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diff --git a/14075-0.txt b/14075-0.txt new file mode 100644 index 0000000..421c64a --- /dev/null +++ b/14075-0.txt @@ -0,0 +1,22140 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14075 *** + +Die Frauenfrage + +ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite + + +Von Lily Braun + + +Leipzig + +Verlag von S. Hirzel + +1901 + + + + +Meinem Mann und meinem Sohn. + + + + +Vorwort. + + +Auf Grund vieljähriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die +Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen. +Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das für ihr Verständnis entscheidende +Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch +das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des +weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden für die +Vergangenheit wie für die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden, +ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die ökonomischen +Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschließt sich +der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren +integrierender Bestandteil sie ist. + +Mein Buch giebt zunächst eine gedrängte Geschichte der Entwicklung der +Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ältesten Zeiten bis zum 19. +Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die +wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die ökonomische Lage +der Frau in den wichtigsten Kulturländern, bespricht die +sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres +Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter +denen eine organische Lösung der Frauenfrage möglich ist. + +Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes +bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und +öffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische +Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat. + +Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige +Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: daß die +Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere +auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatsächlichen Zustände +handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie +privaten Enqueten, kurz so weit als möglich auf quellenmäßigen +Untersuchungen beruht. + +_Berlin_, Oktober 1901. + +Lily Braun. + + + + +Inhalt. + +Vorwort + + +ERSTER ABSCHNITT. + +Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert. + + +_Erstes Kapitel_: Die Frauenfrage im Altertum + +Die Periode des Mutterrechts.--Die Blutgemeinschaftsfamilie und die +Schwägerschaftsverbände.--Die Entwicklung zur Monogamie.--Die +Gesetzgebung in Bezug auf die Frauen.--Platos und Aristoteles' Stellung +zur Frauenfrage.--Die Frauenfrage im römischen Reich.--Die Stellung der +Frauen bei den Germanen. + + +_Zweites Kapitel_: Das Christentum und die Frauen + +Christus und die Frauen.--Das kanonische Recht.--Die römisch-katholische +Kirche in Bezug auf die Frauenfrage.--Die Nonnenklöster und ihre +Bildung.--Die Folgen der Reformation für das weibliche Geschlecht. + + +_Drittes Kapitel_: Die wirtschaftliche Lage der Frauen + +Die hörigen Frauen in Burgen und Klöstern.--Die Prostitution im +Mittelalter.--Das zünftige Handwerk und seine Stellung zur +Frauenarbeit.--Weibliche Genossenschaften und Beginenkonvente.--Der +Ausschluß der Frauen aus den Zünften.--Die Anfänge der industriellen +Entwicklung. + + +_Viertes Kapitel_: Die Stellung der Frauen im Geistesleben + +Frauenbildung in der italienischen Renaissance.--Die berühmten Frauen +Spaniens.--Christine de Pisan und die Bildung der Frauen +Frankreichs.--Der erste deutsche Vorkämpfer der Frauenbewegung.--Die +gelehrten Frauen und ihre Neigung zur Mystik.--Die Erziehungspläne Mary +Astells.--Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. Jahrhunderts.--Die +französische Salondame.--Rousseaus Einfluß auf die Frauen. + + +_Fünftes Kapitel_: Die Frauen im Zeitalter der Revolution + +Die französischen Frauen in Philosophie und Politik.--Die +Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in Amerika.--Talleyrand und das +Recht der Frauen auf Bildung.--Die französischen Arbeiterinnen und ihre +Forderungen.--Die Frauenvereine während der Revolution.--Olympe de +Gouges.--Auflösung der Frauenvereine durch den Konvent.--Condorcets +Verteidigung der Frauenrechte.--Mary Wollstonecraft.--Hippels +"bürgerliche Verbesserung der Weiber". + + +ZWEITER ABSCHNITT. + +Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage. + + +_Erstes Kapitel_: Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt + +Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher +Arbeit: Fénelons Reform der Mädchenerziehung.--Basedow und Karoline +Rudolphi über die Erziehung der Töchter.--Die Erziehungsreform in +England und Amerika.--Der Einfluß der Klassiker auf deutsche +Frauenbildung.--Das Eindringen der Frauen in bürgerliche Berufssphären: +in Amerika,--in England,--in Frankreich,--in Deutschland.--Die Anfänge +der deutschen Frauenbewegung.--Die Bestrebungen für Frauenbildung und +Frauenarbeit in neuester Zeit: in den Vereinigten Staaten,--in +England,--in Frankreich,--in Rußland,--in Schweden,--in Dänemark,--in +Holland und Belgien,--in der Schweiz,--in Italien,--in Spanien und +Portugal,--in Oesterreich,--in Deutschland. + + +_Zweites Kapitel_: Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung + +Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts über das +männliche.--Das Verhältnis der Knaben- und Mädchengeburten in +bürgerlichen und proletarischen Familien.--Die Verheiratbarkeit nach +den Altersstufen.--Statistik der verheirateten und der ledigen +Frauen--Der Knabenüberschuß bei der Geburt.--Die größere +Sterblichkeit der Männer.--Der Rückgang der Heiratsziffern und seine +Ursachen.--Statistik der erwerbsthätigen Frauen.--Statistik der +Frauenarbeit in bürgerlichen Berufen.--Die verheirateten Frauen in +bürgerlichen Berufen.--Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.--Die +Löhne der Handelsangestellten.--Die Bühnenkünstlerinnen und die +weiblichen Journalisten. + + +_Drittes Kapitel_: Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen +Gesichtspunkten + +Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die Körperkräfte.--Das +weibliche Gehirn.--Der Einfluß der Geschlechtsfunktionen auf die +Berufsthätigkeit.--Mutterschaft und Frauenarbeit.--Die Zerstörung der +Weiblichkeit durch die Berufsthätigkeit.--Der Unterschied der +Geschlechter in Bezug auf die geistige Befähigung.--Das weibliche Genie +und seine Zukunft. + + +_Viertes Kapitel_: Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit + +Die technische Revolution im Anfang des 19. Jahrhunderts.--Die Zunahme +der Frauenarbeit infolge der Einführung der Maschinen.--Der Kampf der +Arbeiter gegen die Maschine.--Der Kampf der Männer gegen die +Frauenarbeit.--Die Entwicklung der modernen Hausindustrie.--Frauenlöhne +um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Arbeiterwohnungen.--Die sanitären +Zustände in den ersten Fabriken.--Die Lage der Landarbeiterinnen +um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Die Entwicklung der +Dienstbotenfrage.--Proletarische Frauenarbeit im Handel. + + +_Fünftes Kapitel_: Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach +den letzten Zählungen + +Das numerische Verhältnis der proletarischen Frauenarbeit zur +bürgerlichen.--Das Wachstum der proletarischen Arbeit im Verhältnis zum +Wachstum der Bevölkerung.--Das numerische Verhältnis der männlichen zu +den weiblichen Arbeitern.--Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre +Zu- resp. Abnahme.--Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in der +Industrie.--Die proletarische Frauenarbeit in Alleinbetrieben.--Die +mithelfenden Familienangehörigen.--Die Verteilung der Frauenarbeit in +der Industrie je nach den Berufsarten.--Die Statistik der Hausindustrie: +in Deutschland,--in Oesterreich,--in Frankreich,--in Belgien--Die +Abnahme der häuslichen Dienstboten.--Die Altersgliederung der +Arbeiterinnen.--Der Familienstand der Arbeiterinnen.--Die Zunahme der +Arbeit verheirateter Frauen. + + +_Sechstes Kapitel_: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart + +_Die Großindustrie_: Die Löhne der Fabrikarbeiterinnen.--Verhältnis der +Frauen- zu den Männerlöhnen.--Differenzierung der Arbeit nach +Geschlechtern.--Die Ursachen der Erwerbsarbeit verheirateter +Frauen.--Das Verhältnis des Lohnes zu den Lebensbedürfnissen.--Die +Arbeitszeit der Fabrikarbeiterin.--Der Einfluß der Fabrikarbeit auf die +Gesundheit der Frau.--Der Einfluß der Fabrikarbeit verheirateter Frauen +auf die Familie. + +_Hausindustrie und Heimarbeit_: Die Textil-Hausindustrie.--Die Lage der +Arbeiterinnen in absterbenden Hausindustrien.--Die Dezentralisation des +Großbetriebes und ihr Einfluß auf die Frauenarbeit.--Die Lage der +Nadelarbeiterinnen.--Das Sweating-System.--Die sanitären und sittlichen +Folgen der Hausindustrie.--Die Existenzbedingungen der Hausindustrie. + +_Der Handel_: Die Löhne der Verkäuferinnen.--Die Ladenzeit.--Die +Ueberbürdung der Lehrlinge.--Das Alter der Verkäuferinnen.--Die +gesundheitlichen und sittlichen Folgen der Frauenarbeit im Handel.--Die +Entwicklung zum Großbetrieb. + +_Die Landwirtschaft_: Die Gliederung der ländlichen Arbeiterschaft.--Das +landwirtschaftliche Gesinde.--Die Instleute, Scharwerker, Deputanten +und Heuerlinge.--Die Tagelöhner.--Die Wanderarbeiter.--Die +Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.--Die +ländlichen Arbeiterwohnungen.--Die Sittlichkeit auf dem Lande. + +_Der häusliche und der persönliche Dienst_: Dienstbotenlöhne.--Die +Dienstvermittlung.--Die Wohnräume der Dienstmädchen.--Die +Beköstigung.--Die ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.--Die freie Zeit +der Dienstmädchen.--Ihre Herkunft.--Die sittlichen Gefahren des +häuslichen Dienstes.--Das Ammenwesen.--Umwandlung des Haushalts durch +den Mangel an Dienstboten.--Die Wäschereien im Klein- und +Großbetrieb.--Die Entwicklung des Wirtshauslebens.--Die Lehrzeit im +Kellnerinnenberuf.--Die Arbeitszeit der Kellnerinnen.--Die +Lohnverhältnisse im Gastwirtsgewerbe.--Die Trinkgelder und ihr +Einfluß.--Wohnung und Kost.--Die sanitären und sittlichen Folgen +des Kellnerinnenberufs. + + +_Siebentes Kapitel_: Die Arbeiterinnenbewegung + +Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der Arbeiterbewegung.--Die +Nur-Frauengewerkschaften.--Die Trennung der deutschen +Arbeiterinnenbewegung von der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die +gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,--in +Oesterreich,--in England,--in Frankreich,--in den Vereinigten Staaten. +Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen und ihre Gründe.--Die +Mittel zur Besiegung der Organisationsunfähigkeit der Frauen.--Die +Teilnahme der Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.--Die +Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.--Die politischen +Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.--Die Stellung der +Arbeiterinnenbewegung zur bürgerlichen Frauenbewegung.--Die positiven +Aufgaben der Arbeiterinnenbewegung. + + +_Achtes Kapitel_: Die Bürgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung Zur +Arbeiterinnenfrage + +Die Wohlthätigkeitsbestrebungen und die soziale Hilfsarbeit.--Die +prinzipielle Ablehnung des Arbeiterinnenschutzes durch die bürgerliche +Frauenbewegung.--Die Sozialreform und ihre Vertretung innerhalb +der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die Stellung des Bundes +deutscher Frauenvereine zur Arbeiterinnenfrage.--Die Haltung der +Frauenrechtlerinnen gegenüber der Dienstbotenfrage.--Die Organisation +der Arbeiterinnen durch die bürgerliche Frauenbewegung.--Die Wirkungen +der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Arbeiterinnen. + + +_Neuntes Kapitel_: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre Aufgaben + +_Der Arbeiterinnenschutz_: Seine historische Entwicklung.--Synoptische +Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Regelung der Arbeitszeit in der +Großindustrie.--Der Ausschluß der verheirateten Frauen aus +den Fabriken.--Die Ueberarbeit und die Nachtarbeit.--Die +Sonntagsarbeit.--Arbeitsverbote in gesundheitsgefährlichen +Betrieben.--Der Schutz der Schwangeren und Wöchnerinnen.--Die Ausdehnung +des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.--Sanitäre Vorschriften in +Bezug auf die Hausindustrie.--Unterdrückung der Heimarbeit.--Der +Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.--Die Aufgaben der Gesetzgebung +gegenüber den Landarbeitern.--Der Kellnerinnenschutz.--Die +Trinkgelderfrage.--Die Gesindeordnungen.--Arbeiterschutz für +Dienstboten.--Die genossenschaftliche Hauswirtschaft.--Die +Fortbildungsschulen.--Die freie Verfügung über den Arbeitsertrag.--Die +Gewerbegerichte.--Das Koalitionsrecht. + +_Die Arbeiterinnenversicherung_: Ihre historische Entwicklung.-- +Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Krankenversicherung.-- +Die Mutterschaftsversicherung.--Die Unfallversicherung.--Die Alters- und +Invaliditätsversicherung.--Die Versorgung der Witwen und Waisen.--Die +Frage der Arbeitslosenversicherung.--Die kommunale und staatliche +Arbeitsvermittlung.--Die Ausdehnung der Arbeiterversicherung. + +_Die Grenzen der Gesetzgebung_: Der Gegensatz der Interessen zwischen +Unternehmern und Arbeitern.--Die Prostitution.--Die Frauenarbeit, das +revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung. + + + + +Erster Abschnitt. + + +Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert. + + + + +1. Die Frauenfrage im Altertum. + + +Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen +Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an überliefert wird, +einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine Geschichte +der Kriege und daher eine der Männer, die wir unserem Gedächtnis haben +einprägen müssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein +Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die +Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Fürsten und Helden +des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner +geistigen Führer. Der natürliche menschliche Egoismus hatte der +Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden +und Gebildeten sahen über ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den +Feldzugsberichten nur von dem Heerführer als dem Sieger spricht, ihm +allein Lorbeeren weiht und Denkmäler baut, und die Tausende, die +eigentlich die Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das +Volk, der Träger der Menschheitsgeschichte, über denjenigen fast +vergessen, die, begünstigt von Glück oder von der Begabung, weithin +sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende ökonomische +Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem +Sklavenverhältnis, und während auf der einen Seite die Unterschiede +zwischen Reichtum und Armut sich verschärften, wurde andrerseits eine +gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklärung befördert. Mit der +Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum +Selbstbewußtsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der +Bestimmung über sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem +Machtfaktor, mit dem gerechnet werden muß. Als es anfing, sich bemerkbar +zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man +begann, sein Leben, Fühlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu +erforschen, und eröffnete damit ein Gebiet, das einen fast +unerschöpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt. + +Einen ähnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen. +Sie steht jetzt in allen Kulturländern auf dem Punkt, sich ihre +wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu +erkämpfen. Nur für denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der +weiß, welch langen, mühevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurücklegen +mußte, wird die große, weit über ihr Geschlecht hinausreichende +Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen +Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und +sie muß bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze +Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die +richtigen Mittel zu ihrer Lösung zu finden. + +Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich, +soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln +sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden +verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein Bild des Lebens +der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in +einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persönlichen Daseins. Er war +zunächst durch die Natur ihres Geschlechts selbst begründet. Die +Mutterschaft beschränkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie +schutzbedürftig, obgleich--was wir berechtigt sind anzunehmen--die +Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute mit pathologischen +Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte infolge +seiner völligen Unselbständigkeit der mütterlichen Fürsorge und während +der Mann--in welcher Periode der Menschheitsentwicklung +immer--ungehindert durch Geschlechtsbeschränkungen seinen Trieben folgen +konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum Bewußtsein kommende +Naturgesetz, daß die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die +Frau im Vergleich, zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und +Leiden auf, die niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim +der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich. + +Die Mutterliebe, jenes ursprünglichste Gefühl, war die erste Erhellung +moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede +Erhebung der Gesittung aus.[1] Denn nicht der Bund zwischen Mann und +Weib war, wie uns viele glauben machen wollen, die erste, unumstößliche +Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.[2] + +Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste +Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologieen vieler +Völker finden wir daher die Spuren göttlicher Verehrung des weiblichen +Prinzips in der Natur: In der Göttin Isis beteten die Aegypter die +fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand, +war die Personifikation der mütterlichen, gebärenden Kraft. Von der +Urmutter Themis erfährt Zeus das nur ihr bekannte Geheimnis des Alls. +Ueber Odin, den Göttervater und alle Götter der Germanen stehen. Die +Schicksalsgöttinnen, die Nornen. Gunnlöd, ein Weib, verwahrt den Trank +der höchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil. + +Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen +Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, sondern auch +dem primitiven Recht zu Grunde. Für das natürliche, durch keinerlei +Klügeleien beirrte Rechtsbewußtsein war das Kind Eigentum der Mutter, +die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernährte, seine ersten +Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu +verwundern, daß sich übereinstimmend bei zahlreichen Völkern eine +Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen läßt. + +Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit +Weiberherrschaft identisch wäre, und es giebt sogar Vorkämpfer der +Frauenbewegung, die in der Gynäkokratie das goldene Zeitalter der +Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechtes preisen, das +verlorene Paradies, das wieder gefunden werden muß. Wer dagegen die +Forschungen Morgans, Bachofens und anderer nüchtern prüft, vor dessen +Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklärung +als ein Zustand primitivster Kultur für Mann und Weib, und er findet +keinerlei Zeichen dafür, daß das Weib eine "Oberherrschaft" nach unseren +Begriffen ausgeübt hat.[3] + +Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach +jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Tierreich +losgelöst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutz vor den +wilden und stärkeren Tieren vermutlich aufgehalten hat, zur Erde +herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes +gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens +schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete. +Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen +und kämpfen, giebt es doch noch heute wilde Völkerschaften, in denen die +Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,[4] aber sobald sie +Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht zugleich +die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das schützende Dach für sich und +ihren hilflosen Säugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt, +hüllt sie instinktiv das kleine frierende Geschöpf und gewinnt dadurch +die Anregung, schließlich auch für sich ein deckendes und wärmendes +Kleidungsstück zu schaffen. Sie muß, wenn die Nahrungsquelle in ihrer +Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so +lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des +Wildes, der Fische und Vögel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen +Jagdzügen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Körner und Früchte, die +sie selbst findet, und gewinnt schließlich die Fertigkeit, sie für den +Gebrauch anzupflanzen.[5] + +Die Frau wurde immer seßhafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen +Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Hütte bald als den Zufluchtsort an, +wo er nicht nur zu flüchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und +Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch +anziehender wurde die Hütte für den Mann und noch wichtiger die +Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schätzen +lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zündkraft des Blitzes +bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum--ein echtes Geschenk +des Himmels--gehütet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst +in weit späterer Zeit erworben wurde. Die natürliche Hüterin und +Bewahrerin des Feuers war die Frau.[6] Und so war es nicht der dem +Urmenschen so häufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib +und Kind--Gefühle, die nur die Produkte einer höheren Kultur sein +können--, welche ihn an den häuslichen Herd immer wieder zurückzogen, +sondern lediglich die rohen, physischen Bedürfnisse. + +Von einer Ehe in unserem Sinn war natürlich keine Rede; dem regellosen +Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in +der die einzelnen Generationen sich nicht mehr miteinander vermischten. +Bei der geringen numerischen Ausdehnung, die die Menschheit ursprünglich +gehabt haben muß, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die +Vermischung von Blutsverwandten selbstverständlich. Ebenso +selbstverständlich ist es aber auch, daß diese Form der Familie nicht +auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von +selbst auflöste, sobald sie durch ihre Größe im Bereich des mütterlichen +Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der +Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwägerschaftsverbände +(Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine höhere sittliche +Erkenntnis zurückzuführen, sondern auf die uralten Triebkräfte der +Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die +Moral einer jeden Zeit. + +Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen +Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete sozusagen +alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen +Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen wurde ein +väterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehörten +ausschließlich der Mutter, die sie geboren hatte, und deren Stamm. Der +Mann führte das Weib nicht wie ein persönliches Eigentum in sein Haus, +sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser +Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der +Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische +Wertschätzung der Frau zurückzuführen, sondern auf die ursprüngliche +Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er hatte +auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr +den Grund zu der feststehenden Meinung, daß das Arbeitsgebiet der Frau +allein auf das Haus zu beschränken sei. + +Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen Zweigen, mit +der Zunahme der Bebauung des Bodens--lauter Arbeitsarten, die im +Bereiche des ursprünglichen Hauswesens lagen und daher hauptsächlich der +Frau zufielen--, wurde die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er +selbst war, je dichter sich die Erde bevölkerte, immer mehr in Kämpfen +mit den Nachbarn oder mit den Volksstämmen, durch deren Land er als +Nomade zog, verwickelt. Zunächst waren es nur Kämpfe um die tägliche +Nahrung, um die Jagdgründe; als er es aber verstand, die Tiere nicht nur +zu erlegen, sondern zu zähmen und zu züchten, da kämpfte er für den +Schutz und um die Vergrößerung seines Besitzes. In früheren Perioden, wo +er nichts besaß, als was er täglich gebrauchte, hatte er den gefangenen +Feind entweder getötet, oder als Gleichen und Freien in seine +Blutsfreundschaft aufgenommen, jetzt, wo er mehr besaß, als er +gebrauchte, bedurfte er der Arbeitskräfte in seinem Dienst, daher machte +er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im +unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die Sklaverei. +Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des Herrn beugen +mußte, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, zur ersten Sklavin +geworden. + +Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten +Verhältnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen. Durch sie +erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder erkämpfte, ein +Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der Besitz vergrößerte, desto +wichtiger wurde ihre Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster +Kultur auch eine erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den +steigenden Bedürfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und +umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die Hütte, die das Weib einst +zusammenfügte, war nichts als ein Obdach, das alle im Notfall benutzen +konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet oder aus behauenen +Blöcken aufgerichtet wurde und Waffen, Vorräte, Erz und Felle barg, war +ein wertvoller Besitz. Das Wild, das der Mann früher täglich erlegte, +war nichts als ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt +auf seinem Boden weideten, repräsentierten ein Kapital, das durch +Männerfäuste gegen den Nachbarn geschützt werden mußte. Und die Kinder, +die früher das unbestrittene Eigentum der Mutter waren, wurden zu +wertvollen Arbeitskräften und Kampfgenossen für den Vater. Es kam aber +noch ein sehr wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte nächst der +Habsucht jenen Egoismus gezeitigt, der über den Tod hinaus reicht und +dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der +Besitzende wünschte rechtmäßige Erben für seinen Besitz. + +Das Mutterrecht mußte dem Rechte des Vaters weichen. Als Arbeiterin und +als Mutter rechtmäßiger Kinder hatte das Weib einen Wert bekommen, der +sich dadurch ausdrückte, daß sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh, +Waffen oder Erz eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit, +die grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter +mußte sich die möglichste Sicherheit verschaffen, daß sie ihm legitime +Erben gebar. + +Der für die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle Fortschritt +zur Einzelehe war daher für die Frau zunächst nichts als eine Station +auf ihrem Kreuzesweg.[7] Denn die monogame Familie entstand nicht +infolge der Erkenntnis ihres höheren sittlichen Werts, sondern auf Grund +ökonomischer Rücksichten. Die Monogamie bestand nur für die Frau, wie +die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert wurde. + +Sich, wie es häufig geschieht, über diese einseitige Monogamie und über +die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung der Treue sittlich zu +entrüsten, hieße ihren Ursprung verkennen, der nicht in der Niedertracht +des männlichen Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen +Verhältnissen zu suchen ist. + +Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von Religion und +Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles Recht, von der Manava +an bis zum Koran, als göttliches Gesetz betrachtet wurde und auf +religiöser Basis[8] ruhte, so war das Sklavenverhältnis des Weibes hier +das festeste und überdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich +mit ihr, ihren Pflichten und Rechten beschäftigen, lassen sich dahin +zusammenfassen, daß sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor allem der +Söhne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse des Vaters an +rechtmäßigen Leibeserben, das in der patriarchalischen Familie seinen +stärksten Ausdruck fand, erweiterte sich bald zum Interesse des Staates +an einer genügenden Zahl kampffähiger Männer. Die Heirat war eine +Pflicht gegenüber dem Staat, daher wurden z.B. in China in jedem +Frühjahr die unverheirateten Männer von 30 und Frauen von 20 Jahren +einer harten Bestrafung unterworfen, und es bestanden genaue gesetzliche +Vorschriften über die ehelichen Pflichten zum Zweck der +Kindererzeugung[9]. Bei den Indern konnte eine unfruchtbare Frau im +achten Jahre der Ehe mit einer anderen vertauscht werden, eine, deren +Kinder gestorben waren, im zehnten, eine, die nur Töchter geboren hatte, +im elften Jahre[10]. Der Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare +Frau zu verstoßen oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter +Beistand der rechtmäßigen Gattin zur Welt kamen und dadurch als legitime +Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die kinderlose, zu Abraham: +"Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen +möge."[11] Und obwohl bei allen Völkern des Orients die Untreue der Frau +mit dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religiösen +Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mußte sich in Indien einem +Mitglied der Familie des Mannes unter religiösen Ceremonien vor den +Augen ihrer Angehörigen hingeben;[12] sie fiel in Israel, wenn ihr Gatte +starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte, seinem ältesten Bruder zu, +damit er dem Verstorbenen noch Nachkommen zeuge.[13] Sie war des Mannes +unbeschränktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben Stufe mit +den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes Vermögen zu besitzen. Die +heiligen Gesetze Indiens erklären ausdrücklich, daß alles, was eine Frau +oder ein Sklave etwa erwirbt, selbständiges Eigentum des Herrn ist, "dem +sie gehören".[14] Von Geburt an bis zum Tode sind die Frauen vollständig +unfrei; als Mädchen sind sie von ihrem Vater, als Frauen von ihrem +Gatten, als Witwen von ihren Söhnen oder Blutsverwandten abhängig.[15] + +Aus alledem geht hervor, daß die Frauen im Orient nur ein Werkzeug zur +Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Außerhalb ihres einzigen Berufes, +dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei Wert und Bedeutung, ja sie +wurden so ausschließlich als Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet, +daß von jener ehrfürchtigen Verehrung, welche die in den +Phantasiegestalten zahlreicher Göttinnen personifizierte Mutterschaft +unter den Völkern des Abendlandes genoß, im Orient, mit Ausnahme von +Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das Weib +verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig erwünschten +Sohnes eine Tochter gebar.[16] Die Jüdin, die einen Knaben zur Welt +brachte, blieb sieben Tage unrein; war ihr Kind ein Mädchen, so blieb +sie es vierzehn Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die +Mutter eines blühenden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein +unheiliges, von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel +gekennzeichnetes Geschöpf. Dieser Auffassung entsprach auch der Mythus +von der Stammmutter Eva, von der alle Sünde und alles Unglück der +Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu, ist niederträchtig wie die +Falschheit selbst, es muß wie Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche +oder dem Strick gezüchtigt werden.[17] Nur der Mann hat, nach dem +Glauben der Chinesen, eine unsterbliche Seele;[18] Brahma verbietet dem +Weibe, die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt, +daß die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen bleiben; mit +den Kindern und Sklaven stehen die Hebräerinnen auf einer Stufe, wenn +auch ihnen die Berührung des Gesetzes nicht gestattet ist. Der Talmud +schätzt die Ehre der Frau nach ihrem Vermögen, denn nur dann gilt sie +als rechtmäßige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn sie eine +Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung mit dem Mann +nur ein Konkubinat.[19] + +Die Kulturentwicklung der alten orientalischen Völker stand schon weit +genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um das Verbrechen, +arm zu sein, durch Schande zu strafen. Groß war daher die Zahl der armen +Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft ihren Leib verkaufen mußten. So hart +aber auch das Los der als Mägde und Sklavinnen in strengem +Dienstverhältnis zu ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer +Unterschied zwischen dem der begüterten und der rechtmäßigen Gattinnen +war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes stand +gleichmäßig tief. + +Gegenüber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen für die +Repräsentanten einer bedeutend höheren Kultur zu halten. Nehmen wir +jedoch die Stellung der Frau zum Maßstab für unser Urteil, so muß es +ganz anders lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten +sogar erhebliche Rückschritte auf. + +Die Familie war im Orient ein Staat für sich gewesen, der Vater der +Patriarch, der König darin. Sie wurde in Griechenland fast +bedeutungslos, denn der Staat übernahm viele ihrer wichtigsten +Funktionen; der Familienvater war nicht mehr Herrscher, sondern +Unterthan, seine Bürgerpflichten entrissen ihn vollkommen seiner +Häuslichkeit, sein Leben als Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und +Künstler spielte sich außerhalb des Hauses ab, dessen Geschäfte und +Obliegenheiten er ausschließlich der Gattin und den Sklaven überließ. +Eines freien Mannes waren sie unwürdig und wurden um so verachteter, je +mehr die Sklaverei zu einem wichtigen Faktor im sozialen Leben sich +entwickelte. Während der Orientale, besonders der Israelit, in der +Arbeit keine Schande sah und die Züchtung und Hütung der Herden zu +seinen Pflichten gehörte, während der Schwerpunkt seines Lebens in +seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch, trotz +aller Unterdrückung, menschlich näher stand, sank sie in Griechenland +vollständig in die Reihen der Sklaven hinab. + +Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der Vater, +wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin geben; der +Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie unfruchtbar, so +galt es für ein Verbrechen gegen die Götter, wenn sie nicht verstoßen +wurde. Die Pflicht, zum Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu +schließen, wurde vom Staate den Männern auferlegt;[20] durch Solons +Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe unterworfen. Denn +noch waren die Länder nur schwach bevölkert und vom Zuwachs tüchtiger +Bürger hing das Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher +beschäftigt sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer +so eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung. + +Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau haben; +die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war aber +unbeschränkt, und der einzige Fortschritt gegenüber den orientalischen +Zuständen bestand darin, daß ihre Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder +der Familie waren, sondern es erst durch die Legitimation ihres Vaters +werden konnten. Die aus dem väterlichen Hause meist in sehr jungen +Jahren in das des Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in +völliger Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Berührung mit der +Außenwelt; sie durfte weder am öffentlichen noch am geselligen Leben +Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, über deren Grenze die tugendhafte +Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und wenn Dichter und Schriftsteller +auch versuchten, sie ihr zu verklären[21]--genau wie es heute +geschieht--so war ihre Lage doch die einer physisch und geistig allen +Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche verachtet wurde. +Von einem Griechen stammt jener bekannte Ausspruch, wonach diejenigen +Frauen am meisten Ruhm verdienen, von denen am wenigsten gesprochen +wird,[22] und er bedeutet nichts anderes, als daß die Frau im Guten +ebensowenig wie im Bösen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach +nur der allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes +der Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und sagte, +daß man Frauen nur nehme, um rechtmäßige Kinder zu zeugen, +Beischläferinnen, um eine gute Pflege zu haben, und Buhlerinnen, um die +Freuden der Liebe zu genießen. Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte +der Grieche nicht.[23] Im besten Fall war sein Gefühl für die Gattin die +wohlwollende Anhänglichkeit eines Patrons zu seinem Klienten.[24] Nicht +die in strenger Zurückgezogenheit lebende, von klein auf zu kühler +Keuschheit und Zurückhaltung erzogene Frau war der Gegenstand seiner +Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die Hetäre. + +Die uralte Verehrung des mütterlichen Prinzips in der Natur, der +Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem allmählichen +Verfall des Mutterrechts mehr und mehr verwandelt. Einst mußten sich die +Jungfrauen Aegyptens einmal in ihrem Leben im Tempel der Göttin der +Fruchtbarkeit einem Fremden preisgeben, später bevölkerten zahlreiche +Frauen das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder +Mylitta. Denn hart war das Los der Mägde und Sklavinnen; nur die +Mädchen, welche eine Mitgift besaßen, hatten Aussicht auf eine legitime +Ehe, und auch das Schicksal rechtmäßiger Frauen war ein trauriges. Da +kann es nicht wunder nehmen, wenn Not, Glückssehnsucht und +Freiheitsdurst Scharen Armer und Unterdrückter in den Dienst der +Liebesgöttin trieb. Geheiligt durch die Religion, gefördert durch Not +und Unterdrückung--so entstand in der ältesten Zeit die Prostitution. +Sie wuchs mit der Ausdehnung der Sklaverei,--fast alle bekannten Hetären +waren ursprünglich Sklavinnen,--und gewann an Ansehen und Bedeutung, je +tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im allgemeinen war. Ihre +Blütezeit erlebte sie in Griechenland, als Kunst und Wissenschaft auf +ihrer Höhe standen und der Kultus der Schönheit die Religion beinahe +ersetzte. + +Gern trat die schöne Sklavin, auf die das bewundernde Auge des Gebieters +gefallen war, aus dem engen dumpfen Gynäkonitis mit seiner einförmigen +Arbeitspflicht auf den offenen Markt hinaus, um von den Dichtern +besungen, den Künstlern gemalt und gemeißelt, dem Volke verehrt zu +werden. Und diejenigen Frauen, deren reger Geist sich durch das +abgeschlossene Leben nicht ertöten ließ, in deren Gemach ein Schimmer +vom Glanz griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten häufig +genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die Buhlerin war +in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe folgen, die an der +hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes persönlichen Anteil nehmen +konnte.[25] Die Geliebte des Perikles, Aspasia, die Lehrerin des +Sokrates, Diotima, die Schülerin des Plato, Lastheneia, die des Epikur, +Leontion, nahmen dem griechischen Hetärentum das Odium eines ehrlosen +Gewerbes und erhoben die Hetäre in den Augen der hervorragendsten Männer +über die Hausfrau, deren Geistes- und Gefühlsleben künstlich verkümmert +wurde. + +Die Geschichte weiß von keiner einzigen Griechin zu berichten, die sich +gegen Sittengesetze empört hätte, welche als Lohn auf die weibliche +Tugend--die dauernde Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster--die +Freiheit setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe, +wenn er seine Iphigenie sagen läßt: "Der Frauen Schicksal ist +beklagenswert", aber in Wirklichkeit besaß das weibliche Geschlecht in +dem sonnigen, ruhmgekrönten Hellas keine Priesterin, die seinem stummen +Leid Worte verlieh. Nur den größten Denkern der Nation, Plato und +Aristoteles, scheint es zum Bewußtsein gekommen zu sein, daß die +Stellung der griechischen Frau eine unwürdige war. Wer Platos +Aussprüche, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib dieselbe Natur, +vermöge deren sie geschickt sind zur Staatshut", und "die Aemter--(im +Staat)--sind Frauen und Männern gemeinsam",[26] aus dem Zusammenhang +herausreißt, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei im +modernsten Sinne ein Vorkämpfer der Gleichberechtigung der Geschlechter +gewesen. Der Sachverhalt ist aber thatsächlich folgender: Er teilt die +Bevölkerung seines Idealstaates in drei Klassen, von denen die oberste, +die der Hüter und Wächter, die geistig und körperlich vollendetste sein +soll, weswegen die dafür Berufenen eine ganz ungewöhnlich treffliche +Erziehung genießen müssen. Aber sie sollen nicht nur für ihre hohe +verantwortliche Stellung als Staatsleiter erzogen, sie sollen schon +dafür geboren werden. Und deshalb müssen ihre Mütter in gleicher Weise +zu geistig und körperlich über der Masse stehenden Wesen herangebildet +werden, wie ihre Väter. Plato erklärt,--und das kann bei der hohen +geistigen Bildung vieler Hetären seiner Zeit nicht Wunder nehmen,--daß +Männer und Frauen gleiche Fähigkeiten besitzen, und da der Staat das +höchste Interesse daran habe, daß begabte und kräftige Kinder geboren +werden, so müsse er die besten männlichen und weiblichen Exemplare der +obersten Klasse zwangsweise miteinander vermählen. Genau wie der +Tierzüchter nach seinem Belieben Hengst und Stute zusammenführt, so +sollen die Oberen bestimmen, nicht nur welche Männer und Frauen sich +vermählen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen dürfen,[27] damit "der +Staat weder größer werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den +Willen der Oberen erzeugt würde, dessen Eltern sich also freiwillig, aus +Liebe umarmten, sollte dem Staat für unecht und unheilig gelten,[28] und +demselben Schicksal verfallen wie die Verkrüppelten und Schwachen. Der +Staat allein sollte das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten +Mann zu geben, und zwar nicht ein für allemal, sondern so oft er es für +nützlich hielt auch einem anderen. Der Kinderernährung und Pflege +sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten ihnen sofort +entrissen und gemeinsam von Ammen und Wärterinnen aufgezogen werden. Die +Frau sollte, erklärt Plato ausdrücklich, vom zwanzigsten bis zum +vierzigsten Jahre "dem Staat gebären".[29] Er vertritt den echt +griechischen Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und führt in +logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die Sitte +von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate die Bürger +zu schenken, Plato wünschte, daß es auch tüchtige Bürger seien, darum +verlangte er, daß die Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet +würden. Aber, wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus +diesem Umstand und daraus, daß er Weibergemeinschaft, gewaltsame +Trennung von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise +Geschlechtsverbindung als das Wünschenswerte pries, läßt sich ersehen, +wie fern es ihm lag, die Frauen, um ihrer selbst willen, aus einer +unwürdigen Stellung zu befreien und sie insgesamt den Männern +gleichzustellen. So gewiß es ist, daß große Geister, die einen +tieferen Blick für die hinter ihnen und die vor ihnen liegende +Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit +gewisser Umwälzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur ihre +Möglichkeit einzusehen vermag, so gewiß ist es auch, daß Fragen, die +erst nach langer Zeit zur Lösung reif sein werden, nicht schon +Jahrhunderte vorher von einem einzelnen in der Theorie gelöst werden +können. + +Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen großen Dienst +geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und die Pflicht +des Staates, sie für ihren Naturberuf fähig und würdig zu machen, in +eindringlicher Weise zum Ausdruck brachte. + +Weniger eingehend hat sich Aristoteles über die Stellung der Frauen +ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach modernen Begriffen +war, so wenig war Aristoteles der erste Antifrauenrechtler, für den er +oft gehalten wird. Wenn er sagt, daß die Herrschaft des Mannes über das +Weib mit der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien +Republik zu vergleichen sei,[30] und wenn er erklärt, daß die eheliche +nicht zugleich die ursprünglichste herrschaftliche Gesellschaft und das +Weib nicht der Sklave des Mannes sei,[31] so war das gegenüber der +thatsächlichen Stellung der griechischen Frau eine revolutionäre +Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er sogar mit Plato überein, +denn auch er forderte Musik und Gymnastik[32] für beide Geschlechter. +Einen höheren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen +Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie für ihre höchste Form. +Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen Tugenden spricht[33] und +meint, ein Mann sei noch feige, wenn er so heldenmütig wäre, wie eine +Frau, so erinnert dieser Ausspruch augenfällig an den Platos, der im +Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, daß alle feigen und ungerechten +Männer bei der Wiedergeburt "wie billig" zu Weibern würden.[34] + +So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen nicht von +dem Einfluß ihrer Zeit und ihres Volkes befreien. Auch für sie war die +Frau ein minderwertiger Mensch. + +Wollen wir nun statt der Griechin die Römerin betrachten, so tritt der +Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir Cornelia, die +Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter Telemachs, +gegenüberstellen: hier würdevolle Größe, ruhige Selbständigkeit, dort +ängstliche Schüchternheit, Bedürfnis nach Schutz und Anlehnung; hier +Söhne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der sie, als +der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der Egeria, der +weisen Beraterin König Numa Pompilius', spricht sich die Achtung des +Römers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag in der dünnen Bevölkerung des +Landes zu suchen sein, in dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die +Geschichte vom Raub der Sabinerinnen spricht für diese Annahme, ebenso +die ursprünglich für Mann und Weib gleich strenge monogamische Ehe. Es +gab nicht so viel Frauen, als daß der Mann ihrer mehrere hätte haben +können. Er forderte von seinem Weibe unverbrüchliche Treue, aber seine +Volksgenossen forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte +zugleich den Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten. + +Die Römer waren in ihren ersten historischen Anfängen ein abgehärtetes +Landvolk. Ihre Götter waren Personifikationen der Saat, des Lichtes, des +Lenzes. Der Begriff der Familie umschloß Eltern, Kinder, Knechte und +Mägde gleichmäßig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die Arbeit, der +nichts Ehrloses anhaftete, beschäftigte sie gemeinsam. Die römische +Hausfrau, die Matrone, stand der inneren Wirtschaft und der Erziehung +der Kinder vor. Ihre Stellung war von vornherein eine gefestigtere und +ehrwürdigere, da sie keine Rivalin neben sich hatte und die einzige +Herrin im Hause war. + +Die höhere Achtung, die sie genoß, verschaffte der Römerin auch größere +Freiheit. Sie empfing des Hauses Gäste mit dem Gatten, sie war nicht in +das Frauenhaus eingeschlossen, sie nahm teil an öffentlichen Festen und +besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die +Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals +verfügte sie frei über ihr Eigentum; thatsächlich war es sogar das +Eigentum, durch das sie unmündig wurde. So konnte nach altrömischem +Recht das unter väterlicher Gewalt lebende Mädchen, das also selbst kein +Vermögen besaß, über seine Person frei verfügen; die unter Vormundschaft +stehende Waise dagegen, die im Besitz des väterlichen Erbes war, blieb +in allen ihren Handlungen völlig unfrei. Daraus ergiebt sich, daß nicht +die Frau an sich, sondern die Frau als Eigentümerin eines Vermögens +unter gesetzlichem Schutze stand.[35] Sie durfte weder ein Testament, +noch Geschenke, noch Schulden machen; die römischen Rechtslehrer selbst +erkennen an,[36] daß die Vormundschaft über die Frau eine Institution +sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag. Nur in +einem Punkt genoß sie während der Blütezeit der Republik dieselben +Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum Forum und konnte sowohl in +eigener wie in fremder Sache als Zeuge oder als Verteidiger auftreten. +So wird von Amesia Sentia erzählt, daß sie sich unter ungeheuerem +Zulauf des Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand, +worauf fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,[37] und von +Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre +glühende Beredsamkeit durchsetzte, daß die Frauen der Bezahlung einer +ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.[38] + +Allzu schnell wurden die Römer aus einem schlichten ackerbautreibenden +Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und früh schon trug ihre Existenz +den Todeskeim in sich. Die siegreichen Feldzüge, die Unterdrückung +ganzer Nationen waren von bösen Folgen begleitet, denn nicht nur daß auf +ihre rohe Kultur griechische Überfeinerung, orientalische Perversität +und Genußsucht gepfropft wurde--ein Umstand, der auf alle Naturvölker +verderblich wirkt--, auch das Grundübel der Staatenbildung im Altertum, +das Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich hier +zur höchsten Blüte.[39] Ungeheuere Reichtümer strömten aus allen Teilen +der Welt in Rom zusammen; sie vereinigten sich in den Händen weniger. An +Stelle der kleinen, freien Bauern trat der Großgrundbesitzer, an Stelle +des kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Großkaufmann mit +seinen Sklaven.[40] Massen von Sklaven arbeiteten in den Palästen für +ihre Gebieter und ein solches Gemeinwesen aus Millionären und Bettlern +mußte die äußerste sittliche Zerrüttung zur Folge haben.[41] + +Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der Arbeit. +Nur der reiche Mann, der durch die Thätigkeit des Sklaven lebte, galt +für anständig; jede Arbeit, die körperliche Anstrengung erforderte, war +ehrlos, und der Arme, der sich durch seiner Hände Arbeit sein Brot +verdiente, wurde verächtlich als ein gemeiner Mann behandelt.[42] +Verderblicher noch als für die männliche Bevölkerung war diese +moralische Dekadenz für die weibliche. Der römische Bürger konnte, auch +wenn die manuelle Arbeit eine für ihn unwürdige war, seine geistigen und +physischen Kräfte als Politiker, als Philosoph, als Künstler, Dichter +und Krieger bethätigen. Er konnte dadurch dem entsittlichenden Einfluß +des Reichtums Schranken setzen. Seine Gattin dagegen, der die Führung +des Hausstandes, ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von +Sklaven abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte +dem Staat gegenüber weder Rechte noch Pflichten und daher kein +Verständnis für öffentliche Fragen; ihre Erziehung wurde in jeder Weise +vernachlässigt, daher hatte sie nur ein ganz oberflächliches Interesse +an Kunst und Wissenschaft. Reichtum und Langeweile trieb die römische +Bürgerin der Genußsucht und Sittenlosigkeit in die Arme, während die +arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen, die +Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl vermehrte. Der +aus Griechenland und dem Orient eingeführte Dienst der Liebesgöttinnen +kam dabei den Neigungen und Wünschen der Frauen entgegen, die die +wüstesten Orgien aus ihm machten.[43] + +Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon während +der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr Besitz an Gold und +Kleidern beschränkt und ihnen verboten wurde, in einem Wagen zu fahren. +Bald jedoch empörten sich die Frauen gegen diese Beeinträchtigung und +zwei Bürgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da trat +zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter altrömischer +Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die Frauen auf. Unter großem +Zusammenlauf der Römerinnen erklärte er, daß jede Menschenart gefährlich +sei, wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu +beratschlagen. Gebe man den Wünschen der Frauen nach, die lediglich +ihrer Genußsucht fröhnen wollten, so würden sie bald volle +Gleichberechtigung fordern und die Männer auch im Staatsleben zu +beherrschen suchen.[44] Diese Philippika des strengen Römers,--der es +übrigens selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte +hielt, daß er sich von seiner Frau scheiden ließ, weil ein Freund von +ihm sie zu heiraten wünschte, und sie wieder zur Gattin nahm, als dieser +sie nicht mehr mochte--hatte zunächst wenig Erfolg, denn das Oppische +Gesetz wurde aufgehoben. Siebzehn Jahre später beantragte der Tribun +Voconius, daß keine Frau erbberechtigt sein und Legate von mehr als +100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen dürfe. Der damals +achtzigjährige Cato versagte es sich nicht, mit dem ganzen Gewicht +seines Ansehens und seiner Beredsamkeit für diesen Antrag zu kämpfen, +indem er die Ausschweifungen und die Genußsucht der Römerinnen heftig +tadelte, und seine Annahme schließlich durchsetzte.[45] + +Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur mit den +Symptomen statt mit dem Grundübel beschäftigt, so hatte auch dieses +keine anderen Folgen, als daß die davon Betroffenen es auf Schleichwegen +zu umgehen suchten. Um sich von der vermögensrechtlichen +Unselbständigkeit zu befreien, schlossen die Frauen häufig mit Männern, +die sich dazu hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.[46] Sie +versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einfluß zu gewinnen, +indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art die Abschaffung der +Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser Thatsache, die in die +Zeit des Verfalls der römischen Republik fiel, ist sehr häufig der +Schluß gezogen worden, daß die Emanzipationsbestrebungen der Frauen +stets ein Zeichen für die Dekadenz des Volks, dem sie angehören, +und ein Beweis für die Korruption aller Sitten sind. Die +Emanzipationsbestrebungen der Römerinnen aber waren keineswegs identisch +mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie +entsprangen weder der Not, noch dem Bildungsdrang, noch dem +Pflichtgefühl gegenüber Staat und Gesellschaft; sie beschränkten sich +auf den kleinen Kreis der herrschenden, bürgerlichen Klasse, die niemals +eine Trägerin großer Reformen und einschneidender Umwälzungen gewesen +ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im modernen Sinn konnte es nicht +geben. Dazu waren die römischen Bürgerinnen durch den großen Reichtum +moralisch zu schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der +Sklavinnen durch die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und +vertiert geworden. Wir finden in der römischen Geschichte nirgends eine +Spur von dem Kampf der Frauen um höhere Bildung oder politische Rechte, +sie verlangten nur über ihr Vermögen frei verfügen zu können, um in +ihrem Genußleben unbeschränkt zu sein. + +Von der altrömischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden. Noch stand +auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die Gattinnen +hochgestellter römischer Bürger gaben das Beispiel, wie man sich ihr +entziehen könne; sie ließen sich in die Listen der Prostituierten +eintragen, die straflos ihrem Gewerbe nachgehen konnten.[47] + +Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit überhand; die Männer +scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen Hausstandes und zogen ein +freies Lotterleben vor, das die Denker und Dichter ihnen sogar +empfahlen.[48] Selbst einer der besten Männer des damaligen Rom, der +Censor Metellus Macedonicus, der den Bürgern die Pflicht zu heiraten +nachdrücklich einschärfte, erklärte sie für eine schwere Last, die der +Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen müsse,[49] damit der Staat +nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon früh als eine +der ersten Bürgerpflichten hervorhob,--durch eine zahlreiche +Nachkommenschaft dem Vaterland zu nutzen,--das hat die römische erst +spät in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn für den Römer war die +Bezeichnung Kinderzeuger--proletarius--lange Zeit ein Ehrenname gewesen; +erst mit dem Niedergang der Republik war er zu einem Schimpfnamen +geworden. Von den Frauen wurde das Gebären als eine sehr unangenehme +Beeinträchtigung ihrer Schönheit und ihrer Vergnügungslust empfunden. +Die Männer wünschten sich so wenig Kinder als möglich, damit ihr +angehäufter Reichtum nicht zersplittert würde. Infolgedessen drohte die +Kinderlosigkeit verhängnisvoll zu werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe +schaffen. Während Cäsars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach +denen Unverheiratete keine Legate annehmen und die Väter vieler Kinder +bedeutende Privilegien genießen sollten.[50] Aber der beabsichtigte +Segen dieser Gesetze wurde in den Händen der entarteten Bürgerschaft in +sein Gegenteil verkehrt. Es wurden Ehen geschlossen, nur um der Legate +nicht verlustig zu gehen; viele Männer wurden zu Kupplern an ihren +eigenen Frauen, um an den Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen. + +Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die ein +Leben äußerlicher Genußsucht nicht befriedigen konnte, versuchten durch +Hinterthüren in die für sie verschlossenen heiligen Hallen der Politik +einzudringen, oder sie benutzten das einzige öffentliche Recht, das sie +besaßen--das vor Gericht zu plaidieren--, um ihrem leeren Leben dadurch +Inhalt zu geben. Vielleicht, daß es unter ihnen Frauen gab, die durch +ihre Freimütigkeit den Zorn der männlichen Herrscher erregten, +vielleicht, daß sie für eine gute Sache eintraten und große Herren in +ihrem Ansehen schädigten,--wir wissen nichts Genaueres darüber, aber wir +können annehmen, daß selbst für die ungerechtesten Gesetzgeber kein +einzelnes Vorkommnis, wie das von dem Valerius Maximus erzählt, die +Ursache sein konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich +abzuerkennen. Der römische Historiker berichtet nämlich,[51] daß die +Gattin des Senators Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie später +nannte, mit Leidenschaft Prozesse führte und stets ihr eigener Anwalt +war. Dabei soll sie sich so skandalös benommen haben, daß der Prätor +sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor Gericht erließ, weil +sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht zukommenden schamhaften +Zurückhaltung" in anderer Leute Angelegenheiten gemengt und männliche +Tugenden ausgeübt hätten.[52] Die spätere Justinianische Gesetzgebung +setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie erklärte:[53] "Frauen +sind von allen Aemtern, bürgerlichen wie öffentlichen, ausgeschlossen, +können daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch können sie +klagen oder für andere als Beistände oder als Sachwalter vor Gericht +auftreten." Die Begründung für dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein +angenommen, daß Frauen und Sklaven öffentliche Aemter nicht auszufüllen +vermögen."[54] Durch den Vellejanischen Senatsschluß wurden sie +schließlich auch in privater Beziehung völlig rechtlos, da sie für +unfähig erklärt wurden, Bürgschaften irgend welcher Art zu +übernehmen.[55] + +Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist das +dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen hatte. Kaum +ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter, die sonst die +Frauen immer zu preisen pflegen, überhäuften ihre Zeitgenossinnen mit +Hohn und Spott, oder besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen +keine die geistige Höhe griechischer Hetären erreicht hatte. Nur +vereinzelt und beinahe schüchtern versuchten einige Schriftsteller der +allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht, wie +man infolge einer mißverständlichen Auffassung des Textes oft meint, für +die Abschaffung der Vormundschaft der Frauen, sondern vielmehr dafür +aus, daß jene Art Sittenpolizei, die über die Aufführung und den Luxus +der Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom eingeführt +werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein, der die Männer lehre, +ihre Weiber gehörig zu leiten".[56] + +Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen Biographieen seine +Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu, daß die Römerin im Gegensatz +zur Griechin an Gastmählern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie +jene im Frauenhaus eingesperrt sei.[57] Wichtiger, als diese kurzen +Bemerkungen, die nur deshalb erwähnenswert sind, weil ihre Bedeutung +leicht überschätzt und Cicero zuweilen als Vorkämpfer der +Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die Schrift Plutarchs über die +Tugenden der Weiber. Er erzählt darin von einer ganzen Anzahl edler und +heldenmütiger Frauen und erklärt in der Einleitung, durch diese +historische Beweisführung den Satz bewahrheiten zu wollen, daß die +Tugend des Mannes und die des Weibes gleich sei.[58] Aber auch er ist +weit entfernt davon, den Schluß auf die Notwendigkeit gleicher Rechte +daraus zu ziehen. + +Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vorkämpfern" der Sache der Frauen +ging einem anderen, geistig und moralisch höher stehenden römischen +Schriftsteller--Tacitus--die Not seiner Zeit, die unwürdige Stellung +seiner weiblichen Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie +suchte er dagegen anzukämpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein +schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es hauptsächlich +geschrieben, damit Rom an dieser schlichten Reinheit seine eigene +Verworfenheit erkennen möge. Er glaubte an die Wirkung des guten +Beispiels mehr als an die wohlgemeinter Predigten und zog dabei nicht in +Betracht, daß gute Sitten sich nicht durch den guten Willen verpflanzen +lassen, sondern von selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur +hervorwachsen müssen. + +In allen Völkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am nächsten +steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich, frei und unfrei +noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine verhältnismäßig +günstige, weil die für die ganze Familie notwendig auszuführende Arbeit +allein in ihren Händen ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter +eine gleiche ist, und die uralte göttliche Verehrung der Mutterschaft +ihren Glorienschein noch auf das Weib zurückwirft. Die germanische Frau +erschien Tacitus in ihrer Keuschheit, ihrem Fleiß, ihrer Einfachheit als +das gerade Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen +Römerin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit Peitschenhieben +vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann; "verführen und verführt werden +nennt man nicht Zeitgeist, und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo +gute Gesetze."[59] Die Mühseligkeiten mondelanger Wanderungen mit +Kindern und Hausgerät, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die +Weiber mit den Männern. Das Klima ihrer Heimat und die Strapazen ihres +Lebens hatten sie widerstandsfähiger und kräftiger werden lassen als +andere ihres Geschlechts. Trotz alledem war die Germanin nicht der Typus +der glücklichen, freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus +auf den ersten flüchtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur des +Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes, lag +allein in ihren Händen, während der Mann im Frieden auf der Bärenhaut +lag. Sie mußte den Pflug führen und auf schweren Handmühlen das Getreide +mahlen, sie mußte die Hütte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen und +weben; sie blieb auch dann noch überlastet, als nach den großen +Wanderungen auch die Männer Ackerbauer geworden waren, denn das Gebiet +ihrer Thätigkeit umspannte, außer der häuslichen Wirtschaft, die +Viehzucht, die Schafschur, die Flachsbereitung und nicht zum mindesten +die aufmerksame Bedienung des Mannes.[60] + +In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die Stellung der +Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer Geschlechtsfunktionen und der +notwendig daraus folgenden Beschränkungen war sie dem Manne +untergeordnet; Religion, Recht und Sitte heiligten und befestigten +diesen Zustand. Die wirtschaftlichen Verhältnisse trieben sie noch nicht +in den offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war +nicht die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es +gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst mußte +die Frauenfrage in ihrer ganzen Schärfe formuliert werden, ehe eine +Bewegung sich ihre Lösung zum Ziel setzen konnte. Nur leise Spuren von +ihr haben wir in Griechenland und Rom verfolgen können. Mit dem +Zusammenbruch der antiken Gesellschaft und dem allmählichen Auftauchen +neuer Lebens- und Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis +sie auf jenen Höhepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen überall +sichtbar werden sollte. + + + + +2. Das Christentum und die Frauen. + + +Während Rom auf der Höhe seiner äußeren Macht zu stehen schien, im +Innern aber von der schleichenden Krankheit der allgemeinen Korruption +so zerfressen wurde, daß sein Zusammensturz nahe bevorstand, war über +Bethlehem, mitten unter dem geknechteten, geschmähten Judenvolk jener +Stern aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft +auferstehen sollte. + +Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der Entstehung des +Christentums mit den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen der +Zeit, in der es sich ausbreitete, näher zu erörtern. Es mußte über den +Kreis des armen Volks, dem sein Gründer angehörte, schnell +hinauswachsen, weil der Boden im römischen Reich überall dafür +vorbereitet war. Den Philosophen waren seine Gedanken zum Teil schon +vertraut; von dem Nebenmenschen als dem Bruder hatte schon Plato +gesprochen; die Stoiker lehrten die Verachtung irdischer Güter und waren +die ersten gewesen, die erklärten, daß der Mensch auch gegen seine +Sklaven moralische Verpflichtungen zu erfüllen habe. Und der Mühseligen +und Beladenen gab es mehr als genug; für sie alle war das Christentum +der Rettungsanker, der sie über ihr eigenes Elend hinaushob, der +Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht leuchtete. Es war nicht jene vage +Hoffnung der späteren Christen, die von der ewigen Seligkeit die +Entschädigung für ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der +sichere Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und +an die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches. Unter all den Armen und +Elenden, die ihm zuströmten, kamen auch jene gequältesten aller Menschen +in Scharen, die Frauen. Ihnen brachte das Christentum neben dem Trost +und der Hoffnung, die es allen Unterdrückten brachte, noch etwas ganz +Besonderes: Die Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches +Wesen, als "Kind Gottes". + +Sowohl die orthodoxen Anhänger des Christentums als seine fanatischen +Verächter sind, soweit sie für die Frauenemanzipation eintreten, anderer +Ansicht. Die einen behaupten, indem sie das Wort des Apostels Paulus: +"Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, +hier ist kein Mann noch Weib;"[61] aus dem Zusammenhang herausreißen, +daß das Christentum sich darin für die volle Gleichberechtigung der +Frauen ausspricht; die anderen stützen sich auf jenen Satz desselben +Apostels: "Das Weib schweige in der Gemeine,"[62] wenn sie erklären, das +Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit, +sondern nur noch vollständiger geknechtet. + +Das ursprüngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen gleich weit +entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist ihm ebenso fremd, +wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war. Dagegen hatten Leid, +Not und Unterdrückung die männlichen und weiblichen Lasttiere der +Gesellschaft so aneinander gekettet, daß die neue Religion beiden +denselben Trost, dieselbe Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mußte. +Wenn der Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so fügt er +gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und schickt +voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo +Jesu".[63] Nur vor Gott also, nicht vor dem Staat, sind Herren und +Sklaven, Männer und Frauen gleich. Aber auch die Verachtung des Weibes +ist keine ursprüngliche Lehre des Christentums. Wenn als eine natürliche +Reaktion gegen die furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener +Zeit die Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig +und eines Christen würdig gepriesen wurde, so wurde die keusche Jungfrau +stets dem keuschen Jüngling gleich gestellt.[64] Nicht der Mann wurde +vor der Berührung des Weibes, als des bösen Prinzips, gewarnt, sondern +beiden wurde der ledige Stand als der gottgefälligere anempfohlen.[65] + +Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes für ein +todeswürdiges Verbrechen, während der ehebrecherische Mann zumeist +straflos ausging. Christus stellte das sündige Weib dem sündigen Manne +gleich, indem er sagte: "wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den +ersten Stein auf sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.[66] Er +forderte von beiden die eheliche Treue,[67] seine Jünger verlangten vom +Mann, daß er sein Weib liebe, wie sie ihn,[68] und die Ausgießung des +heiligen Geistes erfolgte ausdrücklich über "Söhne und Töchter".[69] In +dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die +Bedeutung des Christentums für das weibliche Geschlecht. Weiter aber +reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie sich auf das Weib +beziehen, erheben sich nicht über die bekannten religiösen und +weltlichen Gesetze der morgen- und abendländischen Völker. Das Weib muß +dem Manne gehorchen, ihm unterthan,[70] schweigsam und häuslich +sein,[71] es darf weder lernen noch lehren[72] und soll selig werden +durch Kinderzeugen.[73] Das alles bedeutet keinen Fortschritt in Bezug +auf die Auffassung von der Stellung des weiblichen Geschlechts, aber es +bedeutet ebensowenig eine verschärfte Knechtung. + +Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und Verfolgten zur +Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner Hauptträger eine den +neuen Verhältnissen entsprechende Umwandlung. Die Kirchenväter und die +Gesetzgeber des kanonischen Rechts nutzten Aussprüche Christi und der +Apostel insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche +förderlich sein konnten, und ließen andere außer acht, die diesem Zweck +nicht dienstbar zu machen waren. Während Paulus seine Predigt von der +größeren Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter +richtet, sondern sie ausdrücklich damit einleitet, daß er sagt, er teile +nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des Herrn mit,[74] klammerten +sich asketische Eiferer an Sätze wie: "Es ist dem Menschen gut, daß er +kein Weib berühre",[75] und "Adam ward nicht verführet; das Weib aber +ward verführet und hat die Uebertretung eingeführet"[76] und verdammten +die Ehe als ein Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang +verschaffte.[77] Das kanonische Recht erhob die Auslegungen der +apostolischen Lehren durch die Kirchenväter zum Gesetz, indem es unter +anderem verfügte: "die Frau ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen. +Adam ist durch Eva verführt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist +daher recht, daß der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur Sünde +reizte, auf daß er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt, daß die Frau +dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin sei."[78] + +Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die römische +Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem Rechtsbewußtsein +der Germanen gegenübertritt, und zwar ist eine einzige Thatsache +ausreichend, um den Gegensatz beider zu kennzeichnen: die Germanen +verlangten für ein verletztes Weib ein höheres Wehrgeld als für einen +verletzten Mann, weil sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die +Schwache und Wehrlose zu verwunden für besonders schmachvoll galt; vom +Mörder einer Frau forderten sie ein zweimal höheres Wehrgeld, als vom +Mörder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das durch die +römische Kirche einem germanischen Volke gegeben wurde--dem Fuero juzgo +der Wisigoten--und das in Bezug auf die Ansichten des Klerus von den +Rechten der Frau typisch ist, galt des Weibes Leben nur halb so viel als +das des Mannes, denn ihrem Mörder wurde nur die halbe Buße +auferlegt.[79] + +In einer Beziehung nur machte die römische Kirche den heidnischen +Germanen und ihrer Verehrung des mütterlichen Prinzips in der Natur eine +Konzession, um sie dadurch leichter unter Kreuz und Krummstab zwingen zu +können: sie erhob die Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels. +Dem ursprünglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern gelegen; +die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast vollständig, +Christus selbst weist sie hart zurück, als sie wagt, ihm einmal einen +mütterlichen Rat zu geben. Ihre Gestalt, wie sie der Katholizismus heute +kennt, und die Verehrung, die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als +eine Reminiszenz an den heidnischen Götterdienst. Die Kirche verstand +es, die heidnischen Feste durch christliche, die Götter durch Heilige zu +ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter Gottes" +vertraut zu machen. Daß der Madonnenkultus ein dem Baum der Kirche +künstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon daraus hervor, daß trotz +der Verehrung der himmlischen Jungfrau die Missachtung des weiblichen +Geschlechts sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte. + +Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der Flucht vor +dem Weibe. Auf dem Konzil zu Mâcon entschied sich die Majorität dafür, +dem Klerus zu befehlen, die Frauen zu fliehen. Das Konzil zu Metz +verschärfte diesen Befehl, indem es den Priestern sogar den Umgang mit +Mutter und Schwester verbot. Während sich in der ersten Zeit des +Christentums nur die Mönche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten, +wurde es nun für den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des +Cölibats einer großen Zahl von Männern--meist der geistig +hervorragendsten ihrer Zeit--waren von weittragender Bedeutung. Wohl hat +sich die Kirche in ihnen eine Armee hingebender Kämpfer geschaffen, die +durch keinerlei Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegenüber +abgelenkt wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der +Keuschheit, durch die erzwungene Abtötung der geschlechtlichen Triebe im +Dienste einer höheren Sittlichkeit zu handeln, so hatte sie nur mit +abstrakten Theorieen, nicht aber mit der lebendigen Natur gerechnet. Sie +erreichte nicht nur das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, denn neben +dem außerehelichen Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der +Prostitution wuchsen besonders in den Klöstern die widernatürlichen +Laster empor, sie fügte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen +Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das weibliche +Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte die +natürlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und suchte sie +als etwas, dessen sich der Mensch schämen müsse, zu verhüllen; die Ehe +war für sie in erster Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die +Geschlechtsliebe in der Ehe galt für sündhaft oder besten Falls für +einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner +Gottentfremdung bringen müsse.[80] Die äußere Heiligung der Ehe durch +ihre Erhebung zum Sakrament und die Erklärung ihrer Unauflöslichkeit hat +die innere Zerstörung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu +einander durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht. +Heuchelei, Prüderie, Unterdrückung der besten Gefühle durch eine falsche +Moralität sind die Folgen davon und ein großer Teil der psychologischen +und sittlichen Seite der Frauenfrage ist auf die durch die römische +Kirche dem Volksbewußtsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe +zurückzuführen. + +Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der Frauenfrage +durch die Kirche beeinflußt: der wachsenden Zahl der ehelosen +Geistlichen und Mönche stand eine gleiche Zahl alleinstehender Frauen +gegenüber. Die Gründung der Nonnenklöster war eine notwendige Folge +davon. In Massen strömten die Frauen in ihre schützenden Mauern. Es +blieb ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und +wenn auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die +Zahl derer immer größer, die sich vor den Unbilden des rauhen Lebens +draußen in der Welt nach einer Stätte friedlicher Arbeit und geistiger +Vertiefung sehnten. In den Klöstern wurde den Frauen eine im Vergleich +zur allgemeinen Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil. +Sie lernten die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der +Wissenschaften und manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von +Päpsten und Königen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die +Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert neben +Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und zoologischer Werke +schrieb.[81] Auf derselben Stufe der Bildung stand die vielbewunderte +"nordische Seherin" Brigitta von Schweden[82] und Hrotswith, die +lateinische Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen +beschäftigten sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von +Initialen und Miniaturen, während andere als Lehrerinnen in den +Mädchenschulen ihrer Klöster, als Krankenpflegerinnen, Stickerinnen, +Weberinnen und Wäscherinnen thätig waren. So lösten die Klöster zum Teil +die mittelalterliche Frauenfrage, indem sie nicht nur der großen Menge +alleinstehender Frauen eine Zuflucht gewährten, sondern sie auch geistig +auf eine höhere Stufe erhoben und ihnen selbständige Berufe eröffneten. +Freilich darf nicht vergessen werden, daß ihre Bedeutung für die Hebung +des weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend blieb, +denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr sittlicher +Verfall. Die bedenklichen, sich immer häufiger wiederholenden +Gründungen von Doppelklöstern,--Mönchs- und Nonnenklöster dicht +nebeneinander,--gaben mit den Anlaß dazu. Die Natur ließ ihrer nicht +spotten; sie siegte über einen asketischen Fanatismus, der die +unfruchtbaren "Gottesbräute" heilig sprach und die Mütter vor ihnen +erniedrigte. Aus Orten der Gelehrsamkeit und des Fleißes wurden die +Klöster Orte des geistigen Stumpfsinns und der Trägheit, aus Stätten +frommer Andacht und reiner Sitte, Stätten lüsterner Freuden und wilder +Unzucht. Die Reformation fegte sie fort, und es ist nicht zu verwundern, +daß die Reformatoren in ihrem blinden Eifer vergaßen, den Weizen von der +Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen Geschlecht um so +mehr, als es in den Stürmen des dreißigjährigen Krieges und dem +allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtsstätten dringend nötig +hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr denn je in die Arme +getrieben wurde. + +Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war nicht +geeignet, es aus seiner gedrückten physischen und moralischen Lage zu +befreien. In schroffem Gegensatz zu der katholischen Predigt von der +Kreuzigung des Fleisches und der Verherrlichung des Cölibats hielten sie +das eheliche Leben für das eines Christen allein würdige,[83] aber nicht +als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdrücklich als ein +"weltlich Geschäft", eine Vereinigung von Mann und Weib zur Befriedigung +natürlicher Bedürfnisse. Luther ging soweit, zu erklären, daß der Mann +das Recht habe mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu +verstoßen, wenn es ihm nicht zu Willen sei[84] und er gestattete sogar +dem Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu +schließen, weil er eine Doppelehe für sittlicher hielt, als eine +Mätressenwirtschaft und von der Unterdrückung sinnlicher Leidenschaft +nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau ausschließlich für den Mann +geschaffen; um Haushaltung und Kinderwartung allein hatte sie sich zu +kümmern,[85] eine Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen +Kirche bis in die Neuzeit hinein erhalten hat.[86] Dem, übrigens +sagenhaften Streit der katholischen Priester zu Mâcon, ob die Frau eine +Seele habe, können die einundfünfzig Thesen der Wittenberger +Protestanten, welche beweisen sollten, daß die Weiber keine Menschen +seien, würdig zur Seite gestellt werden. + +Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier +entgegenkamen, für das sie glaubensmutig den Märtyrertod starben, hat +ihre Hoffnungen nicht erfüllt. Mehr noch als aus den direkten +Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese Thatsache aus der +allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in rechtlicher, +wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung während der geschichtlichen +Entwicklung der früheren Jahrhunderte hervor. + +Das germanische Recht, dem das Gefühl der Hochachtung für die Frau und +Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr jenem Rechte Platz, das dem +heidnischen und dem christlichen Rom zusammen seinen Ursprung verdankte, +und daher für das weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie +es im allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und +Unverletzlichkeit des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese +Tendenz besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes +unumschränktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte seine Tochter +vermählen, mit wem er wollte; der Vormund hatte volles Verfügungsrecht +über sein Mündel. Der Mann konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13. +Jahrhundert herein war es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu +verkaufen.[87] Seine Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes +Stück seines Vermögens; und charakteristisch für die Rechtsanschauung +der Zeit war es, daß nur die Frau die Ehe brechen konnte,[88] denn sie +beging dadurch ein Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er +unbeschränkt in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben, +niemand nahm Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegenüber befand +sich die Frau, sofern es männlichen Geschlechts war, in untergeordneter +Stellung. Nur während der ersten Kindheit hatte die Mutter rechtliche +Gewalt über den Sohn. Mit dem siebenten Jahre schon war er ihr +entwachsen[89] und konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht +mehr am Leben war, selbst für mündig erklären und der Vormund der +eigenen Mutter werden. + +Wie in der Familie, so war die Frau natürlich auch sonst überall +rechtlos. Sie konnte keinerlei Geschäfte selbständig abschließen; es war +genau vorgeschrieben, für welche Summe die Hausfrau, ohne die +Einwilligung des Hausherrn einzuholen, Einkäufe machen durfte. Nach +päpstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da ihr Zeugnis +stets für unzuverlässig galt.[90] Wo das Landesrecht es ihr gestattete, +wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur die Aussage zweier Frauen die +Beweiskraft der eines Mannes.[91] + +Hinter all diesen Vorschriften standen die höchsten Autoritäten: +Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit, Unterwürfigkeit, +Selbstlosigkeit--das waren die Tugenden, die den Frauen von früh an +gepriesen wurden und die sie mit allen Unfreien gemeinsam hatten. Die +Gleichwertigkeit aller Menschen,--der Herren und Knechte, der Männer und +Weiber,--war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum wieder +verschwunden war. + + + + +3. Die wirtschaftliche Lage der Frauen. + + +Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, daß das +Fortschreiten der Menschheit zu höherer Kultur von sittlichen Ideen und +moralischen Reformen in erster Linie abhängig sei, so schwer ins Gewicht +fallen, als die Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des +Christentums. Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Gläubiger +beschränkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Höhe, je mehr sie sich +jedoch ausbreiteten, desto mehr mußten sie sich den äußeren +Verhältnissen anbequemen, desto mehr sahen sie sich, wenn sie nicht ganz +untergehen wollten, gezwungen, ihnen ein Ideal nach dem anderen zu +opfern. So hatten auch die Grundforderungen des Urchristentums der +wirtschaftlichen Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand +unfreier, gehorsamer, demütiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen +müssen. + +Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wäldern ein +wirtschaftliches Zentrum für sich, in dem aller Bedarf der Einwohner von +ihnen selbst geschaffen werden mußte. Der Herr des Landes war zugleich +ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre Arbeitskraft, dem ihr Leben +selbst gehörte. "Er ist mein eigen, ich mag ihn sieden oder braten", +lautet ein altes Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenüber +gebrauchte. Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13. +Jahrhunderts die Lage der Hörigen, indem er sagt: "Diese können nichts +erwerben, es sei denn für ihre Herren; sie wissen am Abend nicht, welche +Dienste ihrer am Morgen warten; sie können von ihren Herren geschlagen, +gestoßen, gefangen werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren, +und wenn sie im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus +Gnade, ohne Sicherheit, von einem Tage zum anderen."[92] Die Hörigkeit +war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr gegenüber kaum +nennenswerte rechtliche und sittliche Fortschritte auf, sodaß ein hoher +Grad von Selbstbetrug dazu gehört, wenn die christliche Kirche +behauptet, sie habe die Sklaverei abgeschafft, und sei thatsächlich, +ihrem Ursprung getreu, ein Hort der Armen und Unterdrückten geworden. +Ihre Organe, die Priester und Aebte, übten dieselben Herrenrechte aus, +wie die Fürsten und weltlichen Machthaber. Das Los der Hörigen der +Klöster war kein besseres, als das derer, die im Dienste der Ritter +standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, gekauft werden konnten, und es +für ihre Herren bei der Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig +war, eine genügende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu züchten, +wie das vierfüßige Eigentum. Die Klöster, deren Macht auf ihrem Reichtum +beruhte, hatten strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren +Hörigen. Klöster desselben Ordens pflegten sie untereinander +auszutauschen, um eine gleichmäßige Verteilung der Geschlechter +herbeizuführen und, durch Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen +kräftigen Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat +einer hörigen Frau mit dem Hörigen eines anderen Herrn zu verbieten,[93] +oder sie nur dann zu gestatten, wenn statt der ihm verloren gehenden +Arbeitskraft eine andere geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich +daraus eine bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter +den Karolingern konnte der Herr die hörige Frau, falls ihm nichts +gezahlt und kein Ersatz für sie gestellt worden war, gewaltsam ihrem +Gatten entreißen,[94] was meist dann geschah, wenn sie mehrere Kinder +geboren hatte, die er zur Hälfte mit der Mutter in seine Dienstbarkeit +zwingen durfte. Die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe wurde nur +insoweit anerkannt, als die Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei +Schaden litt. + +Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschätzt, denn die +schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. Die geistlichen +und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, Höfen und Klöstern +ausgedehnte Werkstätten, in denen oft bis zu 300 hörige Frauen mit +Spinnen und Weben, Nähen und Sticken beschäftigt wurden.[95] Den +Stoff gaben nicht nur die Schafschuren und Flachsernten der +Herrengüter,--Arbeiten, die wieder von Frauen verrichtet +wurden,--sondern auch die Abgaben und Lieferungen der Unfreien und +Zinsleute.[96] Wie die moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hörige +zum Frauengemach.[97] Ihre Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis +Sonnenuntergang, erst im späteren Mittelalter wurde das Arbeiten bei +künstlicher Beleuchtung üblich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist +unzureichende Beköstigung,[98] und, wo diese fortfiel, vier Pfennig +täglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die zuweilen die Herrin +selbst war, stand den Arbeiten vor; Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen +für die Stickereien an, die überall, auf Männer-und Frauenkleidern, +Wäsche, Wand- und Möbelbezügen angebracht wurden und oft sehr kunstvoll +waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch geschätzt wie die +Wirkerinnen seidener Bänder zum Besatz der Gewänder oder zum Schmuck des +Zaumzeugs. Da nicht nur für den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern +stets ein Vorrat von Kleidern und Wäsche zum Geschenk an die Gäste oder +zur Ausstattung des großen Gefolges bei Turnieren und Festlichkeiten +vorhanden sein mußte, so war die Arbeit eine ununterbrochene und der +Arbeitskräfte gab es nie zu wenig. Auch die Herrinnen und ihre Töchter +hatten vollauf zu thun. Wie Weib und Weben schon in einer gewissen +sprachlichen Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben +ausdrücklich für eine der höchsten Tugenden der Frauen. "Sie war fromm +und spann", heißt es häufig auf alten Grabsteinen oder in +Geschlechtsurkunden. "Die Männer sollen streiten, die Frauen sollen +spinnen", mahnte der christliche Volksredner Berthold von Regensburg. +Auch ist diese Frauenthätigkeit trotz ihrer unbeschränkten Ausnutzung +gewiß nicht die schlimmste gewesen. Weit härter war die Landarbeit, die +die hörigen Frauen zu verrichten hatten und zwar nicht nur für den +Gebieter, sondern auch für den eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten. +Es ist mehr als eine Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte +Englands erzählt, daß ein Landmann, der einen Ochsen verloren hatte, +wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu haben. + +Auch der Hausdienst der hörigen Frauen in den Höfen und Burgen war, +infolge der primitiven Hilfsmittel, außerordentlich schwer. Da sie Tag +und Nacht auf dem Posten und ihren Gebietern zur Verfügung stehen +mußten, so wohnten die für diesen Dienst bestimmten Mägde im Burgfrieden +selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem neben der Werkstätte +befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo sie aber nur schliefen, da +jede Stunde des Tages ihre Kräfte in Anspruch nahm. Vor der Erfindung +der Wassermühlen mußte das Korn von den Mägden mit der Hand gemahlen, +der Mühlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mächtigen Holzscheiten +wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im Hof, oder aus der +Quelle im Thal wurden die Wassereimer heraufgeschleppt. Neben der +Reinigung von Stuben und Küchen, wurde auch der Stall und der Garten +allein von Frauen besorgt.[99] Die Bedienung der Herrin, die Wartung der +Kinder, das Kochen und Auftragen der Speisen und Getränke gehörte +selbstverständlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung der Männer +gehörte dazu. Die Mägde halfen dem Herrn wie jedem Gast beim An- und +Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht nur das Bad, sie reichten ihm auch +die Linnentücher und trockneten ihm die Glieder.[100] Wünschte er es, so +mußten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft leisten--eine +Sitte, die im späteren Mittelalter so ausartete, daß es eine Forderung +der Gastfreundschaft war, eine Magd dem Gaste während seines Aufenthalts +zur freien Verfügung zu stellen.[101] So wurde die Einrichtung der +Frauenhäuser frühzeitig ein Herd der Prostitution, ein Harem der Ritter +und Fürsten,[102] und das berüchtigte jus primae noctis, dessen +Vorhandensein so vielfach angezweifelt wird, war überall in Kraft, wenn +es auch vielleicht als geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat. + +Arbeits- oder Lustsklavin--das war das Los der armen und unfreien +Frauen. Mit der durch Fehden, Bürgerzwiste und unaufhörliche Kriege +wachsenden Verelendung des Volkes, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen +Niedergang wuchs die Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange +familienlose Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die +Laster des Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu +bei. Den europäischen Söldnerheeren folgten Scharen von Dirnen, deren +Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die männliche Bevölkerung von +den zügellosen Horden niedergemacht, die weibliche geschändet, +und--soweit sie jung war--mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewändern, +hoch zu Roß, oder in Wagen und Sänften, zogen die Konkubinen der +geistlichen und weltlichen Herren mit zu den Reichstagen, den Konzilen +und ins Feld. So folgten dem Heere des Herzogs von Alba nach den +Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 zu Fuße nach.[103] An den +Höfen von Frankreich und England waren vornehme Herren als Marschälle +über die Dirnen gesetzt. Im Felde führten besondere Amtmänner, die +Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross eine +legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl +"fahrender Fräulein" durch bittere Not und harte Gewalt hineingetrieben +worden sein; viele unter ihnen aber, das ist zweifellos, zogen den +Landsknechten nach, weil sie in heißer Liebe und selbstloser Aufopferung +alles Elend und alle Gefahren mit dem Geliebten teilen wollten. So +unflätig und roh die Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren +klingen mögen, wir werden uns dem gefühlswarmen Ton echter Hingebung +nicht verschließen können, der den Grundakkord bildet, sobald der Sänger +von seinem tapferen Liebchen erzählt. Um so höher ist diese Tapferkeit +einzuschätzen, als alles fahrende Volk, die Frauen insbesondere, +vogelfrei, ehr- und rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und +getötet werden--für sie gab es keine Gerechtigkeit. + +Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen Abwesenheiten der +Hausherrn aus mehr als einem Grunde zerstörend: Nur zu häufig suchten +die verlassenen Frauen, wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben +führen wollten, bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesängern Trost, +und die Männer lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von steifer +Konvenienz und falscher Prüderei nichts weiß, die ganz Hingebung und +Aufopferung ist, und sie erfuhren, daß das Weib nicht nur zwischen den +wohlbehüteten friedlichen vier Pfählen des eigenen Heims eine sorgsame +Hausfrau sein kann, sondern daß sie als froher, bedürfnisloser +Zeltgenoß, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens enthüllt, die er sonst +kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, und deren Wert unschätzbar +ist. Während die Kirche durch ihre übersinnliche Auffassung von der Ehe +erstickenden Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die +Ausbreitung der mittelalterlichen freien Liebe wie glühender Sonnenbrand +auf eine nur an Schatten gewöhnte Pflanze. Der Ursprung dieser +tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und sittlichen +Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurück. Daß die für unheilig +erklärte, aus der Ehe herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher +und zügelloser und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem +Schönen und Großen, der Ausgang furchtbarer Laster und Verirrungen +wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen +Zuständen des Mittelalters nicht zu verwundern. + +Mit dem Aufblühen der Städte, dem verhältnismäßigen Wohlstand und +ruhigen, gesicherten Leben ihrer Bürger schienen im Schutze ihrer Mauern +die sittlichen Zustände reinere zu werden. Aber die tiefgreifende +Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an Stelle der hörigen +Arbeiterin nach und nach den freien Handwerker treten, die Arbeiten der +Hausfrau und ihrer Mägde durch die verschiedenartigsten Gewerbe +übernehmen ließ, machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen überflüssig, +sie selbst brot- und obdachlos, und führte sie dem Laster in die Arme. +Die ehrsamen Bürger, vor deren Augen die Prostitution sich mehr und mehr +breit machte, wußten diesem Uebelstand nicht anders zu begegnen, als +indem sie sogenannte Töchterhäuser oder Jungfrauenhöfe, die Nachfolger +der antiken Lupanare und Vorläufer der modernen Bordelle errichteten. +Sie verbargen dadurch nicht nur den ärgerniserregenden Anblick der +Dirnen, sie schufen sich auch einen geordneten, gesetzlich +sanktionierten Zugang zu ihnen, und halfen mit ihrer Schande den +Stadtsäckel füllen.[104] Der Magistrat verpachtete nämlich die Häuser an +Wirte und Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten mußten, "der Stadt +treu und hold zu sein und Frauen zu werben".[105] Vornehme Gäste wurden +vom Magistrat selbst in die offenen Häuser geführt, oder von den +schönsten, festlich geschmückten oder ganz entkleideten Dirnen +empfangen. Jetzt erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch +äußerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich gemacht wurde, +jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als "fahrendes Fräulein" +doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich durch reine Liebe über sich +selbst zu erheben, das unauslöschliche Brandmal der Schande. + +Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem +weiblichen Teil der städtischen Bevölkerung zunächst außerordentlich +erschwert, denn das zünftige Handwerk monopolisierte die Arbeit und +schloß die Frauen aus seinen Verbindungen überall aus. Trotzdem ergab es +sich von selbst, daß der Handwerker Frau und Töchter, deren Arbeitskraft +nicht mehr, wie früher, vom Haushalt allein in Anspruch genommen wurde, +zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und schließlich auch die Mägde daran +teilnehmen ließ. Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon +von Sohn oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der +Mainzer Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrücklich, Frau, +Kinder und Magd zum Nähen zu verwenden, auch im Nürnberger Stadtrecht +ist von "Knaben oder Mägdelein" als Erlerner eines Handwerks oder einer +Kunst die Rede, und eine Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts über +die Aufnahme der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die +Mitarbeit der Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur +gleichberechtigten selbständigen Ausübung des Handwerks betrachtet, +denn zunächst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die Zünfte noch +verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell zunahm, die sich ihre +Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu Nutze machten, das Handwerk +selbständig betrieben und durch Unterbieten der üblichen Preise eine +gefährliche Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die +Handwerker auch den Frauen gegenüber den Zunftzwang auszuüben. So zwang +der Rat von Soest im Jahre 1317 die Näherinnen, der Zunft beizutreten. +Wenige Jahre später verfügte der Straßburger Rat infolge der Klagen der +Wollenweber über die außerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, daß die +Weberinnen ihr beitreten müßten, und auch die in großer Zahl für sich +arbeitenden Schleier- und Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Stühle +entsprechend, einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.[106] + +Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am zünftigen +Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in den seltensten Fällen +die Bestimmungen für beide Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der +Frauen in die Handwerke, die an die Körperkräfte große Anforderungen +stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, weil niemand ein +Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es nicht in allen seinen +Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten vermochte.[107] Aber auch in den +Zünften, die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen +nur selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbständigen +Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft +erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten +schon betrieben hatten. So heißt es, in Anerkennung der Notwendigkeit +der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in der Schneiderordnung +von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen sollen all das Recht +haben, das ihre Männer hatten, damit sie sich mit ihren Kindern ernähren +können. Diese Bestimmung erfuhr jedoch meist eine große Einschränkung +dadurch, daß die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen die +Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen +durften,[108] sodaß sie nach wenigen Jahren schon aus Mangel an +Hilfskräften das Handwerk wieder aufzugeben gezwungen waren. Nur +ausnahmsweise entschlossen sich einige Zünfte, angesichts der bedrängten +wirtschaftlichen Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht +zuzugestehen, ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der +Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen--eine Bestimmung, die schon +deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, kinderreiche +Witwe gar nicht die Möglichkeit besaß, eine lange Lehrzeit +durchzumachen.[109] Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war fast immer +der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich die Gelegenheit um so +leichter bot, als er dadurch sofort Meister wurde.[110] Der weitere +Vorteil solcher Heirat war der, daß, wenn beide Eheleute desselben +Handwerks Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten +durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine Meisterstochter +heiratete, ja sie verschärfte sich oft noch in der Weise, daß die +Gewinnung der Meisterschaft davon abhing.[111] Die Zünfte suchten +dadurch dem Eindringen einer unerwünschten Menge von Konkurrenten +vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge +beschränkten, die Lehrjahre verlängerten, oder zu dem letzten +Gewaltmittel, der Schließung des Handwerks, schritten. Ideelle Bedenken +kamen ihnen inmitten des materiellen Kampfes nicht in den Sinn. Daß sie +den Egoismus förderten, der Habgier Thür und Thor öffneten, den +sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloßen Geschäft +degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, mögen +auch heute die Schwärmer für die gute alte Zeit des romantischen +Mittelalters nicht einsehen. Wo trotzdem ein freiwilliger Liebesbund +zwischen Mitgliedern verschiedener Zünfte vorkam, pflegte die Frau das +Handwerk, das sie als Mädchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus +ergiebt sich, daß schon vor vier-, fünfhundert Jahren die Not die Frauen +zwang, mitzuverdienen und für die Masse des Volkes das Ideal der auf den +Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und Mutter unerreicht blieb. + +Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den Weberzünften +zu finden. In Schlesien übertraf schon im 14. Jahrhundert die Zahl der +Garnzieherinnen die der Garnzieher; in Bremen, Köln, Dortmund, Danzig, +Speier, Ulm und München waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen +zu Hause.[112] In den Baseler Steuerregistern von 1453 werden zünftige +Teppichwirkerinnen angeführt; aber auch als Kürschner, Bäcker, +Wappensticker, Gürtler, Tuchscherer, Riemenschneider, Lohgerber, +Goldspinner und Goldschläger waren Frauen thätig.[113] Besonders in +Frankreich, für das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254 +gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der Arbeitsgebiete +des weiblichen Geschlechts ermöglicht ist, waren die Frauen in den +verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks beschäftigt. Bei den +Kristallschleifern, den Seidenspinnern, den Leinenhosenmachern, und den +Nadelmachern fanden sich weibliche Lehrlinge und Gesellen in großer +Zahl. In einigen Gewerben, wie bei den Webern und Fransenmachern, +konnten Frauen Meisterinnen werden und Lehrlinge anlernen, und während +im Anfang des Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die +Meistertöchter und allenfalls die im Hause dienenden Mägde als +Lehrdirnen zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde +Frauen in die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und +Leinenweber in München und Speier wird der fremden Lehrmädchen besonders +Erwähnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden Menge +armer Mädchen, die aus dem durch die fortwährenden inneren Fehden +verwüsteten Lande in die Städte getrieben wurden, wo sie hofften, +lohnendere Beschäftigung und größere persönliche Sicherheit zu finden. +Infolge des großen Angebots weiblicher Arbeitskräfte sanken die +Gesellenlöhne und diejenigen Handwerker, die Frauen beschäftigten, +hatten im Wettbewerb vor den anderen einen Vorsprung.[114] Daher machte +der Haß der Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr früh schon +geltend, ohne daß sich dem immer zahlreicheren Eintritt weiblicher +Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten ließ. Kriege und Seuchen rafften +die Männer hinweg; durch das Zölibat der katholischen Geistlichkeit +wurden viele Frauen selbst zum Zölibat und selbständigen Erwerb ihres +Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten Zünfte, daß +der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen Rauch" haben durfte,[115] und +im Hause des Meisters leben mußte, wo seine Arbeitskraft mehr +ausgebeutet, sein Lohn durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr +verkürzt werden konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mädchen. Die +Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, weil +die Aussicht, Meister zu werden, wegen des großen bei diesen Handwerken +nötigen Kapitals nur gering war,[116] mußten meist auch auf die +selbständige Erwerbsarbeit ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte +Stückwerker nur ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die +Gesellen anderer Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus +der Zunft ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Störer" sich +niederließen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise gegen die +Meister der Zunft konkurrierten,[117] bildeten das rasch zunehmende +Proletariat des Handwerks, das den Frauen auch nur Hunger und übermäßige +Arbeit zu bieten hatte. Es einzuschränken, um die schädigende Konkurrenz +los zu werden, war das eifrige Bestreben der Zünfte, die daher auch das +Heiratsverbot noch besonders verschärften, indem sie, wie aus der +Nürnberger Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklärten, daß +kein Gesell in seinem Handwerk gefördert oder unterstützt werden dürfte, +der ein Weib hat.[118] + +Alle diese Umstände zusammengenommen führten dazu, daß nicht nur die +Zahl der Frauen an und für sich die der Männer bei weitem übertraf, +sondern daß auch die Zahl der alleinstehenden, auf selbständigen Erwerb +angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an einer +umfassenden Statistik darüber, die Berechnungen aber, die einzelne +Städte anstellten, lassen auf die allgemeinen Bevölkerungsverhältnisse +annähernd richtige Schlüsse zu. Eine Zählung der Bevölkerung Frankfurts +a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend männliche elfhundert weibliche +Personen; eine zu Nürnberg im Jahre 1449 auf tausend erwachsene Männer +zwölfhundert und sieben Frauen; eine zu Basel im Jahre 1454 auf tausend +Männer über vierzehn Jahren zwölfhundert und sechsundvierzig +Frauen.[119] Die daraus entstehende Frauenfrage mußte sich auch dem +Gedankenlosen aufdrängen, um so mehr als ein erschreckendes Anwachsen +der Prostitution die nächste Folge war. Durch die Einrichtung von +Zünften, die bis auf ein oder zwei Zunftmeister das männliche Geschlecht +ausschlossen, suchten sich die Frauen selbst zu helfen. Die +französischen Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen, +Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. Jahrhunderts +waren in solchen Zünften vereinigt, an deren Spitze eine +Zunftmeisterin--preudefames--zu stehen pflegte. In Köln bestanden schon +im 13. Jahrhundert verschiedene große weibliche Genossenschaften, wie +die der Spinnerinnen, Näherinnen und Stickerinnen,[120] und die +Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene weibliche +Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.[121] Aber dadurch +waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht untergebracht. Die +Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit seiner langen Lehrzeit und +seiner beschränkten Zahl von Gesellen ausgeschlossen. Um sie +unterzubringen, reichten die Klöster nicht aus, die auch häufig die +Einzahlung eines kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und +die Pforten zum Leben rücksichtslos hinter ihr verriegelten. Die +Zuflucht armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an +die überall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, die +der Wohlthätigkeit der Bürger oder der städtischen Initiative ihre +Entstehung verdankten. Sie nahmen in dazu bestimmten Häusern oder +Straßen Mädchen und Frauen auf, die zwar kein Ordensgelübde abzulegen +genötigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen waren, gleiche +Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen durften, und ihren +Lebensunterhalt selbst erwerben mußten. Es gab kaum eine größere Stadt, +die nicht mehrere Beginenkonvente hatte; Köln allein besaß deren im 15. +Jahrhundert über hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, in Basel +gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, ein Frankfurt +a.M. gehörten im 14. Jahrhundert 6% der erwachsenen weiblichen +Bevölkerung den Beginenvereinen an.[122] + +Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher +außerordentlich groß. Die Beginen spannen, webten, nähten und wuschen, +sie kamen in die Häuser der Bürger zur Aushilfe im Haushalt, sie +beschäftigten sich mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil +sie umsonst wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und +ihre Bedürfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn +zufrieden sein. Auch außerhalb der Zünfte, der Klöster und der Vereine +wagten es alleinstehende Frauen einen Broterwerb zu suchen. In größeren +Städten gab es zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem +Ansehen brachten, wie z.B. die Augsburger Bürgerin Klara Hätzler, die +infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Häufiger werden weibliche +Aerzte erwähnt; in Frankfurt a.M. wird ihre Zahl am Ende des 14. +Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem Edikt der französischen +Regierung vom Jahre 1311, wonach Aerzte und Aerztinnen sich einer +Prüfung unterziehen mußten,[123] geht hervor, daß man auch dort an +diesem weiblichen Beruf keinen Anstoß nahm. Jedenfalls war die Zahl der +Frauen, die sich ihm widmeten, zu gering, um den Konkurrenzneid ihrer +männlichen Kollegen zu erregen und sie wäre neben der Masse der armen +Handarbeiterinnen nicht zu erwähnen, wenn nicht daraus zu ersehen wäre, +wie früh die Frauen sich schon gezwungen sahen, auch in die höheren +Berufe einzudringen. + +Die ersten, die den Kampf gegen die beängstigende Zunahme der +Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchführten, waren die Zünfte. +Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht organisierten Arbeiterinnen +dadurch zu unterdrücken gesucht hatten, daß sie ihren Eintritt in die +Zünfte erzwangen, wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Zünfte +und die der ausschließlich weiblichen Zünfte über den Kopf; sie +veränderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus den Zünften +wieder hinauszutreiben versuchten. Charakteristischerweise verhüllten +sie ihren Konkurrenzneid zunächst mit einem sentimentalen Mäntelchen: +die Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei für Frauen zu schwer, und +schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Zünften aus; die +Tuchwalker und die Kölner Tuchscherer und Hutmacher thaten +desgleichen,[124] indem sie feierlich erklärten, daß ihr Handwerk dem +"Manne zugehört". Bald bemühte man sich nicht mehr mit solchen +Erklärungen, denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete +über, auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden +Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her +hauptsächlich den Frauen offen standen: der Textil- und +Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem die +Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks über die Zunahme +ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es nicht nur durch, daß den +Frauen verboten wurde, andere als weibliche Kleidungsstücke +anzufertigen, sondern auch daß die Zahl der weiblichen Gehilfen und +Lehrlinge auf je einen bei einem Meister beschränkt wurde. Noch weiter +gingen die Württemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher +Lehrlinge, selbst der Meisterstöchter überhaupt untersagten, und die +Färber, die alle Frauen aus der Zunft ausschlossen. + +Das treibende Element in diesen Kämpfen waren weniger die Meister der +Zünfte, die durch die billige weibliche Arbeitskraft, durch die +Beschäftigung ihrer Frauen und Töchter ihre Konkurrenten aus dem Felde +schlugen, als die zu immer größerer Macht gelangenden Gesellenverbände. +Für die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die besiegt +werden mußte, um vorwärts zu kommen. + +So hatte ein Gürtlermeister in Straßburg Mitte des 16. Jahrhunderts +seine beiden Stieftöchter zum Handwerk erzogen und erregte dadurch den +Zorn des Gesellenverbandes seiner Zunft in dem Maße, daß es zur +Arbeitseinstellung kam, die zwei Jahre währte und mit der Niederlage des +Meisters und der Frauenarbeit endete.[125] Und wie hier das Kampfmittel +des Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg +angewandt. Die Straßburger Nestler beklagten sich nämlich bei den +Nürnbergern, daß diese Mägde beschäftigten und das Handwerk daher zu +Schaden käme, und drohten ihnen, alle in Nürnberg gelernten Nestler für +untauglich und unredlich zu erklären, wenn sie diesen Uebelstand nicht +beseitigen würden.[126] + +Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand geht mit +der Veränderung wirtschaftlicher Zustände, bietet die Thatsache, daß der +Frauenarbeit im Verlaufe des Kampfes gegen sie und nach ihrer +Unterdrückung der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer +deutlicher aufgeprägt wurde. Der Mann hielt es für unter seiner Würde, +neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und Gürtlerordnung sowie +die Nürnberger Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen +ausdrücklich.[127] Die Nürnberger Buchbindergesellen erklärten jeden für +unehrlich, der mit einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die +Gesellenverbände und die Zünfte beschlossen, wurde schließlich in die +Ratsschlüsse und landesherrlichen Verfügungen aufgenommen. Sie verboten +nicht nur die Arbeit der Frauen in den Zünften, sie hielten sie auch für +schändend, indem sie die mit den Frauen arbeitenden Männer als +unredliche bezeichneten. + +Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem zünftigen +Handwerk hinausgedrängt und das männliche Geschlecht wurde überall zur +Bedingung des Eintritts.[128] So schien der Feind besiegt, während +thatsächlich die Sterbestunde der Zünfte schlug, und er sich nur in den +Hintergrund zurückgezogen hatte, um von da aus des Handwerks goldenen +Boden weiter zu unterminieren. + +Verbieten ließ sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not zwang sie dazu, +und es hieß jetzt nur, neue Bedingungen für sie zu suchen. Wie die +sogenannten Stückwerker, die, außerhalb der Zünfte stehend, für geringen +Lohn arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Maße von den +Meistern und den "Verlegern", kaufmännischen Auftraggebern, in ihrem +eigenen Hause beschäftigt.[129] Da diese Beschäftigungsweise an keine +Werkstatt, an keine zünftigen Bestimmungen gebunden war, für die Frauen +einen sehr gesuchten, wenn auch noch so kümmerlichen Erwerb bildete und +für die Auftraggeber stets ein glänzendes Geschäft bedeutete, so dehnte +sie sich rasch bis in die entferntesten Bauernhöfe aus und riß die große +Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht mehr +jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die für den Bedarf der +Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht mehr die Arbeit im +Rahmen des zünftigen Handwerks, die doch einige Aussicht auf +Vorwärtskommen, auf Selbständigkeit in sich schloß, es war vielmehr jene +Lohnarbeit, durch die eine immer wachsende Zahl der Bevölkerung in +dauernde Abhängigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und +aussichtslosen Proletariat herabgedrückt wurde. Durch sie zerfiel das +Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die Hausindustrie,[130] +denn zahlreiche verarmte Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde +der Unternehmer und nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das +zünftige Handwerk nicht beschäftigt hatte, wurden zur Mitarbeit +herangezogen, um den kümmerlichen Verdienst ein wenig zu erhöhen. + +Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution vorbereitet, die +die gesamte Arbeit überhaupt, die Frauenarbeit insbesondere, von Grund +aus umgestalten sollte. Sie beschleunigte die Auflösung des zünftigen +Handwerks, sie entführte die Frauen mehr und mehr dem häuslichen Herd, +aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Großindustrie, die Mann und +Weib schließlich gleichmäßig in ihre Dienste zwang. + +Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen, +wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des Strumpfwirkerstuhls führte +und die Produktivität auf diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die +durch Barbara Uttmann erfundene Spitzenklöppelei beschäftigte in +Deutschland viele Hunderte von fleißigen Händen, während die von Frau +Gilbert aus Italien in Frankreich eingeführte Kunst venezianischer +Spitzenarbeit schnell zu einer blühenden Industrie sich entwickelte, in +der am Ende des vorigen Jahrhunderts gegen 100000 Arbeiterinnen thätig +waren.[131] Mit dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die +Weißstickerei sich rapid; durch die Band- und Schermühle, die +Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug +fanden zahllose Frauen Beschäftigung, denn eine mannigfaltigere und +reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen zugänglich und die +Bedürfnisse danach, die sich früher, bei der schwierigen und +langwierigen Art ihrer Herstellung, auf die großen Damen der Höfe, die +Patrizierinnen der Handelsstädte und die Courtisanen beschränkten, ein +Gemeingut auch der Frauen des Bürgerstandes. + +Aber wie geringfügig erscheint der Einfluß all der genannten technischen +Vervollkommnungen der Arbeitsmittel gegenüber der geradezu umwälzenden, +die von England 1767 durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny, +einer zunächst durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie +wurde von Jahr zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schließlich +bis zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der +Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.[132] Noch vor Anwendung +der Dampfkraft, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, entstanden +in England und Schottland die ersten Spinnereien, und 1788 gab es dort +bereits 142 Fabriken, die nicht weniger als 59000 Frauen und 48000 +Kinder beschäftigten.[133] Große Fortschritte hatte indessen auch die +mechanische Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch +Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine trat +neben den außerordentlich vervollkommneten Webstühlen in Thätigkeit und +es waren auch hier Frauen, die in erster Linie zu ihrer Bedienung +herangezogen wurden. Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich, +hauptsächlich in Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben +von Linon, Batist und Gaze beschäftigt.[134] + +Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung mußten für das +weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung sein. Jede neue +Maschine, die die Arbeit von so und so vielen Handarbeiterinnen +verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte ihre hausindustrielle +Thätigkeit und drückte auf ihren Lohn. Sie entriß aber auch den Frauen +ihnen bisher fast ausschließlich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das +Spinnen und Weben, indem sie Männer und Kinder zur Mitarbeit heranzog +und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen ließ. Und endlich +griff sie auflösend und zersetzend in den einst so fest umfriedeten +Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau klaffte von nun an ein +furchtbarer Riß: die bittere Not zwang sie in die Fabrik, wo sie der +Ausbeutung schutzlos preisgegeben war, die Mutterliebe und die von +alters her ehrwürdigen Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim. + +Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt hervorwachsenden, in +das Volksleben tief eingreifenden Fragen, stand die Gesellschaft ratlos +gegenüber. Mit ungeschickten Händen versuchte man einzelne Knoten zu +entwirren, um nur immer neue zu knüpfen. Durch Unterdrückung der +gefährlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft sollte der +Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder hergestellt werden. So +wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse mit der Begründung, sie ihren +Frauenpflichten wiedergeben zu wollen, schon 1640 die Arbeit verboten; +in Sachsen verfügte ein Gesetz, daß Bauerndirnen keinen anderen Beruf, +als den häuslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz wie +in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht verdingen +wollten, mit schweren Steuern belastet.[135] Aus den Badestuben, dem +Schankgeschäft und dem Kleinhandel wurden die Frauen vertrieben. Die +Menge der Spitzenklöpplerinnen in Nürnberg veranlaßte den Kameralisten +J.L. Dorn strenge Polizeimaßregeln gegen selbständige Arbeiterinnen zu +verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten diese +Mauern und Wällchen nicht aufzuhalten, und die hingeworfenen Strohhalme +konnten die Menge der mit den Fluten Kämpfenden nicht retten. Den Frauen +des arbeitenden Volkes blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger +und Schande. + +Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre +wirtschaftliche Existenz mußten sie nicht nur selbständig kämpfen, sie +mußten sie auch von Grund aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben +Lasten wie ihre männlichen Arbeitsgenossen, nur daß sie noch +unterdrückter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am schwersten +Leidenden duldeten sie stumm. + + + + +4. Die Stellung der Frauen im Geistesleben. + + +Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Maße auf die +Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf der einen und +die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der geistige Fortschritt, +die Ausbreitung allgemeinen Wissens und höherer Kultur wurden dadurch +bestimmt: harte Arbeit, unaufhörlicher Kampf ums tägliche Brot, raubten +dem Volk sowohl die notwendige Muße, als die geistige Frische und +Empfänglichkeit für eine tiefere Bildung, die daher zu einem Privilegium +der besitzenden Klassen werden mußte. Mehr noch als für die Männer gilt +diese scharfe Trennung für die Frauen, denen bedeutend weniger +Hilfsmittel zu Gebote standen, um die widrigen äußeren Lebensumstände +überwinden zu können. + +Auch in die Klöster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens +Zufluchtsstätten aller Bildung waren, traten meist nur begüterte und +vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit +aufgenommen, so fanden sie als Mägde Verwendung und nahmen keinen Teil +an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die +Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt +werden soll, so darf nicht vergessen werden, daß sie sich im allgemeinen +auf die Kreise der Besitzenden beschränkt, wie die Geschichte der +Frauenarbeit fast ausschließlich nur von den besitzlosen Frauen sprechen +konnte. + +Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die +Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von +Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der +Männer im allgemeinen übertraf. Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann +furchtsam und weibisch mache und daher möglichst zu vermeiden sei.[136] +Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die +Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhörlichen inneren +Wirren verursachten Zustände, verbunden mit dem Einfluß der +protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war, +hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des +weiblichen Geschlechts. Im Süden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht +wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiöser Kämpfe +geführten Kriege der Fürsten untereinander allen Wohlstand untergraben, +die Gemüter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religiösen, +erfüllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter +geöffnet als je vorher. + +Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem +Leben erwacht. Alle Umstände wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu +ermöglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero +nicht untergehen ließen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland, +sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden +Sänger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle +bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blühenden +Handelsstädte mit ihrem freien Bürgertum, die glänzenden Fürstenhöfe mit +ihren an Mitteln und Muße reichen Bewohnern bildeten den Nährboden, aus +dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der +Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprünglichen +Christentums längst vergessen machen. + +Die Frauen nahmen, soweit sie den begüterten Volksklassen angehörten, +ohne darum kämpfen zu müssen an den geistigen Schätzen teil, die in fast +unerschöpflicher Fülle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kräfte wurden +nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thätigkeit +früherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie +die Herstellung einer großen Menge Gebrauchsgegenstände übernommen +hatten und die grobe tägliche Arbeit ausschließlich den Mägden +überlassen blieb. So war es nur eine natürliche Folge der Befreiung des +begüterten Teils des weiblichen Geschlechts von einförmiger Arbeitslast, +daß er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er +reden hörte, lebhafteres Interesse nahm und daß einzelne, besonders +begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder künstlerisch thätig +waren. In den Häusern der Handelsherrn und den Palästen der Fürsten +genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten +Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pädagogen widmeten ihre +ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zöglinge, sodaß z.B. eine Cäcilia +Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die +klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige +Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die +harmonische Ausbildung der ganzen Persönlichkeit, die Individualisierung +des einzelnen Menschen.[138] Die große Errungenschaft der Renaissance +für das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, daß die +Universitäten den Frauen geöffnet wurden und der Ruhm einzelner +weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfüllte, sondern in der +Anerkennung der Frau als eines selbständischen Menschen. Die höhere Form +des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen +Novellisten[139] und Biographen erzählen, ist allein schon ein Beweis +dafür. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den +Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin +und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor +ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr +reifes Urteil wurde dem der Männer gleich geachtet, ja häufig wog es +schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig, +Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in +Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig +lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und +Künstler abhing. Die größere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance +genossen, die Selbständigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen +und Gefühlen folgten, hat religiöse und moralische Zeloten veranlaßt, +sie als ganz besonders sittenlose Geschöpfe hinzustellen, und manche +führen sie noch heute als Beispiele dafür an, daß das Weib verderbe, +wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch +zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs +und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen +Italiens zur gleichen Zeit, muß durchaus zu Gunsten dieser entschieden +werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder +hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher häufig die Bande +entwürdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese +höhere Sittlichkeit schloß von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit +gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus. + +Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit +ausartete und wo Frauen als Künstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen +öffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar: +ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein völlig männliches Gepräge, +und das höchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen männlichen +Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert +in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "männlichen +Kraft" ihrer Rede berühmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des +kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin +von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "männlichem +Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Päpsten und Kaisern Vorträge +hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf +dem Kongreß zu Mantua den Papst begrüßte, Isikratea Monti und Emilia +Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhörern anzog--sie alle sahen +ihren höchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so +sehr war diese Auffassung gang und gäbe, daß sogar bedeutende Frauen +vor sich selbst das Gelübde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen +dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des +mütterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen +gehörte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche +Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen +Höhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war, +die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als +Künstlerin und Gelehrte nicht zu überbrücken. Und an diesem Punkt mußten +die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als +ausübende, nicht nur als anregende und urteilende Kräfte im geistigen +Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des +gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur +eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war. +Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war +nicht einmal ein ausreichender Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit +der Frauen, weil sie zu ängstlich in die Fußstapfen der Männer traten, +statt zu zeigen, daß sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen. + +Durch oberflächliche Beurteilung könnte aus den zahllosen Schriften +jener Zeit über die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fähigkeiten eine +tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nähere Kenntnis jedoch +beweist, daß viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend, +einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein +glaubte, wenn er Biographien berühmter Männer schrieb. Solche berühmter +Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie überall mit im Vordergrund des +geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran +und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus +virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den +Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkämpfer +der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche +Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie +suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse +der verherrlichten Frauen zu übertreffen, bis schließlich Peter Paul +Ribera durch sein Werk über die unsterblichen Triumphe und heldenhaften +Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein +Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit großem Aufwand +von tönenden Worten nunmehr der höhere Wert des weiblichen Geschlechts +vor dem männlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff +gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher +Witz sich übten. Einen tieferen Eindruck hinterließ diese ganze +Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedürfnis zu +fern lag und nur für jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die +dank ihrer günstigen äußeren Verhältnisse sich mit gleichen geistigen +Waffen mit den Männern zu messen vermochten. + +Ihre Zahl war, trotz der 845 berühmten Frauen Riberas, im Verhältnis zur +Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur +gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres +männlichen Geistes wegen rühmten, brachte nur wenige wirklich +hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin +Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte +Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten. + +Während in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kämpfen zu müssen, +gewissermaßen selbstverständlich an den geistigen Errungenschaften teil +nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich, +England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren +gedrückt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst +gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand +zunächst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der +Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller +Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug für die Zustände in +Mitteleuropa--häufig in Gemeinschaft mit dem Bedürfnis nach einem +Broterwerb auf. Die französische Schriftstellerin Christine de Pisan ist +ein klassisches Beispiel dafür.[148] Früh verwitwet, sah sie sich +gezwungen, ihre Kinder zu ernähren und groß zu ziehen. Da sie eine, für +die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen +hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermöglichte +es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu können. Ihr +Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr über +die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Für die Beurteilung +der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cité des +dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken +der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknüpfend, für +die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklärte zum +Schluß, daß die Männer nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie +fürchteten, die Frauen könnten klüger werden als sie. Christine de Pisan +genießt den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der +Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres +eigenen Lebenskampfes, prädestiniert dazu. Nicht der Süden, der über +seine Kinder einen solchen Ueberfluß an Reichtum und Schönheit +ausschüttete, daß auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern +die Länder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch +die Frauen erfaßte, waren der Nährboden der Frauenfrage und der +Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrückung ihres +Geschlechts zuerst bewußt wurden und sie in Worte zu fassen wagten, +konnten natürlich nicht die Allermißhandeltsten sein; sie mußten auf +einer gewissen Höhe der Bildung und des Verständnisses stehen. Denn die +tiefste Not macht stumpf; sie zerstört alle Thatkraft; sie läßt selbst +das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen. + +Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine +Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die +Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der +Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen +Erfolg hatten diese Bemühungen selbstverständlich nicht, aber sie +wirkten im Verein mit dem Einfluß des Humanismus, dem Aufblühen von +Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks +wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhöhung der +Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Königin, die +beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge +gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz' +I.[149] Ihre Erzählungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr +Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem +Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch +überall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre +gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester, +Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fünfzig +Jahre später einen selbständigeren Stil und verfaßte, voller Verachtung +für die sie umgebende schwächliche und gemeine Männerwelt, trotzend auf +ihren energischen Geist, eine Schrift über die Ueberlegenheit des +weiblichen Verstandes. + +Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen +Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der +Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy +Lefèbre und Gattin seines unbedeutenden Schülers André Dacier. Die +ersten französischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des +Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift: +Traité des causes de la corruption du goût, worin sie die Angriffe +Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurückwies, hat einen +dauernden Wert behalten. Daß Anna Dacier so allein steht, ist leicht +begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung, +vertieften und verfeinerten Lebens für alle hätte werden sollen, wurde +zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schließlich bis zu +lächerlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in +Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer +wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe +und der Mutterschaft, um sich ungestört ihren Studien zu widmen. So +brachten z.B. die Précieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen +in berechtigten Verruf, und wenn Molière in seinen Lustspielen +Précieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tödliche Streiche +versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund +des weiblichen Geschlechts. + +Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die +Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands +eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm, +die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer häuslichen Sorgen, +als daß sie in nennenswerter Weise daran hätten teilnehmen können. Erst +sehr allmählich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der +Gelehrten und den Hörsälen der Universitäten auch zu ihnen. Während das +fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Blütezeit weiblicher +Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war, +setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts +ein. Viel früher beschäftigten sich jedoch die Humanisten mit der +theoretischen Erörterung der Frauenfrage, wie sie die italienische +Renaissance dadurch aufgestellt hatte, daß sie den Frauen die Pforten +zur klassischen Bildung nicht verschloß. Was dort ohne Kampf unter dem +unmittelbaren Eindruck der großen geistigen Errungenschaften geschah, +darüber mußte der grüblerische Deutsche erst langatmige Theorieen +aufstellen, und der langsame, künstlich niedergehaltene Geist der +deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homöopathischen Dosen +vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkämpfer dieser Art Frauenfrage +gelten kann, war der merkwürdige platonisch-christliche Philosoph +Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift über den Vorzug des +weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie +eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geißelt +die Erziehung der Mädchen zur Faulheit und erklärt, daß nur sie daran +schuld sei, wenn die Frauen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln und den +Beweis ihrer der männlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern +könnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrückt freilich häufig den +klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der +Federkrieg für und wider die höhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner +verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, daß die Weiber keine +Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke, +Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig +heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb +die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschränkt; eine +Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher +Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, ähnlich den Prinzessinnen +an den Höfen italienischer Mäcene, zwischen ihnen lebte, gehörte zu den +sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Bürgertum +beschränkt und nüchtern, die Fürstenhöfe arm und klein. Erst mit dem 17. +Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit +der Männer etwas Müdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug, +konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedürfnis der Frauen nach +höherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl +lernten Fürstinnen und Gelehrtentöchter die klassischen Sprachen, wohl +wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12 +Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten +einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, daß +ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Ströme von +Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich +durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persönlichkeit ist +unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberfläche, +sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen +abschütteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu +werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz, +die Tochter des unglücklichen Winterkönigs gemacht, die durch großes +Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige +Schülerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel +gestanden hatte, und warf schließlich all ihre gelehrten Bücher bei +seite, die ihr Gemüt unbefriedigt ließen, und der Hunger nach einem +vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen +war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und +schließlich den Quäkern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und +Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehörte jene weit über ihr +Verdienst bewunderte Niederländerin Anna Maria von Schurmann. Man pries +sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch +sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte +ebenfalls, eine schlichte Büßerin, dem neuen Propheten Jean Labadie. + +Das Schicksal der gelehrten Königin Christine von Schweden gestaltete +sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung +ihres Daseins, auch sie suchte schließlich durch ihren Uebertritt zum +Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte: +Befriedigung für ihr vernachlässigtes Gemüt. + +Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des +weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, für die +Erziehung der eigenen Kinder fähige Frauen schaffen sollte, ließ +allenthalben den Wunsch nach höheren Schulen für Mädchen laut werden. In +England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat +der Dissenter und treue Anhänger Wilhelms von Oranien, Daniel +Defoe,[156] für die Gründung einer Frauenakademie ein, indem er +erklärte: Wenn Wissen und Verstand überflüssige Zuthaten für das +weibliche Geschlecht wären, so hätte ihnen Gott nicht die Fähigkeiten +dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan +als Vorkämpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann, +unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen +Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu gründen, in denen nicht nur die +Mädchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die +alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthätigen Frauen zu nützlicher +Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159] +Mit logischer Schärfe wandte sie sich gegen das Recht des Stärkeren: +"Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau überlegen ist, so dürfte +selbst die größte Königin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener +gehorsam sein ... Wenn bloße Stärke das Recht zu herrschen giebt, so +sind wir jedem Lastträger Gehorsam schuldig ... Aber der kräftigste ist +nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott +unparteiisch unter die Geschlechter verteilte." + +Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, daß keine zaghafte, +unselbständige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften +Bildung stand die Engländerin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und +ihren Charakter betrifft, über den Frauen des nördlichen Kontinents. Die +freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann +einen Staatsbürger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht +hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorübergehen. Und die +großen Herrscher ihres Geschlechtes mußten die gesamte Meinung über die +Frau günstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer +Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der höheren Stände +politische Rechte besessen hatten. Die Großgrundbesitzerinnen aus den +alten eingesessenen Familien und die freien Bürgerinnen der Städte +sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der +Friedensrichter, wurden häufig von Frauen bekleidet. Erst auf das +Betreiben des berühmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die +Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als +Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18. +Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrücklich ausgeschlossen.[160] In Anna +Clifford verkörperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze +Selbständigkeit der englischen Staatsbürgerin. Jahrelang protestierte +sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr +Wahlrecht ausübte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung +an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklärte sie ihr: +"Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein König hat mich verachtet, aber +ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland +nicht vertreten." + +Der Kampf um die mit Füßen getretenen Grundrechte des englischen Volkes +und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Bestätigung im +Jahre 1689 mußten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn +sie auch persönlich unberücksichtigt blieb. Steigerte doch die +Erweiterung und Befestigung der Rechte der Bürger, die Einschränkung der +Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewußtsein +jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfänge +der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent. +Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu, +und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den +Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna +Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der +gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse für die +Wissenschaften äußerte sich weit mehr durch Gründung und Unterstützung +gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwölf Colleges wurden vom 14. bis +zum 16. Jahrhundert von Frauen gegründet[161]--als durch produktive +Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule für ihr +eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells +Vorschlag blieben somit unbeachtet. + +In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Pläne +handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im +Anfang des 18. Jahrhunderts erörterten das Thema nach allen Richtungen +hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu gründen. Aber +es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare +allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl +einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der +litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder, +während seine weit klügere Frau sich in ihren Briefen wiederholt über +die Frauen lustig machte, deren sehnsüchtig erstrebtes Ziel der +Doktorhut war. Thatsächlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel +selbständiger Leistungen deutlich genug zeigten, daß mehr Eitelkeit und +Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens +waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Dorothea von Schlözer, die unter +anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes +Thema, wie die russische Münzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste +aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne +Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhöhung ihres Ruhmes der akademischen +Würden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs +Kometen, die große Gehilfin ihres großen Bruders. + +Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen über die weiblichen +Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fällen ist, dürfen doch die +Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten: +sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewöhnlichen +Rahmen des Frauenlebens die Frage der höheren weiblichen Bildung in Fluß +und auf sie ist es mit zurückzuführen, daß ihre Lösung die erste Aufgabe +der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder +ihrer Entstehung wurde. + +Um aber das Bild der Frau der oberen Stände bis zur Schwelle des 19. +Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmäßige +Frauenbewegung überall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die +französische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht +vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich +das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolität, ihre +Gefühlsroheit und ihre Sentimentalität, ihre tiefe Erniedrigung und ihr +Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klöster, in denen die +jungen Mädchen erzogen wurden, schlüpfte die Lascivität: so schmiedete +eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schülerin den Plan, durch +den sie den König einfangen wollte.[163] Glanz und Vergnügen war Aller +Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die +Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum +erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares +abgemachtes Geschäft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt für +altmodisch und lächerlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die +Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der +umständlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten +Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die +auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhänge geschützt werden konnte, +nachts auf den üppigen Maskenbällen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die +Mode alle Natur unterdrückte, die Taille gewaltsam einzwängte, die +Hüften durch Reifröcke ins Ungeheuerliche vergrößerte, die Haare durch +Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und +Schönpflästerchen zur Maske machte, so waren auch alle natürlichen +Gefühle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand +nur im Dienst der Genußsucht. Die vielgerühmte geistreiche Konversation +des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflächlich, nur auf Triumphe +der Eitelkeit berechnet. Für die Korruption des weiblichen Geschlechts +spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung +der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die +Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nähren, verbot die +Rücksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens. +Zurückgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante +übergeben, die so früh als möglich einen jungen Herrn oder eine junge +Dame aus ihm machten. Daß es eine fröhliche Kindheit für diese armen +Geschöpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben +der Anzüge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten +Löckchen. Das Kloster löste schließlich die Erziehung durch die +Gouvernante ab.[165] Und währenddessen ging die Mutter dem Vergnügen +nach, ohne selbst zu wissen, daß sie in dieser Hetzjagd dasjenige +suchte, was ihr verlassenes Kind ihr hätte bieten können: ein innerlich +reiches Leben. + +Aber während auf der einen Seite ihr Gemütsleben abstarb und über all +den schönen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht, +entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches +Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die +Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schönen +Künste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Könige, die Minister und +Diplomaten wurden in ihren Entschlüssen von ihr gelenkt, in ihren +Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflußt.[166] In den Salons der +Gräfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der +Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die +Fäden der inneren und äußeren Politik zusammen. Das Reich der Frauen +war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister +handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie +jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte nicht kennt, +durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die +Frauen treiben mußten, weil sie öffentliche Rechte nicht besaßen, wirkte +natürlich äußerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und +intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr +Interesse für die Fragen des öffentlichen Lebens dadurch erweckt, und +während die große Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin +zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft +politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Bürgertums, +eine Necker, eine Roland, für die Vorkämpfer der Revolution in die +Schranken der politischen Arena. + +Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren +Freunden, den Encyklopädisten, getragen wurde, fand Unterstützung durch +die Frauen. Aber diese Unterstützung darf nicht überschätzt werden. Nur +zu oft war es das Bedürfnis nach neuen Sensationen, das den modernen +Philosophen die Salons und die Herzen öffnete. Alle Genüsse hatten diese +Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genuß. +Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopädisten +leicht zu erklären, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben +zunächst überraschende Umstand, daß keine Frau es zu großen +schöpferischen Leistungen brachte. Während aber ein Voltaire die Frauen +verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und +nur ihre körperlichen Reize gelten ließ,[169] war es Rousseau, der die +Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem +psychologischen Verständnis ihren Ursachen nachzuspüren und sie von da +aus zu bekämpfen. Wenn er dabei über das Ziel hinausschoß und die +Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu +seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und für das +Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr +leicht gegenüber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat. +Unnachsichtig in seiner Kritik, erklärte er doch zugleich viele ihrer +Schwächen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht, +meinte er, zeigt dadurch, daß sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre +Langeweile zu töten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die +harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe +wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu wählen, sondern +ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen, +damit sie ihre eigene innere und äußere Unnatur beschämt erkennen +möchte. Er geißelte rücksichtslos ihren Müßiggang, und wandte sich an +beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthätigkeit verzehrt, was +er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlösende Wort +jedoch für die eingeschnürte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es +in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nähre dein Kind an deinem eigenen +Busen, hüte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit +verschwinden, das Gefühlsleben zur Natur zurückkehren, werden die +Eheleute sich innig verbunden fühlen; denn sobald die Frauen wieder +anfangen, Mütter zu sein, werden die Männer es lernen, wieder Gatten und +Väter zu werden.[174] + +Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau +die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er +aber kein Prophet im Sinne naiver Gläubiger war, aus dessen Kopf völlig +neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des +Zeus, sondern nur einer jener genialen Männer, die das geheime Leid +ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen +und aussprechen, so begrüßten zahllose ihn als ihren Erlöser. Sagte er +doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur +den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten. +Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen +Memoiren der Madame d'Epinay. Für eine kommende Zeit und ein neues +Geschlecht mit jugendkräftigen Gliedern und warm pulsierendem +Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das +Grablied sang, den feurigen Morgengruß: Der Mensch ist frei geboren.... +Stärke gewährt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf +seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten +verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft muß an Stelle der +physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit +setzen.[175] + +Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden +Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die +Leitsätze für eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die +kräftigste Saat unfruchtbar bleiben muß, wenn sie nicht auf fruchtbaren +Boden fällt, so wäre auch keiner dieser Gedanken in die Köpfe und +Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und +politische Entwicklung sie dafür empfänglich gemacht hätte. Nicht die +wenigen Männer, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der +Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die +Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den +gesamten verrotteten Zuständen heraus; und nicht die wenigen Frauen, die +infolge persönlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen +überschritten, oder infolge persönlicher Schicksale ihre unwürdige Lage +erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mußte die +materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus +und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kämpften, damit sie +entstehen konnte. + + + + +5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution. + + +Nach schwächlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach +die Revolution aus. Sie mußte von Frankreich ausgehen, obwohl in allen +Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier +alle Umstände zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen +welterschütternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein +jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der +herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende +Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige +Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die +Encyklopädisten. In der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts +finden sich alle jene Ideen, die in den Stürmen der Revolution nach +Verwirklichung strebten.[176] + +Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren +und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den +Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit +vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschülerin, durch die Schriften +Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schülerin +Rousseaus;[177] ähnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der +Herrschaft über die Helden der Anfänge der Revolution, Sophie de +Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels +Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus +Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber +auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu +spielen nicht bestimmt waren, nährten ihren Geist an denselben Quellen +und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflußt durch Rousseau, +wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaßen. Es ist kein +Zufall, daß die Zeit der ersten Begeisterung für "Emile" mit der Zeit +der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre, +Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfällt, denn in den Händen +ihrer Mütter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die +Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker, +die Träume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefühl und +machten daher die Frauen zu ihren glühendsten Vertreterinnen. In ihren +Salons versammelten sich die führenden Geister und achteten ihr Urteil +als ein dem der Männer durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit +war erfüllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen +kann, der in seinen Strom gerät, und das alle schlummernden Kräfte des +Geistes zu reger Bethätigung auslöst.[180] Während der eine Teil der +Frauen sich damit begnügte für Natur, Freiheit und Gleichheit zu +schwärmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und +griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Staël erinnert--nicht nur +urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik +ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am +politischen Leben darf aber ein Umstand nicht außer acht gelassen +werden: der Einfluß Amerikas. Wie er sich in der Erklärung der +Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der +freiheitliche Luftzug, der von den Unabhängigkeitskriegen ausging, manch +mittelalterlichen Trödel aus Europa austreiben half, so ist auch die +Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Züge auf ihn +zurückzuführen. + +Die Frauen Amerikas schürten von Anfang an den Widerstand ihres +Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die +Schwester des feurigen Freiheitskämpfers James Otis, vereinigte in ihrem +Salon die Führer der Bewegung; als sogar Washington von der endgültigen +Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte, +forderte sie die Unabhängigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in +lebhaftem Briefwechsel und die Unabhängigkeitserklärung zeigt deutlich +die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die +Gattin des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch +die ersten Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen +Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongreß die Verfassung +zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die künftige +Verfassung den Frauen keine gründliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind +wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht für verpflichtet +uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung +unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die +Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den öffentlichen Schulen und +begründete ihre Forderung, indem sie erklärte, daß ein Staat, der +Helden, Staatsmänner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst +wahrhaft gebildete Mütter haben müsse. Infolgedessen wurden die Schulen +den Frauen geöffnet, während der Wunsch nach politischer +Gleichberechtigung für die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfüllt +blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt +ihren weiblichen Bürgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die +weit über die Grenzen Amerikas hinaus das größte Aufsehen erregte.[182] + +Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung für die +Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafür +vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach +höherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kämpfe der Zeit +eingreifen zu können, machte sich zunächst geltend. Die Konversation in +den Salons, die Privatlektüre genügten nicht mehr und so wurde im Jahre +1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum +gegründet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde, +denen sich ein kleiner Kreis von Männern,--im ganzen etwa 700 +Personen,--anschloß. Die letzten der Encyklopädisten und ihre Nachfolger +lasen dort über Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und +Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre +gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien +in der phrygischen Mütze auf der Tribüne,[183] und die Schüler, zu denen +Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehörten, wurden +aus Zuhörern handelnde Personen in dem Drama, das sich draußen +entwickelte. + +Durch die Gründung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung +anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten +die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses +Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen +Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den +Bericht über die Neuordnung des öffentlichen Unterrichts vorlegte, +widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der +von den übrigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausführungen +durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm +gewünschte Einschränkung der Frauenbildung auf das geringste Maß zu +begründen, griff er bis auf die Frage zurück, ob Frauen als Staatsbürger +anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, daß es wie eine mit den +Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende +Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hälfte des Menschengeschlechts +außerhalb der Verfassung stehe, aber, so fügte er hinzu, ein anderer +wichtiger Umstand müsse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck +aller staatlichen Einrichtungen muß das Glück der größten Anzahl sein; +wenn die Ausschließung der Frauen von allen öffentlichen Rechten für +beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glücks zu erhöhen, so +muß jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung +der männlichen Jugend das Ziel hat, Bürger heranzubilden, die allen +Rechten und Pflichten dem Staate gegenüber gewachsen sind, die Natur den +Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer +Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle +des Unglücks ist, so müssen die Erziehungsmethoden für beide +Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschluß an Talleyrands +Bericht beschloß die Nationalversammlung die Mädchen nur bis zum achten +Lebensjahr in öffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der +häuslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt, +sollen an Stelle der früheren klösterlichen Erziehungsanstalten +weltliche treten, in denen die Mädchen in allen ihrem Geschlecht +angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der +Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, daß alle Kinder, +ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in +sogenannten maisons d'égalité gemeinsam erzogen werden sollten.[186] +Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen +Geschlechts zu heben oder gar der männlichen gleichzustellen, findet +sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu +sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als daß diese Forderung +der Frauen eingehende Berücksichtigung hätte finden können. Sie wurde +auch von ihnen selbst ohne großen Nachdruck verfolgt; die Frauen der +Bourgeoisie saßen sowieso schon als Gleichberechtigte an der +reichbesetzten Tafel geistiger Genüsse, und die Frauen der arbeitenden +Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spüren, wo der +physische ihren Körper verzehrte. + +Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789 +bis 1799 waren für die französische Industrie verderblich, nicht nur +weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie förmlich erdrückte, +sondern,--und das spürten die arbeitenden Frauen besonders +empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des großen +geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide +zurückging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen +der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an. + +Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zählte man 50000 Bettler in +Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand, +wuchs die Zahl der Bettler in den nächsten zehn Jahren bis auf 1-1/2 +Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um +1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf +680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter +ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshäusern interniert, wo die +gräßlichsten Krankheiten nie aufhörten, und man die Armen, als ob sie +nicht durch das eigene Unglück genug gegeißelt würden, mit +Peitschenhieben züchtigte.[190] Die größte Not aber herrschte in den +Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs +mit dem Elend der Haß empor, und er richtete sich nicht nur gegen den +Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Haß +der Bourgeoisie, sondern in erhöhtem Maße gegen die Ausbeuter und +Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tägliche +Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so +daß Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder +hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der +Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schätzte doch +Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf +70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von +den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu +verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten, +weil die gewaltigsten Triebkräfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu +den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf +jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenüber den +Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit +geschlagen; sie schwärmten für Freiheit und Gleichheit, für ein +friedliches Leben in der Natur, für Brüderlichkeit und allenfalls für +Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische +Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit +entfernt davon, über die Kluft, die sie vom Proletariat trennte, +hinwegzuschreiten oder auch nur hinüberzusehen. Selbst die Memoiren der +bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal +einen Hinweis auf das Elend ihrer ärmsten Geschlechtsgenossinnen. So +merkwürdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf +bewußte Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst +vortrefflichen Menschen schwer fällt, den Kreis ihrer Gefühle so über +die eigene Klasse auszudehnen, daß keinerlei Regung des Klassenegoismus +mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die +inneren und äußeren Schranken zwischen den Ständen weit größere waren, +noch viel schwerer. Das Proletariat mußte seine Sache selbst führen, +wenn es überhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die +Heerführer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlösser des Adels in Flammen +aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem +wütenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die +Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und +der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfüllt von dem Wunsch, +Abhilfe zu schaffen, auf die verödeten Werkstätten und die Massen der +Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mütter waren, vom +Unglück doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis +sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbständigem Handeln +erwachten. + +Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der +Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von +Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie möglich. +Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um +Hilfe, aber sie wußten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194] +daß sie kamen, war schon Wagnis genug, wie hätten sie sich auch noch zur +Aussprache bestimmter Forderungen entschließen können? Ihre That, so +ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender +Bedeutung: die Frauen fühlten den Mut, zu sagen, was sie quälte; die +durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte +immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage +gelangte zu klarem Bewußtsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende +Broschüren beschäftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung; +die ganze Not des armen alleinstehenden Mädchens, das von der +ehrlichen Arbeit ihrer Hände nicht leben kann und der Schande +gewaltsam in die Arme gestoßen wird, klang aus der "Motion de la +pauvre Javotte"[195] erschütternd heraus; als eine notwendige Folge der +wirtschaftlichen Zustände wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin +unerhörter Schluß!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie +einzuschränken, gesucht. Auf die Zurückdrängung der Frauen von guten +Erwerbsmöglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschäftlichen +Gründen geschlossenen Ehen zurückgeführt, und die Forderung, dem +weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt +ermöglichender Arbeit zu eröffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In +einer Petition der Frauen an den König fand sie ihre klarste Fassung. +Die Männer, so heißt es darin, sollen die den Frauen zukommenden +Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausüben +dürfen, dafür würden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompaß noch +das Winkelmaß zu führen; "wir wollen Beschäftigung haben, nicht um die +Autorität der Männer an uns zu reißen, sondern um unser Leben zu +fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wünsche natürlich nicht, aber +die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr +überhört und vergessen werden. Sie beeinflußte die Diskussion über die +Lage der Zünfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach +ganz aus ihren Verbänden herausgedrängt hatten, und deren Auflösung im +Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrüßt wurde. Sie +bedeutete für sie, gleichgültig welches die weiteren Folgen waren, die +Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem +Gebiete manueller Arbeit. + +Das öffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschränkte +sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie +die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die +Kämpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie +Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hyänen werden, zu +illustrieren suchen. Gewiß ist, daß der Sturm entfesselter +Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er +mit allen Mitteln der Gewalt unterdrückt worden war, und daß es unter +den Frauen wie unter den Männern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie +in erregten Zeiten überall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der +Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober +1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerüchte +der skandalösen Vorgänge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser +Volks aufs äußerste gesteigert, aber nicht die Männer, sondern die +Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstädte, die Händlerinnen der Hallen +waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus +gestürmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der +Zahl, nach Versailles.[197] + +Diese revolutionäre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem +natürlichen Gefühl des Volks herauswuchs, gehört den Frauen, wie die des +14. Juli den Männern gehört hatte. Die Männer eroberten die Bastille, +die Frauen den König und damit das Königtum.[198] Denn obwohl es +zunächst den Anschein hatte, als wäre die Revolution beendet, fing sie +in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener +Kraft ihren Platz im öffentlichen Leben erkämpft; mochten sie auch der +Rechte der Staatsbürger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte +nicht mehr überhört, ihre Lage nicht mehr übersehen werden. Dabei war +ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und äußeren Politik +geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch +in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund +dieser Erkenntnis zu treibenden Kräften der revolutionären +Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der +Männer ein und beteiligten sich an den Debatten, sie gründeten nunmehr +auch in fast allen großen Städten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft +eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zählte +allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes +républicaines et révolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem +der Patriotes des deux sexes défenseurs de la Constitution, der unter +dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehört auch Madame +Roland, die einflußreichste Politikerin der Revolution als Mitglied an. +Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einfluß verdankte ihr Gatte +seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die +französischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von +ihrer Hand geschrieben sind. Sie übertraf an Kenntnissen, an Reinheit +der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur +sie war im stände jenen Brief an den König zu schreiben, der die +Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach +ihre Person den Beweis für die Berechtigung der Forderungen der +Frauenbewegung lieferte, so wenig übte sie irgend welche direkten +Einfluß auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung. + +Eine der eigentümlichsten Persönlichkeiten, welche die an Originalen so +reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin +und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr +eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Bürger von +Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß sie einem +Verhältnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich später nannte,--mit +dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr +jung heiratet das blühend schöne Mädchen, deren bourbonische Züge zu +dem Gerücht Anlaß gaben, daß Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber +schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglücklichen +Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr +mangelhaften Bildung infolge ihres sprühenden Geistes und ihrer +Schönheit der Mittelpunkt fröhlicher Geselligkeit wurde. Daß das +unerfahrene Geschöpf dabei ihr Herz vor stürmischen Leidenschaften nicht +behüten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgründe und +die Höhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte, +die Vorkämpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie +suchte sich zunächst einen Ausweg in litterarischer Produktion für das +Theater, natürlich, trotz geistreicher Aperçus, bei ihrer geringen +Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck +der fortschreitenden Revolution dieser Thätigkeit und ihrem ganzen +bisherigen Leben den Rücken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der +Arbeit für das öffentliche Wohl rückhaltlos in die Arme zu werfen." Sie +that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialität +überwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das +Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewöhnliche +Kräfte verlieh. Sie überraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer +wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache. +Selbst die Nationalversammlung hörte staunend dieser glänzenden Rednerin +zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was +sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schönsten +Zügen. Angesichts der Hungersnot veranlaßte sie durch einen öffentlichen +Aufruf und durch ihr Beispiel, daß zahlreiche Frauen in wetteiferndem +Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie +das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschäftigte sich mit der +brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie +Einrichtung öffentlicher Unterstützungskassen zu seiner Bekämpfung, dann +aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewußtsein kam, +agitierte sie in Wort und Schrift für die Errichtung staatlicher +Musterwerkstätten für Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur +Verwirklichung kam. + +Alle diese Bestrebungen aber waren gegenüber ihrer Thätigkeit zu gunsten +ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete +der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer +Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, daß auch +unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt +sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thätigen Anteil +nehmen?" Als aber die Erklärung der Menschenrechte erschien und alles +begeisterte, veröffentlichte sie ein Manifest, die Erklärung der Rechte +der Frauen, das in kurzen kräftigen Zügen das Programm der +Frauenbewegung enthält. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie +nachweist, daß das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der +Frauen die Ursache nationalen Unglücks und sittlicher Korruption wäre, +fährt sie fort: + +"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das +Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der +unveräußerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des +Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die +Unterdrückung.... Die Ausübung der Rechte, die der Frau von Natur +gebühren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der +Gemeinschaft von Männern und Frauen besteht die Nation, auf der der +Staat beruht; die Gesetzgebung muß der Ausdruck des Willens dieser +Allgemeinheit sein. Alle Bürgerinnen müssen ebenso wie alle Bürger +persönlich oder durch ihre gewählten Vertreter an ihrer Gestaltung +teilnehmen. Sie muß für alle die gleiche sein. Daher müssen alle +Bürgerinnen und alle Bürger, entsprechend ihren Fähigkeiten, zu allen +öffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmäßig +zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente +dürfen den Maßstab für ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das +Schaffot zu besteigen, die Tribüne zu besteigen, sollte sie dasselbe +Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und +nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen. + +"Die Frau trägt ebenso wie der Mann zum Vermögen des Staates bei, sie +hat dasselbe Recht wie er, über dessen Verwaltung Rechenschaft zu +fordern. Eine Verfassung ist ungültig, wenn nicht die Mehrheit aller +Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung +mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit +hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr +sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft +der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie +die Männer nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Füßen liegen, +sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu +teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203] + +Ihre Erklärung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschüren für und +gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden +Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift für die +Frauenbewegung: l'Observateur féminin. Die Nationalversammlung wurde mit +Petitionen bestürmt, die politische und soziale Gleichstellung +verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch +die des männlichen Geschlechts," hieß es in der einen; "das Volk wird in +den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum +befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de +Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick für gekommen, die +vereinzelten Kämpferinnen für Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem +Vorgehen größeren Nachdruck zu verleihen. Sie gründete die ersten +politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glänzendste Agitatorin sie +wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frühzeitiges Ende bereitet +werden. Ihrem Gefühl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der +Freiheit verüben sah, und sie gehörte nicht zu denen, die es verstehen, +der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu +bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde, +schändet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte +Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die +Nationalversammlung die Absetzung des Königs gefordert und angesichts +der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit für Sie, +um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie über Pyramiden von +Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Prozeß +des Königs geführt wurde, empörte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr +mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, hütet euch, daß ihr nicht +unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte +Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen +sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles +gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte +jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit +die Massen hinzureißen verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an +der Spitze einer royalistischen Verschwörung zu stehen, zu der sie, als +natürliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fühle. Statt nun +in ihren öffentlichen Angriffen auf die Führer der Revolution +vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rücksichtsloser, denn das +Todesurteil über den König versetzte sie in die äußerste Erregung. Sie +sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie fürchtete auch die Folgen für +die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen; +eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelöst +werden." In dem Bedürfnis, nichts unversucht zu lassen, um das +Verhängnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen +leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum +äußersten für ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent +zur Verteidigung des Königs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie, +ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schärfsten Pamphlete, +in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch +ausrief: "Auch dein Thron wird einst das Schaffot sein." Dabei versuchte +sie, auch auf die Frauenvereine in ihrem Sinn Einfluß zu üben, und +erreichte vielfach, daß diese eine drohende Haltung einnahmen und +öffentlich für die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de +Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht lange +entgehen. Im Sommer 1793--sie war 45 Jahre alt--wurde sie verhaftet, am +3. November fiel ihr Kopf unter dem Fallbeil.[205] Mochte sie in ihrem +abenteuerreichen Leben die Grenzen bürgerlicher Sittsamkeit noch so oft +überschritten haben, mochte ihr exzentrisches Wesen dem landläufigen +Begriff zurückhaltender Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,--die +Frauenbewegung darf dennoch stolz auf ihre Vorkämpferin sein. Das Urteil +über die öffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt sich vorwiegend +nach den Wirkungen, die er durch seine Thätigkeit auf den sozialen +Fortschritt ausgeübt hat. Von diesem Standpunkt aus gebührt Olympe de +Gouges der Ruhm, die Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem +beachtenswerten Faktor im öffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war +ihr Auftreten typisch für die Haltung der Frauen und ihrer Vereine +überhaupt. + +Sie erregten in steigendem Maße die lebhafteste Unzufriedenheit des +Konvents und der Kommune; teils wurde den Frauen unsittlicher +Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches Eingreifen in die +politischen Kämpfe zum Vorwurf gemacht. Das geschah gewiß nicht ohne +Grund, denn eine Zeit, in der alle alten Institutionen ins Wanken +geraten, wirft schwache Charaktere und heiße Herzen nur zur leicht aus +dem rechten Geleise; aber es muß angesichts der harten Urteile der +Zeitgenossen über die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden, +daß sie ihr und ihren Forderungen gegenüber fast sämtlich einen von +vornherein feindseligen Standpunkt einnahmen. Selbst die radikalsten +Politiker hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste +Verständnis für sie. Die Frauen standen fast vollständig allein, dazu +kam, daß sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefühlsseite hin am +stärksten entwickelt ist, rücksichtslos gegen jedermann vorgingen, der +sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit schuldig machte. Eine große +Anzahl der Anklagen gegen Frauen gründete sich darauf, daß sie sich +mitleidig eines Gefangenen angenommen, oder für einen, ihrer Meinung +nach unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war +den Männern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit gegenüber +den Leiden der Gegner so unverständlich, daß sie es sich immer nur +durch das Bestehen eines Liebesverhältnisses zwischen der betreffenden +Frau und dem Verurteilten zu erklären vermochten. Auch eine der +begabtesten Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der +Frauen nach Versailles angeführt hatte, geriet unter diesen Verdacht, +obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkämpferin der Revolution, +am wenigsten begründet zu sein scheint. Infolge der Erbitterung gegen +die öffentlich auftretenden Frauen, die im Jahre 1793, dem Todesjahr +Olympe de Gouges, ihren Höhepunkt erreicht hatte, gestalteten sich die +Angriffe gegen Rose Lacombe schließlich zum Kampf gegen die +Frauenbewegung selbst. + +Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenüber beklagt, daß Gefangene +tagelang im Gefängnis schmachteten, ohne auch nur verhört zu werden, wie +es bei dem Maire von Toulouse, in dessen Sohn man ihren Liebhaber +vermutete, geschehen war, und sie forderte, man solle beschließen, jeden +Gefangenen binnen 24 Stunden zu verhören, ihm die Freiheit zu schenken, +wenn seine Unschuld sich erweist, ihn zu töten, wenn er schuldig ist. +Eine Behandlung, wie die gegenwärtige, verstieße gegen die Gesetze der +Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik sein müßten. Auf die Frage, +warum gerade der Maire von Toulouse, ein Aristokrat, sie, die +Verfolgerin der Aristokraten, zur Verteidigerin gewinnen könne, +erwiderte sie ruhig: "Er verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklärung +erschien Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub +und stieß um so weniger auf Widerstand, als der revolutionäre +republikanische Frauenverein, an dessen Spitze Rose Lacombe stand, durch +den Mut, mit dem er der Selbstherrlichkeit Robespierres gegenüber die +Rechte des Volks verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu +bahnen versuchte, schon längst verdächtigt wurde.[206] Rose Lacombe +versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; man ließ sie +nicht zum Worte kommen und übergab ihre Sache der Kommission für +öffentliche Sicherheit.[207] Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde, +beantragte die Kommission, der Konvent möge beschließen, daß alle +Frauenvereine, gleichgültig, welchen Namen sie trügen, aufgelöst und +ein für allemal verboten würden. Die Rede des Konventmitglieds Amar, die +diesen Antrag begründete, ist bezeichnend für die Stellung, welche die +Männer der Revolution der Frauenbewegung gegenüber einnehmen. Er +verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte +ausüben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen dürften, und ob es +ihnen gestattet sein sollte, politische Vereine zu bilden, indem er +folgendermaßen argumentierte: + +"Regieren heißt, die öffentlichen Angelegenheiten durch Gesetze leiten, +deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, strenge Unparteilichkeit, +ernste Selbstverleugnung zur Voraussetzung hat; regieren heißt, die +Handlungen der Diener des Staates unter ständiger Aufsicht haben. Sind +die Frauen dazu fähig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften dafür? +Nur durch recht wenige Beispiele könnte diese Frage bejaht werden. Die +politischen Rechte der Bürger bestehen darin, im Interesse des Staates +Beschlüsse zu fassen, sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen. +Haben die Frauen die moralische und physische Kraft, welche das eine wie +das andere dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht +dagegen...." + +"Der Zweck der Volksvereine ist, die Thätigkeit der Feinde des +öffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen Bürger, die Beamten des +Staates, ja selbst die gesetzgebende Körperschaft zu beaufsichtigen; die +Begeisterung Aller durch das Beispiel republikanischer Tugenden +anzufeuern; sich selbst durch öffentliche Besprechungen über die Fehler +oder die Vorteile politischer Maßnahmen aufzuklären. Können Frauen sich +diesen ebenso nützlichen wie schwierigen Arbeiten unterziehen? Nein, +denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen Sorgen hinzugeben, die +die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes Geschlecht ist zu der Thätigkeit +berufen, die ihm entspricht; seine Handlungen sind auf einen Kreis +beschränkt, den es nicht überschreiten darf, weil die Natur selbst diese +Grenzen dem Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe, +daß es sich öffentlich zeigt, daß es mit Männern diskutiert, und +öffentlich, angesichts des Volkes, sich über die Fragen ausspricht, von +denen das Wohl der Republik abhängt? Im allgemeinen sind die Frauen +unfähig hoher Konzeptionen und ernster Überlegungen.... Aber noch unter +einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine gefährlich. Wenn wir +bedenken, daß die politische Erziehung der Männer noch im Frührot der +Entwicklung steht, und daß wir das Wort Freiheit erst zu stammeln +vermögen, um wie viel weniger aufgeklärt sind dann die Frauen, deren +Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in den Volksvereinen +würde daher Personen einen aktiven Anteil an der Regierung gewähren, die +dem Irrtum und der Verführung stärker ausgesetzt sind als andere. Fügen +wir hinzu, daß die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die +Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert würden, was die +Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr hervorbringt...." + +Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der Konvent am +30. Oktober 1793 ihre Auflösung zum Beschluß.[208] + +In stürmischen Versammlungen protestierten die Frauen dagegen, und eine +Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in den Sitzungssaal der +Kommune, um hier persönlich für die Anullierung des Beschlusses, soweit +die Stadt Paris in Betracht kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum +Wort, da der Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in +einer wütenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er folgte +darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schließlich seiner Rede den +ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn ihre Gründe nicht +durchschlagen, schließlich die Unentschiedenen für sich zu gewinnen +pflegen. "Die Natur sagte der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die +Erziehung der Kinder, die häuslichen Sorgen, die süßen Mühen der +Mutterschaft--das ist das Reich deiner Arbeit; dafür erhebe ich dich zur +Göttin des häuslichen Tempels, du wirst durch deine Reize, durch deine +Schönheit und deine Tugenden alles beherrschen, was dich +umgiebt!--Thörichte Frauen, die ihr zu Männern werden wollt, was +verlangt ihr noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen +euch zu Füßen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere Kraft nicht +brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der Natur, bleibt was +ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die Kämpfe unseres Lebens zu +beneiden, begnügt euch damit, sie uns vergessen zu machen!"[209] + +Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schloß die Kommune sich dem +Beschluß des Konvents an und erklärte außerdem, Frauendeputationen nicht +mehr empfangen zu wollen. Trotz alledem setzten die Frauen diesen +Beschlüssen den äußersten Widerstand entgegen, mußten aber schließlich +der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den Tribünen des Konvents, +man untersagte ihnen die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen, ja man +ging soweit, ein Gesetz zu erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als +fünf zusammenfanden, mit Gefängnis bestraft werden sollten.[210] + +So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos verlaufen zu +sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: Der erste +stürmische Angriff wurde von den Gegnern zurückgeschlagen, nicht nur, +weil ihrer noch viel zu viele waren, sondern weil das Ziel der Bewegung +noch zu wenig geklärt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine +Schwierigkeiten daher nicht übersehen werden konnten. + +Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, thatsächlich wirkte sie +jedoch im stillen weiter, indem sie die Köpfe gewann und hervorragende +Denker sich mit ihren Problemen beschäftigten. + +Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte der +großen französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Condorcet, auf +sie aufmerksam und widmete ihr in seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois +de New-Haven à un citoyen de Virginie[211] einen bemerkenswerten +Abschnitt. Er ging von der Voraussetzung aus, daß die Frauen, ebenso wie +die Männer, fühlende, mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fähige +Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben mußten, wie die Männer. Er +forderte das aktive und das passive Wahlrecht für sie und wollte sie von +keinem Amt gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklärte, daß es +überflüssig sei, den Bürgern zu verbieten, sie z.B. zu Heerführern zu +wählen, da man ihnen doch auch nicht zu untersagen brauche, etwa einen +Blinden zum Gerichtssekretär zu machen. + +Im Jahre 1789 veröffentlichte er im Journal de la société (No. 5)[212] +einen Artikel über die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht, der auch +heute noch als die glänzendste Rechtfertigung und Verteidigung der +Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider noch +unerfüllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde das von der +Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch auf das +empfindlichste verletzt, daß die Hälfte des Menschengeschlechts des +Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung teilzunehmen. Wolle man für +diese Thatsache eine Anerkennung, so müsse nachgewiesen werden, daß +nicht nur die natürlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der +Männer, sondern daß sie auch unfähig seien, die Bürgerrechte auszuüben. +Da die Frau ein Mensch sei wie der Mann, habe sie dieselben natürlichen +Rechte wie er, denn entweder gebe es überhaupt keine angeborenen +Menschenrechte, oder jeder Mensch, gleichgültig welches sein Geschlecht, +seine Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die +Gründe betrifft, die angeführt werden zum Beweise der Unfähigkeit der +Frau, den Pflichten eines Staatsbürgers zu genügen, so wandte sich +Condorcet zunächst gegen den ihrer physischen Konstitution, indem er +ausführte, daß er nicht einsehen könne, wieso Schwangerschaften und +vorübergehende Unpäßlichkeiten die Frauen für Ausübung der Bürgerrechte +untauglich machen sollten, da doch auch die Männer Krankheiten aller Art +ausgesetzt seien, ohne daß man es für notwendig halte, ihnen deshalb die +Pflichten und Ehren der Bürger abzusprechen. Ferner sagt man, daß keine +Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet oder Beweise von Genie +gegeben habe, aber man habe doch nie daran gedacht, die Verleihung des +Bürgerrechts an die Männer von ihrer Begabung abhängig zu machen. Auch +das geringere Maß an Kenntnissen, die schwächere Urteilskraft, die man +den Frauen zum Vorwurf mache, könne, selbst wenn man sie zugeben wolle, +nicht als Grund angesehen werden, sie politisch für rechtlos zu +erklären. Als Konsequenz dieser Anschauung müsse man sonst auf jede +freie Verfassung verzichten und die Regierung, wie den Einfluß auf die +Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft +aufgeklärter Männer überlassen. Was man an den Frauen mit Recht +aussetzen könne,--ihren Mangel an Gerechtigkeitsgefühl, ihre +Einseitigkeit und geringe Bildung,--sei lediglich eine Folge ihrer +schlechten Erziehung und der sie umgebenden sozialen Verhältnisse, die +man daher zu ändern trachten müsse. Auch eine Reihe von +Nützlichkeitsgründen werden gegen die Zulassung der Frauen zum +Bürgerrecht hervorgebracht: man fürchte ihren Einfluß auf die +Männer,--als ob ihr geheimer Einfluß nicht viel bedenklicher sei, als es +ihr öffentlicher sein würde, man glaube, sie würden ihre natürlichen +Pflichten dem Haushalte, den Kindern gegenüber vernachlässigen, und doch +habe man nie Bedenken in Bezug auf die Männer gehabt, die doch auch +ihrem Beruf, ihrer Arbeit nachgehen müssen. Man scheine dabei auch +absichtlich übersehen zu wollen, daß nicht alle Frauen einen Haushalt +und kleine, der Pflege bedürftige Kinder haben, und die Ausübung des +Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten würde, als die banalen +Vergnügungen und Zerstreuungen, denen sie jetzt nachgehen. Solche +Nützlichkeitsgründe haben immer, wo andere nicht ausreichten, +Tyrannenherrschaft rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lägen Handel und +Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger noch +heute, in ihrem Namen füllte man die Bastille und wendete die Folter an. +Die Frage der Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht dürfe aber nicht mehr +mit Nützlichkeitsgründen, Phrasen und Witzen abgethan werden. Auch die +Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs zwischen den Männern +festsetzte, habe eine Flut geschwollener Reden und billiger Scherze +hervorgerufen, stichhaltige Gründe jedoch habe niemand vorzubringen +vermocht. "Ich glaube," so schliesst Condorcet, "daß es mit der +Rechtsgleichheit der Geschlechter nicht anders sein wird." + +Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des +französischen Philosophen in England und Deutschland eine +wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen Verhältnisse in +jenen Ländern ließen dem Einzelnen mehr Zeit zum Nachdenken und +Theoretisieren, während die Lage Frankreichs zum Handeln aufforderte. +So schrieb ein deutscher Historiker eine vielbändige Geschichte des +weiblichen Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, daß die +Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so empörendes, Abscheu +und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel darbiete, als die +der Frauen,[213] und ein englischer Gelehrter, der denselben Stoff +behandelte, sprach sich ähnlich aus, indem er erklärte, daß die +empörende Behandlung des weiblichen Teils der menschlichen Species nur +dem menschlichen Manne eigentümlich sei, und in der ganzen Natur kein +Gegenstück und kein Vorbild habe.[214] + +Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf diesem +Gebiet war das Werk der Engländerin Mary Wollstonecraft: Vindication of +the rights of women.[215] Ein Leben voll innerer und äußerer Kämpfe und +Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. In +ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und Bildungsfrage sie +schon lebhaft beschäftigt, so daß sie als ihre erste litterarische +Arbeit eine kleine Schrift über die Erziehung junger Mädchen erscheinen +ließ. Ihr folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und +einige selbständige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und sie +zugleich in persönliche Beziehungen zu ihrem Verleger Johnson brachten, +bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr fand. Er selbst wie alle +seine Gäste verfolgten die Ereignisse der französischen Revolution mit +stürmischer Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der +Lorbeer der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser +Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in +Johnsons Salon die Menschenrechte verkündete. So wurde Mary +Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen und +Burkes Angriff auf sie gab den Anstoß, daß die feurige Frau sich +öffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die Rechtfertigung der +Menschenrechte" hieß die kleine Schrift, die den Namen der Verfasserin +über den Kreis ihrer Freunde hinaus bekannt machte.[216] Aber sie war +nur das Vorspiel und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung +der Rechte der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung +des französischen Schulwesens Einfluß üben zu können, Talleyrand +widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse folgend brachte sie die +umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu Papier, ohne sich zu ruhigem +Nachdenken Zeit zu lassen. Sie trägt denn auch die Spuren ihrer +Entstehung an sich und besteht aus völlig ungeordneten, oft sprunghaft +wechselnden Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalität Mary +Wollstonecrafts und der Schärfe ihrer Beobachtung zeugen. Den größten +Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren Vernachlässigung sie die +Ursache der Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts sieht. Auf +einen ungesunden Geist führt sie das Verhalten der Frauen zurück und +vergleicht ihn mit einer Pflanze, die in zu üppigem Boden steht und +schöne Blüten, aber keine Früchte hervorbringt. Es werden wohl "Damen", +aber keine Frauen erzogen, man lehre sie Sitten, aber keine Moral, man +richte ihr Streben auf Eitelkeiten und nichtigen Tand, aber nicht auf +ernste Ziele, man gewöhne sie, sich mit Spielereien zu beschäftigen und +durch Vergnügungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu gewöhnen und +ihre Muße den Freuden der Kunst, der Natur und der Wissenschaft zu +widmen. So werden jene schwachen, gedankenlosen Wesen gradezu gezüchtet, +denen ihre eigenen Züchter, die Männer, nachträglich ihre Schwäche und +Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre Erziehung +genauer betrachte, könne sich nicht wundern, daß sie Vorurteilen zum +Raub fallen, unselbständig urteilen und zu blindem Autoritätsglauben +geneigt sind. Sie seien durch die sie umgebenden Verhältnisse +thatsächlich minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur +künstlich so herabgedrückt worden seien, dürfe man nicht das weibliche +Geschlecht als solches nach seinem gegenwärtigen Stand beurteilen. Erst +gebe man den Frauen Raum, sich zu entwickeln, ihre Kräfte zu bethätigen, +dann bestimme man, welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen +Stufenleiter sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernünftigen Wesen erzogen +worden seien, dürfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt werden +und müssen dieselben Rechte genießen, wie die Männer. + +In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem +Gesinnungsgenossen Condorcet gegenüber als die Vorsichtigere, +Zurückhaltendere. Während er auf Grund der überall gleichen +Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische +Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht zum +Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Männer keiner Prüfung +ihrer Geisteskräfte unterliegen, ehe sie als vollwertige Staatsbürger +anerkannt werden, erklärt sie die Reform der Erziehung für die +Voraussetzung der Reform der Gesetze. + +In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte Schülerin +der Revolution. Nicht nur, daß sie in vielen ihrer abschweifenden +Gedanken das Königtum, die stehenden Heere, die Aristokratie heftig +angreift, sie erörtert auch das Problem der Armut und erklärt sie für +eine der wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Für die Frauen +folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich unabhängig vom Mann +zu sein. Diese, auch im modernen Sinn radikale Forderung ist von ihr +zuerst ausgesprochen worden und erhebt sie in die Reihe der +aufgeklärtesten und weitblickendsten Vorkämpfer der Frauenbewegung. Aber +auch in anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der +Keuschheit, die für beide Geschlechter dieselbe sein müsse, fordert sie, +daß Knaben und Mädchen gemeinsam in öffentlichen Schulen erzogen werden. +Nur wo ein kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer +zwischen den Geschlechtern von früh an zu finden sei, werde die Liebe +zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden die Ehen +glücklichere sein. Neben die geistige solle auch die körperliche +Erziehung treten, damit ein kräftigeres, schöneres Geschlecht +heranwachse, damit das Vaterland Mütter habe, die gesunde Kinder +hervorzubringen und zu erziehen im stände seien. + +Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um ihres +heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, das aus +ihrem Schoße hervorwächst, von ihrem Körper und von ihrem Geist seine +erste, die spätere Entwicklung bestimmende Nahrung empfängt, soll das +Weib dem Manne ebenbürtig zur Seite stehen, ein freier Bürger wie er. + +Mary Wollstonecrafts kühnes Buch machte ungeheures Aufsehen. Die +heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich natürlich auch gegen +ihre Person, unter der Spötter und Karikaturenzeichner sich ein +starkknochiges, häßliches Mannweib vorstellten, während sie eine zarte, +im besten Sinne weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel +der Weiblichkeit trägt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde gleich nach +seinem Erscheinen ins Französische und von ihrem Freunde, dem bekannten +Schnepfenthaler Pädagogen Salzmann, ins Deutsche übersetzt. + +Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in Deutschland +verkünden sollte, war ein anderes ihm zuvorgekommen: Theodor von Hippels +Buch über die bürgerliche Verbesserung der Weiber,[217] das im selben +Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in London. Schon +im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift über die Ehe, in der er +Frauen und Männern derbe Lektionen gab, sein Interesse an der Stellung +der Frau im bürgerlichen Leben kund gethan.[218] Aber erst die +französische Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kämpfen regte +ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlüssen wie +Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen darüber +nicht verhehlen, daß die französische Verfassung kurzsichtig und +engherzig genug war, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung zu +verweigern. Dabei ging er so weit, zu erklären, daß die Sklaverei, wenn +sie auch nur in einer einzigen Beziehung geduldet werde, über kurz oder +lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwänden gegen die +Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger Schärfe. Soll, +so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, auch wenn sie schon Tausende +von Jahren alt ist, nur deshalb fortbestehen, weil ihre Abänderung mit +Schwierigkeiten verknüpft ist und man vermutet, es könnten bedenkliche +Folgen daraus erwachsen? Man müsse endlich das andere Geschlecht zum +Volk zu machen sich entschließen. Freilich müßte eine durchaus +veränderte Erziehung die Frauen dazu befähigen, denn jetzt, wo sie nur +zum Spielzeug der Männer gemodelt wären, könnten sie ihren Pflichten nur +schlecht genügen. Man erziehe Bürger für den Staat, ohne Unterschied des +Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der Knaben und Mädchen, Zulassung der +Frauen zu allen Berufen, verlangte Hippel. Nur das "Monopol des +Schwertes" soll den Männern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal +nicht ohne Menschenschlächter behelfen kann oder will!" Zur +Erleichterung körperlicher Ausbildung rät er zu einer gleichen Kleidung +der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit +auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefühl des Mangels an +körperlichen Kräften wie in der Beschränktheit des Verstandes habe, +dürfe keine Seite des Wesens in der Erziehung vernachlässigt werden. Für +thöricht hält er den Einwand, daß die Weiber zu viel Zeit auf ihren Putz +verwenden,--sind es nicht grade die Männer, die ihnen die Seele +bestreiten und sie auf den Körper beschränken? Jetzt haben sie keine +andere olympische Bahn, als mit ihren Reizen Männer zu fangen; sie +werden Wunder thun, wenn man ihnen andere eröffnet. Auch die natürliche +Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das +Kindergebären, das zum Hauptbeweis dieser Schwäche angeführt zu werden +pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis seiner Stärke ab. + +Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er großes: "Gewiß +hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden +Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den +Fluten ringen, Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schweiß +und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden." So +forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des +Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der +Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft +gefordert hatte. + +Während Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur einander gleich +standen, vergrößerte sich mit der fortschreitenden ökonomischen +Entwicklung der Abstand zwischen ihnen mehr und mehr. Die Interessen, +die Kämpfe, die Ziele des physisch stärkeren, durch die Bedingungen des +Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus und +Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und +rechtlichen Trennung, die von der Frau zunächst nicht empfunden werden +konnte, weil sie durch ihre häusliche Thätigkeit vollauf in Anspruch +genommen war und infolge der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse +über die ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken +vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in wachsendem +Maße von dem Handwerk und der Industrie übernommen wurden, und die Frau, +soweit sie als Angehörige der besitzenden Klassen Muße gewann, sich +überflüssig fühlte, die Leere ihres inneren und äußeren Lebens empfand +oder als Mitglied der besitzlosen, gezwungen war, ihre häusliche +Thätigkeit in Lohnarbeit außer dem Hause und getrennt von der Familie +umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drückenden Lage bewußt. Nicht nur, daß +sie auf einer Stufe geistiger Rückständigkeit festgebannt war, die +vergangenen Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch +wirtschaftliche, rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein, +den sie wie der Mann zu kämpfen hatte, untauglich gemacht. Diese +Widersprüche wurden die Ursache einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die +stetig wuchs und in der Frauenbewegung der französischen Revolution +einen Höhepunkt erreichte. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, +das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz waren die Ziele, die die +Revolution proklamierte und die durch ihre litterarischen Vertreter +theoretische Begründung fanden. + +Das neunzehnte Jahrhundert stellte _neue_ Probleme der Frauenfrage nicht +mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie wurde, in um so +deutlicher ausgeprägte einzelne Seiten, ebenso wie der Strom kurz vor +seinem Eintritt in das Meer ihm seine mächtig angeschwollenen +Wassermassen nicht in einem Fluß, sondern in vielen Flußarmen zuführt. +Jeder einzelne wird zu einem Strom für sich und jede Seite der +Frauenfrage umfaßt schließlich ein so weites Gebiet, daß sowohl von +historischen als von kritischen Gesichtspunkten aus eine gesonderte +Behandlung notwendig wird. + +Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der Frauenfrage, die an +der Hand der Geschichte gewonnen wird, führt notwendig dazu, ihre +ökonomische Seite in den Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus +entwickelt sich erst die rechtliche und aus beiden die sittliche Seite +der Frauenfrage. Alle Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des +Gesamtproblems enthalten. + + + + +Zweiter Abschnitt. + + +Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage. + + + + +1. Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt. + +Erste Periode. Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt +beruflicher Arbeit. + + +Theoretische Erörterungen der Frauenfrage haben weder wissenschaftlichen +Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie lediglich von vorgefaßten +Meinungen oder allgemeinen ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu +richtigen Resultaten zu gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der +Thatsachen zu fußen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die +geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im Menschheitsleben im +allgemeinen darzustellen, es ist auch erforderlich, von dem Zeitpunkt +an, wo die Frauenfrage sich erweitert und in ihr verschiedene gleich +wichtige Seiten hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der +theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum +handeln, einzelne Thatsachen mit möglichster Vollständigkeit +zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der Entwicklung in seinen +großen Zügen zu verfolgen und seine treibenden Kräfte aufzudecken. + +Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze Erwerbsleben +des weiblichen Geschlechts von den Höhen wissenschaftlicher Arbeit bis +in den düsteren Abgrund der Prostitution umfaßt, bedarf besonders dieser +Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit über das Recht der Frauen +auf Arbeit, über ihre Zulassung zu oder ihre Ausschließung von +männlichen Berufen würden vermieden werden, viele nur moralisierende +Sittlichkeitsapostel würden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen, +wenn an Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefühle die +historische Erkenntnis treten würde. Sich der Entwicklung in den Weg zu +werfen, ist ein nutzloses Bemühen; auch der, der sie fürchtet, kann ihre +unheilvollen Wirkungen nicht anders abwenden, als indem er ihr die Wege +bahnt. Was die Frauenbewegung an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das +verdankt sie ausschließlich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden. +Ihr eigner Gang ist ein klarer, gesetzmäßiger, der auch in dem Kampf um +Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt deutlich zum Ausdruck kommt. + +Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war für die Frauenwelt eine der +bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl waren schon vorher Männer +und Frauen aufgetreten, die mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte +Arbeitsmöglichkeiten für das weibliche Geschlecht gewünscht hatten, aber +sie waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast +ungehört. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die theoretischen und +philosophischen Erörterungen über die Rechte das Weibes in den Bereich +praktischer Forderungen. Aber es waren weniger die vielen rednerischen +und schriftstellerischen Auseinandersetzungen und Erklärungen der +politischen Rechte, die zu Erfolgen führten, als vielmehr die von den +Massen der Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit. + +Schon das französische Edikt von 1776 hatte mit der Proklamierung der +Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und nach der Revolution +schien es, als stünden den Frauen nunmehr dieselben Wege offen, auf +denen die Männer ihrem Broterwerb nachgingen. Bald zeigte sich jedoch, +daß die größten Hindernisse erst noch zu überwinden waren, denn es +fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs offene Meer +hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und Kompaß mitzugeben. + +Die Frauen und Töchter des arbeitenden Volkes, die in immer +ausgedehnterem Maße gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu suchen, +strömten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter brauchen konnten. +Lohndruck, Vergrößerung des Elends, infolgedessen neuer Zuzug +weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus diesen Anfängen heraus +entwickelte sich die Arbeiterinnenbewegung. Aber während diese Schicht +der weiblichen Bevölkerung den Kampf ums tägliche Brot von jeher ebenso, +ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die Männer, waren die +Frauen und Töchter der Bourgeoisie vom Erwerbszwang bisher verschont +geblieben. Sie lebten der häuslichen Thätigkeit und der Kindererziehung, +häufig aber lediglich dem Vergnügen, der Schöngeisterei oder anderem +maskierten Müßiggang. Die Verarmung des Bürgerstandes, die Revolutionen +und Kriege, die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Töchter und +Witwen der Opfer des Schlachtfeldes, nötigten die Frauen zu einer +Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige Verhältnis in der +Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen hatten, nicht nur an sich +schwer fiel, sondern auch wie eine möglichst zu verbergende Schande +erschien. Zahlreich waren schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die +armen adeligen Fräuleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen +fürstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja selbst als +Hofdamen an den vielen kleinen Fürstenhöfen nichts anderes suchten als +einen Broterwerb und sich oft, unter ängstlicher Aufrechterhaltung +äußeren Glanzes kümmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur +sentimentale Romane, auch manche der an die Nationalversammlung +gerichteten Petitionen führen den Beweis dafür, daß viele Bürgertöchter +sich gezwungen sahen, durch Stickereien und Wirkereien ihr Brot zu +verdienen. Mit den Frauen des handarbeitenden Volkes teilten sie das +gleiche Schicksal: die Not trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch +noch ein anderes mit ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu +einem Erwerbsberuf. Aber während für jene, dank der Entwicklung der +Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der Industriearbeiter +Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch ungelernte Arbeitskraft, eine +begehrte war, standen diese vor geschlossenen Thüren, vor denen +Unbildung und Vorurteil Wache hielt. Die Arbeiterin kämpfte bereits in +Reih und Glied mit dem Mann den harten Kampf ums Dasein, während die +Frau der Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen +hatte. Aus diesem Umstand erklärt sich die oft bis zu Gegensätzen sich +steigernde Verschiedenheit der bürgerlichen und der proletarischen +Frauenbewegung und auch, die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander +zu behandeln. + +Die Frau der Bourgeoisie wurde für das Haus und für die Geselligkeit +erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue Zeit für sie +forderte, und die über den Religions- und Haushaltungsunterricht des +Mittelalters hinausging, hatte nur den Zweck, die geselligen Talente zu +unterstützen und dem Mann eine verständnisvollere Gefährtin zu sein. + +Die erste Stelle unter den Vorkämpfern der Reform der Mädchenerziehung +nahm Fénelon ein.[219] Seine pädagogischen Grundsätze veranlaßten Frau +von Maintenon, in St. Cyr die erste höhere Mädchenschule zu gründen, die +insofern noch ein besonderes Interesse beansprucht, als sie zugleich die +erste Anstalt war, die, durch Ausbildung von Erzieherinnen, der +beruflichen Thätigkeit der Frau die Wege bahnte.[220] Aber sie war nur +eine Oase in der Wüste und entsprach so wenig der Zeitströmung, daß sie +bald auf das jämmerliche Niveau der üblichen Mädchenschulen herabsank, +und Putz, Tanz und Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb. +Ihrer deutschen Nachahmung, dem Gynäceum A.H. Franckes, erging es nicht +anders. Er, der einfache, fromme Mann, mußte es sich gefallen lassen, +daß auch seine Gründung, wie damals alle Erziehungsanstalten für +Mädchen, in die Hände französischer Gouvernanten fiel, die Modepüppchen +darin dressierten.[221] Die französische Sprache, die Umgangssprache der +höheren Stände, trat überall in den Mittelpunkt des Unterrichts. +Französische Erzieher und Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist +ihre Muttersprache war, wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf +"Bildung" Anspruch machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen +gelangten besonders in Preußen, wo Friedrichs II. Vorliebe für die +französische Sprache maßgebend war, zu derartigen Stellungen. Die +Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder und oberflächlicher +als die des Mittelalters. Eine Reaktion gegen die herrschende Strömung, +gegen die Ausschließung des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren +Kenntnissen, gegen sein einseitiges Interesse für Putz und Tand, +Spielerei und Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland +durch Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und--gerichtet. Denn +statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mädchen +anzustreben, beschränkte er und sein Kreis sich auf die Treibhauskultur +einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die mehr als die +geputzten Dämchen der höfischen Salons für den niedrigen Stand +weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis ablegten.[222] Die häufigen +Krönungen von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher +Doktoren muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wäre aber +durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch war +für die Frauen die Bildung nur ein äußeres Schmuckstück, Kunst und +Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in geistreichen Salons zu glänzen. +Vertiefung, ernste Arbeit war erst da zu erwarten, wo sie zu einer +Berufsthätigkeit die Grundlage zu schaffen hatten, daß sie anfingen, aus +diesem Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und +nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von +Erziehung der Töchter schreiben, geben denselben so viel Anmut oder so +glückliche Umstände, daß man an ihrer baldigen Verheiratung nicht +zweifeln darf. Aber giebt es denn keine häßlichen und gebrechlichen +Töchter? Keine, die in ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen +Sitten in Gefahr sind, von einem würdigen Manne nicht begehrt zu +werden?" Er giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermögen +besitzen", den Rat, ihre Töchter nicht wie bisher allein im Hinblick auf +die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu geben, die es ihnen +ermöglicht, als Lehrerinnen und Gesellschafterinnen einmal ein +Unterkommen zu finden.[223] Sein mutiger Ausspruch, den bisher viele +gefühlt, aber niemand zu thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden. +So manches unbefriedigte, einsame Mädchen schuf sich im Lehrberuf einen +befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, dazu +bei, daß seinem vernachlässigten, unwissenden Geschlecht geholfen wurde. +Als die hervorragendste ihrer Art sei Karoline Rudolphi genannt, die +nach entbehrungsreicher Jugend und Jahren inneren Kampfes zu dem +Entschluß kam, Erzieherin zu werden und schließlich in Hamburg eine +Mädchenschule gründete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre +Erziehungsgrundsätze hat sie in ihrem Buche: "Gemälde weiblicher +Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: "Lasset euere +Kinder Menschen werden!"[224] Erziehet die Mädchen nicht zuerst zu Damen +und Hausfrauen, sondern zu tüchtigen Menschen, die im Notfall auch +allein durchs Leben gehen können, die nicht zu verzweifeln brauchen, +wenn die führende Hand des Mannes fehlt. + +In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer Zeitgenossin, +Madame de Genlis, die die Mädchen nur für die Ehe, nur für den Mann +erziehen wollte, die in der Bildung nichts als ein Mittel, die +Langeweile zu bekämpfen und dem Müßiggang vorzubeugen, sah und in +logischer Konsequenz zu dem Schlüsse kam: "Das Genie ist für die Frauen +eine gefährliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer Bestimmung +und läßt sie diese nur als drückend empfinden."[225] Die Verfasserin, +die typische Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus, +was die Ansicht dessen war, der für die nächsten Dezennien die Geschicke +der Welt in seinen eisernen Händen hielt: Napoleons. Wie Rousseau sah er +in den Frauen nur Mütter; zu solchen, zu Gebärerinnen und Erzieherinnen +eines Geschlechts von Helden, wollte er sie erzogen wissen. Und so +schroff und festgewurzelt war seine Meinung, daß er allen geistreichen +und gelehrten Frauen mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der +sich bis zu dem kleinlichen Kampf gegen Madame de Staël steigern konnte. +Aber ebenso wie man, besonders außerhalb Frankreichs, über dem Eroberer +den Reformator zu vergessen pflegt, so vergißt man auch über dem Gegner +der Frauenemanzipation den Beförderer einer verbesserten +Mädchenerziehung. Die Mädchenpensionate der Madame Campan in St. Germain +und Ecouen fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einfluß +entstanden in Italien die ersten höheren Mädchenschulen. Er scheute sich +sogar nicht, eine Frau in ein öffentliches Amt einzusetzen, wo er +glaubte, daß sie die Erziehung der Mädchen günstig beeinflussen könnte: +1810 wurde Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.[226] Irgend +welche staatliche Hilfe den Mädchenschulen angedeihen zu lassen, lag +jedoch ganz außerhalb seiner Gedankenrichtung. Aber ein Einzelner, so +allmächtig er auch sein mochte, konnte den Gang der Entwicklung nicht +ändern, noch aufhalten. Die französischen Frauen forderten nachdrücklich +ihr Anrecht an den geistigen Gütern der Nation. Es entstanden immer mehr +Mädchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister Duruy, von +allen Seiten gedrängt, das Projekt wieder auf,[227] das schon neunzig +Jahre vorher der Abbé de St. Pierre entworfen hatte, wenn er eine +staatliche Unterstützung der Mädchenerziehung verlangte.[228] Wenn auch +sein Plan zunächst an dem mangelnden Verständnis der Regierung +scheiterte, so faßte die Idee, daß die Gesellschaft die Verpflichtung +habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der männlichen annähernd +ebenbürtige Erziehung zu gewähren, immer tiefer Wurzel und die Frauen +selbst nahmen sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten +Reihe kämpfte die Gräfin Rémusat.[229] Von der Voraussetzung ausgehend, +daß die Frau dem Manne nicht untergeben, daß sie als intelligentes +Geschöpf von ihm nicht verschieden und durchaus fähig sei, öffentliche +Berufe auszuüben, hielt sie eine Anpassung der Mädchenerziehung an die +neuen Verhältnisse für notwendig, ja sie sprach schon von der +Zuerkennung einer gewissen Gleichberechtigung an das weibliche +Geschlecht, und forderte von den öffentlichen Verwaltungen, daß sie +neben dem Lehrerinnenberuf, die Ausübung einer geregelten +Wohlthätigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der Kämpfern Arbeit +war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, und die Zeit, in der die +Frauen zuerst nach ihm riefen, war die Geburtsstunde der bürgerlichen +Frauenbewegung. Sie vollzog sich in merkwürdiger, und doch für den, der +die Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus +Fürstengezänk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, verständlicher +Uebereinstimmung in allen Kulturländern zu gleicher Zeit. + +In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary Wollstonecraft +den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine Zeitgenossen mit +glühender Begeisterung auf den Wert der Frauenbildung aufmerksam machte, +denn "von der Geisteskultur der Frauen hängt die Weisheit der Männer +ab", entstanden schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine, +die sich die Hebung der Mädchenerziehung zum Ziel setzten. Der +praktische Sinn der Engländer erkannte früh, daß die bessere Erziehung +ihrer Töchter von der gründlicheren Ausbildung ihrer Lehrerinnen +abhängig ist. Von solchen, die sich auf Grund ganz unzureichender +Kenntnisse dafür ausgaben, war England überschwemmt, und die Lehrerin +war daher eine komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und +Dickens noch ihren Witz ausließen. Ihr Los war traurig genug: die Not +zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und kümmerlicher +Unterhalt und allgemeine Mißachtung waren ihr Lohn. Erst mit der Zunahme +geregelterer Mädchenschulen änderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen, +wie Hannah More und Maria Edgeworth waren hier die Wortführerinnen der +beginnenden Frauenbewegung. + +In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen +nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen +geltend, weil auch hier die Schäden dieselben waren. Die Vorteile, die +die tapferen Kämpferinnen der Befreiungskriege für ihr Geschlecht +errungen hatten, waren entweder dürftig von Anfang an oder mit der +ebbenden Begeisterung wieder verschwunden. Die wenigen Mädchenschulen, +die im Anfang des Jahrhunderts überhaupt bestanden, waren nur während +der Hälfte des Jahres geöffnet und auch dann nur zwei Stunden am Tag, +während die Knaben, die dasselbe Schulhaus besuchten, Freistunden +hatten. Die reaktionärsten Ansichten der alten Welt, die das Mädchen +allein auf das Haus verwiesen, fanden in der neuen die allgemeinste +Vertretung, um so mehr als hier der Umstand viel weniger ins Gewicht +fiel, der der Frauenbewegung Europas den Anstoß gab: der Zwang zur +Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard für die höhere Bildung ihres +Geschlechts eintrat, stieß sie auf Spott und heftigsten Widerstand. Als +sie aber im Jahre 1821, ohne noch länger auf das allgemeine Wohlwollen +ihrer Landsleute zu rechnen, in Troy das erste Mädchenseminar gründete, +zeigte es sich, daß es eine Notwendigkeit gewesen war, denn es fand +zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.[230] Emma Willards Schule +ist der Grundstein des ausgedehnten Gebäudes weiblicher Bildung +geworden, das heute Amerika schmückt. Zu gleicher Zeit begann eine +andere Frau ihre öffentliche Thätigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog +sie ungehindert als Predigerin der Quäker durch die Staaten, nicht nur +eine Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der +Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafür lieferte, daß +die Frau mit derselben Fähigkeit und demselben Erfolg ihren Geist in den +Dienst allgemeiner Interessen stellen kann. + +Kehren wir nach Deutschland zurück. Dort waren die Schulverhältnisse, +trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, aufs äußerste verwahrlost. +"Unsere Töchter sind von aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte +ein braver deutscher Mann.[231] "Aus dem ABC-Unterricht werden sie ohne +Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das Putzzimmer verstoßen." +Und eine mit seltenem Scharfblick ausgestattete Frau, Helene Unger, +schilderte in ihrem Roman "Julchen Grünthal" die traurige +Pensionserziehung der Mädchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und +Spiel, französische Konversation und seichte Lektüre füllten das Leben +des Schulmädchens aus, um später in die nächste Modekrankheit, die +rührselige, vom wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit +überzugehen.[232] Aber diese Klagen und verurteilenden Darstellungen +waren an sich schon ein Zeichen des Fortschritts. Und es begann in der +That in den Köpfen und Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen. +Die klassische Dichtung und die politische Umwälzung waren seine +Erzeuger. Zwar wäre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der +Umgebung der großen Dichter auf alle übrigen schließen zu wollen; erst +ganz nach und nach drangen ihre Werke bis in die dunklen Winkel +bürgerlichen Frauenlebens, erweckten Begeisterung, Sinn für das Schöne +und erhoben die armen Vernachlässigten und Verirrten in eine andere +geistige Lebenssphäre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem Klärchen +kam die warmblütige Natürlichkeit wieder zu ihrem Recht. Und eine Minna +von Barnhelm, eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart führten den +Blick über die Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die +Empfindsamen sich in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr +noch wirkte die drückende Not darauf, die ganz Deutschland in einen +Trauermantel hüllte. Die Frauen, deren Väter und Brüder, deren Gatten +und Söhne unter den Waffen standen, verloren nicht nur den Sinn für die +Tändeleien früherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den +großen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des Destillierens der +gegenseitige Gefühle, der endlosen Gespräche über sentimentale +Romanheldinnen, machte der Unterhaltung über die Ereignisse des Lebens +Platz. Rahel Varnhagens Kreis[233] ist das bekannteste Beispiel für die +belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen Briefwechsel +zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafür, daß er überall +durchbrach, und mit ihm regte sich das Bedürfnis nach einer gründlichen +Aenderung der Mädchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Bürgerfrauen +fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten und +denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. Denn wenn +auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert worden war und +seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie stand allein; es +fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die Möglichkeit der Vorbereitung zum +Studium. Aber das Verlangen nach vertiefterer Bildung der Töchter und +das Bedürfnis nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und +führten zwischen 1800 und 1825 zur Gründung eine Reihe von +Töchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils mit +Unterstützung der Gemeinden entstanden.[234] + + +Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in bürgerliche +Berufssphären. + +Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde von jenem +Lande gethan, das es nicht erst nötig hatte, seine Kräfte durch mühsames +Ueberbordwerfen des Ballastes der Vergangenheit abzunutzen, von Amerika, +wo Horace Mann die Grundlage zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer +dringenderen Verlangen nach einer der der Knaben gleichen +Mädchenbildung, konnte man, bei der dünnen Bevölkerung des Landes, durch +Gründung besonderer Mädchenschulen nicht nachkommen. So wurde denn aus +der Not eine Tugend gemacht und in den neu entstehenden Freien +Normalschulen Co-Education eingeführt. Die weittragende Bedeutung des +gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter hatte sich Horace Mann, der +mehr einem praktischen Bedürfnis entgegenkommen wollte, nicht klar +gemacht. Nicht nur, daß auch höhere Schulen, in der Art unserer +Gymnasien, nach diesem Vorbild eingerichtet wurden,--Oberlin-College in +Ohio als das erste seiner Art,--schon 1835 rüttelte eine Schar +mutiger Mädchen, die sich mit ihren Schulkameraden die nötige +wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der alten +Harvard-Universität[235] und kurz darauf begehrte der erste weibliche +Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens Einlaß.[236] Was ihr verwehrt +wurde, sollte wenige Jahre später der tapferen Pionierin des +Frauenstudiums, Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester +Emily sahen sich plötzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die +Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter und +ihre jüngeren Brüder und Schwester zu ernähren. Da kam ihnen die +Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. Sie sahen, wie wenige +und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur offen standen und bemerkten +"die Massen der Konkurrentinnen, von denen eine die andere +niederzutreten suchte. Wir beschlossen, lieber einen neuen Pfad für uns +zu entdecken, als in schon überfüllten Berufen einen Platz zu +erobern."[237] Elisabeth wurde, nachdem sie zwölf medizinische Schulen +vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von Geneva, +Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem ersten, eben +gegründeten Frauenhospital in New York, jene ging nach England, der +Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande Pionierdienste leistend. +Indessen wurde durch Gründung von Lehrerinnenseminarien und Colleges dem +Bedürfnis der weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860 +entstand das erste College nur für Frauen,--Vassar-College,--das von +Anfang an auf einem höheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die +anderen oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine +Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde als +Professor für Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar berufen. Kurze +Zeit später gestattete der oberste Gerichtshof von Iowa Arabella +Mansfield die Ausübung der Praxis als Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im +Verein mit den Schwestern Blackwell, gebührt der Ruhm, in Amerika ihrem +Geschlecht Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universität +Michigan ihm als erste ihre Thore öffnete, war dies gleichsam die +Anerkennung des Beweises, den die Frauen für ihre wissenschaftliche +Befähigung erbracht hatten. + +Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die Frauen +Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Läden, in denen weibliche +Kommis thätig waren, von den sittlich entrüsteten Einwohnern +geboykottet,[238] aber schon zwei Jahre später, 1856, wurde mit privaten +Mitteln die erste Handels- und Gewerbeschule für Frauen in New York +eröffnet. Dem wachsenden Bedürfnis gegenüber war sie jedoch keineswegs +ausreichend. 1859 gründete Peter Cooper, selbst ein Kaufmann, der die +Vorteile weiblicher Arbeit erkannt hatte, eine Schule der Art im +größten Stil, die heute noch besteht und eine Musteranstalt genannt +werden kann. Eine lebhafte Kontroverse über die Zunahme der +Frauenarbeit, ihre Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse +und wurde durch Broschüren und Bücher über den Gegenstand vertieft und +erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als Agitatoren im +Interesse der Frauen auf und forderten ihre völlige Gleichstellung mit +dem Mann in Bezug auf Unterricht, Beruf und Erwerbsbedingungen.[239] +Epochemachend für ganz Amerika waren die Schriften Virginia Pennys[240], +in denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million +arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezählt hatte, zu arbeiten +gezwungen wären, und wie nur eine gründliche Vorbereitung zur +Berufsarbeit ihre Lage zu ändern im stande wäre. Die Agitation, die in +Amerika weniger die Aufgabe hatte, mit heftigen Gegnern zu kämpfen, als +vielmehr Blinden die Augen zu öffnen, hatte überall Erfolg: Colleges und +Gewerbeschulen öffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die +staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben +gerufen waren, daß der Washingtoner Kongreß von 1862 den einzelnen +Staaten zu diesem Zweck große Ländereien überwiesen hatte, ließen in +immer größerem Umfange Frauen zu. Zum Verständnis für diese, im +Vergleich zu Europa ungewöhnlich frühe Erfüllung der Wünsche der Frauen, +die zwar darum zu kämpfen hatten, aber auf geringeren Widerstand +stießen, muß man sich vergegenwärtigen, daß nicht etwa der größere +Edelmut oder das tiefere Verständnis der Amerikaner für die Bestrebungen +des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, sondern vielmehr die +Thatsache, daß die Vereinigten Staaten erst auf eine kurze +wirtschaftliche Entwicklung zurücksahen und von einer Ueberfüllung der +Berufe, die den Widerstand der Männer hätte hervorrufen müssen, keine +Rede war. + +Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 Karoline +Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der englischen +Astronomischen Gesellschaft erwählt worden und ihre wissenschaftlichen +Verdienste dadurch zu einer bisher unerhörten Anerkennung gelangt,[241] +aber die allgemeine Lage der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so +gut wie unberücksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen +Verhältnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren mühselige +Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses Alter sicherte, die +Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein Pensionsverein für Lehrerinnen +gegründet, und nach unermüdlichen Kämpfen der Lehrerinnen selbst, die +längst eingesehen hatten, daß sie nur auf Grund besserer Leistungen eine +höhere Entschädigung beanspruchen konnten, wurde 1846 das erste +Lehrerinnenseminar eröffnet,[242] dem wenige Jahre später Queens College +und Bedford-College folgten. Das war ein großer Schritt auf dem Wege der +Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, als, +wieder infolge zäher Agitation, die bis dahin privaten Anstalten die +Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem immer noch +verlachten, als unweiblich bekämpften Brotstudium der Frau die erste +öffentliche Sanktion erteilt worden. Es hatte dazu noch einer stärkeren +treibenden Kraft bedurft, als der Agitation einiger Frauen; sie fand +sich in den Ergebnissen der Volkszählung 1851. Furchtbare Zustände +deckte sie auf und man stand entsetzt vor der Thatsache, daß über zwei +Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen waren, +ohne daß ihnen die Mittel dazu zur Verfügung standen. Miß Leigh Smith +bearbeitete zuerst in einer aufsehenerregenden Broschüre, Women und +Work, die Ergebnisse der Statistik und schuf in dem Englishwomens +Journal--1875--das Organ der nunmehr kräftig einsetzenden +Frauenbewegung. + +Ein neuer Beruf für gentlewomen hatte sich inzwischen aufgethan: die +internationale Telegraphengesellschaft stellte seit 1853 Frauen als +Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika die zunehmende +Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in seiner oben erwähnten +Broschüre ganz richtig sagte, nicht auf humanitäre, sondern pekuniäre +Ursachen zurückzuführen ist, so wurden hier die weiblichen Arbeitskräfte +lediglich ihrer größeren Billigkeit wegen den männlichen vorgezogen. +Die kapitalistische Gesellschaft stürzte sich wie ein Raubtier auf seine +Beute, auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der +bürgerlichen Frauenbewegung fehlte dafür aber das Verständnis. Sie +jubelte nur über jede neue Möglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden +Schutzbefohlenen unterzubringen.[243] Neue Arbeitsgebiete zu schaffen, +mußte auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr wesentlichstes +Bestreben sein. + +Die Universitäten waren den Frauen noch verschlossen; wie Miß Hunt in +Amerika ein Jahrzehnt früher, so hatte Miß Jessie Meriton 1856 in +England den ersten vergeblichen Versuch gemacht, zugelassen zu +werden.[244] Der ersten Engländerin von Geburt, die im Ausland Medizin +studiert hatte, Elisabeth Garret, gelang es erst 1865 nach langen +Kämpfen, das Recht zu erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft +zu praktizieren. Dieser Weg war also vorläufig für die Masse der Frauen +ungangbar. Es mußten andere, die schneller zum Ziele führten und von +vielen betreten werden konnten, gefunden werden. Zu diesem Zweck +entstand im Jahre 1859 unter Leitung von Miß Jessie Boucherett die +Society for Promoting the Employment of Women. Sie setzte sich +ausdrücklich das Ziel, den notleidenden Frauen der Bürgerklasse--den +gentlewomen--Hilfe zu bringen. Sie eröffnete Unterrichtskurse für +Handelsangestellte, Zeichnerinnen, Photographinnen, Holzschneiderinnen, +Lithographinnen, Kunststickerinnen u. dergl. und es strömten ihr nicht +nur die Schülerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht ein +Unterkommen. Während es 1851 in ganz England keine Photographin und +keine Buchhalterin und nur 1742 Verkäuferinnen gab, zählte man 1861 +bereits 308 Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000 +Verkäuferinnen, und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf +1755 gestiegen. + +Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben +Zustände Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die Frauenzeitung +Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; höhere Unterrichtskurse +für Mädchen, eine Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in +den Jahren 1859 bis 1861. Selbst Rußland wurde vom Zuge der Zeit +berührt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der Lehrerinnen, +deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr Einkommen, entschloß man +sich schon 1867, Universitätskurse für Frauen einzurichten. Schon ein +Jahr später promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der +medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.[245] Zu gleicher Zeit +machte ihre Landsmännin, Nadjesda Suslawa in Zürich, wo Frauen nur als +Hörerinnen hie und da zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.[246] In +Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine für den gewerblichen +Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe war +ihr erster praktischer Erfolg in den Niederlanden[247]; die Errichtung +einer Handels- und Gewerbeschule in Brüssel ihre erste That dort.[248] + +Der fruchtbarste Boden jedoch für die sich anbahnende Umwälzung war der +von politischen Stürmen wie von einer Pflugschar immer wieder +aufgewühlte Frankreichs. Als die Julirevolution ausbrach, kam der +Gedanke an die Befreiung auch der Frauen aus langer Knechtschaft aufs +neue deutlicher zum Ausdruck und erregte die Frauenwelt selbst aufs +tiefste. Die alte Forderung der politischen Emanzipation trat wieder in +den Vordergrund, und der Saint-Simonismus warf einen neuen Zündstoff in +die Welt, indem er die Befreiung der Frau von der männlichen Tyrannei +auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkündete. Eines der +interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 in Paris +erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, die darin +geschildert wird, deren Existenzmöglichkeit durch Umwandlung der Gesetze +und Sitten gesichert werden sollte, forderte auch ihr Recht auf Arbeit, +als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann vom Jahre 1836 ab Madame +Poutret de Mauchamps an der Spitze der französischen Frauenbewegung +trat, begann sie systematisch vorzugehen. La Gazette des femmes wurde +ihr Organ, ein treues Spiegelbild ihres Wachstums. Die Eröffnung der +Universitäten, die Zulassung der Frauen zu höheren Berufen, das waren +die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren Feldzug eröffnete und die +Gründung einer Gesellschaft zur Hebung der Lage der Frauen,--der ersten +ihrer Art,--war ihr nächster praktischer Erfolg.[249] Ein ideeller +Erfolg aber von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit +dem Männer der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So hielt +Ernest Legouvé im Jahre 1847 im Collège de France eine Reihe von +Vorlesungen über die moralische Geschichte der Frauen[250], in denen er +durch die Schilderung ihrer traurigen Lage den größten Eindruck +hervorrief. "Keine öffentliche Erziehung, kein gewerblicher Unterricht +für die Mädchen; das Leben ohne Heirat eine Unmöglichkeit für sie, und +die Heirat ohne Mitgift unmöglich", rief er aus, und malte mit dunklen +Farben das Los der armen Töchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster, +der Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende +Bettlerleben bei begüterten Verwandten übrig blieb. Er forderte für sie +Zulassung zum ärztlichen Beruf und wünschte ihre staatliche Anstellung +als Schul-, Gefängnis- und Fabrikinspektoren,--eine Forderung, über +deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert später, in gewissen +Ländern noch immer gestritten wird! "Die Arbeit, das heißt Freiheit und +Leben" war für ihn der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das +Gesetz von 1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet +wurden, mindestens eine Mädchenschule zu gründen[251], und die den +Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des Collège de France +beizuwohnen, können als Erfolg der von Legouvé mit getragenen Agitation +betrachtet werden. Die Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere +Vorwärtsbewegung. Die höhere Mädchenerziehung, die einen so +vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt besonders schwer +unter der rapiden Zunahme der Erziehungsklöster, die die Revolution von +1789 völlig unterdrückt und Napoleon auf das äußerste beschränkt hatte. +Ihre Konkurrenz war für die weltlichen Pensionen fast vernichtend; nicht +nur daß die Bourgeoisie die gut eingerichteten, von Gärten umgebenen, +Vorteile aller Art bietenden Klöster den engen, dunklen weltlichen +Erziehungsanstalten für ihre Töchter vorzog, auch die Lehrerinnen +vermochten sich den Klosterschwestern gegenüber kaum zu behaupten. Die +Unterlehrerinnen in den Pensionaten mußten Dienstbotenarbeit mit +übernehmen und erreichten kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die +Privatlehrerinnen waren froh, wenn sie nach einem ermüdenden 12- bis +14stündigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre Zahl infolge +des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es allein 3000 +Klavierlehrerinnen in Paris![252] Erst Englands Beispiel rüttelte die +Frauen aus ihrer Lethargie. Madame Allard und Jules Simon gründeten nach +dem Vorbild des englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen +Vorbildung der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 über +die Frage der Frauenarbeit im Journal des Débats erschienen und das auf +gründlichen Studien beruhende Buch von Jeanne Daubié über die Lage der +vermögenslosen Frauen[253], beeinflußten die öffentliche Meinung und +unterstützten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und Gewerbeschulen +für Frauen wurden eröffnet und fanden binnen kurzem zahlreichen +Zuspruch.[254] Die Post machte zuerst den Versuch mit der Verwendung von +Frauen, der Staat stellte sie, nachdem seit Frau von Genlis keine Frau +mehr den Posten bekleidet hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in +England und Amerika, so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine +Brés, an die Pforten der Universität und verlangte, zu den Vorlesungen +der medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Ihre Forderung wurde +dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der Kaiserin +Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, daß die Pariser +Universität den Frauen geöffnet und die Erwerbung akademischer Grade +ihnen ermöglicht wurde.[255] Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten +Condorcets und Olympe de Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier +die Revolution es jedesmal war, mit der der Aufschwung der +Frauenbewegung zusammenfällt, so löste sie auch in Deutschland die Zunge +der Stummen. + +Ihrem Einfluß hat die bürgerliche Frauenbewegung ihre erste +Vorkämpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam sie in ihren +stürmischen Anfängen einen politischen Charakter, der aber unter der +eisernen Rute der Reaktion schnell wieder verschwand. Die praktische +Frage des augenblicklichen Notstands trat in den Vordergrund, und die +Erregung, die sich darüber der Gemüter bemächtigte, spiegelte sich vor +allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mädchenschulen ab; die +Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen erwerbsfähig machen, +die Konservativen wollten dagegen den häuslichen Beruf wieder stärken +und betonen.[256] Da sie am Staatsruder saßen und die deutschen Frauen +selbst viel zaghafter waren, als ihre ausländischen Genossinnen,--selbst +eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion eingeschüchtert, viele Jahre +lang,--blieben sie Sieger im Kampf auch gegen die privaten +Unternehmungen zur Erweiterung der Frauenbildung. Die unter den +glänzendsten Aussichten von Emilie Wüstenfeld 1849 in Hamburg +gegründete, zwei Jahre lang von Karl Fröbel geleitete Hochschule für +Frauen wurde zur Schließung gezwungen. Selbst in den Fröbelschen +Kindergärten, die schon vielen Frauen befriedigende Beschäftigung +sicherten, sah man Herde verderblicher Aufklärung; sie wurden 1851 von +Staats wegen aufgelöst.[257] Man brachte die Notleidenden zum +Schweigen,--das war ja von jeher das Ziel antirevolutionärer +Bewegungen,--aber die Not selbst wuchs im Stillen um so schneller. + +Der einzige Beruf bürgerlicher Frauen, der der Lehrerin, war schon aufs +äußerste überfüllt. Von 1825 bis 1861 war ihre Zahl allein in Preußen +von 705 auf 7366 gewachsen[258], während die Gründung von +Mädchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten hatte. +Es kam vor, daß sich innerhalb einer Woche zu einer Schulstelle 114 +Bewerberinnen meldeten![259] Dazu kam, daß die preußische Volkszählung +von 1861 nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mädchen +ergeben hatte. Als daher die Berichte über die englischen und +französischen Vereine, die gegen dieselben Zustände kämpften, die hier +in die Augen sprangen, nach Deutschland gelangten, wirkten sie wie +Schlüssel zu einer neuen Welt. Es waren nicht Frauen, wie dort, sondern +Männer--und das ist bezeichnend für den Standpunkt der deutschen +Frauen--, die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im +Jahre 1865 dem Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen eine +Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung und +persönlicher Beobachtungen, die Gründung eines dem englischen und +französischen Vorbild ähnlichen Vereines befürwortete.[260] Dieser müsse +sich in seiner Thätigkeit, so führte er aus, ausschließlich auf die +Frauen des Mittelstandes beschränken, und ihnen durch Einführung +praktischer Unterrichtskurse neue Berufszweige eröffnen. Als solche +bezeichnete er in der Heilkunde den ärztlichen Beruf und den der +Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von chemischen, +chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, von Farben, +Parfümerien und Essenzen, sowie von Photographieen; im Handel: +Buchhaltung, Korrespondenz, Kassenführung, Warenverkauf; im öffentlichen +Dienst: Post und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefähr die Berufe, +die auch heute noch als Berufe bürgerlicher Frauen angesehen werden +können. Wenn er, seine Anhänger und alle Beförderer seiner Ideen in +ihren Bestrebungen nicht über den Kreis dieser Frauen hinausgehen +wollten, so drückt sich darin ein Klassenegoismus aus, der um so +abstoßender wirkt, als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach +Abhilfe zu schreien schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die +Stärke der jungen Bewegung. Indem sie mit den beschränkten Kräften, die +sie noch besaß, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte sie sicher sein, +sie schließlich zu erreichen. Der Gedanke entsprach so sehr der +Zeitströmung, daß er nicht allein durch den Mund Lettes zum Ausdruck +kam. Auf dem Vereinstage deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz +Müller, daß Staat und Gemeinden veranlaßt werden möchten, Gewerbeschulen +für Frauen zu gründen, denn "die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt, +zu der sie befähigt sind"; der schlesische Gewerbetag nahm eine +Resolution zu gunsten der kaufmännischen Ausbildung und der Anstellung +der Frauen im Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein +Hauptmann außer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung +die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, als +Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, an deren +Spitze die alte Kämpferin Luise Otto trat. Auch hier wurde die Frage der +Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise allein erörtert. Ihr +praktisches Ergebnis war die Gründung des Allgemeinen Deutschen +Frauenvereins, als dessen Ziel "die erhöhte Bildung des weiblichen +Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen +Hindernissen" aufgestellt wurde.[261] Während der in Berlin ins Leben +gerufene Letteverein von Männern geleitet wurde und Frauen nur zur +Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich sofort auf +radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur Vorsitzenden wählte und +Männer sowohl von der Leitung als von der Mitgliedschaft ausschloß. Hier +also kämpften die deutschen Frauen zum erstenmal persönlich, in +organisiertem Verbande für ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion +gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch +wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu fördern. Dieselbe +Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt sich +auch in ihren Ansprüchen wieder und beweist, daß der aus rein +wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit die Urquelle der +bürgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir verlangen nur, daß die Arena der +Arbeit den Frauen geöffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die +eigentliche Wortführerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins +ausgerufen.[262] "Die einzige Emanzipation, die wir für unsere Frauen +anstreben, ist die Emanzipation ihrer Arbeit"[263], schrieb Luise Otto. +Und Fanny Lewald-Stahr, die von sich selbst erzählt, daß sie heimlich +habe arbeiten müssen, weil es sich für Mädchen ihrer Art nicht schickte, +Geld zu verdienen, und die anerkennt, daß "der gewaltigste Aufklärer, +die bittere Not" es war, die vielen die Augen geöffnet hat, erklärt die +"Emanzipation zur Arbeit" für die einzige, von der vor der Hand geredet +werden kann.[264] + +So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und Deutschland, +dem sich ein Jahr später, durch Gründung des Frauenerwerbvereins, auch +Oesterreich anschloß, jener Prozeß vollzogen, durch den die bürgerliche +Frau in eine neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung +der Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und +Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner von +Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, voraussah, ja +die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurück hätte schaudern lassen, wenn +sie sie hätten ahnen können. + + +Dritte Periode. Die Bestrebungen für Frauenbildung und Frauenarbeit in +neuester Zeit. + +Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens +einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn der +modernen Frauenbewegung. Es mußte ihm erst die wirtschaftliche +Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und mehr aus der +Vereinzelung der häuslichen Thätigkeit herausriß, sie zwang, Arbeit +außerhalb der engen vier Wände zu suchen und sie schließlich ihre +Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverständlich konzentrierte sich die +Frauenbewegung je nach dem Grade der Verarmung des Bürgerstandes und der +Zahl den die Männer überwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und +der Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde, +gestaltete sich dort am schärfsten, wo die allgemeine wirtschaftliche +Lage die gedrückteste, die Ueberfüllung der Berufe die größte und die +Konkurrenz der Männer infolgedessen die stärkste war. + +Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die +Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in erster +Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich +hauptsächlich die Gegner, während der Wunsch, der Frauen, zu den höheren +Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, auf geringeren +Widerstand stieß. Zwar wurde im Anfang der Vorwurf der Unweiblichkeit +auch gegen die Schülerinnen der ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von +der Kanzel herunter gegen sie gepredigt, besonders das System des +gemeinsamen Unterrichts beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald +beschränkte sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den +siebziger Jahren öffnete sich den andrängenden Frauen eine Hochschule +nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum Teil, ihnen +akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten entstehenden +Frauenvereine hatten die Forderung höheren Unterrichts in ihre Statuten +aufgenommen; besondere Vereine, wie die Female Medical Educational +Society, richteten ihre Agitation auf bestimmte Berufsvorbereitungen. +Schon 1874 wurde in der medizinischen Fakultät der Universität Boston +ein besonderer Kursus für weibliche Studenten eingerichtet; heute stehen +ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen Schulen offen. +Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet bahnbrechend vorgegangen war, +so Antoinette Brown auf dem des Studiums der Theologie. Im +Oberlin-College, wo sie ihr Examen glänzend bestanden hatte, waren ihr +schon von den Lehrern die größten Schwierigkeiten bereitet worden und +man strafte ihr "unweibliches" Vorgehen damit, daß man ihren Namen nicht +in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre später jedoch +begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der katholischen +und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen Schulen auch weibliche +Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte sich das Studium der +Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst für sich erzwungen hatte. +Viel schwieriger wurde es den Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur +Berufsthätigkeit zugelassen zu werden. + +Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon dadurch +unmöglich gemacht, daß keines der bestehenden Krankenhäuser sie zuließ, +noch weniger fanden sie natürlich Patienten, man begegnete ihnen sogar +mit Mißtrauen und Geringschätzung. Als Dr. Emily Blackwell und Dr. Marie +Zakzrewska sich in New York niederließen, wo das erste Krankenhaus für +Frauen, an dem nur weibliche Aerzte ordinierten, durch sie entstand, war +es ihnen zuerst unmöglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr +wollte die Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder +von den Gerichtshöfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie warteten +vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine Sache +anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, zuweilen +sogar mit Steinwürfen vertrieben, und die Graduierten der +philosophischen Fakultäten fanden nur selten einen Lehrstuhl in einem +College. Etwas rascher gelang den Erwerb Suchenden der Eintritt in den +kaufmännischen Beruf und zwar war die Regierung ihnen hier behilflich. +Schon 1862 stellte General Spinner, die allgemeine Entrüstung darüber +nicht achtend, sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und +1875 konnte er von über tausend Angestellten im Staatsdienst berichten, +und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.[265] +Ebenso bewährten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der sechziger +Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschäftigt wurden. Ihr Eintritt in +bürgerliche Berufe machte von da an rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz +von Vereinen aller Art spann sich über Amerika aus; ihre Agitatorinnen +reisten von Ort zu Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch +selbständige Arbeit überall hin tragend. + +Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch ihre +Leistungen während des Bürgerkrieges, wo sie den Beweis für ihre +Arbeitsfähigkeit führten. Nicht nur, daß weibliche Journalisten als +Leiter von Zeitungen und Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es +waren auch allein die Frauen, die mit heldenmütiger Aufopferung die +Pflege der Soldaten und ihrer Hinterbliebenen übernahmen und einheitlich +organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis dahin +Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend den +furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan eines +allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf der Genfer +Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben trat. Zur +obersten Leiterin der Verwundetenpflege war während des Krieges Dorothea +Dix in Anerkennung für ihre Leistungen als Reformatorin des +Gefängniswesens von der Regierung ernannt worden. Zu gleicher Zeit +riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen Frauenverein ins Leben, der +zunächst nur den Zweck hatte, für die Pflege, Nahrung, Bekleidung und +Unterstützung der Soldaten und ihrer Angehörigen zu sorgen, sich aber +nachher zu jener Sanitäts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine +heute in jedem Staat und fast jeder Stadt für die unbemittelten Kranken +Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft zur Arbeit und Verständnis +für öffentliche Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um +Bildung und Arbeit wurde immer schwächer. Heute haben sie von 484 +Colleges und Universitäten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen +zu 28. Außerdem bestehen 4 Universitäten und gegen 160 Colleges für +Mädchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. 36000 an diesen Anstalten +studierende Frauen gezählt wurden[266], hat ihre Zahl sich verdoppelt; +allein 25000 studieren davon an den Universitäten.[267] Neben 6 +medizinischen Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen für Männer auch +den Frauen offen; in 6 Frauenhospitälern können sie ihrer klinischen +Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der Theologie ist ihnen +ermöglicht. + +Diese glänzenden Resultate eines fast hundertjährigen Kampfes dürfen +jedoch nicht mit europäischem Maßstab gemessen werden. Es giebt, +besonders im Westen, sogenannte Universitäten, deren Unterrichtskreis +nicht über die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die +meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und Prima, +sodaß der zum Schluß verliehene Grad eines Bachelor of Arts (B.A.) nicht +höher steht, als unser Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen +höheren Töchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, daß +Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert sind; +andere wieder erreichen die Höhe deutscher Universitäten. So kann +angenommen werden, daß von den 25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in +unserem Sinne Studentinnen sind.[268] Danach kann auf eine gewisse Höhe +der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf +wissenschaftliche Gründlichkeit geschlossen werden. In der Erkenntnis +dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an einer +europäischen Universität den Doktorgrad zu erringen, sie haben sich auch +zur Verbindung der Collegiate Alumnae zusammengethan, die durch +Stipendien das Studium im Auslande ermöglicht und ein höheres Niveau der +inländischen Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel +aber für die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte +Eröffnung der vier bedeutendsten Universitäten: Harvard, Yale, Johns +Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr philosophisches +Doktorexamen machen dürfen, und diese mußte sich mit einer privaten +Bescheinigung darüber begnügen. Da sich nun aus den, als B.A. +entlassenen Schülerinnen der Universitäten die Schulvorsteherinnen und +Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges rekrutieren, +so gehen deren Schülerinnen selbstverständlich wieder als mangelhaft +Vorgebildete aus ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen +werden wird, wenn die schärfer werdende Konkurrenz mit den Männern die +Frauen zu größerer Energie um vertiefteren Unterricht aufstachelt. + +Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu bürgerlichen +Berufen--wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder kommunalen +Ehrenämtern--nur selten erschwert. Seit 1872, wo Illinois durch Gesetz +bestimmte, daß alle Berufe ohne Unterschied des Geschlechtes jedem offen +ständen, sind etwa zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel +gefolgt. Kaum ein Beruf dürfte den Frauen vollständig verschlossen sein; +seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur Militärärztin mit dem Range +eines Leutnants scheint selbst die militärische Karriere ihnen in +gewisser Weise offen zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich +nicht nur Frauen in subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden +sie das Amt eines Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit +anderen Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher +giebt es in größerer Zahl.[269] In 22 Staaten finden sich 227 +Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, Miß +Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum Oberinspektor der +gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan fungiert seit 1899 eine +Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 Prozent aller Schulräte und 5 +Prozent aller Notare Frauen. In verschiedenen Parlamenten sind die +amtlichen Stenographen Frauen; 30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in +den Bundesstaaten. Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich +angestellt. In allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche +Beamte beschäftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl +der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22 +Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington +stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Männern gleich. Bis +heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche Universitätsprofessoren finden +sich auch an den ersten Universitäten des Landes, so in Boston Mercy +Jackson als Professor für Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell +als Professor der Nationalökonomie. Außer in den genannten Berufen haben +Frauen sich durch kaufmännische Unternehmungen selbständig zu machen +gesucht, und besonders in den Süd- und Weststaaten haben sie sich als +Besitzer und Leiter von ausgedehnten Viehzüchtereien und +Milchwirtschaften, von Gemüse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum +Reichtum emporzuarbeiten verstanden.[270] + +Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage kommt die +englische am nächsten; die politische Freiheit verbunden mit der open +door policy, d.h. dem Gedanken des freien Wettbewerbs, hatte einen +rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge, der auch den Frauen +zugute kam. Der Platz am Brotkorb brauchte ihnen nicht in so heftiger +Weise streitig gemacht zu werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen +nach höherer Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg +gelegt. + +Nachdem die königliche Kommission zur Untersuchung der Schulzustände, +die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches Mitglied Miß Beale den +Stand der höheren Mädchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar +ungünstigsten Berichte über den Unterricht des weiblichen Geschlechts zu +geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine zur Verbesserung +der Mädchenerziehung, die auf die Höhe des vorbereitenden Unterrichts +der Knaben zur Universität gehoben werden sollte. Um einen Maßstab für +sie zu haben, richtete sich die nächste Agitation auf die Zulassung der +Mädchen zu den Lokalexamen der Universitäten. Schon 1865 verstand sich +Cambridge, etwas später Oxford zur Abhaltung dieser Examen, die etwa +zwischen das 13. und 16. Lebensjahr der Schüler zu fallen pflegen.[271] +Sie stehen ungefähr den Examen unserer Realschulen gleich und +berechtigen keineswegs zum Universitätsstudium. Um dies zu erreichen, +das den Frauen hartnäckig verweigert wurde, legte Miß Emily Davies, die +schon die erfolgreiche Agitatorin für die Lokalexamen gewesen war, im +Jahr 1869 zuerst in einem kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu +Girton College. Es gelang ihr, einige Professoren von Cambridge für ihre +Idee, ihre Schülerinnen zunächst zu dem leichtesten--dem sogenannten +little-go--Universitätsexamen vorbereiten, zu gewinnen. Sie bestanden +nicht nur dies, sondern drei Jahre später auch das schwerste, das +Triposexamen. Inzwischen wurden nach dem Muster von Girton, +Newnham-College, gegründet. Durch vereinte Bemühungen, die oft zu +heftigem Federkrieg führten, wurde endlich erreicht, daß die Frauen zu +einzelnen Vorlesungen in der Universität selbst Zutritt erlangten und +schließlich--im Jahre 1881--wurden sie zu den Universitätsexamen, dem +little-go und Tripos, offiziell zugelassen; bis heute jedoch müssen sie +sich, trotz dauernder Bemühungen, mit einem einfachen Zertifikat +begnügen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei den +männlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen standhaft +verweigert,--es ist das das letzte Prärogativ, das die Männer sich +vorbehalten wollen!--Der Kampf um Oxford war ein ähnlicher, wie der um +Cambridge.[272] In dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen +nach und nach zu den Vorlesungen und Examen aller Fakultäten, mit +Ausnahme der medizinischen zugelassen, aber die Titel gönnten ihnen auch +hier ihre männlichen Kollegen nicht. Dafür gewährte ihnen schon 1878 die +Universität London--lediglich eine Examinationsbehörde--sämtliche Grade, +was um so wichtiger ist, als ihre Examen für die weitaus schwersten +gelten. Mit kleinen Unterschieden,--so ist das Studium der Theologie und +Medizin an einigen Universitäten den Frauen verboten--nehmen heute +sämtliche Universitäten Großbritanniens weibliche Studenten mit gleichen +Rechten auf wie männliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der +englischen Prüderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem +Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Männer muß es angesehen +werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen sich um das Studium der +Medizin, vor allem um die klinische Ausbildung drehte. Keine Schule und +keine Examinationsbehörde wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie +sich denn, sich selbst zu helfen, indem sie, mit Unterstützung einiger +Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London school +of Medicine for women gründeten. Ihrem energischen Vorgehen war es zu +danken, daß durch Parlamentsbeschluß zwei Jahre später die +Prüfungsbehörden autorisiert wurden, weibliche Studenten zu examinieren. +Sie folgten freilich nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung. +Bis heute haben sich neun Universitäten und medizinische Schulen dazu +bereit erklärt, außerdem stehen ihnen acht allgemeine Krankenhäuser +neben achtzehn Frauenhospitälern offen.[273] + +Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die indischen +Universitäten sind seit 1878 den Frauen geöffnet; vier höhere Schulen, +von denen die in Pronah unter Leitung der gelehrten und wohlthätigen +Indierin Pundita Ramabai steht, sorgen für die Vorbereitung; die +australischen Universitäten Sydney und Melbourne haben nie einen +Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.[274] + +Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts für +bürgerliche Lebensberufe ist für das weibliche Geschlecht in England +fast ebenso gut gesorgt, wie für das männliche. Private und öffentliche +Schulen zur gewerblichen, kaufmännischen und künstlerischen Ausbildung +nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es für Frauen mehr +giebt als für Männer, genießen sie die Vergünstigung unentgeltlicher +Ausbildung. + +Den Weg zu einem neuen Frauenberuf eröffnete die 1891 gegründete +Gartenbauschule von Swanley[275]. Durch ihre Erfolge wurde den Frauen +auch die Schule der königlichen botanischen Gesellschaft zugänglich. +Eine landwirtschaftliche Schule, die statutengemäß ausschließlich für +gentlewomen, d.h. Frauen der bürgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete +Lady Warwick auf ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Gärtnerei +die Geflügel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis neuer +$Arbeitsmöglichkeiten einbezog, so geschieht es auch durch die von den +Grafschaftsräten und Gemeinden vielfach ins Leben gerufenen +landwirtschaftlichen Schulen; auch die landwirtschaftliche Nationalunion +von Großbritannien hat sich durch Gründung eines Frauenzweigvereins der +Sache angenommen. Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am +St. Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, nachdem +ihr im Krimkrieg die Schäden der dilettantischen Krankenpflege traurig +genug bekannt geworden waren, wurde auch dieser Beruf ein Erwerbsberuf +gebildeter Frauen. So giebt es kaum ein Gebiet des Berufslebens, für das +die Engländerinnen sich nicht vorbereiten könnten. Im Unterschied von +Amerika aber ist die Erziehung der Geschlechter,--mit Ausnahme von +Irland, wo kürzlich der Versuch eines für Knaben und Mädchen gemeinsamen +Colleges gemacht wurde,--fast durchweg eine getrennte. Daraus ergeben +sich sowohl praktische als psychologische Folgen schädlichster Natur und +die Ausbildung der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie +z.B. in zwei Jahren zu Landschaftsgärtnern vorbereitet, während Männer +dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und fast alle, für +das weibliche Geschlecht allein eingerichteten kaufmännischen und +künstlerischen Schulen haben einen kürzeren oder weniger gründlichen +Studiengang, als die für Männer bestimmten. Andererseits wird aber auch +durch das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern, +der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch verschärft, statt +daß er durch gemeinschaftliche Erziehung hätte gemildert werden und der +Begriff der Interessengemeinschaft seine Stelle hätte einnehmen können. + +Der Zugang zu bürgerlichen Berufen wurde den Engländerinnen im +allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie waren nicht nur seit den +Zeiten des Feudalismus keine unbekannte Erscheinung im öffentlichen +Leben, sie hatten auch durch frühe, ausgedehnte und vortrefflich +organisierte philanthropische Thätigkeit für ihr Verständnis und ihre +Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der Reformatorin des +Gefängniswesens, bis zu Beatrice Webb finden wir eine Reihe bedeutender +Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr als durch ihre Worte für das +Recht der Frau auf Arbeit kämpften. So konnte die Regierung schon 1873 +den Versuch machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor +der unter dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen, +und wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der +Schulverhältnisse berufen und ihr eine außerordentlich wertvolle Arbeit +zu verdanken hatte, so übergab sie nach und nach immer häufiger Frauen +wichtige Aufgaben. Von einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung +einer Kommission zur Untersuchung der Arbeiterverhältnisse, in der vier +Frauen mit Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden. +Sie bewährten sich so, daß kurze Zeit später eine von ihnen, Miß +Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine andere, Miß Collet, als +Korrespondentin des Labour Department angestellt wurde. Auch Aerztinnen +wurden als Bezirksärzte, als Sanitätsinspektorinnen, als Leiter +öffentlicher Krankenhäuser,--besonders in den Kolonieen,--Beamte der +Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement beschäftigt. + +Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem Besitz der +privaten Gesellschaft übernommen und die weiblichen Angestellten +beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften Agitation dagegen,--der +einzigen, die in so großem Stil gegen das Eindringen der Frauen in +bürgerliche Berufe in England entfaltet wurde,--Frauen bei den +Postsparkassen angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und +Telegraphendienst Großbritanniens.[276] Unter ihnen giebt es eine +Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern emporgestiegen sind. Fast +in allen Ministerien beschäftigt die Regierung Beamtinnen, ebenso in der +Gefängnisverwaltung und -Aufsicht, auf königlichen Observatorien und als +Assistenten der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen +jedoch befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren führte Miss +Abraham ziemlich selbständig die Geschäfte des aus 7 Personen +bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch infolge ihrer +Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die weiblichen Inspektoren +unter die Leitung des männlichen Oberinspektors zu stellen. Es scheint, +daß sich in der: Zurückdrängung der Frauen auf untergeordnete Stellungen +der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben ausdrückt. Er +spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen ebenso ab, obwohl die +Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und segensreicher wirkt, als im +Dienst der Regierung. Wohl haben die Frauenvereine in jedem Ort, fast in +jeder Gemeinde um die Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen +müssen, jetzt aber können sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden +sie als Schul-, Sanitäts und Handelsinspektoren, als Polizeimatronen und +Leiterinnen öffentlicher Anstalten aller Art, als Standes- und +Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als Steuererheber, als +Landschaftsgärtner öffentlicher Anlagen und als Dozentinnen in den +Haushaltungs- und landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsräte +thätig, aber Gemeindevorsteher und Bürgermeister wie in Amerika finden +wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die +persönliche Leistungsfähigkeit allein den Ausschlag giebt. Nicht +nur, daß weibliche Handelsangestellte, Stenographinnen und +Maschinenschreiberinnen vor den Männern schon vielfach den Vorzug +erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich zu Leiterinnen großer +Geschäfte, selbst zu Bankiers empor, die, obwohl die Börse ihnen +verschlossen ist, zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der +Privatgelehrten und Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter +nimmt Jahr um Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen +fernliegenden Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thätig +und zwar mit solchem Erfolg, daß kürzlich eine von ihnen zum Mitglied +der sehr exklusiven Königlichen Gesellschaft der Architekten gewählt +wurde. Unter den gelehrten Berufen aber ist der medizinische derjenige, +in dem die Frauen in England wie in Amerika sich am meisten auszeichnen. +Sie erfreuen sich großer Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch +den Konkurrenzneid der Männer soweit besiegte, daß sie vor wenigen +Jahren Mrs. Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer großen Abteilung der +fast nur aus Männern bestehenden medizinischen Gesellschaft erwählten. + +Am stärksten ist natürlich das weibliche Geschlecht im Lehrberuf +vertreten. Nicht nur, daß sie die männlichen Lehrer an Zahl überwiegen, +es ist ihnen gelungen, leitende Stellungen, auch an Knabenschulen zu +erobern. Dabei muß eingeschaltet werden, daß das englische höhere +Schulwesen ausschließlich in Privathänden ruht, weder Staatshilfe noch +Staatsaufsicht genießt und die Gesellschaften, die es leiten, zum großen +Teil auch aus Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische +Lehrerin zu solcher Bedeutung gelangen. Die männlichen Staats- und +Lokalverwaltungen repräsentieren immer eine konservative Macht, die nur +schwerfällig vorwärts schreitet. Das zeigt sich auch dort, wo die Frau +solche Stellungen zu erreichen strebt, auf deren Gewährung die Behörden, +vom eingewurzelten Vorurteil überdies unterstützt, irgend welchen +Einfluß üben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und Unterricht waren +seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der Familien und des +Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn über die +ursprünglichen Grenzen herauszuführen, um zur Armenpflegerin und +Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu führen. Berufe aber, die nicht +von Anfang an mit dem Weib als Geschlechtswesen in engem Zusammenhang +standen, galten von vornherein für unweiblich und wurden ihr daher +verschlossen. So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des +Geistlichen und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen +und Missionarinnen, die Hochkirche läßt sie ebensowenig zu wie die +lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten dürfen Frauen +seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten schließt jeder +Gerichtshof vorläufig noch aus. + +Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung und Ziel +gegeben und sie in den revolutionären Stürmen des 19. Jahrhunderts +jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb schließlich in seinen +Erfolgen hinter Amerika und England zurück. Die Ursache davon ist +vorwiegend in der durch die Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen +zivilrechtlich ungünstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die +Frauenbewegung sich von der Reaktion der fünfziger Jahre erholt hatte, +verwandte sie ihre besten Kräfte auf den Kampf gegen eine Unterdrückung, +die wohl geeignet war, jedes Vorwärtsstreben zu erschweren. Ihre +Agitation für höheren Unterricht und Zulassung zu bürgerlichen Berufen +war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine lebhafte. +Zunächst galt es, die teilweise Eröffnung der Universität nicht dadurch +illusorisch werden zu lassen, daß die Erfüllung der Vorbedingungen nicht +vorhanden war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der +Einrichtung freier Vortragskurse für Mädchen, ohne Erfolg zu haben. Auch +die Privatanstalten genügten nicht. Legouvé, der nach wie vor an der +Spitze dieser Bewegung stand, sammelte schließlich eine immer größere +Zahl von Frauen und Männern um sich, die für die Idee der staatlichen +Intervention eintraten und die Errichtung von Mädchengymnasien +verlangten, die denen für Knaben entsprechen sollten. Aber erst im Jahre +1880 setzte Camille Sée ein Gesetz durch, wonach der Staat sich +verpflichtete, mit Unterstützung der Kommunen höhere Mädchenschulen ins +Leben zu rufen. Wenn dies Gesetz auch den Wünschen der Frauen und ihrer +Freunde noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die +neuen Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 städtische +bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu Gymnasien, +so war die Anerkennung der Notwendigkeit höherer Frauenbildung durch den +Staat immerhin ein Fortschritt. Seine Bedeutung ist um so größer, als +von vornherein ausschließlich Frauen zu Leitern und Lehrern in den +Lyceen bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs +mit sich und führte schon ein Jahr später zur Gründung der Ecole normale +in Sèvres, an der die Ausbildung der dem höheren Mädchenunterricht sich +widmenden Frauen erfolgt[277], soweit sie sich nicht durch +Universitätsstudien vorbereiten. Seit 1870 schon stehen ihnen, mit +Ausnahme der theologischen, nicht nur sämtliche Fakultäten offen, sie +können auch dieselben Grade erwerben wie die Männer. Auf dem Gebiet der +Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kämpfen, der bis heute noch +nicht ganz zum Ziele führte: Zur klinischen und chirurgischen Ausbildung +und dem damit verbundenen Examen wurde ihnen gar nicht oder nur +ausnahmsweise Zulaß gewährt. Schließlich erreichten sie es, in den +Pariser Spitälern vier Jahre studieren zu dürfen, ohne daß man sie +jedoch zu den höheren Prüfungen zuließ. Die Studenten sowohl wie die +Aerzte waren während des ganzen Kampfes ihre ausgesprochenen Gegner. +Auch auf einem anderen Gebiete, dem des künstlerischen Studiums, war von +einer Gleichberechtigung der Frauen lange Zeit hindurch keine Rede. +Selbst die Leistungen einer Rosa Bonheur, einer Vigé-Lebrun waren nicht +im stande gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu +ermöglichen. Die traditionelle Meinung, daß die guten Sitten dadurch +verletzt würden, mußte hier ebenso wie beim klinischen Unterricht als +Vorwand der Ausschließung dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die +französische Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur +Gründung von zwei Ateliers für Schülerinnen, um damit dem Vorurteil der +gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu kommen. + +Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und kaufmännischen +Unterrichts der Frauen einer Lösung entgegen. Schon 1870 zählten die +fünf Pariser kaufmännischen Schulen 800 Schülerinnen. In den Provinzen +entstanden, zum Teil durch die Kommunen, ähnliche Anstalten, deren +starke Frequenz dafür Zeugnis ablegt, daß sie einem dringenden Bedürfnis +entsprechen. + +Die Frau im kaufmännischen Beruf ist denn auch seit langem eine +wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rühmt ihr allgemein ihre +Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, die ihr Geschäft +wirklich ganz selbständig leiten, sind hier daher verhältnismäßig +häufiger zu finden, als in anderen Ländern. Schon in den +fünfziger Jahren wurden ihre Talente dadurch anerkannt, daß die +Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux anzustellen, +und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts Frauen im Postdienst +beschäftigt hatte, vermehrte ihre Zahl von 1877 ab bedeutend.[278] +Außerdem vertraute er sämtliche Tabakgeschäfte--die Tabakfabrikation und +der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol--, Frauen an, und +beschäftigt eine große Zahl von ihnen in der Bank von Frankreich. Im +übrigen ist die Zahl der staatlich angestellten Frauen gering und sie +befinden sich fast ausschließlich in untergeordneten Stellungen. Den +höchsten Rang nehmen die Gefängnis- und Schulinspektorinnen--von denen +es allerdings nur drei giebt--ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden +nur das Amt von Assistentinnen, haben sich aber so bewährt, daß z.B. +allein im Seine-Departement 14 thätig sind. Außer ihnen sind weibliche +Staatsbeamte als Gefangenenwärter, als Lehrerinnen in Taubstummen- und +Hebammenschulen zu finden. Seit einiger Zeit hat die Regierung auch +Aerztinnen in ihren Dienst genommen: Madame Sarraute wirkt an der großen +Oper; für das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen +angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen +angeschlossen oder an staatlichen Mädchenlyceen verwendet.[279] Von +allen Frauen werden natürlich Lehrerinnen vom Staat und von den Kommunen +am meisten beschäftigt. Ihr Einfluß reicht soweit, daß sie sowohl den +Departementsräten als dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder +angehören können. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an +der Universität zugelassen zu werden oder die Leitung eines Hospitals in +die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene oder besser bezahlte +Stellungen handelt, hört auch bei den damenfreundlichen Franzosen das +Entgegenkommen auf. Trotzdem wird der Zugang zu bürgerlichen Berufen den +Frauen leichter gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der +stagnierenden Bevölkerung die Konkurrenz keine so lebhafte ist, sei es, +weil die Französinnen der bürgerlichen Kreise selbst noch nicht nach Amt +und Brot so heftig zu streben gezwungen sind. Unter den Studentinnen +giebt es wenig geborene Französinnen, selbst unter den Aerztinnen, von +denen in Paris allein 77 eine große Praxis ausüben, sind viele +Ausländerinnen. Neuerdings hat die französische Frauenbewegung dadurch +einen wichtigen Schritt vorwärts gethan, daß die Frauen zur Advokatur +zugelassen wurden. Es war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz +der Zulassung zum juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor +Jahren glänzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, um +zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der +Rechtsanwälte hatten Frauen festen Fuß gefaßt. 1899 jedoch nahm die +Kammer einen Antrag des sozialistischen Abgeordneten Viviani an, der die +Zulassung der Frauen zur Advokatur forderte. Im Herbst 1900 bestätigte +der Senat das Votum und ein Vierteljahr später wurde die erste +Advokatin, Madame S. Balachowski-Petit, feierlich vereidet. + +Unter den bürgerlichen Berufen privater Natur, in denen die Französinnen +thätig sind, wird einer von ihnen besonders geschätzt: der +schriftstellerische und journalistische. Von jeher haben sich die +Französinnen durch ihre Gewandtheit, mit der Feder umzugehen, +hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de Staël, Georges Sand, Madame +d'Agoult (Daniel Stern), neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die +Gyp und viele andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen +Ländern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen Talente +zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem Titel La +Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja sogar gedruckte +politische Tageszeitung gründete. So wenig solch ein Unternehmen auch +dem wirklichen Fortschritt entspricht und im Interesse der +Frauenbewegung gelegen ist--denn erst das Zusammenarbeiten von Mann und +Weib auf gleichen Gebieten und unter gleichen Bedingungen würde ihre +Kräfte stählen und erproben--, so liefert es doch für die Fähigkeiten +der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen Erwerbsmöglichkeiten. + +Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der bürgerlichen +Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in demselben Tempo +erfolgt, wie man es nach den Anfängen der französischen Frauenbewegung +hätte annehmen können, und in dem, was erreicht wurde, ist es von +manchen anderen Ländern überflügelt worden. + +Nur ein flüchtiger Ueberblick,--die Schilderung der Frauenbewegung eines +jeden Landes würde ins Endlose führen und im großen und ganzen dieselben +Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,--soll den +Beweis dafür erbringen. + +In Rußland, das schon in den sechziger Jahren Universitäts- und +medizinische Kurse eingerichtet hatte, vermochte selbst die mehr als +zehnjährige Reaktionszeit von 1882 an, während der das Studium der +Medizin den Frauen nicht gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache +nicht Einhalt zu gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52 +Aerztinnen. 1896 erfolgte dann die Neueröffnung der medizinischen +Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden läßt, wie +sie die Männer erhalten, und sie denselben Prüfungen unterwirft. Sowohl +in Moskau als in Kiew können sie unter gleichen Verhältnissen Medizin +studieren, außerdem steht ihnen in Petersburg ein orientalisches Seminar +zur Verfügung. Die Vorbereitung zur Universität vermitteln die schon +1868 von Frauen gegründeten und geleiteten höheren Frauenkurse, die mit +der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung immer +besser ausgebildet wurden. Außer ihnen bestehen noch klassische +Mädchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum Universitätsstudium +berechtigt, und 350 Mädchenlyceen, die in manchen Punkten unseren +höheren Töchterschulen ähnlich sind, in anderen wieder,--z.B. werden die +klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur fakultativ +ist,--weit über sie hinaus gehen.[280] Besonders hoch steht in Rußland +die Ausbildung der Lehrerinnen. Nicht nur, daß sie großenteils +Universitätsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den "Instituten der +Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei unterstehen, eine ebenso +billige wie vortreffliche Erziehung geboten, die sie, nach Absolvierung +der Prüfungen, zum Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf +berechtigt. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß +unter den russischen Frauen die Lehrerin die Trägerin nicht nur der +Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Beförderin der +Volksaufklärung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre Leistungen +fanden soweit öffentliche Anerkennung, daß Mädchenschulen und +Mädchengymnasien großenteils weibliche Lehrkräfte und sogar weibliche +Direktoren haben, die allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in +einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis stehen. + +Einer großen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte, deren +staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im Gegensatz zu der +herkömmlichen Ansicht, daß Frauen großen körperlichen Strapazen nicht +gewachsen sind, hat es sich gezeigt, daß gerade die Landärztinnen, die +gezwungen sind, unter elenden Verhältnissen, inmitten einer rohen +Bevölkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen Schauern eines +russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich außerordentlich +bewähren. Aber auch in den Großstädten sind sie mit Erfolg thätig. In +Petersburg, wo neben 21 männlichen 15 weibliche Bezirksärzte und +außerdem 35 Aerztinnen in staatlichen Krankenhäusern Anstellung +fanden[281], hat der Magistrat in einem offiziellen Bericht +festgestellt, daß auf einen männlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf +einen weiblichen 7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum +bevorzugt werden. Außer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen +Apotheker eines guten Rufs. Noch ein anderer für die russischen +Verhältnisse wichtiger Frauenberuf findet die Unterstützung des Staates: +Seit kurzem hat das Ministerium für Landwirtschaft landwirtschaftliche +Lehranstalten für Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in +denen sie sich für alle in Betracht kommenden Fächer ausbilden können. +Die ersten, die ihre Studien zu Ende führten, wurden von der Regierung +teils in den Bureaux des Ministeriums, teils als Inspektorinnen +angestellt. Auch der Frage der Fabrikinspektoren ist Rußland in +ähnlicher Weise nahegetreten, indem es zunächst die Einrichtung von +Unterrichtskursen plant, deren Schülerinnen dann als Aufsichtsbeamte +Verwendung finden sollen. Als ein großer Erfolg kann es ferner +betrachtet werden, daß die Staatsbank Frauen beschäftigt. Diese +Unterstützung, die seitens der öffentlichen Verwaltung der +Frauenbewegung zu teil wird, läßt sich wesentlich aus dem Mangel an +Arbeitskräften erklären und der geringe Widerstand, der ihr seitens der +Männer entgegengesetzt wird, hat seinen Grund darin, daß das riesige +Land und das große Volk besonders für Lehrer und Aerzte noch unendlich +viel Platz haben. + +Noch weiter vorgeschritten als Rußland ist Finland, wo Gymnasien und +Universität dem weiblichen Geschlecht mit gleichen Rechten offen stehen, +wie dem männlichen. Hier finden sich neben staatlich angestellten +Aerztinnen auch weibliche Armenpfleger und Direktoren von Armenhäusern. +In den Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und +Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse hervorgethan. + +Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitäten den Frauen +eröffnete und ihnen die medizinische Laufbahn erschloß, gewährt +ihnen heute fast überall dieselben Rechte wie den Männern. Die +Mädchenschulen, an die sich Gymnasialklassen anschließen, bereiten zum +Abiturientenexamen vor, das auch von den Mädchen mit Vorliebe gemacht +wird, die nicht das Universitätsstudium daran schließen; infolgedessen +ist die Bildung der Schwedinnen eine im allgemeinen hohe. Seit Sonja +Kowalewska als erster weiblicher Dozent den Lehrstuhl für Mathematik in +Stockholm bestieg, steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen +Fries war ihre nächste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson +zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universität berufen. Ein +Jahr später wurde eine Aerztin am Pathologisch-Anatomischen Institut der +Stockholmer medizinischen Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an +der Lehrerschaft Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, können schon +seit 15 Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehörden werden, auch als +Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen Verwendung. +Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur zugelassen. +Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste +juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf die Seite der +Frauen gestellt, daß sogar ihre Zulassung zum Verwaltungsdienst und zum +Notarberuf erfolgte,[282] Die Universität, die ihnen erst 1880 eröffnet +wurde, läßt sie heute zu jedem Studium und zu allen Prüfungen zu, ebenso +sind die Gymnasien ihnen geöffnet. Apothekerinnen und Aerztinnen, +Gymnasiallehrerinnen und Schulinspektorinnen sind schon lange eine +gewohnte Erscheinung. Im Post- und Telegraphendienst befinden sich +Frauen in Norwegen und Schweden schon seit 1857 resp. 1860. + +Dänemark steht hinter den genannten Ländern zurück. Zwar läßt die +Universität Kopenhagen seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu, +Aerztinnen sind den Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehörden haben +weibliche Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und +der Staat stellt nur selten weibliche Beamte an. + +Ein ähnliches Verhältnis besteht in Belgien, wo sogar die Aerztinnen +ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen können. Besonders gut +eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und landwirtschaftliche +Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat dadurch unterstützt wird, daß +landwirtschaftliche Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und +Leitung praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen +heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kämpfen bisher die Frauen +unter Führung der Juristin Marie Popelin um Zulassung zur +Advokatur.[283] + +Weit größere Fortschritte hat die holländische Frauenbewegung zu +verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung genießen +die Frauen genau dieselben Vorteile wie die Männer. Auch die +Gymnasien besuchen Knaben und Mädchen gemeinsam. Ebenso ist kein +wissenschaftlicher Beruf ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit +erfreuen sich die weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Fräulein Dr. von +Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die +Universität Utrecht berufen. Unter den drei von der Kommunal-Verwaltung +Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine Frau, und die +medizinische Examinationskommission hat seit 1898 auch ein weibliches +Mitglied. Im Staatsdienst steht außerdem eine Assistentin der +Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings erst das Ergebnis einer +sehr langen Agitation gewesen ist. + +Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universitätsstudium zuließ, ist ihrem +frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu geblieben. Zunächst spricht die +steigende Verwendung von Lehrerinnen dafür: seit 1871 haben sie um 87 +Proz., die Lehrer nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch stärkeren Beweis +liefert der Umstand, daß die Frauen nicht nur als Schulräte, +Schulinspektoren, Armenpfleger und,--wenn auch vorläufig in geringem +Umfang,--als Arbeitsinspektoren thätig sind, sondern daß ihnen auch das +Recht gewährt wurde, Lehrstühle der Universitäten einzunehmen, sowie +seit 1899 als Rechtsanwälte zu praktizieren. + +Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht verleugnet. Wie im +Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche Dozenten an den +Universitäten, die den weiblichen Studenten nie verschlossen waren, und +in denen sie seit 1890 den männlichen in jeder Beziehung gleichstehen. +Die Knabengymnasien werden auch von Mädchen besucht, außerdem existieren +noch besondere Mädchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, von denen das +erste 1891 vom Kultusministerium in Rom eröffnet wurde. Schon 1868 +stellte der Staat die erste Schulinspektorin an[284]; heute sind doppelt +soviel Lehrerinnen als Lehrer thätig und wirken sowohl an Knaben- wie an +Mädchenschulen. Aerztinnen und Apothekerinnen stehen den Männern völlig +gleich. Nur um die Zulassung zur Advokatur kämpfen die Frauen, seitdem +Laida Poët, nach glänzend absolviertem Doktorexamen, energisch dafür +eintrat[285], bis heute ebenso vergebens wie in Belgien, und im +Staatsdienst stehen, außer den Post- und Telegraphenbeamtinnen, nur +wenige Frauen. + +Unter den romanischen Ländern sind Spanien und Portugal die +zurückgebliebensten, obwohl auch ihre Universitäten, zum Teil sogar seit +Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt jedoch an den Mitteln zur +nötigen Vorbildung. In Spanien sind auch die höheren Berufe den Frauen +verschlossen, während in Portugal weibliche Aerzte praktizieren +dürfen.[286] Selbst die Türkei, wo ein Mädchengymnasium besteht, +gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und ließ +sie bereits ein Jahr früher zur ärztlichen Praxis zu. Griechenland, +Serbien und Rumänien gewähren den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf +fast völlig gleiche Rechte mit den Männern. Rumänien läßt sie zu den +Lehrstühlen der Universität und zur Advokatur zu.[287] Erklären läßt +sich diese, für die kulturell im allgemeinen zurückgebliebenen Länder +merkwürdige Erscheinung dadurch, daß der Zudrang zum Studium und zu den +wissenschaftlichen Berufen seitens der Männer kein großer ist, und man +nicht nur die Lücken durch Frauen ausfüllen, sondern auch durch ihren +Wettbewerb die Leistungen der Männer steigern will. Hierzu kommt, daß +weibliche Aerzte gerade in muhamedanischen Bevölkerungen, wo die kranken +Frauen jeder ärztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von Männern +ausging, einem dringenden Bedürfnis entsprechen. + +Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon verhältnismäßig früh +entschlossen, Aerztinnen anzustellen, obwohl seine Stellung zur +Frauenbewegung damals noch eine reaktionäre war. 1890 wurde die erste +Aerztin, Dr. Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere +folgten. Sie stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den +männlichen Aerzten völlig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch +nur auf nicht-österreichischen Universitäten nachgehen. Obwohl bereits +im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gäste einzelnen Vorlesungen an +österreichischen Universitäten beiwohnen durften, wurden sie erst seit +1897 als Studentinnen zu den Vorlesungen und Prüfungen der +philosophischen Fakultät zugelassen, während sie offiziell weder Medizin +studieren noch darin geprüft werden konnten. Erst neuerdings ist es +ihnen ermöglicht worden; es steht sogar zu erwarten, daß das Studium der +Jurisprudenz ihnen an allen Universitäten gestattet wird. Günstiger +stellt sich die Frage des Universitätsstudiums der Frauen in Ungarn, wo +sie 1896 an der Universität Budapest zu allen Fakultäten zugelassen +wurden.[288] Die Vorbereitung zur Universität ist die Aufgabe einer +Anzahl privater Mädchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in +Prag, Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zähe +Agitation verschiedener Frauenvereine zurückzuführen sind. + +Die Berufsthätigkeit der österreichischen Frauen, die sich besonders im +letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, beschränkt sich trotzdem nur auf +wenige Berufe. Zwar steht ihnen die ärztliche Laufbahn offen, in Ungarn +sind sie auch zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden +sich die meisten erwerbsuchenden Frauen aus bürgerlichen Kreisen noch +dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich nach +und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach auch die +Knabenklassen, weiblichen Lehrkräften anzuvertrauen. Seit +kurzem--1899--hat Galizien den Anfang gemacht, Frauen auch in den +Bezirksschulrat aufzunehmen,--ein Vorgehen, das von den übrigen Ländern +der österreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden dürfte. +Im Staats- und Gemeindedienst stehen, außer den Volksschullehrerinnen, +die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren Zulassung erst nach hartem +Kampf mit den männlichen Kollegen erfolgte, eine Anzahl +Gerichtssachverständige und Bureaubeamte in untergeordneten Stellungen. + +Noch ein Blick auf die außereuropäischen Länder vollende die Uebersicht: +in Australien genießen die Frauen fast überall die gleichen Rechte auf +Bildung und Beruf wie die Männer. Sie stehen als Fabrik- und +Schulinspektoren, als Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als +Aerzte, Anwälte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien können +sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in Asien hat die +Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche Aerzte und +Rechtsanwälte sind in Indien, dessen Universitäten den Frauen offen +stehen, keine Seltenheit. Neuerdings nimmt auch die japanische +Universität Studentinnen auf und die Gründung einer eigenen +Frauenhochschule steht in Aussicht. Im japanischen Postdienst finden +Frauen Verwendung. China hat kürzlich ein Mädchengymnasium gegründet und +an der Universität Peking dozieren weibliche Professoren. Der Negus von +Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen an ihren Hof +berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung die Ideen der +Frauenbewegung. + +Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich +zurückgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, gleichsam wie ein +dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von der vorgeschrittenen +Entwicklung der übrigen Länder abhebe. + +Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunächst allein durch die +Organisation der Frauen bezeichnet. Für die deutsche Frau, die mehr als +irgend eine andere an die Familie, an das Haus gebunden gewesen war, +erschien die Gründung von Frauenvereinen an sich schon als ein +bedeutsames Ereignis. Daß es einem Bedürfnis entsprach, bewies das +zahlreiche ins Leben treten von Verbänden im Anschluß an den Allgemeinen +deutschen Frauenverein und an den Letteverein. Einesteils drängte das +von Sorgen und Zweifeln übervolle Frauenherz nach Aussprache, +andererseits trieben die traurigen Vermögensverhältnisse Tausende auf +die Suche nach Arbeit. Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die +Spitze eines Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten, +deren Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemäßigte Sprache +führte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein konnte für sich und +seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen Bahnen" ins Leben rufen, das +etwas energischer auftrat. Auf eine bessere Ausbildung der Mädchen +versuchten beide zunächst einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie +sie in Berlin, Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden[289], +wurden auch anderwärts eingerichtet, um die Mädchen vor allem zum +kaufmännischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten ihr Entstehen +jedoch fast ausschließlich privater Unterstützung. Staat und +Kommunalverwaltungen verhielten sich ganz ablehnend. Noch schroffer war +ihre Haltung, sobald die Frage der wissenschaftlichen Erziehung der +Mädchen an sie herantrat. Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den +bestehenden Gymnasien gefordert[290]; der Allgemeine deutsche +Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner +Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die Gründung +von Realgymnasien für Mädchen befürwortete. Aber nicht nur außerhalb, +auch innerhalb des Vereins gab es noch ängstliche Gemüter genug, die um +die Gefährdung der Weiblichkeit zitterten, oder die Bestrebungen der +Frauen mit Hohn und Spott überschütteten. Unter den Politikern, wie +unter den Männern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer +Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von +Mädchengymnasien wurde mit Entrüstung zurückgewiesen[291], und Heinrich +von Sybel machte sich zum Wortführer der Gegner des Frauenstudiums, +indem er sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort +von dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein, +schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der Frauenbewegung +mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde führen. Ganz blind konnte +jedoch selbst er nicht an den thatsächlichen Verhältnissen vorübergehen, +die es vielen Frauen unmöglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu +erfüllen und so entschloß er sich zu der Inkonsequenz, der +Unverheirateten wegen, die Einrichtung von naturwissenschaftlichen, +medizinischen und kaufmännischen Schulen für wünschenswert zu +erklären.[292] + +Eine ähnliche Stimmung zeigte sich überall: man gab die Notwendigkeit +besserer Mädchenerziehung zu, aber man hütete sich ängstlich, sich +einzugestehen, wodurch sie verursacht wurde. Charakteristisch hierfür +waren die Verhandlungen der Töchterlehrerversammlung in Weimar 1872. +Eine Neuorganisation des höheren Mädchenschulwesens, sogar ihre +gesetzliche Regelung wurde allgemein gewünscht, die Erwerbsfrage aber +feige verleugnet und ausdrücklich bestimmt, daß die Mädchenschule die +Teilnahme an der allgemeinen Geistesbildung den Frauen ermöglichen +solle, ihre Gestaltung aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des +Weibes Rücksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein für das höhere +Mädchenschulwesen, der ein Jahr später ins Leben trat, fußte auf diesen +Grundsätzen, und als sich im selben Jahre das preußische +Unterrichtsministerium entschloß, sich mit der Frage zu beschäftigen, +stellte es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der +Frauenbewegung insofern eine Konzession, als es erklärte, daß die +Vorbildung für künftige Berufsarbeit besonderen Einrichtungen +vorbehalten werden müsse. Solche Einrichtungen zu treffen, sollte jedoch +ganz der privaten Initiative überlassen bleiben. Eine Ausländerin, Miß +Archer, war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter +dem Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der +Mädchen, die die Schule absolviert hatten, sich wissenschaftlich +weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre später wurde die Humboldt-Akademie +in Berlin zu ähnlichem Zweck gegründet, ohne daß beide zunächst +praktische Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten +zu keinerlei Prüfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die +Agitation der Frauen für ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie beschränkte +sich fast nur auf die Thätigkeit innerhalb der Vereine. Dagegen setzte +die litterarische Fehde seit Sybels Auftreten ihr Für und Wider lebhaft +fort. Die streitbare Feder Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger +Jahre in den Dienst der Frauenbewegung[293], während die milde Luise +Büchners durch Rücksichtnahme auf Tradition und Vorurteil die Leser zu +gewinnen suchte[294]. So wurde zwar die Aufmerksamkeit mehr als bisher +auf die Frauenfrage gelenkt, aber von öffentlichem Interesse war sie +nicht. + +Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine lebhaftere +Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts der Frauen. +Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des Allgemeinen deutschen +Frauenvereins, der außerdem seine Kräfte vielfach verzettelte, wurde der +Verein Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung +von Mädchengymnasien und Eröffnung von Universitäten zu +seinem ausschließlichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die +Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine Petition +um Zulassung zu den Maturitätsprüfungen der Gymnasien und dem Studium an +den Hochschulen versandte. Inzwischen war auch der Allgemeine deutsche +Frauenverein lebendiger geworden; er reichte im selben Jahre allen +Kultusministerien Deutschlands ein Gesuch ein, wonach das Studium der +Medizin, sowie alle Studien und Prüfungen, durch welche die Männer die +Befähigung zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen +freigegeben werden möchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten, +gaben die Stimmung Deutschlands gegenüber den Frauen zu einer Zeit, wo +sie in fast allen Kulturländern studieren, als Aerztinnen oder +Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige Staatsämter +ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: dem Verein +Frauenbildungs-Reform gegenüber erklärten sich die Einzelstaaten nicht +kompetent zur Lösung der Frage, der Reichstag aber verwies wieder an +die Einzelstaaten, und der Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7 +Staaten eine ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung +kam der Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das +Recht erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine +offizielle Prüfungsbehörde examinieren ließ. + +Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen unter dem +Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gründung von Realkursen für +Mädchen entschloß, aus denen einige Jahre später unter der Leitung von +Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und +energischen Agitation war es auch zu danken, daß endlich, 1893, die +Zulassung zum Abiturientenexamen den Mädchen gestattet wurde. Die +Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von +Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schüler +auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmählich +entstanden in einer Reihe deutscher Großstädte Gymnasien nach dem Muster +der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mädchen nur nach der +absolvierten Töchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von +großer Bedeutung war es, daß die Stadt Karlsruhe das Gymnasium +schließlich selbst übernahm, es schien gewissermaßen die öffentliche +Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Städte +München und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mädchengymnasien +selbständig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem +staatsgefährlichen Beginnen versagt! Der damalige preußische +Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen +von einem Flämmchen, das er ersticken müsse, ehe es zur verheerenden +Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Rußland +schon 30 Jahre lang staatliche Mädchengymnasien besaß, und China im +Begriffe stand, das erste zu gründen! Daß die Haltung der Regierung und +der Volksvertretung gegenüber der Forderung der Zulassung der Frauen zu +den Universitäten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung +dafür keine Unterstützung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die +erste Petition um Freigabe des ärztlichen Studiums im deutschen +Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionärer Akt +betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche +Sittsamkeit", wurden mit großem Aufwand an Pathos ihr gegenüber +verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit +nachdrücklichem Ernst für die Sache der Frauen ein[295],--gefährliche +Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die +Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die +Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter +liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb +dasselbe: die Wünsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur +Tagesordnung erledigt.[296] + +Seitdem hat eine Aenderung der Verhältnisse sich im stillen vorbereitet. +Die Universitäten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen, +zunächst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen +Weibe"--wesentlich Ausländerinnen, von denen einige sogar deutsche +Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die +Erfahrungen, die man machte, mußten keine schlechten sein, denn, obwohl +die Aufnahme weiblicher Hörer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing, +steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar ließen, im +Unterschied zu anderen Ländern, Professoren aller Fakultäten, auch der +theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen +Wert besaß ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und +nicht geprüft wurden. Erst im Jahr 1899 beschloß der Bundesrat die +Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und +pharmazeutischen Staatsprüfungen. Gegenwärtig hat er auf Antrag des +Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugeständnisse zu machen, +indem ihnen die Studienzeit auf ausländischen Universitäten,--auf die +sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen +abschließen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprüfung voll +angerechnet werden soll. Das ist für Deutschland ein großer Fortschritt, +auch wenn man in Betracht zieht, daß in Italien schon seit zehn Jahren +weibliche Dozenten der Medizin Lehrstühle der Universitäten bekleiden, +Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Türkei gar um fünf Jahre +voraus ist, und in Rußland schon seit nahezu 18 Jahren die +Staatsprüfungen den Frauen offen stehen. + +Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen +Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewährten ihnen +volles akademisches Bürgerrecht. + +Nach alledem sind die deutschen Töchter der Bourgeoisie auf folgende +Bildungsmöglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten +580 höhere Mädchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 höheren +Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preußischen +Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17 +staatlich. Sie können ferner Mädchengymnasien, die, bis auf eins, unter +privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung +finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in +Deutschland 114 Seminare zur Verfügung. Charakteristisch ist, daß in +Preußen allein 112 Staatsseminare für Männer und--10 für Frauen gezählt +werden. Das Oberlehrerinnenexamen können sie auf Grund ihrer Studien am +Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Göttingen +eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitäten +können sie mit gleichen Rechten wie die Männer studieren und nur das +medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell überall offen. Die +staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht +anders als die Mehrzahl der Universitäten. + +Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung +weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast +ausschließlich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen +verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach +dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen für Frauen entstanden. + +Das trübe Bild, das wir entwerfen mußten und das auf einen +außerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schließen läßt, wird +noch um vieles trüber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung für das +Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst übergehen. + +Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im +Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezügliche +erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des +Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich +fünf Jahre später, unter Führung des Staatssekretärs von Stephan +wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum +Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung +überwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um +Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war +ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken, +und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die +Erwerbsmöglichkeiten in eingehende Erwägung gezogen. Der Börsenkrach von +1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mädchen dazu, sich +nach einem Beruf, der sie ernähren konnte, umzusehen. Man petitionierte +bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von +Lehrerinnen, man gründete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen +Stipendienfonds, um arme Mädchen im Ausland studieren zu lassen, man +sprach zum erstenmal davon, daß Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-, +Armen- und Arbeitshäusern, in Gefängnissen und bei der Sittenpolizei +Verwendung finden müßten, ohne natürlich den geringsten positiven Erfolg +zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen" +Mädchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein +angenehmes und besonders einträgliches sei".[299] Thatsächlich wandten +sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie +Arbeiten zu, die ihnen für Haus und Familie schon gewohnt waren und die +sie nun ernähren, oder--der häufigste Fall--ihre finanzielle Lage +verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das +Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entriß, sympathisch; kämpfte +er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon +lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich +weniger Vorurteil und Sentimentalität, als Konkurrenzfurcht.--Die +Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein für +das höhere Mädchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere +Kreise. Die Männer wollten die Thätigkeit des weiblichen Erziehers +womöglich nur auf die Elementarfächer beschränken, während die Frauen, +gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen, +und den ganzen Mädchenunterricht in die Hände bekommen wollten, indem +sie sich natürlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und +wie die schönen Worte alle heißen, die dem Deutschen besonders geläufig +sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein für höhere +Mädchenschulen darum petitionierte, daß die Leitung solcher +Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem +Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in +der Mittel- und Oberstufe hauptsächlich den Frauen überlassen werden +sollte. Erst nach fast zwanzigjährigem Kampf bestimmte das preußische +Kultusministerium die stärkere Verwendung weiblicher Lehrkräfte und die +Anstellung von Oberlehrerinnen für die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war +großenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken, +die sich unter Leitung von Fräulein Helene Lange 1890 zu einem Verein +zusammengeschlossen hatten, der heute über elftausend Mitglieder zählt. +Trotz seiner numerischen Stärke, die allerdings zu der Gesamtzahl der +deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mißverhältnis steht, ist die +Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der +noch dadurch beeinträchtigt wurde, daß die Wünsche der Männer von der +Regierung insofern Berücksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht +selbständige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als +oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist. + +Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition +für sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen +Bourgeoisie der Aerztin gegenüber. Sie konnte zwar, dank der +Gewerbefreiheit, nicht an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden, +aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede öffentliche +Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch ständig der Gefahr +ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot +gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl +wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und +die Gleichstellung der weiblichen mit den männlichen Aerzten wünschten. +Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die +Regierung sowohl als die Majorität des Reichstags sprach sich gegen sie +aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser +Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rückhaltlos auf die +Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche +Liberalismus seinen revolutionären Geist und seine demokratischen Ideen +so sehr eingebüßt, daß er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und +mehr der Sozialdemokratie überließ. So kam es, daß zu einer Zeit, wo die +Frage der Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf in Amerika, England, +Frankreich, Rußland und Oesterreich soweit entschieden war, daß sie +sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lösung zu +Gunsten der Frauen wie ein revolutionärer Akt gefürchtet wurde. So kam +es aber auch, daß die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden" +Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose +von ihren Vätern, Männern und Brüdern abhängige Frauen sich entweder +ganz von ihr zurückzogen, oder so vorsichtig und zurückhaltend in ihren +Wünschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets +gewesen ist. + +Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes +gegründete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so bürgerlich ängstlich +er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an +der großen Organisation--er umfaßt heute 131 Vereine--einen Rückhalt +hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger +herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafür ist die Haltung der +Aerzte gegenüber den Ansprüchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren +Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der +die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne +weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie +die Verhältnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu +unterstützen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die +Verhandlungen und Beschlüsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden +1898, wo im Anschluß an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material +beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur ärztlichen +Berufsthätigkeit Beschluß gefaßt wurde,--im selben Jahr, als der große +englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner +Präsidentin erwählte! Einen ähnlichen, in schroffster Form ausgedrückten +Beschluß faßte zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, während +ein Jahr früher der belgische Pharmazeutenkongreß zu Mons genau das +Gegenteil erklärt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule +für Frauen gründete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche +Apotheker thätig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte +sich der Kongreß deutscher Zahnärzte, eine Berufskollegin als +Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner ärztliche Standesverein +denunzierte den Hilfsverein für weibliche Angestellte, weil er es gewagt +hatte, für seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen. +Infolgedessen befahl das Polizeipräsidium die Streichung der Aerztinnen +aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten, +nicht auszusterben, erließen die Kliniker in Halle einen fulminanten +Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung +von Frauen an klinischen Vorlesungen; schließlich kamen diese Ansichten +im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische +Sachverständigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen +Geschlechts zum ärztlichen Beruf noch nicht für spruchreif +erklärte--nachdem seit über zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika, +Australien, England, Rußland praktizierten, und der Negus von Abessinien +und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus +waren, daß sie Leib- und Hausärztinnen ernannten. + +Diese lächerlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung, +vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland +thätigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Fräulein Dr. +Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer großen Praxis. Die +Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren +Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung +1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, daß ihre +Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine +Anzahl Aerztinnen in Krankenhäusern und Sanatorien. Kürzlich hat auch +die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit +einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegründete und +geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitälern +Amerikas und Englands, aber sicher eine günstige Entwicklung haben wird. +Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprüfungen dürfte die +Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelöst sein. + +Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der +Berufsthätigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie +im Lichte der ausländischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden +hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt, +den bisher Männer zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen +machen den Versuch mit der Beschäftigung von Armen- und +Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der +höheren Mädchenschule berufen; auch in städtischen Arbeitsvermittlungen +sind zuweilen Frauen thätig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-, +Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefängnisaufseherinnen in +untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverständige und +Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der +Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an +Universitätsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thätig. Weit +wichtiger ist die nach langer hartnäckiger Agitation endlich erfolgte +Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern, +Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schließlich auch in +Preußen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den +Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der +Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten +unterstützte Forderung mit Gelächter aufgenommen, etwas später entschloß +man sich zu ernster Erörterung, begründete aber die ablehnende Haltung +mit den--Mißerfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders +in Amerika, während ihre Existenz in Frankreich überhaupt angezweifelt +wurde. Als schließlich auch die Liberalen der Sache Verständnis +entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekämpft, als gelte +es, die Grundlagen des Staates zu schützen. Man sprach sogar von Seiten +der Regierung die Befürchtung aus, die weiblichen Beamten könnten zu +sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im sächsischen Landtag +erklärte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre +Anstellung für verletzt, und als im März 1899 die Frage dem preußischen +Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont, +daß nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall +selbständig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen +werden dürfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung +getroffen. + +Einen etwas günstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung +der Berufsthätigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition +geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher für die +einzelnen mehr eine Opferthat religiöser Gesinnung, als ein aus Gründen +des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den +modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes, +als, in noch höherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den +Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiöser +Engherzigkeit befreite Thätigkeit.[302] Aber das Odium christlicher +Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest +an, daß er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei +eine Aufgabe alles persönlichen Behagens fordert, der nur wenige +gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz für viele. Erst +eine völlige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz +verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und würde viele brach +liegende Frauenkräfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lösung der +Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine +Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens. + +Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in +Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lösen +geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl +in rapider Zunahme begriffen und sie bewähren sich so sehr, daß ihre +Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer häufigere +ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte +in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der +Rechtsanwälte und der großen Industriellen. Zumeist aber erklärt sich +ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedürfnissen der +Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, daß sie ihren +männlichen Berufsgenossen gegenüber als Lohndrücker ausgespielt werden. +Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben, +fällt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht. + +So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfspräparatoren, in +einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker +thätig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu +nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in großen +Werkstätten Anstellung fanden, oder selbständig als Kunststicker, +Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Gärtner, Obst- und +Gemüsezüchter finden Frauen eine lukrative Berufsthätigkeit. Ebenso sind +weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine +Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur +Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen eröffnet, +indem sie in immer größerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist +weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog. +Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber +eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befähigung der Frauen. +Vorteilhafter für sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus. +Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als +Kriegskorrespondentinnen großer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als +Leiterinnen politischer Blätter thätig zu sein, ihre Mitarbeit +beschränkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der +Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften, +aber ihrem Einfluß ist der Umschwung in der Stimmung gegenüber der +Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von +wesentlicher Bedeutung hierfür ist es jedoch, daß auch die deutschen +Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethätigen, und durch ihre +Leistungen dem Gegner Achtung abnötigen. Während bis vor nicht allzu +langer Zeit selbst die Führerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an +Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der +oft geradezu verblüffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts +an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben +Arbeiten über die rechtliche sowohl wie über die soziale Lage des +weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer +Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch +verraten, daß sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schoßkind gerade +der deutschen Frauen, endgültig gebrochen haben. Auch das Prinzip +ängstlicher Zurückhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung +kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berührung mit +dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich +im Anschluß an den internationalen Frauenbund bildete,--die +Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen +Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von +belebendem Einfluß. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit +ihren Peitschenhieben auch die Trägsten vorwärts treibt. + + + + +2. Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung. + + +Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt zeigt, sowohl in +Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf seinen +gegenwärtigen Stand, in den verschiedenen Ländern eine auffallende +Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem Mittelalter einzelne +Vorläufer gefunden hat, setzt er um die erste Hälfte des 19. +Jahrhunderts überall ein und wird in der zweiten Hälfte aus einer Art +Guerillakrieg zu einem überlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die +von Jahr zu Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, außer +dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domäne des +männlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind überall, hier etwas +langsamer und dort etwas rascher, im Vordringen begriffen, dem bisher +keine noch so heftige Gegnerschaft Einhalt gebieten konnte. + +Diese gleichmäßigen Erscheinungen müssen demnach auf gleiche Ursachen +zurückzuführen sein. + +Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu erklären, +pflegt darin zu bestehen, daß in der Mehrzahl der Kulturländer das +weibliche Geschlecht das männliche an Zahl überragt, und die Ehe, die in +den bürgerlichen Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet, +von vornherein für viele unerreichbar ist. Diese Begründung erweist sich +insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so mehr die treibende +Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je größer der Frauenüberschuß +des betreffenden Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:[307] + +Länder Zählungsjahr Weibliche + auf + 1000 männliche + +Deutschland 1890 1040 +Oesterreich 1890 1044 +Schweiz 1888 1057 +Niederlande 1889 1024 +Belgien 1890 1005 +Dänemark 1890 1051 +Schweden 1890 1065 +Norwegen 1891 1092 +Großbritannien und Irland 1891 1060 +Frankreich 1891 1007 + +In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in erster +Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in bürgerliche +Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf 1000 Männer 953 Frauen. +Betrachten wir Nordamerika aber genauer, so zeigt es sich, daß die +Frauenbewegung in den Oststaaten, wo auf 1000 Männer 1005 Frauen gezählt +werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren +energischsten Ausdruck gefunden hat, während die westlichen Staaten, wo +1000 Männern nur 698 Frauen gegenüberstehen, von ihr nur leise berührt +werden. + +Dem Argument des Frauenüberschusses haben manche Gegner der +Frauenbewegung die Thatsache gegenübergestellt, daß die gezählte +Bevölkerung der Erde einen Männerüberschuß aufweist. Soweit sie sich +überhaupt statistisch feststellen läßt, ist die Verteilung der +Geschlechter folgende:[308] + +Erdteile Männliche Weibliche Weibliche + auf + 1000 männliche + +Europa 170818561 174914119 1024 +Amerika 41643389 40540386 973 +Asien 177648044 170269179 958 +Australien 2197799 1871821 852 +Afrika 6994064 6771360 968 +Zusammen 399301857 394366865 988 + +Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser +Berechnung--Millionen können statistisch gar nicht erreicht +werden--kommt es bei der Beurteilung dieser Frage weit weniger auf große +allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf an, wie das Verhältnis der +Geschlechter in den einzelnen Ländern sich stellt. Ist es schon für die +überzähligen Frauen Europas ein schlechter Trost, daß es in Australien +oder Asien überzählige Männer giebt, so ist auch z.B. den Frauen von +Rhode Island, von denen 1078 auf 1000 Männer kommen, wenig geholfen, +wenn in den Oststaaten das umgekehrte Verhältnis besteht, oder denen der +niederländischen Kolonieen im westindischen Archipel, die gar um 263 auf +1000 die Männer überragen, wenn man sie auf die überzähligen Asiaten +verweisen wollte. Es kommt aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher +ganz unbeachtet blieb und gerade im Hinblick auf die bürgerliche +Frauenfrage schwer ins Gewicht fällt: das ist die Frage, aus welchen +sozialen Schichten der Bevölkerung sich der Männer- oder Frauenüberschuß +zusammensetzt. Es ist klar, daß bei den heutigen, aus den Gegensätzen +zwischen Arm und Reich herrührenden Unterschieden in Bildung und +Lebensgewohnheiten die etwa überzähligen Töchter der Bourgeoisie nicht +auf die vielleicht gleichfalls überzähligen Söhne des Proletariats als +künftige Ehegatten rechnen können. Die Statistik läßt uns hierbei +freilich im Stich, denn die Volkszählungen fragen nicht nach der +sozialen Herkunft der Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an +Anhaltspunkten, um die Behauptung, daß der Frauenüberschuß in der +Bourgeoisie im Verhältnis ein größerer ist, als der der Frauenwelt im +allgemeinen, nicht als völlig aus der Luft gegriffen erscheinen zu +lassen. + +Schon die bloße Beobachtung lehrt, daß die Familien der unteren +Bevölkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der +oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau +vorgenommen wurden, bestätigten es. So stellte Bertillon für 20 +Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit +und der Geburtenhäufigkeit fest und fand, daß auf je 1000 Frauen +zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevölkerung durchschnittlich +108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der +reichen 53 und der sehr reichen 34 jährliche Geburten kamen[309]; es hat +sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rückgangs +der französischen Bevölkerung besonders bemerkenswert,--daß ihr Zuwachs +in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und +der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu +verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen über +das Geschlecht der Kinder keinen Aufschluß, dagegen hat man in Sachsen +für einen zehnjährigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen +Kindern auf ca. 1 Million Mütter festgestellt, daß die fruchtbarsten +Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche +Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so läßt sich doch +vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie +unterstützt, der Schluß daraus ziehen, daß die kinderreichen unteren +Bevölkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen, +daß also der Frauenüberschuß in den bürgerlichen Kreisen ein größerer +ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden +z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen großen Ueberschuß an +Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das männliche Geschlecht +überwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in +Elsaß-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Männer.[312] Für die +Verheiratbarkeit der Töchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch +ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, daß der Männerüberschuß +lediglich auf die starke Industriebevölkerung und die vielen Soldaten +zurückzuführen ist. Ein ähnliches Verhältnis weist Nordamerika auf, +dessen Männerüberschuß--953 Frauen auf 1000 Männer--auf den ersten Blick +zu der Annahme verführt, als müßte seine Frauenbewegung anderen als +wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitären, wie +viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch außer acht +gelassen, daß die große Zahl der Männer der Einwanderung zu verdanken +ist und daß diese Einwanderer zum größten Teil Handwerker, Landleute, +Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist, +daß, trotz des allgemeinen Männerüberschusses, in der Bourgeoisie ein +Frauenüberschuß besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine +beschränkte bleibt. + +Nach alledem scheint es klar zu sein, daß, selbst wenn auf der ganzen +Erde eine annähernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden +könnte, die bürgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelöst sein +würde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete +Jungfernfrage auch in solchen Ländern besteht, wo ein Ueberschuß an +Männern konstatiert wurde. + +Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, daß eine Gegenüberstellung +der Geschlechter allein nicht genügt, um die Verheiratbarkeit +festzustellen, sondern die Gegenüberstellung der Heiratsfähigen dazu +notwendig ist. Berechnen wir zunächst beide Geschlechter nach gleichen +Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu müssen, 20 +Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich +folgendes[314]: + +Auf 1000 männliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen: + +Deutschland 1034 +Oesterreich 1047 +Schweiz 1080 +Niederlande 1029 +Belgien 987 +Dänemark 1102 +Schweden 1096 +England und Wales 1093 +Schottland 1104 +Irland 1062 +Frankreich 1003 + +Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen. +Denn, da das Heiratsalter der Männer in den meisten Ländern erst mit dem +25. Jahre beginnt und später schließt, als das der Frauen[315], so müßte +man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge +der großen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach +den Nationalitäten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Männer im +Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenüberstellen +Leider müssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Länder +beschränken, weil die Bevölkerung nicht durchweg, wie es wünschenswert +wäre, nach fünfjährigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist +dieses[316]: + + Männer Frauen Auf 1000 Männer +Länder 25-45 Jahre 20-40 Jahre kommen Frauen + +Deutschland 6229564 7272025 1167 +Oesterreich 3147188 3638396 1154 +Frankreich 5420922 5743177 1069 + +Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhältnissen ist +es klar, daß bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die +_Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene +bleiben muß, weil es stets mehr Frauen über 20 als Männer über 25 Jahren +giebt_. + +Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die +Heirat eine Versorgung finden können, sondern vielmehr darum, welcher +Prozentsatz von ihnen thatsächlich heiratet. + +Die letzten Zählungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen: + +Länder Zählungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent + Frauen Frauen + 15 u. + darüber + +Deutschland 1895 16531748 8398607 50,80 +Oesterreich 1891 9353260 4022202 43,00 +Frankreich 1891 12359544 7656679 61,95 +England 1891 9848981 4916449 41,71 +Vereinigte Staaten 1890 19602178 11126196 56,76 + +Wir sehen daraus, daß zur Zeit der betreffenden Zählung circa die Hälfte +heiratsfähiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese +Thatsache hat die bürgerliche Frauenbewegung vielfach als +Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden +erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den +Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschluß. Denn ganz abgesehen +davon, daß ein großer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von +ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch +eigenes Vermögen, Pension oder dergleichen sich erhält, kann ein +beträchtlicher Prozentsatz der Mädchen noch darauf rechnen, zu heiraten, +um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Männer sondern auch auf +die Witwer zählen können, die bekanntlich sehr häufig zu einer zweiten +Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen +viel näher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge +faßt, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit +überschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen +ergeben hat, daß für Frauen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten +haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so können +wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das +Ergebnis ist dies: + +Länder Unter 100 weibl. Personen + von 40 und mehr Jahren + sind ledig + +Deutschland 10,7 +Oesterreich 15,6 +Frankreich 12,7 +Großbritannien und Irland 14,0 +Belgien 17,6 +Niederlande 13,5 +Schweiz 18,3 + +Damit aber können wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, daß es +bis zu vierzig Jahren noch eine große Zahl Mädchen giebt, die nicht +heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir müssen +vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die +Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen +berücksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt früher heiraten als die +Männer, eine längere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten +Male heiraten, so ist es natürlich, daß es eine große Zahl Witwen giebt, +zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen +sind folgende: + +Länder Frauen Auf 100 Frauen über + 15 Jahren sind Witwen + +Deutschland 2208579 13,36 +Oesterreich 1001136 10,70 +England 1124310 11,40 +Frankreich 2060778 16,67 +Vereinigte Staaten 2226510 11,30 + +Wir müssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der +gerade für die bürgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die späten +Heiraten. Nach einer preußischen Statistik[317] heiraten Mädchen in +bürgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem +gegenüber auch behauptet werden kann, daß die Berufsthätigkeit die +Heirat hinausschiebt, so muß andererseits doch auch betont werden, daß +die späten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher können auch, soweit +nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne +weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen, +weil thatsächlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren. + +Auf Grund der bisherigen Erörterungen sind wir zu dem Resultat gekommen, +daß eine große Zahl von Frauen nicht heiraten können, weil es an Männern +fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen +Männer keine große, ist. Für die künftige Entwicklung der Frauenfrage, +der bürgerlichen insbesondere, ist es nun aber von größter Bedeutung, ob +eine Aussicht vorhanden ist, daß zwei ihrer Ursachen,--der +Frauenüberschuß und die Heiratsunlust der Männer,--verschwinden oder in +ihren Wirkungen abgeschwächt werden können. Da entsteht zunächst die +Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen. + +Die feststehende Thatsache eines Knabenüberschusses bei der Geburt, 106 +Knaben auf 100 Mädchen, hat viele[318] zu der Annahme verführt, als +bestände ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben +gesehen, daß schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der +Geschlechter dem widerspricht. Für den vorhandenen Frauenüberschuß ist +jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhältnissen der +Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich für das letzte +Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaßen gestaltet[320]: + + Setzt man die männliche Sterbe- + Männer Frauen ziffer = 100, so ergeben sich + für die weibliche Sterbeziffer: + +Italien 26,2 25,6 98 +Frankreich 23,6 21,6 92 +Schweiz 21,3 19,5 91 +Belgien 21,9 19,8 90 +Niederlande 20,8 19,2 92 +Deutschland 25,0 22,5 90 +Oesterreich 29,8 26,8 90 +Ungarn 33,7 32,2 96 +England und Wales 20,6 17,8 89 +Schottland 19,6 18,7 95 +Irland 18,4 18,5 100,6 +Schweden 17,8 16,7 91 +Norwegen 18,3 16,5 91 +Dänemark 19,7 18,3 93 +Finland 22,2 20,4 92 +Massachusetts 20,7 19,0 92 +Connecticut 20,5 18,7 91 +Rhode Island 20,4 19,0 93 +Japan 21,7 21,1 97 + +Die größere Sterblichkeit der männlichen Säuglinge vor den weiblichen, +die längere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene +Mädchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100 +gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108 +Männer,--scheint für die stärkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von +einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, daß die Männer sowohl als +Soldaten wie als Erwerbsthätige im allgemeinen größeren Gefahren +ausgesetzt sind, als die Frauen und daß sie infolge ihrer +Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenuß u. +dergl.,--zerstörenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter +den gegenwärtig herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen, die die +Intensität des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend +auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit +der Männer nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen +Erwerbsthätigkeit eher eine Annäherung der Sterbeziffern beider +Geschlechter möglich. + +Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen +sie sich folgendermaßen dar[321]: + +Auf 100 Einwohner heirateten + + 1841/50 1881/90 + +Schweden 7,27 6,26 +Norwegen 7,78 6,52 +Dänemark 7,87 7,33 +Finland 8,15 7,32 +England 8,05 7,47 +Niederlande 7,41 7,08 +Belgien 6,79 7,07 +Deutsches Reich 8,05 7,77 +Westösterreich 7,71 7,50 +Galizien 9,54 8,50 +Frankreich 7,94 7,38 + +Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich die +Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. Umfassen die +Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind natürlich auch die Differenzen +geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur +Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschluß, daraufhin ein +durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu +wollen[322], und es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses +Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. Nicht nur, daß das +Heiratsalter der Männer in bürgerlichen Kreisen sich immer weiter +hinausschiebt,--in Preußen beträgt es bei den Berufslosen +durchschnittlich 41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die +Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch +in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt sich das statistisch nicht +feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach +sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung über die +Bevölkerung Kopenhagens kommen auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen +nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf +diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; über die +Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch +hier nichts, sie läßt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der +allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo +eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie allein auf +Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein, +während die Eheschließungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme +befinden. Und hier stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied +zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der +Proletarier heiratet früh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die +Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die +Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste +Mitgift; der Mann aus bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer, +weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen +Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das +Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen +würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Maß des höheren +Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefördernd"[326], im +Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann, +scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die +Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu +erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine +Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhältnissen +verzettelt hat, je unfähiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des +Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurücktreten. Der +moderne junge Mann der bürgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier, +Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein--hat aber gewöhnlich nur ein +Einkommen, das kaum ihm persönlich ein standesgemäßes Leben sichert, und +es gehört mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die +Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein +Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in jeder Beziehung +bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer und billiger, als es das +eheliche Leben sein würde, das ihm überdies, wenn er Umschau hält unter +seinen verheirateten Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen +wird. Auch seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld befriedigen; +setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als +eheliche kosten würden, er trägt keine Verantwortung für ihr Fortkommen +und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt +heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den +bitteren Grund der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und +Pflege bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der +bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die Eheschließung +immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedürfnissen in +größtem Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig die +Familiengründung, indem er Reisen und häufigen Ortswechsel nach sich +zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit +abhängig ist. Aber die Schuld,--wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen +wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an +dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Männer. + +In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von +fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die Erziehung +der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten +Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie können weder geistig +gleichstehende Gefährtinnen, noch gute Hausfrauen und Mütter werden; sie +sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflächlichen +Schulkenntnissen und traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr +niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den Mann +Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die Haremsfrauen für die +Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu +erhöhen. + +Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der Söhne an den +Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit für sie, +sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein +preußischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75 +bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30. +Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt für die Mitgift der +Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr +und mehr, während ihre Ansprüche schon unwillkürlich durch die +Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr +Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste +Not vor der Thür. Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein +preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis höchstens 4000 +Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jährlich +pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag +von--216 Mk. und dem Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur +die Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 und +20000 Mk. gewöhnt war[328]; das Waisengeld beträgt 1/5 der +Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder, +entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, zu erziehen. In +demselben Verhältnis bewegen sich die für Beamte, deren Witwen und +Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, daß auch der +kaufmännische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage +befindet, da er mehr und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb +zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum großen Teil die +abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, und ihr zunehmendes Eindringen +in die Erwerbsarbeit. + +So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der Heiratsfrequenz, der in der +Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, die Zunahme +der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft +weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung, +insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der +einzige. + +Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte, +sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine +Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin, +wenn auch oft aus anderen Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht +gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen, +der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren +brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je +mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als +Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die +Zentralheizung, die Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren +im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine +unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der öffentliche +Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre +hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womöglich von dem geistig und +körperlich korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der +Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre Zeit zurück, das +sich dadurch noch vermehrt, daß die Berufsarbeit und die politischen +Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause führen. Ueber diese +Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich +gegenüberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht +ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer +unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens. +Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter haben die Wahl, ihre Zeit mit +Vergnügungen totzuschlagen oder sie mit nützlicher Thätigkeit +auszufüllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden +sie sie in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis +entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun eine +ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem Wunsche nach einer +geregelten Berufsthätigkeit führt. So läßt sich mit Recht behaupten, daß +die Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard +von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein würde, daß vielmehr +der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der +sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer +sichert, eine um so längere, als das steigende Mißverhältnis zwischen +Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen anfängt, für den Erwerb +zu arbeiten. + +Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die +Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der +Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden +notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in +alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres +Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum, +festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses +Tempo im Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst von +der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit ab, so +ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes Verhältnis der +erwerbsthätigen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung: + +Länder |Zählungs-|Gesamtbevölkerung|Erwerbsthätige |Von 100 + |periode | |Bevölkerung |Männern resp. + | | | |Frauen sind + | | | |erwerbsthätig + | |-----------------+----------------+------+------ + | |Männer |Frauen |Männer |Frauen |Männer|Frauen +-----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------ +Vereinigte | | | | | | | +Staaten | 1880 |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74 +Vereinigte | | | | | | | +Staaten | 1890 |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81 +England u. | | | | | | | +Wales | 1881 |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53 +England u. | | | | | | | +Wales | 1891 |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87 +Frankreich | 1881 |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84 +Frankreich | 1891 |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03 +Deutschland| 1882 |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02 +Deutschland| 1895 |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94 +Oesterreich| 1880 |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40 +Oesterreich| 1890 |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16 + +Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den Zeitraum von +1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar: + +Länder | Männer | Frauen + |---------------------+--------------------- + |absolute|Zunahme |absolute|Zunahme + |Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten +------------------+--------+------------+--------+------------ +Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64 | 1267414| 47,88 +England und Wales | 1099598| 12,38 | 612312| 15,22 +Frankreich | 640413| 6,10 | 157480| 3,11 +Deutschland | 2116426| 15,78 | 1036833| 18,71 +Oesterreich | 956600| 14,02 | 1556386| 33,19 + +Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir +feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthätigen zu der der +männlichen in den bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu +folgendem Resultat: + +Länder |Zählungs-|Die erwerbstätige |Von 100 + |periode |Bevölkerung |Erwerbstätigen + | | |waren + | |--------------------------+-------------- + | |im ganzen|Männer |Frauen |Männer|Frauen +------------------+---------+---------+--------+-------+------+------- +Vereinigte Staaten| 1880 | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22 + " " | 1890 | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90 +England u. Wales | 1881 | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41 + " " " | 1891 | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91 +Frankreich | 1881 | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41 + " | 1891 | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80 +Deutschland | 1882 | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76 + " | 1895 | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75 +Oesterreich | 1880 | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67 + " | 1890 | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53 + +Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich +folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß die Frauenarbeit +im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung durchschnittlich um +2,86 Proz., die Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist. +Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, daß der +Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat +Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die weibliche Erwerbsthätigkeit um +9,76 Proz. zugenommen haben soll, während die betreffende Zahl für +Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07 +Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. und für +Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der +österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen +werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen +zurückführen läßt, so müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von +1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder die von 1890 +bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung, +enthält. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu +gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der +Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13 +Proz., und die Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis, +das zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr beruhigen +dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den großen Frauenüberschuß +zurückzuführen. Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche +Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen zurückbleibt und wo die +weiblichen Erwerbsthätigen im Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die +männlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben. + +Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der +nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen +eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung seine Ursache hat und +dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den +größeren Wohlstand der Bevölkerung zurückzuführen ist,--wenn nicht die +Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld trägt,--zeigt es +sich, daß die Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den +betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des +männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevölkerung, so +zeigt sich, daß, während die männliche Bevölkerung durchschnittlich um +13,77 Proz., die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, die +weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthätigen +um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der +Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es +in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies +Verhältnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in +welchem Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit beteiligt +sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenüber den hohen +Zahlen anderer Länder wenig ins Gewicht fällt, wächst der Anteil der +Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der +alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er außerordentlich +gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da +nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden +stetig wächst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur +Arbeit genötigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die +etwa gar durch äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, überhaupt +nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit +in den anderen gedrängt werden, ihre Entwicklung aber ist eine +gesetzmäßige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist. + +Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus +dem Bereich der weiblichen Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen, +der die bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den +liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf große +Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptsächlich darum, die Zahl von +erwerbsthätigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie +hervorgegangen sind und hierfür fehlen, da an eine Feststellung der +sozialen Herkunft der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher +so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen +Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß +Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte +aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht das für +Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen, +Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese +Berufe aus Gliedern bürgerlicher und proletarischer Schichten zusammen. +Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner +Hilfsverein für weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt +wurde[329], verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den +kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, daß 84 Proz. +des kaufmännisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals, +und 66 Proz. der Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses +Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der +Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite +umfaßt und das Verhältnis in den Provinzstädten und unter den +Nichtorganisierten ein anderes sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit +nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zählungen der verschiedenen Länder +das zulassen,--die Verkäuferinnen aus dem Kreis der bürgerlichen +Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmännisch gebildete +Personal vollständig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa +aus proletarischen Schichten stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen +ersetzt werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen +darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbständigen +erwerbsthätigen Frauen. Ein großer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu +denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und +wirklich selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind +vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs +die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt +der Frauenfrage völlig belanglos. Um so bedeutsamer wäre es jedoch, +ließe es sich ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch +festzustellen, die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne +gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur Künstler, +Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker können ohne weiteres +berechnet und in die Kategorie der bürgerlichen Erwerbsthätigen +einbezogen werden; im allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich +auf Grund der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen, +daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme +begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn dabei die Betriebszählungen +zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den +Selbständigen von den bürgerlichen zu sondern. + +Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder gestaltet +sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen thätigen Frauen für +eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die +Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in +Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug +auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der +Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden müßten. + +Nach alledem steht es fest, daß die statistische Umgrenzung der +bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit +machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr +geben dürfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich +nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszählungen +entnommen habe, folgendermaßen dar. + +Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte + |land | reich | | u. Wales |Staaten +-----------------------+----------+---------+----------+-----------+---------- +1. Beamte und | \ | | | |\ + Bureauangestellte | } | | | | } + im Staatsdienst | } | 865 | 445 | 8546 | } +2. Beamte und | } 1852 | | | | } 4875 + Bureauangestellte | } | | | | } + im Gemeinde- | } | | | | } + und Kommunaldienst | / | 357 | 387 | 5165 |/ +3. Polizeibeamte, | | | | | + Gendarmerie | | | | | + und Wachtdienst | -- | 10 | -- | -- | 279 +4. Post-, Telegraphen-| | | | | + und Telephonbeamte | 2499 | 2703 | 5211 | 4356 | 8474 +5. Eisenbahnbeamte | 382 | 605 | 3767 | 849 | 1438 +6. Geistliche | -- | -- | -- | 4194[335]| 1143 +7. Kirchen- und | | | | | + Anstaltsbeamte | 430 | 2715 | -- | -- | -- +8. Aerzte, Chirurgen |\ | | | | + und Zahnärzte | } | 37 | 870 | 446 | 4894 +9. Krankenpflegerinnen| }72837 | | | | + und Hebammen |/ [330] | 14623 |13475[333]| 53057 | 41396 +10. Tierärzte | -- | -- | -- | 2 | 2 +11. Advokaten | -- | 6[332]| -- | -- | 208 +12. Bureaubeamte | | | | | + bei Advokaten | -- | | | | + und Notaren | [331] | 102 | 389 | -- | -- +13. Professoren | | |\ |\ | + an Universitäten | | | } | } | + und Lyceen | -- | -- | }68448 | }144393 | 695 +14. Lehrer | 66181 | 21417 |/ |/ | 245371 +15. Privatgelehrte |\ |\ |\ | 42 |\ +16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725 + und Redakteure | } 410 | } | } 391 | } 660 |/ +17. Journalisten |/ | } 332 |/ |/ | 888 +18. Stenographen und | | } | | | + Maschinenschreiber | 436 |/ | -- | 127 | 21270 +19. Bibliotheks-, | | | | | + Museums- | | | | | + und Privatbeamte | 865 | 572 | -- | 240 | -- +20. Architekten | -- | 20 | -- | 19 | 22 +21. Ingenieure | -- | -- | -- | -- | 124 +22. Maler und Bildhauer| 839 | 337 | \ 3818 | 3032 | 10815 +23. Musiker |\ |\ | / | \ 19111 |\ 34519 +24. Musiklehrer | } | } | 4888 | / |/ +25. Schauspieler | } 8976 | }2586 | | | + und Sänger |/ |/ | 5301 | 3696 | 3949 +26. Theaterbeamte | 195 | 1074 | -- | -- | -- +27. Chemiker | 92 | 42 | \ 657 | 27 | 39 +28. Apotheker | 60 | 134 | / | 160 | 734 +29. Photographen | 208 |\ | -- | 2496 | 2201 +30. Zeichner, | | } | | | + Musterzeichner, | | } 156 | | | + Graveure, | | } | | | + Modelleure | 114 |/ | -- | -- | 346 +31. Agenten | 195 |\ 1809 | 91 | 765 | 4875 +32. Handelsreisende |\ |/ | -- | 165 | 611 +33. Buchhalter | } |\ | \94003 | 50 | 27772 +34. Handelskommis | }11987 | }8138 | / [334] | 17859 | 64219 +35. Bankbeamte |/ |/ | 1135 | 249 | 217 +36. Verwalter, | | | | | + Wirtschaftsbeamte | | | | | + und Rechnungsführer| | | | | + in landschaftlichen| | | | | + Betrieben | 17170 | 1001 | 16766 | -- | --[336] +37. Technisch gebildete| | | | | + Beamte in | | | | | + industriellen | | | | | + Betrieben | 5099 | 2094 | -- | 748 | --[337] +38. Andere freie Berufe| -- | 177 | -- | -- | 479 +-----------------------+----------+---------+----------+-----------+---------- +Summa: | 190827 | 61382 | 220042 | 269454 | 484580 + +Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ größte Anzahl bürgerlicher +Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen +thätig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen +Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der +Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprünglichsten +und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres +Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen +Frau ruhende Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin, +die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und +Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn für +Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an geübte +Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts für +den kaufmännischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung +entsprechen auch die öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in +immer erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen über +die Befähigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In +England und Amerika werden Frauen hauptsächlich im Bureaudienst, als +Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren +verwendet. + +Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl bürgerlich erwerbsthätiger +Frauen zu kommen, muß sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen +Männer verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zählung +für die betreffenden Länder als Resultat: + +Länder Von 100 Erwerbstätigen + in bürgerlichen Berufen sind + + Männer Frauen + +Deutschland 88,34 11,46 +Oesterreich 87,77 12,23 +Frankreich 78,02 21,98 +England 77,67 22,33 +Vereinigte Staaten 81,25 18,75 + +Die Berechnung zeigt, daß die geringste Beteiligung der Frauen am +bürgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen +am meisten erschwert wird, und die höchste da vorhanden ist, wo nicht +nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein +starker Frauenüberschuß konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein +Männerüberschuß besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen +Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer. + +Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich, +sobald wir das Wachstum der bürgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung +unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschluß darüber: + +Erwerbstätige in bürgerlichen Berufen: + +Länder |1880 resp. |1890 resp. | Absolute |Prozentuale + |1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der |Zunahme der + |-------------+--------------+--------------+------------- + |Männer|Frauen|Männer |Frauen| Männer|Frauen|Männer|Frauen +-----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------ +Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61 +Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22 +Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79 +England |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47 +Verein. | | | | | | | | +Staaten |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19 + +Sie zeigt deutlich, daß die Zunahme der bürgerlichen Frauenarbeit in +England und Amerika, wo eine große Ausbreitungsmöglichkeit für sie +besteht, eine weit raschere ist, als die der Männer. + +Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier +wiedergeben, und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt für +Amerika vor:[338] + +Von 100 Erwerbstätigen in Amerika waren + +Berufe 1870 1880 1890 + Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen + +Künstler und Kunstlehrer 89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08 +Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54 +Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84 +Buchhalter und Kommis 96,53 3,47 92,90 7,10 83,07 16,93 + +Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in +rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe drängt, und es läßt +sich daraus schließen, daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern +zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort ihnen öffnen. +Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und +Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich läßt sich unschwer +der Beweis dafür erbringen: + + Oesterreich Deutschland + Zunahme der Zunahme der + Männer Frauen Männer Frauen +Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84 +Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21 + +Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der +bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. Dafür spricht auch der Umstand, daß +jeder offenen Stelle eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen +gegenüberstehen, die natürlich dort den größten Umfang annimmt, wo die +arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben. +Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich +bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193 +offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben +hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die +jährlich höchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als +6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crédit Lyonnais zählte für ca. 80 +Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im +Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen +zeigen nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die Mädchen +aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie für +die Proletarierinnen, sie sprechen auch für die wachsende Not, die sie +zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafür ist die rasche +Zunahme der weiblichen Studenten. An den preußischen Universitäten, die +sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem +vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer +Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340] +Diese Zahlen würden noch bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium +und der Eintritt in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer +forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden +sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb zu +gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit +und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Züge in der +bürgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an +dieser Stelle erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr +Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes: + + Auf 100 Erwerbsthätige in bürgerlichen +Länder Berufen kommen verheiratete Frauen + +Deutschland 15,02 +Oesterreich 36,22 +Vereinigte Staaten 8,92 + +Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der +Männer gegen die Zulassung der Frauen zu bürgerlichen Berufen ausdrückt, +ist daher nicht unbegründet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die +Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung +unterziehen. Ueberall, selbst in den Ländern, wo die Frauenarbeit die +glänzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, daß ihre Bewertung, auch +bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Männer. In den +Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars +wöchentlich, ihre männlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars. +Männliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000 +Dollars jährlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem +Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Höchstgehalt von 1200 +Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehälter der Lehrer und +Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschluß:[341] + + Durchschnittlicher Verdienst der + Männer Frauen + +New York 74,95 $ 51,33 $ +Massachusetts 128,55 $ 48,38 $ +Rhode Island 101,83 $ 50,06 $ +Connecticut 85,58 $ 41,88 $ +Delaware 36,60 $ 34,08 $ +Maryland 48,00 $ 40,40 $ +South-Carolina 25,46 $ 22,32 $ +Florida 35,50 $ 34,00 $ + +Der Umstand, daß der weitaus größte Teil der Lehrer in Amerika Frauen +sind, fällt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, daß die +Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern +geringerer Ansprüche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das +rasche Vordringen der Engländerin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken. +Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden +Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund +jährlich,--fast die Hälfte dessen, was ihren männlichen Kollegen +zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an höheren Mädchenschulen +sind in keiner günstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur +eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen +von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200 +Pfund. Noch schlechter sind die Verhältnisse der Volksschullehrerinnen, +die von der Girls Day School Company angestellt werden und +durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jährlichen Gehalt beziehen! Die +Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch +nur in Ausnahmefällen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhöhen.[343] +Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschließlich +bürgerlichen Kreisen entstammen, werden für ihre aufopfernde Thätigkeit +in ungenügender Weise entschädigt: neben Wohnung und Beköstigung +erhalten sie 12 bis 30 Pfund jährlich. Selbst die vom Staat angestellten +Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer +glänzenden Stellung, da der größte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im +Jahr bezieht, ihre männlichen Kollegen erhalten für gleiche Leistungen +ein Mindestgehalt von 70 Pfund und während sie in den höheren Stellungen +eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben +Stellungen im günstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches läßt sich von +den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund +im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der +Männer.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in +Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die +weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein +Anfangsgehalt von 1000 Frs., die männlichen bei gleicher Leistung 1500 +Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der +Männer alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Höchstgehalt der Frauen endlich +beträgt 1800 Frs., das der Männer dagegen weit über das Doppelte, +nämlich 4000 Frs.[346] + +Trauriger noch sind die Zustände in Deutschland und Oesterreich. Giebt +es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300 +bis 450 Mk. beträgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders +schlecht gestellten Wäschenäherin vergleichen läßt. Eine +Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer +bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jähriger angestrengter +Thätigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht +sie nach 20jährigem Dienst ein Höchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei +Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt +von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehälter der +Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den höheren Mädchenschulen stehen, +zeigt folgende Tabelle über ihre niedrigsten und höchsten Einnahmen an +den genannten Orten:[348] + + Lehrerinnen Lehrer +Berlin 1800-2600 Mk. 2800-6000 Mk. +Breslau 1300-2300 " 1800-4550 " +Danzig 1200-2000 " 1800-4850 " +Hannover 1000-2000 " 2250-5150 " +Kassel 1200-1950 " 2600-5150 " +Köln 1200-2200 " 1800-6075 " + +Dabei ist berechnet worden, daß eine großstädtische Lehrerin bei +bescheidensten Ansprüchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben muß. + +Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo +sie häufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein müssen[349] und überdies durch +Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten +für Lehrerinnen für ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die +Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewähren, die, unter +Verzicht auf persönliches Lebensglück, ihre besten Jahre der +Heranbildung der Töchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug: +sie beträgt 405 bis 912 Mk. jährlich;--es liegt grimmiger Hohn darin, +diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist +auch für die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten +Jahren kaum existieren kann, ohne Vermögen zu besitzen, oder--der +häufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Kräfte aufzureiben, +so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht +aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre +Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab läuft, um +sich noch ein paar Mark zu verdienen. + +Die Handelsangestellten befinden sich in keiner günstigeren Lage, als +die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag +als Höchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Männer in +gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehälter zwischen 20 und +30 Mk. monatlich gehören, besonders in der Provinz, nicht zu den +Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, daß +eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. für die Handelsangestellten +ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner +Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich +ihre Ausgaben für Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wäsche, +Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergnügungen ganz +abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von +28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Für Oesterreich werden +die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaßen berechnet: 60 +Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10 +Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf +noch höhere Gehälter. Trotz dieser jämmerlichen Bezahlung drängen sich +die Mädchen zum kaufmännischen Beruf; so mußte z.B. eine der +unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352] +Die männlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40 +Gulden zu beziehen und stehen nach längerem Dienst unverhältnismäßig +günstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt +von 360 bis 600 Gulden jährlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme +von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhältnisse bei den +Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden +monatlich, das alle fünf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den +Höchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hälfte der +Angestellten beziehen gegenwärtig den niedrigsten Gehalt, und während +die Bezüge der männlichen Beamten, von denen keine höhere Vorbildung und +keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal, +wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei +Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschäftigt, für die Frauen +unverändert geblieben. Die Pensionen, die nur bei völliger +Dienstunfähigkeit gewährt werden, entsprechen dem Gehalt: nach +dreißigjährigem Dienst, dem längsten, der nach den gemachten Erfahrungen +erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354] + +Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja +geradezu haarsträubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie +nutzen die Zwangslage, in der sich die Mädchen dadurch befinden, daß sie +erst nach zweijähriger Lehrthätigkeit zur Lehrbefähigungsprüfung, die +sie in eine höhere Gehaltsstufe aufrücken läßt, zugelassen werden, aus, +indem sie die jungen Lehrerinnen großenteils--umsonst arbeiten lassen. +Es kommt vor, daß die Entschädigung für 4 bis 5 Stunden Unterricht im +Gabelfrühstück besteht; in den Klosterschulen werden die Volontärinnen +am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock +belohnt. Nur wenige Institute gewähren ein Höchstgehalt von 30 bis 35 +Gulden während der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15 +oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach +zweijähriger Arbeit unter den elendesten Verhältnissen gelungen, eine +Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunächst auf 1,16 +bis 1,33 Gulden täglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis +15 Jahre in ähnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um +Industrielehrerinnen, so können sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen +von 450 bis 600 Gulden rechnen, müssen aber auch darauf gefaßt sein, +jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind für sehr bescheidene +Bedürfnisse die notwendigen Ausgaben einer in bürgerlichen Berufen +thätigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben für +Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten, +Bildungsmittel, Vergnügungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat +sich ergeben, daß 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358] +Es zeigt sich also auch hier, daß die Einnahmen zu den Ausgaben in +schreiendem Mißverhältnis stehen. + +Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden +Frau, das auf alle Länder gleichmäßig paßt, behandelt die Lage der +Bühnenkünstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen häufig dem der +Männer gleichzustehen, thatsächlich ist es ganz bedeutend geringer, weil +Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Männern +keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bühnen, auch die +historischen Kostüme selbst zu beschaffen haben, die ihren männlichen +Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen für +Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden +hinab, auf denen noch, als eine unerträgliche Steuer, die Prozentabgaben +an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Höhe, +die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Großstädten +die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage +verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen +großen Toiletteaufwand garantieren, Überhand nimmt.[359] + +Werfen wir noch einen Blick auf die große, rasch wachsende Zahl der +weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, daß ihre starke Mitarbeit +an Familienblättern zweiten und dritten Ranges zum größten Teil auf ihre +geringen Ansprüche zurückzuführen ist. Selbst in England, dem Dorado +schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen, +die, dank ihres Talents, glänzend situiert sind. Im allgemeinen können +100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360] +Dasselbe gilt für die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend +schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie +die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thätigen Frauen, geben sich mit +Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen würde, +anzubieten. + +Das rasche Vordringen der Frau in die bürgerlichen Berufe läßt sich +nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere +Ansprüche erklären; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder +Fabrikant, der Arbeiterinnen beschäftigt: es ist für ihn eine Ersparnis. +Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den +verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunächst ist die Frau als +selbständig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem +durch den Mann zu ernährenden Weibe, vollständig widerspricht. Die +Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur für einen Zuschuß zum +Lebensunterhalt, nicht für seine vollständigen Kosten, und der +sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen. +Menschenfreunde dem armen Mädchen helfen wollen, entspringt demselben +Boden, aus dem der rohe Cynismus wächst, mit dem Kaufleute und +Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu +treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der +Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau +für die Berufsarbeit eine unzulängliche und der dadurch erzeugte +Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen, +unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die +dasselbe leisten wie die Männer. Und noch ein anderes, für die +bürgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine +große Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollständig auf ihre +Erträgnisse angewiesen; sei es, daß sie bei den Eltern wohnen und nur +ein Nadelgeld verdienen müssen, sei es, daß sie eine Rente beziehen, die +nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der +Lage, die Männer, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not +leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das +skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidaritätsgefühl. Ihre +jahrhundertelange Vereinzelung als Töchter, Gattinnen und Mütter--jede +in einer engen Welt für sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch +gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das +sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lösen helfen. Solange aber +Beamtentöchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen +wünschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken, +solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im +Erwerbsleben nicht zu Ende geführt werden können. + + + + +3. Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten. + + +Für die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der +Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden +Thatsache der minderwertigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten des +weiblichen Geschlechts. + +Was zunächst die körperlichen Fähigkeiten betrifft, so fallen selbst +gelehrte Männer, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den +Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der +Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das +Moment der körperlichen Ausbildung ganz außer acht zu lassen. Beginnt +doch ihre Verschiedenheit für Mann und Frau schon in frühester Jugend: +dem Mädchen wird gelehrt, mit vielen langen Röcken, die die +Bewegungsfreiheit beeinträchtigen, still bei den Puppen zu sitzen, +während der Knabe in kurzen Höschen zum Laufen und Springen angehalten +wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele außerhalb +stärken weiter seine Muskeln, dem Mädchen dagegen wird dafür bestenfalls +ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie über +geisttötenden Handarbeiten, oder quält sich und andere am Klavier, +während ihr Bruder Fußball spielt, oder fröhliche Wanderungen +unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung +geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung +des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der größeren Selbständigkeit +und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mädchen deutlich zu Tage +tritt, und auch darin einen glücklichen Ausdruck findet, daß der Absatz +der Klaviere seit seiner Einführung in stetigem Sinken begriffen ist. +Die Masse der bürgerlichen Mädchen aber, besonders in Deutschland und +Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berührt, wie von +der günstigen Aenderung der körperlichen Ausbildung, die in Amerika und +England Platz greift. Würde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft +eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der männlichen, so dürften +die Frauen dem Durchschnitt der Männer zweifellos gleichkommen, das +lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von +den Lastträgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur +Genüge. Aber selbst wenn es nicht geschähe, würde dadurch etwas anderes +bewiesen werden, als daß gewisse Berufe, wie etwa die der Bergführer, +den Männern überlassen werden müssen? Auf die Geisteskräfte sind die +Muskelkräfte jedenfalls ohne hervorragenden Einfluß, und noch immer ist +der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist. + +Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Gründe für +ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als +sekundäre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die +Verschiedenartigkeit des weiblichen vom männlichen Gehirn und die +weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die +verhältnismäßige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit +hindurch, hauptsächlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr +Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, daß die +Geisteskräfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatsächlich haben +die Männer ein absolut größeres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich +aber schließlich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, daß es +im Vergleich zum Körpergewicht kleiner ist als das des Weibes, daß die +Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Männer.[361] +Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus +hervor, daß die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem +Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem +einfachen Tagelöhner und dem Zoologen Cuvier gehörten. Als eine Ironie +der Natur kann es wohl auch angesehen werden, daß Bischof, der aus dem +absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schärfe ihre geistige +Inferiorität beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es +nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das +Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl +nichts weiter gefunden wurde, als daß es bei den Mädchen schneller +zunimmt, früher zu wachsen aufhört und notwendigerweise infolgedessen +auch früher anfängt abzunehmen, als bei den Männern. Weiter wurde die +Größe des Stirnlappens für ausschlaggebend erachtet. Experimente mit +Tieren und der Umstand, daß Schwachsinnige die größten zu haben pflegen, +sprechen aber für die Hinfälligkeit auch dieses Beweises. Bei den +Wägungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, daß ein +wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf +nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, daß durch die +Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann +und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa +bestehen, haben für die Lösung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil +nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um +allgemein gültige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre größte +Menge Mitgliedern geistig und körperlich unterdrückter Klassen angehört +hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen +Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die +Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit +denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den +Einfluß der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten könnte. + +Weit begründeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes +als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von +der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwürdige Thatsache eines +periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen +hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit +auszuschließen. "Das Weib leitet beständig an dem Vernarben einer +inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklärt sie für ein von Natur +schwaches und krankes Tier. Kulturvölker des Altertums und Naturvölker +der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als +Unreine und haben abergläubische Furcht vor ihnen.[362] All diese +Ansichten sind durchaus verständlich, da es sich um eine den Männern +vollständig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie +daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen +während der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme +der Kräfte und die Unfähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten, +so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder +Kleidung und Lebensweise, sich aber hüten, diese Erscheinungen für +natürliche zu erklären.[363] Hierüber dürfte das endgültige Urteil den +Frauen allein zustehen und dabei würde sich herausstellen, daß die +Gesunden unter ihnen von einem Einfluß der Menstruation auf ihre Körper- +oder Geisteskräfte überhaupt gar nichts spüren, manche sich sogar +während der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber +sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die kränklichen +Männer, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehören. Günstige +Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja für alle ohne +Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--können daher Frauen +trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn +sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch +ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thüren zum Erwerb zu +verschließen als es Grund wäre, die Männer von der Arbeit +zurückzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben. + +Den Vorwand dazu bietet für viele auch der Umstand, daß die Vorbereitung +zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist +gebückter Stellung zu sitzen, der körperlichen Konstitution des Weibes +besonders schädlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschränkung zu. +Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Töchter bürgerlicher +Eltern während der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen über +nervenzerrüttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das +stundenlange nächtliche Tanzen in überhitzten Sälen der Gesundheit +zuträglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen +und akademischen Erziehung nicht auf die männliche Jugend ebenso +traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum +zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesündere Formen der +Ausbildung für alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbürdung +Hand in Hand gehende körperliche Vernachlässigung endgültig über Bord zu +werfen, denn die im ersten Augenblick rührend erscheinende Sorge für die +künftigen Mütter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit +entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die künftigen Väter +verbindet. Vielleicht, daß die Thatsache der mehr und mehr in die +bürgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an +den blassen, rundrückigen, kurzsichtigen männlichen Opfern unserer +wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorübergingen, endlich die Augen +öffnen wird. Damit hätte die Frauenbewegung eine ihrer großen Missionen +erfüllt und bewiesen, daß sie zu jenem frischen Lebensstrom gehört, der +die stagnierenden Gewässer der gegenwärtigen Zustände von innen heraus +aufwühlt und fortschwemmt. + +Damit aber wäre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen +Berufsthätigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis +zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen +verlacht und kommt gewöhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige +Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein +anderer vereinbar. Thatsächlich ist dies Argument das schwerwiegendste +und begründetste, und die große Schwierigkeit, es zu widerlegen, drückt +sich schon darin aus, daß die Vertreter der Frauenemanzipation ihm +entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und +oberflächlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Möglichkeit +der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schließlich allein davon +abhängt, ob es steht oder fällt. Angesichts der gegenwärtigen +Verhältnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir +gesehen haben, es hauptsächlich alleinstehende Frauen sind, die in +bürgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel +gesetzt hat, alle Frauen durch selbständige Arbeit aus ihrer +wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht +werden, ob, wie weit und auf welche Weise das überhaupt geschehen kann. + +Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder +Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht früh zu seinem +Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach +Hause, und muß meist auch einen großen Teil des Nachmittags seinem +Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort +und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der +Berufsarbeit noch verschärft, so daß nur sehr starke, elastische Geister +sich davor bewahren können, zu bloßen Arbeitsmaschinen einzutrocknen. +Bringen wir in Gedanken zunächst die verheiratete kinderlose Frau in +dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine +selbständige Wirtschaft zu führen hat, ohne Schaden ihren Beruf +ausfüllen kann? Abgesehen davon, daß sie sich natürlich zu derselben +unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr männlicher Kollege, +ist es unseres Erachtens dann möglich, wenn eine zuverlässige +Wirtschafterin ihr die häuslichen Geschäfte abnimmt, denn sich auch mit +ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hieße sich jeder +Ruhe berauben und die Gesundheit vollständig untergraben. In ähnlicher +Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur daß hier die Frage +entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre +dauernde Unterbrechung der Berufsthätigkeit, die jede Möglichkeit, darin +vorwärts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fähigkeit +dafür geraubt hat. Besser wäre es für sie, wenn sie, wie es in England +und Amerika auch häufig geschieht, in einen neuen, für sie geeigneten +Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch +Beteiligung an Wohlthätigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit +vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es käme dabei +wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in +Frage[365], und es ist sicher, daß es für all die Frauen, die sich, sobald +die Kinder das Haus verlassen, plötzlich so gut wie aller Thätigkeit +beraubt sehen und die nur zu häufig in öden Vergnügungen aller Art oder +in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel +des Nichtaltwerdenkönnens bieten, ein Segen wäre, fänden sie ein Feld +für ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau +würde durch Berufsarbeit über viele Klippen und heimliche nagende +Schmerzen leicht hinweggeführt werden. + +Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jüngere verheiratete +Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten. +Gemäß den heutigen Verhältnissen, besonders in Europa, kämen +für sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen +vier Wände erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin +und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnärztin, falls die Praxis +beschränkt wird. Aber auch dann muß die Frau verstehen, mit ihrer Zeit +hauszuhalten, muß entweder von vornherein in günstiger Lage sein, um +sich gute Dienstboten halten zu können, oder der Ertrag ihrer Arbeit muß +es ihr ermöglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen, +das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsführung fremden, und--was +die Hauptsache ist--meist ungeschulten Kräften überlassen bleibt. Vor +allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch +an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte, +bis zur körperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der +Oberaufsicht darüber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese +divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte +glücklich zu lösen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der +Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe +unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins +ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus äußeren oder inneren +Gründen, berufsthätig sein muß, ihre Kinderzahl zu beschränken suchen, +denn für die nervösen, degenerierten Damen unserer Zeit ist +Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten +Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die +Mutter stark in Anspruch. Daß unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen +unserer Zeit die bürgerliche Berufsthätigkeit außer dem Hause für die +junge verheiratete Frau unmöglich ist, oder den Ruin der Kinder und der +häuslichen Wirtschaft nachziehen muß, braucht nach alledem nicht noch +bewiesen werden. Geschichten, die häufig von amerikanischen Frauen +erzählt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine große Praxis haben, +daneben den Haushalt persönlich führen und ein Dutzend Kinder +ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Märchen, und nur die +leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der +bürgerlichen Frauenbewegung können naiv genug sein, sie zu verbreiten. + +Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation überhaupt? Ganz +und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und +Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden +Zuständen anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der +Frauenbewegung angstvoll zuschauen, müßten sich dazu bereit finden, +statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drängen und der +Zerrüttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der +Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatürliches +brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den +wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam +nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht +werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen käme es darauf an, die +ungeheure Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln, die heute durch +die Masse der Einzelwirtschaften,--den kümmerlichen Rest der großen +Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudämmen. Das +könnte in großen Mietshäusern durch Zentralküchen geschehen, die unter +der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten +Wirtschafterin stehen müßten und in der Lage wären, sich alle modernen +Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen. +Das wäre nicht nur eine große Ersparnis, sondern dadurch würde auch dem +Dilettantismus in der Küche,--in nichts anderem besteht die mit so viel +Aufwand an Sentimentalität festgehaltene Thätigkeit der +Durchschnittsfrau und ihrer Köchin,--ein Ende bereitet, statt daß man +ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernährung des +Menschen es ist, Unheil stiften läßt. Es wäre ferner mit keinen großen +Schwierigkeiten verbunden, für bestimmt umgrenzte Häusergruppen Turn- +und Spielplätze, im Winter in Sälen, im Sommer in Gärten, anzulegen und +auf gemeinsame Kosten der Eltern für ihren Beruf gründlich vorgebildete +Erzieherinnen und Kindergärtnerinnen anzustellen; selbst für die +Kleinsten, die heute gewöhnlich zu verhätschelten Egoisten erzogen +werden, wäre es von großem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der +traurigen Frühreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit +Altersgenossen sich herumtummeln könnten, sondern auch beizeiten +lernten, ihr kleines Ich nicht für den einzigen Mittelpunkt der Welt zu +betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den +Vororten großer Städte, womöglich in Verbindung mit Gruppen kleiner +Familienhäuser, treffen ließen,--es handelt sich ja, wie wir wissen, +zunächst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthätiger +Frauen,--hätten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer +Verfügung, und die übrige Zeit würden sie sich um so frischer und +freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, während heute nur zu +häufig aus geistig angeregten, begabten Mädchen, unter dem Druck der +häuslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlässigung ihrer geistigen +Bedürfnisse, und dem oft herzzerreißenden stillen Kampf zwischen der +nach Leben und Bethätigung drängenden Begabung und den notwendig zu +erfüllenden Pflichten, früh alternde, interesselose, stumpfe Frauen +werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und +Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefährtin sein können. + +Natürlich wird diesen Ausführungen das bekannte Schlagwort von der +Auflösung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch +einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu +betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob +nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der +wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehört, +ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, daß +gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen +Strömungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift: +oder werden Mädchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und +Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht für Jahre in Institute, +Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mütterliche Einfluß +wegfällt; und hat sie nicht noch andere, recht schädliche Einrichtungen +hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der +Männer, und zwar in den vorgeschrittensten Ländern am meisten, zwischen +Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst +nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu +folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein +wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu +verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre +Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es, +ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen, +daß die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung +der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergräbt, und es an uns +liegt, den neuen Formen für das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib +und Kind nachzuspüren und sie aufbauen zu helfen. + +Für das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten +Anschauungen längst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung, +wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Ansätze +dazu finden sich in den Kindergärten, Kinderhorten, in den vielfach +entstehenden Krippen in der Nähe der mütterlichen Arbeitsstätte, die den +Frauen ermöglichen, ihre Kinder zu nähren; in der Errichtung von +Arbeiterwohnungen, die Zentralküchen, Kinderhorte, Gärten, Säle für +gesellige Zusammenkünfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und +Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunächst fast nur in der Idee +bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schließlich in der +ganzen Gesetzgebung für Arbeiterschutz. Aehnliche Maßregeln werden auch +für bürgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich übrigens sowohl +in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und +mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die +Regelung und Beschränkung der Arbeitszeit für Beamte, Bureauangestellte, +Lehrer und ähnliche Berufsthätige die größte Bedeutung haben. +Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und +Hauswirtschaftsverhältnisse Hand in Hand geht, wird die bürgerliche +Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe +abzuschließen brauchen, sie wird sich auch leichter ermöglichen lassen, +weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz für viele frei wird. + +Damit wäre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische +Seite der Frage, deren Erörterung nicht hierher gehört, einzugehen, das +Argument der Gegner, das die körperlichen Funktionen des Weibes als +Hinderung seiner Berufsarbeit auffaßt, zugleich gestützt und widerlegt: +neue wirtschaftliche Gestaltungen, veränderte Arbeitsbedingungen sind +notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel +vollständig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und körperlichem +und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder führen soll. Dabei +gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen +unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger +Persönlichkeit auszubilden verstanden, und die natürliche Sehnsucht +ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Maße besitzen, weil +keine Konvention ihr Herz verkrüppelte, wenden sich doch von der Ehe, +wie sie ihnen heute erscheint, bewußt ab. Denn was sie von ihr sehen, +widerspricht ihrem geistigen und persönlichen Freiheitsbedürfnis und sie +lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkümmern, als daß sie sich zu ihr +entschließen. Und das wird um so häufiger geschehen, je weniger sie +einer Versorgung bedürfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im +stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im +Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die +besten Mütter zu sichern; die Art des Familienlebens müßte sich daher +auch deshalb den neuen Bedürfnissen anpassen. + +Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in männliche +Berufssphären findet aber noch andere Begründungen: in dem Hinweis auf +die Menge der männlichen Bewerber drückt sich ein brutaler +Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollständig +überwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in +welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es, +wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schädigung ihrer Weiblichkeit +gefürchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewöhnlich nicht geschieht, +zunächst über diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens läßt er sich +in zwei Worte fassen: Anmut und Güte. Daß diese Eigenschaften, statt +sich zu höchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einfluß des Kampfes +ums Dasein in seinen gegenwärtigen barbarischen Formen verkümmern und +häufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die +drückende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen, +gewähren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre +äußere Erscheinung zu pflegen, ihr Schönheitsbedürfnis zu kultivieren, +und die häufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den +Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rücksichtslos gegen +andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich +allein nur erhalten zu können, ihre natürliche Güte unterdrückt. Dazu +kommt, daß gerade die bürgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die +Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen, +zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der +die Schärfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte. +Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und +Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich +vernachlässigen, männliche Allüren annehmen, ihr Weibsein äußerlich und +innerlich unterdrücken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie +jede soziale und revolutionäre Bewegung sie hervorbringt, und der +Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung für +sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswüchse der Frauenbewegung hervor: +so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr +verschärfen helfen, statt daß der gesunden Tendenz der Frauenbewegung, +die sie wieder einander nähern will, allein nachgegeben würde; so die +von England ausgehende halbmännliche Uniformierung der Frauen mit ihren +großen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhüten und ihren die Brust +zurückdrängenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenüber, +die abzuleugnen Thorheit wäre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob +unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und +Streben nicht auf das männliche Geschlecht in ähnlicher Art einwirkt. Wo +findet sich bei unseren männlichen geistigen Arbeitern, die über +Manuskripten und Büchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch +zuströmen, noch männliche Kraft und Schönheit? Besitzen sie, die in der +Mehrzahl unter der Geißel der Abhängigkeit Frondienste leisten, noch +jene gerühmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhängigkeit? Sind +nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jünger der Wissenschaft, die +Studenten, in einem viel jämmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen +Genossen? + +So kann man wohl mit Recht behaupten, daß die Weiblichkeit unter unseren +heutigen Berufs- und Arbeitsverhältnissen Schaden leidet, aber man soll +nicht vergessen, hinzuzufügen, daß die Männlichkeit nicht weniger +geschädigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch gründliche +Reformen vorgebeugt werden kann. + +Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem +Gebiet der Wissenschaft und der bürgerlichen Berufe bleibt zu erörtern; +ihre angebliche untergeordnete geistige Befähigung. + +Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden, +wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich +sichere Schlüsse über die Begabung der beiden Geschlechter ziehen +ließen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroßer, weil +sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der +Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat +eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt +gezeigt, daß die Mädchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und +Begriffe aus der nächsten Umgebung und dem täglichen Leben überlegen +sind, während die Knaben von äußeren entfernteren Dingen genauer +unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen +Untersuchung stellte es sich heraus, daß Mädchen lieber lernen als +Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mädchen, die für nichts +Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber läßt sich für +unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, daß Mädchen von klein auf +an häusliche Thätigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewöhnt +werden, und Knaben sich meist frei draußen herumtummeln dürfen, also +äußere Dinge kennen lernen, ja daß schon das verschiedenartige Spielzeug +nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden +Mädchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenküchen, +mit Pferden, Viehställen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von +Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an +geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den +Knaben konstatiert wurde, läßt sich sicherlich zum großen Teil auf ihre +frühe geistige Ueberbürdung zurückführen. Vielleicht daß auch die häufig +beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mädchen +in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedächtniskram eine +Erklärung findet, während die vom 20. Jahre ab sich meist geltend +machende Ueberlegenheit der jungen Männer ihre Ursache gewiß darin hat, +daß sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen können, während +das Dasein der Mädchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie +vor dem größten Lehrmeister, der persönlichen Lebenserfahrung, ängstlich +behütet. Auch auf den Umstand, daß Frauen im Bureaudienst mehr Fleiß und +Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der +englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die +Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einfluß gewesen. Und die +andere vielfach auftauchende Klage, daß sie für ihren Dienst wenig +persönliches Interesse haben, wird ebenso wie die häufige Nachlässigkeit +ihrer Vorbildung dadurch vollständig erklärt, daß leider heute noch fast +alle Mädchen in ihrer Erwerbsthätigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem +sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales +Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu überwinden hoffen. Selbst +die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fähigkeit zu raschen +Entschlüssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu +sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des +Charakters, als darauf, daß ihr in bedeutend höherem Maße als dem Mann +mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritäten in ihr +groß gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen +Selbständigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen +anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht +Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil +sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial +ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, daß das rechte Wissen in der +auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewißheit und nicht im bloßen +Nachbeten anderer besteht? Und wie verhält es sich mit dem Mangel an +Energie und Unabhängigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht +vorwirft und auf Grund dessen man meint, daß keine Frau ein Bacon oder +Galilei werden könnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene +Weiblichkeit in ihr groß gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der +bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht? +Mehren sich nicht heute, wo man anfängt, von diesem Ideal sich +abzuwenden, die Zeichen für eine ganz enorme Energie des Weibes und +einen Unabhängigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen +Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkämpferinnen der +Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende +Zahl mutiger und durchaus selbständiger Schriftstellerinnen beider +Hemisphären. + +Gewöhnlich wird die geistige Begabung des Weibes für eine so +minderwertige gehalten, daß man sich aus diesem Grunde berechtigt +glaubt, ihr den Zugang zu männlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt +es an vollgültigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil über die +Befähigung der Frauen stützen könnten. Aber selbst Gelehrte, die gewöhnt +sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials +allgemeine Schlüsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom +Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, daß sie in leichtsinnigster +Weise urteilen. So berief sich ein berühmter Mediziner und enragierter +Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Gründen befragte, auf +folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung über +Gehirnanatomie befand sich eine ältere weibliche Hörerin; nach Schluß +der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwähnt hatte, daß das +weibliche Gehirn in seinem Wachstum früher zum Stillstand kommt, und +auch früher abzunehmen beginnt, als das männliche, kam die Dame zu ihm +und sagte, daß sie das nicht glauben könne, denn sie sei doch schon 50 +Jahr und fühle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskräfte. "Niemals würde ein +Student," meinte der Professor, "solch eine thörichte, auf rein +subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist +ausschliesslich Frauenart." So gründen viele Universitätslehrer ihre +absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen +Zuhörern machten, aber während die einen,--zumeist solche, die seit +Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor +Winter in München[371],--ihnen das größte Lob erteilen und sie den +Männern völlig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige, +schlecht vorbereitete Schülerinnen haben, von ihrer durchgehenden +Mittelmäßigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den +Frauen die Befähigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf +zuzuerkennen, sie ihnen aber für den ärztlichen vollständig +abzusprechen; sind sie Juristen, so möchten sie ihnen den Bureaudienst +zwar überlassen, halten sie aber für unfähig, als Advokaten oder Richter +zu praktizieren. Demgegenüber stößt uns nicht nur wieder die Frage auf, +ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen +Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkürlich unter den +männlichen Studenten, den männlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob +denn hier nicht auch die Mittelmäßigkeit dominiert, ja, ob die Begabung +überhaupt der Maßstab dafür ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich +vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast +allein den Ausschlag? Sind aber die Männer trotzdem von der +Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest überzeugt, so brauchten +sie ja seine Konkurrenz nicht zu fürchten. Wer aber beiden Geschlechtern +durchschnittlich ähnliche Fähigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt +der Frauen in die bürgerlichen Berufe schon darum befürworten, damit +eine genauere Auslese der Besten möglich ist und die Mittelmäßigkeit, +die männliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position +gedrängt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, daß dieser als Folge +der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer +heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die +unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen muß: der Egoismus, der +Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und körperliche +Vernachlässigung, die dadurch schon unter den Männern hervorgebracht +werden, müssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken. +Das abzuleugnen, wäre ebenso thöricht, als es thöricht ist, von der +Zulassung zu den Universitäten und den bürgerlichen Berufen die +Befreiung der Frau zu erwarten. + +Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hüten und die +Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen +daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, daß der Eintritt +der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schädlich, +sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken +muß. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das +weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht. + +Urteilslose Anhänger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu +widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berühmter Frauen von +Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten. +Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das +Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist +uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets +ihre Persönlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und +neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von +ernstem Studium und großem Fleiß und überragen diejenigen vieler Männer +der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine +bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen. +Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklärung abzugeben, daß +die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit, +seine Ausschließung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache +hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn +gehabt für ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam +auf gleiche Stufe zu stellen mit den Männern, und statt über die +geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen über das, +was sie, trotz der Ungunst der Verhältnisse, geleistet haben. Der Mangel +an weiblichen Genies aber läßt sich dadurch noch nicht zur Genüge +erklären und er fällt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der +Kunst, zu dem der Zutritt überdies den Frauen viel leichter gemacht +wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente, +starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine +schöpferische Kraft. Selbst große Dichterinnen wie Annette v. +Droste-Hülshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch +nicht von ferne die Höhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen +sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der männlichen Dichter. Ihre +große Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht, +die sich mit männlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen +könnte, und keine der berühmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als +Tüchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir +noch auf andere Gebiete über, auf denen genialer Erfindungsgeist zum +Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen +haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst, +der Wäscherei und Schneiderei, keinerlei umwälzende Leistungen zu +verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand +sehr nützliche Erfindungen machten. Alledem gegenüber ist man häufig zu +dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine +produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr große +Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als +männliche Virtuosen gäbe. Ich glaube, daß eine Entscheidung hierüber +sich kaum treffen läßt, und daß sie nur in Betreff der Schauspielerinnen +zu Gunsten der Frauen ausfallen könnte. Ich bin vielmehr der +Ueberzeugung, daß die Genialität der Frau auf einem ganz anderen Gebiet +sich zu äußern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der +Menschheit erschließt. + +Wir haben gesehen, daß die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der +Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der +Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und +Bureaubeamtin--der Mütterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir +können, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon +konstatieren, daß sie sich in den von ihnen gewählten Berufen ganz +besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, daß fast alle +Wohlthätigkeitsbestrebungen, auch die größten Stils, fast ausschließlich +den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, daß sie sich +überall in wachsendem Maße an allem beteiligen, was unter den Begriff +Sozialreform fällt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr +Bestes leisten. Während sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hängen +pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Männern +überließen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verständnis +und seltener Energie den jüngsten der Wissenschaften, den +Sozialwissenschaften, zu, und kämpfen darum, in ihren Rahmen zu +praktischer Thätigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor +sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persönlichkeit +zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum, +Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um, +wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu +begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes +Hammer, Meißel und Pflugschar als Symbol des Völkerlebens aufzurichten. +Und besteht nicht Genialität im Ausdruck der Persönlichkeit? + +Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum +nimmt die Frauenbewegung so große Dimensionen an: weil die Atmosphäre +sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus, +Sklaverei und Krieg im Bewußtsein der Menschheit mehr und mehr als +barbarische Reste einer überwundenen Vergangenheit angesehen werden, +weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes +und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die +ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen +Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es für mich außer +allem Zweifel, daß sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner +recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber +unrecht, wenn sie meinen, daß es eins der Schwäche, der Degeneration +sein wird. Denn erst die Ergänzung der männlichen Begabung durch die +weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch +mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevölkern, kann Wirkungen +hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil +schädigen. Wären die Fähigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wäre +der Eintritt der Frauen in das öffentliche Leben für die Menschheit +vollkommen wertlos und würde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf +hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, daß das ganze Wesen des Weibes ein +vom Manne verschiedenes ist, daß es ein neues belebendes Prinzip im +Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie +trotz mißgünstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen +Revolution. + +Die bürgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen +Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche +Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie +spitzt sich um so mehr zu, je größer der Frauenüberschuß ist, je +geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegensätze zwischen +Einnahmen und Bedürfnissen sich gestalten. Die Eröffnung der +Universitäten, der höheren Lehranstalten aller Art und der bürgerlichen +Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lösung der Frauenfrage; unter +den bestehenden Verhältnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die +Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber +auch eine Reihe von Uebelständen, die in dem immer heftiger werdenden +Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schärfsten Ausdruck kommen, nach +sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die +körperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder +nachteilig einwirken, und der Thatsache, daß von ihrer wirtschaftlichen +Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen, +die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Maße zum Erwerb +gezwungen sind, durch Arbeit ökonomisch selbständig zu werden vermögen, +ist eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs- +und Hauswirtschaftsverhältnisse und der Formen des Familienlebens die +unausbleibliche Voraussetzung der Lösung der wirtschaftlichen Seite der +Frauenfrage. Ein Urteil über den Wert des Anteils der Frauen an der +bürgerlichen Berufsthätigkeit wird auch erst dann zu fällen möglich +sein, wenn ihre individuellen Fähigkeiten ungehemmt zur Entwicklung +gelangen können, und die eigentümliche Genialität der Frau sich +entfalten kann. + +Damit ist auch über die heutige bürgerliche Frauenbewegung, die sich +weder ihrer treibenden Kräfte vollkommen bewußt wird, noch ihre letzten +Konsequenzen klar ins Auge faßt und eingesteht, das Urteil gesprochen. +Das höchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu +führen, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide +Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen +können. + + + + +4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit. + + +Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu +schreiben unternehmen wollte, müßte zugleich die Geschichte der Maschine +schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintönig +rasselnde Rede und ihren feuersprühenden Atem jene dunklen, endlosen +Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimstätten herauslockte und +in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht +durch die Handarbeit der Frau ein großer Teil der allgemeinen +Bedürfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft +der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es +möglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und +Zange, mit Hobel und Säge in der eigenen kräftigen Faust beherrschte der +Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die +Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft +beruht, aber er muß dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die +mechanischen Triebkräfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren +Eigenschaften des menschlichen Körpers Gewandtheit und Geschicklichkeit +erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige +Folge der aufblühenden Großindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben +nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggründe--etwa +den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung +und verkürzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach +Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so führt dasselbe Verlangen +zur Beschäftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine wählt die in der +Frau verkörperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl für eine +Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen +Maschine oder die Benutzung motorischer Kräfte kann ein ungeübtes +Mädchen den gelernten kräftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die +Veränderung des Arbeitsprozesses ermöglicht also die Beschäftigung der +Frauen.[374] + +Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener große Umschwung auf +dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung für die +Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny, +der Kämmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des +Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung +der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwälzung im gewerblichen Leben +war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel +phantastischer Träume schwebenden demokratischen Ideen eine reale +Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entriß zahlreiche +Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und führte sie +breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der +Mensch früher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die +Maschine zwölf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen +gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von +Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch +die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England +zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach +Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000 +Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben +traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen +Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einführung +der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in +Mülhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische +Spinnereien waren im Oberelsaß allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte +später rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwälzungen +hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthätig +arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln +treibt. Aber auch sämtliche Vorbereitungsarbeiten, die früher in +langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgeführt wurden, sind von der +Maschine übernommen worden: die Wollkämmer, die unter der +schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen +ausgerüstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur höchsten +Vollkommenheit ausgebildeten Kämmmaschine übergeben müssen, und sowohl +das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf +mechanischem Wege. Am längsten widerstand die Seidenspinnerei der +Einführung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das +langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser +gesundheitsschädliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einführung +von Schlagmaschinen ersetzt worden. + +Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt +die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Während gemusterte Gewebe +früher nur auf sehr mühsame und kostspielige Weise hergestellt werden +konnten, ermöglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf +der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten +Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem +Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit +notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter +Handgriffe. Die Erfindung des selbstthätig arbeitenden Webstuhls, mit +dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschäftigt hatte, bedeutete +einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19. +Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika, +England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der +Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt daß eine Spulerin an +dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine +fünfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbäumen, eine sehr +beschwerliche Arbeit für die Handwerker früherer Zeit, besorgt eine +Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der +Garnsträhne in verschiedenartige Lösungen oder durch Bürsten der schon +auf dem Webstuhl befindlichen Fäden besorgt wurde und nachher noch ein +langwieriges Trocknen nötig machte, besorgt eine Maschine in +erstaunlicher Geschwindigkeit. Während noch ein Jahrzehnt früher jedes +gewebte Stück zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Färben, Drucken +und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe überging, vereinigte die +Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Räumen. Das +Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von +innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne +abhängig; das Walken des Tuchs, das unter großer Kraftanstrengung durch +die Hände des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den +schweren Hämmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht +allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, daß der Arbeiter mit +den rauhen Fruchtköpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark +andrückend bestrich--eine sehr zeitraubende Thätigkeit--ist jetzt +durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken +mit der Handpresse, wodurch große Gewerbe Beschäftigung fanden, ist +durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter +Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben +auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen könnte, der +sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpreßt und für jede neue Farbe +immer wieder von vorne anfangen muß, oder wer zuschauen könnte, wie der +Samtweber früherer Zeiten die wie in Schläuchen aufliegenden Faden des +Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mußte, während der +mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene +Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch +Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so daß zwei +vollständig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der würde sich von +dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen können, vor dem die +phantastischsten Märchenbilder verblassen müßten. + +Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das +ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen +nötig machte, war der Einfluß der technischen Fortschritte auf die +Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten +waren Jahrhunderte hindurch ausschließlich Handarbeit gewesen, die +Klöppel, die Nähnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die +Erfindung der Bobbinetmaschine, später noch vervollkommnet durch +Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwälzung +auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren +bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom +einfachen Tüllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten +Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst +nur in wenigen Stücken den Reichsten zugänglich war. Noch tiefer griff +die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in +die häusliche Arbeit der Frauen ein. Statt daß mit der Nähnadel ein +Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin +nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift +des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es +nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunächst die +mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang +rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so daß die +Weißstickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer +weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die +Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nämlich ein +Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder +Stickboden der Stickerei weggeätzt wurde, entstanden außerordentlich +feine, sogenannte Luftspitzen, die manche künstlerische Gebilde früherer +Zeit in den Schatten stellen. + +Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine +eine Unterstützung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben +wurde, und statt des einen Paares grober Strümpfe, die eine +Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar +erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie +notwendigerweise zum Fabrikbetrieb über. Heute erzeugt die selbstthätige +Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast völlig +fertiger Strümpfe täglich. Auch die der Strickerei so außerordentlich +ähnliche Wirkerei war zunächst für den Handbetrieb eingerichtet; ein +Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine geübte +Handstrickerin höchstens 100. Neben diesen Stühlen, die nur einfache +gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19. +Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform +hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwäsche und des übrigen +gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurückzuführen. + +Die Thätigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und +Webemaschinen eingeschlossen, beschränkt sich, sobald sie im Gang sind, +großenteils auf das Ausrücken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist +und auf das Anknüpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach +mechanische Ausrückvorrichtungen in Anwendung gebracht, so daß die +Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und +der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden +zusammenzuknüpfen braucht. Daß diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger +erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverständlich. Das +Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fußbetrieb war fast immer Arbeit des +Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der +Bewegungsmotor wurde, mußte er Frauen, ja selbst Kindern weichen. + +Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der Maschine. Noch +erzählen unsere Großeltern, wie sie sich ihre Briefumschläge stets +mühsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Häusern der Aermsten +durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und +Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen +die Kuverts und liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen +Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden, +damit sie die fertigen Umschläge--4000 in der Stunde!--auf der anderen +wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des +Zuschneidens, das kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die +Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der +Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun +übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große Veränderung die +Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum +erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist, +daß sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthätig zu fertigem Papier +verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst +der Maschine: Die Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre unmöglich +gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hölzchen, +die früher Stück für Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe +gekommen wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit +armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und gefüllt--25000 +täglich! + +Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen +die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; wohl aber kann ohne weiteres +behauptet werden, daß keine eine so nachhaltige, sich immer weiter +ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und +Webstühle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie +blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die +erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich +mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich +hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder +Fuß, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit +verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Händen +der Frauen gelegen hatte. Sie verzwölffachte überdies die Leistung der +Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378] +Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die +Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die +Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in der +Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes Aufkommen schon +das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den +Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische +Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die +der der Weberei annähernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle +Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen +worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das +Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das +für den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des Oberleders +mühelos ausführt, bis zum Glätten des fertigen Schuhs, dem Nähen der +Knopflöcher und Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die +meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die +alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer bloßen +Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten großen +Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst +die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Märchenprinzessin, der graue +König Dampf und ließ über ihr sein erstes, prophetisches, +eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter +seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten +Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen +in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der +Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der +mit stillem weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre überstrahlte +und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird +er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hüllen helfen?---- + +Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter +Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der +sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der muß erwarten, eine +von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion +reich gewordene, gesunde und glückliche Menschheit vor sich zu sehen. +Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur +einige der für unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten +die große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie rissen, +soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit oder der Einführung +des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die +Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten +sie ihrer selbständigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre +Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten +die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am +rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten entwickelt +ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Großindustrie, +in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, daß von den 419560 +Fabrikarbeitern in Großbritannien 242296 Frauen waren; in den +Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den +Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter +weiblich.[380] Und zwanzig Jahre später konstatierte der englische +Fabrikinspektor Robert Baker, daß die männlichen Arbeiter seit 1835 um +92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen +größeren Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der +Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der männlichen +Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die +absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382] +(s. Tabelle). + + | 1841 | 1851 | 1861 | 1871 | 1881 | 1891 + | Männer|Frauen|Männer |Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen +-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+------- +Töpferei | 23600| 7400| 34800| 11100| 42500| 13400| 49700| 17700| 52200| 19700| 64300| 23800 +Gas, Chemikalien | 5800| 300| 16400| 1700| 24800| 1500| 34900| 4100| 44000| 4000| 66400| 6300 +Pelzwerk, Leder, | | | | | | | | | | | | + Leim | 31600| 2400| 44500| 6500| 47300| 2300| 49400| 10200| 49400| 13300| 59100| 18200 +Holzwaren, Wagen | 147500| 4900| 180200| 8900| 202200| 14100| 214200| 19500| 221600| 18400| 253600| 23300 +Papier etc. | 8900| 3200| 13600| 8300| 14600| 10700| 20300| 13400| 24600| 23200| 28600| 34200 +Textilwaren, | | | | | | | | | | | | + Färberei | 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600 +Bekleidung | 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300 +Ernährung, | | | | | | | | | | | | + Getränke, Tabak | 82700| 8000| 120100| 12400| 133400| 15600| 145700| 18500| 152300| 28900| 173100| 50200 +Uhren, Instrumente,| | | | | | | | | | | | + Spielzeug | 19600| 800| 23500| 1300| 32800| 2900| 35900| 3000| 41700| 3400| 44600| 5500 +Buckdruckerei, | | | | | | | | | | | | + Buchbinderei etc.| 21100| 1800| 30400| 3800| 41300| 6200| 57600| 8600| 75000| 13100| 102100| 19100 +-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+------- +Total: |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500 + +Selbst in solchen Industrieen, für die die Frauenarbeit ganz ungeeignet +zu sein scheint, wie in den Gelbgießereien, der Minen- und +Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast +ausschließlich Frauen beschäftigt.[383] + +Obwohl sich für andere Länder genauere auf längere Zeiträume sich +erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafür, +daß die Entwicklung überall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die +Textilindustrie in Deutschland überhaupt erst anfing, Bedeutung zu +gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die +Landmädchen strömten in Scharen in die Fabrikstädte; kleine Orte, wie +z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern, +und in Krefeld war ein Frauenüberschuß von 50% die Folge.[384] In +Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816 +neben 10000 Männern 66000 Frauen gezählt[385], und in den +Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661 +weibliche Arbeiter beschäftigt, die zehn Jahre später auf 75169 +angewachsen waren, während sich zur selben Zeit in den Wirkereien +dreimal so viel Frauen als Männer befanden.[386] Für die Vereinigten +Staaten im allgemeinen zeigt es sich, daß 1870 in der Industrie auf 100 +arbeitende Männer gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Männer über 25 +Frauen beschäftigt waren. Natürlich trat, wie es uns die Entwicklung der +Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen +Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der +Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrängung +der Männer durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in +Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer +Ehemänner waren in denselben Fabriken thätig, während 3927 als +anderwärts beschäftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und für 659 +nähere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis +drei Männer, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom +arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, für deren Unterhalt die +Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die +Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre +billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Männer zu seiner +Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nähnadeln täglich, Marx +berichtet, daß die Maschine in elf Stunden 145000 Nähnadeln +hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann, +was einer Produktion von 600000 Stück täglich gleichkommt.[388] Eine +Frau ersetzte also fast 130 Männer! In Rheims waren im Anfang des 19. +Jahrhunderts 10000 häusliche Wollkämmer vollauf beschäftigt; nach +Einführung der Kämmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, während +junge Mädchen an der Maschine standen.[389] In die Nägel- und +Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein: +die Maschine machte die männliche Kraft entbehrlich.[390] Fünfzig Jahre +früher führte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und +produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem +Mädchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wöchentlich[391], d.h. sie +schafft die Arbeit von sieben Männern. Ueberall zeigt sich dasselbe +Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die +schwierige Arbeit von Männern, eine neue Maschine ermöglicht es, +ungelernte Frauen anzustellen, die für dieselbe Leistung statt 18 sh. +nur 12 sh. wöchentlich erhalten. In den Konservenbüchsenfabriken, wo +früher auch nur Männer für 15 bis 20 sh. wöchentlich thätig waren, +arbeiten jetzt gleichfalls Frauen für den halben Lohn und die Arbeit des +Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Büchereinbände haben sie sogar für +ein Drittel des Männerlohnes übernommen.[392] Den größten Einfluß nach +dieser Richtung hatte die Einführung der mechanischen Spinnerei und +Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule füllte, trat das +Spulmädchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte; +zahlreiche selbständige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik +zu gehen, wo ihre Frauen und Töchter, die die alten schweren Webstühle +nicht hatten beherrschen können, ihre siegreichen Konkurrenten geworden +waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmäßige Ausbildung früher +unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie überflüssig machten, +drangen die Frauen vor. So führte die Papiermachémasse sehr bald schon +weibliche Arbeitskräfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das +Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein +Privilegium der Männer gewesen war.[394] Und die Handmaler für +Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten, +sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die +Möglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anlaß bot, ungeübte Mädchen für +einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon +gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die +Schneiderei fängt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den großen +Fabriken zu Leeds selbst der für ganz unentbehrlich geltende Mann, der +Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen +ausstanzt, ersetzt wurde. + +Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu +vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, daß dieses scheinbare +Verdrängen der Männer durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben +ist, und die Zahlen fast überall beweisen, daß zwar das Wachstum der +Frauenarbeit im Verhältnis bedeutend größer ist als das der Männer, jene +aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer +bedeutend überflügelt werden; aber es ist auch begreiflich, daß die +vollständig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben, +wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemüter +außerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefährlichen Bedrohung +des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten stürmische +Empörungen hervor, die zu Anfang einen revolutionären Charakter +annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kämpfe gegen den eisernen +Riesen, der den Boden unterwühlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen +glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glück und der +Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die +den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab. +Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwörungen und offenen +Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem +Jubelgeheul der Massen zerstörten die Bewohner Blackburns Hargreaves +Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu +haben, als die Empörung gegen ihn und sein Werk sich bis zum +Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem +Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am +meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte. +Gegen Cartwrights Kämmmaschine richtete sich eine so wütende Agitation +der Handkämmer, daß ihre Einführung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung +möglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf; +er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und +Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen +zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz +England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und +Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu +eingeführte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte +seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der +untersten Stufe der Existenzmöglichkeit angekommen war, und sich nun mit +Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mußte. Systematisch +war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19. +Jahrhunderts gegen die Maschine führten. Sie widersetzten sich mit allen +ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einführung; sie nahmen +lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie +z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als daß sie nachgegeben +hätten.[397] Und mit derselben zähen Energie versuchten sie die +Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger +Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde +um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der +weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege, +den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch +gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden, +gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften +vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, daß kein Mitglied neben einer +Frau arbeiten dürfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich +zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore +der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn +nicht gar Beleidigungen gröbster Art. Es kam häufig vor, daß sie sich +durch Hinterpförtchen in die Arbeitsräume schleichen mußten, um +überhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle +Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat, +das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwächter Form, auf dem +Kontinent. Ueberall betrachteten die Männer ihre weiblichen +Arbeitsgenossen mit Haß und Mißtrauen und versuchten sich ihrer zu +entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit führte +an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die +Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim +Gewerbeministerium zu beantragen, daß den Frauen, mit Ausnahme der +Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden +sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen +dürften.[400] Dasselbe Gefühl, das die Innung zu diesem Antrag trieb, +beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848, +als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der große +Markt für die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte. + +Man hat häufig versucht, den erbitterten Kampf der Männer gegen die +Frauenarbeit ihnen zum persönlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der +sich nur aus einer völligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen +Entwicklungsgeschichte erklären läßt. Thatsächlich war und ist zum Teil +heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man +überhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des +Wirtschaftslebens gegenüber immer thöricht ist,--so müßte er sich weit +eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie überhaupt arbeiteten, das +war eine bittere Notwendigkeit für sie, sondern weil sie die männlichen +Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprüche +zu besiegen suchten. Aus der häuslichen Vereinzelung, aus der sie früher +großenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn +arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der +Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der +nächsten persönlichsten Bedürfnisse, die außerordentlich geringe waren; +die jahrhundertelange Niederdrückung des weiblichen Geschlechts, die +unaufhörliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige +Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schließlich +selber glaubten, rächte sich nun an den Männern: die weiblichen Arbeiter +waren mit Löhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stück Brot +gewährleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts +von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne +etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude über Arbeitsgelegenheit; +sie ließen sich ausbeuten bis aufs äußerste und nahmen es hin, wie ein +Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafür einen Tag lang den schlimmsten +Hunger stillen konnten. Das Gefühl von Solidarität mit den Genossen +ihrer Arbeit müßte denen völlig fremd sein, deren höchste Tugend bisher +die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So mußten +sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert +verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der +Männer. Sie drückten die Löhne und machten es infolgedessen immer mehr +Männern unmöglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu +eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Daß die +Männer eine Gefahr darin sahen, daß sie nicht blinden Auges und kalten +Herzens an der Zerstörung der Häuslichkeit und der Verwahrlosung der +Kinder vorübergehen konnten, war nur natürlich. + +Nicht allzu lange sollten die Männer allein unter dem Wachstum des +Großbetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der +Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie +wieder hinaus. Während früher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mädchen zum +Schlagen der Kokons nötig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und +mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mädchen aufs Pflaster. Die +Einführung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsaß hatte +zur Folge, daß die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der +Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken +war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr +angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt +hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige +verbesserte Spinnmaschine die Hälfte aller Arbeiterinnen.[403] Am +furchtbarsten waren die Folgen der Einführung der Nähmaschine. Eine +einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nähmaschinen aufstellte, von +denen eine die Arbeit von 6 Handnäherinnen ausführte, machte ca. 2000 +Näherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nähmaschine +versprachen, weil sie der Frau ermöglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb +nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die +schwächsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods +parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einführung neuer oder die +Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Löhne +zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem +Kapitalisten zu Gute kam, mußte die überflüssig gewordene menschliche +Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie +dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtsstätte fand, +in der Hausindustrie. + +Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein +feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden +letzten Berufszählungen eingehend mit der Hausindustrie beschäftigte, +versteht darunter die "Arbeit zu Hause für fremde Rechnung". Die +Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h. +diejenigen, die im eignen Wohnraum für die Unternehmer beschäftigt sind, +umfassen und die Werkstattarbeiter ausschließen. Das geschieht +ausdrücklich durch die neueste belgische Statistik, die als +Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf +Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das österreichische +Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf +beschränkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werkstätte ohne +gewerbliches Hilfspersonal" höchstens mit Angehörigen des eigenen +Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind +verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die +Hausindustrie als Großvertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe +hergestellt werden[405], bezeichnet, während nicht die Art des +Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen +erklärt man sie für großindustrielle Arbeit in kleinen Werkstätten und +in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein +schwankendes Bild giebt. Die sinngemäßeste, die Sache klar bezeichnende +Erklärung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform +der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren +eigenen Wohnungen oder Werkstätten beschäftigt werden.[407] + +Mit der Hausindustrie früherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen +gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Großindustrie. Einerseits +nährt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbständige +Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich +verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestädten +infolge der sich zusammendrängenden proletarischen Bevölkerung +massenhaft emporschießt oder vereinzelt in abseits liegenden +Gebirgsthälern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige +Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich +nicht entgehen lassen. Mit der Möglichkeit der Arbeitszerlegung, der +Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstärkte sich noch die +Tendenz, die Hausindustrie groß zu ziehen. Dazu kam, daß nicht nur die +Ersparnisse in Bezug auf die Löhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl +die Kosten für Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung, +Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das beförderte selbstverständlich +eine weitere Dezentralisierung des Großbetriebs. Beweis hierfür ist +unter anderem die Rückentwicklung des Cigarrengroßbetriebs zur +Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Groß- zum +Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwächsten, die die Fabrik als die +wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten +Elend kein Hauch der neuen Zeit berührte, die Frauen, die Kinder und die +Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die +Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehöfte, die +entlegensten Landstädtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die +Keller der Großstädte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb +menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um überall +Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der +Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder +bekommt sie vom Fabrikanten, für den er arbeitet, geliefert. +Nähmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten +Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen +der elendesten Sklaven des Kapitalismus; über die Strickmaschine sitzen +sie gebückt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der +Schweiz verbreitet hat, macht aus den blühenden Kindern der Berge +dieselben flachbrüstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der +Großstädte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft +billiger ist als Dampf und Elektrizität, werden die Unternehmer sie für +sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Großindustrie, +den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, daß sie +fast ihren Vater überragt. + +Ein riesiges Arbeitsfeld eröffnete sich den Frauen durch die +Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nähmaschine gehörte die +Herstellung der Wäsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich +häuslicher Thätigkeit. Hausfrau und Haustöchter, eventuell die +verfügbaren Dienstmädchen, beschäftigten sich damit. In einer späteren +Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Näherin als +Hilfskraft hinzu und die bei sich für die Kunden arbeitende Schneiderin +war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschäfte, die mit Hilfe der +hausindustriell thätigen Näherinnen fertige Kleider verkauften, kamen +erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nähmaschine die +Massenproduktion ermöglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und +suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende +Ausbeutung der Arbeiterinnen möglich war. "Alle Näherinnen," sagte ein +englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel +und Mangel an Nahrung." Während der Saison saßen in London gegen 30 +Mädchen in Räumen zusammen, die kaum für ein Drittel die nötige Luft +gewährten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklöchern, +wenn sie überhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene +Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehörte durchaus nicht zu den +Ausnahmen; die physische Unfähigkeit, die Nadel noch länger zu führen, +war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht +infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne +Walkley, von der Marx erzählt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit +der Hunger. Für 4-1/2 sh. wöchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren +Londoner Kleidernäherinnen 16 und mehr Stunden täglich. Und doch waren +sie noch in glänzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die +Wäsche nähten: Für ein gewöhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, für +elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte, +betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlöhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei +angestrengter Thätigkeit gang und gäbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom +Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt +nicht nur für die armseligsten Töchter des reichen England; ihre +Unglücksgefährten verteilten sich über die ganze zivilisierte Welt. Mit +Tagelöhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000 +Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen +lebte in New-York in ständigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410] +Die Pariser Näherinnen der fünfziger und sechziger Jahre, die, infolge +der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten +gehörten, mußten sich mit Löhnen von 40 und 60 c. täglich begnügen[411], +während, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an +täglicher Nahrung gewährleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt +freien Arbeiterinnen, die thatsächlich ein weit elenderes Leben führten, +als die schwarzen Sklaven Amerikas, für deren Befreiung eine ganze Welt +sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukämpfen, die +großenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthäter der Armen +nennen ließen. So nötigten die Armenhäuser Londons, deren Insassen +Hemden nähten, die Näherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe +niedrige Niveau und die Klöster Frankreichs, in denen Männerhemden für +10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stück für 1,10 fr. +hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschäftigten +und von denen Jules Simon berichtete, daß von 100 Dutzend Hemden, die in +Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klöstern hergestellt +wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in +die Arme.[414] Kein Wunder, daß 1866 doppelt so viel Frauen als Männer +der Armenpflege anheim fielen. + +Dieselbe Konkurrenz drückte auch auf die Spitzenindustrie, die durch +Colberts Einfluß in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte; +1866 waren 250000 Frauen in ihr beschäftigt. Zwanzig Jahre früher sah +Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit +nicht mehr als 52 c. täglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert +der jährlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet +wurde, betrug ihr höchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte +Jules Simon, daß für die Herstellung der points d'Alençon, jener +kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht +einbüßten, 75 c., und für die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die +Brüsseler, gar nur 30 c. täglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die +Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in +Frankreich beschäftigten, verdiente die größte Mehrzahl nicht mehr als +20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der +vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als +Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) täglich verdiente und die vier Kinder +betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der +kümmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem +Erdboden, allein für Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wöchentlich +gebrauchten[417],--dürfte für das Proletariat jener Zeit typisch sein. + +Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den +dreißiger Jahren betrugen die Frauenlöhne in den englischen +Leinenwebereien bei einer zwölf- bis sechzehnstündigen Arbeitszeit 4 bis +5 sh. die Woche, von denen für Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in +den Baumwollfabriken sanken die Löhne auf 1 bis 4 sh., junge Mädchen +unter sechzehn Jahren verdienten bei zwölfstündiger Arbeitszeit oft +nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis +1845 überstieg der Verdienst der französischen Fabrikarbeiterinnen +selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei +vierzehnstündiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen höheren +Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Löhne sowohl in der +Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsaß +in den dreißiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn +betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der höchste, selten erreichte, +3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung +der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedürfnisse, noch war sie +eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Großindustrie im 19. +Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten für die Arbeiterin Hunger +und Entbehrung. Die geringfügigste Trübung des geschäftlichen Horizontes +wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den +dreißiger Jahren sanken die Löhne der Weber am Niederrhein bei einer +Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2 +bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850 +waren in Krefeld allein 12000 Personen vollständig brotlos[423],--von +dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die große +wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und +Südstaaten Amerikas über Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs +neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort +sanken die Frauenlöhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich für +die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem französischen Krieg. Die +Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webstühlen +gerieten vollständig in Stillstand.[425] + +Aber die industriellen Umwälzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren +nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und +untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem +Arbeiter und der Maschine: er verausgabte für beide nur genau so viel, +als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue +Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen höheren +Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der +menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem +war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit +Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkürlich +stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfährig zu machen, wurde +auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten +Schürzen und Bänder, Tücher und Mützen. Wie oft kam die arme Arbeiterin +am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit +nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf +die Heimkehr des Mannes--er saß im Kramladen seines Chefs und ließ sich +in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib +Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld +hätte kaufen können! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die +Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten +Jahrhunderts überall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter +den Thüren der Kaufläden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten, +und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die +Entlassung nicht fürchten wollte. So verkaufte der Konfektionär wie der +Zwischenmeister den Näherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die +Preise, die er dafür anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so +schon kärglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krämer des +Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhändler der +Hausindustriellen ist, das Material für ihre Arbeit zu Wucherpreisen an +sie. + +Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hieße ein Buch +schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines +Höllenbreughel weit hinter sich ließen. Blicken wir in die Wohnungen +jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer +ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Häusern 12000 Personen; +ganze Familien, ja ganze Generationen besaßen nur ein kleines Zimmer, in +dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein +Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glücklich zu +nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaßen überhaupt kein +Obdach; sie drängten sich nachts, soweit es irgend ging, in den +Logierhäusern zusammen--Männer, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde, +Nüchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fünf und sechs in einem +Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die +Millionäre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem +schwarzen, stinkenden Fluß voll Schmutz und Unrat, ragten die +Arbeiterkasernen auf; um fürchterlich kleine Höfe drängten sie sich, +verräuchert, verfallen, oft ohne Thüren und Fenster, mit winzigen +Stübchen, die für zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten; +die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben +Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straßen, +in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in +Lille die Häuser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender +Rinnstein, der alle Abwässer aufnahm; aus Sparsamkeitsgründen waren die +Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den +überfüllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Räumen herrschte +ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen +Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blöden Augen dem +Fremden entgegen, der sich in diese Hölle verirrte.[427] Welch ein Glück +für sie, daß der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben +erlöste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fünften Jahr![428] +Zwanzig Jahre später hatten sich die Verhältnisse noch um kein Haar +gebessert![429] In Rouen waren die Zustände ähnlich: Der Eingangsflur +war zugleich offener Kanal für die Abwässer; Wendeltreppen ohne Licht +und ohne Geländer führten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist +das Bild, das Villermé von Mülhausen entwirft, wo infolge des raschen +industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den früher 7000 Menschen +innehatten, nun 20000 sich zusammendrängten. Jules Simon sah in Reims +einen feuchten, dunklen, über einem Kloset befindlichen Raum, den zwei +Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er +einen dunklen Hängeboden über einem kleinen von sechs Personen bewohnten +Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Säugling, der Tags über im +Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer +Treppe, 2 zu 1-1/2 m groß, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte. +Wie groß das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes +Kämmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen +Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fuß hinsetzte, +folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die +Wohnungsverhältnisse Berlins in den fünfziger Jahren jeder Beschreibung. +Charakteristisch für sie waren besonders die zahlreichen +Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fuß hoch stand. Noch +1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher +feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern, +Schlafburschen und Schlafmädchen zugleich besetzt.[432] + +Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Höhlen,--denn der Ausdruck Wohnung +erscheint solchen Behausungen gegenüber ganz ungeeignet,--in die +Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier ähnliche Zustände +wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hälfte des +neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Häusern, Klöstern und +Schlössern eingerichtet. Die Räume wurden ohne Rücksicht auf +die Sicherheit der Arbeiter auf das äußerste ausgenutzt, +sodaß sich der Einzelne nur mit großer Vorsicht zwischen den +schwingenden Rädern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch +Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der +Baumwollspinnereien,--bis zu 37° Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen +bis in die fünfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung +mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die +Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Knöcheln im +Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den +Seidenspinnereien saßen die Frauen selbst im heißesten Sommer zwischen +glühendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger +tauchen mußten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In +feuchten, halbdunklen Kellern saßen die Spitzenarbeiterinnen, weil die +feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es für +diese Unglücklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub +mußten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von +den Aufsehern häufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine +Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit +entging.[435] Wohnten sie außerhalb der Fabrikstädte, so hieß es früh um +vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436] +Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schweiß gebadet, ohne schützende +Hülle, bloßfüßig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die +Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder +schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel +der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niederträufelte.[437] +Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder +ein Stückchen Hering sollen die Körperkräfte aufrecht halten, um sie +täglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafür +reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der +Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen +Industriezentren erschreckend rasch zu.[438] + +Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht +nicht heilig war, aus den überfüllten, schmutzstarrenden Häusern, aus +den Wolken von Staub und glühendem Dampf, der die Fabriken erfüllte, +wuchs in riesenhafter Größe jenes hohläugige Gespenst hervor, das von +nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straßen der Armen schritt und +die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der +Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindsüchtiger auf 45 +Arbeiter und zehn Jahr später schon einer auf acht.[439] Kein Weber +konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu überleben[440] und +dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die +schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hälfte vor dem zweiten +Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der +Entbindung trieb die Not ihre Mütter zurück in die Fabrik; die Milch, +durch die ihre Kleinen groß und stark hätten werden können, lief ihnen +bei der Arbeit aus den Brüsten![441] Die deutsche Reichserhebung von +1874 erklärte mit einem eigenen Cynismus, daß die Arbeiterinnen in den +Zündholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz +oder teilweise verlören, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie +konstatierte ferner, daß die Atmosphäre der Fabriken diejenigen +lungenkrank machen muß, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte +diese Anlage nicht?! Die zunehmende körperliche Degenerierung der +arbeitenden Bevölkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es +vermocht hätten. + +Aber es blieb nicht bei der körperlichen allein. Die Zusammenarbeit der +Geschlechter in glühender Hitze, fast unbekleidet, das fast völlige +Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleideräume, die gemeinsame Arbeit von +Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gängen der Bergwerke und +der frühe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben, +steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwüstete schon die +Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustände unterstützten diese moralische +Degeneration. Nicht nur, daß die Geschlechter, die Schlafburschen und +Schlafmädchen und die Kinder regellos in engen Räumen zusammen wohnen +mußten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrängt. In +Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--überall wurden ihnen elende +Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das +Vieh. Weit mehr noch als diese äußeren Umstände, unter denen Männer und +Frauen gleichmäßig litten, wirkten die Lohnverhältnisse der weiblichen +Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedürfnisse der +verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschuß +brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mädchen, die oft nur für +ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch +die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergänzung umzusehen. +Die einen,--die Glücklichsten von ihnen,--hatten keine eigene +Schlafstelle, sie brachten die Nächte bei ihren Liebhabern zu[444], das +Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das +Gesetz es noch dadurch förderte, daß es das uneheliche Kind der Mutter +allein zur Last fallen ließ, nach einer Enquête der vierziger Jahre in +einer Industrie auf einen verheirateten zwölf im Konkubinat lebende +Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglücklichsten,--lehrten +Not und Hunger frühzeitig, ihren Körper verkaufen, wie ihre +Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft +siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die +Arbeitsstelle nur dadurch, daß sie sich dem Herrn oder dem Werkführer +preisgaben. Das Fabrikmädchen stand infolgedessen häufig nicht höher im +Ansehen, als die Straßendirne. + +Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat +gehen müssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tägliche Brot gebracht, +glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf, +unermüdlich Tag für Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit +Erlösung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie +war ja so bedürfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, für die sie +schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein +Dach über dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Nötigste, den +Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und +Schande,--rastlos auf ihren Fersen. + +Warum strömten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend +zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit +besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen +dagegen sprechen. + +Den ersten klaren Einblick in die Verhältnisse der Landarbeiter +vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446] +Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mädchen und +Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit, +z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war +grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmöglich, +weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche +Gutsbesitzer sehr häufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch für +die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt. +Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen +Hütten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine +Trennung der Tagelöhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen +und leere Ställe dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der +Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmöglich," sagt die +englische Kommission, "den schädlichen Einfluß der Wohnungen nach der +physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, ökonomischen und +intellektuellen Seite hin zu übertreiben."[448] Die traurigste +Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das +Gangsystem, das darin bestand, daß Agenten Scharen von Mädchen und +jungen Männern,--den Mädchen wurde übrigens immer der Vorzug +gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs +Land führten. Nicht nur, daß die in der Entwicklungszeit sich +befindenden Mädchen durch die harte Arbeit körperlich schwer geschädigt +wurden, frühzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie +vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anständige +Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewähren. Für ihn waren sie nichts als +billige Arbeitsmaschinen, die ihn im übrigen nichts angingen. Natürlich +war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich für die alten +eingesessenen Tagelöhner. Für den Gutsherrn war es viel billiger und +bequemer, zur Zeit dringender Arbeit über ein Heer von Arbeitskräften zu +verfügen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die +Gutstagelöhner durch die stille Zeit mit durchfüttern zu müssen. Auch +das Gangsystem trieb daher die Tagelöhner beiderlei Geschlechts vom +Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengängerei Deutschlands, deren +erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie +zusammenfällt, haben wir eine ähnliche Erscheinung. Auch sie ist +zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang +diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, daß in der +Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000 +Personen vom Lande in die Industriestädte übersiedelten.[450] In England +verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000. +Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die +Dreschmaschine nicht nur thatsächlich eine Menge Arbeiter überflüssig, +sie führte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine +früher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hände, wurde jetzt in +kürzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Für die +Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, daß das Spinnen +und Weben, die allgemeine Winterbeschäftigung der Landarbeiterinnen, +durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die +arbeitslosen Zeiten verlängerten sich daher für sie mehr und mehr, und +diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie +sich eher durchschlagen zu können glaubten. Hatte doch auch der im +Verhältnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes für sie. +Eine französische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B. +selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergänzung vielfach eine +ungenügende Kost und Wohnung. Eine Tagelöhnerin brachte es nicht über 60 +bis 75 c. täglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten +das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhängig von ihren +Herren, daß auch häufig die Eheschließung ihnen erschwert, wenn nicht +gar unmöglich gemacht wurde. + +Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglühte, trugen erst +die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Dörfer und +Gutshöfe. Den Druck der Abhängigkeit fingen die Landarbeiter an nach und +nach zu spüren das Bewußtsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach +Freiheit dämmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als +verwandter Begriff. Je stärker das Klassenbewußtsein sich in ihnen +regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das ländliche +Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen +Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preußen +auf 100 Personen der Bevölkerung gewerbliches (landwirtschaftliches) +Gesinde: + +1819: 8,5 +1837: 7,0 +1849: 6,9 +1852: 6,4 +1855: 6,7 +1861: 5,7 +1871: 3,6. + +In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im +Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf +3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre +1882.[453] Wenn auch der Mangel an ländlichen Arbeitern durchaus keine +neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren +durch die Einführung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekämpfen--, in +seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewußtseins +und nicht nur die sporadische Folge besonders drückender Verhältnisse +ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kämpfe angesehen werden. + +Dasselbe gilt für die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur +die Thatsache, daß die häuslichen Arbeiter sich mehr und mehr in +industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch +die die Abnahme der häuslichen Dienstboten ihre natürliche Erklärung +findet, denn thatsächlich übersteigt die Nachfrage überall das Angebot, +es ist vielmehr das erwachende Selbstgefühl, das die Mädchen vom +Dienstbotenberuf in immer stärkerem Maße zurücktreibt. Kaum giebt es +einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die +das klassische Altertum aufweist, so unveränderlich haften geblieben +ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste +Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier +nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaßen seine ganze Person, er +steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab +seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das +Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwürdigsten", als +"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prügelstrafe +als allein richtige Erziehungsmittel anführt.[454] Und der Geist Luthers +spukte weiter in allen Köpfen. Die Klagen über die schlechten +Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang +des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine +Klasse von Menschen übermütiger, trotziger und widerspenstiger als der +größte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und +Unzucht, über Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten +Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar +nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und +Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich +geblieben ist, geht aus folgenden Aussprüchen hervor: "Bei den +Gesindeschulen," sagt Kränitz[456], "muß man sein Hauptaugenmerk darauf +richten, daß man darin frommes und gottesfürchtiges, in der Religion +wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklärt v.d. +Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich +bleibenden Klagen über die dienende Bevölkerung liegen in der +Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der menschlichen Natur +begründet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der +Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmäßigen Erziehung +der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt +weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist +vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten über +die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die +Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten +Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche +Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine stärkere Knechtung war +ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts +entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie +alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des +"patriarchalischen Zustandes", jenes Märchens, das sich die deutschen +Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden +lassen, wird allseitig als das erwünschteste Ziel betrachtet. Daß es die +rechtlichen, sozialen und ökonomischen Zustände sind, die einer +Besserung dringend bedürfen, und aus denen sich sowohl die durch sie +gezüchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklären +lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn +gekommen. + +Der Mangel an Dienstboten wurde immer fühlbarer und sie kehrten nicht +nur ihrem Beruf den Rücken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch +nur sehr schüchtern und vereinzelt, über ihre Lage aus. Im April 1848 +fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die +Erhöhung der Löhne, bessere Kost und längere Nachtruhe forderte. Wie es +thatsächlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein +deutscher Autor[460] folgendermaßen: "Man giebt ihnen die roheste Kost; +sie müssen zu zwei und drei in Räumen schlafen, die nicht einmal den +Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das +für Marterinstrumente, welche Pfühle voll Krankheitsstoff diese sind! +Außerdem, daß die Dienstboten nicht allein vom frühen Morgen bis zum +Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, können die Dienstherren +doch nicht genug kriegen und verlangen darüber und immer noch mehr!" Was +die Lage der häuslichen Dienstboten aber noch verschärfte, waren die +sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere +Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Männerwelt, besonders +der gebildeten, für vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hälfte der +Frauen in den öffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmädchen, und mehr +als die Hälfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmädchen zu Müttern. +Wie tief die armen Mädchen sanken, beweist die Thatsache, daß zur selben +Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verführtes +Dienstmädchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmörderinnen in +Frankreich ausmachten.[461] + +Die psychologischen, die ökonomischen und die moralischen Gründe sind +nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich +erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhältnis zur Bevölkerung +veränderte, läßt sich, abgesehen von den letzten Zählungen, schwer +feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das häusliche Gesinde +auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde. +Einen annähernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der häuslichen +Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462] + +Auf 100 Personen der Gesamtbevölkerung kamen Dienstboten in + +Länder | 1811/19 | 1847/49 | 1861/66 | 1871 | 1880 | 1882 | 1885 +----------------+---------+---------+---------+------+------+------+------ +Preußen | 0,9 | 1,1 | | | | 3,2 | +Hamburg | 10,5 | | 12,1 | 7,5 | 6,3 | 5,7 | 4,8 +Oldenburg | | | | 3,1 | 2,4 | | 2,5 +Sachsen | | | 2,2 | | | 2,7 | +Bayern | | 0,9 | | | | 1,7 | +Mecklenburg | | | | 3,6 | | 2,2 | +Hessen | | | 2,77 | 2,50 | | 1,94 | +Sachsen - | | | | | | | + Altenburg | | | 2,1 | | | 1,7 | +Sachsen - | | | | | | | + Weimar | | | 2,4 | | | 1,5 | +Schwarzburg- | | | | | | | + Sondershausen | | | 2,0 | | | 1,6 | + +So unzulänglich und wenig beweiskräftig auch diese Zusammenstellung +ist, so geht doch aus ihr schon hervor, daß auch dieser proletarische +Frauenberuf,--der älteste vielleicht, den es überhaupt giebt,--im +letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung +entgegenzugehen, die sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher +ausprägt. Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drängt eben +immer stärker dazu, diejenigen Frauenberufe, die früher als die fast +einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger direkter +Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch andere zu +entwerten und abzulösen. + +Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jüngste +Zeit fällt, ist der der Verkäuferinnen anzusehen. Während die +fachmännisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus +bürgerlichen Kreisen stammen, strömen dem Beruf der ungelernten +Verkäuferinnen immer mehr Proletariertöchter zu. Diese Bewegung begann +schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten +Fällen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und höhere +Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen +emporhoben, konnten sie für ihre Töchter an Stellungen denken, die ein +gewisses Maß von feinerer Lebensart erforderten, und, äußerlich +betrachtet, einige Stufen höher standen, als die der Fabrik- oder +Werkstattarbeiterin. Wer näher zusah, bemerkte freilich vor lauter +Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum +äußersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der +Zahl der Verkäuferinnen war leider großenteils darauf zurückzuführen, +daß sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrüstung von +sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis +dessen, was sie hätten beanspruchen können, sondern auch im scharfen +Konkurrenzkampf gegen die vielen Mädchen aus dem Mittelstand, die, weil +sie Anschluß an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten, +mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben. + +Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert +beschränkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort +eine rapide. Für die Industrie wird sie durch die großartige +Entwicklung der Technik unterstützt, ja vielfach überhaupt erst durch +sie ermöglicht. Das wachsende Mißverhältnis zwischen dem Einkommen der +Männer und den Bedürfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit; +durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben übten sie jedoch +wieder einen Druck auf die Löhne aller aus. Sie befinden sich demnach in +einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmöglich scheint. + +Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im +Hausdienst ist teils auf ökonomische Motive,--niedrige Löhne und lange +Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und +Freudebedürfnis erwachender Individualitäten,--zurückzuführen, und bei +oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem +entstehenden Mangel an Arbeitskräften in beiden Berufsgebieten +ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie. + +Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine +bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im großen und ganzen +in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch +weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause, +ihr Zusammenströmen in den Betrieben der Großindustrie, ihre durch die +Maschine bedingte veränderte Organisation, die die Frau von der Stellung +eines gewissermaßen selbständigen Handwerkers, der seine Arbeit in all +ihren Teilen allein ausführte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der +Maschine herabsinken ließ, rief eine Umwandlung hervor, die einer +Neuschöpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der +Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles +vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend stürzte, +hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wäre die Frau stets in +ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie +wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom +ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde über den Kreis der Familie +hinausgeführt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit +derselben Hingebung auch mit und für sie kämpfen lernen, mit der sie +einst nur für ihr eigen Fleisch und Blut gekämpft hat. + + + + +5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten +Zählungen. + + +Um ein klares Bild des gegenwärtigen Standes der proletarischen +Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunächst, ihre Ausbreitung zahlenmäßig +festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch große +Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Länder sind, +was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausführung +betrifft, so abweichend voneinander, daß eine Zusammenstellung +internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten +führen kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland, +Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten +beschränken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zählungen zu thun. +Schon der Begriff der Berufsthätigen überhaupt ist kein feststehender, +Deutschland und Oesterreich zählen, zum Teil in hohem Maße, die +mithelfenden Familienangehörigen dazu, während England z.B. sie +vollständig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und +Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zählung der proletarischen +Arbeit dadurch nicht erfüllt, daß die soziale Schichtung, d.h. die +Einteilung der Berufsthätigen in Selbständige, Angestellte, Arbeiter +u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den +allerdings ungenügenden Zählungen von 1881 und 1891 die soziale +Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte, +ist in der Zählung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und +Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, sodaß sie, trotz +ihrer sonstigen Vorzüge, für unseren Zweck nur mit Einschränkungen +brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber, +Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in +der letzten Zählung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung, +und nur die große Detaillierung der Arbeitszweige ermöglicht eine +annähernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt +für Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollständig fehlt +und nur die Ausführlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe +darüber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in +Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zählung nach so +verschiedenen Prinzipien erfolgt, daß auch hier ein Vergleich schwer +ist. + +So hat man in Oesterreich neben den Selbständigen, Angestellten und +Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelöhner geschaffen, die bei +internationalen Vergleichungen sehr störend wirkt, weil sie sich in +dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht +darin, daß der Begriff der "Selbständigen" ein sehr schwankender ist. +Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer +landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Näherin oder Putzmacherin, +die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszählung hilft diesem +Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die +ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmöglich dagegen +ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden" +die große Schneiderin, ebenso wie die arme Näherin umfassen kann; und in +Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die früher +besonders berechnet wurden, in der letzten Zählung ohne weiteres den +Arbeitern zugezählt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf +die einzelnen Länder, gilt für alle das gleiche: daß nämlich gerade die +proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen +ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und +Häuserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfällig und +unaufgeklärt, um genaue Antworten geben zu können. Die folgenden +Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials +zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der +proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben. + +Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhältnis zur +Erwerbsthätigkeit überhaupt giebt den besten Begriff für ihre Bedeutung. + + | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs- + | Zähl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer + | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen +Länder |periode| Männer |Arbei- ||Frauen |rinnen || kamen + | | |ter || | ||Arbei-|Arbeite- + | | | || | || ter | rinnen +-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- + | | | || | || | +Deutschland| 1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55 + " | 1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47 + | | | || | || | +Oesterreich| 1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69 + " | 1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04 + | | | || | || | +Frankreich | 1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23 + " | 1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05 + | | | || | || | +Verein. | 1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12 +Staaten | 1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18 + | | | || | || | +England u. | | | || | || | +Wales | 1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51 + +Zunächst geht aus der Zusammenstellung hervor, daß die Frauenarbeit +überhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei +Viertel aller erwerbsthätigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das +übrigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte +kam und sich mit seinen Wünschen in den Vordergrund zu drängen +verstand, so ist dies ein Beweis mehr für die traurige Lage der +Arbeiterinnen: sie bildeten jene große Armee der Stummen, denen die Not +den Mund verschloß. Für ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle +nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich +der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren +Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rückgang statt, der +sich für Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrückt. Diese +frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch +die Zählung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr +geringfügige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt, +Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, müssen beide Kategorien, um +einen Vergleich zu ermöglichen, auch für 1891 zusammengezählt werden. +Das Resultat ist folgendes: + + | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs- + | Zahl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer + | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen +Land |periode| Männer |Arbei- || Frauen |rinnen || kamen + | | |ter und|| |und An- ||Arbei-|Arbeite- + | | |Ange- || |gestell-|| ter | rinnen + | | |stellte|| |te || +-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- + | | | || | || | +Frankreich | 1891 |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96| 71,97 + " | 1896 |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61| 69,67 + +Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung +der Erwerbsthätigen aus bürgerlichen und proletarischen Elementen durch +die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und +der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an bürgerlichen +Berufen im Laufe des zehnjährigen Zeitraumes zur Genüge erklärt. Aber +noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins +Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in +Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und übersteigt +die Zahl der männlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends +wiederkehrendes Verhältnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten +Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zählungsresultate zu legen ist, +so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zählung, mit dem wir uns noch +werden beschäftigen müssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es +hauptsächlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten +arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art +mit untergelaufen sind. + +Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit muß aber noch von +anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunächst im Vergleich mit dem +Wachstum der Bevölkerung: + + |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 + |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |Arbeiterinnen +Länder |der ersten |der ersten |der ersten |der ersten + |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- + |periode |periode |periode |periode + |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der + |zweiten |zweiten | zweiten |zweiten +-----------+--------------+--------------+-------------+------------- +Deutschland| 115 | 114 | 116 | 120 +Oesterreich| 108 | 108 | 119 | 147 +Frankreich | 101 | 102 | 114 | 99 +Vereinigte | | | | + Staaten | 126 | 124 | 124 | 140 + +Aus vorstehender Berechnung geht hervor, daß eine normale Zunahme der +Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevölkerung entspricht, nur +soweit die Männer in Betracht kommen und zwar bloß in Deutschland und +Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist überall +eine anormale, sie übersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil, +und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen +Bevölkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr große, ja es +zeigt sich auch hier eine weit stärkere Zunahme der weiblichen +Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevölkerung, wenn wir der Berechnung +die Zählungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen. + + |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 Ar- + |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |beiterinnen +Land |der Zählung |der Zählung |der Zählung|der Zählung + |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891 |von 1891 + |1896[463] |1896 |kamen 1896 |kamen 1896 +-----------+--------------+--------------+-----------+----------- +Frankreich | 100 | 100,35 | 151 | 115 + +Für England ist es unmöglich, den Fortschritt der proletarischen +Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zählung eine +soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthätige +weibliche Bevölkerung über zehn Jahr in ihrem Verhältnis zur weiblichen +Bevölkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung +nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen über zehn +Jahr 34,05 erwerbsthätig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz +der männlichen Erwerbstätigen hat sich nicht verschoben, er betrug in +beiden Zählungsperioden 83%.[464] + +Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und +seine Verschiebung im Laufe der Zeit muß gleichfalls einer näheren +Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschluß darüber: + +Länder |Zählungs-| | |Von + |periode |Männer |Frauen |100 Arbeitern + | | | |sind + | | | | + | | | |Männer|Frauen +------------------+---------+-------+-------+------+------ +Deutschland | 1882 |8020114|4408116| 64,53| 35,47 + " | 1895 |9295082|5293277| 63,65| 36,35 +Oesterreich | 1880 |3670338|3642864| 50,19| 49,81 + " | 1890 |4363074|5310639| 45,10| 54,90 +Frankreich[465] | 1881 |4376604|3635802| 54,62| 45,38 + " | 1891 |4990635|3584518| 59,36| 40,64 + " | 1891 |5563898|3735904| 53,44| 46,54 + " | 1896 |8290204|4287006| 65,86| 34,14 +England und Wales | 1881 | -- | -- | -- | -- + " " " | 1891 |5368965|3113256| 63,30| 36,70 +Vereinigte Staaten| 1880 |7053702|2041466| 77,56| 22,44 + " " | 1890 |8735622|2864818| 75,30| 24,70 + +Mit Ausnahme von Frankreich wäre der Eindruck eines Zurückdrängens der +Männer durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der +Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wäre, daß thatsächlich die +Zunahme der männlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevölkerung gleichen +Schritt hält, ja sie zum Teil übersteigt. Es handelt sich also wohl um +eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rückgang der männlichen +Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das +Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zählung scheinen die Frauen +den Männern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen +der männlichen Arbeiter bringt die Erklärung dafür: danach sollen die +Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fünf Jahren eine Zunahme von +fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen +Zunahme der Bevölkerung, selbst dann eine Unmöglichkeit, wenn in +Betracht gezogen wird, daß die Zählung von 1896 die Kleinmeister (petits +patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das +Wahrscheinlichste angenommen werden, daß die Statistik von 1891 einen +großen Teil der Arbeiter nicht erfaßte. Ist das der Fall, so würde die +Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden. + +Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit +einer Verdrängung der Männerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise +dafür beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch +von uns angeführte Thatsache, daß durch die Einführung neuer, leichter +zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an +Stelle der Männer treten. Ganz abgesehen davon, daß es auch Maschinen +giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit +verdrängen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, daß im allgemeinen +von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein +kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige +Behauptung ist auch eines jener auf ungenügender Kenntnis der Thatsachen +beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum +Beweis dafür.[466] Es verblieben nämlich in der Stellung von berufslosen +Familienangehörigen: + +Von je 1000 Personen | Deutschland | Oesterreich +in der Altersklasse |-----------------+----------------- + |männlich|weiblich|männlich|weiblich +--------------------------+--------+--------+--------+-------- +unter 20 Jahr | 742 | 812 | 655 | 691 +von 20-30 Jahr | 24 | 531 | 28 | 268 + " 30-40 " | 9 | 743 | 11 | 340 + " 40-50 " | 7 | 710 | 7 | 304 + " 50-60 " | 10 | 632 | 8 | 267 + " 60-70 " | 22 | 553 | 18 | 261 + " 70 Jahr und darüber | 106 | 469 | 54 | 253 + +Daraus geht hervor, daß in den für die Berufsarbeit entscheidenden +Altersklassen kaum 1% Männer zum Eintritt in den Erwerb übrig bleibt. +Man kann annehmen, daß dieses eine Prozent großenteils aus jenen +physisch und moralisch Kranken besteht, die überhaupt von der +Berufsarbeit ausgeschlossen sind, daß daher fast alle verfügbaren Männer +zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr +Anteil an der Berufsarbeit fällt wesentlich in das 20. bis 30. +Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hälfte der Frauen +erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den +Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch +nehmen. Erst in späteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rücktritt der +Männer in die Reihen der Berufslosen beginnt, wächst wieder, infolge der +großen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben. +Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfähige +Frauen verfügbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die +ihr nötigen, aus der Männerwelt nicht zu deckenden Arbeitskräfte. +Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische +Frauenarbeit im Verhältnis stärker zunehmen als die Männerarbeit, ohne +daß diese durch jene gefährdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar +durch den Hinweis auf die große Zahl der Arbeitslosen entkräftet werden. +Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem +Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte +Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Männer und +Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht. + +Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch +ein näheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen +Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhältnis zu den Männern +folgendermaßen: + +Länder |Zählungs-|Landwirtschaft + |periode | + | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern + | | | |sind + | | | |männlich|weiblich +-------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- +Deutschland | 1882 |3629959|2251860| 61,71 | 38,29 +Deutschland | 1895 |3239646|2388148| 57,57 | 42,43 +Oesterreich | 1880 |1646317|2088985| 43,70 | 56,30 +Oesterreich | 1890 |1962688|3652445| 34,95 | 65,05 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1858131|1542407| 54,67 | 45,33 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2120799|1452924| 59,34 | 40,66 +Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2166351|1482772| 59,37 | 40,63 + Angestellte) | | | | | +Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3818509|1487123| 71,97 | 28,03 + Angestellte) | | | | | +England und Wales | 1881 | 807608| 40346| 95,26 | 4,74 +England und Wales | 1891 | 734984| 24150| 96,82 | 3,18 +Vereinigte Staaten | 1880 |2208400| 399309| 84,69 | 15,31 +Vereinigte Staaten | 1890 |2316399| 363544| 86,43 | 13,57 + +Länder |Zählungs-|Industrie + |periode | + | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern + | | | |sind + | | | |männlich|weiblich +-------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- +Deutschland | 1882 |3551014| 545229| 86,69 | 13,31 +Deutschland | 1895 |4963409| 992302| 83,35 | 16,65 +Oesterreich | 1880 |1193265| 449746| 72,63 | 27,37 +Oesterreich | 1890 |1558914| 585692| 72,69 | 27,31 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1869639|1161960| 61,67 | 38,33 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2146156|1173061| 64,72 | 35,28 +Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2262222|1219217| 64,98 | 35,02 + Angestellte) | | | | | +Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3048030|1611078| 65,42 | 34,58 + Angestellte) | | | | | +England und Wales | 1881 | | | | +England und Wales | 1891 |3926934|1466130| 72,81 | 27,19 +Vereinigte Staaten | 1880 |2878133| 690798| 80,65 | 19,35 +Vereinigte Staaten | 1890 |4236760|1206807| 77,83 | 22,17 + +Länder |Zählungs-|Handel und Verkehr + |periode | + | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern + | | | |sind + | | | |männlich|weiblich +-------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- +Deutschland | 1882 | 582885| 144777| 80,11 | 19,89 +Deutschland | 1895 | 868042| 365005| 70,40 | 29,60 +Oesterreich | 1880 | 131043| 31039| 80,86 | 19,14 +Oesterreich | 1890 | 189281| 59246| 76,16 | 23,84 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | 304605| 119115| 71,89 | 28,11 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | 497655| 228656| 68,52 | 31,48 +Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | 909310| 334038| 73,10 | 26,90 + Angestellte) | | | | | +Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |1223919| 527073| 69,90 | 30,10 + Angestellte) | | | | | +England und Wales | 1881 | | | | +England und Wales | 1891 | 638423| 12556| 98,07 | 1,93 +Vereinigte Staaten | 1880 | 91502| 4803| 95,90 | 4,10 +Vereinigte Staaten | 1890 | 127619| 10027| 92,72 | 7,28 + +Länder |Zählungs-|Persönlicher Dienst und + |periode |Lohnarbeit wechselnder Art + | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern + | | | |sind + | | | |männlich|weiblich +-------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- +Deutschland | 1882 | 213746| 183836| 53,76 | 46,24 +Deutschland | 1895 | 198626| 233865| 45,91 | 54,09 +Oesterreich | 1880 | 495425| 501500| 49,70 | 50,30 +Oesterreich | 1890 | 620301| 588169| 51,23 | 48,77 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | | | | +Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | | | | +Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | | | | + Angestellte) | | | | | +Frankreich (Arbeiter u. | 1896 | | | | + Angestellte) | | | | | +England und Wales | 1881 | 5728| 95826| 5,65 | 94,35 +England und Wales | 1891 | 10097| 124253| 7,50 | 92,50 +Vereinigte Staaten | 1880 |1715733| 70179| 99,60 | 0,40 +Vereinigte Staaten | 1890 |1828265| 53096| 99,72 | 0,28 + +Länder |Zählungs-|Häusliche Dienstboten + |periode | + | |Männer|Frauen |Von 100 Arbeitern + | | | |sind + | | | |männlich|weiblich +-------------------------+---------+------+-------+--------+-------- +Deutschland | 1882 | 42510|1282414| 3,20 | 96,80 +Deutschland | 1895 | 25359|1313957| 1,89 | 98,11 +Oesterreich | 1880 |204288| 571594| 26,53 | 73,67 +Oesterreich | 1890 | 31890| 424387| 6,99 | 93,01 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |344229| 812320| 29,76 | 70,24 +Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70 +Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70 + Angestellte) | | | | | +Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |199746| 661732| 23,19 | 76,81 + Angestellte) | | | | | +England und Wales | 1881 | 66262|1230406| 5,11 | 94,89 +England und Wales | 1891 | 58527|1386167| 4,06 | 95,94 +Vereinigte Staaten | 1880 |159934| 876377| 15,43 | 84,57 +Vereinigte Staaten | 1890 |226679|1231344| 15,50 | 84,50 + +Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit +Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat, +eine Abnahme, die sich für England und Amerika auch in den absoluten +Zahlen ausdrückt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und +Amerika eine raschere als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich +und Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme +stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die Frauenarbeit im +Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle Länder. Für die Lohnarbeit +wechselnder Art hat überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer +stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen +erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von +Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, wieder mit Ausnahme +von Amerika, überall an Zahl bedeutend zurückgingen. Eine absolute +Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch für die weiblichen +Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau +genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen +Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums zeigt am +besten die Tabelle. + +Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen. + + | Landwirtschaft | Industrie | Handel und Verkehr + | | | + |-------------------+-------------------+------------------- + | Auf 100 +Länder |-------------------+-------------------+------------------- + |männliche|weibliche|männliche|weibliche|männliche|weibliche + |----------------------------------------------------------- + | Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der zweiten +---------------+---------+---------+---------+---------+---------+--------- +Deutschland | | | | | | + 1882 bis 1890| 89 | 106 | 140 | 182 | 149 | 253 +Oesterreich | | | | | | + 1880 bis 1890| 119 | 175 | 131 | 130 | 144 | 191 +Frankreich | | | | | | + 1881 bis 1891| 114 | 94 | 116 | 101 | 163 | 192 +Frankreich | | | | | | + 1891 bis 1896| 176 | 100 3/10| 135 | 132 | 134 | 158 +Vereinigte | | | | | | + Staaten | | | | | | + 1880 bis 1890| 105 | 92 | 113 | 176 | 139 | 209 + + |Lohnarbeit | + |wechselnder Art | Dienstboten + |-------------------+------------------- + | Auf 100 +Länder |-------------------+------------------- + |männliche|weibliche|männliche|weibliche + |--------------------------------------- + | Arbeiter der ersten Zählungsperiode + | kommen in der zweiten +---------------+---------+---------+---------+--------- +Deutschland | | | | + 1882 bis 1890| 108 | 127 | 60 | 103 +Oesterreich | | | | + 1880 bis 1890| 125 | 117 | 16 | 72 +Frankreich | | | | + 1881 bis 1891| -- | -- | 66 | 86 +Frankreich | | | | + 1891 bis 1896| -- | -- | 87 | 95 +Vereinigte | | | | + Staaten | | | | + 1880 bis 1890| 106 | 76 | 142 | 141 + +Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevölkerung, wie die +Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, daß die proletarische +Frauenarbeit in Industrie und Handel überall bedeutend rascher +zugenommen hat als die Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die +Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit +hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung zurückblieben. Die +verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen +Arbeiterschaft während der letzten und der vorletzten Zählungsperiode +giebt einen noch drastischeren Beweis dafür: + + | | Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt in + | |------------------------------------------------- + | | | |Handel | |Häusliche + Länder |Zählungs-| Land- | | und |Lohnarbeit| Dienst- + | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art| boten +-----------+---------+----------+---------+-------+----------+--------- +Deutschland| 1882 | 51,08 | 12,37 | 3,29 | 4,17 | 29,09 + " | 1895 | 45,16 | 18,70 | 6,90 | 4,42 | 24,82 +Oesterreich| 1880 | 57,34 | 12,35 | 0,85 | 13,77 | 15,69 + " | 1890 | 68,78 | 11,03 | 1,12 | 11,08 | 7,99 +Frankreich | 1891 | 39,69 | 32,64 | 8,94 | -- | 18,73 + " | 1896 | 34,69 | 37,58 | 12,29 | -- | 15,44 +Vereinigte | 1880 | 19,56 | 32,84 | 0,24 | 3,44 | 42,92 + Staaten | 1890 | 12,69 | 42,13 | 0,35 | 1,85 | 42,98 + +Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der +Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich. + +In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zählungen der +Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen +beschränkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der +deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen +folgendermaßen gestaltet:[467] + + | Weibliche Arbeiter + | +Zählungs-|------------------------- +periode |absolute | Zunahme + |Zahl |--------------- + | |absolut|Prozent +---------+---------+-------+------- + 1895 | 739 755| | + 1896 | 781 882| 41,127| 5,7 + 1897 | 822 462| 40,580| 5,2 + 1898 | 859 203| 36,741| 4,5 + 1899 | 884 239| 35,036| 4,1 + +Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich eine sehr starke ist, +daß sie aber von Jahr zu Jahr an Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine +rasche Zunahme der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht ziehen, +obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht möglich +ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß auch das Tempo des +Wachstums der männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die +industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die +entsprechenden Zahlen für Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der +mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden müssen,--sind +besonders merkwürdig. Es zeigt sich nämlich, wie nachstehende Tabelle +angiebt, daß dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den +nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag folgte: + + | Weibliche Arbeiter | Männliche Arbeiter + |--------------------------+-------------------------- +Zählungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme +periode |--------------------------+-------------------------- + | Zahl |absolut | Prozent| Zahl |absolut | Prozent +---------+--------+--------+--------+--------+--------+-------- + 1894 | 732760 | | | 1722183| | + 1896 | 844911 | 112,151| 15,9 | 1828403| 106,220| 6,2 + 1898 | 812591 | -32,320| -3,9 | 1820979| -7,424| 0,4 + +Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, wenn auch nicht in genau +demselben Maß, doch das gleiche gilt.[468] + +Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch +die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es giebt zweifellos +auch unter den Selbständigen eine große Zahl proletarischer Existenzen, +die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und +Gewerbezählung annähernd feststellen lassen und diese liegt nur für +Deutschland vor.[469] Wir müssen daher hierbei auf internationale +Vergleichungen ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die +Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig erfassen, weil die +Einteilung der Betriebe nach ihren Größenklassen uns daran verhindert: +Sie werden nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis +20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke müssen wir daher +bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, während Betriebe mit 2 Personen +zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der +Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein +klares Bild zu bekommen, muß die Zahl der Frauen in den +Gehilfenbetrieben ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender +Tabelle geschieht: + +Gewerbearten | Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu- + |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab- + |betrieben| nahme |betrieben| nahme + | 1895 |seit 1882| 1895 |seit 1882 +----------------------+---------+---------+---------+---------- +Gärtnerei, Tierzucht | | | | + und Fischerei | 708 | 285 | 17998 | 10505 +Industrie, Bergbau, | | | | + Baugewerbe | 443333 | -87753 | 1114986 | 479030 +Handel, Verkehr, Gast-| | | | + und Schankwirtschaft| 145165 | 42500 | 617115 | 385591 + +Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in +der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus +der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die +Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist. +Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht +besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch deutlicher: + +Gewerbearten |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp. + |Allein- |Abnahme ||Gehilfen-|Abnahme + |betrieben| ||betrieben| +-----------------------+---------+---------++---------+--------- +Strickerei und Wirkerei| 15472 | -2324 || 28164 | 14950 +Häkelei und Stickerei | 6178 | -336 || 6049 | 3413 +Spitzen-Verfert., | | || | + Weißzeugstickerei | 7802 | -8737 || 11532 | 7017 +Näherei | 185716 | -58183 || 28078 | 3848 +Schneiderei | 89250 | 35227 || 84350 | 46746 +Kleider- und | | || | + Wäschekonfektion | 585 | -3886 || 35409 | 15946 +Putzmacherei, | | || | + künstl. Blumen | 12429 | -1150 || 28874 | 11213 +Handschuh, Kravatten, | | || | + Hosenträger | 3995 | -4109 || 7760 | 1754 +Wäscherei, Plätterei | 66029 | -17662 || 27687 | 14057 + +Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch die Zunahme +in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser +Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen +selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbständigen immer noch +eine außerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht: + + |Von 100 |Von 100 +Gewerbearten |selbständigen|selbständigen + |Frauen sind |Männern sind +--------------------------------+-------------+------------- +Inhaber von Alleinbetrieben | 84,4 | 50,0 + " " Gehilfenbetrieben | 15,6 | 50,0 + " mit bis zu 5 Personen | 13,9 | 40,5 + " " 6-20 Personen | 1,5 | 6,9 + " " 21 und mehr Personen| 0,2 | 2,6 + +Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der erwerbthätigen Frauen mit +aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbständigen Frauen arbeiten +allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich +noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen +Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die Stellung +kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist. +Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei +Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der +Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in +sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich +konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf +dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen. + +In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein ähnliches. Rechnen wir die +Selbständigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, +zu den Proletariern, so sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht +weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende +Tabelle giebt die genaueren Zahlen: + +Areal |Selbständige in der Landwirtschaft |Von je + |------------------------------------|100 Selb- + | Absolut | in Prozenten |ständigen + | | |sind + | Männer | Frauen | Männer | Frauen |weiblich +---------------+--------+--------+--------+---------+--------- +unter 2 ha | 248209 | 177088 | 15,96 | 52,24 | 33,71 +2 bis 5 " | 604562 | 74565 | 27,70 | 22,00 | 10,98 +5 " 10 " | 501482 | 40059 | 22,98 | 11,82 | 7,40 +10 " 50 " | 636275 | 41167 | 29,15 | 12,14 | 6,08 +50 " 100 " | 62920 | 4182 | 2,88 | 1,23 | 6,23 +100 und mehr ha| 28921 | 1918 | 1,33 | 0,57 | 6,21 + +Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts Genaueres, nach +Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl +ein schwacher Rückgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63% +auf 76,51%,--angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der +selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann +darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der +Industriestädte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Maß +Gemüse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese +Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der +Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die +von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Männern +geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine +schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die für die steigende +Erwerbsthätigkeit der Frauen überhaupt: Not, und die durch die +Erträgnisse des männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten +Bedürfnisse. + +Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie nicht allein +ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist ein Blick auf eine andere +Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen. +Sie für alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein +das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist, +daß, während fast sämtliche männliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter +sind, von den weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden +Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, auch unter +Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, dieses: + + || Von 100 berufsmäßigen ||Von 100 mithelfenden + || Arbeitern sind weiblich ||Familienangehörigen + || in Betrieben ||sind weiblich in Betrieben +Berufsarten ||--------------------------||--------------------------- + ||bis 5 |6 bis 20|über 20 ||bis 5 |6 bis 20|über 20 + ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen +--------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- +Landwirtschaft|| 14,3 | 25,6 | 19,9 || 76,5 | 85,6 | 85,7 +Industrie || 9,8 | 15,2 | 19,9 || 84,4 | 77,9 | 44,2 +Handel und || | | || | | + Verkehr || 44,0 | 34,0 | 20,2 || 92,9 | 85,9 | 79,7 +--------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- + im ganzen || 18,9 | 19,5 | 20,0 || 90,2 | 82,0 | 56,0 + +Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen läßt, ist außerordentlich +wichtig für die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen, +was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung +emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten +berufsmäßigen Arbeiterinnen,--besonders hervorstechend ist das +Verhältnis in der Industrie,--und fast alle mithelfenden +Familienangehörigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung +des Großbetriebs eine Förderung der berufsmäßigen proletarischen +Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben, +eine große Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenüber +steht. Gegenüber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie +ausgebeuteten Kräfte sind die natürlichen Feinde der aufstrebenden +weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und +hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhöhung +der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen +zu sein, an der Familie einen Rückhalt haben. + +Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen läßt sich +feststellen, daß die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in +rascherem Tempo zugenommen hat, als die Männerarbeit und viel schneller +gewachsen ist, als die weibliche Bevölkerung. Nur in Zeiten +wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrängen der männlichen +Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhältnissen zeigt sich dagegen, +daß durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten, +besonders in der Industrie, die männlichen Arbeitskräfte großenteils +erschöpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie +erfolgt in um so stärkerem Maße, als Frauen zur Verfügung stehen. Bis +jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrücken der weiblichen Reservearmee +zugleich ein Einrücken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten. +Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annähernd ähnlichem Tempo wie +die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres +numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen +zu höherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist +als nichts Unnatürliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr +durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schäden, die sie +mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit überhaupt, +sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der +Arbeitsbedingungen. + +Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer +Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte +eingehender Erörterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von +ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die +Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen +die meisten Frauen beschäftigt sind, giebt Aufschluß darüber: + +Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.[470] + + | Deutschland | Oesterreich | England u. | Vereingte | Frankreich | Belgien + | | | Wales | Staaten | | + +-------------+-------------+--------------+--------------+--------------+------------- + | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von + | |100 | |100 | |100 | |100 | |100 | |100 + | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- + | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- + | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern +Gewerbearten | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- + | |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei + |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- + |der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle- + |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts + |beite-|sind |beite-|sind |beite- |sind |beite- |sind |beite- |sind |beite-|sind + |rinnen|weibl.|rinnen|weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen|weibl. +-----------------+------+------+------+------+-------+------+-------+------+-------+------+------+------ +Kleider- und | | | | | | | | | | | | + Wäschekonfektion| 27453| 83,38| 59923| 93,58| 38812| 95,83| 304303| 98,08|\ |\ |\ |\ +Schneiderinnen | 61480| 31,66|\43678|\35,72| 82667| 48,89| 63809| 34,42|} |} |} |} +Näherinnen | 97979|100,00|/ |/ |\ |\ | 146043| 97,33|} |} |}44324|}66,06 +Putzmacherinnen | 16517| 98,33| 7388| 89,04|}257408|}98,80| 60087| 99,35|} |} |} |} +Korsettnäherinnen| 5663| 88,80| -- | -- |/ |/ | 5800| 88,78|} |} |/ |/ +Handschuh-, | | | | | | | | |} |} | | + Kravatten- und | | | | | | | | |}976161|}88,50| | + Hosenträger- | | | | | | | | |} |} | | + fabrikation | 6428| 54,45| 7863| 63,26| 9007| 78,50| 8675| 57,28|} |} | 3043| 52,20 +Hutfabrikation | | | | | | | | |} |} | | + und Kürschnerei | 7659| 31,24| 5070| 30,28| 16392| 45,74| 6694| 23,71|} |} | 1052| 23,88 +Blumen- und | | | | | | | | |} |} | | + Federn- | | | | | | | | |} |} | | + fabrikation | 8227| 87,32| -- | -- | 6174| 88,76| 2543| 83,48|/ |/ | -- | -- +Schuhfabrikation | 11537| 7,03| 8774| 6,54| 43671| 22,93| 33677| 15,77| -- | -- | 3154| 11,76 +Stroh-, Bast- und| | | | | | | | | | | | + Holzflechterei, | | | | | | | | | | | | + Strohhüte | 7297| 32,50| -- | -- | 11227| 54,58| 2423| 66,09| -- | -- | -- | -- +Spitzen- | | | | | | | | | | | | + fabrikation, | | | | | | | | | | | | + Stickerei und | | | | | | | | | | | | + Häkelei | 12376| 70,34| 18030| 75,35| 6945| 87,57| 4435| 84,38|\ |\ |\ |\ +Strickerei und | | | | | | | | |} |} |} |} + Wirkerei | 25325| 54,59| 8639| 62,35| 29111| 63,29| 20810| 70,40|} |} |} |} +Posamenten- | | | | | | | | |} |} |} |} + fabrikation | 9974| 52,07| 5001| 67,72| 19634| 62,47| -- | -- |} |} |}95944|}62,80 +Spinnerei, | | | | | | | | |}483393|}52,18|} |} + Hechelei, | | | | | | | | |} |} |} |} + Haspelei |103350| 59,76| 31586| 55,46|\540832|\59,82|\202848|\49,72|} |} |} |} +Weberei |175918| 48,47|116034| 43,01|/ |/ |/ |/ |} |} |/ |/ +Färberei und | | | | | | | | |} |} | | + Bleicherei | 22551| 29,96| 4494| 23,60| 5167| 11,75| 3246| 15,52|/ |/ | 1285| 21,88 +Gummi-, | | | | | | | | | | | | + Guttapercha-, | | | | | | | | | | | | + und Kautschuk- | | | | | | | | | | | | + fabrikation | 3532| 29,31| 308| 35,16| 4112| 40,22| 6456| 39,95|\ |\ | 306| 53,11 +Buchbinderei | | | | | | | | |} 23370|}35,76| | + und Kartonage | 15010| 32,22| 3242| 33,70| 30234| 71,15| 24603| 59,11|} |} | -- | -- +Papierfabrikation| 22352| 33,70| 6362| 40,12| 13101| 39,79| 2961| 13,57|/ |/ | 3043| 35,60 +Setzer, Drucker, | | | | | | | | | | | | + Lithographen und| | | | | | | | | | | | + Schriftgießer | 13071| 13,93| 1966| 15,72| 4737| 5,46| 12054| 10,32| 14720| 19,58| 745| 7,30 +Bäcker und | | | | | | | | | | | | + Konditoren | 23740| 14,10| 6617| 9,40| 26358| 28,56| 7961| 23,57|\ |\ | 228 | 2,15 +Herstellung | | | | | | | | |} |} | | + vegetabilischer | | | | | | | | |} 43795|}13.98| | + Nahrungsmittel | 13142| 28,60| 7916| 27,54| 5228| 5,36|\ |\ |} |} | -- | -- +Animalische | | | | | | |} 2130|}10,12|} |} | | + Nahrungsmittel | 18140| 15,20| 6192| 12,36| 26022| 29,54|/ |/ |/ |/ | -- | -- +Tabakfabrikation | 65286| 53,75| 16985| 89,01| 12574| 60,41| 27997| 25,08| -- | -- | 7710| 33,83 +Ziegelei, | | | | | | | | | | | | + Thonröhren- | | | | | | | | | | | | + fabrikation | 12925| 7,45| 7785| 68,10| 2601| 6,27| 144| 0,24| -- | -- |\ |\ +Steingut-, | | | | | | | | | | |} 1176|}19,90 + Porzellan- | | | | | | | | | | |} |} + fabrikation | 11204| 27,22| 4552| 31,47| 21679| 39,28| -- | -- | -- | -- |/ |/ +Glasbläserei | 5095| 12,12| 11882| 32,57| 2086| 8,80| 1710| 0,50| -- | -- | 3174| 11,20 +Verarbeitung | | | | | | | | | | | | + edler Metalle | 9737| 30,55| 1222| 14,81| 3156| 16,54| 3349| 16,53| 7209| 31,95| -- | -- +Zinnwaren- | | | | | | | | | | | | + fabrikation | 7027| 13,48| 106| 20,78| 6466| 15,10| 899| 1,62| -- | -- | -- | -- +Nägelfabrikation | 1685| 12,78| 1152| 16,36| 4690| 50,52| 477| 10,41| -- | -- | -- | -- +Näh- und | | | | | | | | | | | | + Stecknadeln, | | | | | | | | | | | | + Stahlfedern | 2912| 26,98| -- | -- | 5220| 68,19| -- | -- | -- | -- | -- | -- +Besen- und | | | | | | | | | | | | +Bürstenmacher |\ |\ | 758| 25,68| 5945| 80,56| 1166| 11,53| -- | -- | -- | -- +Schirmmacher und |} 5608|}30,07| | | | | | | | | | + Stockarbeiter |/ |/ | 4907| 15,49| 4086| 53,13| 1938| 56,95| -- | -- | -- | -- +Möbelfabrikation | | | | | | | | | | | | + und Tischlerei | 1760| 0,67| 5946| 7,73| 10921| 15,18| 1748| 6,81| -- | -- | 1040| 8,73 +Andere Industrie-| | | | | | | | | | | | + arbeiter | 6459| 23,23| 60164| 48,64| 40843| 5,64| 15908| 20,74| -- | -- | 8769| 86,59 + +Sie zeigt deutlich, daß die Konzentration der Frauenarbeit auf +bestimmte Berufe eine um so stärkere ist, je fortgeschrittner die +industrielle Entwicklung des betreffenden Landes sich darstellt. Nehmen +wir z.B. die Spitzenfabrikation, Stickerei und Häkelei: Deutschland +zählt 70 %, England dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei +und Kartonage, in der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in +England 71 % Arbeiterinnen beschäftigt werden. Besonders +charakteristisch ist auch die Möbeltischlerei: Deutschland zählt darin +wenig über 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt zeigt es +sich, daß in anderen Berufen die Frauenarbeit in den industriell +vorgeschrittenen Ländern sehr geringen Anteil an ihnen hat. Als Beispiel +diene die Glasbläserei: Oesterreich zählt 32 %, Deutschland 12, England +8 und Amerika 1/2 % Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in +der Oesterreich 16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter +beschäftigt. So viele Umstände auch sonst noch bei der Zusammensetzung +der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so scheint doch +festzustehen, daß die allgemeine Tendenz eine Differenzierung nach +Berufen bevorzugt, und das wachsende Eindringen der Frauen in bestimmte +Berufe mit einem Rückgang der weiblichen Arbeiterschaft in anderen +Berufen Hand in Hand geht, daß sich also nach und nach bestimmte fast +ausschließlich von Frauen und andere fast ausschließlich von Männern +besetzte Berufe herausbilden werden. + +Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der +Konfektion, der Näherei, der Putzmacherei, der Blumen-, Federn- und +Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und Kartonage, die +Papier-, die Guttapercha- und die Kautschukfabrikation versprechen +Frauenberufe zu werden. Die Gründe dieser sich immer stärker +ausprägenden Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthätigkeit +liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und körperlichen +Veranlagung, teils in dem Umstand, daß bestimmte wohlfeile +Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. möglichst billiger +Arbeitskräfte notwendig machen. Was die Veranlagung betrifft, die an +dieser Stelle ausschließlich in Betracht gezogen werden soll, weil der +zweite Punkt die Arbeitsbedingungen berührt, die nicht hierher gehören, +so ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein +wesentliches Moment, das die Frau für alle Thätigkeiten prädestiniert, +die in das Bereich der feinen Handarbeit fallen. Die Konfektion, die +Stickerei, die Spitzenfabrikation u.a.m. gehören daher ebensowohl +hierher, wie die Spinnerei und Weberei, solange sie keine großen +Körperkräfte erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen +besonders befähigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum +Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie überall +dort die männlichen Arbeiter verdrängen, wo die Maschine die menschliche +Kraft ersetzt. Negativ sind im wesentlichen auch die geistigen +Eigenschaften, die die Frauen in bestimmte Arbeitszweige hineintreiben. +So werden sie durch ihren Mangel an geistiger Schulung und technischer +Vorbildung für alle diejenigen Arbeiten gewählt, die ungelernte Arbeiter +im allgemeinen gebrauchen können und die fast stets zu beobachtende +Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle Gedanken auf eine Arbeit +zu richten, ist die Ursache, daß rein mechanische Thätigkeiten ihnen mit +Vorliebe überlassen werden. Diese negativen sowohl körperlichen als +geistigen Fähigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige Resultat der +gänzlichen Vernachlässigung, unter der das weibliche Geschlecht leidet, +und das die Armen stets besonders hart getroffen hat. Aber auch die +Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger sind die Folge der +Erziehung und Gewohnheit. Die Hände des Mannes härteten sich, sie wurden +breit und stark infolge der Arbeiten, die er von Urzeiten an +verrichtete, die des Weibes wurden zarter, schmaler und gewandter, weil +alle feineren Arbeiten meistens ihr überlassen blieben. Von größtem +Einfluß hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist es aber +auch, die den weiblichen Geist ungünstig beeinflußte, indem sie die +Zerfahrenheit und Gedankenlosigkeit unterstützt hat; nichts ermöglicht +mehr ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der +Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die Einführung des +maschinenmäßigen Betriebs, der, selbst in seiner einfachsten Form, der +Nähmaschine, ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher +auch von diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil für die Frauen. +Würde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und körperliche +Ausbildung, die der der Männer entspricht, Hand in Hand gehen, so wäre +zu erwarten, daß nach Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflüsse +die genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen +Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren könnten. Das scheint +unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer schärferen +Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre Berufsarbeiten zu +widersprechen, während es sie thatsächlich nur bestätigt. Denn erst die +Beseitigung anerzogener Eigenschaften wird den natürlichen zur +Entwicklung verhelfen und zwar dürfte sich dabei folgendes +herausstellen: in Bezug auf ihre Körperkräfte werden die Geschlechter +sich einander nähern, weil einerseits die bisher fast ungenutzten des +Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke Muskelkraft +erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre Existenzberechtigung +mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch Mangel an Uebung notwendig +an Kraft verlieren wird. Die geistigen Kapazitäten der Geschlechter +dagegen werden sich in durchaus verschiedener Richtung entwickeln und +die Differenzierung in den Berufen wird infolgedessen nicht wie heute +auf ihre körperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen Eigenschaften +zurückzuführen sein. + +Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen zu den +Thatsachen zurück. Da ist es nun notwendig ein wichtiges, weit +ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, das großenteils noch +arg im Dunkel liegt: die Hausindustrie. + +Deutschland und Belgien gebührt bis jetzt das Verdienst, eine Statistik +der Hausindustrie unternommen zu haben. Natürlich ist sie eine +unvollkommene geblieben, weil gerade die in ihr beschäftigten Personen +außerordentlich schwer zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht +angenommen werden kann, daß die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind, +so ist der Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten +Zählungen in Deutschland insofern zuverlässig, als ihre Methoden die +gleichen waren. Es zeigt sich danach, daß die Hausindustriellen im +allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind sie, nach den Angaben der +Arbeiter, bei der Gewerbezählung von 476080 im Jahre 1882 auf 460085 im +Jahre 1895, nach den Angaben der Unternehmer von 544980 auf 490711 +zurückgegangen; die Betriebe dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie +beschäftigen, sind von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der +einzelnen Gewerbearten führt jedoch zu dem Resultat, daß die Abnahme +sich nicht auf alle gleichmäßig verteilt, daß vielmehr bedeutende +Abnahmen auf der einen Seite von starken Zunahmen auf der anderen +begleitet werden.[471] Eine Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je +nach der Verschiedenheit ihrer Entwicklung, führt zu folgenden +Resultaten: + +Gewerbearten mit Verminderungstendenz. + + | Seit 1882 haben abgenommen + |------------------------------ +Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl + | | um +--------------------------------+--------------+--------------- + | | +Zeugschmiede, Scherenschleifer, | | + Feilenhauer | 2006 | 4044 +Seiden- und Shoddyspinnerei | 2037 | 2922 +Baumwollspinnerei | 4067 | 3645 +Seidenweberei | 20000 | 34381 +Leinenweberei | 10660 | 14667 +Baumwollenweberei | 18859 | 19089 +Weberei von gemischten Waren | 5811 | 4895 +Strickerei und Wirkerei | 7026 | 12768 +Häkelei und Stickerei | 1251 | 549 +Posamentenfabrikation | 73 | 2098 +Strohhutfabrikation und | | + Strohflechterei | 4185 | 2836 +Näherinnen | 12391 | 11502 +Handschuhmacherei, | | + Kravattenfabrikation | 4087 | 3653 + |--------------+--------------- + | 92483 | 117049 + +Gewerbearten mit Vermehrungstendenz. + + | Seit 1882 haben zugenommen + |------------------------------ +Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl + | | um +--------------------------------+--------------+--------------- +Grobschmiede | 1394 | 2638 +Schlosser | 1126 | 2903 +Stellmacher | 986 | 1519 +Musikinstrumente | 1383 | 1955 +Wollenweberei | 645 | 4072 +Gummi- und Haarflechterei | 1712 | 889 +Spitzenverfertigung und | | + Weißzeugstickerei | 2091 | 5560 +Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 1041 | 1673 +Verfertigung grober Holzwaren | 530 | 634 +Tischlerei und | | + Parkettfabrikation | 3934 | 9338 +Korbmacherei | 3903 | 6007 +Dreh- und Schnitzwaren | 1805 | 3526 +Tabakfabrikation | 3400 | 6949 +Schneiderei | 17268 | 30106 +Konfektion | 382 | 885 +Putzmacherei | 376 | 96 +Schuhmacherei | 7099 | 7765 +Wäscherei | 1353 | 2388 + |--------------+--------------- + | 50228 | 88883 + +Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, daß diejenige Art der +Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten handwerksmäßigen +Organisation angesehen werden kann, im allgemeinen im Absterben +begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im ersten Augenblick überraschend +wirkt, die Zahl der Näherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen +darauf zurückzuführen, daß sie sich in Werkstatthausindustrielle +umgewandelt haben. Das beweist folgende Zusammenstellung: Es wurden +Näherinnen gezählt in Betrieben mit + + + |zwei |drei bis |sechs bis |zwei bis + |Personen|fünf Pers.|zehn Pers.|zehn Pers. +-----+--------+----------+----------+---------- +1882 | 6551 | 2321 | 793 | 9656 +1895 | 11514 | 9247 | 2456 | 23247 + +Diese Tendenz zur Zusammenfassung der früher vereinzelt +arbeitenden Näherinnen in Werkstätten ist im wesentlichen auf die +Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Die Ausgaben für Miete werden +geringer, wenn der Arbeitsraum erspart und eine bloße Schlafstelle dafür +eingetauscht wird. + +Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin +beschäftigten Personen betrifft, so hängt sie fast ohne Ausnahme mit der +Entwicklung einer durchaus modernen Form der Hausindustrie zusammen, die +zugleich die allein lebensfähige ist: die Werkstattarbeit mit dem +Zwischenmeister, an der Spitze, der zwischen dem Verleger und dem +Arbeiter die Vermittlung übernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich +diese Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in +der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der +Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten +ist. + +Das Geschlechtsverhältnis in der deutschen Hausindustrie ist von +besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es zunächst die übliche +Meinung von einem Ueberwiegen der Frauen. Das Verhältnis ist +dieses:[472] + + 1895 | 1882 | 1895 +-------------------+---------------------------------- +männliche|weibliche|Von je 100 Hausindustriellen sind +-------------------+---------------------------------- + Hausindustrielle | Männer Frauen | Männer Frauen +-------------------+-----------------+---------------- + 256131 | 201853 | 56,3 43,7 | 55,9 44,1 + +Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine zufällige oder +vorübergehende, sie hängt vielmehr eng mit der ganzen modernen +Entwicklung der Hausindustrie zusammen, die mit darauf zurückzuführen +ist, daß der Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse +machen will. Er sucht die billigsten Arbeitskräfte und stößt dabei +zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in welchen Arbeitszweigen die +Zunahme der Frauenarbeit am stärksten war: + + | 1882 | 1895 + |------------------ + | Von je 100 +Gewerbearten | Hausindustriellen + | sind weiblich +-------------------------------------+------------------ +Töpferei | 7,9 | 29,9 +Glasbläserei vor der Lampe | 27,7 | 44,9 +Gold- und Silberschlägerei | 50,0 | 53,3 +Gold- und Silberdrahtzieherei | 80,3 | 86,9 +Verfertigung von Spielwaren aus | | + Metall, feinen Blei- und Zinnwaren | 38,6 | 60,1 +Erzeugung von Metalllegierungen | 13,3 | 35,8 +Blechwarenfabrikation | 5,1 | 27,6 +Fabrikation von Weberei- und | | + Spinnereimaschinen | 30,5 | 37,2 +Verfertigung von Bleistiften | 65,8 | 83,5 +Leinenweberei | 35,0 | 43,4 +Baumwollweberei | 25,9 | 43,3 +Weberei von gemischten Waren | 18,7 | 33,4 +Gummi- und Haarflechterei | | + und -Weberei | 60,6 | 81,5 +Strickerei und Wirkerei | 29,0 | 50,3 +Leinenbleicherei und -Färberei | 19,4 | 50,9 +Färberei und Bleicherei | 19,7 | 21,2 +Verfertigung von Papiermachéwaren | 42,0 | 50,0 +Buchbinderei und Kartonage | 36,3 | 40,8 +Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 32,7 | 44,7 +Verfertigung von Dreh- und | | + Schnitzwaren | 6,7 | 13,2 +Tabakfabrikation | 30,3 | 45,2 +Putzmacherei | 93,8 | 99,8 +Hutmacherei und Filzwaren | 34,8 | 36,3 +Verfertigung von Korsetts | 67,1 | 94,8 + +Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß eine Verschiebung zu +Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr vielen Fällen dort +stattfindet, wo es sich um alte, absterbende Formen der Hausindustrie +handelt. Sie nimmt die verlassene, dem Untergang geweihte Männerarbeit +auf, und ist in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der +Entwicklung. Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Textilindustrie. +Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich ein +Rückgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; allein von +den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre 1895 weniger +gezählt worden. Trotz dieses Rückgangs zeigt die Frauenarbeit im +Verhältnis zur Männerarbeit wesentliche Fortschritte. Sie verlängert den +Todeskampf der Textilhausindustrie. Der Umstand, daß dem Unternehmertum +eine Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeiläßt, gegen +Hungerlöhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die Entwicklung der +Hausindustrie zur Großindustrie, wie sie andernfalls heute schon möglich +wäre. Das sehen wir unter anderem bei der Tabakfabrikation und der +Buchbinderei und Kartonage. Der Maschinenbetrieb könnte an Stelle des +Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer +schlimmsten Form den Todesstoß versetzen. Das gilt auch in +beschränkterem Maße von der Nähmaschinenarbeit in jeder Form: die +Einführung motorisch betriebener Nähmaschinen scheitert wesentlich an +der Billigkeit weiblicher Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer höchsten +Vollendung, der mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige +Gegner, der die Hausindustrie zu besiegen im stände ist. Außerhalb ihres +Eroberungsgebiets giebt es keine fühlbare Aufsaugung durch die +Fabrik.[473] + +Unter den übrigen hier in Betracht kommenden Ländern hat zweifellos +Oesterreich eine besonders hohe Zahl von Hausindustriellen zu +verzeichnen. Es fehlt aber an einer zusammenfassenden Statistik. +Neuerdings sind Spezialberichte der Gewerbeinspektoren erschienen, die +aber noch nicht vollendet vorliegen. Der erste Band[474] behandelt nur +Böhmen und giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende +Aufschlüsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst die +unübersteiglichen Hindernisse, die einer genauen zahlenmäßigen +Darstellung entgegenstehen: Mißtrauen der Unternehmer sowohl wie der +Arbeiter, die als den Zweck der Nachfragen eine schärfere Besteuerung +vermuten, Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter +Gründe, die auch die deutsche Statistik als ungenügend kennzeichnen +ließen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, hat eine Statistik +aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren Heimarbeiter beschäftigt: + +Heimarbeiter im Budweiser Bezirk + +männlich|weiblich|mithelfende |im ganzen + | |Familienangehörige| +--------+--------+------------------+--------- + 5231 | 6107 | 4317 | 15655 + +Die Zahl der Frauen überwiegt danach die der Männer um fast tausend und +ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter den "mithelfenden +Familienangehörigen" sich neben den Kindern zweifellos mehr Frauen als +Männer befinden. Besonders stark sind die Frauen in Oesterreich in der +Spitzenindustrie, der Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der +noch vielfach ganz im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei +beschäftigt. An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische +Berechnung der Brünner Handelskammer, die auf einer Kombination der +Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik +beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller Arbeiter, +feststellt[475], kann nur ungenau sein und bleibt jedenfalls hinter der +Wirklichkeit zurück. + +Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und ihre +zahlenmäßige Erfassung eine ganz unzuverlässige. Für die Frauen kommt im +wesentlichen die Seiden- und die Spitzenindustrie, die Näherei, +Schneiderei, die Handschuhnäherei und die Verfertigung der sogenannten +Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhône wurden noch gegen +20000 Handwebstühle für Seidenwaren gezählt, die eine noch größere Zahl +von Arbeitern für die erste Bearbeitung der rohen Seide zur +Voraussetzung haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie +beschäftigt vielleicht heute noch eine viertel Million Arbeiterinnen. In +der Schneiderei beschäftigt allein Paris 72 % Frauen, in der +Handschuhnäherei 57 %, in der Herstellung von Articles de Paris 80 %, +fast lauter Hausindustrielle. + +England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der alten Form +der Hausindustrie schon gründlich aufgeräumt. Dagegen hat die moderne +sich rasch entwickelt. Sie umfaßt hauptsächlich die Konfektionsindustrie +und die Schuhmacherei. Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie +vollständig. Für Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die +Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die ihre +Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von dem +elendesten und schwächsten Menschenmaterial nährt, das Europa abstößt. +Ueber ihre Zunahme giebt folgende, auf Illinois bezügliche Tabelle +Aufklärung:[476] + +Zählungs-| | | | + periode |Werkstätten|Männer|Frauen|Kinder|Im ganzen +---------+-----------+------+------+------+--------- + 1893 | 704 | 2611 | 3617 | 595 | 6823 + 1894 | 1413 | 4469 | 5912 | 721 | 11101 + 1895 | 1715 | 5817 | 7780 | 1307 | 14904 + 1896 | 2378 | 6383 | 7181 | 1188 | 14752 + +Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine raschere +Zunahme als die Männerarbeit, der gegenüber sie auch absolut im +Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres erklärt sich teils aus +der strengeren Handhabung der Gesetze, teils daraus, daß es sich bei den +vorliegenden Zahlen nur um Werkstättenarbeiter handelt, die vereinzelten +Heimarbeiter dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die +Gesetzgebung in die Werkstätten eingreift, wobei es sich fast immer um +den Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich +in die Heimarbeit zurückziehen müssen. + +Die belgische Berufszählung von 1896[477]--die erste, die sich hier mit +der Frage beschäftigte--teilt alle Arbeiter in zwei große Kategorien +ein: 1.) Die in Fabriken, Werkstätten u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich +zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthätig +sind. Das heißt mit anderen Worten, daß nur die eigentlichen +Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen +Ergebnisse der nach diesen Grundsätzen erfolgten Erhebung waren +folgende: + + | Es waren beschäftigt | Von 100 + |-----------------------| Arbeitern + | Männer | Frauen | waren weiblich +------------------+-----------+-----------+--------------- +In Fabriken, Werk-| | | + stätten u.s.w. | 588248 | 115981 | 16,47 +Zu Hause | 41689 | 77058 | 64,89 +------------------+-----------+-----------+--------------- +Im ganzen | 629937 | 193039 | 23,43 + +Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel bedeutender +als die der Männer und beträchtlich größer als der Anteil der +Arbeiterinnen an der Fabrikarbeit im Verhältnis zu dem der Männer. Die +wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind: + +Spitzenarbeiterinnen 49158 +Kleiderkonfektion 7166 +Handschuhfabrikation 3477 +Strohflechterei für Hüte 2611 +Wollenweberei und Spinnerei 2458 +Leinenweberei und Spinnerei 2383 +Strickerei 2376 +Schuhmacherei 1437 + +Die große Zahl der Spitzenarbeiterinnen fällt hier besonders ins Auge. +Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr allergrößter Teil, nämlich über +47000, auf dem Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist +aber jetzt schon eine gefährliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum +Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestädte zu entvölkern. + +Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die +erwerbsthätigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. Sie würde +weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen gehen, wenn nicht +gerade die Frauen sie zäh am Leben erhielten, worin sie von den +Unternehmern--allein die Zunahme der hausindustriellen Betriebe in +Deutschland spricht dafür--unterstützt werden. Die Gründe dafür sind +teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, unter dem die an +Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und die den aufklärenden +Ideen den Zugang zu ihr verschließen, teils in dem Bestreben des +profitgierigen Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsräumen, +Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze zu +umgehen. Beweis dafür ist unter anderem, daß in dem industriell +fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie den geringsten und +in einem der zurückgebliebenen Länder z.B. in Oesterreich, allem +Anschein nach den größten Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar +hervor, daß die fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer +gegenwärtigen Form nach und nach vernichten wird. + +Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine besondere +Betrachtung: diejenigen nämlich, die in persönlichen oder häuslichen +Diensten stehen, und zu denen, außer den Dienstboten, die +Aufwartefrauen, Köche etc., die Wäscherinnen und die Kellnerinnen +gehören. Ihre Zahl ist folgende: + +------------------------------------------------------------------------------- + | | | England | +Berufsarten | Deutsch- | Oester- | und | Vereinigte + | land | reich | Wales | Staaten +-----------------------------------+----------+---------+---------+------------ +Häusliche Dienstboten | 1313957 | 424387 | 1386167 | 1302728 +Aufwartefrauen, Köche u.s.w. | 182769 | 75533 | 124253 | 3444 +Wäscherinnen | 129513 | -- | 185246 | 216631 +Kellnerinnen und Hotelbedienstete | 302743 | 76083 | 87984 | -- + +Wir haben schon gesehen, daß die Zahl der Dienstboten fast überall im +Rückgang begriffen ist. Vergleichen wir die Zahl der weiblichen +Dienstboten im Verhältnis zur Bevölkerung, so ist das Resultat dieses: + + | | Auf 100 Personen + Länder |Zählungs- | der Bevölkerung + |periode | kamen weibliche + | | Dienstboten +-------------------+----------+------------------ +Deutschland | 1882 | 2,84 + " | 1895 | 2,54 +Oesterreich | 1880 | 2,58 + " | 1890 | 1,78 +England und Wales | 1881 | 2,69 + " " " | 1891 | 2,28 +Vereinigte Staaten | 1880 | 1,75 + " " | 1890 | 1,97 +Frankreich | 1881 | 2,17 + " | 1891 | 1,84 + " | 1896 | 1,73 + +Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika überall eine Abnahme +der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika fällt auch nicht +schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von 1880 ein ungemein niedriger +war und der wachsende Reichtum eines Teils der Bevölkerung eine +Steigerung im Gefolge haben mußte. Das Bild dürfte sich wesentlich +verschieben, sobald die Ergebnisse der Zählung von 1900 vorliegen, denn +das Verhältnis der Zahl der Dienstboten zur Bevölkerung hängt nicht nur +von deren pekuniären Lage, von der Lust oder Unlust der Mädchen zum +Dienen ab, sondern sehr wesentlich auch von dem Umstand, welche +Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft umfaßt. Je mehr sie, wie es z.B. in +England und Frankreich besonders deutlich sichtbar ist, +zusammenschrumpfen, desto mehr werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen +werden sich die für gelegentliche Dienstleistungen benötigten außer dem +Hause wohnenden Hilfskräfte vermehren. Sie standen in folgendem +Verhältnis zur Bevölkerung: + + | |Auf 100 Personen + | |der Bevölkerung + | |kamen außerhäus- +Länder |Zählungsperiode|liche Dienstboten +------------------+---------------+----------------- +Deutschland | 1882 | 0,26 + " | 1895 | 0,35 +Oesterreich | 1880 | -- + " | 1890 | 0,32 +England und Wales | 1881 | 0,47 + " " " | 1891 | 0,55 + +Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen Stand der +Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf Zugehörigen ein +sehr unbestimmter ist,--deshalb mußten die Zahlen für Frankreich und die +Vereinigten Staaten ganz fortgelassen werden,--sondern weil sicher viele +hierher Gehörige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", "Tagelöhner" etc. +einbezogen worden sind. Eine starke Vermehrung hat auch die Zahl der +Kellnerinnen und Hotelbediensteten erfahren, die sich aber nur für +Deutschland feststellen läßt, wo sie 33 % beträgt. Es kann aber auch im +allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und Restaurant-Personals +angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit der Abnahme der Dienstboten +und beweist auch ihrerseits, daß der Privathaushalt zu Gunsten des +öffentlichen im Rückgang begriffen ist: Das Leben außer dem Hause ist +für einen großen Teil der Bevölkerung immer mehr in Aufnahme gekommen. + +Eine außerordentlich wichtige Seite der Arbeiterinnenfrage, deren +Statistik freilich bisher im allgemeinen sehr unzureichend blieb, ist +die Alters- und Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie +gewährt einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische +Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und Reformpläne +nach dieser Richtung. + +Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundsätzen, als den Prinzipien +geistig-sittlicher Volkserziehung, daß die Erwerbsthätigkeit in ihrer +heutigen aufreibenden Form nicht vor dem achtzehnten resp. dem +zwanzigsten Lebensjahre einsetzen sollte. Betrachten wir daraufhin +folgende Tabellen: + +Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von +--------------------------------------------- + unter 20 Jahren 346 + 20-30 " 314 + 30-40 " 124 +Deutschland 40-50 " 92 + 50-60 " 73 + 60-70 " 39 + 70 Jahren und darüber 12 +--------------------------------------------- + unter 20 Jahren 200 + 21-30 " 220 + 31-40 " 182 +Oesterreich 41-50 " 173 + 51-60 " 135 + 61-70 " 71 + über 70 " 19 +--------------------------------------------- + unter 18 Jahren 141 + 18-24 " 209 + 25-34 " 218 +Frankreich 35-44 " 152 + 45-54 " 125 + 55-64 " 90 + 65 Jahren und darüber 65 + +Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen hierbei +auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! In +Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich fällt +die stärkste Beteiligung der Frauen an der proletarischen Arbeit in das +einundzwanzigste bis dreißigste, in Frankreich in das fünfundzwanzigste +bis vierunddreißigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser Richtung +hier die gesündesten Verhältnisse vor uns. Andererseits aber sehen wir, +daß vom vierzigsten Jahre ab in Deutschland die Frauenarbeit bedeutend +abnimmt, während sie in Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in +Frankreich im vierundfünfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und +während in Deutschland die über siebzigjährigen Greisinnen 12 % der +Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % und Frankreich für die +über fünfundsechzigjährigen gar 65 % auf. Im allgemeinen verteilt sich +die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland +weit regelmäßiger über das ganze Leben, hat daher, die starke +Beteiligung der Greisinnen abgerechnet, einen normaleren Charakter +angenommen. Noch deutlicher tritt uns die Altersgliederung der +Arbeiterinnen entgegen, wenn wir sie im Verhältnis zur weiblichen +Bevölkerung betrachten: + +Von je 1000 weiblichen Personen + im Alter sind + von Arbeiterinnen +------------------------------------------ + 14-20 Jahren 397 + 20-30 " 273 + 30-40 " 136 +Deutschland 40-50 " 127 + 50-60 " 127 + 60-70 " 105 + 70 Jahren und darüber 57 +------------------------------------------ + 11-20 Jahren 570 + 21-30 " 685 + 31-40 " 577 +Oesterreich 41-50 " 561 + 51-60 " 507 + 61-70 " 393 + über 70 " 218 +------------------------------------------ + unter 24 Jahren 517 + 25-34 " 324 +Frankreich 35-44 " 256 + 45-54 " 237 + 55-64 " 245 + 65 Jahren und darüber 161 + +In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller vierzehn- bis +zwanzigjährigen Mädchen im Kampf ums Brot. Eine erschreckende Zahl! In +Frankreich, wo der Vergleich nicht genauer durchgeführt werden konnte, +weil zwar die Bevölkerung nach fünfjährigen Altersperioden gegliedert +wurde, man für die Berufsthätigen der jüngeren Altersklassen aber eine +andere Einteilung, nämlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis +vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung sämtlicher +Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine außerordentlich hohe. +Die gesteigerte Erwerbsthätigkeit fällt besonders für die Altersklasse +zwischen dem fünfundfünfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre auf. + +Von noch größerer Bedeutung für die Beurteilung der proletarischen +Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes der Arbeiterinnen. Leider +ist das vorliegende statistische Material insofern ganz ungenügend, als +die Darstellung des Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und +der sozialen Schichtung zum Teil vollständig fehlt. Ein Vergleich +zwischen den Zählungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur für +Deutschland möglich, und zwar auch hier mit der Einschränkung, daß im +Jahre 1882 die Verwitweten, resp. Geschiedenen mit den Ledigen +zusammengerechnet, während sie 1895 getrennt gezählt wurden. + +Auf Grund der letzten Zählungen stellt sich die Gliederung nach dem +Familienstand folgendermaßen dar: + + | | Von je 1000 Arbeiterinnen waren +Länder | Zählungsperiode |--------------------------------- + | | ledig | verheiratet | verwitwet +------------+-----------------+--------+-------------+---------- +Deutschland | 1895 | 702 | 215 | 83 +Oesterreich | 1890 | 424 | 446 | 130 +Frankreich | 1896 | 649 | 206 | 145 +Vereinigte | | | | + Staaten | 1890 | 791 | 113 | 96 + +Bei dieser Zusammenstellung fällt Oesterreich wieder besonders ins Auge, +wo mehr verheiratete als ledige Frauen Arbeiterinnen sein sollen. Dieses +Verhältnis kann nicht allein dadurch erklärt werden, daß bei der Zählung +die Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke +war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine +Berücksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der österreichischen +Statistik führt vielmehr zu dem merkwürdigen Resultat, daß in der +Landwirtschaft 2106618 verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382 +verheirateten Arbeitern aufgeführt werden! Um festzustellen, ob diese +enorme Zahl verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der Möglichkeit +liegt, müßte man in Erfahrung bringen können, wo sich die Ehemänner +dieser Frauen befinden. Möglich, daß die Gattinnen der Besitzer +landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also unter der Rubrik der +Selbständigen zu finden wären, sich als Arbeiterinnen bezeichneten, +immerhin könnte das für die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht +zutreffen, da nur 1500000 selbständige verheiratete Landwirte ihnen +gegenüber stehen, deren Frauen unmöglich fast alle Arbeiterinnen sein +können. Es bleibt also nur noch übrig anzunehmen, daß Frauen von +Industriearbeitern, die etwa neben der Hauswirtschaft ein kleines +Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen eingetragen wurden. Diesen +günstigsten Fall, und nicht, wie es nahe läge, positive Fehler in der +Erhebung selbst angenommen, scheint es klar zu sein, daß diese zwei +Millionen verheirateter Landarbeiterinnen zu einem großen Teil nicht als +Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden können. Auffallend +bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der hohe Prozentsatz Verwitweter +resp. Geschiedener in Oesterreich und Frankreich. Die Armut des Volks +zwingt in Oesterreich eine besonders große Zahl von Witwen zur +Erwerbsarbeit, während in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und +eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einfluß auf die prozentuale +Gestaltung des Familienstandes sind. + +Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verhältnis zu dem der vorletzten +Zählungsperiode, so ergiebt sich für Deutschland folgendes: + + | | Von 1000 Arbeiterinnen waren + | Zählungsperiode |------------------------------- + | | ledig resp. ver- | verheiratet + | | witwet | +------------+-----------------+------------------+------------ +Deutschland | 1882 | 827 | 173 + " | 1895 | 785 | 215 + +In absoluten Zahlen ausgedrückt ist das Verhältnis dieses: + + | | Von 1000 Arbeiterinnen waren[A] + | Zählungsperiode |------------------------------- + | | ledig resp. ver- | verheiratet + | | witwet | +------------+-----------------+------------------+------------ +Deutschland | 1882 | 2433682 | 507784 + " | 1895 | 2938283 | 807172 +------------------------------+------------------+------------ +Zunahme: | 504601 | 299388 + +[Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende "Von +1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.] + +Für Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht möglich. Dagegen liegt +eine Spezialerhebung vor, die nicht ohne Wert für die vorliegende Frage +ist.[478] Ihre Resultate sind aus einer Enquête gewonnen worden, die +1067 verschiedene industrielle Betriebe in dreißig verschiedenen Staaten +mit 42990 männlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in der früheren +Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380 männlichen und 79987 +weiblichen Arbeitern in der letzten (1895 bis 96) umfaßte. Wir haben es +also in beiden Fällen mit ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten +Staaten zu thun, wonach die Bedeutung der Ergebnisse sich annähernd +bewerten läßt. Sie waren folgende: + +Von 51539 Frauen waren 1885-86 + +Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt +-----------++-----------++-----------++-----------++------------ +Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz. +solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut| +-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------ +32801|63,6 || 1357| 2,6 || 498 | 1,0 || 4 | -- ||16879| 32,8 + +Von 79987 Frauen waren 1895-96 + +Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt +-----------++-----------++-----------++-----------++------------ +Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz. +solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut| +-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------ +70921|88,7 || 6775| 8,5 ||2011 | 2,5 || 36 | -- || 244| 0,3 + +Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr eingeschränkt, +daß in der früheren Zählungsperiode von fast einem Drittel aller +Arbeiterinnen der Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der +Augenschein dafür spricht, daß die Verheirateten und die Verwitweten +zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht aufzunehmen, da +die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten Familienstandes im Jahr 1885 +bis 1886 einen genauen Vergleich von vornherein ausschließt. + +Für England sind wir auf noch unsicherere Zahlen angewiesen. Eine +Zählung des Familienstandes in Verbindung mit der Berufsthätigkeit und +der sozialen Schichtung wurde weder 1881 noch 1891 im Zusammenhang mit +dem Zensus vorgenommen. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden, auf +Grund seiner Ergebnisse den Familienstand der Arbeiterinnen +festzustellen.[479] Zwei Angaben der Erhebungen bildeten die +Anhaltspunkte für die Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl +aller berufsthätigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, wohl +bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthätigen übertraf, gab die +Differenz zwischen beiden Zahlen die Minimalzahl der verheirateten +berufsthätigen Frauen an. Wenn auch dabei betont wird, daß es sich um +Minimalzahlen handelt, so sind selbst diese von vornherein +problematisch, weil doch ohne weiteres einzusehen ist, daß nirgends alle +Ledigen berufsthätig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die +Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten +Arbeiterinnen konstatieren, höchst fraglicher Natur. Nur neunzehn Städte +sind von 61 mit über 50000 Einwohnern in Betracht gezogen worden, und +die einzelnen Berechnungen weisen in ihrer Methode beträchtliche Fehler +auf.[480] Wir können uns daher nicht auf sie stützen und müssen die +Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen lassen. + +Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den Berufsabteilungen? + +Folgende Tabelle beantwortet die Frage: + + | | Von 1000 Arbeiterinnen waren in der + | |-------------------------------------------------- +Länder |Zählungs-| | | + |periode |Landwirtschaft | Industrie | Handel + | |-------------------------------------------------- + | | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ver-|ver- + | |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- + | | |wet |ratet| |wet |ratet| |wet |ratet +-----------+---------+-----+----+-----+-----+----+-----+-----+----+----- +Deutschland| 1895 | 671 | 91 | 238 | 751 | 81 | 168 | 763 | 36| 201 +Oesterreich| 1890 | 419 | 63 | 518 | 663 | 96 | 241 | 511 | 201| 288 +Frankreich | 1896 | 714 | 88 | 199 | 629 | 74 | 297 | 340 | 232| 428 + +Das Bild, das sie uns vorführt, ist kein einheitliches. Den stärksten +Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland und Oesterreich in +der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der Industrie auf. Stärker als +die Ledigen sind die Verheirateten in der Landwirtschaft Oesterreichs +und im Handel Frankreichs vertreten, wo in beiden Fällen auch die +Verwitweten einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten +Verwitweten zählt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. Die meisten +Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie in Oesterreich +und die Landwirtschaft in Frankreich. + +Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem Familienstand, +ihrem Beruf im Verhältnis zu früheren Zählungen betrifft, so kann +hierbei nur Deutschland in Betracht kommen, weil die anderen Staaten +keine so eingehende Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle +kennzeichnet die Lage in Deutschland: + + | 1882 | 1895 | + |--------------------------+--------------------------| + | | nicht | | nicht | + |verheiratet | verheiratet |verheiratet | verheiratet | +--------------+------------+-------------+------------+-------------| +Landwirtschaft|414189|18,39|1877671|81,61|567542|23,76|1820606|76,24| +Industrie | 69215|12,69| 476014|87,31|166338|16,76| 825964|83,24| +Handel | 24380|16,89| 119997|83,11|73212 |20,08| 291713|79,92| + +Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft und +Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. Für die +Landwirtschaft kann angenommen werden, daß eine stärkere Erfassung der +mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat beigetragen hat. Die Zunahme der +Verheirateten in der Industrie dagegen läßt sich nicht nur, wie es stets +und fast ausschließlich geschieht, daraus erklären, daß zur +Befriedigung der Bedürfnisse der Familie der Verdienst des Mannes allein +nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme der Arbeiterinnen +überhaupt. Es ist klar, daß, je mehr die Zahl der Arbeiterinnen wächst, +die Männer desto mehr darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthätige +Frauen zu heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der +Frau eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger häufig tritt daher +die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem außerhäuslichen Beruf in das +Haus und das Familienleben zurück. Das alte Ideal des Familienlebens, +dessen typisches Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblaßt +mehr und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der +Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatürliches sehen. Im +Volksbewußtsein ist sie das nicht mehr. Und mit Recht. So wenig wie die +Frauenarbeit überhaupt eine beklagenswerte Erscheinung innerhalb der +sozialen Entwicklung ist, so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen. +Verderblich wirkt auch sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie +vor sich geht. + +Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in welchen +Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen thätig sind. +Nach den letzten Zählungen für Deutschland, Oesterreich und +Nordamerika,--die Ergebnisse für Frankreich liegen im einzelnen noch +nicht vor,--zeigt sich folgendes: + +Deutschland + + | von 100 + | Arbeiterinnen +Berufsarten | des betreffenden + | Berufs sind + | verheiratet +----------------------------+----------------- +Fleischerei | 40,92 +Ziegelei | 30,01 +Bäckerei | 29,45 +Weberei | 25,30 +Tuchmacherei | 24,94 +Zubereitung v. Spinnstoffen | 24,88 +Tabakfabrikation | 24,72 +Lohnarbeit wechselnd. Art | 19,55 +Bleicherei, Appretur | 18,59 + +Oesterreich + + | von 100 + | Arbeiterinnen +Berufsarten | des betreffenden + | Berufs sind + | verheiratet +---------------------------------+------------------ +Verarbeitung von Eisen und Stahl | 34,50 +Verfertigung von Maschinen | 33,98 +Textilindustrie | 28,49 +Industrie der Nahrungsmittel | 24,77 + +Vereinigte Staaten + + | von 100 + | Arbeiterinnen +Berufsarten | des betreffenden + | Berufs sind + | verheiratet +----------------------+------------------ +Wäscherei | 31,60 +Häusliche Dienste | 26,78 +Putzmacherei | 17,66 +Tabakfabrikation | 16,53 +Bäcker und Konditoren | 12,95 +Baumwollenweber | 12,59 +Kleiderkonfektion | 12,23 +Schuhmacher | 11,36 + +Daraus geht hervor, daß die verheirateten Arbeiterinnen besonders in der +Textilindustrie beschäftigt sind. + +Nachstehende Tabelle bringt einen noch stärkeren Beweis dafür:[481] + + |Land |Zählungs-|Von 100 +Industriezweige | | jahr |Arbeiterinnen + | | |waren + | | |verheiratet + | | | +--------------------+-------------------------+---------+------------- + |Massachusetts | 1885 | 14,9 + |Lancashire and Cheshire | 1894 | 22,2 + |Burnley | | 30,3 + |Blackburn | | 29,4 +Baumwollindustrie |Stockport | | 26,3 + |Oldham | | 23,2 + |Bolton | | 12,6 + |Wigan | | 5,7 +--------------------+-------------------------+---------+------------- + |Massachusetts | 1885 | 14,6 + |England | 1894 | 24,5 +Streichgarnindustrie|Gloucestershire und | | + | Somersetshire | 1894 | 37,4 + |Sächsische Bezirke | | + | Krimmitschau und Werdau| 1892 | 31,3 + +Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je +nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der +deutschen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.[482] Danach verteilen +sich die Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in +folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige: + + |Verheiratete |Von 100 + |Arbeiterinnen|verheirateten + Industriezweige | |Arbeiterinnen + | |in dem betr. + | |Industriezweig + | |beschäftigt. +--------------------------------+-------------+-------------- +Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen,| | +Torfgräberei | 1333 | 0,58 +Industrie der Steine und Erden | 19475 | 8,49 +Metallverarbeitung | 10739 | 4,68 +Industrie der Maschinen, | | + Instrumente und Apparate | 4493 | 1,99 +Chemische Industrie | 4380 | 1,91 +Industrie der forst- | | + wirtschaftlichen Nebenprodukte| 1162 | 0.51 +Textilindustrie | 111194 | 48,49 +Papierindustrie | 11049 | 4,82 +Lederindustrie | 2063 | 0,86 +Industrie der Holz- | | + und Schnitzstoffe | 5635 | 2,46 +Industrie der Nahrungs- und | | + Genußmittel | 39080 | 17,04 +Bekleidungs- und | | + Reinigungsgewerbe | 13156 | 5,74 +Baugewerbe | 141 | 0,06 +Polygraphische Gewerbe | 4770 | 2,08 +Sonstige Industriezweige | 664 | 0,29 +--------------------------------+-------------+-------------- + Im ganzen: | 229334 | 100,00 + +Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind +danach in der Textilindustrie beschäftigt. Ganz besonders interessant +dabei ist, daß die Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und +verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, die +höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen überhaupt; ihnen zunächst +steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die +Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der +Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete +Frauen gezählt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so +sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und +in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus wieder, daß die +Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den +Fortschritt der Industrie zu höheren Arbeitsprozessen merklich +aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, daß die verheirateten +Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in +wenige Berufsgruppen zusammendrängen. + +Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von Ländern das Wachstum +der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so läßt sich aus den fast +überall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedürfnisse und Zunahme +der Frauenarbeit überhaupt,--der Schluß ziehen, daß jedenfalls von einem +Rückgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar +eine raschere sein dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen. + +Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und +Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf größere Not +allein zurückzuführen? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten +häufiger als früher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre +1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Kräfte der Männer früher +erschöpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen +Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Männer--also auch +kränkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der +verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand +kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe +der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese +Entwicklung zweifellos unterstützt. Weder ist die Frau in dem Maße wie +früher einfach infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer +Kinder an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er selbst ihr +gegenüber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das +mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der +weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren +Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je +selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto freier wird sie +dem Zuge ihres Herzens folgen können. + +Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen +Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein +will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der +Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die +Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die +Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die +Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, +dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und +denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie +aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt. + + + + +6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart. + +Die Großindustrie. + + +Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die +Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine +Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines +Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu +gestalten. + +Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine +Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die +Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält, +müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und +Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar +nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist +leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt +genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative +Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß +ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als +der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch +schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen +Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um +so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs +feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die +selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße +Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im +mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von +demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden +müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und +Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene +Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche +etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta +essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine +reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und +eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der +eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer +empfundene Entbehrung. + +Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur +Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten +Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und +zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige +Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche +der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der +Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist +das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es +könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der +daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen, +wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur +Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf +ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes +kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig +beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die +Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen +Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch +das ist nur in gewissem Umfang möglich. + +Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur +auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne +über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen. + +Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist +ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die +deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von +Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr +häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine +große Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde für die +Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige +Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen +aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch +in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So +erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur +einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner +Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich +bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse +herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die +niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl. +für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn +angesehen wurde.[487] In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne +von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten +2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen +der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am häufigsten--250 frs. +festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie +Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 +frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen +eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, +immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken +Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen +unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen +Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh., +nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.[491] In +Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $ +beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts +Seltenes.[492] Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über +Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht +gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen +Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller +Befragten,--antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht +erfaßt. + +Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen +besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben, +wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen +könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur +bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich +z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren +die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die +weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar +schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten +40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für +die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer +3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall +einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde +festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten, +71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten +sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 % +Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach +einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit +17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit +35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich +schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter +folgendermaßen:[495] + + |Grossbritannien|Massachusetts + |---------------+-------------- + | Männer| Frauen|Männer| Frauen +--------------------------------------+-------+-------+------+------- + | $ | $ | $ | $ +Durchschnittlicher höchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57 + " niedrigster " | 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62 + " Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09 + +Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir +sehen, der Unterschied zwischen Männer- und Frauenlöhnen ein +außerordentlich beträchtlicher. In all diesen Fällen fragt es sich nun +aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage +unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der +Löhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht +gerückt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner +Kontobuchindustrie stanzen Männer und Frauen Titel auf der +Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stück, die +Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen +Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12 +bis 15 Mk.[496] Die männlichen Ketten- und Karabinermacher in der +Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von +26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die männlichen +Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im +besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die +Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrüchen in Nord-Amerika +verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre männlichen Kollegen 9 bis 18 $ +für dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die +Arbeitsverrichtungen der Männer und Frauen läßt insofern noch keine +allgemeineren Schlüsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der +Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Löhnen zu +Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B. +langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger +Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr +geringerer Lohn durchaus erklärlich. Es muß daher Zeit- und Stücklohn +auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu +ermöglichen. Die umfangreiche französische Lohnstatistik liefert die +beste Grundlage für diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt +zunächst eine Uebersicht über die Lohnverhältnisse in solchen +Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie +aber nicht beherrscht: + + | | Männer | Frauen + | Zeit |-----------------------+----------------------- + | oder-|Niedr.|Höchst| Durch- |Niedr.|Höchst| Durch- +Gewerbeart |Stück |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts- + | lohn-|lohn |lohn | Tagel. |lohn |lohn | Tagel. +----------------------+------+------+------+---------+------+------+--------- + | |frs. |frs. | frs. |frs. |frs. | frs. +Papierfabrikation: | | | | | | | + Maschinenpapier- | | | | | | | + herstellung | Zeit |1,75 |2,50 | ---- |1,25 |1,50 | ---- + Appreteur |Stück |1,50 |2,50 | 2,35 |0,75 |2,00 | 1,45 + Kouvertfalzung | Zeit |1,50 |4,25 | 2,55 |2,00 |2,75 | 2,35 + Lumpensortierer | " |1,50 |6,00 | 5,00 |2,00 |2,75 | 2,35 + Zuschneider von | | | | | | | + Cigarettenpapier | " |3,50 |5,00 | 4,45 |1,75 |2,25 | 2,00 +Kartonage: | | | | | | | + Lackierer | " |0,50 |6,50 | 5,00 |0,50 |3,00 | 2,00 +Druckerei: | | | | | | | + Typographen | " |4,50 |5,00 | ---- |1,50 |2,00 | ---- + Lithographen | " |3,00 |4,50 | ---- |1,75 |2,25 | ---- + Setzer | " |1,75 |3,50 | 3,30 |1,00 |2,00 | 2,00 +Gummischuhfabrikation:| | | | | | | + Zuschneider | " |2,00 |5,50 | 3,85 |2,00 |6,00 | 3,75 + Montiere | " |2,00 |4,50 | 2,85 |1,50 |4,00 | 2,35 + Sohlenarbeiter |Stück |4,25 |5,75 | 4,90 |2,50 |3,50 | 2,90 +Lacklederfabrikation: | | | | | | | + Polierer | Zeit |3,75 |4,25 | 4,10 |2,00 |2,25 | 2,10 +Stiefelfabrikation: | | | | | | | + Montierer |Stück |4,00 |6,00 | 4,75 |1,25 |2,25 | 1,50 +Handschuhfabrikation: | | | | | | | + Dresseur | " |4,00 |5,00 | 4,25 |2,50 |4,00 | 3,25 + +Wir sehen zunächst daraus, daß sich in der niedrigsten Lohnstufe +vielfach nicht nur gleiche Löhne für Männer und Frauen, sondern sogar +zuweilen höhere Frauenlöhne vorfinden, in der höchsten dagegen +differieren sie zum größten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die +Statistik des vorigen Abschnitts hat über die Altersgliederung der +Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschluß gegeben und es hat sich dabei +herausgestellt, daß die stärkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts +an der proletarischen Arbeit in die jüngsten Jahrgänge fällt, mit +anderen Worten: zu einer Zeit, wo der männliche Arbeiter in seinem Fach +die höchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die +Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rücken gekehrt. Die Frauen +bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen +und können daher auch die höchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen +weiteren Beweis hierfür bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in +denen der höchste Lohnsatz der Männer von den Frauen fast erreicht, ja +sogar übertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh- +und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfächer +haben geübte, also ältere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche +weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung +entsprechend, ohne Berücksichtigung des Geschlechts. Noch schärfer +beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Löhne in solchen +Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe +dargestellt haben, und in denen die größte Mehrzahl der verheirateten, +also der älteren Frauen, beschäftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus +derselben Statistik ist besonders charakteristisch: + + | | Männer | Frauen + |Zeit- |------------------------+------------------------ + |oder |Niedr.|Höchst.|Durch- |Niedr.|Höchst.|Durch- +Gewerbearten |Stück-|Tage- |Tage- |schnittl.|Tage- |Tage- |schnittl. + |lohn |lohn |lohn |Tagel. |lohn |lohn |Tagel. +-------------------+------+------+-------+---------+------+-------+--------- + | | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. +Leinenspinnerei: | | | | | | | + Spinner | Zeit | 2,00 | 2,50 | 2,25 | 2,00 | 2,25 | 2,15 +Hanfweberei: | | | | | | | + Weber |Stück | 2,00 | 2,75 | 2,50 | 1,50 | 2,50 | 1,90 + Weber | " | 2,25 | 2,75 | 2,50 | 1,25 | 1,75 | 1,50 +Tuchfabrikation: | | | | | | | + Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85 + Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | -- + Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 1,75 | 2,40 + Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35 +Leinenweberei: | | | | | | | + Weber |Stück | 2,00 | 3,50 | 2,75 | 2,00 | 3,50 | 2,55 +Netzstrickerei: | | | | | | | + Netzstricker | " | 2,75 | 4,00 | 2,75 | 1,75 | 2,00 | 1,75 +Baumwollspinnerei: | | | | | | | + Kämmer | Zeit | 2,00 | 2,25 | 2,10 | 2,00 | 2,25 | 2,10 + Knüpfer | " | 2,00 | 3,50 | 2,45 | 2,00 | 3,50 | 2,15 + Spuler | " | 1,25 | 2,50 | 1,60 | 1,75 | 2,50 | 1,80 + Haspler |Stück | 3,00 | 4,00 | 3,50 | 2,75 | 4,00 | 3,50 + Spinner | " | 4,00 | 5,00 | -- | 1,50 | 2,75 | -- + Spinner | " | 4,50 | 5,25 | 4,80 | 4,00 | 4,25 | 4,10 + Packer | " | 1,50 | 1,75 | 1,75 | 1,50 | 2,75 | 2,00 +Baumwollweberei: | | | | | | | + Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | 3,75 | -- + Weber | " | 3,00 | 3,50 | -- | 2,00 | 2,75 | -- + Weber | " | 3,00 | 3,75 | 3,25 | 2,75 | 3,75 | 2,60 + Weber | " | 2,25 | 4,25 | 2,55 | 1,50 | 3,50 | 2,25 + Weber | " | 1,50 | 3,25 | 2,20 | 1,50 | 3,25 | 2,20 + Weber | " | 2,00 | 2,75 | 2,05 | 2,00 | 2,75 | 2,00 + Weber | " | 2,00 | 2,25 | 2,05 | 2,00 | 2,50 | 2,20 +Wollkämmerei: | | | | | | | + Kämmer | Zeit | 1,75 | 3,00 | 2,70 | 1,50 | 3,00 | 2,25 +Wollweberei: | | | | | | | + Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | -- | 4,00 + Weber | " | 3,50 | 5,00 | 4,00 | 2,75 | 3,75 | 3,05 + Weber | " | 4,00 | 6,00 | 4,50 | 3,75 | 5,50 | 4,50 +Tuchfabrikation: | | | | | | | + Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | -- + Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85 + Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 2,75 | 2,40 + Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35 + Färber | " | 2,25 | 3,50 | 2,40 | 1,50 | 2,25 | 1,60 +Seidenweberei: | | | | | | | + Weber |Stück | -- | -- | 2,20 | -- | -- | 2,20 + Weber | " | -- | -- | 3,00 | -- | -- | 3,00 + Weber | " | 1,75 | 4,50 | 2,50 | 1,75 | 4,50 | 2,50 + Weber | " | 1,50 | 4,00 | -- | 2,75 | 3,00 | + Weber | " | 1,50 | 3,50 | 1,75 | 1,50 | 2,50 | 1,65 +Sammetweberei: | | | | | | | + Weber | Zeit | 2,50 | 3,50 | 3,10 | 2,50 | 3,50 | 3,00 + Bandweber |Stück | 3,50 | 4,50 | 3,65 | 3,50 | 4,50 | 3,40 +Mechanische | | | | | | | +Stickerei: | | | | | | | + Sticker | Zeit | 0,75 | 1,25 | 0,95 | 0,75 | 1,25 | 0,95 + Sticker |Stück | 2,75 | 6,00 | -- | 1,50 | 1,75 | -- + +Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende +Gleichheit der Männer- und Frauenlöhne, aber es zeigt sich zu gleicher +Zeit, daß die Frauenlöhne nicht etwa auf der Höhe der Männerlöhne +stehen, sondern daß vielmehr die Männerlöhne eher die Tendenz haben, zum +Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik +wiederholt dasselbe Bild:[500] + + | Durchschnitt- | Vorkommender + | licher | + | Wochenlohn | Wochenlohn +Gewerbeart |-----------------+----------------- + |Höchster|Niedrig-|Höchster|Niedrig- + | |ster | |ster +----------------------------+--------+--------+--------+-------- +Männliche Maschinenstricker | 7,50 | 6,00 | 12,00 | 4,39 +Weibliche " " | 7,00 | 5,20 | 13,87 | 3,15 +Männliche Baumwollenweber | 5,91 | 5,11 | 10,20 | 2,20 +Weibliche " " | 5,76 | 4,83 | 10,00 | 1,80 +Männliche Flanellweber | 8,55 | 7,39 | 12,00 | 3,45 +Weibliche " " | 7,00 | 5,60 | 9,99 | 3,41 + +Eine Zusammenstellung der Löhne besonders geschickter englischer +Baumwollweber beiderlei Geschlechts bestätigt unsere Auffassung +gleichfalls:[501] + +Männer |Frauen |Männer |Frauen +-------+-------+-------+------ + sh. | sh. | sh. | sh. + 21,7 | 21,4 | 19,5 | 19,4 + 22,2 | 20,11 | 19,7 | 19,0 + 21,11 | 20,9 | 19,2 | 18,11 + 21,0 | 20,8 | 19,8 | 18,4 + 21,5 | 20,4 | 22,2 | 17,11 + +Ziehen wir zum Vergleich nur einige Löhne in ausschließlichen +Männerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau +nehmen wöchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der +Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen +verdienen zwischen 29 und 40 sh., während die Löhne der Baumwollweber +zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh. +schwanken.[502] + +Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, daß Industrien mit hohen +Löhnen Monopole der Männer sind[503], aber nur deshalb, weil es sich +dabei um Arbeitsarten handelt, für die die Männer ihrer ganzen +körperlichen und geistigen Disposition nach hauptsächlich befähigt und +in der sie lange thätig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die +besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigen, denen die Frauen schon +gewissermaßen durch die Tradition angehören, weisen niedrige Lohnsätze +auf, und wo Männer und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie +zusammen nur wenig mehr, wie Männer in den Industrien verdienen, wo sie +allein arbeiten.[504] + +Die Gründe für die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre +allgemeine lohndrückende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man +ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem +Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den männlichen und +weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den bürgerlichen +Berufssphären her gewohnt ist, Männer und Frauen als Lehrer, +Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte +in genau denselben Arbeitsgebieten thätig zu sehen, und annimmt, daß +dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatsächlich sind die +Verhältnisse hier ganz andere und in gewiß 9/10 industrieller Arbeiten +findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt. +Selbst in den Industrien, wo Männer und Frauen scheinbar mit völlig +gleicher Arbeit beschäftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der +Ausführung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die +weiblichen Setzer für 1000 Typen um 2 p. weniger als die männlichen, +weil sie nicht die vollständige Arbeit bewältigen können, sie bedürfen +zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Männer und können bei +schwereren Druckarbeiten nicht beschäftigt werden.[506] In der Londoner +Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der +Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stück Stoff, während Männer +zwei auf einmal schneiden können. In der englischen Töpferei füllen +Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der +Zeichnungen mit Farbe aus, während Männer die schwierigere Arbeit +machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wöchentlich nur +9000, Männer aber 13000 Stück.[508] In den Seidenwebereien Derbys +erreichen die Männer einen höheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur +einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Männer auch an +schwereren Webstühlen beschäftigt.[510] In italienischen Webereien, wo +sie an gleichen Stühlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger, +und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, daß +sie genötigt sind, auf das Muster zu sehen, während die Männer mehr nach +dem Gedächtnis arbeiten.[511] In der französischen Papier- und +Lederfabrikation, für die wir in der Tabelle [oben] beträchtliche +Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende +Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den +Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch +eine verschiedene für Männer und Frauen, als diese die kleineren und +jene die großen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer +Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mädchen die leichteren +Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513] + +Die Niedrigkeit der Löhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem +wesentlichen Teil auf ihre Inferiorität in der Handfertigkeit und in der +Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantität, manchmal +in Bezug auf die Qualität äußert, zurückzuführen. + +Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Löhne +für die außerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die für +gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier, +daß der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der +Männer. Ich brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge +technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer treten, z.B. +in der englischen Töpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit +machen, als früher die Arbeiter, oder an die Löhne in den speziellen +Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der +Höhe jeder männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese traurige +Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast daran verzweifeln +könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem +dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen +erfaßt sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern +sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur +Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umständen die +Verpflichtung, sich selbständig zu machen, sie findet vielfach in der +Familie noch einen Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran, +einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert +einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, daß die +Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe erreicht haben, wie +keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben +durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht +von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst +nimmt, wie der Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein +ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung +zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstände zu verdanken: sie +haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukämpfen, der die Masse der +Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist +nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit +weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der +bürgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen +Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschuß zum +Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle +diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen +ferner, die in den Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um +jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem +Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit +zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft festhalten. + +In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die +verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu müssen.[514] Die +Vergnügungssucht, die Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen, +die häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen sich die +Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen Pflichten nachzugehen,--so +jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es +bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkräften. Erst auf Grund +einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die +Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt, +und es stellte sich übereinstimmend heraus[515], daß der weitaus größte +Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen +ist. Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder +eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch +von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen lebt, ist diese +Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig konstatiert worden; so hat sich die +Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen +für 71 % in Mainz für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 % +in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig für 97 % +aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber angestellt +wurden,--unbegreiflicherweise hat man versäumt, den Beamten dahingehende +allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, daß die Ehemänner +dieser Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder solche +Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie, +thätig sind, also ganz unzulängliche Einnahmen haben. Von 78 +Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben +über den Verdienst der Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von +mir zusammengestellt wurden: + + |Anteil der| Wochenlohn | Anteil | Wochenlohn + |Ehemänner | der |der Frauen| der +Bezirk | in | Ehemänner | in | Frauen + |Prozenten | |Prozenten | +--------------+----------+-------------------+----------+---------------- +Danzig | -- | 10-20 Mk. | -- | 5-10 Mk. + | | | | +Elbing | 3 | unter 5 " | 47 | 7 " + | 25 | " 10 " | 53 | 10,76 " + | 71 | " 15 " | -- | -- + | | | | +Berlin- | | durchschnittlich:| | +Charlottenburg| -- | 19,50 Mk. | -- | -- + | | von 12-30 Mk. | | + | | | | +Oppeln | -- | 6,72-11 Mk. | -- | 3,60-7,51 Mk. + | | | | +Magdeburg | -- | -- | 25 | unter 7 Mk. + | | | 50 | 7-8 " + | | | 17 | über 9 " + | | | | +Erfurt | 75 | 9-17 Mk. | 50 | 3-7 " + | 25 | 17-20 " | 33 | 8-10 " + | | | 17 | 11-20 " + | | | | +Schleswig | -- |unter 20 " | -- | 7,5-12 " + | | | | +Hannover | -- | -- | 2 | unter 6 " + | | | 24 | 6-9 " + | | | 48 | 9-12 " + | | | 26 | über 12 " + | | | | +Aachen | -- | -- | 20 | 4-8 " + | | | 47 | 8-12 " + | | | 25 | 12-16 " + | | | 8 | über 16 " + | | | | +Oberbayern | 13 | nichts oder nicht | 4 | 6 " + | | ermittelt | | + | 6 | 9-12 Mk. | 38 | 6-9 Mk. + | 11 | 12-15 " | 44 | 9-12 " + | 51 | 15-20 " | 11 | 12-15 " + | 19 | 20 Mr. u. darüber | 3 | über 15 Mk. + | | | | +Oberpfalz u. | | | | +Regensb. | -- | 6-22 Mk. | -- | 6,60-9,50 Mk. + | | | | + | | Im Durchschnitt: | | Im Durchschnitt: +Mittelfranken | -- | 18,50 Mk. | -- | 8,50 + | | | | + | | | | Im Durchschnitt: +Württemberg I | -- | -- | -- | 10,74 Mk. + | | | | + | | | | Im Durchschnitt: + " II| -- | -- | -- | 10,00 Mk. + | | | | +Darmstadt | -- | -- | 59 | 2-6 Mk. + | | | 35 | 6-10 " + | | | 6 | 10-18 " + | | | | +Gießen | 0,4 | nichts | -- | Im Durchschnitt: + | 10 | 4-10 Mk. | | 7,80 Mk. + | 76 | 12-16 Mk. | | + | 10 | 18-24 " | | + | | | | +Bremen | 19 | 9-13 " | 26 | 5-9 Mk. + | 24 | 13-15 " | 26 | 9-10 " + | 15 | 16-17 " | 41 | 10-12 " + | 34 | 18-20 | 4 | 12-14 " + | 8 | 21-30 " | 3 | 14-16 " + | | | | +Unterelsaß | -- | 10,80-16,80 Mk. | -- | 6-12 " + | | | | + | | Im Durchschnitt: | | +Oberelsaß | -- | 15 Mk. | -- | -- + | | | | +Lothringen | 40 | 9-12 " | 13 | 3-6 Mk. + | 50 | 16-20 " | 71 | 7-12 " + | 10 | 22 Mk. u. darüber | 26 | 13-24 " + +Nur in einem Bezirk,--in Gießen,--und auch hier nur für eine Industrie, +hat man eine Zusammenstellung der thatsächlichen Familieneinnahmen +gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen +mit ihren Männern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65 +Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk. +durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr +starker Frauenbeteiligung. + +Sehr häufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, daß es sich bei +den Ehemännern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde +und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrößten Teil für +sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernähren +ließen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die +moralische Entrüstung über das Verhalten der Gatten ein klein wenig +einzudämmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhältnismäßig hohe +Lebenshaltung gewöhnt, da sie den Lohn allein für sich verbrauchen +konnten, und es gehört ein Grad von Charakterstärke dazu, nach der +Heirat die Lebensbedürfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur +ernst angelegte Naturen fähig sein können. Aber auch dort, wo eine +direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in +die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen müssen die +Schulden für die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden; +ist das vorbei, so möchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen +zurücklegen können, was vom Verdienst des Mannes allein nicht möglich +ist; die Mütter--und zwar gerade die besten--möchten für ihre Kinder +etwas erübrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die über das tägliche +Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehört meiner Ansicht nach in +dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie +tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes +Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach +frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so +vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach +über dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmückt und +erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der +verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr für den Fortschritt ihrer +geistigen und seelischen Entwicklung, als für deren Niedergang. Ihre +Wirkung aber ist, wenn wir zunächst die auf die Löhne in Betracht +ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschäftigung +verheirateter Frauen sind nicht nur die Männerlöhne besonders niedrig, +auch die Löhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als +ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als +die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine +notwendige Ergänzung des männlichen Einkommens, Die Steigerung des +männlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, daß er nicht mehr +die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit +verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des +unzureichenden Einkommens der Männer und sie ist einer der Steine, die +den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zuständen im Wege +liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird +diese lohndrückende Tendenz dauernd verschärfen und zwar um so mehr, je +mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine +Ausnahmestellung, nicht nur ihren männlichen, sondern auch ihren +alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenüber einnehmen. + +Eine Beurteilung der Lohnverhältnisse kann aber nur dann zu richtigen +Resultaten führen, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes, +andererseits die Bedürfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen +werden. Für beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das +vorhandene ist ungenügend. Im allgemeinen wird für die hier in Betracht +kommenden europäischen Staaten angenommen werden können, daß im Laufe +des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp. +verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die +Löhne der Arbeiterinnen in der Großindustrie sind in derselben Zeit +teils um ein Drittel, teils um die Hälfte gestiegen[518], die +Bedürfnisse dagegen, deren Wachstum sich natürlich zahlenmäßig nicht +feststellen läßt, haben im Verhältnis weit rascher zugenommen, obwohl +gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht +hat. Wenn schon bei dieser ganz äußerlichen Betrachtung ein Defizit +unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur +Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19. +Jahrhunderts,--das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den +weiblichen Arbeitern noch unverhältnismäßig stark war. Selbst den +günstigsten Fall angenommen, daß sowohl die Lebensbedürfnisse als die +Löhne um die Hälfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprüngliche +Mißverhältnis nicht nur unverändert bestehen, es steigert sich auch noch +infolge der erhöhten Bedürfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht +fallenden Thatsache, daß die industrielle Entwicklung den verschiedenen +Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrückt. +Die Maschine ermöglicht eine kolossale Produktivität in einem kurzen +Zeitraum und wirft eine große Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten +fieberhafter Thätigkeit für Wochen mitleidslos aufs Pflaster, während +andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die +Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mühsam +durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenüber. + +Einige Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei, +daß im allgemeinen die Ernährung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen +ausmacht, was männliche dafür gebrauchen; gehen wir von dem +Beköstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro +Tag und Mann rechnet, so wären ca. achtzig Pfennige für arbeitende +Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß die +Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im großen für die +ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Beköstigung zu +bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich für ihr Geld schaffen kann. +Für eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete +gefordert, ein möbliertes Zimmer,--das sehnlichst erträumte Ideal all +der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fünfzehn bis zwanzig Mark zu +haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wöchentlich +für Kost und Wohnung ausgeben muß, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes +Zimmer, so muß sie allein zehn Mark für Logis und Ernährung ansetzen. +Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewöhnlichsten +Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Großstädten auf 8,70 Mk.[519] Es +blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernähren wollen +und nicht in der eigenen Familie wohnen können, ca. 78 Pf. wöchentlich +für alle übrigen Lebensbedürfnisse--Kleidung, Wäsche etc. +Inbegriffen--übrig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, daß die +Wocheneinnahme sich das ganze Jahr über gleich bleiben müßte, während +thatsächlich im günstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen +regelmäßigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine +ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis +sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten +Lohnsätzen angenommen werden kann, daß es sich meist um jugendliche +Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben, +wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele übrig, die +bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt +noch zahlreiche Unglückliche, die eine alte Mutter, oder ein armes +vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn +von neun bis zwölf Mark, dem üblichsten für deutsche Arbeiterinnen, und +einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe +angesehen werden muß,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen +170 Mk. für alle übrigen Ausgaben übrig bleiben,--lebt die Arbeiterin in +unaufhörlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustände +wiederholen sich überall, wo die Industrie, der große Eroberer, +eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat. + +In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine +Erholung, kein Vergnügen gönnt, niemals krank wird und niemanden zu +unterstützen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens +verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Löhne von 1 fl. 80 kr. +bis 3 fl. noch immer häufig genug vor[520], während die arbeitslose Zeit +für sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden muß. Das +mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine +Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer täglichen +Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an +beginnt ein gesichertes Leben für die Alleinstehende[522], dabei gehören +Tagelöhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf +unfreiwillige Ferien muß sich jede Arbeiterin gefaßt machen. + +Durch vier Auskunftsmittel,--eins fürchterlicher als das andere,--sucht +die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit, +Unterernährung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird +dadurch möglich, daß sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit +nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende +Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt, +zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten, +Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als +nötig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die +Unterernährung aussieht, dafür giebt es Beispiele genug. Eine +Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann höchstens 40 bis 50 +Pf. für ihre tägliche Beköstigung ausgeben,[523] Sie lebt von +Cichorienbrühe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser +Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemüse, das, wenn überhaupt, +in minimalen Quantitäten genossen wird, ist meist von so schlechter +Qualität, daß von einem genügenden Nährwert gar nicht die Rede sein +kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen +Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu können. So +genießen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages +Kaffee und Brot und abends ein Stück Wurst; sie verderben sich den +Magen, wenn sie einmal kräftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um +für die an sich schon mangelhafte Ernährung noch vollends den Appetit zu +verderben, ja sie gradezu widerlich und gefährlich zu machen, kommt der +Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen +Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen +wird, auf Höfen und Treppen ist der "Eßsaal" der meisten +Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen +angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen +in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die +Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Möglichkeit, +sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend +anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch +nur selten in ausreichendem Maße gegeben, und so schlucken die armen +Geschöpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime +in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemütliche Eßzimmer des +Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem +frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf +deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder +einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer +Wurst, bei deren näherer Untersuchung wir schaudern würden, belegtes +Brot verzehren, müßte allein genügen, um das Verbrecherische der +herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen. + +Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft +gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein +eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin +gezählt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum +untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben +Zimmer. In einer großen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in +Berlin gezählt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und +Schlafmädchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch +ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunksüchtigen Mann, einer +schwindsüchtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmädchen.[528] Am +günstigsten ist es noch für sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmädchen +zusammen schlafen, sehr häufig aber müssen sie ihr Lager mit den Kindern +ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien +hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhältnisse sogar ergeben, +daß jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett +angewiesen waren![529] Nicht nur, daß die Arbeiter nur zu oft weniger +Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages +Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie +sich ausruhen und erholen können! Ja, das arme Schlafmädchen hat außer +den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags +über ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Küche, Kinderstube, in +dem für sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben, +so kommt es auch, daß das Elend des Schlafstellenwesens sich zum +Grauenhaften steigern kann: die Mädchen bringen schließlich von ihren +zuerst erzwungenen, später freiwilligen abendlichen Vergnügungen ihre +Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die +intimsten Dinge täglich vor aller Augen zu verrichten, längst aller +Scham entblößt, ungestört durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder, +mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt +Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die +ehelichen übertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein +Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schließliche +Heirat selbstverständlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, daß ein +Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verläßt, er +würde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie +oft aber fällt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet +keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft, +sie muß sich den Lüsten der Werkführer, häufig auch der des Chefs selber +fügen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nächsten +Geschäftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes +freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in +gleichförmiger öder Farblosigkeit verfließt, prädestiniert sie noch +dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach; +nicht bloß der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber +unterstützen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren, +der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin +eine furchtbare Grausamkeit, daß das bißchen Lebensfreude,--oft besteht +es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fähnchen und reichlichen +Mahlzeiten,--von den Proletariermädchen so häufig nur durch Schande +erkauft werden kann?! + +Ein Fabrikmädchen! Naserümpfend hört man es oft sagen. Für die Leute, +die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr +eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an +körperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe +von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrückt, wie viel +heldenmütige Entsagung, von der nur manche stillen, früh gealterten +Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglück +ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine +Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwächst. + +Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die +verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der +Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor für die physische +und geistige Entwicklungsmöglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht +werden muß, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die +Frauen in der Großindustrie genießen fast überall den Vorzug, daß die +Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Für sie +besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstündige +Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis +aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner +Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der +mangelhaften Kontrolle leicht mögliche Uebertretung der gesetzlichen +Vorschriften vielfach überschritten. Nach den deutschen +Gewerbeaufsichtsberichten für 1899 wurden für rund 184000 Arbeiterinnen +nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535] + +Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten +überhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, würden diese Zahl gewiß mehr +als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast +illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den +Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die +Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu +erhöhen. Auf diese Weise verlängert sich die Arbeitszeit ins +ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernährung untergraben +diese Verhältnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres +Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Körper des Weibes sich zu +seiner schönsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch +geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und +gesunde Nahrung gestählt werden müßte, wird er dazu verdammt, mindestens +zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu +sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichförmige, nur bestimmte +Muskeln ausbildende Bewegung auszuführen. Die Bleichsucht, mit ihrem +Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und +geistiger Depression, Verkrümmung des Rückgrats und der Beine u. dergl. +mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den +Proletariermädchen.[536] + +In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine +große Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze +des gesetzlich Zulässigen ermöglichen, tritt die Tendenz der +freiwilligen Verkürzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch für +einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu +Gute. Für Frankreich und England läßt sich die gleiche Entwicklung +verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche +Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist häufig, selbst bei +geringerer Leistungsfähigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise +Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlängerung der +Arbeitszeit dürfte daher immer noch viel häufiger vorkommen, als ihre +Verkürzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer +stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidaritätsgefühl +sich zusammendrängen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp. +Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit +dem männlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit +der Berufsarbeit nicht die Arbeit überhaupt, die auszuführen ihnen +obliegt, erledigt haben. Nicht nur, daß es Arbeiterinnen giebt, die, um +einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den +Kindern, oder, wie es häufig vorkommt, in irgend einem Zweige der +Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig +ist,--für fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die +Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverständliches. So wird +der zehn- oder elfstündige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und +mehrstündigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und +Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hält auch die ärmste +Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille gürtet, in den +Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem möglichst modernen Kleid, +womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich häufig all ihre +Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bißchen kräftige +Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gönnen könnte. Engherzige +Puritaner schlagen wohl über die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hände +über dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mädchen der +wohlhabenden Bevölkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger +Genugthuung zuerkennt, soll für sie durchaus keine Geltung haben. Und +dabei bedenkt man nicht einmal, daß der Proletarierin für andere +Genüsse, für deren Verständnis man die bürgerliche Jugend von früh an +erzieht, die Aufnahmefähigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und +Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig +erreichbare Lebensfreude. + +Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafür, daß sie nicht +üppig ins Kraut schießt, und die traurigen sanitären Verhältnisse in +Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frühzeitig das Sonnenlicht, in +dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in günstigerer +Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher +überall eine stärkere Empfänglichkeit für die Schädlichkeiten gewisser +Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe, +die sie einatmet, wirken stärker auf sie, als auf den Mann[538], auch +Betriebsunfällen ist sie in höherem Maße ausgesetzt. Die Gründe dafür +sind vielfach rein äußerlicher Natur: In den langen Kleidern und den +leider immer noch üblichen vielen Unterröcken, in den unbedeckten +langen Haaren können sich unendlich mehr jener schädlichen +Fremdkörperchen festsetzen, als bei den Männern. Ein Wechseln der +Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, daß die Arbeiterin +nur einen Arbeitsanzug hat, häufig aber wird es unterlassen, weil es an +einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter +Vorhang von dem der Männer, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem +selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen muß, gar nicht +hinhängen mag. Aus ähnlichen Gründen unterdrückt sie nur zu oft zum +Schaden ihrer Gesundheit natürliche Funktionen ihres Körpers, weil das +Kloset teils unverschließbar in nächster Nähe des von den Männern +benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich +befindet. + +Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschäftigt sind, bringen +besondere Gefahren für Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir +zunächst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine +Spinnerei: Mit heißem Wasserdampf ist die Luft gesättigt, auf dem +Steinboden steht das Wasser, ein ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem +Spinnwasser, das die Abfälle und leimigen Substanzen des Gespinstes +aufnimmt. Mit Händen und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der +unreinen, klebrigen Flüssigkeit; eiternde Geschwüre an Händen und Armen, +schwere Augenentzündungen stellen sich infolgedessen häufig ein. Mit +bloßen Füßen steht sie auf dauernd nassem Boden, ungenügend bekleidet +vertauscht sie dann den Aufenthalt im glühenden Arbeitsraum womöglich +mit der Winterkälte draußen,--rheumatische Krankheiten, +Unterleibsentzündungen sind die Folge.[539] Dauernder Druck auf +besonders empfindliche Teile führen zu frühzeitigen Erkrankungen der +Geschlechtsorgane.[540] In kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher +Wolle fauliger Urin verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfüllt +daher die Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Händen der +Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff gebraucht, +treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur völligen geistigen +Umnachtung führen können.[541] In den Wollkämmereien herrschen tropische +Glut und ekelerregende Ausdünstungen; die Gasräume der Seidenfabriken +wetteifern mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die +Arbeiterinnen durch das Ausströmen des Gases.[542] Die Fabrikation von +Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd furchtbarer +Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die Kunstwolle gemacht +wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, Infektionskrankheiten schlimmster +Art, chronische Bronchialkatarrhe überfallen heimtückisch die +Arbeiterinnen, die sogenannte Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber +beginnt und im Starrkrampf endet, tötet sie in wenigen Tagen. Das +Sortieren der Abfälle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter: +findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter![543] Mit +wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien am +Webstuhl, bis die Kraft sie verläßt[544]; zerstörend wirkt das Blei, das +in gefärbter Baumwolle sich meist befindet, auf die Weberinnen, und +stärker noch auf die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt +es gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie +Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird +Bleiweiß dazu verwandt, ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit; den +Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen "Händen" die Arbeit entsinkt, +er findet Ersatz genug! In Webereien, in der Fabrikation von Kartons und +buntem Papier und künstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der +Fabrikation eiserner Bettstellen strömt das Gift in die Atmungsorgane, +in die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim getragen; +ja es kommt vor, daß sie es mit dem Essen zu sich nimmt, weil kein +anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafür zur Verfügung steht.[545] +Koliken, Magenerkrankungen, Kopfleiden sind die Folge. In den +Bleiweißfabriken erreichen diese Leiden den höchsten Grad: epileptische +Krämpfe, Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des +letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode +führen kann.[546] Der Schwefelkohlenstoff in der Kautschukfabrikation +führt zu ähnlichen Erscheinungen, nur mit der Variation, daß Lähmungen +der Geschlechtsorgane schließlich hinzutreten können.[547] + +Eine große Zahl von Frauen beschäftigt, wie wir gesehen haben, die +Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am schlechtesten bezahlten und +die schwächsten von allen. Schon nach den ersten sechs Monaten der +Beschäftigung erkranken von 100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei +den jüngeren Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und +Magenleiden und Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.[548] Wie dies +Gift den Körper von innen zerstört, zerstört das Phosphor in der +Zündholzfabrikation ihn von außen: zu einer grauenhaften Maske wird das +Antlitz der Frau durch die Kiefernekrose, die zuerst die Zähne und dann +den Kiefer zerfrißt.[549] + +Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die Anämie, ergreift +männliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum +sich auf der Oberfläche von Ringöfenanlagen befindet, aus denen +unaufhörlich giftige Dämpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter, +besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, füllt sich durch +Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit förmlichen Steinen, +schwärzliche Steine bilden den Auswurf.[550] Kein Leiden aber erreicht +das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon wird ihr Gesicht +aschfahl, die Augen trüb, der Gang schwankend, wie der eines +Rückenmarkleidenden. Bei dem Anblick eines Fremden überfällt sie +konvulsivisches Zittern; das kärgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu +führen, die Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise +nehmen die Geistesfähigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem Blödsinn. +Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der Speichelfluß macht ihren Anblick +widerlich und vor dem Hauch ihres Mundes prallt man zurück.[551] + +Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Körperkraft. Dem +"schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu +Boden werfen. In Steinbrüchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei +Bauten schleppen oder schieben sie schwerbeladene Tröge und Schubkarren; +in Zuckerfabriken tragen sie täglich während zehn Stunden bis zu 800 je +16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.[552] In den +Spinnereien und Webereien stehen sie oft während elf und zwölf Stunden; +geschwollene Füße, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen +davon. + +Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die Maschinennäherei! In +gebückter Stellung sitzen die Armen an ihrer rasselnden Tyrannin, +unausgesetzt bewegen sich die Beine auf und nieder. Junge und Alte, +Kranke und Gesunde--alle glauben sich fähig zu dieser mörderlichen +Arbeit, die schließlich auch die stärkste Konstitution untergräbt. Ein +Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich beschäftige nur Mädchen von sechzehn +bis achtzehn Jahren an der Nähmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind +sie reif für's Hospiz."[553] Und er hat nicht übertrieben. Die +Bleichsucht in all ihren Stadien, Unterleibsleiden, Lageveränderungen +der Gebärmutter, die eine Mutterschaft fast unmöglich machen, +neurasthenische Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als böse +Gäste.[554] Wohl hat die Technik, wie überall so auch hier, ein Mittel +zur Hilfe geschaffen: statt durch die Füße der Näherinnen kann die +Maschine durch Dampf oder Elektrizität in Bewegung gesetzt werden, aber +die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit derselben +Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwärts gepeitschte +Menschenkraft die Räder, als die motorische Kraft es thun würde, und +der Profit ist der einzige ausschlaggebende Faktor. + +Furchtbarer als Dantes Hölle ist diese Welt der Arbeit, bevölkert mit +bleichen Gestalten, die sich auf wunden Füßen nur schwer fortbewegen, +deren Hände, aus denen Behaglichkeit, Wärme, Schönheit, Nahrung, +Kleidung für die glücklicheren Menschen hervorgehen, bluten und +schwären, deren Rücken gekrümmt, deren Glieder zerfressen sind von +Giften, aus deren irren Blicken oft der Wahnsinn starrt. Und doch fehlt +zur Vollendung des Bildes noch eins: dichte Wolken von Staub umhüllen +die Gestalten,--Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und +Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet sich +vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das in den +Proletariervierteln sein Wesen treibt: der Lungenschwindsucht. Wer kann +sagen, in welchem Industriezweig es am meisten zu Hause ist: bei den +Textilarbeitern, bei den Tabakarbeitern, bei den Töpfern?! Es herrscht +überall, wo die Jagd nach Gewinn rücksichtslos über Menschenleichen +dahinbraust! + +Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns vorüberzog? O +ja; und es findet sich dort, wo es die Frau nicht mehr allein, sondern +durch sie auch ihre Kinder trifft. Das Mädchen träumt noch von der +Zukunft; es glaubt, die Ehe wird sie aus dem Arbeitsjoch erlösen, darum +bringt es seinem Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der +Mann ihm entgegenbringt, für den er zum ausschließlichen Lebensberuf +werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf Befreiung. Und +ihre Not verschärft sich ins unerträgliche durch den Anblick der Not +ihrer Kinder. Wie häufig hört man angesichts des Elends sagen: Die Leute +sinds nicht anders gewöhnt, sie spüren es nicht. So richtig es nun auch +sein mag, daß die im Elend Geborenen nicht die Empfindung dafür haben, +wie die, welche erst hineingestoßen wurden, so falsch ist es, daß irgend +eine Mutter in der Welt, und wäre es die allerärmste, sich jemals an das +Leid ihrer Kinder gewöhnen wird. Kinderleid ist das größte auf Erden, +weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft. + +Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau und +zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre die +notwendigsten Bedürfnisse decken.[555] Eine auskömmliche Lebenshaltung, +bei der aber von einer Befriedigung höherer Bedürfnisse,--Kunst, +Theater, Natur,--auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann, +ist erst mit einer jährlichen Einnahme von 2000 Mk. möglich.[556] Es +müßte demnach für den ersten Fall eine tägliche Einnahme,--ohne +Unterbrechung!--von fünf Mark, im zweiten eine von fast sieben Mark +gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefällen die Rede sein kann, +lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. Aeußerst selten nur erreicht +der Mann allein solch einen Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der +Frau, die sich, nach diesem Maßstab gemessen, als unbedingt notwendig +erweist, kann ihn nicht gewährleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk. +gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind vollständig +unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. sind es, sobald mehr als +zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt geradezu wie Wahnsinn, und doch +ist es Thatsache: je mehr Kinder die Familie besitzt, je mehr also die +Mutter zu Hause nötig ist, desto notwendiger muß sie in die Fabrik. Und +doch kann sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaßen +behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der Häuserwucher +verschlingt zum großen Teil, was sie erwirbt, und läßt ihr dafür eine +elende Behausung, die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre +1880 wurde in deutschen Großstädten eine erschreckende Zahl +übervölkerter Wohnungen konstatiert[557]; die Untersuchungen des Vereins +für Sozialpolitik deckten entsetzliche Zustände auf, die vielleicht nur +noch von denen in Wien übertroffen wurden.[558] Hier wurde z.B. ein +Zimmer mit Küche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten +bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem Sofa +teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem Flur hauste +ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 qm Bodenfläche, +fand sich eine siebenköpfige Familie! Parterrewohnungen in +Hinterhäusern, die mit dem engen Hofe auf gleicher Höhe liegen, im +Sommer heiße, im Winter eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem +heizbaren Raum, oder ganz ohne Küche, sogenannte Kochstuben, als +einzigen Raum[559],--das sind die Wohnungen, in denen das Familienleben +der Arbeiter sich abspielen und gedeihen soll! Und doch sind auch diese +vielfach noch unerschwingbar für ihren schwindsüchtigen Beutel. In +Nürnberg kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in +den größten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, im +Dachgeschoß 4,15 Mk.[560] In den Fabrikstädten Nordböhmens kostet ein +cbm Luftraum jährlich nur um eine Kleinigkeit weniger, als in den +Palästen der Wiener Ringstraße.[561] Nach einer Zusammenstellung des +Gewerbeaufsichtsbeamten für Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die Summe, +die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu verausgaben +hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er müßte bis zu 57 Tagen +arbeiten, um allein den Mietspreis zu verdienen, während für die +begüterten Schichten der Bevölkerung die Ausgabe für Wohnungsmiete im +allgemeinen mit zehn bis höchstens zwanzig Prozent des Einkommens +angesetzt wird.[562] Die Armen haben also für ihre elende Wohnung +relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und sind daher gezwungen, sie +mit Fremden, Aftermietern und Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht +nur ohne Luft und Licht aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der +moralischen Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn +die Hausfrau in die Fabrik gehen muß. Am frühen Morgen, häufig ehe die +Kinder erwachen, muß sie zur Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis +einundeinhalbstündige Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich +gewährleistet wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und +niemals um, wie die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu +besorgen. Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen +aufgewärmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen brodelnde +auf den Tisch gestellt, in beiden Fällen ist aus den an sich schon +minderwertigen Speisen der Nährwert entflohen. Am häufigsten begnügt +sich die ganze Familie bis zur Heimkehr der Mutter am Abend mit +Butterbrot und Kaffee, dann erst bereitet die übermüdete Frau die +Hauptmahlzeit, dann erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstündiger +Arbeit, beginnt ihre häusliche Thätigkeit. Sie näht und flickt und +wäscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so daß ihr kaum fünf +Stunden zum Schlafen übrig bleiben. Vorzeitiges Altern, geistige und +körperliche Erschöpfung sind die Folgen. Oder sie kümmert sich um nichts +mehr, wenn die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgültig gemacht +hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen diesen +beiden Wegen allein hat sie zu wählen! Wie oft sie den ersten wählt, +dafür spricht die Bewunderung, mit der die gewiß wenig enthusiastischen +deutschen Fabrikinspektoren von der Willensstärke, dem Opfermut und der +unermüdlichen Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.[563] +Aber selbst mit der Hingabe ihrer Kräfte können sie dem Haushalt nicht +die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter ersetzen. + +Eine gründliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen giebt es +leider nicht. Die deutschen Erhebungen der Gewerbeaufsichtsbeamten für +das Jahr 1899 sind nach dieser Richtung völlig ungenügend. Nur in +siebzehn Bezirken von 78 wurden Untersuchungen darüber angestellt, und +auch hier handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen +aber immerhin genügendes Licht in dieses dunkle Bereich des +Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine Zusammenstellung +aller Ergebnisse: + + |Anzahl |Von diesen| Von den Kindern waren + Bezirk |der be-| Frauen |--------------------------------- + |fragten| hatten |noch nicht| schul- | schul- + |Frauen | Kinder | schul- |pflichtig |entlassen + | | |pflichtig | | + | | | | | | | | | + | |absolut|% |absolut|% |absolut| % |absolut| % +---------------+-------+-------+--+-------+--+-------+---+-------+-- +Oppeln | -- | 1057 |--| 765 |35| 886 | 41| 509 |24 +Magdeburg | 2680 | 1858 |70| 1283 |31| 1878 | 45| 996 |24 +Minden | 1120 | 701 |63| 703 |46| 804 | 54| -- |-- + | | | |`------v-------------´| | +Aachen | 2412 | 1576 |65| 2859 |82| | | 643 |18 +Sigmaringen | 56 | 29 |52| 37 |55| 21 | 31| 9 |14 +Anhalt | -- | 805 |--| 511 |28| 742 | 41| 577 |31 +Bremen | 541 | 411 |76| 428 |41| 628 | 59| -- |-- +Württemberg III| 175 | 147 |84| 154 |47| 77 | 23| 97 |30 + | | | |`---------------v---------------´ +Darmstadt | 848 | 522 |62| | | 1513 | | | +Offenbach | 843 | 568 |67| -- |--| -- | --| -- |-- +Gießen | 510 | 420 |82| 318 |32| 352 | 35| 328 |33 +Oberbayern | 641 | 347 |54| 1231 |54| 844 | 37| 188 | 9 + | | | |`----------------v--------------´ +Niederbayern | 329 | 232 |74| | | 690 | | | + | | | |`----------------v--------------´ +Pfalz | 1978 | 1348 |70| | | 3208 | | | +Oberpfalz | 213 | 165 |77| 143 |37| 154 | 39| 93 |24 + | | | |`----------------v--------------´ +Unterpfalz | 388 | 272 |70| | | 578 | | | + | | | |`----------------v--------------´ +Zittau | 4494 | 2523 |56| | | 4484 | | | + +Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, daß 65 % aller Frauen Kinder +haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, darunter 90 Kinder +unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im allgemeinen 201 Kinder, +die noch nicht der Schule entwachsen sind. Legen wir denselben Maßstab +an sämtliche verheiratete Arbeiterinnen an, wie die deutsche +Berufszählung von 1895 sie zählte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 % +aller verheirateten Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch +zu Hause sind. Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil +die ledigen Mütter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. Es +dürfte wohl kaum übertrieben sein, wenn wir sagen, daß etwa eine halbe +Million Kinder unter 14 Jahren in Deutschland Arbeiterinnen zu Müttern +haben, also so gut wie mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit +beginnt schon in der allerersten Lebenszeit der Säuglinge: Kaum vier +Wochen nach der Geburt muß die Mutter wieder zur Arbeit zurück, ja wo +die Not groß ist, versucht sie noch viel früher etwas zu verdienen, +indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch verschlossen sind, +durch Waschen, Nähen oder Reinemachen das Nötigste zum Leben zu schaffen +versucht. Die Nahrung, die eine gütige Natur dem mütterlichen Weibe für +das hilflose kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt; +noch häufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte Ernährung +während der Entwicklungsjahre des Mädchens und während der +Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung treten lassen. Statt dessen +wurde im Mutterleibe schon das Kind vergiftet; man hat im Fruchtwasser, +wie im Fötus all diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und +durch die Poren in den Körper der Arbeiterin eindringen: Blei, +Quecksilber, Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; häufig schädigen sie +sogar die Frucht mehr als die Mutter[564], und für die Erblichkeit der +Tuberkulose, jener eigentlichen Proletarierkrankheit, spricht deutlicher +als das Urteil medizinischer Autoritäten ein Blick auf die Kinder in den +Proletariervierteln. + +Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der Säuglinge, ist die +Folge der ursprünglichen Infizierung und der Entziehung der Muttermilch. +Nur sieben von tausend mit Muttermilch genährten Kindern pflegen im +ersten Lebensjahr zu sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten +genährten dagegen 125, und zu ihnen gehören die meisten Arbeiterkinder. +Nur 8 % der Kinder der höheren Stände sterben im ersten Lebensjahr, für +die Kinder des Proletariats steigt die Sterbeziffer bis auf 30 %[565] Im +reichsten Wiener Stadtviertel kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr +auf 870 Bewohner, im Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im +wohlhabenden Viertel der Berliner Friedrichstadt starben von 1000 +Säuglingen 148, im armen des Wedding 346.[566] In den Fabrikbezirken am +Niederrhein starb die Hälfte der Arbeiterkinder im ersten +Lebensjahr[567]; die verheirateten Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts +verloren 23 % ihrer Kinder im gleichen Alter.[568] Wie sehr die +Säuglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im Zusammenhang +steht, geht aus seinem Wachstum in den Industriezentren hervor. In +Berlin ist sie während eines vierjährigen Zeitraumes fast um das +Doppelte[569], in Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899 +gestiegen.[570] Die Beschäftigungsarten der Mütter sind dabei von +größtem Einfluß In Bezirken der englischen Textilindustrie starben von +100 22, in denen der deutschen 38 Säuglinge im ersten Lebensjahr.[571] +Von 100 Kindern der Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger +als 48 im Säuglingsalter.[572] Der höchste Prozentsatz der +Säuglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der +Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen sind +dem Tode verfallen[573], noch viel mehr erblicken gar nicht das Licht +der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, daß Frauen, welche Kinder haben +wollen und sich schwanger fühlen, die Tabakfabrik verlassen, während +schwangere Mädchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von +Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie +meist gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod +aus den Brüsten der Mütter, deren Milch von Nikotin durchsetzt ist.[574] +Dabei beschäftigt die Tabakindustrie nächst der Textilindustrie die +meisten Frauen! Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen +Kinder lebendig zur Welt. So war ein Fürther Spiegelbeleger dreimal mit +Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein einziges +lebte und auch die Mütter starben sämtlich an der Auszehrung.[575] In +einem anderen Fall hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht +Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fünf +Monaten starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in +Plättereien, Glasbläsereien u.s.w., auf das keimende Leben. Wo es nicht +geschieht, wächst ein skrophulöses, rachitisches, schwachsinniges Kind +heran.[576] So werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben +unschuldiger Kinder geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die +Gefahren, die sie bedrohen, nicht geringer. Die Straße ist ihr +Spielplatz, ihre Erziehungsanstalt; daß sie, besonders in den +Großstädten, keinen günstigen Einfluß übt, daß der physische und +moralische Schmutz, den sie vielfach ausströmt, an den Kindern hängen +bleiben kann, bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen +Gefahren gegenüber nicht blind. Sie möchte ihre Kinder davor behüten und +kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie schließt die Kinder +bis zu ihrer Rückkehr im Zimmer ein, sie bindet sie im Bettchen fest, +sie wird grausam aus lauter ängstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann +kommt es zu jenen schrecklichen Unglücksfällen, von denen die Zeitungen +so häufig berichten, und denen gegenüber der behäbige Bürger nicht genug +über die "Roheit" der proletarischen Mütter zetern kann. Die armen +Kleinen kommen dem Ofen zu nahe und verbrennen, sie greifen in das +Waschfaß, verlieren das Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum +Fenster, um doch wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu +vertreiben--Spielzeug, das sie beschäftigen könnte, haben sie ja +nicht--und stürzen kopfüber auf den Hof, sie verwickeln sich im Bettchen +und die Mutter findet, heimkehrend, ihr Jüngstes erstickt unter dem +Kissen. + +Neben all diesen äußeren und inneren Gefahren, die die Kinder der +Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, giebt es aber noch +andere, denen sie unterworfen sind, wenn die Mutter heimkehrt. Sie hat +auch dann keine Zeit für ihre Kinder. Einen erzieherischen Einfluß auf +sie kann sie nur in oberflächlichster Weise ausüben. Sie hat keine Ruhe, +um ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der +unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist durch +den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so hat sie +ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfüllen und begeistern +könnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon eine gute Mutter, wenn +sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen ausreichend zu essen gab und +sie nicht betteln schickte. Aber eine Freundin der heranwachsenden +Kinder hat sie nur in seltenen Fällen zu werden vermocht. Und doch +beruht gerade auf dem geistigen und sittlichen Einfluß der Mutter ein +gut Teil der Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in +Herz und Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm völlig verwehen, +aus ihm wächst häufig der starke Baum empor, der dem erwachsenen +Menschen den einzigen Schutz gewährt. So wird die Ueberlastung der +Mutter zum Fluch für die Kinder und für die Gesellschaft, deren Glieder +sie sind, deren gute und schlechte Entwicklung mit von ihnen abhängt. + +Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu leiden: +sie hat auch für ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, die sie daheim +verbringt, muß sie der Haushaltung und den Kindern widmen. Ist die +Arbeit gethan, so sinkt sie müde aufs Bett, unfähig, an anderen Dingen +teil zu nehmen als an den täglichen, sie umdrängenden Sorgen. So wird +sie oft dem Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht +und sie bekämpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen kosten. +Gelangweilt, verärgert, von der unordentlichen Wirtschaft und dem +schlechten Essen angewidert, sucht so mancher seine Zuflucht mehr und +mehr in der Kneipe und im Alkoholgenuß. + +Für die Frau persönlich bedeutet die Ueberlastung mit Arbeit den +körperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, daß sie unnatürlich früh +altert--seht doch die Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig +Jahren schon alte Frauen!--sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen +Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe gönnen, auch +wenn sie der Ruhe bedürftig ist, darum stellen sich Leiden aller Art bei +ihr ein, die entweder ihr ganzes Leben vergiften, sie arbeitsunfähig +machen oder einem frühen Tode entgegenführen. + +So hart wie ihren Körper trifft die Ueberlastung ihren Geist. Ihm, dem +schon die Volksschule nur die allernotdürftigste Nahrung zuführte, +vermag sie noch weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle +des Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch +die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt an den +Fragen des öffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit dazu, sich satt +zu trinken. + +Je mehr die Frau in die Großindustrie eindringt, desto mehr werden sich +all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und vergrößern, die wir +geschildert haben. + +Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit stützen wird, +desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die beide auf dem Wege der +Emanzipation des Weibes liegen: die lohndrückende und die +arbeitszeitverkürzende Tendenz ihrer Arbeit. Unter Lohndrückung verstehe +ich hier die Hemmung einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich +entwickeln würde, wenn der Mann der alleinige Ernährer der Familie +bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto näher rückt das +weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner Befreiung, der +ökonomischen Selbständigkeit. Daß tiefgehende Umwandlungen sowohl des +Familien- und häuslichen, als des öffentlichen Lebens damit in +Verbindung stehen werden, beweist nur nochmals, welche revolutionierende +Macht der Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem +Gebiete der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz +war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der +Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei zeigt +sich aber, daß sie notwendig auch die Regelung der männlichen +Arbeitszeit nach sich ziehen muß. In allen Industrien, wo Männer und +Frauen beschäftigt werden, regelt sich schon jetzt die männliche +Arbeitszeit nach der der Frauen, weil anderenfalls Betriebsstörungen +eintreten würden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird +zunächst für die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der geradezu +völkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, eintreten müssen und wieder +auf die Männer zurückwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich +dann als notwendig erweisen, da es aber an männlichen Arbeitskräften +mangelt, wird Platz geschaffen für die in immer stärkerem Maße +arbeitsuchenden Frauen. Und ganz allmählich wird die befreiende Macht +der Arbeit auch an ihnen zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon +treten heute schon hervor: es entwickelt sich gerade aus der +Arbeiterschaft heraus ein Geschlecht thatkräftiger, geistig und +materiell selbständiger Frauen, die beginnen, über den engen Kreis ihrer +Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spüren, die bisher fast +nur zu stumpfer Resignation geführt haben, und an ihrer Lösung +mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis der eigenen Lage ist das +erste Mittel, sich aus ihr zu befreien. + + +Hausindustrie und Heimarbeit + +Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit überblickt, der sieht +nichts als eine gleichmäßige graue Oede: Arbeit und Not,--Not und +Arbeit. Die Unterschiede, die zu Tage treten, sind nichts als +Variationen desselben Themas. Was für die Arbeiterin in der +Großindustrie gilt, das gilt ebenso für die in der Hausindustrie, im +Handel oder im persönlichen Dienst Beschäftigte. Es kann daher für uns +nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung stehende +Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres Elends +aufzudecken, ohne das Allgemeingültige nochmals zu wiederholen. Die +Hausindustrie ist allzu reich an Zügen, die uns zwar in der +Großindustrie schon begegneten, dort aber gewissermaßen nur die ersten +Sorgenfalten des Antlitzes waren, während sie hier jenen tiefen Furchen +gleichen, die ein Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute +unauslöschlich eingeprägt hat. Alles ist hier ins Ungeheuerliche +vergröbert und vergrößert: die Niedrigkeit der Löhne, die schlechten +Wohnungen und Arbeitsstätten und ihre physischen und moralischen +Folgeerscheinungen. Das gilt für beide Organisationsformen der +Hausindustrie--die Heimarbeit und die Werkstattarbeit--und in höchstem +Maße für diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating +System" sich einer traurigen Berühmtheit erfreut. Einzelbilder aus +denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche Arbeit eine +bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten erhärten. + +Betrachten wir zunächst die Textilindustrie, deren hausindustrieller +Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen verzweifelten Kampf um +seine Existenz zu kämpfen hat, der um so härter ist, als die Schwächsten +ihn auszufechten haben. + +Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid und +Grauen zerfließen, gehen eine Stunde später mit dem beruhigten +Gefühl nach Hause, daß alles, was sie hörten und sahen, einer +längstverflossenen Zeit angehört. Thatsächlich aber sahen sie ein +Spiegelbild des Elends von heute. Die böhmischen Weber z.B. wohnen in +ihrer übergroßen Mehrzahl in Hütten, in deren oft einzigem Raum neben +dem Webstuhl der Herd und die Lagerstätten der Familie sich befinden. +Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen und gearbeitet; zwischen den +verwahrlosten Kindern treiben sich im Winter auch noch Hühner und Ziegen +herum. Eine dicke, feuchtwarme Luft schlägt dem Eintretenden daraus +entgegen, zu ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster +geschlossen. Der üble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfähige +und giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst +der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem Staub +des Webens. Dabei ist an gründliche Reinigung kaum je zu denken,--denn +die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit gezwungen,--Küchenabfall, +schmutzige Wäsche und dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs äußerste. +Oft steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich +daran ablösen; eine vierzehn-, sechzehn- und achtzehnstündige +Arbeitszeit gehört nicht zu den Seltenheiten.[577] Vom sechsjährigen +Kinde an bis zum Greise ringt ein jedes in unablässigem Mühen um sein +Stück Brot.[578] Zeiten der Arbeitslosigkeit bedeuten Hunger; überfallen +Schneeverwehungen die im Gebirge wohnenden Weber, die dadurch oft auf +Monate vom Arbeitgeber abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in +erschreckender Weise zu.[579] + +Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit des +Betriebs auf der anderen Seite stehen die Löhne in schreiendem +Mißverhältnis. Das Weben feiner Leinengewebe, z.B. der +Damast-Tischgedecke, die sich vorläufig von der Maschine nicht in +derselben Güte herstellen lassen, bringt noch am meisten ein, und doch +verdient ein Arbeiter bei größter Ausnutzung seiner Kräfte selten mehr +als 7 fl. die Woche[580] ein Shawlweber kann es bis auf 10 fl. bringen, +wenn er von früh vier Uhr bis abends zehn Uhr zu arbeiten im stande +ist.[581] Der häufigste Jahresverdienst böhmischer Weberfamilien +schwankt zwischen 120 und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen +erhalten werden müssen![582] Eine achtgliedrige Familie, die sich in der +besonders günstigen Lage befand, über eine Jahreseinnahme von 350 fl. zu +verfügen, gab täglich für Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; für +alle übrigen Ausgaben blieben 70 fl. übrig. Eine Witwe mit nicht weniger +als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im Jahr trotz allem Fleiß +aufbringen[583], d.h. diese elf Personen mußten mit fünfundfünfzig +Kreuzern täglich ihre sämtlichen Bedürfnisse befriedigen! Ein Arbeiter, +der mit Frau und Kindern sogenannte Putzel-Leinwand herstellte, +verdiente 1,48 fl. die Woche; ein anderer, der leichte Baumwollwaren +unter Mithilfe seiner Familie webte, kam bei zwölfstündiger Arbeitszeit +aller auf 1,20 fl.[584] Unter den alleinarbeitenden Frauen sind die +Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie erreichen den hohen Lohn +von--2 fl. wöchentlich.[585] Die Spulerinnen der Baumwollunterketten für +Plüschgewebe dagegen,--meist lebensmüde Greisinnen mit zitternden Händen +und gekrümmten Rücken,--kommen bei großem Fleiß auf 1,10 fl. die +Woche[586], und die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor +fünfzehn Jahren für 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter +auf 75 kr., wobei häufig vier volle Arbeitstage darauf gehen.[587] Wie +es bei solchen Löhnen mit der Ernährung der Bevölkerung +aussieht,--allein im Königgrätzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber +gezählt[588],--bedarf keiner näheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch +ein besonderes Glück, wenn der Weber überhaupt seinen Lohn zu sehen +bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, dem +eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Händen haben, +beschäftigen nur solche Weber, die von vornherein auf den Geldlohn +verzichten und sich durch Waren aus ihren Kramläden entschädigen lassen. +Manche arme Mutter, deren Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen +mit irgend einem wertlosen Stück Stoff, einem Tuch od. dergl. nach +Hause. Ist der Faktor Gastwirt, so verführt er den Weber, Branntwein +statt Lohn zu nehmen[589], was den vollständigen Ruin der unglücklichen +Familien herbeiführt. Aber das ist noch nicht alles: wird der Lohn +gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch willkürliche Schadenersatz- oder +Strafgelder oft bis zur Hälfte hinabzudrücken[590] und der in seiner +Vereinzelung wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit +vor Augen sieht, fügt sich stumm darein. Ja, er entschließt sich sogar, +den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu bestechen, +um der Arbeit sicher zu sein.[591] + +Gegenüber solchen Zuständen kann man sich nicht einmal damit trösten, +daß sie sich etwa auf den einen Landstrich beschränken, denn sie +herrschen überall, wo die motorisch getriebene Maschine im Großbetrieb +noch nicht hat Einzug halten können. In Belgien z.B., wo die mechanische +Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat[592], +mußte sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, wie der +feinen Battiste überlassen.[593] Seltsam genug: die Luxusartikel der +Reichsten werden in den elendesten Höhlen des Jammers von den Händen der +Ärmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten meist in +feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fäden am Brechen zu +verhindern.[594] Sie erblinden infolgedessen häufig und ihre Glieder +krümmen sich unter rheumatischen und gichtischen Schmerzen. Wie in +Böhmen haust die ganze Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie +dort ist der Lohn ein kläglicher. Die geschickteste Weberin feiner +Leinwand verdient im günstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit +1,80 fr. täglich, während Wochenlöhne von 3 fr. gar nicht selten +sind.[595] Ein trauriges Bild, das sich den geschilderten würdig +anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie Frankreichs. Schon die Zucht +der Seidenraupen in den Privathäusern, die hauptsächlich in den Händen +der Frauen liegt, ist im höchsten Grade widerlich: jeder Winkel der +Wohnung wird dafür ausgenutzt, Massen von welken Blättern, toten Raupen +und ihren Exkrementen bedecken den Boden und verbreiten ekelhafte +Gerüche; mitten darin wohnt, schläft und kocht die ganze Familie.[596] +In den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die +Ausdünstung des heißen, klebrigen Wassers, in das sie bei der Arbeit +unaufhörlich die Hände tauchen müssen, atembeklemmend. Die Lyoner +Seidenweber, von denen die Hälfte weiblichen Geschlechts sind, haben es +nicht besser. Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der +Länge ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882 +fr.[597] Eine der besten Lyoner Hausweberinnen, die ein siebenjähriges +Kind zu versorgen hatte und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte +folgendes Budget auf:[598] + +Wohnung 130,00 fr. +Nahrung 653,35 fr. +Heizung 34,80 fr. +Kleidung 63,80 fr. +----------------------------------- + Im ganzen: 918,45 fr. + +Trotzdem sie für Nahrung täglich nur 1,80 fr. rechnete, und die Kleidung +für das Kind durch ihren Bruder beschafft wurde, muß das Defizit ein +bedeutend höheres sein, als sie angab, weil sie weder für Krankheit, +noch für Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. Wohlthätigkeit oder +Prostitution sind die einzigen Mittel, um es wett zu machen; die +Arbeiterin, die sich aufreibt von früh bis spät, hat dafür nicht einmal +die Genugthuung, durch eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu +können,--sie muß betteln gehen oder sich verkaufen! + +Fast an jedem Stück unserer Kleidung und unseres Hausrats kleben der +Schweiß und die Thränen unglücklicher Frauen. Für elegante Brustbesätze +von Hemden, die den gepflegten Körper reicher Damen umhüllen und für die +sie selbst drei bis fünf Gulden zahlen müssen, empfängt die Stickerin +des Erzgebirges nur sechzehn bis achtzehn Kreuzer, für kunstvoll +gestickte Bettdecken, die ihr weiches Lager umhüllen, und bei einer +täglichen Arbeitszeit von zwölf bis fünfzehn Stunden fünf Wochen zur +Fertigstellung erfordern, empfängt die Arbeiterin ganze--fünf +Gulden![599] Die gestickten Röckchen und Häubchen, die die zarten +Glieder glücklicher Kinder wärmen, bringen den böhmischen Strickerinnen +zwanzig Kreuzer den Tag.[600] Ob wohl die Heldinnen großstädtischer +Feste, deren von Füttern und Perlen glitzerndes Kleid sie wie eine +Schlangenhaut umgiebt, jener vogesischen Stickerinnen gedenken, die in +zwölf- und vierzehnstündiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder +zur Arbeit angenommenen Kinder diese verführerischen Gewänder +herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?![601] +Auch die goldgestickten Uniformen der Männer können vom Elend derer, die +sie schufen, erzählen. Eine fleißige französische Goldstickerin mit +einem dreijährigen Kind hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und +eine Ausgabe für die notwendigsten Bedürfnisse von 707,90 fr. Das +Defizit erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glücklicherweise +jemanden, der das deckt."[602] Eine ihrer Kolleginnen in Paris verdiente +wöchentlich bei elfstündiger Arbeitszeit 11,50 fr., womit sie kaum ihre +Ernährung beschaffen konnte; "sie hat einen Liebhaber, Gott sei Dank," +sagte ihre Nachbarin auf eine mitleidige Frage.[603] Dabei bietet diese +ganze Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Löhne, denn +die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine +Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wöchentlich verdiente, stand sie +sich zehn Jahre später bereits auf 17 bis höchstens 23 Mk.[604] + +Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger Feind. Nach +Hunderttausenden schätzte Leroy-Beaulieu noch vor dreißig Jahren die +französischen Spitzenarbeiterinnen.[605] Ihre Zahl ist heute sehr +zusammengeschrumpft. Eine blühende Industrie war einst die böhmische +Spitzenklöppelei, heute vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu +ernähren. Sechzehn bis achtzehn Stunden muß die Klöpplerin über dem +Kissen gebückt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von 30--sage und +schreibe dreißig!--bis höchstens 100 Gulden erreichen will. Fünfjährige +Kinder müssen schon acht Stunden täglich neben der Mutter sitzen und +klöppeln, um drei bis zwölf Kreuzer zu verdienen. Ein elendes Geschlecht +wächst unter solchen Umständen heran, tuberkulös und skrophulös, +physisch und geistig herabgekommen.[606] Im klassischen Lande der +Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom sechsten +Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwölf Stunden täglich in feuchter +Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 fr. im Jahre zu verdienen.[607] +Bei einer jährlichen Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen +Mark, stehen sich die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c. +täglich.[608] Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner +Spitzennäherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen Satz nur +dann, wenn bei täglicher zwölfstündiger Arbeitszeit im Laufe des Jahres +keine Arbeitsunterbrechung stattfindet. Dasselbe gilt für die +Schleierarbeiterinnen, die dabei noch schlimmer daran sind, weil sie +keine differenzierte Arbeit haben, wie die Spitzennäherinnen; alle Tage, +zwölf Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen +auf das feine Gewebe.[609] Zehrende Krankheiten sind das Gefolge der +Spitzenarbeit. Noch schärfer als in der Fabrik wirkt das Blei, das zur +Appretur angewendet wird, auf die Arbeiterinnen; fast alle weisen +Zeichen der Vergiftung auf, neben rasch abnehmender Sehkraft.[610] Auch +hier ist die Lage völlig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte +Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen. + +Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu können, daß die +Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und die Zustände, die +sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. Dies Sterben ist aber leider +nicht nur ein außerordentlich langsames, dieselben Verhältnisse finden +sich vielmehr auch bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht +leben und nicht sterben können. Sehen wir z.B. jene englischen +Heimarbeiter an, die Zündholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet +eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der ganze, +auch im Sommer geheizte Raum ist erfüllt mit trocknenden Schachteln, +Geruch von schlechtem Leim erfüllt die Luft, und 7 sh. wöchentlich ist +die höchste zu erzielende Einnahme.[611] Oder betrachten wir jene in den +Dörfern und Flecken Böhmens verstreuten Glasarbeiter-Familien, deren +Frauen die schwersten und gesundheitsschädlichsten Arbeiten obliegen; +stundenweit, bei jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden müssen sie die +schweren Lastkörbe schleppen, um Waren abzuliefern und Material zu +holen[612], oder sie sind mit der Glasmalerei beschäftigt und infolge +der bleihaltigen Farben Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.[613] Blaß +und hohläugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen Thüringens. Um +den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen Glanz zu geben, blasen die +Mädchen eine übelriechende, oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte +von Fischschuppen und Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und +augenkrank, aber sie erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75 +Pf. täglich![614] Noch elender daran sind die belgischen +Strohflechterinnen, die täglich 47 bis 57 c. verdienen, und dabei +vollständig in den Händen des Faktors sind, der sie am liebsten mit +Waren entlohnt.[615] + +Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne Anstoß von +außen, ihrem natürlichen Verfall entgegen, so wäre damit die +Hausindustrie an sich nicht aus der Welt geschafft. Denn wie sie +einerseits durch die Großindustrie erdrückt wird,--ein Prozeß, der in +der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck kommt,--so werden +ihr andrerseits durch sie neue Gebiete eröffnet, auf denen eine fast +grenzenlose Ausbreitungsmöglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation +des Großbetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf hervor; +hier ist die Heimarbeit überall in starkem Zunehmen begriffen[616], +obwohl deren Schäden zum Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit +spielt hier eine solche Rolle, daß, wo eigene Kinder fehlen, fremde, +sogenannte Kaufkinder angenommen werden.[617] Es kommen Räume von kaum +zwei Meter Höhe vor, in denen Frauen mit fünf bis acht Kindern den +ganzen Tag Cigarren machen; in Küchen und Schlafkammern wird der zum +Entrippen angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so daß der Tabakdunst nicht +mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.[618] Welche Folgen +die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir schon erfahren. Dabei +verdient eine ganze, aus Mann, Frau und Kindern bestehende hart +arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, während eine alleinstehende +Frau mit einem Kind auf 6 bis höchstens 10 Mk. rechnen kann.[619] Welche +Gefahren die hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch für die +Konsumenten mit sich bringt, dafür nur ein Beispiel: In New-York fand +ein Sanitätsinspektor eine Familie, die in derselben engen Kammer +Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an Diphtheritis schwer krank +danieder lagen.[620] + +Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die Spielwarenindustrie, die +von alters her eines der traurigsten Kapitel der Hausindustrie bildet +und weiter bilden wird, weil der Großbetrieb sich besonders für billiges +Spielzeug als weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In +ihrer deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten +Lohn- und Wohnungsverhältnisse. Typisch war eine Behausung, die aus +Küche und Kammer bestand. Die Küche, zugleich Wohn- und Arbeitsraum, +wurde dauernd geheizt, damit die ringsum aufgeschichteten Sachen, +Puppenköpfe und dergleichen, schneller trocknen; die kaum ventilierbare +Kammer war durch zwei bis drei Betten ganz ausgefüllt, in denen oft +zwei- bis dreimal so viel Menschen schliefen. Die Beköstigung bestand +neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der Fleischer +Würste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die aus dem Rindfleisch +als unbrauchbar entfernt werden.[621] Diese Ernährung soll dem Körper +Kräfte genug verleihen, um in der Hochsaison eine tägliche Arbeitszeit +von achtzehn bis zwanzig Stunden auszuhalten.[622] Dabei waren die Löhne +so elend,--eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei angestrengter +Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die Woche, mußte sich +aber mit diesem Verdienst auch noch über eine vier- bis sechsmonatliche +Arbeitslosigkeit hinweghelfen[623],--daß die Drechsler sich ihr Holz +stehlen mußten, um nur existieren zu können.[624] Man sage nicht, daß +diese Zustände zwanzig Jahre hinter uns liegen und überwunden sind; denn +heute ist das Elend in der Thüringer Spielwarenindustrie noch viel +größer.[625] Eine Drückerfamilie, die aus Papiermaché Spielzeug +herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen, +heißen Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein Säugling in der +Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, ein Stuhl, eine einzige +Schüssel, die zum Waschen und Essen gleichzeitig benutzt wurde, bildeten +die ganze Einrichtung; dem gegenüber hatte der Pfarrer des Orts die +Stirn, zu behaupten, daß alle Leute gut und angenehm wohnen[626]! Die +Löhne sind von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Heute verdient z.B. eine +Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von 25 bis 30 cm Länge, mit +Aermeln, Schleifen, Spitzen und Knöpfen nicht mehr als 12 bis 20 +Pf.[627] Die beliebten Puppentäuflinge liefert der Sonneberger +Hausindustrielle für 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro Stück--1 Pf. +verdient! Eine Bossiererfamilie von vier erwachsenen Personen kommt bei +täglicher,--den Sonntag mitgerechnet,--vierzehn-bis fünfzehnstündiger +Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von 34 +Pf. täglich für die Person.[628] daß unter solchen Verhältnissen die +Männer sich bemühen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die +Schwächsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie auf. 81 % +der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger Spielwarenindustrie zur +Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den Schulstunden oft bis zehn und +zwölf Uhr nachts, drängt die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr, +ehe sie zur Ruhe kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert, +daß im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose +Erwachsene gegenüberstanden.[629] Auch in anderen Zweigen der +Spielwarenindustrie müssen die Mütter nicht nur all ihre Kräfte daran +geben, um einen nennenswerten Verdienst zu erreichen, sie sind auch noch +gezwungen, das Liebste, was sie haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem +unersättlichen Moloch in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der +Zinnsoldaten hauptsächlich in ihren Händen. Sie sitzen beide blaß und +still vor den Farbentöpfen, nur die Hände fieberhaft bewegend; das arme +Kind mit dem alten, müden Zug um Mund und Augen wendet teilnahmlos die +bunten Figürchen in den Händen, es weiß gar nicht, was Spielen heißt. +Hunderte von Nürnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; bei +vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit erreichen sie einen +wöchentlichen Reinverdienst von höchstens 4,35 Mk.[630] Die Räume, in +denen all dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus +Holz und Papiermaché, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer +verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime mit +den Waren in die Familien der ahnungslosen Käufer getragen werden. Eine +unbewußte Rache der Elenden an den Reichen, wenn sie ihnen mit dem +bunten Spielzeug den unheimlichsten Würgeengel der Menschheit ins Haus +schicken! + +Wir kommen nunmehr zu jenem großen Arbeitsgebiet, auf dem sich die +Frauen in Scharen zusammendrängen, und das die Näherei in allen ihren +Zweigen umfaßt. Die Art der Arbeit ist hier eine sehr differenzierte. +Wir haben die Werkstattarbeiterin in den Schwitzhöhlen, die +Heimarbeiterin, die für die Konfektions- und Putzgeschäfte arbeitet, die +Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft +leben, die Näherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst näht. +Dabei handelt es sich neben der Herstellung der Wäsche und Kleidung um +die der Hüte, der Handschuhe, der Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet für +die Frauenarbeit ist, geht schon daraus hervor, daß allein in +Deutschland zwei Drittel aller hausindustriell thätigen Frauen der +Bekleidungsindustrie angehören. Die Nadel ist eines der urältesten +Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr geblieben als eines jener +wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form und Idee nach im Laufe der +Jahrhunderte kaum verändert haben, und in der Bekleidungsindustrie mehr +als in irgend einer anderen, hat sich bestätigt, was wir schon in Bezug +auf andere Berufsarten ausführten, daß die Frauenarbeit die technische +Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das Maschinenwesen gerade in +der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Fortschritt +gemacht, nur in der Näherei ist man seit fünfzig Jahren bei denselben +primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie herrscht +nicht nur noch unumschränkt, sie hat sogar die beste Aussicht, den +Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde zu schlagen. + +Für die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt es zwar nicht +an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den etwa +Momentphotographien aus einem Feldzug für die Beurteilung des ganzen +Krieges haben: Wo der Kampf am heißesten ist, wo die Wunden am +schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. Meist haben +plötzlich an die Oberfläche tretende Mißstände das Elend der Konfektion +der Oeffentlichkeit vor Augen geführt; Erhebungen, wie die beiden +deutschen im Jahre 1886, veranlaßt durch den Kampf der Arbeiter gegen +den geplanten Nähgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des +Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben +gewähren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der +Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die Verhältnisse. An +umfassenden, sorgfältig vorbereiteten, besonders die Höhe der +Wochenlöhne und Jahreseinnahmen berücksichtigenden Enqueten fehlt es +jedoch vollständig. Mit der Angabe der Wochenlöhne allein wäre nicht +viel gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so +ausgeprägter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die Hochsaison +nur fünf Monate, die übrigen sieben bedeuten teils eine stille, teils +eine vollständig tote Zeit für die Arbeiterin. Selbst Wochenlöhne von 15 +bis 20 Mk., die außerordentlich selten vorkommen, können demnach oft nur +eine kümmerliche Existenz gewährleisten. In folgender Tabelle habe ich +versucht, einige der festgestellten Wochenlöhne in Verbindung mit den +Jahreseinnahmen der Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen: + + | Wochen- | Jahres- + Art der Arbeit | lohn | ein- + | | kommen + | | + | Mk. | Mk. +-----------------------+---------+-------- +Kleider- und Mäntel- | | +konfektion[631]: Berlin| 8-9 | 160-180 + " " | 4-5 | 80-100 +Wäschekonfektion: | | + Rheinprovinz | 5,95 | 314,64 +Wäschekonfektion: | | + Erfurt | 6-7 | 250 +Knabenkonfektion: | | + Stettin | 3-4,80| 250 +Knabenkonfektion[632]: | | + Berlin | 3-10 | 280-300 +Wäschekonfektion[633]: | | + Erfurt | 2,25 bis| + | 4,75 | 167,25 + " | 3,45 bis| + | 7,20 | 253,95 + " | 4,60 bis| + | 9,60 | 338,60 +Herrenkonfektion: | | + Berlin | 12,46 | 490 + " | 9,70 | 380 + " | 6,30 | 250 + " | 6,99 | 280 +Wäschekonfektion: | | + Berlin | 9,48 | 470 +Knabenkonfektion: | | + Stettin | 7,50 | 300 +Damenkonfektion: | | + Berlin | -- | 375 +Damenkonfektion: | | + Breslau | -- | 250 +Damenkonfektion: | | + Erfurt | -- | 220 +Wäschekonfektion: | | + Berlin | 5,88 | -- +Damenkonfektion: | | + Berlin | 7 | 280 +Unterrock- | | + konfektion[634]: | | + Berlin | 7-8 | +Blusenkonfektion: | | + Berlin | 3,50 bis| 200-311 + | 4,50 | -- + " | 7-7,50| -- + " | 9 | -- +Kleiderkonfektion[635]:| | + Breslau | 4,50 bis| + | 7,50 | 250-300 + " | 2-3 | 100-150 +Konfektion[636]: | | + Lübbecke | -- | 250 + " | -- | 376 +Damenkonfektion[637]: | | + Berlin | 7,42 | 386 + " | -- | 322 + " | 5,95 | 309 + " | -- | 393 + | | + +Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fällen Jahreseinnahmen +unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, daß eine regelmäßige +wöchentliche Einnahme von 9 Mk. und eine jährliche von 468 Mk. gerade +nur das notdürftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu sichern +vermag, eine großstädtische Arbeiterin sogar unter 600 Mk. nicht +auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts hinzuzufügen, um ihre Sprache +beredter zu machen. Dabei erreicht die Arbeiterin diese Hungerlöhne nur +mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von +vierzehn bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die +Stepperinnen in den Berliner Zwischenmeisterwerkstätten oft bis elf +Uhr nachts und länger;[638] Nürnberger Näherinnen, die acht bis neun +Mark verdienen, müssen dafür fünfzehn bis sechzehn Stunden hinter der +Maschine sitzen.[639] In den Werkstätten beträgt die Arbeitszeit selten +weniger als zwölf bis dreizehn Stunden, sehr häufig,--das konnte die +Kommission für Arbeiterstatistik wiederholt konstatieren,--wird, +besonders vor den Liefertagen, die Nacht durch gearbeitet. Ins Endlose +wird sie noch dadurch ausgedehnt, daß die Arbeiterinnen Arbeit mit nach +Hause nehmen und hier noch drei bis fünf Stunden ihr letztes bißchen +Kraft daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam +vor, daß Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125 +Arbeitsstunden wöchentlich berechnen konnten.[640] Die Vorteile der +Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts zusammen, um so +mehr, als auch die Werkstatt in den meisten Fällen nichts weiter ist, +als eine enge, schlecht beleuchtete und schlecht ventilierte +Proletarierwohnung. In demselben Raum, der vom Dunst der Bügeleisen +erfüllt ist, in dem Glieder der Familie des Zwischenmeisters nächtigen, +der womöglich auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die +Näherinnen dicht gedrängt vor dem oft einzigen Fenster. Werkstätten in +feuchten Kellern, oder in glühendheißen Dachstuben kommen vor, dabei ist +häufig die Ueberfüllung so groß, daß statt 28 cbm nur 5 bis 12 cbm +Luftraum auf die Person kommen.[641] Und doch steht die +Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die Heimarbeiterin. Das +größte Elend ist dort zu Hause, wo, versteckt in den eigenen vier +Wänden, die arme Witwe, die verlassene Ehefrau, die Gattin des +Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen für sich und ihre Kinder den harten +Kampf ums Dasein kämpfen. Rücksichtslos und schutzlos sind sie der +unbeschränktesten Ausbeutung preisgegeben. Daß sie zum großen Teil nicht +freiwillig die Heimarbeit gewählt haben, sondern sich dazu gezwungen +sehen, weil Familiensorgen sie ans Haus fesseln, geht schon daraus +hervor, daß die meisten Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild +so oft verherrlichten "flotten Nähmamsellen" gehören, sondern +sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren +abhängt.[642] Fast durchweg liegt die Herstellung der gewöhnlicheren +Konfektion in ihren Händen,[643] infolgedessen erreichen sie bei +höchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, wo sie +dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist ihr Verdienst +geringer.[644] Eine verwitwete Näherin in Berlin mußte, um 10 Mk. +Wochenlohn zu erreichen, von früh vier und fünf Uhr bis nachts elf Uhr +arbeiten; trotz dieser übermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre +Familie nicht allein erhalten, sie mußte noch zur Armenunterstützung +ihre Zuflucht nehmen![645] Eine Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten +Morgengrauen ihre Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr +nachts; weil sie sich die Zeit dafür nicht nehmen konnte, mußte ihr +ältester elfjähriger Bub das Mittagessen bereiten und die Geschwister +beaufsichtigen.[646] Berliner Blusennäherinnen wiesen Wochenlöhne von +3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf![647] In Essen verdiente eine Mutter mit ihrer +Tochter bei sechzehn- bis achtzehnstündiger Arbeitszeit 9,75 Mk. für das +Nähen leinener Arbeiterhosen; pro Stück erhielten sie--12 Pf., obwohl +das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflöcher, zehn Knöpfe neben +den Maschinennähten zu nähen waren und das Garn dazu geliefert werden +mußte.[648] Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk. +wöchentlichen Verdienst, Knopflochnäherinnen in der stillen Zeit auf 2 +bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine Wäschenäherin, Mutter von +vier kleinen Kindern, konnte bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als +9 Mk. wöchentlich verdienen.[649] Wie sich bei solchen Einnahmen die +Lebenshaltung gestaltet, dafür nur einige Beispiele. Eine +alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wöchentlich verdiente, +hatte folgendes Wochenbudget: + +Mit einer anderen geteilte Kochstube 1,50 Mk. +Feuerung 0,30 " +Spiritus zum Kochen 0,20 " +Petroleum 0,30 " +Wäsche 0,15 " +Mehl, Gemüse, Gegräupe 0,70 " +Kartoffeln 0,15 " +Brot 1,00 " +Milch 0,35 " +Salz, Schweden etc 0,10 " +Kaffee 0,40 " +Butter 0,50 " +Schmalz 0,38 " +Kassenbeitrag 0,22 " + ---------- +Im ganzen: 6,25 Mk. + +Ihre tägliche Ausgabe für die Nahrung betrug demnach nicht ganz 50 Pf., +für Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben blieben wöchentlich nur 75 +Pf. übrig.[650] Eine andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag +für 30 Pf. täglich auswärts aß, brauchte, da sie sich ein wenig besser +nährte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben einer Breslauer Näherin, +die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, stellten sich folgendermaßen: + +Wohnung 1,00 Mk. +Mittagessen 1,75 " +Frühstück, Vesper, Abendbrot 2,25 " +Heizung, Beleuchtung, Wäsche 1,35 " +Kassenbeitrag 0,15 " + ------------ +Im ganzen: 6,50 Mk. + +Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller Art nicht +in Rechnung gestellt wurden, und die tägliche Ausgabe für die Ernährung +nur 57 Pf. beträgt, ein wöchentliches Defizit von 50 Pf.[651] Sobald +noch Kinder zu ernähren sind, wird die Lage natürlich zu einer ganz +verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjährigen Sohn, die 366 Mk. im +Jahr, also ca. 7 Mk. wöchentlich verdiente, und die Ausgabe für Miete +durch Aftervermietung deckte, hatte folgende Wochenausgaben: + +Feuerung 0,90 Mk. +Petroleum 0,55 " +Brot 1,30 " +Ein Pfund Fett 0,60 " +Zehn Pfund Kartoffeln 0,30 " +Gemüse und Gegräupe 0,70 " +Knochen zum Auskochen 0,15 " +Sonntags 1/2 Pfund Fleisch 0,30 " +Salz, Schweden, Wichse etc 0,10 " +Wäsche 0,15 " +Kaffee 0,60 " +Milch 0,35 " + ------------- +Im ganzen: 6,00 Mk. + +Für die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. für Krankheit, Fahrten, +Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. wöchentlich übrig, die Nahrung +stellte sich täglich auf 30 Pf. pro Person![652] Kann man sich wohl von +einer Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer +Wocheneinnahme von fünf oder gar nur drei Mark beruht?! Läßt sich das +Elend ausdenken, das herrschen muß, wenn mehr als ein Kind davon +erhalten werden soll?! + +Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß solche Verhältnisse vielleicht +einzig dastehen und sich in anderen Ländern nicht wiederholen. Leider +zeigt sich aber auch hier, daß gewisse soziale Zustände im unmittelbaren +Gefolge wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher überall die +gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben Stand +erreicht hat. Die Wiener Näherin, die von sechs Uhr früh bis in die +späte Nacht Trikottaillen näht, um 3,50 fl. zu verdienen; die beiden +Schwestern, die zusammen 10, höchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft +nicht mehr wie 20 kr. für ihr Mittagessen auszugeben vermögen;[653] die +böhmische Handschuhnäherin, die bei vierzehnstündiger Arbeitszeit nur +208 fl. im Jahr einnimmt, für Nahrung, Heizung und Wohnung für sich und +ihr Kind aber allein 252 fl. braucht[654],--sie alle geben ihren +deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse aber +ist es, daß selbst im gelobten Lande der Näherei und Schneiderei, das +die Modedamen der ganzen Welt mit seinen Erzeugnissen versorgt, in +Frankreich, die Lage derjenigen, aus deren Händen all die Wunderwerke +hervorgehen, keine günstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach +hoch, sie ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die +deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch intensiverer +ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa diejenigen, die als +Vorarbeiterinnen in den Werkstätten der großen Konfektionshäuser +beschäftigt werden, können auf eine annähernd regelmäßige Arbeit während +des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 bis höchstens 230, +die gewöhnlichen,--und die meisten!--haben 60 bis 160 Tage zu thun.[655] +In der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die täglich eine +bis zwei Stunden Beschäftigung gewährt, in der hohen Saison dagegen +kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden vor![656] Bei vierzehn- bis +fünfzehnstündiger Arbeitszeit kann die Durchschnittskonfektionsnäherin +in Paris eine Jahreseinnahme von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75 +c. bis 1,25 fr. täglich verdient.[657] Bei einer Einnahme von 900 fr. +aber fängt erst die Möglichkeit an, selbständig davon leben zu können, +und nur ein Drittel aller ihrer Arbeiterinnen verdienen, nach den +Aussagen der Chefs der ersten Pariser Konfektionsfirmen, mehr als +das.[658] Eine der ersten Pariser Schneiderinnen, die für ein großes +Haus Modelle arbeitet, also höchst selten arbeitslos ist, verdiente +jährlich 875 fr. Sie hatte folgendes Ausgabenbudget[659]: + +Nahrung 550 fr. +Miete 200 " +Wäsche 20 " +Zwei Paar Schuhe 20 " +Zwei Kleider (selbst genäht) 40 " +Zwei Hüte (selbst garniert) 10 " +Schirm, Handschuhe 10 " +Kleine Ausgaben 25 " + +Im ganzen: 875 fr. + +Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, daß selbst für eine Kraft +ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert erscheint, wenn nicht nur +die Ansprüche geringe sind, die Gesundheit gefestigt ist und auf +Vergnügungen fast ganz verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es +sich nur um die Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen, +auch noch zu den besseren Arbeiterinnen zu zählenden Näherin, die 3 fr. +täglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die Ausgaben +folgendermaßen[660]: + +Nahrung 511 fr. +Miete 120 " +Kleidung 55 " +Wäsche 48 " +Stiefel 30 " +Licht und Heizung 25 " +Kleine Ausgaben 40 " + +Im ganzen: 829 fr. + +Wir stoßen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst durch äußerste +Einschränkung nicht zu decken wäre. Daß es unmöglich ist, beweist das +Budget einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschäfte. Sie +gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufügte, daß sie sich +dabei alles versagen müsse, was das trübe, einförmige Leben erheitern +könne. Trotz einer achtmonatlichen, mit 4 fr. täglich entlohnten Arbeit, +hatte sie am Schluß des Jahres gegen 200 fr. Schulden.[661] Wie sich +aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. einnehmen und +davon auszukommen versuchen, dafür nur ein Beispiel: Eine Pariser +Konfektionsnäherin hatte ein Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie +gab aus für:[662] + +Miete 100,00 fr. +Nahrung 237,25 " +Licht 4,00 " +Ein Kleid 5,00 " +Ein Fichu 2,00 " +Zwei Paar Strümpfe 1,30 " +Zwei Paar Schuhe 8,00 " +Zwei Hemden 2,50 " +Eine Hose 1,25 " +Zwei Taschentücher 0,80 " +Zwei Servietten 0,80 " + +Im ganzen: 362,90 fr. + +Ihre tägliche Nahrung bestritt sie für 55 c., d.h. für 5 c. Milch, für +20 c. Brot, für 10 c. Kartoffeln, für 10 c. Käse und für 10 c. Wurst! +Selbst die Heizung mußte sie sich versagen, von Vergnügungen war keine +Rede, ein einziges Fähnchen für 5 fr. mußte das ganze Jahr aushalten! +Und das war ein Mädchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach +Glück und Freude, die so stürmisch nach Erfüllung verlangt; ein Mädchen +von zwanzig Jahren mitten in der von Lebenslust fiebernden Luft von +Paris! Und doch giebt es noch tiefere Stufen des Elends. Die +Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf ihnen angelangt: hier finden sich +Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 fr., während das Leben sich mit +weniger als 350 fr. unmöglich bestreiten läßt.[663] + +Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die alten +Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im +Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie unumschränkt. Die +furchtbaren Enthüllungen des Elends in den kleinen Werkstätten des +Londoner Ostens waren es, die überhaupt zuerst die Blicke der Welt auf +die Zustände in der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des +Sweating-Systems stammt von dort. In den Werkstätten der +Zwischenmeister, wo in dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut +dicht gedrängt zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht +ruht, wo die Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden +Händen für ein Stück Brot die Nadel führen, wo der Fluch Jehovahs: "Im +Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" erst in Erfüllung +gegangen zu sein scheint, übt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in +Manchester, in Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Löhne und lange +Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, Näherinnenlöhne +von 6 p. an sind an der Tagesordnung[664]; die Glasgower +Heimarbeiterinnen in der Wäschekonfektion, die häufig von sechs Uhr früh +bis zehn Uhr abends in ihrem verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen +oder kranken Kindern an den feinen Batisthemden sticheln, die irgend +eine Herzogin ahnungslos über den gepflegten Körper ziehen wird, +verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche[665]; in den +Londoner Schneiderwerkstätten erreicht eine gelernte Schneiderin bei +vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit im besten Fall 4 sh. +täglich, häufig muß sie sich mit derselben Summe als Wochenlohn +zufrieden geben[666], während die Heimarbeiterin überhaupt kaum mehr zu +verdienen vermag[667], sie näht z.B. Unterröcke für 7 p. das Stück, +wobei sie den Faden noch zugeben muß.[668] + +Selbst in die neue Welt brachten die unglücklichsten Flüchtlinge der +alten das Sweating-System mit. Blühende Industrien, die ihren Arbeitern +ein gutes Auskommen sicherten, brachen unter der Schmutzkonkurrenz der +kleinen Werkstätten und der armen Heimarbeiter zusammen.[669] +Ein einziger Stadtteil Chicagos wies nicht weniger als 162 +Konfektionswerkstätten auf, über die Hälfte aller Arbeiter darin waren +verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den notwendigsten +Ausgaben das Gleichgewicht halten.[670] Als typisches Beispiel für die +Wirkung der Hausindustrie kann folgendes gelten: ein Schneider, der seit +seinem vierzehnten Jahre ein fleißiges und nüchternes Leben führte, und +trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jährlich einnahm, hatte nach zwanzig +Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und wurde selbst, im +Alter von 34 Jahren! als altersschwach und arbeitsunfähig befunden.[671] +Da die Löhne der weiblichen Arbeiter noch viel niedriger sind--solche +von 25 c. täglich kommen sehr oft vor--, ihre Widerstandsfähigkeit eine +geringere ist und ihre Kräfte sich oft in wenigen Jahren +verbrauchen,[672] so kann man sich ungefähr eine Vorstellung von der +Lage machen, in der sie sich befinden. + +Als notwendige Folge der niedrigen Löhne ist die Überarbeit, die +Unterernährung und die Wohnungsnot überall die gleiche. Es giebt naive +Gemüter, die in der Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur +Aufrechterhaltung des durch die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens +sehen. Sie stellen sich die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der +handarbeitenden Frau aus bürgerlichen Kreisen vor, die nur müßige +Stunden auszufüllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer Wirtschaft +stets zur Verfügung steht. Sie wollen nicht einsehen, daß Heimarbeit zu +fieberhafter Thätigkeit verdammt, daß sie den Menschen der Maschine +gegenüberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf aufnehmen +muß, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem sterbenden Kinde muß die +New-Yorker Arbeiterin ihr Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit, +ihre Toten zu begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten +können, schickt sie auf die Straße, oder bestenfalls zu Pflegefrauen, um +in der Arbeit nicht gestört zu werden.[673] Ihre Berliner +Leidensgefährtin greift zu dem Mittel, ihre Kleinen in Kisten zu +pferchen, oder an Stühle anzubinden, weil sie keine Zeit hat, +aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen oder die Umherlaufenden zu +beaufsichtigen.[674] Die Hausindustrie erhält die Frau nicht der +Familie, denn sie muß Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso +vernachlässigen, als ginge sie in die Fabrik.[675] Die Hausindustrie +zerstört vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik +noch erhält, weil sie ihrer Sklavin überhaupt keine Ruhe läßt, weil sie +den armseligen Wohnraum des Proletariers auch noch zur Werkstatt +verwandelt. Die ganze Familie und die ganze Arbeit der Berliner +Heimarbeiterin drängt sich in einem Raum, der womöglich auch noch zum +Kochen benutzt wird, zusammen; die kleine Stube daneben muß an +Schlafleute vermietet werden und wird oft noch von den Kindern +geteilt.[676] Wie sie keinen Raum besitzen, in dem sie bei Tage für sich +sein können, so haben sie nachts kaum ein Bett für sich allein; zwei +Drittel aller Berliner Heimarbeiterinnen müssen ihr Bett mit anderen +teilen.[677] Bilder grauenhaften Elends rollen sich auf, wenn wir diese +Wohnungen näher betrachten: Im fünften Stock eines Berliner Hauses +befindet sich ein einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose +Küche; darin haust eine gelähmte Greisin, ihre Tochter, die Näherin ist, +und deren vier Kinder. In einem Keller derselben Stadt wohnt in einer +Küche von 8 qm Bodenfläche eine Witwe mit vier Kindern, die Stube +daneben hat sie an Schlafburschen vermietet; in beiden Räumen schimmeln +die Möbel, so feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen +Räumen haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmädchen; den +Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs. In einem +Keller, dessen Dielen verfault sind, und dessen Fenster tief unter der +Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern für die, die droben in Luft und +Sonne lachend vorübergehen. In einem anderen Keller ähnlicher Art liegt +der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau näht +neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit ein.[678] In +New-York fand man eine siebenköpfige Familie in einer Wohnung von drei +Räumen, von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als +fünfzehn Schlafleuten,--alle waren auf nur drei Betten angewiesen.[679] +In einer anderen Wohnung, in die ein Fabrikinspektor nachts eindrang, +lagen zehn bis zwölf Menschen, Männer, Frauen und Kinder, manche halb +nackt, auf dem bloßen Fußboden.[680] + +Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen Elends +nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des ersten +Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" betrachten: +sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. Nachhaltiger aber +dürfte ihr Schrecken sein, wenn sie erführen, daß jene Armut ihnen +selbst an das liebe Leben greift: in einem Zimmer Berlins nähte eine +arme Mutter Blusen, halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei +diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die +eben noch an derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten +gleich darauf sieben Arbeiterinnen.[681] Masern, Keuchhusten, +Scharlach,--kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der armseligen +Stube der Näherin ein, und werden von ihren Hemden und Blusen und Röcken +in die Häuser der Käufer getragen. Die Schwindsucht haftet an den +beliebten billigen Jacken und Mänteln der großen Warenhäuser; das +furchtbare Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und +moralisch reinsten Familien.[682] Niemand kann ermessen, wie oft es +geschieht, keiner aber sollte sich die Größe der Gefahr verhehlen. +Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in die Arme. + +Wir haben gesehen, daß die Hausindustrie Löhne aufweist, durch die kaum +das nackte Leben erhalten werden kann. Ihre Arbeiterinnen aber sind +jung, es graut sie mit vollem Recht vor einem Dasein, das aller Freude +entbehrt; sie sind Mütter, sie können ihre Kinder nicht darben lassen; +sie sehen das Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden. +Selbst durch den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft können sie nicht +leben, der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre muß die Ergänzung sein. Die +Arbeit selbst müssen sie häufig damit bezahlen. Am günstigsten noch +gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein festes Verhältnis haben, wie jene +arme Mutter, die erklärte, sie habe sich dazu entschließen müssen, sonst +wäre sie zu Grunde gegangen.[683] Ein Liebhaber aus den eigenen Kreisen +wird vielleicht einmal ein Ehemann. In den weitaus meisten Fällen jedoch +fallen die hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen +Prostitution anheim.[684] Hunger und Lebenslust sind stärker als alle +Moral, und die Moralpredigt oder gar die moralische Entrüstung wird +angesichts dieses Elends zu einer ekelhaften Farce. + +Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu ihrer +letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung der +Zustände verheißt? Kann die Hausindustrie ihren Arbeitern, wie der +Fabrikbetrieb nach und nach eine höhere Lebenshaltung ermöglichen? Um +diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich die Ursachen des +herrschenden Elends klar zu machen. + +Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie sich +festgesetzt: in den Großstädten, wo eine große Arbeiterbevölkerung sich +vorfindet.[685] Hier strömen in wachsender Zahl die Proletarier +zusammen, ihre Frauen und Töchter schaffen ein übermäßiges Angebot von +Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von Landmädchen und +durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und Mädchen aus den Kreisen +des Bürgertums ständig gesteigert wird. Diese Arbeitskräfte können aber +nur von Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine +Ansprüche machen und deren technische Entwicklung noch in den Anfängen +stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien aller Art, in erster +Linie diejenigen, die an alte hauswirtschaftliche Frauenarbeit +anknüpfen, wie die Näherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders +geeignet, alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergänzung des +männlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im Hause +beschäftigt. All diese zusammentreffenden Umstände nun: die +Konzentrierung proletarischer Elemente in den Großstädten, das starke +Angebot weiblicher Arbeitskräfte, die zum Teil durch ihre Leistungen +nicht ihren ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz +der Industrie, möglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen der +großstädtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an physischem und +sittlichem Elend. Für England und Amerika gilt dasselbe, nur daß dort +die billigen Arbeitskräfte durch die armen Einwanderer gestellt werden. + +Aber nicht nur in den Großstädten findet die Hausindustrie die +Voraussetzungen für ihre Existenz. Sie findet sie in gleichem Maße in +den Gebirgen, wo infolge der schlechten Transportverhältnisse der +Fabrikbetrieb nicht Fuß fassen kann,[686] und in den Landorten des +Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der +Landwirtschaft allein seine Familie zu ernähren. Da die Hausindustrie +einerseits mit Frauen, andererseits mit Männern und Frauen zu thun hat, +die von der modernen Arbeiterbewegung nicht erreicht werden, weil sie +abgeschnitten sind vom Verkehr mit der Welt, so hat sie neben einem +billigen auch ein außerordentlich fügsames Material in der Hand. Trotz +alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu kämpfen. Ihre +Kampfmittel sind neben den niedrigen Löhnen, der langen Arbeitszeit und +dem Trucksystem die Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen +Werkstätten beschäftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womöglich +gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskräfte und entlassen sie, +sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine Anstellung erwartet +wird.[687] + +Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die Existenzbedingungen der +Hausindustrie fernerhin vorhanden sein werden, und ob ihre +Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum Vorteil der Arbeiter zu +verändern. + +Es giebt Industrien, z.B., um gleich die für unseren Zweck wichtigste zu +nennen, die Textilindustrie, die durch große technische +Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den Todesstoß +versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr aushalten, sie wird +gewissermaßen ausgehungert. In England hat sich dieser Prozeß bereits +vollzogen, in anderen Ländern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere +dagegen--und hier kommt im wesentlichen die Bekleidungsindustrie in +Betracht--bedürfen in der Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre +Maschinen, die Nähmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue +Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen +Voraussetzung. Und sie werden durch äußere Umstände auf absehbare Zeit +hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die Bevölkerungsverhältnisse +sich in der selben und nicht in der entgegengesetzten Richtung +weiterentwickeln. Die proletarische Bevölkerung wächst ebenso aus sich +heraus, wie durch Zuwanderung und durch ein allmähliches Hinabsinken des +Kleinbürgertums. Dazu kommt, daß die Höhe der männlichen Arbeitslöhne +immer mehr durch den Frauenerwerb, der als Ergänzung hinzugedacht wird, +beeinflußt wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher Hände +steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des Bürgerstandes hat +eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen der Männer weder den erhöhten +Bedürfnissen, noch der allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein +das riesige Indiehöheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der +Frauen zur Notwendigkeit[688], der andererseits auch vielfach, infolge +des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile entspringen +mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die Weiterentwicklung der +Hausindustrie in ihrer modernen Form zu sichern: die Tendenz zur +Dezentralisation des Großbetriebs. Die Ausdehnung und schärfere +Handhabung der Arbeiterschutzgesetzgebung läßt den Unternehmer nach +einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in der +Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafür ein besonders drastisches +Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und zur Ausbreitung der +Hausindustrie, und zwar grade dort, wo Frauenarbeit eine bedeutende +Rolle spielt, sind demnach gegeben. Dabei ist aber auch die Frage nach +der Möglichkeit der Hebung der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum +Teil mit beantwortet. Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunächst +unmöglich erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich +Ursache und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg über den Fabrikbetrieb +beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen +Arbeitskraft bis an die Grenze des Möglichen. Ein Rückgang der Löhne, im +Gegensatz zu ihrer Zunahme im Fabrikbetrieb, zeigt sich überall.[689] +Die Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen, +ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur +Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fällen wählt sie, in der +Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr nützen zu können, die +Heimarbeit. Der größte Teil der Heimarbeiterinnnen sind überall Frauen +mit Kindern.[690] Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden +Preis. Ihre Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der +schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen und +Töchter der Bourgeoisie, jene "verschämten" Armen, die ihre +Erwerbsarbeit als nicht standesgemäß möglichst geheim zu halten +suchen[691], und die an primitive Lebensverhältnisse gewöhnte, daher +billig arbeitende Landbevölkerung. Die Näherinnen im Vogtland z.B., die +viel für Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die Berliner +Arbeiterinnen.[692] Und diese gefährliche Konkurrenz wird teils durch +den Staat, der Webe- und Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils +durch kurzsichtige Privatwohlthätigkeit, die im Gebirge und auf dem +Lande den sogenannten "Gewerbefleiß" einführt, unterstützt[693], auch +noch künstlich großgezogen. Die Frauen, die Landbewohner und schließlich +auch die Völker mit niedriger Lebenshaltung,--der Einfluß der fabelhaft +billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit beginnt +bereits fühlbar zu werden,--bilden das riesige Reservoir, aus dem die +Hausindustrie stets neue Nahrung schöpft, und die sie gegeneinander +ausspielt. Sie ist wie ein ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil +er aus trüben unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der +mit seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und +Lebenskräftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich nicht aus +sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um seine Wirkungen zu +beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst muß verschwinden. + + +Der Handel. + +Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem Umfang +erst viel später in Erscheinung getreten, als in anderen +Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die Berliner Kommis an +das preußische Staatsministerium um Einschränkung der weiblichen +Konkurrenz[694], aber erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen +durch sie eine ernste Gefahr. Einerseits sind es die Töchter des +mittleren und kleinen Bürgerstandes, die mehr und mehr vor die +Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt werden +und im kaufmännischen Beruf ein standesgemäßes Unterkommen zu finden +glauben, andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine +höhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in steigendem Maße +ihre Töchter hinauf zu heben. + +Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und +Warenhäusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer geringer werden +hier die Anforderungen an kaufmännische Bildung und genaue +Warenkenntnis, da jede Verkäuferin nur eine bestimmte Abteilung +zugewiesen bekommt und auf den einzelnen Gegenständen die Preise meist +deutlich vermerkt zu werden pflegen. Infolgedessen ist es erklärlich, +daß in zahlreichen Geschäftszweigen, besonders in den Geschäften für +Bekleidung und solchen für frische Nahrungsmittel mehr Frauen als Männer +zu finden sind; sie rekrutieren sich meist aus proletarischen Kreisen, +haben oft nur die Volksschule besucht und können, wie z.B. in Berlin, +nur selten grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.[695] +Aber nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer +Arbeit nach, müssen die Verkäuferinnen zu den Kreisen der proletarischen +Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen aller Länder, +die sich mit ihrer Lage beschäftigen, stimmen darin überein, daß +der Lohn zur Leistung in größtem Mißverhältnis steht, und alle +charakteristischen Zeichen der proletarischen Arbeit,--Ueberarbeit und +Arbeitslosigkeit,--auch auf sie zutreffen. + +Was zunächst die Lohnfrage betrifft, so ist ein einigermaßen +ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung nicht vorhanden. Selbst die +deutsche Kommission für Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer +Untersuchungen der Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise +förmlich ängstlich vermieden, sich über den Stand der +Arbeitsentschädigung Aufklärung zu verschaffen. Auch die englische +Arbeitskommission bringt nur spärliche Ziffern. Wir müssen uns daher im +wesentlichen auf die Resultate privater Enqueten stützen. + +Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkäuferinnen wird vom +kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte auf 58 Mk. +monatlich geschätzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit durchschnittlich +1-3/4 Monate betragen soll, so würde ein Jahreseinkommen von 594 Mk., +eine tägliche Einnahme von 1,60 Mk. zu verzeichnen sein.[696] Schon mit +dieser Summe ist es für die großstädtische Verkäuferin nicht möglich +auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine Jahreseinnahme +von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen werden kann, die der +Berliner Verkäuferin eine sorgenfreie Existenz zu sichern vermag. Nun +gehören aber die Mitglieder des Hilfsvereins für weibliche Angestellte +zweifellos zur Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher für die +große Masse nicht maßgebend sein. Thatsächlich kommen selbst in Berlin +Monatslöhne von 30 bis 40, ja sogar von 20 bis 30 Mk. vor; in der +Provinz, besonders in den kleinen Städten, sind solche Sätze keine +Seltenheit; das Durchschnittsgehalt der Verkäuferinnen in Köln betrug +40, in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Königsberg gar nur 27 Mk.[697], +ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen zurücksteht. +Selbst Leipzig weist Monatslöhne von 20 bis 30, ja sogar solche unter 20 +Mk. auf.[698] Verkäuferinnen, die eben die Lehrzeit hinter sich haben, +müssen sich sogar oft genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.[699] +Männlichen Verkäufern wagt man solchen Gehalt nur höchst selten +anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen Anfangsgehalt, der +schnell gesteigert wird; ihr Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk. +angegeben, beträgt also fast das Doppelte des Einkommens ihrer +weiblichen Kollegen. Je nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch +die Verkäuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk. +bezeichnen aber in den meisten Fällen ein nur schwer erreichbares +Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen nur ausnahmsweise +vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich häufig bis auf drei Monate +ausdehnt, so schrumpft die im ganzen Jahr der Verkäuferin zu Gebote +stehende Summe so sehr zusammen, daß ein Auskommen schwer möglich ist. +Die Angaben Berliner Handelsgehilfinnen bestätigen das. Danach betrug +die durchschnittliche Ausgabe für Kost und Wohnung 51 Mk., 30 Mk. wurde +als das geringste bezeichnet, womit das Leben sich notdürftig bestreiten +ließe.[700] Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58 +Mk. gegenüber, so ist ohne weiteres klar, daß mit einem Rest von 7 Mk. +die Ausgaben für Wäsche, Kleidung, Tramwayfahrten etc.--vom Vergnügen +ganz abgesehen--nicht gedeckt werden können. Besonders die Ansprüche an +die Toilette, die das Budget der Handelsangestellten so sehr belasten, +können damit nicht bezahlt werden und doch riskiert die Verkäuferin +ihre Stellung, wenn sie sie nicht erfüllt. Wie hoch sie sind, beweist +eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben für Wohnung und +Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. Während die +Fabrikmädchen oft kaum den vierten Teil dessen für ihre Kleidung +verwenden, was sie für ihre Wohnung ausgeben, übersteigt die Summe, mit +der die Verkäuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die Ausgaben +für die Wohnung, sehr oft sogar ist sie höher, als diejenige, die sie +für ihren ganzen Lebensunterhalt anlegen.[701] Denken wir nun aber an +Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, die +vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei einer +Aufwendung von nur 30 Mk. für Kost und Wohnung, wobei nur eine +Schlafstelle in Betracht kommen kann und die Unterernährung chronisch +wird, ein bedeutendes Defizit unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann +gesichert, wenn die dermaßen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie +wohnen. In welchem Umfang dies thatsächlich geschieht, läßt sich nicht +feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner Handelsangestellte +umfaßte, ergab, daß 585, also 71 %, von ihnen bei Familienangehörigen +wohnen; 240 sind darauf angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu +beschaffen, und zwar haben 36,75 % dieser selbständigen Mädchen eine +Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.[702], sie gehören also zu +denjenigen, die nach unserer Berechnung entweder nur unter größten +Entbehrungen, oder unter fortwährender Anhäufung von Schulden ihr Leben +fristen können. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen um +besonders Bevorzugte handelt,--nur die besser gestellten, +intelligenteren unter ihnen entschließen sich, einem Verein beizutreten, +und Vereinsmitglieder waren sämtliche Expertinnen,--so ergiebt sich, daß +für die Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als +der der Alleinstehenden ein wesentlich höherer sein muß. Aber selbst +wenn wir die sehr günstige Berliner Berechnung zu Grunde legen, um die +Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu beurteilen, zeigt es sich, daß +von 365005 nicht weniger als 105851 allein stehen, und von diesen wieder +beinahe 17000 von dem Ertrag ihrer Arbeit nicht leben können. + +In England sind die Lohnverhältnisse keineswegs besser, obwohl man +zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die Handelsangestellten neben +dem Gehalt freie Station haben. Aber selbst den unwahrscheinlichen Fall +angenommen, daß diese so vortrefflich ist, daß ein Zuschuß zur Ernährung +aus dem eigenen Beutel sich nicht als nötig erweist, reicht ein +Jahreseinkommen von 10 bis 12 £[703] in den Großstädten Englands bei +weitem nicht aus, um die notwendigen Ausgaben, die den Verkäuferinnen +erwachsen, zu bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der +Strafgelder in ausgedehntestem Maße. In manchen Geschäften giebt es bis +zu hundert verschiedene Versäumnisse, die durch Lohnabzüge gebüßt werden +müssen.[704] + +Für Frankreich können wir uns auf offizielle Untersuchungen nicht +berufen, um die Lage der Handelsangestellten danach zu schildern; dafür +liegt in Zolas "Au Bonheur des Dames" ein weit wertvolleres Dokument +vor. Es zeigt uns den kleinen Laden mit seinen schlecht genährten und +schlecht bezahlten Arbeitern, es führt uns in das fieberhafte Getriebe +des großen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkräfte untergräbt; es +öffnet uns die Thür zu den winzigen, unheizbaren, allen Komforts +entbehrenden Dachkammern, wo die Mädchen abends halb ohnmächtig auf ihr +Lager sinken und zu den Eßsälen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen +mit weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen +Maschinen in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner großartigen +Wirklichkeitsschilderung jede Illusion über die Lage der Ladenmädchen. +Aber weit mehr noch als für das Riesenhandelshaus, das durch seinen +gewaltigen Umsatz im stande ist, seinen Angestellten eine gesicherte +Stellung zu geben, trotz aller Ausbeutung und Vernachlässigung, gilt es +für die kleinen, mühsam um ihr Bestehen kämpfenden Geschäfte, wenn sich +der äußere Glanz des kaufmännischen Berufs bei näherem Zuschauen in sein +Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto +trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor allem, +daß die Wohnung und Beköstigung im Hause des Prinzipals zwar eine +Wohlthat ist, aber nicht für die Angestellten, sondern für ihn. Er +macht dadurch nicht nur Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in +der Hand, über seine Angestellten wie über häusliche Dienstboten frei +verfügen zu können.[705] Die Beköstigung im Hause des Chefs, die in +Deutschland besonders auch dort häufig üblich ist[706], wo die +Verkäuferinnen für ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den +willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr einzuschränken oder +überhaupt dem Zufall und der momentanen Geschäftsruhe zu überlassen. In +England wurden Mittagspausen von zehn bis höchstens zwanzig Minuten +festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von +Kunden unterbrochen werden konnten[707]; in Deutschland ist es nicht +viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; Frühstücks- und +Vesperpausen werden, vor allem in den kleinen Geschäften, sehr selten +gewährt.[708] Abendbrot giebt es in England häufig gar nicht, so daß die +Mädchen genötigt sind, es sich selbst zu beschaffen[709]; die +Beköstigung ist dort wie in Deutschland meist, was Quantität und +Qualität betrifft, gleich minderwertig[710], und muß im Geschäftsraum +selbst oder in engen, dumpfigen Nebenräumen hastig verschlungen werden. +Nur die großen Geschäfte, die großen Warenhäuser und Bazare machen hie +und da eine rühmliche Ausnahme; wo sie überhaupt ihren Angestellten +Beköstigung bieten, ist sie ausreichend, besondere Speisesäle sind dafür +angelegt und die Zeit zu ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, daß sie +auch ein Ausruhen in sich schließen kann. In den kleinen Städten und in +den kleinen Geschäften, wo die weiblichen Angestellten auch häusliche +Arbeiten verrichten müssen, ist ihre Lage durchweg eine traurige; auch +in Bezug auf die Wohnung unterscheiden sie sich nicht von den +Dienstmädchen: es werden ihnen unheizbare Dachstuben oder schlecht +gelüftete, halbdunkle Räume neben dem Laden zur Unterkunft +angewiesen[711]; in England und Amerika gilt dasselbe sogar in den +großen Städten und Geschäften. Londoner Verkäuferinnen müssen sich oft +zu zweien in ein Bett teilen, und die Räume, in denen sie hausen, +entbehren jeder Bequemlichkeit.[712] In den Riesengeschäften New-Yorks +wohnen die Mädchen so eng, daß man Gefangenen solch einen Mangel an +Luftraum nicht bieten würde.[713] Damit sind die Nachteile der freien +Station jedoch noch nicht erschöpft; die Prinzipale bestimmen auch, +unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral und des +patriarchalischen Familienverhältnisses, über die freie Zeit der +Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der strengsten Aufsicht +unterworfen, sie dürfen auch nur an bestimmten Abenden der Woche +ausgehen und müssen vor Thorschluß heimkehren, da sie sonst keinen +Einlaß mehr finden.[714] In England sind sie andererseits vielfach +verpflichtet, am Sonntag früh das Zimmer zu verlassen und erst spät +abends heimzukehren.[715] Der Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig +Tagen des Jahres die Beköstigung; die arme Verkäuferin aber, die oft am +liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie Zeit, +zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen möchte, muß entweder an solch +erzwungenen Festtagen ihre schmale Börse leeren, oder Bekanntschaft +suchen, die sie versorgt. + +Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das härteste, +denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor kurzem eine ganz +unbeschränkte. Die Ladenzeit betrug im Deutschen Reich im Maximum bis zu +achtzehn Stunden, im Durchschnitt vierzehn Stunden täglich[716]; nicht +weniger als 43 % der Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine +Ladenzeit von dreizehn bis sechzehn Stunden.[717] Die längste fand sich +in der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer +Kolonialwarenhandlungen kam es vor, daß der Laden um fünf Uhr früh +geöffnet und um zehn oder elf Uhr nachts geschlossen wurde.[718] In der +Hochsaison verlängerte sie sich überall, dabei war von einer Vergütung +der Überstunden selten die Rede,[719] und wenn der Laden geschlossen +war, ging die aufreibende Arbeit hinter verschlossenen Jalousien bis in +die sinkende Nacht weiter. In England waren die Verhältnisse genau +dieselben.[720] Und doch wären diese Zustände noch erträglich zu nennen, +wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschärft worden wären: +nicht nur, daß die armen Mädchen von morgens bis abends mit freundlichem +Diensteifer die Kunden,--und unter ihnen die unangenehmsten,--zu +bedienen haben, daß sie die Leitern hinauf und hinab klettern, Stöße von +Waren hin und her schleppen müssen, sie dürfen sich, auch wenn niemand +im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre Füße schmerzen, +nicht setzen[721]! Stehen--stehen--zwölf, vierzehn und mehr Stunden +stehen--und dabei lächeln, immer lächeln! Eine Folter, die würdig wäre, +spanische Inquisitoren zu Erfindern zu haben! + +Erst in jüngster Zeit hat man allenthalben den Versuch gemacht, diesen +Übelstand aus der Welt zu schaffen; bei der Zaghaftigkeit aber, mit der +vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, daß er, in etwas gemilderter +Form vielleicht, noch immer besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt +dasselbe; ist doch sogar nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten +Mädchen überall gesichert; auch am Sonntag müssen sie stundenweise im +Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein Pfennig Profit +entgeht. + +Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre Prügelknaben und +Mädchen für alles, daran. Kaum der Schule entwachsene Kinder werden mit +Vorliebe aufgenommen; sie kosten wenig und lassen sich widerstandslos +ausnutzen. Welchen riesigen Umfang ihre Beschäftigung annimmt, geht +daraus hervor, daß sie in einem Viertel aller deutschen Geschäfte die +Gehilfen an Zahl überragen, in einem Fünftel sich noch einmal so viel +Lehrlinge als Gehilfen befinden, und es sogar vorkommt, daß Geschäfte +vielfach alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.[722] Sie sind +Laufmädchen, Hausmädchen, Verkäuferin--alles in einer Person. In einem +Alter, wo der weibliche Körper der Schonung bedarf, müssen sie +dieselben, ja oft noch längere Arbeitszeiten aushalten, als die +Erwachsenen.[723] Nur die Stärksten überstehen es, die anderen werden in +der Blüte geknickt, noch ehe ihnen die Frühlingssonne recht aufging. +Trotzdem fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten, +fliegen die Mädchen zu dem blendenden Licht hinter den Spiegelscheiben, +von dem sie Märchenwunder erwarten. Und der Handel braucht Jugend! Die +Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; ein hübsches junges Mädchen ist +eine stärkere Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in +den Geschäften, besonders in denen der Großstadt: fast lauter junge +Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und glänzenden Augen treten uns +entgegen. Die Statistik bestätigt das: von den Berliner Verkäuferinnen +sind 71 % 15 bis 21 Jahre alt[724]! Wo bleiben die Alternden, +diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewöhnliche Glück haben, +sich selbständig machen zu können? Die edelsten Pferde haben das +traurige Schicksal, daß sie aus dem Rennstall-Palais, wo sie in ihrer +Jugend genährt, gepflegt und gehütet wurden, sorgfältiger als mancher +Mensch, zuerst in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den +armseligen Ackergäulen des Bauern geraten--je älter sie werden, desto +härter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, und unter ihnen ganz +besonders den Verkäuferinnen, geht es nicht anders. Werden sie alt und +häßlich, so treten Junge an ihren Platz, und sie müssen sich mit immer +schlechteren Stellungen begnügen. Der in Deutschland bisher übliche +Modus, wonach keine oder nur ganz kurze Kündigungsfristen ausgemacht +wurden,--d.h. der Prinzipal konnte die Angestellte oft von einem Tag zum +andern entlassen, die Angestellte aber mußte die Kündigung vier Wochen +vorher einreichen,[725]--hatte zur Folge, daß die alternden Gehilfinnen +sich einer dauernden Wanderschaft ausgesetzt sahen und nie wissen +konnten, ob nicht der nächste Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren +freilich sind sie so wie so schon verbraucht. + +Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der schlechten +Ernährung tritt schon früh allgemeine Entkräftung und Muskelschwäche +ein. Die jungen Mädchen werden fast durchweg von der Bleichsucht +heimgesucht,--ein Blick in die Gesichter der Verkäuferinnen beweist das +zur Genüge,--Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen die +Fußgelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, Magenkrankheiten +zerstören den Rest der Nervenkraft. Infolgedessen wird die Mutterschaft +für die meisten ehemaligen Verkäuferinnen zu einer schweren +Krankheit.[726] Die große körperliche Abspannung, die oft so weit geht, +daß die jungen Mädchen sich abends mit den Kleidern aufs Bett werfen, +weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich auszuziehen,[727] führt +schließlich auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die +Interessen über die alltäglichen, persönlichen hinaus; ein energischer +Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz außerhalb der +Vorstellungsmöglichkeit. + +Neben die körperlichen und geistigen Folgen der proletarischen +Frauenarbeit im Handel treten aber noch die traurigen moralischen hinzu. +Die große Masse der Angestellten kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht +leben; nicht nur, daß sie sehr häufig das einfachste Leben kaum fristen +können, ihre Ansprüche sind auch von Haus aus höhere und werden durch +ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und Konfektionsgeschäften, +noch gesteigert. Und Gewohnheit und Ansprüche gilt es in Rechnung zu +ziehen, wenn man Notlagen und die Größe der damit verbundenen Gefahren +richtig beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen +sächsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen gesichert und +befriedigt fühlen, das eine Verkäuferin in einem Berliner Geschäft der +Schande in die Arme treibt. Weit stärkere Einflüsse, als auf die arme +Arbeiterin, wirken bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der +Ansicht kühler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwählter sieht in ihrer +Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, für jene aber ist die Heirat ein +selten erreichter Traum, denn ihre männlichen Arbeitsgenossen suchen vor +allem eine klingende Mitgift, um sich dadurch selbständig machen zu +können, und schließt für die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn die Not +sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres Herzens und ihrer +Sinne, der sie in jene Liebesverhältnisse verstrickt, die so oft ein +tragisches Ende finden. Dabei naht ihr auch die Verführung mehr als +anderen durch den Verkehr mit der Kundschaft. Es ist nicht übertrieben, +sondern entspricht den täglich zu beobachtenden Thatsachen, daß die +Lebemänner der Großstädte in den Bazaren und Warenhäusern ein beliebtes +Feld für ihre Jagd nach Menschenware erblicken. Aber auch für die Chefs +selbst sind ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mädchen +muß entweder ein hohes Maß an sittlicher Kraft, Selbstverleugnung und +Entsagungsfähigkeit, oder einen traurigen Mangel an Jugendlust und +Liebessehnsucht besitzen, um rein und unangefochten aus diesem Leben +hervorzugehen. Wie Zolas Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von +leichtsinnigen, sondern auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und +damit berühren wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im +Handel, der es so vielen unmöglich macht, sich durch eigene Kraft +ehrlich durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkäuferin und mehr +noch der Probiermamsell verbirgt sich häufig die Prostitution in grober +und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die hierbei in +Betracht kommt, und da sie hübsch ist und jung und elegant, auf die Höhe +des Lohnes wenig Wert legt, so macht der Unternehmer ein gutes Geschäft +durch ihre Anstellung. Schulter an Schulter mit ihr machen die +wohlerzogenen Töchter des mittleren Bürgerstandes, die Wohnung und Kost +bei ihren Eltern haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld +repräsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, mühsam sich +emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste Konkurrenz. Sie erhalten +die Löhne auf einem niedrigen Niveau, ja sie drücken sie durch ihr +massenhaftes Eintreten in den Handel vielfach noch herunter. +Infolgedessen zeigt sich in höherem Maße noch als in der Fabrikarbeit, +daß die Entwicklung der Löhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach +den Frauenlöhnen zu gestalten, so daß der Unterhalt der Familie auf dem +Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die verheiratete Frau aber unter den +Angestellten eine beinahe unmögliche Erscheinung ist,--die Heirat +bedeutet fast stets den Austritt aus dem Geschäft,--so sind die Folgen +dieser Entwicklung zunächst für Mann und Weib gleich traurige. + +Die Lage der Handelsgehilfinnen würde eine verzweifelte sein, wenn sich +nicht in der öden Wüste ihres Daseins Quellen künftigen blühenden Lebens +nachweisen ließen. Eine der stärksten und wichtigsten ist auch hier die +Entwicklung zum Großbetrieb. Je größer der Betrieb desto höher ist der +Lohn, desto kürzer die Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto +mehr nimmt aber auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der +Angestellten ab. Damit schwindet das patriarchalische Verhältnis mehr +und mehr, der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie +der Fabrikarbeiter, dessen persönliches, häusliches Leben und Treiben +den Unternehmer nicht kümmert. Hierdurch und durch die allerdings erst +in den ersten Anfängen steckende Regelung der Arbeitszeit, wird es +schließlich auch der verheirateten Frau leichter möglich sein, ihrem +Mädchenberuf treu zu bleiben. Das alles würde aber nur wenig nützen, +wenn nicht noch ein anderes Moment hinzukäme: die Töchter des +Bürgerstandes werden durch den Druck der Verhältnisse,--nicht zum +mindesten hervorgerufen durch die, das kleine Geschäft tötenden +Warenhäuser,--gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als Mittel zur +Befriedigung von Luxusbedürfnissen, sondern als Mittel zum +Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die Keime für ihre +Beseitigung. + +Neben der Entwicklung zum Großbetrieb, die aber,--das sei all denen +gesagt, die bequem genug sind, sich durch Zukunftshoffnungen über die +Gegenwart trösten zu lassen,--eine außerordentlich langsame ist, läuft +eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint und +gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme der von +Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zählung von 1895 gab es deren +145165, was gegenüber der Zählung von 1882 einer Zunahme von 41 % +gleichkam, während die von Männern geleiteten Alleinbetriebe um 5 % +abgenommen haben.[728] Trotz der Selbständigkeit der Händlerinnen ist +ihre Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart, +als der der Arbeiterin. Ueber die Hälfte,--56 %,--sind Witwen, 27 % +verheiratete Frauen, aber nur 17 % ledige. Die Witwen richten das +Geschäft, wenn es nicht vom Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen +Kapital ein, um sich und ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten +Frauen, häufig ehemalige Dienstmädchen, wenden ihren Sparpfennig daran, +um durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergänzen; alternde +Mädchen, oft frühere Verkäuferinnen in ähnlichen Geschäften, versuchen +gleichfalls damit ihr Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei +dieser Art Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten +und gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu +konzentrieren: die Waren bilden den täglichen Bedarf jeder +Hauswirtschaft, sie müssen also möglichst in der Nähe zu haben sein und +können daher auch nicht in Warenhäusern aufgestapelt werden; allein das +Wachstum der Städte führt ihre Vermehrung herbei, die scharfe Konkurrenz +jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die Besitzerinnen, +die bisher mühsam ihre Selbständigkeit aufrecht erhielten, zur +Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, solange die Privatküchen bestehen +werden, wahrscheinlich und sicher ist, daß sich gerade dieses +Handelszweiges mehr und mehr die Frauen bemächtigen werden. + +Welches Los härter ist, das der Angestellten im glänzenden Kaufhaus, die +in seinem Dienst hinwelkt, die ihre Jugend entweder vertrauern oder +wegwerfen muß, oder das der Händlerin im düsteren Keller oder stickigen +Laden, die oft auch noch die Nächte opfert, um ihre armselige +Häuslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar Pfennige plagt +von früh bis spät--das wage ich nicht zu entscheiden. + + +Die Landwirtschaft. + +Während die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte Erscheinungen +sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt gewonnen haben, die +das Interesse der Nationalökonomen, der Politiker und der Gesetzgeber +erregen, ist die Landarbeiterin bisher ein ziemlich vager Begriff +geblieben. Man ereifert sich höchstens über ihre Landflucht und wundert +sich, daß sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens +preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das machen +sich nur Wenige klar und diese wenigen müssen sich teils auf ihre +eigenen beschränkten Beobachtungen, teils auf Privat-Untersuchungen +stützen, die auch immer nur unzulänglich bleiben können. Aber noch durch +einen anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen +erschwert. + +Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen gekennzeichnete Masse, +sie gliedern sich vielmehr in zwei Kategorien von Arbeitern: die +kontraktlich gebundenen und die freien, und in eine ganze Anzahl von +Unterabteilungen beider. Zu den ersteren gehören zunächst die in festem +Jahreslohn stehenden Mägde, die Wohnung und Nahrung von der +Herrschaft empfangen und deren Arbeit eine teils häusliche, teils +landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehören ferner im ostelbischen +Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung und ein Stück Land, +außerdem einen gewissen Anteil am Ertrage des Gutes erhalten, dafür aber +nicht nur ihre eigene und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst +stellen, sondern auch eine Anzahl, gewöhnlich zwei, andere Arbeiter für +den Gutsherrn halten müssen; es sind das die Scharwerker, meist +Angehörige des Instmanns, seine Töchter und Söhne, auch seine Mutter +oder sein Enkelkind, sehr oft aber auch fremde Mägde und Knechte, die +der Instmann zu dem Zweck dingt.[729] Im Westen Deutschlands nehmen die +Heuerleute eine ähnliche Stellung ein, nur daß ihnen Wohnung und Land +nicht geliefert wird, sondern daß sie es gegen geringes Entgelt pachten +müssen, dafür aber verpflichtet sind, für eine bestimmte Reihe von Tagen +um die Hälfte des ortsüblichen Lohns für den Besitzer Arbeit zu +leisten.[730] Eine breite Schicht der Landarbeiter sind in Ostelbien +auch noch die Deputanten, die neben dem Lohn rohe Lebensmittel +geliefert bekommen. Im übrigen Deutschland wiederholt sich häufig den +Tagelöhnern gegenüber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen +Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelöhner mit selbständigem +Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben können, so daß sie +gezwungen sind Lohnarbeit zu suchen. Sie gehören ebenso zweifellos zu +den Proletariern, wie ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung +und Bestellung der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der +Bauer und die Bäuerin, die keine Lohnarbeiter beschäftigen, sondern sich +von früh bis spät allein abrackern, um sich vom Ertrage ihrer Mühen zu +ernähren, sind, trotzdem sie auf eigenem Grund und Boden stehen, nichts +anderes als Proletarier.[731] + +Die eigenartigste Klasse unter dem ländlichen Proletariat ist die der +Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengänger begegnen wir ihnen in +Deutschland; in England war es das Gangsystem, das ihre Beschäftigung +beförderte; in Frankreich sind es zum großen Teil belgische Arbeiter, +die sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den +Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere Wanderung +der Arbeiter. Während das landwirtschaftliche Gesinde und die Instleute +die älteste Art der Landarbeiter, gewissermaßen die Nachkommen der +Hörigen und Leibeignen, darstellen, repräsentieren die Wanderarbeiter +die modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der +Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine Arbeit +verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter Beschäftigung +fanden, mehr und mehr den Charakter des Saisongewerbes an. Die +intensivere Kultur der landwirtschaftlichen Betriebe,--dabei sei nur an +die Molkereien und an die Zuckerrübenpflanzungen erinnert,--zu der die +zu geschäftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte notwendig +gedrängt werden, unterstützt gleichfalls die allmähliche Umwandlung des +ländlichen Proletariats.[732] In England, das zwar im allgemeinen noch +alle Arten landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt: mit eigenem Land, +mit Allotment, mit Haus- und Gartenüberlassung oder mit bestimmtem +Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, wo nur mit +wöchentlich oder täglich engagierten freien Tagelöhnern gearbeitet wird, +schon vollzogen.[733] Bezeichnend dafür ist, daß der Begriff des +Landarbeiters im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn +der Bedarf an Landarbeitern wurde früher durch die zum Dienst +verpflichteten Bauern, in Preußen auch durch die zum Zwangsgesindedienst +genötigten Bauernkinder[734], in außereuropäischen Ländern, besonders in +Amerika, durch die Sklaven gedeckt. + +Aus dem Gesagten geht hervor, daß es sehr schwierig ist, die Einnahmen +der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und Naturallohn, aus +freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung und Land, aus Anteilen +am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. Was zunächst das ländliche +Gesinde betrifft, so variiert allein in Deutschland sein Jahreslohn +ungemein. Er ist am niedrigsten, wo die Frauenarbeit am stärksten ist; +je weiter nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreußen kamen +Mägdelöhne von 50 Mk. vor; Kuhmägde pflegen 75 bis 80 Mk. jährlich zu +verdienen, sogenannte Leuteköchinnen 90 Mk. Im Westen und Süden, z.B. in +Oldenburg, Hannover, Hessen und Württemberg, variieren die Frauenlöhne +zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.[735] Die +höchsten Lohnsätze finden sich in Schleswig-Holstein und im Jeverlande, +wo der Mangel an Mägden schon zu einer großen Kalamität geworden ist. +Hier beträgt der niedrigste Lohn 90 Mk., die Großmägde kommen zu einem +Verdienst von 200 bis 230 Mk., Löhne von 250 Mk. werden auch zuweilen +gezahlt.[736] Neben diesem Geldlohn wird Verpflegung und Wohnung selten +berechnet; für Württemberg werden die Ausgaben für eine Magd +einschließlich des Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230 +Mk. angegeben, so daß ihre Gesamteinnahme 295 bis höchstens 400 Mk. +jährlich beträgt.[737] So begegnet uns hier wieder die beinahe typische +Jahreseinnahme aller schlecht gestellten Proletarierinnen. Die +französischen Landmägde stehen sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis +200 fr. zu betragen pflegt, noch schlechter, ihre Beköstigung dagegen +wird im allgemeinen höher veranschlagt werden dürfen.[738] + +Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der ostelbischen +Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen Heuerlinge +festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was ihnen geliefert +wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im Aufziehen und +Verkaufen von Vieh und Geflügel, und von dem jeweiligen Anteil an dem +Ertrag des Gutes abhängig ist. Der Geldlohn der Frauen beträgt +gewöhnlich im Sommer 30 bis 50, im Winter 20 bis 35 Pf. täglich. Dieser +Lohn wird jedoch niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann, +als dem Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich für seine +Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde[739], ausgezahlt. Für +seine Frau, noch mehr aber für die Scharwerksmädchen, die er natürlich +bei der eigenen Armut nur auf das notdürftigste unterhält, bedeutet das +eine große Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fließt nur zu oft +in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn nur sehr niedrig +stehende, physisch oder moralisch herabgekommene Mädchen sich zum +Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit besser ist die Lage der +westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch sie von den Männern +vollständig abhängig sind. Sie sind jedoch nur zu einem geringeren Maß +von Arbeit verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der +dürftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste Schicht der +kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber diejenigen, die nicht wie +die Instleute zum großen Teil abhängig sind von den schwankenden +Erträgnissen des herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von +denen der eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes +Deputat erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt, +so ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei +Fällen, bei den Instleuten, einschließlich der Scharwerker, den +Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich demnach dasselbe +eigentümliche Bild einer völligen Abhängigkeit auch der arbeitenden Frau +von ihrem Ehemann. Die Stellung einer selbständigen Lohnarbeiterin ist +für sie nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des +Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht gesprochen +werden. + +Eine Stufe höherer Entwicklung in Bezug auf die Selbständigkeit des +weiblichen Landarbeiters bedeutet daher die freie Tagelöhnerarbeit. Auch +sie wird teils nur durch Geld, teils durch Geld und Beköstigung +entlohnt, und zwar ist der Lohn nicht nur niedriger als der des +Mannes,--obwohl die Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,--sehr +häufig wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewährt, +wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch +erhöht wird. Ueber die Lohnverhältnisse in Deutschland giebt folgende +Tabelle einige Aufklärung:[740] + +Land | ohne Kost | mit Kost + | Pf. | Pf. +-----------------------------+-----------+--------- +Posen | 30- 50 | -- +Regierungsbezirk Magdeburg | 60-130 | 40- 90 +Regierungsbezirk Merseburg | 60-125 | 40- 90 +Regierungsbezirk Erfurt | 70-130 | 50-120 +Provinz Hannover | 70-150 | 40- 80 +Regierungsbezirk Kassel | 60-150 | 30-100 +Provinz Hessen-Nassau | 80-150 | 50-100 +Großherzogtum Hessen | 80-175 | 30-100 +Provinz Schleswig-Holstein | 50-150 | 20-120 +Herzogtum Anhalt | 70-150 | 40- 75 +Thüringische Staaten | 60-150 | 40-100 +Königreich Sachsen | 60-150 | 40- 80 +Bayern | 60-120 | 30-100 +Hohenzollern | 70-220 | 30-160 + +Die höchsten Löhne werden im Sommer, hauptsächlich zur Erntezeit +gezahlt, die niedrigsten im Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen +Jahreszeiten hat keine Tagelöhnerin. Rechnen wir, daß sie etwa 250 Tage +voll beschäftigt ist, davon während 125 Tagen den höchsten täglichen +Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 Mk., also im ganzen 178,75 Mk., +während weiterer 125 Tage den täglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63 +Pf., also im ganzen 78,75 Mk. erhält, so erreicht sie einen +Jahresverdienst von 257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit +Beköstigung nach demselben Schema, so beträgt ihre Jahreseinnahme nur +172,50 Mk. Daß diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht z.B. +aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelöhnerfamilie in Holstein +hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleißigster Arbeit nur 450 bis 600 +Mk., jährlich verdienen.[741] Uebersteigt die Zahl der Familienglieder +vier Personen, sind womöglich alte Eltern oder kränkliche Angehörige mit +zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine +äußerst kümmerliche. Hat der Tagelöhner eigenen Landbesitz, zieht er +Schweine oder Geflügel, so kann seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk. +steigern[742], dann ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an +die Grenze des Möglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die +Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere zufällt.[743] +In der schlimmsten Lage aber befindet sich die Alleinstehende, um so +schlimmer, wenn sie Kinder hat. Selbst auf dem Lande läßt sich das Leben +mit einem Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit +mit all ihren Schrecken, das Hütekinderwesen mit seinen traurigen Folgen +an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die nächsten +selbstverständlichen Resultate solcher Lohnverhältnisse. + +In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst der +Frauen beträgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 c.; im Sommer +1,87 fr. resp. 1,14 fr.[744]; in einzelnen Landstrichen, z.B. in der +Bretagne, sinken die Löhne bis auf 50 c. resp. 1 fr. täglich, während +sie andererseits freilich zuweilen, z.B. in der Normandie, bis auf 2 und +3 fr. steigen[745]; im allgemeinen übersteigt die Jahreseinnahme der +französischen Tagelöhnerin höchst selten 229 fr., während 300 fr. das +mindeste ist, womit ein Existenzminimum ihr gesichert wird.[746] Ihre +deutsche Arbeitsgenossin im fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit +mühsam der Erde ihre Früchte abgerungen werden, hat also keinen Grund, +die Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer +etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie +nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen steigen +ihre Löhne und ermöglichen ihr ein erträgliches Leben.[747] Mehr und +mehr aber beschränkt sie sich auf die ausschließliche Bewirtschaftung +des eigenen kleinen Eigentums, während ihr Mann als Tagelöhner in Arbeit +geht. Mit ihr auf gleicher Stufe steht die Frau und die Tochter des +kleinen selbständigen Landwirts, nur daß ihre Einkommen lediglich vom +Ertrage ihrer Besitzung abhängen. Sie sind fast immer wahre +Arbeitssklaven, sehr häufig tüchtiger als die Männer, die nur zu oft dem +Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen +Proletarierinnen von ihnen abhängiger, als irgend eine Lohnarbeiterin +von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine ebenso +selbstverständliche angesehen, wie die der Instmannsfrau, und ihr +klingender Ertrag fließt allein in die Tasche des Familienoberhauptes. +Dies Verhältnis vollkommener Abhängigkeit drückt sich in der Picardie +noch heute dadurch aus, daß die Frau ihren Mann nicht anders nennt als +_mon maître_, und der Mann sein Weib in der Vendée nicht anders als +_ma créature_.[748] + +Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt +sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der +eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die +Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines +persönlichen Verhältnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehört. Die +Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablösung ländlicher +Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an +Beschäftigung für die seßhaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung +schließlich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die +Wanderungen ländlicher Arbeiter überall begünstigt. Oft, wie z.B. in +Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen, +oft werden aber auch Ausländer, wie in Frankreich Belgier, in +Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und +russische Polen eingeführt. In größerem Umfange organisierte Wanderungen +finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre +Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und +führen sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit +der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei +der Arbeit hinter ihnen, denn häufig richtet sich ihr Lohn nach der +Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren +noch ganz besonders berüchtigt deshalb, weil fast ausschließlich Kinder +dazu angeworben, und, infolge ihrer völligen Wehrlosigkeit dem +Gangmeister gegenüber, auf das äußerste ausgenutzt und in ihren +Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das +System heute überwunden, ohne daß die Wanderungen deshalb aufgehört +haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengängerei den +größten Umfang angenommen. + +Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rübenzuckerkultur in Sachsen +zu verdanken, die während bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher +Arbeitskräfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter +auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich +aus den östlichen Provinzen Preußens und bestehen großenteils aus jungen +Mädchen. Für das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezählt, die sich von +Brandenburg, Pommern, Westpreußen, Posen und Schlesien aus auf die +Wanderschaft begaben.[749] Auf sächsischen Gütern kommen auf 150 Männer +337 Mädchen.[750] Der normale Lohn für sie beträgt 1 Mk., während die +Männer durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es +kommen aber auch Löhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Außerdem wird +Wohnung, zum Teil auch Beköstigung,--natürlich bei niedrigeren +Lohnsätzen,--gewährt. Charakteristisch ist, daß der Unterschied zwischen +der Bewertung der Männer- und der Frauenarbeit sich bis auf die +Reisevergütung ausdehnt, die für Frauen ein Drittel weniger beträgt als +für Männer.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengängerin ist bei einer +Beschäftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf +424 Mk. geschätzt worden.[754] Das würde jedoch einem Tagesverdienst von +1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet +wird,--nur von den tüchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mädchen +erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine +Seltenheit. Trotzdem sind infolge äußerster Sparsamkeit und wahrhaft +trostloser Unterernährung fast alle Mädchen im stande, Ersparnisse zu +machen, die die Höhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Möglich ist das nur, +wenn die Wochenausgaben für die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht +übersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengängerinnen eine +starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die +Beköstigung geliefert. Die Lohnabzüge jedoch stehen zur Qualität und +Quantität der dafür gegebenen Nahrung in keinem Verhältnis; auf einem +Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers für die +Ernährung der Sachsengänger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem +anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall täglich 17, in dem +anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewiß das Ideal der Volksernährung +repräsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengänger in +ihre Heimat zurückzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder, +wenn diese nicht zureichen, von den Erträgnissen hausindustrieller +Thätigkeit zu leben pflegen. Mädchen, die nur 200 Mk. verdient haben, +also bei größter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurücklegen konnten, +wären natürlich nicht im stande, während 18 Wochen davon zu existieren, +wenn sie nicht bei ihren Angehörigen, die sie in der Regel dafür +entschädigen müssen, ein Unterkommen fänden. Bringen sie, wie es häufig +geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit +nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten +Sachsengängerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie muß +auch während der Winterwochen, die sie so dringend nötig hat, um sich +nach der übermäßigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen, +die, wenn sie überhaupt zu finden ist, nur kärglichen Lohn abwirft. + +Nach alledem dürften es kaum die Löhne sein, die den immer wieder +behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen +können. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der +landwirtschaftlichen Thätigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber +damit erklärt und entschuldigt, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen +unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphären, und der +Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen würde. +Diese Auffassung rief auch jenes Märchen von den drallen Landmägden und +den blühenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die +Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe +sitzt. Für diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen, +hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders +wahrhaftig ist, angefangen, ihren Märchenglauben zu erschüttern. +Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist +die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen +Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders +während der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Für +das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn +alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hühnerhof und im Haus, +erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengänger repräsentieren auch nach +dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit +von früh fünf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen +zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schließt aber +natürlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht +um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergütung erfährt. Eine zwölf- bis +vierzehnstündige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz +Erträgliches erscheinen, der nicht weiß, worin sie besteht, oder sich +bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten +wir die Thätigkeit der Landarbeiterin mit nüchternen Augen, so wird sie +schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die +Arbeit der Mägde im Kuhstall, und nicht aus bloßem Uebermut gehen jetzt +schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und +dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Ställe +sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken +anstrengend und gesundheitsschädlich. Geschwüre an den Händen sind keine +Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im +Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen würde, wird nur +selten für notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren +können, der in die dunklen, stickigen Ställe tritt und sieht, wie sich +die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie +stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfängt, +während der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fährt! Auch das +Ausmisten der Ställe, das nicht immer den Knechten überlassen bleibt, +verlangt große Körperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der +gefüllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den +Mägden obliegt, ist eine noch weit widerwärtigere Arbeit; ich habe +Mädchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Ställe hineinkriechen +mußten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz +wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer +Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse. Wie bei +den vorhergehenden muß auch in diesem Fall von den wenigen +Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen +Ställen die Milchwirtschaft im großen mit Hilfe von Maschinen und +motorischen oder Pferdekräften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im +Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die +stundenlang am Butterfaß steht und den schweren Schwengel auf- und +niederbewegt, die all die vielen Gefäße täglich scheuert und putzt, die +keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf +ihr zu schwer und zu schlecht sein, von früh bis spät ist sie auf den +Beinen. Und doch ist ihre Thätigkeit noch jeder anderen vorzuziehen, +weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zuläßt. +Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder +gar der Zuckerrüben gegenüber: im glühenden Sonnenbrand oder im kalten +Herbstwind steht die Arbeiterin zwölf und mehr Stunden mit gekrümmtem +Rücken über die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der +Zuckerrübenkultur, bis über die Knöchel in den Schlamm; oder sie kniet +und hockt etwa wie beim Unkrautjäten, auf durchfeuchteter Erde. Zur +Erntezeit fällt ihr das schwere Garbenbinden regelmäßig zu, sie muß aber +auch vielfach mähen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne daß +ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre +Arbeit noch leichter, als in den Gebirgsländern. Von den abgelegensten +Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden +Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so daß ihr Rücken sich krümmt +unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Für die +ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergünstigung, wenn +sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wäldern meilenweit nach Hause +tragen können. + +Je weiter nach Osten und Süden, desto härter ist die Arbeit; die +russische Landarbeiterin muß es sich selbst gefallen lassen, den Pflug +durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne über Italien wahre +Fieberhitze ausströmt, arbeitet die Tagelöhnerin Schulter an Schulter +mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme +steckend. + +Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelöhnerin, deren +Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau +des armen Bauern oder die selbständige Besitzerin eines kleinen +Landguts. Die französische Bäuerin z.B., die tagsüber ihren Gemüsegarten +allein bearbeitete, fährt oft schon früh um drei Uhr in die Stadt, um +ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die +selbständige sowohl wie die abhängige,--verheiratet, hat sie Kinder, so +ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt für sie aufs +neue, wenn sie abends todmüde nach Hause kommt. Ist sie Tagelöhnerin +mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren +unumgänglich nötig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem +Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Für sie +giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln +oder jäten Unkraut, arme Wöchnerinnen binden Garben oder führen den +Rechen. Die früh gealterten welken Frauen mit krummem Rücken und +zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt +begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung für die +"naturgemäßen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten +die meisten schon in früher Jugend diese rasche Zerstörung vor. Die +Wanderarbeiterinnen sind zum großen Teil ganz junge Mädchen; auf +sächsischen Gütern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren +alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedürften, werden sie +den Einflüssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu ständigem gebückten +Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden +die runden Mädchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den +Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des +frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frühlingszeit auf +einen der Bahnhöfe Berlins, wo man die Sachsengänger wie das liebe Vieh +in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit +werden! + +Aber auch auf die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse treffen die +vorgefaßten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man +sich's gerne vorstellen möchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch +und Hühnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemüsen. Er produziert +nicht für den eignen Verbrauch, sondern für den Verkauf. Schon aus der +Summe, die die Sachsengänger für ihre Beköstigung anlegen, läßt sich auf +die Art derselben schließen; thatsächlich besteht sie in schwarzem +Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die +besser Gewöhnten gönnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlklöße.[759] Die +Güte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, daß sie häufig vom +Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden müssen![760] Die +kontraktlich gebundenen Tagelöhner leben kaum besser; die kleinen +Besitzer sparen, so viel sie können, am Essen. Dabei entzieht die +Ausdehnung der großen Molkereien den Landleuten in steigendem Maß ihr +wichtigstes und gesündestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher, +aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefüllte Flasche im Mund, +während Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengeführt +werden, genügt allein, um diese Zustände zu illustrieren. + +Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur +den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie +wird gut gefüttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am +schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die +Hofgängerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie übrig +läßt, das ist gewöhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter +den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge sträflicher +Genußsucht, als grimmigen Hungers. + +Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, daß die +deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in +leeren Ställen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es +vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der +Sachsengänger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten; +Musterhäuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch +die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen +großen Gütern Sachsens. Die häufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen, +ihre Abneigung gegen die gemeinsame Beköstigung wird oft zum Vorwand +genommen, dergleichen Einrichtungen für überflüssig zu erklären, während +doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die für den trostlosen +Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles +fördern sollten, was eine Arbeiterbevölkerung, die nach +hunderttausenden zählt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben +könnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den +Stumpfsinn des Sklaven für bewußte Befriedigung zu halten! + +Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefährlich +für die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem +Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat +eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine +Kammer. Diese beiden Räume werden außer von der meist kinderreichen +Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgültig ob es junge +Burschen, Mädchen mit Kindern, Krüppel, kränkliche, verdorbene, eben der +Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Häufig sind drei und vier +Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen +zusammen und sind von früh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs +ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller übrigen +Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft +alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] häufig genug teilen Hühner, +Gänse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen. +Wer solch eine Höhle betritt, prallt zurück vor dem unbeschreiblichen +Gestank, der ihr entströmt, vor dem Bild des Elends und der +Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet +vielfach auch hier, daß es die Leute nicht anders haben wollen, daß neue +Wohnungen mit gedielten Fußboden von ihnen verschmäht werden. Neben dem +tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche +Wohnungsverhältnisse gewaltsam zurückgehalten werden, ist es die Not, +die sie an sie fesselt: ihre Hühner und Gänse und Ziegen bilden einen +wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Möglichkeit sie in +strenger Winterkälte zu erhalten, außer wenn sie ihnen ihr Zimmer +öffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie +gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb +gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreußen leer stehen[767], weil ihre +Schönheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht übrigens nur einen +geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich +handelt; die westfälischen Heuer wohnen nicht besser, als die +ostpreußischen Instleute[768], die Tagelöhner wohnen sogar vielfach noch +schlechter. In Südwestdeutschland wurden z.B. ländliche Haushaltungen +mit nur einem Wohnraum gezählt[769]: + +mit 4 bis 5 Personen bewohnt 8297 +mit 6 bis 10 Personen bewohnt 4757 +mit 11 und mehr Personen bewohnt 53 + +Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort +oder einer in nächster Nähe des Brunnens, Fenster, die häufig aus +Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung +norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch +schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer +einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen +Kammern von 8 qm Grundfläche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und +im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhöhlen, 1 m in, 1 m über der Erde, +deren Grundfläche 12 qm beträgt und deren Wände und Decken aus mit Sand +und Rasen beworfenen Rundhölzern bestehen. Die Reicheren unter den +Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm groß, die anderen haben statt dessen +nur Löcher in den Wänden. In diesen Räumen wohnen Tagelöhnerfamilien mit +Schweinen, Ziegen und Hühnern zusammen. Vor den Thüren liegt der +Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun +aber nicht, daß Deutschland allein solche Vorzüge aufzuweisen hat. Im +reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhäuser als einzige Oeffnung +die Thür, die bloße Erde zum Fußboden und, um den Raum auszunutzen, die +Betten zu drei und vier übereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist +vielfach Fachwerkhäuser mit nassem Boden und feuchten Wänden auf, die +nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie +die kleinen Besitzer wohnen häufig mit dem Vieh zusammen.[775] + +Auf großen Gütern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im +allgemeinen die Mägde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre +Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein +Bett teilen müssen und ist nicht verschließbar. In ärmeren Wirtschaften +ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwürdige: in +unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen +Mägde und Knechte in oder dicht neben den Ställen. Um in ihre Kammer zu +gelangen, müssen die Mägde häufig den Schlafraum der Knechte passieren +und umgekehrt. In den Berggehöften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf +dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in +den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie +auch wohl einfach auf die Heuboden. + +Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhältnisse liegen auf der Hand. +Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs +gewöhnt, die bei den Knechten schlafenden Hütekinder werden früh in die +dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte +von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Märchen, wie die von den +gesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Landarbeiter. Nicht nur, +daß der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte +ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das +jus primae noctis zu betrügen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die +"Prüfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nämlich erwies, +daß sie zur Mutterschaft fähig ist[777], auch die wüsteste +Sittenlosigkeit wird auf dem Lande großgezogen. Die meisten Mädchen, die +Scharwerkerinnen, die Sachsengängerinnen, die Mägde kommen zuerst durch +Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts +als ein Spaß. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt +noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon +hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als +Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich +gemeinen Soldatenlieder würden allein schon ausreichen, das Gesagte zu +beweisen. Und doch wäre die ländliche Sittenlosigkeit noch nicht so +verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mägden allein +abspielte, weil die Heirat die gewöhnliche Folge zu sein pflegt; daß sie +oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption, +als die der äußeren Verhältnisse. Die Gründung des Hausstandes hängt von +den zurückgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim +besten Willen nur sein können, haben wir aus den Löhnen gesehen. Handelt +es sich um festangestellte Tagelöhner, besonders Instleute, oder das +ländliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder +Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine +Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, daß die +weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwächt wird. Weit +bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen für die Mädchen begleitet, +ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelüste ihrer Herren werden. In der +Enquete der evangelischen Pastoren über die Sittlichkeit auf dem Lande +werden die Gutshöfe "Hauptherde ländlicher Unzucht" genannt[781], und +das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Söhne und Gäste, +besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell +beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mädchen, heißt es vielfach; sie sehen +in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhängigkeit sich +leicht ihrem Willen fügen. So kommt es, daß selten ein Landmädchen als +Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, daß die Korruption der +Landbevölkerung kaum eine geringere ist, als die der städtischen. + +Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, daß +die Lage beider eine gleich schlechte, ja daß die der Landarbeiterin +vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer städtischen +Leidensgenossin, denn sie genießt keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat +in Deutschland wenigstens nicht die Möglichkeit sich durch Organisation +selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt +an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt, +wenn sie sich ihr ununterbrochenes ländliches Dasein vorstellt, ihre +Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem +freudig den Rücken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, daß es überhaupt +noch Mädchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die +Vergnügungssucht triebe sie in die Städte, so ist zweifellos viel Wahres +daran, es ist aber eine berechtigte Vergnügungssucht, denn ein unklares +Bedürfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr +aber als dies ist es der Wunsch, dem drückenden Elend und der quälenden +Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefühle aber, die zur Landflucht +den Anstoß geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter +durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des ländlichen +Proletariats in sich. Auch die ostelbische ländliche Arbeitsverfassung, +die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevölkerung +zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschüttert; selbst die Instleute +opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persönlichen +Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewußtsein läßt eine +rapide zunehmende Zahl ländlicher Arbeiter der Arbeit außerhalb ihrer +eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedürfnis der von der +einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei +entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer +Weise bevorzugt, weil sie für fleißiger, sparsamer und bescheidener +gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand für Unterbringung und +Ernährung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche +Verantwortung fortfällt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, daß die +Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb +des ländlichen Proletariats dadurch gefördert haben, ebenso wie jeder +Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Großbetrieb ausweitet, dem +Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je +mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto +leichter wird es auch möglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu +schützen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die +Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel, +sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer +elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einführung +der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind, +werden trotz ihrer momentan grade für die Arbeiter sehr empfindlichen +Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmälert z.B. ihren Verdienst um ein +Bedeutendes[787],--die Lage der ländlichen Arbeiter schließlich +wesentlich umwandeln und verbessern. Für die Frauenarbeit kommen dabei +vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in +Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mägden eine der +unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von +innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine +durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr +Bahn bricht, daß die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in +einer Lage befinden, die geeignet ist, die körperliche und sittliche +Gesundheit des Volks bedenklich zu gefährden, und daß es Märchen, und +nichts als Märchen sind, die man geflissentlich über sie verbreitete, +und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betäuben. + + +Der häusliche und der persönliche Dienst. + +Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung +zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den häuslichen +Dienstboten, einschließlich der außer dem Hause der Arbeitgeber +wohnenden, den Wäscherinnen und Plätterinnen, den Kellnerinnen und den +sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr +gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewöhnlichen Sinn des Wortes +sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen +nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel +produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der +Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das +Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern +ließe, ein sehr unzureichendes. Den Wäschereien und ihren Arbeiterinnen +wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Großbetrieben sich +entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten. +Zögernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende +Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den häuslichen Dienstboten ging +man so gut wie achtlos vorüber. Nicht nur, daß man nicht wagte, den +Schleier zu heben, der über ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten, +wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der +Feudalzeit würdig wären, dachte man selbst in den Jahren lebhafter +sozialer Gesetzesthätigkeit nicht im entferntesten daran, diese +Millionen Menschen aus dem drückenden Joch zu befreien. Auch das +Bürgerliche Gesetzbuch für das deutsche Reich, welches das Recht des 20. +Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverändert bestehen lassen. +Der Kultus der Familie hat die häuslichen Dienstboten mit einer +chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute für strafbar +gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt +und so dicht vor Augen geführt wurde, daß selbst die Kurzsichtigsten es +sehen mußten, wagte man es schüchtern und vorsichtig, eine kleine +Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um +das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den häuslichen +Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln +versuchen, so hieße das die Mauer umreißen und der Oeffentlichkeit in +die eigenen Familienverhältnisse Zutritt gewähren. Selbst freisinnige +Geister, die den Zuständen der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken +wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden +reaktionär, sobald die Dienstbotenfrage berührt wird. "_My house is my +castle_" heißt es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen +Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer +Erkenntnis. + +Obwohl die Lage der häuslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein +sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie +täglich vor Augen sehen, hat die einschläfernde Macht der Gewohnheit bis +jetzt die aufklärende Gewalt persönlicher Erfahrung zu unterdrücken +gewußt. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeußerungen über die +Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen +Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage +erscheint dem weitaus größten Teil derer, die sie in den Mund nehmen, +nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der +Dienstboten abzuhelfen ist. Daß sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und +wie sie behandelt werden muß, daß der große Strom der Entwicklung, der +in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern +des bürgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen +Grundpfeilern erschüttert,--und der häusliche Dienst ist solch ein +Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fängt erst jetzt an zu dämmern, wo die +Dienstboten selbst anfangen, zum Bewußtsein ihrer Lage zu kommen. Nun +entdeckt man gleichsam in der uns täglich umgebenden eine neue +unbekannte Welt und fängt an, zu begreifen, daß ein Leben noch kein +menschenwürdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner +bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen. + +Die große Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die +einzelnen Länder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es +besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren +z.B. in Deutschland die Löhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der +Durchschnittssatz dürfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise +sind es die Kindermädchen, die den niedrigsten, die Köchinnen, die den +höchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der +Kinderstube und der Küche liegen soll?! Was thatsächlich damit +ausgedrückt wird, ist die Anforderung, die man an Köchin und +Kindermädchen stellt: während die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem +Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben muß, wird von dem +gewöhnlichen Kindermädchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule +entwachsen, hält man es für fähig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die +nächste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mädchen für Alles" ein, +das Kinder-, Stubenmädchen und Köchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt +sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmädchen, das die +Zimmer zu reinigen, das Küchenmädchen, das abzuwaschen und der Köchin zu +helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfräuleins oder +Kindergärtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmädchen und +Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten höher entlohnt zu werden. +Einen höheren Lohn erreicht das feine Stubenmädchen, das gewöhnlich die +Plätterei und Näherei verstehen muß, und die Jungfer, der die +persönliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie +zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75 +Mk. im Monat. Die Köchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie +gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der +Mehrzahl deutscher, bürgerlicher Haushaltungen dürfte sie zwischen 18 +und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in großen +Häusern oder auf Landgütern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von +Küche und Vorratsraum in Händen hat und die Amme, die an Stelle der +Mutter den Säugling ernährt. + +Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die höchsten Löhne in +Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmädchen umfaßt, kommt +zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach: + + 21 Mädchen oder 4,7 Proz. einen Jahreslohn von 100-150 Mk. +152 " " 33,9 " " " " 150-200 " +179 " " 39,9 " " " " 200-250 " + 56 " " 12,5 " " " " 250-300 " + 41 " " 9,0 " " " " 300 u. mehr " + +Die Mädchen für Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 % +von ihnen haben weniger als 200 Mk. jährliches Einkommen. Die Köchinnen +erreichen die höchsten Lohnsätze, die außerdem bei ihnen niemals unter +150 und selten unter 200 Mk. herabsinken. + +In England, für das eine offizielle Untersuchung über Dienstbotenlöhne +vorliegt[789], sind die Verhältnisse ganz ähnliche, obwohl die Löhne +eine größere Höhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn +englischer Dienstmädchen beträgt 15,10 £, in Schottland steigt er auf +17,12 £, in London auf 18,2 £, während er in dem armen Irland auf 12 bis +14 £ fällt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule +entwachsenen Kindermädchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis +6 £ begnügen müssen.[790] Die Stufenleiter ist im übrigen folgende:[791] + +Mädchen für Alles erhalten einen Jahreslohn von 6-17 £ +Küchenmädchen " " " " 5-21 " +Einfache Hausmädchen " " " " 7-24 " +Stubenmädchen " " " " 14-24 " +Köchinnen " " " " 11-28 " +Kinderwärterinnen " " " " 6-30 " +Kammerjungfern " " " " 19-30 " +Wirtschafterinnen " " " " 34-52 " + +Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es +notwendig, auch die Durchschnittslöhne festzustellen, die aus der +Untersuchung der Lohnverhältnisse von 5338 weiblichen Dienstboten +gewonnen wurden. Sie betrugen für + +Mädchen für Alles 16 £ +Kinderwärterinnen 16 " +Hausmädchen 16 " +Stubenmädchen 20 " +Köchinnen 20 " +Kammerjungfern 24 " +Wirtschafterinnen 34 " + +Das Kindermädchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter +der Köchin. Noch drastischer tritt dieses Verhältnis in Frankreich, der +Hochburg kulinarischer Genüsse hervor, wo die Löhne der Köchinnen +zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darüber schwanken, während +Kindermädchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40 +zu bekommen pflegen. Ungewöhnlich hoch sind hier die Löhne der Ammen, +die häufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Löhne, im +Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten +gezahlt. Nach einer Enquete beträgt der durchschnittliche Lohn der +Dienstmädchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 % +ebensoviel oder weniger, so daß sich daraus ein Jahreseinkommen von +durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mädchen für +alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $ +wöchentlich,--und die Köchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am +besten stehen.[792] + +Nach alledem scheint festzustehen, daß nicht die Quantität, sondern die +Qualität der geleisteten Arbeit am höchsten bezahlt wird, und zwar ist +die Ursache davon nicht die, daß die Nachfrage nach der qualitativen +Leistungsfähigkeit absolut eine besonders starke ist,--könnte man es +zahlenmäßig nachweisen, so würden zweifellos die Mädchen für Alles als +die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhältnis zum +Angebot gelernter Arbeiterinnen überall hoch erscheint, und von den +zahlungsfähigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Gründen sind die Löhne +der männlichen Dienstboten unverhältnismäßig höher als die der +weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr dürfte kaum ein deutscher Diener, +unter 38 £ kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch +verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat +durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 £. + +Als Ergänzung des Lohns kann das Trinkgeld und das häufig im Geldwert +bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden. +In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele +Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine +oft respektable Höhe. So ist mir bekannt, daß ein Stubenmädchen in der +Familie eines höheren Offiziers, das den geladenen Gästen beim Aus- und +Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk. +einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem +Maße das Odium des Entehrenden an, weil es thatsächlich nur als +Belohnung für außergewöhnliche Dienste auftritt und die Höhe des Lohns +durch die Aussicht darauf nicht beeinflußt wird. Anders steht es, soweit +die Stubenmädchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie +werden in den weitaus meisten Fällen mit einem sehr geringen Lohn +angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Für ihre +harte Arbeit müssen sie auch noch in der beschämenden Haltung der +Bittenden vor die Fremden hintreten, müssen ihnen, wie die Strauchritter +am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres +guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen +entgegennehmen, an das noch dazu häufig genug beleidigende Anforderungen +geknüpft werden. + +In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Höhe des +Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip läßt +sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint +fast als müßte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein, +weil sie nicht selbst für Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird +stets außer acht gelassen, daß allein an die Kleidung des Dienstmädchens +ganz andere Ansprüche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin, +und daß gerade bei der häuslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur +in reichen Häusern Englands und Frankreichs, sehr selten in +Deutschland,--wo man sich auf das weiße Häubchen als Abzeichen der +Dienstbarkeit beschränkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art +Uniform ist, den Dienstmädchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist +müssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch +schmaler werden läßt. In sehr vielen Fällen aber haben sie von ihrem +Lohn alte Eltern und Geschwister zu unterstützen. Wie oft sind mir +Mädchen begegnet, die über die Hälfte ihres Geldes nach Hause schickten. +Noch häufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernähren, +wofür sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben müssen--meist den +größten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglücklichen sind die +Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und +peinigen, sie halten überall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wäre die +Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie können keine Ersparnisse +machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange +der müde Rücken es aushält, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein +verbrauchtes Hausgerät. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die für +niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drücken +kann: die Dienstvermittlungsgebühren. + +Die Dienstvermittlung ruht fast ausschließlich in den Händen privater +Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preußen gab es hier allein +5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft +waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Händen das Los der +Dienstmädchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre möglichste +Ausbeutung liegt natürlich im Interesse der Vermittler und so müssen die +Dienstmädchen für jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in +Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt, +oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die großstädtischen +Dienstmädchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen +dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes würdig wären. In Wien +allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus +eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mädchen zu tragen +haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr häufig nehmen die +Vermittlerinnen sie während der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und +Wohnung; sie üben dadurch, daß sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der +Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es +überdies in der Hand, die Mädchen möglichst lange bei sich festzuhalten. +Die unerfahrenen Mädchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets +ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen, +durch Schmeicheleien und wohl auch durch häusliche Feste,--wobei die +Mädchen natürlich die Zeche bezahlen müssen,--an sich zu fesseln, so ist +das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in +das Wartezimmer einer großstädtischen Vermieterin enthüllt +für den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des +Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrängt die Mädchen, vor ihnen die +feilschenden "Gnädigen" mit prüfenden Blicken und Fragen, die eines +Untersuchungsrichters würdig wären,--ein Sklavenmarkt mit all seinen +Schrecken! Jedes deutsche und österreichische Mädchen hat überdies noch +ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren +ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthält, die alles vermuten +und erraten lassen. Wagt es das Dienstmädchen seinerseits nach den +Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es für frech +und unverschämt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat, +zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhör +nimmt. + +Und was wartet seiner? + +Zur Entlohnung der häuslichen Dienstboten gehört, außer dem Lohn, +Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein +üblich; die vollständige Abhängigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in +der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch +zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfährt sie +Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen +Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo +mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie +ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen +können.[794] Daß es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender +Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in +Süddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten +in den Mietshäusern immer im obersten Stockwerk. Sehr häufig sind sie +nicht zu heizen, so daß die Kälte im Winter sehr empfindlich ist, aber +noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glühenden +Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Nötigste zu fassen vermag, +hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmädchen zusammen. Thür an Thür +führt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung, +Mädchen und Männer, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben +nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsräume noch als gute zu +bezeichnen im Vergleich mit denen, die der größten Mehrzahl der +weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Städten geboten werden. Die +Hängeböden sind hierfür besonders charakteristisch. Man versteht +darunter Räume, die auf halber Höhe über dem Badezimmer, dem Kloset, dem +Flur oder einem Küchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur +mittelst einer Leiter oder einer steilen Hühnerstiege zu erreichen sind. +Meist sind sie so niedrig, daß ein normal gewachsener Mensch nicht +aufrecht darin stehen kann, und so klein, daß neben dem Bett kaum Platz +genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natürlich +stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenständen gerechnet, die nach der +Küche oder dem Flur hinausmündende Thür ist dann das einzige +Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft führt der Kamin der +Küche direkt daran entlang, so daß eine unerträgliche Hitze sich der +schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine förmliche +Brutstätte hier findet. Noch häufiger liegt Badezimmer und Kloset unter +dem Hängeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphäre erfüllt. +Einen solchen Wohnraum für Dienstmädchen habe ich in einem der +vornehmsten Häuser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen +kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst für kleine Menschen zu niedrig +war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklärte stolz, daß er +geräumig genug sei, um zwei Mädchen zu beherbergen! Natürlich besaß sie +einen Salon, der nur für Gesellschaftszwecke geöffnet wurde und ein +Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des +Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten +Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmädchen, das während der +Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner +zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug. +Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhältnisse kommen zu +denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder +Dachkammern, Kellerräume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich +zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen +Expertinnen als ihre Schlafräume angegeben, und zwar sind es nicht +weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn +24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so +entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmädchen nur 93 diesen +Anforderungen; etwa die Hälfte sind in Bezug auf die sanitären +Bedingungen ihrer Wohnung ungünstiger daran als die Gefangenen in +preußischen Zuchthäusern.[795] + +In einigen Städten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende +Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen +gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden +Hängeböden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hängeböden, außer +von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Höhe und bestimmtem +Luftraum untersagt. Natürlich steht all dergleichen fast nur auf dem +Papier, denn die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten sind nicht etwa +nur der Ausfluß ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge +der allgemeinen ökonomischen Verhältnisse. Mit den gesteigerten +Lebensansprüchen haben die Einnahmen des weitaus größten Teils der +Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie +reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr +aus. Infolgedessen wird überall dort gespart, wo das Auge des Fremden +nicht hindringen kann, und die großstädtischen Wohnungen sind der +Ausdruck dieser Entwicklung: das Eßzimmer, der Salon sind geräumig und +glänzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel, +der Raum für das Dienstmädchen ist eine Art Höhle. Wer weiß, in welchem +Maße von der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins das Ansehen, der +Kredit, ja die Existenz der Familien abhängt, wer dabei die furchtbare +Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu überwinden nur Auserwählten +gelingt, der wird sich auch sagen müssen, daß die Wohnungsmisère der +Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten +beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen +Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hängeböden tritt nämlich +nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein +schwer zu öffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer +erhellt, aufweist und ebenso wie die Hängeböden, nicht Raum genug +bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstände +unterzubringen. In den seltensten Fällen, in Privathäusern, bei reichen +oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmädchen ein Zimmer, in das es +sich abends, nach der Arbeit, gern zurückzieht, wo es aufatmen, sich +selbständig und unbeaufsichtigt fühlen kann. Wohnräume für Dienstboten, +wo ihre Freunde sie besuchen können, gehören auf dem Kontinent zu den +größten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Häusern zu finden sind. +Die Küche ist fast immer ihr Wohn-, Eß- und Empfangszimmer. + +Wie der Lohn, so ist die Beköstigung der Dienstboten die +verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualität, als was die Art der +Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Länder, die über +eine Schar dienstbarer Geister verfügen, ist es üblich, daß für sie +extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an +gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des +"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist für die Herstellung +der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht +gerade schlecht zu sein; um so erträglicher ist die Ernährung, als sie +mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer +eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begünstigten +die Masse der Mädchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mäßig +begüterten Bürger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein +völlig verändertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger +zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die +Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten +des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause muß +sie in der Küche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel +des Tisches, der notdürftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden. +Sehr häufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre +Quantität betrifft: das Mädchen darf sich nicht nach Gefallen satt +essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In +Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders +geformte tiefe Teller, ähnlich den Näpfen, in denen man den Haushunden +das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin +zusammengeworfen. Man hält es vielfach für selbstverständlich, daß das +schwer arbeitende junge Dienstmädchen durch das geringste Maß an Kost, +durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein muß: eine Tasse dünnen +Kaffees mit einer dünn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter +Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewärmtem +Kaffee--darin besteht nur zu oft die tägliche Nahrung. Trotzdem wird das +Los des Dienstmädchens gegenüber dem der Fabrikarbeiterin als ein +glänzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost +betrifft häufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost +durch einen bestimmten Geldbetrag abzulösen; in Deutschland, England und +Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld üblich, das in +Deutschland kaum über 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15 +bis 25 frs. erreicht. In großen englischen Haushaltungen wird manchmal +für die ganze Beköstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die +für Mädchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. täglich zu betragen pflegt. Für das +Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese +Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbständigung der +Dienstboten, sie entspringen aber zunächst der Bequemlichkeit der +Herrschaften, die sich dadurch einer lästigen Kontrolle enthoben fühlen +und der gefürchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben. +Thatsächlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das +Dienstmädchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt, +das legt sie am liebsten zurück, oder giebt es für etwas anderes aus, +als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernährung veranlaßt, +indem sie von ihrem ersten Frühstück oder ihrem Mittagbrot noch etwas +zum Abend sich aufspart, oder sie ißt trotzdem aus der Speisekammer der +Herrschaft. Es heißt auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei +einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mädchen, das unsere Wohnung +und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von +unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der +einen Seite, soweit es den Herrschenden nämlich zum Vorteil gereicht, +durchaus aufrecht erhalten will, läßt sich auf der anderen nicht +willkürlich durchbrechen. Nur das Gewähren von Geld als Ersatz für +alkoholische Getränke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den +notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehören und man dadurch,--eine +Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem +Genuß entgegenwirkt. + +Während Löhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen +aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist, +darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im +allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des +Sklaventums, daß der Herr die Person des Sklaven, seine ganze +Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das +Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen, +wenn auch den allergrößten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote +verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu +folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmäßigkeit. "Mit welchem +Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart +auf die ungemessenen Fronden früherer Jahrhunderte zurück, ohne zu +bedenken, daß sie zu ihren Dienstboten in einem ganz ähnlichen +Rechtsverhältnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags +darin erblickt, daß der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft für +eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfügung stellt, so +haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24 +Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begüterten oder minder begüterten +Familien ändert sich nur die Intensität der Arbeit; die Arbeitszeit, die +sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhängigkeit vom Willen +anderer und der der freien Verfügung über die eigene Person kennzeichnen +läßt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der höchste Grad +der Arbeitsintensität findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den +Kindermädchen und den Mädchen für Alles. Die Mutter erfreut sich der +ungestörten Nachtruhe, das Kindermädchen aber opfert ihrem Sprößling die +ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder für das Kind +beschäftigt, denn während es schläft, wird die Kinderwäsche gewaschen, +gebügelt, geflickt; während es wacht, wird es genährt, angekleidet, +unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der +gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsüberlastung dadurch vielfach +aufgewogen, daß das Kindermädchen sich stundenlang mit ihrem Schützling +in frischer Luft aufhalten muß, aber der Zwang, die Kinder tragen zu +müssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrücksichten auf sie ist er +besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder +in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mädchen sind dadurch +allen Gefahren der Rückgratsverkrümmungen und Unterleibsleiden +ausgesetzt. Können die Kinder laufen, so ist die körperliche Anstrengung +zwar geringer, die der Nerven aber um so größer. Ununterbrochen Kinder +zu hüten, gehört thatsächlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint, +die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermädchens für ein wahres +Faulenzerleben zu erklären, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mütter +aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich +haben, können trotzdem nicht genug über die Roheit und Schlechtigkeit +der Kindermädchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie +meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer, +dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensität der Mädchen +für Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die +an sie gestellt werden, oft unerfüllbare: Kochen und einkaufen, waschen +und plätten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nähen und flicken, die +Familie bedienen, den Gästen aufwarten,--das alles und noch mehr ist +ihre Aufgabe. Von früh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefüllt; oft +muß sie bis ein, zwei Uhr und länger thätig sein, weil Gesellschaft im +Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil für die +schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frühstück zur +gewöhnlichen Zeit bereit stehen muß. Spät in der Nacht hat sie wohl auch +die gnädige Frau oder das gnädige Fräulein vom Ball oder vom Theater +heimzuholen. Niemandem fällt es ein, welchen Gefahren ein junges Mädchen +bei weiten nächtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am +wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber +dem armen Ding, wenn es Müdigkeit oder Mißmut fühlen läßt; auch die +gleichmäßige gute Laune gehört zu den ausbedungenen Pflichten eines +Dienstmädchens. Die Arbeitszeit der Köchin ist vielfach weniger +ausgefüllt als die des Mädchens für Alles; auf sie dürfte im allgemeinen +zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthausköchinnen +ergeben hat, die während vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich +zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert, +sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen +verursacht Krampfadern und geschwollene Füße, das Einatmen der +Speisenausdünstungen bewirkt Magenstörungen, die oft chronisch werden, +das beständige Hantieren am glühenden Herd zerrüttet die Nerven. Die +Klagen über launenhafte cholerische Köchinnen, denen es doch "so gut" +geht, sind nur allzu bekannt! + +Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist +ihre Nachtruhe oft mehr beeinträchtigt als die des Kindermädchens. In +der Zeit der geselligen Hochflut, die für viele Damen der großen Welt, +deren Leben sich zwischen der Großstadt und den Modebädern abspielt, nur +durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine +ausreichende und ungestörte Nachtruhe. Was es aber für ein junges +Mädchen heißt, ihre oft viel ältere Herrin Tag für Tag in glänzender +Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, während es, das +junge, hübsche, lebenslustige Mädchen, zu gleicher Zeit allein in seiner +Kammer sitzen und bei trübem Lampenlicht allnächtlich auf die Heimkehr +der "Gnädigen" warten muß,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird +denn auch die Gefühle eines Dienstmädchens mit demselben Maße messen, +wie die eigenen! + +Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmädchen in den +Hotels, in Pensionen. Um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird +so wenig als möglich Personal angestellt. Es kommt vor, daß ein Mädchen +die Bedienung von 30 bis 40 Gästen, die Instandhaltung von 20 bis 25 +Zimmern zu übernehmen hat.[798] Die Nachtruhe währt oft kaum fünf bis +sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und +nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine +Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden dürfte kaum zu den +Ausnahmen gehören.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner +Dienstbotenverhältnisse bestätigt nur alle unsere Angaben. Von 547 +Mädchen arbeitet die Hälfte,--51,5%,--länger als 16 Stunden täglich. Die +andere Hälfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12 +Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mädchen +für Alles, die am längsten arbeiten müssen; für 59% dauert der +Arbeitstag über 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen +Verhältnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der +Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer +Berechnung,--ob nämlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage +diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild +hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmädchen sollen 10 +Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thätig +sein.[801] + +Die freie Zeit der Dienstmädchen beschränkt sich in Deutschland, +Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei +Wochen. Für Berlin hat sich herausgestellt, daß 69% der Dienstmädchen +innerhalb eines halben Monats nur fünf bis sechs Stunden für sich +haben.[802] Denn der vierzehntägige Ausgang schrumpft noch +außerordentlich zusammen, weil das Mädchen erst nach beendeter Arbeit +fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurück sein muß. Nur +selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewährt, in der es +seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in +Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Häuser, wo die +Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen übernommen werden +kann, ohne daß es die Bequemlichkeit der Herrschaft stört. In den +begüterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, daß jeder halbe +Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den +Dienstboten freigegeben wird, häufig bekommen sie sogar vierzehn Tage +Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der +Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen +Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des +freien Abends in der Woche nach und nach eingebürgert.[803] Auf dem +Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmädchen als eine +unerhörte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rückgangs alter Zucht +und Ordnung" angesehen. Daß das Dienstmädchen Zeit für sich braucht, +wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, daß es ein Bedürfnis +nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben +könnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am +wenigsten denen, die selbst im Winter fast täglich in Gesellschaften +gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fällt ihnen +aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmädchen zu erhöhen, wenn sie +sehen, daß die überlange Arbeitszeit sie nötigt, ihre Kleidung von +Lohnarbeiterinnen ändern und herstellen zu lassen. + +Die Folgen der niedrigen Löhne, der schlechten Wohnung und ungenügenden +Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind +in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren +Dienstmädchen nicht scharf genug rügen können. So wurde von jeher +darüber geklagt, daß die Dienstmädchen die Herrschaften dadurch +übervorteilen, daß sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, daß +sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese +alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhöhen, wird heute von den +Dienstboten und den Verkäufern als ein selbstverständliches Recht +angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmädchen für jeden Einkauf vom +Händler einen Sou (fünf Centimes) für den bezahlten Franc. In +Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt +also in seinem Interesse, die Herrschaft zu möglichst vielen Ausgaben zu +veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist +demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so +doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und +Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel +eines eigenen Zimmers, durch den jedes persönliche Leben unmöglich +gemacht wird, führt andererseits dazu, daß die Dienstmädchen sich nicht +heimisch fühlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts +der Hängeböden von ihnen zu verlangen. Die Unmöglichkeit, mit +seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der ständigen Kontrolle auch der +wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mädchen auf die Straße, +in den Grünkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen +jammern dann über ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit, +Faulheit und Liederlichkeit". + +Das gilt besonders für jene Mädchen für Alles, die keine Gefährtin im +Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mädchens, dessen Sehnsucht nach +dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit +zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem +Verderben in die Arme treibt, haben die Brüder Goncourt mit vollendeter +Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch +darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch +Wohlwollen auf der einen und Anhänglichkeit auf der anderen Seite nicht +überbrücken läßt.[805] Selbst der Versuch, den gutmütige, aber +unverständige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mädchen zur Familie +heranziehen, es womöglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit +ihnen am selben Platz nähen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz für +den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere +geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in +unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt. +Zieht nun aber solch ein Mädchen den Küchenwinkel dem Platz am +Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht +darin den Beweis dafür, daß die Dienstboten sich gar nicht aus der +Einöde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen +jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbürdung +und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel +bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit, +Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt +deprimierender als das graue Einerlei unaufhörlicher Werkeltage und die +Unmöglichkeit, sich selbst zu gehören. Aber noch ein Resultat rufen +diese Zustände zusammen hervor, das für den Charakter der Herren wie der +Diener gleich schädlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die +antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte +ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenüber. +Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfügen über kein anderes +Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter +hintergehen und belügen, das Dienstmädchen, das im Grünkramkeller mit +ihren Freundinnen zusammentrifft, muß für ihr langes Ausbleiben nach +einer anderen Ausrede suchen; heimlich verläßt sie abends das Haus, will +sie sich amüsieren, heimlich empfängt sie ihre Besuche; ihre, durch die +äußeren Verhältnisse großgezogenen Untugenden sind wieder die Ursache +jenes tiefgewurzelten Mißtrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie +wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und +Lüge. Sie beleidigen dadurch unaufhörlich das Ehrgefühl der +Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen +Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave +Mirbeaus Kammerjungfer Célestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn +sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn! +Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in +der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an +Korruption, an rebellischen, von Haß erzeugten Gefühlen in sich +schließt.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle +Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer +Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und +leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen +einem vorübergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der +Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von kränkendem Mißtrauen +verfolgt, das die Thüren, die Schränke, die Schlösser vor uns +verschließt und das ohne Aufhören über unsere Hände, in unsere Taschen, +unsere Koffer die Schmach spürender Blicke gleiten läßt.... Und dann die +Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritäten, +alles Lächelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen +unübersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrücktem Haß und +quälendem Neid auftürmt." + +Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenüber, als in der +Häuslichkeit. Es gehört der ganze Stumpfsinn niedergedrückter, von der +frischen Luft der neuen Zeit künstlich abgeschlossener Volksschichten +dazu, um es erklärlich zu machen, daß die Dienstboten angesichts dieser +krassen Gegensätze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer +großen Mehrzahl nach aus sozial und ökonomisch tief stehenden Schichten +der Bevölkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berührt +wurden. Der Stadt gehen sie mit der größten Erwartung entgegen, in ihr +atmen sie, im Vergleich zu den Verhältnissen, denen sie auf dem Lande +meist entronnen sind, Freiheitsluft und fügen sich daher ohne Murren in +harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen +Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmädchen[807], und in einem Jahr, +1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren +Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von außerhalb.[809] In Amerika +sind die meisten Dienstmädchen arme Ausländerinnen, deren Ansprüche weit +geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England +bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mädchen,--eine +Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu +schämen haben, denn überall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als +Lohndrücker auf. Dazu kommt ferner, daß die sozialen Schichten, aus +denen die Dienstmädchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner +Dienstmädchen z.B. stammen ab von[810] + +Handwerkern 27 Proz. +Arbeitern 24 " +Kleinen Landwirten 17 " +Kleinen Beamten 12 " +Anderen Gewerbetreibenden 7 " +Ungenau 13 " + +Die große Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder +angeben konnten, findet darin ihre Erklärung, daß es gerade unter den +Dienstmädchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von +früh an im Dienst fremder Leute herumgestoßen werden.[811] Die meisten +von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr früh. Von den österreichischen +Dienstmädchen waren nach der letzten Zählung 28 % 11 bis 20 Jahre +alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmädchen +gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18 +Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt +zu haben, die Außenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von früh an +vor der Berührung mit ihr sorgfältig abgeschlossen. Nicht nur, daß sie +ihre besten Jahre der härtesten Fron opfern und durch sie verbraucht +werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und +Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen +zusammenzuschließen.[814] Aus all diesen Gründen sind sie so rückständig +und fangen erst langsam an, das Unerträgliche ihrer Lage zu empfinden. +Nicht auf den äußeren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht +es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen +lassen müssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausübung der +schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall kühle +Gleichgültigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit +unserer Freude, sie sollen Rücksicht nehmen auf unsere Nerven, uns +pflegen, wenn wir krank sind,--daß auch ihr Leben Schmerz und Freude +kennt, daß auch sie Nerven haben und krank sein können, das fällt den +guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie +über Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie +beklagen sich bitter über die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer +Mädchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß solch ein +armes Geschöpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die dürftigsten +Verhältnisse und nun plötzlich den bürgerlichen Haushalt und die +bürgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie +viele Hausfrauen zeigen ihren Mädchen niemals ein freundliches Gesicht; +keine Bitte, kein Dank kommt über ihre Lippen, Scheltworte statt dessen +um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thätlichkeiten fehlt es nicht, wie +zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das +Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen +gegenüber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den +Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den +großen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmädchen das Opfer der +Begierden der früh verdorbenen Söhne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau +begegnet, die das Verhältnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmädchen mit +der Begründung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die +Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fällen die +Verführer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen, +wie die Fabrikanten und Geschäftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die +Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in +die humoristische Presse. Sie beschäftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit +den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rücken der Gattin mit den +Dienstmädchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Münchener Fliegenden +Blätter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder +frivol, wie die stärker auftragenden französischen Journale. + +Die größten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmädchen in den Hotels +und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu +den persönlichen Diensten, die für ein Trinkgeld geleistet werden +müssen, die Befriedigung ihrer Lüste oft wie etwas Selbstverständliches +zählt, übersteigt häufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen +Vergewaltigung.[815] Nun wäre es freilich übertrieben, die große Zahl +unverheirateter Mütter unter den Dienstmädchen,--in Berlin haben 33 % +aller unehelichen Kinder Dienstmädchen zu Müttern,--allein auf die +Verführung ihrer Herren und deren Söhne zurückzuführen. Die Ursache +davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprünglichen Liederlichkeit +der Mädchen, über die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in +den Verhältnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen +mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anständigen +Raum dafür, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so +empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und +verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthält, als +das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht +mehr zu fürchten sind, auf nächtliche Vergnügungen. Haben sie nicht etwa +dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die +Töchter ihrer Gnädigen? Die bürgerliche Gesellschaft treibt sie zum +Fall; es gehört große sittliche Festigkeit dazu, unberührt zu bleiben, +die von den Mädchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der +Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem +Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten +Dienstmädchen kehren aus den Städten mit einem Kinde aufs Land +zurück.[816] Sehr viele fallen schließlich der Prostitution in die Arme. +So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, daß von 100 +Prostituierten 36 ehemalige Dienstmädchen waren[817], eine amerikanische +Berechnung zählt sogar 47 auf 100.[818] + +Aber noch andere indirekte Einflüsse kommen hinzu, um die weiblichen +Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit +Recht, daß vor seinem Bedienten der Größte klein wird; das heißt mit +anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille, +keiner wird so vertraut mit den häßlichen, gemeinen, niedrigen +Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch +wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte +unberührt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und +Verschwendungssucht, Frivolität und Liederlichkeit, daneben oft die +ganze Verlogenheit äußeren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken +soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man müßte ein gereifter, +moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphäre rein +hervorzugehen, nicht aber ein junges Mädchen, das aus dem Dunkel kommt +und geblendet wird von all dem gleißenden Schein. "Der Dienstbote ist +kein normales Wesen mehr", sagt Célestine[819], "... er gehört nicht +mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in +deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und +die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der +Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Möglichkeit zu haben, sie +zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese +anständige bürgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache, +daß er den tödlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet +hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur völligen Aufgabe +seiner Persönlichkeit." Wie sehr rügen die braven Bürgerfrauen die +Putzsucht ihrer Dienstmädchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu +thun; als ob sie selbst nicht häufig genug durch ihren Luxus und ihre +Sucht, die reiche Nachbarin womöglich in der Kleiderpracht noch zu +übertreffen, den Ruin der Familie herbeiführen helfen. Wie kommen sie +dazu, von ihrem armen Dienstmädchen mehr Bescheidenheit und +Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich +selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler, +sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmädchen: sie härmen sich mehr +an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen häufig +innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrückt; sie +verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit größerem Interesse +unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach +mit größter, gradezu mütterlicher Sorgfalt.[820] Statt daß ihre +Klatschsucht Empörung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr +über ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten +Diener, den ich veranlaßte, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er +hatte schon viele Seiten gefüllt, da zerriß er sein Manuskript, aus +Angst, nach seiner Veröffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen. +Selbst die Anonymität, glaubte er, könne ihn nicht schützen. Wenn der +Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos öffnen kann, so wird die +Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hören müssen. Ein Mensch +mit niedriger kriechender Gesinnung wird verächtlich eine Bedientennatur +genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstärke gegenüber Höherstehenden +wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der +Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche +Zeichen dafür, daß das beschämende Bewußtsein des eigenen physischen und +seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den +entehrenden Ketten zu rütteln beginnen. + +Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends, +das die bürgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter +nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glühende Ansprachen +an die Mütter sind längst verhallt, beinahe zu einer litterarischen +Merkwürdigkeit geworden; die Degeneration der bürgerlichen Gesellschaft +hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brüste ihrer Mütter sind +immer häufiger leer, teils, weil die Sünden der Vorfahren sich an ihnen +rächen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer +Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergnügungssucht und +Eitelkeit stärker als das Bewußtsein der Mutterpflichten, und statt dem +Kinde zu geben, was die gütige Natur für es geschaffen hat, wird ein +Ersatz dafür gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der +Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernährung fremder Kinder +mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden! +Dieselbe Gesellschaft, die verächtlich auf ein gefallenes Mädchen +herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt, +züchtet künstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet +das einfachste Ehrgefühl, zerstört die Familien, denen sie die Mütter +entreißt, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig +gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten +Sprößlingen. Der ganze Spreewald Preußens lebt von dem Verdienste der +Ammen; häufig gehen die Mädchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach, +bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder +bis ihre Gebärfähigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne wählt seine Frau +je nach der Fähigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine +Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem +eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womöglich zu +versaufen und zu verprassen.[821] Die kräftige Nahrung, die oft kostbare +Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewährt wird,--nicht aus +Mitleid und Dankbarkeit natürlich, sondern nur aus Rücksicht auf den +Säugling,--bietet keinen Ersatz für das unendliche Elend, die um sich +fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe +dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen +nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nähren, die +Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepäppelt wurde, +wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich +gestalten, wenn ihre Mutter sie genährt hat, nachdem sie früher +ahnungslos ein syphilitisches Bürgerkind an ihren gesunden Brüsten groß +zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das +das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht überträgt die lebendige +Nährmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene +Mütter währenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brüste beim +strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der +Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben. + +Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der +jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch über sie +unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen +gesunden Gefühls und kräftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, daß +diese Not ständig zunimmt. Nach einem Bericht der städtischen +Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein läßt, +ihre Zöglinge für den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten, +waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6 +Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden, +sie hatten die persönliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und +Not erkauft werden muß, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die +Allüren des Herrentums annimmt, vorgezogen. + +Für viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend +der Fabrikarbeiterin hören, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not +zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmädchen! +Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte +Ernährung der Arbeiterfamilie wird darauf zurückgeführt, daß die Frauen +nicht vor der Ehe Dienstmädchen waren, und es giebt Leute genug, die +nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu nützen glauben, +wenn sie für die jungen Mädchen eine Art Dienstzwang einführen möchten. + +Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600 +Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen, +warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafür +übereinstimmend folgende Gründe an: 1) Mangel an Freiheit und +unaufhörliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das +Unterthänigkeitsverhältnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kränkende +Behandlung besonders von seiten der Herren und Söhne des Hauses. 5) Kein +eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine +Möglichkeit, Freunde zu empfangen, außer in der Küche unter Aufsicht der +Herrschaft.[822] + +Diesseits des Oceans sind die Gründe dieselben wie jenseits. Es fragt +sich nur, ob die bürgerliche Familie mit ihrer gegenwärtig bestehenden +Privathaushaltung im stände ist, sie aus der Welt zu räumen. Eine +verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der +Dienstmädchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem +schlechten Charakter und bösen Willen der Arbeitgeber und der +Arbeitnehmer, sondern der ökonomischen und sozialen Seite des +persönlichen Dienstverhältnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition. + +Wir haben gesehen, daß in den Häusern der oberen Zehntausend, wo infolge +eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem +Lohn, gutem Unterkommen und anständiger Kost gewährt zu werden pflegt +und nebenbei auch, bei der persönlichen Distanz zwischen Herrn und +Diener, die Reibungsmöglichkeiten seltener sind und das sogenannte +patriarchalische Verhältnis ganz ausgelöscht ist, die Lage der +häuslichen Bediensteten sich am günstigsten gestaltet. Je kleiner der +Haushalt und je beschränkter die Mittel, desto unerträglicher wird sie. +Da nun aber die große Masse des Bürgertums, teils infolge direkter +Vermögensverluste, teils infolge des zunehmenden Mißverhältnisses +zwischen Einnahmen und Ansprüchen, sich pekuniär keinesfalls in +aufsteigender Linie bewegt, so ist für eine Hebung der Lage der +Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das +Mädchen für Alles zur begehrtesten Persönlichkeit werden; weder ihr +Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit können eine +wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben, +die sich in dem Glauben wiegen, die bürgerliche Welt, wie sie heute +geworden ist, wäre insgesamt im stande, die eigenen Bedürfnisse den +Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschränken, sich etwa mit einem +Zimmer weniger zu begnügen, um es dafür dem Dienstmädchen einzuräumen, +Vergnügungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten +aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewähren zu +können? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung +volles Verständnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen +abgesehen, außer stände, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch +die sittlichen Mißstände und die Divergenz der Interessen können sich +mit der zunehmenden Aufklärung der Dienstboten und dem Widerstand der +Herrschaften dagegen nur verschärfen. Denn mit der Abnahme der +Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, daß damit die +Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage +steht, und der vielfach wütende Fanatismus, mit dem die große Mehrzahl +der Hausfrauen, von der bürgerlichen Presse lebhaft unterstützt, gegen +die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwärtig +meist noch unklare Gefühl davon zurückzuführen. + +Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat +sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten +nur rascher vorwärts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit +angebahnt. Nicht nur, daß die Produktion für den Haushalt schon längst +nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der +häuslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von außer dem Hause +wohnenden Arbeitskräften übernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der +Aufwartefrauen läßt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen +und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder +erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen +und die Flickerinnen, die ins Haus kommen. + +Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese +Arbeiten außer das Haus verlegte. In den Großstädten wird es besonders +mehr und mehr üblich, die Wäsche in Wäschereien reinigen und plätten zu +lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszählung 73766 +Wäschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar +entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber +werden 66662 gezählt.[823] Die sanitären Verhältnisse sind überall +höchst bedenkliche: In den Großbetrieben, meist Dampfwäschereien, +herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35° R. erreicht und in der die +meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten müssen, die +Atmosphäre wird aber zu einer noch bedeutend gefährlicheren in den +Plättereien, wo die Gasdünste der Plätteisen die Luft verpesten. Trotz +aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine höchst +mangelhafte, weil die Rücksicht auf die Wäsche, die durch den +eindringenden Staub beschmutzt werden könnte, der Rücksicht auf die +Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese großen +Wäschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitsstätten, denn +alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme +Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines +Mädchens die Arbeit übernimmt, pflegt zunächst die abgeholte schmutzige +Wäsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren, +nachzuzählen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr +anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem +engen Raum fest, wo kleine Kinder in nächster Nähe schlafen, oder +zwischen der schmutzigen Wäsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft +kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen für die Familie bereitet +wird, in großen Kesseln die Wäsche; der daraus aufsteigende Dunst +erfüllt das ganze Zimmer. Häufig genug wird selbst ein Teil der Wäsche +im Wohnraum zum Trocknen aufgehängt, womöglich über den Betten der +Kinder und der Kranken. Die Plätterei steigert noch die Gefahren für die +Arbeiterinnen wie für die übrigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter +ist der Plättplatz dicht neben dem glühenden Ofen, um möglichst schnell +die Eisen aus dem Feuer ziehen zu können. Und in dieser Umgebung, +inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die +ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen +entwachsene Mädchen bis zur Entkräftung darin. Zum Schluß wird die +sauber zusammengelegte Wäsche zum Nachzählen abermals im Zimmer +ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, daß bei den engen Räumlichkeiten +fertige Wäschestücke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder +liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wäsche reicher Leute in +die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Häuser +der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" löst sich +eben, in der Nähe betrachtet, ebenso in trübe Elendsbilder auf, wie das +Idyll der "lustigen Nähmamsell". Würden nicht die Hausfrauen mit einer +Zähigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an +den kleinen Wäschereien festhalten, weil die Dampfwäschereien angeblich +die Wäsche mehr verderben, sie wären schneller, als es jetzt schon +geschieht, dem verdienten Untergang geweiht. + +Mehr noch als die Vergebung häuslicher Arbeiten an Außenstehende hat die +rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshäuser die bisherige Form des +Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu +erschüttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben +allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und +die Zahl der darin beschäftigten Personen um 295713, d.h. um 132 % +zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Männer eine alte +Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine +Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und +Englands in wachsendem Maße zur Auflösung des privaten Haushalts führt. + +Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Häuslichkeit +betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Küche und Keller oder +bei der Bedienung der Gäste beschäftigt, galten für häusliche +Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale +Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe +von Mißständen schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im +Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr für die männliche Tugend zu +erblicken, entschloß man sich, die Zustände einmal in der Nähe zu +betrachten. Durch die Königliche Arbeitskommission geschah es in +England, durch die Kommission für Arbeiterstatistik in Deutschland, eine +Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergänzend hinzu. Nur ein sehr +kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten +erfaßt,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil, +4093,--und, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am +niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberührt. Kellnerinnen +aus Cafés, Café-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden +befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich, +trauriger Berühmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen. +Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mißliches; man war ausgezogen, +bereit, den Bannstrahl über Scharen von Sünderinnen zu schleudern, und +fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung +schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen. + +Betrachten wir zunächst die Anforderungen, die an sie gestellt, und +sodann die Entschädigungen, die ihnen dafür geboten werden. Als ein +junges, schmächtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die +angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die nötigen +Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird +Wassermädchen, d.h. sie hat den Gästen nur das Wasser zu bringen und +steht gewissermaßen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die +unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr +abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewöhnlich +lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen muß und +sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis +achtzehnstündige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft +noch schulpflichtige Mädchen ganze Nächte durch aushilfsweise +beschäftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu +sein, sie befinden sich in einer fast ständigen Hast, als Sündenbock von +jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hübsch und +verfügt sie über eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine +Staffel empor zu rücken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch +private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schärfer +handhaben, als die für häusliche Dienstboten. Gebühren von 10 bis 30 +Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein +Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurückbehalten wird, wenn die +Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden, +so wird sie in den weitaus meisten Fällen ohne schriftliche +Vertragsschließung angetreten und von einer Kündigungsfrist ist, unter +Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede, +weil die Kellnerin es sich gefallen lassen muß "auf Probe" angestellt zu +werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich, +vielleicht gefällt sie den Gästen nicht, dann fliegt sie hinaus von +einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der +sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt, +um recht viel an ihr zu verdienen.[830] + +Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto früher. +In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmädchen und ehe sie +Gäste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der +Gastzimmer, der Gläser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so +hat sie das für diese Arbeiten angestellte Personal zum großen Teil aus +eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit +dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Füßen; +immer lächelnd, immer zuvorkommend, der gröbsten wie der gemeinsten +Behandlung gegenüber, hat sie die Getränke und Gerichte +heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebäder wurde fast durchweg +konstatiert, daß die Kellnerinnen von sieben Uhr früh bis zwei Uhr +nachts thätig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wöchentliche +Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger +Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen +Kellnerinnen haben eine regelmäßige tägliche Arbeitszeit von + +12 und weniger Stunden 5,0 Proz. +12 bis 14 Stunden 19,3 Proz. +14 bis 16 Stunden 51,8 Proz. +16 bis 18 Stunden 23,4 Proz. +mehr als 18 Stunden 0,5 Proz.[832] + +Die überwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis +sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gäste steigert +sich diese Arbeitszeit willkürlich. Während des Karnevals in München +kommt es vor, daß Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistündiger Pause +während vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden hintereinander Dienst +thaten.[833] Von regelmäßigen Pausen ist überhaupt nur selten die Rede; +sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die +Wirtsstube leer, so kann das müde Mädchen vielleicht auf kurze Zeit des +Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heißt es geschäftig +aufspringen und seine Wünsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshäusern +wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschäftigt sind, das +Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden +machen könnte. Nur beim Essen können sich auf kurze Zeit die matten +Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie +Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der +Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, für die +glücklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In München wird +vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche +gewährt[834], aber auch nur unter der Bedingung, daß ein Ersatz von der +Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der +Kommission für Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die +Angestellten regelmäßig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwölfmal, +in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch öfter im Jahr. In +der Hälfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber +immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshäusern +giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der +Hälfte giebt es nicht einmal freie Stunden! + +Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften, +die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens +zugestehen[836], und sich dann, ähnlich wie die Hausfrauen den +Dienstboten gegenüber, darauf berufen, daß ihre Angestellten einen +leichten Dienst hätten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie +Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehören kann, zu +ersetzen im stände wäre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird +nun aber auch in der größten Anzahl der Fälle in Räumen zugebracht, die +allen hygienischen Ansprüchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube +vermischt sich darin mit den Speisengerüchen und den Ausdünstungen der +Menschen. Wo gelüftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten +Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermüdung +und Erhitzung rufen aber auch ein ständiges Durstgefühl hervor, das in +Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit +folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch +nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit +Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehört es +zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie +mit ihm trinkt und so eine möglichst hohe Zeche erzielt. Zum +Entgegenkommen gegenüber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun +beim Trinken besteht, ist sie überhaupt immer gezwungen; mehr als von +ihrer Arbeitstüchtigkeit hängt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um +die Gäste möglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich häufig genug +genötigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur +in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende +Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zündhölzchen und +dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf +ihre äußere Erscheinung erstrecken sich schließlich noch die +Dienstvorschriften: in großen Lokalen ist eine bestimmte Toilette, +selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mädchen veranlaßt werden, +sich täglich vom Friseur die Haare machen lassen zu müssen, +Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostüme häufig +geliefert; Mädchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen +mögen, was so und so viele mehr oder weniger fragwürdige Vorgängerinnen +schon getragen haben, müssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer +dieser verschiedenartigen Pflichten, Müdigkeit, Unfreundlichkeit gegen +einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender +Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar +keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeußeres Mißfallen +zu erregen, so muß sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn +eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heißt es bei +den Gästen: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes +Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gästen durch den +Wechsel einen Gefallen zu thun, kündigen die Wirte den Kellnerinnen, +lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, daß über +die Hälfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur +drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller über ein Jahr in +ihrer Stellung waren.[841] + +Je älter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die +vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines großstädtischen Lokals +war, muß schließlich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein +armseliges Dasein zu führen. Die Gäste wollen nur von jungen, hübschen +Mädchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895 +giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die über 30 +Jahre alt sind. Schließlich stellt selbst das geringste Wirtshaus die +alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann +sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler +werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wäscherin, Geschirrputzerin +oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich +empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Straße, als die +verachtetste aller Frauen.[843] + +Und doch strömen dem Kellnerinnenberuf jährlich Tausende zu; immer +wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die +Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glänzend, um diesen Zudrang zu +rechtfertigen? Die Kommission für Arbeiterstatistik stellte fest, daß +von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch +Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergänzt wird. 21 % bekommen demnach +gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die +eine Hälfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk. +und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die +Lohnverhältnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die +Hälfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Großstädten, wo die +Animierkneipen eine große Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, daß +sie überhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur +8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Süddeutschland steigt dagegen der +Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch +hier machen die Großstädte eine Ausnahme. In München, wo allein gegen +3000 Kellnerinnen gezählt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz +abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in großen +Restaurants fast durchweg Sitte ist, daß der Oberkellner dafür, daß er +bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch +immer häufiger vor, daß von den weiblichen Angestellten dasselbe +verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies +System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen +beschäftigt, zum erstenmal eingeführt, und hat sich seitdem überall hin +verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den großen Bädern, wie in +Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders üblich sein, jedenfalls ist +dort der feste Lohn so gut wie vollständig abgekommen. Sein Ersatz ist +das Trinkgeld. + +In der Anerkennung außergewöhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung +zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demütigendes an sich. Es +bildete jedoch den Ansporn für die profitgierigen Wirte, die +Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich +auf den Gast abzuwälzen. Aus einem freiwilligen Geschenk für besondere +Fälle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu +tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner +halb bittend, halb fordernd verlangen, für dessen Erreichung besonders +die Kellnerin sich nur zu oft demütigen und ihre Würde preisgeben muß. +Es ist gewissermaßen der äußerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems: +jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der +sie bezahlt, durch irgend etwas mißfällt, die Kellnerin setzt ebenso +ihre Existenz aufs Spiel, nur daß sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit +groschenweise zusammenbetteln muß. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber +nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der +trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und +Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen +bestehende Arbeit, und verlangt für jeden Groschen einen Dank. Zu dem +Herabwürdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine +vollständige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund +der Einnahmen ist für die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und +wäre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, förmlich zur +unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsführung dressiert, denn sie +weiß von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird. +Außerordentlich schwer läßt sich die Höhe der Trinkgelder bestimmen; die +Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu +niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es +vorkommen, daß die abendliche Abrechnung einen Ueberschuß von 6 bis 7 +Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger dürften in nicht so +bevorzugten Plätzen weit häufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen +hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es +nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn. +Die Wassermädchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen +werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk. +jährlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren großen +Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, daß jeder Kellnerin +für zerbrochenes Geschirr täglich ein für allemal 20 Pf. angerechnet +werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist +dabei stets vom Wirt willkürlich zusammengestellt, ohne daß die +Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst für die +Lieferung der Kostüme werden den Kellnerinnen häufig 30 Pf. bis 1 Mk. +vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst muß demnach schon ein ganz guter +sein, ehe sie für sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld +besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten +Prozenten der verkauften Getränke,--ein System, das die armen Mädchen +dazu zwingt, durch möglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu +verlocken. + +Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die +Existenz der Kellnerin. Sie ist vollständig von ihm abhängig. Wer +begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen +der Männer in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der +Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen +prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf +sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede +käufliche Dirne. Daß die schmutzigsten Gespräche ungeniert vor ihr +geführt werden, ist das geringste der Uebel; man belästigt sie aber mit +zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann +nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf +die Duldung seiner Zärtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequälten +aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine +Beschwerde des Gastes beim Wirt über die "Unfreundlichkeit" der +Kellnerin genügt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies +ebenso für die anständigen Wirte, wie für die der Animierkneipen. Hier +allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu +gehen. Wenn auch in den meisten Städten Polizeiverordnungen bestehen, +die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht, +bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier, +und es giebt beinahe überall in dieser Art Wirtschaften sogenannte +Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten +dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die +Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, daß kein +völlig unbescholtenes Mädchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser +Art verlieren wird. Thatsächlich wurde konstatiert, daß die meisten +Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen +sind[850], aber, ganz abgesehen davon, daß diese stets mehr +Unglücklichen als Schuldigen,--verführte Dienstmädchen, verlassene +Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen könnten, statt +hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn +eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Pürschgang nach +flüchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen +solchen Kneipen nur zu oft zugeführt. Können sie die Vermittlungsgebühr +nicht gleich bezahlen, so hält allein die Notwendigkeit, diese Schuld +nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr +vielen Fällen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten +giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer +Lüste sehen und dann noch dem Gast gegenüber Kupplerdienste +leisten.[851] + +Sehr oft sieht sich die Kellnerin genötigt, auch für Kost und Wohnung +selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Süddeutschland, ihr +beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafür, das die oft einzige +Entschädigung für ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In +unheizbaren, schlecht zu lüftenden Dachkammern, häufig zu zweien in +einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, daß +eine Lüftung überhaupt unmöglich ist, oder daß die Bettwäsche nicht +einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das +ganze Küchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854] +Da ist es nicht zu verwundern, daß sie, wenn es irgend geht, eine eigene +Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der +weiß, welch eine Mühe es überhaupt einzelnen Frauen kostet, ein +Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein +das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie muß für ihre Wohnung doppelt +und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder +ähnlichem Gelichter in die Hände zu fallen. Nicht besser als die Wohnung +ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in +aufgewärmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den +Gästen auf den Tellern übrig gelassen, an Zwirnsfäden aufgereiht und +aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu häufig, +sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal +bestimmte Essenszeiten; sie muß es hinunterschlingen, wenn gerade wenig +zu thun ist, oft muß sie sich bis spät abends mit Kaffee, Bier oder +sonstigen Getränken aufrecht erhalten. + +Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch +schlechte Wohnung und Kost, im übrigen fast allein begründet auf dem +groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gäste. + +Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner +eingehenden Untersuchungen festgestellt, daß die Erkrankungsgefahr und +die Krankheitsdauer der Kellnerinnen größer sind, als für den +Durchschnitt sämtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten +Personen; die übermäßig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner +gefunden, daß die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wütet +und sie in frühem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt +in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkräftung ist ihr +Nährboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie außerdem noch +ausgesetzt: Krampfaderentzündungen, geschwollenen Füßen, Bleichsucht, +Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die +unzureichende Ernährung, als Ergänzung der starke Genuß von +alkoholischen Getränken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles: +nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die +Kellnerinnen weitaus die Hälfte aller Geschlechtskranken aus; in +badischen Krankenhäusern setzt sich der größte Teil der syphilitisch +kranken Mädchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Münchener +Kassenärzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptsächlich dem +Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehören, vertreten die Ansicht, +daß 80 % der Erkrankungen der Mädchen auf Geschlechtskrankheiten +zurückzuführen[859], und die Hamburger Kassenärzte gehen so weit, zu +behaupten, daß von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860] +Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen +Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos überliefert werden. Das ist +die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die +Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele +ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe +gegen tägliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den +Kellnerinnen der süddeutschen Kaffee- und Bierhäuser und denen der +norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre +Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede +Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer ökonomischen +Abhängigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner +Verführungskunst und ihrer eigenen natürlichen Jugendlust und +Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem häßlichen Ausdruck +"fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt, +Liebesverhältnisse, die zwei junge warmblütige Menschenkinder ohne die +standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu +verurteilen, so steht doch das Eine fest, daß in den weitaus meisten +Fällen die Mädchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die +Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die +Entwöhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu +leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre +Arbeitskraft, es ist ihr Körper, den sie nun zu Markte trägt. + +Einen langen, öden Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne, +bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot +Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und +junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstraße die Last +ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die +Fiebersonne der pontinischen Sümpfe, die sie ins Verderben zieht mit +ihrem Kuß. Nicht ein notwendiges Lebensbedürfnis, kein Genuß, kein +Luxus, an dem nicht der Schweiß dieser Scharen klebte. Aus ihrem Fleiß +wächst die Muße der Glücklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus +ihrem Leid ihre Freude. + +Die Alten hielten die körperliche Arbeit für eine Schmach; wir glauben +darüber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei, +als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber +thatsächlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht höher als +Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht für einen +Ehrentitel. Ein Fabrikmädel--eine Nähmamsell--eine Kellnerin,--welch +eine Flut von cynischer Verachtung drückt sich in diesen Worten aus! Die +schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit. +Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das +ist der Preis dafür. Und die Schande, das ist seine Ergänzung. + +Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege +verfolgten, drängt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre +Kinder. Aus müden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben, +das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und +sie rächen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre +Gegengabe für Hunger und Schmerz. + +In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit +lebenslänglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder +tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und +Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben +wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoße der Erde entriß, hat +die bürgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die fürchterlicher +ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die +Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rücken und schwieligen Händen +immer weiter und weiter für den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der +Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter +und Denker preisen: Großmut, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, und die +Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden +Menschheit schlägt. Mit dem Fuß auf dem Nacken der Frau ragt der Koloß +der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein. + +Während die bürgerliche Frau die Arbeit als die große Befreierin sucht, +ist sie für die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden; +und während das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte +ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber +eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der +Entwürdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist +das Todesurteil gesprochen. + + + + +7. Die Arbeiterinnenbewegung. + + +Als den Ausgangspunkt der bürgerlichen Frauenbewegung haben wir den +Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den +Mann, weil es galt, in seine Berufssphären einzudringen. Die +proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf +durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit +ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt +und Fabrik erobert, als die bürgerliche Frau noch schwer um den Platz im +Hörsaal und auf dem Katheder ringen mußte. Die bürgerliche Gegnerschaft +gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft +mit dem Mann. + +Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender +Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nächstes Ziel ist: die Lage des +Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei +verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels, +durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einfluß zu +gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von +Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer +Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen +wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher +Thätigkeit. Bedingung ist in allen drei Fällen die Organisation. Sie muß +daher gesetzlich gewährleistet und gesichert sein, wenn an ein +erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann. + +Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes +den weiblichen wie den männlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der +Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der +deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl +deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten +ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen +Fragen außerordentlich schwankende sind. Für die gesamte weibliche +Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht, +der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Während nämlich +die Vereinigung von Männern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe +die selbstverständliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte, +scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Männer, die sich der +Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der +Männer verschaffte der für die weiblichen Lohnarbeiter völlig falschen, +irreführenden Auffassung der bürgerlichen Frauenbewegung von der +Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre +Rechte Eingang bei ihnen, und so gründeten sie zunächst +gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschließlich weiblichen +Mitgliedern. + +In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang +der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein +schnelles Ende nahmen. Erst dem großen Organisationstalent einer +ehemaligen Setzerin, Miß Emma Smith, später Mrs. Paterson, gelang es, +System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's +Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der +Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und +zwar in Männergewerkschaften, soweit sie Zulassung fänden, in +Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt, +oder die Männer die Frauen ausschließen.[861] Unter dem Einfluß +bürgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die +Gründung von Frauengewerkschaften der größte Nachdruck gelegt: die +Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wäscherinnen und +Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten +eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei +von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im +selben Jahr versuchten Pariser Näherinnen ein Syndikat zu gründen, das +nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflöste.[864] +In Deutschland, wo der bürgerliche Einfluß hemmend gewirkt hatte, fing +man erst viel später an, Arbeiterinnenvereine mit einem annähernd +gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder +eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein äußerer +Anlaß trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von +der bürgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfähig. 1882 kam +Gräfin Guillaume-Schack nach Berlin, um für die Ideen der englischen +Föderation zur Bekämpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der +Kulturbund, den sie gründete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte, +eine der englischen ähnliche große Bewegung zu Gunsten der Abschaffung +der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor, +es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die +Erziehung verwahrloster Mädchen, die Gründung von Heimstätten und +ähnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die +Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie nötig ihre sittliche Hebung +sei. Aber die Zeiten der Abhängigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand +der Wohlthäter zurück und erklärten, daß wer der Arbeiterklasse helfen +wolle, zuerst dafür sorgen müsse, ihre materielle Lage zu +verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit: +"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlössen sich sofort 500 Frauen +und Mädchen zu einem selbständigen Arbeiterinnenverein zusammen[865], +der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung +bei weitem übertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der +Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die +Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm +sie in ihre Statuten auf; ein Rest bürgerlicher Auffassungsweise zeigte +sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschließlich weiblicher +Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenüber dem +Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einfluß der Gräfin +Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurückgestoßen von der +jämmerlichen Haltung der bürgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der +Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen +Feministen befangen war. + +Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von +der Regierung projektierte Nähgarnzoll, der die armen Näherinnen, die +das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben würde, gab den +Anstoß zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge +Verein und zwei neue, ausschließlich von Arbeiterinnen gegründete und +geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein +der Mäntelnäherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack +unterstützte sie durch die von ihr gegründete Zeitschrift "Die +Staatsbürgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen +rücksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und +Lebensverhältnisse durch diese Vereine förderten dann noch ein Material +zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrütteln +mußte. Im Anschluß daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich +zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der +Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur bestätigen und +ergänzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die +Verschärfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das +erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen +durch ihr Eintreten für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von +dem letzten Rest bürgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in +dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem kräftigen Leben +führen sollte, wurde die "Staatsbürgerin" polizeilich verboten, +sämtliche Vereine, auch die außerhalb Berlins, aufgelöst und ihre +Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr für Deutschland" sahen +die Behörden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft. +Aber eine aus den Bedürfnissen der Massen entspringende Bewegung mußte +selbst der zähesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen +die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die +gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidaritätsgefühl +der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestärkt hervor. + +Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schärfster Unterdrückung, die +Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre +selbstbewußten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, daß +es einer gefürchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuführen hieß, +wenn man sie von den männlichen Berufsvereinen ausschloß, führten in der +Haltung der Männer nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in +Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands +gegründet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren +Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlaßte sofort bei sämtlichen +Vorständen der Vereine, daß, soweit Frauen von der Mitgliedschaft +ausgeschlossen waren, Anträge auf Statutenänderung gestellt wurden, die +in den meisten Fällen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung +entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten +der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie +sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermüdlich im Auftrage +der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend, +denen sie in ausdehntestem Maße ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen +Lokalen sprechen sie oft Abend für Abend, um ihren Zuhörerinnen klar zu +machen, daß sie ihre Lage nur dann verbessern können, wenn sie sich mit +den Genossen ihrer Arbeit zusammenschließen und der Profitgier und der +Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Kräfte +gegenüberstellen. Der Erfolg dieser Bemühungen, die durch massenhafte +Verbreitung von Flugblättern und Broschüren noch unterstützt wird, ist +bisher noch kein großer. Aus folgender Zusammenstellung geht das +langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der +Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zählten weibliche +Mitglieder: + +1892: 4355 +1893: 5384 +1894: 5251 +1895: 6697 +1896: 15295 +1897: 14644 +1898: 13009 +1899: 19280 +1900: 22844 + +In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das Fünffache +gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die hier allein in +Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen Arbeiterinnen und die +Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, sind immerhin erst 2,30 % +organisiert und von den achtundfünfzig zentralisierten Gewerkschaften +weisen nach der letzten Zählung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder +auf. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:[867] + + | Zahl der | Von 100 + | weiblichen | Arbeiterinnen +Organisation | Mitglieder | des + | 1900 | betreffenden + | | Berufs sind + | | organisiert +---------------------------+------------+-------------- +Buchbinder | 3046 | 22,50 +Buchdruckereihilfsarbeiter | 698 | 12,15 +Fabrikarbeiter | 2889 | 4,97 +Glasarbeiter | 33 | 1,02 +Handlungsgehilfen | 80 |\ 0,10 +Lagerhalter | 9 |/ +Handschuhmacher | 105 | 6,65 +Holzarbeiter | 726 | 6,62 +Hutmacher | 121 | 2,81 +Konditoren | 15 | 0,76 +Masseure | 46 | -- +Metallarbeiter | 2693 | 11,37 +Porzellanarbeiter | 357 | 4,40 +Sattler | 31 | 2,04 +Schneider | 758 | 1,19 +Schuhmacher | 1916 | 20,31 +Tabakarbeiter | 3922 |\ 6,58 +Cigarrensortierer | 80 |/ +Tapezierer | 37 | 10,57 +Textilarbeiter | 5254 | 1,16 +Vergolder | 28 | 4,45 +----------------------------------------+-------------- + 22844 | 2,76 + +Außerhalb dieser durch die Generalkommission zusammengehaltenen +Verbände, stehen eine ganze Anzahl sogenannter Lokalorganisationen, die +aber zumeist keine Frauen aufnehmen können, weil sie einen ausgesprochen +politischen Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche +Frauenvereine, die nur ein kümmerliches Dasein fristen. Etwas +bedeutungsvoller ist die Teilnahme der Frauen an den 1868 +gegründeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmäßig +sozialdemokratische Arbeiter ausschließen, und, von bürgerlich-liberaler +Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch geleitet, bis zum Jahre 1895 der +Organisation der Frauen ablehnend gegenüber standen. Auf dem +Verbandstage jenes Jahres jedoch wurde eine Resolution zu Gunsten der +Frauen angenommen, und nach dem Bericht für das Jahr 1901 sind +infolgedessen 3392 den Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen +sind Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung +ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische und +eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit +1882, zählt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden +Frauenvereine sind ausschließlich religiöser Art und haben keinerlei +gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische Richtung hat ihren +Ursprung in dem Gewerkverein christlicher Bergleute, der im Jahre 1894 +gegründet wurde. Mit den Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die +entschieden feindliche Stellung gegenüber der Sozialdemokratie, betont +aber nebenbei noch die religiös-christliche Gesinnung. Von Anfang an +hatte sie ein gewisses sympathisches Verständnis für die weiblichen +Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen fußend, die jede +Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib ablehnen, trat sie nicht für +eine gemeinsame Organisation beider Geschlechter, sondern für gesonderte +Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der männlichen Berufsgenossen +anzugliedern sind und als "Schutzverbände der Arbeiterinnen" unter ihrer +Leitung und Oberaufsicht stehen, damit im Falle von Arbeitseinstellungen +trotz der Sonderung ein gemeinsames Vorgehen gesichert ist.[868] Wir +finden hier jenes Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknüpfung +mit Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie +sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,--und um eines ihrer +Schoßkinder handelt es sich dabei,--aufweisen. An einer genaueren +Statistik der organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen +Verbänden die männlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezählt +wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbände,--der eine in Aachen, der +andere in Eupen,--mit zusammen 430 Mitgliedern, werden besonders +genannt.[869] Alles in allem dürften in Deutschland, von den Gründungen +der bürgerlichen Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen +gewerkschaftlich organisiert sein. + +In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch +außerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, 1899 9206 +organisierte Frauen gezählt. Die verhältnismäßig starke Zunahme in den +letzten drei Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thätigkeit der +Arbeiterinnen selbst zurückzuführen. Sie gründeten in Wien ein +Frauenreichskomitee, an das sich in den Provinzstädten Sektionen +angliedern, und deren Hauptzweck die Organisierung der Arbeiterinnen +ist. Sie leiten eine systematische Agitation über ganz Oesterreich und +werden zweifellos bald noch größere Erfolge aufweisen können. Immerhin +erfährt auch die letzte Zählung der Organisierten insofern eine +Einschränkung, als von den 9206 angegebenen Vereinsmitgliedern nur 5556 +wirklichen Berufsvereinen angehören. Sie verteilen sich +folgendermaßen[870]: + + Organisation | Weibliche + | Mitglieder +-------------------------------+------------ +Baugewerbe | 104 +Bekleidungsindustrie | 433 +Bergbau | 187 +Chemische Industrie | 94 +Eisen- und Metallindustrie | 105 +Galanterie | 52 +Glas- und keramische Industrie | 949 +Graphische Gewerbe | 1147 +Holzindustrie | 36 +Handel | 58 +Nahrungs- und Genußmittel | 310 +Lederindustrie | 76 +Textilindustrie | 1950 +Verschiedene Gewerbe | 55 + +Aehnlich wie in Deutschland entschloß sich in England erst 1889 der +Gewerkvereinskongreß zu Dundee dazu, die Notwendigkeit der Organisation +der Arbeiterinnen grundsätzlich anzuerkennen und seine Unterstützung +zuzusagen. Trotzdem entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur +111 dazu, weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie +festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft +beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die älteste und die größte +ist. Außer diesen 111 gemischten Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine +nur mit weiblichen Mitgliedern.[871] Die Gesamtzahl der Organisierten +betrug in den Jahren + +1896: 117888 +1897: 120254 +1898: 116048 +1899: 120448. + +Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in stärkerem Maße an der +gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die deutschen. Der Wert +dieser höheren Zahlen verliert aber an Bedeutung, wenn wir nicht nur +das Alter der gewerkschaftlichen Bewegung in Betracht ziehen,--schon +1824 waren viele Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins +und zu Owen's Grand National strömten 1833--34 die Frauen[872],--sondern +uns auch erinnern, daß der Organisation der Frauen von seiten des Staats +und der Behörden keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden; selbst die +Landarbeiter und die Dienstboten, die in Deutschland vom Koalitionsrecht +so gut wie ausgeschlossen sind, können sich zu Gewerkvereinen +zusammenthun. Im Verhältnis zu sämtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der +Organisierten demnach sehr gering, sie beträgt nur 0,39%, im Verhältnis +allein zu den Industriearbeiterinnen beträgt sie dagegen 8,22%. Was die +Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an der Organisation +betrifft, so stellt sie sich folgendermaßen dar: + + | Anzahl der |Anzahl der|Von 100 + |Gewerkvereine|Mitglieder|Arbeiterinnen + | | |sind organi- + | | |siert +-----------------------------+-------------+----------+------------- +Textilindustrie: | 88 | 109 076 | 19,70 +Schuh- und Stiefelproduktion:| 2 | 618 | 1,42 +Bekleidungsindustrie: | 11 | 1 128 | 0,26 +Hut- und Mützenindustrie: | 2 | 2 330 | 14,21 +Druckerei, Papierfabrikation | | | + u. ähnl.: | 7 | 763 | 1,51 +Tabakindustrie: | 4 | 2 403 | 19,11 +Andere Industrien: | 25 | 4 130 | 1,33 +-----------------------------+-------------+----------+------------- + | 139 | 120 448 | 8,22 + +Wir sehen aus vorstehender Tabelle, daß gegenüber der starken +Organisation der Textilarbeiterinnen,--sie machen fast 91 % aller +Organisierten aus,--sämtliche andere fast verschwinden. Außerordentlich +gering ist die Zahl der Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier +finden wir auch unter 9 Gewerkvereinen fünf mit nur weiblichen +Mitgliedern, deren kleinster 18 und deren größter 120 Mitglieder hat. +Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei +landwirtschaftlichen Vereinen angehörten und den Dienstboten, die 1897 +noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaßen, ist heute keine einzige +mehr organisiert. + +In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr spät +ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre männlichen Berufsgenossen +überließen sie gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher +Vereinigungen. Auch eine, überdies sehr mangelhafte Statistik der +Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst für das Jahr 1900.[873] +Dabei stellte es sich heraus, daß 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder +angehören. Da aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbände +und diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern angehören, +verstanden werden, so ist es für unsere Zwecke notwendig, sie +auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur Arbeiterorganisationen +anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben 30975 weibliche +Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften übrig; von diesen sind 17 +nur Frauengewerkschaften. Nach der Zahl der in den verschiedenen Berufen +Organisierten ist ihre Zusammensetzung folgende[874]: + +Berufsarten | Zahl der + | Mitglieder +---------------------+----------- +Tabakindustrie | 10194 +Textilindustrie | 6802 +Handelsgewerbe | 4376 +Eisenbahnangestellte | 1611 +Bekleidung | 1597 +Gärtnerei, Obstzucht | 1000 +Lederbearbeitung | 746 +---------------------+----------- + | 26326 + +Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, z.T. +winzigen Gewerkschaften, deren häufig außerordentlich geringer Umfang +ein Charakteristikum des französischen, jeder Zentralisierung +entbehrenden Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind +folgende: + +Berufsarten | Zahl der | Zahl der + | Gewerk- | Mitglieder + | schaften | +---------------------+----------+------------ +Tabakarbeiterinnen | 4 | 1760 +Federnschmückerinnen | 1 | 300 +Dienstboten | 2 | 220 +Typographen | 1 | 210 +Wäscherinnen | 1 | 100 +Stenographen | 2 | 94 +Kravattennäherinnen | 1 | 89 +Schneiderinnen | 3 | 62 +Blumenmacherinnen | 1 | 53 +Stickerinnen | 1 | 36 +Korsettnäherinnen | 1 | 30 +---------------------+----------+------------ + | 18 | 2954 + +Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende Vereine, +die nur mühsam ihr Leben fristen, meist mit Unterstützung der Damen der +bürgerlichen Frauenbewegung, denen einige auch ihre Gründung verdanken. +Da die französischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit den +Männern und allein verbinden können, so ist das Ergebnis in jeder +Beziehung ein klägliches: von 3-1/2 Millionen kaum 31000 organisiert! + +Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der Vereinigten +Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste große +Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die Knights of Labour, +der 1870 ins Leben trat, nahm nach zehnjährigem Bestehen weibliche +Mitglieder auf, und stellte sie den männlichen nicht nur völlig gleich, +er eröffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine +wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.[875] Schon nach +wenigen Jahren zählte allein der Zweigverein von Massachusetts 6000 +weibliche Mitglieder.[876] Dem Einflüsse der Knights of Labour ist es +wohl auch zuzuschreiben, daß die Gewerkschaften sich den Frauen +gegenüber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von Anfang an in +den großen Unionen der Typographen und der Cigarrenarbeiter zugelassen +und nur sehr selten kommt es daher vor, daß sie selbständige +Frauenvereine gründen.[877] Wo es geschieht, ist es meist nur das +Resultat bürgerlichen Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen +Gewerben organisierten Frauen städtische Ausschüsse gegründet, in denen +jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten ist und die speziellen +Fraueninteressen beraten werden. Auch ein allgemeiner amerikanischer +Arbeitsverband der Frauen besteht, der den Zweck verfolgt, die +Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder zu vertreten und Klagen über +Arbeitsverhältnisse zu untersuchen. Trotz der günstigen Lage aber, in +der die amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Möglichkeit +gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in sehr +geringem Maße organisiert.[878] Die beständige Einwanderung niedrig +stehender Volkselemente, die die Sprache des Landes nicht kennen, die +schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig acceptieren, und aus denen sich +ein großer Teil der weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die +wesentliche Ursache hiervon. + +Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche Organisation +scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt zu haben. Weil dem +überall so ist, müssen die Gründe dafür auch überall die gleichen sein. +Wir haben sie zunächst in dem Widerstand der Männer und in der Jugend +der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafür ist der +verhältnismäßig hohe Prozentsatz der englischen organisierten +Textilarbeiterinnen: hier war der männliche Widerstand schon Anfang des +19. Jahrhunderts gebrochen; fast hundert Jahre ist demnach auch die +Bewegung hier alt. Aber diese Gründe können unmöglich die einzigen +sein, schon weil das späte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf +selten der Frauen selbst der Begründung bedarf. Ein Blick auf die +gewerkschaftliche Bewegung der Männer dient schon zur Erklärung: teils +ist sie eine moderne Fortsetzung der alten Gesellenverbände und +ähnlicher Vereinigungen, an denen Frauen fast niemals teilnahmen, teils +ist sie den Bedürfnissen der in der Großindustrie zusammengedrängten +Arbeiter entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der +Großindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den Männern zurück, +und nehmen eine beherrschende Stellung nur in wenigen Industrien ein. Wo +sie es thun, wie in der Textilindustrie, in der französischen +Tabakindustrie, die infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf +diesem Gebiet fast ganz verdrängt hat, sind sie, wie wir gesehen haben, +gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten ist +es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie vorherrscht, +z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die Arbeiterin vereinzelt +arbeitet, wie im häuslichen Dienst, und zum Teil in der Landwirtschaft. +Nicht nur, daß die Arbeiterin hier abgeschnitten ist von dem Einfluß +sozialer Bewegungen, daß sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmädchen +schwer zu dem Bewußtsein solidarischer Verbindung mit ihren +Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch--und das ist ein Moment, das nie +genügend hervorgehoben wird--in fast völliger Abgeschlossenheit von dem +männlichen Arbeiter, dem Hauptvermittler politischer und +gewerkschaftlicher Aufklärung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in +der Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto schwerer +wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der Stellung der +Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie bei weitem nicht so +organisationsfähig als der Mann. Die Arbeit ist für ihn der einzige +Beruf; die Frau ist zwar gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem +Erwerbe nachzujagen, aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen, +daß sie nicht nur hinter ihm zurückbleibt und früh erlahmt, sondern auch +nicht die mindeste Zeit hat, über ihre Lage und die Bedingungen ihrer +Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht nur Arbeiterin geworden, +sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch Mutter. Während der Mann sich in +Versammlungen aufklärt, sich mit seinen Kameraden verständigt, Bücher +und Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nähen, zu flicken, Kinder zu +pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der Kinder willen +wird sie sogar häufig zu einer heftigen Gegnerin der Gewerkschaft, die +Beiträge von ihr fordert, die sie so notwendig für die Befriedigung +ihrer Bedürfnisse braucht, die sie sogar zur Arbeitseinstellung nötigen +kann. Und ebenso wie sie die alte Hausfrauenthätigkeit in ihr modernes +Erwerbsleben mit hinübernahm, so hat sie auch alte Träume und +Traditionen nicht abzuschütteln vermocht. Fast jedes junge Mädchen +erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben ausfüllen und in +Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin bildet darin keine Ausnahme: +ihre Arbeit ist für sie kein Lebensberuf, sondern nur die +Durchgangsstation zu dem eigentlichen Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat +sie kein Interesse an der Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den +Beiträgen angelegt werden müßte, lieber für ein wenig Putz und Tand aus, +um ihre Person vor dem Erlöser, den Mann, möglichst verführerisch zu +gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, die der Organisierung der +Frauen entgegenstehen, aber noch nicht erschöpft. + +Wir haben gesehen, daß die Frauen infolge ihrer schlechten Ausbildung +und ihrer körperlichen Veranlagung sehr häufig nach Qualität oder +Quantität geringwertigere Arbeit leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber +von ihren Mitgliedern Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des +Lohntarifs, der jedoch wieder seinerseits eine gewisse Höhe der +Leistungsfähigkeit voraussetzt. So entschloß sich der Verein Londoner +Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen wie Männer, +infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches Mitglied, weil die +anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen zu erfüllen. Ebenso +erklärten die französischen Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen, +wenn sie den Lohntarif acceptierten,--es fand sich keine einzige, die +das vermochte, teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils +weil die Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen. +Wenn daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschließen, wie der +der englischen Bürstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter oder der +Kettenaufbäumer und Zwirner, so geschieht es in der Annahme, daß der +Eintritt der Frauen ein Herunterdrücken der Gewerkschaftsbedingungen +notwendig nach sich ziehen müsse.[879] Wie berechtigt das ist, sehen +wir daran, daß die Lohnsätze der Industrien mit starker +Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlöhnen und nicht nach den +Männerlöhnen zu regeln pflegen. + +Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist +überhaupt Aussicht vorhanden, daß unter den herrschenden +wirtschaftlichen Verhältnissen eine nennenswerte Organisation der +Arbeiterinnen sich wird ermöglichen lassen? Das sind die Fragen, die uns +zunächst aufstoßen. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung hilft sie +beantworten. Die Entwicklung zur Großindustrie war die Grundlage, auf +der die Organisationen der Männer entstehen und erstarken konnten. Die +Frauen stehen aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den +die Männer vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer +wesentlich großindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in jeder Form +zu unterdrücken, ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen zur +Organisierung der Arbeiterinnen. + +Was aber ferner die männlichen Arbeiter antreibt, sich zur Erkämpfung +besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, ist der Umstand, daß +ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer Existenz bildet, deren schlechtere +oder bessere Gestaltung allein von ihm abhängt. Will man die Frau +organisationsfähig machen, so gilt es, ihre Selbständigkeit im +Erwerbsleben sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu fördern. +Unterdrückung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, denn sie +unterstützt die Unselbständigkeit, indem sie den Frauen ermöglicht, als +Haustöchter und Hausfrauen einem Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere +Leistungsfähigkeit der Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer +Organisierung. Da gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch +ausreichende Vorbildung zu einer möglichst vollkommenen zu gestalten, +sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch zurückbleibende +Differenz zwischen der ihrigen und der des Mannes möglichst +auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben dieser Schwierigkeit +gegenüber häufig die Ansicht vertreten, daß für Frauen besondere +Lohntarife aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege +der Nur-Frauengewerkschaften führen würde. Annehmbarer schon erscheint +die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach die Frauen die +leichten Maschinen, die Männer die schweren zu bedienen hätten, und jede +Konkurrenz dadurch im Keime erstickt würde. Es liegt aber zugleich eine +Ungerechtigkeit in diesem Beschluß, da die Arbeit an den leichten +Stühlen geringer entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen +sind, die über ausreichende Kräfte zur Bedienung der schweren verfügen. +Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, die eine feste, für +Männer und Frauen gleichmäßig gültige Stücklohnpreisliste aufstellten. +Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst eine Sonderung +der Geschlechter ein, indem die Frauen an den schmalen, die Männer an +den breiten Stühlen arbeiteten. Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich +aber nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Stärke und der +Geschicklichkeit; eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie +ein schwacher Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.[880] Die +Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher die +schädigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst aufheben und den +Eintritt der Frauen ermöglichen können. + +Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, daß die gut +bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten organisieren, +während die sozial tiefstehenden, geistig rückständigen diejenigen sind, +die durch völligen Mangel an Solidaritätsgefühl vereinzelt bleiben und +jeder für sich versuchen, dem Höherstehenden Schmutzkonkurrenz zu +machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht entlohnten +Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre demütig-stumpfsinnige +Bedürfnislosigkeit, die sie nicht weiter sehen läßt, als über den engen +Horizont ihrer eigenen vier Wände und der Befriedigung des rein +physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekämpfen, gehört zu den +weiteren wichtigen Aufgaben der gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber +aufzuklären, muß zunächst die Möglichkeit gegeben sein, daß diese +Aufklärung sie überhaupt erreicht, d.h. sie müssen Zeit haben, um +Versammlungen zu besuchen, Zeitungen und Bücher zu lesen. Die +Entlastung der erwerbsthätigen Frau von der häuslichen Arbeit, die +Verkürzung ihrer Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte +Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in die +Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber muß auch die +Möglichkeit dazu durch ein gesichertes Koalitionsrecht ihnen gegeben +sein. + +Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nächst dem der +Gewerkschaft beschreiten können, ist der der Genossenschaft. In dem +einen Fall ist die Erhöhung des Einkommens eines der wichtigsten Ziele, +in dem anderen die billigere Beschaffung der Lebens- und +Wirtschaftsbedürfnisse. Unter den vielen Arten der Genossenschaften +kommen für die Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in +erster Linie in Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,--arme +englische Weber,--die die Bahnbrecher der großen englischen +Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie hervortretende, +oder gar führende Rolle haben die Frauen nicht darin gespielt, obwohl +sie als Konsumenten, als Hausfrauen, wesentlich daran interessiert sein +sollten. Erst 1883 wurde in England ein Verein weiblicher +Genossenschafter gegründet, dessen Zweige mit den Konsumvereinen in +Verbindung stehen, und der lediglich den Zweck hat, die Frauen für die +Genossenschaften zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine +ins Leben zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo +die Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine +ähnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur nichts +dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den Genossenschaften +selbst ist eine äußerst matte. Lassalles Ansicht, daß die Konsumvereine +eine Lohnherabsetzung zur Folge haben würden, spukt, obwohl sie längst +durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den Köpfen, vor allem +aber zeigt sich auch hier, was wir bei der Gewerkschaftsbewegung gesehen +haben, daß sozial tiefstehende, schlecht entlohnte Arbeiter für sie +nicht zu haben sind, und daß deshalb die Frauen im großen und ganzen ihr +fern bleiben und ihr verständnislos und mißtrauisch gegenüberstehen. Nur +wo sie durch höheren Lohn und kürzere Arbeitszeit eine gewisse soziale +Höhe erreicht haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der +Selbsthilfe zu beschreiten. + +Wir sehen also, daß zwei der wichtigsten Ziele der Organisierung +zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie für die Frauen +weit entscheidender ins Gewicht als für die Männer, weil die weibliche +Arbeit noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung steht und durch tief +eingreifende, mit dem mütterlichen und dem häuslichen Beruf der Frau +zusammenhängende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann eine bloße +gewerkschaftliche Agitation und Aufklärung bei den Frauen nicht +annähernd den Erfolg haben, wie bei den Männern, es müssen ihr vielmehr +gesetzliche Reformen vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von +Lancashire waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und +organisationsunfähig, wie heute die Mehrzahl der Arbeiterinnen. Erst +nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, auf schlechte +Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den Gewerkschaften und +Genossenschaften beizutreten.[881] + +Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die +politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer +Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre männlichen +Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem +praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der +Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der bürgerlichen +Begriffswelt angehört hatte und überzeugt gewesen war, daß alle +Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von außen +willkürlich gemacht werden, konnte er des Glaubens sein, daß die +Frauenarbeit sich einfach wieder aus der Welt schaffen ließe; dem +modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie Marx und Engels ihn +begründeten, blieb es vorbehalten, die ökonomischen Ursachen und +Zusammenhänge alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, daß auch +die Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden +kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als mit +einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum handelt, +"die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente +aufzuheben"[882], d.h. sie ebenso wie den Arbeiter nicht von der Arbeit, +sondern von der Lohnsklaverei zu befreien. Vom Standpunkt des +Sozialismus aus haben die Frauen den Kampf um ihre Interessen nicht mehr +als Geschlechtsgenossinnen zu führen, sondern als Genossinnen der +unterdrückten und beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich +solidarisch fühlen müssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und +Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung aufeinander +angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts, +ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest schließt: +Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es war der erste klare +Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die zwischen den Interessen +der bürgerlichen Gesellschaft und dem des Proletariats eine ungeheuere +Kluft gegraben hat, es war aber auch die erste öffentliche +Mündigkeitserklärung der Frau, die durch Arbeit und Not mündig geworden +war. + +In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller Länder nimmt +die Emanzipation der Frau daher einen breiten Raum ein, und in den +Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die Gesetze es zulassen, volle +Gleichberechtigung eingeräumt worden. Sie haben Sitz und Stimme in den +Kongressen, sie sind Mitglieder der Vorstände, sie teilen sich mit den +Männern auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen +weitgehenden Einfluß auf die Haltung der Partei gewonnen. + +Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebührt der Ruhm, sich zuerst und +mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie angeschlossen zu haben. +Daß es in so unzweideutiger Weise geschah, war nicht zum wenigsten den +polizeilichen Verfolgungen und Vereinsauflösungen zu verdanken, die, wie +wir gesehen haben, die ersten, zunächst rein wirtschaftlichen +Bestrebungen der Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrücken suchten. Die +Frauen sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten +und selbst öffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der +allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre +natürlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem Arbeiterkongreß in +Eisenach, kam es zu einer längeren Erörterung der Frauenarbeit, und die +damals noch allgemein herrschende Feindschaft der Männer gegen die +weiblichen Konkurrenten äußerte sich in einem Antrag, der die +Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen +wollte. Er wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, daß das Ziel, das +er im Auge habe, nicht erreicht werden könne, und jede Unterdrückung der +Frauenarbeit die auf den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der +Prostitution in die Arme treiben würde. Die gefährliche Konkurrenz der +Frauen aber ließe sich beseitigen: durch ihre Organisation mit den +Männern, durch die Erweckung des Klassenbewußtseins in ihnen und die +Erhebung des Weibes zur gleichstehenden Genossin. Diesen Grundsätzen ist +die Partei treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist +wesentlich der Teilnahme der Frauen an ihrer Thätigkeit und ihrer +Entwicklung zu verdanken. + +Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in völliger Unkenntnis der +Handhabung der Gesetze ihnen gegenüber sich ziemlich eng an die Partei +anschlossen, entstanden Anfang der siebziger Jahre. Ihre Mitglieder +waren zugleich die ersten Frauen Deutschlands, die sich 1874 an der +Wahlbewegung durch unermüdliche, opferfreudige Agitation beteiligten. +Die Behörden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflösung sämtlicher +Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre wachsende Stärke auch +ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten ausführlichen Antrag zur +Abänderung der Gewerbeordnung, den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und +der zur Hebung der Lage der Arbeiterinnen Beschränkung der Arbeitszeit, +Schutz der Wöchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der +Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen +forderte.[883] Die sozialdemokratischen Frauen erweiterten diese +Vorschläge, indem sie die zuerst von ihnen allein aufrecht erhaltene +Forderung der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erhoben. Die +Reichstagsfraktion ihrer Partei machte sie zu der ihren und verlangte +demgemäß 1884 die Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht. +Das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der +Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen +Gesetzentwurf zur Abänderung der Gewerbeordnung dem Reichstag vorlegte, +stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen gegenüber, der +für die Frauen das Wahlrecht zu den von ihr geplanten Arbeitskammern in +Aussicht nahm. Nach der Ablehnung ihres Entwurfs beantragte sie noch in +derselben Session, daß den Arbeiterinnen das aktive und das passive +Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zuerkannt werde. + +Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den +sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu +befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und der +Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der Statistik +wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der Frauenfrage mit +der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, daß erst die +wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre Emanzipation vollenden könne. +Die Wirkung dieses Buchs ging bald über Deutschlands Grenzen weit hinaus +und hat nicht nur die Frauenfrage in ein neues Licht gerückt, sondern +allmählich die Ansichten über ihre Lösung von Grund aus umwandeln +helfen. + +Die durch alle diese Einflüsse immer mehr erstarkende +Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie an +dem politischen Vereinsleben der Männer infolge der gesetzlichen +Beschränkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden 1891 allerorten +sogenannte Agitationskommissionen gegründet, deren Aufgabe es war, die +Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu einer einheitlichen und +planmäßigen zu gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre +der Bewegung ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde +und später unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hände von Frau Klara +Zetkin überging. Der steigende Einfluß der Frauen drückte sich in den +Beschlüssen des Erfurter Parteitags aus. In dem Programm, das er +aufstellte, und das bis jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist, +wurde die Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen +für den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung aller +Gesetze, welche die Frau in öffentlich-und privatrechtlicher Beziehung +gegenüber dem Manne benachteiligen und die freie Meinungsäußerung und +das Recht der Vereinigung und Versammlung einschränken oder +unterdrücken, der rechtlichen Gleichstellung der landwirtschaftlichen +Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern, der +Abschaffung der Gesindeordnungen. Gleichsam ein Echo dieser Beschlüsse +war es, wenn im selben Jahre seitens der Behörden eine wahre Razzia +unter den neu entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in +Frankfurt und in Halle wurden sie zuerst aufgelöst. Das war jedoch nur +ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die Arbeiterinnenbewegung, +die ganz dazu angethan war, revolutionierende Ideen bis in den Schoß der +Familie zu tragen, war den Behörden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die +Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenüber Stellung +nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die unter dem +Zeichen der Militärvorlage standen, eine fast fieberhafte Thätigkeit +entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein erschien ihnen verdächtig, am +verdächtigsten aber die Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie +und sämtliche Vereine aufgelöst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt +und bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine über ganz +Deutschland sich erstreckende Agitation für die Reform des Vereins- und +Versammlungsrechts, das für die Frauen, soweit sie sozialistischer +Gesinnung verdächtig sind, nichts als ein großes Unrecht ist. Die +politischen Vertreter der Partei waren auch jetzt die Vertreter der +Arbeiterinnen, indem sie im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit für +die Frauen forderten. + +Um die Arbeiterinnenbewegung nicht völlig dem Zufall zu überlassen, kam +man nach der Vernichtung der Agitationskommissionen zu dem Ausweg, +weibliche Vertrauenspersonen zu wählen, die nunmehr die Leitung und das +systematische Vorgehen bei der Agitation in Händen haben. Es stehen +ihnen eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der +Arbeiterinnen selbst zur Verfügung, die mit großer Ausdauer fast ständig +auf Reisen sind, um bis in die fernsten und kleinsten Winkel des Reichs +die Ideen des Sozialismus zu tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehärtete +Körper, der von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung für ihre +Sache erfüllte Geist hebt sie über alle Chikanen und Verfolgungen der +Behörden, über alle Gehässigkeit und alle Verachtung der bürgerlichen +Gesellschaft hinweg. Weniger als früher haben ihre Reden allgemeine +politische Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, daß es +gilt, alle Kräfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn etwas +erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 und der zu +Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. Die +Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nächste Aufgabe den +Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover aufgestellten +Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden[884]: + +1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit für Frauen. 2) Verbot der Verwendung +von Frauen bei allen Beschäftigungsarten, welche dem weiblichen +Organismus besonders schädlich sind. 3) Einführung des gesetzlichen +Achtstundentages für die Arbeiterinnen. 4) Freigabe des +Sonnabendnachmittags für die Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der +Schutzbestimmungen für Schwangere und Wöchnerinnen auf mindestens einen +Monat vor und zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der +Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines ärztlichen +Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die +Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 8) Sicherung +völliger Koalitionsfreiheit für die Arbeiterinnen. 9) Aktives und +passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten. + +In der Frauenkonferenz, die im Anschluß an den Mainzer Parteitag +stattfand, wurde diesen Beschlüssen noch der hinzugefügt, neben der +mündlichen, auch eine schriftliche Agitation für den Arbeiterinnenschutz +durch Flugblätter und Broschüren zu entfalten. In derselben Versammlung +wurde das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine +Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch Bestimmungen +über die Art ihrer Thätigkeit noch einheitlicher ausgebaut und der +wichtige Beschluß gefaßt, daß überall dort, wo die Vereinsgesetze dem +nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den Organen +der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen hinzuzuziehen +sind.[885] + +Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen +Arbeiterinnenbewegung, so läßt sich eine zahlenmäßige Antwort, wie bei +der Erörterung ihrer gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann +weder die ihren Ideen gewonnenen Frauen zählen, wie die bürgerliche +Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die männlichen +Genossen durch die bei der Reichstagwahl abgegebenen Stimmen. Der einzig +richtige Maßstab, an dem sie gemessen werden können, ist die +Gesetzgebung und die öffentliche Meinung. Dabei sei zunächst an folgende +Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der +Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nähgarnzoll; die +Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die +Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustände in der +Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur Verschärfung der +Truckgesetze führte. Wenige Jahre später leiteten Berliner +Sozialdemokratinnen die erste Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine +Entsetzen über das was sie zu Tage förderte, führte zu der sich durch +Jahre hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die +Kommission für Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur Beratung +stehenden Vorschlägen für eine Schutzgesetzgebung. Der große +Konfektionsarbeiterstreik 1896, der die bürgerliche Gesellschaft zwang, +in Tiefen des Elends einen Blick zu thun, über die sie bisher achtlos +fortgeschritten war, nötigte abermals zu eingehenden Untersuchungen und +zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der Hausindustrie. Aber mehr +noch: da die Arbeiterinnenbewegung Deutschlands durchaus identisch ist +mit der Arbeiterbewegung und ihr Einfluß auf die Haltung der +sozialdemokratischen Partei unverkennbar ist, so sind die Fortschritte +gesetzlichen Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mögen, mit ein +Erfolg ihrer agitatorischen Thätigkeit. Die Anträge, die die Fraktion +1877 nach dieser Richtung stellte und die mit überwältigender Majorität +abgelehnt wurden, erschienen 13 Jahre später zum großen Teil in der +Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Fürst Bismarck +gesagt hat, daß wir ohne die Sozialdemokratie auch das bißchen +Sozialreform nicht hätten, was wir besitzen, so können wir hinzufügen, +daß wir einen Teil von ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht +haben würden. + +Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie der +Lage der Arbeiterinnen gegenüberstellen: sie erscheinen nicht viel +anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer eines ungeheuren +dunklen Schlosses. Und vergegenwärtigen wir uns weiter, welch eine Macht +die Millionen proletarischer Arbeiterinnen ausüben könnten, wie sie im +stande wären, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages zu +tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen stünden,--so +erkennen wir, daß wir überhaupt erst am Anfang der Bewegung stehen, und +es drängt sich uns die Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um +vorwärts zu kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art. +Betrachten wir zunächst die negativen. + +Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die +Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im bürgerlichen +Sinne annimmt. Soweit sie eine selbständige Existenz neben der +Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der Entwicklung der +Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in der bürgerlichen Welt, +sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie vielfach durch die rechtliche +Stellung, besonders der deutschen Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter +Zwang nicht vorliegt, ist jede Nur-Frauenorganisation in der +Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. Dahin gehören z.B. die vielen in +Deutschland und Oesterreich entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine, +dahin gehören die selbständigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie +in Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehören vor allem die +Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von den radikalen +französischen Frauenrechtlerinnen angestrebt werden. Eine sich ihrer +Grundlagen und ihrer Ziele klar bewußte Arbeiterinnenbewegung hat diese +Art der Organisierung nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften +um ausschließliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um solche +Orte handelt, wo überhaupt gar kein anderer, den Arbeiterinnen +zugänglicher Verein besteht. Grundsätzlich aber sollte sie sich ihnen +gegenüber stets ablehnend verhalten, denn sie können am letzten Ende nur +verwirrend wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt groß ziehen, +der das Solidaritätsgefühl zwischen Arbeiter und Arbeiterin, die +wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf des +Proletariats, nicht aufkommen läßt. Die selbstverständliche Konsequenz +dieses Standpunktes ist natürlich auch die Ablehnung jeder gemeinsamen +Arbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung. Darunter verstehe ich den +Eintritt in oder den Zusammenschluß mit bürgerlichen Frauenvereinen +einerseits, oder die Zulassung bürgerlicher Frauenrechtler in +Arbeiterinnenvereine andererseits. Wie reaktionär beides wirkt, dafür +liefert England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von +Damen der bürgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs, +Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen für die +politische Rückständigkeit der englischen Arbeiterinnen, ebenso +wie die Einmischung der französischen Frauenrechtler in die +Arbeiterinnenbewegung fast einer Zerstörung gleichkommt. Völlig +abzulehnen ist daher auch die Thätigkeit bürgerlicher Frauen in +Gewerkschaften, die man vielfach selbst in Arbeiterkreisen für +unbedenklich hält. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die +deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der bürgerlichen +Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. Aber weder deren +Feindseligkeit gegenüber den sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie +sich bei Gelegenheit der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine +dokumentierte, noch ihre Gleichgültigkeit, die am drastischsten in dem +Auflösungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die behauptete +Solidarität mit den "ärmeren Schwestern" in der Form energischer +Proteste einmal durch die That zu beweisen, bot die Veranlassung dazu, +sondern vielmehr die klare Erkenntnis der völligen Differenz der beiden +Bewegungen zu Grunde liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit +ihrer Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.[886] Diese Differenz fand +in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen Resolution ihren +prägnanten Ausdruck, in der es unter anderem heißt[887]: + +"Als Kämpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der +rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne, als die +Klein- und Mittelbürgerin und die Frau der bürgerlichen Intelligenz. Als +selbständige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verfügung über ihr +Einkommen (Lohn) und ihre Person als die Frau der großen Bourgeoisie. +Aber trotz aller Berührungspunkte in rechtlichen und politischen +Reformforderungen hat die Proletarierin in den entscheidenden +ökonomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen +Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das +Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des +gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts." + +Kommen wir nun, im Anschluß hieran, zu den positiven Mitteln, deren sich +die Arbeiterinnenbewegung bedienen muß, so ist eines der wichtigsten, +die Ausbreitung ihrer propagandistischen Thätigkeit über alle Kreise +weiblicher Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung +befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunächst in sich zu +konsolidieren, sich über die eigenen Zwecke und Ziele klar zu werden, +jede Berührung mit einem fremden Element unbedingt auszuschließen. Die +sozialdemokratische Partei ist nicht anders verfahren und der Erfolg +beweist, daß ein Zuviel nach dieser Richtung immer besser ist als ein +Zuwenig. Es ist wie mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen +ihn erst dann, wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt +erscheint, daß man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen +lassen zu können, ohne fürchten zu müssen, daß sie ihn zu Grunde +richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die Kinderschuhe +ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr verändern, wohl aber vermag +sie es anderen aufzuprägen; sie steht fest auf eigenen Füßen, sie bedarf +keiner Hilfe Außenstehender, um vorwärts zu kommen. Aus diesem Gefühl +ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren Einfluß überall, wo +die Wege dazu offen stehen, zur Geltung zu bringen suchen. Auch in der +bürgerlichen Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer +Hilfe bedürften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung erreicht +hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht genug, große +Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu ziehen, sie hat Bedeutung +genug, sich im öffentlichen Leben Einfluß zu verschaffen. Es ist eine +Unterlassungssünde, die sich schon gerächt hat, und ein Mangel an +Selbstvertrauen, wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit +vorübergehen läßt, wo sie dem Sozialismus einen Fuß breit Erde gewinnen +kann, wenn sie für sie nicht Propaganda macht für die Vereinigung auch +derjenigen Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen +Lohnarbeiterinnen fast alle, im Banne bürgerlicher Anschauungsweise +stehen, wenn sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausübt. Diese +Beeinflussung der Glieder der bürgerlichen Frauenbewegung steht durchaus +nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit mit ihr, denn es +handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und Einreihen. Ein Beispiel +illustriere das Gesagte: Der große liberale Frauenverband Englands, der +schroffste Gegner jedes gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit +kurzem eine merkwürdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes +durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen überzeugten +Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den Versammlungen des +Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. Kein Frauenkongreß, +keine die Interessen der Arbeiterinnen berührende Versammlung sollte +vorübergehen, ohne daß der sozialistische Standpunkt propagiert worden +wäre. + +Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von ihr, der +die Frauen umfaßt, ist wie ein junger Riese, der sich seiner Kräfte +nicht recht bewußt ist und die mächtigen Glieder noch nicht vollkommen +zu beherrschen weiß. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um +sich dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle +diejenigen, die marsch- und kampffähig sind, in seine Gefolgschaft zu +zwingen. + +Aber der Bethätigungskreis der Arbeiterinnenbewegung müßte sich auch +noch in anderer Richtung entwickeln: in der genossenschaftlichen +nämlich. Sie müßte bei den Frauen das Interesse für die +Konsumgenossenschaften zu erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer +Lage bedeutet einen Schritt näher zur gewerkschaftlichen Organisation +und zur politischen Aufklärung. Und ebenso wie billigere und bessere +Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie die +Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer Lage. Von +nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dabei der erzieherische Einfluß +der Genossenschaften: sie fördern die Solidarität und das +Klassenbewußtsein, weil sie sich selbstbewußt dem kapitalistischen +Unternehmertum gegenüberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur +Geschäftskenntnisse, sie machen sie auch fähig zur Leitung +geschäftlicher Unternehmungen,--eine Erziehung, die sich in der Zukunft +als außerordentlich wichtig erweisen dürfte. Neben die sehr +vernachlässigte Propaganda für die bestehenden, sollte jedoch auch noch +die für eine neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den +Frauen zu Gute kommen. + +Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, wie bei +der Erörterung der Organisationsschwierigkeiten im Hinblick auf die +Frauen haben wir gesehen, daß die doppelte Arbeitslast,--die Hausarbeit +neben der Erwerbsarbeit,--sie besonders schädigt und ihren Fortschritt +hemmt. Es müßten daher Mittel und Wege gefunden werden, um sie von der +Hauswirtschaft möglichst zu befreien. In der genossenschaftlichen +Hauswirtschaft, wie ich sie bereits als eines der Mittel schilderte, um +die Erwerbsarbeit der bürgerlichen Frauen zu ermöglichen, glaube ich es +auch für die Proletarierinnen gefunden zu haben.[888] Die Grundidee, die +Frauen zu entlasten, die Kosten für die Hauswirtschaft durch den Ersatz +der verschwenderischen Kleinbetriebe durch Großbetriebe zu verringern, +die Lebenshaltung durch bessere, weil verständiger zubereitete Nahrung +zu erhöhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und hat verschiedene +Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum Teil in der von mir +vertretenen Weise der Verwirklichung entgegengeführt[889], zum Teil +versucht man, die Frauen dadurch zu entlasten, daß möglichst alle +Speisen außer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.[890] In +England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche +Verteilungsküchen zu gründen, die die fertigen Mahlzeiten ins Haus +liefern, und in Frankreich entstehen Arbeitergenossenschaften, die +Restaurants ins Leben rufen, aus denen das Essen auch nach Hause geholt +werden kann. Jedenfalls liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung, +wenn an die Stelle des innerlich schon überwundenen Einzelhaushalts der +genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehört um so mehr zur Aufgabe +der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche Gemäuer vollends +umzustoßen, wenn Frauen in Gefahr kommen, darin zu Grunde zu gehen.[891] + +Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, ohne die +alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine immer festere +Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu suchen, die +Proletarierinnen politisch aufzuklären und ihr zuzuführen. Die +Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz richtig: + +"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer +Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung +bedeutet, daß sie, wie der Proletarier, nur härter als er, vom +Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der +Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Männer der +eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Männern ihrer Klasse +gegen die Kapitalistenklasse. Das nächste Ziel dieses Kampfes ist die +Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein +Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der +Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeiführung der +sozialistischen Gesellschaft." + +Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch nicht in +Fleisch und Blut übergegangen ist, auch die Männer stehen ihr zum Teil +gleichgültig gegenüber. Mag die Gleichberechtigung des weiblichen +Geschlechts in der gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung +noch so allgemein und offiziell anerkannt sein, mögen die +Parteiprogramme aller Länder sich noch so feierlich zu ihr bekennen, in +sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die Frauenfrage noch +der alte reaktionäre Philister. In einer Variation des Napoleonischen +Ausspruchs heißt es bei ihnen: _Tout pour la femme, mais rien avec +elle_,--wir wollen der Frau alle Rechte erkämpfen, aber wir wollen +nicht, daß sie mit uns kämpft. Die Zunahme der weiblichen Arbeiter hat +diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark erschüttert, denn die +Organisierung der Frauen wird mehr und mehr zu einer Lebensbedingung für +sie: die unorganisierten Arbeiterinnen vermögen den Kampf um bessere +Arbeitsbedingungen zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen +Bewegung aber liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die +gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der +Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die Bewegung +zu Gunsten der Bürgerrechte der Frau an Boden gewinnt,--und sie hat in +Amerika, in Australien und in England bereits große Siege zu +verzeichnen--desto dringender wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht +politisch aufzuklären und zu erziehen, denn es können einmal die Stimmen +der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle Errungenschaften eines +jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den Fortschritt hemmen, wie das +Eis im Winter die Wellen des Stromes. Aber noch ein anderes kommt hinzu: +das Weib ist die Mutter derer, in deren Händen die künftigen Geschicke +der Menschheit ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was +sie ihnen aufprägte, ist fast unzerstörbar. Gewinnt der Sozialismus die +Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die +Arbeiterinnenbewegung zu fördern, sie immer enger an sich zu schließen, +die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, überall in die That +zu übersetzen, ist daher nichts, was von den Sozialisten gefordert wird, +wie man etwa einst von den Rittern den Frauendienst forderte, es gehört +vielmehr zu den Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im +Interesse ihrer selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die +Arbeiterinnenbewegung gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr +vollkommenes Aufgehen in der Arbeiterbewegung gestatten. + + + + +8. Die bürgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur +Arbeiterinnenfrage. + + +Während die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren einheitlichen +Klassengefühl getragen und bestimmt war, ist das Verhalten der +bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage ein +unklares und zwiespältiges. In der Vergangenheit überwiegt das +philanthropische Moment jedes andere, und der kindliche Glaube +beherrscht die Frauen, daß Wohlthätigkeit, Armenpflege und allseitiger +guter Wille die Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen. +Dieser durch Religion und Sitte in den Frauen groß gezogene +Gefühlsstandpunkt und seine Bethätigung haben, so schön sie vielfach +erscheinen mögen, die traurigsten Folgen gehabt: sie haben sowohl auf +seiten der Wohlthäter, wie auf der ihrer Schützlinge die Empfindung für +Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle +setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, daß +Wohlthätigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute vielfach für +identisch gehalten werden. Sie haben das Verständnis dafür unterdrückt, +daß jeder arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat +und es zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Kränkung fügen heißt, +wenn man ihn, in welcher Form immer, mit Almosen abspeisen will. Sie +haben die Entwicklung zu tieferer Erkenntnis der sozialen Probleme +vielfach aufgehalten und nur die eine fruchtbringende Folge gezeitigt, +daß den Frauen der Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte +Begriffe blieben. + +In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische Frauen +an der Armenpflege. Und ihrer unermüdlichen Agitation ist ihre +Reorganisation und die große Rolle, die die Frauen in ihr spielen, zu +verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule für soziale Arbeit. Den +meisten Bestrebungen, die mit diesem Namen bezeichnet werden können, +klebt allerdings bis heute die Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind +immer noch Wohlthaten, die von selten der Begüterten den Armen +freiwillig gespendet werden. Hierher gehören z.B. die Speisehäuser und +Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie gegründeten +und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den Alleinstehenden ein +Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind zweifellos von größtem Nutzen +für sie, aber ebenso zweifellos ist es, daß sie ein gewisses +Abhängigkeits- und Unterthänigkeitsgefühl befestigen oder großziehen, +das das Klassenbewußtsein der Arbeiterin unterdrückt und ihren +Befreiungskampf aufhält. In viel höherem Maße gilt das noch für die +vielen in allen Kulturländern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen +gegründeten und erhaltenen Mädchen- und Arbeiterinnenheime, die für +wenig Geld Wohnung und Nahrung bieten, die geistige und physische +Freiheit der Bewohner aber in jeder Weise beschränken. Nur wenige +unabhängige Heime, so z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs +nachgeahmt ist und die Selbständigkeit der Arbeiterin möglichst zu +wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die Settlements, +jene Niederlassungen bürgerlicher Männer und Frauen inmitten der +Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in beträchtlicher Zahl +aufweist, stehen schon eine Stufe höher, weil diejenigen, die ihr Geld, +ihre Zeit und ihre Kraft den Proletariern zur Verfügung stellen, auch +mit ihnen leben, wodurch die Stellung des Wohlthäters gegenüber dem +Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird, +erniedrigt den Empfänger nicht: es ist Teilnahme, Rat, Bildung. Die +zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mädchen, die Stellenvermittlungen +und Rechtsbeistände gehören hierher. Auch jener erste deutsche +Arbeiterinnenverein, den Luise Otto-Peters in Berlin 1869 gründete[892], +lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und +belehrende Vorträge auf eine höhere geistige Stufe zu heben, und die +versuchte Einführung des unentgeltlichen Rechtsschutzes für +Arbeiterinnen durch den Allgemeinen deutschen Frauenverein +in den achtziger Jahren[893] können in das Gebiet sozialer +Hilfsthätigkeit,--wie man die Erweiterung oder Wohlthätigkeit mit Recht +benennt,--gerechnet werden.[894] In dieselbe Kategorie gehört die +Universitäts-Ausdehnungs-Bewegung, die in England ihren Ausgang nahm und +sich in Amerika, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, Dänemark, Finland +mit mehr oder weniger Erfolg ausbreitete, gehören die dänischen +Volkshochschulen, die der vernachlässigten Landbevölkerung Bildung +zutragen, gehört die aufopfernde Thätigkeit der russischen Lehrerinnen, +die die Fackel der Aufklärung in das Dunkel geistigen und physischen +Elends tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie +die Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst überwinden +konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die geistigen +Almosen--eben nur Almosen! Das Gebotene ist Stückwerk und muß Stückwerk +bleiben; es vermittelt einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt, +um sie untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und +befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es immer +nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und +Ausgebeutetsten,--dazu gehören, wie wir wissen, die Masse der +Arbeiterinnen,--nicht die Zeit und die physischen und geistigen +Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher Gaben nötig sind. +Der Bankerotterklärung,--d.h. dem Eingeständnis der Unfähigkeit, die +Masse der Proletarier in nennenswerter Weise aus materieller und +geistiger Not zu befreien,--der materiellen Wohlthätigkeit wird daher +die der ideellen folgen müssen. + +Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren +zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser Untersuchung +sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun haben und nur +insofern für uns von Interesse sind, als sie die Stellung der +bürgerlichen Frauen gegenüber der Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist +aber auch die selbständige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los +ihrer "ärmeren Schwestern",--wie sie mit so viel sentimentalem Pathos zu +sagen pflegen,--fast erschöpft. Sobald das Gebiet der Wohlthätigkeit im +weiteren Sinn verlassen und das des Rechts betreten wurde, lehnten sich +die Frauen der Bourgeoisie teils an eine der politischen Parteien und +deren Anschauungsweisen an, teils übertrugen sie, rein mechanisch, in +naiver Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, die Theorien der +bürgerlichen Frauenbewegung auf die Arbeiterinnenfrage. + +So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden Einfluß +jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur immer eine +schwache Kopie gesehen haben, dessen die öffentliche Meinung +beherrschende Stellung aber um so stärker auf die Frauen wirkte, als +ihre Interessen schon seit langem im wesentlichen politische waren. Sein +Einfluß bestimmte auch ihre Stellung gegenüber der Arbeiterinnenfrage. +Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem +frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der Geschlechter +beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: infolgedessen kämpften +sie mit einer Heftigkeit, die jetzt erst nachzulassen beginnt, gegen +jede gesetzliche Beschränkung der Frauenarbeit. Was für die bürgerlichen +Frauen vollste Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann +sich erst erringen mußten, das sollte auch für die Proletarierinnen +gelten, die längst schon Seite an Seite mit den männlichen +Arbeitsgenossen sich körperlich und geistig zu Grunde richteten. Die +liberalen Frauen gingen dabei von der Ansicht aus, daß jede gesetzliche +Verkürzung der Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein +Anwendung findet, jeder Ausschluß der Frauen aus bestimmten +Arbeitszweigen die Arbeitsmöglichkeit für sie beschränkt und sie den +Männern gegenüber benachteiligt. In naivem Unverständnis für die +thatsächlichen Verhältnisse, befangen durch abstrakte Theorien, zogen +sie im Namen der persönlichen Freiheit die Ausbeutung der Arbeiterin dem +gesetzlichen Schutze vor. Ihre Ansichten gewannen um so größere +Bedeutung, seit sie offiziell durch die Women's Liberal Federation +vertreten wurden, die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet, +und über 100000 Mitglieder zählt. Im Jahre 1893 erhob die +Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den gesetzlichen +Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines völlig gleichen Schutzes für +Männer und Frauen zum Beschluß,--ein Beweis, wie die Idee der rein +mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Köpfe verwirrt hatte. +Als die Regierung dann 1895 dem Parlament Abänderungen des +Fabrikgesetzes und Zusätze dazu vorlegte, die eine Erweiterung des +Arbeiterinnenschutzes zum Ziele hatten, entfaltete der Verband eine +fieberhafte Agitation dagegen, die selbst davor nicht zurückscheute, die +Ausdehnung der Schutzzeit für Schwangere und Wöchnerinnen zu bekämpfen, +und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen im +besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im allgemeinen Stellung +nahm.[895] Die Gegner der Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem +Vorgehen einen starken Rückhalt, und es gelang den vereinten Kräften der +Frauen, die für Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der +Männer, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, eine +Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, wohl aber +bedeutend abzuschwächen. Indessen ist nach und nach ein leiser Umschwung +in den Ansichten des Verbandes eingetreten, der dadurch zum Ausdruck +kam, daß er in seiner Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals +gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit +einer schwachen Majorität von 33 Stimmen. Seitdem verficht die +Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten +frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu +stützen, daß sie alle diejenigen Fälle ihren Lesern vorführt, aus denen +hervorgeht, daß der gesetzliche Arbeiterinnenschutz auf die +Erwerbsverhältnisse nachteilig gewirkt hat. Daß solche Fälle in Zeiten +des Uebergangs zahlreich sind, daß es Arbeiterinnen infolge der +Beschränkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder gar des +Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschädlichen Berufen schwer fällt, +neue Stellungen sich zu verschaffen, ist zweifellos. Und es ist eine aus +der ganzen Erziehung, vor allem aber aus der intensiven Beschäftigung +mit der Wohlthätigkeit erklärliche Eigenschaft der Frauen, über der +Härte des Einzelfalls den Vorteil für das Ganze vollständig zu +übersehen. Sie sind gewohnt, den Kindern, den Kranken, den +Arbeitsunfähigen, kurz den Schwachen helfend und schützend zur Seite zu +stehen und sie schrecken, ganz vom Gefühlsstandpunkt beherrscht, vor dem +grausamen aber leider unvermeidlichen Weg zurück, um der Gesamtheit +willen das Schicksal Einzelner zu gefährden. So verwirft ein sehr +großer Teil frei denkender Engländerinnen unter dem tönenden Kampfruf +"Free Labour Defense" den Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht +mehr ins Endlose arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot +mangelt, weil das Fabrikmädchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr +findet und der Schande in die Arme fällt. Um so erstaunlicher war es, +daß der liberale Frauenverband sich prinzipiell für einen gesetzlichen +Schutz der Heimarbeit erklärte. Begreiflich wird das nur, wenn man sich +klar macht, daß es sich dabei nicht um den Ausdruck erweiterter +Erkenntnis, sondern im wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung +und des persönlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der Arbeiterin +vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz der Konsumenten +vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, wie groß diese +thatsächlich sind, und sowohl in England wie in Amerika wird der Kampf +gegen die Hausindustrie, von bürgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem +Gesichtspunkt aus geführt. + +Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der Geschlechter in +Bezug auf die Erwerbsmöglichkeiten sind es auch, die die Haltung der +deutschen bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage +beeinflussen. Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche +Frauenverein an den Kongreß der volkswirtschaftlichen Vereine, der in +Hamburg tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, daß darauf +hingewirkt werden möge, "die weibliche Arbeitskraft von der +Verkümmerung, in der sie sich gegenwärtig befindet, zu retten und zu +einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt heranzuziehen", und an +den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre zusammentrat, wurde +gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine Unterstützung der +Frauenarbeit forderte.[896] Der Gedanke des gesetzlichen +Arbeiterinnenschutzes mußte in jener Zeit den Frauen um so ferner +liegen, als thatsächlich überall der Eintritt der Arbeiterinnen in die +Industrie durch die Arbeiter mit allen Mitteln bekämpft wurde. Was +damals aber begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, während deren +alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft fielen, +nur als ein Ausfluß blinder Prinzipienreiterei und mangelhafter Kenntnis +der einschlägigen Verhältnisse. So allein ist es zu erklären, daß die +französische Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongreß im +Jahre 1900,--der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr ein +nationaler war,--mit großem Nachdruck gegen jeden besonderen +Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die Art wie es +geschah einen Fortschritt. + +In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts war jene große +Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an deren Spitze Marx, Engels +und Lassalle standen. Der Sozialismus, wütend bekämpft von der +bürgerlichen Gesellschaft, drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen, +durch geschlossene und verbarrikadierte Thüren und Fenster hinein. In +vielen seiner Züge war er geradezu prädestiniert, die Frauen zu +gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jüngerinnen an sich zog, +weil es an das Gefühl appellierte, weil es den "Mühseligen und +Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die Gefühlsseite des +Sozialismus, die heute so stark auf die Frauen wirkt, oft ohne daß sie +es wissen und meist ohne daß sie es eingestehen wollen. Wo es sich um +bürgerliche Frauen handelt, hört ihr Verständnis und ihre Zustimmung +meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des +gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder den +Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu verfolgen. Aber +ihre Gefühlswelt ist durch ihn befangen; kürzere Arbeitszeit, höherer +Lohn, Schutz den Frauen und Kindern--das sind Ideen, die ihnen, denen +die Armut in jeder Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein +müssen. Auch die Form der Beschlüsse des französischen Kongresses von +1900 ist auf den wachsenden Einfluß des französischen Sozialismus +zurückzuführen. Sie lehnen zwar den gesetzlichen Schutz für weibliche +Arbeiter ab,--eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,--aber sie +verlangen ihn in ausgedehntem Maße für beide Geschlechter, indem sie die +grundlegende Forderung der organisierten Arbeiterschaft,--den +Achtstundentag,--an die Spitze stellen.[897] + +Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich der +Einfluß der Arbeiterbewegung auf die Haltung der deutschen bürgerlichen +Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage. daß es ihr möglich war, +mit bestimmten ihrer Ideen in ihr Fuß zu fassen, ist die natürliche +Folge der völligen Vernachlässigung der Frauenfrage durch die +bürgerlichen Parteien Deutschlands. Indem der englische Liberalismus die +Forderungen der Frauen nicht nur ernst nahm, sondern auch vielfach +acceptierte, und er ebenso wie die konservative Partei den Drang der +Frauen zu politischer Thätigkeit geschickt für sich ausnutzte, sie +gewissermaßen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine kluge +Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten einen +Rückhalt, eine Stütze an ihnen, während die deutschen Frauen bis vor +kurzem von allen bürgerlichen Parteien gleichmäßig geächtet waren. + +Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche bürgerliche Frauenbewegung +vollzog sich natürlich außerordentlich langsam und setzte äußerlich +bemerkbar erst dann ein, als der Bannfluch, der mit dem +Sozialistengesetz den Sozialismus und seine Vertreter in den Augen der +bürgerlichen Welt getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872 +erklärte Fräulein Auguste Schmidt, die eigentliche Führerin des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die +Frauenbewegung repräsentierte, die Bildung für den eigentlichen Kern- +und Schwerpunkt der Frauenfrage.[898] Wenige Jahre später, angesichts +des Sozialistengesetzes, hielt sie sich für verpflichtet, die deutsche +Frauenbewegung gegen jeden Verdacht revolutionärer Bestrebungen +öffentlich zu verwahren.[899] Erst 1881, zum ersten Male wieder seit der +Gründung des längst eingegangenen Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869 +durch Luise Otto, beschäftigte sich die Generalversammlung des Vereins, +infolge eines Referats von Fräulein Marianne Menzzer, mit der traurigen +Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn für gleiche +Arbeit", die in England und Frankreich längst aufgestellt worden war und +durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs ist, fand lebhaften +Widerhall.[900] Als dann zwei Jahre später dieselbe Frage zur Beratung +stand, zeigte sich die ganze Einsichtslosigkeit der Versammlung darin, +daß sie in erster Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die +moralische Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu unterstützen, +daß die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen Geschäften zu +kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. Ein Fortschritt jedoch +trat damals schon hervor: einige wenige Frauen, unter Leitung von Frau +Guillaume-Schack, befürworteten statt dessen die Gründung von +Arbeiterinnen- und Gewerkvereinen,[901] Frau Guillaume-Schack war die +erste ausgesprochene Sozialistin in der bürgerlichen Frauenbewegung. Als +sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen konnte und der bürgerlichen +Frauenbewegung den Rücken wandte, schien es, als ob damit das Interesse +an der Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es +fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, unter +denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach unter Leitung +von Frau Minna Cauer und unter dem Einfluß von Frau Jeanette Schwerin zu +dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging die Agitation für Anstellung +weiblicher Gewerbeinspektoren aus, sie versuchte mit aller Energie die +Frauenbewegung aus der Bahn der Wohlthätigkeit in die sozialer +Hilfsarbeit hineinzulenken. Dieser ganzen Strömung entstand im Jahre +1894 ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegründeten +"Frauenbewegung". + +Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier geleistet +wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der bürgerlichen +Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so daß selbst die ruhige +Vernunft dadurch unterdrückt wurde, das beweist die in demselben Jahr +erfolgte Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine.[902] Seine +Entstehung verdankte er der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich +des internationalen Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen +nationalen Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von +vornherein kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die +Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den Einfluß aller +Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" zuwenden wollte, "zu denen +alle von Herzen ihre Zustimmung geben können".[903] Von, diesem Bündnis +nun, das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach +dem Ausspruch der Vorsitzenden der Gründungsversammlung, Fräulein +Auguste Schmidt, "die sozialistischen Arbeiterinnenvereine +selbstverständlich" ausgeschlossen, und in diesem Sinne stimmte die +überwiegende Majorität der Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an +der Sitzung teilnahmen, fanden sich nur fünf, die auf meine Initiative +hin gegen diese engherzige, die ganze Gründung von vornherein +brandmarkende Auffassung öffentlichen Protest erhoben. Als +Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens erklärte +der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner offiziellen +Schriften[904], daß die betreffenden Vereine zum Beitritt nicht hätten +aufgefordert werden können, weil das Gesetz das in Verbindung treten +politischer Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine +anzusehen, unmöglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den +meisten Staaten Deutschlands die Gründung politischer Vereine durch +Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab demnach in diesem +Sinn überhaupt keine "sozialistischen" Arbeiterinnenvereine und die +ganze Beweisführung des Bundes soll nur noch heute die Angst, sich +öffentlich zu kompromittieren, verschleiern. Thatsächlich haben +inzwischen soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der +bürgerlichen Frauenbewegung mehr an Einfluß gewonnen, als im deutschen +Bunde. Schüchtern setzten sie ein mit der Forderung an die Kommunen, +Kinderhorte einzurichten und an die Regierungen, weibliche +Gewerbeinspektoren anzustellen, und innerhalb sechs Jahren haben sie +sich soweit entwickelt, daß der Bund von sich sagen kann: "In der Frage +des Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie die +organisierten deutschen Arbeiterinnen"[905], d.h. wie die +Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen Ungestüm +aller derer, die eine Wahrheit plötzlich erkannt haben, petitionierte er +bei den Volksvertretungen und Regierungen um die Ausdehnung des +Wahlrechts und der Wählbarkeit zu den Gewerbegerichten auf weibliche +Arbeitgeber und Arbeiter, um den Achtuhrladenschluß, zweistündige +Mittags-, je eine viertelstündige Frühstücks- und Vesperpause, +den achtstündigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang für +jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der +Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die Einführung +obligatorischer Fortbildungsschulen für Mädchen, um die Schaffung eines +einheitlichen Reichsvereins- und Versammlungsrechts und Gewährung +gleicher Rechte für die Frauen wie für die Männer. Zugleich regte die +1899 gegründete Kommission für Arbeiterinnenschutz an, Enquêten der Lage +der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. Dementsprechend hat in Leipzig der +Allgemeine deutsche Frauenverein Untersuchungen der Frauenarbeit im +Kürschnergewerbe, und in Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim- +und Fabrikarbeit der Strohhutnäherinnen veranstaltet. Die Bedeutung +aller dieser Maßnahmen läßt sich nicht nur am Vergleich mit der nach +anderen Richtungen so vorgeschrittenen französischen und englischen +Frauenbewegung ermessen, sondern vor allem daran, daß sie von 137 +Vereinen ausgehen, deren 71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem +rückständigen, antisozialistischen deutschen Bürgertum zusammensetzen. +Wahrlich, ein deutliches Zeichen für die Macht sozialer Ideen! Auch +abseits vom Bunde, in kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im +evangelisch-sozialen Kongreß durch den Einfluß zweier mit der Lage der +Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Kühne und +Fräulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in dem orthodoxen +evangelischen Frauenbund durchzudringen. + +Selbstverständlich lehnt die bürgerliche Frauenbewegung nach wie vor +jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus ab, und dokumentiert das vielfach +durch Unterlassungssünden, durch Worte und Thaten. Als die +proletarischen Frauenorganisationen im Jahre 1895 unter dem Zeichen des +drohenden Umsturzgesetzes in der schlimmsten Weise verfolgt und +geschädigt wurden und die Gelegenheit geboten gewesen wäre, die +Solidarität mit den Arbeiterinnen zu beweisen, hüllte die offizielle +Vertretung der bürgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine +Protesterklärung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, die ich +veröffentlicht hatte, fand nur verhältnismäßig wenig Unterschriften. Und +bei Gelegenheit der großen Agitation gegen das bürgerliche Gesetzbuch +seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine Flut von Reden, +Artikeln, Broschüren und Petitionen mit sich führte, blieben die für die +Proletarierin so wichtigen Fragen des Rechts auf dem Gebiete des +Arbeitsvertrags, der Gesindeordnungen, der Stellung der ländlichen +Arbeiter von alledem völlig unberührt. Wie vorsichtig und +zurückhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen Deutschlands der +Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht, dafür noch folgendes Beispiel: +Unter der Leitung des Vereins "Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes +ein Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen +Bestrebungen,--sie decken sich fast ganz mit denen des Bundes,--als in +ihrer energischen Betonung und radikalen Färbung von ihm abweicht. Er +stellte den Antrag, der Bund möge eine Verständigung zwischen der +sozialistischen und bürgerlichen Frauenbewegung für wünschenswert +erklären, wurde aber damit zurückgewiesen und es trat eine äußerst matte +Erklärung an seine Stelle, wonach "die Möglichkeit einer Verständigung +von Fall zu Fall in Betracht" gezogen werden sollte. + +Am deutlichsten aber trat der bürgerliche Klassencharakter der +Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die häuslichen Dienstboten +anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und sich gegen die +unwürdige Lage, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Bis ins innerste +Herz wurde die ganze bürgerliche Gesellschaft dadurch getroffen; solange +die Arbeiterinnenbewegung sich außerhalb der eignen vier Wände +abspielte, konnte sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den +Frauen, die keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen +glaubten fürchten zu müssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich in +ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie +verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von +wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja vielfach in +Haß, der alle diejenigen in Acht und Bann erklärte, die mit der +Dienstbotenbewegung sympathisirten. Schon die Haltung des Berliner +Internationalen Frauenkongresses war charakteristisch; für lange +Berichte über Wohlthätigkeitsorganisationen war Zeit in Fülle vorhanden, +als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage erörtern wollte, +konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand ging in der Diskussion +darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten des Berliner +Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina Morgenstern: um das +"Verlieren" der in Deutschland üblichen, mit Zeugnissen versehenen +Dienstbücher wirkungslos zu machen, verlangte er die direkte Einreichung +dieser Zeugnisse an die Polizei, damit die Herrschaften hier stets +Einsicht von ihnen nehmen könnten. + +Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunächst die Zunge +gelähmt zu haben. Erst allmählich entschloß man sich, sie vorsichtig und +zurückhaltend zu erörtern; persönlichen Anteil daran nahmen aber nur +wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen +Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu nichts +weiter entschließen als zu einer Petition um Einführung der +Unfallversicherung für das häusliche Gesinde, und eine Anzahl Vereine +erklärten mit großem Pathos, die Mißachtung, unter der die Dienstboten +zu leiden haben, dadurch zu beseitigen, daß sie von nun an nicht mehr +Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das für +den Hängeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als ein ausreichendes +Aequivalent erscheint?! Etwas energischer äußerte sich eine der +Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza Ichenhäuser, indem sie noch den Ersatz +des Dienstbuches durch ein fakultatives Arbeitszeugnis und die +gesetzliche Festlegung eines Wochenminimums an Freiheit forderte.[906] +Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng +thatsächlich die Grenzen für seine sogenannt radikalen Anschauungen +gezogen sind, indem er sich in seiner Generalversammlung im Oktober 1901 +nicht einmal zu dieser Forderung entschließen konnte, sondern sich nur +darauf beschränkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die +Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, und +die Zuständigkeit der Gewerbegerichte für Rechtsstreitigkeiten, die aus +dem Dienstverhältnis sich ergeben, zu verlangen. + +Das Haus und seine Ordnung ist thatsächlich vor allem für die deutsche +Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie bisher von der primitiven Art +ihrer Haushaltung und Wirtschaftsführung abzugehen, und wie es eine alte +Erfahrung ist, daß das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen +geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst willen +eingeführt werden, ein äußerer Zwang sie vielmehr zur Notwendigkeit +machen muß, so wird eine Aenderung dieser Verhältnisse, die die traurige +Lage der Dienstboten bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an +häuslichen Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafür ist die Haltung der +bürgerlichen Frauen gegenüber der Dienstbotenfrage im Ausland, wo es +mehr und mehr an Kräften fehlt, die sich dem Hausdienst zur Verfügung +stellen. Nicht nur, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen überall +bessere sind als in Deutschland, daß Einrichtungen aller Art den Dienst +erleichtern, daß weder Dienstbücher, noch Ausnahmerechte, wie unsere und +die österreichischen Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch +das Dienstverhältnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der Pariser +Frauenkongreß von 1900 lehnte zwar die Beschränkung der Arbeitszeit ab, +er verlangte aber eine Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der +Praxis als ziemlich dasselbe herausstellen dürfte. Auf dem Londoner +Frauenkongreß ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter lebhaftem +Beifall die Ansicht vertreten, für alle häuslichen Dienste, außer dem +Hause wohnende Arbeitskräfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach +geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwärterinnen, Lohndiener beschäftigt +werden.[907] In Amerika hat sich zu diesem Zweck ein besonderer +Frauenverein gebildet, der für den häuslichen Dienst die +Arbeitsvermittlung in Händen hat, und bei dem die Hausfrauen für jede +Art Arbeit stunden- und tageweise Mädchen engagieren können. Eine andere +Art, dem Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu +entlasten,--wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der +bürgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, daß es in erster Linie +das persönliche Interesse ist, das zu Reformen zwingt,--wurde auf der +Konferenz der englischen Gesellschaft für Frauenarbeit im Jahre 1899 +vorgeschlagen: "Ein spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin, +"sollte hier der Pionier sein, indem er Mietshäuser mit je einer +Zentralküche und einer Zentralwaschküche baut.... Man hat berechnet, daß +man halb so viel für Nahrung ausgeben würde, wenn die Verschwendung an +Materialien und Arbeitskräften, die unzweckmäßige Kochart wegfielen.... +Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines genügt, warum hundert +Küchengeräte abwaschen, wenn nur eines nötig gewesen wäre.... Was finden +wir denn heute in den berühmten, poetisch verherrlichten englischen +Häusern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wäschedunst und abgearbeitete +Frauen."[908] Genau denselben Standpunkt vertritt eine Amerikanerin, +wenn sie sagt[909]: "Während jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten +den ganzen Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungenügend +erfüllen, könnte dieselbe Arbeit besser und in kürzerer Zeit durch +wenige Spezialisten ausgeführt werden." + +Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als Mittel zu +ihrer Befreiung hat die bürgerliche Frauenbewegung am spätesten erkannt. +Selbstverständlich: Denn das bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der +alten Anschauungsweise, die darauf beruht, daß die Armen Wohlthätigkeit +und Recht aus den Händen der Herrschenden entgegen zu nehmen haben. Sich +durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen der meisten heute +noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch gilt hier, was bei den +Fragen der Gesetzgebung gilt, daß die Initiative niemals von den +Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten erst dann als Organisatorinnen +und Agitatorinnen der Gewerkschaften auf den Plan, als die Proletarier +selbst die schwerste Arbeit, die Erringung der gesetzlichen Anerkennung +hinter sich hatten, und eine Gefahr für Staat und Gesellschaft nicht +mehr in ihnen erblickt wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der +bürgerlichen Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte +Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fällt, war ihr Einfluß ein direkt +nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kämpfe um den Arbeiterschutz, +frauenrechtlerische Ideen hinein und statt daß die Solidarität der +Arbeiterin mit dem Arbeiter sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde +die ursprünglich frauenrechtlerische Männerfeindschaft dadurch +propagiert, daß man Gewerkschaften mit ausschließlich weiblichen +Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische Women's +Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres Bestehens unter die +Leitung von Damen der hohen Aristokratie geriet, und es daher geraume +Zeit dauerte und erst die Folge vieler bitterer Erfahrungen und harter +Enttäuschungen war, ehe die Propaganda für Nur-Frauen-Gewerkschaften der +für gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis +der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu +verdanken, daß heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady Dilke an +der Spitze, einsehen, daß nicht das Geschlecht, sondern die Klasse das +Bindemittel der Solidarität sein muß. In Frankreich tritt gerade in +dieser Richtung der frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor, +weil die Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung erst in +allerjüngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation der +Arbeiterinnen zu beschäftigen und ihnen nicht, wie in Deutschland, eine +kräftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht. Sie haben in +Paris in rascher Folge die verschiedensten Frauengewerkschaften +geschaffen, für die diejenige der weiblichen Typographen,--von der +"Fronde" und ihrer Direktorin ausgehend,--besonders charakteristisch +ist: sie steht in schroffem Gegensatz zu den männlichen Kollegen, und +kämpft, entgegen dem Gesetz und den Grundsätzen der gesamten +Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit für Frauen, wenigstens +in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso schädigend für die +Interessen der Arbeiterinnen, kommt in den Organisationen zum Ausdruck, +die kirchliche Kreise schufen und erhalten. Sie umfassen, wie das +Syndikat l'Aiguille in Paris, Unternehmer und Angestellte, wodurch die +Möglichkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein +ausgeschlossen ist, oder sie sind, wie die Société de Secours mutuel, +die Gesellschaften La Couturière, La Mutualité maternelle, l'Avenir +fast ausschließlich Wohlthätigkeitsvereine, die unter strengem +kirchlichen Regimente stehen. + +Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften als +sozialer Kampforganisationen durch den Einfluß bürgerlicher Elemente +tritt aber nirgends so deutlich zu Tage als in Deutschland. Sehr spät +erst, von einzelnen fruchtlosen Bemühungen abgesehen, ist die +bürgerliche Frauenbewegung der gewerkschaftlichen Frage näher getreten +und zwar zuerst in einem Berufskreis, der ihr persönlich am nächsten +stand: in dem der Handelsangestellten. In vollständiger Verkennung der +Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur durch +Zusammenschluß der Arbeiter allein erreichen und die Schmutzkonkurrenz +der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den männlichen Arbeitsgenossen +beseitigen kann, gründete der Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den +Hilfsverein für weibliche Angestellte, der nicht ausschließlich die +Frauen organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfaßt. In +verschiedenen Großstädten Deutschlands wurden ähnliche Vereine +geschaffen und die Handelsangestellten strömten ihnen um so eher zu, als +ihnen nicht nur Vorteile aller Art,--deren Wert für sie wir gewiß nicht +verkennen wollen,--geboten werden, sondern der ursprüngliche +Standesdünkel der Töchter der kleinen Bourgeoisie hier genährt wird. Die +Zahlen der auf diese Weise organisierten Frauen sind folgende: + +Berlin 13000 +Frankfurt a. M. 800 +Breslau 950 +Königsberg i. Pr. 600 +Kassel 210 +Köln 400 +Stuttgart 345 +Leipzig 700 +Magdeburg 160 +Bromberg 120 +Danzig 240 +München 210 +Thorn 60 +Stettin 150 +Mainz 115 +Mannheim 210 +Posen 150 +Hamburg 600 +Dresden 120 + --------------- + Im ganzen 19140 + +Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu +unterschätzen, wenn auch angenommen werden kann, daß von den +Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen angehören. Aber +alles, was sie, infolge ihrer numerischen Stärke, ihren Mitgliedern +bieten, kaufmännische Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek, +Vorträge, Theater, Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung, +Krankenversicherung u.s.w., wird durch den großen Schaden aufgewogen, +den sie ihnen zufügen, indem sie das Abhängigkeitsgefühl von den +Arbeitgebern und dem bürgerlichen Element in ihrer Mitte in den an sich +schon rückständigen Mitgliedern befestigen, das Aufkommen des +Solidaritätsgefühls mit den Lohnarbeitern aller Berufe unterdrücken, und +die Kräfte, die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen +lassen. + +Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage völlig +verkennende Standpunkt der bürgerlichen Frauenbewegung in dem ersten +Versuch einer Dienstbotenorganisation hervor, wie ihn Mathilde Weber +1894 durch die Gründung des Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.[910] +Auch sie dachte dabei allein an die Töchter der eigenen Klasse: die +Gesellschafterinnen, Stützen der Hausfrau, Wirtschafterinnen, +Kindergärtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung sich von dem +einfachen Dienstmädchen meist nur durch den Titel "Fräulein" +unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt ausschließlich in den +Händen der Herrschaften und die Mitglieder haben so wenig zu sagen, daß +die Generalversammlung sich auch dann für beschlußfähig erklärt, wenn +nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenüber bedeutete der fünf Jahre +später gegründete Verein Berliner Dienstherrschaften und +Dienstangestellter immerhin einen leisen Fortschritt, indem er zwar, wie +die Vereine der Handelsangestellten auf dem unmöglichen +Harmoniestandpunkt zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem +doch dieselben Rechte einräumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und +Unterdrückung des Solidaritätsgefühls, des allein zum Selbstbewußtsein +erziehenden Klassenbewußtseins ist aber überall gleich groß. So auch in +den Versuchen der Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die +Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899 +gegründete Verein etwa 200 Mitglieder zählt. Sie laufen im wesentlichen +auf Wohlthätigkeit hinaus und nähren in den Proletarierinnen jenen +verderblichen Sklavensinn, der von Rechten nichts weiß, sondern alles, +was ihm geboten wird, demütig und dankbar aus der Hand des Herrn +entgegennimmt. + +Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer reiferen +Erkenntnis bildet der von Münchener Frauenrechtlerinnen gegründete +Kellnerinnenverein: er ist, auch was seine Leitung betrifft, ein reiner +Arbeiterinnenverein, der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen +Unternehmern und Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht +zurückhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Gründer gemahnt, ist +die Thatsache, daß der Verein ausschließlich auf weibliche Mitglieder +zugeschnitten ist, dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwächt +wird, daß in München männliche Kellner zu den Ausnahmen gehören. Von den +2 bis 3000 Münchener Kellnerinnen sind 230 Vereinsmitglieder. + +Die Zurückgebliebenheit der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die +gewerkschaftliche Organisation ist auf Grund ihres Ursprungs vollkommen +verständlich; die wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschluß der +weiblichen Arbeitskraft aus allen bürgerlichen Arbeitsgebieten +ausdrückte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein mehr oder +weniger gewaltsames Vordringen in seine Berufssphären war die Folge. Die +bürgerliche Frauenwelt bildete gewissermaßen eine gegen den Unterdrücker +solidarisch verbundene Klasse der Unterdrückten, und sie lebte des +Glaubens, daß ihre Interessen die Interessen des gesamten weiblichen +Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am meisten +eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der zäheste Widerstand +entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung geringschätzt, wo sie noch +nicht den mindesten politischen Einfluß haben. Dahin gehört vor allem +Deutschland. Hier fühlen sie sich als eine Partei für sich, und es ist +nur die idealistische Verbrämung einer traurigen Thatsache, wenn sie +nicht müde werden, zu erklären: wir stehen "über" den Parteien; ihr +naives Selbstgefühl und ihr völliger Mangel an Einsicht in die sozialen +und wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es möglich +zu machen, daß sie in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit nur das +künstliche Produkt politischer Parteiungen sehen und auch hier Frieden +zu stiften glauben, wenn sie die "ärmeren Schwestern" in ihre Arme +ziehen. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, daß ihre Wege +sich völlig voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der +Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie äußert sich +nicht im Ausschluß der weiblichen Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten +durch den Mann, sondern in der übermäßigen Ausbeutung der Arbeitskräfte +beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie daher +nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren Arbeits- und +Leidensgenossen. Wo die bürgerliche Frauenbewegung dieses +Interesse nicht aufkommen läßt, wie durch zahlreiche ihrer +Wohlthätigkeitsinstitutionen, wo sie an seine Stelle die +Interessengemeinschaft mit den Vertretern des Kapitalismus zu setzen +sucht, wo sie das Gefühl der Solidarität der weiblichen mit den +männlichen Arbeitern bewußt oder unbewußt erschüttert und unterdrückt, +wie fast durchweg in ihren Organisationsversuchen, wo sie sich endlich +der Hebung der Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung +der Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefährliche Feindin der +Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur Lösung der +Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, die sie ihr gegenüber +einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie stiften kann, ist die +Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der Notlage des weiblichen +Proletariats und die Propagierung der Arbeiterschutzgesetze im Sinne der +Arbeiter selbst. Nicht zu einer unmöglichen Harmonie zwischen den +Klassen, wohl aber zu einer schließlichen Aufhebung der +Klassengegensätze würde sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege +ebnen helfen. + + + + +9. Die sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben. + +Der Arbeiterinnenschutz. + + +Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das Resultat +eines zähen Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker und +entsprang viel weniger ethischer Einsicht oder humanitären Bestrebungen, +als dem Selbsterhaltungstrieb der herrschenden Klasse. Diese +charakteristischen Züge tragen bereits die ersten Anfänge der englischen +Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die verheerenden +Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands entwickelten und die +kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften, nötigten zu dem ersten +Schutzgesetz des Jahres 1802. Die nationale Gefahr eines frühzeitigen +Verbrauches des Menschenmaterials wurde aber schließlich auch von allen +anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schwächlichen Versuchen eines +gesetzlichen Kinderschutzes entschloß man sich indessen erst, als die +grauenhaftesten Zustände mit nicht zu übersehender Deutlichkeit an das +Licht des Tages traten und die öffentliche Meinung in starke Erregung +versetzt worden war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten +die schrankenlose Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie +beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das durch +den Eingriff des Staates in das Verhältnis zwischen Unternehmern und +Arbeitern verletzt würde und wurden darin durch die manchesterliche +Nationalökonomie unterstützt. Aber wie einerseits die moderne +Produktionsweise ihnen zu Macht und Reichtum verhalf, so entwickelte +sich andererseits mit ihr jener wichtige Faktor, der der Ausbreitung +ihrer Machtsphäre einen Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne +Arbeiterbewegung. Wie sie Schritt für Schritt vordrang, immer wieder +zurückgestoßen von denen, die in ihr mit Recht den einzigen Feind +fürchteten, der ihre Herrschaft erschüttern könnte, wie sie schließlich, +am Ende des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest gefügter +Phalanx gegenübersteht,--das ist ein Werdegang, der auch in der +Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen hat. + +Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man +durchsetzte. Natürlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf sie, die +immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung nicht so +schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab, den Müttern des +Volkes, ob auf kommende Generationen arbeitsfähiger Menschen zu rechnen +sei. Aber selbst diese, vom Standpunkt der Fabrikanten aus +einleuchtenden Gründe blieben lange Zeit hindurch völlig unbeachtet. Es +waren der Arbeitsuchenden zu viele, als daß man aus egoistischen Motiven +den Schutz der Einzelnen für nötig gehalten hätte: mochten die Frauen +mit 25 Jahren arbeitsunfähig sein, mochten die Kinder in Scharen zu +Grunde gehen, es gab noch tausendfältigen Ersatz für sie. Eines langen +und erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten +Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschloß. + +Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die +Zehnstundenbewegung, an deren Spitze bürgerliche Philanthropen standen, +die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der Geknechteten gegen ihre +Unterdrücker zum Ausdruck kam,--waren die beiden großen Feldzüge, die +mit den ersten spärlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der +Zehnstundentag für die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz. Ihm zur +Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf für sich, den die +Arbeiter mit Unterstützung der ersten aufopferungsvollen +Fabrikinspektoren zu führen hatten. Durch die Einführung schichtweiser +Beschäftigung suchten die Fabrikanten zunächst das Gesetz zu umgehen, +bis eine neue Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allmählich wurden +auch andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre +wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der physischen +und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das blödeste +Auge, die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche Schranke und Regel +des Arbeitstages durch halbhundertjährigen Bürgerkrieg Schritt für +Schritt abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch +'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.[911] Mit der Erkenntnis +aber, daß der Arbeiterschutz ihnen selbst zum Vorteil gereichte, war der +Widerstand der Fabrikanten dagegen gebrochen. + +Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen, wie in +seiner politischen Entwicklung die Erklärung findet, war für den +Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem relativ langsam +vollzog und alle vorwärts treibenden Kräfte sich auf den Kampf gegen die +politische Reaktion konzentrieren mußten, kein anfeuerndes Beispiel. +Selbst jener erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge französische +Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die +Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte keinerlei +praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die Durchführung +des Gesetzes zu gewährleisten. Erst 1874, nach endlosen heftigen +Streitigkeiten, gelangte der erste schüchterne Versuch eines besonderen +Arbeiterinnenschutzes in der Nationalversammlung zur Annahme. Er +beschränkte sich auf das Verbot der Nachtarbeit Minderjähriger und das +Verbot der Arbeit unter Tage für Frauen jeden Alters. Aber selbst diese +kläglichen Bestimmungen stießen auf den heftigsten Widerstand der +Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen, oder ihre +Abschaffung durchzusetzen,--ein Zustand des Kampfes und des vielfach +fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz schützen wollte, der +achtzehn Jahre andauerte. + +Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in Oesterreich, +denn vor 1885 war überhaupt kaum eine Spur von ihm vorhanden: sowohl die +Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage wurde den Frauen nicht verwehrt. +Dann aber nahm er einen Aufschwung, durch den er Frankreich +überflügelte: der Elfstundentag, der vierwöchentliche Wöchnerinnenschutz +wurde eingeführt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht verboten. + +Deutschlands Anfänge auf dem Gebiete des Arbeiterinnenschutzes fallen +ziemlich genau mit dem Erstarken der sozialdemokratischen Partei +zusammen, deren mit immer größerem Nachdruck vorgebrachte Forderungen +das treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins +hinzu, dessen Wichtigkeit nicht unterschätzt werden darf, und dessen +Träger die politische Vertretung des deutschen Katholizismus, das +Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten Standpunkten ausgehend, +grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen beide Parteien in ihren +praktischen Forderungen gelegentlich zu ähnlichen Resultaten. Aber +während die Sozialdemokratie im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und +Arbeiterinnen nur ein Mittel sah, sie körperlich und geistig für den +Klassenkampf zu stärken und fähig zu machen, glaubte das Centrum durch +ihn die Entwicklung zurückzuschrauben. Es propagierte an erster Stelle +die Sonntagsruhe, nicht aus hygienischen, sondern aus religiösen +Gründen, es forderte einen Arbeiterinnenschutz, der den völligen +Ausschluß der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie +in ihrer alten Form zu erhalten und den Einfluß der Arbeitsgenossen auf +die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die Ihren, statt dessen +wieder unter den Einfluß der Kirche zu zwingen. Von diesem +Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im Verein mit manchen +Konservativen sogar vielfach zum Beschützer der Hausindustrie und der +Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei, Thatsache ist, daß die +Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes in Deutschland mit unter dem +Einfluß des Centrums vor sich ging. + +Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag des +Reichstags folgend, eine Enquete über die Lage der kindlichen und +weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle zur Gewerbeordnung +hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte. Sie enthielt in Bezug +auf den Arbeiterinnenschutz einige Bestimmungen,--so das Verbot der +Beschäftigung von Wöchnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der +Niederkunft und das der Frauenarbeit unter Tage,--und erteilte dem +Bundesrat die Ermächtigung, die Beschäftigung von Frauen und +jugendlichen Arbeitern aus Gründen der Gesundheit und Sittlichkeit in +bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung selbst dieser +schwächlichen Verbesserungen der Schutzvorschriften wurde dadurch im +Keime erstickt, daß sie nicht mit der obligatorischen Einführung der +Fabrikaufsicht Hand in Hand gingen. Mit denselben Gründen, durch die die +englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen die +Schutzgesetzgebung gestützt hatten, kämpfte in Deutschland die +Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die Gewerbeaufsicht[912], und +noch zehn Jahre später verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit +durchgreifenden Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte, +seine Zustimmung, weil er ein Bedürfnis dafür nicht anzuerkennen +vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der Frauenarbeit in +unbeschränktem Maße, und die Arbeiterfamilien, so fügte er hinzu, um +sich nicht die Blöße einseitiger Interessen zu geben, bedürfen ihrer +nicht minder. + +Schließlich aber sah sich die Regierung gezwungen, den Wünschen des +Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie, durch soziale Reformen +die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu erschüttern. Das +theatralische Schaustück einer internationalen Arbeiterschutzkonferenz +wurde insceniert, und war im stande auch ernsten Leuten Sand in die +Augen zu streuen. Thatsächlich war ihre Bedeutung lediglich eine +symptomatische, indem sie bewies, daß das Bestreben der Arbeiter nach +Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu teilweisem +Siege zu führen schien, und eine informierende, indem sich zeigte, wie +weit der Gedanke eines erweiterten Arbeiterinnenschutzes,--denn neben +der Frage der Sonntagsruhe und der Kinderarbeit beschäftigte man sich +lediglich mit der Fabrikarbeit der Frauen,--in den einzelnen Staaten +bereits Fuß gefaßt hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit berührt +wurde, war geringfügig genug. Deutschland, Oesterreich, England und die +Schweiz einigten sich über folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe für +alle Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit für jugendliche Arbeiter +und für Frauen, Zehnstundentag für Jugendliche, Elfstundentag für +Frauen, vierwöchentliche Arbeitsunterbrechung für Wöchnerinnen, Verbot +der Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den +Arbeiterinnenschutz zu den zurückgebliebensten Ländern gehört, und +Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten bei den meisten +Punkten Vorbehalte oder sie erklärten sich direkt dagegen. Ohne zu +positiven Resultaten gelangt zu sein, ging die Konferenz auseinander und +es blieb jedem einzelnen Staat wieder überlassen, den Arbeiterschutz +nach seinem Gutdünken auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten +Jahrhunderts, an dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem +grenzenlosen Jammer gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine +stumme Qual und Ausbrüche wütender Verzweiflung verdüstert wurde, bot +den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen von seiner +üppigen Tafel. Sie kamen, nächst den Kindern, wesentlich den Frauen zu +gute. + +Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die +Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten]. + +Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen Arbeiterinnen +und er schließt sowohl die näheren Bestimmungen über Hausindustrie und +Heimarbeit als alle diejenigen Gesetze aus, die sich mit den +Handelsangestellten, den Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und +Dienstboten beschäftigen. + +Betrachten wir zunächst die Frage der Arbeitszeit. Der Normalarbeitstag +war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung gewesen. In England +und mehr noch in Australien hatten sich die Gewerkschaften die +allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit erkämpft und vielfach ihr Ziel, +den Achtstundentag, durch kollektive Vertragschließung erreicht. Sie +hatten, belehrt durch ihre Lebenslage, die nur durch Verkürzung der +Arbeitszeit eine menschenwürdige werden konnte, den Standpunkt des +einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die Persönlichkeit, +jede Einschränkung des freien Willens ablehnt, längst aufgegeben und +erstrebten überall auch die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um +so heftiger sträubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge +um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu +verkleiden suchten, daß es niemanden verwehrt sein dürfe, für seine +Familie, für seine Kinder so lange zu arbeiten als er wolle. Aber ihre +Berufung auf die Freiheit des Individuums im allgemeinen und die +Freiheit des Arbeitsvertrags im besonderen,--eine der wichtigsten +Grundsätze des Liberalismus,--kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter +in Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze bürgerliche +Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem ihre Existenz zum Teil +beruht: der Erhaltung der Familie und des Familienlebens in seiner alten +Form, als deren Trägerin die Frau erscheint. Und so war es der indirekte +Einfluß der weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der +Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege zum +Normalarbeitstag gehen ließ. In allen fünf Staaten unserer Tabelle ist +die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch Rußland, Australien und +Nordamerika sind in ähnlicher Weise vorgegangen, während Belgien, +Holland, die skandinavischen Länder und Italien die gesetzliche +Beschränkung des Arbeitstages nur für Kinder und junge Leute eingeführt +haben. Was aber die Bestimmungen der einzelnen Länder wesentlich +voneinander unterscheidet ist vor allem der Umstand, daß sie sich nur +noch zum Teil allein auf die weiblichen Arbeiter beziehen: +Frankreich--mit einer gewissen Modifikation--, Oesterreich, die Schweiz, +einige Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschränken die +Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Maß wie die +erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die natürliche Erwägung, daß die +Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei Geschlechts nebeneinander +arbeiten, eine außerordentliche Störung erleiden, wenn der eine Teil +zehn oder elf, der andere zwölf oder dreizehn Stunden beschäftigt ist, +hat dazu den Anlaß gegeben. Die Notwendigkeit der Beschränkung der +Arbeitszeit der Frauen führte daher die viel und heiß umstrittene Frage +des Maximalarbeitstages der Männer ihrer Lösung entgegen. Das zeigt sich +noch deutlicher in den Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der +Männerarbeit noch nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen +Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der +Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit +zuzuwenden. Während sie im Jahr 1885, vor der Regelung der Frauenarbeit, +noch eine zwölf-, dreizehn- und mehrstündige Arbeitszeit der Männer +feststellten, schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung, +zwischen neun und elf Stunden.[913] In England, wo die Macht der +Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt sich +dasselbe Bild.[914] Angesichts dessen und der uns bekannten Thatsache +der rapiden Zunahme der Frauenarbeit beantwortet sich die Frage nach dem +Nutzen oder Schaden ihrer gesetzlichen Beschränkung von selbst, und es +zeugt nur von großem Mangel an Einsicht, wenn man über die Entscheidung +im Zweifel sein kann. Die Beschränkung der Arbeitszeit weiblicher +Arbeiter ist nicht nur für sie selbst von größter Bedeutung, sie ist es +auch im Interesse ihrer männlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch, +und das ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung +vielfach übersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven +Arbeitszeit der Männer entfernt, zum Nachteil der Frauen ausschlagen, +besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen dann die Frauen +durch Männer ersetzt werden würden. Für deutsche Verhältnisse z.B. wäre +eine Reduktion der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden +gegenwärtig schon ohne Schaden für sie durchführbar, weil auch die +Männer in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl immer näher kommen. Den +Achtstundentag aber für die Frauen allein heute schon erkämpfen zu +wollen, hieße ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger wäre es gegenwärtig +auch für die Frauen mit größtem Nachdruck für den gesetzlichen +Maximalarbeitstag der Männer einzutreten, wie ihn Frankreich durch den +in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden Zehnstundentag zum Gesetz +erhoben hat. Selbstverständlich bleibt der Achtstundentag das weitere +Ziel, aber, wohl gemerkt, für Männer und Frauen. Er ist die +Voraussetzung für die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und +geistiger Knechtschaft, er ermöglicht erst ihre lebendige Teilnahme an +den Errungenschaften der modernen Kultur. Für die Frau aber, vor allem +für die Mutter und Hausfrau, würde er von noch größerem Werte sein, und +daraus erklärt es sich, daß die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein für +ihr Geschlecht erringen wollen. + +Wir kommen damit zur Kritik der Länge des Arbeitstags, wie er gesetzlich +für die Frauen festgelegt wurde. Ist die Reduzierung der Arbeit auf zehn +oder elf Stunden wirklich ausreichend, um die Körperkräfte der Frau +nicht zu überbürden, ihre Gesundheit nicht zu gefährden und sie ihrer +Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen, wie wir sie +kennen lernten, erübrigt eine Antwort. + +So groß der Fortschritt ist gegenüber der unbegrenzten Arbeitszeit, so +gering ist er gegenüber den notwendigsten Bedürfnissen; für das junge +Mädchen, die werdende Mutter, vor allem aber für die Mutter kleiner +Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer zu +den traurigsten Resultaten führt. Die Erkenntnis, daß besonders die +verheiratete Frau zur Führung ihres Haushalts mehr freier Zeit bedarf, +hat zur Festsetzung der Mittagspause geführt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu +dauern pflegt. Es wirkt wie Ironie, wenn man sich vergegenwärtigt, daß +in dieser Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der +Familie eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden +muß, und die Arbeiterin meist für den Weg hin und her von der Fabrik den +größten Teil der verfügbaren Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die +deutsche Gesetzgebung hat überdies nicht einmal die anderthalb Stunden +festgelegt, sondern nur eine, und bestimmt, daß die weitere halbe Stunde +der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche +Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer +Arbeitsgelegenheit zittert, entschließt sich zu solcher Bitte? +Thatsächlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt, daß +Arbeiterinnen, die den Wunsch danach aussprachen, mit Entlassung bedroht +wurden. Es ist daher nur natürlich, wenn der Wunsch nicht allzu häufig +laut wird. Die halbe Stunde ist auch oft nicht der Mühe wert. Es fragt +sich nun, ob demgegenüber eine Verlängerung der Mittagspause +wünschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen werden, daß eine +ausreichende Erweiterung,--auf drei Stunden etwa,--undurchführbar ist, +weil die Betriebsstörung zu groß und die Differenz mit der Arbeit der +Männer eine zu tiefgehende wäre. Viel vorteilhafter für die Frau und die +Arbeiterfamilie wäre es, wenn sie, neben einer etwa einstündigen Pause, +die Arbeit am Abend früher verlassen könnte, womöglich gemeinsam mit dem +Mann. An Stelle der mittäglichen Hetze würde eine ununterbrochene Zeit +treten, durch die auch für den Arbeiter eine Spur häuslicher +Gemütlichkeit zuweilen erobert werden könnte. Man pflegt diese +Tageseinteilung als die Einführung der englischen Tischzeit zu +bezeichnen, weil sie in England vielfach durchgeführt worden ist. In +Verbindung aber mit dem zehn- oder elfstündigen Arbeitstag wird das +Ideal, die Sicherung des Familienlebens, die Möglichkeit der +Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht. Wohlwollende, +aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit reaktionären Politikern, wie +das Centrum sie aufweist, sind daher auf den Gedanken gekommen, daß die +Fabrikarbeit verheirateter Frauen überhaupt verboten werden müsse, die +Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten habe.[915] +Auch in Arbeiterkreisen fehlt es nicht an Stimmen, die für diese +Maßregel eintreten; die Kongresse der christlichen Arbeiter von +Rheinland und Westfalen forderten schon seit 1873 die Unterdrückung der +eheweiblichen Fabrikarbeit[916]; eine große Gruppe lediger +Fabrikarbeiterinnen Englands kämpft mit aller Energie gegen die +verheirateten Arbeitsgenossinnen.[917] Auf verschiedene Motive ist diese +Stellungnahme zurückzuführen: auf den uneigennützigen Wunsch, die Mutter +den Kindern zurückzugeben und auf das eigennützige Verlangen, eine +lästige, meist lohndrückende Konkurrenz los zu werden. + +Abzuleugnen, daß die Fabrikarbeit der verheirateten Frau ihr und ihren +Kindern durch ihre große Ausdehnung empfindlich schadet, wäre, +angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit. Es fragt sich nur, ob die +zwangsweise Ausschließung davon ihr nutzen würde. Für Deutschland ist es +durch die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, daß die +übergroße Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik getrieben wird. +Einer der Befürworter des Ausschlusses definiert den Begriff Not, indem +er erklärt, nur dort dürfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst +der Frau "unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben +könne.[918] Um solche Not handelt es sich zumeist; wir sehen aber Not +auch dort, wo zwar der momentane Hunger gestillt wird, aber die Angst um +die Zukunft nie weicht und alle Freuden des Lebens entbehrt werden +müssen. Auch in diesem Fall hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu +arbeiten. Schließen sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die +Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie aufnehmen, +und man wird die Zersetzung rückständiger Betriebsformen dadurch noch +länger aufhalten. Der vorhin zitierte Gegner der eheweiblichen +Fabrikarbeit sieht darin allerdings einen glücklichen Ausweg für +wirklich notleidende Ehefrauen; sie können, so sagt er "in der +Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel +Beschäftigung suchen, oder Aufwartungen übernehmen, als Kochfrau oder +Pflegerinnen gehen etc."[919] Alle diese Beschäftigungen also, die sich +fast sämtlich des Vorzugs erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle +und Einschränkung unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren +Familienpflichten weniger entziehen als die gesetzlich geregelte +Fabrikarbeit! Zur Durchführung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur +Zeit einer wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der +Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind[920]; d.h. er +will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit gerade dann +entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er ist naiv genug, +von den Unternehmern zu erwarten, daß sie gerade dann sich ihrer +billigsten Arbeitskräfte gutwillig berauben werden. + +Aber nicht nur, daß der Erwerbszwang die verheirateten Frauen in die +sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete drängen würde, er würde, da ihre +Arbeitskraft ihre Mitgift bedeutet und unerläßlich ist zur Erhaltung der +Familie, an Stelle der Eheschließung in erweitertem Umfang das +Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind, an +dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Anstoß zu nehmen, so +gewiß ist es doch, daß das Konkubinat unter den heutigen Verhältnissen +die Frau und ihre Kinder der Willkür des Mannes erbarmungslos aussetzt +und beide dem tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber +noch andere Gründe hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur +unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen aus der +Fabrik führen müssen: Die Fabrikarbeit ist die einzige Form der Arbeit, +durch die die Frauen in engere Verbindung mit ihren Klassengenossen +gebracht werden, davon aber hängt ihre Aufklärung, ihre +Organisationsfähigkeit ab, und ihre stärkere oder geringere +Organisationsfähigkeit wieder beeinflußt die raschere oder langsamere +Entwicklung der sozialpolitischen Gesetzgebung. + +Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der Ausschluß +der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen +Gewerbeinspektorenberichte für 1899 haben das interessante Resultat +ergeben, daß nach der Aussage der Mehrzahl der Fabrikanten teils nicht +genug ledige Arbeiterinnen zur Verfügung stehen[921], vor allem aber die +verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.[922] Die Gründe +dafür sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen meist um ältere, +erfahrene Arbeiterinnen, die überdies, weil sie ihren Beruf nicht mehr, +wie die meisten ledigen, nur als einen Uebergang zur Ehe betrachten, +besonders eifrig und strebsam sind. Also auch das Interesse der +Unternehmer spricht gegen ihren Ausschluß. Wer die furchtbaren Schäden +der Fabrikarbeit verheirateter Frauen ausmerzen will, muß zu anderen +Mitteln greifen. Er muß sie in stärkerem Maße als bisher der +Fabrikarbeit zuführen und der Hausindustrie und der Heimarbeit +entreißen. Die Einrichtung von Schulkantinen und Kinderhorten durch die +Kommunen und die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit muß damit Hand +in Hand gehen. + +Schon die gegenwärtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit für Frauen +würde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn sie thatsächlich ein +Maximalarbeitstag wäre. Unsere Tabelle zeigt aber, daß nicht nur +Ueberstunden in ausgedehntem Maß bewilligt werden können, sondern daß +sogar allgemeine Dispensationen für bestimmte Fabrikationszweige im +Bereiche der Möglichkeit liegen. Besonders die Saison- und +Campagneindustrien spielen dabei eine große Rolle, d.h. alle diejenigen +Arbeitszweige, die der Mode im hohen Maß unterworfen sind, oder die von +Jahreszeiten und Festtagen abhängen. Dazu gehört vor allem die +Herstellung der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und +in Paris der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest +beeinflußt werden. Die Ausnahmebewilligungen und Dispensationen sind +hier so groß, daß die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur +Ausnahme wird, und zwar um so mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne +besondere Erlaubnis möglichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen +dieser Art kommen, wie die Fabrikinspektoren aller Länder +übereinstimmend berichten, am häufigsten vor. Wo ein ausgeprägtes +Solidaritätsgefühl fehlt, wo die Organisation nicht hinter der +Arbeiterin steht, ist sie nicht nur willenlos gegenüber den Wünschen des +Unternehmers, sie bietet womöglich selbst die Hand zu ihrer Erfüllung. +So wird der zehn- oder elfstündige Arbeitstag in der Praxis vielfach zu +einem zwölf- und dreizehnstündigen. + +Aehnlich liegen die Verhältnisse in Bezug auf die Nachtarbeit: sie ist +im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von Ausnahmen öffnen der +Uebertretung der Vorschriften Thür und Thor. Nur England und die Schweiz +erfreuen sich eines absoluten Verbots. In Deutschland wird unter +bestimmten Bedingungen eine Verlängerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts, +ein Beginn zwischen 4-1/2 und 5 Uhr früh gestattet, aber auch die +Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der +Einschränkung, daß Tag- und Nachtschichten wöchentlich wechseln müssen, +kann durch den Bundesrat erlaubt werden. Für Molkereien und +Konservenfabriken, für Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, für +Ziegeleien und schließlich auch für Konfektionswerkstätten wurden +Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der Gewährung +von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit auch in der +Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Feß- und Zuckerfabrikation, +sowie in zahlreichen Zweigen der Textilindustrie gestattet. Das +französische Gesetz wird in gleicher Weise durchlöchert, nur daß es den +Vorteil bietet, an Stelle der zulässigen zehnstündigen Nachtarbeit +Deutschlands und der elfstündigen Oesterreichs die siebenstündige +festgesetzt zu haben.[923] + +Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und +Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bezügliche Verordnung +auch, hauptsächlich aus religiösen Gründen, straffer gehandhabt wird, +und Frankreich die Bestimmung getroffen hat, daß für die notwendig +gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche gewährt +werden muß. + +Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach alledem +durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn nicht +annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen, daß der +Segen, den sie verbreiten sollte, sehr fragwürdig erscheint. Und doch +ist diese Zwiespältigkeit des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge +des Standpunkts, den die Regierungen der Arbeiterfrage gegenüber +einnehmen und der sich dadurch kennzeichnet, daß die Interessen der +Arbeiter zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den +Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter +Arbeiterschutz ist aber nur dann durchführbar, wenn man bei seiner +Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen hat. Der +Fortschritt des Arbeiterschutzes hängt darum hauptsächlich von dem +Einfluß und der Macht der Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der +Verkürzung der Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das +Wohl der Arbeiter in erster Linie beruht, ist der größte Nachdruck +gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und der Schweiz +beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil für die Industrie +die Durchführung der Nacht- und Sonntagsruhe möglich, und zwar, +bestimmte Ausnahmen abgerechnet, auch für Männer. Was die Ueberstunden +betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, daß ihre völlige +Aufhebung auch möglich ist, denn sie hat sich trotzdem, oder vielleicht +gerade deshalb, so großartig entwickelt. Die Unternehmer, die auf die +Höhe ihres Profits nicht verzichten wollten, sahen sich eben genötigt, +die fehlenden Menschenkräfte durch schneller produzierende Maschinen zu +ersetzen,--ein Prozeß, der stets bei der Verkürzung der Arbeitszeit +eintreten muß, so daß der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten +Mittel zur Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung +erweist. Auch für Saison- und Campagneindustrien könnten die +Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschränkt und der Ausfall durch +Mehreinstellung von Arbeitskräften wett gemacht werden. Eine künstliche +Einschränkung der in wilder Hetzjagd einander folgenden Modethorheiten +wäre auch für die Konsumenten nicht vom Uebel. Zunächst freilich dürfte +die Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen womöglich +blos auf solche Fälle, wo Unglücksfälle oder Naturereignisse sie +unbedingt notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf +dem Boden internationaler Vereinbarungen auf Erfüllung rechnen kann. +Selbst die vielfach ans Märchenhafte grenzende Entwicklung des +Maschinenwesens, die geradezu prädestiniert erscheint, die Arbeitszeit +immer mehr zu verkürzen, hat unter der gegenwärtig herrschenden +schrankenlosen Konkurrenz nur dazu dienen müssen, den Profit zu erhöhen. +Erfindungen, die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei +Vorteil bringen, ja ihm womöglich nur Kosten verursachen, werden ohne +äußeren Zwang nirgends eingeführt. Der Staat und die Kommunen, die zwar +solche Einrichtungen gesetzlich einführen können, die direkt Leben und +Gesundheit der Arbeiter schützen, aber nicht die Befugnis haben, die +Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen, +müßten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen Betrieben darin +mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es müßte zu den Aufgaben der +Arbeiterorganisationen gehören, überall für ihre Einführung einzutreten. +Verbände sich diese Agitation mit einer jedesmaligen Revidierung der +Lohntarife, so daß durch neue Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter +verringert würden, so wäre sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur +Erreichung des Normalarbeitstags. + +Erwägungen ähnlicher Art drängen sich auf, wenn wir die Betriebe +betrachten, aus denen die Frauen in Rücksicht auf ihre Gesundheit +entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen worden sind. Mit Ausnahme +derjenigen Beschäftigungsarten, die, wie die Arbeit unter Tage, der +Transport von Rohmaterial in Ziegeleien u.s.w., ihrer körperlichen +Konstitution nicht entsprechen, sind es entweder solche, die +Vergiftungsgefahren mit sich führen, wie die Herstellung elektrischer +Akkumulatoren aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von +Arsenik, Nitrobenzin, Bleiweiß u.s.w., oder solche, die die +Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die Arbeit in +Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien u.s.w. Frankreich +ist in diesen Verboten besonders weit gegangen und hat die Frauen fast +aus der ganzen chemischen Industrie entfernt. Nun haben wir aber bei der +Betrachtung der Lage der Fabrikarbeiterinnen gesehen, daß Vergiftungen +durch Blei und Bleiweiß z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen, +der Ausschluß von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und seiner +Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir haben ferner +gefunden, daß die schwersten körperlichen Leiden die Folgen aller Arten +von Arbeiten sein können. Müssen wir demnach fordern, daß alle diese +Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewiß nicht! Die +einzige vernünftige Folgerung wird vielmehr die sein, die +Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es durchführbar ist, die +Herstellung gewisser Stoffe ganz zu verbieten. An Mitteln und Wegen dazu +fehlt es nicht, wohl aber an der nötigen Initiative, sie zu ergreifen +und diejenigen, die sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen. +Ein glücklicher Anfang dazu ist kürzlich in Frankreich gemacht worden, +wo die Benutzung von Bleiweiß bei Anstreicherarbeiten durch einen Erlaß +des Handelsministers verboten wurde, und Zinkweiß,--das allerdings +teuerer ist,--an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken, +besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur, der +Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird überall Bleiweiß +verwandt, obwohl es ebenso leicht verhindert werden könnte und auch dann +verhindert werden müßte, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an +Glanz und Weiße verlören. + +Gewiß muß die Frauenarbeit für bestimmte, die Kräfte der Frau +übersteigende Arbeiten verboten werden, dies Verbot aber systematisch +immer weiter auszudehnen ist ein gefährliches Beginnen und zwar +gefährlich sowohl im Interesse der Frauen als in dem der Männer. Wenn +die Frauen nämlich prinzipiell aus allen gesundheitsgefährlichen +Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze für dieses +Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man gewissermaßen +durch den Ausschluß der Frauen sein Gewissen und überläßt nunmehr die +Männer ruhig den gefährlichen Einflüssen der Gifte, der hohen +Temperaturen u.s.w., als ob sie völlig unempfänglich dafür wären! Der +richtige Weg wäre vielmehr der, durch Herabsetzung der Arbeitszeit, +durch genaue Vorschriften in Betreff der Kleidung, durch +Schutzeinrichtungen aller Art, durch Ventilation, Staubabsaugung, +gründliche Reinigung, zwangsweise Einführung aller derjenigen Maschinen, +die die Gefahr verringern, schließlich auch durch Verbot der Herstellung +entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.[924] Auch hier hätten kräftige +Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der Thätigkeit vor sich, indem sie +die Arbeit in gefährlichen, nicht genügend geschützten Betrieben und die +Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten. + +Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche +Schädlichkeiten ist kein ursprüngliches Charakteristikum ihres +Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen künstlich +gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung, unhygienische +Kleidung, schlechte Ernährung,--viel schlechter als die der +Männer,--doppelte Arbeitslast, sobald es sich um Verheiratete handelt, +vor allem aber durch Hungerlöhne. An die Wurzeln des Uebels ist daher +auch hier die Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den +Schutz der Arbeiterin auch während der Menstruation für notwendig zu +erklären. Sehen wir einmal von der Undurchführbarkeit solcher Maßregel +ab, so haben wir schon einmal betont, daß diese Funktion der weiblichen +Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die +Leistungsfähigkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird, so sind +die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der Entwicklungszeit +gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will sie zur Kräftigung der +Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die Arbeitszeit jugendlicher +Arbeiterinnen auf das äußerste zu beschränken, wenn nicht die +Erwerbsarbeit der Mädchen unter sechzehn Jahren überhaupt zu verbieten. +Das könnte für die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen, +weil sich erwiesenermaßen ein Knabe zwischen vierzehn und sechzehn +Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der Zeit lebhaftesten +Wachstums befindet, und ebenso der Schonung bedarf, wie das Mädchen. +Eine gesunde Arbeiterin, die nicht schon in der frühsten Jugend all ihre +Kraft dem Erwerb hat opfern müssen, wird dann, wenn sie in das +Berufsleben eintritt, von der Menstruation nicht mehr spüren, als ein +Mann vom Schnupfen. + +Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und +Wöchnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der Schwangeren kennt +nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn Dänemark, wo er sich sogar auf +vier Wochen ausdehnen soll, einzuführen.[925] Ueber seine Berechtigung +dürfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob mit einem +bloßen Arbeitsverbot für eine kurze Zeit vor der Entbindung genug +geschehen ist. Hirt verlangt, daß die Thätigkeit der Frauen während der +zweiten Hälfte der Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten +werden soll; dazu gehört die Näherei, die Färberei und Stoffdruckerei, +die Fabrikation vom gefärbtem Papier, künstlichen Blumen, Spitzen und +Phosphorstreichhölzern. Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der +Erörterung des Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgefährlichen +Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine +ganze Anzahl anderer,--ich erinnere nur an die Tabakindustrie,--für die +Schwangere und den Fötus ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in +diesem Fall um die kommende Generation handelt, so genügt zu ihrem +Schutz die Erfüllung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit +aufstellten, nicht, und es wäre zweifellos das Beste nicht nur für die +zweite Hälfte der Schwangerschaft,--bekanntlich bringt die erste schwere +Gefahren mit sich,--sondern für die ganze Zeit der Schwangerschaft +überhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten. Dadurch aber würde den Frauen +unter den gegenwärtigen Verhältnissen viel mehr geschadet als genutzt +werden, denn sie würden sich scharenweise der Hausindustrie und der +Heimarbeit zuwenden müssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der +Entbindung ist daher das äußerste, was im Augenblick von der +Gesetzgebung verlangt werden kann. + +Die Wöchnerin erfreut sich jetzt schon fast überall eines Schutzes, +Frankreich macht beinahe allein eine unrühmliche Ausnahme hiervon, aber +die Schutzzeit ist nur in der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf +diejenige Zeit festgesetzt, in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes +die Rückbildung der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das +gleichfalls sechs Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die +Gestattung von Ausnahmen die Regel so gut wie umgestoßen. Aber selbst +eine sechswöchentliche Schutzzeit ist nur für vollständig gesunde Frauen +und nur für diese allein ausreichend, das Kind, dem die Mutterbrust und +die mütterliche Pflege nach dieser Frist schon entzogen wird, hat eine +nicht viel größere Aussicht das erste Jahr zu überleben, oder, wenn es +geschieht, sich zu einem kräftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die +Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen hätte. Angesichts dieser +Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer längeren +Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich ausdehnen? Die +deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion fordert acht Wochen, +erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale und erstrebenswerteste +Zustand ist es freilich, wenn die Mutter ebenso wie neun Monate vor so +neun Monate nach der Geburt von der Erwerbsarbeit befreit ist und den +Säugling so lange nähren kann, als es sich möglich und notwendig +erweist. Aber wir haben leider mit sehr realen Verhältnissen zu rechnen. +Schon heute sehen sich viele Mütter, denen die Thore der Fabrik noch +geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen, als Heimarbeiterin, +Aufwärterin u. dergl. dem Verdienst nachzugehen. Ein auf Monate +ausgedehnter Schutz würde überall zu diesem Resultat führen und jeder +Art nicht oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung +verhelfen, während es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade diese aus +dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier für die Gegenwart +bescheiden müssen, und den achtwöchentlichen Schutz als die äußerste +Forderung aufstellen. Im Interesse der Kinder aber muß sie mit +der Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen +Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang +beschäftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu errichten, +und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den Müttern die Zeit gewährt +wird, dort ihre Kinder zu nähren. Aber auch hier, wie für das ganze +Gebiet des Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden +Fortschritts die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum +Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen +dieser einen gegenüber in zweiter Linie. Gerade für die Frau als Mutter +ist die Beschränkung der Arbeitszeit von der allergrößten Wichtigkeit; +auf ihr beruht die Möglichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und +Entwicklungsfähigkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer Kinder. + +Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, über das die +Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf den +ersten Blick, daß es ein sehr beschränktes ist. Sie finden in allen +Ländern nur auf die Fabrikarbeiter eine gleichmäßige, allgemeine +Anwendung, die Arbeiter in der Landwirtschaft und die Dienstboten sind +ganz davon ausgeschlossen, die Handelsgehilfen, die Kellner und die +Heimarbeiter fast ganz, nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie +genießen scheinbar relativ am meisten die Segnungen des +Arbeiterschutzes. Der Grund für die Zaghaftigkeit der europäischen +Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegenüber der +Heimarbeit äußert, ist einerseits die Rücksicht auf die Geschlossenheit +der Einzelfamilie, und andererseits die Angst, eine der Stützen unserer +industriellen Entwicklung zu untergraben. + +Die gesetzgeberischen Maßregeln, die die _Hausindustrie_ berühren, +lassen sich in drei Kategorien einteilen: eine, von den Grundsätzen des +Arbeiterschutzes ausgehende, die gegenüber den Hausindustriellen in +ähnlicher Weise verfährt, wie gegenüber den Fabrikarbeitern, die +Schwachen also gegen die allzu rücksichtslose Ausbeutung der Starken zu +schützen und den wirtschaftlichen Egoismus einzudämmen sucht; eine +zweite, die den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und +sich auf sanitäre Vorschriften beschränkt, und eine dritte endlich, +deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdrücken. Von diesen drei +Gesichtspunkten aus werden wir die einschlägige Gesetzgebung und ihre +Wirkungen zu betrachten haben. + +Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist die +landläufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene Forderung, durch +deren Erfüllung man ihren schädlichen Auswüchsen wirksam zu begegnen +glaubt. Sie ist denn auch teilweise verwirklicht worden, indem sie aber +in den europäischen Staaten und auch in einem Teil der außereuropäischen +vor der Heimarbeit und der Familienwerkstatt Halt machte. In England, +Frankreich und Oesterreich sind die Werkstätten in Bezug auf den +Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die +scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu überschreiten, sofern +Kinder und junge Leute in ihr beschäftigt werden; Frankreich unterwirft +auch Werkstätten religiöser Kongregationen und solche, die von +Wohlthätigkeitsanstalten abhängen, dem Gesetz, während Oesterreich sie +nicht mit einschließt. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle +Werkstätten aus, die mehr als 6 Personen beschäftigen, und auf alle ohne +Unterschied, in denen ein gefährliches Gewerbe betrieben wird. +Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch auf die Familienwerkstätten, +in dem einen Fall, soweit 2, in dem anderen, soweit 4 Personen darin +beschäftigt sind, den Arbeiterschutz ausgedehnt. + +Vergegenwärtigen wir uns dem gegenüber einmal die äußere Situation der +Hausindustrie: sie breitet sich über die großen Städte, wie über die +kleinen, über das flache Land und das einsame Dörfchen, wie über die +unzugänglichsten Thäler und Hochplateaus der Gebirge aus. Sie haust im +Kellerwinkel und in der Dachkammer, sie versteckt sich hinter dem Glanz +besserer Tage im Salon der Damen der bürgerlichen Welt. Sie hat in den +Großstädten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer bewegliche +Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die Scholle, ihre +Werkstätten sind ebenso schnell aufgeschlagen, wie abgebrochen. Hat der +gesetzliche Arbeiterschutz dem gegenüber irgend eine Aussicht zur +Wirksamkeit? Selbst ein Heer von Beamten könnte ihm nicht dazu +verhelfen. Es ist wohl mit diese Erwägung, die in den Ländern, wo die +Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die +Familienwerkstätte außerhalb des Gesetzes stellen hieß. Dadurch +beschränkt sich der der Aufsicht unterstehende Kreis natürlich +bedeutend, die Elendesten und Unglücklichsten, zu denen die Frauen und +Kinder das größte Kontingent stellen, werden damit schutzlos der +Ausbeutung preisgegeben, ohne daß den Werkstattarbeitern wesentlich +geholfen wäre. Denn die Schwierigkeit der ausreichenden Beaufsichtigung +wird noch durch die Stumpfheit der zu Schützenden gesteigert. Die +Existenz der Hausindustrie beruht im wesentlichen auf der Thatsache, daß +die menschliche Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die +notwendige Ergänzung aber der niedrigen Löhne ist die lange Arbeitszeit. +Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen Bedingungen bisher immer +unterworfen waren, sind nicht einsichtsvoll genug, um die Durchführung +der Gesetze zu unterstützen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen +Kreisen aufgeklärter großstädtischer Arbeiter abgesehen, in der +Beschränkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene Verminderung ihrer an +sich schon kärglichen Einnahmen sehen und die Bestimmungen des Gesetzes +zu umgehen suchen. Dabei ist ihre Organisationsfähigkeit nicht nur +infolge ihrer niedrigen Lebenshaltung und ihrer Arbeitsüberlastung, +sondern auch infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so daß auch +hier nur in seltenen Fällen an die Stelle des einzelnen Schwachen die +durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten kann. + +Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben. Sie haben +daher verschiedene Versuche gemacht, zunächst einmal den Kreis der +Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung finden soll, +festzustellen. Soweit es sich um Werkstätten handelt, haben die +australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland für sie die alljährlich +zu wiederholende Registrierung vorgeschrieben und verfügt, daß eine +Werkstatt erst dann als solche benutzt werden darf, wenn der +Gewerbeinspektor, dem ihre Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis +dazu erteilt hat. Durch diese Maßregel sollen einerseits die Werkstätten +zur Kenntnis der Behörden kommen, andererseits die sanitätspolizeiliche +Kontrolle von Anfang an ermöglicht werden. Was aber in einem kleinen +Staate möglich ist, wird in einem großen mit ausgedehnter Hausindustrie +fast undurchführbar. Denn im Grunde müßte wieder eine Kontrolle +notwendig sein, um festzustellen, ob die vorschriftsmäßige Anmeldung zur +Kontrolle auch durchgängig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat +im Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigentümer, +eventuell auch den Verleger für die rechtzeitige Anmeldung haftbar zu +machen.[926] Aber selbst wenn die Kontrolle dadurch gesichert würde, +bliebe ein großer Nachteil bestehen: nicht immer könnte der +Gewerbeinspektor zur Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch +notwendig werdende Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen +Ausfall am Verdienst. + +Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu erfassen, haben +eine Anzahl nordamerikanischer und australischer Staaten den Verlegern +die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer Arbeiter zu führen, die auf +Verlangen dem Gewerbeinspektor vorzulegen sind, und England ist noch +einen Schritt weiter gegangen, indem es, allerdings nur für eine +beschränkte, Zahl von Gewerben, verlangte, daß die Werkstattinhaber und +Liefermeister jährlich zweimal die Namen und Adressen ihrer Arbeiter dem +Gewerbeinspektor einzureichen haben.[927] Diese Bestimmung ist gewiß +eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung verdient; einen wirklichen Wert +aber hat sie nur dann, wenn die Beamten auch im stände sind, sämtliche +Arbeiter ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der +Sache, völlig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die Durchführung der +Schutzgesetze zu gewährleisten, scheint demnach der zu sein, die +Verantwortlichkeit dafür auf eine Reihe von Personen auszudehnen und so +eine Art freiwillige Inspektion zu schaffen, die die staatliche +unterstützt. Die englische Gesetzgebung hat für bestimmte Gewerbe +demgemäß entschieden und den Unternehmer für haftbar erklärt, wenn seine +Arbeiter unter gesundheitsgefährlichen Bedingungen beschäftigt werden. +Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es sich +etwa um die Beschaffenheit der Werkstätten in sanitärer Hinsicht +handelt. Das Wichtigste aber, die Sicherstellung der Arbeitszeit, der +Pausen, des Wöchnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht +gewährleistet werden, weil auch der Unternehmer keine ständige Kontrolle +ausüben kann und sich kaum dazu gezwungen sieht, denn er weiß viel zu +genau, wie selten die Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden +würde. Was Thun von einem rheinischen Industriellen erzählt, der, als er +wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe +verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder aus den +Kindern heraus"[928], würde sich hier mit einigen Variationen +wiederholen; die Verantwortlichkeit müßte daher nicht nur von dem +Unternehmer getragen werden. Beatrice Webb schlägt vor, daß auch der +Hausherr und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden müßte.[929] +In New-York ist diese Forderung teilweise zum Gesetz erhoben worden, und +der Hausherr muß für bestimmte Gewerbe dafür einstehen, daß die Waren +erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der Werkstätte bei der +Aufsichtsbehörde erfolgte. Ueber diese Bestimmung hinaus scheint mir die +Haftbarmachung praktischerweise auch nicht gehen zu können, weil +andernfalls eine für den Werkstattinhaber und seine Familie +unerträgliche Chikanierung seitens des Hausherrn daraus entstehen würde. +Hat der Hausherr oder sein Vertreter,--und man mache sich einmal klar, +welche Art Menschen das häufig sind, und wie sie von Anfang an dem +armen Arbeiter mißtrauisch gegenüberstehen,--die Berechtigung, seine +Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein derjenigen, die ihm aus +irgend einem Grunde mißliebig sind, zu einem qualvollen gestalten, von +Uebergriffen aller Art zu geschweigen, die die Folge sein müßten. Diese +Art Kontrolle könnte außerdem immer nur im Weichbild der Städte möglich +sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf dem Lande und im Gebirge nicht +nur häufig Besitzer ihrer armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab +vom Verleger wohnen. + +Noch ein Mittel bleibt zu erwähnen, das für einen begrenzten Kreis von +Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit sichern helfen +soll. Es besteht in dem Verbot, den Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach +Ablauf der Arbeitszeit noch Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist +in dieser Weise vorgegangen, hat aber ausdrücklich bestimmt, daß nur +dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn die +Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit beschäftigt +wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen Thür und Thor geöffnet, weil +unmöglich festgestellt werden kann, ob man ihr für den ihr gesetzlich +zur Verfügung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit nach +Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des Gesetzes auf +die Frauen Rücksicht nehmen zu müssen, die, weil sie Kinder zu hüten und +ein Hauswesen zu leiten haben, nur stundenweise in der Werkstatt +arbeiten können; ihnen wollte man nicht die Möglichkeit rauben, durch +häusliche Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erhöhen, und opferte +dieser Rücksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer Frauen, denen +dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit aufgebürdet werden kann, daß sie +zwar zu Hause bis in die Nacht hinein arbeiten müssen, aber weder Zeit +finden, für ihre Kinder, noch für ihr Hauswesen zu sorgen. Soll, +wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche +Arbeiterin vor Ausbeutung geschützt werden, so muß das Verbot, Arbeit +mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein. + +Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die +Hausindustrie läuft darauf hinaus, daß alle Bemühungen, sie in vollem +Umfang durchzusetzen, fruchtlose bleiben. Der wesentliche Grund dafür +ist der, daß die Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte +Rinnsale auseinanderfließen, die sich notwendigerweise der Aufsicht +entziehen. In dem schmerzlichen Gefühl der Resignation angesichts dieser +Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf beschränkt, die +Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine sanitäre Vorschriften +abzuschwächen. Sie gingen dabei ursprünglich nicht vom Interesse der +Arbeiter, sondern von dem der Konsumenten aus, die sie vor dem Einfluß +der unter gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu +schützen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union ist dieses +System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren Herd die +Schwitzhöhlen der Hausindustrie waren, gaben den Anstoß dazu. Man +verfügte, um die gefährliche Ueberfüllung der kleineren Arbeitsstuben zu +vermeiden, daß in den Zimmern der Mietshäuser, die zugleich zum Essen +und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskräfte zur Herstellung +verkäuflicher Waren nicht beschäftigt werden dürfen. Es war dies +zugleich ein erster, vielverheißender Schritt zur zwangsweisen +Einrichtung abgesonderter Werkstätten, es war aber auch zugleich eine +indirekte Unterstützung der Familienwerkstätten, in denen die Ausbeutung +ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer der billigsten +Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine Ausbreitung der Heimarbeit +eher fördern als hindern helfen.[930] Um aber auch die Familienwerkstatt +und ihre Gesundheitsverhältnisse unter Aufsicht halten zu können, wurde +ihre Anmeldepflicht bei der Sanitätspolizei und ihre Lizenzierung durch +sie eingeführt. Für die Befolgung dieser Vorschrift machte man in +New-York den Hausherrn, in Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese +Weise werden die Arbeitsräume, zum Teil nur soweit sie der +Konfektionsindustrie dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit +überhaupt Waren darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der +Sanitätsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das Verbot, +Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten herrschen, +das auch England erlassen hat, sind die natürliche Folge hiervon. Man +ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter gegangen, In New-York, +Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das Gesetz, daß Waren, von denen +in Erfahrung gebracht wird, daß sie Werkstätten oder Familienbetrieben +entstammen, die einer Lizenz ermangeln, oder daß sie sonst unter +ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanitäts- oder Gewerbeinspektor +mit einer Marke versehen werden müssen, die die Bezeichnung Tenement +made enthält, also sowohl Händler wie Konsumenten vor dem Kauf +abschreckt. Waren, die in Räumen verfertigt wurden, in denen ansteckende +Krankheiten herrschen, müssen nach der Markierung desinfiziert werden +und zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von auswärts +eingeführte Verkaufsgegenstände. Diese ganze, in der Idee gut gemeinte +Einrichtung trägt aber den Stempel völliger Unzulänglichkeit schon an +der Stirn, ja sie führt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer vermöchte +dafür einzustehen, daß jedes Kinderjäckchen, das im Zimmer des +Typhuskranken entstand, jede Cigarre, die neben dem Bett des +Schwindsüchtigen gearbeitet wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am +Bett ihres diphtheritiskranken Kindes nähte, kontrolliert und markiert +werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und Blusen, +die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen versandt +werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder nicht? Die Angst +vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt die Heimarbeiter aber +auch zu einem förmlichen System der Verheimlichung und Vertuschung. Noch +später als bisher werden sie sich entschließen, den Arzt zu holen oder +ansteckende Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die +verhängnisvolle Marke an den Waren hängt, wird sie auf der großen Reise, +die sie antritt, trotz aller auf ihre Beschädigung oder Entfernung +verhängten Strafen, daran bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, daß +ein gesäumtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem Entstehungsort bis +zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden können! Haftet aber die +Marke trotz alledem, so wird die traurige Scheidung zwischen Reich und +Arm noch in erweitertem Maße als bisher sich vollziehen: es werden +Kreise von Händlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und +sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf +nehmen, wenn sie dafür weniger zu bezahlen brauchen. Also selbst die +Durchführbarkeit der Markierungsvorschriften vorausgesetzt, würden sie +nur dem Schütze der begüterten Käufer dienen. + +Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die +Hausindustrie-Gesetzgebung zu kämpfen hat, und an denen sie nach jeder +Richtung hin scheitern muß, vergegenwärtigen, so zeigt es sich, daß sie +sich alle unter dem einen Wort Heimarbeit zusammenfassen +lassen,--Heimarbeit im weitesten Sinn, die sowohl die Arbeit der +einzelnen Frau in ihrem Stübchen, als die Familienwerkstatt und die +kleine Werkstatt der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten Räumen +in sich begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die +Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu überbrücken vermochte, in den sie +vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen hinabstößt, vor +allem die schwächsten, die Kinder und die Frauen. Um den +Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die Kosten der Fabrikanlagen zu +ersparen und das Risiko der stillen Zeiten und der Krisen auf die +Arbeiter abzuwälzen, hat das Unternehmertum die Hausindustrie +großgezogen. Wird sie von der Gesetzgebung gleichfalls erfaßt, so wirft +sich die Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so +geringfügige Vorschrift wie die deutsche Konfektionsverordnung, hat +vielfach schon eine Zunahme der Heimarbeiter zur Folge gehabt[931], und +die Einführung des achtstündigen Normalarbeitstages für Fabriken und +Werkstätten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins Leben +gerufen.[932] Vor ihr aber steht, unter dem Banne geheiligter +Traditionen der europäische Gesetzgeber still, der die Schwelle des +Hauses nicht zu überschreiten wagt, auch wenn sie längst nicht mehr zu +den heimlichen Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die +düstere Werkstatt der Familienausbeutung führt. Vielleicht hält ihn auch +eine unbestimmte Furcht zurück, die Grenzen seiner Macht, der für +grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der Amerikaner und der Australier, +den sentimentale Rücksichten nicht mehr in dem Maße beherrschen, hat +sich den Eintritt erzwungen, aber all seine Pillen und Tränke, die er +gegen die große Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos +geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist eine +Krankheit, die rettungslos zum Tode führt. Viele verschließen sich der +Richtigkeit dieser Diagnose, andere erkennen sie an, aber nach dem +Beispiel der Aerzte am menschlichen Totenbett suchen sie das +entfliehende Leben mit allen Mitteln der Kunst aufzuhalten, und nur sehr +wenige sehen darin die ärgste Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar +erleichtern, den Auflösungsprozeß aber beschleunigen. Es kann nach allem +bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir uns zu +stellen haben. + +Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der +Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bemühung um +bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der +organisationsunfähigen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung der +Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die Schneider +führten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer, um sie zu zwingen, +alle Arbeiter nur in eigenen Werkstätten zu beschäftigen. Die +Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel durch Arbeitseinstellungen, die +Schneider blieben fast ganz erfolglos, auch ihr Appell an die +Konsumenten, nur in solchen Geschäften zu kaufen, die in +Betriebswerkstätten arbeiten lassen, fand nicht das Gehör, das notwendig +gewesen wäre, wenn es hätte Eindruck machen sollen.[933] Ein Teil der +englischen Sozialdemokratie, die auf dem Züricher Arbeiterschutzkongreß +vertreten war, sprach sich im Sinne der Arbeiter aus und befürwortete +eine Resolution, die die Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der +notwendigen, gesetzgeberischen Maßregeln hinstellte. Aber selbst vor +diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung, +Betriebswerkstätten einzurichten, traten auch die deutschen Arbeiter +1895 vor die Konfektionäre, und legten, um den Streit auszufechten, im +Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das völlig ungenügende Gesetz, das +die Werkstattarbeiter der Konfektion der Arbeiterschutzgesetzgebung +unterstellte, war die Folge ihres Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der +er ausging, geschah nichts.[934] + +Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung von +Betriebswerkstätten, die noch dazu, wo der Wunsch danach bisher +auftauchte, von keinem Parlament befürwortet wurden, ist von ihrem +Standpunkt aus vollkommen erklärlich: die Errichtung oder Miete von +Räumen für die Werkstätten, die Anschaffung von Maschinen, die +Anstellung von Werkführern, und nicht zum mindesten die schließlich +folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und der +Arbeiterversicherung, denen sie bei der Beschäftigung von +Hausindustriellen fast ganz entgehen, würde eine Kapitalanlage erfordern +und den Profit zunächst so beschneiden, daß auch für die Zukunft an ein +Nachgeben der Unternehmer um so weniger zu denken ist, als die in +Betracht kommenden Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu +einer geschlossenen starken Organisation, die ihren Wünschen den nötigen +Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen sind +einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe geschritten. In +Genf und Lausanne, in Bern und in Zürich waren es die Schneider, die +sich mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft eigene Werkstätten +einrichteten, in Wien thaten die Meerschaumschnitzer das gleiche.[935] +Die ganze Bewegung beschränkte sich aber auf kleine Kreise, weil +einerseits keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das +nötige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen und +Anwendung motorischer Kräfte schnellere und bessere Arbeit zu liefern, +und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden abzugraben. Die +Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich um Unterstützung +wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer Bestrebungen an, glaubte +aber, in Rücksicht auf den Stadtsäckel, keinen Präzedenzfall schaffen zu +dürfen. + +Ein anderes Mittel, die Heimarbeit möglichst einzuschränken, forderte +ein Gesetzentwurf, den der Minister Peacock 1895 dem Parlament von +Viktoria vorlegte, der sich aber auch nur auf die Konfektionsindustrie +bezog. Er enthielt die Bestimmung, daß Heimarbeiter nur gegen +Erlaubnisscheine beschäftigt werden dürften, und zwar sollten nur +diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und dabei aus +irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf Anspruch erheben +können; diese Einschränkung aber hätte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit +getreten wäre, seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und +durchgreifender erscheint daher der Vorschlag eines deutschen +Sozialpolitikers, der gleichfalls in der schließlichen Unterdrückung der +Heimarbeit die einzige Lösung der brennenden Frage sieht, und zwar den +gegenwärtig beschäftigten Heimarbeitern ihre Arbeit im eigenen Haus +gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch gestatten, neu eintretende +aber davon ausschließen will, so daß die Heimarbeit dadurch auf den +Aussterbeetat gesetzt wird.[936] Die hier gekennzeichneten Forderungen +und Wünsche sind, jede für sich, berechtigt, aber sie sind entweder in +der angegebenen Form unerfüllbar, oder sie würden sich, wenn sie +verwirklicht wären, der großen Aufgabe gegenüber als viel zu schwach +erweisen. Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer +grausamen Härte werden, nur das Resultat einer systematischen +Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen, das +Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster Schritt +zu diesem Ziel wäre die Verbindung von Wohnung und Werkstatt allen +denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei sich beschäftigen, und +die Mitgabe von Arbeit nach Hause ausnahmslos zu untersagen; die +Gewerbeinspektoren, deren Zahl um ein beträchtliches erhöht werden +müßte, hätten die Durchführung der Vorschrift zu beaufsichtigen, während +die Verantwortung dafür auch vom Verleger zu tragen wäre. Um aber zu +gleicher Zeit die Zwischenmeister, häufig selbst nur wenig besser +gestellte Proletarier, nicht zu ruinieren, müßten alle Gemeinden, in +deren Bereich sich hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet +werden unter Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere, +allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Räume, womöglich eigens +für den Zweck erbaute fabrikähnliche Gebäude mit Motorbetrieb, den +Hausindustriellen gegen eine Miete, die die früher dafür aufgewendeten +Mittel nicht übersteigen dürfte, zur Verfügung zu stellen. Auf +alle diese Werkstätten wären sodann sämtliche Vorschriften +der Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und +Kommunalverwaltungen hätten die Verpflichtung einzugehen, ihre Aufträge +nur von solchen Werkstätten ausführen zu lassen.[937] + +Bliebe man aber hierbei stehen, so würden die Familienwerkstätten +selbstverständlich, den Erfahrungen in anderen Ländern entsprechend, +enorm zunehmen. Dem müßte die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr +das Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die +Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in Rücksicht auf +zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege alter Angehöriger oder durch +eigene Gebrechlichkeit gezwungen sind, daheim zu bleiben, wären zunächst +Erlaubnisscheine für die Ausübung ihres Berufes im Hause zu erteilen. +Nach dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen hätte die kommunale +Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen Heimarbeitern +zuzuwenden und nach Maßgabe des Bedürfnisses, Kinderkrippen und +Kinderhorte, Heimstätten und Siechenhäuser zu schaffen oder zu +erweitern, oder durch direkte Unterstützung da einzugreifen, wo es not +thut, so daß nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit sämtliche +Heimarbeiter in die Werkstätten übergeführt werden könnten, und die +Kinder, die Alten und Leidenden versorgt sind. Die selbstverständliche +Voraussetzung für den Eingriff der Armenpflege wäre natürlich, daß alle, +die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des +Wahlrechts, in Fortfall kämen. Die Pflege der Kranken, Alten und +Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren Erfüllung sie +Anspruch haben, und die Armut gewissermaßen zu bestrafen, ist ein +trauriges Zeichen für die völlige Verwirrung klarer Begriffe. + +Nachdem alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, könnte gegen die +Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen wird, mit größerem +Nachdruck vorgegangen werden. Die Näherei in all ihren verschiedenen +Zweigen käme zunächst in Betracht, weil sie sich am leichtesten überall +zu verbergen vermag. Hier müßte eine neue Maßregel einsetzen: das +Verbot des Antriebs der Maschinen durch menschliche Kraft überall dort, +wo nicht für den Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, daß +nach Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einführung des +Dampfbetriebs in der Näherei mehr als manches andere zur Hebung der +Gesundheit beitragen würde[938], wäre diese Vorschrift leicht +durchführbar, weil das Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert, +um so mehr, wenn in diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede +industrielle Arbeit in Miets- und Wohnhäusern, sowohl für die Arbeiter +als für die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen +würde.[939] + +Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer +allmählichen Entwicklung, immer nur in den Städten, wo die Arbeiter sich +zusammendrängen und die Aufsicht leichter möglich ist, durchführbar. +Sind sie aber hier in Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der +modernen Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskräfte +aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung, der +in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das Land, in +die einsamen Thäler, auf die fernen Höhen werfen. Um hier denselben +Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung zu verschaffen, muß die +Verkehrspolitik in ihren Dienst gestellt werden.[940] Jede Eisenbahn, +jede gute Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte +Thatsache, über die Naturfreunde nicht genug klagen können, daß der +Fabrikschornstein überall emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die +Vereinigung der ländlichen Hausindustriellen in Werkstätten wird sich +mit dieser Unterstützung allmählich auch durchsetzen lassen. Zur +Schaffung der Werkstätten könnten die Arbeitgeber um so straffer +herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren Löhne, gegenüber den +Arbeitgebern der städtischen Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind. + +Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In New-York und +Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer strengen Regelung +unterliegt, haben die Konfektionäre sich ihr dadurch zu entziehen +gewußt, daß sie ihre Waren aus anderen Staaten beziehen, die solche +Gesetze noch nicht kennen, und in die die Schwitzmeister von New York +und Massachusetts massenhaft übersiedelten. Dasselbe würde sich in +Europa wiederholen, wenn die Gesetzgebung zur Bekämpfung der +Hausindustrie sich auf ein oder zwei Länder beschränken würde. Die +Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends +stärker hervor als hier, und es wäre an der Zeit, daß wenigstens +zunächst einmal die internationalen Gesellschaften für Arbeiterschutz +sich eingehend mit dieser Frage beschäftigen möchten, statt daß sie ihre +Universalität durch eine oberflächliche Vielseitigkeit beweisen zu +müssen glauben. Vor allem aber sollte die Arbeiterschaft aller Länder, +ihr ein thatkräftiges Interesse zuwenden, und in den Parlamenten +einmütig ihr gegenüber Stellung nehmen, denn von der Unterdrückung der +Hausindustrie hängt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die Vereinigung der +männlichen und weiblichen Arbeiter in den Werkstätten wird ihre +Aufklärung fördern und ihre gewerkschaftliche Organisation ermöglichen. +Solange sie wie die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den +organisierten Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder +streitig machen. Lohnerhöhungen insbesondere, vor allem feste +Lohntarife, jene wichtige Aufgabe der Arbeiterverbände, von deren +Erreichung die Sicherheit der Existenz vielfach abhängt, werden, solange +die Hausindustrie besteht, nur selten zu erkämpfen und noch seltener +festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt es noch Leute +genug, die zwar die Schäden der Hausindustrie anerkennen, trotzdem aber +vor durchgreifenden Maßnahmen zurückscheuen, weil sie die Familie und +die Freiheit des Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch +zweifellos, daß es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die +Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne Härten nicht +abgehen wird. Wo aber in der Welt wäre der Fortschritt leicht erkauft +worden? Gegenüber allen Arbeiterschutzgesetzen hat es Menschen gegeben, +die sich in ihrer Freiheit beschränkt, in ihrem Verdienst geschmälert +sahen. Die allmähliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat +gewiß schwere Wunden geschlagen und schlägt sie noch heute, für die +Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der Sozialreformer aber und +der Gesetzgeber dürfen nach den Gefühlen Einzelner nicht ihre +Handlungen einrichten, sie haben vielmehr die Aufgabe, den +Entwicklungstendenzen nachzuspüren und diejenigen zu fördern, durch die +die Menschheit im allgemeinen zu höheren Daseinsformen gehoben werden +wird. Die Hausindustrie hält sie auf der Stufe physischer und geistiger +Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen +Verhältnissen, darum muß auch hier das sentimentale Mitleid von der +ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden Menschenliebe überwunden +werden. + +Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit hindurch +auch die _Handelsgehilfen_. Und sie selbst, die den Unterschied zwischen +sich und den Fabrikarbeitern stets scharf betonten, wünschten auch auf +diesem Gebiet keine Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842 +gegründete englische Verein zur Erkämpfung des frühen Ladenschlusses, +nach fast fünfzigjährigen vergeblichen Bemühungen einsah, daß auf dem +Wege der Selbsthilfe nichts zu erreichen war, trat er für gesetzliche +Maßregeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die kaufmännischen Vereine +Deutschlands bestimmte Forderungen an die Gesetzgebung. Die Entstehung +der Großbetriebe auf dem Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung +vorgearbeitet, denn sie verwandelte langsam die Masse der jungen +Kaufleute, die ihre Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur +eignen Selbständigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in +abhängiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines gesetzlichen +Schutzes bedürfen. Der erste Schritt hierzu war die gesetzliche +Fixierung einer wöchentlichen Maximalarbeitszeit von 74 Stunden für +Ladengehilfen unter 18 Jahren in England, der aber über ein Jahrzehnt +hindurch nur zur Ausfüllung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle +über seine Ausführung vorhanden war. Der Londoner Grafschaftsrat +entschloß sich erst vor wenigen Jahren zur Anstellung von +Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine große Zahl von +Gesetzesübertretungen konstatieren konnten. Die einzige Bestimmung, die +diesem vielverheißenden Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die +Vorschrift, in allen Läden, wo weibliche Verkäufer thätig sind, Sitze +für sie aufzustellen,--eine Vorschrift, betreff deren eine Anzahl +nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel vorangegangen war und die +auch von Deutschland und Frankreich neuerdings erlassen wurde. Die +schweren Schäden aber, mit der die Arbeit im Handel die Angestellten +bedroht, sind damit noch kaum berührt, und doch schien es, als ob die +wichtigste Reform, die Verkürzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen +wäre. Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erkämpfen; aber sie blieb +problematisch und besteht im Grunde nur in einer Beschränkung der +Sonntagsarbeit, denn nicht nur, daß alle Handelsgehilfen in Deutschland +eine fünf-, in Oesterreich sogar eine sechsstündige Sonntagsarbeit +haben, für eine Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch +zuungunsten der Angestellten aufgehoben. daß nach dieser Erfahrung die +Verkürzung der täglichen Arbeitszeit noch auf größere Schwierigkeiten +stoßen würde, war vorauszusehen. + +Als die deutsche Kommission für Arbeiterstatistik auf Grund der +Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen stellte, erhob +sich ein Sturm der Entrüstung in der Handelswelt. Eine ganze Anzahl von +Arbeitgeberverbänden und Handelskammern hielt die vorgeschlagene +Festsetzung des Achtuhrladenschlusses nicht nur für den Anfang ihres +Ruins, sondern auch für verderblich für die Angestellten, die dadurch +zur mißbräuchlichen Verwendung der freien Zeit, zu Leichtsinn und +Unsittlichkeit verführt werden würden. Der "Eingriff des Staates in die +Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie einst die gesetzliche Regelung der +Fabrikarbeit schroff zurückgewiesen und für eine Kränkung der Berufsehre +angesehen.[941] Trotzdem gelangte schließlich der Neunuhrladenschluß zur +Annahme. Im weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die +Gewährung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden und die +Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald die Mahlzeit +außer dem Hause eingenommen wird, obligatorisch gemacht. Aber wie bei +der Arbeiterschutzgesetzgebung überhaupt, so wurden diese Bestimmungen +durch die Zulassung einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn +nicht nur, daß sie auf Arbeiten, die zur Verhütung des Verderbens von +Waren sofort vorgenommen werden müssen, auf die Aufnahme der Inventur, +sowie bei Neueinrichtungen und Umzügen keine Anwendung finden, die +Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10 Uhr abends verlängert, die +an sich schon spärliche Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten +vollends fast ganz aufgehoben werden. Unberührt von irgend welchen +durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafräume der Angestellten, +die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des Chefs sich befinden, +viel zu wünschen übrig lassen. Selbst über die Einrichtung der +Geschäftsräume bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings +durch Verordnung des Bundesrats genauer präzisiert werden können. Bisher +ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit der Verkäuferinnen +geschehen. Alle diese Reformen haben blos den Wert erster Versuche, um +so mehr, als keine besondere Kontrolle ihnen Nachdruck verleiht, ihre +Durchführung vielmehr nur unter Aufsicht der Ortspolizeibehörden +gestellt ist. + +Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung äußerst vorsichtig +vorgegangen. Das gilt im besonderen in Bezug auf die Lehrlingszüchterei. +Wie die Erhebungen der Kommission für Arbeiterstatistik ergaben, besteht +sie in ausgedehntem Maß im deutschen Handel. Je kleiner die Geschäfte, +desto mehr suchen sie sich mit den billigsten Arbeitskräften zu +behelfen, es zeigte sich sogar, daß von 8235 Betrieben 671 mehr +Lehrlinge als Gehilfen und 659 überhaupt nur Lehrlinge beschäftigen; die +Konkurrenz, die dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung +jugendlicher Arbeitskräfte, die daraus klar genug hervorgeht, hätten +eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begnügte man sich mit +der allgemeinen Bestimmung, daß der Lehrherr nur soviel Lehrlinge halten +darf, als im Verhältnis zum Umfang und der Art seines Betriebes steht +und ihre Ausbildung dadurch nicht gefährdet wird. Allerdings wurde auch +hier für den Bundesrat eine Thür offen gelassen, der befugt ist, durch +besondere Vorschriften einzugreifen,--das bekannte deutsche Mittel, +womit man glaubt, dem Reformbedürfnis Genüge zu thun. + +Nicht anders verhält es sich in Bezug auf einen anderen Uebergriff der +Geschäftsleiter, der geeignet ist, den Handelsgehilfen in seinem ganzen +Fortkommen zu behindern: der sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht +darin, daß sich der Gehilfe dem Chef gegenüber verpflichtet, falls er +seine Stellung verläßt, im Verlauf einer gewissen Zeit entweder in der +Nähe kein eigenes ähnliches Geschäft zu gründen, oder eine geraume Zeit +hindurch, die zuweilen bis zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein +ähnliches Geschäft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele +Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den Klassencharakter +an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm verlangen, daß er selbst +über sein persönliches Abhängigkeitsverhältnis hinaus, auf die +Interessen und den Profit des Chefs Rücksicht nimmt. Und die Gesetzgeber +haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der +Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen +Bestimmung haben sie sich entschließen können: daß solche Vereinbarungen +zwischen Unternehmern und Angestellten nur dann verbindlich sind, wenn +sie nicht die Grenzen überschreiten, durch welche "eine unbillige" +Erschwerung ihres Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit +Minderjährigen sind sie überhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz +im Handel erschöpft: er läßt eine zwölf-, dreizehn-, ja selbst eine +vierzehnstündige Arbeitszeit zu, die bestenfalls durch eine Pause von +1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet die Ausbeutung +jugendlicher Arbeitskräfte und erlaubt, daß der Gehilfe in seinem +berechtigten Streben nach sozialem Fortkommen gehindert wird! Und doch +repräsentiert die deutsche Gesetzgebung den Fortschritt auf dem +europäischen Kontinent. + +In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar in +ähnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist noch weniger +sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf jede Weise +durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie besteht, ist sie +ebenso wie der Ladenschluß die Folge langjähriger Kämpfe der +Organisationen der Handelsangestellten, die sich um so kräftiger +entwickeln konnten, als das Uebergewicht der großen Warenhäuser +gegenüber den kleinen schon früh in Erscheinung trat. Die +fortgeschrittenste Gesetzgebung repräsentiert Australien und +Neu-Seeland. Die Ladenschlußstunde ist teilweise schon auf sechs Uhr und +nur an einem oder zwei Wochentagen auf spätere Abendstunden festgesetzt. +Außer der vollen Sonntagsruhe wird den Angestellten ein halber freier +Wochentag gewährleistet. Für jugendliche und weibliche Gehilfen besteht +vielfach der acht- oder neunstündige Arbeitstag. Wie es heißt, haben +diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich geführt. +Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht, wie die Gegner +gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe verlangen.[942] + +Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch die +Rücksicht auf das Publikum, die man immer zu haben vorgiebt, wenn man +eine Verkürzung der Arbeitszeit für undurchführbar erklärt, nicht +hintangehalten werden. Vor allem aber müßten besondere Organe, sowohl +eine Handels- als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer +Durchführung Sorge tragen. Eine Ergänzung müßte sie durch Bestimmungen +finden, die je nach der Größe und der Art des Betriebs die Minimalzahl +der Anzustellenden festsetzen. Was helfen die schönsten +Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders in den großen Warenhäusern der +Fall ist, die Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden, +die jede Möglichkeit zum Ausruhen ausschließt. Wie auf anderen Gebieten, +so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen Entwicklung, die zum +Großbetrieb drängt, und mehr und mehr einen Arbeiterstand im Handel +schaffen hilft, die Bahn frei zu machen. Denn die Durchführung des +Arbeiterschutzes und sein Ausbau wird im Handel ebenso wie in der +Industrie durch das mehr oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der +großen über die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng +damit zusammenhängende Organisationsfähigkeit der Arbeiter und ihre +Unterstützung gewährleistet werden. + +Für alle bisher berührten Arbeitsgebiete ist der Arbeiterschutz unter +bestimmten Voraussetzungen bis zu einer gewissen Grenze durchführbar, +und man hat überall wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollständig +unberührt von ihm blieb die _Landwirtschaft_. Die Ursache davon beruht +nicht nur auf der Meinung, daß der Landarbeiter eines Schutzes nicht +bedürfe,--sie ist durch offizielle und private Untersuchungen schon gar +zu oft erschüttert worden,--sondern mehr noch darauf, daß die +landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen +läßt wie die industrielle und kommerzielle, und die Bedingungen ihrer +Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des Arbeiterschutzes, wie +wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in Bezug auf wenige +Bestimmungen möglich. Aber auch die Durchführung jedes besonderen +Landarbeiterschutzes hängt so eng mit den Problemen der agrarischen +Fragen zusammen, daß es eines Werkes für sich bedürfen würde, um ihn +theoretisch zu erörtern und praktisch festzusetzen. Nur allgemeine +Gesichtspunkte können im Rahmen dieser Arbeit beleuchtet werden. + +Wir haben bisher gesehen, daß der Grad der Durchführbarkeit des +Arbeiterschutzes wesentlich davon abhängt, in welchem Maße die zu +schützenden Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit +vorgeschritten und wie weit sie infolgedessen im stande sind, für die +Wahrung ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber +tritt in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte +Saisonarbeiten,--z.B. die Frühjahrsbestellung, die Ernte, der +Zuckerrübenbau,--die Heranziehung einer größeren Menge von Arbeitern +nötig machen. Zur Förderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine +schon viel beigetragen; die Einführung anderer Maschinen, womöglich mit +Hilfe elektrischer Motoren, müßte weiter revolutionierend wirken. Um dem +Arbeiterschutz eine Grundlage zu schaffen, wäre es demnach notwendig, +diese Entwicklung auf jede Weise zu fördern. Eines der wichtigsten +Mittel dazu ist die Unterstützung der landwirtschaftlichen +Genossenschaften, die allein im stande sind, die Nachteile des +Kleinbetriebs durch gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum +Großbetrieb zu fördern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der +landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen +Tagelöhner, gefördert werden. Sie wird in der Gegenwart als eine die +Interessen der einheimischen Arbeiter schädigende betrachtet. Und mit +Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden Arbeiter sozial +tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat die Sozialpolitik +zunächst einmal hier einzugreifen. Das kann auf dreierlei +Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug auf die +Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und die Schaffung einer ländlichen +Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder Saisonarbeit besonders +angepaßte Beschränkung des Arbeitstags, und durch direkte Förderung +der Organisation der Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer +landwirtschaftlichen Betriebsinspektion wäre im Anschluß hieran +notwendig, aber, bei dem großen Umfang des ihr unterstehenden Gebiets, +wäre zunächst an einschneidende direkte Folgen ihrer Thätigkeit +ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung der Schutzgesetze +selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der staatlichen Verwaltung +ihre Durchführung sicherte. Ihre Bedeutung wäre für den Anfang +wesentlich eine erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer +Arbeit in ihre Heimat zurückkehren, kämen mit anderen Begriffen und +Bedürfnissen heim, als sie gegangen sind, und würden auf die +Zurückgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so daß eine allmähliche +Hebung ganzer Volksschichten ermöglicht würde. Sie müßte aber auch noch +von anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot +der ländlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit für junge Leute unter +achtzehn Jahren. Wenn in Rücksicht auf die Gefährdung der Sittlichkeit +durch die Wanderarbeit zuweilen gefordert wird, daß dies Verbot auf alle +minderjährigen Mädchen ausgedehnt werden soll[943], so scheint mir das +zu weit zu gehen. Von diesem Standpunkt aus müßte man sie überhaupt alle +zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur Genüge gesehen haben, +kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre Sittlichkeit nicht gefährdet wird. +Hielte man sie aber nur von der Wanderarbeit zurück, so wären sie +gezwungen, sich einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr +scheint mir dagegen für beide Geschlechter eine angemessene Grenze +darzustellen. Die notwendige Ergänzung des Arbeitsverbots müßte die +Erweiterung des Schulzwangs und die Einrichtung ländlicher +Fortbildungsschulen sein, deren Besuch obligatorisch wäre. Aber die +Wanderarbeiter rekrutieren sich nicht nur aus der einheimischen +Bevölkerung. Nach Deutschland kommen sie aus Rußland, nach Frankreich +aus Belgien, selbst die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach +schon als eine Möglichkeit zur Steuerung der ländlichen Arbeiternot +hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche +Besserung der Zustände auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt doch auch +hier, was für die Hausindustrie gilt, daß eine internationale Regelung +erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen sein kann. Immerhin aber werden +die nationalen Reformen auch auf die ausländische Arbeiterschaft ihren +erzieherischen Einfluß nicht verfehlen. + +Auf viel größere Schwierigkeiten stößt der Schutz der ortseingesessenen +landwirtschaftlichen Arbeiter infolge ihrer Vereinzelung und des Mangels +an Aufklärung, der besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine +Ursache hat. Trotzdem müßte auch hier die grundlegende Bestimmung jedes +Arbeiterschutzes, die Beschränkung der Arbeitszeit, der keine +technischen Schwierigkeiten gegenüberstehen, zur Durchführung gelangen, +und durch eine ausreichende staatliche Aufsicht unterstützt werden. Alle +Verordnungen ferner, die das Koalitionsrecht der Landarbeiter +einschränken oder ganz illusorisch machen, müßten aufgehoben werden, +auch wenn zunächst noch nicht erwartet werden könnte, daß sie sich als +fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen gewährten Recht den für +sie vorteilhaftesten Gebrauch zu machen. Die Verbesserung der +Wohnungsverhältnisse durch eine Wohnungsinspektion, das Verbot, die +öffentliche Stellung eines Amtmanns oder Landlords mit der privaten des +Arbeitgebers in einer Person zu vereinigen, wären geeignet, manche +Unzuträglichkeiten aus dem Wege zu räumen. Denn jedes Mittel zur Hebung +der sozialen Lage und zur Unterdrückung persönlicher Abhängigkeit, wäre +zugleich ein Mittel zur Durchführung des Arbeiterschutzes; daher ist +auch jeder Rest feudaler Arbeitsverhältnisse, wie das Insten- und +Deputantentum zu bekämpfen.[944] Für die Frauen aber gilt es mit allem +Nachdruck auf die Durchführung einer Arbeiterschutzvorschrift +hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf die Landarbeit von größter +Bedeutung ist: das Arbeitsverbot für Schwangere und Wöchnerinnen. Wie es +möglich ist, zu behaupten, daß die Lohnarbeit der verheirateten Frau und +der Mädchen auf dem Lande "wenig Anlaß zu einer besonderen +Schutzgesetzgebung" giebt[945], wird jedem unbegreiflich erscheinen, der +nur einmal gesehen hat, wie eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld +hackt, oder eine erst kürzlich Entbundene beim Heuaufladen beschäftigt +ist. Das frühe Altern der Landarbeiterinnen, ihre Kränklichkeit und die +Schwächlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten darauf +zurückzuführen. Soweit es daher im Bereiche der Möglichkeit liegt, +sollte kein Mittel unversucht gelassen werden, um den Schutz der +Schwangeren vier Wochen vor und der Wöchnerin acht Wochen nach der +Entbindung für die ländliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell +wäre die Verantwortung dafür auf sämtliche Vorgesetzte der +Arbeiterin,--Inspektoren u.s.w.,--auszudehnen, und die Hebammen zur +Anzeige der Gesetzesübertretungen zu verpflichten. + +All diesen Einzelforderungen gegenüber darf jedoch nicht vergessen +werden, daß die Voraussetzung für ihre Durchführung die Mitarbeit der zu +Schützenden selber ist. Nicht nur, daß sie im Besitze eines gesicherten +Koalitionsrechts sich befinden müssen, sie müssen auch lernen, es zu +gebrauchen. Die Berührung mit dem organisierten, aufgeklärten +Industriearbeiter ist dazu eines der besten Mittel; deshalb muß sowohl +die Freizügigkeit des Landarbeiters eine unbeschränkte sein, als auch +dafür gesorgt werden muß, daß im Hinblick auf sein Interesse, wie auf +das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des Eisenbahnnetzes +und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg in die Städte ihm +erleichtert, andererseits aber die Anlage von Fabriken auf dem Lande +dadurch ermöglicht wird. Es liegt nun aber nahe, anzunehmen, daß die +Folge mancher dieser Maßnahmen nur eine Verstärkung der Landflucht sein +würde. In gewissem Umfang, der durch einen gut funktionierenden +öffentlichen Arbeitsnachweis allmählich geregelt werden könnte, halte +ich das gleichfalls für wahrscheinlich. Selbst hohe Löhne und bessere +Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf dem +Lande zu fesseln vermögen, weil die Stadt mit ihrem Glanz und ihrer +Abwechselung und weil die relative Freiheit der industriellen Arbeiter +einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle ausübt, die nicht in ihr zu +leben gewohnt sind. Auch die Ueberführung städtischer Kultur auf das +Land, z.B. durch Wanderbibliotheken, wie in England, durch ländliche +Hochschulkurse u.A.m., wie in Dänemark, würde nicht viel dagegen +ausrichten, weil die Aufnahmefähigkeit gerade hierfür bei dem +Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es läßt sich aber aus der +Psychologie des modernen Industriearbeiters, dessen Bedürfnis nach +ländlicher Ruhe und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, daß, +wenn die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich +einmal denen in der Industrie angenähert haben, die Möglichkeit für ein +Zurückfluten des städtischen Proletariats auf das Land gegeben ist. +Industrielle Krisen werden es befördern helfen. + +Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt für die Landwirtschaft zu +konstatieren, die auf dem Wege gesunden Fortschritts vor sich gehen: die +Landflucht einheimischer Arbeiter und die Einwanderung fremder +Saisonarbeiter, durch die beide Kategorien höheren sozialen Kulturstufen +zugeführt werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die +Bedingungen der Landarbeit es möglich machen, und kann dann für die +Industriebevölkerung eine physische Regeneration anbahnen. Auch hier +gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung meistern zu +wollen, sondern sie bewußt in ihren Dienst zu stellen. + +Ein unbekanntes Land für den Arbeiterschutz fast aller Staaten war +bisher das große Gebiet des _persönlichen und häuslichen Dienstes_. Die +ersten Reformbestrebungen nach dieser Richtung gingen von Schweizer +Kantonen aus. Basel machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in +Gastwirtschaften vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte, +daß Mädchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der Töchter des Wirts, nicht +zur Bedienung der Gäste zu verwenden sind, und allen Kellnerinnen eine +Mindestruhezeit von 7 Stunden täglich zu gewähren ist. Diesem Beispiel +folgte Glarus, St. Gallen und Zürich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden +und, als Ersatz der Sonntagsruhe, einen wöchentlichen freien Nachmittag +von 6 Stunden festsetzten. Da es aber an der nötigen Kontrolle für die +Durchführung selbst dieser geringen Reformen fehlte,--lassen sie doch +sämtlich eine Arbeitszeit von 16-17 Stunden zu!--und von seiten der +Kellnerinnen auf keine Unterstützung zu rechnen ist, so blieben sie fast +ganz wirkungslos.[946] Trotz dieser Erfahrung hat das Vorgehen der +Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der Gesetzentwurf, der +die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht nur in wenigen Punkten +über sein Vorbild hinaus. An Stelle der Festsetzung der Arbeitszeit, +einer selbstverständlichen Forderung, sobald man anerkennt, daß das +menschliche Leben noch einen höheren Inhalt haben soll als Lohnarbeit +und Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestmaßes von Ruhe, das in +Deutschland in Kleinstädten 8 und in Großstädten, wo der Hin- und Herweg +von der Arbeitsstätte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden +betragen soll; ein wöchentlicher Freinachmittag von 6 Stunden, ein +vollständiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen kommen ergänzend +hinzu. Das heißt mit anderen Worten, daß die Kellnerin täglich 15 bis 16 +Stunden auf den Beinen sein muß und wöchentlich 99-106 Stunden +Arbeitszeit hat! Im Laufe der täglichen Arbeit, die mindestens ebenso +anstrengend und noch um vier bis fünf Stunden länger ist, als die in der +Fabrik, wird der Kellnerin nicht einmal eine Mittagspause +sichergestellt, statt dessen kann ihre Ruhezeit an nicht weniger als +sechzig Tagen im Jahr noch verkürzt werden. Außerdem steht es nach wie +vor im Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren +Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat. Angesichts der +bestehenden Verhältnisse und der völligen Schutzlosigkeit, die bisher +herrschte, würden diese Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt +bedeuten, wenn auf ihre strikte Anwendung gerechnet werden könnte. Aber +davon wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an +entsprechende Vorschriften über die Schaffung einer ausreichenden +Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist. Trotzdem sträuben sich +die Wirte jetzt schon aufs äußerste gegen den Entwurf, der, so behaupten +sie, sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gefährden im +stande ist.[947] Sie scheint demnach nur durch eine mehr als 16stündige +Arbeitszeit der Angestellten gesichert zu sein! Entspräche dies den +Thatsachen, so wäre man versucht, auszurufen, wie der preußische +Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der Kinder +erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!" + +Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck einer +wirklichen Schutzvorschrift macht, enthält der Entwurf; sie besagt, daß +Mädchen unter 18 Jahren nicht zur Bedienung der Gäste verwendet werden +dürfen. Angesichts der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen, +die gerade dieser Beruf an die Körperkräfte stellt, erscheint dieser +Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur nicht +allein auf die Bedienung beschränken möchte! Darin zeigt sich deutlich, +daß es sich hier nicht um Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der +Sittlichkeit im Sinne der deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese +sind in ihrer Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis +auf das 21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug, +von dieser Maßregel zu erwarten, daß sie der "Unkeuschheit im +Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu den +Todesstoß versetzen" wird![948] Während also der Entwurf das 18. +Lebensjahr als Grenze für den Eintritt in den Kellnerinnenberuf +festsetzt, läßt er gleichzeitig die 15-16stündige Ausbeutung der Mädchen +unter 18 Jahren, also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und +16jährigen, in der Gasthofsküche ohne Bedenken zu. + +Daß der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten würde rechnen +können, war von vornherein anzunehmen. Freilich waren es nur Wenige, die +ihre Wünsche laut werden ließen. Die Meisten, die unter ihrer traurigen +Lage seufzen, sind noch gar nicht so weit, darüber nachzudenken, wie man +sie bessern könnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte dem +Entwurf diese Forderungen gegenüber: 1) Bestimmungen über Zahlung eines +auskömmlichen Lohnes. 2) Festsetzung bestimmter Arbeitspausen, +insbesondere einer ununterbrochenen zehnstündigen Ruhezeit nach jedem +Arbeitstag. 3) Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf das +Gastwirtsgewerbe, einschließlich der Beaufsichtigung der Wohn- und +Schlafräume der Angestellten; und der Münchener Kellnerinnenverein +verlangte: 1) Eine ununterbrochene Mindestruhezeit von zehn Stunden +täglich. 2) Einen wöchentlichen vierundzwanzigstündigen Ruhetag. 3) +Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um den +Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. 4) Festsetzung der +Altersgrenze für die Zulassung junger Mädchen zur Bedienung von Gästen +auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer zweijährigen Lehrzeit, während +welcher die Lehrmädchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs +Uhr morgens nicht beschäftigt werden dürfen. 6) Ueberschreitung der +täglichen Arbeitszeit nur an dreißig Tagen des Jahres. + +Aber all diese Maßnahmen wären angesichts der herrschenden Zustände im +Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend und legen nur von der +Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis ab. + +Jeder wirksame Arbeiterschutz muß einerseits von der Verkürzung der +Arbeitszeit ausgehen, andererseits für seine Durchführung auf die +Unterstützung der Beteiligten rechnen können. Sowohl der fünfzehn- bis +sechzehnstündige Arbeitstag des Entwurfs als der vierzehnstündige, den +die Kellnerinnen fordern, kann unmöglich die Bedeutung haben, die er als +Ausgangspunkt aller anderen Reformen haben muß; der Fortbestand des +Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer möglichsten +Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie daran, geschlossen für +seine Herabsetzung einzutreten, und sie zu sichern, falls sie gesetzlich +eingeführt wird. Will man die Lage der Kellnerinnen verbessern und sie +zunächst zum Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der +für sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten würde, so muß der Hebel zu +gleicher Zeit an beiden Punkten, der Arbeitszeit und dem +Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das könnte zunächst in der Weise +geschehen, daß neben der ununterbrochenen zehnstündigen Nachtruhe, eine +zusammenhängende zweistündige Tagespause festgelegt würde, so daß eine +effektive Arbeitszeit von zwölf Stunden die Folge wäre. Jeder +Gasthofsbetrieb hat im Laufe des Tages eine ruhige Zeit,--das haben die +Wirte selbst erklärt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung +nahmen,--in der es möglich gemacht werden kann, den größten Teil der +Angestellten, auch der männlichen, zu entbehren. Jedenfalls muß es zu +ermöglichen sein, da schon eine zwölfstündige Arbeitszeit das äußerste +Maß bezeichnete. + +Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der bloßen Bestimmung, +daß die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben, ist ihr nicht +beizukommen und bis zur Schaffung starker Organisationen der +Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen könnten, ist noch ein +weiter Weg. Noch weniger ist auf das Publikum zu rechnen, von dem man +manchmal erwartete, es würde sich im Kampf gegen das Trinkgeld +solidarisch fühlen. Dagegen böte ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg: +die Bestimmung nämlich, daß die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu +erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird dadurch +zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, aber doch fast ganz, da der +Gast sich meist in dem Augenblick dazu aufgefordert fühlt, wo er der +Bedienung die Zeche bezahlt, und sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein +anderes Mittel, das wohl noch mehr dem Gang der Entwicklung entspricht, +aber zunächst nur in größeren Lokalen Anwendung finden könnte, wäre die +durchgängige Bezahlung der Zeche, die im Verhältnis zu der Gesamtausgabe +einen bestimmten Prozentsatz für die Bedienung in Anrechnung bringen +müßte, an den Zahlkellner, der zum selbständigen Unternehmer würde,--was +er heute schon vielfach ist,--und den bedienenden Kellnern einen festen +Lohn zu zahlen hätte. Ist das erreicht, so hat die Kellnerin kein +Interesse mehr an der Länge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die +gesetzlich vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allmählich, +wenn Geist und Körper unter der Erschöpfung durch endlose Arbeitszeit +nicht mehr zu leiden haben, organisationsfähig werden. Ein +vierundzwanzigstündiger Ruhetag im Laufe von je sieben Tagen, die +Sicherung guter Unterkunftsräume durch die Aufsicht der +Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter sechzehn Jahren +überhaupt und unter achtzehn länger als acht Stunden täglich zu +beschäftigen, die Verfügung endlich, daß sämtliche Schutzvorschriften +auch auf die Familie des Wirts auszudehnen sind,--der Entwurf schließt +sie ausdrücklich aus, ohne sich auch nur über den Grad der +Familienzugehörigkeit näher auszulassen, --und die Einsetzung einer +besonderen Inspektion für das Gastwirtsgewerbe,--denn man kann es den +wenigen schon stark überlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten doch +nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu beaufsichtigen,--das +alles sind Bestimmungen, die die Grenzen des Notwendigen noch nicht +einmal erreichen, und die Ergänzung der Beschränkung der Arbeitszeit für +Erwachsene und des Trinkgelderwesens bilden müßten. Soweit die +Sittlichkeit von den Arbeitsbedingungen abhängt, wird sie durch ein +Gesetz dieses Inhalts auch nur gefördert werden. Sie darüber hinaus +"schützen" zu wollen, ist überhaupt nicht Aufgabe der Gesetzgebung. Sie +hat allein die Grundlage zu sichern, auf der eine menschenwürdige +Existenz sich aufbauen kann, und die äußeren Bedingungen zu regeln, die +die Unabhängigkeit jedes Einzelnen zu gewährleisten vermögen. + +Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat, daß der +gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen Arbeitsgebieten durchführbar +ist, so scheint sie jetzt an den Punkt angelangt zu sein, wo die +angewandte Methode nicht mehr zum Ziele führen kann: am _häuslichen +Dienst_. Die Dienstboten stehen außerhalb der Gewerbeordnung; nur von +Neu-Südwales heißt es, daß der achtstündige Arbeitstag auch für sie +Geltung haben soll; alle übrigen Staaten haben entweder keinerlei +besondere Vorschriften, die die häusliche Lohnarbeit regeln, oder sie +besitzen sie in der Form von Gesindeordnungen, wie Deutschland und +Oesterreich. Aber auch hierbei handelt es sich nicht um einheitliche +Rechtsvorschriften, sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen +voneinander abweichende Einzelbestimmungen--Deutschland allein zählt +ihrer gegen 60--, die dadurch schon den Stempel einer überwundenen +Epoche, der die Freizügigkeit noch unbekannt war, an der Stirne tragen; +denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem Juristen schwer +fällt, kann von dem von Ort zu Ort und von Land zu Land wandernden +Dienstboten unmöglich verlangt werden. Was sie aber in noch viel +drastischerer Weise als Reste der Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr +Inhalt, der zu jeder modernen Auffassung des Arbeitsvertrags und des +Dienstverhältnisses in scharfem Gegensatz steht. + +Einige Beispiele mögen das Gesagte erhärten: Nach der deutschen +Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in die +Arbeitsbücher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die meisten +Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen über das +persönliche Verhalten des Dienstboten den Arbeitgebern zur Pflicht. Auf +Grund derselben Gewerbeordnung ist die Aufrechnung von irgend welchen +Forderungen des Arbeitgebers gegen die Lohnforderungen des Arbeiters +unzulässig, die Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugefügten +Schaden nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann +sogar, falls dieser nicht ausreicht, eine Vergütung durch unentgeltliche +Dienstleistung von ihm fordern,--eine neue Form für die mittelalterliche +Schuldknechtschaft! Auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches und des +Handelsgesetzbuchs für das Deutsche Reich kann das Dienstverhältnis von +jedem Teil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn +ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe Recht nach +den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er mißhandelt wird mit +Gefahr für Leib und Leben", wenn die Herrschaft ihn "mit ausschweifender +und ungewöhnlicher Härte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und +unmoralischen Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt, +oder die Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die Thüre +setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause hervorruft", +"beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich Veruntreuungen zu +schulden kommen läßt", "ohne Vorwissen und Erlaubnis nachts aus dem +Hause bleibt", "seines Vergnügens wegen ausläuft, über die erlaubte Zeit +hinaus fortbleibt, mutwillig den Dienst vernachlässigt", ja selbst "wenn +ihm die Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen +vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen, wenn er +den Dienstboten ohne Entschädigung los werden will, während der +Dienstbote erst körperliche oder moralische Mißhandlungen nachweisen +muß, um ohne Einhaltung der Kündigungsfrist den Dienst aufgeben zu +können. Der gewerbliche Arbeiter kann gegenüber unerträglichen +Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne Kündigung verlassen, ohne daß er +sich dadurch ehrenrührige Strafen zuzieht; der Kontraktbruch beim +Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt, und jedes Dienstmädchen, das +davonläuft, kann von uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher, +wieder in die alte Stellung zurücktransportiert werden. Um jeden Weg zur +Selbsthilfe endgültig abzuschneiden, steht das Gesinde,--und unter +dieser Bezeichnung ist in Deutschland und Oesterreich nicht nur das +häusliche, sondern auch das landwirtschaftliche zu verstehen,--auch in +Bezug auf das verfassungsmäßig jedem Staatsbürger gewährleistete freie +Vereins- und Versammlungsrecht unter Sondergesetzen. Das heute noch +gültige Gesetz vom Jahr 1854 bestimmt, daß das Gesinde mit +Gefängnisstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum +Zweck der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt, +sich mit anderen dazu verabredet, oder sie dazu auffordert. + +Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen in +Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des Verhältnisses +zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine ganze Reihe von Geboten und +Verboten schnüren noch außerdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten +ein, ohne daß ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu +teil würde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige Reden", +"unfleißiges Verhalten", "ungebührliches Benehmen" in verschiedenen +deutschen Gesindeordnungen unter Strafe gestellt. Ja selbst die +Prügelstrafe kann von den Herrschaften den Dienstboten gegenüber noch in +Anwendung gebracht werden, denn die Gesindeordnungen von Braunschweig, +Pommern, Sachsen, Reuß und Meiningen erkennen den Dienstgebern das +Züchtigungsrecht ausdrücklich zu, und in Preußen können sie sich +straflos der "Beleidigung und leichten Körperverletzung" schuldig +machen. + +Man hoffte, daß das Bürgerliche Gesetzbuch diesen Bestimmungen, die das +Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die Hände liefern, ein Ende machen +würde. Und es erklärte thatsächlich, daß ein Züchtigungsrecht der +Herrschaft nicht zustehe; nur daß diese Erklärung für die Praxis dadurch +jede Bedeutung verlor, daß Art. 95 des Einführungsgesetzes zum +Bürgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen ausdrücklich bestehen +läßt, und,--um darüber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,--eine +preußische Ministerialverordnung folgendes bestimmte[949]: "Was die in +dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung anbelangt, +wonach dem Dienstberechtigten gegenüber dem Gesinde ein Züchtigungsrecht +nicht zusteht, so werden dadurch die in Preußen bestehenden +landesgesetzlichen Vorschriften nicht berührt, da keine der letzteren +ein solches Recht statuiert, auch der § 77 der Gesindeordnung nicht, +indem derselbe nur geringe Thätlichkeiten der Herrschaft unbestraft +läßt, welche durch ungebührliches, zum Zorn reizendes Betragen des +Gesindes veranlaßt werden." Die Erlaubnis zu geringen Thätlichkeiten ist +also, nach der Logik preußischer Minister, kein Züchtigungsrecht und das +Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden! + +Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen Richtung der +sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht, konnte auch den +Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn man sich schon +scheute, die Familienwerkstatt und den Familiengasthofsbetrieb unter +gesetzliche Regeln und gesetzliche Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr +mußte man sich davor scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen. +Jeder Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels +95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So +beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893 die +Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895 aber +stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden Absatzes im +Bürgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der Gesindeordnungen. Das +Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit derselben Beratung die +Unterstellung des Gesindes unter die Gewerbeordnung durchzusetzen; ein +Jahr später im Plenum aber erklärte es sich dagegen. 1897 nahm dann der +Reichstag eine Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging, +und die Regierung aufforderte, die Rechtsverhältnisse des Gesindes +reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast fünf Jahren, ist es aber +immer noch bei dem bloßen Wunsch geblieben, obwohl inzwischen die +Dienstboten angefangen haben, für ihre Rechte einzutreten. Ihr +konsequenter Vorkämpfer ist bisher allein die sozialdemokratische Partei +gewesen, die nicht nur durch ihr Programm, das die rechtliche +Gleichstellung der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern fordert, +sondern durch eine Reihe dahin zielender Anträge im Plenum des +Reichstages diese notwendige Reform durchzusetzen versuchte, vor allem +für die Abschaffung der Gesindeordnungen und des jede Organisation +verhindernden Gesetzes von 1854 eintrat. Natürlich ohne jeden Erfolg. + +Vorwärts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von den +Vereinigten Staaten ausging und über die skandinavischen Länder den Weg +nach Deutschland nahm, fühlten sich auch, wie wir gesehen haben, +einzelne Gruppen der bürgerlichen Frauenbewegung zu Reformvorschlägen +genötigt, die in der Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in +Bezug auf die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich +entweder vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen +stellen. Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete über die +Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt +insofern noch hinter ihnen zurück, als die Freigabe des +Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden, sondern +das Dienstmädchen nur zur Arbeit während dieser Zeit nicht +"verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen Standpunkt gegenüber +der Dienstbotenfrage nehmen einige amerikanische und englische +Frauenrechtlerinnen ein,--denn von einer allgemeinen feststehenden +Stellung der Frauenbewegung zu diesem Problem ist auch hier keine Rede. +Sie fordern die Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allmählich +die im Hause wohnenden Dienstboten durch außer dem Hause wohnende +organisierte und für jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen ersetzen +sollen und glauben, daß die Ausdehnung des Arbeiterinnenschutzes auf sie +erst unter diesen Voraussetzungen ermöglicht werden kann. + +Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden Reform, aber +sie haben jeder für sich nur den Wert vorbereitender Arbeit. Erst ihre +Zusammenfassung und organische Ausbildung kann zu einer Regelung des +Verhältnisses der häuslichen Arbeiter führen. Vor allem haben wir uns +auch hier zunächst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne bei der +nüchternen Ueberlegung dem Einfluß subjektiver Gefühle zu viel Spielraum +zu gewähren. Gerade hier ist diese Gefahr groß, denn so trivial es auch +klingen mag, so wahr ist es doch, daß der Gedanke an die Familie, an die +stillen Freuden der Häuslichkeit bei den Angehörigen der bürgerlichen +Welt eng mit dem Gedanken an die eigene Köchin in der eigenen Küche +zusammenhängt, und man mit der Preisgabe des einen das andere zu +erschüttern glaubt. Der objektive Beobachter aber wird sich der +Erkenntnis nicht verschließen können, daß Alles--die wachsende +Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme der +Frauenerwerbsarbeit in bürgerlichen Kreisen, die sich rapide +ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals privater, +häuslicher Thätigkeiten,--eine fundamentale Umwandlung des häuslichen +Lebens vorbereitet. Dieser Entwicklung könnte auch dann nicht mit +dauerndem Erfolg in die Zügel gefallen werden, wenn sie, wie viele +behaupten wollen, eine nur schädliche Tendenz in sich trüge. Sie muß +aber um so mehr gefördert werden, als sie thatsächlich glücklicheren +Zuständen die Wege bahnt. + +Der Kreis der bürgerlichen Familie umschloß früher den großen Hausstand +mit all seinen Mägden und Knechten; von einem intimen Zusammenleben +zwischen Mann und Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die +häusliche Atmosphäre war der Ausfluß so vieler verschiedener +Individualitäten, daß ihr Einfluß auf die Kinder nicht als der der +Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt zusammenschrumpfte, +desto mehr stieg die Möglichkeit häuslicher Intimität, desto inniger +konnten seine wenigen Glieder sich zusammenschließen, und endlich wird +die Entwicklung auf der höheren Kulturstufe da anlangen, von wo sie auf +der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen +Familiendreieinigkeit,--Mann, Weib und Kinder. Der Ausschluß jeden +fremden Elements aus dem persönlichen Leben des Menschen liegt aber in +der Richtung der Steigerung und Vertiefung des persönlichen Glücks. +Durch ihn wird die Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der +Kinder, die sie auch mit der Milch ihres Geistes wird nähren können. Für +die Dienstboten aber ist die Auflösung des persönlichen +Dienstverhältnisses der einzige Weg zu ihrer Befreiung. Wir haben uns +daher auch in den Dienst dieser Entwicklung zu stellen. + +Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des +Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und der +Einwand, daß infolgedessen immer weniger Menschen im stande sein würden, +sich Dienstboten zu halten, verwandelt sich in eine Befürwortung der +Maßregel. Die einzelnen Forderungen an die Gesetzgebung, die natürlich +mit der Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen müßte, lassen sich +kurz zusammenfassen: der elf- bis zwölfstündige Arbeitstag für über +Achtzehnjährige könnte den Anfang bilden, seine Ergänzung wäre die +1-1/2stündige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und, als +Entschädigung für die halbe Sonntagsarbeit, ein freier halber Wochentag; +Ueberstunden und Extraarbeiten, die in bestimmtem Umfang erlaubt sein +müssen, wären selbstverständlich besonders zu vergüten. Die Arbeitszeit +selbst könnte zwischen 7 Uhr früh und 9 Uhr abends zu verteilen sein. +Strenge Vorschriften in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse der +Dienstboten müßten durch eine energische Wohnungsinspektion und die +Haftbarmachung jedes Hauswirts noch verschärft werden. + +Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, daß diese Bestimmungen +unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben würden, selbst wenn +man in jedes Haus einen Inspektor setzte. Ihre erzieherische Wirkung +aber wäre um so bedeutsamer: die Dienstmädchen würden infolge der freien +Zeit, über die sie zu verfügen hätten, der Aufklärung leichter +zugänglich sein, organisationsfähiger werden und lernen, ihre Rechte +selber zu schützen; die Hausfrauen andererseits würden schnell genug +einsehen, daß sich der Kleinbetrieb unter solchen Umständen nicht mehr +lohnt. Alle neuen Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute +infolge des bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast +unbenutzt bleiben, würden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in +Anwendung gebracht werden. Da das aber für den Einzelhaushalt ebenso +verschwenderisch wäre, als wenn man einen elektrischen Motor zum Antrieb +eines einzigen Webstuhls anschaffte, so würde naturgemäß allmählich der +genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte Wirtschaftsführung +die Funktionen der einzelnen Haushalte aufsaugen. Die Dienstboten aber +würden sich in freie Arbeiter verwandeln, die ebenso wie diese in die +Fabrik, in die Zentralküchen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa +die Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre +Angestellten zu bestimmten häuslichen Verrichtungen, wie +Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und +Teppichklopfanstalten der großen Städte, wie die Household economic +Associations Amerikas werden sich infolgedessen immer weiter verbreiten, +die Zentralisierung der Heizung, der Beleuchtung wird sich ausbilden, +kurz, alles das, was jetzt oft nur ein kümmerliches Dasein fristet, +weil die Sonne der Gunst des Publikums ihm fehlt, wird sich +durch den Antrieb praktischer Bedürfnisse rasch entwickeln. Je +mehr es aber geschieht, desto energischer kann und muß die +Arbeiterinnenschutzgesetzgebung auf die Dienstmädchen Anwendung finden. +Auf einer anderen Basis, als auf der der Loslösung des Gesindes aus dem +persönlichen Dienstverhältnis, auf eine Reform des Gesindewesens zu +rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr losmachen, je rascher +wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar sich entwickelnden +Verhältnissen anzupassen, desto schmerzloser wird sich der allmähliche +Prozeß der Umwandlung vollziehen, wie er sich schon früher, für viele +fast unbemerkt, vollzogen hat. + +Die ökonomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und Unternehmer führt mit +Notwendigkeit zu den staatlichen Maßregeln des Arbeiterschutzes. Der +rechtlich freie Arbeitsvertrag würde niemals ein faktisch freier sein, +weil er die schwächere soziale und wirtschaftliche Stellung des +Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien +Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen. Jeder +Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet für den Unternehmer eine +Einschränkung seines Verfügungsrechts über die von ihm gekaufte +Arbeitskraft und für den Arbeiter größere persönliche Freiheit und +Sicherheit. Das Recht darauf und das Bedürfnis danach ist für beide +Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den Frauen in Bezug auf die +Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu teil werden läßt, als den +Männern, so hat das keine prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der +notwendige erste Schritt zu allgemeiner, gleichmäßiger Regelung. Nur +soweit die Frau die Verantwortung für die Existenz und die Gesundheit +eines anderen Menschen, ihres Kindes trägt, hat sie Anspruch auf +besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung nach, weniger als +Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz charakterisiert. Aber in +dem Schutz von Leben und Gesundheit, in der Schaffung von +Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische Existenz des Arbeiters +zu einer erträglichen gestalten, sondern auch die Grundlage zu geistiger +Fortentwicklung legen helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen +angenommen wird, die einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie +hat sich nicht mit dem äußeren Schutz zu begnügen, vielmehr die ernste +und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen zum Siege zu +verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial höhere Stufen +erreichen kann: sie muß die Hausindustrie und den häuslichen Dienst +einer tiefgehenden Umwandlung entgegenführen, sie muß den Großbetrieb in +Gewerbe und Handel fördern. + +Die Voraussetzung aber für die Wirksamkeit und den Fortschritt des +Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der Zunächstbeteiligten an seiner +Durchführung und seinem Ausbau. Alle öffentlichen Einrichtungen und alle +Gesetze, die sie dazu fähig zu machen vermögen, sind als notwendige +Ergänzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie bilden +gewissermaßen die Vollendung der Erziehung, die nicht darin allein +besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern ihnen die Waffen in +die Hand zu geben, mit denen sie sich selber schützen können. In diesem +Sinne werden die Frauen noch immer als kleine Kinder behandelt. + +Wir haben gesehen, daß die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit meist +auf ihre geringere qualitative oder quantitative Leistungsfähigkeit +zurückzuführen ist. Es läge demnach sowohl im Interesse der Frauen, als +in dem der Männer, denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen +zu erhöhen, d.h. ihnen eine der männlichen gleichwertige Ausbildung zu +teil werden zu lassen. Der Besuch der _Fortbildungsschulen_, zu dem nach +der deutschen Gewerbeordnung die Kommunalbehörden lediglich die +männlichen Arbeiter verpflichten können, und der von Reichswegen nur für +männliche und weibliche Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, müßte +demnach für alle, der Volksschule entwachsenen Mädchen obligatorisch +werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken. Die Voraussetzung +wäre, daß sämtliche Fortbildungs- und Fachschulen, die gegenwärtig +häufig wohlthätigen Vereinen ihre Existenz verdanken und eine gründliche +Ausbildung nicht zu geben vermögen, von den Gemeinden oder dem Staat +eingerichtet und geleitet würden, wie es in Oesterreich z.B. vielfach +geschehen ist, vor allem aber, daß sie, wo es sich nicht um spezifisch +weibliche oder männliche Arbeiten handelt, die gemeinsame Erziehung der +Geschlechter grundsätzlich durchzuführen hätten. Erst dadurch würden die +Kräfte der männlichen und weiblichen Schüler sich aneinander messen +können und die notwendige Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie +der Wettbewerb auf gleichen Arbeitsgebieten. + +Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs für Mädchen sich aus dem +wachsenden Erwerbszwang von selbst ergiebt, so ist es nur die +selbstverständliche Konsequenz der Zunahme der Lohnarbeit verheirateter +Frauen, wenn nicht nur jedes gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege +steht, beseitigt, sondern ihre _freie Verfügung über ihren +Arbeitsertrag_ gesichert werden muß. Bisher ist das keineswegs der Fall; +in Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur +Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein Vertrag, +der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch seinen Einspruch +ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gelöst werden, in Deutschland bedarf +der Ehemann dazu die Ermächtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst +der durch eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte +persönliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem Mann in +Gütergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch Ehevertrag ausdrücklich +ausgesondert worden, so kann der Mann ihn in Besitz nehmen und darüber +verfügen; in Frankreich und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer +Stelle den Lohn für sich einfordern. Daß dadurch unter Umständen ganze +Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Fleißes der Mutter, +bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und Arbeitsscheue hat +das Recht, den mühsam erworbenen Lohn der Frau, durch den sie ihre +Kinder ernähren wollte, zu verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat +diesen Verhältnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die +selbständige Schließung von Arbeitsverträgen ermöglichte und ihren +Erwerb für sie sicher stellte. Der Schutz der verheirateten Arbeiterin +ist ohne diese zivilrechtliche Ergänzung jedenfalls ein unvollständiger. +Angesichts der Entwicklung der Frauenarbeit muß sie nicht nur über ihre +Arbeitskraft frei verfügen können, sondern sich auch im +uneingeschränkten Genuß ihres Erwerbs befinden. Die wirtschaftliche +Unabhängigkeit, die dadurch geschaffen wird, ist eine der Grundlagen für +die soziale und politische Emanzipation der Frau. + +Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der sich +gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt, ist das +_Wahlrecht zu den Gewerbegerichten_, denen die Aufgabe zufällt, +Streitigkeiten zwischen den selbständigen Gewerbetreibenden und ihren +Angestellten zu untersuchen und zum Austrag zu bringen. Die Mitglieder +dieser Gerichte, die Frankreich als Conseils des prud'hommes, Italien +als Collegio dei probi viri kennt, werden in gleicher Zahl und mit +gleichen Rechten von den Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte +gewählt; da es nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter +ebenso wie männliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen +und Unternehmern ebenso häufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern und +ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor, warum den +Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den Männern. +Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt, als es die Frauen +zum aktiven Wahlrecht zuließ, Italien gewährte ihnen auch das passive; +in Frankreich stimmte die Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der +Frauen, der Senat aber hat dem Beschluß seine Zustimmung versagt, indem +er erklärte, die Interessen der Frauen seien auf das Familienleben zu +beschränken! In Deutschland ist die Mehrheit des Reichstags noch +derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare Thatsache der 5-1/2 +Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch immer nicht davon zu +überzeugen, daß dem Familienleben durch den Wahlzettel die geringste +Gefahr droht. + +Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der Frauen zu +den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die Gesetzgebung in +Bezug auf das _Koalitionsrecht_. Das preußische Vereinsgesetz und mit +ihm eine ganze Anzahl von den übrigen 26 verschiedenen deutschen +Vereinsgesetzen, verbietet "Frauen, Schülern und Lehrlingen" +ausdrücklich die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung +solcher Vereine. Das österreichische Gesetz steht auf demselben +Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche" Ziele +verfolgen, können auch weibliche Mitglieder angehören. Durch diese +Bestimmungen kennzeichnet sich das Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung, +die durch die wirtschaftliche Entwicklung einerseits und den Fortschritt +der sozialpolitischen Gesetzgebung andererseits längst überholt wurde. +Seitdem die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb +nachgeht, und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung +wurde, ist es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme +zu verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der +wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche Grenzlinie +festzuhalten. Für die daraus folgende Verwirrung der Begriffe liefert +die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen; Arbeiterinnenvereinen und +Gewerkschaften gegenüber erklärte sie wiederholt Fragen für politisch, +und begründete damit Auflösungen und Maßregelungen, die, sobald sie von +bürgerlichen Vereinen behandelt wurden, unbeanstandet als +wirtschaftliche passierten. Das preußische Kammergericht sprach sich in +einem Urteil sogar folgendermaßen aus[950]: "Zu den politischen +Gegenständen im Sinne des Vereinsgesetzes gehören solche, welche +Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der Arbeitszeit +betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor allem aber die, an +der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf Gnade und Ungnade der +Willkür der Behörden überliefert. + +Die Durchführung des Arbeiterschutzes aber und sein weiterer Ausbau +hängt, wie wir gesehen haben, wesentlich von den Arbeitern und ihrer +thatkräftigen Unterstützung selbst ab, und die traurige Lage, in der vor +allem die weibliche Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten +dadurch in ihrer schrecklichen Gleichmäßigkeit erhalten, daß den Frauen +die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der Charakter der +Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die Arbeiterin zu +beschützen, nicht aber so weit, sie fähig zu machen, daß sie sich selbst +beschützen kann, kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck als im +Vereinsrecht Deutschlands und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt +kennt Aehnliches. Von einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die +Rede sein, als bis dieser Stein, der ihre Straße versperrt, aus dem Weg +geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber würde die bloße Gleichstellung der +Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden Rechts nicht genügen, es +müßte vielmehr ein den modernen Verhältnissen, der Entwicklung und den +Ansprüchen der Arbeiterklasse angepaßtes, einheitliches, neues Recht an +dessen Stelle treten, das für die volle Koalitionsfreiheit die Gewähr +böte, und von dessen unbeschränkten Genuß keine Arbeiterkategorie +auszuschließen wäre.-- + +So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht lediglich als +eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als ein System +verschiedener gesetzlichen Maßnahmen, die organisch ineinander greifen, +und gegenseitig bedingt werden. Sozialreform, in diesem Sinne aufgefaßt, +ist nicht ein in sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die +Quintessenz der Gesetzgebung überhaupt. + + +Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung. + + +Deutschland + + +Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: + + Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, Werkstätten der Kleider- und + Wäschekonfektion, ausgenommen diejenigen, in denen nur + Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen, + Aufbereitungsanstalten, Brüche und Gruben, Zimmerplätze, Bauhöfe, + Werften, Hüttenwerke, Ziegeleien. + +Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. + + 10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and + nachmittags. + +Arbeitszeit: b) Der Frauen. + + 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1 Stunde + Mittagspause; für die, welche ein Hauswesen zu besorgen haben und + einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde. + +Ueberstunden: a) Der jungen Leute. + + Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet. + +Ueberstunden: b) Der Frauen. + + Auf 2 Wochen nicht über 13 Stunden täglich, im Jahr nicht mehr als 40 + Tage gestattet. Länger als 2 Wochen durch Erlaubnis der höheren + Verwaltungsbehörde, aber auch dann dürfen 40 Tage im Jahr nicht + überschritten werden. Außerdem kann der Bundesrat für ganze + Fabrikationszweige Dispensation erteilen: für Fabriken mit + ununterbrochenem Feuer, für Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten + beschränkt sind, für Saisonindustrien. + +Nachtarbeit: + + Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die höhere + Verwaltungsbehörde und den Reichskanzler Ausnahmen gestattet, unter + denselben Voraussetzungen wie bei den Ueberstunden. + +Sonntagsarbeit: + + Verboten. Durch die höhere Verwaltungsbehörde und den Bundesrat sind + Ausnahmen gestattet: Bei Bedürfnisgewerben, Saisongewerben und aus + technischen Gründen, sowie bei besonderen Notlagen oder + Unglücksfällen. + +Arbeitsbeschränkung: + + Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist ermächtigt durch + besondere Verordnungen die Arbeit in gesundheitsgefährlichen Betrieben + gleichfalls zu verbieten oder einzuschränken. + +Schutzzeit der Schwangeren: + + Keine. + +Schutzzeit der Wöchnerinnen: + + 6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand ärztlichen Attestes um 14 Tage + verkürzt werden. + + +Oesterreich + + +Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: + + Fabriken, handwerksmäßige Betriebe, Werkstätten, außer denjenigen, in + denen nur Familienmitglieder arbeiten. + +Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. + + -- + +Arbeitszeit: b) Der Frauen. + + 11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben. + +Ueberstunden: a) Der jungen Leute. + + -- + +Ueberstunden: b) Der Frauen. + + Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im ganzen + nicht mehr als während 15 Wochen im Jahr. + + Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland + zulässig. + +Nachtarbeit: + + Nur für Fabrikbetriebe soweit Frauen über 16 Jahre alt von 8-1/2 Uhr + abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in Deutschland + zugelassen, für Jugendliche auch im Gewerbebetriebe. + +Sonntagsarbeit: + + Verboten, Ausnahmen ähnlich wie in Deutschland gestattet. + +Arbeitsbeschränkung: + + Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen + können Arbeiten in gesundheitsgefährlichen Betrieben gleichfalls + verboten werden. + +Schutzzeit der Schwangeren: + + Keine. + +Schutzzeit der Wöchnerinnen: + + 4 Wochen. Bei Arbeiten über Tage im Bergbau 6 Wochen. + + +Frankreich + + +Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: + + Fabriken, Bergwerke, Steinbrüche, Bauplätze, Werkstätten, außer + denjenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten, und alle damit + in Zusammenhang stehenden industriellen Betriebe, öffentliche, + private, religiöse. + +Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. + +-- + +Arbeitszeit: b) Der Frauen. + + 11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden. Vom + Jahre 1904 ab 10 Stunden für Fabriken, in denen Männer und Frauen + zusammen arbeiten. + +Ueberstunden: a) Der jungen Leute. + + Verboten. + +Ueberstunden: b) Der Frauen. + + In einzelnen Industriezweigen dürfen Frauen bis 11 Uhr abends + beschäftigt werden, doch nicht öfter als während 60 Tagen im Jahr, bei + besonderen Anlässen auch sonst noch Ausnahmen zugelassen. + + Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland + zulässig. + +Nachtarbeit: + + Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen ähnlich wie in + Deutschland zugelassen. + +Sonntagsarbeit: + + Verboten. Ausnahmen für besondere Industrien zeitweise gestattet, doch + muß als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein anderer vollständiger Ruhetag + gewährt werden. + +Arbeitsbeschränkung: + + Wie in Deutschland und Oesterreich. + +Schutzzeit der Schwangeren: + + Keine. + +Schutzzeit der Wöchnerinnen: + + Keine. + + +Schweiz + + +Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht: + + Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, die mehr als 5 Personen, alle + industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen, und alle + gefährlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen beschäftigen, mit + Ausnahme der Werkstätten, in denen nur Familienmitglieder arbeiten und + in denen ungefährliche Gewerbe betrieben werden. + +Arbeitszeit: a) Der jungen Leute. + + -- + +Arbeitszeit: b) Der Frauen. + + 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1 Stunde + Pause. Für Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, 1-1/2 Stunde. + +Ueberstunden: a) Der jungen Leute. + + -- + +Ueberstunden: b) Der Frauen. + + Für nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere Erlaubnis der + Behörden gestattet. + + Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland + zulässig. + +Nachtarbeit: + + Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten. + +Sonntagsarbeit: + + Verboten. + +Arbeitsbeschränkung: + + Wie in Deutschland und Oesterreich. + +Schutzzeit der Schwangeren: + + 14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten. + +Schutzzeit der Wöchnerinnen: + + 6 Wochen. + +[Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein Teil. +(Daten für mindestens ein weiteres Land.)] + + +Die Arbeiterinnenversicherung. + + +Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte große +Errungenschaft der Arbeiterklasse, die Arbeiterversicherung. Der +Gedanke, daß der arme Arbeiter sich vor den Wechselfällen seines Lebens +auf irgend eine Weise schützen müsse, war durchaus kein neuer: die +englischen Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich +schon früh auch nach dieser Richtung zu großartigen Organisationen, die +ihren Mitgliedern vor allem Krankenunterstützung und Begräbnisgelder +gewährten. Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten +in ähnlicher Weise für die ihr Zugehörigen, ebenso die modernen freien +Hilfskassen, deren Anfänge bis in das Revolutionsjahr zurückreichen. Die +französischen Societés de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen +vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen Notfällen +des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die verschiedenen +Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber dieses ganze +freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben großen Uebel: es +umfaßte immer nur einen äußerst beschränkten Kreis von Arbeitern und +überließ gerade die Hilfsbedürftigsten der bittersten Not. Zu ihnen +gehörten aber die Frauen. Nicht nur, daß sie schwer sich entschließen +konnten, von ihrem geringen Einkommen regelmäßige Beiträge zu den +verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie wir +schon gesehen haben, äußerst schwer zu organisieren. Die Unverheirateten +sehen die Fürsorge für Alter und Gebrechlichkeit als überflüssig an, +weil sie meinen, daß die Ehe ihnen beides sichern wird, die +Verheirateten darben sich jeden Pfennig lieber für ihre Kinder ab. In +England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in +größerem Umfang den Friendly Societies bei oder gründeten für sich +allein selbständige freie Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste +Kasse der Art auf Anregung der Gräfin Guillaume-Schack erst im Jahre +1884 in Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein +derselben Art, während seine Unterstützungs- und Versicherungsvereine +entweder nur wenige weibliche Mitglieder hatten oder sie sogar +statutenmäßig ausschlossen. Nur in Bezug auf Witwenunterstützung geschah +hie und da etwas Nennenswertes für die Frauen. + +Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung für alle Arbeiter, wie er +sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher, vom Standpunkt der +weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein außerordentlich fruchtbarer. +Daran ändert die für die Geschichte der Arbeiterversicherung +bezeichnende Thatsache nichts, daß ihre Urheber, wie es die kaiserliche +Botschaft vom 17. November 1881 erklärte, die Schaffung der +Arbeiterversicherung lediglich als eine Ergänzung zur "Repression +sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des Sozialistengesetzes, +betrachteten. + +Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die Unfallversicherung und +schließlich die Alters- und Invaliditätsversicherung eingeführt. +Oesterreich, Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel +Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so weit +auszudehnen. + +Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die +Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende Tabelle. + +Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische Arbeiterversicherung in +Deutschland, dem Mutterland der Idee, am ausgiebigsten zur Durchführung +gekommen. Aber wie es bei der Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen +jeglichen Vorbilds und der Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen +nicht anders möglich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an Mängeln +sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich ihrer +Ausdehnung. + +Zuerst wurde die _Krankenversicherung_ geordnet und für Arbeiter und +Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer obligatorischen gemacht. So +segensreich sie sich aber auch im Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie +selbst als private und freiwillige Versicherung nur für kleine Gruppen +von Arbeitern existierte, so stellte sie sich doch bald als unzulänglich +heraus. Eine ihrer schwächsten Seiten ist die Frage der +Geldunterstützung. Wenn eine kranke Arbeiterin wöchentlich zwischen 4 +und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der Lohnausfall für die Familie +natürlich nicht gedeckt, noch weniger aber ist sie in den Stand gesetzt, +sich gehörig zu pflegen und gut zu ernähren. Dazu kommt, daß die +schlecht bezahlten, überanstrengten Kassenärzte sie nur schablonenhaft +behandeln können, und diesen dabei in jeder Hinsicht die Hände gebunden +sind, weil die Kassenvorstände Verordnungen von Milch, Bädern, Wein etc. +der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines Erachtens +müßte das Krankengeld bis zur Höhe des vollen Lohnes erhoben werden +können, vor allem aber müßte die Krankenhauspflege in erweitertem Maße +als bisher in Anwendung gebracht werden. + +Diese Forderung stößt zunächst auf den Widerstand der Arbeiterinnen +selbst und man pflegt sich nicht genug darüber zu empören, daß sie sich +so energisch gegen die Aufnahme im Krankenhaus sträuben. Wer aber einmal +die Säle und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich erzählen +ließ, wie Frauen und Mädchen zu Studienzwecken einer ganzen Reihe von +Studenten sich darbieten müssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche +Arbeiterin an das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren +Stöhnen und Jammern ihre Nächte zu qualvollen macht, zurückdenkt, der +wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus berechtigt finden. An der +Reorganisation der Krankenhäuser und der Krankenpflege muß daher der +Hebel angesetzt werden, sollen sie wirklich der arbeitenden Bevölkerung +zum Heil gereichen. + +Die Krankenkassen haben aber auch nächst der Sorge für die Erkrankten +die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die Möglichkeit hierzu zu +gewinnen, müßten sie zunächst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder +kennen lernen und im Auge behalten, was einerseits durch enge Fühlung +mit den Gewerkschaften unterstützt werden könnte, andererseits dadurch +am leichtesten geschähe, daß ihnen das Recht zustände, Sanitäts- oder +Wohnungsinspektoren männlichen und weiblichen Geschlechts zu +erwählen. Die Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre +Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen gemacht. +Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider überall mangelt, könnte +durch diese Organe der Krankenkassen verbreitet werden. Oft genügt ja +ein verständiger Wink, um arme Arbeiterfrauen über Kinderpflege und +Ernährung, über Lüftung, Alkoholgenuß etc. aufzuklären. In den weitaus +meisten Fällen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von +Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschläge und Arzneien nichts +helfen können, aber wenigstens sollte versucht werden, die Kinder von +diesen Einflüssen einigermaßen frei zu machen: die Einrichtung von +Ferienaufenthalten, die Gründung von Kinderasylen wäre eine weitere +Aufgabe der Krankenkassen, deren Thätigkeitskreis sich mit Erfolg nach +allen Richtungen erweitern ließe. Eine vernünftige Regierung sollte +ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen nicht zu +unterschätzenden Einfluß auf die Verwaltung der Krankenkassen könnten in +Deutschland die Arbeiterinnen gewinnen, wenn sie eines der wenigen +Rechte, das sie besitzen, das aktive und passive Wahlrecht für die +Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher +benutzen wollten. Es wäre das zugleich eine Erziehung zum besseren +Verständnis öffentlicher Angelegenheiten. + +Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger, als die +Krankenkassen auch die Trägerinnen der Wöchnerinnenunterstützungen sind. +Der ganze Wöchnerinnenschutz wäre eine Phrase oder eine Grausamkeit, +wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu gleicher Zeit +mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die deutsche +Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen ähnlicher Art im +Auslande, haben die Bestimmung getroffen, daß Wöchnerinnen bis auf die +Dauer von sechs Wochen durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit +mindestens sechs Monaten angehören, eine Geldunterstützung erhalten +müssen, die mindestens die Hälfte, oder auch bis zu drei Viertel des +durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze Halbheit der +Maßregel ist auf den ersten Blick einleuchtend. Schon unter normalen +Verhältnissen reicht der volle Lohn der Arbeiterin nicht aus, um die +notwendigsten Bedürfnisse zu decken, wie viel weniger kann die Hälfte +oder drei Viertel davon sich als genügend erweisen, wenn nicht nur die +Wöchnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll. Ist schon +eine größere Familie vorhanden, für die gesorgt werden muß, so wird der +Wöchnerinnenschutz und die Wöchnerinnenversicherung völlig illusorisch, +weil die geringe Unterstützung nicht dazu ausreicht, für die Führung des +Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme Mutter gezwungen ist, +so schnell als möglich das Bett zu verlassen, um selbst nach dem Rechten +zu sehen. Das ist um so häufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt +sind, die Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der +Wöchnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im Sinne des +Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als Krankheit, und +freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den Kranken zugesichert. Die +völlige Unzulänglichkeit der Wöchnerinnenversicherung ist im +wesentlichen auf ihre Verquickung mit der Krankenversicherung +zurückzuführen, mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde +nichts zu thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf +längstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder entsprechende +Behandlung im Krankenhaus gewährt, die ferner berechtigt ist, die +Krankenunterstützung bis auf ein Jahr zu verlängern, oder die Kranken in +Reconvalescentenheimen unterzubringen, ging bei der Festsetzung der Höhe +der Geldunterstützung von der Rücksicht auf eine mögliche starke Zunahme +der Simulanten aus und sah sich deshalb verhindert, über den üblichen +Lohn hinauszugehen, oder ihn auch nur zu erreichen. + +Diese Besorgnis fällt bei der Frage der Wöchnerinnenunterstützung fort. +Trotzdem sie nun aber eine, wie wir gesehen haben, völlig ungenügende +ist, belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den +Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im Jahre +1900 die Einnahmen pro Kopf der männlichen Mitglieder um 6,09 Mk. höher +als die Ausgaben, während die Ausgaben pro Kopf der weiblichen +Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk. überstiegen. Die Ursache hiervon +liegt nun zwar wesentlich in der allgemeinen traurigen Lage der +weiblichen Arbeiter, zum großen Teil aber auch in der Vernachlässigung +und mangelhaften Pflege der Schwangeren und Wöchnerinnen, die zahllose +Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die Kassen auf der +einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen wieder zu. Der +Schutz der Frau als Mutter stellt an die Versicherungsgesetzgebung so +weitreichende Anforderungen, daß sie im Rahmen der Krankenversicherung +unmöglich erfüllt werden können. Sie müßten einer besonderen +_Mutterschaftsversicherung_ übertragen werden. + +Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher müßte der +Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz stellen und allen +bedürftigen Müttern des Volks die beste Pflege in weitestem Maße +zusichern. Dazu gehört eine Geldunterstützung während vier Wochen vor +und acht Wochen nach der Entbindung in der vollen Höhe des +durchschnittlichen Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie +Wochenpflege einschließlich der Pflege des Säuglings und der Sorge für +den Haushalt, die Errichtung von Asylen für Schwangere und Wöchnerinnen +und von Entbindungsanstalten, eventuell auch die Errichtung von Krippen, +wie wir sie im Interesse der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel +hierzu müßten, neben den Beiträgen der Versicherten, aus einer allgemein +zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht die Unverheirateten +und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen werden könnten. Das +entbehrt nicht eines komischen Beigeschmacks, weil es an die +Hagestolzensteuer erinnert, die vielfach gewissermaßen als Strafe für +das Ledigbleiben vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten +Hintergrund, da die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen +Verhältnissen thatsächlich ein weit sorgenloseres Leben führen, als die +Verheirateten und Kinderreichen.[951] Jedenfalls sollte die Frage der +Aufbringung der Mittel bei einer Sache von so weittragender Bedeutung +keine Rolle spielen. Ein Blick auf die Proletarierinnen und ihre Kinder +müßte genügen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden Maßregel jedem +vor Augen zu führen, daß sie noch nirgends in der hier befürworteten +Ausdehnung zur Durchführung kam, beruht einmal auf der Neuheit des +ganzen Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und +Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre persönlichen +Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. + +Auf die Krankenversicherung folgte die Einführung der +_Unfallversicherung_, die in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz, +Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von den +Unternehmern aufgebracht, und hat daher den großen Vorteil gehabt, zur +Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen und so die Unfälle +möglichst zu verhüten. Da aber der Begriff der Betriebsunfälle durchaus +kein feststehender ist und auch ihre "vorsätzliche" Herbeiführung, die +die Entschädigung ausschließt, sich nicht immer mit unbedingter +Sicherheit feststellen läßt, die Renten überdies ganz unzureichende +sind, so werden ihre Vorteile dadurch erheblich eingeschränkt. Das gilt +in noch höherem Maße für die _Invaliditäts- und Altersversicherung_. + +Deutschland gebührt der Ruhm den wahrhaft großen Gedanken, den Arbeiter, +der im Dienst der Allgemeinheit seine Arbeitskraft verlor oder ein Alter +erreichte, das ihm Ruhe gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu +lassen, sondern ihm das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen. +Nur traurig, daß die praktische Ausführung des Gedankens so weit hinter +dem Ideal zurückblieb. Zunächst hat nur derjenige auf Invalidenrente +Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner normalen Erwerbsfähigkeit +besitzt. Eine Arbeiterin also, die in gesunden Zeiten etwa 700 Mk. +jährlich zu verdienen vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk. +verdienen kann,--denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch +jahrelanges Maschinennähen ihre Arbeitskraft soweit einbüßen,--hat, auch +wenn sie dem größten Elend gegenübersteht, keinerlei Anspruch auf eine +Rente. Sie muß nach wie vor, sei es durch Betteln oder durch die Schande +der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich zu verschaffen suchen, wenn +sie nicht verhungern will. Ist aber ihre Erwerbsfähigkeit so weit +vermindert, daß sie zum Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so +ist sie dadurch weder von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um +Armenunterstützung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten betragen +nämlich: + +Nach | In Lohnklasse | +Beitragswochen |---------------------------------| + | I | II | III | IV | V | +----------------+------+------+------+------+-----| + | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. | +200 | 116 | 132 | 146 | 160 | 174 | +300 | 119 | 138 | 154 | 170 | 186 | +500 | 125 | 150 | 170 | 190 | 210 | +1000 | 140 | 180 | 210 | 240 | 270 | +1500 | 155 | 210 | 250 | 290 | 330 | +2000 | 170 | 240 | 290 | 340 | 390 | +2500 | 185 | 270 | 330 | 390 | 450 | + +Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenlöhne wird die dritte Lohnklasse +(550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im allgemeinen die +höchste sein, für die Einzahlungen durch die Frauen geleistet werden +können. Und nach fünfzig arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330 +Mk. erreicht! Wie aber, wenn die Invalidität früher und für Angehörige +einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein armes, vom Kampf ums +Dasein vorzeitig zerriebenes Geschöpf mit 116, 150, 220 Mk. leben +können?! Man hat bei der Festsetzung der Invalidenrente vielfach +gefürchtet, die Arbeiter würden den Empfang dieses Goldregens gar nicht +abwarten wollen und sich auf alle Weise die erforderliche Invalidität +künstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese Sätze wird das selbst der +ärmsten Näherin nicht einfallen. Man glaubte ferner darauf Rücksicht +nehmen zu müssen, daß durch die Gewährung der Renten nicht etwa die +Verpflichtung der Familienangehörigen, sich gegenseitig zu unterstützen, +aufgehoben würde, und hat nicht daran gedacht, daß die Möglichkeit dazu +in der Arbeiterbevölkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es um +die Altersrenten. Siebzig Jahre muß die Arbeiterin alt werden, ehe sie +auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat sie das Glück, bei +ihren Kindern wohnen zu können, so bedeutet die Summe immerhin eine +erfreuliche Erleichterung für die meist trostlose Abhängigkeit der Alten +von den Jungen, steht sie allein, so genügt sie auch nicht, um davon in +irgend einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing +ihr Leben an, mit Darben und Betteln hört es auf. + +Ein für die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig, dessen erste +schüchterne Ansätze im deutschen Versicherungswesen zu finden sind, ist +die _Witwen- und Waisenversorgung_. Während auf Grund der +Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht und +die Invalidenversicherung zur Rückerstattung der Hälfte der für den +verstorbenen Versicherten gezahlten Markenbeiträge an die Witwe oder die +Waisen verpflichtet ist,--eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk. +beträgt,--gewährt die Unfallversicherung ihnen eine Rente bis zu 60% des +Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz, der um so mehr als billig +anerkannt werden muß, als er durch die etwaige Erwerbsfähigkeit der +Witwe nicht geschmälert werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in +den Genuß der Rente gelangen, ist ein äußerst geringer. Die große Masse +der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und hat, nach dem Tode des +Haupternährers, unter den schwierigsten Umständen für sich selbst zu +sorgen. Zu dem notwendigsten Ausbau der Arbeiterversicherung würde daher +eine allgemeine Witwen-und Waisenversicherung gehören, die durch +allgemeine Steuern gedeckt werden müßte. Es scheint mir wenigstens eine +selbstverständliche Forderung zu sein, daß die gesamte Gesellschaft +überall dort einzutreten hat, wo die Interessen der Kinder, auf denen +die Zukunft des Staates beruht, auf dem Spiele stehen.[952] + +Krankheit und Unfall, Erwerbsunfähigkeit und Alter sind aber nicht die +einzigen finsteren Mächte, die das durch niedrige Löhne und schlechte +Arbeitsbedingungen schon genug gefährdete Leben der Arbeiterin bedrohen. +Denn selbst auf die Zeiten gewinnbringender Thätigkeit fällt verdüsternd +der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder gerät, +der _Arbeitslosigkeit_. Die Gewalt, die sie besitzt, der Schrecken, den +sie verbreitet, ist zuerst von den Gewerkschaften anerkannt worden; +durch Unterstützung der arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis +für sie suchten sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der +Verband der Gewerkschaften,--die Confédération générale du Travail,--und +der Verband der Arbeitsbörsen,--die Föderation des Bourses du +Travail,--die sich um die Organisation der Stellenvermittlung verdient +gemacht haben. Der Gedanke aber, daß die Arbeitsvermittlung eine +öffentliche Angelegenheit von höchster Wichtigkeit ist und daher vom +Staat und von den Kommunen geregelt werden müsse, hat sich erst seit +kurzem Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die +durch Gründung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten Beispiel +vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem süddeutsche Städte, die +sich schließlich zu einem "Verband deutscher Arbeitsnachweise" +untereinander verbunden haben, um eine noch regere Arbeitsvermittlung +zu ermöglichen.[953] Mit Unterstützung der Arbeitsbörsen +hat der französische Handelsminister die Einrichtung eines +Zentralarbeitsnachweises unternommen, der die Bestimmung hat, alle +Börsen miteinander in Verbindung zu bringen, also ungefähr dasselbe Ziel +verfolgt, wie der deutsche Verband. Für die brennende Frage der +Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von größter Bedeutung und +diejenigen, die sie am nächsten angeht, müßten sie besonders lebhaft +unterstützen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation des +Arbeitsnachweises kann zu ersprießlichen Resultaten führen, kann zu +einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen und Angebot und Nachfrage, +soweit es möglich ist, miteinander in Einklang bringen. Die notwendige +Voraussetzung dafür aber ist die völlige Unterdrückung der privaten +Stellenvermittlung. Sie ist, besonders für die Arbeiterin, eine Quelle +der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher Fäulnis. Von ihrer +Vernichtung sollte man sich nicht durch sentimentale Rücksichten auf die +Inhaber der privaten Bureaus abhalten lassen, die, soweit sie sich +tüchtig genug erwiesen haben, im Bureaudienst der öffentlichen +Vermittlung vielfache Verwendung finden können. Vor allem die +arbeitsuchenden Frauen werden, bei der Beschränktheit ihres +Gesichtskreises und ihrer Scheu vor jeder Berührung mit Organen der +öffentlichen Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern +aller Art in die Hände fallen, und niemals zum Genuß kommunaler oder +staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine private Vermittlung +daneben besteht. Daß diese Forderung keine utopische ist, beweist nicht +nur die uns etwas weit abliegende und daher schwer kontrollierbare +staatliche Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen +Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der französischen +Kammer angenommene Gesetz, das die allmähliche Beseitigung der privaten +Stellenvermittlung zum Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von +unentgeltlichen Arbeitsnachweisen über das ganze Land verbreiten will. +Ob der Senat es bestätigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. Seine +Durchführung würde jedenfalls für die ganze Frage des Arbeitsnachweises +einen großen Fortschritt bedeuten. + +Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis könnte die Arbeitslosigkeit +nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das Gleichgewicht zwischen +Angebot und Nachfrage ganz ohne Einfluß bleiben wird. Je mehr der +Saisoncharakter der Industrien sich entwickelt, desto häufiger werden +die Arbeiter wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede +wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der +Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in +erweitertem Maße durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei aber vor +allem die Männer Berücksichtigung finden. Wo man den Frauen helfen +wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch Einführung von +Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie mit der Anfertigung von +Kinderkleidern beschäftigt, die in kleineren Geschäften ihre Abnehmer +fanden. Als ausreichend erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends. +Die Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit muß daher die +Ergänzung des geregelten Arbeitsnachweises sein. + +Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den ersten +Anfängen stecken geblieben, wie die fakultativen Winterversicherungen +der Städte Bern und Köln, oder völlig fehl geschlagen, wie die +obligatorische allgemeine Versicherung von St. Gallen. Diese Mißerfolge +auf einem so schwierigen Gebiet dürften Sozialpolitiker und Gesetzgeber +aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, um +die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der Armenpflege und +der Privatwohlthätigkeit zu überlassen. + +Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum +mindesten darauf, daß der Begriff des Almosens durch sie immer mehr +eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an Boden gewinnt, daß +jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner Existenz ein Anrecht hat. Um +ihn zum herrschenden zu machen, bedarf es aber nicht nur der +Versicherung gegen jede drohende Not und Gefahr, sondern vor allem der +Ausdehnung der Zwangsversicherung auf das ganze Volk, zunächst +wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie es durch die deutsche +Invaliditätsversicherung bereits geschehen ist. Diese Ausdehnung würde +neben den direkten Vorteilen, indirekte von großer Tragweite mit sich +führen. So wäre sie eines der Mittel, die Heimarbeit einzuschränken, da +der Unternehmer, der die Heimarbeiter versichern muß, weniger +Ersparnisse als bisher durch ihre Beschäftigung machen und der Zwang zur +Unfallversicherung ihn geneigter machen dürfte, eigene Werkstätten +einzurichten. Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung +haben ihre Wirkungslosigkeit überall erwiesen. Hat doch z.B. die +Berliner Hausindustrie, deren traurige Zustände durch eine +Reihe von Untersuchungen und nicht zuletzt durch den großen +Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein Jahrzehnt +warten müssen, ehe auch nur die Krankenversicherung auf sie ausgedehnt +wurde. Und die Dienstboten, für die zwar die Herrschaften auf die Dauer +von 6 Wochen zur Verpflegung und ärztlichen Behandlung,--sofern nicht +"grobe Fahrlässigkeit" die Krankheitsursache ist,--verpflichtet sind, +spüren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar nichts. + + +Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung. + + +Deutschland + + +Krankenversicherung: Umfang: + + Zwangsversicherung: für Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und + Handel. + + Statutarisch: für Landwirtschaft und Hausindustrie. + + Freiwillig: für Dienstboten. + +Krankenversicherung: Leistungen: + + Freie ärztliche Behandlung und Arznei längstens für 13 Wochen oder + Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu legenden Lohns. + Wochenbettunterstützung: bis auf die Dauer von 6 Wochen. Sterbegeld: + das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns (letzteres beides nur + durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder Innungskassen). + Rekonvalescentenfürsorge bis auf die Dauer eines Jahrs. + +Unfallversicherung: Umfang: + + Zwangsversicherung für: Arbeiter und Betriebsbeamte in Gewerbe und + Landwirtschaft. Statutarisch: für Betriebsbeamte mit Jahresgehalt über + 2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe und Landwirtschaft. + Freiwillig für Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges + Personal. + +Unfallversicherung: Leistungen: + + Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder freie + Anstaltspflege nebst Angehörigenrente von der 13. Woche an bis 60% des + Jahreslohns. Sterbegeld in der Höhe des zwanzigfachen Tagelohns, + Hinterbliebenenrente bis 60% des Jahreslohns. Schadenersatz bei + Verletzungen. + +Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: + + Zwangsversicherung für alle Lohnarbeiter und Angestellte. Durch + Beschluß des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer und + Hausindustrielle. + +Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: + + Freie Kur nebst Angehörigenunterstützung zur Verhütung der + Invalidität. Beitragserstattung bei Tod oder Heirat. Nach vollendetem + 70. Lebensjahr eine Altersrente nach Lohnklassen abgestuft von 110 bis + 230 Mk. jährlich. Nach eingetretener Invalidität eine nach der Zahl + der Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren + unterste Grenze 116,40 Mk. beträgt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50 + Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen kann. + + +Oesterreich + + +Krankenversicherung: Umfang: + + Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. + + Freiwillig: für Landwirtschaft und Hausindustrie. + +Krankenversicherung: Leistungen: + + Wie in Deutschland aber: Unterstützungsdauer bis zu 20 Wochen. + Krankengeld 60% des ortsüblichen Lohns. + +Unfallversicherung: Umfang: + + Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte in der Industrie, + im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der Landwirtschaft. + Freiwillig für Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges + Personal. + +Unfallversicherung: Leistungen: + + Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab. + Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld. + Schadenersatz wie in Deutschland. + +Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: + + Zwangsversicherung nur für Bergarbeiterinnen, Witwen- und + Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in Vorbereitung. + +Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: + + -- + + +Frankreich + + +Krankenversicherung: Umfang: + + Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige. + +Krankenversicherung: Leistungen: + + Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege. + +Unfallversicherung: Umfang: + + Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. + +Unfallversicherung: Leistungen: + + Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis + 66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns für Hinterbliebene. + Begräbniskosten. + +Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: + + Freiwillig für alle Staatsbürger, Zwangsversicherung in Vorbereitung. + +Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: + + Altersrente für mindeste Fünfzigjährige; Invalidenrente für + Erwerbsunfähige, Beitragserstattung im Todesfall. + + +Großbritannien + + +Krankenversicherung: Umfang: + + Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige. + +Krankenversicherung: Leistungen: + + Freiwillig. + +Unfallversicherung: Umfang: + + Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. + Haftpflichtgesetz. + +Unfallversicherung: Leistungen: + + Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder + Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen, + Jahreslohn an die Hinterbliebenen. + +Invaliden- und Altersversicherung: Umfang: + + Freiwillig für alle Staatsbürger. + +Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen: + + Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk. + + +Die Grenzen der Gesetzgebung. + +Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung aller +Länder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus denen sie +hervorwächst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren ersten Anfängen fast +unbewußt, gegenwärtig aber mit vollem Bewußtsein geführten +Interessenkampfes zwischen der Arbeiterklasse und der Klasse der +Unternehmer. Der Ursprung dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen +Produktionsweise selbst, die jene beiden Klassen,--die Besitzer der +Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf der +anderen Seite,--zur Voraussetzung hat. Aus den verschiedenen Phasen des +Kampfes, aus den Schwankungen der Machtverhältnisse der Kämpfenden, +erklären sich die unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und +seine tastenden Versuche nach allen Richtungen hin. Das Übergewicht +aber, das die Unternehmer besitzen, kommt in der äußerst mangelhaften +Durchführung der geltenden Gesetzgebung zu drastischem Ausdruck. + +Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die +unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen +Fortschrittes gelegen ist, wächst die Masse des Proletariats, d.h. der +von den Unternehmern abhängigen Lohnarbeiter, bringt beide Geschlechter +mehr und mehr in eine übereinstimmende Klassenlage und verstärkt +infolgedessen ihre Macht und ihren Einfluß. Die Weiterentwicklung der +sozialpolitischen Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in +größerem Maß als bisher der rücksichtslosen Geltendmachung +kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das Abhängigkeitsverhältnis +der Arbeiter von den Unternehmern mildern, aber darüber hinaus wird ihre +Wirksamkeit sich selbst dann nicht erstrecken können, wenn sie ihre +Aufgaben in weitestem Maße zu erfüllen im stande wäre. Nehmen wir an, +die Arbeitszeit wäre so niedrig als möglich festgesetzt, ein Minimallohn +gesichert, die Koalitionsfreiheit gewährleistet, durch staatliche +Versicherung die traurigen Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und +Arbeitslosigkeit beseitigt, so bliebe als ungelöster Rest der +Ausgangspunkt der Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine +Folge, die Abhängigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische +Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die wirtschaftlichen +Krisen, auf denen die Unsicherheit der proletarischen Existenz beruht. + +Wenn somit auch die optimistische Anschauung des möglichen +Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit +anerkennen muß, und ich selbst außer stände war, in meinen Forderungen +über bestimmte Grenzen hinauszugehen, weil sie an den gegebenen +Machtverhältnissen eine Schranke fänden, so werden sie sich in +Wirklichkeit noch viel enger gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert +nicht zuletzt an dem Problem der Frauenarbeit. + +Wir wissen, daß die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu, allen Zeiten +in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer gegenwärtigen Form ein +Produkt der großindustriellen Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit +unverrückbarer Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr +dem Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in +steigendem Maße auf alle Frauen, auch auf die verheirateten, +auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir die +Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer mütterlichen +Kräfte, der Fähigkeit, gesunde Kinder zur Welt zu bringen und sie zu +nähren, in dem frühen Altern ausdrückt, die Degeneration der Kinder, die +in ihrer höheren und früheren Sterblichkeit, ihrer Schwäche und +Kränklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als unausbleibliches +Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die Prostitution +entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue Erscheinung ist, in +dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des Erwerbes eines supplementären +Lohnes für ganze Schichten der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die +moderne Frauenarbeit selbst, das Ergebnis der kapitalistischen +Produktionsweise. Das beweist, mehr als irgend etwas anderes, die +Thatsache, daß wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in +innigem Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen +Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches Moment +genährt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte, wie die unsere: die +Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit der Unternehmerklasse auf +die in Armut und Abhängigkeit lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der +Reichtum früherer Zeiten zog sich vornehm in Paläste und Patrizierhäuser +zurück, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz der +Kaufhäuser, der Pracht der Hotels, er wird in den Luxuszügen und +Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt verbinden, in den Modebädern +und durch die Presse mit allen Mitteln der Vervielfältigungskunst den +Massen vor Augen geführt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur +Prostitution zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser Verführungskünste +den armen Mädchen Glück und Freiheit vor. + +Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen Problemen. +Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und Kinder +abzuschwächen, wie sie durch Herabsetzung der Arbeitszeit, Sicherung von +Minimallöhnen, Auflösung der Heimarbeit, Versicherung gegen +Arbeitslosigkeit den äußeren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer +Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter nicht +wiedergeben und kann nicht verhindern, daß die Frau, um die Not zu +lindern, ihren Körper verkauft, wie ihre Arbeitskraft. + +Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit voller +Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist. Je weiter die +kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto schwieriger wird die +Lösung ihres Sphinxrätsels. Desto entschiedener aber wird auch die +Frauenarbeit nicht nur zu seiner Lösung hindrängen, sondern sie auch +vorbereiten helfen. Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der +Produktionsweise zu verdanken, sie trägt alle Elemente in sich, diese +Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an einem +ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann und Weib und +Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei keinem der +historischen Klassen- und Machtkämpfe geschehen ist. Das konservativste +Element in der Menschheit, das weibliche, wird zur Triebkraft des +radikalsten Fortschritts. + +Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht +bestehen und wird immer weniger ohne sie bestehen können. Die +Frauenarbeit aber untergräbt die alte Form der Familie, erschüttert die +Begriffe der Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der +bürgerlichen Gesellschaft aufbaut, und gefährdet die Existenz des +Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mütter sind. Will die +Menschheit schließlich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die +kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben müssen. + +Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem Ziel. Und +das ist ihre größte, wenn auch unbeabsichtigte Aufgabe. Sie macht die +Männer und Frauen der Lohnarbeiterklasse fähig, sich ihres solidarischen +Zusammenhanges bewußt zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle der Almosen +und zerstört den unterwürfigen Sklavencharakter, der die Arbeiter der +vorkapitalistischen Zeit noch kennzeichnete. Sie schweißt die Massen +noch fester zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine +Interessen gegen die ihren ausspielt. + +So wirkt, bewußt und unbewußt, alles zusammen, um an Stelle der alten +Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager spaltete, eine neue +aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der ökonomischen Unabhängigkeit +Platz machen, in der die Arbeit der Frau sie nicht schädigen und +schänden, sondern zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der +sie ihre höchste Bestimmung erfüllen kann, wie nie zuvor, und ein +starkes, frohes Geschlecht dafür zeugen wird, daß ihm die Mutter niemals +fehlte. + + + + +Anmerkungen: + +[1] Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10. + +[2] Vgl. K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tübingen 1898, +S. 13. + +[3] Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart +1887, II. Bd. S. 23 ff. + +[4] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff. + +[5] Vgl. Bücher, a.a.O., S., 14 u. 37. + +[6] Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S. 28. + +[7] Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage. +Stuttgart 1896, S. 52 f. + +[8] Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition privée de la femme. Paris +1885, S. 37. + +[9] Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide, a.a.O. + +[10] Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen Übersetzung des Sir W. Jone +ins Deutsche übertragen von Th. Chr. Hüttner. Weimar 1797, S. 74 fg. + +[11] I. Buch Mose, 16. Kapitel. + +[12] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325. + +[13] 5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10. + +[14] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315. + +[15] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318. + +[16] Vgl. E. Legouvé, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13 f. + +[17] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355. + +[18] Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide. + +[19] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff. + +[20] Vgl. Platos Gastmahl in der Übersetzung von Schleiermacher. Berlin +1824, S. 416. + +[21] Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II. + +[22] Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. Übersetzt von Kämpf. S. +167. + +[23] Vgl. über die Stellung der griechischen Frauen den Artikel On femal +society in Greece im 22. Band der Saturday Review und Rainneville, La +femme dans l'antiquité. Paris 1865. + +[24] Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798. + +[25] Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. Übersetzt von Dr. H. +Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg. + +[26] Platos Staat, übersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S. 274 u. +281. + +[27] Plato, a.a.O., S. 281. + +[28] Plato, a.a.O., S. 283. + +[29] Plato, a.a.O., S. 282. + +[30] Vgl. Aristoteles' Politik, übersetzt von Garve. Breslau 1799, S. +38. + +[31] Aristoteles, a.a.O., S. 4. + +[32] Aristoteles, a.a.O., S. 635. + +[33] Aristoteles, a.a.O., S. 200. + +[34] Vgl. Platos Timaeus, übersetzt von B.E.Chr. Schneider. Breslau +1874, S. 105 fg. + +[35] Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg. + +[36] Vgl. Gajus, Institutionen, übersetzt von Backhaus. Bonn 1857, S. 12 +f. und 71 ff. + +[37] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten, +übersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8, Kap. III, S. 494. + +[38] Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495. + +[39] Vgl. Th. Mommsen, Römische Geschichte. 8. Aufl. Berlin 1889, Bd. +III S. 510 fg. + +[40] Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834. + +[41] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 68 ff. + +[42] Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, übersetzt von Friedr. Richter. +Leipzig, I, 41. + +[43] Vgl. Sueton, Biographien, übersetzt von Sarrazin. Stuttgart 1883, +und Tacitus, Annalen, übersetzt von Roth. Berlin 1888. + +[44] Vgl. Titus Livius, Römische Geschichte, übersetzt von Hausinger. +Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215. + +[45] Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff. + +[46] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874. + +[47] Vgl. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. 7. +Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen und Martials +Epigramme. + +[48] Vgl. Horaz, Satiren, übersetzt von H. Düntzer. + +[49] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404. + +[50] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff. + +[51] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten, Buch +VIII, Kap. 3, § 3, S. 495. + +[52] Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht, übersetzt von +Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140. + +[53] Ostrogorski, a.a.O., S. 141 + +[54] Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12. + +[55] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff. + +[56] Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs Bücher vom Staat, übersetzt von J. +Christ. F. Bähr. Berlin, Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S. +198 fg. + +[57] Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G. Roße. +Aschersleben 1880. Vorrede. + +[58] Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften, übersetzt von +J. Christ. F. Bähr. Stuttgart 1830, S. 744-802. + +[59] Vgl. Tacitus, Germania, übersetzt von M. Oberbreyer. Leipzig, S. +28. + +[60] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen 1862, Bd. I +S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S. 325. + +[61] Galater 3, V. 28. + +[62] I. Korinther 14, V. 34. + +[63] Galater 3, V. 26-28.--Vgl. auch Römer 10, V. 12.--I. Korinther 12, +V. 13. + +[64] I. Korinther 7, V. 1-8. + +[65] I. Korinther 7, V. 28. + +[66] I. Johannis 8, V. 6-11. + +[67] Matthäi 19, V. 6. + +[68] Kolosser 3, V. 19.--Epheser 5, V. 25-31. + +[69] Apostelgeschichte 2, V. 17, 18. + +[70] Epheser 5, V. 22.--Kolosser 3, V. 18.--I. Korinther 11, V. 3.--I. +Petri 3, V. 1 ff. + +[71] I. Timotheus 2, V. 12.--Titus 2, V. 4-5. + +[72] I. Timotheus 2, V. 12.--I. Korinther 14, V. 34-35. + +[73] I. Timotheus 2, V. 15. + +[74] I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25. + +[75] I. Korinther 7, V. 1. + +[76] I. Timotheus 2, V. 14. + +[77] Tertullians sämtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner. Köln 1882, +I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185. + +[78] Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai sur +la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43. + +[79] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen +Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183. + +[80] Vgl. hierfür das für die Auffassung der Frauenfrage durch die +katholische Kirche höchst interessante Buch des Redemptoristenpaters A. +Rößler: Die Frauenfrage. Wien 1893. + +[81] Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard. Freiburg +1879. + +[82] Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. München 1891. + +[83] Vgl. Martin Luther, Gründliche und erbauliche Auslegung des ersten +Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther über die Ehe. S. 176. + +[84] Vgl. Martin Luther, Sämtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom ehelichen +Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl. + +[85] Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von Förstemann u. +Bindseil. IV. Abt. S. 121 f. + +[86] Vgl. hierfür die charakteristische Schrift des Stuttgarter +Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892. + +[87] Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer. 3. Aufl. Göttingen +1881. S. 461. + +[88] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23. + +[89] Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff. + +[90] Vgl. Rößlin, Abhandlung von besonderen weiblichen Rechten. Mannheim +1775. S. 16 + +[91] A.a.O. S. 21. + +[92] Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition civile +et politique des femmes. Paris 1842. S. 320. + +[93] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen 1862. Bd. +III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498. + +[94] Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327. + +[95] Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206. + +[96] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S. +387 f., Bd. III S. 325. + +[97] Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung in +deutscher Vorzeit. Schriften der Görres-Gesellschaft. Köln 1880. S. 40. + +[98] In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die +hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender +Beredsamkeit. + +[99] Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltertümer. S. 350 f. + +[100] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f. + +[101] Vgl. De la Curne de St. Palaye, Mémoires sur l'ancienne +Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff. + +[102] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205. + +[103] Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle Édition. Paris +1787. T. IV, p. 93 ff. + +[104] Vgl. Maurer, Geschichte der Städteverfassung. Erlangen 1870. Bd. +III S. 103 ff. + +[105] Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und Sünden der Sittenpolizei. +Leipzig 1897. S. 56. + +[106] Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in Straßburg. +Straßburg 1879. S. 521. + +[107] Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gießen 1874. S. 58. + +[108] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52. + +[109] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81. + +[110] Vgl. Schoenlank, Soziale Kämpfe vor dreihundert Jahren. Leipzig +1894. S. 50. + +[111] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44. + +[112] Vgl. Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter. Tübingen 1882, S. 12 +ff. + +[113] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 14-15. + +[114] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67. + +[115] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274. + +[116] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277. + +[117] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50. + +[118] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58. + +[119] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 4 ff. + +[120] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40. + +[121] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78. + +[122] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff. + +[123] Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Brüssel. Paris 1897 S. 61 ff. + +[124] Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt Köln. Bd. II, S. 623. + +[125] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff. + +[126] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff. + +[127] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144. + +[128] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91. + +[129] Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins +für Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff. + +[130] Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns +Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S. 113. + +[131] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX. siècle. +Paris 1873. p. 21 ff. + +[132] Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. Aufl. +Stuttgart 1892, S. 6 f. + +[133] Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des +Handwörterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S. 643. + +[134] Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvrières en France depuis +1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7. + +[135] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93. + +[136] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115. + +[137] Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6. +Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff. + +[138] Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff. + +[139] Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O. II. +Bd. S. 111 ff. + +[140] Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das +interessante Einzelheiten über die Bildung der Frauen enthält. + +[141] Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg. + +[142] Vgl. M. Thomas, Essay sur le caractère, les moeurs et l'esprit des +femmes. Paris 1772. S. 82. + +[143] Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg. + +[144] Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881. + +[145] Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen Mönch, der in zwei +Quartbänden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16. +Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch seine +Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen lächerlich erschien. + +[146] Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595) +über die Vorzüge des weiblichen vor dem männlichen Geschlecht, und von +Lucretia Marinelli, hundert Jahre später, über die Vortrefflichkeit der +Frauen und die Fehler der Männer. + +[147] Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83. + +[148] Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer +1882. + +[149] Vgl. Miß Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra. London 1855 +und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page 451. + +[150] Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887 und +Brantome, a.a.O., p. 376. + +[151] Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem +Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre 1721 +in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges und +curieuses Tractätgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem männlichen +Geschlecht. + +[152] Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und +Süd", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff. + +[153] Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten +Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66. + +[154] Zu erwähnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren astronomische +Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs erfreuten, und die +Philosophin Katharina Erxleben in Halle. + +[155] Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens +Curieuse Schaubühne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs Lobwürdige +Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und Wohlgelehrtes +teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des gelehrten +Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das gelehrte +Frauenzimmer". + +[156] Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697. + +[157] Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. 78. + +[158] Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124 ff. + +[159] Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious +proposal to the Ladies for the advancement of their true and greatest +interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre 1700 folgte die +bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage. + +[160] Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv für +soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417 ff. + +[161] Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff. + +[162] Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London 1875. + +[163] Vgl. E. et J. de Goncourt, Les maîtresses de Louis XV. Paris 1860. +Bd. I, S. 52. + +[164] Vgl. Mémoires du maréchal duc de Richelieu. Paris 1793. + +[165] Vgl, Mémoires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und Théâtre à +l'usage des jeunes personnes par madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La +Colombe. + +[166] Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huitième siècle. Paris +1862. p. 322. + +[167] Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83 ff. + +[168] Vgl. Barthélemy, Mémoires secrets de madame de Tencin. Grenoble +1790. + +[169] Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2. + +[170] Vgl. J.J. Rousseau, Émile. Francfort s.M. 1855. Livre V, P. 28. + +[171] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29. + +[172] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff. + +[173] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240. + +[174] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff. + +[175] Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit +politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9. + +[176] Vgl. Tocqueville, L'ancien régime et la révolution. Paris 1856. S. +9 ff. + +[177] Vgl. Mémoires de Madame Roland, publiés par C.A. Dauban. Paris +1864. S. 16 und 66. + +[178] Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897. + +[179] Vgl. Michelet, Les femmes de la révolution. Paris 1898. S. 5 ff. + +[180] Vgl. Staël, Considérations sur la révolution française. Paris +1818. Bd. I, S. 380 ff. + +[181] Vgl. J.A. de Ségur, Les femmes, leurs conditions et leurs +influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff. + +[182] Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman +suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff. + +[183] Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff. + +[184] Vgl, Ch.L. Chassin, Le génie de la révolution. Paris 1863. Bd. I, +S. 298 ff. + +[185] Vgl. M. de Talleyrand-Périgord, Rapport sur l'instruction +publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff. + +[186] Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire générale. T. VIII. La révolution +française. Paris 1896. S. 532 ff. + +[187] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff. + +[188] Vgl. Louis Blanc, Histoire de la révolution française. Paris 1847. +Bd. I, S. 498. + +[189] Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegensätze von 1789. Stuttgart 1889. +S. 60. + +[190] Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489. + +[191] Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la société française +pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff. + +[192] A.a.O., S. 227. + +[193] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff. + +[194] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff. + +[195] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476. + +[196] Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la révolution. S. 122. +Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht. Uebersetzt von +Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31. + +[197] Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255. + +[198] Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56. + +[199] Vgl. Ségur, a.a.O., S. 19 f. + +[200] Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27. + +[201] Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la révolution. Paris 1900. p. +11 ff. + +[202] Ihren größten Triumph nach dieser Richtung feierte sie durch die +im Théâtre Italien veranstaltete Gedächtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo +l'Ombre de Mirabeau aux Champs-Elysées von ihr zur Aufführung kam. + +[203] Vgl. E. Lairtullier, Les femmes célèbres de la révolution. Paris +1840. Bd. II, S. 137 ff. + +[204] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff. + +[205] Vgl. für ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 49 +ff.--Michelet, a.a.O., S. 111 ff.--Blanc, a.a.O., Bd. VII, S. 450 f.--L. +Lacour, a.a.O., p. 3 ff. + +[206] Vgl. Léopold Lacour, a.a.O., p. 337 ff. + +[207] Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff. + +[208] Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L. Frank, +Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 317 ff. + +[209] Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff. + +[210] Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff. + +[211] Vgl. Oeuvres de Condorcet, publiées par A. Condorcet-O'Connor et +M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff. + +[212] Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130. + +[213] Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover +1788. Bd. I, S. 1. + +[214] Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S. 35. + +[215] Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann +ins Deutsche übersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry Fawcett +eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche Uebersetzung von P. +Berthold folgte. + +[216] Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to +Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien 1897. + +[217] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die bürgerliche Verbesserung der +Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen. + +[218] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym +erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben. + +[219] Vgl. Fénelon, Éducation des filles. Nouvelle édition, Paris 1884. + +[220] Vgl. E. von Sallwürck, Fénelon und die Litteratur der weiblichen +Bildung in Frankreich. Langensalza 1886. + +[221] Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des +deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f. + +[222] Einen Beweis dafür, wenn auch einen unbeabsichtigten, liefert +Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Fleiß, mit dem er alle die +Damen der verdienten Vergessenheit entrissen hat. + +[223] Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch für Väter und Mütter, Familien und +Völker. Altona 1770. S. 324 ff. + +[224] Vgl. Karoline Rudolphi, Gemälde weiblicher Erziehung. Heidelberg +1815. Vorrede, S. XLVI. + +[225] Vgl. Madame de Genlis, Adèle et Théodore, ou lettre sur +l'éducation. Paris 1782. I. p. 30 ff. + +[226] Vgl. E. von Sallwürck, a.a.O., S. 307. + +[227] Vgl. Stephan Waetzholdt, Das höhere Mädchenschulwesen des +Auslandes. Im Handbuch des höheren Mädchenschulwesens. Herausg. von Dr. +Wychgram. Leipzig 1897. S. 66 ff. + +[228] Vgl. Abbé de St. Pierre, Projet pour multiplier les collèges de +filles. Paris 1730. + +[229] Vgl. Comtesse de Rémusat, Essai sur l'éducation des femmes. Paris +1825. p. 23 ff. + +[230] Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement féministe aux +États-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5. Jahrg. Nr. 50. +Paris 1898. p. 160. + +[231] Vgl. Natorp, Grundriß zur Organisation allgemeiner Stadtschulen. +Duisburg-Essen 1804. + +[232] Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300 ff. + +[233] Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff. u. +S. 180 ff. + +[234] Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des höheren +Mädchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff. + +[235] Vgl. R. Gneist, Ueber die Universitätsbildung der Frauen nach den +neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten. Berlin 1873. + +[236] Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891. +p. 147 f. + +[237] Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March +1888. + +[238] Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York +1900. p. 38. + +[239] Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286. + +[240] Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and Wages. +Boston 1869-70. + +[241] Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II. +p. 139 + +[242] Vgl. K.H. Schaible, Die höhere Frauenbildung in Großbritannien, +Karlsruhe 1894. S. 97 f. + +[243] Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London 1884, +p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859. + +[244] Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144. + +[245] Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium +uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel tüchtiger Aerzte litten. + +[246] Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus, daß +nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende nehmen werde! +Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin 1867, S. 441 f., +veröffentlichte Rede. + +[247] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167. + +[248] Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women of +1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff. + +[249] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f. + +[250] Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr später unter dem Titel: +Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten Dokumente +der Frauenfrage. + +[251] Vgl. Jeanne Chauvin, Étude historique sur les professions +accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f. + +[252] Vgl. J.V. Daubié, La femme pauvre au XIX. siècle. Paris 1866. S. +135 ff. + +[253] A.a.O. + +[254] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX. siècle. +Paris 1874. p. 327. + +[255] Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes médecins. Bordeaux 1889. p. 11. + +[256] Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14. + +[257] Vgl. L. von Marenholtz-Bülow, Erinnerungen an Friedrich Fröbel. +Berlin 1876. S. 132. + +[258] Vgl. V. Heft der vom königl. statistischen Bureau herausgegebenen +preußischen Statistik. Berlin 1864. + +[259] Vgl. Adolph Lette, Denkschrift über die Erwerbsquellen für das +weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg. 1865, S. 354 f. + +[260] Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff. + +[261] Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff. + +[262] Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. S. +80. + +[263] A.a.O., Vorwort, S.V. + +[264] Fanny Lewald-Stahr, Für und wider die deutschen Frauen. Berlin +1896. S. 10 ff. + +[265] Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York 1900. +p. 43 u. 50. + +[266] Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to +1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57. + +[267] Vgl. Hugo Münsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in Kirchhoff, +Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343. + +[268] Vgl. Hugo Münsterberg, a.a.O., S. 345. + +[269] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p. 20. + +[270] Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress, a.a.O., +p. 154 ff. + +[271] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff. + +[272] Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866, und +Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff. + +[273] Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p. 1 +ff. u. 105 ff. + +[274] Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement féministe en Australie. Revue +politique et parlamentaire. 5. année. Nr. 45. p. 520 ff. + +[275] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142 ff. + +[276] Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post +Office, p. 2, 42 f. + +[277] Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f. + +[278] Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles +1893. p. 49 ff. + +[279] Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en Médecine. Paris +1901. + +[280] Vgl. Dr. Otto Neustätter, Das Frauenstudium im Ausland. München +1899. Seite 9 f. + +[281] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p. +58. + +[282] Vgl. J. Ingelbrecht, Le Féminisme et la Femme Témoin. Revue +politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68 u. Nr. 69. p. 367 ff. u. +601 ff. + +[283] Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff. + +[284] Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement féministe en Italie. Revue +politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481 ff. + +[285] Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff. + +[286] Vgl. Der Internationale Kongreß für Frauenwerke und +Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59. + +[287] Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 26 f. + +[288] Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 6 f. + +[289] Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund, 5. +Jahrg. 1867. S. 337 ff. + +[290] Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21. + +[291] Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25jährigen Wirksamkeit des +Lettevereins. Berlin 1891. S. 59. + +[292] Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn +1870. + +[293] Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage. +Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr). + +[294] Vgl. Luise Büchner, Die Frauen und ihr Beruf. Fünfte Auflage. +Berlin 1884. + +[295] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session 1890/91. + +[296] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50. Sitzung +und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86. Sitzung. + +[297] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665. + +[298] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760. + +[299] Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen +deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45. + +[300] Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des höheren Mädchenschulwesens +in Deutschland. Im Handbuch des höheren Mädchenschulwesens. +Herausgegeben von Dr. J. Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff. + +[301] Vgl. z.B. die Broschüre von Professor Albert, Die Frauen und das +Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem sagt, daß von +1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen wurden, während +thatsächlich 260 Studentinnen bis 1895 das medizinische Staatsexamen +bestanden. + +[302] Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4. +Auflage. Herborn 1897. + +[303] Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der +Krankenpflegerinnen. Dresden 1901. + +[304] Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur +Lösung der Frauenfrage. Berlin 1894. + +[305] Vgl. Eliza Ichenhäuser, Erwerbsmöglichkeiten für Frauen. 2. Aufl. +Berlin 1898. + +[306] Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der Nationalökonomie. Berlin +1899. Sonderabdruck aus dem Archiv für soziale Gesetzgebung und +Statistik. + +[307] Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd. +Freiburg i.B. 1897. S. 70 f. + +[308] Vgl. Karl Bücher, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf +der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem statistischen Archiv, 2. Jahrg. +Tübingen 1892. S. 369 ff. + +[309] Vgl. J. Bertillon, De la dépopulation de la France et des remèdes +à y apporter. Im Journal de la Société de Statistique. 1895. p. 416 ff. + +[310] Vgl. J. Goldstein, Bevölkerungsprobleme und Berufsgliederung in +Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff. + +[311] Vgl. Arthur Geißler, Beiträge zur Frage des +Geschlechtsverhältnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des Königl. +sächsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg. Dresden 1889. + +[312] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71. + +[313] Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und +Auswanderungspolitik, in G.v. Schönbergs Handbuch der politischen +Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband. Tübingen 1898. S. 498. + +[314] Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle +angeführten Tabelle berechnet. + +[315] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f. + +[316] Diese, wie alle anderen Berechnungen, für die keine Quellen +angegeben werden, sind aus den offiziellen Volkszählungen der +betreffenden Länder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir benutzt: +Für die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880, Washington 1883-1889, +Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington 1890 bis 1895, Vol. I-III und +Compendium Vol. I; XI'th Annual Report of the Commissioner of Labor +1895-96, Washington 1897.--Für England: Census of England and Wales +1881, London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London +1893, Vol. III und IV und General Report.--Für Frankreich: Résultats +statistiques du Dénombrement de 1881, Paris 1883; Résultats statistiques +du Dénombrement de 1891, Paris 1894.--Für Oesterreich: Oesterreichische +Statistik nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 31. Dezember 1880, +Wien 1882-1884, Bd. I bis V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. +Dezember 1890, Wien 1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.--Für Deutschland: +Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik nach +der Berufszählung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs- und +Gewerbezählung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102, 103 und 111. + +[317] Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsthätigkeit der +eheschließenden Personen. Zeitschrift des kgl. preußischen statistischen +Bureaus. Berlin 1889. + +[318] Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen +1874. S. 40 ff. + +[319] Vgl. hierfür unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68 ff.--K. +Bücher, Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt. Basel 1890. S. +19.--Derselbe, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf der +Erde, a.a.O., S. 388 f. + +[320] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230. + +[321] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384. + +[322] Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche +Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut. + +[323] Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erwähnte preußische +Statistik der Eheschließungen nach dem Beruf hätte darüber Aufschluß +geben können, wenn man die berufslosen Haustöchter, die fast die Hälfte +der heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern +klassifiziert hätte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und überdies +mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G. von Mayr, a.a.O., S. +411 f. + +[324] Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890. +Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle +dadurch gewonnen worden, daß ich Gruppe I--Männer in liberalen Berufen, +größere Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers--mit Gruppe III--Lehrer, +Musiker, Kontoristen, Handelskommis, Angestellte in öffentlichen +Kontoren--zusammenberechnete und den Gruppen II, IV, V--Kleinhändler, +Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister; Ausläufer, Kellner, +Dienstboten; Arbeiter, Taglöhner, Matrosen--gegenüberstellte. + +[325] Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin 1895. + +[326] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386. + +[327] Vgl. Fircks Taschenkalender für das Heer. Berlin 1900. S. 379. + +[328] A.a.O, S. 96 und 128. + +[329] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers +Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Neue Folge. +Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401. + +[330] Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung "Direktions-und +ärztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den Hebammen zusammen, +während sie als "Wartepersonal" alle Arten Pflegerinnen und Wärterinnen +bezeichnet. Die anderen Länder dagegen rechnen die Aerzte besonders, +zählen dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher +gezwungen, um einen Vergleich zu ermöglichen, alle drei Berufe für alle +Länder unter die bürgerliche Frauenarbeit mitzuzählen. + +[331] Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet. + +[332] Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen sind, +muß diese Zahl auf einem Irrtum bei der Zählung beruhen. + +[333] Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen dürften +sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden. + +[334] Die französische Statistik von 1891 zählt nur Handelsangestellte +im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die große Zahl erklärt sich +daher daraus, daß die Verkäuferinnen mit einbegriffen sind. + +[335] Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser, +Missionare und Prediger. + +[336] Diese Rubrik kann für Amerika nicht ausgefüllt werden, weil die +Statistik die selbständigen Landwirte mit Aufsehern und Verwaltern +zusammenwirft. + +[337] Auch für diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller +Feststellung. + +[338] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. +Washington 1897. p. 22 f. + +[339] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères des Femmes. Paris +1900. p. 132 ff. + +[340] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr. 9, +S. 292 f. + +[341] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p. 15. + +[342] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221 ff. + +[343] Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work. +London 1894. p. 10 ff. + +[344] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry. Lond. +1898. p. 65. + +[345] Vgl a.a.O., p. 42 ff. + +[346] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20. + +[347] Vgl. Auguste Sprengel, Die äußere Lage der Lehrerinnen in +Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423 ff. + +[348] Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten Konversationslexikon +der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55. + +[349] Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und +Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f. + +[350] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408. + +[351] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der +Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18. + +[352] Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien. II. +Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff. + +[353] A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff. + +[354] A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff. + +[355] A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff. + +[356] A.a.O., Bd. I. Nr. 1. März 1899. S. 10 ff. + +[357] A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff. + +[358] Vgl. Dr. Käthe Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau. In +Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101 ff. + +[359] Vgl. hierfür: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7. Juli +1900. S. 236 ff.--Konversationslexikon der Frau, a.a.O., Artikel: +Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.--Women in Professions. London Congress, +a.a.O., Vol. III. p. 188 ff. + +[360] Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff. + +[361] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche Ausgabe +von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff. + +[362] Vgl. H. Ploß, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 5. Aufl. +Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff. + +[363] Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O., S. +112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der +"allmonatlich eintretenden Beschränkung der körperlichen und geistigen +Leistungsfähigkeit" als von etwas Selbstverständlichem sprechen. + +[364] A.a.O., S. 4, 33 u. 91. + +[365] Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff. + +[366] Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance +maternelle, Bruxelles-Paris 1897. + +[367] Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f. + +[368] A.a.O., S. 186. + +[369] A.a.O., S. 187 ff. + +[370] Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of +Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff. + +[371] Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124. + +[372] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage. Hamburg +1890. S. 346 ff. + +[373] Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London +1894. p. 319. + +[374] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London +1898. p. 97 ff. + +[375] Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69 ff. + +[376] Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX. Siècle. Paris +1874. p. 29. + +[377] Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und ihre +Arbeiter. Straßburg 1887. S. 116 f. + +[378] Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wäsche-Industrie im +19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und +Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft 2. 1896. S. 250. + +[379] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296. + +[380] Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in +England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237 + +[381] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292. + +[382] A.a.O., p. 291. + +[383] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f. + +[384] Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105 +ff. + +[385] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff. + +[386] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f. + +[387] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff. + +[388] Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425. + +[389] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33. + +[390] A.a.O., p. 41. + +[391] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224. + +[392] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62. + +[393] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f. + +[394] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. Erster Teil. Jena +1882. S. 15. + +[395] A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53. + +[396] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen +Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S. 373. + +[397] A.a.O., I. Bd., S. 354 ff. + +[398] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff. + +[399] Vgl. J.V. Daubié, La Femme pauvre du XIX. Siècle. Paris 1866. p. +51. + +[400] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXV. Untersuchungen +über die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil. 1895. S. 120. + +[401] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126. + +[402] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139. + +[403] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff. + +[404] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437. + +[405] Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen +Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig 1900, S. 93, +und die ähnliche Ansicht Stiedas in Litteratur, heutige Zustände und +Entstehung der deutschen Hausindustrie, Leipzig 1889, S. 22. + +[406] Vgl. Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., S. 16. + +[407] Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handwörterbuch der +Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141. + +[408] Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff. + +[409] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff. + +[410] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f. + +[411] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon, +L'Ouvrière, 2ième édition. Paris 1861. p. 248 f. + +[412] Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff. + +[413] Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46. + +[414] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff. + +[415] A.a.O., p. 42 ff. + +[416] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff. + +[417] Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvrières en France pendant l'Année +1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f. + +[418] Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women +and Girls. London 1898. p. 7 ff. + +[419] Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvrières en France. Paris +1867. Vol. II. p. 150. + +[420] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubié, a.a.O., p. +54. + +[421] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O., S. +129 f. + +[422] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31. + +[423] A.a.O., S. 126. + +[424] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff. + +[425] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f. + +[426] Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff. + +[427] Vgl. Villermé, Tableau de l'Etat physique et moral des Ouvriers +dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris 1840. Vol. I. +p. 86 ff. + +[428] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f. + +[429] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff. + +[430] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff. + +[431] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff. + +[432] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in +Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff. + +[433] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.--A. Thun, a.a.O., S. 176 +ff.--H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff. + +[434] Vgl. Villermé, a.a.O., p. 164 f.--Daubié, a.a.O., p. 56 f. + +[435] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f. + +[436] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120. + +[437] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff. + +[438] Vgl. von Schultze-Gävernitz, Der Großbetrieb. Leipzig 1892. S. 40. + +[439] Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff. + +[440] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff. + +[441] Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f. + +[442] Vgl. Die Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den +Fabriken auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen. +Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S. 24 f. + +[443] A.a.O., S. 24. + +[444] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff. + +[445] Vgl. Daubié, a.a.O., p. 63. + +[446] Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children, young +Persons and Women in Agriculture. London 1868. + +[447] A.a.O., XIII. + +[448] A.a.O., XI. + +[449] Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit. Deutsch +von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f. + +[450] Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p. 291. + +[451] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216. + +[452] Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff. + +[453] Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8 ff. + +[454] Vgl. Dr. Martin Luthers sämtliche Werke. Erlanger Ausgabe. Bd. 20, +S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389; Bd. 36, S. 298 +ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen Dienstboten in +Berlin. 1901. + +[455] Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und +dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich, a.a.O. + +[456] Vgl. Kränitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O. + +[457] Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des Gesindewesens. +Danzig 1873. S. 22. + +[458] Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu höherer +Geistesbildung. 1802. + +[459] Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S. +22. + +[460] Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f. + +[461]Vgl. J.V. Daubié, a.a.O., p. 89 ff. + +[462] Vgl. W. Kähler, a.a.O., S. 34 ff. + +[463] Die männliche Bevölkerung hat um 9703 Personen abgenommen, die +weibliche um 135 626 zugenommen. + +[464] Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of Women +and Girls. London 1894. p. 71 f. + +[465] Für die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die Arbeiter +gerechnet worden, für die beiden letzten Arbeiter und Angestellte. + +[466] Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen +Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und +Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und Derselbe, Die Bevölkerung +Oesterreichs. Wien 1895. S. 15. + +[467] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der +Gewerbeaufsichtsbeamten für 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin 1896, 1897, +1898, 1899, und Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr +1899. 4. Bd. Berlin 1900. + +[468] Vgl. Rapports sur L'Application des Lois réglementant le Travail. +1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900. + +[469] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des +Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die +Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. Neue +Folge. Bd. 112. Berlin 1898. + +[470] Vgl. für meine Zusammenstellung: Für Deutschland: Berufsstatistik +für das Reich im ganzen. Erster Teil. Statistik des Deutschen Reiches. +Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897. S. 13 ff.--Für Oesterreich: +Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895. +XXXIII. Bd. S. 38 ff.--Für England und Wales: Census of England and +Wales 1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.--Für de Vereinigten Staaten: +XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S. 304, ff.--Für +Frankreich: Die vorläufige Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie +nach der Berufszählung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail, Juin +1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte Darstellung der +Berufsarten, wie sie eigentlich für die vorliegende Tabelle notwendig +gewesen wäre, liegt bis jetzt nur für Paris und das Seine-Departement +vor.--Für Belgien: Recensement général des Industries et des Metiers (31 +Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles 1900. S. 30 ff. Die +Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt auch hier. + +[471] Vgl. hierfür wie für das Folgende die Ausführungen Werner Sombarts +über Hausindustrie im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV, +2. Aufl. S. 1138 ff. + +[472] Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs +nach der Berufs- und Gewerbezählung. Schriften des Vereins für +Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108. + +[473] Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung. +Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 25. + +[474] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion über die Heimarbeit in +Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900. + +[475] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148. + +[476] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157. + +[477] Vgl. Recensement général des Industries et des Métiers. 31 Octobre +1896. Analyse des Vols. I et II. Bruxelles 1900. p. 11 ff. + +[478] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895 to +1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington 1897. + +[479] Vgl. Miß Collet, Report on the Statistics of Employment of Women +and Girls. London 1894. + +[480] Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns +Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S. 682 ff. + +[481] Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der +Fabrik. Tübingen 1897. S. 41. Der Verfasser stützt sich unter anderem +auf Miß Collets Untersuchungen, nach denen, wie schon erwähnt wurde, die +Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben wurde. + +[482] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken. Nach den +Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899 bearbeitet +vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256 ff. + +[483] Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken +auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen. Berlin 1877. S. 76 +ff. + +[484] A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218. + +[485] Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart 1900. + +[486] Elis. Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner +Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32. + +[487] Vgl. Die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Wiener +Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquête +über Frauenarbeit. Wien 1897. + +[488] Vgl. J. Singer, Untersuchungen über die sozialen Zustände in den +Fabrikbezirken des nordöstlichen Böhmens. Leipzig 1885. S. 117. + +[489] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans +L'Industrie française, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff. + +[490] Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p. 12 +ff. + +[491] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1893. +p. 35 ff., 68 ff. + +[492] Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women +in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff. + +[493] Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und ihre +Arbeiter. Straßburg i.E. 1887. S. 308. + +[494] Vgl. F. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in +Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff. + +[495] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London +1898. p. 48. + +[496] Vgl. Elis. Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 54. + +[497] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899, +Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff. + +[498] Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306. + +[499] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans +L'Industrie française. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292 ff. + +[500] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work and +Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514 ff. + +[501] Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52. + +[502] Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics of +the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff. + +[503] Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298. + +[504] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und +Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 26. + +[505] Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear, Die +Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins für +Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251. + +[506] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1894. +p. 290 f. + +[507] A.a.O., p. 281. + +[508] A.a.O., p. 285. + +[509] A.a.O., p. 135. + +[510] A.a.O., p. 100. + +[511] Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28. + +[512] Vgl. Elisabeth Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 55. + +[513] Vgl. Großherzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale Lage +der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u. 116. + +[514] Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und +Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste +Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war klug +genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen Gewerbeaufsichtsberichte +für 1899 zu thun, sonst hätte er seine ganze Arbeit im Papierkorb +verschwinden lassen müssen. + +[515] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899. +Berlin 1900. 4 Bände. + +[516] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. III, +S. 906 f. + +[517] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail etc., a.a.O., +t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handwörterbuch der Staatswissenschaften. +Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734. + +[518] Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara +Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54. + +[519] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in +Berlin. Berlin 1897. S. 229 f. + +[520] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener +Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim. + +[521] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères de Femmes. Paris +1900. p. 29. + +[522] Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvrières de l'Aiguille à Paris, Paris 1895. +p. 106. + +[523] Vgl. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim. +Karlsruhe 1891. S. 230. + +[524] Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 60. Die soziale +Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 155. + +[525] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen, +passim. + +[526] Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f. + +[527] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2. S. 206. + +[528] A.a.O., S. 342 ff. + +[529] Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196. + +[530] Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der +Kommission für Arbeitsstatistik. Verhältnisse in der Wäschekonfektion. +Verhandlungen Nr. 11, S. 13. + +[531] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., +S. 113. + +[532] A.a.O., S. 114. + +[533] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90; Gnauck-Kühne, +a.a.O., S. 64; Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, +a.a.O., S. 119. + +[534] Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 227 ff. + +[535] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr +1899, passim. + +[536] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für Arbeiterinnen und +deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 85 f. + +[537] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O. S. +64 ff. + +[538] Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87. + +[539] Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der +Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff. + +[540] Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen über die +Gesundheitsverhältnisse in der Schweiz. Archiv für Hygiene. 1894. 2. Bd. + +[541] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f. + +[542] Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100 f. + +[543] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff. + +[544] Vgl. Singer, a.a.O., S. 81. + +[545] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53. + +[546] A.a.O., p. 151 ff. + +[547] Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der +Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f. + +[548] Vgl. Dr. Deborah Bernson, Nécessite d'une Loi protectrice pour la +Femme ouvrière. Lille 1899. p. 41 f. + +[549] Vgl. Helbig, Phosphor und Zündwaren. Weyls Handbuch, a.a.O. S. 768 +ff. + +[550] Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924 ff. + +[551] Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und +ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 256 ff. + +[552] Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvrière en France. Paris 1901. p. 105. + +[553] Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316. + +[554] Vgl. P. Straßmann, Die Einwirkung der Nähmaschinenarbeit auf die +weiblichen Genitalorgane. Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S. +343 ff.--Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Beschäftigung verheirateter +Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff. + +[555] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.--Die Beschäftigung verheirateter +Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.--Die soziale Lage der Pforzheimer +Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123 ff. + +[556] Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden 1892. +S. 107 f. + +[557] Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik deutscher +Großstädte. Leipzig 1886. + +[558] Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverhältnisse. Brauns +Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7. 1894. S 215 ff. + +[559] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. I, +S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff. + +[560] Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57. + +[561] Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72. + +[562] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. +IV. S. 283 ff. + +[563] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O, S. +36 f. u. 122 f. + +[564] Vgl. Porak, Du Passage des Substances étrangères à l'Organisme à +travers le placenta. Archives de Médecine expérimentale et d'Anatomie +pathologique 1894. p. 203 ff. + +[565] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für Arbeiterinnen und +deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 92. + +[566] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f. + +[567] Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67. + +[568] Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91. + +[569] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82. + +[570] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd. II. +S. 857. + +[571] Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der +Fabrik. Tübingen 1897. S. 69 f. + +[572] Vgl. El. Gnauck-Kühne, a.a.O, S. 34. + +[573] Vgl. Hirt, Die gewerbliche Thätigkeit der Frauen vom hygienischen +Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff. + +[574] Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41. + +[575] Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther Quecksilberspiegelbelegen und +ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 259. + +[576] Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche +Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2. Abschnitt. S. +91 ff. + +[577] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion über die Heimarbeit in +Oesterreich. Herausgegeben vom k.k. Handelsministerium. Wien 1900. I. +Bd. S. 271 ff. + +[578] A.a.O., S. 264. + +[579] A.a.O., S. 233. + +[580] A.a.O., S. 273. + +[581] A.a.O., S. 257. + +[582] A.a.O., S. 277 ff. + +[583] A.a.O., S. 277. + +[584] A.a.O., S. 244 und 250 f. + +[585] A.a.O., S. 253. + +[586] A.a.O., S. 236 und 257. + +[587] A.a.O., S. 259. + +[588] A.a.O., S. 235. + +[589] A.a.O., S. 241. + +[590] A.a.O., S. 239. + +[591] A.a.O., S. 241. + +[592] Vgl. Office du Travail. Les Industries à Domicile en Belgique. +Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f. + +[593] A.a.O., p. 72 ff. + +[594] A.a.O., p. 94. + +[595] A.a.O., p. 145. + +[596] Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f. + +[597] Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises à Domicile. Lyon 1896, +p. 15 f. + +[598] A.a.O., p. 75. + +[599] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff. + +[600] A.a.O., S. 340. + +[601] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVI. 2. +Bd.--Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise Saarburg. S. +343 ff. + +[602] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76. + +[603] Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93. + +[604] Vgl. L. Bein, Die Industrie des sächsischen Vogtlands. Leipzig +1884. 2. Tl. S. 419 ff. + +[605] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f. + +[606] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff. + +[607] Vgl. G. Degreef, L'Ouvrière dentellière en Belgique. Bruxelles +1886. p. 86 f. + +[608] A.a.O., p. 51 f. + +[609] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff. + +[610] Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. +220.--Degreef, a.a.O, p. 88 f. + +[611] Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6 f. + +[612] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff. + +[613] A.a.O., S. 42 f. + +[614] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. I. Teil. Jena 1882. +S. 112 f. + +[615] Vgl. Les Industries á Domicile en Belgique, a.a.O., Vol. II, p. 59 +ff. + +[616] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899. +Bd. III. S. 414. + +[617] Vgl. E. Jaffé, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der deutschen +Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd. +S. 314 u. 322. + +[618] A.a.O., S. 312 f. + +[619] A.a.O., S. 322 f. + +[620] Helen Campbell, a.a.O., p. 225. + +[621] Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff. + +[622] A.a.O., S. 43. + +[623] A.a.O., S. 51. + +[624] A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57. + +[625] Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlands. +Jena 1899. S. 14. + +[626] A.a.O., S. 55 ff. + +[627] A.a.O., S. 66. + +[628] A.a.O., S. 10 f. + +[629] A.a.O., S. 19 f. + +[630] Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in Nürnberg und Fürth. +Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXIV. I. Bd. S. 155 ff. + +[631] Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältnisse in der +Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche sowie über den Verkauf oder +die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nähfaden u.s.w.) seitens der +Arbeitgeber an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht über die +Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session, 1887. +Bd. III. + +[632] Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion. +Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg. + +[633] Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik. Nr. +10-13. Berlin 1896. + +[634] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in +der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzen- und Trikotfabrikation. +Leipzig 1898. + +[635] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. + +[636] Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion. Schriften d. Vereins f. +Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd. + +[637] Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd. + +[638] Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189. + +[639] Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik, a.a.O, +Nr. 10, S. 205. + +[640] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196. + +[641] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S. +194 ff. + +[642] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff. + +[643] Hans Grandke, a.a.O, S. 383. + +[644] A.a.O., S. 247 f. + +[645] A.a.O., S. 251. + +[646] Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion. +Leipzig 1896. S. 51. + +[647] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f. + +[648] Vgl. E. Jaffé, a.a.O, S. 163 ff. + +[649] Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner +Wäscheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff. + +[650] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59. + +[651] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f. + +[652] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f. + +[653] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen, +a.a.O, S. 163, 604. + +[654] Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435. + +[655] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le Vêtement à +Paris. Paris 1896. p. 495 ff. + +[656] A.a.O., p. 503 ff. + +[657] Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff. + +[658] A.a.O., p. 70 ff. + +[659] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. 526 +ff. + +[660] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f. + +[661] Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff. + +[662] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f. + +[663] Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff. + +[664] Vgl. Second Report from the select Committee of the House of Lords +on the Sweating System. London 1888. p. 585 f. + +[665] Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I. p. +1 ff. + +[666] Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893. +Vol. IV. p. 50 ff. + +[667] A.a.O., p. 271. + +[668] A.a.O., p. 55 f. + +[669] Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten +Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f. + +[670] Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p. 33 +ff. u. 82 ff. + +[671] A.a.O., p. 37. + +[672] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff. + +[673] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625. + +[674] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68. + +[675] Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f. + +[676] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45. + +[677] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f. + +[678] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff. + +[679] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629. + +[680] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkung der Heimarbeit in +Nordamerika. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig +1899. 4. Bd. S. 213. + +[681] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45. + +[682] Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff. + +[683] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f. + +[684] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.--Kuno Frankenstein, a.a.O., +S. 13 f.--Ergebnisse der Ermittlungen über die Lohnverhältnisse in der +Konfektion, a.a.O., S. 701 ff.--Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff. + +[685] Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der großstädtischen +Frauenhausindustrie. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2. +Bd. S. XXXIX ff. + +[686] Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der +Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft. Leipzig +1901. S. 23. + +[687] Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116 ff.--J. +Timm, a.a.O., S. 294.--Working Women in large Cities, a.a.O., p. 26. + +[688] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p. 666.--Alfr. +Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S. XXXVI. + +[689] Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.--Feig, a.a.O., S. 51 ff.--G. +Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.--E. Jaffé, a.a.O., S. 151. + +[690] Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I--XVII.--Home Industries of Women in +London, p. 12 ff.--Charles Booth, a.a.O., Vol. I, p. 61.--Hans Grandke, +a.a.O., S. 267.--Gustav Lange, a.a.O., S. 136 f. + +[691] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +269.--Charles Booth, a.a.O., p. 295.--Working Women in large Cities, +a.a.O., p. 15 f.--Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältnisse +der Arbeiterinnen in der Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.--Verhandlungen +der Kommission für Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.--E. Jaffé, +a.a.O., S. 118 ff.--E. Neubert, Hausindustrie in den Regierungsbezirken +Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. I. +Bd. S. 118 ff.--Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.--Alfred Weber, Das +Sweating-System in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S. +518. + +[692] Vgl. Feig, a.a.O., S. 112. + +[693] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Fünf Dorfgemeinden auf dem Hohen Taunus. +Leipzig 1889. S. 72 ff.--Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre +gesetzliche Regelung, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik. +Leipzig 1900. S. 13. + +[694] Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gemäß den Erhebungen +der Kommission für Arbeiterstatistik. Stuttgart 1900. S. 54. + +[695] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers +Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416. + +[696] Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418. + +[697] A.a.O., S. 1441. + +[698] Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig. +Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff. + +[699] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der +Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II. + +[700] A.a.O., S. 18. + +[701] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff. + +[702] Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18. + +[703] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff., +234 ff. + +[704] A.a.O., p. 85 ff., 234 ff. + +[705] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35 + +[706] Vgl. Erhebungen über Arbeitszeit, Kündigungsfristen und +Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober 1892. Berlin +1893. Tabelle X. + +[707] Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women, a.a.O., +p. 3 ff., 85 ff. + +[708] Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII. + +[709] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85. + +[710] Vgl. a.a.O.--Vernehmungen von Auskunftspersonen über Arbeitszeit, +Kündigungsfristen und Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. 9. bis +10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff. + +[711] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff. + +[712] Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London +1884. p. 38 f. + +[713] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f. + +[714] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff. + +[715] Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of +Labour, a.a.O., p. 3 ff. + +[716] Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III. + +[717] A.a.O., S. 79. + +[718] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104. + +[719] Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f. + +[720] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287 +f.--Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. + +[721] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243 f.--Julius +Meyer, a.a.O., S. 22. + +[722] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff. + +[723] A.a.O., S. 141. + +[724] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420. + +[725] Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.--Vernehmungen, a.a.O., S. 94. + +[726] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f., +318.--Sutherst, a.a.O., p. 128.--J. Silbermann, Die Lage der deutschen +Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S. 363. + +[727] Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138. + +[728] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Gewerbe +und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42. + +[729] Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen +Deutschland. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LV. 3. Bd. S. 18 +ff. + +[730] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Die Verhältnisse der +Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1. Bd. S. 3. + +[731] Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166. + +[732] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen +Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2 ff.--G. Herkner, Die +Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 210. + +[733] Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214 f. + +[734] Vgl. Von der Goltz, Die ländliche Arbeiterklasse und der +preußische Staat. Jena 1893. S. 5 ff. + +[735] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 1. Bd., S. 40 +f. 110 ff., 177 ff. und 261 f. + +[736] A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff. + +[737] A.a.O., Bd. 1, S. 261 f. + +[738] Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris +1885. t. I. p. 337 ff. + +[739] Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen +Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21. + +[740] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 367 +ff. K. Kaerger, Die Sachsengängerei. Berlin 1890. S. 165. + +[741] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd. S. 440. + +[742] A.a.O., S. 94 f. + +[743] Vgl. Goltz, Die Lage der ländlichen Arbeiter im Deutschen Reich. +Berlin 1875. S. 448. + +[744] Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322. + +[745] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f. + +[746] A.a.O., t. III, p. 443. + +[747] Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers. +London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f. + +[748] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184. + +[749] Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257. + +[750] A.a.O., S. 43. + +[751] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f. + +[752] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, Bd. I, S. 134. + +[753] A.a.O., S. 98. + +[754] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59. + +[755] A.a.O., S. 58 f. + +[756] A.a.O., S. 54. + +[757] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41. + +[758] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43. + +[759] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55. + +[760] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f. + +[761] Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269. + +[762] Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f. + +[763] Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnissen der +evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895. Bd. I. S. +46 + +[764] Vgl. M. Weber, Die Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen +Deutschland. Leipzig 1892. S. 143. + +[765] Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220. + +[766] A.a.O., S. 28. + +[767] Vgl. Weber, a.a.O., S. 192. + +[768] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., 1. Bd. S. +121. + +[769] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251. + +[770] Vgl. Ascher, Die ländlichen Arbeiterwohnungen in Preußen. Berlin +1897. + +[771] Vgl. Weber, a.a.O., S. 553. + +[772] Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f. + +[773] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205. + +[774] A.a.O., p. 608 ff. + +[775] A.a.O., t. III, p. 200. + +[776] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44. + +[777] A.a.O., I, S. 81. + +[778] A.a.O., I, S. 45 u. 73. + +[779] A.a.O., II, S. 309. + +[780] A.a.O., I, S. 46. + +[781] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198. + +[782] A.a.O., I, S. 32. + +[783] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209. + +[784] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 484 +ff. + +[785] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23. + +[786] Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24. + +[787] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, S. 265, 280, +322, 323, 411, 427. + +[788] Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstmädchen in Berlin. Berlin +1901. + +[789] Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Miß Collet on +the Money Wages of indoor Domestic Servants. London 1899. + +[790] Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217. + +[791] Miß Collet, a.a.O., p. 14 ff. + +[792] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition. +New-York 1901. p. 96. + +[793] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588. + +[794] Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219. + +[795] Vgl. O. Stillich, a.a.O. + +[796] Vgl. Anton Menger, Das bürgerliche Recht und die besitzlosen +Volksklassen. In Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung u. Statistik. +Bd. II. 1889. S. 463. + +[797] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen +Nr. 9. Erhebung über die Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Kellner +und Kellnerinnen. 2. Teil. Berlin 1895. S. 77. + +[798] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663. + +[799] Vgl. Stillich, a.a.O. + +[800] A. a. O. + +[801] Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff. + +[802] Vgl. Stillich, a.a.O. + +[803] Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f. + +[804] Vgl. hierfür die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs Roman: +Das tägliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde. + +[805] Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle +édition. Paris 1896. + +[806] Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris +1901. p. 347 f. + +[807] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596. + +[808] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158. + +[809] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585. + +[810] Vgl. Stillich, a.a.O. + +[811] Vgl. Stillich, a.a.O. + +[812] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586. + +[813] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S. 141 + +[814] Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221 ff. + +[815] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309. + +[816] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309. + +[817] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75. + +[818] Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch für Volkswirtschaft. Berlin +1874. + +[819] Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f. + +[820] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler +Kongreß für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, 19.-26. +September 1896. Berlin 1897. S. 405. + +[821] Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Remplaçantes, Paris 1901, das +mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit diese Zustände schildert. + +[822] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff. + +[823] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des +Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30. + +[824] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +17 und 21 ff. + +[825] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f. + +[826] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen +Nr. 6. Erhebung über die Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Kellner +und Kellnerinnen. Berlin 1894. S. 132 f.--Royal Commission on Labour. +Employment of Women. p. 288. + +[827] Vgl. Referat des Münchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in der +Sitzung der königlichen Lokalschulkommission am 22. 3. 1900. + +[828] Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der +Münchener Kellnerinnen. Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und +Statistik. V. Bd. 1892. S. 129. + +[829] A.a.O., S. 117. + +[830] Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin 1893. +S. 28. + +[831] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +197 ff. + +[832] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54. + +[833] Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in München. Stuttgart 1899. S. +210. + +[834] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110. + +[835] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen +Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff. + +[836] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208. + +[837] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112. + +[838] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216. + +[839] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 16. Protokolle über die Verhandlungen und die +Vernehmung von Auskunftspersonen über die Verhältnisse der in Gast- und +Schankwirtschaften beschäftigten Personen. Berlin 1899. S. 89. + +[840] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66. + +[841] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen +Nr. 6, S. 136. + +[842] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 16, S. 72. + +[843] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197. + +[844] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69. + +[845] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203. + +[846] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204. + +[847] Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24 +ff., und Cohen, a.a.O., S. 121. + +[848] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17. + +[849] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38. + +[850] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff. + +[851] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f. + +[852] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen +Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 81. + +[853] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f. + +[854] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218. + +[855] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113. + +[856] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59. + +[857] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die Beschäftigung +von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und +Statistik. 17. Bd. 1901. + +[858] Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S. 119. + +[859] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff. + +[860] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52. + +[861] Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's +Trade-Union-League. Ohne Datum. + +[862] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen +Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283 f. + +[863] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter den +englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S. 166 ff. + +[864] Vgl. Office du Travail.--La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. +669. + +[865] Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen +Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f. + +[866] Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigjährige Arbeiterinnenbewegung +Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889. + +[867] Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften +Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542. + +[868] Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche +Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Thätigkeit. M.-Gladbach 1900. S. 40 ff. + +[869] A.a.O., S. 54. + +[870] Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900. + +[871] Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on +Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128 ff. + +[872] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen +Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 124. + +[873] Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels, +commerciaux et agricoles. Paris 1900. + +[874] Ein Vergleich der Organisierten mit sämtlichen Arbeiterinnen der +einzelnen Berufe läßt sich nicht ziehen, weil die Einteilungen nicht +übereinstimmen. + +[875] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f. + +[876] Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington +1888. p. 144. + +[877] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f. + +[878] Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten +Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715. + +[879] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen +Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43 ff. + +[880] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f. + +[881] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 90 +f. + +[882] Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin, +1891, S. 22. + +[883] Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte +Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung. + +[884] Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im +Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff. + +[885] Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der +sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom 17. +bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff. + +[886] Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der +Gegenwart, Berlin 1894, und meine Broschüre: Frauenfrage und +Sozialdemokratie, Berlin 1896. + +[887] Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der +sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896. +Berlin 1896. S. 174. + +[888] Vgl. meine Broschüre: Frauenarbeit und Hauswirtschaft. Berlin +1900. + +[889] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London 1899. +p. 242 ff. + +[890] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition. +New-York 1901. p. 212 ff. + +[891] Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl. +Stuttgart 1895. S. 422 ff. + +[892] Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18. + +[893] A.a.O., S. 62. + +[894] Für alle Bestrebungen der Art vergl. für Deutschland: Lina +Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin 1893.--Für +England: Emily Janes, The English Woman's Yearbook. London 1901.--Für +Frankreich: Camille Pert, Le Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte +d'Haussonville, a.a.O., S. 46, 61, 64 ff.--Für Amerika: Working Women in +large Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff. + +[895] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 83. + +[896] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16. + +[897] Vgl. die stenographischen Kongreßberichte in der Zeitung: "La +Fronde" vom 6. und 7. September 1900. + +[898] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22. + +[899] A.a.O., S. 51. + +[900] A.a.O., S. 55. + +[901] A.a.O., S. 61 f. + +[902] Für die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des Bundes +deutscher Frauenvereine, begründet von Jeanette Schwerin. Herausgeben +von Marie Stritt. 3 Jahrgänge und Marie Stritt und Ika Freudenberg, Der +Bund deutscher Frauenvereine. Frankenberg 1900. + +[903] Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will +und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9. + +[904] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9. + +[905] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13. + +[906] Vgl. Eliza Ichenhäuser, Die Dienstbotenfrage und ihre Reform., +Berlin 1900. + +[907] Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86 ff. + +[908] Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women +Workers, London 1900. p. 177. + +[909] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245. + +[910] Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895. + +[911] Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259. + +[912] Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149 +f. + +[913] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der +Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim. + +[914] Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages and +Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende +Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London 1901. +p. 116 ff. + +[915] Vgl. die Verhandlungen des Züricher Arbeiterschutzkongresses +1897.--Rudolf Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der +Fabrik. Tübingen 1897.--Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und +Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.--Massachusetts Bureau of Labour +Statistics 1875. p. 183 f. + +[916] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff. + +[917] Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London 1894. +p. 102. + +[918] Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43. + +[919] A.a.O., S. 47. + +[920] A.a.O., S. 27. + +[921] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., +S. 63. + +[922] Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899. Bd. +I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S. 165, 238, 413, +659. + +[923] Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvrières de l'Industrie +dans les Pays étrangers. Bruxelles 1898. + +[924] Vgl. J. Henrotte, La Réglementation internationale du Travail. +Congrès international de Législation du Travail à Bruxelles 1897. +Bruxelles 1898. p. 129 ff. + +[925] Vgl. Soziale Rundschau, Wien. März 1900. S. 426. + +[926] Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I. +London 1894. pag. 108. + +[927] Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der +Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f. + +[928] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21. + +[929] Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract +Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating +System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963 f. + +[930] Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschränkung der +Heimarbeit. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. +Leipzig 1899. S. 224. + +[931] Vgl. E. Jaffé, a.a.O., S. 113. + +[932] Vgl. G. Ruhland, Der achtstündige Arbeitstag und die +Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Schäffles Zeitschrift für die +gesamte Staatswissenschaft. Tübingen 1891. 2. Heft. S. 350 ff. + +[933] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90. + +[934] Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen +Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die +Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff., sowie +Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff. + +[935] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff. + +[936] Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in +Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd, Berlin +1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik im +September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S. 35. + +[937] Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat und +Reichstage überreicht vom Verband der Schneider und Schneiderinnen. +Stuttgart 1901. S. 130. + +[938] Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O., +p. 36. + +[939] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkungen etc., a.a.O., S. +225. + +[940] Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f. + +[941] Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und +ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und +Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f. + +[942] Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f. + +[943] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371. + +[944] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222. + +[945] Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f. + +[946] Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die Beschäftigung +der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17. Bd. + +[947] Vgl. A. Cohen, a.a.O. + +[948] Vgl. Henning, Denkschrift über das Kellnerinnenwesen. +Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19. + +[949] Vgl. Ministerialblatt für die gesamte innere Verwaltung, 1898. S. +201. + +[950] Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in +Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35. + +[951] Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle. +Bruxelles-Paris 1897. + +[952] Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen +Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin 1892. +S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der Arbeiterwitwen und +-Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10. Bd. Berlin 1897. S. 466 +ff. + +[953] Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der +Arbeitslosen-Versicherung und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. +Berlin 1901. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14075 *** |
