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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14075 ***
+
+Die Frauenfrage
+
+ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite
+
+
+Von Lily Braun
+
+
+Leipzig
+
+Verlag von S. Hirzel
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+1901
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+Meinem Mann und meinem Sohn.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Auf Grund vieljähriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die
+Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen.
+Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das für ihr Verständnis entscheidende
+Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch
+das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des
+weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden für die
+Vergangenheit wie für die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden,
+ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die ökonomischen
+Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschließt sich
+der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren
+integrierender Bestandteil sie ist.
+
+Mein Buch giebt zunächst eine gedrängte Geschichte der Entwicklung der
+Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ältesten Zeiten bis zum 19.
+Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die
+wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die ökonomische Lage
+der Frau in den wichtigsten Kulturländern, bespricht die
+sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres
+Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter
+denen eine organische Lösung der Frauenfrage möglich ist.
+
+Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes
+bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und
+öffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische
+Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.
+
+Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige
+Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: daß die
+Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere
+auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatsächlichen Zustände
+handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie
+privaten Enqueten, kurz so weit als möglich auf quellenmäßigen
+Untersuchungen beruht.
+
+_Berlin_, Oktober 1901.
+
+Lily Braun.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+Vorwort
+
+
+ERSTER ABSCHNITT.
+
+Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.
+
+
+_Erstes Kapitel_: Die Frauenfrage im Altertum
+
+Die Periode des Mutterrechts.--Die Blutgemeinschaftsfamilie und die
+Schwägerschaftsverbände.--Die Entwicklung zur Monogamie.--Die
+Gesetzgebung in Bezug auf die Frauen.--Platos und Aristoteles' Stellung
+zur Frauenfrage.--Die Frauenfrage im römischen Reich.--Die Stellung der
+Frauen bei den Germanen.
+
+
+_Zweites Kapitel_: Das Christentum und die Frauen
+
+Christus und die Frauen.--Das kanonische Recht.--Die römisch-katholische
+Kirche in Bezug auf die Frauenfrage.--Die Nonnenklöster und ihre
+Bildung.--Die Folgen der Reformation für das weibliche Geschlecht.
+
+
+_Drittes Kapitel_: Die wirtschaftliche Lage der Frauen
+
+Die hörigen Frauen in Burgen und Klöstern.--Die Prostitution im
+Mittelalter.--Das zünftige Handwerk und seine Stellung zur
+Frauenarbeit.--Weibliche Genossenschaften und Beginenkonvente.--Der
+Ausschluß der Frauen aus den Zünften.--Die Anfänge der industriellen
+Entwicklung.
+
+
+_Viertes Kapitel_: Die Stellung der Frauen im Geistesleben
+
+Frauenbildung in der italienischen Renaissance.--Die berühmten Frauen
+Spaniens.--Christine de Pisan und die Bildung der Frauen
+Frankreichs.--Der erste deutsche Vorkämpfer der Frauenbewegung.--Die
+gelehrten Frauen und ihre Neigung zur Mystik.--Die Erziehungspläne Mary
+Astells.--Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. Jahrhunderts.--Die
+französische Salondame.--Rousseaus Einfluß auf die Frauen.
+
+
+_Fünftes Kapitel_: Die Frauen im Zeitalter der Revolution
+
+Die französischen Frauen in Philosophie und Politik.--Die
+Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in Amerika.--Talleyrand und das
+Recht der Frauen auf Bildung.--Die französischen Arbeiterinnen und ihre
+Forderungen.--Die Frauenvereine während der Revolution.--Olympe de
+Gouges.--Auflösung der Frauenvereine durch den Konvent.--Condorcets
+Verteidigung der Frauenrechte.--Mary Wollstonecraft.--Hippels
+"bürgerliche Verbesserung der Weiber".
+
+
+ZWEITER ABSCHNITT.
+
+Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.
+
+
+_Erstes Kapitel_: Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt
+
+Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher
+Arbeit: Fénelons Reform der Mädchenerziehung.--Basedow und Karoline
+Rudolphi über die Erziehung der Töchter.--Die Erziehungsreform in
+England und Amerika.--Der Einfluß der Klassiker auf deutsche
+Frauenbildung.--Das Eindringen der Frauen in bürgerliche Berufssphären:
+in Amerika,--in England,--in Frankreich,--in Deutschland.--Die Anfänge
+der deutschen Frauenbewegung.--Die Bestrebungen für Frauenbildung und
+Frauenarbeit in neuester Zeit: in den Vereinigten Staaten,--in
+England,--in Frankreich,--in Rußland,--in Schweden,--in Dänemark,--in
+Holland und Belgien,--in der Schweiz,--in Italien,--in Spanien und
+Portugal,--in Oesterreich,--in Deutschland.
+
+
+_Zweites Kapitel_: Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung
+
+Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts über das
+männliche.--Das Verhältnis der Knaben- und Mädchengeburten in
+bürgerlichen und proletarischen Familien.--Die Verheiratbarkeit nach
+den Altersstufen.--Statistik der verheirateten und der ledigen
+Frauen--Der Knabenüberschuß bei der Geburt.--Die größere
+Sterblichkeit der Männer.--Der Rückgang der Heiratsziffern und seine
+Ursachen.--Statistik der erwerbsthätigen Frauen.--Statistik der
+Frauenarbeit in bürgerlichen Berufen.--Die verheirateten Frauen in
+bürgerlichen Berufen.--Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.--Die
+Löhne der Handelsangestellten.--Die Bühnenkünstlerinnen und die
+weiblichen Journalisten.
+
+
+_Drittes Kapitel_: Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen
+Gesichtspunkten
+
+Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die Körperkräfte.--Das
+weibliche Gehirn.--Der Einfluß der Geschlechtsfunktionen auf die
+Berufsthätigkeit.--Mutterschaft und Frauenarbeit.--Die Zerstörung der
+Weiblichkeit durch die Berufsthätigkeit.--Der Unterschied der
+Geschlechter in Bezug auf die geistige Befähigung.--Das weibliche Genie
+und seine Zukunft.
+
+
+_Viertes Kapitel_: Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit
+
+Die technische Revolution im Anfang des 19. Jahrhunderts.--Die Zunahme
+der Frauenarbeit infolge der Einführung der Maschinen.--Der Kampf der
+Arbeiter gegen die Maschine.--Der Kampf der Männer gegen die
+Frauenarbeit.--Die Entwicklung der modernen Hausindustrie.--Frauenlöhne
+um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Arbeiterwohnungen.--Die sanitären
+Zustände in den ersten Fabriken.--Die Lage der Landarbeiterinnen
+um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Die Entwicklung der
+Dienstbotenfrage.--Proletarische Frauenarbeit im Handel.
+
+
+_Fünftes Kapitel_: Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach
+den letzten Zählungen
+
+Das numerische Verhältnis der proletarischen Frauenarbeit zur
+bürgerlichen.--Das Wachstum der proletarischen Arbeit im Verhältnis zum
+Wachstum der Bevölkerung.--Das numerische Verhältnis der männlichen zu
+den weiblichen Arbeitern.--Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre
+Zu- resp. Abnahme.--Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in der
+Industrie.--Die proletarische Frauenarbeit in Alleinbetrieben.--Die
+mithelfenden Familienangehörigen.--Die Verteilung der Frauenarbeit in
+der Industrie je nach den Berufsarten.--Die Statistik der Hausindustrie:
+in Deutschland,--in Oesterreich,--in Frankreich,--in Belgien--Die
+Abnahme der häuslichen Dienstboten.--Die Altersgliederung der
+Arbeiterinnen.--Der Familienstand der Arbeiterinnen.--Die Zunahme der
+Arbeit verheirateter Frauen.
+
+
+_Sechstes Kapitel_: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart
+
+_Die Großindustrie_: Die Löhne der Fabrikarbeiterinnen.--Verhältnis der
+Frauen- zu den Männerlöhnen.--Differenzierung der Arbeit nach
+Geschlechtern.--Die Ursachen der Erwerbsarbeit verheirateter
+Frauen.--Das Verhältnis des Lohnes zu den Lebensbedürfnissen.--Die
+Arbeitszeit der Fabrikarbeiterin.--Der Einfluß der Fabrikarbeit auf die
+Gesundheit der Frau.--Der Einfluß der Fabrikarbeit verheirateter Frauen
+auf die Familie.
+
+_Hausindustrie und Heimarbeit_: Die Textil-Hausindustrie.--Die Lage der
+Arbeiterinnen in absterbenden Hausindustrien.--Die Dezentralisation des
+Großbetriebes und ihr Einfluß auf die Frauenarbeit.--Die Lage der
+Nadelarbeiterinnen.--Das Sweating-System.--Die sanitären und sittlichen
+Folgen der Hausindustrie.--Die Existenzbedingungen der Hausindustrie.
+
+_Der Handel_: Die Löhne der Verkäuferinnen.--Die Ladenzeit.--Die
+Ueberbürdung der Lehrlinge.--Das Alter der Verkäuferinnen.--Die
+gesundheitlichen und sittlichen Folgen der Frauenarbeit im Handel.--Die
+Entwicklung zum Großbetrieb.
+
+_Die Landwirtschaft_: Die Gliederung der ländlichen Arbeiterschaft.--Das
+landwirtschaftliche Gesinde.--Die Instleute, Scharwerker, Deputanten
+und Heuerlinge.--Die Tagelöhner.--Die Wanderarbeiter.--Die
+Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.--Die
+ländlichen Arbeiterwohnungen.--Die Sittlichkeit auf dem Lande.
+
+_Der häusliche und der persönliche Dienst_: Dienstbotenlöhne.--Die
+Dienstvermittlung.--Die Wohnräume der Dienstmädchen.--Die
+Beköstigung.--Die ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.--Die freie Zeit
+der Dienstmädchen.--Ihre Herkunft.--Die sittlichen Gefahren des
+häuslichen Dienstes.--Das Ammenwesen.--Umwandlung des Haushalts durch
+den Mangel an Dienstboten.--Die Wäschereien im Klein- und
+Großbetrieb.--Die Entwicklung des Wirtshauslebens.--Die Lehrzeit im
+Kellnerinnenberuf.--Die Arbeitszeit der Kellnerinnen.--Die
+Lohnverhältnisse im Gastwirtsgewerbe.--Die Trinkgelder und ihr
+Einfluß.--Wohnung und Kost.--Die sanitären und sittlichen Folgen
+des Kellnerinnenberufs.
+
+
+_Siebentes Kapitel_: Die Arbeiterinnenbewegung
+
+Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der Arbeiterbewegung.--Die
+Nur-Frauengewerkschaften.--Die Trennung der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung von der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die
+gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,--in
+Oesterreich,--in England,--in Frankreich,--in den Vereinigten Staaten.
+Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen und ihre Gründe.--Die
+Mittel zur Besiegung der Organisationsunfähigkeit der Frauen.--Die
+Teilnahme der Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.--Die
+Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.--Die politischen
+Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.--Die Stellung der
+Arbeiterinnenbewegung zur bürgerlichen Frauenbewegung.--Die positiven
+Aufgaben der Arbeiterinnenbewegung.
+
+
+_Achtes Kapitel_: Die Bürgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung Zur
+Arbeiterinnenfrage
+
+Die Wohlthätigkeitsbestrebungen und die soziale Hilfsarbeit.--Die
+prinzipielle Ablehnung des Arbeiterinnenschutzes durch die bürgerliche
+Frauenbewegung.--Die Sozialreform und ihre Vertretung innerhalb
+der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die Stellung des Bundes
+deutscher Frauenvereine zur Arbeiterinnenfrage.--Die Haltung der
+Frauenrechtlerinnen gegenüber der Dienstbotenfrage.--Die Organisation
+der Arbeiterinnen durch die bürgerliche Frauenbewegung.--Die Wirkungen
+der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Arbeiterinnen.
+
+
+_Neuntes Kapitel_: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre Aufgaben
+
+_Der Arbeiterinnenschutz_: Seine historische Entwicklung.--Synoptische
+Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Regelung der Arbeitszeit in der
+Großindustrie.--Der Ausschluß der verheirateten Frauen aus
+den Fabriken.--Die Ueberarbeit und die Nachtarbeit.--Die
+Sonntagsarbeit.--Arbeitsverbote in gesundheitsgefährlichen
+Betrieben.--Der Schutz der Schwangeren und Wöchnerinnen.--Die Ausdehnung
+des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.--Sanitäre Vorschriften in
+Bezug auf die Hausindustrie.--Unterdrückung der Heimarbeit.--Der
+Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.--Die Aufgaben der Gesetzgebung
+gegenüber den Landarbeitern.--Der Kellnerinnenschutz.--Die
+Trinkgelderfrage.--Die Gesindeordnungen.--Arbeiterschutz für
+Dienstboten.--Die genossenschaftliche Hauswirtschaft.--Die
+Fortbildungsschulen.--Die freie Verfügung über den Arbeitsertrag.--Die
+Gewerbegerichte.--Das Koalitionsrecht.
+
+_Die Arbeiterinnenversicherung_: Ihre historische Entwicklung.--
+Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Krankenversicherung.--
+Die Mutterschaftsversicherung.--Die Unfallversicherung.--Die Alters- und
+Invaliditätsversicherung.--Die Versorgung der Witwen und Waisen.--Die
+Frage der Arbeitslosenversicherung.--Die kommunale und staatliche
+Arbeitsvermittlung.--Die Ausdehnung der Arbeiterversicherung.
+
+_Die Grenzen der Gesetzgebung_: Der Gegensatz der Interessen zwischen
+Unternehmern und Arbeitern.--Die Prostitution.--Die Frauenarbeit, das
+revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung.
+
+
+
+
+Erster Abschnitt.
+
+
+Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.
+
+
+
+
+1. Die Frauenfrage im Altertum.
+
+
+Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen
+Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an überliefert wird,
+einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine Geschichte
+der Kriege und daher eine der Männer, die wir unserem Gedächtnis haben
+einprägen müssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein
+Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die
+Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Fürsten und Helden
+des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner
+geistigen Führer. Der natürliche menschliche Egoismus hatte der
+Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden
+und Gebildeten sahen über ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den
+Feldzugsberichten nur von dem Heerführer als dem Sieger spricht, ihm
+allein Lorbeeren weiht und Denkmäler baut, und die Tausende, die
+eigentlich die Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das
+Volk, der Träger der Menschheitsgeschichte, über denjenigen fast
+vergessen, die, begünstigt von Glück oder von der Begabung, weithin
+sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende ökonomische
+Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem
+Sklavenverhältnis, und während auf der einen Seite die Unterschiede
+zwischen Reichtum und Armut sich verschärften, wurde andrerseits eine
+gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklärung befördert. Mit der
+Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum
+Selbstbewußtsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der
+Bestimmung über sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem
+Machtfaktor, mit dem gerechnet werden muß. Als es anfing, sich bemerkbar
+zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man
+begann, sein Leben, Fühlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu
+erforschen, und eröffnete damit ein Gebiet, das einen fast
+unerschöpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt.
+
+Einen ähnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen.
+Sie steht jetzt in allen Kulturländern auf dem Punkt, sich ihre
+wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu
+erkämpfen. Nur für denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der
+weiß, welch langen, mühevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurücklegen
+mußte, wird die große, weit über ihr Geschlecht hinausreichende
+Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen
+Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und
+sie muß bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze
+Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die
+richtigen Mittel zu ihrer Lösung zu finden.
+
+Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich,
+soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln
+sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden
+verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein Bild des Lebens
+der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in
+einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persönlichen Daseins. Er war
+zunächst durch die Natur ihres Geschlechts selbst begründet. Die
+Mutterschaft beschränkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie
+schutzbedürftig, obgleich--was wir berechtigt sind anzunehmen--die
+Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute mit pathologischen
+Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte infolge
+seiner völligen Unselbständigkeit der mütterlichen Fürsorge und während
+der Mann--in welcher Periode der Menschheitsentwicklung
+immer--ungehindert durch Geschlechtsbeschränkungen seinen Trieben folgen
+konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum Bewußtsein kommende
+Naturgesetz, daß die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die
+Frau im Vergleich, zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und
+Leiden auf, die niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim
+der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich.
+
+Die Mutterliebe, jenes ursprünglichste Gefühl, war die erste Erhellung
+moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede
+Erhebung der Gesittung aus.[1] Denn nicht der Bund zwischen Mann und
+Weib war, wie uns viele glauben machen wollen, die erste, unumstößliche
+Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.[2]
+
+Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste
+Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologieen vieler
+Völker finden wir daher die Spuren göttlicher Verehrung des weiblichen
+Prinzips in der Natur: In der Göttin Isis beteten die Aegypter die
+fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand,
+war die Personifikation der mütterlichen, gebärenden Kraft. Von der
+Urmutter Themis erfährt Zeus das nur ihr bekannte Geheimnis des Alls.
+Ueber Odin, den Göttervater und alle Götter der Germanen stehen. Die
+Schicksalsgöttinnen, die Nornen. Gunnlöd, ein Weib, verwahrt den Trank
+der höchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil.
+
+Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen
+Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, sondern auch
+dem primitiven Recht zu Grunde. Für das natürliche, durch keinerlei
+Klügeleien beirrte Rechtsbewußtsein war das Kind Eigentum der Mutter,
+die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernährte, seine ersten
+Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu
+verwundern, daß sich übereinstimmend bei zahlreichen Völkern eine
+Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen läßt.
+
+Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit
+Weiberherrschaft identisch wäre, und es giebt sogar Vorkämpfer der
+Frauenbewegung, die in der Gynäkokratie das goldene Zeitalter der
+Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechtes preisen, das
+verlorene Paradies, das wieder gefunden werden muß. Wer dagegen die
+Forschungen Morgans, Bachofens und anderer nüchtern prüft, vor dessen
+Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklärung
+als ein Zustand primitivster Kultur für Mann und Weib, und er findet
+keinerlei Zeichen dafür, daß das Weib eine "Oberherrschaft" nach unseren
+Begriffen ausgeübt hat.[3]
+
+Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach
+jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Tierreich
+losgelöst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutz vor den
+wilden und stärkeren Tieren vermutlich aufgehalten hat, zur Erde
+herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes
+gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens
+schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete.
+Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen
+und kämpfen, giebt es doch noch heute wilde Völkerschaften, in denen die
+Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,[4] aber sobald sie
+Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht zugleich
+die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das schützende Dach für sich und
+ihren hilflosen Säugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt,
+hüllt sie instinktiv das kleine frierende Geschöpf und gewinnt dadurch
+die Anregung, schließlich auch für sich ein deckendes und wärmendes
+Kleidungsstück zu schaffen. Sie muß, wenn die Nahrungsquelle in ihrer
+Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so
+lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des
+Wildes, der Fische und Vögel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen
+Jagdzügen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Körner und Früchte, die
+sie selbst findet, und gewinnt schließlich die Fertigkeit, sie für den
+Gebrauch anzupflanzen.[5]
+
+Die Frau wurde immer seßhafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen
+Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Hütte bald als den Zufluchtsort an,
+wo er nicht nur zu flüchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und
+Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch
+anziehender wurde die Hütte für den Mann und noch wichtiger die
+Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schätzen
+lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zündkraft des Blitzes
+bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum--ein echtes Geschenk
+des Himmels--gehütet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst
+in weit späterer Zeit erworben wurde. Die natürliche Hüterin und
+Bewahrerin des Feuers war die Frau.[6] Und so war es nicht der dem
+Urmenschen so häufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib
+und Kind--Gefühle, die nur die Produkte einer höheren Kultur sein
+können--, welche ihn an den häuslichen Herd immer wieder zurückzogen,
+sondern lediglich die rohen, physischen Bedürfnisse.
+
+Von einer Ehe in unserem Sinn war natürlich keine Rede; dem regellosen
+Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in
+der die einzelnen Generationen sich nicht mehr miteinander vermischten.
+Bei der geringen numerischen Ausdehnung, die die Menschheit ursprünglich
+gehabt haben muß, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die
+Vermischung von Blutsverwandten selbstverständlich. Ebenso
+selbstverständlich ist es aber auch, daß diese Form der Familie nicht
+auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von
+selbst auflöste, sobald sie durch ihre Größe im Bereich des mütterlichen
+Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der
+Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwägerschaftsverbände
+(Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine höhere sittliche
+Erkenntnis zurückzuführen, sondern auf die uralten Triebkräfte der
+Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die
+Moral einer jeden Zeit.
+
+Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen
+Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete sozusagen
+alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen
+Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen wurde ein
+väterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehörten
+ausschließlich der Mutter, die sie geboren hatte, und deren Stamm. Der
+Mann führte das Weib nicht wie ein persönliches Eigentum in sein Haus,
+sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser
+Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der
+Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische
+Wertschätzung der Frau zurückzuführen, sondern auf die ursprüngliche
+Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er hatte
+auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr
+den Grund zu der feststehenden Meinung, daß das Arbeitsgebiet der Frau
+allein auf das Haus zu beschränken sei.
+
+Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen Zweigen, mit
+der Zunahme der Bebauung des Bodens--lauter Arbeitsarten, die im
+Bereiche des ursprünglichen Hauswesens lagen und daher hauptsächlich der
+Frau zufielen--, wurde die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er
+selbst war, je dichter sich die Erde bevölkerte, immer mehr in Kämpfen
+mit den Nachbarn oder mit den Volksstämmen, durch deren Land er als
+Nomade zog, verwickelt. Zunächst waren es nur Kämpfe um die tägliche
+Nahrung, um die Jagdgründe; als er es aber verstand, die Tiere nicht nur
+zu erlegen, sondern zu zähmen und zu züchten, da kämpfte er für den
+Schutz und um die Vergrößerung seines Besitzes. In früheren Perioden, wo
+er nichts besaß, als was er täglich gebrauchte, hatte er den gefangenen
+Feind entweder getötet, oder als Gleichen und Freien in seine
+Blutsfreundschaft aufgenommen, jetzt, wo er mehr besaß, als er
+gebrauchte, bedurfte er der Arbeitskräfte in seinem Dienst, daher machte
+er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im
+unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die Sklaverei.
+Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des Herrn beugen
+mußte, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, zur ersten Sklavin
+geworden.
+
+Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten
+Verhältnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen. Durch sie
+erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder erkämpfte, ein
+Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der Besitz vergrößerte, desto
+wichtiger wurde ihre Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster
+Kultur auch eine erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den
+steigenden Bedürfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und
+umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die Hütte, die das Weib einst
+zusammenfügte, war nichts als ein Obdach, das alle im Notfall benutzen
+konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet oder aus behauenen
+Blöcken aufgerichtet wurde und Waffen, Vorräte, Erz und Felle barg, war
+ein wertvoller Besitz. Das Wild, das der Mann früher täglich erlegte,
+war nichts als ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt
+auf seinem Boden weideten, repräsentierten ein Kapital, das durch
+Männerfäuste gegen den Nachbarn geschützt werden mußte. Und die Kinder,
+die früher das unbestrittene Eigentum der Mutter waren, wurden zu
+wertvollen Arbeitskräften und Kampfgenossen für den Vater. Es kam aber
+noch ein sehr wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte nächst der
+Habsucht jenen Egoismus gezeitigt, der über den Tod hinaus reicht und
+dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der
+Besitzende wünschte rechtmäßige Erben für seinen Besitz.
+
+Das Mutterrecht mußte dem Rechte des Vaters weichen. Als Arbeiterin und
+als Mutter rechtmäßiger Kinder hatte das Weib einen Wert bekommen, der
+sich dadurch ausdrückte, daß sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh,
+Waffen oder Erz eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit,
+die grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter
+mußte sich die möglichste Sicherheit verschaffen, daß sie ihm legitime
+Erben gebar.
+
+Der für die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle Fortschritt
+zur Einzelehe war daher für die Frau zunächst nichts als eine Station
+auf ihrem Kreuzesweg.[7] Denn die monogame Familie entstand nicht
+infolge der Erkenntnis ihres höheren sittlichen Werts, sondern auf Grund
+ökonomischer Rücksichten. Die Monogamie bestand nur für die Frau, wie
+die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert wurde.
+
+Sich, wie es häufig geschieht, über diese einseitige Monogamie und über
+die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung der Treue sittlich zu
+entrüsten, hieße ihren Ursprung verkennen, der nicht in der Niedertracht
+des männlichen Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen
+Verhältnissen zu suchen ist.
+
+Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von Religion und
+Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles Recht, von der Manava
+an bis zum Koran, als göttliches Gesetz betrachtet wurde und auf
+religiöser Basis[8] ruhte, so war das Sklavenverhältnis des Weibes hier
+das festeste und überdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich
+mit ihr, ihren Pflichten und Rechten beschäftigen, lassen sich dahin
+zusammenfassen, daß sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor allem der
+Söhne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse des Vaters an
+rechtmäßigen Leibeserben, das in der patriarchalischen Familie seinen
+stärksten Ausdruck fand, erweiterte sich bald zum Interesse des Staates
+an einer genügenden Zahl kampffähiger Männer. Die Heirat war eine
+Pflicht gegenüber dem Staat, daher wurden z.B. in China in jedem
+Frühjahr die unverheirateten Männer von 30 und Frauen von 20 Jahren
+einer harten Bestrafung unterworfen, und es bestanden genaue gesetzliche
+Vorschriften über die ehelichen Pflichten zum Zweck der
+Kindererzeugung[9]. Bei den Indern konnte eine unfruchtbare Frau im
+achten Jahre der Ehe mit einer anderen vertauscht werden, eine, deren
+Kinder gestorben waren, im zehnten, eine, die nur Töchter geboren hatte,
+im elften Jahre[10]. Der Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare
+Frau zu verstoßen oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter
+Beistand der rechtmäßigen Gattin zur Welt kamen und dadurch als legitime
+Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die kinderlose, zu Abraham:
+"Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen
+möge."[11] Und obwohl bei allen Völkern des Orients die Untreue der Frau
+mit dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religiösen
+Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mußte sich in Indien einem
+Mitglied der Familie des Mannes unter religiösen Ceremonien vor den
+Augen ihrer Angehörigen hingeben;[12] sie fiel in Israel, wenn ihr Gatte
+starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte, seinem ältesten Bruder zu,
+damit er dem Verstorbenen noch Nachkommen zeuge.[13] Sie war des Mannes
+unbeschränktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben Stufe mit
+den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes Vermögen zu besitzen. Die
+heiligen Gesetze Indiens erklären ausdrücklich, daß alles, was eine Frau
+oder ein Sklave etwa erwirbt, selbständiges Eigentum des Herrn ist, "dem
+sie gehören".[14] Von Geburt an bis zum Tode sind die Frauen vollständig
+unfrei; als Mädchen sind sie von ihrem Vater, als Frauen von ihrem
+Gatten, als Witwen von ihren Söhnen oder Blutsverwandten abhängig.[15]
+
+Aus alledem geht hervor, daß die Frauen im Orient nur ein Werkzeug zur
+Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Außerhalb ihres einzigen Berufes,
+dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei Wert und Bedeutung, ja sie
+wurden so ausschließlich als Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet,
+daß von jener ehrfürchtigen Verehrung, welche die in den
+Phantasiegestalten zahlreicher Göttinnen personifizierte Mutterschaft
+unter den Völkern des Abendlandes genoß, im Orient, mit Ausnahme von
+Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das Weib
+verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig erwünschten
+Sohnes eine Tochter gebar.[16] Die Jüdin, die einen Knaben zur Welt
+brachte, blieb sieben Tage unrein; war ihr Kind ein Mädchen, so blieb
+sie es vierzehn Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die
+Mutter eines blühenden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein
+unheiliges, von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel
+gekennzeichnetes Geschöpf. Dieser Auffassung entsprach auch der Mythus
+von der Stammmutter Eva, von der alle Sünde und alles Unglück der
+Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu, ist niederträchtig wie die
+Falschheit selbst, es muß wie Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche
+oder dem Strick gezüchtigt werden.[17] Nur der Mann hat, nach dem
+Glauben der Chinesen, eine unsterbliche Seele;[18] Brahma verbietet dem
+Weibe, die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt,
+daß die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen bleiben; mit
+den Kindern und Sklaven stehen die Hebräerinnen auf einer Stufe, wenn
+auch ihnen die Berührung des Gesetzes nicht gestattet ist. Der Talmud
+schätzt die Ehre der Frau nach ihrem Vermögen, denn nur dann gilt sie
+als rechtmäßige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn sie eine
+Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung mit dem Mann
+nur ein Konkubinat.[19]
+
+Die Kulturentwicklung der alten orientalischen Völker stand schon weit
+genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um das Verbrechen,
+arm zu sein, durch Schande zu strafen. Groß war daher die Zahl der armen
+Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft ihren Leib verkaufen mußten. So hart
+aber auch das Los der als Mägde und Sklavinnen in strengem
+Dienstverhältnis zu ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer
+Unterschied zwischen dem der begüterten und der rechtmäßigen Gattinnen
+war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes stand
+gleichmäßig tief.
+
+Gegenüber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen für die
+Repräsentanten einer bedeutend höheren Kultur zu halten. Nehmen wir
+jedoch die Stellung der Frau zum Maßstab für unser Urteil, so muß es
+ganz anders lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten
+sogar erhebliche Rückschritte auf.
+
+Die Familie war im Orient ein Staat für sich gewesen, der Vater der
+Patriarch, der König darin. Sie wurde in Griechenland fast
+bedeutungslos, denn der Staat übernahm viele ihrer wichtigsten
+Funktionen; der Familienvater war nicht mehr Herrscher, sondern
+Unterthan, seine Bürgerpflichten entrissen ihn vollkommen seiner
+Häuslichkeit, sein Leben als Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und
+Künstler spielte sich außerhalb des Hauses ab, dessen Geschäfte und
+Obliegenheiten er ausschließlich der Gattin und den Sklaven überließ.
+Eines freien Mannes waren sie unwürdig und wurden um so verachteter, je
+mehr die Sklaverei zu einem wichtigen Faktor im sozialen Leben sich
+entwickelte. Während der Orientale, besonders der Israelit, in der
+Arbeit keine Schande sah und die Züchtung und Hütung der Herden zu
+seinen Pflichten gehörte, während der Schwerpunkt seines Lebens in
+seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch, trotz
+aller Unterdrückung, menschlich näher stand, sank sie in Griechenland
+vollständig in die Reihen der Sklaven hinab.
+
+Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der Vater,
+wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin geben; der
+Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie unfruchtbar, so
+galt es für ein Verbrechen gegen die Götter, wenn sie nicht verstoßen
+wurde. Die Pflicht, zum Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu
+schließen, wurde vom Staate den Männern auferlegt;[20] durch Solons
+Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe unterworfen. Denn
+noch waren die Länder nur schwach bevölkert und vom Zuwachs tüchtiger
+Bürger hing das Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher
+beschäftigt sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer
+so eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung.
+
+Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau haben;
+die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war aber
+unbeschränkt, und der einzige Fortschritt gegenüber den orientalischen
+Zuständen bestand darin, daß ihre Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder
+der Familie waren, sondern es erst durch die Legitimation ihres Vaters
+werden konnten. Die aus dem väterlichen Hause meist in sehr jungen
+Jahren in das des Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in
+völliger Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Berührung mit der
+Außenwelt; sie durfte weder am öffentlichen noch am geselligen Leben
+Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, über deren Grenze die tugendhafte
+Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und wenn Dichter und Schriftsteller
+auch versuchten, sie ihr zu verklären[21]--genau wie es heute
+geschieht--so war ihre Lage doch die einer physisch und geistig allen
+Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche verachtet wurde.
+Von einem Griechen stammt jener bekannte Ausspruch, wonach diejenigen
+Frauen am meisten Ruhm verdienen, von denen am wenigsten gesprochen
+wird,[22] und er bedeutet nichts anderes, als daß die Frau im Guten
+ebensowenig wie im Bösen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach
+nur der allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes
+der Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und sagte,
+daß man Frauen nur nehme, um rechtmäßige Kinder zu zeugen,
+Beischläferinnen, um eine gute Pflege zu haben, und Buhlerinnen, um die
+Freuden der Liebe zu genießen. Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte
+der Grieche nicht.[23] Im besten Fall war sein Gefühl für die Gattin die
+wohlwollende Anhänglichkeit eines Patrons zu seinem Klienten.[24] Nicht
+die in strenger Zurückgezogenheit lebende, von klein auf zu kühler
+Keuschheit und Zurückhaltung erzogene Frau war der Gegenstand seiner
+Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die Hetäre.
+
+Die uralte Verehrung des mütterlichen Prinzips in der Natur, der
+Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem allmählichen
+Verfall des Mutterrechts mehr und mehr verwandelt. Einst mußten sich die
+Jungfrauen Aegyptens einmal in ihrem Leben im Tempel der Göttin der
+Fruchtbarkeit einem Fremden preisgeben, später bevölkerten zahlreiche
+Frauen das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder
+Mylitta. Denn hart war das Los der Mägde und Sklavinnen; nur die
+Mädchen, welche eine Mitgift besaßen, hatten Aussicht auf eine legitime
+Ehe, und auch das Schicksal rechtmäßiger Frauen war ein trauriges. Da
+kann es nicht wunder nehmen, wenn Not, Glückssehnsucht und
+Freiheitsdurst Scharen Armer und Unterdrückter in den Dienst der
+Liebesgöttin trieb. Geheiligt durch die Religion, gefördert durch Not
+und Unterdrückung--so entstand in der ältesten Zeit die Prostitution.
+Sie wuchs mit der Ausdehnung der Sklaverei,--fast alle bekannten Hetären
+waren ursprünglich Sklavinnen,--und gewann an Ansehen und Bedeutung, je
+tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im allgemeinen war. Ihre
+Blütezeit erlebte sie in Griechenland, als Kunst und Wissenschaft auf
+ihrer Höhe standen und der Kultus der Schönheit die Religion beinahe
+ersetzte.
+
+Gern trat die schöne Sklavin, auf die das bewundernde Auge des Gebieters
+gefallen war, aus dem engen dumpfen Gynäkonitis mit seiner einförmigen
+Arbeitspflicht auf den offenen Markt hinaus, um von den Dichtern
+besungen, den Künstlern gemalt und gemeißelt, dem Volke verehrt zu
+werden. Und diejenigen Frauen, deren reger Geist sich durch das
+abgeschlossene Leben nicht ertöten ließ, in deren Gemach ein Schimmer
+vom Glanz griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten häufig
+genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die Buhlerin war
+in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe folgen, die an der
+hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes persönlichen Anteil nehmen
+konnte.[25] Die Geliebte des Perikles, Aspasia, die Lehrerin des
+Sokrates, Diotima, die Schülerin des Plato, Lastheneia, die des Epikur,
+Leontion, nahmen dem griechischen Hetärentum das Odium eines ehrlosen
+Gewerbes und erhoben die Hetäre in den Augen der hervorragendsten Männer
+über die Hausfrau, deren Geistes- und Gefühlsleben künstlich verkümmert
+wurde.
+
+Die Geschichte weiß von keiner einzigen Griechin zu berichten, die sich
+gegen Sittengesetze empört hätte, welche als Lohn auf die weibliche
+Tugend--die dauernde Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster--die
+Freiheit setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe,
+wenn er seine Iphigenie sagen läßt: "Der Frauen Schicksal ist
+beklagenswert", aber in Wirklichkeit besaß das weibliche Geschlecht in
+dem sonnigen, ruhmgekrönten Hellas keine Priesterin, die seinem stummen
+Leid Worte verlieh. Nur den größten Denkern der Nation, Plato und
+Aristoteles, scheint es zum Bewußtsein gekommen zu sein, daß die
+Stellung der griechischen Frau eine unwürdige war. Wer Platos
+Aussprüche, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib dieselbe Natur,
+vermöge deren sie geschickt sind zur Staatshut", und "die Aemter--(im
+Staat)--sind Frauen und Männern gemeinsam",[26] aus dem Zusammenhang
+herausreißt, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei im
+modernsten Sinne ein Vorkämpfer der Gleichberechtigung der Geschlechter
+gewesen. Der Sachverhalt ist aber thatsächlich folgender: Er teilt die
+Bevölkerung seines Idealstaates in drei Klassen, von denen die oberste,
+die der Hüter und Wächter, die geistig und körperlich vollendetste sein
+soll, weswegen die dafür Berufenen eine ganz ungewöhnlich treffliche
+Erziehung genießen müssen. Aber sie sollen nicht nur für ihre hohe
+verantwortliche Stellung als Staatsleiter erzogen, sie sollen schon
+dafür geboren werden. Und deshalb müssen ihre Mütter in gleicher Weise
+zu geistig und körperlich über der Masse stehenden Wesen herangebildet
+werden, wie ihre Väter. Plato erklärt,--und das kann bei der hohen
+geistigen Bildung vieler Hetären seiner Zeit nicht Wunder nehmen,--daß
+Männer und Frauen gleiche Fähigkeiten besitzen, und da der Staat das
+höchste Interesse daran habe, daß begabte und kräftige Kinder geboren
+werden, so müsse er die besten männlichen und weiblichen Exemplare der
+obersten Klasse zwangsweise miteinander vermählen. Genau wie der
+Tierzüchter nach seinem Belieben Hengst und Stute zusammenführt, so
+sollen die Oberen bestimmen, nicht nur welche Männer und Frauen sich
+vermählen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen dürfen,[27] damit "der
+Staat weder größer werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den
+Willen der Oberen erzeugt würde, dessen Eltern sich also freiwillig, aus
+Liebe umarmten, sollte dem Staat für unecht und unheilig gelten,[28] und
+demselben Schicksal verfallen wie die Verkrüppelten und Schwachen. Der
+Staat allein sollte das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten
+Mann zu geben, und zwar nicht ein für allemal, sondern so oft er es für
+nützlich hielt auch einem anderen. Der Kinderernährung und Pflege
+sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten ihnen sofort
+entrissen und gemeinsam von Ammen und Wärterinnen aufgezogen werden. Die
+Frau sollte, erklärt Plato ausdrücklich, vom zwanzigsten bis zum
+vierzigsten Jahre "dem Staat gebären".[29] Er vertritt den echt
+griechischen Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und führt in
+logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die Sitte
+von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate die Bürger
+zu schenken, Plato wünschte, daß es auch tüchtige Bürger seien, darum
+verlangte er, daß die Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet
+würden. Aber, wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus
+diesem Umstand und daraus, daß er Weibergemeinschaft, gewaltsame
+Trennung von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise
+Geschlechtsverbindung als das Wünschenswerte pries, läßt sich ersehen,
+wie fern es ihm lag, die Frauen, um ihrer selbst willen, aus einer
+unwürdigen Stellung zu befreien und sie insgesamt den Männern
+gleichzustellen. So gewiß es ist, daß große Geister, die einen
+tieferen Blick für die hinter ihnen und die vor ihnen liegende
+Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit
+gewisser Umwälzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur ihre
+Möglichkeit einzusehen vermag, so gewiß ist es auch, daß Fragen, die
+erst nach langer Zeit zur Lösung reif sein werden, nicht schon
+Jahrhunderte vorher von einem einzelnen in der Theorie gelöst werden
+können.
+
+Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen großen Dienst
+geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und die Pflicht
+des Staates, sie für ihren Naturberuf fähig und würdig zu machen, in
+eindringlicher Weise zum Ausdruck brachte.
+
+Weniger eingehend hat sich Aristoteles über die Stellung der Frauen
+ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach modernen Begriffen
+war, so wenig war Aristoteles der erste Antifrauenrechtler, für den er
+oft gehalten wird. Wenn er sagt, daß die Herrschaft des Mannes über das
+Weib mit der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien
+Republik zu vergleichen sei,[30] und wenn er erklärt, daß die eheliche
+nicht zugleich die ursprünglichste herrschaftliche Gesellschaft und das
+Weib nicht der Sklave des Mannes sei,[31] so war das gegenüber der
+thatsächlichen Stellung der griechischen Frau eine revolutionäre
+Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er sogar mit Plato überein,
+denn auch er forderte Musik und Gymnastik[32] für beide Geschlechter.
+Einen höheren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen
+Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie für ihre höchste Form.
+Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen Tugenden spricht[33] und
+meint, ein Mann sei noch feige, wenn er so heldenmütig wäre, wie eine
+Frau, so erinnert dieser Ausspruch augenfällig an den Platos, der im
+Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, daß alle feigen und ungerechten
+Männer bei der Wiedergeburt "wie billig" zu Weibern würden.[34]
+
+So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen nicht von
+dem Einfluß ihrer Zeit und ihres Volkes befreien. Auch für sie war die
+Frau ein minderwertiger Mensch.
+
+Wollen wir nun statt der Griechin die Römerin betrachten, so tritt der
+Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir Cornelia, die
+Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter Telemachs,
+gegenüberstellen: hier würdevolle Größe, ruhige Selbständigkeit, dort
+ängstliche Schüchternheit, Bedürfnis nach Schutz und Anlehnung; hier
+Söhne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der sie, als
+der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der Egeria, der
+weisen Beraterin König Numa Pompilius', spricht sich die Achtung des
+Römers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag in der dünnen Bevölkerung des
+Landes zu suchen sein, in dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die
+Geschichte vom Raub der Sabinerinnen spricht für diese Annahme, ebenso
+die ursprünglich für Mann und Weib gleich strenge monogamische Ehe. Es
+gab nicht so viel Frauen, als daß der Mann ihrer mehrere hätte haben
+können. Er forderte von seinem Weibe unverbrüchliche Treue, aber seine
+Volksgenossen forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte
+zugleich den Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten.
+
+Die Römer waren in ihren ersten historischen Anfängen ein abgehärtetes
+Landvolk. Ihre Götter waren Personifikationen der Saat, des Lichtes, des
+Lenzes. Der Begriff der Familie umschloß Eltern, Kinder, Knechte und
+Mägde gleichmäßig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die Arbeit, der
+nichts Ehrloses anhaftete, beschäftigte sie gemeinsam. Die römische
+Hausfrau, die Matrone, stand der inneren Wirtschaft und der Erziehung
+der Kinder vor. Ihre Stellung war von vornherein eine gefestigtere und
+ehrwürdigere, da sie keine Rivalin neben sich hatte und die einzige
+Herrin im Hause war.
+
+Die höhere Achtung, die sie genoß, verschaffte der Römerin auch größere
+Freiheit. Sie empfing des Hauses Gäste mit dem Gatten, sie war nicht in
+das Frauenhaus eingeschlossen, sie nahm teil an öffentlichen Festen und
+besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die
+Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals
+verfügte sie frei über ihr Eigentum; thatsächlich war es sogar das
+Eigentum, durch das sie unmündig wurde. So konnte nach altrömischem
+Recht das unter väterlicher Gewalt lebende Mädchen, das also selbst kein
+Vermögen besaß, über seine Person frei verfügen; die unter Vormundschaft
+stehende Waise dagegen, die im Besitz des väterlichen Erbes war, blieb
+in allen ihren Handlungen völlig unfrei. Daraus ergiebt sich, daß nicht
+die Frau an sich, sondern die Frau als Eigentümerin eines Vermögens
+unter gesetzlichem Schutze stand.[35] Sie durfte weder ein Testament,
+noch Geschenke, noch Schulden machen; die römischen Rechtslehrer selbst
+erkennen an,[36] daß die Vormundschaft über die Frau eine Institution
+sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag. Nur in
+einem Punkt genoß sie während der Blütezeit der Republik dieselben
+Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum Forum und konnte sowohl in
+eigener wie in fremder Sache als Zeuge oder als Verteidiger auftreten.
+So wird von Amesia Sentia erzählt, daß sie sich unter ungeheuerem
+Zulauf des Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand,
+worauf fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,[37] und von
+Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre
+glühende Beredsamkeit durchsetzte, daß die Frauen der Bezahlung einer
+ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.[38]
+
+Allzu schnell wurden die Römer aus einem schlichten ackerbautreibenden
+Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und früh schon trug ihre Existenz
+den Todeskeim in sich. Die siegreichen Feldzüge, die Unterdrückung
+ganzer Nationen waren von bösen Folgen begleitet, denn nicht nur daß auf
+ihre rohe Kultur griechische Überfeinerung, orientalische Perversität
+und Genußsucht gepfropft wurde--ein Umstand, der auf alle Naturvölker
+verderblich wirkt--, auch das Grundübel der Staatenbildung im Altertum,
+das Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich hier
+zur höchsten Blüte.[39] Ungeheuere Reichtümer strömten aus allen Teilen
+der Welt in Rom zusammen; sie vereinigten sich in den Händen weniger. An
+Stelle der kleinen, freien Bauern trat der Großgrundbesitzer, an Stelle
+des kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Großkaufmann mit
+seinen Sklaven.[40] Massen von Sklaven arbeiteten in den Palästen für
+ihre Gebieter und ein solches Gemeinwesen aus Millionären und Bettlern
+mußte die äußerste sittliche Zerrüttung zur Folge haben.[41]
+
+Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der Arbeit.
+Nur der reiche Mann, der durch die Thätigkeit des Sklaven lebte, galt
+für anständig; jede Arbeit, die körperliche Anstrengung erforderte, war
+ehrlos, und der Arme, der sich durch seiner Hände Arbeit sein Brot
+verdiente, wurde verächtlich als ein gemeiner Mann behandelt.[42]
+Verderblicher noch als für die männliche Bevölkerung war diese
+moralische Dekadenz für die weibliche. Der römische Bürger konnte, auch
+wenn die manuelle Arbeit eine für ihn unwürdige war, seine geistigen und
+physischen Kräfte als Politiker, als Philosoph, als Künstler, Dichter
+und Krieger bethätigen. Er konnte dadurch dem entsittlichenden Einfluß
+des Reichtums Schranken setzen. Seine Gattin dagegen, der die Führung
+des Hausstandes, ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von
+Sklaven abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte
+dem Staat gegenüber weder Rechte noch Pflichten und daher kein
+Verständnis für öffentliche Fragen; ihre Erziehung wurde in jeder Weise
+vernachlässigt, daher hatte sie nur ein ganz oberflächliches Interesse
+an Kunst und Wissenschaft. Reichtum und Langeweile trieb die römische
+Bürgerin der Genußsucht und Sittenlosigkeit in die Arme, während die
+arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen, die
+Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl vermehrte. Der
+aus Griechenland und dem Orient eingeführte Dienst der Liebesgöttinnen
+kam dabei den Neigungen und Wünschen der Frauen entgegen, die die
+wüstesten Orgien aus ihm machten.[43]
+
+Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon während
+der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr Besitz an Gold und
+Kleidern beschränkt und ihnen verboten wurde, in einem Wagen zu fahren.
+Bald jedoch empörten sich die Frauen gegen diese Beeinträchtigung und
+zwei Bürgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da trat
+zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter altrömischer
+Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die Frauen auf. Unter großem
+Zusammenlauf der Römerinnen erklärte er, daß jede Menschenart gefährlich
+sei, wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu
+beratschlagen. Gebe man den Wünschen der Frauen nach, die lediglich
+ihrer Genußsucht fröhnen wollten, so würden sie bald volle
+Gleichberechtigung fordern und die Männer auch im Staatsleben zu
+beherrschen suchen.[44] Diese Philippika des strengen Römers,--der es
+übrigens selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte
+hielt, daß er sich von seiner Frau scheiden ließ, weil ein Freund von
+ihm sie zu heiraten wünschte, und sie wieder zur Gattin nahm, als dieser
+sie nicht mehr mochte--hatte zunächst wenig Erfolg, denn das Oppische
+Gesetz wurde aufgehoben. Siebzehn Jahre später beantragte der Tribun
+Voconius, daß keine Frau erbberechtigt sein und Legate von mehr als
+100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen dürfe. Der damals
+achtzigjährige Cato versagte es sich nicht, mit dem ganzen Gewicht
+seines Ansehens und seiner Beredsamkeit für diesen Antrag zu kämpfen,
+indem er die Ausschweifungen und die Genußsucht der Römerinnen heftig
+tadelte, und seine Annahme schließlich durchsetzte.[45]
+
+Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur mit den
+Symptomen statt mit dem Grundübel beschäftigt, so hatte auch dieses
+keine anderen Folgen, als daß die davon Betroffenen es auf Schleichwegen
+zu umgehen suchten. Um sich von der vermögensrechtlichen
+Unselbständigkeit zu befreien, schlossen die Frauen häufig mit Männern,
+die sich dazu hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.[46] Sie
+versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einfluß zu gewinnen,
+indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art die Abschaffung der
+Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser Thatsache, die in die
+Zeit des Verfalls der römischen Republik fiel, ist sehr häufig der
+Schluß gezogen worden, daß die Emanzipationsbestrebungen der Frauen
+stets ein Zeichen für die Dekadenz des Volks, dem sie angehören,
+und ein Beweis für die Korruption aller Sitten sind. Die
+Emanzipationsbestrebungen der Römerinnen aber waren keineswegs identisch
+mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie
+entsprangen weder der Not, noch dem Bildungsdrang, noch dem
+Pflichtgefühl gegenüber Staat und Gesellschaft; sie beschränkten sich
+auf den kleinen Kreis der herrschenden, bürgerlichen Klasse, die niemals
+eine Trägerin großer Reformen und einschneidender Umwälzungen gewesen
+ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im modernen Sinn konnte es nicht
+geben. Dazu waren die römischen Bürgerinnen durch den großen Reichtum
+moralisch zu schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der
+Sklavinnen durch die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und
+vertiert geworden. Wir finden in der römischen Geschichte nirgends eine
+Spur von dem Kampf der Frauen um höhere Bildung oder politische Rechte,
+sie verlangten nur über ihr Vermögen frei verfügen zu können, um in
+ihrem Genußleben unbeschränkt zu sein.
+
+Von der altrömischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden. Noch stand
+auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die Gattinnen
+hochgestellter römischer Bürger gaben das Beispiel, wie man sich ihr
+entziehen könne; sie ließen sich in die Listen der Prostituierten
+eintragen, die straflos ihrem Gewerbe nachgehen konnten.[47]
+
+Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit überhand; die Männer
+scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen Hausstandes und zogen ein
+freies Lotterleben vor, das die Denker und Dichter ihnen sogar
+empfahlen.[48] Selbst einer der besten Männer des damaligen Rom, der
+Censor Metellus Macedonicus, der den Bürgern die Pflicht zu heiraten
+nachdrücklich einschärfte, erklärte sie für eine schwere Last, die der
+Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen müsse,[49] damit der Staat
+nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon früh als eine
+der ersten Bürgerpflichten hervorhob,--durch eine zahlreiche
+Nachkommenschaft dem Vaterland zu nutzen,--das hat die römische erst
+spät in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn für den Römer war die
+Bezeichnung Kinderzeuger--proletarius--lange Zeit ein Ehrenname gewesen;
+erst mit dem Niedergang der Republik war er zu einem Schimpfnamen
+geworden. Von den Frauen wurde das Gebären als eine sehr unangenehme
+Beeinträchtigung ihrer Schönheit und ihrer Vergnügungslust empfunden.
+Die Männer wünschten sich so wenig Kinder als möglich, damit ihr
+angehäufter Reichtum nicht zersplittert würde. Infolgedessen drohte die
+Kinderlosigkeit verhängnisvoll zu werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe
+schaffen. Während Cäsars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach
+denen Unverheiratete keine Legate annehmen und die Väter vieler Kinder
+bedeutende Privilegien genießen sollten.[50] Aber der beabsichtigte
+Segen dieser Gesetze wurde in den Händen der entarteten Bürgerschaft in
+sein Gegenteil verkehrt. Es wurden Ehen geschlossen, nur um der Legate
+nicht verlustig zu gehen; viele Männer wurden zu Kupplern an ihren
+eigenen Frauen, um an den Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen.
+
+Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die ein
+Leben äußerlicher Genußsucht nicht befriedigen konnte, versuchten durch
+Hinterthüren in die für sie verschlossenen heiligen Hallen der Politik
+einzudringen, oder sie benutzten das einzige öffentliche Recht, das sie
+besaßen--das vor Gericht zu plaidieren--, um ihrem leeren Leben dadurch
+Inhalt zu geben. Vielleicht, daß es unter ihnen Frauen gab, die durch
+ihre Freimütigkeit den Zorn der männlichen Herrscher erregten,
+vielleicht, daß sie für eine gute Sache eintraten und große Herren in
+ihrem Ansehen schädigten,--wir wissen nichts Genaueres darüber, aber wir
+können annehmen, daß selbst für die ungerechtesten Gesetzgeber kein
+einzelnes Vorkommnis, wie das von dem Valerius Maximus erzählt, die
+Ursache sein konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich
+abzuerkennen. Der römische Historiker berichtet nämlich,[51] daß die
+Gattin des Senators Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie später
+nannte, mit Leidenschaft Prozesse führte und stets ihr eigener Anwalt
+war. Dabei soll sie sich so skandalös benommen haben, daß der Prätor
+sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor Gericht erließ, weil
+sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht zukommenden schamhaften
+Zurückhaltung" in anderer Leute Angelegenheiten gemengt und männliche
+Tugenden ausgeübt hätten.[52] Die spätere Justinianische Gesetzgebung
+setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie erklärte:[53] "Frauen
+sind von allen Aemtern, bürgerlichen wie öffentlichen, ausgeschlossen,
+können daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch können sie
+klagen oder für andere als Beistände oder als Sachwalter vor Gericht
+auftreten." Die Begründung für dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein
+angenommen, daß Frauen und Sklaven öffentliche Aemter nicht auszufüllen
+vermögen."[54] Durch den Vellejanischen Senatsschluß wurden sie
+schließlich auch in privater Beziehung völlig rechtlos, da sie für
+unfähig erklärt wurden, Bürgschaften irgend welcher Art zu
+übernehmen.[55]
+
+Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist das
+dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen hatte. Kaum
+ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter, die sonst die
+Frauen immer zu preisen pflegen, überhäuften ihre Zeitgenossinnen mit
+Hohn und Spott, oder besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen
+keine die geistige Höhe griechischer Hetären erreicht hatte. Nur
+vereinzelt und beinahe schüchtern versuchten einige Schriftsteller der
+allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht, wie
+man infolge einer mißverständlichen Auffassung des Textes oft meint, für
+die Abschaffung der Vormundschaft der Frauen, sondern vielmehr dafür
+aus, daß jene Art Sittenpolizei, die über die Aufführung und den Luxus
+der Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom eingeführt
+werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein, der die Männer lehre,
+ihre Weiber gehörig zu leiten".[56]
+
+Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen Biographieen seine
+Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu, daß die Römerin im Gegensatz
+zur Griechin an Gastmählern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie
+jene im Frauenhaus eingesperrt sei.[57] Wichtiger, als diese kurzen
+Bemerkungen, die nur deshalb erwähnenswert sind, weil ihre Bedeutung
+leicht überschätzt und Cicero zuweilen als Vorkämpfer der
+Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die Schrift Plutarchs über die
+Tugenden der Weiber. Er erzählt darin von einer ganzen Anzahl edler und
+heldenmütiger Frauen und erklärt in der Einleitung, durch diese
+historische Beweisführung den Satz bewahrheiten zu wollen, daß die
+Tugend des Mannes und die des Weibes gleich sei.[58] Aber auch er ist
+weit entfernt davon, den Schluß auf die Notwendigkeit gleicher Rechte
+daraus zu ziehen.
+
+Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vorkämpfern" der Sache der Frauen
+ging einem anderen, geistig und moralisch höher stehenden römischen
+Schriftsteller--Tacitus--die Not seiner Zeit, die unwürdige Stellung
+seiner weiblichen Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie
+suchte er dagegen anzukämpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein
+schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es hauptsächlich
+geschrieben, damit Rom an dieser schlichten Reinheit seine eigene
+Verworfenheit erkennen möge. Er glaubte an die Wirkung des guten
+Beispiels mehr als an die wohlgemeinter Predigten und zog dabei nicht in
+Betracht, daß gute Sitten sich nicht durch den guten Willen verpflanzen
+lassen, sondern von selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur
+hervorwachsen müssen.
+
+In allen Völkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am nächsten
+steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich, frei und unfrei
+noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine verhältnismäßig
+günstige, weil die für die ganze Familie notwendig auszuführende Arbeit
+allein in ihren Händen ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter
+eine gleiche ist, und die uralte göttliche Verehrung der Mutterschaft
+ihren Glorienschein noch auf das Weib zurückwirft. Die germanische Frau
+erschien Tacitus in ihrer Keuschheit, ihrem Fleiß, ihrer Einfachheit als
+das gerade Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen
+Römerin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit Peitschenhieben
+vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann; "verführen und verführt werden
+nennt man nicht Zeitgeist, und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo
+gute Gesetze."[59] Die Mühseligkeiten mondelanger Wanderungen mit
+Kindern und Hausgerät, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die
+Weiber mit den Männern. Das Klima ihrer Heimat und die Strapazen ihres
+Lebens hatten sie widerstandsfähiger und kräftiger werden lassen als
+andere ihres Geschlechts. Trotz alledem war die Germanin nicht der Typus
+der glücklichen, freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus
+auf den ersten flüchtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur des
+Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes, lag
+allein in ihren Händen, während der Mann im Frieden auf der Bärenhaut
+lag. Sie mußte den Pflug führen und auf schweren Handmühlen das Getreide
+mahlen, sie mußte die Hütte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen und
+weben; sie blieb auch dann noch überlastet, als nach den großen
+Wanderungen auch die Männer Ackerbauer geworden waren, denn das Gebiet
+ihrer Thätigkeit umspannte, außer der häuslichen Wirtschaft, die
+Viehzucht, die Schafschur, die Flachsbereitung und nicht zum mindesten
+die aufmerksame Bedienung des Mannes.[60]
+
+In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die Stellung der
+Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer Geschlechtsfunktionen und der
+notwendig daraus folgenden Beschränkungen war sie dem Manne
+untergeordnet; Religion, Recht und Sitte heiligten und befestigten
+diesen Zustand. Die wirtschaftlichen Verhältnisse trieben sie noch nicht
+in den offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war
+nicht die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es
+gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst mußte
+die Frauenfrage in ihrer ganzen Schärfe formuliert werden, ehe eine
+Bewegung sich ihre Lösung zum Ziel setzen konnte. Nur leise Spuren von
+ihr haben wir in Griechenland und Rom verfolgen können. Mit dem
+Zusammenbruch der antiken Gesellschaft und dem allmählichen Auftauchen
+neuer Lebens- und Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis
+sie auf jenen Höhepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen überall
+sichtbar werden sollte.
+
+
+
+
+2. Das Christentum und die Frauen.
+
+
+Während Rom auf der Höhe seiner äußeren Macht zu stehen schien, im
+Innern aber von der schleichenden Krankheit der allgemeinen Korruption
+so zerfressen wurde, daß sein Zusammensturz nahe bevorstand, war über
+Bethlehem, mitten unter dem geknechteten, geschmähten Judenvolk jener
+Stern aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft
+auferstehen sollte.
+
+Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der Entstehung des
+Christentums mit den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen der
+Zeit, in der es sich ausbreitete, näher zu erörtern. Es mußte über den
+Kreis des armen Volks, dem sein Gründer angehörte, schnell
+hinauswachsen, weil der Boden im römischen Reich überall dafür
+vorbereitet war. Den Philosophen waren seine Gedanken zum Teil schon
+vertraut; von dem Nebenmenschen als dem Bruder hatte schon Plato
+gesprochen; die Stoiker lehrten die Verachtung irdischer Güter und waren
+die ersten gewesen, die erklärten, daß der Mensch auch gegen seine
+Sklaven moralische Verpflichtungen zu erfüllen habe. Und der Mühseligen
+und Beladenen gab es mehr als genug; für sie alle war das Christentum
+der Rettungsanker, der sie über ihr eigenes Elend hinaushob, der
+Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht leuchtete. Es war nicht jene vage
+Hoffnung der späteren Christen, die von der ewigen Seligkeit die
+Entschädigung für ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der
+sichere Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und
+an die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches. Unter all den Armen und
+Elenden, die ihm zuströmten, kamen auch jene gequältesten aller Menschen
+in Scharen, die Frauen. Ihnen brachte das Christentum neben dem Trost
+und der Hoffnung, die es allen Unterdrückten brachte, noch etwas ganz
+Besonderes: Die Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches
+Wesen, als "Kind Gottes".
+
+Sowohl die orthodoxen Anhänger des Christentums als seine fanatischen
+Verächter sind, soweit sie für die Frauenemanzipation eintreten, anderer
+Ansicht. Die einen behaupten, indem sie das Wort des Apostels Paulus:
+"Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier,
+hier ist kein Mann noch Weib;"[61] aus dem Zusammenhang herausreißen,
+daß das Christentum sich darin für die volle Gleichberechtigung der
+Frauen ausspricht; die anderen stützen sich auf jenen Satz desselben
+Apostels: "Das Weib schweige in der Gemeine,"[62] wenn sie erklären, das
+Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit,
+sondern nur noch vollständiger geknechtet.
+
+Das ursprüngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen gleich weit
+entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist ihm ebenso fremd,
+wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war. Dagegen hatten Leid,
+Not und Unterdrückung die männlichen und weiblichen Lasttiere der
+Gesellschaft so aneinander gekettet, daß die neue Religion beiden
+denselben Trost, dieselbe Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mußte.
+Wenn der Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so fügt er
+gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und schickt
+voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo
+Jesu".[63] Nur vor Gott also, nicht vor dem Staat, sind Herren und
+Sklaven, Männer und Frauen gleich. Aber auch die Verachtung des Weibes
+ist keine ursprüngliche Lehre des Christentums. Wenn als eine natürliche
+Reaktion gegen die furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener
+Zeit die Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig
+und eines Christen würdig gepriesen wurde, so wurde die keusche Jungfrau
+stets dem keuschen Jüngling gleich gestellt.[64] Nicht der Mann wurde
+vor der Berührung des Weibes, als des bösen Prinzips, gewarnt, sondern
+beiden wurde der ledige Stand als der gottgefälligere anempfohlen.[65]
+
+Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes für ein
+todeswürdiges Verbrechen, während der ehebrecherische Mann zumeist
+straflos ausging. Christus stellte das sündige Weib dem sündigen Manne
+gleich, indem er sagte: "wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den
+ersten Stein auf sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.[66] Er
+forderte von beiden die eheliche Treue,[67] seine Jünger verlangten vom
+Mann, daß er sein Weib liebe, wie sie ihn,[68] und die Ausgießung des
+heiligen Geistes erfolgte ausdrücklich über "Söhne und Töchter".[69] In
+dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die
+Bedeutung des Christentums für das weibliche Geschlecht. Weiter aber
+reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie sich auf das Weib
+beziehen, erheben sich nicht über die bekannten religiösen und
+weltlichen Gesetze der morgen- und abendländischen Völker. Das Weib muß
+dem Manne gehorchen, ihm unterthan,[70] schweigsam und häuslich
+sein,[71] es darf weder lernen noch lehren[72] und soll selig werden
+durch Kinderzeugen.[73] Das alles bedeutet keinen Fortschritt in Bezug
+auf die Auffassung von der Stellung des weiblichen Geschlechts, aber es
+bedeutet ebensowenig eine verschärfte Knechtung.
+
+Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und Verfolgten zur
+Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner Hauptträger eine den
+neuen Verhältnissen entsprechende Umwandlung. Die Kirchenväter und die
+Gesetzgeber des kanonischen Rechts nutzten Aussprüche Christi und der
+Apostel insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche
+förderlich sein konnten, und ließen andere außer acht, die diesem Zweck
+nicht dienstbar zu machen waren. Während Paulus seine Predigt von der
+größeren Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter
+richtet, sondern sie ausdrücklich damit einleitet, daß er sagt, er teile
+nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des Herrn mit,[74] klammerten
+sich asketische Eiferer an Sätze wie: "Es ist dem Menschen gut, daß er
+kein Weib berühre",[75] und "Adam ward nicht verführet; das Weib aber
+ward verführet und hat die Uebertretung eingeführet"[76] und verdammten
+die Ehe als ein Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang
+verschaffte.[77] Das kanonische Recht erhob die Auslegungen der
+apostolischen Lehren durch die Kirchenväter zum Gesetz, indem es unter
+anderem verfügte: "die Frau ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen.
+Adam ist durch Eva verführt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist
+daher recht, daß der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur Sünde
+reizte, auf daß er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt, daß die Frau
+dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin sei."[78]
+
+Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die römische
+Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem Rechtsbewußtsein
+der Germanen gegenübertritt, und zwar ist eine einzige Thatsache
+ausreichend, um den Gegensatz beider zu kennzeichnen: die Germanen
+verlangten für ein verletztes Weib ein höheres Wehrgeld als für einen
+verletzten Mann, weil sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die
+Schwache und Wehrlose zu verwunden für besonders schmachvoll galt; vom
+Mörder einer Frau forderten sie ein zweimal höheres Wehrgeld, als vom
+Mörder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das durch die
+römische Kirche einem germanischen Volke gegeben wurde--dem Fuero juzgo
+der Wisigoten--und das in Bezug auf die Ansichten des Klerus von den
+Rechten der Frau typisch ist, galt des Weibes Leben nur halb so viel als
+das des Mannes, denn ihrem Mörder wurde nur die halbe Buße
+auferlegt.[79]
+
+In einer Beziehung nur machte die römische Kirche den heidnischen
+Germanen und ihrer Verehrung des mütterlichen Prinzips in der Natur eine
+Konzession, um sie dadurch leichter unter Kreuz und Krummstab zwingen zu
+können: sie erhob die Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels.
+Dem ursprünglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern gelegen;
+die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast vollständig,
+Christus selbst weist sie hart zurück, als sie wagt, ihm einmal einen
+mütterlichen Rat zu geben. Ihre Gestalt, wie sie der Katholizismus heute
+kennt, und die Verehrung, die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als
+eine Reminiszenz an den heidnischen Götterdienst. Die Kirche verstand
+es, die heidnischen Feste durch christliche, die Götter durch Heilige zu
+ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter Gottes"
+vertraut zu machen. Daß der Madonnenkultus ein dem Baum der Kirche
+künstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon daraus hervor, daß trotz
+der Verehrung der himmlischen Jungfrau die Missachtung des weiblichen
+Geschlechts sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte.
+
+Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der Flucht vor
+dem Weibe. Auf dem Konzil zu Mâcon entschied sich die Majorität dafür,
+dem Klerus zu befehlen, die Frauen zu fliehen. Das Konzil zu Metz
+verschärfte diesen Befehl, indem es den Priestern sogar den Umgang mit
+Mutter und Schwester verbot. Während sich in der ersten Zeit des
+Christentums nur die Mönche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten,
+wurde es nun für den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des
+Cölibats einer großen Zahl von Männern--meist der geistig
+hervorragendsten ihrer Zeit--waren von weittragender Bedeutung. Wohl hat
+sich die Kirche in ihnen eine Armee hingebender Kämpfer geschaffen, die
+durch keinerlei Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegenüber
+abgelenkt wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der
+Keuschheit, durch die erzwungene Abtötung der geschlechtlichen Triebe im
+Dienste einer höheren Sittlichkeit zu handeln, so hatte sie nur mit
+abstrakten Theorieen, nicht aber mit der lebendigen Natur gerechnet. Sie
+erreichte nicht nur das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, denn neben
+dem außerehelichen Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der
+Prostitution wuchsen besonders in den Klöstern die widernatürlichen
+Laster empor, sie fügte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen
+Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das weibliche
+Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte die
+natürlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und suchte sie
+als etwas, dessen sich der Mensch schämen müsse, zu verhüllen; die Ehe
+war für sie in erster Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die
+Geschlechtsliebe in der Ehe galt für sündhaft oder besten Falls für
+einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner
+Gottentfremdung bringen müsse.[80] Die äußere Heiligung der Ehe durch
+ihre Erhebung zum Sakrament und die Erklärung ihrer Unauflöslichkeit hat
+die innere Zerstörung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu
+einander durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht.
+Heuchelei, Prüderie, Unterdrückung der besten Gefühle durch eine falsche
+Moralität sind die Folgen davon und ein großer Teil der psychologischen
+und sittlichen Seite der Frauenfrage ist auf die durch die römische
+Kirche dem Volksbewußtsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe
+zurückzuführen.
+
+Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der Frauenfrage
+durch die Kirche beeinflußt: der wachsenden Zahl der ehelosen
+Geistlichen und Mönche stand eine gleiche Zahl alleinstehender Frauen
+gegenüber. Die Gründung der Nonnenklöster war eine notwendige Folge
+davon. In Massen strömten die Frauen in ihre schützenden Mauern. Es
+blieb ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und
+wenn auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die
+Zahl derer immer größer, die sich vor den Unbilden des rauhen Lebens
+draußen in der Welt nach einer Stätte friedlicher Arbeit und geistiger
+Vertiefung sehnten. In den Klöstern wurde den Frauen eine im Vergleich
+zur allgemeinen Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil.
+Sie lernten die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der
+Wissenschaften und manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von
+Päpsten und Königen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die
+Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert neben
+Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und zoologischer Werke
+schrieb.[81] Auf derselben Stufe der Bildung stand die vielbewunderte
+"nordische Seherin" Brigitta von Schweden[82] und Hrotswith, die
+lateinische Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen
+beschäftigten sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von
+Initialen und Miniaturen, während andere als Lehrerinnen in den
+Mädchenschulen ihrer Klöster, als Krankenpflegerinnen, Stickerinnen,
+Weberinnen und Wäscherinnen thätig waren. So lösten die Klöster zum Teil
+die mittelalterliche Frauenfrage, indem sie nicht nur der großen Menge
+alleinstehender Frauen eine Zuflucht gewährten, sondern sie auch geistig
+auf eine höhere Stufe erhoben und ihnen selbständige Berufe eröffneten.
+Freilich darf nicht vergessen werden, daß ihre Bedeutung für die Hebung
+des weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend blieb,
+denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr sittlicher
+Verfall. Die bedenklichen, sich immer häufiger wiederholenden
+Gründungen von Doppelklöstern,--Mönchs- und Nonnenklöster dicht
+nebeneinander,--gaben mit den Anlaß dazu. Die Natur ließ ihrer nicht
+spotten; sie siegte über einen asketischen Fanatismus, der die
+unfruchtbaren "Gottesbräute" heilig sprach und die Mütter vor ihnen
+erniedrigte. Aus Orten der Gelehrsamkeit und des Fleißes wurden die
+Klöster Orte des geistigen Stumpfsinns und der Trägheit, aus Stätten
+frommer Andacht und reiner Sitte, Stätten lüsterner Freuden und wilder
+Unzucht. Die Reformation fegte sie fort, und es ist nicht zu verwundern,
+daß die Reformatoren in ihrem blinden Eifer vergaßen, den Weizen von der
+Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen Geschlecht um so
+mehr, als es in den Stürmen des dreißigjährigen Krieges und dem
+allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtsstätten dringend nötig
+hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr denn je in die Arme
+getrieben wurde.
+
+Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war nicht
+geeignet, es aus seiner gedrückten physischen und moralischen Lage zu
+befreien. In schroffem Gegensatz zu der katholischen Predigt von der
+Kreuzigung des Fleisches und der Verherrlichung des Cölibats hielten sie
+das eheliche Leben für das eines Christen allein würdige,[83] aber nicht
+als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdrücklich als ein
+"weltlich Geschäft", eine Vereinigung von Mann und Weib zur Befriedigung
+natürlicher Bedürfnisse. Luther ging soweit, zu erklären, daß der Mann
+das Recht habe mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu
+verstoßen, wenn es ihm nicht zu Willen sei[84] und er gestattete sogar
+dem Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu
+schließen, weil er eine Doppelehe für sittlicher hielt, als eine
+Mätressenwirtschaft und von der Unterdrückung sinnlicher Leidenschaft
+nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau ausschließlich für den Mann
+geschaffen; um Haushaltung und Kinderwartung allein hatte sie sich zu
+kümmern,[85] eine Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen
+Kirche bis in die Neuzeit hinein erhalten hat.[86] Dem, übrigens
+sagenhaften Streit der katholischen Priester zu Mâcon, ob die Frau eine
+Seele habe, können die einundfünfzig Thesen der Wittenberger
+Protestanten, welche beweisen sollten, daß die Weiber keine Menschen
+seien, würdig zur Seite gestellt werden.
+
+Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier
+entgegenkamen, für das sie glaubensmutig den Märtyrertod starben, hat
+ihre Hoffnungen nicht erfüllt. Mehr noch als aus den direkten
+Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese Thatsache aus der
+allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in rechtlicher,
+wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung während der geschichtlichen
+Entwicklung der früheren Jahrhunderte hervor.
+
+Das germanische Recht, dem das Gefühl der Hochachtung für die Frau und
+Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr jenem Rechte Platz, das dem
+heidnischen und dem christlichen Rom zusammen seinen Ursprung verdankte,
+und daher für das weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie
+es im allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und
+Unverletzlichkeit des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese
+Tendenz besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes
+unumschränktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte seine Tochter
+vermählen, mit wem er wollte; der Vormund hatte volles Verfügungsrecht
+über sein Mündel. Der Mann konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13.
+Jahrhundert herein war es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu
+verkaufen.[87] Seine Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes
+Stück seines Vermögens; und charakteristisch für die Rechtsanschauung
+der Zeit war es, daß nur die Frau die Ehe brechen konnte,[88] denn sie
+beging dadurch ein Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er
+unbeschränkt in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben,
+niemand nahm Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegenüber befand
+sich die Frau, sofern es männlichen Geschlechts war, in untergeordneter
+Stellung. Nur während der ersten Kindheit hatte die Mutter rechtliche
+Gewalt über den Sohn. Mit dem siebenten Jahre schon war er ihr
+entwachsen[89] und konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht
+mehr am Leben war, selbst für mündig erklären und der Vormund der
+eigenen Mutter werden.
+
+Wie in der Familie, so war die Frau natürlich auch sonst überall
+rechtlos. Sie konnte keinerlei Geschäfte selbständig abschließen; es war
+genau vorgeschrieben, für welche Summe die Hausfrau, ohne die
+Einwilligung des Hausherrn einzuholen, Einkäufe machen durfte. Nach
+päpstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da ihr Zeugnis
+stets für unzuverlässig galt.[90] Wo das Landesrecht es ihr gestattete,
+wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur die Aussage zweier Frauen die
+Beweiskraft der eines Mannes.[91]
+
+Hinter all diesen Vorschriften standen die höchsten Autoritäten:
+Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit, Unterwürfigkeit,
+Selbstlosigkeit--das waren die Tugenden, die den Frauen von früh an
+gepriesen wurden und die sie mit allen Unfreien gemeinsam hatten. Die
+Gleichwertigkeit aller Menschen,--der Herren und Knechte, der Männer und
+Weiber,--war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum wieder
+verschwunden war.
+
+
+
+
+3. Die wirtschaftliche Lage der Frauen.
+
+
+Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, daß das
+Fortschreiten der Menschheit zu höherer Kultur von sittlichen Ideen und
+moralischen Reformen in erster Linie abhängig sei, so schwer ins Gewicht
+fallen, als die Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des
+Christentums. Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Gläubiger
+beschränkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Höhe, je mehr sie sich
+jedoch ausbreiteten, desto mehr mußten sie sich den äußeren
+Verhältnissen anbequemen, desto mehr sahen sie sich, wenn sie nicht ganz
+untergehen wollten, gezwungen, ihnen ein Ideal nach dem anderen zu
+opfern. So hatten auch die Grundforderungen des Urchristentums der
+wirtschaftlichen Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand
+unfreier, gehorsamer, demütiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen
+müssen.
+
+Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wäldern ein
+wirtschaftliches Zentrum für sich, in dem aller Bedarf der Einwohner von
+ihnen selbst geschaffen werden mußte. Der Herr des Landes war zugleich
+ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre Arbeitskraft, dem ihr Leben
+selbst gehörte. "Er ist mein eigen, ich mag ihn sieden oder braten",
+lautet ein altes Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenüber
+gebrauchte. Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13.
+Jahrhunderts die Lage der Hörigen, indem er sagt: "Diese können nichts
+erwerben, es sei denn für ihre Herren; sie wissen am Abend nicht, welche
+Dienste ihrer am Morgen warten; sie können von ihren Herren geschlagen,
+gestoßen, gefangen werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren,
+und wenn sie im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus
+Gnade, ohne Sicherheit, von einem Tage zum anderen."[92] Die Hörigkeit
+war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr gegenüber kaum
+nennenswerte rechtliche und sittliche Fortschritte auf, sodaß ein hoher
+Grad von Selbstbetrug dazu gehört, wenn die christliche Kirche
+behauptet, sie habe die Sklaverei abgeschafft, und sei thatsächlich,
+ihrem Ursprung getreu, ein Hort der Armen und Unterdrückten geworden.
+Ihre Organe, die Priester und Aebte, übten dieselben Herrenrechte aus,
+wie die Fürsten und weltlichen Machthaber. Das Los der Hörigen der
+Klöster war kein besseres, als das derer, die im Dienste der Ritter
+standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, gekauft werden konnten, und es
+für ihre Herren bei der Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig
+war, eine genügende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu züchten,
+wie das vierfüßige Eigentum. Die Klöster, deren Macht auf ihrem Reichtum
+beruhte, hatten strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren
+Hörigen. Klöster desselben Ordens pflegten sie untereinander
+auszutauschen, um eine gleichmäßige Verteilung der Geschlechter
+herbeizuführen und, durch Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen
+kräftigen Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat
+einer hörigen Frau mit dem Hörigen eines anderen Herrn zu verbieten,[93]
+oder sie nur dann zu gestatten, wenn statt der ihm verloren gehenden
+Arbeitskraft eine andere geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich
+daraus eine bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter
+den Karolingern konnte der Herr die hörige Frau, falls ihm nichts
+gezahlt und kein Ersatz für sie gestellt worden war, gewaltsam ihrem
+Gatten entreißen,[94] was meist dann geschah, wenn sie mehrere Kinder
+geboren hatte, die er zur Hälfte mit der Mutter in seine Dienstbarkeit
+zwingen durfte. Die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe wurde nur
+insoweit anerkannt, als die Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei
+Schaden litt.
+
+Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschätzt, denn die
+schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. Die geistlichen
+und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, Höfen und Klöstern
+ausgedehnte Werkstätten, in denen oft bis zu 300 hörige Frauen mit
+Spinnen und Weben, Nähen und Sticken beschäftigt wurden.[95] Den
+Stoff gaben nicht nur die Schafschuren und Flachsernten der
+Herrengüter,--Arbeiten, die wieder von Frauen verrichtet
+wurden,--sondern auch die Abgaben und Lieferungen der Unfreien und
+Zinsleute.[96] Wie die moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hörige
+zum Frauengemach.[97] Ihre Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis
+Sonnenuntergang, erst im späteren Mittelalter wurde das Arbeiten bei
+künstlicher Beleuchtung üblich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist
+unzureichende Beköstigung,[98] und, wo diese fortfiel, vier Pfennig
+täglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die zuweilen die Herrin
+selbst war, stand den Arbeiten vor; Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen
+für die Stickereien an, die überall, auf Männer-und Frauenkleidern,
+Wäsche, Wand- und Möbelbezügen angebracht wurden und oft sehr kunstvoll
+waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch geschätzt wie die
+Wirkerinnen seidener Bänder zum Besatz der Gewänder oder zum Schmuck des
+Zaumzeugs. Da nicht nur für den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern
+stets ein Vorrat von Kleidern und Wäsche zum Geschenk an die Gäste oder
+zur Ausstattung des großen Gefolges bei Turnieren und Festlichkeiten
+vorhanden sein mußte, so war die Arbeit eine ununterbrochene und der
+Arbeitskräfte gab es nie zu wenig. Auch die Herrinnen und ihre Töchter
+hatten vollauf zu thun. Wie Weib und Weben schon in einer gewissen
+sprachlichen Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben
+ausdrücklich für eine der höchsten Tugenden der Frauen. "Sie war fromm
+und spann", heißt es häufig auf alten Grabsteinen oder in
+Geschlechtsurkunden. "Die Männer sollen streiten, die Frauen sollen
+spinnen", mahnte der christliche Volksredner Berthold von Regensburg.
+Auch ist diese Frauenthätigkeit trotz ihrer unbeschränkten Ausnutzung
+gewiß nicht die schlimmste gewesen. Weit härter war die Landarbeit, die
+die hörigen Frauen zu verrichten hatten und zwar nicht nur für den
+Gebieter, sondern auch für den eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten.
+Es ist mehr als eine Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte
+Englands erzählt, daß ein Landmann, der einen Ochsen verloren hatte,
+wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu haben.
+
+Auch der Hausdienst der hörigen Frauen in den Höfen und Burgen war,
+infolge der primitiven Hilfsmittel, außerordentlich schwer. Da sie Tag
+und Nacht auf dem Posten und ihren Gebietern zur Verfügung stehen
+mußten, so wohnten die für diesen Dienst bestimmten Mägde im Burgfrieden
+selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem neben der Werkstätte
+befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo sie aber nur schliefen, da
+jede Stunde des Tages ihre Kräfte in Anspruch nahm. Vor der Erfindung
+der Wassermühlen mußte das Korn von den Mägden mit der Hand gemahlen,
+der Mühlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mächtigen Holzscheiten
+wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im Hof, oder aus der
+Quelle im Thal wurden die Wassereimer heraufgeschleppt. Neben der
+Reinigung von Stuben und Küchen, wurde auch der Stall und der Garten
+allein von Frauen besorgt.[99] Die Bedienung der Herrin, die Wartung der
+Kinder, das Kochen und Auftragen der Speisen und Getränke gehörte
+selbstverständlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung der Männer
+gehörte dazu. Die Mägde halfen dem Herrn wie jedem Gast beim An- und
+Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht nur das Bad, sie reichten ihm auch
+die Linnentücher und trockneten ihm die Glieder.[100] Wünschte er es, so
+mußten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft leisten--eine
+Sitte, die im späteren Mittelalter so ausartete, daß es eine Forderung
+der Gastfreundschaft war, eine Magd dem Gaste während seines Aufenthalts
+zur freien Verfügung zu stellen.[101] So wurde die Einrichtung der
+Frauenhäuser frühzeitig ein Herd der Prostitution, ein Harem der Ritter
+und Fürsten,[102] und das berüchtigte jus primae noctis, dessen
+Vorhandensein so vielfach angezweifelt wird, war überall in Kraft, wenn
+es auch vielleicht als geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat.
+
+Arbeits- oder Lustsklavin--das war das Los der armen und unfreien
+Frauen. Mit der durch Fehden, Bürgerzwiste und unaufhörliche Kriege
+wachsenden Verelendung des Volkes, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen
+Niedergang wuchs die Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange
+familienlose Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die
+Laster des Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu
+bei. Den europäischen Söldnerheeren folgten Scharen von Dirnen, deren
+Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die männliche Bevölkerung von
+den zügellosen Horden niedergemacht, die weibliche geschändet,
+und--soweit sie jung war--mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewändern,
+hoch zu Roß, oder in Wagen und Sänften, zogen die Konkubinen der
+geistlichen und weltlichen Herren mit zu den Reichstagen, den Konzilen
+und ins Feld. So folgten dem Heere des Herzogs von Alba nach den
+Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 zu Fuße nach.[103] An den
+Höfen von Frankreich und England waren vornehme Herren als Marschälle
+über die Dirnen gesetzt. Im Felde führten besondere Amtmänner, die
+Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross eine
+legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl
+"fahrender Fräulein" durch bittere Not und harte Gewalt hineingetrieben
+worden sein; viele unter ihnen aber, das ist zweifellos, zogen den
+Landsknechten nach, weil sie in heißer Liebe und selbstloser Aufopferung
+alles Elend und alle Gefahren mit dem Geliebten teilen wollten. So
+unflätig und roh die Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren
+klingen mögen, wir werden uns dem gefühlswarmen Ton echter Hingebung
+nicht verschließen können, der den Grundakkord bildet, sobald der Sänger
+von seinem tapferen Liebchen erzählt. Um so höher ist diese Tapferkeit
+einzuschätzen, als alles fahrende Volk, die Frauen insbesondere,
+vogelfrei, ehr- und rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und
+getötet werden--für sie gab es keine Gerechtigkeit.
+
+Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen Abwesenheiten der
+Hausherrn aus mehr als einem Grunde zerstörend: Nur zu häufig suchten
+die verlassenen Frauen, wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben
+führen wollten, bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesängern Trost,
+und die Männer lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von steifer
+Konvenienz und falscher Prüderei nichts weiß, die ganz Hingebung und
+Aufopferung ist, und sie erfuhren, daß das Weib nicht nur zwischen den
+wohlbehüteten friedlichen vier Pfählen des eigenen Heims eine sorgsame
+Hausfrau sein kann, sondern daß sie als froher, bedürfnisloser
+Zeltgenoß, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens enthüllt, die er sonst
+kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, und deren Wert unschätzbar
+ist. Während die Kirche durch ihre übersinnliche Auffassung von der Ehe
+erstickenden Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die
+Ausbreitung der mittelalterlichen freien Liebe wie glühender Sonnenbrand
+auf eine nur an Schatten gewöhnte Pflanze. Der Ursprung dieser
+tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und sittlichen
+Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurück. Daß die für unheilig
+erklärte, aus der Ehe herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher
+und zügelloser und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem
+Schönen und Großen, der Ausgang furchtbarer Laster und Verirrungen
+wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen
+Zuständen des Mittelalters nicht zu verwundern.
+
+Mit dem Aufblühen der Städte, dem verhältnismäßigen Wohlstand und
+ruhigen, gesicherten Leben ihrer Bürger schienen im Schutze ihrer Mauern
+die sittlichen Zustände reinere zu werden. Aber die tiefgreifende
+Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an Stelle der hörigen
+Arbeiterin nach und nach den freien Handwerker treten, die Arbeiten der
+Hausfrau und ihrer Mägde durch die verschiedenartigsten Gewerbe
+übernehmen ließ, machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen überflüssig,
+sie selbst brot- und obdachlos, und führte sie dem Laster in die Arme.
+Die ehrsamen Bürger, vor deren Augen die Prostitution sich mehr und mehr
+breit machte, wußten diesem Uebelstand nicht anders zu begegnen, als
+indem sie sogenannte Töchterhäuser oder Jungfrauenhöfe, die Nachfolger
+der antiken Lupanare und Vorläufer der modernen Bordelle errichteten.
+Sie verbargen dadurch nicht nur den ärgerniserregenden Anblick der
+Dirnen, sie schufen sich auch einen geordneten, gesetzlich
+sanktionierten Zugang zu ihnen, und halfen mit ihrer Schande den
+Stadtsäckel füllen.[104] Der Magistrat verpachtete nämlich die Häuser an
+Wirte und Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten mußten, "der Stadt
+treu und hold zu sein und Frauen zu werben".[105] Vornehme Gäste wurden
+vom Magistrat selbst in die offenen Häuser geführt, oder von den
+schönsten, festlich geschmückten oder ganz entkleideten Dirnen
+empfangen. Jetzt erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch
+äußerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich gemacht wurde,
+jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als "fahrendes Fräulein"
+doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich durch reine Liebe über sich
+selbst zu erheben, das unauslöschliche Brandmal der Schande.
+
+Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem
+weiblichen Teil der städtischen Bevölkerung zunächst außerordentlich
+erschwert, denn das zünftige Handwerk monopolisierte die Arbeit und
+schloß die Frauen aus seinen Verbindungen überall aus. Trotzdem ergab es
+sich von selbst, daß der Handwerker Frau und Töchter, deren Arbeitskraft
+nicht mehr, wie früher, vom Haushalt allein in Anspruch genommen wurde,
+zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und schließlich auch die Mägde daran
+teilnehmen ließ. Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon
+von Sohn oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der
+Mainzer Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrücklich, Frau,
+Kinder und Magd zum Nähen zu verwenden, auch im Nürnberger Stadtrecht
+ist von "Knaben oder Mägdelein" als Erlerner eines Handwerks oder einer
+Kunst die Rede, und eine Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts über
+die Aufnahme der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die
+Mitarbeit der Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur
+gleichberechtigten selbständigen Ausübung des Handwerks betrachtet,
+denn zunächst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die Zünfte noch
+verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell zunahm, die sich ihre
+Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu Nutze machten, das Handwerk
+selbständig betrieben und durch Unterbieten der üblichen Preise eine
+gefährliche Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die
+Handwerker auch den Frauen gegenüber den Zunftzwang auszuüben. So zwang
+der Rat von Soest im Jahre 1317 die Näherinnen, der Zunft beizutreten.
+Wenige Jahre später verfügte der Straßburger Rat infolge der Klagen der
+Wollenweber über die außerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, daß die
+Weberinnen ihr beitreten müßten, und auch die in großer Zahl für sich
+arbeitenden Schleier- und Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Stühle
+entsprechend, einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.[106]
+
+Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am zünftigen
+Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in den seltensten Fällen
+die Bestimmungen für beide Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der
+Frauen in die Handwerke, die an die Körperkräfte große Anforderungen
+stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, weil niemand ein
+Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es nicht in allen seinen
+Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten vermochte.[107] Aber auch in den
+Zünften, die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen
+nur selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbständigen
+Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft
+erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten
+schon betrieben hatten. So heißt es, in Anerkennung der Notwendigkeit
+der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in der Schneiderordnung
+von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen sollen all das Recht
+haben, das ihre Männer hatten, damit sie sich mit ihren Kindern ernähren
+können. Diese Bestimmung erfuhr jedoch meist eine große Einschränkung
+dadurch, daß die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen die
+Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen
+durften,[108] sodaß sie nach wenigen Jahren schon aus Mangel an
+Hilfskräften das Handwerk wieder aufzugeben gezwungen waren. Nur
+ausnahmsweise entschlossen sich einige Zünfte, angesichts der bedrängten
+wirtschaftlichen Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht
+zuzugestehen, ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der
+Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen--eine Bestimmung, die schon
+deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, kinderreiche
+Witwe gar nicht die Möglichkeit besaß, eine lange Lehrzeit
+durchzumachen.[109] Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war fast immer
+der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich die Gelegenheit um so
+leichter bot, als er dadurch sofort Meister wurde.[110] Der weitere
+Vorteil solcher Heirat war der, daß, wenn beide Eheleute desselben
+Handwerks Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten
+durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine Meisterstochter
+heiratete, ja sie verschärfte sich oft noch in der Weise, daß die
+Gewinnung der Meisterschaft davon abhing.[111] Die Zünfte suchten
+dadurch dem Eindringen einer unerwünschten Menge von Konkurrenten
+vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge
+beschränkten, die Lehrjahre verlängerten, oder zu dem letzten
+Gewaltmittel, der Schließung des Handwerks, schritten. Ideelle Bedenken
+kamen ihnen inmitten des materiellen Kampfes nicht in den Sinn. Daß sie
+den Egoismus förderten, der Habgier Thür und Thor öffneten, den
+sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloßen Geschäft
+degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, mögen
+auch heute die Schwärmer für die gute alte Zeit des romantischen
+Mittelalters nicht einsehen. Wo trotzdem ein freiwilliger Liebesbund
+zwischen Mitgliedern verschiedener Zünfte vorkam, pflegte die Frau das
+Handwerk, das sie als Mädchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus
+ergiebt sich, daß schon vor vier-, fünfhundert Jahren die Not die Frauen
+zwang, mitzuverdienen und für die Masse des Volkes das Ideal der auf den
+Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und Mutter unerreicht blieb.
+
+Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den Weberzünften
+zu finden. In Schlesien übertraf schon im 14. Jahrhundert die Zahl der
+Garnzieherinnen die der Garnzieher; in Bremen, Köln, Dortmund, Danzig,
+Speier, Ulm und München waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen
+zu Hause.[112] In den Baseler Steuerregistern von 1453 werden zünftige
+Teppichwirkerinnen angeführt; aber auch als Kürschner, Bäcker,
+Wappensticker, Gürtler, Tuchscherer, Riemenschneider, Lohgerber,
+Goldspinner und Goldschläger waren Frauen thätig.[113] Besonders in
+Frankreich, für das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254
+gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der Arbeitsgebiete
+des weiblichen Geschlechts ermöglicht ist, waren die Frauen in den
+verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks beschäftigt. Bei den
+Kristallschleifern, den Seidenspinnern, den Leinenhosenmachern, und den
+Nadelmachern fanden sich weibliche Lehrlinge und Gesellen in großer
+Zahl. In einigen Gewerben, wie bei den Webern und Fransenmachern,
+konnten Frauen Meisterinnen werden und Lehrlinge anlernen, und während
+im Anfang des Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die
+Meistertöchter und allenfalls die im Hause dienenden Mägde als
+Lehrdirnen zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde
+Frauen in die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und
+Leinenweber in München und Speier wird der fremden Lehrmädchen besonders
+Erwähnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden Menge
+armer Mädchen, die aus dem durch die fortwährenden inneren Fehden
+verwüsteten Lande in die Städte getrieben wurden, wo sie hofften,
+lohnendere Beschäftigung und größere persönliche Sicherheit zu finden.
+Infolge des großen Angebots weiblicher Arbeitskräfte sanken die
+Gesellenlöhne und diejenigen Handwerker, die Frauen beschäftigten,
+hatten im Wettbewerb vor den anderen einen Vorsprung.[114] Daher machte
+der Haß der Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr früh schon
+geltend, ohne daß sich dem immer zahlreicheren Eintritt weiblicher
+Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten ließ. Kriege und Seuchen rafften
+die Männer hinweg; durch das Zölibat der katholischen Geistlichkeit
+wurden viele Frauen selbst zum Zölibat und selbständigen Erwerb ihres
+Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten Zünfte, daß
+der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen Rauch" haben durfte,[115] und
+im Hause des Meisters leben mußte, wo seine Arbeitskraft mehr
+ausgebeutet, sein Lohn durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr
+verkürzt werden konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mädchen. Die
+Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, weil
+die Aussicht, Meister zu werden, wegen des großen bei diesen Handwerken
+nötigen Kapitals nur gering war,[116] mußten meist auch auf die
+selbständige Erwerbsarbeit ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte
+Stückwerker nur ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die
+Gesellen anderer Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus
+der Zunft ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Störer" sich
+niederließen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise gegen die
+Meister der Zunft konkurrierten,[117] bildeten das rasch zunehmende
+Proletariat des Handwerks, das den Frauen auch nur Hunger und übermäßige
+Arbeit zu bieten hatte. Es einzuschränken, um die schädigende Konkurrenz
+los zu werden, war das eifrige Bestreben der Zünfte, die daher auch das
+Heiratsverbot noch besonders verschärften, indem sie, wie aus der
+Nürnberger Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklärten, daß
+kein Gesell in seinem Handwerk gefördert oder unterstützt werden dürfte,
+der ein Weib hat.[118]
+
+Alle diese Umstände zusammengenommen führten dazu, daß nicht nur die
+Zahl der Frauen an und für sich die der Männer bei weitem übertraf,
+sondern daß auch die Zahl der alleinstehenden, auf selbständigen Erwerb
+angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an einer
+umfassenden Statistik darüber, die Berechnungen aber, die einzelne
+Städte anstellten, lassen auf die allgemeinen Bevölkerungsverhältnisse
+annähernd richtige Schlüsse zu. Eine Zählung der Bevölkerung Frankfurts
+a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend männliche elfhundert weibliche
+Personen; eine zu Nürnberg im Jahre 1449 auf tausend erwachsene Männer
+zwölfhundert und sieben Frauen; eine zu Basel im Jahre 1454 auf tausend
+Männer über vierzehn Jahren zwölfhundert und sechsundvierzig
+Frauen.[119] Die daraus entstehende Frauenfrage mußte sich auch dem
+Gedankenlosen aufdrängen, um so mehr als ein erschreckendes Anwachsen
+der Prostitution die nächste Folge war. Durch die Einrichtung von
+Zünften, die bis auf ein oder zwei Zunftmeister das männliche Geschlecht
+ausschlossen, suchten sich die Frauen selbst zu helfen. Die
+französischen Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen,
+Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. Jahrhunderts
+waren in solchen Zünften vereinigt, an deren Spitze eine
+Zunftmeisterin--preudefames--zu stehen pflegte. In Köln bestanden schon
+im 13. Jahrhundert verschiedene große weibliche Genossenschaften, wie
+die der Spinnerinnen, Näherinnen und Stickerinnen,[120] und die
+Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene weibliche
+Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.[121] Aber dadurch
+waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht untergebracht. Die
+Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit seiner langen Lehrzeit und
+seiner beschränkten Zahl von Gesellen ausgeschlossen. Um sie
+unterzubringen, reichten die Klöster nicht aus, die auch häufig die
+Einzahlung eines kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und
+die Pforten zum Leben rücksichtslos hinter ihr verriegelten. Die
+Zuflucht armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an
+die überall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, die
+der Wohlthätigkeit der Bürger oder der städtischen Initiative ihre
+Entstehung verdankten. Sie nahmen in dazu bestimmten Häusern oder
+Straßen Mädchen und Frauen auf, die zwar kein Ordensgelübde abzulegen
+genötigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen waren, gleiche
+Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen durften, und ihren
+Lebensunterhalt selbst erwerben mußten. Es gab kaum eine größere Stadt,
+die nicht mehrere Beginenkonvente hatte; Köln allein besaß deren im 15.
+Jahrhundert über hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, in Basel
+gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, ein Frankfurt
+a.M. gehörten im 14. Jahrhundert 6% der erwachsenen weiblichen
+Bevölkerung den Beginenvereinen an.[122]
+
+Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher
+außerordentlich groß. Die Beginen spannen, webten, nähten und wuschen,
+sie kamen in die Häuser der Bürger zur Aushilfe im Haushalt, sie
+beschäftigten sich mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil
+sie umsonst wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und
+ihre Bedürfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn
+zufrieden sein. Auch außerhalb der Zünfte, der Klöster und der Vereine
+wagten es alleinstehende Frauen einen Broterwerb zu suchen. In größeren
+Städten gab es zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem
+Ansehen brachten, wie z.B. die Augsburger Bürgerin Klara Hätzler, die
+infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Häufiger werden weibliche
+Aerzte erwähnt; in Frankfurt a.M. wird ihre Zahl am Ende des 14.
+Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem Edikt der französischen
+Regierung vom Jahre 1311, wonach Aerzte und Aerztinnen sich einer
+Prüfung unterziehen mußten,[123] geht hervor, daß man auch dort an
+diesem weiblichen Beruf keinen Anstoß nahm. Jedenfalls war die Zahl der
+Frauen, die sich ihm widmeten, zu gering, um den Konkurrenzneid ihrer
+männlichen Kollegen zu erregen und sie wäre neben der Masse der armen
+Handarbeiterinnen nicht zu erwähnen, wenn nicht daraus zu ersehen wäre,
+wie früh die Frauen sich schon gezwungen sahen, auch in die höheren
+Berufe einzudringen.
+
+Die ersten, die den Kampf gegen die beängstigende Zunahme der
+Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchführten, waren die Zünfte.
+Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht organisierten Arbeiterinnen
+dadurch zu unterdrücken gesucht hatten, daß sie ihren Eintritt in die
+Zünfte erzwangen, wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Zünfte
+und die der ausschließlich weiblichen Zünfte über den Kopf; sie
+veränderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus den Zünften
+wieder hinauszutreiben versuchten. Charakteristischerweise verhüllten
+sie ihren Konkurrenzneid zunächst mit einem sentimentalen Mäntelchen:
+die Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei für Frauen zu schwer, und
+schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Zünften aus; die
+Tuchwalker und die Kölner Tuchscherer und Hutmacher thaten
+desgleichen,[124] indem sie feierlich erklärten, daß ihr Handwerk dem
+"Manne zugehört". Bald bemühte man sich nicht mehr mit solchen
+Erklärungen, denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete
+über, auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden
+Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her
+hauptsächlich den Frauen offen standen: der Textil- und
+Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem die
+Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks über die Zunahme
+ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es nicht nur durch, daß den
+Frauen verboten wurde, andere als weibliche Kleidungsstücke
+anzufertigen, sondern auch daß die Zahl der weiblichen Gehilfen und
+Lehrlinge auf je einen bei einem Meister beschränkt wurde. Noch weiter
+gingen die Württemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher
+Lehrlinge, selbst der Meisterstöchter überhaupt untersagten, und die
+Färber, die alle Frauen aus der Zunft ausschlossen.
+
+Das treibende Element in diesen Kämpfen waren weniger die Meister der
+Zünfte, die durch die billige weibliche Arbeitskraft, durch die
+Beschäftigung ihrer Frauen und Töchter ihre Konkurrenten aus dem Felde
+schlugen, als die zu immer größerer Macht gelangenden Gesellenverbände.
+Für die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die besiegt
+werden mußte, um vorwärts zu kommen.
+
+So hatte ein Gürtlermeister in Straßburg Mitte des 16. Jahrhunderts
+seine beiden Stieftöchter zum Handwerk erzogen und erregte dadurch den
+Zorn des Gesellenverbandes seiner Zunft in dem Maße, daß es zur
+Arbeitseinstellung kam, die zwei Jahre währte und mit der Niederlage des
+Meisters und der Frauenarbeit endete.[125] Und wie hier das Kampfmittel
+des Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg
+angewandt. Die Straßburger Nestler beklagten sich nämlich bei den
+Nürnbergern, daß diese Mägde beschäftigten und das Handwerk daher zu
+Schaden käme, und drohten ihnen, alle in Nürnberg gelernten Nestler für
+untauglich und unredlich zu erklären, wenn sie diesen Uebelstand nicht
+beseitigen würden.[126]
+
+Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand geht mit
+der Veränderung wirtschaftlicher Zustände, bietet die Thatsache, daß der
+Frauenarbeit im Verlaufe des Kampfes gegen sie und nach ihrer
+Unterdrückung der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer
+deutlicher aufgeprägt wurde. Der Mann hielt es für unter seiner Würde,
+neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und Gürtlerordnung sowie
+die Nürnberger Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen
+ausdrücklich.[127] Die Nürnberger Buchbindergesellen erklärten jeden für
+unehrlich, der mit einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die
+Gesellenverbände und die Zünfte beschlossen, wurde schließlich in die
+Ratsschlüsse und landesherrlichen Verfügungen aufgenommen. Sie verboten
+nicht nur die Arbeit der Frauen in den Zünften, sie hielten sie auch für
+schändend, indem sie die mit den Frauen arbeitenden Männer als
+unredliche bezeichneten.
+
+Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem zünftigen
+Handwerk hinausgedrängt und das männliche Geschlecht wurde überall zur
+Bedingung des Eintritts.[128] So schien der Feind besiegt, während
+thatsächlich die Sterbestunde der Zünfte schlug, und er sich nur in den
+Hintergrund zurückgezogen hatte, um von da aus des Handwerks goldenen
+Boden weiter zu unterminieren.
+
+Verbieten ließ sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not zwang sie dazu,
+und es hieß jetzt nur, neue Bedingungen für sie zu suchen. Wie die
+sogenannten Stückwerker, die, außerhalb der Zünfte stehend, für geringen
+Lohn arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Maße von den
+Meistern und den "Verlegern", kaufmännischen Auftraggebern, in ihrem
+eigenen Hause beschäftigt.[129] Da diese Beschäftigungsweise an keine
+Werkstatt, an keine zünftigen Bestimmungen gebunden war, für die Frauen
+einen sehr gesuchten, wenn auch noch so kümmerlichen Erwerb bildete und
+für die Auftraggeber stets ein glänzendes Geschäft bedeutete, so dehnte
+sie sich rasch bis in die entferntesten Bauernhöfe aus und riß die große
+Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht mehr
+jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die für den Bedarf der
+Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht mehr die Arbeit im
+Rahmen des zünftigen Handwerks, die doch einige Aussicht auf
+Vorwärtskommen, auf Selbständigkeit in sich schloß, es war vielmehr jene
+Lohnarbeit, durch die eine immer wachsende Zahl der Bevölkerung in
+dauernde Abhängigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und
+aussichtslosen Proletariat herabgedrückt wurde. Durch sie zerfiel das
+Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die Hausindustrie,[130]
+denn zahlreiche verarmte Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde
+der Unternehmer und nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das
+zünftige Handwerk nicht beschäftigt hatte, wurden zur Mitarbeit
+herangezogen, um den kümmerlichen Verdienst ein wenig zu erhöhen.
+
+Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution vorbereitet, die
+die gesamte Arbeit überhaupt, die Frauenarbeit insbesondere, von Grund
+aus umgestalten sollte. Sie beschleunigte die Auflösung des zünftigen
+Handwerks, sie entführte die Frauen mehr und mehr dem häuslichen Herd,
+aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Großindustrie, die Mann und
+Weib schließlich gleichmäßig in ihre Dienste zwang.
+
+Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter zurückverfolgen,
+wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des Strumpfwirkerstuhls führte
+und die Produktivität auf diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die
+durch Barbara Uttmann erfundene Spitzenklöppelei beschäftigte in
+Deutschland viele Hunderte von fleißigen Händen, während die von Frau
+Gilbert aus Italien in Frankreich eingeführte Kunst venezianischer
+Spitzenarbeit schnell zu einer blühenden Industrie sich entwickelte, in
+der am Ende des vorigen Jahrhunderts gegen 100000 Arbeiterinnen thätig
+waren.[131] Mit dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die
+Weißstickerei sich rapid; durch die Band- und Schermühle, die
+Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug
+fanden zahllose Frauen Beschäftigung, denn eine mannigfaltigere und
+reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen zugänglich und die
+Bedürfnisse danach, die sich früher, bei der schwierigen und
+langwierigen Art ihrer Herstellung, auf die großen Damen der Höfe, die
+Patrizierinnen der Handelsstädte und die Courtisanen beschränkten, ein
+Gemeingut auch der Frauen des Bürgerstandes.
+
+Aber wie geringfügig erscheint der Einfluß all der genannten technischen
+Vervollkommnungen der Arbeitsmittel gegenüber der geradezu umwälzenden,
+die von England 1767 durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny,
+einer zunächst durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie
+wurde von Jahr zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schließlich
+bis zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der
+Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.[132] Noch vor Anwendung
+der Dampfkraft, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, entstanden
+in England und Schottland die ersten Spinnereien, und 1788 gab es dort
+bereits 142 Fabriken, die nicht weniger als 59000 Frauen und 48000
+Kinder beschäftigten.[133] Große Fortschritte hatte indessen auch die
+mechanische Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch
+Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine trat
+neben den außerordentlich vervollkommneten Webstühlen in Thätigkeit und
+es waren auch hier Frauen, die in erster Linie zu ihrer Bedienung
+herangezogen wurden. Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich,
+hauptsächlich in Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben
+von Linon, Batist und Gaze beschäftigt.[134]
+
+Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung mußten für das
+weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung sein. Jede neue
+Maschine, die die Arbeit von so und so vielen Handarbeiterinnen
+verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte ihre hausindustrielle
+Thätigkeit und drückte auf ihren Lohn. Sie entriß aber auch den Frauen
+ihnen bisher fast ausschließlich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das
+Spinnen und Weben, indem sie Männer und Kinder zur Mitarbeit heranzog
+und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen ließ. Und endlich
+griff sie auflösend und zersetzend in den einst so fest umfriedeten
+Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau klaffte von nun an ein
+furchtbarer Riß: die bittere Not zwang sie in die Fabrik, wo sie der
+Ausbeutung schutzlos preisgegeben war, die Mutterliebe und die von
+alters her ehrwürdigen Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim.
+
+Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt hervorwachsenden, in
+das Volksleben tief eingreifenden Fragen, stand die Gesellschaft ratlos
+gegenüber. Mit ungeschickten Händen versuchte man einzelne Knoten zu
+entwirren, um nur immer neue zu knüpfen. Durch Unterdrückung der
+gefährlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft sollte der
+Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder hergestellt werden. So
+wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse mit der Begründung, sie ihren
+Frauenpflichten wiedergeben zu wollen, schon 1640 die Arbeit verboten;
+in Sachsen verfügte ein Gesetz, daß Bauerndirnen keinen anderen Beruf,
+als den häuslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz wie
+in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht verdingen
+wollten, mit schweren Steuern belastet.[135] Aus den Badestuben, dem
+Schankgeschäft und dem Kleinhandel wurden die Frauen vertrieben. Die
+Menge der Spitzenklöpplerinnen in Nürnberg veranlaßte den Kameralisten
+J.L. Dorn strenge Polizeimaßregeln gegen selbständige Arbeiterinnen zu
+verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten diese
+Mauern und Wällchen nicht aufzuhalten, und die hingeworfenen Strohhalme
+konnten die Menge der mit den Fluten Kämpfenden nicht retten. Den Frauen
+des arbeitenden Volkes blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger
+und Schande.
+
+Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre
+wirtschaftliche Existenz mußten sie nicht nur selbständig kämpfen, sie
+mußten sie auch von Grund aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben
+Lasten wie ihre männlichen Arbeitsgenossen, nur daß sie noch
+unterdrückter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am schwersten
+Leidenden duldeten sie stumm.
+
+
+
+
+4. Die Stellung der Frauen im Geistesleben.
+
+
+Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Maße auf die
+Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf der einen und
+die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der geistige Fortschritt,
+die Ausbreitung allgemeinen Wissens und höherer Kultur wurden dadurch
+bestimmt: harte Arbeit, unaufhörlicher Kampf ums tägliche Brot, raubten
+dem Volk sowohl die notwendige Muße, als die geistige Frische und
+Empfänglichkeit für eine tiefere Bildung, die daher zu einem Privilegium
+der besitzenden Klassen werden mußte. Mehr noch als für die Männer gilt
+diese scharfe Trennung für die Frauen, denen bedeutend weniger
+Hilfsmittel zu Gebote standen, um die widrigen äußeren Lebensumstände
+überwinden zu können.
+
+Auch in die Klöster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens
+Zufluchtsstätten aller Bildung waren, traten meist nur begüterte und
+vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit
+aufgenommen, so fanden sie als Mägde Verwendung und nahmen keinen Teil
+an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die
+Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt
+werden soll, so darf nicht vergessen werden, daß sie sich im allgemeinen
+auf die Kreise der Besitzenden beschränkt, wie die Geschichte der
+Frauenarbeit fast ausschließlich nur von den besitzlosen Frauen sprechen
+konnte.
+
+Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die
+Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von
+Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der
+Männer im allgemeinen übertraf. Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann
+furchtsam und weibisch mache und daher möglichst zu vermeiden sei.[136]
+Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die
+Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhörlichen inneren
+Wirren verursachten Zustände, verbunden mit dem Einfluß der
+protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war,
+hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des
+weiblichen Geschlechts. Im Süden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht
+wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiöser Kämpfe
+geführten Kriege der Fürsten untereinander allen Wohlstand untergraben,
+die Gemüter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religiösen,
+erfüllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter
+geöffnet als je vorher.
+
+Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem
+Leben erwacht. Alle Umstände wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu
+ermöglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero
+nicht untergehen ließen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland,
+sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden
+Sänger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle
+bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blühenden
+Handelsstädte mit ihrem freien Bürgertum, die glänzenden Fürstenhöfe mit
+ihren an Mitteln und Muße reichen Bewohnern bildeten den Nährboden, aus
+dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der
+Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprünglichen
+Christentums längst vergessen machen.
+
+Die Frauen nahmen, soweit sie den begüterten Volksklassen angehörten,
+ohne darum kämpfen zu müssen an den geistigen Schätzen teil, die in fast
+unerschöpflicher Fülle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kräfte wurden
+nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thätigkeit
+früherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie
+die Herstellung einer großen Menge Gebrauchsgegenstände übernommen
+hatten und die grobe tägliche Arbeit ausschließlich den Mägden
+überlassen blieb. So war es nur eine natürliche Folge der Befreiung des
+begüterten Teils des weiblichen Geschlechts von einförmiger Arbeitslast,
+daß er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er
+reden hörte, lebhafteres Interesse nahm und daß einzelne, besonders
+begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder künstlerisch thätig
+waren. In den Häusern der Handelsherrn und den Palästen der Fürsten
+genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten
+Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pädagogen widmeten ihre
+ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zöglinge, sodaß z.B. eine Cäcilia
+Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die
+klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige
+Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die
+harmonische Ausbildung der ganzen Persönlichkeit, die Individualisierung
+des einzelnen Menschen.[138] Die große Errungenschaft der Renaissance
+für das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, daß die
+Universitäten den Frauen geöffnet wurden und der Ruhm einzelner
+weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfüllte, sondern in der
+Anerkennung der Frau als eines selbständischen Menschen. Die höhere Form
+des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen
+Novellisten[139] und Biographen erzählen, ist allein schon ein Beweis
+dafür. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den
+Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin
+und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor
+ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr
+reifes Urteil wurde dem der Männer gleich geachtet, ja häufig wog es
+schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig,
+Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in
+Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig
+lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und
+Künstler abhing. Die größere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance
+genossen, die Selbständigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen
+und Gefühlen folgten, hat religiöse und moralische Zeloten veranlaßt,
+sie als ganz besonders sittenlose Geschöpfe hinzustellen, und manche
+führen sie noch heute als Beispiele dafür an, daß das Weib verderbe,
+wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch
+zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs
+und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen
+Italiens zur gleichen Zeit, muß durchaus zu Gunsten dieser entschieden
+werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder
+hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher häufig die Bande
+entwürdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese
+höhere Sittlichkeit schloß von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit
+gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus.
+
+Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit
+ausartete und wo Frauen als Künstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen
+öffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar:
+ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein völlig männliches Gepräge,
+und das höchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen männlichen
+Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert
+in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "männlichen
+Kraft" ihrer Rede berühmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des
+kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin
+von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "männlichem
+Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Päpsten und Kaisern Vorträge
+hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf
+dem Kongreß zu Mantua den Papst begrüßte, Isikratea Monti und Emilia
+Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhörern anzog--sie alle sahen
+ihren höchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so
+sehr war diese Auffassung gang und gäbe, daß sogar bedeutende Frauen
+vor sich selbst das Gelübde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen
+dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des
+mütterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen
+gehörte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche
+Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen
+Höhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war,
+die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als
+Künstlerin und Gelehrte nicht zu überbrücken. Und an diesem Punkt mußten
+die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als
+ausübende, nicht nur als anregende und urteilende Kräfte im geistigen
+Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des
+gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur
+eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war.
+Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war
+nicht einmal ein ausreichender Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit
+der Frauen, weil sie zu ängstlich in die Fußstapfen der Männer traten,
+statt zu zeigen, daß sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen.
+
+Durch oberflächliche Beurteilung könnte aus den zahllosen Schriften
+jener Zeit über die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fähigkeiten eine
+tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nähere Kenntnis jedoch
+beweist, daß viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend,
+einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein
+glaubte, wenn er Biographien berühmter Männer schrieb. Solche berühmter
+Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie überall mit im Vordergrund des
+geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran
+und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus
+virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den
+Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkämpfer
+der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche
+Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie
+suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse
+der verherrlichten Frauen zu übertreffen, bis schließlich Peter Paul
+Ribera durch sein Werk über die unsterblichen Triumphe und heldenhaften
+Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein
+Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit großem Aufwand
+von tönenden Worten nunmehr der höhere Wert des weiblichen Geschlechts
+vor dem männlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff
+gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher
+Witz sich übten. Einen tieferen Eindruck hinterließ diese ganze
+Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedürfnis zu
+fern lag und nur für jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die
+dank ihrer günstigen äußeren Verhältnisse sich mit gleichen geistigen
+Waffen mit den Männern zu messen vermochten.
+
+Ihre Zahl war, trotz der 845 berühmten Frauen Riberas, im Verhältnis zur
+Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur
+gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres
+männlichen Geistes wegen rühmten, brachte nur wenige wirklich
+hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin
+Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte
+Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.
+
+Während in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kämpfen zu müssen,
+gewissermaßen selbstverständlich an den geistigen Errungenschaften teil
+nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich,
+England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren
+gedrückt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst
+gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand
+zunächst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der
+Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller
+Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug für die Zustände in
+Mitteleuropa--häufig in Gemeinschaft mit dem Bedürfnis nach einem
+Broterwerb auf. Die französische Schriftstellerin Christine de Pisan ist
+ein klassisches Beispiel dafür.[148] Früh verwitwet, sah sie sich
+gezwungen, ihre Kinder zu ernähren und groß zu ziehen. Da sie eine, für
+die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen
+hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermöglichte
+es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu können. Ihr
+Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr über
+die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Für die Beurteilung
+der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cité des
+dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken
+der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknüpfend, für
+die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklärte zum
+Schluß, daß die Männer nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie
+fürchteten, die Frauen könnten klüger werden als sie. Christine de Pisan
+genießt den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der
+Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres
+eigenen Lebenskampfes, prädestiniert dazu. Nicht der Süden, der über
+seine Kinder einen solchen Ueberfluß an Reichtum und Schönheit
+ausschüttete, daß auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern
+die Länder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch
+die Frauen erfaßte, waren der Nährboden der Frauenfrage und der
+Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrückung ihres
+Geschlechts zuerst bewußt wurden und sie in Worte zu fassen wagten,
+konnten natürlich nicht die Allermißhandeltsten sein; sie mußten auf
+einer gewissen Höhe der Bildung und des Verständnisses stehen. Denn die
+tiefste Not macht stumpf; sie zerstört alle Thatkraft; sie läßt selbst
+das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen.
+
+Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine
+Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die
+Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der
+Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen
+Erfolg hatten diese Bemühungen selbstverständlich nicht, aber sie
+wirkten im Verein mit dem Einfluß des Humanismus, dem Aufblühen von
+Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks
+wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhöhung der
+Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Königin, die
+beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge
+gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz'
+I.[149] Ihre Erzählungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr
+Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem
+Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch
+überall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre
+gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester,
+Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fünfzig
+Jahre später einen selbständigeren Stil und verfaßte, voller Verachtung
+für die sie umgebende schwächliche und gemeine Männerwelt, trotzend auf
+ihren energischen Geist, eine Schrift über die Ueberlegenheit des
+weiblichen Verstandes.
+
+Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen
+Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der
+Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy
+Lefèbre und Gattin seines unbedeutenden Schülers André Dacier. Die
+ersten französischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des
+Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift:
+Traité des causes de la corruption du goût, worin sie die Angriffe
+Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurückwies, hat einen
+dauernden Wert behalten. Daß Anna Dacier so allein steht, ist leicht
+begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung,
+vertieften und verfeinerten Lebens für alle hätte werden sollen, wurde
+zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schließlich bis zu
+lächerlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in
+Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer
+wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe
+und der Mutterschaft, um sich ungestört ihren Studien zu widmen. So
+brachten z.B. die Précieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen
+in berechtigten Verruf, und wenn Molière in seinen Lustspielen
+Précieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tödliche Streiche
+versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund
+des weiblichen Geschlechts.
+
+Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die
+Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands
+eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm,
+die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer häuslichen Sorgen,
+als daß sie in nennenswerter Weise daran hätten teilnehmen können. Erst
+sehr allmählich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der
+Gelehrten und den Hörsälen der Universitäten auch zu ihnen. Während das
+fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Blütezeit weiblicher
+Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war,
+setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts
+ein. Viel früher beschäftigten sich jedoch die Humanisten mit der
+theoretischen Erörterung der Frauenfrage, wie sie die italienische
+Renaissance dadurch aufgestellt hatte, daß sie den Frauen die Pforten
+zur klassischen Bildung nicht verschloß. Was dort ohne Kampf unter dem
+unmittelbaren Eindruck der großen geistigen Errungenschaften geschah,
+darüber mußte der grüblerische Deutsche erst langatmige Theorieen
+aufstellen, und der langsame, künstlich niedergehaltene Geist der
+deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homöopathischen Dosen
+vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkämpfer dieser Art Frauenfrage
+gelten kann, war der merkwürdige platonisch-christliche Philosoph
+Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift über den Vorzug des
+weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie
+eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geißelt
+die Erziehung der Mädchen zur Faulheit und erklärt, daß nur sie daran
+schuld sei, wenn die Frauen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln und den
+Beweis ihrer der männlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern
+könnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrückt freilich häufig den
+klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der
+Federkrieg für und wider die höhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner
+verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, daß die Weiber keine
+Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke,
+Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig
+heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb
+die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschränkt; eine
+Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher
+Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, ähnlich den Prinzessinnen
+an den Höfen italienischer Mäcene, zwischen ihnen lebte, gehörte zu den
+sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Bürgertum
+beschränkt und nüchtern, die Fürstenhöfe arm und klein. Erst mit dem 17.
+Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit
+der Männer etwas Müdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug,
+konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedürfnis der Frauen nach
+höherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl
+lernten Fürstinnen und Gelehrtentöchter die klassischen Sprachen, wohl
+wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12
+Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten
+einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, daß
+ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Ströme von
+Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich
+durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persönlichkeit ist
+unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberfläche,
+sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen
+abschütteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu
+werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz,
+die Tochter des unglücklichen Winterkönigs gemacht, die durch großes
+Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige
+Schülerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel
+gestanden hatte, und warf schließlich all ihre gelehrten Bücher bei
+seite, die ihr Gemüt unbefriedigt ließen, und der Hunger nach einem
+vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen
+war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und
+schließlich den Quäkern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und
+Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehörte jene weit über ihr
+Verdienst bewunderte Niederländerin Anna Maria von Schurmann. Man pries
+sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch
+sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte
+ebenfalls, eine schlichte Büßerin, dem neuen Propheten Jean Labadie.
+
+Das Schicksal der gelehrten Königin Christine von Schweden gestaltete
+sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung
+ihres Daseins, auch sie suchte schließlich durch ihren Uebertritt zum
+Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte:
+Befriedigung für ihr vernachlässigtes Gemüt.
+
+Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des
+weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, für die
+Erziehung der eigenen Kinder fähige Frauen schaffen sollte, ließ
+allenthalben den Wunsch nach höheren Schulen für Mädchen laut werden. In
+England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat
+der Dissenter und treue Anhänger Wilhelms von Oranien, Daniel
+Defoe,[156] für die Gründung einer Frauenakademie ein, indem er
+erklärte: Wenn Wissen und Verstand überflüssige Zuthaten für das
+weibliche Geschlecht wären, so hätte ihnen Gott nicht die Fähigkeiten
+dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan
+als Vorkämpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann,
+unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen
+Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu gründen, in denen nicht nur die
+Mädchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die
+alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthätigen Frauen zu nützlicher
+Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159]
+Mit logischer Schärfe wandte sie sich gegen das Recht des Stärkeren:
+"Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau überlegen ist, so dürfte
+selbst die größte Königin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener
+gehorsam sein ... Wenn bloße Stärke das Recht zu herrschen giebt, so
+sind wir jedem Lastträger Gehorsam schuldig ... Aber der kräftigste ist
+nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott
+unparteiisch unter die Geschlechter verteilte."
+
+Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, daß keine zaghafte,
+unselbständige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften
+Bildung stand die Engländerin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und
+ihren Charakter betrifft, über den Frauen des nördlichen Kontinents. Die
+freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann
+einen Staatsbürger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht
+hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorübergehen. Und die
+großen Herrscher ihres Geschlechtes mußten die gesamte Meinung über die
+Frau günstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer
+Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der höheren Stände
+politische Rechte besessen hatten. Die Großgrundbesitzerinnen aus den
+alten eingesessenen Familien und die freien Bürgerinnen der Städte
+sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der
+Friedensrichter, wurden häufig von Frauen bekleidet. Erst auf das
+Betreiben des berühmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die
+Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als
+Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18.
+Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrücklich ausgeschlossen.[160] In Anna
+Clifford verkörperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze
+Selbständigkeit der englischen Staatsbürgerin. Jahrelang protestierte
+sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr
+Wahlrecht ausübte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung
+an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklärte sie ihr:
+"Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein König hat mich verachtet, aber
+ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland
+nicht vertreten."
+
+Der Kampf um die mit Füßen getretenen Grundrechte des englischen Volkes
+und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Bestätigung im
+Jahre 1689 mußten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn
+sie auch persönlich unberücksichtigt blieb. Steigerte doch die
+Erweiterung und Befestigung der Rechte der Bürger, die Einschränkung der
+Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewußtsein
+jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfänge
+der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent.
+Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu,
+und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den
+Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna
+Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der
+gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse für die
+Wissenschaften äußerte sich weit mehr durch Gründung und Unterstützung
+gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwölf Colleges wurden vom 14. bis
+zum 16. Jahrhundert von Frauen gegründet[161]--als durch produktive
+Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule für ihr
+eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells
+Vorschlag blieben somit unbeachtet.
+
+In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Pläne
+handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im
+Anfang des 18. Jahrhunderts erörterten das Thema nach allen Richtungen
+hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu gründen. Aber
+es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare
+allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl
+einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der
+litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder,
+während seine weit klügere Frau sich in ihren Briefen wiederholt über
+die Frauen lustig machte, deren sehnsüchtig erstrebtes Ziel der
+Doktorhut war. Thatsächlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel
+selbständiger Leistungen deutlich genug zeigten, daß mehr Eitelkeit und
+Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens
+waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte Dorothea von Schlözer, die unter
+anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes
+Thema, wie die russische Münzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste
+aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne
+Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhöhung ihres Ruhmes der akademischen
+Würden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs
+Kometen, die große Gehilfin ihres großen Bruders.
+
+Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen über die weiblichen
+Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fällen ist, dürfen doch die
+Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten:
+sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewöhnlichen
+Rahmen des Frauenlebens die Frage der höheren weiblichen Bildung in Fluß
+und auf sie ist es mit zurückzuführen, daß ihre Lösung die erste Aufgabe
+der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder
+ihrer Entstehung wurde.
+
+Um aber das Bild der Frau der oberen Stände bis zur Schwelle des 19.
+Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmäßige
+Frauenbewegung überall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die
+französische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht
+vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich
+das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolität, ihre
+Gefühlsroheit und ihre Sentimentalität, ihre tiefe Erniedrigung und ihr
+Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klöster, in denen die
+jungen Mädchen erzogen wurden, schlüpfte die Lascivität: so schmiedete
+eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schülerin den Plan, durch
+den sie den König einfangen wollte.[163] Glanz und Vergnügen war Aller
+Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die
+Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum
+erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares
+abgemachtes Geschäft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt für
+altmodisch und lächerlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die
+Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der
+umständlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten
+Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die
+auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhänge geschützt werden konnte,
+nachts auf den üppigen Maskenbällen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die
+Mode alle Natur unterdrückte, die Taille gewaltsam einzwängte, die
+Hüften durch Reifröcke ins Ungeheuerliche vergrößerte, die Haare durch
+Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und
+Schönpflästerchen zur Maske machte, so waren auch alle natürlichen
+Gefühle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand
+nur im Dienst der Genußsucht. Die vielgerühmte geistreiche Konversation
+des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflächlich, nur auf Triumphe
+der Eitelkeit berechnet. Für die Korruption des weiblichen Geschlechts
+spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung
+der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die
+Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nähren, verbot die
+Rücksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens.
+Zurückgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante
+übergeben, die so früh als möglich einen jungen Herrn oder eine junge
+Dame aus ihm machten. Daß es eine fröhliche Kindheit für diese armen
+Geschöpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben
+der Anzüge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten
+Löckchen. Das Kloster löste schließlich die Erziehung durch die
+Gouvernante ab.[165] Und währenddessen ging die Mutter dem Vergnügen
+nach, ohne selbst zu wissen, daß sie in dieser Hetzjagd dasjenige
+suchte, was ihr verlassenes Kind ihr hätte bieten können: ein innerlich
+reiches Leben.
+
+Aber während auf der einen Seite ihr Gemütsleben abstarb und über all
+den schönen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht,
+entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches
+Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die
+Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schönen
+Künste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Könige, die Minister und
+Diplomaten wurden in ihren Entschlüssen von ihr gelenkt, in ihren
+Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflußt.[166] In den Salons der
+Gräfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der
+Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die
+Fäden der inneren und äußeren Politik zusammen. Das Reich der Frauen
+war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister
+handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie
+jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte nicht kennt,
+durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die
+Frauen treiben mußten, weil sie öffentliche Rechte nicht besaßen, wirkte
+natürlich äußerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und
+intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr
+Interesse für die Fragen des öffentlichen Lebens dadurch erweckt, und
+während die große Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin
+zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft
+politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Bürgertums,
+eine Necker, eine Roland, für die Vorkämpfer der Revolution in die
+Schranken der politischen Arena.
+
+Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren
+Freunden, den Encyklopädisten, getragen wurde, fand Unterstützung durch
+die Frauen. Aber diese Unterstützung darf nicht überschätzt werden. Nur
+zu oft war es das Bedürfnis nach neuen Sensationen, das den modernen
+Philosophen die Salons und die Herzen öffnete. Alle Genüsse hatten diese
+Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genuß.
+Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopädisten
+leicht zu erklären, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben
+zunächst überraschende Umstand, daß keine Frau es zu großen
+schöpferischen Leistungen brachte. Während aber ein Voltaire die Frauen
+verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und
+nur ihre körperlichen Reize gelten ließ,[169] war es Rousseau, der die
+Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem
+psychologischen Verständnis ihren Ursachen nachzuspüren und sie von da
+aus zu bekämpfen. Wenn er dabei über das Ziel hinausschoß und die
+Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu
+seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und für das
+Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr
+leicht gegenüber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat.
+Unnachsichtig in seiner Kritik, erklärte er doch zugleich viele ihrer
+Schwächen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht,
+meinte er, zeigt dadurch, daß sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre
+Langeweile zu töten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die
+harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe
+wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu wählen, sondern
+ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen,
+damit sie ihre eigene innere und äußere Unnatur beschämt erkennen
+möchte. Er geißelte rücksichtslos ihren Müßiggang, und wandte sich an
+beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthätigkeit verzehrt, was
+er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlösende Wort
+jedoch für die eingeschnürte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es
+in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nähre dein Kind an deinem eigenen
+Busen, hüte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit
+verschwinden, das Gefühlsleben zur Natur zurückkehren, werden die
+Eheleute sich innig verbunden fühlen; denn sobald die Frauen wieder
+anfangen, Mütter zu sein, werden die Männer es lernen, wieder Gatten und
+Väter zu werden.[174]
+
+Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau
+die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er
+aber kein Prophet im Sinne naiver Gläubiger war, aus dessen Kopf völlig
+neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des
+Zeus, sondern nur einer jener genialen Männer, die das geheime Leid
+ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen
+und aussprechen, so begrüßten zahllose ihn als ihren Erlöser. Sagte er
+doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur
+den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten.
+Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen
+Memoiren der Madame d'Epinay. Für eine kommende Zeit und ein neues
+Geschlecht mit jugendkräftigen Gliedern und warm pulsierendem
+Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das
+Grablied sang, den feurigen Morgengruß: Der Mensch ist frei geboren....
+Stärke gewährt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heißt auf
+seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten
+verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft muß an Stelle der
+physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit
+setzen.[175]
+
+Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden
+Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die
+Leitsätze für eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die
+kräftigste Saat unfruchtbar bleiben muß, wenn sie nicht auf fruchtbaren
+Boden fällt, so wäre auch keiner dieser Gedanken in die Köpfe und
+Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und
+politische Entwicklung sie dafür empfänglich gemacht hätte. Nicht die
+wenigen Männer, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der
+Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die
+Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den
+gesamten verrotteten Zuständen heraus; und nicht die wenigen Frauen, die
+infolge persönlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen
+überschritten, oder infolge persönlicher Schicksale ihre unwürdige Lage
+erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mußte die
+materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus
+und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kämpften, damit sie
+entstehen konnte.
+
+
+
+
+5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution.
+
+
+Nach schwächlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach
+die Revolution aus. Sie mußte von Frankreich ausgehen, obwohl in allen
+Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier
+alle Umstände zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen
+welterschütternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein
+jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der
+herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende
+Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige
+Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die
+Encyklopädisten. In der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts
+finden sich alle jene Ideen, die in den Stürmen der Revolution nach
+Verwirklichung strebten.[176]
+
+Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren
+und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den
+Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit
+vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschülerin, durch die Schriften
+Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schülerin
+Rousseaus;[177] ähnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der
+Herrschaft über die Helden der Anfänge der Revolution, Sophie de
+Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels
+Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus
+Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber
+auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu
+spielen nicht bestimmt waren, nährten ihren Geist an denselben Quellen
+und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflußt durch Rousseau,
+wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaßen. Es ist kein
+Zufall, daß die Zeit der ersten Begeisterung für "Emile" mit der Zeit
+der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre,
+Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfällt, denn in den Händen
+ihrer Mütter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die
+Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker,
+die Träume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefühl und
+machten daher die Frauen zu ihren glühendsten Vertreterinnen. In ihren
+Salons versammelten sich die führenden Geister und achteten ihr Urteil
+als ein dem der Männer durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit
+war erfüllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen
+kann, der in seinen Strom gerät, und das alle schlummernden Kräfte des
+Geistes zu reger Bethätigung auslöst.[180] Während der eine Teil der
+Frauen sich damit begnügte für Natur, Freiheit und Gleichheit zu
+schwärmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und
+griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Staël erinnert--nicht nur
+urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik
+ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am
+politischen Leben darf aber ein Umstand nicht außer acht gelassen
+werden: der Einfluß Amerikas. Wie er sich in der Erklärung der
+Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der
+freiheitliche Luftzug, der von den Unabhängigkeitskriegen ausging, manch
+mittelalterlichen Trödel aus Europa austreiben half, so ist auch die
+Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Züge auf ihn
+zurückzuführen.
+
+Die Frauen Amerikas schürten von Anfang an den Widerstand ihres
+Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die
+Schwester des feurigen Freiheitskämpfers James Otis, vereinigte in ihrem
+Salon die Führer der Bewegung; als sogar Washington von der endgültigen
+Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte,
+forderte sie die Unabhängigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in
+lebhaftem Briefwechsel und die Unabhängigkeitserklärung zeigt deutlich
+die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die
+Gattin des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch
+die ersten Vorkämpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen
+Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongreß die Verfassung
+zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die künftige
+Verfassung den Frauen keine gründliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind
+wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht für verpflichtet
+uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung
+unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die
+Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den öffentlichen Schulen und
+begründete ihre Forderung, indem sie erklärte, daß ein Staat, der
+Helden, Staatsmänner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst
+wahrhaft gebildete Mütter haben müsse. Infolgedessen wurden die Schulen
+den Frauen geöffnet, während der Wunsch nach politischer
+Gleichberechtigung für die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfüllt
+blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt
+ihren weiblichen Bürgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die
+weit über die Grenzen Amerikas hinaus das größte Aufsehen erregte.[182]
+
+Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung für die
+Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafür
+vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach
+höherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kämpfe der Zeit
+eingreifen zu können, machte sich zunächst geltend. Die Konversation in
+den Salons, die Privatlektüre genügten nicht mehr und so wurde im Jahre
+1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum
+gegründet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde,
+denen sich ein kleiner Kreis von Männern,--im ganzen etwa 700
+Personen,--anschloß. Die letzten der Encyklopädisten und ihre Nachfolger
+lasen dort über Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und
+Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre
+gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien
+in der phrygischen Mütze auf der Tribüne,[183] und die Schüler, zu denen
+Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehörten, wurden
+aus Zuhörern handelnde Personen in dem Drama, das sich draußen
+entwickelte.
+
+Durch die Gründung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung
+anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten
+die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses
+Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen
+Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den
+Bericht über die Neuordnung des öffentlichen Unterrichts vorlegte,
+widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der
+von den übrigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausführungen
+durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm
+gewünschte Einschränkung der Frauenbildung auf das geringste Maß zu
+begründen, griff er bis auf die Frage zurück, ob Frauen als Staatsbürger
+anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, daß es wie eine mit den
+Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende
+Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hälfte des Menschengeschlechts
+außerhalb der Verfassung stehe, aber, so fügte er hinzu, ein anderer
+wichtiger Umstand müsse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck
+aller staatlichen Einrichtungen muß das Glück der größten Anzahl sein;
+wenn die Ausschließung der Frauen von allen öffentlichen Rechten für
+beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glücks zu erhöhen, so
+muß jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung
+der männlichen Jugend das Ziel hat, Bürger heranzubilden, die allen
+Rechten und Pflichten dem Staate gegenüber gewachsen sind, die Natur den
+Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer
+Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle
+des Unglücks ist, so müssen die Erziehungsmethoden für beide
+Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschluß an Talleyrands
+Bericht beschloß die Nationalversammlung die Mädchen nur bis zum achten
+Lebensjahr in öffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der
+häuslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt,
+sollen an Stelle der früheren klösterlichen Erziehungsanstalten
+weltliche treten, in denen die Mädchen in allen ihrem Geschlecht
+angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der
+Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, daß alle Kinder,
+ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in
+sogenannten maisons d'égalité gemeinsam erzogen werden sollten.[186]
+Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen
+Geschlechts zu heben oder gar der männlichen gleichzustellen, findet
+sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu
+sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als daß diese Forderung
+der Frauen eingehende Berücksichtigung hätte finden können. Sie wurde
+auch von ihnen selbst ohne großen Nachdruck verfolgt; die Frauen der
+Bourgeoisie saßen sowieso schon als Gleichberechtigte an der
+reichbesetzten Tafel geistiger Genüsse, und die Frauen der arbeitenden
+Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spüren, wo der
+physische ihren Körper verzehrte.
+
+Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789
+bis 1799 waren für die französische Industrie verderblich, nicht nur
+weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie förmlich erdrückte,
+sondern,--und das spürten die arbeitenden Frauen besonders
+empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des großen
+geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide
+zurückging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen
+der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an.
+
+Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zählte man 50000 Bettler in
+Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand,
+wuchs die Zahl der Bettler in den nächsten zehn Jahren bis auf 1-1/2
+Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um
+1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf
+680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter
+ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshäusern interniert, wo die
+gräßlichsten Krankheiten nie aufhörten, und man die Armen, als ob sie
+nicht durch das eigene Unglück genug gegeißelt würden, mit
+Peitschenhieben züchtigte.[190] Die größte Not aber herrschte in den
+Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs
+mit dem Elend der Haß empor, und er richtete sich nicht nur gegen den
+Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Haß
+der Bourgeoisie, sondern in erhöhtem Maße gegen die Ausbeuter und
+Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tägliche
+Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so
+daß Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder
+hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der
+Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schätzte doch
+Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf
+70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von
+den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu
+verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten,
+weil die gewaltigsten Triebkräfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu
+den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf
+jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenüber den
+Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit
+geschlagen; sie schwärmten für Freiheit und Gleichheit, für ein
+friedliches Leben in der Natur, für Brüderlichkeit und allenfalls für
+Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische
+Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit
+entfernt davon, über die Kluft, die sie vom Proletariat trennte,
+hinwegzuschreiten oder auch nur hinüberzusehen. Selbst die Memoiren der
+bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal
+einen Hinweis auf das Elend ihrer ärmsten Geschlechtsgenossinnen. So
+merkwürdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf
+bewußte Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst
+vortrefflichen Menschen schwer fällt, den Kreis ihrer Gefühle so über
+die eigene Klasse auszudehnen, daß keinerlei Regung des Klassenegoismus
+mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die
+inneren und äußeren Schranken zwischen den Ständen weit größere waren,
+noch viel schwerer. Das Proletariat mußte seine Sache selbst führen,
+wenn es überhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die
+Heerführer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlösser des Adels in Flammen
+aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem
+wütenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die
+Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und
+der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfüllt von dem Wunsch,
+Abhilfe zu schaffen, auf die verödeten Werkstätten und die Massen der
+Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mütter waren, vom
+Unglück doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis
+sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbständigem Handeln
+erwachten.
+
+Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der
+Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von
+Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie möglich.
+Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um
+Hilfe, aber sie wußten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194]
+daß sie kamen, war schon Wagnis genug, wie hätten sie sich auch noch zur
+Aussprache bestimmter Forderungen entschließen können? Ihre That, so
+ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender
+Bedeutung: die Frauen fühlten den Mut, zu sagen, was sie quälte; die
+durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte
+immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage
+gelangte zu klarem Bewußtsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende
+Broschüren beschäftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung;
+die ganze Not des armen alleinstehenden Mädchens, das von der
+ehrlichen Arbeit ihrer Hände nicht leben kann und der Schande
+gewaltsam in die Arme gestoßen wird, klang aus der "Motion de la
+pauvre Javotte"[195] erschütternd heraus; als eine notwendige Folge der
+wirtschaftlichen Zustände wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin
+unerhörter Schluß!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie
+einzuschränken, gesucht. Auf die Zurückdrängung der Frauen von guten
+Erwerbsmöglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschäftlichen
+Gründen geschlossenen Ehen zurückgeführt, und die Forderung, dem
+weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt
+ermöglichender Arbeit zu eröffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In
+einer Petition der Frauen an den König fand sie ihre klarste Fassung.
+Die Männer, so heißt es darin, sollen die den Frauen zukommenden
+Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausüben
+dürfen, dafür würden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompaß noch
+das Winkelmaß zu führen; "wir wollen Beschäftigung haben, nicht um die
+Autorität der Männer an uns zu reißen, sondern um unser Leben zu
+fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wünsche natürlich nicht, aber
+die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr
+überhört und vergessen werden. Sie beeinflußte die Diskussion über die
+Lage der Zünfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach
+ganz aus ihren Verbänden herausgedrängt hatten, und deren Auflösung im
+Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrüßt wurde. Sie
+bedeutete für sie, gleichgültig welches die weiteren Folgen waren, die
+Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem
+Gebiete manueller Arbeit.
+
+Das öffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschränkte
+sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie
+die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die
+Kämpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie
+Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hyänen werden, zu
+illustrieren suchen. Gewiß ist, daß der Sturm entfesselter
+Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er
+mit allen Mitteln der Gewalt unterdrückt worden war, und daß es unter
+den Frauen wie unter den Männern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie
+in erregten Zeiten überall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der
+Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober
+1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerüchte
+der skandalösen Vorgänge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser
+Volks aufs äußerste gesteigert, aber nicht die Männer, sondern die
+Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstädte, die Händlerinnen der Hallen
+waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus
+gestürmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der
+Zahl, nach Versailles.[197]
+
+Diese revolutionäre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem
+natürlichen Gefühl des Volks herauswuchs, gehört den Frauen, wie die des
+14. Juli den Männern gehört hatte. Die Männer eroberten die Bastille,
+die Frauen den König und damit das Königtum.[198] Denn obwohl es
+zunächst den Anschein hatte, als wäre die Revolution beendet, fing sie
+in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener
+Kraft ihren Platz im öffentlichen Leben erkämpft; mochten sie auch der
+Rechte der Staatsbürger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte
+nicht mehr überhört, ihre Lage nicht mehr übersehen werden. Dabei war
+ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und äußeren Politik
+geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch
+in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund
+dieser Erkenntnis zu treibenden Kräften der revolutionären
+Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der
+Männer ein und beteiligten sich an den Debatten, sie gründeten nunmehr
+auch in fast allen großen Städten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft
+eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zählte
+allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes
+républicaines et révolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem
+der Patriotes des deux sexes défenseurs de la Constitution, der unter
+dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehört auch Madame
+Roland, die einflußreichste Politikerin der Revolution als Mitglied an.
+Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einfluß verdankte ihr Gatte
+seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die
+französischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von
+ihrer Hand geschrieben sind. Sie übertraf an Kenntnissen, an Reinheit
+der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur
+sie war im stände jenen Brief an den König zu schreiben, der die
+Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach
+ihre Person den Beweis für die Berechtigung der Forderungen der
+Frauenbewegung lieferte, so wenig übte sie irgend welche direkten
+Einfluß auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung.
+
+Eine der eigentümlichsten Persönlichkeiten, welche die an Originalen so
+reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin
+und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr
+eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Bürger von
+Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß sie einem
+Verhältnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich später nannte,--mit
+dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr
+jung heiratet das blühend schöne Mädchen, deren bourbonische Züge zu
+dem Gerücht Anlaß gaben, daß Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber
+schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglücklichen
+Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr
+mangelhaften Bildung infolge ihres sprühenden Geistes und ihrer
+Schönheit der Mittelpunkt fröhlicher Geselligkeit wurde. Daß das
+unerfahrene Geschöpf dabei ihr Herz vor stürmischen Leidenschaften nicht
+behüten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgründe und
+die Höhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte,
+die Vorkämpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie
+suchte sich zunächst einen Ausweg in litterarischer Produktion für das
+Theater, natürlich, trotz geistreicher Aperçus, bei ihrer geringen
+Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck
+der fortschreitenden Revolution dieser Thätigkeit und ihrem ganzen
+bisherigen Leben den Rücken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der
+Arbeit für das öffentliche Wohl rückhaltlos in die Arme zu werfen." Sie
+that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialität
+überwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das
+Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewöhnliche
+Kräfte verlieh. Sie überraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer
+wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache.
+Selbst die Nationalversammlung hörte staunend dieser glänzenden Rednerin
+zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was
+sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schönsten
+Zügen. Angesichts der Hungersnot veranlaßte sie durch einen öffentlichen
+Aufruf und durch ihr Beispiel, daß zahlreiche Frauen in wetteiferndem
+Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie
+das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschäftigte sich mit der
+brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie
+Einrichtung öffentlicher Unterstützungskassen zu seiner Bekämpfung, dann
+aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewußtsein kam,
+agitierte sie in Wort und Schrift für die Errichtung staatlicher
+Musterwerkstätten für Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur
+Verwirklichung kam.
+
+Alle diese Bestrebungen aber waren gegenüber ihrer Thätigkeit zu gunsten
+ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete
+der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer
+Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, daß auch
+unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt
+sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thätigen Anteil
+nehmen?" Als aber die Erklärung der Menschenrechte erschien und alles
+begeisterte, veröffentlichte sie ein Manifest, die Erklärung der Rechte
+der Frauen, das in kurzen kräftigen Zügen das Programm der
+Frauenbewegung enthält. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie
+nachweist, daß das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der
+Frauen die Ursache nationalen Unglücks und sittlicher Korruption wäre,
+fährt sie fort:
+
+"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das
+Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der
+unveräußerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des
+Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die
+Unterdrückung.... Die Ausübung der Rechte, die der Frau von Natur
+gebühren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der
+Gemeinschaft von Männern und Frauen besteht die Nation, auf der der
+Staat beruht; die Gesetzgebung muß der Ausdruck des Willens dieser
+Allgemeinheit sein. Alle Bürgerinnen müssen ebenso wie alle Bürger
+persönlich oder durch ihre gewählten Vertreter an ihrer Gestaltung
+teilnehmen. Sie muß für alle die gleiche sein. Daher müssen alle
+Bürgerinnen und alle Bürger, entsprechend ihren Fähigkeiten, zu allen
+öffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmäßig
+zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente
+dürfen den Maßstab für ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das
+Schaffot zu besteigen, die Tribüne zu besteigen, sollte sie dasselbe
+Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und
+nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.
+
+"Die Frau trägt ebenso wie der Mann zum Vermögen des Staates bei, sie
+hat dasselbe Recht wie er, über dessen Verwaltung Rechenschaft zu
+fordern. Eine Verfassung ist ungültig, wenn nicht die Mehrheit aller
+Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung
+mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit
+hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr
+sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft
+der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie
+die Männer nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Füßen liegen,
+sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu
+teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203]
+
+Ihre Erklärung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschüren für und
+gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden
+Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift für die
+Frauenbewegung: l'Observateur féminin. Die Nationalversammlung wurde mit
+Petitionen bestürmt, die politische und soziale Gleichstellung
+verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch
+die des männlichen Geschlechts," hieß es in der einen; "das Volk wird in
+den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum
+befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de
+Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick für gekommen, die
+vereinzelten Kämpferinnen für Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem
+Vorgehen größeren Nachdruck zu verleihen. Sie gründete die ersten
+politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glänzendste Agitatorin sie
+wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frühzeitiges Ende bereitet
+werden. Ihrem Gefühl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der
+Freiheit verüben sah, und sie gehörte nicht zu denen, die es verstehen,
+der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu
+bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde,
+schändet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte
+Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die
+Nationalversammlung die Absetzung des Königs gefordert und angesichts
+der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit für Sie,
+um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie über Pyramiden von
+Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Prozeß
+des Königs geführt wurde, empörte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr
+mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, hütet euch, daß ihr nicht
+unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte
+Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen
+sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles
+gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte
+jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit
+die Massen hinzureißen verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an
+der Spitze einer royalistischen Verschwörung zu stehen, zu der sie, als
+natürliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fühle. Statt nun
+in ihren öffentlichen Angriffen auf die Führer der Revolution
+vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rücksichtsloser, denn das
+Todesurteil über den König versetzte sie in die äußerste Erregung. Sie
+sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie fürchtete auch die Folgen für
+die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen;
+eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelöst
+werden." In dem Bedürfnis, nichts unversucht zu lassen, um das
+Verhängnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen
+leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum
+äußersten für ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent
+zur Verteidigung des Königs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie,
+ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schärfsten Pamphlete,
+in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch
+ausrief: "Auch dein Thron wird einst das Schaffot sein." Dabei versuchte
+sie, auch auf die Frauenvereine in ihrem Sinn Einfluß zu üben, und
+erreichte vielfach, daß diese eine drohende Haltung einnahmen und
+öffentlich für die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de
+Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht lange
+entgehen. Im Sommer 1793--sie war 45 Jahre alt--wurde sie verhaftet, am
+3. November fiel ihr Kopf unter dem Fallbeil.[205] Mochte sie in ihrem
+abenteuerreichen Leben die Grenzen bürgerlicher Sittsamkeit noch so oft
+überschritten haben, mochte ihr exzentrisches Wesen dem landläufigen
+Begriff zurückhaltender Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,--die
+Frauenbewegung darf dennoch stolz auf ihre Vorkämpferin sein. Das Urteil
+über die öffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt sich vorwiegend
+nach den Wirkungen, die er durch seine Thätigkeit auf den sozialen
+Fortschritt ausgeübt hat. Von diesem Standpunkt aus gebührt Olympe de
+Gouges der Ruhm, die Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem
+beachtenswerten Faktor im öffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war
+ihr Auftreten typisch für die Haltung der Frauen und ihrer Vereine
+überhaupt.
+
+Sie erregten in steigendem Maße die lebhafteste Unzufriedenheit des
+Konvents und der Kommune; teils wurde den Frauen unsittlicher
+Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches Eingreifen in die
+politischen Kämpfe zum Vorwurf gemacht. Das geschah gewiß nicht ohne
+Grund, denn eine Zeit, in der alle alten Institutionen ins Wanken
+geraten, wirft schwache Charaktere und heiße Herzen nur zur leicht aus
+dem rechten Geleise; aber es muß angesichts der harten Urteile der
+Zeitgenossen über die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden,
+daß sie ihr und ihren Forderungen gegenüber fast sämtlich einen von
+vornherein feindseligen Standpunkt einnahmen. Selbst die radikalsten
+Politiker hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste
+Verständnis für sie. Die Frauen standen fast vollständig allein, dazu
+kam, daß sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefühlsseite hin am
+stärksten entwickelt ist, rücksichtslos gegen jedermann vorgingen, der
+sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit schuldig machte. Eine große
+Anzahl der Anklagen gegen Frauen gründete sich darauf, daß sie sich
+mitleidig eines Gefangenen angenommen, oder für einen, ihrer Meinung
+nach unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war
+den Männern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit gegenüber
+den Leiden der Gegner so unverständlich, daß sie es sich immer nur
+durch das Bestehen eines Liebesverhältnisses zwischen der betreffenden
+Frau und dem Verurteilten zu erklären vermochten. Auch eine der
+begabtesten Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der
+Frauen nach Versailles angeführt hatte, geriet unter diesen Verdacht,
+obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkämpferin der Revolution,
+am wenigsten begründet zu sein scheint. Infolge der Erbitterung gegen
+die öffentlich auftretenden Frauen, die im Jahre 1793, dem Todesjahr
+Olympe de Gouges, ihren Höhepunkt erreicht hatte, gestalteten sich die
+Angriffe gegen Rose Lacombe schließlich zum Kampf gegen die
+Frauenbewegung selbst.
+
+Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenüber beklagt, daß Gefangene
+tagelang im Gefängnis schmachteten, ohne auch nur verhört zu werden, wie
+es bei dem Maire von Toulouse, in dessen Sohn man ihren Liebhaber
+vermutete, geschehen war, und sie forderte, man solle beschließen, jeden
+Gefangenen binnen 24 Stunden zu verhören, ihm die Freiheit zu schenken,
+wenn seine Unschuld sich erweist, ihn zu töten, wenn er schuldig ist.
+Eine Behandlung, wie die gegenwärtige, verstieße gegen die Gesetze der
+Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik sein müßten. Auf die Frage,
+warum gerade der Maire von Toulouse, ein Aristokrat, sie, die
+Verfolgerin der Aristokraten, zur Verteidigerin gewinnen könne,
+erwiderte sie ruhig: "Er verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklärung
+erschien Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub
+und stieß um so weniger auf Widerstand, als der revolutionäre
+republikanische Frauenverein, an dessen Spitze Rose Lacombe stand, durch
+den Mut, mit dem er der Selbstherrlichkeit Robespierres gegenüber die
+Rechte des Volks verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu
+bahnen versuchte, schon längst verdächtigt wurde.[206] Rose Lacombe
+versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; man ließ sie
+nicht zum Worte kommen und übergab ihre Sache der Kommission für
+öffentliche Sicherheit.[207] Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde,
+beantragte die Kommission, der Konvent möge beschließen, daß alle
+Frauenvereine, gleichgültig, welchen Namen sie trügen, aufgelöst und
+ein für allemal verboten würden. Die Rede des Konventmitglieds Amar, die
+diesen Antrag begründete, ist bezeichnend für die Stellung, welche die
+Männer der Revolution der Frauenbewegung gegenüber einnehmen. Er
+verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte
+ausüben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen dürften, und ob es
+ihnen gestattet sein sollte, politische Vereine zu bilden, indem er
+folgendermaßen argumentierte:
+
+"Regieren heißt, die öffentlichen Angelegenheiten durch Gesetze leiten,
+deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, strenge Unparteilichkeit,
+ernste Selbstverleugnung zur Voraussetzung hat; regieren heißt, die
+Handlungen der Diener des Staates unter ständiger Aufsicht haben. Sind
+die Frauen dazu fähig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften dafür?
+Nur durch recht wenige Beispiele könnte diese Frage bejaht werden. Die
+politischen Rechte der Bürger bestehen darin, im Interesse des Staates
+Beschlüsse zu fassen, sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen.
+Haben die Frauen die moralische und physische Kraft, welche das eine wie
+das andere dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht
+dagegen...."
+
+"Der Zweck der Volksvereine ist, die Thätigkeit der Feinde des
+öffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen Bürger, die Beamten des
+Staates, ja selbst die gesetzgebende Körperschaft zu beaufsichtigen; die
+Begeisterung Aller durch das Beispiel republikanischer Tugenden
+anzufeuern; sich selbst durch öffentliche Besprechungen über die Fehler
+oder die Vorteile politischer Maßnahmen aufzuklären. Können Frauen sich
+diesen ebenso nützlichen wie schwierigen Arbeiten unterziehen? Nein,
+denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen Sorgen hinzugeben, die
+die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes Geschlecht ist zu der Thätigkeit
+berufen, die ihm entspricht; seine Handlungen sind auf einen Kreis
+beschränkt, den es nicht überschreiten darf, weil die Natur selbst diese
+Grenzen dem Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe,
+daß es sich öffentlich zeigt, daß es mit Männern diskutiert, und
+öffentlich, angesichts des Volkes, sich über die Fragen ausspricht, von
+denen das Wohl der Republik abhängt? Im allgemeinen sind die Frauen
+unfähig hoher Konzeptionen und ernster Überlegungen.... Aber noch unter
+einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine gefährlich. Wenn wir
+bedenken, daß die politische Erziehung der Männer noch im Frührot der
+Entwicklung steht, und daß wir das Wort Freiheit erst zu stammeln
+vermögen, um wie viel weniger aufgeklärt sind dann die Frauen, deren
+Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in den Volksvereinen
+würde daher Personen einen aktiven Anteil an der Regierung gewähren, die
+dem Irrtum und der Verführung stärker ausgesetzt sind als andere. Fügen
+wir hinzu, daß die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die
+Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert würden, was die
+Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr hervorbringt...."
+
+Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der Konvent am
+30. Oktober 1793 ihre Auflösung zum Beschluß.[208]
+
+In stürmischen Versammlungen protestierten die Frauen dagegen, und eine
+Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in den Sitzungssaal der
+Kommune, um hier persönlich für die Anullierung des Beschlusses, soweit
+die Stadt Paris in Betracht kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum
+Wort, da der Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in
+einer wütenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er folgte
+darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schließlich seiner Rede den
+ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn ihre Gründe nicht
+durchschlagen, schließlich die Unentschiedenen für sich zu gewinnen
+pflegen. "Die Natur sagte der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die
+Erziehung der Kinder, die häuslichen Sorgen, die süßen Mühen der
+Mutterschaft--das ist das Reich deiner Arbeit; dafür erhebe ich dich zur
+Göttin des häuslichen Tempels, du wirst durch deine Reize, durch deine
+Schönheit und deine Tugenden alles beherrschen, was dich
+umgiebt!--Thörichte Frauen, die ihr zu Männern werden wollt, was
+verlangt ihr noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen
+euch zu Füßen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere Kraft nicht
+brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der Natur, bleibt was
+ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die Kämpfe unseres Lebens zu
+beneiden, begnügt euch damit, sie uns vergessen zu machen!"[209]
+
+Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schloß die Kommune sich dem
+Beschluß des Konvents an und erklärte außerdem, Frauendeputationen nicht
+mehr empfangen zu wollen. Trotz alledem setzten die Frauen diesen
+Beschlüssen den äußersten Widerstand entgegen, mußten aber schließlich
+der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den Tribünen des Konvents,
+man untersagte ihnen die Teilnahme an öffentlichen Versammlungen, ja man
+ging soweit, ein Gesetz zu erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als
+fünf zusammenfanden, mit Gefängnis bestraft werden sollten.[210]
+
+So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos verlaufen zu
+sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: Der erste
+stürmische Angriff wurde von den Gegnern zurückgeschlagen, nicht nur,
+weil ihrer noch viel zu viele waren, sondern weil das Ziel der Bewegung
+noch zu wenig geklärt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine
+Schwierigkeiten daher nicht übersehen werden konnten.
+
+Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, thatsächlich wirkte sie
+jedoch im stillen weiter, indem sie die Köpfe gewann und hervorragende
+Denker sich mit ihren Problemen beschäftigten.
+
+Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte der
+großen französischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Condorcet, auf
+sie aufmerksam und widmete ihr in seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois
+de New-Haven à un citoyen de Virginie[211] einen bemerkenswerten
+Abschnitt. Er ging von der Voraussetzung aus, daß die Frauen, ebenso wie
+die Männer, fühlende, mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fähige
+Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben mußten, wie die Männer. Er
+forderte das aktive und das passive Wahlrecht für sie und wollte sie von
+keinem Amt gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklärte, daß es
+überflüssig sei, den Bürgern zu verbieten, sie z.B. zu Heerführern zu
+wählen, da man ihnen doch auch nicht zu untersagen brauche, etwa einen
+Blinden zum Gerichtssekretär zu machen.
+
+Im Jahre 1789 veröffentlichte er im Journal de la société (No. 5)[212]
+einen Artikel über die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht, der auch
+heute noch als die glänzendste Rechtfertigung und Verteidigung der
+Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider noch
+unerfüllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde das von der
+Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch auf das
+empfindlichste verletzt, daß die Hälfte des Menschengeschlechts des
+Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung teilzunehmen. Wolle man für
+diese Thatsache eine Anerkennung, so müsse nachgewiesen werden, daß
+nicht nur die natürlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der
+Männer, sondern daß sie auch unfähig seien, die Bürgerrechte auszuüben.
+Da die Frau ein Mensch sei wie der Mann, habe sie dieselben natürlichen
+Rechte wie er, denn entweder gebe es überhaupt keine angeborenen
+Menschenrechte, oder jeder Mensch, gleichgültig welches sein Geschlecht,
+seine Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die
+Gründe betrifft, die angeführt werden zum Beweise der Unfähigkeit der
+Frau, den Pflichten eines Staatsbürgers zu genügen, so wandte sich
+Condorcet zunächst gegen den ihrer physischen Konstitution, indem er
+ausführte, daß er nicht einsehen könne, wieso Schwangerschaften und
+vorübergehende Unpäßlichkeiten die Frauen für Ausübung der Bürgerrechte
+untauglich machen sollten, da doch auch die Männer Krankheiten aller Art
+ausgesetzt seien, ohne daß man es für notwendig halte, ihnen deshalb die
+Pflichten und Ehren der Bürger abzusprechen. Ferner sagt man, daß keine
+Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet oder Beweise von Genie
+gegeben habe, aber man habe doch nie daran gedacht, die Verleihung des
+Bürgerrechts an die Männer von ihrer Begabung abhängig zu machen. Auch
+das geringere Maß an Kenntnissen, die schwächere Urteilskraft, die man
+den Frauen zum Vorwurf mache, könne, selbst wenn man sie zugeben wolle,
+nicht als Grund angesehen werden, sie politisch für rechtlos zu
+erklären. Als Konsequenz dieser Anschauung müsse man sonst auf jede
+freie Verfassung verzichten und die Regierung, wie den Einfluß auf die
+Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft
+aufgeklärter Männer überlassen. Was man an den Frauen mit Recht
+aussetzen könne,--ihren Mangel an Gerechtigkeitsgefühl, ihre
+Einseitigkeit und geringe Bildung,--sei lediglich eine Folge ihrer
+schlechten Erziehung und der sie umgebenden sozialen Verhältnisse, die
+man daher zu ändern trachten müsse. Auch eine Reihe von
+Nützlichkeitsgründen werden gegen die Zulassung der Frauen zum
+Bürgerrecht hervorgebracht: man fürchte ihren Einfluß auf die
+Männer,--als ob ihr geheimer Einfluß nicht viel bedenklicher sei, als es
+ihr öffentlicher sein würde, man glaube, sie würden ihre natürlichen
+Pflichten dem Haushalte, den Kindern gegenüber vernachlässigen, und doch
+habe man nie Bedenken in Bezug auf die Männer gehabt, die doch auch
+ihrem Beruf, ihrer Arbeit nachgehen müssen. Man scheine dabei auch
+absichtlich übersehen zu wollen, daß nicht alle Frauen einen Haushalt
+und kleine, der Pflege bedürftige Kinder haben, und die Ausübung des
+Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten würde, als die banalen
+Vergnügungen und Zerstreuungen, denen sie jetzt nachgehen. Solche
+Nützlichkeitsgründe haben immer, wo andere nicht ausreichten,
+Tyrannenherrschaft rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lägen Handel und
+Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger noch
+heute, in ihrem Namen füllte man die Bastille und wendete die Folter an.
+Die Frage der Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht dürfe aber nicht mehr
+mit Nützlichkeitsgründen, Phrasen und Witzen abgethan werden. Auch die
+Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs zwischen den Männern
+festsetzte, habe eine Flut geschwollener Reden und billiger Scherze
+hervorgerufen, stichhaltige Gründe jedoch habe niemand vorzubringen
+vermocht. "Ich glaube," so schliesst Condorcet, "daß es mit der
+Rechtsgleichheit der Geschlechter nicht anders sein wird."
+
+Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des
+französischen Philosophen in England und Deutschland eine
+wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen Verhältnisse in
+jenen Ländern ließen dem Einzelnen mehr Zeit zum Nachdenken und
+Theoretisieren, während die Lage Frankreichs zum Handeln aufforderte.
+So schrieb ein deutscher Historiker eine vielbändige Geschichte des
+weiblichen Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, daß die
+Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so empörendes, Abscheu
+und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel darbiete, als die
+der Frauen,[213] und ein englischer Gelehrter, der denselben Stoff
+behandelte, sprach sich ähnlich aus, indem er erklärte, daß die
+empörende Behandlung des weiblichen Teils der menschlichen Species nur
+dem menschlichen Manne eigentümlich sei, und in der ganzen Natur kein
+Gegenstück und kein Vorbild habe.[214]
+
+Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf diesem
+Gebiet war das Werk der Engländerin Mary Wollstonecraft: Vindication of
+the rights of women.[215] Ein Leben voll innerer und äußerer Kämpfe und
+Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. In
+ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und Bildungsfrage sie
+schon lebhaft beschäftigt, so daß sie als ihre erste litterarische
+Arbeit eine kleine Schrift über die Erziehung junger Mädchen erscheinen
+ließ. Ihr folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und
+einige selbständige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und sie
+zugleich in persönliche Beziehungen zu ihrem Verleger Johnson brachten,
+bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr fand. Er selbst wie alle
+seine Gäste verfolgten die Ereignisse der französischen Revolution mit
+stürmischer Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der
+Lorbeer der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser
+Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in
+Johnsons Salon die Menschenrechte verkündete. So wurde Mary
+Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen und
+Burkes Angriff auf sie gab den Anstoß, daß die feurige Frau sich
+öffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die Rechtfertigung der
+Menschenrechte" hieß die kleine Schrift, die den Namen der Verfasserin
+über den Kreis ihrer Freunde hinaus bekannt machte.[216] Aber sie war
+nur das Vorspiel und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung
+der Rechte der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung
+des französischen Schulwesens Einfluß üben zu können, Talleyrand
+widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse folgend brachte sie die
+umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu Papier, ohne sich zu ruhigem
+Nachdenken Zeit zu lassen. Sie trägt denn auch die Spuren ihrer
+Entstehung an sich und besteht aus völlig ungeordneten, oft sprunghaft
+wechselnden Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalität Mary
+Wollstonecrafts und der Schärfe ihrer Beobachtung zeugen. Den größten
+Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren Vernachlässigung sie die
+Ursache der Fehler und Schwächen des weiblichen Geschlechts sieht. Auf
+einen ungesunden Geist führt sie das Verhalten der Frauen zurück und
+vergleicht ihn mit einer Pflanze, die in zu üppigem Boden steht und
+schöne Blüten, aber keine Früchte hervorbringt. Es werden wohl "Damen",
+aber keine Frauen erzogen, man lehre sie Sitten, aber keine Moral, man
+richte ihr Streben auf Eitelkeiten und nichtigen Tand, aber nicht auf
+ernste Ziele, man gewöhne sie, sich mit Spielereien zu beschäftigen und
+durch Vergnügungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu gewöhnen und
+ihre Muße den Freuden der Kunst, der Natur und der Wissenschaft zu
+widmen. So werden jene schwachen, gedankenlosen Wesen gradezu gezüchtet,
+denen ihre eigenen Züchter, die Männer, nachträglich ihre Schwäche und
+Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre Erziehung
+genauer betrachte, könne sich nicht wundern, daß sie Vorurteilen zum
+Raub fallen, unselbständig urteilen und zu blindem Autoritätsglauben
+geneigt sind. Sie seien durch die sie umgebenden Verhältnisse
+thatsächlich minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur
+künstlich so herabgedrückt worden seien, dürfe man nicht das weibliche
+Geschlecht als solches nach seinem gegenwärtigen Stand beurteilen. Erst
+gebe man den Frauen Raum, sich zu entwickeln, ihre Kräfte zu bethätigen,
+dann bestimme man, welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen
+Stufenleiter sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernünftigen Wesen erzogen
+worden seien, dürfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt werden
+und müssen dieselben Rechte genießen, wie die Männer.
+
+In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem
+Gesinnungsgenossen Condorcet gegenüber als die Vorsichtigere,
+Zurückhaltendere. Während er auf Grund der überall gleichen
+Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische
+Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht zum
+Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Männer keiner Prüfung
+ihrer Geisteskräfte unterliegen, ehe sie als vollwertige Staatsbürger
+anerkannt werden, erklärt sie die Reform der Erziehung für die
+Voraussetzung der Reform der Gesetze.
+
+In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte Schülerin
+der Revolution. Nicht nur, daß sie in vielen ihrer abschweifenden
+Gedanken das Königtum, die stehenden Heere, die Aristokratie heftig
+angreift, sie erörtert auch das Problem der Armut und erklärt sie für
+eine der wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Für die Frauen
+folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich unabhängig vom Mann
+zu sein. Diese, auch im modernen Sinn radikale Forderung ist von ihr
+zuerst ausgesprochen worden und erhebt sie in die Reihe der
+aufgeklärtesten und weitblickendsten Vorkämpfer der Frauenbewegung. Aber
+auch in anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der
+Keuschheit, die für beide Geschlechter dieselbe sein müsse, fordert sie,
+daß Knaben und Mädchen gemeinsam in öffentlichen Schulen erzogen werden.
+Nur wo ein kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer
+zwischen den Geschlechtern von früh an zu finden sei, werde die Liebe
+zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden die Ehen
+glücklichere sein. Neben die geistige solle auch die körperliche
+Erziehung treten, damit ein kräftigeres, schöneres Geschlecht
+heranwachse, damit das Vaterland Mütter habe, die gesunde Kinder
+hervorzubringen und zu erziehen im stände seien.
+
+Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um ihres
+heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, das aus
+ihrem Schoße hervorwächst, von ihrem Körper und von ihrem Geist seine
+erste, die spätere Entwicklung bestimmende Nahrung empfängt, soll das
+Weib dem Manne ebenbürtig zur Seite stehen, ein freier Bürger wie er.
+
+Mary Wollstonecrafts kühnes Buch machte ungeheures Aufsehen. Die
+heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich natürlich auch gegen
+ihre Person, unter der Spötter und Karikaturenzeichner sich ein
+starkknochiges, häßliches Mannweib vorstellten, während sie eine zarte,
+im besten Sinne weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel
+der Weiblichkeit trägt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde gleich nach
+seinem Erscheinen ins Französische und von ihrem Freunde, dem bekannten
+Schnepfenthaler Pädagogen Salzmann, ins Deutsche übersetzt.
+
+Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in Deutschland
+verkünden sollte, war ein anderes ihm zuvorgekommen: Theodor von Hippels
+Buch über die bürgerliche Verbesserung der Weiber,[217] das im selben
+Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in London. Schon
+im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift über die Ehe, in der er
+Frauen und Männern derbe Lektionen gab, sein Interesse an der Stellung
+der Frau im bürgerlichen Leben kund gethan.[218] Aber erst die
+französische Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kämpfen regte
+ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlüssen wie
+Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen darüber
+nicht verhehlen, daß die französische Verfassung kurzsichtig und
+engherzig genug war, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung zu
+verweigern. Dabei ging er so weit, zu erklären, daß die Sklaverei, wenn
+sie auch nur in einer einzigen Beziehung geduldet werde, über kurz oder
+lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwänden gegen die
+Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger Schärfe. Soll,
+so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, auch wenn sie schon Tausende
+von Jahren alt ist, nur deshalb fortbestehen, weil ihre Abänderung mit
+Schwierigkeiten verknüpft ist und man vermutet, es könnten bedenkliche
+Folgen daraus erwachsen? Man müsse endlich das andere Geschlecht zum
+Volk zu machen sich entschließen. Freilich müßte eine durchaus
+veränderte Erziehung die Frauen dazu befähigen, denn jetzt, wo sie nur
+zum Spielzeug der Männer gemodelt wären, könnten sie ihren Pflichten nur
+schlecht genügen. Man erziehe Bürger für den Staat, ohne Unterschied des
+Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der Knaben und Mädchen, Zulassung der
+Frauen zu allen Berufen, verlangte Hippel. Nur das "Monopol des
+Schwertes" soll den Männern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal
+nicht ohne Menschenschlächter behelfen kann oder will!" Zur
+Erleichterung körperlicher Ausbildung rät er zu einer gleichen Kleidung
+der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit
+auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefühl des Mangels an
+körperlichen Kräften wie in der Beschränktheit des Verstandes habe,
+dürfe keine Seite des Wesens in der Erziehung vernachlässigt werden. Für
+thöricht hält er den Einwand, daß die Weiber zu viel Zeit auf ihren Putz
+verwenden,--sind es nicht grade die Männer, die ihnen die Seele
+bestreiten und sie auf den Körper beschränken? Jetzt haben sie keine
+andere olympische Bahn, als mit ihren Reizen Männer zu fangen; sie
+werden Wunder thun, wenn man ihnen andere eröffnet. Auch die natürliche
+Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das
+Kindergebären, das zum Hauptbeweis dieser Schwäche angeführt zu werden
+pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis seiner Stärke ab.
+
+Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er großes: "Gewiß
+hätten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden
+Schiffbrüchige mit Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den
+Fluten ringen, Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schweiß
+und das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden." So
+forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des
+Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der
+Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft
+gefordert hatte.
+
+Während Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur einander gleich
+standen, vergrößerte sich mit der fortschreitenden ökonomischen
+Entwicklung der Abstand zwischen ihnen mehr und mehr. Die Interessen,
+die Kämpfe, die Ziele des physisch stärkeren, durch die Bedingungen des
+Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus und
+Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und
+rechtlichen Trennung, die von der Frau zunächst nicht empfunden werden
+konnte, weil sie durch ihre häusliche Thätigkeit vollauf in Anspruch
+genommen war und infolge der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse
+über die ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken
+vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in wachsendem
+Maße von dem Handwerk und der Industrie übernommen wurden, und die Frau,
+soweit sie als Angehörige der besitzenden Klassen Muße gewann, sich
+überflüssig fühlte, die Leere ihres inneren und äußeren Lebens empfand
+oder als Mitglied der besitzlosen, gezwungen war, ihre häusliche
+Thätigkeit in Lohnarbeit außer dem Hause und getrennt von der Familie
+umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drückenden Lage bewußt. Nicht nur, daß
+sie auf einer Stufe geistiger Rückständigkeit festgebannt war, die
+vergangenen Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch
+wirtschaftliche, rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein,
+den sie wie der Mann zu kämpfen hatte, untauglich gemacht. Diese
+Widersprüche wurden die Ursache einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die
+stetig wuchs und in der Frauenbewegung der französischen Revolution
+einen Höhepunkt erreichte. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit,
+das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz waren die Ziele, die die
+Revolution proklamierte und die durch ihre litterarischen Vertreter
+theoretische Begründung fanden.
+
+Das neunzehnte Jahrhundert stellte _neue_ Probleme der Frauenfrage nicht
+mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie wurde, in um so
+deutlicher ausgeprägte einzelne Seiten, ebenso wie der Strom kurz vor
+seinem Eintritt in das Meer ihm seine mächtig angeschwollenen
+Wassermassen nicht in einem Fluß, sondern in vielen Flußarmen zuführt.
+Jeder einzelne wird zu einem Strom für sich und jede Seite der
+Frauenfrage umfaßt schließlich ein so weites Gebiet, daß sowohl von
+historischen als von kritischen Gesichtspunkten aus eine gesonderte
+Behandlung notwendig wird.
+
+Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der Frauenfrage, die an
+der Hand der Geschichte gewonnen wird, führt notwendig dazu, ihre
+ökonomische Seite in den Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus
+entwickelt sich erst die rechtliche und aus beiden die sittliche Seite
+der Frauenfrage. Alle Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des
+Gesamtproblems enthalten.
+
+
+
+
+Zweiter Abschnitt.
+
+
+Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.
+
+
+
+
+1. Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt.
+
+Erste Periode. Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt
+beruflicher Arbeit.
+
+
+Theoretische Erörterungen der Frauenfrage haben weder wissenschaftlichen
+Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie lediglich von vorgefaßten
+Meinungen oder allgemeinen ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu
+richtigen Resultaten zu gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der
+Thatsachen zu fußen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die
+geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im Menschheitsleben im
+allgemeinen darzustellen, es ist auch erforderlich, von dem Zeitpunkt
+an, wo die Frauenfrage sich erweitert und in ihr verschiedene gleich
+wichtige Seiten hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der
+theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum
+handeln, einzelne Thatsachen mit möglichster Vollständigkeit
+zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der Entwicklung in seinen
+großen Zügen zu verfolgen und seine treibenden Kräfte aufzudecken.
+
+Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze Erwerbsleben
+des weiblichen Geschlechts von den Höhen wissenschaftlicher Arbeit bis
+in den düsteren Abgrund der Prostitution umfaßt, bedarf besonders dieser
+Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit über das Recht der Frauen
+auf Arbeit, über ihre Zulassung zu oder ihre Ausschließung von
+männlichen Berufen würden vermieden werden, viele nur moralisierende
+Sittlichkeitsapostel würden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen,
+wenn an Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefühle die
+historische Erkenntnis treten würde. Sich der Entwicklung in den Weg zu
+werfen, ist ein nutzloses Bemühen; auch der, der sie fürchtet, kann ihre
+unheilvollen Wirkungen nicht anders abwenden, als indem er ihr die Wege
+bahnt. Was die Frauenbewegung an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das
+verdankt sie ausschließlich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden.
+Ihr eigner Gang ist ein klarer, gesetzmäßiger, der auch in dem Kampf um
+Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt deutlich zum Ausdruck kommt.
+
+Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war für die Frauenwelt eine der
+bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl waren schon vorher Männer
+und Frauen aufgetreten, die mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte
+Arbeitsmöglichkeiten für das weibliche Geschlecht gewünscht hatten, aber
+sie waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast
+ungehört. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die theoretischen und
+philosophischen Erörterungen über die Rechte das Weibes in den Bereich
+praktischer Forderungen. Aber es waren weniger die vielen rednerischen
+und schriftstellerischen Auseinandersetzungen und Erklärungen der
+politischen Rechte, die zu Erfolgen führten, als vielmehr die von den
+Massen der Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit.
+
+Schon das französische Edikt von 1776 hatte mit der Proklamierung der
+Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und nach der Revolution
+schien es, als stünden den Frauen nunmehr dieselben Wege offen, auf
+denen die Männer ihrem Broterwerb nachgingen. Bald zeigte sich jedoch,
+daß die größten Hindernisse erst noch zu überwinden waren, denn es
+fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs offene Meer
+hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und Kompaß mitzugeben.
+
+Die Frauen und Töchter des arbeitenden Volkes, die in immer
+ausgedehnterem Maße gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu suchen,
+strömten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter brauchen konnten.
+Lohndruck, Vergrößerung des Elends, infolgedessen neuer Zuzug
+weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus diesen Anfängen heraus
+entwickelte sich die Arbeiterinnenbewegung. Aber während diese Schicht
+der weiblichen Bevölkerung den Kampf ums tägliche Brot von jeher ebenso,
+ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die Männer, waren die
+Frauen und Töchter der Bourgeoisie vom Erwerbszwang bisher verschont
+geblieben. Sie lebten der häuslichen Thätigkeit und der Kindererziehung,
+häufig aber lediglich dem Vergnügen, der Schöngeisterei oder anderem
+maskierten Müßiggang. Die Verarmung des Bürgerstandes, die Revolutionen
+und Kriege, die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Töchter und
+Witwen der Opfer des Schlachtfeldes, nötigten die Frauen zu einer
+Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige Verhältnis in der
+Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen hatten, nicht nur an sich
+schwer fiel, sondern auch wie eine möglichst zu verbergende Schande
+erschien. Zahlreich waren schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die
+armen adeligen Fräuleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen
+fürstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja selbst als
+Hofdamen an den vielen kleinen Fürstenhöfen nichts anderes suchten als
+einen Broterwerb und sich oft, unter ängstlicher Aufrechterhaltung
+äußeren Glanzes kümmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur
+sentimentale Romane, auch manche der an die Nationalversammlung
+gerichteten Petitionen führen den Beweis dafür, daß viele Bürgertöchter
+sich gezwungen sahen, durch Stickereien und Wirkereien ihr Brot zu
+verdienen. Mit den Frauen des handarbeitenden Volkes teilten sie das
+gleiche Schicksal: die Not trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch
+noch ein anderes mit ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu
+einem Erwerbsberuf. Aber während für jene, dank der Entwicklung der
+Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der Industriearbeiter
+Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch ungelernte Arbeitskraft, eine
+begehrte war, standen diese vor geschlossenen Thüren, vor denen
+Unbildung und Vorurteil Wache hielt. Die Arbeiterin kämpfte bereits in
+Reih und Glied mit dem Mann den harten Kampf ums Dasein, während die
+Frau der Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen
+hatte. Aus diesem Umstand erklärt sich die oft bis zu Gegensätzen sich
+steigernde Verschiedenheit der bürgerlichen und der proletarischen
+Frauenbewegung und auch, die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander
+zu behandeln.
+
+Die Frau der Bourgeoisie wurde für das Haus und für die Geselligkeit
+erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue Zeit für sie
+forderte, und die über den Religions- und Haushaltungsunterricht des
+Mittelalters hinausging, hatte nur den Zweck, die geselligen Talente zu
+unterstützen und dem Mann eine verständnisvollere Gefährtin zu sein.
+
+Die erste Stelle unter den Vorkämpfern der Reform der Mädchenerziehung
+nahm Fénelon ein.[219] Seine pädagogischen Grundsätze veranlaßten Frau
+von Maintenon, in St. Cyr die erste höhere Mädchenschule zu gründen, die
+insofern noch ein besonderes Interesse beansprucht, als sie zugleich die
+erste Anstalt war, die, durch Ausbildung von Erzieherinnen, der
+beruflichen Thätigkeit der Frau die Wege bahnte.[220] Aber sie war nur
+eine Oase in der Wüste und entsprach so wenig der Zeitströmung, daß sie
+bald auf das jämmerliche Niveau der üblichen Mädchenschulen herabsank,
+und Putz, Tanz und Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb.
+Ihrer deutschen Nachahmung, dem Gynäceum A.H. Franckes, erging es nicht
+anders. Er, der einfache, fromme Mann, mußte es sich gefallen lassen,
+daß auch seine Gründung, wie damals alle Erziehungsanstalten für
+Mädchen, in die Hände französischer Gouvernanten fiel, die Modepüppchen
+darin dressierten.[221] Die französische Sprache, die Umgangssprache der
+höheren Stände, trat überall in den Mittelpunkt des Unterrichts.
+Französische Erzieher und Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist
+ihre Muttersprache war, wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf
+"Bildung" Anspruch machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen
+gelangten besonders in Preußen, wo Friedrichs II. Vorliebe für die
+französische Sprache maßgebend war, zu derartigen Stellungen. Die
+Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder und oberflächlicher
+als die des Mittelalters. Eine Reaktion gegen die herrschende Strömung,
+gegen die Ausschließung des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren
+Kenntnissen, gegen sein einseitiges Interesse für Putz und Tand,
+Spielerei und Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland
+durch Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und--gerichtet. Denn
+statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mädchen
+anzustreben, beschränkte er und sein Kreis sich auf die Treibhauskultur
+einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die mehr als die
+geputzten Dämchen der höfischen Salons für den niedrigen Stand
+weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis ablegten.[222] Die häufigen
+Krönungen von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher
+Doktoren muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wäre aber
+durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch war
+für die Frauen die Bildung nur ein äußeres Schmuckstück, Kunst und
+Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in geistreichen Salons zu glänzen.
+Vertiefung, ernste Arbeit war erst da zu erwarten, wo sie zu einer
+Berufsthätigkeit die Grundlage zu schaffen hatten, daß sie anfingen, aus
+diesem Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und
+nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von
+Erziehung der Töchter schreiben, geben denselben so viel Anmut oder so
+glückliche Umstände, daß man an ihrer baldigen Verheiratung nicht
+zweifeln darf. Aber giebt es denn keine häßlichen und gebrechlichen
+Töchter? Keine, die in ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen
+Sitten in Gefahr sind, von einem würdigen Manne nicht begehrt zu
+werden?" Er giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermögen
+besitzen", den Rat, ihre Töchter nicht wie bisher allein im Hinblick auf
+die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu geben, die es ihnen
+ermöglicht, als Lehrerinnen und Gesellschafterinnen einmal ein
+Unterkommen zu finden.[223] Sein mutiger Ausspruch, den bisher viele
+gefühlt, aber niemand zu thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden.
+So manches unbefriedigte, einsame Mädchen schuf sich im Lehrberuf einen
+befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, dazu
+bei, daß seinem vernachlässigten, unwissenden Geschlecht geholfen wurde.
+Als die hervorragendste ihrer Art sei Karoline Rudolphi genannt, die
+nach entbehrungsreicher Jugend und Jahren inneren Kampfes zu dem
+Entschluß kam, Erzieherin zu werden und schließlich in Hamburg eine
+Mädchenschule gründete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre
+Erziehungsgrundsätze hat sie in ihrem Buche: "Gemälde weiblicher
+Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: "Lasset euere
+Kinder Menschen werden!"[224] Erziehet die Mädchen nicht zuerst zu Damen
+und Hausfrauen, sondern zu tüchtigen Menschen, die im Notfall auch
+allein durchs Leben gehen können, die nicht zu verzweifeln brauchen,
+wenn die führende Hand des Mannes fehlt.
+
+In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer Zeitgenossin,
+Madame de Genlis, die die Mädchen nur für die Ehe, nur für den Mann
+erziehen wollte, die in der Bildung nichts als ein Mittel, die
+Langeweile zu bekämpfen und dem Müßiggang vorzubeugen, sah und in
+logischer Konsequenz zu dem Schlüsse kam: "Das Genie ist für die Frauen
+eine gefährliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer Bestimmung
+und läßt sie diese nur als drückend empfinden."[225] Die Verfasserin,
+die typische Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus,
+was die Ansicht dessen war, der für die nächsten Dezennien die Geschicke
+der Welt in seinen eisernen Händen hielt: Napoleons. Wie Rousseau sah er
+in den Frauen nur Mütter; zu solchen, zu Gebärerinnen und Erzieherinnen
+eines Geschlechts von Helden, wollte er sie erzogen wissen. Und so
+schroff und festgewurzelt war seine Meinung, daß er allen geistreichen
+und gelehrten Frauen mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der
+sich bis zu dem kleinlichen Kampf gegen Madame de Staël steigern konnte.
+Aber ebenso wie man, besonders außerhalb Frankreichs, über dem Eroberer
+den Reformator zu vergessen pflegt, so vergißt man auch über dem Gegner
+der Frauenemanzipation den Beförderer einer verbesserten
+Mädchenerziehung. Die Mädchenpensionate der Madame Campan in St. Germain
+und Ecouen fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einfluß
+entstanden in Italien die ersten höheren Mädchenschulen. Er scheute sich
+sogar nicht, eine Frau in ein öffentliches Amt einzusetzen, wo er
+glaubte, daß sie die Erziehung der Mädchen günstig beeinflussen könnte:
+1810 wurde Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.[226] Irgend
+welche staatliche Hilfe den Mädchenschulen angedeihen zu lassen, lag
+jedoch ganz außerhalb seiner Gedankenrichtung. Aber ein Einzelner, so
+allmächtig er auch sein mochte, konnte den Gang der Entwicklung nicht
+ändern, noch aufhalten. Die französischen Frauen forderten nachdrücklich
+ihr Anrecht an den geistigen Gütern der Nation. Es entstanden immer mehr
+Mädchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister Duruy, von
+allen Seiten gedrängt, das Projekt wieder auf,[227] das schon neunzig
+Jahre vorher der Abbé de St. Pierre entworfen hatte, wenn er eine
+staatliche Unterstützung der Mädchenerziehung verlangte.[228] Wenn auch
+sein Plan zunächst an dem mangelnden Verständnis der Regierung
+scheiterte, so faßte die Idee, daß die Gesellschaft die Verpflichtung
+habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der männlichen annähernd
+ebenbürtige Erziehung zu gewähren, immer tiefer Wurzel und die Frauen
+selbst nahmen sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten
+Reihe kämpfte die Gräfin Rémusat.[229] Von der Voraussetzung ausgehend,
+daß die Frau dem Manne nicht untergeben, daß sie als intelligentes
+Geschöpf von ihm nicht verschieden und durchaus fähig sei, öffentliche
+Berufe auszuüben, hielt sie eine Anpassung der Mädchenerziehung an die
+neuen Verhältnisse für notwendig, ja sie sprach schon von der
+Zuerkennung einer gewissen Gleichberechtigung an das weibliche
+Geschlecht, und forderte von den öffentlichen Verwaltungen, daß sie
+neben dem Lehrerinnenberuf, die Ausübung einer geregelten
+Wohlthätigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der Kämpfern Arbeit
+war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, und die Zeit, in der die
+Frauen zuerst nach ihm riefen, war die Geburtsstunde der bürgerlichen
+Frauenbewegung. Sie vollzog sich in merkwürdiger, und doch für den, der
+die Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus
+Fürstengezänk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, verständlicher
+Uebereinstimmung in allen Kulturländern zu gleicher Zeit.
+
+In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary Wollstonecraft
+den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine Zeitgenossen mit
+glühender Begeisterung auf den Wert der Frauenbildung aufmerksam machte,
+denn "von der Geisteskultur der Frauen hängt die Weisheit der Männer
+ab", entstanden schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine,
+die sich die Hebung der Mädchenerziehung zum Ziel setzten. Der
+praktische Sinn der Engländer erkannte früh, daß die bessere Erziehung
+ihrer Töchter von der gründlicheren Ausbildung ihrer Lehrerinnen
+abhängig ist. Von solchen, die sich auf Grund ganz unzureichender
+Kenntnisse dafür ausgaben, war England überschwemmt, und die Lehrerin
+war daher eine komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und
+Dickens noch ihren Witz ausließen. Ihr Los war traurig genug: die Not
+zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und kümmerlicher
+Unterhalt und allgemeine Mißachtung waren ihr Lohn. Erst mit der Zunahme
+geregelterer Mädchenschulen änderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen,
+wie Hannah More und Maria Edgeworth waren hier die Wortführerinnen der
+beginnenden Frauenbewegung.
+
+In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen
+nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen
+geltend, weil auch hier die Schäden dieselben waren. Die Vorteile, die
+die tapferen Kämpferinnen der Befreiungskriege für ihr Geschlecht
+errungen hatten, waren entweder dürftig von Anfang an oder mit der
+ebbenden Begeisterung wieder verschwunden. Die wenigen Mädchenschulen,
+die im Anfang des Jahrhunderts überhaupt bestanden, waren nur während
+der Hälfte des Jahres geöffnet und auch dann nur zwei Stunden am Tag,
+während die Knaben, die dasselbe Schulhaus besuchten, Freistunden
+hatten. Die reaktionärsten Ansichten der alten Welt, die das Mädchen
+allein auf das Haus verwiesen, fanden in der neuen die allgemeinste
+Vertretung, um so mehr als hier der Umstand viel weniger ins Gewicht
+fiel, der der Frauenbewegung Europas den Anstoß gab: der Zwang zur
+Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard für die höhere Bildung ihres
+Geschlechts eintrat, stieß sie auf Spott und heftigsten Widerstand. Als
+sie aber im Jahre 1821, ohne noch länger auf das allgemeine Wohlwollen
+ihrer Landsleute zu rechnen, in Troy das erste Mädchenseminar gründete,
+zeigte es sich, daß es eine Notwendigkeit gewesen war, denn es fand
+zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.[230] Emma Willards Schule
+ist der Grundstein des ausgedehnten Gebäudes weiblicher Bildung
+geworden, das heute Amerika schmückt. Zu gleicher Zeit begann eine
+andere Frau ihre öffentliche Thätigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog
+sie ungehindert als Predigerin der Quäker durch die Staaten, nicht nur
+eine Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der
+Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafür lieferte, daß
+die Frau mit derselben Fähigkeit und demselben Erfolg ihren Geist in den
+Dienst allgemeiner Interessen stellen kann.
+
+Kehren wir nach Deutschland zurück. Dort waren die Schulverhältnisse,
+trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, aufs äußerste verwahrlost.
+"Unsere Töchter sind von aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte
+ein braver deutscher Mann.[231] "Aus dem ABC-Unterricht werden sie ohne
+Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das Putzzimmer verstoßen."
+Und eine mit seltenem Scharfblick ausgestattete Frau, Helene Unger,
+schilderte in ihrem Roman "Julchen Grünthal" die traurige
+Pensionserziehung der Mädchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und
+Spiel, französische Konversation und seichte Lektüre füllten das Leben
+des Schulmädchens aus, um später in die nächste Modekrankheit, die
+rührselige, vom wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit
+überzugehen.[232] Aber diese Klagen und verurteilenden Darstellungen
+waren an sich schon ein Zeichen des Fortschritts. Und es begann in der
+That in den Köpfen und Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen.
+Die klassische Dichtung und die politische Umwälzung waren seine
+Erzeuger. Zwar wäre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der
+Umgebung der großen Dichter auf alle übrigen schließen zu wollen; erst
+ganz nach und nach drangen ihre Werke bis in die dunklen Winkel
+bürgerlichen Frauenlebens, erweckten Begeisterung, Sinn für das Schöne
+und erhoben die armen Vernachlässigten und Verirrten in eine andere
+geistige Lebenssphäre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem Klärchen
+kam die warmblütige Natürlichkeit wieder zu ihrem Recht. Und eine Minna
+von Barnhelm, eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart führten den
+Blick über die Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die
+Empfindsamen sich in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr
+noch wirkte die drückende Not darauf, die ganz Deutschland in einen
+Trauermantel hüllte. Die Frauen, deren Väter und Brüder, deren Gatten
+und Söhne unter den Waffen standen, verloren nicht nur den Sinn für die
+Tändeleien früherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den
+großen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des Destillierens der
+gegenseitige Gefühle, der endlosen Gespräche über sentimentale
+Romanheldinnen, machte der Unterhaltung über die Ereignisse des Lebens
+Platz. Rahel Varnhagens Kreis[233] ist das bekannteste Beispiel für die
+belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen Briefwechsel
+zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafür, daß er überall
+durchbrach, und mit ihm regte sich das Bedürfnis nach einer gründlichen
+Aenderung der Mädchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Bürgerfrauen
+fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten und
+denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. Denn wenn
+auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert worden war und
+seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie stand allein; es
+fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die Möglichkeit der Vorbereitung zum
+Studium. Aber das Verlangen nach vertiefterer Bildung der Töchter und
+das Bedürfnis nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und
+führten zwischen 1800 und 1825 zur Gründung eine Reihe von
+Töchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils mit
+Unterstützung der Gemeinden entstanden.[234]
+
+
+Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in bürgerliche
+Berufssphären.
+
+Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde von jenem
+Lande gethan, das es nicht erst nötig hatte, seine Kräfte durch mühsames
+Ueberbordwerfen des Ballastes der Vergangenheit abzunutzen, von Amerika,
+wo Horace Mann die Grundlage zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer
+dringenderen Verlangen nach einer der der Knaben gleichen
+Mädchenbildung, konnte man, bei der dünnen Bevölkerung des Landes, durch
+Gründung besonderer Mädchenschulen nicht nachkommen. So wurde denn aus
+der Not eine Tugend gemacht und in den neu entstehenden Freien
+Normalschulen Co-Education eingeführt. Die weittragende Bedeutung des
+gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter hatte sich Horace Mann, der
+mehr einem praktischen Bedürfnis entgegenkommen wollte, nicht klar
+gemacht. Nicht nur, daß auch höhere Schulen, in der Art unserer
+Gymnasien, nach diesem Vorbild eingerichtet wurden,--Oberlin-College in
+Ohio als das erste seiner Art,--schon 1835 rüttelte eine Schar
+mutiger Mädchen, die sich mit ihren Schulkameraden die nötige
+wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der alten
+Harvard-Universität[235] und kurz darauf begehrte der erste weibliche
+Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens Einlaß.[236] Was ihr verwehrt
+wurde, sollte wenige Jahre später der tapferen Pionierin des
+Frauenstudiums, Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester
+Emily sahen sich plötzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die
+Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter und
+ihre jüngeren Brüder und Schwester zu ernähren. Da kam ihnen die
+Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. Sie sahen, wie wenige
+und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur offen standen und bemerkten
+"die Massen der Konkurrentinnen, von denen eine die andere
+niederzutreten suchte. Wir beschlossen, lieber einen neuen Pfad für uns
+zu entdecken, als in schon überfüllten Berufen einen Platz zu
+erobern."[237] Elisabeth wurde, nachdem sie zwölf medizinische Schulen
+vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von Geneva,
+Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem ersten, eben
+gegründeten Frauenhospital in New York, jene ging nach England, der
+Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande Pionierdienste leistend.
+Indessen wurde durch Gründung von Lehrerinnenseminarien und Colleges dem
+Bedürfnis der weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860
+entstand das erste College nur für Frauen,--Vassar-College,--das von
+Anfang an auf einem höheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die
+anderen oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine
+Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde als
+Professor für Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar berufen. Kurze
+Zeit später gestattete der oberste Gerichtshof von Iowa Arabella
+Mansfield die Ausübung der Praxis als Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im
+Verein mit den Schwestern Blackwell, gebührt der Ruhm, in Amerika ihrem
+Geschlecht Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universität
+Michigan ihm als erste ihre Thore öffnete, war dies gleichsam die
+Anerkennung des Beweises, den die Frauen für ihre wissenschaftliche
+Befähigung erbracht hatten.
+
+Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die Frauen
+Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Läden, in denen weibliche
+Kommis thätig waren, von den sittlich entrüsteten Einwohnern
+geboykottet,[238] aber schon zwei Jahre später, 1856, wurde mit privaten
+Mitteln die erste Handels- und Gewerbeschule für Frauen in New York
+eröffnet. Dem wachsenden Bedürfnis gegenüber war sie jedoch keineswegs
+ausreichend. 1859 gründete Peter Cooper, selbst ein Kaufmann, der die
+Vorteile weiblicher Arbeit erkannt hatte, eine Schule der Art im
+größten Stil, die heute noch besteht und eine Musteranstalt genannt
+werden kann. Eine lebhafte Kontroverse über die Zunahme der
+Frauenarbeit, ihre Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse
+und wurde durch Broschüren und Bücher über den Gegenstand vertieft und
+erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als Agitatoren im
+Interesse der Frauen auf und forderten ihre völlige Gleichstellung mit
+dem Mann in Bezug auf Unterricht, Beruf und Erwerbsbedingungen.[239]
+Epochemachend für ganz Amerika waren die Schriften Virginia Pennys[240],
+in denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million
+arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezählt hatte, zu arbeiten
+gezwungen wären, und wie nur eine gründliche Vorbereitung zur
+Berufsarbeit ihre Lage zu ändern im stande wäre. Die Agitation, die in
+Amerika weniger die Aufgabe hatte, mit heftigen Gegnern zu kämpfen, als
+vielmehr Blinden die Augen zu öffnen, hatte überall Erfolg: Colleges und
+Gewerbeschulen öffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die
+staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben
+gerufen waren, daß der Washingtoner Kongreß von 1862 den einzelnen
+Staaten zu diesem Zweck große Ländereien überwiesen hatte, ließen in
+immer größerem Umfange Frauen zu. Zum Verständnis für diese, im
+Vergleich zu Europa ungewöhnlich frühe Erfüllung der Wünsche der Frauen,
+die zwar darum zu kämpfen hatten, aber auf geringeren Widerstand
+stießen, muß man sich vergegenwärtigen, daß nicht etwa der größere
+Edelmut oder das tiefere Verständnis der Amerikaner für die Bestrebungen
+des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, sondern vielmehr die
+Thatsache, daß die Vereinigten Staaten erst auf eine kurze
+wirtschaftliche Entwicklung zurücksahen und von einer Ueberfüllung der
+Berufe, die den Widerstand der Männer hätte hervorrufen müssen, keine
+Rede war.
+
+Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 Karoline
+Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der englischen
+Astronomischen Gesellschaft erwählt worden und ihre wissenschaftlichen
+Verdienste dadurch zu einer bisher unerhörten Anerkennung gelangt,[241]
+aber die allgemeine Lage der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so
+gut wie unberücksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen
+Verhältnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren mühselige
+Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses Alter sicherte, die
+Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein Pensionsverein für Lehrerinnen
+gegründet, und nach unermüdlichen Kämpfen der Lehrerinnen selbst, die
+längst eingesehen hatten, daß sie nur auf Grund besserer Leistungen eine
+höhere Entschädigung beanspruchen konnten, wurde 1846 das erste
+Lehrerinnenseminar eröffnet,[242] dem wenige Jahre später Queens College
+und Bedford-College folgten. Das war ein großer Schritt auf dem Wege der
+Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, als,
+wieder infolge zäher Agitation, die bis dahin privaten Anstalten die
+Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem immer noch
+verlachten, als unweiblich bekämpften Brotstudium der Frau die erste
+öffentliche Sanktion erteilt worden. Es hatte dazu noch einer stärkeren
+treibenden Kraft bedurft, als der Agitation einiger Frauen; sie fand
+sich in den Ergebnissen der Volkszählung 1851. Furchtbare Zustände
+deckte sie auf und man stand entsetzt vor der Thatsache, daß über zwei
+Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen waren,
+ohne daß ihnen die Mittel dazu zur Verfügung standen. Miß Leigh Smith
+bearbeitete zuerst in einer aufsehenerregenden Broschüre, Women und
+Work, die Ergebnisse der Statistik und schuf in dem Englishwomens
+Journal--1875--das Organ der nunmehr kräftig einsetzenden
+Frauenbewegung.
+
+Ein neuer Beruf für gentlewomen hatte sich inzwischen aufgethan: die
+internationale Telegraphengesellschaft stellte seit 1853 Frauen als
+Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika die zunehmende
+Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in seiner oben erwähnten
+Broschüre ganz richtig sagte, nicht auf humanitäre, sondern pekuniäre
+Ursachen zurückzuführen ist, so wurden hier die weiblichen Arbeitskräfte
+lediglich ihrer größeren Billigkeit wegen den männlichen vorgezogen.
+Die kapitalistische Gesellschaft stürzte sich wie ein Raubtier auf seine
+Beute, auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der
+bürgerlichen Frauenbewegung fehlte dafür aber das Verständnis. Sie
+jubelte nur über jede neue Möglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden
+Schutzbefohlenen unterzubringen.[243] Neue Arbeitsgebiete zu schaffen,
+mußte auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr wesentlichstes
+Bestreben sein.
+
+Die Universitäten waren den Frauen noch verschlossen; wie Miß Hunt in
+Amerika ein Jahrzehnt früher, so hatte Miß Jessie Meriton 1856 in
+England den ersten vergeblichen Versuch gemacht, zugelassen zu
+werden.[244] Der ersten Engländerin von Geburt, die im Ausland Medizin
+studiert hatte, Elisabeth Garret, gelang es erst 1865 nach langen
+Kämpfen, das Recht zu erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft
+zu praktizieren. Dieser Weg war also vorläufig für die Masse der Frauen
+ungangbar. Es mußten andere, die schneller zum Ziele führten und von
+vielen betreten werden konnten, gefunden werden. Zu diesem Zweck
+entstand im Jahre 1859 unter Leitung von Miß Jessie Boucherett die
+Society for Promoting the Employment of Women. Sie setzte sich
+ausdrücklich das Ziel, den notleidenden Frauen der Bürgerklasse--den
+gentlewomen--Hilfe zu bringen. Sie eröffnete Unterrichtskurse für
+Handelsangestellte, Zeichnerinnen, Photographinnen, Holzschneiderinnen,
+Lithographinnen, Kunststickerinnen u. dergl. und es strömten ihr nicht
+nur die Schülerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht ein
+Unterkommen. Während es 1851 in ganz England keine Photographin und
+keine Buchhalterin und nur 1742 Verkäuferinnen gab, zählte man 1861
+bereits 308 Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000
+Verkäuferinnen, und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf
+1755 gestiegen.
+
+Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben
+Zustände Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die Frauenzeitung
+Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; höhere Unterrichtskurse
+für Mädchen, eine Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in
+den Jahren 1859 bis 1861. Selbst Rußland wurde vom Zuge der Zeit
+berührt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der Lehrerinnen,
+deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr Einkommen, entschloß man
+sich schon 1867, Universitätskurse für Frauen einzurichten. Schon ein
+Jahr später promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der
+medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.[245] Zu gleicher Zeit
+machte ihre Landsmännin, Nadjesda Suslawa in Zürich, wo Frauen nur als
+Hörerinnen hie und da zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.[246] In
+Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine für den gewerblichen
+Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe war
+ihr erster praktischer Erfolg in den Niederlanden[247]; die Errichtung
+einer Handels- und Gewerbeschule in Brüssel ihre erste That dort.[248]
+
+Der fruchtbarste Boden jedoch für die sich anbahnende Umwälzung war der
+von politischen Stürmen wie von einer Pflugschar immer wieder
+aufgewühlte Frankreichs. Als die Julirevolution ausbrach, kam der
+Gedanke an die Befreiung auch der Frauen aus langer Knechtschaft aufs
+neue deutlicher zum Ausdruck und erregte die Frauenwelt selbst aufs
+tiefste. Die alte Forderung der politischen Emanzipation trat wieder in
+den Vordergrund, und der Saint-Simonismus warf einen neuen Zündstoff in
+die Welt, indem er die Befreiung der Frau von der männlichen Tyrannei
+auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkündete. Eines der
+interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 in Paris
+erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, die darin
+geschildert wird, deren Existenzmöglichkeit durch Umwandlung der Gesetze
+und Sitten gesichert werden sollte, forderte auch ihr Recht auf Arbeit,
+als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann vom Jahre 1836 ab Madame
+Poutret de Mauchamps an der Spitze der französischen Frauenbewegung
+trat, begann sie systematisch vorzugehen. La Gazette des femmes wurde
+ihr Organ, ein treues Spiegelbild ihres Wachstums. Die Eröffnung der
+Universitäten, die Zulassung der Frauen zu höheren Berufen, das waren
+die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren Feldzug eröffnete und die
+Gründung einer Gesellschaft zur Hebung der Lage der Frauen,--der ersten
+ihrer Art,--war ihr nächster praktischer Erfolg.[249] Ein ideeller
+Erfolg aber von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit
+dem Männer der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So hielt
+Ernest Legouvé im Jahre 1847 im Collège de France eine Reihe von
+Vorlesungen über die moralische Geschichte der Frauen[250], in denen er
+durch die Schilderung ihrer traurigen Lage den größten Eindruck
+hervorrief. "Keine öffentliche Erziehung, kein gewerblicher Unterricht
+für die Mädchen; das Leben ohne Heirat eine Unmöglichkeit für sie, und
+die Heirat ohne Mitgift unmöglich", rief er aus, und malte mit dunklen
+Farben das Los der armen Töchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster,
+der Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende
+Bettlerleben bei begüterten Verwandten übrig blieb. Er forderte für sie
+Zulassung zum ärztlichen Beruf und wünschte ihre staatliche Anstellung
+als Schul-, Gefängnis- und Fabrikinspektoren,--eine Forderung, über
+deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert später, in gewissen
+Ländern noch immer gestritten wird! "Die Arbeit, das heißt Freiheit und
+Leben" war für ihn der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das
+Gesetz von 1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet
+wurden, mindestens eine Mädchenschule zu gründen[251], und die den
+Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des Collège de France
+beizuwohnen, können als Erfolg der von Legouvé mit getragenen Agitation
+betrachtet werden. Die Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere
+Vorwärtsbewegung. Die höhere Mädchenerziehung, die einen so
+vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt besonders schwer
+unter der rapiden Zunahme der Erziehungsklöster, die die Revolution von
+1789 völlig unterdrückt und Napoleon auf das äußerste beschränkt hatte.
+Ihre Konkurrenz war für die weltlichen Pensionen fast vernichtend; nicht
+nur daß die Bourgeoisie die gut eingerichteten, von Gärten umgebenen,
+Vorteile aller Art bietenden Klöster den engen, dunklen weltlichen
+Erziehungsanstalten für ihre Töchter vorzog, auch die Lehrerinnen
+vermochten sich den Klosterschwestern gegenüber kaum zu behaupten. Die
+Unterlehrerinnen in den Pensionaten mußten Dienstbotenarbeit mit
+übernehmen und erreichten kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die
+Privatlehrerinnen waren froh, wenn sie nach einem ermüdenden 12- bis
+14stündigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre Zahl infolge
+des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es allein 3000
+Klavierlehrerinnen in Paris![252] Erst Englands Beispiel rüttelte die
+Frauen aus ihrer Lethargie. Madame Allard und Jules Simon gründeten nach
+dem Vorbild des englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen
+Vorbildung der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 über
+die Frage der Frauenarbeit im Journal des Débats erschienen und das auf
+gründlichen Studien beruhende Buch von Jeanne Daubié über die Lage der
+vermögenslosen Frauen[253], beeinflußten die öffentliche Meinung und
+unterstützten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und Gewerbeschulen
+für Frauen wurden eröffnet und fanden binnen kurzem zahlreichen
+Zuspruch.[254] Die Post machte zuerst den Versuch mit der Verwendung von
+Frauen, der Staat stellte sie, nachdem seit Frau von Genlis keine Frau
+mehr den Posten bekleidet hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in
+England und Amerika, so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine
+Brés, an die Pforten der Universität und verlangte, zu den Vorlesungen
+der medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Ihre Forderung wurde
+dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der Kaiserin
+Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, daß die Pariser
+Universität den Frauen geöffnet und die Erwerbung akademischer Grade
+ihnen ermöglicht wurde.[255] Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten
+Condorcets und Olympe de Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier
+die Revolution es jedesmal war, mit der der Aufschwung der
+Frauenbewegung zusammenfällt, so löste sie auch in Deutschland die Zunge
+der Stummen.
+
+Ihrem Einfluß hat die bürgerliche Frauenbewegung ihre erste
+Vorkämpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam sie in ihren
+stürmischen Anfängen einen politischen Charakter, der aber unter der
+eisernen Rute der Reaktion schnell wieder verschwand. Die praktische
+Frage des augenblicklichen Notstands trat in den Vordergrund, und die
+Erregung, die sich darüber der Gemüter bemächtigte, spiegelte sich vor
+allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mädchenschulen ab; die
+Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen erwerbsfähig machen,
+die Konservativen wollten dagegen den häuslichen Beruf wieder stärken
+und betonen.[256] Da sie am Staatsruder saßen und die deutschen Frauen
+selbst viel zaghafter waren, als ihre ausländischen Genossinnen,--selbst
+eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion eingeschüchtert, viele Jahre
+lang,--blieben sie Sieger im Kampf auch gegen die privaten
+Unternehmungen zur Erweiterung der Frauenbildung. Die unter den
+glänzendsten Aussichten von Emilie Wüstenfeld 1849 in Hamburg
+gegründete, zwei Jahre lang von Karl Fröbel geleitete Hochschule für
+Frauen wurde zur Schließung gezwungen. Selbst in den Fröbelschen
+Kindergärten, die schon vielen Frauen befriedigende Beschäftigung
+sicherten, sah man Herde verderblicher Aufklärung; sie wurden 1851 von
+Staats wegen aufgelöst.[257] Man brachte die Notleidenden zum
+Schweigen,--das war ja von jeher das Ziel antirevolutionärer
+Bewegungen,--aber die Not selbst wuchs im Stillen um so schneller.
+
+Der einzige Beruf bürgerlicher Frauen, der der Lehrerin, war schon aufs
+äußerste überfüllt. Von 1825 bis 1861 war ihre Zahl allein in Preußen
+von 705 auf 7366 gewachsen[258], während die Gründung von
+Mädchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten hatte.
+Es kam vor, daß sich innerhalb einer Woche zu einer Schulstelle 114
+Bewerberinnen meldeten![259] Dazu kam, daß die preußische Volkszählung
+von 1861 nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mädchen
+ergeben hatte. Als daher die Berichte über die englischen und
+französischen Vereine, die gegen dieselben Zustände kämpften, die hier
+in die Augen sprangen, nach Deutschland gelangten, wirkten sie wie
+Schlüssel zu einer neuen Welt. Es waren nicht Frauen, wie dort, sondern
+Männer--und das ist bezeichnend für den Standpunkt der deutschen
+Frauen--, die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im
+Jahre 1865 dem Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen eine
+Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung und
+persönlicher Beobachtungen, die Gründung eines dem englischen und
+französischen Vorbild ähnlichen Vereines befürwortete.[260] Dieser müsse
+sich in seiner Thätigkeit, so führte er aus, ausschließlich auf die
+Frauen des Mittelstandes beschränken, und ihnen durch Einführung
+praktischer Unterrichtskurse neue Berufszweige eröffnen. Als solche
+bezeichnete er in der Heilkunde den ärztlichen Beruf und den der
+Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von chemischen,
+chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, von Farben,
+Parfümerien und Essenzen, sowie von Photographieen; im Handel:
+Buchhaltung, Korrespondenz, Kassenführung, Warenverkauf; im öffentlichen
+Dienst: Post und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefähr die Berufe,
+die auch heute noch als Berufe bürgerlicher Frauen angesehen werden
+können. Wenn er, seine Anhänger und alle Beförderer seiner Ideen in
+ihren Bestrebungen nicht über den Kreis dieser Frauen hinausgehen
+wollten, so drückt sich darin ein Klassenegoismus aus, der um so
+abstoßender wirkt, als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach
+Abhilfe zu schreien schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die
+Stärke der jungen Bewegung. Indem sie mit den beschränkten Kräften, die
+sie noch besaß, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte sie sicher sein,
+sie schließlich zu erreichen. Der Gedanke entsprach so sehr der
+Zeitströmung, daß er nicht allein durch den Mund Lettes zum Ausdruck
+kam. Auf dem Vereinstage deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz
+Müller, daß Staat und Gemeinden veranlaßt werden möchten, Gewerbeschulen
+für Frauen zu gründen, denn "die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt,
+zu der sie befähigt sind"; der schlesische Gewerbetag nahm eine
+Resolution zu gunsten der kaufmännischen Ausbildung und der Anstellung
+der Frauen im Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein
+Hauptmann außer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung
+die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, als
+Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, an deren
+Spitze die alte Kämpferin Luise Otto trat. Auch hier wurde die Frage der
+Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise allein erörtert. Ihr
+praktisches Ergebnis war die Gründung des Allgemeinen Deutschen
+Frauenvereins, als dessen Ziel "die erhöhte Bildung des weiblichen
+Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen
+Hindernissen" aufgestellt wurde.[261] Während der in Berlin ins Leben
+gerufene Letteverein von Männern geleitet wurde und Frauen nur zur
+Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich sofort auf
+radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur Vorsitzenden wählte und
+Männer sowohl von der Leitung als von der Mitgliedschaft ausschloß. Hier
+also kämpften die deutschen Frauen zum erstenmal persönlich, in
+organisiertem Verbande für ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion
+gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch
+wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu fördern. Dieselbe
+Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt sich
+auch in ihren Ansprüchen wieder und beweist, daß der aus rein
+wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit die Urquelle der
+bürgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir verlangen nur, daß die Arena der
+Arbeit den Frauen geöffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die
+eigentliche Wortführerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
+ausgerufen.[262] "Die einzige Emanzipation, die wir für unsere Frauen
+anstreben, ist die Emanzipation ihrer Arbeit"[263], schrieb Luise Otto.
+Und Fanny Lewald-Stahr, die von sich selbst erzählt, daß sie heimlich
+habe arbeiten müssen, weil es sich für Mädchen ihrer Art nicht schickte,
+Geld zu verdienen, und die anerkennt, daß "der gewaltigste Aufklärer,
+die bittere Not" es war, die vielen die Augen geöffnet hat, erklärt die
+"Emanzipation zur Arbeit" für die einzige, von der vor der Hand geredet
+werden kann.[264]
+
+So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und Deutschland,
+dem sich ein Jahr später, durch Gründung des Frauenerwerbvereins, auch
+Oesterreich anschloß, jener Prozeß vollzogen, durch den die bürgerliche
+Frau in eine neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung
+der Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und
+Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner von
+Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, voraussah, ja
+die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurück hätte schaudern lassen, wenn
+sie sie hätten ahnen können.
+
+
+Dritte Periode. Die Bestrebungen für Frauenbildung und Frauenarbeit in
+neuester Zeit.
+
+Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens
+einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn der
+modernen Frauenbewegung. Es mußte ihm erst die wirtschaftliche
+Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und mehr aus der
+Vereinzelung der häuslichen Thätigkeit herausriß, sie zwang, Arbeit
+außerhalb der engen vier Wände zu suchen und sie schließlich ihre
+Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverständlich konzentrierte sich die
+Frauenbewegung je nach dem Grade der Verarmung des Bürgerstandes und der
+Zahl den die Männer überwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und
+der Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde,
+gestaltete sich dort am schärfsten, wo die allgemeine wirtschaftliche
+Lage die gedrückteste, die Ueberfüllung der Berufe die größte und die
+Konkurrenz der Männer infolgedessen die stärkste war.
+
+Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die
+Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in erster
+Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich
+hauptsächlich die Gegner, während der Wunsch, der Frauen, zu den höheren
+Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, auf geringeren
+Widerstand stieß. Zwar wurde im Anfang der Vorwurf der Unweiblichkeit
+auch gegen die Schülerinnen der ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von
+der Kanzel herunter gegen sie gepredigt, besonders das System des
+gemeinsamen Unterrichts beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald
+beschränkte sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den
+siebziger Jahren öffnete sich den andrängenden Frauen eine Hochschule
+nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum Teil, ihnen
+akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten entstehenden
+Frauenvereine hatten die Forderung höheren Unterrichts in ihre Statuten
+aufgenommen; besondere Vereine, wie die Female Medical Educational
+Society, richteten ihre Agitation auf bestimmte Berufsvorbereitungen.
+Schon 1874 wurde in der medizinischen Fakultät der Universität Boston
+ein besonderer Kursus für weibliche Studenten eingerichtet; heute stehen
+ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen Schulen offen.
+Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet bahnbrechend vorgegangen war,
+so Antoinette Brown auf dem des Studiums der Theologie. Im
+Oberlin-College, wo sie ihr Examen glänzend bestanden hatte, waren ihr
+schon von den Lehrern die größten Schwierigkeiten bereitet worden und
+man strafte ihr "unweibliches" Vorgehen damit, daß man ihren Namen nicht
+in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre später jedoch
+begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der katholischen
+und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen Schulen auch weibliche
+Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte sich das Studium der
+Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst für sich erzwungen hatte.
+Viel schwieriger wurde es den Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur
+Berufsthätigkeit zugelassen zu werden.
+
+Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon dadurch
+unmöglich gemacht, daß keines der bestehenden Krankenhäuser sie zuließ,
+noch weniger fanden sie natürlich Patienten, man begegnete ihnen sogar
+mit Mißtrauen und Geringschätzung. Als Dr. Emily Blackwell und Dr. Marie
+Zakzrewska sich in New York niederließen, wo das erste Krankenhaus für
+Frauen, an dem nur weibliche Aerzte ordinierten, durch sie entstand, war
+es ihnen zuerst unmöglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr
+wollte die Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder
+von den Gerichtshöfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie warteten
+vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine Sache
+anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, zuweilen
+sogar mit Steinwürfen vertrieben, und die Graduierten der
+philosophischen Fakultäten fanden nur selten einen Lehrstuhl in einem
+College. Etwas rascher gelang den Erwerb Suchenden der Eintritt in den
+kaufmännischen Beruf und zwar war die Regierung ihnen hier behilflich.
+Schon 1862 stellte General Spinner, die allgemeine Entrüstung darüber
+nicht achtend, sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und
+1875 konnte er von über tausend Angestellten im Staatsdienst berichten,
+und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.[265]
+Ebenso bewährten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der sechziger
+Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschäftigt wurden. Ihr Eintritt in
+bürgerliche Berufe machte von da an rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz
+von Vereinen aller Art spann sich über Amerika aus; ihre Agitatorinnen
+reisten von Ort zu Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch
+selbständige Arbeit überall hin tragend.
+
+Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch ihre
+Leistungen während des Bürgerkrieges, wo sie den Beweis für ihre
+Arbeitsfähigkeit führten. Nicht nur, daß weibliche Journalisten als
+Leiter von Zeitungen und Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es
+waren auch allein die Frauen, die mit heldenmütiger Aufopferung die
+Pflege der Soldaten und ihrer Hinterbliebenen übernahmen und einheitlich
+organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis dahin
+Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend den
+furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan eines
+allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf der Genfer
+Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben trat. Zur
+obersten Leiterin der Verwundetenpflege war während des Krieges Dorothea
+Dix in Anerkennung für ihre Leistungen als Reformatorin des
+Gefängniswesens von der Regierung ernannt worden. Zu gleicher Zeit
+riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen Frauenverein ins Leben, der
+zunächst nur den Zweck hatte, für die Pflege, Nahrung, Bekleidung und
+Unterstützung der Soldaten und ihrer Angehörigen zu sorgen, sich aber
+nachher zu jener Sanitäts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine
+heute in jedem Staat und fast jeder Stadt für die unbemittelten Kranken
+Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft zur Arbeit und Verständnis
+für öffentliche Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um
+Bildung und Arbeit wurde immer schwächer. Heute haben sie von 484
+Colleges und Universitäten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen
+zu 28. Außerdem bestehen 4 Universitäten und gegen 160 Colleges für
+Mädchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. 36000 an diesen Anstalten
+studierende Frauen gezählt wurden[266], hat ihre Zahl sich verdoppelt;
+allein 25000 studieren davon an den Universitäten.[267] Neben 6
+medizinischen Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen für Männer auch
+den Frauen offen; in 6 Frauenhospitälern können sie ihrer klinischen
+Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der Theologie ist ihnen
+ermöglicht.
+
+Diese glänzenden Resultate eines fast hundertjährigen Kampfes dürfen
+jedoch nicht mit europäischem Maßstab gemessen werden. Es giebt,
+besonders im Westen, sogenannte Universitäten, deren Unterrichtskreis
+nicht über die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die
+meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und Prima,
+sodaß der zum Schluß verliehene Grad eines Bachelor of Arts (B.A.) nicht
+höher steht, als unser Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen
+höheren Töchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, daß
+Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert sind;
+andere wieder erreichen die Höhe deutscher Universitäten. So kann
+angenommen werden, daß von den 25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in
+unserem Sinne Studentinnen sind.[268] Danach kann auf eine gewisse Höhe
+der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf
+wissenschaftliche Gründlichkeit geschlossen werden. In der Erkenntnis
+dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an einer
+europäischen Universität den Doktorgrad zu erringen, sie haben sich auch
+zur Verbindung der Collegiate Alumnae zusammengethan, die durch
+Stipendien das Studium im Auslande ermöglicht und ein höheres Niveau der
+inländischen Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel
+aber für die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte
+Eröffnung der vier bedeutendsten Universitäten: Harvard, Yale, Johns
+Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr philosophisches
+Doktorexamen machen dürfen, und diese mußte sich mit einer privaten
+Bescheinigung darüber begnügen. Da sich nun aus den, als B.A.
+entlassenen Schülerinnen der Universitäten die Schulvorsteherinnen und
+Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges rekrutieren,
+so gehen deren Schülerinnen selbstverständlich wieder als mangelhaft
+Vorgebildete aus ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen
+werden wird, wenn die schärfer werdende Konkurrenz mit den Männern die
+Frauen zu größerer Energie um vertiefteren Unterricht aufstachelt.
+
+Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu bürgerlichen
+Berufen--wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder kommunalen
+Ehrenämtern--nur selten erschwert. Seit 1872, wo Illinois durch Gesetz
+bestimmte, daß alle Berufe ohne Unterschied des Geschlechtes jedem offen
+ständen, sind etwa zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel
+gefolgt. Kaum ein Beruf dürfte den Frauen vollständig verschlossen sein;
+seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur Militärärztin mit dem Range
+eines Leutnants scheint selbst die militärische Karriere ihnen in
+gewisser Weise offen zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich
+nicht nur Frauen in subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden
+sie das Amt eines Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit
+anderen Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher
+giebt es in größerer Zahl.[269] In 22 Staaten finden sich 227
+Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, Miß
+Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum Oberinspektor der
+gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan fungiert seit 1899 eine
+Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 Prozent aller Schulräte und 5
+Prozent aller Notare Frauen. In verschiedenen Parlamenten sind die
+amtlichen Stenographen Frauen; 30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in
+den Bundesstaaten. Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich
+angestellt. In allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche
+Beamte beschäftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl
+der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22
+Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington
+stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Männern gleich. Bis
+heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche Universitätsprofessoren finden
+sich auch an den ersten Universitäten des Landes, so in Boston Mercy
+Jackson als Professor für Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell
+als Professor der Nationalökonomie. Außer in den genannten Berufen haben
+Frauen sich durch kaufmännische Unternehmungen selbständig zu machen
+gesucht, und besonders in den Süd- und Weststaaten haben sie sich als
+Besitzer und Leiter von ausgedehnten Viehzüchtereien und
+Milchwirtschaften, von Gemüse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum
+Reichtum emporzuarbeiten verstanden.[270]
+
+Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage kommt die
+englische am nächsten; die politische Freiheit verbunden mit der open
+door policy, d.h. dem Gedanken des freien Wettbewerbs, hatte einen
+rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge, der auch den Frauen
+zugute kam. Der Platz am Brotkorb brauchte ihnen nicht in so heftiger
+Weise streitig gemacht zu werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen
+nach höherer Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg
+gelegt.
+
+Nachdem die königliche Kommission zur Untersuchung der Schulzustände,
+die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches Mitglied Miß Beale den
+Stand der höheren Mädchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar
+ungünstigsten Berichte über den Unterricht des weiblichen Geschlechts zu
+geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine zur Verbesserung
+der Mädchenerziehung, die auf die Höhe des vorbereitenden Unterrichts
+der Knaben zur Universität gehoben werden sollte. Um einen Maßstab für
+sie zu haben, richtete sich die nächste Agitation auf die Zulassung der
+Mädchen zu den Lokalexamen der Universitäten. Schon 1865 verstand sich
+Cambridge, etwas später Oxford zur Abhaltung dieser Examen, die etwa
+zwischen das 13. und 16. Lebensjahr der Schüler zu fallen pflegen.[271]
+Sie stehen ungefähr den Examen unserer Realschulen gleich und
+berechtigen keineswegs zum Universitätsstudium. Um dies zu erreichen,
+das den Frauen hartnäckig verweigert wurde, legte Miß Emily Davies, die
+schon die erfolgreiche Agitatorin für die Lokalexamen gewesen war, im
+Jahr 1869 zuerst in einem kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu
+Girton College. Es gelang ihr, einige Professoren von Cambridge für ihre
+Idee, ihre Schülerinnen zunächst zu dem leichtesten--dem sogenannten
+little-go--Universitätsexamen vorbereiten, zu gewinnen. Sie bestanden
+nicht nur dies, sondern drei Jahre später auch das schwerste, das
+Triposexamen. Inzwischen wurden nach dem Muster von Girton,
+Newnham-College, gegründet. Durch vereinte Bemühungen, die oft zu
+heftigem Federkrieg führten, wurde endlich erreicht, daß die Frauen zu
+einzelnen Vorlesungen in der Universität selbst Zutritt erlangten und
+schließlich--im Jahre 1881--wurden sie zu den Universitätsexamen, dem
+little-go und Tripos, offiziell zugelassen; bis heute jedoch müssen sie
+sich, trotz dauernder Bemühungen, mit einem einfachen Zertifikat
+begnügen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei den
+männlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen standhaft
+verweigert,--es ist das das letzte Prärogativ, das die Männer sich
+vorbehalten wollen!--Der Kampf um Oxford war ein ähnlicher, wie der um
+Cambridge.[272] In dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen
+nach und nach zu den Vorlesungen und Examen aller Fakultäten, mit
+Ausnahme der medizinischen zugelassen, aber die Titel gönnten ihnen auch
+hier ihre männlichen Kollegen nicht. Dafür gewährte ihnen schon 1878 die
+Universität London--lediglich eine Examinationsbehörde--sämtliche Grade,
+was um so wichtiger ist, als ihre Examen für die weitaus schwersten
+gelten. Mit kleinen Unterschieden,--so ist das Studium der Theologie und
+Medizin an einigen Universitäten den Frauen verboten--nehmen heute
+sämtliche Universitäten Großbritanniens weibliche Studenten mit gleichen
+Rechten auf wie männliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der
+englischen Prüderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem
+Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Männer muß es angesehen
+werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen sich um das Studium der
+Medizin, vor allem um die klinische Ausbildung drehte. Keine Schule und
+keine Examinationsbehörde wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie
+sich denn, sich selbst zu helfen, indem sie, mit Unterstützung einiger
+Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London school
+of Medicine for women gründeten. Ihrem energischen Vorgehen war es zu
+danken, daß durch Parlamentsbeschluß zwei Jahre später die
+Prüfungsbehörden autorisiert wurden, weibliche Studenten zu examinieren.
+Sie folgten freilich nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung.
+Bis heute haben sich neun Universitäten und medizinische Schulen dazu
+bereit erklärt, außerdem stehen ihnen acht allgemeine Krankenhäuser
+neben achtzehn Frauenhospitälern offen.[273]
+
+Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die indischen
+Universitäten sind seit 1878 den Frauen geöffnet; vier höhere Schulen,
+von denen die in Pronah unter Leitung der gelehrten und wohlthätigen
+Indierin Pundita Ramabai steht, sorgen für die Vorbereitung; die
+australischen Universitäten Sydney und Melbourne haben nie einen
+Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.[274]
+
+Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts für
+bürgerliche Lebensberufe ist für das weibliche Geschlecht in England
+fast ebenso gut gesorgt, wie für das männliche. Private und öffentliche
+Schulen zur gewerblichen, kaufmännischen und künstlerischen Ausbildung
+nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es für Frauen mehr
+giebt als für Männer, genießen sie die Vergünstigung unentgeltlicher
+Ausbildung.
+
+Den Weg zu einem neuen Frauenberuf eröffnete die 1891 gegründete
+Gartenbauschule von Swanley[275]. Durch ihre Erfolge wurde den Frauen
+auch die Schule der königlichen botanischen Gesellschaft zugänglich.
+Eine landwirtschaftliche Schule, die statutengemäß ausschließlich für
+gentlewomen, d.h. Frauen der bürgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete
+Lady Warwick auf ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Gärtnerei
+die Geflügel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis neuer
+$Arbeitsmöglichkeiten einbezog, so geschieht es auch durch die von den
+Grafschaftsräten und Gemeinden vielfach ins Leben gerufenen
+landwirtschaftlichen Schulen; auch die landwirtschaftliche Nationalunion
+von Großbritannien hat sich durch Gründung eines Frauenzweigvereins der
+Sache angenommen. Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am
+St. Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, nachdem
+ihr im Krimkrieg die Schäden der dilettantischen Krankenpflege traurig
+genug bekannt geworden waren, wurde auch dieser Beruf ein Erwerbsberuf
+gebildeter Frauen. So giebt es kaum ein Gebiet des Berufslebens, für das
+die Engländerinnen sich nicht vorbereiten könnten. Im Unterschied von
+Amerika aber ist die Erziehung der Geschlechter,--mit Ausnahme von
+Irland, wo kürzlich der Versuch eines für Knaben und Mädchen gemeinsamen
+Colleges gemacht wurde,--fast durchweg eine getrennte. Daraus ergeben
+sich sowohl praktische als psychologische Folgen schädlichster Natur und
+die Ausbildung der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie
+z.B. in zwei Jahren zu Landschaftsgärtnern vorbereitet, während Männer
+dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und fast alle, für
+das weibliche Geschlecht allein eingerichteten kaufmännischen und
+künstlerischen Schulen haben einen kürzeren oder weniger gründlichen
+Studiengang, als die für Männer bestimmten. Andererseits wird aber auch
+durch das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern,
+der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch verschärft, statt
+daß er durch gemeinschaftliche Erziehung hätte gemildert werden und der
+Begriff der Interessengemeinschaft seine Stelle hätte einnehmen können.
+
+Der Zugang zu bürgerlichen Berufen wurde den Engländerinnen im
+allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie waren nicht nur seit den
+Zeiten des Feudalismus keine unbekannte Erscheinung im öffentlichen
+Leben, sie hatten auch durch frühe, ausgedehnte und vortrefflich
+organisierte philanthropische Thätigkeit für ihr Verständnis und ihre
+Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der Reformatorin des
+Gefängniswesens, bis zu Beatrice Webb finden wir eine Reihe bedeutender
+Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr als durch ihre Worte für das
+Recht der Frau auf Arbeit kämpften. So konnte die Regierung schon 1873
+den Versuch machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor
+der unter dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen,
+und wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der
+Schulverhältnisse berufen und ihr eine außerordentlich wertvolle Arbeit
+zu verdanken hatte, so übergab sie nach und nach immer häufiger Frauen
+wichtige Aufgaben. Von einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung
+einer Kommission zur Untersuchung der Arbeiterverhältnisse, in der vier
+Frauen mit Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden.
+Sie bewährten sich so, daß kurze Zeit später eine von ihnen, Miß
+Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine andere, Miß Collet, als
+Korrespondentin des Labour Department angestellt wurde. Auch Aerztinnen
+wurden als Bezirksärzte, als Sanitätsinspektorinnen, als Leiter
+öffentlicher Krankenhäuser,--besonders in den Kolonieen,--Beamte der
+Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement beschäftigt.
+
+Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem Besitz der
+privaten Gesellschaft übernommen und die weiblichen Angestellten
+beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften Agitation dagegen,--der
+einzigen, die in so großem Stil gegen das Eindringen der Frauen in
+bürgerliche Berufe in England entfaltet wurde,--Frauen bei den
+Postsparkassen angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und
+Telegraphendienst Großbritanniens.[276] Unter ihnen giebt es eine
+Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern emporgestiegen sind. Fast
+in allen Ministerien beschäftigt die Regierung Beamtinnen, ebenso in der
+Gefängnisverwaltung und -Aufsicht, auf königlichen Observatorien und als
+Assistenten der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen
+jedoch befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren führte Miss
+Abraham ziemlich selbständig die Geschäfte des aus 7 Personen
+bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch infolge ihrer
+Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die weiblichen Inspektoren
+unter die Leitung des männlichen Oberinspektors zu stellen. Es scheint,
+daß sich in der: Zurückdrängung der Frauen auf untergeordnete Stellungen
+der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben ausdrückt. Er
+spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen ebenso ab, obwohl die
+Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und segensreicher wirkt, als im
+Dienst der Regierung. Wohl haben die Frauenvereine in jedem Ort, fast in
+jeder Gemeinde um die Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen
+müssen, jetzt aber können sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden
+sie als Schul-, Sanitäts und Handelsinspektoren, als Polizeimatronen und
+Leiterinnen öffentlicher Anstalten aller Art, als Standes- und
+Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als Steuererheber, als
+Landschaftsgärtner öffentlicher Anlagen und als Dozentinnen in den
+Haushaltungs- und landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsräte
+thätig, aber Gemeindevorsteher und Bürgermeister wie in Amerika finden
+wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die
+persönliche Leistungsfähigkeit allein den Ausschlag giebt. Nicht
+nur, daß weibliche Handelsangestellte, Stenographinnen und
+Maschinenschreiberinnen vor den Männern schon vielfach den Vorzug
+erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich zu Leiterinnen großer
+Geschäfte, selbst zu Bankiers empor, die, obwohl die Börse ihnen
+verschlossen ist, zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der
+Privatgelehrten und Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter
+nimmt Jahr um Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen
+fernliegenden Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thätig
+und zwar mit solchem Erfolg, daß kürzlich eine von ihnen zum Mitglied
+der sehr exklusiven Königlichen Gesellschaft der Architekten gewählt
+wurde. Unter den gelehrten Berufen aber ist der medizinische derjenige,
+in dem die Frauen in England wie in Amerika sich am meisten auszeichnen.
+Sie erfreuen sich großer Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch
+den Konkurrenzneid der Männer soweit besiegte, daß sie vor wenigen
+Jahren Mrs. Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer großen Abteilung der
+fast nur aus Männern bestehenden medizinischen Gesellschaft erwählten.
+
+Am stärksten ist natürlich das weibliche Geschlecht im Lehrberuf
+vertreten. Nicht nur, daß sie die männlichen Lehrer an Zahl überwiegen,
+es ist ihnen gelungen, leitende Stellungen, auch an Knabenschulen zu
+erobern. Dabei muß eingeschaltet werden, daß das englische höhere
+Schulwesen ausschließlich in Privathänden ruht, weder Staatshilfe noch
+Staatsaufsicht genießt und die Gesellschaften, die es leiten, zum großen
+Teil auch aus Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische
+Lehrerin zu solcher Bedeutung gelangen. Die männlichen Staats- und
+Lokalverwaltungen repräsentieren immer eine konservative Macht, die nur
+schwerfällig vorwärts schreitet. Das zeigt sich auch dort, wo die Frau
+solche Stellungen zu erreichen strebt, auf deren Gewährung die Behörden,
+vom eingewurzelten Vorurteil überdies unterstützt, irgend welchen
+Einfluß üben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und Unterricht waren
+seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der Familien und des
+Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn über die
+ursprünglichen Grenzen herauszuführen, um zur Armenpflegerin und
+Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu führen. Berufe aber, die nicht
+von Anfang an mit dem Weib als Geschlechtswesen in engem Zusammenhang
+standen, galten von vornherein für unweiblich und wurden ihr daher
+verschlossen. So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des
+Geistlichen und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen
+und Missionarinnen, die Hochkirche läßt sie ebensowenig zu wie die
+lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten dürfen Frauen
+seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten schließt jeder
+Gerichtshof vorläufig noch aus.
+
+Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung und Ziel
+gegeben und sie in den revolutionären Stürmen des 19. Jahrhunderts
+jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb schließlich in seinen
+Erfolgen hinter Amerika und England zurück. Die Ursache davon ist
+vorwiegend in der durch die Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen
+zivilrechtlich ungünstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die
+Frauenbewegung sich von der Reaktion der fünfziger Jahre erholt hatte,
+verwandte sie ihre besten Kräfte auf den Kampf gegen eine Unterdrückung,
+die wohl geeignet war, jedes Vorwärtsstreben zu erschweren. Ihre
+Agitation für höheren Unterricht und Zulassung zu bürgerlichen Berufen
+war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine lebhafte.
+Zunächst galt es, die teilweise Eröffnung der Universität nicht dadurch
+illusorisch werden zu lassen, daß die Erfüllung der Vorbedingungen nicht
+vorhanden war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der
+Einrichtung freier Vortragskurse für Mädchen, ohne Erfolg zu haben. Auch
+die Privatanstalten genügten nicht. Legouvé, der nach wie vor an der
+Spitze dieser Bewegung stand, sammelte schließlich eine immer größere
+Zahl von Frauen und Männern um sich, die für die Idee der staatlichen
+Intervention eintraten und die Errichtung von Mädchengymnasien
+verlangten, die denen für Knaben entsprechen sollten. Aber erst im Jahre
+1880 setzte Camille Sée ein Gesetz durch, wonach der Staat sich
+verpflichtete, mit Unterstützung der Kommunen höhere Mädchenschulen ins
+Leben zu rufen. Wenn dies Gesetz auch den Wünschen der Frauen und ihrer
+Freunde noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die
+neuen Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 städtische
+bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu Gymnasien,
+so war die Anerkennung der Notwendigkeit höherer Frauenbildung durch den
+Staat immerhin ein Fortschritt. Seine Bedeutung ist um so größer, als
+von vornherein ausschließlich Frauen zu Leitern und Lehrern in den
+Lyceen bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs
+mit sich und führte schon ein Jahr später zur Gründung der Ecole normale
+in Sèvres, an der die Ausbildung der dem höheren Mädchenunterricht sich
+widmenden Frauen erfolgt[277], soweit sie sich nicht durch
+Universitätsstudien vorbereiten. Seit 1870 schon stehen ihnen, mit
+Ausnahme der theologischen, nicht nur sämtliche Fakultäten offen, sie
+können auch dieselben Grade erwerben wie die Männer. Auf dem Gebiet der
+Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kämpfen, der bis heute noch
+nicht ganz zum Ziele führte: Zur klinischen und chirurgischen Ausbildung
+und dem damit verbundenen Examen wurde ihnen gar nicht oder nur
+ausnahmsweise Zulaß gewährt. Schließlich erreichten sie es, in den
+Pariser Spitälern vier Jahre studieren zu dürfen, ohne daß man sie
+jedoch zu den höheren Prüfungen zuließ. Die Studenten sowohl wie die
+Aerzte waren während des ganzen Kampfes ihre ausgesprochenen Gegner.
+Auch auf einem anderen Gebiete, dem des künstlerischen Studiums, war von
+einer Gleichberechtigung der Frauen lange Zeit hindurch keine Rede.
+Selbst die Leistungen einer Rosa Bonheur, einer Vigé-Lebrun waren nicht
+im stande gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu
+ermöglichen. Die traditionelle Meinung, daß die guten Sitten dadurch
+verletzt würden, mußte hier ebenso wie beim klinischen Unterricht als
+Vorwand der Ausschließung dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die
+französische Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur
+Gründung von zwei Ateliers für Schülerinnen, um damit dem Vorurteil der
+gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu kommen.
+
+Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und kaufmännischen
+Unterrichts der Frauen einer Lösung entgegen. Schon 1870 zählten die
+fünf Pariser kaufmännischen Schulen 800 Schülerinnen. In den Provinzen
+entstanden, zum Teil durch die Kommunen, ähnliche Anstalten, deren
+starke Frequenz dafür Zeugnis ablegt, daß sie einem dringenden Bedürfnis
+entsprechen.
+
+Die Frau im kaufmännischen Beruf ist denn auch seit langem eine
+wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rühmt ihr allgemein ihre
+Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, die ihr Geschäft
+wirklich ganz selbständig leiten, sind hier daher verhältnismäßig
+häufiger zu finden, als in anderen Ländern. Schon in den
+fünfziger Jahren wurden ihre Talente dadurch anerkannt, daß die
+Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux anzustellen,
+und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts Frauen im Postdienst
+beschäftigt hatte, vermehrte ihre Zahl von 1877 ab bedeutend.[278]
+Außerdem vertraute er sämtliche Tabakgeschäfte--die Tabakfabrikation und
+der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol--, Frauen an, und
+beschäftigt eine große Zahl von ihnen in der Bank von Frankreich. Im
+übrigen ist die Zahl der staatlich angestellten Frauen gering und sie
+befinden sich fast ausschließlich in untergeordneten Stellungen. Den
+höchsten Rang nehmen die Gefängnis- und Schulinspektorinnen--von denen
+es allerdings nur drei giebt--ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden
+nur das Amt von Assistentinnen, haben sich aber so bewährt, daß z.B.
+allein im Seine-Departement 14 thätig sind. Außer ihnen sind weibliche
+Staatsbeamte als Gefangenenwärter, als Lehrerinnen in Taubstummen- und
+Hebammenschulen zu finden. Seit einiger Zeit hat die Regierung auch
+Aerztinnen in ihren Dienst genommen: Madame Sarraute wirkt an der großen
+Oper; für das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen
+angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen
+angeschlossen oder an staatlichen Mädchenlyceen verwendet.[279] Von
+allen Frauen werden natürlich Lehrerinnen vom Staat und von den Kommunen
+am meisten beschäftigt. Ihr Einfluß reicht soweit, daß sie sowohl den
+Departementsräten als dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder
+angehören können. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an
+der Universität zugelassen zu werden oder die Leitung eines Hospitals in
+die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene oder besser bezahlte
+Stellungen handelt, hört auch bei den damenfreundlichen Franzosen das
+Entgegenkommen auf. Trotzdem wird der Zugang zu bürgerlichen Berufen den
+Frauen leichter gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der
+stagnierenden Bevölkerung die Konkurrenz keine so lebhafte ist, sei es,
+weil die Französinnen der bürgerlichen Kreise selbst noch nicht nach Amt
+und Brot so heftig zu streben gezwungen sind. Unter den Studentinnen
+giebt es wenig geborene Französinnen, selbst unter den Aerztinnen, von
+denen in Paris allein 77 eine große Praxis ausüben, sind viele
+Ausländerinnen. Neuerdings hat die französische Frauenbewegung dadurch
+einen wichtigen Schritt vorwärts gethan, daß die Frauen zur Advokatur
+zugelassen wurden. Es war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz
+der Zulassung zum juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor
+Jahren glänzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, um
+zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der
+Rechtsanwälte hatten Frauen festen Fuß gefaßt. 1899 jedoch nahm die
+Kammer einen Antrag des sozialistischen Abgeordneten Viviani an, der die
+Zulassung der Frauen zur Advokatur forderte. Im Herbst 1900 bestätigte
+der Senat das Votum und ein Vierteljahr später wurde die erste
+Advokatin, Madame S. Balachowski-Petit, feierlich vereidet.
+
+Unter den bürgerlichen Berufen privater Natur, in denen die Französinnen
+thätig sind, wird einer von ihnen besonders geschätzt: der
+schriftstellerische und journalistische. Von jeher haben sich die
+Französinnen durch ihre Gewandtheit, mit der Feder umzugehen,
+hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de Staël, Georges Sand, Madame
+d'Agoult (Daniel Stern), neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die
+Gyp und viele andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen
+Ländern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen Talente
+zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem Titel La
+Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja sogar gedruckte
+politische Tageszeitung gründete. So wenig solch ein Unternehmen auch
+dem wirklichen Fortschritt entspricht und im Interesse der
+Frauenbewegung gelegen ist--denn erst das Zusammenarbeiten von Mann und
+Weib auf gleichen Gebieten und unter gleichen Bedingungen würde ihre
+Kräfte stählen und erproben--, so liefert es doch für die Fähigkeiten
+der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen Erwerbsmöglichkeiten.
+
+Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der bürgerlichen
+Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in demselben Tempo
+erfolgt, wie man es nach den Anfängen der französischen Frauenbewegung
+hätte annehmen können, und in dem, was erreicht wurde, ist es von
+manchen anderen Ländern überflügelt worden.
+
+Nur ein flüchtiger Ueberblick,--die Schilderung der Frauenbewegung eines
+jeden Landes würde ins Endlose führen und im großen und ganzen dieselben
+Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,--soll den
+Beweis dafür erbringen.
+
+In Rußland, das schon in den sechziger Jahren Universitäts- und
+medizinische Kurse eingerichtet hatte, vermochte selbst die mehr als
+zehnjährige Reaktionszeit von 1882 an, während der das Studium der
+Medizin den Frauen nicht gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache
+nicht Einhalt zu gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52
+Aerztinnen. 1896 erfolgte dann die Neueröffnung der medizinischen
+Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden läßt, wie
+sie die Männer erhalten, und sie denselben Prüfungen unterwirft. Sowohl
+in Moskau als in Kiew können sie unter gleichen Verhältnissen Medizin
+studieren, außerdem steht ihnen in Petersburg ein orientalisches Seminar
+zur Verfügung. Die Vorbereitung zur Universität vermitteln die schon
+1868 von Frauen gegründeten und geleiteten höheren Frauenkurse, die mit
+der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung immer
+besser ausgebildet wurden. Außer ihnen bestehen noch klassische
+Mädchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum Universitätsstudium
+berechtigt, und 350 Mädchenlyceen, die in manchen Punkten unseren
+höheren Töchterschulen ähnlich sind, in anderen wieder,--z.B. werden die
+klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur fakultativ
+ist,--weit über sie hinaus gehen.[280] Besonders hoch steht in Rußland
+die Ausbildung der Lehrerinnen. Nicht nur, daß sie großenteils
+Universitätsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den "Instituten der
+Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei unterstehen, eine ebenso
+billige wie vortreffliche Erziehung geboten, die sie, nach Absolvierung
+der Prüfungen, zum Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf
+berechtigt. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß
+unter den russischen Frauen die Lehrerin die Trägerin nicht nur der
+Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Beförderin der
+Volksaufklärung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre Leistungen
+fanden soweit öffentliche Anerkennung, daß Mädchenschulen und
+Mädchengymnasien großenteils weibliche Lehrkräfte und sogar weibliche
+Direktoren haben, die allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in
+einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis stehen.
+
+Einer großen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte, deren
+staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im Gegensatz zu der
+herkömmlichen Ansicht, daß Frauen großen körperlichen Strapazen nicht
+gewachsen sind, hat es sich gezeigt, daß gerade die Landärztinnen, die
+gezwungen sind, unter elenden Verhältnissen, inmitten einer rohen
+Bevölkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen Schauern eines
+russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich außerordentlich
+bewähren. Aber auch in den Großstädten sind sie mit Erfolg thätig. In
+Petersburg, wo neben 21 männlichen 15 weibliche Bezirksärzte und
+außerdem 35 Aerztinnen in staatlichen Krankenhäusern Anstellung
+fanden[281], hat der Magistrat in einem offiziellen Bericht
+festgestellt, daß auf einen männlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf
+einen weiblichen 7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum
+bevorzugt werden. Außer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen
+Apotheker eines guten Rufs. Noch ein anderer für die russischen
+Verhältnisse wichtiger Frauenberuf findet die Unterstützung des Staates:
+Seit kurzem hat das Ministerium für Landwirtschaft landwirtschaftliche
+Lehranstalten für Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in
+denen sie sich für alle in Betracht kommenden Fächer ausbilden können.
+Die ersten, die ihre Studien zu Ende führten, wurden von der Regierung
+teils in den Bureaux des Ministeriums, teils als Inspektorinnen
+angestellt. Auch der Frage der Fabrikinspektoren ist Rußland in
+ähnlicher Weise nahegetreten, indem es zunächst die Einrichtung von
+Unterrichtskursen plant, deren Schülerinnen dann als Aufsichtsbeamte
+Verwendung finden sollen. Als ein großer Erfolg kann es ferner
+betrachtet werden, daß die Staatsbank Frauen beschäftigt. Diese
+Unterstützung, die seitens der öffentlichen Verwaltung der
+Frauenbewegung zu teil wird, läßt sich wesentlich aus dem Mangel an
+Arbeitskräften erklären und der geringe Widerstand, der ihr seitens der
+Männer entgegengesetzt wird, hat seinen Grund darin, daß das riesige
+Land und das große Volk besonders für Lehrer und Aerzte noch unendlich
+viel Platz haben.
+
+Noch weiter vorgeschritten als Rußland ist Finland, wo Gymnasien und
+Universität dem weiblichen Geschlecht mit gleichen Rechten offen stehen,
+wie dem männlichen. Hier finden sich neben staatlich angestellten
+Aerztinnen auch weibliche Armenpfleger und Direktoren von Armenhäusern.
+In den Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und
+Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse hervorgethan.
+
+Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitäten den Frauen
+eröffnete und ihnen die medizinische Laufbahn erschloß, gewährt
+ihnen heute fast überall dieselben Rechte wie den Männern. Die
+Mädchenschulen, an die sich Gymnasialklassen anschließen, bereiten zum
+Abiturientenexamen vor, das auch von den Mädchen mit Vorliebe gemacht
+wird, die nicht das Universitätsstudium daran schließen; infolgedessen
+ist die Bildung der Schwedinnen eine im allgemeinen hohe. Seit Sonja
+Kowalewska als erster weiblicher Dozent den Lehrstuhl für Mathematik in
+Stockholm bestieg, steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen
+Fries war ihre nächste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson
+zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universität berufen. Ein
+Jahr später wurde eine Aerztin am Pathologisch-Anatomischen Institut der
+Stockholmer medizinischen Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an
+der Lehrerschaft Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, können schon
+seit 15 Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehörden werden, auch als
+Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen Verwendung.
+Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur zugelassen.
+Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste
+juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf die Seite der
+Frauen gestellt, daß sogar ihre Zulassung zum Verwaltungsdienst und zum
+Notarberuf erfolgte,[282] Die Universität, die ihnen erst 1880 eröffnet
+wurde, läßt sie heute zu jedem Studium und zu allen Prüfungen zu, ebenso
+sind die Gymnasien ihnen geöffnet. Apothekerinnen und Aerztinnen,
+Gymnasiallehrerinnen und Schulinspektorinnen sind schon lange eine
+gewohnte Erscheinung. Im Post- und Telegraphendienst befinden sich
+Frauen in Norwegen und Schweden schon seit 1857 resp. 1860.
+
+Dänemark steht hinter den genannten Ländern zurück. Zwar läßt die
+Universität Kopenhagen seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu,
+Aerztinnen sind den Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehörden haben
+weibliche Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und
+der Staat stellt nur selten weibliche Beamte an.
+
+Ein ähnliches Verhältnis besteht in Belgien, wo sogar die Aerztinnen
+ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen können. Besonders gut
+eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und landwirtschaftliche
+Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat dadurch unterstützt wird, daß
+landwirtschaftliche Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und
+Leitung praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen
+heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kämpfen bisher die Frauen
+unter Führung der Juristin Marie Popelin um Zulassung zur
+Advokatur.[283]
+
+Weit größere Fortschritte hat die holländische Frauenbewegung zu
+verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung genießen
+die Frauen genau dieselben Vorteile wie die Männer. Auch die
+Gymnasien besuchen Knaben und Mädchen gemeinsam. Ebenso ist kein
+wissenschaftlicher Beruf ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit
+erfreuen sich die weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Fräulein Dr. von
+Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die
+Universität Utrecht berufen. Unter den drei von der Kommunal-Verwaltung
+Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine Frau, und die
+medizinische Examinationskommission hat seit 1898 auch ein weibliches
+Mitglied. Im Staatsdienst steht außerdem eine Assistentin der
+Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings erst das Ergebnis einer
+sehr langen Agitation gewesen ist.
+
+Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universitätsstudium zuließ, ist ihrem
+frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu geblieben. Zunächst spricht die
+steigende Verwendung von Lehrerinnen dafür: seit 1871 haben sie um 87
+Proz., die Lehrer nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch stärkeren Beweis
+liefert der Umstand, daß die Frauen nicht nur als Schulräte,
+Schulinspektoren, Armenpfleger und,--wenn auch vorläufig in geringem
+Umfang,--als Arbeitsinspektoren thätig sind, sondern daß ihnen auch das
+Recht gewährt wurde, Lehrstühle der Universitäten einzunehmen, sowie
+seit 1899 als Rechtsanwälte zu praktizieren.
+
+Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht verleugnet. Wie im
+Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche Dozenten an den
+Universitäten, die den weiblichen Studenten nie verschlossen waren, und
+in denen sie seit 1890 den männlichen in jeder Beziehung gleichstehen.
+Die Knabengymnasien werden auch von Mädchen besucht, außerdem existieren
+noch besondere Mädchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, von denen das
+erste 1891 vom Kultusministerium in Rom eröffnet wurde. Schon 1868
+stellte der Staat die erste Schulinspektorin an[284]; heute sind doppelt
+soviel Lehrerinnen als Lehrer thätig und wirken sowohl an Knaben- wie an
+Mädchenschulen. Aerztinnen und Apothekerinnen stehen den Männern völlig
+gleich. Nur um die Zulassung zur Advokatur kämpfen die Frauen, seitdem
+Laida Poët, nach glänzend absolviertem Doktorexamen, energisch dafür
+eintrat[285], bis heute ebenso vergebens wie in Belgien, und im
+Staatsdienst stehen, außer den Post- und Telegraphenbeamtinnen, nur
+wenige Frauen.
+
+Unter den romanischen Ländern sind Spanien und Portugal die
+zurückgebliebensten, obwohl auch ihre Universitäten, zum Teil sogar seit
+Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt jedoch an den Mitteln zur
+nötigen Vorbildung. In Spanien sind auch die höheren Berufe den Frauen
+verschlossen, während in Portugal weibliche Aerzte praktizieren
+dürfen.[286] Selbst die Türkei, wo ein Mädchengymnasium besteht,
+gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und ließ
+sie bereits ein Jahr früher zur ärztlichen Praxis zu. Griechenland,
+Serbien und Rumänien gewähren den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf
+fast völlig gleiche Rechte mit den Männern. Rumänien läßt sie zu den
+Lehrstühlen der Universität und zur Advokatur zu.[287] Erklären läßt
+sich diese, für die kulturell im allgemeinen zurückgebliebenen Länder
+merkwürdige Erscheinung dadurch, daß der Zudrang zum Studium und zu den
+wissenschaftlichen Berufen seitens der Männer kein großer ist, und man
+nicht nur die Lücken durch Frauen ausfüllen, sondern auch durch ihren
+Wettbewerb die Leistungen der Männer steigern will. Hierzu kommt, daß
+weibliche Aerzte gerade in muhamedanischen Bevölkerungen, wo die kranken
+Frauen jeder ärztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von Männern
+ausging, einem dringenden Bedürfnis entsprechen.
+
+Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon verhältnismäßig früh
+entschlossen, Aerztinnen anzustellen, obwohl seine Stellung zur
+Frauenbewegung damals noch eine reaktionäre war. 1890 wurde die erste
+Aerztin, Dr. Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere
+folgten. Sie stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den
+männlichen Aerzten völlig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch
+nur auf nicht-österreichischen Universitäten nachgehen. Obwohl bereits
+im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gäste einzelnen Vorlesungen an
+österreichischen Universitäten beiwohnen durften, wurden sie erst seit
+1897 als Studentinnen zu den Vorlesungen und Prüfungen der
+philosophischen Fakultät zugelassen, während sie offiziell weder Medizin
+studieren noch darin geprüft werden konnten. Erst neuerdings ist es
+ihnen ermöglicht worden; es steht sogar zu erwarten, daß das Studium der
+Jurisprudenz ihnen an allen Universitäten gestattet wird. Günstiger
+stellt sich die Frage des Universitätsstudiums der Frauen in Ungarn, wo
+sie 1896 an der Universität Budapest zu allen Fakultäten zugelassen
+wurden.[288] Die Vorbereitung zur Universität ist die Aufgabe einer
+Anzahl privater Mädchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in
+Prag, Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zähe
+Agitation verschiedener Frauenvereine zurückzuführen sind.
+
+Die Berufsthätigkeit der österreichischen Frauen, die sich besonders im
+letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, beschränkt sich trotzdem nur auf
+wenige Berufe. Zwar steht ihnen die ärztliche Laufbahn offen, in Ungarn
+sind sie auch zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden
+sich die meisten erwerbsuchenden Frauen aus bürgerlichen Kreisen noch
+dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich nach
+und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach auch die
+Knabenklassen, weiblichen Lehrkräften anzuvertrauen. Seit
+kurzem--1899--hat Galizien den Anfang gemacht, Frauen auch in den
+Bezirksschulrat aufzunehmen,--ein Vorgehen, das von den übrigen Ländern
+der österreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden dürfte.
+Im Staats- und Gemeindedienst stehen, außer den Volksschullehrerinnen,
+die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren Zulassung erst nach hartem
+Kampf mit den männlichen Kollegen erfolgte, eine Anzahl
+Gerichtssachverständige und Bureaubeamte in untergeordneten Stellungen.
+
+Noch ein Blick auf die außereuropäischen Länder vollende die Uebersicht:
+in Australien genießen die Frauen fast überall die gleichen Rechte auf
+Bildung und Beruf wie die Männer. Sie stehen als Fabrik- und
+Schulinspektoren, als Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als
+Aerzte, Anwälte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien können
+sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in Asien hat die
+Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche Aerzte und
+Rechtsanwälte sind in Indien, dessen Universitäten den Frauen offen
+stehen, keine Seltenheit. Neuerdings nimmt auch die japanische
+Universität Studentinnen auf und die Gründung einer eigenen
+Frauenhochschule steht in Aussicht. Im japanischen Postdienst finden
+Frauen Verwendung. China hat kürzlich ein Mädchengymnasium gegründet und
+an der Universität Peking dozieren weibliche Professoren. Der Negus von
+Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen an ihren Hof
+berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung die Ideen der
+Frauenbewegung.
+
+Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich
+zurückgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, gleichsam wie ein
+dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von der vorgeschrittenen
+Entwicklung der übrigen Länder abhebe.
+
+Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunächst allein durch die
+Organisation der Frauen bezeichnet. Für die deutsche Frau, die mehr als
+irgend eine andere an die Familie, an das Haus gebunden gewesen war,
+erschien die Gründung von Frauenvereinen an sich schon als ein
+bedeutsames Ereignis. Daß es einem Bedürfnis entsprach, bewies das
+zahlreiche ins Leben treten von Verbänden im Anschluß an den Allgemeinen
+deutschen Frauenverein und an den Letteverein. Einesteils drängte das
+von Sorgen und Zweifeln übervolle Frauenherz nach Aussprache,
+andererseits trieben die traurigen Vermögensverhältnisse Tausende auf
+die Suche nach Arbeit. Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die
+Spitze eines Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten,
+deren Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemäßigte Sprache
+führte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein konnte für sich und
+seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen Bahnen" ins Leben rufen, das
+etwas energischer auftrat. Auf eine bessere Ausbildung der Mädchen
+versuchten beide zunächst einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie
+sie in Berlin, Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden[289],
+wurden auch anderwärts eingerichtet, um die Mädchen vor allem zum
+kaufmännischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten ihr Entstehen
+jedoch fast ausschließlich privater Unterstützung. Staat und
+Kommunalverwaltungen verhielten sich ganz ablehnend. Noch schroffer war
+ihre Haltung, sobald die Frage der wissenschaftlichen Erziehung der
+Mädchen an sie herantrat. Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den
+bestehenden Gymnasien gefordert[290]; der Allgemeine deutsche
+Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner
+Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die Gründung
+von Realgymnasien für Mädchen befürwortete. Aber nicht nur außerhalb,
+auch innerhalb des Vereins gab es noch ängstliche Gemüter genug, die um
+die Gefährdung der Weiblichkeit zitterten, oder die Bestrebungen der
+Frauen mit Hohn und Spott überschütteten. Unter den Politikern, wie
+unter den Männern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer
+Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von
+Mädchengymnasien wurde mit Entrüstung zurückgewiesen[291], und Heinrich
+von Sybel machte sich zum Wortführer der Gegner des Frauenstudiums,
+indem er sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort
+von dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein,
+schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der Frauenbewegung
+mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde führen. Ganz blind konnte
+jedoch selbst er nicht an den thatsächlichen Verhältnissen vorübergehen,
+die es vielen Frauen unmöglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu
+erfüllen und so entschloß er sich zu der Inkonsequenz, der
+Unverheirateten wegen, die Einrichtung von naturwissenschaftlichen,
+medizinischen und kaufmännischen Schulen für wünschenswert zu
+erklären.[292]
+
+Eine ähnliche Stimmung zeigte sich überall: man gab die Notwendigkeit
+besserer Mädchenerziehung zu, aber man hütete sich ängstlich, sich
+einzugestehen, wodurch sie verursacht wurde. Charakteristisch hierfür
+waren die Verhandlungen der Töchterlehrerversammlung in Weimar 1872.
+Eine Neuorganisation des höheren Mädchenschulwesens, sogar ihre
+gesetzliche Regelung wurde allgemein gewünscht, die Erwerbsfrage aber
+feige verleugnet und ausdrücklich bestimmt, daß die Mädchenschule die
+Teilnahme an der allgemeinen Geistesbildung den Frauen ermöglichen
+solle, ihre Gestaltung aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des
+Weibes Rücksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein für das höhere
+Mädchenschulwesen, der ein Jahr später ins Leben trat, fußte auf diesen
+Grundsätzen, und als sich im selben Jahre das preußische
+Unterrichtsministerium entschloß, sich mit der Frage zu beschäftigen,
+stellte es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der
+Frauenbewegung insofern eine Konzession, als es erklärte, daß die
+Vorbildung für künftige Berufsarbeit besonderen Einrichtungen
+vorbehalten werden müsse. Solche Einrichtungen zu treffen, sollte jedoch
+ganz der privaten Initiative überlassen bleiben. Eine Ausländerin, Miß
+Archer, war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter
+dem Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der
+Mädchen, die die Schule absolviert hatten, sich wissenschaftlich
+weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre später wurde die Humboldt-Akademie
+in Berlin zu ähnlichem Zweck gegründet, ohne daß beide zunächst
+praktische Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten
+zu keinerlei Prüfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die
+Agitation der Frauen für ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie beschränkte
+sich fast nur auf die Thätigkeit innerhalb der Vereine. Dagegen setzte
+die litterarische Fehde seit Sybels Auftreten ihr Für und Wider lebhaft
+fort. Die streitbare Feder Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger
+Jahre in den Dienst der Frauenbewegung[293], während die milde Luise
+Büchners durch Rücksichtnahme auf Tradition und Vorurteil die Leser zu
+gewinnen suchte[294]. So wurde zwar die Aufmerksamkeit mehr als bisher
+auf die Frauenfrage gelenkt, aber von öffentlichem Interesse war sie
+nicht.
+
+Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine lebhaftere
+Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts der Frauen.
+Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des Allgemeinen deutschen
+Frauenvereins, der außerdem seine Kräfte vielfach verzettelte, wurde der
+Verein Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung
+von Mädchengymnasien und Eröffnung von Universitäten zu
+seinem ausschließlichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die
+Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine Petition
+um Zulassung zu den Maturitätsprüfungen der Gymnasien und dem Studium an
+den Hochschulen versandte. Inzwischen war auch der Allgemeine deutsche
+Frauenverein lebendiger geworden; er reichte im selben Jahre allen
+Kultusministerien Deutschlands ein Gesuch ein, wonach das Studium der
+Medizin, sowie alle Studien und Prüfungen, durch welche die Männer die
+Befähigung zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen
+freigegeben werden möchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten,
+gaben die Stimmung Deutschlands gegenüber den Frauen zu einer Zeit, wo
+sie in fast allen Kulturländern studieren, als Aerztinnen oder
+Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige Staatsämter
+ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: dem Verein
+Frauenbildungs-Reform gegenüber erklärten sich die Einzelstaaten nicht
+kompetent zur Lösung der Frage, der Reichstag aber verwies wieder an
+die Einzelstaaten, und der Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7
+Staaten eine ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung
+kam der Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das
+Recht erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine
+offizielle Prüfungsbehörde examinieren ließ.
+
+Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen unter dem
+Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gründung von Realkursen für
+Mädchen entschloß, aus denen einige Jahre später unter der Leitung von
+Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und
+energischen Agitation war es auch zu danken, daß endlich, 1893, die
+Zulassung zum Abiturientenexamen den Mädchen gestattet wurde. Die
+Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von
+Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schüler
+auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmählich
+entstanden in einer Reihe deutscher Großstädte Gymnasien nach dem Muster
+der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mädchen nur nach der
+absolvierten Töchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von
+großer Bedeutung war es, daß die Stadt Karlsruhe das Gymnasium
+schließlich selbst übernahm, es schien gewissermaßen die öffentliche
+Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Städte
+München und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mädchengymnasien
+selbständig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem
+staatsgefährlichen Beginnen versagt! Der damalige preußische
+Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen
+von einem Flämmchen, das er ersticken müsse, ehe es zur verheerenden
+Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Rußland
+schon 30 Jahre lang staatliche Mädchengymnasien besaß, und China im
+Begriffe stand, das erste zu gründen! Daß die Haltung der Regierung und
+der Volksvertretung gegenüber der Forderung der Zulassung der Frauen zu
+den Universitäten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung
+dafür keine Unterstützung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die
+erste Petition um Freigabe des ärztlichen Studiums im deutschen
+Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionärer Akt
+betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche
+Sittsamkeit", wurden mit großem Aufwand an Pathos ihr gegenüber
+verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit
+nachdrücklichem Ernst für die Sache der Frauen ein[295],--gefährliche
+Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die
+Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die
+Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter
+liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb
+dasselbe: die Wünsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur
+Tagesordnung erledigt.[296]
+
+Seitdem hat eine Aenderung der Verhältnisse sich im stillen vorbereitet.
+Die Universitäten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen,
+zunächst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen
+Weibe"--wesentlich Ausländerinnen, von denen einige sogar deutsche
+Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die
+Erfahrungen, die man machte, mußten keine schlechten sein, denn, obwohl
+die Aufnahme weiblicher Hörer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing,
+steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar ließen, im
+Unterschied zu anderen Ländern, Professoren aller Fakultäten, auch der
+theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen
+Wert besaß ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und
+nicht geprüft wurden. Erst im Jahr 1899 beschloß der Bundesrat die
+Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und
+pharmazeutischen Staatsprüfungen. Gegenwärtig hat er auf Antrag des
+Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugeständnisse zu machen,
+indem ihnen die Studienzeit auf ausländischen Universitäten,--auf die
+sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen
+abschließen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprüfung voll
+angerechnet werden soll. Das ist für Deutschland ein großer Fortschritt,
+auch wenn man in Betracht zieht, daß in Italien schon seit zehn Jahren
+weibliche Dozenten der Medizin Lehrstühle der Universitäten bekleiden,
+Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Türkei gar um fünf Jahre
+voraus ist, und in Rußland schon seit nahezu 18 Jahren die
+Staatsprüfungen den Frauen offen stehen.
+
+Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen
+Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewährten ihnen
+volles akademisches Bürgerrecht.
+
+Nach alledem sind die deutschen Töchter der Bourgeoisie auf folgende
+Bildungsmöglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten
+580 höhere Mädchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 höheren
+Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preußischen
+Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17
+staatlich. Sie können ferner Mädchengymnasien, die, bis auf eins, unter
+privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung
+finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in
+Deutschland 114 Seminare zur Verfügung. Charakteristisch ist, daß in
+Preußen allein 112 Staatsseminare für Männer und--10 für Frauen gezählt
+werden. Das Oberlehrerinnenexamen können sie auf Grund ihrer Studien am
+Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Göttingen
+eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitäten
+können sie mit gleichen Rechten wie die Männer studieren und nur das
+medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell überall offen. Die
+staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht
+anders als die Mehrzahl der Universitäten.
+
+Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung
+weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast
+ausschließlich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen
+verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach
+dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen für Frauen entstanden.
+
+Das trübe Bild, das wir entwerfen mußten und das auf einen
+außerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schließen läßt, wird
+noch um vieles trüber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung für das
+Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst übergehen.
+
+Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im
+Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezügliche
+erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des
+Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich
+fünf Jahre später, unter Führung des Staatssekretärs von Stephan
+wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum
+Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Berücksichtigung
+überwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um
+Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war
+ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken,
+und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die
+Erwerbsmöglichkeiten in eingehende Erwägung gezogen. Der Börsenkrach von
+1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mädchen dazu, sich
+nach einem Beruf, der sie ernähren konnte, umzusehen. Man petitionierte
+bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von
+Lehrerinnen, man gründete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen
+Stipendienfonds, um arme Mädchen im Ausland studieren zu lassen, man
+sprach zum erstenmal davon, daß Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-,
+Armen- und Arbeitshäusern, in Gefängnissen und bei der Sittenpolizei
+Verwendung finden müßten, ohne natürlich den geringsten positiven Erfolg
+zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen"
+Mädchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein
+angenehmes und besonders einträgliches sei".[299] Thatsächlich wandten
+sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie
+Arbeiten zu, die ihnen für Haus und Familie schon gewohnt waren und die
+sie nun ernähren, oder--der häufigste Fall--ihre finanzielle Lage
+verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das
+Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entriß, sympathisch; kämpfte
+er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon
+lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich
+weniger Vorurteil und Sentimentalität, als Konkurrenzfurcht.--Die
+Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein für
+das höhere Mädchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere
+Kreise. Die Männer wollten die Thätigkeit des weiblichen Erziehers
+womöglich nur auf die Elementarfächer beschränken, während die Frauen,
+gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen,
+und den ganzen Mädchenunterricht in die Hände bekommen wollten, indem
+sie sich natürlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und
+wie die schönen Worte alle heißen, die dem Deutschen besonders geläufig
+sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein für höhere
+Mädchenschulen darum petitionierte, daß die Leitung solcher
+Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem
+Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in
+der Mittel- und Oberstufe hauptsächlich den Frauen überlassen werden
+sollte. Erst nach fast zwanzigjährigem Kampf bestimmte das preußische
+Kultusministerium die stärkere Verwendung weiblicher Lehrkräfte und die
+Anstellung von Oberlehrerinnen für die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war
+großenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken,
+die sich unter Leitung von Fräulein Helene Lange 1890 zu einem Verein
+zusammengeschlossen hatten, der heute über elftausend Mitglieder zählt.
+Trotz seiner numerischen Stärke, die allerdings zu der Gesamtzahl der
+deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mißverhältnis steht, ist die
+Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der
+noch dadurch beeinträchtigt wurde, daß die Wünsche der Männer von der
+Regierung insofern Berücksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht
+selbständige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als
+oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.
+
+Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition
+für sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen
+Bourgeoisie der Aerztin gegenüber. Sie konnte zwar, dank der
+Gewerbefreiheit, nicht an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden,
+aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede öffentliche
+Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch ständig der Gefahr
+ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot
+gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl
+wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und
+die Gleichstellung der weiblichen mit den männlichen Aerzten wünschten.
+Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die
+Regierung sowohl als die Majorität des Reichstags sprach sich gegen sie
+aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser
+Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rückhaltlos auf die
+Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche
+Liberalismus seinen revolutionären Geist und seine demokratischen Ideen
+so sehr eingebüßt, daß er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und
+mehr der Sozialdemokratie überließ. So kam es, daß zu einer Zeit, wo die
+Frage der Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf in Amerika, England,
+Frankreich, Rußland und Oesterreich soweit entschieden war, daß sie
+sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lösung zu
+Gunsten der Frauen wie ein revolutionärer Akt gefürchtet wurde. So kam
+es aber auch, daß die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden"
+Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose
+von ihren Vätern, Männern und Brüdern abhängige Frauen sich entweder
+ganz von ihr zurückzogen, oder so vorsichtig und zurückhaltend in ihren
+Wünschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets
+gewesen ist.
+
+Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes
+gegründete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so bürgerlich ängstlich
+er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an
+der großen Organisation--er umfaßt heute 131 Vereine--einen Rückhalt
+hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger
+herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafür ist die Haltung der
+Aerzte gegenüber den Ansprüchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren
+Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der
+die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne
+weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie
+die Verhältnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu
+unterstützen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die
+Verhandlungen und Beschlüsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden
+1898, wo im Anschluß an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material
+beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur ärztlichen
+Berufsthätigkeit Beschluß gefaßt wurde,--im selben Jahr, als der große
+englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner
+Präsidentin erwählte! Einen ähnlichen, in schroffster Form ausgedrückten
+Beschluß faßte zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, während
+ein Jahr früher der belgische Pharmazeutenkongreß zu Mons genau das
+Gegenteil erklärt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule
+für Frauen gründete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche
+Apotheker thätig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte
+sich der Kongreß deutscher Zahnärzte, eine Berufskollegin als
+Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner ärztliche Standesverein
+denunzierte den Hilfsverein für weibliche Angestellte, weil er es gewagt
+hatte, für seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen.
+Infolgedessen befahl das Polizeipräsidium die Streichung der Aerztinnen
+aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten,
+nicht auszusterben, erließen die Kliniker in Halle einen fulminanten
+Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung
+von Frauen an klinischen Vorlesungen; schließlich kamen diese Ansichten
+im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische
+Sachverständigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen
+Geschlechts zum ärztlichen Beruf noch nicht für spruchreif
+erklärte--nachdem seit über zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika,
+Australien, England, Rußland praktizierten, und der Negus von Abessinien
+und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus
+waren, daß sie Leib- und Hausärztinnen ernannten.
+
+Diese lächerlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung,
+vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland
+thätigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Fräulein Dr.
+Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer großen Praxis. Die
+Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren
+Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung
+1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, daß ihre
+Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine
+Anzahl Aerztinnen in Krankenhäusern und Sanatorien. Kürzlich hat auch
+die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit
+einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegründete und
+geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitälern
+Amerikas und Englands, aber sicher eine günstige Entwicklung haben wird.
+Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprüfungen dürfte die
+Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelöst sein.
+
+Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der
+Berufsthätigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie
+im Lichte der ausländischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden
+hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt,
+den bisher Männer zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen
+machen den Versuch mit der Beschäftigung von Armen- und
+Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der
+höheren Mädchenschule berufen; auch in städtischen Arbeitsvermittlungen
+sind zuweilen Frauen thätig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-,
+Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefängnisaufseherinnen in
+untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverständige und
+Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der
+Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an
+Universitätsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thätig. Weit
+wichtiger ist die nach langer hartnäckiger Agitation endlich erfolgte
+Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern,
+Württemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schließlich auch in
+Preußen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den
+Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der
+Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten
+unterstützte Forderung mit Gelächter aufgenommen, etwas später entschloß
+man sich zu ernster Erörterung, begründete aber die ablehnende Haltung
+mit den--Mißerfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders
+in Amerika, während ihre Existenz in Frankreich überhaupt angezweifelt
+wurde. Als schließlich auch die Liberalen der Sache Verständnis
+entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekämpft, als gelte
+es, die Grundlagen des Staates zu schützen. Man sprach sogar von Seiten
+der Regierung die Befürchtung aus, die weiblichen Beamten könnten zu
+sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im sächsischen Landtag
+erklärte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre
+Anstellung für verletzt, und als im März 1899 die Frage dem preußischen
+Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont,
+daß nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall
+selbständig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen
+werden dürfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung
+getroffen.
+
+Einen etwas günstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung
+der Berufsthätigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition
+geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher für die
+einzelnen mehr eine Opferthat religiöser Gesinnung, als ein aus Gründen
+des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den
+modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes,
+als, in noch höherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den
+Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiöser
+Engherzigkeit befreite Thätigkeit.[302] Aber das Odium christlicher
+Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest
+an, daß er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei
+eine Aufgabe alles persönlichen Behagens fordert, der nur wenige
+gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz für viele. Erst
+eine völlige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz
+verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und würde viele brach
+liegende Frauenkräfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lösung der
+Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine
+Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.
+
+Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in
+Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lösen
+geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl
+in rapider Zunahme begriffen und sie bewähren sich so sehr, daß ihre
+Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer häufigere
+ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte
+in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der
+Rechtsanwälte und der großen Industriellen. Zumeist aber erklärt sich
+ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedürfnissen der
+Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, daß sie ihren
+männlichen Berufsgenossen gegenüber als Lohndrücker ausgespielt werden.
+Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben,
+fällt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht.
+
+So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfspräparatoren, in
+einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker
+thätig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu
+nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in großen
+Werkstätten Anstellung fanden, oder selbständig als Kunststicker,
+Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Gärtner, Obst- und
+Gemüsezüchter finden Frauen eine lukrative Berufsthätigkeit. Ebenso sind
+weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine
+Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur
+Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen eröffnet,
+indem sie in immer größerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist
+weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog.
+Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber
+eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befähigung der Frauen.
+Vorteilhafter für sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus.
+Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als
+Kriegskorrespondentinnen großer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als
+Leiterinnen politischer Blätter thätig zu sein, ihre Mitarbeit
+beschränkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der
+Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften,
+aber ihrem Einfluß ist der Umschwung in der Stimmung gegenüber der
+Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von
+wesentlicher Bedeutung hierfür ist es jedoch, daß auch die deutschen
+Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethätigen, und durch ihre
+Leistungen dem Gegner Achtung abnötigen. Während bis vor nicht allzu
+langer Zeit selbst die Führerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an
+Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der
+oft geradezu verblüffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts
+an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben
+Arbeiten über die rechtliche sowohl wie über die soziale Lage des
+weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer
+Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch
+verraten, daß sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schoßkind gerade
+der deutschen Frauen, endgültig gebrochen haben. Auch das Prinzip
+ängstlicher Zurückhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung
+kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berührung mit
+dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich
+im Anschluß an den internationalen Frauenbund bildete,--die
+Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen
+Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von
+belebendem Einfluß. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit
+ihren Peitschenhieben auch die Trägsten vorwärts treibt.
+
+
+
+
+2. Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung.
+
+
+Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt zeigt, sowohl in
+Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf seinen
+gegenwärtigen Stand, in den verschiedenen Ländern eine auffallende
+Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem Mittelalter einzelne
+Vorläufer gefunden hat, setzt er um die erste Hälfte des 19.
+Jahrhunderts überall ein und wird in der zweiten Hälfte aus einer Art
+Guerillakrieg zu einem überlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die
+von Jahr zu Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, außer
+dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domäne des
+männlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind überall, hier etwas
+langsamer und dort etwas rascher, im Vordringen begriffen, dem bisher
+keine noch so heftige Gegnerschaft Einhalt gebieten konnte.
+
+Diese gleichmäßigen Erscheinungen müssen demnach auf gleiche Ursachen
+zurückzuführen sein.
+
+Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu erklären,
+pflegt darin zu bestehen, daß in der Mehrzahl der Kulturländer das
+weibliche Geschlecht das männliche an Zahl überragt, und die Ehe, die in
+den bürgerlichen Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet,
+von vornherein für viele unerreichbar ist. Diese Begründung erweist sich
+insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so mehr die treibende
+Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je größer der Frauenüberschuß
+des betreffenden Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:[307]
+
+Länder Zählungsjahr Weibliche
+ auf
+ 1000 männliche
+
+Deutschland 1890 1040
+Oesterreich 1890 1044
+Schweiz 1888 1057
+Niederlande 1889 1024
+Belgien 1890 1005
+Dänemark 1890 1051
+Schweden 1890 1065
+Norwegen 1891 1092
+Großbritannien und Irland 1891 1060
+Frankreich 1891 1007
+
+In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in erster
+Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in bürgerliche
+Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf 1000 Männer 953 Frauen.
+Betrachten wir Nordamerika aber genauer, so zeigt es sich, daß die
+Frauenbewegung in den Oststaaten, wo auf 1000 Männer 1005 Frauen gezählt
+werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren
+energischsten Ausdruck gefunden hat, während die westlichen Staaten, wo
+1000 Männern nur 698 Frauen gegenüberstehen, von ihr nur leise berührt
+werden.
+
+Dem Argument des Frauenüberschusses haben manche Gegner der
+Frauenbewegung die Thatsache gegenübergestellt, daß die gezählte
+Bevölkerung der Erde einen Männerüberschuß aufweist. Soweit sie sich
+überhaupt statistisch feststellen läßt, ist die Verteilung der
+Geschlechter folgende:[308]
+
+Erdteile Männliche Weibliche Weibliche
+ auf
+ 1000 männliche
+
+Europa 170818561 174914119 1024
+Amerika 41643389 40540386 973
+Asien 177648044 170269179 958
+Australien 2197799 1871821 852
+Afrika 6994064 6771360 968
+Zusammen 399301857 394366865 988
+
+Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser
+Berechnung--Millionen können statistisch gar nicht erreicht
+werden--kommt es bei der Beurteilung dieser Frage weit weniger auf große
+allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf an, wie das Verhältnis der
+Geschlechter in den einzelnen Ländern sich stellt. Ist es schon für die
+überzähligen Frauen Europas ein schlechter Trost, daß es in Australien
+oder Asien überzählige Männer giebt, so ist auch z.B. den Frauen von
+Rhode Island, von denen 1078 auf 1000 Männer kommen, wenig geholfen,
+wenn in den Oststaaten das umgekehrte Verhältnis besteht, oder denen der
+niederländischen Kolonieen im westindischen Archipel, die gar um 263 auf
+1000 die Männer überragen, wenn man sie auf die überzähligen Asiaten
+verweisen wollte. Es kommt aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher
+ganz unbeachtet blieb und gerade im Hinblick auf die bürgerliche
+Frauenfrage schwer ins Gewicht fällt: das ist die Frage, aus welchen
+sozialen Schichten der Bevölkerung sich der Männer- oder Frauenüberschuß
+zusammensetzt. Es ist klar, daß bei den heutigen, aus den Gegensätzen
+zwischen Arm und Reich herrührenden Unterschieden in Bildung und
+Lebensgewohnheiten die etwa überzähligen Töchter der Bourgeoisie nicht
+auf die vielleicht gleichfalls überzähligen Söhne des Proletariats als
+künftige Ehegatten rechnen können. Die Statistik läßt uns hierbei
+freilich im Stich, denn die Volkszählungen fragen nicht nach der
+sozialen Herkunft der Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an
+Anhaltspunkten, um die Behauptung, daß der Frauenüberschuß in der
+Bourgeoisie im Verhältnis ein größerer ist, als der der Frauenwelt im
+allgemeinen, nicht als völlig aus der Luft gegriffen erscheinen zu
+lassen.
+
+Schon die bloße Beobachtung lehrt, daß die Familien der unteren
+Bevölkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der
+oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau
+vorgenommen wurden, bestätigten es. So stellte Bertillon für 20
+Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit
+und der Geburtenhäufigkeit fest und fand, daß auf je 1000 Frauen
+zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevölkerung durchschnittlich
+108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der
+reichen 53 und der sehr reichen 34 jährliche Geburten kamen[309]; es hat
+sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rückgangs
+der französischen Bevölkerung besonders bemerkenswert,--daß ihr Zuwachs
+in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und
+der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu
+verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen über
+das Geschlecht der Kinder keinen Aufschluß, dagegen hat man in Sachsen
+für einen zehnjährigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen
+Kindern auf ca. 1 Million Mütter festgestellt, daß die fruchtbarsten
+Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche
+Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so läßt sich doch
+vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie
+unterstützt, der Schluß daraus ziehen, daß die kinderreichen unteren
+Bevölkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen,
+daß also der Frauenüberschuß in den bürgerlichen Kreisen ein größerer
+ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden
+z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen großen Ueberschuß an
+Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das männliche Geschlecht
+überwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in
+Elsaß-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Männer.[312] Für die
+Verheiratbarkeit der Töchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch
+ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, daß der Männerüberschuß
+lediglich auf die starke Industriebevölkerung und die vielen Soldaten
+zurückzuführen ist. Ein ähnliches Verhältnis weist Nordamerika auf,
+dessen Männerüberschuß--953 Frauen auf 1000 Männer--auf den ersten Blick
+zu der Annahme verführt, als müßte seine Frauenbewegung anderen als
+wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitären, wie
+viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch außer acht
+gelassen, daß die große Zahl der Männer der Einwanderung zu verdanken
+ist und daß diese Einwanderer zum größten Teil Handwerker, Landleute,
+Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist,
+daß, trotz des allgemeinen Männerüberschusses, in der Bourgeoisie ein
+Frauenüberschuß besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine
+beschränkte bleibt.
+
+Nach alledem scheint es klar zu sein, daß, selbst wenn auf der ganzen
+Erde eine annähernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden
+könnte, die bürgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelöst sein
+würde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete
+Jungfernfrage auch in solchen Ländern besteht, wo ein Ueberschuß an
+Männern konstatiert wurde.
+
+Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, daß eine Gegenüberstellung
+der Geschlechter allein nicht genügt, um die Verheiratbarkeit
+festzustellen, sondern die Gegenüberstellung der Heiratsfähigen dazu
+notwendig ist. Berechnen wir zunächst beide Geschlechter nach gleichen
+Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu müssen, 20
+Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich
+folgendes[314]:
+
+Auf 1000 männliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen:
+
+Deutschland 1034
+Oesterreich 1047
+Schweiz 1080
+Niederlande 1029
+Belgien 987
+Dänemark 1102
+Schweden 1096
+England und Wales 1093
+Schottland 1104
+Irland 1062
+Frankreich 1003
+
+Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen.
+Denn, da das Heiratsalter der Männer in den meisten Ländern erst mit dem
+25. Jahre beginnt und später schließt, als das der Frauen[315], so müßte
+man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge
+der großen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach
+den Nationalitäten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Männer im
+Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenüberstellen
+Leider müssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Länder
+beschränken, weil die Bevölkerung nicht durchweg, wie es wünschenswert
+wäre, nach fünfjährigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist
+dieses[316]:
+
+ Männer Frauen Auf 1000 Männer
+Länder 25-45 Jahre 20-40 Jahre kommen Frauen
+
+Deutschland 6229564 7272025 1167
+Oesterreich 3147188 3638396 1154
+Frankreich 5420922 5743177 1069
+
+Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhältnissen ist
+es klar, daß bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die
+_Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene
+bleiben muß, weil es stets mehr Frauen über 20 als Männer über 25 Jahren
+giebt_.
+
+Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die
+Heirat eine Versorgung finden können, sondern vielmehr darum, welcher
+Prozentsatz von ihnen thatsächlich heiratet.
+
+Die letzten Zählungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen:
+
+Länder Zählungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent
+ Frauen Frauen
+ 15 u.
+ darüber
+
+Deutschland 1895 16531748 8398607 50,80
+Oesterreich 1891 9353260 4022202 43,00
+Frankreich 1891 12359544 7656679 61,95
+England 1891 9848981 4916449 41,71
+Vereinigte Staaten 1890 19602178 11126196 56,76
+
+Wir sehen daraus, daß zur Zeit der betreffenden Zählung circa die Hälfte
+heiratsfähiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese
+Thatsache hat die bürgerliche Frauenbewegung vielfach als
+Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden
+erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den
+Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschluß. Denn ganz abgesehen
+davon, daß ein großer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von
+ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch
+eigenes Vermögen, Pension oder dergleichen sich erhält, kann ein
+beträchtlicher Prozentsatz der Mädchen noch darauf rechnen, zu heiraten,
+um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Männer sondern auch auf
+die Witwer zählen können, die bekanntlich sehr häufig zu einer zweiten
+Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen
+viel näher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge
+faßt, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit
+überschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen
+ergeben hat, daß für Frauen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten
+haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so können
+wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das
+Ergebnis ist dies:
+
+Länder Unter 100 weibl. Personen
+ von 40 und mehr Jahren
+ sind ledig
+
+Deutschland 10,7
+Oesterreich 15,6
+Frankreich 12,7
+Großbritannien und Irland 14,0
+Belgien 17,6
+Niederlande 13,5
+Schweiz 18,3
+
+Damit aber können wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, daß es
+bis zu vierzig Jahren noch eine große Zahl Mädchen giebt, die nicht
+heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir müssen
+vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die
+Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen
+berücksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt früher heiraten als die
+Männer, eine längere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten
+Male heiraten, so ist es natürlich, daß es eine große Zahl Witwen giebt,
+zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen
+sind folgende:
+
+Länder Frauen Auf 100 Frauen über
+ 15 Jahren sind Witwen
+
+Deutschland 2208579 13,36
+Oesterreich 1001136 10,70
+England 1124310 11,40
+Frankreich 2060778 16,67
+Vereinigte Staaten 2226510 11,30
+
+Wir müssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der
+gerade für die bürgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die späten
+Heiraten. Nach einer preußischen Statistik[317] heiraten Mädchen in
+bürgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem
+gegenüber auch behauptet werden kann, daß die Berufsthätigkeit die
+Heirat hinausschiebt, so muß andererseits doch auch betont werden, daß
+die späten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher können auch, soweit
+nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne
+weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen,
+weil thatsächlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren.
+
+Auf Grund der bisherigen Erörterungen sind wir zu dem Resultat gekommen,
+daß eine große Zahl von Frauen nicht heiraten können, weil es an Männern
+fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen
+Männer keine große, ist. Für die künftige Entwicklung der Frauenfrage,
+der bürgerlichen insbesondere, ist es nun aber von größter Bedeutung, ob
+eine Aussicht vorhanden ist, daß zwei ihrer Ursachen,--der
+Frauenüberschuß und die Heiratsunlust der Männer,--verschwinden oder in
+ihren Wirkungen abgeschwächt werden können. Da entsteht zunächst die
+Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.
+
+Die feststehende Thatsache eines Knabenüberschusses bei der Geburt, 106
+Knaben auf 100 Mädchen, hat viele[318] zu der Annahme verführt, als
+bestände ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben
+gesehen, daß schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der
+Geschlechter dem widerspricht. Für den vorhandenen Frauenüberschuß ist
+jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhältnissen der
+Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich für das letzte
+Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaßen gestaltet[320]:
+
+ Setzt man die männliche Sterbe-
+ Männer Frauen ziffer = 100, so ergeben sich
+ für die weibliche Sterbeziffer:
+
+Italien 26,2 25,6 98
+Frankreich 23,6 21,6 92
+Schweiz 21,3 19,5 91
+Belgien 21,9 19,8 90
+Niederlande 20,8 19,2 92
+Deutschland 25,0 22,5 90
+Oesterreich 29,8 26,8 90
+Ungarn 33,7 32,2 96
+England und Wales 20,6 17,8 89
+Schottland 19,6 18,7 95
+Irland 18,4 18,5 100,6
+Schweden 17,8 16,7 91
+Norwegen 18,3 16,5 91
+Dänemark 19,7 18,3 93
+Finland 22,2 20,4 92
+Massachusetts 20,7 19,0 92
+Connecticut 20,5 18,7 91
+Rhode Island 20,4 19,0 93
+Japan 21,7 21,1 97
+
+Die größere Sterblichkeit der männlichen Säuglinge vor den weiblichen,
+die längere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene
+Mädchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100
+gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108
+Männer,--scheint für die stärkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von
+einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, daß die Männer sowohl als
+Soldaten wie als Erwerbsthätige im allgemeinen größeren Gefahren
+ausgesetzt sind, als die Frauen und daß sie infolge ihrer
+Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenuß u.
+dergl.,--zerstörenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter
+den gegenwärtig herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen, die die
+Intensität des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend
+auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit
+der Männer nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen
+Erwerbsthätigkeit eher eine Annäherung der Sterbeziffern beider
+Geschlechter möglich.
+
+Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen
+sie sich folgendermaßen dar[321]:
+
+Auf 100 Einwohner heirateten
+
+ 1841/50 1881/90
+
+Schweden 7,27 6,26
+Norwegen 7,78 6,52
+Dänemark 7,87 7,33
+Finland 8,15 7,32
+England 8,05 7,47
+Niederlande 7,41 7,08
+Belgien 6,79 7,07
+Deutsches Reich 8,05 7,77
+Westösterreich 7,71 7,50
+Galizien 9,54 8,50
+Frankreich 7,94 7,38
+
+Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich die
+Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. Umfassen die
+Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind natürlich auch die Differenzen
+geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur
+Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschluß, daraufhin ein
+durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu
+wollen[322], und es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses
+Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. Nicht nur, daß das
+Heiratsalter der Männer in bürgerlichen Kreisen sich immer weiter
+hinausschiebt,--in Preußen beträgt es bei den Berufslosen
+durchschnittlich 41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die
+Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch
+in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt sich das statistisch nicht
+feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach
+sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung über die
+Bevölkerung Kopenhagens kommen auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen
+nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf
+diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; über die
+Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch
+hier nichts, sie läßt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der
+allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo
+eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie allein auf
+Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein,
+während die Eheschließungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme
+befinden. Und hier stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied
+zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der
+Proletarier heiratet früh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die
+Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die
+Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste
+Mitgift; der Mann aus bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer,
+weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen
+Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das
+Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen
+würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Maß des höheren
+Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefördernd"[326], im
+Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann,
+scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die
+Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu
+erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine
+Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhältnissen
+verzettelt hat, je unfähiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des
+Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurücktreten. Der
+moderne junge Mann der bürgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier,
+Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein--hat aber gewöhnlich nur ein
+Einkommen, das kaum ihm persönlich ein standesgemäßes Leben sichert, und
+es gehört mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die
+Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein
+Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in jeder Beziehung
+bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer und billiger, als es das
+eheliche Leben sein würde, das ihm überdies, wenn er Umschau hält unter
+seinen verheirateten Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen
+wird. Auch seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld befriedigen;
+setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als
+eheliche kosten würden, er trägt keine Verantwortung für ihr Fortkommen
+und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt
+heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den
+bitteren Grund der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und
+Pflege bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der
+bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die Eheschließung
+immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedürfnissen in
+größtem Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig die
+Familiengründung, indem er Reisen und häufigen Ortswechsel nach sich
+zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit
+abhängig ist. Aber die Schuld,--wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen
+wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an
+dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Männer.
+
+In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von
+fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die Erziehung
+der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten
+Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie können weder geistig
+gleichstehende Gefährtinnen, noch gute Hausfrauen und Mütter werden; sie
+sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflächlichen
+Schulkenntnissen und traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr
+niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den Mann
+Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die Haremsfrauen für die
+Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu
+erhöhen.
+
+Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der Söhne an den
+Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit für sie,
+sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein
+preußischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75
+bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30.
+Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt für die Mitgift der
+Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr
+und mehr, während ihre Ansprüche schon unwillkürlich durch die
+Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr
+Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste
+Not vor der Thür. Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein
+preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis höchstens 4000
+Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jährlich
+pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag
+von--216 Mk. und dem Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur
+die Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 und
+20000 Mk. gewöhnt war[328]; das Waisengeld beträgt 1/5 der
+Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder,
+entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, zu erziehen. In
+demselben Verhältnis bewegen sich die für Beamte, deren Witwen und
+Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, daß auch der
+kaufmännische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage
+befindet, da er mehr und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb
+zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum großen Teil die
+abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, und ihr zunehmendes Eindringen
+in die Erwerbsarbeit.
+
+So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der Heiratsfrequenz, der in der
+Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, die Zunahme
+der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft
+weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung,
+insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der
+einzige.
+
+Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte,
+sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine
+Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin,
+wenn auch oft aus anderen Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht
+gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen,
+der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren
+brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je
+mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als
+Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die
+Zentralheizung, die Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren
+im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine
+unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der öffentliche
+Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre
+hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womöglich von dem geistig und
+körperlich korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der
+Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre Zeit zurück, das
+sich dadurch noch vermehrt, daß die Berufsarbeit und die politischen
+Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause führen. Ueber diese
+Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich
+gegenüberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht
+ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer
+unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens.
+Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter haben die Wahl, ihre Zeit mit
+Vergnügungen totzuschlagen oder sie mit nützlicher Thätigkeit
+auszufüllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden
+sie sie in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis
+entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun eine
+ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem Wunsche nach einer
+geregelten Berufsthätigkeit führt. So läßt sich mit Recht behaupten, daß
+die Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard
+von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein würde, daß vielmehr
+der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der
+sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer
+sichert, eine um so längere, als das steigende Mißverhältnis zwischen
+Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen anfängt, für den Erwerb
+zu arbeiten.
+
+Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die
+Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der
+Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden
+notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in
+alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres
+Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum,
+festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses
+Tempo im Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst von
+der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit ab, so
+ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes Verhältnis der
+erwerbsthätigen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung:
+
+Länder |Zählungs-|Gesamtbevölkerung|Erwerbsthätige |Von 100
+ |periode | |Bevölkerung |Männern resp.
+ | | | |Frauen sind
+ | | | |erwerbsthätig
+ | |-----------------+----------------+------+------
+ | |Männer |Frauen |Männer |Frauen |Männer|Frauen
+-----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------
+Vereinigte | | | | | | |
+Staaten | 1880 |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74
+Vereinigte | | | | | | |
+Staaten | 1890 |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81
+England u. | | | | | | |
+Wales | 1881 |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53
+England u. | | | | | | |
+Wales | 1891 |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87
+Frankreich | 1881 |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84
+Frankreich | 1891 |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03
+Deutschland| 1882 |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02
+Deutschland| 1895 |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94
+Oesterreich| 1880 |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40
+Oesterreich| 1890 |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16
+
+Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den Zeitraum von
+1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:
+
+Länder | Männer | Frauen
+ |---------------------+---------------------
+ |absolute|Zunahme |absolute|Zunahme
+ |Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten
+------------------+--------+------------+--------+------------
+Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64 | 1267414| 47,88
+England und Wales | 1099598| 12,38 | 612312| 15,22
+Frankreich | 640413| 6,10 | 157480| 3,11
+Deutschland | 2116426| 15,78 | 1036833| 18,71
+Oesterreich | 956600| 14,02 | 1556386| 33,19
+
+Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir
+feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthätigen zu der der
+männlichen in den bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu
+folgendem Resultat:
+
+Länder |Zählungs-|Die erwerbstätige |Von 100
+ |periode |Bevölkerung |Erwerbstätigen
+ | | |waren
+ | |--------------------------+--------------
+ | |im ganzen|Männer |Frauen |Männer|Frauen
+------------------+---------+---------+--------+-------+------+-------
+Vereinigte Staaten| 1880 | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22
+ " " | 1890 | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90
+England u. Wales | 1881 | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41
+ " " " | 1891 | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91
+Frankreich | 1881 | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41
+ " | 1891 | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80
+Deutschland | 1882 | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76
+ " | 1895 | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75
+Oesterreich | 1880 | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67
+ " | 1890 | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53
+
+Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich
+folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß die Frauenarbeit
+im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung durchschnittlich um
+2,86 Proz., die Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist.
+Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, daß der
+Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat
+Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die weibliche Erwerbsthätigkeit um
+9,76 Proz. zugenommen haben soll, während die betreffende Zahl für
+Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07
+Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. und für
+Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der
+österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen
+werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen
+zurückführen läßt, so müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von
+1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder die von 1890
+bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung,
+enthält. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu
+gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der
+Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13
+Proz., und die Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis,
+das zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr beruhigen
+dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den großen Frauenüberschuß
+zurückzuführen. Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche
+Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen zurückbleibt und wo die
+weiblichen Erwerbsthätigen im Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die
+männlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.
+
+Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der
+nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen
+eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung seine Ursache hat und
+dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den
+größeren Wohlstand der Bevölkerung zurückzuführen ist,--wenn nicht die
+Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld trägt,--zeigt es
+sich, daß die Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den
+betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des
+männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevölkerung, so
+zeigt sich, daß, während die männliche Bevölkerung durchschnittlich um
+13,77 Proz., die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, die
+weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthätigen
+um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der
+Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es
+in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies
+Verhältnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in
+welchem Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit beteiligt
+sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenüber den hohen
+Zahlen anderer Länder wenig ins Gewicht fällt, wächst der Anteil der
+Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der
+alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er außerordentlich
+gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da
+nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden
+stetig wächst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur
+Arbeit genötigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die
+etwa gar durch äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, überhaupt
+nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit
+in den anderen gedrängt werden, ihre Entwicklung aber ist eine
+gesetzmäßige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.
+
+Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus
+dem Bereich der weiblichen Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen,
+der die bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den
+liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf große
+Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptsächlich darum, die Zahl von
+erwerbsthätigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie
+hervorgegangen sind und hierfür fehlen, da an eine Feststellung der
+sozialen Herkunft der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher
+so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen
+Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß
+Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte
+aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht das für
+Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen,
+Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese
+Berufe aus Gliedern bürgerlicher und proletarischer Schichten zusammen.
+Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner
+Hilfsverein für weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt
+wurde[329], verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den
+kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, daß 84 Proz.
+des kaufmännisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals,
+und 66 Proz. der Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses
+Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der
+Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite
+umfaßt und das Verhältnis in den Provinzstädten und unter den
+Nichtorganisierten ein anderes sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit
+nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zählungen der verschiedenen Länder
+das zulassen,--die Verkäuferinnen aus dem Kreis der bürgerlichen
+Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmännisch gebildete
+Personal vollständig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa
+aus proletarischen Schichten stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen
+ersetzt werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen
+darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbständigen
+erwerbsthätigen Frauen. Ein großer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu
+denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und
+wirklich selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind
+vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs
+die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt
+der Frauenfrage völlig belanglos. Um so bedeutsamer wäre es jedoch,
+ließe es sich ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch
+festzustellen, die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne
+gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur Künstler,
+Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker können ohne weiteres
+berechnet und in die Kategorie der bürgerlichen Erwerbsthätigen
+einbezogen werden; im allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich
+auf Grund der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen,
+daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme
+begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn dabei die Betriebszählungen
+zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den
+Selbständigen von den bürgerlichen zu sondern.
+
+Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder gestaltet
+sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen thätigen Frauen für
+eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die
+Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in
+Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug
+auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der
+Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden müßten.
+
+Nach alledem steht es fest, daß die statistische Umgrenzung der
+bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit
+machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr
+geben dürfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich
+nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszählungen
+entnommen habe, folgendermaßen dar.
+
+Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte
+ |land | reich | | u. Wales |Staaten
+-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
+1. Beamte und | \ | | | |\
+ Bureauangestellte | } | | | | }
+ im Staatsdienst | } | 865 | 445 | 8546 | }
+2. Beamte und | } 1852 | | | | } 4875
+ Bureauangestellte | } | | | | }
+ im Gemeinde- | } | | | | }
+ und Kommunaldienst | / | 357 | 387 | 5165 |/
+3. Polizeibeamte, | | | | |
+ Gendarmerie | | | | |
+ und Wachtdienst | -- | 10 | -- | -- | 279
+4. Post-, Telegraphen-| | | | |
+ und Telephonbeamte | 2499 | 2703 | 5211 | 4356 | 8474
+5. Eisenbahnbeamte | 382 | 605 | 3767 | 849 | 1438
+6. Geistliche | -- | -- | -- | 4194[335]| 1143
+7. Kirchen- und | | | | |
+ Anstaltsbeamte | 430 | 2715 | -- | -- | --
+8. Aerzte, Chirurgen |\ | | | |
+ und Zahnärzte | } | 37 | 870 | 446 | 4894
+9. Krankenpflegerinnen| }72837 | | | |
+ und Hebammen |/ [330] | 14623 |13475[333]| 53057 | 41396
+10. Tierärzte | -- | -- | -- | 2 | 2
+11. Advokaten | -- | 6[332]| -- | -- | 208
+12. Bureaubeamte | | | | |
+ bei Advokaten | -- | | | |
+ und Notaren | [331] | 102 | 389 | -- | --
+13. Professoren | | |\ |\ |
+ an Universitäten | | | } | } |
+ und Lyceen | -- | -- | }68448 | }144393 | 695
+14. Lehrer | 66181 | 21417 |/ |/ | 245371
+15. Privatgelehrte |\ |\ |\ | 42 |\
+16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725
+ und Redakteure | } 410 | } | } 391 | } 660 |/
+17. Journalisten |/ | } 332 |/ |/ | 888
+18. Stenographen und | | } | | |
+ Maschinenschreiber | 436 |/ | -- | 127 | 21270
+19. Bibliotheks-, | | | | |
+ Museums- | | | | |
+ und Privatbeamte | 865 | 572 | -- | 240 | --
+20. Architekten | -- | 20 | -- | 19 | 22
+21. Ingenieure | -- | -- | -- | -- | 124
+22. Maler und Bildhauer| 839 | 337 | \ 3818 | 3032 | 10815
+23. Musiker |\ |\ | / | \ 19111 |\ 34519
+24. Musiklehrer | } | } | 4888 | / |/
+25. Schauspieler | } 8976 | }2586 | | |
+ und Sänger |/ |/ | 5301 | 3696 | 3949
+26. Theaterbeamte | 195 | 1074 | -- | -- | --
+27. Chemiker | 92 | 42 | \ 657 | 27 | 39
+28. Apotheker | 60 | 134 | / | 160 | 734
+29. Photographen | 208 |\ | -- | 2496 | 2201
+30. Zeichner, | | } | | |
+ Musterzeichner, | | } 156 | | |
+ Graveure, | | } | | |
+ Modelleure | 114 |/ | -- | -- | 346
+31. Agenten | 195 |\ 1809 | 91 | 765 | 4875
+32. Handelsreisende |\ |/ | -- | 165 | 611
+33. Buchhalter | } |\ | \94003 | 50 | 27772
+34. Handelskommis | }11987 | }8138 | / [334] | 17859 | 64219
+35. Bankbeamte |/ |/ | 1135 | 249 | 217
+36. Verwalter, | | | | |
+ Wirtschaftsbeamte | | | | |
+ und Rechnungsführer| | | | |
+ in landschaftlichen| | | | |
+ Betrieben | 17170 | 1001 | 16766 | -- | --[336]
+37. Technisch gebildete| | | | |
+ Beamte in | | | | |
+ industriellen | | | | |
+ Betrieben | 5099 | 2094 | -- | 748 | --[337]
+38. Andere freie Berufe| -- | 177 | -- | -- | 479
+-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
+Summa: | 190827 | 61382 | 220042 | 269454 | 484580
+
+Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ größte Anzahl bürgerlicher
+Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen
+thätig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen
+Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der
+Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprünglichsten
+und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres
+Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen
+Frau ruhende Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin,
+die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und
+Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn für
+Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an geübte
+Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts für
+den kaufmännischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung
+entsprechen auch die öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in
+immer erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen über
+die Befähigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In
+England und Amerika werden Frauen hauptsächlich im Bureaudienst, als
+Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren
+verwendet.
+
+Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl bürgerlich erwerbsthätiger
+Frauen zu kommen, muß sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen
+Männer verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zählung
+für die betreffenden Länder als Resultat:
+
+Länder Von 100 Erwerbstätigen
+ in bürgerlichen Berufen sind
+
+ Männer Frauen
+
+Deutschland 88,34 11,46
+Oesterreich 87,77 12,23
+Frankreich 78,02 21,98
+England 77,67 22,33
+Vereinigte Staaten 81,25 18,75
+
+Die Berechnung zeigt, daß die geringste Beteiligung der Frauen am
+bürgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen
+am meisten erschwert wird, und die höchste da vorhanden ist, wo nicht
+nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein
+starker Frauenüberschuß konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein
+Männerüberschuß besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen
+Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer.
+
+Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich,
+sobald wir das Wachstum der bürgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung
+unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschluß darüber:
+
+Erwerbstätige in bürgerlichen Berufen:
+
+Länder |1880 resp. |1890 resp. | Absolute |Prozentuale
+ |1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der |Zunahme der
+ |-------------+--------------+--------------+-------------
+ |Männer|Frauen|Männer |Frauen| Männer|Frauen|Männer|Frauen
+-----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------
+Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61
+Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22
+Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79
+England |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47
+Verein. | | | | | | | |
+Staaten |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19
+
+Sie zeigt deutlich, daß die Zunahme der bürgerlichen Frauenarbeit in
+England und Amerika, wo eine große Ausbreitungsmöglichkeit für sie
+besteht, eine weit raschere ist, als die der Männer.
+
+Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier
+wiedergeben, und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt für
+Amerika vor:[338]
+
+Von 100 Erwerbstätigen in Amerika waren
+
+Berufe 1870 1880 1890
+ Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen
+
+Künstler und Kunstlehrer 89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08
+Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54
+Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84
+Buchhalter und Kommis 96,53 3,47 92,90 7,10 83,07 16,93
+
+Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in
+rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe drängt, und es läßt
+sich daraus schließen, daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern
+zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort ihnen öffnen.
+Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und
+Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich läßt sich unschwer
+der Beweis dafür erbringen:
+
+ Oesterreich Deutschland
+ Zunahme der Zunahme der
+ Männer Frauen Männer Frauen
+Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84
+Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21
+
+Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der
+bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. Dafür spricht auch der Umstand, daß
+jeder offenen Stelle eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen
+gegenüberstehen, die natürlich dort den größten Umfang annimmt, wo die
+arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben.
+Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich
+bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193
+offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben
+hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die
+jährlich höchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als
+6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crédit Lyonnais zählte für ca. 80
+Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im
+Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen
+zeigen nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die Mädchen
+aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie für
+die Proletarierinnen, sie sprechen auch für die wachsende Not, die sie
+zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafür ist die rasche
+Zunahme der weiblichen Studenten. An den preußischen Universitäten, die
+sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem
+vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer
+Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340]
+Diese Zahlen würden noch bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium
+und der Eintritt in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer
+forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden
+sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb zu
+gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit
+und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Züge in der
+bürgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an
+dieser Stelle erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr
+Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:
+
+ Auf 100 Erwerbsthätige in bürgerlichen
+Länder Berufen kommen verheiratete Frauen
+
+Deutschland 15,02
+Oesterreich 36,22
+Vereinigte Staaten 8,92
+
+Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der
+Männer gegen die Zulassung der Frauen zu bürgerlichen Berufen ausdrückt,
+ist daher nicht unbegründet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die
+Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung
+unterziehen. Ueberall, selbst in den Ländern, wo die Frauenarbeit die
+glänzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, daß ihre Bewertung, auch
+bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Männer. In den
+Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars
+wöchentlich, ihre männlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars.
+Männliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000
+Dollars jährlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem
+Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Höchstgehalt von 1200
+Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehälter der Lehrer und
+Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschluß:[341]
+
+ Durchschnittlicher Verdienst der
+ Männer Frauen
+
+New York 74,95 $ 51,33 $
+Massachusetts 128,55 $ 48,38 $
+Rhode Island 101,83 $ 50,06 $
+Connecticut 85,58 $ 41,88 $
+Delaware 36,60 $ 34,08 $
+Maryland 48,00 $ 40,40 $
+South-Carolina 25,46 $ 22,32 $
+Florida 35,50 $ 34,00 $
+
+Der Umstand, daß der weitaus größte Teil der Lehrer in Amerika Frauen
+sind, fällt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, daß die
+Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern
+geringerer Ansprüche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das
+rasche Vordringen der Engländerin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken.
+Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden
+Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund
+jährlich,--fast die Hälfte dessen, was ihren männlichen Kollegen
+zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an höheren Mädchenschulen
+sind in keiner günstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur
+eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen
+von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200
+Pfund. Noch schlechter sind die Verhältnisse der Volksschullehrerinnen,
+die von der Girls Day School Company angestellt werden und
+durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jährlichen Gehalt beziehen! Die
+Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch
+nur in Ausnahmefällen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhöhen.[343]
+Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschließlich
+bürgerlichen Kreisen entstammen, werden für ihre aufopfernde Thätigkeit
+in ungenügender Weise entschädigt: neben Wohnung und Beköstigung
+erhalten sie 12 bis 30 Pfund jährlich. Selbst die vom Staat angestellten
+Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer
+glänzenden Stellung, da der größte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im
+Jahr bezieht, ihre männlichen Kollegen erhalten für gleiche Leistungen
+ein Mindestgehalt von 70 Pfund und während sie in den höheren Stellungen
+eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben
+Stellungen im günstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches läßt sich von
+den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund
+im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der
+Männer.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in
+Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die
+weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein
+Anfangsgehalt von 1000 Frs., die männlichen bei gleicher Leistung 1500
+Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der
+Männer alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Höchstgehalt der Frauen endlich
+beträgt 1800 Frs., das der Männer dagegen weit über das Doppelte,
+nämlich 4000 Frs.[346]
+
+Trauriger noch sind die Zustände in Deutschland und Oesterreich. Giebt
+es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300
+bis 450 Mk. beträgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders
+schlecht gestellten Wäschenäherin vergleichen läßt. Eine
+Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer
+bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jähriger angestrengter
+Thätigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht
+sie nach 20jährigem Dienst ein Höchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei
+Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt
+von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehälter der
+Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den höheren Mädchenschulen stehen,
+zeigt folgende Tabelle über ihre niedrigsten und höchsten Einnahmen an
+den genannten Orten:[348]
+
+ Lehrerinnen Lehrer
+Berlin 1800-2600 Mk. 2800-6000 Mk.
+Breslau 1300-2300 " 1800-4550 "
+Danzig 1200-2000 " 1800-4850 "
+Hannover 1000-2000 " 2250-5150 "
+Kassel 1200-1950 " 2600-5150 "
+Köln 1200-2200 " 1800-6075 "
+
+Dabei ist berechnet worden, daß eine großstädtische Lehrerin bei
+bescheidensten Ansprüchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben muß.
+
+Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo
+sie häufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein müssen[349] und überdies durch
+Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten
+für Lehrerinnen für ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die
+Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewähren, die, unter
+Verzicht auf persönliches Lebensglück, ihre besten Jahre der
+Heranbildung der Töchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug:
+sie beträgt 405 bis 912 Mk. jährlich;--es liegt grimmiger Hohn darin,
+diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist
+auch für die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten
+Jahren kaum existieren kann, ohne Vermögen zu besitzen, oder--der
+häufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Kräfte aufzureiben,
+so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht
+aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre
+Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab läuft, um
+sich noch ein paar Mark zu verdienen.
+
+Die Handelsangestellten befinden sich in keiner günstigeren Lage, als
+die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag
+als Höchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Männer in
+gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehälter zwischen 20 und
+30 Mk. monatlich gehören, besonders in der Provinz, nicht zu den
+Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, daß
+eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. für die Handelsangestellten
+ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner
+Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich
+ihre Ausgaben für Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wäsche,
+Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergnügungen ganz
+abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von
+28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Für Oesterreich werden
+die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaßen berechnet: 60
+Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10
+Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf
+noch höhere Gehälter. Trotz dieser jämmerlichen Bezahlung drängen sich
+die Mädchen zum kaufmännischen Beruf; so mußte z.B. eine der
+unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352]
+Die männlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40
+Gulden zu beziehen und stehen nach längerem Dienst unverhältnismäßig
+günstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt
+von 360 bis 600 Gulden jährlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme
+von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhältnisse bei den
+Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden
+monatlich, das alle fünf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den
+Höchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hälfte der
+Angestellten beziehen gegenwärtig den niedrigsten Gehalt, und während
+die Bezüge der männlichen Beamten, von denen keine höhere Vorbildung und
+keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal,
+wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei
+Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschäftigt, für die Frauen
+unverändert geblieben. Die Pensionen, die nur bei völliger
+Dienstunfähigkeit gewährt werden, entsprechen dem Gehalt: nach
+dreißigjährigem Dienst, dem längsten, der nach den gemachten Erfahrungen
+erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354]
+
+Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja
+geradezu haarsträubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie
+nutzen die Zwangslage, in der sich die Mädchen dadurch befinden, daß sie
+erst nach zweijähriger Lehrthätigkeit zur Lehrbefähigungsprüfung, die
+sie in eine höhere Gehaltsstufe aufrücken läßt, zugelassen werden, aus,
+indem sie die jungen Lehrerinnen großenteils--umsonst arbeiten lassen.
+Es kommt vor, daß die Entschädigung für 4 bis 5 Stunden Unterricht im
+Gabelfrühstück besteht; in den Klosterschulen werden die Volontärinnen
+am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock
+belohnt. Nur wenige Institute gewähren ein Höchstgehalt von 30 bis 35
+Gulden während der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15
+oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach
+zweijähriger Arbeit unter den elendesten Verhältnissen gelungen, eine
+Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunächst auf 1,16
+bis 1,33 Gulden täglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis
+15 Jahre in ähnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um
+Industrielehrerinnen, so können sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen
+von 450 bis 600 Gulden rechnen, müssen aber auch darauf gefaßt sein,
+jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind für sehr bescheidene
+Bedürfnisse die notwendigen Ausgaben einer in bürgerlichen Berufen
+thätigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben für
+Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten,
+Bildungsmittel, Vergnügungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat
+sich ergeben, daß 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358]
+Es zeigt sich also auch hier, daß die Einnahmen zu den Ausgaben in
+schreiendem Mißverhältnis stehen.
+
+Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden
+Frau, das auf alle Länder gleichmäßig paßt, behandelt die Lage der
+Bühnenkünstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen häufig dem der
+Männer gleichzustehen, thatsächlich ist es ganz bedeutend geringer, weil
+Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Männern
+keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bühnen, auch die
+historischen Kostüme selbst zu beschaffen haben, die ihren männlichen
+Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen für
+Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden
+hinab, auf denen noch, als eine unerträgliche Steuer, die Prozentabgaben
+an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Höhe,
+die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Großstädten
+die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage
+verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen
+großen Toiletteaufwand garantieren, Überhand nimmt.[359]
+
+Werfen wir noch einen Blick auf die große, rasch wachsende Zahl der
+weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, daß ihre starke Mitarbeit
+an Familienblättern zweiten und dritten Ranges zum größten Teil auf ihre
+geringen Ansprüche zurückzuführen ist. Selbst in England, dem Dorado
+schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen,
+die, dank ihres Talents, glänzend situiert sind. Im allgemeinen können
+100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360]
+Dasselbe gilt für die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend
+schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie
+die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thätigen Frauen, geben sich mit
+Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen würde,
+anzubieten.
+
+Das rasche Vordringen der Frau in die bürgerlichen Berufe läßt sich
+nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere
+Ansprüche erklären; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder
+Fabrikant, der Arbeiterinnen beschäftigt: es ist für ihn eine Ersparnis.
+Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den
+verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunächst ist die Frau als
+selbständig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem
+durch den Mann zu ernährenden Weibe, vollständig widerspricht. Die
+Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur für einen Zuschuß zum
+Lebensunterhalt, nicht für seine vollständigen Kosten, und der
+sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen.
+Menschenfreunde dem armen Mädchen helfen wollen, entspringt demselben
+Boden, aus dem der rohe Cynismus wächst, mit dem Kaufleute und
+Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu
+treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der
+Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau
+für die Berufsarbeit eine unzulängliche und der dadurch erzeugte
+Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen,
+unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die
+dasselbe leisten wie die Männer. Und noch ein anderes, für die
+bürgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine
+große Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollständig auf ihre
+Erträgnisse angewiesen; sei es, daß sie bei den Eltern wohnen und nur
+ein Nadelgeld verdienen müssen, sei es, daß sie eine Rente beziehen, die
+nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der
+Lage, die Männer, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not
+leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das
+skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidaritätsgefühl. Ihre
+jahrhundertelange Vereinzelung als Töchter, Gattinnen und Mütter--jede
+in einer engen Welt für sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch
+gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das
+sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lösen helfen. Solange aber
+Beamtentöchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen
+wünschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken,
+solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im
+Erwerbsleben nicht zu Ende geführt werden können.
+
+
+
+
+3. Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten.
+
+
+Für die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der
+Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden
+Thatsache der minderwertigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten des
+weiblichen Geschlechts.
+
+Was zunächst die körperlichen Fähigkeiten betrifft, so fallen selbst
+gelehrte Männer, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den
+Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der
+Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das
+Moment der körperlichen Ausbildung ganz außer acht zu lassen. Beginnt
+doch ihre Verschiedenheit für Mann und Frau schon in frühester Jugend:
+dem Mädchen wird gelehrt, mit vielen langen Röcken, die die
+Bewegungsfreiheit beeinträchtigen, still bei den Puppen zu sitzen,
+während der Knabe in kurzen Höschen zum Laufen und Springen angehalten
+wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele außerhalb
+stärken weiter seine Muskeln, dem Mädchen dagegen wird dafür bestenfalls
+ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie über
+geisttötenden Handarbeiten, oder quält sich und andere am Klavier,
+während ihr Bruder Fußball spielt, oder fröhliche Wanderungen
+unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung
+geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung
+des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der größeren Selbständigkeit
+und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mädchen deutlich zu Tage
+tritt, und auch darin einen glücklichen Ausdruck findet, daß der Absatz
+der Klaviere seit seiner Einführung in stetigem Sinken begriffen ist.
+Die Masse der bürgerlichen Mädchen aber, besonders in Deutschland und
+Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berührt, wie von
+der günstigen Aenderung der körperlichen Ausbildung, die in Amerika und
+England Platz greift. Würde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft
+eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der männlichen, so dürften
+die Frauen dem Durchschnitt der Männer zweifellos gleichkommen, das
+lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von
+den Lastträgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur
+Genüge. Aber selbst wenn es nicht geschähe, würde dadurch etwas anderes
+bewiesen werden, als daß gewisse Berufe, wie etwa die der Bergführer,
+den Männern überlassen werden müssen? Auf die Geisteskräfte sind die
+Muskelkräfte jedenfalls ohne hervorragenden Einfluß, und noch immer ist
+der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist.
+
+Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Gründe für
+ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als
+sekundäre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die
+Verschiedenartigkeit des weiblichen vom männlichen Gehirn und die
+weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die
+verhältnismäßige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit
+hindurch, hauptsächlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr
+Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, daß die
+Geisteskräfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatsächlich haben
+die Männer ein absolut größeres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich
+aber schließlich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, daß es
+im Vergleich zum Körpergewicht kleiner ist als das des Weibes, daß die
+Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Männer.[361]
+Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus
+hervor, daß die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem
+Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem
+einfachen Tagelöhner und dem Zoologen Cuvier gehörten. Als eine Ironie
+der Natur kann es wohl auch angesehen werden, daß Bischof, der aus dem
+absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schärfe ihre geistige
+Inferiorität beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es
+nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das
+Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl
+nichts weiter gefunden wurde, als daß es bei den Mädchen schneller
+zunimmt, früher zu wachsen aufhört und notwendigerweise infolgedessen
+auch früher anfängt abzunehmen, als bei den Männern. Weiter wurde die
+Größe des Stirnlappens für ausschlaggebend erachtet. Experimente mit
+Tieren und der Umstand, daß Schwachsinnige die größten zu haben pflegen,
+sprechen aber für die Hinfälligkeit auch dieses Beweises. Bei den
+Wägungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, daß ein
+wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf
+nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, daß durch die
+Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann
+und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa
+bestehen, haben für die Lösung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil
+nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um
+allgemein gültige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre größte
+Menge Mitgliedern geistig und körperlich unterdrückter Klassen angehört
+hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen
+Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die
+Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit
+denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den
+Einfluß der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten könnte.
+
+Weit begründeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes
+als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von
+der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwürdige Thatsache eines
+periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen
+hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit
+auszuschließen. "Das Weib leitet beständig an dem Vernarben einer
+inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklärt sie für ein von Natur
+schwaches und krankes Tier. Kulturvölker des Altertums und Naturvölker
+der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als
+Unreine und haben abergläubische Furcht vor ihnen.[362] All diese
+Ansichten sind durchaus verständlich, da es sich um eine den Männern
+vollständig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie
+daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen
+während der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme
+der Kräfte und die Unfähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten,
+so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder
+Kleidung und Lebensweise, sich aber hüten, diese Erscheinungen für
+natürliche zu erklären.[363] Hierüber dürfte das endgültige Urteil den
+Frauen allein zustehen und dabei würde sich herausstellen, daß die
+Gesunden unter ihnen von einem Einfluß der Menstruation auf ihre Körper-
+oder Geisteskräfte überhaupt gar nichts spüren, manche sich sogar
+während der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber
+sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die kränklichen
+Männer, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehören. Günstige
+Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja für alle ohne
+Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--können daher Frauen
+trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn
+sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch
+ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thüren zum Erwerb zu
+verschließen als es Grund wäre, die Männer von der Arbeit
+zurückzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben.
+
+Den Vorwand dazu bietet für viele auch der Umstand, daß die Vorbereitung
+zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist
+gebückter Stellung zu sitzen, der körperlichen Konstitution des Weibes
+besonders schädlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschränkung zu.
+Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Töchter bürgerlicher
+Eltern während der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen über
+nervenzerrüttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das
+stundenlange nächtliche Tanzen in überhitzten Sälen der Gesundheit
+zuträglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen
+und akademischen Erziehung nicht auf die männliche Jugend ebenso
+traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum
+zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesündere Formen der
+Ausbildung für alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbürdung
+Hand in Hand gehende körperliche Vernachlässigung endgültig über Bord zu
+werfen, denn die im ersten Augenblick rührend erscheinende Sorge für die
+künftigen Mütter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit
+entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die künftigen Väter
+verbindet. Vielleicht, daß die Thatsache der mehr und mehr in die
+bürgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an
+den blassen, rundrückigen, kurzsichtigen männlichen Opfern unserer
+wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorübergingen, endlich die Augen
+öffnen wird. Damit hätte die Frauenbewegung eine ihrer großen Missionen
+erfüllt und bewiesen, daß sie zu jenem frischen Lebensstrom gehört, der
+die stagnierenden Gewässer der gegenwärtigen Zustände von innen heraus
+aufwühlt und fortschwemmt.
+
+Damit aber wäre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen
+Berufsthätigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis
+zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen
+verlacht und kommt gewöhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige
+Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein
+anderer vereinbar. Thatsächlich ist dies Argument das schwerwiegendste
+und begründetste, und die große Schwierigkeit, es zu widerlegen, drückt
+sich schon darin aus, daß die Vertreter der Frauenemanzipation ihm
+entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und
+oberflächlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Möglichkeit
+der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schließlich allein davon
+abhängt, ob es steht oder fällt. Angesichts der gegenwärtigen
+Verhältnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir
+gesehen haben, es hauptsächlich alleinstehende Frauen sind, die in
+bürgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel
+gesetzt hat, alle Frauen durch selbständige Arbeit aus ihrer
+wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht
+werden, ob, wie weit und auf welche Weise das überhaupt geschehen kann.
+
+Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder
+Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht früh zu seinem
+Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach
+Hause, und muß meist auch einen großen Teil des Nachmittags seinem
+Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort
+und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der
+Berufsarbeit noch verschärft, so daß nur sehr starke, elastische Geister
+sich davor bewahren können, zu bloßen Arbeitsmaschinen einzutrocknen.
+Bringen wir in Gedanken zunächst die verheiratete kinderlose Frau in
+dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine
+selbständige Wirtschaft zu führen hat, ohne Schaden ihren Beruf
+ausfüllen kann? Abgesehen davon, daß sie sich natürlich zu derselben
+unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr männlicher Kollege,
+ist es unseres Erachtens dann möglich, wenn eine zuverlässige
+Wirtschafterin ihr die häuslichen Geschäfte abnimmt, denn sich auch mit
+ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hieße sich jeder
+Ruhe berauben und die Gesundheit vollständig untergraben. In ähnlicher
+Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur daß hier die Frage
+entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre
+dauernde Unterbrechung der Berufsthätigkeit, die jede Möglichkeit, darin
+vorwärts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fähigkeit
+dafür geraubt hat. Besser wäre es für sie, wenn sie, wie es in England
+und Amerika auch häufig geschieht, in einen neuen, für sie geeigneten
+Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch
+Beteiligung an Wohlthätigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit
+vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es käme dabei
+wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in
+Frage[365], und es ist sicher, daß es für all die Frauen, die sich, sobald
+die Kinder das Haus verlassen, plötzlich so gut wie aller Thätigkeit
+beraubt sehen und die nur zu häufig in öden Vergnügungen aller Art oder
+in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel
+des Nichtaltwerdenkönnens bieten, ein Segen wäre, fänden sie ein Feld
+für ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau
+würde durch Berufsarbeit über viele Klippen und heimliche nagende
+Schmerzen leicht hinweggeführt werden.
+
+Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jüngere verheiratete
+Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten.
+Gemäß den heutigen Verhältnissen, besonders in Europa, kämen
+für sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen
+vier Wände erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin
+und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnärztin, falls die Praxis
+beschränkt wird. Aber auch dann muß die Frau verstehen, mit ihrer Zeit
+hauszuhalten, muß entweder von vornherein in günstiger Lage sein, um
+sich gute Dienstboten halten zu können, oder der Ertrag ihrer Arbeit muß
+es ihr ermöglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen,
+das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsführung fremden, und--was
+die Hauptsache ist--meist ungeschulten Kräften überlassen bleibt. Vor
+allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch
+an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte,
+bis zur körperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der
+Oberaufsicht darüber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese
+divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte
+glücklich zu lösen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der
+Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe
+unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins
+ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus äußeren oder inneren
+Gründen, berufsthätig sein muß, ihre Kinderzahl zu beschränken suchen,
+denn für die nervösen, degenerierten Damen unserer Zeit ist
+Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten
+Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die
+Mutter stark in Anspruch. Daß unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen
+unserer Zeit die bürgerliche Berufsthätigkeit außer dem Hause für die
+junge verheiratete Frau unmöglich ist, oder den Ruin der Kinder und der
+häuslichen Wirtschaft nachziehen muß, braucht nach alledem nicht noch
+bewiesen werden. Geschichten, die häufig von amerikanischen Frauen
+erzählt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine große Praxis haben,
+daneben den Haushalt persönlich führen und ein Dutzend Kinder
+ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Märchen, und nur die
+leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der
+bürgerlichen Frauenbewegung können naiv genug sein, sie zu verbreiten.
+
+Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation überhaupt? Ganz
+und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und
+Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden
+Zuständen anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der
+Frauenbewegung angstvoll zuschauen, müßten sich dazu bereit finden,
+statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drängen und der
+Zerrüttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der
+Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatürliches
+brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den
+wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam
+nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht
+werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen käme es darauf an, die
+ungeheure Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln, die heute durch
+die Masse der Einzelwirtschaften,--den kümmerlichen Rest der großen
+Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudämmen. Das
+könnte in großen Mietshäusern durch Zentralküchen geschehen, die unter
+der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten
+Wirtschafterin stehen müßten und in der Lage wären, sich alle modernen
+Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen.
+Das wäre nicht nur eine große Ersparnis, sondern dadurch würde auch dem
+Dilettantismus in der Küche,--in nichts anderem besteht die mit so viel
+Aufwand an Sentimentalität festgehaltene Thätigkeit der
+Durchschnittsfrau und ihrer Köchin,--ein Ende bereitet, statt daß man
+ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernährung des
+Menschen es ist, Unheil stiften läßt. Es wäre ferner mit keinen großen
+Schwierigkeiten verbunden, für bestimmt umgrenzte Häusergruppen Turn-
+und Spielplätze, im Winter in Sälen, im Sommer in Gärten, anzulegen und
+auf gemeinsame Kosten der Eltern für ihren Beruf gründlich vorgebildete
+Erzieherinnen und Kindergärtnerinnen anzustellen; selbst für die
+Kleinsten, die heute gewöhnlich zu verhätschelten Egoisten erzogen
+werden, wäre es von großem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der
+traurigen Frühreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit
+Altersgenossen sich herumtummeln könnten, sondern auch beizeiten
+lernten, ihr kleines Ich nicht für den einzigen Mittelpunkt der Welt zu
+betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den
+Vororten großer Städte, womöglich in Verbindung mit Gruppen kleiner
+Familienhäuser, treffen ließen,--es handelt sich ja, wie wir wissen,
+zunächst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthätiger
+Frauen,--hätten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer
+Verfügung, und die übrige Zeit würden sie sich um so frischer und
+freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, während heute nur zu
+häufig aus geistig angeregten, begabten Mädchen, unter dem Druck der
+häuslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlässigung ihrer geistigen
+Bedürfnisse, und dem oft herzzerreißenden stillen Kampf zwischen der
+nach Leben und Bethätigung drängenden Begabung und den notwendig zu
+erfüllenden Pflichten, früh alternde, interesselose, stumpfe Frauen
+werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und
+Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefährtin sein können.
+
+Natürlich wird diesen Ausführungen das bekannte Schlagwort von der
+Auflösung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch
+einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu
+betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob
+nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der
+wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehört,
+ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, daß
+gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen
+Strömungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift:
+oder werden Mädchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und
+Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht für Jahre in Institute,
+Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mütterliche Einfluß
+wegfällt; und hat sie nicht noch andere, recht schädliche Einrichtungen
+hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der
+Männer, und zwar in den vorgeschrittensten Ländern am meisten, zwischen
+Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst
+nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu
+folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein
+wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu
+verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre
+Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es,
+ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen,
+daß die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung
+der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergräbt, und es an uns
+liegt, den neuen Formen für das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib
+und Kind nachzuspüren und sie aufbauen zu helfen.
+
+Für das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten
+Anschauungen längst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung,
+wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Ansätze
+dazu finden sich in den Kindergärten, Kinderhorten, in den vielfach
+entstehenden Krippen in der Nähe der mütterlichen Arbeitsstätte, die den
+Frauen ermöglichen, ihre Kinder zu nähren; in der Errichtung von
+Arbeiterwohnungen, die Zentralküchen, Kinderhorte, Gärten, Säle für
+gesellige Zusammenkünfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und
+Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunächst fast nur in der Idee
+bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schließlich in der
+ganzen Gesetzgebung für Arbeiterschutz. Aehnliche Maßregeln werden auch
+für bürgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich übrigens sowohl
+in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und
+mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die
+Regelung und Beschränkung der Arbeitszeit für Beamte, Bureauangestellte,
+Lehrer und ähnliche Berufsthätige die größte Bedeutung haben.
+Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und
+Hauswirtschaftsverhältnisse Hand in Hand geht, wird die bürgerliche
+Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe
+abzuschließen brauchen, sie wird sich auch leichter ermöglichen lassen,
+weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz für viele frei wird.
+
+Damit wäre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische
+Seite der Frage, deren Erörterung nicht hierher gehört, einzugehen, das
+Argument der Gegner, das die körperlichen Funktionen des Weibes als
+Hinderung seiner Berufsarbeit auffaßt, zugleich gestützt und widerlegt:
+neue wirtschaftliche Gestaltungen, veränderte Arbeitsbedingungen sind
+notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel
+vollständig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und körperlichem
+und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder führen soll. Dabei
+gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen
+unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger
+Persönlichkeit auszubilden verstanden, und die natürliche Sehnsucht
+ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Maße besitzen, weil
+keine Konvention ihr Herz verkrüppelte, wenden sich doch von der Ehe,
+wie sie ihnen heute erscheint, bewußt ab. Denn was sie von ihr sehen,
+widerspricht ihrem geistigen und persönlichen Freiheitsbedürfnis und sie
+lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkümmern, als daß sie sich zu ihr
+entschließen. Und das wird um so häufiger geschehen, je weniger sie
+einer Versorgung bedürfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im
+stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im
+Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die
+besten Mütter zu sichern; die Art des Familienlebens müßte sich daher
+auch deshalb den neuen Bedürfnissen anpassen.
+
+Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in männliche
+Berufssphären findet aber noch andere Begründungen: in dem Hinweis auf
+die Menge der männlichen Bewerber drückt sich ein brutaler
+Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollständig
+überwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in
+welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es,
+wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schädigung ihrer Weiblichkeit
+gefürchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewöhnlich nicht geschieht,
+zunächst über diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens läßt er sich
+in zwei Worte fassen: Anmut und Güte. Daß diese Eigenschaften, statt
+sich zu höchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einfluß des Kampfes
+ums Dasein in seinen gegenwärtigen barbarischen Formen verkümmern und
+häufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die
+drückende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen,
+gewähren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre
+äußere Erscheinung zu pflegen, ihr Schönheitsbedürfnis zu kultivieren,
+und die häufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den
+Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rücksichtslos gegen
+andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich
+allein nur erhalten zu können, ihre natürliche Güte unterdrückt. Dazu
+kommt, daß gerade die bürgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die
+Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen,
+zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der
+die Schärfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte.
+Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und
+Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich
+vernachlässigen, männliche Allüren annehmen, ihr Weibsein äußerlich und
+innerlich unterdrücken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie
+jede soziale und revolutionäre Bewegung sie hervorbringt, und der
+Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung für
+sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswüchse der Frauenbewegung hervor:
+so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr
+verschärfen helfen, statt daß der gesunden Tendenz der Frauenbewegung,
+die sie wieder einander nähern will, allein nachgegeben würde; so die
+von England ausgehende halbmännliche Uniformierung der Frauen mit ihren
+großen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhüten und ihren die Brust
+zurückdrängenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenüber,
+die abzuleugnen Thorheit wäre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob
+unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und
+Streben nicht auf das männliche Geschlecht in ähnlicher Art einwirkt. Wo
+findet sich bei unseren männlichen geistigen Arbeitern, die über
+Manuskripten und Büchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch
+zuströmen, noch männliche Kraft und Schönheit? Besitzen sie, die in der
+Mehrzahl unter der Geißel der Abhängigkeit Frondienste leisten, noch
+jene gerühmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhängigkeit? Sind
+nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jünger der Wissenschaft, die
+Studenten, in einem viel jämmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen
+Genossen?
+
+So kann man wohl mit Recht behaupten, daß die Weiblichkeit unter unseren
+heutigen Berufs- und Arbeitsverhältnissen Schaden leidet, aber man soll
+nicht vergessen, hinzuzufügen, daß die Männlichkeit nicht weniger
+geschädigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch gründliche
+Reformen vorgebeugt werden kann.
+
+Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem
+Gebiet der Wissenschaft und der bürgerlichen Berufe bleibt zu erörtern;
+ihre angebliche untergeordnete geistige Befähigung.
+
+Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden,
+wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich
+sichere Schlüsse über die Begabung der beiden Geschlechter ziehen
+ließen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroßer, weil
+sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der
+Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat
+eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt
+gezeigt, daß die Mädchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und
+Begriffe aus der nächsten Umgebung und dem täglichen Leben überlegen
+sind, während die Knaben von äußeren entfernteren Dingen genauer
+unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen
+Untersuchung stellte es sich heraus, daß Mädchen lieber lernen als
+Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mädchen, die für nichts
+Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber läßt sich für
+unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, daß Mädchen von klein auf
+an häusliche Thätigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewöhnt
+werden, und Knaben sich meist frei draußen herumtummeln dürfen, also
+äußere Dinge kennen lernen, ja daß schon das verschiedenartige Spielzeug
+nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden
+Mädchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenküchen,
+mit Pferden, Viehställen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von
+Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an
+geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den
+Knaben konstatiert wurde, läßt sich sicherlich zum großen Teil auf ihre
+frühe geistige Ueberbürdung zurückführen. Vielleicht daß auch die häufig
+beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mädchen
+in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedächtniskram eine
+Erklärung findet, während die vom 20. Jahre ab sich meist geltend
+machende Ueberlegenheit der jungen Männer ihre Ursache gewiß darin hat,
+daß sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen können, während
+das Dasein der Mädchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie
+vor dem größten Lehrmeister, der persönlichen Lebenserfahrung, ängstlich
+behütet. Auch auf den Umstand, daß Frauen im Bureaudienst mehr Fleiß und
+Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der
+englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die
+Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einfluß gewesen. Und die
+andere vielfach auftauchende Klage, daß sie für ihren Dienst wenig
+persönliches Interesse haben, wird ebenso wie die häufige Nachlässigkeit
+ihrer Vorbildung dadurch vollständig erklärt, daß leider heute noch fast
+alle Mädchen in ihrer Erwerbsthätigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem
+sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales
+Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu überwinden hoffen. Selbst
+die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fähigkeit zu raschen
+Entschlüssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu
+sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des
+Charakters, als darauf, daß ihr in bedeutend höherem Maße als dem Mann
+mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritäten in ihr
+groß gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen
+Selbständigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen
+anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht
+Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil
+sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial
+ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, daß das rechte Wissen in der
+auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewißheit und nicht im bloßen
+Nachbeten anderer besteht? Und wie verhält es sich mit dem Mangel an
+Energie und Unabhängigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht
+vorwirft und auf Grund dessen man meint, daß keine Frau ein Bacon oder
+Galilei werden könnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene
+Weiblichkeit in ihr groß gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der
+bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht?
+Mehren sich nicht heute, wo man anfängt, von diesem Ideal sich
+abzuwenden, die Zeichen für eine ganz enorme Energie des Weibes und
+einen Unabhängigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen
+Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkämpferinnen der
+Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende
+Zahl mutiger und durchaus selbständiger Schriftstellerinnen beider
+Hemisphären.
+
+Gewöhnlich wird die geistige Begabung des Weibes für eine so
+minderwertige gehalten, daß man sich aus diesem Grunde berechtigt
+glaubt, ihr den Zugang zu männlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt
+es an vollgültigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil über die
+Befähigung der Frauen stützen könnten. Aber selbst Gelehrte, die gewöhnt
+sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials
+allgemeine Schlüsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom
+Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, daß sie in leichtsinnigster
+Weise urteilen. So berief sich ein berühmter Mediziner und enragierter
+Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Gründen befragte, auf
+folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung über
+Gehirnanatomie befand sich eine ältere weibliche Hörerin; nach Schluß
+der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwähnt hatte, daß das
+weibliche Gehirn in seinem Wachstum früher zum Stillstand kommt, und
+auch früher abzunehmen beginnt, als das männliche, kam die Dame zu ihm
+und sagte, daß sie das nicht glauben könne, denn sie sei doch schon 50
+Jahr und fühle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskräfte. "Niemals würde ein
+Student," meinte der Professor, "solch eine thörichte, auf rein
+subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist
+ausschliesslich Frauenart." So gründen viele Universitätslehrer ihre
+absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen
+Zuhörern machten, aber während die einen,--zumeist solche, die seit
+Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor
+Winter in München[371],--ihnen das größte Lob erteilen und sie den
+Männern völlig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige,
+schlecht vorbereitete Schülerinnen haben, von ihrer durchgehenden
+Mittelmäßigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den
+Frauen die Befähigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf
+zuzuerkennen, sie ihnen aber für den ärztlichen vollständig
+abzusprechen; sind sie Juristen, so möchten sie ihnen den Bureaudienst
+zwar überlassen, halten sie aber für unfähig, als Advokaten oder Richter
+zu praktizieren. Demgegenüber stößt uns nicht nur wieder die Frage auf,
+ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen
+Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkürlich unter den
+männlichen Studenten, den männlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob
+denn hier nicht auch die Mittelmäßigkeit dominiert, ja, ob die Begabung
+überhaupt der Maßstab dafür ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich
+vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast
+allein den Ausschlag? Sind aber die Männer trotzdem von der
+Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest überzeugt, so brauchten
+sie ja seine Konkurrenz nicht zu fürchten. Wer aber beiden Geschlechtern
+durchschnittlich ähnliche Fähigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt
+der Frauen in die bürgerlichen Berufe schon darum befürworten, damit
+eine genauere Auslese der Besten möglich ist und die Mittelmäßigkeit,
+die männliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position
+gedrängt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, daß dieser als Folge
+der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer
+heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die
+unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen muß: der Egoismus, der
+Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und körperliche
+Vernachlässigung, die dadurch schon unter den Männern hervorgebracht
+werden, müssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken.
+Das abzuleugnen, wäre ebenso thöricht, als es thöricht ist, von der
+Zulassung zu den Universitäten und den bürgerlichen Berufen die
+Befreiung der Frau zu erwarten.
+
+Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hüten und die
+Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen
+daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, daß der Eintritt
+der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schädlich,
+sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken
+muß. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das
+weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.
+
+Urteilslose Anhänger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu
+widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berühmter Frauen von
+Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten.
+Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das
+Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist
+uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets
+ihre Persönlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und
+neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von
+ernstem Studium und großem Fleiß und überragen diejenigen vieler Männer
+der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine
+bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen.
+Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklärung abzugeben, daß
+die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit,
+seine Ausschließung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache
+hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn
+gehabt für ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam
+auf gleiche Stufe zu stellen mit den Männern, und statt über die
+geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen über das,
+was sie, trotz der Ungunst der Verhältnisse, geleistet haben. Der Mangel
+an weiblichen Genies aber läßt sich dadurch noch nicht zur Genüge
+erklären und er fällt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der
+Kunst, zu dem der Zutritt überdies den Frauen viel leichter gemacht
+wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente,
+starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine
+schöpferische Kraft. Selbst große Dichterinnen wie Annette v.
+Droste-Hülshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch
+nicht von ferne die Höhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen
+sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der männlichen Dichter. Ihre
+große Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht,
+die sich mit männlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen
+könnte, und keine der berühmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als
+Tüchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir
+noch auf andere Gebiete über, auf denen genialer Erfindungsgeist zum
+Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen
+haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst,
+der Wäscherei und Schneiderei, keinerlei umwälzende Leistungen zu
+verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand
+sehr nützliche Erfindungen machten. Alledem gegenüber ist man häufig zu
+dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine
+produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr große
+Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als
+männliche Virtuosen gäbe. Ich glaube, daß eine Entscheidung hierüber
+sich kaum treffen läßt, und daß sie nur in Betreff der Schauspielerinnen
+zu Gunsten der Frauen ausfallen könnte. Ich bin vielmehr der
+Ueberzeugung, daß die Genialität der Frau auf einem ganz anderen Gebiet
+sich zu äußern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der
+Menschheit erschließt.
+
+Wir haben gesehen, daß die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der
+Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der
+Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und
+Bureaubeamtin--der Mütterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir
+können, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon
+konstatieren, daß sie sich in den von ihnen gewählten Berufen ganz
+besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, daß fast alle
+Wohlthätigkeitsbestrebungen, auch die größten Stils, fast ausschließlich
+den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, daß sie sich
+überall in wachsendem Maße an allem beteiligen, was unter den Begriff
+Sozialreform fällt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr
+Bestes leisten. Während sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hängen
+pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Männern
+überließen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verständnis
+und seltener Energie den jüngsten der Wissenschaften, den
+Sozialwissenschaften, zu, und kämpfen darum, in ihren Rahmen zu
+praktischer Thätigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor
+sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persönlichkeit
+zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum,
+Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um,
+wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu
+begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes
+Hammer, Meißel und Pflugschar als Symbol des Völkerlebens aufzurichten.
+Und besteht nicht Genialität im Ausdruck der Persönlichkeit?
+
+Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum
+nimmt die Frauenbewegung so große Dimensionen an: weil die Atmosphäre
+sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus,
+Sklaverei und Krieg im Bewußtsein der Menschheit mehr und mehr als
+barbarische Reste einer überwundenen Vergangenheit angesehen werden,
+weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes
+und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die
+ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen
+Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es für mich außer
+allem Zweifel, daß sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner
+recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber
+unrecht, wenn sie meinen, daß es eins der Schwäche, der Degeneration
+sein wird. Denn erst die Ergänzung der männlichen Begabung durch die
+weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch
+mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevölkern, kann Wirkungen
+hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil
+schädigen. Wären die Fähigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wäre
+der Eintritt der Frauen in das öffentliche Leben für die Menschheit
+vollkommen wertlos und würde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf
+hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, daß das ganze Wesen des Weibes ein
+vom Manne verschiedenes ist, daß es ein neues belebendes Prinzip im
+Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie
+trotz mißgünstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen
+Revolution.
+
+Die bürgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen
+Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche
+Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie
+spitzt sich um so mehr zu, je größer der Frauenüberschuß ist, je
+geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegensätze zwischen
+Einnahmen und Bedürfnissen sich gestalten. Die Eröffnung der
+Universitäten, der höheren Lehranstalten aller Art und der bürgerlichen
+Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lösung der Frauenfrage; unter
+den bestehenden Verhältnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die
+Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber
+auch eine Reihe von Uebelständen, die in dem immer heftiger werdenden
+Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schärfsten Ausdruck kommen, nach
+sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die
+körperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder
+nachteilig einwirken, und der Thatsache, daß von ihrer wirtschaftlichen
+Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen,
+die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Maße zum Erwerb
+gezwungen sind, durch Arbeit ökonomisch selbständig zu werden vermögen,
+ist eine tiefgreifende Veränderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs-
+und Hauswirtschaftsverhältnisse und der Formen des Familienlebens die
+unausbleibliche Voraussetzung der Lösung der wirtschaftlichen Seite der
+Frauenfrage. Ein Urteil über den Wert des Anteils der Frauen an der
+bürgerlichen Berufsthätigkeit wird auch erst dann zu fällen möglich
+sein, wenn ihre individuellen Fähigkeiten ungehemmt zur Entwicklung
+gelangen können, und die eigentümliche Genialität der Frau sich
+entfalten kann.
+
+Damit ist auch über die heutige bürgerliche Frauenbewegung, die sich
+weder ihrer treibenden Kräfte vollkommen bewußt wird, noch ihre letzten
+Konsequenzen klar ins Auge faßt und eingesteht, das Urteil gesprochen.
+Das höchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu
+führen, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide
+Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen
+können.
+
+
+
+
+4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.
+
+
+Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu
+schreiben unternehmen wollte, müßte zugleich die Geschichte der Maschine
+schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintönig
+rasselnde Rede und ihren feuersprühenden Atem jene dunklen, endlosen
+Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimstätten herauslockte und
+in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht
+durch die Handarbeit der Frau ein großer Teil der allgemeinen
+Bedürfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft
+der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es
+möglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und
+Zange, mit Hobel und Säge in der eigenen kräftigen Faust beherrschte der
+Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die
+Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft
+beruht, aber er muß dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die
+mechanischen Triebkräfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren
+Eigenschaften des menschlichen Körpers Gewandtheit und Geschicklichkeit
+erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige
+Folge der aufblühenden Großindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben
+nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggründe--etwa
+den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung
+und verkürzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach
+Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so führt dasselbe Verlangen
+zur Beschäftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine wählt die in der
+Frau verkörperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl für eine
+Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen
+Maschine oder die Benutzung motorischer Kräfte kann ein ungeübtes
+Mädchen den gelernten kräftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die
+Veränderung des Arbeitsprozesses ermöglicht also die Beschäftigung der
+Frauen.[374]
+
+Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener große Umschwung auf
+dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung für die
+Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny,
+der Kämmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des
+Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung
+der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwälzung im gewerblichen Leben
+war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel
+phantastischer Träume schwebenden demokratischen Ideen eine reale
+Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entriß zahlreiche
+Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und führte sie
+breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der
+Mensch früher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die
+Maschine zwölf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen
+gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von
+Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch
+die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England
+zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach
+Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000
+Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben
+traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen
+Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einführung
+der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in
+Mülhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische
+Spinnereien waren im Oberelsaß allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte
+später rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwälzungen
+hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthätig
+arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln
+treibt. Aber auch sämtliche Vorbereitungsarbeiten, die früher in
+langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgeführt wurden, sind von der
+Maschine übernommen worden: die Wollkämmer, die unter der
+schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen
+ausgerüstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur höchsten
+Vollkommenheit ausgebildeten Kämmmaschine übergeben müssen, und sowohl
+das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf
+mechanischem Wege. Am längsten widerstand die Seidenspinnerei der
+Einführung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das
+langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser
+gesundheitsschädliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einführung
+von Schlagmaschinen ersetzt worden.
+
+Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt
+die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Während gemusterte Gewebe
+früher nur auf sehr mühsame und kostspielige Weise hergestellt werden
+konnten, ermöglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf
+der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten
+Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem
+Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit
+notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter
+Handgriffe. Die Erfindung des selbstthätig arbeitenden Webstuhls, mit
+dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschäftigt hatte, bedeutete
+einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19.
+Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika,
+England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der
+Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt daß eine Spulerin an
+dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine
+fünfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbäumen, eine sehr
+beschwerliche Arbeit für die Handwerker früherer Zeit, besorgt eine
+Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der
+Garnsträhne in verschiedenartige Lösungen oder durch Bürsten der schon
+auf dem Webstuhl befindlichen Fäden besorgt wurde und nachher noch ein
+langwieriges Trocknen nötig machte, besorgt eine Maschine in
+erstaunlicher Geschwindigkeit. Während noch ein Jahrzehnt früher jedes
+gewebte Stück zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Färben, Drucken
+und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe überging, vereinigte die
+Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Räumen. Das
+Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von
+innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne
+abhängig; das Walken des Tuchs, das unter großer Kraftanstrengung durch
+die Hände des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den
+schweren Hämmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht
+allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, daß der Arbeiter mit
+den rauhen Fruchtköpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark
+andrückend bestrich--eine sehr zeitraubende Thätigkeit--ist jetzt
+durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken
+mit der Handpresse, wodurch große Gewerbe Beschäftigung fanden, ist
+durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter
+Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben
+auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen könnte, der
+sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpreßt und für jede neue Farbe
+immer wieder von vorne anfangen muß, oder wer zuschauen könnte, wie der
+Samtweber früherer Zeiten die wie in Schläuchen aufliegenden Faden des
+Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mußte, während der
+mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene
+Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch
+Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so daß zwei
+vollständig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der würde sich von
+dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen können, vor dem die
+phantastischsten Märchenbilder verblassen müßten.
+
+Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das
+ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen
+nötig machte, war der Einfluß der technischen Fortschritte auf die
+Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten
+waren Jahrhunderte hindurch ausschließlich Handarbeit gewesen, die
+Klöppel, die Nähnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die
+Erfindung der Bobbinetmaschine, später noch vervollkommnet durch
+Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwälzung
+auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren
+bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom
+einfachen Tüllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten
+Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst
+nur in wenigen Stücken den Reichsten zugänglich war. Noch tiefer griff
+die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in
+die häusliche Arbeit der Frauen ein. Statt daß mit der Nähnadel ein
+Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin
+nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift
+des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es
+nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunächst die
+mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang
+rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so daß die
+Weißstickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer
+weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die
+Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nämlich ein
+Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder
+Stickboden der Stickerei weggeätzt wurde, entstanden außerordentlich
+feine, sogenannte Luftspitzen, die manche künstlerische Gebilde früherer
+Zeit in den Schatten stellen.
+
+Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine
+eine Unterstützung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben
+wurde, und statt des einen Paares grober Strümpfe, die eine
+Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar
+erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie
+notwendigerweise zum Fabrikbetrieb über. Heute erzeugt die selbstthätige
+Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast völlig
+fertiger Strümpfe täglich. Auch die der Strickerei so außerordentlich
+ähnliche Wirkerei war zunächst für den Handbetrieb eingerichtet; ein
+Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine geübte
+Handstrickerin höchstens 100. Neben diesen Stühlen, die nur einfache
+gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19.
+Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform
+hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwäsche und des übrigen
+gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurückzuführen.
+
+Die Thätigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und
+Webemaschinen eingeschlossen, beschränkt sich, sobald sie im Gang sind,
+großenteils auf das Ausrücken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist
+und auf das Anknüpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach
+mechanische Ausrückvorrichtungen in Anwendung gebracht, so daß die
+Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und
+der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden
+zusammenzuknüpfen braucht. Daß diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger
+erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverständlich. Das
+Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fußbetrieb war fast immer Arbeit des
+Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der
+Bewegungsmotor wurde, mußte er Frauen, ja selbst Kindern weichen.
+
+Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der Maschine. Noch
+erzählen unsere Großeltern, wie sie sich ihre Briefumschläge stets
+mühsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Häusern der Aermsten
+durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und
+Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen
+die Kuverts und liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen
+Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden,
+damit sie die fertigen Umschläge--4000 in der Stunde!--auf der anderen
+wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des
+Zuschneidens, das kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die
+Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der
+Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun
+übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große Veränderung die
+Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum
+erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist,
+daß sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthätig zu fertigem Papier
+verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst
+der Maschine: Die Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre unmöglich
+gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hölzchen,
+die früher Stück für Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe
+gekommen wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit
+armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und gefüllt--25000
+täglich!
+
+Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen
+die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; wohl aber kann ohne weiteres
+behauptet werden, daß keine eine so nachhaltige, sich immer weiter
+ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und
+Webstühle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie
+blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die
+erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich
+mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich
+hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder
+Fuß, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit
+verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Händen
+der Frauen gelegen hatte. Sie verzwölffachte überdies die Leistung der
+Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378]
+Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die
+Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die
+Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in der
+Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes Aufkommen schon
+das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den
+Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische
+Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die
+der der Weberei annähernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle
+Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen
+worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das
+Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das
+für den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des Oberleders
+mühelos ausführt, bis zum Glätten des fertigen Schuhs, dem Nähen der
+Knopflöcher und Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die
+meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die
+alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer bloßen
+Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten großen
+Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst
+die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Märchenprinzessin, der graue
+König Dampf und ließ über ihr sein erstes, prophetisches,
+eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter
+seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten
+Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen
+in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der
+Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der
+mit stillem weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre überstrahlte
+und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird
+er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hüllen helfen?----
+
+Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter
+Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der
+sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der muß erwarten, eine
+von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion
+reich gewordene, gesunde und glückliche Menschheit vor sich zu sehen.
+Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur
+einige der für unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten
+die große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie rissen,
+soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit oder der Einführung
+des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die
+Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten
+sie ihrer selbständigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre
+Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten
+die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am
+rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten entwickelt
+ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Großindustrie,
+in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, daß von den 419560
+Fabrikarbeitern in Großbritannien 242296 Frauen waren; in den
+Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den
+Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter
+weiblich.[380] Und zwanzig Jahre später konstatierte der englische
+Fabrikinspektor Robert Baker, daß die männlichen Arbeiter seit 1835 um
+92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen
+größeren Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der
+Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der männlichen
+Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die
+absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382]
+(s. Tabelle).
+
+ | 1841 | 1851 | 1861 | 1871 | 1881 | 1891
+ | Männer|Frauen|Männer |Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen|Männer | Frauen| Männer| Frauen
+-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
+Töpferei | 23600| 7400| 34800| 11100| 42500| 13400| 49700| 17700| 52200| 19700| 64300| 23800
+Gas, Chemikalien | 5800| 300| 16400| 1700| 24800| 1500| 34900| 4100| 44000| 4000| 66400| 6300
+Pelzwerk, Leder, | | | | | | | | | | | |
+ Leim | 31600| 2400| 44500| 6500| 47300| 2300| 49400| 10200| 49400| 13300| 59100| 18200
+Holzwaren, Wagen | 147500| 4900| 180200| 8900| 202200| 14100| 214200| 19500| 221600| 18400| 253600| 23300
+Papier etc. | 8900| 3200| 13600| 8300| 14600| 10700| 20300| 13400| 24600| 23200| 28600| 34200
+Textilwaren, | | | | | | | | | | | |
+ Färberei | 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600
+Bekleidung | 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300
+Ernährung, | | | | | | | | | | | |
+ Getränke, Tabak | 82700| 8000| 120100| 12400| 133400| 15600| 145700| 18500| 152300| 28900| 173100| 50200
+Uhren, Instrumente,| | | | | | | | | | | |
+ Spielzeug | 19600| 800| 23500| 1300| 32800| 2900| 35900| 3000| 41700| 3400| 44600| 5500
+Buckdruckerei, | | | | | | | | | | | |
+ Buchbinderei etc.| 21100| 1800| 30400| 3800| 41300| 6200| 57600| 8600| 75000| 13100| 102100| 19100
+-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
+Total: |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500
+
+Selbst in solchen Industrieen, für die die Frauenarbeit ganz ungeeignet
+zu sein scheint, wie in den Gelbgießereien, der Minen- und
+Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast
+ausschließlich Frauen beschäftigt.[383]
+
+Obwohl sich für andere Länder genauere auf längere Zeiträume sich
+erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafür,
+daß die Entwicklung überall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die
+Textilindustrie in Deutschland überhaupt erst anfing, Bedeutung zu
+gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die
+Landmädchen strömten in Scharen in die Fabrikstädte; kleine Orte, wie
+z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern,
+und in Krefeld war ein Frauenüberschuß von 50% die Folge.[384] In
+Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816
+neben 10000 Männern 66000 Frauen gezählt[385], und in den
+Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661
+weibliche Arbeiter beschäftigt, die zehn Jahre später auf 75169
+angewachsen waren, während sich zur selben Zeit in den Wirkereien
+dreimal so viel Frauen als Männer befanden.[386] Für die Vereinigten
+Staaten im allgemeinen zeigt es sich, daß 1870 in der Industrie auf 100
+arbeitende Männer gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Männer über 25
+Frauen beschäftigt waren. Natürlich trat, wie es uns die Entwicklung der
+Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen
+Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der
+Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrängung
+der Männer durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in
+Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer
+Ehemänner waren in denselben Fabriken thätig, während 3927 als
+anderwärts beschäftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und für 659
+nähere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis
+drei Männer, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom
+arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, für deren Unterhalt die
+Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die
+Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre
+billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Männer zu seiner
+Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nähnadeln täglich, Marx
+berichtet, daß die Maschine in elf Stunden 145000 Nähnadeln
+hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann,
+was einer Produktion von 600000 Stück täglich gleichkommt.[388] Eine
+Frau ersetzte also fast 130 Männer! In Rheims waren im Anfang des 19.
+Jahrhunderts 10000 häusliche Wollkämmer vollauf beschäftigt; nach
+Einführung der Kämmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, während
+junge Mädchen an der Maschine standen.[389] In die Nägel- und
+Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein:
+die Maschine machte die männliche Kraft entbehrlich.[390] Fünfzig Jahre
+früher führte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und
+produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem
+Mädchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wöchentlich[391], d.h. sie
+schafft die Arbeit von sieben Männern. Ueberall zeigt sich dasselbe
+Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die
+schwierige Arbeit von Männern, eine neue Maschine ermöglicht es,
+ungelernte Frauen anzustellen, die für dieselbe Leistung statt 18 sh.
+nur 12 sh. wöchentlich erhalten. In den Konservenbüchsenfabriken, wo
+früher auch nur Männer für 15 bis 20 sh. wöchentlich thätig waren,
+arbeiten jetzt gleichfalls Frauen für den halben Lohn und die Arbeit des
+Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Büchereinbände haben sie sogar für
+ein Drittel des Männerlohnes übernommen.[392] Den größten Einfluß nach
+dieser Richtung hatte die Einführung der mechanischen Spinnerei und
+Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule füllte, trat das
+Spulmädchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte;
+zahlreiche selbständige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik
+zu gehen, wo ihre Frauen und Töchter, die die alten schweren Webstühle
+nicht hatten beherrschen können, ihre siegreichen Konkurrenten geworden
+waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmäßige Ausbildung früher
+unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie überflüssig machten,
+drangen die Frauen vor. So führte die Papiermachémasse sehr bald schon
+weibliche Arbeitskräfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das
+Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein
+Privilegium der Männer gewesen war.[394] Und die Handmaler für
+Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten,
+sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die
+Möglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anlaß bot, ungeübte Mädchen für
+einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon
+gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die
+Schneiderei fängt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den großen
+Fabriken zu Leeds selbst der für ganz unentbehrlich geltende Mann, der
+Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen
+ausstanzt, ersetzt wurde.
+
+Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu
+vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, daß dieses scheinbare
+Verdrängen der Männer durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben
+ist, und die Zahlen fast überall beweisen, daß zwar das Wachstum der
+Frauenarbeit im Verhältnis bedeutend größer ist als das der Männer, jene
+aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer
+bedeutend überflügelt werden; aber es ist auch begreiflich, daß die
+vollständig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben,
+wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemüter
+außerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefährlichen Bedrohung
+des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten stürmische
+Empörungen hervor, die zu Anfang einen revolutionären Charakter
+annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kämpfe gegen den eisernen
+Riesen, der den Boden unterwühlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen
+glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glück und der
+Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die
+den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab.
+Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwörungen und offenen
+Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem
+Jubelgeheul der Massen zerstörten die Bewohner Blackburns Hargreaves
+Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu
+haben, als die Empörung gegen ihn und sein Werk sich bis zum
+Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem
+Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am
+meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte.
+Gegen Cartwrights Kämmmaschine richtete sich eine so wütende Agitation
+der Handkämmer, daß ihre Einführung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung
+möglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf;
+er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und
+Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen
+zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz
+England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und
+Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu
+eingeführte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte
+seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der
+untersten Stufe der Existenzmöglichkeit angekommen war, und sich nun mit
+Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mußte. Systematisch
+war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19.
+Jahrhunderts gegen die Maschine führten. Sie widersetzten sich mit allen
+ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einführung; sie nahmen
+lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie
+z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als daß sie nachgegeben
+hätten.[397] Und mit derselben zähen Energie versuchten sie die
+Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger
+Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde
+um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der
+weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege,
+den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch
+gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden,
+gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften
+vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, daß kein Mitglied neben einer
+Frau arbeiten dürfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich
+zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore
+der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn
+nicht gar Beleidigungen gröbster Art. Es kam häufig vor, daß sie sich
+durch Hinterpförtchen in die Arbeitsräume schleichen mußten, um
+überhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle
+Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat,
+das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwächter Form, auf dem
+Kontinent. Ueberall betrachteten die Männer ihre weiblichen
+Arbeitsgenossen mit Haß und Mißtrauen und versuchten sich ihrer zu
+entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit führte
+an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die
+Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim
+Gewerbeministerium zu beantragen, daß den Frauen, mit Ausnahme der
+Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden
+sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen
+dürften.[400] Dasselbe Gefühl, das die Innung zu diesem Antrag trieb,
+beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848,
+als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der große
+Markt für die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.
+
+Man hat häufig versucht, den erbitterten Kampf der Männer gegen die
+Frauenarbeit ihnen zum persönlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der
+sich nur aus einer völligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen
+Entwicklungsgeschichte erklären läßt. Thatsächlich war und ist zum Teil
+heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man
+überhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des
+Wirtschaftslebens gegenüber immer thöricht ist,--so müßte er sich weit
+eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie überhaupt arbeiteten, das
+war eine bittere Notwendigkeit für sie, sondern weil sie die männlichen
+Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprüche
+zu besiegen suchten. Aus der häuslichen Vereinzelung, aus der sie früher
+großenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn
+arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der
+Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der
+nächsten persönlichsten Bedürfnisse, die außerordentlich geringe waren;
+die jahrhundertelange Niederdrückung des weiblichen Geschlechts, die
+unaufhörliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige
+Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schließlich
+selber glaubten, rächte sich nun an den Männern: die weiblichen Arbeiter
+waren mit Löhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stück Brot
+gewährleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts
+von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne
+etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude über Arbeitsgelegenheit;
+sie ließen sich ausbeuten bis aufs äußerste und nahmen es hin, wie ein
+Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafür einen Tag lang den schlimmsten
+Hunger stillen konnten. Das Gefühl von Solidarität mit den Genossen
+ihrer Arbeit müßte denen völlig fremd sein, deren höchste Tugend bisher
+die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So mußten
+sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert
+verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der
+Männer. Sie drückten die Löhne und machten es infolgedessen immer mehr
+Männern unmöglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu
+eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Daß die
+Männer eine Gefahr darin sahen, daß sie nicht blinden Auges und kalten
+Herzens an der Zerstörung der Häuslichkeit und der Verwahrlosung der
+Kinder vorübergehen konnten, war nur natürlich.
+
+Nicht allzu lange sollten die Männer allein unter dem Wachstum des
+Großbetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der
+Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie
+wieder hinaus. Während früher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mädchen zum
+Schlagen der Kokons nötig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und
+mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mädchen aufs Pflaster. Die
+Einführung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsaß hatte
+zur Folge, daß die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der
+Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken
+war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr
+angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt
+hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige
+verbesserte Spinnmaschine die Hälfte aller Arbeiterinnen.[403] Am
+furchtbarsten waren die Folgen der Einführung der Nähmaschine. Eine
+einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nähmaschinen aufstellte, von
+denen eine die Arbeit von 6 Handnäherinnen ausführte, machte ca. 2000
+Näherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nähmaschine
+versprachen, weil sie der Frau ermöglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb
+nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die
+schwächsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods
+parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einführung neuer oder die
+Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Löhne
+zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem
+Kapitalisten zu Gute kam, mußte die überflüssig gewordene menschliche
+Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie
+dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtsstätte fand,
+in der Hausindustrie.
+
+Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein
+feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden
+letzten Berufszählungen eingehend mit der Hausindustrie beschäftigte,
+versteht darunter die "Arbeit zu Hause für fremde Rechnung". Die
+Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h.
+diejenigen, die im eignen Wohnraum für die Unternehmer beschäftigt sind,
+umfassen und die Werkstattarbeiter ausschließen. Das geschieht
+ausdrücklich durch die neueste belgische Statistik, die als
+Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf
+Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das österreichische
+Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf
+beschränkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werkstätte ohne
+gewerbliches Hilfspersonal" höchstens mit Angehörigen des eigenen
+Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind
+verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die
+Hausindustrie als Großvertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe
+hergestellt werden[405], bezeichnet, während nicht die Art des
+Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen
+erklärt man sie für großindustrielle Arbeit in kleinen Werkstätten und
+in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein
+schwankendes Bild giebt. Die sinngemäßeste, die Sache klar bezeichnende
+Erklärung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform
+der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren
+eigenen Wohnungen oder Werkstätten beschäftigt werden.[407]
+
+Mit der Hausindustrie früherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen
+gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Großindustrie. Einerseits
+nährt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbständige
+Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich
+verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestädten
+infolge der sich zusammendrängenden proletarischen Bevölkerung
+massenhaft emporschießt oder vereinzelt in abseits liegenden
+Gebirgsthälern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige
+Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich
+nicht entgehen lassen. Mit der Möglichkeit der Arbeitszerlegung, der
+Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstärkte sich noch die
+Tendenz, die Hausindustrie groß zu ziehen. Dazu kam, daß nicht nur die
+Ersparnisse in Bezug auf die Löhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl
+die Kosten für Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung,
+Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das beförderte selbstverständlich
+eine weitere Dezentralisierung des Großbetriebs. Beweis hierfür ist
+unter anderem die Rückentwicklung des Cigarrengroßbetriebs zur
+Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Groß- zum
+Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwächsten, die die Fabrik als die
+wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten
+Elend kein Hauch der neuen Zeit berührte, die Frauen, die Kinder und die
+Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die
+Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehöfte, die
+entlegensten Landstädtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die
+Keller der Großstädte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb
+menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um überall
+Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der
+Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder
+bekommt sie vom Fabrikanten, für den er arbeitet, geliefert.
+Nähmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten
+Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen
+der elendesten Sklaven des Kapitalismus; über die Strickmaschine sitzen
+sie gebückt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der
+Schweiz verbreitet hat, macht aus den blühenden Kindern der Berge
+dieselben flachbrüstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der
+Großstädte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft
+billiger ist als Dampf und Elektrizität, werden die Unternehmer sie für
+sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Großindustrie,
+den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, daß sie
+fast ihren Vater überragt.
+
+Ein riesiges Arbeitsfeld eröffnete sich den Frauen durch die
+Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nähmaschine gehörte die
+Herstellung der Wäsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich
+häuslicher Thätigkeit. Hausfrau und Haustöchter, eventuell die
+verfügbaren Dienstmädchen, beschäftigten sich damit. In einer späteren
+Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Näherin als
+Hilfskraft hinzu und die bei sich für die Kunden arbeitende Schneiderin
+war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschäfte, die mit Hilfe der
+hausindustriell thätigen Näherinnen fertige Kleider verkauften, kamen
+erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nähmaschine die
+Massenproduktion ermöglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und
+suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende
+Ausbeutung der Arbeiterinnen möglich war. "Alle Näherinnen," sagte ein
+englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel
+und Mangel an Nahrung." Während der Saison saßen in London gegen 30
+Mädchen in Räumen zusammen, die kaum für ein Drittel die nötige Luft
+gewährten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklöchern,
+wenn sie überhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene
+Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehörte durchaus nicht zu den
+Ausnahmen; die physische Unfähigkeit, die Nadel noch länger zu führen,
+war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht
+infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne
+Walkley, von der Marx erzählt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit
+der Hunger. Für 4-1/2 sh. wöchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren
+Londoner Kleidernäherinnen 16 und mehr Stunden täglich. Und doch waren
+sie noch in glänzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die
+Wäsche nähten: Für ein gewöhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, für
+elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte,
+betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlöhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei
+angestrengter Thätigkeit gang und gäbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom
+Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt
+nicht nur für die armseligsten Töchter des reichen England; ihre
+Unglücksgefährten verteilten sich über die ganze zivilisierte Welt. Mit
+Tagelöhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000
+Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen
+lebte in New-York in ständigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410]
+Die Pariser Näherinnen der fünfziger und sechziger Jahre, die, infolge
+der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten
+gehörten, mußten sich mit Löhnen von 40 und 60 c. täglich begnügen[411],
+während, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an
+täglicher Nahrung gewährleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt
+freien Arbeiterinnen, die thatsächlich ein weit elenderes Leben führten,
+als die schwarzen Sklaven Amerikas, für deren Befreiung eine ganze Welt
+sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukämpfen, die
+großenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthäter der Armen
+nennen ließen. So nötigten die Armenhäuser Londons, deren Insassen
+Hemden nähten, die Näherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe
+niedrige Niveau und die Klöster Frankreichs, in denen Männerhemden für
+10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stück für 1,10 fr.
+hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschäftigten
+und von denen Jules Simon berichtete, daß von 100 Dutzend Hemden, die in
+Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klöstern hergestellt
+wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in
+die Arme.[414] Kein Wunder, daß 1866 doppelt so viel Frauen als Männer
+der Armenpflege anheim fielen.
+
+Dieselbe Konkurrenz drückte auch auf die Spitzenindustrie, die durch
+Colberts Einfluß in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte;
+1866 waren 250000 Frauen in ihr beschäftigt. Zwanzig Jahre früher sah
+Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit
+nicht mehr als 52 c. täglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert
+der jährlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet
+wurde, betrug ihr höchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte
+Jules Simon, daß für die Herstellung der points d'Alençon, jener
+kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht
+einbüßten, 75 c., und für die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die
+Brüsseler, gar nur 30 c. täglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die
+Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in
+Frankreich beschäftigten, verdiente die größte Mehrzahl nicht mehr als
+20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der
+vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als
+Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) täglich verdiente und die vier Kinder
+betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der
+kümmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem
+Erdboden, allein für Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wöchentlich
+gebrauchten[417],--dürfte für das Proletariat jener Zeit typisch sein.
+
+Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den
+dreißiger Jahren betrugen die Frauenlöhne in den englischen
+Leinenwebereien bei einer zwölf- bis sechzehnstündigen Arbeitszeit 4 bis
+5 sh. die Woche, von denen für Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in
+den Baumwollfabriken sanken die Löhne auf 1 bis 4 sh., junge Mädchen
+unter sechzehn Jahren verdienten bei zwölfstündiger Arbeitszeit oft
+nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis
+1845 überstieg der Verdienst der französischen Fabrikarbeiterinnen
+selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei
+vierzehnstündiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen höheren
+Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Löhne sowohl in der
+Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsaß
+in den dreißiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn
+betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der höchste, selten erreichte,
+3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung
+der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedürfnisse, noch war sie
+eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Großindustrie im 19.
+Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten für die Arbeiterin Hunger
+und Entbehrung. Die geringfügigste Trübung des geschäftlichen Horizontes
+wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den
+dreißiger Jahren sanken die Löhne der Weber am Niederrhein bei einer
+Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2
+bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850
+waren in Krefeld allein 12000 Personen vollständig brotlos[423],--von
+dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die große
+wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und
+Südstaaten Amerikas über Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs
+neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort
+sanken die Frauenlöhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich für
+die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem französischen Krieg. Die
+Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webstühlen
+gerieten vollständig in Stillstand.[425]
+
+Aber die industriellen Umwälzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren
+nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und
+untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem
+Arbeiter und der Maschine: er verausgabte für beide nur genau so viel,
+als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue
+Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen höheren
+Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der
+menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem
+war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit
+Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkürlich
+stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfährig zu machen, wurde
+auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten
+Schürzen und Bänder, Tücher und Mützen. Wie oft kam die arme Arbeiterin
+am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit
+nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf
+die Heimkehr des Mannes--er saß im Kramladen seines Chefs und ließ sich
+in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib
+Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld
+hätte kaufen können! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die
+Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts überall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter
+den Thüren der Kaufläden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten,
+und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die
+Entlassung nicht fürchten wollte. So verkaufte der Konfektionär wie der
+Zwischenmeister den Näherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die
+Preise, die er dafür anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so
+schon kärglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krämer des
+Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhändler der
+Hausindustriellen ist, das Material für ihre Arbeit zu Wucherpreisen an
+sie.
+
+Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hieße ein Buch
+schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines
+Höllenbreughel weit hinter sich ließen. Blicken wir in die Wohnungen
+jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer
+ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Häusern 12000 Personen;
+ganze Familien, ja ganze Generationen besaßen nur ein kleines Zimmer, in
+dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein
+Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glücklich zu
+nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaßen überhaupt kein
+Obdach; sie drängten sich nachts, soweit es irgend ging, in den
+Logierhäusern zusammen--Männer, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde,
+Nüchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fünf und sechs in einem
+Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die
+Millionäre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem
+schwarzen, stinkenden Fluß voll Schmutz und Unrat, ragten die
+Arbeiterkasernen auf; um fürchterlich kleine Höfe drängten sie sich,
+verräuchert, verfallen, oft ohne Thüren und Fenster, mit winzigen
+Stübchen, die für zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten;
+die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben
+Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straßen,
+in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in
+Lille die Häuser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender
+Rinnstein, der alle Abwässer aufnahm; aus Sparsamkeitsgründen waren die
+Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den
+überfüllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Räumen herrschte
+ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen
+Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blöden Augen dem
+Fremden entgegen, der sich in diese Hölle verirrte.[427] Welch ein Glück
+für sie, daß der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben
+erlöste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fünften Jahr![428]
+Zwanzig Jahre später hatten sich die Verhältnisse noch um kein Haar
+gebessert![429] In Rouen waren die Zustände ähnlich: Der Eingangsflur
+war zugleich offener Kanal für die Abwässer; Wendeltreppen ohne Licht
+und ohne Geländer führten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist
+das Bild, das Villermé von Mülhausen entwirft, wo infolge des raschen
+industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den früher 7000 Menschen
+innehatten, nun 20000 sich zusammendrängten. Jules Simon sah in Reims
+einen feuchten, dunklen, über einem Kloset befindlichen Raum, den zwei
+Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er
+einen dunklen Hängeboden über einem kleinen von sechs Personen bewohnten
+Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Säugling, der Tags über im
+Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer
+Treppe, 2 zu 1-1/2 m groß, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte.
+Wie groß das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes
+Kämmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen
+Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fuß hinsetzte,
+folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die
+Wohnungsverhältnisse Berlins in den fünfziger Jahren jeder Beschreibung.
+Charakteristisch für sie waren besonders die zahlreichen
+Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fuß hoch stand. Noch
+1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher
+feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern,
+Schlafburschen und Schlafmädchen zugleich besetzt.[432]
+
+Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Höhlen,--denn der Ausdruck Wohnung
+erscheint solchen Behausungen gegenüber ganz ungeeignet,--in die
+Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier ähnliche Zustände
+wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hälfte des
+neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Häusern, Klöstern und
+Schlössern eingerichtet. Die Räume wurden ohne Rücksicht auf
+die Sicherheit der Arbeiter auf das äußerste ausgenutzt,
+sodaß sich der Einzelne nur mit großer Vorsicht zwischen den
+schwingenden Rädern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch
+Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der
+Baumwollspinnereien,--bis zu 37° Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen
+bis in die fünfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung
+mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die
+Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Knöcheln im
+Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den
+Seidenspinnereien saßen die Frauen selbst im heißesten Sommer zwischen
+glühendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger
+tauchen mußten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In
+feuchten, halbdunklen Kellern saßen die Spitzenarbeiterinnen, weil die
+feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es für
+diese Unglücklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub
+mußten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von
+den Aufsehern häufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine
+Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit
+entging.[435] Wohnten sie außerhalb der Fabrikstädte, so hieß es früh um
+vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436]
+Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schweiß gebadet, ohne schützende
+Hülle, bloßfüßig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die
+Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder
+schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel
+der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niederträufelte.[437]
+Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder
+ein Stückchen Hering sollen die Körperkräfte aufrecht halten, um sie
+täglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafür
+reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der
+Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen
+Industriezentren erschreckend rasch zu.[438]
+
+Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht
+nicht heilig war, aus den überfüllten, schmutzstarrenden Häusern, aus
+den Wolken von Staub und glühendem Dampf, der die Fabriken erfüllte,
+wuchs in riesenhafter Größe jenes hohläugige Gespenst hervor, das von
+nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straßen der Armen schritt und
+die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der
+Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindsüchtiger auf 45
+Arbeiter und zehn Jahr später schon einer auf acht.[439] Kein Weber
+konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu überleben[440] und
+dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die
+schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hälfte vor dem zweiten
+Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der
+Entbindung trieb die Not ihre Mütter zurück in die Fabrik; die Milch,
+durch die ihre Kleinen groß und stark hätten werden können, lief ihnen
+bei der Arbeit aus den Brüsten![441] Die deutsche Reichserhebung von
+1874 erklärte mit einem eigenen Cynismus, daß die Arbeiterinnen in den
+Zündholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz
+oder teilweise verlören, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie
+konstatierte ferner, daß die Atmosphäre der Fabriken diejenigen
+lungenkrank machen muß, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte
+diese Anlage nicht?! Die zunehmende körperliche Degenerierung der
+arbeitenden Bevölkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es
+vermocht hätten.
+
+Aber es blieb nicht bei der körperlichen allein. Die Zusammenarbeit der
+Geschlechter in glühender Hitze, fast unbekleidet, das fast völlige
+Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleideräume, die gemeinsame Arbeit von
+Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gängen der Bergwerke und
+der frühe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben,
+steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwüstete schon die
+Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustände unterstützten diese moralische
+Degeneration. Nicht nur, daß die Geschlechter, die Schlafburschen und
+Schlafmädchen und die Kinder regellos in engen Räumen zusammen wohnen
+mußten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrängt. In
+Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--überall wurden ihnen elende
+Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das
+Vieh. Weit mehr noch als diese äußeren Umstände, unter denen Männer und
+Frauen gleichmäßig litten, wirkten die Lohnverhältnisse der weiblichen
+Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedürfnisse der
+verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschuß
+brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mädchen, die oft nur für
+ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch
+die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergänzung umzusehen.
+Die einen,--die Glücklichsten von ihnen,--hatten keine eigene
+Schlafstelle, sie brachten die Nächte bei ihren Liebhabern zu[444], das
+Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das
+Gesetz es noch dadurch förderte, daß es das uneheliche Kind der Mutter
+allein zur Last fallen ließ, nach einer Enquête der vierziger Jahre in
+einer Industrie auf einen verheirateten zwölf im Konkubinat lebende
+Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglücklichsten,--lehrten
+Not und Hunger frühzeitig, ihren Körper verkaufen, wie ihre
+Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft
+siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die
+Arbeitsstelle nur dadurch, daß sie sich dem Herrn oder dem Werkführer
+preisgaben. Das Fabrikmädchen stand infolgedessen häufig nicht höher im
+Ansehen, als die Straßendirne.
+
+Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat
+gehen müssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tägliche Brot gebracht,
+glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf,
+unermüdlich Tag für Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit
+Erlösung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie
+war ja so bedürfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, für die sie
+schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein
+Dach über dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Nötigste, den
+Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und
+Schande,--rastlos auf ihren Fersen.
+
+Warum strömten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend
+zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit
+besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen
+dagegen sprechen.
+
+Den ersten klaren Einblick in die Verhältnisse der Landarbeiter
+vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446]
+Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mädchen und
+Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit,
+z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war
+grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmöglich,
+weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche
+Gutsbesitzer sehr häufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch für
+die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt.
+Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen
+Hütten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine
+Trennung der Tagelöhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen
+und leere Ställe dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der
+Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmöglich," sagt die
+englische Kommission, "den schädlichen Einfluß der Wohnungen nach der
+physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, ökonomischen und
+intellektuellen Seite hin zu übertreiben."[448] Die traurigste
+Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das
+Gangsystem, das darin bestand, daß Agenten Scharen von Mädchen und
+jungen Männern,--den Mädchen wurde übrigens immer der Vorzug
+gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs
+Land führten. Nicht nur, daß die in der Entwicklungszeit sich
+befindenden Mädchen durch die harte Arbeit körperlich schwer geschädigt
+wurden, frühzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie
+vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anständige
+Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewähren. Für ihn waren sie nichts als
+billige Arbeitsmaschinen, die ihn im übrigen nichts angingen. Natürlich
+war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich für die alten
+eingesessenen Tagelöhner. Für den Gutsherrn war es viel billiger und
+bequemer, zur Zeit dringender Arbeit über ein Heer von Arbeitskräften zu
+verfügen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die
+Gutstagelöhner durch die stille Zeit mit durchfüttern zu müssen. Auch
+das Gangsystem trieb daher die Tagelöhner beiderlei Geschlechts vom
+Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengängerei Deutschlands, deren
+erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie
+zusammenfällt, haben wir eine ähnliche Erscheinung. Auch sie ist
+zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang
+diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, daß in der
+Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000
+Personen vom Lande in die Industriestädte übersiedelten.[450] In England
+verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000.
+Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die
+Dreschmaschine nicht nur thatsächlich eine Menge Arbeiter überflüssig,
+sie führte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine
+früher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hände, wurde jetzt in
+kürzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Für die
+Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, daß das Spinnen
+und Weben, die allgemeine Winterbeschäftigung der Landarbeiterinnen,
+durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die
+arbeitslosen Zeiten verlängerten sich daher für sie mehr und mehr, und
+diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie
+sich eher durchschlagen zu können glaubten. Hatte doch auch der im
+Verhältnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes für sie.
+Eine französische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B.
+selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergänzung vielfach eine
+ungenügende Kost und Wohnung. Eine Tagelöhnerin brachte es nicht über 60
+bis 75 c. täglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten
+das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhängig von ihren
+Herren, daß auch häufig die Eheschließung ihnen erschwert, wenn nicht
+gar unmöglich gemacht wurde.
+
+Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglühte, trugen erst
+die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Dörfer und
+Gutshöfe. Den Druck der Abhängigkeit fingen die Landarbeiter an nach und
+nach zu spüren das Bewußtsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach
+Freiheit dämmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als
+verwandter Begriff. Je stärker das Klassenbewußtsein sich in ihnen
+regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das ländliche
+Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen
+Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preußen
+auf 100 Personen der Bevölkerung gewerbliches (landwirtschaftliches)
+Gesinde:
+
+1819: 8,5
+1837: 7,0
+1849: 6,9
+1852: 6,4
+1855: 6,7
+1861: 5,7
+1871: 3,6.
+
+In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im
+Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf
+3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre
+1882.[453] Wenn auch der Mangel an ländlichen Arbeitern durchaus keine
+neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren
+durch die Einführung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekämpfen--, in
+seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewußtseins
+und nicht nur die sporadische Folge besonders drückender Verhältnisse
+ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kämpfe angesehen werden.
+
+Dasselbe gilt für die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur
+die Thatsache, daß die häuslichen Arbeiter sich mehr und mehr in
+industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch
+die die Abnahme der häuslichen Dienstboten ihre natürliche Erklärung
+findet, denn thatsächlich übersteigt die Nachfrage überall das Angebot,
+es ist vielmehr das erwachende Selbstgefühl, das die Mädchen vom
+Dienstbotenberuf in immer stärkerem Maße zurücktreibt. Kaum giebt es
+einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die
+das klassische Altertum aufweist, so unveränderlich haften geblieben
+ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste
+Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier
+nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaßen seine ganze Person, er
+steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab
+seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das
+Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwürdigsten", als
+"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prügelstrafe
+als allein richtige Erziehungsmittel anführt.[454] Und der Geist Luthers
+spukte weiter in allen Köpfen. Die Klagen über die schlechten
+Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang
+des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine
+Klasse von Menschen übermütiger, trotziger und widerspenstiger als der
+größte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und
+Unzucht, über Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten
+Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar
+nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und
+Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich
+geblieben ist, geht aus folgenden Aussprüchen hervor: "Bei den
+Gesindeschulen," sagt Kränitz[456], "muß man sein Hauptaugenmerk darauf
+richten, daß man darin frommes und gottesfürchtiges, in der Religion
+wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklärt v.d.
+Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich
+bleibenden Klagen über die dienende Bevölkerung liegen in der
+Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der menschlichen Natur
+begründet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der
+Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmäßigen Erziehung
+der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt
+weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist
+vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten über
+die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die
+Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten
+Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche
+Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine stärkere Knechtung war
+ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts
+entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie
+alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des
+"patriarchalischen Zustandes", jenes Märchens, das sich die deutschen
+Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden
+lassen, wird allseitig als das erwünschteste Ziel betrachtet. Daß es die
+rechtlichen, sozialen und ökonomischen Zustände sind, die einer
+Besserung dringend bedürfen, und aus denen sich sowohl die durch sie
+gezüchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklären
+lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn
+gekommen.
+
+Der Mangel an Dienstboten wurde immer fühlbarer und sie kehrten nicht
+nur ihrem Beruf den Rücken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch
+nur sehr schüchtern und vereinzelt, über ihre Lage aus. Im April 1848
+fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die
+Erhöhung der Löhne, bessere Kost und längere Nachtruhe forderte. Wie es
+thatsächlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein
+deutscher Autor[460] folgendermaßen: "Man giebt ihnen die roheste Kost;
+sie müssen zu zwei und drei in Räumen schlafen, die nicht einmal den
+Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das
+für Marterinstrumente, welche Pfühle voll Krankheitsstoff diese sind!
+Außerdem, daß die Dienstboten nicht allein vom frühen Morgen bis zum
+Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, können die Dienstherren
+doch nicht genug kriegen und verlangen darüber und immer noch mehr!" Was
+die Lage der häuslichen Dienstboten aber noch verschärfte, waren die
+sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere
+Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Männerwelt, besonders
+der gebildeten, für vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hälfte der
+Frauen in den öffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmädchen, und mehr
+als die Hälfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmädchen zu Müttern.
+Wie tief die armen Mädchen sanken, beweist die Thatsache, daß zur selben
+Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verführtes
+Dienstmädchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmörderinnen in
+Frankreich ausmachten.[461]
+
+Die psychologischen, die ökonomischen und die moralischen Gründe sind
+nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich
+erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhältnis zur Bevölkerung
+veränderte, läßt sich, abgesehen von den letzten Zählungen, schwer
+feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das häusliche Gesinde
+auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde.
+Einen annähernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der häuslichen
+Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462]
+
+Auf 100 Personen der Gesamtbevölkerung kamen Dienstboten in
+
+Länder | 1811/19 | 1847/49 | 1861/66 | 1871 | 1880 | 1882 | 1885
+----------------+---------+---------+---------+------+------+------+------
+Preußen | 0,9 | 1,1 | | | | 3,2 |
+Hamburg | 10,5 | | 12,1 | 7,5 | 6,3 | 5,7 | 4,8
+Oldenburg | | | | 3,1 | 2,4 | | 2,5
+Sachsen | | | 2,2 | | | 2,7 |
+Bayern | | 0,9 | | | | 1,7 |
+Mecklenburg | | | | 3,6 | | 2,2 |
+Hessen | | | 2,77 | 2,50 | | 1,94 |
+Sachsen - | | | | | | |
+ Altenburg | | | 2,1 | | | 1,7 |
+Sachsen - | | | | | | |
+ Weimar | | | 2,4 | | | 1,5 |
+Schwarzburg- | | | | | | |
+ Sondershausen | | | 2,0 | | | 1,6 |
+
+So unzulänglich und wenig beweiskräftig auch diese Zusammenstellung
+ist, so geht doch aus ihr schon hervor, daß auch dieser proletarische
+Frauenberuf,--der älteste vielleicht, den es überhaupt giebt,--im
+letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung
+entgegenzugehen, die sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher
+ausprägt. Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drängt eben
+immer stärker dazu, diejenigen Frauenberufe, die früher als die fast
+einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger direkter
+Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch andere zu
+entwerten und abzulösen.
+
+Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jüngste
+Zeit fällt, ist der der Verkäuferinnen anzusehen. Während die
+fachmännisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus
+bürgerlichen Kreisen stammen, strömen dem Beruf der ungelernten
+Verkäuferinnen immer mehr Proletariertöchter zu. Diese Bewegung begann
+schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten
+Fällen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und höhere
+Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen
+emporhoben, konnten sie für ihre Töchter an Stellungen denken, die ein
+gewisses Maß von feinerer Lebensart erforderten, und, äußerlich
+betrachtet, einige Stufen höher standen, als die der Fabrik- oder
+Werkstattarbeiterin. Wer näher zusah, bemerkte freilich vor lauter
+Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum
+äußersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der
+Zahl der Verkäuferinnen war leider großenteils darauf zurückzuführen,
+daß sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrüstung von
+sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis
+dessen, was sie hätten beanspruchen können, sondern auch im scharfen
+Konkurrenzkampf gegen die vielen Mädchen aus dem Mittelstand, die, weil
+sie Anschluß an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten,
+mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben.
+
+Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert
+beschränkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort
+eine rapide. Für die Industrie wird sie durch die großartige
+Entwicklung der Technik unterstützt, ja vielfach überhaupt erst durch
+sie ermöglicht. Das wachsende Mißverhältnis zwischen dem Einkommen der
+Männer und den Bedürfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit;
+durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben übten sie jedoch
+wieder einen Druck auf die Löhne aller aus. Sie befinden sich demnach in
+einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmöglich scheint.
+
+Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im
+Hausdienst ist teils auf ökonomische Motive,--niedrige Löhne und lange
+Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und
+Freudebedürfnis erwachender Individualitäten,--zurückzuführen, und bei
+oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem
+entstehenden Mangel an Arbeitskräften in beiden Berufsgebieten
+ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie.
+
+Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine
+bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im großen und ganzen
+in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch
+weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause,
+ihr Zusammenströmen in den Betrieben der Großindustrie, ihre durch die
+Maschine bedingte veränderte Organisation, die die Frau von der Stellung
+eines gewissermaßen selbständigen Handwerkers, der seine Arbeit in all
+ihren Teilen allein ausführte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der
+Maschine herabsinken ließ, rief eine Umwandlung hervor, die einer
+Neuschöpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der
+Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles
+vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend stürzte,
+hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wäre die Frau stets in
+ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie
+wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom
+ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde über den Kreis der Familie
+hinausgeführt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit
+derselben Hingebung auch mit und für sie kämpfen lernen, mit der sie
+einst nur für ihr eigen Fleisch und Blut gekämpft hat.
+
+
+
+
+5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten
+Zählungen.
+
+
+Um ein klares Bild des gegenwärtigen Standes der proletarischen
+Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunächst, ihre Ausbreitung zahlenmäßig
+festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch große
+Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Länder sind,
+was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausführung
+betrifft, so abweichend voneinander, daß eine Zusammenstellung
+internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten
+führen kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland,
+Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten
+beschränken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zählungen zu thun.
+Schon der Begriff der Berufsthätigen überhaupt ist kein feststehender,
+Deutschland und Oesterreich zählen, zum Teil in hohem Maße, die
+mithelfenden Familienangehörigen dazu, während England z.B. sie
+vollständig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und
+Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zählung der proletarischen
+Arbeit dadurch nicht erfüllt, daß die soziale Schichtung, d.h. die
+Einteilung der Berufsthätigen in Selbständige, Angestellte, Arbeiter
+u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den
+allerdings ungenügenden Zählungen von 1881 und 1891 die soziale
+Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte,
+ist in der Zählung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und
+Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, sodaß sie, trotz
+ihrer sonstigen Vorzüge, für unseren Zweck nur mit Einschränkungen
+brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber,
+Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in
+der letzten Zählung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung,
+und nur die große Detaillierung der Arbeitszweige ermöglicht eine
+annähernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt
+für Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollständig fehlt
+und nur die Ausführlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe
+darüber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in
+Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zählung nach so
+verschiedenen Prinzipien erfolgt, daß auch hier ein Vergleich schwer
+ist.
+
+So hat man in Oesterreich neben den Selbständigen, Angestellten und
+Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelöhner geschaffen, die bei
+internationalen Vergleichungen sehr störend wirkt, weil sie sich in
+dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht
+darin, daß der Begriff der "Selbständigen" ein sehr schwankender ist.
+Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer
+landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Näherin oder Putzmacherin,
+die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszählung hilft diesem
+Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die
+ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmöglich dagegen
+ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden"
+die große Schneiderin, ebenso wie die arme Näherin umfassen kann; und in
+Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die früher
+besonders berechnet wurden, in der letzten Zählung ohne weiteres den
+Arbeitern zugezählt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf
+die einzelnen Länder, gilt für alle das gleiche: daß nämlich gerade die
+proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen
+ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und
+Häuserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfällig und
+unaufgeklärt, um genaue Antworten geben zu können. Die folgenden
+Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials
+zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der
+proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben.
+
+Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhältnis zur
+Erwerbsthätigkeit überhaupt giebt den besten Begriff für ihre Bedeutung.
+
+ | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs-
+ | Zähl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer
+ | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen
+Länder |periode| Männer |Arbei- ||Frauen |rinnen || kamen
+ | | |ter || | ||Arbei-|Arbeite-
+ | | | || | || ter | rinnen
+-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+--------
+ | | | || | || |
+Deutschland| 1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55
+ " | 1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47
+ | | | || | || |
+Oesterreich| 1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69
+ " | 1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04
+ | | | || | || |
+Frankreich | 1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23
+ " | 1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05
+ | | | || | || |
+Verein. | 1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12
+Staaten | 1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18
+ | | | || | || |
+England u. | | | || | || |
+Wales | 1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51
+
+Zunächst geht aus der Zusammenstellung hervor, daß die Frauenarbeit
+überhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei
+Viertel aller erwerbsthätigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das
+übrigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte
+kam und sich mit seinen Wünschen in den Vordergrund zu drängen
+verstand, so ist dies ein Beweis mehr für die traurige Lage der
+Arbeiterinnen: sie bildeten jene große Armee der Stummen, denen die Not
+den Mund verschloß. Für ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle
+nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich
+der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren
+Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rückgang statt, der
+sich für Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrückt. Diese
+frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch
+die Zählung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr
+geringfügige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt,
+Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, müssen beide Kategorien, um
+einen Vergleich zu ermöglichen, auch für 1891 zusammengezählt werden.
+Das Resultat ist folgendes:
+
+ | | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs-
+ | Zahl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer
+ | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen
+Land |periode| Männer |Arbei- || Frauen |rinnen || kamen
+ | | |ter und|| |und An- ||Arbei-|Arbeite-
+ | | |Ange- || |gestell-|| ter | rinnen
+ | | |stellte|| |te ||
+-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+--------
+ | | | || | || |
+Frankreich | 1891 |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96| 71,97
+ " | 1896 |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61| 69,67
+
+Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung
+der Erwerbsthätigen aus bürgerlichen und proletarischen Elementen durch
+die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und
+der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an bürgerlichen
+Berufen im Laufe des zehnjährigen Zeitraumes zur Genüge erklärt. Aber
+noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins
+Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in
+Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und übersteigt
+die Zahl der männlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends
+wiederkehrendes Verhältnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten
+Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zählungsresultate zu legen ist,
+so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zählung, mit dem wir uns noch
+werden beschäftigen müssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es
+hauptsächlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten
+arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art
+mit untergelaufen sind.
+
+Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit muß aber noch von
+anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunächst im Vergleich mit dem
+Wachstum der Bevölkerung:
+
+ |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100
+ |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |Arbeiterinnen
+Länder |der ersten |der ersten |der ersten |der ersten
+ |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs-
+ |periode |periode |periode |periode
+ |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der
+ |zweiten |zweiten | zweiten |zweiten
+-----------+--------------+--------------+-------------+-------------
+Deutschland| 115 | 114 | 116 | 120
+Oesterreich| 108 | 108 | 119 | 147
+Frankreich | 101 | 102 | 114 | 99
+Vereinigte | | | |
+ Staaten | 126 | 124 | 124 | 140
+
+Aus vorstehender Berechnung geht hervor, daß eine normale Zunahme der
+Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevölkerung entspricht, nur
+soweit die Männer in Betracht kommen und zwar bloß in Deutschland und
+Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist überall
+eine anormale, sie übersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil,
+und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen
+Bevölkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr große, ja es
+zeigt sich auch hier eine weit stärkere Zunahme der weiblichen
+Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevölkerung, wenn wir der Berechnung
+die Zählungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen.
+
+ |Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 Ar-
+ |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |beiterinnen
+Land |der Zählung |der Zählung |der Zählung|der Zählung
+ |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891 |von 1891
+ |1896[463] |1896 |kamen 1896 |kamen 1896
+-----------+--------------+--------------+-----------+-----------
+Frankreich | 100 | 100,35 | 151 | 115
+
+Für England ist es unmöglich, den Fortschritt der proletarischen
+Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zählung eine
+soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthätige
+weibliche Bevölkerung über zehn Jahr in ihrem Verhältnis zur weiblichen
+Bevölkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung
+nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen über zehn
+Jahr 34,05 erwerbsthätig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz
+der männlichen Erwerbstätigen hat sich nicht verschoben, er betrug in
+beiden Zählungsperioden 83%.[464]
+
+Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und
+seine Verschiebung im Laufe der Zeit muß gleichfalls einer näheren
+Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschluß darüber:
+
+Länder |Zählungs-| | |Von
+ |periode |Männer |Frauen |100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |
+ | | | |Männer|Frauen
+------------------+---------+-------+-------+------+------
+Deutschland | 1882 |8020114|4408116| 64,53| 35,47
+ " | 1895 |9295082|5293277| 63,65| 36,35
+Oesterreich | 1880 |3670338|3642864| 50,19| 49,81
+ " | 1890 |4363074|5310639| 45,10| 54,90
+Frankreich[465] | 1881 |4376604|3635802| 54,62| 45,38
+ " | 1891 |4990635|3584518| 59,36| 40,64
+ " | 1891 |5563898|3735904| 53,44| 46,54
+ " | 1896 |8290204|4287006| 65,86| 34,14
+England und Wales | 1881 | -- | -- | -- | --
+ " " " | 1891 |5368965|3113256| 63,30| 36,70
+Vereinigte Staaten| 1880 |7053702|2041466| 77,56| 22,44
+ " " | 1890 |8735622|2864818| 75,30| 24,70
+
+Mit Ausnahme von Frankreich wäre der Eindruck eines Zurückdrängens der
+Männer durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der
+Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wäre, daß thatsächlich die
+Zunahme der männlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevölkerung gleichen
+Schritt hält, ja sie zum Teil übersteigt. Es handelt sich also wohl um
+eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rückgang der männlichen
+Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das
+Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zählung scheinen die Frauen
+den Männern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen
+der männlichen Arbeiter bringt die Erklärung dafür: danach sollen die
+Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fünf Jahren eine Zunahme von
+fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen
+Zunahme der Bevölkerung, selbst dann eine Unmöglichkeit, wenn in
+Betracht gezogen wird, daß die Zählung von 1896 die Kleinmeister (petits
+patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das
+Wahrscheinlichste angenommen werden, daß die Statistik von 1891 einen
+großen Teil der Arbeiter nicht erfaßte. Ist das der Fall, so würde die
+Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden.
+
+Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit
+einer Verdrängung der Männerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise
+dafür beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch
+von uns angeführte Thatsache, daß durch die Einführung neuer, leichter
+zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an
+Stelle der Männer treten. Ganz abgesehen davon, daß es auch Maschinen
+giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit
+verdrängen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, daß im allgemeinen
+von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein
+kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige
+Behauptung ist auch eines jener auf ungenügender Kenntnis der Thatsachen
+beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum
+Beweis dafür.[466] Es verblieben nämlich in der Stellung von berufslosen
+Familienangehörigen:
+
+Von je 1000 Personen | Deutschland | Oesterreich
+in der Altersklasse |-----------------+-----------------
+ |männlich|weiblich|männlich|weiblich
+--------------------------+--------+--------+--------+--------
+unter 20 Jahr | 742 | 812 | 655 | 691
+von 20-30 Jahr | 24 | 531 | 28 | 268
+ " 30-40 " | 9 | 743 | 11 | 340
+ " 40-50 " | 7 | 710 | 7 | 304
+ " 50-60 " | 10 | 632 | 8 | 267
+ " 60-70 " | 22 | 553 | 18 | 261
+ " 70 Jahr und darüber | 106 | 469 | 54 | 253
+
+Daraus geht hervor, daß in den für die Berufsarbeit entscheidenden
+Altersklassen kaum 1% Männer zum Eintritt in den Erwerb übrig bleibt.
+Man kann annehmen, daß dieses eine Prozent großenteils aus jenen
+physisch und moralisch Kranken besteht, die überhaupt von der
+Berufsarbeit ausgeschlossen sind, daß daher fast alle verfügbaren Männer
+zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr
+Anteil an der Berufsarbeit fällt wesentlich in das 20. bis 30.
+Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hälfte der Frauen
+erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den
+Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch
+nehmen. Erst in späteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rücktritt der
+Männer in die Reihen der Berufslosen beginnt, wächst wieder, infolge der
+großen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben.
+Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfähige
+Frauen verfügbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die
+ihr nötigen, aus der Männerwelt nicht zu deckenden Arbeitskräfte.
+Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische
+Frauenarbeit im Verhältnis stärker zunehmen als die Männerarbeit, ohne
+daß diese durch jene gefährdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar
+durch den Hinweis auf die große Zahl der Arbeitslosen entkräftet werden.
+Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem
+Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte
+Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Männer und
+Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht.
+
+Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch
+ein näheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen
+Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhältnis zu den Männern
+folgendermaßen:
+
+Länder |Zählungs-|Landwirtschaft
+ |periode |
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 |3629959|2251860| 61,71 | 38,29
+Deutschland | 1895 |3239646|2388148| 57,57 | 42,43
+Oesterreich | 1880 |1646317|2088985| 43,70 | 56,30
+Oesterreich | 1890 |1962688|3652445| 34,95 | 65,05
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1858131|1542407| 54,67 | 45,33
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2120799|1452924| 59,34 | 40,66
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2166351|1482772| 59,37 | 40,63
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3818509|1487123| 71,97 | 28,03
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | 807608| 40346| 95,26 | 4,74
+England und Wales | 1891 | 734984| 24150| 96,82 | 3,18
+Vereinigte Staaten | 1880 |2208400| 399309| 84,69 | 15,31
+Vereinigte Staaten | 1890 |2316399| 363544| 86,43 | 13,57
+
+Länder |Zählungs-|Industrie
+ |periode |
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 |3551014| 545229| 86,69 | 13,31
+Deutschland | 1895 |4963409| 992302| 83,35 | 16,65
+Oesterreich | 1880 |1193265| 449746| 72,63 | 27,37
+Oesterreich | 1890 |1558914| 585692| 72,69 | 27,31
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1869639|1161960| 61,67 | 38,33
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2146156|1173061| 64,72 | 35,28
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2262222|1219217| 64,98 | 35,02
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3048030|1611078| 65,42 | 34,58
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | | | |
+England und Wales | 1891 |3926934|1466130| 72,81 | 27,19
+Vereinigte Staaten | 1880 |2878133| 690798| 80,65 | 19,35
+Vereinigte Staaten | 1890 |4236760|1206807| 77,83 | 22,17
+
+Länder |Zählungs-|Handel und Verkehr
+ |periode |
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 | 582885| 144777| 80,11 | 19,89
+Deutschland | 1895 | 868042| 365005| 70,40 | 29,60
+Oesterreich | 1880 | 131043| 31039| 80,86 | 19,14
+Oesterreich | 1890 | 189281| 59246| 76,16 | 23,84
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | 304605| 119115| 71,89 | 28,11
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | 497655| 228656| 68,52 | 31,48
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | 909310| 334038| 73,10 | 26,90
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |1223919| 527073| 69,90 | 30,10
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | | | |
+England und Wales | 1891 | 638423| 12556| 98,07 | 1,93
+Vereinigte Staaten | 1880 | 91502| 4803| 95,90 | 4,10
+Vereinigte Staaten | 1890 | 127619| 10027| 92,72 | 7,28
+
+Länder |Zählungs-|Persönlicher Dienst und
+ |periode |Lohnarbeit wechselnder Art
+ | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 | 213746| 183836| 53,76 | 46,24
+Deutschland | 1895 | 198626| 233865| 45,91 | 54,09
+Oesterreich | 1880 | 495425| 501500| 49,70 | 50,30
+Oesterreich | 1890 | 620301| 588169| 51,23 | 48,77
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | | | |
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | | | |
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 | | | |
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | 5728| 95826| 5,65 | 94,35
+England und Wales | 1891 | 10097| 124253| 7,50 | 92,50
+Vereinigte Staaten | 1880 |1715733| 70179| 99,60 | 0,40
+Vereinigte Staaten | 1890 |1828265| 53096| 99,72 | 0,28
+
+Länder |Zählungs-|Häusliche Dienstboten
+ |periode |
+ | |Männer|Frauen |Von 100 Arbeitern
+ | | | |sind
+ | | | |männlich|weiblich
+-------------------------+---------+------+-------+--------+--------
+Deutschland | 1882 | 42510|1282414| 3,20 | 96,80
+Deutschland | 1895 | 25359|1313957| 1,89 | 98,11
+Oesterreich | 1880 |204288| 571594| 26,53 | 73,67
+Oesterreich | 1890 | 31890| 424387| 6,99 | 93,01
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |344229| 812320| 29,76 | 70,24
+Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70
+Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70
+ Angestellte) | | | | |
+Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |199746| 661732| 23,19 | 76,81
+ Angestellte) | | | | |
+England und Wales | 1881 | 66262|1230406| 5,11 | 94,89
+England und Wales | 1891 | 58527|1386167| 4,06 | 95,94
+Vereinigte Staaten | 1880 |159934| 876377| 15,43 | 84,57
+Vereinigte Staaten | 1890 |226679|1231344| 15,50 | 84,50
+
+Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit
+Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat,
+eine Abnahme, die sich für England und Amerika auch in den absoluten
+Zahlen ausdrückt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und
+Amerika eine raschere als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich
+und Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme
+stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die Frauenarbeit im
+Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle Länder. Für die Lohnarbeit
+wechselnder Art hat überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer
+stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen
+erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von
+Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, wieder mit Ausnahme
+von Amerika, überall an Zahl bedeutend zurückgingen. Eine absolute
+Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch für die weiblichen
+Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau
+genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen
+Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums zeigt am
+besten die Tabelle.
+
+Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.
+
+ | Landwirtschaft | Industrie | Handel und Verkehr
+ | | |
+ |-------------------+-------------------+-------------------
+ | Auf 100
+Länder |-------------------+-------------------+-------------------
+ |männliche|weibliche|männliche|weibliche|männliche|weibliche
+ |-----------------------------------------------------------
+ | Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der zweiten
+---------------+---------+---------+---------+---------+---------+---------
+Deutschland | | | | | |
+ 1882 bis 1890| 89 | 106 | 140 | 182 | 149 | 253
+Oesterreich | | | | | |
+ 1880 bis 1890| 119 | 175 | 131 | 130 | 144 | 191
+Frankreich | | | | | |
+ 1881 bis 1891| 114 | 94 | 116 | 101 | 163 | 192
+Frankreich | | | | | |
+ 1891 bis 1896| 176 | 100 3/10| 135 | 132 | 134 | 158
+Vereinigte | | | | | |
+ Staaten | | | | | |
+ 1880 bis 1890| 105 | 92 | 113 | 176 | 139 | 209
+
+ |Lohnarbeit |
+ |wechselnder Art | Dienstboten
+ |-------------------+-------------------
+ | Auf 100
+Länder |-------------------+-------------------
+ |männliche|weibliche|männliche|weibliche
+ |---------------------------------------
+ | Arbeiter der ersten Zählungsperiode
+ | kommen in der zweiten
+---------------+---------+---------+---------+---------
+Deutschland | | | |
+ 1882 bis 1890| 108 | 127 | 60 | 103
+Oesterreich | | | |
+ 1880 bis 1890| 125 | 117 | 16 | 72
+Frankreich | | | |
+ 1881 bis 1891| -- | -- | 66 | 86
+Frankreich | | | |
+ 1891 bis 1896| -- | -- | 87 | 95
+Vereinigte | | | |
+ Staaten | | | |
+ 1880 bis 1890| 106 | 76 | 142 | 141
+
+Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevölkerung, wie die
+Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, daß die proletarische
+Frauenarbeit in Industrie und Handel überall bedeutend rascher
+zugenommen hat als die Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die
+Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit
+hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung zurückblieben. Die
+verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen
+Arbeiterschaft während der letzten und der vorletzten Zählungsperiode
+giebt einen noch drastischeren Beweis dafür:
+
+ | | Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt in
+ | |-------------------------------------------------
+ | | | |Handel | |Häusliche
+ Länder |Zählungs-| Land- | | und |Lohnarbeit| Dienst-
+ | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art| boten
+-----------+---------+----------+---------+-------+----------+---------
+Deutschland| 1882 | 51,08 | 12,37 | 3,29 | 4,17 | 29,09
+ " | 1895 | 45,16 | 18,70 | 6,90 | 4,42 | 24,82
+Oesterreich| 1880 | 57,34 | 12,35 | 0,85 | 13,77 | 15,69
+ " | 1890 | 68,78 | 11,03 | 1,12 | 11,08 | 7,99
+Frankreich | 1891 | 39,69 | 32,64 | 8,94 | -- | 18,73
+ " | 1896 | 34,69 | 37,58 | 12,29 | -- | 15,44
+Vereinigte | 1880 | 19,56 | 32,84 | 0,24 | 3,44 | 42,92
+ Staaten | 1890 | 12,69 | 42,13 | 0,35 | 1,85 | 42,98
+
+Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der
+Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.
+
+In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zählungen der
+Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen
+beschränkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der
+deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen
+folgendermaßen gestaltet:[467]
+
+ | Weibliche Arbeiter
+ |
+Zählungs-|-------------------------
+periode |absolute | Zunahme
+ |Zahl |---------------
+ | |absolut|Prozent
+---------+---------+-------+-------
+ 1895 | 739 755| |
+ 1896 | 781 882| 41,127| 5,7
+ 1897 | 822 462| 40,580| 5,2
+ 1898 | 859 203| 36,741| 4,5
+ 1899 | 884 239| 35,036| 4,1
+
+Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich eine sehr starke ist,
+daß sie aber von Jahr zu Jahr an Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine
+rasche Zunahme der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht ziehen,
+obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht möglich
+ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß auch das Tempo des
+Wachstums der männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die
+industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die
+entsprechenden Zahlen für Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der
+mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden müssen,--sind
+besonders merkwürdig. Es zeigt sich nämlich, wie nachstehende Tabelle
+angiebt, daß dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den
+nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag folgte:
+
+ | Weibliche Arbeiter | Männliche Arbeiter
+ |--------------------------+--------------------------
+Zählungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme
+periode |--------------------------+--------------------------
+ | Zahl |absolut | Prozent| Zahl |absolut | Prozent
+---------+--------+--------+--------+--------+--------+--------
+ 1894 | 732760 | | | 1722183| |
+ 1896 | 844911 | 112,151| 15,9 | 1828403| 106,220| 6,2
+ 1898 | 812591 | -32,320| -3,9 | 1820979| -7,424| 0,4
+
+Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, wenn auch nicht in genau
+demselben Maß, doch das gleiche gilt.[468]
+
+Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch
+die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es giebt zweifellos
+auch unter den Selbständigen eine große Zahl proletarischer Existenzen,
+die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und
+Gewerbezählung annähernd feststellen lassen und diese liegt nur für
+Deutschland vor.[469] Wir müssen daher hierbei auf internationale
+Vergleichungen ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die
+Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig erfassen, weil die
+Einteilung der Betriebe nach ihren Größenklassen uns daran verhindert:
+Sie werden nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis
+20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke müssen wir daher
+bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, während Betriebe mit 2 Personen
+zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der
+Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein
+klares Bild zu bekommen, muß die Zahl der Frauen in den
+Gehilfenbetrieben ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender
+Tabelle geschieht:
+
+Gewerbearten | Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu-
+ |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab-
+ |betrieben| nahme |betrieben| nahme
+ | 1895 |seit 1882| 1895 |seit 1882
+----------------------+---------+---------+---------+----------
+Gärtnerei, Tierzucht | | | |
+ und Fischerei | 708 | 285 | 17998 | 10505
+Industrie, Bergbau, | | | |
+ Baugewerbe | 443333 | -87753 | 1114986 | 479030
+Handel, Verkehr, Gast-| | | |
+ und Schankwirtschaft| 145165 | 42500 | 617115 | 385591
+
+Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in
+der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus
+der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die
+Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist.
+Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht
+besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch deutlicher:
+
+Gewerbearten |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp.
+ |Allein- |Abnahme ||Gehilfen-|Abnahme
+ |betrieben| ||betrieben|
+-----------------------+---------+---------++---------+---------
+Strickerei und Wirkerei| 15472 | -2324 || 28164 | 14950
+Häkelei und Stickerei | 6178 | -336 || 6049 | 3413
+Spitzen-Verfert., | | || |
+ Weißzeugstickerei | 7802 | -8737 || 11532 | 7017
+Näherei | 185716 | -58183 || 28078 | 3848
+Schneiderei | 89250 | 35227 || 84350 | 46746
+Kleider- und | | || |
+ Wäschekonfektion | 585 | -3886 || 35409 | 15946
+Putzmacherei, | | || |
+ künstl. Blumen | 12429 | -1150 || 28874 | 11213
+Handschuh, Kravatten, | | || |
+ Hosenträger | 3995 | -4109 || 7760 | 1754
+Wäscherei, Plätterei | 66029 | -17662 || 27687 | 14057
+
+Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch die Zunahme
+in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser
+Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen
+selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbständigen immer noch
+eine außerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht:
+
+ |Von 100 |Von 100
+Gewerbearten |selbständigen|selbständigen
+ |Frauen sind |Männern sind
+--------------------------------+-------------+-------------
+Inhaber von Alleinbetrieben | 84,4 | 50,0
+ " " Gehilfenbetrieben | 15,6 | 50,0
+ " mit bis zu 5 Personen | 13,9 | 40,5
+ " " 6-20 Personen | 1,5 | 6,9
+ " " 21 und mehr Personen| 0,2 | 2,6
+
+Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der erwerbthätigen Frauen mit
+aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbständigen Frauen arbeiten
+allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich
+noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen
+Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die Stellung
+kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist.
+Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei
+Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der
+Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in
+sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich
+konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf
+dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen.
+
+In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein ähnliches. Rechnen wir die
+Selbständigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften,
+zu den Proletariern, so sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht
+weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende
+Tabelle giebt die genaueren Zahlen:
+
+Areal |Selbständige in der Landwirtschaft |Von je
+ |------------------------------------|100 Selb-
+ | Absolut | in Prozenten |ständigen
+ | | |sind
+ | Männer | Frauen | Männer | Frauen |weiblich
+---------------+--------+--------+--------+---------+---------
+unter 2 ha | 248209 | 177088 | 15,96 | 52,24 | 33,71
+2 bis 5 " | 604562 | 74565 | 27,70 | 22,00 | 10,98
+5 " 10 " | 501482 | 40059 | 22,98 | 11,82 | 7,40
+10 " 50 " | 636275 | 41167 | 29,15 | 12,14 | 6,08
+50 " 100 " | 62920 | 4182 | 2,88 | 1,23 | 6,23
+100 und mehr ha| 28921 | 1918 | 1,33 | 0,57 | 6,21
+
+Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts Genaueres, nach
+Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl
+ein schwacher Rückgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63%
+auf 76,51%,--angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der
+selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann
+darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der
+Industriestädte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Maß
+Gemüse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese
+Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der
+Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die
+von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Männern
+geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine
+schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die für die steigende
+Erwerbsthätigkeit der Frauen überhaupt: Not, und die durch die
+Erträgnisse des männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten
+Bedürfnisse.
+
+Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie nicht allein
+ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist ein Blick auf eine andere
+Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen.
+Sie für alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein
+das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist,
+daß, während fast sämtliche männliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter
+sind, von den weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden
+Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, auch unter
+Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, dieses:
+
+ || Von 100 berufsmäßigen ||Von 100 mithelfenden
+ || Arbeitern sind weiblich ||Familienangehörigen
+ || in Betrieben ||sind weiblich in Betrieben
+Berufsarten ||--------------------------||---------------------------
+ ||bis 5 |6 bis 20|über 20 ||bis 5 |6 bis 20|über 20
+ ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen
+--------------++--------+--------+--------++---------+--------+--------
+Landwirtschaft|| 14,3 | 25,6 | 19,9 || 76,5 | 85,6 | 85,7
+Industrie || 9,8 | 15,2 | 19,9 || 84,4 | 77,9 | 44,2
+Handel und || | | || | |
+ Verkehr || 44,0 | 34,0 | 20,2 || 92,9 | 85,9 | 79,7
+--------------++--------+--------+--------++---------+--------+--------
+ im ganzen || 18,9 | 19,5 | 20,0 || 90,2 | 82,0 | 56,0
+
+Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen läßt, ist außerordentlich
+wichtig für die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen,
+was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung
+emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten
+berufsmäßigen Arbeiterinnen,--besonders hervorstechend ist das
+Verhältnis in der Industrie,--und fast alle mithelfenden
+Familienangehörigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung
+des Großbetriebs eine Förderung der berufsmäßigen proletarischen
+Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben,
+eine große Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenüber
+steht. Gegenüber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie
+ausgebeuteten Kräfte sind die natürlichen Feinde der aufstrebenden
+weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und
+hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhöhung
+der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen
+zu sein, an der Familie einen Rückhalt haben.
+
+Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen läßt sich
+feststellen, daß die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in
+rascherem Tempo zugenommen hat, als die Männerarbeit und viel schneller
+gewachsen ist, als die weibliche Bevölkerung. Nur in Zeiten
+wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrängen der männlichen
+Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhältnissen zeigt sich dagegen,
+daß durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten,
+besonders in der Industrie, die männlichen Arbeitskräfte großenteils
+erschöpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie
+erfolgt in um so stärkerem Maße, als Frauen zur Verfügung stehen. Bis
+jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrücken der weiblichen Reservearmee
+zugleich ein Einrücken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten.
+Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annähernd ähnlichem Tempo wie
+die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres
+numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen
+zu höherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist
+als nichts Unnatürliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr
+durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schäden, die sie
+mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit überhaupt,
+sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der
+Arbeitsbedingungen.
+
+Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer
+Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte
+eingehender Erörterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von
+ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die
+Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen
+die meisten Frauen beschäftigt sind, giebt Aufschluß darüber:
+
+Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.[470]
+
+ | Deutschland | Oesterreich | England u. | Vereingte | Frankreich | Belgien
+ | | | Wales | Staaten | |
+ +-------------+-------------+--------------+--------------+--------------+-------------
+ | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von | |Von
+ | |100 | |100 | |100 | |100 | |100 | |100
+ | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar- | |Ar-
+ | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit- | |beit-
+ | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern | |ern
+Gewerbearten | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei- | |bei-
+ | |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei| |derlei
+ |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge- |Zahl |Ge-
+ |der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-|der |schle-
+ |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts |Ar- |chts
+ |beite-|sind |beite-|sind |beite- |sind |beite- |sind |beite- |sind |beite-|sind
+ |rinnen|weibl.|rinnen|weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen|weibl.
+-----------------+------+------+------+------+-------+------+-------+------+-------+------+------+------
+Kleider- und | | | | | | | | | | | |
+ Wäschekonfektion| 27453| 83,38| 59923| 93,58| 38812| 95,83| 304303| 98,08|\ |\ |\ |\
+Schneiderinnen | 61480| 31,66|\43678|\35,72| 82667| 48,89| 63809| 34,42|} |} |} |}
+Näherinnen | 97979|100,00|/ |/ |\ |\ | 146043| 97,33|} |} |}44324|}66,06
+Putzmacherinnen | 16517| 98,33| 7388| 89,04|}257408|}98,80| 60087| 99,35|} |} |} |}
+Korsettnäherinnen| 5663| 88,80| -- | -- |/ |/ | 5800| 88,78|} |} |/ |/
+Handschuh-, | | | | | | | | |} |} | |
+ Kravatten- und | | | | | | | | |}976161|}88,50| |
+ Hosenträger- | | | | | | | | |} |} | |
+ fabrikation | 6428| 54,45| 7863| 63,26| 9007| 78,50| 8675| 57,28|} |} | 3043| 52,20
+Hutfabrikation | | | | | | | | |} |} | |
+ und Kürschnerei | 7659| 31,24| 5070| 30,28| 16392| 45,74| 6694| 23,71|} |} | 1052| 23,88
+Blumen- und | | | | | | | | |} |} | |
+ Federn- | | | | | | | | |} |} | |
+ fabrikation | 8227| 87,32| -- | -- | 6174| 88,76| 2543| 83,48|/ |/ | -- | --
+Schuhfabrikation | 11537| 7,03| 8774| 6,54| 43671| 22,93| 33677| 15,77| -- | -- | 3154| 11,76
+Stroh-, Bast- und| | | | | | | | | | | |
+ Holzflechterei, | | | | | | | | | | | |
+ Strohhüte | 7297| 32,50| -- | -- | 11227| 54,58| 2423| 66,09| -- | -- | -- | --
+Spitzen- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation, | | | | | | | | | | | |
+ Stickerei und | | | | | | | | | | | |
+ Häkelei | 12376| 70,34| 18030| 75,35| 6945| 87,57| 4435| 84,38|\ |\ |\ |\
+Strickerei und | | | | | | | | |} |} |} |}
+ Wirkerei | 25325| 54,59| 8639| 62,35| 29111| 63,29| 20810| 70,40|} |} |} |}
+Posamenten- | | | | | | | | |} |} |} |}
+ fabrikation | 9974| 52,07| 5001| 67,72| 19634| 62,47| -- | -- |} |} |}95944|}62,80
+Spinnerei, | | | | | | | | |}483393|}52,18|} |}
+ Hechelei, | | | | | | | | |} |} |} |}
+ Haspelei |103350| 59,76| 31586| 55,46|\540832|\59,82|\202848|\49,72|} |} |} |}
+Weberei |175918| 48,47|116034| 43,01|/ |/ |/ |/ |} |} |/ |/
+Färberei und | | | | | | | | |} |} | |
+ Bleicherei | 22551| 29,96| 4494| 23,60| 5167| 11,75| 3246| 15,52|/ |/ | 1285| 21,88
+Gummi-, | | | | | | | | | | | |
+ Guttapercha-, | | | | | | | | | | | |
+ und Kautschuk- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation | 3532| 29,31| 308| 35,16| 4112| 40,22| 6456| 39,95|\ |\ | 306| 53,11
+Buchbinderei | | | | | | | | |} 23370|}35,76| |
+ und Kartonage | 15010| 32,22| 3242| 33,70| 30234| 71,15| 24603| 59,11|} |} | -- | --
+Papierfabrikation| 22352| 33,70| 6362| 40,12| 13101| 39,79| 2961| 13,57|/ |/ | 3043| 35,60
+Setzer, Drucker, | | | | | | | | | | | |
+ Lithographen und| | | | | | | | | | | |
+ Schriftgießer | 13071| 13,93| 1966| 15,72| 4737| 5,46| 12054| 10,32| 14720| 19,58| 745| 7,30
+Bäcker und | | | | | | | | | | | |
+ Konditoren | 23740| 14,10| 6617| 9,40| 26358| 28,56| 7961| 23,57|\ |\ | 228 | 2,15
+Herstellung | | | | | | | | |} |} | |
+ vegetabilischer | | | | | | | | |} 43795|}13.98| |
+ Nahrungsmittel | 13142| 28,60| 7916| 27,54| 5228| 5,36|\ |\ |} |} | -- | --
+Animalische | | | | | | |} 2130|}10,12|} |} | |
+ Nahrungsmittel | 18140| 15,20| 6192| 12,36| 26022| 29,54|/ |/ |/ |/ | -- | --
+Tabakfabrikation | 65286| 53,75| 16985| 89,01| 12574| 60,41| 27997| 25,08| -- | -- | 7710| 33,83
+Ziegelei, | | | | | | | | | | | |
+ Thonröhren- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation | 12925| 7,45| 7785| 68,10| 2601| 6,27| 144| 0,24| -- | -- |\ |\
+Steingut-, | | | | | | | | | | |} 1176|}19,90
+ Porzellan- | | | | | | | | | | |} |}
+ fabrikation | 11204| 27,22| 4552| 31,47| 21679| 39,28| -- | -- | -- | -- |/ |/
+Glasbläserei | 5095| 12,12| 11882| 32,57| 2086| 8,80| 1710| 0,50| -- | -- | 3174| 11,20
+Verarbeitung | | | | | | | | | | | |
+ edler Metalle | 9737| 30,55| 1222| 14,81| 3156| 16,54| 3349| 16,53| 7209| 31,95| -- | --
+Zinnwaren- | | | | | | | | | | | |
+ fabrikation | 7027| 13,48| 106| 20,78| 6466| 15,10| 899| 1,62| -- | -- | -- | --
+Nägelfabrikation | 1685| 12,78| 1152| 16,36| 4690| 50,52| 477| 10,41| -- | -- | -- | --
+Näh- und | | | | | | | | | | | |
+ Stecknadeln, | | | | | | | | | | | |
+ Stahlfedern | 2912| 26,98| -- | -- | 5220| 68,19| -- | -- | -- | -- | -- | --
+Besen- und | | | | | | | | | | | |
+Bürstenmacher |\ |\ | 758| 25,68| 5945| 80,56| 1166| 11,53| -- | -- | -- | --
+Schirmmacher und |} 5608|}30,07| | | | | | | | | |
+ Stockarbeiter |/ |/ | 4907| 15,49| 4086| 53,13| 1938| 56,95| -- | -- | -- | --
+Möbelfabrikation | | | | | | | | | | | |
+ und Tischlerei | 1760| 0,67| 5946| 7,73| 10921| 15,18| 1748| 6,81| -- | -- | 1040| 8,73
+Andere Industrie-| | | | | | | | | | | |
+ arbeiter | 6459| 23,23| 60164| 48,64| 40843| 5,64| 15908| 20,74| -- | -- | 8769| 86,59
+
+Sie zeigt deutlich, daß die Konzentration der Frauenarbeit auf
+bestimmte Berufe eine um so stärkere ist, je fortgeschrittner die
+industrielle Entwicklung des betreffenden Landes sich darstellt. Nehmen
+wir z.B. die Spitzenfabrikation, Stickerei und Häkelei: Deutschland
+zählt 70 %, England dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei
+und Kartonage, in der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in
+England 71 % Arbeiterinnen beschäftigt werden. Besonders
+charakteristisch ist auch die Möbeltischlerei: Deutschland zählt darin
+wenig über 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt zeigt es
+sich, daß in anderen Berufen die Frauenarbeit in den industriell
+vorgeschrittenen Ländern sehr geringen Anteil an ihnen hat. Als Beispiel
+diene die Glasbläserei: Oesterreich zählt 32 %, Deutschland 12, England
+8 und Amerika 1/2 % Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in
+der Oesterreich 16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter
+beschäftigt. So viele Umstände auch sonst noch bei der Zusammensetzung
+der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so scheint doch
+festzustehen, daß die allgemeine Tendenz eine Differenzierung nach
+Berufen bevorzugt, und das wachsende Eindringen der Frauen in bestimmte
+Berufe mit einem Rückgang der weiblichen Arbeiterschaft in anderen
+Berufen Hand in Hand geht, daß sich also nach und nach bestimmte fast
+ausschließlich von Frauen und andere fast ausschließlich von Männern
+besetzte Berufe herausbilden werden.
+
+Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der
+Konfektion, der Näherei, der Putzmacherei, der Blumen-, Federn- und
+Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und Kartonage, die
+Papier-, die Guttapercha- und die Kautschukfabrikation versprechen
+Frauenberufe zu werden. Die Gründe dieser sich immer stärker
+ausprägenden Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthätigkeit
+liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und körperlichen
+Veranlagung, teils in dem Umstand, daß bestimmte wohlfeile
+Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. möglichst billiger
+Arbeitskräfte notwendig machen. Was die Veranlagung betrifft, die an
+dieser Stelle ausschließlich in Betracht gezogen werden soll, weil der
+zweite Punkt die Arbeitsbedingungen berührt, die nicht hierher gehören,
+so ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein
+wesentliches Moment, das die Frau für alle Thätigkeiten prädestiniert,
+die in das Bereich der feinen Handarbeit fallen. Die Konfektion, die
+Stickerei, die Spitzenfabrikation u.a.m. gehören daher ebensowohl
+hierher, wie die Spinnerei und Weberei, solange sie keine großen
+Körperkräfte erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen
+besonders befähigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum
+Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie überall
+dort die männlichen Arbeiter verdrängen, wo die Maschine die menschliche
+Kraft ersetzt. Negativ sind im wesentlichen auch die geistigen
+Eigenschaften, die die Frauen in bestimmte Arbeitszweige hineintreiben.
+So werden sie durch ihren Mangel an geistiger Schulung und technischer
+Vorbildung für alle diejenigen Arbeiten gewählt, die ungelernte Arbeiter
+im allgemeinen gebrauchen können und die fast stets zu beobachtende
+Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle Gedanken auf eine Arbeit
+zu richten, ist die Ursache, daß rein mechanische Thätigkeiten ihnen mit
+Vorliebe überlassen werden. Diese negativen sowohl körperlichen als
+geistigen Fähigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige Resultat der
+gänzlichen Vernachlässigung, unter der das weibliche Geschlecht leidet,
+und das die Armen stets besonders hart getroffen hat. Aber auch die
+Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger sind die Folge der
+Erziehung und Gewohnheit. Die Hände des Mannes härteten sich, sie wurden
+breit und stark infolge der Arbeiten, die er von Urzeiten an
+verrichtete, die des Weibes wurden zarter, schmaler und gewandter, weil
+alle feineren Arbeiten meistens ihr überlassen blieben. Von größtem
+Einfluß hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist es aber
+auch, die den weiblichen Geist ungünstig beeinflußte, indem sie die
+Zerfahrenheit und Gedankenlosigkeit unterstützt hat; nichts ermöglicht
+mehr ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der
+Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die Einführung des
+maschinenmäßigen Betriebs, der, selbst in seiner einfachsten Form, der
+Nähmaschine, ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher
+auch von diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil für die Frauen.
+Würde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und körperliche
+Ausbildung, die der der Männer entspricht, Hand in Hand gehen, so wäre
+zu erwarten, daß nach Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflüsse
+die genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen
+Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren könnten. Das scheint
+unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer schärferen
+Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre Berufsarbeiten zu
+widersprechen, während es sie thatsächlich nur bestätigt. Denn erst die
+Beseitigung anerzogener Eigenschaften wird den natürlichen zur
+Entwicklung verhelfen und zwar dürfte sich dabei folgendes
+herausstellen: in Bezug auf ihre Körperkräfte werden die Geschlechter
+sich einander nähern, weil einerseits die bisher fast ungenutzten des
+Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke Muskelkraft
+erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre Existenzberechtigung
+mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch Mangel an Uebung notwendig
+an Kraft verlieren wird. Die geistigen Kapazitäten der Geschlechter
+dagegen werden sich in durchaus verschiedener Richtung entwickeln und
+die Differenzierung in den Berufen wird infolgedessen nicht wie heute
+auf ihre körperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen Eigenschaften
+zurückzuführen sein.
+
+Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen zu den
+Thatsachen zurück. Da ist es nun notwendig ein wichtiges, weit
+ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, das großenteils noch
+arg im Dunkel liegt: die Hausindustrie.
+
+Deutschland und Belgien gebührt bis jetzt das Verdienst, eine Statistik
+der Hausindustrie unternommen zu haben. Natürlich ist sie eine
+unvollkommene geblieben, weil gerade die in ihr beschäftigten Personen
+außerordentlich schwer zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht
+angenommen werden kann, daß die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind,
+so ist der Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten
+Zählungen in Deutschland insofern zuverlässig, als ihre Methoden die
+gleichen waren. Es zeigt sich danach, daß die Hausindustriellen im
+allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind sie, nach den Angaben der
+Arbeiter, bei der Gewerbezählung von 476080 im Jahre 1882 auf 460085 im
+Jahre 1895, nach den Angaben der Unternehmer von 544980 auf 490711
+zurückgegangen; die Betriebe dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie
+beschäftigen, sind von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der
+einzelnen Gewerbearten führt jedoch zu dem Resultat, daß die Abnahme
+sich nicht auf alle gleichmäßig verteilt, daß vielmehr bedeutende
+Abnahmen auf der einen Seite von starken Zunahmen auf der anderen
+begleitet werden.[471] Eine Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je
+nach der Verschiedenheit ihrer Entwicklung, führt zu folgenden
+Resultaten:
+
+Gewerbearten mit Verminderungstendenz.
+
+ | Seit 1882 haben abgenommen
+ |------------------------------
+Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl
+ | | um
+--------------------------------+--------------+---------------
+ | |
+Zeugschmiede, Scherenschleifer, | |
+ Feilenhauer | 2006 | 4044
+Seiden- und Shoddyspinnerei | 2037 | 2922
+Baumwollspinnerei | 4067 | 3645
+Seidenweberei | 20000 | 34381
+Leinenweberei | 10660 | 14667
+Baumwollenweberei | 18859 | 19089
+Weberei von gemischten Waren | 5811 | 4895
+Strickerei und Wirkerei | 7026 | 12768
+Häkelei und Stickerei | 1251 | 549
+Posamentenfabrikation | 73 | 2098
+Strohhutfabrikation und | |
+ Strohflechterei | 4185 | 2836
+Näherinnen | 12391 | 11502
+Handschuhmacherei, | |
+ Kravattenfabrikation | 4087 | 3653
+ |--------------+---------------
+ | 92483 | 117049
+
+Gewerbearten mit Vermehrungstendenz.
+
+ | Seit 1882 haben zugenommen
+ |------------------------------
+Gewerbearten | Betriebe um | Personenzahl
+ | | um
+--------------------------------+--------------+---------------
+Grobschmiede | 1394 | 2638
+Schlosser | 1126 | 2903
+Stellmacher | 986 | 1519
+Musikinstrumente | 1383 | 1955
+Wollenweberei | 645 | 4072
+Gummi- und Haarflechterei | 1712 | 889
+Spitzenverfertigung und | |
+ Weißzeugstickerei | 2091 | 5560
+Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 1041 | 1673
+Verfertigung grober Holzwaren | 530 | 634
+Tischlerei und | |
+ Parkettfabrikation | 3934 | 9338
+Korbmacherei | 3903 | 6007
+Dreh- und Schnitzwaren | 1805 | 3526
+Tabakfabrikation | 3400 | 6949
+Schneiderei | 17268 | 30106
+Konfektion | 382 | 885
+Putzmacherei | 376 | 96
+Schuhmacherei | 7099 | 7765
+Wäscherei | 1353 | 2388
+ |--------------+---------------
+ | 50228 | 88883
+
+Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, daß diejenige Art der
+Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten handwerksmäßigen
+Organisation angesehen werden kann, im allgemeinen im Absterben
+begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im ersten Augenblick überraschend
+wirkt, die Zahl der Näherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen
+darauf zurückzuführen, daß sie sich in Werkstatthausindustrielle
+umgewandelt haben. Das beweist folgende Zusammenstellung: Es wurden
+Näherinnen gezählt in Betrieben mit
+
+
+ |zwei |drei bis |sechs bis |zwei bis
+ |Personen|fünf Pers.|zehn Pers.|zehn Pers.
+-----+--------+----------+----------+----------
+1882 | 6551 | 2321 | 793 | 9656
+1895 | 11514 | 9247 | 2456 | 23247
+
+Diese Tendenz zur Zusammenfassung der früher vereinzelt
+arbeitenden Näherinnen in Werkstätten ist im wesentlichen auf die
+Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Die Ausgaben für Miete werden
+geringer, wenn der Arbeitsraum erspart und eine bloße Schlafstelle dafür
+eingetauscht wird.
+
+Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin
+beschäftigten Personen betrifft, so hängt sie fast ohne Ausnahme mit der
+Entwicklung einer durchaus modernen Form der Hausindustrie zusammen, die
+zugleich die allein lebensfähige ist: die Werkstattarbeit mit dem
+Zwischenmeister, an der Spitze, der zwischen dem Verleger und dem
+Arbeiter die Vermittlung übernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich
+diese Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in
+der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der
+Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten
+ist.
+
+Das Geschlechtsverhältnis in der deutschen Hausindustrie ist von
+besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es zunächst die übliche
+Meinung von einem Ueberwiegen der Frauen. Das Verhältnis ist
+dieses:[472]
+
+ 1895 | 1882 | 1895
+-------------------+----------------------------------
+männliche|weibliche|Von je 100 Hausindustriellen sind
+-------------------+----------------------------------
+ Hausindustrielle | Männer Frauen | Männer Frauen
+-------------------+-----------------+----------------
+ 256131 | 201853 | 56,3 43,7 | 55,9 44,1
+
+Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine zufällige oder
+vorübergehende, sie hängt vielmehr eng mit der ganzen modernen
+Entwicklung der Hausindustrie zusammen, die mit darauf zurückzuführen
+ist, daß der Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse
+machen will. Er sucht die billigsten Arbeitskräfte und stößt dabei
+zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in welchen Arbeitszweigen die
+Zunahme der Frauenarbeit am stärksten war:
+
+ | 1882 | 1895
+ |------------------
+ | Von je 100
+Gewerbearten | Hausindustriellen
+ | sind weiblich
+-------------------------------------+------------------
+Töpferei | 7,9 | 29,9
+Glasbläserei vor der Lampe | 27,7 | 44,9
+Gold- und Silberschlägerei | 50,0 | 53,3
+Gold- und Silberdrahtzieherei | 80,3 | 86,9
+Verfertigung von Spielwaren aus | |
+ Metall, feinen Blei- und Zinnwaren | 38,6 | 60,1
+Erzeugung von Metalllegierungen | 13,3 | 35,8
+Blechwarenfabrikation | 5,1 | 27,6
+Fabrikation von Weberei- und | |
+ Spinnereimaschinen | 30,5 | 37,2
+Verfertigung von Bleistiften | 65,8 | 83,5
+Leinenweberei | 35,0 | 43,4
+Baumwollweberei | 25,9 | 43,3
+Weberei von gemischten Waren | 18,7 | 33,4
+Gummi- und Haarflechterei | |
+ und -Weberei | 60,6 | 81,5
+Strickerei und Wirkerei | 29,0 | 50,3
+Leinenbleicherei und -Färberei | 19,4 | 50,9
+Färberei und Bleicherei | 19,7 | 21,2
+Verfertigung von Papiermachéwaren | 42,0 | 50,0
+Buchbinderei und Kartonage | 36,3 | 40,8
+Sattlerei, Spielwaren aus Leder | 32,7 | 44,7
+Verfertigung von Dreh- und | |
+ Schnitzwaren | 6,7 | 13,2
+Tabakfabrikation | 30,3 | 45,2
+Putzmacherei | 93,8 | 99,8
+Hutmacherei und Filzwaren | 34,8 | 36,3
+Verfertigung von Korsetts | 67,1 | 94,8
+
+Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß eine Verschiebung zu
+Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr vielen Fällen dort
+stattfindet, wo es sich um alte, absterbende Formen der Hausindustrie
+handelt. Sie nimmt die verlassene, dem Untergang geweihte Männerarbeit
+auf, und ist in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der
+Entwicklung. Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Textilindustrie.
+Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich ein
+Rückgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; allein von
+den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre 1895 weniger
+gezählt worden. Trotz dieses Rückgangs zeigt die Frauenarbeit im
+Verhältnis zur Männerarbeit wesentliche Fortschritte. Sie verlängert den
+Todeskampf der Textilhausindustrie. Der Umstand, daß dem Unternehmertum
+eine Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeiläßt, gegen
+Hungerlöhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die Entwicklung der
+Hausindustrie zur Großindustrie, wie sie andernfalls heute schon möglich
+wäre. Das sehen wir unter anderem bei der Tabakfabrikation und der
+Buchbinderei und Kartonage. Der Maschinenbetrieb könnte an Stelle des
+Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer
+schlimmsten Form den Todesstoß versetzen. Das gilt auch in
+beschränkterem Maße von der Nähmaschinenarbeit in jeder Form: die
+Einführung motorisch betriebener Nähmaschinen scheitert wesentlich an
+der Billigkeit weiblicher Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer höchsten
+Vollendung, der mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige
+Gegner, der die Hausindustrie zu besiegen im stände ist. Außerhalb ihres
+Eroberungsgebiets giebt es keine fühlbare Aufsaugung durch die
+Fabrik.[473]
+
+Unter den übrigen hier in Betracht kommenden Ländern hat zweifellos
+Oesterreich eine besonders hohe Zahl von Hausindustriellen zu
+verzeichnen. Es fehlt aber an einer zusammenfassenden Statistik.
+Neuerdings sind Spezialberichte der Gewerbeinspektoren erschienen, die
+aber noch nicht vollendet vorliegen. Der erste Band[474] behandelt nur
+Böhmen und giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende
+Aufschlüsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst die
+unübersteiglichen Hindernisse, die einer genauen zahlenmäßigen
+Darstellung entgegenstehen: Mißtrauen der Unternehmer sowohl wie der
+Arbeiter, die als den Zweck der Nachfragen eine schärfere Besteuerung
+vermuten, Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter
+Gründe, die auch die deutsche Statistik als ungenügend kennzeichnen
+ließen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, hat eine Statistik
+aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren Heimarbeiter beschäftigt:
+
+Heimarbeiter im Budweiser Bezirk
+
+männlich|weiblich|mithelfende |im ganzen
+ | |Familienangehörige|
+--------+--------+------------------+---------
+ 5231 | 6107 | 4317 | 15655
+
+Die Zahl der Frauen überwiegt danach die der Männer um fast tausend und
+ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter den "mithelfenden
+Familienangehörigen" sich neben den Kindern zweifellos mehr Frauen als
+Männer befinden. Besonders stark sind die Frauen in Oesterreich in der
+Spitzenindustrie, der Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der
+noch vielfach ganz im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei
+beschäftigt. An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische
+Berechnung der Brünner Handelskammer, die auf einer Kombination der
+Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik
+beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller Arbeiter,
+feststellt[475], kann nur ungenau sein und bleibt jedenfalls hinter der
+Wirklichkeit zurück.
+
+Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und ihre
+zahlenmäßige Erfassung eine ganz unzuverlässige. Für die Frauen kommt im
+wesentlichen die Seiden- und die Spitzenindustrie, die Näherei,
+Schneiderei, die Handschuhnäherei und die Verfertigung der sogenannten
+Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhône wurden noch gegen
+20000 Handwebstühle für Seidenwaren gezählt, die eine noch größere Zahl
+von Arbeitern für die erste Bearbeitung der rohen Seide zur
+Voraussetzung haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie
+beschäftigt vielleicht heute noch eine viertel Million Arbeiterinnen. In
+der Schneiderei beschäftigt allein Paris 72 % Frauen, in der
+Handschuhnäherei 57 %, in der Herstellung von Articles de Paris 80 %,
+fast lauter Hausindustrielle.
+
+England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der alten Form
+der Hausindustrie schon gründlich aufgeräumt. Dagegen hat die moderne
+sich rasch entwickelt. Sie umfaßt hauptsächlich die Konfektionsindustrie
+und die Schuhmacherei. Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie
+vollständig. Für Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die
+Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die ihre
+Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von dem
+elendesten und schwächsten Menschenmaterial nährt, das Europa abstößt.
+Ueber ihre Zunahme giebt folgende, auf Illinois bezügliche Tabelle
+Aufklärung:[476]
+
+Zählungs-| | | |
+ periode |Werkstätten|Männer|Frauen|Kinder|Im ganzen
+---------+-----------+------+------+------+---------
+ 1893 | 704 | 2611 | 3617 | 595 | 6823
+ 1894 | 1413 | 4469 | 5912 | 721 | 11101
+ 1895 | 1715 | 5817 | 7780 | 1307 | 14904
+ 1896 | 2378 | 6383 | 7181 | 1188 | 14752
+
+Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine raschere
+Zunahme als die Männerarbeit, der gegenüber sie auch absolut im
+Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres erklärt sich teils aus
+der strengeren Handhabung der Gesetze, teils daraus, daß es sich bei den
+vorliegenden Zahlen nur um Werkstättenarbeiter handelt, die vereinzelten
+Heimarbeiter dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die
+Gesetzgebung in die Werkstätten eingreift, wobei es sich fast immer um
+den Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich
+in die Heimarbeit zurückziehen müssen.
+
+Die belgische Berufszählung von 1896[477]--die erste, die sich hier mit
+der Frage beschäftigte--teilt alle Arbeiter in zwei große Kategorien
+ein: 1.) Die in Fabriken, Werkstätten u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich
+zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthätig
+sind. Das heißt mit anderen Worten, daß nur die eigentlichen
+Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen
+Ergebnisse der nach diesen Grundsätzen erfolgten Erhebung waren
+folgende:
+
+ | Es waren beschäftigt | Von 100
+ |-----------------------| Arbeitern
+ | Männer | Frauen | waren weiblich
+------------------+-----------+-----------+---------------
+In Fabriken, Werk-| | |
+ stätten u.s.w. | 588248 | 115981 | 16,47
+Zu Hause | 41689 | 77058 | 64,89
+------------------+-----------+-----------+---------------
+Im ganzen | 629937 | 193039 | 23,43
+
+Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel bedeutender
+als die der Männer und beträchtlich größer als der Anteil der
+Arbeiterinnen an der Fabrikarbeit im Verhältnis zu dem der Männer. Die
+wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind:
+
+Spitzenarbeiterinnen 49158
+Kleiderkonfektion 7166
+Handschuhfabrikation 3477
+Strohflechterei für Hüte 2611
+Wollenweberei und Spinnerei 2458
+Leinenweberei und Spinnerei 2383
+Strickerei 2376
+Schuhmacherei 1437
+
+Die große Zahl der Spitzenarbeiterinnen fällt hier besonders ins Auge.
+Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr allergrößter Teil, nämlich über
+47000, auf dem Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist
+aber jetzt schon eine gefährliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum
+Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestädte zu entvölkern.
+
+Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die
+erwerbsthätigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. Sie würde
+weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen gehen, wenn nicht
+gerade die Frauen sie zäh am Leben erhielten, worin sie von den
+Unternehmern--allein die Zunahme der hausindustriellen Betriebe in
+Deutschland spricht dafür--unterstützt werden. Die Gründe dafür sind
+teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, unter dem die an
+Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und die den aufklärenden
+Ideen den Zugang zu ihr verschließen, teils in dem Bestreben des
+profitgierigen Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsräumen,
+Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze zu
+umgehen. Beweis dafür ist unter anderem, daß in dem industriell
+fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie den geringsten und
+in einem der zurückgebliebenen Länder z.B. in Oesterreich, allem
+Anschein nach den größten Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar
+hervor, daß die fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer
+gegenwärtigen Form nach und nach vernichten wird.
+
+Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine besondere
+Betrachtung: diejenigen nämlich, die in persönlichen oder häuslichen
+Diensten stehen, und zu denen, außer den Dienstboten, die
+Aufwartefrauen, Köche etc., die Wäscherinnen und die Kellnerinnen
+gehören. Ihre Zahl ist folgende:
+
+-------------------------------------------------------------------------------
+ | | | England |
+Berufsarten | Deutsch- | Oester- | und | Vereinigte
+ | land | reich | Wales | Staaten
+-----------------------------------+----------+---------+---------+------------
+Häusliche Dienstboten | 1313957 | 424387 | 1386167 | 1302728
+Aufwartefrauen, Köche u.s.w. | 182769 | 75533 | 124253 | 3444
+Wäscherinnen | 129513 | -- | 185246 | 216631
+Kellnerinnen und Hotelbedienstete | 302743 | 76083 | 87984 | --
+
+Wir haben schon gesehen, daß die Zahl der Dienstboten fast überall im
+Rückgang begriffen ist. Vergleichen wir die Zahl der weiblichen
+Dienstboten im Verhältnis zur Bevölkerung, so ist das Resultat dieses:
+
+ | | Auf 100 Personen
+ Länder |Zählungs- | der Bevölkerung
+ |periode | kamen weibliche
+ | | Dienstboten
+-------------------+----------+------------------
+Deutschland | 1882 | 2,84
+ " | 1895 | 2,54
+Oesterreich | 1880 | 2,58
+ " | 1890 | 1,78
+England und Wales | 1881 | 2,69
+ " " " | 1891 | 2,28
+Vereinigte Staaten | 1880 | 1,75
+ " " | 1890 | 1,97
+Frankreich | 1881 | 2,17
+ " | 1891 | 1,84
+ " | 1896 | 1,73
+
+Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika überall eine Abnahme
+der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika fällt auch nicht
+schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von 1880 ein ungemein niedriger
+war und der wachsende Reichtum eines Teils der Bevölkerung eine
+Steigerung im Gefolge haben mußte. Das Bild dürfte sich wesentlich
+verschieben, sobald die Ergebnisse der Zählung von 1900 vorliegen, denn
+das Verhältnis der Zahl der Dienstboten zur Bevölkerung hängt nicht nur
+von deren pekuniären Lage, von der Lust oder Unlust der Mädchen zum
+Dienen ab, sondern sehr wesentlich auch von dem Umstand, welche
+Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft umfaßt. Je mehr sie, wie es z.B. in
+England und Frankreich besonders deutlich sichtbar ist,
+zusammenschrumpfen, desto mehr werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen
+werden sich die für gelegentliche Dienstleistungen benötigten außer dem
+Hause wohnenden Hilfskräfte vermehren. Sie standen in folgendem
+Verhältnis zur Bevölkerung:
+
+ | |Auf 100 Personen
+ | |der Bevölkerung
+ | |kamen außerhäus-
+Länder |Zählungsperiode|liche Dienstboten
+------------------+---------------+-----------------
+Deutschland | 1882 | 0,26
+ " | 1895 | 0,35
+Oesterreich | 1880 | --
+ " | 1890 | 0,32
+England und Wales | 1881 | 0,47
+ " " " | 1891 | 0,55
+
+Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen Stand der
+Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf Zugehörigen ein
+sehr unbestimmter ist,--deshalb mußten die Zahlen für Frankreich und die
+Vereinigten Staaten ganz fortgelassen werden,--sondern weil sicher viele
+hierher Gehörige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", "Tagelöhner" etc.
+einbezogen worden sind. Eine starke Vermehrung hat auch die Zahl der
+Kellnerinnen und Hotelbediensteten erfahren, die sich aber nur für
+Deutschland feststellen läßt, wo sie 33 % beträgt. Es kann aber auch im
+allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und Restaurant-Personals
+angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit der Abnahme der Dienstboten
+und beweist auch ihrerseits, daß der Privathaushalt zu Gunsten des
+öffentlichen im Rückgang begriffen ist: Das Leben außer dem Hause ist
+für einen großen Teil der Bevölkerung immer mehr in Aufnahme gekommen.
+
+Eine außerordentlich wichtige Seite der Arbeiterinnenfrage, deren
+Statistik freilich bisher im allgemeinen sehr unzureichend blieb, ist
+die Alters- und Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie
+gewährt einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische
+Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und Reformpläne
+nach dieser Richtung.
+
+Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundsätzen, als den Prinzipien
+geistig-sittlicher Volkserziehung, daß die Erwerbsthätigkeit in ihrer
+heutigen aufreibenden Form nicht vor dem achtzehnten resp. dem
+zwanzigsten Lebensjahre einsetzen sollte. Betrachten wir daraufhin
+folgende Tabellen:
+
+Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von
+---------------------------------------------
+ unter 20 Jahren 346
+ 20-30 " 314
+ 30-40 " 124
+Deutschland 40-50 " 92
+ 50-60 " 73
+ 60-70 " 39
+ 70 Jahren und darüber 12
+---------------------------------------------
+ unter 20 Jahren 200
+ 21-30 " 220
+ 31-40 " 182
+Oesterreich 41-50 " 173
+ 51-60 " 135
+ 61-70 " 71
+ über 70 " 19
+---------------------------------------------
+ unter 18 Jahren 141
+ 18-24 " 209
+ 25-34 " 218
+Frankreich 35-44 " 152
+ 45-54 " 125
+ 55-64 " 90
+ 65 Jahren und darüber 65
+
+Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen hierbei
+auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! In
+Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich fällt
+die stärkste Beteiligung der Frauen an der proletarischen Arbeit in das
+einundzwanzigste bis dreißigste, in Frankreich in das fünfundzwanzigste
+bis vierunddreißigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser Richtung
+hier die gesündesten Verhältnisse vor uns. Andererseits aber sehen wir,
+daß vom vierzigsten Jahre ab in Deutschland die Frauenarbeit bedeutend
+abnimmt, während sie in Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in
+Frankreich im vierundfünfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und
+während in Deutschland die über siebzigjährigen Greisinnen 12 % der
+Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % und Frankreich für die
+über fünfundsechzigjährigen gar 65 % auf. Im allgemeinen verteilt sich
+die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland
+weit regelmäßiger über das ganze Leben, hat daher, die starke
+Beteiligung der Greisinnen abgerechnet, einen normaleren Charakter
+angenommen. Noch deutlicher tritt uns die Altersgliederung der
+Arbeiterinnen entgegen, wenn wir sie im Verhältnis zur weiblichen
+Bevölkerung betrachten:
+
+Von je 1000 weiblichen Personen
+ im Alter sind
+ von Arbeiterinnen
+------------------------------------------
+ 14-20 Jahren 397
+ 20-30 " 273
+ 30-40 " 136
+Deutschland 40-50 " 127
+ 50-60 " 127
+ 60-70 " 105
+ 70 Jahren und darüber 57
+------------------------------------------
+ 11-20 Jahren 570
+ 21-30 " 685
+ 31-40 " 577
+Oesterreich 41-50 " 561
+ 51-60 " 507
+ 61-70 " 393
+ über 70 " 218
+------------------------------------------
+ unter 24 Jahren 517
+ 25-34 " 324
+Frankreich 35-44 " 256
+ 45-54 " 237
+ 55-64 " 245
+ 65 Jahren und darüber 161
+
+In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller vierzehn- bis
+zwanzigjährigen Mädchen im Kampf ums Brot. Eine erschreckende Zahl! In
+Frankreich, wo der Vergleich nicht genauer durchgeführt werden konnte,
+weil zwar die Bevölkerung nach fünfjährigen Altersperioden gegliedert
+wurde, man für die Berufsthätigen der jüngeren Altersklassen aber eine
+andere Einteilung, nämlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis
+vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung sämtlicher
+Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine außerordentlich hohe.
+Die gesteigerte Erwerbsthätigkeit fällt besonders für die Altersklasse
+zwischen dem fünfundfünfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre auf.
+
+Von noch größerer Bedeutung für die Beurteilung der proletarischen
+Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes der Arbeiterinnen. Leider
+ist das vorliegende statistische Material insofern ganz ungenügend, als
+die Darstellung des Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und
+der sozialen Schichtung zum Teil vollständig fehlt. Ein Vergleich
+zwischen den Zählungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur für
+Deutschland möglich, und zwar auch hier mit der Einschränkung, daß im
+Jahre 1882 die Verwitweten, resp. Geschiedenen mit den Ledigen
+zusammengerechnet, während sie 1895 getrennt gezählt wurden.
+
+Auf Grund der letzten Zählungen stellt sich die Gliederung nach dem
+Familienstand folgendermaßen dar:
+
+ | | Von je 1000 Arbeiterinnen waren
+Länder | Zählungsperiode |---------------------------------
+ | | ledig | verheiratet | verwitwet
+------------+-----------------+--------+-------------+----------
+Deutschland | 1895 | 702 | 215 | 83
+Oesterreich | 1890 | 424 | 446 | 130
+Frankreich | 1896 | 649 | 206 | 145
+Vereinigte | | | |
+ Staaten | 1890 | 791 | 113 | 96
+
+Bei dieser Zusammenstellung fällt Oesterreich wieder besonders ins Auge,
+wo mehr verheiratete als ledige Frauen Arbeiterinnen sein sollen. Dieses
+Verhältnis kann nicht allein dadurch erklärt werden, daß bei der Zählung
+die Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke
+war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine
+Berücksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der österreichischen
+Statistik führt vielmehr zu dem merkwürdigen Resultat, daß in der
+Landwirtschaft 2106618 verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382
+verheirateten Arbeitern aufgeführt werden! Um festzustellen, ob diese
+enorme Zahl verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der Möglichkeit
+liegt, müßte man in Erfahrung bringen können, wo sich die Ehemänner
+dieser Frauen befinden. Möglich, daß die Gattinnen der Besitzer
+landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also unter der Rubrik der
+Selbständigen zu finden wären, sich als Arbeiterinnen bezeichneten,
+immerhin könnte das für die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht
+zutreffen, da nur 1500000 selbständige verheiratete Landwirte ihnen
+gegenüber stehen, deren Frauen unmöglich fast alle Arbeiterinnen sein
+können. Es bleibt also nur noch übrig anzunehmen, daß Frauen von
+Industriearbeitern, die etwa neben der Hauswirtschaft ein kleines
+Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen eingetragen wurden. Diesen
+günstigsten Fall, und nicht, wie es nahe läge, positive Fehler in der
+Erhebung selbst angenommen, scheint es klar zu sein, daß diese zwei
+Millionen verheirateter Landarbeiterinnen zu einem großen Teil nicht als
+Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden können. Auffallend
+bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der hohe Prozentsatz Verwitweter
+resp. Geschiedener in Oesterreich und Frankreich. Die Armut des Volks
+zwingt in Oesterreich eine besonders große Zahl von Witwen zur
+Erwerbsarbeit, während in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und
+eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einfluß auf die prozentuale
+Gestaltung des Familienstandes sind.
+
+Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verhältnis zu dem der vorletzten
+Zählungsperiode, so ergiebt sich für Deutschland folgendes:
+
+ | | Von 1000 Arbeiterinnen waren
+ | Zählungsperiode |-------------------------------
+ | | ledig resp. ver- | verheiratet
+ | | witwet |
+------------+-----------------+------------------+------------
+Deutschland | 1882 | 827 | 173
+ " | 1895 | 785 | 215
+
+In absoluten Zahlen ausgedrückt ist das Verhältnis dieses:
+
+ | | Von 1000 Arbeiterinnen waren[A]
+ | Zählungsperiode |-------------------------------
+ | | ledig resp. ver- | verheiratet
+ | | witwet |
+------------+-----------------+------------------+------------
+Deutschland | 1882 | 2433682 | 507784
+ " | 1895 | 2938283 | 807172
+------------------------------+------------------+------------
+Zunahme: | 504601 | 299388
+
+[Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende "Von
+1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.]
+
+Für Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht möglich. Dagegen liegt
+eine Spezialerhebung vor, die nicht ohne Wert für die vorliegende Frage
+ist.[478] Ihre Resultate sind aus einer Enquête gewonnen worden, die
+1067 verschiedene industrielle Betriebe in dreißig verschiedenen Staaten
+mit 42990 männlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in der früheren
+Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380 männlichen und 79987
+weiblichen Arbeitern in der letzten (1895 bis 96) umfaßte. Wir haben es
+also in beiden Fällen mit ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten
+Staaten zu thun, wonach die Bedeutung der Ergebnisse sich annähernd
+bewerten läßt. Sie waren folgende:
+
+Von 51539 Frauen waren 1885-86
+
+Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt
+-----------++-----------++-----------++-----------++------------
+Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz.
+solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut|
+-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------
+32801|63,6 || 1357| 2,6 || 498 | 1,0 || 4 | -- ||16879| 32,8
+
+Von 79987 Frauen waren 1895-96
+
+Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt
+-----------++-----------++-----------++-----------++------------
+Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz.
+solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut|
+-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------
+70921|88,7 || 6775| 8,5 ||2011 | 2,5 || 36 | -- || 244| 0,3
+
+Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr eingeschränkt,
+daß in der früheren Zählungsperiode von fast einem Drittel aller
+Arbeiterinnen der Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der
+Augenschein dafür spricht, daß die Verheirateten und die Verwitweten
+zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht aufzunehmen, da
+die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten Familienstandes im Jahr 1885
+bis 1886 einen genauen Vergleich von vornherein ausschließt.
+
+Für England sind wir auf noch unsicherere Zahlen angewiesen. Eine
+Zählung des Familienstandes in Verbindung mit der Berufsthätigkeit und
+der sozialen Schichtung wurde weder 1881 noch 1891 im Zusammenhang mit
+dem Zensus vorgenommen. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden, auf
+Grund seiner Ergebnisse den Familienstand der Arbeiterinnen
+festzustellen.[479] Zwei Angaben der Erhebungen bildeten die
+Anhaltspunkte für die Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl
+aller berufsthätigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, wohl
+bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthätigen übertraf, gab die
+Differenz zwischen beiden Zahlen die Minimalzahl der verheirateten
+berufsthätigen Frauen an. Wenn auch dabei betont wird, daß es sich um
+Minimalzahlen handelt, so sind selbst diese von vornherein
+problematisch, weil doch ohne weiteres einzusehen ist, daß nirgends alle
+Ledigen berufsthätig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die
+Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten
+Arbeiterinnen konstatieren, höchst fraglicher Natur. Nur neunzehn Städte
+sind von 61 mit über 50000 Einwohnern in Betracht gezogen worden, und
+die einzelnen Berechnungen weisen in ihrer Methode beträchtliche Fehler
+auf.[480] Wir können uns daher nicht auf sie stützen und müssen die
+Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen lassen.
+
+Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den Berufsabteilungen?
+
+Folgende Tabelle beantwortet die Frage:
+
+ | | Von 1000 Arbeiterinnen waren in der
+ | |--------------------------------------------------
+Länder |Zählungs-| | |
+ |periode |Landwirtschaft | Industrie | Handel
+ | |--------------------------------------------------
+ | | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ver-|ver-
+ | |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei-
+ | | |wet |ratet| |wet |ratet| |wet |ratet
+-----------+---------+-----+----+-----+-----+----+-----+-----+----+-----
+Deutschland| 1895 | 671 | 91 | 238 | 751 | 81 | 168 | 763 | 36| 201
+Oesterreich| 1890 | 419 | 63 | 518 | 663 | 96 | 241 | 511 | 201| 288
+Frankreich | 1896 | 714 | 88 | 199 | 629 | 74 | 297 | 340 | 232| 428
+
+Das Bild, das sie uns vorführt, ist kein einheitliches. Den stärksten
+Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland und Oesterreich in
+der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der Industrie auf. Stärker als
+die Ledigen sind die Verheirateten in der Landwirtschaft Oesterreichs
+und im Handel Frankreichs vertreten, wo in beiden Fällen auch die
+Verwitweten einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten
+Verwitweten zählt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. Die meisten
+Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie in Oesterreich
+und die Landwirtschaft in Frankreich.
+
+Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem Familienstand,
+ihrem Beruf im Verhältnis zu früheren Zählungen betrifft, so kann
+hierbei nur Deutschland in Betracht kommen, weil die anderen Staaten
+keine so eingehende Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle
+kennzeichnet die Lage in Deutschland:
+
+ | 1882 | 1895 |
+ |--------------------------+--------------------------|
+ | | nicht | | nicht |
+ |verheiratet | verheiratet |verheiratet | verheiratet |
+--------------+------------+-------------+------------+-------------|
+Landwirtschaft|414189|18,39|1877671|81,61|567542|23,76|1820606|76,24|
+Industrie | 69215|12,69| 476014|87,31|166338|16,76| 825964|83,24|
+Handel | 24380|16,89| 119997|83,11|73212 |20,08| 291713|79,92|
+
+Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft und
+Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. Für die
+Landwirtschaft kann angenommen werden, daß eine stärkere Erfassung der
+mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat beigetragen hat. Die Zunahme der
+Verheirateten in der Industrie dagegen läßt sich nicht nur, wie es stets
+und fast ausschließlich geschieht, daraus erklären, daß zur
+Befriedigung der Bedürfnisse der Familie der Verdienst des Mannes allein
+nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme der Arbeiterinnen
+überhaupt. Es ist klar, daß, je mehr die Zahl der Arbeiterinnen wächst,
+die Männer desto mehr darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthätige
+Frauen zu heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der
+Frau eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger häufig tritt daher
+die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem außerhäuslichen Beruf in das
+Haus und das Familienleben zurück. Das alte Ideal des Familienlebens,
+dessen typisches Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblaßt
+mehr und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der
+Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatürliches sehen. Im
+Volksbewußtsein ist sie das nicht mehr. Und mit Recht. So wenig wie die
+Frauenarbeit überhaupt eine beklagenswerte Erscheinung innerhalb der
+sozialen Entwicklung ist, so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen.
+Verderblich wirkt auch sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie
+vor sich geht.
+
+Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in welchen
+Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen thätig sind.
+Nach den letzten Zählungen für Deutschland, Oesterreich und
+Nordamerika,--die Ergebnisse für Frankreich liegen im einzelnen noch
+nicht vor,--zeigt sich folgendes:
+
+Deutschland
+
+ | von 100
+ | Arbeiterinnen
+Berufsarten | des betreffenden
+ | Berufs sind
+ | verheiratet
+----------------------------+-----------------
+Fleischerei | 40,92
+Ziegelei | 30,01
+Bäckerei | 29,45
+Weberei | 25,30
+Tuchmacherei | 24,94
+Zubereitung v. Spinnstoffen | 24,88
+Tabakfabrikation | 24,72
+Lohnarbeit wechselnd. Art | 19,55
+Bleicherei, Appretur | 18,59
+
+Oesterreich
+
+ | von 100
+ | Arbeiterinnen
+Berufsarten | des betreffenden
+ | Berufs sind
+ | verheiratet
+---------------------------------+------------------
+Verarbeitung von Eisen und Stahl | 34,50
+Verfertigung von Maschinen | 33,98
+Textilindustrie | 28,49
+Industrie der Nahrungsmittel | 24,77
+
+Vereinigte Staaten
+
+ | von 100
+ | Arbeiterinnen
+Berufsarten | des betreffenden
+ | Berufs sind
+ | verheiratet
+----------------------+------------------
+Wäscherei | 31,60
+Häusliche Dienste | 26,78
+Putzmacherei | 17,66
+Tabakfabrikation | 16,53
+Bäcker und Konditoren | 12,95
+Baumwollenweber | 12,59
+Kleiderkonfektion | 12,23
+Schuhmacher | 11,36
+
+Daraus geht hervor, daß die verheirateten Arbeiterinnen besonders in der
+Textilindustrie beschäftigt sind.
+
+Nachstehende Tabelle bringt einen noch stärkeren Beweis dafür:[481]
+
+ |Land |Zählungs-|Von 100
+Industriezweige | | jahr |Arbeiterinnen
+ | | |waren
+ | | |verheiratet
+ | | |
+--------------------+-------------------------+---------+-------------
+ |Massachusetts | 1885 | 14,9
+ |Lancashire and Cheshire | 1894 | 22,2
+ |Burnley | | 30,3
+ |Blackburn | | 29,4
+Baumwollindustrie |Stockport | | 26,3
+ |Oldham | | 23,2
+ |Bolton | | 12,6
+ |Wigan | | 5,7
+--------------------+-------------------------+---------+-------------
+ |Massachusetts | 1885 | 14,6
+ |England | 1894 | 24,5
+Streichgarnindustrie|Gloucestershire und | |
+ | Somersetshire | 1894 | 37,4
+ |Sächsische Bezirke | |
+ | Krimmitschau und Werdau| 1892 | 31,3
+
+Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je
+nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der
+deutschen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.[482] Danach verteilen
+sich die Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in
+folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:
+
+ |Verheiratete |Von 100
+ |Arbeiterinnen|verheirateten
+ Industriezweige | |Arbeiterinnen
+ | |in dem betr.
+ | |Industriezweig
+ | |beschäftigt.
+--------------------------------+-------------+--------------
+Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen,| |
+Torfgräberei | 1333 | 0,58
+Industrie der Steine und Erden | 19475 | 8,49
+Metallverarbeitung | 10739 | 4,68
+Industrie der Maschinen, | |
+ Instrumente und Apparate | 4493 | 1,99
+Chemische Industrie | 4380 | 1,91
+Industrie der forst- | |
+ wirtschaftlichen Nebenprodukte| 1162 | 0.51
+Textilindustrie | 111194 | 48,49
+Papierindustrie | 11049 | 4,82
+Lederindustrie | 2063 | 0,86
+Industrie der Holz- | |
+ und Schnitzstoffe | 5635 | 2,46
+Industrie der Nahrungs- und | |
+ Genußmittel | 39080 | 17,04
+Bekleidungs- und | |
+ Reinigungsgewerbe | 13156 | 5,74
+Baugewerbe | 141 | 0,06
+Polygraphische Gewerbe | 4770 | 2,08
+Sonstige Industriezweige | 664 | 0,29
+--------------------------------+-------------+--------------
+ Im ganzen: | 229334 | 100,00
+
+Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind
+danach in der Textilindustrie beschäftigt. Ganz besonders interessant
+dabei ist, daß die Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und
+verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, die
+höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen überhaupt; ihnen zunächst
+steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die
+Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der
+Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete
+Frauen gezählt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so
+sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und
+in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus wieder, daß die
+Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den
+Fortschritt der Industrie zu höheren Arbeitsprozessen merklich
+aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, daß die verheirateten
+Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in
+wenige Berufsgruppen zusammendrängen.
+
+Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von Ländern das Wachstum
+der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so läßt sich aus den fast
+überall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedürfnisse und Zunahme
+der Frauenarbeit überhaupt,--der Schluß ziehen, daß jedenfalls von einem
+Rückgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar
+eine raschere sein dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.
+
+Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und
+Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf größere Not
+allein zurückzuführen? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten
+häufiger als früher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre
+1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Kräfte der Männer früher
+erschöpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen
+Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Männer--also auch
+kränkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der
+verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand
+kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe
+der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese
+Entwicklung zweifellos unterstützt. Weder ist die Frau in dem Maße wie
+früher einfach infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer
+Kinder an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er selbst ihr
+gegenüber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das
+mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der
+weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren
+Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je
+selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto freier wird sie
+dem Zuge ihres Herzens folgen können.
+
+Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen
+Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein
+will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der
+Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die
+Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die
+Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die
+Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib,
+dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und
+denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie
+aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt.
+
+
+
+
+6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.
+
+Die Großindustrie.
+
+
+Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die
+Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine
+Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines
+Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu
+gestalten.
+
+Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine
+Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die
+Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält,
+müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und
+Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar
+nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist
+leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt
+genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative
+Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß
+ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als
+der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch
+schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen
+Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um
+so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs
+feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die
+selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße
+Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im
+mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von
+demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden
+müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und
+Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene
+Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche
+etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta
+essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine
+reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und
+eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der
+eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer
+empfundene Entbehrung.
+
+Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur
+Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten
+Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und
+zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige
+Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche
+der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der
+Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist
+das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es
+könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der
+daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen,
+wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur
+Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf
+ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes
+kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig
+beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die
+Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen
+Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch
+das ist nur in gewissem Umfang möglich.
+
+Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur
+auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne
+über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen.
+
+Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist
+ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die
+deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von
+Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr
+häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine
+große Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde für die
+Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige
+Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen
+aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch
+in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So
+erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur
+einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner
+Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich
+bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse
+herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die
+niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl.
+für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn
+angesehen wurde.[487] In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne
+von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten
+2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen
+der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am häufigsten--250 frs.
+festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie
+Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60
+frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen
+eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt,
+immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken
+Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen
+unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen
+Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh.,
+nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.[491] In
+Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $
+beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts
+Seltenes.[492] Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über
+Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht
+gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen
+Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller
+Befragten,--antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht
+erfaßt.
+
+Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen
+besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben,
+wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen
+könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur
+bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich
+z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren
+die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die
+weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar
+schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten
+40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für
+die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer
+3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall
+einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde
+festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten,
+71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten
+sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 %
+Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach
+einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit
+17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit
+35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich
+schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter
+folgendermaßen:[495]
+
+ |Grossbritannien|Massachusetts
+ |---------------+--------------
+ | Männer| Frauen|Männer| Frauen
+--------------------------------------+-------+-------+------+-------
+ | $ | $ | $ | $
+Durchschnittlicher höchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57
+ " niedrigster " | 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62
+ " Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09
+
+Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir
+sehen, der Unterschied zwischen Männer- und Frauenlöhnen ein
+außerordentlich beträchtlicher. In all diesen Fällen fragt es sich nun
+aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage
+unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der
+Löhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht
+gerückt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner
+Kontobuchindustrie stanzen Männer und Frauen Titel auf der
+Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stück, die
+Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen
+Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12
+bis 15 Mk.[496] Die männlichen Ketten- und Karabinermacher in der
+Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von
+26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die männlichen
+Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im
+besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die
+Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrüchen in Nord-Amerika
+verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre männlichen Kollegen 9 bis 18 $
+für dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die
+Arbeitsverrichtungen der Männer und Frauen läßt insofern noch keine
+allgemeineren Schlüsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der
+Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Löhnen zu
+Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B.
+langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger
+Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr
+geringerer Lohn durchaus erklärlich. Es muß daher Zeit- und Stücklohn
+auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu
+ermöglichen. Die umfangreiche französische Lohnstatistik liefert die
+beste Grundlage für diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt
+zunächst eine Uebersicht über die Lohnverhältnisse in solchen
+Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie
+aber nicht beherrscht:
+
+ | | Männer | Frauen
+ | Zeit |-----------------------+-----------------------
+ | oder-|Niedr.|Höchst| Durch- |Niedr.|Höchst| Durch-
+Gewerbeart |Stück |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts-
+ | lohn-|lohn |lohn | Tagel. |lohn |lohn | Tagel.
+----------------------+------+------+------+---------+------+------+---------
+ | |frs. |frs. | frs. |frs. |frs. | frs.
+Papierfabrikation: | | | | | | |
+ Maschinenpapier- | | | | | | |
+ herstellung | Zeit |1,75 |2,50 | ---- |1,25 |1,50 | ----
+ Appreteur |Stück |1,50 |2,50 | 2,35 |0,75 |2,00 | 1,45
+ Kouvertfalzung | Zeit |1,50 |4,25 | 2,55 |2,00 |2,75 | 2,35
+ Lumpensortierer | " |1,50 |6,00 | 5,00 |2,00 |2,75 | 2,35
+ Zuschneider von | | | | | | |
+ Cigarettenpapier | " |3,50 |5,00 | 4,45 |1,75 |2,25 | 2,00
+Kartonage: | | | | | | |
+ Lackierer | " |0,50 |6,50 | 5,00 |0,50 |3,00 | 2,00
+Druckerei: | | | | | | |
+ Typographen | " |4,50 |5,00 | ---- |1,50 |2,00 | ----
+ Lithographen | " |3,00 |4,50 | ---- |1,75 |2,25 | ----
+ Setzer | " |1,75 |3,50 | 3,30 |1,00 |2,00 | 2,00
+Gummischuhfabrikation:| | | | | | |
+ Zuschneider | " |2,00 |5,50 | 3,85 |2,00 |6,00 | 3,75
+ Montiere | " |2,00 |4,50 | 2,85 |1,50 |4,00 | 2,35
+ Sohlenarbeiter |Stück |4,25 |5,75 | 4,90 |2,50 |3,50 | 2,90
+Lacklederfabrikation: | | | | | | |
+ Polierer | Zeit |3,75 |4,25 | 4,10 |2,00 |2,25 | 2,10
+Stiefelfabrikation: | | | | | | |
+ Montierer |Stück |4,00 |6,00 | 4,75 |1,25 |2,25 | 1,50
+Handschuhfabrikation: | | | | | | |
+ Dresseur | " |4,00 |5,00 | 4,25 |2,50 |4,00 | 3,25
+
+Wir sehen zunächst daraus, daß sich in der niedrigsten Lohnstufe
+vielfach nicht nur gleiche Löhne für Männer und Frauen, sondern sogar
+zuweilen höhere Frauenlöhne vorfinden, in der höchsten dagegen
+differieren sie zum größten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die
+Statistik des vorigen Abschnitts hat über die Altersgliederung der
+Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschluß gegeben und es hat sich dabei
+herausgestellt, daß die stärkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts
+an der proletarischen Arbeit in die jüngsten Jahrgänge fällt, mit
+anderen Worten: zu einer Zeit, wo der männliche Arbeiter in seinem Fach
+die höchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die
+Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rücken gekehrt. Die Frauen
+bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen
+und können daher auch die höchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen
+weiteren Beweis hierfür bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in
+denen der höchste Lohnsatz der Männer von den Frauen fast erreicht, ja
+sogar übertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh-
+und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfächer
+haben geübte, also ältere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche
+weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung
+entsprechend, ohne Berücksichtigung des Geschlechts. Noch schärfer
+beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Löhne in solchen
+Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe
+dargestellt haben, und in denen die größte Mehrzahl der verheirateten,
+also der älteren Frauen, beschäftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus
+derselben Statistik ist besonders charakteristisch:
+
+ | | Männer | Frauen
+ |Zeit- |------------------------+------------------------
+ |oder |Niedr.|Höchst.|Durch- |Niedr.|Höchst.|Durch-
+Gewerbearten |Stück-|Tage- |Tage- |schnittl.|Tage- |Tage- |schnittl.
+ |lohn |lohn |lohn |Tagel. |lohn |lohn |Tagel.
+-------------------+------+------+-------+---------+------+-------+---------
+ | | frs. | frs. | frs. | frs. | frs. | frs.
+Leinenspinnerei: | | | | | | |
+ Spinner | Zeit | 2,00 | 2,50 | 2,25 | 2,00 | 2,25 | 2,15
+Hanfweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 2,00 | 2,75 | 2,50 | 1,50 | 2,50 | 1,90
+ Weber | " | 2,25 | 2,75 | 2,50 | 1,25 | 1,75 | 1,50
+Tuchfabrikation: | | | | | | |
+ Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85
+ Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | --
+ Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 1,75 | 2,40
+ Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35
+Leinenweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 2,00 | 3,50 | 2,75 | 2,00 | 3,50 | 2,55
+Netzstrickerei: | | | | | | |
+ Netzstricker | " | 2,75 | 4,00 | 2,75 | 1,75 | 2,00 | 1,75
+Baumwollspinnerei: | | | | | | |
+ Kämmer | Zeit | 2,00 | 2,25 | 2,10 | 2,00 | 2,25 | 2,10
+ Knüpfer | " | 2,00 | 3,50 | 2,45 | 2,00 | 3,50 | 2,15
+ Spuler | " | 1,25 | 2,50 | 1,60 | 1,75 | 2,50 | 1,80
+ Haspler |Stück | 3,00 | 4,00 | 3,50 | 2,75 | 4,00 | 3,50
+ Spinner | " | 4,00 | 5,00 | -- | 1,50 | 2,75 | --
+ Spinner | " | 4,50 | 5,25 | 4,80 | 4,00 | 4,25 | 4,10
+ Packer | " | 1,50 | 1,75 | 1,75 | 1,50 | 2,75 | 2,00
+Baumwollweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | 3,75 | --
+ Weber | " | 3,00 | 3,50 | -- | 2,00 | 2,75 | --
+ Weber | " | 3,00 | 3,75 | 3,25 | 2,75 | 3,75 | 2,60
+ Weber | " | 2,25 | 4,25 | 2,55 | 1,50 | 3,50 | 2,25
+ Weber | " | 1,50 | 3,25 | 2,20 | 1,50 | 3,25 | 2,20
+ Weber | " | 2,00 | 2,75 | 2,05 | 2,00 | 2,75 | 2,00
+ Weber | " | 2,00 | 2,25 | 2,05 | 2,00 | 2,50 | 2,20
+Wollkämmerei: | | | | | | |
+ Kämmer | Zeit | 1,75 | 3,00 | 2,70 | 1,50 | 3,00 | 2,25
+Wollweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | 3,00 | 4,00 | -- | 2,50 | -- | 4,00
+ Weber | " | 3,50 | 5,00 | 4,00 | 2,75 | 3,75 | 3,05
+ Weber | " | 4,00 | 6,00 | 4,50 | 3,75 | 5,50 | 4,50
+Tuchfabrikation: | | | | | | |
+ Weber | " | 2,25 | 3,00 | -- | 4,00 | 5,00 | --
+ Weber | " | 1,50 | 6,00 | 2,60 | 1,00 | 2,75 | 1,85
+ Kardierer | Zeit | 2,50 | 5,00 | 3,25 | 2,25 | 2,75 | 2,40
+ Kardierer | " | 1,50 | 6,00 | 3,75 | 2,25 | 2,50 | 2,35
+ Färber | " | 2,25 | 3,50 | 2,40 | 1,50 | 2,25 | 1,60
+Seidenweberei: | | | | | | |
+ Weber |Stück | -- | -- | 2,20 | -- | -- | 2,20
+ Weber | " | -- | -- | 3,00 | -- | -- | 3,00
+ Weber | " | 1,75 | 4,50 | 2,50 | 1,75 | 4,50 | 2,50
+ Weber | " | 1,50 | 4,00 | -- | 2,75 | 3,00 |
+ Weber | " | 1,50 | 3,50 | 1,75 | 1,50 | 2,50 | 1,65
+Sammetweberei: | | | | | | |
+ Weber | Zeit | 2,50 | 3,50 | 3,10 | 2,50 | 3,50 | 3,00
+ Bandweber |Stück | 3,50 | 4,50 | 3,65 | 3,50 | 4,50 | 3,40
+Mechanische | | | | | | |
+Stickerei: | | | | | | |
+ Sticker | Zeit | 0,75 | 1,25 | 0,95 | 0,75 | 1,25 | 0,95
+ Sticker |Stück | 2,75 | 6,00 | -- | 1,50 | 1,75 | --
+
+Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende
+Gleichheit der Männer- und Frauenlöhne, aber es zeigt sich zu gleicher
+Zeit, daß die Frauenlöhne nicht etwa auf der Höhe der Männerlöhne
+stehen, sondern daß vielmehr die Männerlöhne eher die Tendenz haben, zum
+Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik
+wiederholt dasselbe Bild:[500]
+
+ | Durchschnitt- | Vorkommender
+ | licher |
+ | Wochenlohn | Wochenlohn
+Gewerbeart |-----------------+-----------------
+ |Höchster|Niedrig-|Höchster|Niedrig-
+ | |ster | |ster
+----------------------------+--------+--------+--------+--------
+Männliche Maschinenstricker | 7,50 | 6,00 | 12,00 | 4,39
+Weibliche " " | 7,00 | 5,20 | 13,87 | 3,15
+Männliche Baumwollenweber | 5,91 | 5,11 | 10,20 | 2,20
+Weibliche " " | 5,76 | 4,83 | 10,00 | 1,80
+Männliche Flanellweber | 8,55 | 7,39 | 12,00 | 3,45
+Weibliche " " | 7,00 | 5,60 | 9,99 | 3,41
+
+Eine Zusammenstellung der Löhne besonders geschickter englischer
+Baumwollweber beiderlei Geschlechts bestätigt unsere Auffassung
+gleichfalls:[501]
+
+Männer |Frauen |Männer |Frauen
+-------+-------+-------+------
+ sh. | sh. | sh. | sh.
+ 21,7 | 21,4 | 19,5 | 19,4
+ 22,2 | 20,11 | 19,7 | 19,0
+ 21,11 | 20,9 | 19,2 | 18,11
+ 21,0 | 20,8 | 19,8 | 18,4
+ 21,5 | 20,4 | 22,2 | 17,11
+
+Ziehen wir zum Vergleich nur einige Löhne in ausschließlichen
+Männerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau
+nehmen wöchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der
+Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen
+verdienen zwischen 29 und 40 sh., während die Löhne der Baumwollweber
+zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh.
+schwanken.[502]
+
+Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, daß Industrien mit hohen
+Löhnen Monopole der Männer sind[503], aber nur deshalb, weil es sich
+dabei um Arbeitsarten handelt, für die die Männer ihrer ganzen
+körperlichen und geistigen Disposition nach hauptsächlich befähigt und
+in der sie lange thätig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die
+besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigen, denen die Frauen schon
+gewissermaßen durch die Tradition angehören, weisen niedrige Lohnsätze
+auf, und wo Männer und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie
+zusammen nur wenig mehr, wie Männer in den Industrien verdienen, wo sie
+allein arbeiten.[504]
+
+Die Gründe für die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre
+allgemeine lohndrückende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man
+ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem
+Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den männlichen und
+weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den bürgerlichen
+Berufssphären her gewohnt ist, Männer und Frauen als Lehrer,
+Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte
+in genau denselben Arbeitsgebieten thätig zu sehen, und annimmt, daß
+dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatsächlich sind die
+Verhältnisse hier ganz andere und in gewiß 9/10 industrieller Arbeiten
+findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt.
+Selbst in den Industrien, wo Männer und Frauen scheinbar mit völlig
+gleicher Arbeit beschäftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der
+Ausführung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die
+weiblichen Setzer für 1000 Typen um 2 p. weniger als die männlichen,
+weil sie nicht die vollständige Arbeit bewältigen können, sie bedürfen
+zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Männer und können bei
+schwereren Druckarbeiten nicht beschäftigt werden.[506] In der Londoner
+Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der
+Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stück Stoff, während Männer
+zwei auf einmal schneiden können. In der englischen Töpferei füllen
+Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der
+Zeichnungen mit Farbe aus, während Männer die schwierigere Arbeit
+machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wöchentlich nur
+9000, Männer aber 13000 Stück.[508] In den Seidenwebereien Derbys
+erreichen die Männer einen höheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur
+einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Männer auch an
+schwereren Webstühlen beschäftigt.[510] In italienischen Webereien, wo
+sie an gleichen Stühlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger,
+und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, daß
+sie genötigt sind, auf das Muster zu sehen, während die Männer mehr nach
+dem Gedächtnis arbeiten.[511] In der französischen Papier- und
+Lederfabrikation, für die wir in der Tabelle [oben] beträchtliche
+Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende
+Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den
+Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch
+eine verschiedene für Männer und Frauen, als diese die kleineren und
+jene die großen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer
+Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mädchen die leichteren
+Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513]
+
+Die Niedrigkeit der Löhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem
+wesentlichen Teil auf ihre Inferiorität in der Handfertigkeit und in der
+Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantität, manchmal
+in Bezug auf die Qualität äußert, zurückzuführen.
+
+Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Löhne
+für die außerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die für
+gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier,
+daß der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der
+Männer. Ich brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge
+technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer treten, z.B.
+in der englischen Töpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit
+machen, als früher die Arbeiter, oder an die Löhne in den speziellen
+Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der
+Höhe jeder männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese traurige
+Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast daran verzweifeln
+könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem
+dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen
+erfaßt sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern
+sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur
+Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umständen die
+Verpflichtung, sich selbständig zu machen, sie findet vielfach in der
+Familie noch einen Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran,
+einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert
+einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, daß die
+Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe erreicht haben, wie
+keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben
+durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht
+von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst
+nimmt, wie der Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein
+ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung
+zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstände zu verdanken: sie
+haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukämpfen, der die Masse der
+Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist
+nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit
+weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der
+bürgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen
+Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschuß zum
+Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle
+diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen
+ferner, die in den Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um
+jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem
+Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit
+zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft festhalten.
+
+In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die
+verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu müssen.[514] Die
+Vergnügungssucht, die Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen,
+die häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen sich die
+Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen Pflichten nachzugehen,--so
+jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es
+bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkräften. Erst auf Grund
+einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die
+Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt,
+und es stellte sich übereinstimmend heraus[515], daß der weitaus größte
+Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen
+ist. Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder
+eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch
+von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen lebt, ist diese
+Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig konstatiert worden; so hat sich die
+Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen
+für 71 % in Mainz für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 %
+in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig für 97 %
+aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber angestellt
+wurden,--unbegreiflicherweise hat man versäumt, den Beamten dahingehende
+allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, daß die Ehemänner
+dieser Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder solche
+Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie,
+thätig sind, also ganz unzulängliche Einnahmen haben. Von 78
+Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben
+über den Verdienst der Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von
+mir zusammengestellt wurden:
+
+ |Anteil der| Wochenlohn | Anteil | Wochenlohn
+ |Ehemänner | der |der Frauen| der
+Bezirk | in | Ehemänner | in | Frauen
+ |Prozenten | |Prozenten |
+--------------+----------+-------------------+----------+----------------
+Danzig | -- | 10-20 Mk. | -- | 5-10 Mk.
+ | | | |
+Elbing | 3 | unter 5 " | 47 | 7 "
+ | 25 | " 10 " | 53 | 10,76 "
+ | 71 | " 15 " | -- | --
+ | | | |
+Berlin- | | durchschnittlich:| |
+Charlottenburg| -- | 19,50 Mk. | -- | --
+ | | von 12-30 Mk. | |
+ | | | |
+Oppeln | -- | 6,72-11 Mk. | -- | 3,60-7,51 Mk.
+ | | | |
+Magdeburg | -- | -- | 25 | unter 7 Mk.
+ | | | 50 | 7-8 "
+ | | | 17 | über 9 "
+ | | | |
+Erfurt | 75 | 9-17 Mk. | 50 | 3-7 "
+ | 25 | 17-20 " | 33 | 8-10 "
+ | | | 17 | 11-20 "
+ | | | |
+Schleswig | -- |unter 20 " | -- | 7,5-12 "
+ | | | |
+Hannover | -- | -- | 2 | unter 6 "
+ | | | 24 | 6-9 "
+ | | | 48 | 9-12 "
+ | | | 26 | über 12 "
+ | | | |
+Aachen | -- | -- | 20 | 4-8 "
+ | | | 47 | 8-12 "
+ | | | 25 | 12-16 "
+ | | | 8 | über 16 "
+ | | | |
+Oberbayern | 13 | nichts oder nicht | 4 | 6 "
+ | | ermittelt | |
+ | 6 | 9-12 Mk. | 38 | 6-9 Mk.
+ | 11 | 12-15 " | 44 | 9-12 "
+ | 51 | 15-20 " | 11 | 12-15 "
+ | 19 | 20 Mr. u. darüber | 3 | über 15 Mk.
+ | | | |
+Oberpfalz u. | | | |
+Regensb. | -- | 6-22 Mk. | -- | 6,60-9,50 Mk.
+ | | | |
+ | | Im Durchschnitt: | | Im Durchschnitt:
+Mittelfranken | -- | 18,50 Mk. | -- | 8,50
+ | | | |
+ | | | | Im Durchschnitt:
+Württemberg I | -- | -- | -- | 10,74 Mk.
+ | | | |
+ | | | | Im Durchschnitt:
+ " II| -- | -- | -- | 10,00 Mk.
+ | | | |
+Darmstadt | -- | -- | 59 | 2-6 Mk.
+ | | | 35 | 6-10 "
+ | | | 6 | 10-18 "
+ | | | |
+Gießen | 0,4 | nichts | -- | Im Durchschnitt:
+ | 10 | 4-10 Mk. | | 7,80 Mk.
+ | 76 | 12-16 Mk. | |
+ | 10 | 18-24 " | |
+ | | | |
+Bremen | 19 | 9-13 " | 26 | 5-9 Mk.
+ | 24 | 13-15 " | 26 | 9-10 "
+ | 15 | 16-17 " | 41 | 10-12 "
+ | 34 | 18-20 | 4 | 12-14 "
+ | 8 | 21-30 " | 3 | 14-16 "
+ | | | |
+Unterelsaß | -- | 10,80-16,80 Mk. | -- | 6-12 "
+ | | | |
+ | | Im Durchschnitt: | |
+Oberelsaß | -- | 15 Mk. | -- | --
+ | | | |
+Lothringen | 40 | 9-12 " | 13 | 3-6 Mk.
+ | 50 | 16-20 " | 71 | 7-12 "
+ | 10 | 22 Mk. u. darüber | 26 | 13-24 "
+
+Nur in einem Bezirk,--in Gießen,--und auch hier nur für eine Industrie,
+hat man eine Zusammenstellung der thatsächlichen Familieneinnahmen
+gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen
+mit ihren Männern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65
+Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk.
+durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr
+starker Frauenbeteiligung.
+
+Sehr häufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, daß es sich bei
+den Ehemännern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde
+und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrößten Teil für
+sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernähren
+ließen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die
+moralische Entrüstung über das Verhalten der Gatten ein klein wenig
+einzudämmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhältnismäßig hohe
+Lebenshaltung gewöhnt, da sie den Lohn allein für sich verbrauchen
+konnten, und es gehört ein Grad von Charakterstärke dazu, nach der
+Heirat die Lebensbedürfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur
+ernst angelegte Naturen fähig sein können. Aber auch dort, wo eine
+direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in
+die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen müssen die
+Schulden für die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden;
+ist das vorbei, so möchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen
+zurücklegen können, was vom Verdienst des Mannes allein nicht möglich
+ist; die Mütter--und zwar gerade die besten--möchten für ihre Kinder
+etwas erübrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die über das tägliche
+Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehört meiner Ansicht nach in
+dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie
+tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes
+Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach
+frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so
+vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach
+über dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmückt und
+erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der
+verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr für den Fortschritt ihrer
+geistigen und seelischen Entwicklung, als für deren Niedergang. Ihre
+Wirkung aber ist, wenn wir zunächst die auf die Löhne in Betracht
+ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschäftigung
+verheirateter Frauen sind nicht nur die Männerlöhne besonders niedrig,
+auch die Löhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als
+ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als
+die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine
+notwendige Ergänzung des männlichen Einkommens, Die Steigerung des
+männlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, daß er nicht mehr
+die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit
+verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des
+unzureichenden Einkommens der Männer und sie ist einer der Steine, die
+den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zuständen im Wege
+liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird
+diese lohndrückende Tendenz dauernd verschärfen und zwar um so mehr, je
+mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine
+Ausnahmestellung, nicht nur ihren männlichen, sondern auch ihren
+alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenüber einnehmen.
+
+Eine Beurteilung der Lohnverhältnisse kann aber nur dann zu richtigen
+Resultaten führen, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes,
+andererseits die Bedürfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen
+werden. Für beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das
+vorhandene ist ungenügend. Im allgemeinen wird für die hier in Betracht
+kommenden europäischen Staaten angenommen werden können, daß im Laufe
+des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp.
+verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die
+Löhne der Arbeiterinnen in der Großindustrie sind in derselben Zeit
+teils um ein Drittel, teils um die Hälfte gestiegen[518], die
+Bedürfnisse dagegen, deren Wachstum sich natürlich zahlenmäßig nicht
+feststellen läßt, haben im Verhältnis weit rascher zugenommen, obwohl
+gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht
+hat. Wenn schon bei dieser ganz äußerlichen Betrachtung ein Defizit
+unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur
+Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19.
+Jahrhunderts,--das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den
+weiblichen Arbeitern noch unverhältnismäßig stark war. Selbst den
+günstigsten Fall angenommen, daß sowohl die Lebensbedürfnisse als die
+Löhne um die Hälfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprüngliche
+Mißverhältnis nicht nur unverändert bestehen, es steigert sich auch noch
+infolge der erhöhten Bedürfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht
+fallenden Thatsache, daß die industrielle Entwicklung den verschiedenen
+Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrückt.
+Die Maschine ermöglicht eine kolossale Produktivität in einem kurzen
+Zeitraum und wirft eine große Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten
+fieberhafter Thätigkeit für Wochen mitleidslos aufs Pflaster, während
+andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die
+Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mühsam
+durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenüber.
+
+Einige Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei,
+daß im allgemeinen die Ernährung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen
+ausmacht, was männliche dafür gebrauchen; gehen wir von dem
+Beköstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro
+Tag und Mann rechnet, so wären ca. achtzig Pfennige für arbeitende
+Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, daß die
+Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im großen für die
+ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Beköstigung zu
+bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich für ihr Geld schaffen kann.
+Für eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete
+gefordert, ein möbliertes Zimmer,--das sehnlichst erträumte Ideal all
+der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fünfzehn bis zwanzig Mark zu
+haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wöchentlich
+für Kost und Wohnung ausgeben muß, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes
+Zimmer, so muß sie allein zehn Mark für Logis und Ernährung ansetzen.
+Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewöhnlichsten
+Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Großstädten auf 8,70 Mk.[519] Es
+blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernähren wollen
+und nicht in der eigenen Familie wohnen können, ca. 78 Pf. wöchentlich
+für alle übrigen Lebensbedürfnisse--Kleidung, Wäsche etc.
+Inbegriffen--übrig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, daß die
+Wocheneinnahme sich das ganze Jahr über gleich bleiben müßte, während
+thatsächlich im günstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen
+regelmäßigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine
+ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis
+sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten
+Lohnsätzen angenommen werden kann, daß es sich meist um jugendliche
+Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben,
+wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele übrig, die
+bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt
+noch zahlreiche Unglückliche, die eine alte Mutter, oder ein armes
+vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn
+von neun bis zwölf Mark, dem üblichsten für deutsche Arbeiterinnen, und
+einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe
+angesehen werden muß,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen
+170 Mk. für alle übrigen Ausgaben übrig bleiben,--lebt die Arbeiterin in
+unaufhörlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustände
+wiederholen sich überall, wo die Industrie, der große Eroberer,
+eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat.
+
+In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine
+Erholung, kein Vergnügen gönnt, niemals krank wird und niemanden zu
+unterstützen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens
+verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Löhne von 1 fl. 80 kr.
+bis 3 fl. noch immer häufig genug vor[520], während die arbeitslose Zeit
+für sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden muß. Das
+mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine
+Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer täglichen
+Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an
+beginnt ein gesichertes Leben für die Alleinstehende[522], dabei gehören
+Tagelöhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf
+unfreiwillige Ferien muß sich jede Arbeiterin gefaßt machen.
+
+Durch vier Auskunftsmittel,--eins fürchterlicher als das andere,--sucht
+die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit,
+Unterernährung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird
+dadurch möglich, daß sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit
+nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende
+Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt,
+zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten,
+Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als
+nötig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die
+Unterernährung aussieht, dafür giebt es Beispiele genug. Eine
+Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann höchstens 40 bis 50
+Pf. für ihre tägliche Beköstigung ausgeben,[523] Sie lebt von
+Cichorienbrühe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser
+Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemüse, das, wenn überhaupt,
+in minimalen Quantitäten genossen wird, ist meist von so schlechter
+Qualität, daß von einem genügenden Nährwert gar nicht die Rede sein
+kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen
+Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu können. So
+genießen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages
+Kaffee und Brot und abends ein Stück Wurst; sie verderben sich den
+Magen, wenn sie einmal kräftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um
+für die an sich schon mangelhafte Ernährung noch vollends den Appetit zu
+verderben, ja sie gradezu widerlich und gefährlich zu machen, kommt der
+Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen
+Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen
+wird, auf Höfen und Treppen ist der "Eßsaal" der meisten
+Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen
+angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen
+in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die
+Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Möglichkeit,
+sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend
+anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch
+nur selten in ausreichendem Maße gegeben, und so schlucken die armen
+Geschöpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime
+in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemütliche Eßzimmer des
+Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem
+frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf
+deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder
+einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer
+Wurst, bei deren näherer Untersuchung wir schaudern würden, belegtes
+Brot verzehren, müßte allein genügen, um das Verbrecherische der
+herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen.
+
+Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft
+gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein
+eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin
+gezählt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum
+untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben
+Zimmer. In einer großen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in
+Berlin gezählt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und
+Schlafmädchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch
+ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunksüchtigen Mann, einer
+schwindsüchtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmädchen.[528] Am
+günstigsten ist es noch für sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmädchen
+zusammen schlafen, sehr häufig aber müssen sie ihr Lager mit den Kindern
+ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien
+hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhältnisse sogar ergeben,
+daß jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett
+angewiesen waren![529] Nicht nur, daß die Arbeiter nur zu oft weniger
+Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages
+Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie
+sich ausruhen und erholen können! Ja, das arme Schlafmädchen hat außer
+den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags
+über ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Küche, Kinderstube, in
+dem für sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben,
+so kommt es auch, daß das Elend des Schlafstellenwesens sich zum
+Grauenhaften steigern kann: die Mädchen bringen schließlich von ihren
+zuerst erzwungenen, später freiwilligen abendlichen Vergnügungen ihre
+Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die
+intimsten Dinge täglich vor aller Augen zu verrichten, längst aller
+Scham entblößt, ungestört durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder,
+mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt
+Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die
+ehelichen übertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein
+Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schließliche
+Heirat selbstverständlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, daß ein
+Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verläßt, er
+würde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie
+oft aber fällt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet
+keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft,
+sie muß sich den Lüsten der Werkführer, häufig auch der des Chefs selber
+fügen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nächsten
+Geschäftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes
+freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in
+gleichförmiger öder Farblosigkeit verfließt, prädestiniert sie noch
+dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach;
+nicht bloß der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber
+unterstützen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren,
+der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin
+eine furchtbare Grausamkeit, daß das bißchen Lebensfreude,--oft besteht
+es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fähnchen und reichlichen
+Mahlzeiten,--von den Proletariermädchen so häufig nur durch Schande
+erkauft werden kann?!
+
+Ein Fabrikmädchen! Naserümpfend hört man es oft sagen. Für die Leute,
+die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr
+eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an
+körperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe
+von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrückt, wie viel
+heldenmütige Entsagung, von der nur manche stillen, früh gealterten
+Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglück
+ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine
+Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwächst.
+
+Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die
+verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der
+Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor für die physische
+und geistige Entwicklungsmöglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht
+werden muß, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die
+Frauen in der Großindustrie genießen fast überall den Vorzug, daß die
+Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Für sie
+besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstündige
+Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis
+aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner
+Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der
+mangelhaften Kontrolle leicht mögliche Uebertretung der gesetzlichen
+Vorschriften vielfach überschritten. Nach den deutschen
+Gewerbeaufsichtsberichten für 1899 wurden für rund 184000 Arbeiterinnen
+nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535]
+
+Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten
+überhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, würden diese Zahl gewiß mehr
+als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast
+illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den
+Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die
+Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu
+erhöhen. Auf diese Weise verlängert sich die Arbeitszeit ins
+ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernährung untergraben
+diese Verhältnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres
+Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Körper des Weibes sich zu
+seiner schönsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch
+geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und
+gesunde Nahrung gestählt werden müßte, wird er dazu verdammt, mindestens
+zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu
+sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichförmige, nur bestimmte
+Muskeln ausbildende Bewegung auszuführen. Die Bleichsucht, mit ihrem
+Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und
+geistiger Depression, Verkrümmung des Rückgrats und der Beine u. dergl.
+mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den
+Proletariermädchen.[536]
+
+In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine
+große Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze
+des gesetzlich Zulässigen ermöglichen, tritt die Tendenz der
+freiwilligen Verkürzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch für
+einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu
+Gute. Für Frankreich und England läßt sich die gleiche Entwicklung
+verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche
+Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist häufig, selbst bei
+geringerer Leistungsfähigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise
+Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlängerung der
+Arbeitszeit dürfte daher immer noch viel häufiger vorkommen, als ihre
+Verkürzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer
+stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidaritätsgefühl
+sich zusammendrängen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp.
+Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit
+dem männlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit
+der Berufsarbeit nicht die Arbeit überhaupt, die auszuführen ihnen
+obliegt, erledigt haben. Nicht nur, daß es Arbeiterinnen giebt, die, um
+einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den
+Kindern, oder, wie es häufig vorkommt, in irgend einem Zweige der
+Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig
+ist,--für fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die
+Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverständliches. So wird
+der zehn- oder elfstündige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und
+mehrstündigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und
+Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hält auch die ärmste
+Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille gürtet, in den
+Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem möglichst modernen Kleid,
+womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich häufig all ihre
+Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bißchen kräftige
+Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gönnen könnte. Engherzige
+Puritaner schlagen wohl über die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hände
+über dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mädchen der
+wohlhabenden Bevölkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger
+Genugthuung zuerkennt, soll für sie durchaus keine Geltung haben. Und
+dabei bedenkt man nicht einmal, daß der Proletarierin für andere
+Genüsse, für deren Verständnis man die bürgerliche Jugend von früh an
+erzieht, die Aufnahmefähigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und
+Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig
+erreichbare Lebensfreude.
+
+Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafür, daß sie nicht
+üppig ins Kraut schießt, und die traurigen sanitären Verhältnisse in
+Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frühzeitig das Sonnenlicht, in
+dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in günstigerer
+Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher
+überall eine stärkere Empfänglichkeit für die Schädlichkeiten gewisser
+Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe,
+die sie einatmet, wirken stärker auf sie, als auf den Mann[538], auch
+Betriebsunfällen ist sie in höherem Maße ausgesetzt. Die Gründe dafür
+sind vielfach rein äußerlicher Natur: In den langen Kleidern und den
+leider immer noch üblichen vielen Unterröcken, in den unbedeckten
+langen Haaren können sich unendlich mehr jener schädlichen
+Fremdkörperchen festsetzen, als bei den Männern. Ein Wechseln der
+Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, daß die Arbeiterin
+nur einen Arbeitsanzug hat, häufig aber wird es unterlassen, weil es an
+einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter
+Vorhang von dem der Männer, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem
+selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen muß, gar nicht
+hinhängen mag. Aus ähnlichen Gründen unterdrückt sie nur zu oft zum
+Schaden ihrer Gesundheit natürliche Funktionen ihres Körpers, weil das
+Kloset teils unverschließbar in nächster Nähe des von den Männern
+benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich
+befindet.
+
+Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschäftigt sind, bringen
+besondere Gefahren für Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir
+zunächst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine
+Spinnerei: Mit heißem Wasserdampf ist die Luft gesättigt, auf dem
+Steinboden steht das Wasser, ein ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem
+Spinnwasser, das die Abfälle und leimigen Substanzen des Gespinstes
+aufnimmt. Mit Händen und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der
+unreinen, klebrigen Flüssigkeit; eiternde Geschwüre an Händen und Armen,
+schwere Augenentzündungen stellen sich infolgedessen häufig ein. Mit
+bloßen Füßen steht sie auf dauernd nassem Boden, ungenügend bekleidet
+vertauscht sie dann den Aufenthalt im glühenden Arbeitsraum womöglich
+mit der Winterkälte draußen,--rheumatische Krankheiten,
+Unterleibsentzündungen sind die Folge.[539] Dauernder Druck auf
+besonders empfindliche Teile führen zu frühzeitigen Erkrankungen der
+Geschlechtsorgane.[540] In kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher
+Wolle fauliger Urin verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfüllt
+daher die Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Händen der
+Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff gebraucht,
+treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur völligen geistigen
+Umnachtung führen können.[541] In den Wollkämmereien herrschen tropische
+Glut und ekelerregende Ausdünstungen; die Gasräume der Seidenfabriken
+wetteifern mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die
+Arbeiterinnen durch das Ausströmen des Gases.[542] Die Fabrikation von
+Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd furchtbarer
+Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die Kunstwolle gemacht
+wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, Infektionskrankheiten schlimmster
+Art, chronische Bronchialkatarrhe überfallen heimtückisch die
+Arbeiterinnen, die sogenannte Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber
+beginnt und im Starrkrampf endet, tötet sie in wenigen Tagen. Das
+Sortieren der Abfälle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter:
+findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter![543] Mit
+wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien am
+Webstuhl, bis die Kraft sie verläßt[544]; zerstörend wirkt das Blei, das
+in gefärbter Baumwolle sich meist befindet, auf die Weberinnen, und
+stärker noch auf die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt
+es gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie
+Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird
+Bleiweiß dazu verwandt, ohne Rücksicht auf Leben und Gesundheit; den
+Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen "Händen" die Arbeit entsinkt,
+er findet Ersatz genug! In Webereien, in der Fabrikation von Kartons und
+buntem Papier und künstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der
+Fabrikation eiserner Bettstellen strömt das Gift in die Atmungsorgane,
+in die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim getragen;
+ja es kommt vor, daß sie es mit dem Essen zu sich nimmt, weil kein
+anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafür zur Verfügung steht.[545]
+Koliken, Magenerkrankungen, Kopfleiden sind die Folge. In den
+Bleiweißfabriken erreichen diese Leiden den höchsten Grad: epileptische
+Krämpfe, Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des
+letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode
+führen kann.[546] Der Schwefelkohlenstoff in der Kautschukfabrikation
+führt zu ähnlichen Erscheinungen, nur mit der Variation, daß Lähmungen
+der Geschlechtsorgane schließlich hinzutreten können.[547]
+
+Eine große Zahl von Frauen beschäftigt, wie wir gesehen haben, die
+Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am schlechtesten bezahlten und
+die schwächsten von allen. Schon nach den ersten sechs Monaten der
+Beschäftigung erkranken von 100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei
+den jüngeren Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und
+Magenleiden und Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.[548] Wie dies
+Gift den Körper von innen zerstört, zerstört das Phosphor in der
+Zündholzfabrikation ihn von außen: zu einer grauenhaften Maske wird das
+Antlitz der Frau durch die Kiefernekrose, die zuerst die Zähne und dann
+den Kiefer zerfrißt.[549]
+
+Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die Anämie, ergreift
+männliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum
+sich auf der Oberfläche von Ringöfenanlagen befindet, aus denen
+unaufhörlich giftige Dämpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter,
+besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, füllt sich durch
+Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit förmlichen Steinen,
+schwärzliche Steine bilden den Auswurf.[550] Kein Leiden aber erreicht
+das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon wird ihr Gesicht
+aschfahl, die Augen trüb, der Gang schwankend, wie der eines
+Rückenmarkleidenden. Bei dem Anblick eines Fremden überfällt sie
+konvulsivisches Zittern; das kärgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu
+führen, die Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise
+nehmen die Geistesfähigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem Blödsinn.
+Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der Speichelfluß macht ihren Anblick
+widerlich und vor dem Hauch ihres Mundes prallt man zurück.[551]
+
+Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Körperkraft. Dem
+"schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu
+Boden werfen. In Steinbrüchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei
+Bauten schleppen oder schieben sie schwerbeladene Tröge und Schubkarren;
+in Zuckerfabriken tragen sie täglich während zehn Stunden bis zu 800 je
+16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.[552] In den
+Spinnereien und Webereien stehen sie oft während elf und zwölf Stunden;
+geschwollene Füße, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen
+davon.
+
+Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die Maschinennäherei! In
+gebückter Stellung sitzen die Armen an ihrer rasselnden Tyrannin,
+unausgesetzt bewegen sich die Beine auf und nieder. Junge und Alte,
+Kranke und Gesunde--alle glauben sich fähig zu dieser mörderlichen
+Arbeit, die schließlich auch die stärkste Konstitution untergräbt. Ein
+Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich beschäftige nur Mädchen von sechzehn
+bis achtzehn Jahren an der Nähmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind
+sie reif für's Hospiz."[553] Und er hat nicht übertrieben. Die
+Bleichsucht in all ihren Stadien, Unterleibsleiden, Lageveränderungen
+der Gebärmutter, die eine Mutterschaft fast unmöglich machen,
+neurasthenische Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als böse
+Gäste.[554] Wohl hat die Technik, wie überall so auch hier, ein Mittel
+zur Hilfe geschaffen: statt durch die Füße der Näherinnen kann die
+Maschine durch Dampf oder Elektrizität in Bewegung gesetzt werden, aber
+die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit derselben
+Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwärts gepeitschte
+Menschenkraft die Räder, als die motorische Kraft es thun würde, und
+der Profit ist der einzige ausschlaggebende Faktor.
+
+Furchtbarer als Dantes Hölle ist diese Welt der Arbeit, bevölkert mit
+bleichen Gestalten, die sich auf wunden Füßen nur schwer fortbewegen,
+deren Hände, aus denen Behaglichkeit, Wärme, Schönheit, Nahrung,
+Kleidung für die glücklicheren Menschen hervorgehen, bluten und
+schwären, deren Rücken gekrümmt, deren Glieder zerfressen sind von
+Giften, aus deren irren Blicken oft der Wahnsinn starrt. Und doch fehlt
+zur Vollendung des Bildes noch eins: dichte Wolken von Staub umhüllen
+die Gestalten,--Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und
+Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet sich
+vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das in den
+Proletariervierteln sein Wesen treibt: der Lungenschwindsucht. Wer kann
+sagen, in welchem Industriezweig es am meisten zu Hause ist: bei den
+Textilarbeitern, bei den Tabakarbeitern, bei den Töpfern?! Es herrscht
+überall, wo die Jagd nach Gewinn rücksichtslos über Menschenleichen
+dahinbraust!
+
+Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns vorüberzog? O
+ja; und es findet sich dort, wo es die Frau nicht mehr allein, sondern
+durch sie auch ihre Kinder trifft. Das Mädchen träumt noch von der
+Zukunft; es glaubt, die Ehe wird sie aus dem Arbeitsjoch erlösen, darum
+bringt es seinem Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der
+Mann ihm entgegenbringt, für den er zum ausschließlichen Lebensberuf
+werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf Befreiung. Und
+ihre Not verschärft sich ins unerträgliche durch den Anblick der Not
+ihrer Kinder. Wie häufig hört man angesichts des Elends sagen: Die Leute
+sinds nicht anders gewöhnt, sie spüren es nicht. So richtig es nun auch
+sein mag, daß die im Elend Geborenen nicht die Empfindung dafür haben,
+wie die, welche erst hineingestoßen wurden, so falsch ist es, daß irgend
+eine Mutter in der Welt, und wäre es die allerärmste, sich jemals an das
+Leid ihrer Kinder gewöhnen wird. Kinderleid ist das größte auf Erden,
+weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft.
+
+Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau und
+zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre die
+notwendigsten Bedürfnisse decken.[555] Eine auskömmliche Lebenshaltung,
+bei der aber von einer Befriedigung höherer Bedürfnisse,--Kunst,
+Theater, Natur,--auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann,
+ist erst mit einer jährlichen Einnahme von 2000 Mk. möglich.[556] Es
+müßte demnach für den ersten Fall eine tägliche Einnahme,--ohne
+Unterbrechung!--von fünf Mark, im zweiten eine von fast sieben Mark
+gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefällen die Rede sein kann,
+lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. Aeußerst selten nur erreicht
+der Mann allein solch einen Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der
+Frau, die sich, nach diesem Maßstab gemessen, als unbedingt notwendig
+erweist, kann ihn nicht gewährleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk.
+gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind vollständig
+unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. sind es, sobald mehr als
+zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt geradezu wie Wahnsinn, und doch
+ist es Thatsache: je mehr Kinder die Familie besitzt, je mehr also die
+Mutter zu Hause nötig ist, desto notwendiger muß sie in die Fabrik. Und
+doch kann sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaßen
+behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der Häuserwucher
+verschlingt zum großen Teil, was sie erwirbt, und läßt ihr dafür eine
+elende Behausung, die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre
+1880 wurde in deutschen Großstädten eine erschreckende Zahl
+übervölkerter Wohnungen konstatiert[557]; die Untersuchungen des Vereins
+für Sozialpolitik deckten entsetzliche Zustände auf, die vielleicht nur
+noch von denen in Wien übertroffen wurden.[558] Hier wurde z.B. ein
+Zimmer mit Küche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten
+bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem Sofa
+teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem Flur hauste
+ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 qm Bodenfläche,
+fand sich eine siebenköpfige Familie! Parterrewohnungen in
+Hinterhäusern, die mit dem engen Hofe auf gleicher Höhe liegen, im
+Sommer heiße, im Winter eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem
+heizbaren Raum, oder ganz ohne Küche, sogenannte Kochstuben, als
+einzigen Raum[559],--das sind die Wohnungen, in denen das Familienleben
+der Arbeiter sich abspielen und gedeihen soll! Und doch sind auch diese
+vielfach noch unerschwingbar für ihren schwindsüchtigen Beutel. In
+Nürnberg kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in
+den größten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, im
+Dachgeschoß 4,15 Mk.[560] In den Fabrikstädten Nordböhmens kostet ein
+cbm Luftraum jährlich nur um eine Kleinigkeit weniger, als in den
+Palästen der Wiener Ringstraße.[561] Nach einer Zusammenstellung des
+Gewerbeaufsichtsbeamten für Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die Summe,
+die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu verausgaben
+hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er müßte bis zu 57 Tagen
+arbeiten, um allein den Mietspreis zu verdienen, während für die
+begüterten Schichten der Bevölkerung die Ausgabe für Wohnungsmiete im
+allgemeinen mit zehn bis höchstens zwanzig Prozent des Einkommens
+angesetzt wird.[562] Die Armen haben also für ihre elende Wohnung
+relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und sind daher gezwungen, sie
+mit Fremden, Aftermietern und Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht
+nur ohne Luft und Licht aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der
+moralischen Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn
+die Hausfrau in die Fabrik gehen muß. Am frühen Morgen, häufig ehe die
+Kinder erwachen, muß sie zur Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis
+einundeinhalbstündige Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich
+gewährleistet wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und
+niemals um, wie die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu
+besorgen. Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen
+aufgewärmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen brodelnde
+auf den Tisch gestellt, in beiden Fällen ist aus den an sich schon
+minderwertigen Speisen der Nährwert entflohen. Am häufigsten begnügt
+sich die ganze Familie bis zur Heimkehr der Mutter am Abend mit
+Butterbrot und Kaffee, dann erst bereitet die übermüdete Frau die
+Hauptmahlzeit, dann erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstündiger
+Arbeit, beginnt ihre häusliche Thätigkeit. Sie näht und flickt und
+wäscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so daß ihr kaum fünf
+Stunden zum Schlafen übrig bleiben. Vorzeitiges Altern, geistige und
+körperliche Erschöpfung sind die Folgen. Oder sie kümmert sich um nichts
+mehr, wenn die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgültig gemacht
+hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen diesen
+beiden Wegen allein hat sie zu wählen! Wie oft sie den ersten wählt,
+dafür spricht die Bewunderung, mit der die gewiß wenig enthusiastischen
+deutschen Fabrikinspektoren von der Willensstärke, dem Opfermut und der
+unermüdlichen Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.[563]
+Aber selbst mit der Hingabe ihrer Kräfte können sie dem Haushalt nicht
+die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter ersetzen.
+
+Eine gründliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen giebt es
+leider nicht. Die deutschen Erhebungen der Gewerbeaufsichtsbeamten für
+das Jahr 1899 sind nach dieser Richtung völlig ungenügend. Nur in
+siebzehn Bezirken von 78 wurden Untersuchungen darüber angestellt, und
+auch hier handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen
+aber immerhin genügendes Licht in dieses dunkle Bereich des
+Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine Zusammenstellung
+aller Ergebnisse:
+
+ |Anzahl |Von diesen| Von den Kindern waren
+ Bezirk |der be-| Frauen |---------------------------------
+ |fragten| hatten |noch nicht| schul- | schul-
+ |Frauen | Kinder | schul- |pflichtig |entlassen
+ | | |pflichtig | |
+ | | | | | | | | |
+ | |absolut|% |absolut|% |absolut| % |absolut| %
+---------------+-------+-------+--+-------+--+-------+---+-------+--
+Oppeln | -- | 1057 |--| 765 |35| 886 | 41| 509 |24
+Magdeburg | 2680 | 1858 |70| 1283 |31| 1878 | 45| 996 |24
+Minden | 1120 | 701 |63| 703 |46| 804 | 54| -- |--
+ | | | |`------v-------------´| |
+Aachen | 2412 | 1576 |65| 2859 |82| | | 643 |18
+Sigmaringen | 56 | 29 |52| 37 |55| 21 | 31| 9 |14
+Anhalt | -- | 805 |--| 511 |28| 742 | 41| 577 |31
+Bremen | 541 | 411 |76| 428 |41| 628 | 59| -- |--
+Württemberg III| 175 | 147 |84| 154 |47| 77 | 23| 97 |30
+ | | | |`---------------v---------------´
+Darmstadt | 848 | 522 |62| | | 1513 | | |
+Offenbach | 843 | 568 |67| -- |--| -- | --| -- |--
+Gießen | 510 | 420 |82| 318 |32| 352 | 35| 328 |33
+Oberbayern | 641 | 347 |54| 1231 |54| 844 | 37| 188 | 9
+ | | | |`----------------v--------------´
+Niederbayern | 329 | 232 |74| | | 690 | | |
+ | | | |`----------------v--------------´
+Pfalz | 1978 | 1348 |70| | | 3208 | | |
+Oberpfalz | 213 | 165 |77| 143 |37| 154 | 39| 93 |24
+ | | | |`----------------v--------------´
+Unterpfalz | 388 | 272 |70| | | 578 | | |
+ | | | |`----------------v--------------´
+Zittau | 4494 | 2523 |56| | | 4484 | | |
+
+Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, daß 65 % aller Frauen Kinder
+haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, darunter 90 Kinder
+unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im allgemeinen 201 Kinder,
+die noch nicht der Schule entwachsen sind. Legen wir denselben Maßstab
+an sämtliche verheiratete Arbeiterinnen an, wie die deutsche
+Berufszählung von 1895 sie zählte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 %
+aller verheirateten Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch
+zu Hause sind. Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil
+die ledigen Mütter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. Es
+dürfte wohl kaum übertrieben sein, wenn wir sagen, daß etwa eine halbe
+Million Kinder unter 14 Jahren in Deutschland Arbeiterinnen zu Müttern
+haben, also so gut wie mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit
+beginnt schon in der allerersten Lebenszeit der Säuglinge: Kaum vier
+Wochen nach der Geburt muß die Mutter wieder zur Arbeit zurück, ja wo
+die Not groß ist, versucht sie noch viel früher etwas zu verdienen,
+indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch verschlossen sind,
+durch Waschen, Nähen oder Reinemachen das Nötigste zum Leben zu schaffen
+versucht. Die Nahrung, die eine gütige Natur dem mütterlichen Weibe für
+das hilflose kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt;
+noch häufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte Ernährung
+während der Entwicklungsjahre des Mädchens und während der
+Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung treten lassen. Statt dessen
+wurde im Mutterleibe schon das Kind vergiftet; man hat im Fruchtwasser,
+wie im Fötus all diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und
+durch die Poren in den Körper der Arbeiterin eindringen: Blei,
+Quecksilber, Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; häufig schädigen sie
+sogar die Frucht mehr als die Mutter[564], und für die Erblichkeit der
+Tuberkulose, jener eigentlichen Proletarierkrankheit, spricht deutlicher
+als das Urteil medizinischer Autoritäten ein Blick auf die Kinder in den
+Proletariervierteln.
+
+Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der Säuglinge, ist die
+Folge der ursprünglichen Infizierung und der Entziehung der Muttermilch.
+Nur sieben von tausend mit Muttermilch genährten Kindern pflegen im
+ersten Lebensjahr zu sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten
+genährten dagegen 125, und zu ihnen gehören die meisten Arbeiterkinder.
+Nur 8 % der Kinder der höheren Stände sterben im ersten Lebensjahr, für
+die Kinder des Proletariats steigt die Sterbeziffer bis auf 30 %[565] Im
+reichsten Wiener Stadtviertel kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr
+auf 870 Bewohner, im Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im
+wohlhabenden Viertel der Berliner Friedrichstadt starben von 1000
+Säuglingen 148, im armen des Wedding 346.[566] In den Fabrikbezirken am
+Niederrhein starb die Hälfte der Arbeiterkinder im ersten
+Lebensjahr[567]; die verheirateten Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts
+verloren 23 % ihrer Kinder im gleichen Alter.[568] Wie sehr die
+Säuglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im Zusammenhang
+steht, geht aus seinem Wachstum in den Industriezentren hervor. In
+Berlin ist sie während eines vierjährigen Zeitraumes fast um das
+Doppelte[569], in Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899
+gestiegen.[570] Die Beschäftigungsarten der Mütter sind dabei von
+größtem Einfluß In Bezirken der englischen Textilindustrie starben von
+100 22, in denen der deutschen 38 Säuglinge im ersten Lebensjahr.[571]
+Von 100 Kindern der Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger
+als 48 im Säuglingsalter.[572] Der höchste Prozentsatz der
+Säuglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der
+Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen sind
+dem Tode verfallen[573], noch viel mehr erblicken gar nicht das Licht
+der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, daß Frauen, welche Kinder haben
+wollen und sich schwanger fühlen, die Tabakfabrik verlassen, während
+schwangere Mädchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von
+Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie
+meist gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod
+aus den Brüsten der Mütter, deren Milch von Nikotin durchsetzt ist.[574]
+Dabei beschäftigt die Tabakindustrie nächst der Textilindustrie die
+meisten Frauen! Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen
+Kinder lebendig zur Welt. So war ein Fürther Spiegelbeleger dreimal mit
+Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein einziges
+lebte und auch die Mütter starben sämtlich an der Auszehrung.[575] In
+einem anderen Fall hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht
+Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fünf
+Monaten starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in
+Plättereien, Glasbläsereien u.s.w., auf das keimende Leben. Wo es nicht
+geschieht, wächst ein skrophulöses, rachitisches, schwachsinniges Kind
+heran.[576] So werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben
+unschuldiger Kinder geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die
+Gefahren, die sie bedrohen, nicht geringer. Die Straße ist ihr
+Spielplatz, ihre Erziehungsanstalt; daß sie, besonders in den
+Großstädten, keinen günstigen Einfluß übt, daß der physische und
+moralische Schmutz, den sie vielfach ausströmt, an den Kindern hängen
+bleiben kann, bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen
+Gefahren gegenüber nicht blind. Sie möchte ihre Kinder davor behüten und
+kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie schließt die Kinder
+bis zu ihrer Rückkehr im Zimmer ein, sie bindet sie im Bettchen fest,
+sie wird grausam aus lauter ängstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann
+kommt es zu jenen schrecklichen Unglücksfällen, von denen die Zeitungen
+so häufig berichten, und denen gegenüber der behäbige Bürger nicht genug
+über die "Roheit" der proletarischen Mütter zetern kann. Die armen
+Kleinen kommen dem Ofen zu nahe und verbrennen, sie greifen in das
+Waschfaß, verlieren das Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum
+Fenster, um doch wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu
+vertreiben--Spielzeug, das sie beschäftigen könnte, haben sie ja
+nicht--und stürzen kopfüber auf den Hof, sie verwickeln sich im Bettchen
+und die Mutter findet, heimkehrend, ihr Jüngstes erstickt unter dem
+Kissen.
+
+Neben all diesen äußeren und inneren Gefahren, die die Kinder der
+Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, giebt es aber noch
+andere, denen sie unterworfen sind, wenn die Mutter heimkehrt. Sie hat
+auch dann keine Zeit für ihre Kinder. Einen erzieherischen Einfluß auf
+sie kann sie nur in oberflächlichster Weise ausüben. Sie hat keine Ruhe,
+um ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der
+unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist durch
+den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so hat sie
+ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfüllen und begeistern
+könnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon eine gute Mutter, wenn
+sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen ausreichend zu essen gab und
+sie nicht betteln schickte. Aber eine Freundin der heranwachsenden
+Kinder hat sie nur in seltenen Fällen zu werden vermocht. Und doch
+beruht gerade auf dem geistigen und sittlichen Einfluß der Mutter ein
+gut Teil der Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in
+Herz und Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm völlig verwehen,
+aus ihm wächst häufig der starke Baum empor, der dem erwachsenen
+Menschen den einzigen Schutz gewährt. So wird die Ueberlastung der
+Mutter zum Fluch für die Kinder und für die Gesellschaft, deren Glieder
+sie sind, deren gute und schlechte Entwicklung mit von ihnen abhängt.
+
+Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu leiden:
+sie hat auch für ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, die sie daheim
+verbringt, muß sie der Haushaltung und den Kindern widmen. Ist die
+Arbeit gethan, so sinkt sie müde aufs Bett, unfähig, an anderen Dingen
+teil zu nehmen als an den täglichen, sie umdrängenden Sorgen. So wird
+sie oft dem Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht
+und sie bekämpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen kosten.
+Gelangweilt, verärgert, von der unordentlichen Wirtschaft und dem
+schlechten Essen angewidert, sucht so mancher seine Zuflucht mehr und
+mehr in der Kneipe und im Alkoholgenuß.
+
+Für die Frau persönlich bedeutet die Ueberlastung mit Arbeit den
+körperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, daß sie unnatürlich früh
+altert--seht doch die Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig
+Jahren schon alte Frauen!--sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen
+Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe gönnen, auch
+wenn sie der Ruhe bedürftig ist, darum stellen sich Leiden aller Art bei
+ihr ein, die entweder ihr ganzes Leben vergiften, sie arbeitsunfähig
+machen oder einem frühen Tode entgegenführen.
+
+So hart wie ihren Körper trifft die Ueberlastung ihren Geist. Ihm, dem
+schon die Volksschule nur die allernotdürftigste Nahrung zuführte,
+vermag sie noch weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle
+des Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch
+die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt an den
+Fragen des öffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit dazu, sich satt
+zu trinken.
+
+Je mehr die Frau in die Großindustrie eindringt, desto mehr werden sich
+all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und vergrößern, die wir
+geschildert haben.
+
+Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit stützen wird,
+desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die beide auf dem Wege der
+Emanzipation des Weibes liegen: die lohndrückende und die
+arbeitszeitverkürzende Tendenz ihrer Arbeit. Unter Lohndrückung verstehe
+ich hier die Hemmung einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich
+entwickeln würde, wenn der Mann der alleinige Ernährer der Familie
+bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto näher rückt das
+weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner Befreiung, der
+ökonomischen Selbständigkeit. Daß tiefgehende Umwandlungen sowohl des
+Familien- und häuslichen, als des öffentlichen Lebens damit in
+Verbindung stehen werden, beweist nur nochmals, welche revolutionierende
+Macht der Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem
+Gebiete der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz
+war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der
+Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei zeigt
+sich aber, daß sie notwendig auch die Regelung der männlichen
+Arbeitszeit nach sich ziehen muß. In allen Industrien, wo Männer und
+Frauen beschäftigt werden, regelt sich schon jetzt die männliche
+Arbeitszeit nach der der Frauen, weil anderenfalls Betriebsstörungen
+eintreten würden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird
+zunächst für die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der geradezu
+völkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, eintreten müssen und wieder
+auf die Männer zurückwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich
+dann als notwendig erweisen, da es aber an männlichen Arbeitskräften
+mangelt, wird Platz geschaffen für die in immer stärkerem Maße
+arbeitsuchenden Frauen. Und ganz allmählich wird die befreiende Macht
+der Arbeit auch an ihnen zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon
+treten heute schon hervor: es entwickelt sich gerade aus der
+Arbeiterschaft heraus ein Geschlecht thatkräftiger, geistig und
+materiell selbständiger Frauen, die beginnen, über den engen Kreis ihrer
+Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spüren, die bisher fast
+nur zu stumpfer Resignation geführt haben, und an ihrer Lösung
+mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis der eigenen Lage ist das
+erste Mittel, sich aus ihr zu befreien.
+
+
+Hausindustrie und Heimarbeit
+
+Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit überblickt, der sieht
+nichts als eine gleichmäßige graue Oede: Arbeit und Not,--Not und
+Arbeit. Die Unterschiede, die zu Tage treten, sind nichts als
+Variationen desselben Themas. Was für die Arbeiterin in der
+Großindustrie gilt, das gilt ebenso für die in der Hausindustrie, im
+Handel oder im persönlichen Dienst Beschäftigte. Es kann daher für uns
+nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung stehende
+Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres Elends
+aufzudecken, ohne das Allgemeingültige nochmals zu wiederholen. Die
+Hausindustrie ist allzu reich an Zügen, die uns zwar in der
+Großindustrie schon begegneten, dort aber gewissermaßen nur die ersten
+Sorgenfalten des Antlitzes waren, während sie hier jenen tiefen Furchen
+gleichen, die ein Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute
+unauslöschlich eingeprägt hat. Alles ist hier ins Ungeheuerliche
+vergröbert und vergrößert: die Niedrigkeit der Löhne, die schlechten
+Wohnungen und Arbeitsstätten und ihre physischen und moralischen
+Folgeerscheinungen. Das gilt für beide Organisationsformen der
+Hausindustrie--die Heimarbeit und die Werkstattarbeit--und in höchstem
+Maße für diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating
+System" sich einer traurigen Berühmtheit erfreut. Einzelbilder aus
+denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche Arbeit eine
+bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten erhärten.
+
+Betrachten wir zunächst die Textilindustrie, deren hausindustrieller
+Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen verzweifelten Kampf um
+seine Existenz zu kämpfen hat, der um so härter ist, als die Schwächsten
+ihn auszufechten haben.
+
+Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid und
+Grauen zerfließen, gehen eine Stunde später mit dem beruhigten
+Gefühl nach Hause, daß alles, was sie hörten und sahen, einer
+längstverflossenen Zeit angehört. Thatsächlich aber sahen sie ein
+Spiegelbild des Elends von heute. Die böhmischen Weber z.B. wohnen in
+ihrer übergroßen Mehrzahl in Hütten, in deren oft einzigem Raum neben
+dem Webstuhl der Herd und die Lagerstätten der Familie sich befinden.
+Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen und gearbeitet; zwischen den
+verwahrlosten Kindern treiben sich im Winter auch noch Hühner und Ziegen
+herum. Eine dicke, feuchtwarme Luft schlägt dem Eintretenden daraus
+entgegen, zu ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster
+geschlossen. Der üble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfähige
+und giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst
+der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem Staub
+des Webens. Dabei ist an gründliche Reinigung kaum je zu denken,--denn
+die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit gezwungen,--Küchenabfall,
+schmutzige Wäsche und dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs äußerste.
+Oft steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich
+daran ablösen; eine vierzehn-, sechzehn- und achtzehnstündige
+Arbeitszeit gehört nicht zu den Seltenheiten.[577] Vom sechsjährigen
+Kinde an bis zum Greise ringt ein jedes in unablässigem Mühen um sein
+Stück Brot.[578] Zeiten der Arbeitslosigkeit bedeuten Hunger; überfallen
+Schneeverwehungen die im Gebirge wohnenden Weber, die dadurch oft auf
+Monate vom Arbeitgeber abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in
+erschreckender Weise zu.[579]
+
+Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit des
+Betriebs auf der anderen Seite stehen die Löhne in schreiendem
+Mißverhältnis. Das Weben feiner Leinengewebe, z.B. der
+Damast-Tischgedecke, die sich vorläufig von der Maschine nicht in
+derselben Güte herstellen lassen, bringt noch am meisten ein, und doch
+verdient ein Arbeiter bei größter Ausnutzung seiner Kräfte selten mehr
+als 7 fl. die Woche[580] ein Shawlweber kann es bis auf 10 fl. bringen,
+wenn er von früh vier Uhr bis abends zehn Uhr zu arbeiten im stande
+ist.[581] Der häufigste Jahresverdienst böhmischer Weberfamilien
+schwankt zwischen 120 und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen
+erhalten werden müssen![582] Eine achtgliedrige Familie, die sich in der
+besonders günstigen Lage befand, über eine Jahreseinnahme von 350 fl. zu
+verfügen, gab täglich für Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; für
+alle übrigen Ausgaben blieben 70 fl. übrig. Eine Witwe mit nicht weniger
+als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im Jahr trotz allem Fleiß
+aufbringen[583], d.h. diese elf Personen mußten mit fünfundfünfzig
+Kreuzern täglich ihre sämtlichen Bedürfnisse befriedigen! Ein Arbeiter,
+der mit Frau und Kindern sogenannte Putzel-Leinwand herstellte,
+verdiente 1,48 fl. die Woche; ein anderer, der leichte Baumwollwaren
+unter Mithilfe seiner Familie webte, kam bei zwölfstündiger Arbeitszeit
+aller auf 1,20 fl.[584] Unter den alleinarbeitenden Frauen sind die
+Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie erreichen den hohen Lohn
+von--2 fl. wöchentlich.[585] Die Spulerinnen der Baumwollunterketten für
+Plüschgewebe dagegen,--meist lebensmüde Greisinnen mit zitternden Händen
+und gekrümmten Rücken,--kommen bei großem Fleiß auf 1,10 fl. die
+Woche[586], und die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor
+fünfzehn Jahren für 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter
+auf 75 kr., wobei häufig vier volle Arbeitstage darauf gehen.[587] Wie
+es bei solchen Löhnen mit der Ernährung der Bevölkerung
+aussieht,--allein im Königgrätzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber
+gezählt[588],--bedarf keiner näheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch
+ein besonderes Glück, wenn der Weber überhaupt seinen Lohn zu sehen
+bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, dem
+eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Händen haben,
+beschäftigen nur solche Weber, die von vornherein auf den Geldlohn
+verzichten und sich durch Waren aus ihren Kramläden entschädigen lassen.
+Manche arme Mutter, deren Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen
+mit irgend einem wertlosen Stück Stoff, einem Tuch od. dergl. nach
+Hause. Ist der Faktor Gastwirt, so verführt er den Weber, Branntwein
+statt Lohn zu nehmen[589], was den vollständigen Ruin der unglücklichen
+Familien herbeiführt. Aber das ist noch nicht alles: wird der Lohn
+gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch willkürliche Schadenersatz- oder
+Strafgelder oft bis zur Hälfte hinabzudrücken[590] und der in seiner
+Vereinzelung wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit
+vor Augen sieht, fügt sich stumm darein. Ja, er entschließt sich sogar,
+den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu bestechen,
+um der Arbeit sicher zu sein.[591]
+
+Gegenüber solchen Zuständen kann man sich nicht einmal damit trösten,
+daß sie sich etwa auf den einen Landstrich beschränken, denn sie
+herrschen überall, wo die motorisch getriebene Maschine im Großbetrieb
+noch nicht hat Einzug halten können. In Belgien z.B., wo die mechanische
+Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat[592],
+mußte sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, wie der
+feinen Battiste überlassen.[593] Seltsam genug: die Luxusartikel der
+Reichsten werden in den elendesten Höhlen des Jammers von den Händen der
+Ärmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten meist in
+feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fäden am Brechen zu
+verhindern.[594] Sie erblinden infolgedessen häufig und ihre Glieder
+krümmen sich unter rheumatischen und gichtischen Schmerzen. Wie in
+Böhmen haust die ganze Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie
+dort ist der Lohn ein kläglicher. Die geschickteste Weberin feiner
+Leinwand verdient im günstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit
+1,80 fr. täglich, während Wochenlöhne von 3 fr. gar nicht selten
+sind.[595] Ein trauriges Bild, das sich den geschilderten würdig
+anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie Frankreichs. Schon die Zucht
+der Seidenraupen in den Privathäusern, die hauptsächlich in den Händen
+der Frauen liegt, ist im höchsten Grade widerlich: jeder Winkel der
+Wohnung wird dafür ausgenutzt, Massen von welken Blättern, toten Raupen
+und ihren Exkrementen bedecken den Boden und verbreiten ekelhafte
+Gerüche; mitten darin wohnt, schläft und kocht die ganze Familie.[596]
+In den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die
+Ausdünstung des heißen, klebrigen Wassers, in das sie bei der Arbeit
+unaufhörlich die Hände tauchen müssen, atembeklemmend. Die Lyoner
+Seidenweber, von denen die Hälfte weiblichen Geschlechts sind, haben es
+nicht besser. Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der
+Länge ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882
+fr.[597] Eine der besten Lyoner Hausweberinnen, die ein siebenjähriges
+Kind zu versorgen hatte und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte
+folgendes Budget auf:[598]
+
+Wohnung 130,00 fr.
+Nahrung 653,35 fr.
+Heizung 34,80 fr.
+Kleidung 63,80 fr.
+-----------------------------------
+ Im ganzen: 918,45 fr.
+
+Trotzdem sie für Nahrung täglich nur 1,80 fr. rechnete, und die Kleidung
+für das Kind durch ihren Bruder beschafft wurde, muß das Defizit ein
+bedeutend höheres sein, als sie angab, weil sie weder für Krankheit,
+noch für Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. Wohlthätigkeit oder
+Prostitution sind die einzigen Mittel, um es wett zu machen; die
+Arbeiterin, die sich aufreibt von früh bis spät, hat dafür nicht einmal
+die Genugthuung, durch eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu
+können,--sie muß betteln gehen oder sich verkaufen!
+
+Fast an jedem Stück unserer Kleidung und unseres Hausrats kleben der
+Schweiß und die Thränen unglücklicher Frauen. Für elegante Brustbesätze
+von Hemden, die den gepflegten Körper reicher Damen umhüllen und für die
+sie selbst drei bis fünf Gulden zahlen müssen, empfängt die Stickerin
+des Erzgebirges nur sechzehn bis achtzehn Kreuzer, für kunstvoll
+gestickte Bettdecken, die ihr weiches Lager umhüllen, und bei einer
+täglichen Arbeitszeit von zwölf bis fünfzehn Stunden fünf Wochen zur
+Fertigstellung erfordern, empfängt die Arbeiterin ganze--fünf
+Gulden![599] Die gestickten Röckchen und Häubchen, die die zarten
+Glieder glücklicher Kinder wärmen, bringen den böhmischen Strickerinnen
+zwanzig Kreuzer den Tag.[600] Ob wohl die Heldinnen großstädtischer
+Feste, deren von Füttern und Perlen glitzerndes Kleid sie wie eine
+Schlangenhaut umgiebt, jener vogesischen Stickerinnen gedenken, die in
+zwölf- und vierzehnstündiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder
+zur Arbeit angenommenen Kinder diese verführerischen Gewänder
+herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?![601]
+Auch die goldgestickten Uniformen der Männer können vom Elend derer, die
+sie schufen, erzählen. Eine fleißige französische Goldstickerin mit
+einem dreijährigen Kind hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und
+eine Ausgabe für die notwendigsten Bedürfnisse von 707,90 fr. Das
+Defizit erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glücklicherweise
+jemanden, der das deckt."[602] Eine ihrer Kolleginnen in Paris verdiente
+wöchentlich bei elfstündiger Arbeitszeit 11,50 fr., womit sie kaum ihre
+Ernährung beschaffen konnte; "sie hat einen Liebhaber, Gott sei Dank,"
+sagte ihre Nachbarin auf eine mitleidige Frage.[603] Dabei bietet diese
+ganze Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Löhne, denn
+die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine
+Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wöchentlich verdiente, stand sie
+sich zehn Jahre später bereits auf 17 bis höchstens 23 Mk.[604]
+
+Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger Feind. Nach
+Hunderttausenden schätzte Leroy-Beaulieu noch vor dreißig Jahren die
+französischen Spitzenarbeiterinnen.[605] Ihre Zahl ist heute sehr
+zusammengeschrumpft. Eine blühende Industrie war einst die böhmische
+Spitzenklöppelei, heute vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu
+ernähren. Sechzehn bis achtzehn Stunden muß die Klöpplerin über dem
+Kissen gebückt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von 30--sage und
+schreibe dreißig!--bis höchstens 100 Gulden erreichen will. Fünfjährige
+Kinder müssen schon acht Stunden täglich neben der Mutter sitzen und
+klöppeln, um drei bis zwölf Kreuzer zu verdienen. Ein elendes Geschlecht
+wächst unter solchen Umständen heran, tuberkulös und skrophulös,
+physisch und geistig herabgekommen.[606] Im klassischen Lande der
+Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom sechsten
+Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwölf Stunden täglich in feuchter
+Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 fr. im Jahre zu verdienen.[607]
+Bei einer jährlichen Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen
+Mark, stehen sich die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c.
+täglich.[608] Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner
+Spitzennäherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen Satz nur
+dann, wenn bei täglicher zwölfstündiger Arbeitszeit im Laufe des Jahres
+keine Arbeitsunterbrechung stattfindet. Dasselbe gilt für die
+Schleierarbeiterinnen, die dabei noch schlimmer daran sind, weil sie
+keine differenzierte Arbeit haben, wie die Spitzennäherinnen; alle Tage,
+zwölf Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen
+auf das feine Gewebe.[609] Zehrende Krankheiten sind das Gefolge der
+Spitzenarbeit. Noch schärfer als in der Fabrik wirkt das Blei, das zur
+Appretur angewendet wird, auf die Arbeiterinnen; fast alle weisen
+Zeichen der Vergiftung auf, neben rasch abnehmender Sehkraft.[610] Auch
+hier ist die Lage völlig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte
+Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen.
+
+Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu können, daß die
+Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und die Zustände, die
+sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. Dies Sterben ist aber leider
+nicht nur ein außerordentlich langsames, dieselben Verhältnisse finden
+sich vielmehr auch bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht
+leben und nicht sterben können. Sehen wir z.B. jene englischen
+Heimarbeiter an, die Zündholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet
+eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der ganze,
+auch im Sommer geheizte Raum ist erfüllt mit trocknenden Schachteln,
+Geruch von schlechtem Leim erfüllt die Luft, und 7 sh. wöchentlich ist
+die höchste zu erzielende Einnahme.[611] Oder betrachten wir jene in den
+Dörfern und Flecken Böhmens verstreuten Glasarbeiter-Familien, deren
+Frauen die schwersten und gesundheitsschädlichsten Arbeiten obliegen;
+stundenweit, bei jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden müssen sie die
+schweren Lastkörbe schleppen, um Waren abzuliefern und Material zu
+holen[612], oder sie sind mit der Glasmalerei beschäftigt und infolge
+der bleihaltigen Farben Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.[613] Blaß
+und hohläugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen Thüringens. Um
+den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen Glanz zu geben, blasen die
+Mädchen eine übelriechende, oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte
+von Fischschuppen und Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und
+augenkrank, aber sie erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75
+Pf. täglich![614] Noch elender daran sind die belgischen
+Strohflechterinnen, die täglich 47 bis 57 c. verdienen, und dabei
+vollständig in den Händen des Faktors sind, der sie am liebsten mit
+Waren entlohnt.[615]
+
+Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne Anstoß von
+außen, ihrem natürlichen Verfall entgegen, so wäre damit die
+Hausindustrie an sich nicht aus der Welt geschafft. Denn wie sie
+einerseits durch die Großindustrie erdrückt wird,--ein Prozeß, der in
+der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck kommt,--so werden
+ihr andrerseits durch sie neue Gebiete eröffnet, auf denen eine fast
+grenzenlose Ausbreitungsmöglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation
+des Großbetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf hervor;
+hier ist die Heimarbeit überall in starkem Zunehmen begriffen[616],
+obwohl deren Schäden zum Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit
+spielt hier eine solche Rolle, daß, wo eigene Kinder fehlen, fremde,
+sogenannte Kaufkinder angenommen werden.[617] Es kommen Räume von kaum
+zwei Meter Höhe vor, in denen Frauen mit fünf bis acht Kindern den
+ganzen Tag Cigarren machen; in Küchen und Schlafkammern wird der zum
+Entrippen angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so daß der Tabakdunst nicht
+mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.[618] Welche Folgen
+die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir schon erfahren. Dabei
+verdient eine ganze, aus Mann, Frau und Kindern bestehende hart
+arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, während eine alleinstehende
+Frau mit einem Kind auf 6 bis höchstens 10 Mk. rechnen kann.[619] Welche
+Gefahren die hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch für die
+Konsumenten mit sich bringt, dafür nur ein Beispiel: In New-York fand
+ein Sanitätsinspektor eine Familie, die in derselben engen Kammer
+Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an Diphtheritis schwer krank
+danieder lagen.[620]
+
+Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die Spielwarenindustrie, die
+von alters her eines der traurigsten Kapitel der Hausindustrie bildet
+und weiter bilden wird, weil der Großbetrieb sich besonders für billiges
+Spielzeug als weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In
+ihrer deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten
+Lohn- und Wohnungsverhältnisse. Typisch war eine Behausung, die aus
+Küche und Kammer bestand. Die Küche, zugleich Wohn- und Arbeitsraum,
+wurde dauernd geheizt, damit die ringsum aufgeschichteten Sachen,
+Puppenköpfe und dergleichen, schneller trocknen; die kaum ventilierbare
+Kammer war durch zwei bis drei Betten ganz ausgefüllt, in denen oft
+zwei- bis dreimal so viel Menschen schliefen. Die Beköstigung bestand
+neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der Fleischer
+Würste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die aus dem Rindfleisch
+als unbrauchbar entfernt werden.[621] Diese Ernährung soll dem Körper
+Kräfte genug verleihen, um in der Hochsaison eine tägliche Arbeitszeit
+von achtzehn bis zwanzig Stunden auszuhalten.[622] Dabei waren die Löhne
+so elend,--eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei angestrengter
+Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die Woche, mußte sich
+aber mit diesem Verdienst auch noch über eine vier- bis sechsmonatliche
+Arbeitslosigkeit hinweghelfen[623],--daß die Drechsler sich ihr Holz
+stehlen mußten, um nur existieren zu können.[624] Man sage nicht, daß
+diese Zustände zwanzig Jahre hinter uns liegen und überwunden sind; denn
+heute ist das Elend in der Thüringer Spielwarenindustrie noch viel
+größer.[625] Eine Drückerfamilie, die aus Papiermaché Spielzeug
+herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen,
+heißen Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein Säugling in der
+Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, ein Stuhl, eine einzige
+Schüssel, die zum Waschen und Essen gleichzeitig benutzt wurde, bildeten
+die ganze Einrichtung; dem gegenüber hatte der Pfarrer des Orts die
+Stirn, zu behaupten, daß alle Leute gut und angenehm wohnen[626]! Die
+Löhne sind von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Heute verdient z.B. eine
+Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von 25 bis 30 cm Länge, mit
+Aermeln, Schleifen, Spitzen und Knöpfen nicht mehr als 12 bis 20
+Pf.[627] Die beliebten Puppentäuflinge liefert der Sonneberger
+Hausindustrielle für 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro Stück--1 Pf.
+verdient! Eine Bossiererfamilie von vier erwachsenen Personen kommt bei
+täglicher,--den Sonntag mitgerechnet,--vierzehn-bis fünfzehnstündiger
+Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von 34
+Pf. täglich für die Person.[628] daß unter solchen Verhältnissen die
+Männer sich bemühen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die
+Schwächsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie auf. 81 %
+der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger Spielwarenindustrie zur
+Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den Schulstunden oft bis zehn und
+zwölf Uhr nachts, drängt die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr,
+ehe sie zur Ruhe kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert,
+daß im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose
+Erwachsene gegenüberstanden.[629] Auch in anderen Zweigen der
+Spielwarenindustrie müssen die Mütter nicht nur all ihre Kräfte daran
+geben, um einen nennenswerten Verdienst zu erreichen, sie sind auch noch
+gezwungen, das Liebste, was sie haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem
+unersättlichen Moloch in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der
+Zinnsoldaten hauptsächlich in ihren Händen. Sie sitzen beide blaß und
+still vor den Farbentöpfen, nur die Hände fieberhaft bewegend; das arme
+Kind mit dem alten, müden Zug um Mund und Augen wendet teilnahmlos die
+bunten Figürchen in den Händen, es weiß gar nicht, was Spielen heißt.
+Hunderte von Nürnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; bei
+vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit erreichen sie einen
+wöchentlichen Reinverdienst von höchstens 4,35 Mk.[630] Die Räume, in
+denen all dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus
+Holz und Papiermaché, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer
+verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime mit
+den Waren in die Familien der ahnungslosen Käufer getragen werden. Eine
+unbewußte Rache der Elenden an den Reichen, wenn sie ihnen mit dem
+bunten Spielzeug den unheimlichsten Würgeengel der Menschheit ins Haus
+schicken!
+
+Wir kommen nunmehr zu jenem großen Arbeitsgebiet, auf dem sich die
+Frauen in Scharen zusammendrängen, und das die Näherei in allen ihren
+Zweigen umfaßt. Die Art der Arbeit ist hier eine sehr differenzierte.
+Wir haben die Werkstattarbeiterin in den Schwitzhöhlen, die
+Heimarbeiterin, die für die Konfektions- und Putzgeschäfte arbeitet, die
+Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft
+leben, die Näherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst näht.
+Dabei handelt es sich neben der Herstellung der Wäsche und Kleidung um
+die der Hüte, der Handschuhe, der Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet für
+die Frauenarbeit ist, geht schon daraus hervor, daß allein in
+Deutschland zwei Drittel aller hausindustriell thätigen Frauen der
+Bekleidungsindustrie angehören. Die Nadel ist eines der urältesten
+Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr geblieben als eines jener
+wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form und Idee nach im Laufe der
+Jahrhunderte kaum verändert haben, und in der Bekleidungsindustrie mehr
+als in irgend einer anderen, hat sich bestätigt, was wir schon in Bezug
+auf andere Berufsarten ausführten, daß die Frauenarbeit die technische
+Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das Maschinenwesen gerade in
+der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Fortschritt
+gemacht, nur in der Näherei ist man seit fünfzig Jahren bei denselben
+primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie herrscht
+nicht nur noch unumschränkt, sie hat sogar die beste Aussicht, den
+Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde zu schlagen.
+
+Für die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt es zwar nicht
+an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den etwa
+Momentphotographien aus einem Feldzug für die Beurteilung des ganzen
+Krieges haben: Wo der Kampf am heißesten ist, wo die Wunden am
+schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. Meist haben
+plötzlich an die Oberfläche tretende Mißstände das Elend der Konfektion
+der Oeffentlichkeit vor Augen geführt; Erhebungen, wie die beiden
+deutschen im Jahre 1886, veranlaßt durch den Kampf der Arbeiter gegen
+den geplanten Nähgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des
+Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben
+gewähren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der
+Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die Verhältnisse. An
+umfassenden, sorgfältig vorbereiteten, besonders die Höhe der
+Wochenlöhne und Jahreseinnahmen berücksichtigenden Enqueten fehlt es
+jedoch vollständig. Mit der Angabe der Wochenlöhne allein wäre nicht
+viel gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so
+ausgeprägter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die Hochsaison
+nur fünf Monate, die übrigen sieben bedeuten teils eine stille, teils
+eine vollständig tote Zeit für die Arbeiterin. Selbst Wochenlöhne von 15
+bis 20 Mk., die außerordentlich selten vorkommen, können demnach oft nur
+eine kümmerliche Existenz gewährleisten. In folgender Tabelle habe ich
+versucht, einige der festgestellten Wochenlöhne in Verbindung mit den
+Jahreseinnahmen der Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen:
+
+ | Wochen- | Jahres-
+ Art der Arbeit | lohn | ein-
+ | | kommen
+ | |
+ | Mk. | Mk.
+-----------------------+---------+--------
+Kleider- und Mäntel- | |
+konfektion[631]: Berlin| 8-9 | 160-180
+ " " | 4-5 | 80-100
+Wäschekonfektion: | |
+ Rheinprovinz | 5,95 | 314,64
+Wäschekonfektion: | |
+ Erfurt | 6-7 | 250
+Knabenkonfektion: | |
+ Stettin | 3-4,80| 250
+Knabenkonfektion[632]: | |
+ Berlin | 3-10 | 280-300
+Wäschekonfektion[633]: | |
+ Erfurt | 2,25 bis|
+ | 4,75 | 167,25
+ " | 3,45 bis|
+ | 7,20 | 253,95
+ " | 4,60 bis|
+ | 9,60 | 338,60
+Herrenkonfektion: | |
+ Berlin | 12,46 | 490
+ " | 9,70 | 380
+ " | 6,30 | 250
+ " | 6,99 | 280
+Wäschekonfektion: | |
+ Berlin | 9,48 | 470
+Knabenkonfektion: | |
+ Stettin | 7,50 | 300
+Damenkonfektion: | |
+ Berlin | -- | 375
+Damenkonfektion: | |
+ Breslau | -- | 250
+Damenkonfektion: | |
+ Erfurt | -- | 220
+Wäschekonfektion: | |
+ Berlin | 5,88 | --
+Damenkonfektion: | |
+ Berlin | 7 | 280
+Unterrock- | |
+ konfektion[634]: | |
+ Berlin | 7-8 |
+Blusenkonfektion: | |
+ Berlin | 3,50 bis| 200-311
+ | 4,50 | --
+ " | 7-7,50| --
+ " | 9 | --
+Kleiderkonfektion[635]:| |
+ Breslau | 4,50 bis|
+ | 7,50 | 250-300
+ " | 2-3 | 100-150
+Konfektion[636]: | |
+ Lübbecke | -- | 250
+ " | -- | 376
+Damenkonfektion[637]: | |
+ Berlin | 7,42 | 386
+ " | -- | 322
+ " | 5,95 | 309
+ " | -- | 393
+ | |
+
+Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fällen Jahreseinnahmen
+unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, daß eine regelmäßige
+wöchentliche Einnahme von 9 Mk. und eine jährliche von 468 Mk. gerade
+nur das notdürftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu sichern
+vermag, eine großstädtische Arbeiterin sogar unter 600 Mk. nicht
+auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts hinzuzufügen, um ihre Sprache
+beredter zu machen. Dabei erreicht die Arbeiterin diese Hungerlöhne nur
+mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von
+vierzehn bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die
+Stepperinnen in den Berliner Zwischenmeisterwerkstätten oft bis elf
+Uhr nachts und länger;[638] Nürnberger Näherinnen, die acht bis neun
+Mark verdienen, müssen dafür fünfzehn bis sechzehn Stunden hinter der
+Maschine sitzen.[639] In den Werkstätten beträgt die Arbeitszeit selten
+weniger als zwölf bis dreizehn Stunden, sehr häufig,--das konnte die
+Kommission für Arbeiterstatistik wiederholt konstatieren,--wird,
+besonders vor den Liefertagen, die Nacht durch gearbeitet. Ins Endlose
+wird sie noch dadurch ausgedehnt, daß die Arbeiterinnen Arbeit mit nach
+Hause nehmen und hier noch drei bis fünf Stunden ihr letztes bißchen
+Kraft daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam
+vor, daß Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125
+Arbeitsstunden wöchentlich berechnen konnten.[640] Die Vorteile der
+Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts zusammen, um so
+mehr, als auch die Werkstatt in den meisten Fällen nichts weiter ist,
+als eine enge, schlecht beleuchtete und schlecht ventilierte
+Proletarierwohnung. In demselben Raum, der vom Dunst der Bügeleisen
+erfüllt ist, in dem Glieder der Familie des Zwischenmeisters nächtigen,
+der womöglich auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die
+Näherinnen dicht gedrängt vor dem oft einzigen Fenster. Werkstätten in
+feuchten Kellern, oder in glühendheißen Dachstuben kommen vor, dabei ist
+häufig die Ueberfüllung so groß, daß statt 28 cbm nur 5 bis 12 cbm
+Luftraum auf die Person kommen.[641] Und doch steht die
+Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die Heimarbeiterin. Das
+größte Elend ist dort zu Hause, wo, versteckt in den eigenen vier
+Wänden, die arme Witwe, die verlassene Ehefrau, die Gattin des
+Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen für sich und ihre Kinder den harten
+Kampf ums Dasein kämpfen. Rücksichtslos und schutzlos sind sie der
+unbeschränktesten Ausbeutung preisgegeben. Daß sie zum großen Teil nicht
+freiwillig die Heimarbeit gewählt haben, sondern sich dazu gezwungen
+sehen, weil Familiensorgen sie ans Haus fesseln, geht schon daraus
+hervor, daß die meisten Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild
+so oft verherrlichten "flotten Nähmamsellen" gehören, sondern
+sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren
+abhängt.[642] Fast durchweg liegt die Herstellung der gewöhnlicheren
+Konfektion in ihren Händen,[643] infolgedessen erreichen sie bei
+höchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, wo sie
+dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist ihr Verdienst
+geringer.[644] Eine verwitwete Näherin in Berlin mußte, um 10 Mk.
+Wochenlohn zu erreichen, von früh vier und fünf Uhr bis nachts elf Uhr
+arbeiten; trotz dieser übermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre
+Familie nicht allein erhalten, sie mußte noch zur Armenunterstützung
+ihre Zuflucht nehmen![645] Eine Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten
+Morgengrauen ihre Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr
+nachts; weil sie sich die Zeit dafür nicht nehmen konnte, mußte ihr
+ältester elfjähriger Bub das Mittagessen bereiten und die Geschwister
+beaufsichtigen.[646] Berliner Blusennäherinnen wiesen Wochenlöhne von
+3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf![647] In Essen verdiente eine Mutter mit ihrer
+Tochter bei sechzehn- bis achtzehnstündiger Arbeitszeit 9,75 Mk. für das
+Nähen leinener Arbeiterhosen; pro Stück erhielten sie--12 Pf., obwohl
+das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflöcher, zehn Knöpfe neben
+den Maschinennähten zu nähen waren und das Garn dazu geliefert werden
+mußte.[648] Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk.
+wöchentlichen Verdienst, Knopflochnäherinnen in der stillen Zeit auf 2
+bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine Wäschenäherin, Mutter von
+vier kleinen Kindern, konnte bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als
+9 Mk. wöchentlich verdienen.[649] Wie sich bei solchen Einnahmen die
+Lebenshaltung gestaltet, dafür nur einige Beispiele. Eine
+alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wöchentlich verdiente,
+hatte folgendes Wochenbudget:
+
+Mit einer anderen geteilte Kochstube 1,50 Mk.
+Feuerung 0,30 "
+Spiritus zum Kochen 0,20 "
+Petroleum 0,30 "
+Wäsche 0,15 "
+Mehl, Gemüse, Gegräupe 0,70 "
+Kartoffeln 0,15 "
+Brot 1,00 "
+Milch 0,35 "
+Salz, Schweden etc 0,10 "
+Kaffee 0,40 "
+Butter 0,50 "
+Schmalz 0,38 "
+Kassenbeitrag 0,22 "
+ ----------
+Im ganzen: 6,25 Mk.
+
+Ihre tägliche Ausgabe für die Nahrung betrug demnach nicht ganz 50 Pf.,
+für Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben blieben wöchentlich nur 75
+Pf. übrig.[650] Eine andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag
+für 30 Pf. täglich auswärts aß, brauchte, da sie sich ein wenig besser
+nährte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben einer Breslauer Näherin,
+die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, stellten sich folgendermaßen:
+
+Wohnung 1,00 Mk.
+Mittagessen 1,75 "
+Frühstück, Vesper, Abendbrot 2,25 "
+Heizung, Beleuchtung, Wäsche 1,35 "
+Kassenbeitrag 0,15 "
+ ------------
+Im ganzen: 6,50 Mk.
+
+Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller Art nicht
+in Rechnung gestellt wurden, und die tägliche Ausgabe für die Ernährung
+nur 57 Pf. beträgt, ein wöchentliches Defizit von 50 Pf.[651] Sobald
+noch Kinder zu ernähren sind, wird die Lage natürlich zu einer ganz
+verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjährigen Sohn, die 366 Mk. im
+Jahr, also ca. 7 Mk. wöchentlich verdiente, und die Ausgabe für Miete
+durch Aftervermietung deckte, hatte folgende Wochenausgaben:
+
+Feuerung 0,90 Mk.
+Petroleum 0,55 "
+Brot 1,30 "
+Ein Pfund Fett 0,60 "
+Zehn Pfund Kartoffeln 0,30 "
+Gemüse und Gegräupe 0,70 "
+Knochen zum Auskochen 0,15 "
+Sonntags 1/2 Pfund Fleisch 0,30 "
+Salz, Schweden, Wichse etc 0,10 "
+Wäsche 0,15 "
+Kaffee 0,60 "
+Milch 0,35 "
+ -------------
+Im ganzen: 6,00 Mk.
+
+Für die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. für Krankheit, Fahrten,
+Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. wöchentlich übrig, die Nahrung
+stellte sich täglich auf 30 Pf. pro Person![652] Kann man sich wohl von
+einer Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer
+Wocheneinnahme von fünf oder gar nur drei Mark beruht?! Läßt sich das
+Elend ausdenken, das herrschen muß, wenn mehr als ein Kind davon
+erhalten werden soll?!
+
+Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß solche Verhältnisse vielleicht
+einzig dastehen und sich in anderen Ländern nicht wiederholen. Leider
+zeigt sich aber auch hier, daß gewisse soziale Zustände im unmittelbaren
+Gefolge wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher überall die
+gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben Stand
+erreicht hat. Die Wiener Näherin, die von sechs Uhr früh bis in die
+späte Nacht Trikottaillen näht, um 3,50 fl. zu verdienen; die beiden
+Schwestern, die zusammen 10, höchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft
+nicht mehr wie 20 kr. für ihr Mittagessen auszugeben vermögen;[653] die
+böhmische Handschuhnäherin, die bei vierzehnstündiger Arbeitszeit nur
+208 fl. im Jahr einnimmt, für Nahrung, Heizung und Wohnung für sich und
+ihr Kind aber allein 252 fl. braucht[654],--sie alle geben ihren
+deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse aber
+ist es, daß selbst im gelobten Lande der Näherei und Schneiderei, das
+die Modedamen der ganzen Welt mit seinen Erzeugnissen versorgt, in
+Frankreich, die Lage derjenigen, aus deren Händen all die Wunderwerke
+hervorgehen, keine günstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach
+hoch, sie ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die
+deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch intensiverer
+ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa diejenigen, die als
+Vorarbeiterinnen in den Werkstätten der großen Konfektionshäuser
+beschäftigt werden, können auf eine annähernd regelmäßige Arbeit während
+des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 bis höchstens 230,
+die gewöhnlichen,--und die meisten!--haben 60 bis 160 Tage zu thun.[655]
+In der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die täglich eine
+bis zwei Stunden Beschäftigung gewährt, in der hohen Saison dagegen
+kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden vor![656] Bei vierzehn- bis
+fünfzehnstündiger Arbeitszeit kann die Durchschnittskonfektionsnäherin
+in Paris eine Jahreseinnahme von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75
+c. bis 1,25 fr. täglich verdient.[657] Bei einer Einnahme von 900 fr.
+aber fängt erst die Möglichkeit an, selbständig davon leben zu können,
+und nur ein Drittel aller ihrer Arbeiterinnen verdienen, nach den
+Aussagen der Chefs der ersten Pariser Konfektionsfirmen, mehr als
+das.[658] Eine der ersten Pariser Schneiderinnen, die für ein großes
+Haus Modelle arbeitet, also höchst selten arbeitslos ist, verdiente
+jährlich 875 fr. Sie hatte folgendes Ausgabenbudget[659]:
+
+Nahrung 550 fr.
+Miete 200 "
+Wäsche 20 "
+Zwei Paar Schuhe 20 "
+Zwei Kleider (selbst genäht) 40 "
+Zwei Hüte (selbst garniert) 10 "
+Schirm, Handschuhe 10 "
+Kleine Ausgaben 25 "
+
+Im ganzen: 875 fr.
+
+Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, daß selbst für eine Kraft
+ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert erscheint, wenn nicht nur
+die Ansprüche geringe sind, die Gesundheit gefestigt ist und auf
+Vergnügungen fast ganz verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es
+sich nur um die Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen,
+auch noch zu den besseren Arbeiterinnen zu zählenden Näherin, die 3 fr.
+täglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die Ausgaben
+folgendermaßen[660]:
+
+Nahrung 511 fr.
+Miete 120 "
+Kleidung 55 "
+Wäsche 48 "
+Stiefel 30 "
+Licht und Heizung 25 "
+Kleine Ausgaben 40 "
+
+Im ganzen: 829 fr.
+
+Wir stoßen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst durch äußerste
+Einschränkung nicht zu decken wäre. Daß es unmöglich ist, beweist das
+Budget einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschäfte. Sie
+gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufügte, daß sie sich
+dabei alles versagen müsse, was das trübe, einförmige Leben erheitern
+könne. Trotz einer achtmonatlichen, mit 4 fr. täglich entlohnten Arbeit,
+hatte sie am Schluß des Jahres gegen 200 fr. Schulden.[661] Wie sich
+aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. einnehmen und
+davon auszukommen versuchen, dafür nur ein Beispiel: Eine Pariser
+Konfektionsnäherin hatte ein Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie
+gab aus für:[662]
+
+Miete 100,00 fr.
+Nahrung 237,25 "
+Licht 4,00 "
+Ein Kleid 5,00 "
+Ein Fichu 2,00 "
+Zwei Paar Strümpfe 1,30 "
+Zwei Paar Schuhe 8,00 "
+Zwei Hemden 2,50 "
+Eine Hose 1,25 "
+Zwei Taschentücher 0,80 "
+Zwei Servietten 0,80 "
+
+Im ganzen: 362,90 fr.
+
+Ihre tägliche Nahrung bestritt sie für 55 c., d.h. für 5 c. Milch, für
+20 c. Brot, für 10 c. Kartoffeln, für 10 c. Käse und für 10 c. Wurst!
+Selbst die Heizung mußte sie sich versagen, von Vergnügungen war keine
+Rede, ein einziges Fähnchen für 5 fr. mußte das ganze Jahr aushalten!
+Und das war ein Mädchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach
+Glück und Freude, die so stürmisch nach Erfüllung verlangt; ein Mädchen
+von zwanzig Jahren mitten in der von Lebenslust fiebernden Luft von
+Paris! Und doch giebt es noch tiefere Stufen des Elends. Die
+Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf ihnen angelangt: hier finden sich
+Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 fr., während das Leben sich mit
+weniger als 350 fr. unmöglich bestreiten läßt.[663]
+
+Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die alten
+Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im
+Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie unumschränkt. Die
+furchtbaren Enthüllungen des Elends in den kleinen Werkstätten des
+Londoner Ostens waren es, die überhaupt zuerst die Blicke der Welt auf
+die Zustände in der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des
+Sweating-Systems stammt von dort. In den Werkstätten der
+Zwischenmeister, wo in dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut
+dicht gedrängt zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht
+ruht, wo die Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden
+Händen für ein Stück Brot die Nadel führen, wo der Fluch Jehovahs: "Im
+Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen" erst in Erfüllung
+gegangen zu sein scheint, übt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in
+Manchester, in Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Löhne und lange
+Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, Näherinnenlöhne
+von 6 p. an sind an der Tagesordnung[664]; die Glasgower
+Heimarbeiterinnen in der Wäschekonfektion, die häufig von sechs Uhr früh
+bis zehn Uhr abends in ihrem verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen
+oder kranken Kindern an den feinen Batisthemden sticheln, die irgend
+eine Herzogin ahnungslos über den gepflegten Körper ziehen wird,
+verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche[665]; in den
+Londoner Schneiderwerkstätten erreicht eine gelernte Schneiderin bei
+vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit im besten Fall 4 sh.
+täglich, häufig muß sie sich mit derselben Summe als Wochenlohn
+zufrieden geben[666], während die Heimarbeiterin überhaupt kaum mehr zu
+verdienen vermag[667], sie näht z.B. Unterröcke für 7 p. das Stück,
+wobei sie den Faden noch zugeben muß.[668]
+
+Selbst in die neue Welt brachten die unglücklichsten Flüchtlinge der
+alten das Sweating-System mit. Blühende Industrien, die ihren Arbeitern
+ein gutes Auskommen sicherten, brachen unter der Schmutzkonkurrenz der
+kleinen Werkstätten und der armen Heimarbeiter zusammen.[669]
+Ein einziger Stadtteil Chicagos wies nicht weniger als 162
+Konfektionswerkstätten auf, über die Hälfte aller Arbeiter darin waren
+verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den notwendigsten
+Ausgaben das Gleichgewicht halten.[670] Als typisches Beispiel für die
+Wirkung der Hausindustrie kann folgendes gelten: ein Schneider, der seit
+seinem vierzehnten Jahre ein fleißiges und nüchternes Leben führte, und
+trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jährlich einnahm, hatte nach zwanzig
+Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und wurde selbst, im
+Alter von 34 Jahren! als altersschwach und arbeitsunfähig befunden.[671]
+Da die Löhne der weiblichen Arbeiter noch viel niedriger sind--solche
+von 25 c. täglich kommen sehr oft vor--, ihre Widerstandsfähigkeit eine
+geringere ist und ihre Kräfte sich oft in wenigen Jahren
+verbrauchen,[672] so kann man sich ungefähr eine Vorstellung von der
+Lage machen, in der sie sich befinden.
+
+Als notwendige Folge der niedrigen Löhne ist die Überarbeit, die
+Unterernährung und die Wohnungsnot überall die gleiche. Es giebt naive
+Gemüter, die in der Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur
+Aufrechterhaltung des durch die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens
+sehen. Sie stellen sich die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der
+handarbeitenden Frau aus bürgerlichen Kreisen vor, die nur müßige
+Stunden auszufüllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer Wirtschaft
+stets zur Verfügung steht. Sie wollen nicht einsehen, daß Heimarbeit zu
+fieberhafter Thätigkeit verdammt, daß sie den Menschen der Maschine
+gegenüberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf aufnehmen
+muß, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem sterbenden Kinde muß die
+New-Yorker Arbeiterin ihr Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit,
+ihre Toten zu begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten
+können, schickt sie auf die Straße, oder bestenfalls zu Pflegefrauen, um
+in der Arbeit nicht gestört zu werden.[673] Ihre Berliner
+Leidensgefährtin greift zu dem Mittel, ihre Kleinen in Kisten zu
+pferchen, oder an Stühle anzubinden, weil sie keine Zeit hat,
+aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen oder die Umherlaufenden zu
+beaufsichtigen.[674] Die Hausindustrie erhält die Frau nicht der
+Familie, denn sie muß Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso
+vernachlässigen, als ginge sie in die Fabrik.[675] Die Hausindustrie
+zerstört vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik
+noch erhält, weil sie ihrer Sklavin überhaupt keine Ruhe läßt, weil sie
+den armseligen Wohnraum des Proletariers auch noch zur Werkstatt
+verwandelt. Die ganze Familie und die ganze Arbeit der Berliner
+Heimarbeiterin drängt sich in einem Raum, der womöglich auch noch zum
+Kochen benutzt wird, zusammen; die kleine Stube daneben muß an
+Schlafleute vermietet werden und wird oft noch von den Kindern
+geteilt.[676] Wie sie keinen Raum besitzen, in dem sie bei Tage für sich
+sein können, so haben sie nachts kaum ein Bett für sich allein; zwei
+Drittel aller Berliner Heimarbeiterinnen müssen ihr Bett mit anderen
+teilen.[677] Bilder grauenhaften Elends rollen sich auf, wenn wir diese
+Wohnungen näher betrachten: Im fünften Stock eines Berliner Hauses
+befindet sich ein einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose
+Küche; darin haust eine gelähmte Greisin, ihre Tochter, die Näherin ist,
+und deren vier Kinder. In einem Keller derselben Stadt wohnt in einer
+Küche von 8 qm Bodenfläche eine Witwe mit vier Kindern, die Stube
+daneben hat sie an Schlafburschen vermietet; in beiden Räumen schimmeln
+die Möbel, so feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen
+Räumen haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmädchen; den
+Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs. In einem
+Keller, dessen Dielen verfault sind, und dessen Fenster tief unter der
+Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern für die, die droben in Luft und
+Sonne lachend vorübergehen. In einem anderen Keller ähnlicher Art liegt
+der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau näht
+neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit ein.[678] In
+New-York fand man eine siebenköpfige Familie in einer Wohnung von drei
+Räumen, von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als
+fünfzehn Schlafleuten,--alle waren auf nur drei Betten angewiesen.[679]
+In einer anderen Wohnung, in die ein Fabrikinspektor nachts eindrang,
+lagen zehn bis zwölf Menschen, Männer, Frauen und Kinder, manche halb
+nackt, auf dem bloßen Fußboden.[680]
+
+Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen Elends
+nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des ersten
+Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" betrachten:
+sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. Nachhaltiger aber
+dürfte ihr Schrecken sein, wenn sie erführen, daß jene Armut ihnen
+selbst an das liebe Leben greift: in einem Zimmer Berlins nähte eine
+arme Mutter Blusen, halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei
+diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die
+eben noch an derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten
+gleich darauf sieben Arbeiterinnen.[681] Masern, Keuchhusten,
+Scharlach,--kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der armseligen
+Stube der Näherin ein, und werden von ihren Hemden und Blusen und Röcken
+in die Häuser der Käufer getragen. Die Schwindsucht haftet an den
+beliebten billigen Jacken und Mänteln der großen Warenhäuser; das
+furchtbare Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und
+moralisch reinsten Familien.[682] Niemand kann ermessen, wie oft es
+geschieht, keiner aber sollte sich die Größe der Gefahr verhehlen.
+Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in die Arme.
+
+Wir haben gesehen, daß die Hausindustrie Löhne aufweist, durch die kaum
+das nackte Leben erhalten werden kann. Ihre Arbeiterinnen aber sind
+jung, es graut sie mit vollem Recht vor einem Dasein, das aller Freude
+entbehrt; sie sind Mütter, sie können ihre Kinder nicht darben lassen;
+sie sehen das Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden.
+Selbst durch den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft können sie nicht
+leben, der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre muß die Ergänzung sein. Die
+Arbeit selbst müssen sie häufig damit bezahlen. Am günstigsten noch
+gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein festes Verhältnis haben, wie jene
+arme Mutter, die erklärte, sie habe sich dazu entschließen müssen, sonst
+wäre sie zu Grunde gegangen.[683] Ein Liebhaber aus den eigenen Kreisen
+wird vielleicht einmal ein Ehemann. In den weitaus meisten Fällen jedoch
+fallen die hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen
+Prostitution anheim.[684] Hunger und Lebenslust sind stärker als alle
+Moral, und die Moralpredigt oder gar die moralische Entrüstung wird
+angesichts dieses Elends zu einer ekelhaften Farce.
+
+Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu ihrer
+letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung der
+Zustände verheißt? Kann die Hausindustrie ihren Arbeitern, wie der
+Fabrikbetrieb nach und nach eine höhere Lebenshaltung ermöglichen? Um
+diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich die Ursachen des
+herrschenden Elends klar zu machen.
+
+Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie sich
+festgesetzt: in den Großstädten, wo eine große Arbeiterbevölkerung sich
+vorfindet.[685] Hier strömen in wachsender Zahl die Proletarier
+zusammen, ihre Frauen und Töchter schaffen ein übermäßiges Angebot von
+Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von Landmädchen und
+durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und Mädchen aus den Kreisen
+des Bürgertums ständig gesteigert wird. Diese Arbeitskräfte können aber
+nur von Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine
+Ansprüche machen und deren technische Entwicklung noch in den Anfängen
+stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien aller Art, in erster
+Linie diejenigen, die an alte hauswirtschaftliche Frauenarbeit
+anknüpfen, wie die Näherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders
+geeignet, alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergänzung des
+männlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im Hause
+beschäftigt. All diese zusammentreffenden Umstände nun: die
+Konzentrierung proletarischer Elemente in den Großstädten, das starke
+Angebot weiblicher Arbeitskräfte, die zum Teil durch ihre Leistungen
+nicht ihren ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz
+der Industrie, möglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen der
+großstädtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an physischem und
+sittlichem Elend. Für England und Amerika gilt dasselbe, nur daß dort
+die billigen Arbeitskräfte durch die armen Einwanderer gestellt werden.
+
+Aber nicht nur in den Großstädten findet die Hausindustrie die
+Voraussetzungen für ihre Existenz. Sie findet sie in gleichem Maße in
+den Gebirgen, wo infolge der schlechten Transportverhältnisse der
+Fabrikbetrieb nicht Fuß fassen kann,[686] und in den Landorten des
+Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der
+Landwirtschaft allein seine Familie zu ernähren. Da die Hausindustrie
+einerseits mit Frauen, andererseits mit Männern und Frauen zu thun hat,
+die von der modernen Arbeiterbewegung nicht erreicht werden, weil sie
+abgeschnitten sind vom Verkehr mit der Welt, so hat sie neben einem
+billigen auch ein außerordentlich fügsames Material in der Hand. Trotz
+alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu kämpfen. Ihre
+Kampfmittel sind neben den niedrigen Löhnen, der langen Arbeitszeit und
+dem Trucksystem die Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen
+Werkstätten beschäftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womöglich
+gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskräfte und entlassen sie,
+sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine Anstellung erwartet
+wird.[687]
+
+Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die Existenzbedingungen der
+Hausindustrie fernerhin vorhanden sein werden, und ob ihre
+Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum Vorteil der Arbeiter zu
+verändern.
+
+Es giebt Industrien, z.B., um gleich die für unseren Zweck wichtigste zu
+nennen, die Textilindustrie, die durch große technische
+Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den Todesstoß
+versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr aushalten, sie wird
+gewissermaßen ausgehungert. In England hat sich dieser Prozeß bereits
+vollzogen, in anderen Ländern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere
+dagegen--und hier kommt im wesentlichen die Bekleidungsindustrie in
+Betracht--bedürfen in der Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre
+Maschinen, die Nähmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue
+Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen
+Voraussetzung. Und sie werden durch äußere Umstände auf absehbare Zeit
+hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die Bevölkerungsverhältnisse
+sich in der selben und nicht in der entgegengesetzten Richtung
+weiterentwickeln. Die proletarische Bevölkerung wächst ebenso aus sich
+heraus, wie durch Zuwanderung und durch ein allmähliches Hinabsinken des
+Kleinbürgertums. Dazu kommt, daß die Höhe der männlichen Arbeitslöhne
+immer mehr durch den Frauenerwerb, der als Ergänzung hinzugedacht wird,
+beeinflußt wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher Hände
+steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des Bürgerstandes hat
+eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen der Männer weder den erhöhten
+Bedürfnissen, noch der allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein
+das riesige Indiehöheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der
+Frauen zur Notwendigkeit[688], der andererseits auch vielfach, infolge
+des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile entspringen
+mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die Weiterentwicklung der
+Hausindustrie in ihrer modernen Form zu sichern: die Tendenz zur
+Dezentralisation des Großbetriebs. Die Ausdehnung und schärfere
+Handhabung der Arbeiterschutzgesetzgebung läßt den Unternehmer nach
+einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in der
+Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafür ein besonders drastisches
+Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und zur Ausbreitung der
+Hausindustrie, und zwar grade dort, wo Frauenarbeit eine bedeutende
+Rolle spielt, sind demnach gegeben. Dabei ist aber auch die Frage nach
+der Möglichkeit der Hebung der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum
+Teil mit beantwortet. Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunächst
+unmöglich erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich
+Ursache und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg über den Fabrikbetrieb
+beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen
+Arbeitskraft bis an die Grenze des Möglichen. Ein Rückgang der Löhne, im
+Gegensatz zu ihrer Zunahme im Fabrikbetrieb, zeigt sich überall.[689]
+Die Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen,
+ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur
+Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fällen wählt sie, in der
+Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr nützen zu können, die
+Heimarbeit. Der größte Teil der Heimarbeiterinnnen sind überall Frauen
+mit Kindern.[690] Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden
+Preis. Ihre Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der
+schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen und
+Töchter der Bourgeoisie, jene "verschämten" Armen, die ihre
+Erwerbsarbeit als nicht standesgemäß möglichst geheim zu halten
+suchen[691], und die an primitive Lebensverhältnisse gewöhnte, daher
+billig arbeitende Landbevölkerung. Die Näherinnen im Vogtland z.B., die
+viel für Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die Berliner
+Arbeiterinnen.[692] Und diese gefährliche Konkurrenz wird teils durch
+den Staat, der Webe- und Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils
+durch kurzsichtige Privatwohlthätigkeit, die im Gebirge und auf dem
+Lande den sogenannten "Gewerbefleiß" einführt, unterstützt[693], auch
+noch künstlich großgezogen. Die Frauen, die Landbewohner und schließlich
+auch die Völker mit niedriger Lebenshaltung,--der Einfluß der fabelhaft
+billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit beginnt
+bereits fühlbar zu werden,--bilden das riesige Reservoir, aus dem die
+Hausindustrie stets neue Nahrung schöpft, und die sie gegeneinander
+ausspielt. Sie ist wie ein ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil
+er aus trüben unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der
+mit seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und
+Lebenskräftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich nicht aus
+sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um seine Wirkungen zu
+beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst muß verschwinden.
+
+
+Der Handel.
+
+Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem Umfang
+erst viel später in Erscheinung getreten, als in anderen
+Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die Berliner Kommis an
+das preußische Staatsministerium um Einschränkung der weiblichen
+Konkurrenz[694], aber erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen
+durch sie eine ernste Gefahr. Einerseits sind es die Töchter des
+mittleren und kleinen Bürgerstandes, die mehr und mehr vor die
+Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt werden
+und im kaufmännischen Beruf ein standesgemäßes Unterkommen zu finden
+glauben, andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine
+höhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in steigendem Maße
+ihre Töchter hinauf zu heben.
+
+Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und
+Warenhäusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer geringer werden
+hier die Anforderungen an kaufmännische Bildung und genaue
+Warenkenntnis, da jede Verkäuferin nur eine bestimmte Abteilung
+zugewiesen bekommt und auf den einzelnen Gegenständen die Preise meist
+deutlich vermerkt zu werden pflegen. Infolgedessen ist es erklärlich,
+daß in zahlreichen Geschäftszweigen, besonders in den Geschäften für
+Bekleidung und solchen für frische Nahrungsmittel mehr Frauen als Männer
+zu finden sind; sie rekrutieren sich meist aus proletarischen Kreisen,
+haben oft nur die Volksschule besucht und können, wie z.B. in Berlin,
+nur selten grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.[695]
+Aber nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer
+Arbeit nach, müssen die Verkäuferinnen zu den Kreisen der proletarischen
+Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen aller Länder,
+die sich mit ihrer Lage beschäftigen, stimmen darin überein, daß
+der Lohn zur Leistung in größtem Mißverhältnis steht, und alle
+charakteristischen Zeichen der proletarischen Arbeit,--Ueberarbeit und
+Arbeitslosigkeit,--auch auf sie zutreffen.
+
+Was zunächst die Lohnfrage betrifft, so ist ein einigermaßen
+ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung nicht vorhanden. Selbst die
+deutsche Kommission für Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer
+Untersuchungen der Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise
+förmlich ängstlich vermieden, sich über den Stand der
+Arbeitsentschädigung Aufklärung zu verschaffen. Auch die englische
+Arbeitskommission bringt nur spärliche Ziffern. Wir müssen uns daher im
+wesentlichen auf die Resultate privater Enqueten stützen.
+
+Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkäuferinnen wird vom
+kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte auf 58 Mk.
+monatlich geschätzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit durchschnittlich
+1-3/4 Monate betragen soll, so würde ein Jahreseinkommen von 594 Mk.,
+eine tägliche Einnahme von 1,60 Mk. zu verzeichnen sein.[696] Schon mit
+dieser Summe ist es für die großstädtische Verkäuferin nicht möglich
+auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine Jahreseinnahme
+von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen werden kann, die der
+Berliner Verkäuferin eine sorgenfreie Existenz zu sichern vermag. Nun
+gehören aber die Mitglieder des Hilfsvereins für weibliche Angestellte
+zweifellos zur Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher für die
+große Masse nicht maßgebend sein. Thatsächlich kommen selbst in Berlin
+Monatslöhne von 30 bis 40, ja sogar von 20 bis 30 Mk. vor; in der
+Provinz, besonders in den kleinen Städten, sind solche Sätze keine
+Seltenheit; das Durchschnittsgehalt der Verkäuferinnen in Köln betrug
+40, in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Königsberg gar nur 27 Mk.[697],
+ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen zurücksteht.
+Selbst Leipzig weist Monatslöhne von 20 bis 30, ja sogar solche unter 20
+Mk. auf.[698] Verkäuferinnen, die eben die Lehrzeit hinter sich haben,
+müssen sich sogar oft genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.[699]
+Männlichen Verkäufern wagt man solchen Gehalt nur höchst selten
+anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen Anfangsgehalt, der
+schnell gesteigert wird; ihr Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk.
+angegeben, beträgt also fast das Doppelte des Einkommens ihrer
+weiblichen Kollegen. Je nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch
+die Verkäuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk.
+bezeichnen aber in den meisten Fällen ein nur schwer erreichbares
+Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen nur ausnahmsweise
+vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich häufig bis auf drei Monate
+ausdehnt, so schrumpft die im ganzen Jahr der Verkäuferin zu Gebote
+stehende Summe so sehr zusammen, daß ein Auskommen schwer möglich ist.
+Die Angaben Berliner Handelsgehilfinnen bestätigen das. Danach betrug
+die durchschnittliche Ausgabe für Kost und Wohnung 51 Mk., 30 Mk. wurde
+als das geringste bezeichnet, womit das Leben sich notdürftig bestreiten
+ließe.[700] Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58
+Mk. gegenüber, so ist ohne weiteres klar, daß mit einem Rest von 7 Mk.
+die Ausgaben für Wäsche, Kleidung, Tramwayfahrten etc.--vom Vergnügen
+ganz abgesehen--nicht gedeckt werden können. Besonders die Ansprüche an
+die Toilette, die das Budget der Handelsangestellten so sehr belasten,
+können damit nicht bezahlt werden und doch riskiert die Verkäuferin
+ihre Stellung, wenn sie sie nicht erfüllt. Wie hoch sie sind, beweist
+eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben für Wohnung und
+Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. Während die
+Fabrikmädchen oft kaum den vierten Teil dessen für ihre Kleidung
+verwenden, was sie für ihre Wohnung ausgeben, übersteigt die Summe, mit
+der die Verkäuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die Ausgaben
+für die Wohnung, sehr oft sogar ist sie höher, als diejenige, die sie
+für ihren ganzen Lebensunterhalt anlegen.[701] Denken wir nun aber an
+Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, die
+vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei einer
+Aufwendung von nur 30 Mk. für Kost und Wohnung, wobei nur eine
+Schlafstelle in Betracht kommen kann und die Unterernährung chronisch
+wird, ein bedeutendes Defizit unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann
+gesichert, wenn die dermaßen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie
+wohnen. In welchem Umfang dies thatsächlich geschieht, läßt sich nicht
+feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner Handelsangestellte
+umfaßte, ergab, daß 585, also 71 %, von ihnen bei Familienangehörigen
+wohnen; 240 sind darauf angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu
+beschaffen, und zwar haben 36,75 % dieser selbständigen Mädchen eine
+Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.[702], sie gehören also zu
+denjenigen, die nach unserer Berechnung entweder nur unter größten
+Entbehrungen, oder unter fortwährender Anhäufung von Schulden ihr Leben
+fristen können. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen um
+besonders Bevorzugte handelt,--nur die besser gestellten,
+intelligenteren unter ihnen entschließen sich, einem Verein beizutreten,
+und Vereinsmitglieder waren sämtliche Expertinnen,--so ergiebt sich, daß
+für die Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als
+der der Alleinstehenden ein wesentlich höherer sein muß. Aber selbst
+wenn wir die sehr günstige Berliner Berechnung zu Grunde legen, um die
+Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu beurteilen, zeigt es sich, daß
+von 365005 nicht weniger als 105851 allein stehen, und von diesen wieder
+beinahe 17000 von dem Ertrag ihrer Arbeit nicht leben können.
+
+In England sind die Lohnverhältnisse keineswegs besser, obwohl man
+zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die Handelsangestellten neben
+dem Gehalt freie Station haben. Aber selbst den unwahrscheinlichen Fall
+angenommen, daß diese so vortrefflich ist, daß ein Zuschuß zur Ernährung
+aus dem eigenen Beutel sich nicht als nötig erweist, reicht ein
+Jahreseinkommen von 10 bis 12 £[703] in den Großstädten Englands bei
+weitem nicht aus, um die notwendigen Ausgaben, die den Verkäuferinnen
+erwachsen, zu bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der
+Strafgelder in ausgedehntestem Maße. In manchen Geschäften giebt es bis
+zu hundert verschiedene Versäumnisse, die durch Lohnabzüge gebüßt werden
+müssen.[704]
+
+Für Frankreich können wir uns auf offizielle Untersuchungen nicht
+berufen, um die Lage der Handelsangestellten danach zu schildern; dafür
+liegt in Zolas "Au Bonheur des Dames" ein weit wertvolleres Dokument
+vor. Es zeigt uns den kleinen Laden mit seinen schlecht genährten und
+schlecht bezahlten Arbeitern, es führt uns in das fieberhafte Getriebe
+des großen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkräfte untergräbt; es
+öffnet uns die Thür zu den winzigen, unheizbaren, allen Komforts
+entbehrenden Dachkammern, wo die Mädchen abends halb ohnmächtig auf ihr
+Lager sinken und zu den Eßsälen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen
+mit weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen
+Maschinen in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner großartigen
+Wirklichkeitsschilderung jede Illusion über die Lage der Ladenmädchen.
+Aber weit mehr noch als für das Riesenhandelshaus, das durch seinen
+gewaltigen Umsatz im stande ist, seinen Angestellten eine gesicherte
+Stellung zu geben, trotz aller Ausbeutung und Vernachlässigung, gilt es
+für die kleinen, mühsam um ihr Bestehen kämpfenden Geschäfte, wenn sich
+der äußere Glanz des kaufmännischen Berufs bei näherem Zuschauen in sein
+Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto
+trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor allem,
+daß die Wohnung und Beköstigung im Hause des Prinzipals zwar eine
+Wohlthat ist, aber nicht für die Angestellten, sondern für ihn. Er
+macht dadurch nicht nur Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in
+der Hand, über seine Angestellten wie über häusliche Dienstboten frei
+verfügen zu können.[705] Die Beköstigung im Hause des Chefs, die in
+Deutschland besonders auch dort häufig üblich ist[706], wo die
+Verkäuferinnen für ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den
+willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr einzuschränken oder
+überhaupt dem Zufall und der momentanen Geschäftsruhe zu überlassen. In
+England wurden Mittagspausen von zehn bis höchstens zwanzig Minuten
+festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von
+Kunden unterbrochen werden konnten[707]; in Deutschland ist es nicht
+viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; Frühstücks- und
+Vesperpausen werden, vor allem in den kleinen Geschäften, sehr selten
+gewährt.[708] Abendbrot giebt es in England häufig gar nicht, so daß die
+Mädchen genötigt sind, es sich selbst zu beschaffen[709]; die
+Beköstigung ist dort wie in Deutschland meist, was Quantität und
+Qualität betrifft, gleich minderwertig[710], und muß im Geschäftsraum
+selbst oder in engen, dumpfigen Nebenräumen hastig verschlungen werden.
+Nur die großen Geschäfte, die großen Warenhäuser und Bazare machen hie
+und da eine rühmliche Ausnahme; wo sie überhaupt ihren Angestellten
+Beköstigung bieten, ist sie ausreichend, besondere Speisesäle sind dafür
+angelegt und die Zeit zu ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, daß sie
+auch ein Ausruhen in sich schließen kann. In den kleinen Städten und in
+den kleinen Geschäften, wo die weiblichen Angestellten auch häusliche
+Arbeiten verrichten müssen, ist ihre Lage durchweg eine traurige; auch
+in Bezug auf die Wohnung unterscheiden sie sich nicht von den
+Dienstmädchen: es werden ihnen unheizbare Dachstuben oder schlecht
+gelüftete, halbdunkle Räume neben dem Laden zur Unterkunft
+angewiesen[711]; in England und Amerika gilt dasselbe sogar in den
+großen Städten und Geschäften. Londoner Verkäuferinnen müssen sich oft
+zu zweien in ein Bett teilen, und die Räume, in denen sie hausen,
+entbehren jeder Bequemlichkeit.[712] In den Riesengeschäften New-Yorks
+wohnen die Mädchen so eng, daß man Gefangenen solch einen Mangel an
+Luftraum nicht bieten würde.[713] Damit sind die Nachteile der freien
+Station jedoch noch nicht erschöpft; die Prinzipale bestimmen auch,
+unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral und des
+patriarchalischen Familienverhältnisses, über die freie Zeit der
+Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der strengsten Aufsicht
+unterworfen, sie dürfen auch nur an bestimmten Abenden der Woche
+ausgehen und müssen vor Thorschluß heimkehren, da sie sonst keinen
+Einlaß mehr finden.[714] In England sind sie andererseits vielfach
+verpflichtet, am Sonntag früh das Zimmer zu verlassen und erst spät
+abends heimzukehren.[715] Der Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig
+Tagen des Jahres die Beköstigung; die arme Verkäuferin aber, die oft am
+liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie Zeit,
+zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen möchte, muß entweder an solch
+erzwungenen Festtagen ihre schmale Börse leeren, oder Bekanntschaft
+suchen, die sie versorgt.
+
+Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das härteste,
+denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor kurzem eine ganz
+unbeschränkte. Die Ladenzeit betrug im Deutschen Reich im Maximum bis zu
+achtzehn Stunden, im Durchschnitt vierzehn Stunden täglich[716]; nicht
+weniger als 43 % der Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine
+Ladenzeit von dreizehn bis sechzehn Stunden.[717] Die längste fand sich
+in der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer
+Kolonialwarenhandlungen kam es vor, daß der Laden um fünf Uhr früh
+geöffnet und um zehn oder elf Uhr nachts geschlossen wurde.[718] In der
+Hochsaison verlängerte sie sich überall, dabei war von einer Vergütung
+der Überstunden selten die Rede,[719] und wenn der Laden geschlossen
+war, ging die aufreibende Arbeit hinter verschlossenen Jalousien bis in
+die sinkende Nacht weiter. In England waren die Verhältnisse genau
+dieselben.[720] Und doch wären diese Zustände noch erträglich zu nennen,
+wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschärft worden wären:
+nicht nur, daß die armen Mädchen von morgens bis abends mit freundlichem
+Diensteifer die Kunden,--und unter ihnen die unangenehmsten,--zu
+bedienen haben, daß sie die Leitern hinauf und hinab klettern, Stöße von
+Waren hin und her schleppen müssen, sie dürfen sich, auch wenn niemand
+im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre Füße schmerzen,
+nicht setzen[721]! Stehen--stehen--zwölf, vierzehn und mehr Stunden
+stehen--und dabei lächeln, immer lächeln! Eine Folter, die würdig wäre,
+spanische Inquisitoren zu Erfindern zu haben!
+
+Erst in jüngster Zeit hat man allenthalben den Versuch gemacht, diesen
+Übelstand aus der Welt zu schaffen; bei der Zaghaftigkeit aber, mit der
+vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, daß er, in etwas gemilderter
+Form vielleicht, noch immer besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt
+dasselbe; ist doch sogar nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten
+Mädchen überall gesichert; auch am Sonntag müssen sie stundenweise im
+Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein Pfennig Profit
+entgeht.
+
+Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre Prügelknaben und
+Mädchen für alles, daran. Kaum der Schule entwachsene Kinder werden mit
+Vorliebe aufgenommen; sie kosten wenig und lassen sich widerstandslos
+ausnutzen. Welchen riesigen Umfang ihre Beschäftigung annimmt, geht
+daraus hervor, daß sie in einem Viertel aller deutschen Geschäfte die
+Gehilfen an Zahl überragen, in einem Fünftel sich noch einmal so viel
+Lehrlinge als Gehilfen befinden, und es sogar vorkommt, daß Geschäfte
+vielfach alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.[722] Sie sind
+Laufmädchen, Hausmädchen, Verkäuferin--alles in einer Person. In einem
+Alter, wo der weibliche Körper der Schonung bedarf, müssen sie
+dieselben, ja oft noch längere Arbeitszeiten aushalten, als die
+Erwachsenen.[723] Nur die Stärksten überstehen es, die anderen werden in
+der Blüte geknickt, noch ehe ihnen die Frühlingssonne recht aufging.
+Trotzdem fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten,
+fliegen die Mädchen zu dem blendenden Licht hinter den Spiegelscheiben,
+von dem sie Märchenwunder erwarten. Und der Handel braucht Jugend! Die
+Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; ein hübsches junges Mädchen ist
+eine stärkere Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in
+den Geschäften, besonders in denen der Großstadt: fast lauter junge
+Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und glänzenden Augen treten uns
+entgegen. Die Statistik bestätigt das: von den Berliner Verkäuferinnen
+sind 71 % 15 bis 21 Jahre alt[724]! Wo bleiben die Alternden,
+diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewöhnliche Glück haben,
+sich selbständig machen zu können? Die edelsten Pferde haben das
+traurige Schicksal, daß sie aus dem Rennstall-Palais, wo sie in ihrer
+Jugend genährt, gepflegt und gehütet wurden, sorgfältiger als mancher
+Mensch, zuerst in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den
+armseligen Ackergäulen des Bauern geraten--je älter sie werden, desto
+härter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, und unter ihnen ganz
+besonders den Verkäuferinnen, geht es nicht anders. Werden sie alt und
+häßlich, so treten Junge an ihren Platz, und sie müssen sich mit immer
+schlechteren Stellungen begnügen. Der in Deutschland bisher übliche
+Modus, wonach keine oder nur ganz kurze Kündigungsfristen ausgemacht
+wurden,--d.h. der Prinzipal konnte die Angestellte oft von einem Tag zum
+andern entlassen, die Angestellte aber mußte die Kündigung vier Wochen
+vorher einreichen,[725]--hatte zur Folge, daß die alternden Gehilfinnen
+sich einer dauernden Wanderschaft ausgesetzt sahen und nie wissen
+konnten, ob nicht der nächste Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren
+freilich sind sie so wie so schon verbraucht.
+
+Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der schlechten
+Ernährung tritt schon früh allgemeine Entkräftung und Muskelschwäche
+ein. Die jungen Mädchen werden fast durchweg von der Bleichsucht
+heimgesucht,--ein Blick in die Gesichter der Verkäuferinnen beweist das
+zur Genüge,--Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen die
+Fußgelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, Magenkrankheiten
+zerstören den Rest der Nervenkraft. Infolgedessen wird die Mutterschaft
+für die meisten ehemaligen Verkäuferinnen zu einer schweren
+Krankheit.[726] Die große körperliche Abspannung, die oft so weit geht,
+daß die jungen Mädchen sich abends mit den Kleidern aufs Bett werfen,
+weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich auszuziehen,[727] führt
+schließlich auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die
+Interessen über die alltäglichen, persönlichen hinaus; ein energischer
+Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz außerhalb der
+Vorstellungsmöglichkeit.
+
+Neben die körperlichen und geistigen Folgen der proletarischen
+Frauenarbeit im Handel treten aber noch die traurigen moralischen hinzu.
+Die große Masse der Angestellten kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht
+leben; nicht nur, daß sie sehr häufig das einfachste Leben kaum fristen
+können, ihre Ansprüche sind auch von Haus aus höhere und werden durch
+ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und Konfektionsgeschäften,
+noch gesteigert. Und Gewohnheit und Ansprüche gilt es in Rechnung zu
+ziehen, wenn man Notlagen und die Größe der damit verbundenen Gefahren
+richtig beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen
+sächsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen gesichert und
+befriedigt fühlen, das eine Verkäuferin in einem Berliner Geschäft der
+Schande in die Arme treibt. Weit stärkere Einflüsse, als auf die arme
+Arbeiterin, wirken bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der
+Ansicht kühler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwählter sieht in ihrer
+Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, für jene aber ist die Heirat ein
+selten erreichter Traum, denn ihre männlichen Arbeitsgenossen suchen vor
+allem eine klingende Mitgift, um sich dadurch selbständig machen zu
+können, und schließt für die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn die Not
+sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres Herzens und ihrer
+Sinne, der sie in jene Liebesverhältnisse verstrickt, die so oft ein
+tragisches Ende finden. Dabei naht ihr auch die Verführung mehr als
+anderen durch den Verkehr mit der Kundschaft. Es ist nicht übertrieben,
+sondern entspricht den täglich zu beobachtenden Thatsachen, daß die
+Lebemänner der Großstädte in den Bazaren und Warenhäusern ein beliebtes
+Feld für ihre Jagd nach Menschenware erblicken. Aber auch für die Chefs
+selbst sind ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mädchen
+muß entweder ein hohes Maß an sittlicher Kraft, Selbstverleugnung und
+Entsagungsfähigkeit, oder einen traurigen Mangel an Jugendlust und
+Liebessehnsucht besitzen, um rein und unangefochten aus diesem Leben
+hervorzugehen. Wie Zolas Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von
+leichtsinnigen, sondern auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und
+damit berühren wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im
+Handel, der es so vielen unmöglich macht, sich durch eigene Kraft
+ehrlich durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkäuferin und mehr
+noch der Probiermamsell verbirgt sich häufig die Prostitution in grober
+und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die hierbei in
+Betracht kommt, und da sie hübsch ist und jung und elegant, auf die Höhe
+des Lohnes wenig Wert legt, so macht der Unternehmer ein gutes Geschäft
+durch ihre Anstellung. Schulter an Schulter mit ihr machen die
+wohlerzogenen Töchter des mittleren Bürgerstandes, die Wohnung und Kost
+bei ihren Eltern haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld
+repräsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, mühsam sich
+emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste Konkurrenz. Sie erhalten
+die Löhne auf einem niedrigen Niveau, ja sie drücken sie durch ihr
+massenhaftes Eintreten in den Handel vielfach noch herunter.
+Infolgedessen zeigt sich in höherem Maße noch als in der Fabrikarbeit,
+daß die Entwicklung der Löhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach
+den Frauenlöhnen zu gestalten, so daß der Unterhalt der Familie auf dem
+Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die verheiratete Frau aber unter den
+Angestellten eine beinahe unmögliche Erscheinung ist,--die Heirat
+bedeutet fast stets den Austritt aus dem Geschäft,--so sind die Folgen
+dieser Entwicklung zunächst für Mann und Weib gleich traurige.
+
+Die Lage der Handelsgehilfinnen würde eine verzweifelte sein, wenn sich
+nicht in der öden Wüste ihres Daseins Quellen künftigen blühenden Lebens
+nachweisen ließen. Eine der stärksten und wichtigsten ist auch hier die
+Entwicklung zum Großbetrieb. Je größer der Betrieb desto höher ist der
+Lohn, desto kürzer die Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto
+mehr nimmt aber auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der
+Angestellten ab. Damit schwindet das patriarchalische Verhältnis mehr
+und mehr, der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie
+der Fabrikarbeiter, dessen persönliches, häusliches Leben und Treiben
+den Unternehmer nicht kümmert. Hierdurch und durch die allerdings erst
+in den ersten Anfängen steckende Regelung der Arbeitszeit, wird es
+schließlich auch der verheirateten Frau leichter möglich sein, ihrem
+Mädchenberuf treu zu bleiben. Das alles würde aber nur wenig nützen,
+wenn nicht noch ein anderes Moment hinzukäme: die Töchter des
+Bürgerstandes werden durch den Druck der Verhältnisse,--nicht zum
+mindesten hervorgerufen durch die, das kleine Geschäft tötenden
+Warenhäuser,--gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als Mittel zur
+Befriedigung von Luxusbedürfnissen, sondern als Mittel zum
+Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die Keime für ihre
+Beseitigung.
+
+Neben der Entwicklung zum Großbetrieb, die aber,--das sei all denen
+gesagt, die bequem genug sind, sich durch Zukunftshoffnungen über die
+Gegenwart trösten zu lassen,--eine außerordentlich langsame ist, läuft
+eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint und
+gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme der von
+Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zählung von 1895 gab es deren
+145165, was gegenüber der Zählung von 1882 einer Zunahme von 41 %
+gleichkam, während die von Männern geleiteten Alleinbetriebe um 5 %
+abgenommen haben.[728] Trotz der Selbständigkeit der Händlerinnen ist
+ihre Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart,
+als der der Arbeiterin. Ueber die Hälfte,--56 %,--sind Witwen, 27 %
+verheiratete Frauen, aber nur 17 % ledige. Die Witwen richten das
+Geschäft, wenn es nicht vom Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen
+Kapital ein, um sich und ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten
+Frauen, häufig ehemalige Dienstmädchen, wenden ihren Sparpfennig daran,
+um durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergänzen; alternde
+Mädchen, oft frühere Verkäuferinnen in ähnlichen Geschäften, versuchen
+gleichfalls damit ihr Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei
+dieser Art Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten
+und gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu
+konzentrieren: die Waren bilden den täglichen Bedarf jeder
+Hauswirtschaft, sie müssen also möglichst in der Nähe zu haben sein und
+können daher auch nicht in Warenhäusern aufgestapelt werden; allein das
+Wachstum der Städte führt ihre Vermehrung herbei, die scharfe Konkurrenz
+jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die Besitzerinnen,
+die bisher mühsam ihre Selbständigkeit aufrecht erhielten, zur
+Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, solange die Privatküchen bestehen
+werden, wahrscheinlich und sicher ist, daß sich gerade dieses
+Handelszweiges mehr und mehr die Frauen bemächtigen werden.
+
+Welches Los härter ist, das der Angestellten im glänzenden Kaufhaus, die
+in seinem Dienst hinwelkt, die ihre Jugend entweder vertrauern oder
+wegwerfen muß, oder das der Händlerin im düsteren Keller oder stickigen
+Laden, die oft auch noch die Nächte opfert, um ihre armselige
+Häuslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar Pfennige plagt
+von früh bis spät--das wage ich nicht zu entscheiden.
+
+
+Die Landwirtschaft.
+
+Während die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte Erscheinungen
+sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt gewonnen haben, die
+das Interesse der Nationalökonomen, der Politiker und der Gesetzgeber
+erregen, ist die Landarbeiterin bisher ein ziemlich vager Begriff
+geblieben. Man ereifert sich höchstens über ihre Landflucht und wundert
+sich, daß sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens
+preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das machen
+sich nur Wenige klar und diese wenigen müssen sich teils auf ihre
+eigenen beschränkten Beobachtungen, teils auf Privat-Untersuchungen
+stützen, die auch immer nur unzulänglich bleiben können. Aber noch durch
+einen anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen
+erschwert.
+
+Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen gekennzeichnete Masse,
+sie gliedern sich vielmehr in zwei Kategorien von Arbeitern: die
+kontraktlich gebundenen und die freien, und in eine ganze Anzahl von
+Unterabteilungen beider. Zu den ersteren gehören zunächst die in festem
+Jahreslohn stehenden Mägde, die Wohnung und Nahrung von der
+Herrschaft empfangen und deren Arbeit eine teils häusliche, teils
+landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehören ferner im ostelbischen
+Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung und ein Stück Land,
+außerdem einen gewissen Anteil am Ertrage des Gutes erhalten, dafür aber
+nicht nur ihre eigene und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst
+stellen, sondern auch eine Anzahl, gewöhnlich zwei, andere Arbeiter für
+den Gutsherrn halten müssen; es sind das die Scharwerker, meist
+Angehörige des Instmanns, seine Töchter und Söhne, auch seine Mutter
+oder sein Enkelkind, sehr oft aber auch fremde Mägde und Knechte, die
+der Instmann zu dem Zweck dingt.[729] Im Westen Deutschlands nehmen die
+Heuerleute eine ähnliche Stellung ein, nur daß ihnen Wohnung und Land
+nicht geliefert wird, sondern daß sie es gegen geringes Entgelt pachten
+müssen, dafür aber verpflichtet sind, für eine bestimmte Reihe von Tagen
+um die Hälfte des ortsüblichen Lohns für den Besitzer Arbeit zu
+leisten.[730] Eine breite Schicht der Landarbeiter sind in Ostelbien
+auch noch die Deputanten, die neben dem Lohn rohe Lebensmittel
+geliefert bekommen. Im übrigen Deutschland wiederholt sich häufig den
+Tagelöhnern gegenüber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen
+Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelöhner mit selbständigem
+Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben können, so daß sie
+gezwungen sind Lohnarbeit zu suchen. Sie gehören ebenso zweifellos zu
+den Proletariern, wie ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung
+und Bestellung der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der
+Bauer und die Bäuerin, die keine Lohnarbeiter beschäftigen, sondern sich
+von früh bis spät allein abrackern, um sich vom Ertrage ihrer Mühen zu
+ernähren, sind, trotzdem sie auf eigenem Grund und Boden stehen, nichts
+anderes als Proletarier.[731]
+
+Die eigenartigste Klasse unter dem ländlichen Proletariat ist die der
+Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengänger begegnen wir ihnen in
+Deutschland; in England war es das Gangsystem, das ihre Beschäftigung
+beförderte; in Frankreich sind es zum großen Teil belgische Arbeiter,
+die sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den
+Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere Wanderung
+der Arbeiter. Während das landwirtschaftliche Gesinde und die Instleute
+die älteste Art der Landarbeiter, gewissermaßen die Nachkommen der
+Hörigen und Leibeignen, darstellen, repräsentieren die Wanderarbeiter
+die modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der
+Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine Arbeit
+verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter Beschäftigung
+fanden, mehr und mehr den Charakter des Saisongewerbes an. Die
+intensivere Kultur der landwirtschaftlichen Betriebe,--dabei sei nur an
+die Molkereien und an die Zuckerrübenpflanzungen erinnert,--zu der die
+zu geschäftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte notwendig
+gedrängt werden, unterstützt gleichfalls die allmähliche Umwandlung des
+ländlichen Proletariats.[732] In England, das zwar im allgemeinen noch
+alle Arten landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt: mit eigenem Land,
+mit Allotment, mit Haus- und Gartenüberlassung oder mit bestimmtem
+Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, wo nur mit
+wöchentlich oder täglich engagierten freien Tagelöhnern gearbeitet wird,
+schon vollzogen.[733] Bezeichnend dafür ist, daß der Begriff des
+Landarbeiters im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn
+der Bedarf an Landarbeitern wurde früher durch die zum Dienst
+verpflichteten Bauern, in Preußen auch durch die zum Zwangsgesindedienst
+genötigten Bauernkinder[734], in außereuropäischen Ländern, besonders in
+Amerika, durch die Sklaven gedeckt.
+
+Aus dem Gesagten geht hervor, daß es sehr schwierig ist, die Einnahmen
+der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und Naturallohn, aus
+freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung und Land, aus Anteilen
+am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. Was zunächst das ländliche
+Gesinde betrifft, so variiert allein in Deutschland sein Jahreslohn
+ungemein. Er ist am niedrigsten, wo die Frauenarbeit am stärksten ist;
+je weiter nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreußen kamen
+Mägdelöhne von 50 Mk. vor; Kuhmägde pflegen 75 bis 80 Mk. jährlich zu
+verdienen, sogenannte Leuteköchinnen 90 Mk. Im Westen und Süden, z.B. in
+Oldenburg, Hannover, Hessen und Württemberg, variieren die Frauenlöhne
+zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.[735] Die
+höchsten Lohnsätze finden sich in Schleswig-Holstein und im Jeverlande,
+wo der Mangel an Mägden schon zu einer großen Kalamität geworden ist.
+Hier beträgt der niedrigste Lohn 90 Mk., die Großmägde kommen zu einem
+Verdienst von 200 bis 230 Mk., Löhne von 250 Mk. werden auch zuweilen
+gezahlt.[736] Neben diesem Geldlohn wird Verpflegung und Wohnung selten
+berechnet; für Württemberg werden die Ausgaben für eine Magd
+einschließlich des Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230
+Mk. angegeben, so daß ihre Gesamteinnahme 295 bis höchstens 400 Mk.
+jährlich beträgt.[737] So begegnet uns hier wieder die beinahe typische
+Jahreseinnahme aller schlecht gestellten Proletarierinnen. Die
+französischen Landmägde stehen sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis
+200 fr. zu betragen pflegt, noch schlechter, ihre Beköstigung dagegen
+wird im allgemeinen höher veranschlagt werden dürfen.[738]
+
+Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der ostelbischen
+Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen Heuerlinge
+festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was ihnen geliefert
+wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im Aufziehen und
+Verkaufen von Vieh und Geflügel, und von dem jeweiligen Anteil an dem
+Ertrag des Gutes abhängig ist. Der Geldlohn der Frauen beträgt
+gewöhnlich im Sommer 30 bis 50, im Winter 20 bis 35 Pf. täglich. Dieser
+Lohn wird jedoch niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann,
+als dem Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich für seine
+Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde[739], ausgezahlt. Für
+seine Frau, noch mehr aber für die Scharwerksmädchen, die er natürlich
+bei der eigenen Armut nur auf das notdürftigste unterhält, bedeutet das
+eine große Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fließt nur zu oft
+in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn nur sehr niedrig
+stehende, physisch oder moralisch herabgekommene Mädchen sich zum
+Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit besser ist die Lage der
+westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch sie von den Männern
+vollständig abhängig sind. Sie sind jedoch nur zu einem geringeren Maß
+von Arbeit verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der
+dürftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste Schicht der
+kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber diejenigen, die nicht wie
+die Instleute zum großen Teil abhängig sind von den schwankenden
+Erträgnissen des herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von
+denen der eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes
+Deputat erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt,
+so ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei
+Fällen, bei den Instleuten, einschließlich der Scharwerker, den
+Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich demnach dasselbe
+eigentümliche Bild einer völligen Abhängigkeit auch der arbeitenden Frau
+von ihrem Ehemann. Die Stellung einer selbständigen Lohnarbeiterin ist
+für sie nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des
+Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht gesprochen
+werden.
+
+Eine Stufe höherer Entwicklung in Bezug auf die Selbständigkeit des
+weiblichen Landarbeiters bedeutet daher die freie Tagelöhnerarbeit. Auch
+sie wird teils nur durch Geld, teils durch Geld und Beköstigung
+entlohnt, und zwar ist der Lohn nicht nur niedriger als der des
+Mannes,--obwohl die Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,--sehr
+häufig wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewährt,
+wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch
+erhöht wird. Ueber die Lohnverhältnisse in Deutschland giebt folgende
+Tabelle einige Aufklärung:[740]
+
+Land | ohne Kost | mit Kost
+ | Pf. | Pf.
+-----------------------------+-----------+---------
+Posen | 30- 50 | --
+Regierungsbezirk Magdeburg | 60-130 | 40- 90
+Regierungsbezirk Merseburg | 60-125 | 40- 90
+Regierungsbezirk Erfurt | 70-130 | 50-120
+Provinz Hannover | 70-150 | 40- 80
+Regierungsbezirk Kassel | 60-150 | 30-100
+Provinz Hessen-Nassau | 80-150 | 50-100
+Großherzogtum Hessen | 80-175 | 30-100
+Provinz Schleswig-Holstein | 50-150 | 20-120
+Herzogtum Anhalt | 70-150 | 40- 75
+Thüringische Staaten | 60-150 | 40-100
+Königreich Sachsen | 60-150 | 40- 80
+Bayern | 60-120 | 30-100
+Hohenzollern | 70-220 | 30-160
+
+Die höchsten Löhne werden im Sommer, hauptsächlich zur Erntezeit
+gezahlt, die niedrigsten im Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen
+Jahreszeiten hat keine Tagelöhnerin. Rechnen wir, daß sie etwa 250 Tage
+voll beschäftigt ist, davon während 125 Tagen den höchsten täglichen
+Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 Mk., also im ganzen 178,75 Mk.,
+während weiterer 125 Tage den täglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63
+Pf., also im ganzen 78,75 Mk. erhält, so erreicht sie einen
+Jahresverdienst von 257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit
+Beköstigung nach demselben Schema, so beträgt ihre Jahreseinnahme nur
+172,50 Mk. Daß diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht z.B.
+aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelöhnerfamilie in Holstein
+hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleißigster Arbeit nur 450 bis 600
+Mk., jährlich verdienen.[741] Uebersteigt die Zahl der Familienglieder
+vier Personen, sind womöglich alte Eltern oder kränkliche Angehörige mit
+zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine
+äußerst kümmerliche. Hat der Tagelöhner eigenen Landbesitz, zieht er
+Schweine oder Geflügel, so kann seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk.
+steigern[742], dann ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an
+die Grenze des Möglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die
+Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere zufällt.[743]
+In der schlimmsten Lage aber befindet sich die Alleinstehende, um so
+schlimmer, wenn sie Kinder hat. Selbst auf dem Lande läßt sich das Leben
+mit einem Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit
+mit all ihren Schrecken, das Hütekinderwesen mit seinen traurigen Folgen
+an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die nächsten
+selbstverständlichen Resultate solcher Lohnverhältnisse.
+
+In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst der
+Frauen beträgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 c.; im Sommer
+1,87 fr. resp. 1,14 fr.[744]; in einzelnen Landstrichen, z.B. in der
+Bretagne, sinken die Löhne bis auf 50 c. resp. 1 fr. täglich, während
+sie andererseits freilich zuweilen, z.B. in der Normandie, bis auf 2 und
+3 fr. steigen[745]; im allgemeinen übersteigt die Jahreseinnahme der
+französischen Tagelöhnerin höchst selten 229 fr., während 300 fr. das
+mindeste ist, womit ein Existenzminimum ihr gesichert wird.[746] Ihre
+deutsche Arbeitsgenossin im fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit
+mühsam der Erde ihre Früchte abgerungen werden, hat also keinen Grund,
+die Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer
+etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie
+nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen steigen
+ihre Löhne und ermöglichen ihr ein erträgliches Leben.[747] Mehr und
+mehr aber beschränkt sie sich auf die ausschließliche Bewirtschaftung
+des eigenen kleinen Eigentums, während ihr Mann als Tagelöhner in Arbeit
+geht. Mit ihr auf gleicher Stufe steht die Frau und die Tochter des
+kleinen selbständigen Landwirts, nur daß ihre Einkommen lediglich vom
+Ertrage ihrer Besitzung abhängen. Sie sind fast immer wahre
+Arbeitssklaven, sehr häufig tüchtiger als die Männer, die nur zu oft dem
+Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen
+Proletarierinnen von ihnen abhängiger, als irgend eine Lohnarbeiterin
+von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine ebenso
+selbstverständliche angesehen, wie die der Instmannsfrau, und ihr
+klingender Ertrag fließt allein in die Tasche des Familienoberhauptes.
+Dies Verhältnis vollkommener Abhängigkeit drückt sich in der Picardie
+noch heute dadurch aus, daß die Frau ihren Mann nicht anders nennt als
+_mon maître_, und der Mann sein Weib in der Vendée nicht anders als
+_ma créature_.[748]
+
+Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt
+sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der
+eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die
+Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines
+persönlichen Verhältnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehört. Die
+Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablösung ländlicher
+Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an
+Beschäftigung für die seßhaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung
+schließlich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die
+Wanderungen ländlicher Arbeiter überall begünstigt. Oft, wie z.B. in
+Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen,
+oft werden aber auch Ausländer, wie in Frankreich Belgier, in
+Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und
+russische Polen eingeführt. In größerem Umfange organisierte Wanderungen
+finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre
+Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und
+führen sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit
+der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei
+der Arbeit hinter ihnen, denn häufig richtet sich ihr Lohn nach der
+Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren
+noch ganz besonders berüchtigt deshalb, weil fast ausschließlich Kinder
+dazu angeworben, und, infolge ihrer völligen Wehrlosigkeit dem
+Gangmeister gegenüber, auf das äußerste ausgenutzt und in ihren
+Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das
+System heute überwunden, ohne daß die Wanderungen deshalb aufgehört
+haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengängerei den
+größten Umfang angenommen.
+
+Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rübenzuckerkultur in Sachsen
+zu verdanken, die während bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher
+Arbeitskräfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter
+auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich
+aus den östlichen Provinzen Preußens und bestehen großenteils aus jungen
+Mädchen. Für das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezählt, die sich von
+Brandenburg, Pommern, Westpreußen, Posen und Schlesien aus auf die
+Wanderschaft begaben.[749] Auf sächsischen Gütern kommen auf 150 Männer
+337 Mädchen.[750] Der normale Lohn für sie beträgt 1 Mk., während die
+Männer durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es
+kommen aber auch Löhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Außerdem wird
+Wohnung, zum Teil auch Beköstigung,--natürlich bei niedrigeren
+Lohnsätzen,--gewährt. Charakteristisch ist, daß der Unterschied zwischen
+der Bewertung der Männer- und der Frauenarbeit sich bis auf die
+Reisevergütung ausdehnt, die für Frauen ein Drittel weniger beträgt als
+für Männer.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengängerin ist bei einer
+Beschäftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf
+424 Mk. geschätzt worden.[754] Das würde jedoch einem Tagesverdienst von
+1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet
+wird,--nur von den tüchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mädchen
+erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine
+Seltenheit. Trotzdem sind infolge äußerster Sparsamkeit und wahrhaft
+trostloser Unterernährung fast alle Mädchen im stande, Ersparnisse zu
+machen, die die Höhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Möglich ist das nur,
+wenn die Wochenausgaben für die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht
+übersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengängerinnen eine
+starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die
+Beköstigung geliefert. Die Lohnabzüge jedoch stehen zur Qualität und
+Quantität der dafür gegebenen Nahrung in keinem Verhältnis; auf einem
+Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers für die
+Ernährung der Sachsengänger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem
+anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall täglich 17, in dem
+anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewiß das Ideal der Volksernährung
+repräsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengänger in
+ihre Heimat zurückzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder,
+wenn diese nicht zureichen, von den Erträgnissen hausindustrieller
+Thätigkeit zu leben pflegen. Mädchen, die nur 200 Mk. verdient haben,
+also bei größter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurücklegen konnten,
+wären natürlich nicht im stande, während 18 Wochen davon zu existieren,
+wenn sie nicht bei ihren Angehörigen, die sie in der Regel dafür
+entschädigen müssen, ein Unterkommen fänden. Bringen sie, wie es häufig
+geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit
+nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten
+Sachsengängerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie muß
+auch während der Winterwochen, die sie so dringend nötig hat, um sich
+nach der übermäßigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen,
+die, wenn sie überhaupt zu finden ist, nur kärglichen Lohn abwirft.
+
+Nach alledem dürften es kaum die Löhne sein, die den immer wieder
+behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen
+können. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der
+landwirtschaftlichen Thätigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber
+damit erklärt und entschuldigt, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen
+unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphären, und der
+Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen würde.
+Diese Auffassung rief auch jenes Märchen von den drallen Landmägden und
+den blühenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die
+Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe
+sitzt. Für diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen,
+hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders
+wahrhaftig ist, angefangen, ihren Märchenglauben zu erschüttern.
+Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist
+die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen
+Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders
+während der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Für
+das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn
+alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hühnerhof und im Haus,
+erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengänger repräsentieren auch nach
+dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit
+von früh fünf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen
+zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schließt aber
+natürlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht
+um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergütung erfährt. Eine zwölf- bis
+vierzehnstündige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz
+Erträgliches erscheinen, der nicht weiß, worin sie besteht, oder sich
+bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten
+wir die Thätigkeit der Landarbeiterin mit nüchternen Augen, so wird sie
+schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die
+Arbeit der Mägde im Kuhstall, und nicht aus bloßem Uebermut gehen jetzt
+schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und
+dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Ställe
+sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken
+anstrengend und gesundheitsschädlich. Geschwüre an den Händen sind keine
+Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im
+Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen würde, wird nur
+selten für notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren
+können, der in die dunklen, stickigen Ställe tritt und sieht, wie sich
+die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie
+stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfängt,
+während der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fährt! Auch das
+Ausmisten der Ställe, das nicht immer den Knechten überlassen bleibt,
+verlangt große Körperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der
+gefüllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den
+Mägden obliegt, ist eine noch weit widerwärtigere Arbeit; ich habe
+Mädchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Ställe hineinkriechen
+mußten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz
+wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer
+Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Käse. Wie bei
+den vorhergehenden muß auch in diesem Fall von den wenigen
+Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen
+Ställen die Milchwirtschaft im großen mit Hilfe von Maschinen und
+motorischen oder Pferdekräften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im
+Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die
+stundenlang am Butterfaß steht und den schweren Schwengel auf- und
+niederbewegt, die all die vielen Gefäße täglich scheuert und putzt, die
+keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf
+ihr zu schwer und zu schlecht sein, von früh bis spät ist sie auf den
+Beinen. Und doch ist ihre Thätigkeit noch jeder anderen vorzuziehen,
+weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zuläßt.
+Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder
+gar der Zuckerrüben gegenüber: im glühenden Sonnenbrand oder im kalten
+Herbstwind steht die Arbeiterin zwölf und mehr Stunden mit gekrümmtem
+Rücken über die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der
+Zuckerrübenkultur, bis über die Knöchel in den Schlamm; oder sie kniet
+und hockt etwa wie beim Unkrautjäten, auf durchfeuchteter Erde. Zur
+Erntezeit fällt ihr das schwere Garbenbinden regelmäßig zu, sie muß aber
+auch vielfach mähen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne daß
+ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre
+Arbeit noch leichter, als in den Gebirgsländern. Von den abgelegensten
+Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden
+Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so daß ihr Rücken sich krümmt
+unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Für die
+ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergünstigung, wenn
+sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wäldern meilenweit nach Hause
+tragen können.
+
+Je weiter nach Osten und Süden, desto härter ist die Arbeit; die
+russische Landarbeiterin muß es sich selbst gefallen lassen, den Pflug
+durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne über Italien wahre
+Fieberhitze ausströmt, arbeitet die Tagelöhnerin Schulter an Schulter
+mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme
+steckend.
+
+Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelöhnerin, deren
+Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau
+des armen Bauern oder die selbständige Besitzerin eines kleinen
+Landguts. Die französische Bäuerin z.B., die tagsüber ihren Gemüsegarten
+allein bearbeitete, fährt oft schon früh um drei Uhr in die Stadt, um
+ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die
+selbständige sowohl wie die abhängige,--verheiratet, hat sie Kinder, so
+ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt für sie aufs
+neue, wenn sie abends todmüde nach Hause kommt. Ist sie Tagelöhnerin
+mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren
+unumgänglich nötig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem
+Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Für sie
+giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln
+oder jäten Unkraut, arme Wöchnerinnen binden Garben oder führen den
+Rechen. Die früh gealterten welken Frauen mit krummem Rücken und
+zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt
+begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung für die
+"naturgemäßen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten
+die meisten schon in früher Jugend diese rasche Zerstörung vor. Die
+Wanderarbeiterinnen sind zum großen Teil ganz junge Mädchen; auf
+sächsischen Gütern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren
+alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedürften, werden sie
+den Einflüssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu ständigem gebückten
+Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden
+die runden Mädchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den
+Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des
+frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frühlingszeit auf
+einen der Bahnhöfe Berlins, wo man die Sachsengänger wie das liebe Vieh
+in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit
+werden!
+
+Aber auch auf die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse treffen die
+vorgefaßten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man
+sich's gerne vorstellen möchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch
+und Hühnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemüsen. Er produziert
+nicht für den eignen Verbrauch, sondern für den Verkauf. Schon aus der
+Summe, die die Sachsengänger für ihre Beköstigung anlegen, läßt sich auf
+die Art derselben schließen; thatsächlich besteht sie in schwarzem
+Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die
+besser Gewöhnten gönnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlklöße.[759] Die
+Güte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, daß sie häufig vom
+Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden müssen![760] Die
+kontraktlich gebundenen Tagelöhner leben kaum besser; die kleinen
+Besitzer sparen, so viel sie können, am Essen. Dabei entzieht die
+Ausdehnung der großen Molkereien den Landleuten in steigendem Maß ihr
+wichtigstes und gesündestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher,
+aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefüllte Flasche im Mund,
+während Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengeführt
+werden, genügt allein, um diese Zustände zu illustrieren.
+
+Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur
+den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie
+wird gut gefüttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am
+schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die
+Hofgängerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie übrig
+läßt, das ist gewöhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter
+den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge sträflicher
+Genußsucht, als grimmigen Hungers.
+
+Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, daß die
+deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in
+leeren Ställen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es
+vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der
+Sachsengänger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten;
+Musterhäuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch
+die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen
+großen Gütern Sachsens. Die häufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen,
+ihre Abneigung gegen die gemeinsame Beköstigung wird oft zum Vorwand
+genommen, dergleichen Einrichtungen für überflüssig zu erklären, während
+doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die für den trostlosen
+Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles
+fördern sollten, was eine Arbeiterbevölkerung, die nach
+hunderttausenden zählt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben
+könnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den
+Stumpfsinn des Sklaven für bewußte Befriedigung zu halten!
+
+Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefährlich
+für die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem
+Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat
+eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine
+Kammer. Diese beiden Räume werden außer von der meist kinderreichen
+Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgültig ob es junge
+Burschen, Mädchen mit Kindern, Krüppel, kränkliche, verdorbene, eben der
+Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Häufig sind drei und vier
+Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen
+zusammen und sind von früh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs
+ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller übrigen
+Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft
+alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] häufig genug teilen Hühner,
+Gänse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen.
+Wer solch eine Höhle betritt, prallt zurück vor dem unbeschreiblichen
+Gestank, der ihr entströmt, vor dem Bild des Elends und der
+Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet
+vielfach auch hier, daß es die Leute nicht anders haben wollen, daß neue
+Wohnungen mit gedielten Fußboden von ihnen verschmäht werden. Neben dem
+tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche
+Wohnungsverhältnisse gewaltsam zurückgehalten werden, ist es die Not,
+die sie an sie fesselt: ihre Hühner und Gänse und Ziegen bilden einen
+wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Möglichkeit sie in
+strenger Winterkälte zu erhalten, außer wenn sie ihnen ihr Zimmer
+öffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie
+gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb
+gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreußen leer stehen[767], weil ihre
+Schönheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht übrigens nur einen
+geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich
+handelt; die westfälischen Heuer wohnen nicht besser, als die
+ostpreußischen Instleute[768], die Tagelöhner wohnen sogar vielfach noch
+schlechter. In Südwestdeutschland wurden z.B. ländliche Haushaltungen
+mit nur einem Wohnraum gezählt[769]:
+
+mit 4 bis 5 Personen bewohnt 8297
+mit 6 bis 10 Personen bewohnt 4757
+mit 11 und mehr Personen bewohnt 53
+
+Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort
+oder einer in nächster Nähe des Brunnens, Fenster, die häufig aus
+Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung
+norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch
+schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer
+einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen
+Kammern von 8 qm Grundfläche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und
+im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhöhlen, 1 m in, 1 m über der Erde,
+deren Grundfläche 12 qm beträgt und deren Wände und Decken aus mit Sand
+und Rasen beworfenen Rundhölzern bestehen. Die Reicheren unter den
+Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm groß, die anderen haben statt dessen
+nur Löcher in den Wänden. In diesen Räumen wohnen Tagelöhnerfamilien mit
+Schweinen, Ziegen und Hühnern zusammen. Vor den Thüren liegt der
+Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun
+aber nicht, daß Deutschland allein solche Vorzüge aufzuweisen hat. Im
+reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhäuser als einzige Oeffnung
+die Thür, die bloße Erde zum Fußboden und, um den Raum auszunutzen, die
+Betten zu drei und vier übereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist
+vielfach Fachwerkhäuser mit nassem Boden und feuchten Wänden auf, die
+nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie
+die kleinen Besitzer wohnen häufig mit dem Vieh zusammen.[775]
+
+Auf großen Gütern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im
+allgemeinen die Mägde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre
+Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein
+Bett teilen müssen und ist nicht verschließbar. In ärmeren Wirtschaften
+ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwürdige: in
+unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen
+Mägde und Knechte in oder dicht neben den Ställen. Um in ihre Kammer zu
+gelangen, müssen die Mägde häufig den Schlafraum der Knechte passieren
+und umgekehrt. In den Berggehöften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf
+dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in
+den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie
+auch wohl einfach auf die Heuboden.
+
+Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhältnisse liegen auf der Hand.
+Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs
+gewöhnt, die bei den Knechten schlafenden Hütekinder werden früh in die
+dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte
+von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Märchen, wie die von den
+gesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Landarbeiter. Nicht nur,
+daß der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte
+ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das
+jus primae noctis zu betrügen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die
+"Prüfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nämlich erwies,
+daß sie zur Mutterschaft fähig ist[777], auch die wüsteste
+Sittenlosigkeit wird auf dem Lande großgezogen. Die meisten Mädchen, die
+Scharwerkerinnen, die Sachsengängerinnen, die Mägde kommen zuerst durch
+Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts
+als ein Spaß. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt
+noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon
+hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als
+Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich
+gemeinen Soldatenlieder würden allein schon ausreichen, das Gesagte zu
+beweisen. Und doch wäre die ländliche Sittenlosigkeit noch nicht so
+verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mägden allein
+abspielte, weil die Heirat die gewöhnliche Folge zu sein pflegt; daß sie
+oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption,
+als die der äußeren Verhältnisse. Die Gründung des Hausstandes hängt von
+den zurückgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim
+besten Willen nur sein können, haben wir aus den Löhnen gesehen. Handelt
+es sich um festangestellte Tagelöhner, besonders Instleute, oder das
+ländliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder
+Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine
+Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, daß die
+weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwächt wird. Weit
+bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen für die Mädchen begleitet,
+ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelüste ihrer Herren werden. In der
+Enquete der evangelischen Pastoren über die Sittlichkeit auf dem Lande
+werden die Gutshöfe "Hauptherde ländlicher Unzucht" genannt[781], und
+das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Söhne und Gäste,
+besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell
+beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mädchen, heißt es vielfach; sie sehen
+in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhängigkeit sich
+leicht ihrem Willen fügen. So kommt es, daß selten ein Landmädchen als
+Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, daß die Korruption der
+Landbevölkerung kaum eine geringere ist, als die der städtischen.
+
+Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, daß
+die Lage beider eine gleich schlechte, ja daß die der Landarbeiterin
+vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer städtischen
+Leidensgenossin, denn sie genießt keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat
+in Deutschland wenigstens nicht die Möglichkeit sich durch Organisation
+selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt
+an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt,
+wenn sie sich ihr ununterbrochenes ländliches Dasein vorstellt, ihre
+Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem
+freudig den Rücken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, daß es überhaupt
+noch Mädchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die
+Vergnügungssucht triebe sie in die Städte, so ist zweifellos viel Wahres
+daran, es ist aber eine berechtigte Vergnügungssucht, denn ein unklares
+Bedürfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr
+aber als dies ist es der Wunsch, dem drückenden Elend und der quälenden
+Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefühle aber, die zur Landflucht
+den Anstoß geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter
+durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des ländlichen
+Proletariats in sich. Auch die ostelbische ländliche Arbeitsverfassung,
+die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevölkerung
+zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschüttert; selbst die Instleute
+opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persönlichen
+Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewußtsein läßt eine
+rapide zunehmende Zahl ländlicher Arbeiter der Arbeit außerhalb ihrer
+eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedürfnis der von der
+einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei
+entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer
+Weise bevorzugt, weil sie für fleißiger, sparsamer und bescheidener
+gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand für Unterbringung und
+Ernährung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche
+Verantwortung fortfällt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, daß die
+Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb
+des ländlichen Proletariats dadurch gefördert haben, ebenso wie jeder
+Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Großbetrieb ausweitet, dem
+Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je
+mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto
+leichter wird es auch möglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu
+schützen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die
+Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel,
+sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer
+elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einführung
+der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind,
+werden trotz ihrer momentan grade für die Arbeiter sehr empfindlichen
+Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmälert z.B. ihren Verdienst um ein
+Bedeutendes[787],--die Lage der ländlichen Arbeiter schließlich
+wesentlich umwandeln und verbessern. Für die Frauenarbeit kommen dabei
+vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in
+Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mägden eine der
+unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von
+innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine
+durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr
+Bahn bricht, daß die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in
+einer Lage befinden, die geeignet ist, die körperliche und sittliche
+Gesundheit des Volks bedenklich zu gefährden, und daß es Märchen, und
+nichts als Märchen sind, die man geflissentlich über sie verbreitete,
+und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betäuben.
+
+
+Der häusliche und der persönliche Dienst.
+
+Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung
+zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den häuslichen
+Dienstboten, einschließlich der außer dem Hause der Arbeitgeber
+wohnenden, den Wäscherinnen und Plätterinnen, den Kellnerinnen und den
+sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr
+gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewöhnlichen Sinn des Wortes
+sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen
+nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel
+produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der
+Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das
+Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern
+ließe, ein sehr unzureichendes. Den Wäschereien und ihren Arbeiterinnen
+wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Großbetrieben sich
+entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten.
+Zögernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende
+Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den häuslichen Dienstboten ging
+man so gut wie achtlos vorüber. Nicht nur, daß man nicht wagte, den
+Schleier zu heben, der über ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten,
+wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der
+Feudalzeit würdig wären, dachte man selbst in den Jahren lebhafter
+sozialer Gesetzesthätigkeit nicht im entferntesten daran, diese
+Millionen Menschen aus dem drückenden Joch zu befreien. Auch das
+Bürgerliche Gesetzbuch für das deutsche Reich, welches das Recht des 20.
+Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverändert bestehen lassen.
+Der Kultus der Familie hat die häuslichen Dienstboten mit einer
+chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute für strafbar
+gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt
+und so dicht vor Augen geführt wurde, daß selbst die Kurzsichtigsten es
+sehen mußten, wagte man es schüchtern und vorsichtig, eine kleine
+Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um
+das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den häuslichen
+Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln
+versuchen, so hieße das die Mauer umreißen und der Oeffentlichkeit in
+die eigenen Familienverhältnisse Zutritt gewähren. Selbst freisinnige
+Geister, die den Zuständen der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken
+wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden
+reaktionär, sobald die Dienstbotenfrage berührt wird. "_My house is my
+castle_" heißt es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen
+Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer
+Erkenntnis.
+
+Obwohl die Lage der häuslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein
+sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie
+täglich vor Augen sehen, hat die einschläfernde Macht der Gewohnheit bis
+jetzt die aufklärende Gewalt persönlicher Erfahrung zu unterdrücken
+gewußt. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeußerungen über die
+Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen
+Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage
+erscheint dem weitaus größten Teil derer, die sie in den Mund nehmen,
+nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der
+Dienstboten abzuhelfen ist. Daß sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und
+wie sie behandelt werden muß, daß der große Strom der Entwicklung, der
+in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern
+des bürgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen
+Grundpfeilern erschüttert,--und der häusliche Dienst ist solch ein
+Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fängt erst jetzt an zu dämmern, wo die
+Dienstboten selbst anfangen, zum Bewußtsein ihrer Lage zu kommen. Nun
+entdeckt man gleichsam in der uns täglich umgebenden eine neue
+unbekannte Welt und fängt an, zu begreifen, daß ein Leben noch kein
+menschenwürdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner
+bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.
+
+Die große Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die
+einzelnen Länder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es
+besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren
+z.B. in Deutschland die Löhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der
+Durchschnittssatz dürfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise
+sind es die Kindermädchen, die den niedrigsten, die Köchinnen, die den
+höchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der
+Kinderstube und der Küche liegen soll?! Was thatsächlich damit
+ausgedrückt wird, ist die Anforderung, die man an Köchin und
+Kindermädchen stellt: während die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem
+Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben muß, wird von dem
+gewöhnlichen Kindermädchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule
+entwachsen, hält man es für fähig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die
+nächste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mädchen für Alles" ein,
+das Kinder-, Stubenmädchen und Köchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt
+sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmädchen, das die
+Zimmer zu reinigen, das Küchenmädchen, das abzuwaschen und der Köchin zu
+helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfräuleins oder
+Kindergärtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmädchen und
+Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten höher entlohnt zu werden.
+Einen höheren Lohn erreicht das feine Stubenmädchen, das gewöhnlich die
+Plätterei und Näherei verstehen muß, und die Jungfer, der die
+persönliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie
+zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75
+Mk. im Monat. Die Köchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie
+gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der
+Mehrzahl deutscher, bürgerlicher Haushaltungen dürfte sie zwischen 18
+und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in großen
+Häusern oder auf Landgütern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von
+Küche und Vorratsraum in Händen hat und die Amme, die an Stelle der
+Mutter den Säugling ernährt.
+
+Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die höchsten Löhne in
+Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmädchen umfaßt, kommt
+zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach:
+
+ 21 Mädchen oder 4,7 Proz. einen Jahreslohn von 100-150 Mk.
+152 " " 33,9 " " " " 150-200 "
+179 " " 39,9 " " " " 200-250 "
+ 56 " " 12,5 " " " " 250-300 "
+ 41 " " 9,0 " " " " 300 u. mehr "
+
+Die Mädchen für Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 %
+von ihnen haben weniger als 200 Mk. jährliches Einkommen. Die Köchinnen
+erreichen die höchsten Lohnsätze, die außerdem bei ihnen niemals unter
+150 und selten unter 200 Mk. herabsinken.
+
+In England, für das eine offizielle Untersuchung über Dienstbotenlöhne
+vorliegt[789], sind die Verhältnisse ganz ähnliche, obwohl die Löhne
+eine größere Höhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn
+englischer Dienstmädchen beträgt 15,10 £, in Schottland steigt er auf
+17,12 £, in London auf 18,2 £, während er in dem armen Irland auf 12 bis
+14 £ fällt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule
+entwachsenen Kindermädchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis
+6 £ begnügen müssen.[790] Die Stufenleiter ist im übrigen folgende:[791]
+
+Mädchen für Alles erhalten einen Jahreslohn von 6-17 £
+Küchenmädchen " " " " 5-21 "
+Einfache Hausmädchen " " " " 7-24 "
+Stubenmädchen " " " " 14-24 "
+Köchinnen " " " " 11-28 "
+Kinderwärterinnen " " " " 6-30 "
+Kammerjungfern " " " " 19-30 "
+Wirtschafterinnen " " " " 34-52 "
+
+Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es
+notwendig, auch die Durchschnittslöhne festzustellen, die aus der
+Untersuchung der Lohnverhältnisse von 5338 weiblichen Dienstboten
+gewonnen wurden. Sie betrugen für
+
+Mädchen für Alles 16 £
+Kinderwärterinnen 16 "
+Hausmädchen 16 "
+Stubenmädchen 20 "
+Köchinnen 20 "
+Kammerjungfern 24 "
+Wirtschafterinnen 34 "
+
+Das Kindermädchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter
+der Köchin. Noch drastischer tritt dieses Verhältnis in Frankreich, der
+Hochburg kulinarischer Genüsse hervor, wo die Löhne der Köchinnen
+zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darüber schwanken, während
+Kindermädchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40
+zu bekommen pflegen. Ungewöhnlich hoch sind hier die Löhne der Ammen,
+die häufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Löhne, im
+Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten
+gezahlt. Nach einer Enquete beträgt der durchschnittliche Lohn der
+Dienstmädchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 %
+ebensoviel oder weniger, so daß sich daraus ein Jahreseinkommen von
+durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mädchen für
+alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $
+wöchentlich,--und die Köchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am
+besten stehen.[792]
+
+Nach alledem scheint festzustehen, daß nicht die Quantität, sondern die
+Qualität der geleisteten Arbeit am höchsten bezahlt wird, und zwar ist
+die Ursache davon nicht die, daß die Nachfrage nach der qualitativen
+Leistungsfähigkeit absolut eine besonders starke ist,--könnte man es
+zahlenmäßig nachweisen, so würden zweifellos die Mädchen für Alles als
+die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhältnis zum
+Angebot gelernter Arbeiterinnen überall hoch erscheint, und von den
+zahlungsfähigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Gründen sind die Löhne
+der männlichen Dienstboten unverhältnismäßig höher als die der
+weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr dürfte kaum ein deutscher Diener,
+unter 38 £ kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch
+verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat
+durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 £.
+
+Als Ergänzung des Lohns kann das Trinkgeld und das häufig im Geldwert
+bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden.
+In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele
+Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine
+oft respektable Höhe. So ist mir bekannt, daß ein Stubenmädchen in der
+Familie eines höheren Offiziers, das den geladenen Gästen beim Aus- und
+Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk.
+einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem
+Maße das Odium des Entehrenden an, weil es thatsächlich nur als
+Belohnung für außergewöhnliche Dienste auftritt und die Höhe des Lohns
+durch die Aussicht darauf nicht beeinflußt wird. Anders steht es, soweit
+die Stubenmädchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie
+werden in den weitaus meisten Fällen mit einem sehr geringen Lohn
+angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Für ihre
+harte Arbeit müssen sie auch noch in der beschämenden Haltung der
+Bittenden vor die Fremden hintreten, müssen ihnen, wie die Strauchritter
+am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres
+guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen
+entgegennehmen, an das noch dazu häufig genug beleidigende Anforderungen
+geknüpft werden.
+
+In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Höhe des
+Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip läßt
+sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint
+fast als müßte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein,
+weil sie nicht selbst für Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird
+stets außer acht gelassen, daß allein an die Kleidung des Dienstmädchens
+ganz andere Ansprüche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin,
+und daß gerade bei der häuslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur
+in reichen Häusern Englands und Frankreichs, sehr selten in
+Deutschland,--wo man sich auf das weiße Häubchen als Abzeichen der
+Dienstbarkeit beschränkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art
+Uniform ist, den Dienstmädchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist
+müssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch
+schmaler werden läßt. In sehr vielen Fällen aber haben sie von ihrem
+Lohn alte Eltern und Geschwister zu unterstützen. Wie oft sind mir
+Mädchen begegnet, die über die Hälfte ihres Geldes nach Hause schickten.
+Noch häufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernähren,
+wofür sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben müssen--meist den
+größten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglücklichen sind die
+Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und
+peinigen, sie halten überall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wäre die
+Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie können keine Ersparnisse
+machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange
+der müde Rücken es aushält, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein
+verbrauchtes Hausgerät. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die für
+niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drücken
+kann: die Dienstvermittlungsgebühren.
+
+Die Dienstvermittlung ruht fast ausschließlich in den Händen privater
+Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preußen gab es hier allein
+5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft
+waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Händen das Los der
+Dienstmädchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre möglichste
+Ausbeutung liegt natürlich im Interesse der Vermittler und so müssen die
+Dienstmädchen für jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in
+Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt,
+oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die großstädtischen
+Dienstmädchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen
+dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes würdig wären. In Wien
+allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus
+eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mädchen zu tragen
+haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr häufig nehmen die
+Vermittlerinnen sie während der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und
+Wohnung; sie üben dadurch, daß sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der
+Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es
+überdies in der Hand, die Mädchen möglichst lange bei sich festzuhalten.
+Die unerfahrenen Mädchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets
+ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen,
+durch Schmeicheleien und wohl auch durch häusliche Feste,--wobei die
+Mädchen natürlich die Zeche bezahlen müssen,--an sich zu fesseln, so ist
+das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in
+das Wartezimmer einer großstädtischen Vermieterin enthüllt
+für den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des
+Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrängt die Mädchen, vor ihnen die
+feilschenden "Gnädigen" mit prüfenden Blicken und Fragen, die eines
+Untersuchungsrichters würdig wären,--ein Sklavenmarkt mit all seinen
+Schrecken! Jedes deutsche und österreichische Mädchen hat überdies noch
+ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren
+ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthält, die alles vermuten
+und erraten lassen. Wagt es das Dienstmädchen seinerseits nach den
+Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es für frech
+und unverschämt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat,
+zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhör
+nimmt.
+
+Und was wartet seiner?
+
+Zur Entlohnung der häuslichen Dienstboten gehört, außer dem Lohn,
+Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein
+üblich; die vollständige Abhängigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in
+der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch
+zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfährt sie
+Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen
+Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo
+mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie
+ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen
+können.[794] Daß es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender
+Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in
+Süddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten
+in den Mietshäusern immer im obersten Stockwerk. Sehr häufig sind sie
+nicht zu heizen, so daß die Kälte im Winter sehr empfindlich ist, aber
+noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glühenden
+Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Nötigste zu fassen vermag,
+hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmädchen zusammen. Thür an Thür
+führt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung,
+Mädchen und Männer, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben
+nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsräume noch als gute zu
+bezeichnen im Vergleich mit denen, die der größten Mehrzahl der
+weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Städten geboten werden. Die
+Hängeböden sind hierfür besonders charakteristisch. Man versteht
+darunter Räume, die auf halber Höhe über dem Badezimmer, dem Kloset, dem
+Flur oder einem Küchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur
+mittelst einer Leiter oder einer steilen Hühnerstiege zu erreichen sind.
+Meist sind sie so niedrig, daß ein normal gewachsener Mensch nicht
+aufrecht darin stehen kann, und so klein, daß neben dem Bett kaum Platz
+genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natürlich
+stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenständen gerechnet, die nach der
+Küche oder dem Flur hinausmündende Thür ist dann das einzige
+Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft führt der Kamin der
+Küche direkt daran entlang, so daß eine unerträgliche Hitze sich der
+schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine förmliche
+Brutstätte hier findet. Noch häufiger liegt Badezimmer und Kloset unter
+dem Hängeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphäre erfüllt.
+Einen solchen Wohnraum für Dienstmädchen habe ich in einem der
+vornehmsten Häuser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen
+kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst für kleine Menschen zu niedrig
+war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklärte stolz, daß er
+geräumig genug sei, um zwei Mädchen zu beherbergen! Natürlich besaß sie
+einen Salon, der nur für Gesellschaftszwecke geöffnet wurde und ein
+Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des
+Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten
+Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmädchen, das während der
+Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner
+zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug.
+Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhältnisse kommen zu
+denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder
+Dachkammern, Kellerräume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich
+zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen
+Expertinnen als ihre Schlafräume angegeben, und zwar sind es nicht
+weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn
+24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so
+entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmädchen nur 93 diesen
+Anforderungen; etwa die Hälfte sind in Bezug auf die sanitären
+Bedingungen ihrer Wohnung ungünstiger daran als die Gefangenen in
+preußischen Zuchthäusern.[795]
+
+In einigen Städten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende
+Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen
+gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden
+Hängeböden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hängeböden, außer
+von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Höhe und bestimmtem
+Luftraum untersagt. Natürlich steht all dergleichen fast nur auf dem
+Papier, denn die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten sind nicht etwa
+nur der Ausfluß ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge
+der allgemeinen ökonomischen Verhältnisse. Mit den gesteigerten
+Lebensansprüchen haben die Einnahmen des weitaus größten Teils der
+Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie
+reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr
+aus. Infolgedessen wird überall dort gespart, wo das Auge des Fremden
+nicht hindringen kann, und die großstädtischen Wohnungen sind der
+Ausdruck dieser Entwicklung: das Eßzimmer, der Salon sind geräumig und
+glänzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel,
+der Raum für das Dienstmädchen ist eine Art Höhle. Wer weiß, in welchem
+Maße von der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins das Ansehen, der
+Kredit, ja die Existenz der Familien abhängt, wer dabei die furchtbare
+Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu überwinden nur Auserwählten
+gelingt, der wird sich auch sagen müssen, daß die Wohnungsmisère der
+Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten
+beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen
+Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hängeböden tritt nämlich
+nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein
+schwer zu öffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer
+erhellt, aufweist und ebenso wie die Hängeböden, nicht Raum genug
+bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstände
+unterzubringen. In den seltensten Fällen, in Privathäusern, bei reichen
+oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmädchen ein Zimmer, in das es
+sich abends, nach der Arbeit, gern zurückzieht, wo es aufatmen, sich
+selbständig und unbeaufsichtigt fühlen kann. Wohnräume für Dienstboten,
+wo ihre Freunde sie besuchen können, gehören auf dem Kontinent zu den
+größten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Häusern zu finden sind.
+Die Küche ist fast immer ihr Wohn-, Eß- und Empfangszimmer.
+
+Wie der Lohn, so ist die Beköstigung der Dienstboten die
+verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualität, als was die Art der
+Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Länder, die über
+eine Schar dienstbarer Geister verfügen, ist es üblich, daß für sie
+extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an
+gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des
+"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist für die Herstellung
+der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht
+gerade schlecht zu sein; um so erträglicher ist die Ernährung, als sie
+mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer
+eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begünstigten
+die Masse der Mädchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mäßig
+begüterten Bürger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein
+völlig verändertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger
+zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die
+Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten
+des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause muß
+sie in der Küche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel
+des Tisches, der notdürftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden.
+Sehr häufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre
+Quantität betrifft: das Mädchen darf sich nicht nach Gefallen satt
+essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In
+Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders
+geformte tiefe Teller, ähnlich den Näpfen, in denen man den Haushunden
+das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin
+zusammengeworfen. Man hält es vielfach für selbstverständlich, daß das
+schwer arbeitende junge Dienstmädchen durch das geringste Maß an Kost,
+durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein muß: eine Tasse dünnen
+Kaffees mit einer dünn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter
+Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewärmtem
+Kaffee--darin besteht nur zu oft die tägliche Nahrung. Trotzdem wird das
+Los des Dienstmädchens gegenüber dem der Fabrikarbeiterin als ein
+glänzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost
+betrifft häufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost
+durch einen bestimmten Geldbetrag abzulösen; in Deutschland, England und
+Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld üblich, das in
+Deutschland kaum über 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15
+bis 25 frs. erreicht. In großen englischen Haushaltungen wird manchmal
+für die ganze Beköstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die
+für Mädchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. täglich zu betragen pflegt. Für das
+Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese
+Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbständigung der
+Dienstboten, sie entspringen aber zunächst der Bequemlichkeit der
+Herrschaften, die sich dadurch einer lästigen Kontrolle enthoben fühlen
+und der gefürchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben.
+Thatsächlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das
+Dienstmädchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt,
+das legt sie am liebsten zurück, oder giebt es für etwas anderes aus,
+als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernährung veranlaßt,
+indem sie von ihrem ersten Frühstück oder ihrem Mittagbrot noch etwas
+zum Abend sich aufspart, oder sie ißt trotzdem aus der Speisekammer der
+Herrschaft. Es heißt auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei
+einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mädchen, das unsere Wohnung
+und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von
+unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der
+einen Seite, soweit es den Herrschenden nämlich zum Vorteil gereicht,
+durchaus aufrecht erhalten will, läßt sich auf der anderen nicht
+willkürlich durchbrechen. Nur das Gewähren von Geld als Ersatz für
+alkoholische Getränke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den
+notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehören und man dadurch,--eine
+Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem
+Genuß entgegenwirkt.
+
+Während Löhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen
+aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist,
+darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im
+allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des
+Sklaventums, daß der Herr die Person des Sklaven, seine ganze
+Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das
+Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen,
+wenn auch den allergrößten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote
+verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu
+folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmäßigkeit. "Mit welchem
+Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart
+auf die ungemessenen Fronden früherer Jahrhunderte zurück, ohne zu
+bedenken, daß sie zu ihren Dienstboten in einem ganz ähnlichen
+Rechtsverhältnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags
+darin erblickt, daß der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft für
+eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfügung stellt, so
+haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24
+Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begüterten oder minder begüterten
+Familien ändert sich nur die Intensität der Arbeit; die Arbeitszeit, die
+sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhängigkeit vom Willen
+anderer und der der freien Verfügung über die eigene Person kennzeichnen
+läßt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der höchste Grad
+der Arbeitsintensität findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den
+Kindermädchen und den Mädchen für Alles. Die Mutter erfreut sich der
+ungestörten Nachtruhe, das Kindermädchen aber opfert ihrem Sprößling die
+ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder für das Kind
+beschäftigt, denn während es schläft, wird die Kinderwäsche gewaschen,
+gebügelt, geflickt; während es wacht, wird es genährt, angekleidet,
+unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der
+gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsüberlastung dadurch vielfach
+aufgewogen, daß das Kindermädchen sich stundenlang mit ihrem Schützling
+in frischer Luft aufhalten muß, aber der Zwang, die Kinder tragen zu
+müssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrücksichten auf sie ist er
+besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder
+in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mädchen sind dadurch
+allen Gefahren der Rückgratsverkrümmungen und Unterleibsleiden
+ausgesetzt. Können die Kinder laufen, so ist die körperliche Anstrengung
+zwar geringer, die der Nerven aber um so größer. Ununterbrochen Kinder
+zu hüten, gehört thatsächlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint,
+die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermädchens für ein wahres
+Faulenzerleben zu erklären, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mütter
+aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich
+haben, können trotzdem nicht genug über die Roheit und Schlechtigkeit
+der Kindermädchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie
+meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer,
+dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensität der Mädchen
+für Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die
+an sie gestellt werden, oft unerfüllbare: Kochen und einkaufen, waschen
+und plätten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nähen und flicken, die
+Familie bedienen, den Gästen aufwarten,--das alles und noch mehr ist
+ihre Aufgabe. Von früh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefüllt; oft
+muß sie bis ein, zwei Uhr und länger thätig sein, weil Gesellschaft im
+Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil für die
+schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frühstück zur
+gewöhnlichen Zeit bereit stehen muß. Spät in der Nacht hat sie wohl auch
+die gnädige Frau oder das gnädige Fräulein vom Ball oder vom Theater
+heimzuholen. Niemandem fällt es ein, welchen Gefahren ein junges Mädchen
+bei weiten nächtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am
+wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber
+dem armen Ding, wenn es Müdigkeit oder Mißmut fühlen läßt; auch die
+gleichmäßige gute Laune gehört zu den ausbedungenen Pflichten eines
+Dienstmädchens. Die Arbeitszeit der Köchin ist vielfach weniger
+ausgefüllt als die des Mädchens für Alles; auf sie dürfte im allgemeinen
+zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthausköchinnen
+ergeben hat, die während vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich
+zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert,
+sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen
+verursacht Krampfadern und geschwollene Füße, das Einatmen der
+Speisenausdünstungen bewirkt Magenstörungen, die oft chronisch werden,
+das beständige Hantieren am glühenden Herd zerrüttet die Nerven. Die
+Klagen über launenhafte cholerische Köchinnen, denen es doch "so gut"
+geht, sind nur allzu bekannt!
+
+Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist
+ihre Nachtruhe oft mehr beeinträchtigt als die des Kindermädchens. In
+der Zeit der geselligen Hochflut, die für viele Damen der großen Welt,
+deren Leben sich zwischen der Großstadt und den Modebädern abspielt, nur
+durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine
+ausreichende und ungestörte Nachtruhe. Was es aber für ein junges
+Mädchen heißt, ihre oft viel ältere Herrin Tag für Tag in glänzender
+Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, während es, das
+junge, hübsche, lebenslustige Mädchen, zu gleicher Zeit allein in seiner
+Kammer sitzen und bei trübem Lampenlicht allnächtlich auf die Heimkehr
+der "Gnädigen" warten muß,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird
+denn auch die Gefühle eines Dienstmädchens mit demselben Maße messen,
+wie die eigenen!
+
+Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmädchen in den
+Hotels, in Pensionen. Um einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird
+so wenig als möglich Personal angestellt. Es kommt vor, daß ein Mädchen
+die Bedienung von 30 bis 40 Gästen, die Instandhaltung von 20 bis 25
+Zimmern zu übernehmen hat.[798] Die Nachtruhe währt oft kaum fünf bis
+sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und
+nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine
+Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden dürfte kaum zu den
+Ausnahmen gehören.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner
+Dienstbotenverhältnisse bestätigt nur alle unsere Angaben. Von 547
+Mädchen arbeitet die Hälfte,--51,5%,--länger als 16 Stunden täglich. Die
+andere Hälfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12
+Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mädchen
+für Alles, die am längsten arbeiten müssen; für 59% dauert der
+Arbeitstag über 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen
+Verhältnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der
+Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer
+Berechnung,--ob nämlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage
+diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild
+hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmädchen sollen 10
+Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thätig
+sein.[801]
+
+Die freie Zeit der Dienstmädchen beschränkt sich in Deutschland,
+Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei
+Wochen. Für Berlin hat sich herausgestellt, daß 69% der Dienstmädchen
+innerhalb eines halben Monats nur fünf bis sechs Stunden für sich
+haben.[802] Denn der vierzehntägige Ausgang schrumpft noch
+außerordentlich zusammen, weil das Mädchen erst nach beendeter Arbeit
+fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurück sein muß. Nur
+selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewährt, in der es
+seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in
+Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Häuser, wo die
+Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen übernommen werden
+kann, ohne daß es die Bequemlichkeit der Herrschaft stört. In den
+begüterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, daß jeder halbe
+Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den
+Dienstboten freigegeben wird, häufig bekommen sie sogar vierzehn Tage
+Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der
+Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen
+Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des
+freien Abends in der Woche nach und nach eingebürgert.[803] Auf dem
+Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmädchen als eine
+unerhörte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rückgangs alter Zucht
+und Ordnung" angesehen. Daß das Dienstmädchen Zeit für sich braucht,
+wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, daß es ein Bedürfnis
+nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben
+könnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am
+wenigsten denen, die selbst im Winter fast täglich in Gesellschaften
+gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fällt ihnen
+aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmädchen zu erhöhen, wenn sie
+sehen, daß die überlange Arbeitszeit sie nötigt, ihre Kleidung von
+Lohnarbeiterinnen ändern und herstellen zu lassen.
+
+Die Folgen der niedrigen Löhne, der schlechten Wohnung und ungenügenden
+Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind
+in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren
+Dienstmädchen nicht scharf genug rügen können. So wurde von jeher
+darüber geklagt, daß die Dienstmädchen die Herrschaften dadurch
+übervorteilen, daß sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, daß
+sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese
+alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhöhen, wird heute von den
+Dienstboten und den Verkäufern als ein selbstverständliches Recht
+angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmädchen für jeden Einkauf vom
+Händler einen Sou (fünf Centimes) für den bezahlten Franc. In
+Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt
+also in seinem Interesse, die Herrschaft zu möglichst vielen Ausgaben zu
+veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist
+demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so
+doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und
+Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel
+eines eigenen Zimmers, durch den jedes persönliche Leben unmöglich
+gemacht wird, führt andererseits dazu, daß die Dienstmädchen sich nicht
+heimisch fühlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts
+der Hängeböden von ihnen zu verlangen. Die Unmöglichkeit, mit
+seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der ständigen Kontrolle auch der
+wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mädchen auf die Straße,
+in den Grünkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen
+jammern dann über ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit,
+Faulheit und Liederlichkeit".
+
+Das gilt besonders für jene Mädchen für Alles, die keine Gefährtin im
+Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mädchens, dessen Sehnsucht nach
+dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit
+zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem
+Verderben in die Arme treibt, haben die Brüder Goncourt mit vollendeter
+Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch
+darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch
+Wohlwollen auf der einen und Anhänglichkeit auf der anderen Seite nicht
+überbrücken läßt.[805] Selbst der Versuch, den gutmütige, aber
+unverständige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mädchen zur Familie
+heranziehen, es womöglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit
+ihnen am selben Platz nähen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz für
+den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere
+geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in
+unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt.
+Zieht nun aber solch ein Mädchen den Küchenwinkel dem Platz am
+Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht
+darin den Beweis dafür, daß die Dienstboten sich gar nicht aus der
+Einöde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen
+jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbürdung
+und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel
+bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit,
+Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt
+deprimierender als das graue Einerlei unaufhörlicher Werkeltage und die
+Unmöglichkeit, sich selbst zu gehören. Aber noch ein Resultat rufen
+diese Zustände zusammen hervor, das für den Charakter der Herren wie der
+Diener gleich schädlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die
+antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte
+ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenüber.
+Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfügen über kein anderes
+Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter
+hintergehen und belügen, das Dienstmädchen, das im Grünkramkeller mit
+ihren Freundinnen zusammentrifft, muß für ihr langes Ausbleiben nach
+einer anderen Ausrede suchen; heimlich verläßt sie abends das Haus, will
+sie sich amüsieren, heimlich empfängt sie ihre Besuche; ihre, durch die
+äußeren Verhältnisse großgezogenen Untugenden sind wieder die Ursache
+jenes tiefgewurzelten Mißtrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie
+wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und
+Lüge. Sie beleidigen dadurch unaufhörlich das Ehrgefühl der
+Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen
+Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave
+Mirbeaus Kammerjungfer Célestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn
+sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn!
+Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in
+der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an
+Korruption, an rebellischen, von Haß erzeugten Gefühlen in sich
+schließt.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle
+Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer
+Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und
+leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen
+einem vorübergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der
+Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von kränkendem Mißtrauen
+verfolgt, das die Thüren, die Schränke, die Schlösser vor uns
+verschließt und das ohne Aufhören über unsere Hände, in unsere Taschen,
+unsere Koffer die Schmach spürender Blicke gleiten läßt.... Und dann die
+Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritäten,
+alles Lächelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen
+unübersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrücktem Haß und
+quälendem Neid auftürmt."
+
+Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenüber, als in der
+Häuslichkeit. Es gehört der ganze Stumpfsinn niedergedrückter, von der
+frischen Luft der neuen Zeit künstlich abgeschlossener Volksschichten
+dazu, um es erklärlich zu machen, daß die Dienstboten angesichts dieser
+krassen Gegensätze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer
+großen Mehrzahl nach aus sozial und ökonomisch tief stehenden Schichten
+der Bevölkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berührt
+wurden. Der Stadt gehen sie mit der größten Erwartung entgegen, in ihr
+atmen sie, im Vergleich zu den Verhältnissen, denen sie auf dem Lande
+meist entronnen sind, Freiheitsluft und fügen sich daher ohne Murren in
+harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen
+Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmädchen[807], und in einem Jahr,
+1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren
+Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von außerhalb.[809] In Amerika
+sind die meisten Dienstmädchen arme Ausländerinnen, deren Ansprüche weit
+geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England
+bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mädchen,--eine
+Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu
+schämen haben, denn überall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als
+Lohndrücker auf. Dazu kommt ferner, daß die sozialen Schichten, aus
+denen die Dienstmädchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner
+Dienstmädchen z.B. stammen ab von[810]
+
+Handwerkern 27 Proz.
+Arbeitern 24 "
+Kleinen Landwirten 17 "
+Kleinen Beamten 12 "
+Anderen Gewerbetreibenden 7 "
+Ungenau 13 "
+
+Die große Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder
+angeben konnten, findet darin ihre Erklärung, daß es gerade unter den
+Dienstmädchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von
+früh an im Dienst fremder Leute herumgestoßen werden.[811] Die meisten
+von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr früh. Von den österreichischen
+Dienstmädchen waren nach der letzten Zählung 28 % 11 bis 20 Jahre
+alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmädchen
+gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18
+Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt
+zu haben, die Außenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von früh an
+vor der Berührung mit ihr sorgfältig abgeschlossen. Nicht nur, daß sie
+ihre besten Jahre der härtesten Fron opfern und durch sie verbraucht
+werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und
+Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen
+zusammenzuschließen.[814] Aus all diesen Gründen sind sie so rückständig
+und fangen erst langsam an, das Unerträgliche ihrer Lage zu empfinden.
+Nicht auf den äußeren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht
+es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen
+lassen müssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausübung der
+schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall kühle
+Gleichgültigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit
+unserer Freude, sie sollen Rücksicht nehmen auf unsere Nerven, uns
+pflegen, wenn wir krank sind,--daß auch ihr Leben Schmerz und Freude
+kennt, daß auch sie Nerven haben und krank sein können, das fällt den
+guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie
+über Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie
+beklagen sich bitter über die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer
+Mädchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß solch ein
+armes Geschöpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die dürftigsten
+Verhältnisse und nun plötzlich den bürgerlichen Haushalt und die
+bürgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie
+viele Hausfrauen zeigen ihren Mädchen niemals ein freundliches Gesicht;
+keine Bitte, kein Dank kommt über ihre Lippen, Scheltworte statt dessen
+um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thätlichkeiten fehlt es nicht, wie
+zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das
+Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen
+gegenüber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den
+Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den
+großen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmädchen das Opfer der
+Begierden der früh verdorbenen Söhne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau
+begegnet, die das Verhältnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmädchen mit
+der Begründung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die
+Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fällen die
+Verführer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen,
+wie die Fabrikanten und Geschäftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die
+Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in
+die humoristische Presse. Sie beschäftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit
+den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rücken der Gattin mit den
+Dienstmädchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Münchener Fliegenden
+Blätter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder
+frivol, wie die stärker auftragenden französischen Journale.
+
+Die größten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmädchen in den Hotels
+und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu
+den persönlichen Diensten, die für ein Trinkgeld geleistet werden
+müssen, die Befriedigung ihrer Lüste oft wie etwas Selbstverständliches
+zählt, übersteigt häufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen
+Vergewaltigung.[815] Nun wäre es freilich übertrieben, die große Zahl
+unverheirateter Mütter unter den Dienstmädchen,--in Berlin haben 33 %
+aller unehelichen Kinder Dienstmädchen zu Müttern,--allein auf die
+Verführung ihrer Herren und deren Söhne zurückzuführen. Die Ursache
+davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprünglichen Liederlichkeit
+der Mädchen, über die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in
+den Verhältnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen
+mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anständigen
+Raum dafür, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so
+empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und
+verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthält, als
+das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht
+mehr zu fürchten sind, auf nächtliche Vergnügungen. Haben sie nicht etwa
+dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die
+Töchter ihrer Gnädigen? Die bürgerliche Gesellschaft treibt sie zum
+Fall; es gehört große sittliche Festigkeit dazu, unberührt zu bleiben,
+die von den Mädchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der
+Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem
+Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten
+Dienstmädchen kehren aus den Städten mit einem Kinde aufs Land
+zurück.[816] Sehr viele fallen schließlich der Prostitution in die Arme.
+So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, daß von 100
+Prostituierten 36 ehemalige Dienstmädchen waren[817], eine amerikanische
+Berechnung zählt sogar 47 auf 100.[818]
+
+Aber noch andere indirekte Einflüsse kommen hinzu, um die weiblichen
+Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit
+Recht, daß vor seinem Bedienten der Größte klein wird; das heißt mit
+anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille,
+keiner wird so vertraut mit den häßlichen, gemeinen, niedrigen
+Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch
+wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte
+unberührt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und
+Verschwendungssucht, Frivolität und Liederlichkeit, daneben oft die
+ganze Verlogenheit äußeren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken
+soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man müßte ein gereifter,
+moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphäre rein
+hervorzugehen, nicht aber ein junges Mädchen, das aus dem Dunkel kommt
+und geblendet wird von all dem gleißenden Schein. "Der Dienstbote ist
+kein normales Wesen mehr", sagt Célestine[819], "... er gehört nicht
+mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in
+deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und
+die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der
+Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Möglichkeit zu haben, sie
+zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese
+anständige bürgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache,
+daß er den tödlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet
+hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur völligen Aufgabe
+seiner Persönlichkeit." Wie sehr rügen die braven Bürgerfrauen die
+Putzsucht ihrer Dienstmädchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu
+thun; als ob sie selbst nicht häufig genug durch ihren Luxus und ihre
+Sucht, die reiche Nachbarin womöglich in der Kleiderpracht noch zu
+übertreffen, den Ruin der Familie herbeiführen helfen. Wie kommen sie
+dazu, von ihrem armen Dienstmädchen mehr Bescheidenheit und
+Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich
+selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler,
+sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmädchen: sie härmen sich mehr
+an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen häufig
+innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrückt; sie
+verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit größerem Interesse
+unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach
+mit größter, gradezu mütterlicher Sorgfalt.[820] Statt daß ihre
+Klatschsucht Empörung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr
+über ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten
+Diener, den ich veranlaßte, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er
+hatte schon viele Seiten gefüllt, da zerriß er sein Manuskript, aus
+Angst, nach seiner Veröffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen.
+Selbst die Anonymität, glaubte er, könne ihn nicht schützen. Wenn der
+Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos öffnen kann, so wird die
+Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hören müssen. Ein Mensch
+mit niedriger kriechender Gesinnung wird verächtlich eine Bedientennatur
+genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstärke gegenüber Höherstehenden
+wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der
+Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche
+Zeichen dafür, daß das beschämende Bewußtsein des eigenen physischen und
+seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den
+entehrenden Ketten zu rütteln beginnen.
+
+Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends,
+das die bürgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter
+nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glühende Ansprachen
+an die Mütter sind längst verhallt, beinahe zu einer litterarischen
+Merkwürdigkeit geworden; die Degeneration der bürgerlichen Gesellschaft
+hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brüste ihrer Mütter sind
+immer häufiger leer, teils, weil die Sünden der Vorfahren sich an ihnen
+rächen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer
+Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergnügungssucht und
+Eitelkeit stärker als das Bewußtsein der Mutterpflichten, und statt dem
+Kinde zu geben, was die gütige Natur für es geschaffen hat, wird ein
+Ersatz dafür gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der
+Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernährung fremder Kinder
+mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden!
+Dieselbe Gesellschaft, die verächtlich auf ein gefallenes Mädchen
+herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt,
+züchtet künstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet
+das einfachste Ehrgefühl, zerstört die Familien, denen sie die Mütter
+entreißt, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig
+gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten
+Sprößlingen. Der ganze Spreewald Preußens lebt von dem Verdienste der
+Ammen; häufig gehen die Mädchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach,
+bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder
+bis ihre Gebärfähigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne wählt seine Frau
+je nach der Fähigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine
+Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem
+eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womöglich zu
+versaufen und zu verprassen.[821] Die kräftige Nahrung, die oft kostbare
+Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewährt wird,--nicht aus
+Mitleid und Dankbarkeit natürlich, sondern nur aus Rücksicht auf den
+Säugling,--bietet keinen Ersatz für das unendliche Elend, die um sich
+fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe
+dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen
+nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nähren, die
+Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepäppelt wurde,
+wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich
+gestalten, wenn ihre Mutter sie genährt hat, nachdem sie früher
+ahnungslos ein syphilitisches Bürgerkind an ihren gesunden Brüsten groß
+zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das
+das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht überträgt die lebendige
+Nährmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene
+Mütter währenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brüste beim
+strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der
+Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben.
+
+Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der
+jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch über sie
+unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen
+gesunden Gefühls und kräftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, daß
+diese Not ständig zunimmt. Nach einem Bericht der städtischen
+Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein läßt,
+ihre Zöglinge für den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten,
+waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6
+Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden,
+sie hatten die persönliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und
+Not erkauft werden muß, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die
+Allüren des Herrentums annimmt, vorgezogen.
+
+Für viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend
+der Fabrikarbeiterin hören, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not
+zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmädchen!
+Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte
+Ernährung der Arbeiterfamilie wird darauf zurückgeführt, daß die Frauen
+nicht vor der Ehe Dienstmädchen waren, und es giebt Leute genug, die
+nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu nützen glauben,
+wenn sie für die jungen Mädchen eine Art Dienstzwang einführen möchten.
+
+Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600
+Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen,
+warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafür
+übereinstimmend folgende Gründe an: 1) Mangel an Freiheit und
+unaufhörliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das
+Unterthänigkeitsverhältnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kränkende
+Behandlung besonders von seiten der Herren und Söhne des Hauses. 5) Kein
+eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine
+Möglichkeit, Freunde zu empfangen, außer in der Küche unter Aufsicht der
+Herrschaft.[822]
+
+Diesseits des Oceans sind die Gründe dieselben wie jenseits. Es fragt
+sich nur, ob die bürgerliche Familie mit ihrer gegenwärtig bestehenden
+Privathaushaltung im stände ist, sie aus der Welt zu räumen. Eine
+verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der
+Dienstmädchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem
+schlechten Charakter und bösen Willen der Arbeitgeber und der
+Arbeitnehmer, sondern der ökonomischen und sozialen Seite des
+persönlichen Dienstverhältnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition.
+
+Wir haben gesehen, daß in den Häusern der oberen Zehntausend, wo infolge
+eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem
+Lohn, gutem Unterkommen und anständiger Kost gewährt zu werden pflegt
+und nebenbei auch, bei der persönlichen Distanz zwischen Herrn und
+Diener, die Reibungsmöglichkeiten seltener sind und das sogenannte
+patriarchalische Verhältnis ganz ausgelöscht ist, die Lage der
+häuslichen Bediensteten sich am günstigsten gestaltet. Je kleiner der
+Haushalt und je beschränkter die Mittel, desto unerträglicher wird sie.
+Da nun aber die große Masse des Bürgertums, teils infolge direkter
+Vermögensverluste, teils infolge des zunehmenden Mißverhältnisses
+zwischen Einnahmen und Ansprüchen, sich pekuniär keinesfalls in
+aufsteigender Linie bewegt, so ist für eine Hebung der Lage der
+Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das
+Mädchen für Alles zur begehrtesten Persönlichkeit werden; weder ihr
+Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit können eine
+wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben,
+die sich in dem Glauben wiegen, die bürgerliche Welt, wie sie heute
+geworden ist, wäre insgesamt im stande, die eigenen Bedürfnisse den
+Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschränken, sich etwa mit einem
+Zimmer weniger zu begnügen, um es dafür dem Dienstmädchen einzuräumen,
+Vergnügungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten
+aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewähren zu
+können? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung
+volles Verständnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen
+abgesehen, außer stände, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch
+die sittlichen Mißstände und die Divergenz der Interessen können sich
+mit der zunehmenden Aufklärung der Dienstboten und dem Widerstand der
+Herrschaften dagegen nur verschärfen. Denn mit der Abnahme der
+Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, daß damit die
+Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage
+steht, und der vielfach wütende Fanatismus, mit dem die große Mehrzahl
+der Hausfrauen, von der bürgerlichen Presse lebhaft unterstützt, gegen
+die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwärtig
+meist noch unklare Gefühl davon zurückzuführen.
+
+Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat
+sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten
+nur rascher vorwärts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit
+angebahnt. Nicht nur, daß die Produktion für den Haushalt schon längst
+nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der
+häuslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von außer dem Hause
+wohnenden Arbeitskräften übernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der
+Aufwartefrauen läßt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen
+und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder
+erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen
+und die Flickerinnen, die ins Haus kommen.
+
+Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese
+Arbeiten außer das Haus verlegte. In den Großstädten wird es besonders
+mehr und mehr üblich, die Wäsche in Wäschereien reinigen und plätten zu
+lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszählung 73766
+Wäschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar
+entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber
+werden 66662 gezählt.[823] Die sanitären Verhältnisse sind überall
+höchst bedenkliche: In den Großbetrieben, meist Dampfwäschereien,
+herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35° R. erreicht und in der die
+meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten müssen, die
+Atmosphäre wird aber zu einer noch bedeutend gefährlicheren in den
+Plättereien, wo die Gasdünste der Plätteisen die Luft verpesten. Trotz
+aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine höchst
+mangelhafte, weil die Rücksicht auf die Wäsche, die durch den
+eindringenden Staub beschmutzt werden könnte, der Rücksicht auf die
+Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese großen
+Wäschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitsstätten, denn
+alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme
+Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines
+Mädchens die Arbeit übernimmt, pflegt zunächst die abgeholte schmutzige
+Wäsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren,
+nachzuzählen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr
+anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem
+engen Raum fest, wo kleine Kinder in nächster Nähe schlafen, oder
+zwischen der schmutzigen Wäsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft
+kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen für die Familie bereitet
+wird, in großen Kesseln die Wäsche; der daraus aufsteigende Dunst
+erfüllt das ganze Zimmer. Häufig genug wird selbst ein Teil der Wäsche
+im Wohnraum zum Trocknen aufgehängt, womöglich über den Betten der
+Kinder und der Kranken. Die Plätterei steigert noch die Gefahren für die
+Arbeiterinnen wie für die übrigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter
+ist der Plättplatz dicht neben dem glühenden Ofen, um möglichst schnell
+die Eisen aus dem Feuer ziehen zu können. Und in dieser Umgebung,
+inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die
+ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen
+entwachsene Mädchen bis zur Entkräftung darin. Zum Schluß wird die
+sauber zusammengelegte Wäsche zum Nachzählen abermals im Zimmer
+ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, daß bei den engen Räumlichkeiten
+fertige Wäschestücke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder
+liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wäsche reicher Leute in
+die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Häuser
+der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" löst sich
+eben, in der Nähe betrachtet, ebenso in trübe Elendsbilder auf, wie das
+Idyll der "lustigen Nähmamsell". Würden nicht die Hausfrauen mit einer
+Zähigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an
+den kleinen Wäschereien festhalten, weil die Dampfwäschereien angeblich
+die Wäsche mehr verderben, sie wären schneller, als es jetzt schon
+geschieht, dem verdienten Untergang geweiht.
+
+Mehr noch als die Vergebung häuslicher Arbeiten an Außenstehende hat die
+rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshäuser die bisherige Form des
+Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu
+erschüttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben
+allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und
+die Zahl der darin beschäftigten Personen um 295713, d.h. um 132 %
+zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Männer eine alte
+Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine
+Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und
+Englands in wachsendem Maße zur Auflösung des privaten Haushalts führt.
+
+Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Häuslichkeit
+betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Küche und Keller oder
+bei der Bedienung der Gäste beschäftigt, galten für häusliche
+Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale
+Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe
+von Mißständen schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im
+Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr für die männliche Tugend zu
+erblicken, entschloß man sich, die Zustände einmal in der Nähe zu
+betrachten. Durch die Königliche Arbeitskommission geschah es in
+England, durch die Kommission für Arbeiterstatistik in Deutschland, eine
+Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergänzend hinzu. Nur ein sehr
+kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten
+erfaßt,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil,
+4093,--und, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am
+niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberührt. Kellnerinnen
+aus Cafés, Café-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden
+befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich,
+trauriger Berühmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen.
+Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mißliches; man war ausgezogen,
+bereit, den Bannstrahl über Scharen von Sünderinnen zu schleudern, und
+fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung
+schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen.
+
+Betrachten wir zunächst die Anforderungen, die an sie gestellt, und
+sodann die Entschädigungen, die ihnen dafür geboten werden. Als ein
+junges, schmächtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die
+angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die nötigen
+Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird
+Wassermädchen, d.h. sie hat den Gästen nur das Wasser zu bringen und
+steht gewissermaßen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die
+unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr
+abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewöhnlich
+lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen muß und
+sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis
+achtzehnstündige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft
+noch schulpflichtige Mädchen ganze Nächte durch aushilfsweise
+beschäftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu
+sein, sie befinden sich in einer fast ständigen Hast, als Sündenbock von
+jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hübsch und
+verfügt sie über eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine
+Staffel empor zu rücken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch
+private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schärfer
+handhaben, als die für häusliche Dienstboten. Gebühren von 10 bis 30
+Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein
+Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurückbehalten wird, wenn die
+Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden,
+so wird sie in den weitaus meisten Fällen ohne schriftliche
+Vertragsschließung angetreten und von einer Kündigungsfrist ist, unter
+Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede,
+weil die Kellnerin es sich gefallen lassen muß "auf Probe" angestellt zu
+werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich,
+vielleicht gefällt sie den Gästen nicht, dann fliegt sie hinaus von
+einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der
+sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt,
+um recht viel an ihr zu verdienen.[830]
+
+Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto früher.
+In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmädchen und ehe sie
+Gäste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der
+Gastzimmer, der Gläser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so
+hat sie das für diese Arbeiten angestellte Personal zum großen Teil aus
+eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit
+dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Füßen;
+immer lächelnd, immer zuvorkommend, der gröbsten wie der gemeinsten
+Behandlung gegenüber, hat sie die Getränke und Gerichte
+heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebäder wurde fast durchweg
+konstatiert, daß die Kellnerinnen von sieben Uhr früh bis zwei Uhr
+nachts thätig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wöchentliche
+Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger
+Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen
+Kellnerinnen haben eine regelmäßige tägliche Arbeitszeit von
+
+12 und weniger Stunden 5,0 Proz.
+12 bis 14 Stunden 19,3 Proz.
+14 bis 16 Stunden 51,8 Proz.
+16 bis 18 Stunden 23,4 Proz.
+mehr als 18 Stunden 0,5 Proz.[832]
+
+Die überwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis
+sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gäste steigert
+sich diese Arbeitszeit willkürlich. Während des Karnevals in München
+kommt es vor, daß Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistündiger Pause
+während vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden hintereinander Dienst
+thaten.[833] Von regelmäßigen Pausen ist überhaupt nur selten die Rede;
+sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die
+Wirtsstube leer, so kann das müde Mädchen vielleicht auf kurze Zeit des
+Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heißt es geschäftig
+aufspringen und seine Wünsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshäusern
+wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschäftigt sind, das
+Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden
+machen könnte. Nur beim Essen können sich auf kurze Zeit die matten
+Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie
+Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der
+Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, für die
+glücklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In München wird
+vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche
+gewährt[834], aber auch nur unter der Bedingung, daß ein Ersatz von der
+Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der
+Kommission für Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die
+Angestellten regelmäßig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwölfmal,
+in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch öfter im Jahr. In
+der Hälfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber
+immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshäusern
+giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der
+Hälfte giebt es nicht einmal freie Stunden!
+
+Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften,
+die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens
+zugestehen[836], und sich dann, ähnlich wie die Hausfrauen den
+Dienstboten gegenüber, darauf berufen, daß ihre Angestellten einen
+leichten Dienst hätten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie
+Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehören kann, zu
+ersetzen im stände wäre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird
+nun aber auch in der größten Anzahl der Fälle in Räumen zugebracht, die
+allen hygienischen Ansprüchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube
+vermischt sich darin mit den Speisengerüchen und den Ausdünstungen der
+Menschen. Wo gelüftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten
+Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermüdung
+und Erhitzung rufen aber auch ein ständiges Durstgefühl hervor, das in
+Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit
+folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch
+nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit
+Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehört es
+zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie
+mit ihm trinkt und so eine möglichst hohe Zeche erzielt. Zum
+Entgegenkommen gegenüber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun
+beim Trinken besteht, ist sie überhaupt immer gezwungen; mehr als von
+ihrer Arbeitstüchtigkeit hängt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um
+die Gäste möglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich häufig genug
+genötigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur
+in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende
+Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zündhölzchen und
+dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf
+ihre äußere Erscheinung erstrecken sich schließlich noch die
+Dienstvorschriften: in großen Lokalen ist eine bestimmte Toilette,
+selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mädchen veranlaßt werden,
+sich täglich vom Friseur die Haare machen lassen zu müssen,
+Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostüme häufig
+geliefert; Mädchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen
+mögen, was so und so viele mehr oder weniger fragwürdige Vorgängerinnen
+schon getragen haben, müssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer
+dieser verschiedenartigen Pflichten, Müdigkeit, Unfreundlichkeit gegen
+einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender
+Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar
+keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeußeres Mißfallen
+zu erregen, so muß sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn
+eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heißt es bei
+den Gästen: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes
+Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gästen durch den
+Wechsel einen Gefallen zu thun, kündigen die Wirte den Kellnerinnen,
+lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, daß über
+die Hälfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur
+drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller über ein Jahr in
+ihrer Stellung waren.[841]
+
+Je älter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die
+vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines großstädtischen Lokals
+war, muß schließlich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein
+armseliges Dasein zu führen. Die Gäste wollen nur von jungen, hübschen
+Mädchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895
+giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die über 30
+Jahre alt sind. Schließlich stellt selbst das geringste Wirtshaus die
+alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann
+sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler
+werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wäscherin, Geschirrputzerin
+oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich
+empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Straße, als die
+verachtetste aller Frauen.[843]
+
+Und doch strömen dem Kellnerinnenberuf jährlich Tausende zu; immer
+wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die
+Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glänzend, um diesen Zudrang zu
+rechtfertigen? Die Kommission für Arbeiterstatistik stellte fest, daß
+von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch
+Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergänzt wird. 21 % bekommen demnach
+gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die
+eine Hälfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk.
+und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die
+Lohnverhältnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die
+Hälfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Großstädten, wo die
+Animierkneipen eine große Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, daß
+sie überhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur
+8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Süddeutschland steigt dagegen der
+Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch
+hier machen die Großstädte eine Ausnahme. In München, wo allein gegen
+3000 Kellnerinnen gezählt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz
+abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in großen
+Restaurants fast durchweg Sitte ist, daß der Oberkellner dafür, daß er
+bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch
+immer häufiger vor, daß von den weiblichen Angestellten dasselbe
+verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies
+System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen
+beschäftigt, zum erstenmal eingeführt, und hat sich seitdem überall hin
+verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den großen Bädern, wie in
+Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders üblich sein, jedenfalls ist
+dort der feste Lohn so gut wie vollständig abgekommen. Sein Ersatz ist
+das Trinkgeld.
+
+In der Anerkennung außergewöhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung
+zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demütigendes an sich. Es
+bildete jedoch den Ansporn für die profitgierigen Wirte, die
+Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich
+auf den Gast abzuwälzen. Aus einem freiwilligen Geschenk für besondere
+Fälle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu
+tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner
+halb bittend, halb fordernd verlangen, für dessen Erreichung besonders
+die Kellnerin sich nur zu oft demütigen und ihre Würde preisgeben muß.
+Es ist gewissermaßen der äußerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems:
+jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der
+sie bezahlt, durch irgend etwas mißfällt, die Kellnerin setzt ebenso
+ihre Existenz aufs Spiel, nur daß sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit
+groschenweise zusammenbetteln muß. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber
+nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der
+trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und
+Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen
+bestehende Arbeit, und verlangt für jeden Groschen einen Dank. Zu dem
+Herabwürdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine
+vollständige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund
+der Einnahmen ist für die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und
+wäre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, förmlich zur
+unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsführung dressiert, denn sie
+weiß von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird.
+Außerordentlich schwer läßt sich die Höhe der Trinkgelder bestimmen; die
+Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu
+niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es
+vorkommen, daß die abendliche Abrechnung einen Ueberschuß von 6 bis 7
+Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger dürften in nicht so
+bevorzugten Plätzen weit häufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen
+hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es
+nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn.
+Die Wassermädchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen
+werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk.
+jährlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren großen
+Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, daß jeder Kellnerin
+für zerbrochenes Geschirr täglich ein für allemal 20 Pf. angerechnet
+werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist
+dabei stets vom Wirt willkürlich zusammengestellt, ohne daß die
+Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst für die
+Lieferung der Kostüme werden den Kellnerinnen häufig 30 Pf. bis 1 Mk.
+vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst muß demnach schon ein ganz guter
+sein, ehe sie für sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld
+besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten
+Prozenten der verkauften Getränke,--ein System, das die armen Mädchen
+dazu zwingt, durch möglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu
+verlocken.
+
+Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die
+Existenz der Kellnerin. Sie ist vollständig von ihm abhängig. Wer
+begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen
+der Männer in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der
+Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen
+prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf
+sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede
+käufliche Dirne. Daß die schmutzigsten Gespräche ungeniert vor ihr
+geführt werden, ist das geringste der Uebel; man belästigt sie aber mit
+zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann
+nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf
+die Duldung seiner Zärtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequälten
+aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine
+Beschwerde des Gastes beim Wirt über die "Unfreundlichkeit" der
+Kellnerin genügt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies
+ebenso für die anständigen Wirte, wie für die der Animierkneipen. Hier
+allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu
+gehen. Wenn auch in den meisten Städten Polizeiverordnungen bestehen,
+die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht,
+bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier,
+und es giebt beinahe überall in dieser Art Wirtschaften sogenannte
+Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten
+dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die
+Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, daß kein
+völlig unbescholtenes Mädchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser
+Art verlieren wird. Thatsächlich wurde konstatiert, daß die meisten
+Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen
+sind[850], aber, ganz abgesehen davon, daß diese stets mehr
+Unglücklichen als Schuldigen,--verführte Dienstmädchen, verlassene
+Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen könnten, statt
+hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn
+eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Pürschgang nach
+flüchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen
+solchen Kneipen nur zu oft zugeführt. Können sie die Vermittlungsgebühr
+nicht gleich bezahlen, so hält allein die Notwendigkeit, diese Schuld
+nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr
+vielen Fällen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten
+giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer
+Lüste sehen und dann noch dem Gast gegenüber Kupplerdienste
+leisten.[851]
+
+Sehr oft sieht sich die Kellnerin genötigt, auch für Kost und Wohnung
+selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Süddeutschland, ihr
+beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafür, das die oft einzige
+Entschädigung für ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In
+unheizbaren, schlecht zu lüftenden Dachkammern, häufig zu zweien in
+einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, daß
+eine Lüftung überhaupt unmöglich ist, oder daß die Bettwäsche nicht
+einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das
+ganze Küchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854]
+Da ist es nicht zu verwundern, daß sie, wenn es irgend geht, eine eigene
+Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der
+weiß, welch eine Mühe es überhaupt einzelnen Frauen kostet, ein
+Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein
+das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie muß für ihre Wohnung doppelt
+und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder
+ähnlichem Gelichter in die Hände zu fallen. Nicht besser als die Wohnung
+ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in
+aufgewärmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den
+Gästen auf den Tellern übrig gelassen, an Zwirnsfäden aufgereiht und
+aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu häufig,
+sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal
+bestimmte Essenszeiten; sie muß es hinunterschlingen, wenn gerade wenig
+zu thun ist, oft muß sie sich bis spät abends mit Kaffee, Bier oder
+sonstigen Getränken aufrecht erhalten.
+
+Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch
+schlechte Wohnung und Kost, im übrigen fast allein begründet auf dem
+groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gäste.
+
+Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner
+eingehenden Untersuchungen festgestellt, daß die Erkrankungsgefahr und
+die Krankheitsdauer der Kellnerinnen größer sind, als für den
+Durchschnitt sämtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten
+Personen; die übermäßig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner
+gefunden, daß die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wütet
+und sie in frühem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt
+in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkräftung ist ihr
+Nährboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie außerdem noch
+ausgesetzt: Krampfaderentzündungen, geschwollenen Füßen, Bleichsucht,
+Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die
+unzureichende Ernährung, als Ergänzung der starke Genuß von
+alkoholischen Getränken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles:
+nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die
+Kellnerinnen weitaus die Hälfte aller Geschlechtskranken aus; in
+badischen Krankenhäusern setzt sich der größte Teil der syphilitisch
+kranken Mädchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Münchener
+Kassenärzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptsächlich dem
+Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehören, vertreten die Ansicht,
+daß 80 % der Erkrankungen der Mädchen auf Geschlechtskrankheiten
+zurückzuführen[859], und die Hamburger Kassenärzte gehen so weit, zu
+behaupten, daß von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860]
+Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen
+Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos überliefert werden. Das ist
+die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die
+Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele
+ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe
+gegen tägliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den
+Kellnerinnen der süddeutschen Kaffee- und Bierhäuser und denen der
+norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre
+Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede
+Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer ökonomischen
+Abhängigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner
+Verführungskunst und ihrer eigenen natürlichen Jugendlust und
+Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem häßlichen Ausdruck
+"fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt,
+Liebesverhältnisse, die zwei junge warmblütige Menschenkinder ohne die
+standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu
+verurteilen, so steht doch das Eine fest, daß in den weitaus meisten
+Fällen die Mädchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die
+Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die
+Entwöhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu
+leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre
+Arbeitskraft, es ist ihr Körper, den sie nun zu Markte trägt.
+
+Einen langen, öden Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne,
+bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot
+Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und
+junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstraße die Last
+ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die
+Fiebersonne der pontinischen Sümpfe, die sie ins Verderben zieht mit
+ihrem Kuß. Nicht ein notwendiges Lebensbedürfnis, kein Genuß, kein
+Luxus, an dem nicht der Schweiß dieser Scharen klebte. Aus ihrem Fleiß
+wächst die Muße der Glücklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus
+ihrem Leid ihre Freude.
+
+Die Alten hielten die körperliche Arbeit für eine Schmach; wir glauben
+darüber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei,
+als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber
+thatsächlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht höher als
+Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht für einen
+Ehrentitel. Ein Fabrikmädel--eine Nähmamsell--eine Kellnerin,--welch
+eine Flut von cynischer Verachtung drückt sich in diesen Worten aus! Die
+schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit.
+Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das
+ist der Preis dafür. Und die Schande, das ist seine Ergänzung.
+
+Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege
+verfolgten, drängt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre
+Kinder. Aus müden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben,
+das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und
+sie rächen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre
+Gegengabe für Hunger und Schmerz.
+
+In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit
+lebenslänglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder
+tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und
+Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben
+wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoße der Erde entriß, hat
+die bürgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die fürchterlicher
+ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die
+Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rücken und schwieligen Händen
+immer weiter und weiter für den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der
+Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter
+und Denker preisen: Großmut, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, und die
+Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden
+Menschheit schlägt. Mit dem Fuß auf dem Nacken der Frau ragt der Koloß
+der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein.
+
+Während die bürgerliche Frau die Arbeit als die große Befreierin sucht,
+ist sie für die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden;
+und während das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte
+ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber
+eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der
+Entwürdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist
+das Todesurteil gesprochen.
+
+
+
+
+7. Die Arbeiterinnenbewegung.
+
+
+Als den Ausgangspunkt der bürgerlichen Frauenbewegung haben wir den
+Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den
+Mann, weil es galt, in seine Berufssphären einzudringen. Die
+proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf
+durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit
+ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt
+und Fabrik erobert, als die bürgerliche Frau noch schwer um den Platz im
+Hörsaal und auf dem Katheder ringen mußte. Die bürgerliche Gegnerschaft
+gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft
+mit dem Mann.
+
+Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender
+Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nächstes Ziel ist: die Lage des
+Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei
+verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels,
+durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einfluß zu
+gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von
+Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer
+Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen
+wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher
+Thätigkeit. Bedingung ist in allen drei Fällen die Organisation. Sie muß
+daher gesetzlich gewährleistet und gesichert sein, wenn an ein
+erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann.
+
+Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes
+den weiblichen wie den männlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der
+Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der
+deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl
+deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten
+ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen
+Fragen außerordentlich schwankende sind. Für die gesamte weibliche
+Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht,
+der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Während nämlich
+die Vereinigung von Männern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe
+die selbstverständliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte,
+scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Männer, die sich der
+Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der
+Männer verschaffte der für die weiblichen Lohnarbeiter völlig falschen,
+irreführenden Auffassung der bürgerlichen Frauenbewegung von der
+Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre
+Rechte Eingang bei ihnen, und so gründeten sie zunächst
+gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschließlich weiblichen
+Mitgliedern.
+
+In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang
+der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein
+schnelles Ende nahmen. Erst dem großen Organisationstalent einer
+ehemaligen Setzerin, Miß Emma Smith, später Mrs. Paterson, gelang es,
+System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's
+Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der
+Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und
+zwar in Männergewerkschaften, soweit sie Zulassung fänden, in
+Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt,
+oder die Männer die Frauen ausschließen.[861] Unter dem Einfluß
+bürgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die
+Gründung von Frauengewerkschaften der größte Nachdruck gelegt: die
+Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wäscherinnen und
+Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten
+eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei
+von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im
+selben Jahr versuchten Pariser Näherinnen ein Syndikat zu gründen, das
+nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflöste.[864]
+In Deutschland, wo der bürgerliche Einfluß hemmend gewirkt hatte, fing
+man erst viel später an, Arbeiterinnenvereine mit einem annähernd
+gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder
+eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein äußerer
+Anlaß trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von
+der bürgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfähig. 1882 kam
+Gräfin Guillaume-Schack nach Berlin, um für die Ideen der englischen
+Föderation zur Bekämpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der
+Kulturbund, den sie gründete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte,
+eine der englischen ähnliche große Bewegung zu Gunsten der Abschaffung
+der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor,
+es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die
+Erziehung verwahrloster Mädchen, die Gründung von Heimstätten und
+ähnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die
+Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie nötig ihre sittliche Hebung
+sei. Aber die Zeiten der Abhängigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand
+der Wohlthäter zurück und erklärten, daß wer der Arbeiterklasse helfen
+wolle, zuerst dafür sorgen müsse, ihre materielle Lage zu
+verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit:
+"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlössen sich sofort 500 Frauen
+und Mädchen zu einem selbständigen Arbeiterinnenverein zusammen[865],
+der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung
+bei weitem übertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der
+Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die
+Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm
+sie in ihre Statuten auf; ein Rest bürgerlicher Auffassungsweise zeigte
+sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschließlich weiblicher
+Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenüber dem
+Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einfluß der Gräfin
+Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurückgestoßen von der
+jämmerlichen Haltung der bürgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der
+Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen
+Feministen befangen war.
+
+Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von
+der Regierung projektierte Nähgarnzoll, der die armen Näherinnen, die
+das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben würde, gab den
+Anstoß zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge
+Verein und zwei neue, ausschließlich von Arbeiterinnen gegründete und
+geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein
+der Mäntelnäherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack
+unterstützte sie durch die von ihr gegründete Zeitschrift "Die
+Staatsbürgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen
+rücksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und
+Lebensverhältnisse durch diese Vereine förderten dann noch ein Material
+zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrütteln
+mußte. Im Anschluß daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich
+zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der
+Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur bestätigen und
+ergänzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die
+Verschärfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das
+erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen
+durch ihr Eintreten für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von
+dem letzten Rest bürgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in
+dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem kräftigen Leben
+führen sollte, wurde die "Staatsbürgerin" polizeilich verboten,
+sämtliche Vereine, auch die außerhalb Berlins, aufgelöst und ihre
+Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr für Deutschland" sahen
+die Behörden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft.
+Aber eine aus den Bedürfnissen der Massen entspringende Bewegung mußte
+selbst der zähesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen
+die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die
+gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidaritätsgefühl
+der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestärkt hervor.
+
+Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schärfster Unterdrückung, die
+Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre
+selbstbewußten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, daß
+es einer gefürchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuführen hieß,
+wenn man sie von den männlichen Berufsvereinen ausschloß, führten in der
+Haltung der Männer nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in
+Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands
+gegründet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren
+Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlaßte sofort bei sämtlichen
+Vorständen der Vereine, daß, soweit Frauen von der Mitgliedschaft
+ausgeschlossen waren, Anträge auf Statutenänderung gestellt wurden, die
+in den meisten Fällen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung
+entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten
+der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie
+sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermüdlich im Auftrage
+der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend,
+denen sie in ausdehntestem Maße ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen
+Lokalen sprechen sie oft Abend für Abend, um ihren Zuhörerinnen klar zu
+machen, daß sie ihre Lage nur dann verbessern können, wenn sie sich mit
+den Genossen ihrer Arbeit zusammenschließen und der Profitgier und der
+Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Kräfte
+gegenüberstellen. Der Erfolg dieser Bemühungen, die durch massenhafte
+Verbreitung von Flugblättern und Broschüren noch unterstützt wird, ist
+bisher noch kein großer. Aus folgender Zusammenstellung geht das
+langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der
+Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zählten weibliche
+Mitglieder:
+
+1892: 4355
+1893: 5384
+1894: 5251
+1895: 6697
+1896: 15295
+1897: 14644
+1898: 13009
+1899: 19280
+1900: 22844
+
+In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das Fünffache
+gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die hier allein in
+Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen Arbeiterinnen und die
+Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, sind immerhin erst 2,30 %
+organisiert und von den achtundfünfzig zentralisierten Gewerkschaften
+weisen nach der letzten Zählung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder
+auf. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:[867]
+
+ | Zahl der | Von 100
+ | weiblichen | Arbeiterinnen
+Organisation | Mitglieder | des
+ | 1900 | betreffenden
+ | | Berufs sind
+ | | organisiert
+---------------------------+------------+--------------
+Buchbinder | 3046 | 22,50
+Buchdruckereihilfsarbeiter | 698 | 12,15
+Fabrikarbeiter | 2889 | 4,97
+Glasarbeiter | 33 | 1,02
+Handlungsgehilfen | 80 |\ 0,10
+Lagerhalter | 9 |/
+Handschuhmacher | 105 | 6,65
+Holzarbeiter | 726 | 6,62
+Hutmacher | 121 | 2,81
+Konditoren | 15 | 0,76
+Masseure | 46 | --
+Metallarbeiter | 2693 | 11,37
+Porzellanarbeiter | 357 | 4,40
+Sattler | 31 | 2,04
+Schneider | 758 | 1,19
+Schuhmacher | 1916 | 20,31
+Tabakarbeiter | 3922 |\ 6,58
+Cigarrensortierer | 80 |/
+Tapezierer | 37 | 10,57
+Textilarbeiter | 5254 | 1,16
+Vergolder | 28 | 4,45
+----------------------------------------+--------------
+ 22844 | 2,76
+
+Außerhalb dieser durch die Generalkommission zusammengehaltenen
+Verbände, stehen eine ganze Anzahl sogenannter Lokalorganisationen, die
+aber zumeist keine Frauen aufnehmen können, weil sie einen ausgesprochen
+politischen Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche
+Frauenvereine, die nur ein kümmerliches Dasein fristen. Etwas
+bedeutungsvoller ist die Teilnahme der Frauen an den 1868
+gegründeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmäßig
+sozialdemokratische Arbeiter ausschließen, und, von bürgerlich-liberaler
+Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch geleitet, bis zum Jahre 1895 der
+Organisation der Frauen ablehnend gegenüber standen. Auf dem
+Verbandstage jenes Jahres jedoch wurde eine Resolution zu Gunsten der
+Frauen angenommen, und nach dem Bericht für das Jahr 1901 sind
+infolgedessen 3392 den Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen
+sind Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung
+ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische und
+eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit
+1882, zählt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden
+Frauenvereine sind ausschließlich religiöser Art und haben keinerlei
+gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische Richtung hat ihren
+Ursprung in dem Gewerkverein christlicher Bergleute, der im Jahre 1894
+gegründet wurde. Mit den Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die
+entschieden feindliche Stellung gegenüber der Sozialdemokratie, betont
+aber nebenbei noch die religiös-christliche Gesinnung. Von Anfang an
+hatte sie ein gewisses sympathisches Verständnis für die weiblichen
+Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen fußend, die jede
+Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib ablehnen, trat sie nicht für
+eine gemeinsame Organisation beider Geschlechter, sondern für gesonderte
+Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der männlichen Berufsgenossen
+anzugliedern sind und als "Schutzverbände der Arbeiterinnen" unter ihrer
+Leitung und Oberaufsicht stehen, damit im Falle von Arbeitseinstellungen
+trotz der Sonderung ein gemeinsames Vorgehen gesichert ist.[868] Wir
+finden hier jenes Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknüpfung
+mit Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie
+sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,--und um eines ihrer
+Schoßkinder handelt es sich dabei,--aufweisen. An einer genaueren
+Statistik der organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen
+Verbänden die männlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezählt
+wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbände,--der eine in Aachen, der
+andere in Eupen,--mit zusammen 430 Mitgliedern, werden besonders
+genannt.[869] Alles in allem dürften in Deutschland, von den Gründungen
+der bürgerlichen Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen
+gewerkschaftlich organisiert sein.
+
+In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch
+außerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, 1899 9206
+organisierte Frauen gezählt. Die verhältnismäßig starke Zunahme in den
+letzten drei Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thätigkeit der
+Arbeiterinnen selbst zurückzuführen. Sie gründeten in Wien ein
+Frauenreichskomitee, an das sich in den Provinzstädten Sektionen
+angliedern, und deren Hauptzweck die Organisierung der Arbeiterinnen
+ist. Sie leiten eine systematische Agitation über ganz Oesterreich und
+werden zweifellos bald noch größere Erfolge aufweisen können. Immerhin
+erfährt auch die letzte Zählung der Organisierten insofern eine
+Einschränkung, als von den 9206 angegebenen Vereinsmitgliedern nur 5556
+wirklichen Berufsvereinen angehören. Sie verteilen sich
+folgendermaßen[870]:
+
+ Organisation | Weibliche
+ | Mitglieder
+-------------------------------+------------
+Baugewerbe | 104
+Bekleidungsindustrie | 433
+Bergbau | 187
+Chemische Industrie | 94
+Eisen- und Metallindustrie | 105
+Galanterie | 52
+Glas- und keramische Industrie | 949
+Graphische Gewerbe | 1147
+Holzindustrie | 36
+Handel | 58
+Nahrungs- und Genußmittel | 310
+Lederindustrie | 76
+Textilindustrie | 1950
+Verschiedene Gewerbe | 55
+
+Aehnlich wie in Deutschland entschloß sich in England erst 1889 der
+Gewerkvereinskongreß zu Dundee dazu, die Notwendigkeit der Organisation
+der Arbeiterinnen grundsätzlich anzuerkennen und seine Unterstützung
+zuzusagen. Trotzdem entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur
+111 dazu, weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie
+festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft
+beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die älteste und die größte
+ist. Außer diesen 111 gemischten Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine
+nur mit weiblichen Mitgliedern.[871] Die Gesamtzahl der Organisierten
+betrug in den Jahren
+
+1896: 117888
+1897: 120254
+1898: 116048
+1899: 120448.
+
+Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in stärkerem Maße an der
+gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die deutschen. Der Wert
+dieser höheren Zahlen verliert aber an Bedeutung, wenn wir nicht nur
+das Alter der gewerkschaftlichen Bewegung in Betracht ziehen,--schon
+1824 waren viele Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins
+und zu Owen's Grand National strömten 1833--34 die Frauen[872],--sondern
+uns auch erinnern, daß der Organisation der Frauen von seiten des Staats
+und der Behörden keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden; selbst die
+Landarbeiter und die Dienstboten, die in Deutschland vom Koalitionsrecht
+so gut wie ausgeschlossen sind, können sich zu Gewerkvereinen
+zusammenthun. Im Verhältnis zu sämtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der
+Organisierten demnach sehr gering, sie beträgt nur 0,39%, im Verhältnis
+allein zu den Industriearbeiterinnen beträgt sie dagegen 8,22%. Was die
+Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an der Organisation
+betrifft, so stellt sie sich folgendermaßen dar:
+
+ | Anzahl der |Anzahl der|Von 100
+ |Gewerkvereine|Mitglieder|Arbeiterinnen
+ | | |sind organi-
+ | | |siert
+-----------------------------+-------------+----------+-------------
+Textilindustrie: | 88 | 109 076 | 19,70
+Schuh- und Stiefelproduktion:| 2 | 618 | 1,42
+Bekleidungsindustrie: | 11 | 1 128 | 0,26
+Hut- und Mützenindustrie: | 2 | 2 330 | 14,21
+Druckerei, Papierfabrikation | | |
+ u. ähnl.: | 7 | 763 | 1,51
+Tabakindustrie: | 4 | 2 403 | 19,11
+Andere Industrien: | 25 | 4 130 | 1,33
+-----------------------------+-------------+----------+-------------
+ | 139 | 120 448 | 8,22
+
+Wir sehen aus vorstehender Tabelle, daß gegenüber der starken
+Organisation der Textilarbeiterinnen,--sie machen fast 91 % aller
+Organisierten aus,--sämtliche andere fast verschwinden. Außerordentlich
+gering ist die Zahl der Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier
+finden wir auch unter 9 Gewerkvereinen fünf mit nur weiblichen
+Mitgliedern, deren kleinster 18 und deren größter 120 Mitglieder hat.
+Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei
+landwirtschaftlichen Vereinen angehörten und den Dienstboten, die 1897
+noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaßen, ist heute keine einzige
+mehr organisiert.
+
+In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr spät
+ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre männlichen Berufsgenossen
+überließen sie gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher
+Vereinigungen. Auch eine, überdies sehr mangelhafte Statistik der
+Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst für das Jahr 1900.[873]
+Dabei stellte es sich heraus, daß 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder
+angehören. Da aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbände
+und diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern angehören,
+verstanden werden, so ist es für unsere Zwecke notwendig, sie
+auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur Arbeiterorganisationen
+anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben 30975 weibliche
+Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften übrig; von diesen sind 17
+nur Frauengewerkschaften. Nach der Zahl der in den verschiedenen Berufen
+Organisierten ist ihre Zusammensetzung folgende[874]:
+
+Berufsarten | Zahl der
+ | Mitglieder
+---------------------+-----------
+Tabakindustrie | 10194
+Textilindustrie | 6802
+Handelsgewerbe | 4376
+Eisenbahnangestellte | 1611
+Bekleidung | 1597
+Gärtnerei, Obstzucht | 1000
+Lederbearbeitung | 746
+---------------------+-----------
+ | 26326
+
+Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, z.T.
+winzigen Gewerkschaften, deren häufig außerordentlich geringer Umfang
+ein Charakteristikum des französischen, jeder Zentralisierung
+entbehrenden Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind
+folgende:
+
+Berufsarten | Zahl der | Zahl der
+ | Gewerk- | Mitglieder
+ | schaften |
+---------------------+----------+------------
+Tabakarbeiterinnen | 4 | 1760
+Federnschmückerinnen | 1 | 300
+Dienstboten | 2 | 220
+Typographen | 1 | 210
+Wäscherinnen | 1 | 100
+Stenographen | 2 | 94
+Kravattennäherinnen | 1 | 89
+Schneiderinnen | 3 | 62
+Blumenmacherinnen | 1 | 53
+Stickerinnen | 1 | 36
+Korsettnäherinnen | 1 | 30
+---------------------+----------+------------
+ | 18 | 2954
+
+Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende Vereine,
+die nur mühsam ihr Leben fristen, meist mit Unterstützung der Damen der
+bürgerlichen Frauenbewegung, denen einige auch ihre Gründung verdanken.
+Da die französischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit den
+Männern und allein verbinden können, so ist das Ergebnis in jeder
+Beziehung ein klägliches: von 3-1/2 Millionen kaum 31000 organisiert!
+
+Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der Vereinigten
+Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste große
+Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die Knights of Labour,
+der 1870 ins Leben trat, nahm nach zehnjährigem Bestehen weibliche
+Mitglieder auf, und stellte sie den männlichen nicht nur völlig gleich,
+er eröffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine
+wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.[875] Schon nach
+wenigen Jahren zählte allein der Zweigverein von Massachusetts 6000
+weibliche Mitglieder.[876] Dem Einflüsse der Knights of Labour ist es
+wohl auch zuzuschreiben, daß die Gewerkschaften sich den Frauen
+gegenüber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von Anfang an in
+den großen Unionen der Typographen und der Cigarrenarbeiter zugelassen
+und nur sehr selten kommt es daher vor, daß sie selbständige
+Frauenvereine gründen.[877] Wo es geschieht, ist es meist nur das
+Resultat bürgerlichen Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen
+Gewerben organisierten Frauen städtische Ausschüsse gegründet, in denen
+jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten ist und die speziellen
+Fraueninteressen beraten werden. Auch ein allgemeiner amerikanischer
+Arbeitsverband der Frauen besteht, der den Zweck verfolgt, die
+Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder zu vertreten und Klagen über
+Arbeitsverhältnisse zu untersuchen. Trotz der günstigen Lage aber, in
+der die amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Möglichkeit
+gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in sehr
+geringem Maße organisiert.[878] Die beständige Einwanderung niedrig
+stehender Volkselemente, die die Sprache des Landes nicht kennen, die
+schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig acceptieren, und aus denen sich
+ein großer Teil der weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die
+wesentliche Ursache hiervon.
+
+Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche Organisation
+scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt zu haben. Weil dem
+überall so ist, müssen die Gründe dafür auch überall die gleichen sein.
+Wir haben sie zunächst in dem Widerstand der Männer und in der Jugend
+der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafür ist der
+verhältnismäßig hohe Prozentsatz der englischen organisierten
+Textilarbeiterinnen: hier war der männliche Widerstand schon Anfang des
+19. Jahrhunderts gebrochen; fast hundert Jahre ist demnach auch die
+Bewegung hier alt. Aber diese Gründe können unmöglich die einzigen
+sein, schon weil das späte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf
+selten der Frauen selbst der Begründung bedarf. Ein Blick auf die
+gewerkschaftliche Bewegung der Männer dient schon zur Erklärung: teils
+ist sie eine moderne Fortsetzung der alten Gesellenverbände und
+ähnlicher Vereinigungen, an denen Frauen fast niemals teilnahmen, teils
+ist sie den Bedürfnissen der in der Großindustrie zusammengedrängten
+Arbeiter entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der
+Großindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den Männern zurück,
+und nehmen eine beherrschende Stellung nur in wenigen Industrien ein. Wo
+sie es thun, wie in der Textilindustrie, in der französischen
+Tabakindustrie, die infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf
+diesem Gebiet fast ganz verdrängt hat, sind sie, wie wir gesehen haben,
+gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten ist
+es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie vorherrscht,
+z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die Arbeiterin vereinzelt
+arbeitet, wie im häuslichen Dienst, und zum Teil in der Landwirtschaft.
+Nicht nur, daß die Arbeiterin hier abgeschnitten ist von dem Einfluß
+sozialer Bewegungen, daß sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmädchen
+schwer zu dem Bewußtsein solidarischer Verbindung mit ihren
+Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch--und das ist ein Moment, das nie
+genügend hervorgehoben wird--in fast völliger Abgeschlossenheit von dem
+männlichen Arbeiter, dem Hauptvermittler politischer und
+gewerkschaftlicher Aufklärung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in
+der Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto schwerer
+wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der Stellung der
+Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie bei weitem nicht so
+organisationsfähig als der Mann. Die Arbeit ist für ihn der einzige
+Beruf; die Frau ist zwar gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem
+Erwerbe nachzujagen, aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen,
+daß sie nicht nur hinter ihm zurückbleibt und früh erlahmt, sondern auch
+nicht die mindeste Zeit hat, über ihre Lage und die Bedingungen ihrer
+Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht nur Arbeiterin geworden,
+sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch Mutter. Während der Mann sich in
+Versammlungen aufklärt, sich mit seinen Kameraden verständigt, Bücher
+und Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nähen, zu flicken, Kinder zu
+pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der Kinder willen
+wird sie sogar häufig zu einer heftigen Gegnerin der Gewerkschaft, die
+Beiträge von ihr fordert, die sie so notwendig für die Befriedigung
+ihrer Bedürfnisse braucht, die sie sogar zur Arbeitseinstellung nötigen
+kann. Und ebenso wie sie die alte Hausfrauenthätigkeit in ihr modernes
+Erwerbsleben mit hinübernahm, so hat sie auch alte Träume und
+Traditionen nicht abzuschütteln vermocht. Fast jedes junge Mädchen
+erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben ausfüllen und in
+Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin bildet darin keine Ausnahme:
+ihre Arbeit ist für sie kein Lebensberuf, sondern nur die
+Durchgangsstation zu dem eigentlichen Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat
+sie kein Interesse an der Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den
+Beiträgen angelegt werden müßte, lieber für ein wenig Putz und Tand aus,
+um ihre Person vor dem Erlöser, den Mann, möglichst verführerisch zu
+gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, die der Organisierung der
+Frauen entgegenstehen, aber noch nicht erschöpft.
+
+Wir haben gesehen, daß die Frauen infolge ihrer schlechten Ausbildung
+und ihrer körperlichen Veranlagung sehr häufig nach Qualität oder
+Quantität geringwertigere Arbeit leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber
+von ihren Mitgliedern Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des
+Lohntarifs, der jedoch wieder seinerseits eine gewisse Höhe der
+Leistungsfähigkeit voraussetzt. So entschloß sich der Verein Londoner
+Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen wie Männer,
+infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches Mitglied, weil die
+anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen zu erfüllen. Ebenso
+erklärten die französischen Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen,
+wenn sie den Lohntarif acceptierten,--es fand sich keine einzige, die
+das vermochte, teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils
+weil die Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen.
+Wenn daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschließen, wie der
+der englischen Bürstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter oder der
+Kettenaufbäumer und Zwirner, so geschieht es in der Annahme, daß der
+Eintritt der Frauen ein Herunterdrücken der Gewerkschaftsbedingungen
+notwendig nach sich ziehen müsse.[879] Wie berechtigt das ist, sehen
+wir daran, daß die Lohnsätze der Industrien mit starker
+Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlöhnen und nicht nach den
+Männerlöhnen zu regeln pflegen.
+
+Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist
+überhaupt Aussicht vorhanden, daß unter den herrschenden
+wirtschaftlichen Verhältnissen eine nennenswerte Organisation der
+Arbeiterinnen sich wird ermöglichen lassen? Das sind die Fragen, die uns
+zunächst aufstoßen. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung hilft sie
+beantworten. Die Entwicklung zur Großindustrie war die Grundlage, auf
+der die Organisationen der Männer entstehen und erstarken konnten. Die
+Frauen stehen aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den
+die Männer vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer
+wesentlich großindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in jeder Form
+zu unterdrücken, ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen zur
+Organisierung der Arbeiterinnen.
+
+Was aber ferner die männlichen Arbeiter antreibt, sich zur Erkämpfung
+besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, ist der Umstand, daß
+ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer Existenz bildet, deren schlechtere
+oder bessere Gestaltung allein von ihm abhängt. Will man die Frau
+organisationsfähig machen, so gilt es, ihre Selbständigkeit im
+Erwerbsleben sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu fördern.
+Unterdrückung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, denn sie
+unterstützt die Unselbständigkeit, indem sie den Frauen ermöglicht, als
+Haustöchter und Hausfrauen einem Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere
+Leistungsfähigkeit der Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer
+Organisierung. Da gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch
+ausreichende Vorbildung zu einer möglichst vollkommenen zu gestalten,
+sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch zurückbleibende
+Differenz zwischen der ihrigen und der des Mannes möglichst
+auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben dieser Schwierigkeit
+gegenüber häufig die Ansicht vertreten, daß für Frauen besondere
+Lohntarife aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege
+der Nur-Frauengewerkschaften führen würde. Annehmbarer schon erscheint
+die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach die Frauen die
+leichten Maschinen, die Männer die schweren zu bedienen hätten, und jede
+Konkurrenz dadurch im Keime erstickt würde. Es liegt aber zugleich eine
+Ungerechtigkeit in diesem Beschluß, da die Arbeit an den leichten
+Stühlen geringer entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen
+sind, die über ausreichende Kräfte zur Bedienung der schweren verfügen.
+Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, die eine feste, für
+Männer und Frauen gleichmäßig gültige Stücklohnpreisliste aufstellten.
+Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst eine Sonderung
+der Geschlechter ein, indem die Frauen an den schmalen, die Männer an
+den breiten Stühlen arbeiteten. Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich
+aber nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Stärke und der
+Geschicklichkeit; eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie
+ein schwacher Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.[880] Die
+Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher die
+schädigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst aufheben und den
+Eintritt der Frauen ermöglichen können.
+
+Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, daß die gut
+bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten organisieren,
+während die sozial tiefstehenden, geistig rückständigen diejenigen sind,
+die durch völligen Mangel an Solidaritätsgefühl vereinzelt bleiben und
+jeder für sich versuchen, dem Höherstehenden Schmutzkonkurrenz zu
+machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht entlohnten
+Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre demütig-stumpfsinnige
+Bedürfnislosigkeit, die sie nicht weiter sehen läßt, als über den engen
+Horizont ihrer eigenen vier Wände und der Befriedigung des rein
+physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekämpfen, gehört zu den
+weiteren wichtigen Aufgaben der gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber
+aufzuklären, muß zunächst die Möglichkeit gegeben sein, daß diese
+Aufklärung sie überhaupt erreicht, d.h. sie müssen Zeit haben, um
+Versammlungen zu besuchen, Zeitungen und Bücher zu lesen. Die
+Entlastung der erwerbsthätigen Frau von der häuslichen Arbeit, die
+Verkürzung ihrer Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte
+Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in die
+Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber muß auch die
+Möglichkeit dazu durch ein gesichertes Koalitionsrecht ihnen gegeben
+sein.
+
+Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nächst dem der
+Gewerkschaft beschreiten können, ist der der Genossenschaft. In dem
+einen Fall ist die Erhöhung des Einkommens eines der wichtigsten Ziele,
+in dem anderen die billigere Beschaffung der Lebens- und
+Wirtschaftsbedürfnisse. Unter den vielen Arten der Genossenschaften
+kommen für die Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in
+erster Linie in Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,--arme
+englische Weber,--die die Bahnbrecher der großen englischen
+Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie hervortretende,
+oder gar führende Rolle haben die Frauen nicht darin gespielt, obwohl
+sie als Konsumenten, als Hausfrauen, wesentlich daran interessiert sein
+sollten. Erst 1883 wurde in England ein Verein weiblicher
+Genossenschafter gegründet, dessen Zweige mit den Konsumvereinen in
+Verbindung stehen, und der lediglich den Zweck hat, die Frauen für die
+Genossenschaften zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine
+ins Leben zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo
+die Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine
+ähnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur nichts
+dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den Genossenschaften
+selbst ist eine äußerst matte. Lassalles Ansicht, daß die Konsumvereine
+eine Lohnherabsetzung zur Folge haben würden, spukt, obwohl sie längst
+durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den Köpfen, vor allem
+aber zeigt sich auch hier, was wir bei der Gewerkschaftsbewegung gesehen
+haben, daß sozial tiefstehende, schlecht entlohnte Arbeiter für sie
+nicht zu haben sind, und daß deshalb die Frauen im großen und ganzen ihr
+fern bleiben und ihr verständnislos und mißtrauisch gegenüberstehen. Nur
+wo sie durch höheren Lohn und kürzere Arbeitszeit eine gewisse soziale
+Höhe erreicht haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der
+Selbsthilfe zu beschreiten.
+
+Wir sehen also, daß zwei der wichtigsten Ziele der Organisierung
+zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie für die Frauen
+weit entscheidender ins Gewicht als für die Männer, weil die weibliche
+Arbeit noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung steht und durch tief
+eingreifende, mit dem mütterlichen und dem häuslichen Beruf der Frau
+zusammenhängende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann eine bloße
+gewerkschaftliche Agitation und Aufklärung bei den Frauen nicht
+annähernd den Erfolg haben, wie bei den Männern, es müssen ihr vielmehr
+gesetzliche Reformen vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von
+Lancashire waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und
+organisationsunfähig, wie heute die Mehrzahl der Arbeiterinnen. Erst
+nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, auf schlechte
+Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den Gewerkschaften und
+Genossenschaften beizutreten.[881]
+
+Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die
+politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer
+Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre männlichen
+Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem
+praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der
+Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der bürgerlichen
+Begriffswelt angehört hatte und überzeugt gewesen war, daß alle
+Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von außen
+willkürlich gemacht werden, konnte er des Glaubens sein, daß die
+Frauenarbeit sich einfach wieder aus der Welt schaffen ließe; dem
+modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie Marx und Engels ihn
+begründeten, blieb es vorbehalten, die ökonomischen Ursachen und
+Zusammenhänge alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, daß auch
+die Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden
+kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als mit
+einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum handelt,
+"die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente
+aufzuheben"[882], d.h. sie ebenso wie den Arbeiter nicht von der Arbeit,
+sondern von der Lohnsklaverei zu befreien. Vom Standpunkt des
+Sozialismus aus haben die Frauen den Kampf um ihre Interessen nicht mehr
+als Geschlechtsgenossinnen zu führen, sondern als Genossinnen der
+unterdrückten und beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich
+solidarisch fühlen müssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und
+Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung aufeinander
+angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts,
+ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest schließt:
+Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es war der erste klare
+Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die zwischen den Interessen
+der bürgerlichen Gesellschaft und dem des Proletariats eine ungeheuere
+Kluft gegraben hat, es war aber auch die erste öffentliche
+Mündigkeitserklärung der Frau, die durch Arbeit und Not mündig geworden
+war.
+
+In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller Länder nimmt
+die Emanzipation der Frau daher einen breiten Raum ein, und in den
+Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die Gesetze es zulassen, volle
+Gleichberechtigung eingeräumt worden. Sie haben Sitz und Stimme in den
+Kongressen, sie sind Mitglieder der Vorstände, sie teilen sich mit den
+Männern auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen
+weitgehenden Einfluß auf die Haltung der Partei gewonnen.
+
+Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebührt der Ruhm, sich zuerst und
+mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie angeschlossen zu haben.
+Daß es in so unzweideutiger Weise geschah, war nicht zum wenigsten den
+polizeilichen Verfolgungen und Vereinsauflösungen zu verdanken, die, wie
+wir gesehen haben, die ersten, zunächst rein wirtschaftlichen
+Bestrebungen der Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrücken suchten. Die
+Frauen sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten
+und selbst öffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der
+allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre
+natürlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem Arbeiterkongreß in
+Eisenach, kam es zu einer längeren Erörterung der Frauenarbeit, und die
+damals noch allgemein herrschende Feindschaft der Männer gegen die
+weiblichen Konkurrenten äußerte sich in einem Antrag, der die
+Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen
+wollte. Er wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, daß das Ziel, das
+er im Auge habe, nicht erreicht werden könne, und jede Unterdrückung der
+Frauenarbeit die auf den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der
+Prostitution in die Arme treiben würde. Die gefährliche Konkurrenz der
+Frauen aber ließe sich beseitigen: durch ihre Organisation mit den
+Männern, durch die Erweckung des Klassenbewußtseins in ihnen und die
+Erhebung des Weibes zur gleichstehenden Genossin. Diesen Grundsätzen ist
+die Partei treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist
+wesentlich der Teilnahme der Frauen an ihrer Thätigkeit und ihrer
+Entwicklung zu verdanken.
+
+Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in völliger Unkenntnis der
+Handhabung der Gesetze ihnen gegenüber sich ziemlich eng an die Partei
+anschlossen, entstanden Anfang der siebziger Jahre. Ihre Mitglieder
+waren zugleich die ersten Frauen Deutschlands, die sich 1874 an der
+Wahlbewegung durch unermüdliche, opferfreudige Agitation beteiligten.
+Die Behörden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflösung sämtlicher
+Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre wachsende Stärke auch
+ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten ausführlichen Antrag zur
+Abänderung der Gewerbeordnung, den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und
+der zur Hebung der Lage der Arbeiterinnen Beschränkung der Arbeitszeit,
+Schutz der Wöchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der
+Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen
+forderte.[883] Die sozialdemokratischen Frauen erweiterten diese
+Vorschläge, indem sie die zuerst von ihnen allein aufrecht erhaltene
+Forderung der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erhoben. Die
+Reichstagsfraktion ihrer Partei machte sie zu der ihren und verlangte
+demgemäß 1884 die Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht.
+Das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der
+Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen
+Gesetzentwurf zur Abänderung der Gewerbeordnung dem Reichstag vorlegte,
+stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen gegenüber, der
+für die Frauen das Wahlrecht zu den von ihr geplanten Arbeitskammern in
+Aussicht nahm. Nach der Ablehnung ihres Entwurfs beantragte sie noch in
+derselben Session, daß den Arbeiterinnen das aktive und das passive
+Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zuerkannt werde.
+
+Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den
+sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu
+befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und der
+Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der Statistik
+wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der Frauenfrage mit
+der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, daß erst die
+wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre Emanzipation vollenden könne.
+Die Wirkung dieses Buchs ging bald über Deutschlands Grenzen weit hinaus
+und hat nicht nur die Frauenfrage in ein neues Licht gerückt, sondern
+allmählich die Ansichten über ihre Lösung von Grund aus umwandeln
+helfen.
+
+Die durch alle diese Einflüsse immer mehr erstarkende
+Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie an
+dem politischen Vereinsleben der Männer infolge der gesetzlichen
+Beschränkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden 1891 allerorten
+sogenannte Agitationskommissionen gegründet, deren Aufgabe es war, die
+Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu einer einheitlichen und
+planmäßigen zu gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre
+der Bewegung ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde
+und später unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hände von Frau Klara
+Zetkin überging. Der steigende Einfluß der Frauen drückte sich in den
+Beschlüssen des Erfurter Parteitags aus. In dem Programm, das er
+aufstellte, und das bis jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist,
+wurde die Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen
+für den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung aller
+Gesetze, welche die Frau in öffentlich-und privatrechtlicher Beziehung
+gegenüber dem Manne benachteiligen und die freie Meinungsäußerung und
+das Recht der Vereinigung und Versammlung einschränken oder
+unterdrücken, der rechtlichen Gleichstellung der landwirtschaftlichen
+Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern, der
+Abschaffung der Gesindeordnungen. Gleichsam ein Echo dieser Beschlüsse
+war es, wenn im selben Jahre seitens der Behörden eine wahre Razzia
+unter den neu entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in
+Frankfurt und in Halle wurden sie zuerst aufgelöst. Das war jedoch nur
+ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die Arbeiterinnenbewegung,
+die ganz dazu angethan war, revolutionierende Ideen bis in den Schoß der
+Familie zu tragen, war den Behörden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die
+Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenüber Stellung
+nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die unter dem
+Zeichen der Militärvorlage standen, eine fast fieberhafte Thätigkeit
+entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein erschien ihnen verdächtig, am
+verdächtigsten aber die Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie
+und sämtliche Vereine aufgelöst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt
+und bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine über ganz
+Deutschland sich erstreckende Agitation für die Reform des Vereins- und
+Versammlungsrechts, das für die Frauen, soweit sie sozialistischer
+Gesinnung verdächtig sind, nichts als ein großes Unrecht ist. Die
+politischen Vertreter der Partei waren auch jetzt die Vertreter der
+Arbeiterinnen, indem sie im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit für
+die Frauen forderten.
+
+Um die Arbeiterinnenbewegung nicht völlig dem Zufall zu überlassen, kam
+man nach der Vernichtung der Agitationskommissionen zu dem Ausweg,
+weibliche Vertrauenspersonen zu wählen, die nunmehr die Leitung und das
+systematische Vorgehen bei der Agitation in Händen haben. Es stehen
+ihnen eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der
+Arbeiterinnen selbst zur Verfügung, die mit großer Ausdauer fast ständig
+auf Reisen sind, um bis in die fernsten und kleinsten Winkel des Reichs
+die Ideen des Sozialismus zu tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehärtete
+Körper, der von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung für ihre
+Sache erfüllte Geist hebt sie über alle Chikanen und Verfolgungen der
+Behörden, über alle Gehässigkeit und alle Verachtung der bürgerlichen
+Gesellschaft hinweg. Weniger als früher haben ihre Reden allgemeine
+politische Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, daß es
+gilt, alle Kräfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn etwas
+erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 und der zu
+Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. Die
+Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nächste Aufgabe den
+Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover aufgestellten
+Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden[884]:
+
+1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit für Frauen. 2) Verbot der Verwendung
+von Frauen bei allen Beschäftigungsarten, welche dem weiblichen
+Organismus besonders schädlich sind. 3) Einführung des gesetzlichen
+Achtstundentages für die Arbeiterinnen. 4) Freigabe des
+Sonnabendnachmittags für die Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der
+Schutzbestimmungen für Schwangere und Wöchnerinnen auf mindestens einen
+Monat vor und zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der
+Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines ärztlichen
+Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die
+Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 8) Sicherung
+völliger Koalitionsfreiheit für die Arbeiterinnen. 9) Aktives und
+passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten.
+
+In der Frauenkonferenz, die im Anschluß an den Mainzer Parteitag
+stattfand, wurde diesen Beschlüssen noch der hinzugefügt, neben der
+mündlichen, auch eine schriftliche Agitation für den Arbeiterinnenschutz
+durch Flugblätter und Broschüren zu entfalten. In derselben Versammlung
+wurde das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine
+Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch Bestimmungen
+über die Art ihrer Thätigkeit noch einheitlicher ausgebaut und der
+wichtige Beschluß gefaßt, daß überall dort, wo die Vereinsgesetze dem
+nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den Organen
+der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen hinzuzuziehen
+sind.[885]
+
+Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen
+Arbeiterinnenbewegung, so läßt sich eine zahlenmäßige Antwort, wie bei
+der Erörterung ihrer gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann
+weder die ihren Ideen gewonnenen Frauen zählen, wie die bürgerliche
+Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die männlichen
+Genossen durch die bei der Reichstagwahl abgegebenen Stimmen. Der einzig
+richtige Maßstab, an dem sie gemessen werden können, ist die
+Gesetzgebung und die öffentliche Meinung. Dabei sei zunächst an folgende
+Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der
+Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nähgarnzoll; die
+Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die
+Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustände in der
+Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur Verschärfung der
+Truckgesetze führte. Wenige Jahre später leiteten Berliner
+Sozialdemokratinnen die erste Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine
+Entsetzen über das was sie zu Tage förderte, führte zu der sich durch
+Jahre hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die
+Kommission für Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur Beratung
+stehenden Vorschlägen für eine Schutzgesetzgebung. Der große
+Konfektionsarbeiterstreik 1896, der die bürgerliche Gesellschaft zwang,
+in Tiefen des Elends einen Blick zu thun, über die sie bisher achtlos
+fortgeschritten war, nötigte abermals zu eingehenden Untersuchungen und
+zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der Hausindustrie. Aber mehr
+noch: da die Arbeiterinnenbewegung Deutschlands durchaus identisch ist
+mit der Arbeiterbewegung und ihr Einfluß auf die Haltung der
+sozialdemokratischen Partei unverkennbar ist, so sind die Fortschritte
+gesetzlichen Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mögen, mit ein
+Erfolg ihrer agitatorischen Thätigkeit. Die Anträge, die die Fraktion
+1877 nach dieser Richtung stellte und die mit überwältigender Majorität
+abgelehnt wurden, erschienen 13 Jahre später zum großen Teil in der
+Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Fürst Bismarck
+gesagt hat, daß wir ohne die Sozialdemokratie auch das bißchen
+Sozialreform nicht hätten, was wir besitzen, so können wir hinzufügen,
+daß wir einen Teil von ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht
+haben würden.
+
+Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie der
+Lage der Arbeiterinnen gegenüberstellen: sie erscheinen nicht viel
+anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer eines ungeheuren
+dunklen Schlosses. Und vergegenwärtigen wir uns weiter, welch eine Macht
+die Millionen proletarischer Arbeiterinnen ausüben könnten, wie sie im
+stande wären, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages zu
+tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen stünden,--so
+erkennen wir, daß wir überhaupt erst am Anfang der Bewegung stehen, und
+es drängt sich uns die Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um
+vorwärts zu kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art.
+Betrachten wir zunächst die negativen.
+
+Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die
+Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im bürgerlichen
+Sinne annimmt. Soweit sie eine selbständige Existenz neben der
+Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der Entwicklung der
+Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in der bürgerlichen Welt,
+sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie vielfach durch die rechtliche
+Stellung, besonders der deutschen Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter
+Zwang nicht vorliegt, ist jede Nur-Frauenorganisation in der
+Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. Dahin gehören z.B. die vielen in
+Deutschland und Oesterreich entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine,
+dahin gehören die selbständigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie
+in Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehören vor allem die
+Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von den radikalen
+französischen Frauenrechtlerinnen angestrebt werden. Eine sich ihrer
+Grundlagen und ihrer Ziele klar bewußte Arbeiterinnenbewegung hat diese
+Art der Organisierung nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften
+um ausschließliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um solche
+Orte handelt, wo überhaupt gar kein anderer, den Arbeiterinnen
+zugänglicher Verein besteht. Grundsätzlich aber sollte sie sich ihnen
+gegenüber stets ablehnend verhalten, denn sie können am letzten Ende nur
+verwirrend wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt groß ziehen,
+der das Solidaritätsgefühl zwischen Arbeiter und Arbeiterin, die
+wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf des
+Proletariats, nicht aufkommen läßt. Die selbstverständliche Konsequenz
+dieses Standpunktes ist natürlich auch die Ablehnung jeder gemeinsamen
+Arbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung. Darunter verstehe ich den
+Eintritt in oder den Zusammenschluß mit bürgerlichen Frauenvereinen
+einerseits, oder die Zulassung bürgerlicher Frauenrechtler in
+Arbeiterinnenvereine andererseits. Wie reaktionär beides wirkt, dafür
+liefert England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von
+Damen der bürgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs,
+Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen für die
+politische Rückständigkeit der englischen Arbeiterinnen, ebenso
+wie die Einmischung der französischen Frauenrechtler in die
+Arbeiterinnenbewegung fast einer Zerstörung gleichkommt. Völlig
+abzulehnen ist daher auch die Thätigkeit bürgerlicher Frauen in
+Gewerkschaften, die man vielfach selbst in Arbeiterkreisen für
+unbedenklich hält. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die
+deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der bürgerlichen
+Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. Aber weder deren
+Feindseligkeit gegenüber den sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie
+sich bei Gelegenheit der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine
+dokumentierte, noch ihre Gleichgültigkeit, die am drastischsten in dem
+Auflösungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die behauptete
+Solidarität mit den "ärmeren Schwestern" in der Form energischer
+Proteste einmal durch die That zu beweisen, bot die Veranlassung dazu,
+sondern vielmehr die klare Erkenntnis der völligen Differenz der beiden
+Bewegungen zu Grunde liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit
+ihrer Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.[886] Diese Differenz fand
+in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen Resolution ihren
+prägnanten Ausdruck, in der es unter anderem heißt[887]:
+
+"Als Kämpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der
+rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne, als die
+Klein- und Mittelbürgerin und die Frau der bürgerlichen Intelligenz. Als
+selbständige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verfügung über ihr
+Einkommen (Lohn) und ihre Person als die Frau der großen Bourgeoisie.
+Aber trotz aller Berührungspunkte in rechtlichen und politischen
+Reformforderungen hat die Proletarierin in den entscheidenden
+ökonomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen
+Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das
+Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des
+gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts."
+
+Kommen wir nun, im Anschluß hieran, zu den positiven Mitteln, deren sich
+die Arbeiterinnenbewegung bedienen muß, so ist eines der wichtigsten,
+die Ausbreitung ihrer propagandistischen Thätigkeit über alle Kreise
+weiblicher Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung
+befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunächst in sich zu
+konsolidieren, sich über die eigenen Zwecke und Ziele klar zu werden,
+jede Berührung mit einem fremden Element unbedingt auszuschließen. Die
+sozialdemokratische Partei ist nicht anders verfahren und der Erfolg
+beweist, daß ein Zuviel nach dieser Richtung immer besser ist als ein
+Zuwenig. Es ist wie mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen
+ihn erst dann, wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt
+erscheint, daß man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen
+lassen zu können, ohne fürchten zu müssen, daß sie ihn zu Grunde
+richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die Kinderschuhe
+ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr verändern, wohl aber vermag
+sie es anderen aufzuprägen; sie steht fest auf eigenen Füßen, sie bedarf
+keiner Hilfe Außenstehender, um vorwärts zu kommen. Aus diesem Gefühl
+ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren Einfluß überall, wo
+die Wege dazu offen stehen, zur Geltung zu bringen suchen. Auch in der
+bürgerlichen Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer
+Hilfe bedürften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung erreicht
+hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht genug, große
+Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu ziehen, sie hat Bedeutung
+genug, sich im öffentlichen Leben Einfluß zu verschaffen. Es ist eine
+Unterlassungssünde, die sich schon gerächt hat, und ein Mangel an
+Selbstvertrauen, wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit
+vorübergehen läßt, wo sie dem Sozialismus einen Fuß breit Erde gewinnen
+kann, wenn sie für sie nicht Propaganda macht für die Vereinigung auch
+derjenigen Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen
+Lohnarbeiterinnen fast alle, im Banne bürgerlicher Anschauungsweise
+stehen, wenn sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausübt. Diese
+Beeinflussung der Glieder der bürgerlichen Frauenbewegung steht durchaus
+nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit mit ihr, denn es
+handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und Einreihen. Ein Beispiel
+illustriere das Gesagte: Der große liberale Frauenverband Englands, der
+schroffste Gegner jedes gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit
+kurzem eine merkwürdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes
+durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen überzeugten
+Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den Versammlungen des
+Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. Kein Frauenkongreß,
+keine die Interessen der Arbeiterinnen berührende Versammlung sollte
+vorübergehen, ohne daß der sozialistische Standpunkt propagiert worden
+wäre.
+
+Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von ihr, der
+die Frauen umfaßt, ist wie ein junger Riese, der sich seiner Kräfte
+nicht recht bewußt ist und die mächtigen Glieder noch nicht vollkommen
+zu beherrschen weiß. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um
+sich dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle
+diejenigen, die marsch- und kampffähig sind, in seine Gefolgschaft zu
+zwingen.
+
+Aber der Bethätigungskreis der Arbeiterinnenbewegung müßte sich auch
+noch in anderer Richtung entwickeln: in der genossenschaftlichen
+nämlich. Sie müßte bei den Frauen das Interesse für die
+Konsumgenossenschaften zu erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer
+Lage bedeutet einen Schritt näher zur gewerkschaftlichen Organisation
+und zur politischen Aufklärung. Und ebenso wie billigere und bessere
+Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie die
+Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer Lage. Von
+nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dabei der erzieherische Einfluß
+der Genossenschaften: sie fördern die Solidarität und das
+Klassenbewußtsein, weil sie sich selbstbewußt dem kapitalistischen
+Unternehmertum gegenüberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur
+Geschäftskenntnisse, sie machen sie auch fähig zur Leitung
+geschäftlicher Unternehmungen,--eine Erziehung, die sich in der Zukunft
+als außerordentlich wichtig erweisen dürfte. Neben die sehr
+vernachlässigte Propaganda für die bestehenden, sollte jedoch auch noch
+die für eine neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den
+Frauen zu Gute kommen.
+
+Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, wie bei
+der Erörterung der Organisationsschwierigkeiten im Hinblick auf die
+Frauen haben wir gesehen, daß die doppelte Arbeitslast,--die Hausarbeit
+neben der Erwerbsarbeit,--sie besonders schädigt und ihren Fortschritt
+hemmt. Es müßten daher Mittel und Wege gefunden werden, um sie von der
+Hauswirtschaft möglichst zu befreien. In der genossenschaftlichen
+Hauswirtschaft, wie ich sie bereits als eines der Mittel schilderte, um
+die Erwerbsarbeit der bürgerlichen Frauen zu ermöglichen, glaube ich es
+auch für die Proletarierinnen gefunden zu haben.[888] Die Grundidee, die
+Frauen zu entlasten, die Kosten für die Hauswirtschaft durch den Ersatz
+der verschwenderischen Kleinbetriebe durch Großbetriebe zu verringern,
+die Lebenshaltung durch bessere, weil verständiger zubereitete Nahrung
+zu erhöhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und hat verschiedene
+Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum Teil in der von mir
+vertretenen Weise der Verwirklichung entgegengeführt[889], zum Teil
+versucht man, die Frauen dadurch zu entlasten, daß möglichst alle
+Speisen außer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.[890] In
+England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche
+Verteilungsküchen zu gründen, die die fertigen Mahlzeiten ins Haus
+liefern, und in Frankreich entstehen Arbeitergenossenschaften, die
+Restaurants ins Leben rufen, aus denen das Essen auch nach Hause geholt
+werden kann. Jedenfalls liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung,
+wenn an die Stelle des innerlich schon überwundenen Einzelhaushalts der
+genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehört um so mehr zur Aufgabe
+der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche Gemäuer vollends
+umzustoßen, wenn Frauen in Gefahr kommen, darin zu Grunde zu gehen.[891]
+
+Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, ohne die
+alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine immer festere
+Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu suchen, die
+Proletarierinnen politisch aufzuklären und ihr zuzuführen. Die
+Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz richtig:
+
+"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer
+Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung
+bedeutet, daß sie, wie der Proletarier, nur härter als er, vom
+Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der
+Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Männer der
+eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Männern ihrer Klasse
+gegen die Kapitalistenklasse. Das nächste Ziel dieses Kampfes ist die
+Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein
+Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der
+Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeiführung der
+sozialistischen Gesellschaft."
+
+Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch nicht in
+Fleisch und Blut übergegangen ist, auch die Männer stehen ihr zum Teil
+gleichgültig gegenüber. Mag die Gleichberechtigung des weiblichen
+Geschlechts in der gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung
+noch so allgemein und offiziell anerkannt sein, mögen die
+Parteiprogramme aller Länder sich noch so feierlich zu ihr bekennen, in
+sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die Frauenfrage noch
+der alte reaktionäre Philister. In einer Variation des Napoleonischen
+Ausspruchs heißt es bei ihnen: _Tout pour la femme, mais rien avec
+elle_,--wir wollen der Frau alle Rechte erkämpfen, aber wir wollen
+nicht, daß sie mit uns kämpft. Die Zunahme der weiblichen Arbeiter hat
+diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark erschüttert, denn die
+Organisierung der Frauen wird mehr und mehr zu einer Lebensbedingung für
+sie: die unorganisierten Arbeiterinnen vermögen den Kampf um bessere
+Arbeitsbedingungen zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen
+Bewegung aber liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die
+gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der
+Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die Bewegung
+zu Gunsten der Bürgerrechte der Frau an Boden gewinnt,--und sie hat in
+Amerika, in Australien und in England bereits große Siege zu
+verzeichnen--desto dringender wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht
+politisch aufzuklären und zu erziehen, denn es können einmal die Stimmen
+der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle Errungenschaften eines
+jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den Fortschritt hemmen, wie das
+Eis im Winter die Wellen des Stromes. Aber noch ein anderes kommt hinzu:
+das Weib ist die Mutter derer, in deren Händen die künftigen Geschicke
+der Menschheit ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was
+sie ihnen aufprägte, ist fast unzerstörbar. Gewinnt der Sozialismus die
+Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die
+Arbeiterinnenbewegung zu fördern, sie immer enger an sich zu schließen,
+die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, überall in die That
+zu übersetzen, ist daher nichts, was von den Sozialisten gefordert wird,
+wie man etwa einst von den Rittern den Frauendienst forderte, es gehört
+vielmehr zu den Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im
+Interesse ihrer selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die
+Arbeiterinnenbewegung gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr
+vollkommenes Aufgehen in der Arbeiterbewegung gestatten.
+
+
+
+
+8. Die bürgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur
+Arbeiterinnenfrage.
+
+
+Während die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren einheitlichen
+Klassengefühl getragen und bestimmt war, ist das Verhalten der
+bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage ein
+unklares und zwiespältiges. In der Vergangenheit überwiegt das
+philanthropische Moment jedes andere, und der kindliche Glaube
+beherrscht die Frauen, daß Wohlthätigkeit, Armenpflege und allseitiger
+guter Wille die Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen.
+Dieser durch Religion und Sitte in den Frauen groß gezogene
+Gefühlsstandpunkt und seine Bethätigung haben, so schön sie vielfach
+erscheinen mögen, die traurigsten Folgen gehabt: sie haben sowohl auf
+seiten der Wohlthäter, wie auf der ihrer Schützlinge die Empfindung für
+Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle
+setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, daß
+Wohlthätigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute vielfach für
+identisch gehalten werden. Sie haben das Verständnis dafür unterdrückt,
+daß jeder arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat
+und es zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Kränkung fügen heißt,
+wenn man ihn, in welcher Form immer, mit Almosen abspeisen will. Sie
+haben die Entwicklung zu tieferer Erkenntnis der sozialen Probleme
+vielfach aufgehalten und nur die eine fruchtbringende Folge gezeitigt,
+daß den Frauen der Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte
+Begriffe blieben.
+
+In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische Frauen
+an der Armenpflege. Und ihrer unermüdlichen Agitation ist ihre
+Reorganisation und die große Rolle, die die Frauen in ihr spielen, zu
+verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule für soziale Arbeit. Den
+meisten Bestrebungen, die mit diesem Namen bezeichnet werden können,
+klebt allerdings bis heute die Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind
+immer noch Wohlthaten, die von selten der Begüterten den Armen
+freiwillig gespendet werden. Hierher gehören z.B. die Speisehäuser und
+Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie gegründeten
+und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den Alleinstehenden ein
+Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind zweifellos von größtem Nutzen
+für sie, aber ebenso zweifellos ist es, daß sie ein gewisses
+Abhängigkeits- und Unterthänigkeitsgefühl befestigen oder großziehen,
+das das Klassenbewußtsein der Arbeiterin unterdrückt und ihren
+Befreiungskampf aufhält. In viel höherem Maße gilt das noch für die
+vielen in allen Kulturländern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen
+gegründeten und erhaltenen Mädchen- und Arbeiterinnenheime, die für
+wenig Geld Wohnung und Nahrung bieten, die geistige und physische
+Freiheit der Bewohner aber in jeder Weise beschränken. Nur wenige
+unabhängige Heime, so z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs
+nachgeahmt ist und die Selbständigkeit der Arbeiterin möglichst zu
+wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die Settlements,
+jene Niederlassungen bürgerlicher Männer und Frauen inmitten der
+Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in beträchtlicher Zahl
+aufweist, stehen schon eine Stufe höher, weil diejenigen, die ihr Geld,
+ihre Zeit und ihre Kraft den Proletariern zur Verfügung stellen, auch
+mit ihnen leben, wodurch die Stellung des Wohlthäters gegenüber dem
+Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird,
+erniedrigt den Empfänger nicht: es ist Teilnahme, Rat, Bildung. Die
+zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mädchen, die Stellenvermittlungen
+und Rechtsbeistände gehören hierher. Auch jener erste deutsche
+Arbeiterinnenverein, den Luise Otto-Peters in Berlin 1869 gründete[892],
+lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und
+belehrende Vorträge auf eine höhere geistige Stufe zu heben, und die
+versuchte Einführung des unentgeltlichen Rechtsschutzes für
+Arbeiterinnen durch den Allgemeinen deutschen Frauenverein
+in den achtziger Jahren[893] können in das Gebiet sozialer
+Hilfsthätigkeit,--wie man die Erweiterung oder Wohlthätigkeit mit Recht
+benennt,--gerechnet werden.[894] In dieselbe Kategorie gehört die
+Universitäts-Ausdehnungs-Bewegung, die in England ihren Ausgang nahm und
+sich in Amerika, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, Dänemark, Finland
+mit mehr oder weniger Erfolg ausbreitete, gehören die dänischen
+Volkshochschulen, die der vernachlässigten Landbevölkerung Bildung
+zutragen, gehört die aufopfernde Thätigkeit der russischen Lehrerinnen,
+die die Fackel der Aufklärung in das Dunkel geistigen und physischen
+Elends tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie
+die Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst überwinden
+konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die geistigen
+Almosen--eben nur Almosen! Das Gebotene ist Stückwerk und muß Stückwerk
+bleiben; es vermittelt einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt,
+um sie untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und
+befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es immer
+nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und
+Ausgebeutetsten,--dazu gehören, wie wir wissen, die Masse der
+Arbeiterinnen,--nicht die Zeit und die physischen und geistigen
+Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher Gaben nötig sind.
+Der Bankerotterklärung,--d.h. dem Eingeständnis der Unfähigkeit, die
+Masse der Proletarier in nennenswerter Weise aus materieller und
+geistiger Not zu befreien,--der materiellen Wohlthätigkeit wird daher
+die der ideellen folgen müssen.
+
+Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren
+zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser Untersuchung
+sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun haben und nur
+insofern für uns von Interesse sind, als sie die Stellung der
+bürgerlichen Frauen gegenüber der Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist
+aber auch die selbständige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los
+ihrer "ärmeren Schwestern",--wie sie mit so viel sentimentalem Pathos zu
+sagen pflegen,--fast erschöpft. Sobald das Gebiet der Wohlthätigkeit im
+weiteren Sinn verlassen und das des Rechts betreten wurde, lehnten sich
+die Frauen der Bourgeoisie teils an eine der politischen Parteien und
+deren Anschauungsweisen an, teils übertrugen sie, rein mechanisch, in
+naiver Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, die Theorien der
+bürgerlichen Frauenbewegung auf die Arbeiterinnenfrage.
+
+So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden Einfluß
+jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur immer eine
+schwache Kopie gesehen haben, dessen die öffentliche Meinung
+beherrschende Stellung aber um so stärker auf die Frauen wirkte, als
+ihre Interessen schon seit langem im wesentlichen politische waren. Sein
+Einfluß bestimmte auch ihre Stellung gegenüber der Arbeiterinnenfrage.
+Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem
+frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der Geschlechter
+beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: infolgedessen kämpften
+sie mit einer Heftigkeit, die jetzt erst nachzulassen beginnt, gegen
+jede gesetzliche Beschränkung der Frauenarbeit. Was für die bürgerlichen
+Frauen vollste Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann
+sich erst erringen mußten, das sollte auch für die Proletarierinnen
+gelten, die längst schon Seite an Seite mit den männlichen
+Arbeitsgenossen sich körperlich und geistig zu Grunde richteten. Die
+liberalen Frauen gingen dabei von der Ansicht aus, daß jede gesetzliche
+Verkürzung der Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein
+Anwendung findet, jeder Ausschluß der Frauen aus bestimmten
+Arbeitszweigen die Arbeitsmöglichkeit für sie beschränkt und sie den
+Männern gegenüber benachteiligt. In naivem Unverständnis für die
+thatsächlichen Verhältnisse, befangen durch abstrakte Theorien, zogen
+sie im Namen der persönlichen Freiheit die Ausbeutung der Arbeiterin dem
+gesetzlichen Schutze vor. Ihre Ansichten gewannen um so größere
+Bedeutung, seit sie offiziell durch die Women's Liberal Federation
+vertreten wurden, die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet,
+und über 100000 Mitglieder zählt. Im Jahre 1893 erhob die
+Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den gesetzlichen
+Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines völlig gleichen Schutzes für
+Männer und Frauen zum Beschluß,--ein Beweis, wie die Idee der rein
+mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Köpfe verwirrt hatte.
+Als die Regierung dann 1895 dem Parlament Abänderungen des
+Fabrikgesetzes und Zusätze dazu vorlegte, die eine Erweiterung des
+Arbeiterinnenschutzes zum Ziele hatten, entfaltete der Verband eine
+fieberhafte Agitation dagegen, die selbst davor nicht zurückscheute, die
+Ausdehnung der Schutzzeit für Schwangere und Wöchnerinnen zu bekämpfen,
+und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen im
+besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im allgemeinen Stellung
+nahm.[895] Die Gegner der Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem
+Vorgehen einen starken Rückhalt, und es gelang den vereinten Kräften der
+Frauen, die für Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der
+Männer, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, eine
+Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, wohl aber
+bedeutend abzuschwächen. Indessen ist nach und nach ein leiser Umschwung
+in den Ansichten des Verbandes eingetreten, der dadurch zum Ausdruck
+kam, daß er in seiner Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals
+gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit
+einer schwachen Majorität von 33 Stimmen. Seitdem verficht die
+Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten
+frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu
+stützen, daß sie alle diejenigen Fälle ihren Lesern vorführt, aus denen
+hervorgeht, daß der gesetzliche Arbeiterinnenschutz auf die
+Erwerbsverhältnisse nachteilig gewirkt hat. Daß solche Fälle in Zeiten
+des Uebergangs zahlreich sind, daß es Arbeiterinnen infolge der
+Beschränkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder gar des
+Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschädlichen Berufen schwer fällt,
+neue Stellungen sich zu verschaffen, ist zweifellos. Und es ist eine aus
+der ganzen Erziehung, vor allem aber aus der intensiven Beschäftigung
+mit der Wohlthätigkeit erklärliche Eigenschaft der Frauen, über der
+Härte des Einzelfalls den Vorteil für das Ganze vollständig zu
+übersehen. Sie sind gewohnt, den Kindern, den Kranken, den
+Arbeitsunfähigen, kurz den Schwachen helfend und schützend zur Seite zu
+stehen und sie schrecken, ganz vom Gefühlsstandpunkt beherrscht, vor dem
+grausamen aber leider unvermeidlichen Weg zurück, um der Gesamtheit
+willen das Schicksal Einzelner zu gefährden. So verwirft ein sehr
+großer Teil frei denkender Engländerinnen unter dem tönenden Kampfruf
+"Free Labour Defense" den Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht
+mehr ins Endlose arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot
+mangelt, weil das Fabrikmädchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr
+findet und der Schande in die Arme fällt. Um so erstaunlicher war es,
+daß der liberale Frauenverband sich prinzipiell für einen gesetzlichen
+Schutz der Heimarbeit erklärte. Begreiflich wird das nur, wenn man sich
+klar macht, daß es sich dabei nicht um den Ausdruck erweiterter
+Erkenntnis, sondern im wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung
+und des persönlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der Arbeiterin
+vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz der Konsumenten
+vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, wie groß diese
+thatsächlich sind, und sowohl in England wie in Amerika wird der Kampf
+gegen die Hausindustrie, von bürgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem
+Gesichtspunkt aus geführt.
+
+Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der Geschlechter in
+Bezug auf die Erwerbsmöglichkeiten sind es auch, die die Haltung der
+deutschen bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage
+beeinflussen. Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche
+Frauenverein an den Kongreß der volkswirtschaftlichen Vereine, der in
+Hamburg tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, daß darauf
+hingewirkt werden möge, "die weibliche Arbeitskraft von der
+Verkümmerung, in der sie sich gegenwärtig befindet, zu retten und zu
+einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt heranzuziehen", und an
+den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre zusammentrat, wurde
+gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine Unterstützung der
+Frauenarbeit forderte.[896] Der Gedanke des gesetzlichen
+Arbeiterinnenschutzes mußte in jener Zeit den Frauen um so ferner
+liegen, als thatsächlich überall der Eintritt der Arbeiterinnen in die
+Industrie durch die Arbeiter mit allen Mitteln bekämpft wurde. Was
+damals aber begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, während deren
+alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft fielen,
+nur als ein Ausfluß blinder Prinzipienreiterei und mangelhafter Kenntnis
+der einschlägigen Verhältnisse. So allein ist es zu erklären, daß die
+französische Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongreß im
+Jahre 1900,--der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr ein
+nationaler war,--mit großem Nachdruck gegen jeden besonderen
+Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die Art wie es
+geschah einen Fortschritt.
+
+In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts war jene große
+Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an deren Spitze Marx, Engels
+und Lassalle standen. Der Sozialismus, wütend bekämpft von der
+bürgerlichen Gesellschaft, drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen,
+durch geschlossene und verbarrikadierte Thüren und Fenster hinein. In
+vielen seiner Züge war er geradezu prädestiniert, die Frauen zu
+gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jüngerinnen an sich zog,
+weil es an das Gefühl appellierte, weil es den "Mühseligen und
+Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die Gefühlsseite des
+Sozialismus, die heute so stark auf die Frauen wirkt, oft ohne daß sie
+es wissen und meist ohne daß sie es eingestehen wollen. Wo es sich um
+bürgerliche Frauen handelt, hört ihr Verständnis und ihre Zustimmung
+meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des
+gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder den
+Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu verfolgen. Aber
+ihre Gefühlswelt ist durch ihn befangen; kürzere Arbeitszeit, höherer
+Lohn, Schutz den Frauen und Kindern--das sind Ideen, die ihnen, denen
+die Armut in jeder Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein
+müssen. Auch die Form der Beschlüsse des französischen Kongresses von
+1900 ist auf den wachsenden Einfluß des französischen Sozialismus
+zurückzuführen. Sie lehnen zwar den gesetzlichen Schutz für weibliche
+Arbeiter ab,--eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,--aber sie
+verlangen ihn in ausgedehntem Maße für beide Geschlechter, indem sie die
+grundlegende Forderung der organisierten Arbeiterschaft,--den
+Achtstundentag,--an die Spitze stellen.[897]
+
+Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich der
+Einfluß der Arbeiterbewegung auf die Haltung der deutschen bürgerlichen
+Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage. daß es ihr möglich war,
+mit bestimmten ihrer Ideen in ihr Fuß zu fassen, ist die natürliche
+Folge der völligen Vernachlässigung der Frauenfrage durch die
+bürgerlichen Parteien Deutschlands. Indem der englische Liberalismus die
+Forderungen der Frauen nicht nur ernst nahm, sondern auch vielfach
+acceptierte, und er ebenso wie die konservative Partei den Drang der
+Frauen zu politischer Thätigkeit geschickt für sich ausnutzte, sie
+gewissermaßen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine kluge
+Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten einen
+Rückhalt, eine Stütze an ihnen, während die deutschen Frauen bis vor
+kurzem von allen bürgerlichen Parteien gleichmäßig geächtet waren.
+
+Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche bürgerliche Frauenbewegung
+vollzog sich natürlich außerordentlich langsam und setzte äußerlich
+bemerkbar erst dann ein, als der Bannfluch, der mit dem
+Sozialistengesetz den Sozialismus und seine Vertreter in den Augen der
+bürgerlichen Welt getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872
+erklärte Fräulein Auguste Schmidt, die eigentliche Führerin des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die
+Frauenbewegung repräsentierte, die Bildung für den eigentlichen Kern-
+und Schwerpunkt der Frauenfrage.[898] Wenige Jahre später, angesichts
+des Sozialistengesetzes, hielt sie sich für verpflichtet, die deutsche
+Frauenbewegung gegen jeden Verdacht revolutionärer Bestrebungen
+öffentlich zu verwahren.[899] Erst 1881, zum ersten Male wieder seit der
+Gründung des längst eingegangenen Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869
+durch Luise Otto, beschäftigte sich die Generalversammlung des Vereins,
+infolge eines Referats von Fräulein Marianne Menzzer, mit der traurigen
+Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn für gleiche
+Arbeit", die in England und Frankreich längst aufgestellt worden war und
+durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs ist, fand lebhaften
+Widerhall.[900] Als dann zwei Jahre später dieselbe Frage zur Beratung
+stand, zeigte sich die ganze Einsichtslosigkeit der Versammlung darin,
+daß sie in erster Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die
+moralische Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu unterstützen,
+daß die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen Geschäften zu
+kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. Ein Fortschritt jedoch
+trat damals schon hervor: einige wenige Frauen, unter Leitung von Frau
+Guillaume-Schack, befürworteten statt dessen die Gründung von
+Arbeiterinnen- und Gewerkvereinen,[901] Frau Guillaume-Schack war die
+erste ausgesprochene Sozialistin in der bürgerlichen Frauenbewegung. Als
+sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen konnte und der bürgerlichen
+Frauenbewegung den Rücken wandte, schien es, als ob damit das Interesse
+an der Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es
+fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, unter
+denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach unter Leitung
+von Frau Minna Cauer und unter dem Einfluß von Frau Jeanette Schwerin zu
+dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging die Agitation für Anstellung
+weiblicher Gewerbeinspektoren aus, sie versuchte mit aller Energie die
+Frauenbewegung aus der Bahn der Wohlthätigkeit in die sozialer
+Hilfsarbeit hineinzulenken. Dieser ganzen Strömung entstand im Jahre
+1894 ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegründeten
+"Frauenbewegung".
+
+Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier geleistet
+wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der bürgerlichen
+Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so daß selbst die ruhige
+Vernunft dadurch unterdrückt wurde, das beweist die in demselben Jahr
+erfolgte Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine.[902] Seine
+Entstehung verdankte er der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich
+des internationalen Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen
+nationalen Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von
+vornherein kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die
+Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den Einfluß aller
+Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" zuwenden wollte, "zu denen
+alle von Herzen ihre Zustimmung geben können".[903] Von, diesem Bündnis
+nun, das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach
+dem Ausspruch der Vorsitzenden der Gründungsversammlung, Fräulein
+Auguste Schmidt, "die sozialistischen Arbeiterinnenvereine
+selbstverständlich" ausgeschlossen, und in diesem Sinne stimmte die
+überwiegende Majorität der Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an
+der Sitzung teilnahmen, fanden sich nur fünf, die auf meine Initiative
+hin gegen diese engherzige, die ganze Gründung von vornherein
+brandmarkende Auffassung öffentlichen Protest erhoben. Als
+Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens erklärte
+der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner offiziellen
+Schriften[904], daß die betreffenden Vereine zum Beitritt nicht hätten
+aufgefordert werden können, weil das Gesetz das in Verbindung treten
+politischer Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine
+anzusehen, unmöglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den
+meisten Staaten Deutschlands die Gründung politischer Vereine durch
+Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab demnach in diesem
+Sinn überhaupt keine "sozialistischen" Arbeiterinnenvereine und die
+ganze Beweisführung des Bundes soll nur noch heute die Angst, sich
+öffentlich zu kompromittieren, verschleiern. Thatsächlich haben
+inzwischen soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der
+bürgerlichen Frauenbewegung mehr an Einfluß gewonnen, als im deutschen
+Bunde. Schüchtern setzten sie ein mit der Forderung an die Kommunen,
+Kinderhorte einzurichten und an die Regierungen, weibliche
+Gewerbeinspektoren anzustellen, und innerhalb sechs Jahren haben sie
+sich soweit entwickelt, daß der Bund von sich sagen kann: "In der Frage
+des Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie die
+organisierten deutschen Arbeiterinnen"[905], d.h. wie die
+Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen Ungestüm
+aller derer, die eine Wahrheit plötzlich erkannt haben, petitionierte er
+bei den Volksvertretungen und Regierungen um die Ausdehnung des
+Wahlrechts und der Wählbarkeit zu den Gewerbegerichten auf weibliche
+Arbeitgeber und Arbeiter, um den Achtuhrladenschluß, zweistündige
+Mittags-, je eine viertelstündige Frühstücks- und Vesperpause,
+den achtstündigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang für
+jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der
+Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die Einführung
+obligatorischer Fortbildungsschulen für Mädchen, um die Schaffung eines
+einheitlichen Reichsvereins- und Versammlungsrechts und Gewährung
+gleicher Rechte für die Frauen wie für die Männer. Zugleich regte die
+1899 gegründete Kommission für Arbeiterinnenschutz an, Enquêten der Lage
+der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. Dementsprechend hat in Leipzig der
+Allgemeine deutsche Frauenverein Untersuchungen der Frauenarbeit im
+Kürschnergewerbe, und in Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim-
+und Fabrikarbeit der Strohhutnäherinnen veranstaltet. Die Bedeutung
+aller dieser Maßnahmen läßt sich nicht nur am Vergleich mit der nach
+anderen Richtungen so vorgeschrittenen französischen und englischen
+Frauenbewegung ermessen, sondern vor allem daran, daß sie von 137
+Vereinen ausgehen, deren 71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem
+rückständigen, antisozialistischen deutschen Bürgertum zusammensetzen.
+Wahrlich, ein deutliches Zeichen für die Macht sozialer Ideen! Auch
+abseits vom Bunde, in kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im
+evangelisch-sozialen Kongreß durch den Einfluß zweier mit der Lage der
+Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Kühne und
+Fräulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in dem orthodoxen
+evangelischen Frauenbund durchzudringen.
+
+Selbstverständlich lehnt die bürgerliche Frauenbewegung nach wie vor
+jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus ab, und dokumentiert das vielfach
+durch Unterlassungssünden, durch Worte und Thaten. Als die
+proletarischen Frauenorganisationen im Jahre 1895 unter dem Zeichen des
+drohenden Umsturzgesetzes in der schlimmsten Weise verfolgt und
+geschädigt wurden und die Gelegenheit geboten gewesen wäre, die
+Solidarität mit den Arbeiterinnen zu beweisen, hüllte die offizielle
+Vertretung der bürgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine
+Protesterklärung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, die ich
+veröffentlicht hatte, fand nur verhältnismäßig wenig Unterschriften. Und
+bei Gelegenheit der großen Agitation gegen das bürgerliche Gesetzbuch
+seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine Flut von Reden,
+Artikeln, Broschüren und Petitionen mit sich führte, blieben die für die
+Proletarierin so wichtigen Fragen des Rechts auf dem Gebiete des
+Arbeitsvertrags, der Gesindeordnungen, der Stellung der ländlichen
+Arbeiter von alledem völlig unberührt. Wie vorsichtig und
+zurückhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen Deutschlands der
+Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht, dafür noch folgendes Beispiel:
+Unter der Leitung des Vereins "Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes
+ein Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen
+Bestrebungen,--sie decken sich fast ganz mit denen des Bundes,--als in
+ihrer energischen Betonung und radikalen Färbung von ihm abweicht. Er
+stellte den Antrag, der Bund möge eine Verständigung zwischen der
+sozialistischen und bürgerlichen Frauenbewegung für wünschenswert
+erklären, wurde aber damit zurückgewiesen und es trat eine äußerst matte
+Erklärung an seine Stelle, wonach "die Möglichkeit einer Verständigung
+von Fall zu Fall in Betracht" gezogen werden sollte.
+
+Am deutlichsten aber trat der bürgerliche Klassencharakter der
+Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die häuslichen Dienstboten
+anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und sich gegen die
+unwürdige Lage, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Bis ins innerste
+Herz wurde die ganze bürgerliche Gesellschaft dadurch getroffen; solange
+die Arbeiterinnenbewegung sich außerhalb der eignen vier Wände
+abspielte, konnte sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den
+Frauen, die keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen
+glaubten fürchten zu müssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich in
+ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie
+verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von
+wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja vielfach in
+Haß, der alle diejenigen in Acht und Bann erklärte, die mit der
+Dienstbotenbewegung sympathisirten. Schon die Haltung des Berliner
+Internationalen Frauenkongresses war charakteristisch; für lange
+Berichte über Wohlthätigkeitsorganisationen war Zeit in Fülle vorhanden,
+als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage erörtern wollte,
+konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand ging in der Diskussion
+darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten des Berliner
+Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina Morgenstern: um das
+"Verlieren" der in Deutschland üblichen, mit Zeugnissen versehenen
+Dienstbücher wirkungslos zu machen, verlangte er die direkte Einreichung
+dieser Zeugnisse an die Polizei, damit die Herrschaften hier stets
+Einsicht von ihnen nehmen könnten.
+
+Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunächst die Zunge
+gelähmt zu haben. Erst allmählich entschloß man sich, sie vorsichtig und
+zurückhaltend zu erörtern; persönlichen Anteil daran nahmen aber nur
+wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen
+Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu nichts
+weiter entschließen als zu einer Petition um Einführung der
+Unfallversicherung für das häusliche Gesinde, und eine Anzahl Vereine
+erklärten mit großem Pathos, die Mißachtung, unter der die Dienstboten
+zu leiden haben, dadurch zu beseitigen, daß sie von nun an nicht mehr
+Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das für
+den Hängeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als ein ausreichendes
+Aequivalent erscheint?! Etwas energischer äußerte sich eine der
+Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza Ichenhäuser, indem sie noch den Ersatz
+des Dienstbuches durch ein fakultatives Arbeitszeugnis und die
+gesetzliche Festlegung eines Wochenminimums an Freiheit forderte.[906]
+Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng
+thatsächlich die Grenzen für seine sogenannt radikalen Anschauungen
+gezogen sind, indem er sich in seiner Generalversammlung im Oktober 1901
+nicht einmal zu dieser Forderung entschließen konnte, sondern sich nur
+darauf beschränkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die
+Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, und
+die Zuständigkeit der Gewerbegerichte für Rechtsstreitigkeiten, die aus
+dem Dienstverhältnis sich ergeben, zu verlangen.
+
+Das Haus und seine Ordnung ist thatsächlich vor allem für die deutsche
+Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie bisher von der primitiven Art
+ihrer Haushaltung und Wirtschaftsführung abzugehen, und wie es eine alte
+Erfahrung ist, daß das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen
+geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst willen
+eingeführt werden, ein äußerer Zwang sie vielmehr zur Notwendigkeit
+machen muß, so wird eine Aenderung dieser Verhältnisse, die die traurige
+Lage der Dienstboten bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an
+häuslichen Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafür ist die Haltung der
+bürgerlichen Frauen gegenüber der Dienstbotenfrage im Ausland, wo es
+mehr und mehr an Kräften fehlt, die sich dem Hausdienst zur Verfügung
+stellen. Nicht nur, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen überall
+bessere sind als in Deutschland, daß Einrichtungen aller Art den Dienst
+erleichtern, daß weder Dienstbücher, noch Ausnahmerechte, wie unsere und
+die österreichischen Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch
+das Dienstverhältnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der Pariser
+Frauenkongreß von 1900 lehnte zwar die Beschränkung der Arbeitszeit ab,
+er verlangte aber eine Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der
+Praxis als ziemlich dasselbe herausstellen dürfte. Auf dem Londoner
+Frauenkongreß ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter lebhaftem
+Beifall die Ansicht vertreten, für alle häuslichen Dienste, außer dem
+Hause wohnende Arbeitskräfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach
+geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwärterinnen, Lohndiener beschäftigt
+werden.[907] In Amerika hat sich zu diesem Zweck ein besonderer
+Frauenverein gebildet, der für den häuslichen Dienst die
+Arbeitsvermittlung in Händen hat, und bei dem die Hausfrauen für jede
+Art Arbeit stunden- und tageweise Mädchen engagieren können. Eine andere
+Art, dem Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu
+entlasten,--wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der
+bürgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, daß es in erster Linie
+das persönliche Interesse ist, das zu Reformen zwingt,--wurde auf der
+Konferenz der englischen Gesellschaft für Frauenarbeit im Jahre 1899
+vorgeschlagen: "Ein spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin,
+"sollte hier der Pionier sein, indem er Mietshäuser mit je einer
+Zentralküche und einer Zentralwaschküche baut.... Man hat berechnet, daß
+man halb so viel für Nahrung ausgeben würde, wenn die Verschwendung an
+Materialien und Arbeitskräften, die unzweckmäßige Kochart wegfielen....
+Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines genügt, warum hundert
+Küchengeräte abwaschen, wenn nur eines nötig gewesen wäre.... Was finden
+wir denn heute in den berühmten, poetisch verherrlichten englischen
+Häusern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wäschedunst und abgearbeitete
+Frauen."[908] Genau denselben Standpunkt vertritt eine Amerikanerin,
+wenn sie sagt[909]: "Während jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten
+den ganzen Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungenügend
+erfüllen, könnte dieselbe Arbeit besser und in kürzerer Zeit durch
+wenige Spezialisten ausgeführt werden."
+
+Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als Mittel zu
+ihrer Befreiung hat die bürgerliche Frauenbewegung am spätesten erkannt.
+Selbstverständlich: Denn das bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der
+alten Anschauungsweise, die darauf beruht, daß die Armen Wohlthätigkeit
+und Recht aus den Händen der Herrschenden entgegen zu nehmen haben. Sich
+durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen der meisten heute
+noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch gilt hier, was bei den
+Fragen der Gesetzgebung gilt, daß die Initiative niemals von den
+Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten erst dann als Organisatorinnen
+und Agitatorinnen der Gewerkschaften auf den Plan, als die Proletarier
+selbst die schwerste Arbeit, die Erringung der gesetzlichen Anerkennung
+hinter sich hatten, und eine Gefahr für Staat und Gesellschaft nicht
+mehr in ihnen erblickt wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der
+bürgerlichen Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte
+Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fällt, war ihr Einfluß ein direkt
+nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kämpfe um den Arbeiterschutz,
+frauenrechtlerische Ideen hinein und statt daß die Solidarität der
+Arbeiterin mit dem Arbeiter sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde
+die ursprünglich frauenrechtlerische Männerfeindschaft dadurch
+propagiert, daß man Gewerkschaften mit ausschließlich weiblichen
+Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische Women's
+Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres Bestehens unter die
+Leitung von Damen der hohen Aristokratie geriet, und es daher geraume
+Zeit dauerte und erst die Folge vieler bitterer Erfahrungen und harter
+Enttäuschungen war, ehe die Propaganda für Nur-Frauen-Gewerkschaften der
+für gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis
+der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu
+verdanken, daß heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady Dilke an
+der Spitze, einsehen, daß nicht das Geschlecht, sondern die Klasse das
+Bindemittel der Solidarität sein muß. In Frankreich tritt gerade in
+dieser Richtung der frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor,
+weil die Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung erst in
+allerjüngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation der
+Arbeiterinnen zu beschäftigen und ihnen nicht, wie in Deutschland, eine
+kräftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht. Sie haben in
+Paris in rascher Folge die verschiedensten Frauengewerkschaften
+geschaffen, für die diejenige der weiblichen Typographen,--von der
+"Fronde" und ihrer Direktorin ausgehend,--besonders charakteristisch
+ist: sie steht in schroffem Gegensatz zu den männlichen Kollegen, und
+kämpft, entgegen dem Gesetz und den Grundsätzen der gesamten
+Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit für Frauen, wenigstens
+in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso schädigend für die
+Interessen der Arbeiterinnen, kommt in den Organisationen zum Ausdruck,
+die kirchliche Kreise schufen und erhalten. Sie umfassen, wie das
+Syndikat l'Aiguille in Paris, Unternehmer und Angestellte, wodurch die
+Möglichkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein
+ausgeschlossen ist, oder sie sind, wie die Société de Secours mutuel,
+die Gesellschaften La Couturière, La Mutualité maternelle, l'Avenir
+fast ausschließlich Wohlthätigkeitsvereine, die unter strengem
+kirchlichen Regimente stehen.
+
+Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften als
+sozialer Kampforganisationen durch den Einfluß bürgerlicher Elemente
+tritt aber nirgends so deutlich zu Tage als in Deutschland. Sehr spät
+erst, von einzelnen fruchtlosen Bemühungen abgesehen, ist die
+bürgerliche Frauenbewegung der gewerkschaftlichen Frage näher getreten
+und zwar zuerst in einem Berufskreis, der ihr persönlich am nächsten
+stand: in dem der Handelsangestellten. In vollständiger Verkennung der
+Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur durch
+Zusammenschluß der Arbeiter allein erreichen und die Schmutzkonkurrenz
+der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den männlichen Arbeitsgenossen
+beseitigen kann, gründete der Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den
+Hilfsverein für weibliche Angestellte, der nicht ausschließlich die
+Frauen organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfaßt. In
+verschiedenen Großstädten Deutschlands wurden ähnliche Vereine
+geschaffen und die Handelsangestellten strömten ihnen um so eher zu, als
+ihnen nicht nur Vorteile aller Art,--deren Wert für sie wir gewiß nicht
+verkennen wollen,--geboten werden, sondern der ursprüngliche
+Standesdünkel der Töchter der kleinen Bourgeoisie hier genährt wird. Die
+Zahlen der auf diese Weise organisierten Frauen sind folgende:
+
+Berlin 13000
+Frankfurt a. M. 800
+Breslau 950
+Königsberg i. Pr. 600
+Kassel 210
+Köln 400
+Stuttgart 345
+Leipzig 700
+Magdeburg 160
+Bromberg 120
+Danzig 240
+München 210
+Thorn 60
+Stettin 150
+Mainz 115
+Mannheim 210
+Posen 150
+Hamburg 600
+Dresden 120
+ ---------------
+ Im ganzen 19140
+
+Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu
+unterschätzen, wenn auch angenommen werden kann, daß von den
+Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen angehören. Aber
+alles, was sie, infolge ihrer numerischen Stärke, ihren Mitgliedern
+bieten, kaufmännische Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek,
+Vorträge, Theater, Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung,
+Krankenversicherung u.s.w., wird durch den großen Schaden aufgewogen,
+den sie ihnen zufügen, indem sie das Abhängigkeitsgefühl von den
+Arbeitgebern und dem bürgerlichen Element in ihrer Mitte in den an sich
+schon rückständigen Mitgliedern befestigen, das Aufkommen des
+Solidaritätsgefühls mit den Lohnarbeitern aller Berufe unterdrücken, und
+die Kräfte, die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen
+lassen.
+
+Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage völlig
+verkennende Standpunkt der bürgerlichen Frauenbewegung in dem ersten
+Versuch einer Dienstbotenorganisation hervor, wie ihn Mathilde Weber
+1894 durch die Gründung des Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.[910]
+Auch sie dachte dabei allein an die Töchter der eigenen Klasse: die
+Gesellschafterinnen, Stützen der Hausfrau, Wirtschafterinnen,
+Kindergärtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung sich von dem
+einfachen Dienstmädchen meist nur durch den Titel "Fräulein"
+unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt ausschließlich in den
+Händen der Herrschaften und die Mitglieder haben so wenig zu sagen, daß
+die Generalversammlung sich auch dann für beschlußfähig erklärt, wenn
+nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenüber bedeutete der fünf Jahre
+später gegründete Verein Berliner Dienstherrschaften und
+Dienstangestellter immerhin einen leisen Fortschritt, indem er zwar, wie
+die Vereine der Handelsangestellten auf dem unmöglichen
+Harmoniestandpunkt zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem
+doch dieselben Rechte einräumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und
+Unterdrückung des Solidaritätsgefühls, des allein zum Selbstbewußtsein
+erziehenden Klassenbewußtseins ist aber überall gleich groß. So auch in
+den Versuchen der Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die
+Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899
+gegründete Verein etwa 200 Mitglieder zählt. Sie laufen im wesentlichen
+auf Wohlthätigkeit hinaus und nähren in den Proletarierinnen jenen
+verderblichen Sklavensinn, der von Rechten nichts weiß, sondern alles,
+was ihm geboten wird, demütig und dankbar aus der Hand des Herrn
+entgegennimmt.
+
+Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer reiferen
+Erkenntnis bildet der von Münchener Frauenrechtlerinnen gegründete
+Kellnerinnenverein: er ist, auch was seine Leitung betrifft, ein reiner
+Arbeiterinnenverein, der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen
+Unternehmern und Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht
+zurückhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Gründer gemahnt, ist
+die Thatsache, daß der Verein ausschließlich auf weibliche Mitglieder
+zugeschnitten ist, dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwächt
+wird, daß in München männliche Kellner zu den Ausnahmen gehören. Von den
+2 bis 3000 Münchener Kellnerinnen sind 230 Vereinsmitglieder.
+
+Die Zurückgebliebenheit der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die
+gewerkschaftliche Organisation ist auf Grund ihres Ursprungs vollkommen
+verständlich; die wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschluß der
+weiblichen Arbeitskraft aus allen bürgerlichen Arbeitsgebieten
+ausdrückte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein mehr oder
+weniger gewaltsames Vordringen in seine Berufssphären war die Folge. Die
+bürgerliche Frauenwelt bildete gewissermaßen eine gegen den Unterdrücker
+solidarisch verbundene Klasse der Unterdrückten, und sie lebte des
+Glaubens, daß ihre Interessen die Interessen des gesamten weiblichen
+Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am meisten
+eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der zäheste Widerstand
+entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung geringschätzt, wo sie noch
+nicht den mindesten politischen Einfluß haben. Dahin gehört vor allem
+Deutschland. Hier fühlen sie sich als eine Partei für sich, und es ist
+nur die idealistische Verbrämung einer traurigen Thatsache, wenn sie
+nicht müde werden, zu erklären: wir stehen "über" den Parteien; ihr
+naives Selbstgefühl und ihr völliger Mangel an Einsicht in die sozialen
+und wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es möglich
+zu machen, daß sie in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit nur das
+künstliche Produkt politischer Parteiungen sehen und auch hier Frieden
+zu stiften glauben, wenn sie die "ärmeren Schwestern" in ihre Arme
+ziehen. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, daß ihre Wege
+sich völlig voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der
+Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie äußert sich
+nicht im Ausschluß der weiblichen Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten
+durch den Mann, sondern in der übermäßigen Ausbeutung der Arbeitskräfte
+beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie daher
+nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren Arbeits- und
+Leidensgenossen. Wo die bürgerliche Frauenbewegung dieses
+Interesse nicht aufkommen läßt, wie durch zahlreiche ihrer
+Wohlthätigkeitsinstitutionen, wo sie an seine Stelle die
+Interessengemeinschaft mit den Vertretern des Kapitalismus zu setzen
+sucht, wo sie das Gefühl der Solidarität der weiblichen mit den
+männlichen Arbeitern bewußt oder unbewußt erschüttert und unterdrückt,
+wie fast durchweg in ihren Organisationsversuchen, wo sie sich endlich
+der Hebung der Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung
+der Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefährliche Feindin der
+Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur Lösung der
+Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, die sie ihr gegenüber
+einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie stiften kann, ist die
+Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der Notlage des weiblichen
+Proletariats und die Propagierung der Arbeiterschutzgesetze im Sinne der
+Arbeiter selbst. Nicht zu einer unmöglichen Harmonie zwischen den
+Klassen, wohl aber zu einer schließlichen Aufhebung der
+Klassengegensätze würde sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege
+ebnen helfen.
+
+
+
+
+9. Die sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben.
+
+Der Arbeiterinnenschutz.
+
+
+Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das Resultat
+eines zähen Kampfes der Unterdrückten gegen die Unterdrücker und
+entsprang viel weniger ethischer Einsicht oder humanitären Bestrebungen,
+als dem Selbsterhaltungstrieb der herrschenden Klasse. Diese
+charakteristischen Züge tragen bereits die ersten Anfänge der englischen
+Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die verheerenden
+Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands entwickelten und die
+kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften, nötigten zu dem ersten
+Schutzgesetz des Jahres 1802. Die nationale Gefahr eines frühzeitigen
+Verbrauches des Menschenmaterials wurde aber schließlich auch von allen
+anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schwächlichen Versuchen eines
+gesetzlichen Kinderschutzes entschloß man sich indessen erst, als die
+grauenhaftesten Zustände mit nicht zu übersehender Deutlichkeit an das
+Licht des Tages traten und die öffentliche Meinung in starke Erregung
+versetzt worden war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten
+die schrankenlose Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie
+beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das durch
+den Eingriff des Staates in das Verhältnis zwischen Unternehmern und
+Arbeitern verletzt würde und wurden darin durch die manchesterliche
+Nationalökonomie unterstützt. Aber wie einerseits die moderne
+Produktionsweise ihnen zu Macht und Reichtum verhalf, so entwickelte
+sich andererseits mit ihr jener wichtige Faktor, der der Ausbreitung
+ihrer Machtsphäre einen Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne
+Arbeiterbewegung. Wie sie Schritt für Schritt vordrang, immer wieder
+zurückgestoßen von denen, die in ihr mit Recht den einzigen Feind
+fürchteten, der ihre Herrschaft erschüttern könnte, wie sie schließlich,
+am Ende des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest gefügter
+Phalanx gegenübersteht,--das ist ein Werdegang, der auch in der
+Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen hat.
+
+Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man
+durchsetzte. Natürlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf sie, die
+immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung nicht so
+schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab, den Müttern des
+Volkes, ob auf kommende Generationen arbeitsfähiger Menschen zu rechnen
+sei. Aber selbst diese, vom Standpunkt der Fabrikanten aus
+einleuchtenden Gründe blieben lange Zeit hindurch völlig unbeachtet. Es
+waren der Arbeitsuchenden zu viele, als daß man aus egoistischen Motiven
+den Schutz der Einzelnen für nötig gehalten hätte: mochten die Frauen
+mit 25 Jahren arbeitsunfähig sein, mochten die Kinder in Scharen zu
+Grunde gehen, es gab noch tausendfältigen Ersatz für sie. Eines langen
+und erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten
+Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschloß.
+
+Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die
+Zehnstundenbewegung, an deren Spitze bürgerliche Philanthropen standen,
+die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der Geknechteten gegen ihre
+Unterdrücker zum Ausdruck kam,--waren die beiden großen Feldzüge, die
+mit den ersten spärlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der
+Zehnstundentag für die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz. Ihm zur
+Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf für sich, den die
+Arbeiter mit Unterstützung der ersten aufopferungsvollen
+Fabrikinspektoren zu führen hatten. Durch die Einführung schichtweiser
+Beschäftigung suchten die Fabrikanten zunächst das Gesetz zu umgehen,
+bis eine neue Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allmählich wurden
+auch andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre
+wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der physischen
+und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das blödeste
+Auge, die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche Schranke und Regel
+des Arbeitstages durch halbhundertjährigen Bürgerkrieg Schritt für
+Schritt abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch
+'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.[911] Mit der Erkenntnis
+aber, daß der Arbeiterschutz ihnen selbst zum Vorteil gereichte, war der
+Widerstand der Fabrikanten dagegen gebrochen.
+
+Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen, wie in
+seiner politischen Entwicklung die Erklärung findet, war für den
+Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem relativ langsam
+vollzog und alle vorwärts treibenden Kräfte sich auf den Kampf gegen die
+politische Reaktion konzentrieren mußten, kein anfeuerndes Beispiel.
+Selbst jener erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge französische
+Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die
+Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte keinerlei
+praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die Durchführung
+des Gesetzes zu gewährleisten. Erst 1874, nach endlosen heftigen
+Streitigkeiten, gelangte der erste schüchterne Versuch eines besonderen
+Arbeiterinnenschutzes in der Nationalversammlung zur Annahme. Er
+beschränkte sich auf das Verbot der Nachtarbeit Minderjähriger und das
+Verbot der Arbeit unter Tage für Frauen jeden Alters. Aber selbst diese
+kläglichen Bestimmungen stießen auf den heftigsten Widerstand der
+Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen, oder ihre
+Abschaffung durchzusetzen,--ein Zustand des Kampfes und des vielfach
+fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz schützen wollte, der
+achtzehn Jahre andauerte.
+
+Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in Oesterreich,
+denn vor 1885 war überhaupt kaum eine Spur von ihm vorhanden: sowohl die
+Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage wurde den Frauen nicht verwehrt.
+Dann aber nahm er einen Aufschwung, durch den er Frankreich
+überflügelte: der Elfstundentag, der vierwöchentliche Wöchnerinnenschutz
+wurde eingeführt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht verboten.
+
+Deutschlands Anfänge auf dem Gebiete des Arbeiterinnenschutzes fallen
+ziemlich genau mit dem Erstarken der sozialdemokratischen Partei
+zusammen, deren mit immer größerem Nachdruck vorgebrachte Forderungen
+das treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins
+hinzu, dessen Wichtigkeit nicht unterschätzt werden darf, und dessen
+Träger die politische Vertretung des deutschen Katholizismus, das
+Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten Standpunkten ausgehend,
+grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen beide Parteien in ihren
+praktischen Forderungen gelegentlich zu ähnlichen Resultaten. Aber
+während die Sozialdemokratie im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und
+Arbeiterinnen nur ein Mittel sah, sie körperlich und geistig für den
+Klassenkampf zu stärken und fähig zu machen, glaubte das Centrum durch
+ihn die Entwicklung zurückzuschrauben. Es propagierte an erster Stelle
+die Sonntagsruhe, nicht aus hygienischen, sondern aus religiösen
+Gründen, es forderte einen Arbeiterinnenschutz, der den völligen
+Ausschluß der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie
+in ihrer alten Form zu erhalten und den Einfluß der Arbeitsgenossen auf
+die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die Ihren, statt dessen
+wieder unter den Einfluß der Kirche zu zwingen. Von diesem
+Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im Verein mit manchen
+Konservativen sogar vielfach zum Beschützer der Hausindustrie und der
+Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei, Thatsache ist, daß die
+Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes in Deutschland mit unter dem
+Einfluß des Centrums vor sich ging.
+
+Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag des
+Reichstags folgend, eine Enquete über die Lage der kindlichen und
+weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle zur Gewerbeordnung
+hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte. Sie enthielt in Bezug
+auf den Arbeiterinnenschutz einige Bestimmungen,--so das Verbot der
+Beschäftigung von Wöchnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der
+Niederkunft und das der Frauenarbeit unter Tage,--und erteilte dem
+Bundesrat die Ermächtigung, die Beschäftigung von Frauen und
+jugendlichen Arbeitern aus Gründen der Gesundheit und Sittlichkeit in
+bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung selbst dieser
+schwächlichen Verbesserungen der Schutzvorschriften wurde dadurch im
+Keime erstickt, daß sie nicht mit der obligatorischen Einführung der
+Fabrikaufsicht Hand in Hand gingen. Mit denselben Gründen, durch die die
+englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen die
+Schutzgesetzgebung gestützt hatten, kämpfte in Deutschland die
+Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die Gewerbeaufsicht[912], und
+noch zehn Jahre später verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit
+durchgreifenden Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte,
+seine Zustimmung, weil er ein Bedürfnis dafür nicht anzuerkennen
+vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der Frauenarbeit in
+unbeschränktem Maße, und die Arbeiterfamilien, so fügte er hinzu, um
+sich nicht die Blöße einseitiger Interessen zu geben, bedürfen ihrer
+nicht minder.
+
+Schließlich aber sah sich die Regierung gezwungen, den Wünschen des
+Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie, durch soziale Reformen
+die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu erschüttern. Das
+theatralische Schaustück einer internationalen Arbeiterschutzkonferenz
+wurde insceniert, und war im stande auch ernsten Leuten Sand in die
+Augen zu streuen. Thatsächlich war ihre Bedeutung lediglich eine
+symptomatische, indem sie bewies, daß das Bestreben der Arbeiter nach
+Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu teilweisem
+Siege zu führen schien, und eine informierende, indem sich zeigte, wie
+weit der Gedanke eines erweiterten Arbeiterinnenschutzes,--denn neben
+der Frage der Sonntagsruhe und der Kinderarbeit beschäftigte man sich
+lediglich mit der Fabrikarbeit der Frauen,--in den einzelnen Staaten
+bereits Fuß gefaßt hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit berührt
+wurde, war geringfügig genug. Deutschland, Oesterreich, England und die
+Schweiz einigten sich über folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe für
+alle Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit für jugendliche Arbeiter
+und für Frauen, Zehnstundentag für Jugendliche, Elfstundentag für
+Frauen, vierwöchentliche Arbeitsunterbrechung für Wöchnerinnen, Verbot
+der Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den
+Arbeiterinnenschutz zu den zurückgebliebensten Ländern gehört, und
+Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten bei den meisten
+Punkten Vorbehalte oder sie erklärten sich direkt dagegen. Ohne zu
+positiven Resultaten gelangt zu sein, ging die Konferenz auseinander und
+es blieb jedem einzelnen Staat wieder überlassen, den Arbeiterschutz
+nach seinem Gutdünken auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten
+Jahrhunderts, an dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem
+grenzenlosen Jammer gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine
+stumme Qual und Ausbrüche wütender Verzweiflung verdüstert wurde, bot
+den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen von seiner
+üppigen Tafel. Sie kamen, nächst den Kindern, wesentlich den Frauen zu
+gute.
+
+Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
+Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten].
+
+Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen Arbeiterinnen
+und er schließt sowohl die näheren Bestimmungen über Hausindustrie und
+Heimarbeit als alle diejenigen Gesetze aus, die sich mit den
+Handelsangestellten, den Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und
+Dienstboten beschäftigen.
+
+Betrachten wir zunächst die Frage der Arbeitszeit. Der Normalarbeitstag
+war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung gewesen. In England
+und mehr noch in Australien hatten sich die Gewerkschaften die
+allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit erkämpft und vielfach ihr Ziel,
+den Achtstundentag, durch kollektive Vertragschließung erreicht. Sie
+hatten, belehrt durch ihre Lebenslage, die nur durch Verkürzung der
+Arbeitszeit eine menschenwürdige werden konnte, den Standpunkt des
+einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die Persönlichkeit,
+jede Einschränkung des freien Willens ablehnt, längst aufgegeben und
+erstrebten überall auch die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um
+so heftiger sträubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge
+um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu
+verkleiden suchten, daß es niemanden verwehrt sein dürfe, für seine
+Familie, für seine Kinder so lange zu arbeiten als er wolle. Aber ihre
+Berufung auf die Freiheit des Individuums im allgemeinen und die
+Freiheit des Arbeitsvertrags im besonderen,--eine der wichtigsten
+Grundsätze des Liberalismus,--kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter
+in Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze bürgerliche
+Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem ihre Existenz zum Teil
+beruht: der Erhaltung der Familie und des Familienlebens in seiner alten
+Form, als deren Trägerin die Frau erscheint. Und so war es der indirekte
+Einfluß der weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der
+Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege zum
+Normalarbeitstag gehen ließ. In allen fünf Staaten unserer Tabelle ist
+die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch Rußland, Australien und
+Nordamerika sind in ähnlicher Weise vorgegangen, während Belgien,
+Holland, die skandinavischen Länder und Italien die gesetzliche
+Beschränkung des Arbeitstages nur für Kinder und junge Leute eingeführt
+haben. Was aber die Bestimmungen der einzelnen Länder wesentlich
+voneinander unterscheidet ist vor allem der Umstand, daß sie sich nur
+noch zum Teil allein auf die weiblichen Arbeiter beziehen:
+Frankreich--mit einer gewissen Modifikation--, Oesterreich, die Schweiz,
+einige Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschränken die
+Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Maß wie die
+erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die natürliche Erwägung, daß die
+Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei Geschlechts nebeneinander
+arbeiten, eine außerordentliche Störung erleiden, wenn der eine Teil
+zehn oder elf, der andere zwölf oder dreizehn Stunden beschäftigt ist,
+hat dazu den Anlaß gegeben. Die Notwendigkeit der Beschränkung der
+Arbeitszeit der Frauen führte daher die viel und heiß umstrittene Frage
+des Maximalarbeitstages der Männer ihrer Lösung entgegen. Das zeigt sich
+noch deutlicher in den Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der
+Männerarbeit noch nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen
+Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der
+Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit
+zuzuwenden. Während sie im Jahr 1885, vor der Regelung der Frauenarbeit,
+noch eine zwölf-, dreizehn- und mehrstündige Arbeitszeit der Männer
+feststellten, schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung,
+zwischen neun und elf Stunden.[913] In England, wo die Macht der
+Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt sich
+dasselbe Bild.[914] Angesichts dessen und der uns bekannten Thatsache
+der rapiden Zunahme der Frauenarbeit beantwortet sich die Frage nach dem
+Nutzen oder Schaden ihrer gesetzlichen Beschränkung von selbst, und es
+zeugt nur von großem Mangel an Einsicht, wenn man über die Entscheidung
+im Zweifel sein kann. Die Beschränkung der Arbeitszeit weiblicher
+Arbeiter ist nicht nur für sie selbst von größter Bedeutung, sie ist es
+auch im Interesse ihrer männlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch,
+und das ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung
+vielfach übersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven
+Arbeitszeit der Männer entfernt, zum Nachteil der Frauen ausschlagen,
+besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen dann die Frauen
+durch Männer ersetzt werden würden. Für deutsche Verhältnisse z.B. wäre
+eine Reduktion der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden
+gegenwärtig schon ohne Schaden für sie durchführbar, weil auch die
+Männer in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl immer näher kommen. Den
+Achtstundentag aber für die Frauen allein heute schon erkämpfen zu
+wollen, hieße ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger wäre es gegenwärtig
+auch für die Frauen mit größtem Nachdruck für den gesetzlichen
+Maximalarbeitstag der Männer einzutreten, wie ihn Frankreich durch den
+in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden Zehnstundentag zum Gesetz
+erhoben hat. Selbstverständlich bleibt der Achtstundentag das weitere
+Ziel, aber, wohl gemerkt, für Männer und Frauen. Er ist die
+Voraussetzung für die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und
+geistiger Knechtschaft, er ermöglicht erst ihre lebendige Teilnahme an
+den Errungenschaften der modernen Kultur. Für die Frau aber, vor allem
+für die Mutter und Hausfrau, würde er von noch größerem Werte sein, und
+daraus erklärt es sich, daß die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein für
+ihr Geschlecht erringen wollen.
+
+Wir kommen damit zur Kritik der Länge des Arbeitstags, wie er gesetzlich
+für die Frauen festgelegt wurde. Ist die Reduzierung der Arbeit auf zehn
+oder elf Stunden wirklich ausreichend, um die Körperkräfte der Frau
+nicht zu überbürden, ihre Gesundheit nicht zu gefährden und sie ihrer
+Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen, wie wir sie
+kennen lernten, erübrigt eine Antwort.
+
+So groß der Fortschritt ist gegenüber der unbegrenzten Arbeitszeit, so
+gering ist er gegenüber den notwendigsten Bedürfnissen; für das junge
+Mädchen, die werdende Mutter, vor allem aber für die Mutter kleiner
+Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer zu
+den traurigsten Resultaten führt. Die Erkenntnis, daß besonders die
+verheiratete Frau zur Führung ihres Haushalts mehr freier Zeit bedarf,
+hat zur Festsetzung der Mittagspause geführt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu
+dauern pflegt. Es wirkt wie Ironie, wenn man sich vergegenwärtigt, daß
+in dieser Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der
+Familie eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden
+muß, und die Arbeiterin meist für den Weg hin und her von der Fabrik den
+größten Teil der verfügbaren Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die
+deutsche Gesetzgebung hat überdies nicht einmal die anderthalb Stunden
+festgelegt, sondern nur eine, und bestimmt, daß die weitere halbe Stunde
+der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche
+Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer
+Arbeitsgelegenheit zittert, entschließt sich zu solcher Bitte?
+Thatsächlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt, daß
+Arbeiterinnen, die den Wunsch danach aussprachen, mit Entlassung bedroht
+wurden. Es ist daher nur natürlich, wenn der Wunsch nicht allzu häufig
+laut wird. Die halbe Stunde ist auch oft nicht der Mühe wert. Es fragt
+sich nun, ob demgegenüber eine Verlängerung der Mittagspause
+wünschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen werden, daß eine
+ausreichende Erweiterung,--auf drei Stunden etwa,--undurchführbar ist,
+weil die Betriebsstörung zu groß und die Differenz mit der Arbeit der
+Männer eine zu tiefgehende wäre. Viel vorteilhafter für die Frau und die
+Arbeiterfamilie wäre es, wenn sie, neben einer etwa einstündigen Pause,
+die Arbeit am Abend früher verlassen könnte, womöglich gemeinsam mit dem
+Mann. An Stelle der mittäglichen Hetze würde eine ununterbrochene Zeit
+treten, durch die auch für den Arbeiter eine Spur häuslicher
+Gemütlichkeit zuweilen erobert werden könnte. Man pflegt diese
+Tageseinteilung als die Einführung der englischen Tischzeit zu
+bezeichnen, weil sie in England vielfach durchgeführt worden ist. In
+Verbindung aber mit dem zehn- oder elfstündigen Arbeitstag wird das
+Ideal, die Sicherung des Familienlebens, die Möglichkeit der
+Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht. Wohlwollende,
+aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit reaktionären Politikern, wie
+das Centrum sie aufweist, sind daher auf den Gedanken gekommen, daß die
+Fabrikarbeit verheirateter Frauen überhaupt verboten werden müsse, die
+Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten habe.[915]
+Auch in Arbeiterkreisen fehlt es nicht an Stimmen, die für diese
+Maßregel eintreten; die Kongresse der christlichen Arbeiter von
+Rheinland und Westfalen forderten schon seit 1873 die Unterdrückung der
+eheweiblichen Fabrikarbeit[916]; eine große Gruppe lediger
+Fabrikarbeiterinnen Englands kämpft mit aller Energie gegen die
+verheirateten Arbeitsgenossinnen.[917] Auf verschiedene Motive ist diese
+Stellungnahme zurückzuführen: auf den uneigennützigen Wunsch, die Mutter
+den Kindern zurückzugeben und auf das eigennützige Verlangen, eine
+lästige, meist lohndrückende Konkurrenz los zu werden.
+
+Abzuleugnen, daß die Fabrikarbeit der verheirateten Frau ihr und ihren
+Kindern durch ihre große Ausdehnung empfindlich schadet, wäre,
+angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit. Es fragt sich nur, ob die
+zwangsweise Ausschließung davon ihr nutzen würde. Für Deutschland ist es
+durch die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, daß die
+übergroße Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik getrieben wird.
+Einer der Befürworter des Ausschlusses definiert den Begriff Not, indem
+er erklärt, nur dort dürfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst
+der Frau "unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben
+könne.[918] Um solche Not handelt es sich zumeist; wir sehen aber Not
+auch dort, wo zwar der momentane Hunger gestillt wird, aber die Angst um
+die Zukunft nie weicht und alle Freuden des Lebens entbehrt werden
+müssen. Auch in diesem Fall hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu
+arbeiten. Schließen sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die
+Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie aufnehmen,
+und man wird die Zersetzung rückständiger Betriebsformen dadurch noch
+länger aufhalten. Der vorhin zitierte Gegner der eheweiblichen
+Fabrikarbeit sieht darin allerdings einen glücklichen Ausweg für
+wirklich notleidende Ehefrauen; sie können, so sagt er "in der
+Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel
+Beschäftigung suchen, oder Aufwartungen übernehmen, als Kochfrau oder
+Pflegerinnen gehen etc."[919] Alle diese Beschäftigungen also, die sich
+fast sämtlich des Vorzugs erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle
+und Einschränkung unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren
+Familienpflichten weniger entziehen als die gesetzlich geregelte
+Fabrikarbeit! Zur Durchführung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur
+Zeit einer wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der
+Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind[920]; d.h. er
+will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit gerade dann
+entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er ist naiv genug,
+von den Unternehmern zu erwarten, daß sie gerade dann sich ihrer
+billigsten Arbeitskräfte gutwillig berauben werden.
+
+Aber nicht nur, daß der Erwerbszwang die verheirateten Frauen in die
+sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete drängen würde, er würde, da ihre
+Arbeitskraft ihre Mitgift bedeutet und unerläßlich ist zur Erhaltung der
+Familie, an Stelle der Eheschließung in erweitertem Umfang das
+Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind, an
+dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Anstoß zu nehmen, so
+gewiß ist es doch, daß das Konkubinat unter den heutigen Verhältnissen
+die Frau und ihre Kinder der Willkür des Mannes erbarmungslos aussetzt
+und beide dem tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber
+noch andere Gründe hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur
+unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik führen müssen: Die Fabrikarbeit ist die einzige Form der Arbeit,
+durch die die Frauen in engere Verbindung mit ihren Klassengenossen
+gebracht werden, davon aber hängt ihre Aufklärung, ihre
+Organisationsfähigkeit ab, und ihre stärkere oder geringere
+Organisationsfähigkeit wieder beeinflußt die raschere oder langsamere
+Entwicklung der sozialpolitischen Gesetzgebung.
+
+Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der Ausschluß
+der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen
+Gewerbeinspektorenberichte für 1899 haben das interessante Resultat
+ergeben, daß nach der Aussage der Mehrzahl der Fabrikanten teils nicht
+genug ledige Arbeiterinnen zur Verfügung stehen[921], vor allem aber die
+verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.[922] Die Gründe
+dafür sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen meist um ältere,
+erfahrene Arbeiterinnen, die überdies, weil sie ihren Beruf nicht mehr,
+wie die meisten ledigen, nur als einen Uebergang zur Ehe betrachten,
+besonders eifrig und strebsam sind. Also auch das Interesse der
+Unternehmer spricht gegen ihren Ausschluß. Wer die furchtbaren Schäden
+der Fabrikarbeit verheirateter Frauen ausmerzen will, muß zu anderen
+Mitteln greifen. Er muß sie in stärkerem Maße als bisher der
+Fabrikarbeit zuführen und der Hausindustrie und der Heimarbeit
+entreißen. Die Einrichtung von Schulkantinen und Kinderhorten durch die
+Kommunen und die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit muß damit Hand
+in Hand gehen.
+
+Schon die gegenwärtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit für Frauen
+würde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn sie thatsächlich ein
+Maximalarbeitstag wäre. Unsere Tabelle zeigt aber, daß nicht nur
+Ueberstunden in ausgedehntem Maß bewilligt werden können, sondern daß
+sogar allgemeine Dispensationen für bestimmte Fabrikationszweige im
+Bereiche der Möglichkeit liegen. Besonders die Saison- und
+Campagneindustrien spielen dabei eine große Rolle, d.h. alle diejenigen
+Arbeitszweige, die der Mode im hohen Maß unterworfen sind, oder die von
+Jahreszeiten und Festtagen abhängen. Dazu gehört vor allem die
+Herstellung der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und
+in Paris der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest
+beeinflußt werden. Die Ausnahmebewilligungen und Dispensationen sind
+hier so groß, daß die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur
+Ausnahme wird, und zwar um so mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne
+besondere Erlaubnis möglichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen
+dieser Art kommen, wie die Fabrikinspektoren aller Länder
+übereinstimmend berichten, am häufigsten vor. Wo ein ausgeprägtes
+Solidaritätsgefühl fehlt, wo die Organisation nicht hinter der
+Arbeiterin steht, ist sie nicht nur willenlos gegenüber den Wünschen des
+Unternehmers, sie bietet womöglich selbst die Hand zu ihrer Erfüllung.
+So wird der zehn- oder elfstündige Arbeitstag in der Praxis vielfach zu
+einem zwölf- und dreizehnstündigen.
+
+Aehnlich liegen die Verhältnisse in Bezug auf die Nachtarbeit: sie ist
+im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von Ausnahmen öffnen der
+Uebertretung der Vorschriften Thür und Thor. Nur England und die Schweiz
+erfreuen sich eines absoluten Verbots. In Deutschland wird unter
+bestimmten Bedingungen eine Verlängerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts,
+ein Beginn zwischen 4-1/2 und 5 Uhr früh gestattet, aber auch die
+Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der
+Einschränkung, daß Tag- und Nachtschichten wöchentlich wechseln müssen,
+kann durch den Bundesrat erlaubt werden. Für Molkereien und
+Konservenfabriken, für Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, für
+Ziegeleien und schließlich auch für Konfektionswerkstätten wurden
+Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der Gewährung
+von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit auch in der
+Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Feß- und Zuckerfabrikation,
+sowie in zahlreichen Zweigen der Textilindustrie gestattet. Das
+französische Gesetz wird in gleicher Weise durchlöchert, nur daß es den
+Vorteil bietet, an Stelle der zulässigen zehnstündigen Nachtarbeit
+Deutschlands und der elfstündigen Oesterreichs die siebenstündige
+festgesetzt zu haben.[923]
+
+Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und
+Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bezügliche Verordnung
+auch, hauptsächlich aus religiösen Gründen, straffer gehandhabt wird,
+und Frankreich die Bestimmung getroffen hat, daß für die notwendig
+gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche gewährt
+werden muß.
+
+Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach alledem
+durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn nicht
+annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen, daß der
+Segen, den sie verbreiten sollte, sehr fragwürdig erscheint. Und doch
+ist diese Zwiespältigkeit des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge
+des Standpunkts, den die Regierungen der Arbeiterfrage gegenüber
+einnehmen und der sich dadurch kennzeichnet, daß die Interessen der
+Arbeiter zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den
+Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter
+Arbeiterschutz ist aber nur dann durchführbar, wenn man bei seiner
+Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen hat. Der
+Fortschritt des Arbeiterschutzes hängt darum hauptsächlich von dem
+Einfluß und der Macht der Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der
+Verkürzung der Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das
+Wohl der Arbeiter in erster Linie beruht, ist der größte Nachdruck
+gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und der Schweiz
+beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil für die Industrie
+die Durchführung der Nacht- und Sonntagsruhe möglich, und zwar,
+bestimmte Ausnahmen abgerechnet, auch für Männer. Was die Ueberstunden
+betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, daß ihre völlige
+Aufhebung auch möglich ist, denn sie hat sich trotzdem, oder vielleicht
+gerade deshalb, so großartig entwickelt. Die Unternehmer, die auf die
+Höhe ihres Profits nicht verzichten wollten, sahen sich eben genötigt,
+die fehlenden Menschenkräfte durch schneller produzierende Maschinen zu
+ersetzen,--ein Prozeß, der stets bei der Verkürzung der Arbeitszeit
+eintreten muß, so daß der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten
+Mittel zur Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung
+erweist. Auch für Saison- und Campagneindustrien könnten die
+Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschränkt und der Ausfall durch
+Mehreinstellung von Arbeitskräften wett gemacht werden. Eine künstliche
+Einschränkung der in wilder Hetzjagd einander folgenden Modethorheiten
+wäre auch für die Konsumenten nicht vom Uebel. Zunächst freilich dürfte
+die Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen womöglich
+blos auf solche Fälle, wo Unglücksfälle oder Naturereignisse sie
+unbedingt notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf
+dem Boden internationaler Vereinbarungen auf Erfüllung rechnen kann.
+Selbst die vielfach ans Märchenhafte grenzende Entwicklung des
+Maschinenwesens, die geradezu prädestiniert erscheint, die Arbeitszeit
+immer mehr zu verkürzen, hat unter der gegenwärtig herrschenden
+schrankenlosen Konkurrenz nur dazu dienen müssen, den Profit zu erhöhen.
+Erfindungen, die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei
+Vorteil bringen, ja ihm womöglich nur Kosten verursachen, werden ohne
+äußeren Zwang nirgends eingeführt. Der Staat und die Kommunen, die zwar
+solche Einrichtungen gesetzlich einführen können, die direkt Leben und
+Gesundheit der Arbeiter schützen, aber nicht die Befugnis haben, die
+Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen,
+müßten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen Betrieben darin
+mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es müßte zu den Aufgaben der
+Arbeiterorganisationen gehören, überall für ihre Einführung einzutreten.
+Verbände sich diese Agitation mit einer jedesmaligen Revidierung der
+Lohntarife, so daß durch neue Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter
+verringert würden, so wäre sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur
+Erreichung des Normalarbeitstags.
+
+Erwägungen ähnlicher Art drängen sich auf, wenn wir die Betriebe
+betrachten, aus denen die Frauen in Rücksicht auf ihre Gesundheit
+entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen worden sind. Mit Ausnahme
+derjenigen Beschäftigungsarten, die, wie die Arbeit unter Tage, der
+Transport von Rohmaterial in Ziegeleien u.s.w., ihrer körperlichen
+Konstitution nicht entsprechen, sind es entweder solche, die
+Vergiftungsgefahren mit sich führen, wie die Herstellung elektrischer
+Akkumulatoren aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von
+Arsenik, Nitrobenzin, Bleiweiß u.s.w., oder solche, die die
+Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die Arbeit in
+Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien u.s.w. Frankreich
+ist in diesen Verboten besonders weit gegangen und hat die Frauen fast
+aus der ganzen chemischen Industrie entfernt. Nun haben wir aber bei der
+Betrachtung der Lage der Fabrikarbeiterinnen gesehen, daß Vergiftungen
+durch Blei und Bleiweiß z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen,
+der Ausschluß von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und seiner
+Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir haben ferner
+gefunden, daß die schwersten körperlichen Leiden die Folgen aller Arten
+von Arbeiten sein können. Müssen wir demnach fordern, daß alle diese
+Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewiß nicht! Die
+einzige vernünftige Folgerung wird vielmehr die sein, die
+Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es durchführbar ist, die
+Herstellung gewisser Stoffe ganz zu verbieten. An Mitteln und Wegen dazu
+fehlt es nicht, wohl aber an der nötigen Initiative, sie zu ergreifen
+und diejenigen, die sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen.
+Ein glücklicher Anfang dazu ist kürzlich in Frankreich gemacht worden,
+wo die Benutzung von Bleiweiß bei Anstreicherarbeiten durch einen Erlaß
+des Handelsministers verboten wurde, und Zinkweiß,--das allerdings
+teuerer ist,--an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken,
+besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur, der
+Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird überall Bleiweiß
+verwandt, obwohl es ebenso leicht verhindert werden könnte und auch dann
+verhindert werden müßte, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an
+Glanz und Weiße verlören.
+
+Gewiß muß die Frauenarbeit für bestimmte, die Kräfte der Frau
+übersteigende Arbeiten verboten werden, dies Verbot aber systematisch
+immer weiter auszudehnen ist ein gefährliches Beginnen und zwar
+gefährlich sowohl im Interesse der Frauen als in dem der Männer. Wenn
+die Frauen nämlich prinzipiell aus allen gesundheitsgefährlichen
+Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze für dieses
+Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man gewissermaßen
+durch den Ausschluß der Frauen sein Gewissen und überläßt nunmehr die
+Männer ruhig den gefährlichen Einflüssen der Gifte, der hohen
+Temperaturen u.s.w., als ob sie völlig unempfänglich dafür wären! Der
+richtige Weg wäre vielmehr der, durch Herabsetzung der Arbeitszeit,
+durch genaue Vorschriften in Betreff der Kleidung, durch
+Schutzeinrichtungen aller Art, durch Ventilation, Staubabsaugung,
+gründliche Reinigung, zwangsweise Einführung aller derjenigen Maschinen,
+die die Gefahr verringern, schließlich auch durch Verbot der Herstellung
+entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.[924] Auch hier hätten kräftige
+Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der Thätigkeit vor sich, indem sie
+die Arbeit in gefährlichen, nicht genügend geschützten Betrieben und die
+Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten.
+
+Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche
+Schädlichkeiten ist kein ursprüngliches Charakteristikum ihres
+Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen künstlich
+gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung, unhygienische
+Kleidung, schlechte Ernährung,--viel schlechter als die der
+Männer,--doppelte Arbeitslast, sobald es sich um Verheiratete handelt,
+vor allem aber durch Hungerlöhne. An die Wurzeln des Uebels ist daher
+auch hier die Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den
+Schutz der Arbeiterin auch während der Menstruation für notwendig zu
+erklären. Sehen wir einmal von der Undurchführbarkeit solcher Maßregel
+ab, so haben wir schon einmal betont, daß diese Funktion der weiblichen
+Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die
+Leistungsfähigkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird, so sind
+die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der Entwicklungszeit
+gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will sie zur Kräftigung der
+Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die Arbeitszeit jugendlicher
+Arbeiterinnen auf das äußerste zu beschränken, wenn nicht die
+Erwerbsarbeit der Mädchen unter sechzehn Jahren überhaupt zu verbieten.
+Das könnte für die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen,
+weil sich erwiesenermaßen ein Knabe zwischen vierzehn und sechzehn
+Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der Zeit lebhaftesten
+Wachstums befindet, und ebenso der Schonung bedarf, wie das Mädchen.
+Eine gesunde Arbeiterin, die nicht schon in der frühsten Jugend all ihre
+Kraft dem Erwerb hat opfern müssen, wird dann, wenn sie in das
+Berufsleben eintritt, von der Menstruation nicht mehr spüren, als ein
+Mann vom Schnupfen.
+
+Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und
+Wöchnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der Schwangeren kennt
+nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn Dänemark, wo er sich sogar auf
+vier Wochen ausdehnen soll, einzuführen.[925] Ueber seine Berechtigung
+dürfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob mit einem
+bloßen Arbeitsverbot für eine kurze Zeit vor der Entbindung genug
+geschehen ist. Hirt verlangt, daß die Thätigkeit der Frauen während der
+zweiten Hälfte der Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten
+werden soll; dazu gehört die Näherei, die Färberei und Stoffdruckerei,
+die Fabrikation vom gefärbtem Papier, künstlichen Blumen, Spitzen und
+Phosphorstreichhölzern. Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der
+Erörterung des Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgefährlichen
+Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine
+ganze Anzahl anderer,--ich erinnere nur an die Tabakindustrie,--für die
+Schwangere und den Fötus ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in
+diesem Fall um die kommende Generation handelt, so genügt zu ihrem
+Schutz die Erfüllung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit
+aufstellten, nicht, und es wäre zweifellos das Beste nicht nur für die
+zweite Hälfte der Schwangerschaft,--bekanntlich bringt die erste schwere
+Gefahren mit sich,--sondern für die ganze Zeit der Schwangerschaft
+überhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten. Dadurch aber würde den Frauen
+unter den gegenwärtigen Verhältnissen viel mehr geschadet als genutzt
+werden, denn sie würden sich scharenweise der Hausindustrie und der
+Heimarbeit zuwenden müssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der
+Entbindung ist daher das äußerste, was im Augenblick von der
+Gesetzgebung verlangt werden kann.
+
+Die Wöchnerin erfreut sich jetzt schon fast überall eines Schutzes,
+Frankreich macht beinahe allein eine unrühmliche Ausnahme hiervon, aber
+die Schutzzeit ist nur in der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf
+diejenige Zeit festgesetzt, in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes
+die Rückbildung der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das
+gleichfalls sechs Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die
+Gestattung von Ausnahmen die Regel so gut wie umgestoßen. Aber selbst
+eine sechswöchentliche Schutzzeit ist nur für vollständig gesunde Frauen
+und nur für diese allein ausreichend, das Kind, dem die Mutterbrust und
+die mütterliche Pflege nach dieser Frist schon entzogen wird, hat eine
+nicht viel größere Aussicht das erste Jahr zu überleben, oder, wenn es
+geschieht, sich zu einem kräftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die
+Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen hätte. Angesichts dieser
+Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer längeren
+Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich ausdehnen? Die
+deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion fordert acht Wochen,
+erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale und erstrebenswerteste
+Zustand ist es freilich, wenn die Mutter ebenso wie neun Monate vor so
+neun Monate nach der Geburt von der Erwerbsarbeit befreit ist und den
+Säugling so lange nähren kann, als es sich möglich und notwendig
+erweist. Aber wir haben leider mit sehr realen Verhältnissen zu rechnen.
+Schon heute sehen sich viele Mütter, denen die Thore der Fabrik noch
+geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen, als Heimarbeiterin,
+Aufwärterin u. dergl. dem Verdienst nachzugehen. Ein auf Monate
+ausgedehnter Schutz würde überall zu diesem Resultat führen und jeder
+Art nicht oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung
+verhelfen, während es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade diese aus
+dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier für die Gegenwart
+bescheiden müssen, und den achtwöchentlichen Schutz als die äußerste
+Forderung aufstellen. Im Interesse der Kinder aber muß sie mit
+der Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen
+Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang
+beschäftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu errichten,
+und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den Müttern die Zeit gewährt
+wird, dort ihre Kinder zu nähren. Aber auch hier, wie für das ganze
+Gebiet des Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden
+Fortschritts die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum
+Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen
+dieser einen gegenüber in zweiter Linie. Gerade für die Frau als Mutter
+ist die Beschränkung der Arbeitszeit von der allergrößten Wichtigkeit;
+auf ihr beruht die Möglichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und
+Entwicklungsfähigkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer Kinder.
+
+Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, über das die
+Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf den
+ersten Blick, daß es ein sehr beschränktes ist. Sie finden in allen
+Ländern nur auf die Fabrikarbeiter eine gleichmäßige, allgemeine
+Anwendung, die Arbeiter in der Landwirtschaft und die Dienstboten sind
+ganz davon ausgeschlossen, die Handelsgehilfen, die Kellner und die
+Heimarbeiter fast ganz, nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie
+genießen scheinbar relativ am meisten die Segnungen des
+Arbeiterschutzes. Der Grund für die Zaghaftigkeit der europäischen
+Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegenüber der
+Heimarbeit äußert, ist einerseits die Rücksicht auf die Geschlossenheit
+der Einzelfamilie, und andererseits die Angst, eine der Stützen unserer
+industriellen Entwicklung zu untergraben.
+
+Die gesetzgeberischen Maßregeln, die die _Hausindustrie_ berühren,
+lassen sich in drei Kategorien einteilen: eine, von den Grundsätzen des
+Arbeiterschutzes ausgehende, die gegenüber den Hausindustriellen in
+ähnlicher Weise verfährt, wie gegenüber den Fabrikarbeitern, die
+Schwachen also gegen die allzu rücksichtslose Ausbeutung der Starken zu
+schützen und den wirtschaftlichen Egoismus einzudämmen sucht; eine
+zweite, die den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und
+sich auf sanitäre Vorschriften beschränkt, und eine dritte endlich,
+deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdrücken. Von diesen drei
+Gesichtspunkten aus werden wir die einschlägige Gesetzgebung und ihre
+Wirkungen zu betrachten haben.
+
+Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist die
+landläufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene Forderung, durch
+deren Erfüllung man ihren schädlichen Auswüchsen wirksam zu begegnen
+glaubt. Sie ist denn auch teilweise verwirklicht worden, indem sie aber
+in den europäischen Staaten und auch in einem Teil der außereuropäischen
+vor der Heimarbeit und der Familienwerkstatt Halt machte. In England,
+Frankreich und Oesterreich sind die Werkstätten in Bezug auf den
+Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die
+scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu überschreiten, sofern
+Kinder und junge Leute in ihr beschäftigt werden; Frankreich unterwirft
+auch Werkstätten religiöser Kongregationen und solche, die von
+Wohlthätigkeitsanstalten abhängen, dem Gesetz, während Oesterreich sie
+nicht mit einschließt. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle
+Werkstätten aus, die mehr als 6 Personen beschäftigen, und auf alle ohne
+Unterschied, in denen ein gefährliches Gewerbe betrieben wird.
+Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch auf die Familienwerkstätten,
+in dem einen Fall, soweit 2, in dem anderen, soweit 4 Personen darin
+beschäftigt sind, den Arbeiterschutz ausgedehnt.
+
+Vergegenwärtigen wir uns dem gegenüber einmal die äußere Situation der
+Hausindustrie: sie breitet sich über die großen Städte, wie über die
+kleinen, über das flache Land und das einsame Dörfchen, wie über die
+unzugänglichsten Thäler und Hochplateaus der Gebirge aus. Sie haust im
+Kellerwinkel und in der Dachkammer, sie versteckt sich hinter dem Glanz
+besserer Tage im Salon der Damen der bürgerlichen Welt. Sie hat in den
+Großstädten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer bewegliche
+Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die Scholle, ihre
+Werkstätten sind ebenso schnell aufgeschlagen, wie abgebrochen. Hat der
+gesetzliche Arbeiterschutz dem gegenüber irgend eine Aussicht zur
+Wirksamkeit? Selbst ein Heer von Beamten könnte ihm nicht dazu
+verhelfen. Es ist wohl mit diese Erwägung, die in den Ländern, wo die
+Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die
+Familienwerkstätte außerhalb des Gesetzes stellen hieß. Dadurch
+beschränkt sich der der Aufsicht unterstehende Kreis natürlich
+bedeutend, die Elendesten und Unglücklichsten, zu denen die Frauen und
+Kinder das größte Kontingent stellen, werden damit schutzlos der
+Ausbeutung preisgegeben, ohne daß den Werkstattarbeitern wesentlich
+geholfen wäre. Denn die Schwierigkeit der ausreichenden Beaufsichtigung
+wird noch durch die Stumpfheit der zu Schützenden gesteigert. Die
+Existenz der Hausindustrie beruht im wesentlichen auf der Thatsache, daß
+die menschliche Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die
+notwendige Ergänzung aber der niedrigen Löhne ist die lange Arbeitszeit.
+Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen Bedingungen bisher immer
+unterworfen waren, sind nicht einsichtsvoll genug, um die Durchführung
+der Gesetze zu unterstützen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen
+Kreisen aufgeklärter großstädtischer Arbeiter abgesehen, in der
+Beschränkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene Verminderung ihrer an
+sich schon kärglichen Einnahmen sehen und die Bestimmungen des Gesetzes
+zu umgehen suchen. Dabei ist ihre Organisationsfähigkeit nicht nur
+infolge ihrer niedrigen Lebenshaltung und ihrer Arbeitsüberlastung,
+sondern auch infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so daß auch
+hier nur in seltenen Fällen an die Stelle des einzelnen Schwachen die
+durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten kann.
+
+Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben. Sie haben
+daher verschiedene Versuche gemacht, zunächst einmal den Kreis der
+Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung finden soll,
+festzustellen. Soweit es sich um Werkstätten handelt, haben die
+australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland für sie die alljährlich
+zu wiederholende Registrierung vorgeschrieben und verfügt, daß eine
+Werkstatt erst dann als solche benutzt werden darf, wenn der
+Gewerbeinspektor, dem ihre Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis
+dazu erteilt hat. Durch diese Maßregel sollen einerseits die Werkstätten
+zur Kenntnis der Behörden kommen, andererseits die sanitätspolizeiliche
+Kontrolle von Anfang an ermöglicht werden. Was aber in einem kleinen
+Staate möglich ist, wird in einem großen mit ausgedehnter Hausindustrie
+fast undurchführbar. Denn im Grunde müßte wieder eine Kontrolle
+notwendig sein, um festzustellen, ob die vorschriftsmäßige Anmeldung zur
+Kontrolle auch durchgängig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat
+im Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigentümer,
+eventuell auch den Verleger für die rechtzeitige Anmeldung haftbar zu
+machen.[926] Aber selbst wenn die Kontrolle dadurch gesichert würde,
+bliebe ein großer Nachteil bestehen: nicht immer könnte der
+Gewerbeinspektor zur Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch
+notwendig werdende Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen
+Ausfall am Verdienst.
+
+Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu erfassen, haben
+eine Anzahl nordamerikanischer und australischer Staaten den Verlegern
+die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer Arbeiter zu führen, die auf
+Verlangen dem Gewerbeinspektor vorzulegen sind, und England ist noch
+einen Schritt weiter gegangen, indem es, allerdings nur für eine
+beschränkte, Zahl von Gewerben, verlangte, daß die Werkstattinhaber und
+Liefermeister jährlich zweimal die Namen und Adressen ihrer Arbeiter dem
+Gewerbeinspektor einzureichen haben.[927] Diese Bestimmung ist gewiß
+eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung verdient; einen wirklichen Wert
+aber hat sie nur dann, wenn die Beamten auch im stände sind, sämtliche
+Arbeiter ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der
+Sache, völlig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die Durchführung der
+Schutzgesetze zu gewährleisten, scheint demnach der zu sein, die
+Verantwortlichkeit dafür auf eine Reihe von Personen auszudehnen und so
+eine Art freiwillige Inspektion zu schaffen, die die staatliche
+unterstützt. Die englische Gesetzgebung hat für bestimmte Gewerbe
+demgemäß entschieden und den Unternehmer für haftbar erklärt, wenn seine
+Arbeiter unter gesundheitsgefährlichen Bedingungen beschäftigt werden.
+Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es sich
+etwa um die Beschaffenheit der Werkstätten in sanitärer Hinsicht
+handelt. Das Wichtigste aber, die Sicherstellung der Arbeitszeit, der
+Pausen, des Wöchnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht
+gewährleistet werden, weil auch der Unternehmer keine ständige Kontrolle
+ausüben kann und sich kaum dazu gezwungen sieht, denn er weiß viel zu
+genau, wie selten die Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden
+würde. Was Thun von einem rheinischen Industriellen erzählt, der, als er
+wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe
+verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder aus den
+Kindern heraus"[928], würde sich hier mit einigen Variationen
+wiederholen; die Verantwortlichkeit müßte daher nicht nur von dem
+Unternehmer getragen werden. Beatrice Webb schlägt vor, daß auch der
+Hausherr und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden müßte.[929]
+In New-York ist diese Forderung teilweise zum Gesetz erhoben worden, und
+der Hausherr muß für bestimmte Gewerbe dafür einstehen, daß die Waren
+erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der Werkstätte bei der
+Aufsichtsbehörde erfolgte. Ueber diese Bestimmung hinaus scheint mir die
+Haftbarmachung praktischerweise auch nicht gehen zu können, weil
+andernfalls eine für den Werkstattinhaber und seine Familie
+unerträgliche Chikanierung seitens des Hausherrn daraus entstehen würde.
+Hat der Hausherr oder sein Vertreter,--und man mache sich einmal klar,
+welche Art Menschen das häufig sind, und wie sie von Anfang an dem
+armen Arbeiter mißtrauisch gegenüberstehen,--die Berechtigung, seine
+Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein derjenigen, die ihm aus
+irgend einem Grunde mißliebig sind, zu einem qualvollen gestalten, von
+Uebergriffen aller Art zu geschweigen, die die Folge sein müßten. Diese
+Art Kontrolle könnte außerdem immer nur im Weichbild der Städte möglich
+sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf dem Lande und im Gebirge nicht
+nur häufig Besitzer ihrer armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab
+vom Verleger wohnen.
+
+Noch ein Mittel bleibt zu erwähnen, das für einen begrenzten Kreis von
+Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit sichern helfen
+soll. Es besteht in dem Verbot, den Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach
+Ablauf der Arbeitszeit noch Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist
+in dieser Weise vorgegangen, hat aber ausdrücklich bestimmt, daß nur
+dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn die
+Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit beschäftigt
+wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen Thür und Thor geöffnet, weil
+unmöglich festgestellt werden kann, ob man ihr für den ihr gesetzlich
+zur Verfügung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit nach
+Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des Gesetzes auf
+die Frauen Rücksicht nehmen zu müssen, die, weil sie Kinder zu hüten und
+ein Hauswesen zu leiten haben, nur stundenweise in der Werkstatt
+arbeiten können; ihnen wollte man nicht die Möglichkeit rauben, durch
+häusliche Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erhöhen, und opferte
+dieser Rücksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer Frauen, denen
+dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit aufgebürdet werden kann, daß sie
+zwar zu Hause bis in die Nacht hinein arbeiten müssen, aber weder Zeit
+finden, für ihre Kinder, noch für ihr Hauswesen zu sorgen. Soll,
+wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche
+Arbeiterin vor Ausbeutung geschützt werden, so muß das Verbot, Arbeit
+mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein.
+
+Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die
+Hausindustrie läuft darauf hinaus, daß alle Bemühungen, sie in vollem
+Umfang durchzusetzen, fruchtlose bleiben. Der wesentliche Grund dafür
+ist der, daß die Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte
+Rinnsale auseinanderfließen, die sich notwendigerweise der Aufsicht
+entziehen. In dem schmerzlichen Gefühl der Resignation angesichts dieser
+Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf beschränkt, die
+Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine sanitäre Vorschriften
+abzuschwächen. Sie gingen dabei ursprünglich nicht vom Interesse der
+Arbeiter, sondern von dem der Konsumenten aus, die sie vor dem Einfluß
+der unter gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu
+schützen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union ist dieses
+System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren Herd die
+Schwitzhöhlen der Hausindustrie waren, gaben den Anstoß dazu. Man
+verfügte, um die gefährliche Ueberfüllung der kleineren Arbeitsstuben zu
+vermeiden, daß in den Zimmern der Mietshäuser, die zugleich zum Essen
+und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskräfte zur Herstellung
+verkäuflicher Waren nicht beschäftigt werden dürfen. Es war dies
+zugleich ein erster, vielverheißender Schritt zur zwangsweisen
+Einrichtung abgesonderter Werkstätten, es war aber auch zugleich eine
+indirekte Unterstützung der Familienwerkstätten, in denen die Ausbeutung
+ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer der billigsten
+Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine Ausbreitung der Heimarbeit
+eher fördern als hindern helfen.[930] Um aber auch die Familienwerkstatt
+und ihre Gesundheitsverhältnisse unter Aufsicht halten zu können, wurde
+ihre Anmeldepflicht bei der Sanitätspolizei und ihre Lizenzierung durch
+sie eingeführt. Für die Befolgung dieser Vorschrift machte man in
+New-York den Hausherrn, in Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese
+Weise werden die Arbeitsräume, zum Teil nur soweit sie der
+Konfektionsindustrie dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit
+überhaupt Waren darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der
+Sanitätsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das Verbot,
+Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten herrschen,
+das auch England erlassen hat, sind die natürliche Folge hiervon. Man
+ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter gegangen, In New-York,
+Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das Gesetz, daß Waren, von denen
+in Erfahrung gebracht wird, daß sie Werkstätten oder Familienbetrieben
+entstammen, die einer Lizenz ermangeln, oder daß sie sonst unter
+ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanitäts- oder Gewerbeinspektor
+mit einer Marke versehen werden müssen, die die Bezeichnung Tenement
+made enthält, also sowohl Händler wie Konsumenten vor dem Kauf
+abschreckt. Waren, die in Räumen verfertigt wurden, in denen ansteckende
+Krankheiten herrschen, müssen nach der Markierung desinfiziert werden
+und zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von auswärts
+eingeführte Verkaufsgegenstände. Diese ganze, in der Idee gut gemeinte
+Einrichtung trägt aber den Stempel völliger Unzulänglichkeit schon an
+der Stirn, ja sie führt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer vermöchte
+dafür einzustehen, daß jedes Kinderjäckchen, das im Zimmer des
+Typhuskranken entstand, jede Cigarre, die neben dem Bett des
+Schwindsüchtigen gearbeitet wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am
+Bett ihres diphtheritiskranken Kindes nähte, kontrolliert und markiert
+werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und Blusen,
+die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen versandt
+werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder nicht? Die Angst
+vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt die Heimarbeiter aber
+auch zu einem förmlichen System der Verheimlichung und Vertuschung. Noch
+später als bisher werden sie sich entschließen, den Arzt zu holen oder
+ansteckende Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die
+verhängnisvolle Marke an den Waren hängt, wird sie auf der großen Reise,
+die sie antritt, trotz aller auf ihre Beschädigung oder Entfernung
+verhängten Strafen, daran bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, daß
+ein gesäumtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem Entstehungsort bis
+zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden können! Haftet aber die
+Marke trotz alledem, so wird die traurige Scheidung zwischen Reich und
+Arm noch in erweitertem Maße als bisher sich vollziehen: es werden
+Kreise von Händlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und
+sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf
+nehmen, wenn sie dafür weniger zu bezahlen brauchen. Also selbst die
+Durchführbarkeit der Markierungsvorschriften vorausgesetzt, würden sie
+nur dem Schütze der begüterten Käufer dienen.
+
+Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die
+Hausindustrie-Gesetzgebung zu kämpfen hat, und an denen sie nach jeder
+Richtung hin scheitern muß, vergegenwärtigen, so zeigt es sich, daß sie
+sich alle unter dem einen Wort Heimarbeit zusammenfassen
+lassen,--Heimarbeit im weitesten Sinn, die sowohl die Arbeit der
+einzelnen Frau in ihrem Stübchen, als die Familienwerkstatt und die
+kleine Werkstatt der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten Räumen
+in sich begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die
+Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu überbrücken vermochte, in den sie
+vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen hinabstößt, vor
+allem die schwächsten, die Kinder und die Frauen. Um den
+Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die Kosten der Fabrikanlagen zu
+ersparen und das Risiko der stillen Zeiten und der Krisen auf die
+Arbeiter abzuwälzen, hat das Unternehmertum die Hausindustrie
+großgezogen. Wird sie von der Gesetzgebung gleichfalls erfaßt, so wirft
+sich die Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so
+geringfügige Vorschrift wie die deutsche Konfektionsverordnung, hat
+vielfach schon eine Zunahme der Heimarbeiter zur Folge gehabt[931], und
+die Einführung des achtstündigen Normalarbeitstages für Fabriken und
+Werkstätten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins Leben
+gerufen.[932] Vor ihr aber steht, unter dem Banne geheiligter
+Traditionen der europäische Gesetzgeber still, der die Schwelle des
+Hauses nicht zu überschreiten wagt, auch wenn sie längst nicht mehr zu
+den heimlichen Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die
+düstere Werkstatt der Familienausbeutung führt. Vielleicht hält ihn auch
+eine unbestimmte Furcht zurück, die Grenzen seiner Macht, der für
+grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der Amerikaner und der Australier,
+den sentimentale Rücksichten nicht mehr in dem Maße beherrschen, hat
+sich den Eintritt erzwungen, aber all seine Pillen und Tränke, die er
+gegen die große Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos
+geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist eine
+Krankheit, die rettungslos zum Tode führt. Viele verschließen sich der
+Richtigkeit dieser Diagnose, andere erkennen sie an, aber nach dem
+Beispiel der Aerzte am menschlichen Totenbett suchen sie das
+entfliehende Leben mit allen Mitteln der Kunst aufzuhalten, und nur sehr
+wenige sehen darin die ärgste Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar
+erleichtern, den Auflösungsprozeß aber beschleunigen. Es kann nach allem
+bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir uns zu
+stellen haben.
+
+Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der
+Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bemühung um
+bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der
+organisationsunfähigen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung der
+Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die Schneider
+führten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer, um sie zu zwingen,
+alle Arbeiter nur in eigenen Werkstätten zu beschäftigen. Die
+Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel durch Arbeitseinstellungen, die
+Schneider blieben fast ganz erfolglos, auch ihr Appell an die
+Konsumenten, nur in solchen Geschäften zu kaufen, die in
+Betriebswerkstätten arbeiten lassen, fand nicht das Gehör, das notwendig
+gewesen wäre, wenn es hätte Eindruck machen sollen.[933] Ein Teil der
+englischen Sozialdemokratie, die auf dem Züricher Arbeiterschutzkongreß
+vertreten war, sprach sich im Sinne der Arbeiter aus und befürwortete
+eine Resolution, die die Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der
+notwendigen, gesetzgeberischen Maßregeln hinstellte. Aber selbst vor
+diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung,
+Betriebswerkstätten einzurichten, traten auch die deutschen Arbeiter
+1895 vor die Konfektionäre, und legten, um den Streit auszufechten, im
+Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das völlig ungenügende Gesetz, das
+die Werkstattarbeiter der Konfektion der Arbeiterschutzgesetzgebung
+unterstellte, war die Folge ihres Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der
+er ausging, geschah nichts.[934]
+
+Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung von
+Betriebswerkstätten, die noch dazu, wo der Wunsch danach bisher
+auftauchte, von keinem Parlament befürwortet wurden, ist von ihrem
+Standpunkt aus vollkommen erklärlich: die Errichtung oder Miete von
+Räumen für die Werkstätten, die Anschaffung von Maschinen, die
+Anstellung von Werkführern, und nicht zum mindesten die schließlich
+folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und der
+Arbeiterversicherung, denen sie bei der Beschäftigung von
+Hausindustriellen fast ganz entgehen, würde eine Kapitalanlage erfordern
+und den Profit zunächst so beschneiden, daß auch für die Zukunft an ein
+Nachgeben der Unternehmer um so weniger zu denken ist, als die in
+Betracht kommenden Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu
+einer geschlossenen starken Organisation, die ihren Wünschen den nötigen
+Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen sind
+einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe geschritten. In
+Genf und Lausanne, in Bern und in Zürich waren es die Schneider, die
+sich mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft eigene Werkstätten
+einrichteten, in Wien thaten die Meerschaumschnitzer das gleiche.[935]
+Die ganze Bewegung beschränkte sich aber auf kleine Kreise, weil
+einerseits keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das
+nötige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen und
+Anwendung motorischer Kräfte schnellere und bessere Arbeit zu liefern,
+und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden abzugraben. Die
+Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich um Unterstützung
+wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer Bestrebungen an, glaubte
+aber, in Rücksicht auf den Stadtsäckel, keinen Präzedenzfall schaffen zu
+dürfen.
+
+Ein anderes Mittel, die Heimarbeit möglichst einzuschränken, forderte
+ein Gesetzentwurf, den der Minister Peacock 1895 dem Parlament von
+Viktoria vorlegte, der sich aber auch nur auf die Konfektionsindustrie
+bezog. Er enthielt die Bestimmung, daß Heimarbeiter nur gegen
+Erlaubnisscheine beschäftigt werden dürften, und zwar sollten nur
+diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und dabei aus
+irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf Anspruch erheben
+können; diese Einschränkung aber hätte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit
+getreten wäre, seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und
+durchgreifender erscheint daher der Vorschlag eines deutschen
+Sozialpolitikers, der gleichfalls in der schließlichen Unterdrückung der
+Heimarbeit die einzige Lösung der brennenden Frage sieht, und zwar den
+gegenwärtig beschäftigten Heimarbeitern ihre Arbeit im eigenen Haus
+gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch gestatten, neu eintretende
+aber davon ausschließen will, so daß die Heimarbeit dadurch auf den
+Aussterbeetat gesetzt wird.[936] Die hier gekennzeichneten Forderungen
+und Wünsche sind, jede für sich, berechtigt, aber sie sind entweder in
+der angegebenen Form unerfüllbar, oder sie würden sich, wenn sie
+verwirklicht wären, der großen Aufgabe gegenüber als viel zu schwach
+erweisen. Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer
+grausamen Härte werden, nur das Resultat einer systematischen
+Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen, das
+Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster Schritt
+zu diesem Ziel wäre die Verbindung von Wohnung und Werkstatt allen
+denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei sich beschäftigen, und
+die Mitgabe von Arbeit nach Hause ausnahmslos zu untersagen; die
+Gewerbeinspektoren, deren Zahl um ein beträchtliches erhöht werden
+müßte, hätten die Durchführung der Vorschrift zu beaufsichtigen, während
+die Verantwortung dafür auch vom Verleger zu tragen wäre. Um aber zu
+gleicher Zeit die Zwischenmeister, häufig selbst nur wenig besser
+gestellte Proletarier, nicht zu ruinieren, müßten alle Gemeinden, in
+deren Bereich sich hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet
+werden unter Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere,
+allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Räume, womöglich eigens
+für den Zweck erbaute fabrikähnliche Gebäude mit Motorbetrieb, den
+Hausindustriellen gegen eine Miete, die die früher dafür aufgewendeten
+Mittel nicht übersteigen dürfte, zur Verfügung zu stellen. Auf
+alle diese Werkstätten wären sodann sämtliche Vorschriften
+der Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und
+Kommunalverwaltungen hätten die Verpflichtung einzugehen, ihre Aufträge
+nur von solchen Werkstätten ausführen zu lassen.[937]
+
+Bliebe man aber hierbei stehen, so würden die Familienwerkstätten
+selbstverständlich, den Erfahrungen in anderen Ländern entsprechend,
+enorm zunehmen. Dem müßte die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr
+das Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die
+Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in Rücksicht auf
+zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege alter Angehöriger oder durch
+eigene Gebrechlichkeit gezwungen sind, daheim zu bleiben, wären zunächst
+Erlaubnisscheine für die Ausübung ihres Berufes im Hause zu erteilen.
+Nach dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen hätte die kommunale
+Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen Heimarbeitern
+zuzuwenden und nach Maßgabe des Bedürfnisses, Kinderkrippen und
+Kinderhorte, Heimstätten und Siechenhäuser zu schaffen oder zu
+erweitern, oder durch direkte Unterstützung da einzugreifen, wo es not
+thut, so daß nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit sämtliche
+Heimarbeiter in die Werkstätten übergeführt werden könnten, und die
+Kinder, die Alten und Leidenden versorgt sind. Die selbstverständliche
+Voraussetzung für den Eingriff der Armenpflege wäre natürlich, daß alle,
+die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des
+Wahlrechts, in Fortfall kämen. Die Pflege der Kranken, Alten und
+Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren Erfüllung sie
+Anspruch haben, und die Armut gewissermaßen zu bestrafen, ist ein
+trauriges Zeichen für die völlige Verwirrung klarer Begriffe.
+
+Nachdem alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, könnte gegen die
+Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen wird, mit größerem
+Nachdruck vorgegangen werden. Die Näherei in all ihren verschiedenen
+Zweigen käme zunächst in Betracht, weil sie sich am leichtesten überall
+zu verbergen vermag. Hier müßte eine neue Maßregel einsetzen: das
+Verbot des Antriebs der Maschinen durch menschliche Kraft überall dort,
+wo nicht für den Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, daß
+nach Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einführung des
+Dampfbetriebs in der Näherei mehr als manches andere zur Hebung der
+Gesundheit beitragen würde[938], wäre diese Vorschrift leicht
+durchführbar, weil das Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert,
+um so mehr, wenn in diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede
+industrielle Arbeit in Miets- und Wohnhäusern, sowohl für die Arbeiter
+als für die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen
+würde.[939]
+
+Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer
+allmählichen Entwicklung, immer nur in den Städten, wo die Arbeiter sich
+zusammendrängen und die Aufsicht leichter möglich ist, durchführbar.
+Sind sie aber hier in Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der
+modernen Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskräfte
+aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung, der
+in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das Land, in
+die einsamen Thäler, auf die fernen Höhen werfen. Um hier denselben
+Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung zu verschaffen, muß die
+Verkehrspolitik in ihren Dienst gestellt werden.[940] Jede Eisenbahn,
+jede gute Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte
+Thatsache, über die Naturfreunde nicht genug klagen können, daß der
+Fabrikschornstein überall emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die
+Vereinigung der ländlichen Hausindustriellen in Werkstätten wird sich
+mit dieser Unterstützung allmählich auch durchsetzen lassen. Zur
+Schaffung der Werkstätten könnten die Arbeitgeber um so straffer
+herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren Löhne, gegenüber den
+Arbeitgebern der städtischen Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind.
+
+Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In New-York und
+Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer strengen Regelung
+unterliegt, haben die Konfektionäre sich ihr dadurch zu entziehen
+gewußt, daß sie ihre Waren aus anderen Staaten beziehen, die solche
+Gesetze noch nicht kennen, und in die die Schwitzmeister von New York
+und Massachusetts massenhaft übersiedelten. Dasselbe würde sich in
+Europa wiederholen, wenn die Gesetzgebung zur Bekämpfung der
+Hausindustrie sich auf ein oder zwei Länder beschränken würde. Die
+Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends
+stärker hervor als hier, und es wäre an der Zeit, daß wenigstens
+zunächst einmal die internationalen Gesellschaften für Arbeiterschutz
+sich eingehend mit dieser Frage beschäftigen möchten, statt daß sie ihre
+Universalität durch eine oberflächliche Vielseitigkeit beweisen zu
+müssen glauben. Vor allem aber sollte die Arbeiterschaft aller Länder,
+ihr ein thatkräftiges Interesse zuwenden, und in den Parlamenten
+einmütig ihr gegenüber Stellung nehmen, denn von der Unterdrückung der
+Hausindustrie hängt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die Vereinigung der
+männlichen und weiblichen Arbeiter in den Werkstätten wird ihre
+Aufklärung fördern und ihre gewerkschaftliche Organisation ermöglichen.
+Solange sie wie die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den
+organisierten Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder
+streitig machen. Lohnerhöhungen insbesondere, vor allem feste
+Lohntarife, jene wichtige Aufgabe der Arbeiterverbände, von deren
+Erreichung die Sicherheit der Existenz vielfach abhängt, werden, solange
+die Hausindustrie besteht, nur selten zu erkämpfen und noch seltener
+festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt es noch Leute
+genug, die zwar die Schäden der Hausindustrie anerkennen, trotzdem aber
+vor durchgreifenden Maßnahmen zurückscheuen, weil sie die Familie und
+die Freiheit des Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch
+zweifellos, daß es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die
+Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne Härten nicht
+abgehen wird. Wo aber in der Welt wäre der Fortschritt leicht erkauft
+worden? Gegenüber allen Arbeiterschutzgesetzen hat es Menschen gegeben,
+die sich in ihrer Freiheit beschränkt, in ihrem Verdienst geschmälert
+sahen. Die allmähliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat
+gewiß schwere Wunden geschlagen und schlägt sie noch heute, für die
+Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der Sozialreformer aber und
+der Gesetzgeber dürfen nach den Gefühlen Einzelner nicht ihre
+Handlungen einrichten, sie haben vielmehr die Aufgabe, den
+Entwicklungstendenzen nachzuspüren und diejenigen zu fördern, durch die
+die Menschheit im allgemeinen zu höheren Daseinsformen gehoben werden
+wird. Die Hausindustrie hält sie auf der Stufe physischer und geistiger
+Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen
+Verhältnissen, darum muß auch hier das sentimentale Mitleid von der
+ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden Menschenliebe überwunden
+werden.
+
+Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit hindurch
+auch die _Handelsgehilfen_. Und sie selbst, die den Unterschied zwischen
+sich und den Fabrikarbeitern stets scharf betonten, wünschten auch auf
+diesem Gebiet keine Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842
+gegründete englische Verein zur Erkämpfung des frühen Ladenschlusses,
+nach fast fünfzigjährigen vergeblichen Bemühungen einsah, daß auf dem
+Wege der Selbsthilfe nichts zu erreichen war, trat er für gesetzliche
+Maßregeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die kaufmännischen Vereine
+Deutschlands bestimmte Forderungen an die Gesetzgebung. Die Entstehung
+der Großbetriebe auf dem Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung
+vorgearbeitet, denn sie verwandelte langsam die Masse der jungen
+Kaufleute, die ihre Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur
+eignen Selbständigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in
+abhängiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines gesetzlichen
+Schutzes bedürfen. Der erste Schritt hierzu war die gesetzliche
+Fixierung einer wöchentlichen Maximalarbeitszeit von 74 Stunden für
+Ladengehilfen unter 18 Jahren in England, der aber über ein Jahrzehnt
+hindurch nur zur Ausfüllung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle
+über seine Ausführung vorhanden war. Der Londoner Grafschaftsrat
+entschloß sich erst vor wenigen Jahren zur Anstellung von
+Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine große Zahl von
+Gesetzesübertretungen konstatieren konnten. Die einzige Bestimmung, die
+diesem vielverheißenden Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die
+Vorschrift, in allen Läden, wo weibliche Verkäufer thätig sind, Sitze
+für sie aufzustellen,--eine Vorschrift, betreff deren eine Anzahl
+nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel vorangegangen war und die
+auch von Deutschland und Frankreich neuerdings erlassen wurde. Die
+schweren Schäden aber, mit der die Arbeit im Handel die Angestellten
+bedroht, sind damit noch kaum berührt, und doch schien es, als ob die
+wichtigste Reform, die Verkürzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen
+wäre. Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erkämpfen; aber sie blieb
+problematisch und besteht im Grunde nur in einer Beschränkung der
+Sonntagsarbeit, denn nicht nur, daß alle Handelsgehilfen in Deutschland
+eine fünf-, in Oesterreich sogar eine sechsstündige Sonntagsarbeit
+haben, für eine Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch
+zuungunsten der Angestellten aufgehoben. daß nach dieser Erfahrung die
+Verkürzung der täglichen Arbeitszeit noch auf größere Schwierigkeiten
+stoßen würde, war vorauszusehen.
+
+Als die deutsche Kommission für Arbeiterstatistik auf Grund der
+Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen stellte, erhob
+sich ein Sturm der Entrüstung in der Handelswelt. Eine ganze Anzahl von
+Arbeitgeberverbänden und Handelskammern hielt die vorgeschlagene
+Festsetzung des Achtuhrladenschlusses nicht nur für den Anfang ihres
+Ruins, sondern auch für verderblich für die Angestellten, die dadurch
+zur mißbräuchlichen Verwendung der freien Zeit, zu Leichtsinn und
+Unsittlichkeit verführt werden würden. Der "Eingriff des Staates in die
+Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie einst die gesetzliche Regelung der
+Fabrikarbeit schroff zurückgewiesen und für eine Kränkung der Berufsehre
+angesehen.[941] Trotzdem gelangte schließlich der Neunuhrladenschluß zur
+Annahme. Im weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die
+Gewährung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden und die
+Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald die Mahlzeit
+außer dem Hause eingenommen wird, obligatorisch gemacht. Aber wie bei
+der Arbeiterschutzgesetzgebung überhaupt, so wurden diese Bestimmungen
+durch die Zulassung einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn
+nicht nur, daß sie auf Arbeiten, die zur Verhütung des Verderbens von
+Waren sofort vorgenommen werden müssen, auf die Aufnahme der Inventur,
+sowie bei Neueinrichtungen und Umzügen keine Anwendung finden, die
+Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10 Uhr abends verlängert, die
+an sich schon spärliche Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten
+vollends fast ganz aufgehoben werden. Unberührt von irgend welchen
+durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafräume der Angestellten,
+die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des Chefs sich befinden,
+viel zu wünschen übrig lassen. Selbst über die Einrichtung der
+Geschäftsräume bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings
+durch Verordnung des Bundesrats genauer präzisiert werden können. Bisher
+ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit der Verkäuferinnen
+geschehen. Alle diese Reformen haben blos den Wert erster Versuche, um
+so mehr, als keine besondere Kontrolle ihnen Nachdruck verleiht, ihre
+Durchführung vielmehr nur unter Aufsicht der Ortspolizeibehörden
+gestellt ist.
+
+Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung äußerst vorsichtig
+vorgegangen. Das gilt im besonderen in Bezug auf die Lehrlingszüchterei.
+Wie die Erhebungen der Kommission für Arbeiterstatistik ergaben, besteht
+sie in ausgedehntem Maß im deutschen Handel. Je kleiner die Geschäfte,
+desto mehr suchen sie sich mit den billigsten Arbeitskräften zu
+behelfen, es zeigte sich sogar, daß von 8235 Betrieben 671 mehr
+Lehrlinge als Gehilfen und 659 überhaupt nur Lehrlinge beschäftigen; die
+Konkurrenz, die dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung
+jugendlicher Arbeitskräfte, die daraus klar genug hervorgeht, hätten
+eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begnügte man sich mit
+der allgemeinen Bestimmung, daß der Lehrherr nur soviel Lehrlinge halten
+darf, als im Verhältnis zum Umfang und der Art seines Betriebes steht
+und ihre Ausbildung dadurch nicht gefährdet wird. Allerdings wurde auch
+hier für den Bundesrat eine Thür offen gelassen, der befugt ist, durch
+besondere Vorschriften einzugreifen,--das bekannte deutsche Mittel,
+womit man glaubt, dem Reformbedürfnis Genüge zu thun.
+
+Nicht anders verhält es sich in Bezug auf einen anderen Uebergriff der
+Geschäftsleiter, der geeignet ist, den Handelsgehilfen in seinem ganzen
+Fortkommen zu behindern: der sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht
+darin, daß sich der Gehilfe dem Chef gegenüber verpflichtet, falls er
+seine Stellung verläßt, im Verlauf einer gewissen Zeit entweder in der
+Nähe kein eigenes ähnliches Geschäft zu gründen, oder eine geraume Zeit
+hindurch, die zuweilen bis zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein
+ähnliches Geschäft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele
+Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den Klassencharakter
+an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm verlangen, daß er selbst
+über sein persönliches Abhängigkeitsverhältnis hinaus, auf die
+Interessen und den Profit des Chefs Rücksicht nimmt. Und die Gesetzgeber
+haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der
+Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen
+Bestimmung haben sie sich entschließen können: daß solche Vereinbarungen
+zwischen Unternehmern und Angestellten nur dann verbindlich sind, wenn
+sie nicht die Grenzen überschreiten, durch welche "eine unbillige"
+Erschwerung ihres Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit
+Minderjährigen sind sie überhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz
+im Handel erschöpft: er läßt eine zwölf-, dreizehn-, ja selbst eine
+vierzehnstündige Arbeitszeit zu, die bestenfalls durch eine Pause von
+1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet die Ausbeutung
+jugendlicher Arbeitskräfte und erlaubt, daß der Gehilfe in seinem
+berechtigten Streben nach sozialem Fortkommen gehindert wird! Und doch
+repräsentiert die deutsche Gesetzgebung den Fortschritt auf dem
+europäischen Kontinent.
+
+In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar in
+ähnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist noch weniger
+sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf jede Weise
+durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie besteht, ist sie
+ebenso wie der Ladenschluß die Folge langjähriger Kämpfe der
+Organisationen der Handelsangestellten, die sich um so kräftiger
+entwickeln konnten, als das Uebergewicht der großen Warenhäuser
+gegenüber den kleinen schon früh in Erscheinung trat. Die
+fortgeschrittenste Gesetzgebung repräsentiert Australien und
+Neu-Seeland. Die Ladenschlußstunde ist teilweise schon auf sechs Uhr und
+nur an einem oder zwei Wochentagen auf spätere Abendstunden festgesetzt.
+Außer der vollen Sonntagsruhe wird den Angestellten ein halber freier
+Wochentag gewährleistet. Für jugendliche und weibliche Gehilfen besteht
+vielfach der acht- oder neunstündige Arbeitstag. Wie es heißt, haben
+diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich geführt.
+Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht, wie die Gegner
+gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe verlangen.[942]
+
+Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch die
+Rücksicht auf das Publikum, die man immer zu haben vorgiebt, wenn man
+eine Verkürzung der Arbeitszeit für undurchführbar erklärt, nicht
+hintangehalten werden. Vor allem aber müßten besondere Organe, sowohl
+eine Handels- als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer
+Durchführung Sorge tragen. Eine Ergänzung müßte sie durch Bestimmungen
+finden, die je nach der Größe und der Art des Betriebs die Minimalzahl
+der Anzustellenden festsetzen. Was helfen die schönsten
+Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders in den großen Warenhäusern der
+Fall ist, die Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden,
+die jede Möglichkeit zum Ausruhen ausschließt. Wie auf anderen Gebieten,
+so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen Entwicklung, die zum
+Großbetrieb drängt, und mehr und mehr einen Arbeiterstand im Handel
+schaffen hilft, die Bahn frei zu machen. Denn die Durchführung des
+Arbeiterschutzes und sein Ausbau wird im Handel ebenso wie in der
+Industrie durch das mehr oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der
+großen über die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng
+damit zusammenhängende Organisationsfähigkeit der Arbeiter und ihre
+Unterstützung gewährleistet werden.
+
+Für alle bisher berührten Arbeitsgebiete ist der Arbeiterschutz unter
+bestimmten Voraussetzungen bis zu einer gewissen Grenze durchführbar,
+und man hat überall wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollständig
+unberührt von ihm blieb die _Landwirtschaft_. Die Ursache davon beruht
+nicht nur auf der Meinung, daß der Landarbeiter eines Schutzes nicht
+bedürfe,--sie ist durch offizielle und private Untersuchungen schon gar
+zu oft erschüttert worden,--sondern mehr noch darauf, daß die
+landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen
+läßt wie die industrielle und kommerzielle, und die Bedingungen ihrer
+Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des Arbeiterschutzes, wie
+wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in Bezug auf wenige
+Bestimmungen möglich. Aber auch die Durchführung jedes besonderen
+Landarbeiterschutzes hängt so eng mit den Problemen der agrarischen
+Fragen zusammen, daß es eines Werkes für sich bedürfen würde, um ihn
+theoretisch zu erörtern und praktisch festzusetzen. Nur allgemeine
+Gesichtspunkte können im Rahmen dieser Arbeit beleuchtet werden.
+
+Wir haben bisher gesehen, daß der Grad der Durchführbarkeit des
+Arbeiterschutzes wesentlich davon abhängt, in welchem Maße die zu
+schützenden Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit
+vorgeschritten und wie weit sie infolgedessen im stande sind, für die
+Wahrung ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber
+tritt in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte
+Saisonarbeiten,--z.B. die Frühjahrsbestellung, die Ernte, der
+Zuckerrübenbau,--die Heranziehung einer größeren Menge von Arbeitern
+nötig machen. Zur Förderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine
+schon viel beigetragen; die Einführung anderer Maschinen, womöglich mit
+Hilfe elektrischer Motoren, müßte weiter revolutionierend wirken. Um dem
+Arbeiterschutz eine Grundlage zu schaffen, wäre es demnach notwendig,
+diese Entwicklung auf jede Weise zu fördern. Eines der wichtigsten
+Mittel dazu ist die Unterstützung der landwirtschaftlichen
+Genossenschaften, die allein im stande sind, die Nachteile des
+Kleinbetriebs durch gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum
+Großbetrieb zu fördern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der
+landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen
+Tagelöhner, gefördert werden. Sie wird in der Gegenwart als eine die
+Interessen der einheimischen Arbeiter schädigende betrachtet. Und mit
+Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden Arbeiter sozial
+tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat die Sozialpolitik
+zunächst einmal hier einzugreifen. Das kann auf dreierlei
+Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug auf die
+Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und die Schaffung einer ländlichen
+Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder Saisonarbeit besonders
+angepaßte Beschränkung des Arbeitstags, und durch direkte Förderung
+der Organisation der Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer
+landwirtschaftlichen Betriebsinspektion wäre im Anschluß hieran
+notwendig, aber, bei dem großen Umfang des ihr unterstehenden Gebiets,
+wäre zunächst an einschneidende direkte Folgen ihrer Thätigkeit
+ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung der Schutzgesetze
+selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der staatlichen Verwaltung
+ihre Durchführung sicherte. Ihre Bedeutung wäre für den Anfang
+wesentlich eine erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer
+Arbeit in ihre Heimat zurückkehren, kämen mit anderen Begriffen und
+Bedürfnissen heim, als sie gegangen sind, und würden auf die
+Zurückgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so daß eine allmähliche
+Hebung ganzer Volksschichten ermöglicht würde. Sie müßte aber auch noch
+von anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot
+der ländlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit für junge Leute unter
+achtzehn Jahren. Wenn in Rücksicht auf die Gefährdung der Sittlichkeit
+durch die Wanderarbeit zuweilen gefordert wird, daß dies Verbot auf alle
+minderjährigen Mädchen ausgedehnt werden soll[943], so scheint mir das
+zu weit zu gehen. Von diesem Standpunkt aus müßte man sie überhaupt alle
+zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur Genüge gesehen haben,
+kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre Sittlichkeit nicht gefährdet wird.
+Hielte man sie aber nur von der Wanderarbeit zurück, so wären sie
+gezwungen, sich einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr
+scheint mir dagegen für beide Geschlechter eine angemessene Grenze
+darzustellen. Die notwendige Ergänzung des Arbeitsverbots müßte die
+Erweiterung des Schulzwangs und die Einrichtung ländlicher
+Fortbildungsschulen sein, deren Besuch obligatorisch wäre. Aber die
+Wanderarbeiter rekrutieren sich nicht nur aus der einheimischen
+Bevölkerung. Nach Deutschland kommen sie aus Rußland, nach Frankreich
+aus Belgien, selbst die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach
+schon als eine Möglichkeit zur Steuerung der ländlichen Arbeiternot
+hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche
+Besserung der Zustände auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt doch auch
+hier, was für die Hausindustrie gilt, daß eine internationale Regelung
+erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen sein kann. Immerhin aber werden
+die nationalen Reformen auch auf die ausländische Arbeiterschaft ihren
+erzieherischen Einfluß nicht verfehlen.
+
+Auf viel größere Schwierigkeiten stößt der Schutz der ortseingesessenen
+landwirtschaftlichen Arbeiter infolge ihrer Vereinzelung und des Mangels
+an Aufklärung, der besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine
+Ursache hat. Trotzdem müßte auch hier die grundlegende Bestimmung jedes
+Arbeiterschutzes, die Beschränkung der Arbeitszeit, der keine
+technischen Schwierigkeiten gegenüberstehen, zur Durchführung gelangen,
+und durch eine ausreichende staatliche Aufsicht unterstützt werden. Alle
+Verordnungen ferner, die das Koalitionsrecht der Landarbeiter
+einschränken oder ganz illusorisch machen, müßten aufgehoben werden,
+auch wenn zunächst noch nicht erwartet werden könnte, daß sie sich als
+fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen gewährten Recht den für
+sie vorteilhaftesten Gebrauch zu machen. Die Verbesserung der
+Wohnungsverhältnisse durch eine Wohnungsinspektion, das Verbot, die
+öffentliche Stellung eines Amtmanns oder Landlords mit der privaten des
+Arbeitgebers in einer Person zu vereinigen, wären geeignet, manche
+Unzuträglichkeiten aus dem Wege zu räumen. Denn jedes Mittel zur Hebung
+der sozialen Lage und zur Unterdrückung persönlicher Abhängigkeit, wäre
+zugleich ein Mittel zur Durchführung des Arbeiterschutzes; daher ist
+auch jeder Rest feudaler Arbeitsverhältnisse, wie das Insten- und
+Deputantentum zu bekämpfen.[944] Für die Frauen aber gilt es mit allem
+Nachdruck auf die Durchführung einer Arbeiterschutzvorschrift
+hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf die Landarbeit von größter
+Bedeutung ist: das Arbeitsverbot für Schwangere und Wöchnerinnen. Wie es
+möglich ist, zu behaupten, daß die Lohnarbeit der verheirateten Frau und
+der Mädchen auf dem Lande "wenig Anlaß zu einer besonderen
+Schutzgesetzgebung" giebt[945], wird jedem unbegreiflich erscheinen, der
+nur einmal gesehen hat, wie eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld
+hackt, oder eine erst kürzlich Entbundene beim Heuaufladen beschäftigt
+ist. Das frühe Altern der Landarbeiterinnen, ihre Kränklichkeit und die
+Schwächlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten darauf
+zurückzuführen. Soweit es daher im Bereiche der Möglichkeit liegt,
+sollte kein Mittel unversucht gelassen werden, um den Schutz der
+Schwangeren vier Wochen vor und der Wöchnerin acht Wochen nach der
+Entbindung für die ländliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell
+wäre die Verantwortung dafür auf sämtliche Vorgesetzte der
+Arbeiterin,--Inspektoren u.s.w.,--auszudehnen, und die Hebammen zur
+Anzeige der Gesetzesübertretungen zu verpflichten.
+
+All diesen Einzelforderungen gegenüber darf jedoch nicht vergessen
+werden, daß die Voraussetzung für ihre Durchführung die Mitarbeit der zu
+Schützenden selber ist. Nicht nur, daß sie im Besitze eines gesicherten
+Koalitionsrechts sich befinden müssen, sie müssen auch lernen, es zu
+gebrauchen. Die Berührung mit dem organisierten, aufgeklärten
+Industriearbeiter ist dazu eines der besten Mittel; deshalb muß sowohl
+die Freizügigkeit des Landarbeiters eine unbeschränkte sein, als auch
+dafür gesorgt werden muß, daß im Hinblick auf sein Interesse, wie auf
+das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des Eisenbahnnetzes
+und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg in die Städte ihm
+erleichtert, andererseits aber die Anlage von Fabriken auf dem Lande
+dadurch ermöglicht wird. Es liegt nun aber nahe, anzunehmen, daß die
+Folge mancher dieser Maßnahmen nur eine Verstärkung der Landflucht sein
+würde. In gewissem Umfang, der durch einen gut funktionierenden
+öffentlichen Arbeitsnachweis allmählich geregelt werden könnte, halte
+ich das gleichfalls für wahrscheinlich. Selbst hohe Löhne und bessere
+Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf dem
+Lande zu fesseln vermögen, weil die Stadt mit ihrem Glanz und ihrer
+Abwechselung und weil die relative Freiheit der industriellen Arbeiter
+einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle ausübt, die nicht in ihr zu
+leben gewohnt sind. Auch die Ueberführung städtischer Kultur auf das
+Land, z.B. durch Wanderbibliotheken, wie in England, durch ländliche
+Hochschulkurse u.A.m., wie in Dänemark, würde nicht viel dagegen
+ausrichten, weil die Aufnahmefähigkeit gerade hierfür bei dem
+Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es läßt sich aber aus der
+Psychologie des modernen Industriearbeiters, dessen Bedürfnis nach
+ländlicher Ruhe und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, daß,
+wenn die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich
+einmal denen in der Industrie angenähert haben, die Möglichkeit für ein
+Zurückfluten des städtischen Proletariats auf das Land gegeben ist.
+Industrielle Krisen werden es befördern helfen.
+
+Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt für die Landwirtschaft zu
+konstatieren, die auf dem Wege gesunden Fortschritts vor sich gehen: die
+Landflucht einheimischer Arbeiter und die Einwanderung fremder
+Saisonarbeiter, durch die beide Kategorien höheren sozialen Kulturstufen
+zugeführt werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die
+Bedingungen der Landarbeit es möglich machen, und kann dann für die
+Industriebevölkerung eine physische Regeneration anbahnen. Auch hier
+gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung meistern zu
+wollen, sondern sie bewußt in ihren Dienst zu stellen.
+
+Ein unbekanntes Land für den Arbeiterschutz fast aller Staaten war
+bisher das große Gebiet des _persönlichen und häuslichen Dienstes_. Die
+ersten Reformbestrebungen nach dieser Richtung gingen von Schweizer
+Kantonen aus. Basel machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in
+Gastwirtschaften vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte,
+daß Mädchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der Töchter des Wirts, nicht
+zur Bedienung der Gäste zu verwenden sind, und allen Kellnerinnen eine
+Mindestruhezeit von 7 Stunden täglich zu gewähren ist. Diesem Beispiel
+folgte Glarus, St. Gallen und Zürich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden
+und, als Ersatz der Sonntagsruhe, einen wöchentlichen freien Nachmittag
+von 6 Stunden festsetzten. Da es aber an der nötigen Kontrolle für die
+Durchführung selbst dieser geringen Reformen fehlte,--lassen sie doch
+sämtlich eine Arbeitszeit von 16-17 Stunden zu!--und von seiten der
+Kellnerinnen auf keine Unterstützung zu rechnen ist, so blieben sie fast
+ganz wirkungslos.[946] Trotz dieser Erfahrung hat das Vorgehen der
+Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der Gesetzentwurf, der
+die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht nur in wenigen Punkten
+über sein Vorbild hinaus. An Stelle der Festsetzung der Arbeitszeit,
+einer selbstverständlichen Forderung, sobald man anerkennt, daß das
+menschliche Leben noch einen höheren Inhalt haben soll als Lohnarbeit
+und Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestmaßes von Ruhe, das in
+Deutschland in Kleinstädten 8 und in Großstädten, wo der Hin- und Herweg
+von der Arbeitsstätte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden
+betragen soll; ein wöchentlicher Freinachmittag von 6 Stunden, ein
+vollständiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen kommen ergänzend
+hinzu. Das heißt mit anderen Worten, daß die Kellnerin täglich 15 bis 16
+Stunden auf den Beinen sein muß und wöchentlich 99-106 Stunden
+Arbeitszeit hat! Im Laufe der täglichen Arbeit, die mindestens ebenso
+anstrengend und noch um vier bis fünf Stunden länger ist, als die in der
+Fabrik, wird der Kellnerin nicht einmal eine Mittagspause
+sichergestellt, statt dessen kann ihre Ruhezeit an nicht weniger als
+sechzig Tagen im Jahr noch verkürzt werden. Außerdem steht es nach wie
+vor im Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren
+Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat. Angesichts der
+bestehenden Verhältnisse und der völligen Schutzlosigkeit, die bisher
+herrschte, würden diese Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt
+bedeuten, wenn auf ihre strikte Anwendung gerechnet werden könnte. Aber
+davon wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an
+entsprechende Vorschriften über die Schaffung einer ausreichenden
+Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist. Trotzdem sträuben sich
+die Wirte jetzt schon aufs äußerste gegen den Entwurf, der, so behaupten
+sie, sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gefährden im
+stande ist.[947] Sie scheint demnach nur durch eine mehr als 16stündige
+Arbeitszeit der Angestellten gesichert zu sein! Entspräche dies den
+Thatsachen, so wäre man versucht, auszurufen, wie der preußische
+Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der Kinder
+erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!"
+
+Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck einer
+wirklichen Schutzvorschrift macht, enthält der Entwurf; sie besagt, daß
+Mädchen unter 18 Jahren nicht zur Bedienung der Gäste verwendet werden
+dürfen. Angesichts der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen,
+die gerade dieser Beruf an die Körperkräfte stellt, erscheint dieser
+Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur nicht
+allein auf die Bedienung beschränken möchte! Darin zeigt sich deutlich,
+daß es sich hier nicht um Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der
+Sittlichkeit im Sinne der deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese
+sind in ihrer Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis
+auf das 21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug,
+von dieser Maßregel zu erwarten, daß sie der "Unkeuschheit im
+Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu den
+Todesstoß versetzen" wird![948] Während also der Entwurf das 18.
+Lebensjahr als Grenze für den Eintritt in den Kellnerinnenberuf
+festsetzt, läßt er gleichzeitig die 15-16stündige Ausbeutung der Mädchen
+unter 18 Jahren, also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und
+16jährigen, in der Gasthofsküche ohne Bedenken zu.
+
+Daß der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten würde rechnen
+können, war von vornherein anzunehmen. Freilich waren es nur Wenige, die
+ihre Wünsche laut werden ließen. Die Meisten, die unter ihrer traurigen
+Lage seufzen, sind noch gar nicht so weit, darüber nachzudenken, wie man
+sie bessern könnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte dem
+Entwurf diese Forderungen gegenüber: 1) Bestimmungen über Zahlung eines
+auskömmlichen Lohnes. 2) Festsetzung bestimmter Arbeitspausen,
+insbesondere einer ununterbrochenen zehnstündigen Ruhezeit nach jedem
+Arbeitstag. 3) Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf das
+Gastwirtsgewerbe, einschließlich der Beaufsichtigung der Wohn- und
+Schlafräume der Angestellten; und der Münchener Kellnerinnenverein
+verlangte: 1) Eine ununterbrochene Mindestruhezeit von zehn Stunden
+täglich. 2) Einen wöchentlichen vierundzwanzigstündigen Ruhetag. 3)
+Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um den
+Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. 4) Festsetzung der
+Altersgrenze für die Zulassung junger Mädchen zur Bedienung von Gästen
+auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer zweijährigen Lehrzeit, während
+welcher die Lehrmädchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs
+Uhr morgens nicht beschäftigt werden dürfen. 6) Ueberschreitung der
+täglichen Arbeitszeit nur an dreißig Tagen des Jahres.
+
+Aber all diese Maßnahmen wären angesichts der herrschenden Zustände im
+Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend und legen nur von der
+Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis ab.
+
+Jeder wirksame Arbeiterschutz muß einerseits von der Verkürzung der
+Arbeitszeit ausgehen, andererseits für seine Durchführung auf die
+Unterstützung der Beteiligten rechnen können. Sowohl der fünfzehn- bis
+sechzehnstündige Arbeitstag des Entwurfs als der vierzehnstündige, den
+die Kellnerinnen fordern, kann unmöglich die Bedeutung haben, die er als
+Ausgangspunkt aller anderen Reformen haben muß; der Fortbestand des
+Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer möglichsten
+Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie daran, geschlossen für
+seine Herabsetzung einzutreten, und sie zu sichern, falls sie gesetzlich
+eingeführt wird. Will man die Lage der Kellnerinnen verbessern und sie
+zunächst zum Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der
+für sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten würde, so muß der Hebel zu
+gleicher Zeit an beiden Punkten, der Arbeitszeit und dem
+Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das könnte zunächst in der Weise
+geschehen, daß neben der ununterbrochenen zehnstündigen Nachtruhe, eine
+zusammenhängende zweistündige Tagespause festgelegt würde, so daß eine
+effektive Arbeitszeit von zwölf Stunden die Folge wäre. Jeder
+Gasthofsbetrieb hat im Laufe des Tages eine ruhige Zeit,--das haben die
+Wirte selbst erklärt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung
+nahmen,--in der es möglich gemacht werden kann, den größten Teil der
+Angestellten, auch der männlichen, zu entbehren. Jedenfalls muß es zu
+ermöglichen sein, da schon eine zwölfstündige Arbeitszeit das äußerste
+Maß bezeichnete.
+
+Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der bloßen Bestimmung,
+daß die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben, ist ihr nicht
+beizukommen und bis zur Schaffung starker Organisationen der
+Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen könnten, ist noch ein
+weiter Weg. Noch weniger ist auf das Publikum zu rechnen, von dem man
+manchmal erwartete, es würde sich im Kampf gegen das Trinkgeld
+solidarisch fühlen. Dagegen böte ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg:
+die Bestimmung nämlich, daß die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu
+erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird dadurch
+zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, aber doch fast ganz, da der
+Gast sich meist in dem Augenblick dazu aufgefordert fühlt, wo er der
+Bedienung die Zeche bezahlt, und sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein
+anderes Mittel, das wohl noch mehr dem Gang der Entwicklung entspricht,
+aber zunächst nur in größeren Lokalen Anwendung finden könnte, wäre die
+durchgängige Bezahlung der Zeche, die im Verhältnis zu der Gesamtausgabe
+einen bestimmten Prozentsatz für die Bedienung in Anrechnung bringen
+müßte, an den Zahlkellner, der zum selbständigen Unternehmer würde,--was
+er heute schon vielfach ist,--und den bedienenden Kellnern einen festen
+Lohn zu zahlen hätte. Ist das erreicht, so hat die Kellnerin kein
+Interesse mehr an der Länge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die
+gesetzlich vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allmählich,
+wenn Geist und Körper unter der Erschöpfung durch endlose Arbeitszeit
+nicht mehr zu leiden haben, organisationsfähig werden. Ein
+vierundzwanzigstündiger Ruhetag im Laufe von je sieben Tagen, die
+Sicherung guter Unterkunftsräume durch die Aufsicht der
+Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter sechzehn Jahren
+überhaupt und unter achtzehn länger als acht Stunden täglich zu
+beschäftigen, die Verfügung endlich, daß sämtliche Schutzvorschriften
+auch auf die Familie des Wirts auszudehnen sind,--der Entwurf schließt
+sie ausdrücklich aus, ohne sich auch nur über den Grad der
+Familienzugehörigkeit näher auszulassen, --und die Einsetzung einer
+besonderen Inspektion für das Gastwirtsgewerbe,--denn man kann es den
+wenigen schon stark überlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten doch
+nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu beaufsichtigen,--das
+alles sind Bestimmungen, die die Grenzen des Notwendigen noch nicht
+einmal erreichen, und die Ergänzung der Beschränkung der Arbeitszeit für
+Erwachsene und des Trinkgelderwesens bilden müßten. Soweit die
+Sittlichkeit von den Arbeitsbedingungen abhängt, wird sie durch ein
+Gesetz dieses Inhalts auch nur gefördert werden. Sie darüber hinaus
+"schützen" zu wollen, ist überhaupt nicht Aufgabe der Gesetzgebung. Sie
+hat allein die Grundlage zu sichern, auf der eine menschenwürdige
+Existenz sich aufbauen kann, und die äußeren Bedingungen zu regeln, die
+die Unabhängigkeit jedes Einzelnen zu gewährleisten vermögen.
+
+Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat, daß der
+gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen Arbeitsgebieten durchführbar
+ist, so scheint sie jetzt an den Punkt angelangt zu sein, wo die
+angewandte Methode nicht mehr zum Ziele führen kann: am _häuslichen
+Dienst_. Die Dienstboten stehen außerhalb der Gewerbeordnung; nur von
+Neu-Südwales heißt es, daß der achtstündige Arbeitstag auch für sie
+Geltung haben soll; alle übrigen Staaten haben entweder keinerlei
+besondere Vorschriften, die die häusliche Lohnarbeit regeln, oder sie
+besitzen sie in der Form von Gesindeordnungen, wie Deutschland und
+Oesterreich. Aber auch hierbei handelt es sich nicht um einheitliche
+Rechtsvorschriften, sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen
+voneinander abweichende Einzelbestimmungen--Deutschland allein zählt
+ihrer gegen 60--, die dadurch schon den Stempel einer überwundenen
+Epoche, der die Freizügigkeit noch unbekannt war, an der Stirne tragen;
+denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem Juristen schwer
+fällt, kann von dem von Ort zu Ort und von Land zu Land wandernden
+Dienstboten unmöglich verlangt werden. Was sie aber in noch viel
+drastischerer Weise als Reste der Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr
+Inhalt, der zu jeder modernen Auffassung des Arbeitsvertrags und des
+Dienstverhältnisses in scharfem Gegensatz steht.
+
+Einige Beispiele mögen das Gesagte erhärten: Nach der deutschen
+Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in die
+Arbeitsbücher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die meisten
+Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen über das
+persönliche Verhalten des Dienstboten den Arbeitgebern zur Pflicht. Auf
+Grund derselben Gewerbeordnung ist die Aufrechnung von irgend welchen
+Forderungen des Arbeitgebers gegen die Lohnforderungen des Arbeiters
+unzulässig, die Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugefügten
+Schaden nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann
+sogar, falls dieser nicht ausreicht, eine Vergütung durch unentgeltliche
+Dienstleistung von ihm fordern,--eine neue Form für die mittelalterliche
+Schuldknechtschaft! Auf Grund des Bürgerlichen Gesetzbuches und des
+Handelsgesetzbuchs für das Deutsche Reich kann das Dienstverhältnis von
+jedem Teil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn
+ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe Recht nach
+den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er mißhandelt wird mit
+Gefahr für Leib und Leben", wenn die Herrschaft ihn "mit ausschweifender
+und ungewöhnlicher Härte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und
+unmoralischen Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt,
+oder die Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die Thüre
+setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause hervorruft",
+"beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich Veruntreuungen zu
+schulden kommen läßt", "ohne Vorwissen und Erlaubnis nachts aus dem
+Hause bleibt", "seines Vergnügens wegen ausläuft, über die erlaubte Zeit
+hinaus fortbleibt, mutwillig den Dienst vernachlässigt", ja selbst "wenn
+ihm die Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen
+vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen, wenn er
+den Dienstboten ohne Entschädigung los werden will, während der
+Dienstbote erst körperliche oder moralische Mißhandlungen nachweisen
+muß, um ohne Einhaltung der Kündigungsfrist den Dienst aufgeben zu
+können. Der gewerbliche Arbeiter kann gegenüber unerträglichen
+Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne Kündigung verlassen, ohne daß er
+sich dadurch ehrenrührige Strafen zuzieht; der Kontraktbruch beim
+Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt, und jedes Dienstmädchen, das
+davonläuft, kann von uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher,
+wieder in die alte Stellung zurücktransportiert werden. Um jeden Weg zur
+Selbsthilfe endgültig abzuschneiden, steht das Gesinde,--und unter
+dieser Bezeichnung ist in Deutschland und Oesterreich nicht nur das
+häusliche, sondern auch das landwirtschaftliche zu verstehen,--auch in
+Bezug auf das verfassungsmäßig jedem Staatsbürger gewährleistete freie
+Vereins- und Versammlungsrecht unter Sondergesetzen. Das heute noch
+gültige Gesetz vom Jahr 1854 bestimmt, daß das Gesinde mit
+Gefängnisstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum
+Zweck der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt,
+sich mit anderen dazu verabredet, oder sie dazu auffordert.
+
+Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen in
+Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des Verhältnisses
+zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine ganze Reihe von Geboten und
+Verboten schnüren noch außerdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten
+ein, ohne daß ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu
+teil würde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige Reden",
+"unfleißiges Verhalten", "ungebührliches Benehmen" in verschiedenen
+deutschen Gesindeordnungen unter Strafe gestellt. Ja selbst die
+Prügelstrafe kann von den Herrschaften den Dienstboten gegenüber noch in
+Anwendung gebracht werden, denn die Gesindeordnungen von Braunschweig,
+Pommern, Sachsen, Reuß und Meiningen erkennen den Dienstgebern das
+Züchtigungsrecht ausdrücklich zu, und in Preußen können sie sich
+straflos der "Beleidigung und leichten Körperverletzung" schuldig
+machen.
+
+Man hoffte, daß das Bürgerliche Gesetzbuch diesen Bestimmungen, die das
+Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die Hände liefern, ein Ende machen
+würde. Und es erklärte thatsächlich, daß ein Züchtigungsrecht der
+Herrschaft nicht zustehe; nur daß diese Erklärung für die Praxis dadurch
+jede Bedeutung verlor, daß Art. 95 des Einführungsgesetzes zum
+Bürgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen ausdrücklich bestehen
+läßt, und,--um darüber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,--eine
+preußische Ministerialverordnung folgendes bestimmte[949]: "Was die in
+dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung anbelangt,
+wonach dem Dienstberechtigten gegenüber dem Gesinde ein Züchtigungsrecht
+nicht zusteht, so werden dadurch die in Preußen bestehenden
+landesgesetzlichen Vorschriften nicht berührt, da keine der letzteren
+ein solches Recht statuiert, auch der § 77 der Gesindeordnung nicht,
+indem derselbe nur geringe Thätlichkeiten der Herrschaft unbestraft
+läßt, welche durch ungebührliches, zum Zorn reizendes Betragen des
+Gesindes veranlaßt werden." Die Erlaubnis zu geringen Thätlichkeiten ist
+also, nach der Logik preußischer Minister, kein Züchtigungsrecht und das
+Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden!
+
+Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen Richtung der
+sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht, konnte auch den
+Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn man sich schon
+scheute, die Familienwerkstatt und den Familiengasthofsbetrieb unter
+gesetzliche Regeln und gesetzliche Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr
+mußte man sich davor scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen.
+Jeder Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels
+95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So
+beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893 die
+Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895 aber
+stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden Absatzes im
+Bürgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der Gesindeordnungen. Das
+Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit derselben Beratung die
+Unterstellung des Gesindes unter die Gewerbeordnung durchzusetzen; ein
+Jahr später im Plenum aber erklärte es sich dagegen. 1897 nahm dann der
+Reichstag eine Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging,
+und die Regierung aufforderte, die Rechtsverhältnisse des Gesindes
+reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast fünf Jahren, ist es aber
+immer noch bei dem bloßen Wunsch geblieben, obwohl inzwischen die
+Dienstboten angefangen haben, für ihre Rechte einzutreten. Ihr
+konsequenter Vorkämpfer ist bisher allein die sozialdemokratische Partei
+gewesen, die nicht nur durch ihr Programm, das die rechtliche
+Gleichstellung der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern fordert,
+sondern durch eine Reihe dahin zielender Anträge im Plenum des
+Reichstages diese notwendige Reform durchzusetzen versuchte, vor allem
+für die Abschaffung der Gesindeordnungen und des jede Organisation
+verhindernden Gesetzes von 1854 eintrat. Natürlich ohne jeden Erfolg.
+
+Vorwärts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von den
+Vereinigten Staaten ausging und über die skandinavischen Länder den Weg
+nach Deutschland nahm, fühlten sich auch, wie wir gesehen haben,
+einzelne Gruppen der bürgerlichen Frauenbewegung zu Reformvorschlägen
+genötigt, die in der Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in
+Bezug auf die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich
+entweder vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen
+stellen. Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete über die
+Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt
+insofern noch hinter ihnen zurück, als die Freigabe des
+Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden, sondern
+das Dienstmädchen nur zur Arbeit während dieser Zeit nicht
+"verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen Standpunkt gegenüber
+der Dienstbotenfrage nehmen einige amerikanische und englische
+Frauenrechtlerinnen ein,--denn von einer allgemeinen feststehenden
+Stellung der Frauenbewegung zu diesem Problem ist auch hier keine Rede.
+Sie fordern die Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allmählich
+die im Hause wohnenden Dienstboten durch außer dem Hause wohnende
+organisierte und für jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen ersetzen
+sollen und glauben, daß die Ausdehnung des Arbeiterinnenschutzes auf sie
+erst unter diesen Voraussetzungen ermöglicht werden kann.
+
+Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden Reform, aber
+sie haben jeder für sich nur den Wert vorbereitender Arbeit. Erst ihre
+Zusammenfassung und organische Ausbildung kann zu einer Regelung des
+Verhältnisses der häuslichen Arbeiter führen. Vor allem haben wir uns
+auch hier zunächst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne bei der
+nüchternen Ueberlegung dem Einfluß subjektiver Gefühle zu viel Spielraum
+zu gewähren. Gerade hier ist diese Gefahr groß, denn so trivial es auch
+klingen mag, so wahr ist es doch, daß der Gedanke an die Familie, an die
+stillen Freuden der Häuslichkeit bei den Angehörigen der bürgerlichen
+Welt eng mit dem Gedanken an die eigene Köchin in der eigenen Küche
+zusammenhängt, und man mit der Preisgabe des einen das andere zu
+erschüttern glaubt. Der objektive Beobachter aber wird sich der
+Erkenntnis nicht verschließen können, daß Alles--die wachsende
+Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme der
+Frauenerwerbsarbeit in bürgerlichen Kreisen, die sich rapide
+ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals privater,
+häuslicher Thätigkeiten,--eine fundamentale Umwandlung des häuslichen
+Lebens vorbereitet. Dieser Entwicklung könnte auch dann nicht mit
+dauerndem Erfolg in die Zügel gefallen werden, wenn sie, wie viele
+behaupten wollen, eine nur schädliche Tendenz in sich trüge. Sie muß
+aber um so mehr gefördert werden, als sie thatsächlich glücklicheren
+Zuständen die Wege bahnt.
+
+Der Kreis der bürgerlichen Familie umschloß früher den großen Hausstand
+mit all seinen Mägden und Knechten; von einem intimen Zusammenleben
+zwischen Mann und Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die
+häusliche Atmosphäre war der Ausfluß so vieler verschiedener
+Individualitäten, daß ihr Einfluß auf die Kinder nicht als der der
+Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt zusammenschrumpfte,
+desto mehr stieg die Möglichkeit häuslicher Intimität, desto inniger
+konnten seine wenigen Glieder sich zusammenschließen, und endlich wird
+die Entwicklung auf der höheren Kulturstufe da anlangen, von wo sie auf
+der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen
+Familiendreieinigkeit,--Mann, Weib und Kinder. Der Ausschluß jeden
+fremden Elements aus dem persönlichen Leben des Menschen liegt aber in
+der Richtung der Steigerung und Vertiefung des persönlichen Glücks.
+Durch ihn wird die Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der
+Kinder, die sie auch mit der Milch ihres Geistes wird nähren können. Für
+die Dienstboten aber ist die Auflösung des persönlichen
+Dienstverhältnisses der einzige Weg zu ihrer Befreiung. Wir haben uns
+daher auch in den Dienst dieser Entwicklung zu stellen.
+
+Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des
+Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und der
+Einwand, daß infolgedessen immer weniger Menschen im stande sein würden,
+sich Dienstboten zu halten, verwandelt sich in eine Befürwortung der
+Maßregel. Die einzelnen Forderungen an die Gesetzgebung, die natürlich
+mit der Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen müßte, lassen sich
+kurz zusammenfassen: der elf- bis zwölfstündige Arbeitstag für über
+Achtzehnjährige könnte den Anfang bilden, seine Ergänzung wäre die
+1-1/2stündige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und, als
+Entschädigung für die halbe Sonntagsarbeit, ein freier halber Wochentag;
+Ueberstunden und Extraarbeiten, die in bestimmtem Umfang erlaubt sein
+müssen, wären selbstverständlich besonders zu vergüten. Die Arbeitszeit
+selbst könnte zwischen 7 Uhr früh und 9 Uhr abends zu verteilen sein.
+Strenge Vorschriften in Bezug auf die Wohnungsverhältnisse der
+Dienstboten müßten durch eine energische Wohnungsinspektion und die
+Haftbarmachung jedes Hauswirts noch verschärft werden.
+
+Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, daß diese Bestimmungen
+unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben würden, selbst wenn
+man in jedes Haus einen Inspektor setzte. Ihre erzieherische Wirkung
+aber wäre um so bedeutsamer: die Dienstmädchen würden infolge der freien
+Zeit, über die sie zu verfügen hätten, der Aufklärung leichter
+zugänglich sein, organisationsfähiger werden und lernen, ihre Rechte
+selber zu schützen; die Hausfrauen andererseits würden schnell genug
+einsehen, daß sich der Kleinbetrieb unter solchen Umständen nicht mehr
+lohnt. Alle neuen Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute
+infolge des bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast
+unbenutzt bleiben, würden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in
+Anwendung gebracht werden. Da das aber für den Einzelhaushalt ebenso
+verschwenderisch wäre, als wenn man einen elektrischen Motor zum Antrieb
+eines einzigen Webstuhls anschaffte, so würde naturgemäß allmählich der
+genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte Wirtschaftsführung
+die Funktionen der einzelnen Haushalte aufsaugen. Die Dienstboten aber
+würden sich in freie Arbeiter verwandeln, die ebenso wie diese in die
+Fabrik, in die Zentralküchen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa
+die Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre
+Angestellten zu bestimmten häuslichen Verrichtungen, wie
+Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und
+Teppichklopfanstalten der großen Städte, wie die Household economic
+Associations Amerikas werden sich infolgedessen immer weiter verbreiten,
+die Zentralisierung der Heizung, der Beleuchtung wird sich ausbilden,
+kurz, alles das, was jetzt oft nur ein kümmerliches Dasein fristet,
+weil die Sonne der Gunst des Publikums ihm fehlt, wird sich
+durch den Antrieb praktischer Bedürfnisse rasch entwickeln. Je
+mehr es aber geschieht, desto energischer kann und muß die
+Arbeiterinnenschutzgesetzgebung auf die Dienstmädchen Anwendung finden.
+Auf einer anderen Basis, als auf der der Loslösung des Gesindes aus dem
+persönlichen Dienstverhältnis, auf eine Reform des Gesindewesens zu
+rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr losmachen, je rascher
+wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar sich entwickelnden
+Verhältnissen anzupassen, desto schmerzloser wird sich der allmähliche
+Prozeß der Umwandlung vollziehen, wie er sich schon früher, für viele
+fast unbemerkt, vollzogen hat.
+
+Die ökonomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und Unternehmer führt mit
+Notwendigkeit zu den staatlichen Maßregeln des Arbeiterschutzes. Der
+rechtlich freie Arbeitsvertrag würde niemals ein faktisch freier sein,
+weil er die schwächere soziale und wirtschaftliche Stellung des
+Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien
+Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen. Jeder
+Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet für den Unternehmer eine
+Einschränkung seines Verfügungsrechts über die von ihm gekaufte
+Arbeitskraft und für den Arbeiter größere persönliche Freiheit und
+Sicherheit. Das Recht darauf und das Bedürfnis danach ist für beide
+Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den Frauen in Bezug auf die
+Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu teil werden läßt, als den
+Männern, so hat das keine prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der
+notwendige erste Schritt zu allgemeiner, gleichmäßiger Regelung. Nur
+soweit die Frau die Verantwortung für die Existenz und die Gesundheit
+eines anderen Menschen, ihres Kindes trägt, hat sie Anspruch auf
+besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung nach, weniger als
+Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz charakterisiert. Aber in
+dem Schutz von Leben und Gesundheit, in der Schaffung von
+Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische Existenz des Arbeiters
+zu einer erträglichen gestalten, sondern auch die Grundlage zu geistiger
+Fortentwicklung legen helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen
+angenommen wird, die einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie
+hat sich nicht mit dem äußeren Schutz zu begnügen, vielmehr die ernste
+und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen zum Siege zu
+verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial höhere Stufen
+erreichen kann: sie muß die Hausindustrie und den häuslichen Dienst
+einer tiefgehenden Umwandlung entgegenführen, sie muß den Großbetrieb in
+Gewerbe und Handel fördern.
+
+Die Voraussetzung aber für die Wirksamkeit und den Fortschritt des
+Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der Zunächstbeteiligten an seiner
+Durchführung und seinem Ausbau. Alle öffentlichen Einrichtungen und alle
+Gesetze, die sie dazu fähig zu machen vermögen, sind als notwendige
+Ergänzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie bilden
+gewissermaßen die Vollendung der Erziehung, die nicht darin allein
+besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern ihnen die Waffen in
+die Hand zu geben, mit denen sie sich selber schützen können. In diesem
+Sinne werden die Frauen noch immer als kleine Kinder behandelt.
+
+Wir haben gesehen, daß die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit meist
+auf ihre geringere qualitative oder quantitative Leistungsfähigkeit
+zurückzuführen ist. Es läge demnach sowohl im Interesse der Frauen, als
+in dem der Männer, denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen
+zu erhöhen, d.h. ihnen eine der männlichen gleichwertige Ausbildung zu
+teil werden zu lassen. Der Besuch der _Fortbildungsschulen_, zu dem nach
+der deutschen Gewerbeordnung die Kommunalbehörden lediglich die
+männlichen Arbeiter verpflichten können, und der von Reichswegen nur für
+männliche und weibliche Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, müßte
+demnach für alle, der Volksschule entwachsenen Mädchen obligatorisch
+werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken. Die Voraussetzung
+wäre, daß sämtliche Fortbildungs- und Fachschulen, die gegenwärtig
+häufig wohlthätigen Vereinen ihre Existenz verdanken und eine gründliche
+Ausbildung nicht zu geben vermögen, von den Gemeinden oder dem Staat
+eingerichtet und geleitet würden, wie es in Oesterreich z.B. vielfach
+geschehen ist, vor allem aber, daß sie, wo es sich nicht um spezifisch
+weibliche oder männliche Arbeiten handelt, die gemeinsame Erziehung der
+Geschlechter grundsätzlich durchzuführen hätten. Erst dadurch würden die
+Kräfte der männlichen und weiblichen Schüler sich aneinander messen
+können und die notwendige Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie
+der Wettbewerb auf gleichen Arbeitsgebieten.
+
+Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs für Mädchen sich aus dem
+wachsenden Erwerbszwang von selbst ergiebt, so ist es nur die
+selbstverständliche Konsequenz der Zunahme der Lohnarbeit verheirateter
+Frauen, wenn nicht nur jedes gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege
+steht, beseitigt, sondern ihre _freie Verfügung über ihren
+Arbeitsertrag_ gesichert werden muß. Bisher ist das keineswegs der Fall;
+in Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur
+Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein Vertrag,
+der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch seinen Einspruch
+ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gelöst werden, in Deutschland bedarf
+der Ehemann dazu die Ermächtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst
+der durch eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte
+persönliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem Mann in
+Gütergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch Ehevertrag ausdrücklich
+ausgesondert worden, so kann der Mann ihn in Besitz nehmen und darüber
+verfügen; in Frankreich und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer
+Stelle den Lohn für sich einfordern. Daß dadurch unter Umständen ganze
+Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Fleißes der Mutter,
+bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und Arbeitsscheue hat
+das Recht, den mühsam erworbenen Lohn der Frau, durch den sie ihre
+Kinder ernähren wollte, zu verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat
+diesen Verhältnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die
+selbständige Schließung von Arbeitsverträgen ermöglichte und ihren
+Erwerb für sie sicher stellte. Der Schutz der verheirateten Arbeiterin
+ist ohne diese zivilrechtliche Ergänzung jedenfalls ein unvollständiger.
+Angesichts der Entwicklung der Frauenarbeit muß sie nicht nur über ihre
+Arbeitskraft frei verfügen können, sondern sich auch im
+uneingeschränkten Genuß ihres Erwerbs befinden. Die wirtschaftliche
+Unabhängigkeit, die dadurch geschaffen wird, ist eine der Grundlagen für
+die soziale und politische Emanzipation der Frau.
+
+Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der sich
+gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt, ist das
+_Wahlrecht zu den Gewerbegerichten_, denen die Aufgabe zufällt,
+Streitigkeiten zwischen den selbständigen Gewerbetreibenden und ihren
+Angestellten zu untersuchen und zum Austrag zu bringen. Die Mitglieder
+dieser Gerichte, die Frankreich als Conseils des prud'hommes, Italien
+als Collegio dei probi viri kennt, werden in gleicher Zahl und mit
+gleichen Rechten von den Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte
+gewählt; da es nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter
+ebenso wie männliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen
+und Unternehmern ebenso häufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern und
+ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor, warum den
+Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den Männern.
+Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt, als es die Frauen
+zum aktiven Wahlrecht zuließ, Italien gewährte ihnen auch das passive;
+in Frankreich stimmte die Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der
+Frauen, der Senat aber hat dem Beschluß seine Zustimmung versagt, indem
+er erklärte, die Interessen der Frauen seien auf das Familienleben zu
+beschränken! In Deutschland ist die Mehrheit des Reichstags noch
+derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare Thatsache der 5-1/2
+Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch immer nicht davon zu
+überzeugen, daß dem Familienleben durch den Wahlzettel die geringste
+Gefahr droht.
+
+Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der Frauen zu
+den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die Gesetzgebung in
+Bezug auf das _Koalitionsrecht_. Das preußische Vereinsgesetz und mit
+ihm eine ganze Anzahl von den übrigen 26 verschiedenen deutschen
+Vereinsgesetzen, verbietet "Frauen, Schülern und Lehrlingen"
+ausdrücklich die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung
+solcher Vereine. Das österreichische Gesetz steht auf demselben
+Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche" Ziele
+verfolgen, können auch weibliche Mitglieder angehören. Durch diese
+Bestimmungen kennzeichnet sich das Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung,
+die durch die wirtschaftliche Entwicklung einerseits und den Fortschritt
+der sozialpolitischen Gesetzgebung andererseits längst überholt wurde.
+Seitdem die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb
+nachgeht, und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung
+wurde, ist es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme
+zu verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der
+wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche Grenzlinie
+festzuhalten. Für die daraus folgende Verwirrung der Begriffe liefert
+die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen; Arbeiterinnenvereinen und
+Gewerkschaften gegenüber erklärte sie wiederholt Fragen für politisch,
+und begründete damit Auflösungen und Maßregelungen, die, sobald sie von
+bürgerlichen Vereinen behandelt wurden, unbeanstandet als
+wirtschaftliche passierten. Das preußische Kammergericht sprach sich in
+einem Urteil sogar folgendermaßen aus[950]: "Zu den politischen
+Gegenständen im Sinne des Vereinsgesetzes gehören solche, welche
+Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der Arbeitszeit
+betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor allem aber die, an
+der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf Gnade und Ungnade der
+Willkür der Behörden überliefert.
+
+Die Durchführung des Arbeiterschutzes aber und sein weiterer Ausbau
+hängt, wie wir gesehen haben, wesentlich von den Arbeitern und ihrer
+thatkräftigen Unterstützung selbst ab, und die traurige Lage, in der vor
+allem die weibliche Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten
+dadurch in ihrer schrecklichen Gleichmäßigkeit erhalten, daß den Frauen
+die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der Charakter der
+Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die Arbeiterin zu
+beschützen, nicht aber so weit, sie fähig zu machen, daß sie sich selbst
+beschützen kann, kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck als im
+Vereinsrecht Deutschlands und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt
+kennt Aehnliches. Von einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die
+Rede sein, als bis dieser Stein, der ihre Straße versperrt, aus dem Weg
+geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber würde die bloße Gleichstellung der
+Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden Rechts nicht genügen, es
+müßte vielmehr ein den modernen Verhältnissen, der Entwicklung und den
+Ansprüchen der Arbeiterklasse angepaßtes, einheitliches, neues Recht an
+dessen Stelle treten, das für die volle Koalitionsfreiheit die Gewähr
+böte, und von dessen unbeschränkten Genuß keine Arbeiterkategorie
+auszuschließen wäre.--
+
+So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht lediglich als
+eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als ein System
+verschiedener gesetzlichen Maßnahmen, die organisch ineinander greifen,
+und gegenseitig bedingt werden. Sozialreform, in diesem Sinne aufgefaßt,
+ist nicht ein in sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die
+Quintessenz der Gesetzgebung überhaupt.
+
+
+Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung.
+
+
+Deutschland
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, Werkstätten der Kleider- und
+ Wäschekonfektion, ausgenommen diejenigen, in denen nur
+ Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen,
+ Aufbereitungsanstalten, Brüche und Gruben, Zimmerplätze, Bauhöfe,
+ Werften, Hüttenwerke, Ziegeleien.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+ 10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and
+ nachmittags.
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1 Stunde
+ Mittagspause; für die, welche ein Hauswesen zu besorgen haben und
+ einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet.
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ Auf 2 Wochen nicht über 13 Stunden täglich, im Jahr nicht mehr als 40
+ Tage gestattet. Länger als 2 Wochen durch Erlaubnis der höheren
+ Verwaltungsbehörde, aber auch dann dürfen 40 Tage im Jahr nicht
+ überschritten werden. Außerdem kann der Bundesrat für ganze
+ Fabrikationszweige Dispensation erteilen: für Fabriken mit
+ ununterbrochenem Feuer, für Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten
+ beschränkt sind, für Saisonindustrien.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die höhere
+ Verwaltungsbehörde und den Reichskanzler Ausnahmen gestattet, unter
+ denselben Voraussetzungen wie bei den Ueberstunden.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten. Durch die höhere Verwaltungsbehörde und den Bundesrat sind
+ Ausnahmen gestattet: Bei Bedürfnisgewerben, Saisongewerben und aus
+ technischen Gründen, sowie bei besonderen Notlagen oder
+ Unglücksfällen.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist ermächtigt durch
+ besondere Verordnungen die Arbeit in gesundheitsgefährlichen Betrieben
+ gleichfalls zu verbieten oder einzuschränken.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ Keine.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ 6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand ärztlichen Attestes um 14 Tage
+ verkürzt werden.
+
+
+Oesterreich
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, handwerksmäßige Betriebe, Werkstätten, außer denjenigen, in
+ denen nur Familienmitglieder arbeiten.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im ganzen
+ nicht mehr als während 15 Wochen im Jahr.
+
+ Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
+ zulässig.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Nur für Fabrikbetriebe soweit Frauen über 16 Jahre alt von 8-1/2 Uhr
+ abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in Deutschland
+ zugelassen, für Jugendliche auch im Gewerbebetriebe.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten, Ausnahmen ähnlich wie in Deutschland gestattet.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen
+ können Arbeiten in gesundheitsgefährlichen Betrieben gleichfalls
+ verboten werden.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ Keine.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ 4 Wochen. Bei Arbeiten über Tage im Bergbau 6 Wochen.
+
+
+Frankreich
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, Bergwerke, Steinbrüche, Bauplätze, Werkstätten, außer
+ denjenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten, und alle damit
+ in Zusammenhang stehenden industriellen Betriebe, öffentliche,
+ private, religiöse.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+--
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden. Vom
+ Jahre 1904 ab 10 Stunden für Fabriken, in denen Männer und Frauen
+ zusammen arbeiten.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ Verboten.
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ In einzelnen Industriezweigen dürfen Frauen bis 11 Uhr abends
+ beschäftigt werden, doch nicht öfter als während 60 Tagen im Jahr, bei
+ besonderen Anlässen auch sonst noch Ausnahmen zugelassen.
+
+ Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
+ zulässig.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen ähnlich wie in
+ Deutschland zugelassen.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten. Ausnahmen für besondere Industrien zeitweise gestattet, doch
+ muß als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein anderer vollständiger Ruhetag
+ gewährt werden.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Wie in Deutschland und Oesterreich.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ Keine.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ Keine.
+
+
+Schweiz
+
+
+Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:
+
+ Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, die mehr als 5 Personen, alle
+ industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen, und alle
+ gefährlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen beschäftigen, mit
+ Ausnahme der Werkstätten, in denen nur Familienmitglieder arbeiten und
+ in denen ungefährliche Gewerbe betrieben werden.
+
+Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Arbeitszeit: b) Der Frauen.
+
+ 11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1 Stunde
+ Pause. Für Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, 1-1/2 Stunde.
+
+Ueberstunden: a) Der jungen Leute.
+
+ --
+
+Ueberstunden: b) Der Frauen.
+
+ Für nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere Erlaubnis der
+ Behörden gestattet.
+
+ Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
+ zulässig.
+
+Nachtarbeit:
+
+ Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten.
+
+Sonntagsarbeit:
+
+ Verboten.
+
+Arbeitsbeschränkung:
+
+ Wie in Deutschland und Oesterreich.
+
+Schutzzeit der Schwangeren:
+
+ 14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten.
+
+Schutzzeit der Wöchnerinnen:
+
+ 6 Wochen.
+
+[Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein Teil.
+(Daten für mindestens ein weiteres Land.)]
+
+
+Die Arbeiterinnenversicherung.
+
+
+Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte große
+Errungenschaft der Arbeiterklasse, die Arbeiterversicherung. Der
+Gedanke, daß der arme Arbeiter sich vor den Wechselfällen seines Lebens
+auf irgend eine Weise schützen müsse, war durchaus kein neuer: die
+englischen Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich
+schon früh auch nach dieser Richtung zu großartigen Organisationen, die
+ihren Mitgliedern vor allem Krankenunterstützung und Begräbnisgelder
+gewährten. Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten
+in ähnlicher Weise für die ihr Zugehörigen, ebenso die modernen freien
+Hilfskassen, deren Anfänge bis in das Revolutionsjahr zurückreichen. Die
+französischen Societés de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen
+vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen Notfällen
+des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die verschiedenen
+Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber dieses ganze
+freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben großen Uebel: es
+umfaßte immer nur einen äußerst beschränkten Kreis von Arbeitern und
+überließ gerade die Hilfsbedürftigsten der bittersten Not. Zu ihnen
+gehörten aber die Frauen. Nicht nur, daß sie schwer sich entschließen
+konnten, von ihrem geringen Einkommen regelmäßige Beiträge zu den
+verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie wir
+schon gesehen haben, äußerst schwer zu organisieren. Die Unverheirateten
+sehen die Fürsorge für Alter und Gebrechlichkeit als überflüssig an,
+weil sie meinen, daß die Ehe ihnen beides sichern wird, die
+Verheirateten darben sich jeden Pfennig lieber für ihre Kinder ab. In
+England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in
+größerem Umfang den Friendly Societies bei oder gründeten für sich
+allein selbständige freie Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste
+Kasse der Art auf Anregung der Gräfin Guillaume-Schack erst im Jahre
+1884 in Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein
+derselben Art, während seine Unterstützungs- und Versicherungsvereine
+entweder nur wenige weibliche Mitglieder hatten oder sie sogar
+statutenmäßig ausschlossen. Nur in Bezug auf Witwenunterstützung geschah
+hie und da etwas Nennenswertes für die Frauen.
+
+Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung für alle Arbeiter, wie er
+sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher, vom Standpunkt der
+weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein außerordentlich fruchtbarer.
+Daran ändert die für die Geschichte der Arbeiterversicherung
+bezeichnende Thatsache nichts, daß ihre Urheber, wie es die kaiserliche
+Botschaft vom 17. November 1881 erklärte, die Schaffung der
+Arbeiterversicherung lediglich als eine Ergänzung zur "Repression
+sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des Sozialistengesetzes,
+betrachteten.
+
+Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die Unfallversicherung und
+schließlich die Alters- und Invaliditätsversicherung eingeführt.
+Oesterreich, Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel
+Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so weit
+auszudehnen.
+
+Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
+Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende Tabelle.
+
+Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische Arbeiterversicherung in
+Deutschland, dem Mutterland der Idee, am ausgiebigsten zur Durchführung
+gekommen. Aber wie es bei der Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen
+jeglichen Vorbilds und der Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen
+nicht anders möglich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an Mängeln
+sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich ihrer
+Ausdehnung.
+
+Zuerst wurde die _Krankenversicherung_ geordnet und für Arbeiter und
+Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer obligatorischen gemacht. So
+segensreich sie sich aber auch im Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie
+selbst als private und freiwillige Versicherung nur für kleine Gruppen
+von Arbeitern existierte, so stellte sie sich doch bald als unzulänglich
+heraus. Eine ihrer schwächsten Seiten ist die Frage der
+Geldunterstützung. Wenn eine kranke Arbeiterin wöchentlich zwischen 4
+und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der Lohnausfall für die Familie
+natürlich nicht gedeckt, noch weniger aber ist sie in den Stand gesetzt,
+sich gehörig zu pflegen und gut zu ernähren. Dazu kommt, daß die
+schlecht bezahlten, überanstrengten Kassenärzte sie nur schablonenhaft
+behandeln können, und diesen dabei in jeder Hinsicht die Hände gebunden
+sind, weil die Kassenvorstände Verordnungen von Milch, Bädern, Wein etc.
+der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines Erachtens
+müßte das Krankengeld bis zur Höhe des vollen Lohnes erhoben werden
+können, vor allem aber müßte die Krankenhauspflege in erweitertem Maße
+als bisher in Anwendung gebracht werden.
+
+Diese Forderung stößt zunächst auf den Widerstand der Arbeiterinnen
+selbst und man pflegt sich nicht genug darüber zu empören, daß sie sich
+so energisch gegen die Aufnahme im Krankenhaus sträuben. Wer aber einmal
+die Säle und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich erzählen
+ließ, wie Frauen und Mädchen zu Studienzwecken einer ganzen Reihe von
+Studenten sich darbieten müssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche
+Arbeiterin an das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren
+Stöhnen und Jammern ihre Nächte zu qualvollen macht, zurückdenkt, der
+wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus berechtigt finden. An der
+Reorganisation der Krankenhäuser und der Krankenpflege muß daher der
+Hebel angesetzt werden, sollen sie wirklich der arbeitenden Bevölkerung
+zum Heil gereichen.
+
+Die Krankenkassen haben aber auch nächst der Sorge für die Erkrankten
+die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die Möglichkeit hierzu zu
+gewinnen, müßten sie zunächst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder
+kennen lernen und im Auge behalten, was einerseits durch enge Fühlung
+mit den Gewerkschaften unterstützt werden könnte, andererseits dadurch
+am leichtesten geschähe, daß ihnen das Recht zustände, Sanitäts- oder
+Wohnungsinspektoren männlichen und weiblichen Geschlechts zu
+erwählen. Die Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre
+Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen gemacht.
+Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider überall mangelt, könnte
+durch diese Organe der Krankenkassen verbreitet werden. Oft genügt ja
+ein verständiger Wink, um arme Arbeiterfrauen über Kinderpflege und
+Ernährung, über Lüftung, Alkoholgenuß etc. aufzuklären. In den weitaus
+meisten Fällen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von
+Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschläge und Arzneien nichts
+helfen können, aber wenigstens sollte versucht werden, die Kinder von
+diesen Einflüssen einigermaßen frei zu machen: die Einrichtung von
+Ferienaufenthalten, die Gründung von Kinderasylen wäre eine weitere
+Aufgabe der Krankenkassen, deren Thätigkeitskreis sich mit Erfolg nach
+allen Richtungen erweitern ließe. Eine vernünftige Regierung sollte
+ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen nicht zu
+unterschätzenden Einfluß auf die Verwaltung der Krankenkassen könnten in
+Deutschland die Arbeiterinnen gewinnen, wenn sie eines der wenigen
+Rechte, das sie besitzen, das aktive und passive Wahlrecht für die
+Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher
+benutzen wollten. Es wäre das zugleich eine Erziehung zum besseren
+Verständnis öffentlicher Angelegenheiten.
+
+Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger, als die
+Krankenkassen auch die Trägerinnen der Wöchnerinnenunterstützungen sind.
+Der ganze Wöchnerinnenschutz wäre eine Phrase oder eine Grausamkeit,
+wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu gleicher Zeit
+mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die deutsche
+Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen ähnlicher Art im
+Auslande, haben die Bestimmung getroffen, daß Wöchnerinnen bis auf die
+Dauer von sechs Wochen durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit
+mindestens sechs Monaten angehören, eine Geldunterstützung erhalten
+müssen, die mindestens die Hälfte, oder auch bis zu drei Viertel des
+durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze Halbheit der
+Maßregel ist auf den ersten Blick einleuchtend. Schon unter normalen
+Verhältnissen reicht der volle Lohn der Arbeiterin nicht aus, um die
+notwendigsten Bedürfnisse zu decken, wie viel weniger kann die Hälfte
+oder drei Viertel davon sich als genügend erweisen, wenn nicht nur die
+Wöchnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll. Ist schon
+eine größere Familie vorhanden, für die gesorgt werden muß, so wird der
+Wöchnerinnenschutz und die Wöchnerinnenversicherung völlig illusorisch,
+weil die geringe Unterstützung nicht dazu ausreicht, für die Führung des
+Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme Mutter gezwungen ist,
+so schnell als möglich das Bett zu verlassen, um selbst nach dem Rechten
+zu sehen. Das ist um so häufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt
+sind, die Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der
+Wöchnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im Sinne des
+Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als Krankheit, und
+freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den Kranken zugesichert. Die
+völlige Unzulänglichkeit der Wöchnerinnenversicherung ist im
+wesentlichen auf ihre Verquickung mit der Krankenversicherung
+zurückzuführen, mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde
+nichts zu thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf
+längstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder entsprechende
+Behandlung im Krankenhaus gewährt, die ferner berechtigt ist, die
+Krankenunterstützung bis auf ein Jahr zu verlängern, oder die Kranken in
+Reconvalescentenheimen unterzubringen, ging bei der Festsetzung der Höhe
+der Geldunterstützung von der Rücksicht auf eine mögliche starke Zunahme
+der Simulanten aus und sah sich deshalb verhindert, über den üblichen
+Lohn hinauszugehen, oder ihn auch nur zu erreichen.
+
+Diese Besorgnis fällt bei der Frage der Wöchnerinnenunterstützung fort.
+Trotzdem sie nun aber eine, wie wir gesehen haben, völlig ungenügende
+ist, belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den
+Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im Jahre
+1900 die Einnahmen pro Kopf der männlichen Mitglieder um 6,09 Mk. höher
+als die Ausgaben, während die Ausgaben pro Kopf der weiblichen
+Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk. überstiegen. Die Ursache hiervon
+liegt nun zwar wesentlich in der allgemeinen traurigen Lage der
+weiblichen Arbeiter, zum großen Teil aber auch in der Vernachlässigung
+und mangelhaften Pflege der Schwangeren und Wöchnerinnen, die zahllose
+Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die Kassen auf der
+einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen wieder zu. Der
+Schutz der Frau als Mutter stellt an die Versicherungsgesetzgebung so
+weitreichende Anforderungen, daß sie im Rahmen der Krankenversicherung
+unmöglich erfüllt werden können. Sie müßten einer besonderen
+_Mutterschaftsversicherung_ übertragen werden.
+
+Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher müßte der
+Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz stellen und allen
+bedürftigen Müttern des Volks die beste Pflege in weitestem Maße
+zusichern. Dazu gehört eine Geldunterstützung während vier Wochen vor
+und acht Wochen nach der Entbindung in der vollen Höhe des
+durchschnittlichen Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie
+Wochenpflege einschließlich der Pflege des Säuglings und der Sorge für
+den Haushalt, die Errichtung von Asylen für Schwangere und Wöchnerinnen
+und von Entbindungsanstalten, eventuell auch die Errichtung von Krippen,
+wie wir sie im Interesse der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel
+hierzu müßten, neben den Beiträgen der Versicherten, aus einer allgemein
+zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht die Unverheirateten
+und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen werden könnten. Das
+entbehrt nicht eines komischen Beigeschmacks, weil es an die
+Hagestolzensteuer erinnert, die vielfach gewissermaßen als Strafe für
+das Ledigbleiben vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten
+Hintergrund, da die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen
+Verhältnissen thatsächlich ein weit sorgenloseres Leben führen, als die
+Verheirateten und Kinderreichen.[951] Jedenfalls sollte die Frage der
+Aufbringung der Mittel bei einer Sache von so weittragender Bedeutung
+keine Rolle spielen. Ein Blick auf die Proletarierinnen und ihre Kinder
+müßte genügen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden Maßregel jedem
+vor Augen zu führen, daß sie noch nirgends in der hier befürworteten
+Ausdehnung zur Durchführung kam, beruht einmal auf der Neuheit des
+ganzen Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und
+Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre persönlichen
+Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.
+
+Auf die Krankenversicherung folgte die Einführung der
+_Unfallversicherung_, die in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz,
+Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von den
+Unternehmern aufgebracht, und hat daher den großen Vorteil gehabt, zur
+Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen und so die Unfälle
+möglichst zu verhüten. Da aber der Begriff der Betriebsunfälle durchaus
+kein feststehender ist und auch ihre "vorsätzliche" Herbeiführung, die
+die Entschädigung ausschließt, sich nicht immer mit unbedingter
+Sicherheit feststellen läßt, die Renten überdies ganz unzureichende
+sind, so werden ihre Vorteile dadurch erheblich eingeschränkt. Das gilt
+in noch höherem Maße für die _Invaliditäts- und Altersversicherung_.
+
+Deutschland gebührt der Ruhm den wahrhaft großen Gedanken, den Arbeiter,
+der im Dienst der Allgemeinheit seine Arbeitskraft verlor oder ein Alter
+erreichte, das ihm Ruhe gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu
+lassen, sondern ihm das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen.
+Nur traurig, daß die praktische Ausführung des Gedankens so weit hinter
+dem Ideal zurückblieb. Zunächst hat nur derjenige auf Invalidenrente
+Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner normalen Erwerbsfähigkeit
+besitzt. Eine Arbeiterin also, die in gesunden Zeiten etwa 700 Mk.
+jährlich zu verdienen vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk.
+verdienen kann,--denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch
+jahrelanges Maschinennähen ihre Arbeitskraft soweit einbüßen,--hat, auch
+wenn sie dem größten Elend gegenübersteht, keinerlei Anspruch auf eine
+Rente. Sie muß nach wie vor, sei es durch Betteln oder durch die Schande
+der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich zu verschaffen suchen, wenn
+sie nicht verhungern will. Ist aber ihre Erwerbsfähigkeit so weit
+vermindert, daß sie zum Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so
+ist sie dadurch weder von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um
+Armenunterstützung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten betragen
+nämlich:
+
+Nach | In Lohnklasse |
+Beitragswochen |---------------------------------|
+ | I | II | III | IV | V |
+----------------+------+------+------+------+-----|
+ | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. | Mk. |
+200 | 116 | 132 | 146 | 160 | 174 |
+300 | 119 | 138 | 154 | 170 | 186 |
+500 | 125 | 150 | 170 | 190 | 210 |
+1000 | 140 | 180 | 210 | 240 | 270 |
+1500 | 155 | 210 | 250 | 290 | 330 |
+2000 | 170 | 240 | 290 | 340 | 390 |
+2500 | 185 | 270 | 330 | 390 | 450 |
+
+Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenlöhne wird die dritte Lohnklasse
+(550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im allgemeinen die
+höchste sein, für die Einzahlungen durch die Frauen geleistet werden
+können. Und nach fünfzig arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330
+Mk. erreicht! Wie aber, wenn die Invalidität früher und für Angehörige
+einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein armes, vom Kampf ums
+Dasein vorzeitig zerriebenes Geschöpf mit 116, 150, 220 Mk. leben
+können?! Man hat bei der Festsetzung der Invalidenrente vielfach
+gefürchtet, die Arbeiter würden den Empfang dieses Goldregens gar nicht
+abwarten wollen und sich auf alle Weise die erforderliche Invalidität
+künstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese Sätze wird das selbst der
+ärmsten Näherin nicht einfallen. Man glaubte ferner darauf Rücksicht
+nehmen zu müssen, daß durch die Gewährung der Renten nicht etwa die
+Verpflichtung der Familienangehörigen, sich gegenseitig zu unterstützen,
+aufgehoben würde, und hat nicht daran gedacht, daß die Möglichkeit dazu
+in der Arbeiterbevölkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es um
+die Altersrenten. Siebzig Jahre muß die Arbeiterin alt werden, ehe sie
+auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat sie das Glück, bei
+ihren Kindern wohnen zu können, so bedeutet die Summe immerhin eine
+erfreuliche Erleichterung für die meist trostlose Abhängigkeit der Alten
+von den Jungen, steht sie allein, so genügt sie auch nicht, um davon in
+irgend einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing
+ihr Leben an, mit Darben und Betteln hört es auf.
+
+Ein für die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig, dessen erste
+schüchterne Ansätze im deutschen Versicherungswesen zu finden sind, ist
+die _Witwen- und Waisenversorgung_. Während auf Grund der
+Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht und
+die Invalidenversicherung zur Rückerstattung der Hälfte der für den
+verstorbenen Versicherten gezahlten Markenbeiträge an die Witwe oder die
+Waisen verpflichtet ist,--eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk.
+beträgt,--gewährt die Unfallversicherung ihnen eine Rente bis zu 60% des
+Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz, der um so mehr als billig
+anerkannt werden muß, als er durch die etwaige Erwerbsfähigkeit der
+Witwe nicht geschmälert werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in
+den Genuß der Rente gelangen, ist ein äußerst geringer. Die große Masse
+der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und hat, nach dem Tode des
+Haupternährers, unter den schwierigsten Umständen für sich selbst zu
+sorgen. Zu dem notwendigsten Ausbau der Arbeiterversicherung würde daher
+eine allgemeine Witwen-und Waisenversicherung gehören, die durch
+allgemeine Steuern gedeckt werden müßte. Es scheint mir wenigstens eine
+selbstverständliche Forderung zu sein, daß die gesamte Gesellschaft
+überall dort einzutreten hat, wo die Interessen der Kinder, auf denen
+die Zukunft des Staates beruht, auf dem Spiele stehen.[952]
+
+Krankheit und Unfall, Erwerbsunfähigkeit und Alter sind aber nicht die
+einzigen finsteren Mächte, die das durch niedrige Löhne und schlechte
+Arbeitsbedingungen schon genug gefährdete Leben der Arbeiterin bedrohen.
+Denn selbst auf die Zeiten gewinnbringender Thätigkeit fällt verdüsternd
+der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder gerät,
+der _Arbeitslosigkeit_. Die Gewalt, die sie besitzt, der Schrecken, den
+sie verbreitet, ist zuerst von den Gewerkschaften anerkannt worden;
+durch Unterstützung der arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis
+für sie suchten sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der
+Verband der Gewerkschaften,--die Confédération générale du Travail,--und
+der Verband der Arbeitsbörsen,--die Föderation des Bourses du
+Travail,--die sich um die Organisation der Stellenvermittlung verdient
+gemacht haben. Der Gedanke aber, daß die Arbeitsvermittlung eine
+öffentliche Angelegenheit von höchster Wichtigkeit ist und daher vom
+Staat und von den Kommunen geregelt werden müsse, hat sich erst seit
+kurzem Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die
+durch Gründung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten Beispiel
+vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem süddeutsche Städte, die
+sich schließlich zu einem "Verband deutscher Arbeitsnachweise"
+untereinander verbunden haben, um eine noch regere Arbeitsvermittlung
+zu ermöglichen.[953] Mit Unterstützung der Arbeitsbörsen
+hat der französische Handelsminister die Einrichtung eines
+Zentralarbeitsnachweises unternommen, der die Bestimmung hat, alle
+Börsen miteinander in Verbindung zu bringen, also ungefähr dasselbe Ziel
+verfolgt, wie der deutsche Verband. Für die brennende Frage der
+Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von größter Bedeutung und
+diejenigen, die sie am nächsten angeht, müßten sie besonders lebhaft
+unterstützen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation des
+Arbeitsnachweises kann zu ersprießlichen Resultaten führen, kann zu
+einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen und Angebot und Nachfrage,
+soweit es möglich ist, miteinander in Einklang bringen. Die notwendige
+Voraussetzung dafür aber ist die völlige Unterdrückung der privaten
+Stellenvermittlung. Sie ist, besonders für die Arbeiterin, eine Quelle
+der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher Fäulnis. Von ihrer
+Vernichtung sollte man sich nicht durch sentimentale Rücksichten auf die
+Inhaber der privaten Bureaus abhalten lassen, die, soweit sie sich
+tüchtig genug erwiesen haben, im Bureaudienst der öffentlichen
+Vermittlung vielfache Verwendung finden können. Vor allem die
+arbeitsuchenden Frauen werden, bei der Beschränktheit ihres
+Gesichtskreises und ihrer Scheu vor jeder Berührung mit Organen der
+öffentlichen Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern
+aller Art in die Hände fallen, und niemals zum Genuß kommunaler oder
+staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine private Vermittlung
+daneben besteht. Daß diese Forderung keine utopische ist, beweist nicht
+nur die uns etwas weit abliegende und daher schwer kontrollierbare
+staatliche Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen
+Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der französischen
+Kammer angenommene Gesetz, das die allmähliche Beseitigung der privaten
+Stellenvermittlung zum Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von
+unentgeltlichen Arbeitsnachweisen über das ganze Land verbreiten will.
+Ob der Senat es bestätigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. Seine
+Durchführung würde jedenfalls für die ganze Frage des Arbeitsnachweises
+einen großen Fortschritt bedeuten.
+
+Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis könnte die Arbeitslosigkeit
+nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das Gleichgewicht zwischen
+Angebot und Nachfrage ganz ohne Einfluß bleiben wird. Je mehr der
+Saisoncharakter der Industrien sich entwickelt, desto häufiger werden
+die Arbeiter wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede
+wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der
+Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in
+erweitertem Maße durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei aber vor
+allem die Männer Berücksichtigung finden. Wo man den Frauen helfen
+wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch Einführung von
+Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie mit der Anfertigung von
+Kinderkleidern beschäftigt, die in kleineren Geschäften ihre Abnehmer
+fanden. Als ausreichend erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends.
+Die Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit muß daher die
+Ergänzung des geregelten Arbeitsnachweises sein.
+
+Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den ersten
+Anfängen stecken geblieben, wie die fakultativen Winterversicherungen
+der Städte Bern und Köln, oder völlig fehl geschlagen, wie die
+obligatorische allgemeine Versicherung von St. Gallen. Diese Mißerfolge
+auf einem so schwierigen Gebiet dürften Sozialpolitiker und Gesetzgeber
+aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, um
+die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der Armenpflege und
+der Privatwohlthätigkeit zu überlassen.
+
+Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum
+mindesten darauf, daß der Begriff des Almosens durch sie immer mehr
+eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an Boden gewinnt, daß
+jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner Existenz ein Anrecht hat. Um
+ihn zum herrschenden zu machen, bedarf es aber nicht nur der
+Versicherung gegen jede drohende Not und Gefahr, sondern vor allem der
+Ausdehnung der Zwangsversicherung auf das ganze Volk, zunächst
+wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie es durch die deutsche
+Invaliditätsversicherung bereits geschehen ist. Diese Ausdehnung würde
+neben den direkten Vorteilen, indirekte von großer Tragweite mit sich
+führen. So wäre sie eines der Mittel, die Heimarbeit einzuschränken, da
+der Unternehmer, der die Heimarbeiter versichern muß, weniger
+Ersparnisse als bisher durch ihre Beschäftigung machen und der Zwang zur
+Unfallversicherung ihn geneigter machen dürfte, eigene Werkstätten
+einzurichten. Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung
+haben ihre Wirkungslosigkeit überall erwiesen. Hat doch z.B. die
+Berliner Hausindustrie, deren traurige Zustände durch eine
+Reihe von Untersuchungen und nicht zuletzt durch den großen
+Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein Jahrzehnt
+warten müssen, ehe auch nur die Krankenversicherung auf sie ausgedehnt
+wurde. Und die Dienstboten, für die zwar die Herrschaften auf die Dauer
+von 6 Wochen zur Verpflegung und ärztlichen Behandlung,--sofern nicht
+"grobe Fahrlässigkeit" die Krankheitsursache ist,--verpflichtet sind,
+spüren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar nichts.
+
+
+Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung.
+
+
+Deutschland
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung: für Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und
+ Handel.
+
+ Statutarisch: für Landwirtschaft und Hausindustrie.
+
+ Freiwillig: für Dienstboten.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Freie ärztliche Behandlung und Arznei längstens für 13 Wochen oder
+ Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu legenden Lohns.
+ Wochenbettunterstützung: bis auf die Dauer von 6 Wochen. Sterbegeld:
+ das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns (letzteres beides nur
+ durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder Innungskassen).
+ Rekonvalescentenfürsorge bis auf die Dauer eines Jahrs.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für: Arbeiter und Betriebsbeamte in Gewerbe und
+ Landwirtschaft. Statutarisch: für Betriebsbeamte mit Jahresgehalt über
+ 2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe und Landwirtschaft.
+ Freiwillig für Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges
+ Personal.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder freie
+ Anstaltspflege nebst Angehörigenrente von der 13. Woche an bis 60% des
+ Jahreslohns. Sterbegeld in der Höhe des zwanzigfachen Tagelohns,
+ Hinterbliebenenrente bis 60% des Jahreslohns. Schadenersatz bei
+ Verletzungen.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für alle Lohnarbeiter und Angestellte. Durch
+ Beschluß des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer und
+ Hausindustrielle.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ Freie Kur nebst Angehörigenunterstützung zur Verhütung der
+ Invalidität. Beitragserstattung bei Tod oder Heirat. Nach vollendetem
+ 70. Lebensjahr eine Altersrente nach Lohnklassen abgestuft von 110 bis
+ 230 Mk. jährlich. Nach eingetretener Invalidität eine nach der Zahl
+ der Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren
+ unterste Grenze 116,40 Mk. beträgt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50
+ Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen kann.
+
+
+Oesterreich
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+
+ Freiwillig: für Landwirtschaft und Hausindustrie.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Wie in Deutschland aber: Unterstützungsdauer bis zu 20 Wochen.
+ Krankengeld 60% des ortsüblichen Lohns.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte in der Industrie,
+ im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der Landwirtschaft.
+ Freiwillig für Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges
+ Personal.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab.
+ Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld.
+ Schadenersatz wie in Deutschland.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Zwangsversicherung nur für Bergarbeiterinnen, Witwen- und
+ Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in Vorbereitung.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ --
+
+
+Frankreich
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis
+ 66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns für Hinterbliebene.
+ Begräbniskosten.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für alle Staatsbürger, Zwangsversicherung in Vorbereitung.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ Altersrente für mindeste Fünfzigjährige; Invalidenrente für
+ Erwerbsunfähige, Beitragserstattung im Todesfall.
+
+
+Großbritannien
+
+
+Krankenversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige.
+
+Krankenversicherung: Leistungen:
+
+ Freiwillig.
+
+Unfallversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
+ Haftpflichtgesetz.
+
+Unfallversicherung: Leistungen:
+
+ Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder
+ Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen,
+ Jahreslohn an die Hinterbliebenen.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:
+
+ Freiwillig für alle Staatsbürger.
+
+Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:
+
+ Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk.
+
+
+Die Grenzen der Gesetzgebung.
+
+Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung aller
+Länder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus denen sie
+hervorwächst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren ersten Anfängen fast
+unbewußt, gegenwärtig aber mit vollem Bewußtsein geführten
+Interessenkampfes zwischen der Arbeiterklasse und der Klasse der
+Unternehmer. Der Ursprung dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen
+Produktionsweise selbst, die jene beiden Klassen,--die Besitzer der
+Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf der
+anderen Seite,--zur Voraussetzung hat. Aus den verschiedenen Phasen des
+Kampfes, aus den Schwankungen der Machtverhältnisse der Kämpfenden,
+erklären sich die unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und
+seine tastenden Versuche nach allen Richtungen hin. Das Übergewicht
+aber, das die Unternehmer besitzen, kommt in der äußerst mangelhaften
+Durchführung der geltenden Gesetzgebung zu drastischem Ausdruck.
+
+Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die
+unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen
+Fortschrittes gelegen ist, wächst die Masse des Proletariats, d.h. der
+von den Unternehmern abhängigen Lohnarbeiter, bringt beide Geschlechter
+mehr und mehr in eine übereinstimmende Klassenlage und verstärkt
+infolgedessen ihre Macht und ihren Einfluß. Die Weiterentwicklung der
+sozialpolitischen Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in
+größerem Maß als bisher der rücksichtslosen Geltendmachung
+kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das Abhängigkeitsverhältnis
+der Arbeiter von den Unternehmern mildern, aber darüber hinaus wird ihre
+Wirksamkeit sich selbst dann nicht erstrecken können, wenn sie ihre
+Aufgaben in weitestem Maße zu erfüllen im stande wäre. Nehmen wir an,
+die Arbeitszeit wäre so niedrig als möglich festgesetzt, ein Minimallohn
+gesichert, die Koalitionsfreiheit gewährleistet, durch staatliche
+Versicherung die traurigen Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und
+Arbeitslosigkeit beseitigt, so bliebe als ungelöster Rest der
+Ausgangspunkt der Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine
+Folge, die Abhängigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische
+Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die wirtschaftlichen
+Krisen, auf denen die Unsicherheit der proletarischen Existenz beruht.
+
+Wenn somit auch die optimistische Anschauung des möglichen
+Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit
+anerkennen muß, und ich selbst außer stände war, in meinen Forderungen
+über bestimmte Grenzen hinauszugehen, weil sie an den gegebenen
+Machtverhältnissen eine Schranke fänden, so werden sie sich in
+Wirklichkeit noch viel enger gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert
+nicht zuletzt an dem Problem der Frauenarbeit.
+
+Wir wissen, daß die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu, allen Zeiten
+in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer gegenwärtigen Form ein
+Produkt der großindustriellen Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit
+unverrückbarer Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr
+dem Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in
+steigendem Maße auf alle Frauen, auch auf die verheirateten,
+auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir die
+Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer mütterlichen
+Kräfte, der Fähigkeit, gesunde Kinder zur Welt zu bringen und sie zu
+nähren, in dem frühen Altern ausdrückt, die Degeneration der Kinder, die
+in ihrer höheren und früheren Sterblichkeit, ihrer Schwäche und
+Kränklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als unausbleibliches
+Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die Prostitution
+entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue Erscheinung ist, in
+dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des Erwerbes eines supplementären
+Lohnes für ganze Schichten der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die
+moderne Frauenarbeit selbst, das Ergebnis der kapitalistischen
+Produktionsweise. Das beweist, mehr als irgend etwas anderes, die
+Thatsache, daß wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in
+innigem Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen
+Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches Moment
+genährt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte, wie die unsere: die
+Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit der Unternehmerklasse auf
+die in Armut und Abhängigkeit lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der
+Reichtum früherer Zeiten zog sich vornehm in Paläste und Patrizierhäuser
+zurück, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz der
+Kaufhäuser, der Pracht der Hotels, er wird in den Luxuszügen und
+Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt verbinden, in den Modebädern
+und durch die Presse mit allen Mitteln der Vervielfältigungskunst den
+Massen vor Augen geführt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur
+Prostitution zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser Verführungskünste
+den armen Mädchen Glück und Freiheit vor.
+
+Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen Problemen.
+Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und Kinder
+abzuschwächen, wie sie durch Herabsetzung der Arbeitszeit, Sicherung von
+Minimallöhnen, Auflösung der Heimarbeit, Versicherung gegen
+Arbeitslosigkeit den äußeren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer
+Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter nicht
+wiedergeben und kann nicht verhindern, daß die Frau, um die Not zu
+lindern, ihren Körper verkauft, wie ihre Arbeitskraft.
+
+Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit voller
+Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist. Je weiter die
+kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto schwieriger wird die
+Lösung ihres Sphinxrätsels. Desto entschiedener aber wird auch die
+Frauenarbeit nicht nur zu seiner Lösung hindrängen, sondern sie auch
+vorbereiten helfen. Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der
+Produktionsweise zu verdanken, sie trägt alle Elemente in sich, diese
+Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an einem
+ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann und Weib und
+Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei keinem der
+historischen Klassen- und Machtkämpfe geschehen ist. Das konservativste
+Element in der Menschheit, das weibliche, wird zur Triebkraft des
+radikalsten Fortschritts.
+
+Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht
+bestehen und wird immer weniger ohne sie bestehen können. Die
+Frauenarbeit aber untergräbt die alte Form der Familie, erschüttert die
+Begriffe der Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der
+bürgerlichen Gesellschaft aufbaut, und gefährdet die Existenz des
+Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mütter sind. Will die
+Menschheit schließlich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die
+kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben müssen.
+
+Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem Ziel. Und
+das ist ihre größte, wenn auch unbeabsichtigte Aufgabe. Sie macht die
+Männer und Frauen der Lohnarbeiterklasse fähig, sich ihres solidarischen
+Zusammenhanges bewußt zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle der Almosen
+und zerstört den unterwürfigen Sklavencharakter, der die Arbeiter der
+vorkapitalistischen Zeit noch kennzeichnete. Sie schweißt die Massen
+noch fester zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine
+Interessen gegen die ihren ausspielt.
+
+So wirkt, bewußt und unbewußt, alles zusammen, um an Stelle der alten
+Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager spaltete, eine neue
+aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der ökonomischen Unabhängigkeit
+Platz machen, in der die Arbeit der Frau sie nicht schädigen und
+schänden, sondern zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der
+sie ihre höchste Bestimmung erfüllen kann, wie nie zuvor, und ein
+starkes, frohes Geschlecht dafür zeugen wird, daß ihm die Mutter niemals
+fehlte.
+
+
+
+
+Anmerkungen:
+
+[1] Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10.
+
+[2] Vgl. K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tübingen 1898,
+S. 13.
+
+[3] Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart
+1887, II. Bd. S. 23 ff.
+
+[4] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff.
+
+[5] Vgl. Bücher, a.a.O., S., 14 u. 37.
+
+[6] Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S. 28.
+
+[7] Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage.
+Stuttgart 1896, S. 52 f.
+
+[8] Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition privée de la femme. Paris
+1885, S. 37.
+
+[9] Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide, a.a.O.
+
+[10] Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen Übersetzung des Sir W. Jone
+ins Deutsche übertragen von Th. Chr. Hüttner. Weimar 1797, S. 74 fg.
+
+[11] I. Buch Mose, 16. Kapitel.
+
+[12] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325.
+
+[13] 5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10.
+
+[14] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315.
+
+[15] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318.
+
+[16] Vgl. E. Legouvé, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13 f.
+
+[17] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355.
+
+[18] Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide.
+
+[19] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff.
+
+[20] Vgl. Platos Gastmahl in der Übersetzung von Schleiermacher. Berlin
+1824, S. 416.
+
+[21] Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II.
+
+[22] Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. Übersetzt von Kämpf. S.
+167.
+
+[23] Vgl. über die Stellung der griechischen Frauen den Artikel On femal
+society in Greece im 22. Band der Saturday Review und Rainneville, La
+femme dans l'antiquité. Paris 1865.
+
+[24] Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798.
+
+[25] Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. Übersetzt von Dr. H.
+Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg.
+
+[26] Platos Staat, übersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S. 274 u.
+281.
+
+[27] Plato, a.a.O., S. 281.
+
+[28] Plato, a.a.O., S. 283.
+
+[29] Plato, a.a.O., S. 282.
+
+[30] Vgl. Aristoteles' Politik, übersetzt von Garve. Breslau 1799, S.
+38.
+
+[31] Aristoteles, a.a.O., S. 4.
+
+[32] Aristoteles, a.a.O., S. 635.
+
+[33] Aristoteles, a.a.O., S. 200.
+
+[34] Vgl. Platos Timaeus, übersetzt von B.E.Chr. Schneider. Breslau
+1874, S. 105 fg.
+
+[35] Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg.
+
+[36] Vgl. Gajus, Institutionen, übersetzt von Backhaus. Bonn 1857, S. 12
+f. und 71 ff.
+
+[37] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten,
+übersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8, Kap. III, S. 494.
+
+[38] Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495.
+
+[39] Vgl. Th. Mommsen, Römische Geschichte. 8. Aufl. Berlin 1889, Bd.
+III S. 510 fg.
+
+[40] Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834.
+
+[41] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 68 ff.
+
+[42] Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, übersetzt von Friedr. Richter.
+Leipzig, I, 41.
+
+[43] Vgl. Sueton, Biographien, übersetzt von Sarrazin. Stuttgart 1883,
+und Tacitus, Annalen, übersetzt von Roth. Berlin 1888.
+
+[44] Vgl. Titus Livius, Römische Geschichte, übersetzt von Hausinger.
+Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215.
+
+[45] Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff.
+
+[46] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874.
+
+[47] Vgl. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. 7.
+Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen und Martials
+Epigramme.
+
+[48] Vgl. Horaz, Satiren, übersetzt von H. Düntzer.
+
+[49] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404.
+
+[50] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff.
+
+[51] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und Thaten, Buch
+VIII, Kap. 3, § 3, S. 495.
+
+[52] Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht, übersetzt von
+Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140.
+
+[53] Ostrogorski, a.a.O., S. 141
+
+[54] Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12.
+
+[55] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff.
+
+[56] Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs Bücher vom Staat, übersetzt von J.
+Christ. F. Bähr. Berlin, Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S.
+198 fg.
+
+[57] Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G. Roße.
+Aschersleben 1880. Vorrede.
+
+[58] Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften, übersetzt von
+J. Christ. F. Bähr. Stuttgart 1830, S. 744-802.
+
+[59] Vgl. Tacitus, Germania, übersetzt von M. Oberbreyer. Leipzig, S.
+28.
+
+[60] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen 1862, Bd. I
+S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S. 325.
+
+[61] Galater 3, V. 28.
+
+[62] I. Korinther 14, V. 34.
+
+[63] Galater 3, V. 26-28.--Vgl. auch Römer 10, V. 12.--I. Korinther 12,
+V. 13.
+
+[64] I. Korinther 7, V. 1-8.
+
+[65] I. Korinther 7, V. 28.
+
+[66] I. Johannis 8, V. 6-11.
+
+[67] Matthäi 19, V. 6.
+
+[68] Kolosser 3, V. 19.--Epheser 5, V. 25-31.
+
+[69] Apostelgeschichte 2, V. 17, 18.
+
+[70] Epheser 5, V. 22.--Kolosser 3, V. 18.--I. Korinther 11, V. 3.--I.
+Petri 3, V. 1 ff.
+
+[71] I. Timotheus 2, V. 12.--Titus 2, V. 4-5.
+
+[72] I. Timotheus 2, V. 12.--I. Korinther 14, V. 34-35.
+
+[73] I. Timotheus 2, V. 15.
+
+[74] I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25.
+
+[75] I. Korinther 7, V. 1.
+
+[76] I. Timotheus 2, V. 14.
+
+[77] Tertullians sämtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner. Köln 1882,
+I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185.
+
+[78] Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai sur
+la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43.
+
+[79] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen
+Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183.
+
+[80] Vgl. hierfür das für die Auffassung der Frauenfrage durch die
+katholische Kirche höchst interessante Buch des Redemptoristenpaters A.
+Rößler: Die Frauenfrage. Wien 1893.
+
+[81] Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard. Freiburg
+1879.
+
+[82] Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. München 1891.
+
+[83] Vgl. Martin Luther, Gründliche und erbauliche Auslegung des ersten
+Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther über die Ehe. S. 176.
+
+[84] Vgl. Martin Luther, Sämtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom ehelichen
+Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl.
+
+[85] Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von Förstemann u.
+Bindseil. IV. Abt. S. 121 f.
+
+[86] Vgl. hierfür die charakteristische Schrift des Stuttgarter
+Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892.
+
+[87] Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer. 3. Aufl. Göttingen
+1881. S. 461.
+
+[88] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23.
+
+[89] Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff.
+
+[90] Vgl. Rößlin, Abhandlung von besonderen weiblichen Rechten. Mannheim
+1775. S. 16
+
+[91] A.a.O. S. 21.
+
+[92] Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition civile
+et politique des femmes. Paris 1842. S. 320.
+
+[93] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen 1862. Bd.
+III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498.
+
+[94] Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327.
+
+[95] Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206.
+
+[96] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S.
+387 f., Bd. III S. 325.
+
+[97] Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung in
+deutscher Vorzeit. Schriften der Görres-Gesellschaft. Köln 1880. S. 40.
+
+[98] In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die
+hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender
+Beredsamkeit.
+
+[99] Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltertümer. S. 350 f.
+
+[100] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f.
+
+[101] Vgl. De la Curne de St. Palaye, Mémoires sur l'ancienne
+Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff.
+
+[102] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205.
+
+[103] Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle Édition. Paris
+1787. T. IV, p. 93 ff.
+
+[104] Vgl. Maurer, Geschichte der Städteverfassung. Erlangen 1870. Bd.
+III S. 103 ff.
+
+[105] Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und Sünden der Sittenpolizei.
+Leipzig 1897. S. 56.
+
+[106] Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in Straßburg.
+Straßburg 1879. S. 521.
+
+[107] Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gießen 1874. S. 58.
+
+[108] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52.
+
+[109] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81.
+
+[110] Vgl. Schoenlank, Soziale Kämpfe vor dreihundert Jahren. Leipzig
+1894. S. 50.
+
+[111] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44.
+
+[112] Vgl. Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter. Tübingen 1882, S. 12
+ff.
+
+[113] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 14-15.
+
+[114] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67.
+
+[115] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274.
+
+[116] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277.
+
+[117] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50.
+
+[118] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58.
+
+[119] Vgl. Bücher, a.a.O., S. 4 ff.
+
+[120] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40.
+
+[121] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78.
+
+[122] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff.
+
+[123] Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Brüssel. Paris 1897 S. 61 ff.
+
+[124] Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt Köln. Bd. II, S. 623.
+
+[125] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff.
+
+[126] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff.
+
+[127] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144.
+
+[128] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91.
+
+[129] Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins
+für Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff.
+
+[130] Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns
+Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S. 113.
+
+[131] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX. siècle.
+Paris 1873. p. 21 ff.
+
+[132] Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. Aufl.
+Stuttgart 1892, S. 6 f.
+
+[133] Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des
+Handwörterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S. 643.
+
+[134] Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvrières en France depuis
+1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7.
+
+[135] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93.
+
+[136] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115.
+
+[137] Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6.
+Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff.
+
+[138] Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff.
+
+[139] Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O. II.
+Bd. S. 111 ff.
+
+[140] Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das
+interessante Einzelheiten über die Bildung der Frauen enthält.
+
+[141] Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg.
+
+[142] Vgl. M. Thomas, Essay sur le caractère, les moeurs et l'esprit des
+femmes. Paris 1772. S. 82.
+
+[143] Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg.
+
+[144] Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881.
+
+[145] Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen Mönch, der in zwei
+Quartbänden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16.
+Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch seine
+Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen lächerlich erschien.
+
+[146] Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595)
+über die Vorzüge des weiblichen vor dem männlichen Geschlecht, und von
+Lucretia Marinelli, hundert Jahre später, über die Vortrefflichkeit der
+Frauen und die Fehler der Männer.
+
+[147] Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83.
+
+[148] Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer
+1882.
+
+[149] Vgl. Miß Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra. London 1855
+und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page 451.
+
+[150] Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887 und
+Brantome, a.a.O., p. 376.
+
+[151] Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem
+Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre 1721
+in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges und
+curieuses Tractätgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem männlichen
+Geschlecht.
+
+[152] Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und
+Süd", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff.
+
+[153] Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten
+Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66.
+
+[154] Zu erwähnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren astronomische
+Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs erfreuten, und die
+Philosophin Katharina Erxleben in Halle.
+
+[155] Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens
+Curieuse Schaubühne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs Lobwürdige
+Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und Wohlgelehrtes
+teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des gelehrten
+Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das gelehrte
+Frauenzimmer".
+
+[156] Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697.
+
+[157] Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. 78.
+
+[158] Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124 ff.
+
+[159] Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious
+proposal to the Ladies for the advancement of their true and greatest
+interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre 1700 folgte die
+bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage.
+
+[160] Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv für
+soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417 ff.
+
+[161] Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff.
+
+[162] Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London 1875.
+
+[163] Vgl. E. et J. de Goncourt, Les maîtresses de Louis XV. Paris 1860.
+Bd. I, S. 52.
+
+[164] Vgl. Mémoires du maréchal duc de Richelieu. Paris 1793.
+
+[165] Vgl, Mémoires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und Théâtre à
+l'usage des jeunes personnes par madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La
+Colombe.
+
+[166] Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huitième siècle. Paris
+1862. p. 322.
+
+[167] Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83 ff.
+
+[168] Vgl. Barthélemy, Mémoires secrets de madame de Tencin. Grenoble
+1790.
+
+[169] Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2.
+
+[170] Vgl. J.J. Rousseau, Émile. Francfort s.M. 1855. Livre V, P. 28.
+
+[171] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29.
+
+[172] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff.
+
+[173] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240.
+
+[174] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff.
+
+[175] Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit
+politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9.
+
+[176] Vgl. Tocqueville, L'ancien régime et la révolution. Paris 1856. S.
+9 ff.
+
+[177] Vgl. Mémoires de Madame Roland, publiés par C.A. Dauban. Paris
+1864. S. 16 und 66.
+
+[178] Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897.
+
+[179] Vgl. Michelet, Les femmes de la révolution. Paris 1898. S. 5 ff.
+
+[180] Vgl. Staël, Considérations sur la révolution française. Paris
+1818. Bd. I, S. 380 ff.
+
+[181] Vgl. J.A. de Ségur, Les femmes, leurs conditions et leurs
+influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff.
+
+[182] Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman
+suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff.
+
+[183] Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff.
+
+[184] Vgl, Ch.L. Chassin, Le génie de la révolution. Paris 1863. Bd. I,
+S. 298 ff.
+
+[185] Vgl. M. de Talleyrand-Périgord, Rapport sur l'instruction
+publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff.
+
+[186] Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire générale. T. VIII. La révolution
+française. Paris 1896. S. 532 ff.
+
+[187] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.
+
+[188] Vgl. Louis Blanc, Histoire de la révolution française. Paris 1847.
+Bd. I, S. 498.
+
+[189] Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegensätze von 1789. Stuttgart 1889.
+S. 60.
+
+[190] Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489.
+
+[191] Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la société française
+pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff.
+
+[192] A.a.O., S. 227.
+
+[193] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.
+
+[194] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff.
+
+[195] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476.
+
+[196] Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la révolution. S. 122.
+Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht. Uebersetzt von
+Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31.
+
+[197] Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255.
+
+[198] Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56.
+
+[199] Vgl. Ségur, a.a.O., S. 19 f.
+
+[200] Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27.
+
+[201] Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la révolution. Paris 1900. p.
+11 ff.
+
+[202] Ihren größten Triumph nach dieser Richtung feierte sie durch die
+im Théâtre Italien veranstaltete Gedächtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo
+l'Ombre de Mirabeau aux Champs-Elysées von ihr zur Aufführung kam.
+
+[203] Vgl. E. Lairtullier, Les femmes célèbres de la révolution. Paris
+1840. Bd. II, S. 137 ff.
+
+[204] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff.
+
+[205] Vgl. für ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 49
+ff.--Michelet, a.a.O., S. 111 ff.--Blanc, a.a.O., Bd. VII, S. 450 f.--L.
+Lacour, a.a.O., p. 3 ff.
+
+[206] Vgl. Léopold Lacour, a.a.O., p. 337 ff.
+
+[207] Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff.
+
+[208] Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L. Frank,
+Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 317 ff.
+
+[209] Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff.
+
+[210] Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff.
+
+[211] Vgl. Oeuvres de Condorcet, publiées par A. Condorcet-O'Connor et
+M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff.
+
+[212] Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130.
+
+[213] Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover
+1788. Bd. I, S. 1.
+
+[214] Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S. 35.
+
+[215] Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann
+ins Deutsche übersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry Fawcett
+eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche Uebersetzung von P.
+Berthold folgte.
+
+[216] Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to
+Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien 1897.
+
+[217] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die bürgerliche Verbesserung der
+Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen.
+
+[218] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym
+erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben.
+
+[219] Vgl. Fénelon, Éducation des filles. Nouvelle édition, Paris 1884.
+
+[220] Vgl. E. von Sallwürck, Fénelon und die Litteratur der weiblichen
+Bildung in Frankreich. Langensalza 1886.
+
+[221] Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des
+deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f.
+
+[222] Einen Beweis dafür, wenn auch einen unbeabsichtigten, liefert
+Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Fleiß, mit dem er alle die
+Damen der verdienten Vergessenheit entrissen hat.
+
+[223] Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch für Väter und Mütter, Familien und
+Völker. Altona 1770. S. 324 ff.
+
+[224] Vgl. Karoline Rudolphi, Gemälde weiblicher Erziehung. Heidelberg
+1815. Vorrede, S. XLVI.
+
+[225] Vgl. Madame de Genlis, Adèle et Théodore, ou lettre sur
+l'éducation. Paris 1782. I. p. 30 ff.
+
+[226] Vgl. E. von Sallwürck, a.a.O., S. 307.
+
+[227] Vgl. Stephan Waetzholdt, Das höhere Mädchenschulwesen des
+Auslandes. Im Handbuch des höheren Mädchenschulwesens. Herausg. von Dr.
+Wychgram. Leipzig 1897. S. 66 ff.
+
+[228] Vgl. Abbé de St. Pierre, Projet pour multiplier les collèges de
+filles. Paris 1730.
+
+[229] Vgl. Comtesse de Rémusat, Essai sur l'éducation des femmes. Paris
+1825. p. 23 ff.
+
+[230] Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement féministe aux
+États-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5. Jahrg. Nr. 50.
+Paris 1898. p. 160.
+
+[231] Vgl. Natorp, Grundriß zur Organisation allgemeiner Stadtschulen.
+Duisburg-Essen 1804.
+
+[232] Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300 ff.
+
+[233] Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff. u.
+S. 180 ff.
+
+[234] Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des höheren
+Mädchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff.
+
+[235] Vgl. R. Gneist, Ueber die Universitätsbildung der Frauen nach den
+neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten. Berlin 1873.
+
+[236] Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891.
+p. 147 f.
+
+[237] Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March
+1888.
+
+[238] Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York
+1900. p. 38.
+
+[239] Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286.
+
+[240] Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and Wages.
+Boston 1869-70.
+
+[241] Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II.
+p. 139
+
+[242] Vgl. K.H. Schaible, Die höhere Frauenbildung in Großbritannien,
+Karlsruhe 1894. S. 97 f.
+
+[243] Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London 1884,
+p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859.
+
+[244] Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144.
+
+[245] Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium
+uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel tüchtiger Aerzte litten.
+
+[246] Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus, daß
+nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende nehmen werde!
+Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin 1867, S. 441 f.,
+veröffentlichte Rede.
+
+[247] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167.
+
+[248] Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women of
+1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff.
+
+[249] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f.
+
+[250] Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr später unter dem Titel:
+Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten Dokumente
+der Frauenfrage.
+
+[251] Vgl. Jeanne Chauvin, Étude historique sur les professions
+accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f.
+
+[252] Vgl. J.V. Daubié, La femme pauvre au XIX. siècle. Paris 1866. S.
+135 ff.
+
+[253] A.a.O.
+
+[254] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX. siècle.
+Paris 1874. p. 327.
+
+[255] Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes médecins. Bordeaux 1889. p. 11.
+
+[256] Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14.
+
+[257] Vgl. L. von Marenholtz-Bülow, Erinnerungen an Friedrich Fröbel.
+Berlin 1876. S. 132.
+
+[258] Vgl. V. Heft der vom königl. statistischen Bureau herausgegebenen
+preußischen Statistik. Berlin 1864.
+
+[259] Vgl. Adolph Lette, Denkschrift über die Erwerbsquellen für das
+weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg. 1865, S. 354 f.
+
+[260] Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff.
+
+[261] Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff.
+
+[262] Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. S.
+80.
+
+[263] A.a.O., Vorwort, S.V.
+
+[264] Fanny Lewald-Stahr, Für und wider die deutschen Frauen. Berlin
+1896. S. 10 ff.
+
+[265] Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York 1900.
+p. 43 u. 50.
+
+[266] Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to
+1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57.
+
+[267] Vgl. Hugo Münsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in Kirchhoff,
+Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343.
+
+[268] Vgl. Hugo Münsterberg, a.a.O., S. 345.
+
+[269] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p. 20.
+
+[270] Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress, a.a.O.,
+p. 154 ff.
+
+[271] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff.
+
+[272] Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866, und
+Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff.
+
+[273] Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p. 1
+ff. u. 105 ff.
+
+[274] Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement féministe en Australie. Revue
+politique et parlamentaire. 5. année. Nr. 45. p. 520 ff.
+
+[275] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142 ff.
+
+[276] Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post
+Office, p. 2, 42 f.
+
+[277] Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f.
+
+[278] Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles
+1893. p. 49 ff.
+
+[279] Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en Médecine. Paris
+1901.
+
+[280] Vgl. Dr. Otto Neustätter, Das Frauenstudium im Ausland. München
+1899. Seite 9 f.
+
+[281] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p.
+58.
+
+[282] Vgl. J. Ingelbrecht, Le Féminisme et la Femme Témoin. Revue
+politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68 u. Nr. 69. p. 367 ff. u.
+601 ff.
+
+[283] Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff.
+
+[284] Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement féministe en Italie. Revue
+politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481 ff.
+
+[285] Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff.
+
+[286] Vgl. Der Internationale Kongreß für Frauenwerke und
+Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59.
+
+[287] Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 26 f.
+
+[288] Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 6 f.
+
+[289] Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund, 5.
+Jahrg. 1867. S. 337 ff.
+
+[290] Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21.
+
+[291] Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25jährigen Wirksamkeit des
+Lettevereins. Berlin 1891. S. 59.
+
+[292] Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn
+1870.
+
+[293] Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage.
+Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr).
+
+[294] Vgl. Luise Büchner, Die Frauen und ihr Beruf. Fünfte Auflage.
+Berlin 1884.
+
+[295] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session 1890/91.
+
+[296] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50. Sitzung
+und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86. Sitzung.
+
+[297] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665.
+
+[298] Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des
+Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760.
+
+[299] Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen
+deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45.
+
+[300] Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des höheren Mädchenschulwesens
+in Deutschland. Im Handbuch des höheren Mädchenschulwesens.
+Herausgegeben von Dr. J. Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff.
+
+[301] Vgl. z.B. die Broschüre von Professor Albert, Die Frauen und das
+Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem sagt, daß von
+1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen wurden, während
+thatsächlich 260 Studentinnen bis 1895 das medizinische Staatsexamen
+bestanden.
+
+[302] Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4.
+Auflage. Herborn 1897.
+
+[303] Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der
+Krankenpflegerinnen. Dresden 1901.
+
+[304] Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur
+Lösung der Frauenfrage. Berlin 1894.
+
+[305] Vgl. Eliza Ichenhäuser, Erwerbsmöglichkeiten für Frauen. 2. Aufl.
+Berlin 1898.
+
+[306] Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der Nationalökonomie. Berlin
+1899. Sonderabdruck aus dem Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik.
+
+[307] Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd.
+Freiburg i.B. 1897. S. 70 f.
+
+[308] Vgl. Karl Bücher, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf
+der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem statistischen Archiv, 2. Jahrg.
+Tübingen 1892. S. 369 ff.
+
+[309] Vgl. J. Bertillon, De la dépopulation de la France et des remèdes
+à y apporter. Im Journal de la Société de Statistique. 1895. p. 416 ff.
+
+[310] Vgl. J. Goldstein, Bevölkerungsprobleme und Berufsgliederung in
+Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff.
+
+[311] Vgl. Arthur Geißler, Beiträge zur Frage des
+Geschlechtsverhältnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des Königl.
+sächsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg. Dresden 1889.
+
+[312] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71.
+
+[313] Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und
+Auswanderungspolitik, in G.v. Schönbergs Handbuch der politischen
+Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband. Tübingen 1898. S. 498.
+
+[314] Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle
+angeführten Tabelle berechnet.
+
+[315] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f.
+
+[316] Diese, wie alle anderen Berechnungen, für die keine Quellen
+angegeben werden, sind aus den offiziellen Volkszählungen der
+betreffenden Länder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir benutzt:
+Für die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880, Washington 1883-1889,
+Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington 1890 bis 1895, Vol. I-III und
+Compendium Vol. I; XI'th Annual Report of the Commissioner of Labor
+1895-96, Washington 1897.--Für England: Census of England and Wales
+1881, London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London
+1893, Vol. III und IV und General Report.--Für Frankreich: Résultats
+statistiques du Dénombrement de 1881, Paris 1883; Résultats statistiques
+du Dénombrement de 1891, Paris 1894.--Für Oesterreich: Oesterreichische
+Statistik nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 31. Dezember 1880,
+Wien 1882-1884, Bd. I bis V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31.
+Dezember 1890, Wien 1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.--Für Deutschland:
+Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik nach
+der Berufszählung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs- und
+Gewerbezählung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102, 103 und 111.
+
+[317] Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsthätigkeit der
+eheschließenden Personen. Zeitschrift des kgl. preußischen statistischen
+Bureaus. Berlin 1889.
+
+[318] Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen
+1874. S. 40 ff.
+
+[319] Vgl. hierfür unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68 ff.--K.
+Bücher, Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadt. Basel 1890. S.
+19.--Derselbe, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf der
+Erde, a.a.O., S. 388 f.
+
+[320] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230.
+
+[321] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384.
+
+[322] Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche
+Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut.
+
+[323] Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erwähnte preußische
+Statistik der Eheschließungen nach dem Beruf hätte darüber Aufschluß
+geben können, wenn man die berufslosen Haustöchter, die fast die Hälfte
+der heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern
+klassifiziert hätte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und überdies
+mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G. von Mayr, a.a.O., S.
+411 f.
+
+[324] Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890.
+Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle
+dadurch gewonnen worden, daß ich Gruppe I--Männer in liberalen Berufen,
+größere Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers--mit Gruppe III--Lehrer,
+Musiker, Kontoristen, Handelskommis, Angestellte in öffentlichen
+Kontoren--zusammenberechnete und den Gruppen II, IV, V--Kleinhändler,
+Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister; Ausläufer, Kellner,
+Dienstboten; Arbeiter, Taglöhner, Matrosen--gegenüberstellte.
+
+[325] Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin 1895.
+
+[326] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386.
+
+[327] Vgl. Fircks Taschenkalender für das Heer. Berlin 1900. S. 379.
+
+[328] A.a.O, S. 96 und 128.
+
+[329] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
+Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Neue Folge.
+Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401.
+
+[330] Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung "Direktions-und
+ärztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den Hebammen zusammen,
+während sie als "Wartepersonal" alle Arten Pflegerinnen und Wärterinnen
+bezeichnet. Die anderen Länder dagegen rechnen die Aerzte besonders,
+zählen dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher
+gezwungen, um einen Vergleich zu ermöglichen, alle drei Berufe für alle
+Länder unter die bürgerliche Frauenarbeit mitzuzählen.
+
+[331] Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet.
+
+[332] Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen sind,
+muß diese Zahl auf einem Irrtum bei der Zählung beruhen.
+
+[333] Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen dürften
+sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden.
+
+[334] Die französische Statistik von 1891 zählt nur Handelsangestellte
+im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die große Zahl erklärt sich
+daher daraus, daß die Verkäuferinnen mit einbegriffen sind.
+
+[335] Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser,
+Missionare und Prediger.
+
+[336] Diese Rubrik kann für Amerika nicht ausgefüllt werden, weil die
+Statistik die selbständigen Landwirte mit Aufsehern und Verwaltern
+zusammenwirft.
+
+[337] Auch für diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller
+Feststellung.
+
+[338] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor.
+Washington 1897. p. 22 f.
+
+[339] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères des Femmes. Paris
+1900. p. 132 ff.
+
+[340] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr. 9,
+S. 292 f.
+
+[341] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p. 15.
+
+[342] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221 ff.
+
+[343] Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work.
+London 1894. p. 10 ff.
+
+[344] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry. Lond.
+1898. p. 65.
+
+[345] Vgl a.a.O., p. 42 ff.
+
+[346] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20.
+
+[347] Vgl. Auguste Sprengel, Die äußere Lage der Lehrerinnen in
+Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423 ff.
+
+[348] Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten Konversationslexikon
+der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55.
+
+[349] Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und
+Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f.
+
+[350] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408.
+
+[351] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
+Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18.
+
+[352] Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien. II.
+Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff.
+
+[353] A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff.
+
+[354] A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff.
+
+[355] A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff.
+
+[356] A.a.O., Bd. I. Nr. 1. März 1899. S. 10 ff.
+
+[357] A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff.
+
+[358] Vgl. Dr. Käthe Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau. In
+Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101 ff.
+
+[359] Vgl. hierfür: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7. Juli
+1900. S. 236 ff.--Konversationslexikon der Frau, a.a.O., Artikel:
+Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.--Women in Professions. London Congress,
+a.a.O., Vol. III. p. 188 ff.
+
+[360] Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff.
+
+[361] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche Ausgabe
+von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff.
+
+[362] Vgl. H. Ploß, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. 5. Aufl.
+Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff.
+
+[363] Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O., S.
+112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der
+"allmonatlich eintretenden Beschränkung der körperlichen und geistigen
+Leistungsfähigkeit" als von etwas Selbstverständlichem sprechen.
+
+[364] A.a.O., S. 4, 33 u. 91.
+
+[365] Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff.
+
+[366] Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance
+maternelle, Bruxelles-Paris 1897.
+
+[367] Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f.
+
+[368] A.a.O., S. 186.
+
+[369] A.a.O., S. 187 ff.
+
+[370] Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of
+Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff.
+
+[371] Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124.
+
+[372] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage. Hamburg
+1890. S. 346 ff.
+
+[373] Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London
+1894. p. 319.
+
+[374] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London
+1898. p. 97 ff.
+
+[375] Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69 ff.
+
+[376] Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX. Siècle. Paris
+1874. p. 29.
+
+[377] Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und ihre
+Arbeiter. Straßburg 1887. S. 116 f.
+
+[378] Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wäsche-Industrie im
+19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und
+Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft 2. 1896. S. 250.
+
+[379] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296.
+
+[380] Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in
+England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237
+
+[381] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292.
+
+[382] A.a.O., p. 291.
+
+[383] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f.
+
+[384] Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105
+ff.
+
+[385] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff.
+
+[386] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f.
+
+[387] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff.
+
+[388] Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425.
+
+[389] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33.
+
+[390] A.a.O., p. 41.
+
+[391] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224.
+
+[392] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62.
+
+[393] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f.
+
+[394] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. Erster Teil. Jena
+1882. S. 15.
+
+[395] A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53.
+
+[396] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
+Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S. 373.
+
+[397] A.a.O., I. Bd., S. 354 ff.
+
+[398] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff.
+
+[399] Vgl. J.V. Daubié, La Femme pauvre du XIX. Siècle. Paris 1866. p.
+51.
+
+[400] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXV. Untersuchungen
+über die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil. 1895. S. 120.
+
+[401] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126.
+
+[402] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139.
+
+[403] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff.
+
+[404] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437.
+
+[405] Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen
+Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig 1900, S. 93,
+und die ähnliche Ansicht Stiedas in Litteratur, heutige Zustände und
+Entstehung der deutschen Hausindustrie, Leipzig 1889, S. 22.
+
+[406] Vgl. Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., S. 16.
+
+[407] Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handwörterbuch der
+Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141.
+
+[408] Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff.
+
+[409] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff.
+
+[410] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f.
+
+[411] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon,
+L'Ouvrière, 2ième édition. Paris 1861. p. 248 f.
+
+[412] Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff.
+
+[413] Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46.
+
+[414] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff.
+
+[415] A.a.O., p. 42 ff.
+
+[416] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff.
+
+[417] Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvrières en France pendant l'Année
+1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f.
+
+[418] Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women
+and Girls. London 1898. p. 7 ff.
+
+[419] Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvrières en France. Paris
+1867. Vol. II. p. 150.
+
+[420] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubié, a.a.O., p.
+54.
+
+[421] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O., S.
+129 f.
+
+[422] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31.
+
+[423] A.a.O., S. 126.
+
+[424] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff.
+
+[425] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f.
+
+[426] Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff.
+
+[427] Vgl. Villermé, Tableau de l'Etat physique et moral des Ouvriers
+dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris 1840. Vol. I.
+p. 86 ff.
+
+[428] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f.
+
+[429] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff.
+
+[430] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff.
+
+[431] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff.
+
+[432] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
+Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff.
+
+[433] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.--A. Thun, a.a.O., S. 176
+ff.--H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff.
+
+[434] Vgl. Villermé, a.a.O., p. 164 f.--Daubié, a.a.O., p. 56 f.
+
+[435] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f.
+
+[436] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120.
+
+[437] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff.
+
+[438] Vgl. von Schultze-Gävernitz, Der Großbetrieb. Leipzig 1892. S. 40.
+
+[439] Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff.
+
+[440] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff.
+
+[441] Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f.
+
+[442] Vgl. Die Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den
+Fabriken auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen.
+Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S. 24 f.
+
+[443] A.a.O., S. 24.
+
+[444] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff.
+
+[445] Vgl. Daubié, a.a.O., p. 63.
+
+[446] Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children, young
+Persons and Women in Agriculture. London 1868.
+
+[447] A.a.O., XIII.
+
+[448] A.a.O., XI.
+
+[449] Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit. Deutsch
+von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f.
+
+[450] Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p. 291.
+
+[451] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216.
+
+[452] Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff.
+
+[453] Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8 ff.
+
+[454] Vgl. Dr. Martin Luthers sämtliche Werke. Erlanger Ausgabe. Bd. 20,
+S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389; Bd. 36, S. 298
+ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen Dienstboten in
+Berlin. 1901.
+
+[455] Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und
+dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich, a.a.O.
+
+[456] Vgl. Kränitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O.
+
+[457] Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des Gesindewesens.
+Danzig 1873. S. 22.
+
+[458] Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu höherer
+Geistesbildung. 1802.
+
+[459] Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S.
+22.
+
+[460] Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f.
+
+[461]Vgl. J.V. Daubié, a.a.O., p. 89 ff.
+
+[462] Vgl. W. Kähler, a.a.O., S. 34 ff.
+
+[463] Die männliche Bevölkerung hat um 9703 Personen abgenommen, die
+weibliche um 135 626 zugenommen.
+
+[464] Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of Women
+and Girls. London 1894. p. 71 f.
+
+[465] Für die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die Arbeiter
+gerechnet worden, für die beiden letzten Arbeiter und Angestellte.
+
+[466] Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen
+Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und Derselbe, Die Bevölkerung
+Oesterreichs. Wien 1895. S. 15.
+
+[467] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
+Gewerbeaufsichtsbeamten für 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin 1896, 1897,
+1898, 1899, und Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr
+1899. 4. Bd. Berlin 1900.
+
+[468] Vgl. Rapports sur L'Application des Lois réglementant le Travail.
+1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900.
+
+[469] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
+Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die
+Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. Neue
+Folge. Bd. 112. Berlin 1898.
+
+[470] Vgl. für meine Zusammenstellung: Für Deutschland: Berufsstatistik
+für das Reich im ganzen. Erster Teil. Statistik des Deutschen Reiches.
+Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897. S. 13 ff.--Für Oesterreich:
+Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895.
+XXXIII. Bd. S. 38 ff.--Für England und Wales: Census of England and
+Wales 1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.--Für de Vereinigten Staaten:
+XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S. 304, ff.--Für
+Frankreich: Die vorläufige Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie
+nach der Berufszählung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail, Juin
+1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte Darstellung der
+Berufsarten, wie sie eigentlich für die vorliegende Tabelle notwendig
+gewesen wäre, liegt bis jetzt nur für Paris und das Seine-Departement
+vor.--Für Belgien: Recensement général des Industries et des Metiers (31
+Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles 1900. S. 30 ff. Die
+Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt auch hier.
+
+[471] Vgl. hierfür wie für das Folgende die Ausführungen Werner Sombarts
+über Hausindustrie im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV,
+2. Aufl. S. 1138 ff.
+
+[472] Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs
+nach der Berufs- und Gewerbezählung. Schriften des Vereins für
+Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108.
+
+[473] Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung.
+Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 25.
+
+[474] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion über die Heimarbeit in
+Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900.
+
+[475] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148.
+
+[476] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157.
+
+[477] Vgl. Recensement général des Industries et des Métiers. 31 Octobre
+1896. Analyse des Vols. I et II. Bruxelles 1900. p. 11 ff.
+
+[478] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895 to
+1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington 1897.
+
+[479] Vgl. Miß Collet, Report on the Statistics of Employment of Women
+and Girls. London 1894.
+
+[480] Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns
+Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S. 682 ff.
+
+[481] Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik. Tübingen 1897. S. 41. Der Verfasser stützt sich unter anderem
+auf Miß Collets Untersuchungen, nach denen, wie schon erwähnt wurde, die
+Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben wurde.
+
+[482] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken. Nach den
+Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899 bearbeitet
+vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256 ff.
+
+[483] Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken
+auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen. Berlin 1877. S. 76
+ff.
+
+[484] A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218.
+
+[485] Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart 1900.
+
+[486] Elis. Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner
+Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32.
+
+[487] Vgl. Die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Wiener
+Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enquête
+über Frauenarbeit. Wien 1897.
+
+[488] Vgl. J. Singer, Untersuchungen über die sozialen Zustände in den
+Fabrikbezirken des nordöstlichen Böhmens. Leipzig 1885. S. 117.
+
+[489] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans
+L'Industrie française, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff.
+
+[490] Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p. 12
+ff.
+
+[491] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1893.
+p. 35 ff., 68 ff.
+
+[492] Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women
+in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff.
+
+[493] Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und ihre
+Arbeiter. Straßburg i.E. 1887. S. 308.
+
+[494] Vgl. F. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in
+Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff.
+
+[495] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London
+1898. p. 48.
+
+[496] Vgl. Elis. Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 54.
+
+[497] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899,
+Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff.
+
+[498] Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306.
+
+[499] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans
+L'Industrie française. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292 ff.
+
+[500] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work and
+Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514 ff.
+
+[501] Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52.
+
+[502] Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics of
+the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff.
+
+[503] Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298.
+
+[504] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und
+Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 26.
+
+[505] Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear, Die
+Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins für
+Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251.
+
+[506] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1894.
+p. 290 f.
+
+[507] A.a.O., p. 281.
+
+[508] A.a.O., p. 285.
+
+[509] A.a.O., p. 135.
+
+[510] A.a.O., p. 100.
+
+[511] Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28.
+
+[512] Vgl. Elisabeth Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 55.
+
+[513] Vgl. Großherzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale Lage
+der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u. 116.
+
+[514] Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
+Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste
+Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war klug
+genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen Gewerbeaufsichtsberichte
+für 1899 zu thun, sonst hätte er seine ganze Arbeit im Papierkorb
+verschwinden lassen müssen.
+
+[515] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899.
+Berlin 1900. 4 Bände.
+
+[516] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. III,
+S. 906 f.
+
+[517] Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail etc., a.a.O.,
+t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handwörterbuch der Staatswissenschaften.
+Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734.
+
+[518] Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara
+Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54.
+
+[519] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
+Berlin. Berlin 1897. S. 229 f.
+
+[520] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener
+Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim.
+
+[521] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères de Femmes. Paris
+1900. p. 29.
+
+[522] Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvrières de l'Aiguille à Paris, Paris 1895.
+p. 106.
+
+[523] Vgl. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim.
+Karlsruhe 1891. S. 230.
+
+[524] Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 60. Die soziale
+Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 155.
+
+[525] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen,
+passim.
+
+[526] Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f.
+
+[527] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2. S. 206.
+
+[528] A.a.O., S. 342 ff.
+
+[529] Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196.
+
+[530] Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der
+Kommission für Arbeitsstatistik. Verhältnisse in der Wäschekonfektion.
+Verhandlungen Nr. 11, S. 13.
+
+[531] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O.,
+S. 113.
+
+[532] A.a.O., S. 114.
+
+[533] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90; Gnauck-Kühne,
+a.a.O., S. 64; Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
+a.a.O., S. 119.
+
+[534] Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 227 ff.
+
+[535] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr
+1899, passim.
+
+[536] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für Arbeiterinnen und
+deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 85 f.
+
+[537] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O. S.
+64 ff.
+
+[538] Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87.
+
+[539] Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der
+Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff.
+
+[540] Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen über die
+Gesundheitsverhältnisse in der Schweiz. Archiv für Hygiene. 1894. 2. Bd.
+
+[541] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f.
+
+[542] Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100 f.
+
+[543] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff.
+
+[544] Vgl. Singer, a.a.O., S. 81.
+
+[545] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53.
+
+[546] A.a.O., p. 151 ff.
+
+[547] Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der
+Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f.
+
+[548] Vgl. Dr. Deborah Bernson, Nécessite d'une Loi protectrice pour la
+Femme ouvrière. Lille 1899. p. 41 f.
+
+[549] Vgl. Helbig, Phosphor und Zündwaren. Weyls Handbuch, a.a.O. S. 768
+ff.
+
+[550] Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924 ff.
+
+[551] Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und
+ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 256 ff.
+
+[552] Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvrière en France. Paris 1901. p. 105.
+
+[553] Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316.
+
+[554] Vgl. P. Straßmann, Die Einwirkung der Nähmaschinenarbeit auf die
+weiblichen Genitalorgane. Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S.
+343 ff.--Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Beschäftigung verheirateter
+Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff.
+
+[555] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.--Die Beschäftigung verheirateter
+Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.--Die soziale Lage der Pforzheimer
+Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123 ff.
+
+[556] Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden 1892.
+S. 107 f.
+
+[557] Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik deutscher
+Großstädte. Leipzig 1886.
+
+[558] Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverhältnisse. Brauns
+Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7. 1894. S 215 ff.
+
+[559] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. I,
+S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff.
+
+[560] Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57.
+
+[561] Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72.
+
+[562] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd.
+IV. S. 283 ff.
+
+[563] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O, S.
+36 f. u. 122 f.
+
+[564] Vgl. Porak, Du Passage des Substances étrangères à l'Organisme à
+travers le placenta. Archives de Médecine expérimentale et d'Anatomie
+pathologique 1894. p. 203 ff.
+
+[565] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für Arbeiterinnen und
+deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 92.
+
+[566] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f.
+
+[567] Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67.
+
+[568] Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91.
+
+[569] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82.
+
+[570] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd. II.
+S. 857.
+
+[571] Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik. Tübingen 1897. S. 69 f.
+
+[572] Vgl. El. Gnauck-Kühne, a.a.O, S. 34.
+
+[573] Vgl. Hirt, Die gewerbliche Thätigkeit der Frauen vom hygienischen
+Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff.
+
+[574] Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41.
+
+[575] Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther Quecksilberspiegelbelegen und
+ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 259.
+
+[576] Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche
+Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2. Abschnitt. S.
+91 ff.
+
+[577] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion über die Heimarbeit in
+Oesterreich. Herausgegeben vom k.k. Handelsministerium. Wien 1900. I.
+Bd. S. 271 ff.
+
+[578] A.a.O., S. 264.
+
+[579] A.a.O., S. 233.
+
+[580] A.a.O., S. 273.
+
+[581] A.a.O., S. 257.
+
+[582] A.a.O., S. 277 ff.
+
+[583] A.a.O., S. 277.
+
+[584] A.a.O., S. 244 und 250 f.
+
+[585] A.a.O., S. 253.
+
+[586] A.a.O., S. 236 und 257.
+
+[587] A.a.O., S. 259.
+
+[588] A.a.O., S. 235.
+
+[589] A.a.O., S. 241.
+
+[590] A.a.O., S. 239.
+
+[591] A.a.O., S. 241.
+
+[592] Vgl. Office du Travail. Les Industries à Domicile en Belgique.
+Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f.
+
+[593] A.a.O., p. 72 ff.
+
+[594] A.a.O., p. 94.
+
+[595] A.a.O., p. 145.
+
+[596] Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f.
+
+[597] Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises à Domicile. Lyon 1896,
+p. 15 f.
+
+[598] A.a.O., p. 75.
+
+[599] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff.
+
+[600] A.a.O., S. 340.
+
+[601] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVI. 2.
+Bd.--Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise Saarburg. S.
+343 ff.
+
+[602] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76.
+
+[603] Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93.
+
+[604] Vgl. L. Bein, Die Industrie des sächsischen Vogtlands. Leipzig
+1884. 2. Tl. S. 419 ff.
+
+[605] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f.
+
+[606] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff.
+
+[607] Vgl. G. Degreef, L'Ouvrière dentellière en Belgique. Bruxelles
+1886. p. 86 f.
+
+[608] A.a.O., p. 51 f.
+
+[609] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff.
+
+[610] Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p.
+220.--Degreef, a.a.O, p. 88 f.
+
+[611] Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6 f.
+
+[612] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff.
+
+[613] A.a.O., S. 42 f.
+
+[614] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. I. Teil. Jena 1882.
+S. 112 f.
+
+[615] Vgl. Les Industries á Domicile en Belgique, a.a.O., Vol. II, p. 59
+ff.
+
+[616] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.
+Bd. III. S. 414.
+
+[617] Vgl. E. Jaffé, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der deutschen
+Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.
+S. 314 u. 322.
+
+[618] A.a.O., S. 312 f.
+
+[619] A.a.O., S. 322 f.
+
+[620] Helen Campbell, a.a.O., p. 225.
+
+[621] Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff.
+
+[622] A.a.O., S. 43.
+
+[623] A.a.O., S. 51.
+
+[624] A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57.
+
+[625] Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlands.
+Jena 1899. S. 14.
+
+[626] A.a.O., S. 55 ff.
+
+[627] A.a.O., S. 66.
+
+[628] A.a.O., S. 10 f.
+
+[629] A.a.O., S. 19 f.
+
+[630] Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in Nürnberg und Fürth.
+Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXIV. I. Bd. S. 155 ff.
+
+[631] Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältnisse in der
+Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche sowie über den Verkauf oder
+die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nähfaden u.s.w.) seitens der
+Arbeitgeber an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht über die
+Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session, 1887.
+Bd. III.
+
+[632] Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion.
+Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg.
+
+[633] Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik. Nr.
+10-13. Berlin 1896.
+
+[634] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in
+der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzen- und Trikotfabrikation.
+Leipzig 1898.
+
+[635] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
+Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd.
+
+[636] Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion. Schriften d. Vereins f.
+Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.
+
+[637] Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des
+Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd.
+
+[638] Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189.
+
+[639] Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik, a.a.O,
+Nr. 10, S. 205.
+
+[640] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196.
+
+[641] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S.
+194 ff.
+
+[642] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff.
+
+[643] Hans Grandke, a.a.O, S. 383.
+
+[644] A.a.O., S. 247 f.
+
+[645] A.a.O., S. 251.
+
+[646] Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion.
+Leipzig 1896. S. 51.
+
+[647] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f.
+
+[648] Vgl. E. Jaffé, a.a.O, S. 163 ff.
+
+[649] Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner
+Wäscheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff.
+
+[650] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59.
+
+[651] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
+Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f.
+
+[652] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f.
+
+[653] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Arbeiterinnen,
+a.a.O, S. 163, 604.
+
+[654] Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435.
+
+[655] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le Vêtement à
+Paris. Paris 1896. p. 495 ff.
+
+[656] A.a.O., p. 503 ff.
+
+[657] Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff.
+
+[658] A.a.O., p. 70 ff.
+
+[659] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. 526
+ff.
+
+[660] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f.
+
+[661] Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff.
+
+[662] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f.
+
+[663] Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff.
+
+[664] Vgl. Second Report from the select Committee of the House of Lords
+on the Sweating System. London 1888. p. 585 f.
+
+[665] Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I. p.
+1 ff.
+
+[666] Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893.
+Vol. IV. p. 50 ff.
+
+[667] A.a.O., p. 271.
+
+[668] A.a.O., p. 55 f.
+
+[669] Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten
+Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f.
+
+[670] Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p. 33
+ff. u. 82 ff.
+
+[671] A.a.O., p. 37.
+
+[672] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff.
+
+[673] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625.
+
+[674] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68.
+
+[675] Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f.
+
+[676] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45.
+
+[677] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f.
+
+[678] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff.
+
+[679] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629.
+
+[680] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkung der Heimarbeit in
+Nordamerika. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig
+1899. 4. Bd. S. 213.
+
+[681] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45.
+
+[682] Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff.
+
+[683] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f.
+
+[684] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.--Kuno Frankenstein, a.a.O.,
+S. 13 f.--Ergebnisse der Ermittlungen über die Lohnverhältnisse in der
+Konfektion, a.a.O., S. 701 ff.--Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff.
+
+[685] Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der großstädtischen
+Frauenhausindustrie. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2.
+Bd. S. XXXIX ff.
+
+[686] Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der
+Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft. Leipzig
+1901. S. 23.
+
+[687] Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116 ff.--J.
+Timm, a.a.O., S. 294.--Working Women in large Cities, a.a.O., p. 26.
+
+[688] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p. 666.--Alfr.
+Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S. XXXVI.
+
+[689] Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.--Feig, a.a.O., S. 51 ff.--G.
+Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.--E. Jaffé, a.a.O., S. 151.
+
+[690] Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I--XVII.--Home Industries of Women in
+London, p. 12 ff.--Charles Booth, a.a.O., Vol. I, p. 61.--Hans Grandke,
+a.a.O., S. 267.--Gustav Lange, a.a.O., S. 136 f.
+
+[691] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+269.--Charles Booth, a.a.O., p. 295.--Working Women in large Cities,
+a.a.O., p. 15 f.--Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältnisse
+der Arbeiterinnen in der Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.--Verhandlungen
+der Kommission für Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.--E. Jaffé,
+a.a.O., S. 118 ff.--E. Neubert, Hausindustrie in den Regierungsbezirken
+Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. I.
+Bd. S. 118 ff.--Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.--Alfred Weber, Das
+Sweating-System in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S.
+518.
+
+[692] Vgl. Feig, a.a.O., S. 112.
+
+[693] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Fünf Dorfgemeinden auf dem Hohen Taunus.
+Leipzig 1889. S. 72 ff.--Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre
+gesetzliche Regelung, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik.
+Leipzig 1900. S. 13.
+
+[694] Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gemäß den Erhebungen
+der Kommission für Arbeiterstatistik. Stuttgart 1900. S. 54.
+
+[695] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
+Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416.
+
+[696] Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418.
+
+[697] A.a.O., S. 1441.
+
+[698] Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig.
+Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff.
+
+[699] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
+Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II.
+
+[700] A.a.O., S. 18.
+
+[701] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff.
+
+[702] Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18.
+
+[703] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff.,
+234 ff.
+
+[704] A.a.O., p. 85 ff., 234 ff.
+
+[705] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35
+
+[706] Vgl. Erhebungen über Arbeitszeit, Kündigungsfristen und
+Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober 1892. Berlin
+1893. Tabelle X.
+
+[707] Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women, a.a.O.,
+p. 3 ff., 85 ff.
+
+[708] Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII.
+
+[709] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85.
+
+[710] Vgl. a.a.O.--Vernehmungen von Auskunftspersonen über Arbeitszeit,
+Kündigungsfristen und Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. 9. bis
+10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff.
+
+[711] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.
+
+[712] Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London
+1884. p. 38 f.
+
+[713] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f.
+
+[714] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.
+
+[715] Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of
+Labour, a.a.O., p. 3 ff.
+
+[716] Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III.
+
+[717] A.a.O., S. 79.
+
+[718] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104.
+
+[719] Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f.
+
+[720] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287
+f.--Sutherst, a.a.O., p. 20 ff.
+
+[721] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243 f.--Julius
+Meyer, a.a.O., S. 22.
+
+[722] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff.
+
+[723] A.a.O., S. 141.
+
+[724] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420.
+
+[725] Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.--Vernehmungen, a.a.O., S. 94.
+
+[726] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f.,
+318.--Sutherst, a.a.O., p. 128.--J. Silbermann, Die Lage der deutschen
+Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S. 363.
+
+[727] Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138.
+
+[728] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Gewerbe
+und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42.
+
+[729] Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen
+Deutschland. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LV. 3. Bd. S. 18
+ff.
+
+[730] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Die Verhältnisse der
+Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1. Bd. S. 3.
+
+[731] Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166.
+
+[732] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen
+Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2 ff.--G. Herkner, Die
+Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 210.
+
+[733] Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214 f.
+
+[734] Vgl. Von der Goltz, Die ländliche Arbeiterklasse und der
+preußische Staat. Jena 1893. S. 5 ff.
+
+[735] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 1. Bd., S. 40
+f. 110 ff., 177 ff. und 261 f.
+
+[736] A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff.
+
+[737] A.a.O., Bd. 1, S. 261 f.
+
+[738] Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris
+1885. t. I. p. 337 ff.
+
+[739] Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen
+Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21.
+
+[740] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 367
+ff. K. Kaerger, Die Sachsengängerei. Berlin 1890. S. 165.
+
+[741] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd. S. 440.
+
+[742] A.a.O., S. 94 f.
+
+[743] Vgl. Goltz, Die Lage der ländlichen Arbeiter im Deutschen Reich.
+Berlin 1875. S. 448.
+
+[744] Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322.
+
+[745] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f.
+
+[746] A.a.O., t. III, p. 443.
+
+[747] Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers.
+London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f.
+
+[748] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184.
+
+[749] Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257.
+
+[750] A.a.O., S. 43.
+
+[751] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.
+
+[752] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, Bd. I, S. 134.
+
+[753] A.a.O., S. 98.
+
+[754] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59.
+
+[755] A.a.O., S. 58 f.
+
+[756] A.a.O., S. 54.
+
+[757] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41.
+
+[758] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43.
+
+[759] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55.
+
+[760] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.
+
+[761] Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269.
+
+[762] Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f.
+
+[763] Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnissen der
+evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895. Bd. I. S.
+46
+
+[764] Vgl. M. Weber, Die Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen
+Deutschland. Leipzig 1892. S. 143.
+
+[765] Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220.
+
+[766] A.a.O., S. 28.
+
+[767] Vgl. Weber, a.a.O., S. 192.
+
+[768] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., 1. Bd. S.
+121.
+
+[769] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251.
+
+[770] Vgl. Ascher, Die ländlichen Arbeiterwohnungen in Preußen. Berlin
+1897.
+
+[771] Vgl. Weber, a.a.O., S. 553.
+
+[772] Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f.
+
+[773] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205.
+
+[774] A.a.O., p. 608 ff.
+
+[775] A.a.O., t. III, p. 200.
+
+[776] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44.
+
+[777] A.a.O., I, S. 81.
+
+[778] A.a.O., I, S. 45 u. 73.
+
+[779] A.a.O., II, S. 309.
+
+[780] A.a.O., I, S. 46.
+
+[781] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198.
+
+[782] A.a.O., I, S. 32.
+
+[783] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209.
+
+[784] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 484
+ff.
+
+[785] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23.
+
+[786] Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24.
+
+[787] Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, S. 265, 280,
+322, 323, 411, 427.
+
+[788] Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstmädchen in Berlin. Berlin
+1901.
+
+[789] Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Miß Collet on
+the Money Wages of indoor Domestic Servants. London 1899.
+
+[790] Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217.
+
+[791] Miß Collet, a.a.O., p. 14 ff.
+
+[792] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition.
+New-York 1901. p. 96.
+
+[793] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588.
+
+[794] Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219.
+
+[795] Vgl. O. Stillich, a.a.O.
+
+[796] Vgl. Anton Menger, Das bürgerliche Recht und die besitzlosen
+Volksklassen. In Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung u. Statistik.
+Bd. II. 1889. S. 463.
+
+[797] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 9. Erhebung über die Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Kellner
+und Kellnerinnen. 2. Teil. Berlin 1895. S. 77.
+
+[798] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663.
+
+[799] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[800] A. a. O.
+
+[801] Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff.
+
+[802] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[803] Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f.
+
+[804] Vgl. hierfür die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs Roman:
+Das tägliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde.
+
+[805] Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle
+édition. Paris 1896.
+
+[806] Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris
+1901. p. 347 f.
+
+[807] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596.
+
+[808] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158.
+
+[809] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585.
+
+[810] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[811] Vgl. Stillich, a.a.O.
+
+[812] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586.
+
+[813] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S. 141
+
+[814] Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221 ff.
+
+[815] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.
+
+[816] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.
+
+[817] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75.
+
+[818] Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch für Volkswirtschaft. Berlin
+1874.
+
+[819] Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f.
+
+[820] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler
+Kongreß für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, 19.-26.
+September 1896. Berlin 1897. S. 405.
+
+[821] Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Remplaçantes, Paris 1901, das
+mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit diese Zustände schildert.
+
+[822] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff.
+
+[823] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
+Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30.
+
+[824] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+17 und 21 ff.
+
+[825] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f.
+
+[826] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6. Erhebung über die Arbeits- und Gehaltsverhältnisse der Kellner
+und Kellnerinnen. Berlin 1894. S. 132 f.--Royal Commission on Labour.
+Employment of Women. p. 288.
+
+[827] Vgl. Referat des Münchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in der
+Sitzung der königlichen Lokalschulkommission am 22. 3. 1900.
+
+[828] Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der
+Münchener Kellnerinnen. Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. V. Bd. 1892. S. 129.
+
+[829] A.a.O., S. 117.
+
+[830] Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin 1893.
+S. 28.
+
+[831] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+197 ff.
+
+[832] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54.
+
+[833] Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in München. Stuttgart 1899. S.
+210.
+
+[834] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110.
+
+[835] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff.
+
+[836] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208.
+
+[837] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112.
+
+[838] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216.
+
+[839] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16. Protokolle über die Verhandlungen und die
+Vernehmung von Auskunftspersonen über die Verhältnisse der in Gast- und
+Schankwirtschaften beschäftigten Personen. Berlin 1899. S. 89.
+
+[840] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66.
+
+[841] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6, S. 136.
+
+[842] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16, S. 72.
+
+[843] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197.
+
+[844] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69.
+
+[845] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203.
+
+[846] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204.
+
+[847] Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24
+ff., und Cohen, a.a.O., S. 121.
+
+[848] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17.
+
+[849] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38.
+
+[850] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff.
+
+[851] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f.
+
+[852] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. Erhebungen
+Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 81.
+
+[853] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f.
+
+[854] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218.
+
+[855] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113.
+
+[856] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59.
+
+[857] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
+199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die Beschäftigung
+von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. 17. Bd. 1901.
+
+[858] Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S. 119.
+
+[859] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff.
+
+[860] Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik.
+Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52.
+
+[861] Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's
+Trade-Union-League. Ohne Datum.
+
+[862] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen
+Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283 f.
+
+[863] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter den
+englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S. 166 ff.
+
+[864] Vgl. Office du Travail.--La petite Industrie, a.a.O., t. II, p.
+669.
+
+[865] Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen
+Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f.
+
+[866] Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigjährige Arbeiterinnenbewegung
+Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889.
+
+[867] Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften
+Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542.
+
+[868] Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche
+Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Thätigkeit. M.-Gladbach 1900. S. 40 ff.
+
+[869] A.a.O., S. 54.
+
+[870] Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900.
+
+[871] Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on
+Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128 ff.
+
+[872] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen
+Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 124.
+
+[873] Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels,
+commerciaux et agricoles. Paris 1900.
+
+[874] Ein Vergleich der Organisierten mit sämtlichen Arbeiterinnen der
+einzelnen Berufe läßt sich nicht ziehen, weil die Einteilungen nicht
+übereinstimmen.
+
+[875] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f.
+
+[876] Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington
+1888. p. 144.
+
+[877] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f.
+
+[878] Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten
+Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715.
+
+[879] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
+Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43 ff.
+
+[880] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f.
+
+[881] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 90
+f.
+
+[882] Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin,
+1891, S. 22.
+
+[883] Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte
+Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung.
+
+[884] Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im
+Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff.
+
+[885] Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der
+sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom 17.
+bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff.
+
+[886] Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der
+Gegenwart, Berlin 1894, und meine Broschüre: Frauenfrage und
+Sozialdemokratie, Berlin 1896.
+
+[887] Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der
+sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896.
+Berlin 1896. S. 174.
+
+[888] Vgl. meine Broschüre: Frauenarbeit und Hauswirtschaft. Berlin
+1900.
+
+[889] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London 1899.
+p. 242 ff.
+
+[890] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition.
+New-York 1901. p. 212 ff.
+
+[891] Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl.
+Stuttgart 1895. S. 422 ff.
+
+[892] Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
+Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18.
+
+[893] A.a.O., S. 62.
+
+[894] Für alle Bestrebungen der Art vergl. für Deutschland: Lina
+Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin 1893.--Für
+England: Emily Janes, The English Woman's Yearbook. London 1901.--Für
+Frankreich: Camille Pert, Le Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte
+d'Haussonville, a.a.O., S. 46, 61, 64 ff.--Für Amerika: Working Women in
+large Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff.
+
+[895] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 83.
+
+[896] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16.
+
+[897] Vgl. die stenographischen Kongreßberichte in der Zeitung: "La
+Fronde" vom 6. und 7. September 1900.
+
+[898] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22.
+
+[899] A.a.O., S. 51.
+
+[900] A.a.O., S. 55.
+
+[901] A.a.O., S. 61 f.
+
+[902] Für die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des Bundes
+deutscher Frauenvereine, begründet von Jeanette Schwerin. Herausgeben
+von Marie Stritt. 3 Jahrgänge und Marie Stritt und Ika Freudenberg, Der
+Bund deutscher Frauenvereine. Frankenberg 1900.
+
+[903] Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will
+und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9.
+
+[904] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9.
+
+[905] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13.
+
+[906] Vgl. Eliza Ichenhäuser, Die Dienstbotenfrage und ihre Reform.,
+Berlin 1900.
+
+[907] Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86 ff.
+
+[908] Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women
+Workers, London 1900. p. 177.
+
+[909] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245.
+
+[910] Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895.
+
+[911] Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259.
+
+[912] Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149
+f.
+
+[913] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
+Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim.
+
+[914] Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages and
+Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende
+Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London 1901.
+p. 116 ff.
+
+[915] Vgl. die Verhandlungen des Züricher Arbeiterschutzkongresses
+1897.--Rudolf Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der
+Fabrik. Tübingen 1897.--Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
+Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.--Massachusetts Bureau of Labour
+Statistics 1875. p. 183 f.
+
+[916] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff.
+
+[917] Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London 1894.
+p. 102.
+
+[918] Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43.
+
+[919] A.a.O., S. 47.
+
+[920] A.a.O., S. 27.
+
+[921] Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O.,
+S. 63.
+
+[922] Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899. Bd.
+I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S. 165, 238, 413,
+659.
+
+[923] Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvrières de l'Industrie
+dans les Pays étrangers. Bruxelles 1898.
+
+[924] Vgl. J. Henrotte, La Réglementation internationale du Travail.
+Congrès international de Législation du Travail à Bruxelles 1897.
+Bruxelles 1898. p. 129 ff.
+
+[925] Vgl. Soziale Rundschau, Wien. März 1900. S. 426.
+
+[926] Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I.
+London 1894. pag. 108.
+
+[927] Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der
+Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f.
+
+[928] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21.
+
+[929] Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract
+Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating
+System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963 f.
+
+[930] Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschränkung der
+Heimarbeit. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd.
+Leipzig 1899. S. 224.
+
+[931] Vgl. E. Jaffé, a.a.O., S. 113.
+
+[932] Vgl. G. Ruhland, Der achtstündige Arbeitstag und die
+Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Schäffles Zeitschrift für die
+gesamte Staatswissenschaft. Tübingen 1891. 2. Heft. S. 350 ff.
+
+[933] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90.
+
+[934] Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen
+Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die
+Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff., sowie
+Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff.
+
+[935] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff.
+
+[936] Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in
+Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd, Berlin
+1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik im
+September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S. 35.
+
+[937] Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat und
+Reichstage überreicht vom Verband der Schneider und Schneiderinnen.
+Stuttgart 1901. S. 130.
+
+[938] Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O.,
+p. 36.
+
+[939] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkungen etc., a.a.O., S.
+225.
+
+[940] Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f.
+
+[941] Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und
+ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und
+Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f.
+
+[942] Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f.
+
+[943] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371.
+
+[944] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222.
+
+[945] Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f.
+
+[946] Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die Beschäftigung
+der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17. Bd.
+
+[947] Vgl. A. Cohen, a.a.O.
+
+[948] Vgl. Henning, Denkschrift über das Kellnerinnenwesen.
+Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19.
+
+[949] Vgl. Ministerialblatt für die gesamte innere Verwaltung, 1898. S.
+201.
+
+[950] Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in
+Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35.
+
+[951] Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle.
+Bruxelles-Paris 1897.
+
+[952] Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen
+Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin 1892.
+S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der Arbeiterwitwen und
+-Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10. Bd. Berlin 1897. S. 466
+ff.
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+[953] Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der
+Arbeitslosen-Versicherung und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.
+Berlin 1901.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14075 ***