den Kreisen der
+proletarischen Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen
+aller L&auml;nder, die sich mit ihrer Lage besch&auml;ftigen,
+stimmen darin &uuml;berein, da&szlig; der Lohn zur Leistung in
+gr&ouml;&szlig;tem Mi&szlig;verh&auml;ltnis steht, und alle
+charakteristischen Zeichen der proletarischen
+Arbeit,&mdash;Ueberarbeit und Arbeitslosigkeit,&mdash;auch auf sie
+zutreffen.</p>
+
+<p>Was zun&auml;chst die Lohnfrage betrifft, so ist ein
+einigerma&szlig;en ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung
+nicht vorhanden. Selbst die deutsche Kommission f&uuml;r
+Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer Untersuchungen der
+Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise f&ouml;rmlich
+&auml;ngstlich vermieden, sich &uuml;ber den Stand der
+Arbeitsentsch&auml;digung Aufkl&auml;rung zu verschaffen. Auch die
+englische Arbeitskommission bringt nur sp&auml;rliche Ziffern. Wir
+m&uuml;ssen uns daher im wesentlichen auf die Resultate privater
+Enqueten st&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Das Durchschnittseinkommen Berliner Verk&auml;uferinnen wird vom
+kaufm&auml;nnischen Hilfsverein f&uuml;r weibliche Angestellte auf
+58 Mk. monatlich gesch&auml;tzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit
+durchschnittlich 1-3/4 Monate betragen soll, so w&uuml;rde ein
+Jahreseinkommen von 594 Mk., eine t&auml;gliche Einnahme von 1,60
+Mk. zu verzeichnen sein.<a name="FNanchor_696"></a><a href=
+"#Footnote_696"><sup>696</sup></a> Schon mit dieser Summe ist es
+f&uuml;r die gro&szlig;st&auml;dtische Verk&auml;uferin nicht
+m&ouml;glich auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine
+Jahreseinnahme von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen
+werden kann, die der Berliner Verk&auml;uferin eine sorgenfreie
+Existenz zu sichern vermag. Nun geh&ouml;ren aber die Mitglieder
+des Hilfsvereins f&uuml;r weibliche Angestellte zweifellos zur
+Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher f&uuml;r die
+gro&szlig;e Masse nicht ma&szlig;gebend sein. Thats&auml;chlich
+kommen selbst in Berlin Monatsl&ouml;hne von 30 bis 40, ja sogar
+von 20 bis 30 Mk. vor; in der Provinz, besonders in den kleinen
+St&auml;dten, sind solche S&auml;tze keine Seltenheit; das
+Durchschnittsgehalt der Verk&auml;uferinnen in K&ouml;ln betrug 40,
+in Frankfurt 39, in Kassel 30, in K&ouml;nigsberg gar nur 27 Mk.<a
+name="FNanchor_697"></a><a href="#Footnote_697"><sup>697</sup></a>,
+ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen
+zur&uuml;cksteht. Selbst Leipzig weist Monatsl&ouml;hne von 20 bis
+30, ja sogar solche unter 20 Mk. auf.<a name="FNanchor_698"></a><a
+href="#Footnote_698"><sup>698</sup></a> Verk&auml;uferinnen, die
+eben die Lehrzeit hinter sich haben, m&uuml;ssen sich sogar oft
+genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.<a name="FNanchor_699"></a><a
+href="#Footnote_699"><sup>699</sup></a> M&auml;nnlichen
+Verk&auml;ufern wagt man solchen Gehalt nur h&ouml;chst selten
+anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen
+Anfangsgehalt, der schnell gesteigert wird; ihr
+Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk. angegeben, betr&auml;gt
+also fast das Doppelte des Einkommens ihrer weiblichen Kollegen. Je
+nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch die
+Verk&auml;uferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk.
+bezeichnen aber in den meisten F&auml;llen ein nur schwer
+erreichbares Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen
+nur ausnahmsweise vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich
+h&auml;ufig bis auf drei Monate ausdehnt, so schrumpft die im
+ganzen Jahr der Verk&auml;uferin zu Gebote stehende Summe so sehr
+zusammen, da&szlig; ein Auskommen schwer m&ouml;glich ist. Die
+Angaben Berliner Handelsgehilfinnen best&auml;tigen das. Danach
+betrug die durchschnittliche Ausgabe f&uuml;r Kost und Wohnung 51
+Mk., 30 Mk. wurde als das geringste bezeichnet, womit das Leben
+sich notd&uuml;rftig bestreiten lie&szlig;e.<a name=
+"FNanchor_700"></a><a href="#Footnote_700"><sup>700</sup></a>
+Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58 Mk.
+gegen&uuml;ber, so ist ohne weiteres klar, da&szlig; mit einem Rest
+von 7 Mk. die Ausgaben f&uuml;r W&auml;sche, Kleidung,
+Tramwayfahrten etc.&mdash;vom Vergn&uuml;gen ganz
+abgesehen&mdash;nicht gedeckt werden k&ouml;nnen. Besonders die
+Anspr&uuml;che an die Toilette, die das Budget der
+Handelsangestellten so sehr belasten, k&ouml;nnen damit nicht
+bezahlt werden und doch riskiert die Verk&auml;uferin ihre
+Stellung, wenn sie sie nicht erf&uuml;llt. Wie hoch sie sind,
+beweist eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben f&uuml;r
+Wohnung und Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen.
+W&auml;hrend die Fabrikm&auml;dchen oft kaum den vierten Teil
+dessen f&uuml;r ihre Kleidung verwenden, was sie f&uuml;r ihre
+Wohnung ausgeben, &uuml;bersteigt die Summe, mit der die
+Verk&auml;uferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die
+Ausgaben f&uuml;r die Wohnung, sehr oft sogar ist sie h&ouml;her,
+als diejenige, die sie f&uuml;r ihren ganzen Lebensunterhalt
+anlegen.<a name="FNanchor_701"></a><a href=
+"#Footnote_701"><sup>701</sup></a> Denken wir nun aber an
+Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen,
+die vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei
+einer Aufwendung von nur 30 Mk. f&uuml;r Kost und Wohnung, wobei
+nur eine Schlafstelle in Betracht kommen kann und die
+Unterern&auml;hrung chronisch wird, ein bedeutendes Defizit
+unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann gesichert, wenn die
+derma&szlig;en niedrig Entlohnten bei ihrer Familie wohnen. In
+welchem Umfang dies thats&auml;chlich geschieht, l&auml;&szlig;t
+sich nicht feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner
+Handelsangestellte umfa&szlig;te, ergab, da&szlig; 585, also 71 %,
+von ihnen bei Familienangeh&ouml;rigen wohnen; 240 sind darauf
+angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu beschaffen, und zwar
+haben 36,75 % dieser selbst&auml;ndigen M&auml;dchen eine
+Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.<a name=
+"FNanchor_702"></a><a href="#Footnote_702"><sup>702</sup></a>, sie
+geh&ouml;ren also zu denjenigen, die nach unserer Berechnung
+entweder nur unter gr&ouml;&szlig;ten Entbehrungen, oder unter
+fortw&auml;hrender Anh&auml;ufung von Schulden ihr Leben fristen
+k&ouml;nnen. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen
+um besonders Bevorzugte handelt,&mdash;nur die besser gestellten,
+intelligenteren unter ihnen entschlie&szlig;en sich, einem Verein
+beizutreten, und Vereinsmitglieder waren s&auml;mtliche
+Expertinnen,&mdash;so ergiebt sich, da&szlig; f&uuml;r die
+Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als
+der der Alleinstehenden ein wesentlich h&ouml;herer sein mu&szlig;.
+Aber selbst wenn wir die sehr g&uuml;nstige Berliner Berechnung zu
+Grunde legen, um die Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu
+beurteilen, zeigt es sich, da&szlig; von 365005 nicht weniger als
+105851 allein stehen, und von diesen wieder beinahe 17000 von dem
+Ertrag ihrer Arbeit nicht leben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>In England sind die Lohnverh&auml;ltnisse keineswegs besser,
+obwohl man zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die
+Handelsangestellten neben dem Gehalt freie Station haben. Aber
+selbst den unwahrscheinlichen Fall angenommen, da&szlig; diese so
+vortrefflich ist, da&szlig; ein Zuschu&szlig; zur Ern&auml;hrung
+aus dem eigenen Beutel sich nicht als n&ouml;tig erweist, reicht
+ein Jahreseinkommen von 10 bis 12 &pound;<a name=
+"FNanchor_703"></a><a href="#Footnote_703"><sup>703</sup></a> in
+den Gro&szlig;st&auml;dten Englands bei weitem nicht aus, um die
+notwendigen Ausgaben, die den Verk&auml;uferinnen erwachsen, zu
+bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der Strafgelder
+in ausgedehntestem Ma&szlig;e. In manchen Gesch&auml;ften giebt es
+bis zu hundert verschiedene Vers&auml;umnisse, die durch
+Lohnabz&uuml;ge geb&uuml;&szlig;t werden m&uuml;ssen.<a name=
+"FNanchor_704"></a><a href="#Footnote_704"><sup>704</sup></a></p>
+
+<p>F&uuml;r Frankreich k&ouml;nnen wir uns auf offizielle
+Untersuchungen nicht berufen, um die Lage der Handelsangestellten
+danach zu schildern; daf&uuml;r liegt in Zolas "Au Bonheur des
+Dames" ein weit wertvolleres Dokument vor. Es zeigt uns den kleinen
+Laden mit seinen schlecht gen&auml;hrten und schlecht bezahlten
+Arbeitern, es f&uuml;hrt uns in das fieberhafte Getriebe des
+gro&szlig;en Warenhauses, das Nerven- und Muskelkr&auml;fte
+untergr&auml;bt; es &ouml;ffnet uns die Th&uuml;r zu den winzigen,
+unheizbaren, allen Komforts entbehrenden Dachkammern, wo die
+M&auml;dchen abends halb ohnm&auml;chtig auf ihr Lager sinken und
+zu den E&szlig;s&auml;len, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen mit
+weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen Maschinen
+in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner gro&szlig;artigen
+Wirklichkeitsschilderung jede Illusion &uuml;ber die Lage der
+Ladenm&auml;dchen. Aber weit mehr noch als f&uuml;r das
+Riesenhandelshaus, das durch seinen gewaltigen Umsatz im stande
+ist, seinen Angestellten eine gesicherte Stellung zu geben, trotz
+aller Ausbeutung und Vernachl&auml;ssigung, gilt es f&uuml;r die
+kleinen, m&uuml;hsam um ihr Bestehen k&auml;mpfenden
+Gesch&auml;fte, wenn sich der &auml;u&szlig;ere Glanz des
+kaufm&auml;nnischen Berufs bei n&auml;herem Zuschauen in sein
+Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto
+trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor
+allem, da&szlig; die Wohnung und Bek&ouml;stigung im Hause des
+Prinzipals zwar eine Wohlthat ist, aber nicht f&uuml;r die
+Angestellten, sondern f&uuml;r ihn. Er macht dadurch nicht nur
+Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in der Hand, &uuml;ber
+seine Angestellten wie &uuml;ber h&auml;usliche Dienstboten frei
+verf&uuml;gen zu k&ouml;nnen.<a name="FNanchor_705"></a><a href=
+"#Footnote_705"><sup>705</sup></a> Die Bek&ouml;stigung im Hause
+des Chefs, die in Deutschland besonders auch dort h&auml;ufig
+&uuml;blich ist<a name="FNanchor_706"></a><a href=
+"#Footnote_706"><sup>706</sup></a>, wo die Verk&auml;uferinnen
+f&uuml;r ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den
+willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr
+einzuschr&auml;nken oder &uuml;berhaupt dem Zufall und der
+momentanen Gesch&auml;ftsruhe zu &uuml;berlassen. In England wurden
+Mittagspausen von zehn bis h&ouml;chstens zwanzig Minuten
+festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von
+Kunden unterbrochen werden konnten<a name="FNanchor_707"></a><a
+href="#Footnote_707"><sup>707</sup></a>; in Deutschland ist es
+nicht viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige;
+Fr&uuml;hst&uuml;cks- und Vesperpausen werden, vor allem in den
+kleinen Gesch&auml;ften, sehr selten gew&auml;hrt.<a name=
+"FNanchor_708"></a><a href="#Footnote_708"><sup>708</sup></a>
+Abendbrot giebt es in England h&auml;ufig gar nicht, so da&szlig;
+die M&auml;dchen gen&ouml;tigt sind, es sich selbst zu beschaffen<a
+name="FNanchor_709"></a><a href="#Footnote_709"><sup>709</sup></a>;
+die Bek&ouml;stigung ist dort wie in Deutschland meist, was
+Quantit&auml;t und Qualit&auml;t betrifft, gleich minderwertig<a
+name="FNanchor_710"></a><a href="#Footnote_710"><sup>710</sup></a>,
+und mu&szlig; im Gesch&auml;ftsraum selbst oder in engen, dumpfigen
+Nebenr&auml;umen hastig verschlungen werden. Nur die gro&szlig;en
+Gesch&auml;fte, die gro&szlig;en Warenh&auml;user und Bazare machen
+hie und da eine r&uuml;hmliche Ausnahme; wo sie &uuml;berhaupt
+ihren Angestellten Bek&ouml;stigung bieten, ist sie ausreichend,
+besondere Speises&auml;le sind daf&uuml;r angelegt und die Zeit zu
+ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, da&szlig; sie auch ein
+Ausruhen in sich schlie&szlig;en kann. In den kleinen St&auml;dten
+und in den kleinen Gesch&auml;ften, wo die weiblichen Angestellten
+auch h&auml;usliche Arbeiten verrichten m&uuml;ssen, ist ihre Lage
+durchweg eine traurige; auch in Bezug auf die Wohnung unterscheiden
+sie sich nicht von den Dienstm&auml;dchen: es werden ihnen
+unheizbare Dachstuben oder schlecht gel&uuml;ftete, halbdunkle
+R&auml;ume neben dem Laden zur Unterkunft angewiesen<a name=
+"FNanchor_711"></a><a href="#Footnote_711"><sup>711</sup></a>; in
+England und Amerika gilt dasselbe sogar in den gro&szlig;en
+St&auml;dten und Gesch&auml;ften. Londoner Verk&auml;uferinnen
+m&uuml;ssen sich oft zu zweien in ein Bett teilen, und die
+R&auml;ume, in denen sie hausen, entbehren jeder Bequemlichkeit.<a
+name="FNanchor_712"></a><a href="#Footnote_712"><sup>712</sup></a>
+In den Riesengesch&auml;ften New-Yorks wohnen die M&auml;dchen so
+eng, da&szlig; man Gefangenen solch einen Mangel an Luftraum nicht
+bieten w&uuml;rde.<a name="FNanchor_713"></a><a href=
+"#Footnote_713"><sup>713</sup></a> Damit sind die Nachteile der
+freien Station jedoch noch nicht ersch&ouml;pft; die Prinzipale
+bestimmen auch, unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral
+und des patriarchalischen Familienverh&auml;ltnisses, &uuml;ber die
+freie Zeit der Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der
+strengsten Aufsicht unterworfen, sie d&uuml;rfen auch nur an
+bestimmten Abenden der Woche ausgehen und m&uuml;ssen vor
+Thorschlu&szlig; heimkehren, da sie sonst keinen Einla&szlig; mehr
+finden.<a name="FNanchor_714"></a><a href=
+"#Footnote_714"><sup>714</sup></a> In England sind sie andererseits
+vielfach verpflichtet, am Sonntag fr&uuml;h das Zimmer zu verlassen
+und erst sp&auml;t abends heimzukehren.<a name=
+"FNanchor_715"></a><a href="#Footnote_715"><sup>715</sup></a> Der
+Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig Tagen des Jahres die
+Bek&ouml;stigung; die arme Verk&auml;uferin aber, die oft am
+liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie
+Zeit, zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen m&ouml;chte,
+mu&szlig; entweder an solch erzwungenen Festtagen ihre schmale
+B&ouml;rse leeren, oder Bekanntschaft suchen, die sie versorgt.</p>
+
+<p>Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das
+h&auml;rteste, denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor
+kurzem eine ganz unbeschr&auml;nkte. Die Ladenzeit betrug im
+Deutschen Reich im Maximum bis zu achtzehn Stunden, im Durchschnitt
+vierzehn Stunden t&auml;glich<a name="FNanchor_716"></a><a href=
+"#Footnote_716"><sup>716</sup></a>; nicht weniger als 43 % der
+Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine Ladenzeit von dreizehn
+bis sechzehn Stunden.<a name="FNanchor_717"></a><a href=
+"#Footnote_717"><sup>717</sup></a> Die l&auml;ngste fand sich in
+der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer
+Kolonialwarenhandlungen kam es vor, da&szlig; der Laden um
+f&uuml;nf Uhr fr&uuml;h ge&ouml;ffnet und um zehn oder elf Uhr
+nachts geschlossen wurde.<a name="FNanchor_718"></a><a href=
+"#Footnote_718"><sup>718</sup></a> In der Hochsaison
+verl&auml;ngerte sie sich &uuml;berall, dabei war von einer
+Verg&uuml;tung der &Uuml;berstunden selten die Rede,<a name=
+"FNanchor_719"></a><a href="#Footnote_719"><sup>719</sup></a> und
+wenn der Laden geschlossen war, ging die aufreibende Arbeit hinter
+verschlossenen Jalousien bis in die sinkende Nacht weiter. In
+England waren die Verh&auml;ltnisse genau dieselben.<a name=
+"FNanchor_720"></a><a href="#Footnote_720"><sup>720</sup></a> Und
+doch w&auml;ren diese Zust&auml;nde noch ertr&auml;glich zu nennen,
+wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen versch&auml;rft worden
+w&auml;ren: nicht nur, da&szlig; die armen M&auml;dchen von morgens
+bis abends mit freundlichem Diensteifer die Kunden,&mdash;und unter
+ihnen die unangenehmsten,&mdash;zu bedienen haben, da&szlig; sie
+die Leitern hinauf und hinab klettern, St&ouml;&szlig;e von Waren
+hin und her schleppen m&uuml;ssen, sie d&uuml;rfen sich, auch wenn
+niemand im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre
+F&uuml;&szlig;e schmerzen, nicht setzen<a name=
+"FNanchor_721"></a><a href="#Footnote_721"><sup>721</sup></a>!
+Stehen&mdash;stehen&mdash;zw&ouml;lf, vierzehn und mehr Stunden
+stehen&mdash;und dabei l&auml;cheln, immer l&auml;cheln! Eine
+Folter, die w&uuml;rdig w&auml;re, spanische Inquisitoren zu
+Erfindern zu haben!</p>
+
+<p>Erst in j&uuml;ngster Zeit hat man allenthalben den Versuch
+gemacht, diesen &Uuml;belstand aus der Welt zu schaffen; bei der
+Zaghaftigkeit aber, mit der vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen,
+da&szlig; er, in etwas gemilderter Form vielleicht, noch immer
+besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt dasselbe; ist doch sogar
+nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten M&auml;dchen
+&uuml;berall gesichert; auch am Sonntag m&uuml;ssen sie
+stundenweise im Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein
+Pfennig Profit entgeht.</p>
+
+<p>Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre
+Pr&uuml;gelknaben und M&auml;dchen f&uuml;r alles, daran. Kaum der
+Schule entwachsene Kinder werden mit Vorliebe aufgenommen; sie
+kosten wenig und lassen sich widerstandslos ausnutzen. Welchen
+riesigen Umfang ihre Besch&auml;ftigung annimmt, geht daraus
+hervor, da&szlig; sie in einem Viertel aller deutschen
+Gesch&auml;fte die Gehilfen an Zahl &uuml;berragen, in einem
+F&uuml;nftel sich noch einmal so viel Lehrlinge als Gehilfen
+befinden, und es sogar vorkommt, da&szlig; Gesch&auml;fte vielfach
+alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.<a name=
+"FNanchor_722"></a><a href="#Footnote_722"><sup>722</sup></a> Sie
+sind Laufm&auml;dchen, Hausm&auml;dchen,
+Verk&auml;uferin&mdash;alles in einer Person. In einem Alter, wo
+der weibliche K&ouml;rper der Schonung bedarf, m&uuml;ssen sie
+dieselben, ja oft noch l&auml;ngere Arbeitszeiten aushalten, als
+die Erwachsenen.<a name="FNanchor_723"></a><a href=
+"#Footnote_723"><sup>723</sup></a> Nur die St&auml;rksten
+&uuml;berstehen es, die anderen werden in der Bl&uuml;te geknickt,
+noch ehe ihnen die Fr&uuml;hlingssonne recht aufging. Trotzdem
+fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten,
+fliegen die M&auml;dchen zu dem blendenden Licht hinter den
+Spiegelscheiben, von dem sie M&auml;rchenwunder erwarten. Und der
+Handel braucht Jugend! Die Kunden sehen nicht gern alte Gesichter;
+ein h&uuml;bsches junges M&auml;dchen ist eine st&auml;rkere
+Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in den
+Gesch&auml;ften, besonders in denen der Gro&szlig;stadt: fast
+lauter junge Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und
+gl&auml;nzenden Augen treten uns entgegen. Die Statistik
+best&auml;tigt das: von den Berliner Verk&auml;uferinnen sind 71 %
+15 bis 21 Jahre alt<a name="FNanchor_724"></a><a href=
+"#Footnote_724"><sup>724</sup></a>! Wo bleiben die Alternden,
+diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungew&ouml;hnliche
+Gl&uuml;ck haben, sich selbst&auml;ndig machen zu k&ouml;nnen? Die
+edelsten Pferde haben das traurige Schicksal, da&szlig; sie aus dem
+Rennstall-Palais, wo sie in ihrer Jugend gen&auml;hrt, gepflegt und
+geh&uuml;tet wurden, sorgf&auml;ltiger als mancher Mensch, zuerst
+in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den
+armseligen Ackerg&auml;ulen des Bauern geraten&mdash;je &auml;lter
+sie werden, desto h&auml;rter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen,
+und unter ihnen ganz besonders den Verk&auml;uferinnen, geht es
+nicht anders. Werden sie alt und h&auml;&szlig;lich, so treten
+Junge an ihren Platz, und sie m&uuml;ssen sich mit immer
+schlechteren Stellungen begn&uuml;gen. Der in Deutschland bisher
+&uuml;bliche Modus, wonach keine oder nur ganz kurze
+K&uuml;ndigungsfristen ausgemacht wurden,&mdash;d.h. der Prinzipal
+konnte die Angestellte oft von einem Tag zum andern entlassen, die
+Angestellte aber mu&szlig;te die K&uuml;ndigung vier Wochen vorher
+einreichen,<a name="FNanchor_725"></a><a href=
+"#Footnote_725"><sup>725</sup></a>&mdash;hatte zur Folge, da&szlig;
+die alternden Gehilfinnen sich einer dauernden Wanderschaft
+ausgesetzt sahen und nie wissen konnten, ob nicht der n&auml;chste
+Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren freilich sind sie so wie so
+schon verbraucht.</p>
+
+<p>Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der
+schlechten Ern&auml;hrung tritt schon fr&uuml;h allgemeine
+Entkr&auml;ftung und Muskelschw&auml;che ein. Die jungen
+M&auml;dchen werden fast durchweg von der Bleichsucht
+heimgesucht,&mdash;ein Blick in die Gesichter der
+Verk&auml;uferinnen beweist das zur
+Gen&uuml;ge,&mdash;Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen
+die Fu&szlig;gelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern,
+Magenkrankheiten zerst&ouml;ren den Rest der Nervenkraft.
+Infolgedessen wird die Mutterschaft f&uuml;r die meisten ehemaligen
+Verk&auml;uferinnen zu einer schweren Krankheit.<a name=
+"FNanchor_726"></a><a href="#Footnote_726"><sup>726</sup></a> Die
+gro&szlig;e k&ouml;rperliche Abspannung, die oft so weit geht,
+da&szlig; die jungen M&auml;dchen sich abends mit den Kleidern aufs
+Bett werfen, weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich
+auszuziehen,<a name="FNanchor_727"></a><a href=
+"#Footnote_727"><sup>727</sup></a> f&uuml;hrt schlie&szlig;lich
+auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die Interessen
+&uuml;ber die allt&auml;glichen, pers&ouml;nlichen hinaus; ein
+energischer Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz
+au&szlig;erhalb der Vorstellungsm&ouml;glichkeit.</p>
+
+<p>Neben die k&ouml;rperlichen und geistigen Folgen der
+proletarischen Frauenarbeit im Handel treten aber noch die
+traurigen moralischen hinzu. Die gro&szlig;e Masse der Angestellten
+kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht leben; nicht nur, da&szlig;
+sie sehr h&auml;ufig das einfachste Leben kaum fristen k&ouml;nnen,
+ihre Anspr&uuml;che sind auch von Haus aus h&ouml;here und werden
+durch ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und
+Konfektionsgesch&auml;ften, noch gesteigert. Und Gewohnheit und
+Anspr&uuml;che gilt es in Rechnung zu ziehen, wenn man Notlagen und
+die Gr&ouml;&szlig;e der damit verbundenen Gefahren richtig
+beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen
+s&auml;chsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen
+gesichert und befriedigt f&uuml;hlen, das eine Verk&auml;uferin in
+einem Berliner Gesch&auml;ft der Schande in die Arme treibt. Weit
+st&auml;rkere Einfl&uuml;sse, als auf die arme Arbeiterin, wirken
+bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der Ansicht
+k&uuml;hler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erw&auml;hlter sieht
+in ihrer Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, f&uuml;r jene aber
+ist die Heirat ein selten erreichter Traum, denn ihre
+m&auml;nnlichen Arbeitsgenossen suchen vor allem eine klingende
+Mitgift, um sich dadurch selbst&auml;ndig machen zu k&ouml;nnen,
+und schlie&szlig;t f&uuml;r die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn
+die Not sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres
+Herzens und ihrer Sinne, der sie in jene Liebesverh&auml;ltnisse
+verstrickt, die so oft ein tragisches Ende finden. Dabei naht ihr
+auch die Verf&uuml;hrung mehr als anderen durch den Verkehr mit der
+Kundschaft. Es ist nicht &uuml;bertrieben, sondern entspricht den
+t&auml;glich zu beobachtenden Thatsachen, da&szlig; die
+Lebem&auml;nner der Gro&szlig;st&auml;dte in den Bazaren und
+Warenh&auml;usern ein beliebtes Feld f&uuml;r ihre Jagd nach
+Menschenware erblicken. Aber auch f&uuml;r die Chefs selbst sind
+ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes M&auml;dchen
+mu&szlig; entweder ein hohes Ma&szlig; an sittlicher Kraft,
+Selbstverleugnung und Entsagungsf&auml;higkeit, oder einen
+traurigen Mangel an Jugendlust und Liebessehnsucht besitzen, um
+rein und unangefochten aus diesem Leben hervorzugehen. Wie Zolas
+Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von leichtsinnigen, sondern
+auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und damit ber&uuml;hren
+wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im Handel, der es
+so vielen unm&ouml;glich macht, sich durch eigene Kraft ehrlich
+durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verk&auml;uferin und mehr
+noch der Probiermamsell verbirgt sich h&auml;ufig die Prostitution
+in grober und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die
+hierbei in Betracht kommt, und da sie h&uuml;bsch ist und jung und
+elegant, auf die H&ouml;he des Lohnes wenig Wert legt, so macht der
+Unternehmer ein gutes Gesch&auml;ft durch ihre Anstellung. Schulter
+an Schulter mit ihr machen die wohlerzogenen T&ouml;chter des
+mittleren B&uuml;rgerstandes, die Wohnung und Kost bei ihren Eltern
+haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld
+repr&auml;sentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden,
+m&uuml;hsam sich emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste
+Konkurrenz. Sie erhalten die L&ouml;hne auf einem niedrigen Niveau,
+ja sie dr&uuml;cken sie durch ihr massenhaftes Eintreten in den
+Handel vielfach noch herunter. Infolgedessen zeigt sich in
+h&ouml;herem Ma&szlig;e noch als in der Fabrikarbeit, da&szlig; die
+Entwicklung der L&ouml;hne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach
+den Frauenl&ouml;hnen zu gestalten, so da&szlig; der Unterhalt der
+Familie auf dem Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die
+verheiratete Frau aber unter den Angestellten eine beinahe
+unm&ouml;gliche Erscheinung ist,&mdash;die Heirat bedeutet fast
+stets den Austritt aus dem Gesch&auml;ft,&mdash;so sind die Folgen
+dieser Entwicklung zun&auml;chst f&uuml;r Mann und Weib gleich
+traurige.</p>
+
+<p>Die Lage der Handelsgehilfinnen w&uuml;rde eine verzweifelte
+sein, wenn sich nicht in der &ouml;den W&uuml;ste ihres Daseins
+Quellen k&uuml;nftigen bl&uuml;henden Lebens nachweisen
+lie&szlig;en. Eine der st&auml;rksten und wichtigsten ist auch hier
+die Entwicklung zum Gro&szlig;betrieb. Je gr&ouml;&szlig;er der
+Betrieb desto h&ouml;her ist der Lohn, desto k&uuml;rzer die
+Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto mehr nimmt aber
+auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der Angestellten ab.
+Damit schwindet das patriarchalische Verh&auml;ltnis mehr und mehr,
+der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie der
+Fabrikarbeiter, dessen pers&ouml;nliches, h&auml;usliches Leben und
+Treiben den Unternehmer nicht k&uuml;mmert. Hierdurch und durch die
+allerdings erst in den ersten Anf&auml;ngen steckende Regelung der
+Arbeitszeit, wird es schlie&szlig;lich auch der verheirateten Frau
+leichter m&ouml;glich sein, ihrem M&auml;dchenberuf treu zu
+bleiben. Das alles w&uuml;rde aber nur wenig n&uuml;tzen, wenn
+nicht noch ein anderes Moment hinzuk&auml;me: die T&ouml;chter des
+B&uuml;rgerstandes werden durch den Druck der
+Verh&auml;ltnisse,&mdash;nicht zum mindesten hervorgerufen durch
+die, das kleine Gesch&auml;ft t&ouml;tenden
+Warenh&auml;user,&mdash;gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als
+Mittel zur Befriedigung von Luxusbed&uuml;rfnissen, sondern als
+Mittel zum Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die
+Keime f&uuml;r ihre Beseitigung.</p>
+
+<p>Neben der Entwicklung zum Gro&szlig;betrieb, die aber,&mdash;das
+sei all denen gesagt, die bequem genug sind, sich durch
+Zukunftshoffnungen &uuml;ber die Gegenwart tr&ouml;sten zu
+lassen,&mdash;eine au&szlig;erordentlich langsame ist, l&auml;uft
+eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint
+und gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme
+der von Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Z&auml;hlung von
+1895 gab es deren 145165, was gegen&uuml;ber der Z&auml;hlung von
+1882 einer Zunahme von 41 % gleichkam, w&auml;hrend die von
+M&auml;nnern geleiteten Alleinbetriebe um 5 % abgenommen haben.<a
+name="FNanchor_728"></a><a href="#Footnote_728"><sup>728</sup></a>
+Trotz der Selbst&auml;ndigkeit der H&auml;ndlerinnen ist ihre
+Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart,
+als der der Arbeiterin. Ueber die H&auml;lfte,&mdash;56
+%,&mdash;sind Witwen, 27 % verheiratete Frauen, aber nur 17 %
+ledige. Die Witwen richten das Gesch&auml;ft, wenn es nicht vom
+Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen Kapital ein, um sich und
+ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten Frauen, h&auml;ufig
+ehemalige Dienstm&auml;dchen, wenden ihren Sparpfennig daran, um
+durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu erg&auml;nzen;
+alternde M&auml;dchen, oft fr&uuml;here Verk&auml;uferinnen in
+&auml;hnlichen Gesch&auml;ften, versuchen gleichfalls damit ihr
+Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei dieser Art
+Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und
+gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu
+konzentrieren: die Waren bilden den t&auml;glichen Bedarf jeder
+Hauswirtschaft, sie m&uuml;ssen also m&ouml;glichst in der
+N&auml;he zu haben sein und k&ouml;nnen daher auch nicht in
+Warenh&auml;usern aufgestapelt werden; allein das Wachstum der
+St&auml;dte f&uuml;hrt ihre Vermehrung herbei, die scharfe
+Konkurrenz jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die
+Besitzerinnen, die bisher m&uuml;hsam ihre Selbst&auml;ndigkeit
+aufrecht erhielten, zur Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme,
+solange die Privatk&uuml;chen bestehen werden, wahrscheinlich und
+sicher ist, da&szlig; sich gerade dieses Handelszweiges mehr und
+mehr die Frauen bem&auml;chtigen werden.</p>
+
+<p>Welches Los h&auml;rter ist, das der Angestellten im
+gl&auml;nzenden Kaufhaus, die in seinem Dienst hinwelkt, die ihre
+Jugend entweder vertrauern oder wegwerfen mu&szlig;, oder das der
+H&auml;ndlerin im d&uuml;steren Keller oder stickigen Laden, die
+oft auch noch die N&auml;chte opfert, um ihre armselige
+H&auml;uslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar
+Pfennige plagt von fr&uuml;h bis sp&auml;t&mdash;das wage ich nicht
+zu entscheiden.</p>
+
+<a name="6_4" />
+<h3>Die Landwirtschaft.</h3>
+
+<p>W&auml;hrend die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte
+Erscheinungen sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt
+gewonnen haben, die das Interesse der National&ouml;konomen, der
+Politiker und der Gesetzgeber erregen, ist die Landarbeiterin
+bisher ein ziemlich vager Begriff geblieben. Man ereifert sich
+h&ouml;chstens &uuml;ber ihre Landflucht und wundert sich,
+da&szlig; sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens
+preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das
+machen sich nur Wenige klar und diese wenigen m&uuml;ssen sich
+teils auf ihre eigenen beschr&auml;nkten Beobachtungen, teils auf
+Privat-Untersuchungen st&uuml;tzen, die auch immer nur
+unzul&auml;nglich bleiben k&ouml;nnen. Aber noch durch einen
+anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen
+erschwert.</p>
+
+<p>Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen
+gekennzeichnete Masse, sie gliedern sich vielmehr in zwei
+Kategorien von Arbeitern: die kontraktlich gebundenen und die
+freien, und in eine ganze Anzahl von Unterabteilungen beider. Zu
+den ersteren geh&ouml;ren zun&auml;chst die in festem Jahreslohn
+stehenden M&auml;gde, die Wohnung und Nahrung von der Herrschaft
+empfangen und deren Arbeit eine teils h&auml;usliche, teils
+landwirtschaftliche ist. Zu ihnen geh&ouml;ren ferner im
+ostelbischen Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung
+und ein St&uuml;ck Land, au&szlig;erdem einen gewissen Anteil am
+Ertrage des Gutes erhalten, daf&uuml;r aber nicht nur ihre eigene
+und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst stellen, sondern
+auch eine Anzahl, gew&ouml;hnlich zwei, andere Arbeiter f&uuml;r
+den Gutsherrn halten m&uuml;ssen; es sind das die Scharwerker,
+meist Angeh&ouml;rige des Instmanns, seine T&ouml;chter und
+S&ouml;hne, auch seine Mutter oder sein Enkelkind, sehr oft aber
+auch fremde M&auml;gde und Knechte, die der Instmann zu dem Zweck
+dingt.<a name="FNanchor_729"></a><a href=
+"#Footnote_729"><sup>729</sup></a> Im Westen Deutschlands nehmen
+die Heuerleute eine &auml;hnliche Stellung ein, nur da&szlig; ihnen
+Wohnung und Land nicht geliefert wird, sondern da&szlig; sie es
+gegen geringes Entgelt pachten m&uuml;ssen, daf&uuml;r aber
+verpflichtet sind, f&uuml;r eine bestimmte Reihe von Tagen um die
+H&auml;lfte des orts&uuml;blichen Lohns f&uuml;r den Besitzer
+Arbeit zu leisten.<a name="FNanchor_730"></a><a href=
+"#Footnote_730"><sup>730</sup></a> Eine breite Schicht der
+Landarbeiter sind in Ostelbien auch noch die Deputanten, die neben
+dem Lohn rohe Lebensmittel geliefert bekommen. Im &uuml;brigen
+Deutschland wiederholt sich h&auml;ufig den Tagel&ouml;hnern
+gegen&uuml;ber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen
+Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagel&ouml;hner mit
+selbst&auml;ndigem Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht
+leben k&ouml;nnen, so da&szlig; sie gezwungen sind Lohnarbeit zu
+suchen. Sie geh&ouml;ren ebenso zweifellos zu den Proletariern, wie
+ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung und Bestellung
+der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der Bauer und die
+B&auml;uerin, die keine Lohnarbeiter besch&auml;ftigen, sondern
+sich von fr&uuml;h bis sp&auml;t allein abrackern, um sich vom
+Ertrage ihrer M&uuml;hen zu ern&auml;hren, sind, trotzdem sie auf
+eigenem Grund und Boden stehen, nichts anderes als Proletarier.<a
+name="FNanchor_731"></a><a href=
+"#Footnote_731"><sup>731</sup></a></p>
+
+<p>Die eigenartigste Klasse unter dem l&auml;ndlichen Proletariat
+ist die der Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachseng&auml;nger
+begegnen wir ihnen in Deutschland; in England war es das
+Gangsystem, das ihre Besch&auml;ftigung bef&ouml;rderte; in
+Frankreich sind es zum gro&szlig;en Teil belgische Arbeiter, die
+sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den
+Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere
+Wanderung der Arbeiter. W&auml;hrend das landwirtschaftliche
+Gesinde und die Instleute die &auml;lteste Art der Landarbeiter,
+gewisserma&szlig;en die Nachkommen der H&ouml;rigen und Leibeignen,
+darstellen, repr&auml;sentieren die Wanderarbeiter die
+modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der
+Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine
+Arbeit verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter
+Besch&auml;ftigung fanden, mehr und mehr den Charakter des
+Saisongewerbes an. Die intensivere Kultur der landwirtschaftlichen
+Betriebe,&mdash;dabei sei nur an die Molkereien und an die
+Zuckerr&uuml;benpflanzungen erinnert,&mdash;zu der die zu
+gesch&auml;ftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte
+notwendig gedr&auml;ngt werden, unterst&uuml;tzt gleichfalls die
+allm&auml;hliche Umwandlung des l&auml;ndlichen Proletariats.<a
+name="FNanchor_732"></a><a href="#Footnote_732"><sup>732</sup></a>
+In England, das zwar im allgemeinen noch alle Arten
+landwirtschaftlicher Arbeiter besch&auml;ftigt: mit eigenem Land,
+mit Allotment, mit Haus- und Garten&uuml;berlassung oder mit
+bestimmtem Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten,
+wo nur mit w&ouml;chentlich oder t&auml;glich engagierten freien
+Tagel&ouml;hnern gearbeitet wird, schon vollzogen.<a name=
+"FNanchor_733"></a><a href="#Footnote_733"><sup>733</sup></a>
+Bezeichnend daf&uuml;r ist, da&szlig; der Begriff des Landarbeiters
+im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn der Bedarf
+an Landarbeitern wurde fr&uuml;her durch die zum Dienst
+verpflichteten Bauern, in Preu&szlig;en auch durch die zum
+Zwangsgesindedienst gen&ouml;tigten Bauernkinder<a name=
+"FNanchor_734"></a><a href="#Footnote_734"><sup>734</sup></a>, in
+au&szlig;ereurop&auml;ischen L&auml;ndern, besonders in Amerika,
+durch die Sklaven gedeckt.</p>
+
+<p>Aus dem Gesagten geht hervor, da&szlig; es sehr schwierig ist,
+die Einnahmen der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und
+Naturallohn, aus freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung
+und Land, aus Anteilen am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen.
+Was zun&auml;chst das l&auml;ndliche Gesinde betrifft, so variiert
+allein in Deutschland sein Jahreslohn ungemein. Er ist am
+niedrigsten, wo die Frauenarbeit am st&auml;rksten ist; je weiter
+nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreu&szlig;en kamen
+M&auml;gdel&ouml;hne von 50 Mk. vor; Kuhm&auml;gde pflegen 75 bis
+80 Mk. j&auml;hrlich zu verdienen, sogenannte Leutek&ouml;chinnen
+90 Mk. Im Westen und S&uuml;den, z.B. in Oldenburg, Hannover,
+Hessen und W&uuml;rttemberg, variieren die Frauenl&ouml;hne
+zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.<a name=
+"FNanchor_735"></a><a href="#Footnote_735"><sup>735</sup></a> Die
+h&ouml;chsten Lohns&auml;tze finden sich in Schleswig-Holstein und
+im Jeverlande, wo der Mangel an M&auml;gden schon zu einer
+gro&szlig;en Kalamit&auml;t geworden ist. Hier betr&auml;gt der
+niedrigste Lohn 90 Mk., die Gro&szlig;m&auml;gde kommen zu einem
+Verdienst von 200 bis 230 Mk., L&ouml;hne von 250 Mk. werden auch
+zuweilen gezahlt.<a name="FNanchor_736"></a><a href=
+"#Footnote_736"><sup>736</sup></a> Neben diesem Geldlohn wird
+Verpflegung und Wohnung selten berechnet; f&uuml;r W&uuml;rttemberg
+werden die Ausgaben f&uuml;r eine Magd einschlie&szlig;lich des
+Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230 Mk.
+angegeben, so da&szlig; ihre Gesamteinnahme 295 bis h&ouml;chstens
+400 Mk. j&auml;hrlich betr&auml;gt.<a name="FNanchor_737"></a><a
+href="#Footnote_737"><sup>737</sup></a> So begegnet uns hier wieder
+die beinahe typische Jahreseinnahme aller schlecht gestellten
+Proletarierinnen. Die franz&ouml;sischen Landm&auml;gde stehen
+sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis 200 fr. zu betragen
+pflegt, noch schlechter, ihre Bek&ouml;stigung dagegen wird im
+allgemeinen h&ouml;her veranschlagt werden d&uuml;rfen.<a name=
+"FNanchor_738"></a><a href="#Footnote_738"><sup>738</sup></a></p>
+
+<p>Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der
+ostelbischen Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen
+Heuerlinge festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was
+ihnen geliefert wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im
+Aufziehen und Verkaufen von Vieh und Gefl&uuml;gel, und von dem
+jeweiligen Anteil an dem Ertrag des Gutes abh&auml;ngig ist. Der
+Geldlohn der Frauen betr&auml;gt gew&ouml;hnlich im Sommer 30 bis
+50, im Winter 20 bis 35 Pf. t&auml;glich. Dieser Lohn wird jedoch
+niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann, als dem
+Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich f&uuml;r
+seine Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde<a name=
+"FNanchor_739"></a><a href="#Footnote_739"><sup>739</sup></a>,
+ausgezahlt. F&uuml;r seine Frau, noch mehr aber f&uuml;r die
+Scharwerksm&auml;dchen, die er nat&uuml;rlich bei der eigenen Armut
+nur auf das notd&uuml;rftigste unterh&auml;lt, bedeutet das eine
+gro&szlig;e Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn flie&szlig;t
+nur zu oft in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn
+nur sehr niedrig stehende, physisch oder moralisch herabgekommene
+M&auml;dchen sich zum Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit
+besser ist die Lage der westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch
+sie von den M&auml;nnern vollst&auml;ndig abh&auml;ngig sind. Sie
+sind jedoch nur zu einem geringeren Ma&szlig; von Arbeit
+verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der
+d&uuml;rftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste
+Schicht der kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber
+diejenigen, die nicht wie die Instleute zum gro&szlig;en Teil
+abh&auml;ngig sind von den schwankenden Ertr&auml;gnissen des
+herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von denen der
+eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes Deputat
+erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt, so
+ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei
+F&auml;llen, bei den Instleuten, einschlie&szlig;lich der
+Scharwerker, den Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich
+demnach dasselbe eigent&uuml;mliche Bild einer v&ouml;lligen
+Abh&auml;ngigkeit auch der arbeitenden Frau von ihrem Ehemann. Die
+Stellung einer selbst&auml;ndigen Lohnarbeiterin ist f&uuml;r sie
+nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des
+Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht
+gesprochen werden.</p>
+
+<p>Eine Stufe h&ouml;herer Entwicklung in Bezug auf die
+Selbst&auml;ndigkeit des weiblichen Landarbeiters bedeutet daher
+die freie Tagel&ouml;hnerarbeit. Auch sie wird teils nur durch
+Geld, teils durch Geld und Bek&ouml;stigung entlohnt, und zwar ist
+der Lohn nicht nur niedriger als der des Mannes,&mdash;obwohl die
+Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,&mdash;sehr h&auml;ufig
+wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gew&auml;hrt,
+wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch
+erh&ouml;ht wird. Ueber die Lohnverh&auml;ltnisse in Deutschland
+giebt folgende Tabelle einige Aufkl&auml;rung:<a name=
+"FNanchor_740"></a><a href="#Footnote_740"><sup>740</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Land</th>
+<th>ohne Kost Pf.</th>
+<th>mit Kost Pf.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Posen</td>
+<td align="center">30- 50</td>
+<td align="center">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Regierungsbezirk Magdeburg</td>
+<td align="center">60-130</td>
+<td align="center">40- 90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Regierungsbezirk Merseburg</td>
+<td align="center">60-125</td>
+<td align="center">40- 90</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Regierungsbezirk Erfurt</td>
+<td align="center">70-130</td>
+<td align="center">50-120</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Provinz Hannover</td>
+<td align="center">70-150</td>
+<td align="center">40- 80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Regierungsbezirk Kassel</td>
+<td align="center">60-150</td>
+<td align="center">30-100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Provinz Hessen-Nassau</td>
+<td align="center">80-150</td>
+<td align="center">50-100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Gro&szlig;herzogtum Hessen</td>
+<td align="center">80-175</td>
+<td align="center">30-100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Provinz Schleswig-Holstein</td>
+<td align="center">50-150</td>
+<td align="center">20-120</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Herzogtum Anhalt</td>
+<td align="center">70-150</td>
+<td align="center">40- 75</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Th&uuml;ringische Staaten</td>
+<td align="center">60-150</td>
+<td align="center">40-100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&ouml;nigreich Sachsen</td>
+<td align="center">60-150</td>
+<td align="center">40- 80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bayern</td>
+<td align="center">60-120</td>
+<td align="center">30-100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hohenzollern</td>
+<td align="center">70-220</td>
+<td align="center">30-160</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die h&ouml;chsten L&ouml;hne werden im Sommer,
+haupts&auml;chlich zur Erntezeit gezahlt, die niedrigsten im
+Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen Jahreszeiten hat keine
+Tagel&ouml;hnerin. Rechnen wir, da&szlig; sie etwa 250 Tage voll
+besch&auml;ftigt ist, davon w&auml;hrend 125 Tagen den
+h&ouml;chsten t&auml;glichen Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43
+Mk., also im ganzen 178,75 Mk., w&auml;hrend weiterer 125 Tage den
+t&auml;glichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63 Pf., also im ganzen
+78,75 Mk. erh&auml;lt, so erreicht sie einen Jahresverdienst von
+257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit Bek&ouml;stigung nach
+demselben Schema, so betr&auml;gt ihre Jahreseinnahme nur 172,50
+Mk. Da&szlig; diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht
+z.B. aus der Berechnung der Einnahme einer Tagel&ouml;hnerfamilie
+in Holstein hervor, wo Mann und Frau zusammen bei flei&szlig;igster
+Arbeit nur 450 bis 600 Mk., j&auml;hrlich verdienen.<a name=
+"FNanchor_741"></a><a href="#Footnote_741"><sup>741</sup></a>
+Uebersteigt die Zahl der Familienglieder vier Personen, sind
+wom&ouml;glich alte Eltern oder kr&auml;nkliche Angeh&ouml;rige mit
+zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine
+&auml;u&szlig;erst k&uuml;mmerliche. Hat der Tagel&ouml;hner
+eigenen Landbesitz, zieht er Schweine oder Gefl&uuml;gel, so kann
+seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk. steigern<a name=
+"FNanchor_742"></a><a href="#Footnote_742"><sup>742</sup></a>, dann
+ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an die Grenze des
+M&ouml;glichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die
+Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere
+zuf&auml;llt.<a name="FNanchor_743"></a><a href=
+"#Footnote_743"><sup>743</sup></a> In der schlimmsten Lage aber
+befindet sich die Alleinstehende, um so schlimmer, wenn sie Kinder
+hat. Selbst auf dem Lande l&auml;&szlig;t sich das Leben mit einem
+Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit mit
+all ihren Schrecken, das H&uuml;tekinderwesen mit seinen traurigen
+Folgen an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die
+n&auml;chsten selbstverst&auml;ndlichen Resultate solcher
+Lohnverh&auml;ltnisse.</p>
+
+<p>In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst
+der Frauen betr&auml;gt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79
+c.; im Sommer 1,87 fr. resp. 1,14 fr.<a name="FNanchor_744"></a><a
+href="#Footnote_744"><sup>744</sup></a>; in einzelnen Landstrichen,
+z.B. in der Bretagne, sinken die L&ouml;hne bis auf 50 c. resp. 1
+fr. t&auml;glich, w&auml;hrend sie andererseits freilich zuweilen,
+z.B. in der Normandie, bis auf 2 und 3 fr. steigen<a name=
+"FNanchor_745"></a><a href="#Footnote_745"><sup>745</sup></a>; im
+allgemeinen &uuml;bersteigt die Jahreseinnahme der
+franz&ouml;sischen Tagel&ouml;hnerin h&ouml;chst selten 229 fr.,
+w&auml;hrend 300 fr. das mindeste ist, womit ein Existenzminimum
+ihr gesichert wird.<a name="FNanchor_746"></a><a href=
+"#Footnote_746"><sup>746</sup></a> Ihre deutsche Arbeitsgenossin im
+fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit m&uuml;hsam der Erde ihre
+Fr&uuml;chte abgerungen werden, hat also keinen Grund, die
+Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer
+etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie
+nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen
+steigen ihre L&ouml;hne und erm&ouml;glichen ihr ein
+ertr&auml;gliches Leben.<a name="FNanchor_747"></a><a href=
+"#Footnote_747"><sup>747</sup></a> Mehr und mehr aber
+beschr&auml;nkt sie sich auf die ausschlie&szlig;liche
+Bewirtschaftung des eigenen kleinen Eigentums, w&auml;hrend ihr
+Mann als Tagel&ouml;hner in Arbeit geht. Mit ihr auf gleicher Stufe
+steht die Frau und die Tochter des kleinen selbst&auml;ndigen
+Landwirts, nur da&szlig; ihre Einkommen lediglich vom Ertrage ihrer
+Besitzung abh&auml;ngen. Sie sind fast immer wahre Arbeitssklaven,
+sehr h&auml;ufig t&uuml;chtiger als die M&auml;nner, die nur zu oft
+dem Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen
+Proletarierinnen von ihnen abh&auml;ngiger, als irgend eine
+Lohnarbeiterin von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine
+ebenso selbstverst&auml;ndliche angesehen, wie die der
+Instmannsfrau, und ihr klingender Ertrag flie&szlig;t allein in die
+Tasche des Familienoberhauptes. Dies Verh&auml;ltnis vollkommener
+Abh&auml;ngigkeit dr&uuml;ckt sich in der Picardie noch heute
+dadurch aus, da&szlig; die Frau ihren Mann nicht anders nennt als
+<i>mon ma&icirc;tre</i>, und der Mann sein Weib in der
+Vend&eacute;e nicht anders als <i>ma cr&eacute;ature</i>.<a name=
+"FNanchor_748"></a><a href="#Footnote_748"><sup>748</sup></a></p>
+
+<p>Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts
+fesselt sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des
+Herrengutes, noch der eigene Besitz, noch der Jahreslohn der
+Dienstmagd. Wie die Fabrikarbeiterin ist sie nichts als
+Arbeitsmaschine, jede Spur eines pers&ouml;nlichen
+Verh&auml;ltnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgeh&ouml;rt. Die
+Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Abl&ouml;sung
+l&auml;ndlicher Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr
+und mehr an Besch&auml;ftigung f&uuml;r die se&szlig;haften
+Arbeiter fehlt, die Ausdehnung schlie&szlig;lich des
+Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die Wanderungen
+l&auml;ndlicher Arbeiter &uuml;berall beg&uuml;nstigt. Oft, wie
+z.B. in Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere
+Wanderungen, oft werden aber auch Ausl&auml;nder, wie in Frankreich
+Belgier, in Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener,
+Oesterreicher und russische Polen eingef&uuml;hrt. In
+gr&ouml;&szlig;erem Umfange organisierte Wanderungen finden sich
+aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre Sklavenhalter,
+treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und f&uuml;hren
+sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit der
+moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei
+der Arbeit hinter ihnen, denn h&auml;ufig richtet sich ihr Lohn
+nach der Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer
+Landarbeiter waren noch ganz besonders ber&uuml;chtigt deshalb,
+weil fast ausschlie&szlig;lich Kinder dazu angeworben, und, infolge
+ihrer v&ouml;lligen Wehrlosigkeit dem Gangmeister gegen&uuml;ber,
+auf das &auml;u&szlig;erste ausgenutzt und in ihren Einnahmen
+benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das System
+heute &uuml;berwunden, ohne da&szlig; die Wanderungen deshalb
+aufgeh&ouml;rt haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der
+Sachseng&auml;ngerei den gr&ouml;&szlig;ten Umfang angenommen.</p>
+
+<p>Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der
+R&uuml;benzuckerkultur in Sachsen zu verdanken, die w&auml;hrend
+bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher Arbeitskr&auml;fte
+notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter auch zu
+jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich aus
+den &ouml;stlichen Provinzen Preu&szlig;ens und bestehen
+gro&szlig;enteils aus jungen M&auml;dchen. F&uuml;r das Jahr 1890
+wurden 75000 Personen gez&auml;hlt, die sich von Brandenburg,
+Pommern, Westpreu&szlig;en, Posen und Schlesien aus auf die
+Wanderschaft begaben.<a name="FNanchor_749"></a><a href=
+"#Footnote_749"><sup>749</sup></a> Auf s&auml;chsischen G&uuml;tern
+kommen auf 150 M&auml;nner 337 M&auml;dchen.<a name=
+"FNanchor_750"></a><a href="#Footnote_750"><sup>750</sup></a> Der
+normale Lohn f&uuml;r sie betr&auml;gt 1 Mk., w&auml;hrend die
+M&auml;nner durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.<a
+name="FNanchor_751"></a><a href="#Footnote_751"><sup>751</sup></a>
+Es kommen aber auch L&ouml;hne von 1,50 bis 3 Mk. vor.<a name=
+"FNanchor_752"></a><a href="#Footnote_752"><sup>752</sup></a>
+Au&szlig;erdem wird Wohnung, zum Teil auch
+Bek&ouml;stigung,&mdash;nat&uuml;rlich bei niedrigeren
+Lohns&auml;tzen,&mdash;gew&auml;hrt. Charakteristisch ist,
+da&szlig; der Unterschied zwischen der Bewertung der M&auml;nner-
+und der Frauenarbeit sich bis auf die Reiseverg&uuml;tung ausdehnt,
+die f&uuml;r Frauen ein Drittel weniger betr&auml;gt als f&uuml;r
+M&auml;nner.<a name="FNanchor_753"></a><a href=
+"#Footnote_753"><sup>753</sup></a> Der Gesamtverdienst einer
+Sachseng&auml;ngerin ist bei einer Besch&auml;ftigungszeit von 34
+Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf 424 Mk.
+gesch&auml;tzt worden.<a name="FNanchor_754"></a><a href=
+"#Footnote_754"><sup>754</sup></a> Das w&uuml;rde jedoch einem
+Tagesverdienst von 1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,&mdash;besonders
+wo in Akkord gearbeitet wird,&mdash;nur von den t&uuml;chtigsten,
+mit der Arbeit vertrauten M&auml;dchen erreicht wird.
+Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine
+Seltenheit. Trotzdem sind infolge &auml;u&szlig;erster Sparsamkeit
+und wahrhaft trostloser Unterern&auml;hrung fast alle M&auml;dchen
+im stande, Ersparnisse zu machen, die die H&ouml;he von 120 bis 180
+Mk. erreichen. M&ouml;glich ist das nur, wenn die Wochenausgaben
+f&uuml;r die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht &uuml;bersteigen.<a name=
+"FNanchor_755"></a><a href="#Footnote_755"><sup>755</sup></a> Nun
+wird aber auch, obwohl die Sachseng&auml;ngerinnen eine starke
+Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die
+Bek&ouml;stigung geliefert. Die Lohnabz&uuml;ge jedoch stehen zur
+Qualit&auml;t und Quantit&auml;t der daf&uuml;r gegebenen Nahrung
+in keinem Verh&auml;ltnis; auf einem Gute im Kreise Halle z.B.
+betrug die Ausgabe des Besitzers f&uuml;r die Ern&auml;hrung der
+Sachseng&auml;nger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem anderen
+gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall t&auml;glich 17, in dem
+anderen 11 Pf.<a name="FNanchor_756"></a><a href=
+"#Footnote_756"><sup>756</sup></a>,&mdash;Summen, die gewi&szlig;
+das Ideal der Volksern&auml;hrung repr&auml;sentieren!&mdash;Nach
+beendigter Saison pflegen die Sachseng&auml;nger in ihre Heimat
+zur&uuml;ckzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder,
+wenn diese nicht zureichen, von den Ertr&auml;gnissen
+hausindustrieller Th&auml;tigkeit zu leben pflegen. M&auml;dchen,
+die nur 200 Mk. verdient haben, also bei gr&ouml;&szlig;ter
+Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zur&uuml;cklegen konnten, w&auml;ren
+nat&uuml;rlich nicht im stande, w&auml;hrend 18 Wochen davon zu
+existieren, wenn sie nicht bei ihren Angeh&ouml;rigen, die sie in
+der Regel daf&uuml;r entsch&auml;digen m&uuml;ssen, ein Unterkommen
+f&auml;nden. Bringen sie, wie es h&auml;ufig geschieht, von einer
+ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit nach Hause, so
+reicht auch die Einnahme einer gutgestellten Sachseng&auml;ngerin
+nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie mu&szlig; auch
+w&auml;hrend der Winterwochen, die sie so dringend n&ouml;tig hat,
+um sich nach der &uuml;berm&auml;&szlig;igen Anstrengung des
+Sommers zu erholen, Arbeit suchen, die, wenn sie &uuml;berhaupt zu
+finden ist, nur k&auml;rglichen Lohn abwirft.</p>
+
+<p>Nach alledem d&uuml;rften es kaum die L&ouml;hne sein, die den
+immer wieder behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der
+Industriearbeit ausmachen k&ouml;nnen. Ihr niedriger Stand wird von
+den Lobrednern der landwirtschaftlichen Th&auml;tigkeit auch
+vielfach nicht geleugnet, wohl aber damit erkl&auml;rt und
+entschuldigt, da&szlig; die Arbeits- und Lebensbedingungen
+unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssph&auml;ren,
+und der Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach
+aufgewogen w&uuml;rde. Diese Auffassung rief auch jenes
+M&auml;rchen von den drallen Landm&auml;gden und den bl&uuml;henden
+Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die Dorfgeschichten
+grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe sitzt.
+F&uuml;r diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen,
+hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders
+wahrhaftig ist, angefangen, ihren M&auml;rchenglauben zu
+ersch&uuml;ttern. Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die
+schwerwiegendste ist die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen
+landwirtschaftlichen Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der
+Bestellung und besonders w&auml;hrend der Ernte vom ersten
+Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. F&uuml;r das festangestellte
+Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn alle Arbeiten,
+die ihm obliegen, im Viehstall, im H&uuml;hnerhof und im Haus,
+erleiden keine Unterbrechung. Die Sachseng&auml;nger
+repr&auml;sentieren auch nach dieser Richtung einen leisen
+Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit von fr&uuml;h f&uuml;nf
+bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen zwei
+Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.<a name="FNanchor_757"></a><a
+href="#Footnote_757"><sup>757</sup></a> Das schlie&szlig;t aber
+nat&uuml;rlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es
+sich nicht um Akkordlohn handelt, keinerlei Verg&uuml;tung
+erf&auml;hrt. Eine zw&ouml;lf- bis vierzehnst&uuml;ndige Arbeit in
+frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz Ertr&auml;gliches
+erscheinen, der nicht wei&szlig;, worin sie besteht, oder sich bei
+dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten
+wir die Th&auml;tigkeit der Landarbeiterin mit n&uuml;chternen
+Augen, so wird sie schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine
+anstrengende ist schon die Arbeit der M&auml;gde im Kuhstall, und
+nicht aus blo&szlig;em Uebermut gehen jetzt schon viele ihr aus dem
+Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und dem Schmutz, denen
+sie dauernd ausgesetzt sind,&mdash;die meisten St&auml;lle sprechen
+den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,&mdash;ist das Melken
+anstrengend und gesundheitssch&auml;dlich. Geschw&uuml;re an den
+H&auml;nden sind keine Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in
+diesem Fall, die sowohl im Interesse der Arbeiterin als der
+Milchkonsumenten liegen w&uuml;rde, wird nur selten f&uuml;r
+notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren
+k&ouml;nnen, der in die dunklen, stickigen St&auml;lle tritt und
+sieht, wie sich die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd
+ihren Schemel neben sie stellt und nun den vom Mist beschmierten
+Euter zu bearbeiten anf&auml;ngt, w&auml;hrend der Schweif des
+Viehs ihr um das Gesicht f&auml;hrt! Auch das Ausmisten der
+St&auml;lle, das nicht immer den Knechten &uuml;berlassen bleibt,
+verlangt gro&szlig;e K&ouml;rperkraft, ebenso wie das Schleppen des
+Futters und der gef&uuml;llten Milch- oder Wassereimer. Die
+Schweinezucht, die stets den M&auml;gden obliegt, ist eine noch
+weit widerw&auml;rtigere Arbeit; ich habe M&auml;dchen gesehen, die
+auf allen Vieren in die engen St&auml;lle hineinkriechen
+mu&szlig;ten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten
+Schmutz wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer
+Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und
+K&auml;se. Wie bei den vorhergehenden mu&szlig; auch in diesem Fall
+von den wenigen Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben
+hellen und luftigen St&auml;llen die Milchwirtschaft im
+gro&szlig;en mit Hilfe von Maschinen und motorischen oder
+Pferdekr&auml;ften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im
+Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die
+stundenlang am Butterfa&szlig; steht und den schweren Schwengel
+auf- und niederbewegt, die all die vielen Gef&auml;&szlig;e
+t&auml;glich scheuert und putzt, die keine Sonntags- und keine
+Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf ihr zu schwer und zu
+schlecht sein, von fr&uuml;h bis sp&auml;t ist sie auf den Beinen.
+Und doch ist ihre Th&auml;tigkeit noch jeder anderen vorzuziehen,
+weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit
+zul&auml;&szlig;t. Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und
+Ernten der Kartoffeln oder gar der Zuckerr&uuml;ben gegen&uuml;ber:
+im gl&uuml;henden Sonnenbrand oder im kalten Herbstwind steht die
+Arbeiterin zw&ouml;lf und mehr Stunden mit gekr&uuml;mmtem
+R&uuml;cken &uuml;ber die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei
+der Zuckerr&uuml;benkultur, bis &uuml;ber die Kn&ouml;chel in den
+Schlamm; oder sie kniet und hockt etwa wie beim Unkrautj&auml;ten,
+auf durchfeuchteter Erde. Zur Erntezeit f&auml;llt ihr das schwere
+Garbenbinden regelm&auml;&szlig;ig zu, sie mu&szlig; aber auch
+vielfach m&auml;hen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er,
+ohne da&szlig; ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der
+Ebene ist immerhin ihre Arbeit noch leichter, als in den
+Gebirgsl&auml;ndern. Von den abgelegensten Bergwiesen, die weder
+Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden Alters
+Zentnerlasten an Heu zu Thale, so da&szlig; ihr R&uuml;cken sich
+kr&uuml;mmt unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf
+und -ab. F&uuml;r die ganz Armen und Alten gilt es noch als eine
+besondere Verg&uuml;nstigung, wenn sie Kiepen mit trockenem Holz
+aus den W&auml;ldern meilenweit nach Hause tragen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Je weiter nach Osten und S&uuml;den, desto h&auml;rter ist die
+Arbeit; die russische Landarbeiterin mu&szlig; es sich selbst
+gefallen lassen, den Pflug durch die Erde zu ziehen. Und wenn die
+Sonne &uuml;ber Italien wahre Fieberhitze ausstr&ouml;mt, arbeitet
+die Tagel&ouml;hnerin Schulter an Schulter mit dem Mann in den
+Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme steckend.</p>
+
+<p>Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die
+Tagel&ouml;hnerin, deren Ausdauer doch vielleicht einmal eine
+Grenze findet, arbeitet die Frau des armen Bauern oder die
+selbst&auml;ndige Besitzerin eines kleinen Landguts. Die
+franz&ouml;sische B&auml;uerin z.B., die tags&uuml;ber ihren
+Gem&uuml;segarten allein bearbeitete, f&auml;hrt oft schon
+fr&uuml;h um drei Uhr in die Stadt, um ihre selbstgezogenen Waren
+feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,&mdash;die selbst&auml;ndige
+sowohl wie die abh&auml;ngige,&mdash;verheiratet, hat sie Kinder,
+so ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt f&uuml;r
+sie aufs neue, wenn sie abends todm&uuml;de nach Hause kommt. Ist
+sie Tagel&ouml;hnerin mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur
+Erhaltung der Ihren unumg&auml;nglich n&ouml;tig ist, so ist ihre
+Arbeit gar eine dreifache: auf dem Gute des Herrn, auf dem eigenen
+Gute und in der Hauswirtschaft. F&uuml;r sie giebt es keinerlei
+Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln oder
+j&auml;ten Unkraut, arme W&ouml;chnerinnen binden Garben oder
+f&uuml;hren den Rechen. Die fr&uuml;h gealterten welken Frauen mit
+krummem R&uuml;cken und zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande
+auf Schritt und Tritt begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine
+Schilderung f&uuml;r die "naturgem&auml;&szlig;en", "gesunden"
+Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten die meisten schon in
+fr&uuml;her Jugend diese rasche Zerst&ouml;rung vor. Die
+Wanderarbeiterinnen sind zum gro&szlig;en Teil ganz junge
+M&auml;dchen; auf s&auml;chsischen G&uuml;tern waren nicht weniger
+als 48 % unter zwanzig Jahren alt.<a name="FNanchor_758"></a><a
+href="#Footnote_758"><sup>758</sup></a> In einer Zeit also, wo sie
+der Schonung bed&uuml;rften, werden sie den Einfl&uuml;ssen einer
+Arbeit ausgesetzt, die sie zu st&auml;ndigem geb&uuml;ckten Stehen
+zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden
+die runden M&auml;dchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art
+legen den Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes
+Idealbild des frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur
+Fr&uuml;hlingszeit auf einen der Bahnh&ouml;fe Berlins, wo man die
+Sachseng&auml;nger wie das liebe Vieh in enge Wagen
+verpackt,&mdash;er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit
+werden!</p>
+
+<p>Aber auch auf die Ern&auml;hrungs- und Wohnungsverh&auml;ltnisse
+treffen die vorgefa&szlig;ten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter
+schwelgt nicht, wie man sich's gerne vorstellen m&ouml;chte, in
+Milch und Butter, in Schweinefleisch und H&uuml;hnerbraten, in
+saftigem Obst und frischen Gem&uuml;sen. Er produziert nicht
+f&uuml;r den eignen Verbrauch, sondern f&uuml;r den Verkauf. Schon
+aus der Summe, die die Sachseng&auml;nger f&uuml;r ihre
+Bek&ouml;stigung anlegen, l&auml;&szlig;t sich auf die Art
+derselben schlie&szlig;en; thats&auml;chlich besteht sie in
+schwarzem Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder
+Speck. Nur die besser Gew&ouml;hnten g&ouml;nnen sich Reis oder
+Erbsen oder Mehlkl&ouml;&szlig;e.<a name="FNanchor_759"></a><a
+href="#Footnote_759"><sup>759</sup></a> Die G&uuml;te der
+Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, da&szlig; sie
+h&auml;ufig vom Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden
+m&uuml;ssen!<a name="FNanchor_760"></a><a href=
+"#Footnote_760"><sup>760</sup></a> Die kontraktlich gebundenen
+Tagel&ouml;hner leben kaum besser; die kleinen Besitzer sparen, so
+viel sie k&ouml;nnen, am Essen. Dabei entzieht die Ausdehnung der
+gro&szlig;en Molkereien den Landleuten in steigendem Ma&szlig; ihr
+wichtigstes und ges&uuml;ndestes Nahrungsmittel.<a name=
+"FNanchor_761"></a><a href="#Footnote_761"><sup>761</sup></a> Der
+Anblick bleicher, aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe
+gef&uuml;llte Flasche im Mund, w&auml;hrend Wagen um Wagen voll
+Milchkannen der Stadt entgegengef&uuml;hrt werden, gen&uuml;gt
+allein, um diese Zust&auml;nde zu illustrieren.</p>
+
+<p>Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch
+sie nur den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den
+Sklaven: sie wird gut gef&uuml;ttert, weil ihre Arbeitskraft
+unentbehrlich ist. Am schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des
+deutschen Ostens, die Hofg&auml;ngerin des Westens: was der arme
+Instmann und seine Familie &uuml;brig l&auml;&szlig;t, das ist
+gew&ouml;hnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter den
+Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge str&auml;flicher
+Genu&szlig;sucht, als grimmigen Hungers.</p>
+
+<p>Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her,
+da&szlig; die deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied
+des Geschlechtes in leeren St&auml;llen und Scheunen untergebracht
+wurden.<a name="FNanchor_762"></a><a href=
+"#Footnote_762"><sup>762</sup></a> Noch heute ist es vielfach
+Usus.<a name="FNanchor_763"></a><a href=
+"#Footnote_763"><sup>763</sup></a> Wo besondere Baracken zur
+Unterbringung der Sachseng&auml;nger erbaut werden, fehlt es darin
+oft am Notwendigsten; Musterh&auml;user, in denen von der eigens
+dazu angestellten Verwalterin auch die Herstellung der Mahlzeiten
+besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen gro&szlig;en G&uuml;tern
+Sachsens. Die h&auml;ufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen,
+ihre Abneigung gegen die gemeinsame Bek&ouml;stigung wird oft zum
+Vorwand genommen, dergleichen Einrichtungen f&uuml;r
+&uuml;berfl&uuml;ssig zu erkl&auml;ren, w&auml;hrend doch im
+Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die f&uuml;r den trostlosen
+Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles
+f&ouml;rdern sollten, was eine Arbeiterbev&ouml;lkerung, die nach
+hunderttausenden z&auml;hlt, nach und nach aus ihrem Sumpf
+herausheben k&ouml;nnte. Aber freilich ist es von jeher das
+Bequemste gewesen, den Stumpfsinn des Sklaven f&uuml;r
+bewu&szlig;te Befriedigung zu halten!</p>
+
+<p>Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger
+gef&auml;hrlich f&uuml;r die physische und moralische Gesundheit
+ihrer Bewohner. In einem Haus pflegen zwei Familien untergebracht
+zu werden; jede von ihnen hat eine meist ungedielte Stube, die
+zugleich als Kochraum dient, und eine Kammer. Diese beiden
+R&auml;ume werden au&szlig;er von der meist kinderreichen Familie
+auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichg&uuml;ltig ob es junge
+Burschen, M&auml;dchen mit Kindern, Kr&uuml;ppel, kr&auml;nkliche,
+verdorbene, eben der Schule entwachsene Stadtkinder sind.<a name=
+"FNanchor_764"></a><a href="#Footnote_764"><sup>764</sup></a>
+H&auml;ufig sind drei und vier Personen auf ein Bett angewiesen;
+Kinder schlafen mit Erwachsenen zusammen und sind von fr&uuml;h an
+Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs ihrer Eltern, sondern auch
+der Liebschaften aller &uuml;brigen Mitbewohner.<a name=
+"FNanchor_765"></a><a href="#Footnote_765"><sup>765</sup></a> "In
+einer Stube und in einem Bett spielen sich oft alle Akte des
+menschlichen Lebens ab;"<a name="FNanchor_766"></a><a href=
+"#Footnote_766"><sup>766</sup></a> h&auml;ufig genug teilen
+H&uuml;hner, G&auml;nse und Ziegen, besonders im Winter, denselben
+Raum mit den Menschen. Wer solch eine H&ouml;hle betritt, prallt
+zur&uuml;ck vor dem unbeschreiblichen Gestank, der ihr
+entstr&ouml;mt, vor dem Bild des Elends und der Verwahrlosung, das
+sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet vielfach auch
+hier, da&szlig; es die Leute nicht anders haben wollen, da&szlig;
+neue Wohnungen mit gedielten Fu&szlig;boden von ihnen
+verschm&auml;ht werden. Neben dem tiefen Stand der Gesittung, auf
+der diese Armen durch solche Wohnungsverh&auml;ltnisse gewaltsam
+zur&uuml;ckgehalten werden, ist es die Not, die sie an sie fesselt:
+ihre H&uuml;hner und G&auml;nse und Ziegen bilden einen wichtigen
+Teil ihrer Einnahme, sie haben keine M&ouml;glichkeit sie in
+strenger Winterk&auml;lte zu erhalten, au&szlig;er wenn sie ihnen
+ihr Zimmer &ouml;ffnen; sind da Dielen statt festgestampften
+Lehmbodens, so sind sie gezwungen, ihre Tiere anderswo
+unterzubringen. Oder sollten nur deshalb gegen 6000 Instwohnungen
+in Ostpreu&szlig;en leer stehen<a name="FNanchor_767"></a><a href=
+"#Footnote_767"><sup>767</sup></a>, weil ihre Sch&ouml;nheit die
+Bewohner vertrieben hat?! Es macht &uuml;brigens nur einen geringen
+Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich handelt;
+die westf&auml;lischen Heuer wohnen nicht besser, als die
+ostpreu&szlig;ischen Instleute<a name="FNanchor_768"></a><a href=
+"#Footnote_768"><sup>768</sup></a>, die Tagel&ouml;hner wohnen
+sogar vielfach noch schlechter. In S&uuml;dwestdeutschland wurden
+z.B. l&auml;ndliche Haushaltungen mit nur einem Wohnraum
+gez&auml;hlt<a name="FNanchor_769"></a><a href=
+"#Footnote_769"><sup>769</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>mit 4 bis 5 Personen bewohnt</td>
+<td align="right">8297</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>mit 6 bis 10 Personen bewohnt</td>
+<td align="right">4757</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>mit 11 und mehr Personen bewohnt</td>
+<td align="right">53</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen,
+kein Abort oder einer in n&auml;chster N&auml;he des Brunnens,
+Fenster, die h&auml;ufig aus Sparsamkeit fest eingesetzt
+wurden,&mdash;das ist die typische Behausung norddeutscher
+Landarbeiter.<a name="FNanchor_770"></a><a href=
+"#Footnote_770"><sup>770</sup></a> Es giebt ihrer freilich noch
+schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit
+einer einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen
+fensterlosen Kammern von 8 qm Grundfl&auml;che, es war von neun
+Familien bewohnt.<a name="FNanchor_771"></a><a href=
+"#Footnote_771"><sup>771</sup></a> Und im Kreise Inowrazlaw giebt
+es Erdh&ouml;hlen, 1 m in, 1 m &uuml;ber der Erde, deren
+Grundfl&auml;che 12 qm betr&auml;gt und deren W&auml;nde und Decken
+aus mit Sand und Rasen beworfenen Rundh&ouml;lzern bestehen. Die
+Reicheren unter den Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm gro&szlig;,
+die anderen haben statt dessen nur L&ouml;cher in den W&auml;nden.
+In diesen R&auml;umen wohnen Tagel&ouml;hnerfamilien mit Schweinen,
+Ziegen und H&uuml;hnern zusammen. Vor den Th&uuml;ren liegt der
+Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.<a name=
+"FNanchor_772"></a><a href="#Footnote_772"><sup>772</sup></a> Man
+glaube nun aber nicht, da&szlig; Deutschland allein solche
+Vorz&uuml;ge aufzuweisen hat. Im reichen Frankreich haben manche
+Landarbeiterh&auml;user als einzige Oeffnung die Th&uuml;r, die
+blo&szlig;e Erde zum Fu&szlig;boden und, um den Raum auszunutzen,
+die Betten zu drei und vier &uuml;bereinandergestellt.<a name=
+"FNanchor_773"></a><a href="#Footnote_773"><sup>773</sup></a> Die
+Bretagne weist vielfach Fachwerkh&auml;user mit nassem Boden und
+feuchten W&auml;nden auf, die nur einen einzigen Raum enthalten<a
+name="FNanchor_774"></a><a href="#Footnote_774"><sup>774</sup></a>,
+und sowohl die Landarbeiter, wie die kleinen Besitzer wohnen
+h&auml;ufig mit dem Vieh zusammen.<a name="FNanchor_775"></a><a
+href="#Footnote_775"><sup>775</sup></a></p>
+
+<p>Auf gro&szlig;en G&uuml;tern und in reichen Bauernwirtschaften
+pflegen im allgemeinen die M&auml;gde etwas besser zu wohnen. Oft
+freilich liegt ihre Kammer unter dem Dach, wird von mehreren
+bewohnt, die zu zweien je ein Bett teilen m&uuml;ssen und ist nicht
+verschlie&szlig;bar. In &auml;rmeren Wirtschaften ist die
+Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunw&uuml;rdige: in
+unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt
+schlafen M&auml;gde und Knechte in oder dicht neben den
+St&auml;llen. Um in ihre Kammer zu gelangen, m&uuml;ssen die
+M&auml;gde h&auml;ufig den Schlafraum der Knechte passieren und
+umgekehrt. In den Berggeh&ouml;ften Tirols wird ihre Lagerstatt
+meist auf dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube
+aufgeschlagen, in den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht
+wird, verweist man sie auch wohl einfach auf die Heuboden.</p>
+
+<p>Die Folgen dieser elenden Wohnungsverh&auml;ltnisse liegen auf
+der Hand. Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen
+Verkehrs gew&ouml;hnt, die bei den Knechten schlafenden
+H&uuml;tekinder werden fr&uuml;h in die dunkelsten Tiefen der
+Ausschweifungen eingeweiht.<a name="FNanchor_776"></a><a href=
+"#Footnote_776"><sup>776</sup></a> Die Geschichte von der "Unschuld
+vom Lande" ist ebenso ein M&auml;rchen, wie die von den gesunden
+Lebens- und Arbeitsverh&auml;ltnissen der Landarbeiter. Nicht nur,
+da&szlig; der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine
+eingewurzelte Sitte ist,&mdash;vielleicht ein Erbteil aus der Zeit,
+wo es galt, den Herrn um das jus primae noctis zu
+betr&uuml;gen,&mdash;und die Heirat erst erfolgt, nachdem die
+"Pr&uuml;fung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich
+n&auml;mlich erwies, da&szlig; sie zur Mutterschaft f&auml;hig
+ist<a name="FNanchor_777"></a><a href=
+"#Footnote_777"><sup>777</sup></a>, auch die w&uuml;steste
+Sittenlosigkeit wird auf dem Lande gro&szlig;gezogen. Die meisten
+M&auml;dchen, die Scharwerkerinnen, die Sachseng&auml;ngerinnen,
+die M&auml;gde kommen zuerst durch Vergewaltigungen zu Fall.<a
+name="FNanchor_778"></a><a href="#Footnote_778"><sup>778</sup></a>
+In den Augen der Knechte ist das nichts als ein Spa&szlig;. Sind
+sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt noch niedrigere
+sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon hatten.<a name=
+"FNanchor_779"></a><a href="#Footnote_779"><sup>779</sup></a>
+Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als Burschen
+bei jungen Offizieren im Dienste waren.<a name=
+"FNanchor_780"></a><a href="#Footnote_780"><sup>780</sup></a> Die
+widerlich gemeinen Soldatenlieder w&uuml;rden allein schon
+ausreichen, das Gesagte zu beweisen. Und doch w&auml;re die
+l&auml;ndliche Sittenlosigkeit noch nicht so verdammenswert, wenn
+sie sich zwischen Knechten und M&auml;gden allein abspielte, weil
+die Heirat die gew&ouml;hnliche Folge zu sein pflegt; da&szlig; sie
+oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der
+Korruption, als die der &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse. Die
+Gr&uuml;ndung des Hausstandes h&auml;ngt von den
+zur&uuml;ckgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst
+beim besten Willen nur sein k&ouml;nnen, haben wir aus den
+L&ouml;hnen gesehen. Handelt es sich um festangestellte
+Tagel&ouml;hner, besonders Instleute, oder das l&auml;ndliche
+Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder
+Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine
+Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, da&szlig;
+die weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschw&auml;cht wird.
+Weit bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen f&uuml;r die
+M&auml;dchen begleitet, ist es, wenn sie die armen Opfer der
+Gel&uuml;ste ihrer Herren werden. In der Enquete der evangelischen
+Pastoren &uuml;ber die Sittlichkeit auf dem Lande werden die
+Gutsh&ouml;fe "Hauptherde l&auml;ndlicher Unzucht" genannt<a name=
+"FNanchor_781"></a><a href="#Footnote_781"><sup>781</sup></a>, und
+das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer S&ouml;hne und
+G&auml;ste, besonders aber das der Inspektoren wird durch
+drastische Beispiele grell beleuchtet.<a name="FNanchor_782"></a><a
+href="#Footnote_782"><sup>782</sup></a> Sie schonen kein
+M&auml;dchen, hei&szlig;t es vielfach; sie sehen in ihnen eine
+wohlfeile Beute, die aus Angst und Abh&auml;ngigkeit sich leicht
+ihrem Willen f&uuml;gen. So kommt es, da&szlig; selten ein
+Landm&auml;dchen als Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber
+auch, da&szlig; die Korruption der Landbev&ouml;lkerung kaum eine
+geringere ist, als die der st&auml;dtischen.</p>
+
+<p>Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin
+zeigt, da&szlig; die Lage beider eine gleich schlechte, ja
+da&szlig; die der Landarbeiterin vielfach eine noch elendere ist,
+als die ihrer st&auml;dtischen Leidensgenossin, denn sie
+genie&szlig;t keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat in Deutschland
+wenigstens nicht die M&ouml;glichkeit sich durch Organisation
+selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die
+Stadt an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem
+Einerlei liegt, wenn sie sich ihr ununterbrochenes l&auml;ndliches
+Dasein vorstellt, ihre Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher
+nicht, wenn sie alledem freudig den R&uuml;cken kehrt, erstaunlich
+ist vielmehr nur, da&szlig; es &uuml;berhaupt noch M&auml;dchen
+giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die
+Vergn&uuml;gungssucht triebe sie in die St&auml;dte, so ist
+zweifellos viel Wahres daran, es ist aber eine berechtigte
+Vergn&uuml;gungssucht, denn ein unklares Bed&uuml;rfnis nach der
+Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr aber als dies
+ist es der Wunsch, dem dr&uuml;ckenden Elend und der qu&auml;lenden
+Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gef&uuml;hle aber, die zur
+Landflucht den Ansto&szlig; geben, und die stumpfe Resignation der
+Landarbeiter durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des
+l&auml;ndlichen Proletariats in sich. Auch die ostelbische
+l&auml;ndliche Arbeitsverfassung, die jene in der Tradition der
+Unfreiheit gebundene Arbeiterbev&ouml;lkerung zur Voraussetzung
+hat, wird durch sie ersch&uuml;ttert; selbst die Instleute opfern
+mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der pers&ouml;nlichen
+Ungebundenheit.<a name="FNanchor_783"></a><a href=
+"#Footnote_783"><sup>783</sup></a> Dasselbe erwachende
+Selbstbewu&szlig;tsein l&auml;&szlig;t eine rapide zunehmende Zahl
+l&auml;ndlicher Arbeiter der Arbeit au&szlig;erhalb ihrer
+eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bed&uuml;rfnis der von
+der einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt
+ihnen dabei entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer
+entschiedenerer Weise bevorzugt, weil sie f&uuml;r flei&szlig;iger,
+sparsamer und bescheidener gelten<a name="FNanchor_784"></a><a
+href="#Footnote_784"><sup>784</sup></a>, weil so gut wie kein
+Aufwand f&uuml;r Unterbringung und Ern&auml;hrung notwendig ist,
+und jede verwaltungs- und armenrechtliche Verantwortung
+fortf&auml;llt.<a name="FNanchor_785"></a><a href=
+"#Footnote_785"><sup>785</sup></a> Erst die Zukunft wird zeigen,
+da&szlig; die Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum
+Klassenkampf"<a name="FNanchor_786"></a><a href=
+"#Footnote_786"><sup>786</sup></a> innerhalb des l&auml;ndlichen
+Proletariats dadurch gef&ouml;rdert haben, ebenso wie jeder
+Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Gro&szlig;betrieb ausweitet, dem
+Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet.
+Je mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt,
+desto leichter wird es auch m&ouml;glich sein, ihre Arbeiter
+gesetzlich zu sch&uuml;tzen. Die Landflucht und die Wanderarbeit
+sind daher nicht, wie die Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als
+ein auszurottendes Uebel, sondern als ein Fortschritt anzusehen,
+der die Landarbeiter aus ihrer elenden Lage befreien helfen wird.
+Aber auch die wachsende Einf&uuml;hrung der Maschinen, die Ursache
+und Folge der Saisonarbeit zugleich sind, werden trotz ihrer
+momentan grade f&uuml;r die Arbeiter sehr empfindlichen
+Folgen,&mdash;die Dampfdreschmaschine schm&auml;lert z.B. ihren
+Verdienst um ein Bedeutendes<a name="FNanchor_787"></a><a href=
+"#Footnote_787"><sup>787</sup></a>,&mdash;die Lage der
+l&auml;ndlichen Arbeiter schlie&szlig;lich wesentlich umwandeln und
+verbessern. F&uuml;r die Frauenarbeit kommen dabei vorzugsweise die
+in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in Betracht, so z.B.
+die Melkmaschine, die den M&auml;gden eine der unangenehmsten
+Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von innen
+herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine
+durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und
+mehr Bahn bricht, da&szlig; die Landarbeiter, speziell die
+weiblichen, sich in einer Lage befinden, die geeignet ist, die
+k&ouml;rperliche und sittliche Gesundheit des Volks bedenklich zu
+gef&auml;hrden, und da&szlig; es M&auml;rchen, und nichts als
+M&auml;rchen sind, die man geflissentlich &uuml;ber sie
+verbreitete, und mit denen man es verstanden hat Vernunft und
+Gewissen zu bet&auml;uben.</p>
+
+<a name="6_5" />
+<h3>Der h&auml;usliche und der pers&ouml;nliche Dienst.</h3>
+
+<p>Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden
+Bezeichnung zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den
+h&auml;uslichen Dienstboten, einschlie&szlig;lich der au&szlig;er
+dem Hause der Arbeitgeber wohnenden, den W&auml;scherinnen und
+Pl&auml;tterinnen, den Kellnerinnen und den sonstigen
+Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr
+gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gew&ouml;hnlichen Sinn
+des Wortes sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man
+darunter im allgemeinen nur diejenigen verstand, die durch ihre
+Arbeit Verkaufsartikel produzieren. Diesen fast ganz allein hat
+sich die Aufmerksamkeit der Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber
+zugewandt. Daher ist auch das Material, auf Grund dessen sich die
+Lage dieser Arbeiterinnen schildern lie&szlig;e, ein sehr
+unzureichendes. Den W&auml;schereien und ihren Arbeiterinnen wandte
+man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Gro&szlig;betrieben
+sich entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie
+heraustraten. Z&ouml;gernd und vorsichtig tastend wandte man den
+Blick auf die wachsende Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den
+h&auml;uslichen Dienstboten ging man so gut wie achtlos
+vor&uuml;ber. Nicht nur, da&szlig; man nicht wagte, den Schleier zu
+heben, der &uuml;ber ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten, wo
+sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der
+Feudalzeit w&uuml;rdig w&auml;ren, dachte man selbst in den Jahren
+lebhafter sozialer Gesetzesth&auml;tigkeit nicht im entferntesten
+daran, diese Millionen Menschen aus dem dr&uuml;ckenden Joch zu
+befreien. Auch das B&uuml;rgerliche Gesetzbuch f&uuml;r das
+deutsche Reich, welches das Recht des 20. Jahrhunderts enthalten
+soll, hat sie fast unver&auml;ndert bestehen lassen. Der Kultus der
+Familie hat die h&auml;uslichen Dienstboten mit einer chinesischen
+Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute f&uuml;r strafbar
+gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie
+wiederholt und so dicht vor Augen gef&uuml;hrt wurde, da&szlig;
+selbst die Kurzsichtigsten es sehen mu&szlig;ten, wagte man es
+sch&uuml;chtern und vorsichtig, eine kleine Bresche in die Mauer zu
+schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um das Eindringen in
+die Familien armer Leute. Wollte man den h&auml;uslichen Dienst
+einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln
+versuchen, so hie&szlig;e das die Mauer umrei&szlig;en und der
+Oeffentlichkeit in die eigenen Familienverh&auml;ltnisse Zutritt
+gew&auml;hren. Selbst freisinnige Geister, die den Zust&auml;nden
+der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken wagen, und mit
+radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden reaktion&auml;r,
+sobald die Dienstbotenfrage ber&uuml;hrt wird. "<i>My house is my
+castle</i>" hei&szlig;t es dann und in diese Zwingburg, in der
+Millionen Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl
+sozialpolitischer Erkenntnis.</p>
+
+<p>Obwohl die Lage der h&auml;uslichen Dienstboten uns weit genauer
+bekannt sein sollte, als die irgend einer anderen
+Arbeiterinnenschicht, weil wir sie t&auml;glich vor Augen sehen,
+hat die einschl&auml;fernde Macht der Gewohnheit bis jetzt die
+aufkl&auml;rende Gewalt pers&ouml;nlicher Erfahrung zu
+unterdr&uuml;cken gewu&szlig;t. Wo wir auch in der Vergangenheit
+Aeu&szlig;erungen &uuml;ber die Dienstboten begegnen, sind es rein
+subjektive, vom egoistischen Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende,
+und die Dienstbotenfrage erscheint dem weitaus gr&ouml;&szlig;ten
+Teil derer, die sie in den Mund nehmen, nur als die Frage, wie dem
+Mangel an Dienstboten und den Fehlern der Dienstboten abzuhelfen
+ist. Da&szlig; sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und wie sie
+behandelt werden mu&szlig;, da&szlig; der gro&szlig;e Strom der
+Entwicklung, der in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck
+kommt, vor den Mauern des b&uuml;rgerlichen Haushalts nicht Halt
+macht, sondern ihn in seinen Grundpfeilern
+ersch&uuml;ttert,&mdash;und der h&auml;usliche Dienst ist solch ein
+Grundpfeiler,&mdash;diese Erkenntnis f&auml;ngt erst jetzt an zu
+d&auml;mmern, wo die Dienstboten selbst anfangen, zum
+Bewu&szlig;tsein ihrer Lage zu kommen. Nun entdeckt man gleichsam
+in der uns t&auml;glich umgebenden eine neue unbekannte Welt und
+f&auml;ngt an, zu begreifen, da&szlig; ein Leben noch kein
+menschenw&uuml;rdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm
+ferner bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.</p>
+
+<p>Die gro&szlig;e Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten,
+nicht nur was die einzelnen L&auml;nder, sondern auch was die
+Stellungsgrade betrifft, macht es besonders schwierig, ein klares
+Bild von ihr zu gewinnen. So variieren z.B. in Deutschland die
+L&ouml;hne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der Durchschnittssatz
+d&uuml;rfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise sind es
+die Kinderm&auml;dchen, die den niedrigsten, die K&ouml;chinnen,
+die den h&ouml;chsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der
+Wichtigkeit der Kinderstube und der K&uuml;che liegen soll?! Was
+thats&auml;chlich damit ausgedr&uuml;ckt wird, ist die Anforderung,
+die man an K&ouml;chin und Kinderm&auml;dchen stellt: w&auml;hrend
+die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem Beruf einen bestimmten
+Grad von Erfahrung haben mu&szlig;, wird von dem gew&ouml;hnlichen
+Kinderm&auml;dchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule
+entwachsen, h&auml;lt man es f&uuml;r f&auml;hig, Kinder zu warten
+und zu erziehen. Die n&auml;chste Lohnstufe nimmt zumeist das
+sogenannte "M&auml;dchen f&uuml;r Alles" ein, das Kinder-,
+Stubenm&auml;dchen und K&ouml;chin zugleich ist; ihre Einnahme
+bewegt sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache
+Hausm&auml;dchen, das die Zimmer zu reinigen, das
+K&uuml;chenm&auml;dchen, das abzuwaschen und der K&ouml;chin zu
+helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfr&auml;uleins
+oder Kinderg&auml;rtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen
+Dienstm&auml;dchen und Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur
+selten h&ouml;her entlohnt zu werden. Einen h&ouml;heren Lohn
+erreicht das feine Stubenm&auml;dchen, das gew&ouml;hnlich die
+Pl&auml;tterei und N&auml;herei verstehen mu&szlig;, und die
+Jungfer, der die pers&ouml;nliche Bedienung der Frau des Hauses
+allein obliegt. Ist sie zugleich eine perfekte Schneiderin, so
+steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75 Mk. im Monat. Die K&ouml;chin
+hat, je nach den Anforderungen, die an sie gestellt werden, ein
+monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der Mehrzahl deutscher,
+b&uuml;rgerlicher Haushaltungen d&uuml;rfte sie zwischen 18 und 24
+Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in
+gro&szlig;en H&auml;usern oder auf Landg&uuml;tern, die an Stelle
+der Hausfrau die Leitung von K&uuml;che und Vorratsraum in
+H&auml;nden hat und die Amme, die an Stelle der Mutter den
+S&auml;ugling ern&auml;hrt.</p>
+
+<p>Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die h&ouml;chsten
+L&ouml;hne in Deutschland gezahlt werden, und die nur 449
+Dienstm&auml;dchen umfa&szlig;t, kommt zu folgenden Resultaten.<a
+name="FNanchor_788"></a><a href="#Footnote_788"><sup>788</sup></a>
+Es erhalten danach:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td align="right">21</td>
+<td align="center">M&auml;dchen</td>
+<td align="center">oder</td>
+<td align="center">4,7</td>
+<td align="center">Proz.</td>
+<td align="center">einen</td>
+<td align="center">Jahreslohn</td>
+<td align="center">von</td>
+<td align="center">100-150 Mk.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">152</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">33,9</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">150-200 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">179</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">39,9</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">200-250 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">56</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">12,5</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">250-300 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">41</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">9,0</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">300 u. mehr "</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die M&auml;dchen f&uuml;r Alles werden durchweg am schlechtesten
+bezahlt, 58,8 % von ihnen haben weniger als 200 Mk. j&auml;hrliches
+Einkommen. Die K&ouml;chinnen erreichen die h&ouml;chsten
+Lohns&auml;tze, die au&szlig;erdem bei ihnen niemals unter 150 und
+selten unter 200 Mk. herabsinken.</p>
+
+<p>In England, f&uuml;r das eine offizielle Untersuchung &uuml;ber
+Dienstbotenl&ouml;hne vorliegt<a name="FNanchor_789"></a><a href=
+"#Footnote_789"><sup>789</sup></a>, sind die Verh&auml;ltnisse ganz
+&auml;hnliche, obwohl die L&ouml;hne eine gr&ouml;&szlig;ere
+H&ouml;he erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn
+englischer Dienstm&auml;dchen betr&auml;gt 15,10 &pound;, in
+Schottland steigt er auf 17,12 &pound;, in London auf 18,2 &pound;,
+w&auml;hrend er in dem armen Irland auf 12 bis 14 &pound;
+f&auml;llt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der
+Schule entwachsenen Kinderm&auml;dchen, die sich mit einem
+Jahreseinkommen von 5 bis 6 &pound; begn&uuml;gen m&uuml;ssen.<a
+name="FNanchor_790"></a><a href="#Footnote_790"><sup>790</sup></a>
+Die Stufenleiter ist im &uuml;brigen folgende:<a name=
+"FNanchor_791"></a><a href="#Footnote_791"><sup>791</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>M&auml;dchen f&uuml;r Alles</td>
+<td align="center">erhalten</td>
+<td align="center">einen</td>
+<td align="center">Jahreslohn</td>
+<td align="center">von</td>
+<td align="center">6-17 &pound;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&uuml;chenm&auml;dchen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">5-21 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Einfache Hausm&auml;dchen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">7-24 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stubenm&auml;dchen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">14-24 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&ouml;chinnen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">11-28 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kinderw&auml;rterinnen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">6-30 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kammerjungfern</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">19-30 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Wirtschafterinnen</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">"</td>
+<td align="center">34-52 "</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu
+kommen, ist es notwendig, auch die Durchschnittsl&ouml;hne
+festzustellen, die aus der Untersuchung der Lohnverh&auml;ltnisse
+von 5338 weiblichen Dienstboten gewonnen wurden. Sie betrugen
+f&uuml;r</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>M&auml;dchen f&uuml;r Alles</td>
+<td>16 &pound;</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kinderw&auml;rterinnen</td>
+<td>16 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hausm&auml;dchen</td>
+<td>16 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stubenm&auml;dchen</td>
+<td>20 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&ouml;chinnen</td>
+<td>20 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kammerjungfern</td>
+<td>24 "</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Wirtschafterinnen</td>
+<td>34 "</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Das Kinderm&auml;dchen rangiert also auch hier, was den Lohn
+betrifft, hinter der K&ouml;chin. Noch drastischer tritt dieses
+Verh&auml;ltnis in Frankreich, der Hochburg kulinarischer
+Gen&uuml;sse hervor, wo die L&ouml;hne der K&ouml;chinnen zwischen
+50, 100 bis 120 frs. und dar&uuml;ber schwanken, w&auml;hrend
+Kinderm&auml;dchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur
+30 bis 40 zu bekommen pflegen. Ungew&ouml;hnlich hoch sind hier die
+L&ouml;hne der Ammen, die h&auml;ufig bis zu 150 frs. monatlich
+einnehmen sollen. Hohe L&ouml;hne, im Vergleich zu Deutschland,
+werden auch in den Vereinigten Staaten gezahlt. Nach einer Enquete
+betr&auml;gt der durchschnittliche Lohn der Dienstm&auml;dchen 3,23
+$ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 % ebensoviel oder
+weniger, so da&szlig; sich daraus ein Jahreseinkommen von
+durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die
+M&auml;dchen f&uuml;r alles, die am wenigsten
+bekommen,&mdash;durchschnittlich 2,88 $ w&ouml;chentlich,&mdash;und
+die K&ouml;chinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am besten
+stehen.<a name="FNanchor_792"></a><a href=
+"#Footnote_792"><sup>792</sup></a></p>
+
+<p>Nach alledem scheint festzustehen, da&szlig; nicht die
+Quantit&auml;t, sondern die Qualit&auml;t der geleisteten Arbeit am
+h&ouml;chsten bezahlt wird, und zwar ist die Ursache davon nicht
+die, da&szlig; die Nachfrage nach der qualitativen
+Leistungsf&auml;higkeit absolut eine besonders starke
+ist,&mdash;k&ouml;nnte man es zahlenm&auml;&szlig;ig nachweisen, so
+w&uuml;rden zweifellos die M&auml;dchen f&uuml;r Alles als die am
+meisten begehrten erscheinen,&mdash;sondern weil sie im
+Verh&auml;ltnis zum Angebot gelernter Arbeiterinnen &uuml;berall
+hoch erscheint, und von den zahlungsf&auml;higsten Kreisen ausgeht.
+Aus denselben Gr&uuml;nden sind die L&ouml;hne der m&auml;nnlichen
+Dienstboten unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig h&ouml;her als die
+der weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr d&uuml;rfte kaum ein
+deutscher Diener, unter 38 &pound; kein englischer zu haben sein.
+Ein deutscher Privatkoch verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat,
+ein englischer hat durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128
+&pound;.</p>
+
+<p>Als Erg&auml;nzung des Lohns kann das Trinkgeld und das
+h&auml;ufig im Geldwert bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder
+Neujahrsgeschenk angesehen werden. In Familien, die einen
+ausgedehnten Verkehr haben und viele Gesellschaften geben, erreicht
+die Einnahme aus den Trinkgeldern eine oft respektable H&ouml;he.
+So ist mir bekannt, da&szlig; ein Stubenm&auml;dchen in der Familie
+eines h&ouml;heren Offiziers, das den geladenen G&auml;sten beim
+Aus- und Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200
+Mk. einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht
+in dem Ma&szlig;e das Odium des Entehrenden an, weil es
+thats&auml;chlich nur als Belohnung f&uuml;r
+au&szlig;ergew&ouml;hnliche Dienste auftritt und die H&ouml;he des
+Lohns durch die Aussicht darauf nicht beeinflu&szlig;t wird. Anders
+steht es, soweit die Stubenm&auml;dchen der Hotels und Pensionen in
+Betracht kommen. Sie werden in den weitaus meisten F&auml;llen mit
+einem sehr geringen Lohn angestellt und sind auf die Trinkgelder
+der Fremden angewiesen. F&uuml;r ihre harte Arbeit m&uuml;ssen sie
+auch noch in der besch&auml;menden Haltung der Bittenden vor die
+Fremden hintreten, m&uuml;ssen ihnen, wie die Strauchritter am
+Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt
+ihres guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig
+gegebenes Almosen entgegennehmen, an das noch dazu h&auml;ufig
+genug beleidigende Anforderungen gekn&uuml;pft werden.</p>
+
+<p>In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die
+H&ouml;he des Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen.
+Dasselbe Prinzip l&auml;&szlig;t sich in Bezug auf die Dienstboten
+nur schwer anwenden, ja es scheint fast als m&uuml;&szlig;te ihr
+Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein, weil sie nicht
+selbst f&uuml;r Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird
+stets au&szlig;er acht gelassen, da&szlig; allein an die Kleidung
+des Dienstm&auml;dchens ganz andere Anspr&uuml;che gestellt werden,
+als etwa an die Fabrikarbeiterin, und da&szlig; gerade bei der
+h&auml;uslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur in reichen
+H&auml;usern Englands und Frankreichs, sehr selten in
+Deutschland,&mdash;wo man sich auf das wei&szlig;e H&auml;ubchen
+als Abzeichen der Dienstbarkeit beschr&auml;nkt,&mdash;wird die
+Kleidung, die dann immer eine Art Uniform ist, den
+Dienstm&auml;dchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist
+m&uuml;ssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen
+noch schmaler werden l&auml;&szlig;t. In sehr vielen F&auml;llen
+aber haben sie von ihrem Lohn alte Eltern und Geschwister zu
+unterst&uuml;tzen. Wie oft sind mir M&auml;dchen begegnet, die
+&uuml;ber die H&auml;lfte ihres Geldes nach Hause schickten. Noch
+h&auml;ufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu
+ern&auml;hren, wof&uuml;r sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin
+geben m&uuml;ssen&mdash;meist den gr&ouml;&szlig;ten Teil ihres
+Verdienstes! Diese Ungl&uuml;cklichen sind die Bedauernswertesten
+von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und peinigen, sie
+halten &uuml;berall aus, denn mit der Stellenlosigkeit w&auml;re
+die Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie k&ouml;nnen keine
+Ersparnisse machen, um ihr Alter zu sichern,&mdash;dienen, dienen
+ist ihr Los, solange der m&uuml;de R&uuml;cken es aush&auml;lt,
+solange man sie nicht hinauswirft, wie ein verbrauchtes
+Hausger&auml;t. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die f&uuml;r
+niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug
+dr&uuml;cken kann: die Dienstvermittlungsgeb&uuml;hren.</p>
+
+<p>Die Dienstvermittlung ruht fast ausschlie&szlig;lich in den
+H&auml;nden privater Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in
+Preu&szlig;en gab es hier allein 5216 Stellenvermittler, von denen
+3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft waren, was auf den Charakter
+derjenigen, in deren H&auml;nden das Los der Dienstm&auml;dchen
+liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre m&ouml;glichste Ausbeutung
+liegt nat&uuml;rlich im Interesse der Vermittler und so m&uuml;ssen
+die Dienstm&auml;dchen f&uuml;r jede Stelle entweder eine bestimmte
+Summe, in Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom
+Jahresgehalt, oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die
+gro&szlig;st&auml;dtischen Dienstm&auml;dchen zweimal im Jahr den
+Dienst zu wechseln pflegen, so kommen dabei Summen zusammen, die
+eines besseren Zweckes w&uuml;rdig w&auml;ren. In Wien allein
+wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus
+eingenommen.<a name="FNanchor_793"></a><a href=
+"#Footnote_793"><sup>793</sup></a> Bei dieser Steuer, die die armen
+M&auml;dchen zu tragen haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr
+h&auml;ufig nehmen die Vermittlerinnen sie w&auml;hrend der Zeit
+der Stellenlosigkeit in Kost und Wohnung; sie &uuml;ben dadurch,
+da&szlig; sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der Stellung
+bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es
+&uuml;berdies in der Hand, die M&auml;dchen m&ouml;glichst lange
+bei sich festzuhalten. Die unerfahrenen M&auml;dchen, die vom Lande
+in die Stadt kommen, sind stets ihre leichte Beute, und da sie es
+verstehen, sie durch Versprechungen, durch Schmeicheleien und wohl
+auch durch h&auml;usliche Feste,&mdash;wobei die M&auml;dchen
+nat&uuml;rlich die Zeche bezahlen m&uuml;ssen,&mdash;an sich zu
+fesseln, so ist das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner
+Fliegen. Ein Blick in das Wartezimmer einer
+gro&szlig;st&auml;dtischen Vermieterin enth&uuml;llt f&uuml;r den,
+der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des
+Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedr&auml;ngt die M&auml;dchen,
+vor ihnen die feilschenden "Gn&auml;digen" mit pr&uuml;fenden
+Blicken und Fragen, die eines Untersuchungsrichters w&uuml;rdig
+w&auml;ren,&mdash;ein Sklavenmarkt mit all seinen Schrecken! Jedes
+deutsche und &ouml;sterreichische M&auml;dchen hat &uuml;berdies
+noch ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen,
+das ihren ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enth&auml;lt,
+die alles vermuten und erraten lassen. Wagt es das
+Dienstm&auml;dchen seinerseits nach den Arbeitsbedingungen zu
+fragen, die seiner warten, so gilt es f&uuml;r frech und
+unversch&auml;mt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse
+daran hat, zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in
+ein Kreuzverh&ouml;r nimmt.</p>
+
+<p>Und was wartet seiner?</p>
+
+<p>Zur Entlohnung der h&auml;uslichen Dienstboten geh&ouml;rt,
+au&szlig;er dem Lohn, Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der
+Herrschaft ist allgemein &uuml;blich; die vollst&auml;ndige
+Abh&auml;ngigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in der sich der
+Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch zu
+deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erf&auml;hrt sie
+Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen
+Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist
+auch, wo mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen
+Wohnraum, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre
+Freunde empfangen k&ouml;nnen.<a name="FNanchor_794"></a><a href=
+"#Footnote_794"><sup>794</sup></a> Da&szlig; es sich dabei nur um
+die Dienstboten wohlhabender Familien handeln kann, liegt auf der
+Hand. In Frankreich und ebenso in S&uuml;ddeutschland und
+Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten in den
+Mietsh&auml;usern immer im obersten Stockwerk. Sehr h&auml;ufig
+sind sie nicht zu heizen, so da&szlig; die K&auml;lte im Winter
+sehr empfindlich ist, aber noch empfindlicher vielleicht ist die
+Sommerhitze unter dem gl&uuml;henden Dach. In solchem Raum, der oft
+kaum das N&ouml;tigste zu fassen vermag, hausen meist zwei, oft
+auch drei Dienstm&auml;dchen zusammen. Th&uuml;r an Th&uuml;r
+f&uuml;hrt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt
+und jung, M&auml;dchen und M&auml;nner, Verdorbene und Unverdorbene
+wohnen hier oben nebeneinander. Und doch sind diese
+Unterkunftsr&auml;ume noch als gute zu bezeichnen im Vergleich mit
+denen, die der gr&ouml;&szlig;ten Mehrzahl der weiblichen
+Dienstboten in den norddeutschen St&auml;dten geboten werden. Die
+H&auml;ngeb&ouml;den sind hierf&uuml;r besonders charakteristisch.
+Man versteht darunter R&auml;ume, die auf halber H&ouml;he
+&uuml;ber dem Badezimmer, dem Kloset, dem Flur oder einem
+K&uuml;chenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur mittelst
+einer Leiter oder einer steilen H&uuml;hnerstiege zu erreichen
+sind. Meist sind sie so niedrig, da&szlig; ein normal gewachsener
+Mensch nicht aufrecht darin stehen kann, und so klein, da&szlig;
+neben dem Bett kaum Platz genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein
+Fenster,&mdash;klein ist es nat&uuml;rlich stets,&mdash;wird auch
+oft zu den Luxusgegenst&auml;nden gerechnet, die nach der
+K&uuml;che oder dem Flur hinausm&uuml;ndende Th&uuml;r ist dann das
+einzige Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft
+f&uuml;hrt der Kamin der K&uuml;che direkt daran entlang, so
+da&szlig; eine unertr&auml;gliche Hitze sich der schlechten Luft
+zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine f&ouml;rmliche
+Brutst&auml;tte hier findet. Noch h&auml;ufiger liegt Badezimmer
+und Kloset unter dem H&auml;ngeboden, den infolgedessen eine wahre
+Typhusatmosph&auml;re erf&uuml;llt. Einen solchen Wohnraum f&uuml;r
+Dienstm&auml;dchen habe ich in einem der vornehmsten H&auml;user
+Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen kleinen
+Waschtisch enthielt, dabei selbst f&uuml;r kleine Menschen zu
+niedrig war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte,
+erkl&auml;rte stolz, da&szlig; er ger&auml;umig genug sei, um zwei
+M&auml;dchen zu beherbergen! Nat&uuml;rlich besa&szlig; sie einen
+Salon, der nur f&uuml;r Gesellschaftszwecke ge&ouml;ffnet wurde und
+ein Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe
+des Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer
+eleganten Pension des Berliner Westens fand ich ein
+Dienstm&auml;dchen, das w&auml;hrend der Wintermonate in einem
+Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner zu passieren
+hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug. Stillichs
+Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverh&auml;ltnisse kommen zu
+denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder
+Dachkammern, Kellerr&auml;ume, Abteilungen des Badezimmers, in dem
+sich zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von
+seinen Expertinnen als ihre Schlafr&auml;ume angegeben, und zwar
+sind es nicht weniger als 48 % aller, die in dieser Weise
+untergebracht wurden. Wenn 24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als
+notwendig erscheinen, so entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner
+Dienstm&auml;dchen nur 93 diesen Anforderungen; etwa die
+H&auml;lfte sind in Bezug auf die sanit&auml;ren Bedingungen ihrer
+Wohnung ung&uuml;nstiger daran als die Gefangenen in
+preu&szlig;ischen Zuchth&auml;usern.<a name="FNanchor_795"></a><a
+href="#Footnote_795"><sup>795</sup></a></p>
+
+<p>In einigen St&auml;dten, unter anderem in Berlin, hat man das
+erwachende Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu
+beschwichtigen gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter
+zu erreichenden H&auml;ngeb&ouml;den als Schlafraum wurde verboten;
+der Bau von H&auml;ngeb&ouml;den, au&szlig;er von solchen mit
+fester Treppe, festgesetzter H&ouml;he und bestimmtem Luftraum
+untersagt. Nat&uuml;rlich steht all dergleichen fast nur auf dem
+Papier, denn die Wohnungsverh&auml;ltnisse der Dienstboten sind
+nicht etwa nur der Ausflu&szlig; ausgesuchter Bosheit der
+Herrschaft, sondern die Folge der allgemeinen &ouml;konomischen
+Verh&auml;ltnisse. Mit den gesteigerten Lebensanspr&uuml;chen haben
+die Einnahmen des weitaus gr&ouml;&szlig;ten Teils der Aristokratie
+und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie reichen
+zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr aus.
+Infolgedessen wird &uuml;berall dort gespart, wo das Auge des
+Fremden nicht hindringen kann, und die gro&szlig;st&auml;dtischen
+Wohnungen sind der Ausdruck dieser Entwicklung: das E&szlig;zimmer,
+der Salon sind ger&auml;umig und gl&auml;nzen in falscher Pracht;
+die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel, der Raum f&uuml;r das
+Dienstm&auml;dchen ist eine Art H&ouml;hle. Wer wei&szlig;, in
+welchem Ma&szlig;e von der Aufrechterhaltung des &auml;u&szlig;eren
+Scheins das Ansehen, der Kredit, ja die Existenz der Familien
+abh&auml;ngt, wer dabei die furchtbare Macht der Gewohnheit kennt,
+die ganz zu &uuml;berwinden nur Auserw&auml;hlten gelingt, der wird
+sich auch sagen m&uuml;ssen, da&szlig; die Wohnungsmis&egrave;re
+der Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder
+Sittenpredigten beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art
+hervor, wie die neuen Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der
+H&auml;ngeb&ouml;den tritt n&auml;mlich nunmehr in den mittleren
+Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein schwer zu
+&ouml;ffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer
+erhellt, aufweist und ebenso wie die H&auml;ngeb&ouml;den, nicht
+Raum genug bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen
+Einrichtungsgegenst&auml;nde unterzubringen. In den seltensten
+F&auml;llen, in Privath&auml;usern, bei reichen oder kinderlosen
+Leuten, hat das Dienstm&auml;dchen ein Zimmer, in das es sich
+abends, nach der Arbeit, gern zur&uuml;ckzieht, wo es aufatmen,
+sich selbst&auml;ndig und unbeaufsichtigt f&uuml;hlen kann.
+Wohnr&auml;ume f&uuml;r Dienstboten, wo ihre Freunde sie besuchen
+k&ouml;nnen, geh&ouml;ren auf dem Kontinent zu den
+gr&ouml;&szlig;ten Seltenheiten, die nur in sehr reichen
+H&auml;usern zu finden sind. Die K&uuml;che ist fast immer ihr
+Wohn-, E&szlig;- und Empfangszimmer.</p>
+
+<p>Wie der Lohn, so ist die Bek&ouml;stigung der Dienstboten die
+verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualit&auml;t, als was die Art
+der Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller
+L&auml;nder, die &uuml;ber eine Schar dienstbarer Geister
+verf&uuml;gen, ist es &uuml;blich, da&szlig; f&uuml;r sie extra
+gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an
+gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des
+"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist f&uuml;r die
+Herstellung der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber
+ausreichend und nicht gerade schlecht zu sein; um so
+ertr&auml;glicher ist die Ern&auml;hrung, als sie mit einer
+bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer
+eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen
+Beg&uuml;nstigten die Masse der M&auml;dchen ins Auge, die im
+Dienste des kleinen und des m&auml;&szlig;ig beg&uuml;terten
+B&uuml;rger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein
+v&ouml;llig ver&auml;ndertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht,
+um den Hunger zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht,
+wenigstens was die Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und
+unappetitlichen Ueberresten des Mittagstisches der Arbeitgeber.
+Ohne eine bestimmte Essenspause mu&szlig; sie in der K&uuml;che,
+zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel des Tisches,
+der notd&uuml;rftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden. Sehr
+h&auml;ufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre
+Quantit&auml;t betrifft: das M&auml;dchen darf sich nicht nach
+Gefallen satt essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin
+zugeteilt. In Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren
+Haushaltungen besonders geformte tiefe Teller, &auml;hnlich den
+N&auml;pfen, in denen man den Haushunden das Fressen vorzusetzen
+pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin zusammengeworfen. Man
+h&auml;lt es vielfach f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich, da&szlig;
+das schwer arbeitende junge Dienstm&auml;dchen durch das geringste
+Ma&szlig; an Kost, durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein
+mu&szlig;: eine Tasse d&uuml;nnen Kaffees mit einer d&uuml;nn
+gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter Mittagsreste, ein
+Butterbrot mit schlechter Wurst und gew&auml;rmtem
+Kaffee&mdash;darin besteht nur zu oft die t&auml;gliche Nahrung.
+Trotzdem wird das Los des Dienstm&auml;dchens gegen&uuml;ber dem
+der Fabrikarbeiterin als ein gl&auml;nzendes gepriesen und
+unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost betrifft h&auml;ufig
+kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost durch
+einen bestimmten Geldbetrag abzul&ouml;sen; in Deutschland, England
+und Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld &uuml;blich,
+das in Deutschland kaum &uuml;ber 6 Mk. monatlich steigt, in
+Frankreich dagegen 15 bis 25 frs. erreicht. In gro&szlig;en
+englischen Haushaltungen wird manchmal f&uuml;r die ganze
+Bek&ouml;stigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die
+f&uuml;r M&auml;dchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. t&auml;glich zu betragen
+pflegt. F&uuml;r das Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf.
+gezahlt. Alle diese Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege
+einer Verselbst&auml;ndigung der Dienstboten, sie entspringen aber
+zun&auml;chst der Bequemlichkeit der Herrschaften, die sich dadurch
+einer l&auml;stigen Kontrolle enthoben f&uuml;hlen und der
+gef&uuml;rchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben.
+Thats&auml;chlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das
+Dienstm&auml;dchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn
+bekommt, das legt sie am liebsten zur&uuml;ck, oder giebt es
+f&uuml;r etwas anderes aus, als die Nahrung; sie wird also entweder
+zur Unterern&auml;hrung veranla&szlig;t, indem sie von ihrem ersten
+Fr&uuml;hst&uuml;ck oder ihrem Mittagbrot noch etwas zum Abend sich
+aufspart, oder sie i&szlig;t trotzdem aus der Speisekammer der
+Herrschaft. Es hei&szlig;t auch die Modernisierung des
+Dienstbotenwesens bei einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem
+M&auml;dchen, das unsere Wohnung und unser Leben teilt, unsere
+Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von unserem Brote zu essen.
+Die patriarchalische Ordnung, die man auf der einen Seite, soweit
+es den Herrschenden n&auml;mlich zum Vorteil gereicht, durchaus
+aufrecht erhalten will, l&auml;&szlig;t sich auf der anderen nicht
+willk&uuml;rlich durchbrechen. Nur das Gew&auml;hren von Geld als
+Ersatz f&uuml;r alkoholische Getr&auml;nke scheint mir
+entschuldbar, weil diese zu den notwendigen Nahrungsmitteln nicht
+geh&ouml;ren und man dadurch,&mdash;eine Wirkung, die in England
+zum Beispiel schon beobachtet wurde,&mdash;ihrem Genu&szlig;
+entgegenwirkt.</p>
+
+<p>W&auml;hrend L&ouml;hne, Wohnung und Kost die verschiedensten
+Abstufungen aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es
+allein richtig ist, darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft
+verstehen, sich im allgemeinen ziemlich gleich. Es war das
+Charakteristikum des Sklaventums, da&szlig; der Herr die Person des
+Sklaven, seine ganze Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und
+das ist heute das Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der
+Arbeiter verkauft einen, wenn auch den allergr&ouml;&szlig;ten Teil
+seiner Arbeitskraft, der Dienstbote verkauft seine Person; er hat
+Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu folgen, jeder Widerstand
+dagegen gilt als Unbotm&auml;&szlig;igkeit. "Mit welchem
+Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der
+Gegenwart auf die ungemessenen Fronden fr&uuml;herer Jahrhunderte
+zur&uuml;ck, ohne zu bedenken, da&szlig; sie zu ihren Dienstboten
+in einem ganz &auml;hnlichen Rechtsverh&auml;ltnisse stehen. Denn
+wenn man das Wesen des Dienstvertrags darin erblickt, da&szlig; der
+Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft f&uuml;r eine
+bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verf&uuml;gung
+stellt, so haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen
+Normalarbeitstag von 24 Stunden."<a name="FNanchor_796"></a><a
+href="#Footnote_796"><sup>796</sup></a> Je nach dem Dienst in
+beg&uuml;terten oder minder beg&uuml;terten Familien &auml;ndert
+sich nur die Intensit&auml;t der Arbeit; die Arbeitszeit, die sich
+durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abh&auml;ngigkeit vom
+Willen anderer und der der freien Verf&uuml;gung &uuml;ber die
+eigene Person kennzeichnen l&auml;&szlig;t, bleibt stets dieselbe,
+d.h. eine ununterbrochene. Der h&ouml;chste Grad der
+Arbeitsintensit&auml;t findet sich bei den am niedrigsten
+Entlohnten: den Kinderm&auml;dchen und den M&auml;dchen f&uuml;r
+Alles. Die Mutter erfreut sich der ungest&ouml;rten Nachtruhe, das
+Kinderm&auml;dchen aber opfert ihrem Spr&ouml;&szlig;ling die ihre,
+sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder f&uuml;r das Kind
+besch&auml;ftigt, denn w&auml;hrend es schl&auml;ft, wird die
+Kinderw&auml;sche gewaschen, geb&uuml;gelt, geflickt; w&auml;hrend
+es wacht, wird es gen&auml;hrt, angekleidet, unterhalten, spazieren
+gefahren oder getragen. Zwar wird der gesundheitliche Nachteil
+starker Arbeits&uuml;berlastung dadurch vielfach aufgewogen,
+da&szlig; das Kinderm&auml;dchen sich stundenlang mit ihrem
+Sch&uuml;tzling in frischer Luft aufhalten mu&szlig;, aber der
+Zwang, die Kinder tragen zu m&uuml;ssen,&mdash;aus falsch
+verstandenen Gesundheitsr&uuml;cksichten auf sie ist er besonders
+in Frankreich weit verbreitet,&mdash;verwandelt den Vorteil wieder
+in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge M&auml;dchen sind
+dadurch allen Gefahren der R&uuml;ckgratsverkr&uuml;mmungen und
+Unterleibsleiden ausgesetzt. K&ouml;nnen die Kinder laufen, so ist
+die k&ouml;rperliche Anstrengung zwar geringer, die der Nerven aber
+um so gr&ouml;&szlig;er. Ununterbrochen Kinder zu h&uuml;ten,
+geh&ouml;rt thats&auml;chlich, so leicht es den Fernstehenden
+erscheint, die sogar geneigt sind, das Leben eines
+Kinderm&auml;dchens f&uuml;r ein wahres Faulenzerleben zu
+erkl&auml;ren, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die M&uuml;tter
+aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um
+sich haben, k&ouml;nnen trotzdem nicht genug &uuml;ber die Roheit
+und Schlechtigkeit der Kinderm&auml;dchen klagen, die um so eher
+die Geduld verlieren, als sie meist selbst jung, ungebildet und
+undiszipliniert sind. Kaum geringer, dabei der Gesundheit
+nachteiliger ist die Arbeitsintensit&auml;t der M&auml;dchen
+f&uuml;r Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die
+Anforderungen, die an sie gestellt werden, oft unerf&uuml;llbare:
+Kochen und einkaufen, waschen und pl&auml;tten, Kleider putzen und
+Zimmer reinigen, n&auml;hen und flicken, die Familie bedienen, den
+G&auml;sten aufwarten,&mdash;das alles und noch mehr ist ihre
+Aufgabe. Von fr&uuml;h bis in die Nacht ist ihre Zeit
+ausgef&uuml;llt; oft mu&szlig; sie bis ein, zwei Uhr und
+l&auml;nger th&auml;tig sein, weil Gesellschaft im Hause ist und
+kann des Morgens nicht ausschlafen, weil f&uuml;r die
+schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Fr&uuml;hst&uuml;ck
+zur gew&ouml;hnlichen Zeit bereit stehen mu&szlig;. Sp&auml;t in
+der Nacht hat sie wohl auch die gn&auml;dige Frau oder das
+gn&auml;dige Fr&auml;ulein vom Ball oder vom Theater heimzuholen.
+Niemandem f&auml;llt es ein, welchen Gefahren ein junges
+M&auml;dchen bei weiten n&auml;chtlichen Wegen sich dabei aussetzt,
+denjenigen am wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren
+willen. Wehe aber dem armen Ding, wenn es M&uuml;digkeit oder
+Mi&szlig;mut f&uuml;hlen l&auml;&szlig;t; auch die
+gleichm&auml;&szlig;ige gute Laune geh&ouml;rt zu den ausbedungenen
+Pflichten eines Dienstm&auml;dchens. Die Arbeitszeit der
+K&ouml;chin ist vielfach weniger ausgef&uuml;llt als die des
+M&auml;dchens f&uuml;r Alles; auf sie d&uuml;rfte im allgemeinen
+zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der
+Gasthausk&ouml;chinnen ergeben hat, die w&auml;hrend vierzehn bis
+sechzehn Stunden durchschnittlich zu thun haben.<a name=
+"FNanchor_797"></a><a href="#Footnote_797"><sup>797</sup></a> Was
+ihre Situation jedoch besonders verschlechtert, sind die
+gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen
+verursacht Krampfadern und geschwollene F&uuml;&szlig;e, das
+Einatmen der Speisenausd&uuml;nstungen bewirkt Magenst&ouml;rungen,
+die oft chronisch werden, das best&auml;ndige Hantieren am
+gl&uuml;henden Herd zerr&uuml;ttet die Nerven. Die Klagen &uuml;ber
+launenhafte cholerische K&ouml;chinnen, denen es doch "so gut"
+geht, sind nur allzu bekannt!</p>
+
+<p>Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und
+doch ist ihre Nachtruhe oft mehr beeintr&auml;chtigt als die des
+Kinderm&auml;dchens. In der Zeit der geselligen Hochflut, die
+f&uuml;r viele Damen der gro&szlig;en Welt, deren Leben sich
+zwischen der Gro&szlig;stadt und den Modeb&auml;dern abspielt, nur
+durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine
+ausreichende und ungest&ouml;rte Nachtruhe. Was es aber f&uuml;r
+ein junges M&auml;dchen hei&szlig;t, ihre oft viel &auml;ltere
+Herrin Tag f&uuml;r Tag in gl&auml;nzender Toilette von einem Fest
+zum andern eilen zu sehen, w&auml;hrend es, das junge,
+h&uuml;bsche, lebenslustige M&auml;dchen, zu gleicher Zeit allein
+in seiner Kammer sitzen und bei tr&uuml;bem Lampenlicht
+alln&auml;chtlich auf die Heimkehr der "Gn&auml;digen" warten
+mu&szlig;,&mdash;das macht sich selten jemand klar. Wer wird denn
+auch die Gef&uuml;hle eines Dienstm&auml;dchens mit demselben
+Ma&szlig;e messen, wie die eigenen!</p>
+
+<p>Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die
+Stubenm&auml;dchen in den Hotels, in Pensionen. Um einen
+m&ouml;glichst hohen Gewinn zu erzielen, wird so wenig als
+m&ouml;glich Personal angestellt. Es kommt vor, da&szlig; ein
+M&auml;dchen die Bedienung von 30 bis 40 G&auml;sten, die
+Instandhaltung von 20 bis 25 Zimmern zu &uuml;bernehmen hat.<a
+name="FNanchor_798"></a><a href="#Footnote_798"><sup>798</sup></a>
+Die Nachtruhe w&auml;hrt oft kaum f&uuml;nf bis sechs Stunden, weil
+der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und nach der
+Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine
+Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden d&uuml;rfte kaum zu
+den Ausnahmen geh&ouml;ren.<a name="FNanchor_799"></a><a href=
+"#Footnote_799"><sup>799</sup></a> Stillichs Untersuchung der
+Berliner Dienstbotenverh&auml;ltnisse best&auml;tigt nur alle
+unsere Angaben. Von 547 M&auml;dchen arbeitet die
+H&auml;lfte,&mdash;51,5%,&mdash;l&auml;nger als 16 Stunden
+t&auml;glich. Die andere H&auml;lfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und
+nur 2% weniger als 12 Stunden. Und zwar sind es die am
+schlechtesten Entlohnten, die M&auml;dchen f&uuml;r Alles, die am
+l&auml;ngsten arbeiten m&uuml;ssen; f&uuml;r 59% dauert der
+Arbeitstag &uuml;ber 16 Stunden.<a name="FNanchor_800"></a><a href=
+"#Footnote_800"><sup>800</sup></a> Unter den fortgeschrittenen
+Verh&auml;ltnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die
+Arbeitszeit der Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die
+zweifelhafte Art ihrer Berechnung,&mdash;ob n&auml;mlich die Zeit
+der Arbeitsbereitschaft als Grundlage diente, oder etwaige Pausen
+abgerechnet wurden,&mdash;ein falsches Bild hervorrufen kann. 38%
+der nordamerikanischen Dienstm&auml;dchen sollen 10 Stunden, 37%
+mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden th&auml;tig sein.<a
+name="FNanchor_801"></a><a href=
+"#Footnote_801"><sup>801</sup></a></p>
+
+<p>Die freie Zeit der Dienstm&auml;dchen beschr&auml;nkt sich in
+Deutschland, Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben
+Sonntag alle zwei Wochen. F&uuml;r Berlin hat sich herausgestellt,
+da&szlig; 69% der Dienstm&auml;dchen innerhalb eines halben Monats
+nur f&uuml;nf bis sechs Stunden f&uuml;r sich haben.<a name=
+"FNanchor_802"></a><a href="#Footnote_802"><sup>802</sup></a> Denn
+der vierzehnt&auml;gige Ausgang schrumpft noch
+au&szlig;erordentlich zusammen, weil das M&auml;dchen erst nach
+beendeter Arbeit fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends
+zur&uuml;ck sein mu&szlig;. Nur selten und ungern wird ihm in der
+Woche eine Zeit gew&auml;hrt, in der es seine eigenen Besorgungen
+machen oder etwa daheim seine Kleidung in Ordnung bringen kann. Es
+sind wieder nur die reichen H&auml;user, wo die Arbeit eines
+Dienstboten leicht von einem anderen &uuml;bernommen werden kann,
+ohne da&szlig; es die Bequemlichkeit der Herrschaft st&ouml;rt. In
+den beg&uuml;terten Familien Englands ist es allgemein Sitte,
+da&szlig; jeder halbe Sonntag, ein Abend in der Woche und ein
+voller Tag im Monat den Dienstboten freigegeben wird, h&auml;ufig
+bekommen sie sogar vierzehn Tage Sommerurlaub, oder es wird einem
+jeden gestattet, an einem Abend in der Woche den Besuch von
+Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen Mittelstand hat sich
+die Sitte des einen freien Tags im Monat und des freien Abends in
+der Woche nach und nach eingeb&uuml;rgert.<a name=
+"FNanchor_803"></a><a href="#Footnote_803"><sup>803</sup></a> Auf
+dem Kontinent wird solch eine Forderung seitens der
+Dienstm&auml;dchen als eine unerh&ouml;rte Frechheit, als ein
+"neues Zeichen des R&uuml;ckgangs alter Zucht und Ordnung"
+angesehen. Da&szlig; das Dienstm&auml;dchen Zeit f&uuml;r sich
+braucht, wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten,
+da&szlig; es ein Bed&uuml;rfnis nach Unterhaltung, oder am Ende gar
+nach geistiger Fortbildung haben k&ouml;nnte, das kommt den guten
+Hausfrauen nicht in den Sinn und am wenigsten denen, die selbst im
+Winter fast t&auml;glich in Gesellschaften gehen, oder Theater,
+Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es f&auml;llt ihnen aber auch
+nicht ein, den Lohn ihrer Dienstm&auml;dchen zu erh&ouml;hen, wenn
+sie sehen, da&szlig; die &uuml;berlange Arbeitszeit sie
+n&ouml;tigt, ihre Kleidung von Lohnarbeiterinnen &auml;ndern und
+herstellen zu lassen.</p>
+
+<p>Die Folgen der niedrigen L&ouml;hne, der schlechten Wohnung und
+ungen&uuml;genden Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des
+Mangels an freier Zeit sind in ihrer Mehrzahl identisch mit den
+Fehlern, die die Hausfrauen an ihren Dienstm&auml;dchen nicht
+scharf genug r&uuml;gen k&ouml;nnen. So wurde von jeher
+dar&uuml;ber geklagt, da&szlig; die Dienstm&auml;dchen die
+Herrschaften dadurch &uuml;bervorteilen, da&szlig; sie die Waren
+billiger einkaufen, als anrechnen, da&szlig; sie den sogenannten
+Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese alte Gewohnheit,
+die Einnahmen ein wenig zu erh&ouml;hen, wird heute von den
+Dienstboten und den Verk&auml;ufern als ein
+selbstverst&auml;ndliches Recht angesehen. In Frankreich bekommt
+das Dienstm&auml;dchen f&uuml;r jeden Einkauf vom H&auml;ndler
+einen Sou (f&uuml;nf Centimes) f&uuml;r den bezahlten Franc. In
+Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es
+liegt also in seinem Interesse, die Herrschaft zu m&ouml;glichst
+vielen Ausgaben zu veranlassen, oder selbst recht teuer
+einzukaufen. Der niedrige Lohn ist demnach, wenn nicht die
+Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so doch ein Mittel, den
+Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu
+besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel eines eigenen
+Zimmers, durch den jedes pers&ouml;nliche Leben unm&ouml;glich
+gemacht wird, f&uuml;hrt andererseits dazu, da&szlig; die
+Dienstm&auml;dchen sich nicht heimisch f&uuml;hlen im fremden Haus,
+wie man die Stirn hat, es angesichts der H&auml;ngeb&ouml;den von
+ihnen zu verlangen. Die Unm&ouml;glichkeit, mit seinesgleichen zu
+verkehren, ohne unter der st&auml;ndigen Kontrolle auch der
+wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die M&auml;dchen auf die
+Stra&szlig;e, in den Gr&uuml;nkramkeller, in die Portierloge<a
+name="FNanchor_804"></a><a href="#Footnote_804"><sup>804</sup></a>,
+und ihre Herrinnen jammern dann &uuml;ber ihre "Schwatzhaftigkeit,
+Pflichtvergessenheit, Faulheit und Liederlichkeit".</p>
+
+<p>Das gilt besonders f&uuml;r jene M&auml;dchen f&uuml;r Alles,
+die keine Gef&auml;hrtin im Haushalt haben. Den Typus eines solchen
+M&auml;dchens, dessen Sehnsucht nach dem Verkehr mit ihresgleichen
+durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit zu einem
+unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem
+Verderben in die Arme treibt, haben die Br&uuml;der Goncourt mit
+vollendeter Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie
+verstanden auch darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und
+Diener sich selbst durch Wohlwollen auf der einen und
+Anh&auml;nglichkeit auf der anderen Seite nicht
+&uuml;berbr&uuml;cken l&auml;&szlig;t.<a name="FNanchor_805"></a><a
+href="#Footnote_805"><sup>805</sup></a> Selbst der Versuch, den
+gutm&uuml;tige, aber unverst&auml;ndige Frauen zuweilen machen,
+indem sie das M&auml;dchen zur Familie heranziehen, es
+wom&ouml;glich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit ihnen am
+selben Platz n&auml;hen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz
+f&uuml;r den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief,
+der unsere geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der
+Dorfkate in unser Haus verschlagenen Kinder materieller und
+geistiger Armut trennt. Zieht nun aber solch ein M&auml;dchen den
+K&uuml;chenwinkel dem Platz am Herrschaftstische vor, so spricht
+man wohl von Undankbarkeit und sieht darin den Beweis daf&uuml;r,
+da&szlig; die Dienstboten sich gar nicht aus der Ein&ouml;de ihres
+Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen jedoch
+zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die
+Ueberb&uuml;rdung und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen
+all jene viel bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur
+Arbeit, Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt
+deprimierender als das graue Einerlei unaufh&ouml;rlicher
+Werkeltage und die Unm&ouml;glichkeit, sich selbst zu geh&ouml;ren.
+Aber noch ein Resultat rufen diese Zust&auml;nde zusammen hervor,
+das f&uuml;r den Charakter der Herren wie der Diener gleich
+sch&auml;dlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die
+antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte
+ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes
+gegen&uuml;ber. Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote
+verf&uuml;gen &uuml;ber kein anderes Mittel, sich Freiheit zu
+verschaffen, als indem sie den Gebieter hintergehen und
+bel&uuml;gen, das Dienstm&auml;dchen, das im Gr&uuml;nkramkeller
+mit ihren Freundinnen zusammentrifft, mu&szlig; f&uuml;r ihr langes
+Ausbleiben nach einer anderen Ausrede suchen; heimlich
+verl&auml;&szlig;t sie abends das Haus, will sie sich
+am&uuml;sieren, heimlich empf&auml;ngt sie ihre Besuche; ihre,
+durch die &auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnisse gro&szlig;gezogenen
+Untugenden sind wieder die Ursache jenes tiefgewurzelten
+Mi&szlig;trauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie wittern auch
+dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und L&uuml;ge.
+Sie beleidigen dadurch unaufh&ouml;rlich das Ehrgef&uuml;hl der
+Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft
+zwischen Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist,
+und der Octave Mirbeaus Kammerjungfer C&eacute;lestine<a name=
+"FNanchor_806"></a><a href="#Footnote_806"><sup>806</sup></a>
+treffenden Ausdruck giebt, wenn sie sagt: "Man behauptet, die
+Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn! Und die Dienstboten, was
+sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in der That, mit allem
+was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an Korruption, an
+rebellischen, von Ha&szlig; erzeugten Gef&uuml;hlen in sich
+schlie&szlig;t.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle
+Resignation, alle Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die
+der Eitelkeit unserer Herren schmeicheln: all das im Eintausch
+gegen Verachtung und Lohn. Und leben wir dabei nicht in dauerndem
+Kampf, in dauernder Angst zwischen einem vor&uuml;bergehenden
+Schein von Wohlleben und dem Elend der Stellungslosigkeit; werden
+wir nicht dauernd von kr&auml;nkendem Mi&szlig;trauen verfolgt, das
+die Th&uuml;ren, die Schr&auml;nke, die Schl&ouml;sser vor uns
+verschlie&szlig;t und das ohne Aufh&ouml;ren &uuml;ber unsere
+H&auml;nde, in unsere Taschen, unsere Koffer die Schmach
+sp&uuml;render Blicke gleiten l&auml;&szlig;t.... Und dann die Qual
+jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller
+Familiarit&auml;ten, alles L&auml;chelns, aller Geschenke zwischen
+uns und unsere Gebieterinnen un&uuml;bersteigbare Felsen, eine
+ganze Welt von unterdr&uuml;cktem Ha&szlig; und qu&auml;lendem Neid
+auft&uuml;rmt."</p>
+
+<p>Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegen&uuml;ber, als in
+der H&auml;uslichkeit. Es geh&ouml;rt der ganze Stumpfsinn
+niedergedr&uuml;ckter, von der frischen Luft der neuen Zeit
+k&uuml;nstlich abgeschlossener Volksschichten dazu, um es
+erkl&auml;rlich zu machen, da&szlig; die Dienstboten angesichts
+dieser krassen Gegens&auml;tze bisher noch nicht revoltierten. Sie
+stammen ihrer gro&szlig;en Mehrzahl nach aus sozial und
+&ouml;konomisch tief stehenden Schichten der Bev&ouml;lkerung, aus
+Gegenden, die von der Kultur am wenigsten ber&uuml;hrt wurden. Der
+Stadt gehen sie mit der gr&ouml;&szlig;ten Erwartung entgegen, in
+ihr atmen sie, im Vergleich zu den Verh&auml;ltnissen, denen sie
+auf dem Lande meist entronnen sind, Freiheitsluft und f&uuml;gen
+sich daher ohne Murren in harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin
+neben 9010 geborenen Berlinerinnen, 49849 ortsfremde
+Dienstm&auml;dchen<a name="FNanchor_807"></a><a href=
+"#Footnote_807"><sup>807</sup></a>, und in einem Jahr, 1898, zogen
+allein 42418 aus den Provinzen zu.<a name="FNanchor_808"></a><a
+href="#Footnote_808"><sup>808</sup></a> Von ihren
+Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von au&szlig;erhalb.<a name=
+"FNanchor_809"></a><a href="#Footnote_809"><sup>809</sup></a> In
+Amerika sind die meisten Dienstm&auml;dchen arme
+Ausl&auml;nderinnen, deren Anspr&uuml;che weit geringere sind, als
+die der Eingeborenen. In Frankreich und England bevorzugt man
+neuerdings mehr und mehr das deutsche M&auml;dchen,&mdash;eine
+Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur
+zu sch&auml;men haben, denn &uuml;berall im Ausland tritt der
+deutsche Dienstbote als Lohndr&uuml;cker auf. Dazu kommt ferner,
+da&szlig; die sozialen Schichten, aus denen die Dienstm&auml;dchen
+hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner Dienstm&auml;dchen
+z.B. stammen ab von<a name="FNanchor_810"></a><a href=
+"#Footnote_810"><sup>810</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Handwerkern</td>
+<td>27 Proz.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Arbeitern</td>
+<td>24 &nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleinen Landwirten</td>
+<td>17 &nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kleinen Beamten</td>
+<td>12 &nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Anderen Gewerbetreibenden</td>
+<td>&nbsp;&nbsp;7 &nbsp;"</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Ungenau</td>
+<td>13 &nbsp;"</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die gro&szlig;e Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau
+angeben oder angeben konnten, findet darin ihre Erkl&auml;rung,
+da&szlig; es gerade unter den Dienstm&auml;dchen sehr viele Waisen
+oder uneheliche Kinder giebt, die von fr&uuml;h an im Dienst
+fremder Leute herumgesto&szlig;en werden.<a name=
+"FNanchor_811"></a><a href="#Footnote_811"><sup>811</sup></a> Die
+meisten von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr fr&uuml;h. Von den
+&ouml;sterreichischen Dienstm&auml;dchen waren nach der letzten
+Z&auml;hlung 28 % 11 bis 20 Jahre alt<a name="FNanchor_812"></a><a
+href="#Footnote_812"><sup>812</sup></a>; in Deutschland wurden 1895
+allein 32653 Dienstm&auml;dchen gefunden, die das 14. Lebensjahr
+noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18 Jahr waren 348712, 18 bis 20
+Jahr 204225.<a name="FNanchor_813"></a><a href=
+"#Footnote_813"><sup>813</sup></a> Ohne Gelegenheit gehabt zu
+haben, die Au&szlig;enwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von
+fr&uuml;h an vor der Ber&uuml;hrung mit ihr sorgf&auml;ltig
+abgeschlossen. Nicht nur, da&szlig; sie ihre besten Jahre der
+h&auml;rtesten Fron opfern und durch sie verbraucht werden, sie
+haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und Vereinzelung, am
+schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen
+zusammenzuschlie&szlig;en.<a name="FNanchor_814"></a><a href=
+"#Footnote_814"><sup>814</sup></a> Aus all diesen Gr&uuml;nden sind
+sie so r&uuml;ckst&auml;ndig und fangen erst langsam an, das
+Unertr&auml;gliche ihrer Lage zu empfinden. Nicht auf den
+&auml;u&szlig;eren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein
+beruht es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich
+gefallen lassen m&uuml;ssen. Man verlangt von ihnen die
+ununterbrochene Aus&uuml;bung der schwersten Tugenden, und bietet
+ihnen im besten Fall k&uuml;hle Gleichg&uuml;ltigkeit. Sie sollen
+trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit unserer Freude, sie
+sollen R&uuml;cksicht nehmen auf unsere Nerven, uns pflegen, wenn
+wir krank sind,&mdash;da&szlig; auch ihr Leben Schmerz und Freude
+kennt, da&szlig; auch sie Nerven haben und krank sein k&ouml;nnen,
+das f&auml;llt den guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es
+bemerken, so schelten sie &uuml;ber Launenhaftigkeit, Mangel an
+Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie beklagen sich bitter &uuml;ber
+die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer M&auml;dchen, ohne auch
+nur einen Augenblick daran zu denken, da&szlig; solch ein armes
+Gesch&ouml;pf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die
+d&uuml;rftigsten Verh&auml;ltnisse und nun pl&ouml;tzlich den
+b&uuml;rgerlichen Haushalt und die b&uuml;rgerlichen Gewohnheiten
+mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie viele Hausfrauen zeigen
+ihren M&auml;dchen niemals ein freundliches Gesicht; keine Bitte,
+kein Dank kommt &uuml;ber ihre Lippen, Scheltworte statt dessen um
+jede Kleinigkeit; selbst an rohen Th&auml;tlichkeiten fehlt es
+nicht, wie zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre
+beweisen. Das Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder:
+ihr Benehmen gegen&uuml;ber den Dienstboten spottet oft jeder
+Beschreibung. Was bei den Kleinen Unart ist, wird bei den
+Heranwachsenden Frechheit, bei den gro&szlig;en Gemeinheit. Wie oft
+wird das Dienstm&auml;dchen das Opfer der Begierden der fr&uuml;h
+verdorbenen S&ouml;hne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau begegnet,
+die das Verh&auml;ltnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenm&auml;dchen
+mit der Begr&uuml;ndung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund!
+Aber auch die Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in
+vielen F&auml;llen die Verf&uuml;hrer ihrer Angestellten zu sein,
+sicher ebensowenig freizusprechen, wie die Fabrikanten und
+Gesch&auml;ftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die Begriffe von
+Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in die
+humoristische Presse. Sie besch&auml;ftigt sich in wahrem
+Wohlbehagen mit den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem
+R&uuml;cken der Gattin mit den Dienstm&auml;dchen anspinnt.
+Zeitschriften, wie die M&uuml;nchener Fliegenden Bl&auml;tter, die
+jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder frivol,
+wie die st&auml;rker auftragenden franz&ouml;sischen Journale.</p>
+
+<p>Die gr&ouml;&szlig;ten sittlichen Gefahren drohen den
+Stubenm&auml;dchen in den Hotels und Pensionen der Badeorte. Die
+Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu den pers&ouml;nlichen
+Diensten, die f&uuml;r ein Trinkgeld geleistet werden m&uuml;ssen,
+die Befriedigung ihrer L&uuml;ste oft wie etwas
+Selbstverst&auml;ndliches z&auml;hlt, &uuml;bersteigt h&auml;ufig
+alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen Vergewaltigung.<a name=
+"FNanchor_815"></a><a href="#Footnote_815"><sup>815</sup></a> Nun
+w&auml;re es freilich &uuml;bertrieben, die gro&szlig;e Zahl
+unverheirateter M&uuml;tter unter den Dienstm&auml;dchen,&mdash;in
+Berlin haben 33 % aller unehelichen Kinder Dienstm&auml;dchen zu
+M&uuml;ttern,&mdash;allein auf die Verf&uuml;hrung ihrer Herren und
+deren S&ouml;hne zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die Ursache davon liegt
+aber zweifellos nicht in der urspr&uuml;nglichen Liederlichkeit der
+M&auml;dchen, &uuml;ber die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen,
+sondern in den Verh&auml;ltnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen
+nicht gestattet, offen mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben
+nicht einmal einen anst&auml;ndigen Raum daf&uuml;r, sie haben zu
+harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so empfangen sie denn
+heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und verstecken sie hastig
+in der engen Kammer, die oft nichts enth&auml;lt, als das Bett; sie
+gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht mehr zu
+f&uuml;rchten sind, auf n&auml;chtliche Vergn&uuml;gungen. Haben
+sie nicht etwa dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen
+danach, wie die T&ouml;chter ihrer Gn&auml;digen? Die
+b&uuml;rgerliche Gesellschaft treibt sie zum Fall; es geh&ouml;rt
+gro&szlig;e sittliche Festigkeit dazu, unber&uuml;hrt zu bleiben,
+die von den M&auml;dchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir
+aus der Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben,
+zumeist einem Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert
+genug ist. Die meisten Dienstm&auml;dchen kehren aus den
+St&auml;dten mit einem Kinde aufs Land zur&uuml;ck.<a name=
+"FNanchor_816"></a><a href="#Footnote_816"><sup>816</sup></a> Sehr
+viele fallen schlie&szlig;lich der Prostitution in die Arme. So
+konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, da&szlig; von
+100 Prostituierten 36 ehemalige Dienstm&auml;dchen waren<a name=
+"FNanchor_817"></a><a href="#Footnote_817"><sup>817</sup></a>, eine
+amerikanische Berechnung z&auml;hlt sogar 47 auf 100.<a name=
+"FNanchor_818"></a><a href="#Footnote_818"><sup>818</sup></a></p>
+
+<p>Aber noch andere indirekte Einfl&uuml;sse kommen hinzu, um die
+weiblichen Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft.
+Man sagt mit Recht, da&szlig; vor seinem Bedienten der
+Gr&ouml;&szlig;te klein wird; das hei&szlig;t mit anderen Worten:
+kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille, keiner wird
+so vertraut mit den h&auml;&szlig;lichen, gemeinen, niedrigen
+Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und
+durch wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte
+unber&uuml;hrt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und
+Verschwendungssucht, Frivolit&auml;t und Liederlichkeit, daneben
+oft die ganze Verlogenheit &auml;u&szlig;eren Glanzes, der den
+inneren Zusammenbruch decken soll, umgeben ihn, wie die Luft, die
+er atmet. Man m&uuml;&szlig;te ein gereifter, moralisch gefestigter
+Mensch sein, um aus dieser Atmosph&auml;re rein hervorzugehen,
+nicht aber ein junges M&auml;dchen, das aus dem Dunkel kommt und
+geblendet wird von all dem glei&szlig;enden Schein. "Der Dienstbote
+ist kein normales Wesen mehr", sagt C&eacute;lestine<a name=
+"FNanchor_819"></a><a href="#Footnote_819"><sup>819</sup></a>, "...
+er geh&ouml;rt nicht mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und
+nicht zur Bourgeoisie, in deren Mitte er lebt und zu der er
+hinneigt.... Den gerechten Sinn und die naive Kraft des Volkes hat
+er verloren; die Neigungen und Laster der Bourgeoisie hat er sich
+angeeignet, ohne die M&ouml;glichkeit zu haben, sie zu
+befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese
+anst&auml;ndige b&uuml;rgerliche Welt und durch nichts als durch
+die Thatsache, da&szlig; er den t&ouml;dlichen Dunst, der aus
+diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet hat, verliert er die
+Sicherheit seines Geistes bis zur v&ouml;lligen Aufgabe seiner
+Pers&ouml;nlichkeit." Wie sehr r&uuml;gen die braven
+B&uuml;rgerfrauen die Putzsucht ihrer Dienstm&auml;dchen, ihr
+Bestreben, es den Herrinnen gleich zu thun; als ob sie selbst nicht
+h&auml;ufig genug durch ihren Luxus und ihre Sucht, die reiche
+Nachbarin wom&ouml;glich in der Kleiderpracht noch zu
+&uuml;bertreffen, den Ruin der Familie herbeif&uuml;hren helfen.
+Wie kommen sie dazu, von ihrem armen Dienstm&auml;dchen mehr
+Bescheidenheit und Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu
+verlangen, als von sich selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt,
+so sind es nicht die Fehler, sondern die vielen Tugenden unserer
+Dienstm&auml;dchen: sie h&auml;rmen sich mehr an unserem
+Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen h&auml;ufig innigeren
+Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedr&uuml;ckt; sie
+verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit
+gr&ouml;&szlig;erem Interesse unser Schicksal, als wir das ihre;
+sie pflegen unsere Kinder vielfach mit gr&ouml;&szlig;ter, gradezu
+m&uuml;tterlicher Sorgfalt.<a name="FNanchor_820"></a><a href=
+"#Footnote_820"><sup>820</sup></a> Statt da&szlig; ihre
+Klatschsucht Emp&ouml;rung hervorruft, sollten die Herrschaften
+sich vielmehr &uuml;ber ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich
+kannte einen jungen, begabten Diener, den ich veranla&szlig;te,
+seine Erinnerungen niederzuschreiben; er hatte schon viele Seiten
+gef&uuml;llt, da zerri&szlig; er sein Manuskript, aus Angst, nach
+seiner Ver&ouml;ffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen.
+Selbst die Anonymit&auml;t, glaubte er, k&ouml;nne ihn nicht
+sch&uuml;tzen. Wenn der Mund dieser Stummen sich erst einmal
+furchtlos &ouml;ffnen kann, so wird die Welt sich vor dem
+entsetzen, was sie dann wird h&ouml;ren m&uuml;ssen. Ein Mensch mit
+niedriger kriechender Gesinnung wird ver&auml;chtlich eine
+Bedientennatur genannt, Mangel an Stolz, an Charakterst&auml;rke
+gegen&uuml;ber H&ouml;herstehenden wird als Bedientenhaftigkeit
+bezeichnet,&mdash;die beginnende Revolte der Einzelnen, wie der
+organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche Zeichen daf&uuml;r,
+da&szlig; das besch&auml;mende Bewu&szlig;tsein des eigenen
+physischen und seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht
+und sie an den entehrenden Ketten zu r&uuml;tteln beginnen.</p>
+
+<p>Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des
+Dienstbotenelends, das die b&uuml;rgerliche Gesellschaft auch mit
+dem buntesten Tand und Flitter nicht zu verdecken vermag: das
+Ammenwesen. Rousseaus gl&uuml;hende Ansprachen an die M&uuml;tter
+sind l&auml;ngst verhallt, beinahe zu einer litterarischen
+Merkw&uuml;rdigkeit geworden; die Degeneration der
+b&uuml;rgerlichen Gesellschaft hat seitdem rapide Fortschritte
+gemacht, die Br&uuml;ste ihrer M&uuml;tter sind immer h&auml;ufiger
+leer, teils, weil die S&uuml;nden der Vorfahren sich an ihnen
+r&auml;chen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie
+ihrer Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch
+Vergn&uuml;gungssucht und Eitelkeit st&auml;rker als das
+Bewu&szlig;tsein der Mutterpflichten, und statt dem Kinde zu geben,
+was die g&uuml;tige Natur f&uuml;r es geschaffen hat, wird ein
+Ersatz daf&uuml;r gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser
+besten der Welten, auch die Muttermilch, und so ist die
+Ern&auml;hrung fremder Kinder mit der dem eigenen entzogenen Milch
+zu einer Lohnarbeit geworden! Dieselbe Gesellschaft, die
+ver&auml;chtlich auf ein gefallenes M&auml;dchen herabsieht, die
+die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt, z&uuml;chtet
+k&uuml;nstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit,
+vernichtet das einfachste Ehrgef&uuml;hl, zerst&ouml;rt die
+Familien, denen sie die M&uuml;tter entrei&szlig;t, opfert das
+Leben tausender vielleicht physisch und geistig gesunderer Kinder,
+ihren so oft durch und durch degenerierten Spr&ouml;&szlig;lingen.
+Der ganze Spreewald Preu&szlig;ens lebt von dem Verdienste der
+Ammen; h&auml;ufig gehen die M&auml;dchen viele Jahre lang ihrem
+"Berufe" nach, bis sie genug verdient haben, um zur begehrten
+Partie zu werden oder bis ihre Geb&auml;rf&auml;higkeit versagt.
+Der Bauer der Bretagne w&auml;hlt seine Frau je nach der
+F&auml;higkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine
+Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen,
+seinem eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag
+wom&ouml;glich zu versaufen und zu verprassen.<a name=
+"FNanchor_821"></a><a href="#Footnote_821"><sup>821</sup></a> Die
+kr&auml;ftige Nahrung, die oft kostbare Kleidung, die gute
+Behandlung, die den Ammen gew&auml;hrt wird,&mdash;nicht aus
+Mitleid und Dankbarkeit nat&uuml;rlich, sondern nur aus
+R&uuml;cksicht auf den S&auml;ugling,&mdash;bietet keinen Ersatz
+f&uuml;r das unendliche Elend, die um sich fressende Korruption,
+die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe dem Verbrechen
+zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen nicht mehr
+aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu n&auml;hren, die
+Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgep&auml;ppelt
+wurde, wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr
+Los sich gestalten, wenn ihre Mutter sie gen&auml;hrt hat, nachdem
+sie fr&uuml;her ahnungslos ein syphilitisches B&uuml;rgerkind an
+ihren gesunden Br&uuml;sten gro&szlig; zog; ihre eigene
+Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das das fremde
+Kind ihr einimpfte. Vielleicht &uuml;bertr&auml;gt die lebendige
+N&auml;hrmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren
+eigene M&uuml;tter w&auml;hrenddessen stolz die nicht entstellten
+gesunden Br&uuml;ste beim strahlenden Licht der elektrischen Lampen
+und rauschenden Klang der Geigen den Blicken ihrer Verehrer
+preisgeben.</p>
+
+<p>Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick
+der jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch
+&uuml;ber sie unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen?
+Es ist ein Zeichen gesunden Gef&uuml;hls und kr&auml;ftigen
+Aufstrebens breiter Volksschichten, da&szlig; diese Not
+st&auml;ndig zunimmt. Nach einem Bericht der st&auml;dtischen
+Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein
+l&auml;&szlig;t, ihre Z&ouml;glinge f&uuml;r den Hausdienst
+vorzubereiten und in ihm festzuhalten, waren von 51 Waisen, die im
+Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6 Jahren nur noch 23 im
+Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden, sie hatten die
+pers&ouml;nliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und Not
+erkauft werden mu&szlig;, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft
+die All&uuml;ren des Herrentums annimmt, vorgezogen.</p>
+
+<p>F&uuml;r viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie
+von dem Elend der Fabrikarbeiterin h&ouml;ren, zum Schlagwort
+geworden, womit sie aller Not zu begegnen, alles Ungemach
+abzuwenden glauben: werdet Dienstm&auml;dchen! Selbst die
+Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte
+Ern&auml;hrung der Arbeiterfamilie wird darauf
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, da&szlig; die Frauen nicht vor der Ehe
+Dienstm&auml;dchen waren, und es giebt Leute genug, die nicht nur
+sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu n&uuml;tzen glauben,
+wenn sie f&uuml;r die jungen M&auml;dchen eine Art Dienstzwang
+einf&uuml;hren m&ouml;chten.</p>
+
+<p>Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter
+600 Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu
+lernen, warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben
+daf&uuml;r &uuml;bereinstimmend folgende Gr&uuml;nde an: 1) Mangel
+an Freiheit und unaufh&ouml;rliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung
+der Selbstachtung durch das Unterth&auml;nigkeitsverh&auml;ltnis.
+3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kr&auml;nkende Behandlung besonders von
+seiten der Herren und S&ouml;hne des Hauses. 5) Kein eigenes
+Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine
+M&ouml;glichkeit, Freunde zu empfangen, au&szlig;er in der
+K&uuml;che unter Aufsicht der Herrschaft.<a name=
+"FNanchor_822"></a><a href="#Footnote_822"><sup>822</sup></a></p>
+
+<p>Diesseits des Oceans sind die Gr&uuml;nde dieselben wie
+jenseits. Es fragt sich nur, ob die b&uuml;rgerliche Familie mit
+ihrer gegenw&auml;rtig bestehenden Privathaushaltung im st&auml;nde
+ist, sie aus der Welt zu r&auml;umen. Eine verneinende Antwort
+scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der Dienstm&auml;dchen
+ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem
+schlechten Charakter und b&ouml;sen Willen der Arbeitgeber und der
+Arbeitnehmer, sondern der &ouml;konomischen und sozialen Seite des
+pers&ouml;nlichen Dienstverh&auml;ltnisses und seiner
+jahrtausendlangen Tradition.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, da&szlig; in den H&auml;usern der oberen
+Zehntausend, wo infolge eines zahlreichen Personals eine bestimmte
+Arbeitsteilung neben hohem Lohn, gutem Unterkommen und
+anst&auml;ndiger Kost gew&auml;hrt zu werden pflegt und nebenbei
+auch, bei der pers&ouml;nlichen Distanz zwischen Herrn und Diener,
+die Reibungsm&ouml;glichkeiten seltener sind und das sogenannte
+patriarchalische Verh&auml;ltnis ganz ausgel&ouml;scht ist, die
+Lage der h&auml;uslichen Bediensteten sich am g&uuml;nstigsten
+gestaltet. Je kleiner der Haushalt und je beschr&auml;nkter die
+Mittel, desto unertr&auml;glicher wird sie. Da nun aber die
+gro&szlig;e Masse des B&uuml;rgertums, teils infolge direkter
+Verm&ouml;gensverluste, teils infolge des zunehmenden
+Mi&szlig;verh&auml;ltnisses zwischen Einnahmen und Anspr&uuml;chen,
+sich pekuni&auml;r keinesfalls in aufsteigender Linie bewegt, so
+ist f&uuml;r eine Hebung der Lage der Dienstboten von dieser Seite
+nichts zu erwarten. Immer mehr wird das M&auml;dchen f&uuml;r Alles
+zur begehrtesten Pers&ouml;nlichkeit werden; weder ihr Unterkommen,
+noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit k&ouml;nnen eine wesentliche
+Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben, die
+sich in dem Glauben wiegen, die b&uuml;rgerliche Welt, wie sie
+heute geworden ist, w&auml;re insgesamt im stande, die eigenen
+Bed&uuml;rfnisse den Dienstboten zu Liebe erheblich
+einzuschr&auml;nken, sich etwa mit einem Zimmer weniger zu
+begn&uuml;gen, um es daf&uuml;r dem Dienstm&auml;dchen
+einzur&auml;umen, Vergn&uuml;gungen und Luxus aller Art, vielleicht
+sogar liebe Gewohnheiten aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und
+reichlichere Kost gew&auml;hren zu k&ouml;nnen? Selbst wohlwollende
+Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung volles Verst&auml;ndnis
+entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen,
+au&szlig;er st&auml;nde, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber
+auch die sittlichen Mi&szlig;st&auml;nde und die Divergenz der
+Interessen k&ouml;nnen sich mit der zunehmenden Aufkl&auml;rung der
+Dienstboten und dem Widerstand der Herrschaften dagegen nur
+versch&auml;rfen. Denn mit der Abnahme der Dienstboten wird es sich
+immer deutlicher zeigen, da&szlig; damit die Aufrechterhaltung der
+Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage steht, und der
+vielfach w&uuml;tende Fanatismus, mit dem die gro&szlig;e Mehrzahl
+der Hausfrauen, von der b&uuml;rgerlichen Presse lebhaft
+unterst&uuml;tzt, gegen die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist
+auf das freilich gegenw&auml;rtig meist noch unklare Gef&uuml;hl
+davon zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast
+unbemerkt, hat sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den
+Mangel an Dienstboten nur rascher vorw&auml;rts getrieben werden
+wird, schon seit geraumer Zeit angebahnt. Nicht nur, da&szlig; die
+Produktion f&uuml;r den Haushalt schon l&auml;ngst nicht mehr durch
+ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der
+h&auml;uslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von au&szlig;er
+dem Hause wohnenden Arbeitskr&auml;ften &uuml;bernommen. Schon an
+der zunehmenden Zahl der Aufwartefrauen l&auml;&szlig;t sich das
+ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen und Witwen zu sein, die
+gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder erhalten zu helfen.
+Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen und die
+Flickerinnen, die ins Haus kommen.</p>
+
+<p>Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch
+diese Arbeiten au&szlig;er das Haus verlegte. In den
+Gro&szlig;st&auml;dten wird es besonders mehr und mehr &uuml;blich,
+die W&auml;sche in W&auml;schereien reinigen und pl&auml;tten zu
+lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten
+Betriebsz&auml;hlung 73766 W&auml;schereien. Von diesen sind nur
+7084 Gehilfenbetriebe, und zwar entfallen auf 5800 davon kaum je
+drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber werden 66662 gez&auml;hlt.<a
+name="FNanchor_823"></a><a href="#Footnote_823"><sup>823</sup></a>
+Die sanit&auml;ren Verh&auml;ltnisse sind &uuml;berall h&ouml;chst
+bedenkliche: In den Gro&szlig;betrieben, meist
+Dampfw&auml;schereien, herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu
+35&deg; R. erreicht und in der die meist jungen Arbeiterinnen elf
+und mehr Stunden aushalten m&uuml;ssen, die Atmosph&auml;re wird
+aber zu einer noch bedeutend gef&auml;hrlicheren in den
+Pl&auml;ttereien, wo die Gasd&uuml;nste der Pl&auml;tteisen die
+Luft verpesten. Trotz aller dahingehenden Bestimmungen ist die
+Ventilation dabei eine h&ouml;chst mangelhafte, weil die
+R&uuml;cksicht auf die W&auml;sche, die durch den eindringenden
+Staub beschmutzt werden k&ouml;nnte, der R&uuml;cksicht auf die
+Arbeiterinnen vorangeht.<a name="FNanchor_824"></a><a href=
+"#Footnote_824"><sup>824</sup></a> Aber immerhin sind diese
+gro&szlig;en W&auml;schereien im Vergleich zu den kleinen fast
+ideale Arbeitsst&auml;tten, denn alle Schrecken der Heimarbeit
+konzentrieren sich in diesen. Die arme Waschfrau, die vielleicht
+allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines M&auml;dchens die
+Arbeit &uuml;bernimmt, pflegt zun&auml;chst die abgeholte
+schmutzige W&auml;sche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der
+Familie zu sortieren, nachzuz&auml;hlen und mit Zeichen zu
+versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr anhaften, werden auf diese
+Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem engen Raum fest, wo
+kleine Kinder in n&auml;chster N&auml;he schlafen, oder zwischen
+der schmutzigen W&auml;sche spielend auf der Erde herumkriechen.
+Oft kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen f&uuml;r die
+Familie bereitet wird, in gro&szlig;en Kesseln die W&auml;sche; der
+daraus aufsteigende Dunst erf&uuml;llt das ganze Zimmer.
+H&auml;ufig genug wird selbst ein Teil der W&auml;sche im Wohnraum
+zum Trocknen aufgeh&auml;ngt, wom&ouml;glich &uuml;ber den Betten
+der Kinder und der Kranken. Die Pl&auml;tterei steigert noch die
+Gefahren f&uuml;r die Arbeiterinnen wie f&uuml;r die &uuml;brigen
+Bewohner des Raumes. Sommer und Winter ist der Pl&auml;ttplatz
+dicht neben dem gl&uuml;henden Ofen, um m&ouml;glichst schnell die
+Eisen aus dem Feuer ziehen zu k&ouml;nnen. Und in dieser Umgebung,
+inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur
+die ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den
+Kinderschuhen entwachsene M&auml;dchen bis zur Entkr&auml;ftung
+darin. Zum Schlu&szlig; wird die sauber zusammengelegte W&auml;sche
+zum Nachz&auml;hlen abermals im Zimmer ausgebreitet. Oft genug
+kommt es vor, da&szlig; bei den engen R&auml;umlichkeiten fertige
+W&auml;schest&uuml;cke auf den Betten masern- und scharlachkranker
+Kinder liegen. So werden die Krankheiten, die durch die W&auml;sche
+reicher Leute in die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen
+heraus in die H&auml;user der Reichen getragen.<a name=
+"FNanchor_825"></a><a href="#Footnote_825"><sup>825</sup></a> Das
+Idyll der "alten Waschfrau" l&ouml;st sich eben, in der N&auml;he
+betrachtet, ebenso in tr&uuml;be Elendsbilder auf, wie das Idyll
+der "lustigen N&auml;hmamsell". W&uuml;rden nicht die Hausfrauen
+mit einer Z&auml;higkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen
+entspringen kann, an den kleinen W&auml;schereien festhalten, weil
+die Dampfw&auml;schereien angeblich die W&auml;sche mehr verderben,
+sie w&auml;ren schneller, als es jetzt schon geschieht, dem
+verdienten Untergang geweiht.</p>
+
+<p>Mehr noch als die Vergebung h&auml;uslicher Arbeiten an
+Au&szlig;enstehende hat die rapide Ausbreitung der Pensionen und
+Wirtsh&auml;user die bisherige Form des Familienlebens, das sich
+wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu ersch&uuml;ttern
+vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben allein in
+Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und die
+Zahl der darin besch&auml;ftigten Personen um 295713, d.h. um 132 %
+zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der M&auml;nner eine
+alte Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine
+Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas
+und Englands in wachsendem Ma&szlig;e zur Aufl&ouml;sung des
+privaten Haushalts f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen
+H&auml;uslichkeit betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in
+K&uuml;che und Keller oder bei der Bedienung der G&auml;ste
+besch&auml;ftigt, galten f&uuml;r h&auml;usliche Dienstboten, und
+wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale Untersuchung
+und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe von
+Mi&szlig;st&auml;nden schroff zu Tage trat und man anfing,
+besonders im Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr f&uuml;r die
+m&auml;nnliche Tugend zu erblicken, entschlo&szlig; man sich, die
+Zust&auml;nde einmal in der N&auml;he zu betrachten. Durch die
+K&ouml;nigliche Arbeitskommission geschah es in England, durch die
+Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik in Deutschland, eine Anzahl
+von Privatuntersuchungen trat erg&auml;nzend hinzu. Nur ein sehr
+kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den
+Enqueten erfa&szlig;t,&mdash;in Deutschland z.B. von 37121
+Kellnerinnen nur der neunte Teil, 4093,&mdash;und, wie es
+gew&ouml;hnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am
+niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unber&uuml;hrt.
+Kellnerinnen aus Caf&eacute;s, Caf&eacute;-Restaurants,
+Gastwirtschaften und Bierkellern wurden befragt, die Angestellten
+der sogenannten, in Norddeutschland sich, trauriger
+Ber&uuml;hmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen.
+Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mi&szlig;liches; man war
+ausgezogen, bereit, den Bannstrahl &uuml;ber Scharen von
+S&uuml;nderinnen zu schleudern, und fand schwer um ihre Existenz
+ringende, jeder Art der Ausbeutung schutzlos preisgegebene
+Arbeiterinnen.</p>
+
+<p>Betrachten wir zun&auml;chst die Anforderungen, die an sie
+gestellt, und sodann die Entsch&auml;digungen, die ihnen daf&uuml;r
+geboten werden. Als ein junges, schm&auml;chtiges Ding von vierzehn
+bis sechzehn Jahren tritt die angehende Kellnerin, wenn sie nicht
+etwa schon zu Hause die n&ouml;tigen Fertigkeiten sich aneignen
+konnte, in den Dienst. Sie wird Wasserm&auml;dchen, d.h. sie hat
+den G&auml;sten nur das Wasser zu bringen und steht
+gewisserma&szlig;en im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die
+unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr
+abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine
+ungew&ouml;hnlich lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre
+Arbeit beginnen mu&szlig; und sie oft erst nachher verlassen kann.
+Es kommen sechzehn-bis achtzehnst&uuml;ndige Arbeitszeiten vor<a
+name="FNanchor_826"></a><a href="#Footnote_826"><sup>826</sup></a>,
+ja zur Karnevalszeit werden oft noch schulpflichtige M&auml;dchen
+ganze N&auml;chte durch aushilfsweise besch&auml;ftigt.<a name=
+"FNanchor_827"></a><a href="#Footnote_827"><sup>827</sup></a> Den
+ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu sein, sie befinden
+sich in einer fast st&auml;ndigen Hast, als S&uuml;ndenbock von
+jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie
+h&uuml;bsch und verf&uuml;gt sie &uuml;ber eine chike Toilette, so
+hat sie Aussicht, bald eine Staffel empor zu r&uuml;cken. Die
+Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch private Bureaus besorgt,
+die ihr Ausbeutungssystem noch sch&auml;rfer handhaben, als die
+f&uuml;r h&auml;usliche Dienstboten. Geb&uuml;hren von 10 bis 30
+Mark sind an der Tagesordnung<a name="FNanchor_828"></a><a href=
+"#Footnote_828"><sup>828</sup></a>; vielfach wird von vornherein
+ein Einschreibegeld verlangt, das auch dann zur&uuml;ckbehalten
+wird, wenn die Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine
+Stellung gefunden, so wird sie in den weitaus meisten F&auml;llen
+ohne schriftliche Vertragsschlie&szlig;ung angetreten und von einer
+K&uuml;ndigungsfrist ist, unter Umgehung der gesetzlichen
+Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede, weil die Kellnerin es
+sich gefallen lassen mu&szlig; "auf Probe" angestellt zu werden<a
+name="FNanchor_829"></a><a href="#Footnote_829"><sup>829</sup></a>;
+vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich, vielleicht
+gef&auml;llt sie den G&auml;sten nicht, dann fliegt sie hinaus von
+einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler,
+der sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie
+aufhetzt, um recht viel an ihr zu verdienen.<a name=
+"FNanchor_830"></a><a href="#Footnote_830"><sup>830</sup></a></p>
+
+<p>Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto
+fr&uuml;her. In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich
+Dienstm&auml;dchen und ehe sie G&auml;ste bedient, hat sie den
+Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der Gastzimmer, der Gl&auml;ser
+und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so hat sie das
+f&uuml;r diese Arbeiten angestellte Personal zum gro&szlig;en Teil
+aus eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit
+beginnt mit dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie
+immer auf den F&uuml;&szlig;en; immer l&auml;chelnd, immer
+zuvorkommend, der gr&ouml;bsten wie der gemeinsten Behandlung
+gegen&uuml;ber, hat sie die Getr&auml;nke und Gerichte
+heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seeb&auml;der wurde fast
+durchweg konstatiert, da&szlig; die Kellnerinnen von sieben Uhr
+fr&uuml;h bis zwei Uhr nachts th&auml;tig sind; in den
+Restaurant-Waggons wurde eine w&ouml;chentliche Arbeitszeit von
+achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger Ruhetag
+unterbricht.<a name="FNanchor_831"></a><a href=
+"#Footnote_831"><sup>831</sup></a> Von den etwa 4000 befragten
+deutschen Kellnerinnen haben eine regelm&auml;&szlig;ige
+t&auml;gliche Arbeitszeit von</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>12 und weniger Stunden</td>
+<td align="center">5,0 Proz.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>12 bis 14 Stunden</td>
+<td align="center">19,3 Proz.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>14 bis 16 Stunden</td>
+<td align="center">51,8 Proz.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>16 bis 18 Stunden</td>
+<td align="center">23,4 Proz.</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>mehr als 18 Stunden</td>
+<td align="center">0,5 Proz.<a name="FNanchor_832"></a><a href=
+"#Footnote_832"><sup>832</sup></a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die &uuml;berwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von
+vierzehn bis sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang
+der G&auml;ste steigert sich diese Arbeitszeit willk&uuml;rlich.
+W&auml;hrend des Karnevals in M&uuml;nchen kommt es vor, da&szlig;
+Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreist&uuml;ndiger Pause
+w&auml;hrend vierundzwanzig bis sechsunddrei&szlig;ig Stunden
+hintereinander Dienst thaten.<a name="FNanchor_833"></a><a href=
+"#Footnote_833"><sup>833</sup></a> Von regelm&auml;&szlig;igen
+Pausen ist &uuml;berhaupt nur selten die Rede; sie richten sich
+lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die Wirtsstube leer,
+so kann das m&uuml;de M&auml;dchen vielleicht auf kurze Zeit des
+Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so hei&szlig;t es
+gesch&auml;ftig aufspringen und seine W&uuml;nsche befriedigen. In
+zahlreichen Wirtsh&auml;usern wird den Kellnerinnen sogar, auch
+wenn sie unbesch&auml;ftigt sind, das Sitzen verboten, weil das
+einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden machen k&ouml;nnte.
+Nur beim Essen k&ouml;nnen sich auf kurze Zeit die matten Glieder
+ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie Zeit
+bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der
+Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, f&uuml;r
+die gl&uuml;cklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In
+M&uuml;nchen wird vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag
+in der Woche gew&auml;hrt<a name="FNanchor_834"></a><a href=
+"#Footnote_834"><sup>834</sup></a>, aber auch nur unter der
+Bedingung, da&szlig; ein Ersatz von der Kellnerin selbst beschafft
+und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der Kommission f&uuml;r
+Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die Angestellten
+regelm&auml;&szlig;ig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 %
+zw&ouml;lfmal, in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 %
+noch &ouml;fter im Jahr. In der H&auml;lfte der Betriebe wurden
+Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber immer nur auf Stunden
+ausdehnen.<a name="FNanchor_835"></a><a href=
+"#Footnote_835"><sup>835</sup></a> In den allermeisten
+Wirtsh&auml;usern giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen
+freien Tag und in der H&auml;lfte giebt es nicht einmal freie
+Stunden!</p>
+
+<p>Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren
+Wirtschaften, die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen
+Augenblick des Ausruhens zugestehen<a name="FNanchor_836"></a><a
+href="#Footnote_836"><sup>836</sup></a>, und sich dann,
+&auml;hnlich wie die Hausfrauen den Dienstboten gegen&uuml;ber,
+darauf berufen, da&szlig; ihre Angestellten einen leichten Dienst
+h&auml;tten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie Zeit, in
+der der Mensch einmal ganz sich selbst geh&ouml;ren kann, zu
+ersetzen im st&auml;nde w&auml;re! Diese lange, ununterbrochene
+Arbeitszeit wird nun aber auch in der gr&ouml;&szlig;ten Anzahl der
+F&auml;lle in R&auml;umen zugebracht, die allen hygienischen
+Anspr&uuml;chen spotten: der Tabaksqualm in der Stube vermischt
+sich darin mit den Speisenger&uuml;chen und den Ausd&uuml;nstungen
+der Menschen. Wo gel&uuml;ftet wird, entsteht eine Zugluft, die die
+erhitzten Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte
+Luft, Ueberm&uuml;dung und Erhitzung rufen aber auch ein
+st&auml;ndiges Durstgef&uuml;hl hervor, das in Bier, Wein und
+Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit folgenden
+Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch nicht
+nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit
+Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren,
+geh&ouml;rt es zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu
+animieren, indem sie mit ihm trinkt und so eine m&ouml;glichst hohe
+Zeche erzielt. Zum Entgegenkommen gegen&uuml;ber dem Gast, auch
+wenn es nicht im Bescheidthun beim Trinken besteht, ist sie
+&uuml;berhaupt immer gezwungen; mehr als von ihrer
+Arbeitst&uuml;chtigkeit h&auml;ngt hiervon ihre gesicherte Stellung
+ab. Um die G&auml;ste m&ouml;glichst zufrieden zu stellen, sieht
+sie sich h&auml;ufig genug gen&ouml;tigt, die beliebtesten
+Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur in je einem Exemplar
+aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende Summe monatlich
+ausmachen kann; auch Zahnstocher, Z&uuml;ndh&ouml;lzchen und dergl.
+hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.<a name=
+"FNanchor_837"></a><a href="#Footnote_837"><sup>837</sup></a> Bis
+auf ihre &auml;u&szlig;ere Erscheinung erstrecken sich
+schlie&szlig;lich noch die Dienstvorschriften: in gro&szlig;en
+Lokalen ist eine bestimmte Toilette, selbst eine bestimmte Frisur,
+durch die die M&auml;dchen veranla&szlig;t werden, sich
+t&auml;glich vom Friseur die Haare machen lassen zu m&uuml;ssen,
+Vorschrift.<a name="FNanchor_838"></a><a href=
+"#Footnote_838"><sup>838</sup></a> In den Animierkneipen werden die
+Kost&uuml;me h&auml;ufig geliefert; M&auml;dchen aber, die etwas
+auf sich halten und nicht anziehen m&ouml;gen, was so und so viele
+mehr oder weniger fragw&uuml;rdige Vorg&auml;ngerinnen schon
+getragen haben, m&uuml;ssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung
+einer dieser verschiedenartigen Pflichten, M&uuml;digkeit,
+Unfreundlichkeit gegen einen gar zu frechen Gesellen, der
+vielleicht ein gut zahlender Stammgast ist, kostet der Kellnerin
+ihre Stellung. Ja, es bedarf gar keines solchen Vorwandes; sie
+braucht nur durch ihr Aeu&szlig;eres Mi&szlig;fallen zu erregen, so
+mu&szlig; sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn eine
+Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann hei&szlig;t
+es bei den G&auml;sten: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen
+ein anderes Gesicht", wird aus Dresden berichtet<a name=
+"FNanchor_839"></a><a href="#Footnote_839"><sup>839</sup></a>; nur
+um den G&auml;sten durch den Wechsel einen Gefallen zu thun,
+k&uuml;ndigen die Wirte den Kellnerinnen, lautet das Urteil an
+einer anderen Stelle.<a name="FNanchor_840"></a><a href=
+"#Footnote_840"><sup>840</sup></a> So kommt es, da&szlig; &uuml;ber
+die H&auml;lfte der von der deutschen Kommission befragten
+Kellnerinnen nur drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel
+aller &uuml;ber ein Jahr in ihrer Stellung waren.<a name=
+"FNanchor_841"></a><a href="#Footnote_841"><sup>841</sup></a></p>
+
+<p>Je &auml;lter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los.
+Sie, die vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines
+gro&szlig;st&auml;dtischen Lokals war, mu&szlig; schlie&szlig;lich
+zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein armseliges
+Dasein zu f&uuml;hren. Die G&auml;ste wollen nur von jungen,
+h&uuml;bschen M&auml;dchen bedient werden.<a name=
+"FNanchor_842"></a><a href="#Footnote_842"><sup>842</sup></a> Nach
+der deutschen Berufsstatistik von 1895 giebt es daher unter 37121
+Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die &uuml;ber 30 Jahre alt sind.
+Schlie&szlig;lich stellt selbst das geringste Wirtshaus die alt
+gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann
+sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer
+schmaler werden. Im besten Fall fristet sie noch als
+W&auml;scherin, Geschirrputzerin oder Reinemachefrau ihren elenden
+Lebensrest; nur selten vermag sie sich empor zu arbeiten, nur allzu
+oft endet sie auf der Stra&szlig;e, als die verachtetste aller
+Frauen.<a name="FNanchor_843"></a><a href=
+"#Footnote_843"><sup>843</sup></a></p>
+
+<p>Und doch str&ouml;men dem Kellnerinnenberuf j&auml;hrlich
+Tausende zu; immer wieder sind Junge da, um die Alternden zu
+ersetzen. Sind die Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so
+gl&auml;nzend, um diesen Zudrang zu rechtfertigen? Die Kommission
+f&uuml;r Arbeiterstatistik stellte fest, da&szlig; von den
+befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch
+Wohnung und Kost im Hause des Wirts erg&auml;nzt wird. 21 %
+bekommen demnach gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten
+Lohn erhielten, war die eine H&auml;lfte auf ein Einkommen von 10
+bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk. und weniger angewiesen. Je nach
+den Landesteilen bieten die Lohnverh&auml;ltnisse ein anderes Bild:
+in Norddeutschland haben nur die H&auml;lfte der Kellnerinnen einen
+Bargehalt; in den Gro&szlig;st&auml;dten, wo die Animierkneipen
+eine gro&szlig;e Rolle spielen, kommt es fast niemals vor,
+da&szlig; sie &uuml;berhaupt eins beziehen,&mdash;in Berlin z.B.
+nur 0,5 %, in Hannover nur 8 % der Kellnerinnen,&mdash;in Mittel-
+und S&uuml;ddeutschland steigt dagegen der Prozentsatz der
+entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %<a name=
+"FNanchor_844"></a><a href="#Footnote_844"><sup>844</sup></a> Aber
+auch hier machen die Gro&szlig;st&auml;dte eine Ausnahme. In
+M&uuml;nchen, wo allein gegen 3000 Kellnerinnen gez&auml;hlt
+wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz abgekommen.<a name=
+"FNanchor_845"></a><a href="#Footnote_845"><sup>845</sup></a> Aber
+dabei allein bleibt es nicht. Wie es in gro&szlig;en Restaurants
+fast durchweg Sitte ist, da&szlig; der Oberkellner daf&uuml;r,
+da&szlig; er bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt,
+so kommt es auch immer h&auml;ufiger vor, da&szlig; von den
+weiblichen Angestellten dasselbe verlangt wird. Bei der Pariser
+Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies System von dem bekannten
+Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen besch&auml;ftigt, zum
+erstenmal eingef&uuml;hrt, und hat sich seitdem &uuml;berall hin
+verbreitet.<a name="FNanchor_846"></a><a href=
+"#Footnote_846"><sup>846</sup></a> In Oesterreich, vor allem in den
+gro&szlig;en B&auml;dern, wie in Karlsbad, Marienbad etc., soll es
+besonders &uuml;blich sein, jedenfalls ist dort der feste Lohn so
+gut wie vollst&auml;ndig abgekommen. Sein Ersatz ist das
+Trinkgeld.</p>
+
+<p>In der Anerkennung au&szlig;ergew&ouml;hnlicher Dienstleistungen
+ist sein Ursprung zu suchen<a name="FNanchor_847"></a><a href=
+"#Footnote_847"><sup>847</sup></a>, als solche hatte es nichts
+Dem&uuml;tigendes an sich. Es bildete jedoch den Ansporn f&uuml;r
+die profitgierigen Wirte, die Verpflichtung der Lohnzahlung an die
+Bedienenden mehr und mehr von sich auf den Gast abzuw&auml;lzen.
+Aus einem freiwilligen Geschenk f&uuml;r besondere F&auml;lle ist
+es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu tragen
+hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner
+halb bittend, halb fordernd verlangen, f&uuml;r dessen Erreichung
+besonders die Kellnerin sich nur zu oft dem&uuml;tigen und ihre
+W&uuml;rde preisgeben mu&szlig;. Es ist gewisserma&szlig;en der
+&auml;u&szlig;erste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems: jede
+Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der
+sie bezahlt, durch irgend etwas mi&szlig;f&auml;llt, die Kellnerin
+setzt ebenso ihre Existenz aufs Spiel, nur da&szlig; sie sich die
+Entlohnung ihrer Arbeit groschenweise zusammenbetteln mu&szlig;. Im
+allgemeinen hat der Arbeitgeber nur ein Recht auf die Arbeitskraft
+seiner Angestellten, der trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum
+mindesten die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit der Kellnerin,
+nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen bestehende Arbeit, und
+verlangt f&uuml;r jeden Groschen einen Dank. Zu dem
+Herabw&uuml;rdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch
+seine vollst&auml;ndige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der
+Ausgaben auf Grund der Einnahmen ist f&uuml;r die Kellnerin ganz
+ausgeschlossen. Sie wird, und w&auml;re sie ein noch so
+gewissenhafter Charakter, f&ouml;rmlich zur unordentlichen und
+leichtsinnigen Wirtschaftsf&uuml;hrung dressiert, denn sie
+wei&szlig; von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen
+wird. Au&szlig;erordentlich schwer l&auml;&szlig;t sich die
+H&ouml;he der Trinkgelder bestimmen; die Wirte werden stets geneigt
+sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu niedrig anzugeben. In
+besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es vorkommen,
+da&szlig; die abendliche Abrechnung einen Ueberschu&szlig; von 6
+bis 7 Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger
+d&uuml;rften in nicht so bevorzugten Pl&auml;tzen weit
+h&auml;ufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen hatten nur 21,
+also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.<a name=
+"FNanchor_848"></a><a href="#Footnote_848"><sup>848</sup></a> Sei
+es nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen
+Gewinn. Die Wasserm&auml;dchen, die kein Trinkgeld bekommen, und
+die Putzerinnen werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine
+Ausgabe, die bis 360 Mk. j&auml;hrlich steigen kann; die
+Strafgelder bilden einen weiteren gro&szlig;en Posten in ihren
+Ausgabebudgets, kommt es doch vor, da&szlig; jeder Kellnerin
+f&uuml;r zerbrochenes Geschirr t&auml;glich ein f&uuml;r allemal 20
+Pf. angerechnet werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze
+Strafgeldersystem ist dabei stets vom Wirt willk&uuml;rlich
+zusammengestellt, ohne da&szlig; die Neueintretenden auch nur
+Kenntnis davon bekommen. Selbst f&uuml;r die Lieferung der
+Kost&uuml;me werden den Kellnerinnen h&auml;ufig 30 Pf. bis 1 Mk.
+vom Wirt abgezogen.<a name="FNanchor_849"></a><a href=
+"#Footnote_849"><sup>849</sup></a> Ihr Verdienst mu&szlig; demnach
+schon ein ganz guter sein, ehe sie f&uuml;r sich einen Pfennig
+erwerben. Neben dem Trinkgeld besteht ihr Einkommen besonders in
+norddeutschen Kneipen aus bestimmten Prozenten der verkauften
+Getr&auml;nke,&mdash;ein System, das die armen M&auml;dchen dazu
+zwingt, durch m&ouml;glichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben
+zu verlocken.</p>
+
+<p>Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht
+die Existenz der Kellnerin. Sie ist vollst&auml;ndig von ihm
+abh&auml;ngig. Wer begreifen will, was das bedeutet, der beobachte
+nur einmal das Benehmen der M&auml;nner in einem Wirtshaus mit
+weiblicher Bedienung. Besonders der Deutsche, der sonst so gern mit
+seiner ritterlichen Verehrung der Frauen prahlt, zeigt sich hier
+von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf sein Trinkgeld
+angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede k&auml;ufliche
+Dirne. Da&szlig; die schmutzigsten Gespr&auml;che ungeniert vor ihr
+gef&uuml;hrt werden, ist das geringste der Uebel; man
+bel&auml;stigt sie aber mit zweideutigen Redensarten, und von da
+bis zu Handgreiflichkeiten ist dann nur ein Schritt. Jeder
+ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf die Duldung
+seiner Z&auml;rtlichkeiten zu haben; der Widerstand der
+Gequ&auml;lten aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die
+Entlassung. Eine Beschwerde des Gastes beim Wirt &uuml;ber die
+"Unfreundlichkeit" der Kellnerin gen&uuml;gt, um die "dumme Gans"
+hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies ebenso f&uuml;r die
+anst&auml;ndigen Wirte, wie f&uuml;r die der Animierkneipen. Hier
+allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter
+zu gehen. Wenn auch in den meisten St&auml;dten Polizeiverordnungen
+bestehen, die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu
+leisten, so steht, bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast
+immer nur auf dem Papier, und es giebt beinahe &uuml;berall in
+dieser Art Wirtschaften sogenannte Weinzimmer nach hinten heraus,
+in die das Auge des Gesetzes nur selten dringt, und wo die
+Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die Staffel zur
+Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, da&szlig; kein
+v&ouml;llig unbescholtenes M&auml;dchen sich als Kellnerin in eine
+Kneipe dieser Art verlieren wird. Thats&auml;chlich wurde
+konstatiert, da&szlig; die meisten Berliner Kellnerinnen in irgend
+einer Weise gescheiterte Existenzen sind<a name=
+"FNanchor_850"></a><a href="#Footnote_850"><sup>850</sup></a>,
+aber, ganz abgesehen davon, da&szlig; diese stets mehr
+Ungl&uuml;cklichen als Schuldigen,&mdash;verf&uuml;hrte
+Dienstm&auml;dchen, verlassene Frauen und dergleichen,&mdash;fast
+immer noch emporsteigen k&ouml;nnten, statt hier unterzugehen, kann
+im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn eine Herde
+gewissenloser Agenten ist stets auf dem P&uuml;rschgang nach
+fl&uuml;chtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von
+ihnen solchen Kneipen nur zu oft zugef&uuml;hrt. K&ouml;nnen sie
+die Vermittlungsgeb&uuml;hr nicht gleich bezahlen, so h&auml;lt
+allein die Notwendigkeit, diese Schuld nach und nach abzutragen,
+sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr vielen F&auml;llen
+der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten giebt, so
+giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer
+L&uuml;ste sehen und dann noch dem Gast gegen&uuml;ber
+Kupplerdienste leisten.<a name="FNanchor_851"></a><a href=
+"#Footnote_851"><sup>851</sup></a></p>
+
+<p>Sehr oft sieht sich die Kellnerin gen&ouml;tigt, auch f&uuml;r
+Kost und Wohnung selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in
+S&uuml;ddeutschland, ihr beides zusichert.<a name=
+"FNanchor_852"></a><a href="#Footnote_852"><sup>852</sup></a> Er
+sorgt aber meist daf&uuml;r, das die oft einzige Entsch&auml;digung
+f&uuml;r ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In unheizbaren,
+schlecht zu l&uuml;ftenden Dachkammern, h&auml;ufig zu zweien in
+einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor,
+da&szlig; eine L&uuml;ftung &uuml;berhaupt unm&ouml;glich ist, oder
+da&szlig; die Bettw&auml;sche nicht einmal beim Einzug neuen
+Personals gewechselt wird.<a name="FNanchor_853"></a><a href=
+"#Footnote_853"><sup>853</sup></a> Oft haust das ganze
+K&uuml;chenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.<a
+name="FNanchor_854"></a><a href="#Footnote_854"><sup>854</sup></a>
+Da ist es nicht zu verwundern, da&szlig; sie, wenn es irgend geht,
+eine eigene Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige
+beurteilen, der wei&szlig;, welch eine M&uuml;he es &uuml;berhaupt
+einzelnen Frauen kostet, ein Unterkommen zu finden, und nun gar
+einer Kellnerin, der von vornherein das Odium der Liederlichkeit
+anhaftet. Sie mu&szlig; f&uuml;r ihre Wohnung doppelt und dreifach
+zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder &auml;hnlichem
+Gelichter in die H&auml;nde zu fallen. Nicht besser als die Wohnung
+ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem
+als in aufgew&auml;rmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind,
+oder gar von den G&auml;sten auf den Tellern &uuml;brig gelassen,
+an Zwirnsf&auml;den aufgereiht und aufs neue gekocht wurden! Der
+Ekel zwingt die Kellnerin nur zu h&auml;ufig, sich selbst das Essen
+zu besorgen.<a name="FNanchor_855"></a><a href=
+"#Footnote_855"><sup>855</sup></a> Dabei hat sie nicht einmal
+bestimmte Essenszeiten; sie mu&szlig; es hinunterschlingen, wenn
+gerade wenig zu thun ist, oft mu&szlig; sie sich bis sp&auml;t
+abends mit Kaffee, Bier oder sonstigen Getr&auml;nken aufrecht
+erhalten.</p>
+
+<p>Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch
+schlechte Wohnung und Kost, im &uuml;brigen fast allein
+begr&uuml;ndet auf dem groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der
+G&auml;ste.</p>
+
+<p>Und die Folgen?&mdash;Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf
+Grund seiner eingehenden Untersuchungen festgestellt, da&szlig; die
+Erkrankungsgefahr und die Krankheitsdauer der Kellnerinnen
+gr&ouml;&szlig;er sind, als f&uuml;r den Durchschnitt
+s&auml;mtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten
+Personen; die &uuml;berm&auml;&szlig;ig lange Arbeitszeit ist die
+Ursache. Es hat ferner gefunden, da&szlig; die Lungenschwindsucht
+besonders stark unter ihnen w&uuml;tet und sie in fr&uuml;hem
+Lebensalter dahinrafft<a name="FNanchor_856"></a><a href=
+"#Footnote_856"><sup>856</sup></a>; der dauernde Aufenthalt in
+schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkr&auml;ftung ist
+ihr N&auml;hrboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie
+au&szlig;erdem noch ausgesetzt: Krampfaderentz&uuml;ndungen,
+geschwollenen F&uuml;&szlig;en, Bleichsucht, Unterleibs- und
+Nierenleiden<a name="FNanchor_857"></a><a href=
+"#Footnote_857"><sup>857</sup></a>; das andauernde Stehen und
+Laufen, die unzureichende Ern&auml;hrung, als Erg&auml;nzung der
+starke Genu&szlig; von alkoholischen Getr&auml;nken rufen sie
+hervor. Das ist aber noch nicht alles: nach dem Bericht der
+Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die Kellnerinnen
+weitaus die H&auml;lfte aller Geschlechtskranken aus; in badischen
+Krankenh&auml;usern setzt sich der gr&ouml;&szlig;te Teil der
+syphilitisch kranken M&auml;dchen aus Kellnerinnen zusammen<a name=
+"FNanchor_858"></a><a href="#Footnote_858"><sup>858</sup></a>; die
+M&uuml;nchener Kassen&auml;rzte der Ortskrankenkasse IV, deren
+Mitglieder haupts&auml;chlich dem Beherbergungs- und
+Erquickungsgewerbe angeh&ouml;ren, vertreten die Ansicht, da&szlig;
+80 % der Erkrankungen der M&auml;dchen auf Geschlechtskrankheiten
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren<a name="FNanchor_859"></a><a href=
+"#Footnote_859"><sup>859</sup></a>, und die Hamburger
+Kassen&auml;rzte gehen so weit, zu behaupten, da&szlig; von 100
+Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.<a name=
+"FNanchor_860"></a><a href="#Footnote_860"><sup>860</sup></a> Diese
+physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen
+Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos &uuml;berliefert
+werden. Das ist die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber
+keineswegs die Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat
+zweifellos viele ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie
+ihre Ehre im Kampfe gegen t&auml;gliche Versuchungen gewahrt haben.
+Auch besteht zwischen den Kellnerinnen der s&uuml;ddeutschen
+Kaffee- und Bierh&auml;user und denen der norddeutschen Kneipen ein
+erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre Sittlichkeit. Es ist aber
+vielfach nur ein Gradunterschied. Jede Kellnerin, sei es wo es auch
+sei, ist infolge ihrer &ouml;konomischen Abh&auml;ngigkeit vom
+Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner
+Verf&uuml;hrungskunst und ihrer eigenen nat&uuml;rlichen Jugendlust
+und Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem
+h&auml;&szlig;lichen Ausdruck "fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so
+wenig es mir in den Sinn kommt, Liebesverh&auml;ltnisse, die zwei
+junge warmbl&uuml;tige Menschenkinder ohne die standesamtliche
+Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu verurteilen, so
+steht doch das Eine fest, da&szlig; in den weitaus meisten
+F&auml;llen die M&auml;dchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer
+sind. Und die Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind
+zu erhalten, die Entw&ouml;hnung von dem grauen Einerlei der
+Arbeit,&mdash;das alles treibt nur zu leicht die Verlassene von
+Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre Arbeitskraft, es ist
+ihr K&ouml;rper, den sie nun zu Markte tr&auml;gt.</p>
+
+<p>Einen langen, &ouml;den Weg haben wir durchschritten. Bald
+sengte die Sonne, bald troff der Regen, bald brauste der
+Sturm&mdash;kein Dach, kein Baum bot Schutz. Und immer dasselbe
+Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und junge, die durch den
+Staub und Schmutz dieser Lebensstra&szlig;e die Last ihrer Arbeit
+schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die Fiebersonne
+der pontinischen S&uuml;mpfe, die sie ins Verderben zieht mit ihrem
+Ku&szlig;. Nicht ein notwendiges Lebensbed&uuml;rfnis, kein
+Genu&szlig;, kein Luxus, an dem nicht der Schwei&szlig; dieser
+Scharen klebte. Aus ihrem Flei&szlig; w&auml;chst die Mu&szlig;e
+der Gl&uuml;cklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus ihrem Leid
+ihre Freude.</p>
+
+<p>Die Alten hielten die k&ouml;rperliche Arbeit f&uuml;r eine
+Schmach; wir glauben dar&uuml;ber erhaben zu sein und messen ihr
+denselben sittlichen Wert bei, als der geistigen. Die proletarische
+Frauenarbeit steht aber thats&auml;chlich, was Bewertung und
+Ansehen betrifft, nicht h&ouml;her als Sklavenarbeit; die
+Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht f&uuml;r einen Ehrentitel. Ein
+Fabrikm&auml;del&mdash;eine N&auml;hmamsell&mdash;eine
+Kellnerin,&mdash;welch eine Flut von cynischer Verachtung
+dr&uuml;ckt sich in diesen Worten aus! Die schmutzigste und
+schwerste und niedrigste Arbeit&mdash;das ist Frauenarbeit. Die
+schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste
+Lohn&mdash;das ist der Preis daf&uuml;r. Und die Schande, das ist
+seine Erg&auml;nzung.</p>
+
+<p>Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem
+Wege verfolgten, dr&auml;ngt sich ein Heer kleiner, blutleerer
+Gestalten: ihre Kinder. Aus m&uuml;den, alten Augen blicken schon
+die kleinsten in das Leben, das ihnen Kraft und Freude, das ihnen
+ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und sie r&auml;chen sich an ihm:
+Krankheit und sittliche Entartung ist ihre Gegengabe f&uuml;r
+Hunger und Schmerz.</p>
+
+<p>In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit
+lebensl&auml;nglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und
+Kindeskinder tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind
+Knute und Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur
+Arbeit getrieben wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem
+Scho&szlig;e der Erde entri&szlig;, hat die b&uuml;rgerliche
+Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die f&uuml;rchterlicher ist
+als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die
+Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem R&uuml;cken und schwieligen
+H&auml;nden immer weiter und weiter f&uuml;r den Herrscher nach
+Gold zu graben. Vor der Gier danach zerstoben all die Tugenden, die
+ihre Prediger, ihre Dichter und Denker preisen: Gro&szlig;mut,
+Barmherzigkeit, N&auml;chstenliebe, und die Ehrfurcht vor allem vor
+denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden Menschheit
+schl&auml;gt. Mit dem Fu&szlig; auf dem Nacken der Frau ragt der
+Kolo&szlig; der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20.
+Jahrhundert hinein.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die b&uuml;rgerliche Frau die Arbeit als die
+gro&szlig;e Befreierin sucht, ist sie f&uuml;r die Proletarierin zu
+einem Mittel der Knechtung geworden; und w&auml;hrend das Recht auf
+Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte ist, ist die Verdammung
+zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber eine
+Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der
+Entw&uuml;rdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden
+aufbaut, ist das Todesurteil gesprochen.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="7_Die_Arbeiterinnenbewegung" />7. Die
+Arbeiterinnenbewegung.</h2>
+
+<p>Als den Ausgangspunkt der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung haben
+wir den Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf
+gegen den Mann, weil es galt, in seine Berufssph&auml;ren
+einzudringen. Die proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst
+ein, als dieser Kampf durch den massenhaften Eintritt der
+Arbeiterinnen in die Industrie mit ihrem Siege geendet hatte. Die
+Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt und Fabrik erobert, als die
+b&uuml;rgerliche Frau noch schwer um den Platz im H&ouml;rsaal und
+auf dem Katheder ringen mu&szlig;te. Die b&uuml;rgerliche
+Gegnerschaft gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der
+proletarischen Genossenschaft mit dem Mann.</p>
+
+<p>Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender
+Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren n&auml;chstes Ziel ist: die
+Lage des Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem
+Zweck drei verschiedener Mittel: der politischen Partei, als
+desjenigen Mittels, durch das politisch Gleichgesinnte auf
+Gesetzgebung und Staat Einflu&szlig; zu gewinnen suchen, der
+Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von Lohnarbeitern
+zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer
+Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen
+wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher
+Th&auml;tigkeit. Bedingung ist in allen drei F&auml;llen die
+Organisation. Sie mu&szlig; daher gesetzlich gew&auml;hrleistet und
+gesichert sein, wenn an ein erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter
+gedacht werden kann.</p>
+
+<p>Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des
+Gesetzes den weiblichen wie den m&auml;nnlichen Arbeitern nirgends
+untersagt. In der Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor
+allem der Mehrzahl der deutschen Frauen, sehr erschwert, weil
+ihnen, nach einer Anzahl deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in
+politische Vereine verboten ist, und die Grenzlinien zwischen
+wirtschaftlichen und politischen Fragen au&szlig;erordentlich
+schwankende sind. F&uuml;r die gesamte weibliche Arbeiterschaft
+kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht, der sich
+ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. W&auml;hrend
+n&auml;mlich die Vereinigung von M&auml;nnern und Frauen innerhalb
+der einzelnen Berufe die selbstverst&auml;ndliche Konsequenz ihrer
+gemeinsamen Arbeit sein sollte, scheitert sie vielfach an dem alten
+Vorurteil der M&auml;nner, die sich der Aufnahme weiblicher
+Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der M&auml;nner
+verschaffte der f&uuml;r die weiblichen Lohnarbeiter v&ouml;llig
+falschen, irref&uuml;hrenden Auffassung der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung von der Notwendigkeit des organisierten Kampfes der
+Frauen als Frauen um ihre Rechte Eingang bei ihnen, und so
+gr&uuml;ndeten sie zun&auml;chst gewerkschaftliche Frauenvereine
+mit ausschlie&szlig;lich weiblichen Mitgliedern.</p>
+
+<p>In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon
+Anfang der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die
+aber ein schnelles Ende nahmen. Erst dem gro&szlig;en
+Organisationstalent einer ehemaligen Setzerin, Mi&szlig; Emma
+Smith, sp&auml;ter Mrs. Paterson, gelang es, System in die ganze
+Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's Protective and
+Provident League ins Leben rief und als das Ziel der Vereinigung
+die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und zwar in
+M&auml;nnergewerkschaften, soweit sie Zulassung f&auml;nden, in
+Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe
+handelt, oder die M&auml;nner die Frauen ausschlie&szlig;en.<a
+name="FNanchor_861"></a><a href="#Footnote_861"><sup>861</sup></a>
+Unter dem Einflu&szlig; b&uuml;rgerlicher Elemente wurde jedoch im
+Anfang der Bewegung auf die Gr&uuml;ndung von Frauengewerkschaften
+der gr&ouml;&szlig;te Nachdruck gelegt: die Londoner
+Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, W&auml;scherinnen und
+Schneiderinnen wurden organisiert<a name="FNanchor_862"></a><a
+href="#Footnote_862"><sup>862</sup></a>, aber die kleinen Vereine
+konnten eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht
+erringen. Nur zwei von ihnen bestehen noch<a name=
+"FNanchor_863"></a><a href="#Footnote_863"><sup>863</sup></a>, ohne
+an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im selben Jahr versuchten Pariser
+N&auml;herinnen ein Syndikat zu gr&uuml;nden, das nur 100
+Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren aufl&ouml;ste.<a
+name="FNanchor_864"></a><a href="#Footnote_864"><sup>864</sup></a>
+In Deutschland, wo der b&uuml;rgerliche Einflu&szlig; hemmend
+gewirkt hatte, fing man erst viel sp&auml;ter an,
+Arbeiterinnenvereine mit einem ann&auml;hernd gewerkschaftlichen
+Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder eingingen, ohne
+Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein &auml;u&szlig;erer
+Anla&szlig; trennte mit einem scharfen Schnitt die
+Arbeiterinnenbewegung von der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung und
+machte sie lebensf&auml;hig. 1882 kam Gr&auml;fin Guillaume-Schack
+nach Berlin, um f&uuml;r die Ideen der englischen F&ouml;deration
+zur Bek&auml;mpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der
+Kulturbund, den sie gr&uuml;ndete, rief aber nicht, wie sie gehofft
+hatte, eine der englischen &auml;hnliche gro&szlig;e Bewegung zu
+Gunsten der Abschaffung der staatlichen Regulierung und
+Beaufsichtigung der Prostitution hervor, es entstanden nur drei
+Vereine rein philanthropischer Natur, die die Erziehung
+verwahrloster M&auml;dchen, die Gr&uuml;ndung von Heimst&auml;tten
+und &auml;hnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich
+auch an die Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie n&ouml;tig
+ihre sittliche Hebung sei. Aber die Zeiten der Abh&auml;ngigkeit
+waren vorbei: sie wiesen die Hand der Wohlth&auml;ter zur&uuml;ck
+und erkl&auml;rten, da&szlig; wer der Arbeiterklasse helfen wolle,
+zuerst daf&uuml;r sorgen m&uuml;sse, ihre materielle Lage zu
+verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit:
+"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schl&ouml;ssen sich sofort 500
+Frauen und M&auml;dchen zu einem selbst&auml;ndigen
+Arbeiterinnenverein zusammen<a name="FNanchor_865"></a><a href=
+"#Footnote_865"><sup>865</sup></a>, der an Bedeutung alle
+bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung bei weitem
+&uuml;bertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der
+Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die
+Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen
+nahm sie in ihre Statuten auf; ein Rest b&uuml;rgerlicher
+Auffassungsweise zeigte sich aber nicht nur in der Vereinigung
+ausschlie&szlig;lich weiblicher Arbeiter, sondern auch in ihrer
+ablehnenden Stellung gegen&uuml;ber dem Arbeiterinnenschutz. Sie
+war im wesentlichen dem Einflu&szlig; der Gr&auml;fin
+Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zur&uuml;ckgesto&szlig;en
+von der j&auml;mmerlichen Haltung der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung, auf die Seite der Arbeiterinnen stellte, aber
+selbst noch im Ideenkreis der englischen Feministen befangen
+war.</p>
+
+<p>Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung.
+Der von der Regierung projektierte N&auml;hgarnzoll, der die armen
+N&auml;herinnen, die das Garn selbst zu liefern hatten, stark
+belastet haben w&uuml;rde, gab den Ansto&szlig; zum ersten
+erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge Verein und
+zwei neue, ausschlie&szlig;lich von Arbeiterinnen gegr&uuml;ndete
+und geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der
+Fachverein der M&auml;nteln&auml;herinnen, gaben den Ton an; Frau
+Guillaume-Schack unterst&uuml;tzte sie durch die von ihr
+gegr&uuml;ndete Zeitschrift "Die Staatsb&uuml;rgerin", in der die
+traurige Lage der Arbeiterinnen r&uuml;cksichtslos aufgedeckt
+wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und Lebensverh&auml;ltnisse durch
+diese Vereine f&ouml;rderten dann noch ein Material zu Tage, das
+selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufr&uuml;tteln
+mu&szlig;te. Im Anschlu&szlig; daran kam es zu einer
+Reichstagsdebatte und endlich zur amtlichen Untersuchung der
+Lohnverh&auml;ltnisse der Arbeiterinnen in der
+W&auml;schefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur
+best&auml;tigen und erg&auml;nzen konnte, was jene erste private
+Erhebung bekundet hatte. Die Versch&auml;rfung der Truckgesetze war
+die weitere Folge und zugleich das erste Resultat der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen durch ihr Eintreten
+f&uuml;r den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von dem letzten
+Rest b&uuml;rgerlicher Tradition frei gemacht hatte.<a name=
+"FNanchor_866"></a><a href="#Footnote_866"><sup>866</sup></a> Aber
+in dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem
+kr&auml;ftigen Leben f&uuml;hren sollte, wurde die
+"Staatsb&uuml;rgerin" polizeilich verboten, s&auml;mtliche Vereine,
+auch die au&szlig;erhalb Berlins, aufgel&ouml;st und ihre
+Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr f&uuml;r
+Deutschland" sahen die Beh&ouml;rden in dem ersten Aufstreben der
+weiblichen Arbeiterschaft. Aber eine aus den Bed&uuml;rfnissen der
+Massen entspringende Bewegung mu&szlig;te selbst der z&auml;hesten
+Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen die Verfolgungen
+des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die
+gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das
+Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu
+gest&auml;rkt hervor.</p>
+
+<p>Der Sieg des Sozialismus nach Jahren sch&auml;rfster
+Unterdr&uuml;ckung, die Energie, mit der die Frauen ihr Trotz
+geboten hatten, ihre selbstbewu&szlig;ten Organisierungsversuche
+und die wachsende Erkenntnis, da&szlig; es einer gef&uuml;rchteten
+Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuf&uuml;hren hie&szlig;, wenn
+man sie von den m&auml;nnlichen Berufsvereinen ausschlo&szlig;,
+f&uuml;hrten in der Haltung der M&auml;nner nach und nach einen
+Umschwung herbei. 1890 wurde in Deutschland die Zentralkommission
+der Gewerkschaften Deutschlands gegr&uuml;ndet, die schon durch die
+Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren Standpunkt kennzeichnete.
+Sie veranla&szlig;te sofort bei s&auml;mtlichen Vorst&auml;nden der
+Vereine, da&szlig;, soweit Frauen von der Mitgliedschaft
+ausgeschlossen waren, Antr&auml;ge auf Statuten&auml;nderung
+gestellt wurden, die in den meisten F&auml;llen zur Annahme
+gelangten. Unter ihrer Leitung entwickelte sich eine rege Agitation
+unter den Arbeiterinnen zu Gunsten der Gewerkschaften. Frauen, mit
+einem Opfermut und einer Ausdauer, wie sie nur im Proletariat zu
+finden sind, reisen unerm&uuml;dlich im Auftrage der
+Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend,
+denen sie in ausdehntestem Ma&szlig;e ausgesetzt sind; in engen,
+dumpfigen Lokalen sprechen sie oft Abend f&uuml;r Abend, um ihren
+Zuh&ouml;rerinnen klar zu machen, da&szlig; sie ihre Lage nur dann
+verbessern k&ouml;nnen, wenn sie sich mit den Genossen ihrer Arbeit
+zusammenschlie&szlig;en und der Profitgier und der Ausbeutungssucht
+des Unternehmers die Macht vereinter Kr&auml;fte
+gegen&uuml;berstellen. Der Erfolg dieser Bem&uuml;hungen, die durch
+massenhafte Verbreitung von Flugbl&auml;ttern und Brosch&uuml;ren
+noch unterst&uuml;tzt wird, ist bisher noch kein gro&szlig;er. Aus
+folgender Zusammenstellung geht das langsame Wachstum der
+weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der
+Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften z&auml;hlten
+weibliche Mitglieder:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>1892:</td>
+<td align="right">4355</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1893:</td>
+<td align="right">5384</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1894:</td>
+<td align="right">5251</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1895:</td>
+<td align="right">6697</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1896:</td>
+<td align="right">15295</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1897:</td>
+<td align="right">14644</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1898:</td>
+<td align="right">13009</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1899:</td>
+<td align="right">19280</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1900:</td>
+<td align="right">22844</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das
+F&uuml;nffache gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die
+hier allein in Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen
+Arbeiterinnen und die Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen,
+sind immerhin erst 2,30 % organisiert und von den
+achtundf&uuml;nfzig zentralisierten Gewerkschaften weisen nach der
+letzten Z&auml;hlung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder auf.
+Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:<a
+name="FNanchor_867"></a><a href=
+"#Footnote_867"><sup>867</sup></a></p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Organisation</th>
+<th>Zahl der weiblichen<br />
+Mitglieder 1900</th>
+<th>Von 100 Arbeiterinnen<br />
+des betreffenden Berufs<br />
+sind organisiert</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Buchbinder</td>
+<td align="right">3046</td>
+<td align="right">22,50</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Buchdruckereihilfsarbeiter</td>
+<td align="right">698</td>
+<td align="right">12,15</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Fabrikarbeiter</td>
+<td align="right">2889</td>
+<td align="right">4,97</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Glasarbeiter</td>
+<td align="right">33</td>
+<td align="right">1,02</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handlungsgehilfen</td>
+<td align="right">80</td>
+<td rowspan="2" align="right">0,10</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lagerhalter</td>
+<td align="right">9</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handschuhmacher</td>
+<td align="right">105</td>
+<td align="right">6,65</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Holzarbeiter</td>
+<td align="right">726</td>
+<td align="right">6,62</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hutmacher</td>
+<td align="right">121</td>
+<td align="right">2,81</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Konditoren</td>
+<td align="right">15</td>
+<td align="right">0,76</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Masseure</td>
+<td align="right">46</td>
+<td align="right">--</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Metallarbeiter</td>
+<td align="right">2693</td>
+<td align="right">11,37</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Porzellanarbeiter</td>
+<td align="right">357</td>
+<td align="right">4,40</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Sattler</td>
+<td align="right">31</td>
+<td align="right">2,04</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schneider</td>
+<td align="right">758</td>
+<td align="right">1,19</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schuhmacher</td>
+<td align="right">1916</td>
+<td align="right">20,31</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakarbeiter</td>
+<td align="right">3922</td>
+<td rowspan="2" align="right">6,58</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Cigarrensortierer</td>
+<td align="right">80</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tapezierer</td>
+<td align="right">37</td>
+<td align="right">10,57</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilarbeiter</td>
+<td align="right">5254</td>
+<td align="right">1,16</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Vergolder</td>
+<td align="right">28</td>
+<td align="right">4,45</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">22844</td>
+<td align="right">2,76</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Au&szlig;erhalb dieser durch die Generalkommission
+zusammengehaltenen Verb&auml;nde, stehen eine ganze Anzahl
+sogenannter Lokalorganisationen, die aber zumeist keine Frauen
+aufnehmen k&ouml;nnen, weil sie einen ausgesprochen politischen
+Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche Frauenvereine, die
+nur ein k&uuml;mmerliches Dasein fristen. Etwas bedeutungsvoller
+ist die Teilnahme der Frauen an den 1868 gegr&uuml;ndeten
+Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenm&auml;&szlig;ig
+sozialdemokratische Arbeiter ausschlie&szlig;en, und, von
+b&uuml;rgerlich-liberaler Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch
+geleitet, bis zum Jahre 1895 der Organisation der Frauen ablehnend
+gegen&uuml;ber standen. Auf dem Verbandstage jenes Jahres jedoch
+wurde eine Resolution zu Gunsten der Frauen angenommen, und nach
+dem Bericht f&uuml;r das Jahr 1901 sind infolgedessen 3392 den
+Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen sind
+Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung
+ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische
+und eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit
+1882, z&auml;hlt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden
+Frauenvereine sind ausschlie&szlig;lich religi&ouml;ser Art und
+haben keinerlei gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische
+Richtung hat ihren Ursprung in dem Gewerkverein christlicher
+Bergleute, der im Jahre 1894 gegr&uuml;ndet wurde. Mit den
+Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die entschieden feindliche
+Stellung gegen&uuml;ber der Sozialdemokratie, betont aber nebenbei
+noch die religi&ouml;s-christliche Gesinnung. Von Anfang an hatte
+sie ein gewisses sympathisches Verst&auml;ndnis f&uuml;r die
+weiblichen Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen
+fu&szlig;end, die jede Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib
+ablehnen, trat sie nicht f&uuml;r eine gemeinsame Organisation
+beider Geschlechter, sondern f&uuml;r gesonderte
+Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der m&auml;nnlichen
+Berufsgenossen anzugliedern sind und als "Schutzverb&auml;nde der
+Arbeiterinnen" unter ihrer Leitung und Oberaufsicht stehen, damit
+im Falle von Arbeitseinstellungen trotz der Sonderung ein
+gemeinsames Vorgehen gesichert ist.<a name="FNanchor_868"></a><a
+href="#Footnote_868"><sup>868</sup></a> Wir finden hier jenes
+Festhalten an der Tradition in seltsamer Verkn&uuml;pfung mit
+Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie
+sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,&mdash;und um
+eines ihrer Scho&szlig;kinder handelt es sich
+dabei,&mdash;aufweisen. An einer genaueren Statistik der
+organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen Verb&auml;nden
+die m&auml;nnlichen und weiblichen Mitglieder zusammengez&auml;hlt
+wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verb&auml;nde,&mdash;der eine
+in Aachen, der andere in Eupen,&mdash;mit zusammen 430 Mitgliedern,
+werden besonders genannt.<a name="FNanchor_869"></a><a href=
+"#Footnote_869"><sup>869</sup></a> Alles in allem d&uuml;rften in
+Deutschland, von den Gr&uuml;ndungen der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen
+gewerkschaftlich organisiert sein.</p>
+
+<p>In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch
+au&szlig;erordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761,
+1899 9206 organisierte Frauen gez&auml;hlt. Die
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig starke Zunahme in den letzten drei
+Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Th&auml;tigkeit der
+Arbeiterinnen selbst zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Sie gr&uuml;ndeten
+in Wien ein Frauenreichskomitee, an das sich in den
+Provinzst&auml;dten Sektionen angliedern, und deren Hauptzweck die
+Organisierung der Arbeiterinnen ist. Sie leiten eine systematische
+Agitation &uuml;ber ganz Oesterreich und werden zweifellos bald
+noch gr&ouml;&szlig;ere Erfolge aufweisen k&ouml;nnen. Immerhin
+erf&auml;hrt auch die letzte Z&auml;hlung der Organisierten
+insofern eine Einschr&auml;nkung, als von den 9206 angegebenen
+Vereinsmitgliedern nur 5556 wirklichen Berufsvereinen
+angeh&ouml;ren. Sie verteilen sich folgenderma&szlig;en<a name=
+"FNanchor_870"></a><a href="#Footnote_870"><sup>870</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Organisation</th>
+<th>Weibliche<br />
+Mitglieder</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Baugewerbe</td>
+<td align="right">104</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bekleidungsindustrie</td>
+<td align="right">433</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bergbau</td>
+<td align="right">187</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Chemische Industrie</td>
+<td align="right">94</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Eisen- und Metallindustrie</td>
+<td align="right">105</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Galanterie</td>
+<td align="right">52</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Glas- und keramische Industrie</td>
+<td align="right">949</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Graphische Gewerbe</td>
+<td align="right">1147</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Holzindustrie</td>
+<td align="right">36</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handel</td>
+<td align="right">58</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Nahrungs- und Genu&szlig;mittel</td>
+<td align="right">310</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lederindustrie</td>
+<td align="right">76</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilindustrie</td>
+<td align="right">1950</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Verschiedene Gewerbe</td>
+<td align="right">55</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Aehnlich wie in Deutschland entschlo&szlig; sich in England erst
+1889 der Gewerkvereinskongre&szlig; zu Dundee dazu, die
+Notwendigkeit der Organisation der Arbeiterinnen grunds&auml;tzlich
+anzuerkennen und seine Unterst&uuml;tzung zuzusagen. Trotzdem
+entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur 111 dazu,
+weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie
+festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft
+beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die &auml;lteste und
+die gr&ouml;&szlig;te ist. Au&szlig;er diesen 111 gemischten
+Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine nur mit weiblichen
+Mitgliedern.<a name="FNanchor_871"></a><a href=
+"#Footnote_871"><sup>871</sup></a> Die Gesamtzahl der Organisierten
+betrug in den Jahren</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>1896:</td>
+<td>117888</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1897:</td>
+<td>120254</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1898:</td>
+<td>116048</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>1899:</td>
+<td>120448</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in st&auml;rkerem
+Ma&szlig;e an der gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die
+deutschen. Der Wert dieser h&ouml;heren Zahlen verliert aber an
+Bedeutung, wenn wir nicht nur das Alter der gewerkschaftlichen
+Bewegung in Betracht ziehen,&mdash;schon 1824 waren viele
+Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins und zu
+Owen's Grand National str&ouml;mten 1833&mdash;34 die Frauen<a
+name="FNanchor_872"></a><a href=
+"#Footnote_872"><sup>872</sup></a>,&mdash;sondern uns auch
+erinnern, da&szlig; der Organisation der Frauen von seiten des
+Staats und der Beh&ouml;rden keinerlei Schwierigkeiten gemacht
+werden; selbst die Landarbeiter und die Dienstboten, die in
+Deutschland vom Koalitionsrecht so gut wie ausgeschlossen sind,
+k&ouml;nnen sich zu Gewerkvereinen zusammenthun. Im Verh&auml;ltnis
+zu s&auml;mtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der Organisierten
+demnach sehr gering, sie betr&auml;gt nur 0,39%, im Verh&auml;ltnis
+allein zu den Industriearbeiterinnen betr&auml;gt sie dagegen
+8,22%. Was die Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an
+der Organisation betrifft, so stellt sie sich folgenderma&szlig;en
+dar:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td></td>
+<th>Anzahl der<br />
+Gewerkvereine</th>
+<th>Anzahl der<br />
+Mitglieder</th>
+<th>Von 100 Arbeiterinnen<br />
+sind organisiert</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilindustrie:</td>
+<td align="right">88</td>
+<td align="right">109076</td>
+<td align="right">19,70</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schuh- und Stiefelproduktion:</td>
+<td align="right">2</td>
+<td align="right">618</td>
+<td align="right">1,42</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bekleidungsindustrie:</td>
+<td align="right">11</td>
+<td align="right">1128</td>
+<td align="right">0,26</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hut- und M&uuml;tzenindustrie:</td>
+<td align="right">2</td>
+<td align="right">2330</td>
+<td align="right">14,21</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Druckerei, Papierfabrikation u. &auml;hnl.:</td>
+<td align="right">7</td>
+<td align="right">763</td>
+<td align="right">1,51</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakindustrie:</td>
+<td align="right">4</td>
+<td align="right">2403</td>
+<td align="right">19,11</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Andere Industrien:</td>
+<td align="right">25</td>
+<td align="right">4130</td>
+<td align="right">1,33</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">139</td>
+<td align="right">120448</td>
+<td align="right">8,22</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Wir sehen aus vorstehender Tabelle, da&szlig; gegen&uuml;ber der
+starken Organisation der Textilarbeiterinnen,&mdash;sie machen fast
+91 % aller Organisierten aus,&mdash;s&auml;mtliche andere fast
+verschwinden. Au&szlig;erordentlich gering ist die Zahl der
+Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier finden wir auch
+unter 9 Gewerkvereinen f&uuml;nf mit nur weiblichen Mitgliedern,
+deren kleinster 18 und deren gr&ouml;&szlig;ter 120 Mitglieder hat.
+Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei
+landwirtschaftlichen Vereinen angeh&ouml;rten und den Dienstboten,
+die 1897 noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besa&szlig;en, ist
+heute keine einzige mehr organisiert.</p>
+
+<p>In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr
+sp&auml;t ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre
+m&auml;nnlichen Berufsgenossen &uuml;berlie&szlig;en sie
+gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher Vereinigungen.
+Auch eine, &uuml;berdies sehr mangelhafte Statistik der
+Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst f&uuml;r das Jahr
+1900.<a name="FNanchor_873"></a><a href=
+"#Footnote_873"><sup>873</sup></a> Dabei stellte es sich heraus,
+da&szlig; 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder angeh&ouml;ren. Da
+aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verb&auml;nde und
+diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern
+angeh&ouml;ren, verstanden werden, so ist es f&uuml;r unsere Zwecke
+notwendig, sie auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur
+Arbeiterorganisationen anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben
+30975 weibliche Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften
+&uuml;brig; von diesen sind 17 nur Frauengewerkschaften. Nach der
+Zahl der in den verschiedenen Berufen Organisierten ist ihre
+Zusammensetzung folgende<a name="FNanchor_874"></a><a href=
+"#Footnote_874"><sup>874</sup></a>:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufsarten</th>
+<th>Zahl der Mitglieder</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakindustrie</td>
+<td align="right">10194</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Textilindustrie</td>
+<td align="right">6802</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Handelsgewerbe</td>
+<td align="right">4376</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Eisenbahnangestellte</td>
+<td align="right">1611</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bekleidung</td>
+<td align="right">1597</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>G&auml;rtnerei, Obstzucht</td>
+<td align="right">1000</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Lederbearbeitung</td>
+<td align="right">746</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">26326</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten,
+z.T. winzigen Gewerkschaften, deren h&auml;ufig
+au&szlig;erordentlich geringer Umfang ein Charakteristikum des
+franz&ouml;sischen, jeder Zentralisierung entbehrenden
+Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind
+folgende:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th>Berufsarten</th>
+<th>Zahl der<br />
+Gewerkschaften</th>
+<th>Zahl der<br />
+Mitglieder</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Tabakarbeiterinnen</td>
+<td align="right">4</td>
+<td align="right">1760</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Federnschm&uuml;ckerinnen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">300</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Dienstboten</td>
+<td align="right">2</td>
+<td align="right">220</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Typographen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">210</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>W&auml;scherinnen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">100</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stenographen</td>
+<td align="right">2</td>
+<td align="right">94</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kravattenn&auml;herinnen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">89</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Schneiderinnen</td>
+<td align="right">3</td>
+<td align="right">62</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Blumenmacherinnen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">53</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stickerinnen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">36</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Korsettn&auml;herinnen</td>
+<td align="right">1</td>
+<td align="right">30</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td rowspan="2">&nbsp;</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+<td align="right">
+<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" />
+</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="right">18</td>
+<td align="right">2954</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende
+Vereine, die nur m&uuml;hsam ihr Leben fristen, meist mit
+Unterst&uuml;tzung der Damen der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung,
+denen einige auch ihre Gr&uuml;ndung verdanken. Da die
+franz&ouml;sischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit
+den M&auml;nnern und allein verbinden k&ouml;nnen, so ist das
+Ergebnis in jeder Beziehung ein kl&auml;gliches: von 3-1/2
+Millionen kaum 31000 organisiert!</p>
+
+<p>Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der
+Vereinigten Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste
+gro&szlig;e Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die
+Knights of Labour, der 1870 ins Leben trat, nahm nach
+zehnj&auml;hrigem Bestehen weibliche Mitglieder auf, und stellte
+sie den m&auml;nnlichen nicht nur v&ouml;llig gleich, er
+er&ouml;ffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine
+wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.<a name=
+"FNanchor_875"></a><a href="#Footnote_875"><sup>875</sup></a> Schon
+nach wenigen Jahren z&auml;hlte allein der Zweigverein von
+Massachusetts 6000 weibliche Mitglieder.<a name=
+"FNanchor_876"></a><a href="#Footnote_876"><sup>876</sup></a> Dem
+Einfl&uuml;sse der Knights of Labour ist es wohl auch
+zuzuschreiben, da&szlig; die Gewerkschaften sich den Frauen
+gegen&uuml;ber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von
+Anfang an in den gro&szlig;en Unionen der Typographen und der
+Cigarrenarbeiter zugelassen und nur sehr selten kommt es daher vor,
+da&szlig; sie selbst&auml;ndige Frauenvereine gr&uuml;nden.<a name=
+"FNanchor_877"></a><a href="#Footnote_877"><sup>877</sup></a> Wo es
+geschieht, ist es meist nur das Resultat b&uuml;rgerlichen
+Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen Gewerben
+organisierten Frauen st&auml;dtische Aussch&uuml;sse
+gegr&uuml;ndet, in denen jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten
+ist und die speziellen Fraueninteressen beraten werden. Auch ein
+allgemeiner amerikanischer Arbeitsverband der Frauen besteht, der
+den Zweck verfolgt, die Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder
+zu vertreten und Klagen &uuml;ber Arbeitsverh&auml;ltnisse zu
+untersuchen. Trotz der g&uuml;nstigen Lage aber, in der die
+amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die M&ouml;glichkeit
+gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in
+sehr geringem Ma&szlig;e organisiert.<a name="FNanchor_878"></a><a
+href="#Footnote_878"><sup>878</sup></a> Die best&auml;ndige
+Einwanderung niedrig stehender Volkselemente, die die Sprache des
+Landes nicht kennen, die schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig
+acceptieren, und aus denen sich ein gro&szlig;er Teil der
+weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die wesentliche Ursache
+hiervon.</p>
+
+<p>Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche
+Organisation scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt
+zu haben. Weil dem &uuml;berall so ist, m&uuml;ssen die Gr&uuml;nde
+daf&uuml;r auch &uuml;berall die gleichen sein. Wir haben sie
+zun&auml;chst in dem Widerstand der M&auml;nner und in der Jugend
+der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis daf&uuml;r ist
+der verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hohe Prozentsatz der englischen
+organisierten Textilarbeiterinnen: hier war der m&auml;nnliche
+Widerstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts gebrochen; fast
+hundert Jahre ist demnach auch die Bewegung hier alt. Aber diese
+Gr&uuml;nde k&ouml;nnen unm&ouml;glich die einzigen sein, schon
+weil das sp&auml;te Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf
+selten der Frauen selbst der Begr&uuml;ndung bedarf. Ein Blick auf
+die gewerkschaftliche Bewegung der M&auml;nner dient schon zur
+Erkl&auml;rung: teils ist sie eine moderne Fortsetzung der alten
+Gesellenverb&auml;nde und &auml;hnlicher Vereinigungen, an denen
+Frauen fast niemals teilnahmen, teils ist sie den Bed&uuml;rfnissen
+der in der Gro&szlig;industrie zusammengedr&auml;ngten Arbeiter
+entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der
+Gro&szlig;industrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den
+M&auml;nnern zur&uuml;ck, und nehmen eine beherrschende Stellung
+nur in wenigen Industrien ein. Wo sie es thun, wie in der
+Textilindustrie, in der franz&ouml;sischen Tabakindustrie, die
+infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf diesem Gebiet fast
+ganz verdr&auml;ngt hat, sind sie, wie wir gesehen haben,
+gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten
+ist es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie
+vorherrscht, z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die
+Arbeiterin vereinzelt arbeitet, wie im h&auml;uslichen Dienst, und
+zum Teil in der Landwirtschaft. Nicht nur, da&szlig; die Arbeiterin
+hier abgeschnitten ist von dem Einflu&szlig; sozialer Bewegungen,
+da&szlig; sie als Heimarbeiterin oder als Dienstm&auml;dchen schwer
+zu dem Bewu&szlig;tsein solidarischer Verbindung mit ihren
+Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch&mdash;und das ist ein
+Moment, das nie gen&uuml;gend hervorgehoben wird&mdash;in fast
+v&ouml;lliger Abgeschlossenheit von dem m&auml;nnlichen Arbeiter,
+dem Hauptvermittler politischer und gewerkschaftlicher
+Aufkl&auml;rung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in der
+Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto
+schwerer wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der
+Stellung der Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie
+bei weitem nicht so organisationsf&auml;hig als der Mann. Die
+Arbeit ist f&uuml;r ihn der einzige Beruf; die Frau ist zwar
+gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem Erwerbe nachzujagen,
+aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen, da&szlig; sie
+nicht nur hinter ihm zur&uuml;ckbleibt und fr&uuml;h erlahmt,
+sondern auch nicht die mindeste Zeit hat, &uuml;ber ihre Lage und
+die Bedingungen ihrer Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht
+nur Arbeiterin geworden, sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch
+Mutter. W&auml;hrend der Mann sich in Versammlungen aufkl&auml;rt,
+sich mit seinen Kameraden verst&auml;ndigt, B&uuml;cher und
+Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu n&auml;hen, zu flicken,
+Kinder zu pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der
+Kinder willen wird sie sogar h&auml;ufig zu einer heftigen Gegnerin
+der Gewerkschaft, die Beitr&auml;ge von ihr fordert, die sie so
+notwendig f&uuml;r die Befriedigung ihrer Bed&uuml;rfnisse braucht,
+die sie sogar zur Arbeitseinstellung n&ouml;tigen kann. Und ebenso
+wie sie die alte Hausfrauenth&auml;tigkeit in ihr modernes
+Erwerbsleben mit hin&uuml;bernahm, so hat sie auch alte Tr&auml;ume
+und Traditionen nicht abzusch&uuml;tteln vermocht. Fast jedes junge
+M&auml;dchen erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben
+ausf&uuml;llen und in Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin
+bildet darin keine Ausnahme: ihre Arbeit ist f&uuml;r sie kein
+Lebensberuf, sondern nur die Durchgangsstation zu dem eigentlichen
+Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat sie kein Interesse an der
+Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den Beitr&auml;gen angelegt
+werden m&uuml;&szlig;te, lieber f&uuml;r ein wenig Putz und Tand
+aus, um ihre Person vor dem Erl&ouml;ser, den Mann, m&ouml;glichst
+verf&uuml;hrerisch zu gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten,
+die der Organisierung der Frauen entgegenstehen, aber noch nicht
+ersch&ouml;pft.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, da&szlig; die Frauen infolge ihrer schlechten
+Ausbildung und ihrer k&ouml;rperlichen Veranlagung sehr h&auml;ufig
+nach Qualit&auml;t oder Quantit&auml;t geringwertigere Arbeit
+leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber von ihren Mitgliedern
+Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des Lohntarifs, der
+jedoch wieder seinerseits eine gewisse H&ouml;he der
+Leistungsf&auml;higkeit voraussetzt. So entschlo&szlig; sich der
+Verein Londoner Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen
+wie M&auml;nner, infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches
+Mitglied, weil die anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen
+zu erf&uuml;llen. Ebenso erkl&auml;rten die franz&ouml;sischen
+Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen, wenn sie den Lohntarif
+acceptierten,&mdash;es fand sich keine einzige, die das vermochte,
+teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils weil die
+Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen. Wenn
+daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschlie&szlig;en, wie
+der der englischen B&uuml;rstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter
+oder der Kettenaufb&auml;umer und Zwirner, so geschieht es in der
+Annahme, da&szlig; der Eintritt der Frauen ein Herunterdr&uuml;cken
+der Gewerkschaftsbedingungen notwendig nach sich ziehen
+m&uuml;sse.<a name="FNanchor_879"></a><a href=
+"#Footnote_879"><sup>879</sup></a> Wie berechtigt das ist, sehen
+wir daran, da&szlig; die Lohns&auml;tze der Industrien mit starker
+Frauenbeteiligung sich nach den Frauenl&ouml;hnen und nicht nach
+den M&auml;nnerl&ouml;hnen zu regeln pflegen.</p>
+
+<p>Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist
+&uuml;berhaupt Aussicht vorhanden, da&szlig; unter den herrschenden
+wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen eine nennenswerte Organisation
+der Arbeiterinnen sich wird erm&ouml;glichen lassen? Das sind die
+Fragen, die uns zun&auml;chst aufsto&szlig;en. Die Geschichte der
+Gewerkschaftsbewegung hilft sie beantworten. Die Entwicklung zur
+Gro&szlig;industrie war die Grundlage, auf der die Organisationen
+der M&auml;nner entstehen und erstarken konnten. Die Frauen stehen
+aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den die
+M&auml;nner vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer
+wesentlich gro&szlig;industriellen zu gestalten, die Heimarbeit in
+jeder Form zu unterdr&uuml;cken, ist daher eine der wichtigsten
+Voraussetzungen zur Organisierung der Arbeiterinnen.</p>
+
+<p>Was aber ferner die m&auml;nnlichen Arbeiter antreibt, sich zur
+Erk&auml;mpfung besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen,
+ist der Umstand, da&szlig; ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer
+Existenz bildet, deren schlechtere oder bessere Gestaltung allein
+von ihm abh&auml;ngt. Will man die Frau organisationsf&auml;hig
+machen, so gilt es, ihre Selbst&auml;ndigkeit im Erwerbsleben
+sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu f&ouml;rdern.
+Unterdr&uuml;ckung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort,
+denn sie unterst&uuml;tzt die Unselbst&auml;ndigkeit, indem sie den
+Frauen erm&ouml;glicht, als Haust&ouml;chter und Hausfrauen einem
+Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere Leistungsf&auml;higkeit der
+Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer Organisierung. Da
+gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch ausreichende
+Vorbildung zu einer m&ouml;glichst vollkommenen zu gestalten,
+sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch
+zur&uuml;ckbleibende Differenz zwischen der ihrigen und der des
+Mannes m&ouml;glichst auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben
+dieser Schwierigkeit gegen&uuml;ber h&auml;ufig die Ansicht
+vertreten, da&szlig; f&uuml;r Frauen besondere Lohntarife
+aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege der
+Nur-Frauengewerkschaften f&uuml;hren w&uuml;rde. Annehmbarer schon
+erscheint die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach
+die Frauen die leichten Maschinen, die M&auml;nner die schweren zu
+bedienen h&auml;tten, und jede Konkurrenz dadurch im Keime erstickt
+w&uuml;rde. Es liegt aber zugleich eine Ungerechtigkeit in diesem
+Beschlu&szlig;, da die Arbeit an den leichten St&uuml;hlen geringer
+entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen sind, die
+&uuml;ber ausreichende Kr&auml;fte zur Bedienung der schweren
+verf&uuml;gen. Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire,
+die eine feste, f&uuml;r M&auml;nner und Frauen
+gleichm&auml;&szlig;ig g&uuml;ltige St&uuml;cklohnpreisliste
+aufstellten. Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst
+eine Sonderung der Geschlechter ein, indem die Frauen an den
+schmalen, die M&auml;nner an den breiten St&uuml;hlen arbeiteten.
+Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich aber nicht nach dem
+Geschlecht, sondern nach der St&auml;rke und der Geschicklichkeit;
+eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie ein schwacher
+Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.<a name=
+"FNanchor_880"></a><a href="#Footnote_880"><sup>880</sup></a> Die
+Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher
+die sch&auml;digende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst
+aufheben und den Eintritt der Frauen erm&ouml;glichen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, da&szlig;
+die gut bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten
+organisieren, w&auml;hrend die sozial tiefstehenden, geistig
+r&uuml;ckst&auml;ndigen diejenigen sind, die durch v&ouml;lligen
+Mangel an Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl vereinzelt bleiben und jeder
+f&uuml;r sich versuchen, dem H&ouml;herstehenden Schmutzkonkurrenz
+zu machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht
+entlohnten Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre
+dem&uuml;tig-stumpfsinnige Bed&uuml;rfnislosigkeit, die sie nicht
+weiter sehen l&auml;&szlig;t, als &uuml;ber den engen Horizont
+ihrer eigenen vier W&auml;nde und der Befriedigung des rein
+physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bek&auml;mpfen,
+geh&ouml;rt zu den weiteren wichtigen Aufgaben der
+gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber aufzukl&auml;ren,
+mu&szlig; zun&auml;chst die M&ouml;glichkeit gegeben sein,
+da&szlig; diese Aufkl&auml;rung sie &uuml;berhaupt erreicht, d.h.
+sie m&uuml;ssen Zeit haben, um Versammlungen zu besuchen, Zeitungen
+und B&uuml;cher zu lesen. Die Entlastung der erwerbsth&auml;tigen
+Frau von der h&auml;uslichen Arbeit, die Verk&uuml;rzung ihrer
+Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte
+Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in
+die Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber mu&szlig;
+auch die M&ouml;glichkeit dazu durch ein gesichertes
+Koalitionsrecht ihnen gegeben sein.</p>
+
+<p>Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter n&auml;chst
+dem der Gewerkschaft beschreiten k&ouml;nnen, ist der der
+Genossenschaft. In dem einen Fall ist die Erh&ouml;hung des
+Einkommens eines der wichtigsten Ziele, in dem anderen die
+billigere Beschaffung der Lebens- und Wirtschaftsbed&uuml;rfnisse.
+Unter den vielen Arten der Genossenschaften kommen f&uuml;r die
+Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in erster Linie in
+Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,&mdash;arme englische
+Weber,&mdash;die die Bahnbrecher der gro&szlig;en englischen
+Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie
+hervortretende, oder gar f&uuml;hrende Rolle haben die Frauen nicht
+darin gespielt, obwohl sie als Konsumenten, als Hausfrauen,
+wesentlich daran interessiert sein sollten. Erst 1883 wurde in
+England ein Verein weiblicher Genossenschafter gegr&uuml;ndet,
+dessen Zweige mit den Konsumvereinen in Verbindung stehen, und der
+lediglich den Zweck hat, die Frauen f&uuml;r die Genossenschaften
+zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine ins Leben
+zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo die
+Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine
+&auml;hnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur
+nichts dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den
+Genossenschaften selbst ist eine &auml;u&szlig;erst matte.
+Lassalles Ansicht, da&szlig; die Konsumvereine eine
+Lohnherabsetzung zur Folge haben w&uuml;rden, spukt, obwohl sie
+l&auml;ngst durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den
+K&ouml;pfen, vor allem aber zeigt sich auch hier, was wir bei der
+Gewerkschaftsbewegung gesehen haben, da&szlig; sozial tiefstehende,
+schlecht entlohnte Arbeiter f&uuml;r sie nicht zu haben sind, und
+da&szlig; deshalb die Frauen im gro&szlig;en und ganzen ihr fern
+bleiben und ihr verst&auml;ndnislos und mi&szlig;trauisch
+gegen&uuml;berstehen. Nur wo sie durch h&ouml;heren Lohn und
+k&uuml;rzere Arbeitszeit eine gewisse soziale H&ouml;he erreicht
+haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der Selbsthilfe
+zu beschreiten.</p>
+
+<p>Wir sehen also, da&szlig; zwei der wichtigsten Ziele der
+Organisierung zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie
+f&uuml;r die Frauen weit entscheidender ins Gewicht als f&uuml;r
+die M&auml;nner, weil die weibliche Arbeit noch im Anfangsstadium
+ihrer Entwicklung steht und durch tief eingreifende, mit dem
+m&uuml;tterlichen und dem h&auml;uslichen Beruf der Frau
+zusammenh&auml;ngende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann
+eine blo&szlig;e gewerkschaftliche Agitation und Aufkl&auml;rung
+bei den Frauen nicht ann&auml;hernd den Erfolg haben, wie bei den
+M&auml;nnern, es m&uuml;ssen ihr vielmehr gesetzliche Reformen
+vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von Lancashire
+waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und
+organisationsunf&auml;hig, wie heute die Mehrzahl der
+Arbeiterinnen. Erst nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde,
+auf schlechte Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den
+Gewerkschaften und Genossenschaften beizutreten.<a name=
+"FNanchor_881"></a><a href="#Footnote_881"><sup>881</sup></a></p>
+
+<p>Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die
+politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer
+Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre m&auml;nnlichen
+Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem
+praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der
+Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der b&uuml;rgerlichen
+Begriffswelt angeh&ouml;rt hatte und &uuml;berzeugt gewesen war,
+da&szlig; alle Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen
+Lebens von au&szlig;en willk&uuml;rlich gemacht werden, konnte er
+des Glaubens sein, da&szlig; die Frauenarbeit sich einfach wieder
+aus der Welt schaffen lie&szlig;e; dem modernen wissenschaftlichen
+Sozialismus, wie Marx und Engels ihn begr&uuml;ndeten, blieb es
+vorbehalten, die &ouml;konomischen Ursachen und Zusammenh&auml;nge
+alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, da&szlig; auch die
+Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden
+kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als
+mit einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum
+handelt, "die Stellung der Weiber als blo&szlig;er
+Produktionsinstrumente aufzuheben"<a name="FNanchor_882"></a><a
+href="#Footnote_882"><sup>882</sup></a>, d.h. sie ebenso wie den
+Arbeiter nicht von der Arbeit, sondern von der Lohnsklaverei zu
+befreien. Vom Standpunkt des Sozialismus aus haben die Frauen den
+Kampf um ihre Interessen nicht mehr als Geschlechtsgenossinnen zu
+f&uuml;hren, sondern als Genossinnen der unterdr&uuml;ckten und
+beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich solidarisch
+f&uuml;hlen m&uuml;ssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und
+Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung
+aufeinander angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des
+Geschlechts, ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest
+schlie&szlig;t: Proletarier aller L&auml;nder, vereinigt euch! Es
+war der erste klare Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die
+zwischen den Interessen der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und dem
+des Proletariats eine ungeheuere Kluft gegraben hat, es war aber
+auch die erste &ouml;ffentliche M&uuml;ndigkeitserkl&auml;rung der
+Frau, die durch Arbeit und Not m&uuml;ndig geworden war.</p>
+
+<p>In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller
+L&auml;nder nimmt die Emanzipation der Frau daher einen breiten
+Raum ein, und in den Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die
+Gesetze es zulassen, volle Gleichberechtigung einger&auml;umt
+worden. Sie haben Sitz und Stimme in den Kongressen, sie sind
+Mitglieder der Vorst&auml;nde, sie teilen sich mit den M&auml;nnern
+auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen
+weitgehenden Einflu&szlig; auf die Haltung der Partei gewonnen.</p>
+
+<p>Der deutschen Arbeiterinnenbewegung geb&uuml;hrt der Ruhm, sich
+zuerst und mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie
+angeschlossen zu haben. Da&szlig; es in so unzweideutiger Weise
+geschah, war nicht zum wenigsten den polizeilichen Verfolgungen und
+Vereinsaufl&ouml;sungen zu verdanken, die, wie wir gesehen haben,
+die ersten, zun&auml;chst rein wirtschaftlichen Bestrebungen der
+Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdr&uuml;cken suchten. Die Frauen
+sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten und
+selbst &ouml;ffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der
+allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre
+nat&uuml;rlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem
+Arbeiterkongre&szlig; in Eisenach, kam es zu einer l&auml;ngeren
+Er&ouml;rterung der Frauenarbeit, und die damals noch allgemein
+herrschende Feindschaft der M&auml;nner gegen die weiblichen
+Konkurrenten &auml;u&szlig;erte sich in einem Antrag, der die
+Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen
+wollte. Er wurde jedoch mit der Begr&uuml;ndung abgelehnt,
+da&szlig; das Ziel, das er im Auge habe, nicht erreicht werden
+k&ouml;nne, und jede Unterdr&uuml;ckung der Frauenarbeit die auf
+den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der Prostitution in
+die Arme treiben w&uuml;rde. Die gef&auml;hrliche Konkurrenz der
+Frauen aber lie&szlig;e sich beseitigen: durch ihre Organisation
+mit den M&auml;nnern, durch die Erweckung des
+Klassenbewu&szlig;tseins in ihnen und die Erhebung des Weibes zur
+gleichstehenden Genossin. Diesen Grunds&auml;tzen ist die Partei
+treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist wesentlich
+der Teilnahme der Frauen an ihrer Th&auml;tigkeit und ihrer
+Entwicklung zu verdanken.</p>
+
+<p>Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in v&ouml;lliger
+Unkenntnis der Handhabung der Gesetze ihnen gegen&uuml;ber sich
+ziemlich eng an die Partei anschlossen, entstanden Anfang der
+siebziger Jahre. Ihre Mitglieder waren zugleich die ersten Frauen
+Deutschlands, die sich 1874 an der Wahlbewegung durch
+unerm&uuml;dliche, opferfreudige Agitation beteiligten. Die
+Beh&ouml;rden beantworteten ihr Vorgehen mit der Aufl&ouml;sung
+s&auml;mtlicher Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre
+wachsende St&auml;rke auch ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten
+ausf&uuml;hrlichen Antrag zur Ab&auml;nderung der Gewerbeordnung,
+den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und der zur Hebung der Lage
+der Arbeiterinnen Beschr&auml;nkung der Arbeitszeit, Schutz der
+W&ouml;chnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der
+Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen
+Maschinen forderte.<a name="FNanchor_883"></a><a href=
+"#Footnote_883"><sup>883</sup></a> Die sozialdemokratischen Frauen
+erweiterten diese Vorschl&auml;ge, indem sie die zuerst von ihnen
+allein aufrecht erhaltene Forderung der Anstellung weiblicher
+Fabrikinspektoren erhoben. Die Reichstagsfraktion ihrer Partei
+machte sie zu der ihren und verlangte demgem&auml;&szlig; 1884 die
+Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht. Das Wahlrecht
+zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der
+Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen
+Gesetzentwurf zur Ab&auml;nderung der Gewerbeordnung dem Reichstag
+vorlegte, stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen
+gegen&uuml;ber, der f&uuml;r die Frauen das Wahlrecht zu den von
+ihr geplanten Arbeitskammern in Aussicht nahm. Nach der Ablehnung
+ihres Entwurfs beantragte sie noch in derselben Session, da&szlig;
+den Arbeiterinnen das aktive und das passive Wahlrecht zu den
+Gewerbegerichten zuerkannt werde.</p>
+
+<p>Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den
+sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu
+befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und
+der Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der
+Statistik wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der
+Frauenfrage mit der sozialen Frage dargestellt und bewiesen,
+da&szlig; erst die wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre
+Emanzipation vollenden k&ouml;nne. Die Wirkung dieses Buchs ging
+bald &uuml;ber Deutschlands Grenzen weit hinaus und hat nicht nur
+die Frauenfrage in ein neues Licht ger&uuml;ckt, sondern
+allm&auml;hlich die Ansichten &uuml;ber ihre L&ouml;sung von Grund
+aus umwandeln helfen.</p>
+
+<p>Die durch alle diese Einfl&uuml;sse immer mehr erstarkende
+Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie
+an dem politischen Vereinsleben der M&auml;nner infolge der
+gesetzlichen Beschr&auml;nkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden
+1891 allerorten sogenannte Agitationskommissionen gegr&uuml;ndet,
+deren Aufgabe es war, die Agitation unter dem weiblichen
+Proletariat zu einer einheitlichen und planm&auml;&szlig;igen zu
+gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre der Bewegung
+ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde und
+sp&auml;ter unter dem Titel "Die Gleichheit" in die H&auml;nde von
+Frau Klara Zetkin &uuml;berging. Der steigende Einflu&szlig; der
+Frauen dr&uuml;ckte sich in den Beschl&uuml;ssen des Erfurter
+Parteitags aus. In dem Programm, das er aufstellte, und das bis
+jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist, wurde die
+Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen
+f&uuml;r den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung
+aller Gesetze, welche die Frau in &ouml;ffentlich-und
+privatrechtlicher Beziehung gegen&uuml;ber dem Manne benachteiligen
+und die freie Meinungs&auml;u&szlig;erung und das Recht der
+Vereinigung und Versammlung einschr&auml;nken oder
+unterdr&uuml;cken, der rechtlichen Gleichstellung der
+landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den
+gewerblichen Arbeitern, der Abschaffung der Gesindeordnungen.
+Gleichsam ein Echo dieser Beschl&uuml;sse war es, wenn im selben
+Jahre seitens der Beh&ouml;rden eine wahre Razzia unter den neu
+entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in Frankfurt
+und in Halle wurden sie zuerst aufgel&ouml;st. Das war jedoch nur
+ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die
+Arbeiterinnenbewegung, die ganz dazu angethan war,
+revolutionierende Ideen bis in den Scho&szlig; der Familie zu
+tragen, war den Beh&ouml;rden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die
+Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegen&uuml;ber
+Stellung nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die
+unter dem Zeichen der Milit&auml;rvorlage standen, eine fast
+fieberhafte Th&auml;tigkeit entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein
+erschien ihnen verd&auml;chtig, am verd&auml;chtigsten aber die
+Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie und s&auml;mtliche
+Vereine aufgel&ouml;st, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt und
+bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine &uuml;ber
+ganz Deutschland sich erstreckende Agitation f&uuml;r die Reform
+des Vereins- und Versammlungsrechts, das f&uuml;r die Frauen,
+soweit sie sozialistischer Gesinnung verd&auml;chtig sind, nichts
+als ein gro&szlig;es Unrecht ist. Die politischen Vertreter der
+Partei waren auch jetzt die Vertreter der Arbeiterinnen, indem sie
+im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit f&uuml;r die Frauen
+forderten.</p>
+
+<p>Um die Arbeiterinnenbewegung nicht v&ouml;llig dem Zufall zu
+&uuml;berlassen, kam man nach der Vernichtung der
+Agitationskommissionen zu dem Ausweg, weibliche Vertrauenspersonen
+zu w&auml;hlen, die nunmehr die Leitung und das systematische
+Vorgehen bei der Agitation in H&auml;nden haben. Es stehen ihnen
+eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der
+Arbeiterinnen selbst zur Verf&uuml;gung, die mit gro&szlig;er
+Ausdauer fast st&auml;ndig auf Reisen sind, um bis in die fernsten
+und kleinsten Winkel des Reichs die Ideen des Sozialismus zu
+tragen. Der im Kampf ums Dasein abgeh&auml;rtete K&ouml;rper, der
+von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung f&uuml;r ihre
+Sache erf&uuml;llte Geist hebt sie &uuml;ber alle Chikanen und
+Verfolgungen der Beh&ouml;rden, &uuml;ber alle Geh&auml;ssigkeit
+und alle Verachtung der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft hinweg.
+Weniger als fr&uuml;her haben ihre Reden allgemeine politische
+Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, da&szlig; es
+gilt, alle Kr&auml;fte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn
+etwas erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899
+und der zu Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben.
+Die Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als n&auml;chste Aufgabe
+den Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover
+aufgestellten Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden<a
+name="FNanchor_884"></a><a href=
+"#Footnote_884"><sup>884</sup></a>:</p>
+
+<p>1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit f&uuml;r Frauen. 2) Verbot
+der Verwendung von Frauen bei allen Besch&auml;ftigungsarten,
+welche dem weiblichen Organismus besonders sch&auml;dlich sind. 3)
+Einf&uuml;hrung des gesetzlichen Achtstundentages f&uuml;r die
+Arbeiterinnen. 4) Freigabe des Sonnabendnachmittags f&uuml;r die
+Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der Schutzbestimmungen f&uuml;r
+Schwangere und W&ouml;chnerinnen auf mindestens einen Monat vor und
+zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der
+Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines
+&auml;rztlichen Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen
+Schutzbestimmungen auf die Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher
+Fabrikinspektoren. 8) Sicherung v&ouml;lliger Koalitionsfreiheit
+f&uuml;r die Arbeiterinnen. 9) Aktives und passives Wahlrecht der
+Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten.</p>
+
+<p>In der Frauenkonferenz, die im Anschlu&szlig; an den Mainzer
+Parteitag stattfand, wurde diesen Beschl&uuml;ssen noch der
+hinzugef&uuml;gt, neben der m&uuml;ndlichen, auch eine schriftliche
+Agitation f&uuml;r den Arbeiterinnenschutz durch Flugbl&auml;tter
+und Brosch&uuml;ren zu entfalten. In derselben Versammlung wurde
+das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine
+Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch
+Bestimmungen &uuml;ber die Art ihrer Th&auml;tigkeit noch
+einheitlicher ausgebaut und der wichtige Beschlu&szlig;
+gefa&szlig;t, da&szlig; &uuml;berall dort, wo die Vereinsgesetze
+dem nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den
+Organen der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen
+hinzuzuziehen sind.<a name="FNanchor_885"></a><a href=
+"#Footnote_885"><sup>885</sup></a></p>
+
+<p>Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung, so l&auml;&szlig;t sich eine
+zahlenm&auml;&szlig;ige Antwort, wie bei der Er&ouml;rterung ihrer
+gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann weder die ihren
+Ideen gewonnenen Frauen z&auml;hlen, wie die b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die
+m&auml;nnlichen Genossen durch die bei der Reichstagwahl
+abgegebenen Stimmen. Der einzig richtige Ma&szlig;stab, an dem sie
+gemessen werden k&ouml;nnen, ist die Gesetzgebung und die
+&ouml;ffentliche Meinung. Dabei sei zun&auml;chst an folgende
+Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der
+Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den N&auml;hgarnzoll; die
+Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die
+Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zust&auml;nde
+in der Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur
+Versch&auml;rfung der Truckgesetze f&uuml;hrte. Wenige Jahre
+sp&auml;ter leiteten Berliner Sozialdemokratinnen die erste
+Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine Entsetzen &uuml;ber das was
+sie zu Tage f&ouml;rderte, f&uuml;hrte zu der sich durch Jahre
+hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die
+Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur
+Beratung stehenden Vorschl&auml;gen f&uuml;r eine
+Schutzgesetzgebung. Der gro&szlig;e Konfektionsarbeiterstreik 1896,
+der die b&uuml;rgerliche Gesellschaft zwang, in Tiefen des Elends
+einen Blick zu thun, &uuml;ber die sie bisher achtlos
+fortgeschritten war, n&ouml;tigte abermals zu eingehenden
+Untersuchungen und zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der
+Hausindustrie. Aber mehr noch: da die Arbeiterinnenbewegung
+Deutschlands durchaus identisch ist mit der Arbeiterbewegung und
+ihr Einflu&szlig; auf die Haltung der sozialdemokratischen Partei
+unverkennbar ist, so sind die Fortschritte gesetzlichen
+Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein m&ouml;gen, mit ein
+Erfolg ihrer agitatorischen Th&auml;tigkeit. Die Antr&auml;ge, die
+die Fraktion 1877 nach dieser Richtung stellte und die mit
+&uuml;berw&auml;ltigender Majorit&auml;t abgelehnt wurden,
+erschienen 13 Jahre sp&auml;ter zum gro&szlig;en Teil in der
+Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn F&uuml;rst
+Bismarck gesagt hat, da&szlig; wir ohne die Sozialdemokratie auch
+das bi&szlig;chen Sozialreform nicht h&auml;tten, was wir besitzen,
+so k&ouml;nnen wir hinzuf&uuml;gen, da&szlig; wir einen Teil von
+ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht haben w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie
+der Lage der Arbeiterinnen gegen&uuml;berstellen: sie erscheinen
+nicht viel anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer
+eines ungeheuren dunklen Schlosses. Und vergegenw&auml;rtigen wir
+uns weiter, welch eine Macht die Millionen proletarischer
+Arbeiterinnen aus&uuml;ben k&ouml;nnten, wie sie im stande
+w&auml;ren, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages
+zu tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen
+st&uuml;nden,&mdash;so erkennen wir, da&szlig; wir &uuml;berhaupt
+erst am Anfang der Bewegung stehen, und es dr&auml;ngt sich uns die
+Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um vorw&auml;rts zu
+kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art.
+Betrachten wir zun&auml;chst die negativen.</p>
+
+<p>Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die
+Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im
+b&uuml;rgerlichen Sinne annimmt. Soweit sie eine selbst&auml;ndige
+Existenz neben der Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der
+Entwicklung der Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in
+der b&uuml;rgerlichen Welt, sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie
+vielfach durch die rechtliche Stellung, besonders der deutschen
+Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter Zwang nicht vorliegt, ist
+jede Nur-Frauenorganisation in der Arbeiterinnenbewegung vom Uebel.
+Dahin geh&ouml;ren z.B. die vielen in Deutschland und Oesterreich
+entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine, dahin geh&ouml;ren die
+selbst&auml;ndigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie in
+Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin geh&ouml;ren vor
+allem die Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von
+den radikalen franz&ouml;sischen Frauenrechtlerinnen angestrebt
+werden. Eine sich ihrer Grundlagen und ihrer Ziele klar
+bewu&szlig;te Arbeiterinnenbewegung hat diese Art der Organisierung
+nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften um
+ausschlie&szlig;liche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um
+solche Orte handelt, wo &uuml;berhaupt gar kein anderer, den
+Arbeiterinnen zug&auml;nglicher Verein besteht. Grunds&auml;tzlich
+aber sollte sie sich ihnen gegen&uuml;ber stets ablehnend
+verhalten, denn sie k&ouml;nnen am letzten Ende nur verwirrend
+wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt gro&szlig; ziehen,
+der das Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl zwischen Arbeiter und
+Arbeiterin, die wichtigste Voraussetzung f&uuml;r einen
+erfolgreichen Kampf des Proletariats, nicht aufkommen
+l&auml;&szlig;t. Die selbstverst&auml;ndliche Konsequenz dieses
+Standpunktes ist nat&uuml;rlich auch die Ablehnung jeder
+gemeinsamen Arbeit mit der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung.
+Darunter verstehe ich den Eintritt in oder den Zusammenschlu&szlig;
+mit b&uuml;rgerlichen Frauenvereinen einerseits, oder die Zulassung
+b&uuml;rgerlicher Frauenrechtler in Arbeiterinnenvereine
+andererseits. Wie reaktion&auml;r beides wirkt, daf&uuml;r liefert
+England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von Damen
+der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs,
+Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen
+f&uuml;r die politische R&uuml;ckst&auml;ndigkeit der englischen
+Arbeiterinnen, ebenso wie die Einmischung der franz&ouml;sischen
+Frauenrechtler in die Arbeiterinnenbewegung fast einer
+Zerst&ouml;rung gleichkommt. V&ouml;llig abzulehnen ist daher auch
+die Th&auml;tigkeit b&uuml;rgerlicher Frauen in Gewerkschaften, die
+man vielfach selbst in Arbeiterkreisen f&uuml;r unbedenklich
+h&auml;lt. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die
+deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt.
+Aber weder deren Feindseligkeit gegen&uuml;ber den
+sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie sich bei Gelegenheit
+der Gr&uuml;ndung des Bundes deutscher Frauenvereine dokumentierte,
+noch ihre Gleichg&uuml;ltigkeit, die am drastischsten in dem
+Aufl&ouml;sungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die
+behauptete Solidarit&auml;t mit den "&auml;rmeren Schwestern" in
+der Form energischer Proteste einmal durch die That zu beweisen,
+bot die Veranlassung dazu, sondern vielmehr die klare Erkenntnis
+der v&ouml;lligen Differenz der beiden Bewegungen zu Grunde
+liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit ihrer
+Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.<a name=
+"FNanchor_886"></a><a href="#Footnote_886"><sup>886</sup></a> Diese
+Differenz fand in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen
+Resolution ihren pr&auml;gnanten Ausdruck, in der es unter anderem
+hei&szlig;t<a name="FNanchor_887"></a><a href=
+"#Footnote_887"><sup>887</sup></a>:</p>
+
+<p>"Als K&auml;mpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin
+ebenso der rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem
+Manne, als die Klein- und Mittelb&uuml;rgerin und die Frau der
+b&uuml;rgerlichen Intelligenz. Als selbst&auml;ndige Arbeiterin
+bedarf sie ebenso der freien Verf&uuml;gung &uuml;ber ihr Einkommen
+(Lohn) und ihre Person als die Frau der gro&szlig;en Bourgeoisie.
+Aber trotz aller Ber&uuml;hrungspunkte in rechtlichen und
+politischen Reformforderungen hat die Proletarierin in den
+entscheidenden &ouml;konomischen Interessen nichts Gemeinsames mit
+den Frauen der anderen Klassen. Die Emanzipation der proletarischen
+Frau kann deshalb nicht das Werk sein der Frauen aller Klassen,
+sondern ist allein das Werk des gesamten Proletariats ohne
+Unterschied des Geschlechts."</p>
+
+<p>Kommen wir nun, im Anschlu&szlig; hieran, zu den positiven
+Mitteln, deren sich die Arbeiterinnenbewegung bedienen mu&szlig;,
+so ist eines der wichtigsten, die Ausbreitung ihrer
+propagandistischen Th&auml;tigkeit &uuml;ber alle Kreise weiblicher
+Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung
+befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zun&auml;chst
+in sich zu konsolidieren, sich &uuml;ber die eigenen Zwecke und
+Ziele klar zu werden, jede Ber&uuml;hrung mit einem fremden Element
+unbedingt auszuschlie&szlig;en. Die sozialdemokratische Partei ist
+nicht anders verfahren und der Erfolg beweist, da&szlig; ein Zuviel
+nach dieser Richtung immer besser ist als ein Zuwenig. Es ist wie
+mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen ihn erst dann,
+wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt erscheint,
+da&szlig; man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen
+lassen zu k&ouml;nnen, ohne f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen, da&szlig;
+sie ihn zu Grunde richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die
+Kinderschuhe ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr
+ver&auml;ndern, wohl aber vermag sie es anderen aufzupr&auml;gen;
+sie steht fest auf eigenen F&uuml;&szlig;en, sie bedarf keiner
+Hilfe Au&szlig;enstehender, um vorw&auml;rts zu kommen. Aus diesem
+Gef&uuml;hl ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren
+Einflu&szlig; &uuml;berall, wo die Wege dazu offen stehen, zur
+Geltung zu bringen suchen. Auch in der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer Hilfe
+bed&uuml;rften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung
+erreicht hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht
+genug, gro&szlig;e Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu
+ziehen, sie hat Bedeutung genug, sich im &ouml;ffentlichen Leben
+Einflu&szlig; zu verschaffen. Es ist eine Unterlassungss&uuml;nde,
+die sich schon ger&auml;cht hat, und ein Mangel an Selbstvertrauen,
+wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit
+vor&uuml;bergehen l&auml;&szlig;t, wo sie dem Sozialismus einen
+Fu&szlig; breit Erde gewinnen kann, wenn sie f&uuml;r sie nicht
+Propaganda macht f&uuml;r die Vereinigung auch derjenigen
+Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen Lohnarbeiterinnen
+fast alle, im Banne b&uuml;rgerlicher Anschauungsweise stehen, wenn
+sie die Macht, die sie besitzt, nicht aus&uuml;bt. Diese
+Beeinflussung der Glieder der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung
+steht durchaus nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit
+mit ihr, denn es handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und
+Einreihen. Ein Beispiel illustriere das Gesagte: Der gro&szlig;e
+liberale Frauenverband Englands, der schroffste Gegner jedes
+gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit kurzem eine
+merkw&uuml;rdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes
+durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen
+&uuml;berzeugten Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den
+Versammlungen des Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte.
+Kein Frauenkongre&szlig;, keine die Interessen der Arbeiterinnen
+ber&uuml;hrende Versammlung sollte vor&uuml;bergehen, ohne
+da&szlig; der sozialistische Standpunkt propagiert worden
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von
+ihr, der die Frauen umfa&szlig;t, ist wie ein junger Riese, der
+sich seiner Kr&auml;fte nicht recht bewu&szlig;t ist und die
+m&auml;chtigen Glieder noch nicht vollkommen zu beherrschen
+wei&szlig;. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um sich
+dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle
+diejenigen, die marsch- und kampff&auml;hig sind, in seine
+Gefolgschaft zu zwingen.</p>
+
+<p>Aber der Beth&auml;tigungskreis der Arbeiterinnenbewegung
+m&uuml;&szlig;te sich auch noch in anderer Richtung entwickeln: in
+der genossenschaftlichen n&auml;mlich. Sie m&uuml;&szlig;te bei den
+Frauen das Interesse f&uuml;r die Konsumgenossenschaften zu
+erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer Lage bedeutet einen
+Schritt n&auml;her zur gewerkschaftlichen Organisation und zur
+politischen Aufkl&auml;rung. Und ebenso wie billigere und bessere
+Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie
+die Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer
+Lage. Von nicht zu untersch&auml;tzender Bedeutung ist dabei der
+erzieherische Einflu&szlig; der Genossenschaften: sie f&ouml;rdern
+die Solidarit&auml;t und das Klassenbewu&szlig;tsein, weil sie sich
+selbstbewu&szlig;t dem kapitalistischen Unternehmertum
+gegen&uuml;berstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur
+Gesch&auml;ftskenntnisse, sie machen sie auch f&auml;hig zur
+Leitung gesch&auml;ftlicher Unternehmungen,&mdash;eine Erziehung,
+die sich in der Zukunft als au&szlig;erordentlich wichtig erweisen
+d&uuml;rfte. Neben die sehr vernachl&auml;ssigte Propaganda
+f&uuml;r die bestehenden, sollte jedoch auch noch die f&uuml;r eine
+neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den Frauen zu
+Gute kommen.</p>
+
+<p>Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen,
+wie bei der Er&ouml;rterung der Organisationsschwierigkeiten im
+Hinblick auf die Frauen haben wir gesehen, da&szlig; die doppelte
+Arbeitslast,&mdash;die Hausarbeit neben der
+Erwerbsarbeit,&mdash;sie besonders sch&auml;digt und ihren
+Fortschritt hemmt. Es m&uuml;&szlig;ten daher Mittel und Wege
+gefunden werden, um sie von der Hauswirtschaft m&ouml;glichst zu
+befreien. In der genossenschaftlichen Hauswirtschaft, wie ich sie
+bereits als eines der Mittel schilderte, um die Erwerbsarbeit der
+b&uuml;rgerlichen Frauen zu erm&ouml;glichen, glaube ich es auch
+f&uuml;r die Proletarierinnen gefunden zu haben.<a name=
+"FNanchor_888"></a><a href="#Footnote_888"><sup>888</sup></a> Die
+Grundidee, die Frauen zu entlasten, die Kosten f&uuml;r die
+Hauswirtschaft durch den Ersatz der verschwenderischen
+Kleinbetriebe durch Gro&szlig;betriebe zu verringern, die
+Lebenshaltung durch bessere, weil verst&auml;ndiger zubereitete
+Nahrung zu erh&ouml;hen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und
+hat verschiedene Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum
+Teil in der von mir vertretenen Weise der Verwirklichung
+entgegengef&uuml;hrt<a name="FNanchor_889"></a><a href=
+"#Footnote_889"><sup>889</sup></a>, zum Teil versucht man, die
+Frauen dadurch zu entlasten, da&szlig; m&ouml;glichst alle Speisen
+au&szlig;er dem Hause vorbereitet und geliefert werden.<a name=
+"FNanchor_890"></a><a href="#Footnote_890"><sup>890</sup></a> In
+England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche
+Verteilungsk&uuml;chen zu gr&uuml;nden, die die fertigen Mahlzeiten
+ins Haus liefern, und in Frankreich entstehen
+Arbeitergenossenschaften, die Restaurants ins Leben rufen, aus
+denen das Essen auch nach Hause geholt werden kann. Jedenfalls
+liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung, wenn an die Stelle
+des innerlich schon &uuml;berwundenen Einzelhaushalts der
+genossenschaftliche Haushalt tritt, und es geh&ouml;rt um so mehr
+zur Aufgabe der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche
+Gem&auml;uer vollends umzusto&szlig;en, wenn Frauen in Gefahr
+kommen, darin zu Grunde zu gehen.<a name="FNanchor_891"></a><a
+href="#Footnote_891"><sup>891</sup></a></p>
+
+<p>Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung,
+ohne die alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine
+immer festere Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu
+suchen, die Proletarierinnen politisch aufzukl&auml;ren und ihr
+zuzuf&uuml;hren. Die Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz
+richtig:</p>
+
+<p>"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne
+ihrer Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese
+Gleichstellung bedeutet, da&szlig; sie, wie der Proletarier, nur
+h&auml;rter als er, vom Kapitalisten ausgebeutet wird. Der
+Emanzipationskampf der Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf
+gegen die M&auml;nner der eigenen Klasse, sondern ein Kampf im
+Verein mit den M&auml;nnern ihrer Klasse gegen die
+Kapitalistenklasse. Das n&auml;chste Ziel dieses Kampfes ist die
+Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein
+Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke
+der Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeif&uuml;hrung
+der sozialistischen Gesellschaft."</p>
+
+<p>Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch
+nicht in Fleisch und Blut &uuml;bergegangen ist, auch die
+M&auml;nner stehen ihr zum Teil gleichg&uuml;ltig gegen&uuml;ber.
+Mag die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in der
+gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung noch so
+allgemein und offiziell anerkannt sein, m&ouml;gen die
+Parteiprogramme aller L&auml;nder sich noch so feierlich zu ihr
+bekennen, in sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die
+Frauenfrage noch der alte reaktion&auml;re Philister. In einer
+Variation des Napoleonischen Ausspruchs hei&szlig;t es bei ihnen:
+<i>Tout pour la femme, mais rien avec elle</i>,&mdash;wir wollen
+der Frau alle Rechte erk&auml;mpfen, aber wir wollen nicht,
+da&szlig; sie mit uns k&auml;mpft. Die Zunahme der weiblichen
+Arbeiter hat diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark
+ersch&uuml;ttert, denn die Organisierung der Frauen wird mehr und
+mehr zu einer Lebensbedingung f&uuml;r sie: die unorganisierten
+Arbeiterinnen verm&ouml;gen den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen
+zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen Bewegung aber
+liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die
+gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der
+Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die
+Bewegung zu Gunsten der B&uuml;rgerrechte der Frau an Boden
+gewinnt,&mdash;und sie hat in Amerika, in Australien und in England
+bereits gro&szlig;e Siege zu verzeichnen&mdash;desto dringender
+wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht politisch
+aufzukl&auml;ren und zu erziehen, denn es k&ouml;nnen einmal die
+Stimmen der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle
+Errungenschaften eines jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den
+Fortschritt hemmen, wie das Eis im Winter die Wellen des Stromes.
+Aber noch ein anderes kommt hinzu: das Weib ist die Mutter derer,
+in deren H&auml;nden die k&uuml;nftigen Geschicke der Menschheit
+ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was sie ihnen
+aufpr&auml;gte, ist fast unzerst&ouml;rbar. Gewinnt der Sozialismus
+die Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die
+Arbeiterinnenbewegung zu f&ouml;rdern, sie immer enger an sich zu
+schlie&szlig;en, die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht,
+&uuml;berall in die That zu &uuml;bersetzen, ist daher nichts, was
+von den Sozialisten gefordert wird, wie man etwa einst von den
+Rittern den Frauendienst forderte, es geh&ouml;rt vielmehr zu den
+Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im Interesse ihrer
+selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die Arbeiterinnenbewegung
+gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr vollkommenes Aufgehen
+in der Arbeiterbewegung gestatten.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"8_Die_burgerliche_Frauenbewegung_in_ihrer_Stellung_zur" />8. Die
+b&uuml;rgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur
+Arbeiterinnenfrage.</h2>
+
+<p>W&auml;hrend die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren
+einheitlichen Klassengef&uuml;hl getragen und bestimmt war, ist das
+Verhalten der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung gegen&uuml;ber der
+Arbeiterinnenfrage ein unklares und zwiesp&auml;ltiges. In der
+Vergangenheit &uuml;berwiegt das philanthropische Moment jedes
+andere, und der kindliche Glaube beherrscht die Frauen, da&szlig;
+Wohlth&auml;tigkeit, Armenpflege und allseitiger guter Wille die
+Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen. Dieser
+durch Religion und Sitte in den Frauen gro&szlig; gezogene
+Gef&uuml;hlsstandpunkt und seine Beth&auml;tigung haben, so
+sch&ouml;n sie vielfach erscheinen m&ouml;gen, die traurigsten
+Folgen gehabt: sie haben sowohl auf seiten der Wohlth&auml;ter, wie
+auf der ihrer Sch&uuml;tzlinge die Empfindung f&uuml;r
+Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle
+setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, da&szlig;
+Wohlth&auml;tigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute
+vielfach f&uuml;r identisch gehalten werden. Sie haben das
+Verst&auml;ndnis daf&uuml;r unterdr&uuml;ckt, da&szlig; jeder
+arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat und es
+zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Kr&auml;nkung
+f&uuml;gen hei&szlig;t, wenn man ihn, in welcher Form immer, mit
+Almosen abspeisen will. Sie haben die Entwicklung zu tieferer
+Erkenntnis der sozialen Probleme vielfach aufgehalten und nur die
+eine fruchtbringende Folge gezeitigt, da&szlig; den Frauen der
+Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte Begriffe
+blieben.</p>
+
+<p>In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische
+Frauen an der Armenpflege. Und ihrer unerm&uuml;dlichen Agitation
+ist ihre Reorganisation und die gro&szlig;e Rolle, die die Frauen
+in ihr spielen, zu verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule
+f&uuml;r soziale Arbeit. Den meisten Bestrebungen, die mit diesem
+Namen bezeichnet werden k&ouml;nnen, klebt allerdings bis heute die
+Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind immer noch Wohlthaten, die
+von selten der Beg&uuml;terten den Armen freiwillig gespendet
+werden. Hierher geh&ouml;ren z.B. die Speiseh&auml;user und
+Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie
+gegr&uuml;ndeten und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den
+Alleinstehenden ein Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind
+zweifellos von gr&ouml;&szlig;tem Nutzen f&uuml;r sie, aber ebenso
+zweifellos ist es, da&szlig; sie ein gewisses Abh&auml;ngigkeits-
+und Unterth&auml;nigkeitsgef&uuml;hl befestigen oder
+gro&szlig;ziehen, das das Klassenbewu&szlig;tsein der Arbeiterin
+unterdr&uuml;ckt und ihren Befreiungskampf aufh&auml;lt. In viel
+h&ouml;herem Ma&szlig;e gilt das noch f&uuml;r die vielen in allen
+Kulturl&auml;ndern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen
+gegr&uuml;ndeten und erhaltenen M&auml;dchen- und
+Arbeiterinnenheime, die f&uuml;r wenig Geld Wohnung und Nahrung
+bieten, die geistige und physische Freiheit der Bewohner aber in
+jeder Weise beschr&auml;nken. Nur wenige unabh&auml;ngige Heime, so
+z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs nachgeahmt ist
+und die Selbst&auml;ndigkeit der Arbeiterin m&ouml;glichst zu
+wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die
+Settlements, jene Niederlassungen b&uuml;rgerlicher M&auml;nner und
+Frauen inmitten der Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in
+betr&auml;chtlicher Zahl aufweist, stehen schon eine Stufe
+h&ouml;her, weil diejenigen, die ihr Geld, ihre Zeit und ihre Kraft
+den Proletariern zur Verf&uuml;gung stellen, auch mit ihnen leben,
+wodurch die Stellung des Wohlth&auml;ters gegen&uuml;ber dem
+Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird,
+erniedrigt den Empf&auml;nger nicht: es ist Teilnahme, Rat,
+Bildung. Die zahlreichen Vereine zum Schutz junger M&auml;dchen,
+die Stellenvermittlungen und Rechtsbeist&auml;nde geh&ouml;ren
+hierher. Auch jener erste deutsche Arbeiterinnenverein, den Luise
+Otto-Peters in Berlin 1869 gr&uuml;ndete<a name=
+"FNanchor_892"></a><a href="#Footnote_892"><sup>892</sup></a>,
+lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und
+belehrende Vortr&auml;ge auf eine h&ouml;here geistige Stufe zu
+heben, und die versuchte Einf&uuml;hrung des unentgeltlichen
+Rechtsschutzes f&uuml;r Arbeiterinnen durch den Allgemeinen
+deutschen Frauenverein in den achtziger Jahren<a name=
+"FNanchor_893"></a><a href="#Footnote_893"><sup>893</sup></a>
+k&ouml;nnen in das Gebiet sozialer Hilfsth&auml;tigkeit,&mdash;wie
+man die Erweiterung oder Wohlth&auml;tigkeit mit Recht
+benennt,&mdash;gerechnet werden.<a name="FNanchor_894"></a><a href=
+"#Footnote_894"><sup>894</sup></a> In dieselbe Kategorie
+geh&ouml;rt die Universit&auml;ts-Ausdehnungs-Bewegung, die in
+England ihren Ausgang nahm und sich in Amerika, Frankreich,
+Oesterreich, Deutschland, D&auml;nemark, Finland mit mehr oder
+weniger Erfolg ausbreitete, geh&ouml;ren die d&auml;nischen
+Volkshochschulen, die der vernachl&auml;ssigten
+Landbev&ouml;lkerung Bildung zutragen, geh&ouml;rt die aufopfernde
+Th&auml;tigkeit der russischen Lehrerinnen, die die Fackel der
+Aufkl&auml;rung in das Dunkel geistigen und physischen Elends
+tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie die
+Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst &uuml;berwinden
+konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die
+geistigen Almosen&mdash;eben nur Almosen! Das Gebotene ist
+St&uuml;ckwerk und mu&szlig; St&uuml;ckwerk bleiben; es vermittelt
+einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt, um sie
+untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und
+befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es
+immer nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und
+Ausgebeutetsten,&mdash;dazu geh&ouml;ren, wie wir wissen, die Masse
+der Arbeiterinnen,&mdash;nicht die Zeit und die physischen und
+geistigen Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher
+Gaben n&ouml;tig sind. Der Bankerotterkl&auml;rung,&mdash;d.h. dem
+Eingest&auml;ndnis der Unf&auml;higkeit, die Masse der Proletarier
+in nennenswerter Weise aus materieller und geistiger Not zu
+befreien,&mdash;der materiellen Wohlth&auml;tigkeit wird daher die
+der ideellen folgen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren
+zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser
+Untersuchung sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun
+haben und nur insofern f&uuml;r uns von Interesse sind, als sie die
+Stellung der b&uuml;rgerlichen Frauen gegen&uuml;ber der
+Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist aber auch die
+selbst&auml;ndige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los ihrer
+"&auml;rmeren Schwestern",&mdash;wie sie mit so viel sentimentalem
+Pathos zu sagen pflegen,&mdash;fast ersch&ouml;pft. Sobald das
+Gebiet der Wohlth&auml;tigkeit im weiteren Sinn verlassen und das
+des Rechts betreten wurde, lehnten sich die Frauen der Bourgeoisie
+teils an eine der politischen Parteien und deren Anschauungsweisen
+an, teils &uuml;bertrugen sie, rein mechanisch, in naiver
+Unkenntnis der thats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse, die Theorien
+der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung auf die
+Arbeiterinnenfrage.</p>
+
+<p>So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden
+Einflu&szlig; jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur
+immer eine schwache Kopie gesehen haben, dessen die
+&ouml;ffentliche Meinung beherrschende Stellung aber um so
+st&auml;rker auf die Frauen wirkte, als ihre Interessen schon seit
+langem im wesentlichen politische waren. Sein Einflu&szlig;
+bestimmte auch ihre Stellung gegen&uuml;ber der Arbeiterinnenfrage.
+Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem
+frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der
+Geschlechter beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen:
+infolgedessen k&auml;mpften sie mit einer Heftigkeit, die jetzt
+erst nachzulassen beginnt, gegen jede gesetzliche Beschr&auml;nkung
+der Frauenarbeit. Was f&uuml;r die b&uuml;rgerlichen Frauen vollste
+Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann sich erst
+erringen mu&szlig;ten, das sollte auch f&uuml;r die
+Proletarierinnen gelten, die l&auml;ngst schon Seite an Seite mit
+den m&auml;nnlichen Arbeitsgenossen sich k&ouml;rperlich und
+geistig zu Grunde richteten. Die liberalen Frauen gingen dabei von
+der Ansicht aus, da&szlig; jede gesetzliche Verk&uuml;rzung der
+Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein Anwendung
+findet, jeder Ausschlu&szlig; der Frauen aus bestimmten
+Arbeitszweigen die Arbeitsm&ouml;glichkeit f&uuml;r sie
+beschr&auml;nkt und sie den M&auml;nnern gegen&uuml;ber
+benachteiligt. In naivem Unverst&auml;ndnis f&uuml;r die
+thats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse, befangen durch abstrakte
+Theorien, zogen sie im Namen der pers&ouml;nlichen Freiheit die
+Ausbeutung der Arbeiterin dem gesetzlichen Schutze vor. Ihre
+Ansichten gewannen um so gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung, seit sie
+offiziell durch die Women's Liberal Federation vertreten wurden,
+die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet, und &uuml;ber
+100000 Mitglieder z&auml;hlt. Im Jahre 1893 erhob die
+Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den
+gesetzlichen Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines
+v&ouml;llig gleichen Schutzes f&uuml;r M&auml;nner und Frauen zum
+Beschlu&szlig;,&mdash;ein Beweis, wie die Idee der rein
+mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die K&ouml;pfe
+verwirrt hatte. Als die Regierung dann 1895 dem Parlament
+Ab&auml;nderungen des Fabrikgesetzes und Zus&auml;tze dazu
+vorlegte, die eine Erweiterung des Arbeiterinnenschutzes zum Ziele
+hatten, entfaltete der Verband eine fieberhafte Agitation dagegen,
+die selbst davor nicht zur&uuml;ckscheute, die Ausdehnung der
+Schutzzeit f&uuml;r Schwangere und W&ouml;chnerinnen zu
+bek&auml;mpfen, und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der
+Arbeiterinnen im besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im
+allgemeinen Stellung nahm.<a name="FNanchor_895"></a><a href=
+"#Footnote_895"><sup>895</sup></a> Die Gegner der
+Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem Vorgehen einen starken
+R&uuml;ckhalt, und es gelang den vereinten Kr&auml;ften der Frauen,
+die f&uuml;r Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der
+M&auml;nner, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten,
+eine Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen,
+wohl aber bedeutend abzuschw&auml;chen. Indessen ist nach und nach
+ein leiser Umschwung in den Ansichten des Verbandes eingetreten,
+der dadurch zum Ausdruck kam, da&szlig; er in seiner
+Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals gegen jeden
+besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit einer
+schwachen Majorit&auml;t von 33 Stimmen. Seitdem verficht die
+Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten
+frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu
+st&uuml;tzen, da&szlig; sie alle diejenigen F&auml;lle ihren Lesern
+vorf&uuml;hrt, aus denen hervorgeht, da&szlig; der gesetzliche
+Arbeiterinnenschutz auf die Erwerbsverh&auml;ltnisse nachteilig
+gewirkt hat. Da&szlig; solche F&auml;lle in Zeiten des Uebergangs
+zahlreich sind, da&szlig; es Arbeiterinnen infolge der
+Beschr&auml;nkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder
+gar des Ausschlusses aus bestimmten gesundheitssch&auml;dlichen
+Berufen schwer f&auml;llt, neue Stellungen sich zu verschaffen, ist
+zweifellos. Und es ist eine aus der ganzen Erziehung, vor allem
+aber aus der intensiven Besch&auml;ftigung mit der
+Wohlth&auml;tigkeit erkl&auml;rliche Eigenschaft der Frauen,
+&uuml;ber der H&auml;rte des Einzelfalls den Vorteil f&uuml;r das
+Ganze vollst&auml;ndig zu &uuml;bersehen. Sie sind gewohnt, den
+Kindern, den Kranken, den Arbeitsunf&auml;higen, kurz den Schwachen
+helfend und sch&uuml;tzend zur Seite zu stehen und sie schrecken,
+ganz vom Gef&uuml;hlsstandpunkt beherrscht, vor dem grausamen aber
+leider unvermeidlichen Weg zur&uuml;ck, um der Gesamtheit willen
+das Schicksal Einzelner zu gef&auml;hrden. So verwirft ein sehr
+gro&szlig;er Teil frei denkender Engl&auml;nderinnen unter dem
+t&ouml;nenden Kampfruf "Free Labour Defense" den
+Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht mehr ins Endlose
+arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot mangelt, weil das
+Fabrikm&auml;dchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr findet und
+der Schande in die Arme f&auml;llt. Um so erstaunlicher war es,
+da&szlig; der liberale Frauenverband sich prinzipiell f&uuml;r
+einen gesetzlichen Schutz der Heimarbeit erkl&auml;rte. Begreiflich
+wird das nur, wenn man sich klar macht, da&szlig; es sich dabei
+nicht um den Ausdruck erweiterter Erkenntnis, sondern im
+wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung und des
+pers&ouml;nlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der
+Arbeiterin vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz
+der Konsumenten vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen,
+wie gro&szlig; diese thats&auml;chlich sind, und sowohl in England
+wie in Amerika wird der Kampf gegen die Hausindustrie, von
+b&uuml;rgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem Gesichtspunkt aus
+gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der
+Geschlechter in Bezug auf die Erwerbsm&ouml;glichkeiten sind es
+auch, die die Haltung der deutschen b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung gegen&uuml;ber der Arbeiterinnenfrage beeinflussen.
+Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche Frauenverein an den
+Kongre&szlig; der volkswirtschaftlichen Vereine, der in Hamburg
+tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, da&szlig; darauf
+hingewirkt werden m&ouml;ge, "die weibliche Arbeitskraft von der
+Verk&uuml;mmerung, in der sie sich gegenw&auml;rtig befindet, zu
+retten und zu einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt
+heranzuziehen", und an den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre
+zusammentrat, wurde gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine
+Unterst&uuml;tzung der Frauenarbeit forderte.<a name=
+"FNanchor_896"></a><a href="#Footnote_896"><sup>896</sup></a> Der
+Gedanke des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes mu&szlig;te in jener
+Zeit den Frauen um so ferner liegen, als thats&auml;chlich
+&uuml;berall der Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie durch
+die Arbeiter mit allen Mitteln bek&auml;mpft wurde. Was damals aber
+begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, w&auml;hrend deren
+alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft
+fielen, nur als ein Ausflu&szlig; blinder Prinzipienreiterei und
+mangelhafter Kenntnis der einschl&auml;gigen Verh&auml;ltnisse. So
+allein ist es zu erkl&auml;ren, da&szlig; die franz&ouml;sische
+Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongre&szlig; im
+Jahre 1900,&mdash;der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr
+ein nationaler war,&mdash;mit gro&szlig;em Nachdruck gegen jeden
+besonderen Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die
+Art wie es geschah einen Fortschritt.</p>
+
+<p>In den letzten drei&szlig;ig Jahren des 19. Jahrhunderts war
+jene gro&szlig;e Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an
+deren Spitze Marx, Engels und Lassalle standen. Der Sozialismus,
+w&uuml;tend bek&auml;mpft von der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft,
+drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen, durch geschlossene und
+verbarrikadierte Th&uuml;ren und Fenster hinein. In vielen seiner
+Z&uuml;ge war er geradezu pr&auml;destiniert, die Frauen zu
+gewinnen; wie einst das Christentum zahllose J&uuml;ngerinnen an
+sich zog, weil es an das Gef&uuml;hl appellierte, weil es den
+"M&uuml;hseligen und Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die
+Gef&uuml;hlsseite des Sozialismus, die heute so stark auf die
+Frauen wirkt, oft ohne da&szlig; sie es wissen und meist ohne
+da&szlig; sie es eingestehen wollen. Wo es sich um b&uuml;rgerliche
+Frauen handelt, h&ouml;rt ihr Verst&auml;ndnis und ihre Zustimmung
+meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des
+gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder
+den Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu
+verfolgen. Aber ihre Gef&uuml;hlswelt ist durch ihn befangen;
+k&uuml;rzere Arbeitszeit, h&ouml;herer Lohn, Schutz den Frauen und
+Kindern&mdash;das sind Ideen, die ihnen, denen die Armut in jeder
+Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein m&uuml;ssen.
+Auch die Form der Beschl&uuml;sse des franz&ouml;sischen Kongresses
+von 1900 ist auf den wachsenden Einflu&szlig; des
+franz&ouml;sischen Sozialismus zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Sie lehnen
+zwar den gesetzlichen Schutz f&uuml;r weibliche Arbeiter
+ab,&mdash;eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,&mdash;aber sie
+verlangen ihn in ausgedehntem Ma&szlig;e f&uuml;r beide
+Geschlechter, indem sie die grundlegende Forderung der
+organisierten Arbeiterschaft,&mdash;den Achtstundentag,&mdash;an
+die Spitze stellen.<a name="FNanchor_897"></a><a href=
+"#Footnote_897"><sup>897</sup></a></p>
+
+<p>Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich
+der Einflu&szlig; der Arbeiterbewegung auf die Haltung der
+deutschen b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung gegen&uuml;ber der
+Arbeiterinnenfrage. da&szlig; es ihr m&ouml;glich war, mit
+bestimmten ihrer Ideen in ihr Fu&szlig; zu fassen, ist die
+nat&uuml;rliche Folge der v&ouml;lligen Vernachl&auml;ssigung der
+Frauenfrage durch die b&uuml;rgerlichen Parteien Deutschlands.
+Indem der englische Liberalismus die Forderungen der Frauen nicht
+nur ernst nahm, sondern auch vielfach acceptierte, und er ebenso
+wie die konservative Partei den Drang der Frauen zu politischer
+Th&auml;tigkeit geschickt f&uuml;r sich ausnutzte, sie
+gewisserma&szlig;en vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine
+kluge Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten
+einen R&uuml;ckhalt, eine St&uuml;tze an ihnen, w&auml;hrend die
+deutschen Frauen bis vor kurzem von allen b&uuml;rgerlichen
+Parteien gleichm&auml;&szlig;ig ge&auml;chtet waren.</p>
+
+<p>Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung vollzog sich nat&uuml;rlich au&szlig;erordentlich
+langsam und setzte &auml;u&szlig;erlich bemerkbar erst dann ein,
+als der Bannfluch, der mit dem Sozialistengesetz den Sozialismus
+und seine Vertreter in den Augen der b&uuml;rgerlichen Welt
+getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872 erkl&auml;rte
+Fr&auml;ulein Auguste Schmidt, die eigentliche F&uuml;hrerin des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die
+Frauenbewegung repr&auml;sentierte, die Bildung f&uuml;r den
+eigentlichen Kern- und Schwerpunkt der Frauenfrage.<a name=
+"FNanchor_898"></a><a href="#Footnote_898"><sup>898</sup></a>
+Wenige Jahre sp&auml;ter, angesichts des Sozialistengesetzes, hielt
+sie sich f&uuml;r verpflichtet, die deutsche Frauenbewegung gegen
+jeden Verdacht revolution&auml;rer Bestrebungen &ouml;ffentlich zu
+verwahren.<a name="FNanchor_899"></a><a href=
+"#Footnote_899"><sup>899</sup></a> Erst 1881, zum ersten Male
+wieder seit der Gr&uuml;ndung des l&auml;ngst eingegangenen
+Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869 durch Luise Otto,
+besch&auml;ftigte sich die Generalversammlung des Vereins, infolge
+eines Referats von Fr&auml;ulein Marianne Menzzer, mit der
+traurigen Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn
+f&uuml;r gleiche Arbeit", die in England und Frankreich l&auml;ngst
+aufgestellt worden war und durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs
+ist, fand lebhaften Widerhall.<a name="FNanchor_900"></a><a href=
+"#Footnote_900"><sup>900</sup></a> Als dann zwei Jahre sp&auml;ter
+dieselbe Frage zur Beratung stand, zeigte sich die ganze
+Einsichtslosigkeit der Versammlung darin, da&szlig; sie in erster
+Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die moralische
+Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu unterst&uuml;tzen,
+da&szlig; die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen
+Gesch&auml;ften zu kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten.
+Ein Fortschritt jedoch trat damals schon hervor: einige wenige
+Frauen, unter Leitung von Frau Guillaume-Schack, bef&uuml;rworteten
+statt dessen die Gr&uuml;ndung von Arbeiterinnen- und
+Gewerkvereinen,<a name="FNanchor_901"></a><a href=
+"#Footnote_901"><sup>901</sup></a> Frau Guillaume-Schack war die
+erste ausgesprochene Sozialistin in der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung. Als sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen
+konnte und der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung den R&uuml;cken
+wandte, schien es, als ob damit das Interesse an der
+Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es
+fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen,
+unter denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach
+unter Leitung von Frau Minna Cauer und unter dem Einflu&szlig; von
+Frau Jeanette Schwerin zu dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging
+die Agitation f&uuml;r Anstellung weiblicher Gewerbeinspektoren
+aus, sie versuchte mit aller Energie die Frauenbewegung aus der
+Bahn der Wohlth&auml;tigkeit in die sozialer Hilfsarbeit
+hineinzulenken. Dieser ganzen Str&ouml;mung entstand im Jahre 1894
+ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegr&uuml;ndeten
+"Frauenbewegung".</p>
+
+<p>Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier
+geleistet wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so
+da&szlig; selbst die ruhige Vernunft dadurch unterdr&uuml;ckt
+wurde, das beweist die in demselben Jahr erfolgte Gr&uuml;ndung des
+Bundes deutscher Frauenvereine.<a name="FNanchor_902"></a><a href=
+"#Footnote_902"><sup>902</sup></a> Seine Entstehung verdankte er
+der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich des internationalen
+Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen nationalen
+Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von vornherein
+kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die
+Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den
+Einflu&szlig; aller Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten"
+zuwenden wollte, "zu denen alle von Herzen ihre Zustimmung geben
+k&ouml;nnen".<a name="FNanchor_903"></a><a href=
+"#Footnote_903"><sup>903</sup></a> Von, diesem B&uuml;ndnis nun,
+das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach
+dem Ausspruch der Vorsitzenden der Gr&uuml;ndungsversammlung,
+Fr&auml;ulein Auguste Schmidt, "die sozialistischen
+Arbeiterinnenvereine selbstverst&auml;ndlich" ausgeschlossen, und
+in diesem Sinne stimmte die &uuml;berwiegende Majorit&auml;t der
+Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an der Sitzung
+teilnahmen, fanden sich nur f&uuml;nf, die auf meine Initiative hin
+gegen diese engherzige, die ganze Gr&uuml;ndung von vornherein
+brandmarkende Auffassung &ouml;ffentlichen Protest erhoben. Als
+Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens
+erkl&auml;rte der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner
+offiziellen Schriften<a name="FNanchor_904"></a><a href=
+"#Footnote_904"><sup>904</sup></a>, da&szlig; die betreffenden
+Vereine zum Beitritt nicht h&auml;tten aufgefordert werden
+k&ouml;nnen, weil das Gesetz das in Verbindung treten politischer
+Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine anzusehen,
+unm&ouml;glich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den
+meisten Staaten Deutschlands die Gr&uuml;ndung politischer Vereine
+durch Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab
+demnach in diesem Sinn &uuml;berhaupt keine "sozialistischen"
+Arbeiterinnenvereine und die ganze Beweisf&uuml;hrung des Bundes
+soll nur noch heute die Angst, sich &ouml;ffentlich zu
+kompromittieren, verschleiern. Thats&auml;chlich haben inzwischen
+soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung mehr an Einflu&szlig; gewonnen,
+als im deutschen Bunde. Sch&uuml;chtern setzten sie ein mit der
+Forderung an die Kommunen, Kinderhorte einzurichten und an die
+Regierungen, weibliche Gewerbeinspektoren anzustellen, und
+innerhalb sechs Jahren haben sie sich soweit entwickelt, da&szlig;
+der Bund von sich sagen kann: "In der Frage des
+Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie
+die organisierten deutschen Arbeiterinnen"<a name=
+"FNanchor_905"></a><a href="#Footnote_905"><sup>905</sup></a>, d.h.
+wie die Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen
+Ungest&uuml;m aller derer, die eine Wahrheit pl&ouml;tzlich erkannt
+haben, petitionierte er bei den Volksvertretungen und Regierungen
+um die Ausdehnung des Wahlrechts und der W&auml;hlbarkeit zu den
+Gewerbegerichten auf weibliche Arbeitgeber und Arbeiter, um den
+Achtuhrladenschlu&szlig;, zweist&uuml;ndige Mittags-, je eine
+viertelst&uuml;ndige Fr&uuml;hst&uuml;cks- und Vesperpause, den
+achtst&uuml;ndigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang f&uuml;r
+jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der
+Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die
+Einf&uuml;hrung obligatorischer Fortbildungsschulen f&uuml;r
+M&auml;dchen, um die Schaffung eines einheitlichen Reichsvereins-
+und Versammlungsrechts und Gew&auml;hrung gleicher Rechte f&uuml;r
+die Frauen wie f&uuml;r die M&auml;nner. Zugleich regte die 1899
+gegr&uuml;ndete Kommission f&uuml;r Arbeiterinnenschutz an,
+Enqu&ecirc;ten der Lage der Heimarbeiterinnen zu unternehmen.
+Dementsprechend hat in Leipzig der Allgemeine deutsche Frauenverein
+Untersuchungen der Frauenarbeit im K&uuml;rschnergewerbe, und in
+Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim- und Fabrikarbeit
+der Strohhutn&auml;herinnen veranstaltet. Die Bedeutung aller
+dieser Ma&szlig;nahmen l&auml;&szlig;t sich nicht nur am Vergleich
+mit der nach anderen Richtungen so vorgeschrittenen
+franz&ouml;sischen und englischen Frauenbewegung ermessen, sondern
+vor allem daran, da&szlig; sie von 137 Vereinen ausgehen, deren
+71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem
+r&uuml;ckst&auml;ndigen, antisozialistischen deutschen
+B&uuml;rgertum zusammensetzen. Wahrlich, ein deutliches Zeichen
+f&uuml;r die Macht sozialer Ideen! Auch abseits vom Bunde, in
+kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im evangelisch-sozialen
+Kongre&szlig; durch den Einflu&szlig; zweier mit der Lage der
+Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-K&uuml;hne
+und Fr&auml;ulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in
+dem orthodoxen evangelischen Frauenbund durchzudringen.</p>
+
+<p>Selbstverst&auml;ndlich lehnt die b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung nach wie vor jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus
+ab, und dokumentiert das vielfach durch Unterlassungss&uuml;nden,
+durch Worte und Thaten. Als die proletarischen Frauenorganisationen
+im Jahre 1895 unter dem Zeichen des drohenden Umsturzgesetzes in
+der schlimmsten Weise verfolgt und gesch&auml;digt wurden und die
+Gelegenheit geboten gewesen w&auml;re, die Solidarit&auml;t mit den
+Arbeiterinnen zu beweisen, h&uuml;llte die offizielle Vertretung
+der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine
+Protesterkl&auml;rung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage,
+die ich ver&ouml;ffentlicht hatte, fand nur
+verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig wenig Unterschriften. Und bei
+Gelegenheit der gro&szlig;en Agitation gegen das b&uuml;rgerliche
+Gesetzbuch seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine
+Flut von Reden, Artikeln, Brosch&uuml;ren und Petitionen mit sich
+f&uuml;hrte, blieben die f&uuml;r die Proletarierin so wichtigen
+Fragen des Rechts auf dem Gebiete des Arbeitsvertrags, der
+Gesindeordnungen, der Stellung der l&auml;ndlichen Arbeiter von
+alledem v&ouml;llig unber&uuml;hrt. Wie vorsichtig und
+zur&uuml;ckhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen
+Deutschlands der Arbeiterinnenbewegung gegen&uuml;bersteht,
+daf&uuml;r noch folgendes Beispiel: Unter der Leitung des Vereins
+"Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes ein Verband
+fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen
+Bestrebungen,&mdash;sie decken sich fast ganz mit denen des
+Bundes,&mdash;als in ihrer energischen Betonung und radikalen
+F&auml;rbung von ihm abweicht. Er stellte den Antrag, der Bund
+m&ouml;ge eine Verst&auml;ndigung zwischen der sozialistischen und
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung f&uuml;r w&uuml;nschenswert
+erkl&auml;ren, wurde aber damit zur&uuml;ckgewiesen und es trat
+eine &auml;u&szlig;erst matte Erkl&auml;rung an seine Stelle,
+wonach "die M&ouml;glichkeit einer Verst&auml;ndigung von Fall zu
+Fall in Betracht" gezogen werden sollte.</p>
+
+<p>Am deutlichsten aber trat der b&uuml;rgerliche Klassencharakter
+der Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die h&auml;uslichen
+Dienstboten anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und
+sich gegen die unw&uuml;rdige Lage, in der sie sich befinden,
+aufzulehnen. Bis ins innerste Herz wurde die ganze b&uuml;rgerliche
+Gesellschaft dadurch getroffen; solange die Arbeiterinnenbewegung
+sich au&szlig;erhalb der eignen vier W&auml;nde abspielte, konnte
+sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den Frauen, die
+keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen glaubten
+f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich
+in ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie
+verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von
+wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja
+vielfach in Ha&szlig;, der alle diejenigen in Acht und Bann
+erkl&auml;rte, die mit der Dienstbotenbewegung sympathisirten.
+Schon die Haltung des Berliner Internationalen Frauenkongresses war
+charakteristisch; f&uuml;r lange Berichte &uuml;ber
+Wohlth&auml;tigkeitsorganisationen war Zeit in F&uuml;lle
+vorhanden, als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage
+er&ouml;rtern wollte, konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand
+ging in der Diskussion darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten
+des Berliner Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina
+Morgenstern: um das "Verlieren" der in Deutschland &uuml;blichen,
+mit Zeugnissen versehenen Dienstb&uuml;cher wirkungslos zu machen,
+verlangte er die direkte Einreichung dieser Zeugnisse an die
+Polizei, damit die Herrschaften hier stets Einsicht von ihnen
+nehmen k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zun&auml;chst
+die Zunge gel&auml;hmt zu haben. Erst allm&auml;hlich
+entschlo&szlig; man sich, sie vorsichtig und zur&uuml;ckhaltend zu
+er&ouml;rtern; pers&ouml;nlichen Anteil daran nahmen aber nur
+wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen
+Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu
+nichts weiter entschlie&szlig;en als zu einer Petition um
+Einf&uuml;hrung der Unfallversicherung f&uuml;r das h&auml;usliche
+Gesinde, und eine Anzahl Vereine erkl&auml;rten mit gro&szlig;em
+Pathos, die Mi&szlig;achtung, unter der die Dienstboten zu leiden
+haben, dadurch zu beseitigen, da&szlig; sie von nun an nicht mehr
+Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das
+f&uuml;r den H&auml;ngeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als
+ein ausreichendes Aequivalent erscheint?! Etwas energischer
+&auml;u&szlig;erte sich eine der Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza
+Ichenh&auml;user, indem sie noch den Ersatz des Dienstbuches durch
+ein fakultatives Arbeitszeugnis und die gesetzliche Festlegung
+eines Wochenminimums an Freiheit forderte.<a name=
+"FNanchor_906"></a><a href="#Footnote_906"><sup>906</sup></a> Der
+Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng
+thats&auml;chlich die Grenzen f&uuml;r seine sogenannt radikalen
+Anschauungen gezogen sind, indem er sich in seiner
+Generalversammlung im Oktober 1901 nicht einmal zu dieser Forderung
+entschlie&szlig;en konnte, sondern sich nur darauf
+beschr&auml;nkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die
+Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten,
+und die Zust&auml;ndigkeit der Gewerbegerichte f&uuml;r
+Rechtsstreitigkeiten, die aus dem Dienstverh&auml;ltnis sich
+ergeben, zu verlangen.</p>
+
+<p>Das Haus und seine Ordnung ist thats&auml;chlich vor allem
+f&uuml;r die deutsche Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie
+bisher von der primitiven Art ihrer Haushaltung und
+Wirtschaftsf&uuml;hrung abzugehen, und wie es eine alte Erfahrung
+ist, da&szlig; das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen
+geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst
+willen eingef&uuml;hrt werden, ein &auml;u&szlig;erer Zwang sie
+vielmehr zur Notwendigkeit machen mu&szlig;, so wird eine Aenderung
+dieser Verh&auml;ltnisse, die die traurige Lage der Dienstboten
+bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an h&auml;uslichen
+Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis daf&uuml;r ist die Haltung der
+b&uuml;rgerlichen Frauen gegen&uuml;ber der Dienstbotenfrage im
+Ausland, wo es mehr und mehr an Kr&auml;ften fehlt, die sich dem
+Hausdienst zur Verf&uuml;gung stellen. Nicht nur, da&szlig; die
+Arbeits- und Lebensbedingungen &uuml;berall bessere sind als in
+Deutschland, da&szlig; Einrichtungen aller Art den Dienst
+erleichtern, da&szlig; weder Dienstb&uuml;cher, noch
+Ausnahmerechte, wie unsere und die &ouml;sterreichischen
+Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch das
+Dienstverh&auml;ltnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der
+Pariser Frauenkongre&szlig; von 1900 lehnte zwar die
+Beschr&auml;nkung der Arbeitszeit ab, er verlangte aber eine
+Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der Praxis als ziemlich
+dasselbe herausstellen d&uuml;rfte. Auf dem Londoner
+Frauenkongre&szlig; ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter
+lebhaftem Beifall die Ansicht vertreten, f&uuml;r alle
+h&auml;uslichen Dienste, au&szlig;er dem Hause wohnende
+Arbeitskr&auml;fte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach
+geschieht, wenn Kochfrauen, Aufw&auml;rterinnen, Lohndiener
+besch&auml;ftigt werden.<a name="FNanchor_907"></a><a href=
+"#Footnote_907"><sup>907</sup></a> In Amerika hat sich zu diesem
+Zweck ein besonderer Frauenverein gebildet, der f&uuml;r den
+h&auml;uslichen Dienst die Arbeitsvermittlung in H&auml;nden hat,
+und bei dem die Hausfrauen f&uuml;r jede Art Arbeit stunden- und
+tageweise M&auml;dchen engagieren k&ouml;nnen. Eine andere Art, dem
+Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu
+entlasten,&mdash;wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der
+b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, da&szlig; es in
+erster Linie das pers&ouml;nliche Interesse ist, das zu Reformen
+zwingt,&mdash;wurde auf der Konferenz der englischen Gesellschaft
+f&uuml;r Frauenarbeit im Jahre 1899 vorgeschlagen: "Ein
+spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin, "sollte hier der
+Pionier sein, indem er Mietsh&auml;user mit je einer
+Zentralk&uuml;che und einer Zentralwaschk&uuml;che baut.... Man hat
+berechnet, da&szlig; man halb so viel f&uuml;r Nahrung ausgeben
+w&uuml;rde, wenn die Verschwendung an Materialien und
+Arbeitskr&auml;ften, die unzweckm&auml;&szlig;ige Kochart
+wegfielen.... Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines
+gen&uuml;gt, warum hundert K&uuml;chenger&auml;te abwaschen, wenn
+nur eines n&ouml;tig gewesen w&auml;re.... Was finden wir denn
+heute in den ber&uuml;hmten, poetisch verherrlichten englischen
+H&auml;usern: schlechtes Essen, Fettgeruch, W&auml;schedunst und
+abgearbeitete Frauen."<a name="FNanchor_908"></a><a href=
+"#Footnote_908"><sup>908</sup></a> Genau denselben Standpunkt
+vertritt eine Amerikanerin, wenn sie sagt<a name=
+"FNanchor_909"></a><a href="#Footnote_909"><sup>909</sup></a>:
+"W&auml;hrend jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten den ganzen
+Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungen&uuml;gend
+erf&uuml;llen, k&ouml;nnte dieselbe Arbeit besser und in
+k&uuml;rzerer Zeit durch wenige Spezialisten ausgef&uuml;hrt
+werden."</p>
+
+<p>Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als
+Mittel zu ihrer Befreiung hat die b&uuml;rgerliche Frauenbewegung
+am sp&auml;testen erkannt. Selbstverst&auml;ndlich: Denn das
+bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der alten Anschauungsweise,
+die darauf beruht, da&szlig; die Armen Wohlth&auml;tigkeit und
+Recht aus den H&auml;nden der Herrschenden entgegen zu nehmen
+haben. Sich durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen
+der meisten heute noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch
+gilt hier, was bei den Fragen der Gesetzgebung gilt, da&szlig; die
+Initiative niemals von den Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten
+erst dann als Organisatorinnen und Agitatorinnen der Gewerkschaften
+auf den Plan, als die Proletarier selbst die schwerste Arbeit, die
+Erringung der gesetzlichen Anerkennung hinter sich hatten, und eine
+Gefahr f&uuml;r Staat und Gesellschaft nicht mehr in ihnen erblickt
+wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der b&uuml;rgerlichen
+Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte Jahrzehnt des
+19. Jahrhunderts f&auml;llt, war ihr Einflu&szlig; ein direkt
+nachteiliger. Sie trugen, wie in die K&auml;mpfe um den
+Arbeiterschutz, frauenrechtlerische Ideen hinein und statt
+da&szlig; die Solidarit&auml;t der Arbeiterin mit dem Arbeiter
+sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde die urspr&uuml;nglich
+frauenrechtlerische M&auml;nnerfeindschaft dadurch propagiert,
+da&szlig; man Gewerkschaften mit ausschlie&szlig;lich weiblichen
+Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische
+Women's Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres
+Bestehens unter die Leitung von Damen der hohen Aristokratie
+geriet, und es daher geraume Zeit dauerte und erst die Folge vieler
+bitterer Erfahrungen und harter Entt&auml;uschungen war, ehe die
+Propaganda f&uuml;r Nur-Frauen-Gewerkschaften der f&uuml;r
+gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis
+der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu
+verdanken, da&szlig; heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady
+Dilke an der Spitze, einsehen, da&szlig; nicht das Geschlecht,
+sondern die Klasse das Bindemittel der Solidarit&auml;t sein
+mu&szlig;. In Frankreich tritt gerade in dieser Richtung der
+frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor, weil die
+Vertreterinnen der b&uuml;rgerlichen Frauenbewegung erst in
+allerj&uuml;ngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation
+der Arbeiterinnen zu besch&auml;ftigen und ihnen nicht, wie in
+Deutschland, eine kr&auml;ftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung
+gegen&uuml;bersteht. Sie haben in Paris in rascher Folge die
+verschiedensten Frauengewerkschaften geschaffen, f&uuml;r die
+diejenige der weiblichen Typographen,&mdash;von der "Fronde" und
+ihrer Direktorin ausgehend,&mdash;besonders charakteristisch ist:
+sie steht in schroffem Gegensatz zu den m&auml;nnlichen Kollegen,
+und k&auml;mpft, entgegen dem Gesetz und den Grunds&auml;tzen der
+gesamten Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit f&uuml;r
+Frauen, wenigstens in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso
+sch&auml;digend f&uuml;r die Interessen der Arbeiterinnen, kommt in
+den Organisationen zum Ausdruck, die kirchliche Kreise schufen und
+erhalten. Sie umfassen, wie das Syndikat l'Aiguille in Paris,
+Unternehmer und Angestellte, wodurch die M&ouml;glichkeit des
+Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein ausgeschlossen
+ist, oder sie sind, wie die Soci&eacute;t&eacute; de Secours
+mutuel, die Gesellschaften La Couturi&egrave;re, La
+Mutualit&eacute; maternelle, l'Avenir fast ausschlie&szlig;lich
+Wohlth&auml;tigkeitsvereine, die unter strengem kirchlichen
+Regimente stehen.</p>
+
+<p>Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften
+als sozialer Kampforganisationen durch den Einflu&szlig;
+b&uuml;rgerlicher Elemente tritt aber nirgends so deutlich zu Tage
+als in Deutschland. Sehr sp&auml;t erst, von einzelnen fruchtlosen
+Bem&uuml;hungen abgesehen, ist die b&uuml;rgerliche Frauenbewegung
+der gewerkschaftlichen Frage n&auml;her getreten und zwar zuerst in
+einem Berufskreis, der ihr pers&ouml;nlich am n&auml;chsten stand:
+in dem der Handelsangestellten. In vollst&auml;ndiger Verkennung
+der Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur
+durch Zusammenschlu&szlig; der Arbeiter allein erreichen und die
+Schmutzkonkurrenz der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den
+m&auml;nnlichen Arbeitsgenossen beseitigen kann, gr&uuml;ndete der
+Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den Hilfsverein f&uuml;r
+weibliche Angestellte, der nicht ausschlie&szlig;lich die Frauen
+organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfa&szlig;t. In
+verschiedenen Gro&szlig;st&auml;dten Deutschlands wurden
+&auml;hnliche Vereine geschaffen und die Handelsangestellten
+str&ouml;mten ihnen um so eher zu, als ihnen nicht nur Vorteile
+aller Art,&mdash;deren Wert f&uuml;r sie wir gewi&szlig; nicht
+verkennen wollen,&mdash;geboten werden, sondern der
+urspr&uuml;ngliche Standesd&uuml;nkel der T&ouml;chter der kleinen
+Bourgeoisie hier gen&auml;hrt wird. Die Zahlen der auf diese Weise
+organisierten Frauen sind folgende:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<td>Berlin</td>
+<td align="right">13000</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Frankfurt a. M.</td>
+<td align="right">800</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Breslau</td>
+<td align="right">950</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&ouml;nigsberg i. Pr.</td>
+<td align="right">600</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Kassel</td>
+<td align="right">210</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>K&ouml;ln</td>
+<td align="right">400</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stuttgart</td>
+<td align="right">345</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Leipzig</td>
+<td align="right">700</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Magdeburg</td>
+<td align="right">160</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Bromberg</td>
+<td align="right">120</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Danzig</td>
+<td align="right">240</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>M&uuml;nchen</td>
+<td align="right">210</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Thorn</td>
+<td align="right">60</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Stettin</td>
+<td align="right">150</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Mainz</td>
+<td align="right">115</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Mannheim</td>
+<td align="right">210</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Posen</td>
+<td align="right">150</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Hamburg</td>
+<td align="right">600</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Dresden</td>
+<td align="right">120</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td>Im ganzen</td>
+<td>19140</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu
+untersch&auml;tzen, wenn auch angenommen werden kann, da&szlig; von
+den Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen
+angeh&ouml;ren. Aber alles, was sie, infolge ihrer numerischen
+St&auml;rke, ihren Mitgliedern bieten, kaufm&auml;nnische
+Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek, Vortr&auml;ge, Theater,
+Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung, Krankenversicherung u.s.w.,
+wird durch den gro&szlig;en Schaden aufgewogen, den sie ihnen
+zuf&uuml;gen, indem sie das Abh&auml;ngigkeitsgef&uuml;hl von den
+Arbeitgebern und dem b&uuml;rgerlichen Element in ihrer Mitte in
+den an sich schon r&uuml;ckst&auml;ndigen Mitgliedern befestigen,
+das Aufkommen des Solidarit&auml;tsgef&uuml;hls mit den
+Lohnarbeitern aller Berufe unterdr&uuml;cken, und die Kr&auml;fte,
+die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen
+lassen.</p>
+
+<p>Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage
+v&ouml;llig verkennende Standpunkt der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung in dem ersten Versuch einer Dienstbotenorganisation
+hervor, wie ihn Mathilde Weber 1894 durch die Gr&uuml;ndung des
+Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.<a name="FNanchor_910"></a><a
+href="#Footnote_910"><sup>910</sup></a> Auch sie dachte dabei
+allein an die T&ouml;chter der eigenen Klasse: die
+Gesellschafterinnen, St&uuml;tzen der Hausfrau, Wirtschafterinnen,
+Kinderg&auml;rtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung
+sich von dem einfachen Dienstm&auml;dchen meist nur durch den Titel
+"Fr&auml;ulein" unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt
+ausschlie&szlig;lich in den H&auml;nden der Herrschaften und die
+Mitglieder haben so wenig zu sagen, da&szlig; die
+Generalversammlung sich auch dann f&uuml;r beschlu&szlig;f&auml;hig
+erkl&auml;rt, wenn nur der Vorstand anwesend ist! Demgegen&uuml;ber
+bedeutete der f&uuml;nf Jahre sp&auml;ter gegr&uuml;ndete Verein
+Berliner Dienstherrschaften und Dienstangestellter immerhin einen
+leisen Fortschritt, indem er zwar, wie die Vereine der
+Handelsangestellten auf dem unm&ouml;glichen Harmoniestandpunkt
+zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem doch dieselben
+Rechte einr&auml;umt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und
+Unterdr&uuml;ckung des Solidarit&auml;tsgef&uuml;hls, des allein
+zum Selbstbewu&szlig;tsein erziehenden Klassenbewu&szlig;tseins ist
+aber &uuml;berall gleich gro&szlig;. So auch in den Versuchen der
+Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die
+Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899
+gegr&uuml;ndete Verein etwa 200 Mitglieder z&auml;hlt. Sie laufen
+im wesentlichen auf Wohlth&auml;tigkeit hinaus und n&auml;hren in
+den Proletarierinnen jenen verderblichen Sklavensinn, der von
+Rechten nichts wei&szlig;, sondern alles, was ihm geboten wird,
+dem&uuml;tig und dankbar aus der Hand des Herrn entgegennimmt.</p>
+
+<p>Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer
+reiferen Erkenntnis bildet der von M&uuml;nchener
+Frauenrechtlerinnen gegr&uuml;ndete Kellnerinnenverein: er ist,
+auch was seine Leitung betrifft, ein reiner Arbeiterinnenverein,
+der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen Unternehmern und
+Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht
+zur&uuml;ckhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Gr&uuml;nder
+gemahnt, ist die Thatsache, da&szlig; der Verein
+ausschlie&szlig;lich auf weibliche Mitglieder zugeschnitten ist,
+dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschw&auml;cht wird,
+da&szlig; in M&uuml;nchen m&auml;nnliche Kellner zu den Ausnahmen
+geh&ouml;ren. Von den 2 bis 3000 M&uuml;nchener Kellnerinnen sind
+230 Vereinsmitglieder.</p>
+
+<p>Die Zur&uuml;ckgebliebenheit der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung in Bezug auf die gewerkschaftliche Organisation ist
+auf Grund ihres Ursprungs vollkommen verst&auml;ndlich; die
+wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschlu&szlig; der weiblichen
+Arbeitskraft aus allen b&uuml;rgerlichen Arbeitsgebieten
+ausdr&uuml;ckte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein
+mehr oder weniger gewaltsames Vordringen in seine
+Berufssph&auml;ren war die Folge. Die b&uuml;rgerliche Frauenwelt
+bildete gewisserma&szlig;en eine gegen den Unterdr&uuml;cker
+solidarisch verbundene Klasse der Unterdr&uuml;ckten, und sie lebte
+des Glaubens, da&szlig; ihre Interessen die Interessen des gesamten
+weiblichen Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am
+meisten eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der
+z&auml;heste Widerstand entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung
+geringsch&auml;tzt, wo sie noch nicht den mindesten politischen
+Einflu&szlig; haben. Dahin geh&ouml;rt vor allem Deutschland. Hier
+f&uuml;hlen sie sich als eine Partei f&uuml;r sich, und es ist nur
+die idealistische Verbr&auml;mung einer traurigen Thatsache, wenn
+sie nicht m&uuml;de werden, zu erkl&auml;ren: wir stehen
+"&uuml;ber" den Parteien; ihr naives Selbstgef&uuml;hl und ihr
+v&ouml;lliger Mangel an Einsicht in die sozialen und
+wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es
+m&ouml;glich zu machen, da&szlig; sie in dem Kampf zwischen Kapital
+und Arbeit nur das k&uuml;nstliche Produkt politischer Parteiungen
+sehen und auch hier Frieden zu stiften glauben, wenn sie die
+"&auml;rmeren Schwestern" in ihre Arme ziehen. Sie verstehen nicht,
+oder wollen nicht verstehen, da&szlig; ihre Wege sich v&ouml;llig
+voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der
+Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie
+&auml;u&szlig;ert sich nicht im Ausschlu&szlig; der weiblichen
+Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten durch den Mann, sondern in der
+&uuml;berm&auml;&szlig;igen Ausbeutung der Arbeitskr&auml;fte
+beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie
+daher nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren
+Arbeits- und Leidensgenossen. Wo die b&uuml;rgerliche
+Frauenbewegung dieses Interesse nicht aufkommen l&auml;&szlig;t,
+wie durch zahlreiche ihrer Wohlth&auml;tigkeitsinstitutionen, wo
+sie an seine Stelle die Interessengemeinschaft mit den Vertretern
+des Kapitalismus zu setzen sucht, wo sie das Gef&uuml;hl der
+Solidarit&auml;t der weiblichen mit den m&auml;nnlichen Arbeitern
+bewu&szlig;t oder unbewu&szlig;t ersch&uuml;ttert und
+unterdr&uuml;ckt, wie fast durchweg in ihren
+Organisationsversuchen, wo sie sich endlich der Hebung der
+Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung der
+Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gef&auml;hrliche
+Feindin der Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur
+L&ouml;sung der Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung,
+die sie ihr gegen&uuml;ber einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie
+stiften kann, ist die Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der
+Notlage des weiblichen Proletariats und die Propagierung der
+Arbeiterschutzgesetze im Sinne der Arbeiter selbst. Nicht zu einer
+unm&ouml;glichen Harmonie zwischen den Klassen, wohl aber zu einer
+schlie&szlig;lichen Aufhebung der Klassengegens&auml;tze w&uuml;rde
+sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege ebnen helfen.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name=
+"9_Die_sozialpolitische_Gesetzgebung_und_ihre_Aufgaben" />9. Die
+sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben.</h2>
+
+<a name="9_1" />
+<h3>Der Arbeiterinnenschutz.</h3>
+
+<p>Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das
+Resultat eines z&auml;hen Kampfes der Unterdr&uuml;ckten gegen die
+Unterdr&uuml;cker und entsprang viel weniger ethischer Einsicht
+oder humanit&auml;ren Bestrebungen, als dem Selbsterhaltungstrieb
+der herrschenden Klasse. Diese charakteristischen Z&uuml;ge tragen
+bereits die ersten Anf&auml;nge der englischen
+Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die
+verheerenden Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands
+entwickelten und die kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften,
+n&ouml;tigten zu dem ersten Schutzgesetz des Jahres 1802. Die
+nationale Gefahr eines fr&uuml;hzeitigen Verbrauches des
+Menschenmaterials wurde aber schlie&szlig;lich auch von allen
+anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schw&auml;chlichen
+Versuchen eines gesetzlichen Kinderschutzes entschlo&szlig; man
+sich indessen erst, als die grauenhaftesten Zust&auml;nde mit nicht
+zu &uuml;bersehender Deutlichkeit an das Licht des Tages traten und
+die &ouml;ffentliche Meinung in starke Erregung versetzt worden
+war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten die
+schrankenlose Unterdr&uuml;ckung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie
+beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das
+durch den Eingriff des Staates in das Verh&auml;ltnis zwischen
+Unternehmern und Arbeitern verletzt w&uuml;rde und wurden darin
+durch die manchesterliche National&ouml;konomie unterst&uuml;tzt.
+Aber wie einerseits die moderne Produktionsweise ihnen zu Macht und
+Reichtum verhalf, so entwickelte sich andererseits mit ihr jener
+wichtige Faktor, der der Ausbreitung ihrer Machtsph&auml;re einen
+Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne Arbeiterbewegung. Wie
+sie Schritt f&uuml;r Schritt vordrang, immer wieder
+zur&uuml;ckgesto&szlig;en von denen, die in ihr mit Recht den
+einzigen Feind f&uuml;rchteten, der ihre Herrschaft
+ersch&uuml;ttern k&ouml;nnte, wie sie schlie&szlig;lich, am Ende
+des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest
+gef&uuml;gter Phalanx gegen&uuml;bersteht,&mdash;das ist ein
+Werdegang, der auch in der Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen
+hat.</p>
+
+<p>Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man
+durchsetzte. Nat&uuml;rlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf
+sie, die immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung
+nicht so schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab,
+den M&uuml;ttern des Volkes, ob auf kommende Generationen
+arbeitsf&auml;higer Menschen zu rechnen sei. Aber selbst diese, vom
+Standpunkt der Fabrikanten aus einleuchtenden Gr&uuml;nde blieben
+lange Zeit hindurch v&ouml;llig unbeachtet. Es waren der
+Arbeitsuchenden zu viele, als da&szlig; man aus egoistischen
+Motiven den Schutz der Einzelnen f&uuml;r n&ouml;tig gehalten
+h&auml;tte: mochten die Frauen mit 25 Jahren arbeitsunf&auml;hig
+sein, mochten die Kinder in Scharen zu Grunde gehen, es gab noch
+tausendf&auml;ltigen Ersatz f&uuml;r sie. Eines langen und
+erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten
+Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die
+Zehnstundenbewegung, an deren Spitze b&uuml;rgerliche Philanthropen
+standen, die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der
+Geknechteten gegen ihre Unterdr&uuml;cker zum Ausdruck
+kam,&mdash;waren die beiden gro&szlig;en Feldz&uuml;ge, die mit den
+ersten sp&auml;rlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der
+Zehnstundentag f&uuml;r die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz.
+Ihm zur Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf f&uuml;r
+sich, den die Arbeiter mit Unterst&uuml;tzung der ersten
+aufopferungsvollen Fabrikinspektoren zu f&uuml;hren hatten. Durch
+die Einf&uuml;hrung schichtweiser Besch&auml;ftigung suchten die
+Fabrikanten zun&auml;chst das Gesetz zu umgehen, bis eine neue
+Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allm&auml;hlich wurden auch
+andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre
+wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der
+physischen und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug
+das bl&ouml;deste Auge, die Fabrikanten selbst, denen die
+gesetzliche Schranke und Regel des Arbeitstages durch
+halbhundertj&auml;hrigen B&uuml;rgerkrieg Schritt f&uuml;r Schritt
+abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch
+'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.<a name=
+"FNanchor_911"></a><a href="#Footnote_911"><sup>911</sup></a> Mit
+der Erkenntnis aber, da&szlig; der Arbeiterschutz ihnen selbst zum
+Vorteil gereichte, war der Widerstand der Fabrikanten dagegen
+gebrochen.</p>
+
+<p>Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen,
+wie in seiner politischen Entwicklung die Erkl&auml;rung findet,
+war f&uuml;r den Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem
+relativ langsam vollzog und alle vorw&auml;rts treibenden
+Kr&auml;fte sich auf den Kampf gegen die politische Reaktion
+konzentrieren mu&szlig;ten, kein anfeuerndes Beispiel. Selbst jener
+erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge franz&ouml;sische
+Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die
+Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte
+keinerlei praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die
+Durchf&uuml;hrung des Gesetzes zu gew&auml;hrleisten. Erst 1874,
+nach endlosen heftigen Streitigkeiten, gelangte der erste
+sch&uuml;chterne Versuch eines besonderen Arbeiterinnenschutzes in
+der Nationalversammlung zur Annahme. Er beschr&auml;nkte sich auf
+das Verbot der Nachtarbeit Minderj&auml;hriger und das Verbot der
+Arbeit unter Tage f&uuml;r Frauen jeden Alters. Aber selbst diese
+kl&auml;glichen Bestimmungen stie&szlig;en auf den heftigsten
+Widerstand der Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen,
+oder ihre Abschaffung durchzusetzen,&mdash;ein Zustand des Kampfes
+und des vielfach fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz
+sch&uuml;tzen wollte, der achtzehn Jahre andauerte.</p>
+
+<p>Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in
+Oesterreich, denn vor 1885 war &uuml;berhaupt kaum eine Spur von
+ihm vorhanden: sowohl die Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage
+wurde den Frauen nicht verwehrt. Dann aber nahm er einen
+Aufschwung, durch den er Frankreich &uuml;berfl&uuml;gelte: der
+Elfstundentag, der vierw&ouml;chentliche W&ouml;chnerinnenschutz
+wurde eingef&uuml;hrt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht
+verboten.</p>
+
+<p>Deutschlands Anf&auml;nge auf dem Gebiete des
+Arbeiterinnenschutzes fallen ziemlich genau mit dem Erstarken der
+sozialdemokratischen Partei zusammen, deren mit immer
+gr&ouml;&szlig;erem Nachdruck vorgebrachte Forderungen das
+treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins
+hinzu, dessen Wichtigkeit nicht untersch&auml;tzt werden darf, und
+dessen Tr&auml;ger die politische Vertretung des deutschen
+Katholizismus, das Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten
+Standpunkten ausgehend, grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen
+beide Parteien in ihren praktischen Forderungen gelegentlich zu
+&auml;hnlichen Resultaten. Aber w&auml;hrend die Sozialdemokratie
+im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und Arbeiterinnen nur ein
+Mittel sah, sie k&ouml;rperlich und geistig f&uuml;r den
+Klassenkampf zu st&auml;rken und f&auml;hig zu machen, glaubte das
+Centrum durch ihn die Entwicklung zur&uuml;ckzuschrauben. Es
+propagierte an erster Stelle die Sonntagsruhe, nicht aus
+hygienischen, sondern aus religi&ouml;sen Gr&uuml;nden, es forderte
+einen Arbeiterinnenschutz, der den v&ouml;lligen Ausschlu&szlig;
+der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie in
+ihrer alten Form zu erhalten und den Einflu&szlig; der
+Arbeitsgenossen auf die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die
+Ihren, statt dessen wieder unter den Einflu&szlig; der Kirche zu
+zwingen. Von diesem Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im
+Verein mit manchen Konservativen sogar vielfach zum Besch&uuml;tzer
+der Hausindustrie und der Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei,
+Thatsache ist, da&szlig; die Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes
+in Deutschland mit unter dem Einflu&szlig; des Centrums vor sich
+ging.</p>
+
+<p>Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag
+des Reichstags folgend, eine Enquete &uuml;ber die Lage der
+kindlichen und weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle
+zur Gewerbeordnung hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte.
+Sie enthielt in Bezug auf den Arbeiterinnenschutz einige
+Bestimmungen,&mdash;so das Verbot der Besch&auml;ftigung von
+W&ouml;chnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der Niederkunft und
+das der Frauenarbeit unter Tage,&mdash;und erteilte dem Bundesrat
+die Erm&auml;chtigung, die Besch&auml;ftigung von Frauen und
+jugendlichen Arbeitern aus Gr&uuml;nden der Gesundheit und
+Sittlichkeit in bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung
+selbst dieser schw&auml;chlichen Verbesserungen der
+Schutzvorschriften wurde dadurch im Keime erstickt, da&szlig; sie
+nicht mit der obligatorischen Einf&uuml;hrung der Fabrikaufsicht
+Hand in Hand gingen. Mit denselben Gr&uuml;nden, durch die die
+englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen
+die Schutzgesetzgebung gest&uuml;tzt hatten, k&auml;mpfte in
+Deutschland die Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die
+Gewerbeaufsicht<a name="FNanchor_912"></a><a href=
+"#Footnote_912"><sup>912</sup></a>, und noch zehn Jahre sp&auml;ter
+verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit durchgreifenden
+Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte, seine
+Zustimmung, weil er ein Bed&uuml;rfnis daf&uuml;r nicht
+anzuerkennen vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der
+Frauenarbeit in unbeschr&auml;nktem Ma&szlig;e, und die
+Arbeiterfamilien, so f&uuml;gte er hinzu, um sich nicht die
+Bl&ouml;&szlig;e einseitiger Interessen zu geben, bed&uuml;rfen
+ihrer nicht minder.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich aber sah sich die Regierung gezwungen, den
+W&uuml;nschen des Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie,
+durch soziale Reformen die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu
+ersch&uuml;ttern. Das theatralische Schaust&uuml;ck einer
+internationalen Arbeiterschutzkonferenz wurde insceniert, und war
+im stande auch ernsten Leuten Sand in die Augen zu streuen.
+Thats&auml;chlich war ihre Bedeutung lediglich eine symptomatische,
+indem sie bewies, da&szlig; das Bestreben der Arbeiter nach
+Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu
+teilweisem Siege zu f&uuml;hren schien, und eine informierende,
+indem sich zeigte, wie weit der Gedanke eines erweiterten
+Arbeiterinnenschutzes,&mdash;denn neben der Frage der Sonntagsruhe
+und der Kinderarbeit besch&auml;ftigte man sich lediglich mit der
+Fabrikarbeit der Frauen,&mdash;in den einzelnen Staaten bereits
+Fu&szlig; gefa&szlig;t hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit
+ber&uuml;hrt wurde, war geringf&uuml;gig genug. Deutschland,
+Oesterreich, England und die Schweiz einigten sich &uuml;ber
+folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe f&uuml;r alle
+Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit f&uuml;r jugendliche
+Arbeiter und f&uuml;r Frauen, Zehnstundentag f&uuml;r Jugendliche,
+Elfstundentag f&uuml;r Frauen, vierw&ouml;chentliche
+Arbeitsunterbrechung f&uuml;r W&ouml;chnerinnen, Verbot der
+Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den
+Arbeiterinnenschutz zu den zur&uuml;ckgebliebensten L&auml;ndern
+geh&ouml;rt, und Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten
+bei den meisten Punkten Vorbehalte oder sie erkl&auml;rten sich
+direkt dagegen. Ohne zu positiven Resultaten gelangt zu sein, ging
+die Konferenz auseinander und es blieb jedem einzelnen Staat wieder
+&uuml;berlassen, den Arbeiterschutz nach seinem Gutd&uuml;nken
+auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, an
+dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem grenzenlosen Jammer
+gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine stumme Qual und
+Ausbr&uuml;che w&uuml;tender Verzweiflung verd&uuml;stert wurde,
+bot den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen
+von seiner &uuml;ppigen Tafel. Sie kamen, n&auml;chst den Kindern,
+wesentlich den Frauen zu gute.</p>
+
+<p>Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
+Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten].</p>
+
+<p>Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen
+Arbeiterinnen und er schlie&szlig;t sowohl die n&auml;heren
+Bestimmungen &uuml;ber Hausindustrie und Heimarbeit als alle
+diejenigen Gesetze aus, die sich mit den Handelsangestellten, den
+Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und Dienstboten
+besch&auml;ftigen.</p>
+
+<p>Betrachten wir zun&auml;chst die Frage der Arbeitszeit. Der
+Normalarbeitstag war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung
+gewesen. In England und mehr noch in Australien hatten sich die
+Gewerkschaften die allm&auml;hliche Herabsetzung der Arbeitszeit
+erk&auml;mpft und vielfach ihr Ziel, den Achtstundentag, durch
+kollektive Vertragschlie&szlig;ung erreicht. Sie hatten, belehrt
+durch ihre Lebenslage, die nur durch Verk&uuml;rzung der
+Arbeitszeit eine menschenw&uuml;rdige werden konnte, den Standpunkt
+des einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die
+Pers&ouml;nlichkeit, jede Einschr&auml;nkung des freien Willens
+ablehnt, l&auml;ngst aufgegeben und erstrebten &uuml;berall auch
+die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um so heftiger
+str&auml;ubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge
+um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu
+verkleiden suchten, da&szlig; es niemanden verwehrt sein
+d&uuml;rfe, f&uuml;r seine Familie, f&uuml;r seine Kinder so lange
+zu arbeiten als er wolle. Aber ihre Berufung auf die Freiheit des
+Individuums im allgemeinen und die Freiheit des Arbeitsvertrags im
+besonderen,&mdash;eine der wichtigsten Grunds&auml;tze des
+Liberalismus,&mdash;kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter in
+Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze
+b&uuml;rgerliche Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem
+ihre Existenz zum Teil beruht: der Erhaltung der Familie und des
+Familienlebens in seiner alten Form, als deren Tr&auml;gerin die
+Frau erscheint. Und so war es der indirekte Einflu&szlig; der
+weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der
+Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege
+zum Normalarbeitstag gehen lie&szlig;. In allen f&uuml;nf Staaten
+unserer Tabelle ist die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch
+Ru&szlig;land, Australien und Nordamerika sind in &auml;hnlicher
+Weise vorgegangen, w&auml;hrend Belgien, Holland, die
+skandinavischen L&auml;nder und Italien die gesetzliche
+Beschr&auml;nkung des Arbeitstages nur f&uuml;r Kinder und junge
+Leute eingef&uuml;hrt haben. Was aber die Bestimmungen der
+einzelnen L&auml;nder wesentlich voneinander unterscheidet ist vor
+allem der Umstand, da&szlig; sie sich nur noch zum Teil allein auf
+die weiblichen Arbeiter beziehen: Frankreich&mdash;mit einer
+gewissen Modifikation&mdash;, Oesterreich, die Schweiz, einige
+Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschr&auml;nken die
+Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Ma&szlig; wie
+die erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die nat&uuml;rliche
+Erw&auml;gung, da&szlig; die Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei
+Geschlechts nebeneinander arbeiten, eine au&szlig;erordentliche
+St&ouml;rung erleiden, wenn der eine Teil zehn oder elf, der andere
+zw&ouml;lf oder dreizehn Stunden besch&auml;ftigt ist, hat dazu den
+Anla&szlig; gegeben. Die Notwendigkeit der Beschr&auml;nkung der
+Arbeitszeit der Frauen f&uuml;hrte daher die viel und hei&szlig;
+umstrittene Frage des Maximalarbeitstages der M&auml;nner ihrer
+L&ouml;sung entgegen. Das zeigt sich noch deutlicher in den
+Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der M&auml;nnerarbeit noch
+nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen
+Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der
+Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit
+zuzuwenden. W&auml;hrend sie im Jahr 1885, vor der Regelung der
+Frauenarbeit, noch eine zw&ouml;lf-, dreizehn- und
+mehrst&uuml;ndige Arbeitszeit der M&auml;nner feststellten,
+schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung, zwischen neun
+und elf Stunden.<a name="FNanchor_913"></a><a href=
+"#Footnote_913"><sup>913</sup></a> In England, wo die Macht der
+Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt
+sich dasselbe Bild.<a name="FNanchor_914"></a><a href=
+"#Footnote_914"><sup>914</sup></a> Angesichts dessen und der uns
+bekannten Thatsache der rapiden Zunahme der Frauenarbeit
+beantwortet sich die Frage nach dem Nutzen oder Schaden ihrer
+gesetzlichen Beschr&auml;nkung von selbst, und es zeugt nur von
+gro&szlig;em Mangel an Einsicht, wenn man &uuml;ber die
+Entscheidung im Zweifel sein kann. Die Beschr&auml;nkung der
+Arbeitszeit weiblicher Arbeiter ist nicht nur f&uuml;r sie selbst
+von gr&ouml;&szlig;ter Bedeutung, sie ist es auch im Interesse
+ihrer m&auml;nnlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch, und das
+ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung vielfach
+&uuml;bersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven
+Arbeitszeit der M&auml;nner entfernt, zum Nachteil der Frauen
+ausschlagen, besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen
+dann die Frauen durch M&auml;nner ersetzt werden w&uuml;rden.
+F&uuml;r deutsche Verh&auml;ltnisse z.B. w&auml;re eine Reduktion
+der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden
+gegenw&auml;rtig schon ohne Schaden f&uuml;r sie durchf&uuml;hrbar,
+weil auch die M&auml;nner in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl
+immer n&auml;her kommen. Den Achtstundentag aber f&uuml;r die
+Frauen allein heute schon erk&auml;mpfen zu wollen, hie&szlig;e
+ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger w&auml;re es gegenw&auml;rtig
+auch f&uuml;r die Frauen mit gr&ouml;&szlig;tem Nachdruck f&uuml;r
+den gesetzlichen Maximalarbeitstag der M&auml;nner einzutreten, wie
+ihn Frankreich durch den in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden
+Zehnstundentag zum Gesetz erhoben hat. Selbstverst&auml;ndlich
+bleibt der Achtstundentag das weitere Ziel, aber, wohl gemerkt,
+f&uuml;r M&auml;nner und Frauen. Er ist die Voraussetzung f&uuml;r
+die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und geistiger
+Knechtschaft, er erm&ouml;glicht erst ihre lebendige Teilnahme an
+den Errungenschaften der modernen Kultur. F&uuml;r die Frau aber,
+vor allem f&uuml;r die Mutter und Hausfrau, w&uuml;rde er von noch
+gr&ouml;&szlig;erem Werte sein, und daraus erkl&auml;rt es sich,
+da&szlig; die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein f&uuml;r ihr
+Geschlecht erringen wollen.</p>
+
+<p>Wir kommen damit zur Kritik der L&auml;nge des Arbeitstags, wie
+er gesetzlich f&uuml;r die Frauen festgelegt wurde. Ist die
+Reduzierung der Arbeit auf zehn oder elf Stunden wirklich
+ausreichend, um die K&ouml;rperkr&auml;fte der Frau nicht zu
+&uuml;berb&uuml;rden, ihre Gesundheit nicht zu gef&auml;hrden und
+sie ihrer Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen,
+wie wir sie kennen lernten, er&uuml;brigt eine Antwort.</p>
+
+<p>So gro&szlig; der Fortschritt ist gegen&uuml;ber der
+unbegrenzten Arbeitszeit, so gering ist er gegen&uuml;ber den
+notwendigsten Bed&uuml;rfnissen; f&uuml;r das junge M&auml;dchen,
+die werdende Mutter, vor allem aber f&uuml;r die Mutter kleiner
+Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer
+zu den traurigsten Resultaten f&uuml;hrt. Die Erkenntnis, da&szlig;
+besonders die verheiratete Frau zur F&uuml;hrung ihres Haushalts
+mehr freier Zeit bedarf, hat zur Festsetzung der Mittagspause
+gef&uuml;hrt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu dauern pflegt. Es wirkt
+wie Ironie, wenn man sich vergegenw&auml;rtigt, da&szlig; in dieser
+Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der Familie
+eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden
+mu&szlig;, und die Arbeiterin meist f&uuml;r den Weg hin und her
+von der Fabrik den gr&ouml;&szlig;ten Teil der verf&uuml;gbaren
+Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die deutsche Gesetzgebung hat
+&uuml;berdies nicht einmal die anderthalb Stunden festgelegt,
+sondern nur eine, und bestimmt, da&szlig; die weitere halbe Stunde
+der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche
+Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer
+Arbeitsgelegenheit zittert, entschlie&szlig;t sich zu solcher
+Bitte? Thats&auml;chlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten
+wiederholt, da&szlig; Arbeiterinnen, die den Wunsch danach
+aussprachen, mit Entlassung bedroht wurden. Es ist daher nur
+nat&uuml;rlich, wenn der Wunsch nicht allzu h&auml;ufig laut wird.
+Die halbe Stunde ist auch oft nicht der M&uuml;he wert. Es fragt
+sich nun, ob demgegen&uuml;ber eine Verl&auml;ngerung der
+Mittagspause w&uuml;nschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen
+werden, da&szlig; eine ausreichende Erweiterung,&mdash;auf drei
+Stunden etwa,&mdash;undurchf&uuml;hrbar ist, weil die
+Betriebsst&ouml;rung zu gro&szlig; und die Differenz mit der Arbeit
+der M&auml;nner eine zu tiefgehende w&auml;re. Viel vorteilhafter
+f&uuml;r die Frau und die Arbeiterfamilie w&auml;re es, wenn sie,
+neben einer etwa einst&uuml;ndigen Pause, die Arbeit am Abend
+fr&uuml;her verlassen k&ouml;nnte, wom&ouml;glich gemeinsam mit dem
+Mann. An Stelle der mitt&auml;glichen Hetze w&uuml;rde eine
+ununterbrochene Zeit treten, durch die auch f&uuml;r den Arbeiter
+eine Spur h&auml;uslicher Gem&uuml;tlichkeit zuweilen erobert
+werden k&ouml;nnte. Man pflegt diese Tageseinteilung als die
+Einf&uuml;hrung der englischen Tischzeit zu bezeichnen, weil sie in
+England vielfach durchgef&uuml;hrt worden ist. In Verbindung aber
+mit dem zehn- oder elfst&uuml;ndigen Arbeitstag wird das Ideal, die
+Sicherung des Familienlebens, die M&ouml;glichkeit der
+Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht.
+Wohlwollende, aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit
+reaktion&auml;ren Politikern, wie das Centrum sie aufweist, sind
+daher auf den Gedanken gekommen, da&szlig; die Fabrikarbeit
+verheirateter Frauen &uuml;berhaupt verboten werden m&uuml;sse, die
+Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten
+habe.<a name="FNanchor_915"></a><a href=
+"#Footnote_915"><sup>915</sup></a> Auch in Arbeiterkreisen fehlt es
+nicht an Stimmen, die f&uuml;r diese Ma&szlig;regel eintreten; die
+Kongresse der christlichen Arbeiter von Rheinland und Westfalen
+forderten schon seit 1873 die Unterdr&uuml;ckung der eheweiblichen
+Fabrikarbeit<a name="FNanchor_916"></a><a href=
+"#Footnote_916"><sup>916</sup></a>; eine gro&szlig;e Gruppe lediger
+Fabrikarbeiterinnen Englands k&auml;mpft mit aller Energie gegen
+die verheirateten Arbeitsgenossinnen.<a name="FNanchor_917"></a><a
+href="#Footnote_917"><sup>917</sup></a> Auf verschiedene Motive ist
+diese Stellungnahme zur&uuml;ckzuf&uuml;hren: auf den
+uneigenn&uuml;tzigen Wunsch, die Mutter den Kindern
+zur&uuml;ckzugeben und auf das eigenn&uuml;tzige Verlangen, eine
+l&auml;stige, meist lohndr&uuml;ckende Konkurrenz los zu
+werden.</p>
+
+<p>Abzuleugnen, da&szlig; die Fabrikarbeit der verheirateten Frau
+ihr und ihren Kindern durch ihre gro&szlig;e Ausdehnung empfindlich
+schadet, w&auml;re, angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit.
+Es fragt sich nur, ob die zwangsweise Ausschlie&szlig;ung davon ihr
+nutzen w&uuml;rde. F&uuml;r Deutschland ist es durch die Berichte
+der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, da&szlig; die
+&uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik
+getrieben wird. Einer der Bef&uuml;rworter des Ausschlusses
+definiert den Begriff Not, indem er erkl&auml;rt, nur dort
+d&uuml;rfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst der Frau
+"unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben
+k&ouml;nne.<a name="FNanchor_918"></a><a href=
+"#Footnote_918"><sup>918</sup></a> Um solche Not handelt es sich
+zumeist; wir sehen aber Not auch dort, wo zwar der momentane Hunger
+gestillt wird, aber die Angst um die Zukunft nie weicht und alle
+Freuden des Lebens entbehrt werden m&uuml;ssen. Auch in diesem Fall
+hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu arbeiten.
+Schlie&szlig;en sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die
+Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie
+aufnehmen, und man wird die Zersetzung r&uuml;ckst&auml;ndiger
+Betriebsformen dadurch noch l&auml;nger aufhalten. Der vorhin
+zitierte Gegner der eheweiblichen Fabrikarbeit sieht darin
+allerdings einen gl&uuml;cklichen Ausweg f&uuml;r wirklich
+notleidende Ehefrauen; sie k&ouml;nnen, so sagt er "in der
+Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel
+Besch&auml;ftigung suchen, oder Aufwartungen &uuml;bernehmen, als
+Kochfrau oder Pflegerinnen gehen etc."<a name="FNanchor_919"></a><a
+href="#Footnote_919"><sup>919</sup></a> Alle diese
+Besch&auml;ftigungen also, die sich fast s&auml;mtlich des Vorzugs
+erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle und Einschr&auml;nkung
+unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren Familienpflichten
+weniger entziehen als die gesetzlich geregelte Fabrikarbeit! Zur
+Durchf&uuml;hrung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur Zeit einer
+wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der
+Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind<a name=
+"FNanchor_920"></a><a href="#Footnote_920"><sup>920</sup></a>; d.h.
+er will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit
+gerade dann entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er
+ist naiv genug, von den Unternehmern zu erwarten, da&szlig; sie
+gerade dann sich ihrer billigsten Arbeitskr&auml;fte gutwillig
+berauben werden.</p>
+
+<p>Aber nicht nur, da&szlig; der Erwerbszwang die verheirateten
+Frauen in die sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete dr&auml;ngen
+w&uuml;rde, er w&uuml;rde, da ihre Arbeitskraft ihre Mitgift
+bedeutet und unerl&auml;&szlig;lich ist zur Erhaltung der Familie,
+an Stelle der Eheschlie&szlig;ung in erweitertem Umfang das
+Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind,
+an dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Ansto&szlig; zu
+nehmen, so gewi&szlig; ist es doch, da&szlig; das Konkubinat unter
+den heutigen Verh&auml;ltnissen die Frau und ihre Kinder der
+Willk&uuml;r des Mannes erbarmungslos aussetzt und beide dem
+tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber noch
+andere Gr&uuml;nde hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur
+unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen
+aus der Fabrik f&uuml;hren m&uuml;ssen: Die Fabrikarbeit ist die
+einzige Form der Arbeit, durch die die Frauen in engere Verbindung
+mit ihren Klassengenossen gebracht werden, davon aber h&auml;ngt
+ihre Aufkl&auml;rung, ihre Organisationsf&auml;higkeit ab, und ihre
+st&auml;rkere oder geringere Organisationsf&auml;higkeit wieder
+beeinflu&szlig;t die raschere oder langsamere Entwicklung der
+sozialpolitischen Gesetzgebung.</p>
+
+<p>Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der
+Ausschlu&szlig; der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen
+Gewerbeinspektorenberichte f&uuml;r 1899 haben das interessante
+Resultat ergeben, da&szlig; nach der Aussage der Mehrzahl der
+Fabrikanten teils nicht genug ledige Arbeiterinnen zur
+Verf&uuml;gung stehen<a name="FNanchor_921"></a><a href=
+"#Footnote_921"><sup>921</sup></a>, vor allem aber die
+verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.<a name=
+"FNanchor_922"></a><a href="#Footnote_922"><sup>922</sup></a> Die
+Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen
+meist um &auml;ltere, erfahrene Arbeiterinnen, die &uuml;berdies,
+weil sie ihren Beruf nicht mehr, wie die meisten ledigen, nur als
+einen Uebergang zur Ehe betrachten, besonders eifrig und strebsam
+sind. Also auch das Interesse der Unternehmer spricht gegen ihren
+Ausschlu&szlig;. Wer die furchtbaren Sch&auml;den der Fabrikarbeit
+verheirateter Frauen ausmerzen will, mu&szlig; zu anderen Mitteln
+greifen. Er mu&szlig; sie in st&auml;rkerem Ma&szlig;e als bisher
+der Fabrikarbeit zuf&uuml;hren und der Hausindustrie und der
+Heimarbeit entrei&szlig;en. Die Einrichtung von Schulkantinen und
+Kinderhorten durch die Kommunen und die allm&auml;hliche
+Herabsetzung der Arbeitszeit mu&szlig; damit Hand in Hand
+gehen.</p>
+
+<p>Schon die gegenw&auml;rtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit
+f&uuml;r Frauen w&uuml;rde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn
+sie thats&auml;chlich ein Maximalarbeitstag w&auml;re. Unsere
+Tabelle zeigt aber, da&szlig; nicht nur Ueberstunden in
+ausgedehntem Ma&szlig; bewilligt werden k&ouml;nnen, sondern
+da&szlig; sogar allgemeine Dispensationen f&uuml;r bestimmte
+Fabrikationszweige im Bereiche der M&ouml;glichkeit liegen.
+Besonders die Saison- und Campagneindustrien spielen dabei eine
+gro&szlig;e Rolle, d.h. alle diejenigen Arbeitszweige, die der Mode
+im hohen Ma&szlig; unterworfen sind, oder die von Jahreszeiten und
+Festtagen abh&auml;ngen. Dazu geh&ouml;rt vor allem die Herstellung
+der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und in Paris
+der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest
+beeinflu&szlig;t werden. Die Ausnahmebewilligungen und
+Dispensationen sind hier so gro&szlig;, da&szlig; die gesetzlich
+vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur Ausnahme wird, und zwar um so
+mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne besondere Erlaubnis
+m&ouml;glichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen dieser Art
+kommen, wie die Fabrikinspektoren aller L&auml;nder
+&uuml;bereinstimmend berichten, am h&auml;ufigsten vor. Wo ein
+ausgepr&auml;gtes Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl fehlt, wo die
+Organisation nicht hinter der Arbeiterin steht, ist sie nicht nur
+willenlos gegen&uuml;ber den W&uuml;nschen des Unternehmers, sie
+bietet wom&ouml;glich selbst die Hand zu ihrer Erf&uuml;llung. So
+wird der zehn- oder elfst&uuml;ndige Arbeitstag in der Praxis
+vielfach zu einem zw&ouml;lf- und dreizehnst&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>Aehnlich liegen die Verh&auml;ltnisse in Bezug auf die
+Nachtarbeit: sie ist im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von
+Ausnahmen &ouml;ffnen der Uebertretung der Vorschriften Th&uuml;r
+und Thor. Nur England und die Schweiz erfreuen sich eines absoluten
+Verbots. In Deutschland wird unter bestimmten Bedingungen eine
+Verl&auml;ngerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts, ein Beginn
+zwischen 4-1/2 und 5 Uhr fr&uuml;h gestattet, aber auch die
+Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der
+Einschr&auml;nkung, da&szlig; Tag- und Nachtschichten
+w&ouml;chentlich wechseln m&uuml;ssen, kann durch den Bundesrat
+erlaubt werden. F&uuml;r Molkereien und Konservenfabriken, f&uuml;r
+Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, f&uuml;r Ziegeleien und
+schlie&szlig;lich auch f&uuml;r Konfektionswerkst&auml;tten wurden
+Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der
+Gew&auml;hrung von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit
+auch in der Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Fe&szlig;-
+und Zuckerfabrikation, sowie in zahlreichen Zweigen der
+Textilindustrie gestattet. Das franz&ouml;sische Gesetz wird in
+gleicher Weise durchl&ouml;chert, nur da&szlig; es den Vorteil
+bietet, an Stelle der zul&auml;ssigen zehnst&uuml;ndigen
+Nachtarbeit Deutschlands und der elfst&uuml;ndigen Oesterreichs die
+siebenst&uuml;ndige festgesetzt zu haben.<a name=
+"FNanchor_923"></a><a href="#Footnote_923"><sup>923</sup></a></p>
+
+<p>Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und
+Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bez&uuml;gliche
+Verordnung auch, haupts&auml;chlich aus religi&ouml;sen
+Gr&uuml;nden, straffer gehandhabt wird, und Frankreich die
+Bestimmung getroffen hat, da&szlig; f&uuml;r die notwendig
+gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche
+gew&auml;hrt werden mu&szlig;.</p>
+
+<p>Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach
+alledem durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn
+nicht annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen,
+da&szlig; der Segen, den sie verbreiten sollte, sehr
+fragw&uuml;rdig erscheint. Und doch ist diese Zwiesp&auml;ltigkeit
+des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge des Standpunkts, den
+die Regierungen der Arbeiterfrage gegen&uuml;ber einnehmen und der
+sich dadurch kennzeichnet, da&szlig; die Interessen der Arbeiter
+zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den
+Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter
+Arbeiterschutz ist aber nur dann durchf&uuml;hrbar, wenn man bei
+seiner Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen
+hat. Der Fortschritt des Arbeiterschutzes h&auml;ngt darum
+haupts&auml;chlich von dem Einflu&szlig; und der Macht der
+Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der Verk&uuml;rzung der
+Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das Wohl der
+Arbeiter in erster Linie beruht, ist der gr&ouml;&szlig;te
+Nachdruck gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und
+der Schweiz beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil
+f&uuml;r die Industrie die Durchf&uuml;hrung der Nacht- und
+Sonntagsruhe m&ouml;glich, und zwar, bestimmte Ausnahmen
+abgerechnet, auch f&uuml;r M&auml;nner. Was die Ueberstunden
+betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, da&szlig; ihre
+v&ouml;llige Aufhebung auch m&ouml;glich ist, denn sie hat sich
+trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, so gro&szlig;artig
+entwickelt. Die Unternehmer, die auf die H&ouml;he ihres Profits
+nicht verzichten wollten, sahen sich eben gen&ouml;tigt, die
+fehlenden Menschenkr&auml;fte durch schneller produzierende
+Maschinen zu ersetzen,&mdash;ein Proze&szlig;, der stets bei der
+Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit eintreten mu&szlig;, so da&szlig;
+der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten Mittel zur
+Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung erweist.
+Auch f&uuml;r Saison- und Campagneindustrien k&ouml;nnten die
+Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschr&auml;nkt und der Ausfall
+durch Mehreinstellung von Arbeitskr&auml;ften wett gemacht werden.
+Eine k&uuml;nstliche Einschr&auml;nkung der in wilder Hetzjagd
+einander folgenden Modethorheiten w&auml;re auch f&uuml;r die
+Konsumenten nicht vom Uebel. Zun&auml;chst freilich d&uuml;rfte die
+Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen
+wom&ouml;glich blos auf solche F&auml;lle, wo
+Ungl&uuml;cksf&auml;lle oder Naturereignisse sie unbedingt
+notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf dem
+Boden internationaler Vereinbarungen auf Erf&uuml;llung rechnen
+kann. Selbst die vielfach ans M&auml;rchenhafte grenzende
+Entwicklung des Maschinenwesens, die geradezu pr&auml;destiniert
+erscheint, die Arbeitszeit immer mehr zu verk&uuml;rzen, hat unter
+der gegenw&auml;rtig herrschenden schrankenlosen Konkurrenz nur
+dazu dienen m&uuml;ssen, den Profit zu erh&ouml;hen. Erfindungen,
+die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei Vorteil
+bringen, ja ihm wom&ouml;glich nur Kosten verursachen, werden ohne
+&auml;u&szlig;eren Zwang nirgends eingef&uuml;hrt. Der Staat und
+die Kommunen, die zwar solche Einrichtungen gesetzlich
+einf&uuml;hren k&ouml;nnen, die direkt Leben und Gesundheit der
+Arbeiter sch&uuml;tzen, aber nicht die Befugnis haben, die
+Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen,
+m&uuml;&szlig;ten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen
+Betrieben darin mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es
+m&uuml;&szlig;te zu den Aufgaben der Arbeiterorganisationen
+geh&ouml;ren, &uuml;berall f&uuml;r ihre Einf&uuml;hrung
+einzutreten. Verb&auml;nde sich diese Agitation mit einer
+jedesmaligen Revidierung der Lohntarife, so da&szlig; durch neue
+Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter verringert w&uuml;rden,
+so w&auml;re sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur Erreichung
+des Normalarbeitstags.</p>
+
+<p>Erw&auml;gungen &auml;hnlicher Art dr&auml;ngen sich auf, wenn
+wir die Betriebe betrachten, aus denen die Frauen in R&uuml;cksicht
+auf ihre Gesundheit entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen
+worden sind. Mit Ausnahme derjenigen Besch&auml;ftigungsarten, die,
+wie die Arbeit unter Tage, der Transport von Rohmaterial in
+Ziegeleien u.s.w., ihrer k&ouml;rperlichen Konstitution nicht
+entsprechen, sind es entweder solche, die Vergiftungsgefahren mit
+sich f&uuml;hren, wie die Herstellung elektrischer Akkumulatoren
+aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von Arsenik,
+Nitrobenzin, Bleiwei&szlig; u.s.w., oder solche, die die
+Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die
+Arbeit in Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien
+u.s.w. Frankreich ist in diesen Verboten besonders weit gegangen
+und hat die Frauen fast aus der ganzen chemischen Industrie
+entfernt. Nun haben wir aber bei der Betrachtung der Lage der
+Fabrikarbeiterinnen gesehen, da&szlig; Vergiftungen durch Blei und
+Bleiwei&szlig; z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen, der
+Ausschlu&szlig; von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und
+seiner Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir
+haben ferner gefunden, da&szlig; die schwersten k&ouml;rperlichen
+Leiden die Folgen aller Arten von Arbeiten sein k&ouml;nnen.
+M&uuml;ssen wir demnach fordern, da&szlig; alle diese
+Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewi&szlig;
+nicht! Die einzige vern&uuml;nftige Folgerung wird vielmehr die
+sein, die Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es
+durchf&uuml;hrbar ist, die Herstellung gewisser Stoffe ganz zu
+verbieten. An Mitteln und Wegen dazu fehlt es nicht, wohl aber an
+der n&ouml;tigen Initiative, sie zu ergreifen und diejenigen, die
+sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen. Ein
+gl&uuml;cklicher Anfang dazu ist k&uuml;rzlich in Frankreich
+gemacht worden, wo die Benutzung von Bleiwei&szlig; bei
+Anstreicherarbeiten durch einen Erla&szlig; des Handelsministers
+verboten wurde, und Zinkwei&szlig;,&mdash;das allerdings teuerer
+ist,&mdash;an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken,
+besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur,
+der Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird
+&uuml;berall Bleiwei&szlig; verwandt, obwohl es ebenso leicht
+verhindert werden k&ouml;nnte und auch dann verhindert werden
+m&uuml;&szlig;te, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an Glanz
+und Wei&szlig;e verl&ouml;ren.</p>
+
+<p>Gewi&szlig; mu&szlig; die Frauenarbeit f&uuml;r bestimmte, die
+Kr&auml;fte der Frau &uuml;bersteigende Arbeiten verboten werden,
+dies Verbot aber systematisch immer weiter auszudehnen ist ein
+gef&auml;hrliches Beginnen und zwar gef&auml;hrlich sowohl im
+Interesse der Frauen als in dem der M&auml;nner. Wenn die Frauen
+n&auml;mlich prinzipiell aus allen gesundheitsgef&auml;hrlichen
+Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze f&uuml;r
+dieses Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man
+gewisserma&szlig;en durch den Ausschlu&szlig; der Frauen sein
+Gewissen und &uuml;berl&auml;&szlig;t nunmehr die M&auml;nner ruhig
+den gef&auml;hrlichen Einfl&uuml;ssen der Gifte, der hohen
+Temperaturen u.s.w., als ob sie v&ouml;llig unempf&auml;nglich
+daf&uuml;r w&auml;ren! Der richtige Weg w&auml;re vielmehr der,
+durch Herabsetzung der Arbeitszeit, durch genaue Vorschriften in
+Betreff der Kleidung, durch Schutzeinrichtungen aller Art, durch
+Ventilation, Staubabsaugung, gr&uuml;ndliche Reinigung, zwangsweise
+Einf&uuml;hrung aller derjenigen Maschinen, die die Gefahr
+verringern, schlie&szlig;lich auch durch Verbot der Herstellung
+entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.<a name="FNanchor_924"></a><a
+href="#Footnote_924"><sup>924</sup></a> Auch hier h&auml;tten
+kr&auml;ftige Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der
+Th&auml;tigkeit vor sich, indem sie die Arbeit in
+gef&auml;hrlichen, nicht gen&uuml;gend gesch&uuml;tzten Betrieben
+und die Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten.</p>
+
+<p>Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche
+Sch&auml;dlichkeiten ist kein urspr&uuml;ngliches Charakteristikum
+ihres Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen
+k&uuml;nstlich gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung,
+unhygienische Kleidung, schlechte Ern&auml;hrung,&mdash;viel
+schlechter als die der M&auml;nner,&mdash;doppelte Arbeitslast,
+sobald es sich um Verheiratete handelt, vor allem aber durch
+Hungerl&ouml;hne. An die Wurzeln des Uebels ist daher auch hier die
+Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den Schutz
+der Arbeiterin auch w&auml;hrend der Menstruation f&uuml;r
+notwendig zu erkl&auml;ren. Sehen wir einmal von der
+Undurchf&uuml;hrbarkeit solcher Ma&szlig;regel ab, so haben wir
+schon einmal betont, da&szlig; diese Funktion der weiblichen
+Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die
+Leistungsf&auml;higkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird,
+so sind die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der
+Entwicklungszeit gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will
+sie zur Kr&auml;ftigung der Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die
+Arbeitszeit jugendlicher Arbeiterinnen auf das &auml;u&szlig;erste
+zu beschr&auml;nken, wenn nicht die Erwerbsarbeit der M&auml;dchen
+unter sechzehn Jahren &uuml;berhaupt zu verbieten. Das k&ouml;nnte
+f&uuml;r die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen,
+weil sich erwiesenerma&szlig;en ein Knabe zwischen vierzehn und
+sechzehn Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der
+Zeit lebhaftesten Wachstums befindet, und ebenso der Schonung
+bedarf, wie das M&auml;dchen. Eine gesunde Arbeiterin, die nicht
+schon in der fr&uuml;hsten Jugend all ihre Kraft dem Erwerb hat
+opfern m&uuml;ssen, wird dann, wenn sie in das Berufsleben
+eintritt, von der Menstruation nicht mehr sp&uuml;ren, als ein Mann
+vom Schnupfen.</p>
+
+<p>Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und
+W&ouml;chnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der
+Schwangeren kennt nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn
+D&auml;nemark, wo er sich sogar auf vier Wochen ausdehnen soll,
+einzuf&uuml;hren.<a name="FNanchor_925"></a><a href=
+"#Footnote_925"><sup>925</sup></a> Ueber seine Berechtigung
+d&uuml;rfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob
+mit einem blo&szlig;en Arbeitsverbot f&uuml;r eine kurze Zeit vor
+der Entbindung genug geschehen ist. Hirt verlangt, da&szlig; die
+Th&auml;tigkeit der Frauen w&auml;hrend der zweiten H&auml;lfte der
+Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten werden soll;
+dazu geh&ouml;rt die N&auml;herei, die F&auml;rberei und
+Stoffdruckerei, die Fabrikation vom gef&auml;rbtem Papier,
+k&uuml;nstlichen Blumen, Spitzen und Phosphorstreichh&ouml;lzern.
+Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der Er&ouml;rterung des
+Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgef&auml;hrlichen
+Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine
+ganze Anzahl anderer,&mdash;ich erinnere nur an die
+Tabakindustrie,&mdash;f&uuml;r die Schwangere und den F&ouml;tus
+ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in diesem Fall um die
+kommende Generation handelt, so gen&uuml;gt zu ihrem Schutz die
+Erf&uuml;llung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit
+aufstellten, nicht, und es w&auml;re zweifellos das Beste nicht nur
+f&uuml;r die zweite H&auml;lfte der
+Schwangerschaft,&mdash;bekanntlich bringt die erste schwere
+Gefahren mit sich,&mdash;sondern f&uuml;r die ganze Zeit der
+Schwangerschaft &uuml;berhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten.
+Dadurch aber w&uuml;rde den Frauen unter den gegenw&auml;rtigen
+Verh&auml;ltnissen viel mehr geschadet als genutzt werden, denn sie
+w&uuml;rden sich scharenweise der Hausindustrie und der Heimarbeit
+zuwenden m&uuml;ssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der
+Entbindung ist daher das &auml;u&szlig;erste, was im Augenblick von
+der Gesetzgebung verlangt werden kann.</p>
+
+<p>Die W&ouml;chnerin erfreut sich jetzt schon fast &uuml;berall
+eines Schutzes, Frankreich macht beinahe allein eine
+unr&uuml;hmliche Ausnahme hiervon, aber die Schutzzeit ist nur in
+der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf diejenige Zeit festgesetzt,
+in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes die R&uuml;ckbildung
+der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das gleichfalls sechs
+Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die Gestattung von
+Ausnahmen die Regel so gut wie umgesto&szlig;en. Aber selbst eine
+sechsw&ouml;chentliche Schutzzeit ist nur f&uuml;r vollst&auml;ndig
+gesunde Frauen und nur f&uuml;r diese allein ausreichend, das Kind,
+dem die Mutterbrust und die m&uuml;tterliche Pflege nach dieser
+Frist schon entzogen wird, hat eine nicht viel gr&ouml;&szlig;ere
+Aussicht das erste Jahr zu &uuml;berleben, oder, wenn es geschieht,
+sich zu einem kr&auml;ftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die
+Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen h&auml;tte. Angesichts
+dieser Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer
+l&auml;ngeren Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich
+ausdehnen? Die deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion
+fordert acht Wochen, erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale
+und erstrebenswerteste Zustand ist es freilich, wenn die Mutter
+ebenso wie neun Monate vor so neun Monate nach der Geburt von der
+Erwerbsarbeit befreit ist und den S&auml;ugling so lange
+n&auml;hren kann, als es sich m&ouml;glich und notwendig erweist.
+Aber wir haben leider mit sehr realen Verh&auml;ltnissen zu
+rechnen. Schon heute sehen sich viele M&uuml;tter, denen die Thore
+der Fabrik noch geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen,
+als Heimarbeiterin, Aufw&auml;rterin u. dergl. dem Verdienst
+nachzugehen. Ein auf Monate ausgedehnter Schutz w&uuml;rde
+&uuml;berall zu diesem Resultat f&uuml;hren und jeder Art nicht
+oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung
+verhelfen, w&auml;hrend es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade
+diese aus dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier
+f&uuml;r die Gegenwart bescheiden m&uuml;ssen, und den
+achtw&ouml;chentlichen Schutz als die &auml;u&szlig;erste Forderung
+aufstellen. Im Interesse der Kinder aber mu&szlig; sie mit der
+Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen
+Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang
+besch&auml;ftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu
+errichten, und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den
+M&uuml;ttern die Zeit gew&auml;hrt wird, dort ihre Kinder zu
+n&auml;hren. Aber auch hier, wie f&uuml;r das ganze Gebiet des
+Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden Fortschritts
+die allm&auml;hliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum
+Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen
+dieser einen gegen&uuml;ber in zweiter Linie. Gerade f&uuml;r die
+Frau als Mutter ist die Beschr&auml;nkung der Arbeitszeit von der
+allergr&ouml;&szlig;ten Wichtigkeit; auf ihr beruht die
+M&ouml;glichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und
+Entwicklungsf&auml;higkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer
+Kinder.</p>
+
+<p>Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, &uuml;ber das die
+Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf
+den ersten Blick, da&szlig; es ein sehr beschr&auml;nktes ist. Sie
+finden in allen L&auml;ndern nur auf die Fabrikarbeiter eine
+gleichm&auml;&szlig;ige, allgemeine Anwendung, die Arbeiter in der
+Landwirtschaft und die Dienstboten sind ganz davon ausgeschlossen,
+die Handelsgehilfen, die Kellner und die Heimarbeiter fast ganz,
+nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie genie&szlig;en
+scheinbar relativ am meisten die Segnungen des Arbeiterschutzes.
+Der Grund f&uuml;r die Zaghaftigkeit der europ&auml;ischen
+Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegen&uuml;ber der
+Heimarbeit &auml;u&szlig;ert, ist einerseits die R&uuml;cksicht auf
+die Geschlossenheit der Einzelfamilie, und andererseits die Angst,
+eine der St&uuml;tzen unserer industriellen Entwicklung zu
+untergraben.</p>
+
+<p>Die gesetzgeberischen Ma&szlig;regeln, die die
+<i>Hausindustrie</i> ber&uuml;hren, lassen sich in drei Kategorien
+einteilen: eine, von den Grunds&auml;tzen des Arbeiterschutzes
+ausgehende, die gegen&uuml;ber den Hausindustriellen in
+&auml;hnlicher Weise verf&auml;hrt, wie gegen&uuml;ber den
+Fabrikarbeitern, die Schwachen also gegen die allzu
+r&uuml;cksichtslose Ausbeutung der Starken zu sch&uuml;tzen und den
+wirtschaftlichen Egoismus einzud&auml;mmen sucht; eine zweite, die
+den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und sich
+auf sanit&auml;re Vorschriften beschr&auml;nkt, und eine dritte
+endlich, deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdr&uuml;cken.
+Von diesen drei Gesichtspunkten aus werden wir die
+einschl&auml;gige Gesetzgebung und ihre Wirkungen zu betrachten
+haben.</p>
+
+<p>Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist
+die landl&auml;ufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene
+Forderung, durch deren Erf&uuml;llung man ihren sch&auml;dlichen
+Ausw&uuml;chsen wirksam zu begegnen glaubt. Sie ist denn auch
+teilweise verwirklicht worden, indem sie aber in den
+europ&auml;ischen Staaten und auch in einem Teil der
+au&szlig;ereurop&auml;ischen vor der Heimarbeit und der
+Familienwerkstatt Halt machte. In England, Frankreich und
+Oesterreich sind die Werkst&auml;tten in Bezug auf den
+Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die
+scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu &uuml;berschreiten,
+sofern Kinder und junge Leute in ihr besch&auml;ftigt werden;
+Frankreich unterwirft auch Werkst&auml;tten religi&ouml;ser
+Kongregationen und solche, die von Wohlth&auml;tigkeitsanstalten
+abh&auml;ngen, dem Gesetz, w&auml;hrend Oesterreich sie nicht mit
+einschlie&szlig;t. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle
+Werkst&auml;tten aus, die mehr als 6 Personen besch&auml;ftigen,
+und auf alle ohne Unterschied, in denen ein gef&auml;hrliches
+Gewerbe betrieben wird. Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch
+auf die Familienwerkst&auml;tten, in dem einen Fall, soweit 2, in
+dem anderen, soweit 4 Personen darin besch&auml;ftigt sind, den
+Arbeiterschutz ausgedehnt.</p>
+
+<p>Vergegenw&auml;rtigen wir uns dem gegen&uuml;ber einmal die
+&auml;u&szlig;ere Situation der Hausindustrie: sie breitet sich
+&uuml;ber die gro&szlig;en St&auml;dte, wie &uuml;ber die kleinen,
+&uuml;ber das flache Land und das einsame D&ouml;rfchen, wie
+&uuml;ber die unzug&auml;nglichsten Th&auml;ler und Hochplateaus
+der Gebirge aus. Sie haust im Kellerwinkel und in der Dachkammer,
+sie versteckt sich hinter dem Glanz besserer Tage im Salon der
+Damen der b&uuml;rgerlichen Welt. Sie hat in den
+Gro&szlig;st&auml;dten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer
+bewegliche Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die
+Scholle, ihre Werkst&auml;tten sind ebenso schnell aufgeschlagen,
+wie abgebrochen. Hat der gesetzliche Arbeiterschutz dem
+gegen&uuml;ber irgend eine Aussicht zur Wirksamkeit? Selbst ein
+Heer von Beamten k&ouml;nnte ihm nicht dazu verhelfen. Es ist wohl
+mit diese Erw&auml;gung, die in den L&auml;ndern, wo die
+Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die
+Familienwerkst&auml;tte au&szlig;erhalb des Gesetzes stellen
+hie&szlig;. Dadurch beschr&auml;nkt sich der der Aufsicht
+unterstehende Kreis nat&uuml;rlich bedeutend, die Elendesten und
+Ungl&uuml;cklichsten, zu denen die Frauen und Kinder das
+gr&ouml;&szlig;te Kontingent stellen, werden damit schutzlos der
+Ausbeutung preisgegeben, ohne da&szlig; den Werkstattarbeitern
+wesentlich geholfen w&auml;re. Denn die Schwierigkeit der
+ausreichenden Beaufsichtigung wird noch durch die Stumpfheit der zu
+Sch&uuml;tzenden gesteigert. Die Existenz der Hausindustrie beruht
+im wesentlichen auf der Thatsache, da&szlig; die menschliche
+Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die notwendige
+Erg&auml;nzung aber der niedrigen L&ouml;hne ist die lange
+Arbeitszeit. Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen
+Bedingungen bisher immer unterworfen waren, sind nicht
+einsichtsvoll genug, um die Durchf&uuml;hrung der Gesetze zu
+unterst&uuml;tzen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen Kreisen
+aufgekl&auml;rter gro&szlig;st&auml;dtischer Arbeiter abgesehen, in
+der Beschr&auml;nkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene
+Verminderung ihrer an sich schon k&auml;rglichen Einnahmen sehen
+und die Bestimmungen des Gesetzes zu umgehen suchen. Dabei ist ihre
+Organisationsf&auml;higkeit nicht nur infolge ihrer niedrigen
+Lebenshaltung und ihrer Arbeits&uuml;berlastung, sondern auch
+infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so da&szlig; auch
+hier nur in seltenen F&auml;llen an die Stelle des einzelnen
+Schwachen die durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten
+kann.</p>
+
+<p>Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben.
+Sie haben daher verschiedene Versuche gemacht, zun&auml;chst einmal
+den Kreis der Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung
+finden soll, festzustellen. Soweit es sich um Werkst&auml;tten
+handelt, haben die australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland
+f&uuml;r sie die allj&auml;hrlich zu wiederholende Registrierung
+vorgeschrieben und verf&uuml;gt, da&szlig; eine Werkstatt erst dann
+als solche benutzt werden darf, wenn der Gewerbeinspektor, dem ihre
+Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis dazu erteilt hat. Durch
+diese Ma&szlig;regel sollen einerseits die Werkst&auml;tten zur
+Kenntnis der Beh&ouml;rden kommen, andererseits die
+sanit&auml;tspolizeiliche Kontrolle von Anfang an erm&ouml;glicht
+werden. Was aber in einem kleinen Staate m&ouml;glich ist, wird in
+einem gro&szlig;en mit ausgedehnter Hausindustrie fast
+undurchf&uuml;hrbar. Denn im Grunde m&uuml;&szlig;te wieder eine
+Kontrolle notwendig sein, um festzustellen, ob die
+vorschriftsm&auml;&szlig;ige Anmeldung zur Kontrolle auch
+durchg&auml;ngig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat im
+Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigent&uuml;mer,
+eventuell auch den Verleger f&uuml;r die rechtzeitige Anmeldung
+haftbar zu machen.<a name="FNanchor_926"></a><a href=
+"#Footnote_926"><sup>926</sup></a> Aber selbst wenn die Kontrolle
+dadurch gesichert w&uuml;rde, bliebe ein gro&szlig;er Nachteil
+bestehen: nicht immer k&ouml;nnte der Gewerbeinspektor zur
+Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch notwendig werdende
+Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen Ausfall am
+Verdienst.</p>
+
+<p>Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu
+erfassen, haben eine Anzahl nordamerikanischer und australischer
+Staaten den Verlegern die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer
+Arbeiter zu f&uuml;hren, die auf Verlangen dem Gewerbeinspektor
+vorzulegen sind, und England ist noch einen Schritt weiter
+gegangen, indem es, allerdings nur f&uuml;r eine beschr&auml;nkte,
+Zahl von Gewerben, verlangte, da&szlig; die Werkstattinhaber und
+Liefermeister j&auml;hrlich zweimal die Namen und Adressen ihrer
+Arbeiter dem Gewerbeinspektor einzureichen haben.<a name=
+"FNanchor_927"></a><a href="#Footnote_927"><sup>927</sup></a> Diese
+Bestimmung ist gewi&szlig; eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung
+verdient; einen wirklichen Wert aber hat sie nur dann, wenn die
+Beamten auch im st&auml;nde sind, s&auml;mtliche Arbeiter
+ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der Sache,
+v&ouml;llig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die
+Durchf&uuml;hrung der Schutzgesetze zu gew&auml;hrleisten, scheint
+demnach der zu sein, die Verantwortlichkeit daf&uuml;r auf eine
+Reihe von Personen auszudehnen und so eine Art freiwillige
+Inspektion zu schaffen, die die staatliche unterst&uuml;tzt. Die
+englische Gesetzgebung hat f&uuml;r bestimmte Gewerbe
+demgem&auml;&szlig; entschieden und den Unternehmer f&uuml;r
+haftbar erkl&auml;rt, wenn seine Arbeiter unter
+gesundheitsgef&auml;hrlichen Bedingungen besch&auml;ftigt werden.
+Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es
+sich etwa um die Beschaffenheit der Werkst&auml;tten in
+sanit&auml;rer Hinsicht handelt. Das Wichtigste aber, die
+Sicherstellung der Arbeitszeit, der Pausen, des
+W&ouml;chnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht
+gew&auml;hrleistet werden, weil auch der Unternehmer keine
+st&auml;ndige Kontrolle aus&uuml;ben kann und sich kaum dazu
+gezwungen sieht, denn er wei&szlig; viel zu genau, wie selten die
+Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden w&uuml;rde. Was
+Thun von einem rheinischen Industriellen erz&auml;hlt, der, als er
+wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe
+verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder
+aus den Kindern heraus"<a name="FNanchor_928"></a><a href=
+"#Footnote_928"><sup>928</sup></a>, w&uuml;rde sich hier mit
+einigen Variationen wiederholen; die Verantwortlichkeit
+m&uuml;&szlig;te daher nicht nur von dem Unternehmer getragen
+werden. Beatrice Webb schl&auml;gt vor, da&szlig; auch der Hausherr
+und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden
+m&uuml;&szlig;te.<a name="FNanchor_929"></a><a href=
+"#Footnote_929"><sup>929</sup></a> In New-York ist diese Forderung
+teilweise zum Gesetz erhoben worden, und der Hausherr mu&szlig;
+f&uuml;r bestimmte Gewerbe daf&uuml;r einstehen, da&szlig; die
+Waren erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der
+Werkst&auml;tte bei der Aufsichtsbeh&ouml;rde erfolgte. Ueber diese
+Bestimmung hinaus scheint mir die Haftbarmachung praktischerweise
+auch nicht gehen zu k&ouml;nnen, weil andernfalls eine f&uuml;r den
+Werkstattinhaber und seine Familie unertr&auml;gliche Chikanierung
+seitens des Hausherrn daraus entstehen w&uuml;rde. Hat der Hausherr
+oder sein Vertreter,&mdash;und man mache sich einmal klar, welche
+Art Menschen das h&auml;ufig sind, und wie sie von Anfang an dem
+armen Arbeiter mi&szlig;trauisch gegen&uuml;berstehen,&mdash;die
+Berechtigung, seine Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein
+derjenigen, die ihm aus irgend einem Grunde mi&szlig;liebig sind,
+zu einem qualvollen gestalten, von Uebergriffen aller Art zu
+geschweigen, die die Folge sein m&uuml;&szlig;ten. Diese Art
+Kontrolle k&ouml;nnte au&szlig;erdem immer nur im Weichbild der
+St&auml;dte m&ouml;glich sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf
+dem Lande und im Gebirge nicht nur h&auml;ufig Besitzer ihrer
+armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab vom Verleger
+wohnen.</p>
+
+<p>Noch ein Mittel bleibt zu erw&auml;hnen, das f&uuml;r einen
+begrenzten Kreis von Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene
+Arbeitszeit sichern helfen soll. Es besteht in dem Verbot, den
+Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach Ablauf der Arbeitszeit noch
+Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist in dieser Weise
+vorgegangen, hat aber ausdr&uuml;cklich bestimmt, da&szlig; nur
+dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn
+die Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit
+besch&auml;ftigt wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen
+Th&uuml;r und Thor ge&ouml;ffnet, weil unm&ouml;glich festgestellt
+werden kann, ob man ihr f&uuml;r den ihr gesetzlich zur
+Verf&uuml;gung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit
+nach Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des
+Gesetzes auf die Frauen R&uuml;cksicht nehmen zu m&uuml;ssen, die,
+weil sie Kinder zu h&uuml;ten und ein Hauswesen zu leiten haben,
+nur stundenweise in der Werkstatt arbeiten k&ouml;nnen; ihnen
+wollte man nicht die M&ouml;glichkeit rauben, durch h&auml;usliche
+Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erh&ouml;hen, und opferte
+dieser R&uuml;cksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer
+Frauen, denen dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit
+aufgeb&uuml;rdet werden kann, da&szlig; sie zwar zu Hause bis in
+die Nacht hinein arbeiten m&uuml;ssen, aber weder Zeit finden,
+f&uuml;r ihre Kinder, noch f&uuml;r ihr Hauswesen zu sorgen. Soll,
+wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche
+Arbeiterin vor Ausbeutung gesch&uuml;tzt werden, so mu&szlig; das
+Verbot, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein.</p>
+
+<p>Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf
+die Hausindustrie l&auml;uft darauf hinaus, da&szlig; alle
+Bem&uuml;hungen, sie in vollem Umfang durchzusetzen, fruchtlose
+bleiben. Der wesentliche Grund daf&uuml;r ist der, da&szlig; die
+Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte Rinnsale
+auseinanderflie&szlig;en, die sich notwendigerweise der Aufsicht
+entziehen. In dem schmerzlichen Gef&uuml;hl der Resignation
+angesichts dieser Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf
+beschr&auml;nkt, die Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine
+sanit&auml;re Vorschriften abzuschw&auml;chen. Sie gingen dabei
+urspr&uuml;nglich nicht vom Interesse der Arbeiter, sondern von dem
+der Konsumenten aus, die sie vor dem Einflu&szlig; der unter
+gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu
+sch&uuml;tzen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union
+ist dieses System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren
+Herd die Schwitzh&ouml;hlen der Hausindustrie waren, gaben den
+Ansto&szlig; dazu. Man verf&uuml;gte, um die gef&auml;hrliche
+Ueberf&uuml;llung der kleineren Arbeitsstuben zu vermeiden,
+da&szlig; in den Zimmern der Mietsh&auml;user, die zugleich zum
+Essen und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskr&auml;fte zur
+Herstellung verk&auml;uflicher Waren nicht besch&auml;ftigt werden
+d&uuml;rfen. Es war dies zugleich ein erster,
+vielverhei&szlig;ender Schritt zur zwangsweisen Einrichtung
+abgesonderter Werkst&auml;tten, es war aber auch zugleich eine
+indirekte Unterst&uuml;tzung der Familienwerkst&auml;tten, in denen
+die Ausbeutung ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer
+der billigsten Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine
+Ausbreitung der Heimarbeit eher f&ouml;rdern als hindern helfen.<a
+name="FNanchor_930"></a><a href="#Footnote_930"><sup>930</sup></a>
+Um aber auch die Familienwerkstatt und ihre
+Gesundheitsverh&auml;ltnisse unter Aufsicht halten zu k&ouml;nnen,
+wurde ihre Anmeldepflicht bei der Sanit&auml;tspolizei und ihre
+Lizenzierung durch sie eingef&uuml;hrt. F&uuml;r die Befolgung
+dieser Vorschrift machte man in New-York den Hausherrn, in
+Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese Weise werden die
+Arbeitsr&auml;ume, zum Teil nur soweit sie der Konfektionsindustrie
+dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit &uuml;berhaupt Waren
+darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der
+Sanit&auml;tsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das
+Verbot, Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten
+herrschen, das auch England erlassen hat, sind die nat&uuml;rliche
+Folge hiervon. Man ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter
+gegangen, In New-York, Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das
+Gesetz, da&szlig; Waren, von denen in Erfahrung gebracht wird,
+da&szlig; sie Werkst&auml;tten oder Familienbetrieben entstammen,
+die einer Lizenz ermangeln, oder da&szlig; sie sonst unter
+ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanit&auml;ts- oder
+Gewerbeinspektor mit einer Marke versehen werden m&uuml;ssen, die
+die Bezeichnung Tenement made enth&auml;lt, also sowohl
+H&auml;ndler wie Konsumenten vor dem Kauf abschreckt. Waren, die in
+R&auml;umen verfertigt wurden, in denen ansteckende Krankheiten
+herrschen, m&uuml;ssen nach der Markierung desinfiziert werden und
+zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von
+ausw&auml;rts eingef&uuml;hrte Verkaufsgegenst&auml;nde. Diese
+ganze, in der Idee gut gemeinte Einrichtung tr&auml;gt aber den
+Stempel v&ouml;lliger Unzul&auml;nglichkeit schon an der Stirn, ja
+sie f&uuml;hrt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer
+verm&ouml;chte daf&uuml;r einzustehen, da&szlig; jedes
+Kinderj&auml;ckchen, das im Zimmer des Typhuskranken entstand, jede
+Cigarre, die neben dem Bett des Schwinds&uuml;chtigen gearbeitet
+wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am Bett ihres
+diphtheritiskranken Kindes n&auml;hte, kontrolliert und markiert
+werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und
+Blusen, die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen
+versandt werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder
+nicht? Die Angst vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt
+die Heimarbeiter aber auch zu einem f&ouml;rmlichen System der
+Verheimlichung und Vertuschung. Noch sp&auml;ter als bisher werden
+sie sich entschlie&szlig;en, den Arzt zu holen oder ansteckende
+Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die
+verh&auml;ngnisvolle Marke an den Waren h&auml;ngt, wird sie auf
+der gro&szlig;en Reise, die sie antritt, trotz aller auf ihre
+Besch&auml;digung oder Entfernung verh&auml;ngten Strafen, daran
+bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, da&szlig; ein
+ges&auml;umtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem
+Entstehungsort bis zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden
+k&ouml;nnen! Haftet aber die Marke trotz alledem, so wird die
+traurige Scheidung zwischen Reich und Arm noch in erweitertem
+Ma&szlig;e als bisher sich vollziehen: es werden Kreise von
+H&auml;ndlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und
+sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf
+nehmen, wenn sie daf&uuml;r weniger zu bezahlen brauchen. Also
+selbst die Durchf&uuml;hrbarkeit der Markierungsvorschriften
+vorausgesetzt, w&uuml;rden sie nur dem Sch&uuml;tze der
+beg&uuml;terten K&auml;ufer dienen.</p>
+
+<p>Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die
+Hausindustrie-Gesetzgebung zu k&auml;mpfen hat, und an denen sie
+nach jeder Richtung hin scheitern mu&szlig;, vergegenw&auml;rtigen,
+so zeigt es sich, da&szlig; sie sich alle unter dem einen Wort
+Heimarbeit zusammenfassen lassen,&mdash;Heimarbeit im weitesten
+Sinn, die sowohl die Arbeit der einzelnen Frau in ihrem
+St&uuml;bchen, als die Familienwerkstatt und die kleine Werkstatt
+der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten R&auml;umen in sich
+begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die
+Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu &uuml;berbr&uuml;cken
+vermochte, in den sie vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen
+hinabst&ouml;&szlig;t, vor allem die schw&auml;chsten, die Kinder
+und die Frauen. Um den Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die
+Kosten der Fabrikanlagen zu ersparen und das Risiko der stillen
+Zeiten und der Krisen auf die Arbeiter abzuw&auml;lzen, hat das
+Unternehmertum die Hausindustrie gro&szlig;gezogen. Wird sie von
+der Gesetzgebung gleichfalls erfa&szlig;t, so wirft sich die
+Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so
+geringf&uuml;gige Vorschrift wie die deutsche
+Konfektionsverordnung, hat vielfach schon eine Zunahme der
+Heimarbeiter zur Folge gehabt<a name="FNanchor_931"></a><a href=
+"#Footnote_931"><sup>931</sup></a>, und die Einf&uuml;hrung des
+achtst&uuml;ndigen Normalarbeitstages f&uuml;r Fabriken und
+Werkst&auml;tten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins
+Leben gerufen.<a name="FNanchor_932"></a><a href=
+"#Footnote_932"><sup>932</sup></a> Vor ihr aber steht, unter dem
+Banne geheiligter Traditionen der europ&auml;ische Gesetzgeber
+still, der die Schwelle des Hauses nicht zu &uuml;berschreiten
+wagt, auch wenn sie l&auml;ngst nicht mehr zu den heimlichen
+Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die d&uuml;stere
+Werkstatt der Familienausbeutung f&uuml;hrt. Vielleicht h&auml;lt
+ihn auch eine unbestimmte Furcht zur&uuml;ck, die Grenzen seiner
+Macht, der f&uuml;r grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der
+Amerikaner und der Australier, den sentimentale R&uuml;cksichten
+nicht mehr in dem Ma&szlig;e beherrschen, hat sich den Eintritt
+erzwungen, aber all seine Pillen und Tr&auml;nke, die er gegen die
+gro&szlig;e Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos
+geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist
+eine Krankheit, die rettungslos zum Tode f&uuml;hrt. Viele
+verschlie&szlig;en sich der Richtigkeit dieser Diagnose, andere
+erkennen sie an, aber nach dem Beispiel der Aerzte am menschlichen
+Totenbett suchen sie das entfliehende Leben mit allen Mitteln der
+Kunst aufzuhalten, und nur sehr wenige sehen darin die &auml;rgste
+Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar erleichtern, den
+Aufl&ouml;sungsproze&szlig; aber beschleunigen. Es kann nach allem
+bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir
+uns zu stellen haben.</p>
+
+<p>Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der
+Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bem&uuml;hung um
+bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der
+organisationsunf&auml;higen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung
+der Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die
+Schneider f&uuml;hrten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer,
+um sie zu zwingen, alle Arbeiter nur in eigenen Werkst&auml;tten zu
+besch&auml;ftigen. Die Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel
+durch Arbeitseinstellungen, die Schneider blieben fast ganz
+erfolglos, auch ihr Appell an die Konsumenten, nur in solchen
+Gesch&auml;ften zu kaufen, die in Betriebswerkst&auml;tten arbeiten
+lassen, fand nicht das Geh&ouml;r, das notwendig gewesen w&auml;re,
+wenn es h&auml;tte Eindruck machen sollen.<a name=
+"FNanchor_933"></a><a href="#Footnote_933"><sup>933</sup></a> Ein
+Teil der englischen Sozialdemokratie, die auf dem Z&uuml;richer
+Arbeiterschutzkongre&szlig; vertreten war, sprach sich im Sinne der
+Arbeiter aus und bef&uuml;rwortete eine Resolution, die die
+Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der notwendigen,
+gesetzgeberischen Ma&szlig;regeln hinstellte. Aber selbst vor
+diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung,
+Betriebswerkst&auml;tten einzurichten, traten auch die deutschen
+Arbeiter 1895 vor die Konfektion&auml;re, und legten, um den Streit
+auszufechten, im Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das v&ouml;llig
+ungen&uuml;gende Gesetz, das die Werkstattarbeiter der Konfektion
+der Arbeiterschutzgesetzgebung unterstellte, war die Folge ihres
+Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der er ausging, geschah
+nichts.<a name="FNanchor_934"></a><a href=
+"#Footnote_934"><sup>934</sup></a></p>
+
+<p>Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung
+von Betriebswerkst&auml;tten, die noch dazu, wo der Wunsch danach
+bisher auftauchte, von keinem Parlament bef&uuml;rwortet wurden,
+ist von ihrem Standpunkt aus vollkommen erkl&auml;rlich: die
+Errichtung oder Miete von R&auml;umen f&uuml;r die
+Werkst&auml;tten, die Anschaffung von Maschinen, die Anstellung von
+Werkf&uuml;hrern, und nicht zum mindesten die schlie&szlig;lich
+folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und
+der Arbeiterversicherung, denen sie bei der Besch&auml;ftigung von
+Hausindustriellen fast ganz entgehen, w&uuml;rde eine Kapitalanlage
+erfordern und den Profit zun&auml;chst so beschneiden, da&szlig;
+auch f&uuml;r die Zukunft an ein Nachgeben der Unternehmer um so
+weniger zu denken ist, als die in Betracht kommenden Arbeiter unter
+den gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnissen zu einer geschlossenen
+starken Organisation, die ihren W&uuml;nschen den n&ouml;tigen
+Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen
+sind einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe
+geschritten. In Genf und Lausanne, in Bern und in Z&uuml;rich waren
+es die Schneider, die sich mit Unterst&uuml;tzung ihrer
+Gewerkschaft eigene Werkst&auml;tten einrichteten, in Wien thaten
+die Meerschaumschnitzer das gleiche.<a name="FNanchor_935"></a><a
+href="#Footnote_935"><sup>935</sup></a> Die ganze Bewegung
+beschr&auml;nkte sich aber auf kleine Kreise, weil einerseits
+keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das
+n&ouml;tige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen
+und Anwendung motorischer Kr&auml;fte schnellere und bessere Arbeit
+zu liefern, und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden
+abzugraben. Die Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich
+um Unterst&uuml;tzung wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer
+Bestrebungen an, glaubte aber, in R&uuml;cksicht auf den
+Stadts&auml;ckel, keinen Pr&auml;zedenzfall schaffen zu
+d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Ein anderes Mittel, die Heimarbeit m&ouml;glichst
+einzuschr&auml;nken, forderte ein Gesetzentwurf, den der Minister
+Peacock 1895 dem Parlament von Viktoria vorlegte, der sich aber
+auch nur auf die Konfektionsindustrie bezog. Er enthielt die
+Bestimmung, da&szlig; Heimarbeiter nur gegen Erlaubnisscheine
+besch&auml;ftigt werden d&uuml;rften, und zwar sollten nur
+diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen m&uuml;ssen und
+dabei aus irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf
+Anspruch erheben k&ouml;nnen; diese Einschr&auml;nkung aber
+h&auml;tte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit getreten w&auml;re,
+seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und durchgreifender
+erscheint daher der Vorschlag eines deutschen Sozialpolitikers, der
+gleichfalls in der schlie&szlig;lichen Unterdr&uuml;ckung der
+Heimarbeit die einzige L&ouml;sung der brennenden Frage sieht, und
+zwar den gegenw&auml;rtig besch&auml;ftigten Heimarbeitern ihre
+Arbeit im eigenen Haus gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch
+gestatten, neu eintretende aber davon ausschlie&szlig;en will, so
+da&szlig; die Heimarbeit dadurch auf den Aussterbeetat gesetzt
+wird.<a name="FNanchor_936"></a><a href=
+"#Footnote_936"><sup>936</sup></a> Die hier gekennzeichneten
+Forderungen und W&uuml;nsche sind, jede f&uuml;r sich, berechtigt,
+aber sie sind entweder in der angegebenen Form unerf&uuml;llbar,
+oder sie w&uuml;rden sich, wenn sie verwirklicht w&auml;ren, der
+gro&szlig;en Aufgabe gegen&uuml;ber als viel zu schwach erweisen.
+Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer
+grausamen H&auml;rte werden, nur das Resultat einer systematischen
+Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen,
+das Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster
+Schritt zu diesem Ziel w&auml;re die Verbindung von Wohnung und
+Werkstatt allen denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei
+sich besch&auml;ftigen, und die Mitgabe von Arbeit nach Hause
+ausnahmslos zu untersagen; die Gewerbeinspektoren, deren Zahl um
+ein betr&auml;chtliches erh&ouml;ht werden m&uuml;&szlig;te,
+h&auml;tten die Durchf&uuml;hrung der Vorschrift zu beaufsichtigen,
+w&auml;hrend die Verantwortung daf&uuml;r auch vom Verleger zu
+tragen w&auml;re. Um aber zu gleicher Zeit die Zwischenmeister,
+h&auml;ufig selbst nur wenig besser gestellte Proletarier, nicht zu
+ruinieren, m&uuml;&szlig;ten alle Gemeinden, in deren Bereich sich
+hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet werden unter
+Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere, allen
+Anforderungen der Hygiene entsprechende R&auml;ume, wom&ouml;glich
+eigens f&uuml;r den Zweck erbaute fabrik&auml;hnliche Geb&auml;ude
+mit Motorbetrieb, den Hausindustriellen gegen eine Miete, die die
+fr&uuml;her daf&uuml;r aufgewendeten Mittel nicht &uuml;bersteigen
+d&uuml;rfte, zur Verf&uuml;gung zu stellen. Auf alle diese
+Werkst&auml;tten w&auml;ren sodann s&auml;mtliche Vorschriften der
+Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und
+Kommunalverwaltungen h&auml;tten die Verpflichtung einzugehen, ihre
+Auftr&auml;ge nur von solchen Werkst&auml;tten ausf&uuml;hren zu
+lassen.<a name="FNanchor_937"></a><a href=
+"#Footnote_937"><sup>937</sup></a></p>
+
+<p>Bliebe man aber hierbei stehen, so w&uuml;rden die
+Familienwerkst&auml;tten selbstverst&auml;ndlich, den Erfahrungen
+in anderen L&auml;ndern entsprechend, enorm zunehmen. Dem
+m&uuml;&szlig;te die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr das
+Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die
+Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in
+R&uuml;cksicht auf zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege
+alter Angeh&ouml;riger oder durch eigene Gebrechlichkeit gezwungen
+sind, daheim zu bleiben, w&auml;ren zun&auml;chst Erlaubnisscheine
+f&uuml;r die Aus&uuml;bung ihres Berufes im Hause zu erteilen. Nach
+dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen h&auml;tte die kommunale
+Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen
+Heimarbeitern zuzuwenden und nach Ma&szlig;gabe des
+Bed&uuml;rfnisses, Kinderkrippen und Kinderhorte, Heimst&auml;tten
+und Siechenh&auml;user zu schaffen oder zu erweitern, oder durch
+direkte Unterst&uuml;tzung da einzugreifen, wo es not thut, so
+da&szlig; nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit s&auml;mtliche
+Heimarbeiter in die Werkst&auml;tten &uuml;bergef&uuml;hrt werden
+k&ouml;nnten, und die Kinder, die Alten und Leidenden versorgt
+sind. Die selbstverst&auml;ndliche Voraussetzung f&uuml;r den
+Eingriff der Armenpflege w&auml;re nat&uuml;rlich, da&szlig; alle,
+die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des
+Wahlrechts, in Fortfall k&auml;men. Die Pflege der Kranken, Alten
+und Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren
+Erf&uuml;llung sie Anspruch haben, und die Armut
+gewisserma&szlig;en zu bestrafen, ist ein trauriges Zeichen
+f&uuml;r die v&ouml;llige Verwirrung klarer Begriffe.</p>
+
+<p>Nachdem alle diese Voraussetzungen erf&uuml;llt sind,
+k&ouml;nnte gegen die Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen
+wird, mit gr&ouml;&szlig;erem Nachdruck vorgegangen werden. Die
+N&auml;herei in all ihren verschiedenen Zweigen k&auml;me
+zun&auml;chst in Betracht, weil sie sich am leichtesten
+&uuml;berall zu verbergen vermag. Hier m&uuml;&szlig;te eine neue
+Ma&szlig;regel einsetzen: das Verbot des Antriebs der Maschinen
+durch menschliche Kraft &uuml;berall dort, wo nicht f&uuml;r den
+Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, da&szlig; nach
+Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einf&uuml;hrung des
+Dampfbetriebs in der N&auml;herei mehr als manches andere zur
+Hebung der Gesundheit beitragen w&uuml;rde<a name=
+"FNanchor_938"></a><a href="#Footnote_938"><sup>938</sup></a>,
+w&auml;re diese Vorschrift leicht durchf&uuml;hrbar, weil das
+Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert, um so mehr, wenn in
+diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede industrielle
+Arbeit in Miets- und Wohnh&auml;usern, sowohl f&uuml;r die Arbeiter
+als f&uuml;r die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen
+w&uuml;rde.<a name="FNanchor_939"></a><a href=
+"#Footnote_939"><sup>939</sup></a></p>
+
+<p>Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer
+allm&auml;hlichen Entwicklung, immer nur in den St&auml;dten, wo
+die Arbeiter sich zusammendr&auml;ngen und die Aufsicht leichter
+m&ouml;glich ist, durchf&uuml;hrbar. Sind sie aber hier in
+Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der modernen
+Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskr&auml;fte
+aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung,
+der in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das
+Land, in die einsamen Th&auml;ler, auf die fernen H&ouml;hen
+werfen. Um hier denselben Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung
+zu verschaffen, mu&szlig; die Verkehrspolitik in ihren Dienst
+gestellt werden.<a name="FNanchor_940"></a><a href=
+"#Footnote_940"><sup>940</sup></a> Jede Eisenbahn, jede gute
+Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte
+Thatsache, &uuml;ber die Naturfreunde nicht genug klagen
+k&ouml;nnen, da&szlig; der Fabrikschornstein &uuml;berall
+emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die Vereinigung der
+l&auml;ndlichen Hausindustriellen in Werkst&auml;tten wird sich mit
+dieser Unterst&uuml;tzung allm&auml;hlich auch durchsetzen lassen.
+Zur Schaffung der Werkst&auml;tten k&ouml;nnten die Arbeitgeber um
+so straffer herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren
+L&ouml;hne, gegen&uuml;ber den Arbeitgebern der st&auml;dtischen
+Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind.</p>
+
+<p>Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In
+New-York und Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer
+strengen Regelung unterliegt, haben die Konfektion&auml;re sich ihr
+dadurch zu entziehen gewu&szlig;t, da&szlig; sie ihre Waren aus
+anderen Staaten beziehen, die solche Gesetze noch nicht kennen, und
+in die die Schwitzmeister von New York und Massachusetts massenhaft
+&uuml;bersiedelten. Dasselbe w&uuml;rde sich in Europa wiederholen,
+wenn die Gesetzgebung zur Bek&auml;mpfung der Hausindustrie sich
+auf ein oder zwei L&auml;nder beschr&auml;nken w&uuml;rde. Die
+Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends
+st&auml;rker hervor als hier, und es w&auml;re an der Zeit,
+da&szlig; wenigstens zun&auml;chst einmal die internationalen
+Gesellschaften f&uuml;r Arbeiterschutz sich eingehend mit dieser
+Frage besch&auml;ftigen m&ouml;chten, statt da&szlig; sie ihre
+Universalit&auml;t durch eine oberfl&auml;chliche Vielseitigkeit
+beweisen zu m&uuml;ssen glauben. Vor allem aber sollte die
+Arbeiterschaft aller L&auml;nder, ihr ein thatkr&auml;ftiges
+Interesse zuwenden, und in den Parlamenten einm&uuml;tig ihr
+gegen&uuml;ber Stellung nehmen, denn von der Unterdr&uuml;ckung der
+Hausindustrie h&auml;ngt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die
+Vereinigung der m&auml;nnlichen und weiblichen Arbeiter in den
+Werkst&auml;tten wird ihre Aufkl&auml;rung f&ouml;rdern und ihre
+gewerkschaftliche Organisation erm&ouml;glichen. Solange sie wie
+die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den organisierten
+Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder streitig machen.
+Lohnerh&ouml;hungen insbesondere, vor allem feste Lohntarife, jene
+wichtige Aufgabe der Arbeiterverb&auml;nde, von deren Erreichung
+die Sicherheit der Existenz vielfach abh&auml;ngt, werden, solange
+die Hausindustrie besteht, nur selten zu erk&auml;mpfen und noch
+seltener festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt
+es noch Leute genug, die zwar die Sch&auml;den der Hausindustrie
+anerkennen, trotzdem aber vor durchgreifenden Ma&szlig;nahmen
+zur&uuml;ckscheuen, weil sie die Familie und die Freiheit des
+Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch zweifellos,
+da&szlig; es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die
+Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne H&auml;rten
+nicht abgehen wird. Wo aber in der Welt w&auml;re der Fortschritt
+leicht erkauft worden? Gegen&uuml;ber allen Arbeiterschutzgesetzen
+hat es Menschen gegeben, die sich in ihrer Freiheit
+beschr&auml;nkt, in ihrem Verdienst geschm&auml;lert sahen. Die
+allm&auml;hliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat
+gewi&szlig; schwere Wunden geschlagen und schl&auml;gt sie noch
+heute, f&uuml;r die Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der
+Sozialreformer aber und der Gesetzgeber d&uuml;rfen nach den
+Gef&uuml;hlen Einzelner nicht ihre Handlungen einrichten, sie haben
+vielmehr die Aufgabe, den Entwicklungstendenzen nachzusp&uuml;ren
+und diejenigen zu f&ouml;rdern, durch die die Menschheit im
+allgemeinen zu h&ouml;heren Daseinsformen gehoben werden wird. Die
+Hausindustrie h&auml;lt sie auf der Stufe physischer und geistiger
+Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen
+Verh&auml;ltnissen, darum mu&szlig; auch hier das sentimentale
+Mitleid von der ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden
+Menschenliebe &uuml;berwunden werden.</p>
+
+<p>Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit
+hindurch auch die <i>Handelsgehilfen</i>. Und sie selbst, die den
+Unterschied zwischen sich und den Fabrikarbeitern stets scharf
+betonten, w&uuml;nschten auch auf diesem Gebiet keine
+Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842 gegr&uuml;ndete
+englische Verein zur Erk&auml;mpfung des fr&uuml;hen
+Ladenschlusses, nach fast f&uuml;nfzigj&auml;hrigen vergeblichen
+Bem&uuml;hungen einsah, da&szlig; auf dem Wege der Selbsthilfe
+nichts zu erreichen war, trat er f&uuml;r gesetzliche
+Ma&szlig;regeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die
+kaufm&auml;nnischen Vereine Deutschlands bestimmte Forderungen an
+die Gesetzgebung. Die Entstehung der Gro&szlig;betriebe auf dem
+Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung vorgearbeitet, denn
+sie verwandelte langsam die Masse der jungen Kaufleute, die ihre
+Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur eignen
+Selbst&auml;ndigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in
+abh&auml;ngiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines
+gesetzlichen Schutzes bed&uuml;rfen. Der erste Schritt hierzu war
+die gesetzliche Fixierung einer w&ouml;chentlichen
+Maximalarbeitszeit von 74 Stunden f&uuml;r Ladengehilfen unter 18
+Jahren in England, der aber &uuml;ber ein Jahrzehnt hindurch nur
+zur Ausf&uuml;llung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle
+&uuml;ber seine Ausf&uuml;hrung vorhanden war. Der Londoner
+Grafschaftsrat entschlo&szlig; sich erst vor wenigen Jahren zur
+Anstellung von Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine
+gro&szlig;e Zahl von Gesetzes&uuml;bertretungen konstatieren
+konnten. Die einzige Bestimmung, die diesem vielverhei&szlig;enden
+Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die Vorschrift, in
+allen L&auml;den, wo weibliche Verk&auml;ufer th&auml;tig sind,
+Sitze f&uuml;r sie aufzustellen,&mdash;eine Vorschrift, betreff
+deren eine Anzahl nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel
+vorangegangen war und die auch von Deutschland und Frankreich
+neuerdings erlassen wurde. Die schweren Sch&auml;den aber, mit der
+die Arbeit im Handel die Angestellten bedroht, sind damit noch kaum
+ber&uuml;hrt, und doch schien es, als ob die wichtigste Reform, die
+Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen w&auml;re.
+Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erk&auml;mpfen; aber sie
+blieb problematisch und besteht im Grunde nur in einer
+Beschr&auml;nkung der Sonntagsarbeit, denn nicht nur, da&szlig;
+alle Handelsgehilfen in Deutschland eine f&uuml;nf-, in Oesterreich
+sogar eine sechsst&uuml;ndige Sonntagsarbeit haben, f&uuml;r eine
+Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch zuungunsten der
+Angestellten aufgehoben. da&szlig; nach dieser Erfahrung die
+Verk&uuml;rzung der t&auml;glichen Arbeitszeit noch auf
+gr&ouml;&szlig;ere Schwierigkeiten sto&szlig;en w&uuml;rde, war
+vorauszusehen.</p>
+
+<p>Als die deutsche Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik auf Grund
+der Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen
+stellte, erhob sich ein Sturm der Entr&uuml;stung in der
+Handelswelt. Eine ganze Anzahl von Arbeitgeberverb&auml;nden und
+Handelskammern hielt die vorgeschlagene Festsetzung des
+Achtuhrladenschlusses nicht nur f&uuml;r den Anfang ihres Ruins,
+sondern auch f&uuml;r verderblich f&uuml;r die Angestellten, die
+dadurch zur mi&szlig;br&auml;uchlichen Verwendung der freien Zeit,
+zu Leichtsinn und Unsittlichkeit verf&uuml;hrt werden w&uuml;rden.
+Der "Eingriff des Staates in die Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie
+einst die gesetzliche Regelung der Fabrikarbeit schroff
+zur&uuml;ckgewiesen und f&uuml;r eine Kr&auml;nkung der Berufsehre
+angesehen.<a name="FNanchor_941"></a><a href=
+"#Footnote_941"><sup>941</sup></a> Trotzdem gelangte
+schlie&szlig;lich der Neunuhrladenschlu&szlig; zur Annahme. Im
+weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die
+Gew&auml;hrung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden
+und die Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald
+die Mahlzeit au&szlig;er dem Hause eingenommen wird, obligatorisch
+gemacht. Aber wie bei der Arbeiterschutzgesetzgebung
+&uuml;berhaupt, so wurden diese Bestimmungen durch die Zulassung
+einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn nicht nur,
+da&szlig; sie auf Arbeiten, die zur Verh&uuml;tung des Verderbens
+von Waren sofort vorgenommen werden m&uuml;ssen, auf die Aufnahme
+der Inventur, sowie bei Neueinrichtungen und Umz&uuml;gen keine
+Anwendung finden, die Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10
+Uhr abends verl&auml;ngert, die an sich schon sp&auml;rliche
+Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten vollends fast ganz
+aufgehoben werden. Unber&uuml;hrt von irgend welchen
+durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafr&auml;ume der
+Angestellten, die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des
+Chefs sich befinden, viel zu w&uuml;nschen &uuml;brig lassen.
+Selbst &uuml;ber die Einrichtung der Gesch&auml;ftsr&auml;ume
+bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings durch
+Verordnung des Bundesrats genauer pr&auml;zisiert werden
+k&ouml;nnen. Bisher ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit
+der Verk&auml;uferinnen geschehen. Alle diese Reformen haben blos
+den Wert erster Versuche, um so mehr, als keine besondere Kontrolle
+ihnen Nachdruck verleiht, ihre Durchf&uuml;hrung vielmehr nur unter
+Aufsicht der Ortspolizeibeh&ouml;rden gestellt ist.</p>
+
+<p>Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung
+&auml;u&szlig;erst vorsichtig vorgegangen. Das gilt im besonderen
+in Bezug auf die Lehrlingsz&uuml;chterei. Wie die Erhebungen der
+Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik ergaben, besteht sie in
+ausgedehntem Ma&szlig; im deutschen Handel. Je kleiner die
+Gesch&auml;fte, desto mehr suchen sie sich mit den billigsten
+Arbeitskr&auml;ften zu behelfen, es zeigte sich sogar, da&szlig;
+von 8235 Betrieben 671 mehr Lehrlinge als Gehilfen und 659
+&uuml;berhaupt nur Lehrlinge besch&auml;ftigen; die Konkurrenz, die
+dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung jugendlicher
+Arbeitskr&auml;fte, die daraus klar genug hervorgeht, h&auml;tten
+eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begn&uuml;gte man
+sich mit der allgemeinen Bestimmung, da&szlig; der Lehrherr nur
+soviel Lehrlinge halten darf, als im Verh&auml;ltnis zum Umfang und
+der Art seines Betriebes steht und ihre Ausbildung dadurch nicht
+gef&auml;hrdet wird. Allerdings wurde auch hier f&uuml;r den
+Bundesrat eine Th&uuml;r offen gelassen, der befugt ist, durch
+besondere Vorschriften einzugreifen,&mdash;das bekannte deutsche
+Mittel, womit man glaubt, dem Reformbed&uuml;rfnis Gen&uuml;ge zu
+thun.</p>
+
+<p>Nicht anders verh&auml;lt es sich in Bezug auf einen anderen
+Uebergriff der Gesch&auml;ftsleiter, der geeignet ist, den
+Handelsgehilfen in seinem ganzen Fortkommen zu behindern: der
+sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht darin, da&szlig; sich
+der Gehilfe dem Chef gegen&uuml;ber verpflichtet, falls er seine
+Stellung verl&auml;&szlig;t, im Verlauf einer gewissen Zeit
+entweder in der N&auml;he kein eigenes &auml;hnliches Gesch&auml;ft
+zu gr&uuml;nden, oder eine geraume Zeit hindurch, die zuweilen bis
+zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein &auml;hnliches
+Gesch&auml;ft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele
+Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den
+Klassencharakter an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm
+verlangen, da&szlig; er selbst &uuml;ber sein pers&ouml;nliches
+Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis hinaus, auf die Interessen und
+den Profit des Chefs R&uuml;cksicht nimmt. Und die Gesetzgeber
+haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der
+Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen
+Bestimmung haben sie sich entschlie&szlig;en k&ouml;nnen: da&szlig;
+solche Vereinbarungen zwischen Unternehmern und Angestellten nur
+dann verbindlich sind, wenn sie nicht die Grenzen
+&uuml;berschreiten, durch welche "eine unbillige" Erschwerung ihres
+Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit Minderj&auml;hrigen sind
+sie &uuml;berhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz im Handel
+ersch&ouml;pft: er l&auml;&szlig;t eine zw&ouml;lf-, dreizehn-, ja
+selbst eine vierzehnst&uuml;ndige Arbeitszeit zu, die bestenfalls
+durch eine Pause von 1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet
+die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskr&auml;fte und erlaubt,
+da&szlig; der Gehilfe in seinem berechtigten Streben nach sozialem
+Fortkommen gehindert wird! Und doch repr&auml;sentiert die deutsche
+Gesetzgebung den Fortschritt auf dem europ&auml;ischen
+Kontinent.</p>
+
+<p>In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar
+in &auml;hnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist
+noch weniger sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf
+jede Weise durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie
+besteht, ist sie ebenso wie der Ladenschlu&szlig; die Folge
+langj&auml;hriger K&auml;mpfe der Organisationen der
+Handelsangestellten, die sich um so kr&auml;ftiger entwickeln
+konnten, als das Uebergewicht der gro&szlig;en Warenh&auml;user
+gegen&uuml;ber den kleinen schon fr&uuml;h in Erscheinung trat. Die
+fortgeschrittenste Gesetzgebung repr&auml;sentiert Australien und
+Neu-Seeland. Die Ladenschlu&szlig;stunde ist teilweise schon auf
+sechs Uhr und nur an einem oder zwei Wochentagen auf sp&auml;tere
+Abendstunden festgesetzt. Au&szlig;er der vollen Sonntagsruhe wird
+den Angestellten ein halber freier Wochentag gew&auml;hrleistet.
+F&uuml;r jugendliche und weibliche Gehilfen besteht vielfach der
+acht- oder neunst&uuml;ndige Arbeitstag. Wie es hei&szlig;t, haben
+diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich
+gef&uuml;hrt. Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht,
+wie die Gegner gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe
+verlangen.<a name="FNanchor_942"></a><a href=
+"#Footnote_942"><sup>942</sup></a></p>
+
+<p>Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch
+die R&uuml;cksicht auf das Publikum, die man immer zu haben
+vorgiebt, wenn man eine Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit f&uuml;r
+undurchf&uuml;hrbar erkl&auml;rt, nicht hintangehalten werden. Vor
+allem aber m&uuml;&szlig;ten besondere Organe, sowohl eine Handels-
+als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer Durchf&uuml;hrung
+Sorge tragen. Eine Erg&auml;nzung m&uuml;&szlig;te sie durch
+Bestimmungen finden, die je nach der Gr&ouml;&szlig;e und der Art
+des Betriebs die Minimalzahl der Anzustellenden festsetzen. Was
+helfen die sch&ouml;nsten Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders
+in den gro&szlig;en Warenh&auml;usern der Fall ist, die
+Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden, die jede
+M&ouml;glichkeit zum Ausruhen ausschlie&szlig;t. Wie auf anderen
+Gebieten, so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen
+Entwicklung, die zum Gro&szlig;betrieb dr&auml;ngt, und mehr und
+mehr einen Arbeiterstand im Handel schaffen hilft, die Bahn frei zu
+machen. Denn die Durchf&uuml;hrung des Arbeiterschutzes und sein
+Ausbau wird im Handel ebenso wie in der Industrie durch das mehr
+oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der gro&szlig;en &uuml;ber
+die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng damit
+zusammenh&auml;ngende Organisationsf&auml;higkeit der Arbeiter und
+ihre Unterst&uuml;tzung gew&auml;hrleistet werden.</p>
+
+<p>F&uuml;r alle bisher ber&uuml;hrten Arbeitsgebiete ist der
+Arbeiterschutz unter bestimmten Voraussetzungen bis zu einer
+gewissen Grenze durchf&uuml;hrbar, und man hat &uuml;berall
+wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollst&auml;ndig unber&uuml;hrt
+von ihm blieb die <i>Landwirtschaft</i>. Die Ursache davon beruht
+nicht nur auf der Meinung, da&szlig; der Landarbeiter eines
+Schutzes nicht bed&uuml;rfe,&mdash;sie ist durch offizielle und
+private Untersuchungen schon gar zu oft ersch&uuml;ttert
+worden,&mdash;sondern mehr noch darauf, da&szlig; die
+landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen
+l&auml;&szlig;t wie die industrielle und kommerzielle, und die
+Bedingungen ihrer Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des
+Arbeiterschutzes, wie wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in
+Bezug auf wenige Bestimmungen m&ouml;glich. Aber auch die
+Durchf&uuml;hrung jedes besonderen Landarbeiterschutzes h&auml;ngt
+so eng mit den Problemen der agrarischen Fragen zusammen, da&szlig;
+es eines Werkes f&uuml;r sich bed&uuml;rfen w&uuml;rde, um ihn
+theoretisch zu er&ouml;rtern und praktisch festzusetzen. Nur
+allgemeine Gesichtspunkte k&ouml;nnen im Rahmen dieser Arbeit
+beleuchtet werden.</p>
+
+<p>Wir haben bisher gesehen, da&szlig; der Grad der
+Durchf&uuml;hrbarkeit des Arbeiterschutzes wesentlich davon
+abh&auml;ngt, in welchem Ma&szlig;e die zu sch&uuml;tzenden
+Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit vorgeschritten
+und wie weit sie infolgedessen im stande sind, f&uuml;r die Wahrung
+ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber tritt
+in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte
+Saisonarbeiten,&mdash;z.B. die Fr&uuml;hjahrsbestellung, die Ernte,
+der Zuckerr&uuml;benbau,&mdash;die Heranziehung einer
+gr&ouml;&szlig;eren Menge von Arbeitern n&ouml;tig machen. Zur
+F&ouml;rderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine schon viel
+beigetragen; die Einf&uuml;hrung anderer Maschinen, wom&ouml;glich
+mit Hilfe elektrischer Motoren, m&uuml;&szlig;te weiter
+revolutionierend wirken. Um dem Arbeiterschutz eine Grundlage zu
+schaffen, w&auml;re es demnach notwendig, diese Entwicklung auf
+jede Weise zu f&ouml;rdern. Eines der wichtigsten Mittel dazu ist
+die Unterst&uuml;tzung der landwirtschaftlichen Genossenschaften,
+die allein im stande sind, die Nachteile des Kleinbetriebs durch
+gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum Gro&szlig;betrieb zu
+f&ouml;rdern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der
+landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen
+Tagel&ouml;hner, gef&ouml;rdert werden. Sie wird in der Gegenwart
+als eine die Interessen der einheimischen Arbeiter sch&auml;digende
+betrachtet. Und mit Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden
+Arbeiter sozial tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat
+die Sozialpolitik zun&auml;chst einmal hier einzugreifen. Das kann
+auf dreierlei Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug
+auf die Wohnungsverh&auml;ltnisse der Arbeiter und die Schaffung
+einer l&auml;ndlichen Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder
+Saisonarbeit besonders angepa&szlig;te Beschr&auml;nkung des
+Arbeitstags, und durch direkte F&ouml;rderung der Organisation der
+Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer landwirtschaftlichen
+Betriebsinspektion w&auml;re im Anschlu&szlig; hieran notwendig,
+aber, bei dem gro&szlig;en Umfang des ihr unterstehenden Gebiets,
+w&auml;re zun&auml;chst an einschneidende direkte Folgen ihrer
+Th&auml;tigkeit ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung
+der Schutzgesetze selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der
+staatlichen Verwaltung ihre Durchf&uuml;hrung sicherte. Ihre
+Bedeutung w&auml;re f&uuml;r den Anfang wesentlich eine
+erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer Arbeit in
+ihre Heimat zur&uuml;ckkehren, k&auml;men mit anderen Begriffen und
+Bed&uuml;rfnissen heim, als sie gegangen sind, und w&uuml;rden auf
+die Zur&uuml;ckgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so
+da&szlig; eine allm&auml;hliche Hebung ganzer Volksschichten
+erm&ouml;glicht w&uuml;rde. Sie m&uuml;&szlig;te aber auch noch von
+anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot
+der l&auml;ndlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit f&uuml;r
+junge Leute unter achtzehn Jahren. Wenn in R&uuml;cksicht auf die
+Gef&auml;hrdung der Sittlichkeit durch die Wanderarbeit zuweilen
+gefordert wird, da&szlig; dies Verbot auf alle minderj&auml;hrigen
+M&auml;dchen ausgedehnt werden soll<a name="FNanchor_943"></a><a
+href="#Footnote_943"><sup>943</sup></a>, so scheint mir das zu weit
+zu gehen. Von diesem Standpunkt aus m&uuml;&szlig;te man sie
+&uuml;berhaupt alle zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur
+Gen&uuml;ge gesehen haben, kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre
+Sittlichkeit nicht gef&auml;hrdet wird. Hielte man sie aber nur von
+der Wanderarbeit zur&uuml;ck, so w&auml;ren sie gezwungen, sich
+einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr scheint mir
+dagegen f&uuml;r beide Geschlechter eine angemessene Grenze
+darzustellen. Die notwendige Erg&auml;nzung des Arbeitsverbots
+m&uuml;&szlig;te die Erweiterung des Schulzwangs und die
+Einrichtung l&auml;ndlicher Fortbildungsschulen sein, deren Besuch
+obligatorisch w&auml;re. Aber die Wanderarbeiter rekrutieren sich
+nicht nur aus der einheimischen Bev&ouml;lkerung. Nach Deutschland
+kommen sie aus Ru&szlig;land, nach Frankreich aus Belgien, selbst
+die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach schon als eine
+M&ouml;glichkeit zur Steuerung der l&auml;ndlichen Arbeiternot
+hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche
+Besserung der Zust&auml;nde auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt
+doch auch hier, was f&uuml;r die Hausindustrie gilt, da&szlig; eine
+internationale Regelung erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen
+sein kann. Immerhin aber werden die nationalen Reformen auch auf
+die ausl&auml;ndische Arbeiterschaft ihren erzieherischen
+Einflu&szlig; nicht verfehlen.</p>
+
+<p>Auf viel gr&ouml;&szlig;ere Schwierigkeiten st&ouml;&szlig;t der
+Schutz der ortseingesessenen landwirtschaftlichen Arbeiter infolge
+ihrer Vereinzelung und des Mangels an Aufkl&auml;rung, der
+besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine Ursache hat.
+Trotzdem m&uuml;&szlig;te auch hier die grundlegende Bestimmung
+jedes Arbeiterschutzes, die Beschr&auml;nkung der Arbeitszeit, der
+keine technischen Schwierigkeiten gegen&uuml;berstehen, zur
+Durchf&uuml;hrung gelangen, und durch eine ausreichende staatliche
+Aufsicht unterst&uuml;tzt werden. Alle Verordnungen ferner, die das
+Koalitionsrecht der Landarbeiter einschr&auml;nken oder ganz
+illusorisch machen, m&uuml;&szlig;ten aufgehoben werden, auch wenn
+zun&auml;chst noch nicht erwartet werden k&ouml;nnte, da&szlig; sie
+sich als fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen
+gew&auml;hrten Recht den f&uuml;r sie vorteilhaftesten Gebrauch zu
+machen. Die Verbesserung der Wohnungsverh&auml;ltnisse durch eine
+Wohnungsinspektion, das Verbot, die &ouml;ffentliche Stellung eines
+Amtmanns oder Landlords mit der privaten des Arbeitgebers in einer
+Person zu vereinigen, w&auml;ren geeignet, manche
+Unzutr&auml;glichkeiten aus dem Wege zu r&auml;umen. Denn jedes
+Mittel zur Hebung der sozialen Lage und zur Unterdr&uuml;ckung
+pers&ouml;nlicher Abh&auml;ngigkeit, w&auml;re zugleich ein Mittel
+zur Durchf&uuml;hrung des Arbeiterschutzes; daher ist auch jeder
+Rest feudaler Arbeitsverh&auml;ltnisse, wie das Insten- und
+Deputantentum zu bek&auml;mpfen.<a name="FNanchor_944"></a><a href=
+"#Footnote_944"><sup>944</sup></a> F&uuml;r die Frauen aber gilt es
+mit allem Nachdruck auf die Durchf&uuml;hrung einer
+Arbeiterschutzvorschrift hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf
+die Landarbeit von gr&ouml;&szlig;ter Bedeutung ist: das
+Arbeitsverbot f&uuml;r Schwangere und W&ouml;chnerinnen. Wie es
+m&ouml;glich ist, zu behaupten, da&szlig; die Lohnarbeit der
+verheirateten Frau und der M&auml;dchen auf dem Lande "wenig
+Anla&szlig; zu einer besonderen Schutzgesetzgebung" giebt<a name=
+"FNanchor_945"></a><a href="#Footnote_945"><sup>945</sup></a>, wird
+jedem unbegreiflich erscheinen, der nur einmal gesehen hat, wie
+eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld hackt, oder eine erst
+k&uuml;rzlich Entbundene beim Heuaufladen besch&auml;ftigt ist. Das
+fr&uuml;he Altern der Landarbeiterinnen, ihre Kr&auml;nklichkeit
+und die Schw&auml;chlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten
+darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Soweit es daher im Bereiche der
+M&ouml;glichkeit liegt, sollte kein Mittel unversucht gelassen
+werden, um den Schutz der Schwangeren vier Wochen vor und der
+W&ouml;chnerin acht Wochen nach der Entbindung f&uuml;r die
+l&auml;ndliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell w&auml;re
+die Verantwortung daf&uuml;r auf s&auml;mtliche Vorgesetzte der
+Arbeiterin,&mdash;Inspektoren u.s.w.,&mdash;auszudehnen, und die
+Hebammen zur Anzeige der Gesetzes&uuml;bertretungen zu
+verpflichten.</p>
+
+<p>All diesen Einzelforderungen gegen&uuml;ber darf jedoch nicht
+vergessen werden, da&szlig; die Voraussetzung f&uuml;r ihre
+Durchf&uuml;hrung die Mitarbeit der zu Sch&uuml;tzenden selber ist.
+Nicht nur, da&szlig; sie im Besitze eines gesicherten
+Koalitionsrechts sich befinden m&uuml;ssen, sie m&uuml;ssen auch
+lernen, es zu gebrauchen. Die Ber&uuml;hrung mit dem organisierten,
+aufgekl&auml;rten Industriearbeiter ist dazu eines der besten
+Mittel; deshalb mu&szlig; sowohl die Freiz&uuml;gigkeit des
+Landarbeiters eine unbeschr&auml;nkte sein, als auch daf&uuml;r
+gesorgt werden mu&szlig;, da&szlig; im Hinblick auf sein Interesse,
+wie auf das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des
+Eisenbahnnetzes und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg
+in die St&auml;dte ihm erleichtert, andererseits aber die Anlage
+von Fabriken auf dem Lande dadurch erm&ouml;glicht wird. Es liegt
+nun aber nahe, anzunehmen, da&szlig; die Folge mancher dieser
+Ma&szlig;nahmen nur eine Verst&auml;rkung der Landflucht sein
+w&uuml;rde. In gewissem Umfang, der durch einen gut
+funktionierenden &ouml;ffentlichen Arbeitsnachweis allm&auml;hlich
+geregelt werden k&ouml;nnte, halte ich das gleichfalls f&uuml;r
+wahrscheinlich. Selbst hohe L&ouml;hne und bessere
+Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf
+dem Lande zu fesseln verm&ouml;gen, weil die Stadt mit ihrem Glanz
+und ihrer Abwechselung und weil die relative Freiheit der
+industriellen Arbeiter einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle
+aus&uuml;bt, die nicht in ihr zu leben gewohnt sind. Auch die
+Ueberf&uuml;hrung st&auml;dtischer Kultur auf das Land, z.B. durch
+Wanderbibliotheken, wie in England, durch l&auml;ndliche
+Hochschulkurse u.A.m., wie in D&auml;nemark, w&uuml;rde nicht viel
+dagegen ausrichten, weil die Aufnahmef&auml;higkeit gerade
+hierf&uuml;r bei dem Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es
+l&auml;&szlig;t sich aber aus der Psychologie des modernen
+Industriearbeiters, dessen Bed&uuml;rfnis nach l&auml;ndlicher Ruhe
+und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, da&szlig;, wenn
+die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich
+einmal denen in der Industrie angen&auml;hert haben, die
+M&ouml;glichkeit f&uuml;r ein Zur&uuml;ckfluten des
+st&auml;dtischen Proletariats auf das Land gegeben ist.
+Industrielle Krisen werden es bef&ouml;rdern helfen.</p>
+
+<p>Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt f&uuml;r die
+Landwirtschaft zu konstatieren, die auf dem Wege gesunden
+Fortschritts vor sich gehen: die Landflucht einheimischer Arbeiter
+und die Einwanderung fremder Saisonarbeiter, durch die beide
+Kategorien h&ouml;heren sozialen Kulturstufen zugef&uuml;hrt
+werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die Bedingungen
+der Landarbeit es m&ouml;glich machen, und kann dann f&uuml;r die
+Industriebev&ouml;lkerung eine physische Regeneration anbahnen.
+Auch hier gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung
+meistern zu wollen, sondern sie bewu&szlig;t in ihren Dienst zu
+stellen.</p>
+
+<p>Ein unbekanntes Land f&uuml;r den Arbeiterschutz fast aller
+Staaten war bisher das gro&szlig;e Gebiet des <i>pers&ouml;nlichen
+und h&auml;uslichen Dienstes</i>. Die ersten Reformbestrebungen
+nach dieser Richtung gingen von Schweizer Kantonen aus. Basel
+machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in Gastwirtschaften
+vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte, da&szlig;
+M&auml;dchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der T&ouml;chter des
+Wirts, nicht zur Bedienung der G&auml;ste zu verwenden sind, und
+allen Kellnerinnen eine Mindestruhezeit von 7 Stunden t&auml;glich
+zu gew&auml;hren ist. Diesem Beispiel folgte Glarus, St. Gallen und
+Z&uuml;rich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden und, als Ersatz der
+Sonntagsruhe, einen w&ouml;chentlichen freien Nachmittag von 6
+Stunden festsetzten. Da es aber an der n&ouml;tigen Kontrolle
+f&uuml;r die Durchf&uuml;hrung selbst dieser geringen Reformen
+fehlte,&mdash;lassen sie doch s&auml;mtlich eine Arbeitszeit von
+16-17 Stunden zu!&mdash;und von seiten der Kellnerinnen auf keine
+Unterst&uuml;tzung zu rechnen ist, so blieben sie fast ganz
+wirkungslos.<a name="FNanchor_946"></a><a href=
+"#Footnote_946"><sup>946</sup></a> Trotz dieser Erfahrung hat das
+Vorgehen der Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der
+Gesetzentwurf, der die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht
+nur in wenigen Punkten &uuml;ber sein Vorbild hinaus. An Stelle der
+Festsetzung der Arbeitszeit, einer selbstverst&auml;ndlichen
+Forderung, sobald man anerkennt, da&szlig; das menschliche Leben
+noch einen h&ouml;heren Inhalt haben soll als Lohnarbeit und
+Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestma&szlig;es von Ruhe,
+das in Deutschland in Kleinst&auml;dten 8 und in
+Gro&szlig;st&auml;dten, wo der Hin- und Herweg von der
+Arbeitsst&auml;tte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden
+betragen soll; ein w&ouml;chentlicher Freinachmittag von 6 Stunden,
+ein vollst&auml;ndiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen
+kommen erg&auml;nzend hinzu. Das hei&szlig;t mit anderen Worten,
+da&szlig; die Kellnerin t&auml;glich 15 bis 16 Stunden auf den
+Beinen sein mu&szlig; und w&ouml;chentlich 99-106 Stunden
+Arbeitszeit hat! Im Laufe der t&auml;glichen Arbeit, die mindestens
+ebenso anstrengend und noch um vier bis f&uuml;nf Stunden
+l&auml;nger ist, als die in der Fabrik, wird der Kellnerin nicht
+einmal eine Mittagspause sichergestellt, statt dessen kann ihre
+Ruhezeit an nicht weniger als sechzig Tagen im Jahr noch
+verk&uuml;rzt werden. Au&szlig;erdem steht es nach wie vor im
+Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren
+Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat.
+Angesichts der bestehenden Verh&auml;ltnisse und der v&ouml;lligen
+Schutzlosigkeit, die bisher herrschte, w&uuml;rden diese
+Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt bedeuten, wenn auf
+ihre strikte Anwendung gerechnet werden k&ouml;nnte. Aber davon
+wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an
+entsprechende Vorschriften &uuml;ber die Schaffung einer
+ausreichenden Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist.
+Trotzdem str&auml;uben sich die Wirte jetzt schon aufs
+&auml;u&szlig;erste gegen den Entwurf, der, so behaupten sie,
+sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gef&auml;hrden im
+stande ist.<a name="FNanchor_947"></a><a href=
+"#Footnote_947"><sup>947</sup></a> Sie scheint demnach nur durch
+eine mehr als 16st&uuml;ndige Arbeitszeit der Angestellten
+gesichert zu sein! Entspr&auml;che dies den Thatsachen, so
+w&auml;re man versucht, auszurufen, wie der preu&szlig;ische
+Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der
+Kinder erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!"</p>
+
+<p>Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck
+einer wirklichen Schutzvorschrift macht, enth&auml;lt der Entwurf;
+sie besagt, da&szlig; M&auml;dchen unter 18 Jahren nicht zur
+Bedienung der G&auml;ste verwendet werden d&uuml;rfen. Angesichts
+der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen, die gerade
+dieser Beruf an die K&ouml;rperkr&auml;fte stellt, erscheint dieser
+Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur
+nicht allein auf die Bedienung beschr&auml;nken m&ouml;chte! Darin
+zeigt sich deutlich, da&szlig; es sich hier nicht um
+Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der Sittlichkeit im Sinne der
+deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese sind in ihrer
+Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis auf das
+21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug, von
+dieser Ma&szlig;regel zu erwarten, da&szlig; sie der "Unkeuschheit
+im Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu
+den Todessto&szlig; versetzen" wird!<a name="FNanchor_948"></a><a
+href="#Footnote_948"><sup>948</sup></a> W&auml;hrend also der
+Entwurf das 18. Lebensjahr als Grenze f&uuml;r den Eintritt in den
+Kellnerinnenberuf festsetzt, l&auml;&szlig;t er gleichzeitig die
+15-16st&uuml;ndige Ausbeutung der M&auml;dchen unter 18 Jahren,
+also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und
+16j&auml;hrigen, in der Gasthofsk&uuml;che ohne Bedenken zu.</p>
+
+<p>Da&szlig; der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten
+w&uuml;rde rechnen k&ouml;nnen, war von vornherein anzunehmen.
+Freilich waren es nur Wenige, die ihre W&uuml;nsche laut werden
+lie&szlig;en. Die Meisten, die unter ihrer traurigen Lage seufzen,
+sind noch gar nicht so weit, dar&uuml;ber nachzudenken, wie man sie
+bessern k&ouml;nnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte
+dem Entwurf diese Forderungen gegen&uuml;ber: 1) Bestimmungen
+&uuml;ber Zahlung eines ausk&ouml;mmlichen Lohnes. 2) Festsetzung
+bestimmter Arbeitspausen, insbesondere einer ununterbrochenen
+zehnst&uuml;ndigen Ruhezeit nach jedem Arbeitstag. 3) Ausdehnung
+der Gewerbeinspektion auf das Gastwirtsgewerbe,
+einschlie&szlig;lich der Beaufsichtigung der Wohn- und
+Schlafr&auml;ume der Angestellten; und der M&uuml;nchener
+Kellnerinnenverein verlangte: 1) Eine ununterbrochene
+Mindestruhezeit von zehn Stunden t&auml;glich. 2) Einen
+w&ouml;chentlichen vierundzwanzigst&uuml;ndigen Ruhetag. 3)
+Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um
+den Besuch des Gottesdienstes zu erm&ouml;glichen. 4) Festsetzung
+der Altersgrenze f&uuml;r die Zulassung junger M&auml;dchen zur
+Bedienung von G&auml;sten auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer
+zweij&auml;hrigen Lehrzeit, w&auml;hrend welcher die
+Lehrm&auml;dchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs Uhr
+morgens nicht besch&auml;ftigt werden d&uuml;rfen. 6)
+Ueberschreitung der t&auml;glichen Arbeitszeit nur an drei&szlig;ig
+Tagen des Jahres.</p>
+
+<p>Aber all diese Ma&szlig;nahmen w&auml;ren angesichts der
+herrschenden Zust&auml;nde im Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend
+und legen nur von der Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis
+ab.</p>
+
+<p>Jeder wirksame Arbeiterschutz mu&szlig; einerseits von der
+Verk&uuml;rzung der Arbeitszeit ausgehen, andererseits f&uuml;r
+seine Durchf&uuml;hrung auf die Unterst&uuml;tzung der Beteiligten
+rechnen k&ouml;nnen. Sowohl der f&uuml;nfzehn- bis
+sechzehnst&uuml;ndige Arbeitstag des Entwurfs als der
+vierzehnst&uuml;ndige, den die Kellnerinnen fordern, kann
+unm&ouml;glich die Bedeutung haben, die er als Ausgangspunkt aller
+anderen Reformen haben mu&szlig;; der Fortbestand des
+Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer
+m&ouml;glichsten Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie
+daran, geschlossen f&uuml;r seine Herabsetzung einzutreten, und sie
+zu sichern, falls sie gesetzlich eingef&uuml;hrt wird. Will man die
+Lage der Kellnerinnen verbessern und sie zun&auml;chst zum
+Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der
+f&uuml;r sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten w&uuml;rde, so
+mu&szlig; der Hebel zu gleicher Zeit an beiden Punkten, der
+Arbeitszeit und dem Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das
+k&ouml;nnte zun&auml;chst in der Weise geschehen, da&szlig; neben
+der ununterbrochenen zehnst&uuml;ndigen Nachtruhe, eine
+zusammenh&auml;ngende zweist&uuml;ndige Tagespause festgelegt
+w&uuml;rde, so da&szlig; eine effektive Arbeitszeit von zw&ouml;lf
+Stunden die Folge w&auml;re. Jeder Gasthofsbetrieb hat im Laufe des
+Tages eine ruhige Zeit,&mdash;das haben die Wirte selbst
+erkl&auml;rt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung
+nahmen,&mdash;in der es m&ouml;glich gemacht werden kann, den
+gr&ouml;&szlig;ten Teil der Angestellten, auch der m&auml;nnlichen,
+zu entbehren. Jedenfalls mu&szlig; es zu erm&ouml;glichen sein, da
+schon eine zw&ouml;lfst&uuml;ndige Arbeitszeit das
+&auml;u&szlig;erste Ma&szlig; bezeichnete.</p>
+
+<p>Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der blo&szlig;en
+Bestimmung, da&szlig; die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben,
+ist ihr nicht beizukommen und bis zur Schaffung starker
+Organisationen der Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen
+k&ouml;nnten, ist noch ein weiter Weg. Noch weniger ist auf das
+Publikum zu rechnen, von dem man manchmal erwartete, es w&uuml;rde
+sich im Kampf gegen das Trinkgeld solidarisch f&uuml;hlen. Dagegen
+b&ouml;te ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg: die Bestimmung
+n&auml;mlich, da&szlig; die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu
+erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird
+dadurch zwar nicht v&ouml;llig ausgeschlossen werden, aber doch
+fast ganz, da der Gast sich meist in dem Augenblick dazu
+aufgefordert f&uuml;hlt, wo er der Bedienung die Zeche bezahlt, und
+sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein anderes Mittel, das wohl noch
+mehr dem Gang der Entwicklung entspricht, aber zun&auml;chst nur in
+gr&ouml;&szlig;eren Lokalen Anwendung finden k&ouml;nnte, w&auml;re
+die durchg&auml;ngige Bezahlung der Zeche, die im Verh&auml;ltnis
+zu der Gesamtausgabe einen bestimmten Prozentsatz f&uuml;r die
+Bedienung in Anrechnung bringen m&uuml;&szlig;te, an den
+Zahlkellner, der zum selbst&auml;ndigen Unternehmer
+w&uuml;rde,&mdash;was er heute schon vielfach ist,&mdash;und den
+bedienenden Kellnern einen festen Lohn zu zahlen h&auml;tte. Ist
+das erreicht, so hat die Kellnerin kein Interesse mehr an der
+L&auml;nge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die gesetzlich
+vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allm&auml;hlich,
+wenn Geist und K&ouml;rper unter der Ersch&ouml;pfung durch endlose
+Arbeitszeit nicht mehr zu leiden haben, organisationsf&auml;hig
+werden. Ein vierundzwanzigst&uuml;ndiger Ruhetag im Laufe von je
+sieben Tagen, die Sicherung guter Unterkunftsr&auml;ume durch die
+Aufsicht der Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter
+sechzehn Jahren &uuml;berhaupt und unter achtzehn l&auml;nger als
+acht Stunden t&auml;glich zu besch&auml;ftigen, die Verf&uuml;gung
+endlich, da&szlig; s&auml;mtliche Schutzvorschriften auch auf die
+Familie des Wirts auszudehnen sind,&mdash;der Entwurf
+schlie&szlig;t sie ausdr&uuml;cklich aus, ohne sich auch nur
+&uuml;ber den Grad der Familienzugeh&ouml;rigkeit n&auml;her
+auszulassen, &mdash;und die Einsetzung einer besonderen Inspektion
+f&uuml;r das Gastwirtsgewerbe,&mdash;denn man kann es den wenigen
+schon stark &uuml;berlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten
+doch nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu
+beaufsichtigen,&mdash;das alles sind Bestimmungen, die die Grenzen
+des Notwendigen noch nicht einmal erreichen, und die Erg&auml;nzung
+der Beschr&auml;nkung der Arbeitszeit f&uuml;r Erwachsene und des
+Trinkgelderwesens bilden m&uuml;&szlig;ten. Soweit die Sittlichkeit
+von den Arbeitsbedingungen abh&auml;ngt, wird sie durch ein Gesetz
+dieses Inhalts auch nur gef&ouml;rdert werden. Sie dar&uuml;ber
+hinaus "sch&uuml;tzen" zu wollen, ist &uuml;berhaupt nicht Aufgabe
+der Gesetzgebung. Sie hat allein die Grundlage zu sichern, auf der
+eine menschenw&uuml;rdige Existenz sich aufbauen kann, und die
+&auml;u&szlig;eren Bedingungen zu regeln, die die
+Unabh&auml;ngigkeit jedes Einzelnen zu gew&auml;hrleisten
+verm&ouml;gen.</p>
+
+<p>Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat,
+da&szlig; der gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen
+Arbeitsgebieten durchf&uuml;hrbar ist, so scheint sie jetzt an den
+Punkt angelangt zu sein, wo die angewandte Methode nicht mehr zum
+Ziele f&uuml;hren kann: am <i>h&auml;uslichen Dienst</i>. Die
+Dienstboten stehen au&szlig;erhalb der Gewerbeordnung; nur von
+Neu-S&uuml;dwales hei&szlig;t es, da&szlig; der achtst&uuml;ndige
+Arbeitstag auch f&uuml;r sie Geltung haben soll; alle &uuml;brigen
+Staaten haben entweder keinerlei besondere Vorschriften, die die
+h&auml;usliche Lohnarbeit regeln, oder sie besitzen sie in der Form
+von Gesindeordnungen, wie Deutschland und Oesterreich. Aber auch
+hierbei handelt es sich nicht um einheitliche Rechtsvorschriften,
+sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen voneinander abweichende
+Einzelbestimmungen&mdash;Deutschland allein z&auml;hlt ihrer gegen
+60&mdash;, die dadurch schon den Stempel einer &uuml;berwundenen
+Epoche, der die Freiz&uuml;gigkeit noch unbekannt war, an der
+Stirne tragen; denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem
+Juristen schwer f&auml;llt, kann von dem von Ort zu Ort und von
+Land zu Land wandernden Dienstboten unm&ouml;glich verlangt werden.
+Was sie aber in noch viel drastischerer Weise als Reste der
+Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr Inhalt, der zu jeder modernen
+Auffassung des Arbeitsvertrags und des Dienstverh&auml;ltnisses in
+scharfem Gegensatz steht.</p>
+
+<p>Einige Beispiele m&ouml;gen das Gesagte erh&auml;rten: Nach der
+deutschen Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in
+die Arbeitsb&uuml;cher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die
+meisten Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen
+&uuml;ber das pers&ouml;nliche Verhalten des Dienstboten den
+Arbeitgebern zur Pflicht. Auf Grund derselben Gewerbeordnung ist
+die Aufrechnung von irgend welchen Forderungen des Arbeitgebers
+gegen die Lohnforderungen des Arbeiters unzul&auml;ssig, die
+Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugef&uuml;gten Schaden
+nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann sogar,
+falls dieser nicht ausreicht, eine Verg&uuml;tung durch
+unentgeltliche Dienstleistung von ihm fordern,&mdash;eine neue Form
+f&uuml;r die mittelalterliche Schuldknechtschaft! Auf Grund des
+B&uuml;rgerlichen Gesetzbuches und des Handelsgesetzbuchs f&uuml;r
+das Deutsche Reich kann das Dienstverh&auml;ltnis von jedem Teil
+ohne Einhaltung der K&uuml;ndigungsfrist gek&uuml;ndigt werden,
+wenn ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe
+Recht nach den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er
+mi&szlig;handelt wird mit Gefahr f&uuml;r Leib und Leben", wenn die
+Herrschaft ihn "mit ausschweifender und ungew&ouml;hnlicher
+H&auml;rte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und unmoralischen
+Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt, oder die
+Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die
+Th&uuml;re setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause
+hervorruft", "beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich
+Veruntreuungen zu schulden kommen l&auml;&szlig;t", "ohne Vorwissen
+und Erlaubnis nachts aus dem Hause bleibt", "seines Vergn&uuml;gens
+wegen ausl&auml;uft, &uuml;ber die erlaubte Zeit hinaus fortbleibt,
+mutwillig den Dienst vernachl&auml;ssigt", ja selbst "wenn ihm die
+Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen
+vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen,
+wenn er den Dienstboten ohne Entsch&auml;digung los werden will,
+w&auml;hrend der Dienstbote erst k&ouml;rperliche oder moralische
+Mi&szlig;handlungen nachweisen mu&szlig;, um ohne Einhaltung der
+K&uuml;ndigungsfrist den Dienst aufgeben zu k&ouml;nnen. Der
+gewerbliche Arbeiter kann gegen&uuml;ber unertr&auml;glichen
+Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne K&uuml;ndigung verlassen,
+ohne da&szlig; er sich dadurch ehrenr&uuml;hrige Strafen zuzieht;
+der Kontraktbruch beim Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt,
+und jedes Dienstm&auml;dchen, das davonl&auml;uft, kann von
+uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher, wieder in die
+alte Stellung zur&uuml;cktransportiert werden. Um jeden Weg zur
+Selbsthilfe endg&uuml;ltig abzuschneiden, steht das
+Gesinde,&mdash;und unter dieser Bezeichnung ist in Deutschland und
+Oesterreich nicht nur das h&auml;usliche, sondern auch das
+landwirtschaftliche zu verstehen,&mdash;auch in Bezug auf das
+verfassungsm&auml;&szlig;ig jedem Staatsb&uuml;rger
+gew&auml;hrleistete freie Vereins- und Versammlungsrecht unter
+Sondergesetzen. Das heute noch g&uuml;ltige Gesetz vom Jahr 1854
+bestimmt, da&szlig; das Gesinde mit Gef&auml;ngnisstrafe bis zu
+einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum Zweck der Erlangung
+besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt, sich mit anderen
+dazu verabredet, oder sie dazu auffordert.</p>
+
+<p>Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen
+in Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des
+Verh&auml;ltnisses zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine
+ganze Reihe von Geboten und Verboten schn&uuml;ren noch
+au&szlig;erdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten ein, ohne
+da&szlig; ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu
+teil w&uuml;rde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige
+Reden", "unflei&szlig;iges Verhalten", "ungeb&uuml;hrliches
+Benehmen" in verschiedenen deutschen Gesindeordnungen unter Strafe
+gestellt. Ja selbst die Pr&uuml;gelstrafe kann von den Herrschaften
+den Dienstboten gegen&uuml;ber noch in Anwendung gebracht werden,
+denn die Gesindeordnungen von Braunschweig, Pommern, Sachsen,
+Reu&szlig; und Meiningen erkennen den Dienstgebern das
+Z&uuml;chtigungsrecht ausdr&uuml;cklich zu, und in Preu&szlig;en
+k&ouml;nnen sie sich straflos der "Beleidigung und leichten
+K&ouml;rperverletzung" schuldig machen.</p>
+
+<p>Man hoffte, da&szlig; das B&uuml;rgerliche Gesetzbuch diesen
+Bestimmungen, die das Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die
+H&auml;nde liefern, ein Ende machen w&uuml;rde. Und es
+erkl&auml;rte thats&auml;chlich, da&szlig; ein
+Z&uuml;chtigungsrecht der Herrschaft nicht zustehe; nur da&szlig;
+diese Erkl&auml;rung f&uuml;r die Praxis dadurch jede Bedeutung
+verlor, da&szlig; Art. 95 des Einf&uuml;hrungsgesetzes zum
+B&uuml;rgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen
+ausdr&uuml;cklich bestehen l&auml;&szlig;t, und,&mdash;um
+dar&uuml;ber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,&mdash;eine
+preu&szlig;ische Ministerialverordnung folgendes bestimmte<a name=
+"FNanchor_949"></a><a href="#Footnote_949"><sup>949</sup></a>: "Was
+die in dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung
+anbelangt, wonach dem Dienstberechtigten gegen&uuml;ber dem Gesinde
+ein Z&uuml;chtigungsrecht nicht zusteht, so werden dadurch die in
+Preu&szlig;en bestehenden landesgesetzlichen Vorschriften nicht
+ber&uuml;hrt, da keine der letzteren ein solches Recht statuiert,
+auch der &sect; 77 der Gesindeordnung nicht, indem derselbe nur
+geringe Th&auml;tlichkeiten der Herrschaft unbestraft
+l&auml;&szlig;t, welche durch ungeb&uuml;hrliches, zum Zorn
+reizendes Betragen des Gesindes veranla&szlig;t werden." Die
+Erlaubnis zu geringen Th&auml;tlichkeiten ist also, nach der Logik
+preu&szlig;ischer Minister, kein Z&uuml;chtigungsrecht und das
+Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden!</p>
+
+<p>Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen
+Richtung der sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht,
+konnte auch den Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn
+man sich schon scheute, die Familienwerkstatt und den
+Familiengasthofsbetrieb unter gesetzliche Regeln und gesetzliche
+Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr mu&szlig;te man sich davor
+scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen. Jeder
+Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels
+95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So
+beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893
+die Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895
+aber stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden
+Absatzes im B&uuml;rgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der
+Gesindeordnungen. Das Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit
+derselben Beratung die Unterstellung des Gesindes unter die
+Gewerbeordnung durchzusetzen; ein Jahr sp&auml;ter im Plenum aber
+erkl&auml;rte es sich dagegen. 1897 nahm dann der Reichstag eine
+Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging, und die
+Regierung aufforderte, die Rechtsverh&auml;ltnisse des Gesindes
+reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast f&uuml;nf Jahren, ist
+es aber immer noch bei dem blo&szlig;en Wunsch geblieben, obwohl
+inzwischen die Dienstboten angefangen haben, f&uuml;r ihre Rechte
+einzutreten. Ihr konsequenter Vork&auml;mpfer ist bisher allein die
+sozialdemokratische Partei gewesen, die nicht nur durch ihr
+Programm, das die rechtliche Gleichstellung der Dienstboten mit den
+gewerblichen Arbeitern fordert, sondern durch eine Reihe dahin
+zielender Antr&auml;ge im Plenum des Reichstages diese notwendige
+Reform durchzusetzen versuchte, vor allem f&uuml;r die Abschaffung
+der Gesindeordnungen und des jede Organisation verhindernden
+Gesetzes von 1854 eintrat. Nat&uuml;rlich ohne jeden Erfolg.</p>
+
+<p>Vorw&auml;rts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von
+den Vereinigten Staaten ausging und &uuml;ber die skandinavischen
+L&auml;nder den Weg nach Deutschland nahm, f&uuml;hlten sich auch,
+wie wir gesehen haben, einzelne Gruppen der b&uuml;rgerlichen
+Frauenbewegung zu Reformvorschl&auml;gen gen&ouml;tigt, die in der
+Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in Bezug auf die
+Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich entweder
+vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen stellen.
+Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete &uuml;ber die
+Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt
+insofern noch hinter ihnen zur&uuml;ck, als die Freigabe des
+Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden,
+sondern das Dienstm&auml;dchen nur zur Arbeit w&auml;hrend dieser
+Zeit nicht "verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen
+Standpunkt gegen&uuml;ber der Dienstbotenfrage nehmen einige
+amerikanische und englische Frauenrechtlerinnen ein,&mdash;denn von
+einer allgemeinen feststehenden Stellung der Frauenbewegung zu
+diesem Problem ist auch hier keine Rede. Sie fordern die
+Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allm&auml;hlich die im
+Hause wohnenden Dienstboten durch au&szlig;er dem Hause wohnende
+organisierte und f&uuml;r jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen
+ersetzen sollen und glauben, da&szlig; die Ausdehnung des
+Arbeiterinnenschutzes auf sie erst unter diesen Voraussetzungen
+erm&ouml;glicht werden kann.</p>
+
+<p>Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden
+Reform, aber sie haben jeder f&uuml;r sich nur den Wert
+vorbereitender Arbeit. Erst ihre Zusammenfassung und organische
+Ausbildung kann zu einer Regelung des Verh&auml;ltnisses der
+h&auml;uslichen Arbeiter f&uuml;hren. Vor allem haben wir uns auch
+hier zun&auml;chst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne
+bei der n&uuml;chternen Ueberlegung dem Einflu&szlig; subjektiver
+Gef&uuml;hle zu viel Spielraum zu gew&auml;hren. Gerade hier ist
+diese Gefahr gro&szlig;, denn so trivial es auch klingen mag, so
+wahr ist es doch, da&szlig; der Gedanke an die Familie, an die
+stillen Freuden der H&auml;uslichkeit bei den Angeh&ouml;rigen der
+b&uuml;rgerlichen Welt eng mit dem Gedanken an die eigene
+K&ouml;chin in der eigenen K&uuml;che zusammenh&auml;ngt, und man
+mit der Preisgabe des einen das andere zu ersch&uuml;ttern glaubt.
+Der objektive Beobachter aber wird sich der Erkenntnis nicht
+verschlie&szlig;en k&ouml;nnen, da&szlig; Alles&mdash;die wachsende
+Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme
+der Frauenerwerbsarbeit in b&uuml;rgerlichen Kreisen, die sich
+rapide ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals
+privater, h&auml;uslicher Th&auml;tigkeiten,&mdash;eine
+fundamentale Umwandlung des h&auml;uslichen Lebens vorbereitet.
+Dieser Entwicklung k&ouml;nnte auch dann nicht mit dauerndem Erfolg
+in die Z&uuml;gel gefallen werden, wenn sie, wie viele behaupten
+wollen, eine nur sch&auml;dliche Tendenz in sich tr&uuml;ge. Sie
+mu&szlig; aber um so mehr gef&ouml;rdert werden, als sie
+thats&auml;chlich gl&uuml;cklicheren Zust&auml;nden die Wege
+bahnt.</p>
+
+<p>Der Kreis der b&uuml;rgerlichen Familie umschlo&szlig;
+fr&uuml;her den gro&szlig;en Hausstand mit all seinen M&auml;gden
+und Knechten; von einem intimen Zusammenleben zwischen Mann und
+Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die h&auml;usliche
+Atmosph&auml;re war der Ausflu&szlig; so vieler verschiedener
+Individualit&auml;ten, da&szlig; ihr Einflu&szlig; auf die Kinder
+nicht als der der Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt
+zusammenschrumpfte, desto mehr stieg die M&ouml;glichkeit
+h&auml;uslicher Intimit&auml;t, desto inniger konnten seine wenigen
+Glieder sich zusammenschlie&szlig;en, und endlich wird die
+Entwicklung auf der h&ouml;heren Kulturstufe da anlangen, von wo
+sie auf der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen
+Familiendreieinigkeit,&mdash;Mann, Weib und Kinder. Der
+Ausschlu&szlig; jeden fremden Elements aus dem pers&ouml;nlichen
+Leben des Menschen liegt aber in der Richtung der Steigerung und
+Vertiefung des pers&ouml;nlichen Gl&uuml;cks. Durch ihn wird die
+Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der Kinder, die sie
+auch mit der Milch ihres Geistes wird n&auml;hren k&ouml;nnen.
+F&uuml;r die Dienstboten aber ist die Aufl&ouml;sung des
+pers&ouml;nlichen Dienstverh&auml;ltnisses der einzige Weg zu ihrer
+Befreiung. Wir haben uns daher auch in den Dienst dieser
+Entwicklung zu stellen.</p>
+
+<p>Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des
+Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und
+der Einwand, da&szlig; infolgedessen immer weniger Menschen im
+stande sein w&uuml;rden, sich Dienstboten zu halten, verwandelt
+sich in eine Bef&uuml;rwortung der Ma&szlig;regel. Die einzelnen
+Forderungen an die Gesetzgebung, die nat&uuml;rlich mit der
+Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen m&uuml;&szlig;te, lassen
+sich kurz zusammenfassen: der elf- bis zw&ouml;lfst&uuml;ndige
+Arbeitstag f&uuml;r &uuml;ber Achtzehnj&auml;hrige k&ouml;nnte den
+Anfang bilden, seine Erg&auml;nzung w&auml;re die
+1-1/2st&uuml;ndige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und,
+als Entsch&auml;digung f&uuml;r die halbe Sonntagsarbeit, ein
+freier halber Wochentag; Ueberstunden und Extraarbeiten, die in
+bestimmtem Umfang erlaubt sein m&uuml;ssen, w&auml;ren
+selbstverst&auml;ndlich besonders zu verg&uuml;ten. Die Arbeitszeit
+selbst k&ouml;nnte zwischen 7 Uhr fr&uuml;h und 9 Uhr abends zu
+verteilen sein. Strenge Vorschriften in Bezug auf die
+Wohnungsverh&auml;ltnisse der Dienstboten m&uuml;&szlig;ten durch
+eine energische Wohnungsinspektion und die Haftbarmachung jedes
+Hauswirts noch versch&auml;rft werden.</p>
+
+<p>Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, da&szlig; diese
+Bestimmungen unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben
+w&uuml;rden, selbst wenn man in jedes Haus einen Inspektor setzte.
+Ihre erzieherische Wirkung aber w&auml;re um so bedeutsamer: die
+Dienstm&auml;dchen w&uuml;rden infolge der freien Zeit, &uuml;ber
+die sie zu verf&uuml;gen h&auml;tten, der Aufkl&auml;rung leichter
+zug&auml;nglich sein, organisationsf&auml;higer werden und lernen,
+ihre Rechte selber zu sch&uuml;tzen; die Hausfrauen andererseits
+w&uuml;rden schnell genug einsehen, da&szlig; sich der Kleinbetrieb
+unter solchen Umst&auml;nden nicht mehr lohnt. Alle neuen
+Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute infolge des
+bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast unbenutzt
+bleiben, w&uuml;rden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in
+Anwendung gebracht werden. Da das aber f&uuml;r den Einzelhaushalt
+ebenso verschwenderisch w&auml;re, als wenn man einen elektrischen
+Motor zum Antrieb eines einzigen Webstuhls anschaffte, so
+w&uuml;rde naturgem&auml;&szlig; allm&auml;hlich der
+genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte
+Wirtschaftsf&uuml;hrung die Funktionen der einzelnen Haushalte
+aufsaugen. Die Dienstboten aber w&uuml;rden sich in freie Arbeiter
+verwandeln, die ebenso wie diese in die Fabrik, in die
+Zentralk&uuml;chen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa die
+Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre
+Angestellten zu bestimmten h&auml;uslichen Verrichtungen, wie
+Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und
+Teppichklopfanstalten der gro&szlig;en St&auml;dte, wie die
+Household economic Associations Amerikas werden sich infolgedessen
+immer weiter verbreiten, die Zentralisierung der Heizung, der
+Beleuchtung wird sich ausbilden, kurz, alles das, was jetzt oft nur
+ein k&uuml;mmerliches Dasein fristet, weil die Sonne der Gunst des
+Publikums ihm fehlt, wird sich durch den Antrieb praktischer
+Bed&uuml;rfnisse rasch entwickeln. Je mehr es aber geschieht, desto
+energischer kann und mu&szlig; die Arbeiterinnenschutzgesetzgebung
+auf die Dienstm&auml;dchen Anwendung finden. Auf einer anderen
+Basis, als auf der der Losl&ouml;sung des Gesindes aus dem
+pers&ouml;nlichen Dienstverh&auml;ltnis, auf eine Reform des
+Gesindewesens zu rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr
+losmachen, je rascher wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar
+sich entwickelnden Verh&auml;ltnissen anzupassen, desto
+schmerzloser wird sich der allm&auml;hliche Proze&szlig; der
+Umwandlung vollziehen, wie er sich schon fr&uuml;her, f&uuml;r
+viele fast unbemerkt, vollzogen hat.</p>
+
+<p>Die &ouml;konomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und
+Unternehmer f&uuml;hrt mit Notwendigkeit zu den staatlichen
+Ma&szlig;regeln des Arbeiterschutzes. Der rechtlich freie
+Arbeitsvertrag w&uuml;rde niemals ein faktisch freier sein, weil er
+die schw&auml;chere soziale und wirtschaftliche Stellung des
+Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien
+Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen.
+Jeder Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet f&uuml;r den
+Unternehmer eine Einschr&auml;nkung seines Verf&uuml;gungsrechts
+&uuml;ber die von ihm gekaufte Arbeitskraft und f&uuml;r den
+Arbeiter gr&ouml;&szlig;ere pers&ouml;nliche Freiheit und
+Sicherheit. Das Recht darauf und das Bed&uuml;rfnis danach ist
+f&uuml;r beide Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den
+Frauen in Bezug auf die Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu
+teil werden l&auml;&szlig;t, als den M&auml;nnern, so hat das keine
+prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der notwendige erste
+Schritt zu allgemeiner, gleichm&auml;&szlig;iger Regelung. Nur
+soweit die Frau die Verantwortung f&uuml;r die Existenz und die
+Gesundheit eines anderen Menschen, ihres Kindes tr&auml;gt, hat sie
+Anspruch auf besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung
+nach, weniger als Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz
+charakterisiert. Aber in dem Schutz von Leben und Gesundheit, in
+der Schaffung von Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische
+Existenz des Arbeiters zu einer ertr&auml;glichen gestalten,
+sondern auch die Grundlage zu geistiger Fortentwicklung legen
+helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, die
+einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie hat sich nicht
+mit dem &auml;u&szlig;eren Schutz zu begn&uuml;gen, vielmehr die
+ernste und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen
+zum Siege zu verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial
+h&ouml;here Stufen erreichen kann: sie mu&szlig; die Hausindustrie
+und den h&auml;uslichen Dienst einer tiefgehenden Umwandlung
+entgegenf&uuml;hren, sie mu&szlig; den Gro&szlig;betrieb in Gewerbe
+und Handel f&ouml;rdern.</p>
+
+<p>Die Voraussetzung aber f&uuml;r die Wirksamkeit und den
+Fortschritt des Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der
+Zun&auml;chstbeteiligten an seiner Durchf&uuml;hrung und seinem
+Ausbau. Alle &ouml;ffentlichen Einrichtungen und alle Gesetze, die
+sie dazu f&auml;hig zu machen verm&ouml;gen, sind als notwendige
+Erg&auml;nzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie
+bilden gewisserma&szlig;en die Vollendung der Erziehung, die nicht
+darin allein besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern
+ihnen die Waffen in die Hand zu geben, mit denen sie sich selber
+sch&uuml;tzen k&ouml;nnen. In diesem Sinne werden die Frauen noch
+immer als kleine Kinder behandelt.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, da&szlig; die niedrige Entlohnung der
+Frauenarbeit meist auf ihre geringere qualitative oder quantitative
+Leistungsf&auml;higkeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Es l&auml;ge
+demnach sowohl im Interesse der Frauen, als in dem der M&auml;nner,
+denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen zu
+erh&ouml;hen, d.h. ihnen eine der m&auml;nnlichen gleichwertige
+Ausbildung zu teil werden zu lassen. Der Besuch der
+<i>Fortbildungsschulen</i>, zu dem nach der deutschen
+Gewerbeordnung die Kommunalbeh&ouml;rden lediglich die
+m&auml;nnlichen Arbeiter verpflichten k&ouml;nnen, und der von
+Reichswegen nur f&uuml;r m&auml;nnliche und weibliche
+Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, m&uuml;&szlig;te demnach
+f&uuml;r alle, der Volksschule entwachsenen M&auml;dchen
+obligatorisch werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken.
+Die Voraussetzung w&auml;re, da&szlig; s&auml;mtliche Fortbildungs-
+und Fachschulen, die gegenw&auml;rtig h&auml;ufig wohlth&auml;tigen
+Vereinen ihre Existenz verdanken und eine gr&uuml;ndliche
+Ausbildung nicht zu geben verm&ouml;gen, von den Gemeinden oder dem
+Staat eingerichtet und geleitet w&uuml;rden, wie es in Oesterreich
+z.B. vielfach geschehen ist, vor allem aber, da&szlig; sie, wo es
+sich nicht um spezifisch weibliche oder m&auml;nnliche Arbeiten
+handelt, die gemeinsame Erziehung der Geschlechter
+grunds&auml;tzlich durchzuf&uuml;hren h&auml;tten. Erst dadurch
+w&uuml;rden die Kr&auml;fte der m&auml;nnlichen und weiblichen
+Sch&uuml;ler sich aneinander messen k&ouml;nnen und die notwendige
+Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie der Wettbewerb auf
+gleichen Arbeitsgebieten.</p>
+
+<p>Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs f&uuml;r
+M&auml;dchen sich aus dem wachsenden Erwerbszwang von selbst
+ergiebt, so ist es nur die selbstverst&auml;ndliche Konsequenz der
+Zunahme der Lohnarbeit verheirateter Frauen, wenn nicht nur jedes
+gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege steht, beseitigt, sondern
+ihre <i>freie Verf&uuml;gung &uuml;ber ihren Arbeitsertrag</i>
+gesichert werden mu&szlig;. Bisher ist das keineswegs der Fall; in
+Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur
+Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein
+Vertrag, der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch
+seinen Einspruch ohne Einhaltung der K&uuml;ndigungsfrist
+gel&ouml;st werden, in Deutschland bedarf der Ehemann dazu die
+Erm&auml;chtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst der durch
+eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte
+pers&ouml;nliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem
+Mann in G&uuml;tergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch
+Ehevertrag ausdr&uuml;cklich ausgesondert worden, so kann der Mann
+ihn in Besitz nehmen und dar&uuml;ber verf&uuml;gen; in Frankreich
+und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer Stelle den Lohn
+f&uuml;r sich einfordern. Da&szlig; dadurch unter Umst&auml;nden
+ganze Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Flei&szlig;es
+der Mutter, bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und
+Arbeitsscheue hat das Recht, den m&uuml;hsam erworbenen Lohn der
+Frau, durch den sie ihre Kinder ern&auml;hren wollte, zu
+verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat diesen
+Verh&auml;ltnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die
+selbst&auml;ndige Schlie&szlig;ung von Arbeitsvertr&auml;gen
+erm&ouml;glichte und ihren Erwerb f&uuml;r sie sicher stellte. Der
+Schutz der verheirateten Arbeiterin ist ohne diese zivilrechtliche
+Erg&auml;nzung jedenfalls ein unvollst&auml;ndiger. Angesichts der
+Entwicklung der Frauenarbeit mu&szlig; sie nicht nur &uuml;ber ihre
+Arbeitskraft frei verf&uuml;gen k&ouml;nnen, sondern sich auch im
+uneingeschr&auml;nkten Genu&szlig; ihres Erwerbs befinden. Die
+wirtschaftliche Unabh&auml;ngigkeit, die dadurch geschaffen wird,
+ist eine der Grundlagen f&uuml;r die soziale und politische
+Emanzipation der Frau.</p>
+
+<p>Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der
+sich gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt,
+ist das <i>Wahlrecht zu den Gewerbegerichten</i>, denen die Aufgabe
+zuf&auml;llt, Streitigkeiten zwischen den selbst&auml;ndigen
+Gewerbetreibenden und ihren Angestellten zu untersuchen und zum
+Austrag zu bringen. Die Mitglieder dieser Gerichte, die Frankreich
+als Conseils des prud'hommes, Italien als Collegio dei probi viri
+kennt, werden in gleicher Zahl und mit gleichen Rechten von den
+Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte gew&auml;hlt; da es
+nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter ebenso wie
+m&auml;nnliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen und
+Unternehmern ebenso h&auml;ufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern
+und ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor,
+warum den Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den
+M&auml;nnern. Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt,
+als es die Frauen zum aktiven Wahlrecht zulie&szlig;, Italien
+gew&auml;hrte ihnen auch das passive; in Frankreich stimmte die
+Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der Frauen, der Senat
+aber hat dem Beschlu&szlig; seine Zustimmung versagt, indem er
+erkl&auml;rte, die Interessen der Frauen seien auf das
+Familienleben zu beschr&auml;nken! In Deutschland ist die Mehrheit
+des Reichstags noch derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare
+Thatsache der 5-1/2 Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch
+immer nicht davon zu &uuml;berzeugen, da&szlig; dem Familienleben
+durch den Wahlzettel die geringste Gefahr droht.</p>
+
+<p>Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der
+Frauen zu den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die
+Gesetzgebung in Bezug auf das <i>Koalitionsrecht</i>. Das
+preu&szlig;ische Vereinsgesetz und mit ihm eine ganze Anzahl von
+den &uuml;brigen 26 verschiedenen deutschen Vereinsgesetzen,
+verbietet "Frauen, Sch&uuml;lern und Lehrlingen" ausdr&uuml;cklich
+die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung solcher
+Vereine. Das &ouml;sterreichische Gesetz steht auf demselben
+Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche"
+Ziele verfolgen, k&ouml;nnen auch weibliche Mitglieder
+angeh&ouml;ren. Durch diese Bestimmungen kennzeichnet sich das
+Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung, die durch die wirtschaftliche
+Entwicklung einerseits und den Fortschritt der sozialpolitischen
+Gesetzgebung andererseits l&auml;ngst &uuml;berholt wurde. Seitdem
+die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb nachgeht,
+und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung wurde, ist
+es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme zu
+verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der
+wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche
+Grenzlinie festzuhalten. F&uuml;r die daraus folgende Verwirrung
+der Begriffe liefert die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen;
+Arbeiterinnenvereinen und Gewerkschaften gegen&uuml;ber
+erkl&auml;rte sie wiederholt Fragen f&uuml;r politisch, und
+begr&uuml;ndete damit Aufl&ouml;sungen und Ma&szlig;regelungen,
+die, sobald sie von b&uuml;rgerlichen Vereinen behandelt wurden,
+unbeanstandet als wirtschaftliche passierten. Das preu&szlig;ische
+Kammergericht sprach sich in einem Urteil sogar
+folgenderma&szlig;en aus<a name="FNanchor_950"></a><a href=
+"#Footnote_950"><sup>950</sup></a>: "Zu den politischen
+Gegenst&auml;nden im Sinne des Vereinsgesetzes geh&ouml;ren solche,
+welche Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der
+Arbeitszeit betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor
+allem aber die, an der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf
+Gnade und Ungnade der Willk&uuml;r der Beh&ouml;rden
+&uuml;berliefert.</p>
+
+<p>Die Durchf&uuml;hrung des Arbeiterschutzes aber und sein
+weiterer Ausbau h&auml;ngt, wie wir gesehen haben, wesentlich von
+den Arbeitern und ihrer thatkr&auml;ftigen Unterst&uuml;tzung
+selbst ab, und die traurige Lage, in der vor allem die weibliche
+Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten dadurch in
+ihrer schrecklichen Gleichm&auml;&szlig;igkeit erhalten, da&szlig;
+den Frauen die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der
+Charakter der Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die
+Arbeiterin zu besch&uuml;tzen, nicht aber so weit, sie f&auml;hig
+zu machen, da&szlig; sie sich selbst besch&uuml;tzen kann, kommt
+nirgends so deutlich zum Ausdruck als im Vereinsrecht Deutschlands
+und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt kennt Aehnliches. Von
+einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die Rede sein, als bis
+dieser Stein, der ihre Stra&szlig;e versperrt, aus dem Weg
+geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber w&uuml;rde die blo&szlig;e
+Gleichstellung der Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden
+Rechts nicht gen&uuml;gen, es m&uuml;&szlig;te vielmehr ein den
+modernen Verh&auml;ltnissen, der Entwicklung und den
+Anspr&uuml;chen der Arbeiterklasse angepa&szlig;tes, einheitliches,
+neues Recht an dessen Stelle treten, das f&uuml;r die volle
+Koalitionsfreiheit die Gew&auml;hr b&ouml;te, und von dessen
+unbeschr&auml;nkten Genu&szlig; keine Arbeiterkategorie
+auszuschlie&szlig;en w&auml;re.&mdash;</p>
+
+<p>So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht
+lediglich als eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als
+ein System verschiedener gesetzlichen Ma&szlig;nahmen, die
+organisch ineinander greifen, und gegenseitig bedingt werden.
+Sozialreform, in diesem Sinne aufgefa&szlig;t, ist nicht ein in
+sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die Quintessenz
+der Gesetzgebung &uuml;berhaupt.</p>
+
+<p>Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung.</p>
+
+<p>Deutschland</p>
+
+<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Fabriken, Werkst&auml;tten mit Motorbetrieb, Werkst&auml;tten
+der Kleider- und W&auml;schekonfektion, ausgenommen diejenigen, in
+denen nur Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen,
+Aufbereitungsanstalten, Br&uuml;che und Gruben, Zimmerpl&auml;tze,
+Bauh&ouml;fe, Werften, H&uuml;ttenwerke, Ziegeleien.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and
+nachmittags.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1
+Stunde Mittagspause; f&uuml;r die, welche ein Hauswesen zu besorgen
+haben und einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde.</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet.</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Auf 2 Wochen nicht &uuml;ber 13 Stunden t&auml;glich, im Jahr
+nicht mehr als 40 Tage gestattet. L&auml;nger als 2 Wochen durch
+Erlaubnis der h&ouml;heren Verwaltungsbeh&ouml;rde, aber auch dann
+d&uuml;rfen 40 Tage im Jahr nicht &uuml;berschritten werden.
+Au&szlig;erdem kann der Bundesrat f&uuml;r ganze Fabrikationszweige
+Dispensation erteilen: f&uuml;r Fabriken mit ununterbrochenem
+Feuer, f&uuml;r Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten
+beschr&auml;nkt sind, f&uuml;r Saisonindustrien.</p>
+</div>
+
+<p><b>Nachtarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die
+h&ouml;here Verwaltungsbeh&ouml;rde und den Reichskanzler Ausnahmen
+gestattet, unter denselben Voraussetzungen wie bei den
+Ueberstunden.</p>
+</div>
+
+<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Verboten. Durch die h&ouml;here Verwaltungsbeh&ouml;rde und den
+Bundesrat sind Ausnahmen gestattet: Bei Bed&uuml;rfnisgewerben,
+Saisongewerben und aus technischen Gr&uuml;nden, sowie bei
+besonderen Notlagen oder Ungl&uuml;cksf&auml;llen.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitsbeschr&auml;nkung:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist
+erm&auml;chtigt durch besondere Verordnungen die Arbeit in
+gesundheitsgef&auml;hrlichen Betrieben gleichfalls zu verbieten
+oder einzuschr&auml;nken.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Keine.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der W&ouml;chnerinnen:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand &auml;rztlichen Attestes
+um 14 Tage verk&uuml;rzt werden.</p>
+</div>
+
+<p>Oesterreich</p>
+
+<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Fabriken, handwerksm&auml;&szlig;ige Betriebe, Werkst&auml;tten,
+au&szlig;er denjenigen, in denen nur Familienmitglieder
+arbeiten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&mdash;</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben.</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&mdash;</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im
+ganzen nicht mehr als w&auml;hrend 15 Wochen im Jahr.</p>
+
+<p>Dispensationen f&uuml;r ganze Fabrikationszweige wie in
+Deutschland zul&auml;ssig.</p>
+</div>
+
+<p><b>Nachtarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Nur f&uuml;r Fabrikbetriebe soweit Frauen &uuml;ber 16 Jahre alt
+von 8-1/2 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in
+Deutschland zugelassen, f&uuml;r Jugendliche auch im
+Gewerbebetriebe.</p>
+</div>
+
+<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Verboten, Ausnahmen &auml;hnlich wie in Deutschland
+gestattet.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitsbeschr&auml;nkung:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen
+k&ouml;nnen Arbeiten in gesundheitsgef&auml;hrlichen Betrieben
+gleichfalls verboten werden.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Keine.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der W&ouml;chnerinnen:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>4 Wochen. Bei Arbeiten &uuml;ber Tage im Bergbau 6 Wochen.</p>
+</div>
+
+<p>Frankreich</p>
+
+<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Fabriken, Bergwerke, Steinbr&uuml;che, Baupl&auml;tze,
+Werkst&auml;tten, au&szlig;er denjenigen, in denen nur
+Familienmitglieder arbeiten, und alle damit in Zusammenhang
+stehenden industriellen Betriebe, &ouml;ffentliche, private,
+religi&ouml;se.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<p>--</p>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden.
+Vom Jahre 1904 ab 10 Stunden f&uuml;r Fabriken, in denen
+M&auml;nner und Frauen zusammen arbeiten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Verboten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>In einzelnen Industriezweigen d&uuml;rfen Frauen bis 11 Uhr
+abends besch&auml;ftigt werden, doch nicht &ouml;fter als
+w&auml;hrend 60 Tagen im Jahr, bei besonderen Anl&auml;ssen auch
+sonst noch Ausnahmen zugelassen.</p>
+
+<p>Dispensationen f&uuml;r ganze Fabrikationszweige wie in
+Deutschland zul&auml;ssig.</p>
+</div>
+
+<p><b>Nachtarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen
+&auml;hnlich wie in Deutschland zugelassen.</p>
+</div>
+
+<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Verboten. Ausnahmen f&uuml;r besondere Industrien zeitweise
+gestattet, doch mu&szlig; als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein
+anderer vollst&auml;ndiger Ruhetag gew&auml;hrt werden.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitsbeschr&auml;nkung:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Wie in Deutschland und Oesterreich.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Keine.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der W&ouml;chnerinnen:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Keine.</p>
+</div>
+
+<p>Schweiz</p>
+
+<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Fabriken, Werkst&auml;tten mit Motorbetrieb, die mehr als 5
+Personen, alle industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen,
+und alle gef&auml;hrlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen
+besch&auml;ftigen, mit Ausnahme der Werkst&auml;tten, in denen nur
+Familienmitglieder arbeiten und in denen ungef&auml;hrliche Gewerbe
+betrieben werden.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&mdash;</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1
+Stunde Pause. F&uuml;r Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben,
+1-1/2 Stunde.</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&mdash;</p>
+</div>
+
+<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>F&uuml;r nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere
+Erlaubnis der Beh&ouml;rden gestattet.</p>
+
+<p>Dispensationen f&uuml;r ganze Fabrikationszweige wie in
+Deutschland zul&auml;ssig.</p>
+</div>
+
+<p><b>Nachtarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Verboten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Arbeitsbeschr&auml;nkung:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Wie in Deutschland und Oesterreich.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Schutzzeit der W&ouml;chnerinnen:</b></p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>6 Wochen.</p>
+</div>
+
+<p>[Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein
+Teil. (Daten f&uuml;r mindestens ein weiteres Land.)]</p>
+
+<a name="9_2" />
+<h3>Die Arbeiterinnenversicherung.</h3>
+
+<p>Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte
+gro&szlig;e Errungenschaft der Arbeiterklasse, die
+Arbeiterversicherung. Der Gedanke, da&szlig; der arme Arbeiter sich
+vor den Wechself&auml;llen seines Lebens auf irgend eine Weise
+sch&uuml;tzen m&uuml;sse, war durchaus kein neuer: die englischen
+Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich schon
+fr&uuml;h auch nach dieser Richtung zu gro&szlig;artigen
+Organisationen, die ihren Mitgliedern vor allem
+Krankenunterst&uuml;tzung und Begr&auml;bnisgelder gew&auml;hrten.
+Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten in
+&auml;hnlicher Weise f&uuml;r die ihr Zugeh&ouml;rigen, ebenso die
+modernen freien Hilfskassen, deren Anf&auml;nge bis in das
+Revolutionsjahr zur&uuml;ckreichen. Die franz&ouml;sischen
+Societ&eacute;s de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen
+vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen
+Notf&auml;llen des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die
+verschiedenen Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber
+dieses ganze freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben
+gro&szlig;en Uebel: es umfa&szlig;te immer nur einen
+&auml;u&szlig;erst beschr&auml;nkten Kreis von Arbeitern und
+&uuml;berlie&szlig; gerade die Hilfsbed&uuml;rftigsten der
+bittersten Not. Zu ihnen geh&ouml;rten aber die Frauen. Nicht nur,
+da&szlig; sie schwer sich entschlie&szlig;en konnten, von ihrem
+geringen Einkommen regelm&auml;&szlig;ige Beitr&auml;ge zu den
+verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie
+wir schon gesehen haben, &auml;u&szlig;erst schwer zu organisieren.
+Die Unverheirateten sehen die F&uuml;rsorge f&uuml;r Alter und
+Gebrechlichkeit als &uuml;berfl&uuml;ssig an, weil sie meinen,
+da&szlig; die Ehe ihnen beides sichern wird, die Verheirateten
+darben sich jeden Pfennig lieber f&uuml;r ihre Kinder ab. In
+England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in
+gr&ouml;&szlig;erem Umfang den Friendly Societies bei oder
+gr&uuml;ndeten f&uuml;r sich allein selbst&auml;ndige freie
+Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste Kasse der Art auf
+Anregung der Gr&auml;fin Guillaume-Schack erst im Jahre 1884 in
+Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein
+derselben Art, w&auml;hrend seine Unterst&uuml;tzungs- und
+Versicherungsvereine entweder nur wenige weibliche Mitglieder
+hatten oder sie sogar statutenm&auml;&szlig;ig ausschlossen. Nur in
+Bezug auf Witwenunterst&uuml;tzung geschah hie und da etwas
+Nennenswertes f&uuml;r die Frauen.</p>
+
+<p>Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung f&uuml;r alle
+Arbeiter, wie er sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher,
+vom Standpunkt der weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein
+au&szlig;erordentlich fruchtbarer. Daran &auml;ndert die f&uuml;r
+die Geschichte der Arbeiterversicherung bezeichnende Thatsache
+nichts, da&szlig; ihre Urheber, wie es die kaiserliche Botschaft
+vom 17. November 1881 erkl&auml;rte, die Schaffung der
+Arbeiterversicherung lediglich als eine Erg&auml;nzung zur
+"Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des
+Sozialistengesetzes, betrachteten.</p>
+
+<p>Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die
+Unfallversicherung und schlie&szlig;lich die Alters- und
+Invalidit&auml;tsversicherung eingef&uuml;hrt. Oesterreich,
+Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel
+Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so
+weit auszudehnen.</p>
+
+<p>Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
+Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende
+Tabelle.</p>
+
+<p>Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische
+Arbeiterversicherung in Deutschland, dem Mutterland der Idee, am
+ausgiebigsten zur Durchf&uuml;hrung gekommen. Aber wie es bei der
+Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen jeglichen Vorbilds und der
+Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen nicht anders
+m&ouml;glich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an M&auml;ngeln
+sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich
+ihrer Ausdehnung.</p>
+
+<p>Zuerst wurde die <i>Krankenversicherung</i> geordnet und
+f&uuml;r Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer
+obligatorischen gemacht. So segensreich sie sich aber auch im
+Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie selbst als private und
+freiwillige Versicherung nur f&uuml;r kleine Gruppen von Arbeitern
+existierte, so stellte sie sich doch bald als unzul&auml;nglich
+heraus. Eine ihrer schw&auml;chsten Seiten ist die Frage der
+Geldunterst&uuml;tzung. Wenn eine kranke Arbeiterin
+w&ouml;chentlich zwischen 4 und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der
+Lohnausfall f&uuml;r die Familie nat&uuml;rlich nicht gedeckt, noch
+weniger aber ist sie in den Stand gesetzt, sich geh&ouml;rig zu
+pflegen und gut zu ern&auml;hren. Dazu kommt, da&szlig; die
+schlecht bezahlten, &uuml;beranstrengten Kassen&auml;rzte sie nur
+schablonenhaft behandeln k&ouml;nnen, und diesen dabei in jeder
+Hinsicht die H&auml;nde gebunden sind, weil die
+Kassenvorst&auml;nde Verordnungen von Milch, B&auml;dern, Wein etc.
+der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines
+Erachtens m&uuml;&szlig;te das Krankengeld bis zur H&ouml;he des
+vollen Lohnes erhoben werden k&ouml;nnen, vor allem aber
+m&uuml;&szlig;te die Krankenhauspflege in erweitertem Ma&szlig;e
+als bisher in Anwendung gebracht werden.</p>
+
+<p>Diese Forderung st&ouml;&szlig;t zun&auml;chst auf den
+Widerstand der Arbeiterinnen selbst und man pflegt sich nicht genug
+dar&uuml;ber zu emp&ouml;ren, da&szlig; sie sich so energisch gegen
+die Aufnahme im Krankenhaus str&auml;uben. Wer aber einmal die
+S&auml;le und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich
+erz&auml;hlen lie&szlig;, wie Frauen und M&auml;dchen zu
+Studienzwecken einer ganzen Reihe von Studenten sich darbieten
+m&uuml;ssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche Arbeiterin an
+das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren
+St&ouml;hnen und Jammern ihre N&auml;chte zu qualvollen macht,
+zur&uuml;ckdenkt, der wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus
+berechtigt finden. An der Reorganisation der Krankenh&auml;user und
+der Krankenpflege mu&szlig; daher der Hebel angesetzt werden,
+sollen sie wirklich der arbeitenden Bev&ouml;lkerung zum Heil
+gereichen.</p>
+
+<p>Die Krankenkassen haben aber auch n&auml;chst der Sorge f&uuml;r
+die Erkrankten die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die
+M&ouml;glichkeit hierzu zu gewinnen, m&uuml;&szlig;ten sie
+zun&auml;chst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder kennen lernen
+und im Auge behalten, was einerseits durch enge F&uuml;hlung mit
+den Gewerkschaften unterst&uuml;tzt werden k&ouml;nnte,
+andererseits dadurch am leichtesten gesch&auml;he, da&szlig; ihnen
+das Recht zust&auml;nde, Sanit&auml;ts- oder Wohnungsinspektoren
+m&auml;nnlichen und weiblichen Geschlechts zu erw&auml;hlen. Die
+Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre
+Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen
+gemacht. Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider
+&uuml;berall mangelt, k&ouml;nnte durch diese Organe der
+Krankenkassen verbreitet werden. Oft gen&uuml;gt ja ein
+verst&auml;ndiger Wink, um arme Arbeiterfrauen &uuml;ber
+Kinderpflege und Ern&auml;hrung, &uuml;ber L&uuml;ftung,
+Alkoholgenu&szlig; etc. aufzukl&auml;ren. In den weitaus meisten
+F&auml;llen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von
+Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschl&auml;ge und
+Arzneien nichts helfen k&ouml;nnen, aber wenigstens sollte versucht
+werden, die Kinder von diesen Einfl&uuml;ssen einigerma&szlig;en
+frei zu machen: die Einrichtung von Ferienaufenthalten, die
+Gr&uuml;ndung von Kinderasylen w&auml;re eine weitere Aufgabe der
+Krankenkassen, deren Th&auml;tigkeitskreis sich mit Erfolg nach
+allen Richtungen erweitern lie&szlig;e. Eine vern&uuml;nftige
+Regierung sollte ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen
+nicht zu untersch&auml;tzenden Einflu&szlig; auf die Verwaltung der
+Krankenkassen k&ouml;nnten in Deutschland die Arbeiterinnen
+gewinnen, wenn sie eines der wenigen Rechte, das sie besitzen, das
+aktive und passive Wahlrecht f&uuml;r die
+Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher
+benutzen wollten. Es w&auml;re das zugleich eine Erziehung zum
+besseren Verst&auml;ndnis &ouml;ffentlicher Angelegenheiten.</p>
+
+<p>Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger,
+als die Krankenkassen auch die Tr&auml;gerinnen der
+W&ouml;chnerinnenunterst&uuml;tzungen sind. Der ganze
+W&ouml;chnerinnenschutz w&auml;re eine Phrase oder eine
+Grausamkeit, wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu
+gleicher Zeit mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die
+deutsche Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen
+&auml;hnlicher Art im Auslande, haben die Bestimmung getroffen,
+da&szlig; W&ouml;chnerinnen bis auf die Dauer von sechs Wochen
+durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit mindestens sechs
+Monaten angeh&ouml;ren, eine Geldunterst&uuml;tzung erhalten
+m&uuml;ssen, die mindestens die H&auml;lfte, oder auch bis zu drei
+Viertel des durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze
+Halbheit der Ma&szlig;regel ist auf den ersten Blick einleuchtend.
+Schon unter normalen Verh&auml;ltnissen reicht der volle Lohn der
+Arbeiterin nicht aus, um die notwendigsten Bed&uuml;rfnisse zu
+decken, wie viel weniger kann die H&auml;lfte oder drei Viertel
+davon sich als gen&uuml;gend erweisen, wenn nicht nur die
+W&ouml;chnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll.
+Ist schon eine gr&ouml;&szlig;ere Familie vorhanden, f&uuml;r die
+gesorgt werden mu&szlig;, so wird der W&ouml;chnerinnenschutz und
+die W&ouml;chnerinnenversicherung v&ouml;llig illusorisch, weil die
+geringe Unterst&uuml;tzung nicht dazu ausreicht, f&uuml;r die
+F&uuml;hrung des Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme
+Mutter gezwungen ist, so schnell als m&ouml;glich das Bett zu
+verlassen, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Das ist um so
+h&auml;ufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt sind, die
+Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der
+W&ouml;chnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im
+Sinne des Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als
+Krankheit, und freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den
+Kranken zugesichert. Die v&ouml;llige Unzul&auml;nglichkeit der
+W&ouml;chnerinnenversicherung ist im wesentlichen auf ihre
+Verquickung mit der Krankenversicherung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren,
+mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde nichts zu
+thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf
+l&auml;ngstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder
+entsprechende Behandlung im Krankenhaus gew&auml;hrt, die ferner
+berechtigt ist, die Krankenunterst&uuml;tzung bis auf ein Jahr zu
+verl&auml;ngern, oder die Kranken in Reconvalescentenheimen
+unterzubringen, ging bei der Festsetzung der H&ouml;he der
+Geldunterst&uuml;tzung von der R&uuml;cksicht auf eine
+m&ouml;gliche starke Zunahme der Simulanten aus und sah sich
+deshalb verhindert, &uuml;ber den &uuml;blichen Lohn hinauszugehen,
+oder ihn auch nur zu erreichen.</p>
+
+<p>Diese Besorgnis f&auml;llt bei der Frage der
+W&ouml;chnerinnenunterst&uuml;tzung fort. Trotzdem sie nun aber
+eine, wie wir gesehen haben, v&ouml;llig ungen&uuml;gende ist,
+belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den
+Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im
+Jahre 1900 die Einnahmen pro Kopf der m&auml;nnlichen Mitglieder um
+6,09 Mk. h&ouml;her als die Ausgaben, w&auml;hrend die Ausgaben pro
+Kopf der weiblichen Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk.
+&uuml;berstiegen. Die Ursache hiervon liegt nun zwar wesentlich in
+der allgemeinen traurigen Lage der weiblichen Arbeiter, zum
+gro&szlig;en Teil aber auch in der Vernachl&auml;ssigung und
+mangelhaften Pflege der Schwangeren und W&ouml;chnerinnen, die
+zahllose Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die
+Kassen auf der einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen
+wieder zu. Der Schutz der Frau als Mutter stellt an die
+Versicherungsgesetzgebung so weitreichende Anforderungen, da&szlig;
+sie im Rahmen der Krankenversicherung unm&ouml;glich erf&uuml;llt
+werden k&ouml;nnen. Sie m&uuml;&szlig;ten einer besonderen
+<i>Mutterschaftsversicherung</i> &uuml;bertragen werden.</p>
+
+<p>Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher
+m&uuml;&szlig;te der Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz
+stellen und allen bed&uuml;rftigen M&uuml;ttern des Volks die beste
+Pflege in weitestem Ma&szlig;e zusichern. Dazu geh&ouml;rt eine
+Geldunterst&uuml;tzung w&auml;hrend vier Wochen vor und acht Wochen
+nach der Entbindung in der vollen H&ouml;he des durchschnittlichen
+Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie Wochenpflege
+einschlie&szlig;lich der Pflege des S&auml;uglings und der Sorge
+f&uuml;r den Haushalt, die Errichtung von Asylen f&uuml;r
+Schwangere und W&ouml;chnerinnen und von Entbindungsanstalten,
+eventuell auch die Errichtung von Krippen, wie wir sie im Interesse
+der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel hierzu
+m&uuml;&szlig;ten, neben den Beitr&auml;gen der Versicherten, aus
+einer allgemein zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht
+die Unverheirateten und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen
+werden k&ouml;nnten. Das entbehrt nicht eines komischen
+Beigeschmacks, weil es an die Hagestolzensteuer erinnert, die
+vielfach gewisserma&szlig;en als Strafe f&uuml;r das Ledigbleiben
+vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten Hintergrund, da
+die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen
+Verh&auml;ltnissen thats&auml;chlich ein weit sorgenloseres Leben
+f&uuml;hren, als die Verheirateten und Kinderreichen.<a name=
+"FNanchor_951"></a><a href="#Footnote_951"><sup>951</sup></a>
+Jedenfalls sollte die Frage der Aufbringung der Mittel bei einer
+Sache von so weittragender Bedeutung keine Rolle spielen. Ein Blick
+auf die Proletarierinnen und ihre Kinder m&uuml;&szlig;te
+gen&uuml;gen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden
+Ma&szlig;regel jedem vor Augen zu f&uuml;hren, da&szlig; sie noch
+nirgends in der hier bef&uuml;rworteten Ausdehnung zur
+Durchf&uuml;hrung kam, beruht einmal auf der Neuheit des ganzen
+Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und
+Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre
+pers&ouml;nlichen Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu
+bringen.</p>
+
+<p>Auf die Krankenversicherung folgte die Einf&uuml;hrung der
+<i>Unfallversicherung</i>, die in Deutschland, Oesterreich, der
+Schweiz, Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von
+den Unternehmern aufgebracht, und hat daher den gro&szlig;en
+Vorteil gehabt, zur Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen
+und so die Unf&auml;lle m&ouml;glichst zu verh&uuml;ten. Da aber
+der Begriff der Betriebsunf&auml;lle durchaus kein feststehender
+ist und auch ihre "vors&auml;tzliche" Herbeif&uuml;hrung, die die
+Entsch&auml;digung ausschlie&szlig;t, sich nicht immer mit
+unbedingter Sicherheit feststellen l&auml;&szlig;t, die Renten
+&uuml;berdies ganz unzureichende sind, so werden ihre Vorteile
+dadurch erheblich eingeschr&auml;nkt. Das gilt in noch h&ouml;herem
+Ma&szlig;e f&uuml;r die <i>Invalidit&auml;ts- und
+Altersversicherung</i>.</p>
+
+<p>Deutschland geb&uuml;hrt der Ruhm den wahrhaft gro&szlig;en
+Gedanken, den Arbeiter, der im Dienst der Allgemeinheit seine
+Arbeitskraft verlor oder ein Alter erreichte, das ihm Ruhe
+gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu lassen, sondern ihm
+das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen. Nur traurig,
+da&szlig; die praktische Ausf&uuml;hrung des Gedankens so weit
+hinter dem Ideal zur&uuml;ckblieb. Zun&auml;chst hat nur derjenige
+auf Invalidenrente Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner
+normalen Erwerbsf&auml;higkeit besitzt. Eine Arbeiterin also, die
+in gesunden Zeiten etwa 700 Mk. j&auml;hrlich zu verdienen
+vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk. verdienen
+kann,&mdash;denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch
+jahrelanges Maschinenn&auml;hen ihre Arbeitskraft soweit
+einb&uuml;&szlig;en,&mdash;hat, auch wenn sie dem
+gr&ouml;&szlig;ten Elend gegen&uuml;bersteht, keinerlei Anspruch
+auf eine Rente. Sie mu&szlig; nach wie vor, sei es durch Betteln
+oder durch die Schande der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich
+zu verschaffen suchen, wenn sie nicht verhungern will. Ist aber
+ihre Erwerbsf&auml;higkeit so weit vermindert, da&szlig; sie zum
+Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so ist sie dadurch weder
+von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um
+Armenunterst&uuml;tzung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten
+betragen n&auml;mlich:</p>
+
+<table border="1" align="center" summary="">
+<tr>
+<th rowspan="3">Nach Beitragswochen</th>
+<th colspan="5">In Lohnklasse</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>I</th>
+<th>II</th>
+<th>III</th>
+<th>IV</th>
+<th>V</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<th>Mk.</th>
+<th>Mk.</th>
+<th>Mk.</th>
+<th>Mk.</th>
+<th>Mk.</th>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">200</td>
+<td>116</td>
+<td>132</td>
+<td>146</td>
+<td>160</td>
+<td>174</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">300</td>
+<td>119</td>
+<td>138</td>
+<td>154</td>
+<td>170</td>
+<td>186</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">500</td>
+<td>125</td>
+<td>150</td>
+<td>170</td>
+<td>190</td>
+<td>210</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1000</td>
+<td>140</td>
+<td>180</td>
+<td>210</td>
+<td>240</td>
+<td>270</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">1500</td>
+<td>155</td>
+<td>210</td>
+<td>250</td>
+<td>290</td>
+<td>330</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">2000</td>
+<td>170</td>
+<td>240</td>
+<td>290</td>
+<td>340</td>
+<td>390</td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td align="center">2500</td>
+<td>185</td>
+<td>270</td>
+<td>330</td>
+<td>390</td>
+<td>450</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenl&ouml;hne wird die dritte
+Lohnklasse (550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im
+allgemeinen die h&ouml;chste sein, f&uuml;r die Einzahlungen durch
+die Frauen geleistet werden k&ouml;nnen. Und nach f&uuml;nfzig
+arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330 Mk. erreicht! Wie
+aber, wenn die Invalidit&auml;t fr&uuml;her und f&uuml;r
+Angeh&ouml;rige einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein
+armes, vom Kampf ums Dasein vorzeitig zerriebenes Gesch&ouml;pf mit
+116, 150, 220 Mk. leben k&ouml;nnen?! Man hat bei der Festsetzung
+der Invalidenrente vielfach gef&uuml;rchtet, die Arbeiter
+w&uuml;rden den Empfang dieses Goldregens gar nicht abwarten wollen
+und sich auf alle Weise die erforderliche Invalidit&auml;t
+k&uuml;nstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese S&auml;tze wird
+das selbst der &auml;rmsten N&auml;herin nicht einfallen. Man
+glaubte ferner darauf R&uuml;cksicht nehmen zu m&uuml;ssen,
+da&szlig; durch die Gew&auml;hrung der Renten nicht etwa die
+Verpflichtung der Familienangeh&ouml;rigen, sich gegenseitig zu
+unterst&uuml;tzen, aufgehoben w&uuml;rde, und hat nicht daran
+gedacht, da&szlig; die M&ouml;glichkeit dazu in der
+Arbeiterbev&ouml;lkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es
+um die Altersrenten. Siebzig Jahre mu&szlig; die Arbeiterin alt
+werden, ehe sie auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat
+sie das Gl&uuml;ck, bei ihren Kindern wohnen zu k&ouml;nnen, so
+bedeutet die Summe immerhin eine erfreuliche Erleichterung f&uuml;r
+die meist trostlose Abh&auml;ngigkeit der Alten von den Jungen,
+steht sie allein, so gen&uuml;gt sie auch nicht, um davon in irgend
+einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing
+ihr Leben an, mit Darben und Betteln h&ouml;rt es auf.</p>
+
+<p>Ein f&uuml;r die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig,
+dessen erste sch&uuml;chterne Ans&auml;tze im deutschen
+Versicherungswesen zu finden sind, ist die <i>Witwen- und
+Waisenversorgung</i>. W&auml;hrend auf Grund der
+Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht
+und die Invalidenversicherung zur R&uuml;ckerstattung der
+H&auml;lfte der f&uuml;r den verstorbenen Versicherten gezahlten
+Markenbeitr&auml;ge an die Witwe oder die Waisen verpflichtet
+ist,&mdash;eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk.
+betr&auml;gt,&mdash;gew&auml;hrt die Unfallversicherung ihnen eine
+Rente bis zu 60% des Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz,
+der um so mehr als billig anerkannt werden mu&szlig;, als er durch
+die etwaige Erwerbsf&auml;higkeit der Witwe nicht geschm&auml;lert
+werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in den Genu&szlig; der
+Rente gelangen, ist ein &auml;u&szlig;erst geringer. Die
+gro&szlig;e Masse der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und
+hat, nach dem Tode des Hauptern&auml;hrers, unter den schwierigsten
+Umst&auml;nden f&uuml;r sich selbst zu sorgen. Zu dem notwendigsten
+Ausbau der Arbeiterversicherung w&uuml;rde daher eine allgemeine
+Witwen-und Waisenversicherung geh&ouml;ren, die durch allgemeine
+Steuern gedeckt werden m&uuml;&szlig;te. Es scheint mir wenigstens
+eine selbstverst&auml;ndliche Forderung zu sein, da&szlig; die
+gesamte Gesellschaft &uuml;berall dort einzutreten hat, wo die
+Interessen der Kinder, auf denen die Zukunft des Staates beruht,
+auf dem Spiele stehen.<a name="FNanchor_952"></a><a href=
+"#Footnote_952"><sup>952</sup></a></p>
+
+<p>Krankheit und Unfall, Erwerbsunf&auml;higkeit und Alter sind
+aber nicht die einzigen finsteren M&auml;chte, die das durch
+niedrige L&ouml;hne und schlechte Arbeitsbedingungen schon genug
+gef&auml;hrdete Leben der Arbeiterin bedrohen. Denn selbst auf die
+Zeiten gewinnbringender Th&auml;tigkeit f&auml;llt verd&uuml;sternd
+der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder
+ger&auml;t, der <i>Arbeitslosigkeit</i>. Die Gewalt, die sie
+besitzt, der Schrecken, den sie verbreitet, ist zuerst von den
+Gewerkschaften anerkannt worden; durch Unterst&uuml;tzung der
+arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis f&uuml;r sie suchten
+sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der Verband der
+Gewerkschaften,&mdash;die Conf&eacute;d&eacute;ration
+g&eacute;n&eacute;rale du Travail,&mdash;und der Verband der
+Arbeitsb&ouml;rsen,&mdash;die F&ouml;deration des Bourses du
+Travail,&mdash;die sich um die Organisation der Stellenvermittlung
+verdient gemacht haben. Der Gedanke aber, da&szlig; die
+Arbeitsvermittlung eine &ouml;ffentliche Angelegenheit von
+h&ouml;chster Wichtigkeit ist und daher vom Staat und von den
+Kommunen geregelt werden m&uuml;sse, hat sich erst seit kurzem
+Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die
+durch Gr&uuml;ndung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten
+Beispiel vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem
+s&uuml;ddeutsche St&auml;dte, die sich schlie&szlig;lich zu einem
+"Verband deutscher Arbeitsnachweise" untereinander verbunden haben,
+um eine noch regere Arbeitsvermittlung zu erm&ouml;glichen.<a name=
+"FNanchor_953"></a><a href="#Footnote_953"><sup>953</sup></a> Mit
+Unterst&uuml;tzung der Arbeitsb&ouml;rsen hat der franz&ouml;sische
+Handelsminister die Einrichtung eines Zentralarbeitsnachweises
+unternommen, der die Bestimmung hat, alle B&ouml;rsen miteinander
+in Verbindung zu bringen, also ungef&auml;hr dasselbe Ziel
+verfolgt, wie der deutsche Verband. F&uuml;r die brennende Frage
+der Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von
+gr&ouml;&szlig;ter Bedeutung und diejenigen, die sie am
+n&auml;chsten angeht, m&uuml;&szlig;ten sie besonders lebhaft
+unterst&uuml;tzen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation
+des Arbeitsnachweises kann zu ersprie&szlig;lichen Resultaten
+f&uuml;hren, kann zu einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen
+und Angebot und Nachfrage, soweit es m&ouml;glich ist, miteinander
+in Einklang bringen. Die notwendige Voraussetzung daf&uuml;r aber
+ist die v&ouml;llige Unterdr&uuml;ckung der privaten
+Stellenvermittlung. Sie ist, besonders f&uuml;r die Arbeiterin,
+eine Quelle der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher
+F&auml;ulnis. Von ihrer Vernichtung sollte man sich nicht durch
+sentimentale R&uuml;cksichten auf die Inhaber der privaten Bureaus
+abhalten lassen, die, soweit sie sich t&uuml;chtig genug erwiesen
+haben, im Bureaudienst der &ouml;ffentlichen Vermittlung vielfache
+Verwendung finden k&ouml;nnen. Vor allem die arbeitsuchenden Frauen
+werden, bei der Beschr&auml;nktheit ihres Gesichtskreises und ihrer
+Scheu vor jeder Ber&uuml;hrung mit Organen der &ouml;ffentlichen
+Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern aller
+Art in die H&auml;nde fallen, und niemals zum Genu&szlig;
+kommunaler oder staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine
+private Vermittlung daneben besteht. Da&szlig; diese Forderung
+keine utopische ist, beweist nicht nur die uns etwas weit
+abliegende und daher schwer kontrollierbare staatliche
+Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen
+Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der
+franz&ouml;sischen Kammer angenommene Gesetz, das die
+allm&auml;hliche Beseitigung der privaten Stellenvermittlung zum
+Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von unentgeltlichen
+Arbeitsnachweisen &uuml;ber das ganze Land verbreiten will. Ob der
+Senat es best&auml;tigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten.
+Seine Durchf&uuml;hrung w&uuml;rde jedenfalls f&uuml;r die ganze
+Frage des Arbeitsnachweises einen gro&szlig;en Fortschritt
+bedeuten.</p>
+
+<p>Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis k&ouml;nnte die
+Arbeitslosigkeit nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das
+Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ganz ohne
+Einflu&szlig; bleiben wird. Je mehr der Saisoncharakter der
+Industrien sich entwickelt, desto h&auml;ufiger werden die Arbeiter
+wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede
+wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der
+Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in
+erweitertem Ma&szlig;e durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei
+aber vor allem die M&auml;nner Ber&uuml;cksichtigung finden. Wo man
+den Frauen helfen wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch
+Einf&uuml;hrung von Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie
+mit der Anfertigung von Kinderkleidern besch&auml;ftigt, die in
+kleineren Gesch&auml;ften ihre Abnehmer fanden. Als ausreichend
+erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends. Die Versicherung
+gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit mu&szlig; daher die
+Erg&auml;nzung des geregelten Arbeitsnachweises sein.</p>
+
+<p>Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den
+ersten Anf&auml;ngen stecken geblieben, wie die fakultativen
+Winterversicherungen der St&auml;dte Bern und K&ouml;ln, oder
+v&ouml;llig fehl geschlagen, wie die obligatorische allgemeine
+Versicherung von St. Gallen. Diese Mi&szlig;erfolge auf einem so
+schwierigen Gebiet d&uuml;rften Sozialpolitiker und Gesetzgeber
+aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen,
+um die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der
+Armenpflege und der Privatwohlth&auml;tigkeit zu
+&uuml;berlassen.</p>
+
+<p>Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum
+mindesten darauf, da&szlig; der Begriff des Almosens durch sie
+immer mehr eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an
+Boden gewinnt, da&szlig; jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner
+Existenz ein Anrecht hat. Um ihn zum herrschenden zu machen, bedarf
+es aber nicht nur der Versicherung gegen jede drohende Not und
+Gefahr, sondern vor allem der Ausdehnung der Zwangsversicherung auf
+das ganze Volk, zun&auml;chst wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie
+es durch die deutsche Invalidit&auml;tsversicherung bereits
+geschehen ist. Diese Ausdehnung w&uuml;rde neben den direkten
+Vorteilen, indirekte von gro&szlig;er Tragweite mit sich
+f&uuml;hren. So w&auml;re sie eines der Mittel, die Heimarbeit
+einzuschr&auml;nken, da der Unternehmer, der die Heimarbeiter
+versichern mu&szlig;, weniger Ersparnisse als bisher durch ihre
+Besch&auml;ftigung machen und der Zwang zur Unfallversicherung ihn
+geneigter machen d&uuml;rfte, eigene Werkst&auml;tten einzurichten.
+Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung haben ihre
+Wirkungslosigkeit &uuml;berall erwiesen. Hat doch z.B. die Berliner
+Hausindustrie, deren traurige Zust&auml;nde durch eine Reihe von
+Untersuchungen und nicht zuletzt durch den gro&szlig;en
+Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein
+Jahrzehnt warten m&uuml;ssen, ehe auch nur die Krankenversicherung
+auf sie ausgedehnt wurde. Und die Dienstboten, f&uuml;r die zwar
+die Herrschaften auf die Dauer von 6 Wochen zur Verpflegung und
+&auml;rztlichen Behandlung,&mdash;sofern nicht "grobe
+Fahrl&auml;ssigkeit" die Krankheitsursache ist,&mdash;verpflichtet
+sind, sp&uuml;ren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar
+nichts.</p>
+
+<p>Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung.</p>
+
+<p>Deutschland</p>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Zwangsversicherung: f&uuml;r Arbeiter und Angestellte in Gewerbe
+und Handel.</p>
+
+<p>Statutarisch: f&uuml;r Landwirtschaft und Hausindustrie.</p>
+
+<p>Freiwillig: f&uuml;r Dienstboten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freie &auml;rztliche Behandlung und Arznei l&auml;ngstens
+f&uuml;r 13 Wochen oder Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu
+legenden Lohns. Wochenbettunterst&uuml;tzung: bis auf die Dauer von
+6 Wochen. Sterbegeld: das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns
+(letzteres beides nur durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder
+Innungskassen). Rekonvalescentenf&uuml;rsorge bis auf die Dauer
+eines Jahrs.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Zwangsversicherung f&uuml;r: Arbeiter und Betriebsbeamte in
+Gewerbe und Landwirtschaft. Statutarisch: f&uuml;r Betriebsbeamte
+mit Jahresgehalt &uuml;ber 2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe
+und Landwirtschaft. Freiwillig f&uuml;r Unternehmer und nicht
+versicherungspflichtiges Personal.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder
+freie Anstaltspflege nebst Angeh&ouml;rigenrente von der 13. Woche
+an bis 60% des Jahreslohns. Sterbegeld in der H&ouml;he des
+zwanzigfachen Tagelohns, Hinterbliebenenrente bis 60% des
+Jahreslohns. Schadenersatz bei Verletzungen.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Zwangsversicherung f&uuml;r alle Lohnarbeiter und Angestellte.
+Durch Beschlu&szlig; des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer
+und Hausindustrielle.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freie Kur nebst Angeh&ouml;rigenunterst&uuml;tzung zur
+Verh&uuml;tung der Invalidit&auml;t. Beitragserstattung bei Tod
+oder Heirat. Nach vollendetem 70. Lebensjahr eine Altersrente nach
+Lohnklassen abgestuft von 110 bis 230 Mk. j&auml;hrlich. Nach
+eingetretener Invalidit&auml;t eine nach der Zahl der
+Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren unterste
+Grenze 116,40 Mk. betr&auml;gt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50
+Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen
+kann.</p>
+</div>
+
+<p>Oesterreich</p>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Zwangsversicherung f&uuml;r Arbeiter und Betriebsbeamte im
+Gewerbe.</p>
+
+<p>Freiwillig: f&uuml;r Landwirtschaft und Hausindustrie.</p>
+</div>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Wie in Deutschland aber: Unterst&uuml;tzungsdauer bis zu 20
+Wochen. Krankengeld 60% des orts&uuml;blichen Lohns.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Zwangsversicherung f&uuml;r Arbeiter und Betriebsbeamte in der
+Industrie, im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der
+Landwirtschaft. Freiwillig f&uuml;r Unternehmer und nicht
+versicherungspflichtiges Personal.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab.
+Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld.
+Schadenersatz wie in Deutschland.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Zwangsversicherung nur f&uuml;r Bergarbeiterinnen, Witwen- und
+Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in
+Vorbereitung.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&mdash;</p>
+</div>
+
+<p>Frankreich</p>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig f&uuml;r Arbeiter aller Berufszweige.</p>
+</div>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig f&uuml;r Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis
+66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns f&uuml;r
+Hinterbliebene. Begr&auml;bniskosten.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig f&uuml;r alle Staatsb&uuml;rger, Zwangsversicherung
+in Vorbereitung.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Altersrente f&uuml;r mindeste F&uuml;nfzigj&auml;hrige;
+Invalidenrente f&uuml;r Erwerbsunf&auml;hige, Beitragserstattung im
+Todesfall.</p>
+</div>
+
+<p>Gro&szlig;britannien</p>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig f&uuml;r Arbeiter aller Berufszweige.</p>
+</div>
+
+<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig f&uuml;r Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+Haftpflichtgesetz.</p>
+</div>
+
+<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder
+Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen,
+Jahreslohn an die Hinterbliebenen.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Freiwillig f&uuml;r alle Staatsb&uuml;rger.</p>
+</div>
+
+<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk.</p>
+</div>
+
+<a name="9_3" />
+<h3>Die Grenzen der Gesetzgebung.</h3>
+
+<p>Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung
+aller L&auml;nder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus
+denen sie hervorw&auml;chst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren
+ersten Anf&auml;ngen fast unbewu&szlig;t, gegenw&auml;rtig aber mit
+vollem Bewu&szlig;tsein gef&uuml;hrten Interessenkampfes zwischen
+der Arbeiterklasse und der Klasse der Unternehmer. Der Ursprung
+dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen Produktionsweise
+selbst, die jene beiden Klassen,&mdash;die Besitzer der
+Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf
+der anderen Seite,&mdash;zur Voraussetzung hat. Aus den
+verschiedenen Phasen des Kampfes, aus den Schwankungen der
+Machtverh&auml;ltnisse der K&auml;mpfenden, erkl&auml;ren sich die
+unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und seine tastenden
+Versuche nach allen Richtungen hin. Das &Uuml;bergewicht aber, das
+die Unternehmer besitzen, kommt in der &auml;u&szlig;erst
+mangelhaften Durchf&uuml;hrung der geltenden Gesetzgebung zu
+drastischem Ausdruck.</p>
+
+<p>Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die
+unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen
+Fortschrittes gelegen ist, w&auml;chst die Masse des Proletariats,
+d.h. der von den Unternehmern abh&auml;ngigen Lohnarbeiter, bringt
+beide Geschlechter mehr und mehr in eine &uuml;bereinstimmende
+Klassenlage und verst&auml;rkt infolgedessen ihre Macht und ihren
+Einflu&szlig;. Die Weiterentwicklung der sozialpolitischen
+Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in
+gr&ouml;&szlig;erem Ma&szlig; als bisher der r&uuml;cksichtslosen
+Geltendmachung kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das
+Abh&auml;ngigkeitsverh&auml;ltnis der Arbeiter von den Unternehmern
+mildern, aber dar&uuml;ber hinaus wird ihre Wirksamkeit sich selbst
+dann nicht erstrecken k&ouml;nnen, wenn sie ihre Aufgaben in
+weitestem Ma&szlig;e zu erf&uuml;llen im stande w&auml;re. Nehmen
+wir an, die Arbeitszeit w&auml;re so niedrig als m&ouml;glich
+festgesetzt, ein Minimallohn gesichert, die Koalitionsfreiheit
+gew&auml;hrleistet, durch staatliche Versicherung die traurigen
+Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit beseitigt,
+so bliebe als ungel&ouml;ster Rest der Ausgangspunkt der
+Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine Folge, die
+Abh&auml;ngigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische
+Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die
+wirtschaftlichen Krisen, auf denen die Unsicherheit der
+proletarischen Existenz beruht.</p>
+
+<p>Wenn somit auch die optimistische Anschauung des m&ouml;glichen
+Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit
+anerkennen mu&szlig;, und ich selbst au&szlig;er st&auml;nde war,
+in meinen Forderungen &uuml;ber bestimmte Grenzen hinauszugehen,
+weil sie an den gegebenen Machtverh&auml;ltnissen eine Schranke
+f&auml;nden, so werden sie sich in Wirklichkeit noch viel enger
+gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert nicht zuletzt an dem
+Problem der Frauenarbeit.</p>
+
+<p>Wir wissen, da&szlig; die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu,
+allen Zeiten in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer
+gegenw&auml;rtigen Form ein Produkt der gro&szlig;industriellen
+Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit unverr&uuml;ckbarer
+Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr dem
+Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in
+steigendem Ma&szlig;e auf alle Frauen, auch auf die verheirateten,
+auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir
+die Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer
+m&uuml;tterlichen Kr&auml;fte, der F&auml;higkeit, gesunde Kinder
+zur Welt zu bringen und sie zu n&auml;hren, in dem fr&uuml;hen
+Altern ausdr&uuml;ckt, die Degeneration der Kinder, die in ihrer
+h&ouml;heren und fr&uuml;heren Sterblichkeit, ihrer Schw&auml;che
+und Kr&auml;nklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als
+unausbleibliches Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die
+Prostitution entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue
+Erscheinung ist, in dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des
+Erwerbes eines supplement&auml;ren Lohnes f&uuml;r ganze Schichten
+der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die moderne Frauenarbeit
+selbst, das Ergebnis der kapitalistischen Produktionsweise. Das
+beweist, mehr als irgend etwas anderes, die Thatsache, da&szlig;
+wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in innigem
+Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen
+Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches
+Moment gen&auml;hrt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte,
+wie die unsere: die Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit
+der Unternehmerklasse auf die in Armut und Abh&auml;ngigkeit
+lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der Reichtum fr&uuml;herer
+Zeiten zog sich vornehm in Pal&auml;ste und Patrizierh&auml;user
+zur&uuml;ck, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz
+der Kaufh&auml;user, der Pracht der Hotels, er wird in den
+Luxusz&uuml;gen und Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt
+verbinden, in den Modeb&auml;dern und durch die Presse mit allen
+Mitteln der Vervielf&auml;ltigungskunst den Massen vor Augen
+gef&uuml;hrt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur Prostitution
+zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser
+Verf&uuml;hrungsk&uuml;nste den armen M&auml;dchen Gl&uuml;ck und
+Freiheit vor.</p>
+
+<p>Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen
+Problemen. Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und
+Kinder abzuschw&auml;chen, wie sie durch Herabsetzung der
+Arbeitszeit, Sicherung von Minimall&ouml;hnen, Aufl&ouml;sung der
+Heimarbeit, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit den
+&auml;u&szlig;eren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer
+Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter
+nicht wiedergeben und kann nicht verhindern, da&szlig; die Frau, um
+die Not zu lindern, ihren K&ouml;rper verkauft, wie ihre
+Arbeitskraft.</p>
+
+<p>Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit
+voller Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist.
+Je weiter die kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto
+schwieriger wird die L&ouml;sung ihres Sphinxr&auml;tsels. Desto
+entschiedener aber wird auch die Frauenarbeit nicht nur zu seiner
+L&ouml;sung hindr&auml;ngen, sondern sie auch vorbereiten helfen.
+Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der Produktionsweise
+zu verdanken, sie tr&auml;gt alle Elemente in sich, diese
+Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an
+einem ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann
+und Weib und Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei
+keinem der historischen Klassen- und Machtk&auml;mpfe geschehen
+ist. Das konservativste Element in der Menschheit, das weibliche,
+wird zur Triebkraft des radikalsten Fortschritts.</p>
+
+<p>Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische
+Wirtschaftsordnung nicht bestehen und wird immer weniger ohne sie
+bestehen k&ouml;nnen. Die Frauenarbeit aber untergr&auml;bt die
+alte Form der Familie, ersch&uuml;ttert die Begriffe der
+Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der b&uuml;rgerlichen
+Gesellschaft aufbaut, und gef&auml;hrdet die Existenz des
+Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde M&uuml;tter sind. Will
+die Menschheit schlie&szlig;lich nicht sich selbst aufgeben, so
+wird sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem
+Ziel. Und das ist ihre gr&ouml;&szlig;te, wenn auch unbeabsichtigte
+Aufgabe. Sie macht die M&auml;nner und Frauen der
+Lohnarbeiterklasse f&auml;hig, sich ihres solidarischen
+Zusammenhanges bewu&szlig;t zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle
+der Almosen und zerst&ouml;rt den unterw&uuml;rfigen
+Sklavencharakter, der die Arbeiter der vorkapitalistischen Zeit
+noch kennzeichnete. Sie schwei&szlig;t die Massen noch fester
+zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine Interessen
+gegen die ihren ausspielt.</p>
+
+<p>So wirkt, bewu&szlig;t und unbewu&szlig;t, alles zusammen, um an
+Stelle der alten Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager
+spaltete, eine neue aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der
+&ouml;konomischen Unabh&auml;ngigkeit Platz machen, in der die
+Arbeit der Frau sie nicht sch&auml;digen und sch&auml;nden, sondern
+zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der sie ihre
+h&ouml;chste Bestimmung erf&uuml;llen kann, wie nie zuvor, und ein
+starkes, frohes Geschlecht daf&uuml;r zeugen wird, da&szlig; ihm
+die Mutter niemals fehlte.</p>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Anmerkungen" />Anmerkungen:</h2>
+
+<a name="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1">[1]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2">[2]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K. B&uuml;cher, Die Entstehung der Volkswirtschaft.
+T&uuml;bingen 1898, S. 13.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3">[3]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart
+1887, II. Bd. S. 23 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_4"></a><a href="#FNanchor_4">[4]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_5"></a><a href="#FNanchor_5">[5]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. B&uuml;cher, a.a.O., S., 14 u. 37.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_6"></a><a href="#FNanchor_6">[6]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S.
+28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_7"></a><a href="#FNanchor_7">[7]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage.
+Stuttgart 1896, S. 52 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_8"></a><a href="#FNanchor_8">[8]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition priv&eacute;e de la
+femme. Paris 1885, S. 37.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_9"></a><a href="#FNanchor_9">[9]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide,
+a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_10"></a><a href="#FNanchor_10">[10]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen &Uuml;bersetzung des Sir
+W. Jone ins Deutsche &uuml;bertragen von Th. Chr. H&uuml;ttner.
+Weimar 1797, S. 74 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_11"></a><a href="#FNanchor_11">[11]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Buch Mose, 16. Kapitel.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_12"></a><a href="#FNanchor_12">[12]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_13"></a><a href="#FNanchor_13">[13]</a>
+
+<div class="note">
+<p>5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_14"></a><a href="#FNanchor_14">[14]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_15"></a><a href="#FNanchor_15">[15]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_16"></a><a href="#FNanchor_16">[16]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Legouv&eacute;, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_17"></a><a href="#FNanchor_17">[17]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_18"></a><a href="#FNanchor_18">[18]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_19"></a><a href="#FNanchor_19">[19]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_20"></a><a href="#FNanchor_20">[20]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Platos Gastmahl in der &Uuml;bersetzung von Schleiermacher.
+Berlin 1824, S. 416.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_21"></a><a href="#FNanchor_21">[21]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_22"></a><a href="#FNanchor_22">[22]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. &Uuml;bersetzt von
+K&auml;mpf. S. 167.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_23"></a><a href="#FNanchor_23">[23]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. &uuml;ber die Stellung der griechischen Frauen den Artikel
+On femal society in Greece im 22. Band der Saturday Review und
+Rainneville, La femme dans l'antiquit&eacute;. Paris 1865.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_24"></a><a href="#FNanchor_24">[24]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_25"></a><a href="#FNanchor_25">[25]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. &Uuml;bersetzt von
+Dr. H. Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_26"></a><a href="#FNanchor_26">[26]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Platos Staat, &uuml;bersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S.
+274 u. 281.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_27"></a><a href="#FNanchor_27">[27]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Plato, a.a.O., S. 281.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_28"></a><a href="#FNanchor_28">[28]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Plato, a.a.O., S. 283.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_29"></a><a href="#FNanchor_29">[29]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Plato, a.a.O., S. 282.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_30"></a><a href="#FNanchor_30">[30]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Aristoteles' Politik, &uuml;bersetzt von Garve. Breslau
+1799, S. 38.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_31"></a><a href="#FNanchor_31">[31]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Aristoteles, a.a.O., S. 4.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_32"></a><a href="#FNanchor_32">[32]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Aristoteles, a.a.O., S. 635.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_33"></a><a href="#FNanchor_33">[33]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Aristoteles, a.a.O., S. 200.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_34"></a><a href="#FNanchor_34">[34]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Platos Timaeus, &uuml;bersetzt von B.E.Chr. Schneider.
+Breslau 1874, S. 105 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_35"></a><a href="#FNanchor_35">[35]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_36"></a><a href="#FNanchor_36">[36]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gajus, Institutionen, &uuml;bersetzt von Backhaus. Bonn
+1857, S. 12 f. und 71 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_37"></a><a href="#FNanchor_37">[37]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkw&uuml;rdiger Reden und
+Thaten, &uuml;bersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8,
+Kap. III, S. 494.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_38"></a><a href="#FNanchor_38">[38]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_39"></a><a href="#FNanchor_39">[39]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Th. Mommsen, R&ouml;mische Geschichte. 8. Aufl. Berlin
+1889, Bd. III S. 510 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_40"></a><a href="#FNanchor_40">[40]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_41"></a><a href="#FNanchor_41">[41]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. B&uuml;cher, a.a.O., S. 68 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_42"></a><a href="#FNanchor_42">[42]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, &uuml;bersetzt von Friedr. Richter.
+Leipzig, I, 41.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_43"></a><a href="#FNanchor_43">[43]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sueton, Biographien, &uuml;bersetzt von Sarrazin. Stuttgart
+1883, und Tacitus, Annalen, &uuml;bersetzt von Roth. Berlin
+1888.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_44"></a><a href="#FNanchor_44">[44]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Titus Livius, R&ouml;mische Geschichte, &uuml;bersetzt von
+Hausinger. Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_45"></a><a href="#FNanchor_45">[45]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_46"></a><a href="#FNanchor_46">[46]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_47"></a><a href="#FNanchor_47">[47]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Friedl&auml;nder, Darstellungen aus der Sittengeschichte
+Roms. 7. Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen
+und Martials Epigramme.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_48"></a><a href="#FNanchor_48">[48]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Horaz, Satiren, &uuml;bersetzt von H. D&uuml;ntzer.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_49"></a><a href="#FNanchor_49">[49]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_50"></a><a href="#FNanchor_50">[50]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_51"></a><a href="#FNanchor_51">[51]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkw&uuml;rdiger Reden und
+Thaten, Buch VIII, Kap. 3, &sect; 3, S. 495.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_52"></a><a href="#FNanchor_52">[52]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im &ouml;ffentlichen Recht,
+&uuml;bersetzt von Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_53"></a><a href="#FNanchor_53">[53]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Ostrogorski, a.a.O., S. 141</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_54"></a><a href="#FNanchor_54">[54]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_55"></a><a href="#FNanchor_55">[55]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_56"></a><a href="#FNanchor_56">[56]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs B&uuml;cher vom Staat,
+&uuml;bersetzt von J. Christ. F. B&auml;hr. Berlin,
+Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S. 198 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_57"></a><a href="#FNanchor_57">[57]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G.
+Ro&szlig;e. Aschersleben 1880. Vorrede.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_58"></a><a href="#FNanchor_58">[58]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften,
+&uuml;bersetzt von J. Christ. F. B&auml;hr. Stuttgart 1830, S.
+744-802.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_59"></a><a href="#FNanchor_59">[59]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Tacitus, Germania, &uuml;bersetzt von M. Oberbreyer.
+Leipzig, S. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_60"></a><a href="#FNanchor_60">[60]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronh&ouml;fe. Erlangen
+1862, Bd. I S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S.
+325.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_61"></a><a href="#FNanchor_61">[61]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Galater 3, V. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_62"></a><a href="#FNanchor_62">[62]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Korinther 14, V. 34.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_63"></a><a href="#FNanchor_63">[63]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Galater 3, V. 26-28.&mdash;Vgl. auch R&ouml;mer 10, V.
+12.&mdash;I. Korinther 12, V. 13.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_64"></a><a href="#FNanchor_64">[64]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Korinther 7, V. 1-8.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_65"></a><a href="#FNanchor_65">[65]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Korinther 7, V. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_66"></a><a href="#FNanchor_66">[66]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Johannis 8, V. 6-11.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_67"></a><a href="#FNanchor_67">[67]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Matth&auml;i 19, V. 6.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_68"></a><a href="#FNanchor_68">[68]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Kolosser 3, V. 19.&mdash;Epheser 5, V. 25-31.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_69"></a><a href="#FNanchor_69">[69]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Apostelgeschichte 2, V. 17, 18.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_70"></a><a href="#FNanchor_70">[70]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Epheser 5, V. 22.&mdash;Kolosser 3, V. 18.&mdash;I. Korinther
+11, V. 3.&mdash;I. Petri 3, V. 1 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_71"></a><a href="#FNanchor_71">[71]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Timotheus 2, V. 12.&mdash;Titus 2, V. 4-5.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_72"></a><a href="#FNanchor_72">[72]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Timotheus 2, V. 12.&mdash;I. Korinther 14, V. 34-35.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_73"></a><a href="#FNanchor_73">[73]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Timotheus 2, V. 15.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_74"></a><a href="#FNanchor_74">[74]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_75"></a><a href="#FNanchor_75">[75]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Korinther 7, V. 1.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_76"></a><a href="#FNanchor_76">[76]</a>
+
+<div class="note">
+<p>I. Timotheus 2, V. 14.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_77"></a><a href="#FNanchor_77">[77]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Tertullians s&auml;mtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner.
+K&ouml;ln 1882, I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_78"></a><a href="#FNanchor_78">[78]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai
+sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_79"></a><a href="#FNanchor_79">[79]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen
+Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_80"></a><a href="#FNanchor_80">[80]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. hierf&uuml;r das f&uuml;r die Auffassung der Frauenfrage
+durch die katholische Kirche h&ouml;chst interessante Buch des
+Redemptoristenpaters A. R&ouml;&szlig;ler: Die Frauenfrage. Wien
+1893.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_81"></a><a href="#FNanchor_81">[81]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard.
+Freiburg 1879.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_82"></a><a href="#FNanchor_82">[82]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. M&uuml;nchen
+1891.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_83"></a><a href="#FNanchor_83">[83]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Martin Luther, Gr&uuml;ndliche und erbauliche Auslegung des
+ersten Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther &uuml;ber
+die Ehe. S. 176.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_84"></a><a href="#FNanchor_84">[84]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Martin Luther, S&auml;mtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom
+ehelichen Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_85"></a><a href="#FNanchor_85">[85]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von
+F&ouml;rstemann u. Bindseil. IV. Abt. S. 121 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_86"></a><a href="#FNanchor_86">[86]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. hierf&uuml;r die charakteristische Schrift des Stuttgarter
+Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_87"></a><a href="#FNanchor_87">[87]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltert&uuml;mer. 3. Aufl.
+G&ouml;ttingen 1881. S. 461.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_88"></a><a href="#FNanchor_88">[88]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_89"></a><a href="#FNanchor_89">[89]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_90"></a><a href="#FNanchor_90">[90]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. R&ouml;&szlig;lin, Abhandlung von besonderen weiblichen
+Rechten. Mannheim 1775. S. 16</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_91"></a><a href="#FNanchor_91">[91]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O. S. 21.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_92"></a><a href="#FNanchor_92">[92]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition
+civile et politique des femmes. Paris 1842. S. 320.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_93"></a><a href="#FNanchor_93">[93]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronh&ouml;fe. Erlangen
+1862. Bd. III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_94"></a><a href="#FNanchor_94">[94]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_95"></a><a href="#FNanchor_95">[95]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_96"></a><a href="#FNanchor_96">[96]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S.
+387 f., Bd. III S. 325.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_97"></a><a href="#FNanchor_97">[97]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung
+in deutscher Vorzeit. Schriften der G&ouml;rres-Gesellschaft.
+K&ouml;ln 1880. S. 40.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_98"></a><a href="#FNanchor_98">[98]</a>
+
+<div class="note">
+<p>In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die
+hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender
+Beredsamkeit.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_99"></a><a href="#FNanchor_99">[99]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltert&uuml;mer. S. 350 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_100"></a><a href="#FNanchor_100">[100]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_101"></a><a href="#FNanchor_101">[101]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. De la Curne de St. Palaye, M&eacute;moires sur l'ancienne
+Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_102"></a><a href="#FNanchor_102">[102]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_103"></a><a href="#FNanchor_103">[103]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle &Eacute;dition.
+Paris 1787. T. IV, p. 93 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_104"></a><a href="#FNanchor_104">[104]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Maurer, Geschichte der St&auml;dteverfassung. Erlangen
+1870. Bd. III S. 103 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_105"></a><a href="#FNanchor_105">[105]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und S&uuml;nden der
+Sittenpolizei. Leipzig 1897. S. 56.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_106"></a><a href="#FNanchor_106">[106]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in
+Stra&szlig;burg. Stra&szlig;burg 1879. S. 521.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_107"></a><a href="#FNanchor_107">[107]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gie&szlig;en 1874. S. 58.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_108"></a><a href="#FNanchor_108">[108]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_109"></a><a href="#FNanchor_109">[109]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_110"></a><a href="#FNanchor_110">[110]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, Soziale K&auml;mpfe vor dreihundert Jahren.
+Leipzig 1894. S. 50.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_111"></a><a href="#FNanchor_111">[111]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_112"></a><a href="#FNanchor_112">[112]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. B&uuml;cher, Die Frauenfrage im Mittelalter. T&uuml;bingen
+1882, S. 12 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_113"></a><a href="#FNanchor_113">[113]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. B&uuml;cher, a.a.O., S. 14-15.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_114"></a><a href="#FNanchor_114">[114]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_115"></a><a href="#FNanchor_115">[115]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_116"></a><a href="#FNanchor_116">[116]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_117"></a><a href="#FNanchor_117">[117]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_118"></a><a href="#FNanchor_118">[118]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_119"></a><a href="#FNanchor_119">[119]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. B&uuml;cher, a.a.O., S. 4 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_120"></a><a href="#FNanchor_120">[120]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_121"></a><a href="#FNanchor_121">[121]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_122"></a><a href="#FNanchor_122">[122]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_123"></a><a href="#FNanchor_123">[123]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Br&uuml;ssel. Paris 1897 S. 61
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_124"></a><a href="#FNanchor_124">[124]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt K&ouml;ln. Bd. II, S. 623.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_125"></a><a href="#FNanchor_125">[125]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_126"></a><a href="#FNanchor_126">[126]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_127"></a><a href="#FNanchor_127">[127]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_128"></a><a href="#FNanchor_128">[128]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_129"></a><a href="#FNanchor_129">[129]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins
+f&uuml;r Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_130"></a><a href="#FNanchor_130">[130]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns
+Archiv f&uuml;r soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S.
+113.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_131"></a><a href="#FNanchor_131">[131]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX.
+si&egrave;cle. Paris 1873. p. 21 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_132"></a><a href="#FNanchor_132">[132]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2.
+Aufl. Stuttgart 1892, S. 6 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_133"></a><a href="#FNanchor_133">[133]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des
+Handw&ouml;rterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S.
+643.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_134"></a><a href="#FNanchor_134">[134]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvri&egrave;res en France
+depuis 1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_135"></a><a href="#FNanchor_135">[135]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_136"></a><a href="#FNanchor_136">[136]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_137"></a><a href="#FNanchor_137">[137]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6.
+Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_138"></a><a href="#FNanchor_138">[138]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_139"></a><a href="#FNanchor_139">[139]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O.
+II. Bd. S. 111 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_140"></a><a href="#FNanchor_140">[140]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das
+interessante Einzelheiten &uuml;ber die Bildung der Frauen
+enth&auml;lt.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_141"></a><a href="#FNanchor_141">[141]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_142"></a><a href="#FNanchor_142">[142]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Thomas, Essay sur le caract&egrave;re, les moeurs et
+l'esprit des femmes. Paris 1772. S. 82.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_143"></a><a href="#FNanchor_143">[143]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_144"></a><a href="#FNanchor_144">[144]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_145"></a><a href="#FNanchor_145">[145]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen M&ouml;nch, der in zwei
+Quartb&auml;nden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16.
+Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch
+seine Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen
+l&auml;cherlich erschien.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_146"></a><a href="#FNanchor_146">[146]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595)
+&uuml;ber die Vorz&uuml;ge des weiblichen vor dem m&auml;nnlichen
+Geschlecht, und von Lucretia Marinelli, hundert Jahre sp&auml;ter,
+&uuml;ber die Vortrefflichkeit der Frauen und die Fehler der
+M&auml;nner.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_147"></a><a href="#FNanchor_147">[147]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_148"></a><a href="#FNanchor_148">[148]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer
+1882.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_149"></a><a href="#FNanchor_149">[149]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mi&szlig; Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra.
+London 1855 und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page
+451.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_150"></a><a href="#FNanchor_150">[150]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887
+und Brantome, a.a.O., p. 376.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_151"></a><a href="#FNanchor_151">[151]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem
+Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre
+1721 in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges
+und curieuses Tract&auml;tgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem
+m&auml;nnlichen Geschlecht.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_152"></a><a href="#FNanchor_152">[152]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und
+S&uuml;d", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_153"></a><a href="#FNanchor_153">[153]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten
+Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_154"></a><a href="#FNanchor_154">[154]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Zu erw&auml;hnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren
+astronomische Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs
+erfreuten, und die Philosophin Katharina Erxleben in Halle.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_155"></a><a href="#FNanchor_155">[155]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens
+Curieuse Schaub&uuml;hne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs
+Lobw&uuml;rdige Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und
+Wohlgelehrtes teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des
+gelehrten Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das
+gelehrte Frauenzimmer".</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_156"></a><a href="#FNanchor_156">[156]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_157"></a><a href="#FNanchor_157">[157]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S.
+78.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_158"></a><a href="#FNanchor_158">[158]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_159"></a><a href="#FNanchor_159">[159]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious
+proposal to the Ladies for the advancement of their true and
+greatest interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre
+1700 folgte die bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_160"></a><a href="#FNanchor_160">[160]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv
+f&uuml;r soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_161"></a><a href="#FNanchor_161">[161]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_162"></a><a href="#FNanchor_162">[162]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London
+1875.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_163"></a><a href="#FNanchor_163">[163]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. et J. de Goncourt, Les ma&icirc;tresses de Louis XV.
+Paris 1860. Bd. I, S. 52.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_164"></a><a href="#FNanchor_164">[164]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M&eacute;moires du mar&eacute;chal duc de Richelieu. Paris
+1793.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_165"></a><a href="#FNanchor_165">[165]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl, M&eacute;moires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und
+Th&eacute;&acirc;tre &agrave; l'usage des jeunes personnes par
+madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La Colombe.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_166"></a><a href="#FNanchor_166">[166]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huiti&egrave;me
+si&egrave;cle. Paris 1862. p. 322.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_167"></a><a href="#FNanchor_167">[167]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_168"></a><a href="#FNanchor_168">[168]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Barth&eacute;lemy, M&eacute;moires secrets de madame de
+Tencin. Grenoble 1790.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_169"></a><a href="#FNanchor_169">[169]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_170"></a><a href="#FNanchor_170">[170]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.J. Rousseau, &Eacute;mile. Francfort s.M. 1855. Livre V,
+P. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_171"></a><a href="#FNanchor_171">[171]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_172"></a><a href="#FNanchor_172">[172]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_173"></a><a href="#FNanchor_173">[173]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_174"></a><a href="#FNanchor_174">[174]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_175"></a><a href="#FNanchor_175">[175]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit
+politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_176"></a><a href="#FNanchor_176">[176]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Tocqueville, L'ancien r&eacute;gime et la
+r&eacute;volution. Paris 1856. S. 9 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_177"></a><a href="#FNanchor_177">[177]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M&eacute;moires de Madame Roland, publi&eacute;s par C.A.
+Dauban. Paris 1864. S. 16 und 66.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_178"></a><a href="#FNanchor_178">[178]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_179"></a><a href="#FNanchor_179">[179]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Michelet, Les femmes de la r&eacute;volution. Paris 1898.
+S. 5 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_180"></a><a href="#FNanchor_180">[180]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sta&euml;l, Consid&eacute;rations sur la r&eacute;volution
+fran&ccedil;aise. Paris 1818. Bd. I, S. 380 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_181"></a><a href="#FNanchor_181">[181]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.A. de S&eacute;gur, Les femmes, leurs conditions et leurs
+influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_182"></a><a href="#FNanchor_182">[182]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman
+suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_183"></a><a href="#FNanchor_183">[183]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_184"></a><a href="#FNanchor_184">[184]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl, Ch.L. Chassin, Le g&eacute;nie de la r&eacute;volution.
+Paris 1863. Bd. I, S. 298 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_185"></a><a href="#FNanchor_185">[185]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. de Talleyrand-P&eacute;rigord, Rapport sur l'instruction
+publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_186"></a><a href="#FNanchor_186">[186]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire g&eacute;n&eacute;rale. T.
+VIII. La r&eacute;volution fran&ccedil;aise. Paris 1896. S. 532
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_187"></a><a href="#FNanchor_187">[187]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_188"></a><a href="#FNanchor_188">[188]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Louis Blanc, Histoire de la r&eacute;volution
+fran&ccedil;aise. Paris 1847. Bd. I, S. 498.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_189"></a><a href="#FNanchor_189">[189]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegens&auml;tze von 1789. Stuttgart
+1889. S. 60.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_190"></a><a href="#FNanchor_190">[190]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_191"></a><a href="#FNanchor_191">[191]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la soci&eacute;t&eacute;
+fran&ccedil;aise pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_192"></a><a href="#FNanchor_192">[192]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 227.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_193"></a><a href="#FNanchor_193">[193]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_194"></a><a href="#FNanchor_194">[194]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_195"></a><a href="#FNanchor_195">[195]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_196"></a><a href="#FNanchor_196">[196]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la r&eacute;volution. S.
+122. Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im &ouml;ffentlichen Recht.
+Uebersetzt von Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_197"></a><a href="#FNanchor_197">[197]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_198"></a><a href="#FNanchor_198">[198]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_199"></a><a href="#FNanchor_199">[199]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. S&eacute;gur, a.a.O., S. 19 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_200"></a><a href="#FNanchor_200">[200]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_201"></a><a href="#FNanchor_201">[201]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la r&eacute;volution. Paris
+1900. p. 11 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_202"></a><a href="#FNanchor_202">[202]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Ihren gr&ouml;&szlig;ten Triumph nach dieser Richtung feierte
+sie durch die im Th&eacute;&acirc;tre Italien veranstaltete
+Ged&auml;chtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo l'Ombre de Mirabeau aux
+Champs-Elys&eacute;es von ihr zur Auff&uuml;hrung kam.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_203"></a><a href="#FNanchor_203">[203]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Lairtullier, Les femmes c&eacute;l&egrave;bres de la
+r&eacute;volution. Paris 1840. Bd. II, S. 137 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_204"></a><a href="#FNanchor_204">[204]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_205"></a><a href="#FNanchor_205">[205]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. f&uuml;r ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S.
+49 ff.&mdash;Michelet, a.a.O., S. 111 ff.&mdash;Blanc, a.a.O., Bd.
+VII, S. 450 f.&mdash;L. Lacour, a.a.O., p. 3 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_206"></a><a href="#FNanchor_206">[206]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L&eacute;opold Lacour, a.a.O., p. 337 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_207"></a><a href="#FNanchor_207">[207]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_208"></a><a href="#FNanchor_208">[208]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L.
+Frank, Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S.
+317 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_209"></a><a href="#FNanchor_209">[209]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_210"></a><a href="#FNanchor_210">[210]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_211"></a><a href="#FNanchor_211">[211]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Oeuvres de Condorcet, publi&eacute;es par A.
+Condorcet-O'Connor et M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_212"></a><a href="#FNanchor_212">[212]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_213"></a><a href="#FNanchor_213">[213]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover
+1788. Bd. I, S. 1.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_214"></a><a href="#FNanchor_214">[214]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S.
+35.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_215"></a><a href="#FNanchor_215">[215]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann
+ins Deutsche &uuml;bersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry
+Fawcett eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche
+Uebersetzung von P. Berthold folgte.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_216"></a><a href="#FNanchor_216">[216]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to
+Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien
+1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_217"></a><a href="#FNanchor_217">[217]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die b&uuml;rgerliche
+Verbesserung der Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_218"></a><a href="#FNanchor_218">[218]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym
+erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_219"></a><a href="#FNanchor_219">[219]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. F&eacute;nelon, &Eacute;ducation des filles. Nouvelle
+&eacute;dition, Paris 1884.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_220"></a><a href="#FNanchor_220">[220]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. von Sallw&uuml;rck, F&eacute;nelon und die Litteratur
+der weiblichen Bildung in Frankreich. Langensalza 1886.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_221"></a><a href="#FNanchor_221">[221]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des
+deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_222"></a><a href="#FNanchor_222">[222]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Einen Beweis daf&uuml;r, wenn auch einen unbeabsichtigten,
+liefert Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Flei&szlig;, mit
+dem er alle die Damen der verdienten Vergessenheit entrissen
+hat.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_223"></a><a href="#FNanchor_223">[223]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch f&uuml;r V&auml;ter und
+M&uuml;tter, Familien und V&ouml;lker. Altona 1770. S. 324 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_224"></a><a href="#FNanchor_224">[224]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karoline Rudolphi, Gem&auml;lde weiblicher Erziehung.
+Heidelberg 1815. Vorrede, S. XLVI.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_225"></a><a href="#FNanchor_225">[225]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Madame de Genlis, Ad&egrave;le et Th&eacute;odore, ou
+lettre sur l'&eacute;ducation. Paris 1782. I. p. 30 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_226"></a><a href="#FNanchor_226">[226]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. von Sallw&uuml;rck, a.a.O., S. 307.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_227"></a><a href="#FNanchor_227">[227]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stephan Waetzholdt, Das h&ouml;here M&auml;dchenschulwesen
+des Auslandes. Im Handbuch des h&ouml;heren
+M&auml;dchenschulwesens. Herausg. von Dr. Wychgram. Leipzig 1897.
+S. 66 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_228"></a><a href="#FNanchor_228">[228]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Abb&eacute; de St. Pierre, Projet pour multiplier les
+coll&egrave;ges de filles. Paris 1730.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_229"></a><a href="#FNanchor_229">[229]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Comtesse de R&eacute;musat, Essai sur l'&eacute;ducation
+des femmes. Paris 1825. p. 23 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_230"></a><a href="#FNanchor_230">[230]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement f&eacute;ministe aux
+&Eacute;tats-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5.
+Jahrg. Nr. 50. Paris 1898. p. 160.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_231"></a><a href="#FNanchor_231">[231]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Natorp, Grundri&szlig; zur Organisation allgemeiner
+Stadtschulen. Duisburg-Essen 1804.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_232"></a><a href="#FNanchor_232">[232]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_233"></a><a href="#FNanchor_233">[233]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff.
+u. S. 180 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_234"></a><a href="#FNanchor_234">[234]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des h&ouml;heren
+M&auml;dchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_235"></a><a href="#FNanchor_235">[235]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. R. Gneist, Ueber die Universit&auml;tsbildung der Frauen
+nach den neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten.
+Berlin 1873.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_236"></a><a href="#FNanchor_236">[236]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891.
+p. 147 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_237"></a><a href="#FNanchor_237">[237]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March
+1888.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_238"></a><a href="#FNanchor_238">[238]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York
+1900. p. 38.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_239"></a><a href="#FNanchor_239">[239]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_240"></a><a href="#FNanchor_240">[240]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and
+Wages. Boston 1869-70.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_241"></a><a href="#FNanchor_241">[241]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II.
+p. 139</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_242"></a><a href="#FNanchor_242">[242]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K.H. Schaible, Die h&ouml;here Frauenbildung in
+Gro&szlig;britannien, Karlsruhe 1894. S. 97 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_243"></a><a href="#FNanchor_243">[243]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London
+1884, p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_244"></a><a href="#FNanchor_244">[244]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_245"></a><a href="#FNanchor_245">[245]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium
+uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel t&uuml;chtiger
+Aerzte litten.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_246"></a><a href="#FNanchor_246">[246]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus,
+da&szlig; nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende
+nehmen werde! Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin
+1867, S. 441 f., ver&ouml;ffentlichte Rede.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_247"></a><a href="#FNanchor_247">[247]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_248"></a><a href="#FNanchor_248">[248]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women
+of 1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_249"></a><a href="#FNanchor_249">[249]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_250"></a><a href="#FNanchor_250">[250]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr sp&auml;ter unter dem
+Titel: Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten
+Dokumente der Frauenfrage.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_251"></a><a href="#FNanchor_251">[251]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jeanne Chauvin, &Eacute;tude historique sur les professions
+accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_252"></a><a href="#FNanchor_252">[252]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.V. Daubi&eacute;, La femme pauvre au XIX. si&egrave;cle.
+Paris 1866. S. 135 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_253"></a><a href="#FNanchor_253">[253]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_254"></a><a href="#FNanchor_254">[254]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX.
+si&egrave;cle. Paris 1874. p. 327.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_255"></a><a href="#FNanchor_255">[255]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes m&eacute;decins. Bordeaux 1889. p.
+11.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_256"></a><a href="#FNanchor_256">[256]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_257"></a><a href="#FNanchor_257">[257]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. von Marenholtz-B&uuml;low, Erinnerungen an Friedrich
+Fr&ouml;bel. Berlin 1876. S. 132.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_258"></a><a href="#FNanchor_258">[258]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. V. Heft der vom k&ouml;nigl. statistischen Bureau
+herausgegebenen preu&szlig;ischen Statistik. Berlin 1864.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_259"></a><a href="#FNanchor_259">[259]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adolph Lette, Denkschrift &uuml;ber die Erwerbsquellen
+f&uuml;r das weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg.
+1865, S. 354 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_260"></a><a href="#FNanchor_260">[260]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_261"></a><a href="#FNanchor_261">[261]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_262"></a><a href="#FNanchor_262">[262]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866.
+S. 80.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_263"></a><a href="#FNanchor_263">[263]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Vorwort, S.V.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_264"></a><a href="#FNanchor_264">[264]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Fanny Lewald-Stahr, F&uuml;r und wider die deutschen Frauen.
+Berlin 1896. S. 10 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_265"></a><a href="#FNanchor_265">[265]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York
+1900. p. 43 u. 50.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_266"></a><a href="#FNanchor_266">[266]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to
+1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_267"></a><a href="#FNanchor_267">[267]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hugo M&uuml;nsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in
+Kirchhoff, Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_268"></a><a href="#FNanchor_268">[268]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hugo M&uuml;nsterberg, a.a.O., S. 345.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_269"></a><a href="#FNanchor_269">[269]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p.
+20.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_270"></a><a href="#FNanchor_270">[270]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress,
+a.a.O., p. 154 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_271"></a><a href="#FNanchor_271">[271]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_272"></a><a href="#FNanchor_272">[272]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866,
+und Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_273"></a><a href="#FNanchor_273">[273]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p.
+1 ff. u. 105 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_274"></a><a href="#FNanchor_274">[274]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement f&eacute;ministe en
+Australie. Revue politique et parlamentaire. 5. ann&eacute;e. Nr.
+45. p. 520 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_275"></a><a href="#FNanchor_275">[275]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_276"></a><a href="#FNanchor_276">[276]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post
+Office, p. 2, 42 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_277"></a><a href="#FNanchor_277">[277]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_278"></a><a href="#FNanchor_278">[278]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles
+1893. p. 49 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_279"></a><a href="#FNanchor_279">[279]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en M&eacute;decine.
+Paris 1901.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_280"></a><a href="#FNanchor_280">[280]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Otto Neust&auml;tter, Das Frauenstudium im Ausland.
+M&uuml;nchen 1899. Seite 9 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_281"></a><a href="#FNanchor_281">[281]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p.
+58.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_282"></a><a href="#FNanchor_282">[282]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Ingelbrecht, Le F&eacute;minisme et la Femme
+T&eacute;moin. Revue politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68
+u. Nr. 69. p. 367 ff. u. 601 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_283"></a><a href="#FNanchor_283">[283]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_284"></a><a href="#FNanchor_284">[284]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement f&eacute;ministe en Italie.
+Revue politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_285"></a><a href="#FNanchor_285">[285]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_286"></a><a href="#FNanchor_286">[286]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Der Internationale Kongre&szlig; f&uuml;r Frauenwerke und
+Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_287"></a><a href="#FNanchor_287">[287]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Otto Neust&auml;tter, a.a.O., S. 26 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_288"></a><a href="#FNanchor_288">[288]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Otto Neust&auml;tter, a.a.O., S. 6 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_289"></a><a href="#FNanchor_289">[289]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund,
+5. Jahrg. 1867. S. 337 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_290"></a><a href="#FNanchor_290">[290]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_291"></a><a href="#FNanchor_291">[291]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25j&auml;hrigen Wirksamkeit
+des Lettevereins. Berlin 1891. S. 59.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_292"></a><a href="#FNanchor_292">[292]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn
+1870.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_293"></a><a href="#FNanchor_293">[293]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage.
+Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr).</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_294"></a><a href="#FNanchor_294">[294]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise B&uuml;chner, Die Frauen und ihr Beruf. F&uuml;nfte
+Auflage. Berlin 1884.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_295"></a><a href="#FNanchor_295">[295]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stenographische Berichte &uuml;ber die Verhandlungen des
+Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session
+1890/91.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_296"></a><a href="#FNanchor_296">[296]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stenographische Berichte &uuml;ber die Verhandlungen des
+Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50.
+Sitzung und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86.
+Sitzung.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_297"></a><a href="#FNanchor_297">[297]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stenographische Berichte &uuml;ber die Verhandlungen des
+Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_298"></a><a href="#FNanchor_298">[298]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stenographische Berichte &uuml;ber die Verhandlungen des
+Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_299"></a><a href="#FNanchor_299">[299]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen
+deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_300"></a><a href="#FNanchor_300">[300]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des h&ouml;heren
+M&auml;dchenschulwesens in Deutschland. Im Handbuch des
+h&ouml;heren M&auml;dchenschulwesens. Herausgegeben von Dr. J.
+Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_301"></a><a href="#FNanchor_301">[301]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. z.B. die Brosch&uuml;re von Professor Albert, Die Frauen
+und das Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem
+sagt, da&szlig; von 1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen
+wurden, w&auml;hrend thats&auml;chlich 260 Studentinnen bis 1895
+das medizinische Staatsexamen bestanden.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_302"></a><a href="#FNanchor_302">[302]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4.
+Auflage. Herborn 1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_303"></a><a href="#FNanchor_303">[303]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der
+Krankenpflegerinnen. Dresden 1901.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_304"></a><a href="#FNanchor_304">[304]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur
+L&ouml;sung der Frauenfrage. Berlin 1894.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_305"></a><a href="#FNanchor_305">[305]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eliza Ichenh&auml;user, Erwerbsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r
+Frauen. 2. Aufl. Berlin 1898.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_306"></a><a href="#FNanchor_306">[306]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der National&ouml;konomie.
+Berlin 1899. Sonderabdruck aus dem Archiv f&uuml;r soziale
+Gesetzgebung und Statistik.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_307"></a><a href="#FNanchor_307">[307]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd.
+Freiburg i.B. 1897. S. 70 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_308"></a><a href="#FNanchor_308">[308]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl B&uuml;cher, Ueber die Verteilung der beiden
+Geschlechter auf der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem
+statistischen Archiv, 2. Jahrg. T&uuml;bingen 1892. S. 369 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_309"></a><a href="#FNanchor_309">[309]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Bertillon, De la d&eacute;population de la France et des
+rem&egrave;des &agrave; y apporter. Im Journal de la
+Soci&eacute;t&eacute; de Statistique. 1895. p. 416 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_310"></a><a href="#FNanchor_310">[310]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Goldstein, Bev&ouml;lkerungsprobleme und
+Berufsgliederung in Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_311"></a><a href="#FNanchor_311">[311]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Arthur Gei&szlig;ler, Beitr&auml;ge zur Frage des
+Geschlechtsverh&auml;ltnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des
+K&ouml;nigl. s&auml;chsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg.
+Dresden 1889.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_312"></a><a href="#FNanchor_312">[312]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_313"></a><a href="#FNanchor_313">[313]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und
+Auswanderungspolitik, in G.v. Sch&ouml;nbergs Handbuch der
+politischen Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband.
+T&uuml;bingen 1898. S. 498.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_314"></a><a href="#FNanchor_314">[314]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle
+angef&uuml;hrten Tabelle berechnet.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_315"></a><a href="#FNanchor_315">[315]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_316"></a><a href="#FNanchor_316">[316]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Diese, wie alle anderen Berechnungen, f&uuml;r die keine Quellen
+angegeben werden, sind aus den offiziellen Volksz&auml;hlungen der
+betreffenden L&auml;nder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir
+benutzt: F&uuml;r die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880,
+Washington 1883-1889, Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington
+1890 bis 1895, Vol. I-III und Compendium Vol. I; XI'th Annual
+Report of the Commissioner of Labor 1895-96, Washington
+1897.&mdash;F&uuml;r England: Census of England and Wales 1881,
+London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London
+1893, Vol. III und IV und General Report.&mdash;F&uuml;r
+Frankreich: R&eacute;sultats statistiques du D&eacute;nombrement de
+1881, Paris 1883; R&eacute;sultats statistiques du
+D&eacute;nombrement de 1891, Paris 1894.&mdash;F&uuml;r
+Oesterreich: Oesterreichische Statistik nach den Ergebnissen der
+Volksz&auml;hlung vom 31. Dezember 1880, Wien 1882-1884, Bd. I bis
+V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890, Wien
+1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.&mdash;F&uuml;r Deutschland:
+Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik
+nach der Berufsz&auml;hlung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs-
+und Gewerbez&auml;hlung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102,
+103 und 111.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_317"></a><a href="#FNanchor_317">[317]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsth&auml;tigkeit der
+eheschlie&szlig;enden Personen. Zeitschrift des kgl.
+preu&szlig;ischen statistischen Bureaus. Berlin 1889.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_318"></a><a href="#FNanchor_318">[318]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen
+1874. S. 40 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_319"></a><a href="#FNanchor_319">[319]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. hierf&uuml;r unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68
+ff.&mdash;K. B&uuml;cher, Die Bev&ouml;lkerung des Kantons
+Basel-Stadt. Basel 1890. S. 19.&mdash;Derselbe, Ueber die
+Verteilung der beiden Geschlechter auf der Erde, a.a.O., S. 388
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_320"></a><a href="#FNanchor_320">[320]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_321"></a><a href="#FNanchor_321">[321]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_322"></a><a href="#FNanchor_322">[322]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche
+Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_323"></a><a href="#FNanchor_323">[323]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erw&auml;hnte
+preu&szlig;ische Statistik der Eheschlie&szlig;ungen nach dem Beruf
+h&auml;tte dar&uuml;ber Aufschlu&szlig; geben k&ouml;nnen, wenn man
+die berufslosen Haust&ouml;chter, die fast die H&auml;lfte der
+heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern
+klassifiziert h&auml;tte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und
+&uuml;berdies mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G.
+von Mayr, a.a.O., S. 411 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_324"></a><a href="#FNanchor_324">[324]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890.
+Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle
+dadurch gewonnen worden, da&szlig; ich Gruppe I&mdash;M&auml;nner
+in liberalen Berufen, gr&ouml;&szlig;ere Kaufleute, Fabrikanten,
+Bankiers&mdash;mit Gruppe III&mdash;Lehrer, Musiker, Kontoristen,
+Handelskommis, Angestellte in &ouml;ffentlichen
+Kontoren&mdash;zusammenberechnete und den Gruppen II, IV,
+V&mdash;Kleinh&auml;ndler, Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister;
+Ausl&auml;ufer, Kellner, Dienstboten; Arbeiter, Tagl&ouml;hner,
+Matrosen&mdash;gegen&uuml;berstellte.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_325"></a><a href="#FNanchor_325">[325]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin
+1895.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_326"></a><a href="#FNanchor_326">[326]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_327"></a><a href="#FNanchor_327">[327]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Fircks Taschenkalender f&uuml;r das Heer. Berlin 1900. S.
+379.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_328"></a><a href="#FNanchor_328">[328]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O, S. 96 und 128.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_329"></a><a href="#FNanchor_329">[329]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
+Jahrbuch f&uuml;r Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft.
+Neue Folge. Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_330"></a><a href="#FNanchor_330">[330]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung
+"Direktions-und &auml;rztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den
+Hebammen zusammen, w&auml;hrend sie als "Wartepersonal" alle Arten
+Pflegerinnen und W&auml;rterinnen bezeichnet. Die anderen
+L&auml;nder dagegen rechnen die Aerzte besonders, z&auml;hlen
+dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher
+gezwungen, um einen Vergleich zu erm&ouml;glichen, alle drei Berufe
+f&uuml;r alle L&auml;nder unter die b&uuml;rgerliche Frauenarbeit
+mitzuz&auml;hlen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_331"></a><a href="#FNanchor_331">[331]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_332"></a><a href="#FNanchor_332">[332]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen
+sind, mu&szlig; diese Zahl auf einem Irrtum bei der Z&auml;hlung
+beruhen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_333"></a><a href="#FNanchor_333">[333]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen
+d&uuml;rften sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_334"></a><a href="#FNanchor_334">[334]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Die franz&ouml;sische Statistik von 1891 z&auml;hlt nur
+Handelsangestellte im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die
+gro&szlig;e Zahl erkl&auml;rt sich daher daraus, da&szlig; die
+Verk&auml;uferinnen mit einbegriffen sind.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_335"></a><a href="#FNanchor_335">[335]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser,
+Missionare und Prediger.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_336"></a><a href="#FNanchor_336">[336]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Diese Rubrik kann f&uuml;r Amerika nicht ausgef&uuml;llt werden,
+weil die Statistik die selbst&auml;ndigen Landwirte mit Aufsehern
+und Verwaltern zusammenwirft.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_337"></a><a href="#FNanchor_337">[337]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Auch f&uuml;r diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller
+Feststellung.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_338"></a><a href="#FNanchor_338">[338]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor.
+Washington 1897. p. 22 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_339"></a><a href="#FNanchor_339">[339]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Mis&egrave;res des
+Femmes. Paris 1900. p. 132 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_340"></a><a href="#FNanchor_340">[340]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr.
+9, S. 292 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_341"></a><a href="#FNanchor_341">[341]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p.
+15.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_342"></a><a href="#FNanchor_342">[342]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_343"></a><a href="#FNanchor_343">[343]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work.
+London 1894. p. 10 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_344"></a><a href="#FNanchor_344">[344]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry.
+Lond. 1898. p. 65.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_345"></a><a href="#FNanchor_345">[345]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl a.a.O., p. 42 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_346"></a><a href="#FNanchor_346">[346]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_347"></a><a href="#FNanchor_347">[347]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Auguste Sprengel, Die &auml;u&szlig;ere Lage der
+Lehrerinnen in Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_348"></a><a href="#FNanchor_348">[348]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten
+Konversationslexikon der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_349"></a><a href="#FNanchor_349">[349]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und
+Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_350"></a><a href="#FNanchor_350">[350]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_351"></a><a href="#FNanchor_351">[351]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
+Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_352"></a><a href="#FNanchor_352">[352]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien.
+II. Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_353"></a><a href="#FNanchor_353">[353]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_354"></a><a href="#FNanchor_354">[354]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_355"></a><a href="#FNanchor_355">[355]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_356"></a><a href="#FNanchor_356">[356]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. I. Nr. 1. M&auml;rz 1899. S. 10 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_357"></a><a href="#FNanchor_357">[357]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_358"></a><a href="#FNanchor_358">[358]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. K&auml;the Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau.
+In Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_359"></a><a href="#FNanchor_359">[359]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. hierf&uuml;r: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7.
+Juli 1900. S. 236 ff.&mdash;Konversationslexikon der Frau, a.a.O.,
+Artikel: Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.&mdash;Women in Professions.
+London Congress, a.a.O., Vol. III. p. 188 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_360"></a><a href="#FNanchor_360">[360]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_361"></a><a href="#FNanchor_361">[361]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche
+Ausgabe von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_362"></a><a href="#FNanchor_362">[362]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Plo&szlig;, Das Weib in der Natur- und V&ouml;lkerkunde.
+5. Aufl. Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_363"></a><a href="#FNanchor_363">[363]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O.,
+S. 112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der
+"allmonatlich eintretenden Beschr&auml;nkung der k&ouml;rperlichen
+und geistigen Leistungsf&auml;higkeit" als von etwas
+Selbstverst&auml;ndlichem sprechen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_364"></a><a href="#FNanchor_364">[364]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 4, 33 u. 91.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_365"></a><a href="#FNanchor_365">[365]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_366"></a><a href="#FNanchor_366">[366]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance
+maternelle, Bruxelles-Paris 1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_367"></a><a href="#FNanchor_367">[367]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_368"></a><a href="#FNanchor_368">[368]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 186.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_369"></a><a href="#FNanchor_369">[369]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 187 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_370"></a><a href="#FNanchor_370">[370]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of
+Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_371"></a><a href="#FNanchor_371">[371]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_372"></a><a href="#FNanchor_372">[372]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage.
+Hamburg 1890. S. 346 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_373"></a><a href="#FNanchor_373">[373]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London
+1894. p. 319.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_374"></a><a href="#FNanchor_374">[374]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry.
+London 1898. p. 97 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_375"></a><a href="#FNanchor_375">[375]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_376"></a><a href="#FNanchor_376">[376]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX.
+Si&egrave;cle. Paris 1874. p. 29.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_377"></a><a href="#FNanchor_377">[377]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, Die oberels&auml;ssische Baumwollindustrie und
+ihre Arbeiter. Stra&szlig;burg 1887. S. 116 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_378"></a><a href="#FNanchor_378">[378]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner
+W&auml;sche-Industrie im 19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch
+f&uuml;r Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft
+2. 1896. S. 250.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_379"></a><a href="#FNanchor_379">[379]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_380"></a><a href="#FNanchor_380">[380]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in
+England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_381"></a><a href="#FNanchor_381">[381]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_382"></a><a href="#FNanchor_382">[382]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 291.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_383"></a><a href="#FNanchor_383">[383]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_384"></a><a href="#FNanchor_384">[384]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_385"></a><a href="#FNanchor_385">[385]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_386"></a><a href="#FNanchor_386">[386]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_387"></a><a href="#FNanchor_387">[387]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_388"></a><a href="#FNanchor_388">[388]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_389"></a><a href="#FNanchor_389">[389]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_390"></a><a href="#FNanchor_390">[390]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 41.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_391"></a><a href="#FNanchor_391">[391]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_392"></a><a href="#FNanchor_392">[392]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_393"></a><a href="#FNanchor_393">[393]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_394"></a><a href="#FNanchor_394">[394]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Th&uuml;ringen. Erster Teil.
+Jena 1882. S. 15.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_395"></a><a href="#FNanchor_395">[395]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_396"></a><a href="#FNanchor_396">[396]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
+Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S.
+373.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_397"></a><a href="#FNanchor_397">[397]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., I. Bd., S. 354 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_398"></a><a href="#FNanchor_398">[398]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_399"></a><a href="#FNanchor_399">[399]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.V. Daubi&eacute;, La Femme pauvre du XIX. Si&egrave;cle.
+Paris 1866. p. 51.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_400"></a><a href="#FNanchor_400">[400]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LXV.
+Untersuchungen &uuml;ber die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil.
+1895. S. 120.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_401"></a><a href="#FNanchor_401">[401]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_402"></a><a href="#FNanchor_402">[402]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_403"></a><a href="#FNanchor_403">[403]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_404"></a><a href="#FNanchor_404">[404]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_405"></a><a href="#FNanchor_405">[405]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen
+Generalversammlung des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, Leipzig
+1900, S. 93, und die &auml;hnliche Ansicht Stiedas in Litteratur,
+heutige Zust&auml;nde und Entstehung der deutschen Hausindustrie,
+Leipzig 1889, S. 22.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_406"></a><a href="#FNanchor_406">[406]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, a.a.O.,
+S. 16.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_407"></a><a href="#FNanchor_407">[407]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handw&ouml;rterbuch der
+Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_408"></a><a href="#FNanchor_408">[408]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_409"></a><a href="#FNanchor_409">[409]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_410"></a><a href="#FNanchor_410">[410]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_411"></a><a href="#FNanchor_411">[411]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon,
+L'Ouvri&egrave;re, 2i&egrave;me &eacute;dition. Paris 1861. p. 248
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_412"></a><a href="#FNanchor_412">[412]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_413"></a><a href="#FNanchor_413">[413]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_414"></a><a href="#FNanchor_414">[414]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_415"></a><a href="#FNanchor_415">[415]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 42 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_416"></a><a href="#FNanchor_416">[416]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_417"></a><a href="#FNanchor_417">[417]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvri&egrave;res en France
+pendant l'Ann&eacute;e 1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_418"></a><a href="#FNanchor_418">[418]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women
+and Girls. London 1898. p. 7 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_419"></a><a href="#FNanchor_419">[419]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvri&egrave;res en France.
+Paris 1867. Vol. II. p. 150.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_420"></a><a href="#FNanchor_420">[420]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubi&eacute;,
+a.a.O., p. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_421"></a><a href="#FNanchor_421">[421]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O.,
+S. 129 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_422"></a><a href="#FNanchor_422">[422]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_423"></a><a href="#FNanchor_423">[423]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 126.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_424"></a><a href="#FNanchor_424">[424]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_425"></a><a href="#FNanchor_425">[425]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_426"></a><a href="#FNanchor_426">[426]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_427"></a><a href="#FNanchor_427">[427]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Villerm&eacute;, Tableau de l'Etat physique et moral des
+Ouvriers dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris
+1840. Vol. I. p. 86 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_428"></a><a href="#FNanchor_428">[428]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_429"></a><a href="#FNanchor_429">[429]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_430"></a><a href="#FNanchor_430">[430]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_431"></a><a href="#FNanchor_431">[431]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_432"></a><a href="#FNanchor_432">[432]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
+Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_433"></a><a href="#FNanchor_433">[433]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.&mdash;A. Thun, a.a.O., S.
+176 ff.&mdash;H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_434"></a><a href="#FNanchor_434">[434]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Villerm&eacute;, a.a.O., p. 164 f.&mdash;Daubi&eacute;,
+a.a.O., p. 56 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_435"></a><a href="#FNanchor_435">[435]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_436"></a><a href="#FNanchor_436">[436]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_437"></a><a href="#FNanchor_437">[437]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_438"></a><a href="#FNanchor_438">[438]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. von Schultze-G&auml;vernitz, Der Gro&szlig;betrieb. Leipzig
+1892. S. 40.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_439"></a><a href="#FNanchor_439">[439]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_440"></a><a href="#FNanchor_440">[440]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_441"></a><a href="#FNanchor_441">[441]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_442"></a><a href="#FNanchor_442">[442]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Ergebnisse der &uuml;ber die Frauen- und Kinderarbeit
+in den Fabriken auf Beschlu&szlig; des Bundesrats angestellten
+Erhebungen. Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S.
+24 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_443"></a><a href="#FNanchor_443">[443]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 24.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_444"></a><a href="#FNanchor_444">[444]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_445"></a><a href="#FNanchor_445">[445]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Daubi&eacute;, a.a.O., p. 63.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_446"></a><a href="#FNanchor_446">[446]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children,
+young Persons and Women in Agriculture. London 1868.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_447"></a><a href="#FNanchor_447">[447]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., XIII.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_448"></a><a href="#FNanchor_448">[448]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., XI.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_449"></a><a href="#FNanchor_449">[449]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit.
+Deutsch von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_450"></a><a href="#FNanchor_450">[450]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p.
+291.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_451"></a><a href="#FNanchor_451">[451]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_452"></a><a href="#FNanchor_452">[452]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_453"></a><a href="#FNanchor_453">[453]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_454"></a><a href="#FNanchor_454">[454]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Martin Luthers s&auml;mtliche Werke. Erlanger Ausgabe.
+Bd. 20, S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389;
+Bd. 36, S. 298 ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen
+Dienstboten in Berlin. 1901.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_455"></a><a href="#FNanchor_455">[455]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und
+dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich,
+a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_456"></a><a href="#FNanchor_456">[456]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kr&auml;nitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_457"></a><a href="#FNanchor_457">[457]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des
+Gesindewesens. Danzig 1873. S. 22.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_458"></a><a href="#FNanchor_458">[458]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu h&ouml;herer
+Geistesbildung. 1802.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_459"></a><a href="#FNanchor_459">[459]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S.
+22.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_460"></a><a href="#FNanchor_460">[460]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_461"></a><a href="#FNanchor_461">[461]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J.V. Daubi&eacute;, a.a.O., p. 89 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_462"></a><a href="#FNanchor_462">[462]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W. K&auml;hler, a.a.O., S. 34 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_463"></a><a href="#FNanchor_463">[463]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Die m&auml;nnliche Bev&ouml;lkerung hat um 9703 Personen
+abgenommen, die weibliche um 135 626 zugenommen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_464"></a><a href="#FNanchor_464">[464]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of
+Women and Girls. London 1894. p. 71 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_465"></a><a href="#FNanchor_465">[465]</a>
+
+<div class="note">
+<p>F&uuml;r die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die
+Arbeiter gerechnet worden, f&uuml;r die beiden letzten Arbeiter und
+Angestellte.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_466"></a><a href="#FNanchor_466">[466]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbez&auml;hlung im
+Deutschen Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv f&uuml;r
+soziale Gesetzgebung und Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und
+Derselbe, Die Bev&ouml;lkerung Oesterreichs. Wien 1895. S. 15.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_467"></a><a href="#FNanchor_467">[467]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
+Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin
+1896, 1897, 1898, 1899, und Jahresberichte der
+Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das Jahr 1899. 4. Bd. Berlin
+1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_468"></a><a href="#FNanchor_468">[468]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Rapports sur L'Application des Lois r&eacute;glementant le
+Travail. 1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_469"></a><a href="#FNanchor_469">[469]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
+Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die
+Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs.
+Neue Folge. Bd. 112. Berlin 1898.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_470"></a><a href="#FNanchor_470">[470]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. f&uuml;r meine Zusammenstellung: F&uuml;r Deutschland:
+Berufsstatistik f&uuml;r das Reich im ganzen. Erster Teil.
+Statistik des Deutschen Reiches. Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897.
+S. 13 ff.&mdash;F&uuml;r Oesterreich: Oesterreichische
+Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895. XXXIII. Bd. S. 38
+ff.&mdash;F&uuml;r England und Wales: Census of England and Wales
+1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.&mdash;F&uuml;r de Vereinigten
+Staaten: XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S.
+304, ff.&mdash;F&uuml;r Frankreich: Die vorl&auml;ufige
+Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie nach der
+Berufsz&auml;hlung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail,
+Juin 1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte
+Darstellung der Berufsarten, wie sie eigentlich f&uuml;r die
+vorliegende Tabelle notwendig gewesen w&auml;re, liegt bis jetzt
+nur f&uuml;r Paris und das Seine-Departement vor.&mdash;F&uuml;r
+Belgien: Recensement g&eacute;n&eacute;ral des Industries et des
+Metiers (31 Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles
+1900. S. 30 ff. Die Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt
+auch hier.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_471"></a><a href="#FNanchor_471">[471]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. hierf&uuml;r wie f&uuml;r das Folgende die
+Ausf&uuml;hrungen Werner Sombarts &uuml;ber Hausindustrie im
+Handw&ouml;rterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV, 2. Aufl. S.
+1138 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_472"></a><a href="#FNanchor_472">[472]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs
+nach der Berufs- und Gewerbez&auml;hlung. Schriften des Vereins
+f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_473"></a><a href="#FNanchor_473">[473]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung.
+Verhandlungen des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. Leipzig 1900. S.
+25.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_474"></a><a href="#FNanchor_474">[474]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion &uuml;ber die Heimarbeit
+in Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_475"></a><a href="#FNanchor_475">[475]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_476"></a><a href="#FNanchor_476">[476]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_477"></a><a href="#FNanchor_477">[477]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Recensement g&eacute;n&eacute;ral des Industries et des
+M&eacute;tiers. 31 Octobre 1896. Analyse des Vols. I et II.
+Bruxelles 1900. p. 11 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_478"></a><a href="#FNanchor_478">[478]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895
+to 1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington
+1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_479"></a><a href="#FNanchor_479">[479]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mi&szlig; Collet, Report on the Statistics of Employment of
+Women and Girls. London 1894.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_480"></a><a href="#FNanchor_480">[480]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns
+Archiv f&uuml;r soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S.
+682 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_481"></a><a href="#FNanchor_481">[481]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. R. Martin, Die Ausschlie&szlig;ung der verheirateten Frauen
+aus der Fabrik. T&uuml;bingen 1897. S. 41. Der Verfasser
+st&uuml;tzt sich unter anderem auf Mi&szlig; Collets
+Untersuchungen, nach denen, wie schon erw&auml;hnt wurde, die
+Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben
+wurde.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_482"></a><a href="#FNanchor_482">[482]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Besch&auml;ftigung verheirateter Frauen in Fabriken.
+Nach den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das
+Jahr 1899 bearbeitet vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_483"></a><a href="#FNanchor_483">[483]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Ergebnisse der &uuml;ber die Frauen- und Kinderarbeit in den
+Fabriken auf Beschlu&szlig; des Bundesrats angestellten Erhebungen.
+Berlin 1877. S. 76 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_484"></a><a href="#FNanchor_484">[484]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_485"></a><a href="#FNanchor_485">[485]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart
+1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_486"></a><a href="#FNanchor_486">[486]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Elis. Gnauck-K&uuml;hne, Die Lage der Arbeiterinnen in der
+Berliner Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_487"></a><a href="#FNanchor_487">[487]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Arbeits- und Lohnverh&auml;ltnisse der Wiener
+Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der
+Enqu&ecirc;te &uuml;ber Frauenarbeit. Wien 1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_488"></a><a href="#FNanchor_488">[488]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Singer, Untersuchungen &uuml;ber die sozialen
+Zust&auml;nde in den Fabrikbezirken des nord&ouml;stlichen
+B&ouml;hmens. Leipzig 1885. S. 117.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_489"></a><a href="#FNanchor_489">[489]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. Salaires et Dur&eacute;e du Travail dans
+L'Industrie fran&ccedil;aise, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_490"></a><a href="#FNanchor_490">[490]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p.
+12 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_491"></a><a href="#FNanchor_491">[491]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London
+1893. p. 35 ff., 68 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_492"></a><a href="#FNanchor_492">[492]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women
+in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_493"></a><a href="#FNanchor_493">[493]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, Die oberels&auml;ssische Baumwollindustrie und
+ihre Arbeiter. Stra&szlig;burg i.E. 1887. S. 308.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_494"></a><a href="#FNanchor_494">[494]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. F. W&ouml;rishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in
+Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_495"></a><a href="#FNanchor_495">[495]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry.
+London 1898. p. 48.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_496"></a><a href="#FNanchor_496">[496]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Elis. Gnauck-K&uuml;hne, a.a.O., S. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_497"></a><a href="#FNanchor_497">[497]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das
+Jahr 1899, Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_498"></a><a href="#FNanchor_498">[498]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_499"></a><a href="#FNanchor_499">[499]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. Salaires et Dur&eacute;e du Travail dans
+L'Industrie fran&ccedil;aise. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_500"></a><a href="#FNanchor_500">[500]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work
+and Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_501"></a><a href="#FNanchor_501">[501]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_502"></a><a href="#FNanchor_502">[502]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics
+of the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_503"></a><a href="#FNanchor_503">[503]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_504"></a><a href="#FNanchor_504">[504]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und
+Die Besch&auml;ftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S.
+26.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_505"></a><a href="#FNanchor_505">[505]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear,
+Die Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins
+f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_506"></a><a href="#FNanchor_506">[506]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London
+1894. p. 290 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_507"></a><a href="#FNanchor_507">[507]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 281.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_508"></a><a href="#FNanchor_508">[508]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 285.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_509"></a><a href="#FNanchor_509">[509]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 135.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_510"></a><a href="#FNanchor_510">[510]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 100.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_511"></a><a href="#FNanchor_511">[511]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_512"></a><a href="#FNanchor_512">[512]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Elisabeth Gnauck-K&uuml;hne, a.a.O., S. 55.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_513"></a><a href="#FNanchor_513">[513]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gro&szlig;herzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale
+Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u.
+116.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_514"></a><a href="#FNanchor_514">[514]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
+Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste
+Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war
+klug genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen
+Gewerbeaufsichtsberichte f&uuml;r 1899 zu thun, sonst h&auml;tte er
+seine ganze Arbeit im Papierkorb verschwinden lassen
+m&uuml;ssen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_515"></a><a href="#FNanchor_515">[515]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das
+Jahr 1899. Berlin 1900. 4 B&auml;nde.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_516"></a><a href="#FNanchor_516">[516]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd.
+III, S. 906 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_517"></a><a href="#FNanchor_517">[517]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. Salaires et Dur&eacute;e du Travail
+etc., a.a.O., t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handw&ouml;rterbuch
+der Staatswissenschaften. Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_518"></a><a href="#FNanchor_518">[518]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara
+Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_519"></a><a href="#FNanchor_519">[519]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
+Berlin. Berlin 1897. S. 229 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_520"></a><a href="#FNanchor_520">[520]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Arbeits- und Lebensverh&auml;ltnisse der Wiener
+Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_521"></a><a href="#FNanchor_521">[521]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Mis&egrave;res de Femmes.
+Paris 1900. p. 29.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_522"></a><a href="#FNanchor_522">[522]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvri&egrave;res de l'Aiguille &agrave;
+Paris, Paris 1895. p. 106.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_523"></a><a href="#FNanchor_523">[523]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W&ouml;rishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in
+Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 230.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_524"></a><a href="#FNanchor_524">[524]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-K&uuml;hne, a.a.O., S. 60. Die
+soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S.
+155.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_525"></a><a href="#FNanchor_525">[525]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Arbeits- und Lebensverh&auml;ltnisse der Wiener
+Arbeiterinnen, passim.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_526"></a><a href="#FNanchor_526">[526]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_527"></a><a href="#FNanchor_527">[527]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2.
+S. 206.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_528"></a><a href="#FNanchor_528">[528]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 342 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_529"></a><a href="#FNanchor_529">[529]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_530"></a><a href="#FNanchor_530">[530]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W&ouml;rishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der
+Kommission f&uuml;r Arbeitsstatistik. Verh&auml;ltnisse in der
+W&auml;schekonfektion. Verhandlungen Nr. 11, S. 13.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_531"></a><a href="#FNanchor_531">[531]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Besch&auml;ftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
+a.a.O., S. 113.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_532"></a><a href="#FNanchor_532">[532]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 114.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_533"></a><a href="#FNanchor_533">[533]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90;
+Gnauck-K&uuml;hne, a.a.O., S. 64; Die Besch&auml;ftigung
+verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 119.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_534"></a><a href="#FNanchor_534">[534]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W&ouml;rishoffer, a.a.O., S. 227 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_535"></a><a href="#FNanchor_535">[535]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das
+Jahr 1899, passim.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_536"></a><a href="#FNanchor_536">[536]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische F&uuml;rsorge f&uuml;r
+Arbeiterinnen und deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd.
+I. Teil. S. 85 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_537"></a><a href="#FNanchor_537">[537]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Besch&auml;ftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
+a.a.O. S. 64 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_538"></a><a href="#FNanchor_538">[538]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_539"></a><a href="#FNanchor_539">[539]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der
+Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_540"></a><a href="#FNanchor_540">[540]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen &uuml;ber die
+Gesundheitsverh&auml;ltnisse in der Schweiz. Archiv f&uuml;r
+Hygiene. 1894. 2. Bd.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_541"></a><a href="#FNanchor_541">[541]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_542"></a><a href="#FNanchor_542">[542]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_543"></a><a href="#FNanchor_543">[543]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_544"></a><a href="#FNanchor_544">[544]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Singer, a.a.O., S. 81.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_545"></a><a href="#FNanchor_545">[545]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_546"></a><a href="#FNanchor_546">[546]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 151 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_547"></a><a href="#FNanchor_547">[547]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der
+Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_548"></a><a href="#FNanchor_548">[548]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Deborah Bernson, N&eacute;cessite d'une Loi protectrice
+pour la Femme ouvri&egrave;re. Lille 1899. p. 41 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_549"></a><a href="#FNanchor_549">[549]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helbig, Phosphor und Z&uuml;ndwaren. Weyls Handbuch, a.a.O.
+S. 768 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_550"></a><a href="#FNanchor_550">[550]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_551"></a><a href="#FNanchor_551">[551]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bruno Sch&ouml;nlank, Die F&uuml;rther
+Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S.
+256 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_552"></a><a href="#FNanchor_552">[552]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvri&egrave;re en France. Paris
+1901. p. 105.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_553"></a><a href="#FNanchor_553">[553]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_554"></a><a href="#FNanchor_554">[554]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. P. Stra&szlig;mann, Die Einwirkung der
+N&auml;hmaschinenarbeit auf die weiblichen Genitalorgane.
+Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S. 343
+ff.&mdash;Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Besch&auml;ftigung
+verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_555"></a><a href="#FNanchor_555">[555]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.&mdash;Die Besch&auml;ftigung
+verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.&mdash;Die
+soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_556"></a><a href="#FNanchor_556">[556]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden
+1892. S. 107 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_557"></a><a href="#FNanchor_557">[557]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik
+deutscher Gro&szlig;st&auml;dte. Leipzig 1886.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_558"></a><a href="#FNanchor_558">[558]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverh&auml;ltnisse.
+Brauns Archiv f&uuml;r soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7.
+1894. S 215 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_559"></a><a href="#FNanchor_559">[559]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd.
+I, S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_560"></a><a href="#FNanchor_560">[560]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_561"></a><a href="#FNanchor_561">[561]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_562"></a><a href="#FNanchor_562">[562]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd.
+IV. S. 283 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_563"></a><a href="#FNanchor_563">[563]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Besch&auml;ftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
+a.a.O, S. 36 f. u. 122 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_564"></a><a href="#FNanchor_564">[564]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Porak, Du Passage des Substances &eacute;trang&egrave;res
+&agrave; l'Organisme &agrave; travers le placenta. Archives de
+M&eacute;decine exp&eacute;rimentale et d'Anatomie pathologique
+1894. p. 203 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_565"></a><a href="#FNanchor_565">[565]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische F&uuml;rsorge f&uuml;r
+Arbeiterinnen und deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd.
+I. Teil. S. 92.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_566"></a><a href="#FNanchor_566">[566]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_567"></a><a href="#FNanchor_567">[567]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_568"></a><a href="#FNanchor_568">[568]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_569"></a><a href="#FNanchor_569">[569]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_570"></a><a href="#FNanchor_570">[570]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd.
+II. S. 857.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_571"></a><a href="#FNanchor_571">[571]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. R. Martin, Die Ausschlie&szlig;ung der verheirateten Frauen
+aus der Fabrik. T&uuml;bingen 1897. S. 69 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_572"></a><a href="#FNanchor_572">[572]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. El. Gnauck-K&uuml;hne, a.a.O, S. 34.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_573"></a><a href="#FNanchor_573">[573]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hirt, Die gewerbliche Th&auml;tigkeit der Frauen vom
+hygienischen Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_574"></a><a href="#FNanchor_574">[574]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_575"></a><a href="#FNanchor_575">[575]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bruno Sch&ouml;nlank, Die F&uuml;rther
+Quecksilberspiegelbelegen und ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S.
+259.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_576"></a><a href="#FNanchor_576">[576]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche
+Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2.
+Abschnitt. S. 91 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_577"></a><a href="#FNanchor_577">[577]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion &uuml;ber die
+Heimarbeit in Oesterreich. Herausgegeben vom k.k.
+Handelsministerium. Wien 1900. I. Bd. S. 271 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_578"></a><a href="#FNanchor_578">[578]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 264.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_579"></a><a href="#FNanchor_579">[579]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 233.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_580"></a><a href="#FNanchor_580">[580]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 273.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_581"></a><a href="#FNanchor_581">[581]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 257.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_582"></a><a href="#FNanchor_582">[582]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 277 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_583"></a><a href="#FNanchor_583">[583]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 277.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_584"></a><a href="#FNanchor_584">[584]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 244 und 250 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_585"></a><a href="#FNanchor_585">[585]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 253.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_586"></a><a href="#FNanchor_586">[586]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 236 und 257.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_587"></a><a href="#FNanchor_587">[587]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 259.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_588"></a><a href="#FNanchor_588">[588]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 235.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_589"></a><a href="#FNanchor_589">[589]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 241.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_590"></a><a href="#FNanchor_590">[590]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 239.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_591"></a><a href="#FNanchor_591">[591]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 241.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_592"></a><a href="#FNanchor_592">[592]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. Les Industries &agrave; Domicile en
+Belgique. Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_593"></a><a href="#FNanchor_593">[593]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 72 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_594"></a><a href="#FNanchor_594">[594]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 94.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_595"></a><a href="#FNanchor_595">[595]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 145.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_596"></a><a href="#FNanchor_596">[596]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_597"></a><a href="#FNanchor_597">[597]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises &agrave; Domicile.
+Lyon 1896, p. 15 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_598"></a><a href="#FNanchor_598">[598]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 75.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_599"></a><a href="#FNanchor_599">[599]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_600"></a><a href="#FNanchor_600">[600]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 340.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_601"></a><a href="#FNanchor_601">[601]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXVI. 2.
+Bd.&mdash;Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise
+Saarburg. S. 343 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_602"></a><a href="#FNanchor_602">[602]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_603"></a><a href="#FNanchor_603">[603]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_604"></a><a href="#FNanchor_604">[604]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Bein, Die Industrie des s&auml;chsischen Vogtlands.
+Leipzig 1884. 2. Tl. S. 419 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_605"></a><a href="#FNanchor_605">[605]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_606"></a><a href="#FNanchor_606">[606]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_607"></a><a href="#FNanchor_607">[607]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. Degreef, L'Ouvri&egrave;re dentelli&egrave;re en
+Belgique. Bruxelles 1886. p. 86 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_608"></a><a href="#FNanchor_608">[608]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 51 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_609"></a><a href="#FNanchor_609">[609]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_610"></a><a href="#FNanchor_610">[610]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p.
+220.&mdash;Degreef, a.a.O, p. 88 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_611"></a><a href="#FNanchor_611">[611]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_612"></a><a href="#FNanchor_612">[612]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_613"></a><a href="#FNanchor_613">[613]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 42 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_614"></a><a href="#FNanchor_614">[614]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Th&uuml;ringen. I. Teil. Jena
+1882. S. 112 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_615"></a><a href="#FNanchor_615">[615]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Les Industries &aacute; Domicile en Belgique, a.a.O., Vol.
+II, p. 59 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_616"></a><a href="#FNanchor_616">[616]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren f&uuml;r das Jahr
+1899. Bd. III. S. 414.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_617"></a><a href="#FNanchor_617">[617]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Jaff&eacute;, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der
+deutschen Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik.
+LXXXVI. 3. Bd. S. 314 u. 322.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_618"></a><a href="#FNanchor_618">[618]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 312 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_619"></a><a href="#FNanchor_619">[619]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 322 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_620"></a><a href="#FNanchor_620">[620]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Helen Campbell, a.a.O., p. 225.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_621"></a><a href="#FNanchor_621">[621]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_622"></a><a href="#FNanchor_622">[622]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 43.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_623"></a><a href="#FNanchor_623">[623]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 51.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_624"></a><a href="#FNanchor_624">[624]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_625"></a><a href="#FNanchor_625">[625]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger
+Oberlands. Jena 1899. S. 14.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_626"></a><a href="#FNanchor_626">[626]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 55 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_627"></a><a href="#FNanchor_627">[627]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 66.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_628"></a><a href="#FNanchor_628">[628]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 10 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_629"></a><a href="#FNanchor_629">[629]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 19 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_630"></a><a href="#FNanchor_630">[630]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in N&uuml;rnberg und
+F&uuml;rth. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXIV.
+I. Bd. S. 155 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_631"></a><a href="#FNanchor_631">[631]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen &uuml;ber die
+Lohnverh&auml;ltnisse in der W&auml;schefabrikation und der
+Konfektionsbranche sowie &uuml;ber den Verkauf oder die Lieferung
+von Arbeitsmaterial (N&auml;hfaden u.s.w.) seitens der Arbeitgeber
+an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht &uuml;ber die
+Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session,
+1887. Bd. III.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_632"></a><a href="#FNanchor_632">[632]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion.
+Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_633"></a><a href="#FNanchor_633">[633]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Nr. 10-13. Berlin 1896.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_634"></a><a href="#FNanchor_634">[634]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in
+der Berliner Blusen-, Unterrock-, Sch&uuml;rzen- und
+Trikotfabrikation. Leipzig 1898.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_635"></a><a href="#FNanchor_635">[635]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
+Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_636"></a><a href="#FNanchor_636">[636]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Jaff&eacute;, Westdeutsche Konfektion. Schriften d.
+Vereins f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_637"></a><a href="#FNanchor_637">[637]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des
+Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_638"></a><a href="#FNanchor_638">[638]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_639"></a><a href="#FNanchor_639">[639]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik,
+a.a.O, Nr. 10, S. 205.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_640"></a><a href="#FNanchor_640">[640]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_641"></a><a href="#FNanchor_641">[641]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S.
+194 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_642"></a><a href="#FNanchor_642">[642]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_643"></a><a href="#FNanchor_643">[643]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Hans Grandke, a.a.O, S. 383.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_644"></a><a href="#FNanchor_644">[644]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 247 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_645"></a><a href="#FNanchor_645">[645]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 251.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_646"></a><a href="#FNanchor_646">[646]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion.
+Leipzig 1896. S. 51.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_647"></a><a href="#FNanchor_647">[647]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_648"></a><a href="#FNanchor_648">[648]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Jaff&eacute;, a.a.O, S. 163 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_649"></a><a href="#FNanchor_649">[649]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner
+W&auml;scheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_650"></a><a href="#FNanchor_650">[650]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_651"></a><a href="#FNanchor_651">[651]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
+Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_652"></a><a href="#FNanchor_652">[652]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_653"></a><a href="#FNanchor_653">[653]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Arbeits- und Lebensverh&auml;ltnisse der Wiener
+Arbeiterinnen, a.a.O, S. 163, 604.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_654"></a><a href="#FNanchor_654">[654]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_655"></a><a href="#FNanchor_655">[655]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le
+V&ecirc;tement &agrave; Paris. Paris 1896. p. 495 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_656"></a><a href="#FNanchor_656">[656]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 503 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_657"></a><a href="#FNanchor_657">[657]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_658"></a><a href="#FNanchor_658">[658]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 70 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_659"></a><a href="#FNanchor_659">[659]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p.
+526 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_660"></a><a href="#FNanchor_660">[660]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_661"></a><a href="#FNanchor_661">[661]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_662"></a><a href="#FNanchor_662">[662]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_663"></a><a href="#FNanchor_663">[663]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_664"></a><a href="#FNanchor_664">[664]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Second Report from the select Committee of the House of
+Lords on the Sweating System. London 1888. p. 585 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_665"></a><a href="#FNanchor_665">[665]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I.
+p. 1 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_666"></a><a href="#FNanchor_666">[666]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893.
+Vol. IV. p. 50 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_667"></a><a href="#FNanchor_667">[667]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 271.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_668"></a><a href="#FNanchor_668">[668]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 55 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_669"></a><a href="#FNanchor_669">[669]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten
+Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_670"></a><a href="#FNanchor_670">[670]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p.
+33 ff. u. 82 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_671"></a><a href="#FNanchor_671">[671]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 37.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_672"></a><a href="#FNanchor_672">[672]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_673"></a><a href="#FNanchor_673">[673]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_674"></a><a href="#FNanchor_674">[674]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_675"></a><a href="#FNanchor_675">[675]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_676"></a><a href="#FNanchor_676">[676]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_677"></a><a href="#FNanchor_677">[677]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_678"></a><a href="#FNanchor_678">[678]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_679"></a><a href="#FNanchor_679">[679]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_680"></a><a href="#FNanchor_680">[680]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschr&auml;nkung der
+Heimarbeit in Nordamerika. Schriften des Vereins f&uuml;r
+Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig 1899. 4. Bd. S. 213.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_681"></a><a href="#FNanchor_681">[681]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_682"></a><a href="#FNanchor_682">[682]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_683"></a><a href="#FNanchor_683">[683]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_684"></a><a href="#FNanchor_684">[684]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.&mdash;Kuno Frankenstein,
+a.a.O., S. 13 f.&mdash;Ergebnisse der Ermittlungen &uuml;ber die
+Lohnverh&auml;ltnisse in der Konfektion, a.a.O., S. 701
+ff.&mdash;Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_685"></a><a href="#FNanchor_685">[685]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der
+gro&szlig;st&auml;dtischen Frauenhausindustrie. Schriften des
+Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd. S. XXXIX ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_686"></a><a href="#FNanchor_686">[686]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der
+Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft.
+Leipzig 1901. S. 23.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_687"></a><a href="#FNanchor_687">[687]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Jaff&eacute;, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116
+ff.&mdash;J. Timm, a.a.O., S. 294.&mdash;Working Women in large
+Cities, a.a.O., p. 26.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_688"></a><a href="#FNanchor_688">[688]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p.
+666.&mdash;Alfr. Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S.
+XXXVI.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_689"></a><a href="#FNanchor_689">[689]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.&mdash;Feig, a.a.O., S. 51
+ff.&mdash;G. Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.&mdash;E. Jaff&eacute;,
+a.a.O., S. 151.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_690"></a><a href="#FNanchor_690">[690]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I&mdash;XVII.&mdash;Home Industries
+of Women in London, p. 12 ff.&mdash;Charles Booth, a.a.O., Vol. I,
+p. 61.&mdash;Hans Grandke, a.a.O., S. 267.&mdash;Gustav Lange,
+a.a.O., S. 136 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_691"></a><a href="#FNanchor_691">[691]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+269.&mdash;Charles Booth, a.a.O., p. 295.&mdash;Working Women in
+large Cities, a.a.O., p. 15 f.&mdash;Ergebnisse der Ermittelungen
+&uuml;ber die Lohnverh&auml;ltnisse der Arbeiterinnen in der
+Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.&mdash;Verhandlungen der Kommission
+f&uuml;r Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.&mdash;E.
+Jaff&eacute;, a.a.O., S. 118 ff.&mdash;E. Neubert, Hausindustrie in
+den Regierungsbezirken Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins
+f&uuml;r Sozialpolitik. XXXIX. I. Bd. S. 118 ff.&mdash;Gertrud
+Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.&mdash;Alfred Weber, Das Sweating-System
+in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S. 518.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_692"></a><a href="#FNanchor_692">[692]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Feig, a.a.O., S. 112.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_693"></a><a href="#FNanchor_693">[693]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. Schnapper-Arndt, F&uuml;nf Dorfgemeinden auf dem Hohen
+Taunus. Leipzig 1889. S. 72 ff.&mdash;Alfred Weber, Die
+Hausindustrie und ihre gesetzliche Regelung, Verhandlungen des
+Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 13.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_694"></a><a href="#FNanchor_694">[694]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gem&auml;&szlig;
+den Erhebungen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik. Stuttgart
+1900. S. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_695"></a><a href="#FNanchor_695">[695]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
+Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_696"></a><a href="#FNanchor_696">[696]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_697"></a><a href="#FNanchor_697">[697]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 1441.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_698"></a><a href="#FNanchor_698">[698]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig.
+Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_699"></a><a href="#FNanchor_699">[699]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
+Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_700"></a><a href="#FNanchor_700">[700]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 18.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_701"></a><a href="#FNanchor_701">[701]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_702"></a><a href="#FNanchor_702">[702]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_703"></a><a href="#FNanchor_703">[703]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff.,
+234 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_704"></a><a href="#FNanchor_704">[704]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 85 ff., 234 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_705"></a><a href="#FNanchor_705">[705]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_706"></a><a href="#FNanchor_706">[706]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Erhebungen &uuml;ber Arbeitszeit, K&uuml;ndigungsfristen
+und Lehrlingsverh&auml;ltnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober
+1892. Berlin 1893. Tabelle X.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_707"></a><a href="#FNanchor_707">[707]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women,
+a.a.O., p. 3 ff., 85 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_708"></a><a href="#FNanchor_708">[708]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_709"></a><a href="#FNanchor_709">[709]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_710"></a><a href="#FNanchor_710">[710]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. a.a.O.&mdash;Vernehmungen von Auskunftspersonen &uuml;ber
+Arbeitszeit, K&uuml;ndigungsfristen und Lehrlingsverh&auml;ltnisse
+im Handelsgewerbe. 9. bis 10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_711"></a><a href="#FNanchor_711">[711]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_712"></a><a href="#FNanchor_712">[712]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London
+1884. p. 38 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_713"></a><a href="#FNanchor_713">[713]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_714"></a><a href="#FNanchor_714">[714]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_715"></a><a href="#FNanchor_715">[715]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of
+Labour, a.a.O., p. 3 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_716"></a><a href="#FNanchor_716">[716]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_717"></a><a href="#FNanchor_717">[717]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 79.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_718"></a><a href="#FNanchor_718">[718]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_719"></a><a href="#FNanchor_719">[719]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_720"></a><a href="#FNanchor_720">[720]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287
+f.&mdash;Sutherst, a.a.O., p. 20 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_721"></a><a href="#FNanchor_721">[721]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243
+f.&mdash;Julius Meyer, a.a.O., S. 22.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_722"></a><a href="#FNanchor_722">[722]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_723"></a><a href="#FNanchor_723">[723]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 141.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_724"></a><a href="#FNanchor_724">[724]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_725"></a><a href="#FNanchor_725">[725]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.&mdash;Vernehmungen, a.a.O., S.
+94.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_726"></a><a href="#FNanchor_726">[726]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f.,
+318.&mdash;Sutherst, a.a.O., p. 128.&mdash;J. Silbermann, Die Lage
+der deutschen Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S.
+363.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_727"></a><a href="#FNanchor_727">[727]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_728"></a><a href="#FNanchor_728">[728]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119.
+Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_729"></a><a href="#FNanchor_729">[729]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen
+Deutschland. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LV. 3.
+Bd. S. 18 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_730"></a><a href="#FNanchor_730">[730]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. Die
+Verh&auml;ltnisse der Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1.
+Bd. S. 3.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_731"></a><a href="#FNanchor_731">[731]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_732"></a><a href="#FNanchor_732">[732]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der
+ostelbischen Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2
+ff.&mdash;G. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S.
+210.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_733"></a><a href="#FNanchor_733">[733]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_734"></a><a href="#FNanchor_734">[734]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Von der Goltz, Die l&auml;ndliche Arbeiterklasse und der
+preu&szlig;ische Staat. Jena 1893. S. 5 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_735"></a><a href="#FNanchor_735">[735]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, LIII, 1. Bd.,
+S. 40 f. 110 ff., 177 ff. und 261 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_736"></a><a href="#FNanchor_736">[736]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_737"></a><a href="#FNanchor_737">[737]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., Bd. 1, S. 261 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_738"></a><a href="#FNanchor_738">[738]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris
+1885. t. I. p. 337 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_739"></a><a href="#FNanchor_739">[739]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen
+Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_740"></a><a href="#FNanchor_740">[740]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, LIII, 2. Bd.,
+S. 367 ff. K. Kaerger, Die Sachseng&auml;ngerei. Berlin 1890. S.
+165.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_741"></a><a href="#FNanchor_741">[741]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, LIII, 2. Bd.
+S. 440.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_742"></a><a href="#FNanchor_742">[742]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 94 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_743"></a><a href="#FNanchor_743">[743]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Goltz, Die Lage der l&auml;ndlichen Arbeiter im Deutschen
+Reich. Berlin 1875. S. 448.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_744"></a><a href="#FNanchor_744">[744]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_745"></a><a href="#FNanchor_745">[745]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_746"></a><a href="#FNanchor_746">[746]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., t. III, p. 443.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_747"></a><a href="#FNanchor_747">[747]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers.
+London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_748"></a><a href="#FNanchor_748">[748]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_749"></a><a href="#FNanchor_749">[749]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_750"></a><a href="#FNanchor_750">[750]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 43.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_751"></a><a href="#FNanchor_751">[751]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_752"></a><a href="#FNanchor_752">[752]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, LIII, Bd. I,
+S. 134.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_753"></a><a href="#FNanchor_753">[753]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 98.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_754"></a><a href="#FNanchor_754">[754]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_755"></a><a href="#FNanchor_755">[755]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 58 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_756"></a><a href="#FNanchor_756">[756]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_757"></a><a href="#FNanchor_757">[757]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_758"></a><a href="#FNanchor_758">[758]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_759"></a><a href="#FNanchor_759">[759]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_760"></a><a href="#FNanchor_760">[760]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_761"></a><a href="#FNanchor_761">[761]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_762"></a><a href="#FNanchor_762">[762]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_763"></a><a href="#FNanchor_763">[763]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verh&auml;ltnissen
+der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895.
+Bd. I. S. 46</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_764"></a><a href="#FNanchor_764">[764]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Weber, Die Verh&auml;ltnisse der Landarbeiter im
+ostelbischen Deutschland. Leipzig 1892. S. 143.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_765"></a><a href="#FNanchor_765">[765]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_766"></a><a href="#FNanchor_766">[766]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_767"></a><a href="#FNanchor_767">[767]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Weber, a.a.O., S. 192.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_768"></a><a href="#FNanchor_768">[768]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, a.a.O., 1.
+Bd. S. 121.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_769"></a><a href="#FNanchor_769">[769]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_770"></a><a href="#FNanchor_770">[770]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ascher, Die l&auml;ndlichen Arbeiterwohnungen in
+Preu&szlig;en. Berlin 1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_771"></a><a href="#FNanchor_771">[771]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Weber, a.a.O., S. 553.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_772"></a><a href="#FNanchor_772">[772]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_773"></a><a href="#FNanchor_773">[773]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_774"></a><a href="#FNanchor_774">[774]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., p. 608 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_775"></a><a href="#FNanchor_775">[775]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., t. III, p. 200.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_776"></a><a href="#FNanchor_776">[776]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_777"></a><a href="#FNanchor_777">[777]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., I, S. 81.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_778"></a><a href="#FNanchor_778">[778]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., I, S. 45 u. 73.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_779"></a><a href="#FNanchor_779">[779]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., II, S. 309.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_780"></a><a href="#FNanchor_780">[780]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., I, S. 46.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_781"></a><a href="#FNanchor_781">[781]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_782"></a><a href="#FNanchor_782">[782]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., I, S. 32.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_783"></a><a href="#FNanchor_783">[783]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_784"></a><a href="#FNanchor_784">[784]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, LIII, 2. Bd.,
+S. 484 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_785"></a><a href="#FNanchor_785">[785]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_786"></a><a href="#FNanchor_786">[786]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_787"></a><a href="#FNanchor_787">[787]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik, LIII, S. 265,
+280, 322, 323, 411, 427.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_788"></a><a href="#FNanchor_788">[788]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstm&auml;dchen in Berlin.
+Berlin 1901.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_789"></a><a href="#FNanchor_789">[789]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Mi&szlig;
+Collet on the Money Wages of indoor Domestic Servants. London
+1899.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_790"></a><a href="#FNanchor_790">[790]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_791"></a><a href="#FNanchor_791">[791]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Mi&szlig; Collet, a.a.O., p. 14 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_792"></a><a href="#FNanchor_792">[792]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition.
+New-York 1901. p. 96.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_793"></a><a href="#FNanchor_793">[793]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_794"></a><a href="#FNanchor_794">[794]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_795"></a><a href="#FNanchor_795">[795]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. O. Stillich, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_796"></a><a href="#FNanchor_796">[796]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Anton Menger, Das b&uuml;rgerliche Recht und die
+besitzlosen Volksklassen. In Brauns Archiv f&uuml;r soziale
+Gesetzgebung u. Statistik. Bd. II. 1889. S. 463.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_797"></a><a href="#FNanchor_797">[797]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Erhebungen Nr. 9. Erhebung &uuml;ber die Arbeits- und
+Gehaltsverh&auml;ltnisse der Kellner und Kellnerinnen. 2. Teil.
+Berlin 1895. S. 77.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_798"></a><a href="#FNanchor_798">[798]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_799"></a><a href="#FNanchor_799">[799]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_800"></a><a href="#FNanchor_800">[800]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A. a. O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_801"></a><a href="#FNanchor_801">[801]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_802"></a><a href="#FNanchor_802">[802]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_803"></a><a href="#FNanchor_803">[803]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_804"></a><a href="#FNanchor_804">[804]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. hierf&uuml;r die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs
+Roman: Das t&auml;gliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_805"></a><a href="#FNanchor_805">[805]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle
+&eacute;dition. Paris 1896.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_806"></a><a href="#FNanchor_806">[806]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris
+1901. p. 347 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_807"></a><a href="#FNanchor_807">[807]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_808"></a><a href="#FNanchor_808">[808]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_809"></a><a href="#FNanchor_809">[809]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_810"></a><a href="#FNanchor_810">[810]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_811"></a><a href="#FNanchor_811">[811]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_812"></a><a href="#FNanchor_812">[812]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_813"></a><a href="#FNanchor_813">[813]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S.
+141</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_814"></a><a href="#FNanchor_814">[814]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_815"></a><a href="#FNanchor_815">[815]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_816"></a><a href="#FNanchor_816">[816]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_817"></a><a href="#FNanchor_817">[817]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_818"></a><a href="#FNanchor_818">[818]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch f&uuml;r Volkswirtschaft.
+Berlin 1874.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_819"></a><a href="#FNanchor_819">[819]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_820"></a><a href="#FNanchor_820">[820]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler
+Kongre&szlig; f&uuml;r Frauenwerke und Frauenbestrebungen in
+Berlin, 19.-26. September 1896. Berlin 1897. S. 405.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_821"></a><a href="#FNanchor_821">[821]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Rempla&ccedil;antes, Paris
+1901, das mit r&uuml;cksichtsloser Wahrhaftigkeit diese
+Zust&auml;nde schildert.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_822"></a><a href="#FNanchor_822">[822]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_823"></a><a href="#FNanchor_823">[823]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
+Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_824"></a><a href="#FNanchor_824">[824]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+17 und 21 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_825"></a><a href="#FNanchor_825">[825]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_826"></a><a href="#FNanchor_826">[826]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Erhebungen Nr. 6. Erhebung &uuml;ber die Arbeits- und
+Gehaltsverh&auml;ltnisse der Kellner und Kellnerinnen. Berlin 1894.
+S. 132 f.&mdash;Royal Commission on Labour. Employment of Women. p.
+288.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_827"></a><a href="#FNanchor_827">[827]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Referat des M&uuml;nchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in
+der Sitzung der k&ouml;niglichen Lokalschulkommission am 22. 3.
+1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_828"></a><a href="#FNanchor_828">[828]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverh&auml;ltnisse
+der M&uuml;nchener Kellnerinnen. Brauns Archiv f&uuml;r soziale
+Gesetzgebung und Statistik. V. Bd. 1892. S. 129.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_829"></a><a href="#FNanchor_829">[829]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 117.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_830"></a><a href="#FNanchor_830">[830]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin
+1893. S. 28.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_831"></a><a href="#FNanchor_831">[831]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+197 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_832"></a><a href="#FNanchor_832">[832]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_833"></a><a href="#FNanchor_833">[833]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in M&uuml;nchen. Stuttgart 1899.
+S. 210.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_834"></a><a href="#FNanchor_834">[834]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_835"></a><a href="#FNanchor_835">[835]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Erhebungen Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_836"></a><a href="#FNanchor_836">[836]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_837"></a><a href="#FNanchor_837">[837]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_838"></a><a href="#FNanchor_838">[838]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_839"></a><a href="#FNanchor_839">[839]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16. Protokolle &uuml;ber die Verhandlungen und
+die Vernehmung von Auskunftspersonen &uuml;ber die
+Verh&auml;ltnisse der in Gast- und Schankwirtschaften
+besch&auml;ftigten Personen. Berlin 1899. S. 89.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_840"></a><a href="#FNanchor_840">[840]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_841"></a><a href="#FNanchor_841">[841]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Erhebungen Nr. 6, S. 136.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_842"></a><a href="#FNanchor_842">[842]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16, S. 72.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_843"></a><a href="#FNanchor_843">[843]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_844"></a><a href="#FNanchor_844">[844]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_845"></a><a href="#FNanchor_845">[845]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_846"></a><a href="#FNanchor_846">[846]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_847"></a><a href="#FNanchor_847">[847]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24
+ff., und Cohen, a.a.O., S. 121.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_848"></a><a href="#FNanchor_848">[848]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_849"></a><a href="#FNanchor_849">[849]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_850"></a><a href="#FNanchor_850">[850]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_851"></a><a href="#FNanchor_851">[851]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_852"></a><a href="#FNanchor_852">[852]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Erhebungen Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S.
+81.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_853"></a><a href="#FNanchor_853">[853]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_854"></a><a href="#FNanchor_854">[854]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_855"></a><a href="#FNanchor_855">[855]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_856"></a><a href="#FNanchor_856">[856]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_857"></a><a href="#FNanchor_857">[857]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen &uuml;ber die
+Besch&auml;ftigung von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv f&uuml;r
+soziale Gesetzgebung und Statistik. 17. Bd. 1901.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_858"></a><a href="#FNanchor_858">[858]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S.
+119.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_859"></a><a href="#FNanchor_859">[859]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_860"></a><a href="#FNanchor_860">[860]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Drucksachen der Kommission f&uuml;r Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_861"></a><a href="#FNanchor_861">[861]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's
+Trade-Union-League. Ohne Datum.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_862"></a><a href="#FNanchor_862">[862]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen
+Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_863"></a><a href="#FNanchor_863">[863]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter
+den englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S.
+166 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_864"></a><a href="#FNanchor_864">[864]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Office du Travail.&mdash;La petite Industrie, a.a.O., t.
+II, p. 669.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_865"></a><a href="#FNanchor_865">[865]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen
+Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_866"></a><a href="#FNanchor_866">[866]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigj&auml;hrige
+Arbeiterinnenbewegung Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_867"></a><a href="#FNanchor_867">[867]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften
+Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_868"></a><a href="#FNanchor_868">[868]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche
+Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Th&auml;tigkeit. M.-Gladbach 1900.
+S. 40 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_869"></a><a href="#FNanchor_869">[869]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 54.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_870"></a><a href="#FNanchor_870">[870]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_871"></a><a href="#FNanchor_871">[871]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on
+Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_872"></a><a href="#FNanchor_872">[872]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen
+Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S.
+124.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_873"></a><a href="#FNanchor_873">[873]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels,
+commerciaux et agricoles. Paris 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_874"></a><a href="#FNanchor_874">[874]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Ein Vergleich der Organisierten mit s&auml;mtlichen
+Arbeiterinnen der einzelnen Berufe l&auml;&szlig;t sich nicht
+ziehen, weil die Einteilungen nicht &uuml;bereinstimmen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_875"></a><a href="#FNanchor_875">[875]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_876"></a><a href="#FNanchor_876">[876]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington
+1888. p. 144.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_877"></a><a href="#FNanchor_877">[877]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_878"></a><a href="#FNanchor_878">[878]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten
+Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_879"></a><a href="#FNanchor_879">[879]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
+Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_880"></a><a href="#FNanchor_880">[880]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_881"></a><a href="#FNanchor_881">[881]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p.
+90 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_882"></a><a href="#FNanchor_882">[882]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin,
+1891, S. 22.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_883"></a><a href="#FNanchor_883">[883]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte
+Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_884"></a><a href="#FNanchor_884">[884]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im
+Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_885"></a><a href="#FNanchor_885">[885]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Protokoll &uuml;ber die Verhandlungen des Parteitags der
+sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom
+17. bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_886"></a><a href="#FNanchor_886">[886]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der
+Gegenwart, Berlin 1894, und meine Brosch&uuml;re: Frauenfrage und
+Sozialdemokratie, Berlin 1896.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_887"></a><a href="#FNanchor_887">[887]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Protokoll &uuml;ber die Verhandlungen des Parteitags der
+sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896.
+Berlin 1896. S. 174.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_888"></a><a href="#FNanchor_888">[888]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. meine Brosch&uuml;re: Frauenarbeit und Hauswirtschaft.
+Berlin 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_889"></a><a href="#FNanchor_889">[889]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London
+1899. p. 242 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_890"></a><a href="#FNanchor_890">[890]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition.
+New-York 1901. p. 212 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_891"></a><a href="#FNanchor_891">[891]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl.
+Stuttgart 1895. S. 422 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_892"></a><a href="#FNanchor_892">[892]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_893"></a><a href="#FNanchor_893">[893]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 62.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_894"></a><a href="#FNanchor_894">[894]</a>
+
+<div class="note">
+<p>F&uuml;r alle Bestrebungen der Art vergl. f&uuml;r Deutschland:
+Lina Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin
+1893.&mdash;F&uuml;r England: Emily Janes, The English Woman's
+Yearbook. London 1901.&mdash;F&uuml;r Frankreich: Camille Pert, Le
+Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte d'Haussonville, a.a.O., S.
+46, 61, 64 ff.&mdash;F&uuml;r Amerika: Working Women in large
+Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_895"></a><a href="#FNanchor_895">[895]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p.
+83.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_896"></a><a href="#FNanchor_896">[896]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_897"></a><a href="#FNanchor_897">[897]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. die stenographischen Kongre&szlig;berichte in der Zeitung:
+"La Fronde" vom 6. und 7. September 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_898"></a><a href="#FNanchor_898">[898]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_899"></a><a href="#FNanchor_899">[899]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 51.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_900"></a><a href="#FNanchor_900">[900]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 55.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_901"></a><a href="#FNanchor_901">[901]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 61 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_902"></a><a href="#FNanchor_902">[902]</a>
+
+<div class="note">
+<p>F&uuml;r die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des
+Bundes deutscher Frauenvereine, begr&uuml;ndet von Jeanette
+Schwerin. Herausgeben von Marie Stritt. 3 Jahrg&auml;nge und Marie
+Stritt und Ika Freudenberg, Der Bund deutscher Frauenvereine.
+Frankenberg 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_903"></a><a href="#FNanchor_903">[903]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will
+und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_904"></a><a href="#FNanchor_904">[904]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_905"></a><a href="#FNanchor_905">[905]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_906"></a><a href="#FNanchor_906">[906]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eliza Ichenh&auml;user, Die Dienstbotenfrage und ihre
+Reform., Berlin 1900.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_907"></a><a href="#FNanchor_907">[907]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86
+ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_908"></a><a href="#FNanchor_908">[908]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women
+Workers, London 1900. p. 177.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_909"></a><a href="#FNanchor_909">[909]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_910"></a><a href="#FNanchor_910">[910]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_911"></a><a href="#FNanchor_911">[911]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_912"></a><a href="#FNanchor_912">[912]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_913"></a><a href="#FNanchor_913">[913]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
+Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_914"></a><a href="#FNanchor_914">[914]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages
+and Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende
+Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London
+1901. p. 116 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_915"></a><a href="#FNanchor_915">[915]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. die Verhandlungen des Z&uuml;richer
+Arbeiterschutzkongresses 1897.&mdash;Rudolf Martin, Die
+Ausschlie&szlig;ung der verheirateten Frauen aus der Fabrik.
+T&uuml;bingen 1897.&mdash;Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
+Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.&mdash;Massachusetts Bureau of
+Labour Statistics 1875. p. 183 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_916"></a><a href="#FNanchor_916">[916]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_917"></a><a href="#FNanchor_917">[917]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London
+1894. p. 102.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_918"></a><a href="#FNanchor_918">[918]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_919"></a><a href="#FNanchor_919">[919]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 47.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_920"></a><a href="#FNanchor_920">[920]</a>
+
+<div class="note">
+<p>A.a.O., S. 27.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_921"></a><a href="#FNanchor_921">[921]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Die Besch&auml;ftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
+a.a.O., S. 63.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_922"></a><a href="#FNanchor_922">[922]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten f&uuml;r das Jahr
+1899. Bd. I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S.
+165, 238, 413, 659.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_923"></a><a href="#FNanchor_923">[923]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvri&egrave;res de
+l'Industrie dans les Pays &eacute;trangers. Bruxelles 1898.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_924"></a><a href="#FNanchor_924">[924]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Henrotte, La R&eacute;glementation internationale du
+Travail. Congr&egrave;s international de L&eacute;gislation du
+Travail &agrave; Bruxelles 1897. Bruxelles 1898. p. 129 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_925"></a><a href="#FNanchor_925">[925]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Soziale Rundschau, Wien. M&auml;rz 1900. S. 426.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_926"></a><a href="#FNanchor_926">[926]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I.
+London 1894. pag. 108.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_927"></a><a href="#FNanchor_927">[927]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der
+Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_928"></a><a href="#FNanchor_928">[928]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_929"></a><a href="#FNanchor_929">[929]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract
+Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating
+System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963
+f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_930"></a><a href="#FNanchor_930">[930]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschr&auml;nkung der
+Heimarbeit. Schriften des Vereins f&uuml;r Sozialpolitik. LXXXVII.
+4. Bd. Leipzig 1899. S. 224.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_931"></a><a href="#FNanchor_931">[931]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. E. Jaff&eacute;, a.a.O., S. 113.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_932"></a><a href="#FNanchor_932">[932]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. G. Ruhland, Der achtst&uuml;ndige Arbeitstag und die
+Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Sch&auml;ffles
+Zeitschrift f&uuml;r die gesamte Staatswissenschaft. T&uuml;bingen
+1891. 2. Heft. S. 350 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_933"></a><a href="#FNanchor_933">[933]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_934"></a><a href="#FNanchor_934">[934]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen
+Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die
+Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff.,
+sowie Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_935"></a><a href="#FNanchor_935">[935]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_936"></a><a href="#FNanchor_936">[936]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in
+Brauns Archiv f&uuml;r soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd,
+Berlin 1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins f&uuml;r
+Sozialpolitik im September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S.
+35.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_937"></a><a href="#FNanchor_937">[937]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat
+und Reichstage &uuml;berreicht vom Verband der Schneider und
+Schneiderinnen. Stuttgart 1901. S. 130.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_938"></a><a href="#FNanchor_938">[938]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O.,
+p. 36.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_939"></a><a href="#FNanchor_939">[939]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschr&auml;nkungen etc.,
+a.a.O., S. 225.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_940"></a><a href="#FNanchor_940">[940]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_941"></a><a href="#FNanchor_941">[941]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und
+ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv f&uuml;r soziale
+Gesetzgebung und Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_942"></a><a href="#FNanchor_942">[942]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_943"></a><a href="#FNanchor_943">[943]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_944"></a><a href="#FNanchor_944">[944]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_945"></a><a href="#FNanchor_945">[945]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_946"></a><a href="#FNanchor_946">[946]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen &uuml;ber die
+Besch&auml;ftigung der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17.
+Bd.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_947"></a><a href="#FNanchor_947">[947]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. A. Cohen, a.a.O.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_948"></a><a href="#FNanchor_948">[948]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Henning, Denkschrift &uuml;ber das Kellnerinnenwesen.
+Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_949"></a><a href="#FNanchor_949">[949]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ministerialblatt f&uuml;r die gesamte innere Verwaltung,
+1898. S. 201.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_950"></a><a href="#FNanchor_950">[950]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in
+Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_951"></a><a href="#FNanchor_951">[951]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle.
+Bruxelles-Paris 1897.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_952"></a><a href="#FNanchor_952">[952]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen
+Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin
+1892. S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der
+Arbeiterwitwen und -Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10.
+Bd. Berlin 1897. S. 466 ff.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_953"></a><a href="#FNanchor_953">[953]</a>
+
+<div class="note">
+<p>Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der
+Arbeitslosen-Versicherung und der Bek&auml;mpfung der
+Arbeitslosigkeit. Berlin 1901.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun
+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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