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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:43:38 -0700 |
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Hirzel</h3> + +<h3>1901</h3> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h3>Meinem Mann und meinem Sohn.</h3> + +<hr style="width: 65%;" /> +<a name="Vorwort" /> +<h2>Vorwort.</h2> + +<p>Auf Grund vieljähriger Arbeit habe ich den Versuch +unternommen, die Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer +Darstellung zu unterziehen. Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das +für ihr Verständnis entscheidende Moment der +wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch das +weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen +des weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden +für die Vergangenheit wie für die Gegenwart den +orientierenden Ariadnefaden, ohne den das Urteil fehl gehen muss. +Nur indem man die ökonomischen Thatsachen nach der ihnen +zukommenden Bedeutung wertet, erschließt sich der +Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren +integrierender Bestandteil sie ist.</p> + +<p>Mein Buch giebt zunächst eine gedrängte Geschichte der +Entwicklung der Frauenfrage und der Frauenbewegung von den +ältesten Zeiten bis zum 19. Jahrhundert. In eingehender +Darstellung behandelt es sodann die wirtschaftliche Seite der +Frauenfrage, schildert die ökonomische Lage der Frau in den +wichtigsten Kulturländern, bespricht die sozialpolitische +Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres Einflusses +fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter denen eine +organische Lösung der Frauenfrage möglich ist.</p> + +<p>Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes +bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und +öffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und +ethische Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.</p> + +<p>Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird +sachkundige Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: +daß die Darstellung auf einem umfassenden Studium der +Litteratur, insbesondere auch, soweit es sich um die Ermittelung +der thatsächlichen Zustände handelt, auf der Benutzung +der amtlichen Statistiken, staatlichen wie privaten Enqueten, kurz +so weit als möglich auf quellenmäßigen +Untersuchungen beruht.</p> + +<p><i>Berlin</i>, Oktober 1901.</p> + +<p>Lily Braun.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Inhalt" />Inhalt.</h2> + +<p><a href="#Vorwort"><b>Vorwort</b></a></p> + +<p><b>ERSTER ABSCHNITT.</b></p> + +<p>Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.</p> + +<p><a href="#1_Die_Frauenfrage_im_Altertum"><i>Erstes Kapitel</i>: +Die Frauenfrage im Altertum</a></p> + +<p>Die Periode des Mutterrechts.—Die Blutgemeinschaftsfamilie +und die Schwägerschaftsverbände.—Die Entwicklung +zur Monogamie.—Die Gesetzgebung in Bezug auf die +Frauen.—Platos und Aristoteles' Stellung zur +Frauenfrage.—Die Frauenfrage im römischen +Reich.—Die Stellung der Frauen bei den Germanen.</p> + +<p><a href="#2_Das_Christentum_und_die_Frauen"><i>Zweites +Kapitel</i>: Das Christentum und die Frauen</a></p> + +<p>Christus und die Frauen.—Das kanonische Recht.—Die +römisch-katholische Kirche in Bezug auf die +Frauenfrage.—Die Nonnenklöster und ihre +Bildung.—Die Folgen der Reformation für das weibliche +Geschlecht.</p> + +<p><a href="#3_Die_wirtschaftliche_Lage_der_Frauen"><i>Drittes +Kapitel</i>: Die wirtschaftliche Lage der Frauen</a></p> + +<p>Die hörigen Frauen in Burgen und Klöstern.—Die +Prostitution im Mittelalter.—Das zünftige Handwerk und +seine Stellung zur Frauenarbeit.—Weibliche Genossenschaften +und Beginenkonvente.—Der Ausschluß der Frauen aus den +Zünften.—Die Anfänge der industriellen +Entwicklung.</p> + +<p><a href="#4_Die_Stellung_der_Frauen_im_Geistesleben"><i>Viertes +Kapitel</i>: Die Stellung der Frauen im Geistesleben</a></p> + +<p>Frauenbildung in der italienischen Renaissance.—Die +berühmten Frauen Spaniens.—Christine de Pisan und die +Bildung der Frauen Frankreichs.—Der erste deutsche +Vorkämpfer der Frauenbewegung.—Die gelehrten Frauen und +ihre Neigung zur Mystik.—Die Erziehungspläne Mary +Astells.—Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. +Jahrhunderts.—Die französische +Salondame.—Rousseaus Einfluß auf die Frauen.</p> + +<p><a href= +"#5_Die_Frauen_im_Zeitalter_der_Revolution"><i>Fünftes +Kapitel</i>: Die Frauen im Zeitalter der Revolution</a></p> + +<p>Die französischen Frauen in Philosophie und +Politik.—Die Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in +Amerika.—Talleyrand und das Recht der Frauen auf +Bildung.—Die französischen Arbeiterinnen und ihre +Forderungen.—Die Frauenvereine während der +Revolution.—Olympe de Gouges.—Auflösung der +Frauenvereine durch den Konvent.—Condorcets Verteidigung der +Frauenrechte.—Mary Wollstonecraft.—Hippels +"bürgerliche Verbesserung der Weiber".</p> + +<p><b>ZWEITER ABSCHNITT.</b></p> + +<p>Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.</p> + +<p><a href= +"#1_Der_Kampf_um_Arbeit_in_der_burgerlichen_Frauenwelt"><i>Erstes +Kapitel</i>: Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen +Frauenwelt</a></p> + +<p>Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt +beruflicher Arbeit: Fénelons Reform der +Mädchenerziehung.—Basedow und Karoline Rudolphi +über die Erziehung der Töchter.—Die +Erziehungsreform in England und Amerika.—Der Einfluß +der Klassiker auf deutsche Frauenbildung.—Das Eindringen der +Frauen in bürgerliche Berufssphären: in Amerika,—in +England,—in Frankreich,—in Deutschland.—Die +Anfänge der deutschen Frauenbewegung.—Die Bestrebungen +für Frauenbildung und Frauenarbeit in neuester Zeit: in den +Vereinigten Staaten,—in England,—in +Frankreich,—in Rußland,—in Schweden,—in +Dänemark,—in Holland und Belgien,—in der +Schweiz,—in Italien,—in Spanien und Portugal,—in +Oesterreich,—in Deutschland.</p> + +<p><a href= +"#2_Die_treibenden_Krafte_der_burgerlichen_Frauenbewegung"><i>Zweites +Kapitel</i>: Die treibenden Kräfte der bürgerlichen +Frauenbewegung</a></p> + +<p>Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts über +das männliche.—Das Verhältnis der Knaben- und +Mädchengeburten in bürgerlichen und proletarischen +Familien.—Die Verheiratbarkeit nach den +Altersstufen.—Statistik der verheirateten und der ledigen +Frauen—Der Knabenüberschuß bei der +Geburt.—Die größere Sterblichkeit der +Männer.—Der Rückgang der Heiratsziffern und seine +Ursachen.—Statistik der erwerbsthätigen +Frauen.—Statistik der Frauenarbeit in bürgerlichen +Berufen.—Die verheirateten Frauen in bürgerlichen +Berufen.—Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.—Die +Löhne der Handelsangestellten.—Die +Bühnenkünstlerinnen und die weiblichen Journalisten.</p> + +<p><a href= +"#3_Die_burgerliche_Berufsthatigkeit_von_prinzipiellen_Gesichtspunkten"> +<i>Drittes Kapitel</i>: Die bürgerliche Berufsthätigkeit +von prinzipiellen Gesichtspunkten</a></p> + +<p>Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die +Körperkräfte.—Das weibliche Gehirn.—Der +Einfluß der Geschlechtsfunktionen auf die +Berufsthätigkeit.—Mutterschaft und +Frauenarbeit.—Die Zerstörung der Weiblichkeit durch die +Berufsthätigkeit.—Der Unterschied der Geschlechter in +Bezug auf die geistige Befähigung.—Das weibliche Genie +und seine Zukunft.</p> + +<p><a href= +"#4_Die_Entwicklung_der_proletarischen_Frauenarbeit"><i>Viertes +Kapitel</i>: Die Entwicklung der proletarischen +Frauenarbeit</a></p> + +<p>Die technische Revolution im Anfang des 19. +Jahrhunderts.—Die Zunahme der Frauenarbeit infolge der +Einführung der Maschinen.—Der Kampf der Arbeiter gegen +die Maschine.—Der Kampf der Männer gegen die +Frauenarbeit.—Die Entwicklung der modernen +Hausindustrie.—Frauenlöhne um die Mitte des 19. +Jahrhunderts.—Arbeiterwohnungen.—Die sanitären +Zustände in den ersten Fabriken.—Die Lage der +Landarbeiterinnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts.—Die +Entwicklung der Dienstbotenfrage.—Proletarische Frauenarbeit +im Handel.</p> + +<p><a href= +"#5_Die_Statistik_der_proletarischen_Frauenarbeit_nach_den_letzten"> +<i>Fünftes Kapitel</i>: Die Statistik der proletarischen +Frauenarbeit nach den letzten Zählungen</a></p> + +<p>Das numerische Verhältnis der proletarischen Frauenarbeit +zur bürgerlichen.—Das Wachstum der proletarischen Arbeit +im Verhältnis zum Wachstum der Bevölkerung.—Das +numerische Verhältnis der männlichen zu den weiblichen +Arbeitern.—Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre Zu- +resp. Abnahme.—Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in +der Industrie.—Die proletarische Frauenarbeit in +Alleinbetrieben.—Die mithelfenden +Familienangehörigen.—Die Verteilung der Frauenarbeit in +der Industrie je nach den Berufsarten.—Die Statistik der +Hausindustrie: in Deutschland,—in Oesterreich,—in +Frankreich,—in Belgien—Die Abnahme der häuslichen +Dienstboten.—Die Altersgliederung der +Arbeiterinnen.—Der Familienstand der Arbeiterinnen.—Die +Zunahme der Arbeit verheirateter Frauen.</p> + +<p><a href= +"#6_Die_Lage_der_Arbeiterinnen_in_der_Gegenwart"><i>Sechstes +Kapitel</i>: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart</a></p> + +<p><a href="#6_1"><i>Die Großindustrie</i></a>: Die +Löhne der Fabrikarbeiterinnen.—Verhältnis der +Frauen- zu den Männerlöhnen.—Differenzierung der +Arbeit nach Geschlechtern.—Die Ursachen der Erwerbsarbeit +verheirateter Frauen.—Das Verhältnis des Lohnes zu den +Lebensbedürfnissen.—Die Arbeitszeit der +Fabrikarbeiterin.—Der Einfluß der Fabrikarbeit auf die +Gesundheit der Frau.—Der Einfluß der Fabrikarbeit +verheirateter Frauen auf die Familie.</p> + +<p><a href="#6_2"><i>Hausindustrie und Heimarbeit</i></a>: Die +Textil-Hausindustrie.—Die Lage der Arbeiterinnen in +absterbenden Hausindustrien.—Die Dezentralisation des +Großbetriebes und ihr Einfluß auf die +Frauenarbeit.—Die Lage der Nadelarbeiterinnen.—Das +Sweating-System.—Die sanitären und sittlichen Folgen der +Hausindustrie.—Die Existenzbedingungen der Hausindustrie.</p> + +<p><a href="#6_3"><i>Der Handel</i></a>: Die Löhne der +Verkäuferinnen.—Die Ladenzeit.—Die +Ueberbürdung der Lehrlinge.—Das Alter der +Verkäuferinnen.—Die gesundheitlichen und sittlichen +Folgen der Frauenarbeit im Handel.—Die Entwicklung zum +Großbetrieb.</p> + +<p><a href="#6_4"><i>Die Landwirtschaft</i></a>: Die Gliederung der +ländlichen Arbeiterschaft.—Das landwirtschaftliche +Gesinde.—Die Instleute, Scharwerker, Deputanten und +Heuerlinge.—Die Tagelöhner.—Die +Wanderarbeiter.—Die Arbeitsbedingungen der +landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.—Die ländlichen +Arbeiterwohnungen.—Die Sittlichkeit auf dem Lande.</p> + +<p><a href="#6_5"><i>Der häusliche und der persönliche +Dienst</i></a>: Dienstbotenlöhne.—Die +Dienstvermittlung.—Die Wohnräume der +Dienstmädchen.—Die Beköstigung.—Die +ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.—Die freie Zeit der +Dienstmädchen.—Ihre Herkunft.—Die sittlichen +Gefahren des häuslichen Dienstes.—Das +Ammenwesen.—Umwandlung des Haushalts durch den Mangel an +Dienstboten.—Die Wäschereien im Klein- und +Großbetrieb.—Die Entwicklung des +Wirtshauslebens.—Die Lehrzeit im Kellnerinnenberuf.—Die +Arbeitszeit der Kellnerinnen.—Die Lohnverhältnisse im +Gastwirtsgewerbe.—Die Trinkgelder und ihr +Einfluß.—Wohnung und Kost.—Die sanitären und +sittlichen Folgen des Kellnerinnenberufs.</p> + +<p><a href="#7_Die_Arbeiterinnenbewegung"><i>Siebentes Kapitel</i>: +Die Arbeiterinnenbewegung</a></p> + +<p>Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der +Arbeiterbewegung.—Die Nur-Frauengewerkschaften.—Die +Trennung der deutschen Arbeiterinnenbewegung von der +bürgerlichen Frauenbewegung.—Die gewerkschaftliche +Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,—in +Oesterreich,—in England,—in Frankreich,—in den +Vereinigten Staaten. Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen +und ihre Gründe.—Die Mittel zur Besiegung der +Organisationsunfähigkeit der Frauen.—Die Teilnahme der +Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.—Die +Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.—Die +politischen Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.—Die +Stellung der Arbeiterinnenbewegung zur bürgerlichen +Frauenbewegung.—Die positiven Aufgaben der +Arbeiterinnenbewegung.</p> + +<p><a href= +"#8_Die_burgerliche_Frauenbewegung_in_ihrer_Stellung_zur"><i>Achtes +Kapitel</i>: Die Bürgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung +Zur Arbeiterinnenfrage</a></p> + +<p>Die Wohlthätigkeitsbestrebungen und die soziale +Hilfsarbeit.—Die prinzipielle Ablehnung des +Arbeiterinnenschutzes durch die bürgerliche +Frauenbewegung.—Die Sozialreform und ihre Vertretung +innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung.—Die Stellung +des Bundes deutscher Frauenvereine zur +Arbeiterinnenfrage.—Die Haltung der Frauenrechtlerinnen +gegenüber der Dienstbotenfrage.—Die Organisation der +Arbeiterinnen durch die bürgerliche Frauenbewegung.—Die +Wirkungen der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die +Arbeiterinnen.</p> + +<p><a href= +"#9_Die_sozialpolitische_Gesetzgebung_und_ihre_Aufgaben"><i>Neuntes +Kapitel</i>: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre +Aufgaben</a></p> + +<p><a href="#9_1"><i>Der Arbeiterinnenschutz</i></a>: Seine +historische Entwicklung.—Synoptische Uebersicht des geltenden +Rechts.—Die Regelung der Arbeitszeit in der +Großindustrie.—Der Ausschluß der verheirateten +Frauen aus den Fabriken.—Die Ueberarbeit und die +Nachtarbeit.—Die Sonntagsarbeit.—Arbeitsverbote in +gesundheitsgefährlichen Betrieben.—Der Schutz der +Schwangeren und Wöchnerinnen.—Die Ausdehnung des +Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.—Sanitäre +Vorschriften in Bezug auf die +Hausindustrie.—Unterdrückung der Heimarbeit.—Der +Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.—Die Aufgaben der +Gesetzgebung gegenüber den Landarbeitern.—Der +Kellnerinnenschutz.—Die Trinkgelderfrage.—Die +Gesindeordnungen.—Arbeiterschutz für +Dienstboten.—Die genossenschaftliche +Hauswirtschaft.—Die Fortbildungsschulen.—Die freie +Verfügung über den Arbeitsertrag.—Die +Gewerbegerichte.—Das Koalitionsrecht.</p> + +<p><a href="#9_2"><i>Die Arbeiterinnenversicherung</i></a>: Ihre +historische Entwicklung.— Synoptische Uebersicht des +geltenden Rechts.—Die Krankenversicherung.— Die +Mutterschaftsversicherung.—Die Unfallversicherung.—Die +Alters- und Invaliditätsversicherung.—Die Versorgung der +Witwen und Waisen.—Die Frage der +Arbeitslosenversicherung.—Die kommunale und staatliche +Arbeitsvermittlung.—Die Ausdehnung der +Arbeiterversicherung.</p> + +<p><a href="#9_3"><i>Die Grenzen der Gesetzgebung</i></a>: Der +Gegensatz der Interessen zwischen Unternehmern und +Arbeitern.—Die Prostitution.—Die Frauenarbeit, das +revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Erster_Abschnitt" />Erster Abschnitt.</h2> + +<p>Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="1_Die_Frauenfrage_im_Altertum" />1. Die Frauenfrage im +Altertum.</h2> + +<p>Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen +Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an überliefert +wird, einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine +Geschichte der Kriege und daher eine der Männer, die wir +unserem Gedächtnis haben einprägen müssen. Erst in +neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein Umschwung +vorzubereiten. Neben die politische tritt die Kulturgeschichte, +neben die Thaten und Abenteuer der Fürsten und Helden des +Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner geistigen +Führer. Der natürliche menschliche Egoismus hatte der +Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die +Herrschenden und Gebildeten sahen über ihren Kreis nicht +hinaus; wie man in den Feldzugsberichten nur von dem +Heerführer als dem Sieger spricht, ihm allein Lorbeeren weiht +und Denkmäler baut, und die Tausende, die eigentlich die +Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das Volk, der +Träger der Menschheitsgeschichte, über denjenigen fast +vergessen, die, begünstigt von Glück oder von der +Begabung, weithin sichtbar aus der Masse hervorragten. Die +fortschreitende ökonomische Entwicklung befreite diese Masse +mehr und mehr aus ihrem Sklavenverhältnis, und während +auf der einen Seite die Unterschiede zwischen Reichtum und Armut +sich verschärften, wurde andrerseits eine gewisse Gleichheit +der Bildung und Aufklärung befördert. Mit der Sklaverei +und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum +Selbstbewußtsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, +bei der Bestimmung über sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und +gedieh zu einem Machtfaktor, mit dem gerechnet werden muß. +Als es anfing, sich bemerkbar zu machen, wurde es von der +Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man begann, sein Leben, +Fühlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu +erforschen, und eröffnete damit ein Gebiet, das einen fast +unerschöpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt.</p> + +<p>Einen ähnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau +durchmessen. Sie steht jetzt in allen Kulturländern auf dem +Punkt, sich ihre wirtschaftliche, rechtliche und sittliche +Gleichberechtigung zu erkämpfen. Nur für denjenigen, der +die Entwicklungsgeschichte kennt, der weiß, welch langen, +mühevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurücklegen +mußte, wird die große, weit über ihr Geschlecht +hinausreichende Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der +Tiefe des weiblichen Wesens und seiner Geschichte ist die +Frauenfrage herausgewachsen, und sie muß bis in ihre Wurzeln +hinein verfolgt werden, um die ganze Schwierigkeit der in ihr +enthaltenen Probleme zu erkennen und die richtigen Mittel zu ihrer +Lösung zu finden.</p> + +<p>Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt +sich, soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im +Dunkeln sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir +diesen Boden verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein +Bild des Lebens der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, +finden wir sie immer in einem Zustand der Enge und Begrenztheit des +persönlichen Daseins. Er war zunächst durch die Natur +ihres Geschlechts selbst begründet. Die Mutterschaft +beschränkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie +schutzbedürftig, obgleich—was wir berechtigt sind +anzunehmen—die Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute +mit pathologischen Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind +jedoch bedurfte infolge seiner völligen Unselbständigkeit +der mütterlichen Fürsorge und während der +Mann—in welcher Periode der Menschheitsentwicklung +immer—ungehindert durch Geschlechtsbeschränkungen seinen +Trieben folgen konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum +Bewußtsein kommende Naturgesetz, daß die Mutter an das +Kind gefesselt war. Es machte die Frau im Vergleich, zum Mann von +vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und Leiden auf, die niemand +ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim der Entwicklung +aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich.</p> + +<p>Die Mutterliebe, jenes ursprünglichste Gefühl, war die +erste Erhellung moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging +vom Weibe jede Erhebung der Gesittung aus.<a name= +"FNanchor_1"></a><a href="#Footnote_1"><sup>1</sup></a> Denn nicht +der Bund zwischen Mann und Weib war, wie uns viele glauben machen +wollen, die erste, unumstößliche Vereinigung, sondern +der Bund zwischen Mutter und Kind.<a name="FNanchor_2"></a><a href= +"#Footnote_2"><sup>2</sup></a></p> + +<p>Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das +erste Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den +Mythologieen vieler Völker finden wir daher die Spuren +göttlicher Verehrung des weiblichen Prinzips in der Natur: In +der Göttin Isis beteten die Aegypter die fruchtbare Erde an. +Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand, war die +Personifikation der mütterlichen, gebärenden Kraft. Von +der Urmutter Themis erfährt Zeus das nur ihr bekannte +Geheimnis des Alls. Ueber Odin, den Göttervater und alle +Götter der Germanen stehen. Die Schicksalsgöttinnen, die +Nornen. Gunnlöd, ein Weib, verwahrt den Trank der +höchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil.</p> + +<p>Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft +zwischen Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, +sondern auch dem primitiven Recht zu Grunde. Für das +natürliche, durch keinerlei Klügeleien beirrte +Rechtsbewußtsein war das Kind Eigentum der Mutter, die es +unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernährte, seine ersten +Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu +verwundern, daß sich übereinstimmend bei zahlreichen +Völkern eine Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen +läßt.</p> + +<p>Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie +mit Weiberherrschaft identisch wäre, und es giebt sogar +Vorkämpfer der Frauenbewegung, die in der Gynäkokratie +das goldene Zeitalter der Freiheit und Gleichheit des weiblichen +Geschlechtes preisen, das verlorene Paradies, das wieder gefunden +werden muß. Wer dagegen die Forschungen Morgans, Bachofens +und anderer nüchtern prüft, vor dessen Augen erscheint +die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklärung als +ein Zustand primitivster Kultur für Mann und Weib, und er +findet keinerlei Zeichen dafür, daß das Weib eine +"Oberherrschaft" nach unseren Begriffen ausgeübt hat.<a name= +"FNanchor_3"></a><a href="#Footnote_3"><sup>3</sup></a></p> + +<p>Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach +jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem +Tierreich losgelöst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich +zum Schutz vor den wilden und stärkeren Tieren vermutlich +aufgehalten hat, zur Erde herabgestiegen und hat den ersten Triumph +seines entwickelten Geistes gefeiert, indem er nicht nur den Stein +gegen die Bedroher seines Lebens schleudern lernte, sondern ihn +durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete. Nun wird der Verfolgte zum +Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen und kämpfen, +giebt es doch noch heute wilde Völkerschaften, in denen die +Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,<a name= +"FNanchor_4"></a><a href="#Footnote_4"><sup>4</sup></a> aber sobald +sie Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht +zugleich die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das +schützende Dach für sich und ihren hilflosen +Säugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt, +hüllt sie instinktiv das kleine frierende Geschöpf und +gewinnt dadurch die Anregung, schließlich auch für sich +ein deckendes und wärmendes Kleidungsstück zu schaffen. +Sie muß, wenn die Nahrungsquelle in ihrer Brust versiegt, den +Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so lernt sie die +Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des Wildes, +der Fische und Vögel dazu verwendet, das ihr der Mann von +seinen Jagdzügen bringt, sie benutzt auch die Knollen, +Körner und Früchte, die sie selbst findet, und gewinnt +schließlich die Fertigkeit, sie für den Gebrauch +anzupflanzen.<a name="FNanchor_5"></a><a href= +"#Footnote_5"><sup>5</sup></a></p> + +<p>Die Frau wurde immer seßhafter und der Mann, dessen Leben +sich zwischen Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Hütte bald +als den Zufluchtsort an, wo er nicht nur zu flüchtiger Ruhe +einkehrte und Obdach, Nahrung und Kleidung fand, sondern wo er auch +seine Beute verwahren konnte. Noch anziehender wurde die Hütte +für den Mann und noch wichtiger die Gebundenheit der Frau, als +die Menschheit das Feuer kennen und schätzen lernte. +Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zündkraft des Blitzes +bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum—ein echtes +Geschenk des Himmels—gehütet, weil die Fertigkeit, es +selbst hervorzurufen, erst in weit späterer Zeit erworben +wurde. Die natürliche Hüterin und Bewahrerin des Feuers +war die Frau.<a name="FNanchor_6"></a><a href= +"#Footnote_6"><sup>6</sup></a> Und so war es nicht der dem +Urmenschen so häufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe +zu Weib und Kind—Gefühle, die nur die Produkte einer +höheren Kultur sein können—, welche ihn an den +häuslichen Herd immer wieder zurückzogen, sondern +lediglich die rohen, physischen Bedürfnisse.</p> + +<p>Von einer Ehe in unserem Sinn war natürlich keine Rede; dem +regellosen Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte +Blutgemeinschaftsfamilie, in der die einzelnen Generationen sich +nicht mehr miteinander vermischten. Bei der geringen numerischen +Ausdehnung, die die Menschheit ursprünglich gehabt haben +muß, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die +Vermischung von Blutsverwandten selbstverständlich. Ebenso +selbstverständlich ist es aber auch, daß diese Form der +Familie nicht auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich +vielmehr von selbst auflöste, sobald sie durch ihre +Größe im Bereich des mütterlichen Herdes weder Raum +noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der +Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der +Schwägerschaftsverbände (Punaluafamilie, nach Morgan) ist +nicht auf eine höhere sittliche Erkenntnis +zurückzuführen, sondern auf die uralten Triebkräfte +der Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der +Sitte die Moral einer jeden Zeit.</p> + +<p>Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des +einen Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete +sozusagen alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und +der ehelichen Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen +wurde ein väterliches Recht an den Kindern nicht geltend +gemacht, sie gehörten ausschließlich der Mutter, die sie +geboren hatte, und deren Stamm. Der Mann führte das Weib nicht +wie ein persönliches Eigentum in sein Haus, sondern er kam in +das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser Rechtszustand, der zur +Zeit der Blutgemeinschafts- wie der Punaluafamilie der herrschende +war, nicht auf eine hohe moralische Wertschätzung der Frau +zurückzuführen, sondern auf die ursprüngliche +Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er +hatte auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte +vielmehr den Grund zu der feststehenden Meinung, daß das +Arbeitsgebiet der Frau allein auf das Haus zu beschränken +sei.</p> + +<p>Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen +Zweigen, mit der Zunahme der Bebauung des Bodens—lauter +Arbeitsarten, die im Bereiche des ursprünglichen Hauswesens +lagen und daher hauptsächlich der Frau zufielen—, wurde +die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er selbst war, je dichter +sich die Erde bevölkerte, immer mehr in Kämpfen mit den +Nachbarn oder mit den Volksstämmen, durch deren Land er als +Nomade zog, verwickelt. Zunächst waren es nur Kämpfe um +die tägliche Nahrung, um die Jagdgründe; als er es aber +verstand, die Tiere nicht nur zu erlegen, sondern zu zähmen +und zu züchten, da kämpfte er für den Schutz und um +die Vergrößerung seines Besitzes. In früheren +Perioden, wo er nichts besaß, als was er täglich +gebrauchte, hatte er den gefangenen Feind entweder getötet, +oder als Gleichen und Freien in seine Blutsfreundschaft +aufgenommen, jetzt, wo er mehr besaß, als er gebrauchte, +bedurfte er der Arbeitskräfte in seinem Dienst, daher machte +er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im +unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die +Sklaverei. Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des +Herrn beugen mußte, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, +zur ersten Sklavin geworden.</p> + +<p>Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten +Verhältnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen. +Durch sie erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder +erkämpfte, ein Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der +Besitz vergrößerte, desto wichtiger wurde ihre +Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster Kultur auch eine +erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den steigenden +Bedürfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und +umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die Hütte, die das +Weib einst zusammenfügte, war nichts als ein Obdach, das alle +im Notfall benutzen konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet +oder aus behauenen Blöcken aufgerichtet wurde und Waffen, +Vorräte, Erz und Felle barg, war ein wertvoller Besitz. Das +Wild, das der Mann früher täglich erlegte, war nichts als +ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt auf seinem +Boden weideten, repräsentierten ein Kapital, das durch +Männerfäuste gegen den Nachbarn geschützt werden +mußte. Und die Kinder, die früher das unbestrittene +Eigentum der Mutter waren, wurden zu wertvollen Arbeitskräften +und Kampfgenossen für den Vater. Es kam aber noch ein sehr +wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte nächst der Habsucht +jenen Egoismus gezeitigt, der über den Tod hinaus reicht und +dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der +Besitzende wünschte rechtmäßige Erben für +seinen Besitz.</p> + +<p>Das Mutterrecht mußte dem Rechte des Vaters weichen. Als +Arbeiterin und als Mutter rechtmäßiger Kinder hatte das +Weib einen Wert bekommen, der sich dadurch ausdrückte, +daß sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh, Waffen oder Erz +eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit, die +grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter +mußte sich die möglichste Sicherheit verschaffen, +daß sie ihm legitime Erben gebar.</p> + +<p>Der für die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle +Fortschritt zur Einzelehe war daher für die Frau zunächst +nichts als eine Station auf ihrem Kreuzesweg.<a name= +"FNanchor_7"></a><a href="#Footnote_7"><sup>7</sup></a> Denn die +monogame Familie entstand nicht infolge der Erkenntnis ihres +höheren sittlichen Werts, sondern auf Grund ökonomischer +Rücksichten. Die Monogamie bestand nur für die Frau, wie +die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert +wurde.</p> + +<p>Sich, wie es häufig geschieht, über diese einseitige +Monogamie und über die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung +der Treue sittlich zu entrüsten, hieße ihren Ursprung +verkennen, der nicht in der Niedertracht des männlichen +Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen Verhältnissen zu +suchen ist.</p> + +<p>Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von +Religion und Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles +Recht, von der Manava an bis zum Koran, als göttliches Gesetz +betrachtet wurde und auf religiöser Basis<a name= +"FNanchor_8"></a><a href="#Footnote_8"><sup>8</sup></a> ruhte, so +war das Sklavenverhältnis des Weibes hier das festeste und +überdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich mit ihr, +ihren Pflichten und Rechten beschäftigen, lassen sich dahin +zusammenfassen, daß sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor +allem der Söhne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse +des Vaters an rechtmäßigen Leibeserben, das in der +patriarchalischen Familie seinen stärksten Ausdruck fand, +erweiterte sich bald zum Interesse des Staates an einer +genügenden Zahl kampffähiger Männer. Die Heirat war +eine Pflicht gegenüber dem Staat, daher wurden z.B. in China +in jedem Frühjahr die unverheirateten Männer von 30 und +Frauen von 20 Jahren einer harten Bestrafung unterworfen, und es +bestanden genaue gesetzliche Vorschriften über die ehelichen +Pflichten zum Zweck der Kindererzeugung<a name="FNanchor_9"></a><a +href="#Footnote_9"><sup>9</sup></a>. Bei den Indern konnte eine +unfruchtbare Frau im achten Jahre der Ehe mit einer anderen +vertauscht werden, eine, deren Kinder gestorben waren, im zehnten, +eine, die nur Töchter geboren hatte, im elften Jahre<a name= +"FNanchor_10"></a><a href="#Footnote_10"><sup>10</sup></a>. Der +Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare Frau zu +verstoßen oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter +Beistand der rechtmäßigen Gattin zur Welt kamen und +dadurch als legitime Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die +kinderlose, zu Abraham: "Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch +vielleicht aus ihr mich bauen möge."<a name= +"FNanchor_11"></a><a href="#Footnote_11"><sup>11</sup></a> Und +obwohl bei allen Völkern des Orients die Untreue der Frau mit +dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religiösen +Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mußte sich in +Indien einem Mitglied der Familie des Mannes unter religiösen +Ceremonien vor den Augen ihrer Angehörigen hingeben;<a name= +"FNanchor_12"></a><a href="#Footnote_12"><sup>12</sup></a> sie fiel +in Israel, wenn ihr Gatte starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte, +seinem ältesten Bruder zu, damit er dem Verstorbenen noch +Nachkommen zeuge.<a name="FNanchor_13"></a><a href= +"#Footnote_13"><sup>13</sup></a> Sie war des Mannes +unbeschränktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben +Stufe mit den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes +Vermögen zu besitzen. Die heiligen Gesetze Indiens +erklären ausdrücklich, daß alles, was eine Frau +oder ein Sklave etwa erwirbt, selbständiges Eigentum des Herrn +ist, "dem sie gehören".<a name="FNanchor_14"></a><a href= +"#Footnote_14"><sup>14</sup></a> Von Geburt an bis zum Tode sind +die Frauen vollständig unfrei; als Mädchen sind sie von +ihrem Vater, als Frauen von ihrem Gatten, als Witwen von ihren +Söhnen oder Blutsverwandten abhängig.<a name= +"FNanchor_15"></a><a href="#Footnote_15"><sup>15</sup></a></p> + +<p>Aus alledem geht hervor, daß die Frauen im Orient nur ein +Werkzeug zur Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Außerhalb +ihres einzigen Berufes, dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei +Wert und Bedeutung, ja sie wurden so ausschließlich als +Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet, daß von jener +ehrfürchtigen Verehrung, welche die in den Phantasiegestalten +zahlreicher Göttinnen personifizierte Mutterschaft unter den +Völkern des Abendlandes genoß, im Orient, mit Ausnahme +von Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das +Weib verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig +erwünschten Sohnes eine Tochter gebar.<a name= +"FNanchor_16"></a><a href="#Footnote_16"><sup>16</sup></a> Die +Jüdin, die einen Knaben zur Welt brachte, blieb sieben Tage +unrein; war ihr Kind ein Mädchen, so blieb sie es vierzehn +Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die Mutter eines +blühenden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein unheiliges, +von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel +gekennzeichnetes Geschöpf. Dieser Auffassung entsprach auch +der Mythus von der Stammmutter Eva, von der alle Sünde und +alles Unglück der Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu, +ist niederträchtig wie die Falschheit selbst, es muß wie +Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche oder dem Strick +gezüchtigt werden.<a name="FNanchor_17"></a><a href= +"#Footnote_17"><sup>17</sup></a> Nur der Mann hat, nach dem Glauben +der Chinesen, eine unsterbliche Seele;<a name="FNanchor_18"></a><a +href="#Footnote_18"><sup>18</sup></a> Brahma verbietet dem Weibe, +die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt, +daß die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen +bleiben; mit den Kindern und Sklaven stehen die Hebräerinnen +auf einer Stufe, wenn auch ihnen die Berührung des Gesetzes +nicht gestattet ist. Der Talmud schätzt die Ehre der Frau nach +ihrem Vermögen, denn nur dann gilt sie als +rechtmäßige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn +sie eine Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung +mit dem Mann nur ein Konkubinat.<a name="FNanchor_19"></a><a href= +"#Footnote_19"><sup>19</sup></a></p> + +<p>Die Kulturentwicklung der alten orientalischen Völker stand +schon weit genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um +das Verbrechen, arm zu sein, durch Schande zu strafen. Groß +war daher die Zahl der armen Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft +ihren Leib verkaufen mußten. So hart aber auch das Los der +als Mägde und Sklavinnen in strengem Dienstverhältnis zu +ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer Unterschied +zwischen dem der begüterten und der rechtmäßigen +Gattinnen war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes +stand gleichmäßig tief.</p> + +<p>Gegenüber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen +für die Repräsentanten einer bedeutend höheren +Kultur zu halten. Nehmen wir jedoch die Stellung der Frau zum +Maßstab für unser Urteil, so muß es ganz anders +lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten sogar +erhebliche Rückschritte auf.</p> + +<p>Die Familie war im Orient ein Staat für sich gewesen, der +Vater der Patriarch, der König darin. Sie wurde in +Griechenland fast bedeutungslos, denn der Staat übernahm viele +ihrer wichtigsten Funktionen; der Familienvater war nicht mehr +Herrscher, sondern Unterthan, seine Bürgerpflichten entrissen +ihn vollkommen seiner Häuslichkeit, sein Leben als +Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und Künstler spielte +sich außerhalb des Hauses ab, dessen Geschäfte und +Obliegenheiten er ausschließlich der Gattin und den Sklaven +überließ. Eines freien Mannes waren sie unwürdig +und wurden um so verachteter, je mehr die Sklaverei zu einem +wichtigen Faktor im sozialen Leben sich entwickelte. Während +der Orientale, besonders der Israelit, in der Arbeit keine Schande +sah und die Züchtung und Hütung der Herden zu seinen +Pflichten gehörte, während der Schwerpunkt seines Lebens +in seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch, +trotz aller Unterdrückung, menschlich näher stand, sank +sie in Griechenland vollständig in die Reihen der Sklaven +hinab.</p> + +<p>Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der +Vater, wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin +geben; der Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie +unfruchtbar, so galt es für ein Verbrechen gegen die +Götter, wenn sie nicht verstoßen wurde. Die Pflicht, zum +Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu schließen, +wurde vom Staate den Männern auferlegt;<a name= +"FNanchor_20"></a><a href="#Footnote_20"><sup>20</sup></a> durch +Solons Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe +unterworfen. Denn noch waren die Länder nur schwach +bevölkert und vom Zuwachs tüchtiger Bürger hing das +Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher beschäftigt +sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer so +eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung.</p> + +<p>Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau +haben; die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war +aber unbeschränkt, und der einzige Fortschritt gegenüber +den orientalischen Zuständen bestand darin, daß ihre +Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder der Familie waren, sondern es +erst durch die Legitimation ihres Vaters werden konnten. Die aus +dem väterlichen Hause meist in sehr jungen Jahren in das des +Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in völliger +Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Berührung mit der +Außenwelt; sie durfte weder am öffentlichen noch am +geselligen Leben Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, über +deren Grenze die tugendhafte Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und +wenn Dichter und Schriftsteller auch versuchten, sie ihr zu +verklären<a name="FNanchor_21"></a><a href= +"#Footnote_21"><sup>21</sup></a>—genau wie es heute +geschieht—so war ihre Lage doch die einer physisch und +geistig allen Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche +verachtet wurde. Von einem Griechen stammt jener bekannte +Ausspruch, wonach diejenigen Frauen am meisten Ruhm verdienen, von +denen am wenigsten gesprochen wird,<a name="FNanchor_22"></a><a +href="#Footnote_22"><sup>22</sup></a> und er bedeutet nichts +anderes, als daß die Frau im Guten ebensowenig wie im +Bösen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach nur der +allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes der +Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und +sagte, daß man Frauen nur nehme, um rechtmäßige +Kinder zu zeugen, Beischläferinnen, um eine gute Pflege zu +haben, und Buhlerinnen, um die Freuden der Liebe zu genießen. +Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte der Grieche nicht.<a name= +"FNanchor_23"></a><a href="#Footnote_23"><sup>23</sup></a> Im +besten Fall war sein Gefühl für die Gattin die +wohlwollende Anhänglichkeit eines Patrons zu seinem +Klienten.<a name="FNanchor_24"></a><a href= +"#Footnote_24"><sup>24</sup></a> Nicht die in strenger +Zurückgezogenheit lebende, von klein auf zu kühler +Keuschheit und Zurückhaltung erzogene Frau war der Gegenstand +seiner Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die +Hetäre.</p> + +<p>Die uralte Verehrung des mütterlichen Prinzips in der +Natur, der Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem +allmählichen Verfall des Mutterrechts mehr und mehr +verwandelt. Einst mußten sich die Jungfrauen Aegyptens einmal +in ihrem Leben im Tempel der Göttin der Fruchtbarkeit einem +Fremden preisgeben, später bevölkerten zahlreiche Frauen +das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder +Mylitta. Denn hart war das Los der Mägde und Sklavinnen; nur +die Mädchen, welche eine Mitgift besaßen, hatten +Aussicht auf eine legitime Ehe, und auch das Schicksal +rechtmäßiger Frauen war ein trauriges. Da kann es nicht +wunder nehmen, wenn Not, Glückssehnsucht und Freiheitsdurst +Scharen Armer und Unterdrückter in den Dienst der +Liebesgöttin trieb. Geheiligt durch die Religion, +gefördert durch Not und Unterdrückung—so entstand +in der ältesten Zeit die Prostitution. Sie wuchs mit der +Ausdehnung der Sklaverei,—fast alle bekannten Hetären +waren ursprünglich Sklavinnen,—und gewann an Ansehen und +Bedeutung, je tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im +allgemeinen war. Ihre Blütezeit erlebte sie in Griechenland, +als Kunst und Wissenschaft auf ihrer Höhe standen und der +Kultus der Schönheit die Religion beinahe ersetzte.</p> + +<p>Gern trat die schöne Sklavin, auf die das bewundernde Auge +des Gebieters gefallen war, aus dem engen dumpfen Gynäkonitis +mit seiner einförmigen Arbeitspflicht auf den offenen Markt +hinaus, um von den Dichtern besungen, den Künstlern gemalt und +gemeißelt, dem Volke verehrt zu werden. Und diejenigen +Frauen, deren reger Geist sich durch das abgeschlossene Leben nicht +ertöten ließ, in deren Gemach ein Schimmer vom Glanz +griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten häufig +genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die +Buhlerin war in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe +folgen, die an der hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes +persönlichen Anteil nehmen konnte.<a name="FNanchor_25"></a><a +href="#Footnote_25"><sup>25</sup></a> Die Geliebte des Perikles, +Aspasia, die Lehrerin des Sokrates, Diotima, die Schülerin des +Plato, Lastheneia, die des Epikur, Leontion, nahmen dem +griechischen Hetärentum das Odium eines ehrlosen Gewerbes und +erhoben die Hetäre in den Augen der hervorragendsten +Männer über die Hausfrau, deren Geistes- und +Gefühlsleben künstlich verkümmert wurde.</p> + +<p>Die Geschichte weiß von keiner einzigen Griechin zu +berichten, die sich gegen Sittengesetze empört hätte, +welche als Lohn auf die weibliche Tugend—die dauernde +Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster—die Freiheit +setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe, wenn +er seine Iphigenie sagen läßt: "Der Frauen Schicksal ist +beklagenswert", aber in Wirklichkeit besaß das weibliche +Geschlecht in dem sonnigen, ruhmgekrönten Hellas keine +Priesterin, die seinem stummen Leid Worte verlieh. Nur den +größten Denkern der Nation, Plato und Aristoteles, +scheint es zum Bewußtsein gekommen zu sein, daß die +Stellung der griechischen Frau eine unwürdige war. Wer Platos +Aussprüche, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib +dieselbe Natur, vermöge deren sie geschickt sind zur +Staatshut", und "die Aemter—(im Staat)—sind Frauen und +Männern gemeinsam",<a name="FNanchor_26"></a><a href= +"#Footnote_26"><sup>26</sup></a> aus dem Zusammenhang +herausreißt, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei +im modernsten Sinne ein Vorkämpfer der Gleichberechtigung der +Geschlechter gewesen. Der Sachverhalt ist aber thatsächlich +folgender: Er teilt die Bevölkerung seines Idealstaates in +drei Klassen, von denen die oberste, die der Hüter und +Wächter, die geistig und körperlich vollendetste sein +soll, weswegen die dafür Berufenen eine ganz ungewöhnlich +treffliche Erziehung genießen müssen. Aber sie sollen +nicht nur für ihre hohe verantwortliche Stellung als +Staatsleiter erzogen, sie sollen schon dafür geboren werden. +Und deshalb müssen ihre Mütter in gleicher Weise zu +geistig und körperlich über der Masse stehenden Wesen +herangebildet werden, wie ihre Väter. Plato +erklärt,—und das kann bei der hohen geistigen Bildung +vieler Hetären seiner Zeit nicht Wunder +nehmen,—daß Männer und Frauen gleiche +Fähigkeiten besitzen, und da der Staat das höchste +Interesse daran habe, daß begabte und kräftige Kinder +geboren werden, so müsse er die besten männlichen und +weiblichen Exemplare der obersten Klasse zwangsweise miteinander +vermählen. Genau wie der Tierzüchter nach seinem Belieben +Hengst und Stute zusammenführt, so sollen die Oberen +bestimmen, nicht nur welche Männer und Frauen sich +vermählen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen +dürfen,<a name="FNanchor_27"></a><a href= +"#Footnote_27"><sup>27</sup></a> damit "der Staat weder +größer werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den +Willen der Oberen erzeugt würde, dessen Eltern sich also +freiwillig, aus Liebe umarmten, sollte dem Staat für unecht +und unheilig gelten,<a name="FNanchor_28"></a><a href= +"#Footnote_28"><sup>28</sup></a> und demselben Schicksal verfallen +wie die Verkrüppelten und Schwachen. Der Staat allein sollte +das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten Mann zu geben, +und zwar nicht ein für allemal, sondern so oft er es für +nützlich hielt auch einem anderen. Der Kinderernährung +und Pflege sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten +ihnen sofort entrissen und gemeinsam von Ammen und Wärterinnen +aufgezogen werden. Die Frau sollte, erklärt Plato +ausdrücklich, vom zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahre "dem +Staat gebären".<a name="FNanchor_29"></a><a href= +"#Footnote_29"><sup>29</sup></a> Er vertritt den echt griechischen +Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und führt in +logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die +Sitte von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate +die Bürger zu schenken, Plato wünschte, daß es auch +tüchtige Bürger seien, darum verlangte er, daß die +Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet würden. Aber, +wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus diesem Umstand +und daraus, daß er Weibergemeinschaft, gewaltsame Trennung +von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise +Geschlechtsverbindung als das Wünschenswerte pries, +läßt sich ersehen, wie fern es ihm lag, die Frauen, um +ihrer selbst willen, aus einer unwürdigen Stellung zu befreien +und sie insgesamt den Männern gleichzustellen. So gewiß +es ist, daß große Geister, die einen tieferen Blick +für die hinter ihnen und die vor ihnen liegende +Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit +gewisser Umwälzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur +ihre Möglichkeit einzusehen vermag, so gewiß ist es +auch, daß Fragen, die erst nach langer Zeit zur Lösung +reif sein werden, nicht schon Jahrhunderte vorher von einem +einzelnen in der Theorie gelöst werden können.</p> + +<p>Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen großen +Dienst geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und +die Pflicht des Staates, sie für ihren Naturberuf fähig +und würdig zu machen, in eindringlicher Weise zum Ausdruck +brachte.</p> + +<p>Weniger eingehend hat sich Aristoteles über die Stellung +der Frauen ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach +modernen Begriffen war, so wenig war Aristoteles der erste +Antifrauenrechtler, für den er oft gehalten wird. Wenn er +sagt, daß die Herrschaft des Mannes über das Weib mit +der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien Republik +zu vergleichen sei,<a name="FNanchor_30"></a><a href= +"#Footnote_30"><sup>30</sup></a> und wenn er erklärt, +daß die eheliche nicht zugleich die ursprünglichste +herrschaftliche Gesellschaft und das Weib nicht der Sklave des +Mannes sei,<a name="FNanchor_31"></a><a href= +"#Footnote_31"><sup>31</sup></a> so war das gegenüber der +thatsächlichen Stellung der griechischen Frau eine +revolutionäre Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er +sogar mit Plato überein, denn auch er forderte Musik und +Gymnastik<a name="FNanchor_32"></a><a href= +"#Footnote_32"><sup>32</sup></a> für beide Geschlechter. Einen +höheren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen +Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie für ihre +höchste Form. Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen +Tugenden spricht<a name="FNanchor_33"></a><a href= +"#Footnote_33"><sup>33</sup></a> und meint, ein Mann sei noch +feige, wenn er so heldenmütig wäre, wie eine Frau, so +erinnert dieser Ausspruch augenfällig an den Platos, der im +Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, daß alle feigen und +ungerechten Männer bei der Wiedergeburt "wie billig" zu +Weibern würden.<a name="FNanchor_34"></a><a href= +"#Footnote_34"><sup>34</sup></a></p> + +<p>So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen +nicht von dem Einfluß ihrer Zeit und ihres Volkes befreien. +Auch für sie war die Frau ein minderwertiger Mensch.</p> + +<p>Wollen wir nun statt der Griechin die Römerin betrachten, +so tritt der Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir +Cornelia, die Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter +Telemachs, gegenüberstellen: hier würdevolle +Größe, ruhige Selbständigkeit, dort ängstliche +Schüchternheit, Bedürfnis nach Schutz und Anlehnung; hier +Söhne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der +sie, als der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der +Egeria, der weisen Beraterin König Numa Pompilius', spricht +sich die Achtung des Römers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag +in der dünnen Bevölkerung des Landes zu suchen sein, in +dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die Geschichte vom Raub der +Sabinerinnen spricht für diese Annahme, ebenso die +ursprünglich für Mann und Weib gleich strenge +monogamische Ehe. Es gab nicht so viel Frauen, als daß der +Mann ihrer mehrere hätte haben können. Er forderte von +seinem Weibe unverbrüchliche Treue, aber seine Volksgenossen +forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte zugleich den +Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten.</p> + +<p>Die Römer waren in ihren ersten historischen Anfängen +ein abgehärtetes Landvolk. Ihre Götter waren +Personifikationen der Saat, des Lichtes, des Lenzes. Der Begriff +der Familie umschloß Eltern, Kinder, Knechte und Mägde +gleichmäßig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die +Arbeit, der nichts Ehrloses anhaftete, beschäftigte sie +gemeinsam. Die römische Hausfrau, die Matrone, stand der +inneren Wirtschaft und der Erziehung der Kinder vor. Ihre Stellung +war von vornherein eine gefestigtere und ehrwürdigere, da sie +keine Rivalin neben sich hatte und die einzige Herrin im Hause +war.</p> + +<p>Die höhere Achtung, die sie genoß, verschaffte der +Römerin auch größere Freiheit. Sie empfing des +Hauses Gäste mit dem Gatten, sie war nicht in das Frauenhaus +eingeschlossen, sie nahm teil an öffentlichen Festen und +besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die +Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals +verfügte sie frei über ihr Eigentum; thatsächlich +war es sogar das Eigentum, durch das sie unmündig wurde. So +konnte nach altrömischem Recht das unter väterlicher +Gewalt lebende Mädchen, das also selbst kein Vermögen +besaß, über seine Person frei verfügen; die unter +Vormundschaft stehende Waise dagegen, die im Besitz des +väterlichen Erbes war, blieb in allen ihren Handlungen +völlig unfrei. Daraus ergiebt sich, daß nicht die Frau +an sich, sondern die Frau als Eigentümerin eines +Vermögens unter gesetzlichem Schutze stand.<a name= +"FNanchor_35"></a><a href="#Footnote_35"><sup>35</sup></a> Sie +durfte weder ein Testament, noch Geschenke, noch Schulden machen; +die römischen Rechtslehrer selbst erkennen an,<a name= +"FNanchor_36"></a><a href="#Footnote_36"><sup>36</sup></a> +daß die Vormundschaft über die Frau eine Institution +sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag. +Nur in einem Punkt genoß sie während der Blütezeit +der Republik dieselben Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum +Forum und konnte sowohl in eigener wie in fremder Sache als Zeuge +oder als Verteidiger auftreten. So wird von Amesia Sentia +erzählt, daß sie sich unter ungeheuerem Zulauf des +Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand, worauf +fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,<a name= +"FNanchor_37"></a><a href="#Footnote_37"><sup>37</sup></a> und von +Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre +glühende Beredsamkeit durchsetzte, daß die Frauen der +Bezahlung einer ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.<a +name="FNanchor_38"></a><a href="#Footnote_38"><sup>38</sup></a></p> + +<p>Allzu schnell wurden die Römer aus einem schlichten +ackerbautreibenden Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und +früh schon trug ihre Existenz den Todeskeim in sich. Die +siegreichen Feldzüge, die Unterdrückung ganzer Nationen +waren von bösen Folgen begleitet, denn nicht nur daß auf +ihre rohe Kultur griechische Überfeinerung, orientalische +Perversität und Genußsucht gepfropft wurde—ein +Umstand, der auf alle Naturvölker verderblich wirkt—, +auch das Grundübel der Staatenbildung im Altertum, das +Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich +hier zur höchsten Blüte.<a name="FNanchor_39"></a><a +href="#Footnote_39"><sup>39</sup></a> Ungeheuere Reichtümer +strömten aus allen Teilen der Welt in Rom zusammen; sie +vereinigten sich in den Händen weniger. An Stelle der kleinen, +freien Bauern trat der Großgrundbesitzer, an Stelle des +kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Großkaufmann +mit seinen Sklaven.<a name="FNanchor_40"></a><a href= +"#Footnote_40"><sup>40</sup></a> Massen von Sklaven arbeiteten in +den Palästen für ihre Gebieter und ein solches +Gemeinwesen aus Millionären und Bettlern mußte die +äußerste sittliche Zerrüttung zur Folge haben.<a +name="FNanchor_41"></a><a href="#Footnote_41"><sup>41</sup></a></p> + +<p>Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der +Arbeit. Nur der reiche Mann, der durch die Thätigkeit des +Sklaven lebte, galt für anständig; jede Arbeit, die +körperliche Anstrengung erforderte, war ehrlos, und der Arme, +der sich durch seiner Hände Arbeit sein Brot verdiente, wurde +verächtlich als ein gemeiner Mann behandelt.<a name= +"FNanchor_42"></a><a href="#Footnote_42"><sup>42</sup></a> +Verderblicher noch als für die männliche Bevölkerung +war diese moralische Dekadenz für die weibliche. Der +römische Bürger konnte, auch wenn die manuelle Arbeit +eine für ihn unwürdige war, seine geistigen und +physischen Kräfte als Politiker, als Philosoph, als +Künstler, Dichter und Krieger bethätigen. Er konnte +dadurch dem entsittlichenden Einfluß des Reichtums Schranken +setzen. Seine Gattin dagegen, der die Führung des Hausstandes, +ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von Sklaven +abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte dem +Staat gegenüber weder Rechte noch Pflichten und daher kein +Verständnis für öffentliche Fragen; ihre Erziehung +wurde in jeder Weise vernachlässigt, daher hatte sie nur ein +ganz oberflächliches Interesse an Kunst und Wissenschaft. +Reichtum und Langeweile trieb die römische Bürgerin der +Genußsucht und Sittenlosigkeit in die Arme, während die +arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen, +die Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl +vermehrte. Der aus Griechenland und dem Orient eingeführte +Dienst der Liebesgöttinnen kam dabei den Neigungen und +Wünschen der Frauen entgegen, die die wüstesten Orgien +aus ihm machten.<a name="FNanchor_43"></a><a href= +"#Footnote_43"><sup>43</sup></a></p> + +<p>Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon +während der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr +Besitz an Gold und Kleidern beschränkt und ihnen verboten +wurde, in einem Wagen zu fahren. Bald jedoch empörten sich die +Frauen gegen diese Beeinträchtigung und zwei +Bürgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da +trat zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter +altrömischer Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die +Frauen auf. Unter großem Zusammenlauf der Römerinnen +erklärte er, daß jede Menschenart gefährlich sei, +wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu +beratschlagen. Gebe man den Wünschen der Frauen nach, die +lediglich ihrer Genußsucht fröhnen wollten, so +würden sie bald volle Gleichberechtigung fordern und die +Männer auch im Staatsleben zu beherrschen suchen.<a name= +"FNanchor_44"></a><a href="#Footnote_44"><sup>44</sup></a> Diese +Philippika des strengen Römers,—der es übrigens +selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte hielt, +daß er sich von seiner Frau scheiden ließ, weil ein +Freund von ihm sie zu heiraten wünschte, und sie wieder zur +Gattin nahm, als dieser sie nicht mehr mochte—hatte +zunächst wenig Erfolg, denn das Oppische Gesetz wurde +aufgehoben. Siebzehn Jahre später beantragte der Tribun +Voconius, daß keine Frau erbberechtigt sein und Legate von +mehr als 100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen dürfe. Der +damals achtzigjährige Cato versagte es sich nicht, mit dem +ganzen Gewicht seines Ansehens und seiner Beredsamkeit für +diesen Antrag zu kämpfen, indem er die Ausschweifungen und die +Genußsucht der Römerinnen heftig tadelte, und seine +Annahme schließlich durchsetzte.<a name="FNanchor_45"></a><a +href="#Footnote_45"><sup>45</sup></a></p> + +<p>Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur +mit den Symptomen statt mit dem Grundübel beschäftigt, so +hatte auch dieses keine anderen Folgen, als daß die davon +Betroffenen es auf Schleichwegen zu umgehen suchten. Um sich von +der vermögensrechtlichen Unselbständigkeit zu befreien, +schlossen die Frauen häufig mit Männern, die sich dazu +hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.<a name= +"FNanchor_46"></a><a href="#Footnote_46"><sup>46</sup></a> Sie +versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einfluß +zu gewinnen, indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art +die Abschaffung der Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser +Thatsache, die in die Zeit des Verfalls der römischen Republik +fiel, ist sehr häufig der Schluß gezogen worden, +daß die Emanzipationsbestrebungen der Frauen stets ein +Zeichen für die Dekadenz des Volks, dem sie angehören, +und ein Beweis für die Korruption aller Sitten sind. Die +Emanzipationsbestrebungen der Römerinnen aber waren keineswegs +identisch mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten +Jahrhunderts. Sie entsprangen weder der Not, noch dem +Bildungsdrang, noch dem Pflichtgefühl gegenüber Staat und +Gesellschaft; sie beschränkten sich auf den kleinen Kreis der +herrschenden, bürgerlichen Klasse, die niemals eine +Trägerin großer Reformen und einschneidender +Umwälzungen gewesen ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im +modernen Sinn konnte es nicht geben. Dazu waren die römischen +Bürgerinnen durch den großen Reichtum moralisch zu +schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der Sklavinnen durch +die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und vertiert +geworden. Wir finden in der römischen Geschichte nirgends eine +Spur von dem Kampf der Frauen um höhere Bildung oder +politische Rechte, sie verlangten nur über ihr Vermögen +frei verfügen zu können, um in ihrem Genußleben +unbeschränkt zu sein.</p> + +<p>Von der altrömischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden. +Noch stand auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die +Gattinnen hochgestellter römischer Bürger gaben das +Beispiel, wie man sich ihr entziehen könne; sie ließen +sich in die Listen der Prostituierten eintragen, die straflos ihrem +Gewerbe nachgehen konnten.<a name="FNanchor_47"></a><a href= +"#Footnote_47"><sup>47</sup></a></p> + +<p>Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit überhand; +die Männer scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen +Hausstandes und zogen ein freies Lotterleben vor, das die Denker +und Dichter ihnen sogar empfahlen.<a name="FNanchor_48"></a><a +href="#Footnote_48"><sup>48</sup></a> Selbst einer der besten +Männer des damaligen Rom, der Censor Metellus Macedonicus, der +den Bürgern die Pflicht zu heiraten nachdrücklich +einschärfte, erklärte sie für eine schwere Last, die +der Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen müsse,<a name= +"FNanchor_49"></a><a href="#Footnote_49"><sup>49</sup></a> damit +der Staat nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon +früh als eine der ersten Bürgerpflichten +hervorhob,—durch eine zahlreiche Nachkommenschaft dem +Vaterland zu nutzen,—das hat die römische erst spät +in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn für den Römer war +die Bezeichnung Kinderzeuger—proletarius—lange Zeit ein +Ehrenname gewesen; erst mit dem Niedergang der Republik war er zu +einem Schimpfnamen geworden. Von den Frauen wurde das Gebären +als eine sehr unangenehme Beeinträchtigung ihrer +Schönheit und ihrer Vergnügungslust empfunden. Die +Männer wünschten sich so wenig Kinder als möglich, +damit ihr angehäufter Reichtum nicht zersplittert würde. +Infolgedessen drohte die Kinderlosigkeit verhängnisvoll zu +werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe schaffen. Während +Cäsars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach denen +Unverheiratete keine Legate annehmen und die Väter vieler +Kinder bedeutende Privilegien genießen sollten.<a name= +"FNanchor_50"></a><a href="#Footnote_50"><sup>50</sup></a> Aber der +beabsichtigte Segen dieser Gesetze wurde in den Händen der +entarteten Bürgerschaft in sein Gegenteil verkehrt. Es wurden +Ehen geschlossen, nur um der Legate nicht verlustig zu gehen; viele +Männer wurden zu Kupplern an ihren eigenen Frauen, um an den +Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen.</p> + +<p>Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die +ein Leben äußerlicher Genußsucht nicht befriedigen +konnte, versuchten durch Hinterthüren in die für sie +verschlossenen heiligen Hallen der Politik einzudringen, oder sie +benutzten das einzige öffentliche Recht, das sie +besaßen—das vor Gericht zu plaidieren—, um ihrem +leeren Leben dadurch Inhalt zu geben. Vielleicht, daß es +unter ihnen Frauen gab, die durch ihre Freimütigkeit den Zorn +der männlichen Herrscher erregten, vielleicht, daß sie +für eine gute Sache eintraten und große Herren in ihrem +Ansehen schädigten,—wir wissen nichts Genaueres +darüber, aber wir können annehmen, daß selbst +für die ungerechtesten Gesetzgeber kein einzelnes Vorkommnis, +wie das von dem Valerius Maximus erzählt, die Ursache sein +konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich +abzuerkennen. Der römische Historiker berichtet +nämlich,<a name="FNanchor_51"></a><a href= +"#Footnote_51"><sup>51</sup></a> daß die Gattin des Senators +Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie später nannte, mit +Leidenschaft Prozesse führte und stets ihr eigener Anwalt war. +Dabei soll sie sich so skandalös benommen haben, daß der +Prätor sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor +Gericht erließ, weil sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht +zukommenden schamhaften Zurückhaltung" in anderer Leute +Angelegenheiten gemengt und männliche Tugenden ausgeübt +hätten.<a name="FNanchor_52"></a><a href= +"#Footnote_52"><sup>52</sup></a> Die spätere Justinianische +Gesetzgebung setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie +erklärte:<a name="FNanchor_53"></a><a href= +"#Footnote_53"><sup>53</sup></a> "Frauen sind von allen Aemtern, +bürgerlichen wie öffentlichen, ausgeschlossen, +können daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch +können sie klagen oder für andere als Beistände oder +als Sachwalter vor Gericht auftreten." Die Begründung für +dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein angenommen, daß +Frauen und Sklaven öffentliche Aemter nicht auszufüllen +vermögen."<a name="FNanchor_54"></a><a href= +"#Footnote_54"><sup>54</sup></a> Durch den Vellejanischen +Senatsschluß wurden sie schließlich auch in privater +Beziehung völlig rechtlos, da sie für unfähig +erklärt wurden, Bürgschaften irgend welcher Art zu +übernehmen.<a name="FNanchor_55"></a><a href= +"#Footnote_55"><sup>55</sup></a></p> + +<p>Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist +das dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen +hatte. Kaum ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter, +die sonst die Frauen immer zu preisen pflegen, +überhäuften ihre Zeitgenossinnen mit Hohn und Spott, oder +besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen keine die geistige +Höhe griechischer Hetären erreicht hatte. Nur vereinzelt +und beinahe schüchtern versuchten einige Schriftsteller der +allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht, +wie man infolge einer mißverständlichen Auffassung des +Textes oft meint, für die Abschaffung der Vormundschaft der +Frauen, sondern vielmehr dafür aus, daß jene Art +Sittenpolizei, die über die Aufführung und den Luxus der +Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom +eingeführt werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein, +der die Männer lehre, ihre Weiber gehörig zu leiten".<a +name="FNanchor_56"></a><a href="#Footnote_56"><sup>56</sup></a></p> + +<p>Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen +Biographieen seine Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu, +daß die Römerin im Gegensatz zur Griechin an +Gastmählern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie jene im +Frauenhaus eingesperrt sei.<a name="FNanchor_57"></a><a href= +"#Footnote_57"><sup>57</sup></a> Wichtiger, als diese kurzen +Bemerkungen, die nur deshalb erwähnenswert sind, weil ihre +Bedeutung leicht überschätzt und Cicero zuweilen als +Vorkämpfer der Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die +Schrift Plutarchs über die Tugenden der Weiber. Er +erzählt darin von einer ganzen Anzahl edler und +heldenmütiger Frauen und erklärt in der Einleitung, durch +diese historische Beweisführung den Satz bewahrheiten zu +wollen, daß die Tugend des Mannes und die des Weibes gleich +sei.<a name="FNanchor_58"></a><a href= +"#Footnote_58"><sup>58</sup></a> Aber auch er ist weit entfernt +davon, den Schluß auf die Notwendigkeit gleicher Rechte +daraus zu ziehen.</p> + +<p>Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vorkämpfern" der Sache +der Frauen ging einem anderen, geistig und moralisch höher +stehenden römischen Schriftsteller—Tacitus—die Not +seiner Zeit, die unwürdige Stellung seiner weiblichen +Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie suchte er +dagegen anzukämpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein +schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es +hauptsächlich geschrieben, damit Rom an dieser schlichten +Reinheit seine eigene Verworfenheit erkennen möge. Er glaubte +an die Wirkung des guten Beispiels mehr als an die wohlgemeinter +Predigten und zog dabei nicht in Betracht, daß gute Sitten +sich nicht durch den guten Willen verpflanzen lassen, sondern von +selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur hervorwachsen +müssen.</p> + +<p>In allen Völkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am +nächsten steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich, +frei und unfrei noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine +verhältnismäßig günstige, weil die für +die ganze Familie notwendig auszuführende Arbeit allein in +ihren Händen ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter +eine gleiche ist, und die uralte göttliche Verehrung der +Mutterschaft ihren Glorienschein noch auf das Weib +zurückwirft. Die germanische Frau erschien Tacitus in ihrer +Keuschheit, ihrem Fleiß, ihrer Einfachheit als das gerade +Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen +Römerin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit +Peitschenhieben vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann; +"verführen und verführt werden nennt man nicht Zeitgeist, +und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze."<a +name="FNanchor_59"></a><a href="#Footnote_59"><sup>59</sup></a> Die +Mühseligkeiten mondelanger Wanderungen mit Kindern und +Hausgerät, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die +Weiber mit den Männern. Das Klima ihrer Heimat und die +Strapazen ihres Lebens hatten sie widerstandsfähiger und +kräftiger werden lassen als andere ihres Geschlechts. Trotz +alledem war die Germanin nicht der Typus der glücklichen, +freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus auf den +ersten flüchtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur +des Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes, +lag allein in ihren Händen, während der Mann im Frieden +auf der Bärenhaut lag. Sie mußte den Pflug führen +und auf schweren Handmühlen das Getreide mahlen, sie +mußte die Hütte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen +und weben; sie blieb auch dann noch überlastet, als nach den +großen Wanderungen auch die Männer Ackerbauer geworden +waren, denn das Gebiet ihrer Thätigkeit umspannte, außer +der häuslichen Wirtschaft, die Viehzucht, die Schafschur, die +Flachsbereitung und nicht zum mindesten die aufmerksame Bedienung +des Mannes.<a name="FNanchor_60"></a><a href= +"#Footnote_60"><sup>60</sup></a></p> + +<p>In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die +Stellung der Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer +Geschlechtsfunktionen und der notwendig daraus folgenden +Beschränkungen war sie dem Manne untergeordnet; Religion, +Recht und Sitte heiligten und befestigten diesen Zustand. Die +wirtschaftlichen Verhältnisse trieben sie noch nicht in den +offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war nicht +die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es +gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst +mußte die Frauenfrage in ihrer ganzen Schärfe formuliert +werden, ehe eine Bewegung sich ihre Lösung zum Ziel setzen +konnte. Nur leise Spuren von ihr haben wir in Griechenland und Rom +verfolgen können. Mit dem Zusammenbruch der antiken +Gesellschaft und dem allmählichen Auftauchen neuer Lebens- und +Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis sie auf jenen +Höhepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen überall +sichtbar werden sollte.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="2_Das_Christentum_und_die_Frauen" />2. Das Christentum +und die Frauen.</h2> + +<p>Während Rom auf der Höhe seiner äußeren +Macht zu stehen schien, im Innern aber von der schleichenden +Krankheit der allgemeinen Korruption so zerfressen wurde, daß +sein Zusammensturz nahe bevorstand, war über Bethlehem, mitten +unter dem geknechteten, geschmähten Judenvolk jener Stern +aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft +auferstehen sollte.</p> + +<p>Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der +Entstehung des Christentums mit den wirtschaftlichen und +politischen Verhältnissen der Zeit, in der es sich +ausbreitete, näher zu erörtern. Es mußte über +den Kreis des armen Volks, dem sein Gründer angehörte, +schnell hinauswachsen, weil der Boden im römischen Reich +überall dafür vorbereitet war. Den Philosophen waren +seine Gedanken zum Teil schon vertraut; von dem Nebenmenschen als +dem Bruder hatte schon Plato gesprochen; die Stoiker lehrten die +Verachtung irdischer Güter und waren die ersten gewesen, die +erklärten, daß der Mensch auch gegen seine Sklaven +moralische Verpflichtungen zu erfüllen habe. Und der +Mühseligen und Beladenen gab es mehr als genug; für sie +alle war das Christentum der Rettungsanker, der sie über ihr +eigenes Elend hinaushob, der Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht +leuchtete. Es war nicht jene vage Hoffnung der späteren +Christen, die von der ewigen Seligkeit die Entschädigung +für ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der sichere +Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und an +die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches. Unter all den +Armen und Elenden, die ihm zuströmten, kamen auch jene +gequältesten aller Menschen in Scharen, die Frauen. Ihnen +brachte das Christentum neben dem Trost und der Hoffnung, die es +allen Unterdrückten brachte, noch etwas ganz Besonderes: Die +Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches Wesen, als +"Kind Gottes".</p> + +<p>Sowohl die orthodoxen Anhänger des Christentums als seine +fanatischen Verächter sind, soweit sie für die +Frauenemanzipation eintreten, anderer Ansicht. Die einen behaupten, +indem sie das Wort des Apostels Paulus: "Hier ist kein Jude noch +Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch +Weib;"<a name="FNanchor_61"></a><a href= +"#Footnote_61"><sup>61</sup></a> aus dem Zusammenhang +herausreißen, daß das Christentum sich darin für +die volle Gleichberechtigung der Frauen ausspricht; die anderen +stützen sich auf jenen Satz desselben Apostels: "Das Weib +schweige in der Gemeine,"<a name="FNanchor_62"></a><a href= +"#Footnote_62"><sup>62</sup></a> wenn sie erklären, das +Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit, +sondern nur noch vollständiger geknechtet.</p> + +<p>Das ursprüngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen +gleich weit entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist +ihm ebenso fremd, wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war. +Dagegen hatten Leid, Not und Unterdrückung die männlichen +und weiblichen Lasttiere der Gesellschaft so aneinander gekettet, +daß die neue Religion beiden denselben Trost, dieselbe +Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mußte. Wenn der +Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so fügt +er gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und +schickt voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an +Christo Jesu".<a name="FNanchor_63"></a><a href= +"#Footnote_63"><sup>63</sup></a> Nur vor Gott also, nicht vor dem +Staat, sind Herren und Sklaven, Männer und Frauen gleich. Aber +auch die Verachtung des Weibes ist keine ursprüngliche Lehre +des Christentums. Wenn als eine natürliche Reaktion gegen die +furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener Zeit die +Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig und +eines Christen würdig gepriesen wurde, so wurde die keusche +Jungfrau stets dem keuschen Jüngling gleich gestellt.<a name= +"FNanchor_64"></a><a href="#Footnote_64"><sup>64</sup></a> Nicht +der Mann wurde vor der Berührung des Weibes, als des +bösen Prinzips, gewarnt, sondern beiden wurde der ledige Stand +als der gottgefälligere anempfohlen.<a name= +"FNanchor_65"></a><a href="#Footnote_65"><sup>65</sup></a></p> + +<p>Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes +für ein todeswürdiges Verbrechen, während der +ehebrecherische Mann zumeist straflos ausging. Christus stellte das +sündige Weib dem sündigen Manne gleich, indem er sagte: +"wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf +sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.<a name= +"FNanchor_66"></a><a href="#Footnote_66"><sup>66</sup></a> Er +forderte von beiden die eheliche Treue,<a name="FNanchor_67"></a><a +href="#Footnote_67"><sup>67</sup></a> seine Jünger verlangten +vom Mann, daß er sein Weib liebe, wie sie ihn,<a name= +"FNanchor_68"></a><a href="#Footnote_68"><sup>68</sup></a> und die +Ausgießung des heiligen Geistes erfolgte ausdrücklich +über "Söhne und Töchter".<a name= +"FNanchor_69"></a><a href="#Footnote_69"><sup>69</sup></a> In +dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die +Bedeutung des Christentums für das weibliche Geschlecht. +Weiter aber reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie +sich auf das Weib beziehen, erheben sich nicht über die +bekannten religiösen und weltlichen Gesetze der morgen- und +abendländischen Völker. Das Weib muß dem Manne +gehorchen, ihm unterthan,<a name="FNanchor_70"></a><a href= +"#Footnote_70"><sup>70</sup></a> schweigsam und häuslich +sein,<a name="FNanchor_71"></a><a href= +"#Footnote_71"><sup>71</sup></a> es darf weder lernen noch lehren<a +name="FNanchor_72"></a><a href="#Footnote_72"><sup>72</sup></a> und +soll selig werden durch Kinderzeugen.<a name="FNanchor_73"></a><a +href="#Footnote_73"><sup>73</sup></a> Das alles bedeutet keinen +Fortschritt in Bezug auf die Auffassung von der Stellung des +weiblichen Geschlechts, aber es bedeutet ebensowenig eine +verschärfte Knechtung.</p> + +<p>Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und +Verfolgten zur Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner +Hauptträger eine den neuen Verhältnissen entsprechende +Umwandlung. Die Kirchenväter und die Gesetzgeber des +kanonischen Rechts nutzten Aussprüche Christi und der Apostel +insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche +förderlich sein konnten, und ließen andere außer +acht, die diesem Zweck nicht dienstbar zu machen waren. +Während Paulus seine Predigt von der größeren +Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter +richtet, sondern sie ausdrücklich damit einleitet, daß +er sagt, er teile nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des +Herrn mit,<a name="FNanchor_74"></a><a href= +"#Footnote_74"><sup>74</sup></a> klammerten sich asketische Eiferer +an Sätze wie: "Es ist dem Menschen gut, daß er kein Weib +berühre",<a name="FNanchor_75"></a><a href= +"#Footnote_75"><sup>75</sup></a> und "Adam ward nicht +verführet; das Weib aber ward verführet und hat die +Uebertretung eingeführet"<a name="FNanchor_76"></a><a href= +"#Footnote_76"><sup>76</sup></a> und verdammten die Ehe als ein +Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang +verschaffte.<a name="FNanchor_77"></a><a href= +"#Footnote_77"><sup>77</sup></a> Das kanonische Recht erhob die +Auslegungen der apostolischen Lehren durch die Kirchenväter +zum Gesetz, indem es unter anderem verfügte: "die Frau ist +nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen. Adam ist durch Eva +verführt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist daher recht, +daß der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur Sünde +reizte, auf daß er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt, +daß die Frau dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin +sei."<a name="FNanchor_78"></a><a href= +"#Footnote_78"><sup>78</sup></a></p> + +<p>Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die +römische Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem +Rechtsbewußtsein der Germanen gegenübertritt, und zwar +ist eine einzige Thatsache ausreichend, um den Gegensatz beider zu +kennzeichnen: die Germanen verlangten für ein verletztes Weib +ein höheres Wehrgeld als für einen verletzten Mann, weil +sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die Schwache und Wehrlose +zu verwunden für besonders schmachvoll galt; vom Mörder +einer Frau forderten sie ein zweimal höheres Wehrgeld, als vom +Mörder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das +durch die römische Kirche einem germanischen Volke gegeben +wurde—dem Fuero juzgo der Wisigoten—und das in Bezug +auf die Ansichten des Klerus von den Rechten der Frau typisch ist, +galt des Weibes Leben nur halb so viel als das des Mannes, denn +ihrem Mörder wurde nur die halbe Buße auferlegt.<a name= +"FNanchor_79"></a><a href="#Footnote_79"><sup>79</sup></a></p> + +<p>In einer Beziehung nur machte die römische Kirche den +heidnischen Germanen und ihrer Verehrung des mütterlichen +Prinzips in der Natur eine Konzession, um sie dadurch leichter +unter Kreuz und Krummstab zwingen zu können: sie erhob die +Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels. Dem +ursprünglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern +gelegen; die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast +vollständig, Christus selbst weist sie hart zurück, als +sie wagt, ihm einmal einen mütterlichen Rat zu geben. Ihre +Gestalt, wie sie der Katholizismus heute kennt, und die Verehrung, +die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als eine Reminiszenz an +den heidnischen Götterdienst. Die Kirche verstand es, die +heidnischen Feste durch christliche, die Götter durch Heilige +zu ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter +Gottes" vertraut zu machen. Daß der Madonnenkultus ein dem +Baum der Kirche künstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon +daraus hervor, daß trotz der Verehrung der himmlischen +Jungfrau die Missachtung des weiblichen Geschlechts sich von +Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte.</p> + +<p>Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der +Flucht vor dem Weibe. Auf dem Konzil zu Mâcon entschied sich +die Majorität dafür, dem Klerus zu befehlen, die Frauen +zu fliehen. Das Konzil zu Metz verschärfte diesen Befehl, +indem es den Priestern sogar den Umgang mit Mutter und Schwester +verbot. Während sich in der ersten Zeit des Christentums nur +die Mönche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten, wurde +es nun für den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des +Cölibats einer großen Zahl von Männern—meist +der geistig hervorragendsten ihrer Zeit—waren von +weittragender Bedeutung. Wohl hat sich die Kirche in ihnen eine +Armee hingebender Kämpfer geschaffen, die durch keinerlei +Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegenüber abgelenkt +wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der +Keuschheit, durch die erzwungene Abtötung der geschlechtlichen +Triebe im Dienste einer höheren Sittlichkeit zu handeln, so +hatte sie nur mit abstrakten Theorieen, nicht aber mit der +lebendigen Natur gerechnet. Sie erreichte nicht nur das Gegenteil +von dem, was sie bezweckte, denn neben dem außerehelichen +Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der Prostitution wuchsen +besonders in den Klöstern die widernatürlichen Laster +empor, sie fügte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen +Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das +weibliche Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte +die natürlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und +suchte sie als etwas, dessen sich der Mensch schämen +müsse, zu verhüllen; die Ehe war für sie in erster +Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die Geschlechtsliebe in +der Ehe galt für sündhaft oder besten Falls für +einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner +Gottentfremdung bringen müsse.<a name="FNanchor_80"></a><a +href="#Footnote_80"><sup>80</sup></a> Die äußere +Heiligung der Ehe durch ihre Erhebung zum Sakrament und die +Erklärung ihrer Unauflöslichkeit hat die innere +Zerstörung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu einander +durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht. +Heuchelei, Prüderie, Unterdrückung der besten +Gefühle durch eine falsche Moralität sind die Folgen +davon und ein großer Teil der psychologischen und sittlichen +Seite der Frauenfrage ist auf die durch die römische Kirche +dem Volksbewußtsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe +zurückzuführen.</p> + +<p>Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der +Frauenfrage durch die Kirche beeinflußt: der wachsenden Zahl +der ehelosen Geistlichen und Mönche stand eine gleiche Zahl +alleinstehender Frauen gegenüber. Die Gründung der +Nonnenklöster war eine notwendige Folge davon. In Massen +strömten die Frauen in ihre schützenden Mauern. Es blieb +ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und wenn +auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die +Zahl derer immer größer, die sich vor den Unbilden des +rauhen Lebens draußen in der Welt nach einer Stätte +friedlicher Arbeit und geistiger Vertiefung sehnten. In den +Klöstern wurde den Frauen eine im Vergleich zur allgemeinen +Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil. Sie lernten +die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der Wissenschaften und +manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von Päpsten und +Königen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die +Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert +neben Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und +zoologischer Werke schrieb.<a name="FNanchor_81"></a><a href= +"#Footnote_81"><sup>81</sup></a> Auf derselben Stufe der Bildung +stand die vielbewunderte "nordische Seherin" Brigitta von +Schweden<a name="FNanchor_82"></a><a href= +"#Footnote_82"><sup>82</sup></a> und Hrotswith, die lateinische +Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen beschäftigten +sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von Initialen und +Miniaturen, während andere als Lehrerinnen in den +Mädchenschulen ihrer Klöster, als Krankenpflegerinnen, +Stickerinnen, Weberinnen und Wäscherinnen thätig waren. +So lösten die Klöster zum Teil die mittelalterliche +Frauenfrage, indem sie nicht nur der großen Menge +alleinstehender Frauen eine Zuflucht gewährten, sondern sie +auch geistig auf eine höhere Stufe erhoben und ihnen +selbständige Berufe eröffneten. Freilich darf nicht +vergessen werden, daß ihre Bedeutung für die Hebung des +weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend +blieb, denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr +sittlicher Verfall. Die bedenklichen, sich immer häufiger +wiederholenden Gründungen von +Doppelklöstern,—Mönchs- und Nonnenklöster +dicht nebeneinander,—gaben mit den Anlaß dazu. Die +Natur ließ ihrer nicht spotten; sie siegte über einen +asketischen Fanatismus, der die unfruchtbaren "Gottesbräute" +heilig sprach und die Mütter vor ihnen erniedrigte. Aus Orten +der Gelehrsamkeit und des Fleißes wurden die Klöster +Orte des geistigen Stumpfsinns und der Trägheit, aus +Stätten frommer Andacht und reiner Sitte, Stätten +lüsterner Freuden und wilder Unzucht. Die Reformation fegte +sie fort, und es ist nicht zu verwundern, daß die +Reformatoren in ihrem blinden Eifer vergaßen, den Weizen von +der Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen +Geschlecht um so mehr, als es in den Stürmen des +dreißigjährigen Krieges und dem allgemeinen +wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtsstätten dringend +nötig hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr +denn je in die Arme getrieben wurde.</p> + +<p>Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war +nicht geeignet, es aus seiner gedrückten physischen und +moralischen Lage zu befreien. In schroffem Gegensatz zu der +katholischen Predigt von der Kreuzigung des Fleisches und der +Verherrlichung des Cölibats hielten sie das eheliche Leben +für das eines Christen allein würdige,<a name= +"FNanchor_83"></a><a href="#Footnote_83"><sup>83</sup></a> aber +nicht als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdrücklich +als ein "weltlich Geschäft", eine Vereinigung von Mann und +Weib zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse. Luther +ging soweit, zu erklären, daß der Mann das Recht habe +mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu verstoßen, +wenn es ihm nicht zu Willen sei<a name="FNanchor_84"></a><a href= +"#Footnote_84"><sup>84</sup></a> und er gestattete sogar dem +Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu +schließen, weil er eine Doppelehe für sittlicher hielt, +als eine Mätressenwirtschaft und von der Unterdrückung +sinnlicher Leidenschaft nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau +ausschließlich für den Mann geschaffen; um Haushaltung +und Kinderwartung allein hatte sie sich zu kümmern,<a name= +"FNanchor_85"></a><a href="#Footnote_85"><sup>85</sup></a> eine +Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen Kirche bis in +die Neuzeit hinein erhalten hat.<a name="FNanchor_86"></a><a href= +"#Footnote_86"><sup>86</sup></a> Dem, übrigens sagenhaften +Streit der katholischen Priester zu Mâcon, ob die Frau eine +Seele habe, können die einundfünfzig Thesen der +Wittenberger Protestanten, welche beweisen sollten, daß die +Weiber keine Menschen seien, würdig zur Seite gestellt +werden.</p> + +<p>Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier +entgegenkamen, für das sie glaubensmutig den Märtyrertod +starben, hat ihre Hoffnungen nicht erfüllt. Mehr noch als aus +den direkten Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese +Thatsache aus der allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in +rechtlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung während +der geschichtlichen Entwicklung der früheren Jahrhunderte +hervor.</p> + +<p>Das germanische Recht, dem das Gefühl der Hochachtung +für die Frau und Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr +jenem Rechte Platz, das dem heidnischen und dem christlichen Rom +zusammen seinen Ursprung verdankte, und daher für das +weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie es im +allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und Unverletzlichkeit +des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese Tendenz +besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes +unumschränktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte +seine Tochter vermählen, mit wem er wollte; der Vormund hatte +volles Verfügungsrecht über sein Mündel. Der Mann +konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13. Jahrhundert herein war +es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu verkaufen.<a name= +"FNanchor_87"></a><a href="#Footnote_87"><sup>87</sup></a> Seine +Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes Stück +seines Vermögens; und charakteristisch für die +Rechtsanschauung der Zeit war es, daß nur die Frau die Ehe +brechen konnte,<a name="FNanchor_88"></a><a href= +"#Footnote_88"><sup>88</sup></a> denn sie beging dadurch ein +Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er unbeschränkt +in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben, niemand nahm +Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegenüber befand sich +die Frau, sofern es männlichen Geschlechts war, in +untergeordneter Stellung. Nur während der ersten Kindheit +hatte die Mutter rechtliche Gewalt über den Sohn. Mit dem +siebenten Jahre schon war er ihr entwachsen<a name= +"FNanchor_89"></a><a href="#Footnote_89"><sup>89</sup></a> und +konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht mehr am Leben +war, selbst für mündig erklären und der Vormund der +eigenen Mutter werden.</p> + +<p>Wie in der Familie, so war die Frau natürlich auch sonst +überall rechtlos. Sie konnte keinerlei Geschäfte +selbständig abschließen; es war genau vorgeschrieben, +für welche Summe die Hausfrau, ohne die Einwilligung des +Hausherrn einzuholen, Einkäufe machen durfte. Nach +päpstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da +ihr Zeugnis stets für unzuverlässig galt.<a name= +"FNanchor_90"></a><a href="#Footnote_90"><sup>90</sup></a> Wo das +Landesrecht es ihr gestattete, wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur +die Aussage zweier Frauen die Beweiskraft der eines Mannes.<a name= +"FNanchor_91"></a><a href="#Footnote_91"><sup>91</sup></a></p> + +<p>Hinter all diesen Vorschriften standen die höchsten +Autoritäten: Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit, +Unterwürfigkeit, Selbstlosigkeit—das waren die Tugenden, +die den Frauen von früh an gepriesen wurden und die sie mit +allen Unfreien gemeinsam hatten. Die Gleichwertigkeit aller +Menschen,—der Herren und Knechte, der Männer und +Weiber,—war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum +wieder verschwunden war.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="3_Die_wirtschaftliche_Lage_der_Frauen" />3. Die +wirtschaftliche Lage der Frauen.</h2> + +<p>Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, +daß das Fortschreiten der Menschheit zu höherer Kultur +von sittlichen Ideen und moralischen Reformen in erster Linie +abhängig sei, so schwer ins Gewicht fallen, als die +Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des Christentums. +Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Gläubiger +beschränkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Höhe, je +mehr sie sich jedoch ausbreiteten, desto mehr mußten sie sich +den äußeren Verhältnissen anbequemen, desto mehr +sahen sie sich, wenn sie nicht ganz untergehen wollten, gezwungen, +ihnen ein Ideal nach dem anderen zu opfern. So hatten auch die +Grundforderungen des Urchristentums der wirtschaftlichen +Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand unfreier, +gehorsamer, demütiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen +müssen.</p> + +<p>Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wäldern +ein wirtschaftliches Zentrum für sich, in dem aller Bedarf der +Einwohner von ihnen selbst geschaffen werden mußte. Der Herr +des Landes war zugleich ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre +Arbeitskraft, dem ihr Leben selbst gehörte. "Er ist mein +eigen, ich mag ihn sieden oder braten", lautet ein altes +Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenüber gebrauchte. +Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13. +Jahrhunderts die Lage der Hörigen, indem er sagt: "Diese +können nichts erwerben, es sei denn für ihre Herren; sie +wissen am Abend nicht, welche Dienste ihrer am Morgen warten; sie +können von ihren Herren geschlagen, gestoßen, gefangen +werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren, und wenn sie +im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus Gnade, ohne +Sicherheit, von einem Tage zum anderen."<a name= +"FNanchor_92"></a><a href="#Footnote_92"><sup>92</sup></a> Die +Hörigkeit war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr +gegenüber kaum nennenswerte rechtliche und sittliche +Fortschritte auf, sodaß ein hoher Grad von Selbstbetrug dazu +gehört, wenn die christliche Kirche behauptet, sie habe die +Sklaverei abgeschafft, und sei thatsächlich, ihrem Ursprung +getreu, ein Hort der Armen und Unterdrückten geworden. Ihre +Organe, die Priester und Aebte, übten dieselben Herrenrechte +aus, wie die Fürsten und weltlichen Machthaber. Das Los der +Hörigen der Klöster war kein besseres, als das derer, die +im Dienste der Ritter standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, +gekauft werden konnten, und es für ihre Herren bei der +Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig war, eine +genügende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu +züchten, wie das vierfüßige Eigentum. Die +Klöster, deren Macht auf ihrem Reichtum beruhte, hatten +strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren +Hörigen. Klöster desselben Ordens pflegten sie +untereinander auszutauschen, um eine gleichmäßige +Verteilung der Geschlechter herbeizuführen und, durch +Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen kräftigen +Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat einer +hörigen Frau mit dem Hörigen eines anderen Herrn zu +verbieten,<a name="FNanchor_93"></a><a href= +"#Footnote_93"><sup>93</sup></a> oder sie nur dann zu gestatten, +wenn statt der ihm verloren gehenden Arbeitskraft eine andere +geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine +bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter den +Karolingern konnte der Herr die hörige Frau, falls ihm nichts +gezahlt und kein Ersatz für sie gestellt worden war, gewaltsam +ihrem Gatten entreißen,<a name="FNanchor_94"></a><a href= +"#Footnote_94"><sup>94</sup></a> was meist dann geschah, wenn sie +mehrere Kinder geboren hatte, die er zur Hälfte mit der Mutter +in seine Dienstbarkeit zwingen durfte. Die Heiligkeit und +Unauflöslichkeit der Ehe wurde nur insoweit anerkannt, als die +Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei Schaden litt.</p> + +<p>Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschätzt, +denn die schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. +Die geistlichen und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, +Höfen und Klöstern ausgedehnte Werkstätten, in denen +oft bis zu 300 hörige Frauen mit Spinnen und Weben, Nähen +und Sticken beschäftigt wurden.<a name="FNanchor_95"></a><a +href="#Footnote_95"><sup>95</sup></a> Den Stoff gaben nicht nur die +Schafschuren und Flachsernten der Herrengüter,—Arbeiten, +die wieder von Frauen verrichtet wurden,—sondern auch die +Abgaben und Lieferungen der Unfreien und Zinsleute.<a name= +"FNanchor_96"></a><a href="#Footnote_96"><sup>96</sup></a> Wie die +moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hörige zum +Frauengemach.<a name="FNanchor_97"></a><a href= +"#Footnote_97"><sup>97</sup></a> Ihre Arbeitszeit dauerte von +Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, erst im späteren +Mittelalter wurde das Arbeiten bei künstlicher Beleuchtung +üblich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist unzureichende +Beköstigung,<a name="FNanchor_98"></a><a href= +"#Footnote_98"><sup>98</sup></a> und, wo diese fortfiel, vier +Pfennig täglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die +zuweilen die Herrin selbst war, stand den Arbeiten vor; +Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen für die Stickereien an, +die überall, auf Männer-und Frauenkleidern, Wäsche, +Wand- und Möbelbezügen angebracht wurden und oft sehr +kunstvoll waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch +geschätzt wie die Wirkerinnen seidener Bänder zum Besatz +der Gewänder oder zum Schmuck des Zaumzeugs. Da nicht nur +für den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern stets ein +Vorrat von Kleidern und Wäsche zum Geschenk an die Gäste +oder zur Ausstattung des großen Gefolges bei Turnieren und +Festlichkeiten vorhanden sein mußte, so war die Arbeit eine +ununterbrochene und der Arbeitskräfte gab es nie zu wenig. +Auch die Herrinnen und ihre Töchter hatten vollauf zu thun. +Wie Weib und Weben schon in einer gewissen sprachlichen +Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben +ausdrücklich für eine der höchsten Tugenden der +Frauen. "Sie war fromm und spann", heißt es häufig auf +alten Grabsteinen oder in Geschlechtsurkunden. "Die Männer +sollen streiten, die Frauen sollen spinnen", mahnte der christliche +Volksredner Berthold von Regensburg. Auch ist diese +Frauenthätigkeit trotz ihrer unbeschränkten Ausnutzung +gewiß nicht die schlimmste gewesen. Weit härter war die +Landarbeit, die die hörigen Frauen zu verrichten hatten und +zwar nicht nur für den Gebieter, sondern auch für den +eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten. Es ist mehr als eine +Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte Englands +erzählt, daß ein Landmann, der einen Ochsen verloren +hatte, wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu +haben.</p> + +<p>Auch der Hausdienst der hörigen Frauen in den Höfen +und Burgen war, infolge der primitiven Hilfsmittel, +außerordentlich schwer. Da sie Tag und Nacht auf dem Posten +und ihren Gebietern zur Verfügung stehen mußten, so +wohnten die für diesen Dienst bestimmten Mägde im +Burgfrieden selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem +neben der Werkstätte befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo +sie aber nur schliefen, da jede Stunde des Tages ihre Kräfte +in Anspruch nahm. Vor der Erfindung der Wassermühlen +mußte das Korn von den Mägden mit der Hand gemahlen, der +Mühlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mächtigen +Holzscheiten wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im +Hof, oder aus der Quelle im Thal wurden die Wassereimer +heraufgeschleppt. Neben der Reinigung von Stuben und Küchen, +wurde auch der Stall und der Garten allein von Frauen besorgt.<a +name="FNanchor_99"></a><a href="#Footnote_99"><sup>99</sup></a> Die +Bedienung der Herrin, die Wartung der Kinder, das Kochen und +Auftragen der Speisen und Getränke gehörte +selbstverständlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung +der Männer gehörte dazu. Die Mägde halfen dem Herrn +wie jedem Gast beim An- und Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht +nur das Bad, sie reichten ihm auch die Linnentücher und +trockneten ihm die Glieder.<a name="FNanchor_100"></a><a href= +"#Footnote_100"><sup>100</sup></a> Wünschte er es, so +mußten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft +leisten—eine Sitte, die im späteren Mittelalter so +ausartete, daß es eine Forderung der Gastfreundschaft war, +eine Magd dem Gaste während seines Aufenthalts zur freien +Verfügung zu stellen.<a name="FNanchor_101"></a><a href= +"#Footnote_101"><sup>101</sup></a> So wurde die Einrichtung der +Frauenhäuser frühzeitig ein Herd der Prostitution, ein +Harem der Ritter und Fürsten,<a name="FNanchor_102"></a><a +href="#Footnote_102"><sup>102</sup></a> und das berüchtigte +jus primae noctis, dessen Vorhandensein so vielfach angezweifelt +wird, war überall in Kraft, wenn es auch vielleicht als +geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat.</p> + +<p>Arbeits- oder Lustsklavin—das war das Los der armen und +unfreien Frauen. Mit der durch Fehden, Bürgerzwiste und +unaufhörliche Kriege wachsenden Verelendung des Volkes, mit +dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang wuchs die +Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange familienlose +Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die Laster des +Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu bei. +Den europäischen Söldnerheeren folgten Scharen von +Dirnen, deren Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die +männliche Bevölkerung von den zügellosen Horden +niedergemacht, die weibliche geschändet, und—soweit sie +jung war—mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewändern, +hoch zu Roß, oder in Wagen und Sänften, zogen die +Konkubinen der geistlichen und weltlichen Herren mit zu den +Reichstagen, den Konzilen und ins Feld. So folgten dem Heere des +Herzogs von Alba nach den Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 +zu Fuße nach.<a name="FNanchor_103"></a><a href= +"#Footnote_103"><sup>103</sup></a> An den Höfen von Frankreich +und England waren vornehme Herren als Marschälle über die +Dirnen gesetzt. Im Felde führten besondere Amtmänner, die +Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross +eine legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl +"fahrender Fräulein" durch bittere Not und harte Gewalt +hineingetrieben worden sein; viele unter ihnen aber, das ist +zweifellos, zogen den Landsknechten nach, weil sie in heißer +Liebe und selbstloser Aufopferung alles Elend und alle Gefahren mit +dem Geliebten teilen wollten. So unflätig und roh die +Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren klingen mögen, +wir werden uns dem gefühlswarmen Ton echter Hingebung nicht +verschließen können, der den Grundakkord bildet, sobald +der Sänger von seinem tapferen Liebchen erzählt. Um so +höher ist diese Tapferkeit einzuschätzen, als alles +fahrende Volk, die Frauen insbesondere, vogelfrei, ehr- und +rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und getötet +werden—für sie gab es keine Gerechtigkeit.</p> + +<p>Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen +Abwesenheiten der Hausherrn aus mehr als einem Grunde +zerstörend: Nur zu häufig suchten die verlassenen Frauen, +wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben führen wollten, +bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesängern Trost, und +die Männer lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von +steifer Konvenienz und falscher Prüderei nichts weiß, +die ganz Hingebung und Aufopferung ist, und sie erfuhren, daß +das Weib nicht nur zwischen den wohlbehüteten friedlichen vier +Pfählen des eigenen Heims eine sorgsame Hausfrau sein kann, +sondern daß sie als froher, bedürfnisloser +Zeltgenoß, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens +enthüllt, die er sonst kennen zu lernen keine Gelegenheit +hatte, und deren Wert unschätzbar ist. Während die Kirche +durch ihre übersinnliche Auffassung von der Ehe erstickenden +Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die Ausbreitung +der mittelalterlichen freien Liebe wie glühender Sonnenbrand +auf eine nur an Schatten gewöhnte Pflanze. Der Ursprung dieser +tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und +sittlichen Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurück. +Daß die für unheilig erklärte, aus der Ehe +herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher und zügelloser +und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem +Schönen und Großen, der Ausgang furchtbarer Laster und +Verirrungen wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und +politischen Zuständen des Mittelalters nicht zu +verwundern.</p> + +<p>Mit dem Aufblühen der Städte, dem +verhältnismäßigen Wohlstand und ruhigen, +gesicherten Leben ihrer Bürger schienen im Schutze ihrer +Mauern die sittlichen Zustände reinere zu werden. Aber die +tiefgreifende Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an +Stelle der hörigen Arbeiterin nach und nach den freien +Handwerker treten, die Arbeiten der Hausfrau und ihrer Mägde +durch die verschiedenartigsten Gewerbe übernehmen ließ, +machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen überflüssig, sie +selbst brot- und obdachlos, und führte sie dem Laster in die +Arme. Die ehrsamen Bürger, vor deren Augen die Prostitution +sich mehr und mehr breit machte, wußten diesem Uebelstand +nicht anders zu begegnen, als indem sie sogenannte +Töchterhäuser oder Jungfrauenhöfe, die Nachfolger +der antiken Lupanare und Vorläufer der modernen Bordelle +errichteten. Sie verbargen dadurch nicht nur den +ärgerniserregenden Anblick der Dirnen, sie schufen sich auch +einen geordneten, gesetzlich sanktionierten Zugang zu ihnen, und +halfen mit ihrer Schande den Stadtsäckel füllen.<a name= +"FNanchor_104"></a><a href="#Footnote_104"><sup>104</sup></a> Der +Magistrat verpachtete nämlich die Häuser an Wirte und +Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten mußten, "der Stadt +treu und hold zu sein und Frauen zu werben".<a name= +"FNanchor_105"></a><a href="#Footnote_105"><sup>105</sup></a> +Vornehme Gäste wurden vom Magistrat selbst in die offenen +Häuser geführt, oder von den schönsten, festlich +geschmückten oder ganz entkleideten Dirnen empfangen. Jetzt +erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch +äußerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich +gemacht wurde, jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als +"fahrendes Fräulein" doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich +durch reine Liebe über sich selbst zu erheben, das +unauslöschliche Brandmal der Schande.</p> + +<p>Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem +weiblichen Teil der städtischen Bevölkerung zunächst +außerordentlich erschwert, denn das zünftige Handwerk +monopolisierte die Arbeit und schloß die Frauen aus seinen +Verbindungen überall aus. Trotzdem ergab es sich von selbst, +daß der Handwerker Frau und Töchter, deren Arbeitskraft +nicht mehr, wie früher, vom Haushalt allein in Anspruch +genommen wurde, zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und +schließlich auch die Mägde daran teilnehmen ließ. +Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon von Sohn +oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der Mainzer +Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrücklich, +Frau, Kinder und Magd zum Nähen zu verwenden, auch im +Nürnberger Stadtrecht ist von "Knaben oder Mägdelein" als +Erlerner eines Handwerks oder einer Kunst die Rede, und eine +Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts über die Aufnahme +der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die Mitarbeit der +Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur gleichberechtigten +selbständigen Ausübung des Handwerks betrachtet, denn +zunächst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die +Zünfte noch verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell +zunahm, die sich ihre Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu +Nutze machten, das Handwerk selbständig betrieben und durch +Unterbieten der üblichen Preise eine gefährliche +Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die Handwerker auch +den Frauen gegenüber den Zunftzwang auszuüben. So zwang +der Rat von Soest im Jahre 1317 die Näherinnen, der Zunft +beizutreten. Wenige Jahre später verfügte der +Straßburger Rat infolge der Klagen der Wollenweber über +die außerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, daß die +Weberinnen ihr beitreten müßten, und auch die in +großer Zahl für sich arbeitenden Schleier- und +Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Stühle entsprechend, +einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.<a name= +"FNanchor_106"></a><a href="#Footnote_106"><sup>106</sup></a></p> + +<p>Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am +zünftigen Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in +den seltensten Fällen die Bestimmungen für beide +Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der Frauen in die +Handwerke, die an die Körperkräfte große +Anforderungen stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, +weil niemand ein Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es +nicht in allen seinen Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten +vermochte.<a name="FNanchor_107"></a><a href= +"#Footnote_107"><sup>107</sup></a> Aber auch in den Zünften, +die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen nur +selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbständigen +Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft +erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten +schon betrieben hatten. So heißt es, in Anerkennung der +Notwendigkeit der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in +der Schneiderordnung von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen +sollen all das Recht haben, das ihre Männer hatten, damit sie +sich mit ihren Kindern ernähren können. Diese Bestimmung +erfuhr jedoch meist eine große Einschränkung dadurch, +daß die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen +die Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen +durften,<a name="FNanchor_108"></a><a href= +"#Footnote_108"><sup>108</sup></a> sodaß sie nach wenigen +Jahren schon aus Mangel an Hilfskräften das Handwerk wieder +aufzugeben gezwungen waren. Nur ausnahmsweise entschlossen sich +einige Zünfte, angesichts der bedrängten wirtschaftlichen +Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht zuzugestehen, +ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der +Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen—eine Bestimmung, +die schon deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, +kinderreiche Witwe gar nicht die Möglichkeit besaß, eine +lange Lehrzeit durchzumachen.<a name="FNanchor_109"></a><a href= +"#Footnote_109"><sup>109</sup></a> Der einzige Ausweg, der ihr +blieb, war fast immer der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich +die Gelegenheit um so leichter bot, als er dadurch sofort Meister +wurde.<a name="FNanchor_110"></a><a href= +"#Footnote_110"><sup>110</sup></a> Der weitere Vorteil solcher +Heirat war der, daß, wenn beide Eheleute desselben Handwerks +Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten +durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine +Meisterstochter heiratete, ja sie verschärfte sich oft noch in +der Weise, daß die Gewinnung der Meisterschaft davon +abhing.<a name="FNanchor_111"></a><a href= +"#Footnote_111"><sup>111</sup></a> Die Zünfte suchten dadurch +dem Eindringen einer unerwünschten Menge von Konkurrenten +vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge +beschränkten, die Lehrjahre verlängerten, oder zu dem +letzten Gewaltmittel, der Schließung des Handwerks, +schritten. Ideelle Bedenken kamen ihnen inmitten des materiellen +Kampfes nicht in den Sinn. Daß sie den Egoismus +förderten, der Habgier Thür und Thor öffneten, den +sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloßen +Geschäft degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum +Zweck wurde, mögen auch heute die Schwärmer für die +gute alte Zeit des romantischen Mittelalters nicht einsehen. Wo +trotzdem ein freiwilliger Liebesbund zwischen Mitgliedern +verschiedener Zünfte vorkam, pflegte die Frau das Handwerk, +das sie als Mädchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus +ergiebt sich, daß schon vor vier-, fünfhundert Jahren +die Not die Frauen zwang, mitzuverdienen und für die Masse des +Volkes das Ideal der auf den Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und +Mutter unerreicht blieb.</p> + +<p>Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den +Weberzünften zu finden. In Schlesien übertraf schon im +14. Jahrhundert die Zahl der Garnzieherinnen die der Garnzieher; in +Bremen, Köln, Dortmund, Danzig, Speier, Ulm und München +waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen zu Hause.<a name= +"FNanchor_112"></a><a href="#Footnote_112"><sup>112</sup></a> In +den Baseler Steuerregistern von 1453 werden zünftige +Teppichwirkerinnen angeführt; aber auch als Kürschner, +Bäcker, Wappensticker, Gürtler, Tuchscherer, +Riemenschneider, Lohgerber, Goldspinner und Goldschläger waren +Frauen thätig.<a name="FNanchor_113"></a><a href= +"#Footnote_113"><sup>113</sup></a> Besonders in Frankreich, +für das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254 +gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der +Arbeitsgebiete des weiblichen Geschlechts ermöglicht ist, +waren die Frauen in den verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks +beschäftigt. Bei den Kristallschleifern, den Seidenspinnern, +den Leinenhosenmachern, und den Nadelmachern fanden sich weibliche +Lehrlinge und Gesellen in großer Zahl. In einigen Gewerben, +wie bei den Webern und Fransenmachern, konnten Frauen Meisterinnen +werden und Lehrlinge anlernen, und während im Anfang des +Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die Meistertöchter +und allenfalls die im Hause dienenden Mägde als Lehrdirnen +zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde Frauen in +die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und Leinenweber in +München und Speier wird der fremden Lehrmädchen besonders +Erwähnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden +Menge armer Mädchen, die aus dem durch die fortwährenden +inneren Fehden verwüsteten Lande in die Städte getrieben +wurden, wo sie hofften, lohnendere Beschäftigung und +größere persönliche Sicherheit zu finden. Infolge +des großen Angebots weiblicher Arbeitskräfte sanken die +Gesellenlöhne und diejenigen Handwerker, die Frauen +beschäftigten, hatten im Wettbewerb vor den anderen einen +Vorsprung.<a name="FNanchor_114"></a><a href= +"#Footnote_114"><sup>114</sup></a> Daher machte der Haß der +Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr früh schon +geltend, ohne daß sich dem immer zahlreicheren Eintritt +weiblicher Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten ließ. +Kriege und Seuchen rafften die Männer hinweg; durch das +Zölibat der katholischen Geistlichkeit wurden viele Frauen +selbst zum Zölibat und selbständigen Erwerb ihres +Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten +Zünfte, daß der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen +Rauch" haben durfte,<a name="FNanchor_115"></a><a href= +"#Footnote_115"><sup>115</sup></a> und im Hause des Meisters leben +mußte, wo seine Arbeitskraft mehr ausgebeutet, sein Lohn +durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr verkürzt werden +konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mädchen. Die +Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, +weil die Aussicht, Meister zu werden, wegen des großen bei +diesen Handwerken nötigen Kapitals nur gering war,<a name= +"FNanchor_116"></a><a href="#Footnote_116"><sup>116</sup></a> +mußten meist auch auf die selbständige Erwerbsarbeit +ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte Stückwerker nur +ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die Gesellen anderer +Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus der Zunft +ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Störer" sich +niederließen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise +gegen die Meister der Zunft konkurrierten,<a name= +"FNanchor_117"></a><a href="#Footnote_117"><sup>117</sup></a> +bildeten das rasch zunehmende Proletariat des Handwerks, das den +Frauen auch nur Hunger und übermäßige Arbeit zu +bieten hatte. Es einzuschränken, um die schädigende +Konkurrenz los zu werden, war das eifrige Bestreben der +Zünfte, die daher auch das Heiratsverbot noch besonders +verschärften, indem sie, wie aus der Nürnberger +Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklärten, +daß kein Gesell in seinem Handwerk gefördert oder +unterstützt werden dürfte, der ein Weib hat.<a name= +"FNanchor_118"></a><a href="#Footnote_118"><sup>118</sup></a></p> + +<p>Alle diese Umstände zusammengenommen führten dazu, +daß nicht nur die Zahl der Frauen an und für sich die +der Männer bei weitem übertraf, sondern daß auch +die Zahl der alleinstehenden, auf selbständigen Erwerb +angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an +einer umfassenden Statistik darüber, die Berechnungen aber, +die einzelne Städte anstellten, lassen auf die allgemeinen +Bevölkerungsverhältnisse annähernd richtige +Schlüsse zu. Eine Zählung der Bevölkerung Frankfurts +a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend männliche elfhundert +weibliche Personen; eine zu Nürnberg im Jahre 1449 auf tausend +erwachsene Männer zwölfhundert und sieben Frauen; eine zu +Basel im Jahre 1454 auf tausend Männer über vierzehn +Jahren zwölfhundert und sechsundvierzig Frauen.<a name= +"FNanchor_119"></a><a href="#Footnote_119"><sup>119</sup></a> Die +daraus entstehende Frauenfrage mußte sich auch dem +Gedankenlosen aufdrängen, um so mehr als ein erschreckendes +Anwachsen der Prostitution die nächste Folge war. Durch die +Einrichtung von Zünften, die bis auf ein oder zwei +Zunftmeister das männliche Geschlecht ausschlossen, suchten +sich die Frauen selbst zu helfen. Die französischen +Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen, +Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. +Jahrhunderts waren in solchen Zünften vereinigt, an deren +Spitze eine Zunftmeisterin—preudefames—zu stehen +pflegte. In Köln bestanden schon im 13. Jahrhundert +verschiedene große weibliche Genossenschaften, wie die der +Spinnerinnen, Näherinnen und Stickerinnen,<a name= +"FNanchor_120"></a><a href="#Footnote_120"><sup>120</sup></a> und +die Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene +weibliche Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.<a +name="FNanchor_121"></a><a href="#Footnote_121"><sup>121</sup></a> +Aber dadurch waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht +untergebracht. Die Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit +seiner langen Lehrzeit und seiner beschränkten Zahl von +Gesellen ausgeschlossen. Um sie unterzubringen, reichten die +Klöster nicht aus, die auch häufig die Einzahlung eines +kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und die Pforten +zum Leben rücksichtslos hinter ihr verriegelten. Die Zuflucht +armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an die +überall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, +die der Wohlthätigkeit der Bürger oder der +städtischen Initiative ihre Entstehung verdankten. Sie nahmen +in dazu bestimmten Häusern oder Straßen Mädchen und +Frauen auf, die zwar kein Ordensgelübde abzulegen +genötigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen +waren, gleiche Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen +durften, und ihren Lebensunterhalt selbst erwerben mußten. Es +gab kaum eine größere Stadt, die nicht mehrere +Beginenkonvente hatte; Köln allein besaß deren im 15. +Jahrhundert über hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, +in Basel gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, +ein Frankfurt a.M. gehörten im 14. Jahrhundert 6% der +erwachsenen weiblichen Bevölkerung den Beginenvereinen an.<a +name="FNanchor_122"></a><a href= +"#Footnote_122"><sup>122</sup></a></p> + +<p>Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher +außerordentlich groß. Die Beginen spannen, webten, +nähten und wuschen, sie kamen in die Häuser der +Bürger zur Aushilfe im Haushalt, sie beschäftigten sich +mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil sie umsonst +wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und ihre +Bedürfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn +zufrieden sein. Auch außerhalb der Zünfte, der +Klöster und der Vereine wagten es alleinstehende Frauen einen +Broterwerb zu suchen. In größeren Städten gab es +zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem Ansehen +brachten, wie z.B. die Augsburger Bürgerin Klara Hätzler, +die infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Häufiger +werden weibliche Aerzte erwähnt; in Frankfurt a.M. wird ihre +Zahl am Ende des 14. Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem +Edikt der französischen Regierung vom Jahre 1311, wonach +Aerzte und Aerztinnen sich einer Prüfung unterziehen +mußten,<a name="FNanchor_123"></a><a href= +"#Footnote_123"><sup>123</sup></a> geht hervor, daß man auch +dort an diesem weiblichen Beruf keinen Anstoß nahm. +Jedenfalls war die Zahl der Frauen, die sich ihm widmeten, zu +gering, um den Konkurrenzneid ihrer männlichen Kollegen zu +erregen und sie wäre neben der Masse der armen +Handarbeiterinnen nicht zu erwähnen, wenn nicht daraus zu +ersehen wäre, wie früh die Frauen sich schon gezwungen +sahen, auch in die höheren Berufe einzudringen.</p> + +<p>Die ersten, die den Kampf gegen die beängstigende Zunahme +der Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchführten, waren +die Zünfte. Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht +organisierten Arbeiterinnen dadurch zu unterdrücken gesucht +hatten, daß sie ihren Eintritt in die Zünfte erzwangen, +wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Zünfte und die +der ausschließlich weiblichen Zünfte über den Kopf; +sie veränderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus +den Zünften wieder hinauszutreiben versuchten. +Charakteristischerweise verhüllten sie ihren Konkurrenzneid +zunächst mit einem sentimentalen Mäntelchen: die +Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei für Frauen zu schwer, und +schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Zünften aus; +die Tuchwalker und die Kölner Tuchscherer und Hutmacher thaten +desgleichen,<a name="FNanchor_124"></a><a href= +"#Footnote_124"><sup>124</sup></a> indem sie feierlich +erklärten, daß ihr Handwerk dem "Manne zugehört". +Bald bemühte man sich nicht mehr mit solchen Erklärungen, +denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete über, +auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden +Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her +hauptsächlich den Frauen offen standen: der Textil- und +Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem +die Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks +über die Zunahme ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es +nicht nur durch, daß den Frauen verboten wurde, andere als +weibliche Kleidungsstücke anzufertigen, sondern auch daß +die Zahl der weiblichen Gehilfen und Lehrlinge auf je einen bei +einem Meister beschränkt wurde. Noch weiter gingen die +Württemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher +Lehrlinge, selbst der Meisterstöchter überhaupt +untersagten, und die Färber, die alle Frauen aus der Zunft +ausschlossen.</p> + +<p>Das treibende Element in diesen Kämpfen waren weniger die +Meister der Zünfte, die durch die billige weibliche +Arbeitskraft, durch die Beschäftigung ihrer Frauen und +Töchter ihre Konkurrenten aus dem Felde schlugen, als die zu +immer größerer Macht gelangenden Gesellenverbände. +Für die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die +besiegt werden mußte, um vorwärts zu kommen.</p> + +<p>So hatte ein Gürtlermeister in Straßburg Mitte des +16. Jahrhunderts seine beiden Stieftöchter zum Handwerk +erzogen und erregte dadurch den Zorn des Gesellenverbandes seiner +Zunft in dem Maße, daß es zur Arbeitseinstellung kam, +die zwei Jahre währte und mit der Niederlage des Meisters und +der Frauenarbeit endete.<a name="FNanchor_125"></a><a href= +"#Footnote_125"><sup>125</sup></a> Und wie hier das Kampfmittel des +Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg +angewandt. Die Straßburger Nestler beklagten sich +nämlich bei den Nürnbergern, daß diese Mägde +beschäftigten und das Handwerk daher zu Schaden käme, und +drohten ihnen, alle in Nürnberg gelernten Nestler für +untauglich und unredlich zu erklären, wenn sie diesen +Uebelstand nicht beseitigen würden.<a name= +"FNanchor_126"></a><a href="#Footnote_126"><sup>126</sup></a></p> + +<p>Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand +geht mit der Veränderung wirtschaftlicher Zustände, +bietet die Thatsache, daß der Frauenarbeit im Verlaufe des +Kampfes gegen sie und nach ihrer Unterdrückung der Stempel des +Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer deutlicher +aufgeprägt wurde. Der Mann hielt es für unter seiner +Würde, neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und +Gürtlerordnung sowie die Nürnberger +Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen +ausdrücklich.<a name="FNanchor_127"></a><a href= +"#Footnote_127"><sup>127</sup></a> Die Nürnberger +Buchbindergesellen erklärten jeden für unehrlich, der mit +einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die Gesellenverbände +und die Zünfte beschlossen, wurde schließlich in die +Ratsschlüsse und landesherrlichen Verfügungen +aufgenommen. Sie verboten nicht nur die Arbeit der Frauen in den +Zünften, sie hielten sie auch für schändend, indem +sie die mit den Frauen arbeitenden Männer als unredliche +bezeichneten.</p> + +<p>Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem +zünftigen Handwerk hinausgedrängt und das männliche +Geschlecht wurde überall zur Bedingung des Eintritts.<a name= +"FNanchor_128"></a><a href="#Footnote_128"><sup>128</sup></a> So +schien der Feind besiegt, während thatsächlich die +Sterbestunde der Zünfte schlug, und er sich nur in den +Hintergrund zurückgezogen hatte, um von da aus des Handwerks +goldenen Boden weiter zu unterminieren.</p> + +<p>Verbieten ließ sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not +zwang sie dazu, und es hieß jetzt nur, neue Bedingungen +für sie zu suchen. Wie die sogenannten Stückwerker, die, +außerhalb der Zünfte stehend, für geringen Lohn +arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Maße von +den Meistern und den "Verlegern", kaufmännischen +Auftraggebern, in ihrem eigenen Hause beschäftigt.<a name= +"FNanchor_129"></a><a href="#Footnote_129"><sup>129</sup></a> Da +diese Beschäftigungsweise an keine Werkstatt, an keine +zünftigen Bestimmungen gebunden war, für die Frauen einen +sehr gesuchten, wenn auch noch so kümmerlichen Erwerb bildete +und für die Auftraggeber stets ein glänzendes +Geschäft bedeutete, so dehnte sie sich rasch bis in die +entferntesten Bauernhöfe aus und riß die große +Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht +mehr jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die für +den Bedarf der Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht +mehr die Arbeit im Rahmen des zünftigen Handwerks, die doch +einige Aussicht auf Vorwärtskommen, auf Selbständigkeit +in sich schloß, es war vielmehr jene Lohnarbeit, durch die +eine immer wachsende Zahl der Bevölkerung in dauernde +Abhängigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und +aussichtslosen Proletariat herabgedrückt wurde. Durch sie +zerfiel das Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die +Hausindustrie,<a name="FNanchor_130"></a><a href= +"#Footnote_130"><sup>130</sup></a> denn zahlreiche verarmte +Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde der Unternehmer und +nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das zünftige +Handwerk nicht beschäftigt hatte, wurden zur Mitarbeit +herangezogen, um den kümmerlichen Verdienst ein wenig zu +erhöhen.</p> + +<p>Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution +vorbereitet, die die gesamte Arbeit überhaupt, die +Frauenarbeit insbesondere, von Grund aus umgestalten sollte. Sie +beschleunigte die Auflösung des zünftigen Handwerks, sie +entführte die Frauen mehr und mehr dem häuslichen Herd, +aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Großindustrie, +die Mann und Weib schließlich gleichmäßig in ihre +Dienste zwang.</p> + +<p>Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter +zurückverfolgen, wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des +Strumpfwirkerstuhls führte und die Produktivität auf +diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die durch Barbara Uttmann +erfundene Spitzenklöppelei beschäftigte in Deutschland +viele Hunderte von fleißigen Händen, während die +von Frau Gilbert aus Italien in Frankreich eingeführte Kunst +venezianischer Spitzenarbeit schnell zu einer blühenden +Industrie sich entwickelte, in der am Ende des vorigen Jahrhunderts +gegen 100000 Arbeiterinnen thätig waren.<a name= +"FNanchor_131"></a><a href="#Footnote_131"><sup>131</sup></a> Mit +dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die Weißstickerei +sich rapid; durch die Band- und Schermühle, die +Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug +fanden zahllose Frauen Beschäftigung, denn eine +mannigfaltigere und reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen +zugänglich und die Bedürfnisse danach, die sich +früher, bei der schwierigen und langwierigen Art ihrer +Herstellung, auf die großen Damen der Höfe, die +Patrizierinnen der Handelsstädte und die Courtisanen +beschränkten, ein Gemeingut auch der Frauen des +Bürgerstandes.</p> + +<p>Aber wie geringfügig erscheint der Einfluß all der +genannten technischen Vervollkommnungen der Arbeitsmittel +gegenüber der geradezu umwälzenden, die von England 1767 +durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny, einer zunächst +durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie wurde von Jahr +zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schließlich bis +zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der +Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.<a name= +"FNanchor_132"></a><a href="#Footnote_132"><sup>132</sup></a> Noch +vor Anwendung der Dampfkraft, in der zweiten Hälfte des 18. +Jahrhunderts, entstanden in England und Schottland die ersten +Spinnereien, und 1788 gab es dort bereits 142 Fabriken, die nicht +weniger als 59000 Frauen und 48000 Kinder beschäftigten.<a +name="FNanchor_133"></a><a href="#Footnote_133"><sup>133</sup></a> +Große Fortschritte hatte indessen auch die mechanische +Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch +Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine +trat neben den außerordentlich vervollkommneten +Webstühlen in Thätigkeit und es waren auch hier Frauen, +die in erster Linie zu ihrer Bedienung herangezogen wurden. +Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich, hauptsächlich in +Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben von Linon, +Batist und Gaze beschäftigt.<a name="FNanchor_134"></a><a +href="#Footnote_134"><sup>134</sup></a></p> + +<p>Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung mußten +für das weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung +sein. Jede neue Maschine, die die Arbeit von so und so vielen +Handarbeiterinnen verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte +ihre hausindustrielle Thätigkeit und drückte auf ihren +Lohn. Sie entriß aber auch den Frauen ihnen bisher fast +ausschließlich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das Spinnen +und Weben, indem sie Männer und Kinder zur Mitarbeit heranzog +und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen ließ. Und +endlich griff sie auflösend und zersetzend in den einst so +fest umfriedeten Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau +klaffte von nun an ein furchtbarer Riß: die bittere Not zwang +sie in die Fabrik, wo sie der Ausbeutung schutzlos preisgegeben +war, die Mutterliebe und die von alters her ehrwürdigen +Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim.</p> + +<p>Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt +hervorwachsenden, in das Volksleben tief eingreifenden Fragen, +stand die Gesellschaft ratlos gegenüber. Mit ungeschickten +Händen versuchte man einzelne Knoten zu entwirren, um nur +immer neue zu knüpfen. Durch Unterdrückung der +gefährlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft +sollte der Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder +hergestellt werden. So wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse +mit der Begründung, sie ihren Frauenpflichten wiedergeben zu +wollen, schon 1640 die Arbeit verboten; in Sachsen verfügte +ein Gesetz, daß Bauerndirnen keinen anderen Beruf, als den +häuslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz +wie in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht +verdingen wollten, mit schweren Steuern belastet.<a name= +"FNanchor_135"></a><a href="#Footnote_135"><sup>135</sup></a> Aus +den Badestuben, dem Schankgeschäft und dem Kleinhandel wurden +die Frauen vertrieben. Die Menge der Spitzenklöpplerinnen in +Nürnberg veranlaßte den Kameralisten J.L. Dorn strenge +Polizeimaßregeln gegen selbständige Arbeiterinnen zu +verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten +diese Mauern und Wällchen nicht aufzuhalten, und die +hingeworfenen Strohhalme konnten die Menge der mit den Fluten +Kämpfenden nicht retten. Den Frauen des arbeitenden Volkes +blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger und Schande.</p> + +<p>Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre +wirtschaftliche Existenz mußten sie nicht nur +selbständig kämpfen, sie mußten sie auch von Grund +aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben Lasten wie ihre +männlichen Arbeitsgenossen, nur daß sie noch +unterdrückter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am +schwersten Leidenden duldeten sie stumm.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="4_Die_Stellung_der_Frauen_im_Geistesleben" />4. Die +Stellung der Frauen im Geistesleben.</h2> + +<p>Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Maße +auf die Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf +der einen und die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der +geistige Fortschritt, die Ausbreitung allgemeinen Wissens und +höherer Kultur wurden dadurch bestimmt: harte Arbeit, +unaufhörlicher Kampf ums tägliche Brot, raubten dem Volk +sowohl die notwendige Muße, als die geistige Frische und +Empfänglichkeit für eine tiefere Bildung, die daher zu +einem Privilegium der besitzenden Klassen werden mußte. Mehr +noch als für die Männer gilt diese scharfe Trennung +für die Frauen, denen bedeutend weniger Hilfsmittel zu Gebote +standen, um die widrigen äußeren Lebensumstände +überwinden zu können.</p> + +<p>Auch in die Klöster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens +Zufluchtsstätten aller Bildung waren, traten meist nur +begüterte und vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und +Barmherzigkeit aufgenommen, so fanden sie als Mägde Verwendung +und nahmen keinen Teil an dem vielfach reichen geistigen Leben des +Klosters. Wenn daher die Geschichte der geistigen Entwicklung des +weiblichen Geschlechts verfolgt werden soll, so darf nicht +vergessen werden, daß sie sich im allgemeinen auf die Kreise +der Besitzenden beschränkt, wie die Geschichte der +Frauenarbeit fast ausschließlich nur von den besitzlosen +Frauen sprechen konnte.</p> + +<p>Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende +Spielleute die Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen +einen Grad von Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber +immerhin den der Männer im allgemeinen übertraf. +Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann furchtsam und +weibisch mache und daher möglichst zu vermeiden sei.<a name= +"FNanchor_136"></a><a href="#Footnote_136"><sup>136</sup></a> +Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch +die Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die +unaufhörlichen inneren Wirren verursachten Zustände, +verbunden mit dem Einfluß der protestantischen Kirche, die +aller Frauenbildung durchaus abhold war, hemmten im Norden Europas +die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des weiblichen +Geschlechts. Im Süden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht +wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiöser +Kämpfe geführten Kriege der Fürsten untereinander +allen Wohlstand untergraben, die Gemüter erhitzt und mit dem +schlimmsten Fanatismus, dem religiösen, erfüllt hatten, +wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter geöffnet +als je vorher.</p> + +<p>Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu +neuem Leben erwacht. Alle Umstände wirkten zusammen, um diese +Wiedergeburt zu ermöglichen. Die Kleriker, die die Sprache des +Horaz und des Cicero nicht untergehen ließen, die +Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland, sondern auch das Land +Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden Sänger, die +ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle +bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die +blühenden Handelsstädte mit ihrem freien Bürgertum, +die glänzenden Fürstenhöfe mit ihren an Mitteln und +Muße reichen Bewohnern bildeten den Nährboden, aus dem +es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der +Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des +ursprünglichen Christentums längst vergessen machen.</p> + +<p>Die Frauen nahmen, soweit sie den begüterten Volksklassen +angehörten, ohne darum kämpfen zu müssen an den +geistigen Schätzen teil, die in fast unerschöpflicher +Fülle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Kräfte wurden +nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche +Thätigkeit früherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da +Handwerk und Industrie die Herstellung einer großen Menge +Gebrauchsgegenstände übernommen hatten und die grobe +tägliche Arbeit ausschließlich den Mägden +überlassen blieb. So war es nur eine natürliche Folge der +Befreiung des begüterten Teils des weiblichen Geschlechts von +einförmiger Arbeitslast, daß er an der Kunst, die ihn +umgab, an der Wissenschaft, von der er reden hörte, +lebhafteres Interesse nahm und daß einzelne, besonders +begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder künstlerisch +thätig waren. In den Häusern der Handelsherrn und den +Palästen der Fürsten genossen die Kinder beiderlei +Geschlechts von humanistisch gebildeten Erziehern denselben +Unterricht. Hervorragende Pädagogen widmeten ihre ganze Kraft +der Heranbildung ihrer Zöglinge, sodaß z.B. eine +Cäcilia Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit +zehn Jahren die klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.<a +name="FNanchor_137"></a><a href="#Footnote_137"><sup>137</sup></a> +Aber nicht einseitige Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, +vielmehr war es die harmonische Ausbildung der ganzen +Persönlichkeit, die Individualisierung des einzelnen +Menschen.<a name="FNanchor_138"></a><a href= +"#Footnote_138"><sup>138</sup></a> Die große Errungenschaft +der Renaissance für das weibliche Geschlecht lag demnach nicht +darin, daß die Universitäten den Frauen geöffnet +wurden und der Ruhm einzelner weiblicher Gelehrten die damalige +Welt erfüllte, sondern in der Anerkennung der Frau als eines +selbständischen Menschen. Die höhere Form des Umganges +zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen Novellisten<a +name="FNanchor_139"></a><a href="#Footnote_139"><sup>139</sup></a> +und Biographen erzählen, ist allein schon ein Beweis +dafür. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein +in den Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur +Schaffnerin und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen +Unterhaltungen teil, vor ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio +ihre Dichtungen vor, und ihr reifes Urteil wurde dem der +Männer gleich geachtet, ja häufig wog es schwerer, als +jenes.<a name="FNanchor_140"></a><a href= +"#Footnote_140"><sup>140</sup></a> Frauen, wie Katharina Cornaro in +Venedig, Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, +Isabella von Este in Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der +Mittelpunkt geistig lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm +so mancher Dichter und Künstler abhing. Die größere +Freiheit, welche die Frauen der Renaissance genossen, die +Selbständigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen und +Gefühlen folgten, hat religiöse und moralische Zeloten +veranlaßt, sie als ganz besonders sittenlose Geschöpfe +hinzustellen, und manche führen sie noch heute als Beispiele +dafür an, daß das Weib verderbe, wenn es dem Manne sich +gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch zwischen den im +allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs und Englands +im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen Italiens +zur gleichen Zeit, muß durchaus zu Gunsten dieser entschieden +werden.<a name="FNanchor_141"></a><a href= +"#Footnote_141"><sup>141</sup></a> Sie waren keine stillen stumpfen +Dulderinnen oder hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher +häufig die Bande entwürdigender Ehen und folgten der +Stimme ihres Herzens, und diese höhere Sittlichkeit +schloß von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit gerade bei +den bedeutendsten unter ihnen aus.</p> + +<p>Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige +Gelehrsamkeit ausartete und wo Frauen als Künstlerinnen, +Dichterinnen oder Rednerinnen öffentlich auftraten, machte +sich ein Charakterzug besonders bemerkbar: ihre Wissenschaft wie +ihre Kunst trugen ein völlig männliches Gepräge, und +das höchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen +männlichen Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die +im 13. Jahrhundert in Bologna predigte und Professor wurde,<a name= +"FNanchor_142"></a><a href="#Footnote_142"><sup>142</sup></a> war +wegen der "männlichen Kraft" ihrer Rede berühmt. Novella +d'Andrea, die holdselige Lehrerin des kanonischen Rechts und +Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin von "de legibus +connubialibus"<a name="FNanchor_143"></a><a href= +"#Footnote_143"><sup>143</sup></a> waren Rechtsgelehrte von +"männlichem Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Päpsten +und Kaisern Vorträge hielt, Cassandra Fedele, die in Padua +dozierte, Ippolita Sforza, die auf dem Kongreß zu Mantua den +Papst begrüßte, Isikratea Monti und Emilia Brembati, +deren Redekunst Hunderte von Zuhörern anzog—sie alle +sahen ihren höchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen +zu machen. Und so sehr war diese Auffassung gang und gäbe, +daß sogar bedeutende Frauen vor sich selbst das Gelübde +der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen dem Dienst der +Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des +mütterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu +ihnen gehörte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die +unsterbliche Freundin Michelangelos.<a name="FNanchor_144"></a><a +href="#Footnote_144"><sup>144</sup></a> Auch sie vermochte, trotz +der geistigen Höhe, auf der sie stand, trotz der geistigen +Kraft, die ihr eigen war, die Kluft zwischen dem Weibe als +Geschlechtswesen und dem Weibe als Künstlerin und Gelehrte +nicht zu überbrücken. Und an diesem Punkt mußten +die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als +ausübende, nicht nur als anregende und urteilende Kräfte +im geistigen Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der +inneren Entwicklung des gesamten weiblichen Geschlechts +herauswachsenden Bewegung, sondern nur eine spontane Befreiung +einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war. Darum blieb diese +Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war nicht einmal +ein ausreichender Beweis für die geistige Ebenbürtigkeit +der Frauen, weil sie zu ängstlich in die Fußstapfen der +Männer traten, statt zu zeigen, daß sie auch ihren +eigenen Weg zu gehen wissen.</p> + +<p>Durch oberflächliche Beurteilung könnte aus den +zahllosen Schriften jener Zeit über die Frauen, ihren Ruhm und +ihre Fähigkeiten eine tiefgehende Frauenbewegung gefolgert +werden. Eine nähere Kenntnis jedoch beweist, daß viele +Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend, einen wahren +Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein glaubte, wenn +er Biographien berühmter Männer schrieb. Solche +berühmter Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie überall +mit im Vordergrund des geistigen Lebens standen. Boccaccio ging +zuerst mit dem Beispiel voran und schilderte in seiner lateinisch +geschriebenen Abhandlung: De casibus virorum et feminarum +illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den Griechen an bis +zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkämpfer der +Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche +Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;<a name= +"FNanchor_145"></a><a href="#Footnote_145"><sup>145</sup></a> sie +suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die +Masse der verherrlichten Frauen zu übertreffen, bis +schließlich Peter Paul Ribera durch sein Werk über die +unsterblichen Triumphe und heldenhaften Abenteuer von 845 Frauen +alle in den Schatten stellte. Es war nur ein Schritt weiter auf dem +einmal betretenen Wege, wenn mit großem Aufwand von +tönenden Worten nunmehr der höhere Wert des weiblichen +Geschlechts vor dem männlichen gepriesen<a name= +"FNanchor_146"></a><a href="#Footnote_146"><sup>146</sup></a> und +die Frage zum Stoff gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem +Redekunst und geistreicher Witz sich übten. Einen tieferen +Eindruck hinterließ diese ganze Litteratur auf die Dauer in +Italien nicht, weil sie dem Bedürfnis zu fern lag und nur +für jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die dank +ihrer günstigen äußeren Verhältnisse sich mit +gleichen geistigen Waffen mit den Männern zu messen +vermochten.</p> + +<p>Ihre Zahl war, trotz der 845 berühmten Frauen Riberas, im +Verhältnis zur Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die +sie sich verteilten, nur gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich +damals mehr als andere ihres männlichen Geistes wegen +rühmten, brachte nur wenige wirklich hervorragende weibliche +Gelehrte hervor, unter denen die Theologin Isabella von Cordoba<a +name="FNanchor_147"></a><a href="#Footnote_147"><sup>147</sup></a> +und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte Rednerin Juliana +Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.</p> + +<p>Während in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum +kämpfen zu müssen, gewissermaßen +selbstverständlich an den geistigen Errungenschaften teil +nahmen—als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in +Frankreich, England und vor allem in Deutschland eine durchaus +andere. Sie waren gedrückt durch die wirtschaftliche Lage, und +Wissenschaft und Kunst gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu +ihnen. Darum entstand zunächst nur in wenigen Frauen durch das +Beispiel der Italienerinnen der Wunsch nach geistiger Fortbildung, +nach intellektueller Gleichberechtigung. Und er +trat—bezeichnend genug für die Zustände in +Mitteleuropa—häufig in Gemeinschaft mit dem +Bedürfnis nach einem Broterwerb auf. Die französische +Schriftstellerin Christine de Pisan ist ein klassisches Beispiel +dafür.<a name="FNanchor_148"></a><a href= +"#Footnote_148"><sup>148</sup></a> Früh verwitwet, sah sie +sich gezwungen, ihre Kinder zu ernähren und groß zu +ziehen. Da sie eine, für die Ansichten ihrer Zeit, des 15. +Jahrhunderts, gute Erziehung genossen hatte, bildete sie sich mit +eiserner Energie weiter aus und ermöglichte es, von ihrer +Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu können. Ihr Roman +von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr +über die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. +Für die Beurteilung der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre +Streitschrift "La cité des dames" besonders interessant. Sie +schilderte darin das Leben und Wirken der italienischen Juristin +Novella d'Andrea, um, daran anknüpfend, für die +wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklärte +zum Schluß, daß die Männer nur aus dem Grunde +dagegen seien, weil sie fürchteten, die Frauen könnten +klüger werden als sie. Christine de Pisan genießt den +Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der +Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge +ihres eigenen Lebenskampfes, prädestiniert dazu. Nicht der +Süden, der über seine Kinder einen solchen +Ueberfluß an Reichtum und Schönheit ausschüttete, +daß auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern die +Länder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, +auch die Frauen erfaßte, waren der Nährboden der +Frauenfrage und der Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not +und Unterdrückung ihres Geschlechts zuerst bewußt wurden +und sie in Worte zu fassen wagten, konnten natürlich nicht die +Allermißhandeltsten sein; sie mußten auf einer gewissen +Höhe der Bildung und des Verständnisses stehen. Denn die +tiefste Not macht stumpf; sie zerstört alle Thatkraft; sie +läßt selbst das Gefühl der Unzufriedenheit mit dem +eigenen Elend nicht aufkommen.</p> + +<p>Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch +eine Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die +Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung +der Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten +praktischen Erfolg hatten diese Bemühungen +selbstverständlich nicht, aber sie wirkten im Verein mit dem +Einfluß des Humanismus, dem Aufblühen von Kunst und +Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks wachsenden +Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhöhung der +Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine +Königin, die beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden +ist, aus der Menge gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, +die Schwester Franz' I.<a name="FNanchor_149"></a><a href= +"#Footnote_149"><sup>149</sup></a> Ihre Erzählungen, ihre +Gedichte, vor allem aber ihr Briefwechsel, geben den Geist des 16. +Jahrhunderts mit all seinem Leichtsinn und seiner Grazie lebendig +wieder, sie weisen aber auch überall die Spuren der Nachahmung +italienischer Vorbilder auf. Ihre gleich kluge, aber, im Gegensatz +zu ihr, sittenlose Namensschwester, Margarete von Valois, die +Gattin Heinrichs IV.<a name="FNanchor_150"></a><a href= +"#Footnote_150"><sup>150</sup></a>, schrieb fünfzig Jahre +später einen selbständigeren Stil und verfaßte, +voller Verachtung für die sie umgebende schwächliche und +gemeine Männerwelt, trotzend auf ihren energischen Geist, eine +Schrift über die Ueberlegenheit des weiblichen Verstandes.</p> + +<p>Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die +Frauen Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt +aus der Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen +Tanneguy Lefèbre und Gattin seines unbedeutenden +Schülers André Dacier. Die ersten französischen +Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des Terenz und vor +allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift: +Traité des causes de la corruption du goût, worin sie +die Angriffe Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch +zurückwies, hat einen dauernden Wert behalten. Daß Anna +Dacier so allein steht, ist leicht begreiflich, denn die +Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung, vertieften und +verfeinerten Lebens für alle hätte werden sollen, wurde +zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schließlich +bis zu lächerlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, +wie in Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und +ihrer wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach +der Liebe und der Mutterschaft, um sich ungestört ihren +Studien zu widmen. So brachten z.B. die Précieuses des Hotel +Rambouillet die gelehrten Frauen in berechtigten Verruf, und wenn +Molière in seinen Lustspielen Précieuses ridicules +und Femmes savantes ihrer Unnatur tödliche Streiche versetzte, +so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund des +weiblichen Geschlechts.</p> + +<p>Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die +Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands +eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu +arm, die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer +häuslichen Sorgen, als daß sie in nennenswerter Weise +daran hätten teilnehmen können. Erst sehr allmählich +drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der Gelehrten und den +Hörsälen der Universitäten auch zu ihnen. +Während das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die +Blütezeit weiblicher Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum +Teil auch in Frankreich war, setzte sie in Deutschland erst im +Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ein. Viel früher +beschäftigten sich jedoch die Humanisten mit der theoretischen +Erörterung der Frauenfrage, wie sie die italienische +Renaissance dadurch aufgestellt hatte, daß sie den Frauen die +Pforten zur klassischen Bildung nicht verschloß. Was dort +ohne Kampf unter dem unmittelbaren Eindruck der großen +geistigen Errungenschaften geschah, darüber mußte der +grüblerische Deutsche erst langatmige Theorieen aufstellen, +und der langsame, künstlich niedergehaltene Geist der +deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in +homöopathischen Dosen vertragen. Der erste Gelehrte, der als +Vorkämpfer dieser Art Frauenfrage gelten kann, war der +merkwürdige platonisch-christliche Philosoph Cornelius Agrippa +von Nettesheim. Seine Schrift über den Vorzug des weiblichen +Geschlechts,<a name="FNanchor_151"></a><a href= +"#Footnote_151"><sup>151</sup></a> die 1505 erschien, liest sich +zum Teil wie eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf +Bildung. Er geißelt die Erziehung der Mädchen zur +Faulheit und erklärt, daß nur sie daran schuld sei, wenn +die Frauen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln und den Beweis +ihrer der männlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern +könnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrückt +freilich häufig den klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem +Erscheinen ab nahm der Federkrieg für und wider die +höhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner verstiegen sich +sogar bis zu der Behauptung, daß die Weiber keine Menschen +seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke, Andreas +Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig heraus.<a +name="FNanchor_152"></a><a href="#Footnote_152"><sup>152</sup></a> +Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb die +weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschränkt; +eine Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten +deutscher Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, ähnlich +den Prinzessinnen an den Höfen italienischer Mäcene, +zwischen ihnen lebte, gehörte zu den sehr vereinzelten +Ausnahmen.<a name="FNanchor_153"></a><a href= +"#Footnote_153"><sup>153</sup></a> Der Adel war verroht, das +Bürgertum beschränkt und nüchtern, die +Fürstenhöfe arm und klein. Erst mit dem 17. Jahrhundert +trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit der +Männer etwas Müdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich +trug, konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedürfnis +der Frauen nach höherer Bildung nicht in lebenspendender Weise +befriedigt werden. Wohl lernten Fürstinnen und +Gelehrtentöchter die klassischen Sprachen, wohl wurden +Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12 Jahren +alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten +einzelne Frauen<a name="FNanchor_154"></a><a href= +"#Footnote_154"><sup>154</sup></a> es zu einem solchen Grade von +Gelehrsamkeit, daß ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen +starben, wohl wurden Ströme von Tinte zu ihrem Lobe +verschrieben,<a name="FNanchor_155"></a><a href= +"#Footnote_155"><sup>155</sup></a> aber keine einzige, wirklich +durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche +Persönlichkeit ist unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit +haftete nur an der Oberfläche, sie war nichts weiter als jener +"Wissenskram" Fausts, den starke Naturen abschütteln, wie +bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu werden. Einen +Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz, die Tochter +des unglücklichen Winterkönigs gemacht, die durch +großes Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war +zuerst eine eifrige Schülerin von Descartes gewesen, mit dem +sie in regem Briefwechsel gestanden hatte, und warf +schließlich all ihre gelehrten Bücher bei seite, die ihr +Gemüt unbefriedigt ließen, und der Hunger nach einem +vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu +stillen war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten +und schließlich den Quäkern zu, weil auch sie die +Einheit zwischen Leben und Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden +gehörte jene weit über ihr Verdienst bewunderte +Niederländerin Anna Maria von Schurmann. Man pries sie als das +Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch sie +Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte +ebenfalls, eine schlichte Büßerin, dem neuen Propheten +Jean Labadie.</p> + +<p>Das Schicksal der gelehrten Königin Christine von Schweden +gestaltete sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und +Bereicherung ihres Daseins, auch sie suchte schließlich durch +ihren Uebertritt zum Katholizismus in der Religion das was sie +bisher nicht gefunden hatte: Befriedigung für ihr +vernachlässigtes Gemüt.</p> + +<p>Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung +des weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, +für die Erziehung der eigenen Kinder fähige Frauen +schaffen sollte, ließ allenthalben den Wunsch nach +höheren Schulen für Mädchen laut werden. In England, +wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat der +Dissenter und treue Anhänger Wilhelms von Oranien, Daniel +Defoe,<a name="FNanchor_156"></a><a href= +"#Footnote_156"><sup>156</sup></a> für die Gründung einer +Frauenakademie ein, indem er erklärte: Wenn Wissen und +Verstand überflüssige Zuthaten für das weibliche +Geschlecht wären, so hätte ihnen Gott nicht die +Fähigkeiten dazu verliehen,<a name="FNanchor_157"></a><a href= +"#Footnote_157"><sup>157</sup></a> und Mary Astell,<a name= +"FNanchor_158"></a><a href="#Footnote_158"><sup>158</sup></a> die +mit Christine de Pisan als Vorkämpferin der Frauenbewegung in +eine Reihe gestellt werden kann, unterwarf die Erziehung des +weiblichen Geschlechts einer scharfen Kritik. Sie schlug vor, +Anstalten zu gründen, in denen nicht nur die Mädchen in +den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die alleinstehenden, +unzufriedenen, weil unthätigen Frauen zu nützlicher +Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden +sollten.<a name="FNanchor_159"></a><a href= +"#Footnote_159"><sup>159</sup></a> Mit logischer Schärfe +wandte sie sich gegen das Recht des Stärkeren: "Wenn durch +Naturgesetz jeder Mann jeder Frau überlegen ist, so +dürfte selbst die größte Königin nicht +regieren, sondern ihrem letzten Diener gehorsam sein ... Wenn +bloße Stärke das Recht zu herrschen giebt, so sind wir +jedem Lastträger Gehorsam schuldig ... Aber der +kräftigste ist nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein +Geschenk, das Gott unparteiisch unter die Geschlechter +verteilte."</p> + +<p>Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, daß keine +zaghafte, unselbständige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz +der mangelhaften Bildung stand die Engländerin, was ihre +Stellung in der Gesellschaft und ihren Charakter betrifft, +über den Frauen des nördlichen Kontinents. Die +freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem +Mann einen Staatsbürger mit den Rechten und Pflichten eines +solchen gemacht hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos +vorübergehen. Und die großen Herrscher ihres +Geschlechtes mußten die gesamte Meinung über die Frau +günstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer +Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der höheren +Stände politische Rechte besessen hatten. Die +Großgrundbesitzerinnen aus den alten eingesessenen Familien +und die freien Bürgerinnen der Städte sandten ihre +Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der +Friedensrichter, wurden häufig von Frauen bekleidet. Erst auf +das Betreiben des berühmten Juristen, Sir Edward Coke, der +sich auf die Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau +nicht einmal als Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche +Geschlecht Anfang des 18. Jahrhunderts vom Wahlrecht +ausdrücklich ausgeschlossen.<a name="FNanchor_160"></a><a +href="#Footnote_160"><sup>160</sup></a> In Anna Clifford +verkörperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze +Selbständigkeit der englischen Staatsbürgerin. Jahrelang +protestierte sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie +unter Karl II. ihr Wahlrecht ausübte, ihre Wahl jedoch +beanstandet wurde und die Regierung an Stelle ihres Kandidaten +einen anderen aufstellte, erklärte sie ihr: "Ein Usurpator hat +mich vergewaltigt, ein König hat mich verachtet, aber ein +Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland +nicht vertreten."</p> + +<p>Der Kampf um die mit Füßen getretenen Grundrechte des +englischen Volkes und die Declaration of rights, sowie ihre +gesetzliche Bestätigung im Jahre 1689 mußten auch in das +geistige Leben der Frau eingreifen, wenn sie auch persönlich +unberücksichtigt blieb. Steigerte doch die Erweiterung und +Befestigung der Rechte der Bürger, die Einschränkung der +Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das +Selbstbewußtsein jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten +zusammen, um die Anfänge der Frauenfrage in England anders zu +gestalten, als auf dem Kontinent. Sie spitzte sich gleich zu einer +rechtlichen und politischen Frage zu, und der Kampf um die +intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den Hintergrund. +Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna Clifford, +ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der gelehrten +Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse für die +Wissenschaften äußerte sich weit mehr durch +Gründung und Unterstützung gelehrter +Anstalten—nicht weniger als zwölf Colleges wurden vom +14. bis zum 16. Jahrhundert von Frauen gegründet<a name= +"FNanchor_161"></a><a href= +"#Footnote_161"><sup>161</sup></a>—als durch produktive +Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule +für ihr eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und +Mary Astells Vorschlag blieben somit unbeachtet.</p> + +<p>In Deutschland fanden sie—soweit es sich eben nur um +Pläne handelte—zahlreiche Nachahmer. Die moralischen +Wochenschriften im Anfang des 18. Jahrhunderts erörterten das +Thema nach allen Richtungen hin. In Hamburg war man sogar nahe +daran, eine Akademie zu gründen. Aber es kam nicht dazu. Statt +dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare allgemeine Bildung zu +vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl einseitiger "gelehrter +Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der litterarische +Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder, während +seine weit klügere Frau sich in ihren Briefen wiederholt +über die Frauen lustig machte, deren sehnsüchtig +erstrebtes Ziel der Doktorhut war. Thatsächlich erwarben ihn +Frauen, die durch den Mangel selbständiger Leistungen deutlich +genug zeigten, daß mehr Eitelkeit und Ehrgeiz, als Talent und +Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens waren. Zu den wenigen +Ausnahmen gehörte Dorothea von Schlözer, die unter +anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes +Thema, wie die russische Münzgeschichte, behandelte. Die +hervorragendste aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich +weit in die moderne Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhöhung +ihres Ruhmes der akademischen Würden nicht: es war Karoline +Herschel,<a name="FNanchor_162"></a><a href= +"#Footnote_162"><sup>162</sup></a> die Entdeckerin von sechs +Kometen, die große Gehilfin ihres großen Bruders.</p> + +<p>Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen über +die weiblichen Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu +fällen ist, dürfen doch die Dienste nicht vergessen +werden, die sie der Frauenbewegung leisteten: sie brachten durch +eigenes energisches Heraustreten aus dem gewöhnlichen Rahmen +des Frauenlebens die Frage der höheren weiblichen Bildung in +Fluß und auf sie ist es mit zurückzuführen, +daß ihre Lösung die erste Aufgabe der deutschen +bürgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder +ihrer Entstehung wurde.</p> + +<p>Um aber das Bild der Frau der oberen Stände bis zur +Schwelle des 19. Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab +eine planmäßige Frauenbewegung überall zum +Durchbruch kam, zu vollenden, darf die französische +Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht vergessen +werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich das Bild +ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolität, ihre +Gefühlsroheit und ihre Sentimentalität, ihre tiefe +Erniedrigung und ihr Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der +Klöster, in denen die jungen Mädchen erzogen wurden, +schlüpfte die Lascivität: so schmiedete eine der +Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schülerin den Plan, +durch den sie den König einfangen wollte.<a name= +"FNanchor_163"></a><a href="#Footnote_163"><sup>163</sup></a> Glanz +und Vergnügen war Aller Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin +eines Skandals zu sein und die Kavaliere des Hofes konnten sich der +Verfolgungen hoher Damen kaum erwehren.<a name= +"FNanchor_164"></a><a href="#Footnote_164"><sup>164</sup></a> Die +Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares abgemachtes +Geschäft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt für +altmodisch und lächerlich, wenn die Gatten einander Liebe +zeigten. Die Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. +Bei der umständlichen Morgentoilette empfing die Dame des +Hauses ihre ersten Besuche; abends in der kleinen, dicht +verschlossenen Theaterloge, die auch gegen den Zuschauerraum durch +Vorhänge geschützt werden konnte, nachts auf den +üppigen Maskenbällen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die +Mode alle Natur unterdrückte, die Taille gewaltsam +einzwängte, die Hüften durch Reifröcke ins +Ungeheuerliche vergrößerte, die Haare durch Puder ihrer +Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und +Schönpflästerchen zur Maske machte, so waren auch alle +natürlichen Gefühle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, +Wissenschaft—alles stand nur im Dienst der Genußsucht. +Die vielgerühmte geistreiche Konversation des 18. Jahrhunderts +war schillernd und oberflächlich, nur auf Triumphe der +Eitelkeit berechnet. Für die Korruption des weiblichen +Geschlechts spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: +die Verachtung der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum +geboren, schickte die Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst +zu nähren, verbot die Rücksicht auf die Gestalt und die +Forderung des geselligen Lebens. Zurückgekehrt, wurde es einem +Hofmeister, oder einer Gouvernante übergeben, die so früh +als möglich einen jungen Herrn oder eine junge Dame aus ihm +machten. Daß es eine fröhliche Kindheit für diese +armen Geschöpfe nicht gab, beweisen die steifen +Toiletten—Miniaturausgaben der Anzüge +Erwachsener—die geschminkten Kinderwangen und gepuderten +Löckchen. Das Kloster löste schließlich die +Erziehung durch die Gouvernante ab.<a name="FNanchor_165"></a><a +href="#Footnote_165"><sup>165</sup></a> Und währenddessen ging +die Mutter dem Vergnügen nach, ohne selbst zu wissen, +daß sie in dieser Hetzjagd dasjenige suchte, was ihr +verlassenes Kind ihr hätte bieten können: ein innerlich +reiches Leben.</p> + +<p>Aber während auf der einen Seite ihr Gemütsleben +abstarb und über all den schönen und klugen Frauen jener +Zeit ein Schatten von Trauer ruht, entwickelte sich auf der anderen +Seite ihr Verstand, ihr kritisches Urteil in einem bisher +unbekannten Grade, und die Frau wurde die Herrscherin nicht nur im +Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schönen Künste, +sondern auch im Reiche der Politik. Die Könige, die Minister +und Diplomaten wurden in ihren Entschlüssen von ihr gelenkt, +in ihren Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflußt.<a +name="FNanchor_166"></a><a href="#Footnote_166"><sup>166</sup></a> +In den Salons der Gräfin Boufflers, der Freundin des Prinzen +Conti, der Du Barry, der Estrades, der Herzogin von Gramont, der +Prie und der Langeac liefen die Fäden der inneren und +äußeren Politik zusammen. Das Reich der Frauen war, wie +Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister handeln +sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie +jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte +nicht kennt, durch die sie bewegt wird."<a name= +"FNanchor_167"></a><a href="#Footnote_167"><sup>167</sup></a> Diese +Hintertreppenpolitik, welche die Frauen treiben mußten, weil +sie öffentliche Rechte nicht besaßen, wirkte +natürlich äußerst nachteilig auf ihren Charakter; +denn je schlauer und intriganter sie waren, desto mehr erreichten +sie. Andererseits wurde ihr Interesse für die Fragen des +öffentlichen Lebens dadurch erweckt, und während die +große Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin +zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft +politisierte und intriguierte,<a name="FNanchor_168"></a><a href= +"#Footnote_168"><sup>168</sup></a> traten die Frauen des +Bürgertums, eine Necker, eine Roland, für die +Vorkämpfer der Revolution in die Schranken der politischen +Arena.</p> + +<p>Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, +und ihren Freunden, den Encyklopädisten, getragen wurde, fand +Unterstützung durch die Frauen. Aber diese Unterstützung +darf nicht überschätzt werden. Nur zu oft war es das +Bedürfnis nach neuen Sensationen, das den modernen Philosophen +die Salons und die Herzen öffnete. Alle Genüsse hatten +diese Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem +neuen Genuß. Daher ist die entschieden frauenfeindliche +Richtung der Encyklopädisten leicht zu erklären, ebenso +wie der bei dem lebendigen geistigen Leben zunächst +überraschende Umstand, daß keine Frau es zu großen +schöpferischen Leistungen brachte. Während aber ein +Voltaire die Frauen verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben +des Geistes absprach und nur ihre körperlichen Reize gelten +ließ,<a name="FNanchor_169"></a><a href= +"#Footnote_169"><sup>169</sup></a> war es Rousseau, der die Fehler +und Schwächen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit +feinem psychologischen Verständnis ihren Ursachen +nachzuspüren und sie von da aus zu bekämpfen. Wenn er +dabei über das Ziel hinausschoß und die Frauen, die, +losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu seiner Zeit +halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und für das +Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr +leicht gegenüber den Diensten, die er den Frauen geleistet +hat. Unnachsichtig in seiner Kritik, erklärte er doch zugleich +viele ihrer Schwächen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage +zum Anziehen braucht, meinte er, zeigt dadurch, daß sie +nichts Besseres zu thun hat, um ihre Langeweile zu töten.<a +name="FNanchor_170"></a><a href="#Footnote_170"><sup>170</sup></a> +Der Kindheit und der Jugend wollte er die harmlose, ungebundene +Heiterkeit,<a name="FNanchor_171"></a><a href= +"#Footnote_171"><sup>171</sup></a> dem Weibe die reine Liebe +wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu +wählen, sondern ihr eigenes Herz.<a name="FNanchor_172"></a><a +href="#Footnote_172"><sup>172</sup></a> Er hielt ihr den Spiegel +der Natur vor Augen, damit sie ihre eigene innere und +äußere Unnatur beschämt erkennen möchte. Er +geißelte rücksichtslos ihren Müßiggang, und +wandte sich an beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in +Unthätigkeit verzehrt, was er nicht selbst verdient hat, ist +ein Dieb.<a name="FNanchor_173"></a><a href= +"#Footnote_173"><sup>173</sup></a> Das erlösende Wort jedoch +für die eingeschnürte Frauenseele war dies noch nicht; er +fand es in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nähre dein Kind +an deinem eigenen Busen, hüte es, erziehe es, und von selbst +wird die Sittenlosigkeit verschwinden, das Gefühlsleben zur +Natur zurückkehren, werden die Eheleute sich innig verbunden +fühlen; denn sobald die Frauen wieder anfangen, Mütter zu +sein, werden die Männer es lernen, wieder Gatten und +Väter zu werden.<a name="FNanchor_174"></a><a href= +"#Footnote_174"><sup>174</sup></a></p> + +<p>Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte +Rousseau die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts +aufgedeckt. Da er aber kein Prophet im Sinne naiver Gläubiger +war, aus dessen Kopf völlig neue Gedanken unvermittelt +aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des Zeus, sondern nur einer +jener genialen Männer, die das geheime Leid ihrer +Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen +und aussprechen, so begrüßten zahllose ihn als ihren +Erlöser. Sagte er doch nur, was sie selbst dumpf empfunden +hatten, wies er ihnen doch nur den Weg, den sie unsicher tappend, +wie Blinde, selbst schon suchten. Nirgendwo zeigt sich diese +Wirkung deutlicher als in den wundervollen Memoiren der Madame +d'Epinay. Für eine kommende Zeit und ein neues Geschlecht mit +jugendkräftigen Gliedern und warm pulsierendem Herzensblut, +schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das Grablied +sang, den feurigen Morgengruß: Der Mensch ist frei +geboren.... Stärke gewährt kein Recht.... Auf seine +Freiheit verzichten, heißt auf seine Menschheit, seine +Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten verzichten.... Der +Grundvertrag der Gesellschaft muß an Stelle der physischen +Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit setzen.<a +name="FNanchor_175"></a><a href= +"#Footnote_175"><sup>175</sup></a></p> + +<p>Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des +bestehenden Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu +gleicher Zeit die Leitsätze für eine Revolutionierung der +Stellung der Frau. Da aber die kräftigste Saat unfruchtbar +bleiben muß, wenn sie nicht auf fruchtbaren Boden fällt, +so wäre auch keiner dieser Gedanken in die Köpfe und +Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und +politische Entwicklung sie dafür empfänglich gemacht +hätte. Nicht die wenigen Männer, deren spekulativer +Verstand ihnen die Erkenntnis der Notwendigkeit tiefgreifender +Wandlungen vermittelte, machten die Revolution, sondern sie wuchs +mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den gesamten verrotteten +Zuständen heraus; und nicht die wenigen Frauen, die infolge +persönlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen +überschritten, oder infolge persönlicher Schicksale ihre +unwürdige Lage erkannten, machten die Frauenbewegung—zu +der sittlichen mußte die materielle Not der Masse der Frauen +kommen, die, herausgerissen aus Haus und Familie, in harter Arbeit +den Kampf ums Dasein kämpften, damit sie entstehen konnte.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="5_Die_Frauen_im_Zeitalter_der_Revolution" />5. Die +Frauen im Zeitalter der Revolution.</h2> + +<p>Nach schwächlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher +Reformen brach die Revolution aus. Sie mußte von Frankreich +ausgehen, obwohl in allen Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu +Tage traten, weil gerade hier alle Umstände zusammentrafen, +aus denen allein sie in ihrer ganzen welterschütternden Gewalt +hervorwachsen konnte: die durch ein jahrhundertelanges frivoles +Lasterleben erzeugte Korruption der herrschenden Klassen, die damit +in engstem Zusammenhang stehende Verelendung des arbeitenden Volks +und—nicht zuletzt—die geistige Revolutionierung der +Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die +Encyklopädisten. In der französischen Philosophie des 18. +Jahrhunderts finden sich alle jene Ideen, die in den Stürmen +der Revolution nach Verwirklichung strebten.<a name= +"FNanchor_176"></a><a href="#Footnote_176"><sup>176</sup></a></p> + +<p>Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die +Memoiren und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon +Philipon den Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker +Helden, mit vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschülerin, +durch die Schriften Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und +wurde eine feurige Schülerin Rousseaus;<a name= +"FNanchor_177"></a><a href="#Footnote_177"><sup>177</sup></a> +ähnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der +Herrschaft über die Helden der Anfänge der Revolution, +Sophie de Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch +Mark Aurels Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren +Voltaires und Rousseaus Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum +Ende treu zu bleiben.<a name="FNanchor_178"></a><a href= +"#Footnote_178"><sup>178</sup></a> Aber auch andere Frauen, die in +der Geschichte der Revolution eine Rolle zu spielen nicht bestimmt +waren, nährten ihren Geist an denselben Quellen und gaben +ihren Kindern, denen sie sich, beeinflußt durch Rousseau, +wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaßen. +Es ist kein Zufall, daß die Zeit der ersten Begeisterung +für "Emile" mit der Zeit der Geburt und Kindheit der Helden +der Revolution, der Robespierre, Danton, Desmoulins und vieler +anderer zusammenfällt, denn in den Händen ihrer +Mütter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie +die Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.<a name= +"FNanchor_179"></a><a href="#Footnote_179"><sup>179</sup></a> Die +Theorieen der Denker, die Träume der Philosophen appellierten +wie nie zuvor an das Gefühl und machten daher die Frauen zu +ihren glühendsten Vertreterinnen. In ihren Salons versammelten +sich die führenden Geister und achteten ihr Urteil als ein dem +der Männer durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit war +erfüllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich +entziehen kann, der in seinen Strom gerät, und das alle +schlummernden Kräfte des Geistes zu reger Bethätigung +auslöst.<a name="FNanchor_180"></a><a href= +"#Footnote_180"><sup>180</sup></a> Während der eine Teil der +Frauen sich damit begnügte für Natur, Freiheit und +Gleichheit zu schwärmen, zog der andere die Konsequenzen der +neuen Wahrheit und griff—es sei hier nur an eine Roland, eine +Staël erinnert—nicht nur urteilend, sondern auch leitend +in das Getriebe der inneren Politik ein.<a name= +"FNanchor_181"></a><a href="#Footnote_181"><sup>181</sup></a> Bei +der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am politischen +Leben darf aber ein Umstand nicht außer acht gelassen werden: +der Einfluß Amerikas. Wie er sich in der Erklärung der +Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der +freiheitliche Luftzug, der von den Unabhängigkeitskriegen +ausging, manch mittelalterlichen Trödel aus Europa austreiben +half, so ist auch die Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen +ihrer Züge auf ihn zurückzuführen.</p> + +<p>Die Frauen Amerikas schürten von Anfang an den Widerstand +ihres Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis +Warren, die Schwester des feurigen Freiheitskämpfers James +Otis, vereinigte in ihrem Salon die Führer der Bewegung; als +sogar Washington von der endgültigen Trennung der Kolonieen +vom Mutterlande noch nichts wissen wollte, forderte sie die +Unabhängigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in lebhaftem +Briefwechsel und die Unabhängigkeitserklärung zeigt +deutlich die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail +Smith Adams, die Gattin des ersten Präsidenten der Vereinigten +Staaten, waren aber auch die ersten Vorkämpferinnen der +Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Als im Jahre 1776 +der kontinentale Kongreß die Verfassung zu beraten hatte, +schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die künftige +Verfassung den Frauen keine gründliche Aufmerksamkeit schenkt, +so sind wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht +für verpflichtet uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine +Stimme und keine Vertretung unserer Interessen zusichern." Zu +gleicher Zeit verlangte sie die Zulassung des weiblichen +Geschlechts zu den öffentlichen Schulen und begründete +ihre Forderung, indem sie erklärte, daß ein Staat, der +Helden, Staatsmänner und Philosophen hervorbringen wolle, +zuerst wahrhaft gebildete Mütter haben müsse. +Infolgedessen wurden die Schulen den Frauen geöffnet, +während der Wunsch nach politischer Gleichberechtigung +für die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfüllt +blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der +Welt ihren weiblichen Bürgern das Wahlrecht—eine +gesetzgeberische That, die weit über die Grenzen Amerikas +hinaus das größte Aufsehen erregte.<a name= +"FNanchor_182"></a><a href="#Footnote_182"><sup>182</sup></a></p> + +<p>Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung +für die Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da +der Boden dafür vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar +bleiben. Der Wunsch nach höherer Bildung, um durch sie +wirkungsvoller in die Kämpfe der Zeit eingreifen zu +können, machte sich zunächst geltend. Die Konversation in +den Salons, die Privatlektüre genügten nicht mehr und so +wurde im Jahre 1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und +Condorcet ein Lyceum gegründet, das bald der Sammelpunkt der +hervorragendsten Frauen wurde, denen sich ein kleiner Kreis von +Männern,—im ganzen etwa 700 +Personen,—anschloß. Die letzten der +Encyklopädisten und ihre Nachfolger lasen dort über +Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und Philosophie; +aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre gelehrten +Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien in +der phrygischen Mütze auf der Tribüne,<a name= +"FNanchor_183"></a><a href="#Footnote_183"><sup>183</sup></a> und +die Schüler, zu denen Madame Roland, Marquise Condorcet und +Madame Tallien gehörten, wurden aus Zuhörern handelnde +Personen in dem Drama, das sich draußen entwickelte.</p> + +<p>Durch die Gründung des Lyceums war das Recht der Frauen auf +Bildung anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung +zusammentrat, forderten die Frauen in Petitionen und Flugschriften +die Anerkennung dieses Rechtes auch vom Staat.<a name= +"FNanchor_184"></a><a href="#Footnote_184"><sup>184</sup></a> Die +Konstitution von 1791 nahm zu diesen Forderungen Stellung. +Talleyrand, der der Nationalversammlung den Bericht über die +Neuordnung des öffentlichen Unterrichts vorlegte, widmete der +Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der von den +übrigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen +Ausführungen durch seinen agitatorischen Ton auffallend +absticht.<a name="FNanchor_185"></a><a href= +"#Footnote_185"><sup>185</sup></a> Um die von ihm gewünschte +Einschränkung der Frauenbildung auf das geringste Maß zu +begründen, griff er bis auf die Frage zurück, ob Frauen +als Staatsbürger anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, +daß es wie eine mit den Idealen der Revolution in schroffstem +Widerspruch stehende Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine +Hälfte des Menschengeschlechts außerhalb der Verfassung +stehe, aber, so fügte er hinzu, ein anderer wichtiger Umstand +müsse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck aller +staatlichen Einrichtungen muß das Glück der +größten Anzahl sein; wenn die Ausschließung der +Frauen von allen öffentlichen Rechten für beide +Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glücks zu +erhöhen, so muß jeder Staat sie in seine Verfassung +aufnehmen. Da nun die Erziehung der männlichen Jugend das Ziel +hat, Bürger heranzubilden, die allen Rechten und Pflichten dem +Staate gegenüber gewachsen sind, die Natur den Frauen dagegen +das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer Kinder +bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle +des Unglücks ist, so müssen die Erziehungsmethoden +für beide Geschlechter durchaus verschieden sein. Im +Anschluß an Talleyrands Bericht beschloß die +Nationalversammlung die Mädchen nur bis zum achten Lebensjahr +in öffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der +häuslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese +fehlt, sollen an Stelle der früheren klösterlichen +Erziehungsanstalten weltliche treten, in denen die Mädchen in +allen ihrem Geschlecht angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten +unterrichtet werden. Der Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem +er bestimmte, daß alle Kinder, ohne Unterschied des +Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in sogenannten maisons +d'égalité gemeinsam erzogen werden sollten.<a name= +"FNanchor_186"></a><a href="#Footnote_186"><sup>186</sup></a> Eine +andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen +Geschlechts zu heben oder gar der männlichen gleichzustellen, +findet sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen +standen viel zu sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als +daß diese Forderung der Frauen eingehende +Berücksichtigung hätte finden können. Sie wurde auch +von ihnen selbst ohne großen Nachdruck verfolgt; die Frauen +der Bourgeoisie saßen sowieso schon als Gleichberechtigte an +der reichbesetzten Tafel geistiger Genüsse, und die Frauen der +arbeitenden Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu +spüren, wo der physische ihren Körper verzehrte.</p> + +<p>Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre +1789 bis 1799 waren für die französische Industrie +verderblich, nicht nur weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie +förmlich erdrückte, sondern,—und das spürten +die arbeitenden Frauen besonders empfindlich,—weil infolge +der Emigration und der Stockung des großen geselligen +Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide +zurückging.<a name="FNanchor_187"></a><a href= +"#Footnote_187"><sup>187</sup></a> Dabei stiegen die +Lebensmittelpreise und die Scharen der hungernden Arbeitslosen +wuchsen erschreckend an.</p> + +<p>Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zählte man 50000 +Bettler in Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre +Galeerenstrafe stand, wuchs die Zahl der Bettler in den +nächsten zehn Jahren bis auf 1-1/2 Millionen;<a name= +"FNanchor_188"></a><a href="#Footnote_188"><sup>188</sup></a> in +Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um 1787 30000 +Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf 680000 +Einwohner 116000 Bettler.<a name="FNanchor_189"></a><a href= +"#Footnote_189"><sup>189</sup></a> Vielfach wurden die Frauen unter +ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshäusern +interniert, wo die gräßlichsten Krankheiten nie +aufhörten, und man die Armen, als ob sie nicht durch das +eigene Unglück genug gegeißelt würden, mit +Peitschenhieben züchtigte.<a name="FNanchor_190"></a><a href= +"#Footnote_190"><sup>190</sup></a> Die größte Not aber +herrschte in den Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du +Temple. Hier wuchs mit dem Elend der Haß empor, und er +richtete sich nicht nur gegen den Absolutismus, die +Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Haß der +Bourgeoisie, sondern in erhöhtem Maße gegen die +Ausbeuter und Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch +um das tägliche Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl +vergifteten, so daß Skorbut und Dysenterie besonders +massenhaft die Kinder hinwegrafften.<a name="FNanchor_191"></a><a +href="#Footnote_191"><sup>191</sup></a> Hier war der Herd jener +furchtbaren Seuche, der Prostitution, die entsetzenerregende +Dimensionen annahm. Schätzte doch Pater Havel im Jahre 1784 +die Zahl der Prostituierten in Paris auf 70000!<a name= +"FNanchor_192"></a><a href="#Footnote_192"><sup>192</sup></a> Aber +von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von den +Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu +verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen +sollten, weil die gewaltigsten Triebkräfte der Natur, Hunger +und Liebe,—Liebe zu den jammernden, schuldlosen Erben ihres +Elends,—sie in den Kampf jagten. Die Frauen der Bourgeoisie +schienen vor 1789 gegenüber den Leiden und Forderungen der +Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit geschlagen; sie +schwärmten für Freiheit und Gleichheit, für ein +friedliches Leben in der Natur, für Brüderlichkeit und +allenfalls für Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug +auf Bildung und politische Rechte, aber sie waren, wie die gesamte +Bourgeoisie jener Epoche, weit entfernt davon, über die Kluft, +die sie vom Proletariat trennte, hinwegzuschreiten oder auch nur +hinüberzusehen. Selbst die Memoiren der bedeutendsten unter +ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal einen Hinweis +auf das Elend ihrer ärmsten Geschlechtsgenossinnen. So +merkwürdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann +daraus auf bewußte Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es +noch heute selbst vortrefflichen Menschen schwer fällt, den +Kreis ihrer Gefühle so über die eigene Klasse +auszudehnen, daß keinerlei Regung des Klassenegoismus mehr +bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die +inneren und äußeren Schranken zwischen den Ständen +weit größere waren, noch viel schwerer. Das Proletariat +mußte seine Sache selbst führen, wenn es überhaupt +beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die Heerführer, +nicht umgekehrt. Erst als die Schlösser des Adels in Flammen +aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter +dem wütenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen +sich die Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des +Frondienstes und der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb +erfüllt von dem Wunsch, Abhilfe zu schaffen, auf die +verödeten Werkstätten und die Massen der Arbeitslosen +hin.<a name="FNanchor_193"></a><a href= +"#Footnote_193"><sup>193</sup></a> Und die Frauen, die, soweit sie +Mütter waren, vom Unglück doppelt getroffen wurden, +fanden nicht eher Beachtung, als bis sie endlich aus ihrem stumpfen +Dulderdasein zu selbständigem Handeln erwachten.</p> + +<p>Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der +Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von +Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie +möglich. Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre +Not, sie baten um Hilfe, aber sie wußten selbst nicht, wie +man ihnen helfen sollte;<a name="FNanchor_194"></a><a href= +"#Footnote_194"><sup>194</sup></a> daß sie kamen, war schon +Wagnis genug, wie hätten sie sich auch noch zur Aussprache +bestimmter Forderungen entschließen können? Ihre That, +so ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender +Bedeutung: die Frauen fühlten den Mut, zu sagen, was sie +quälte; die durch die wirtschaftliche Entwicklung der +voraufgehenden Jahrhunderte immer klarer in Erscheinung tretende +soziale Seite der Frauenfrage gelangte zu klarem Bewußtsein. +Zahlreiche, meist anonym erscheinende Broschüren +beschäftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung; +die ganze Not des armen alleinstehenden Mädchens, das von der +ehrlichen Arbeit ihrer Hände nicht leben kann und der Schande +gewaltsam in die Arme gestoßen wird, klang aus der "Motion de +la pauvre Javotte"<a name="FNanchor_195"></a><a href= +"#Footnote_195"><sup>195</sup></a> erschütternd heraus; als +eine notwendige Folge der wirtschaftlichen Zustände wurde in +anderen Schriften,—ein bis dahin unerhörter +Schluß!—die Prostitution betrachtet und Mittel, sie +einzuschränken, gesucht. Auf die Zurückdrängung der +Frauen von guten Erwerbsmöglichkeiten wurde die Korruption der +nur aus geschäftlichen Gründen geschlossenen Ehen +zurückgeführt, und die Forderung, dem weiblichen +Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt +ermöglichender Arbeit zu eröffnen, wurde immer lauter und +bestimmter. In einer Petition der Frauen an den König fand sie +ihre klarste Fassung. Die Männer, so heißt es darin, +sollen die den Frauen zukommenden Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, +Putzmacherei etc., nicht ausüben dürfen, dafür +würden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompaß +noch das Winkelmaß zu führen; "wir wollen +Beschäftigung haben, nicht um die Autorität der +Männer an uns zu reißen, sondern um unser Leben zu +fristen."<a name="FNanchor_196"></a><a href= +"#Footnote_196"><sup>196</sup></a> Ein Resultat hatten ihre +Wünsche natürlich nicht, aber die einmal aufgeworfene +Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr überhört und +vergessen werden. Sie beeinflußte die Diskussion über +die Lage der Zünfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht +nach und nach ganz aus ihren Verbänden herausgedrängt +hatten, und deren Auflösung im Jahre 1791 daher von seiten der +Frauen jubelnd begrüßt wurde. Sie bedeutete für +sie, gleichgültig welches die weiteren Folgen waren, die +Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf +dem Gebiete manueller Arbeit.</p> + +<p>Das öffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks +beschränkte sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, +und es ist bekannt, wie die Gegner der Revolution sich darin +gefallen, ihr Eingreifen in die Kämpfe des Tages in den +grausigsten Farben zu schildern, indem sie Schillers Ausspruch von +den Weibern, die zu Hyänen werden, zu illustrieren suchen. +Gewiß ist, daß der Sturm entfesselter Leidenschaften +nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er mit allen +Mitteln der Gewalt unterdrückt worden war, und daß es +unter den Frauen wie unter den Männern Abenteuerer und +Verbrecher gab, wie sie in erregten Zeiten überall +aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der Revolution sind aber von +diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober 1789 war der Tag ihres +Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerüchte der +skandalösen Vorgänge in Versailles hatten die Aufregung +des Pariser Volks aufs äußerste gesteigert, aber nicht +die Männer, sondern die Frauen, die Arbeiterinnen der +Vorstädte, die Händlerinnen der Hallen waren es, die sich +zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus gestürmt +und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der Zahl, +nach Versailles.<a name="FNanchor_197"></a><a href= +"#Footnote_197"><sup>197</sup></a></p> + +<p>Diese revolutionäre Aktion vom 6. Oktober, die +unvorbereitet aus dem natürlichen Gefühl des Volks +herauswuchs, gehört den Frauen, wie die des 14. Juli den +Männern gehört hatte. Die Männer eroberten die +Bastille, die Frauen den König und damit das Königtum.<a +name="FNanchor_198"></a><a href="#Footnote_198"><sup>198</sup></a> +Denn obwohl es zunächst den Anschein hatte, als wäre die +Revolution beendet, fing sie in Wahrheit erst an. Die Frauen des +Volks aber hatten sich aus eigener Kraft ihren Platz im +öffentlichen Leben erkämpft; mochten sie auch der Rechte +der Staatsbürger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme +konnte nicht mehr überhört, ihre Lage nicht mehr +übersehen werden. Dabei war ihr eigenes Interesse an den +Fragen der inneren und äußeren Politik geweckt worden, +sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch in ihr +Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund dieser +Erkenntnis zu treibenden Kräften der revolutionären +Propaganda.<a name="FNanchor_199"></a><a href= +"#Footnote_199"><sup>199</sup></a> Sie traten nicht nur in die +politischen Klubs der Männer ein und beteiligten sich an den +Debatten, sie gründeten nunmehr auch in fast allen +großen Städten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft eine +sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution +zählte allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,<a name= +"FNanchor_200"></a><a href="#Footnote_200"><sup>200</sup></a> und +der Verein der Femmes républicaines et +révolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem der +Patriotes des deux sexes défenseurs de la Constitution, der +unter dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehört +auch Madame Roland, die einflußreichste Politikerin der +Revolution als Mitglied an. Sie war die Seele der Gironde; ihrem +Ruf und Einfluß verdankte ihr Gatte seine Bedeutung und seine +Wiederberufung ins Ministerium; die französischen Archive +enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von ihrer Hand +geschrieben sind. Sie übertraf an Kenntnissen, an Reinheit der +Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur +sie war im stände jenen Brief an den König zu schreiben, +der die Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So +sehr demnach ihre Person den Beweis für die Berechtigung der +Forderungen der Frauenbewegung lieferte, so wenig übte sie +irgend welche direkten Einfluß auf ihren Fortschritt und ihre +Organisierung.</p> + +<p>Eine der eigentümlichsten Persönlichkeiten, welche die +an Originalen so reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte +die erste Organisatorin und Agitatorin der Frauenbewegung werden: +Olympe de Gouges. Ihr eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre +Eltern einfache Bürger von Montauban, doch scheint es nicht +ausgeschlossen, daß sie einem Verhältnis ihrer Mutter +Olympe,—nach der sie sich später nannte,—mit dem +Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.<a name= +"FNanchor_201"></a><a href="#Footnote_201"><sup>201</sup></a> Noch +sehr jung heiratet das blühend schöne Mädchen, deren +bourbonische Züge zu dem Gerücht Anlaß gaben, +daß Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber schon nach wenigen +Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglücklichen Ehe von +sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr +mangelhaften Bildung infolge ihres sprühenden Geistes und +ihrer Schönheit der Mittelpunkt fröhlicher Geselligkeit +wurde. Daß das unerfahrene Geschöpf dabei ihr Herz vor +stürmischen Leidenschaften nicht behüten konnte, darf +nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgründe und die +Höhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu +gelangte, die Vorkämpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre +reiche Phantasie suchte sich zunächst einen Ausweg in +litterarischer Produktion für das Theater, natürlich, +trotz geistreicher Aperçus, bei ihrer geringen Bildung mit +wenig Erfolg.<a name="FNanchor_202"></a><a href= +"#Footnote_202"><sup>202</sup></a> Bald jedoch wandte sie unter dem +Eindruck der fortschreitenden Revolution dieser Thätigkeit und +ihrem ganzen bisherigen Leben den Rücken. "Ich brenne darauf," +schrieb sie, "mich der Arbeit für das öffentliche Wohl +rückhaltlos in die Arme zu werfen." Sie that es mit der ganzen +Energie ihres Charakters. Ihre Genialität überwand +spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das Elend +des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewöhnliche +Kräfte verlieh. Sie überraschte nach dem Urteil der +Zeitgenossen immer wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die +Macht ihrer Sprache. Selbst die Nationalversammlung hörte +staunend dieser glänzenden Rednerin zu und folgte vielfach +ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was sie schrieb und +sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schönsten +Zügen. Angesichts der Hungersnot veranlaßte sie durch +einen öffentlichen Aufruf und durch ihr Beispiel, daß +zahlreiche Frauen in wetteiferndem Opfermut ihren Schmuck dem +Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie das Elend im Armenhaus +von St. Denis und beschäftigte sich mit der brennenden Frage +der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie Einrichtung +öffentlicher Unterstützungskassen zu seiner +Bekämpfung, dann aber, als ihr das Erniedrigende des +Almosenempfanges zum Bewußtsein kam, agitierte sie in Wort +und Schrift für die Errichtung staatlicher +Musterwerkstätten für Arbeitslose, ein Gedanke, der +teilweise zur Verwirklichung kam.</p> + +<p>Alle diese Bestrebungen aber waren gegenüber ihrer +Thätigkeit zu gunsten ihres eigenen Geschlechts nur von +ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete der Frauenbewegung war ihr +Auftreten epochemachend. Schon in ihrer Adresse an die Frauen hatte +sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, daß auch unter uns Frauen +eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt sein? Werden +wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thätigen Anteil +nehmen?" Als aber die Erklärung der Menschenrechte erschien +und alles begeisterte, veröffentlichte sie ein Manifest, die +Erklärung der Rechte der Frauen, das in kurzen kräftigen +Zügen das Programm der Frauenbewegung enthält. Nach +einigen einleitenden Worten, in denen sie nachweist, daß das +Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der Frauen die +Ursache nationalen Unglücks und sittlicher Korruption +wäre, fährt sie fort:</p> + +<p>"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. +Das Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der +unveräußerlichen Rechte beider Geschlechter: der +Freiheit, des Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands +gegen die Unterdrückung.... Die Ausübung der Rechte, die +der Frau von Natur gebühren, ist aber bisher in engen +Schranken gehalten worden. Aus der Gemeinschaft von Männern +und Frauen besteht die Nation, auf der der Staat beruht; die +Gesetzgebung muß der Ausdruck des Willens dieser +Allgemeinheit sein. Alle Bürgerinnen müssen ebenso wie +alle Bürger persönlich oder durch ihre gewählten +Vertreter an ihrer Gestaltung teilnehmen. Sie muß für +alle die gleiche sein. Daher müssen alle Bürgerinnen und +alle Bürger, entsprechend ihren Fähigkeiten, zu allen +öffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen +gleichmäßig zugelassen werden; nur die Verschiedenheit +ihrer Tugenden und Talente dürfen den Maßstab für +ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das Schaffot zu +besteigen, die Tribüne zu besteigen, sollte sie dasselbe Recht +besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und +nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.</p> + +<p>"Die Frau trägt ebenso wie der Mann zum Vermögen des +Staates bei, sie hat dasselbe Recht wie er, über dessen +Verwaltung Rechenschaft zu fordern. Eine Verfassung ist +ungültig, wenn nicht die Mehrheit aller Individuen, aus denen +die Nation besteht, an ihrer Gestaltung mitgearbeitet hat.... +Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit hat die Wolken der +Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr sehend werden? +Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft der +Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie +die Männer nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren +Füßen liegen, sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte +der Menschheit mit euch zu teilen, Hand in Hand mit euch gehen."<a +name="FNanchor_203"></a><a href= +"#Footnote_203"><sup>203</sup></a></p> + +<p>Ihre Erklärung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche +Broschüren für und gegen die Forderungen der Frauen +erschienen. Aus der unbedeutenden Modenzeitung Journal des femmes +entstand die erste Zeitschrift für die Frauenbewegung: +l'Observateur féminin. Die Nationalversammlung wurde mit +Petitionen bestürmt, die politische und soziale Gleichstellung +verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt +auch die des männlichen Geschlechts," hieß es in der +einen; "das Volk wird in den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die +Neger werden befreit, warum befreit man nicht auch die Frauen?" in +der anderen.<a name="FNanchor_204"></a><a href= +"#Footnote_204"><sup>204</sup></a> Olympe de Gouges hielt in +richtiger Erkenntnis den Augenblick für gekommen, die +vereinzelten Kämpferinnen für Frauenrechte zu vereinigen, +um ihrem Vorgehen größeren Nachdruck zu verleihen. Sie +gründete die ersten politischen Frauenvereine, deren Leiterin +und glänzendste Agitatorin sie wurde. Leider sollte ihrer +Wirksamkeit ein frühzeitiges Ende bereitet werden. Ihrem +Gefühl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der +Freiheit verüben sah, und sie gehörte nicht zu denen, die +es verstehen, der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum +Schweigen zu bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam +vergossen wurde, schändet die Revolution," rief sie aus. Wohl +war sie eine begeisterte Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte +sie in einem Brief an die Nationalversammlung die Absetzung des +Königs gefordert und angesichts der Hungersnot in einer +Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit für Sie, um sich +selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie über Pyramiden +von Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie +der Prozeß des Königs geführt wurde, empörte +sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr mit rauher Hand den Baum der +Monarchie umhaut, hütet euch, daß ihr nicht unter ihm +begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte +Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, +wogegen sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,—sie hatte +den Armen alles gegeben, was sie besessen hatte,—zu +verteidigen suchte. Man wollte jedoch der unbequemen Mahnerin nicht +trauen, die durch ihre Beredsamkeit die Massen hinzureißen +verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an der Spitze einer +royalistischen Verschwörung zu stehen, zu der sie, als +natürliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen +fühle. Statt nun in ihren öffentlichen Angriffen auf die +Führer der Revolution vorsichtiger zu werden, wurde sie nur +noch rücksichtsloser, denn das Todesurteil über den +König versetzte sie in die äußerste Erregung. Sie +sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie fürchtete auch die +Folgen für die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt +die Geister und Herzen; eine tyrannische Regierungsform wird nur +von der anderen abgelöst werden." In dem Bedürfnis, +nichts unversucht zu lassen, um das Verhängnis, das sie nahen +sah, abzuwenden und in dem allen leidenschaftlich empfindenden +Naturen gemeinsamen Drang, bis zum äußersten für +ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent zur +Verteidigung des Königs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb +sie, ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die +schärfsten Pamphlete, in denen sie besonders Robespierre +heftig angriff und prophetisch ausrief: "Auch dein Thron wird einst +das Schaffot sein." Dabei versuchte sie, auch auf die Frauenvereine +in ihrem Sinn Einfluß zu üben, und erreichte vielfach, +daß diese eine drohende Haltung einnahmen und öffentlich +für die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de +Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht +lange entgehen. Im Sommer 1793—sie war 45 Jahre +alt—wurde sie verhaftet, am 3. November fiel ihr Kopf unter +dem Fallbeil.<a name="FNanchor_205"></a><a href= +"#Footnote_205"><sup>205</sup></a> Mochte sie in ihrem +abenteuerreichen Leben die Grenzen bürgerlicher Sittsamkeit +noch so oft überschritten haben, mochte ihr exzentrisches +Wesen dem landläufigen Begriff zurückhaltender +Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,—die Frauenbewegung +darf dennoch stolz auf ihre Vorkämpferin sein. Das Urteil +über die öffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt +sich vorwiegend nach den Wirkungen, die er durch seine +Thätigkeit auf den sozialen Fortschritt ausgeübt hat. Von +diesem Standpunkt aus gebührt Olympe de Gouges der Ruhm, die +Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem beachtenswerten +Faktor im öffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war ihr +Auftreten typisch für die Haltung der Frauen und ihrer Vereine +überhaupt.</p> + +<p>Sie erregten in steigendem Maße die lebhafteste +Unzufriedenheit des Konvents und der Kommune; teils wurde den +Frauen unsittlicher Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches +Eingreifen in die politischen Kämpfe zum Vorwurf gemacht. Das +geschah gewiß nicht ohne Grund, denn eine Zeit, in der alle +alten Institutionen ins Wanken geraten, wirft schwache Charaktere +und heiße Herzen nur zur leicht aus dem rechten Geleise; aber +es muß angesichts der harten Urteile der Zeitgenossen +über die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden, +daß sie ihr und ihren Forderungen gegenüber fast +sämtlich einen von vornherein feindseligen Standpunkt +einnahmen. Selbst die radikalsten Politiker hatten, von wenigen +Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste Verständnis für +sie. Die Frauen standen fast vollständig allein, dazu kam, +daß sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefühlsseite +hin am stärksten entwickelt ist, rücksichtslos gegen +jedermann vorgingen, der sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit +schuldig machte. Eine große Anzahl der Anklagen gegen Frauen +gründete sich darauf, daß sie sich mitleidig eines +Gefangenen angenommen, oder für einen, ihrer Meinung nach +unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war +den Männern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit +gegenüber den Leiden der Gegner so unverständlich, +daß sie es sich immer nur durch das Bestehen eines +Liebesverhältnisses zwischen der betreffenden Frau und dem +Verurteilten zu erklären vermochten. Auch eine der begabtesten +Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der Frauen +nach Versailles angeführt hatte, geriet unter diesen Verdacht, +obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkämpferin der +Revolution, am wenigsten begründet zu sein scheint. Infolge +der Erbitterung gegen die öffentlich auftretenden Frauen, die +im Jahre 1793, dem Todesjahr Olympe de Gouges, ihren Höhepunkt +erreicht hatte, gestalteten sich die Angriffe gegen Rose Lacombe +schließlich zum Kampf gegen die Frauenbewegung selbst.</p> + +<p>Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenüber beklagt, +daß Gefangene tagelang im Gefängnis schmachteten, ohne +auch nur verhört zu werden, wie es bei dem Maire von Toulouse, +in dessen Sohn man ihren Liebhaber vermutete, geschehen war, und +sie forderte, man solle beschließen, jeden Gefangenen binnen +24 Stunden zu verhören, ihm die Freiheit zu schenken, wenn +seine Unschuld sich erweist, ihn zu töten, wenn er schuldig +ist. Eine Behandlung, wie die gegenwärtige, verstieße +gegen die Gesetze der Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik +sein müßten. Auf die Frage, warum gerade der Maire von +Toulouse, ein Aristokrat, sie, die Verfolgerin der Aristokraten, +zur Verteidigerin gewinnen könne, erwiderte sie ruhig: "Er +verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklärung erschien +Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub und +stieß um so weniger auf Widerstand, als der +revolutionäre republikanische Frauenverein, an dessen Spitze +Rose Lacombe stand, durch den Mut, mit dem er der +Selbstherrlichkeit Robespierres gegenüber die Rechte des Volks +verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu bahnen +versuchte, schon längst verdächtigt wurde.<a name= +"FNanchor_206"></a><a href="#Footnote_206"><sup>206</sup></a> Rose +Lacombe versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; +man ließ sie nicht zum Worte kommen und übergab ihre +Sache der Kommission für öffentliche Sicherheit.<a name= +"FNanchor_207"></a><a href="#Footnote_207"><sup>207</sup></a> +Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde, beantragte die +Kommission, der Konvent möge beschließen, daß alle +Frauenvereine, gleichgültig, welchen Namen sie trügen, +aufgelöst und ein für allemal verboten würden. Die +Rede des Konventmitglieds Amar, die diesen Antrag begründete, +ist bezeichnend für die Stellung, welche die Männer der +Revolution der Frauenbewegung gegenüber einnehmen. Er +verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte +ausüben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen +dürften, und ob es ihnen gestattet sein sollte, politische +Vereine zu bilden, indem er folgendermaßen argumentierte:</p> + +<p>"Regieren heißt, die öffentlichen Angelegenheiten +durch Gesetze leiten, deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, +strenge Unparteilichkeit, ernste Selbstverleugnung zur +Voraussetzung hat; regieren heißt, die Handlungen der Diener +des Staates unter ständiger Aufsicht haben. Sind die Frauen +dazu fähig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften +dafür? Nur durch recht wenige Beispiele könnte diese +Frage bejaht werden. Die politischen Rechte der Bürger +bestehen darin, im Interesse des Staates Beschlüsse zu fassen, +sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen. Haben die Frauen +die moralische und physische Kraft, welche das eine wie das andere +dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht +dagegen...."</p> + +<p>"Der Zweck der Volksvereine ist, die Thätigkeit der Feinde +des öffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen +Bürger, die Beamten des Staates, ja selbst die gesetzgebende +Körperschaft zu beaufsichtigen; die Begeisterung Aller durch +das Beispiel republikanischer Tugenden anzufeuern; sich selbst +durch öffentliche Besprechungen über die Fehler oder die +Vorteile politischer Maßnahmen aufzuklären. Können +Frauen sich diesen ebenso nützlichen wie schwierigen Arbeiten +unterziehen? Nein, denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen +Sorgen hinzugeben, die die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes +Geschlecht ist zu der Thätigkeit berufen, die ihm entspricht; +seine Handlungen sind auf einen Kreis beschränkt, den es nicht +überschreiten darf, weil die Natur selbst diese Grenzen dem +Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe, +daß es sich öffentlich zeigt, daß es mit +Männern diskutiert, und öffentlich, angesichts des +Volkes, sich über die Fragen ausspricht, von denen das Wohl +der Republik abhängt? Im allgemeinen sind die Frauen +unfähig hoher Konzeptionen und ernster Überlegungen.... +Aber noch unter einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine +gefährlich. Wenn wir bedenken, daß die politische +Erziehung der Männer noch im Frührot der Entwicklung +steht, und daß wir das Wort Freiheit erst zu stammeln +vermögen, um wie viel weniger aufgeklärt sind dann die +Frauen, deren Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in +den Volksvereinen würde daher Personen einen aktiven Anteil an +der Regierung gewähren, die dem Irrtum und der Verführung +stärker ausgesetzt sind als andere. Fügen wir hinzu, +daß die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die +Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert würden, was +die Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr +hervorbringt...."</p> + +<p>Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der +Konvent am 30. Oktober 1793 ihre Auflösung zum +Beschluß.<a name="FNanchor_208"></a><a href= +"#Footnote_208"><sup>208</sup></a></p> + +<p>In stürmischen Versammlungen protestierten die Frauen +dagegen, und eine Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in +den Sitzungssaal der Kommune, um hier persönlich für die +Anullierung des Beschlusses, soweit die Stadt Paris in Betracht +kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum Wort, da der +Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in einer +wütenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er +folgte darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schließlich +seiner Rede den ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn +ihre Gründe nicht durchschlagen, schließlich die +Unentschiedenen für sich zu gewinnen pflegen. "Die Natur sagte +der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die Erziehung der Kinder, die +häuslichen Sorgen, die süßen Mühen der +Mutterschaft—das ist das Reich deiner Arbeit; dafür +erhebe ich dich zur Göttin des häuslichen Tempels, du +wirst durch deine Reize, durch deine Schönheit und deine +Tugenden alles beherrschen, was dich umgiebt!—Thörichte +Frauen, die ihr zu Männern werden wollt, was verlangt ihr +noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen euch zu +Füßen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere +Kraft nicht brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der +Natur, bleibt was ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die +Kämpfe unseres Lebens zu beneiden, begnügt euch damit, +sie uns vergessen zu machen!"<a name="FNanchor_209"></a><a href= +"#Footnote_209"><sup>209</sup></a></p> + +<p>Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schloß die +Kommune sich dem Beschluß des Konvents an und erklärte +außerdem, Frauendeputationen nicht mehr empfangen zu wollen. +Trotz alledem setzten die Frauen diesen Beschlüssen den +äußersten Widerstand entgegen, mußten aber +schließlich der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den +Tribünen des Konvents, man untersagte ihnen die Teilnahme an +öffentlichen Versammlungen, ja man ging soweit, ein Gesetz zu +erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als fünf +zusammenfanden, mit Gefängnis bestraft werden sollten.<a name= +"FNanchor_210"></a><a href="#Footnote_210"><sup>210</sup></a></p> + +<p>So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos +verlaufen zu sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: +Der erste stürmische Angriff wurde von den Gegnern +zurückgeschlagen, nicht nur, weil ihrer noch viel zu viele +waren, sondern weil das Ziel der Bewegung noch zu wenig +geklärt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine +Schwierigkeiten daher nicht übersehen werden konnten.</p> + +<p>Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, +thatsächlich wirkte sie jedoch im stillen weiter, indem sie +die Köpfe gewann und hervorragende Denker sich mit ihren +Problemen beschäftigten.</p> + +<p>Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte +der großen französischen Philosophen des 18. +Jahrhunderts, Condorcet, auf sie aufmerksam und widmete ihr in +seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois de New-Haven à un +citoyen de Virginie<a name="FNanchor_211"></a><a href= +"#Footnote_211"><sup>211</sup></a> einen bemerkenswerten Abschnitt. +Er ging von der Voraussetzung aus, daß die Frauen, ebenso wie +die Männer, fühlende, mit Vernunft begabte, sittlicher +Ideen fähige Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben +mußten, wie die Männer. Er forderte das aktive und das +passive Wahlrecht für sie und wollte sie von keinem Amt +gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklärte, daß +es überflüssig sei, den Bürgern zu verbieten, sie +z.B. zu Heerführern zu wählen, da man ihnen doch auch +nicht zu untersagen brauche, etwa einen Blinden zum +Gerichtssekretär zu machen.</p> + +<p>Im Jahre 1789 veröffentlichte er im Journal de la +société (No. 5)<a name="FNanchor_212"></a><a href= +"#Footnote_212"><sup>212</sup></a> einen Artikel über die +Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht, der auch heute noch als +die glänzendste Rechtfertigung und Verteidigung der +Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider +noch unerfüllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde +das von der Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch +auf das empfindlichste verletzt, daß die Hälfte des +Menschengeschlechts des Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung +teilzunehmen. Wolle man für diese Thatsache eine Anerkennung, +so müsse nachgewiesen werden, daß nicht nur die +natürlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der +Männer, sondern daß sie auch unfähig seien, die +Bürgerrechte auszuüben. Da die Frau ein Mensch sei wie +der Mann, habe sie dieselben natürlichen Rechte wie er, denn +entweder gebe es überhaupt keine angeborenen Menschenrechte, +oder jeder Mensch, gleichgültig welches sein Geschlecht, seine +Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die +Gründe betrifft, die angeführt werden zum Beweise der +Unfähigkeit der Frau, den Pflichten eines Staatsbürgers +zu genügen, so wandte sich Condorcet zunächst gegen den +ihrer physischen Konstitution, indem er ausführte, daß +er nicht einsehen könne, wieso Schwangerschaften und +vorübergehende Unpäßlichkeiten die Frauen für +Ausübung der Bürgerrechte untauglich machen sollten, da +doch auch die Männer Krankheiten aller Art ausgesetzt seien, +ohne daß man es für notwendig halte, ihnen deshalb die +Pflichten und Ehren der Bürger abzusprechen. Ferner sagt man, +daß keine Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet +oder Beweise von Genie gegeben habe, aber man habe doch nie daran +gedacht, die Verleihung des Bürgerrechts an die Männer +von ihrer Begabung abhängig zu machen. Auch das geringere +Maß an Kenntnissen, die schwächere Urteilskraft, die man +den Frauen zum Vorwurf mache, könne, selbst wenn man sie +zugeben wolle, nicht als Grund angesehen werden, sie politisch +für rechtlos zu erklären. Als Konsequenz dieser +Anschauung müsse man sonst auf jede freie Verfassung +verzichten und die Regierung, wie den Einfluß auf die +Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft +aufgeklärter Männer überlassen. Was man an den +Frauen mit Recht aussetzen könne,—ihren Mangel an +Gerechtigkeitsgefühl, ihre Einseitigkeit und geringe +Bildung,—sei lediglich eine Folge ihrer schlechten Erziehung +und der sie umgebenden sozialen Verhältnisse, die man daher zu +ändern trachten müsse. Auch eine Reihe von +Nützlichkeitsgründen werden gegen die Zulassung der +Frauen zum Bürgerrecht hervorgebracht: man fürchte ihren +Einfluß auf die Männer,—als ob ihr geheimer +Einfluß nicht viel bedenklicher sei, als es ihr +öffentlicher sein würde, man glaube, sie würden ihre +natürlichen Pflichten dem Haushalte, den Kindern +gegenüber vernachlässigen, und doch habe man nie Bedenken +in Bezug auf die Männer gehabt, die doch auch ihrem Beruf, +ihrer Arbeit nachgehen müssen. Man scheine dabei auch +absichtlich übersehen zu wollen, daß nicht alle Frauen +einen Haushalt und kleine, der Pflege bedürftige Kinder haben, +und die Ausübung des Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten +würde, als die banalen Vergnügungen und Zerstreuungen, +denen sie jetzt nachgehen. Solche Nützlichkeitsgründe +haben immer, wo andere nicht ausreichten, Tyrannenherrschaft +rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lägen Handel und +Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger +noch heute, in ihrem Namen füllte man die Bastille und wendete +die Folter an. Die Frage der Zulassung der Frauen zum +Bürgerrecht dürfe aber nicht mehr mit +Nützlichkeitsgründen, Phrasen und Witzen abgethan werden. +Auch die Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs +zwischen den Männern festsetzte, habe eine Flut geschwollener +Reden und billiger Scherze hervorgerufen, stichhaltige Gründe +jedoch habe niemand vorzubringen vermocht. "Ich glaube," so +schliesst Condorcet, "daß es mit der Rechtsgleichheit der +Geschlechter nicht anders sein wird."</p> + +<p>Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des +französischen Philosophen in England und Deutschland eine +wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen +Verhältnisse in jenen Ländern ließen dem Einzelnen +mehr Zeit zum Nachdenken und Theoretisieren, während die Lage +Frankreichs zum Handeln aufforderte. So schrieb ein deutscher +Historiker eine vielbändige Geschichte des weiblichen +Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, daß die +Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so empörendes, +Abscheu und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel +darbiete, als die der Frauen,<a name="FNanchor_213"></a><a href= +"#Footnote_213"><sup>213</sup></a> und ein englischer Gelehrter, +der denselben Stoff behandelte, sprach sich ähnlich aus, indem +er erklärte, daß die empörende Behandlung des +weiblichen Teils der menschlichen Species nur dem menschlichen +Manne eigentümlich sei, und in der ganzen Natur kein +Gegenstück und kein Vorbild habe.<a name="FNanchor_214"></a><a +href="#Footnote_214"><sup>214</sup></a></p> + +<p>Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf +diesem Gebiet war das Werk der Engländerin Mary +Wollstonecraft: Vindication of the rights of women.<a name= +"FNanchor_215"></a><a href="#Footnote_215"><sup>215</sup></a> Ein +Leben voll innerer und äußerer Kämpfe und +Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. +In ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und +Bildungsfrage sie schon lebhaft beschäftigt, so daß sie +als ihre erste litterarische Arbeit eine kleine Schrift über +die Erziehung junger Mädchen erscheinen ließ. Ihr +folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und +einige selbständige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und +sie zugleich in persönliche Beziehungen zu ihrem Verleger +Johnson brachten, bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr +fand. Er selbst wie alle seine Gäste verfolgten die Ereignisse +der französischen Revolution mit stürmischer +Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der Lorbeer +der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser +Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in +Johnsons Salon die Menschenrechte verkündete. So wurde Mary +Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen +und Burkes Angriff auf sie gab den Anstoß, daß die +feurige Frau sich öffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die +Rechtfertigung der Menschenrechte" hieß die kleine Schrift, +die den Namen der Verfasserin über den Kreis ihrer Freunde +hinaus bekannt machte.<a name="FNanchor_216"></a><a href= +"#Footnote_216"><sup>216</sup></a> Aber sie war nur das Vorspiel +und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung der Rechte +der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung des +französischen Schulwesens Einfluß üben zu +können, Talleyrand widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse +folgend brachte sie die umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu +Papier, ohne sich zu ruhigem Nachdenken Zeit zu lassen. Sie +trägt denn auch die Spuren ihrer Entstehung an sich und +besteht aus völlig ungeordneten, oft sprunghaft wechselnden +Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalität Mary +Wollstonecrafts und der Schärfe ihrer Beobachtung zeugen. Den +größten Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren +Vernachlässigung sie die Ursache der Fehler und Schwächen +des weiblichen Geschlechts sieht. Auf einen ungesunden Geist +führt sie das Verhalten der Frauen zurück und vergleicht +ihn mit einer Pflanze, die in zu üppigem Boden steht und +schöne Blüten, aber keine Früchte hervorbringt. Es +werden wohl "Damen", aber keine Frauen erzogen, man lehre sie +Sitten, aber keine Moral, man richte ihr Streben auf Eitelkeiten +und nichtigen Tand, aber nicht auf ernste Ziele, man gewöhne +sie, sich mit Spielereien zu beschäftigen und durch +Vergnügungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu +gewöhnen und ihre Muße den Freuden der Kunst, der Natur +und der Wissenschaft zu widmen. So werden jene schwachen, +gedankenlosen Wesen gradezu gezüchtet, denen ihre eigenen +Züchter, die Männer, nachträglich ihre Schwäche +und Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre +Erziehung genauer betrachte, könne sich nicht wundern, +daß sie Vorurteilen zum Raub fallen, unselbständig +urteilen und zu blindem Autoritätsglauben geneigt sind. Sie +seien durch die sie umgebenden Verhältnisse thatsächlich +minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur künstlich +so herabgedrückt worden seien, dürfe man nicht das +weibliche Geschlecht als solches nach seinem gegenwärtigen +Stand beurteilen. Erst gebe man den Frauen Raum, sich zu +entwickeln, ihre Kräfte zu bethätigen, dann bestimme man, +welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen Stufenleiter +sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernünftigen Wesen erzogen +worden seien, dürfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt +werden und müssen dieselben Rechte genießen, wie die +Männer.</p> + +<p>In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem +Gesinnungsgenossen Condorcet gegenüber als die Vorsichtigere, +Zurückhaltendere. Während er auf Grund der überall +gleichen Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische +Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht +zum Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Männer +keiner Prüfung ihrer Geisteskräfte unterliegen, ehe sie +als vollwertige Staatsbürger anerkannt werden, erklärt +sie die Reform der Erziehung für die Voraussetzung der Reform +der Gesetze.</p> + +<p>In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte +Schülerin der Revolution. Nicht nur, daß sie in vielen +ihrer abschweifenden Gedanken das Königtum, die stehenden +Heere, die Aristokratie heftig angreift, sie erörtert auch das +Problem der Armut und erklärt sie für eine der +wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Für die +Frauen folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich +unabhängig vom Mann zu sein. Diese, auch im modernen Sinn +radikale Forderung ist von ihr zuerst ausgesprochen worden und +erhebt sie in die Reihe der aufgeklärtesten und +weitblickendsten Vorkämpfer der Frauenbewegung. Aber auch in +anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der +Keuschheit, die für beide Geschlechter dieselbe sein +müsse, fordert sie, daß Knaben und Mädchen +gemeinsam in öffentlichen Schulen erzogen werden. Nur wo ein +kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer +zwischen den Geschlechtern von früh an zu finden sei, werde +die Liebe zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden +die Ehen glücklichere sein. Neben die geistige solle auch die +körperliche Erziehung treten, damit ein kräftigeres, +schöneres Geschlecht heranwachse, damit das Vaterland +Mütter habe, die gesunde Kinder hervorzubringen und zu +erziehen im stände seien.</p> + +<p>Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um +ihres heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, +das aus ihrem Schoße hervorwächst, von ihrem Körper +und von ihrem Geist seine erste, die spätere Entwicklung +bestimmende Nahrung empfängt, soll das Weib dem Manne +ebenbürtig zur Seite stehen, ein freier Bürger wie +er.</p> + +<p>Mary Wollstonecrafts kühnes Buch machte ungeheures +Aufsehen. Die heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich +natürlich auch gegen ihre Person, unter der Spötter und +Karikaturenzeichner sich ein starkknochiges, häßliches +Mannweib vorstellten, während sie eine zarte, im besten Sinne +weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel der +Weiblichkeit trägt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde +gleich nach seinem Erscheinen ins Französische und von ihrem +Freunde, dem bekannten Schnepfenthaler Pädagogen Salzmann, ins +Deutsche übersetzt.</p> + +<p>Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in +Deutschland verkünden sollte, war ein anderes ihm +zuvorgekommen: Theodor von Hippels Buch über die +bürgerliche Verbesserung der Weiber,<a name= +"FNanchor_217"></a><a href="#Footnote_217"><sup>217</sup></a> das +im selben Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in +London. Schon im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift über +die Ehe, in der er Frauen und Männern derbe Lektionen gab, +sein Interesse an der Stellung der Frau im bürgerlichen Leben +kund gethan.<a name="FNanchor_218"></a><a href= +"#Footnote_218"><sup>218</sup></a> Aber erst die französische +Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kämpfen regte +ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlüssen +wie Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen +darüber nicht verhehlen, daß die französische +Verfassung kurzsichtig und engherzig genug war, dem weiblichen +Geschlecht die Gleichberechtigung zu verweigern. Dabei ging er so +weit, zu erklären, daß die Sklaverei, wenn sie auch nur +in einer einzigen Beziehung geduldet werde, über kurz oder +lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwänden gegen die +Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger +Schärfe. Soll, so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, +auch wenn sie schon Tausende von Jahren alt ist, nur deshalb +fortbestehen, weil ihre Abänderung mit Schwierigkeiten +verknüpft ist und man vermutet, es könnten bedenkliche +Folgen daraus erwachsen? Man müsse endlich das andere +Geschlecht zum Volk zu machen sich entschließen. Freilich +müßte eine durchaus veränderte Erziehung die Frauen +dazu befähigen, denn jetzt, wo sie nur zum Spielzeug der +Männer gemodelt wären, könnten sie ihren Pflichten +nur schlecht genügen. Man erziehe Bürger für den +Staat, ohne Unterschied des Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der +Knaben und Mädchen, Zulassung der Frauen zu allen Berufen, +verlangte Hippel. Nur das "Monopol des Schwertes" soll den +Männern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal nicht ohne +Menschenschlächter behelfen kann oder will!" Zur Erleichterung +körperlicher Ausbildung rät er zu einer gleichen Kleidung +der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit +auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefühl des Mangels +an körperlichen Kräften wie in der Beschränktheit +des Verstandes habe, dürfe keine Seite des Wesens in der +Erziehung vernachlässigt werden. Für thöricht +hält er den Einwand, daß die Weiber zu viel Zeit auf +ihren Putz verwenden,—sind es nicht grade die Männer, +die ihnen die Seele bestreiten und sie auf den Körper +beschränken? Jetzt haben sie keine andere olympische Bahn, als +mit ihren Reizen Männer zu fangen; sie werden Wunder thun, +wenn man ihnen andere eröffnet. Auch die natürliche +Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das +Kindergebären, das zum Hauptbeweis dieser Schwäche +angeführt zu werden pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis +seiner Stärke ab.</p> + +<p>Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er +großes: "Gewiß hätten wir alsdann weniger +Tyrannen, die auf festem Grund und Boden Schiffbrüchige mit +Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den Fluten ringen, +Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schweiß und +das Blut der Unterthanen ohne Maß und Ziel verschwenden." So +forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des +Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der +Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft +gefordert hatte.</p> + +<p>Während Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur +einander gleich standen, vergrößerte sich mit der +fortschreitenden ökonomischen Entwicklung der Abstand zwischen +ihnen mehr und mehr. Die Interessen, die Kämpfe, die Ziele des +physisch stärkeren, durch die Bedingungen des +Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus +und Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und +rechtlichen Trennung, die von der Frau zunächst nicht +empfunden werden konnte, weil sie durch ihre häusliche +Thätigkeit vollauf in Anspruch genommen war und infolge der +allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse über die +ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken +vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in +wachsendem Maße von dem Handwerk und der Industrie +übernommen wurden, und die Frau, soweit sie als +Angehörige der besitzenden Klassen Muße gewann, sich +überflüssig fühlte, die Leere ihres inneren und +äußeren Lebens empfand oder als Mitglied der +besitzlosen, gezwungen war, ihre häusliche Thätigkeit in +Lohnarbeit außer dem Hause und getrennt von der Familie +umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drückenden Lage +bewußt. Nicht nur, daß sie auf einer Stufe geistiger +Rückständigkeit festgebannt war, die vergangenen +Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch wirtschaftliche, +rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein, den sie wie +der Mann zu kämpfen hatte, untauglich gemacht. Diese +Widersprüche wurden die Ursache einer tiefgehenden +Unzufriedenheit, die stetig wuchs und in der Frauenbewegung der +französischen Revolution einen Höhepunkt erreichte. Das +Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gleichheit +vor dem Gesetz waren die Ziele, die die Revolution proklamierte und +die durch ihre litterarischen Vertreter theoretische +Begründung fanden.</p> + +<p>Das neunzehnte Jahrhundert stellte <i>neue</i> Probleme der +Frauenfrage nicht mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie +wurde, in um so deutlicher ausgeprägte einzelne Seiten, ebenso +wie der Strom kurz vor seinem Eintritt in das Meer ihm seine +mächtig angeschwollenen Wassermassen nicht in einem +Fluß, sondern in vielen Flußarmen zuführt. Jeder +einzelne wird zu einem Strom für sich und jede Seite der +Frauenfrage umfaßt schließlich ein so weites Gebiet, +daß sowohl von historischen als von kritischen +Gesichtspunkten aus eine gesonderte Behandlung notwendig wird.</p> + +<p>Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der +Frauenfrage, die an der Hand der Geschichte gewonnen wird, +führt notwendig dazu, ihre ökonomische Seite in den +Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus entwickelt sich erst die +rechtliche und aus beiden die sittliche Seite der Frauenfrage. Alle +Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des Gesamtproblems +enthalten.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Zweiter_Abschnitt" />Zweiter Abschnitt.</h2> + +<p>Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"1_Der_Kampf_um_Arbeit_in_der_burgerlichen_Frauenwelt" />1. Der +Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt.</h2> + +<p>Erste Periode. Anfänge einer Erziehungsreform unter dem +Gesichtspunkt beruflicher Arbeit.</p> + +<p>Theoretische Erörterungen der Frauenfrage haben weder +wissenschaftlichen Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie +lediglich von vorgefaßten Meinungen oder allgemeinen +ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu richtigen Resultaten zu +gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der Thatsachen zu +fußen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die +geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im +Menschheitsleben im allgemeinen darzustellen, es ist auch +erforderlich, von dem Zeitpunkt an, wo die Frauenfrage sich +erweitert und in ihr verschiedene gleich wichtige Seiten +hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der +theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum +handeln, einzelne Thatsachen mit möglichster +Vollständigkeit zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der +Entwicklung in seinen großen Zügen zu verfolgen und +seine treibenden Kräfte aufzudecken.</p> + +<p>Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze +Erwerbsleben des weiblichen Geschlechts von den Höhen +wissenschaftlicher Arbeit bis in den düsteren Abgrund der +Prostitution umfaßt, bedarf besonders dieser +Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit über das Recht der +Frauen auf Arbeit, über ihre Zulassung zu oder ihre +Ausschließung von männlichen Berufen würden +vermieden werden, viele nur moralisierende Sittlichkeitsapostel +würden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen, wenn an +Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefühle +die historische Erkenntnis treten würde. Sich der Entwicklung +in den Weg zu werfen, ist ein nutzloses Bemühen; auch der, der +sie fürchtet, kann ihre unheilvollen Wirkungen nicht anders +abwenden, als indem er ihr die Wege bahnt. Was die Frauenbewegung +an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das verdankt sie +ausschließlich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden. Ihr +eigner Gang ist ein klarer, gesetzmäßiger, der auch in +dem Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt deutlich +zum Ausdruck kommt.</p> + +<p>Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war für die +Frauenwelt eine der bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl +waren schon vorher Männer und Frauen aufgetreten, die mehr +Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte Arbeitsmöglichkeiten +für das weibliche Geschlecht gewünscht hatten, aber sie +waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast +ungehört. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die +theoretischen und philosophischen Erörterungen über die +Rechte das Weibes in den Bereich praktischer Forderungen. Aber es +waren weniger die vielen rednerischen und schriftstellerischen +Auseinandersetzungen und Erklärungen der politischen Rechte, +die zu Erfolgen führten, als vielmehr die von den Massen der +Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit.</p> + +<p>Schon das französische Edikt von 1776 hatte mit der +Proklamierung der Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und +nach der Revolution schien es, als stünden den Frauen nunmehr +dieselben Wege offen, auf denen die Männer ihrem Broterwerb +nachgingen. Bald zeigte sich jedoch, daß die +größten Hindernisse erst noch zu überwinden waren, +denn es fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs +offene Meer hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und +Kompaß mitzugeben.</p> + +<p>Die Frauen und Töchter des arbeitenden Volkes, die in immer +ausgedehnterem Maße gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu +suchen, strömten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter +brauchen konnten. Lohndruck, Vergrößerung des Elends, +infolgedessen neuer Zuzug weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus +diesen Anfängen heraus entwickelte sich die +Arbeiterinnenbewegung. Aber während diese Schicht der +weiblichen Bevölkerung den Kampf ums tägliche Brot von +jeher ebenso, ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die +Männer, waren die Frauen und Töchter der Bourgeoisie vom +Erwerbszwang bisher verschont geblieben. Sie lebten der +häuslichen Thätigkeit und der Kindererziehung, +häufig aber lediglich dem Vergnügen, der +Schöngeisterei oder anderem maskierten Müßiggang. +Die Verarmung des Bürgerstandes, die Revolutionen und Kriege, +die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Töchter und Witwen +der Opfer des Schlachtfeldes, nötigten die Frauen zu einer +Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige +Verhältnis in der Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen +hatten, nicht nur an sich schwer fiel, sondern auch wie eine +möglichst zu verbergende Schande erschien. Zahlreich waren +schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die armen adeligen +Fräuleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen +fürstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja +selbst als Hofdamen an den vielen kleinen Fürstenhöfen +nichts anderes suchten als einen Broterwerb und sich oft, unter +ängstlicher Aufrechterhaltung äußeren Glanzes +kümmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur sentimentale +Romane, auch manche der an die Nationalversammlung gerichteten +Petitionen führen den Beweis dafür, daß viele +Bürgertöchter sich gezwungen sahen, durch Stickereien und +Wirkereien ihr Brot zu verdienen. Mit den Frauen des +handarbeitenden Volkes teilten sie das gleiche Schicksal: die Not +trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch noch ein anderes mit +ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu einem +Erwerbsberuf. Aber während für jene, dank der Entwicklung +der Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der +Industriearbeiter Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch +ungelernte Arbeitskraft, eine begehrte war, standen diese vor +geschlossenen Thüren, vor denen Unbildung und Vorurteil Wache +hielt. Die Arbeiterin kämpfte bereits in Reih und Glied mit +dem Mann den harten Kampf ums Dasein, während die Frau der +Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen hatte. +Aus diesem Umstand erklärt sich die oft bis zu +Gegensätzen sich steigernde Verschiedenheit der +bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung und auch, +die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander zu behandeln.</p> + +<p>Die Frau der Bourgeoisie wurde für das Haus und für +die Geselligkeit erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue +Zeit für sie forderte, und die über den Religions- und +Haushaltungsunterricht des Mittelalters hinausging, hatte nur den +Zweck, die geselligen Talente zu unterstützen und dem Mann +eine verständnisvollere Gefährtin zu sein.</p> + +<p>Die erste Stelle unter den Vorkämpfern der Reform der +Mädchenerziehung nahm Fénelon ein.<a name= +"FNanchor_219"></a><a href="#Footnote_219"><sup>219</sup></a> Seine +pädagogischen Grundsätze veranlaßten Frau von +Maintenon, in St. Cyr die erste höhere Mädchenschule zu +gründen, die insofern noch ein besonderes Interesse +beansprucht, als sie zugleich die erste Anstalt war, die, durch +Ausbildung von Erzieherinnen, der beruflichen Thätigkeit der +Frau die Wege bahnte.<a name="FNanchor_220"></a><a href= +"#Footnote_220"><sup>220</sup></a> Aber sie war nur eine Oase in +der Wüste und entsprach so wenig der Zeitströmung, +daß sie bald auf das jämmerliche Niveau der +üblichen Mädchenschulen herabsank, und Putz, Tanz und +Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb. Ihrer +deutschen Nachahmung, dem Gynäceum A.H. Franckes, erging es +nicht anders. Er, der einfache, fromme Mann, mußte es sich +gefallen lassen, daß auch seine Gründung, wie damals +alle Erziehungsanstalten für Mädchen, in die Hände +französischer Gouvernanten fiel, die Modepüppchen darin +dressierten.<a name="FNanchor_221"></a><a href= +"#Footnote_221"><sup>221</sup></a> Die französische Sprache, +die Umgangssprache der höheren Stände, trat überall +in den Mittelpunkt des Unterrichts. Französische Erzieher und +Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist ihre Muttersprache war, +wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf "Bildung" Anspruch +machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen gelangten besonders +in Preußen, wo Friedrichs II. Vorliebe für die +französische Sprache maßgebend war, zu derartigen +Stellungen. Die Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder +und oberflächlicher als die des Mittelalters. Eine Reaktion +gegen die herrschende Strömung, gegen die Ausschließung +des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren Kenntnissen, gegen +sein einseitiges Interesse für Putz und Tand, Spielerei und +Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland durch +Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und—gerichtet. Denn +statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mädchen +anzustreben, beschränkte er und sein Kreis sich auf die +Treibhauskultur einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die +mehr als die geputzten Dämchen der höfischen Salons +für den niedrigen Stand weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis +ablegten.<a name="FNanchor_222"></a><a href= +"#Footnote_222"><sup>222</sup></a> Die häufigen Krönungen +von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher Doktoren +muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wäre aber +durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch +war für die Frauen die Bildung nur ein äußeres +Schmuckstück, Kunst und Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in +geistreichen Salons zu glänzen. Vertiefung, ernste Arbeit war +erst da zu erwarten, wo sie zu einer Berufsthätigkeit die +Grundlage zu schaffen hatten, daß sie anfingen, aus diesem +Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und +nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von +Erziehung der Töchter schreiben, geben denselben so viel Anmut +oder so glückliche Umstände, daß man an ihrer +baldigen Verheiratung nicht zweifeln darf. Aber giebt es denn keine +häßlichen und gebrechlichen Töchter? Keine, die in +ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen Sitten in Gefahr +sind, von einem würdigen Manne nicht begehrt zu werden?" Er +giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermögen +besitzen", den Rat, ihre Töchter nicht wie bisher allein im +Hinblick auf die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu +geben, die es ihnen ermöglicht, als Lehrerinnen und +Gesellschafterinnen einmal ein Unterkommen zu finden.<a name= +"FNanchor_223"></a><a href="#Footnote_223"><sup>223</sup></a> Sein +mutiger Ausspruch, den bisher viele gefühlt, aber niemand zu +thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden. So manches +unbefriedigte, einsame Mädchen schuf sich im Lehrberuf einen +befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, +dazu bei, daß seinem vernachlässigten, unwissenden +Geschlecht geholfen wurde. Als die hervorragendste ihrer Art sei +Karoline Rudolphi genannt, die nach entbehrungsreicher Jugend und +Jahren inneren Kampfes zu dem Entschluß kam, Erzieherin zu +werden und schließlich in Hamburg eine Mädchenschule +gründete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre +Erziehungsgrundsätze hat sie in ihrem Buche: "Gemälde +weiblicher Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: +"Lasset euere Kinder Menschen werden!"<a name="FNanchor_224"></a><a +href="#Footnote_224"><sup>224</sup></a> Erziehet die Mädchen +nicht zuerst zu Damen und Hausfrauen, sondern zu tüchtigen +Menschen, die im Notfall auch allein durchs Leben gehen +können, die nicht zu verzweifeln brauchen, wenn die +führende Hand des Mannes fehlt.</p> + +<p>In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer +Zeitgenossin, Madame de Genlis, die die Mädchen nur für +die Ehe, nur für den Mann erziehen wollte, die in der Bildung +nichts als ein Mittel, die Langeweile zu bekämpfen und dem +Müßiggang vorzubeugen, sah und in logischer Konsequenz +zu dem Schlüsse kam: "Das Genie ist für die Frauen eine +gefährliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer +Bestimmung und läßt sie diese nur als drückend +empfinden."<a name="FNanchor_225"></a><a href= +"#Footnote_225"><sup>225</sup></a> Die Verfasserin, die typische +Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus, was die +Ansicht dessen war, der für die nächsten Dezennien die +Geschicke der Welt in seinen eisernen Händen hielt: Napoleons. +Wie Rousseau sah er in den Frauen nur Mütter; zu solchen, zu +Gebärerinnen und Erzieherinnen eines Geschlechts von Helden, +wollte er sie erzogen wissen. Und so schroff und festgewurzelt war +seine Meinung, daß er allen geistreichen und gelehrten Frauen +mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der sich bis zu dem +kleinlichen Kampf gegen Madame de Staël steigern konnte. Aber +ebenso wie man, besonders außerhalb Frankreichs, über +dem Eroberer den Reformator zu vergessen pflegt, so vergißt +man auch über dem Gegner der Frauenemanzipation den +Beförderer einer verbesserten Mädchenerziehung. Die +Mädchenpensionate der Madame Campan in St. Germain und Ecouen +fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einfluß +entstanden in Italien die ersten höheren Mädchenschulen. +Er scheute sich sogar nicht, eine Frau in ein öffentliches Amt +einzusetzen, wo er glaubte, daß sie die Erziehung der +Mädchen günstig beeinflussen könnte: 1810 wurde +Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.<a name= +"FNanchor_226"></a><a href="#Footnote_226"><sup>226</sup></a> +Irgend welche staatliche Hilfe den Mädchenschulen angedeihen +zu lassen, lag jedoch ganz außerhalb seiner Gedankenrichtung. +Aber ein Einzelner, so allmächtig er auch sein mochte, konnte +den Gang der Entwicklung nicht ändern, noch aufhalten. Die +französischen Frauen forderten nachdrücklich ihr Anrecht +an den geistigen Gütern der Nation. Es entstanden immer mehr +Mädchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister +Duruy, von allen Seiten gedrängt, das Projekt wieder auf,<a +name="FNanchor_227"></a><a href="#Footnote_227"><sup>227</sup></a> +das schon neunzig Jahre vorher der Abbé de St. Pierre +entworfen hatte, wenn er eine staatliche Unterstützung der +Mädchenerziehung verlangte.<a name="FNanchor_228"></a><a href= +"#Footnote_228"><sup>228</sup></a> Wenn auch sein Plan +zunächst an dem mangelnden Verständnis der Regierung +scheiterte, so faßte die Idee, daß die Gesellschaft die +Verpflichtung habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der +männlichen annähernd ebenbürtige Erziehung zu +gewähren, immer tiefer Wurzel und die Frauen selbst nahmen +sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten Reihe +kämpfte die Gräfin Rémusat.<a name= +"FNanchor_229"></a><a href="#Footnote_229"><sup>229</sup></a> Von +der Voraussetzung ausgehend, daß die Frau dem Manne nicht +untergeben, daß sie als intelligentes Geschöpf von ihm +nicht verschieden und durchaus fähig sei, öffentliche +Berufe auszuüben, hielt sie eine Anpassung der +Mädchenerziehung an die neuen Verhältnisse für +notwendig, ja sie sprach schon von der Zuerkennung einer gewissen +Gleichberechtigung an das weibliche Geschlecht, und forderte von +den öffentlichen Verwaltungen, daß sie neben dem +Lehrerinnenberuf, die Ausübung einer geregelten +Wohlthätigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der +Kämpfern Arbeit war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, +und die Zeit, in der die Frauen zuerst nach ihm riefen, war die +Geburtsstunde der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie vollzog +sich in merkwürdiger, und doch für den, der die +Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus +Fürstengezänk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, +verständlicher Uebereinstimmung in allen Kulturländern zu +gleicher Zeit.</p> + +<p>In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary +Wollstonecraft den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine +Zeitgenossen mit glühender Begeisterung auf den Wert der +Frauenbildung aufmerksam machte, denn "von der Geisteskultur der +Frauen hängt die Weisheit der Männer ab", entstanden +schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine, die sich +die Hebung der Mädchenerziehung zum Ziel setzten. Der +praktische Sinn der Engländer erkannte früh, daß +die bessere Erziehung ihrer Töchter von der gründlicheren +Ausbildung ihrer Lehrerinnen abhängig ist. Von solchen, die +sich auf Grund ganz unzureichender Kenntnisse dafür ausgaben, +war England überschwemmt, und die Lehrerin war daher eine +komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und Dickens +noch ihren Witz ausließen. Ihr Los war traurig genug: die Not +zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und +kümmerlicher Unterhalt und allgemeine Mißachtung waren +ihr Lohn. Erst mit der Zunahme geregelterer Mädchenschulen +änderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen, wie Hannah More +und Maria Edgeworth waren hier die Wortführerinnen der +beginnenden Frauenbewegung.</p> + +<p>In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen +nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen +geltend, weil auch hier die Schäden dieselben waren. Die +Vorteile, die die tapferen Kämpferinnen der Befreiungskriege +für ihr Geschlecht errungen hatten, waren entweder +dürftig von Anfang an oder mit der ebbenden Begeisterung +wieder verschwunden. Die wenigen Mädchenschulen, die im Anfang +des Jahrhunderts überhaupt bestanden, waren nur während +der Hälfte des Jahres geöffnet und auch dann nur zwei +Stunden am Tag, während die Knaben, die dasselbe Schulhaus +besuchten, Freistunden hatten. Die reaktionärsten Ansichten +der alten Welt, die das Mädchen allein auf das Haus verwiesen, +fanden in der neuen die allgemeinste Vertretung, um so mehr als +hier der Umstand viel weniger ins Gewicht fiel, der der +Frauenbewegung Europas den Anstoß gab: der Zwang zur +Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard für die höhere +Bildung ihres Geschlechts eintrat, stieß sie auf Spott und +heftigsten Widerstand. Als sie aber im Jahre 1821, ohne noch +länger auf das allgemeine Wohlwollen ihrer Landsleute zu +rechnen, in Troy das erste Mädchenseminar gründete, +zeigte es sich, daß es eine Notwendigkeit gewesen war, denn +es fand zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.<a name= +"FNanchor_230"></a><a href="#Footnote_230"><sup>230</sup></a> Emma +Willards Schule ist der Grundstein des ausgedehnten Gebäudes +weiblicher Bildung geworden, das heute Amerika schmückt. Zu +gleicher Zeit begann eine andere Frau ihre öffentliche +Thätigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog sie ungehindert als +Predigerin der Quäker durch die Staaten, nicht nur eine +Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der +Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafür +lieferte, daß die Frau mit derselben Fähigkeit und +demselben Erfolg ihren Geist in den Dienst allgemeiner Interessen +stellen kann.</p> + +<p>Kehren wir nach Deutschland zurück. Dort waren die +Schulverhältnisse, trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, +aufs äußerste verwahrlost. "Unsere Töchter sind von +aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte ein braver deutscher +Mann.<a name="FNanchor_231"></a><a href= +"#Footnote_231"><sup>231</sup></a> "Aus dem ABC-Unterricht werden +sie ohne Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das +Putzzimmer verstoßen." Und eine mit seltenem Scharfblick +ausgestattete Frau, Helene Unger, schilderte in ihrem Roman +"Julchen Grünthal" die traurige Pensionserziehung der +Mädchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und Spiel, +französische Konversation und seichte Lektüre +füllten das Leben des Schulmädchens aus, um später +in die nächste Modekrankheit, die rührselige, vom +wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit +überzugehen.<a name="FNanchor_232"></a><a href= +"#Footnote_232"><sup>232</sup></a> Aber diese Klagen und +verurteilenden Darstellungen waren an sich schon ein Zeichen des +Fortschritts. Und es begann in der That in den Köpfen und +Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen. Die klassische +Dichtung und die politische Umwälzung waren seine Erzeuger. +Zwar wäre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der +Umgebung der großen Dichter auf alle übrigen +schließen zu wollen; erst ganz nach und nach drangen ihre +Werke bis in die dunklen Winkel bürgerlichen Frauenlebens, +erweckten Begeisterung, Sinn für das Schöne und erhoben +die armen Vernachlässigten und Verirrten in eine andere +geistige Lebenssphäre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem +Klärchen kam die warmblütige Natürlichkeit wieder zu +ihrem Recht. Und eine Minna von Barnhelm, eine Jungfrau von +Orleans, eine Maria Stuart führten den Blick über die +Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die Empfindsamen sich +in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr noch wirkte die +drückende Not darauf, die ganz Deutschland in einen +Trauermantel hüllte. Die Frauen, deren Väter und +Brüder, deren Gatten und Söhne unter den Waffen standen, +verloren nicht nur den Sinn für die Tändeleien +früherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den +großen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des +Destillierens der gegenseitige Gefühle, der endlosen +Gespräche über sentimentale Romanheldinnen, machte der +Unterhaltung über die Ereignisse des Lebens Platz. Rahel +Varnhagens Kreis<a name="FNanchor_233"></a><a href= +"#Footnote_233"><sup>233</sup></a> ist das bekannteste Beispiel +für die belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen +Briefwechsel zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafür, +daß er überall durchbrach, und mit ihm regte sich das +Bedürfnis nach einer gründlichen Aenderung der +Mädchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Bürgerfrauen +fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten +und denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. +Denn wenn auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert +worden war und seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie +stand allein; es fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die +Möglichkeit der Vorbereitung zum Studium. Aber das Verlangen +nach vertiefterer Bildung der Töchter und das Bedürfnis +nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und +führten zwischen 1800 und 1825 zur Gründung eine Reihe +von Töchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils +mit Unterstützung der Gemeinden entstanden.<a name= +"FNanchor_234"></a><a href="#Footnote_234"><sup>234</sup></a></p> + +<p>Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in bürgerliche +Berufssphären.</p> + +<p>Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde +von jenem Lande gethan, das es nicht erst nötig hatte, seine +Kräfte durch mühsames Ueberbordwerfen des Ballastes der +Vergangenheit abzunutzen, von Amerika, wo Horace Mann die Grundlage +zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer dringenderen Verlangen +nach einer der der Knaben gleichen Mädchenbildung, konnte man, +bei der dünnen Bevölkerung des Landes, durch +Gründung besonderer Mädchenschulen nicht nachkommen. So +wurde denn aus der Not eine Tugend gemacht und in den neu +entstehenden Freien Normalschulen Co-Education eingeführt. Die +weittragende Bedeutung des gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter +hatte sich Horace Mann, der mehr einem praktischen Bedürfnis +entgegenkommen wollte, nicht klar gemacht. Nicht nur, daß +auch höhere Schulen, in der Art unserer Gymnasien, nach diesem +Vorbild eingerichtet wurden,—Oberlin-College in Ohio als das +erste seiner Art,—schon 1835 rüttelte eine Schar mutiger +Mädchen, die sich mit ihren Schulkameraden die nötige +wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der +alten Harvard-Universität<a name="FNanchor_235"></a><a href= +"#Footnote_235"><sup>235</sup></a> und kurz darauf begehrte der +erste weibliche Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens +Einlaß.<a name="FNanchor_236"></a><a href= +"#Footnote_236"><sup>236</sup></a> Was ihr verwehrt wurde, sollte +wenige Jahre später der tapferen Pionierin des Frauenstudiums, +Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester Emily sahen +sich plötzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die +Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter +und ihre jüngeren Brüder und Schwester zu ernähren. +Da kam ihnen die Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. +Sie sahen, wie wenige und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur +offen standen und bemerkten "die Massen der Konkurrentinnen, von +denen eine die andere niederzutreten suchte. Wir beschlossen, +lieber einen neuen Pfad für uns zu entdecken, als in schon +überfüllten Berufen einen Platz zu erobern."<a name= +"FNanchor_237"></a><a href="#Footnote_237"><sup>237</sup></a> +Elisabeth wurde, nachdem sie zwölf medizinische Schulen +vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von +Geneva, Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem +ersten, eben gegründeten Frauenhospital in New York, jene ging +nach England, der Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande +Pionierdienste leistend. Indessen wurde durch Gründung von +Lehrerinnenseminarien und Colleges dem Bedürfnis der +weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860 entstand +das erste College nur für +Frauen,—Vassar-College,—das von Anfang an auf einem +höheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die anderen +oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine +Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde +als Professor für Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar +berufen. Kurze Zeit später gestattete der oberste Gerichtshof +von Iowa Arabella Mansfield die Ausübung der Praxis als +Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im Verein mit den Schwestern +Blackwell, gebührt der Ruhm, in Amerika ihrem Geschlecht +Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universität +Michigan ihm als erste ihre Thore öffnete, war dies gleichsam +die Anerkennung des Beweises, den die Frauen für ihre +wissenschaftliche Befähigung erbracht hatten.</p> + +<p>Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die +Frauen Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Läden, +in denen weibliche Kommis thätig waren, von den sittlich +entrüsteten Einwohnern geboykottet,<a name= +"FNanchor_238"></a><a href="#Footnote_238"><sup>238</sup></a> aber +schon zwei Jahre später, 1856, wurde mit privaten Mitteln die +erste Handels- und Gewerbeschule für Frauen in New York +eröffnet. Dem wachsenden Bedürfnis gegenüber war sie +jedoch keineswegs ausreichend. 1859 gründete Peter Cooper, +selbst ein Kaufmann, der die Vorteile weiblicher Arbeit erkannt +hatte, eine Schule der Art im größten Stil, die heute +noch besteht und eine Musteranstalt genannt werden kann. Eine +lebhafte Kontroverse über die Zunahme der Frauenarbeit, ihre +Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse und wurde durch +Broschüren und Bücher über den Gegenstand vertieft +und erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als +Agitatoren im Interesse der Frauen auf und forderten ihre +völlige Gleichstellung mit dem Mann in Bezug auf Unterricht, +Beruf und Erwerbsbedingungen.<a name="FNanchor_239"></a><a href= +"#Footnote_239"><sup>239</sup></a> Epochemachend für ganz +Amerika waren die Schriften Virginia Pennys<a name= +"FNanchor_240"></a><a href="#Footnote_240"><sup>240</sup></a>, in +denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million +arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezählt hatte, zu +arbeiten gezwungen wären, und wie nur eine gründliche +Vorbereitung zur Berufsarbeit ihre Lage zu ändern im stande +wäre. Die Agitation, die in Amerika weniger die Aufgabe hatte, +mit heftigen Gegnern zu kämpfen, als vielmehr Blinden die +Augen zu öffnen, hatte überall Erfolg: Colleges und +Gewerbeschulen öffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die +staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben +gerufen waren, daß der Washingtoner Kongreß von 1862 +den einzelnen Staaten zu diesem Zweck große Ländereien +überwiesen hatte, ließen in immer größerem +Umfange Frauen zu. Zum Verständnis für diese, im +Vergleich zu Europa ungewöhnlich frühe Erfüllung der +Wünsche der Frauen, die zwar darum zu kämpfen hatten, +aber auf geringeren Widerstand stießen, muß man sich +vergegenwärtigen, daß nicht etwa der größere +Edelmut oder das tiefere Verständnis der Amerikaner für +die Bestrebungen des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, +sondern vielmehr die Thatsache, daß die Vereinigten Staaten +erst auf eine kurze wirtschaftliche Entwicklung zurücksahen +und von einer Ueberfüllung der Berufe, die den Widerstand der +Männer hätte hervorrufen müssen, keine Rede war.</p> + +<p>Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 +Karoline Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der +englischen Astronomischen Gesellschaft erwählt worden und ihre +wissenschaftlichen Verdienste dadurch zu einer bisher +unerhörten Anerkennung gelangt,<a name="FNanchor_241"></a><a +href="#Footnote_241"><sup>241</sup></a> aber die allgemeine Lage +der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so gut wie +unberücksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen +Verhältnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren +mühselige Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses +Alter sicherte, die Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein +Pensionsverein für Lehrerinnen gegründet, und nach +unermüdlichen Kämpfen der Lehrerinnen selbst, die +längst eingesehen hatten, daß sie nur auf Grund besserer +Leistungen eine höhere Entschädigung beanspruchen +konnten, wurde 1846 das erste Lehrerinnenseminar eröffnet,<a +name="FNanchor_242"></a><a href="#Footnote_242"><sup>242</sup></a> +dem wenige Jahre später Queens College und Bedford-College +folgten. Das war ein großer Schritt auf dem Wege der +Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, +als, wieder infolge zäher Agitation, die bis dahin privaten +Anstalten die Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem +immer noch verlachten, als unweiblich bekämpften Brotstudium +der Frau die erste öffentliche Sanktion erteilt worden. Es +hatte dazu noch einer stärkeren treibenden Kraft bedurft, als +der Agitation einiger Frauen; sie fand sich in den Ergebnissen der +Volkszählung 1851. Furchtbare Zustände deckte sie auf und +man stand entsetzt vor der Thatsache, daß über zwei +Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen +waren, ohne daß ihnen die Mittel dazu zur Verfügung +standen. Miß Leigh Smith bearbeitete zuerst in einer +aufsehenerregenden Broschüre, Women und Work, die Ergebnisse +der Statistik und schuf in dem Englishwomens +Journal—1875—das Organ der nunmehr kräftig +einsetzenden Frauenbewegung.</p> + +<p>Ein neuer Beruf für gentlewomen hatte sich inzwischen +aufgethan: die internationale Telegraphengesellschaft stellte seit +1853 Frauen als Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika +die zunehmende Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in +seiner oben erwähnten Broschüre ganz richtig sagte, nicht +auf humanitäre, sondern pekuniäre Ursachen +zurückzuführen ist, so wurden hier die weiblichen +Arbeitskräfte lediglich ihrer größeren Billigkeit +wegen den männlichen vorgezogen. Die kapitalistische +Gesellschaft stürzte sich wie ein Raubtier auf seine Beute, +auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der +bürgerlichen Frauenbewegung fehlte dafür aber das +Verständnis. Sie jubelte nur über jede neue +Möglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden Schutzbefohlenen +unterzubringen.<a name="FNanchor_243"></a><a href= +"#Footnote_243"><sup>243</sup></a> Neue Arbeitsgebiete zu schaffen, +mußte auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr +wesentlichstes Bestreben sein.</p> + +<p>Die Universitäten waren den Frauen noch verschlossen; wie +Miß Hunt in Amerika ein Jahrzehnt früher, so hatte +Miß Jessie Meriton 1856 in England den ersten vergeblichen +Versuch gemacht, zugelassen zu werden.<a name="FNanchor_244"></a><a +href="#Footnote_244"><sup>244</sup></a> Der ersten Engländerin +von Geburt, die im Ausland Medizin studiert hatte, Elisabeth +Garret, gelang es erst 1865 nach langen Kämpfen, das Recht zu +erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft zu praktizieren. +Dieser Weg war also vorläufig für die Masse der Frauen +ungangbar. Es mußten andere, die schneller zum Ziele +führten und von vielen betreten werden konnten, gefunden +werden. Zu diesem Zweck entstand im Jahre 1859 unter Leitung von +Miß Jessie Boucherett die Society for Promoting the +Employment of Women. Sie setzte sich ausdrücklich das Ziel, +den notleidenden Frauen der Bürgerklasse—den +gentlewomen—Hilfe zu bringen. Sie eröffnete +Unterrichtskurse für Handelsangestellte, Zeichnerinnen, +Photographinnen, Holzschneiderinnen, Lithographinnen, +Kunststickerinnen u. dergl. und es strömten ihr nicht nur die +Schülerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht +ein Unterkommen. Während es 1851 in ganz England keine +Photographin und keine Buchhalterin und nur 1742 +Verkäuferinnen gab, zählte man 1861 bereits 308 +Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000 Verkäuferinnen, +und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf 1755 +gestiegen.</p> + +<p>Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben +Zustände Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die +Frauenzeitung Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; +höhere Unterrichtskurse für Mädchen, eine +Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in den Jahren +1859 bis 1861. Selbst Rußland wurde vom Zuge der Zeit +berührt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der +Lehrerinnen, deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr +Einkommen, entschloß man sich schon 1867, +Universitätskurse für Frauen einzurichten. Schon ein Jahr +später promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der +medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.<a name= +"FNanchor_245"></a><a href="#Footnote_245"><sup>245</sup></a> Zu +gleicher Zeit machte ihre Landsmännin, Nadjesda Suslawa in +Zürich, wo Frauen nur als Hörerinnen hie und da +zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.<a name= +"FNanchor_246"></a><a href="#Footnote_246"><sup>246</sup></a> In +Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine für den +gewerblichen Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum +Apothekerberufe war ihr erster praktischer Erfolg in den +Niederlanden<a name="FNanchor_247"></a><a href= +"#Footnote_247"><sup>247</sup></a>; die Errichtung einer Handels- +und Gewerbeschule in Brüssel ihre erste That dort.<a name= +"FNanchor_248"></a><a href="#Footnote_248"><sup>248</sup></a></p> + +<p>Der fruchtbarste Boden jedoch für die sich anbahnende +Umwälzung war der von politischen Stürmen wie von einer +Pflugschar immer wieder aufgewühlte Frankreichs. Als die +Julirevolution ausbrach, kam der Gedanke an die Befreiung auch der +Frauen aus langer Knechtschaft aufs neue deutlicher zum Ausdruck +und erregte die Frauenwelt selbst aufs tiefste. Die alte Forderung +der politischen Emanzipation trat wieder in den Vordergrund, und +der Saint-Simonismus warf einen neuen Zündstoff in die Welt, +indem er die Befreiung der Frau von der männlichen Tyrannei +auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkündete. Eines +der interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 +in Paris erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, +die darin geschildert wird, deren Existenzmöglichkeit durch +Umwandlung der Gesetze und Sitten gesichert werden sollte, forderte +auch ihr Recht auf Arbeit, als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann +vom Jahre 1836 ab Madame Poutret de Mauchamps an der Spitze der +französischen Frauenbewegung trat, begann sie systematisch +vorzugehen. La Gazette des femmes wurde ihr Organ, ein treues +Spiegelbild ihres Wachstums. Die Eröffnung der +Universitäten, die Zulassung der Frauen zu höheren +Berufen, das waren die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren +Feldzug eröffnete und die Gründung einer Gesellschaft zur +Hebung der Lage der Frauen,—der ersten ihrer Art,—war +ihr nächster praktischer Erfolg.<a name="FNanchor_249"></a><a +href="#Footnote_249"><sup>249</sup></a> Ein ideeller Erfolg aber +von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit dem +Männer der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So +hielt Ernest Legouvé im Jahre 1847 im Collège de +France eine Reihe von Vorlesungen über die moralische +Geschichte der Frauen<a name="FNanchor_250"></a><a href= +"#Footnote_250"><sup>250</sup></a>, in denen er durch die +Schilderung ihrer traurigen Lage den größten Eindruck +hervorrief. "Keine öffentliche Erziehung, kein gewerblicher +Unterricht für die Mädchen; das Leben ohne Heirat eine +Unmöglichkeit für sie, und die Heirat ohne Mitgift +unmöglich", rief er aus, und malte mit dunklen Farben das Los +der armen Töchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster, der +Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende +Bettlerleben bei begüterten Verwandten übrig blieb. Er +forderte für sie Zulassung zum ärztlichen Beruf und +wünschte ihre staatliche Anstellung als Schul-, +Gefängnis- und Fabrikinspektoren,—eine Forderung, +über deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert +später, in gewissen Ländern noch immer gestritten wird! +"Die Arbeit, das heißt Freiheit und Leben" war für ihn +der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das Gesetz von +1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet wurden, +mindestens eine Mädchenschule zu gründen<a name= +"FNanchor_251"></a><a href="#Footnote_251"><sup>251</sup></a>, und +die den Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des +Collège de France beizuwohnen, können als Erfolg der +von Legouvé mit getragenen Agitation betrachtet werden. Die +Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere +Vorwärtsbewegung. Die höhere Mädchenerziehung, die +einen so vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt +besonders schwer unter der rapiden Zunahme der +Erziehungsklöster, die die Revolution von 1789 völlig +unterdrückt und Napoleon auf das äußerste +beschränkt hatte. Ihre Konkurrenz war für die weltlichen +Pensionen fast vernichtend; nicht nur daß die Bourgeoisie die +gut eingerichteten, von Gärten umgebenen, Vorteile aller Art +bietenden Klöster den engen, dunklen weltlichen +Erziehungsanstalten für ihre Töchter vorzog, auch die +Lehrerinnen vermochten sich den Klosterschwestern gegenüber +kaum zu behaupten. Die Unterlehrerinnen in den Pensionaten +mußten Dienstbotenarbeit mit übernehmen und erreichten +kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die Privatlehrerinnen +waren froh, wenn sie nach einem ermüdenden 12- bis +14stündigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre +Zahl infolge des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es +allein 3000 Klavierlehrerinnen in Paris!<a name= +"FNanchor_252"></a><a href="#Footnote_252"><sup>252</sup></a> Erst +Englands Beispiel rüttelte die Frauen aus ihrer Lethargie. +Madame Allard und Jules Simon gründeten nach dem Vorbild des +englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen Vorbildung +der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 über +die Frage der Frauenarbeit im Journal des Débats erschienen +und das auf gründlichen Studien beruhende Buch von Jeanne +Daubié über die Lage der vermögenslosen Frauen<a +name="FNanchor_253"></a><a href="#Footnote_253"><sup>253</sup></a>, +beeinflußten die öffentliche Meinung und +unterstützten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und +Gewerbeschulen für Frauen wurden eröffnet und fanden +binnen kurzem zahlreichen Zuspruch.<a name="FNanchor_254"></a><a +href="#Footnote_254"><sup>254</sup></a> Die Post machte zuerst den +Versuch mit der Verwendung von Frauen, der Staat stellte sie, +nachdem seit Frau von Genlis keine Frau mehr den Posten bekleidet +hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in England und Amerika, +so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine Brés, an die +Pforten der Universität und verlangte, zu den Vorlesungen der +medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Ihre Forderung +wurde dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der +Kaiserin Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, daß +die Pariser Universität den Frauen geöffnet und die +Erwerbung akademischer Grade ihnen ermöglicht wurde.<a name= +"FNanchor_255"></a><a href="#Footnote_255"><sup>255</sup></a> +Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten Condorcets und Olympe de +Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier die Revolution es +jedesmal war, mit der der Aufschwung der Frauenbewegung +zusammenfällt, so löste sie auch in Deutschland die Zunge +der Stummen.</p> + +<p>Ihrem Einfluß hat die bürgerliche Frauenbewegung ihre +erste Vorkämpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam +sie in ihren stürmischen Anfängen einen politischen +Charakter, der aber unter der eisernen Rute der Reaktion schnell +wieder verschwand. Die praktische Frage des augenblicklichen +Notstands trat in den Vordergrund, und die Erregung, die sich +darüber der Gemüter bemächtigte, spiegelte sich vor +allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mädchenschulen ab; +die Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen +erwerbsfähig machen, die Konservativen wollten dagegen den +häuslichen Beruf wieder stärken und betonen.<a name= +"FNanchor_256"></a><a href="#Footnote_256"><sup>256</sup></a> Da +sie am Staatsruder saßen und die deutschen Frauen selbst viel +zaghafter waren, als ihre ausländischen +Genossinnen,—selbst eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion +eingeschüchtert, viele Jahre lang,—blieben sie Sieger im +Kampf auch gegen die privaten Unternehmungen zur Erweiterung der +Frauenbildung. Die unter den glänzendsten Aussichten von +Emilie Wüstenfeld 1849 in Hamburg gegründete, zwei Jahre +lang von Karl Fröbel geleitete Hochschule für Frauen +wurde zur Schließung gezwungen. Selbst in den +Fröbelschen Kindergärten, die schon vielen Frauen +befriedigende Beschäftigung sicherten, sah man Herde +verderblicher Aufklärung; sie wurden 1851 von Staats wegen +aufgelöst.<a name="FNanchor_257"></a><a href= +"#Footnote_257"><sup>257</sup></a> Man brachte die Notleidenden zum +Schweigen,—das war ja von jeher das Ziel +antirevolutionärer Bewegungen,—aber die Not selbst wuchs +im Stillen um so schneller.</p> + +<p>Der einzige Beruf bürgerlicher Frauen, der der Lehrerin, +war schon aufs äußerste überfüllt. Von 1825 +bis 1861 war ihre Zahl allein in Preußen von 705 auf 7366 +gewachsen<a name="FNanchor_258"></a><a href= +"#Footnote_258"><sup>258</sup></a>, während die Gründung +von Mädchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt +gehalten hatte. Es kam vor, daß sich innerhalb einer Woche zu +einer Schulstelle 114 Bewerberinnen meldeten!<a name= +"FNanchor_259"></a><a href="#Footnote_259"><sup>259</sup></a> Dazu +kam, daß die preußische Volkszählung von 1861 +nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mädchen +ergeben hatte. Als daher die Berichte über die englischen und +französischen Vereine, die gegen dieselben Zustände +kämpften, die hier in die Augen sprangen, nach Deutschland +gelangten, wirkten sie wie Schlüssel zu einer neuen Welt. Es +waren nicht Frauen, wie dort, sondern Männer—und das ist +bezeichnend für den Standpunkt der deutschen Frauen—, +die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im Jahre +1865 dem Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen eine +Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der +Volkszählung und persönlicher Beobachtungen, die +Gründung eines dem englischen und französischen Vorbild +ähnlichen Vereines befürwortete.<a name= +"FNanchor_260"></a><a href="#Footnote_260"><sup>260</sup></a> +Dieser müsse sich in seiner Thätigkeit, so führte er +aus, ausschließlich auf die Frauen des Mittelstandes +beschränken, und ihnen durch Einführung praktischer +Unterrichtskurse neue Berufszweige eröffnen. Als solche +bezeichnete er in der Heilkunde den ärztlichen Beruf und den +der Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von +chemischen, chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, +von Farben, Parfümerien und Essenzen, sowie von +Photographieen; im Handel: Buchhaltung, Korrespondenz, +Kassenführung, Warenverkauf; im öffentlichen Dienst: Post +und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefähr die Berufe, die +auch heute noch als Berufe bürgerlicher Frauen angesehen +werden können. Wenn er, seine Anhänger und alle +Beförderer seiner Ideen in ihren Bestrebungen nicht über +den Kreis dieser Frauen hinausgehen wollten, so drückt sich +darin ein Klassenegoismus aus, der um so abstoßender wirkt, +als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach Abhilfe zu schreien +schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die Stärke der +jungen Bewegung. Indem sie mit den beschränkten Kräften, +die sie noch besaß, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte +sie sicher sein, sie schließlich zu erreichen. Der Gedanke +entsprach so sehr der Zeitströmung, daß er nicht allein +durch den Mund Lettes zum Ausdruck kam. Auf dem Vereinstage +deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz Müller, daß +Staat und Gemeinden veranlaßt werden möchten, +Gewerbeschulen für Frauen zu gründen, denn "die Frauen +sind zu jeder Arbeit berechtigt, zu der sie befähigt sind"; +der schlesische Gewerbetag nahm eine Resolution zu gunsten der +kaufmännischen Ausbildung und der Anstellung der Frauen im +Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein Hauptmann +außer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung +die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, +als Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, +an deren Spitze die alte Kämpferin Luise Otto trat. Auch hier +wurde die Frage der Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise +allein erörtert. Ihr praktisches Ergebnis war die +Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, als dessen +Ziel "die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die +Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen" aufgestellt +wurde.<a name="FNanchor_261"></a><a href= +"#Footnote_261"><sup>261</sup></a> Während der in Berlin ins +Leben gerufene Letteverein von Männern geleitet wurde und +Frauen nur zur Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich +sofort auf radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur +Vorsitzenden wählte und Männer sowohl von der Leitung als +von der Mitgliedschaft ausschloß. Hier also kämpften die +deutschen Frauen zum erstenmal persönlich, in organisiertem +Verbande für ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion +gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch +wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu fördern. Dieselbe +Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt +sich auch in ihren Ansprüchen wieder und beweist, daß +der aus rein wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit +die Urquelle der bürgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir +verlangen nur, daß die Arena der Arbeit den Frauen +geöffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die eigentliche +Wortführerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins +ausgerufen.<a name="FNanchor_262"></a><a href= +"#Footnote_262"><sup>262</sup></a> "Die einzige Emanzipation, die +wir für unsere Frauen anstreben, ist die Emanzipation ihrer +Arbeit"<a name="FNanchor_263"></a><a href= +"#Footnote_263"><sup>263</sup></a>, schrieb Luise Otto. Und Fanny +Lewald-Stahr, die von sich selbst erzählt, daß sie +heimlich habe arbeiten müssen, weil es sich für +Mädchen ihrer Art nicht schickte, Geld zu verdienen, und die +anerkennt, daß "der gewaltigste Aufklärer, die bittere +Not" es war, die vielen die Augen geöffnet hat, erklärt +die "Emanzipation zur Arbeit" für die einzige, von der vor der +Hand geredet werden kann.<a name="FNanchor_264"></a><a href= +"#Footnote_264"><sup>264</sup></a></p> + +<p>So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und +Deutschland, dem sich ein Jahr später, durch Gründung des +Frauenerwerbvereins, auch Oesterreich anschloß, jener +Prozeß vollzogen, durch den die bürgerliche Frau in eine +neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung der +Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und +Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner +von Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, +voraussah, ja die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurück +hätte schaudern lassen, wenn sie sie hätten ahnen +können.</p> + +<p>Dritte Periode. Die Bestrebungen für Frauenbildung und +Frauenarbeit in neuester Zeit.</p> + +<p>Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens +einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn +der modernen Frauenbewegung. Es mußte ihm erst die +wirtschaftliche Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und +mehr aus der Vereinzelung der häuslichen Thätigkeit +herausriß, sie zwang, Arbeit außerhalb der engen vier +Wände zu suchen und sie schließlich ihre +Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverständlich +konzentrierte sich die Frauenbewegung je nach dem Grade der +Verarmung des Bürgerstandes und der Zahl den die Männer +überwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und der +Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde, +gestaltete sich dort am schärfsten, wo die allgemeine +wirtschaftliche Lage die gedrückteste, die Ueberfüllung +der Berufe die größte und die Konkurrenz der Männer +infolgedessen die stärkste war.</p> + +<p>Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die +Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in +erster Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich +hauptsächlich die Gegner, während der Wunsch, der Frauen, +zu den höheren Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, +auf geringeren Widerstand stieß. Zwar wurde im Anfang der +Vorwurf der Unweiblichkeit auch gegen die Schülerinnen der +ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von der Kanzel herunter gegen +sie gepredigt, besonders das System des gemeinsamen Unterrichts +beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald beschränkte +sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den siebziger +Jahren öffnete sich den andrängenden Frauen eine +Hochschule nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum +Teil, ihnen akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten +entstehenden Frauenvereine hatten die Forderung höheren +Unterrichts in ihre Statuten aufgenommen; besondere Vereine, wie +die Female Medical Educational Society, richteten ihre Agitation +auf bestimmte Berufsvorbereitungen. Schon 1874 wurde in der +medizinischen Fakultät der Universität Boston ein +besonderer Kursus für weibliche Studenten eingerichtet; heute +stehen ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen +Schulen offen. Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet +bahnbrechend vorgegangen war, so Antoinette Brown auf dem des +Studiums der Theologie. Im Oberlin-College, wo sie ihr Examen +glänzend bestanden hatte, waren ihr schon von den Lehrern die +größten Schwierigkeiten bereitet worden und man strafte +ihr "unweibliches" Vorgehen damit, daß man ihren Namen nicht +in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre später +jedoch begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der +katholischen und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen +Schulen auch weibliche Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte +sich das Studium der Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst +für sich erzwungen hatte. Viel schwieriger wurde es den +Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur Berufsthätigkeit +zugelassen zu werden.</p> + +<p>Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon +dadurch unmöglich gemacht, daß keines der bestehenden +Krankenhäuser sie zuließ, noch weniger fanden sie +natürlich Patienten, man begegnete ihnen sogar mit +Mißtrauen und Geringschätzung. Als Dr. Emily Blackwell +und Dr. Marie Zakzrewska sich in New York niederließen, wo +das erste Krankenhaus für Frauen, an dem nur weibliche Aerzte +ordinierten, durch sie entstand, war es ihnen zuerst +unmöglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr wollte die +Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder von +den Gerichtshöfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie +warteten vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine +Sache anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, +zuweilen sogar mit Steinwürfen vertrieben, und die Graduierten +der philosophischen Fakultäten fanden nur selten einen +Lehrstuhl in einem College. Etwas rascher gelang den Erwerb +Suchenden der Eintritt in den kaufmännischen Beruf und zwar +war die Regierung ihnen hier behilflich. Schon 1862 stellte General +Spinner, die allgemeine Entrüstung darüber nicht achtend, +sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und 1875 konnte +er von über tausend Angestellten im Staatsdienst berichten, +und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.<a +name="FNanchor_265"></a><a href="#Footnote_265"><sup>265</sup></a> +Ebenso bewährten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der +sechziger Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschäftigt +wurden. Ihr Eintritt in bürgerliche Berufe machte von da an +rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz von Vereinen aller Art spann +sich über Amerika aus; ihre Agitatorinnen reisten von Ort zu +Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch selbständige +Arbeit überall hin tragend.</p> + +<p>Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch +ihre Leistungen während des Bürgerkrieges, wo sie den +Beweis für ihre Arbeitsfähigkeit führten. Nicht nur, +daß weibliche Journalisten als Leiter von Zeitungen und +Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es waren auch allein +die Frauen, die mit heldenmütiger Aufopferung die Pflege der +Soldaten und ihrer Hinterbliebenen übernahmen und einheitlich +organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis +dahin Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend +den furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan +eines allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf +der Genfer Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben +trat. Zur obersten Leiterin der Verwundetenpflege war während +des Krieges Dorothea Dix in Anerkennung für ihre Leistungen +als Reformatorin des Gefängniswesens von der Regierung ernannt +worden. Zu gleicher Zeit riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen +Frauenverein ins Leben, der zunächst nur den Zweck hatte, +für die Pflege, Nahrung, Bekleidung und Unterstützung der +Soldaten und ihrer Angehörigen zu sorgen, sich aber nachher zu +jener Sanitäts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine +heute in jedem Staat und fast jeder Stadt für die +unbemittelten Kranken Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft +zur Arbeit und Verständnis für öffentliche +Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um Bildung und +Arbeit wurde immer schwächer. Heute haben sie von 484 Colleges +und Universitäten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen +zu 28. Außerdem bestehen 4 Universitäten und gegen 160 +Colleges für Mädchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. +36000 an diesen Anstalten studierende Frauen gezählt wurden<a +name="FNanchor_266"></a><a href="#Footnote_266"><sup>266</sup></a>, +hat ihre Zahl sich verdoppelt; allein 25000 studieren davon an den +Universitäten.<a name="FNanchor_267"></a><a href= +"#Footnote_267"><sup>267</sup></a> Neben 6 medizinischen +Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen für Männer +auch den Frauen offen; in 6 Frauenhospitälern können sie +ihrer klinischen Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der +Theologie ist ihnen ermöglicht.</p> + +<p>Diese glänzenden Resultate eines fast hundertjährigen +Kampfes dürfen jedoch nicht mit europäischem +Maßstab gemessen werden. Es giebt, besonders im Westen, +sogenannte Universitäten, deren Unterrichtskreis nicht +über die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die +meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und +Prima, sodaß der zum Schluß verliehene Grad eines +Bachelor of Arts (B.A.) nicht höher steht, als unser +Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen höheren +Töchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, daß +Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert +sind; andere wieder erreichen die Höhe deutscher +Universitäten. So kann angenommen werden, daß von den +25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in unserem Sinne +Studentinnen sind.<a name="FNanchor_268"></a><a href= +"#Footnote_268"><sup>268</sup></a> Danach kann auf eine gewisse +Höhe der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf +wissenschaftliche Gründlichkeit geschlossen werden. In der +Erkenntnis dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an +einer europäischen Universität den Doktorgrad zu +erringen, sie haben sich auch zur Verbindung der Collegiate Alumnae +zusammengethan, die durch Stipendien das Studium im Auslande +ermöglicht und ein höheres Niveau der inländischen +Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel aber +für die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte +Eröffnung der vier bedeutendsten Universitäten: Harvard, +Yale, Johns Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr +philosophisches Doktorexamen machen dürfen, und diese +mußte sich mit einer privaten Bescheinigung darüber +begnügen. Da sich nun aus den, als B.A. entlassenen +Schülerinnen der Universitäten die Schulvorsteherinnen +und Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges +rekrutieren, so gehen deren Schülerinnen +selbstverständlich wieder als mangelhaft Vorgebildete aus +ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen werden wird, +wenn die schärfer werdende Konkurrenz mit den Männern die +Frauen zu größerer Energie um vertiefteren Unterricht +aufstachelt.</p> + +<p>Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu bürgerlichen +Berufen—wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder +kommunalen Ehrenämtern—nur selten erschwert. Seit 1872, +wo Illinois durch Gesetz bestimmte, daß alle Berufe ohne +Unterschied des Geschlechtes jedem offen ständen, sind etwa +zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel gefolgt. Kaum ein +Beruf dürfte den Frauen vollständig verschlossen sein; +seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur +Militärärztin mit dem Range eines Leutnants scheint +selbst die militärische Karriere ihnen in gewisser Weise offen +zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich nicht nur Frauen in +subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden sie das Amt eines +Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit anderen +Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher giebt es in +größerer Zahl.<a name="FNanchor_269"></a><a href= +"#Footnote_269"><sup>269</sup></a> In 22 Staaten finden sich 227 +Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, +Miß Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum +Oberinspektor der gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan +fungiert seit 1899 eine Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 +Prozent aller Schulräte und 5 Prozent aller Notare Frauen. In +verschiedenen Parlamenten sind die amtlichen Stenographen Frauen; +30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in den Bundesstaaten. +Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich angestellt. In +allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche Beamte +beschäftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl +der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22 +Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington +stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Männern +gleich. Bis heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche +Universitätsprofessoren finden sich auch an den ersten +Universitäten des Landes, so in Boston Mercy Jackson als +Professor für Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell +als Professor der Nationalökonomie. Außer in den +genannten Berufen haben Frauen sich durch kaufmännische +Unternehmungen selbständig zu machen gesucht, und besonders in +den Süd- und Weststaaten haben sie sich als Besitzer und +Leiter von ausgedehnten Viehzüchtereien und Milchwirtschaften, +von Gemüse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum Reichtum +emporzuarbeiten verstanden.<a name="FNanchor_270"></a><a href= +"#Footnote_270"><sup>270</sup></a></p> + +<p>Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage +kommt die englische am nächsten; die politische Freiheit +verbunden mit der open door policy, d.h. dem Gedanken des freien +Wettbewerbs, hatte einen rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur +Folge, der auch den Frauen zugute kam. Der Platz am Brotkorb +brauchte ihnen nicht in so heftiger Weise streitig gemacht zu +werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen nach höherer +Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg gelegt.</p> + +<p>Nachdem die königliche Kommission zur Untersuchung der +Schulzustände, die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches +Mitglied Miß Beale den Stand der höheren +Mädchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar +ungünstigsten Berichte über den Unterricht des weiblichen +Geschlechts zu geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine +zur Verbesserung der Mädchenerziehung, die auf die Höhe +des vorbereitenden Unterrichts der Knaben zur Universität +gehoben werden sollte. Um einen Maßstab für sie zu +haben, richtete sich die nächste Agitation auf die Zulassung +der Mädchen zu den Lokalexamen der Universitäten. Schon +1865 verstand sich Cambridge, etwas später Oxford zur +Abhaltung dieser Examen, die etwa zwischen das 13. und 16. +Lebensjahr der Schüler zu fallen pflegen.<a name= +"FNanchor_271"></a><a href="#Footnote_271"><sup>271</sup></a> Sie +stehen ungefähr den Examen unserer Realschulen gleich und +berechtigen keineswegs zum Universitätsstudium. Um dies zu +erreichen, das den Frauen hartnäckig verweigert wurde, legte +Miß Emily Davies, die schon die erfolgreiche Agitatorin +für die Lokalexamen gewesen war, im Jahr 1869 zuerst in einem +kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu Girton College. Es gelang +ihr, einige Professoren von Cambridge für ihre Idee, ihre +Schülerinnen zunächst zu dem leichtesten—dem +sogenannten little-go—Universitätsexamen vorbereiten, zu +gewinnen. Sie bestanden nicht nur dies, sondern drei Jahre +später auch das schwerste, das Triposexamen. Inzwischen wurden +nach dem Muster von Girton, Newnham-College, gegründet. Durch +vereinte Bemühungen, die oft zu heftigem Federkrieg +führten, wurde endlich erreicht, daß die Frauen zu +einzelnen Vorlesungen in der Universität selbst Zutritt +erlangten und schließlich—im Jahre 1881—wurden +sie zu den Universitätsexamen, dem little-go und Tripos, +offiziell zugelassen; bis heute jedoch müssen sie sich, trotz +dauernder Bemühungen, mit einem einfachen Zertifikat +begnügen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei +den männlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen +standhaft verweigert,—es ist das das letzte Prärogativ, +das die Männer sich vorbehalten wollen!—Der Kampf um +Oxford war ein ähnlicher, wie der um Cambridge.<a name= +"FNanchor_272"></a><a href="#Footnote_272"><sup>272</sup></a> In +dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen nach und nach zu +den Vorlesungen und Examen aller Fakultäten, mit Ausnahme der +medizinischen zugelassen, aber die Titel gönnten ihnen auch +hier ihre männlichen Kollegen nicht. Dafür gewährte +ihnen schon 1878 die Universität London—lediglich eine +Examinationsbehörde—sämtliche Grade, was um so +wichtiger ist, als ihre Examen für die weitaus schwersten +gelten. Mit kleinen Unterschieden,—so ist das Studium der +Theologie und Medizin an einigen Universitäten den Frauen +verboten—nehmen heute sämtliche Universitäten +Großbritanniens weibliche Studenten mit gleichen Rechten auf +wie männliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der englischen +Prüderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem +Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Männer +muß es angesehen werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen +sich um das Studium der Medizin, vor allem um die klinische +Ausbildung drehte. Keine Schule und keine Examinationsbehörde +wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie sich denn, sich +selbst zu helfen, indem sie, mit Unterstützung einiger +Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London +school of Medicine for women gründeten. Ihrem energischen +Vorgehen war es zu danken, daß durch Parlamentsbeschluß +zwei Jahre später die Prüfungsbehörden autorisiert +wurden, weibliche Studenten zu examinieren. Sie folgten freilich +nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung. Bis heute haben +sich neun Universitäten und medizinische Schulen dazu bereit +erklärt, außerdem stehen ihnen acht allgemeine +Krankenhäuser neben achtzehn Frauenhospitälern offen.<a +name="FNanchor_273"></a><a href= +"#Footnote_273"><sup>273</sup></a></p> + +<p>Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die +indischen Universitäten sind seit 1878 den Frauen +geöffnet; vier höhere Schulen, von denen die in Pronah +unter Leitung der gelehrten und wohlthätigen Indierin Pundita +Ramabai steht, sorgen für die Vorbereitung; die australischen +Universitäten Sydney und Melbourne haben nie einen Unterschied +zwischen den Geschlechtern gemacht.<a name="FNanchor_274"></a><a +href="#Footnote_274"><sup>274</sup></a></p> + +<p>Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts +für bürgerliche Lebensberufe ist für das weibliche +Geschlecht in England fast ebenso gut gesorgt, wie für das +männliche. Private und öffentliche Schulen zur +gewerblichen, kaufmännischen und künstlerischen +Ausbildung nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es +für Frauen mehr giebt als für Männer, genießen +sie die Vergünstigung unentgeltlicher Ausbildung.</p> + +<p>Den Weg zu einem neuen Frauenberuf eröffnete die 1891 +gegründete Gartenbauschule von Swanley<a name= +"FNanchor_275"></a><a href="#Footnote_275"><sup>275</sup></a>. +Durch ihre Erfolge wurde den Frauen auch die Schule der +königlichen botanischen Gesellschaft zugänglich. Eine +landwirtschaftliche Schule, die statutengemäß +ausschließlich für gentlewomen, d.h. Frauen der +bürgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete Lady Warwick auf +ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Gärtnerei die +Geflügel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis +neuer $Arbeitsmöglichkeiten einbezog, so geschieht es auch +durch die von den Grafschaftsräten und Gemeinden vielfach ins +Leben gerufenen landwirtschaftlichen Schulen; auch die +landwirtschaftliche Nationalunion von Großbritannien hat sich +durch Gründung eines Frauenzweigvereins der Sache angenommen. +Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am St. +Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, +nachdem ihr im Krimkrieg die Schäden der dilettantischen +Krankenpflege traurig genug bekannt geworden waren, wurde auch +dieser Beruf ein Erwerbsberuf gebildeter Frauen. So giebt es kaum +ein Gebiet des Berufslebens, für das die Engländerinnen +sich nicht vorbereiten könnten. Im Unterschied von Amerika +aber ist die Erziehung der Geschlechter,—mit Ausnahme von +Irland, wo kürzlich der Versuch eines für Knaben und +Mädchen gemeinsamen Colleges gemacht wurde,—fast +durchweg eine getrennte. Daraus ergeben sich sowohl praktische als +psychologische Folgen schädlichster Natur und die Ausbildung +der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie z.B. in +zwei Jahren zu Landschaftsgärtnern vorbereitet, während +Männer dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und +fast alle, für das weibliche Geschlecht allein eingerichteten +kaufmännischen und künstlerischen Schulen haben einen +kürzeren oder weniger gründlichen Studiengang, als die +für Männer bestimmten. Andererseits wird aber auch durch +das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern, +der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch +verschärft, statt daß er durch gemeinschaftliche +Erziehung hätte gemildert werden und der Begriff der +Interessengemeinschaft seine Stelle hätte einnehmen +können.</p> + +<p>Der Zugang zu bürgerlichen Berufen wurde den +Engländerinnen im allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie +waren nicht nur seit den Zeiten des Feudalismus keine unbekannte +Erscheinung im öffentlichen Leben, sie hatten auch durch +frühe, ausgedehnte und vortrefflich organisierte +philanthropische Thätigkeit für ihr Verständnis und +ihre Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der +Reformatorin des Gefängniswesens, bis zu Beatrice Webb finden +wir eine Reihe bedeutender Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr +als durch ihre Worte für das Recht der Frau auf Arbeit +kämpften. So konnte die Regierung schon 1873 den Versuch +machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor der unter +dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen, und +wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der +Schulverhältnisse berufen und ihr eine außerordentlich +wertvolle Arbeit zu verdanken hatte, so übergab sie nach und +nach immer häufiger Frauen wichtige Aufgaben. Von +einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung einer Kommission +zur Untersuchung der Arbeiterverhältnisse, in der vier Frauen +mit Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden. +Sie bewährten sich so, daß kurze Zeit später eine +von ihnen, Miß Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine +andere, Miß Collet, als Korrespondentin des Labour Department +angestellt wurde. Auch Aerztinnen wurden als Bezirksärzte, als +Sanitätsinspektorinnen, als Leiter öffentlicher +Krankenhäuser,—besonders in den Kolonieen,—Beamte +der Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement +beschäftigt.</p> + +<p>Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem +Besitz der privaten Gesellschaft übernommen und die weiblichen +Angestellten beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften +Agitation dagegen,—der einzigen, die in so großem Stil +gegen das Eindringen der Frauen in bürgerliche Berufe in +England entfaltet wurde,—Frauen bei den Postsparkassen +angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und +Telegraphendienst Großbritanniens.<a name= +"FNanchor_276"></a><a href="#Footnote_276"><sup>276</sup></a> Unter +ihnen giebt es eine Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern +emporgestiegen sind. Fast in allen Ministerien beschäftigt die +Regierung Beamtinnen, ebenso in der Gefängnisverwaltung und +-Aufsicht, auf königlichen Observatorien und als Assistenten +der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen jedoch +befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren führte Miss +Abraham ziemlich selbständig die Geschäfte des aus 7 +Personen bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch +infolge ihrer Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die +weiblichen Inspektoren unter die Leitung des männlichen +Oberinspektors zu stellen. Es scheint, daß sich in der: +Zurückdrängung der Frauen auf untergeordnete Stellungen +der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben +ausdrückt. Er spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen +ebenso ab, obwohl die Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und +segensreicher wirkt, als im Dienst der Regierung. Wohl haben die +Frauenvereine in jedem Ort, fast in jeder Gemeinde um die +Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen müssen, jetzt +aber können sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden sie +als Schul-, Sanitäts und Handelsinspektoren, als +Polizeimatronen und Leiterinnen öffentlicher Anstalten aller +Art, als Standes- und Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als +Steuererheber, als Landschaftsgärtner öffentlicher +Anlagen und als Dozentinnen in den Haushaltungs- und +landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsräte thätig, +aber Gemeindevorsteher und Bürgermeister wie in Amerika finden +wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die +persönliche Leistungsfähigkeit allein den Ausschlag +giebt. Nicht nur, daß weibliche Handelsangestellte, +Stenographinnen und Maschinenschreiberinnen vor den Männern +schon vielfach den Vorzug erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich +zu Leiterinnen großer Geschäfte, selbst zu Bankiers +empor, die, obwohl die Börse ihnen verschlossen ist, +zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der Privatgelehrten und +Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter nimmt Jahr um +Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen fernliegenden +Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thätig und +zwar mit solchem Erfolg, daß kürzlich eine von ihnen zum +Mitglied der sehr exklusiven Königlichen Gesellschaft der +Architekten gewählt wurde. Unter den gelehrten Berufen aber +ist der medizinische derjenige, in dem die Frauen in England wie in +Amerika sich am meisten auszeichnen. Sie erfreuen sich großer +Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch den Konkurrenzneid der +Männer soweit besiegte, daß sie vor wenigen Jahren Mrs. +Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer großen Abteilung der +fast nur aus Männern bestehenden medizinischen Gesellschaft +erwählten.</p> + +<p>Am stärksten ist natürlich das weibliche Geschlecht im +Lehrberuf vertreten. Nicht nur, daß sie die männlichen +Lehrer an Zahl überwiegen, es ist ihnen gelungen, leitende +Stellungen, auch an Knabenschulen zu erobern. Dabei muß +eingeschaltet werden, daß das englische höhere +Schulwesen ausschließlich in Privathänden ruht, weder +Staatshilfe noch Staatsaufsicht genießt und die +Gesellschaften, die es leiten, zum großen Teil auch aus +Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische Lehrerin zu +solcher Bedeutung gelangen. Die männlichen Staats- und +Lokalverwaltungen repräsentieren immer eine konservative +Macht, die nur schwerfällig vorwärts schreitet. Das zeigt +sich auch dort, wo die Frau solche Stellungen zu erreichen strebt, +auf deren Gewährung die Behörden, vom eingewurzelten +Vorurteil überdies unterstützt, irgend welchen +Einfluß üben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und +Unterricht waren seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der +Familien und des Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn +über die ursprünglichen Grenzen herauszuführen, um +zur Armenpflegerin und Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu +führen. Berufe aber, die nicht von Anfang an mit dem Weib als +Geschlechtswesen in engem Zusammenhang standen, galten von +vornherein für unweiblich und wurden ihr daher verschlossen. +So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des Geistlichen +und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen und +Missionarinnen, die Hochkirche läßt sie ebensowenig zu +wie die lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten +dürfen Frauen seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten +schließt jeder Gerichtshof vorläufig noch aus.</p> + +<p>Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung +und Ziel gegeben und sie in den revolutionären Stürmen +des 19. Jahrhunderts jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb +schließlich in seinen Erfolgen hinter Amerika und England +zurück. Die Ursache davon ist vorwiegend in der durch die +Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen zivilrechtlich +ungünstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die +Frauenbewegung sich von der Reaktion der fünfziger Jahre +erholt hatte, verwandte sie ihre besten Kräfte auf den Kampf +gegen eine Unterdrückung, die wohl geeignet war, jedes +Vorwärtsstreben zu erschweren. Ihre Agitation für +höheren Unterricht und Zulassung zu bürgerlichen Berufen +war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine +lebhafte. Zunächst galt es, die teilweise Eröffnung der +Universität nicht dadurch illusorisch werden zu lassen, +daß die Erfüllung der Vorbedingungen nicht vorhanden +war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der Einrichtung +freier Vortragskurse für Mädchen, ohne Erfolg zu haben. +Auch die Privatanstalten genügten nicht. Legouvé, der +nach wie vor an der Spitze dieser Bewegung stand, sammelte +schließlich eine immer größere Zahl von Frauen und +Männern um sich, die für die Idee der staatlichen +Intervention eintraten und die Errichtung von Mädchengymnasien +verlangten, die denen für Knaben entsprechen sollten. Aber +erst im Jahre 1880 setzte Camille Sée ein Gesetz durch, +wonach der Staat sich verpflichtete, mit Unterstützung der +Kommunen höhere Mädchenschulen ins Leben zu rufen. Wenn +dies Gesetz auch den Wünschen der Frauen und ihrer Freunde +noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die neuen +Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 städtische +bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu +Gymnasien, so war die Anerkennung der Notwendigkeit höherer +Frauenbildung durch den Staat immerhin ein Fortschritt. Seine +Bedeutung ist um so größer, als von vornherein +ausschließlich Frauen zu Leitern und Lehrern in den Lyceen +bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs mit +sich und führte schon ein Jahr später zur Gründung +der Ecole normale in Sèvres, an der die Ausbildung der dem +höheren Mädchenunterricht sich widmenden Frauen erfolgt<a +name="FNanchor_277"></a><a href="#Footnote_277"><sup>277</sup></a>, +soweit sie sich nicht durch Universitätsstudien vorbereiten. +Seit 1870 schon stehen ihnen, mit Ausnahme der theologischen, nicht +nur sämtliche Fakultäten offen, sie können auch +dieselben Grade erwerben wie die Männer. Auf dem Gebiet der +Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kämpfen, der bis +heute noch nicht ganz zum Ziele führte: Zur klinischen und +chirurgischen Ausbildung und dem damit verbundenen Examen wurde +ihnen gar nicht oder nur ausnahmsweise Zulaß gewährt. +Schließlich erreichten sie es, in den Pariser Spitälern +vier Jahre studieren zu dürfen, ohne daß man sie jedoch +zu den höheren Prüfungen zuließ. Die Studenten +sowohl wie die Aerzte waren während des ganzen Kampfes ihre +ausgesprochenen Gegner. Auch auf einem anderen Gebiete, dem des +künstlerischen Studiums, war von einer Gleichberechtigung der +Frauen lange Zeit hindurch keine Rede. Selbst die Leistungen einer +Rosa Bonheur, einer Vigé-Lebrun waren nicht im stande +gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu +ermöglichen. Die traditionelle Meinung, daß die guten +Sitten dadurch verletzt würden, mußte hier ebenso wie +beim klinischen Unterricht als Vorwand der Ausschließung +dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die französische +Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur Gründung +von zwei Ateliers für Schülerinnen, um damit dem +Vorurteil der gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu +kommen.</p> + +<p>Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und +kaufmännischen Unterrichts der Frauen einer Lösung +entgegen. Schon 1870 zählten die fünf Pariser +kaufmännischen Schulen 800 Schülerinnen. In den Provinzen +entstanden, zum Teil durch die Kommunen, ähnliche Anstalten, +deren starke Frequenz dafür Zeugnis ablegt, daß sie +einem dringenden Bedürfnis entsprechen.</p> + +<p>Die Frau im kaufmännischen Beruf ist denn auch seit langem +eine wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rühmt ihr +allgemein ihre Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, +die ihr Geschäft wirklich ganz selbständig leiten, sind +hier daher verhältnismäßig häufiger zu finden, +als in anderen Ländern. Schon in den fünfziger Jahren +wurden ihre Talente dadurch anerkannt, daß die +Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux +anzustellen, und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts +Frauen im Postdienst beschäftigt hatte, vermehrte ihre Zahl +von 1877 ab bedeutend.<a name="FNanchor_278"></a><a href= +"#Footnote_278"><sup>278</sup></a> Außerdem vertraute er +sämtliche Tabakgeschäfte—die Tabakfabrikation und +der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol—, Frauen +an, und beschäftigt eine große Zahl von ihnen in der +Bank von Frankreich. Im übrigen ist die Zahl der staatlich +angestellten Frauen gering und sie befinden sich fast +ausschließlich in untergeordneten Stellungen. Den +höchsten Rang nehmen die Gefängnis- und +Schulinspektorinnen—von denen es allerdings nur drei +giebt—ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden nur das Amt von +Assistentinnen, haben sich aber so bewährt, daß z.B. +allein im Seine-Departement 14 thätig sind. Außer ihnen +sind weibliche Staatsbeamte als Gefangenenwärter, als +Lehrerinnen in Taubstummen- und Hebammenschulen zu finden. Seit +einiger Zeit hat die Regierung auch Aerztinnen in ihren Dienst +genommen: Madame Sarraute wirkt an der großen Oper; für +das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen +angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen +angeschlossen oder an staatlichen Mädchenlyceen verwendet.<a +name="FNanchor_279"></a><a href="#Footnote_279"><sup>279</sup></a> +Von allen Frauen werden natürlich Lehrerinnen vom Staat und +von den Kommunen am meisten beschäftigt. Ihr Einfluß +reicht soweit, daß sie sowohl den Departementsräten als +dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder angehören +können. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an +der Universität zugelassen zu werden oder die Leitung eines +Hospitals in die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene +oder besser bezahlte Stellungen handelt, hört auch bei den +damenfreundlichen Franzosen das Entgegenkommen auf. Trotzdem wird +der Zugang zu bürgerlichen Berufen den Frauen leichter +gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der +stagnierenden Bevölkerung die Konkurrenz keine so lebhafte +ist, sei es, weil die Französinnen der bürgerlichen +Kreise selbst noch nicht nach Amt und Brot so heftig zu streben +gezwungen sind. Unter den Studentinnen giebt es wenig geborene +Französinnen, selbst unter den Aerztinnen, von denen in Paris +allein 77 eine große Praxis ausüben, sind viele +Ausländerinnen. Neuerdings hat die französische +Frauenbewegung dadurch einen wichtigen Schritt vorwärts +gethan, daß die Frauen zur Advokatur zugelassen wurden. Es +war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz der Zulassung zum +juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor Jahren +glänzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, +um zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der +Rechtsanwälte hatten Frauen festen Fuß gefaßt. +1899 jedoch nahm die Kammer einen Antrag des sozialistischen +Abgeordneten Viviani an, der die Zulassung der Frauen zur Advokatur +forderte. Im Herbst 1900 bestätigte der Senat das Votum und +ein Vierteljahr später wurde die erste Advokatin, Madame S. +Balachowski-Petit, feierlich vereidet.</p> + +<p>Unter den bürgerlichen Berufen privater Natur, in denen die +Französinnen thätig sind, wird einer von ihnen besonders +geschätzt: der schriftstellerische und journalistische. Von +jeher haben sich die Französinnen durch ihre Gewandtheit, mit +der Feder umzugehen, hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de +Staël, Georges Sand, Madame d'Agoult (Daniel Stern), +neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die Gyp und viele +andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen +Ländern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen +Talente zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem +Titel La Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja +sogar gedruckte politische Tageszeitung gründete. So wenig +solch ein Unternehmen auch dem wirklichen Fortschritt entspricht +und im Interesse der Frauenbewegung gelegen ist—denn erst das +Zusammenarbeiten von Mann und Weib auf gleichen Gebieten und unter +gleichen Bedingungen würde ihre Kräfte stählen und +erproben—, so liefert es doch für die Fähigkeiten +der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen +Erwerbsmöglichkeiten.</p> + +<p>Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der +bürgerlichen Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in +demselben Tempo erfolgt, wie man es nach den Anfängen der +französischen Frauenbewegung hätte annehmen können, +und in dem, was erreicht wurde, ist es von manchen anderen +Ländern überflügelt worden.</p> + +<p>Nur ein flüchtiger Ueberblick,—die Schilderung der +Frauenbewegung eines jeden Landes würde ins Endlose +führen und im großen und ganzen dieselben +Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,—soll +den Beweis dafür erbringen.</p> + +<p>In Rußland, das schon in den sechziger Jahren +Universitäts- und medizinische Kurse eingerichtet hatte, +vermochte selbst die mehr als zehnjährige Reaktionszeit von +1882 an, während der das Studium der Medizin den Frauen nicht +gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache nicht Einhalt zu +gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52 Aerztinnen. +1896 erfolgte dann die Neueröffnung der medizinischen +Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden +läßt, wie sie die Männer erhalten, und sie +denselben Prüfungen unterwirft. Sowohl in Moskau als in Kiew +können sie unter gleichen Verhältnissen Medizin +studieren, außerdem steht ihnen in Petersburg ein +orientalisches Seminar zur Verfügung. Die Vorbereitung zur +Universität vermitteln die schon 1868 von Frauen +gegründeten und geleiteten höheren Frauenkurse, die mit +der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung +immer besser ausgebildet wurden. Außer ihnen bestehen noch +klassische Mädchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum +Universitätsstudium berechtigt, und 350 Mädchenlyceen, +die in manchen Punkten unseren höheren Töchterschulen +ähnlich sind, in anderen wieder,—z.B. werden die +klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur +fakultativ ist,—weit über sie hinaus gehen.<a name= +"FNanchor_280"></a><a href="#Footnote_280"><sup>280</sup></a> +Besonders hoch steht in Rußland die Ausbildung der +Lehrerinnen. Nicht nur, daß sie großenteils +Universitätsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den +"Instituten der Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei +unterstehen, eine ebenso billige wie vortreffliche Erziehung +geboten, die sie, nach Absolvierung der Prüfungen, zum +Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf berechtigt. Es ist +wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß unter den +russischen Frauen die Lehrerin die Trägerin nicht nur der +Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Beförderin der +Volksaufklärung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre +Leistungen fanden soweit öffentliche Anerkennung, daß +Mädchenschulen und Mädchengymnasien großenteils +weibliche Lehrkräfte und sogar weibliche Direktoren haben, die +allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in einem gewissen +Abhängigkeitsverhältnis stehen.</p> + +<p>Einer großen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen +Aerzte, deren staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im +Gegensatz zu der herkömmlichen Ansicht, daß Frauen +großen körperlichen Strapazen nicht gewachsen sind, hat +es sich gezeigt, daß gerade die Landärztinnen, die +gezwungen sind, unter elenden Verhältnissen, inmitten einer +rohen Bevölkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen +Schauern eines russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich +außerordentlich bewähren. Aber auch in den +Großstädten sind sie mit Erfolg thätig. In +Petersburg, wo neben 21 männlichen 15 weibliche +Bezirksärzte und außerdem 35 Aerztinnen in staatlichen +Krankenhäusern Anstellung fanden<a name="FNanchor_281"></a><a +href="#Footnote_281"><sup>281</sup></a>, hat der Magistrat in einem +offiziellen Bericht festgestellt, daß auf einen +männlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf einen weiblichen +7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum bevorzugt werden. +Außer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen Apotheker eines +guten Rufs. Noch ein anderer für die russischen +Verhältnisse wichtiger Frauenberuf findet die +Unterstützung des Staates: Seit kurzem hat das Ministerium +für Landwirtschaft landwirtschaftliche Lehranstalten für +Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in denen sie sich +für alle in Betracht kommenden Fächer ausbilden +können. Die ersten, die ihre Studien zu Ende führten, +wurden von der Regierung teils in den Bureaux des Ministeriums, +teils als Inspektorinnen angestellt. Auch der Frage der +Fabrikinspektoren ist Rußland in ähnlicher Weise +nahegetreten, indem es zunächst die Einrichtung von +Unterrichtskursen plant, deren Schülerinnen dann als +Aufsichtsbeamte Verwendung finden sollen. Als ein großer +Erfolg kann es ferner betrachtet werden, daß die Staatsbank +Frauen beschäftigt. Diese Unterstützung, die seitens der +öffentlichen Verwaltung der Frauenbewegung zu teil wird, +läßt sich wesentlich aus dem Mangel an +Arbeitskräften erklären und der geringe Widerstand, der +ihr seitens der Männer entgegengesetzt wird, hat seinen Grund +darin, daß das riesige Land und das große Volk +besonders für Lehrer und Aerzte noch unendlich viel Platz +haben.</p> + +<p>Noch weiter vorgeschritten als Rußland ist Finland, wo +Gymnasien und Universität dem weiblichen Geschlecht mit +gleichen Rechten offen stehen, wie dem männlichen. Hier finden +sich neben staatlich angestellten Aerztinnen auch weibliche +Armenpfleger und Direktoren von Armenhäusern. In den +Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und +Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse +hervorgethan.</p> + +<p>Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitäten +den Frauen eröffnete und ihnen die medizinische Laufbahn +erschloß, gewährt ihnen heute fast überall +dieselben Rechte wie den Männern. Die Mädchenschulen, an +die sich Gymnasialklassen anschließen, bereiten zum +Abiturientenexamen vor, das auch von den Mädchen mit Vorliebe +gemacht wird, die nicht das Universitätsstudium daran +schließen; infolgedessen ist die Bildung der Schwedinnen eine +im allgemeinen hohe. Seit Sonja Kowalewska als erster weiblicher +Dozent den Lehrstuhl für Mathematik in Stockholm bestieg, +steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen Fries war +ihre nächste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson +zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universität +berufen. Ein Jahr später wurde eine Aerztin am +Pathologisch-Anatomischen Institut der Stockholmer medizinischen +Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an der Lehrerschaft +Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, können schon seit 15 +Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehörden werden, auch als +Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen +Verwendung. Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur +zugelassen. Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. +Der erste juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf +die Seite der Frauen gestellt, daß sogar ihre Zulassung zum +Verwaltungsdienst und zum Notarberuf erfolgte,<a name= +"FNanchor_282"></a><a href="#Footnote_282"><sup>282</sup></a> Die +Universität, die ihnen erst 1880 eröffnet wurde, +läßt sie heute zu jedem Studium und zu allen +Prüfungen zu, ebenso sind die Gymnasien ihnen geöffnet. +Apothekerinnen und Aerztinnen, Gymnasiallehrerinnen und +Schulinspektorinnen sind schon lange eine gewohnte Erscheinung. Im +Post- und Telegraphendienst befinden sich Frauen in Norwegen und +Schweden schon seit 1857 resp. 1860.</p> + +<p>Dänemark steht hinter den genannten Ländern +zurück. Zwar läßt die Universität Kopenhagen +seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu, Aerztinnen sind den +Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehörden haben weibliche +Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und der +Staat stellt nur selten weibliche Beamte an.</p> + +<p>Ein ähnliches Verhältnis besteht in Belgien, wo sogar +die Aerztinnen ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen können. +Besonders gut eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und +landwirtschaftliche Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat +dadurch unterstützt wird, daß landwirtschaftliche +Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und Leitung +praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen +heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kämpfen bisher +die Frauen unter Führung der Juristin Marie Popelin um +Zulassung zur Advokatur.<a name="FNanchor_283"></a><a href= +"#Footnote_283"><sup>283</sup></a></p> + +<p>Weit größere Fortschritte hat die holländische +Frauenbewegung zu verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche +Ausbildung genießen die Frauen genau dieselben Vorteile wie +die Männer. Auch die Gymnasien besuchen Knaben und +Mädchen gemeinsam. Ebenso ist kein wissenschaftlicher Beruf +ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die +weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Fräulein Dr. von +Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die +Universität Utrecht berufen. Unter den drei von der +Kommunal-Verwaltung Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine +Frau, und die medizinische Examinationskommission hat seit 1898 +auch ein weibliches Mitglied. Im Staatsdienst steht außerdem +eine Assistentin der Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings +erst das Ergebnis einer sehr langen Agitation gewesen ist.</p> + +<p>Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universitätsstudium +zuließ, ist ihrem frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu +geblieben. Zunächst spricht die steigende Verwendung von +Lehrerinnen dafür: seit 1871 haben sie um 87 Proz., die Lehrer +nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch stärkeren Beweis liefert +der Umstand, daß die Frauen nicht nur als Schulräte, +Schulinspektoren, Armenpfleger und,—wenn auch vorläufig +in geringem Umfang,—als Arbeitsinspektoren thätig sind, +sondern daß ihnen auch das Recht gewährt wurde, +Lehrstühle der Universitäten einzunehmen, sowie seit 1899 +als Rechtsanwälte zu praktizieren.</p> + +<p>Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht +verleugnet. Wie im Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche +Dozenten an den Universitäten, die den weiblichen Studenten +nie verschlossen waren, und in denen sie seit 1890 den +männlichen in jeder Beziehung gleichstehen. Die +Knabengymnasien werden auch von Mädchen besucht, +außerdem existieren noch besondere Mädchengymnasien mit +dem gleichen Lehrplan, von denen das erste 1891 vom +Kultusministerium in Rom eröffnet wurde. Schon 1868 stellte +der Staat die erste Schulinspektorin an<a name= +"FNanchor_284"></a><a href="#Footnote_284"><sup>284</sup></a>; +heute sind doppelt soviel Lehrerinnen als Lehrer thätig und +wirken sowohl an Knaben- wie an Mädchenschulen. Aerztinnen und +Apothekerinnen stehen den Männern völlig gleich. Nur um +die Zulassung zur Advokatur kämpfen die Frauen, seitdem Laida +Poët, nach glänzend absolviertem Doktorexamen, energisch +dafür eintrat<a name="FNanchor_285"></a><a href= +"#Footnote_285"><sup>285</sup></a>, bis heute ebenso vergebens wie +in Belgien, und im Staatsdienst stehen, außer den Post- und +Telegraphenbeamtinnen, nur wenige Frauen.</p> + +<p>Unter den romanischen Ländern sind Spanien und Portugal die +zurückgebliebensten, obwohl auch ihre Universitäten, zum +Teil sogar seit Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt +jedoch an den Mitteln zur nötigen Vorbildung. In Spanien sind +auch die höheren Berufe den Frauen verschlossen, während +in Portugal weibliche Aerzte praktizieren dürfen.<a name= +"FNanchor_286"></a><a href="#Footnote_286"><sup>286</sup></a> +Selbst die Türkei, wo ein Mädchengymnasium besteht, +gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und +ließ sie bereits ein Jahr früher zur ärztlichen +Praxis zu. Griechenland, Serbien und Rumänien gewähren +den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf fast völlig gleiche +Rechte mit den Männern. Rumänien läßt sie zu +den Lehrstühlen der Universität und zur Advokatur zu.<a +name="FNanchor_287"></a><a href="#Footnote_287"><sup>287</sup></a> +Erklären läßt sich diese, für die kulturell im +allgemeinen zurückgebliebenen Länder merkwürdige +Erscheinung dadurch, daß der Zudrang zum Studium und zu den +wissenschaftlichen Berufen seitens der Männer kein +großer ist, und man nicht nur die Lücken durch Frauen +ausfüllen, sondern auch durch ihren Wettbewerb die Leistungen +der Männer steigern will. Hierzu kommt, daß weibliche +Aerzte gerade in muhamedanischen Bevölkerungen, wo die kranken +Frauen jeder ärztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von +Männern ausging, einem dringenden Bedürfnis +entsprechen.</p> + +<p>Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon +verhältnismäßig früh entschlossen, Aerztinnen +anzustellen, obwohl seine Stellung zur Frauenbewegung damals noch +eine reaktionäre war. 1890 wurde die erste Aerztin, Dr. +Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere folgten. Sie +stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den männlichen +Aerzten völlig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch nur +auf nicht-österreichischen Universitäten nachgehen. +Obwohl bereits im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gäste +einzelnen Vorlesungen an österreichischen Universitäten +beiwohnen durften, wurden sie erst seit 1897 als Studentinnen zu +den Vorlesungen und Prüfungen der philosophischen +Fakultät zugelassen, während sie offiziell weder Medizin +studieren noch darin geprüft werden konnten. Erst neuerdings +ist es ihnen ermöglicht worden; es steht sogar zu erwarten, +daß das Studium der Jurisprudenz ihnen an allen +Universitäten gestattet wird. Günstiger stellt sich die +Frage des Universitätsstudiums der Frauen in Ungarn, wo sie +1896 an der Universität Budapest zu allen Fakultäten +zugelassen wurden.<a name="FNanchor_288"></a><a href= +"#Footnote_288"><sup>288</sup></a> Die Vorbereitung zur +Universität ist die Aufgabe einer Anzahl privater +Mädchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in Prag, +Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zähe +Agitation verschiedener Frauenvereine zurückzuführen +sind.</p> + +<p>Die Berufsthätigkeit der österreichischen Frauen, die +sich besonders im letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, +beschränkt sich trotzdem nur auf wenige Berufe. Zwar steht +ihnen die ärztliche Laufbahn offen, in Ungarn sind sie auch +zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden sich die +meisten erwerbsuchenden Frauen aus bürgerlichen Kreisen noch +dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich +nach und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach +auch die Knabenklassen, weiblichen Lehrkräften anzuvertrauen. +Seit kurzem—1899—hat Galizien den Anfang gemacht, +Frauen auch in den Bezirksschulrat aufzunehmen,—ein Vorgehen, +das von den übrigen Ländern der +österreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden +dürfte. Im Staats- und Gemeindedienst stehen, außer den +Volksschullehrerinnen, die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren +Zulassung erst nach hartem Kampf mit den männlichen Kollegen +erfolgte, eine Anzahl Gerichtssachverständige und Bureaubeamte +in untergeordneten Stellungen.</p> + +<p>Noch ein Blick auf die außereuropäischen Länder +vollende die Uebersicht: in Australien genießen die Frauen +fast überall die gleichen Rechte auf Bildung und Beruf wie die +Männer. Sie stehen als Fabrik- und Schulinspektoren, als +Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als Aerzte, +Anwälte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien +können sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in +Asien hat die Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche +Aerzte und Rechtsanwälte sind in Indien, dessen +Universitäten den Frauen offen stehen, keine Seltenheit. +Neuerdings nimmt auch die japanische Universität Studentinnen +auf und die Gründung einer eigenen Frauenhochschule steht in +Aussicht. Im japanischen Postdienst finden Frauen Verwendung. China +hat kürzlich ein Mädchengymnasium gegründet und an +der Universität Peking dozieren weibliche Professoren. Der +Negus von Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen +an ihren Hof berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung +die Ideen der Frauenbewegung.</p> + +<p>Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich +zurückgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, +gleichsam wie ein dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von +der vorgeschrittenen Entwicklung der übrigen Länder +abhebe.</p> + +<p>Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunächst +allein durch die Organisation der Frauen bezeichnet. Für die +deutsche Frau, die mehr als irgend eine andere an die Familie, an +das Haus gebunden gewesen war, erschien die Gründung von +Frauenvereinen an sich schon als ein bedeutsames Ereignis. +Daß es einem Bedürfnis entsprach, bewies das zahlreiche +ins Leben treten von Verbänden im Anschluß an den +Allgemeinen deutschen Frauenverein und an den Letteverein. +Einesteils drängte das von Sorgen und Zweifeln übervolle +Frauenherz nach Aussprache, andererseits trieben die traurigen +Vermögensverhältnisse Tausende auf die Suche nach Arbeit. +Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die Spitze eines +Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten, deren +Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemäßigte +Sprache führte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein +konnte für sich und seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen +Bahnen" ins Leben rufen, das etwas energischer auftrat. Auf eine +bessere Ausbildung der Mädchen versuchten beide zunächst +einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie sie in Berlin, +Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden<a name= +"FNanchor_289"></a><a href="#Footnote_289"><sup>289</sup></a>, +wurden auch anderwärts eingerichtet, um die Mädchen vor +allem zum kaufmännischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten +ihr Entstehen jedoch fast ausschließlich privater +Unterstützung. Staat und Kommunalverwaltungen verhielten sich +ganz ablehnend. Noch schroffer war ihre Haltung, sobald die Frage +der wissenschaftlichen Erziehung der Mädchen an sie herantrat. +Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den bestehenden Gymnasien +gefordert<a name="FNanchor_290"></a><a href= +"#Footnote_290"><sup>290</sup></a>; der Allgemeine deutsche +Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner +Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die +Gründung von Realgymnasien für Mädchen +befürwortete. Aber nicht nur außerhalb, auch innerhalb +des Vereins gab es noch ängstliche Gemüter genug, die um +die Gefährdung der Weiblichkeit zitterten, oder die +Bestrebungen der Frauen mit Hohn und Spott +überschütteten. Unter den Politikern, wie unter den +Männern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer +Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von +Mädchengymnasien wurde mit Entrüstung +zurückgewiesen<a name="FNanchor_291"></a><a href= +"#Footnote_291"><sup>291</sup></a>, und Heinrich von Sybel machte +sich zum Wortführer der Gegner des Frauenstudiums, indem er +sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort von +dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein, +schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der +Frauenbewegung mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde +führen. Ganz blind konnte jedoch selbst er nicht an den +thatsächlichen Verhältnissen vorübergehen, die es +vielen Frauen unmöglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu +erfüllen und so entschloß er sich zu der Inkonsequenz, +der Unverheirateten wegen, die Einrichtung von +naturwissenschaftlichen, medizinischen und kaufmännischen +Schulen für wünschenswert zu erklären.<a name= +"FNanchor_292"></a><a href="#Footnote_292"><sup>292</sup></a></p> + +<p>Eine ähnliche Stimmung zeigte sich überall: man gab +die Notwendigkeit besserer Mädchenerziehung zu, aber man +hütete sich ängstlich, sich einzugestehen, wodurch sie +verursacht wurde. Charakteristisch hierfür waren die +Verhandlungen der Töchterlehrerversammlung in Weimar 1872. +Eine Neuorganisation des höheren Mädchenschulwesens, +sogar ihre gesetzliche Regelung wurde allgemein gewünscht, die +Erwerbsfrage aber feige verleugnet und ausdrücklich bestimmt, +daß die Mädchenschule die Teilnahme an der allgemeinen +Geistesbildung den Frauen ermöglichen solle, ihre Gestaltung +aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des Weibes +Rücksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein für das +höhere Mädchenschulwesen, der ein Jahr später ins +Leben trat, fußte auf diesen Grundsätzen, und als sich +im selben Jahre das preußische Unterrichtsministerium +entschloß, sich mit der Frage zu beschäftigen, stellte +es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der Frauenbewegung +insofern eine Konzession, als es erklärte, daß die +Vorbildung für künftige Berufsarbeit besonderen +Einrichtungen vorbehalten werden müsse. Solche Einrichtungen +zu treffen, sollte jedoch ganz der privaten Initiative +überlassen bleiben. Eine Ausländerin, Miß Archer, +war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter dem +Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der +Mädchen, die die Schule absolviert hatten, sich +wissenschaftlich weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre später +wurde die Humboldt-Akademie in Berlin zu ähnlichem Zweck +gegründet, ohne daß beide zunächst praktische +Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten zu +keinerlei Prüfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die +Agitation der Frauen für ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie +beschränkte sich fast nur auf die Thätigkeit innerhalb +der Vereine. Dagegen setzte die litterarische Fehde seit Sybels +Auftreten ihr Für und Wider lebhaft fort. Die streitbare Feder +Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger Jahre in den Dienst der +Frauenbewegung<a name="FNanchor_293"></a><a href= +"#Footnote_293"><sup>293</sup></a>, während die milde Luise +Büchners durch Rücksichtnahme auf Tradition und Vorurteil +die Leser zu gewinnen suchte<a name="FNanchor_294"></a><a href= +"#Footnote_294"><sup>294</sup></a>. So wurde zwar die +Aufmerksamkeit mehr als bisher auf die Frauenfrage gelenkt, aber +von öffentlichem Interesse war sie nicht.</p> + +<p>Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine +lebhaftere Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts +der Frauen. Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der außerdem seine +Kräfte vielfach verzettelte, wurde der Verein +Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung von +Mädchengymnasien und Eröffnung von Universitäten zu +seinem ausschließlichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die +Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine +Petition um Zulassung zu den Maturitätsprüfungen der +Gymnasien und dem Studium an den Hochschulen versandte. Inzwischen +war auch der Allgemeine deutsche Frauenverein lebendiger geworden; +er reichte im selben Jahre allen Kultusministerien Deutschlands ein +Gesuch ein, wonach das Studium der Medizin, sowie alle Studien und +Prüfungen, durch welche die Männer die Befähigung +zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen freigegeben +werden möchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten, +gaben die Stimmung Deutschlands gegenüber den Frauen zu einer +Zeit, wo sie in fast allen Kulturländern studieren, als +Aerztinnen oder Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige +Staatsämter ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: +dem Verein Frauenbildungs-Reform gegenüber erklärten sich +die Einzelstaaten nicht kompetent zur Lösung der Frage, der +Reichstag aber verwies wieder an die Einzelstaaten, und der +Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7 Staaten eine +ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung kam der +Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das Recht +erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine offizielle +Prüfungsbehörde examinieren ließ.</p> + +<p>Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen +unter dem Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Gründung +von Realkursen für Mädchen entschloß, aus denen +einige Jahre später unter der Leitung von Helene Lange +Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und energischen +Agitation war es auch zu danken, daß endlich, 1893, die +Zulassung zum Abiturientenexamen den Mädchen gestattet wurde. +Die Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,—nur die +Gymnasien von Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch +weibliche Schüler auf,—man sah sich daher wieder auf +Selbsthilfe angewiesen. Allmählich entstanden in einer Reihe +deutscher Großstädte Gymnasien nach dem Muster der +Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mädchen nur nach der +absolvierten Töchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. +Von großer Bedeutung war es, daß die Stadt Karlsruhe +das Gymnasium schließlich selbst übernahm, es schien +gewissermaßen die öffentliche Sanktion der bisher +privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Städte +München und Breslau gingen noch weiter, indem sie +Mädchengymnasien selbständig errichten wollten. Aber die +Erlaubnis wurde ihrem staatsgefährlichen Beginnen versagt! Der +damalige preußische Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug +auf das Breslauer Unternehmen von einem Flämmchen, das er +ersticken müsse, ehe es zur verheerenden Flamme werde. Und das +geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Rußland schon 30 +Jahre lang staatliche Mädchengymnasien besaß, und China +im Begriffe stand, das erste zu gründen! Daß die Haltung +der Regierung und der Volksvertretung gegenüber der Forderung +der Zulassung der Frauen zu den Universitäten keine +freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung dafür keine +Unterstützung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die +erste Petition um Freigabe des ärztlichen Studiums im +deutschen Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein +revolutionärer Akt betrachtet. "Das deutsche Weib", "die +deutsche Familie", "die deutsche Sittsamkeit", wurden mit +großem Aufwand an Pathos ihr gegenüber verteidigt. Nur +die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit +nachdrücklichem Ernst für die Sache der Frauen ein<a +name="FNanchor_295"></a><a href= +"#Footnote_295"><sup>295</sup></a>,—gefährliche +Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die +Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die +Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter +liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber +blieb dasselbe: die Wünsche der Frauen wurden durch einfachen +Uebergang zur Tagesordnung erledigt.<a name="FNanchor_296"></a><a +href="#Footnote_296"><sup>296</sup></a></p> + +<p>Seitdem hat eine Aenderung der Verhältnisse sich im stillen +vorbereitet. Die Universitäten fingen an, Frauen als +Hospitantinnen zuzulassen, zunächst—wahrscheinlich aus +Ehrfurcht vor dem "deutschen Weibe"—wesentlich +Ausländerinnen, von denen einige sogar deutsche Doktordiplome +erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die Erfahrungen, die man +machte, mußten keine schlechten sein, denn, obwohl die +Aufnahme weiblicher Hörer von dem Wohlwollen jedes Dozenten +abhing, steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar +ließen, im Unterschied zu anderen Ländern, Professoren +aller Fakultäten, auch der theologischen, Frauen zu ihren +Vorlesungen zu. Aber einen praktischen Wert besaß ihr Studium +insofern nicht, als sie immer nur geduldet und nicht geprüft +wurden. Erst im Jahr 1899 beschloß der Bundesrat die +Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und +pharmazeutischen Staatsprüfungen. Gegenwärtig hat er auf +Antrag des Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere +Zugeständnisse zu machen, indem ihnen die Studienzeit auf +ausländischen Universitäten,—auf die sie bisher +allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen +abschließen,—bei der Meldung zur deutschen +Staatsprüfung voll angerechnet werden soll. Das ist für +Deutschland ein großer Fortschritt, auch wenn man in Betracht +zieht, daß in Italien schon seit zehn Jahren weibliche +Dozenten der Medizin Lehrstühle der Universitäten +bekleiden, Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die +Türkei gar um fünf Jahre voraus ist, und in Rußland +schon seit nahezu 18 Jahren die Staatsprüfungen den Frauen +offen stehen.</p> + +<p>Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der +deutschen Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg +gewährten ihnen volles akademisches Bürgerrecht.</p> + +<p>Nach alledem sind die deutschen Töchter der Bourgeoisie auf +folgende Bildungsmöglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen +neben Privatinstituten 580 höhere Mädchenschulen offen, +im Gegensatz zu 850 höheren Knabenschulen, die aber nur +gehobene Elementarschulen und im preußischen Etat z.B. den +Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17 staatlich. Sie +können ferner Mädchengymnasien, die, bis auf eins, unter +privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen +Zulassung finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so +stehen ihnen in Deutschland 114 Seminare zur Verfügung. +Charakteristisch ist, daß in Preußen allein 112 +Staatsseminare für Männer und—10 für Frauen +gezählt werden. Das Oberlehrerinnenexamen können sie auf +Grund ihrer Studien am Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie +oder in den von Göttingen eingerichteten Fortbildungskursen +machen. Nur an zwei Universitäten können sie mit gleichen +Rechten wie die Männer studieren und nur das medizinische +Doktorexamen steht ihnen offiziell überall offen. Die +staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht +anders als die Mehrzahl der Universitäten.</p> + +<p>Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die +Vorbereitung weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen +auch hier fast ausschließlich privater Initiative ihren +Ursprung und ihr Bestehen verdanken. Neben den Handels- und +Gewerbeschulen sind neuerdings, nach dem Muster Englands, auch +Gartenbauschulen für Frauen entstanden.</p> + +<p>Das trübe Bild, das wir entwerfen mußten und das auf +einen außerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt +schließen läßt, wird noch um vieles trüber, +wenn wir von dem Kampf um Ausbildung für das Berufsleben zum +Kampf um die Berufe selbst übergehen.</p> + +<p>Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit +Erfolg im Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf +bezügliche erste Petition des Allgemeinen deutschen +Frauenvereins im Reichstag des Norddeutschen Bundes nichts als +schallende Heiterkeit<a name="FNanchor_297"></a><a href= +"#Footnote_297"><sup>297</sup></a>, die sich fünf Jahre +später, unter Führung des Staatssekretärs von +Stephan wiederholte<a name="FNanchor_298"></a><a href= +"#Footnote_298"><sup>298</sup></a>, und nur insofern einen +Fortschritt in der Stimmung zum Ausdruck brachte, als sie dem +Reichskanzler zur Berücksichtigung überwiesen wurde. +Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um Zulassung der Frauen +zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war ein leiser, aber +anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken, und so wurden +in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die +Erwerbsmöglichkeiten in eingehende Erwägung gezogen. Der +Börsenkrach von 1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von +Frauen und Mädchen dazu, sich nach einem Beruf, der sie +ernähren konnte, umzusehen. Man petitionierte bei den +verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von +Lehrerinnen, man gründete—im Allgemeinen deutschen +Frauenverein—einen Stipendienfonds, um arme Mädchen im +Ausland studieren zu lassen, man sprach zum erstenmal davon, +daß Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-, Armen- und +Arbeitshäusern, in Gefängnissen und bei der Sittenpolizei +Verwendung finden müßten, ohne natürlich den +geringsten positiven Erfolg zu haben. In der Not verstieg man sich +sogar dazu, den "wohlerzogenen" Mädchen den Beruf der +Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein angenehmes und besonders +einträgliches sei".<a name="FNanchor_299"></a><a href= +"#Footnote_299"><sup>299</sup></a> Thatsächlich wandten sich +auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie +Arbeiten zu, die ihnen für Haus und Familie schon gewohnt +waren und die sie nun ernähren, oder—der häufigste +Fall—ihre finanzielle Lage verbessern sollten. Dem deutschen +Philister war solch ein Vorgehen, das Weib und Tochter nicht dem +"trauten Heim" entriß, sympathisch; kämpfte er doch +sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon lange +ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich +weniger Vorurteil und Sentimentalität, als +Konkurrenzfurcht.—Die Differenzen zwischen Lehrern und +Lehrerinnen traten zuerst im Verein für das höhere +Mädchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere +Kreise. Die Männer wollten die Thätigkeit des weiblichen +Erziehers womöglich nur auf die Elementarfächer +beschränken, während die Frauen, gereizt durch diese +Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen, und den ganzen +Mädchenunterricht in die Hände bekommen wollten, indem +sie sich natürlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, +Weiblichkeit und wie die schönen Worte alle heißen, die +dem Deutschen besonders geläufig sind, beriefen. Dieser Streit +spitzte sich zu, als der Verein für höhere +Mädchenschulen darum petitionierte, daß die Leitung +solcher Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen +dagegen dem Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach +der Unterricht in der Mittel- und Oberstufe hauptsächlich den +Frauen überlassen werden sollte. Erst nach fast +zwanzigjährigem Kampf bestimmte das preußische +Kultusministerium die stärkere Verwendung weiblicher +Lehrkräfte und die Anstellung von Oberlehrerinnen für die +Oberstufe.<a name="FNanchor_300"></a><a href= +"#Footnote_300"><sup>300</sup></a> Dieser Erfolg war +großenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst +zu danken, die sich unter Leitung von Fräulein Helene Lange +1890 zu einem Verein zusammengeschlossen hatten, der heute +über elftausend Mitglieder zählt. Trotz seiner +numerischen Stärke, die allerdings zu der Gesamtzahl der +deutschen Lehrerinnen in traurigstem Mißverhältnis +steht, ist die Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster +Erfolg geblieben, der noch dadurch beeinträchtigt wurde, +daß die Wünsche der Männer von der Regierung +insofern Berücksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht +selbständige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor +als oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.</p> + +<p>Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die +Tradition für sich hat, war bis in die neueste Zeit die +Stellung der deutschen Bourgeoisie der Aerztin gegenüber. Sie +konnte zwar, dank der Gewerbefreiheit, nicht an der Ausübung +ihres Berufs gehindert werden, aber sie rangierte unter den +Kurpfuschern, und jede öffentliche Stellung war ihr nicht nur +verschlossen, sie war auch ständig der Gefahr ausgesetzt, auf +Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot gebracht zu +werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl wie an +die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und die +Gleichstellung der weiblichen mit den männlichen Aerzten +wünschten. Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 +Unterschriften. Aber die Regierung sowohl als die Majorität +des Reichstags sprach sich gegen sie aus. Wie in der Frage des +Studiums, so stellte sich auch in dieser Berufsfrage die +sozialdemokratische Partei allein rückhaltlos auf die Seite +der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche +Liberalismus seinen revolutionären Geist und seine +demokratischen Ideen so sehr eingebüßt, daß er die +Vertretung liberaler Forderungen mehr und mehr der Sozialdemokratie +überließ. So kam es, daß zu einer Zeit, wo die +Frage der Zulassung der Frauen zum ärztlichen Beruf in +Amerika, England, Frankreich, Rußland und Oesterreich soweit +entschieden war, daß sie sogar im Staatsdienst Verwendung +fanden, in Deutschland ihre Lösung zu Gunsten der Frauen wie +ein revolutionärer Akt gefürchtet wurde. So kam es aber +auch, daß die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden" +Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und +zahllose von ihren Vätern, Männern und Brüdern +abhängige Frauen sich entweder ganz von ihr zurückzogen, +oder so vorsichtig und zurückhaltend in ihren Wünschen +wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets +gewesen ist.</p> + +<p>Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen +Nationalverbandes gegründete Bund deutscher Frauenvereine +wirkte, so bürgerlich ängstlich er auch auftrat, doch +belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an der großen +Organisation—er umfaßt heute 131 Vereine—einen +Rückhalt hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur +noch heftiger herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis +dafür ist die Haltung der Aerzte gegenüber den +Ansprüchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren Beruf +erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der +die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das +ohne weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, +indem sie die Verhältnisse im Ausland unrichtig darstellten, +um ihre Ansicht zu unterstützen.<a name="FNanchor_301"></a><a +href="#Footnote_301"><sup>301</sup></a> Zu einem gemeinsamen +Vorgehen gestalteten sich die Verhandlungen und Beschlüsse des +26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden 1898, wo im Anschluß an +Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material beruhendem Referat +gegen die Zulassung der Frauen zur ärztlichen +Berufsthätigkeit Beschluß gefaßt wurde,—im +selben Jahr, als der große englische Verein der Mediziner +Mrs. Garrett-Anderson zu seiner Präsidentin erwählte! +Einen ähnlichen, in schroffster Form ausgedrückten +Beschluß faßte zu gleicher Zeit der deutsche +Apothekerverein, während ein Jahr früher der belgische +Pharmazeutenkongreß zu Mons genau das Gegenteil erklärt +hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule für +Frauen gründete und in Holland bereits seit 30 Jahren +weibliche Apotheker thätig waren! Aber das war noch nicht +alles. 1899 weigerte sich der Kongreß deutscher +Zahnärzte, eine Berufskollegin als Teilnehmerin aufzunehmen, +und der Berliner ärztliche Standesverein denunzierte den +Hilfsverein für weibliche Angestellte, weil er es gewagt +hatte, für seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte +anzustellen. Infolgedessen befahl das Polizeipräsidium die +Streichung der Aerztinnen aus der Liste. Damit aber auch die alten +Aerzte sicher sein konnten, nicht auszusterben, erließen die +Kliniker in Halle einen fulminanten Protest "im Interesse der +Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung von Frauen an +klinischen Vorlesungen; schließlich kamen diese Ansichten im +Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische +Sachverständigen-Konferenz die Frage der Zulassung des +weiblichen Geschlechts zum ärztlichen Beruf noch nicht +für spruchreif erklärte—nachdem seit über +zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika, Australien, England, +Rußland praktizierten, und der Negus von Abessinien und der +Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus +waren, daß sie Leib- und Hausärztinnen ernannten.</p> + +<p>Diese lächerlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die +Bewegung, vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in +Deutschland thätigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin +Fräulein Dr. Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer +großen Praxis. Die Lebensversicherungsgesellschaften stellen +sie mehr und mehr in ihren Dienst, und die Krankenkassen, die sich +auf ihrer Generalversammlung 1899 einstimmig zu ihren Gunsten +aussprachen, setzten es durch, daß ihre Anstellung offiziell +genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine Anzahl Aerztinnen +in Krankenhäusern und Sanatorien. Kürzlich hat auch die +Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit +einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegründete +und geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den +Hospitälern Amerikas und Englands, aber sicher eine +günstige Entwicklung haben wird. Durch die Zulassung der +Studentin zu den Staatsprüfungen dürfte die +Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelöst sein.</p> + +<p>Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet +der Berufsthätigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind +minimal, wenn wir sie im Lichte der ausländischen Entwicklung +betrachten: Seit kurzem werden hie und da weibliche Inspizienten +des Handarbeitsunterrichts angestellt, den bisher Männer zu +begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen machen den Versuch +mit der Beschäftigung von Armen- und Waisenpflegerinnen; in +Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der höheren +Mädchenschule berufen; auch in städtischen +Arbeitsvermittlungen sind zuweilen Frauen thätig. Im +Staatsdienst stehen, neben den Post-, Telegraph- und +Telephonbeamtinnen, Gefängnisaufseherinnen in untergeordneten +Stellungen und einige Gerichtssachverständige und Dolmetscher; +neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der +Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an +Universitätsinstituten sind gleichfalls auch Frauen +thätig. Weit wichtiger ist die nach langer hartnäckiger +Agitation endlich erfolgte Anstellung weiblicher Assistenten der +Fabrikinspektoren in Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, +Sachsen-Coburg-Gotha und schließlich auch in Preußen. +Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den +Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der +Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten +unterstützte Forderung mit Gelächter aufgenommen, etwas +später entschloß man sich zu ernster Erörterung, +begründete aber die ablehnende Haltung mit +den—Mißerfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und +besonders in Amerika, während ihre Existenz in Frankreich +überhaupt angezweifelt wurde. Als schließlich auch die +Liberalen der Sache Verständnis entgegenbrachten, wurde sie +von den Konservativen bekämpft, als gelte es, die Grundlagen +des Staates zu schützen. Man sprach sogar von Seiten der +Regierung die Befürchtung aus, die weiblichen Beamten +könnten zu sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im +sächsischen Landtag erklärte ein Abgeordneter die +Standesehre der Fabrikanten durch ihre Anstellung für +verletzt, und als im März 1899 die Frage dem preußischen +Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten +betont, daß nur ein Versuch gemacht werden solle und die +Frauen auf keinen Fall selbständig sein, sondern nur als +"Beamte zweiter Kategorie" angesehen werden dürfen. Nur in +diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung getroffen.</p> + +<p>Einen etwas günstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur +Erweiterung der Berufsthätigkeit auf privatem Gebiet. Der von +der Tradition geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der +bisher für die einzelnen mehr eine Opferthat religiöser +Gesinnung, als ein aus Gründen des Erwerbs aufgesuchter +Lebensberuf war, begann sich langsam den modernen Forderungen +anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes, als, in noch +höherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den +Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von +religiöser Engherzigkeit befreite Thätigkeit.<a name= +"FNanchor_302"></a><a href="#Footnote_302"><sup>302</sup></a> Aber +das Odium christlicher Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, +klebt dem Berufe noch so fest an, daß er noch keinen +ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei eine Aufgabe alles +persönlichen Behagens fordert, der nur wenige gewachsen +sind.<a name="FNanchor_303"></a><a href= +"#Footnote_303"><sup>303</sup></a> Infolgedessen bietet er noch +Platz für viele. Erst eine völlige Umgestaltung, durch +die die Erinnerung an die Nonne ganz verwischt wird, kann hierin +Wandel schaffen, und würde viele brach liegende +Frauenkräfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lösung der +Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist<a name= +"FNanchor_304"></a><a href="#Footnote_304"><sup>304</sup></a>, so +doch eine Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.</p> + +<p>Manche Enthusiasten der Frauenarbeit—es giebt auch solche +in Deutschland!—haben durch einen anderen Beruf die +Frauenfrage zu lösen geglaubt: durch den der +Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl in rapider Zunahme +begriffen und sie bewähren sich so sehr, daß ihre +Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer +häufigere ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und +Agenten, weibliche Beamte in Lebensversicherungs-Gesellschaften und +Banken, in den Bureaux der Rechtsanwälte und der großen +Industriellen. Zumeist aber erklärt sich ihre starke +Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedürfnissen der Frauen +entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, daß sie ihren +männlichen Berufsgenossen gegenüber als Lohndrücker +ausgespielt werden. Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst +neuerdings erobert haben, fällt dieser Umstand weit weniger +ins Gewicht.</p> + +<p>So sind in den zoologischen Instituten weibliche +Hilfspräparatoren, in einzelnen chemischen Fabriken akademisch +gebildete weibliche Chemiker thätig, und den Aufschwung des +Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu nutze gemacht, indem sie +als gelernte Modelleure und Zeichner in großen +Werkstätten Anstellung fanden, oder selbständig als +Kunststicker, Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als +Gärtner, Obst- und Gemüsezüchter finden Frauen eine +lukrative Berufsthätigkeit. Ebenso sind weibliche +Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine Seltenheit +mehr.<a name="FNanchor_305"></a><a href= +"#Footnote_305"><sup>305</sup></a> Einen weiteren Schritt auf dem +Wege zur Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den +Frauen eröffnet, indem sie in immer größerem +Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist weibliche Doktoren, zur +Abhaltung von Vortragskursen heranzog. Allerdings ist das nicht im +entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber eine Anerkennung der +wissenschaftlichen Befähigung der Frauen. Vorteilhafter +für sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus. Zwar +sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als +Kriegskorrespondentinnen großer Zeitungen, oder, wie in +Frankreich, als Leiterinnen politischer Blätter thätig zu +sein, ihre Mitarbeit beschränkt sich meist auf spezielle +Gebiete des Frauenlebens und der Frauenfrage, und sie stehen nur an +der Spitze von Frauenzeitschriften, aber ihrem Einfluß ist +der Umschwung in der Stimmung gegenüber der Frauenbewegung, +der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von wesentlicher +Bedeutung hierfür ist es jedoch, daß auch die deutschen +Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethätigen, und durch +ihre Leistungen dem Gegner Achtung abnötigen. Während bis +vor nicht allzu langer Zeit selbst die Führerinnen der +Frauenbewegung einen Mangel an Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr +eigentliches Gebiet, verrieten, der oft geradezu verblüffend +war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts an Vertiefung und +Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben Arbeiten über +die rechtliche sowohl wie über die soziale Lage des weiblichen +Geschlechts geliefert<a name="FNanchor_306"></a><a href= +"#Footnote_306"><sup>306</sup></a>, die zwar an die Leistungen +einer Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber +doch verraten, daß sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen +Schoßkind gerade der deutschen Frauen, endgültig +gebrochen haben. Auch das Prinzip ängstlicher +Zurückhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung +kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die +Berührung mit dem Ausland,—ein Verdienst des Bundes +deutscher Frauenvereine, der sich im Anschluß an den +internationalen Frauenbund bildete,—die Kenntnisnahme der +Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen Frauen, die mit +der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von belebendem +Einfluß. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit +ihren Peitschenhieben auch die Trägsten vorwärts +treibt.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"2_Die_treibenden_Krafte_der_burgerlichen_Frauenbewegung" />2. Die +treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung.</h2> + +<p>Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt zeigt, +sowohl in Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf +seinen gegenwärtigen Stand, in den verschiedenen Ländern +eine auffallende Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem +Mittelalter einzelne Vorläufer gefunden hat, setzt er um die +erste Hälfte des 19. Jahrhunderts überall ein und wird in +der zweiten Hälfte aus einer Art Guerillakrieg zu einem +überlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die von Jahr zu +Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, außer +dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domäne +des männlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind +überall, hier etwas langsamer und dort etwas rascher, im +Vordringen begriffen, dem bisher keine noch so heftige Gegnerschaft +Einhalt gebieten konnte.</p> + +<p>Diese gleichmäßigen Erscheinungen müssen demnach +auf gleiche Ursachen zurückzuführen sein.</p> + +<p>Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu +erklären, pflegt darin zu bestehen, daß in der Mehrzahl +der Kulturländer das weibliche Geschlecht das männliche +an Zahl überragt, und die Ehe, die in den bürgerlichen +Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet, von +vornherein für viele unerreichbar ist. Diese Begründung +erweist sich insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so +mehr die treibende Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je +größer der Frauenüberschuß des betreffenden +Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:<a name= +"FNanchor_307"></a><a href="#Footnote_307"><sup>307</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Zählungsjahr</th> +<th>Weibliche auf<br /> +1000 männliche</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1040</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1044</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweiz</td> +<td align="center">1888</td> +<td align="center">1057</td> +</tr> + +<tr> +<td>Niederlande</td> +<td align="center">1889</td> +<td align="center">1024</td> +</tr> + +<tr> +<td>Belgien</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1005</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dänemark</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1051</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweden</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1065</td> +</tr> + +<tr> +<td>Norwegen</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">1092</td> +</tr> + +<tr> +<td>Großbritannien und Irland</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">1060</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">1007</td> +</tr> +</table> + +<p>In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in +erster Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in +bürgerliche Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf +1000 Männer 953 Frauen. Betrachten wir Nordamerika aber +genauer, so zeigt es sich, daß die Frauenbewegung in den +Oststaaten, wo auf 1000 Männer 1005 Frauen gezählt +werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren +energischsten Ausdruck gefunden hat, während die westlichen +Staaten, wo 1000 Männern nur 698 Frauen gegenüberstehen, +von ihr nur leise berührt werden.</p> + +<p>Dem Argument des Frauenüberschusses haben manche Gegner der +Frauenbewegung die Thatsache gegenübergestellt, daß die +gezählte Bevölkerung der Erde einen +Männerüberschuß aufweist. Soweit sie sich +überhaupt statistisch feststellen läßt, ist die +Verteilung der Geschlechter folgende:<a name="FNanchor_308"></a><a +href="#Footnote_308"><sup>308</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Erdteile</th> +<th>Männliche</th> +<th>Weibliche</th> +<th>Weibliche auf<br /> +1000 männliche</th> +</tr> + +<tr> +<td>Europa</td> +<td align="right">170818561</td> +<td align="right">174914119</td> +<td align="right">1024</td> +</tr> + +<tr> +<td>Amerika</td> +<td align="right">41643389</td> +<td align="right">40540386</td> +<td align="right">973</td> +</tr> + +<tr> +<td>Asien</td> +<td align="right">177648044</td> +<td align="right">170269179</td> +<td align="right">958</td> +</tr> + +<tr> +<td>Australien</td> +<td align="right">2197799</td> +<td align="right">1871821</td> +<td align="right">852</td> +</tr> + +<tr> +<td>Afrika</td> +<td align="right">6994064</td> +<td align="right">6771360</td> +<td align="right">968</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zusammen</td> +<td align="right">399301857</td> +<td align="right">394366865</td> +<td align="right">988</td> +</tr> +</table> + +<p>Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser +Berechnung—Millionen können statistisch gar nicht +erreicht werden—kommt es bei der Beurteilung dieser Frage +weit weniger auf große allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf +an, wie das Verhältnis der Geschlechter in den einzelnen +Ländern sich stellt. Ist es schon für die +überzähligen Frauen Europas ein schlechter Trost, +daß es in Australien oder Asien überzählige +Männer giebt, so ist auch z.B. den Frauen von Rhode Island, +von denen 1078 auf 1000 Männer kommen, wenig geholfen, wenn in +den Oststaaten das umgekehrte Verhältnis besteht, oder denen +der niederländischen Kolonieen im westindischen Archipel, die +gar um 263 auf 1000 die Männer überragen, wenn man sie +auf die überzähligen Asiaten verweisen wollte. Es kommt +aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher ganz unbeachtet blieb +und gerade im Hinblick auf die bürgerliche Frauenfrage schwer +ins Gewicht fällt: das ist die Frage, aus welchen sozialen +Schichten der Bevölkerung sich der Männer- oder +Frauenüberschuß zusammensetzt. Es ist klar, daß +bei den heutigen, aus den Gegensätzen zwischen Arm und Reich +herrührenden Unterschieden in Bildung und Lebensgewohnheiten +die etwa überzähligen Töchter der Bourgeoisie nicht +auf die vielleicht gleichfalls überzähligen Söhne +des Proletariats als künftige Ehegatten rechnen können. +Die Statistik läßt uns hierbei freilich im Stich, denn +die Volkszählungen fragen nicht nach der sozialen Herkunft der +Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an Anhaltspunkten, um die +Behauptung, daß der Frauenüberschuß in der +Bourgeoisie im Verhältnis ein größerer ist, als der +der Frauenwelt im allgemeinen, nicht als völlig aus der Luft +gegriffen erscheinen zu lassen.</p> + +<p>Schon die bloße Beobachtung lehrt, daß die Familien +der unteren Bevölkerungsschichten weit mehr mit Kindern +gesegnet sind, als die der oberen, und Untersuchungen, die in +Frankreich besonders genau vorgenommen wurden, bestätigten es. +So stellte Bertillon für 20 Arrondissements von Paris den +Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit und der +Geburtenhäufigkeit fest und fand, daß auf je 1000 Frauen +zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevölkerung +durchschnittlich 108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr +wohlhabenden 65, der reichen 53 und der sehr reichen 34 +jährliche Geburten kamen<a name="FNanchor_309"></a><a href= +"#Footnote_309"><sup>309</sup></a>; es hat sich ferner +ergeben,—und das ist angesichts des allgemeinen +Rückgangs der französischen Bevölkerung besonders +bemerkenswert,—daß ihr Zuwachs in der Hauptsache dem +Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und der Berg- und +Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu verdanken +ist.<a name="FNanchor_310"></a><a href= +"#Footnote_310"><sup>310</sup></a> Leider geben die betreffenden +Untersuchungen über das Geschlecht der Kinder keinen +Aufschluß, dagegen hat man in Sachsen für einen +zehnjährigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen +Kindern auf ca. 1 Million Mütter festgestellt, daß die +fruchtbarsten Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.<a name= +"FNanchor_311"></a><a href="#Footnote_311"><sup>311</sup></a> So +vorsichtig solche Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so +läßt sich doch vielleicht, da die Erfahrung und der +allgemeine Volksglaube sie unterstützt, der Schluß +daraus ziehen, daß die kinderreichen unteren +Bevölkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben +erzeugen, daß also der Frauenüberschuß in den +bürgerlichen Kreisen ein größerer ist als in den +proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden z.B. +innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen großen +Ueberschuß an Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das +männliche Geschlecht überwiegt, so kommen in Westfalen +958, im Rheinland 998 und in Elsaß-Lothringen 989 Frauen auf +1000 Männer.<a name="FNanchor_312"></a><a href= +"#Footnote_312"><sup>312</sup></a> Für die Verheiratbarkeit +der Töchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch ohne +jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, daß der +Männerüberschuß lediglich auf die starke +Industriebevölkerung und die vielen Soldaten +zurückzuführen ist. Ein ähnliches Verhältnis +weist Nordamerika auf, dessen +Männerüberschuß—953 Frauen auf 1000 +Männer—auf den ersten Blick zu der Annahme +verführt, als müßte seine Frauenbewegung anderen +als wirtschaftlichen Ursachen—etwa rein ethischen und +humanitären, wie viele behaupten wollen—entsprungen +sein. Dabei wird jedoch außer acht gelassen, daß die +große Zahl der Männer der Einwanderung zu verdanken ist +und daß diese Einwanderer zum größten Teil +Handwerker, Landleute, Arbeiter sind<a name="FNanchor_313"></a><a +href="#Footnote_313"><sup>313</sup></a>, also auch hier die Annahme +nicht unberechtigt ist, daß, trotz des allgemeinen +Männerüberschusses, in der Bourgeoisie ein +Frauenüberschuß besteht und die Verheiratbarkeit auch +hier eine beschränkte bleibt.</p> + +<p>Nach alledem scheint es klar zu sein, daß, selbst wenn auf +der ganzen Erde eine annähernde Gleichheit der Geschlechter +festgestellt werden könnte, die bürgerliche Frauenfrage +dadurch noch nicht gelöst sein würde, und die von Eduard +von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete Jungfernfrage auch in +solchen Ländern besteht, wo ein Ueberschuß an +Männern konstatiert wurde.</p> + +<p>Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, daß eine +Gegenüberstellung der Geschlechter allein nicht genügt, +um die Verheiratbarkeit festzustellen, sondern die +Gegenüberstellung der Heiratsfähigen dazu notwendig ist. +Berechnen wir zunächst beide Geschlechter nach gleichen +Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu +müssen, 20 Jahre als untere und 40 Jahre als obere +Altersgrenze an, so ergiebt sich folgendes<a name= +"FNanchor_314"></a><a href="#Footnote_314"><sup>314</sup></a>:</p> + +<p>Auf 1000 männliche im Alter von 20-40 Jahren treffen +weibliche Personen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="right">1034</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="right">1047</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweiz</td> +<td align="right">1080</td> +</tr> + +<tr> +<td>Niederlande</td> +<td align="right">1029</td> +</tr> + +<tr> +<td>Belgien</td> +<td align="right">987</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dänemark</td> +<td align="right">1102</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweden</td> +<td align="right">1096</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="right">1093</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schottland</td> +<td align="right">1104</td> +</tr> + +<tr> +<td>Irland</td> +<td align="right">1062</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="right">1003</td> +</tr> +</table> + +<p>Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu +treffen. Denn, da das Heiratsalter der Männer in den meisten +Ländern erst mit dem 25. Jahre beginnt und später +schließt, als das der Frauen<a name="FNanchor_315"></a><a +href="#Footnote_315"><sup>315</sup></a>, so müßte man, +um zu einem genaueren Resultat zu kommen,—obwohl auch das, +infolge der großen Verschiedenheit des Altersaufbaus der +Heiratenden, je nach den Nationalitäten, nicht unbedingt +sicher sein kann,—die Männer im Alter von 25-45 Jahren +den Frauen von 20-40 Jahren gegenüberstellen Leider +müssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger +Länder beschränken, weil die Bevölkerung nicht +durchweg, wie es wünschenswert wäre, nach +fünfjährigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis +ist dieses<a name="FNanchor_316"></a><a href= +"#Footnote_316"><sup>316</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Männer 25-45 Jahre</th> +<th>Frauen 20-40 Jahre</th> +<th>Auf 1000 Männer<br /> +kommen Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">6229564</td> +<td align="center">7272025</td> +<td align="center">1167</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">3147188</td> +<td align="center">3638396</td> +<td align="center">1154</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">5420922</td> +<td align="center">5743177</td> +<td align="center">1069</td> +</tr> +</table> + +<p>Auch abgesehen von den in die Augen springenden +Zahlenverhältnissen ist es klar, daß bei dem bestehenden +Altersaufbau der Heiratenden die <i>Verheiratbarkeit des weiblichen +Geschlechts immer eine unvollkommene bleiben muß, weil es +stets mehr Frauen über 20 als Männer über 25 Jahren +giebt</i>.</p> + +<p>Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen +durch die Heirat eine Versorgung finden können, sondern +vielmehr darum, welcher Prozentsatz von ihnen thatsächlich +heiratet.</p> + +<p>Die letzten Zählungen ergaben folgende Anzahl verheirateter +Frauen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Zählungsperiode</th> +<th>Zahl der Frauen 15<br /> +u. darüber</th> +<th>Verheiratete Frauen</th> +<th>Prozent</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">16531748</td> +<td align="right">8398607</td> +<td align="center">50,80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">9353260</td> +<td align="right">4022202</td> +<td align="center">43,00</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">12359544</td> +<td align="right">7656679</td> +<td align="center">61,95</td> +</tr> + +<tr> +<td>England</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">9848981</td> +<td align="right">4916449</td> +<td align="center">41,71</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">19602178</td> +<td align="right">11126196</td> +<td align="center">56,76</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir sehen daraus, daß zur Zeit der betreffenden +Zählung circa die Hälfte heiratsfähiger Frauen +ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese Thatsache hat die +bürgerliche Frauenbewegung vielfach als Agitationsmittel zu +verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden erwachsenen +Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den Erwerb +angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschluß. Denn ganz +abgesehen davon, daß ein großer Teil der Ledigen noch +bei den Eltern lebt und von ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn +auch ein viel kleinerer, durch eigenes Vermögen, Pension oder +dergleichen sich erhält, kann ein beträchtlicher +Prozentsatz der Mädchen noch darauf rechnen, zu heiraten, um +so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Männer sondern auch +auf die Witwer zählen können, die bekanntlich sehr +häufig zu einer zweiten Ehe schreiten. Man kommt daher der +Zahl der wirklich Uebriggebliebenen viel näher, wenn man nicht +die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge faßt, sondern nur +diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit überschritten +haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen ergeben hat, +daß für Frauen, die das vierzigste Lebensjahr +überschritten haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr +geringe ist, so können wir die ledig Bleibenden von dieser +Altersgrenze an zusammenstellen. Das Ergebnis ist dies:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Unter 100 weibl. Personen<br /> +von 40 und mehr Jahren<br /> +sind ledig</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">10,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">15,6</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">12,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>Großbritannien und Irland</td> +<td align="center">14,0</td> +</tr> + +<tr> +<td>Belgien</td> +<td align="center">17,6</td> +</tr> + +<tr> +<td>Niederlande</td> +<td align="center">13,5</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweiz</td> +<td align="center">18,3</td> +</tr> +</table> + +<p>Damit aber können wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht +nur, daß es bis zu vierzig Jahren noch eine große Zahl +Mädchen giebt, die nicht heiraten, oder sagen wir lieber, die +nicht geheiratet werden, wir müssen vielmehr, bei der +Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die Ledigen +allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen +berücksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt früher +heiraten als die Männer, eine längere Lebensdauer haben +als sie und schwerer zum zweiten Male heiraten, so ist es +natürlich, daß es eine große Zahl Witwen giebt, zu +denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen +sind folgende:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Frauen</th> +<th>Auf 100 Frauen<br /> +über 15 Jahren<br /> +sind Witwen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td>2208579</td> +<td align="center">13,36</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td>1001136</td> +<td align="center">10,70</td> +</tr> + +<tr> +<td>England</td> +<td>1124310</td> +<td align="center">11,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td>2060778</td> +<td align="center">16,67</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td>2226510</td> +<td align="center">11,30</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir müssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht +ziehen, der gerade für die bürgerliche Frauenfrage von +Wichtigkeit ist: die späten Heiraten. Nach einer +preußischen Statistik<a name="FNanchor_317"></a><a href= +"#Footnote_317"><sup>317</sup></a> heiraten Mädchen in +bürgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und +wenn dem gegenüber auch behauptet werden kann, daß die +Berufsthätigkeit die Heirat hinausschiebt, so muß +andererseits doch auch betont werden, daß die späten +Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher können auch, soweit +nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht +ohne weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb +nachgingen, weil thatsächlich viele von ihnen vor der Ehe +darauf angewiesen waren.</p> + +<p>Auf Grund der bisherigen Erörterungen sind wir zu dem +Resultat gekommen, daß eine große Zahl von Frauen nicht +heiraten können, weil es an Männern fehlt und noch mehr +nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen Männer keine +große, ist. Für die künftige Entwicklung der +Frauenfrage, der bürgerlichen insbesondere, ist es nun aber +von größter Bedeutung, ob eine Aussicht vorhanden ist, +daß zwei ihrer Ursachen,—der Frauenüberschuß +und die Heiratsunlust der Männer,—verschwinden oder in +ihren Wirkungen abgeschwächt werden können. Da entsteht +zunächst die Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.</p> + +<p>Die feststehende Thatsache eines Knabenüberschusses bei der +Geburt, 106 Knaben auf 100 Mädchen, hat viele<a name= +"FNanchor_318"></a><a href="#Footnote_318"><sup>318</sup></a> zu +der Annahme verführt, als bestände ein Naturgesetz des +Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben gesehen, daß schon +die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der Geschlechter +dem widerspricht. Für den vorhandenen +Frauenüberschuß ist jedoch der Hauptgrund in den +verschiedenen Absterbeverhältnissen der Geschlechter zu +suchen.<a name="FNanchor_319"></a><a href= +"#Footnote_319"><sup>319</sup></a> Die Sterbeziffern haben sich +für das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts +folgendermaßen gestaltet<a name="FNanchor_320"></a><a href= +"#Footnote_320"><sup>320</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td> </td> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Setzt man die männliche<br /> +Sterbeziffer = 100,<br /> +so ergeben sich<br /> +für die weibliche Sterbeziffer:</th> +</tr> + +<tr> +<td>Italien</td> +<td align="center">26,2</td> +<td align="center">25,6</td> +<td align="center">98</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">23,6</td> +<td align="center">21,6</td> +<td align="center">92</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweiz</td> +<td align="center">21,3</td> +<td align="center">19,5</td> +<td align="center">91</td> +</tr> + +<tr> +<td>Belgien</td> +<td align="center">21,9</td> +<td align="center">19,8</td> +<td align="center">90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Niederlande</td> +<td align="center">20,8</td> +<td align="center">19,2</td> +<td align="center">92</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">25,0</td> +<td align="center">22,5</td> +<td align="center">90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">29,8</td> +<td align="center">26,8</td> +<td align="center">90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ungarn</td> +<td align="center">33,7</td> +<td align="center">32,2</td> +<td align="center">96</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">20,6</td> +<td align="center">17,8</td> +<td align="center">89</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schottland</td> +<td align="center">19,6</td> +<td align="center">18,7</td> +<td align="center">95</td> +</tr> + +<tr> +<td>Irland</td> +<td align="center">18,4</td> +<td align="center">18,5</td> +<td align="center">100,6</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schweden</td> +<td align="center">17,8</td> +<td align="center">16,7</td> +<td align="center">91</td> +</tr> + +<tr> +<td>Norwegen</td> +<td align="center">18,3</td> +<td align="center">16,5</td> +<td align="center">91</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dänemark</td> +<td align="center">19,7</td> +<td align="center">18,3</td> +<td align="center">93</td> +</tr> + +<tr> +<td>Finland</td> +<td align="center">22,2</td> +<td align="center">20,4</td> +<td align="center">92</td> +</tr> + +<tr> +<td>Massachusetts</td> +<td align="center">20,7</td> +<td align="center">19,0</td> +<td align="center">92</td> +</tr> + +<tr> +<td>Connecticut</td> +<td align="center">20,5</td> +<td align="center">18,7</td> +<td align="center">91</td> +</tr> + +<tr> +<td>Rhode Island</td> +<td align="center">20,4</td> +<td align="center">19,0</td> +<td align="center">93</td> +</tr> + +<tr> +<td>Japan</td> +<td align="center">21,7</td> +<td align="center">21,1</td> +<td align="center">97</td> +</tr> +</table> + +<p>Die größere Sterblichkeit der männlichen +Säuglinge vor den weiblichen, die längere Lebensdauer der +Frauen im allgemeinen,—auf 100 gestorbene Mädchen im +Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100 gestorbene +Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108 +Männer,—scheint für die stärkere Lebenskraft +der Frauen zu zeugen. Von einschneidenderer Bedeutung jedoch ist +es, daß die Männer sowohl als Soldaten wie als +Erwerbsthätige im allgemeinen größeren Gefahren +ausgesetzt sind, als die Frauen und daß sie infolge ihrer +Lebensweise,—geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenuß u. +dergl.,—zerstörenden Krankheiten leichter unterworfen +werden. Unter den gegenwärtig herrschenden wirtschaftlichen +Verhältnissen, die die Intensität des Kampfes ums Dasein +steigern und sittlich korrumpierend auf Reiche und Arme wirken, ist +daher an eine Abnahme der Sterblichkeit der Männer nicht zu +denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen +Erwerbsthätigkeit eher eine Annäherung der Sterbeziffern +beider Geschlechter möglich.</p> + +<p>Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so +stellen sie sich folgendermaßen dar<a name= +"FNanchor_321"></a><a href="#Footnote_321"><sup>321</sup></a>:</p> + +<p>Auf 100 Einwohner heirateten</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td></td> +<th>1841/50</th> +<th>1881/90</th> +</tr> + +<tr> +<td>Schweden</td> +<td align="center">7,27</td> +<td align="center">6,26</td> +</tr> + +<tr> +<td>Norwegen</td> +<td align="center">7,78</td> +<td align="center">6,52</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dänemark</td> +<td align="center">7,87</td> +<td align="center">7,33</td> +</tr> + +<tr> +<td>Finland</td> +<td align="center">8,15</td> +<td align="center">7,32</td> +</tr> + +<tr> +<td>England</td> +<td align="center">8,05</td> +<td align="center">7,47</td> +</tr> + +<tr> +<td>Niederlande</td> +<td align="center">7,41</td> +<td align="center">7,08</td> +</tr> + +<tr> +<td>Belgien</td> +<td align="center">6,79</td> +<td align="center">7,07</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutsches Reich</td> +<td align="center">8,05</td> +<td align="center">7,77</td> +</tr> + +<tr> +<td>Westösterreich</td> +<td align="center">7,71</td> +<td align="center">7,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Galizien</td> +<td align="center">9,54</td> +<td align="center">8,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">7,94</td> +<td align="center">7,38</td> +</tr> +</table> + +<p>Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich +die Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. +Umfassen die Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind +natürlich auch die Differenzen geringer, ja es zeigen sich +zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur Schwankungen. Es ist aber +ein Fehlschluß, daraufhin ein durchschnittliches +Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu wollen<a name= +"FNanchor_322"></a><a href="#Footnote_322"><sup>322</sup></a>, und +es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses +Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. +Nicht nur, daß das Heiratsalter der Männer in +bürgerlichen Kreisen sich immer weiter hinausschiebt,—in +Preußen beträgt es bei den Berufslosen durchschnittlich +41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,—und die +Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist +auch in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt +sich das statistisch nicht feststellen, da es fast ganz an einer +Einteilung der Heiratenden nach sozialen Schichten fehlt.<a name= +"FNanchor_323"></a><a href="#Footnote_323"><sup>323</sup></a> Nach +einer Berechnung über die Bevölkerung Kopenhagens kommen +auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen nur 51,94% +Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf +diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen<a name= +"FNanchor_324"></a><a href="#Footnote_324"><sup>324</sup></a>; +über die Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet +sich aber auch hier nichts, sie läßt sich jedoch mit +einiger Sicherheit auf Grund der allgemeinen Entwicklungstendenz +behaupten.<a name="FNanchor_325"></a><a href= +"#Footnote_325"><sup>325</sup></a> Wo eine Schwankung, wo eine +Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie +allein auf Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im +Proletariat zu setzen sein, während die Eheschließungen +in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme befinden. Und hier +stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied zwischen +der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der +Proletarier heiratet früh und leicht—sogenannt +leichtsinnig—, weil die Frau in der Ehe keine "Versorgung" +sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die Möglichkeit, sich selbst zu +versorgen, ist sogar meist die gesuchteste Mitgift; der Mann aus +bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer, weil die +ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen +Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo +das Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht +machen würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses +Maß des höheren Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht +mehr ehefördernd"<a name="FNanchor_326"></a><a href= +"#Footnote_326"><sup>326</sup></a>, im Gegenteil: der Junggeselle, +der sich ein bequemes Leben schaffen kann, scheut sich, es +aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die +Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen +Niveau zu erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine +Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und +Verhältnissen verzettelt hat, je unfähiger er also ist, +in erster Linie einem Zuge des Herzens zu folgen, hinter den alle +Bedenken von selbst zurücktreten. Der moderne junge Mann der +bürgerlichen Kreise—mag er Beamter, Offizier, +Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein—hat aber +gewöhnlich nur ein Einkommen, das kaum ihm persönlich ein +standesgemäßes Leben sichert, und es gehört mit zu +jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die +Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. +Sein Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in +jeder Beziehung bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer +und billiger, als es das eheliche Leben sein würde, das ihm +überdies, wenn er Umschau hält unter seinen verheirateten +Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen wird. Auch +seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld +befriedigen; setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht +so viel, als eheliche kosten würden, er trägt keine +Verantwortung für ihr Fortkommen und sie haben so gut wie +keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt heiratet, so geschieht +es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den bitteren Grund +der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und Pflege +bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der +bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die +Eheschließung immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist +zu den Bedürfnissen in größtem +Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig +die Familiengründung, indem er Reisen und häufigen +Ortswechsel nach sich zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer +leichteren Beweglichkeit abhängig ist. Aber die +Schuld,—wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen +wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden +kann,—an dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht +allein die Männer.</p> + +<p>In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von +fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die +Erziehung der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, +gerade die besten Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie +können weder geistig gleichstehende Gefährtinnen, noch +gute Hausfrauen und Mütter werden; sie sind Dilettantinnen in +allen Dingen, von ihren oberflächlichen Schulkenntnissen und +traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr +niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den +Mann Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die +Haremsfrauen für die Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu +angethan, den Trieb zur Ehe zu erhöhen.</p> + +<p>Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der +Söhne an den Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden +Schwierigkeit für sie, sich selbst zu erhalten, auch wenn sie +ganz bescheiden leben,—ein preußischer Leutnant ist oft +zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75 bis 97 Mark<a name= +"FNanchor_327"></a><a href="#Footnote_327"><sup>327</sup></a>, und +unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30. Lebensjahr ganz auf +ihre Eltern angewiesen,—bleibt für die Mitgift der +Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten +schwinden mehr und mehr, während ihre Ansprüche schon +unwillkürlich durch die Gewohnheit des Lebens im elterlichen +Hause gesteigerte sind. Wird ihr Vater pensioniert, oder ihre +Mutter wird Witwe, so steht die bitterste Not vor der Thür. +Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein +preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis +höchstens 4000 Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann +schon mit 2300 Mk. jährlich pensioniert werden; das Witwengeld +schwankt zwischen dem Mindestbetrag von—216 Mk. und dem +Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur die +Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 +und 20000 Mk. gewöhnt war<a name="FNanchor_328"></a><a href= +"#Footnote_328"><sup>328</sup></a>; das Waisengeld beträgt 1/5 +der Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die +Kinder, entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, +zu erziehen. In demselben Verhältnis bewegen sich die für +Beamte, deren Witwen und Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir +noch darauf hin, daß auch der kaufmännische Mittelstand +sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage befindet, da er mehr +und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb +zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum +großen Teil die abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, +und ihr zunehmendes Eindringen in die Erwerbsarbeit.</p> + +<p>So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der +Heiratsfrequenz, der in der Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen +zurückzuführen ist, die Zunahme der auf Erwerb +angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft weiter +entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung, +insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch +nicht der einzige.</p> + +<p>Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die +unversorgte, sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der +Bourgeoisie eine Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, +ebenso wie die Proletarierin, wenn auch oft aus anderen +Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht gedenken, die, um +ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen, der +Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren +brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre +Zahl steigt, je mehr die Industrie sie als Hausfrau und die +Schul-Erziehung sie als Mutter entlastet. Der Gasherd, die +elektrische Beleuchtung, die Zentralheizung, die +Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren im +Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen +eine unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der +öffentliche Schulunterricht, die zunehmende Neigung, +heranwachsende Kinder auf Jahre hinaus Instituten anzuvertrauen, +die sie womöglich von dem geistig und körperlich +korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der +Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre +Zeit zurück, das sich dadurch noch vermehrt, daß die +Berufsarbeit und die politischen Interessen des Mannes ihn immer +mehr aus dem Hause führen. Ueber diese Dinge mag man denken, +wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich +gegenüberstehen,—ableugnen lassen sie sich nicht und auf +ihnen beruht ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben +einer unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen +Familienlebens. Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter +haben die Wahl, ihre Zeit mit Vergnügungen totzuschlagen oder +sie mit nützlicher Thätigkeit auszufüllen. Die +besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden sie sie +in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis +entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun +eine ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem +Wunsche nach einer geregelten Berufsthätigkeit führt. So +läßt sich mit Recht behaupten, daß die +Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie +Eduard von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein +würde, daß vielmehr der Kampf um Arbeit auch der +verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der sich eben erst im +Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer sichert, eine um +so längere, als das steigende Mißverhältnis +zwischen Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen +anfängt, für den Erwerb zu arbeiten.</p> + +<p>Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden +Frauen, die Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not +als Ursachen der Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen +sind. Gleiche Ursachen werden notwendig gleiche Wirkungen +hervorbringen. Das Vordringen der Frau in alle Erwerbsgebiete haben +wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres Kampfes um Arbeit +kennen gelernt. Es handelt sich nun darum, festzustellen, in +welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses Tempo im +Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst +von der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit +ab, so ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes +Verhältnis der erwerbsthätigen Bevölkerung zur +Gesamtbevölkerung:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th colspan="2">Gesamtbevölkerung</th> +<th colspan="2">Erwerbsthätige Bevölkerung</th> +<th colspan="2">Von 100 Männern resp.<br /> +Frauen sind erwerbsthätig</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">25518820</td> +<td align="right">24636963</td> +<td align="right">14744942</td> +<td align="right">2647157</td> +<td align="center">57,78</td> +<td align="center">10,74</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">32067880</td> +<td align="right">30554370</td> +<td align="right">18821090</td> +<td align="right">3914571</td> +<td align="center">58,69</td> +<td align="center">12,81</td> +</tr> + +<tr> +<td>England u. Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">12639902</td> +<td align="right">13334537</td> +<td align="right">7783656</td> +<td align="right">3403918</td> +<td align="center">61,58</td> +<td align="center">25,53</td> +</tr> + +<tr> +<td>England u. Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">14052901</td> +<td align="right">14949624</td> +<td align="right">8883254</td> +<td align="right">4016230</td> +<td align="center">63,20</td> +<td align="center">26,87</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">18656518</td> +<td align="right">18748772</td> +<td align="right">10496652</td> +<td align="right">5033604</td> +<td align="center">56,26</td> +<td align="center">26,84</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">18932354</td> +<td align="right">19201031</td> +<td align="right">11137065</td> +<td align="right">5191084</td> +<td align="center">58,82</td> +<td align="center">27,03</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">22150749</td> +<td align="right">23071364</td> +<td align="right">13415415</td> +<td align="right">5541527</td> +<td align="center">60,56</td> +<td align="center">24,02</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">25409191</td> +<td align="right">26361123</td> +<td align="right">15531841</td> +<td align="right">6578350</td> +<td align="center">57,19</td> +<td align="center">24,94</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">10819737</td> +<td align="right">11324516</td> +<td align="right">6823891</td> +<td align="right">4688687</td> +<td align="center">63,07</td> +<td align="center">41,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">11689129</td> +<td align="right">12206284</td> +<td align="right">7780491</td> +<td align="right">6245073</td> +<td align="center">66,56</td> +<td align="center">51,16</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den +Zeitraum von 1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th colspan="2">Männer</th> +<th colspan="2">Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<th>absolute Zunahme</th> +<th>Zunahme in Prozenten</th> +<th>absolute Zunahme</th> +<th>Zunahme in Prozenten</th> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="right">4076148</td> +<td align="right">27,64</td> +<td align="right">1267414</td> +<td align="right">47,88</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="right">1099598</td> +<td align="right">12,38</td> +<td align="right">612312</td> +<td align="right">15,22</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="right">640413</td> +<td align="right">6,10</td> +<td align="right">157480</td> +<td align="right">3,11</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="right">2116426</td> +<td align="right">15,78</td> +<td align="right">1036833</td> +<td align="right">18,71</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="right">956600</td> +<td align="right">14,02</td> +<td align="right">1556386</td> +<td align="right">33,19</td> +</tr> +</table> + +<p>Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, +indem wir feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen +Erwerbsthätigen zu der der männlichen in den +bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu +folgendem Resultat:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th colspan="3">Die erwerbstätige Bevölkerung</th> +<th colspan="2">Von 100 Erwerbstätigen waren</th> +</tr> + +<tr> +<th>im ganzen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">17392099</td> +<td align="right">14744942</td> +<td align="right">2647157</td> +<td align="center">84,78</td> +<td align="center">15,22</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">22735661</td> +<td align="right">18821090</td> +<td align="right">3914571</td> +<td align="center">84,10</td> +<td align="center">15,90</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">England u. Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">11187574</td> +<td align="right">7783656</td> +<td align="right">3403918</td> +<td align="center">69,59</td> +<td align="center">30,41</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">12899484</td> +<td align="right">8883254</td> +<td align="right">4016230</td> +<td align="center">68,09</td> +<td align="center">31,91</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Frankreich</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">15540256</td> +<td align="right">10496652</td> +<td align="right">5033604</td> +<td align="center">67,59</td> +<td align="center">32,41</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">16328149</td> +<td align="right">11137056</td> +<td align="right">5191084</td> +<td align="center">68,20</td> +<td align="center">31,80</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">18956932</td> +<td align="right">13415415</td> +<td align="right">5541517</td> +<td align="center">71,24</td> +<td align="center">28,76</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">22110191</td> +<td align="right">15531841</td> +<td align="right">6578350</td> +<td align="center">70,25</td> +<td align="center">29,75</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">11512578</td> +<td align="right">6823891</td> +<td align="right">4688687</td> +<td align="center">59,27</td> +<td align="center">40,67</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">14025564</td> +<td align="right">7780491</td> +<td align="right">6245073</td> +<td align="center">55,47</td> +<td align="center">45,53</td> +</tr> +</table> + +<p>Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich +folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß +die Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen +Bevölkerung durchschnittlich um 2,86 Proz., die +Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist. +Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, +daß der Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich +auf das Resultat Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die +weibliche Erwerbsthätigkeit um 9,76 Proz. zugenommen haben +soll, während die betreffende Zahl für Amerika,—das +das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,—2,07 +Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. +und für Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe +Zunahme der österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen +Stellen wieder begegnen werden, sich auf keinerlei besondere +wirtschaftliche Ursachen zurückführen läßt, so +müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von 1880 +nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder +die von 1890 bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in +der Berechnung, enthält. Schalten wir deshalb, um eine +richtigere Durchschnittszahl zu gewinnen, Oesterreich hier aus, so +stellt sich die Zunahme der Frauenarbeit im Verhältnis zur +gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13 Proz., und die +Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis, das +zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr +beruhigen dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den +großen Frauenüberschuß zurückzuführen. +Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche +Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen +zurückbleibt und wo die weiblichen Erwerbsthätigen im +Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die männlichen dagegen +nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.</p> + +<p>Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus +der nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, +dessen eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung +seine Ursache hat und dessen besonders langsam wachsende +Frauenarbeit vielleicht auf den größeren Wohlstand der +Bevölkerung zurückzuführen ist,—wenn nicht die +Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld +trägt,—zeigt es sich, daß die +Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den +betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die +des männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der +Bevölkerung, so zeigt sich, daß, während die +männliche Bevölkerung durchschnittlich um 13,77 Proz., +die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, +die weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen +Erwerbsthätigen um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen +Zahlen spricht deutlich der Notstand, unter dem das weibliche +Geschlecht zu leiden hat und der es in Scharen in den Kampf um +Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies Verhältnis durch die +dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in welchem +Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit +beteiligt sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber +gegenüber den hohen Zahlen anderer Länder wenig ins +Gewicht fällt, wächst der Anteil der Frau am +Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der +alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er +außerordentlich gering, in England sehr hoch und in +raschester Zunahme begriffen. Da nun, wie wir oben darstellten, +nicht nur die Menge der Alleinstehenden stetig wächst, sondern +auch die verheirateten Frauen immer mehr zur Arbeit genötigt +werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die etwa gar durch +äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, +überhaupt nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig +der Erwerbsarbeit in den anderen gedrängt werden, ihre +Entwicklung aber ist eine gesetzmäßige, deren +aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.</p> + +<p>Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es +nun notwendig, aus dem Bereich der weiblichen +Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen, der die +bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den +liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf +große Schwierigkeiten. Handelt es sich doch +hauptsächlich darum, die Zahl von erwerbsthätigen Frauen +festzustellen, die aus der Bourgeoisie hervorgegangen sind und +hierfür fehlen, da an eine Feststellung der sozialen Herkunft +der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher so gut +wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen Anhaltspunkte. +Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß +Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und +Gelehrte aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht +das für Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, +Wirtschafterinnen, Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, +vielmehr setzen sich diese Berufe aus Gliedern bürgerlicher +und proletarischer Schichten zusammen. Eine Untersuchung, die auf +Grund des Materials, das dem Berliner Hilfsverein für +weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt wurde<a +name="FNanchor_329"></a><a href="#Footnote_329"><sup>329</sup></a>, +verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den +kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, +daß 84 Proz. des kaufmännisch gebildeten, also des +Aufsichts- und Bureaupersonals, und 66 Proz. der +Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses +Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die +Gesamtheit der Handelsangestellten anwenden, weil der genannte +Verein ihre Elite umfaßt und das Verhältnis in den +Provinzstädten und unter den Nichtorganisierten ein anderes +sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit nahe zu kommen, wenn +wir,—soweit die Zählungen der verschiedenen Länder +das zulassen,—die Verkäuferinnen aus dem Kreis der +bürgerlichen Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das +kaufmännisch gebildete Personal vollständig dazurechnen; +der Prozentsatz unter ihm, der etwa aus proletarischen Schichten +stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen ersetzt +werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen +darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der +selbständigen erwerbsthätigen Frauen. Ein großer +Prozentsatz von ihnen kann nicht zu denen gerechnet werden, die +sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und wirklich +selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind +vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind +keineswegs die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist +daher vom Standpunkt der Frauenfrage völlig belanglos. Um so +bedeutsamer wäre es jedoch, ließe es sich +ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch festzustellen, +die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne +gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur +Künstler, Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker +können ohne weiteres berechnet und in die Kategorie der +bürgerlichen Erwerbsthätigen einbezogen werden; im +allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich auf Grund +der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen, +daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft +in steter Zunahme begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn +dabei die Betriebszählungen zu Grunde gelegt werden, die +proletarischen Existenzen unter den Selbständigen von den +bürgerlichen zu sondern.</p> + +<p>Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder +gestaltet sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen +thätigen Frauen für eine internationale Vergleichung, +weil die Methoden, nach denen die Berufe eingeteilt werden, gar zu +verschiedene sind. Teils werden, wie in Amerika und England, die +sozialen Schichten nicht scharf genug auseinandergehalten, teils +Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der Hebammen und +Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden +müßten.</p> + +<p>Nach alledem steht es fest, daß die statistische +Umgrenzung der bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf +vollkommene Genauigkeit machen kann, trotzdem aber ein im +allgemeinen richtiges Bild von ihr geben dürfte. Teilen wir +sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich nach den Ergebnissen, +die ich den letzten offiziellen Berufszählungen entnommen +habe, folgendermaßen dar.</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufe</th> +<th>Deutschland</th> +<th>Oesterreich</th> +<th>Frankreich</th> +<th>England u. Wales</th> +<th>Vereinigte Staaten</th> +</tr> + +<tr> +<td>1. Beamte und Bureauangestellte im Staatsdienst</td> +<td align="right" rowspan="2">1852</td> +<td align="right">865</td> +<td align="right">445</td> +<td align="right">8546</td> +<td align="right" rowspan="2">4875</td> +</tr> + +<tr> +<td>2. Beamte und Bureauangestellte im Gemeinde- und +Kommunaldienst</td> +<td align="right">357</td> +<td align="right">387</td> +<td align="right">5165</td> +</tr> + +<tr> +<td>3. Polizeibeamte, Gendarmerie und Wachtdienst</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">10</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">279</td> +</tr> + +<tr> +<td>4. Post-, Telegraphen- und Telephonbeamte</td> +<td align="right">2499</td> +<td align="right">2703</td> +<td align="right">5211</td> +<td align="right">4356</td> +<td align="right">8474</td> +</tr> + +<tr> +<td>5. Eisenbahnbeamte</td> +<td align="right">382</td> +<td align="right">605</td> +<td align="right">3767</td> +<td align="right">849</td> +<td align="right">1438</td> +</tr> + +<tr> +<td>6. Geistliche</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right"><a name="FNanchor_335"></a><a href= +"#Footnote_335"><sup>335</sup></a>4194</td> +<td align="right">1143</td> +</tr> + +<tr> +<td>7. Kirchen- und Anstaltsbeamte</td> +<td align="right">430</td> +<td align="right">2715</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>8. Aerzte, Chirurgen und Zahnärzte</td> +<td align="right" rowspan="2"><a name="FNanchor_330"></a><a href= +"#Footnote_330"><sup>330</sup></a>72837</td> +<td align="right">37</td> +<td align="right">870</td> +<td align="right">446</td> +<td align="right">4894</td> +</tr> + +<tr> +<td>9. Krankenpflegerinnen und Hebammen</td> +<td align="right">14623</td> +<td align="right"><a name="FNanchor_333"></a><a href= +"#Footnote_333"><sup>333</sup></a>13475</td> +<td align="right">53057</td> +<td align="right">41396</td> +</tr> + +<tr> +<td>10. Tierärzte</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">2</td> +<td align="right">2</td> +</tr> + +<tr> +<td>11. Advokaten</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right"><a name="FNanchor_332"></a><a href= +"#Footnote_332"><sup>332</sup></a>6</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">208</td> +</tr> + +<tr> +<td>12. Bureaubeamte bei Advokaten und Notaren</td> +<td align="right"><a name="FNanchor_331"></a><a href= +"#Footnote_331"><sup>331</sup></a>--</td> +<td align="right">102</td> +<td align="right">389</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>13. Professoren an Universitäten und Lyceen</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right" rowspan="2">68448</td> +<td align="right" rowspan="2">144393</td> +<td align="right">695</td> +</tr> + +<tr> +<td>14. Lehrer</td> +<td align="right">66181</td> +<td align="right">21417</td> +<td align="right">245371</td> +</tr> + +<tr> +<td>15. Privatgelehrte</td> +<td align="right" rowspan="3">410</td> +<td align="right" rowspan="4">332</td> +<td align="right" rowspan="3">391</td> +<td align="right">42</td> +<td align="right" rowspan="2">2725</td> +</tr> + +<tr> +<td>16. Schriftsteller und Redakteure</td> +<td rowspan="2" align="right">660</td> +</tr> + +<tr> +<td>17. Journalisten</td> +<td align="right">888</td> +</tr> + +<tr> +<td>18. Stenographen und Maschinenschreiber</td> +<td align="right">436</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">127</td> +<td align="right">21270</td> +</tr> + +<tr> +<td>19. Bibliotheks-, Museums- und Privatbeamte</td> +<td align="right">865</td> +<td align="right">572</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">240</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>20. Architekten</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">20</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">19</td> +<td align="right">22</td> +</tr> + +<tr> +<td>21. Ingenieure</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">124</td> +</tr> + +<tr> +<td>22. Maler und Bildhauer</td> +<td align="right">839</td> +<td align="right">337</td> +<td align="right" rowspan="2">3818</td> +<td align="right">3032</td> +<td align="right">10815</td> +</tr> + +<tr> +<td>23. Musiker</td> +<td align="right" rowspan="3">8976</td> +<td align="right" rowspan="3">2586</td> +<td rowspan="2" align="right">19111</td> +<td align="right" rowspan="2">34519</td> +</tr> + +<tr> +<td>24. Musiklehrer</td> +<td align="right">4888</td> +</tr> + +<tr> +<td>25. Schauspieler und Sänger</td> +<td align="right">5301</td> +<td align="right">3696</td> +<td align="right">3949</td> +</tr> + +<tr> +<td>26. Theaterbeamte</td> +<td align="right">195</td> +<td align="right">1074</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>27. Chemiker</td> +<td align="right">92</td> +<td align="right">42</td> +<td align="right" rowspan="2">657</td> +<td align="right">27</td> +<td align="right">39</td> +</tr> + +<tr> +<td>28. Apotheker</td> +<td align="right">60</td> +<td align="right">134</td> +<td align="right">160</td> +<td align="right">734</td> +</tr> + +<tr> +<td>29. Photographen</td> +<td align="right">208</td> +<td align="right" rowspan="2">156</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">2496</td> +<td align="right">2201</td> +</tr> + +<tr> +<td>30. Zeichner, Musterzeichner, Graveure, Modelleure</td> +<td align="right">114</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">346</td> +</tr> + +<tr> +<td>31. Agenten</td> +<td align="right">195</td> +<td align="right" rowspan="2">1809</td> +<td align="right">91</td> +<td align="right">765</td> +<td align="right">4875</td> +</tr> + +<tr> +<td>32. Handelsreisende</td> +<td align="right" rowspan="4">11987</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">165</td> +<td align="right">611</td> +</tr> + +<tr> +<td>33. Buchhalter</td> +<td rowspan="3" align="right">8138</td> +<td align="right" rowspan="2"><a name="FNanchor_334"></a><a href= +"#Footnote_334"><sup>334</sup></a>94003</td> +<td align="right">50</td> +<td align="right">27772</td> +</tr> + +<tr> +<td>34. Handelskommis</td> +<td align="right">17859</td> +<td align="right">64219</td> +</tr> + +<tr> +<td>35. Bankbeamte</td> +<td align="right">1135</td> +<td align="right">249</td> +<td align="right">217</td> +</tr> + +<tr> +<td>36. Verwalter, Wirtschaftsbeamte und Rechnungsführer in +landschaftlichen Betrieben</td> +<td align="right">17170</td> +<td align="right">1001</td> +<td align="right">16766</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right"><a name="FNanchor_336"></a><a href= +"#Footnote_336"><sup>336</sup></a>--</td> +</tr> + +<tr> +<td>37. Technisch gebildete Beamte in industriellen Betrieben</td> +<td align="right">5099</td> +<td align="right">2094</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">748</td> +<td align="right"><a name="FNanchor_337"></a><a href= +"#Footnote_337"><sup>337</sup></a>--</td> +</tr> + +<tr> +<td>38. Andere freie Berufe</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">177</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">479</td> +</tr> + +<tr> +<th>Summa:</th> +<td align="right">190827</td> +<td align="right">61382</td> +<td align="right">220042</td> +<td align="right">269454</td> +<td align="right">484580</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ +größte Anzahl bürgerlicher Frauen als Lehrerinnen, +Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen thätig sind. Wo +sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen Berufen +haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der +Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die +ursprünglichsten und durch die Erziehung der Jahrtausende +gefestigten Begabungen ihres Geschlechts zum Ausdruck, als deren +Grundzug die in jeder unverdorbenen Frau ruhende +Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin, die +statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und +Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn +für Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen +Ansiedelung an geübte Kunst der Haushaltung kommt in dem +Talent des weiblichen Geschlechts für den kaufmännischen +Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung entsprechen auch die +öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in immer +erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen +über die Befähigung der Frauen zum Staats- und +Gemeindedienst gemacht hat: In England und Amerika werden Frauen +hauptsächlich im Bureaudienst, als Erzieher, Armenpfleger, +Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren verwendet.</p> + +<p>Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl +bürgerlich erwerbsthätiger Frauen zu kommen, muß +sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen Männer +verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten +Zählung für die betreffenden Länder als +Resultat:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th colspan="2">Von 100 Erwerbstätigen<br /> +in bürgerlichen Berufen sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">88,34</td> +<td align="center">11,46</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">87,77</td> +<td align="center">12,23</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">78,02</td> +<td align="center">21,98</td> +</tr> + +<tr> +<td>England</td> +<td align="center">77,67</td> +<td align="center">22,33</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">81,25</td> +<td align="center">18,75</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Berechnung zeigt, daß die geringste Beteiligung der +Frauen am bürgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der +Zugang dazu ihnen am meisten erschwert wird, und die höchste +da vorhanden ist, wo nicht nur die Berufe ihnen offen stehen, +sondern wo zu gleicher Zeit ein starker Frauenüberschuß +konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein +Männerüberschuß besteht, ist, trotz der Zulassung +der Frauen zu allen Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein +geringerer.</p> + +<p>Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch +wesentlich, sobald wir das Wachstum der bürgerlichen +Frauenarbeit einer Betrachtung unterziehen. Folgende +Zusammenstellung giebt Aufschluß darüber:</p> + +<p>Erwerbstätige in bürgerlichen Berufen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th colspan="2">1880 resp. 1881 und 1882</th> +<th colspan="2">1890 resp. 1891 und 1895</th> +<th colspan="2">Absolute Zunahme der</th> +<th colspan="2">Prozentuale Zunahme der</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="right">808213</td> +<td align="right">118070</td> +<td align="right">1474072</td> +<td align="right">190827</td> +<td align="right">665859</td> +<td align="right">72757</td> +<td align="right">82,32</td> +<td align="right">61,61</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="right">276070</td> +<td align="right">41693</td> +<td align="right">440288</td> +<td align="right">61328</td> +<td align="right">164218</td> +<td align="right">19690</td> +<td align="right">59,52</td> +<td align="right">47,22</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="right">660459</td> +<td align="right">196296</td> +<td align="right">781052</td> +<td align="right">220042</td> +<td align="right">120593</td> +<td align="right">23746</td> +<td align="right">18,26</td> +<td align="right">10,79</td> +</tr> + +<tr> +<td>England</td> +<td align="right">605245</td> +<td align="right">168656</td> +<td align="right">936970</td> +<td align="right">269454</td> +<td align="right">331725</td> +<td align="right">100798</td> +<td align="right">54,81</td> +<td align="right">59,47</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verein. Staaten</td> +<td align="right">992736</td> +<td align="right">229451</td> +<td align="right">2099513</td> +<td align="right">484580</td> +<td align="right">1106777</td> +<td align="right">255129</td> +<td align="right">89,69</td> +<td align="right">111,19</td> +</tr> +</table> + +<p>Sie zeigt deutlich, daß die Zunahme der bürgerlichen +Frauenarbeit in England und Amerika, wo eine große +Ausbreitungsmöglichkeit für sie besteht, eine weit +raschere ist, als die der Männer.</p> + +<p>Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir +hier wiedergeben, und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, +liegt für Amerika vor:<a name="FNanchor_338"></a><a href= +"#Footnote_338"><sup>338</sup></a></p> + +<p>Von 100 Erwerbstätigen in Amerika waren</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Berufe</th> +<th colspan="2">1870</th> +<th colspan="2">1880</th> +<th colspan="2">1890</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Künstler und Kunstlehrer</td> +<td align="right">89,90</td> +<td align="right">10,10</td> +<td align="right">77,36</td> +<td align="right">22,64</td> +<td align="right">51,92</td> +<td align="right">48,08</td> +</tr> + +<tr> +<td>Musiker und Musiklehrer</td> +<td align="right">64,07</td> +<td align="right">35,93</td> +<td align="right">56,75</td> +<td align="right">43,25</td> +<td align="right">44,46</td> +<td align="right">55,54</td> +</tr> + +<tr> +<td>Professoren und Lehrer</td> +<td align="right">33,73</td> +<td align="right">66,27</td> +<td align="right">32,21</td> +<td align="right">67,79</td> +<td align="right">29,16</td> +<td align="right">70,84</td> +</tr> + +<tr> +<td>Buchhalter und Kommis</td> +<td align="right">96,53</td> +<td align="right">3,47</td> +<td align="right">92,90</td> +<td align="right">7,10</td> +<td align="right">83,07</td> +<td align="right">16,93</td> +</tr> +</table> + +<p>Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die +Frauen in rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe +drängt, und es läßt sich daraus schließen, +daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern +zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort +ihnen öffnen. Vor allem aus der prozentualen Zunahme der +Lehrerinnen und Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich +läßt sich unschwer der Beweis dafür erbringen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<th colspan="2">Oesterreich Zunahme der</th> +<th colspan="2">Deutschland Zunahme der</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Lehrer</td> +<td align="right">42,14</td> +<td align="right">44,62</td> +<td align="right">24,79</td> +<td align="right">48,84</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handelsangestellte</td> +<td align="right">115,81</td> +<td align="right">126,66</td> +<td align="right">80,60</td> +<td align="right">279,21</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen +Wachstums der bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. +Dafür spricht auch der Umstand, daß jeder offenen Stelle +eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen +gegenüberstehen, die natürlich dort den +größten Umfang annimmt, wo die arbeitsuchenden Frauen +die geringste Auswahl unter den Berufen haben. Nach einer in +Frankreich angestellten Untersuchung<a name="FNanchor_339"></a><a +href="#Footnote_339"><sup>339</sup></a> bewarben sich bei einer +Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193 +offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post +ausgeschrieben hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank +von Frankreich, die jährlich höchstens 25 Stellen neu zu +besetzen hat, stellten mehr als 6000 Arbeitsuchende sich vor; der +Crédit Lyonnais zählte für ca. 80 Stellen 700 bis +800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im Durchschnitt +100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen zeigen +nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die +Mädchen aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben +Grade besteht, wie für die Proletarierinnen, sie sprechen auch +für die wachsende Not, die sie zur Erwerbsarbeit treibt. Ein +weiterer Beweis dafür ist die rasche Zunahme der weiblichen +Studenten. An den preußischen Universitäten, die sich +bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem +vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den +Schweizer Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis +1900 184 zu 1026.<a name="FNanchor_340"></a><a href= +"#Footnote_340"><sup>340</sup></a> Diese Zahlen würden noch +bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium und der Eintritt +in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer forderte, +die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden +sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb +zu gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht +zu viel Zeit und Geld erfordert. Und das ist einer der +proletarischen Züge in der bürgerlichen Frauenbewegung. +Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an dieser Stelle +erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr +Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Auf 100 Erwerbsthätige<br /> +in bürgerlichen Berufen<br /> +kommen verheiratete Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="right">15,02</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="right">36,22</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="right">8,92</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen +Kampf der Männer gegen die Zulassung der Frauen zu +bürgerlichen Berufen ausdrückt, ist daher nicht +unbegründet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die +Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung +unterziehen. Ueberall, selbst in den Ländern, wo die +Frauenarbeit die glänzendsten Fortschritte macht, zeigt es +sich, daß ihre Bewertung, auch bei gleicher Leistung, eine +geringere ist als die der Männer. In den Oststaaten +Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars +wöchentlich, ihre männlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 +Dollars. Männliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein +Gehalt von 800 bis 2000 Dollars jährlich, Frauen in gleichen +Stellungen beginnen mit einem Mindestgehalt von 500 und erreichen +nur ein Höchstgehalt von 1200 Dollars. Ueber die +Verschiedenheit der Gehälter der Lehrer und Lehrerinnen giebt +folgende Tabelle Aufschluß:<a name="FNanchor_341"></a><a +href="#Footnote_341"><sup>341</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<th colspan="2">Durchschnittlicher Verdienst der</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>New York</td> +<td align="right">74,95 $</td> +<td align="right">51,33 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>Massachusetts</td> +<td align="right">128,55 $</td> +<td align="right">48,38 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>Rhode Island</td> +<td align="right">101,83 $</td> +<td align="right">50,06 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>Connecticut</td> +<td align="right">85,58 $</td> +<td align="right">41,88 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>Delaware</td> +<td align="right">36,60 $</td> +<td align="right">34,08 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>Maryland</td> +<td align="right">48,00 $</td> +<td align="right">40,40 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>South-Carolina</td> +<td align="right">25,46 $</td> +<td align="right">22,32 $</td> +</tr> + +<tr> +<td>Florida</td> +<td align="right">35,50 $</td> +<td align="right">34,00 $</td> +</tr> +</table> + +<p>Der Umstand, daß der weitaus größte Teil der +Lehrer in Amerika Frauen sind, fällt dabei besonders schwer +ins Gewicht und beweist, daß die Mehranstellung von Frauen +nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern geringerer +Ansprüche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das +rasche Vordringen der Engländerin in alle Erwerbsgebiete zu +verdanken. Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in +leitenden Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis +80 Pfund jährlich,—fast die Hälfte dessen, was +ihren männlichen Kollegen zugestanden wird.<a name= +"FNanchor_342"></a><a href="#Footnote_342"><sup>342</sup></a> Auch +die Lehrerinnen an höheren Mädchenschulen sind in keiner +günstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur eine +Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen +von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf +200 Pfund. Noch schlechter sind die Verhältnisse der +Volksschullehrerinnen, die von der Girls Day School Company +angestellt werden und durchschnittlich 12 Pfund 12 sh +jährlichen Gehalt beziehen! Die Lehrerinnen der +Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch nur in +Ausnahmefällen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhöhen.<a +name="FNanchor_343"></a><a href="#Footnote_343"><sup>343</sup></a> +Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast +ausschließlich bürgerlichen Kreisen entstammen, werden +für ihre aufopfernde Thätigkeit in ungenügender +Weise entschädigt: neben Wohnung und Beköstigung erhalten +sie 12 bis 30 Pfund jährlich. Selbst die vom Staat +angestellten Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich +keineswegs einer glänzenden Stellung, da der größte +Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im Jahr bezieht, ihre +männlichen Kollegen erhalten für gleiche Leistungen ein +Mindestgehalt von 70 Pfund und während sie in den höheren +Stellungen eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die +Frauen in denselben Stellungen im günstigsten Falle 400 +Pfund.<a name="FNanchor_344"></a><a href= +"#Footnote_344"><sup>344</sup></a> Gleiches läßt sich +von den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis +40 Pfund im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, +als die der Männer.<a name="FNanchor_345"></a><a href= +"#Footnote_345"><sup>345</sup></a> Dasselbe Bild wiederholt sich in +Frankreich, und ist in Bezug auf die staatlich Angestellten +besonders unerfreulich. Die weiblichen Beamten im Post- und +Telegraphendienst beziehen ein Anfangsgehalt von 1000 Frs., die +männlichen bei gleicher Leistung 1500 Frs.; die Einnahme der +Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der Männer alle 3 +Jahre mit 300 Frs.; das Höchstgehalt der Frauen endlich +beträgt 1800 Frs., das der Männer dagegen weit über +das Doppelte, nämlich 4000 Frs.<a name="FNanchor_346"></a><a +href="#Footnote_346"><sup>346</sup></a></p> + +<p>Trauriger noch sind die Zustände in Deutschland und +Oesterreich. Giebt es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, +deren Jahreseinkommen 300 bis 450 Mk. beträgt, eine Einnahme, +die sich mit der einer besonders schlecht gestellten +Wäschenäherin vergleichen läßt. Eine +Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,—kein +Lehrer bezieht unter 900 Mk.,—hat die Aussicht, nach 31 +jähriger angestrengter Thätigkeit 1560 Mk. alles in allem +zu erhalten. In Gumbinnen erreicht sie nach 20jährigem Dienst +ein Höchstgehalt von 1150 Mk.<a name="FNanchor_347"></a><a +href="#Footnote_347"><sup>347</sup></a> Zwei Drittel der +technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt von—25 +Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehälter der +Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den höheren +Mädchenschulen stehen, zeigt folgende Tabelle über ihre +niedrigsten und höchsten Einnahmen an den genannten Orten:<a +name="FNanchor_348"></a><a href= +"#Footnote_348"><sup>348</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td></td> +<th>Lehrerinnen</th> +<th>Lehrer</th> +</tr> + +<tr> +<td>Berlin</td> +<td>1800-2600 Mk.</td> +<td>2800-6000 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Breslau</td> +<td>1300-2300 "</td> +<td>1800-4550 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Danzig</td> +<td>1200-2000 "</td> +<td>1800-4850 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hannover</td> +<td>1000-2000 "</td> +<td>2250-5150 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kassel</td> +<td>1200-1950 "</td> +<td>2600-5150 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Köln</td> +<td>1200-2200 "</td> +<td>1800-6075 "</td> +</tr> +</table> + +<p>Dabei ist berechnet worden, daß eine +großstädtische Lehrerin bei bescheidensten +Ansprüchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben +muß.</p> + +<p>Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an +Privatschulen, wo sie häufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein +müssen<a name="FNanchor_349"></a><a href= +"#Footnote_349"><sup>349</sup></a> und überdies durch Einkauf +in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten +für Lehrerinnen für ihr Alter selbst zu sorgen haben. +Freilich ist die Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen +gewähren, die, unter Verzicht auf persönliches +Lebensglück, ihre besten Jahre der Heranbildung der +Töchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug: sie +beträgt 405 bis 912 Mk. jährlich;—es liegt +grimmiger Hohn darin, diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu +bezeichnen, denn von Ruhe ist auch für die alternde Lehrerin +keine Rede. Wie sie schon in ihren besten Jahren kaum existieren +kann, ohne Vermögen zu besitzen, oder—der häufigste +Fall—durch Privatstunden den Rest ihrer Kräfte +aufzureiben, so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht +erfreuen, wenn sie nicht aus anderen Quellen eine Pension sich +selbst sicherte, oder, bis ihre Gesundheit ganz versagt, tagaus, +tagein, treppauf, treppab läuft, um sich noch ein paar Mark zu +verdienen.</p> + +<p>Die Handelsangestellten befinden sich in keiner günstigeren +Lage, als die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen +Bureaupersonals vermag als Höchstgehalt das Monatseinkommen zu +erringen, das die Männer in gleichen Stellungen in der Regel +beziehen.<a name="FNanchor_350"></a><a href= +"#Footnote_350"><sup>350</sup></a> Gehälter zwischen 20 und 30 +Mk. monatlich gehören, besonders in der Provinz, nicht zu den +Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, +daß eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. für die +Handelsangestellten ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben +einer Anzahl Berliner Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb +angewiesen sind, stellen sich ihre Ausgaben für Wohnung und +Nahrung—also ohne Kleidung, Wäsche, Extraausgaben, wie +Omnibusfahrten u. dergl., von Vergnügungen ganz +abgesehen—auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die +Einnahmen von 28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.<a name= +"FNanchor_351"></a><a href="#Footnote_351"><sup>351</sup></a> +Für Oesterreich werden die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen +folgendermaßen berechnet: 60 Proz. haben ein Gehalt von 10-25 +Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10 Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. +50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf noch höhere +Gehälter. Trotz dieser jämmerlichen Bezahlung +drängen sich die Mädchen zum kaufmännischen Beruf; +so mußte z.B. eine der unentgeltlichen Fachschulen von 600 +Aufnahmesuchenden 292 abweisen.<a name="FNanchor_352"></a><a href= +"#Footnote_352"><sup>352</sup></a> Die männlichen +Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40 Gulden zu +beziehen und stehen nach längerem Dienst +unverhältnismäßig günstiger als die Frauen. +Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt von 360 bis 600 Gulden +jährlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme von 840 +Gulden.<a name="FNanchor_353"></a><a href= +"#Footnote_353"><sup>353</sup></a> Aehnlich sind die +Verhältnisse bei den Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit +einem Gehalt von 30 Gulden monatlich, das alle fünf Jahre um 5 +Gulden steigt, bis es den Höchstgehalt von 50 Gulden erreicht +hat. Fast die Hälfte der Angestellten beziehen +gegenwärtig den niedrigsten Gehalt, und während die +Bezüge der männlichen Beamten, von denen keine +höhere Vorbildung und keine anderen Leistungen verlangt +werden, als vom weiblichen Personal, wiederholte Aufbesserung +erfuhren, sind sie in den ca. drei Jahrzehnten, seit denen der +Staat Frauen beschäftigt, für die Frauen unverändert +geblieben. Die Pensionen, die nur bei völliger +Dienstunfähigkeit gewährt werden, entsprechen dem Gehalt: +nach dreißigjährigem Dienst, dem längsten, der nach +den gemachten Erfahrungen erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden +monatlich angewiesen.<a name="FNanchor_354"></a><a href= +"#Footnote_354"><sup>354</sup></a></p> + +<p>Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja +geradezu haarsträubend, soweit die Privatschulen in Betracht +kommen. Sie nutzen die Zwangslage, in der sich die Mädchen +dadurch befinden, daß sie erst nach zweijähriger +Lehrthätigkeit zur Lehrbefähigungsprüfung, die sie +in eine höhere Gehaltsstufe aufrücken läßt, +zugelassen werden, aus, indem sie die jungen Lehrerinnen +großenteils—umsonst arbeiten lassen. Es kommt vor, +daß die Entschädigung für 4 bis 5 Stunden +Unterricht im Gabelfrühstück besteht; in den +Klosterschulen werden die Volontärinnen am Ende des Schuljahrs +mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock belohnt. Nur wenige +Institute gewähren ein Höchstgehalt von 30 bis 35 Gulden +während der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15 +oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.<a name= +"FNanchor_355"></a><a href="#Footnote_355"><sup>355</sup></a> Ist +es ihnen endlich nach zweijähriger Arbeit unter den elendesten +Verhältnissen gelungen, eine Anstellung als Unterlehrerin zu +erhalten, so sind sie zunächst auf 1,16 bis 1,33 Gulden +täglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis 15 +Jahre in ähnlicher Stellung zu bleiben.<a name= +"FNanchor_356"></a><a href="#Footnote_356"><sup>356</sup></a> +Handelt es sich um Industrielehrerinnen, so können sie +bestenfalls auf ein Jahreseinkommen von 450 bis 600 Gulden rechnen, +müssen aber auch darauf gefaßt sein, jahrelang mit 180 +Gulden auszukommen.<a name="FNanchor_357"></a><a href= +"#Footnote_357"><sup>357</sup></a> Nun sind für sehr +bescheidene Bedürfnisse die notwendigen Ausgaben einer in +bürgerlichen Berufen thätigen Oesterreicherin +zusammengestellt worden, wobei Ausgaben für Arzt und Apotheke, +Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten, +Bildungsmittel, Vergnügungen etc. nicht in Rechnung kamen, und +es hat sich ergeben, daß 703 Gulden das Geringste ist, wessen +sie bedarf.<a name="FNanchor_358"></a><a href= +"#Footnote_358"><sup>358</sup></a> Es zeigt sich also auch hier, +daß die Einnahmen zu den Ausgaben in schreiendem +Mißverhältnis stehen.</p> + +<p>Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der +erwerbenden Frau, das auf alle Länder gleichmäßig +paßt, behandelt die Lage der Bühnenkünstlerinnen. +Nominell scheint ihr Einkommen häufig dem der Männer +gleichzustehen, thatsächlich ist es ganz bedeutend geringer, +weil Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei +den Männern keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren +Bühnen, auch die historischen Kostüme selbst zu +beschaffen haben, die ihren männlichen Kollegen geliefert +werden. Wir finden in Deutschland Gagen für Solistinnen bis zu +50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden hinab, auf denen +noch, als eine unerträgliche Steuer, die Prozentabgaben an die +Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Höhe, +die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den +Großstädten die Unsitte der Anstellung sogen. +"Luxusdamen", die oft auf jede Gage verzichten, hingegen der +Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen großen +Toiletteaufwand garantieren, Überhand nimmt.<a name= +"FNanchor_359"></a><a href="#Footnote_359"><sup>359</sup></a></p> + +<p>Werfen wir noch einen Blick auf die große, rasch wachsende +Zahl der weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, daß +ihre starke Mitarbeit an Familienblättern zweiten und dritten +Ranges zum größten Teil auf ihre geringen Ansprüche +zurückzuführen ist. Selbst in England, dem Dorado +schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden +Autorinnen, die, dank ihres Talents, glänzend situiert sind. +Im allgemeinen können 100 Pfund im Jahr schon als eine sehr +gute Einnahme gelten.<a name="FNanchor_360"></a><a href= +"#Footnote_360"><sup>360</sup></a> Dasselbe gilt für die +Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend schlechter +gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie die in +allen Zweigen des Kunstgewerbes thätigen Frauen, geben sich +mit Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen +würde, anzubieten.</p> + +<p>Das rasche Vordringen der Frau in die bürgerlichen Berufe +läßt sich nach alledem weniger durch bessere Leistungen, +als durch geringere Ansprüche erklären; selbst der Staat +handelt nicht anders wie jeder Fabrikant, der Arbeiterinnen +beschäftigt: es ist für ihn eine Ersparnis. Die Ursachen +aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den +verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunächst ist die Frau als +selbständig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, +von dem durch den Mann zu ernährenden Weibe, vollständig +widerspricht. Die Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur für +einen Zuschuß zum Lebensunterhalt, nicht für seine +vollständigen Kosten, und der sentimentale Hinweis auf den +Schutz der Familie, womit sogen. Menschenfreunde dem armen +Mädchen helfen wollen, entspringt demselben Boden, aus dem der +rohe Cynismus wächst, mit dem Kaufleute und Theaterdirektoren +ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu treiben +suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der Brotgeber. +Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau für +die Berufsarbeit eine unzulängliche und der dadurch erzeugte +Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen, +unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die +dasselbe leisten wie die Männer. Und noch ein anderes, +für die bürgerliche Frauenarbeit charakteristisches +Moment kommt hinzu: eine große Zahl der Arbeit suchenden +Frauen ist nicht vollständig auf ihre Erträgnisse +angewiesen; sei es, daß sie bei den Eltern wohnen und nur ein +Nadelgeld verdienen müssen, sei es, daß sie eine Rente +beziehen, die nur nicht ganz zum Leben ausreicht,—auf jeden +Fall sind sie in der Lage, die Männer, und, was noch schlimmer +ist, die wirklich Not leidenden weiblichen Konkurrenten zu +unterbieten. Und sie thun das skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem +Solidaritätsgefühl. Ihre jahrhundertelange Vereinzelung +als Töchter, Gattinnen und Mütter—jede in einer +engen Welt für sich—hat sie kurzsichtig und egoistisch +gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, +das sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lösen helfen. +Solange aber Beamtentöchter durch Bureaudienst nur +Toilettengeld zu verdienen wünschen und junge Damen sich die +Langeweile wegpinseln und wegsticken, solange wird ein +erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im Erwerbsleben +nicht zu Ende geführt werden können.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"3_Die_burgerliche_Berufsthatigkeit_von_prinzipiellen_Gesichtspunkten" />3. +Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen +Gesichtspunkten.</h2> + +<p>Für die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere +Bewertung der Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer +Meinung feststehenden Thatsache der minderwertigen +körperlichen und geistigen Fähigkeiten des weiblichen +Geschlechts.</p> + +<p>Was zunächst die körperlichen Fähigkeiten +betrifft, so fallen selbst gelehrte Männer, blind gemacht +durch ihre Voreingenommenheit, in den Fehler, die zweifellose +Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der Minderwertigkeit des +weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das Moment der +körperlichen Ausbildung ganz außer acht zu lassen. +Beginnt doch ihre Verschiedenheit für Mann und Frau schon in +frühester Jugend: dem Mädchen wird gelehrt, mit vielen +langen Röcken, die die Bewegungsfreiheit beeinträchtigen, +still bei den Puppen zu sitzen, während der Knabe in kurzen +Höschen zum Laufen und Springen angehalten wird. Die +Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele außerhalb +stärken weiter seine Muskeln, dem Mädchen dagegen wird +dafür bestenfalls ein minderwertiges Surrogat geboten, meist +aber sitzt sie über geisttötenden Handarbeiten, oder +quält sich und andere am Klavier, während ihr Bruder +Fußball spielt, oder fröhliche Wanderungen unternimmt. +Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung +geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der +Selbstbefreiung des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der +größeren Selbständigkeit und der Vereinfachung der +Kleidung der jungen Mädchen deutlich zu Tage tritt, und auch +darin einen glücklichen Ausdruck findet, daß der Absatz +der Klaviere seit seiner Einführung in stetigem Sinken +begriffen ist. Die Masse der bürgerlichen Mädchen aber, +besonders in Deutschland und Oesterreich, wird von diesem +Fortschritt ebensowenig berührt, wie von der günstigen +Aenderung der körperlichen Ausbildung, die in Amerika und +England Platz greift. Würde der Entwicklung der weiblichen +Muskelkraft eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der +männlichen, so dürften die Frauen dem Durchschnitt der +Männer zweifellos gleichkommen, das lehren die weiblichen +Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von den +Lastträgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., +zur Genüge. Aber selbst wenn es nicht geschähe, +würde dadurch etwas anderes bewiesen werden, als daß +gewisse Berufe, wie etwa die der Bergführer, den Männern +überlassen werden müssen? Auf die Geisteskräfte sind +die Muskelkräfte jedenfalls ohne hervorragenden Einfluß, +und noch immer ist der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als +Muskelkraft ohne Geist.</p> + +<p>Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere +Gründe für ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte +hinweisen, die man als sekundäre Geschlechtsmerkmale +bezeichnet, und unter denen die Verschiedenartigkeit des weiblichen +vom männlichen Gehirn und die weiblichen Lebensfunktionen +besonders hervorgehoben werden. Die +verhältnismäßige Leichtigkeit des Gehirns der +Frauen ist lange Zeit hindurch, hauptsächlich auf Grund der +Untersuchungen Bischofs, ihr Hauptargument gewesen, indem man ohne +weiteres annahm, daß die Geisteskräfte damit in direktem +Zusammenhange stehen. Thatsächlich haben die Männer ein +absolut größeres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich +aber schließlich infolge genauerer Untersuchungen +herausgestellt, daß es im Vergleich zum Körpergewicht +kleiner ist als das des Weibes, daß die Frauen daher ein +relativ schwereres Gehirn haben als die Männer.<a name= +"FNanchor_361"></a><a href="#Footnote_361"><sup>361</sup></a> Wie +wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus +hervor, daß die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem +Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, +einem einfachen Tagelöhner und dem Zoologen Cuvier +gehörten. Als eine Ironie der Natur kann es wohl auch +angesehen werden, daß Bischof, der aus dem absolut leichteren +Gehirn der Frau mit besonderer Schärfe ihre geistige +Inferiorität beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn +hatte, als es nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich +besitzen. Auch das Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der +Frauen ausgelegt, obwohl nichts weiter gefunden wurde, als +daß es bei den Mädchen schneller zunimmt, früher zu +wachsen aufhört und notwendigerweise infolgedessen auch +früher anfängt abzunehmen, als bei den Männern. +Weiter wurde die Größe des Stirnlappens für +ausschlaggebend erachtet. Experimente mit Tieren und der Umstand, +daß Schwachsinnige die größten zu haben pflegen, +sprechen aber für die Hinfälligkeit auch dieses Beweises. +Bei den Wägungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner +ergeben, daß ein wesentlicher Unterschied zwischen den +Geschlechtern in Bezug hierauf nicht besteht. Es stellt sich nach +alledem heraus, daß durch die Hirnuntersuchungen in Bezug auf +die intellektuelle Veranlagung von Mann und Weib nichts bewiesen +wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa bestehen, haben für +die Lösung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil nicht nur +die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um +allgemein gültige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil +ihre größte Menge Mitgliedern geistig und +körperlich unterdrückter Klassen angehört hat, eine +Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen Veranlagung +aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die +Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts +mit denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man +zugleich den Einfluß der Erziehung auf die Gehirnentwicklung +beobachten könnte.</p> + +<p>Weit begründeter erscheint es, wenn die +Geschlechtsfunktionen des Weibes als eine von der Natur gegebene +Schranke betrachtet werden, die sie von der Berufsarbeit trennt. +Schon die merkwürdige Thatsache eines periodisch +wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen hat, +die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit +auszuschließen. "Das Weib leitet beständig an dem +Vernarben einer inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani +erklärt sie für ein von Natur schwaches und krankes Tier. +Kulturvölker des Altertums und Naturvölker der Gegenwart +betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als Unreine und +haben abergläubische Furcht vor ihnen.<a name= +"FNanchor_362"></a><a href="#Footnote_362"><sup>362</sup></a> All +diese Ansichten sind durchaus verständlich, da es sich um eine +den Männern vollständig fremde Funktion handelt, deren +Folgen zu beurteilen sie daher durchaus nicht imstande sind. Wenn +Aerzte an den heutigen Frauen während der Zeit der +Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme der Kräfte +und die Unfähigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten, so +sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder +Kleidung und Lebensweise, sich aber hüten, diese Erscheinungen +für natürliche zu erklären.<a name= +"FNanchor_363"></a><a href="#Footnote_363"><sup>363</sup></a> +Hierüber dürfte das endgültige Urteil den Frauen +allein zustehen und dabei würde sich herausstellen, daß +die Gesunden unter ihnen von einem Einfluß der Menstruation +auf ihre Körper- oder Geisteskräfte überhaupt gar +nichts spüren, manche sich sogar während der Zeit eines +besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber sind nicht besser +und nicht schlechter daran, als die kränklichen Männer, +die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehören. +Günstige Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,—und diese +sind ja für alle ohne Unterschied des Geschlechts eine +Notwendigkeit,—können daher Frauen trotz der +Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn sie +sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch +ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thüren zum +Erwerb zu verschließen als es Grund wäre, die +Männer von der Arbeit zurückzuhalten, weil sie zuweilen +Schnupfen oder Rheumatismus haben.</p> + +<p>Den Vorwand dazu bietet für viele auch der Umstand, +daß die Vorbereitung zum Beruf, das Studium und der damit +verbundene Zwang, lange in meist gebückter Stellung zu sitzen, +der körperlichen Konstitution des Weibes besonders +schädlich sein soll.<a name="FNanchor_364"></a><a href= +"#Footnote_364"><sup>364</sup></a> Das geben wir ohne +Einschränkung zu. Es fragt sich nur, ob das traditionelle +Leben der Töchter bürgerlicher Eltern während der in +Betracht kommenden Jahre, das Sitzen über +nervenzerrüttenden Romanen und geistig abstumpfenden +Handarbeiten, das stundenlange nächtliche Tanzen in +überhitzten Sälen der Gesundheit zuträglicher ist, +und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen und +akademischen Erziehung nicht auf die männliche Jugend ebenso +traurige sind. Ist dies der Fall,—und daran werden +Einsichtige kaum zweifeln,—so sollte die Folge nur die sein, +gesündere Formen der Ausbildung für alle zu schaffen, und +die mit der geistigen Ueberbürdung Hand in Hand gehende +körperliche Vernachlässigung endgültig über +Bord zu werfen, denn die im ersten Augenblick rührend +erscheinende Sorge für die künftigen Mütter wird +schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit entkleidet, wenn sie sich +nicht mit der Sorge um die künftigen Väter verbindet. +Vielleicht, daß die Thatsache der mehr und mehr in die +bürgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die +bisher an den blassen, rundrückigen, kurzsichtigen +männlichen Opfern unserer wissenschaftlichen Lehrinstitute +blind vorübergingen, endlich die Augen öffnen wird. Damit +hätte die Frauenbewegung eine ihrer großen Missionen +erfüllt und bewiesen, daß sie zu jenem frischen +Lebensstrom gehört, der die stagnierenden Gewässer der +gegenwärtigen Zustände von innen heraus aufwühlt und +fortschwemmt.</p> + +<p>Damit aber wäre das wichtigste Argument der Gegner der +weiblichen Berufsthätigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. +Es ist uralt, bis zur Phrase herabgesunken; es wird von den +typischen Frauenrechtlerinnen verlacht und kommt gewöhnlich +mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige Beruf des Weibes ist der, +Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein anderer vereinbar. +Thatsächlich ist dies Argument das schwerwiegendste und +begründetste, und die große Schwierigkeit, es zu +widerlegen, drückt sich schon darin aus, daß die +Vertreter der Frauenemanzipation ihm entweder mit bedeutungsvollem +Schweigen oder mit billigem Spott und oberflächlichen +Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Möglichkeit der +Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schließlich +allein davon abhängt, ob es steht oder fällt. Angesichts +der gegenwärtigen Verhältnisse ist es freilich weniger +bedeutungsvoll, weil, wie wir gesehen haben, es hauptsächlich +alleinstehende Frauen sind, die in bürgerlichen Berufen +stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel gesetzt hat, +alle Frauen durch selbständige Arbeit aus ihrer +wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst +untersucht werden, ob, wie weit und auf welche Weise das +überhaupt geschehen kann.</p> + +<p>Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder +Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht früh zu +seinem Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur +Mittagsstunde nach Hause, und muß meist auch einen +großen Teil des Nachmittags seinem Berufe nachgehen. Die +Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort und wird in +ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der Berufsarbeit +noch verschärft, so daß nur sehr starke, elastische +Geister sich davor bewahren können, zu bloßen +Arbeitsmaschinen einzutrocknen. Bringen wir in Gedanken +zunächst die verheiratete kinderlose Frau in dieselbe Lage und +fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine selbständige +Wirtschaft zu führen hat, ohne Schaden ihren Beruf +ausfüllen kann? Abgesehen davon, daß sie sich +natürlich zu derselben unerfreulichen Erscheinung entwickeln +wird, wie ihr männlicher Kollege, ist es unseres Erachtens +dann möglich, wenn eine zuverlässige Wirtschafterin ihr +die häuslichen Geschäfte abnimmt, denn sich auch mit +ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hieße +sich jeder Ruhe berauben und die Gesundheit vollständig +untergraben. In ähnlicher Lage befindet sich die Mutter +erwachsener Kinder, nur daß hier die Frage entsteht, ob eine +durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre dauernde +Unterbrechung der Berufsthätigkeit, die jede Möglichkeit, +darin vorwärts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht +auch die Fähigkeit dafür geraubt hat. Besser wäre es +für sie, wenn sie, wie es in England und Amerika auch +häufig geschieht, in einen neuen, für sie geeigneten +Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch +Beteiligung an Wohlthätigkeitsbestrebungen und an sozialer +Hilfsarbeit vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich +ist. Es käme dabei wesentlich der Armen- und Krankendienst und +etwa die Schulinspektion in Frage<a name="FNanchor_365"></a><a +href="#Footnote_365"><sup>365</sup></a>, und es ist sicher, +daß es für all die Frauen, die sich, sobald die Kinder +das Haus verlassen, plötzlich so gut wie aller Thätigkeit +beraubt sehen und die nur zu häufig in öden +Vergnügungen aller Art oder in Toilettenluxus einen Ersatz +suchen und das tragikomische Schauspiel des +Nichtaltwerdenkönnens bieten, ein Segen wäre, fänden +sie ein Feld für ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch +die kinderlose Frau würde durch Berufsarbeit über viele +Klippen und heimliche nagende Schmerzen leicht hinweggeführt +werden.</p> + +<p>Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jüngere +verheiratete Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche +erwarten. Gemäß den heutigen Verhältnissen, +besonders in Europa, kämen für sie nur solche Berufe in +Betracht, die sich innerhalb der heimischen vier Wände +erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin und +Kunststickerin, allenfalls die der Zahnärztin, falls die +Praxis beschränkt wird. Aber auch dann muß die Frau +verstehen, mit ihrer Zeit hauszuhalten, muß entweder von +vornherein in günstiger Lage sein, um sich gute Dienstboten +halten zu können, oder der Ertrag ihrer Arbeit muß es +ihr ermöglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten +ausgleichen, das zweifellos entsteht, wenn die +Wirtschaftsführung fremden, und—was die Hauptsache +ist—meist ungeschulten Kräften überlassen bleibt. +Vor allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der +Muttermilch an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder +werden sollte, bis zur körperlichen und geistigen Pflege, oder +mindestens der Oberaufsicht darüber. Nicht viele werden im +stande sein, alle diese divergierenden Aufgaben miteinander zu +vereinen, alle Konflikte glücklich zu lösen, die daraus +entstehen, und sich und das Leben der Ihren zu einem harmonischen +zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe unter der anderen, oder die +Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins ist die Folge: sie +wird, falls sie, sei es aus äußeren oder inneren +Gründen, berufsthätig sein muß, ihre Kinderzahl zu +beschränken suchen, denn für die nervösen, +degenerierten Damen unserer Zeit ist Schwangerschaft und Wochenbett +meist eine Krankheit, und die ersten Jahre des Kindes nehmen, +selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die Mutter stark in Anspruch. +Daß unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen unserer Zeit die +bürgerliche Berufsthätigkeit außer dem Hause +für die junge verheiratete Frau unmöglich ist, oder den +Ruin der Kinder und der häuslichen Wirtschaft nachziehen +muß, braucht nach alledem nicht noch bewiesen werden. +Geschichten, die häufig von amerikanischen Frauen erzählt +werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine große Praxis +haben, daneben den Haushalt persönlich führen und ein +Dutzend Kinder ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind +Märchen, und nur die leider so zahlreichen unverheirateten +oder kinderlosen Sprecherinnen der bürgerlichen Frauenbewegung +können naiv genug sein, sie zu verbreiten.</p> + +<p>Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation +überhaupt? Ganz und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die +Forderung an Denker und Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, +die sich den neu entstehenden Zuständen anpassen. Gerade +diejenigen, die der Entwicklung der Frauenbewegung angstvoll +zuschauen, müßten sich dazu bereit finden, statt sie +durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drängen und der +Zerrüttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen +Not der Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, +Unnatürliches brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man +brauchte nur den wirtschaftlichen und industriellen +Entwicklungstendenzen aufmerksam nachzugehen und die +Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht werden, weiter +auszubilden. Im wesentlichen käme es darauf an, die ungeheure +Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln, die heute durch +die Masse der Einzelwirtschaften,—den kümmerlichen Rest +der großen Hauswirtschaft des Mittelalters,—getrieben +wird, einzudämmen. Das könnte in großen +Mietshäusern durch Zentralküchen geschehen, die unter der +Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten +Wirtschafterin stehen müßten und in der Lage wären, +sich alle modernen Errungenschaften der Chemie und des +Maschinenwesens zu Nutze zu machen. Das wäre nicht nur eine +große Ersparnis, sondern dadurch würde auch dem +Dilettantismus in der Küche,—in nichts anderem besteht +die mit so viel Aufwand an Sentimentalität festgehaltene +Thätigkeit der Durchschnittsfrau und ihrer +Köchin,—ein Ende bereitet, statt daß man ihn noch +weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernährung des +Menschen es ist, Unheil stiften läßt. Es wäre +ferner mit keinen großen Schwierigkeiten verbunden, für +bestimmt umgrenzte Häusergruppen Turn- und Spielplätze, +im Winter in Sälen, im Sommer in Gärten, anzulegen und +auf gemeinsame Kosten der Eltern für ihren Beruf +gründlich vorgebildete Erzieherinnen und +Kindergärtnerinnen anzustellen; selbst für die Kleinsten, +die heute gewöhnlich zu verhätschelten Egoisten erzogen +werden, wäre es von großem Vorteil, wenn sie nicht nur, +um vor der traurigen Frühreife der Stadtkinder bewahrt zu +werden, mit Altersgenossen sich herumtummeln könnten, sondern +auch beizeiten lernten, ihr kleines Ich nicht für den einzigen +Mittelpunkt der Welt zu betrachten. Durch solche Einrichtungen, die +sich besonders in den Vororten großer Städte, +womöglich in Verbindung mit Gruppen kleiner +Familienhäuser, treffen ließen,—es handelt sich +ja, wie wir wissen, zunächst nur um einen kleinen Prozentsatz +verheirateter berufsthätiger Frauen,—hätten sie +Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer Verfügung, und +die übrige Zeit würden sie sich um so frischer und +freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, während heute +nur zu häufig aus geistig angeregten, begabten Mädchen, +unter dem Druck der häuslichen Sorgen, der erzwungenen +Vernachlässigung ihrer geistigen Bedürfnisse, und dem oft +herzzerreißenden stillen Kampf zwischen der nach Leben und +Bethätigung drängenden Begabung und den notwendig zu +erfüllenden Pflichten, früh alternde, interesselose, +stumpfe Frauen werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine +Erzieherin und Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefährtin +sein können.</p> + +<p>Natürlich wird diesen Ausführungen das bekannte +Schlagwort von der Auflösung der Familie entgegengeschleudert +werden. Sehen wir aber doch einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, +mit der man das Familienleben zu betrachten pflegt, den Thatsachen +ins Gesicht, und fragen wir uns, ob nicht die alte Familienform +ohne unser Zuthun, einfach infolge der wirtschaftlichen +Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehört, ihrer +Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, daß +gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen +Strömungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz +greift: oder werden Mädchen und Knaben nicht mit Vorliebe +Bonnen und Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht für +Jahre in Institute, Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder +mütterliche Einfluß wegfällt; und hat sie nicht +noch andere, recht schädliche Einrichtungen hervorgebracht? +Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der Männer, +und zwar in den vorgeschrittensten Ländern am meisten, +zwischen Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es +ihnen schleunigst nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung +offenen Auges zu folgen und sie in der Hand zu behalten, sie +durchgehen lassen wie ein wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor +der Wahrheit die Augen zu verbinden und zu versuchen, die Gegner zu +entwaffnen, indem man in ihre Heiligpreisung der Familie einstimmt. +Eine weit bessere Politik ist es, ihnen und uns den Gang der Dinge +klar zu machen und ruhig auszusprechen, daß die +Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung der +Frau, zweifellos die heutige Familienform untergräbt, und es +an uns liegt, den neuen Formen für das Gemeinschaftsleben +zwischen Mann, Weib und Kind nachzuspüren und sie aufbauen zu +helfen.</p> + +<p>Für das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den +hergebrachten Anschauungen längst keine Rede mehr ist, bahnt +sich eine Neugestaltung, wenn auch sehr langsam und sehr +vorsichtig, nach und nach an. Ansätze dazu finden sich in den +Kindergärten, Kinderhorten, in den vielfach entstehenden +Krippen in der Nähe der mütterlichen Arbeitsstätte, +die den Frauen ermöglichen, ihre Kinder zu nähren; in der +Errichtung von Arbeiterwohnungen, die Zentralküchen, +Kinderhorte, Gärten, Säle für gesellige +Zusammenkünfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und +Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunächst fast nur in +der Idee bestehenden Mutterschaftsversicherung<a name= +"FNanchor_366"></a><a href="#Footnote_366"><sup>366</sup></a>, +sowie schließlich in der ganzen Gesetzgebung für +Arbeiterschutz. Aehnliche Maßregeln werden auch für +bürgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich +übrigens sowohl in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung +ihrer Arbeitskraft mehr und mehr proletarisieren, nach und nach +notwendig werden. Dabei wird die Regelung und Beschränkung der +Arbeitszeit für Beamte, Bureauangestellte, Lehrer und +ähnliche Berufsthätige die größte Bedeutung +haben. Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und +Hauswirtschaftsverhältnisse Hand in Hand geht, wird die +bürgerliche Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem +Eintritt in die Ehe abzuschließen brauchen, sie wird sich +auch leichter ermöglichen lassen, weil bei geringer Ausnutzung +der einzelnen Platz für viele frei wird.</p> + +<p>Damit wäre, ohne auf die gleich wichtige ethische und +psychologische Seite der Frage, deren Erörterung nicht hierher +gehört, einzugehen, das Argument der Gegner, das die +körperlichen Funktionen des Weibes als Hinderung seiner +Berufsarbeit auffaßt, zugleich gestützt und widerlegt: +neue wirtschaftliche Gestaltungen, veränderte +Arbeitsbedingungen sind notwendig, falls das Streben nach der +Befreiung der Frau sein Ziel vollständig erreichen und nicht +zu neuer Versklavung und körperlichem und geistigem Siechtum +ihrer selbst und ihrer Kinder führen soll. Dabei gilt es, noch +ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen unserer +Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger +Persönlichkeit auszubilden verstanden, und die natürliche +Sehnsucht ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem +Maße besitzen, weil keine Konvention ihr Herz +verkrüppelte, wenden sich doch von der Ehe, wie sie ihnen +heute erscheint, bewußt ab. Denn was sie von ihr sehen, +widerspricht ihrem geistigen und persönlichen +Freiheitsbedürfnis und sie lassen lieber ihr tiefstes Wesen +verkümmern, als daß sie sich zu ihr entschließen. +Und das wird um so häufiger geschehen, je weniger sie einer +Versorgung bedürfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im +stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im +Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation +die besten Mütter zu sichern; die Art des Familienlebens +müßte sich daher auch deshalb den neuen +Bedürfnissen anpassen.</p> + +<p>Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in männliche +Berufssphären findet aber noch andere Begründungen: in +dem Hinweis auf die Menge der männlichen Bewerber drückt +sich ein brutaler Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur +einer vollständig überwundenen Rechtsanschauung, irgend +jemandem zu verwehren, sich in welchem Beruf immer durchzusetzen. +Etwas ernsteren Charakter hat es, wenn von der Erwerbsarbeit der +Frauen eine Schädigung ihrer Weiblichkeit gefürchtet +wird. Dabei sollte man sich, was gewöhnlich nicht geschieht, +zunächst über diesen Begriff klar werden. Meines +Erachtens läßt er sich in zwei Worte fassen: Anmut und +Güte. Daß diese Eigenschaften, statt sich zu +höchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einfluß des +Kampfes ums Dasein in seinen gegenwärtigen barbarischen Formen +verkümmern und häufig in ihr Gegenteil umschlagen, +unterliegt kaum einem Zweifel. Die drückende Arbeitslast, +verbunden mit dem unzureichenden Einkommen, gewähren den +meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre +äußere Erscheinung zu pflegen, ihr +Schönheitsbedürfnis zu kultivieren, und die häufige +innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den Rest der Anmut +ihres Wesens, wie der Zwang, sich rücksichtslos gegen andere +durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich allein +nur erhalten zu können, ihre natürliche Güte +unterdrückt. Dazu kommt, daß gerade die bürgerliche +Frauenbewegung, die wesentlich die Forderungen alleinstehender +Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen, zum Teil ins Groteske +auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der die +Schärfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck +brachte. Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in +England und Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, +die sich vernachlässigen, männliche Allüren +annehmen, ihr Weibsein äußerlich und innerlich +unterdrücken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie +jede soziale und revolutionäre Bewegung sie hervorbringt, und +der Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende +Bezeichnung für sie. Aus ihrer Richtung gehen alle +Auswüchse der Frauenbewegung hervor: so die Damenklubs, die +die Trennung der Geschlechter noch mehr verschärfen helfen, +statt daß der gesunden Tendenz der Frauenbewegung, die sie +wieder einander nähern will, allein nachgegeben würde; so +die von England ausgehende halbmännliche Uniformierung der +Frauen mit ihren großen, absatzlosen Stiefeln, ihren +Herrenhüten und ihren die Brust zurückdrängenden +Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenüber, die +abzuleugnen Thorheit wäre, wollen wir doch die Frage +aufwerfen, ob unser gesellschaftliches, soziales und +wirtschaftliches Leben und Streben nicht auf das männliche +Geschlecht in ähnlicher Art einwirkt. Wo findet sich bei +unseren männlichen geistigen Arbeitern, die über +Manuskripten und Büchern hocken und zur Erholung dem Skat- und +Biertisch zuströmen, noch männliche Kraft und +Schönheit? Besitzen sie, die in der Mehrzahl unter der +Geißel der Abhängigkeit Frondienste leisten, noch jene +gerühmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und +Unabhängigkeit? Sind nicht, bei Licht betrachtet, unsere +Jünger der Wissenschaft, die Studenten, in einem viel +jämmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen Genossen?</p> + +<p>So kann man wohl mit Recht behaupten, daß die Weiblichkeit +unter unseren heutigen Berufs- und Arbeitsverhältnissen +Schaden leidet, aber man soll nicht vergessen, hinzuzufügen, +daß die Männlichkeit nicht weniger geschädigt wird, +und der weiteren Degenerierung nur durch gründliche Reformen +vorgebeugt werden kann.</p> + +<p>Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen +auf dem Gebiet der Wissenschaft und der bürgerlichen Berufe +bleibt zu erörtern; ihre angebliche untergeordnete geistige +Befähigung.</p> + +<p>Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden, +wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich +sichere Schlüsse über die Begabung der beiden +Geschlechter ziehen ließen, und auch der Wert der vorhandenen +ist kein allzugroßer, weil sich die von der ersten Kindheit +an verschiedenartige Erziehung der Geschlechter als eine nicht zu +vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat eine Untersuchung an einer +Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt gezeigt, daß die +Mädchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und Begriffe aus +der nächsten Umgebung und dem täglichen Leben +überlegen sind, während die Knaben von äußeren +entfernteren Dingen genauer unterrichtet waren.<a name= +"FNanchor_367"></a><a href="#Footnote_367"><sup>367</sup></a> Als +das Ergebnis einer italienischen Untersuchung stellte es sich +heraus, daß Mädchen lieber lernen als Knaben, und es +weit mehr Knaben giebt als Mädchen, die für nichts +Interesse haben.<a name="FNanchor_368"></a><a href= +"#Footnote_368"><sup>368</sup></a> Mit solchen Einzelheiten aber +läßt sich für unseren Zweck wenig anfangen, wissen +wir doch, daß Mädchen von klein auf an häusliche +Thätigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewöhnt +werden, und Knaben sich meist frei draußen herumtummeln +dürfen, also äußere Dinge kennen lernen, ja +daß schon das verschiedenartige Spielzeug nach dieser +Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden +Mädchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und +Puppenküchen, mit Pferden, Viehställen und Bleisoldaten +spielen, denselben Kreis von Begriffen und Vorstellungen haben, wie +die Knaben. Der Mangel an geistigen Interessen, die geringere +Lernbegierde endlich, die bei den Knaben konstatiert wurde, +läßt sich sicherlich zum großen Teil auf ihre +frühe geistige Ueberbürdung zurückführen. +Vielleicht daß auch die häufig beobachtete Thatsache der +schnelleren geistigen Entwicklung der Mädchen in der +geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedächtniskram eine +Erklärung findet, während die vom 20. Jahre ab sich meist +geltend machende Ueberlegenheit der jungen Männer ihre Ursache +gewiß darin hat, daß sie sich nun frei und ungehindert +im Leben umsehen können, während das Dasein der +Mädchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie vor +dem größten Lehrmeister, der persönlichen +Lebenserfahrung, ängstlich behütet. Auch auf den Umstand, +daß Frauen im Bureaudienst mehr Fleiß und Geduld als +Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der +englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben<a name= +"FNanchor_369"></a><a href="#Footnote_369"><sup>369</sup></a>, ist +die Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einfluß +gewesen. Und die andere vielfach auftauchende Klage, daß sie +für ihren Dienst wenig persönliches Interesse haben, wird +ebenso wie die häufige Nachlässigkeit ihrer Vorbildung +dadurch vollständig erklärt, daß leider heute noch +fast alle Mädchen in ihrer Erwerbsthätigkeit keinen +Lebensberuf sehen, dem sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern +nur ein fatales Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu +überwinden hoffen. Selbst die schnellere Auffassungsgabe der +Frau, ihre Fähigkeit zu raschen Entschlüssen, scheint +kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu sein, denn sie +beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des +Charakters, als darauf, daß ihr in bedeutend höherem +Maße als dem Mann mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder +Respekt vor Autoritäten in ihr groß gezogen wurde, und +sie den Zweifel als die Ursache der geistigen Selbständigkeit, +aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen anderer und des +vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht Unrecht, +wenn er meint<a name="FNanchor_370"></a><a href= +"#Footnote_370"><sup>370</sup></a>, die Frauen seien geistig so +beweglich, weil sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem +Thatsachenmaterial ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, +daß das rechte Wissen in der auf eigenen Untersuchungen +beruhenden Gewißheit und nicht im bloßen Nachbeten +anderer besteht? Und wie verhält es sich mit dem Mangel an +Energie und Unabhängigkeitssinn, den man dem weiblichen +Geschlecht vorwirft und auf Grund dessen man meint, daß keine +Frau ein Bacon oder Galilei werden könnte? Hat man nicht +Jahrtausende hindurch jene Weiblichkeit in ihr groß gezogen +und verehrt, deren Inbegriff in der bedingungslosen Hingabe, der +Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht? Mehren sich nicht heute, +wo man anfängt, von diesem Ideal sich abzuwenden, die Zeichen +für eine ganz enorme Energie des Weibes und einen +Unabhängigkeitssinn, der keine anderen als die selbst +gezogenen Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die +Vorkämpferinnen der Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in +Amerika, an die wachsende Zahl mutiger und durchaus +selbständiger Schriftstellerinnen beider Hemisphären.</p> + +<p>Gewöhnlich wird die geistige Begabung des Weibes für +eine so minderwertige gehalten, daß man sich aus diesem +Grunde berechtigt glaubt, ihr den Zugang zu männlichen Berufen +zu verwehren. Dabei fehlt es an vollgültigen Beweisen, die +dies apodiktische Urteil über die Befähigung der Frauen +stützen könnten. Aber selbst Gelehrte, die gewöhnt +sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials +allgemeine Schlüsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom +Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, daß sie in +leichtsinnigster Weise urteilen. So berief sich ein berühmter +Mediziner und enragierter Feind des Frauenstudiums, den ich nach +seinen Gründen befragte, auf folgende Erfahrung, die er +gemacht hatte: In einer Vorlesung über Gehirnanatomie befand +sich eine ältere weibliche Hörerin; nach Schluß der +Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwähnt hatte, +daß das weibliche Gehirn in seinem Wachstum früher zum +Stillstand kommt, und auch früher abzunehmen beginnt, als das +männliche, kam die Dame zu ihm und sagte, daß sie das +nicht glauben könne, denn sie sei doch schon 50 Jahr und +fühle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskräfte. "Niemals +würde ein Student," meinte der Professor, "solch eine +thörichte, auf rein subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung +machen, das ist ausschliesslich Frauenart." So gründen viele +Universitätslehrer ihre absprechende Meinung auf die +Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen Zuhörern machten, aber +während die einen,—zumeist solche, die seit Jahren viele +Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor Winter +in München<a name="FNanchor_371"></a><a href= +"#Footnote_371"><sup>371</sup></a>,—ihnen das +größte Lob erteilen und sie den Männern völlig +gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige, schlecht +vorbereitete Schülerinnen haben, von ihrer durchgehenden +Mittelmäßigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so +pflegen sie den Frauen die Befähigung zum Hebammen- und +Krankenpflegerinnenberuf zuzuerkennen, sie ihnen aber für den +ärztlichen vollständig abzusprechen; sind sie Juristen, +so möchten sie ihnen den Bureaudienst zwar überlassen, +halten sie aber für unfähig, als Advokaten oder Richter +zu praktizieren. Demgegenüber stößt uns nicht nur +wieder die Frage auf, ob denn die bisher gemachten ganz minimalen +Erfahrungen zu solchen Urteilen berechtigen, sondern wir schauen +uns unwillkürlich unter den männlichen Studenten, den +männlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob denn hier nicht +auch die Mittelmäßigkeit dominiert, ja, ob die Begabung +überhaupt der Maßstab dafür ist, zu welchem Beruf +ein junger Mann sich vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und +der Stand des Vaters fast allein den Ausschlag? Sind aber die +Männer trotzdem von der Minderwertigkeit des weiblichen +Geschlechts fest überzeugt, so brauchten sie ja seine +Konkurrenz nicht zu fürchten. Wer aber beiden Geschlechtern +durchschnittlich ähnliche Fähigkeiten zuerkennt, der +sollte den Eintritt der Frauen in die bürgerlichen Berufe +schon darum befürworten, damit eine genauere Auslese der +Besten möglich ist und die Mittelmäßigkeit, die +männliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden +Position gedrängt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, +daß dieser als Folge der Frauenbewegung auftretende und mit +ihrem Fortschreiten immer heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf +notwendigerweise die unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen +muß: der Egoismus, der Brotneid, die geistige +Ueberanstrengung und körperliche Vernachlässigung, die +dadurch schon unter den Männern hervorgebracht werden, +müssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken. +Das abzuleugnen, wäre ebenso thöricht, als es +thöricht ist, von der Zulassung zu den Universitäten und +den bürgerlichen Berufen die Befreiung der Frau zu +erwarten.</p> + +<p>Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hüten +und die Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber +neben diesen daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, +daß der Eintritt der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf +sie selbst schädlich, sondern vor allen Dingen auf den +Fortschritt der Welt hemmend einwirken muß. Und zwar berufen +sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das weibliche +Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.</p> + +<p>Urteilslose Anhänger des Feminismus pflegen dem unbedingt +zu widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat +berühmter Frauen von Sappho und Hypatia an bis auf Sonja +Kowalewska vor uns ausbreiten. Betrachten wir sie aber genau und +ohne Voreingenommenheit, so ist das Ergebnis dieses: Von den +Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist uns fast nur der Name +geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets ihre +Persönlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten +neuerer und neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, +sie zeugen von ernstem Studium und großem Fleiß und +überragen diejenigen vieler Männer der Wissenschaft, aber +eine wirklich geniale Leistung, eine bahnbrechende +wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen. Die Freunde +der Frauenbewegung pflegen hier die Erklärung abzugeben, +daß die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale +Gebundenheit, seine Ausschließung von den wissenschaftlichen +Lehranstalten die Ursache hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur +wenige Frauen haben freie Bahn gehabt für ihre Entwicklung, +erst die neueste Zeit beginnt sie langsam auf gleiche Stufe zu +stellen mit den Männern, und statt über die geringen +Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen über das, +was sie, trotz der Ungunst der Verhältnisse, geleistet haben. +Der Mangel an weiblichen Genies aber läßt sich dadurch +noch nicht zur Genüge erklären und er fällt noch +mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der Kunst, zu dem der +Zutritt überdies den Frauen viel leichter gemacht wird, mit in +den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente, starke +Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine +schöpferische Kraft. Selbst große Dichterinnen wie +Annette v. Droste-Hülshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada +Negri, erreichen auch nicht von ferne die Höhen der Klassiker; +im Drama stehen die Frauen sogar zweifellos unter dem Durchschnitt +der männlichen Dichter. Ihre große Neigung zur Musik hat +noch nicht eine Komponistin hervorgebracht, die sich mit +männlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen +könnte, und keine der berühmten Malerinnen kann +beanspruchen, mehr als Tüchtiges geleistet oder gar neue Wege +gewiesen zu haben. Greifen wir noch auf andere Gebiete über, +auf denen genialer Erfindungsgeist zum Ausdruck kommen kann, so +bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen haben auch im Umkreis +naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst, der Wäscherei +und Schneiderei, keinerlei umwälzende Leistungen zu +verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die +allerhand sehr nützliche Erfindungen machten. Alledem +gegenüber ist man häufig zu dem Resultat gekommen, das +die geniale Begabung der Frau keine produktive, sondern eine +reproduktive sei, da es mehr große Schauspielerinnen als +Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als männliche +Virtuosen gäbe. Ich glaube, daß eine Entscheidung +hierüber sich kaum treffen läßt, und daß sie +nur in Betreff der Schauspielerinnen zu Gunsten der Frauen +ausfallen könnte. Ich bin vielmehr der Ueberzeugung, daß +die Genialität der Frau auf einem ganz anderen Gebiet sich zu +äußern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst +jetzt der Menschheit erschließt.</p> + +<p>Wir haben gesehen, daß die von den Frauen bevorzugten +Berufe—die der Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin +und Aerztin, der Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der +Handelsangestellten und Bureaubeamtin—der Mütterlichkeit +ihres Wesens entsprechen, und wir können, trotz einer nicht +allzulangen Erfahrung, doch heute schon konstatieren, daß sie +sich in den von ihnen gewählten Berufen ganz besonders +auszeichnen. Wir wissen ferner, daß fast alle +Wohlthätigkeitsbestrebungen, auch die größten +Stils, fast ausschließlich den Frauen ihr Entstehen und ihre +Entwicklung verdanken, daß sie sich überall in +wachsendem Maße an allem beteiligen, was unter den Begriff +Sozialreform fällt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte +hier ihr Bestes leisten. Während sie im allgemeinen am +Althergebrachten zu hängen pflegten und die schwierige +Position der Avantgarde stets den Männern +überließen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem +Verständnis und seltener Energie den jüngsten der +Wissenschaften, den Sozialwissenschaften, zu, und kämpfen +darum, in ihren Rahmen zu praktischer Thätigkeit zu gelangen. +Sie sehen ein ungeheures Feld vor sich, dessen Bearbeitung ihnen +entspricht, in der ihre Persönlichkeit zum vollendeten +Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum, Mittel und +Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um, wie +einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu +begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes +Hammer, Meißel und Pflugschar als Symbol des +Völkerlebens aufzurichten. Und besteht nicht Genialität +im Ausdruck der Persönlichkeit?</p> + +<p>Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, +darum nimmt die Frauenbewegung so große Dimensionen an: weil +die Atmosphäre sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, +weil Despotismus, Sklaverei und Krieg im Bewußtsein der +Menschheit mehr und mehr als barbarische Reste einer +überwundenen Vergangenheit angesehen werden, weil die Kraft +der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes und Herzens +langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die ersten +Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen +Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es für +mich außer allem Zweifel, daß sie kommen werden. In +diesem Sinne haben die Gegner recht, wenn sie ein Zeitalter des +Feminismus voraussehen; sie haben aber unrecht, wenn sie meinen, +daß es eins der Schwäche, der Degeneration sein wird. +Denn erst die Ergänzung der männlichen Begabung durch die +weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja +doch mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevölkern, kann +Wirkungen hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den +einen Teil schädigen. Wären die Fähigkeiten des +Geistes und Herzens gleich, so wäre der Eintritt der Frauen in +das öffentliche Leben für die Menschheit vollkommen +wertlos und würde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf +hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, daß das ganze Wesen des +Weibes ein vom Manne verschiedenes ist, daß es ein neues +belebendes Prinzip im Menschheitsleben bedeuten wird, macht die +Frauenbewegung zu dem, was sie trotz mißgünstiger Feinde +und lauer Freunde ist: einer sozialen Revolution.</p> + +<p>Die bürgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der +bisherigen Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine +wirtschaftliche Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum +Ausdruck kommt. Sie spitzt sich um so mehr zu, je größer +der Frauenüberschuß ist, je geringer die +Heiratsaussichten, je schroffer die Gegensätze zwischen +Einnahmen und Bedürfnissen sich gestalten. Die Eröffnung +der Universitäten, der höheren Lehranstalten aller Art +und der bürgerlichen Berufe sind ein notwendiger Schritt zur +Lösung der Frauenfrage; unter den bestehenden +Verhältnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die +Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen +aber auch eine Reihe von Uebelständen, die in dem immer +heftiger werdenden Konkurrenzkampf der Geschlechter zum +schärfsten Ausdruck kommen, nach sich. Angesichts dieser +Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die körperliche +Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder +nachteilig einwirken, und der Thatsache, daß von ihrer +wirtschaftlichen Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die +verheirateten Frauen, die auch in der Bourgeoisie in immer +ausgedehnterem Maße zum Erwerb gezwungen sind, durch Arbeit +ökonomisch selbständig zu werden vermögen, ist eine +tiefgreifende Veränderung der Arbeitsbedingungen, der +Wohnungs- und Hauswirtschaftsverhältnisse und der Formen des +Familienlebens die unausbleibliche Voraussetzung der Lösung +der wirtschaftlichen Seite der Frauenfrage. Ein Urteil über +den Wert des Anteils der Frauen an der bürgerlichen +Berufsthätigkeit wird auch erst dann zu fällen +möglich sein, wenn ihre individuellen Fähigkeiten +ungehemmt zur Entwicklung gelangen können, und die +eigentümliche Genialität der Frau sich entfalten +kann.</p> + +<p>Damit ist auch über die heutige bürgerliche +Frauenbewegung, die sich weder ihrer treibenden Kräfte +vollkommen bewußt wird, noch ihre letzten Konsequenzen klar +ins Auge faßt und eingesteht, das Urteil gesprochen. Das +höchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem +Wege zu führen, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer +allgemeinen, beide Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis +zum Ende werden gehen können.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"4_Die_Entwicklung_der_proletarischen_Frauenarbeit" />4. Die +Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.</h2> + +<p>Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. +Jahrhundert zu schreiben unternehmen wollte, müßte +zugleich die Geschichte der Maschine schreiben. Sie war es, die wie +ein Hexenmeister durch ihre eintönig rasselnde Rede und ihren +feuersprühenden Atem jene dunklen, endlosen Scharen bleicher +Frauen aus ihren stillen Heimstätten herauslockte und in ihre +Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht durch +die Handarbeit der Frau ein großer Teil der allgemeinen +Bedürfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo +die Kraft der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu +ersetzen, war es möglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen +anzustellen. Mit Hammer und Zange, mit Hobel und Säge in der +eigenen kräftigen Faust beherrschte der Mann die Produktion; +er beherrscht sie auch dann noch, wenn die Triebkraft der +komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft beruht, aber er +muß dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die +mechanischen Triebkräfte sich entwickeln und an Stelle der +brutaleren Eigenschaften des menschlichen Körpers Gewandtheit +und Geschicklichkeit erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war +daher die notwendige Folge der aufblühenden +Großindustrie.<a name="FNanchor_372"></a><a href= +"#Footnote_372"><sup>372</sup></a> Aber wie das rastlose Streben +nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen +Beweggründe—etwa den Wunsch nach Entlastung des +Menschen, nach verringerter Anstrengung und verkürzter +Arbeitszeit—hat, sondern von dem Verlangen nach Verbilligung +der Produktion beherrscht wird, so führt dasselbe Verlangen +zur Beschäftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine wählt +die in der Frau verkörperte billigste Arbeitskraft<a name= +"FNanchor_373"></a><a href="#Footnote_373"><sup>373</sup></a>, und +ihre Wahl für eine Arbeit wird durch die Arbeitsarten +bestimmt. Die Erfindung einer neuen Maschine oder die Benutzung +motorischer Kräfte kann ein ungeübtes Mädchen den +gelernten kräftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die +Veränderung des Arbeitsprozesses ermöglicht also die +Beschäftigung der Frauen.<a name="FNanchor_374"></a><a href= +"#Footnote_374"><sup>374</sup></a></p> + +<p>Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener große +Umschwung auf dem Gebiete der Technik, der von so weittragender +Bedeutung für die Entwicklung der Industrie sein sollte. Die +Erfindung der Spinning-Jenny, der Kämmmaschine, der +Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des +Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die +Erfindung der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwälzung im +gewerblichen Leben war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, +die den im Nebel phantastischer Träume schwebenden +demokratischen Ideen eine reale Grundlage schaffen half: die +gesteigerte Produktion entriß zahlreiche Gebrauchsartikel dem +Alleinbesitz privilegierter Klassen und führte sie breiteren +Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der +Mensch früher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts +durch die Maschine zwölf und mehr Spindeln, an Stelle der vier +Nadeln, mit denen gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl +mit Hunderten von Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die +ihren Eroberungszug durch die Kulturwelt antrat; Ende des 18. +Jahrhunderts wurde sie in England zum erstenmal in Bewegung +gesetzt, kurz darauf kam sie nach Massachusetts, wo bis zum Jahr +1809 87 Spinnereien mit 80000 Spinning-Jennys und einem Stamm von +66000 weiblichen Arbeitern ins Leben traten<a name= +"FNanchor_375"></a><a href="#Footnote_375"><sup>375</sup></a>; zu +gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen Spinnereien +in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einführung der +Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in +Mülhausen bereits mit Dampf getrieben<a name= +"FNanchor_376"></a><a href="#Footnote_376"><sup>376</sup></a>, und +sieben mechanische Spinnereien waren im Oberelsaß allein im +Gang.<a name="FNanchor_377"></a><a href= +"#Footnote_377"><sup>377</sup></a> Zwei Jahrzehnte später rief +die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwälzungen +hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die +selbstthätig arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute +bis zu 1200 Spindeln treibt. Aber auch sämtliche +Vorbereitungsarbeiten, die früher in langsamster und z.T. +ungesundester Weise ausgeführt wurden, sind von der Maschine +übernommen worden: die Wollkämmer, die unter der +schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen +ausgerüstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur +höchsten Vollkommenheit ausgebildeten Kämmmaschine +übergeben müssen, und sowohl das Waschen wie das Krempeln +der Baumwolle und der Wolle geschieht auf mechanischem Wege. Am +längsten widerstand die Seidenspinnerei der Einführung +komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das langwierige und +durch die dauernde Hantierung im Wasser gesundheitsschädliche +Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einführung von +Schlagmaschinen ersetzt worden.</p> + +<p>Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der +Spinnerei hielt die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. +Während gemusterte Gewebe früher nur auf sehr +mühsame und kostspielige Weise hergestellt werden konnten, +ermöglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf +der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten +durchlochten Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf +mechanischem Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und +Kunstfertigkeit notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe +weniger, leicht gelernter Handgriffe. Die Erfindung des +selbstthätig arbeitenden Webstuhls, mit dessen Problem sich +schon Lionardo da Vinci beschäftigt hatte, bedeutete einen +neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19. +Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in +Amerika, England und Frankreich, durch die auch die +Vorbereitungsarbeiten der Hausindustrie mehr und mehr entrissen +wurden: statt daß eine Spulerin an dem Aufwickeln einer +Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine fünfzig und +mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbäumen, eine sehr +beschwerliche Arbeit für die Handwerker früherer Zeit, +besorgt eine Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das +durch Eintauchen der Garnsträhne in verschiedenartige +Lösungen oder durch Bürsten der schon auf dem Webstuhl +befindlichen Fäden besorgt wurde und nachher noch ein +langwieriges Trocknen nötig machte, besorgt eine Maschine in +erstaunlicher Geschwindigkeit. Während noch ein Jahrzehnt +früher jedes gewebte Stück zum Appretieren, Walken, +Rauhen, Scheren, Färben, Drucken und Pressen an ebensoviele +andere Gewerbe überging, vereinigte die Fabrik bald auch diese +Arbeitsweisen in ihren eigenen Räumen. Das Trocknen der +appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von innen +geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne +abhängig; das Walken des Tuchs, das unter großer +Kraftanstrengung durch die Hände des Arbeiters im warmen +Wasser geschah, wird jetzt von den schweren Hämmern der +Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht allzulanger Zeit in +der Weise vorgenommen wurde, daß der Arbeiter mit den rauhen +Fruchtköpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark +andrückend bestrich—eine sehr zeitraubende +Thätigkeit—ist jetzt durchweg Maschinenarbeit; das +Scheren mit der Handschere, das Bedrucken mit der Handpresse, +wodurch große Gewerbe Beschäftigung fanden, ist durch +sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter +Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig +Farben auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen +könnte, der sein Druckmodel dem Stoff nach und nach +aufpreßt und für jede neue Farbe immer wieder von vorne +anfangen muß, oder wer zuschauen könnte, wie der +Samtweber früherer Zeiten die wie in Schläuchen +aufliegenden Faden des Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden +mußte, während der mechanische Webstuhl zwei miteinander +durch die Florkette verbundene Stoffstreifen schafft, die zu +gleicher Zeit mit dem Weben durch Schneidvorrichtungen +auseinandergeschnitten werden, so daß zwei vollständig +fertige Samtgewebe auf einmal entstehen—der würde sich +von dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen +können, vor dem die phantastischsten Märchenbilder +verblassen müßten.</p> + +<p>Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und +Weben, das ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch +primitiver Maschinen nötig machte, war der Einfluß der +technischen Fortschritte auf die Spitzenindustrie, die Stickerei +und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten waren Jahrhunderte +hindurch ausschließlich Handarbeit gewesen, die Klöppel, +die Nähnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die +Erfindung der Bobbinetmaschine, später noch vervollkommnet +durch Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine +Umwälzung auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein +Jahrzehnt nachher waren bereits allein in England 920 solcher +Maschinen im Gange und vom einfachen Tüllgrund und dem +Schleier angefangen bis zum gemusterten Vorhang und der feinsten +Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst nur in wenigen +Stücken den Reichsten zugänglich war. Noch tiefer griff +die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene +Plattstichstickmaschine in die häusliche Arbeit der Frauen +ein. Statt daß mit der Nähnadel ein Faden vorsichtig +neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin nunmehr nichts +weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift des +Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die +es nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der +zunächst die mechanische Triebkraft nicht in Anwendung +gebracht werden konnte, drang rasch in die fernsten Winkel der +Hausindustrie, so daß die Weißstickereiproduktion einen +enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer weiteren Vervollkommnung +aber auch noch revolutionierender auf die Spitzenindustrie, als die +Bobbinetmaschine. Indem man nämlich ein +Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder +Stickboden der Stickerei weggeätzt wurde, entstanden +außerordentlich feine, sogenannte Luftspitzen, die manche +künstlerische Gebilde früherer Zeit in den Schatten +stellen.</p> + +<p>Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste +Strickmaschine eine Unterstützung der Hausindustrie, da sie +mit der Hand getrieben wurde, und statt des einen Paares grober +Strümpfe, die eine Handstrickerin in einem Tage fertigstellen +konnte, deren 10 bis 12 Paar erzeugte. Mit der Erfindung der +mechanischen Strumpfstrickerei ging sie notwendigerweise zum +Fabrikbetrieb über. Heute erzeugt die selbstthätige +Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast +völlig fertiger Strümpfe täglich. Auch die der +Strickerei so außerordentlich ähnliche Wirkerei war +zunächst für den Handbetrieb eingerichtet; ein +Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine +geübte Handstrickerin höchstens 100. Neben diesen +Stühlen, die nur einfache gewirkte Stoffbreiten herstellen, +entstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus +dem die Stoffe in Schlauchform hervorgehen. Die Entwicklung der +gewirkten Leibwäsche und des übrigen gewirkten +Unterzeuges ist auf sie zurückzuführen.</p> + +<p>Die Thätigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die +Spinn- und Webemaschinen eingeschlossen, beschränkt sich, +sobald sie im Gang sind, großenteils auf das Ausrücken +des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist und auf das +Anknüpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach +mechanische Ausrückvorrichtungen in Anwendung gebracht, so +daß die Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in +Wegfall kommt und der Arbeiter nur, sobald die Maschine still +steht, den gebrochenen Faden zusammenzuknüpfen braucht. +Daß diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger erfordert, zu +einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverständlich. Das Weben am +Webstuhl mit Hand- oder Fußbetrieb war fast immer Arbeit des +Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der +Bewegungsmotor wurde, mußte er Frauen, ja selbst Kindern +weichen.</p> + +<p>Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der +Maschine. Noch erzählen unsere Großeltern, wie sie sich +ihre Briefumschläge stets mühsam selbst herstellten, wenn +sie nicht in den Häusern der Aermsten durch Kinder und Frauen +mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und Pinsel hergestellt +wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen die Kuverts und +liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen Maschine +braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden, +damit sie die fertigen Umschläge—4000 in der +Stunde!—auf der anderen wieder herauswirft. Aehnliches +geschieht in der Kartonage. An Stelle des Zuschneidens, das +kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die Formen aus, +sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der Ausnutzung +aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun +übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große +Veränderung die Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde +der Handbetrieb zum erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die +heute so vervollkommnet ist, daß sie das Rohmaterial aufnimmt +und selbstthätig zu fertigem Papier verarbeitet. Auch eine +andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst der Maschine: Die +Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre +unmöglich gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der +kleinen Hölzchen, die früher Stück für +Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe gekommen +wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit +armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und +gefüllt—25000 täglich!</p> + +<p>Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen +genialen Erfindungen die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; +wohl aber kann ohne weiteres behauptet werden, daß keine eine +so nachhaltige, sich immer weiter ausdehnende Wirkung hatte, als +die zur selben Zeit wie die Spinn- und Webstühle in ihrer +einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie blieb lange +unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die erste, +wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich +mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an +sich hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, +der Betrieb durch Hand oder Fuß, ihr in jedem Haus Eingang +verschaffte und sie eine Arbeit verrichtete, die mehr als irgend +eine andere, von jeher in den Händen der Frauen gelegen hatte. +Sie verzwölffachte überdies die Leistung der +Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.<a +name="FNanchor_378"></a><a href="#Footnote_378"><sup>378</sup></a> +Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die +Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, +die Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in +der Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes +Aufkommen schon das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu +untergraben anfing und den Frauen den Eingang dazu verschaffte. +Heute hat die mechanische Herstellung der Schuhwaren einen Grad von +Vollkommenheit erreicht, die der der Weberei annähernd gleich +kommt. Auch hier sind fast alle Vorbereitungs- und +Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen worden: vom +Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das Zuschneiden +entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das für +den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des +Oberleders mühelos ausführt, bis zum Glätten des +fertigen Schuhs, dem Nähen der Knopflöcher und +Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die +meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und +die alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer +bloßen Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine +der letzten großen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An +seiner Wiege stand, wie einst die Gaben spendenden Feen an der +Wiege der Märchenprinzessin, der graue König Dampf und +ließ über ihr sein erstes, prophetisches, +eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein +Leben; unter seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und +die gewaltigsten Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen +seiner Diener und Dienerinnen in sein eigenes schwarzgraues +Gewand—das Kleid der Armut und der Trauer. Einen neuen +Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der mit stillem +weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre +überstrahlte und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf +zu ersticken droht. Wird er seine Unterthanen in die Kleider des +Lichts sich hüllen helfen?——</p> + +<p>Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter +Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von +der sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der +muß erwarten, eine von schwerer Arbeit befreite, durch die +enorm gesteigerte Produktion reich gewordene, gesunde und +glückliche Menschheit vor sich zu sehen. Aber er findet nichts +von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur einige der für +unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten die +große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie +rissen, soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit +oder der Einführung des motorischen Betriebs das Fabriksystem +zur Bedingung hatten, die Menschen aus dem eigenen Haus, der +eigenen Werkstatt heraus, beraubten sie ihrer selbständigen +Existenz und zogen auch die Frauen in ihre Dienste, weil sie +ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten die +willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am +rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten +entwickelt ist.<a name="FNanchor_379"></a><a href= +"#Footnote_379"><sup>379</sup></a> Das zeigt sich besonders in dem +Mutterlande der Großindustrie, in England. Schon 1839 gab +Lord Ashley an, daß von den 419560 Fabrikarbeitern in +Großbritannien 242296 Frauen waren; in den Baumwollfabriken +waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den Seidenfabriken +70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter +weiblich.<a name="FNanchor_380"></a><a href= +"#Footnote_380"><sup>380</sup></a> Und zwanzig Jahre später +konstatierte der englische Fabrikinspektor Robert Baker, daß +die männlichen Arbeiter seit 1835 um 92%, die weiblichen +dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen größeren +Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der +Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der +männlichen Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um +221% gestiegen.<a name="FNanchor_381"></a><a href= +"#Footnote_381"><sup>381</sup></a> Die absoluten Zahlen +veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher<a name= +"FNanchor_382"></a><a href="#Footnote_382"><sup>382</sup></a> (s. +Tabelle).</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<th colspan="2">1841</th> +<th colspan="2">1851</th> +<th colspan="2">1861</th> +<th colspan="2">1871</th> +<th colspan="2">1881</th> +<th colspan="2">1891</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Töpferei</td> +<td align="right">23600</td> +<td align="right">7400</td> +<td align="right">34800</td> +<td align="right">11100</td> +<td align="right">42500</td> +<td align="right">13400</td> +<td align="right">49700</td> +<td align="right">17700</td> +<td align="right">52200</td> +<td align="right">19700</td> +<td align="right">64300</td> +<td align="right">23800</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gas, Chemikalien</td> +<td align="right">5800</td> +<td align="right">300</td> +<td align="right">16400</td> +<td align="right">1700</td> +<td align="right">24800</td> +<td align="right">1500</td> +<td align="right">34900</td> +<td align="right">4100</td> +<td align="right">44000</td> +<td align="right">4000</td> +<td align="right">66400</td> +<td align="right">6300</td> +</tr> + +<tr> +<td>Pelzwerk, Leder, Leim</td> +<td align="right">31600</td> +<td align="right">2400</td> +<td align="right">44500</td> +<td align="right">6500</td> +<td align="right">47300</td> +<td align="right">2300</td> +<td align="right">49400</td> +<td align="right">10200</td> +<td align="right">49400</td> +<td align="right">13300</td> +<td align="right">59100</td> +<td align="right">18200</td> +</tr> + +<tr> +<td>Holzwaren, Wagen</td> +<td align="right">147500</td> +<td align="right">4900</td> +<td align="right">180200</td> +<td align="right">8900</td> +<td align="right">202200</td> +<td align="right">14100</td> +<td align="right">214200</td> +<td align="right">19500</td> +<td align="right">221600</td> +<td align="right">18400</td> +<td align="right">253600</td> +<td align="right">23300</td> +</tr> + +<tr> +<td>Papier etc.</td> +<td align="right">8900</td> +<td align="right">3200</td> +<td align="right">13600</td> +<td align="right">8300</td> +<td align="right">14600</td> +<td align="right">10700</td> +<td align="right">20300</td> +<td align="right">13400</td> +<td align="right">24600</td> +<td align="right">23200</td> +<td align="right">28600</td> +<td align="right">34200</td> +</tr> + +<tr> +<td>Textilwaren, Färberei</td> +<td align="right">346200</td> +<td align="right">257600</td> +<td align="right">462400</td> +<td align="right">472100</td> +<td align="right">439700</td> +<td align="right">526500</td> +<td align="right">414500</td> +<td align="right">555500</td> +<td align="right">396400</td> +<td align="right">566200</td> +<td align="right">430500</td> +<td align="right">585600</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bekleidung</td> +<td align="right">343600</td> +<td align="right">177200</td> +<td align="right">397500</td> +<td align="right">471200</td> +<td align="right">378600</td> +<td align="right">550900</td> +<td align="right">363300</td> +<td align="right">552700</td> +<td align="right">344700</td> +<td align="right">609300</td> +<td align="right">353800</td> +<td align="right">681300</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ernährung, Getränke, Tabak</td> +<td align="right">82700</td> +<td align="right">8000</td> +<td align="right">120100</td> +<td align="right">12400</td> +<td align="right">133400</td> +<td align="right">15600</td> +<td align="right">145700</td> +<td align="right">18500</td> +<td align="right">152300</td> +<td align="right">28900</td> +<td align="right">173100</td> +<td align="right">50200</td> +</tr> + +<tr> +<td>Uhren, Instrumente, Spielzeug</td> +<td align="right">19600</td> +<td align="right">800</td> +<td align="right">23500</td> +<td align="right">1300</td> +<td align="right">32800</td> +<td align="right">2900</td> +<td align="right">35900</td> +<td align="right">3000</td> +<td align="right">41700</td> +<td align="right">3400</td> +<td align="right">44600</td> +<td align="right">5500</td> +</tr> + +<tr> +<td>Buckdruckerei, Buchbinderei etc.</td> +<td align="right">21100</td> +<td align="right">1800</td> +<td align="right">30400</td> +<td align="right">3800</td> +<td align="right">41300</td> +<td align="right">6200</td> +<td align="right">57600</td> +<td align="right">8600</td> +<td align="right">75000</td> +<td align="right">13100</td> +<td align="right">102100</td> +<td align="right">19100</td> +</tr> + +<tr> +<th>Total:</th> +<td>1030600</td> +<td align="right">463600</td> +<td align="right">1324200</td> +<td align="right">997900</td> +<td align="right">1357200</td> +<td align="right">1150100</td> +<td align="right">1385500</td> +<td align="right">1203200</td> +<td align="right">1401900</td> +<td align="right">1299500</td> +<td align="right">1576100</td> +<td align="right">1447500</td> +</tr> +</table> + +<p>Selbst in solchen Industrieen, für die die Frauenarbeit +ganz ungeeignet zu sein scheint, wie in den Gelbgießereien, +der Minen- und Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei +waren fast ausschließlich Frauen beschäftigt.<a name= +"FNanchor_383"></a><a href="#Footnote_383"><sup>383</sup></a></p> + +<p>Obwohl sich für andere Länder genauere auf +längere Zeiträume sich erstreckende Berechnungen nicht +machen lassen, so spricht alles dafür, daß die +Entwicklung überall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die +Textilindustrie in Deutschland überhaupt erst anfing, +Bedeutung zu gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender +Weise zu. Die Landmädchen strömten in Scharen in die +Fabrikstädte; kleine Orte, wie z.B. Gladbach, riefen in einem +Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern, und in Krefeld war ein +Frauenüberschuß von 50% die Folge.<a name= +"FNanchor_384"></a><a href="#Footnote_384"><sup>384</sup></a> In +Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts +1816 neben 10000 Männern 66000 Frauen gezählt<a name= +"FNanchor_385"></a><a href="#Footnote_385"><sup>385</sup></a>, und +in den Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon +62661 weibliche Arbeiter beschäftigt, die zehn Jahre +später auf 75169 angewachsen waren, während sich zur +selben Zeit in den Wirkereien dreimal so viel Frauen als +Männer befanden.<a name="FNanchor_386"></a><a href= +"#Footnote_386"><sup>386</sup></a> Für die Vereinigten Staaten +im allgemeinen zeigt es sich, daß 1870 in der Industrie auf +100 arbeitende Männer gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 +Männer über 25 Frauen beschäftigt waren. +Natürlich trat, wie es uns die Entwicklung der Maschine schon +ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen Industriezweigen eine +mehr oder weniger starke Verschiebung der Geschlechter ein, die, +besonders in der ersten Zeit, einer Verdrängung der +Männer durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 +Fabriken in Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und +nur 5314 ihrer Ehemänner waren in denselben Fabriken +thätig, während 3927 als anderwärts +beschäftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und für +659 nähere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede +Fabrik zwei bis drei Männer, die von der Arbeit ihrer Frauen +lebten. Das Bild einer vom arbeitslosen Mann geleiteten +Hauswirtschaft, für deren Unterhalt die Frau allein sorgt, war +zu jener Zeit durchaus kein seltenes.<a name="FNanchor_387"></a><a +href="#Footnote_387"><sup>387</sup></a> Die Maschine brauchte ihre +gelenken Finger und das Unternehmertum ihre billige Arbeitskraft. +Nach Adam Smith produzierten zehn Männer zu seiner Zeit durch +Teilung der Arbeit etwa 48000 Nähnadeln täglich, Marx +berichtet, daß die Maschine in elf Stunden 145000 +Nähnadeln hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen +beaufsichtigen kann, was einer Produktion von 600000 Stück +täglich gleichkommt.<a name="FNanchor_388"></a><a href= +"#Footnote_388"><sup>388</sup></a> Eine Frau ersetzte also fast 130 +Männer! In Rheims waren im Anfang des 19. Jahrhunderts 10000 +häusliche Wollkämmer vollauf beschäftigt; nach +Einführung der Kämmmaschine gab es bald keinen einzigen +mehr, während junge Mädchen an der Maschine standen.<a +name="FNanchor_389"></a><a href="#Footnote_389"><sup>389</sup></a> +In die Nägel- und Schraubenfabrikation Englands drangen schon +1843 weibliche Arbeiter ein: die Maschine machte die männliche +Kraft entbehrlich.<a name="FNanchor_390"></a><a href= +"#Footnote_390"><sup>390</sup></a> Fünfzig Jahre früher +führte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und +produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von +einem Mädchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen +wöchentlich<a name="FNanchor_391"></a><a href= +"#Footnote_391"><sup>391</sup></a>, d.h. sie schafft die Arbeit von +sieben Männern. Ueberall zeigt sich dasselbe Bild: So war die +Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die schwierige +Arbeit von Männern, eine neue Maschine ermöglicht es, +ungelernte Frauen anzustellen, die für dieselbe Leistung statt +18 sh. nur 12 sh. wöchentlich erhalten. In den +Konservenbüchsenfabriken, wo früher auch nur Männer +für 15 bis 20 sh. wöchentlich thätig waren, arbeiten +jetzt gleichfalls Frauen für den halben Lohn und die Arbeit +des Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Büchereinbände +haben sie sogar für ein Drittel des Männerlohnes +übernommen.<a name="FNanchor_392"></a><a href= +"#Footnote_392"><sup>392</sup></a> Den größten +Einfluß nach dieser Richtung hatte die Einführung der +mechanischen Spinnerei und Weberei. An Stelle des Spuljungen, der +eine Spule füllte, trat das Spulmädchen, das zwanzig und +mehr an der Maschine beaufsichtigte; zahlreiche selbständige +Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik zu gehen, wo ihre +Frauen und Töchter, die die alten schweren Webstühle +nicht hatten beherrschen können, ihre siegreichen Konkurrenten +geworden waren.<a name="FNanchor_393"></a><a href= +"#Footnote_393"><sup>393</sup></a> Ueberall dort, wo eine +handwerksmäßige Ausbildung früher unausbleiblich +schien, aber neue Erfindungen sie überflüssig machten, +drangen die Frauen vor. So führte die Papiermachémasse +sehr bald schon weibliche Arbeitskräfte in die +Spielwarenindustrie ein, die, solange das Schnitzen und Bossieren +ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein Privilegium der +Männer gewesen war.<a name="FNanchor_394"></a><a href= +"#Footnote_394"><sup>394</sup></a> Und die Handmaler für +Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten, +sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die +Möglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anlaß bot, +ungeübte Mädchen für einen Hungerlohn anzustellen.<a +name="FNanchor_395"></a><a href="#Footnote_395"><sup>395</sup></a> +Die Schuhmacherei ist, wie wir schon gesehen haben, neuerdings +derselben Wandlung unterworfen; die Schneiderei fängt an, +denselben Weg zu gehen, seitdem in den großen Fabriken zu +Leeds selbst der für ganz unentbehrlich geltende Mann, der +Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen +ausstanzt, ersetzt wurde.</p> + +<p>Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe +Urteil zu vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, daß +dieses scheinbare Verdrängen der Männer durch die Frauen +fast immer nur ein Verschieben ist, und die Zahlen fast +überall beweisen, daß zwar das Wachstum der Frauenarbeit +im Verhältnis bedeutend größer ist als das der +Männer, jene aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in +Frage kommen, noch immer bedeutend überflügelt werden; +aber es ist auch begreiflich, daß die vollständig neue +Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben, wie sie +zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemüter +außerordentlich erregte. In Verbindung mit der +gefährlichen Bedrohung des Handwerks durch die Maschine rief +sie allerorten stürmische Empörungen hervor, die zu +Anfang einen revolutionären Charakter annahmen. Jeder einzelne +dieser fruchtlosen Kämpfe gegen den eisernen Riesen, der den +Boden unterwühlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen +glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das +Glück und der Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener +antiken Tragik an sich, die den Helden mit der Gewalt eines +Naturgesetzes der Vernichtung preis gab. Die erste Wut richtete +sich in geheimen Verschwörungen und offenen Revolten gegen +ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem Jubelgeheul +der Massen zerstörten die Bewohner Blackburns Hargreaves +Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht +gefunden zu haben, als die Empörung gegen ihn und sein Werk +sich bis zum Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was +es enthielt, dem Erdboden gleich machte. Er selbst starb im +Armenhause, von denen am meisten verfolgt und verachtet, denen er +sein Bestes gegeben hatte. Gegen Cartwrights Kämmmaschine +richtete sich eine so wütende Agitation der Handkämmer, +daß ihre Einführung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung +möglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in +Flammen auf; er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu +Land vertrieben und Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen +Verbindung der Ludditen zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen +verschworen hatte und ganz England in Schrecken versetzte. Ein +Kampf, wenn auch ohne Feuer und Schwert, war es auch, wenn der +Handwerker sich krampfhaft gegen die neu eingeführte Maschine +zu behaupten versuchte, indem er die Produkte seiner Arbeit so +lange im Preise herabsetzte<a name="FNanchor_396"></a><a href= +"#Footnote_396"><sup>396</sup></a>, bis er auf der untersten Stufe +der Existenzmöglichkeit angekommen war, und sich nun mit Frau +und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mußte. +Systematisch war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um +die Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die Maschine führten. Sie +widersetzten sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen +ihre Einführung; sie nahmen lieber die Entbehrungen wochen- +und mondelanger Streiks auf sich—wie z.B. die Schuster von +Northamptonshire—, als daß sie nachgegeben +hätten.<a name="FNanchor_397"></a><a href= +"#Footnote_397"><sup>397</sup></a> Und mit derselben zähen +Energie versuchten sie die Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. +So entspann sich ein heftiger Kampf der Setzer gegen die 1848 +zuerst angestellten Frauen, und er wurde um so bitterer, als der +Streik der Setzer von Edinburgh infolge der weiblichen +Streikbrecher mit einer Niederlage endete.<a name= +"FNanchor_398"></a><a href="#Footnote_398"><sup>398</sup></a> Zu +dem Siege, den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen +durch gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen +wurden, gelangten sie freilich nicht.<a name="FNanchor_399"></a><a +href="#Footnote_399"><sup>399</sup></a> Dagegen griffen die +Gewerkschaften vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, daß +kein Mitglied neben einer Frau arbeiten dürfe, fand sich in +zahlreichen Statuten und findet sich zum Teil heute noch darin. Wo +weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore der Fabrik +durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn nicht +gar Beleidigungen gröbster Art. Es kam häufig vor, +daß sie sich durch Hinterpförtchen in die +Arbeitsräume schleichen mußten, um überhaupt hinein +zu gelangen. Was in England, wo die industrielle Entwicklung eine +rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat, das +wiederholte sich, wenn auch in abgeschwächter Form, auf dem +Kontinent. Ueberall betrachteten die Männer ihre weiblichen +Arbeitsgenossen mit Haß und Mißtrauen und versuchten +sich ihrer zu entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der +Revolutionszeit führte an verschiedenen Orten des Landes sogar +zu kleinen Revolten gegen die Frauen und die Berliner +Schneiderinnung ging so weit, beim Gewerbeministerium zu +beantragen, daß den Frauen, mit Ausnahme der Witwen von +Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden sollte, +und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen +dürften.<a name="FNanchor_400"></a><a href= +"#Footnote_400"><sup>400</sup></a> Dasselbe Gefühl, das die +Innung zu diesem Antrag trieb, beherrschte auch das Frankfurter +Handwerkerparlament des Jahres 1848, als es kategorische Gesetze +gegen das Fabriksystem, durch das der große Markt für +die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.</p> + +<p>Man hat häufig versucht, den erbitterten Kampf der +Männer gegen die Frauenarbeit ihnen zum persönlichen +Vorwurf zu machen, ein Versuch, der sich nur aus einer +völligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen +Entwicklungsgeschichte erklären läßt. +Thatsächlich war und ist zum Teil heute noch dieser Kampf ihre +notwendige Begleiterscheinung. Wollte man überhaupt einen +Vorwurf erheben,—was allgemeinen Erscheinungen des +Wirtschaftslebens gegenüber immer thöricht ist,—so +müßte er sich weit eher gegen die Frauen richten. Nicht, +weil sie überhaupt arbeiteten, das war eine bittere +Notwendigkeit für sie, sondern weil sie die männlichen +Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere +Ansprüche zu besiegen suchten. Aus der häuslichen +Vereinzelung, aus der sie früher großenteils auch dann +nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn arbeiteten, traten +sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der Industriearbeiter +hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der nächsten +persönlichsten Bedürfnisse, die außerordentlich +geringe waren; die jahrhundertelange Niederdrückung des +weiblichen Geschlechts, die unaufhörliche Predigt von der +Demut und Bescheidenheit, die ewige Wiederholung von der +Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schließlich selber +glaubten, rächte sich nun an den Männern: die weiblichen +Arbeiter waren mit Löhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein +Stück Brot gewährleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen +worden waren, hatten nichts von einer Rebellennatur mehr in sich. +Sie wurden zu Streikbrechern, ohne etwas anderes dabei zu +empfinden, als Freude über Arbeitsgelegenheit; sie +ließen sich ausbeuten bis aufs äußerste und nahmen +es hin, wie ein Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafür einen +Tag lang den schlimmsten Hunger stillen konnten. Das Gefühl +von Solidarität mit den Genossen ihrer Arbeit müßte +denen völlig fremd sein, deren höchste Tugend bisher die +gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So +mußten sie werden, was sie waren, und leider noch +sind,—ein Jahrhundert verwischt nicht die Spuren von +Jahrtausenden—: Schmutzkonkurrenten der Männer. Sie +drückten die Löhne und machten es infolgedessen immer +mehr Männern unmöglich, ihre Familien allein zu erhalten; +so zog jede neu eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer +nach sich. Daß die Männer eine Gefahr darin sahen, +daß sie nicht blinden Auges und kalten Herzens an der +Zerstörung der Häuslichkeit und der Verwahrlosung der +Kinder vorübergehen konnten, war nur natürlich.</p> + +<p>Nicht allzu lange sollten die Männer allein unter dem +Wachstum des Großbetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde +bald auch das der Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik +gezogen hatte, trieb sie wieder hinaus. Während früher +z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mädchen zum Schlagen der Kokons +nötig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und mehr +Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mädchen aufs Pflaster. +Die Einführung verbesserter Maschinen in den Webereien des +Oberelsaß hatte zur Folge, daß die Arbeiterzahl trotz +der starken Vermehrung der Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf +19000 im Jahre 1851 gesunken war<a name="FNanchor_401"></a><a href= +"#Footnote_401"><sup>401</sup></a>; in 35 englischen Spinnereien +waren 1829 1060 Spinner mehr angestellt als 1841, obwohl die Zahl +der Spindeln sich um 99000 vermehrt hatte<a name= +"FNanchor_402"></a><a href="#Footnote_402"><sup>402</sup></a> und +in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige verbesserte +Spinnmaschine die Hälfte aller Arbeiterinnen.<a name= +"FNanchor_403"></a><a href="#Footnote_403"><sup>403</sup></a> Am +furchtbarsten waren die Folgen der Einführung der +Nähmaschine. Eine einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 +Nähmaschinen aufstellte, von denen eine die Arbeit von 6 +Handnäherinnen ausführte, machte ca. 2000 Näherinnen +brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nähmaschine +versprachen, weil sie der Frau ermöglichte, im eigenen Heim +ihrem Erwerb nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie +erschlug die schwächsten Handarbeiter; in London lief die +Zunahme des Hungertods parallel mit ihrer Ausbreitung.<a name= +"FNanchor_404"></a><a href="#Footnote_404"><sup>404</sup></a> Da +die Einführung neuer oder die Verbesserung alter Maschinen nun +keineswegs eine Steigerung der Löhne zur Folge hatte, sondern +die Entlassung von Arbeitern nur dem Kapitalisten zu Gute kam, +mußte die überflüssig gewordene menschliche +Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand +sie dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende +Zufluchtsstätte fand, in der Hausindustrie.</p> + +<p>Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus +kein feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren +beiden letzten Berufszählungen eingehend mit der Hausindustrie +beschäftigte, versteht darunter die "Arbeit zu Hause für +fremde Rechnung". Die Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur +die Heimarbeiter, d.h. diejenigen, die im eignen Wohnraum für +die Unternehmer beschäftigt sind, umfassen und die +Werkstattarbeiter ausschließen. Das geschieht +ausdrücklich durch die neueste belgische Statistik, die als +Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf +Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das +österreichische Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff +der Hausindustrie darauf beschränkt, indem es "Erwerbsarbeiter +in eigener Werkstätte ohne gewerbliches Hilfspersonal" +höchstens mit Angehörigen des eigenen Hausstands, +darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind +verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die +Hausindustrie als Großvertrieb von Waren, die im +Kleinbetriebe hergestellt werden<a name="FNanchor_405"></a><a href= +"#Footnote_405"><sup>405</sup></a>, bezeichnet, während nicht +die Art des Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, +auf der anderen erklärt man sie für +großindustrielle Arbeit in kleinen Werkstätten und in +der Wohnung<a name="FNanchor_406"></a><a href= +"#Footnote_406"><sup>406</sup></a>, wobei wieder die Bezeichnung +"klein" ein schwankendes Bild giebt. Die sinngemäßeste, +die Sache klar bezeichnende Erklärung dagegen ist diese: +Hausindustrie ist diejenige Betriebsform der kapitalistischen +Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren eigenen Wohnungen +oder Werkstätten beschäftigt werden.<a name= +"FNanchor_407"></a><a href="#Footnote_407"><sup>407</sup></a></p> + +<p>Mit der Hausindustrie früherer Zeiten hat diese fast nur +noch den Namen gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der +Großindustrie. Einerseits nährt sie sich vom +untergehenden Handwerk,—der einst selbständige Meister +wird zum Verleger,—andererseits von der um jeden Preis sich +verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den +Industriestädten infolge der sich zusammendrängenden +proletarischen Bevölkerung massenhaft emporschießt oder +vereinzelt in abseits liegenden Gebirgsthälern und +Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige +Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie +sich nicht entgehen lassen. Mit der Möglichkeit der +Arbeitszerlegung, der Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, +verstärkte sich noch die Tendenz, die Hausindustrie groß +zu ziehen. Dazu kam, daß nicht nur die Ersparnisse in Bezug +auf die Löhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl die Kosten +für Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung, +Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das beförderte +selbstverständlich eine weitere Dezentralisierung des +Großbetriebs. Beweis hierfür ist unter anderem die +Rückentwicklung des Cigarrengroßbetriebs zur +Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom +Groß- zum Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwächsten, +die die Fabrik als die wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, +die in ihrem versteckten Elend kein Hauch der neuen Zeit +berührte, die Frauen, die Kinder und die Greise wurden die +ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die Maschine, +durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehöfte, die +entlegensten Landstädtchen vordrang, sich in die Dachkammern +und die Keller der Großstädte einschlich. Alle +Maschinen, die zum Antrieb menschliche Kraft gebrauchen konnten und +klein genug waren, um überall Platz zu finden, sind in der +Hausindustrie vertreten; der Hausindustrielle kauft sie auf +Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder bekommt sie vom Fabrikanten, +für den er arbeitet, geliefert. Nähmaschinen aller Art, +von der einfachsten bis zur komplizierten Stiefelstepp- und +Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen der elendesten +Sklaven des Kapitalismus; über die Strickmaschine sitzen sie +gebückt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der +Schweiz verbreitet hat, macht aus den blühenden Kindern der +Berge dieselben flachbrüstigen, blassen Gesellen, wie die +Fabrikarbeiter der Großstädte es sind. Und so lange die +menschliche motorische Kraft billiger ist als Dampf und +Elektrizität, werden die Unternehmer sie für sich +ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der +Großindustrie, den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt +hat, wird wachsen, daß sie fast ihren Vater +überragt.</p> + +<p>Ein riesiges Arbeitsfeld eröffnete sich den Frauen durch +die Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nähmaschine +gehörte die Herstellung der Wäsche und der Kleidung im +wesentlichen in das Bereich häuslicher Thätigkeit. +Hausfrau und Haustöchter, eventuell die verfügbaren +Dienstmädchen, beschäftigten sich damit. In einer +späteren Periode erst kam die im Hause der Kundschaft +arbeitende Näherin als Hilfskraft hinzu und die bei sich +für die Kunden arbeitende Schneiderin war schon ein Produkt +der Neuzeit. Modegeschäfte, die mit Hilfe der hausindustriell +thätigen Näherinnen fertige Kleider verkauften, kamen +erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nähmaschine die +Massenproduktion ermöglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der +Erde und suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch +steigende Ausbeutung der Arbeiterinnen möglich war. "Alle +Näherinnen," sagte ein englischer Arzt, "leiden an dreifachem +Elend—Ueberarbeit, Luftmangel und Mangel an Nahrung." +Während der Saison saßen in London gegen 30 Mädchen +in Räumen zusammen, die kaum für ein Drittel die +nötige Luft gewährten, sie schliefen zu zweien in einem +Bett in engen Sticklöchern, wenn sie überhaupt zum +Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene Arbeitszeit von 18 bis +24, ja 26 Stunden gehörte durchaus nicht zu den Ausnahmen; die +physische Unfähigkeit, die Nadel noch länger zu +führen, war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen +sie nicht infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,—wie die +arme Mary Anne Walkley, von der Marx erzählt<a name= +"FNanchor_408"></a><a href= +"#Footnote_408"><sup>408</sup></a>,—so drohte ihnen in der +toten Zeit der Hunger. Für 4-1/2 sh. wöchentlich +arbeiteten in den vierziger Jahren Londoner Kleidernäherinnen +16 und mehr Stunden täglich. Und doch waren sie noch in +glänzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die +Wäsche nähten: Für ein gewöhnliches Hemd +bekamen sie—1-1/2 pence, für elegante Hemden, deren +Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte, betrug ihr Lohn 6 +pence. Wochenlöhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei angestrengter +Thätigkeit gang und gäbe.<a name="FNanchor_409"></a><a +href="#Footnote_409"><sup>409</sup></a> Aber Thomas Hoods Lied vom +Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, +galt nicht nur für die armseligsten Töchter des reichen +England; ihre Unglücksgefährten verteilten sich über +die ganze zivilisierte Welt. Mit Tagelöhnen von 20 bis 50 +cents sollten nicht weniger als 20000 Arbeiterinnen Bostons ihr +Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen lebte in New-York in +ständigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.<a name= +"FNanchor_410"></a><a href="#Footnote_410"><sup>410</sup></a> Die +Pariser Näherinnen der fünfziger und sechziger Jahre, +die, infolge der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den +bestgestellten gehörten, mußten sich mit Löhnen von +40 und 60 c. täglich begnügen<a name= +"FNanchor_411"></a><a href="#Footnote_411"><sup>411</sup></a>, +während, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum +allein an täglicher Nahrung gewährleisteten.<a name= +"FNanchor_412"></a><a href="#Footnote_412"><sup>412</sup></a> Dabei +hatten diese sogenannt freien Arbeiterinnen, die thatsächlich +ein weit elenderes Leben führten, als die schwarzen Sklaven +Amerikas, für deren Befreiung eine ganze Welt sich +begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukämpfen, +die großenteils von jenen geschaffen wurde, die sich +Wohlthäter der Armen nennen ließen. So nötigten die +Armenhäuser Londons, deren Insassen Hemden nähten, die +Näherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe niedrige +Niveau und die Klöster Frankreichs, in denen Männerhemden +für 10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stück +für 1,10 fr. hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein +150000 Frauen beschäftigten und von denen Jules Simon +berichtete, daß von 100 Dutzend Hemden, die in Paris in den +Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klöstern hergestellt +wurden<a name="FNanchor_413"></a><a href= +"#Footnote_413"><sup>413</sup></a>, warfen sie mitleidlos dem +Hunger oder der Prostitution in die Arme.<a name= +"FNanchor_414"></a><a href="#Footnote_414"><sup>414</sup></a> Kein +Wunder, daß 1866 doppelt so viel Frauen als Männer der +Armenpflege anheim fielen.</p> + +<p>Dieselbe Konkurrenz drückte auch auf die Spitzenindustrie, +die durch Colberts Einfluß in Frankreich eine riesige +Verbreitung gefunden hatte; 1866 waren 250000 Frauen in ihr +beschäftigt. Zwanzig Jahre früher sah Blanqui in Dieppe +Arbeiterinnen, die bei fünfzehnstündiger Arbeitszeit +nicht mehr als 52 c. täglich verdienten und in den Vogesen, wo +der Wert der jährlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen +Franken berechnet wurde, betrug ihr höchster Verdienst 80 c.<a +name="FNanchor_415"></a><a href="#Footnote_415"><sup>415</sup></a>! +Noch 1860 konstatierte Jules Simon, daß für die +Herstellung der points d'Alençon, jener kostbaren Spitzen, +bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht +einbüßten, 75 c., und für die wunderbarsten Spitzen +Belgiens, die Brüsseler, gar nur 30 c. täglich an Lohn +gezahlt wurde.<a name="FNanchor_416"></a><a href= +"#Footnote_416"><sup>416</sup></a> Die Stickerinnen waren in +derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in Frankreich +beschäftigten, verdiente die größte Mehrzahl nicht +mehr als 20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von +Lille,—Mitte der vierziger Jahre,—wo der Mann in guten +Zeiten 2 frs., die Frau als Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) +täglich verdiente und die vier Kinder betteln gingen, weil +sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der kümmerlichsten +Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem Erdboden, allein +für Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wöchentlich +gebrauchten<a name="FNanchor_417"></a><a href= +"#Footnote_417"><sup>417</sup></a>,—dürfte für das +Proletariat jener Zeit typisch sein.</p> + +<p>Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren +Lage. In den dreißiger Jahren betrugen die Frauenlöhne +in den englischen Leinenwebereien bei einer zwölf- bis +sechzehnstündigen Arbeitszeit 4 bis 5 sh. die Woche, von denen +für Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in den +Baumwollfabriken sanken die Löhne auf 1 bis 4 sh., junge +Mädchen unter sechzehn Jahren verdienten bei +zwölfstündiger Arbeitszeit oft nicht mehr als 4 sh. in +drei Wochen!<a name="FNanchor_418"></a><a href= +"#Footnote_418"><sup>418</sup></a> In der Periode von 1830 bis 1845 +überstieg der Verdienst der französischen +Fabrikarbeiterinnen selten 1,60 frs. pro Tag.<a name= +"FNanchor_419"></a><a href="#Footnote_419"><sup>419</sup></a> Die +Seidenweberinnen Lyons erreichten bei vierzehnstündiger +Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen höheren Jahresverdienst +als 300 frs.<a name="FNanchor_420"></a><a href= +"#Footnote_420"><sup>420</sup></a> Zwar stiegen die Löhne +sowohl in der Wollmanufaktur Frankreichs wie in der +Baumwollmanufaktur des Oberelsaß in den dreißiger +Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn betrug auch dann +noch l bis 1,25 frs. und der höchste, selten erreichte, 3 +frs.<a name="FNanchor_421"></a><a href= +"#Footnote_421"><sup>421</sup></a>, und die Steigerung hielt weder +Schritt mit der Steigerung der Wohnungen, der Lebensmittel und +sonstigen Bedürfnisse, noch war sie eine stetig +fortschreitende. Alle Krisen, denen die Großindustrie im 19. +Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten für die +Arbeiterin Hunger und Entbehrung. Die geringfügigste +Trübung des geschäftlichen Horizontes wurde von den +Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den +dreißiger Jahren sanken die Löhne der Weber am +Niederrhein bei einer Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die +sinkende Nacht auf 1-1/2 bis 3 Thaler die Woche<a name= +"FNanchor_422"></a><a href="#Footnote_422"><sup>422</sup></a> in +den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850 waren in Krefeld allein +12000 Personen vollständig brotlos<a name= +"FNanchor_423"></a><a href= +"#Footnote_423"><sup>423</sup></a>,—von dem Weberelend in +Schlesien gar nicht zu reden! Die große wirtschaftliche +Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und +Südstaaten Amerikas über Europa hereinbrach, steigerte +die Not aufs neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 +Arbeiter, in Belfort sanken die Frauenlöhne bis auf 20 c.<a +name="FNanchor_424"></a><a href="#Footnote_424"><sup>424</sup></a> +Kaum weniger empfindlich für die deutschen Arbeiter waren die +Jahre nach dem französischen Krieg. Die Einnahmen sanken +vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Webstühlen gerieten +vollständig in Stillstand.<a name="FNanchor_425"></a><a href= +"#Footnote_425"><sup>425</sup></a></p> + +<p>Aber die industriellen Umwälzungen und die wirtschaftlichen +Krisen waren nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der +Arbeiter bedrohten und untergruben. Der Kapitalismus machte keinen +Unterschied zwischen dem Arbeiter und der Maschine: er verausgabte +für beide nur genau so viel, als notwendig war, um sie in +Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue Errungenschaft der +Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen höheren Profit +zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der +menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das +Trucksystem war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit +Geld mit Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer +willkürlich stellen konnte. Um die Frauen noch besonders +willfährig zu machen, wurde auf ihre Eitelkeit spekuliert: an +Stelle des baren Verdienstes traten Schürzen und Bänder, +Tücher und Mützen. Wie oft kam die arme Arbeiterin am +Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit +nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete +sie auf die Heimkehr des Mannes—er saß im Kramladen +seines Chefs und ließ sich in Branntwein den Lohn auszahlen. +Vielleicht brachte er noch einen Laib Brot nach Hause,—um den +doppelten Preis als er ihn von seinem Geld hätte kaufen +können! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die Auszahlung +des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten +Jahrhunderts überall zu finden. Nach und nach versteckte es +sich hinter den Thüren der Kaufläden, die der Fabrikherr +oder seine Beamten hielten, und in denen einzukaufen der arme +Arbeiter gezwungen war, wenn er die Entlassung nicht fürchten +wollte. So verkaufte der Konfektionär wie der Zwischenmeister +den Näherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die Preise, +die er dafür anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so +schon kärglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine +Krämer des Dorfes, der zugleich der Verleger oder +Zwischenhändler der Hausindustriellen ist, das Material +für ihre Arbeit zu Wucherpreisen an sie.</p> + +<p>Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, +hieße ein Buch schreiben, dessen Bilder in seiner +Grauenhaftigkeit die Phantasie eines Höllenbreughel weit +hinter sich ließen. Blicken wir in die Wohnungen jener +Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer +ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Häusern 12000 +Personen; ganze Familien, ja ganze Generationen besaßen nur +ein kleines Zimmer, in dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte +jede Art von Einrichtung, ein Haufen Lumpen war das Bett aller. Und +doch waren sie noch glücklich zu nennen, denn nicht weniger +als 50000 Menschen besaßen überhaupt kein Obdach; sie +drängten sich nachts, soweit es irgend ging, in den +Logierhäusern zusammen—Männer, Weiber, Alte, Junge, +Kranke und Gesunde, Nüchterne und Betrunkene, alle +durcheinander, zu fünf und sechs in einem Bett. Nicht anders +sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die +Millionäre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am +Irk, einem schwarzen, stinkenden Fluß voll Schmutz und Unrat, +ragten die Arbeiterkasernen auf; um fürchterlich kleine +Höfe drängten sie sich, verräuchert, verfallen, oft +ohne Thüren und Fenster, mit winzigen Stübchen, die +für zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten; die +meisten enthielten nichts als Strohhaufen.<a name= +"FNanchor_426"></a><a href="#Footnote_426"><sup>426</sup></a> In +derselben Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. +Schmale Straßen, in denen kaum zwei Menschen nebeneinander +gehen konnten, trennten in Lille die Häuser voneinander. In +der Mitte befand sich ein stinkender Rinnstein, der alle +Abwässer aufnahm; aus Sparsamkeitsgründen waren die +Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den +überfüllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten +Räumen herrschte ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte +Kinder mit geschwollenen Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, +starrten mit blöden Augen dem Fremden entgegen, der sich in +diese Hölle verirrte.<a name="FNanchor_427"></a><a href= +"#Footnote_427"><sup>427</sup></a> Welch ein Glück für +sie, daß der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben +erlöste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem +fünften Jahr!<a name="FNanchor_428"></a><a href= +"#Footnote_428"><sup>428</sup></a> Zwanzig Jahre später hatten +sich die Verhältnisse noch um kein Haar gebessert!<a name= +"FNanchor_429"></a><a href="#Footnote_429"><sup>429</sup></a> In +Rouen waren die Zustände ähnlich: Der Eingangsflur war +zugleich offener Kanal für die Abwässer; Wendeltreppen +ohne Licht und ohne Geländer führten in die oberen +Stockwerke.<a name="FNanchor_430"></a><a href= +"#Footnote_430"><sup>430</sup></a> Entsetzlich ist das Bild, das +Villermé von Mülhausen entwirft, wo infolge des raschen +industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den früher 7000 +Menschen innehatten, nun 20000 sich zusammendrängten. Jules +Simon sah in Reims einen feuchten, dunklen, über einem Kloset +befindlichen Raum, den zwei Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam +bewohnten; in Roubaix fand er einen dunklen Hängeboden +über einem kleinen von sechs Personen bewohnten Zimmer, in dem +eine Arbeiterin mit einem Säugling, der Tags über im Bett +angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer +Treppe, 2 zu 1-1/2 m groß, den eine andere schon 2-1/2 Jahre +bewohnte. Wie groß das Elend war, bewies eine alte Frau, die, +auf ihr feuchtes Kämmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht +reich, aber ich habe einen Strohsack, Gott sei Dank!"<a name= +"FNanchor_431"></a><a href="#Footnote_431"><sup>431</sup></a> Wo +die Industrie den Fuß hinsetzte, folgte ihr die Not und der +Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die +Wohnungsverhältnisse Berlins in den fünfziger Jahren +jeder Beschreibung. Charakteristisch für sie waren besonders +die zahlreichen Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 +Fuß hoch stand. Noch 1875 machten sie 10% aller Wohnungen +aus; ein einziger solcher feuchtdunkler Raum war vielfach von einem +Ehepaar, Kindern, Schlafburschen und Schlafmädchen zugleich +besetzt.<a name="FNanchor_432"></a><a href= +"#Footnote_432"><sup>432</sup></a></p> + +<p>Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Höhlen,—denn der +Ausdruck Wohnung erscheint solchen Behausungen gegenüber ganz +ungeeignet,—in die Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden +sie hier ähnliche Zustände wieder. Die ersten Fabriken +wurden bis tief in die zweite Hälfte des neunzehnten +Jahrhunderts hinein in alten Häusern, Klöstern und +Schlössern eingerichtet. Die Räume wurden ohne +Rücksicht auf die Sicherheit der Arbeiter auf das +äußerste ausgenutzt, sodaß sich der Einzelne nur +mit großer Vorsicht zwischen den schwingenden Rädern +hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch +Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze +der Baumwollspinnereien,—bis zu 37° +Celsius,—schlugen die Arbeiterinnen bis in die fünfziger +Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung mit Ruten, und +atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die +Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den +Knöcheln im Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens +notwendig war.<a name="FNanchor_433"></a><a href= +"#Footnote_433"><sup>433</sup></a> In den Seidenspinnereien +saßen die Frauen selbst im heißesten Sommer zwischen +glühendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre +Finger tauchen mußten, was schwere Erkrankungen zur Folge +hatte.<a name="FNanchor_434"></a><a href= +"#Footnote_434"><sup>434</sup></a> In feuchten, halbdunklen Kellern +saßen die Spitzenarbeiterinnen, weil die feuchtkalte Luft der +Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es für diese +Unglücklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub +mußten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern +wurde es von den Aufsehern häufig in den Mund geschoben, damit +die Maschine keine Sekunde still zu stehen brauchte und dem +Unternehmer kein Atom Profit entging.<a name="FNanchor_435"></a><a +href="#Footnote_435"><sup>435</sup></a> Wohnten sie außerhalb +der Fabrikstädte, so hieß es früh um vier schon +sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.<a name= +"FNanchor_436"></a><a href="#Footnote_436"><sup>436</sup></a> Eine +Schar bleicher, magerer Frauen, in Schweiß gebadet, ohne +schützende Hülle, bloßfüßig waten sie im +Schmutz,—so schildert ein Augenzeuge die +Heimkehrenden,—daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder +schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom +Oel der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie +niederträufelte.<a name="FNanchor_437"></a><a href= +"#Footnote_437"><sup>437</sup></a> Kartoffeln und wieder +Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder ein Stückchen +Hering sollen die Körperkräfte aufrecht halten, um sie +täglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und +selbst dafür reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind +verschuldet, die Zahl der Pfandleiher, zu denen nur zu oft das +letzte Bett wanderte, nahm in allen Industriezentren erschreckend +rasch zu.<a name="FNanchor_438"></a><a href= +"#Footnote_438"><sup>438</sup></a></p> + +<p>Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die +Nacht nicht heilig war, aus den überfüllten, +schmutzstarrenden Häusern, aus den Wolken von Staub und +glühendem Dampf, der die Fabriken erfüllte, wuchs in +riesenhafter Größe jenes hohläugige Gespenst +hervor, das von nun an rastlos, erbarmungslos durch die +Straßen der Armen schritt und die Luft mit seinem Hauch +vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der Spitzenindustrie +Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindsüchtiger auf 45 +Arbeiter und zehn Jahr später schon einer auf acht.<a name= +"FNanchor_439"></a><a href="#Footnote_439"><sup>439</sup></a> Kein +Weber konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu +überleben<a name="FNanchor_440"></a><a href= +"#Footnote_440"><sup>440</sup></a> und dann schon sah er aus wie +ein Greis; von den Kindern der Weber, die schon im Mutterleibe +vergiftet waren, starb die Hälfte vor dem zweiten Jahr. Sie +kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der Entbindung +trieb die Not ihre Mütter zurück in die Fabrik; die +Milch, durch die ihre Kleinen groß und stark hätten +werden können, lief ihnen bei der Arbeit aus den +Brüsten!<a name="FNanchor_441"></a><a href= +"#Footnote_441"><sup>441</sup></a> Die deutsche Reichserhebung von +1874 erklärte mit einem eigenen Cynismus, daß die +Arbeiterinnen in den Zündholzfabriken zwar an Nekrose litten +und den Unterkieferknochen ganz oder teilweise verlören, ihnen +das aber gar nichts schadete!<a name="FNanchor_442"></a><a href= +"#Footnote_442"><sup>442</sup></a> Sie konstatierte ferner, +daß die Atmosphäre der Fabriken diejenigen lungenkrank +machen muß, die "Anlage dazu haben".<a name= +"FNanchor_443"></a><a href="#Footnote_443"><sup>443</sup></a> Und +wer hatte diese Anlage nicht?! Die zunehmende körperliche +Degenerierung der arbeitenden Bevölkerung sprach deutlicher +als alle Erhebungen es vermocht hätten.</p> + +<p>Aber es blieb nicht bei der körperlichen allein. Die +Zusammenarbeit der Geschlechter in glühender Hitze, fast +unbekleidet, das fast völlige Fehlen gesonderter Wasch- und +Ankleideräume, die gemeinsame Arbeit von Mann und Weib in den +verschwiegenen, dunklen Gängen der Bergwerke und der +frühe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben, +steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwüstete +schon die Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustände +unterstützten diese moralische Degeneration. Nicht nur, +daß die Geschlechter, die Schlafburschen und +Schlafmädchen und die Kinder regellos in engen Räumen +zusammen wohnen mußten, sie wurden von den Unternehmern +selbst dazu gedrängt. In Ziegeleien, bei Bergwerken, zur +Landarbeit—überall wurden ihnen elende Baracken zum +Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das Vieh. Weit +mehr noch als diese äußeren Umstände, unter denen +Männer und Frauen gleichmäßig litten, wirkten die +Lohnverhältnisse der weiblichen Arbeiter auf ihre +Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedürfnisse der +verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen +Zuschuß brauchten, und der bei den Eltern wohnenden +Mädchen, die oft nur für ihre Kleidung zu sorgen hatte, +bestimmt; die Alleinstehenden waren durch die bitterste Not +gezwungen, sich nach einer andern Ergänzung umzusehen. Die +einen,—die Glücklichsten von ihnen,—hatten keine +eigene Schlafstelle, sie brachten die Nächte bei ihren +Liebhabern zu<a name="FNanchor_444"></a><a href= +"#Footnote_444"><sup>444</sup></a>, das Konkubinat verbreitete sich +infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das Gesetz es noch dadurch +förderte, daß es das uneheliche Kind der Mutter allein +zur Last fallen ließ, nach einer Enquête der vierziger +Jahre in einer Industrie auf einen verheirateten zwölf im +Konkubinat lebende Arbeiter.<a name="FNanchor_445"></a><a href= +"#Footnote_445"><sup>445</sup></a> Den anderen,—und das waren +die Unglücklichsten,—lehrten Not und Hunger +frühzeitig, ihren Körper verkaufen, wie ihre +Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft +siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die +Arbeitsstelle nur dadurch, daß sie sich dem Herrn oder dem +Werkführer preisgaben. Das Fabrikmädchen stand +infolgedessen häufig nicht höher im Ansehen, als die +Straßendirne.</p> + +<p>Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert +hat gehen müssen. Aus dem Hause vertrieben, um das +tägliche Brot gebracht, glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung +zu finden. Sie opferte sich auf, unermüdlich Tag für Tag; +endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit Erlösung bringen, +Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie war ja so +bedürfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, für die +sie schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? +Kaum ein Dach über dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, +kaum das Nötigste, den Hunger zu stillen, und die drohenden +Gespenster,—Not und Schande,—rastlos auf ihren +Fersen.</p> + +<p>Warum strömten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl +diesem Elend zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten +nicht in weit besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl +die Thatsachen dagegen sprechen.</p> + +<p>Den ersten klaren Einblick in die Verhältnisse der +Landarbeiter vermittelte die englische Untersuchungskommission im +Jahre 1867.<a name="FNanchor_446"></a><a href= +"#Footnote_446"><sup>446</sup></a> Das Bild, das sie entrollte, war +ein schauerliches. Die Mädchen und Frauen wurden allgemein bei +der schwersten und schmutzigsten Arbeit, z.B. Heu-, Korn- und +Dungladen, verwendet.<a name="FNanchor_447"></a><a href= +"#Footnote_447"><sup>447</sup></a> Ihre Arbeitszeit war grenzenlos +und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmöglich, +weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der +deutsche Gutsbesitzer sehr häufig zugleich Amtsvorsteher ist. +Dabei war auch für die Wohnung der Landarbeiter in der +unzureichendsten Weise gesorgt. Ganze Familien wohnten nicht nur in +halb verfallenen, einzimmerigen Hütten, es wurden ihrer oft +zwei und drei zusammengepfercht. An eine Trennung der +Tagelöhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen und +leere Ställe dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren +der Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmöglich," +sagt die englische Kommission, "den schädlichen Einfluß +der Wohnungen nach der physischen sowohl wie der moralischen, +sozialen, ökonomischen und intellektuellen Seite hin zu +übertreiben."<a name="FNanchor_448"></a><a href= +"#Footnote_448"><sup>448</sup></a> Die traurigste Erscheinung aber +im Leben der englischen Landarbeiter war das Gangsystem, das darin +bestand, daß Agenten Scharen von Mädchen und jungen +Männern,—den Mädchen wurde übrigens immer der +Vorzug gegeben,—mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine +bestimmte Zeit aufs Land führten. Nicht nur, daß die in +der Entwicklungszeit sich befindenden Mädchen durch die harte +Arbeit körperlich schwer geschädigt wurden, +frühzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie +vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen +anständige Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewähren. +Für ihn waren sie nichts als billige Arbeitsmaschinen, die ihn +im übrigen nichts angingen. Natürlich war die Konkurrenz +dieser jungen Leute auch verderblich für die alten +eingesessenen Tagelöhner. Für den Gutsherrn war es viel +billiger und bequemer, zur Zeit dringender Arbeit über ein +Heer von Arbeitskräften zu verfügen, die er entlassen +konnte, wenn er wollte, als die Gutstagelöhner durch die +stille Zeit mit durchfüttern zu müssen. Auch das +Gangsystem trieb daher die Tagelöhner beiderlei Geschlechts +vom Lande fort in die Stadt.<a name="FNanchor_449"></a><a href= +"#Footnote_449"><sup>449</sup></a> In der Sachsengängerei +Deutschlands, deren erstes Aufkommen gleichfalls mit der +Ausbreitung der Industrie zusammenfällt, haben wir eine +ähnliche Erscheinung. Auch sie ist zugleich Folge und Ursache +der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang diese annahm und wie +sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, daß in der Periode 1871 +bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000 Personen +vom Lande in die Industriestädte übersiedelten.<a name= +"FNanchor_450"></a><a href="#Footnote_450"><sup>450</sup></a> In +England verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf +1881 um 273000. Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige +Rolle. So machte die Dreschmaschine nicht nur thatsächlich +eine Menge Arbeiter überflüssig, sie führte auch +eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine +früher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hände, +wurde jetzt in kürzester Zeit mit wenig menschlicher +Hilfskraft erledigt.<a name="FNanchor_451"></a><a href= +"#Footnote_451"><sup>451</sup></a> Für die Frauen fiel +besonders schwer der Umstand ins Gewicht, daß das Spinnen und +Weben, die allgemeine Winterbeschäftigung der +Landarbeiterinnen, durch die Konkurrenz der Maschine ihnen +entrissen wurde. Die arbeitslosen Zeiten verlängerten sich +daher für sie mehr und mehr, und diese wachsende Unsicherheit +der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie sich eher durchschlagen +zu können glaubten. Hatte doch auch der im Verhältnis +hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes für sie. +Eine französische Landmagd verdiente Mitte des vorigen +Jahrhunderts z.B. selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als +Ergänzung vielfach eine ungenügende Kost und Wohnung. +Eine Tagelöhnerin brachte es nicht über 60 bis 75 c. +täglich.<a name="FNanchor_452"></a><a href= +"#Footnote_452"><sup>452</sup></a> Aber noch andere Schwierigkeiten +verbitterten das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit +abhängig von ihren Herren, daß auch häufig die +Eheschließung ihnen erschwert, wenn nicht gar unmöglich +gemacht wurde.</p> + +<p>Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt +durchglühte, trugen erst die Eisenbahnen mit ihrer steigenden +Ausdehnung in die fernen Dörfer und Gutshöfe. Den Druck +der Abhängigkeit fingen die Landarbeiter an nach und nach zu +spüren das Bewußtsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht +nach Freiheit dämmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen +bald als verwandter Begriff. Je stärker das +Klassenbewußtsein sich in ihnen regte, desto entschiedener +strebten sie vom Lande fort. Das ländliche Gesinde, meist aus +unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen Leuten +bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in +Preußen auf 100 Personen der Bevölkerung gewerbliches +(landwirtschaftliches) Gesinde:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>1819:</td> +<td>8,5</td> +</tr> + +<tr> +<td>1837:</td> +<td>7,0</td> +</tr> + +<tr> +<td>1849:</td> +<td>6,9</td> +</tr> + +<tr> +<td>1852:</td> +<td>6,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>1855:</td> +<td>6,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>1861:</td> +<td>5,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>1871:</td> +<td>3,6.</td> +</tr> +</table> + +<p>In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von +10,8% im Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im +Jahre 1861 auf 3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre +1861 auf 1,38% im Jahre 1882.<a name="FNanchor_453"></a><a href= +"#Footnote_453"><sup>453</sup></a> Wenn auch der Mangel an +ländlichen Arbeitern durchaus keine neue Erscheinung +ist—suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren durch die +Einführung des Gesinde-Zwangsdienstes zu +bekämpfen—, in seiner heutigen Gestalt aber, wo er der +Ausdruck des Klassenbewußtseins und nicht nur die sporadische +Folge besonders drückender Verhältnisse ist, kann er als +der Beginn ernster sozialer Kämpfe angesehen werden.</p> + +<p>Dasselbe gilt für die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es +ist nicht nur die Thatsache, daß die häuslichen Arbeiter +sich mehr und mehr in industrielle verwandeln, und die +Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch die die Abnahme der +häuslichen Dienstboten ihre natürliche Erklärung +findet, denn thatsächlich übersteigt die Nachfrage +überall das Angebot, es ist vielmehr das erwachende +Selbstgefühl, das die Mädchen vom Dienstbotenberuf in +immer stärkerem Maße zurücktreibt. Kaum giebt es +einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, +die das klassische Altertum aufweist, so unveränderlich haften +geblieben ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis +in die neueste Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der +Arbeiter verkauft hier nicht seine Arbeitskraft, sondern +gewissermaßen seine ganze Person, er steht Tag und Nacht im +Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab seinerzeit nur der +allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das Gesinde als +eine "Plage von Gott", als die "Allerunwürdigsten", als +"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und +Prügelstrafe als allein richtige Erziehungsmittel +anführt.<a name="FNanchor_454"></a><a href= +"#Footnote_454"><sup>454</sup></a> Und der Geist Luthers spukte +weiter in allen Köpfen. Die Klagen über die schlechten +Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am +Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war +vielleicht eine Klasse von Menschen übermütiger, +trotziger und widerspenstiger als der größte Teil +unserer jetzigen Dienstboten."<a name="FNanchor_455"></a><a href= +"#Footnote_455"><sup>455</sup></a> Ueber Putzsucht und Unzucht, +über Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten +Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder +gar nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung +und Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch +gleich geblieben ist, geht aus folgenden Aussprüchen hervor: +"Bei den Gesindeschulen," sagt Kränitz<a name= +"FNanchor_456"></a><a href="#Footnote_456"><sup>456</sup></a>, +"muß man sein Hauptaugenmerk darauf richten, daß man +darin frommes und gottesfürchtiges, in der Religion wohl +unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklärt +v.d. Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich +gleich bleibenden Klagen über die dienende Bevölkerung +liegen in der Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit der +menschlichen Natur begründet."<a name="FNanchor_457"></a><a +href="#Footnote_457"><sup>457</sup></a> Amalie Holst sieht 1802 die +Hauptursache der Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer +zweckmäßigen Erziehung der niederen Volksklassen,"<a +name="FNanchor_458"></a><a href="#Footnote_458"><sup>458</sup></a> +und Mathilde Weber ist keinen Schritt weiter gekommen, wenn sie +1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist vielfach ein Produkt der +Nichterziehung."<a name="FNanchor_459"></a><a href= +"#Footnote_459"><sup>459</sup></a> Wo solche Ansichten über +die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht +die Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten +Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur +falsche Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine +stärkere Knechtung war ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln +die Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen oder umgewandelten +Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie alle privaten Bestrebungen +auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des "patriarchalischen +Zustandes", jenes Märchens, das sich die deutschen Hausfrauen +besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden +lassen, wird allseitig als das erwünschteste Ziel betrachtet. +Daß es die rechtlichen, sozialen und ökonomischen +Zustände sind, die einer Besserung dringend bedürfen, und +aus denen sich sowohl die durch sie gezüchteten Eigenschaften +der Dienstboten wie ihre Abnahme erklären lassen, ist bis zum +20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn gekommen.</p> + +<p>Der Mangel an Dienstboten wurde immer fühlbarer und sie +kehrten nicht nur ihrem Beruf den Rücken, sondern sie sprachen +sich auch, wenn auch nur sehr schüchtern und vereinzelt, +über ihre Lage aus. Im April 1848 fand in Leipzig sogar eine +Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die Erhöhung der +Löhne, bessere Kost und längere Nachtruhe forderte. Wie +es thatsächlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 +ein deutscher Autor<a name="FNanchor_460"></a><a href= +"#Footnote_460"><sup>460</sup></a> folgendermaßen: "Man giebt +ihnen die roheste Kost; sie müssen zu zwei und drei in +Räumen schlafen, die nicht einmal den Namen einer Kammer +verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das für +Marterinstrumente, welche Pfühle voll Krankheitsstoff diese +sind! Außerdem, daß die Dienstboten nicht allein vom +frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten +werden, können die Dienstherren doch nicht genug kriegen und +verlangen darüber und immer noch mehr!" Was die Lage der +häuslichen Dienstboten aber noch verschärfte, waren die +sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als +andere Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der +Männerwelt, besonders der gebildeten, für vogelfrei. 1866 +waren in Paris fast die Hälfte der Frauen in den +öffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmädchen, und mehr +als die Hälfte der unehelichen Kinder hatten +Dienstmädchen zu Müttern. Wie tief die armen Mädchen +sanken, beweist die Thatsache, daß zur selben Zeit unter zehn +Prostituierten in Paris sich ein verführtes Dienstmädchen +befand und sie den dritten Teil der Kindsmörderinnen in +Frankreich ausmachten.<a name="FNanchor_461"></a><a href= +"#Footnote_461"><sup>461</sup></a></p> + +<p>Die psychologischen, die ökonomischen und die moralischen +Gründe sind nach alledem stark genug, um die Abnahme der +Dienstboten begreiflich erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im +Verhältnis zur Bevölkerung veränderte, +läßt sich, abgesehen von den letzten Zählungen, +schwer feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das +häusliche Gesinde auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen +zusammen gerechnet wurde. Einen annähernden Begriff von der +Zu- resp. Abnahme der häuslichen Dienstboten giebt folgende +Tabelle.<a name="FNanchor_462"></a><a href= +"#Footnote_462"><sup>462</sup></a></p> + +<p>Auf 100 Personen der Gesamtbevölkerung kamen Dienstboten +in</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>1811/19</th> +<th>1847/49</th> +<th>1861/66</th> +<th>1871</th> +<th>1880</th> +<th>1882</th> +<th>1885</th> +</tr> + +<tr> +<td>Preußen</td> +<td align="right">0,9</td> +<td align="right">1,1</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">3,2</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Hamburg</td> +<td align="right">10,5</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">12,1</td> +<td align="right">7,5</td> +<td align="right">6,3</td> +<td align="right">5,7</td> +<td align="right">4,8</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oldenburg</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">3,1</td> +<td align="right">2,4</td> +<td align="right"></td> +<td align="right">2,5</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sachsen</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,2</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,7</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Bayern</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">0,9</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1,7</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Mecklenburg</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">3,6</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,2</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Hessen</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,77</td> +<td align="right">2,50</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1,94</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Sachsen - Altenburg</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,1</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1,7</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Sachsen - Weimar</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,4</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1,5</td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Schwarzburg- Sondershausen</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">2,0</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1,6</td> +<td align="right"> </td> +</tr> +</table> + +<p>So unzulänglich und wenig beweiskräftig auch diese +Zusammenstellung ist, so geht doch aus ihr schon hervor, daß +auch dieser proletarische Frauenberuf,—der älteste +vielleicht, den es überhaupt giebt,—im letzten Drittel +des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung entgegenzugehen, die +sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher ausprägt. +Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drängt eben +immer stärker dazu, diejenigen Frauenberufe, die früher +als die fast einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger +direkter Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch +andere zu entwerten und abzulösen.</p> + +<p>Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die +jüngste Zeit fällt, ist der der Verkäuferinnen +anzusehen. Während die fachmännisch vorgebildeten +weiblichen Handelsangestellten meist aus bürgerlichen Kreisen +stammen, strömen dem Beruf der ungelernten Verkäuferinnen +immer mehr Proletariertöchter zu. Diese Bewegung begann schon +um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten +Fällen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und +höhere Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus +den Massen emporhoben, konnten sie für ihre Töchter an +Stellungen denken, die ein gewisses Maß von feinerer +Lebensart erforderten, und, äußerlich betrachtet, einige +Stufen höher standen, als die der Fabrik- oder +Werkstattarbeiterin. Wer näher zusah, bemerkte freilich vor +lauter Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung +bis zum äußersten gingen meist Hand in Hand und das +enorm rasche Anwachsen der Zahl der Verkäuferinnen war leider +großenteils darauf zurückzuführen, daß sie +sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrüstung +von sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven +Unkenntnis dessen, was sie hätten beanspruchen können, +sondern auch im scharfen Konkurrenzkampf gegen die vielen +Mädchen aus dem Mittelstand, die, weil sie Anschluß an +ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten, mit jedem +Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben.</p> + +<p>Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert +beschränkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier +wie dort eine rapide. Für die Industrie wird sie durch die +großartige Entwicklung der Technik unterstützt, ja +vielfach überhaupt erst durch sie ermöglicht. Das +wachsende Mißverhältnis zwischen dem Einkommen der +Männer und den Bedürfnissen der Familie trieb die Frauen +zur Lohnarbeit; durch ihren massenhaften Eintritt in das +Erwerbsleben übten sie jedoch wieder einen Druck auf die +Löhne aller aus. Sie befinden sich demnach in einem Zirkel, +aus dem ein Entrinnen unmöglich scheint.</p> + +<p>Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der +Landwirtschaft und im Hausdienst ist teils auf ökonomische +Motive,—niedrige Löhne und lange +Arbeitszeit,—teils auf psychologische,—das Freiheits- +und Freudebedürfnis erwachender +Individualitäten,—zurückzuführen, und bei +oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei +dem entstehenden Mangel an Arbeitskräften in beiden +Berufsgebieten ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in +Handel und Industrie.</p> + +<p>Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert +eine bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im +großen und ganzen in den Grenzen des Hauses und dessen, was +man unter spezifisch weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes +Heraustreten aus dem Hause, ihr Zusammenströmen in den +Betrieben der Großindustrie, ihre durch die Maschine bedingte +veränderte Organisation, die die Frau von der Stellung eines +gewissermaßen selbständigen Handwerkers, der seine +Arbeit in all ihren Teilen allein ausführte, zur +Teilarbeiterin und Bedienerin der Maschine herabsinken ließ, +rief eine Umwandlung hervor, die einer Neuschöpfung gleich +kam. Die moderne Proletarierin hat mit der Arbeiterin vergangener +Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles vor ihr voraus. +Denn die Maschine, die sie in Not und Elend stürzte, hilft ihr +auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wäre die Frau stets in +ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie +wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom +ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde über den Kreis der +Familie hinausgeführt; sie lernte leiden mit ihren +Arbeitsgenossen, und wird mit derselben Hingebung auch mit und +für sie kämpfen lernen, mit der sie einst nur für +ihr eigen Fleisch und Blut gekämpft hat.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"5_Die_Statistik_der_proletarischen_Frauenarbeit_nach_den_letzten" />5. +Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten +Zählungen.</h2> + +<p>Um ein klares Bild des gegenwärtigen Standes der +proletarischen Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunächst, +ihre Ausbreitung zahlenmäßig festzustellen. Diesem +Bestreben stellen sich jedoch große Schwierigkeiten entgegen: +die Erhebungen der verschiedenen Länder sind, was ihre +grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausführung +betrifft, so abweichend voneinander, daß eine +Zusammenstellung internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt +richtigen Resultaten führen kann. Selbst wenn wir uns im +wesentlichen auf Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England und +die Vereinigten Staaten beschränken, haben wir es mit ganz +ungleichartigen Zählungen zu thun. Schon der Begriff der +Berufsthätigen überhaupt ist kein feststehender, +Deutschland und Oesterreich zählen, zum Teil in hohem +Maße, die mithelfenden Familienangehörigen dazu, +während England z.B. sie vollständig ausscheidet. Ferner +ist in Frankreich, England und Nordamerika die erste Voraussetzung +einer Zählung der proletarischen Arbeit dadurch nicht +erfüllt, daß die soziale Schichtung, d.h. die Einteilung +der Berufsthätigen in Selbständige, Angestellte, Arbeiter +u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in +den allerdings ungenügenden Zählungen von 1881 und 1891 +die soziale Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter +vorgenommen hatte, ist in der Zählung von 1896 davon +abgegangen und hat Angestellte und Arbeiter unbegreiflicherweise +wieder zusammengeworfen, sodaß sie, trotz ihrer sonstigen +Vorzüge, für unseren Zweck nur mit Einschränkungen +brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber, +Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese +erst in der letzten Zählung von 1891, der von 1881 fehlt fast +jede Einteilung, und nur die große Detaillierung der +Arbeitszweige ermöglicht eine annähernd richtige +Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt für +Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollständig +fehlt und nur die Ausführlichkeit in der Darstellung der +einzelnen Berufe darüber hinwegzuhelfen vermag. In +Oesterreich, zum Teil auch in Deutschland, sind die letzte und die +vorletzte Zählung nach so verschiedenen Prinzipien erfolgt, +daß auch hier ein Vergleich schwer ist.</p> + +<p>So hat man in Oesterreich neben den Selbständigen, +Angestellten und Arbeitern eine vierte Schicht, die der +Tagelöhner geschaffen, die bei internationalen Vergleichungen +sehr störend wirkt, weil sie sich in dieser Form nirgends +wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß +der Begriff der "Selbständigen" ein sehr schwankender ist. Die +deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer +landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Näherin oder +Putzmacherin, die auf eigene Rechnung arbeitet. Die +Betriebszählung hilft diesem Uebelstande zum Teil ab, und man +kann wenigstens mit ihrer Hilfe die ausgesprochen proletarischen +Existenzen aussondern. Unmöglich dagegen ist es in England, wo +die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden" die große +Schneiderin, ebenso wie die arme Näherin umfassen kann; und in +Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die +früher besonders berechnet wurden, in der letzten Zählung +ohne weiteres den Arbeitern zugezählt. Ganz abgesehen von all +diesen Bedenken in Bezug auf die einzelnen Länder, gilt +für alle das gleiche: daß nämlich gerade die +proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu +erfassen ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- +und Häuserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu +schwerfällig und unaufgeklärt, um genaue Antworten geben +zu können. Die folgenden Tabellen, die auf Grund eines so +unzureichenden Materials zusammengestellt wurden, machen daher +nicht den Anspruch, den Stand der proletarischen Frauenarbeit +unbedingt richtig wiederzugeben.</p> + +<p>Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhältnis +zur Erwerbsthätigkeit überhaupt giebt den besten Begriff +für ihre Bedeutung.</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th rowspan="2">Erwerbsthätige Männer</th> +<th rowspan="2">Davon waren Arbeiter</th> +<th rowspan="2">Erwerbsthätige Frauen</th> +<th rowspan="2">Davon waren Arbeiterinnen</th> +<th colspan="2">Auf 100 erwerbsthätige Männer resp. +Frauen kamen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Arbeiter</th> +<th>Arbeiterinnen</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">13415415</td> +<td align="right">8020114</td> +<td align="right">5541517</td> +<td align="right">4408116</td> +<td align="center">59,78</td> +<td align="center">79,55</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">15531841</td> +<td align="right">9295082</td> +<td align="right">6578350</td> +<td align="right">5293277</td> +<td align="center">59,85</td> +<td align="center">80,47</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">6823891</td> +<td align="right">3670338</td> +<td align="right">4688687</td> +<td align="right">3642864</td> +<td align="center">53,79</td> +<td align="center">77,69</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">7780491</td> +<td align="right">4363074</td> +<td align="right">6245073</td> +<td align="right">5310639</td> +<td align="center">56,07</td> +<td align="center">85,04</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Frankreich</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">10496652</td> +<td align="right">4376604</td> +<td align="right">5033604</td> +<td align="right">3635802</td> +<td align="center">41,69</td> +<td align="center">72,23</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">11137065</td> +<td align="right">4990635</td> +<td align="right">5191084</td> +<td align="right">3584518</td> +<td align="center">43,91</td> +<td align="center">69,05</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Verein. Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">14744943</td> +<td align="right">7053702</td> +<td align="right">2647157</td> +<td align="right">2041466</td> +<td align="center">47,84</td> +<td align="center">77,12</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">18821090</td> +<td align="right">8735622</td> +<td align="right">3914571</td> +<td align="right">2864818</td> +<td align="center">46,41</td> +<td align="center">73,18</td> +</tr> + +<tr> +<td>England u. Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">8883254</td> +<td align="right">5368965</td> +<td align="right">4016230</td> +<td align="right">3113256</td> +<td align="center">60,44</td> +<td align="center">77,51</td> +</tr> +</table> + +<p>Zunächst geht aus der Zusammenstellung hervor, daß +die Frauenarbeit überhaupt einen ausgesprochen proletarischen +Charakter hat: etwa drei Viertel aller erwerbsthätigen Frauen +sind Arbeiterinnen. Wenn das übrigbleibende eine Viertel +bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte kam und sich mit +seinen Wünschen in den Vordergrund zu drängen verstand, +so ist dies ein Beweis mehr für die traurige Lage der +Arbeiterinnen: sie bildeten jene große Armee der Stummen, +denen die Not den Mund verschloß. Für ihre Zunahme +scheint die vorstehende Tabelle nicht zu sprechen; nur in +Deutschland und Oesterreich verschiebt sich der Anteil der +Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren Gunsten; in +Frankreich und Nordamerika findet ein Rückgang statt, der sich +für Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrückt. +Diese frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, +wird durch die Zählung von 1896 berichtigt, da hier nur eine +relative und zwar sehr geringfügige Abnahme zu konstatieren +ist. Da sie jedoch, wie gesagt, Arbeiter und Angestellte +zusammenrechnet, müssen beide Kategorien, um einen Vergleich +zu ermöglichen, auch für 1891 zusammengezählt +werden. Das Resultat ist folgendes:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Land</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th rowspan="2">Erwerbsthätige Männer</th> +<th rowspan="2">Davon waren Arbeiter und Angestellte</th> +<th rowspan="2">Erwerbsthätige Frauen</th> +<th rowspan="2">Davon waren Arbeiterinnen und Angestellte</th> +<th colspan="2">Auf 100 erwerbsthätige Männer resp. +Frauen kamen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Arbeiter</th> +<th>Arbeiterinnen</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Frankreich</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">11197065</td> +<td align="center">5563898</td> +<td align="center">5191084</td> +<td align="center">3735904</td> +<td align="center">49,96</td> +<td align="center">71,97</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="center">11725978</td> +<td align="center">8290204</td> +<td align="center">6152983</td> +<td align="center">4287006</td> +<td align="center">70,61</td> +<td align="center">69,67</td> +</tr> +</table> + +<p>Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der +Zusammensetzung der Erwerbsthätigen aus bürgerlichen und +proletarischen Elementen durch die Zunahme der ersteren, infolge +des starken geistigen Aufschwungs und der erheblich gesteigerten +Anteilnahme der Frauen an bürgerlichen Berufen im Laufe des +zehnjährigen Zeitraumes zur Genüge erklärt. Aber +noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins +Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in +Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und +übersteigt die Zahl der männlichen Arbeiter um ca. eine +Million—ein nirgends wiederkehrendes Verhältnis! So +wenig Wert, der verschiedenen angewandten Methoden wegen, auf den +Vergleich beider Zählungsresultate zu legen ist, so wichtig +bleibt das Ergebnis der letzten Zählung, mit dem wir uns noch +werden beschäftigen müssen. Hier sei nur darauf +hingewiesen, daß es hauptsächlich dem Umstand der +starken Erfassung der verheirateten arbeitenden Frauen entspringt +und zweifellos Fehler schwerwiegender Art mit untergelaufen +sind.</p> + +<p>Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit muß aber +noch von anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunächst +im Vergleich mit dem Wachstum der Bevölkerung:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Auf 100 männliche Personen der ersten Zählungsperiode +kommen in der zweiten</th> +<th>Auf 100 weibliche Personen der ersten Zählungsperiode +kommen in der zweiten</th> +<th>Auf 100 Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der +zweiten</th> +<th>Auf 100 Arbeiterinnen der ersten Zählungsperiode kommen in +der zweiten</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="right">115</td> +<td align="right">114</td> +<td align="right">116</td> +<td align="right">120</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="right">108</td> +<td align="right">108</td> +<td align="right">119</td> +<td align="right">147</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="right">101</td> +<td align="right">102</td> +<td align="right">114</td> +<td align="right">99</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="right">126</td> +<td align="right">124</td> +<td align="right">124</td> +<td align="right">140</td> +</tr> +</table> + +<p>Aus vorstehender Berechnung geht hervor, daß eine normale +Zunahme der male, sie übersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, +zum Teil, und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme +der weiblichen Bevölkerung. In Frankreich ist die Differenz +keine sehr große, ja es zeigt sich auch hier eine weit +stärkere Zunahme der weiblichen Arbeiterschaft, als der +weiblichen Bevölkerung, wenn wir der Berechnung die +Zählungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen.</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Land</th> +<th>Auf 100 männliche Personen der Zählung von 1891 kamen +1896<a name="FNanchor_463"></a><a href= +"#Footnote_463"><sup>463</sup></a></th> +<th>Auf 100 weibliche Personen der Zählung von 1891 kamen +1896</th> +<th>Auf 100 Arbeiter der Zählung von 1891 kamen 1896</th> +<th>Auf 100 Arbeiterinnen der Zählung von 1891 kamen 1896</th> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="right">100</td> +<td align="right">100,35</td> +<td align="right">151</td> +<td align="right">115</td> +</tr> +</table> + +<p>Für England ist es unmöglich, den Fortschritt der +proletarischen Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die +letzte Zählung eine soziale Schichtung kennt. Betrachten wir +die gesamte erwerbsthätige weibliche Bevölkerung +über zehn Jahr in ihrem Verhältnis zur weiblichen +Bevölkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen +Vermehrung nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen +Personen über zehn Jahr 34,05 erwerbsthätig, 1891 dagegen +34,42. Aber auch der Prozentsatz der männlichen +Erwerbstätigen hat sich nicht verschoben, er betrug in beiden +Zählungsperioden 83%.<a name="FNanchor_464"></a><a href= +"#Footnote_464"><sup>464</sup></a></p> + +<p>Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Arbeiter +zu einander und seine Verschiebung im Laufe der Zeit muß +gleichfalls einer näheren Betrachtung unterzogen werden. +Folgende Tabelle giebt Aufschluß darüber:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th rowspan="2">Männer</th> +<th rowspan="2">Frauen</th> +<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="center">8020114</td> +<td align="center">4408116</td> +<td align="center">64,53</td> +<td align="center">35,47</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="center">9295082</td> +<td align="center">5293277</td> +<td align="center">63,65</td> +<td align="center">36,35</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="center">3670338</td> +<td align="center">3642864</td> +<td align="center">50,19</td> +<td align="center">49,81</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">4363074</td> +<td align="center">5310639</td> +<td align="center">45,10</td> +<td align="center">54,90</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="4">Frankreich<a name="FNanchor_465"></a><a href= +"#Footnote_465"><sup>465</sup></a></td> +<td align="center">1881</td> +<td align="center">4376604</td> +<td align="center">3635802</td> +<td align="center">54,62</td> +<td align="center">45,38</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">4990635</td> +<td align="center">3584518</td> +<td align="center">59,36</td> +<td align="center">40,64</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">5563898</td> +<td align="center">3735904</td> +<td align="center">53,44</td> +<td align="center">46,54</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="center">8290204</td> +<td align="center">4287006</td> +<td align="center">65,86</td> +<td align="center">34,14</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">5368965</td> +<td align="center">3113256</td> +<td align="center">63,30</td> +<td align="center">36,70</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="center">7053702</td> +<td align="center">2041466</td> +<td align="center">77,56</td> +<td align="center">22,44</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">8735622</td> +<td align="center">2864818</td> +<td align="center">75,30</td> +<td align="center">24,70</td> +</tr> +</table> + +<p>Mit Ausnahme von Frankreich wäre der Eindruck eines +Zurückdrängens der Männer durch die Frauen hiernach +der vorherrschende, wenn nicht aus der Tabelle auf Seite 248 schon +hervorgegangen wäre, daß thatsächlich die Zunahme +der männlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevölkerung +gleichen Schritt hält, ja sie zum Teil übersteigt. Es +handelt sich also wohl um eine andere Zusammensetzung, nicht aber +um einen Rückgang der männlichen Arbeiter. Interessant +ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das Frankreich bietet. Auch +nach der neuesten Zählung scheinen die Frauen den Männern +bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen der +männlichen Arbeiter bringt die Erklärung dafür: +danach sollen die Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur +fünf Jahren eine Zunahme von fast drei Millionen erfahren +haben! Das ist, angesichts der minimalen Zunahme der +Bevölkerung, selbst dann eine Unmöglichkeit, wenn in +Betracht gezogen wird, daß die Zählung von 1896 die +Kleinmeister (petits patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es +kann als das Wahrscheinlichste angenommen werden, daß die +Statistik von 1891 einen großen Teil der Arbeiter nicht +erfaßte. Ist das der Fall, so würde die Zusammensetzung +der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden.</p> + +<p>Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast +immer mit einer Verdrängung der Männerarbeit in +Zusammenhang gebracht. Zum Beweise dafür beruft man sich auf +die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch von uns +angeführte Thatsache, daß durch die Einführung +neuer, leichter zu handhabender Maschinen in gewissen +Fabrikationszweigen Frauen an Stelle der Männer treten. Ganz +abgesehen davon, daß es auch Maschinen giebt,—z.B. die +Setzmaschine,—die ihrerseits wieder die Frauenarbeit +verdrängen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, daß +im allgemeinen von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen +kaum die Rede sein kann, es sich vielmehr um Verschiebungen +handelt. Die gegenteilige Behauptung ist auch eines jener auf +ungenügender Kenntnis der Thatsachen beruhenden Schlagworte +der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum Beweis dafür.<a +name="FNanchor_466"></a><a href="#Footnote_466"><sup>466</sup></a> +Es verblieben nämlich in der Stellung von berufslosen +Familienangehörigen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Von je 1000 Personen<br /> +in der Altersklasse</th> +<th colspan="2">Deutschland</th> +<th colspan="2">Oesterreich</th> +</tr> + +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>unter 20 Jahr</td> +<td align="right">742</td> +<td align="right">812</td> +<td align="right">655</td> +<td align="right">691</td> +</tr> + +<tr> +<td>von 20-30 Jahr</td> +<td align="right">24</td> +<td align="right">531</td> +<td align="right">28</td> +<td align="right">268</td> +</tr> + +<tr> +<td>" 30-40 "</td> +<td align="right">9</td> +<td align="right">743</td> +<td align="right">11</td> +<td align="right">340</td> +</tr> + +<tr> +<td>" 40-50 "</td> +<td align="right">7</td> +<td align="right">710</td> +<td align="right">7</td> +<td align="right">304</td> +</tr> + +<tr> +<td>" 50-60 "</td> +<td align="right">10</td> +<td align="right">632</td> +<td align="right">8</td> +<td align="right">267</td> +</tr> + +<tr> +<td>" 60-70 "</td> +<td align="right">22</td> +<td align="right">553</td> +<td align="right">18</td> +<td align="right">261</td> +</tr> + +<tr> +<td>" 70 Jahr und darüber</td> +<td align="right">106</td> +<td align="right">469</td> +<td align="right">54</td> +<td align="right">253</td> +</tr> +</table> + +<p>Daraus geht hervor, daß in den für die Berufsarbeit +entscheidenden Altersklassen kaum 1% Männer zum Eintritt in +den Erwerb übrig bleibt. Man kann annehmen, daß dieses +eine Prozent großenteils aus jenen physisch und moralisch +Kranken besteht, die überhaupt von der Berufsarbeit +ausgeschlossen sind, daß daher fast alle verfügbaren +Männer zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den +Frauen. Ihr Anteil an der Berufsarbeit fällt wesentlich in das +20. bis 30. Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die +Hälfte der Frauen erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit +steigert sich erheblich in den Jahren, wo Mutter- und +Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch nehmen. Erst in +späteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rücktritt der +Männer in die Reihen der Berufslosen beginnt, wächst +wieder, infolge der großen Zahl von Witwen, der Anteil der +Frauen am Erwerbsleben. Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen +noch viele erwerbsfähige Frauen verfügbar, und aus ihren +Reihen nimmt besonders die Industrie die ihr nötigen, aus der +Männerwelt nicht zu deckenden Arbeitskräfte. +Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische +Frauenarbeit im Verhältnis stärker zunehmen als die +Männerarbeit, ohne daß diese durch jene gefährdet +wird. Diese Auffassung kann scheinbar durch den Hinweis auf die +große Zahl der Arbeitslosen entkräftet werden. Aber nur +scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem +Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte +Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und +Männer und Frauen werden gleicherweise von ihr +heimgesucht.</p> + +<p>Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber +auch ein näheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den +einzelnen Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhältnis +zu den Männern folgendermaßen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Länder</th> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="4">Landwirtschaft</th> +</tr> + +<tr> +<th rowspan="2">Männer</th> +<th rowspan="2">Frauen</th> +<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">3629959</td> +<td align="right">2251860</td> +<td align="right">61,71</td> +<td align="right">38,29</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">3239646</td> +<td align="right">2388148</td> +<td align="right">57,57</td> +<td align="right">42,43</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">1646317</td> +<td align="right">2088985</td> +<td align="right">43,70</td> +<td align="right">56,30</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">1962688</td> +<td align="right">3652445</td> +<td align="right">34,95</td> +<td align="right">65,05</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">1858131</td> +<td align="right">1542407</td> +<td align="right">54,67</td> +<td align="right">45,33</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">2120799</td> +<td align="right">1452924</td> +<td align="right">59,34</td> +<td align="right">40,66</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">2166351</td> +<td align="right">1482772</td> +<td align="right">59,37</td> +<td align="right">40,63</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">3818509</td> +<td align="right">1487123</td> +<td align="right">71,97</td> +<td align="right">28,03</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">807608</td> +<td align="right">40346</td> +<td align="right">95,26</td> +<td align="right">4,74</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">734984</td> +<td align="right">24150</td> +<td align="right">96,82</td> +<td align="right">3,18</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">2208400</td> +<td align="right">399309</td> +<td align="right">84,69</td> +<td align="right">15,31</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">2316399</td> +<td align="right">363544</td> +<td align="right">86,43</td> +<td align="right">13,57</td> +</tr> +</table> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Länder</th> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="4">Industrie</th> +</tr> + +<tr> +<th rowspan="2">Männer</th> +<th rowspan="2">Frauen</th> +<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">3551014</td> +<td align="right">545229</td> +<td align="right">86,69</td> +<td align="right">13,31</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">4963409</td> +<td align="right">992302</td> +<td align="right">83,35</td> +<td align="right">16,65</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">1193265</td> +<td align="right">449746</td> +<td align="right">72,63</td> +<td align="right">27,37</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">1558914</td> +<td align="right">585692</td> +<td align="right">72,69</td> +<td align="right">27,31</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">1869639</td> +<td align="right">1161960</td> +<td align="right">61,67</td> +<td align="right">38,33</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">2146156</td> +<td align="right">1173061</td> +<td align="right">64,72</td> +<td align="right">35,28</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">2262222</td> +<td align="right">1219217</td> +<td align="right">64,98</td> +<td align="right">35,02</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">3048030</td> +<td align="right">1611078</td> +<td align="right">65,42</td> +<td align="right">34,58</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">3926934</td> +<td align="right">1466130</td> +<td align="right">72,81</td> +<td align="right">27,19</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">2878133</td> +<td align="right">690798</td> +<td align="right">80,65</td> +<td align="right">19,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">4236760</td> +<td align="right">1206807</td> +<td align="right">77,83</td> +<td align="right">22,17</td> +</tr> +</table> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Länder</th> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="4">Handel und Verkehr</th> +</tr> + +<tr> +<th rowspan="2">Männer</th> +<th rowspan="2">Frauen</th> +<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">582885</td> +<td align="right">144777</td> +<td align="right">80,11</td> +<td align="right">19,89</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">868042</td> +<td align="right">365005</td> +<td align="right">70,40</td> +<td align="right">29,60</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">131043</td> +<td align="right">31039</td> +<td align="right">80,86</td> +<td align="right">19,14</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">189281</td> +<td align="right">59246</td> +<td align="right">76,16</td> +<td align="right">23,84</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">304605</td> +<td align="right">119115</td> +<td align="right">71,89</td> +<td align="right">28,11</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">497655</td> +<td align="right">228656</td> +<td align="right">68,52</td> +<td align="right">31,48</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">909310</td> +<td align="right">334038</td> +<td align="right">73,10</td> +<td align="right">26,90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">1223919</td> +<td align="right">527073</td> +<td align="right">69,90</td> +<td align="right">30,10</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">638423</td> +<td align="right">12556</td> +<td align="right">98,07</td> +<td align="right">1,93</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">91502</td> +<td align="right">4803</td> +<td align="right">95,90</td> +<td align="right">4,10</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">127619</td> +<td align="right">10027</td> +<td align="right">92,72</td> +<td align="right">7,28</td> +</tr> +</table> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Länder</th> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="4">Persönlicher Dienst und Lohnarbeit<br /> +wechselnder Art</th> +</tr> + +<tr> +<th rowspan="2">Männer</th> +<th rowspan="2">Frauen</th> +<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">213746</td> +<td align="right">183836</td> +<td align="right">53,76</td> +<td align="right">46,24</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">198626</td> +<td align="right">233865</td> +<td align="right">45,91</td> +<td align="right">54,09</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">495425</td> +<td align="right">501500</td> +<td align="right">49,70</td> +<td align="right">50,30</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">620301</td> +<td align="right">588169</td> +<td align="right">51,23</td> +<td align="right">48,77</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1881</td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1891</td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1891</td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1896</td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +<td> </td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">5728</td> +<td align="right">95826</td> +<td align="right">5,65</td> +<td align="right">94,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">10097</td> +<td align="right">124253</td> +<td align="right">7,50</td> +<td align="right">92,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">1715733</td> +<td align="right">70179</td> +<td align="right">99,60</td> +<td align="right">0,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">1828265</td> +<td align="right">53096</td> +<td align="right">99,72</td> +<td align="right">0,28</td> +</tr> +</table> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Länder</th> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="4">Häusliche Dienstboten</th> +</tr> + +<tr> +<th rowspan="2">Männer</th> +<th rowspan="2">Frauen</th> +<th colspan="2">Von 100 Arbeitern sind</th> +</tr> + +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">42510</td> +<td align="right">1282414</td> +<td align="right">3,20</td> +<td align="right">96,80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">25359</td> +<td align="right">1313957</td> +<td align="right">1,89</td> +<td align="right">98,11</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">204288</td> +<td align="right">571594</td> +<td align="right">26,53</td> +<td align="right">73,67</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">31890</td> +<td align="right">424387</td> +<td align="right">6,99</td> +<td align="right">93,01</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">344229</td> +<td align="right">812320</td> +<td align="right">29,76</td> +<td align="right">70,24</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (nur Arbeiter)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">226015</td> +<td align="right">699877</td> +<td align="right">24,30</td> +<td align="right">75,70</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">226015</td> +<td align="right">699877</td> +<td align="right">24,30</td> +<td align="right">75,70</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich (Arbeiter u. Angestellte)</td> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">199746</td> +<td align="right">661732</td> +<td align="right">23,19</td> +<td align="right">76,81</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="right">66262</td> +<td align="right">1230406</td> +<td align="right">5,11</td> +<td align="right">94,89</td> +</tr> + +<tr> +<td>England und Wales</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">58527</td> +<td align="right">1386167</td> +<td align="right">4,06</td> +<td align="right">95,94</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">159934</td> +<td align="right">876377</td> +<td align="right">15,43</td> +<td align="right">84,57</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">226679</td> +<td align="right">1231344</td> +<td align="right">15,50</td> +<td align="right">84,50</td> +</tr> +</table> + +<p>Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die +Frauenarbeit, mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, +wesentlich abgenommen hat, eine Abnahme, die sich für England +und Amerika auch in den absoluten Zahlen ausdrückt. In der +Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und Amerika eine raschere +als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich und +Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute +Zunahme stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die +Frauenarbeit im Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle +Länder. Für die Lohnarbeit wechselnder Art hat +überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer +stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen +erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme +von Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, +wieder mit Ausnahme von Amerika, überall an Zahl bedeutend +zurückgingen. Eine absolute Verminderung fand in Oesterreich +und Frankreich auch für die weiblichen Dienstboten statt. +Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau genug die +Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen +Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums +zeigt am besten die Tabelle.</p> + +<p>Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="4">Länder</th> +<th colspan="2">Landwirtschaft</th> +<th colspan="2">Industrie</th> +<th colspan="2">Handel und Verkehr</th> +<th colspan="2">Lohnarbeit wechselnder Art</th> +<th colspan="2">Dienstboten</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="10">Auf 100</th> +</tr> + +<tr> +<th>männliche</th> +<th>weibliche</th> +<th>männliche</th> +<th>weibliche</th> +<th>männliche</th> +<th>weibliche</th> +<th>männliche</th> +<th>weibliche</th> +<th>männliche</th> +<th>weibliche</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="10">Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in +der zweiten</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland 1882 bis 1890</td> +<td align="right">89</td> +<td align="right">106</td> +<td align="right">140</td> +<td align="right">182</td> +<td align="right">149</td> +<td align="right">253</td> +<td align="right">108</td> +<td align="right">127</td> +<td align="right">60</td> +<td align="right">103</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich 1880 bis 1890</td> +<td align="right">119</td> +<td align="right">175</td> +<td align="right">131</td> +<td align="right">130</td> +<td align="right">144</td> +<td align="right">191</td> +<td align="right">125</td> +<td align="right">117</td> +<td align="right">16</td> +<td align="right">72</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich 1881 bis 1891</td> +<td align="right">114</td> +<td align="right">94</td> +<td align="right">116</td> +<td align="right">101</td> +<td align="right">163</td> +<td align="right">192</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">66</td> +<td align="right">86</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich 1891 bis 1896</td> +<td align="right">176</td> +<td align="right">100 3/10</td> +<td align="right">135</td> +<td align="right">132</td> +<td align="right">134</td> +<td align="right">158</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">87</td> +<td align="right">95</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten 1880 bis 1890</td> +<td align="right">105</td> +<td align="right">92</td> +<td align="right">113</td> +<td align="right">176</td> +<td align="right">139</td> +<td align="right">209</td> +<td align="right">106</td> +<td align="right">76</td> +<td align="right">142</td> +<td align="right">141</td> +</tr> +</table> + +<p>Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der +Bevölkerung, wie die Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, +daß die proletarische Frauenarbeit in Industrie und Handel +überall bedeutend rascher zugenommen hat als die +Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die +Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten +weit hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung +zurückblieben. Die verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb +der weiblichen Arbeiterschaft während der letzten und der +vorletzten Zählungsperiode giebt einen noch drastischeren +Beweis dafür:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th colspan="5">Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt +in</th> +</tr> + +<tr> +<th>Landwirtschaft</th> +<th>Industrie</th> +<th>Handel und Verkehr</th> +<th>Lohnarbeit wechs. Art</th> +<th>Häusliche Dienstboten</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">51,08</td> +<td align="right">12,37</td> +<td align="right">3,29</td> +<td align="right">4,17</td> +<td align="right">29,09</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">45,16</td> +<td align="right">18,70</td> +<td align="right">6,90</td> +<td align="right">4,42</td> +<td align="right">24,82</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">57,34</td> +<td align="right">12,35</td> +<td align="right">0,85</td> +<td align="right">13,77</td> +<td align="right">15,69</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">68,78</td> +<td align="right">11,03</td> +<td align="right">1,12</td> +<td align="right">11,08</td> +<td align="right">7,99</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Frankreich</td> +<td align="center">1891</td> +<td align="right">39,69</td> +<td align="right">32,64</td> +<td align="right">8,94</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">18,73</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">34,69</td> +<td align="right">37,58</td> +<td align="right">12,29</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">15,44</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="right">19,56</td> +<td align="right">32,84</td> +<td align="right">0,24</td> +<td align="right">3,44</td> +<td align="right">42,92</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">12,69</td> +<td align="right">42,13</td> +<td align="right">0,35</td> +<td align="right">1,85</td> +<td align="right">42,98</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der +Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.</p> + +<p>In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die +Zählungen der Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, +obwohl sie immer nur einen beschränkten Kreis von Arbeitern +umfassen. Nach den Berichten der deutschen Inspektoren hat sich die +Zunahme der Industriearbeiterinnen folgendermaßen +gestaltet:<a name="FNanchor_467"></a><a href= +"#Footnote_467"><sup>467</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="3">Weibliche Arbeiter</th> +</tr> + +<tr> +<th rowspan="2">absolute Zahl</th> +<th colspan="2">Zunahme</th> +</tr> + +<tr> +<th>absolut</th> +<th>Prozent</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="center">739755</td> +<td align="center"> </td> +<td align="center"> </td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="center">781882</td> +<td align="center">41,127</td> +<td align="center">5,7</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1897</td> +<td align="center">822462</td> +<td align="center">40,580</td> +<td align="center">5,2</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1898</td> +<td align="center">859203</td> +<td align="center">36,741</td> +<td align="center">4,5</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1899</td> +<td align="center">884239</td> +<td align="center">35,036</td> +<td align="center">4,1</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich +eine sehr starke ist, daß sie aber von Jahr zu Jahr an +Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine rasche Zunahme +der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht +ziehen, obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material +nicht möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht +dafür, daß auch das Tempo des Wachstums der +männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die +industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die +entsprechenden Zahlen für Frankreich,—so vorsichtig sie +auch wegen der mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden +müssen,—sind besonders merkwürdig. Es zeigt sich +nämlich, wie nachstehende Tabelle angiebt, daß dem +starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den +nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag +folgte:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="3">Weibliche Arbeiter</th> +<th colspan="3">Männliche Arbeiter</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="3">absolute Zu- resp. Abnahme</th> +<th colspan="3">absolute Zu- resp. Abnahme</th> +</tr> + +<tr> +<th>Zahl</th> +<th>absolut</th> +<th>Prozent</th> +<th>Zahl</th> +<th>absolut</th> +<th>Prozent</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1894</td> +<td align="right">732760</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1722183</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">844911</td> +<td align="right">112,151</td> +<td align="right">15,9</td> +<td align="right">1828403</td> +<td align="right">106,220</td> +<td align="right">6,2</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1898</td> +<td align="right">812591</td> +<td align="right">-32,320</td> +<td align="right">-3,9</td> +<td align="right">1820979</td> +<td align="right">-7,424</td> +<td align="right">0,4</td> +</tr> +</table> + +<p>Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, +wenn auch nicht in genau demselben Maß, doch das gleiche +gilt.<a name="FNanchor_468"></a><a href= +"#Footnote_468"><sup>468</sup></a></p> + +<p>Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein +durch die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es +giebt zweifellos auch unter den Selbständigen eine große +Zahl proletarischer Existenzen, die sich allerdings nur an der Hand +einer eingehenden Betriebs- und Gewerbezählung annähernd +feststellen lassen und diese liegt nur für Deutschland vor.<a +name="FNanchor_469"></a><a href="#Footnote_469"><sup>469</sup></a> +Wir müssen daher hierbei auf internationale Vergleichungen +ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die +Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig +erfassen, weil die Einteilung der Betriebe nach ihren +Größenklassen uns daran verhindert: Sie werden +nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis +20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke +müssen wir daher bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, +während Betriebe mit 2 Personen zweifellos noch einen +proletarischen Charakter tragen. Um von der Verteilung, der Zu- +resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein klares Bild zu +bekommen, muß die Zahl der Frauen in den Gehilfenbetrieben +ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender Tabelle +geschieht:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Gewerbearten</th> +<th>Frauen in Alleinbetrieben 1895</th> +<th>Ihre Zu- resp. Abnahme seit 1882</th> +<th>Frauen in Gehilfenbetrieben 1895</th> +<th>Ihre Zu- resp. Abnahme seit 1882</th> +</tr> + +<tr> +<td>Gärtnerei, Tierzucht und Fischerei</td> +<td align="right">708</td> +<td align="right">285</td> +<td align="right">17998</td> +<td align="right">10505</td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie, Bergbau, Baugewerbe</td> +<td align="right">443333</td> +<td align="right">-87753</td> +<td align="right">1114986</td> +<td align="right">479030</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handel, Verkehr, Gast- und Schankwirtschaft</td> +<td align="right">145165</td> +<td align="right">42500</td> +<td align="right">617115</td> +<td align="right">385591</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von +Alleinbetrieben nur in der Industrie erheblich abgenommen haben, +ein Umstand, der, wie wir aus der Zunahme der Arbeiter in den +Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die Verschiebung zu Gunsten des +Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist. Eine +Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht +besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch +deutlicher:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Gewerbearten</th> +<th>Frauen in Alleinbetrieben</th> +<th>Zu- resp. Abnahme</th> +<th>Frauen in Gehilfenbetrieben</th> +<th>Zu- resp. Abnahme</th> +</tr> + +<tr> +<td>Strickerei und Wirkerei</td> +<td align="right">15472</td> +<td align="right">-2324</td> +<td align="right">28164</td> +<td align="right">14950</td> +</tr> + +<tr> +<td>Häkelei und Stickerei</td> +<td align="right">6178</td> +<td align="right">-336</td> +<td align="right">6049</td> +<td align="right">3413</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spitzen-Verfert., Weißzeugstickerei</td> +<td align="right">7802</td> +<td align="right">-8737</td> +<td align="right">11532</td> +<td align="right">7017</td> +</tr> + +<tr> +<td>Näherei</td> +<td align="right">185716</td> +<td align="right">-58183</td> +<td align="right">28078</td> +<td align="right">3848</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schneiderei</td> +<td align="right">89250</td> +<td align="right">35227</td> +<td align="right">84350</td> +<td align="right">46746</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleider- und Wäschekonfektion</td> +<td align="right">585</td> +<td align="right">-3886</td> +<td align="right">35409</td> +<td align="right">15946</td> +</tr> + +<tr> +<td>Putzmacherei, künstl. Blumen</td> +<td align="right">12429</td> +<td align="right">-1150</td> +<td align="right">28874</td> +<td align="right">11213</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handschuh, Kravatten, Hosenträger</td> +<td align="right">3995</td> +<td align="right">-4109</td> +<td align="right">7760</td> +<td align="right">1754</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäscherei, Plätterei</td> +<td align="right">66029</td> +<td align="right">-17662</td> +<td align="right">27687</td> +<td align="right">14057</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch +die Zunahme in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz +dieser Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem +der Frauen selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden +Selbständigen immer noch eine außerordentlich hohe, wie +aus folgender Tabelle hervorgeht:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Gewerbearten</th> +<th>Von 100 selbständigen<br /> +Frauen sind</th> +<th>Von 100 selbständigen<br /> +Männern sind</th> +</tr> + +<tr> +<td>Inhaber von Alleinbetrieben</td> +<td align="right">84,4</td> +<td align="right">50,0</td> +</tr> + +<tr> +<td> +" " +Gehilfenbetrieben</td> +<td align="right">15,6</td> +<td align="right">50,0</td> +</tr> + +<tr> +<td> " mit bis zu 5 Personen</td> +<td align="right">13,9</td> +<td align="right">40,5</td> +</tr> + +<tr> +<td> " " 6-20 +Personen</td> +<td align="right">1,5</td> +<td align="right">6,9</td> +</tr> + +<tr> +<td> " " 21 und mehr +Personen</td> +<td align="right">0,2</td> +<td align="right">2,6</td> +</tr> +</table> + +<p>Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der +erwerbthätigen Frauen mit aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast +alle selbständigen Frauen arbeiten allein, d.h. sie sind fast +ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn +wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen +Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die +Stellung kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum +die Rede ist. Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der +Hausindustrie, zwei Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, +18,8% im Handel, 11,3% in der Textilindustrie, 4,8% in der Gast- +und Schankwirtschaft, 3,4 % in sonstigen Gewerben. Diese noch dazu +auf so wenige Gewerbe sich konzentrierende Vereinzelung der Frauen +ist ein schweres Hindernis auf dem Wege zu besseren +Arbeitsbedingungen.</p> + +<p>In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein +ähnliches. Rechnen wir die Selbständigen, soweit sie ein +Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, zu den Proletariern, so +sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht weniger als +drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende Tabelle +giebt die genaueren Zahlen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Areal</th> +<th colspan="4">Selbständige in der Landwirtschaft</th> +<th rowspan="3">Von je 100<br /> +Selbständigen<br /> +sind weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="2">Absolut</th> +<th colspan="2">in Prozenten</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>unter 2 ha</td> +<td align="right">248209</td> +<td align="right">177088</td> +<td align="right">15,96</td> +<td align="right">52,24</td> +<td align="right">33,71</td> +</tr> + +<tr> +<td>2 bis 5 "</td> +<td align="right">604562</td> +<td align="right">74565</td> +<td align="right">27,70</td> +<td align="right">22,00</td> +<td align="right">10,98</td> +</tr> + +<tr> +<td>5 " 10 "</td> +<td align="right">501482</td> +<td align="right">40059</td> +<td align="right">22,98</td> +<td align="right">11,82</td> +<td align="right">7,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>10 " 50 "</td> +<td align="right">636275</td> +<td align="right">41167</td> +<td align="right">29,15</td> +<td align="right">12,14</td> +<td align="right">6,08</td> +</tr> + +<tr> +<td>50 " 100 "</td> +<td align="right">62920</td> +<td align="right">4182</td> +<td align="right">2,88</td> +<td align="right">1,23</td> +<td align="right">6,23</td> +</tr> + +<tr> +<td>100 und mehr ha</td> +<td align="right">28921</td> +<td align="right">1918</td> +<td align="right">1,33</td> +<td align="right">0,57</td> +<td align="right">6,21</td> +</tr> +</table> + +<p>Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts +Genaueres, nach Geschlechtern gesondert, feststellen. Im +allgemeinen aber kann, obwohl ein schwacher Rückgang der +betreffenden Betriebe stattfand,—von 76,63% auf +76,51%,—angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der +selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; +man kann darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die +an den Grenzen der Industriestädte sogenannte "Lauben" +besitzen, und hier im kleinsten Maß Gemüse, Blumen und +Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese Vermehrung +von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der +Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo +die von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von +Männern geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die +Folgen keine schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, +wie die für die steigende Erwerbsthätigkeit der Frauen +überhaupt: Not, und die durch die Erträgnisse des +männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten +Bedürfnisse.</p> + +<p>Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie +nicht allein ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist +ein Blick auf eine andere Seite der Frauenarbeit: die Zahl der +mithelfenden Familienangehörigen. Sie für alle +Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein das +Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist, +daß, während fast sämtliche männliche +Arbeiter,—99,2%,—Berufsarbeiter sind, von den +weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden +Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, +auch unter Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, +dieses:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Berufsarten</th> +<th colspan="3">Von 100 berufsmäßigen Arbeitern<br /> +sind weiblich in Betrieben</th> +<th colspan="3">Von 100 mithelfenden Familienangehörigen<br /> +sind weiblich in Betrieben</th> +</tr> + +<tr> +<th>bis 5<br /> +Personen</th> +<th>6 bis 20<br /> +Personen</th> +<th>über 20<br /> +Personen</th> +<th>bis 5<br /> +Personen</th> +<th>6 bis 20<br /> +Personen</th> +<th>über 20<br /> +Personen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Landwirtschaft</td> +<td align="right">14,3</td> +<td align="right">25,6</td> +<td align="right">19,9</td> +<td align="right">76,5</td> +<td align="right">85,6</td> +<td align="right">85,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie</td> +<td align="right">9,8</td> +<td align="right">15,2</td> +<td align="right">19,9</td> +<td align="right">84,4</td> +<td align="right">77,9</td> +<td align="right">44,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handel und Verkehr</td> +<td align="right">44,0</td> +<td align="right">34,0</td> +<td align="right">20,2</td> +<td align="right">92,9</td> +<td align="right">85,9</td> +<td align="right">79,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>im ganzen</td> +<td align="right">18,9</td> +<td align="right">19,5</td> +<td align="right">20,0</td> +<td align="right">90,2</td> +<td align="right">82,0</td> +<td align="right">56,0</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen läßt, +ist außerordentlich wichtig für die Erkenntnis der +proletarischen Frauenarbeit und dessen, was ihr Not thut, will man +sie aus ihrer untergeordneten Stellung emporheben: in den kleinen +Betrieben finden sich die wenigsten berufsmäßigen +Arbeiterinnen,—besonders hervorstechend ist das +Verhältnis in der Industrie,—und fast alle mithelfenden +Familienangehörigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die +Entwicklung des Großbetriebs eine Förderung der +berufsmäßigen proletarischen Frauenarbeit, der jetzt +noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben, eine große +Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenüber +steht. Gegenüber in jedem Sinn: denn diese in und durch die +Familie ausgebeuteten Kräfte sind die natürlichen Feinde +der aufstrebenden weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den +Kleinbetrieb erhalten, und hindern die Verbesserung der +Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhöhung der weiblichen +Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen zu sein, +an der Familie einen Rückhalt haben.</p> + +<p>Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen +läßt sich feststellen, daß die proletarische +Frauenarbeit im allgemeinen in rascherem Tempo zugenommen hat, als +die Männerarbeit und viel schneller gewachsen ist, als die +weibliche Bevölkerung. Nur in Zeiten wirtschaftlichen +Niedergangs kann von einem Verdrängen der männlichen +Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhältnissen zeigt +sich dagegen, daß durch die Entwicklung der proletarischen +Arbeitsgelegenheiten, besonders in der Industrie, die +männlichen Arbeitskräfte großenteils erschöpft +wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie +erfolgt in um so stärkerem Maße, als Frauen zur +Verfügung stehen. Bis jetzt allerdings bedeutet dieses +Nachrücken der weiblichen Reservearmee zugleich ein +Einrücken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten. Eine +wirtschaftliche Entwicklung in nur annähernd ähnlichem +Tempo wie die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein +weiteres numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf +ihr Emporsteigen zu höherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. +Das Wachstum an sich ist als nichts Unnatürliches anzusehen +oder zu beklagen, es liegt vielmehr durchaus auf dem Wege normaler +Evolution. Die schweren Schäden, die sie mit sich bringt, sind +nicht die Folgen der Frauenarbeit überhaupt, sondern vielmehr +die Folgen der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen.</p> + +<p>Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und +ihrer Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit +bedurfte eingehender Erörterung, auch ihre Verteilung auf die +Berufsarten ist von ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich +im Hinblick auf die Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen +Berufsarten, in denen die meisten Frauen beschäftigt sind, +giebt Aufschluß darüber:</p> + +<p>Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.<a name= +"FNanchor_470"></a><a href="#Footnote_470"><sup>470</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Gewerbearten</th> +<th colspan="2">Deutschland</th> +<th colspan="2">Oesterreich</th> +<th colspan="2">England u. Wales</th> +<th colspan="2">Vereingte Staaten</th> +<th colspan="2">Frankreich</th> +<th colspan="2">Belgien</th> +</tr> + +<tr> +<th>Zahl der Arbeite-<br /> + rinnen</th> +<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th> +<th>Zahl der Arbeite-<br /> + rinnen</th> +<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th> +<th>Zahl der Arbeite-<br /> + rinnen</th> +<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th> +<th>Zahl der Arbeite-<br /> + rinnen</th> +<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th> +<th>Zahl der Arbeite-<br /> + rinnen</th> +<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th> +<th>Zahl der Arbeite-<br /> + rinnen</th> +<th>Von 100 Arbeitern beiderlei Gesch- lechts sind weibl.</th> +</tr> + +<tr> +<td>Kleider- und Wäschekonfektion</td> +<td align="right">27453</td> +<td align="right">83,38</td> +<td align="right">59923</td> +<td align="right">93,58</td> +<td align="right">38812</td> +<td align="right">95,83</td> +<td align="right">304303</td> +<td align="right">98,08</td> +<td align="right" rowspan="8">976161</td> +<td align="right" rowspan="8">88,50</td> +<td align="right" rowspan="5">44324</td> +<td align="right" rowspan="5">66,06</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schneiderinnen</td> +<td align="right">61480</td> +<td align="right">31,66</td> +<td align="right" rowspan="2">43678</td> +<td align="right" rowspan="2">35,72</td> +<td align="right">82667</td> +<td align="right">48,89</td> +<td align="right">63809</td> +<td align="right">34,42</td> +</tr> + +<tr> +<td>Näherinnen</td> +<td align="right">97979</td> +<td align="right">100,00</td> +<td align="right" rowspan="3">257408</td> +<td align="right" rowspan="3">98,80</td> +<td align="right">146043</td> +<td align="right">97,33</td> +</tr> + +<tr> +<td>Putzmacherinnen</td> +<td align="right">16517</td> +<td align="right">98,33</td> +<td align="right">7388</td> +<td align="right">89,04</td> +<td align="right">60087</td> +<td align="right">99,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>Korsettnäherinnen</td> +<td align="right">5663</td> +<td align="right">88,80</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">5800</td> +<td align="right">88,78</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handschuh-, Kravatten- und Hosenträger- fabrikation</td> +<td align="right">6428</td> +<td align="right">54,45</td> +<td align="right">7863</td> +<td align="right">63,26</td> +<td align="right">9007</td> +<td align="right">78,50</td> +<td align="right">8675</td> +<td align="right">57,28</td> +<td align="right">3043</td> +<td align="right">52,20</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hutfabrikation und Kürschnerei</td> +<td align="right">7659</td> +<td align="right">31,24</td> +<td align="right">5070</td> +<td align="right">30,28</td> +<td align="right">16392</td> +<td align="right">45,74</td> +<td align="right">6694</td> +<td align="right">23,71</td> +<td align="right">1052</td> +<td align="right">23,88</td> +</tr> + +<tr> +<td>Blumen- und Federn- fabrikation</td> +<td align="right">8227</td> +<td align="right">87,32</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">6174</td> +<td align="right">88,76</td> +<td align="right">2543</td> +<td align="right">83,48</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schuhfabrikation</td> +<td align="right">11537</td> +<td align="right">7,03</td> +<td align="right">8774</td> +<td align="right">6,54</td> +<td align="right">43671</td> +<td align="right">22,93</td> +<td align="right">33677</td> +<td align="right">15,77</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">3154</td> +<td align="right">11,76</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stroh-, Bast- und Holzflechterei, Strohhüte</td> +<td align="right">7297</td> +<td align="right">32,50</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">11227</td> +<td align="right">54,58</td> +<td align="right">2423</td> +<td align="right">66,09</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spitzen- fabrikation, Stickerei und Häkelei</td> +<td align="right">12376</td> +<td align="right">70,34</td> +<td align="right">18030</td> +<td align="right">75,35</td> +<td align="right">6945</td> +<td align="right">87,57</td> +<td align="right">4435</td> +<td align="right">84,38</td> +<td align="right" rowspan="6">483393</td> +<td align="right" rowspan="6">52,18</td> +<td align="right" rowspan="5">95944</td> +<td align="right" rowspan="5">62,80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Strickerei und Wirkerei</td> +<td align="right">25325</td> +<td align="right">54,59</td> +<td align="right">8639</td> +<td align="right">62,35</td> +<td align="right">29111</td> +<td align="right">63,29</td> +<td align="right">20810</td> +<td align="right">70,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Posamenten- fabrikation</td> +<td align="right">9974</td> +<td align="right">52,07</td> +<td align="right">5001</td> +<td align="right">67,72</td> +<td align="right">19634</td> +<td align="right">62,47</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spinnerei, Hechelei, Haspelei</td> +<td align="right">103350</td> +<td align="right">59,76</td> +<td align="right">31586</td> +<td align="right">55,46</td> +<td align="right" rowspan="2">540832</td> +<td align="right" rowspan="2">59,82</td> +<td align="right" rowspan="2">202848</td> +<td align="right" rowspan="2">49,72</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weberei</td> +<td align="right">175918</td> +<td align="right">48,47</td> +<td align="right">116034</td> +<td align="right">43,01</td> +</tr> + +<tr> +<td>Färberei und Bleicherei</td> +<td align="right">22551</td> +<td align="right">29,96</td> +<td align="right">4494</td> +<td align="right">23,60</td> +<td align="right">5167</td> +<td align="right">11,75</td> +<td align="right">3246</td> +<td align="right">15,52</td> +<td align="right">1285</td> +<td align="right">21,88</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gummi-, Guttapercha-, und Kautschuk- fabrikation</td> +<td align="right">3532</td> +<td align="right">29,31</td> +<td align="right">308</td> +<td align="right">35,16</td> +<td align="right">4112</td> +<td align="right">40,22</td> +<td align="right">6456</td> +<td align="right">39,95</td> +<td align="right" rowspan="3">23370</td> +<td align="right" rowspan="3">35,76</td> +<td align="right">306</td> +<td align="right">53,11</td> +</tr> + +<tr> +<td>Buchbinderei und Kartonage</td> +<td align="right">15010</td> +<td align="right">32,22</td> +<td align="right">3242</td> +<td align="right">33,70</td> +<td align="right">30234</td> +<td align="right">71,15</td> +<td align="right">24603</td> +<td align="right">59,11</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Papierfabrikation</td> +<td align="right">22352</td> +<td align="right">33,70</td> +<td align="right">6362</td> +<td align="right">40,12</td> +<td align="right">13101</td> +<td align="right">39,79</td> +<td align="right">2961</td> +<td align="right">13,57</td> +<td align="right">3043</td> +<td align="right">35,60</td> +</tr> + +<tr> +<td>Setzer, Drucker, Lithographen und Schriftgießer</td> +<td align="right">13071</td> +<td align="right">13,93</td> +<td align="right">1966</td> +<td align="right">15,72</td> +<td align="right">4737</td> +<td align="right">5,46</td> +<td align="right">12054</td> +<td align="right">10,32</td> +<td align="right">14720</td> +<td align="right">19,58</td> +<td align="right">745</td> +<td align="right">7,30</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bäcker und Konditoren</td> +<td align="right">23740</td> +<td align="right">14,10</td> +<td align="right">6617</td> +<td align="right">9,40</td> +<td align="right">26358</td> +<td align="right">28,56</td> +<td align="right">7961</td> +<td align="right">23,57</td> +<td align="right" rowspan="3">43795</td> +<td align="right" rowspan="3">13,98</td> +<td align="right">228</td> +<td align="right">2,15</td> +</tr> + +<tr> +<td>Herstellung vegetabilischer Nahrungsmittel</td> +<td align="right">13142</td> +<td align="right">28,60</td> +<td align="right">7916</td> +<td align="right">27,54</td> +<td align="right">5228</td> +<td align="right">5,36</td> +<td align="right" rowspan="2">2130</td> +<td align="right" rowspan="2">10,12</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Animalische Nahrungsmittel</td> +<td align="right">18140</td> +<td align="right">15,20</td> +<td align="right">6192</td> +<td align="right">12,36</td> +<td align="right">26022</td> +<td align="right">29,54</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakfabrikation</td> +<td align="right">65286</td> +<td align="right">53,75</td> +<td align="right">16985</td> +<td align="right">89,01</td> +<td align="right">12574</td> +<td align="right">60,41</td> +<td align="right">27997</td> +<td align="right">25,08</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">7710</td> +<td align="right">33,83</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ziegelei, Thonröhren- fabrikation</td> +<td align="right">12925</td> +<td align="right">7,45</td> +<td align="right">7785</td> +<td align="right">68,10</td> +<td align="right">2601</td> +<td align="right">6,27</td> +<td align="right">144</td> +<td align="right">0,24</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right" rowspan="2">1176</td> +<td align="right" rowspan="2">19.90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Steingut-, Porzellan- fabrikation</td> +<td align="right">11204</td> +<td align="right">27,22</td> +<td align="right">4552</td> +<td align="right">31,47</td> +<td align="right">21679</td> +<td align="right">39,28</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Glasbläserei</td> +<td align="right">5095</td> +<td align="right">12,12</td> +<td align="right">11882</td> +<td align="right">32,57</td> +<td align="right">2086</td> +<td align="right">8,80</td> +<td align="right">1710</td> +<td align="right">0,50</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">3174</td> +<td align="right">11,20</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verarbeitung edler Metalle</td> +<td align="right">9737</td> +<td align="right">30,55</td> +<td align="right">1222</td> +<td align="right">14,81</td> +<td align="right">3156</td> +<td align="right">16,54</td> +<td align="right">3349</td> +<td align="right">16,53</td> +<td align="right">7209</td> +<td align="right">31,95</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zinnwaren- fabrikation</td> +<td align="right">7027</td> +<td align="right">13,48</td> +<td align="right">106</td> +<td align="right">20,78</td> +<td align="right">6466</td> +<td align="right">15,10</td> +<td align="right">899</td> +<td align="right">1,62</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Nägelfabrikation</td> +<td align="right">1685</td> +<td align="right">12,78</td> +<td align="right">1152</td> +<td align="right">16,36</td> +<td align="right">4690</td> +<td align="right">50,52</td> +<td align="right">477</td> +<td align="right">10,41</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Näh- und Stecknadeln, Stahlfedern</td> +<td align="right">2912</td> +<td align="right">26,98</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">5220</td> +<td align="right">68,19</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Besen- und Bürstenmacher</td> +<td align="right" rowspan="2">5608</td> +<td align="right" rowspan="2">30,07</td> +<td align="right">758</td> +<td align="right">25,68</td> +<td align="right">5945</td> +<td align="right">80,56</td> +<td align="right">1166</td> +<td align="right">11,53</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schirmmacher und Stockarbeiter</td> +<td align="right">4907</td> +<td align="right">15,49</td> +<td align="right">4086</td> +<td align="right">53,13</td> +<td align="right">1938</td> +<td align="right">56,95</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Möbelfabrikation und Tischlerei</td> +<td align="right">1760</td> +<td align="right">0,67</td> +<td align="right">5946</td> +<td align="right">7,73</td> +<td align="right">10921</td> +<td align="right">15,18</td> +<td align="right">1748</td> +<td align="right">6,81</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">1040</td> +<td align="right">8,73</td> +</tr> + +<tr> +<td>Andere Industrie- arbeiter</td> +<td align="right">6459</td> +<td align="right">23,23</td> +<td align="right">60164</td> +<td align="right">48,64</td> +<td align="right">40843</td> +<td align="right">5,64</td> +<td align="right">15908</td> +<td align="right">20,74</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">8769</td> +<td align="right">86,59</td> +</tr> +</table> + +<p>Sie zeigt deutlich, daß die Konzentration der Frauenarbeit +auf bestimmte Berufe eine um so stärkere ist, je +fortgeschrittner die industrielle Entwicklung des betreffenden +Landes sich darstellt. Nehmen wir z.B. die Spitzenfabrikation, +Stickerei und Häkelei: Deutschland zählt 70 %, England +dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei und Kartonage, in +der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in England 71 % +Arbeiterinnen beschäftigt werden. Besonders charakteristisch +ist auch die Möbeltischlerei: Deutschland zählt darin +wenig über 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt +zeigt es sich, daß in anderen Berufen die Frauenarbeit in den +industriell vorgeschrittenen Ländern sehr geringen Anteil an +ihnen hat. Als Beispiel diene die Glasbläserei: Oesterreich +zählt 32 %, Deutschland 12, England 8 und Amerika 1/2 % +Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in der Oesterreich +16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter +beschäftigt. So viele Umstände auch sonst noch bei der +Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so +scheint doch festzustehen, daß die allgemeine Tendenz eine +Differenzierung nach Berufen bevorzugt, und das wachsende +Eindringen der Frauen in bestimmte Berufe mit einem Rückgang +der weiblichen Arbeiterschaft in anderen Berufen Hand in Hand geht, +daß sich also nach und nach bestimmte fast +ausschließlich von Frauen und andere fast +ausschließlich von Männern besetzte Berufe herausbilden +werden.</p> + +<p>Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der +Konfektion, der Näherei, der Putzmacherei, der Blumen-, +Federn- und Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und +Kartonage, die Papier-, die Guttapercha- und die +Kautschukfabrikation versprechen Frauenberufe zu werden. Die +Gründe dieser sich immer stärker ausprägenden +Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthätigkeit +liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und körperlichen +Veranlagung, teils in dem Umstand, daß bestimmte wohlfeile +Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. +möglichst billiger Arbeitskräfte notwendig machen. Was +die Veranlagung betrifft, die an dieser Stelle ausschließlich +in Betracht gezogen werden soll, weil der zweite Punkt die +Arbeitsbedingungen berührt, die nicht hierher gehören, so +ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein +wesentliches Moment, das die Frau für alle Thätigkeiten +prädestiniert, die in das Bereich der feinen Handarbeit +fallen. Die Konfektion, die Stickerei, die Spitzenfabrikation +u.a.m. gehören daher ebensowohl hierher, wie die Spinnerei und +Weberei, solange sie keine großen Körperkräfte +erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen besonders +befähigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum +Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie +überall dort die männlichen Arbeiter verdrängen, wo +die Maschine die menschliche Kraft ersetzt. Negativ sind im +wesentlichen auch die geistigen Eigenschaften, die die Frauen in +bestimmte Arbeitszweige hineintreiben. So werden sie durch ihren +Mangel an geistiger Schulung und technischer Vorbildung für +alle diejenigen Arbeiten gewählt, die ungelernte Arbeiter im +allgemeinen gebrauchen können und die fast stets zu +beobachtende Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle +Gedanken auf eine Arbeit zu richten, ist die Ursache, daß +rein mechanische Thätigkeiten ihnen mit Vorliebe +überlassen werden. Diese negativen sowohl körperlichen +als geistigen Fähigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige +Resultat der gänzlichen Vernachlässigung, unter der das +weibliche Geschlecht leidet, und das die Armen stets besonders hart +getroffen hat. Aber auch die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der +Finger sind die Folge der Erziehung und Gewohnheit. Die Hände +des Mannes härteten sich, sie wurden breit und stark infolge +der Arbeiten, die er von Urzeiten an verrichtete, die des Weibes +wurden zarter, schmaler und gewandter, weil alle feineren Arbeiten +meistens ihr überlassen blieben. Von größtem +Einfluß hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist +es aber auch, die den weiblichen Geist ungünstig +beeinflußte, indem sie die Zerfahrenheit und +Gedankenlosigkeit unterstützt hat; nichts ermöglicht mehr +ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der +Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die +Einführung des maschinenmäßigen Betriebs, der, +selbst in seiner einfachsten Form, der Nähmaschine, ein +gewisses Maß von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher auch von +diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil für die Frauen. +Würde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und +körperliche Ausbildung, die der der Männer entspricht, +Hand in Hand gehen, so wäre zu erwarten, daß nach +Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflüsse die +genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen +Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren könnten. Das +scheint unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer +schärferen Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre +Berufsarbeiten zu widersprechen, während es sie +thatsächlich nur bestätigt. Denn erst die Beseitigung +anerzogener Eigenschaften wird den natürlichen zur Entwicklung +verhelfen und zwar dürfte sich dabei folgendes herausstellen: +in Bezug auf ihre Körperkräfte werden die Geschlechter +sich einander nähern, weil einerseits die bisher fast +ungenutzten des Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke +Muskelkraft erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre +Existenzberechtigung mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch +Mangel an Uebung notwendig an Kraft verlieren wird. Die geistigen +Kapazitäten der Geschlechter dagegen werden sich in durchaus +verschiedener Richtung entwickeln und die Differenzierung in den +Berufen wird infolgedessen nicht wie heute auf ihre +körperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen +Eigenschaften zurückzuführen sein.</p> + +<p>Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen +zu den Thatsachen zurück. Da ist es nun notwendig ein +wichtiges, weit ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, +das großenteils noch arg im Dunkel liegt: die +Hausindustrie.</p> + +<p>Deutschland und Belgien gebührt bis jetzt das Verdienst, +eine Statistik der Hausindustrie unternommen zu haben. +Natürlich ist sie eine unvollkommene geblieben, weil gerade +die in ihr beschäftigten Personen außerordentlich schwer +zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht angenommen werden kann, +daß die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind, so ist der +Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten Zählungen +in Deutschland insofern zuverlässig, als ihre Methoden die +gleichen waren. Es zeigt sich danach, daß die +Hausindustriellen im allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind +sie, nach den Angaben der Arbeiter, bei der Gewerbezählung von +476080 im Jahre 1882 auf 460085 im Jahre 1895, nach den Angaben der +Unternehmer von 544980 auf 490711 zurückgegangen; die Betriebe +dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie beschäftigen, sind +von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der einzelnen +Gewerbearten führt jedoch zu dem Resultat, daß die +Abnahme sich nicht auf alle gleichmäßig verteilt, +daß vielmehr bedeutende Abnahmen auf der einen Seite von +starken Zunahmen auf der anderen begleitet werden.<a name= +"FNanchor_471"></a><a href="#Footnote_471"><sup>471</sup></a> Eine +Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je nach der Verschiedenheit +ihrer Entwicklung, führt zu folgenden Resultaten:</p> + +<p>Gewerbearten mit Verminderungstendenz.</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Gewerbearten</th> +<th colspan="2">Seit 1882 haben abgenommen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Betriebe um</th> +<th>Personenzahl um</th> +</tr> + +<tr> +<td>Zeugschmiede, Scherenschleifer, Feilenhauer</td> +<td align="right">2006</td> +<td align="right">4044</td> +</tr> + +<tr> +<td>Seiden- und Shoddyspinnerei</td> +<td align="right">2037</td> +<td align="right">2922</td> +</tr> + +<tr> +<td>Baumwollspinnerei</td> +<td align="right">4067</td> +<td align="right">3645</td> +</tr> + +<tr> +<td>Seidenweberei</td> +<td align="right">20000</td> +<td align="right">34381</td> +</tr> + +<tr> +<td>Leinenweberei</td> +<td align="right">10660</td> +<td align="right">14667</td> +</tr> + +<tr> +<td>Baumwollenweberei</td> +<td align="right">18859</td> +<td align="right">19089</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weberei von gemischten Waren</td> +<td align="right">5811</td> +<td align="right">4895</td> +</tr> + +<tr> +<td>Strickerei und Wirkerei</td> +<td align="right">7026</td> +<td align="right">12768</td> +</tr> + +<tr> +<td>Häkelei und Stickerei</td> +<td align="right">1251</td> +<td align="right">549</td> +</tr> + +<tr> +<td>Posamentenfabrikation</td> +<td align="right">73</td> +<td align="right">2098</td> +</tr> + +<tr> +<td>Strohhutfabrikation und Strohflechterei</td> +<td align="right">4185</td> +<td align="right">2836</td> +</tr> + +<tr> +<td>Näherinnen</td> +<td align="right">12391</td> +<td align="right">11502</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handschuhmacherei, Kravattenfabrikation</td> +<td align="right">4087</td> +<td align="right">3653</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<td> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +<td> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">92483</td> +<td align="right">117049</td> +</tr> +</table> + +<p>Gewerbearten mit Vermehrungstendenz.</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Gewerbearten</th> +<th colspan="2">Seit 1882 haben zugenommen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Betriebe um</th> +<th>Personenzahl um</th> +</tr> + +<tr> +<td>Grobschmiede</td> +<td align="right">1394</td> +<td align="right">2638</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schlosser</td> +<td align="right">1126</td> +<td align="right">2903</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stellmacher</td> +<td align="right">986</td> +<td align="right">1519</td> +</tr> + +<tr> +<td>Musikinstrumente</td> +<td align="right">1383</td> +<td align="right">1955</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wollenweberei</td> +<td align="right">645</td> +<td align="right">4072</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gummi- und Haarflechterei</td> +<td align="right">1712</td> +<td align="right">889</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spitzenverfertigung und Weißzeugstickerei</td> +<td align="right">2091</td> +<td align="right">5560</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sattlerei, Spielwaren aus Leder</td> +<td align="right">1041</td> +<td align="right">1673</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung grober Holzwaren</td> +<td align="right">530</td> +<td align="right">634</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tischlerei und Parkettfabrikation</td> +<td align="right">3934</td> +<td align="right">9338</td> +</tr> + +<tr> +<td>Korbmacherei</td> +<td align="right">3903</td> +<td align="right">6007</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dreh- und Schnitzwaren</td> +<td align="right">1805</td> +<td align="right">3526</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakfabrikation</td> +<td align="right">3400</td> +<td align="right">6949</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schneiderei</td> +<td align="right">17268</td> +<td align="right">30106</td> +</tr> + +<tr> +<td>Konfektion</td> +<td align="right">382</td> +<td align="right">885</td> +</tr> + +<tr> +<td>Putzmacherei</td> +<td align="right">376</td> +<td align="right">96</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schuhmacherei</td> +<td align="right">7099</td> +<td align="right">7765</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäscherei</td> +<td align="right">1353</td> +<td align="right">2388</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<td> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +<td> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">50228</td> +<td align="right">88883</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, daß diejenige Art +der Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten +handwerksmäßigen Organisation angesehen werden kann, im +allgemeinen im Absterben begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im +ersten Augenblick überraschend wirkt, die Zahl der +Näherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen darauf +zurückzuführen, daß sie sich in +Werkstatthausindustrielle umgewandelt haben. Das beweist folgende +Zusammenstellung: Es wurden Näherinnen gezählt in +Betrieben mit</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th></th> +<th>zwei Personen</th> +<th>drei bis fünf Pers.</th> +<th>sechs bis zehn Pers.</th> +<th>zwei bis zehn Pers.</th> +</tr> + +<tr> +<td>1882</td> +<td align="right">6551</td> +<td align="right">2321</td> +<td align="right">793</td> +<td align="right">9656</td> +</tr> + +<tr> +<td>1895</td> +<td align="right">11514</td> +<td align="right">9247</td> +<td align="right">2456</td> +<td align="right">23247</td> +</tr> +</table> + +<p>Diese Tendenz zur Zusammenfassung der früher vereinzelt +arbeitenden Näherinnen in Werkstätten ist im wesentlichen +auf die Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Die +Ausgaben für Miete werden geringer, wenn der Arbeitsraum +erspart und eine bloße Schlafstelle dafür eingetauscht +wird.</p> + +<p>Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin +beschäftigten Personen betrifft, so hängt sie fast ohne +Ausnahme mit der Entwicklung einer durchaus modernen Form der +Hausindustrie zusammen, die zugleich die allein lebensfähige +ist: die Werkstattarbeit mit dem Zwischenmeister, an der Spitze, +der zwischen dem Verleger und dem Arbeiter die Vermittlung +übernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich diese +Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in +der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der +Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark +vertreten ist.</p> + +<p>Das Geschlechtsverhältnis in der deutschen Hausindustrie +ist von besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es +zunächst die übliche Meinung von einem Ueberwiegen der +Frauen. Das Verhältnis ist dieses:<a name= +"FNanchor_472"></a><a href="#Footnote_472"><sup>472</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th colspan="2">1895</th> +<th colspan="2">1882</th> +<th colspan="2">1895</th> +</tr> + +<tr> +<th>männliche</th> +<th>weibliche</th> +<th colspan="4">Von je 100 Hausindustriellen sind</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="2">Hausindustrielle</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">256131</td> +<td align="center">201853</td> +<td align="center">56,3</td> +<td align="center">43,7</td> +<td align="center">55,9</td> +<td align="center">44,1</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine +zufällige oder vorübergehende, sie hängt vielmehr +eng mit der ganzen modernen Entwicklung der Hausindustrie zusammen, +die mit darauf zurückzuführen ist, daß der +Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse machen +will. Er sucht die billigsten Arbeitskräfte und +stößt dabei zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in +welchen Arbeitszweigen die Zunahme der Frauenarbeit am +stärksten war:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Gewerbearten</th> +<th>1882</th> +<th>1895</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="2">Von je 100 Hausindustriellen<br /> +sind weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<td>Töpferei</td> +<td align="right">7,9</td> +<td align="right">29,9</td> +</tr> + +<tr> +<td>Glasbläserei vor der Lampe</td> +<td align="right">27,7</td> +<td align="right">44,9</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gold- und Silberschlägerei</td> +<td align="right">50,0</td> +<td align="right">53,3</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gold- und Silberdrahtzieherei</td> +<td align="right">80,3</td> +<td align="right">86,9</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung von Spielwaren aus Metall, feinen Blei- und +Zinnwaren</td> +<td align="right">38,6</td> +<td align="right">60,1</td> +</tr> + +<tr> +<td>Erzeugung von Metalllegierungen</td> +<td align="right">13,3</td> +<td align="right">35,8</td> +</tr> + +<tr> +<td>Blechwarenfabrikation</td> +<td align="right">5,1</td> +<td align="right">27,6</td> +</tr> + +<tr> +<td>Fabrikation von Weberei- und Spinnereimaschinen</td> +<td align="right">30,5</td> +<td align="right">37,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung von Bleistiften</td> +<td align="right">65,8</td> +<td align="right">83,5</td> +</tr> + +<tr> +<td>Leinenweberei</td> +<td align="right">35,0</td> +<td align="right">43,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>Baumwollweberei</td> +<td align="right">25,9</td> +<td align="right">43,3</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weberei von gemischten Waren</td> +<td align="right">18,7</td> +<td align="right">33,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gummi- und Haarflechterei und -Weberei</td> +<td align="right">60,6</td> +<td align="right">81,5</td> +</tr> + +<tr> +<td>Strickerei und Wirkerei</td> +<td align="right">29,0</td> +<td align="right">50,3</td> +</tr> + +<tr> +<td>Leinenbleicherei und -Färberei</td> +<td align="right">19,4</td> +<td align="right">50,9</td> +</tr> + +<tr> +<td>Färberei und Bleicherei</td> +<td align="right">19,7</td> +<td align="right">21,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung von Papiermachéwaren</td> +<td align="right">42,0</td> +<td align="right">50,0</td> +</tr> + +<tr> +<td>Buchbinderei und Kartonage</td> +<td align="right">36,3</td> +<td align="right">40,8</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sattlerei, Spielwaren aus Leder</td> +<td align="right">32,7</td> +<td align="right">44,7</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung von Dreh- und Schnitzwaren</td> +<td align="right">6,7</td> +<td align="right">13,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakfabrikation</td> +<td align="right">30,3</td> +<td align="right">45,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Putzmacherei</td> +<td align="right">93,8</td> +<td align="right">99,8</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hutmacherei und Filzwaren</td> +<td align="right">34,8</td> +<td align="right">36,3</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung von Korsetts</td> +<td align="right">67,1</td> +<td align="right">94,8</td> +</tr> +</table> + +<p>Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, daß eine +Verschiebung zu Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr +vielen Fällen dort stattfindet, wo es sich um alte, +absterbende Formen der Hausindustrie handelt. Sie nimmt die +verlassene, dem Untergang geweihte Männerarbeit auf, und ist +in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der Entwicklung. +Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Textilindustrie. +Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich +ein Rückgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; +allein von den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre +1895 weniger gezählt worden. Trotz dieses Rückgangs zeigt +die Frauenarbeit im Verhältnis zur Männerarbeit +wesentliche Fortschritte. Sie verlängert den Todeskampf der +Textilhausindustrie. Der Umstand, daß dem Unternehmertum eine +Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeiläßt, +gegen Hungerlöhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die +Entwicklung der Hausindustrie zur Großindustrie, wie sie +andernfalls heute schon möglich wäre. Das sehen wir unter +anderem bei der Tabakfabrikation und der Buchbinderei und +Kartonage. Der Maschinenbetrieb könnte an Stelle des +Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer +schlimmsten Form den Todesstoß versetzen. Das gilt auch in +beschränkterem Maße von der Nähmaschinenarbeit in +jeder Form: die Einführung motorisch betriebener +Nähmaschinen scheitert wesentlich an der Billigkeit weiblicher +Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer höchsten Vollendung, der +mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige Gegner, der die +Hausindustrie zu besiegen im stände ist. Außerhalb ihres +Eroberungsgebiets giebt es keine fühlbare Aufsaugung durch die +Fabrik.<a name="FNanchor_473"></a><a href= +"#Footnote_473"><sup>473</sup></a></p> + +<p>Unter den übrigen hier in Betracht kommenden Ländern +hat zweifellos Oesterreich eine besonders hohe Zahl von +Hausindustriellen zu verzeichnen. Es fehlt aber an einer +zusammenfassenden Statistik. Neuerdings sind Spezialberichte der +Gewerbeinspektoren erschienen, die aber noch nicht vollendet +vorliegen. Der erste Band<a name="FNanchor_474"></a><a href= +"#Footnote_474"><sup>474</sup></a> behandelt nur Böhmen und +giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende +Aufschlüsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst +die unübersteiglichen Hindernisse, die einer genauen +zahlenmäßigen Darstellung entgegenstehen: +Mißtrauen der Unternehmer sowohl wie der Arbeiter, die als +den Zweck der Nachfragen eine schärfere Besteuerung vermuten, +Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter +Gründe, die auch die deutsche Statistik als ungenügend +kennzeichnen ließen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, +hat eine Statistik aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren +Heimarbeiter beschäftigt:</p> + +<p>Heimarbeiter im Budweiser Bezirk</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>männlich</th> +<th>weiblich</th> +<th>mithelfende Familienangehörige</th> +<th>im ganzen</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">5231</td> +<td align="center">6107</td> +<td align="center">4317</td> +<td align="center">15655</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Zahl der Frauen überwiegt danach die der Männer um +fast tausend und ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter +den "mithelfenden Familienangehörigen" sich neben den Kindern +zweifellos mehr Frauen als Männer befinden. Besonders stark +sind die Frauen in Oesterreich in der Spitzenindustrie, der +Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der noch vielfach ganz +im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei beschäftigt. +An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische Berechnung +der Brünner Handelskammer, die auf einer Kombination der +Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik +beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller +Arbeiter, feststellt<a name="FNanchor_475"></a><a href= +"#Footnote_475"><sup>475</sup></a>, kann nur ungenau sein und +bleibt jedenfalls hinter der Wirklichkeit zurück.</p> + +<p>Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und +ihre zahlenmäßige Erfassung eine ganz +unzuverlässige. Für die Frauen kommt im wesentlichen die +Seiden- und die Spitzenindustrie, die Näherei, Schneiderei, +die Handschuhnäherei und die Verfertigung der sogenannten +Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhône wurden +noch gegen 20000 Handwebstühle für Seidenwaren +gezählt, die eine noch größere Zahl von Arbeitern +für die erste Bearbeitung der rohen Seide zur Voraussetzung +haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie +beschäftigt vielleicht heute noch eine viertel Million +Arbeiterinnen. In der Schneiderei beschäftigt allein Paris 72 +% Frauen, in der Handschuhnäherei 57 %, in der Herstellung von +Articles de Paris 80 %, fast lauter Hausindustrielle.</p> + +<p>England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der +alten Form der Hausindustrie schon gründlich aufgeräumt. +Dagegen hat die moderne sich rasch entwickelt. Sie umfaßt +hauptsächlich die Konfektionsindustrie und die Schuhmacherei. +Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie vollständig. +Für Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die +Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die +ihre Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von +dem elendesten und schwächsten Menschenmaterial nährt, +das Europa abstößt. Ueber ihre Zunahme giebt folgende, +auf Illinois bezügliche Tabelle Aufklärung:<a name= +"FNanchor_476"></a><a href="#Footnote_476"><sup>476</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Zählungsperiode</th> +<th>Werkstätten</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Kinder</th> +<th>Im ganzen</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1893</td> +<td align="right">704</td> +<td align="right">2611</td> +<td align="right">3617</td> +<td align="right">595</td> +<td align="right">6823</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1894</td> +<td align="right">1413</td> +<td align="right">4469</td> +<td align="right">5912</td> +<td align="right">721</td> +<td align="right">11101</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">1715</td> +<td align="right">5817</td> +<td align="right">7780</td> +<td align="right">1307</td> +<td align="right">14904</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">2378</td> +<td align="right">6383</td> +<td align="right">7181</td> +<td align="right">1188</td> +<td align="right">14752</td> +</tr> +</table> + +<p>Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine +raschere Zunahme als die Männerarbeit, der gegenüber sie +auch absolut im Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres +erklärt sich teils aus der strengeren Handhabung der Gesetze, +teils daraus, daß es sich bei den vorliegenden Zahlen nur um +Werkstättenarbeiter handelt, die vereinzelten Heimarbeiter +dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die Gesetzgebung in +die Werkstätten eingreift, wobei es sich fast immer um den +Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich +in die Heimarbeit zurückziehen müssen.</p> + +<p>Die belgische Berufszählung von 1896<a name= +"FNanchor_477"></a><a href= +"#Footnote_477"><sup>477</sup></a>—die erste, die sich hier +mit der Frage beschäftigte—teilt alle Arbeiter in zwei +große Kategorien ein: 1.) Die in Fabriken, Werkstätten +u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich zu Hause auf Rechnung von +Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthätig sind. Das +heißt mit anderen Worten, daß nur die eigentlichen +Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen +Ergebnisse der nach diesen Grundsätzen erfolgten Erhebung +waren folgende:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2"></th> +<th colspan="2">Es waren beschäftigt</th> +<th rowspan="2">Von 100 Arbeitern<br /> +waren weiblich</th> +</tr> + +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>In Fabriken, Werkstätten u.s.w.</td> +<td align="right">588248</td> +<td align="right">115981</td> +<td align="center">16,47</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zu Hause</td> +<td align="right">41689</td> +<td align="right">77058</td> +<td align="center">64,89</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen</td> +<td align="right">629937</td> +<td align="right">193039</td> +<td align="center">23,43</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel +bedeutender als die der Männer und beträchtlich +größer als der Anteil der Arbeiterinnen an der +Fabrikarbeit im Verhältnis zu dem der Männer. Die +wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Spitzenarbeiterinnen</td> +<td align="right">49158</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleiderkonfektion</td> +<td align="right">7166</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handschuhfabrikation</td> +<td align="right">3477</td> +</tr> + +<tr> +<td>Strohflechterei für Hüte</td> +<td align="right">2611</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wollenweberei und Spinnerei</td> +<td align="right">2458</td> +</tr> + +<tr> +<td>Leinenweberei und Spinnerei</td> +<td align="right">2383</td> +</tr> + +<tr> +<td>Strickerei</td> +<td align="right">2376</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schuhmacherei</td> +<td align="right">1437</td> +</tr> +</table> + +<p>Die große Zahl der Spitzenarbeiterinnen fällt hier +besonders ins Auge. Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr +allergrößter Teil, nämlich über 47000, auf dem +Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist aber jetzt +schon eine gefährliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum +Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestädte zu +entvölkern.</p> + +<p>Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die +erwerbsthätigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. +Sie würde weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen +gehen, wenn nicht gerade die Frauen sie zäh am Leben +erhielten, worin sie von den Unternehmern—allein die Zunahme +der hausindustriellen Betriebe in Deutschland spricht +dafür—unterstützt werden. Die Gründe +dafür sind teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, +unter dem die an Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und +die den aufklärenden Ideen den Zugang zu ihr +verschließen, teils in dem Bestreben des profitgierigen +Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsräumen, +Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze +zu umgehen. Beweis dafür ist unter anderem, daß in dem +industriell fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie +den geringsten und in einem der zurückgebliebenen Länder +z.B. in Oesterreich, allem Anschein nach den größten +Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar hervor, daß die +fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer +gegenwärtigen Form nach und nach vernichten wird.</p> + +<p>Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine +besondere Betrachtung: diejenigen nämlich, die in +persönlichen oder häuslichen Diensten stehen, und zu +denen, außer den Dienstboten, die Aufwartefrauen, Köche +etc., die Wäscherinnen und die Kellnerinnen gehören. Ihre +Zahl ist folgende:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufsarten</th> +<th>Deutschland</th> +<th>Oesterreich</th> +<th>England und Wales</th> +<th>Vereinigte Staaten</th> +</tr> + +<tr> +<td>Häusliche Dienstboten</td> +<td align="right">1313957</td> +<td align="right">424387</td> +<td align="right">1386167</td> +<td align="right">1302728</td> +</tr> + +<tr> +<td>Aufwartefrauen, Köche u.s.w.</td> +<td align="right">182769</td> +<td align="right">75533</td> +<td align="right">124253</td> +<td align="right">3444</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäscherinnen</td> +<td align="right">129513</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">185246</td> +<td align="right">216631</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kellnerinnen und Hotelbedienstete</td> +<td align="right">302743</td> +<td align="right">76083</td> +<td align="right">87984</td> +<td align="right">--</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir haben schon gesehen, daß die Zahl der Dienstboten fast +überall im Rückgang begriffen ist. Vergleichen wir die +Zahl der weiblichen Dienstboten im Verhältnis zur +Bevölkerung, so ist das Resultat dieses:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Zählungsperiode</th> +<th>Auf 100 Personen<br /> +der Bevölkerung kamen<br /> +weibliche Dienstboten</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="center">2,84</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="center">2,54</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="center">2,58</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1,78</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="center">2,69</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">2,28</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="center">1,75</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">1,97</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Frankreich</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="center">2,17</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">1,84</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1896</td> +<td align="center">1,73</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika überall +eine Abnahme der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika +fällt auch nicht schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von +1880 ein ungemein niedriger war und der wachsende Reichtum eines +Teils der Bevölkerung eine Steigerung im Gefolge haben +mußte. Das Bild dürfte sich wesentlich verschieben, +sobald die Ergebnisse der Zählung von 1900 vorliegen, denn das +Verhältnis der Zahl der Dienstboten zur Bevölkerung +hängt nicht nur von deren pekuniären Lage, von der Lust +oder Unlust der Mädchen zum Dienen ab, sondern sehr wesentlich +auch von dem Umstand, welche Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft +umfaßt. Je mehr sie, wie es z.B. in England und Frankreich +besonders deutlich sichtbar ist, zusammenschrumpfen, desto mehr +werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen werden sich die für +gelegentliche Dienstleistungen benötigten außer dem +Hause wohnenden Hilfskräfte vermehren. Sie standen in +folgendem Verhältnis zur Bevölkerung:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Länder</th> +<th>Zählungsperiode</th> +<th>Auf 100 Personen<br /> +der Bevölkerung kamen<br /> +außerhäusliche Dienstboten</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="center">0,26</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="center">0,35</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Oesterreich</td> +<td align="center">1880</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1890</td> +<td align="center">0,32</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">England und Wales</td> +<td align="center">1881</td> +<td align="center">0,47</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1891</td> +<td align="center">0,55</td> +</tr> +</table> + +<p>Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen +Stand der Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf +Zugehörigen ein sehr unbestimmter ist,—deshalb +mußten die Zahlen für Frankreich und die Vereinigten +Staaten ganz fortgelassen werden,—sondern weil sicher viele +hierher Gehörige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", +"Tagelöhner" etc. einbezogen worden sind. Eine starke +Vermehrung hat auch die Zahl der Kellnerinnen und Hotelbediensteten +erfahren, die sich aber nur für Deutschland feststellen +läßt, wo sie 33 % beträgt. Es kann aber auch im +allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und +Restaurant-Personals angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit +der Abnahme der Dienstboten und beweist auch ihrerseits, daß +der Privathaushalt zu Gunsten des öffentlichen im +Rückgang begriffen ist: Das Leben außer dem Hause ist +für einen großen Teil der Bevölkerung immer mehr in +Aufnahme gekommen.</p> + +<p>Eine außerordentlich wichtige Seite der +Arbeiterinnenfrage, deren Statistik freilich bisher im allgemeinen +sehr unzureichend blieb, ist die Alters- und +Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie gewährt +einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische +Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und +Reformpläne nach dieser Richtung.</p> + +<p>Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundsätzen, als den +Prinzipien geistig-sittlicher Volkserziehung, daß die +Erwerbsthätigkeit in ihrer heutigen aufreibenden Form nicht +vor dem achtzehnten resp. dem zwanzigsten Lebensjahre einsetzen +sollte. Betrachten wir daraufhin folgende Tabellen:</p> + +<p>Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td rowspan="7">Deutschland</td> +<td>unter 20 Jahren</td> +<td align="right">346</td> +</tr> + +<tr> +<td>20-30 "</td> +<td align="right">314</td> +</tr> + +<tr> +<td>30-40 "</td> +<td align="right">124</td> +</tr> + +<tr> +<td>40-50 "</td> +<td align="right">92</td> +</tr> + +<tr> +<td>50-60 "</td> +<td align="right">73</td> +</tr> + +<tr> +<td>60-70 "</td> +<td align="right">39</td> +</tr> + +<tr> +<td>70 Jahren und darüber</td> +<td align="right">12</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="7">Oesterreich</td> +<td>unter 20 Jahren</td> +<td align="right">200</td> +</tr> + +<tr> +<td>21-30 "</td> +<td align="right">220</td> +</tr> + +<tr> +<td>31-40 "</td> +<td align="right">182</td> +</tr> + +<tr> +<td>41-50 "</td> +<td align="right">173</td> +</tr> + +<tr> +<td>51-60 "</td> +<td align="right">135</td> +</tr> + +<tr> +<td>61-70 "</td> +<td align="right">71</td> +</tr> + +<tr> +<td>über 70 "</td> +<td align="right">19</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="7">Frankreich</td> +<td>unter 18 Jahren</td> +<td align="right">141</td> +</tr> + +<tr> +<td>18-24 "</td> +<td align="right">209</td> +</tr> + +<tr> +<td>25-34 "</td> +<td align="right">218</td> +</tr> + +<tr> +<td>35-44 "</td> +<td align="right">152</td> +</tr> + +<tr> +<td>45-54 "</td> +<td align="right">125</td> +</tr> + +<tr> +<td>55-64 "</td> +<td align="right">90</td> +</tr> + +<tr> +<td>65 Jahren und darüber</td> +<td align="right">65</td> +</tr> +</table> + +<p>Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen +hierbei auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! +In Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich +fällt die stärkste Beteiligung der Frauen an der +proletarischen Arbeit in das einundzwanzigste bis dreißigste, +in Frankreich in das fünfundzwanzigste bis +vierunddreißigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser +Richtung hier die gesündesten Verhältnisse vor uns. +Andererseits aber sehen wir, daß vom vierzigsten Jahre ab in +Deutschland die Frauenarbeit bedeutend abnimmt, während sie in +Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in Frankreich im +vierundfünfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und +während in Deutschland die über siebzigjährigen +Greisinnen 12 % der Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % +und Frankreich für die über +fünfundsechzigjährigen gar 65 % auf. Im allgemeinen +verteilt sich die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im +Gegensatz zu Deutschland weit regelmäßiger über das +ganze Leben, hat daher, die starke Beteiligung der Greisinnen +abgerechnet, einen normaleren Charakter angenommen. Noch deutlicher +tritt uns die Altersgliederung der Arbeiterinnen entgegen, wenn wir +sie im Verhältnis zur weiblichen Bevölkerung +betrachten:</p> + +<p>Von je 1000 weiblichen Personen</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th></th> +<th>im Alter von</th> +<th>sind Arbeiterinnen</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="7">Deutschland</td> +<td>14-20 Jahren</td> +<td align="right">397</td> +</tr> + +<tr> +<td>20-30 "</td> +<td align="right">273</td> +</tr> + +<tr> +<td>30-40 "</td> +<td align="right">136</td> +</tr> + +<tr> +<td>40-50 "</td> +<td align="right">127</td> +</tr> + +<tr> +<td>50-60 "</td> +<td align="right">127</td> +</tr> + +<tr> +<td>60-70 "</td> +<td align="right">105</td> +</tr> + +<tr> +<td>70 Jahren und darüber</td> +<td align="right">57</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="7">Oesterreich</td> +<td>11-20 Jahren</td> +<td align="right">570</td> +</tr> + +<tr> +<td>21-30 "</td> +<td align="right">685</td> +</tr> + +<tr> +<td>31-40 "</td> +<td align="right">577</td> +</tr> + +<tr> +<td>41-50 "</td> +<td align="right">561</td> +</tr> + +<tr> +<td>51-60 "</td> +<td align="right">507</td> +</tr> + +<tr> +<td>61-70 "</td> +<td align="right">393</td> +</tr> + +<tr> +<td>über 70 "</td> +<td align="right">218</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="6">Frankreich</td> +<td>unter 24 Jahren</td> +<td align="right">517</td> +</tr> + +<tr> +<td>25-34 "</td> +<td align="right">324</td> +</tr> + +<tr> +<td>35-44 "</td> +<td align="right">256</td> +</tr> + +<tr> +<td>45-54 "</td> +<td align="right">237</td> +</tr> + +<tr> +<td>55-64 "</td> +<td align="right">245</td> +</tr> + +<tr> +<td>65 Jahren und darüber</td> +<td align="right">161</td> +</tr> +</table> + +<p>In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller +vierzehn- bis zwanzigjährigen Mädchen im Kampf ums Brot. +Eine erschreckende Zahl! In Frankreich, wo der Vergleich nicht +genauer durchgeführt werden konnte, weil zwar die +Bevölkerung nach fünfjährigen Altersperioden +gegliedert wurde, man für die Berufsthätigen der +jüngeren Altersklassen aber eine andere Einteilung, +nämlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis +vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung sämtlicher +Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine +außerordentlich hohe. Die gesteigerte Erwerbsthätigkeit +fällt besonders für die Altersklasse zwischen dem +fünfundfünfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre +auf.</p> + +<p>Von noch größerer Bedeutung für die Beurteilung +der proletarischen Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes +der Arbeiterinnen. Leider ist das vorliegende statistische Material +insofern ganz ungenügend, als die Darstellung des +Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und der sozialen +Schichtung zum Teil vollständig fehlt. Ein Vergleich zwischen +den Zählungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur +für Deutschland möglich, und zwar auch hier mit der +Einschränkung, daß im Jahre 1882 die Verwitweten, resp. +Geschiedenen mit den Ledigen zusammengerechnet, während sie +1895 getrennt gezählt wurden.</p> + +<p>Auf Grund der letzten Zählungen stellt sich die Gliederung +nach dem Familienstand folgendermaßen dar:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Länder</th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th colspan="3">Von je 1000 Arbeiterinnen waren</th> +</tr> + +<tr> +<th>ledig</th> +<th>verheiratet</th> +<th>verwitwet</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">702</td> +<td align="right">215</td> +<td align="right">83</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">424</td> +<td align="right">446</td> +<td align="right">130</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">649</td> +<td align="right">206</td> +<td align="right">145</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vereinigte Staaten</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">791</td> +<td align="right">113</td> +<td align="right">96</td> +</tr> +</table> + +<p>Bei dieser Zusammenstellung fällt Oesterreich wieder +besonders ins Auge, wo mehr verheiratete als ledige Frauen +Arbeiterinnen sein sollen. Dieses Verhältnis kann nicht allein +dadurch erklärt werden, daß bei der Zählung die +Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke +war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine +Berücksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der +österreichischen Statistik führt vielmehr zu dem +merkwürdigen Resultat, daß in der Landwirtschaft 2106618 +verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382 verheirateten Arbeitern +aufgeführt werden! Um festzustellen, ob diese enorme Zahl +verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der Möglichkeit liegt, +müßte man in Erfahrung bringen können, wo sich die +Ehemänner dieser Frauen befinden. Möglich, daß die +Gattinnen der Besitzer landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also +unter der Rubrik der Selbständigen zu finden wären, sich +als Arbeiterinnen bezeichneten, immerhin könnte das für +die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht zutreffen, da nur 1500000 +selbständige verheiratete Landwirte ihnen gegenüber +stehen, deren Frauen unmöglich fast alle Arbeiterinnen sein +können. Es bleibt also nur noch übrig anzunehmen, +daß Frauen von Industriearbeitern, die etwa neben der +Hauswirtschaft ein kleines Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen +eingetragen wurden. Diesen günstigsten Fall, und nicht, wie es +nahe läge, positive Fehler in der Erhebung selbst angenommen, +scheint es klar zu sein, daß diese zwei Millionen +verheirateter Landarbeiterinnen zu einem großen Teil nicht +als Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden +können. Auffallend bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der +hohe Prozentsatz Verwitweter resp. Geschiedener in Oesterreich und +Frankreich. Die Armut des Volks zwingt in Oesterreich eine +besonders große Zahl von Witwen zur Erwerbsarbeit, +während in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und +eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einfluß auf die +prozentuale Gestaltung des Familienstandes sind.</p> + +<p>Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verhältnis zu dem der +vorletzten Zählungsperiode, so ergiebt sich für +Deutschland folgendes:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2"></th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th colspan="2">Von 1000 Arbeiterinnen waren</th> +</tr> + +<tr> +<th>ledig resp. verwitwet</th> +<th>verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">827</td> +<td align="right">173</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">785</td> +<td align="right">215</td> +</tr> +</table> + +<p>In absoluten Zahlen ausgedrückt ist das Verhältnis +dieses:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2"></th> +<th rowspan="2">Zählungsperiode</th> +<th colspan="2">Von 1000 Arbeiterinnen waren[A]</th> +</tr> + +<tr> +<th>ledig resp. verwitwet</th> +<th>verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Deutschland</td> +<td align="center">1882</td> +<td align="right">2433682</td> +<td align="right">507784</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">2938283</td> +<td align="right">807172</td> +</tr> + +<tr> +<th colspan="2">Zunahme:</th> +<td align="right">504601</td> +<td align="right">299388</td> +</tr> +</table> + +<p>[Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende +"Von 1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.]</p> + +<p>Für Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht +möglich. Dagegen liegt eine Spezialerhebung vor, die nicht +ohne Wert für die vorliegende Frage ist.<a name= +"FNanchor_478"></a><a href="#Footnote_478"><sup>478</sup></a> Ihre +Resultate sind aus einer Enquête gewonnen worden, die 1067 +verschiedene industrielle Betriebe in dreißig verschiedenen +Staaten mit 42990 männlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in +der früheren Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380 +männlichen und 79987 weiblichen Arbeitern in der letzten (1895 +bis 96) umfaßte. Wir haben es also in beiden Fällen mit +ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten Staaten zu thun, wonach +die Bedeutung der Ergebnisse sich annähernd bewerten +läßt. Sie waren folgende:</p> + +<p>Von 51539 Frauen waren 1885-86</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th colspan="2">Ledig</th> +<th colspan="2">Verheiratet</th> +<th colspan="2">Verwitwet</th> +<th colspan="2">Geschieden</th> +<th colspan="2">Unbekannt</th> +</tr> + +<tr> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">32801</td> +<td align="center">63,6</td> +<td align="center">1357</td> +<td align="center">2,6</td> +<td align="center">498</td> +<td align="center">1,0</td> +<td align="center">4</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">16879</td> +<td align="center">32,8</td> +</tr> +</table> + +<p>Von 79987 Frauen waren 1895-96</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th colspan="2">Ledig</th> +<th colspan="2">Verheiratet</th> +<th colspan="2">Verwitwet</th> +<th colspan="2">Geschieden</th> +<th colspan="2">Unbekannt</th> +</tr> + +<tr> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +<th>Absolut</th> +<th>Proz.</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">70921</td> +<td align="center">88,7</td> +<td align="center">6775</td> +<td align="center">8,5</td> +<td align="center">2011</td> +<td align="center">2,5</td> +<td align="center">36</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">244</td> +<td align="center">0,3</td> +</tr> +</table> + +<p>Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr +eingeschränkt, daß in der früheren +Zählungsperiode von fast einem Drittel aller Arbeiterinnen der +Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der Augenschein +dafür spricht, daß die Verheirateten und die Verwitweten +zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht +aufzunehmen, da die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten +Familienstandes im Jahr 1885 bis 1886 einen genauen Vergleich von +vornherein ausschließt.</p> + +<p>Für England sind wir auf noch unsicherere Zahlen +angewiesen. Eine Zählung des Familienstandes in Verbindung mit +der Berufsthätigkeit und der sozialen Schichtung wurde weder +1881 noch 1891 im Zusammenhang mit dem Zensus vorgenommen. Trotzdem +ist der Versuch gemacht worden, auf Grund seiner Ergebnisse den +Familienstand der Arbeiterinnen festzustellen.<a name= +"FNanchor_479"></a><a href="#Footnote_479"><sup>479</sup></a> Zwei +Angaben der Erhebungen bildeten die Anhaltspunkte für die +Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl aller +berufsthätigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, +wohl bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthätigen +übertraf, gab die Differenz zwischen beiden Zahlen die +Minimalzahl der verheirateten berufsthätigen Frauen an. Wenn +auch dabei betont wird, daß es sich um Minimalzahlen handelt, +so sind selbst diese von vornherein problematisch, weil doch ohne +weiteres einzusehen ist, daß nirgends alle Ledigen +berufsthätig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die +Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten +Arbeiterinnen konstatieren, höchst fraglicher Natur. Nur +neunzehn Städte sind von 61 mit über 50000 Einwohnern in +Betracht gezogen worden, und die einzelnen Berechnungen weisen in +ihrer Methode beträchtliche Fehler auf.<a name= +"FNanchor_480"></a><a href="#Footnote_480"><sup>480</sup></a> Wir +können uns daher nicht auf sie stützen und müssen +die Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen +lassen.</p> + +<p>Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den +Berufsabteilungen?</p> + +<p>Folgende Tabelle beantwortet die Frage:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Länder</th> +<th rowspan="3">Zählungsperiode</th> +<th colspan="9">Von 1000 Arbeiterinnen waren in der</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="3">Landwirtschaft</th> +<th colspan="3">Industrie</th> +<th colspan="3">Handel</th> +</tr> + +<tr> +<th>ledig</th> +<th>verwitwet</th> +<th>verheiratet</th> +<th>ledig</th> +<th>verwitwet</th> +<th>verheiratet</th> +<th>ledig</th> +<th>verwitwet</th> +<th>verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td>Deutschland</td> +<td align="center">1895</td> +<td align="right">671</td> +<td align="right">91</td> +<td align="right">238</td> +<td align="right">751</td> +<td align="right">81</td> +<td align="right">168</td> +<td align="right">763</td> +<td align="right">36</td> +<td align="right">201</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oesterreich</td> +<td align="center">1890</td> +<td align="right">419</td> +<td align="right">63</td> +<td align="right">518</td> +<td align="right">663</td> +<td align="right">96</td> +<td align="right">241</td> +<td align="right">511</td> +<td align="right">201</td> +<td align="right">288</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankreich</td> +<td align="center">1896</td> +<td align="right">714</td> +<td align="right">88</td> +<td align="right">199</td> +<td align="right">629</td> +<td align="right">74</td> +<td align="right">297</td> +<td align="right">340</td> +<td align="right">232</td> +<td align="right">428</td> +</tr> +</table> + +<p>Das Bild, das sie uns vorführt, ist kein einheitliches. Den +stärksten Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland +und Oesterreich in der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der +Industrie auf. Stärker als die Ledigen sind die Verheirateten +in der Landwirtschaft Oesterreichs und im Handel Frankreichs +vertreten, wo in beiden Fällen auch die Verwitweten einen +ungewöhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten +Verwitweten zählt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. +Die meisten Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie +in Oesterreich und die Landwirtschaft in Frankreich.</p> + +<p>Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem +Familienstand, ihrem Beruf im Verhältnis zu früheren +Zählungen betrifft, so kann hierbei nur Deutschland in +Betracht kommen, weil die anderen Staaten keine so eingehende +Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle kennzeichnet die Lage +in Deutschland:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td></td> +<th colspan="4">1882</th> +<th colspan="4">1895</th> +</tr> + +<tr> +<td></td> +<th colspan="2">verheiratet</th> +<th colspan="2">nicht verheiratet</th> +<th colspan="2">verheiratet</th> +<th colspan="2">nicht verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td>Landwirtschaft</td> +<td align="right">414189</td> +<td align="right">18,39</td> +<td align="right">1877671</td> +<td align="right">81,61</td> +<td align="right">567542</td> +<td align="right">23,76</td> +<td align="right">1820606</td> +<td align="right">76,24</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie</td> +<td align="right">69215</td> +<td align="right">12,69</td> +<td align="right">476014</td> +<td align="right">87,31</td> +<td align="right">166338</td> +<td align="right">16,76</td> +<td align="right">825964</td> +<td align="right">83,24</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handel</td> +<td align="right">24380</td> +<td align="right">16,89</td> +<td align="right">119997</td> +<td align="right">83,11</td> +<td align="right">73212</td> +<td align="right">20,08</td> +<td align="right">291713</td> +<td align="right">79,92</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft +und Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. +Für die Landwirtschaft kann angenommen werden, daß eine +stärkere Erfassung der mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat +beigetragen hat. Die Zunahme der Verheirateten in der Industrie +dagegen läßt sich nicht nur, wie es stets und fast +ausschließlich geschieht, daraus erklären, daß zur +Befriedigung der Bedürfnisse der Familie der Verdienst des +Mannes allein nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme +der Arbeiterinnen überhaupt. Es ist klar, daß, je mehr +die Zahl der Arbeiterinnen wächst, die Männer desto mehr +darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthätige Frauen zu +heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der Frau +eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger häufig tritt +daher die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem +außerhäuslichen Beruf in das Haus und das Familienleben +zurück. Das alte Ideal des Familienlebens, dessen typisches +Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblaßt mehr +und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der +Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatürliches +sehen. Im Volksbewußtsein ist sie das nicht mehr. Und mit +Recht. So wenig wie die Frauenarbeit überhaupt eine +beklagenswerte Erscheinung innerhalb der sozialen Entwicklung ist, +so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen. Verderblich wirkt auch +sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie vor sich geht.</p> + +<p>Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in +welchen Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen +thätig sind. Nach den letzten Zählungen für +Deutschland, Oesterreich und Nordamerika,—die Ergebnisse +für Frankreich liegen im einzelnen noch nicht vor,—zeigt +sich folgendes:</p> + +<p>Deutschland</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufsarten</th> +<th>von 100 Arbeiterinnen<br /> +des betreffenden Berufs<br /> +sind verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td>Fleischerei</td> +<td align="center">40,92</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ziegelei</td> +<td align="center">30,01</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bäckerei</td> +<td align="center">29,45</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weberei</td> +<td align="center">25,30</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tuchmacherei</td> +<td align="center">24,94</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zubereitung v. Spinnstoffen</td> +<td align="center">24,88</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakfabrikation</td> +<td align="center">24,72</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lohnarbeit wechselnd. Art</td> +<td align="center">19,55</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bleicherei, Appretur</td> +<td align="center">18,59</td> +</tr> +</table> + +<p>Oesterreich</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufsarten</th> +<th>von 100 Arbeiterinnen<br /> +des betreffenden Berufs<br /> +sind verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td>Verarbeitung von Eisen und Stahl</td> +<td align="center">34,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verfertigung von Maschinen</td> +<td align="center">33,98</td> +</tr> + +<tr> +<td>Textilindustrie</td> +<td align="center">28,49</td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie der Nahrungsmittel</td> +<td align="center">24,77</td> +</tr> +</table> + +<p>Vereinigte Staaten</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufsarten</th> +<th>von 100 Arbeiterinnen<br /> +des betreffenden Berufs<br /> +sind verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td>Wäscherei</td> +<td align="center">31,60</td> +</tr> + +<tr> +<td>Häusliche Dienste</td> +<td align="center">26,78</td> +</tr> + +<tr> +<td>Putzmacherei</td> +<td align="center">17,66</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakfabrikation</td> +<td align="center">16,53</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bäcker und Konditoren</td> +<td align="center">12,95</td> +</tr> + +<tr> +<td>Baumwollenweber</td> +<td align="center">12,59</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleiderkonfektion</td> +<td align="center">12,23</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schuhmacher</td> +<td align="center">11,36</td> +</tr> +</table> + +<p>Daraus geht hervor, daß die verheirateten Arbeiterinnen +besonders in der Textilindustrie beschäftigt sind.</p> + +<p>Nachstehende Tabelle bringt einen noch stärkeren Beweis +dafür:<a name="FNanchor_481"></a><a href= +"#Footnote_481"><sup>481</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Industriezweige</th> +<th>Land</th> +<th>Zählungsjahr</th> +<th>Von 100 Arbeiterinnen<br /> +waren verheiratet</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="8">Baumwollindustrie</td> +<td>Massachusetts</td> +<td align="center">1885</td> +<td align="right">14,9</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lancashire and Cheshire</td> +<td align="center">1894</td> +<td align="right">22,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Burnley</td> +<td> </td> +<td align="right">30,3</td> +</tr> + +<tr> +<td>Blackburn</td> +<td> </td> +<td align="right">29,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stockport</td> +<td> </td> +<td align="right">26,3</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oldham</td> +<td> </td> +<td align="right">23,2</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bolton</td> +<td> </td> +<td align="right">12,6</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wigan</td> +<td> </td> +<td align="right">5,7</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="6">Streichgarnindustrie</td> +<td>Massachusetts</td> +<td align="center">1885</td> +<td align="right">14,6</td> +</tr> + +<tr> +<td>England</td> +<td align="center">1894</td> +<td align="right">24,5</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gloucestershire und Somersetshire</td> +<td align="center">1894</td> +<td align="right">37,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sächsische Bezirke Krimmitschau und Werdau</td> +<td align="center">1892</td> +<td align="right">31,3</td> +</tr> +</table> + +<p>Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit +verheirateter Frauen je nach den Berufsarten sind die Ergebnisse +der Untersuchungen der deutschen Gewerbeinspektoren für das +Jahr 1899.<a name="FNanchor_482"></a><a href= +"#Footnote_482"><sup>482</sup></a> Danach verteilen sich die +Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in +folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Industriezweige</th> +<th>Verheiratete Arbeiterinnen</th> +<th>Von 100 verheirateten<br /> +Arbeiterinnen in dem betr.<br /> +Industriezweig beschäftigt.</th> +</tr> + +<tr> +<td>Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen, Torfgräberei</td> +<td align="right">1333</td> +<td align="right">0,58</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie der Steine und Erden</td> +<td align="right">19475</td> +<td align="right">8,49</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Metallverarbeitung</td> +<td align="right">10739</td> +<td align="right">4,68</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie der Maschinen, Instrumente und Apparate</td> +<td align="right">4493</td> +<td align="right">1,99</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Chemische Industrie</td> +<td align="right">4380</td> +<td align="right">1,91</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie der forstwirtschaftlichen Nebenprodukte</td> +<td align="right">1162</td> +<td align="right">0.51</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Textilindustrie</td> +<td align="right">111194</td> +<td align="right">48,49</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Papierindustrie</td> +<td align="right">11049</td> +<td align="right">4,82</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Lederindustrie</td> +<td align="right">2063</td> +<td align="right">0,86</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie der Holz- und Schnitzstoffe</td> +<td align="right">5635</td> +<td align="right">2,46</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Industrie der Nahrungs- und Genußmittel</td> +<td align="right">39080</td> +<td align="right">17,04</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe</td> +<td align="right">13156</td> +<td align="right">5,74</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Baugewerbe</td> +<td align="right">141</td> +<td align="right">0,06</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Polygraphische Gewerbe</td> +<td align="right">4770</td> +<td align="right">2,08</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Sonstige Industriezweige</td> +<td align="right">664</td> +<td align="right">0,29</td> +<td align="right"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td align="right">229334</td> +<td align="right">100,00</td> +<td align="right"></td> +</tr> +</table> + +<p>Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen +Deutschlands sind danach in der Textilindustrie beschäftigt. +Ganz besonders interessant dabei ist, daß die +Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und +verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, +die höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen +überhaupt; ihnen zunächst steht, wie nach den Ergebnissen +der Gewerbeinspektorenberichte, die Berufsgruppe der Bekleidung und +Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der Hausindustrie. Da in der +gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete Frauen gezählt +wurden,—48 % aller weiblichen Hausindustriellen,—so +sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie +und in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus +wieder, daß die Frauen, speziell die verheirateten, an das +Haus gebundenen Frauen, den Fortschritt der Industrie zu +höheren Arbeitsprozessen merklich aufhalten. Wir sehen aber +auch im allgemeinen, daß die verheirateten Arbeiterinnen sich +noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in wenige +Berufsgruppen zusammendrängen.</p> + +<p>Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von +Ländern das Wachstum der Arbeit verheirateter Frauen +festzustellen, so läßt sich aus den fast überall +gleichen Vorbedingungen,—gesteigerte Bedürfnisse und +Zunahme der Frauenarbeit überhaupt,—der Schluß +ziehen, daß jedenfalls von einem Rückgang nicht die Rede +sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar eine raschere sein +dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.</p> + +<p>Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und +Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf +größere Not allein zurückzuführen? Meiner +Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten häufiger als +früher,—im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre +1895 41 % verheiratet;—da nun nichts die Kräfte der +Männer früher erschöpft als die proletarische +Arbeit, und sie, bei der kolossalen Entwicklung, vor allem der +Industrie immer mehr Männer—also auch kränkliche +und schwache—in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der +verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer +Umstand kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es +ohne Hilfe der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen +Geschlechts hat diese Entwicklung zweifellos unterstützt. +Weder ist die Frau in dem Maße wie früher einfach +infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer Kinder +an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er +selbst ihr gegenüber ein so starkes +Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das mag guten Seelen +als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der weiblichen +Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren +Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. +Je selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto +freier wird sie dem Zuge ihres Herzens folgen können.</p> + +<p>Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den +trockenen Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht +blind ist oder sein will, das Eine klar vor Augen führen: +keine andere Erscheinung in der Neuzeit wirkt so revolutionierend +wie sie. Ohne sie würde die Neugestaltung des wirtschaftlichen +und sozialen Lebens, wie die Arbeiterklasse sie anstrebt, eine +Illusion bleiben. Denn sie legt die Axt an die Wurzeln der alten +Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, dieses konservativste +Element im Völkerleben, zu einem strebenden und denkenden +Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie +aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="6_Die_Lage_der_Arbeiterinnen_in_der_Gegenwart" />6. +Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.</h2> + +<a name="6_1" /> +<h3>Die Großindustrie.</h3> + +<p>Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute +die Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in +ihr eine Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend +eines Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die +sie dazu gestalten.</p> + +<p>Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für +den er seine Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie +sich die Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den +Einnahmen verhält, müßte man sich auf eingehende, +nach Staaten, nach Stadt- und Landbezirken, nach allen Zweigen der +verschiedenen Industrien, und sogar nach Jahreszeiten +differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist +leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene +Lohnstatistik statt genauer Einzelangaben, meist +Durchschnittszahlen oder approximative Bestimmungen enthält, +sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß ihre +Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als +der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten +können. Noch schlimmer steht es um die Feststellung der +Ausgaben für die notwendigen Lebensbedürfnisse. Was an +Angaben darüber zu finden ist, erscheint um so +unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs +feststeht. Und doch müßte die Statistik der +Lebensbedürfnisse die selbstverständliche Ergänzung +der Lohnstatistik sein, da die bloße Angabe der Höhe der +Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im mindesten +aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von +demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not +leiden müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der +Lebensmittel- und Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch +das verschiedene Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es +nicht nur auf Vergleiche etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit +tagaus tagein Polenta essenden Italiener und dem Maschinenbauer +Englands an, der an eine reichliche Fleischkost gewöhnt ist, +sondern auf viel feinere und eingehendere zwischen den +Arbeiterschichten desselben Landes: was der eine nicht im mindesten +vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer empfundene +Entbehrung.</p> + +<p>Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. +Denn zur Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben +den genannten Gesichtspunkten notwendig, sie mit den +Männerlöhnen zu vergleichen, und zwar nicht im +allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige +Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar +Versuche der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. +an, daß unter der Rubrik Papierkartons Männer- und +Frauenlöhne verglichen werden, so ist das Resultat nichts als +eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es könnte nur dann +Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der daran +geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere +Bezeichnungen, wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht +aus, da es zur Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen +und weiblichen Arbeitern darauf ankäme, welche Sorten Westen +gesteppt werden. Aber noch ein anderes kommt hinzu: Die Lage der +Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig beurteilt werden, wenn +sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die +Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines +anderen Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des +Vaters etc. Auch das ist nur in gewissem Umfang möglich.</p> + +<p>Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir +uns daher nur auf Untersuchungen stützen, die den Wert von +Stichproben haben, ohne über das ganze Gebiet volle Klarheit +zu verschaffen.</p> + +<p>Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in +die Augen fällt, ist ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit +der sie sich steigern. Die deutsche Untersuchung von 1876 +konstatierte Wocheneinnahmen von Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. +an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr häufig vor, während +solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine große +Seltenheit bezeichnet wurden.<a name="FNanchor_483"></a><a href= +"#Footnote_483"><sup>483</sup></a> Um dieselbe Zeit wurde für +die Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß +besonders tüchtige Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen +könnten, die weniger tüchtigen aber bei 5 bis +höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.<a name= +"FNanchor_484"></a><a href="#Footnote_484"><sup>484</sup></a> Aber +auch in jüngster Zeit gehören Löhne der Art +keineswegs zu den Ausnahmen. So erreichten in Stuttgart die +Hälfte aller Arbeiterinnen nur einen Wochenverdienst bis zu 9 +Mk.<a name="FNanchor_485"></a><a href= +"#Footnote_485"><sup>485</sup></a>, und in der Berliner +Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.<a name= +"FNanchor_486"></a><a href="#Footnote_486"><sup>486</sup></a> In +Wien haben sich bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête +ähnliche Verhältnisse herausgestellt. In der Papier- und +in der Textilindustrie wurden die niedrigsten Wochenlöhne mit +1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl. für die +gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn angesehen +wurde.<a name="FNanchor_487"></a><a href= +"#Footnote_487"><sup>487</sup></a> In Fabriken Böhmens fanden +sich sogar Frauenlöhne von 1 fl. wöchentlich, und +über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten 2 fl. 25 kr. +bis 3 fl. 25 kr.<a name="FNanchor_488"></a><a href= +"#Footnote_488"><sup>488</sup></a> Für Frankreich wurden +Jahreseinnahmen der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und—am +häufigsten—250 frs. festgestellt.<a name= +"FNanchor_489"></a><a href="#Footnote_489"><sup>489</sup></a> +Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie Wochenlöhne +von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 frs. +auf.<a name="FNanchor_490"></a><a href= +"#Footnote_490"><sup>490</sup></a> In England, wo im allgemeinen +die Lage der Arbeiterinnen eine bessere zu sein scheint, ist das +Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, immer noch ein sehr tiefes. So +verdienten z.B. in den Schneiderfabriken Dudleys und in den +Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen unter 6 sh. +wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen +Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 +sh., nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die +Woche.<a name="FNanchor_491"></a><a href= +"#Footnote_491"><sup>491</sup></a> In Nordamerika, wo der +Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $ +beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar +nichts Seltenes.<a name="FNanchor_492"></a><a href= +"#Footnote_492"><sup>492</sup></a> Dabei muß, wie +überhaupt bei allen Enqueten über Frauenarbeit, besonders +denen mittelst Fragebogen, in Betracht gezogen werden, daß +nur die intelligentesten, die eigentlichen +Elitearbeiterinnen,—im vorliegenden Fall nur 7 % aller +Befragten,—antworten und richtig antworten. Die große +Masse wird nicht erfaßt.</p> + +<p>Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von +Lohntabellen besäßen, sie würden nichts als +eindruckslose Zahlen für uns bleiben, wenn wir ihnen nicht die +entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen +könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es +erweist sich nur bei näherer Betrachtung zum großen Teil +als unzureichend. So findet sich z.B., daß in den +oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren die +männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich +verdienten, die weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser +Unterschied beginnt sogar schon bei den arbeitenden Kindern; die +männlichen Geschlechts verdienten 40 Pf. bis 1,20 Mk., die +weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für die Webereien +galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer +3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall +einen Lohn von 2,40 Mk.<a name="FNanchor_493"></a><a href= +"#Footnote_493"><sup>493</sup></a> In den Mannheimer Fabriken wurde +festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der +Woche verdienten, 71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % +der Männer konnten sogar auf einen Verdienst von über 35 +Mk. rechnen, während nur 0,08 % Frauen die höchste +Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.<a name="FNanchor_494"></a><a +href="#Footnote_494"><sup>494</sup></a> Nach einer Zusammenstellung +für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit 17430 +Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit +35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene +Industrien in sich schließt, gestalten sich die +Lohnverhältnisse für beide Geschlechter +folgendermaßen:<a name="FNanchor_495"></a><a href= +"#Footnote_495"><sup>495</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td></td> +<th colspan="2">Grossbritannien</th> +<th colspan="2">Massachusetts</th> +</tr> + +<tr> +<td></td> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td></td> +<th>$</th> +<th>$</th> +<th>$</th> +<th>$</th> +</tr> + +<tr> +<td>Durchschnittlicher höchster Wochenlohn</td> +<td align="right">11,36</td> +<td align="right">4,10</td> +<td align="right">25,41</td> +<td align="right">8,57</td> +</tr> + +<tr> +<td> + " +niedrigster "</td> +<td align="right">4,72</td> +<td align="right">2,27</td> +<td align="right">7,09</td> +<td align="right">4,62</td> +</tr> + +<tr> +<td> + " +Wochenlohn</td> +<td align="right">8,26</td> +<td align="right">3,37</td> +<td align="right">11,85</td> +<td align="right">6,09</td> +</tr> +</table> + +<p>Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, +wie wir sehen, der Unterschied zwischen Männer- und +Frauenlöhnen ein außerordentlich beträchtlicher. In +all diesen Fällen fragt es sich nun aber, welche Art von +Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage unbeantwortet +bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der +Löhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres +Licht gerückt wird die Frage durch folgende Angaben: In der +Berliner Kontobuchindustrie stanzen Männer und Frauen Titel +auf der Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 +Stück, die Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, +haben einen Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche +Arbeit verrichten, 12 bis 15 Mk.<a name="FNanchor_496"></a><a href= +"#Footnote_496"><sup>496</sup></a> Die männlichen Ketten- und +Karabinermacher in der Bijouterieindustrie Badens erreichen einen +Maximalwochenverdienst von 26,74 Mk., die weiblichen einen von +17,98 Mk., die männlichen Drahtzieher, Presser und Aushauer in +derselben Industrie verdienen im besten Fall 26,18 Mk., die +weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.<a name="FNanchor_497"></a><a href= +"#Footnote_497"><sup>497</sup></a> Die Marmorpoliererinnen an den +Niagara-Marmorbrüchen in Nord-Amerika verdienen 4,80 $ bis 8 $ +die Woche, ihre männlichen Kollegen 9 bis 18 $ für +dieselbe Arbeit.<a name="FNanchor_498"></a><a href= +"#Footnote_498"><sup>498</sup></a> Aber auch dieses speziellere +Eingehen auf die Arbeitsverrichtungen der Männer und Frauen +läßt insofern noch keine allgemeineren Schlüsse zu, +als, mit Ausnahme der Arbeiter an der Vergolderpresse, nicht +feststeht, welche Arbeitsleistung den Löhnen zu Grunde liegt. +Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B. langsamer, +als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger Ketten +oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr +geringerer Lohn durchaus erklärlich. Es muß daher Zeit- +und Stücklohn auseinander gehalten werden, um ein Resultat der +Vergleiche zu ermöglichen. Die umfangreiche französische +Lohnstatistik liefert die beste Grundlage für diese +Untersuchung.<a name="FNanchor_499"></a><a href= +"#Footnote_499"><sup>499</sup></a> Folgende Tabelle giebt +zunächst eine Uebersicht über die Lohnverhältnisse +in solchen Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark +beteiligt ist, die sie aber nicht beherrscht:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Gewerbeart</th> +<th rowspan="3">Zeit oder Stücklohn</th> +<th colspan="3">Männer</th> +<th colspan="3">Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Niedr. Tagelohn</th> +<th>Höchst Tagelohn</th> +<th>Durchschnitts- Tagel.</th> +<th>Niedr. Tagelohn</th> +<th>Höchst Tagelohn</th> +<th>Durchschnitts- Tagel.</th> +</tr> + +<tr> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Papierfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Maschinenpapier- herstellung</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">----</td> +<td align="center">1,25</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">----</td> +</tr> + +<tr> +<td>Appreteur</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">2,35</td> +<td align="center">0,75</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">1,45</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kouvertfalzung</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">4,25</td> +<td align="center">2,55</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lumpensortierer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zuschneider von Cigarettenpapier</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">4,45</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,00</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Kartonage:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lackierer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">0,50</td> +<td align="center">6,50</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">0,50</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">2,00</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Druckerei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Typographen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">----</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">----</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lithographen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">----</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">----</td> +</tr> + +<tr> +<td>Setzer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">3,30</td> +<td align="center">1,00</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,00</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Gummischuhfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zuschneider</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">5,50</td> +<td align="center">3,85</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">3,75</td> +</tr> + +<tr> +<td>Montiere</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">2,85</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">2,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sohlenarbeiter</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">4,25</td> +<td align="center">5,75</td> +<td align="center">4,90</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,90</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Lacklederfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Polierer</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">4,25</td> +<td align="center">4,10</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,10</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Stiefelfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Montierer</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">4,75</td> +<td align="center">1,25</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">1,50</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Handschuhfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dresseur</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">4,25</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">3,25</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir sehen zunächst daraus, daß sich in der +niedrigsten Lohnstufe vielfach nicht nur gleiche Löhne +für Männer und Frauen, sondern sogar zuweilen höhere +Frauenlöhne vorfinden, in der höchsten dagegen +differieren sie zum größten Teil wieder bedeutend. Und +die Ursache? Die Statistik des vorigen Abschnitts hat über die +Altersgliederung der Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschluß +gegeben und es hat sich dabei herausgestellt, daß die +stärkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts an der +proletarischen Arbeit in die jüngsten Jahrgänge +fällt, mit anderen Worten: zu einer Zeit, wo der +männliche Arbeiter in seinem Fach die höchste +Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die +Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rücken gekehrt. Die +Frauen bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter +Arbeiter stehen und können daher auch die höchste +Lohnstufe nicht erreichen. Einen weiteren Beweis hierfür +bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in denen der +höchste Lohnsatz der Männer von den Frauen fast erreicht, +ja sogar übertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in +der Gummischuh- und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle +drei Arbeitsfächer haben geübte, also ältere +Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche weiblichen Geschlechts +vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung entsprechend, ohne +Berücksichtigung des Geschlechts. Noch schärfer +beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Löhne +in solchen Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als +Frauenberufe dargestellt haben, und in denen die größte +Mehrzahl der verheirateten, also der älteren Frauen, +beschäftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus derselben +Statistik ist besonders charakteristisch:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Gewerbearten</th> +<th rowspan="3">Zeit- oder Stücklohn</th> +<th colspan="3">Männer</th> +<th colspan="3">Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Niedr. Tagelohn</th> +<th>Höchst. Tagelohn</th> +<th>Durchschnittl. Tagel.</th> +<th>Niedr. Tagelohn</th> +<th>Höchst. Tagelohn</th> +<th>Durchschnittl. Tagel.</th> +</tr> + +<tr> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +<th>frs.</th> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Leinenspinnerei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spinner</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,15</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Hanfweberei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,25</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">1,50</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Tuchfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">2,60</td> +<td align="center">1,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">1,85</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kardierer</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">3,25</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">2,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kardierer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">2,35</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Leinenweberei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,55</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Netzstrickerei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Netzstricker</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">1,75</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Baumwollspinnerei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kämmer</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,10</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,10</td> +</tr> + +<tr> +<td>Knüpfer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,45</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,15</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spuler</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,25</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,60</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Haspler</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">3,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spinner</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spinner</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">5,25</td> +<td align="center">4,80</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">4,25</td> +<td align="center">4,10</td> +</tr> + +<tr> +<td>Packer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,00</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Baumwollweberei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">3,25</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">2,60</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">4,25</td> +<td align="center">2,55</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,25</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">3,25</td> +<td align="center">2,20</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">3,25</td> +<td align="center">2,20</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,05</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,00</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,05</td> +<td align="center">2,00</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">2,20</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Wollkämmerei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kämmer</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">2,70</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">2,25</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Wollweberei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">4,00</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">3,05</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">5,50</td> +<td align="center">4,50</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Tuchfabrikation:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">2,60</td> +<td align="center">1,00</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">1,85</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kardierer</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">5,00</td> +<td align="center">3,25</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">2,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kardierer</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">3,75</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">2,35</td> +</tr> + +<tr> +<td>Färber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">2,40</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,25</td> +<td align="center">1,60</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Seidenweberei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">2,20</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">2,20</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">3,00</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">2,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">4,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">3,00</td> +<td align="center"></td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">1,65</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Sammetweberei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weber</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">3,10</td> +<td align="center">2,50</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">3,00</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bandweber</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">3,65</td> +<td align="center">3,50</td> +<td align="center">4,50</td> +<td align="center">3,40</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="8">Mechanische Stickerei:</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sticker</td> +<td align="center">Zeit</td> +<td align="center">0,75</td> +<td align="center">1,25</td> +<td align="center">0,95</td> +<td align="center">0,75</td> +<td align="center">1,25</td> +<td align="center">0,95</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sticker</td> +<td align="center">Stück</td> +<td align="center">2,75</td> +<td align="center">6,00</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">1,50</td> +<td align="center">1,75</td> +<td align="center">--</td> +</tr> +</table> + +<p>Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast +durchgehende Gleichheit der Männer- und Frauenlöhne, aber +es zeigt sich zu gleicher Zeit, daß die Frauenlöhne +nicht etwa auf der Höhe der Männerlöhne stehen, +sondern daß vielmehr die Männerlöhne eher die +Tendenz haben, zum Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine +amerikanische Statistik wiederholt dasselbe Bild:<a name= +"FNanchor_500"></a><a href="#Footnote_500"><sup>500</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Gewerbeart</th> +<th colspan="2">Durchschnittlicher<br /> + Wochenlohn</th> +<th colspan="2">Vorkommender<br /> + Wochenlohn</th> +</tr> + +<tr> +<th>Höchster</th> +<th>Niedrigster</th> +<th>Höchster</th> +<th>Niedrigster</th> +</tr> + +<tr> +<td>Männliche Maschinenstricker</td> +<td align="right">7,50</td> +<td align="right">6,00</td> +<td align="right">12,00</td> +<td align="right">4,39</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weibliche " "</td> +<td align="right">7,00</td> +<td align="right">5,20</td> +<td align="right">13,87</td> +<td align="right">3,15</td> +</tr> + +<tr> +<td>Männliche Baumwollenweber</td> +<td align="right">5,91</td> +<td align="right">5,11</td> +<td align="right">10,20</td> +<td align="right">2,20</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weibliche " "</td> +<td align="right">5,76</td> +<td align="right">4,83</td> +<td align="right">10,00</td> +<td align="right">1,80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Männliche Flanellweber</td> +<td align="right">8,55</td> +<td align="right">7,39</td> +<td align="right">12,00</td> +<td align="right">3,45</td> +</tr> + +<tr> +<td>Weibliche " "</td> +<td align="right">7,00</td> +<td align="right">5,60</td> +<td align="right">9,99</td> +<td align="right">3,41</td> +</tr> +</table> + +<p>Eine Zusammenstellung der Löhne besonders geschickter +englischer Baumwollweber beiderlei Geschlechts bestätigt +unsere Auffassung gleichfalls:<a name="FNanchor_501"></a><a href= +"#Footnote_501"><sup>501</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +<th>Männer</th> +<th>Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<th>sh.</th> +<th>sh.</th> +<th>sh.</th> +<th>sh.</th> +</tr> + +<tr> +<td>21,7</td> +<td>21,4</td> +<td>19,5</td> +<td>19,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>22,2</td> +<td>20,11</td> +<td>19,7</td> +<td>19,0</td> +</tr> + +<tr> +<td>21,11</td> +<td>20,9</td> +<td>19,2</td> +<td>18,11</td> +</tr> + +<tr> +<td>21,0</td> +<td>20,8</td> +<td>19,8</td> +<td>18,4</td> +</tr> + +<tr> +<td>21,5</td> +<td>20,4</td> +<td>22,2</td> +<td>17,11</td> +</tr> +</table> + +<p>Ziehen wir zum Vergleich nur einige Löhne in +ausschließlichen Männerberufen heran: Die +Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau nehmen +wöchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der +Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die +Typographen verdienen zwischen 29 und 40 sh., während die +Löhne der Baumwollweber zwischen 18 und 30 sh., die der +Wollenweber zwischen 10 und 24 sh. schwanken.<a name= +"FNanchor_502"></a><a href="#Footnote_502"><sup>502</sup></a></p> + +<p>Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, daß +Industrien mit hohen Löhnen Monopole der Männer sind<a +name="FNanchor_503"></a><a href="#Footnote_503"><sup>503</sup></a>, +aber nur deshalb, weil es sich dabei um Arbeitsarten handelt, +für die die Männer ihrer ganzen körperlichen und +geistigen Disposition nach hauptsächlich befähigt und in +der sie lange thätig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die +besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschäftigen, denen die +Frauen schon gewissermaßen durch die Tradition +angehören, weisen niedrige Lohnsätze auf, und wo +Männer und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie +zusammen nur wenig mehr, wie Männer in den Industrien +verdienen, wo sie allein arbeiten.<a name="FNanchor_504"></a><a +href="#Footnote_504"><sup>504</sup></a></p> + +<p>Die Gründe für die niedrige Entlohnung der +Frauenarbeit und ihre allgemeine lohndrückende Tendenz sind +damit aber noch nicht gegeben. Man ist im allgemeinen gewohnt, hier +ohne viel Ueberlegung mit dem Schlagwort von dem Konkurrenzkampf +zwischen den männlichen und weiblichen Arbeitern zu operieren, +weil man von den bürgerlichen Berufssphären her gewohnt +ist, Männer und Frauen als Lehrer, Journalisten, +Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte in genau +denselben Arbeitsgebieten thätig zu sehen, und annimmt, +daß dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. +Thatsächlich sind die Verhältnisse hier ganz andere und +in gewiß 9/10 industrieller Arbeiten findet eine scharfe +Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt. Selbst in den +Industrien, wo Männer und Frauen scheinbar mit völlig +gleicher Arbeit beschäftigt werden, giebt es Unterschiede in +der Art der Ausführung.<a name="FNanchor_505"></a><a href= +"#Footnote_505"><sup>505</sup></a> So bekamen z.B. in einer +Glasgower Druckerei die weiblichen Setzer für 1000 Typen um 2 +p. weniger als die männlichen, weil sie nicht die +vollständige Arbeit bewältigen können, sie +bedürfen zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der +Männer und können bei schwereren Druckarbeiten nicht +beschäftigt werden.<a name="FNanchor_506"></a><a href= +"#Footnote_506"><sup>506</sup></a> In der Londoner +Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in +der Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stück Stoff, +während Männer zwei auf einmal schneiden können. In +der englischen Töpferei füllen Frauen, infolge ihrer +geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der Zeichnungen mit Farbe +aus, während Männer die schwierigere Arbeit machen.<a +name="FNanchor_507"></a><a href="#Footnote_507"><sup>507</sup></a> +In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wöchentlich nur +9000, Männer aber 13000 Stück.<a name= +"FNanchor_508"></a><a href="#Footnote_508"><sup>508</sup></a> In +den Seidenwebereien Derbys erreichen die Männer einen +höheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur einen Webstuhl +bedienen.<a name="FNanchor_509"></a><a href= +"#Footnote_509"><sup>509</sup></a> Vielfach sind die Männer +auch an schwereren Webstühlen beschäftigt.<a name= +"FNanchor_510"></a><a href="#Footnote_510"><sup>510</sup></a> In +italienischen Webereien, wo sie an gleichen Stühlen arbeiten, +leisten die Frauen bedeutend weniger, und in der Handweberei zeigt +sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, daß sie genötigt +sind, auf das Muster zu sehen, während die Männer mehr +nach dem Gedächtnis arbeiten.<a name="FNanchor_511"></a><a +href="#Footnote_511"><sup>511</sup></a> In der französischen +Papier- und Lederfabrikation, für die wir in der Tabelle +[oben] beträchtliche Lohnunterschiede konstatierten, findet +eine fast durchgehende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern +statt. Die Arbeit an den Vergolderpressen der Berliner +Kontobuchfabrikation ist insofern auch eine verschiedene für +Männer und Frauen, als diese die kleineren und jene die +großen Sachen pressen.<a name="FNanchor_512"></a><a href= +"#Footnote_512"><sup>512</sup></a> In der Pforzheimer +Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mädchen die +leichteren Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten +zu.<a name="FNanchor_513"></a><a href= +"#Footnote_513"><sup>513</sup></a></p> + +<p>Die Niedrigkeit der Löhne weiblicher Arbeiter ist daher zu +einem wesentlichen Teil auf ihre Inferiorität in der +Handfertigkeit und in der Produktionskraft, die sich manchmal in +Bezug auf die Quantität, manchmal in Bezug auf die +Qualität äußert, zurückzuführen.</p> + +<p>Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die +Löhne für die außerordentlich seltene identische +Arbeit, sondern die für gleichwertige Arbeit miteinander +vergleichen, so zeigt sich auch hier, daß der Verdienst der +Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der Männer. Ich +brauche nur an all die Fälle zu erinnern, wo, infolge +technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Männer +treten, z.B. in der englischen Töpferei, wo sie um den halben +Preis dieselbe Arbeit machen, als früher die Arbeiter, oder an +die Löhne in den speziellen Frauenberufen, etwa der +Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der Höhe jeder +männlichen in speziellen Männerberufen steht. Diese +traurige Thatsache hat leider so viele Ursachen, daß man fast +daran verzweifeln könnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. +Die wichtigste liegt in dem dilettantischen Charakter der +weiblichen Arbeit überhaupt. Das Mädchen erfaßt sie +nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern sieht in +ihr—so wenig es auch zutreffen mag—eine +Durchgangsstation zur Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht +unter allen Umständen die Verpflichtung, sich selbständig +zu machen, sie findet vielfach in der Familie noch einen +Rückhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran, einen +gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert +einen stärkeren Beweis hierfür, als der Umstand, +daß die Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhöhe +erreicht haben, wie keine andere Gruppe ihrer +Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben durch eine fast schon +ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht von Arbeiterinnen +herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst nimmt, wie der +Mann und fähig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein +ausgeprägtes Klassenbewußtsein besitzt. Freilich haben +sie ihre Erhebung zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen +Umstände zu verdanken: sie haben nicht mehr gegen jenen Feind +anzukämpfen, der die Masse der Arbeiterinnen am Emporkommen in +ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist nicht der Mann +gemeint,—er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit weit +weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der +bürgerlichen,—sondern vielmehr der Amateurarbeiter des +eigenen Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen +Zuschuß zum Verdienst des Mannes erwerben will. +Amateurarbeiter sind alle diejenigen, die nur ein Taschengeld +verdienen wollen, alle diejenigen ferner, die in den +Zwischenräumen häuslicher Beschäftigungen Arbeit um +jeden Preis übernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen +in dem Hexenzirkel, wo niedrige Löhne zu schlechter Arbeit und +schlechte Arbeit zu niedrigen Löhnen führen, krampfhaft +festhalten.</p> + +<p>In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch +gemeint, die verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu +müssen.<a name="FNanchor_514"></a><a href= +"#Footnote_514"><sup>514</sup></a> Die Vergnügungssucht, die +Luxusbedürfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen, die +häuslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drängen +sich die Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren häuslichen +Pflichten nachzugehen,—so jammert man. An Material, um diese +Behauptung zu beweisen, fehlte es bisher ebenso, wie an solchem, um +sie zu entkräften. Erst auf Grund einer Resolution des +Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die +Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage +beauftragt, und es stellte sich übereinstimmend heraus<a name= +"FNanchor_515"></a><a href="#Footnote_515"><sup>515</sup></a>, +daß der weitaus größte Teil der verheirateten +Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen ist. +Selbstverständlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen +oder eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, +aber auch von den Frauen, deren sogenannter Ernährer mit ihnen +lebt, ist diese Thatsache sogar vielfach zahlenmäßig +konstatiert worden; so hat sich die Notlage als Veranlassung der +Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen für 71 % in Mainz +für 73 % in Niederbayern für 74 %, in Plauen für 75 +% in Lothringen für 83 % in Aachen für 88 % in Schleswig +für 97 % aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darüber +angestellt wurden,—unbegreiflicherweise hat man +versäumt, den Beamten dahingehende allgemeine Direktiven zu +geben,—zeigte es sich, daß die Ehemänner dieser +Frauen fast ausschließlich ungelernte Tagelöhner oder +solche Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der +Textilindustrie, thätig sind, also ganz unzulängliche +Einnahmen haben. Von 78 Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur +zwanzig brauchbare Angaben über den Verdienst der +Ehemänner gemacht, die in folgender Tabelle von mir +zusammengestellt wurden:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Bezirk</th> +<th>Anteil der Ehemänner<br /> +in Prozenten</th> +<th>Wochenlohn<br /> +der Ehemänner</th> +<th>Anteil der Frauen<br /> +in Prozenten</th> +<th>Wochenlohn<br /> +der Frauen</th> +</tr> + +<tr> +<td>Danzig</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">10-20 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">5-10 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Elbing</td> +<td align="center">3</td> +<td align="center">unter 5 "</td> +<td align="center">47</td> +<td align="center">7 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">25</td> +<td align="center">" 10 "</td> +<td align="center">53</td> +<td align="center">10,76 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">71</td> +<td align="center">" 15 "</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Berlin- Charlottenburg</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">durchschnittlich: 19,50 Mk.<br /> +von 12-30 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oppeln</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">6,72-11 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">3,60-7,51 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Magdeburg</td> +<td rowspan="3" align="center">--</td> +<td rowspan="3" align="center">--</td> +<td align="center">25</td> +<td align="center">unter 7 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">50</td> +<td align="center">7-8 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">17</td> +<td align="center">über 9 "</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Erfurt</td> +<td align="center">75</td> +<td align="center">9-17 Mk.</td> +<td align="center">50</td> +<td align="center">3-7 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">25</td> +<td align="center">17-20 "</td> +<td align="center">33</td> +<td align="center">8-10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center"></td> +<td align="center"></td> +<td align="center">17</td> +<td align="center">11-20 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schleswig</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">unter 20 "</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">7,5-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="4">Hannover</td> +<td rowspan="4" align="center">--</td> +<td rowspan="4" align="center">--</td> +<td align="center">2</td> +<td align="center">unter 6 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">24</td> +<td align="center">6-9 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">48</td> +<td align="center">9-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">26</td> +<td align="center">über 12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="4">Aachen</td> +<td rowspan="4" align="center">--</td> +<td rowspan="4" align="center">--</td> +<td align="center">20</td> +<td align="center">4-8 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">47</td> +<td align="center">8-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">25</td> +<td align="center">12-16 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">8</td> +<td align="center">über 16 "</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="5">Oberbayern</td> +<td align="center">13</td> +<td align="center">nichts oder nicht ermittelt</td> +<td align="center">4</td> +<td align="center">6 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">6</td> +<td align="center">9-12 Mk.</td> +<td align="center">38</td> +<td align="center">6-9 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">11</td> +<td align="center">12-15 "</td> +<td align="center">44</td> +<td align="center">9-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">51</td> +<td align="center">15-20 "</td> +<td align="center">11</td> +<td align="center">12-15 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">19</td> +<td align="center">20 Mr. u. darüber</td> +<td align="center">3</td> +<td align="center">über 15 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oberpfalz u. Regensb.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">6-22 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">6,60-9,50 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td>Mittelfranken</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">Im Durchschnitt: 18,50 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">Im Durchschnitt: 8,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Württemberg I</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">Im Durchschnitt: 10,74 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td>Württemberg II</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">Im Durchschnitt: 10,00 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Darmstadt</td> +<td rowspan="3" align="center">--</td> +<td rowspan="3" align="center">--</td> +<td align="center">59</td> +<td align="center">2-6 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">35</td> +<td align="center">6-10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">6</td> +<td align="center">10-18 "</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="4">Gießen</td> +<td align="center">0,4</td> +<td align="center">nichts</td> +<td rowspan="4" align="center">--</td> +<td rowspan="4" align="center">Im Durchschnitt: 7,80 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">10</td> +<td align="center">4-10 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">76</td> +<td align="center">12-16 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">10</td> +<td align="center">18-24 "</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="5">Bremen</td> +<td align="center">19</td> +<td align="center">9-13 "</td> +<td align="center">26</td> +<td align="center">5-9 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">24</td> +<td align="center">13-15 "</td> +<td align="center">26</td> +<td align="center">9-10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">15</td> +<td align="center">16-17 "</td> +<td align="center">41</td> +<td align="center">10-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">34</td> +<td align="center">18-20 "</td> +<td align="center">4</td> +<td align="center">12-14 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">8</td> +<td align="center">21-30 "</td> +<td align="center">3</td> +<td align="center">14-16 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Unterelsaß</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">10,80-16,80 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">6-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oberelsaß</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">Im Durchschnitt: 15 Mk.</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Lothringen</td> +<td align="center">40</td> +<td align="center">9-12 "</td> +<td align="center">13</td> +<td align="center">3-6 Mk</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">50</td> +<td align="center">16-20 "</td> +<td align="center">71</td> +<td align="center">7-12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">10</td> +<td align="center">22 Mk. u. darüber</td> +<td align="center">26</td> +<td align="center">13-24 "</td> +</tr> +</table> + +<p>Nur in einem Bezirk,—in Gießen,—und auch hier +nur für eine Industrie, hat man eine Zusammenstellung der +thatsächlichen Familieneinnahmen gemacht; danach erreichten 53 +der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen mit ihren Männern +einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65 Mk., 23 weniger +geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk. +durchschnittlich.<a name="FNanchor_516"></a><a href= +"#Footnote_516"><sup>516</sup></a> Es handelt sich auch hier um +einen Beruf mit sehr starker Frauenbeteiligung.</p> + +<p>Sehr häufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, +daß es sich bei den Ehemännern der Fabrikarbeiterinnen +um Arbeitsscheue, Trunkenbolde und Liederliche handelte, die ihren +Verdienst zum allergrößten Teil für sich selbst +verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernähren +ließen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet +ist, die moralische Entrüstung über das Verhalten der +Gatten ein klein wenig einzudämmen: Sie haben sich vor der Ehe +an eine verhältnismäßig hohe Lebenshaltung +gewöhnt, da sie den Lohn allein für sich verbrauchen +konnten, und es gehört ein Grad von Charakterstärke dazu, +nach der Heirat die Lebensbedürfnisse mehr und mehr +herabzuschrauben, zu dem nur ernst angelegte Naturen fähig +sein können. Aber auch dort, wo eine direkte Notlage nicht +vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in die Fabriken +treibt: in fast allen jungen Proletarierehen müssen die +Schulden für die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt +werden; ist das vorbei, so möchten gerade die Ordentlichsten +einen Notgroschen zurücklegen können, was vom Verdienst +des Mannes allein nicht möglich ist; die Mütter—und +zwar gerade die besten—möchten für ihre Kinder +etwas erübrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die über +das tägliche Brot und die Schlafstelle hinausliegen, +gehört meiner Ansicht nach in dieses Gebiet. Oder ist es etwa +nicht Not, wenn die Proletarierfamilie tagaus tagein, Sommer und +Winter nichts sieht, als ihr dumpfes Arbeiterviertel und ihre +staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach frischer Luft und +freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so vermessen? +Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach +über dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein +schmückt und erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die +Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr für +den Fortschritt ihrer geistigen und seelischen Entwicklung, als +für deren Niedergang. Ihre Wirkung aber ist, wenn wir +zunächst die auf die Löhne in Betracht ziehen, keine +erfreuliche. In Industrien mit starker Beschäftigung +verheirateter Frauen sind nicht nur die Männerlöhne +besonders niedrig, auch die Löhne der alleinstehenden Frauen +sind nichts weniger als ausreichend, weil die Verheirateten den +Ertrag ihrer Arbeit nicht als die alleinige Grundlage ihrer +Existenz ansehen, sondern nur als eine notwendige Ergänzung +des männlichen Einkommens, Die Steigerung des männlichen +Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, daß er nicht mehr +die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit +verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des +unzureichenden Einkommens der Männer und sie ist einer der +Steine, die den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren +Zuständen im Wege liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren +Anfang wir erst stehen, wird diese lohndrückende Tendenz +dauernd verschärfen und zwar um so mehr, je mehr die +verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine +Ausnahmestellung, nicht nur ihren männlichen, sondern auch +ihren alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenüber +einnehmen.</p> + +<p>Eine Beurteilung der Lohnverhältnisse kann aber nur dann zu +richtigen Resultaten führen, wenn einerseits die Kaufkraft des +Geldes, andererseits die Bedürfnisse der Lohnarbeiter in +Betracht gezogen werden. Für beides fehlt es an ausreichendem +Material und auch das vorhandene ist ungenügend. Im +allgemeinen wird für die hier in Betracht kommenden +europäischen Staaten angenommen werden können, daß +im Laufe des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt +resp. verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.<a +name="FNanchor_517"></a><a href="#Footnote_517"><sup>517</sup></a> +Die Löhne der Arbeiterinnen in der Großindustrie sind in +derselben Zeit teils um ein Drittel, teils um die Hälfte +gestiegen<a name="FNanchor_518"></a><a href= +"#Footnote_518"><sup>518</sup></a>, die Bedürfnisse dagegen, +deren Wachstum sich natürlich zahlenmäßig nicht +feststellen läßt, haben im Verhältnis weit rascher +zugenommen, obwohl gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten +Fortschritte gemacht hat. Wenn schon bei dieser ganz +äußerlichen Betrachtung ein Defizit unvermeidlich ist, +so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur Zeit des hier +angenommenen Ausgangspunktes,—dem Anfang des 19. +Jahrhunderts,—das Mißverhältnis zwischen Einnahmen +und Ausgaben bei den weiblichen Arbeitern noch +unverhältnismäßig stark war. Selbst den +günstigsten Fall angenommen, daß sowohl die +Lebensbedürfnisse als die Löhne um die Hälfte +gestiegen sind, bleibt dieses ursprüngliche +Mißverhältnis nicht nur unverändert bestehen, es +steigert sich auch noch infolge der erhöhten Bedürfnisse, +und infolge der schwer ins Gewicht fallenden Thatsache, daß +die industrielle Entwicklung den verschiedenen Arbeitszweigen mehr +und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrückt. Die +Maschine ermöglicht eine kolossale Produktivität in einem +kurzen Zeitraum und wirft eine große Zahl von Arbeiterinnen +nach Monaten fieberhafter Thätigkeit für Wochen +mitleidslos aufs Pflaster, während andere sich starke +Lohnreduktionen gefallen lassen müssen. Die Arbeiterin, die +sich schon in der lebhaften Zeit nur mühsam durchschlagen +kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenüber.</p> + +<p>Einige Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. +Vorausgeschickt sei, daß im allgemeinen die Ernährung +weiblicher Arbeiter 4/5 dessen ausmacht, was männliche +dafür gebrauchen; gehen wir von dem Beköstigungsbudget +der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro Tag und Mann +rechnet, so wären ca. achtzig Pfennige für arbeitende +Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, +daß die Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im +großen für die ausgesetzte Summe eine weit bessere und +reichlichere Beköstigung zu bieten vermag, als die Arbeiterin +sie sich für ihr Geld schaffen kann. Für eine +Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete gefordert, +ein möbliertes Zimmer,—das sehnlichst erträumte +Ideal all der armen Heimatlosen!—ist kaum unter fünfzehn +bis zwanzig Mark zu haben. Das Mindeste also, was eine +alleinstehende Arbeiterin wöchentlich für Kost und +Wohnung ausgeben muß, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes +Zimmer, so muß sie allein zehn Mark für Logis und +Ernährung ansetzen. Nun stellt sich der durchschnittliche +Wochenverdienst der gewöhnlichsten Arbeiterinnen in zwanzig +deutschen Großstädten auf 8,70 Mk.<a name= +"FNanchor_519"></a><a href="#Footnote_519"><sup>519</sup></a> Es +blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend +ernähren wollen und nicht in der eigenen Familie wohnen +können, ca. 78 Pf. wöchentlich für alle übrigen +Lebensbedürfnisse—Kleidung, Wäsche etc. +Inbegriffen—übrig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, +daß die Wocheneinnahme sich das ganze Jahr über gleich +bleiben müßte, während thatsächlich im +günstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen +regelmäßigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt +aber auch eine ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja +die nur drei bis sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei +den niedrigsten Lohnsätzen angenommen werden kann, daß +es sich meist um jugendliche Arbeiterinnen, die vielfach bei den +Eltern wohnen, handelt, so bleiben, wie die Ergebnisse vieler +Untersuchungen beweisen, noch viele übrig, die bei solch einem +Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt noch +zahlreiche Unglückliche, die eine alte Mutter, oder ein armes +vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem +Wochenlohn von neun bis zwölf Mark, dem üblichsten +für deutsche Arbeiterinnen, und einer Jahreseinnahme von 430 +bis 570 Mk.,—die schon als eine sehr hohe angesehen werden +muß,—wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen +170 Mk. für alle übrigen Ausgaben übrig +bleiben,—lebt die Arbeiterin in unaufhörlichem Kampf mit +Not und Verschuldung. Dieselben Zustände wiederholen sich +überall, wo die Industrie, der große Eroberer, +eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat.</p> + +<p>In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich +keine Erholung, kein Vergnügen gönnt, niemals krank wird +und niemanden zu unterstützen hat, gerade auskommen. 60 % +arbeitender Frauen Wiens verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es +kommen Löhne von 1 fl. 80 kr. bis 3 fl. noch immer häufig +genug vor<a name="FNanchor_520"></a><a href= +"#Footnote_520"><sup>520</sup></a>, während die arbeitslose +Zeit für sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen +werden muß. Das mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum +Leben braucht, ist eine Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.<a +name="FNanchor_521"></a><a href="#Footnote_521"><sup>521</sup></a>, +unter einer täglichen Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste +Elend und erst von 4 frs. an beginnt ein gesichertes Leben für +die Alleinstehende<a name="FNanchor_522"></a><a href= +"#Footnote_522"><sup>522</sup></a>, dabei gehören +Tagelöhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, +und auf unfreiwillige Ferien muß sich jede Arbeiterin +gefaßt machen.</p> + +<p>Durch vier Auskunftsmittel,—eins fürchterlicher als +das andere,—sucht die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu +begegnen: Ueberarbeit, Unterernährung, schlechte Wohnung und +Prostitution. Die Ueberarbeit wird dadurch möglich, daß +sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit nach Hause nimmt, +wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende Leben zu +erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt, zu dem +im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten, +Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als +nötig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die +Unterernährung aussieht, dafür giebt es Beispiele genug. +Eine Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann +höchstens 40 bis 50 Pf. für ihre tägliche +Beköstigung ausgeben,<a name="FNanchor_523"></a><a href= +"#Footnote_523"><sup>523</sup></a> Sie lebt von +Cichorienbrühe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig +kraftloser Suppe, Wurst oder Hering<a name="FNanchor_524"></a><a +href="#Footnote_524"><sup>524</sup></a>; Fleisch und Gemüse, +das, wenn überhaupt, in minimalen Quantitäten genossen +wird, ist meist von so schlechter Qualität, daß von +einem genügenden Nährwert gar nicht die Rede sein kann. +Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen +Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu +können. So genießen die meisten Wiener Arbeiterinnen +nichts als dreimal des Tages Kaffee und Brot und abends ein +Stück Wurst; sie verderben sich den Magen, wenn sie einmal +kräftigere Nahrung zu sich nehmen!<a name= +"FNanchor_525"></a><a href="#Footnote_525"><sup>525</sup></a> Und +um für die an sich schon mangelhafte Ernährung noch +vollends den Appetit zu verderben, ja sie gradezu widerlich und +gefährlich zu machen, kommt der Ort, wo sie zumeist +eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen Fabriksaal, oder, +falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen wird, auf +Höfen und Treppen ist der "Eßsaal" der meisten +Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum +Essen angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von +Fabrikkantinen in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu +reichen selten die Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu +weit. Die Möglichkeit, sich vor dem Essen zu waschen, die +staubigen, von Oel, Leim und tausend anderen Dingen beschmutzten +Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch nur selten in +ausreichendem Maße gegeben, und so schlucken die armen +Geschöpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und +Krankheitskeime in sich hinein. Ein einziger Blick in das +gemütliche Eßzimmer des Fabrikherrn mit den +schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem frisch gedeckten +Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf deren +Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder +einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und +einer Wurst, bei deren näherer Untersuchung wir schaudern +würden, belegtes Brot verzehren, müßte allein +genügen, um das Verbrecherische der herrschenden +Wirtschaftsordnung einzusehen.</p> + +<p>Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft +gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein +eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in +Berlin gezählt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem +Raum untergebracht<a name="FNanchor_526"></a><a href= +"#Footnote_526"><sup>526</sup></a>, d.h. sie schliefen mit der +ganzen Familie im selben Zimmer. In einer großen Zahl von +ihnen,—1885 wurden 607 der Art in Berlin +gezählt,—hausten neben der Familie Schlafburschen und +Schlafmädchen, bis zu acht an der Zahl!<a name= +"FNanchor_527"></a><a href="#Footnote_527"><sup>527</sup></a> In +Leipzig fand sich solch ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen +trunksüchtigen Mann, einer schwindsüchtigen Frau, drei +Kindern und zwei Schlafmädchen.<a name="FNanchor_528"></a><a +href="#Footnote_528"><sup>528</sup></a> Am günstigsten ist es +noch für sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmädchen +zusammen schlafen, sehr häufig aber müssen sie ihr Lager +mit den Kindern ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, +teilen; in Belgien hat eine Untersuchung der +Arbeiter-Wohnungsverhältnisse sogar ergeben, daß +jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett +angewiesen waren!<a name="FNanchor_529"></a><a href= +"#Footnote_529"><sup>529</sup></a> Nicht nur, daß die +Arbeiter nur zu oft weniger Luftraum im Zimmer haben, als die +Gefangenen, sie haben nach des Tages Last und Arbeit nicht einen +Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie sich ausruhen und +erholen können! Ja, das arme Schlafmädchen hat +außer den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren +Bettanteil; tags über ist der Raum, in dem sie mietete, +Werkstatt, Küche, Kinderstube, in dem für sie kein Platz +ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben, so kommt es auch, +daß das Elend des Schlafstellenwesens sich zum Grauenhaften +steigern kann: die Mädchen bringen schließlich von ihren +zuerst erzwungenen, später freiwilligen abendlichen +Vergnügungen ihre Liebhaber mit nach Hause, und verkehren +hier, durch den Zwang, die intimsten Dinge täglich vor aller +Augen zu verrichten, längst aller Scham entblößt, +ungestört durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder, mit +ihnen.<a name="FNanchor_530"></a><a href= +"#Footnote_530"><sup>530</sup></a> Die enorme Zunahme der +unehelichen Kinder,—es giebt Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig +und Chemnitz, wo sie an Zahl die ehelichen übertreffen<a name= +"FNanchor_531"></a><a href= +"#Footnote_531"><sup>531</sup></a>,—ist die Folge davon. Ist +der Vater ein Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen +die schließliche Heirat selbstverständlich zu sein, denn +selten nur kommt es vor, daß ein Arbeiter die Vaterschaft +nicht anerkennt und die Geliebte verläßt, er würde +sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.<a name= +"FNanchor_532"></a><a href="#Footnote_532"><sup>532</sup></a> Wie +oft aber fällt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: +Sie findet keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre +Ehre verkauft, sie muß sich den Lüsten der +Werkführer, häufig auch der des Chefs selber fügen, +wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nächsten +Geschäftsstockung ihre Stelle zu verlieren.<a name= +"FNanchor_533"></a><a href="#Footnote_533"><sup>533</sup></a> Und +ihr ganzes freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben +will, in gleichförmiger öder Farblosigkeit +verfließt, prädestiniert sie noch dazu. Sie hat doch +auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach; nicht +bloß der physische Hunger zwingt sie, sich von einem +Liebhaber unterstützen zu lassen<a name="FNanchor_534"></a><a +href="#Footnote_534"><sup>534</sup></a>, oder sich gelegentlich zu +prostituieren, der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt +nicht gerade darin eine furchtbare Grausamkeit, daß das +bißchen Lebensfreude,—oft besteht es in weiter nichts, +als in ein paar bunten Fähnchen und reichlichen +Mahlzeiten,—von den Proletariermädchen so häufig +nur durch Schande erkauft werden kann?!</p> + +<p>Ein Fabrikmädchen! Naserümpfend hört man es oft +sagen. Für die Leute, die mit reinen Kleidern am Familientisch +sitzen und abends in ihr eigenes warmes Bett kriechen, verbindet +sich mit dem Wort der Gedanke an körperlichen und sittlichen +Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe von Qual und Entbehrung +und Hoffnungslosigkeit es ausdrückt, wie viel +heldenmütige Entsagung, von der nur manche stillen, früh +gealterten Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch +namenloses Unglück ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder +wollen nicht sehen, welch eine Anklage gegen sie und ihresgleichen +aus diesen Worten emporwächst.</p> + +<p>Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, +die verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, +als der Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor +für die physische und geistige Entwicklungsmöglichkeit, +tritt die Zeit, die aufgebracht werden muß, um ihn zu +verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die Frauen in der +Großindustrie genießen fast überall den Vorzug, +daß die Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich +geregelt sind. Für sie besteht, in der Theorie wenigstens, der +zehn- oder elfstündige Maximalarbeitstag und teilweises Verbot +der Nachtarbeit, in der Praxis aber wird er nicht nur durch die +sehr weitgehende Erlaubnis seiner Ausdehnung durch Ueberstunden, +sondern auch durch die infolge der mangelhaften Kontrolle leicht +mögliche Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften vielfach +überschritten. Nach den deutschen Gewerbeaufsichtsberichten +für 1899 wurden für rund 184000 Arbeiterinnen nicht +weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.<a name= +"FNanchor_535"></a><a href="#Footnote_535"><sup>535</sup></a></p> + +<p>Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den +Beamten überhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, würden +diese Zahl gewiß mehr als verdoppeln. Was aber die +gesetzlichen Vorschriften vollends fast illusorisch macht, das ist +die Gewohnheit der Unternehmer, den Arbeiterinnen noch Arbeit mit +nach Hause zu geben, und die Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, +dadurch ihren Lohn ein wenig zu erhöhen. Auf diese Weise +verlängert sich die Arbeitszeit ins ungemessene. In Verbindung +mit der schlechten Ernährung untergraben diese +Verhältnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz +ihres Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Körper +des Weibes sich zu seiner schönsten Bestimmung, der +Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch geeignete Abwechselung von +Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und gesunde Nahrung +gestählt werden müßte, wird er dazu verdammt, +mindestens zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu +stehen, oder zu sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine +gleichförmige, nur bestimmte Muskeln ausbildende Bewegung +auszuführen. Die Bleichsucht, mit ihrem Gefolge von Reizung +zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und geistiger +Depression, Verkrümmung des Rückgrats und der Beine u. +dergl. mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den +Proletariermädchen.<a name="FNanchor_536"></a><a href= +"#Footnote_536"><sup>536</sup></a></p> + +<p>In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische +Einrichtungen eine große Produktion auch ohne Ausnutzung der +Arbeitszeit bis an die Grenze des gesetzlich Zulässigen +ermöglichen, tritt die Tendenz der freiwilligen +Verkürzung der Arbeitszeit hervor.<a name= +"FNanchor_537"></a><a href="#Footnote_537"><sup>537</sup></a> Das +gilt auch für einen Teil der Textilindustrie und kommt +insofern auch den Frauen zu Gute. Für Frankreich und England +läßt sich die gleiche Entwicklung verfolgen, aber ihr +Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche Arbeitskraft, und +besonders die weibliche, ist häufig, selbst bei geringerer +Leistungsfähigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise +Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlängerung der +Arbeitszeit dürfte daher immer noch viel häufiger +vorkommen, als ihre Verkürzung, und zwar vor allem in den +Betrieben, wo die Frauen mit ihrer stumpfen Resignation, ihrem +Mangel an energischen Solidaritätsgefühl sich +zusammendrängen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp. +Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, +verglichen mit dem männlichen, immer noch im Nachteil, weil +die Mehrzahl der Frauen mit der Berufsarbeit nicht die Arbeit +überhaupt, die auszuführen ihnen obliegt, erledigt haben. +Nicht nur, daß es Arbeiterinnen giebt, die, um einen Teil der +Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den Kindern, oder, +wie es häufig vorkommt, in irgend einem Zweige der Heimarbeit +helfen,—eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig +ist,—für fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, +ist die Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas +Selbstverständliches. So wird der zehn- oder elfstündige +Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und mehrstündigen und der +Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und Instandhaltung der +Kleidung gewidmet. Denn darauf hält auch die ärmste +Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille gürtet, +in den Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem möglichst +modernen Kleid, womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich +häufig all ihre Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens +auch das bißchen kräftige Nahrung opfert, die sie sich +sonst vielleicht gönnen könnte. Engherzige Puritaner +schlagen wohl über die "Putzsucht" der Arbeiterin die +Hände über dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das +man den Mädchen der wohlhabenden Bevölkerung voller +Wohlwollen und sogar voll freudiger Genugthuung zuerkennt, soll +für sie durchaus keine Geltung haben. Und dabei bedenkt man +nicht einmal, daß der Proletarierin für andere +Genüsse, für deren Verständnis man die +bürgerliche Jugend von früh an erzieht, die +Aufnahmefähigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und Branntwein, +das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig erreichbare +Lebensfreude.</p> + +<p>Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafür, +daß sie nicht üppig ins Kraut schießt, und die +traurigen sanitären Verhältnisse in Werkstatt und Fabrik +nehmen ihr vollends frühzeitig das Sonnenlicht, in dem sie +allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in +günstigerer Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen +Geschlecht hat sich bisher überall eine stärkere +Empfänglichkeit für die Schädlichkeiten gewisser +Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die +Giftstoffe, die sie einatmet, wirken stärker auf sie, als auf +den Mann<a name="FNanchor_538"></a><a href= +"#Footnote_538"><sup>538</sup></a>, auch Betriebsunfällen ist +sie in höherem Maße ausgesetzt. Die Gründe +dafür sind vielfach rein äußerlicher Natur: In den +langen Kleidern und den leider immer noch üblichen vielen +Unterröcken, in den unbedeckten langen Haaren können sich +unendlich mehr jener schädlichen Fremdkörperchen +festsetzen, als bei den Männern. Ein Wechseln der Kleidung +verbietet sich schon dadurch oft von selbst, daß die +Arbeiterin nur einen Arbeitsanzug hat, häufig aber wird es +unterlassen, weil es an einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft +trennt ihn nur ein leichter Vorhang von dem der Männer, oder +dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem selbst, wo die Arbeiterin +ihre Sachen, die sie schonen muß, gar nicht hinhängen +mag. Aus ähnlichen Gründen unterdrückt sie nur zu +oft zum Schaden ihrer Gesundheit natürliche Funktionen ihres +Körpers, weil das Kloset teils unverschließbar in +nächster Nähe des von den Männern benutzten liegt, +teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich +befindet.</p> + +<p>Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschäftigt +sind, bringen besondere Gefahren für Leben und Gesundheit mit +sich. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Textilindustrie +und treten wir in eine Spinnerei: Mit heißem Wasserdampf ist +die Luft gesättigt, auf dem Steinboden steht das Wasser, ein +ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem Spinnwasser, das die +Abfälle und leimigen Substanzen des Gespinstes aufnimmt. Mit +Händen und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der unreinen, +klebrigen Flüssigkeit; eiternde Geschwüre an Händen +und Armen, schwere Augenentzündungen stellen sich +infolgedessen häufig ein. Mit bloßen Füßen +steht sie auf dauernd nassem Boden, ungenügend bekleidet +vertauscht sie dann den Aufenthalt im glühenden Arbeitsraum +womöglich mit der Winterkälte +draußen,—rheumatische Krankheiten, +Unterleibsentzündungen sind die Folge.<a name= +"FNanchor_539"></a><a href="#Footnote_539"><sup>539</sup></a> +Dauernder Druck auf besonders empfindliche Teile führen zu +frühzeitigen Erkrankungen der Geschlechtsorgane.<a name= +"FNanchor_540"></a><a href="#Footnote_540"><sup>540</sup></a> In +kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher Wolle fauliger Urin +verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfüllt daher die +Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Händen der +Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff +gebraucht, treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur +völligen geistigen Umnachtung führen können.<a name= +"FNanchor_541"></a><a href="#Footnote_541"><sup>541</sup></a> In +den Wollkämmereien herrschen tropische Glut und ekelerregende +Ausdünstungen; die Gasräume der Seidenfabriken wetteifern +mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die Arbeiterinnen +durch das Ausströmen des Gases.<a name="FNanchor_542"></a><a +href="#Footnote_542"><sup>542</sup></a> Die Fabrikation von +Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd +furchtbarer Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die +Kunstwolle gemacht wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, +Infektionskrankheiten schlimmster Art, chronische Bronchialkatarrhe +überfallen heimtückisch die Arbeiterinnen, die sogenannte +Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber beginnt und im Starrkrampf +endet, tötet sie in wenigen Tagen. Das Sortieren der +Abfälle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter: +findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter!<a name= +"FNanchor_543"></a><a href="#Footnote_543"><sup>543</sup></a> Mit +wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien +am Webstuhl, bis die Kraft sie verläßt<a name= +"FNanchor_544"></a><a href="#Footnote_544"><sup>544</sup></a>; +zerstörend wirkt das Blei, das in gefärbter Baumwolle +sich meist befindet, auf die Weberinnen, und stärker noch auf +die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt es +gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie +Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird +Bleiweiß dazu verwandt, ohne Rücksicht auf Leben und +Gesundheit; den Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen +"Händen" die Arbeit entsinkt, er findet Ersatz genug! In +Webereien, in der Fabrikation von Kartons und buntem Papier und +künstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der Fabrikation +eiserner Bettstellen strömt das Gift in die Atmungsorgane, in +die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim +getragen; ja es kommt vor, daß sie es mit dem Essen zu sich +nimmt, weil kein anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafür +zur Verfügung steht.<a name="FNanchor_545"></a><a href= +"#Footnote_545"><sup>545</sup></a> Koliken, Magenerkrankungen, +Kopfleiden sind die Folge. In den Bleiweißfabriken erreichen +diese Leiden den höchsten Grad: epileptische Krämpfe, +Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des +letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode +führen kann.<a name="FNanchor_546"></a><a href= +"#Footnote_546"><sup>546</sup></a> Der Schwefelkohlenstoff in der +Kautschukfabrikation führt zu ähnlichen Erscheinungen, +nur mit der Variation, daß Lähmungen der +Geschlechtsorgane schließlich hinzutreten können.<a +name="FNanchor_547"></a><a href= +"#Footnote_547"><sup>547</sup></a></p> + +<p>Eine große Zahl von Frauen beschäftigt, wie wir +gesehen haben, die Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am +schlechtesten bezahlten und die schwächsten von allen. Schon +nach den ersten sechs Monaten der Beschäftigung erkranken von +100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei den jüngeren +Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und Magenleiden und +Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.<a name= +"FNanchor_548"></a><a href="#Footnote_548"><sup>548</sup></a> Wie +dies Gift den Körper von innen zerstört, zerstört +das Phosphor in der Zündholzfabrikation ihn von außen: +zu einer grauenhaften Maske wird das Antlitz der Frau durch die +Kiefernekrose, die zuerst die Zähne und dann den Kiefer +zerfrißt.<a name="FNanchor_549"></a><a href= +"#Footnote_549"><sup>549</sup></a></p> + +<p>Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die +Anämie, ergreift männliche wie weibliche Ziegelarbeiter, +besonders, wenn ihr Schlafraum sich auf der Oberfläche von +Ringöfenanlagen befindet, aus denen unaufhörlich giftige +Dämpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter, besonders +der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, füllt sich durch +Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit förmlichen Steinen, +schwärzliche Steine bilden den Auswurf.<a name= +"FNanchor_550"></a><a href="#Footnote_550"><sup>550</sup></a> Kein +Leiden aber erreicht das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon +wird ihr Gesicht aschfahl, die Augen trüb, der Gang +schwankend, wie der eines Rückenmarkleidenden. Bei dem Anblick +eines Fremden überfällt sie konvulsivisches Zittern; das +kärgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu führen, die +Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise nehmen +die Geistesfähigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem +Blödsinn. Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der +Speichelfluß macht ihren Anblick widerlich und vor dem Hauch +ihres Mundes prallt man zurück.<a name="FNanchor_551"></a><a +href="#Footnote_551"><sup>551</sup></a></p> + +<p>Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und +Körperkraft. Dem "schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die +Schultern gelegt, die es zu Boden werfen. In Steinbrüchen, +Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei Bauten schleppen oder +schieben sie schwerbeladene Tröge und Schubkarren; in +Zuckerfabriken tragen sie täglich während zehn Stunden +bis zu 800 je 16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.<a +name="FNanchor_552"></a><a href="#Footnote_552"><sup>552</sup></a> +In den Spinnereien und Webereien stehen sie oft während elf +und zwölf Stunden; geschwollene Füße, Krampfadern, +Nieren- und Unterleibsleiden zeugen davon.</p> + +<p>Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die +Maschinennäherei! In gebückter Stellung sitzen die Armen +an ihrer rasselnden Tyrannin, unausgesetzt bewegen sich die Beine +auf und nieder. Junge und Alte, Kranke und Gesunde—alle +glauben sich fähig zu dieser mörderlichen Arbeit, die +schließlich auch die stärkste Konstitution +untergräbt. Ein Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich +beschäftige nur Mädchen von sechzehn bis achtzehn Jahren +an der Nähmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind sie reif +für's Hospiz."<a name="FNanchor_553"></a><a href= +"#Footnote_553"><sup>553</sup></a> Und er hat nicht +übertrieben. Die Bleichsucht in all ihren Stadien, +Unterleibsleiden, Lageveränderungen der Gebärmutter, die +eine Mutterschaft fast unmöglich machen, neurasthenische +Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als böse +Gäste.<a name="FNanchor_554"></a><a href= +"#Footnote_554"><sup>554</sup></a> Wohl hat die Technik, wie +überall so auch hier, ein Mittel zur Hilfe geschaffen: statt +durch die Füße der Näherinnen kann die Maschine +durch Dampf oder Elektrizität in Bewegung gesetzt werden, aber +die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit +derselben Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwärts +gepeitschte Menschenkraft die Räder, als die motorische Kraft +es thun würde, und der Profit ist der einzige ausschlaggebende +Faktor.</p> + +<p>Furchtbarer als Dantes Hölle ist diese Welt der Arbeit, +bevölkert mit bleichen Gestalten, die sich auf wunden +Füßen nur schwer fortbewegen, deren Hände, aus +denen Behaglichkeit, Wärme, Schönheit, Nahrung, Kleidung +für die glücklicheren Menschen hervorgehen, bluten und +schwären, deren Rücken gekrümmt, deren Glieder +zerfressen sind von Giften, aus deren irren Blicken oft der +Wahnsinn starrt. Und doch fehlt zur Vollendung des Bildes noch +eins: dichte Wolken von Staub umhüllen die +Gestalten,—Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und +Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet +sich vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das +in den Proletariervierteln sein Wesen treibt: der +Lungenschwindsucht. Wer kann sagen, in welchem Industriezweig es am +meisten zu Hause ist: bei den Textilarbeitern, bei den +Tabakarbeitern, bei den Töpfern?! Es herrscht überall, wo +die Jagd nach Gewinn rücksichtslos über Menschenleichen +dahinbraust!</p> + +<p>Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns +vorüberzog? O ja; und es findet sich dort, wo es die Frau +nicht mehr allein, sondern durch sie auch ihre Kinder trifft. Das +Mädchen träumt noch von der Zukunft; es glaubt, die Ehe +wird sie aus dem Arbeitsjoch erlösen, darum bringt es seinem +Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der Mann ihm +entgegenbringt, für den er zum ausschließlichen +Lebensberuf werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf +Befreiung. Und ihre Not verschärft sich ins unerträgliche +durch den Anblick der Not ihrer Kinder. Wie häufig hört +man angesichts des Elends sagen: Die Leute sinds nicht anders +gewöhnt, sie spüren es nicht. So richtig es nun auch sein +mag, daß die im Elend Geborenen nicht die Empfindung +dafür haben, wie die, welche erst hineingestoßen wurden, +so falsch ist es, daß irgend eine Mutter in der Welt, und +wäre es die allerärmste, sich jemals an das Leid ihrer +Kinder gewöhnen wird. Kinderleid ist das größte auf +Erden, weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft.</p> + +<p>Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau +und zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre +die notwendigsten Bedürfnisse decken.<a name= +"FNanchor_555"></a><a href="#Footnote_555"><sup>555</sup></a> Eine +auskömmliche Lebenshaltung, bei der aber von einer +Befriedigung höherer Bedürfnisse,—Kunst, Theater, +Natur,—auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann, +ist erst mit einer jährlichen Einnahme von 2000 Mk. +möglich.<a name="FNanchor_556"></a><a href= +"#Footnote_556"><sup>556</sup></a> Es müßte demnach +für den ersten Fall eine tägliche Einnahme,—ohne +Unterbrechung!—von fünf Mark, im zweiten eine von fast +sieben Mark gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefällen +die Rede sein kann, lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. +Aeußerst selten nur erreicht der Mann allein solch einen +Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der Frau, die sich, nach +diesem Maßstab gemessen, als unbedingt notwendig erweist, +kann ihn nicht gewährleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk. +gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind +vollständig unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. +sind es, sobald mehr als zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt +geradezu wie Wahnsinn, und doch ist es Thatsache: je mehr Kinder +die Familie besitzt, je mehr also die Mutter zu Hause nötig +ist, desto notwendiger muß sie in die Fabrik. Und doch kann +sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaßen +behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der +Häuserwucher verschlingt zum großen Teil, was sie +erwirbt, und läßt ihr dafür eine elende Behausung, +die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre 1880 wurde in +deutschen Großstädten eine erschreckende Zahl +übervölkerter Wohnungen konstatiert<a name= +"FNanchor_557"></a><a href="#Footnote_557"><sup>557</sup></a>; die +Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik deckten +entsetzliche Zustände auf, die vielleicht nur noch von denen +in Wien übertroffen wurden.<a name="FNanchor_558"></a><a href= +"#Footnote_558"><sup>558</sup></a> Hier wurde z.B. ein Zimmer mit +Küche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten +bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem +Sofa teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem +Flur hauste ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 +qm Bodenfläche, fand sich eine siebenköpfige Familie! +Parterrewohnungen in Hinterhäusern, die mit dem engen Hofe auf +gleicher Höhe liegen, im Sommer heiße, im Winter +eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem heizbaren Raum, +oder ganz ohne Küche, sogenannte Kochstuben, als einzigen +Raum<a name="FNanchor_559"></a><a href= +"#Footnote_559"><sup>559</sup></a>,—das sind die Wohnungen, +in denen das Familienleben der Arbeiter sich abspielen und gedeihen +soll! Und doch sind auch diese vielfach noch unerschwingbar +für ihren schwindsüchtigen Beutel. In Nürnberg +kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in den +größten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, +im Dachgeschoß 4,15 Mk.<a name="FNanchor_560"></a><a href= +"#Footnote_560"><sup>560</sup></a> In den Fabrikstädten +Nordböhmens kostet ein cbm Luftraum jährlich nur um eine +Kleinigkeit weniger, als in den Palästen der Wiener +Ringstraße.<a name="FNanchor_561"></a><a href= +"#Footnote_561"><sup>561</sup></a> Nach einer Zusammenstellung des +Gewerbeaufsichtsbeamten für Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die +Summe, die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu +verausgaben hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er +müßte bis zu 57 Tagen arbeiten, um allein den Mietspreis +zu verdienen, während für die begüterten Schichten +der Bevölkerung die Ausgabe für Wohnungsmiete im +allgemeinen mit zehn bis höchstens zwanzig Prozent des +Einkommens angesetzt wird.<a name="FNanchor_562"></a><a href= +"#Footnote_562"><sup>562</sup></a> Die Armen haben also für +ihre elende Wohnung relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und +sind daher gezwungen, sie mit Fremden, Aftermietern und +Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht nur ohne Luft und Licht +aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der moralischen +Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn die +Hausfrau in die Fabrik gehen muß. Am frühen Morgen, +häufig ehe die Kinder erwachen, muß sie zur +Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis einundeinhalbstündige +Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich gewährleistet +wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und niemals um, wie +die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu besorgen. +Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen +aufgewärmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen +brodelnde auf den Tisch gestellt, in beiden Fällen ist aus den +an sich schon minderwertigen Speisen der Nährwert entflohen. +Am häufigsten begnügt sich die ganze Familie bis zur +Heimkehr der Mutter am Abend mit Butterbrot und Kaffee, dann erst +bereitet die übermüdete Frau die Hauptmahlzeit, dann +erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstündiger Arbeit, beginnt +ihre häusliche Thätigkeit. Sie näht und flickt und +wäscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so daß +ihr kaum fünf Stunden zum Schlafen übrig bleiben. +Vorzeitiges Altern, geistige und körperliche Erschöpfung +sind die Folgen. Oder sie kümmert sich um nichts mehr, wenn +die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgültig gemacht +hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen +diesen beiden Wegen allein hat sie zu wählen! Wie oft sie den +ersten wählt, dafür spricht die Bewunderung, mit der die +gewiß wenig enthusiastischen deutschen Fabrikinspektoren von +der Willensstärke, dem Opfermut und der unermüdlichen +Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.<a name= +"FNanchor_563"></a><a href="#Footnote_563"><sup>563</sup></a> Aber +selbst mit der Hingabe ihrer Kräfte können sie dem +Haushalt nicht die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter +ersetzen.</p> + +<p>Eine gründliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen +giebt es leider nicht. Die deutschen Erhebungen der +Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899 sind nach dieser +Richtung völlig ungenügend. Nur in siebzehn Bezirken von +78 wurden Untersuchungen darüber angestellt, und auch hier +handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen aber immerhin +genügendes Licht in dieses dunkle Bereich des +Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine +Zusammenstellung aller Ergebnisse:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Bezirk</th> +<th rowspan="3">Anzahl der<br /> +befragten Frauen</th> +<th rowspan="2" colspan="2">Von diesen Frauen<br /> +hatten Kinder</th> +<th colspan="6">Von den Kindern waren</th> +</tr> + +<tr> +<th colspan="2">noch nicht<br /> +schulpflichtig</th> +<th colspan="2">schulpflichtig</th> +<th colspan="2">schulentlassen</th> +</tr> + +<tr> +<th>absolut</th> +<th>%</th> +<th>absolut</th> +<th>%</th> +<th>absolut</th> +<th>%</th> +<th>absolut</th> +<th>%</th> +</tr> + +<tr> +<td>Oppeln</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">1057</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">765</td> +<td align="right">35</td> +<td align="right">886</td> +<td align="right">41</td> +<td align="right">509</td> +<td align="right">24</td> +</tr> + +<tr> +<td>Magdeburg</td> +<td align="right">2680</td> +<td align="right">1858</td> +<td align="right">70</td> +<td align="right">1283</td> +<td align="right">31</td> +<td align="right">1878</td> +<td align="right">45</td> +<td align="right">996</td> +<td align="right">24</td> +</tr> + +<tr> +<td>Minden</td> +<td align="right">1120</td> +<td align="right">701</td> +<td align="right">63</td> +<td align="right">703</td> +<td align="right">46</td> +<td align="right">804</td> +<td align="right">54</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="4"> </td> +<td colspan="3"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt= +"" /></td> +<td colspan="3"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Aachen</td> +<td align="right">2412</td> +<td align="right">1576</td> +<td align="right">65</td> +<td align="right">2859</td> +<td align="right">82</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">643</td> +<td align="right">18</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sigmaringen</td> +<td align="right">56</td> +<td align="right">29</td> +<td align="right">52</td> +<td align="right">37</td> +<td align="right">55</td> +<td align="right">21</td> +<td align="right">31</td> +<td align="right">9</td> +<td align="right">14</td> +</tr> + +<tr> +<td>Anhalt</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">805</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">511</td> +<td align="right">28</td> +<td align="right">742</td> +<td align="right">41</td> +<td align="right">577</td> +<td align="right">31</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bremen</td> +<td align="right">541</td> +<td align="right">411</td> +<td align="right">76</td> +<td align="right">428</td> +<td align="right">41</td> +<td align="right">628</td> +<td align="right">59</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Württemberg III</td> +<td align="right">175</td> +<td align="right">147</td> +<td align="right">84</td> +<td align="right">154</td> +<td align="right">47</td> +<td align="right">77</td> +<td align="right">23</td> +<td align="right">97</td> +<td align="right">30</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="4"> </td> +<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt= +"" /></td> +</tr> + +<tr> +<td>Darmstadt</td> +<td align="right">848</td> +<td align="right">522</td> +<td align="right">62</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">1513</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Offenbach</td> +<td align="right">843</td> +<td align="right">568</td> +<td align="right">67</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gießen</td> +<td align="right">510</td> +<td align="right">420</td> +<td align="right">82</td> +<td align="right">318</td> +<td align="right">32</td> +<td align="right">352</td> +<td align="right">35</td> +<td align="right">328</td> +<td align="right">33</td> +</tr> + +<tr> +<td>Oberbayern</td> +<td align="right">641</td> +<td align="right">347</td> +<td align="right">54</td> +<td align="right">1231</td> +<td align="right">54</td> +<td align="right">844</td> +<td align="right">37</td> +<td align="right">188</td> +<td align="right">9</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="4"> </td> +<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt= +"" /></td> +</tr> + +<tr> +<td>Niederbayern</td> +<td align="right">329</td> +<td align="right">232</td> +<td align="right">74</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">690</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="4"> </td> +<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt= +"" /></td> +</tr> + +<tr> +<td>Pfalz</td> +<td align="right">1978</td> +<td align="right">1348</td> +<td align="right">70</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">3208</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td>Oberpfalz</td> +<td align="right">213</td> +<td align="right">165</td> +<td align="right">77</td> +<td align="right">143</td> +<td align="right">37</td> +<td align="right">154</td> +<td align="right">39</td> +<td align="right">93</td> +<td align="right">24</td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="4"> </td> +<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt= +"" /></td> +</tr> + +<tr> +<td>Unterpfalz</td> +<td align="right">388</td> +<td align="right">272</td> +<td align="right">70</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">578</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +</tr> + +<tr> +<td colspan="4"> </td> +<td colspan="6"><img src="./images/brace.png" width="100%" alt= +"" /></td> +</tr> + +<tr> +<td>Zittau</td> +<td align="right">4494</td> +<td align="right">2523</td> +<td align="right">56</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right">4484</td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +<td align="right"> </td> +</tr> +</table> + +<p>Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, daß 65 % aller +Frauen Kinder haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, +darunter 90 Kinder unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im +allgemeinen 201 Kinder, die noch nicht der Schule entwachsen sind. +Legen wir denselben Maßstab an sämtliche verheiratete +Arbeiterinnen an, wie die deutsche Berufszählung von 1895 sie +zählte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 % aller verheirateten +Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch zu Hause sind. +Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil die +ledigen Mütter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. +Es dürfte wohl kaum übertrieben sein, wenn wir sagen, +daß etwa eine halbe Million Kinder unter 14 Jahren in +Deutschland Arbeiterinnen zu Müttern haben, also so gut wie +mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit beginnt schon in der +allerersten Lebenszeit der Säuglinge: Kaum vier Wochen nach +der Geburt muß die Mutter wieder zur Arbeit zurück, ja +wo die Not groß ist, versucht sie noch viel früher etwas +zu verdienen, indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch +verschlossen sind, durch Waschen, Nähen oder Reinemachen das +Nötigste zum Leben zu schaffen versucht. Die Nahrung, die eine +gütige Natur dem mütterlichen Weibe für das hilflose +kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt; noch +häufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte +Ernährung während der Entwicklungsjahre des Mädchens +und während der Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung +treten lassen. Statt dessen wurde im Mutterleibe schon das Kind +vergiftet; man hat im Fruchtwasser, wie im Fötus all +diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und durch die Poren +in den Körper der Arbeiterin eindringen: Blei, Quecksilber, +Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; häufig schädigen sie +sogar die Frucht mehr als die Mutter<a name="FNanchor_564"></a><a +href="#Footnote_564"><sup>564</sup></a>, und für die +Erblichkeit der Tuberkulose, jener eigentlichen +Proletarierkrankheit, spricht deutlicher als das Urteil +medizinischer Autoritäten ein Blick auf die Kinder in den +Proletariervierteln.</p> + +<p>Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der +Säuglinge, ist die Folge der ursprünglichen Infizierung +und der Entziehung der Muttermilch. Nur sieben von tausend mit +Muttermilch genährten Kindern pflegen im ersten Lebensjahr zu +sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten genährten +dagegen 125, und zu ihnen gehören die meisten Arbeiterkinder. +Nur 8 % der Kinder der höheren Stände sterben im ersten +Lebensjahr, für die Kinder des Proletariats steigt die +Sterbeziffer bis auf 30 %<a name="FNanchor_565"></a><a href= +"#Footnote_565"><sup>565</sup></a> Im reichsten Wiener Stadtviertel +kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr auf 870 Bewohner, im +Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im wohlhabenden Viertel der +Berliner Friedrichstadt starben von 1000 Säuglingen 148, im +armen des Wedding 346.<a name="FNanchor_566"></a><a href= +"#Footnote_566"><sup>566</sup></a> In den Fabrikbezirken am +Niederrhein starb die Hälfte der Arbeiterkinder im ersten +Lebensjahr<a name="FNanchor_567"></a><a href= +"#Footnote_567"><sup>567</sup></a>; die verheirateten +Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts verloren 23 % ihrer Kinder im +gleichen Alter.<a name="FNanchor_568"></a><a href= +"#Footnote_568"><sup>568</sup></a> Wie sehr die +Säuglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im +Zusammenhang steht, geht aus seinem Wachstum in den +Industriezentren hervor. In Berlin ist sie während eines +vierjährigen Zeitraumes fast um das Doppelte<a name= +"FNanchor_569"></a><a href="#Footnote_569"><sup>569</sup></a>, in +Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899 gestiegen.<a +name="FNanchor_570"></a><a href="#Footnote_570"><sup>570</sup></a> +Die Beschäftigungsarten der Mütter sind dabei von +größtem Einfluß In Bezirken der englischen +Textilindustrie starben von 100 22, in denen der deutschen 38 +Säuglinge im ersten Lebensjahr.<a name="FNanchor_571"></a><a +href="#Footnote_571"><sup>571</sup></a> Von 100 Kindern der +Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger als 48 im +Säuglingsalter.<a name="FNanchor_572"></a><a href= +"#Footnote_572"><sup>572</sup></a> Der höchste Prozentsatz der +Säuglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der +Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen +sind dem Tode verfallen<a name="FNanchor_573"></a><a href= +"#Footnote_573"><sup>573</sup></a>, noch viel mehr erblicken gar +nicht das Licht der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, daß +Frauen, welche Kinder haben wollen und sich schwanger fühlen, +die Tabakfabrik verlassen, während schwangere Mädchen +darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von Tabakarbeiterinnen +lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie meist +gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod +aus den Brüsten der Mütter, deren Milch von Nikotin +durchsetzt ist.<a name="FNanchor_574"></a><a href= +"#Footnote_574"><sup>574</sup></a> Dabei beschäftigt die +Tabakindustrie nächst der Textilindustrie die meisten Frauen! +Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen Kinder +lebendig zur Welt. So war ein Fürther Spiegelbeleger dreimal +mit Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein +einziges lebte und auch die Mütter starben sämtlich an +der Auszehrung.<a name="FNanchor_575"></a><a href= +"#Footnote_575"><sup>575</sup></a> In einem anderen Fall hatte eine +Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht Fehlgeburten, eine +Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fünf Monaten +starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in +Plättereien, Glasbläsereien u.s.w., auf das keimende +Leben. Wo es nicht geschieht, wächst ein skrophulöses, +rachitisches, schwachsinniges Kind heran.<a name= +"FNanchor_576"></a><a href="#Footnote_576"><sup>576</sup></a> So +werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben unschuldiger Kinder +geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die Gefahren, die sie +bedrohen, nicht geringer. Die Straße ist ihr Spielplatz, ihre +Erziehungsanstalt; daß sie, besonders in den +Großstädten, keinen günstigen Einfluß +übt, daß der physische und moralische Schmutz, den sie +vielfach ausströmt, an den Kindern hängen bleiben kann, +bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen Gefahren +gegenüber nicht blind. Sie möchte ihre Kinder davor +behüten und kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie +schließt die Kinder bis zu ihrer Rückkehr im Zimmer ein, +sie bindet sie im Bettchen fest, sie wird grausam aus lauter +ängstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann kommt es zu jenen +schrecklichen Unglücksfällen, von denen die Zeitungen so +häufig berichten, und denen gegenüber der behäbige +Bürger nicht genug über die "Roheit" der proletarischen +Mütter zetern kann. Die armen Kleinen kommen dem Ofen zu nahe +und verbrennen, sie greifen in das Waschfaß, verlieren das +Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum Fenster, um doch +wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu +vertreiben—Spielzeug, das sie beschäftigen könnte, +haben sie ja nicht—und stürzen kopfüber auf den +Hof, sie verwickeln sich im Bettchen und die Mutter findet, +heimkehrend, ihr Jüngstes erstickt unter dem Kissen.</p> + +<p>Neben all diesen äußeren und inneren Gefahren, die +die Kinder der Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, +giebt es aber noch andere, denen sie unterworfen sind, wenn die +Mutter heimkehrt. Sie hat auch dann keine Zeit für ihre +Kinder. Einen erzieherischen Einfluß auf sie kann sie nur in +oberflächlichster Weise ausüben. Sie hat keine Ruhe, um +ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der +unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist +durch den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so +hat sie ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfüllen und +begeistern könnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon +eine gute Mutter, wenn sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen +ausreichend zu essen gab und sie nicht betteln schickte. Aber eine +Freundin der heranwachsenden Kinder hat sie nur in seltenen +Fällen zu werden vermocht. Und doch beruht gerade auf dem +geistigen und sittlichen Einfluß der Mutter ein gut Teil der +Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in Herz und +Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm völlig +verwehen, aus ihm wächst häufig der starke Baum empor, +der dem erwachsenen Menschen den einzigen Schutz gewährt. So +wird die Ueberlastung der Mutter zum Fluch für die Kinder und +für die Gesellschaft, deren Glieder sie sind, deren gute und +schlechte Entwicklung mit von ihnen abhängt.</p> + +<p>Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu +leiden: sie hat auch für ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, +die sie daheim verbringt, muß sie der Haushaltung und den +Kindern widmen. Ist die Arbeit gethan, so sinkt sie müde aufs +Bett, unfähig, an anderen Dingen teil zu nehmen als an den +täglichen, sie umdrängenden Sorgen. So wird sie oft dem +Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht und +sie bekämpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen +kosten. Gelangweilt, verärgert, von der unordentlichen +Wirtschaft und dem schlechten Essen angewidert, sucht so mancher +seine Zuflucht mehr und mehr in der Kneipe und im +Alkoholgenuß.</p> + +<p>Für die Frau persönlich bedeutet die Ueberlastung mit +Arbeit den körperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, +daß sie unnatürlich früh altert—seht doch die +Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig Jahren schon alte +Frauen!—sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen +Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe +gönnen, auch wenn sie der Ruhe bedürftig ist, darum +stellen sich Leiden aller Art bei ihr ein, die entweder ihr ganzes +Leben vergiften, sie arbeitsunfähig machen oder einem +frühen Tode entgegenführen.</p> + +<p>So hart wie ihren Körper trifft die Ueberlastung ihren +Geist. Ihm, dem schon die Volksschule nur die +allernotdürftigste Nahrung zuführte, vermag sie noch +weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle des +Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch +die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt +an den Fragen des öffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit +dazu, sich satt zu trinken.</p> + +<p>Je mehr die Frau in die Großindustrie eindringt, desto +mehr werden sich all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und +vergrößern, die wir geschildert haben.</p> + +<p>Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit +stützen wird, desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die +beide auf dem Wege der Emanzipation des Weibes liegen: die +lohndrückende und die arbeitszeitverkürzende Tendenz +ihrer Arbeit. Unter Lohndrückung verstehe ich hier die Hemmung +einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich entwickeln +würde, wenn der Mann der alleinige Ernährer der Familie +bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto näher +rückt das weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner +Befreiung, der ökonomischen Selbständigkeit. Daß +tiefgehende Umwandlungen sowohl des Familien- und häuslichen, +als des öffentlichen Lebens damit in Verbindung stehen werden, +beweist nur nochmals, welche revolutionierende Macht der +Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem Gebiete +der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz +war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der +Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei +zeigt sich aber, daß sie notwendig auch die Regelung der +männlichen Arbeitszeit nach sich ziehen muß. In allen +Industrien, wo Männer und Frauen beschäftigt werden, +regelt sich schon jetzt die männliche Arbeitszeit nach der der +Frauen, weil anderenfalls Betriebsstörungen eintreten +würden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird +zunächst für die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der +geradezu völkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, +eintreten müssen und wieder auf die Männer +zurückwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich dann +als notwendig erweisen, da es aber an männlichen +Arbeitskräften mangelt, wird Platz geschaffen für die in +immer stärkerem Maße arbeitsuchenden Frauen. Und ganz +allmählich wird die befreiende Macht der Arbeit auch an ihnen +zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon treten heute schon +hervor: es entwickelt sich gerade aus der Arbeiterschaft heraus ein +Geschlecht thatkräftiger, geistig und materiell +selbständiger Frauen, die beginnen, über den engen Kreis +ihrer Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spüren, +die bisher fast nur zu stumpfer Resignation geführt haben, und +an ihrer Lösung mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis +der eigenen Lage ist das erste Mittel, sich aus ihr zu +befreien.</p> + +<a name="6_2" /> +<h3>Hausindustrie und Heimarbeit</h3> + +<p>Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit +überblickt, der sieht nichts als eine gleichmäßige +graue Oede: Arbeit und Not,—Not und Arbeit. Die Unterschiede, +die zu Tage treten, sind nichts als Variationen desselben Themas. +Was für die Arbeiterin in der Großindustrie gilt, das +gilt ebenso für die in der Hausindustrie, im Handel oder im +persönlichen Dienst Beschäftigte. Es kann daher für +uns nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung +stehende Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres +Elends aufzudecken, ohne das Allgemeingültige nochmals zu +wiederholen. Die Hausindustrie ist allzu reich an Zügen, die +uns zwar in der Großindustrie schon begegneten, dort aber +gewissermaßen nur die ersten Sorgenfalten des Antlitzes +waren, während sie hier jenen tiefen Furchen gleichen, die ein +Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute +unauslöschlich eingeprägt hat. Alles ist hier ins +Ungeheuerliche vergröbert und vergrößert: die +Niedrigkeit der Löhne, die schlechten Wohnungen und +Arbeitsstätten und ihre physischen und moralischen +Folgeerscheinungen. Das gilt für beide Organisationsformen der +Hausindustrie—die Heimarbeit und die +Werkstattarbeit—und in höchstem Maße für +diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating +System" sich einer traurigen Berühmtheit erfreut. Einzelbilder +aus denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche +Arbeit eine bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten +erhärten.</p> + +<p>Betrachten wir zunächst die Textilindustrie, deren +hausindustrieller Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen +verzweifelten Kampf um seine Existenz zu kämpfen hat, der um +so härter ist, als die Schwächsten ihn auszufechten +haben.</p> + +<p>Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid +und Grauen zerfließen, gehen eine Stunde später mit dem +beruhigten Gefühl nach Hause, daß alles, was sie +hörten und sahen, einer längstverflossenen Zeit +angehört. Thatsächlich aber sahen sie ein Spiegelbild des +Elends von heute. Die böhmischen Weber z.B. wohnen in ihrer +übergroßen Mehrzahl in Hütten, in deren oft +einzigem Raum neben dem Webstuhl der Herd und die Lagerstätten +der Familie sich befinden. Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen +und gearbeitet; zwischen den verwahrlosten Kindern treiben sich im +Winter auch noch Hühner und Ziegen herum. Eine dicke, +feuchtwarme Luft schlägt dem Eintretenden daraus entgegen, zu +ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster geschlossen. Der +üble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfähige und +giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst +der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem +Staub des Webens. Dabei ist an gründliche Reinigung kaum je zu +denken,—denn die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit +gezwungen,—Küchenabfall, schmutzige Wäsche und +dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs äußerste. Oft +steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich +daran ablösen; eine vierzehn-, sechzehn- und +achtzehnstündige Arbeitszeit gehört nicht zu den +Seltenheiten.<a name="FNanchor_577"></a><a href= +"#Footnote_577"><sup>577</sup></a> Vom sechsjährigen Kinde an +bis zum Greise ringt ein jedes in unablässigem Mühen um +sein Stück Brot.<a name="FNanchor_578"></a><a href= +"#Footnote_578"><sup>578</sup></a> Zeiten der Arbeitslosigkeit +bedeuten Hunger; überfallen Schneeverwehungen die im Gebirge +wohnenden Weber, die dadurch oft auf Monate vom Arbeitgeber +abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in erschreckender Weise +zu.<a name="FNanchor_579"></a><a href= +"#Footnote_579"><sup>579</sup></a></p> + +<p>Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit +des Betriebs auf der anderen Seite stehen die Löhne in +schreiendem Mißverhältnis. Das Weben feiner +Leinengewebe, z.B. der Damast-Tischgedecke, die sich vorläufig +von der Maschine nicht in derselben Güte herstellen lassen, +bringt noch am meisten ein, und doch verdient ein Arbeiter bei +größter Ausnutzung seiner Kräfte selten mehr als 7 +fl. die Woche<a name="FNanchor_580"></a><a href= +"#Footnote_580"><sup>580</sup></a> ein Shawlweber kann es bis auf +10 fl. bringen, wenn er von früh vier Uhr bis abends zehn Uhr +zu arbeiten im stande ist.<a name="FNanchor_581"></a><a href= +"#Footnote_581"><sup>581</sup></a> Der häufigste +Jahresverdienst böhmischer Weberfamilien schwankt zwischen 120 +und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen erhalten werden +müssen!<a name="FNanchor_582"></a><a href= +"#Footnote_582"><sup>582</sup></a> Eine achtgliedrige Familie, die +sich in der besonders günstigen Lage befand, über eine +Jahreseinnahme von 350 fl. zu verfügen, gab täglich +für Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; für alle +übrigen Ausgaben blieben 70 fl. übrig. Eine Witwe mit +nicht weniger als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im +Jahr trotz allem Fleiß aufbringen<a name= +"FNanchor_583"></a><a href="#Footnote_583"><sup>583</sup></a>, d.h. +diese elf Personen mußten mit fünfundfünfzig +Kreuzern täglich ihre sämtlichen Bedürfnisse +befriedigen! Ein Arbeiter, der mit Frau und Kindern sogenannte +Putzel-Leinwand herstellte, verdiente 1,48 fl. die Woche; ein +anderer, der leichte Baumwollwaren unter Mithilfe seiner Familie +webte, kam bei zwölfstündiger Arbeitszeit aller auf 1,20 +fl.<a name="FNanchor_584"></a><a href= +"#Footnote_584"><sup>584</sup></a> Unter den alleinarbeitenden +Frauen sind die Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie +erreichen den hohen Lohn von—2 fl. wöchentlich.<a name= +"FNanchor_585"></a><a href="#Footnote_585"><sup>585</sup></a> Die +Spulerinnen der Baumwollunterketten für Plüschgewebe +dagegen,—meist lebensmüde Greisinnen mit zitternden +Händen und gekrümmten Rücken,—kommen bei +großem Fleiß auf 1,10 fl. die Woche<a name= +"FNanchor_586"></a><a href="#Footnote_586"><sup>586</sup></a>, und +die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor fünfzehn +Jahren für 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter +auf 75 kr., wobei häufig vier volle Arbeitstage darauf +gehen.<a name="FNanchor_587"></a><a href= +"#Footnote_587"><sup>587</sup></a> Wie es bei solchen Löhnen +mit der Ernährung der Bevölkerung aussieht,—allein +im Königgrätzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber +gezählt<a name="FNanchor_588"></a><a href= +"#Footnote_588"><sup>588</sup></a>,—bedarf keiner +näheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch ein besonderes +Glück, wenn der Weber überhaupt seinen Lohn zu sehen +bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, +dem eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Händen +haben, beschäftigen nur solche Weber, die von vornherein auf +den Geldlohn verzichten und sich durch Waren aus ihren +Kramläden entschädigen lassen. Manche arme Mutter, deren +Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen mit irgend einem +wertlosen Stück Stoff, einem Tuch od. dergl. nach Hause. Ist +der Faktor Gastwirt, so verführt er den Weber, Branntwein +statt Lohn zu nehmen<a name="FNanchor_589"></a><a href= +"#Footnote_589"><sup>589</sup></a>, was den vollständigen Ruin +der unglücklichen Familien herbeiführt. Aber das ist noch +nicht alles: wird der Lohn gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch +willkürliche Schadenersatz- oder Strafgelder oft bis zur +Hälfte hinabzudrücken<a name="FNanchor_590"></a><a href= +"#Footnote_590"><sup>590</sup></a> und der in seiner Vereinzelung +wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit vor Augen +sieht, fügt sich stumm darein. Ja, er entschließt sich +sogar, den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu +bestechen, um der Arbeit sicher zu sein.<a name= +"FNanchor_591"></a><a href="#Footnote_591"><sup>591</sup></a></p> + +<p>Gegenüber solchen Zuständen kann man sich nicht einmal +damit trösten, daß sie sich etwa auf den einen +Landstrich beschränken, denn sie herrschen überall, wo +die motorisch getriebene Maschine im Großbetrieb noch nicht +hat Einzug halten können. In Belgien z.B., wo die mechanische +Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat<a +name="FNanchor_592"></a><a href="#Footnote_592"><sup>592</sup></a>, +mußte sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, +wie der feinen Battiste überlassen.<a name= +"FNanchor_593"></a><a href="#Footnote_593"><sup>593</sup></a> +Seltsam genug: die Luxusartikel der Reichsten werden in den +elendesten Höhlen des Jammers von den Händen der +Ärmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten +meist in feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fäden am Brechen +zu verhindern.<a name="FNanchor_594"></a><a href= +"#Footnote_594"><sup>594</sup></a> Sie erblinden infolgedessen +häufig und ihre Glieder krümmen sich unter rheumatischen +und gichtischen Schmerzen. Wie in Böhmen haust die ganze +Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie dort ist der Lohn +ein kläglicher. Die geschickteste Weberin feiner Leinwand +verdient im günstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit +1,80 fr. täglich, während Wochenlöhne von 3 fr. gar +nicht selten sind.<a name="FNanchor_595"></a><a href= +"#Footnote_595"><sup>595</sup></a> Ein trauriges Bild, das sich den +geschilderten würdig anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie +Frankreichs. Schon die Zucht der Seidenraupen in den +Privathäusern, die hauptsächlich in den Händen der +Frauen liegt, ist im höchsten Grade widerlich: jeder Winkel +der Wohnung wird dafür ausgenutzt, Massen von welken +Blättern, toten Raupen und ihren Exkrementen bedecken den +Boden und verbreiten ekelhafte Gerüche; mitten darin wohnt, +schläft und kocht die ganze Familie.<a name= +"FNanchor_596"></a><a href="#Footnote_596"><sup>596</sup></a> In +den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die +Ausdünstung des heißen, klebrigen Wassers, in das sie +bei der Arbeit unaufhörlich die Hände tauchen +müssen, atembeklemmend. Die Lyoner Seidenweber, von denen die +Hälfte weiblichen Geschlechts sind, haben es nicht besser. +Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der Länge +ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882 +fr.<a name="FNanchor_597"></a><a href= +"#Footnote_597"><sup>597</sup></a> Eine der besten Lyoner +Hausweberinnen, die ein siebenjähriges Kind zu versorgen hatte +und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte folgendes Budget auf:<a +name="FNanchor_598"></a><a href= +"#Footnote_598"><sup>598</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Wohnung</td> +<td align="right">130,00 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Nahrung</td> +<td align="right">653,35 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Heizung</td> +<td align="right">34,80 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleidung</td> +<td align="right">63,80 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>918,45 fr.</td> +</tr> +</table> + +<p>Trotzdem sie für Nahrung täglich nur 1,80 fr. +rechnete, und die Kleidung für das Kind durch ihren Bruder +beschafft wurde, muß das Defizit ein bedeutend höheres +sein, als sie angab, weil sie weder für Krankheit, noch +für Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. +Wohlthätigkeit oder Prostitution sind die einzigen Mittel, um +es wett zu machen; die Arbeiterin, die sich aufreibt von früh +bis spät, hat dafür nicht einmal die Genugthuung, durch +eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu können,—sie +muß betteln gehen oder sich verkaufen!</p> + +<p>Fast an jedem Stück unserer Kleidung und unseres Hausrats +kleben der Schweiß und die Thränen unglücklicher +Frauen. Für elegante Brustbesätze von Hemden, die den +gepflegten Körper reicher Damen umhüllen und für die +sie selbst drei bis fünf Gulden zahlen müssen, +empfängt die Stickerin des Erzgebirges nur sechzehn bis +achtzehn Kreuzer, für kunstvoll gestickte Bettdecken, die ihr +weiches Lager umhüllen, und bei einer täglichen +Arbeitszeit von zwölf bis fünfzehn Stunden fünf +Wochen zur Fertigstellung erfordern, empfängt die Arbeiterin +ganze—fünf Gulden!<a name="FNanchor_599"></a><a href= +"#Footnote_599"><sup>599</sup></a> Die gestickten Röckchen und +Häubchen, die die zarten Glieder glücklicher Kinder +wärmen, bringen den böhmischen Strickerinnen zwanzig +Kreuzer den Tag.<a name="FNanchor_600"></a><a href= +"#Footnote_600"><sup>600</sup></a> Ob wohl die Heldinnen +großstädtischer Feste, deren von Füttern und Perlen +glitzerndes Kleid sie wie eine Schlangenhaut umgiebt, jener +vogesischen Stickerinnen gedenken, die in zwölf- und +vierzehnstündiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder zur +Arbeit angenommenen Kinder diese verführerischen Gewänder +herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?!<a +name="FNanchor_601"></a><a href="#Footnote_601"><sup>601</sup></a> +Auch die goldgestickten Uniformen der Männer können vom +Elend derer, die sie schufen, erzählen. Eine fleißige +französische Goldstickerin mit einem dreijährigen Kind +hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und eine Ausgabe für +die notwendigsten Bedürfnisse von 707,90 fr. Das Defizit +erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glücklicherweise +jemanden, der das deckt."<a name="FNanchor_602"></a><a href= +"#Footnote_602"><sup>602</sup></a> Eine ihrer Kolleginnen in Paris +verdiente wöchentlich bei elfstündiger Arbeitszeit 11,50 +fr., womit sie kaum ihre Ernährung beschaffen konnte; "sie hat +einen Liebhaber, Gott sei Dank," sagte ihre Nachbarin auf eine +mitleidige Frage.<a name="FNanchor_603"></a><a href= +"#Footnote_603"><sup>603</sup></a> Dabei bietet diese ganze +Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Löhne, +denn die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine +Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wöchentlich verdiente, +stand sie sich zehn Jahre später bereits auf 17 bis +höchstens 23 Mk.<a name="FNanchor_604"></a><a href= +"#Footnote_604"><sup>604</sup></a></p> + +<p>Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger +Feind. Nach Hunderttausenden schätzte Leroy-Beaulieu noch vor +dreißig Jahren die französischen Spitzenarbeiterinnen.<a +name="FNanchor_605"></a><a href="#Footnote_605"><sup>605</sup></a> +Ihre Zahl ist heute sehr zusammengeschrumpft. Eine blühende +Industrie war einst die böhmische Spitzenklöppelei, heute +vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu ernähren. Sechzehn +bis achtzehn Stunden muß die Klöpplerin über dem +Kissen gebückt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von +30—sage und schreibe dreißig!—bis höchstens +100 Gulden erreichen will. Fünfjährige Kinder müssen +schon acht Stunden täglich neben der Mutter sitzen und +klöppeln, um drei bis zwölf Kreuzer zu verdienen. Ein +elendes Geschlecht wächst unter solchen Umständen heran, +tuberkulös und skrophulös, physisch und geistig +herabgekommen.<a name="FNanchor_606"></a><a href= +"#Footnote_606"><sup>606</sup></a> Im klassischen Lande der +Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom +sechsten Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwölf Stunden +täglich in feuchter Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 +fr. im Jahre zu verdienen.<a name="FNanchor_607"></a><a href= +"#Footnote_607"><sup>607</sup></a> Bei einer jährlichen +Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen Mark, stehen sich +die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c. täglich.<a +name="FNanchor_608"></a><a href="#Footnote_608"><sup>608</sup></a> +Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner +Spitzennäherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen +Satz nur dann, wenn bei täglicher zwölfstündiger +Arbeitszeit im Laufe des Jahres keine Arbeitsunterbrechung +stattfindet. Dasselbe gilt für die Schleierarbeiterinnen, die +dabei noch schlimmer daran sind, weil sie keine differenzierte +Arbeit haben, wie die Spitzennäherinnen; alle Tage, zwölf +Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen +auf das feine Gewebe.<a name="FNanchor_609"></a><a href= +"#Footnote_609"><sup>609</sup></a> Zehrende Krankheiten sind das +Gefolge der Spitzenarbeit. Noch schärfer als in der Fabrik +wirkt das Blei, das zur Appretur angewendet wird, auf die +Arbeiterinnen; fast alle weisen Zeichen der Vergiftung auf, neben +rasch abnehmender Sehkraft.<a name="FNanchor_610"></a><a href= +"#Footnote_610"><sup>610</sup></a> Auch hier ist die Lage +völlig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte +Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen.</p> + +<p>Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu können, +daß die Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und +die Zustände, die sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. +Dies Sterben ist aber leider nicht nur ein außerordentlich +langsames, dieselben Verhältnisse finden sich vielmehr auch +bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht leben und nicht +sterben können. Sehen wir z.B. jene englischen Heimarbeiter +an, die Zündholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet +eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der +ganze, auch im Sommer geheizte Raum ist erfüllt mit +trocknenden Schachteln, Geruch von schlechtem Leim erfüllt die +Luft, und 7 sh. wöchentlich ist die höchste zu erzielende +Einnahme.<a name="FNanchor_611"></a><a href= +"#Footnote_611"><sup>611</sup></a> Oder betrachten wir jene in den +Dörfern und Flecken Böhmens verstreuten +Glasarbeiter-Familien, deren Frauen die schwersten und +gesundheitsschädlichsten Arbeiten obliegen; stundenweit, bei +jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden müssen sie die +schweren Lastkörbe schleppen, um Waren abzuliefern und +Material zu holen<a name="FNanchor_612"></a><a href= +"#Footnote_612"><sup>612</sup></a>, oder sie sind mit der +Glasmalerei beschäftigt und infolge der bleihaltigen Farben +Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.<a name="FNanchor_613"></a><a +href="#Footnote_613"><sup>613</sup></a> Blaß und +hohläugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen +Thüringens. Um den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen +Glanz zu geben, blasen die Mädchen eine übelriechende, +oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte von Fischschuppen und +Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und augenkrank, aber sie +erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75 Pf. +täglich!<a name="FNanchor_614"></a><a href= +"#Footnote_614"><sup>614</sup></a> Noch elender daran sind die +belgischen Strohflechterinnen, die täglich 47 bis 57 c. +verdienen, und dabei vollständig in den Händen des +Faktors sind, der sie am liebsten mit Waren entlohnt.<a name= +"FNanchor_615"></a><a href="#Footnote_615"><sup>615</sup></a></p> + +<p>Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne +Anstoß von außen, ihrem natürlichen Verfall +entgegen, so wäre damit die Hausindustrie an sich nicht aus +der Welt geschafft. Denn wie sie einerseits durch die +Großindustrie erdrückt wird,—ein Prozeß, der +in der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck +kommt,—so werden ihr andrerseits durch sie neue Gebiete +eröffnet, auf denen eine fast grenzenlose +Ausbreitungsmöglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation +des Großbetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf +hervor; hier ist die Heimarbeit überall in starkem Zunehmen +begriffen<a name="FNanchor_616"></a><a href= +"#Footnote_616"><sup>616</sup></a>, obwohl deren Schäden zum +Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit spielt hier eine +solche Rolle, daß, wo eigene Kinder fehlen, fremde, +sogenannte Kaufkinder angenommen werden.<a name= +"FNanchor_617"></a><a href="#Footnote_617"><sup>617</sup></a> Es +kommen Räume von kaum zwei Meter Höhe vor, in denen +Frauen mit fünf bis acht Kindern den ganzen Tag Cigarren +machen; in Küchen und Schlafkammern wird der zum Entrippen +angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so daß der Tabakdunst +nicht mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.<a name= +"FNanchor_618"></a><a href="#Footnote_618"><sup>618</sup></a> +Welche Folgen die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir +schon erfahren. Dabei verdient eine ganze, aus Mann, Frau und +Kindern bestehende hart arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, +während eine alleinstehende Frau mit einem Kind auf 6 bis +höchstens 10 Mk. rechnen kann.<a name="FNanchor_619"></a><a +href="#Footnote_619"><sup>619</sup></a> Welche Gefahren die +hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch für die +Konsumenten mit sich bringt, dafür nur ein Beispiel: In +New-York fand ein Sanitätsinspektor eine Familie, die in +derselben engen Kammer Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an +Diphtheritis schwer krank danieder lagen.<a name= +"FNanchor_620"></a><a href="#Footnote_620"><sup>620</sup></a></p> + +<p>Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die +Spielwarenindustrie, die von alters her eines der traurigsten +Kapitel der Hausindustrie bildet und weiter bilden wird, weil der +Großbetrieb sich besonders für billiges Spielzeug als +weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In ihrer +deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten +Lohn- und Wohnungsverhältnisse. Typisch war eine Behausung, +die aus Küche und Kammer bestand. Die Küche, zugleich +Wohn- und Arbeitsraum, wurde dauernd geheizt, damit die ringsum +aufgeschichteten Sachen, Puppenköpfe und dergleichen, +schneller trocknen; die kaum ventilierbare Kammer war durch zwei +bis drei Betten ganz ausgefüllt, in denen oft zwei- bis +dreimal so viel Menschen schliefen. Die Beköstigung bestand +neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der +Fleischer Würste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die +aus dem Rindfleisch als unbrauchbar entfernt werden.<a name= +"FNanchor_621"></a><a href="#Footnote_621"><sup>621</sup></a> Diese +Ernährung soll dem Körper Kräfte genug verleihen, um +in der Hochsaison eine tägliche Arbeitszeit von achtzehn bis +zwanzig Stunden auszuhalten.<a name="FNanchor_622"></a><a href= +"#Footnote_622"><sup>622</sup></a> Dabei waren die Löhne so +elend,—eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei +angestrengter Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die +Woche, mußte sich aber mit diesem Verdienst auch noch +über eine vier- bis sechsmonatliche Arbeitslosigkeit +hinweghelfen<a name="FNanchor_623"></a><a href= +"#Footnote_623"><sup>623</sup></a>,—daß die Drechsler +sich ihr Holz stehlen mußten, um nur existieren zu +können.<a name="FNanchor_624"></a><a href= +"#Footnote_624"><sup>624</sup></a> Man sage nicht, daß diese +Zustände zwanzig Jahre hinter uns liegen und überwunden +sind; denn heute ist das Elend in der Thüringer +Spielwarenindustrie noch viel größer.<a name= +"FNanchor_625"></a><a href="#Footnote_625"><sup>625</sup></a> Eine +Drückerfamilie, die aus Papiermaché Spielzeug +herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen, +heißen Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein +Säugling in der Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, +ein Stuhl, eine einzige Schüssel, die zum Waschen und Essen +gleichzeitig benutzt wurde, bildeten die ganze Einrichtung; dem +gegenüber hatte der Pfarrer des Orts die Stirn, zu behaupten, +daß alle Leute gut und angenehm wohnen<a name= +"FNanchor_626"></a><a href="#Footnote_626"><sup>626</sup></a>! Die +Löhne sind von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Heute +verdient z.B. eine Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von +25 bis 30 cm Länge, mit Aermeln, Schleifen, Spitzen und +Knöpfen nicht mehr als 12 bis 20 Pf.<a name= +"FNanchor_627"></a><a href="#Footnote_627"><sup>627</sup></a> Die +beliebten Puppentäuflinge liefert der Sonneberger +Hausindustrielle für 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro +Stück—1 Pf. verdient! Eine Bossiererfamilie von vier +erwachsenen Personen kommt bei täglicher,—den Sonntag +mitgerechnet,—vierzehn-bis fünfzehnstündiger +Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von +34 Pf. täglich für die Person.<a name= +"FNanchor_628"></a><a href="#Footnote_628"><sup>628</sup></a> +daß unter solchen Verhältnissen die Männer sich +bemühen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die +Schwächsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie +auf. 81 % der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger +Spielwarenindustrie zur Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den +Schulstunden oft bis zehn und zwölf Uhr nachts, drängt +die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr, ehe sie zur Ruhe +kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert, daß +im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose +Erwachsene gegenüberstanden.<a name="FNanchor_629"></a><a +href="#Footnote_629"><sup>629</sup></a> Auch in anderen Zweigen der +Spielwarenindustrie müssen die Mütter nicht nur all ihre +Kräfte daran geben, um einen nennenswerten Verdienst zu +erreichen, sie sind auch noch gezwungen, das Liebste, was sie +haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem unersättlichen Moloch +in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der Zinnsoldaten +hauptsächlich in ihren Händen. Sie sitzen beide +blaß und still vor den Farbentöpfen, nur die Hände +fieberhaft bewegend; das arme Kind mit dem alten, müden Zug um +Mund und Augen wendet teilnahmlos die bunten Figürchen in den +Händen, es weiß gar nicht, was Spielen heißt. +Hunderte von Nürnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; +bei vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit erreichen sie +einen wöchentlichen Reinverdienst von höchstens 4,35 +Mk.<a name="FNanchor_630"></a><a href= +"#Footnote_630"><sup>630</sup></a> Die Räume, in denen all +dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus Holz +und Papiermaché, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer +verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime +mit den Waren in die Familien der ahnungslosen Käufer getragen +werden. Eine unbewußte Rache der Elenden an den Reichen, wenn +sie ihnen mit dem bunten Spielzeug den unheimlichsten +Würgeengel der Menschheit ins Haus schicken!</p> + +<p>Wir kommen nunmehr zu jenem großen Arbeitsgebiet, auf dem +sich die Frauen in Scharen zusammendrängen, und das die +Näherei in allen ihren Zweigen umfaßt. Die Art der +Arbeit ist hier eine sehr differenzierte. Wir haben die +Werkstattarbeiterin in den Schwitzhöhlen, die Heimarbeiterin, +die für die Konfektions- und Putzgeschäfte arbeitet, die +Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft +leben, die Näherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst +näht. Dabei handelt es sich neben der Herstellung der +Wäsche und Kleidung um die der Hüte, der Handschuhe, der +Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet für die Frauenarbeit ist, +geht schon daraus hervor, daß allein in Deutschland zwei +Drittel aller hausindustriell thätigen Frauen der +Bekleidungsindustrie angehören. Die Nadel ist eines der +urältesten Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr +geblieben als eines jener wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form +und Idee nach im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert haben, +und in der Bekleidungsindustrie mehr als in irgend einer anderen, +hat sich bestätigt, was wir schon in Bezug auf andere +Berufsarten ausführten, daß die Frauenarbeit die +technische Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das +Maschinenwesen gerade in der letzten Hälfte des 19. +Jahrhunderts einen enormen Fortschritt gemacht, nur in der +Näherei ist man seit fünfzig Jahren bei denselben +primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie +herrscht nicht nur noch unumschränkt, sie hat sogar die beste +Aussicht, den Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde +zu schlagen.</p> + +<p>Für die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt +es zwar nicht an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den +etwa Momentphotographien aus einem Feldzug für die Beurteilung +des ganzen Krieges haben: Wo der Kampf am heißesten ist, wo +die Wunden am schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. +Meist haben plötzlich an die Oberfläche tretende +Mißstände das Elend der Konfektion der Oeffentlichkeit +vor Augen geführt; Erhebungen, wie die beiden deutschen im +Jahre 1886, veranlaßt durch den Kampf der Arbeiter gegen den +geplanten Nähgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des +Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben +gewähren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der +Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die +Verhältnisse. An umfassenden, sorgfältig vorbereiteten, +besonders die Höhe der Wochenlöhne und Jahreseinnahmen +berücksichtigenden Enqueten fehlt es jedoch vollständig. +Mit der Angabe der Wochenlöhne allein wäre nicht viel +gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so +ausgeprägter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die +Hochsaison nur fünf Monate, die übrigen sieben bedeuten +teils eine stille, teils eine vollständig tote Zeit für +die Arbeiterin. Selbst Wochenlöhne von 15 bis 20 Mk., die +außerordentlich selten vorkommen, können demnach oft nur +eine kümmerliche Existenz gewährleisten. In folgender +Tabelle habe ich versucht, einige der festgestellten +Wochenlöhne in Verbindung mit den Jahreseinnahmen der +Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="2">Art der Arbeit</th> +<th>Wochenlohn</th> +<th>Jahreseinkommen</th> +</tr> + +<tr> +<th>Mk.</th> +<th>Mk.</th> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Kleider- und Mäntelkonfektion<a name= +"FNanchor_631"></a><a href="#Footnote_631"><sup>631</sup></a>: +Berlin</td> +<td align="center">8-9</td> +<td align="center">160-180</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">4-5</td> +<td align="center">80-100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäschekonfektion: Rheinprovinz</td> +<td align="center">5,95</td> +<td align="center">314,64</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäschekonfektion: Erfurt</td> +<td align="center">6-7</td> +<td align="center">250</td> +</tr> + +<tr> +<td>Knabenkonfektion: Stettin</td> +<td align="center">3-4,80</td> +<td align="center">250</td> +</tr> + +<tr> +<td>Knabenkonfektion<a name="FNanchor_632"></a><a href= +"#Footnote_632"><sup>632</sup></a>: Berlin</td> +<td align="center">3-10</td> +<td align="center">280-300</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Wäschekonfektion<a name="FNanchor_633"></a><a +href="#Footnote_633"><sup>633</sup></a>: Erfurt</td> +<td align="center">2,25 bis 4,75</td> +<td align="center">167,25</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">3,45 bis 7,20</td> +<td align="center">253,95</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">4,60 bis 9,60</td> +<td align="center">338,60</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="4">Herrenkonfektion: Berlin</td> +<td align="center">12,46</td> +<td align="center">490</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">9,70</td> +<td align="center">380</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">6,30</td> +<td align="center">250</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">6,99</td> +<td align="center">280</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäschekonfektion: Berlin</td> +<td align="center">9,48</td> +<td align="center">470</td> +</tr> + +<tr> +<td>Knabenkonfektion: Stettin</td> +<td align="center">7,50</td> +<td align="center">300</td> +</tr> + +<tr> +<td>Damenkonfektion: Berlin</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">375</td> +</tr> + +<tr> +<td>Damenkonfektion: Breslau</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">250</td> +</tr> + +<tr> +<td>Damenkonfektion: Erfurt</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">220</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäschekonfektion: Berlin</td> +<td align="center">5,88</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Damenkonfektion: Berlin</td> +<td align="center">7</td> +<td align="center">280</td> +</tr> + +<tr> +<td>Unterrockkonfektion<a name="FNanchor_634"></a><a href= +"#Footnote_634"><sup>634</sup></a>: Berlin</td> +<td align="center">7-8</td> +<td align="center"></td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="3">Blusenkonfektion: Berlin</td> +<td align="center">3,50 bis 4,50</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">7-7,50</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">9</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Kleiderkonfektion<a name="FNanchor_635"></a><a +href="#Footnote_635"><sup>635</sup></a>: Breslau</td> +<td align="center">4,50 bis 7,50</td> +<td align="center">250-300</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">2-3</td> +<td align="center">100-150</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2">Konfektion<a name="FNanchor_636"></a><a href= +"#Footnote_636"><sup>636</sup></a>: Lübbecke</td> +<td align="center">--</td> +<td align="center">250</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">--</td> +<td align="center">376</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="4">Damenkonfektion<a name="FNanchor_637"></a><a href= +"#Footnote_637"><sup>637</sup></a>: Berlin</td> +<td align="center">7,42</td> +<td align="center">386</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">--</td> +<td align="center">322</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">5,95</td> +<td align="center">309</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">--</td> +<td align="center">393</td> +</tr> +</table> + +<p>Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fällen +Jahreseinnahmen unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, +daß eine regelmäßige wöchentliche Einnahme +von 9 Mk. und eine jährliche von 468 Mk. gerade nur das +notdürftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu +sichern vermag, eine großstädtische Arbeiterin sogar +unter 600 Mk. nicht auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts +hinzuzufügen, um ihre Sprache beredter zu machen. Dabei +erreicht die Arbeiterin diese Hungerlöhne nur mit Aufbietung +ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von vierzehn +bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die Stepperinnen +in den Berliner Zwischenmeisterwerkstätten oft bis elf Uhr +nachts und länger;<a name="FNanchor_638"></a><a href= +"#Footnote_638"><sup>638</sup></a> Nürnberger Näherinnen, +die acht bis neun Mark verdienen, müssen dafür +fünfzehn bis sechzehn Stunden hinter der Maschine sitzen.<a +name="FNanchor_639"></a><a href="#Footnote_639"><sup>639</sup></a> +In den Werkstätten beträgt die Arbeitszeit selten weniger +als zwölf bis dreizehn Stunden, sehr häufig,—das +konnte die Kommission für Arbeiterstatistik wiederholt +konstatieren,—wird, besonders vor den Liefertagen, die Nacht +durch gearbeitet. Ins Endlose wird sie noch dadurch ausgedehnt, +daß die Arbeiterinnen Arbeit mit nach Hause nehmen und hier +noch drei bis fünf Stunden ihr letztes bißchen Kraft +daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam +vor, daß Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125 +Arbeitsstunden wöchentlich berechnen konnten.<a name= +"FNanchor_640"></a><a href="#Footnote_640"><sup>640</sup></a> Die +Vorteile der Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts +zusammen, um so mehr, als auch die Werkstatt in den meisten +Fällen nichts weiter ist, als eine enge, schlecht beleuchtete +und schlecht ventilierte Proletarierwohnung. In demselben Raum, der +vom Dunst der Bügeleisen erfüllt ist, in dem Glieder der +Familie des Zwischenmeisters nächtigen, der womöglich +auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die +Näherinnen dicht gedrängt vor dem oft einzigen Fenster. +Werkstätten in feuchten Kellern, oder in +glühendheißen Dachstuben kommen vor, dabei ist +häufig die Ueberfüllung so groß, daß statt 28 +cbm nur 5 bis 12 cbm Luftraum auf die Person kommen.<a name= +"FNanchor_641"></a><a href="#Footnote_641"><sup>641</sup></a> Und +doch steht die Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die +Heimarbeiterin. Das größte Elend ist dort zu Hause, wo, +versteckt in den eigenen vier Wänden, die arme Witwe, die +verlassene Ehefrau, die Gattin des Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen +für sich und ihre Kinder den harten Kampf ums Dasein +kämpfen. Rücksichtslos und schutzlos sind sie der +unbeschränktesten Ausbeutung preisgegeben. Daß sie zum +großen Teil nicht freiwillig die Heimarbeit gewählt +haben, sondern sich dazu gezwungen sehen, weil Familiensorgen sie +ans Haus fesseln, geht schon daraus hervor, daß die meisten +Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild so oft +verherrlichten "flotten Nähmamsellen" gehören, sondern +sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren +abhängt.<a name="FNanchor_642"></a><a href= +"#Footnote_642"><sup>642</sup></a> Fast durchweg liegt die +Herstellung der gewöhnlicheren Konfektion in ihren +Händen,<a name="FNanchor_643"></a><a href= +"#Footnote_643"><sup>643</sup></a> infolgedessen erreichen sie bei +höchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, +wo sie dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist +ihr Verdienst geringer.<a name="FNanchor_644"></a><a href= +"#Footnote_644"><sup>644</sup></a> Eine verwitwete Näherin in +Berlin mußte, um 10 Mk. Wochenlohn zu erreichen, von +früh vier und fünf Uhr bis nachts elf Uhr arbeiten; trotz +dieser übermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre Familie +nicht allein erhalten, sie mußte noch zur +Armenunterstützung ihre Zuflucht nehmen!<a name= +"FNanchor_645"></a><a href="#Footnote_645"><sup>645</sup></a> Eine +Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten Morgengrauen ihre +Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr nachts; weil +sie sich die Zeit dafür nicht nehmen konnte, mußte ihr +ältester elfjähriger Bub das Mittagessen bereiten und die +Geschwister beaufsichtigen.<a name="FNanchor_646"></a><a href= +"#Footnote_646"><sup>646</sup></a> Berliner Blusennäherinnen +wiesen Wochenlöhne von 3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf!<a name= +"FNanchor_647"></a><a href="#Footnote_647"><sup>647</sup></a> In +Essen verdiente eine Mutter mit ihrer Tochter bei sechzehn- bis +achtzehnstündiger Arbeitszeit 9,75 Mk. für das Nähen +leinener Arbeiterhosen; pro Stück erhielten sie—12 Pf., +obwohl das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflöcher, +zehn Knöpfe neben den Maschinennähten zu nähen waren +und das Garn dazu geliefert werden mußte.<a name= +"FNanchor_648"></a><a href="#Footnote_648"><sup>648</sup></a> +Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk. +wöchentlichen Verdienst, Knopflochnäherinnen in der +stillen Zeit auf 2 bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine +Wäschenäherin, Mutter von vier kleinen Kindern, konnte +bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als 9 Mk. wöchentlich +verdienen.<a name="FNanchor_649"></a><a href= +"#Footnote_649"><sup>649</sup></a> Wie sich bei solchen Einnahmen +die Lebenshaltung gestaltet, dafür nur einige Beispiele. Eine +alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wöchentlich +verdiente, hatte folgendes Wochenbudget:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Mit einer anderen geteilte Kochstube</td> +<td>1,50 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Feuerung</td> +<td>0,30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Spiritus zum Kochen</td> +<td>0,20 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Petroleum</td> +<td>0,30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäsche</td> +<td>0,15 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Mehl, Gemüse, Gegräupe</td> +<td>0,70 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kartoffeln</td> +<td>0,15 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Brot</td> +<td>1,00 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Milch</td> +<td>0,35 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Salz, Schweden etc</td> +<td>0,10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kaffee</td> +<td>0,40 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Butter</td> +<td>0,50 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schmalz</td> +<td>0,38 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kassenbeitrag</td> +<td>0,22 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>6,25 Mk.</td> +</tr> +</table> + +<p>Ihre tägliche Ausgabe für die Nahrung betrug demnach +nicht ganz 50 Pf., für Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben +blieben wöchentlich nur 75 Pf. übrig.<a name= +"FNanchor_650"></a><a href="#Footnote_650"><sup>650</sup></a> Eine +andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag für 30 Pf. +täglich auswärts aß, brauchte, da sie sich ein +wenig besser nährte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben +einer Breslauer Näherin, die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, +stellten sich folgendermaßen:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Wohnung</td> +<td>1,00 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Mittagessen</td> +<td>1,75 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frühstück, Vesper, Abendbrot</td> +<td>2,25 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Heizung, Beleuchtung, Wäsche</td> +<td>1,35 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kassenbeitrag</td> +<td>0,15 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>6,50 Mk.</td> +</tr> +</table> + +<p>Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller +Art nicht in Rechnung gestellt wurden, und die tägliche +Ausgabe für die Ernährung nur 57 Pf. beträgt, ein +wöchentliches Defizit von 50 Pf.<a name="FNanchor_651"></a><a +href="#Footnote_651"><sup>651</sup></a> Sobald noch Kinder zu +ernähren sind, wird die Lage natürlich zu einer ganz +verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjährigen Sohn, die 366 +Mk. im Jahr, also ca. 7 Mk. wöchentlich verdiente, und die +Ausgabe für Miete durch Aftervermietung deckte, hatte folgende +Wochenausgaben:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Feuerung</td> +<td>0,90 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Petroleum</td> +<td>0,55 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Brot</td> +<td>1,30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ein Pfund Fett</td> +<td>0,60 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zehn Pfund Kartoffeln</td> +<td>0,30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gemüse und Gegräupe</td> +<td>0,70 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Knochen zum Auskochen</td> +<td>0,15 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sonntags 1/2 Pfund Fleisch</td> +<td>0,30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Salz, Schweden, Wichse etc</td> +<td>0,10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäsche</td> +<td>0,15 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kaffee</td> +<td>0,60 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Milch</td> +<td>0,35 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>6,00 Mk.</td> +</tr> +</table> + +<p>Für die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. für +Krankheit, Fahrten, Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. +wöchentlich übrig, die Nahrung stellte sich täglich +auf 30 Pf. pro Person!<a name="FNanchor_652"></a><a href= +"#Footnote_652"><sup>652</sup></a> Kann man sich wohl von einer +Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer Wocheneinnahme +von fünf oder gar nur drei Mark beruht?! Läßt sich +das Elend ausdenken, das herrschen muß, wenn mehr als ein +Kind davon erhalten werden soll?!</p> + +<p>Man könnte versucht sein, anzunehmen, daß solche +Verhältnisse vielleicht einzig dastehen und sich in anderen +Ländern nicht wiederholen. Leider zeigt sich aber auch hier, +daß gewisse soziale Zustände im unmittelbaren Gefolge +wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher überall +die gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben +Stand erreicht hat. Die Wiener Näherin, die von sechs Uhr +früh bis in die späte Nacht Trikottaillen näht, um +3,50 fl. zu verdienen; die beiden Schwestern, die zusammen 10, +höchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft nicht mehr wie 20 +kr. für ihr Mittagessen auszugeben vermögen;<a name= +"FNanchor_653"></a><a href="#Footnote_653"><sup>653</sup></a> die +böhmische Handschuhnäherin, die bei +vierzehnstündiger Arbeitszeit nur 208 fl. im Jahr einnimmt, +für Nahrung, Heizung und Wohnung für sich und ihr Kind +aber allein 252 fl. braucht<a name="FNanchor_654"></a><a href= +"#Footnote_654"><sup>654</sup></a>,—sie alle geben ihren +deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse +aber ist es, daß selbst im gelobten Lande der Näherei +und Schneiderei, das die Modedamen der ganzen Welt mit seinen +Erzeugnissen versorgt, in Frankreich, die Lage derjenigen, aus +deren Händen all die Wunderwerke hervorgehen, keine +günstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach hoch, sie +ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die +deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch +intensiverer ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa +diejenigen, die als Vorarbeiterinnen in den Werkstätten der +großen Konfektionshäuser beschäftigt werden, +können auf eine annähernd regelmäßige Arbeit +während des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 +bis höchstens 230, die gewöhnlichen,—und die +meisten!—haben 60 bis 160 Tage zu thun.<a name= +"FNanchor_655"></a><a href="#Footnote_655"><sup>655</sup></a> In +der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die +täglich eine bis zwei Stunden Beschäftigung gewährt, +in der hohen Saison dagegen kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden +vor!<a name="FNanchor_656"></a><a href= +"#Footnote_656"><sup>656</sup></a> Bei vierzehn- bis +fünfzehnstündiger Arbeitszeit kann die +Durchschnittskonfektionsnäherin in Paris eine Jahreseinnahme +von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75 c. bis 1,25 fr. +täglich verdient.<a name="FNanchor_657"></a><a href= +"#Footnote_657"><sup>657</sup></a> Bei einer Einnahme von 900 fr. +aber fängt erst die Möglichkeit an, selbständig +davon leben zu können, und nur ein Drittel aller ihrer +Arbeiterinnen verdienen, nach den Aussagen der Chefs der ersten +Pariser Konfektionsfirmen, mehr als das.<a name= +"FNanchor_658"></a><a href="#Footnote_658"><sup>658</sup></a> Eine +der ersten Pariser Schneiderinnen, die für ein großes +Haus Modelle arbeitet, also höchst selten arbeitslos ist, +verdiente jährlich 875 fr. Sie hatte folgendes +Ausgabenbudget<a name="FNanchor_659"></a><a href= +"#Footnote_659"><sup>659</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Nahrung</td> +<td>550 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Miete</td> +<td>200 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäsche</td> +<td>20 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Paar Schuhe</td> +<td>20 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Kleider (selbst genäht)</td> +<td>40 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Hüte (selbst garniert)</td> +<td>10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schirm, Handschuhe</td> +<td>10 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleine Ausgaben</td> +<td>25 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>875 fr.</td> +</tr> +</table> + +<p>Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, daß selbst +für eine Kraft ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert +erscheint, wenn nicht nur die Ansprüche geringe sind, die +Gesundheit gefestigt ist und auf Vergnügungen fast ganz +verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es sich nur um die +Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen, auch noch +zu den besseren Arbeiterinnen zu zählenden Näherin, die 3 +fr. täglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die +Ausgaben folgendermaßen<a name="FNanchor_660"></a><a href= +"#Footnote_660"><sup>660</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Nahrung</td> +<td>511 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Miete</td> +<td>120 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleidung</td> +<td>55 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäsche</td> +<td>48 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stiefel</td> +<td>30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Licht und Heizung</td> +<td>25 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleine Ausgaben</td> +<td>40 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>829 fr.</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir stoßen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst +durch äußerste Einschränkung nicht zu decken +wäre. Daß es unmöglich ist, beweist das Budget +einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschäfte. Sie +gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufügte, +daß sie sich dabei alles versagen müsse, was das +trübe, einförmige Leben erheitern könne. Trotz einer +achtmonatlichen, mit 4 fr. täglich entlohnten Arbeit, hatte +sie am Schluß des Jahres gegen 200 fr. Schulden.<a name= +"FNanchor_661"></a><a href="#Footnote_661"><sup>661</sup></a> Wie +sich aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. +einnehmen und davon auszukommen versuchen, dafür nur ein +Beispiel: Eine Pariser Konfektionsnäherin hatte ein +Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie gab aus für:<a name= +"FNanchor_662"></a><a href="#Footnote_662"><sup>662</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Miete</td> +<td>100,00 fr.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Nahrung</td> +<td>237,25 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Licht</td> +<td> 4,00 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ein Kleid</td> +<td> 5,00 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ein Fichu</td> +<td> 2,00 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Paar Strümpfe</td> +<td> 1,30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Paar Schuhe</td> +<td> 8,00 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Hemden</td> +<td> 2,50 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Eine Hose</td> +<td> 1,25 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Taschentücher</td> +<td> 0,80 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Zwei Servietten</td> +<td> 0,80 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen:</td> +<td>362,90 fr.</td> +</tr> +</table> + +<p>Ihre tägliche Nahrung bestritt sie für 55 c., d.h. +für 5 c. Milch, für 20 c. Brot, für 10 c. +Kartoffeln, für 10 c. Käse und für 10 c. Wurst! +Selbst die Heizung mußte sie sich versagen, von +Vergnügungen war keine Rede, ein einziges Fähnchen +für 5 fr. mußte das ganze Jahr aushalten! Und das war +ein Mädchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach +Glück und Freude, die so stürmisch nach Erfüllung +verlangt; ein Mädchen von zwanzig Jahren mitten in der von +Lebenslust fiebernden Luft von Paris! Und doch giebt es noch +tiefere Stufen des Elends. Die Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf +ihnen angelangt: hier finden sich Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 +fr., während das Leben sich mit weniger als 350 fr. +unmöglich bestreiten läßt.<a name= +"FNanchor_663"></a><a href="#Footnote_663"><sup>663</sup></a></p> + +<p>Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die +alten Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im +Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie +unumschränkt. Die furchtbaren Enthüllungen des Elends in +den kleinen Werkstätten des Londoner Ostens waren es, die +überhaupt zuerst die Blicke der Welt auf die Zustände in +der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des Sweating-Systems +stammt von dort. In den Werkstätten der Zwischenmeister, wo in +dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut dicht gedrängt +zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht ruht, wo die +Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden +Händen für ein Stück Brot die Nadel führen, wo +der Fluch Jehovahs: "Im Schweiße deines Angesichts sollst du +dein Brot essen" erst in Erfüllung gegangen zu sein scheint, +übt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in Manchester, in +Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Löhne und lange +Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, +Näherinnenlöhne von 6 p. an sind an der Tagesordnung<a +name="FNanchor_664"></a><a href="#Footnote_664"><sup>664</sup></a>; +die Glasgower Heimarbeiterinnen in der Wäschekonfektion, die +häufig von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends in ihrem +verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen oder kranken Kindern an +den feinen Batisthemden sticheln, die irgend eine Herzogin +ahnungslos über den gepflegten Körper ziehen wird, +verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche<a name= +"FNanchor_665"></a><a href="#Footnote_665"><sup>665</sup></a>; in +den Londoner Schneiderwerkstätten erreicht eine gelernte +Schneiderin bei vierzehn- bis siebzehnstündiger Arbeitszeit im +besten Fall 4 sh. täglich, häufig muß sie sich mit +derselben Summe als Wochenlohn zufrieden geben<a name= +"FNanchor_666"></a><a href="#Footnote_666"><sup>666</sup></a>, +während die Heimarbeiterin überhaupt kaum mehr zu +verdienen vermag<a name="FNanchor_667"></a><a href= +"#Footnote_667"><sup>667</sup></a>, sie näht z.B. +Unterröcke für 7 p. das Stück, wobei sie den Faden +noch zugeben muß.<a name="FNanchor_668"></a><a href= +"#Footnote_668"><sup>668</sup></a></p> + +<p>Selbst in die neue Welt brachten die unglücklichsten +Flüchtlinge der alten das Sweating-System mit. Blühende +Industrien, die ihren Arbeitern ein gutes Auskommen sicherten, +brachen unter der Schmutzkonkurrenz der kleinen Werkstätten +und der armen Heimarbeiter zusammen.<a name="FNanchor_669"></a><a +href="#Footnote_669"><sup>669</sup></a> Ein einziger Stadtteil +Chicagos wies nicht weniger als 162 Konfektionswerkstätten +auf, über die Hälfte aller Arbeiter darin waren +verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den +notwendigsten Ausgaben das Gleichgewicht halten.<a name= +"FNanchor_670"></a><a href="#Footnote_670"><sup>670</sup></a> Als +typisches Beispiel für die Wirkung der Hausindustrie kann +folgendes gelten: ein Schneider, der seit seinem vierzehnten Jahre +ein fleißiges und nüchternes Leben führte, und +trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jährlich einnahm, hatte +nach zwanzig Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und +wurde selbst, im Alter von 34 Jahren! als altersschwach und +arbeitsunfähig befunden.<a name="FNanchor_671"></a><a href= +"#Footnote_671"><sup>671</sup></a> Da die Löhne der weiblichen +Arbeiter noch viel niedriger sind—solche von 25 c. +täglich kommen sehr oft vor—, ihre +Widerstandsfähigkeit eine geringere ist und ihre Kräfte +sich oft in wenigen Jahren verbrauchen,<a name= +"FNanchor_672"></a><a href="#Footnote_672"><sup>672</sup></a> so +kann man sich ungefähr eine Vorstellung von der Lage machen, +in der sie sich befinden.</p> + +<p>Als notwendige Folge der niedrigen Löhne ist die +Überarbeit, die Unterernährung und die Wohnungsnot +überall die gleiche. Es giebt naive Gemüter, die in der +Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur Aufrechterhaltung des durch +die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens sehen. Sie stellen sich +die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der handarbeitenden Frau +aus bürgerlichen Kreisen vor, die nur müßige +Stunden auszufüllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer +Wirtschaft stets zur Verfügung steht. Sie wollen nicht +einsehen, daß Heimarbeit zu fieberhafter Thätigkeit +verdammt, daß sie den Menschen der Maschine +gegenüberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf +aufnehmen muß, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem +sterbenden Kinde muß die New-Yorker Arbeiterin ihr +Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit, ihre Toten zu +begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten +können, schickt sie auf die Straße, oder bestenfalls zu +Pflegefrauen, um in der Arbeit nicht gestört zu werden.<a +name="FNanchor_673"></a><a href="#Footnote_673"><sup>673</sup></a> +Ihre Berliner Leidensgefährtin greift zu dem Mittel, ihre +Kleinen in Kisten zu pferchen, oder an Stühle anzubinden, weil +sie keine Zeit hat, aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen +oder die Umherlaufenden zu beaufsichtigen.<a name= +"FNanchor_674"></a><a href="#Footnote_674"><sup>674</sup></a> Die +Hausindustrie erhält die Frau nicht der Familie, denn sie +muß Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso vernachlässigen, +als ginge sie in die Fabrik.<a name="FNanchor_675"></a><a href= +"#Footnote_675"><sup>675</sup></a> Die Hausindustrie zerstört +vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik noch +erhält, weil sie ihrer Sklavin überhaupt keine Ruhe +läßt, weil sie den armseligen Wohnraum des Proletariers +auch noch zur Werkstatt verwandelt. Die ganze Familie und die ganze +Arbeit der Berliner Heimarbeiterin drängt sich in einem Raum, +der womöglich auch noch zum Kochen benutzt wird, zusammen; die +kleine Stube daneben muß an Schlafleute vermietet werden und +wird oft noch von den Kindern geteilt.<a name="FNanchor_676"></a><a +href="#Footnote_676"><sup>676</sup></a> Wie sie keinen Raum +besitzen, in dem sie bei Tage für sich sein können, so +haben sie nachts kaum ein Bett für sich allein; zwei Drittel +aller Berliner Heimarbeiterinnen müssen ihr Bett mit anderen +teilen.<a name="FNanchor_677"></a><a href= +"#Footnote_677"><sup>677</sup></a> Bilder grauenhaften Elends +rollen sich auf, wenn wir diese Wohnungen näher betrachten: Im +fünften Stock eines Berliner Hauses befindet sich ein +einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose Küche; +darin haust eine gelähmte Greisin, ihre Tochter, die +Näherin ist, und deren vier Kinder. In einem Keller derselben +Stadt wohnt in einer Küche von 8 qm Bodenfläche eine +Witwe mit vier Kindern, die Stube daneben hat sie an Schlafburschen +vermietet; in beiden Räumen schimmeln die Möbel, so +feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Räumen +haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmädchen; +den Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der +Kehlkopfkrebs. In einem Keller, dessen Dielen verfault sind, und +dessen Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern +für die, die droben in Luft und Sonne lachend +vorübergehen. In einem anderen Keller ähnlicher Art liegt +der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau +näht neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit +ein.<a name="FNanchor_678"></a><a href= +"#Footnote_678"><sup>678</sup></a> In New-York fand man eine +siebenköpfige Familie in einer Wohnung von drei Räumen, +von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als +fünfzehn Schlafleuten,—alle waren auf nur drei Betten +angewiesen.<a name="FNanchor_679"></a><a href= +"#Footnote_679"><sup>679</sup></a> In einer anderen Wohnung, in die +ein Fabrikinspektor nachts eindrang, lagen zehn bis zwölf +Menschen, Männer, Frauen und Kinder, manche halb nackt, auf +dem bloßen Fußboden.<a name="FNanchor_680"></a><a href= +"#Footnote_680"><sup>680</sup></a></p> + +<p>Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen +Elends nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des +ersten Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" +betrachten: sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. +Nachhaltiger aber dürfte ihr Schrecken sein, wenn sie +erführen, daß jene Armut ihnen selbst an das liebe Leben +greift: in einem Zimmer Berlins nähte eine arme Mutter Blusen, +halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei diphtheritiskranke +Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die eben noch an +derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten gleich +darauf sieben Arbeiterinnen.<a name="FNanchor_681"></a><a href= +"#Footnote_681"><sup>681</sup></a> Masern, Keuchhusten, +Scharlach,—kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der +armseligen Stube der Näherin ein, und werden von ihren Hemden +und Blusen und Röcken in die Häuser der Käufer +getragen. Die Schwindsucht haftet an den beliebten billigen Jacken +und Mänteln der großen Warenhäuser; das furchtbare +Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und +moralisch reinsten Familien.<a name="FNanchor_682"></a><a href= +"#Footnote_682"><sup>682</sup></a> Niemand kann ermessen, wie oft +es geschieht, keiner aber sollte sich die Größe der +Gefahr verhehlen. Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in +die Arme.</p> + +<p>Wir haben gesehen, daß die Hausindustrie Löhne +aufweist, durch die kaum das nackte Leben erhalten werden kann. +Ihre Arbeiterinnen aber sind jung, es graut sie mit vollem Recht +vor einem Dasein, das aller Freude entbehrt; sie sind Mütter, +sie können ihre Kinder nicht darben lassen; sie sehen das +Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden. Selbst durch +den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft können sie nicht leben, +der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre muß die Ergänzung +sein. Die Arbeit selbst müssen sie häufig damit bezahlen. +Am günstigsten noch gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein +festes Verhältnis haben, wie jene arme Mutter, die +erklärte, sie habe sich dazu entschließen müssen, +sonst wäre sie zu Grunde gegangen.<a name= +"FNanchor_683"></a><a href="#Footnote_683"><sup>683</sup></a> Ein +Liebhaber aus den eigenen Kreisen wird vielleicht einmal ein +Ehemann. In den weitaus meisten Fällen jedoch fallen die +hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen Prostitution +anheim.<a name="FNanchor_684"></a><a href= +"#Footnote_684"><sup>684</sup></a> Hunger und Lebenslust sind +stärker als alle Moral, und die Moralpredigt oder gar die +moralische Entrüstung wird angesichts dieses Elends zu einer +ekelhaften Farce.</p> + +<p>Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu +ihrer letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung +der Zustände verheißt? Kann die Hausindustrie ihren +Arbeitern, wie der Fabrikbetrieb nach und nach eine höhere +Lebenshaltung ermöglichen? Um diese Fragen zu beantworten, ist +es notwendig, sich die Ursachen des herrschenden Elends klar zu +machen.</p> + +<p>Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie +sich festgesetzt: in den Großstädten, wo eine +große Arbeiterbevölkerung sich vorfindet.<a name= +"FNanchor_685"></a><a href="#Footnote_685"><sup>685</sup></a> Hier +strömen in wachsender Zahl die Proletarier zusammen, ihre +Frauen und Töchter schaffen ein übermäßiges +Angebot von Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von +Landmädchen und durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und +Mädchen aus den Kreisen des Bürgertums ständig +gesteigert wird. Diese Arbeitskräfte können aber nur von +Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine +Ansprüche machen und deren technische Entwicklung noch in den +Anfängen stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien +aller Art, in erster Linie diejenigen, die an alte +hauswirtschaftliche Frauenarbeit anknüpfen, wie die +Näherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders geeignet, +alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergänzung des +männlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im +Hause beschäftigt. All diese zusammentreffenden Umstände +nun: die Konzentrierung proletarischer Elemente in den +Großstädten, das starke Angebot weiblicher +Arbeitskräfte, die zum Teil durch ihre Leistungen nicht ihren +ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz der +Industrie, möglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen +der großstädtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an +physischem und sittlichem Elend. Für England und Amerika gilt +dasselbe, nur daß dort die billigen Arbeitskräfte durch +die armen Einwanderer gestellt werden.</p> + +<p>Aber nicht nur in den Großstädten findet die +Hausindustrie die Voraussetzungen für ihre Existenz. Sie +findet sie in gleichem Maße in den Gebirgen, wo infolge der +schlechten Transportverhältnisse der Fabrikbetrieb nicht +Fuß fassen kann,<a name="FNanchor_686"></a><a href= +"#Footnote_686"><sup>686</sup></a> und in den Landorten des +Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der +Landwirtschaft allein seine Familie zu ernähren. Da die +Hausindustrie einerseits mit Frauen, andererseits mit Männern +und Frauen zu thun hat, die von der modernen Arbeiterbewegung nicht +erreicht werden, weil sie abgeschnitten sind vom Verkehr mit der +Welt, so hat sie neben einem billigen auch ein +außerordentlich fügsames Material in der Hand. Trotz +alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu +kämpfen. Ihre Kampfmittel sind neben den niedrigen +Löhnen, der langen Arbeitszeit und dem Trucksystem die +Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen Werkstätten +beschäftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womöglich +gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskräfte und +entlassen sie, sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine +Anstellung erwartet wird.<a name="FNanchor_687"></a><a href= +"#Footnote_687"><sup>687</sup></a></p> + +<p>Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die +Existenzbedingungen der Hausindustrie fernerhin vorhanden sein +werden, und ob ihre Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum +Vorteil der Arbeiter zu verändern.</p> + +<p>Es giebt Industrien, z.B., um gleich die für unseren Zweck +wichtigste zu nennen, die Textilindustrie, die durch große +technische Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den +Todesstoß versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr +aushalten, sie wird gewissermaßen ausgehungert. In England +hat sich dieser Prozeß bereits vollzogen, in anderen +Ländern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere +dagegen—und hier kommt im wesentlichen die +Bekleidungsindustrie in Betracht—bedürfen in der +Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre Maschinen, die +Nähmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue +Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen +Voraussetzung. Und sie werden durch äußere Umstände +auf absehbare Zeit hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die +Bevölkerungsverhältnisse sich in der selben und nicht in +der entgegengesetzten Richtung weiterentwickeln. Die proletarische +Bevölkerung wächst ebenso aus sich heraus, wie durch +Zuwanderung und durch ein allmähliches Hinabsinken des +Kleinbürgertums. Dazu kommt, daß die Höhe der +männlichen Arbeitslöhne immer mehr durch den +Frauenerwerb, der als Ergänzung hinzugedacht wird, +beeinflußt wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher +Hände steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des +Bürgerstandes hat eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen +der Männer weder den erhöhten Bedürfnissen, noch der +allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein das riesige +Indiehöheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der Frauen +zur Notwendigkeit<a name="FNanchor_688"></a><a href= +"#Footnote_688"><sup>688</sup></a>, der andererseits auch vielfach, +infolge des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile +entspringen mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die +Weiterentwicklung der Hausindustrie in ihrer modernen Form zu +sichern: die Tendenz zur Dezentralisation des Großbetriebs. +Die Ausdehnung und schärfere Handhabung der +Arbeiterschutzgesetzgebung läßt den Unternehmer nach +einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in +der Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafür ein +besonders drastisches Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und +zur Ausbreitung der Hausindustrie, und zwar grade dort, wo +Frauenarbeit eine bedeutende Rolle spielt, sind demnach gegeben. +Dabei ist aber auch die Frage nach der Möglichkeit der Hebung +der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum Teil mit beantwortet. +Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunächst unmöglich +erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich Ursache +und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg über den Fabrikbetrieb +beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen +Arbeitskraft bis an die Grenze des Möglichen. Ein +Rückgang der Löhne, im Gegensatz zu ihrer Zunahme im +Fabrikbetrieb, zeigt sich überall.<a name= +"FNanchor_689"></a><a href="#Footnote_689"><sup>689</sup></a> Die +Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen, +ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur +Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fällen wählt +sie, in der Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr +nützen zu können, die Heimarbeit. Der größte +Teil der Heimarbeiterinnnen sind überall Frauen mit Kindern.<a +name="FNanchor_690"></a><a href="#Footnote_690"><sup>690</sup></a> +Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden Preis. Ihre +Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der +schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen +und Töchter der Bourgeoisie, jene "verschämten" Armen, +die ihre Erwerbsarbeit als nicht standesgemäß +möglichst geheim zu halten suchen<a name="FNanchor_691"></a><a +href="#Footnote_691"><sup>691</sup></a>, und die an primitive +Lebensverhältnisse gewöhnte, daher billig arbeitende +Landbevölkerung. Die Näherinnen im Vogtland z.B., die +viel für Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die +Berliner Arbeiterinnen.<a name="FNanchor_692"></a><a href= +"#Footnote_692"><sup>692</sup></a> Und diese gefährliche +Konkurrenz wird teils durch den Staat, der Webe- und +Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils durch kurzsichtige +Privatwohlthätigkeit, die im Gebirge und auf dem Lande den +sogenannten "Gewerbefleiß" einführt, unterstützt<a +name="FNanchor_693"></a><a href="#Footnote_693"><sup>693</sup></a>, +auch noch künstlich großgezogen. Die Frauen, die +Landbewohner und schließlich auch die Völker mit +niedriger Lebenshaltung,—der Einfluß der fabelhaft +billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit +beginnt bereits fühlbar zu werden,—bilden das riesige +Reservoir, aus dem die Hausindustrie stets neue Nahrung +schöpft, und die sie gegeneinander ausspielt. Sie ist wie ein +ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil er aus trüben +unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der mit +seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und +Lebenskräftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich +nicht aus sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um +seine Wirkungen zu beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst +muß verschwinden.</p> + +<a name="6_3" /> +<h3>Der Handel.</h3> + +<p>Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem +Umfang erst viel später in Erscheinung getreten, als in +anderen Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die +Berliner Kommis an das preußische Staatsministerium um +Einschränkung der weiblichen Konkurrenz<a name= +"FNanchor_694"></a><a href="#Footnote_694"><sup>694</sup></a>, aber +erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen durch sie eine +ernste Gefahr. Einerseits sind es die Töchter des mittleren +und kleinen Bürgerstandes, die mehr und mehr vor die +Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt +werden und im kaufmännischen Beruf ein +standesgemäßes Unterkommen zu finden glauben, +andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine +höhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in +steigendem Maße ihre Töchter hinauf zu heben.</p> + +<p>Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und +Warenhäusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer +geringer werden hier die Anforderungen an kaufmännische +Bildung und genaue Warenkenntnis, da jede Verkäuferin nur eine +bestimmte Abteilung zugewiesen bekommt und auf den einzelnen +Gegenständen die Preise meist deutlich vermerkt zu werden +pflegen. Infolgedessen ist es erklärlich, daß in +zahlreichen Geschäftszweigen, besonders in den Geschäften +für Bekleidung und solchen für frische Nahrungsmittel +mehr Frauen als Männer zu finden sind; sie rekrutieren sich +meist aus proletarischen Kreisen, haben oft nur die Volksschule +besucht und können, wie z.B. in Berlin, nur selten +grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.<a name= +"FNanchor_695"></a><a href="#Footnote_695"><sup>695</sup></a> Aber +nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer +Arbeit nach, müssen die Verkäuferinnen zu den Kreisen der +proletarischen Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen +aller Länder, die sich mit ihrer Lage beschäftigen, +stimmen darin überein, daß der Lohn zur Leistung in +größtem Mißverhältnis steht, und alle +charakteristischen Zeichen der proletarischen +Arbeit,—Ueberarbeit und Arbeitslosigkeit,—auch auf sie +zutreffen.</p> + +<p>Was zunächst die Lohnfrage betrifft, so ist ein +einigermaßen ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung +nicht vorhanden. Selbst die deutsche Kommission für +Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer Untersuchungen der +Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise förmlich +ängstlich vermieden, sich über den Stand der +Arbeitsentschädigung Aufklärung zu verschaffen. Auch die +englische Arbeitskommission bringt nur spärliche Ziffern. Wir +müssen uns daher im wesentlichen auf die Resultate privater +Enqueten stützen.</p> + +<p>Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkäuferinnen wird vom +kaufmännischen Hilfsverein für weibliche Angestellte auf +58 Mk. monatlich geschätzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit +durchschnittlich 1-3/4 Monate betragen soll, so würde ein +Jahreseinkommen von 594 Mk., eine tägliche Einnahme von 1,60 +Mk. zu verzeichnen sein.<a name="FNanchor_696"></a><a href= +"#Footnote_696"><sup>696</sup></a> Schon mit dieser Summe ist es +für die großstädtische Verkäuferin nicht +möglich auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine +Jahreseinnahme von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen +werden kann, die der Berliner Verkäuferin eine sorgenfreie +Existenz zu sichern vermag. Nun gehören aber die Mitglieder +des Hilfsvereins für weibliche Angestellte zweifellos zur +Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher für die +große Masse nicht maßgebend sein. Thatsächlich +kommen selbst in Berlin Monatslöhne von 30 bis 40, ja sogar +von 20 bis 30 Mk. vor; in der Provinz, besonders in den kleinen +Städten, sind solche Sätze keine Seltenheit; das +Durchschnittsgehalt der Verkäuferinnen in Köln betrug 40, +in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Königsberg gar nur 27 Mk.<a +name="FNanchor_697"></a><a href="#Footnote_697"><sup>697</sup></a>, +ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen +zurücksteht. Selbst Leipzig weist Monatslöhne von 20 bis +30, ja sogar solche unter 20 Mk. auf.<a name="FNanchor_698"></a><a +href="#Footnote_698"><sup>698</sup></a> Verkäuferinnen, die +eben die Lehrzeit hinter sich haben, müssen sich sogar oft +genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.<a name="FNanchor_699"></a><a +href="#Footnote_699"><sup>699</sup></a> Männlichen +Verkäufern wagt man solchen Gehalt nur höchst selten +anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen +Anfangsgehalt, der schnell gesteigert wird; ihr +Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk. angegeben, beträgt +also fast das Doppelte des Einkommens ihrer weiblichen Kollegen. Je +nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch die +Verkäuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk. +bezeichnen aber in den meisten Fällen ein nur schwer +erreichbares Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen +nur ausnahmsweise vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich +häufig bis auf drei Monate ausdehnt, so schrumpft die im +ganzen Jahr der Verkäuferin zu Gebote stehende Summe so sehr +zusammen, daß ein Auskommen schwer möglich ist. Die +Angaben Berliner Handelsgehilfinnen bestätigen das. Danach +betrug die durchschnittliche Ausgabe für Kost und Wohnung 51 +Mk., 30 Mk. wurde als das geringste bezeichnet, womit das Leben +sich notdürftig bestreiten ließe.<a name= +"FNanchor_700"></a><a href="#Footnote_700"><sup>700</sup></a> +Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58 Mk. +gegenüber, so ist ohne weiteres klar, daß mit einem Rest +von 7 Mk. die Ausgaben für Wäsche, Kleidung, +Tramwayfahrten etc.—vom Vergnügen ganz +abgesehen—nicht gedeckt werden können. Besonders die +Ansprüche an die Toilette, die das Budget der +Handelsangestellten so sehr belasten, können damit nicht +bezahlt werden und doch riskiert die Verkäuferin ihre +Stellung, wenn sie sie nicht erfüllt. Wie hoch sie sind, +beweist eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben für +Wohnung und Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. +Während die Fabrikmädchen oft kaum den vierten Teil +dessen für ihre Kleidung verwenden, was sie für ihre +Wohnung ausgeben, übersteigt die Summe, mit der die +Verkäuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die +Ausgaben für die Wohnung, sehr oft sogar ist sie höher, +als diejenige, die sie für ihren ganzen Lebensunterhalt +anlegen.<a name="FNanchor_701"></a><a href= +"#Footnote_701"><sup>701</sup></a> Denken wir nun aber an +Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, +die vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei +einer Aufwendung von nur 30 Mk. für Kost und Wohnung, wobei +nur eine Schlafstelle in Betracht kommen kann und die +Unterernährung chronisch wird, ein bedeutendes Defizit +unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann gesichert, wenn die +dermaßen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie wohnen. In +welchem Umfang dies thatsächlich geschieht, läßt +sich nicht feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner +Handelsangestellte umfaßte, ergab, daß 585, also 71 %, +von ihnen bei Familienangehörigen wohnen; 240 sind darauf +angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu beschaffen, und zwar +haben 36,75 % dieser selbständigen Mädchen eine +Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.<a name= +"FNanchor_702"></a><a href="#Footnote_702"><sup>702</sup></a>, sie +gehören also zu denjenigen, die nach unserer Berechnung +entweder nur unter größten Entbehrungen, oder unter +fortwährender Anhäufung von Schulden ihr Leben fristen +können. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen +um besonders Bevorzugte handelt,—nur die besser gestellten, +intelligenteren unter ihnen entschließen sich, einem Verein +beizutreten, und Vereinsmitglieder waren sämtliche +Expertinnen,—so ergiebt sich, daß für die +Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als +der der Alleinstehenden ein wesentlich höherer sein muß. +Aber selbst wenn wir die sehr günstige Berliner Berechnung zu +Grunde legen, um die Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu +beurteilen, zeigt es sich, daß von 365005 nicht weniger als +105851 allein stehen, und von diesen wieder beinahe 17000 von dem +Ertrag ihrer Arbeit nicht leben können.</p> + +<p>In England sind die Lohnverhältnisse keineswegs besser, +obwohl man zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die +Handelsangestellten neben dem Gehalt freie Station haben. Aber +selbst den unwahrscheinlichen Fall angenommen, daß diese so +vortrefflich ist, daß ein Zuschuß zur Ernährung +aus dem eigenen Beutel sich nicht als nötig erweist, reicht +ein Jahreseinkommen von 10 bis 12 £<a name= +"FNanchor_703"></a><a href="#Footnote_703"><sup>703</sup></a> in +den Großstädten Englands bei weitem nicht aus, um die +notwendigen Ausgaben, die den Verkäuferinnen erwachsen, zu +bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der Strafgelder +in ausgedehntestem Maße. In manchen Geschäften giebt es +bis zu hundert verschiedene Versäumnisse, die durch +Lohnabzüge gebüßt werden müssen.<a name= +"FNanchor_704"></a><a href="#Footnote_704"><sup>704</sup></a></p> + +<p>Für Frankreich können wir uns auf offizielle +Untersuchungen nicht berufen, um die Lage der Handelsangestellten +danach zu schildern; dafür liegt in Zolas "Au Bonheur des +Dames" ein weit wertvolleres Dokument vor. Es zeigt uns den kleinen +Laden mit seinen schlecht genährten und schlecht bezahlten +Arbeitern, es führt uns in das fieberhafte Getriebe des +großen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkräfte +untergräbt; es öffnet uns die Thür zu den winzigen, +unheizbaren, allen Komforts entbehrenden Dachkammern, wo die +Mädchen abends halb ohnmächtig auf ihr Lager sinken und +zu den Eßsälen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen mit +weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen Maschinen +in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner großartigen +Wirklichkeitsschilderung jede Illusion über die Lage der +Ladenmädchen. Aber weit mehr noch als für das +Riesenhandelshaus, das durch seinen gewaltigen Umsatz im stande +ist, seinen Angestellten eine gesicherte Stellung zu geben, trotz +aller Ausbeutung und Vernachlässigung, gilt es für die +kleinen, mühsam um ihr Bestehen kämpfenden +Geschäfte, wenn sich der äußere Glanz des +kaufmännischen Berufs bei näherem Zuschauen in sein +Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto +trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor +allem, daß die Wohnung und Beköstigung im Hause des +Prinzipals zwar eine Wohlthat ist, aber nicht für die +Angestellten, sondern für ihn. Er macht dadurch nicht nur +Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in der Hand, über +seine Angestellten wie über häusliche Dienstboten frei +verfügen zu können.<a name="FNanchor_705"></a><a href= +"#Footnote_705"><sup>705</sup></a> Die Beköstigung im Hause +des Chefs, die in Deutschland besonders auch dort häufig +üblich ist<a name="FNanchor_706"></a><a href= +"#Footnote_706"><sup>706</sup></a>, wo die Verkäuferinnen +für ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den +willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr +einzuschränken oder überhaupt dem Zufall und der +momentanen Geschäftsruhe zu überlassen. In England wurden +Mittagspausen von zehn bis höchstens zwanzig Minuten +festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von +Kunden unterbrochen werden konnten<a name="FNanchor_707"></a><a +href="#Footnote_707"><sup>707</sup></a>; in Deutschland ist es +nicht viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; +Frühstücks- und Vesperpausen werden, vor allem in den +kleinen Geschäften, sehr selten gewährt.<a name= +"FNanchor_708"></a><a href="#Footnote_708"><sup>708</sup></a> +Abendbrot giebt es in England häufig gar nicht, so daß +die Mädchen genötigt sind, es sich selbst zu beschaffen<a +name="FNanchor_709"></a><a href="#Footnote_709"><sup>709</sup></a>; +die Beköstigung ist dort wie in Deutschland meist, was +Quantität und Qualität betrifft, gleich minderwertig<a +name="FNanchor_710"></a><a href="#Footnote_710"><sup>710</sup></a>, +und muß im Geschäftsraum selbst oder in engen, dumpfigen +Nebenräumen hastig verschlungen werden. Nur die großen +Geschäfte, die großen Warenhäuser und Bazare machen +hie und da eine rühmliche Ausnahme; wo sie überhaupt +ihren Angestellten Beköstigung bieten, ist sie ausreichend, +besondere Speisesäle sind dafür angelegt und die Zeit zu +ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, daß sie auch ein +Ausruhen in sich schließen kann. In den kleinen Städten +und in den kleinen Geschäften, wo die weiblichen Angestellten +auch häusliche Arbeiten verrichten müssen, ist ihre Lage +durchweg eine traurige; auch in Bezug auf die Wohnung unterscheiden +sie sich nicht von den Dienstmädchen: es werden ihnen +unheizbare Dachstuben oder schlecht gelüftete, halbdunkle +Räume neben dem Laden zur Unterkunft angewiesen<a name= +"FNanchor_711"></a><a href="#Footnote_711"><sup>711</sup></a>; in +England und Amerika gilt dasselbe sogar in den großen +Städten und Geschäften. Londoner Verkäuferinnen +müssen sich oft zu zweien in ein Bett teilen, und die +Räume, in denen sie hausen, entbehren jeder Bequemlichkeit.<a +name="FNanchor_712"></a><a href="#Footnote_712"><sup>712</sup></a> +In den Riesengeschäften New-Yorks wohnen die Mädchen so +eng, daß man Gefangenen solch einen Mangel an Luftraum nicht +bieten würde.<a name="FNanchor_713"></a><a href= +"#Footnote_713"><sup>713</sup></a> Damit sind die Nachteile der +freien Station jedoch noch nicht erschöpft; die Prinzipale +bestimmen auch, unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral +und des patriarchalischen Familienverhältnisses, über die +freie Zeit der Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der +strengsten Aufsicht unterworfen, sie dürfen auch nur an +bestimmten Abenden der Woche ausgehen und müssen vor +Thorschluß heimkehren, da sie sonst keinen Einlaß mehr +finden.<a name="FNanchor_714"></a><a href= +"#Footnote_714"><sup>714</sup></a> In England sind sie andererseits +vielfach verpflichtet, am Sonntag früh das Zimmer zu verlassen +und erst spät abends heimzukehren.<a name= +"FNanchor_715"></a><a href="#Footnote_715"><sup>715</sup></a> Der +Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig Tagen des Jahres die +Beköstigung; die arme Verkäuferin aber, die oft am +liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie +Zeit, zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen möchte, +muß entweder an solch erzwungenen Festtagen ihre schmale +Börse leeren, oder Bekanntschaft suchen, die sie versorgt.</p> + +<p>Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das +härteste, denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor +kurzem eine ganz unbeschränkte. Die Ladenzeit betrug im +Deutschen Reich im Maximum bis zu achtzehn Stunden, im Durchschnitt +vierzehn Stunden täglich<a name="FNanchor_716"></a><a href= +"#Footnote_716"><sup>716</sup></a>; nicht weniger als 43 % der +Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine Ladenzeit von dreizehn +bis sechzehn Stunden.<a name="FNanchor_717"></a><a href= +"#Footnote_717"><sup>717</sup></a> Die längste fand sich in +der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer +Kolonialwarenhandlungen kam es vor, daß der Laden um +fünf Uhr früh geöffnet und um zehn oder elf Uhr +nachts geschlossen wurde.<a name="FNanchor_718"></a><a href= +"#Footnote_718"><sup>718</sup></a> In der Hochsaison +verlängerte sie sich überall, dabei war von einer +Vergütung der Überstunden selten die Rede,<a name= +"FNanchor_719"></a><a href="#Footnote_719"><sup>719</sup></a> und +wenn der Laden geschlossen war, ging die aufreibende Arbeit hinter +verschlossenen Jalousien bis in die sinkende Nacht weiter. In +England waren die Verhältnisse genau dieselben.<a name= +"FNanchor_720"></a><a href="#Footnote_720"><sup>720</sup></a> Und +doch wären diese Zustände noch erträglich zu nennen, +wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschärft worden +wären: nicht nur, daß die armen Mädchen von morgens +bis abends mit freundlichem Diensteifer die Kunden,—und unter +ihnen die unangenehmsten,—zu bedienen haben, daß sie +die Leitern hinauf und hinab klettern, Stöße von Waren +hin und her schleppen müssen, sie dürfen sich, auch wenn +niemand im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre +Füße schmerzen, nicht setzen<a name= +"FNanchor_721"></a><a href="#Footnote_721"><sup>721</sup></a>! +Stehen—stehen—zwölf, vierzehn und mehr Stunden +stehen—und dabei lächeln, immer lächeln! Eine +Folter, die würdig wäre, spanische Inquisitoren zu +Erfindern zu haben!</p> + +<p>Erst in jüngster Zeit hat man allenthalben den Versuch +gemacht, diesen Übelstand aus der Welt zu schaffen; bei der +Zaghaftigkeit aber, mit der vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, +daß er, in etwas gemilderter Form vielleicht, noch immer +besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt dasselbe; ist doch sogar +nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten Mädchen +überall gesichert; auch am Sonntag müssen sie +stundenweise im Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein +Pfennig Profit entgeht.</p> + +<p>Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre +Prügelknaben und Mädchen für alles, daran. Kaum der +Schule entwachsene Kinder werden mit Vorliebe aufgenommen; sie +kosten wenig und lassen sich widerstandslos ausnutzen. Welchen +riesigen Umfang ihre Beschäftigung annimmt, geht daraus +hervor, daß sie in einem Viertel aller deutschen +Geschäfte die Gehilfen an Zahl überragen, in einem +Fünftel sich noch einmal so viel Lehrlinge als Gehilfen +befinden, und es sogar vorkommt, daß Geschäfte vielfach +alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.<a name= +"FNanchor_722"></a><a href="#Footnote_722"><sup>722</sup></a> Sie +sind Laufmädchen, Hausmädchen, +Verkäuferin—alles in einer Person. In einem Alter, wo +der weibliche Körper der Schonung bedarf, müssen sie +dieselben, ja oft noch längere Arbeitszeiten aushalten, als +die Erwachsenen.<a name="FNanchor_723"></a><a href= +"#Footnote_723"><sup>723</sup></a> Nur die Stärksten +überstehen es, die anderen werden in der Blüte geknickt, +noch ehe ihnen die Frühlingssonne recht aufging. Trotzdem +fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten, +fliegen die Mädchen zu dem blendenden Licht hinter den +Spiegelscheiben, von dem sie Märchenwunder erwarten. Und der +Handel braucht Jugend! Die Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; +ein hübsches junges Mädchen ist eine stärkere +Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in den +Geschäften, besonders in denen der Großstadt: fast +lauter junge Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und +glänzenden Augen treten uns entgegen. Die Statistik +bestätigt das: von den Berliner Verkäuferinnen sind 71 % +15 bis 21 Jahre alt<a name="FNanchor_724"></a><a href= +"#Footnote_724"><sup>724</sup></a>! Wo bleiben die Alternden, +diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewöhnliche +Glück haben, sich selbständig machen zu können? Die +edelsten Pferde haben das traurige Schicksal, daß sie aus dem +Rennstall-Palais, wo sie in ihrer Jugend genährt, gepflegt und +gehütet wurden, sorgfältiger als mancher Mensch, zuerst +in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den +armseligen Ackergäulen des Bauern geraten—je älter +sie werden, desto härter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, +und unter ihnen ganz besonders den Verkäuferinnen, geht es +nicht anders. Werden sie alt und häßlich, so treten +Junge an ihren Platz, und sie müssen sich mit immer +schlechteren Stellungen begnügen. Der in Deutschland bisher +übliche Modus, wonach keine oder nur ganz kurze +Kündigungsfristen ausgemacht wurden,—d.h. der Prinzipal +konnte die Angestellte oft von einem Tag zum andern entlassen, die +Angestellte aber mußte die Kündigung vier Wochen vorher +einreichen,<a name="FNanchor_725"></a><a href= +"#Footnote_725"><sup>725</sup></a>—hatte zur Folge, daß +die alternden Gehilfinnen sich einer dauernden Wanderschaft +ausgesetzt sahen und nie wissen konnten, ob nicht der nächste +Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren freilich sind sie so wie so +schon verbraucht.</p> + +<p>Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der +schlechten Ernährung tritt schon früh allgemeine +Entkräftung und Muskelschwäche ein. Die jungen +Mädchen werden fast durchweg von der Bleichsucht +heimgesucht,—ein Blick in die Gesichter der +Verkäuferinnen beweist das zur +Genüge,—Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen +die Fußgelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, +Magenkrankheiten zerstören den Rest der Nervenkraft. +Infolgedessen wird die Mutterschaft für die meisten ehemaligen +Verkäuferinnen zu einer schweren Krankheit.<a name= +"FNanchor_726"></a><a href="#Footnote_726"><sup>726</sup></a> Die +große körperliche Abspannung, die oft so weit geht, +daß die jungen Mädchen sich abends mit den Kleidern aufs +Bett werfen, weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich +auszuziehen,<a name="FNanchor_727"></a><a href= +"#Footnote_727"><sup>727</sup></a> führt schließlich +auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die Interessen +über die alltäglichen, persönlichen hinaus; ein +energischer Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz +außerhalb der Vorstellungsmöglichkeit.</p> + +<p>Neben die körperlichen und geistigen Folgen der +proletarischen Frauenarbeit im Handel treten aber noch die +traurigen moralischen hinzu. Die große Masse der Angestellten +kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht leben; nicht nur, daß +sie sehr häufig das einfachste Leben kaum fristen können, +ihre Ansprüche sind auch von Haus aus höhere und werden +durch ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und +Konfektionsgeschäften, noch gesteigert. Und Gewohnheit und +Ansprüche gilt es in Rechnung zu ziehen, wenn man Notlagen und +die Größe der damit verbundenen Gefahren richtig +beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen +sächsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen +gesichert und befriedigt fühlen, das eine Verkäuferin in +einem Berliner Geschäft der Schande in die Arme treibt. Weit +stärkere Einflüsse, als auf die arme Arbeiterin, wirken +bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der Ansicht +kühler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwählter sieht +in ihrer Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, für jene aber +ist die Heirat ein selten erreichter Traum, denn ihre +männlichen Arbeitsgenossen suchen vor allem eine klingende +Mitgift, um sich dadurch selbständig machen zu können, +und schließt für die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn +die Not sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres +Herzens und ihrer Sinne, der sie in jene Liebesverhältnisse +verstrickt, die so oft ein tragisches Ende finden. Dabei naht ihr +auch die Verführung mehr als anderen durch den Verkehr mit der +Kundschaft. Es ist nicht übertrieben, sondern entspricht den +täglich zu beobachtenden Thatsachen, daß die +Lebemänner der Großstädte in den Bazaren und +Warenhäusern ein beliebtes Feld für ihre Jagd nach +Menschenware erblicken. Aber auch für die Chefs selbst sind +ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mädchen +muß entweder ein hohes Maß an sittlicher Kraft, +Selbstverleugnung und Entsagungsfähigkeit, oder einen +traurigen Mangel an Jugendlust und Liebessehnsucht besitzen, um +rein und unangefochten aus diesem Leben hervorzugehen. Wie Zolas +Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von leichtsinnigen, sondern +auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und damit berühren +wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im Handel, der es +so vielen unmöglich macht, sich durch eigene Kraft ehrlich +durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkäuferin und mehr +noch der Probiermamsell verbirgt sich häufig die Prostitution +in grober und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die +hierbei in Betracht kommt, und da sie hübsch ist und jung und +elegant, auf die Höhe des Lohnes wenig Wert legt, so macht der +Unternehmer ein gutes Geschäft durch ihre Anstellung. Schulter +an Schulter mit ihr machen die wohlerzogenen Töchter des +mittleren Bürgerstandes, die Wohnung und Kost bei ihren Eltern +haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld +repräsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, +mühsam sich emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste +Konkurrenz. Sie erhalten die Löhne auf einem niedrigen Niveau, +ja sie drücken sie durch ihr massenhaftes Eintreten in den +Handel vielfach noch herunter. Infolgedessen zeigt sich in +höherem Maße noch als in der Fabrikarbeit, daß die +Entwicklung der Löhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach +den Frauenlöhnen zu gestalten, so daß der Unterhalt der +Familie auf dem Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die +verheiratete Frau aber unter den Angestellten eine beinahe +unmögliche Erscheinung ist,—die Heirat bedeutet fast +stets den Austritt aus dem Geschäft,—so sind die Folgen +dieser Entwicklung zunächst für Mann und Weib gleich +traurige.</p> + +<p>Die Lage der Handelsgehilfinnen würde eine verzweifelte +sein, wenn sich nicht in der öden Wüste ihres Daseins +Quellen künftigen blühenden Lebens nachweisen +ließen. Eine der stärksten und wichtigsten ist auch hier +die Entwicklung zum Großbetrieb. Je größer der +Betrieb desto höher ist der Lohn, desto kürzer die +Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto mehr nimmt aber +auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der Angestellten ab. +Damit schwindet das patriarchalische Verhältnis mehr und mehr, +der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie der +Fabrikarbeiter, dessen persönliches, häusliches Leben und +Treiben den Unternehmer nicht kümmert. Hierdurch und durch die +allerdings erst in den ersten Anfängen steckende Regelung der +Arbeitszeit, wird es schließlich auch der verheirateten Frau +leichter möglich sein, ihrem Mädchenberuf treu zu +bleiben. Das alles würde aber nur wenig nützen, wenn +nicht noch ein anderes Moment hinzukäme: die Töchter des +Bürgerstandes werden durch den Druck der +Verhältnisse,—nicht zum mindesten hervorgerufen durch +die, das kleine Geschäft tötenden +Warenhäuser,—gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als +Mittel zur Befriedigung von Luxusbedürfnissen, sondern als +Mittel zum Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die +Keime für ihre Beseitigung.</p> + +<p>Neben der Entwicklung zum Großbetrieb, die aber,—das +sei all denen gesagt, die bequem genug sind, sich durch +Zukunftshoffnungen über die Gegenwart trösten zu +lassen,—eine außerordentlich langsame ist, läuft +eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint +und gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme +der von Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zählung von +1895 gab es deren 145165, was gegenüber der Zählung von +1882 einer Zunahme von 41 % gleichkam, während die von +Männern geleiteten Alleinbetriebe um 5 % abgenommen haben.<a +name="FNanchor_728"></a><a href="#Footnote_728"><sup>728</sup></a> +Trotz der Selbständigkeit der Händlerinnen ist ihre +Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart, +als der der Arbeiterin. Ueber die Hälfte,—56 +%,—sind Witwen, 27 % verheiratete Frauen, aber nur 17 % +ledige. Die Witwen richten das Geschäft, wenn es nicht vom +Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen Kapital ein, um sich und +ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten Frauen, häufig +ehemalige Dienstmädchen, wenden ihren Sparpfennig daran, um +durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergänzen; +alternde Mädchen, oft frühere Verkäuferinnen in +ähnlichen Geschäften, versuchen gleichfalls damit ihr +Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei dieser Art +Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und +gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu +konzentrieren: die Waren bilden den täglichen Bedarf jeder +Hauswirtschaft, sie müssen also möglichst in der +Nähe zu haben sein und können daher auch nicht in +Warenhäusern aufgestapelt werden; allein das Wachstum der +Städte führt ihre Vermehrung herbei, die scharfe +Konkurrenz jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die +Besitzerinnen, die bisher mühsam ihre Selbständigkeit +aufrecht erhielten, zur Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, +solange die Privatküchen bestehen werden, wahrscheinlich und +sicher ist, daß sich gerade dieses Handelszweiges mehr und +mehr die Frauen bemächtigen werden.</p> + +<p>Welches Los härter ist, das der Angestellten im +glänzenden Kaufhaus, die in seinem Dienst hinwelkt, die ihre +Jugend entweder vertrauern oder wegwerfen muß, oder das der +Händlerin im düsteren Keller oder stickigen Laden, die +oft auch noch die Nächte opfert, um ihre armselige +Häuslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar +Pfennige plagt von früh bis spät—das wage ich nicht +zu entscheiden.</p> + +<a name="6_4" /> +<h3>Die Landwirtschaft.</h3> + +<p>Während die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte +Erscheinungen sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt +gewonnen haben, die das Interesse der Nationalökonomen, der +Politiker und der Gesetzgeber erregen, ist die Landarbeiterin +bisher ein ziemlich vager Begriff geblieben. Man ereifert sich +höchstens über ihre Landflucht und wundert sich, +daß sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens +preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das +machen sich nur Wenige klar und diese wenigen müssen sich +teils auf ihre eigenen beschränkten Beobachtungen, teils auf +Privat-Untersuchungen stützen, die auch immer nur +unzulänglich bleiben können. Aber noch durch einen +anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen +erschwert.</p> + +<p>Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen +gekennzeichnete Masse, sie gliedern sich vielmehr in zwei +Kategorien von Arbeitern: die kontraktlich gebundenen und die +freien, und in eine ganze Anzahl von Unterabteilungen beider. Zu +den ersteren gehören zunächst die in festem Jahreslohn +stehenden Mägde, die Wohnung und Nahrung von der Herrschaft +empfangen und deren Arbeit eine teils häusliche, teils +landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehören ferner im +ostelbischen Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung +und ein Stück Land, außerdem einen gewissen Anteil am +Ertrage des Gutes erhalten, dafür aber nicht nur ihre eigene +und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst stellen, sondern +auch eine Anzahl, gewöhnlich zwei, andere Arbeiter für +den Gutsherrn halten müssen; es sind das die Scharwerker, +meist Angehörige des Instmanns, seine Töchter und +Söhne, auch seine Mutter oder sein Enkelkind, sehr oft aber +auch fremde Mägde und Knechte, die der Instmann zu dem Zweck +dingt.<a name="FNanchor_729"></a><a href= +"#Footnote_729"><sup>729</sup></a> Im Westen Deutschlands nehmen +die Heuerleute eine ähnliche Stellung ein, nur daß ihnen +Wohnung und Land nicht geliefert wird, sondern daß sie es +gegen geringes Entgelt pachten müssen, dafür aber +verpflichtet sind, für eine bestimmte Reihe von Tagen um die +Hälfte des ortsüblichen Lohns für den Besitzer +Arbeit zu leisten.<a name="FNanchor_730"></a><a href= +"#Footnote_730"><sup>730</sup></a> Eine breite Schicht der +Landarbeiter sind in Ostelbien auch noch die Deputanten, die neben +dem Lohn rohe Lebensmittel geliefert bekommen. Im übrigen +Deutschland wiederholt sich häufig den Tagelöhnern +gegenüber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen +Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelöhner mit +selbständigem Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht +leben können, so daß sie gezwungen sind Lohnarbeit zu +suchen. Sie gehören ebenso zweifellos zu den Proletariern, wie +ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung und Bestellung +der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der Bauer und die +Bäuerin, die keine Lohnarbeiter beschäftigen, sondern +sich von früh bis spät allein abrackern, um sich vom +Ertrage ihrer Mühen zu ernähren, sind, trotzdem sie auf +eigenem Grund und Boden stehen, nichts anderes als Proletarier.<a +name="FNanchor_731"></a><a href= +"#Footnote_731"><sup>731</sup></a></p> + +<p>Die eigenartigste Klasse unter dem ländlichen Proletariat +ist die der Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengänger +begegnen wir ihnen in Deutschland; in England war es das +Gangsystem, das ihre Beschäftigung beförderte; in +Frankreich sind es zum großen Teil belgische Arbeiter, die +sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den +Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere +Wanderung der Arbeiter. Während das landwirtschaftliche +Gesinde und die Instleute die älteste Art der Landarbeiter, +gewissermaßen die Nachkommen der Hörigen und Leibeignen, +darstellen, repräsentieren die Wanderarbeiter die +modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der +Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine +Arbeit verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter +Beschäftigung fanden, mehr und mehr den Charakter des +Saisongewerbes an. Die intensivere Kultur der landwirtschaftlichen +Betriebe,—dabei sei nur an die Molkereien und an die +Zuckerrübenpflanzungen erinnert,—zu der die zu +geschäftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte +notwendig gedrängt werden, unterstützt gleichfalls die +allmähliche Umwandlung des ländlichen Proletariats.<a +name="FNanchor_732"></a><a href="#Footnote_732"><sup>732</sup></a> +In England, das zwar im allgemeinen noch alle Arten +landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt: mit eigenem Land, +mit Allotment, mit Haus- und Gartenüberlassung oder mit +bestimmtem Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, +wo nur mit wöchentlich oder täglich engagierten freien +Tagelöhnern gearbeitet wird, schon vollzogen.<a name= +"FNanchor_733"></a><a href="#Footnote_733"><sup>733</sup></a> +Bezeichnend dafür ist, daß der Begriff des Landarbeiters +im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn der Bedarf +an Landarbeitern wurde früher durch die zum Dienst +verpflichteten Bauern, in Preußen auch durch die zum +Zwangsgesindedienst genötigten Bauernkinder<a name= +"FNanchor_734"></a><a href="#Footnote_734"><sup>734</sup></a>, in +außereuropäischen Ländern, besonders in Amerika, +durch die Sklaven gedeckt.</p> + +<p>Aus dem Gesagten geht hervor, daß es sehr schwierig ist, +die Einnahmen der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und +Naturallohn, aus freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung +und Land, aus Anteilen am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. +Was zunächst das ländliche Gesinde betrifft, so variiert +allein in Deutschland sein Jahreslohn ungemein. Er ist am +niedrigsten, wo die Frauenarbeit am stärksten ist; je weiter +nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreußen kamen +Mägdelöhne von 50 Mk. vor; Kuhmägde pflegen 75 bis +80 Mk. jährlich zu verdienen, sogenannte Leuteköchinnen +90 Mk. Im Westen und Süden, z.B. in Oldenburg, Hannover, +Hessen und Württemberg, variieren die Frauenlöhne +zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.<a name= +"FNanchor_735"></a><a href="#Footnote_735"><sup>735</sup></a> Die +höchsten Lohnsätze finden sich in Schleswig-Holstein und +im Jeverlande, wo der Mangel an Mägden schon zu einer +großen Kalamität geworden ist. Hier beträgt der +niedrigste Lohn 90 Mk., die Großmägde kommen zu einem +Verdienst von 200 bis 230 Mk., Löhne von 250 Mk. werden auch +zuweilen gezahlt.<a name="FNanchor_736"></a><a href= +"#Footnote_736"><sup>736</sup></a> Neben diesem Geldlohn wird +Verpflegung und Wohnung selten berechnet; für Württemberg +werden die Ausgaben für eine Magd einschließlich des +Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230 Mk. +angegeben, so daß ihre Gesamteinnahme 295 bis höchstens +400 Mk. jährlich beträgt.<a name="FNanchor_737"></a><a +href="#Footnote_737"><sup>737</sup></a> So begegnet uns hier wieder +die beinahe typische Jahreseinnahme aller schlecht gestellten +Proletarierinnen. Die französischen Landmägde stehen +sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis 200 fr. zu betragen +pflegt, noch schlechter, ihre Beköstigung dagegen wird im +allgemeinen höher veranschlagt werden dürfen.<a name= +"FNanchor_738"></a><a href="#Footnote_738"><sup>738</sup></a></p> + +<p>Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der +ostelbischen Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen +Heuerlinge festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was +ihnen geliefert wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im +Aufziehen und Verkaufen von Vieh und Geflügel, und von dem +jeweiligen Anteil an dem Ertrag des Gutes abhängig ist. Der +Geldlohn der Frauen beträgt gewöhnlich im Sommer 30 bis +50, im Winter 20 bis 35 Pf. täglich. Dieser Lohn wird jedoch +niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann, als dem +Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich für +seine Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde<a name= +"FNanchor_739"></a><a href="#Footnote_739"><sup>739</sup></a>, +ausgezahlt. Für seine Frau, noch mehr aber für die +Scharwerksmädchen, die er natürlich bei der eigenen Armut +nur auf das notdürftigste unterhält, bedeutet das eine +große Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fließt +nur zu oft in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn +nur sehr niedrig stehende, physisch oder moralisch herabgekommene +Mädchen sich zum Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit +besser ist die Lage der westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch +sie von den Männern vollständig abhängig sind. Sie +sind jedoch nur zu einem geringeren Maß von Arbeit +verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der +dürftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste +Schicht der kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber +diejenigen, die nicht wie die Instleute zum großen Teil +abhängig sind von den schwankenden Erträgnissen des +herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von denen der +eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes Deputat +erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt, so +ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei +Fällen, bei den Instleuten, einschließlich der +Scharwerker, den Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich +demnach dasselbe eigentümliche Bild einer völligen +Abhängigkeit auch der arbeitenden Frau von ihrem Ehemann. Die +Stellung einer selbständigen Lohnarbeiterin ist für sie +nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des +Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht +gesprochen werden.</p> + +<p>Eine Stufe höherer Entwicklung in Bezug auf die +Selbständigkeit des weiblichen Landarbeiters bedeutet daher +die freie Tagelöhnerarbeit. Auch sie wird teils nur durch +Geld, teils durch Geld und Beköstigung entlohnt, und zwar ist +der Lohn nicht nur niedriger als der des Mannes,—obwohl die +Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,—sehr häufig +wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewährt, +wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch +erhöht wird. Ueber die Lohnverhältnisse in Deutschland +giebt folgende Tabelle einige Aufklärung:<a name= +"FNanchor_740"></a><a href="#Footnote_740"><sup>740</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Land</th> +<th>ohne Kost Pf.</th> +<th>mit Kost Pf.</th> +</tr> + +<tr> +<td>Posen</td> +<td align="center">30- 50</td> +<td align="center">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Regierungsbezirk Magdeburg</td> +<td align="center">60-130</td> +<td align="center">40- 90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Regierungsbezirk Merseburg</td> +<td align="center">60-125</td> +<td align="center">40- 90</td> +</tr> + +<tr> +<td>Regierungsbezirk Erfurt</td> +<td align="center">70-130</td> +<td align="center">50-120</td> +</tr> + +<tr> +<td>Provinz Hannover</td> +<td align="center">70-150</td> +<td align="center">40- 80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Regierungsbezirk Kassel</td> +<td align="center">60-150</td> +<td align="center">30-100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Provinz Hessen-Nassau</td> +<td align="center">80-150</td> +<td align="center">50-100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Großherzogtum Hessen</td> +<td align="center">80-175</td> +<td align="center">30-100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Provinz Schleswig-Holstein</td> +<td align="center">50-150</td> +<td align="center">20-120</td> +</tr> + +<tr> +<td>Herzogtum Anhalt</td> +<td align="center">70-150</td> +<td align="center">40- 75</td> +</tr> + +<tr> +<td>Thüringische Staaten</td> +<td align="center">60-150</td> +<td align="center">40-100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Königreich Sachsen</td> +<td align="center">60-150</td> +<td align="center">40- 80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bayern</td> +<td align="center">60-120</td> +<td align="center">30-100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hohenzollern</td> +<td align="center">70-220</td> +<td align="center">30-160</td> +</tr> +</table> + +<p>Die höchsten Löhne werden im Sommer, +hauptsächlich zur Erntezeit gezahlt, die niedrigsten im +Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen Jahreszeiten hat keine +Tagelöhnerin. Rechnen wir, daß sie etwa 250 Tage voll +beschäftigt ist, davon während 125 Tagen den +höchsten täglichen Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 +Mk., also im ganzen 178,75 Mk., während weiterer 125 Tage den +täglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63 Pf., also im ganzen +78,75 Mk. erhält, so erreicht sie einen Jahresverdienst von +257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit Beköstigung nach +demselben Schema, so beträgt ihre Jahreseinnahme nur 172,50 +Mk. Daß diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht +z.B. aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelöhnerfamilie +in Holstein hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleißigster +Arbeit nur 450 bis 600 Mk., jährlich verdienen.<a name= +"FNanchor_741"></a><a href="#Footnote_741"><sup>741</sup></a> +Uebersteigt die Zahl der Familienglieder vier Personen, sind +womöglich alte Eltern oder kränkliche Angehörige mit +zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine +äußerst kümmerliche. Hat der Tagelöhner +eigenen Landbesitz, zieht er Schweine oder Geflügel, so kann +seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk. steigern<a name= +"FNanchor_742"></a><a href="#Footnote_742"><sup>742</sup></a>, dann +ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an die Grenze des +Möglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die +Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere +zufällt.<a name="FNanchor_743"></a><a href= +"#Footnote_743"><sup>743</sup></a> In der schlimmsten Lage aber +befindet sich die Alleinstehende, um so schlimmer, wenn sie Kinder +hat. Selbst auf dem Lande läßt sich das Leben mit einem +Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit mit +all ihren Schrecken, das Hütekinderwesen mit seinen traurigen +Folgen an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die +nächsten selbstverständlichen Resultate solcher +Lohnverhältnisse.</p> + +<p>In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst +der Frauen beträgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 +c.; im Sommer 1,87 fr. resp. 1,14 fr.<a name="FNanchor_744"></a><a +href="#Footnote_744"><sup>744</sup></a>; in einzelnen Landstrichen, +z.B. in der Bretagne, sinken die Löhne bis auf 50 c. resp. 1 +fr. täglich, während sie andererseits freilich zuweilen, +z.B. in der Normandie, bis auf 2 und 3 fr. steigen<a name= +"FNanchor_745"></a><a href="#Footnote_745"><sup>745</sup></a>; im +allgemeinen übersteigt die Jahreseinnahme der +französischen Tagelöhnerin höchst selten 229 fr., +während 300 fr. das mindeste ist, womit ein Existenzminimum +ihr gesichert wird.<a name="FNanchor_746"></a><a href= +"#Footnote_746"><sup>746</sup></a> Ihre deutsche Arbeitsgenossin im +fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit mühsam der Erde ihre +Früchte abgerungen werden, hat also keinen Grund, die +Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer +etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie +nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen +steigen ihre Löhne und ermöglichen ihr ein +erträgliches Leben.<a name="FNanchor_747"></a><a href= +"#Footnote_747"><sup>747</sup></a> Mehr und mehr aber +beschränkt sie sich auf die ausschließliche +Bewirtschaftung des eigenen kleinen Eigentums, während ihr +Mann als Tagelöhner in Arbeit geht. Mit ihr auf gleicher Stufe +steht die Frau und die Tochter des kleinen selbständigen +Landwirts, nur daß ihre Einkommen lediglich vom Ertrage ihrer +Besitzung abhängen. Sie sind fast immer wahre Arbeitssklaven, +sehr häufig tüchtiger als die Männer, die nur zu oft +dem Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen +Proletarierinnen von ihnen abhängiger, als irgend eine +Lohnarbeiterin von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine +ebenso selbstverständliche angesehen, wie die der +Instmannsfrau, und ihr klingender Ertrag fließt allein in die +Tasche des Familienoberhauptes. Dies Verhältnis vollkommener +Abhängigkeit drückt sich in der Picardie noch heute +dadurch aus, daß die Frau ihren Mann nicht anders nennt als +<i>mon maître</i>, und der Mann sein Weib in der +Vendée nicht anders als <i>ma créature</i>.<a name= +"FNanchor_748"></a><a href="#Footnote_748"><sup>748</sup></a></p> + +<p>Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts +fesselt sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des +Herrengutes, noch der eigene Besitz, noch der Jahreslohn der +Dienstmagd. Wie die Fabrikarbeiterin ist sie nichts als +Arbeitsmaschine, jede Spur eines persönlichen +Verhältnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehört. Die +Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablösung +ländlicher Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr +und mehr an Beschäftigung für die seßhaften +Arbeiter fehlt, die Ausdehnung schließlich des +Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die Wanderungen +ländlicher Arbeiter überall begünstigt. Oft, wie +z.B. in Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere +Wanderungen, oft werden aber auch Ausländer, wie in Frankreich +Belgier, in Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, +Oesterreicher und russische Polen eingeführt. In +größerem Umfange organisierte Wanderungen finden sich +aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre Sklavenhalter, +treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und führen +sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit der +moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei +der Arbeit hinter ihnen, denn häufig richtet sich ihr Lohn +nach der Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer +Landarbeiter waren noch ganz besonders berüchtigt deshalb, +weil fast ausschließlich Kinder dazu angeworben, und, infolge +ihrer völligen Wehrlosigkeit dem Gangmeister gegenüber, +auf das äußerste ausgenutzt und in ihren Einnahmen +benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das System +heute überwunden, ohne daß die Wanderungen deshalb +aufgehört haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der +Sachsengängerei den größten Umfang angenommen.</p> + +<p>Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der +Rübenzuckerkultur in Sachsen zu verdanken, die während +bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher Arbeitskräfte +notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter auch zu +jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich aus +den östlichen Provinzen Preußens und bestehen +großenteils aus jungen Mädchen. Für das Jahr 1890 +wurden 75000 Personen gezählt, die sich von Brandenburg, +Pommern, Westpreußen, Posen und Schlesien aus auf die +Wanderschaft begaben.<a name="FNanchor_749"></a><a href= +"#Footnote_749"><sup>749</sup></a> Auf sächsischen Gütern +kommen auf 150 Männer 337 Mädchen.<a name= +"FNanchor_750"></a><a href="#Footnote_750"><sup>750</sup></a> Der +normale Lohn für sie beträgt 1 Mk., während die +Männer durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.<a +name="FNanchor_751"></a><a href="#Footnote_751"><sup>751</sup></a> +Es kommen aber auch Löhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.<a name= +"FNanchor_752"></a><a href="#Footnote_752"><sup>752</sup></a> +Außerdem wird Wohnung, zum Teil auch +Beköstigung,—natürlich bei niedrigeren +Lohnsätzen,—gewährt. Charakteristisch ist, +daß der Unterschied zwischen der Bewertung der Männer- +und der Frauenarbeit sich bis auf die Reisevergütung ausdehnt, +die für Frauen ein Drittel weniger beträgt als für +Männer.<a name="FNanchor_753"></a><a href= +"#Footnote_753"><sup>753</sup></a> Der Gesamtverdienst einer +Sachsengängerin ist bei einer Beschäftigungszeit von 34 +Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf 424 Mk. +geschätzt worden.<a name="FNanchor_754"></a><a href= +"#Footnote_754"><sup>754</sup></a> Das würde jedoch einem +Tagesverdienst von 1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,—besonders +wo in Akkord gearbeitet wird,—nur von den tüchtigsten, +mit der Arbeit vertrauten Mädchen erreicht wird. +Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine +Seltenheit. Trotzdem sind infolge äußerster Sparsamkeit +und wahrhaft trostloser Unterernährung fast alle Mädchen +im stande, Ersparnisse zu machen, die die Höhe von 120 bis 180 +Mk. erreichen. Möglich ist das nur, wenn die Wochenausgaben +für die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht übersteigen.<a name= +"FNanchor_755"></a><a href="#Footnote_755"><sup>755</sup></a> Nun +wird aber auch, obwohl die Sachsengängerinnen eine starke +Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die +Beköstigung geliefert. Die Lohnabzüge jedoch stehen zur +Qualität und Quantität der dafür gegebenen Nahrung +in keinem Verhältnis; auf einem Gute im Kreise Halle z.B. +betrug die Ausgabe des Besitzers für die Ernährung der +Sachsengänger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem anderen +gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall täglich 17, in dem +anderen 11 Pf.<a name="FNanchor_756"></a><a href= +"#Footnote_756"><sup>756</sup></a>,—Summen, die gewiß +das Ideal der Volksernährung repräsentieren!—Nach +beendigter Saison pflegen die Sachsengänger in ihre Heimat +zurückzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder, +wenn diese nicht zureichen, von den Erträgnissen +hausindustrieller Thätigkeit zu leben pflegen. Mädchen, +die nur 200 Mk. verdient haben, also bei größter +Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurücklegen konnten, wären +natürlich nicht im stande, während 18 Wochen davon zu +existieren, wenn sie nicht bei ihren Angehörigen, die sie in +der Regel dafür entschädigen müssen, ein Unterkommen +fänden. Bringen sie, wie es häufig geschieht, von einer +ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit nach Hause, so +reicht auch die Einnahme einer gutgestellten Sachsengängerin +nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie muß auch +während der Winterwochen, die sie so dringend nötig hat, +um sich nach der übermäßigen Anstrengung des +Sommers zu erholen, Arbeit suchen, die, wenn sie überhaupt zu +finden ist, nur kärglichen Lohn abwirft.</p> + +<p>Nach alledem dürften es kaum die Löhne sein, die den +immer wieder behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der +Industriearbeit ausmachen können. Ihr niedriger Stand wird von +den Lobrednern der landwirtschaftlichen Thätigkeit auch +vielfach nicht geleugnet, wohl aber damit erklärt und +entschuldigt, daß die Arbeits- und Lebensbedingungen +unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphären, +und der Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach +aufgewogen würde. Diese Auffassung rief auch jenes +Märchen von den drallen Landmägden und den blühenden +Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die Dorfgeschichten +grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe sitzt. +Für diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen, +hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders +wahrhaftig ist, angefangen, ihren Märchenglauben zu +erschüttern. Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die +schwerwiegendste ist die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen +landwirtschaftlichen Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der +Bestellung und besonders während der Ernte vom ersten +Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Für das festangestellte +Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn alle Arbeiten, +die ihm obliegen, im Viehstall, im Hühnerhof und im Haus, +erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengänger +repräsentieren auch nach dieser Richtung einen leisen +Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit von früh fünf +bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen zwei +Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.<a name="FNanchor_757"></a><a +href="#Footnote_757"><sup>757</sup></a> Das schließt aber +natürlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es +sich nicht um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergütung +erfährt. Eine zwölf- bis vierzehnstündige Arbeit in +frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz Erträgliches +erscheinen, der nicht weiß, worin sie besteht, oder sich bei +dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten +wir die Thätigkeit der Landarbeiterin mit nüchternen +Augen, so wird sie schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine +anstrengende ist schon die Arbeit der Mägde im Kuhstall, und +nicht aus bloßem Uebermut gehen jetzt schon viele ihr aus dem +Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und dem Schmutz, denen +sie dauernd ausgesetzt sind,—die meisten Ställe sprechen +den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,—ist das Melken +anstrengend und gesundheitsschädlich. Geschwüre an den +Händen sind keine Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in +diesem Fall, die sowohl im Interesse der Arbeiterin als der +Milchkonsumenten liegen würde, wird nur selten für +notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren +können, der in die dunklen, stickigen Ställe tritt und +sieht, wie sich die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd +ihren Schemel neben sie stellt und nun den vom Mist beschmierten +Euter zu bearbeiten anfängt, während der Schweif des +Viehs ihr um das Gesicht fährt! Auch das Ausmisten der +Ställe, das nicht immer den Knechten überlassen bleibt, +verlangt große Körperkraft, ebenso wie das Schleppen des +Futters und der gefüllten Milch- oder Wassereimer. Die +Schweinezucht, die stets den Mägden obliegt, ist eine noch +weit widerwärtigere Arbeit; ich habe Mädchen gesehen, die +auf allen Vieren in die engen Ställe hineinkriechen +mußten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten +Schmutz wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer +Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und +Käse. Wie bei den vorhergehenden muß auch in diesem Fall +von den wenigen Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben +hellen und luftigen Ställen die Milchwirtschaft im +großen mit Hilfe von Maschinen und motorischen oder +Pferdekräften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im +Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die +stundenlang am Butterfaß steht und den schweren Schwengel +auf- und niederbewegt, die all die vielen Gefäße +täglich scheuert und putzt, die keine Sonntags- und keine +Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf ihr zu schwer und zu +schlecht sein, von früh bis spät ist sie auf den Beinen. +Und doch ist ihre Thätigkeit noch jeder anderen vorzuziehen, +weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit +zuläßt. Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und +Ernten der Kartoffeln oder gar der Zuckerrüben gegenüber: +im glühenden Sonnenbrand oder im kalten Herbstwind steht die +Arbeiterin zwölf und mehr Stunden mit gekrümmtem +Rücken über die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei +der Zuckerrübenkultur, bis über die Knöchel in den +Schlamm; oder sie kniet und hockt etwa wie beim Unkrautjäten, +auf durchfeuchteter Erde. Zur Erntezeit fällt ihr das schwere +Garbenbinden regelmäßig zu, sie muß aber auch +vielfach mähen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, +ohne daß ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der +Ebene ist immerhin ihre Arbeit noch leichter, als in den +Gebirgsländern. Von den abgelegensten Bergwiesen, die weder +Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden Alters +Zentnerlasten an Heu zu Thale, so daß ihr Rücken sich +krümmt unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf +und -ab. Für die ganz Armen und Alten gilt es noch als eine +besondere Vergünstigung, wenn sie Kiepen mit trockenem Holz +aus den Wäldern meilenweit nach Hause tragen können.</p> + +<p>Je weiter nach Osten und Süden, desto härter ist die +Arbeit; die russische Landarbeiterin muß es sich selbst +gefallen lassen, den Pflug durch die Erde zu ziehen. Und wenn die +Sonne über Italien wahre Fieberhitze ausströmt, arbeitet +die Tagelöhnerin Schulter an Schulter mit dem Mann in den +Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme steckend.</p> + +<p>Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die +Tagelöhnerin, deren Ausdauer doch vielleicht einmal eine +Grenze findet, arbeitet die Frau des armen Bauern oder die +selbständige Besitzerin eines kleinen Landguts. Die +französische Bäuerin z.B., die tagsüber ihren +Gemüsegarten allein bearbeitete, fährt oft schon +früh um drei Uhr in die Stadt, um ihre selbstgezogenen Waren +feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,—die selbständige +sowohl wie die abhängige,—verheiratet, hat sie Kinder, +so ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt für +sie aufs neue, wenn sie abends todmüde nach Hause kommt. Ist +sie Tagelöhnerin mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur +Erhaltung der Ihren unumgänglich nötig ist, so ist ihre +Arbeit gar eine dreifache: auf dem Gute des Herrn, auf dem eigenen +Gute und in der Hauswirtschaft. Für sie giebt es keinerlei +Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln oder +jäten Unkraut, arme Wöchnerinnen binden Garben oder +führen den Rechen. Die früh gealterten welken Frauen mit +krummem Rücken und zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande +auf Schritt und Tritt begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine +Schilderung für die "naturgemäßen", "gesunden" +Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten die meisten schon in +früher Jugend diese rasche Zerstörung vor. Die +Wanderarbeiterinnen sind zum großen Teil ganz junge +Mädchen; auf sächsischen Gütern waren nicht weniger +als 48 % unter zwanzig Jahren alt.<a name="FNanchor_758"></a><a +href="#Footnote_758"><sup>758</sup></a> In einer Zeit also, wo sie +der Schonung bedürften, werden sie den Einflüssen einer +Arbeit ausgesetzt, die sie zu ständigem gebückten Stehen +zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden +die runden Mädchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art +legen den Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes +Idealbild des frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur +Frühlingszeit auf einen der Bahnhöfe Berlins, wo man die +Sachsengänger wie das liebe Vieh in enge Wagen +verpackt,—er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit +werden!</p> + +<p>Aber auch auf die Ernährungs- und Wohnungsverhältnisse +treffen die vorgefaßten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter +schwelgt nicht, wie man sich's gerne vorstellen möchte, in +Milch und Butter, in Schweinefleisch und Hühnerbraten, in +saftigem Obst und frischen Gemüsen. Er produziert nicht +für den eignen Verbrauch, sondern für den Verkauf. Schon +aus der Summe, die die Sachsengänger für ihre +Beköstigung anlegen, läßt sich auf die Art +derselben schließen; thatsächlich besteht sie in +schwarzem Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder +Speck. Nur die besser Gewöhnten gönnen sich Reis oder +Erbsen oder Mehlklöße.<a name="FNanchor_759"></a><a +href="#Footnote_759"><sup>759</sup></a> Die Güte der +Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, daß sie +häufig vom Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden +müssen!<a name="FNanchor_760"></a><a href= +"#Footnote_760"><sup>760</sup></a> Die kontraktlich gebundenen +Tagelöhner leben kaum besser; die kleinen Besitzer sparen, so +viel sie können, am Essen. Dabei entzieht die Ausdehnung der +großen Molkereien den Landleuten in steigendem Maß ihr +wichtigstes und gesündestes Nahrungsmittel.<a name= +"FNanchor_761"></a><a href="#Footnote_761"><sup>761</sup></a> Der +Anblick bleicher, aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe +gefüllte Flasche im Mund, während Wagen um Wagen voll +Milchkannen der Stadt entgegengeführt werden, genügt +allein, um diese Zustände zu illustrieren.</p> + +<p>Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch +sie nur den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den +Sklaven: sie wird gut gefüttert, weil ihre Arbeitskraft +unentbehrlich ist. Am schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des +deutschen Ostens, die Hofgängerin des Westens: was der arme +Instmann und seine Familie übrig läßt, das ist +gewöhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter den +Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge sträflicher +Genußsucht, als grimmigen Hungers.</p> + +<p>Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, +daß die deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied +des Geschlechtes in leeren Ställen und Scheunen untergebracht +wurden.<a name="FNanchor_762"></a><a href= +"#Footnote_762"><sup>762</sup></a> Noch heute ist es vielfach +Usus.<a name="FNanchor_763"></a><a href= +"#Footnote_763"><sup>763</sup></a> Wo besondere Baracken zur +Unterbringung der Sachsengänger erbaut werden, fehlt es darin +oft am Notwendigsten; Musterhäuser, in denen von der eigens +dazu angestellten Verwalterin auch die Herstellung der Mahlzeiten +besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen großen Gütern +Sachsens. Die häufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen, +ihre Abneigung gegen die gemeinsame Beköstigung wird oft zum +Vorwand genommen, dergleichen Einrichtungen für +überflüssig zu erklären, während doch im +Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die für den trostlosen +Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles +fördern sollten, was eine Arbeiterbevölkerung, die nach +hunderttausenden zählt, nach und nach aus ihrem Sumpf +herausheben könnte. Aber freilich ist es von jeher das +Bequemste gewesen, den Stumpfsinn des Sklaven für +bewußte Befriedigung zu halten!</p> + +<p>Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger +gefährlich für die physische und moralische Gesundheit +ihrer Bewohner. In einem Haus pflegen zwei Familien untergebracht +zu werden; jede von ihnen hat eine meist ungedielte Stube, die +zugleich als Kochraum dient, und eine Kammer. Diese beiden +Räume werden außer von der meist kinderreichen Familie +auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgültig ob es junge +Burschen, Mädchen mit Kindern, Krüppel, kränkliche, +verdorbene, eben der Schule entwachsene Stadtkinder sind.<a name= +"FNanchor_764"></a><a href="#Footnote_764"><sup>764</sup></a> +Häufig sind drei und vier Personen auf ein Bett angewiesen; +Kinder schlafen mit Erwachsenen zusammen und sind von früh an +Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs ihrer Eltern, sondern auch +der Liebschaften aller übrigen Mitbewohner.<a name= +"FNanchor_765"></a><a href="#Footnote_765"><sup>765</sup></a> "In +einer Stube und in einem Bett spielen sich oft alle Akte des +menschlichen Lebens ab;"<a name="FNanchor_766"></a><a href= +"#Footnote_766"><sup>766</sup></a> häufig genug teilen +Hühner, Gänse und Ziegen, besonders im Winter, denselben +Raum mit den Menschen. Wer solch eine Höhle betritt, prallt +zurück vor dem unbeschreiblichen Gestank, der ihr +entströmt, vor dem Bild des Elends und der Verwahrlosung, das +sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet vielfach auch +hier, daß es die Leute nicht anders haben wollen, daß +neue Wohnungen mit gedielten Fußboden von ihnen +verschmäht werden. Neben dem tiefen Stand der Gesittung, auf +der diese Armen durch solche Wohnungsverhältnisse gewaltsam +zurückgehalten werden, ist es die Not, die sie an sie fesselt: +ihre Hühner und Gänse und Ziegen bilden einen wichtigen +Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Möglichkeit sie in +strenger Winterkälte zu erhalten, außer wenn sie ihnen +ihr Zimmer öffnen; sind da Dielen statt festgestampften +Lehmbodens, so sind sie gezwungen, ihre Tiere anderswo +unterzubringen. Oder sollten nur deshalb gegen 6000 Instwohnungen +in Ostpreußen leer stehen<a name="FNanchor_767"></a><a href= +"#Footnote_767"><sup>767</sup></a>, weil ihre Schönheit die +Bewohner vertrieben hat?! Es macht übrigens nur einen geringen +Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich handelt; +die westfälischen Heuer wohnen nicht besser, als die +ostpreußischen Instleute<a name="FNanchor_768"></a><a href= +"#Footnote_768"><sup>768</sup></a>, die Tagelöhner wohnen +sogar vielfach noch schlechter. In Südwestdeutschland wurden +z.B. ländliche Haushaltungen mit nur einem Wohnraum +gezählt<a name="FNanchor_769"></a><a href= +"#Footnote_769"><sup>769</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>mit 4 bis 5 Personen bewohnt</td> +<td align="right">8297</td> +</tr> + +<tr> +<td>mit 6 bis 10 Personen bewohnt</td> +<td align="right">4757</td> +</tr> + +<tr> +<td>mit 11 und mehr Personen bewohnt</td> +<td align="right">53</td> +</tr> +</table> + +<p>Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, +kein Abort oder einer in nächster Nähe des Brunnens, +Fenster, die häufig aus Sparsamkeit fest eingesetzt +wurden,—das ist die typische Behausung norddeutscher +Landarbeiter.<a name="FNanchor_770"></a><a href= +"#Footnote_770"><sup>770</sup></a> Es giebt ihrer freilich noch +schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit +einer einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen +fensterlosen Kammern von 8 qm Grundfläche, es war von neun +Familien bewohnt.<a name="FNanchor_771"></a><a href= +"#Footnote_771"><sup>771</sup></a> Und im Kreise Inowrazlaw giebt +es Erdhöhlen, 1 m in, 1 m über der Erde, deren +Grundfläche 12 qm beträgt und deren Wände und Decken +aus mit Sand und Rasen beworfenen Rundhölzern bestehen. Die +Reicheren unter den Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm groß, +die anderen haben statt dessen nur Löcher in den Wänden. +In diesen Räumen wohnen Tagelöhnerfamilien mit Schweinen, +Ziegen und Hühnern zusammen. Vor den Thüren liegt der +Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.<a name= +"FNanchor_772"></a><a href="#Footnote_772"><sup>772</sup></a> Man +glaube nun aber nicht, daß Deutschland allein solche +Vorzüge aufzuweisen hat. Im reichen Frankreich haben manche +Landarbeiterhäuser als einzige Oeffnung die Thür, die +bloße Erde zum Fußboden und, um den Raum auszunutzen, +die Betten zu drei und vier übereinandergestellt.<a name= +"FNanchor_773"></a><a href="#Footnote_773"><sup>773</sup></a> Die +Bretagne weist vielfach Fachwerkhäuser mit nassem Boden und +feuchten Wänden auf, die nur einen einzigen Raum enthalten<a +name="FNanchor_774"></a><a href="#Footnote_774"><sup>774</sup></a>, +und sowohl die Landarbeiter, wie die kleinen Besitzer wohnen +häufig mit dem Vieh zusammen.<a name="FNanchor_775"></a><a +href="#Footnote_775"><sup>775</sup></a></p> + +<p>Auf großen Gütern und in reichen Bauernwirtschaften +pflegen im allgemeinen die Mägde etwas besser zu wohnen. Oft +freilich liegt ihre Kammer unter dem Dach, wird von mehreren +bewohnt, die zu zweien je ein Bett teilen müssen und ist nicht +verschließbar. In ärmeren Wirtschaften ist die +Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwürdige: in +unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt +schlafen Mägde und Knechte in oder dicht neben den +Ställen. Um in ihre Kammer zu gelangen, müssen die +Mägde häufig den Schlafraum der Knechte passieren und +umgekehrt. In den Berggehöften Tirols wird ihre Lagerstatt +meist auf dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube +aufgeschlagen, in den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht +wird, verweist man sie auch wohl einfach auf die Heuboden.</p> + +<p>Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhältnisse liegen auf +der Hand. Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen +Verkehrs gewöhnt, die bei den Knechten schlafenden +Hütekinder werden früh in die dunkelsten Tiefen der +Ausschweifungen eingeweiht.<a name="FNanchor_776"></a><a href= +"#Footnote_776"><sup>776</sup></a> Die Geschichte von der "Unschuld +vom Lande" ist ebenso ein Märchen, wie die von den gesunden +Lebens- und Arbeitsverhältnissen der Landarbeiter. Nicht nur, +daß der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine +eingewurzelte Sitte ist,—vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, +wo es galt, den Herrn um das jus primae noctis zu +betrügen,—und die Heirat erst erfolgt, nachdem die +"Prüfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich +nämlich erwies, daß sie zur Mutterschaft fähig +ist<a name="FNanchor_777"></a><a href= +"#Footnote_777"><sup>777</sup></a>, auch die wüsteste +Sittenlosigkeit wird auf dem Lande großgezogen. Die meisten +Mädchen, die Scharwerkerinnen, die Sachsengängerinnen, +die Mägde kommen zuerst durch Vergewaltigungen zu Fall.<a +name="FNanchor_778"></a><a href="#Footnote_778"><sup>778</sup></a> +In den Augen der Knechte ist das nichts als ein Spaß. Sind +sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt noch niedrigere +sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon hatten.<a name= +"FNanchor_779"></a><a href="#Footnote_779"><sup>779</sup></a> +Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als Burschen +bei jungen Offizieren im Dienste waren.<a name= +"FNanchor_780"></a><a href="#Footnote_780"><sup>780</sup></a> Die +widerlich gemeinen Soldatenlieder würden allein schon +ausreichen, das Gesagte zu beweisen. Und doch wäre die +ländliche Sittenlosigkeit noch nicht so verdammenswert, wenn +sie sich zwischen Knechten und Mägden allein abspielte, weil +die Heirat die gewöhnliche Folge zu sein pflegt; daß sie +oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der +Korruption, als die der äußeren Verhältnisse. Die +Gründung des Hausstandes hängt von den +zurückgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst +beim besten Willen nur sein können, haben wir aus den +Löhnen gesehen. Handelt es sich um festangestellte +Tagelöhner, besonders Instleute, oder das ländliche +Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder +Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine +Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, daß +die weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwächt wird. +Weit bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen für die +Mädchen begleitet, ist es, wenn sie die armen Opfer der +Gelüste ihrer Herren werden. In der Enquete der evangelischen +Pastoren über die Sittlichkeit auf dem Lande werden die +Gutshöfe "Hauptherde ländlicher Unzucht" genannt<a name= +"FNanchor_781"></a><a href="#Footnote_781"><sup>781</sup></a>, und +das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Söhne und +Gäste, besonders aber das der Inspektoren wird durch +drastische Beispiele grell beleuchtet.<a name="FNanchor_782"></a><a +href="#Footnote_782"><sup>782</sup></a> Sie schonen kein +Mädchen, heißt es vielfach; sie sehen in ihnen eine +wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhängigkeit sich leicht +ihrem Willen fügen. So kommt es, daß selten ein +Landmädchen als Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber +auch, daß die Korruption der Landbevölkerung kaum eine +geringere ist, als die der städtischen.</p> + +<p>Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin +zeigt, daß die Lage beider eine gleich schlechte, ja +daß die der Landarbeiterin vielfach eine noch elendere ist, +als die ihrer städtischen Leidensgenossin, denn sie +genießt keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat in Deutschland +wenigstens nicht die Möglichkeit sich durch Organisation +selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die +Stadt an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem +Einerlei liegt, wenn sie sich ihr ununterbrochenes ländliches +Dasein vorstellt, ihre Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher +nicht, wenn sie alledem freudig den Rücken kehrt, erstaunlich +ist vielmehr nur, daß es überhaupt noch Mädchen +giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die +Vergnügungssucht triebe sie in die Städte, so ist +zweifellos viel Wahres daran, es ist aber eine berechtigte +Vergnügungssucht, denn ein unklares Bedürfnis nach der +Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr aber als dies +ist es der Wunsch, dem drückenden Elend und der quälenden +Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefühle aber, die zur +Landflucht den Anstoß geben, und die stumpfe Resignation der +Landarbeiter durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des +ländlichen Proletariats in sich. Auch die ostelbische +ländliche Arbeitsverfassung, die jene in der Tradition der +Unfreiheit gebundene Arbeiterbevölkerung zur Voraussetzung +hat, wird durch sie erschüttert; selbst die Instleute opfern +mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persönlichen +Ungebundenheit.<a name="FNanchor_783"></a><a href= +"#Footnote_783"><sup>783</sup></a> Dasselbe erwachende +Selbstbewußtsein läßt eine rapide zunehmende Zahl +ländlicher Arbeiter der Arbeit außerhalb ihrer +eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedürfnis der von +der einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt +ihnen dabei entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer +entschiedenerer Weise bevorzugt, weil sie für fleißiger, +sparsamer und bescheidener gelten<a name="FNanchor_784"></a><a +href="#Footnote_784"><sup>784</sup></a>, weil so gut wie kein +Aufwand für Unterbringung und Ernährung notwendig ist, +und jede verwaltungs- und armenrechtliche Verantwortung +fortfällt.<a name="FNanchor_785"></a><a href= +"#Footnote_785"><sup>785</sup></a> Erst die Zukunft wird zeigen, +daß die Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum +Klassenkampf"<a name="FNanchor_786"></a><a href= +"#Footnote_786"><sup>786</sup></a> innerhalb des ländlichen +Proletariats dadurch gefördert haben, ebenso wie jeder +Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Großbetrieb ausweitet, dem +Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. +Je mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, +desto leichter wird es auch möglich sein, ihre Arbeiter +gesetzlich zu schützen. Die Landflucht und die Wanderarbeit +sind daher nicht, wie die Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als +ein auszurottendes Uebel, sondern als ein Fortschritt anzusehen, +der die Landarbeiter aus ihrer elenden Lage befreien helfen wird. +Aber auch die wachsende Einführung der Maschinen, die Ursache +und Folge der Saisonarbeit zugleich sind, werden trotz ihrer +momentan grade für die Arbeiter sehr empfindlichen +Folgen,—die Dampfdreschmaschine schmälert z.B. ihren +Verdienst um ein Bedeutendes<a name="FNanchor_787"></a><a href= +"#Footnote_787"><sup>787</sup></a>,—die Lage der +ländlichen Arbeiter schließlich wesentlich umwandeln und +verbessern. Für die Frauenarbeit kommen dabei vorzugsweise die +in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in Betracht, so z.B. +die Melkmaschine, die den Mägden eine der unangenehmsten +Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von innen +herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine +durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und +mehr Bahn bricht, daß die Landarbeiter, speziell die +weiblichen, sich in einer Lage befinden, die geeignet ist, die +körperliche und sittliche Gesundheit des Volks bedenklich zu +gefährden, und daß es Märchen, und nichts als +Märchen sind, die man geflissentlich über sie +verbreitete, und mit denen man es verstanden hat Vernunft und +Gewissen zu betäuben.</p> + +<a name="6_5" /> +<h3>Der häusliche und der persönliche Dienst.</h3> + +<p>Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden +Bezeichnung zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den +häuslichen Dienstboten, einschließlich der außer +dem Hause der Arbeitgeber wohnenden, den Wäscherinnen und +Plätterinnen, den Kellnerinnen und den sonstigen +Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr +gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewöhnlichen Sinn +des Wortes sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man +darunter im allgemeinen nur diejenigen verstand, die durch ihre +Arbeit Verkaufsartikel produzieren. Diesen fast ganz allein hat +sich die Aufmerksamkeit der Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber +zugewandt. Daher ist auch das Material, auf Grund dessen sich die +Lage dieser Arbeiterinnen schildern ließe, ein sehr +unzureichendes. Den Wäschereien und ihren Arbeiterinnen wandte +man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Großbetrieben +sich entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie +heraustraten. Zögernd und vorsichtig tastend wandte man den +Blick auf die wachsende Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den +häuslichen Dienstboten ging man so gut wie achtlos +vorüber. Nicht nur, daß man nicht wagte, den Schleier zu +heben, der über ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten, wo +sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der +Feudalzeit würdig wären, dachte man selbst in den Jahren +lebhafter sozialer Gesetzesthätigkeit nicht im entferntesten +daran, diese Millionen Menschen aus dem drückenden Joch zu +befreien. Auch das Bürgerliche Gesetzbuch für das +deutsche Reich, welches das Recht des 20. Jahrhunderts enthalten +soll, hat sie fast unverändert bestehen lassen. Der Kultus der +Familie hat die häuslichen Dienstboten mit einer chinesischen +Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute für strafbar +gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie +wiederholt und so dicht vor Augen geführt wurde, daß +selbst die Kurzsichtigsten es sehen mußten, wagte man es +schüchtern und vorsichtig, eine kleine Bresche in die Mauer zu +schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um das Eindringen in +die Familien armer Leute. Wollte man den häuslichen Dienst +einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln +versuchen, so hieße das die Mauer umreißen und der +Oeffentlichkeit in die eigenen Familienverhältnisse Zutritt +gewähren. Selbst freisinnige Geister, die den Zuständen +der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken wagen, und mit +radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden reaktionär, +sobald die Dienstbotenfrage berührt wird. "<i>My house is my +castle</i>" heißt es dann und in diese Zwingburg, in der +Millionen Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl +sozialpolitischer Erkenntnis.</p> + +<p>Obwohl die Lage der häuslichen Dienstboten uns weit genauer +bekannt sein sollte, als die irgend einer anderen +Arbeiterinnenschicht, weil wir sie täglich vor Augen sehen, +hat die einschläfernde Macht der Gewohnheit bis jetzt die +aufklärende Gewalt persönlicher Erfahrung zu +unterdrücken gewußt. Wo wir auch in der Vergangenheit +Aeußerungen über die Dienstboten begegnen, sind es rein +subjektive, vom egoistischen Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, +und die Dienstbotenfrage erscheint dem weitaus größten +Teil derer, die sie in den Mund nehmen, nur als die Frage, wie dem +Mangel an Dienstboten und den Fehlern der Dienstboten abzuhelfen +ist. Daß sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und wie sie +behandelt werden muß, daß der große Strom der +Entwicklung, der in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck +kommt, vor den Mauern des bürgerlichen Haushalts nicht Halt +macht, sondern ihn in seinen Grundpfeilern +erschüttert,—und der häusliche Dienst ist solch ein +Grundpfeiler,—diese Erkenntnis fängt erst jetzt an zu +dämmern, wo die Dienstboten selbst anfangen, zum +Bewußtsein ihrer Lage zu kommen. Nun entdeckt man gleichsam +in der uns täglich umgebenden eine neue unbekannte Welt und +fängt an, zu begreifen, daß ein Leben noch kein +menschenwürdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm +ferner bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.</p> + +<p>Die große Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, +nicht nur was die einzelnen Länder, sondern auch was die +Stellungsgrade betrifft, macht es besonders schwierig, ein klares +Bild von ihr zu gewinnen. So variieren z.B. in Deutschland die +Löhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der Durchschnittssatz +dürfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise sind es +die Kindermädchen, die den niedrigsten, die Köchinnen, +die den höchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der +Wichtigkeit der Kinderstube und der Küche liegen soll?! Was +thatsächlich damit ausgedrückt wird, ist die Anforderung, +die man an Köchin und Kindermädchen stellt: während +die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem Beruf einen bestimmten +Grad von Erfahrung haben muß, wird von dem gewöhnlichen +Kindermädchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule +entwachsen, hält man es für fähig, Kinder zu warten +und zu erziehen. Die nächste Lohnstufe nimmt zumeist das +sogenannte "Mädchen für Alles" ein, das Kinder-, +Stubenmädchen und Köchin zugleich ist; ihre Einnahme +bewegt sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache +Hausmädchen, das die Zimmer zu reinigen, das +Küchenmädchen, das abzuwaschen und der Köchin zu +helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfräuleins +oder Kindergärtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen +Dienstmädchen und Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur +selten höher entlohnt zu werden. Einen höheren Lohn +erreicht das feine Stubenmädchen, das gewöhnlich die +Plätterei und Näherei verstehen muß, und die +Jungfer, der die persönliche Bedienung der Frau des Hauses +allein obliegt. Ist sie zugleich eine perfekte Schneiderin, so +steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75 Mk. im Monat. Die Köchin +hat, je nach den Anforderungen, die an sie gestellt werden, ein +monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der Mehrzahl deutscher, +bürgerlicher Haushaltungen dürfte sie zwischen 18 und 24 +Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in +großen Häusern oder auf Landgütern, die an Stelle +der Hausfrau die Leitung von Küche und Vorratsraum in +Händen hat und die Amme, die an Stelle der Mutter den +Säugling ernährt.</p> + +<p>Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die höchsten +Löhne in Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 +Dienstmädchen umfaßt, kommt zu folgenden Resultaten.<a +name="FNanchor_788"></a><a href="#Footnote_788"><sup>788</sup></a> +Es erhalten danach:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td align="right">21</td> +<td align="center">Mädchen</td> +<td align="center">oder</td> +<td align="center">4,7</td> +<td align="center">Proz.</td> +<td align="center">einen</td> +<td align="center">Jahreslohn</td> +<td align="center">von</td> +<td align="center">100-150 Mk.</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">152</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">33,9</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">150-200 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">179</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">39,9</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">200-250 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">56</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">12,5</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">250-300 "</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">41</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">9,0</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">300 u. mehr "</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Mädchen für Alles werden durchweg am schlechtesten +bezahlt, 58,8 % von ihnen haben weniger als 200 Mk. jährliches +Einkommen. Die Köchinnen erreichen die höchsten +Lohnsätze, die außerdem bei ihnen niemals unter 150 und +selten unter 200 Mk. herabsinken.</p> + +<p>In England, für das eine offizielle Untersuchung über +Dienstbotenlöhne vorliegt<a name="FNanchor_789"></a><a href= +"#Footnote_789"><sup>789</sup></a>, sind die Verhältnisse ganz +ähnliche, obwohl die Löhne eine größere +Höhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn +englischer Dienstmädchen beträgt 15,10 £, in +Schottland steigt er auf 17,12 £, in London auf 18,2 £, +während er in dem armen Irland auf 12 bis 14 £ +fällt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der +Schule entwachsenen Kindermädchen, die sich mit einem +Jahreseinkommen von 5 bis 6 £ begnügen müssen.<a +name="FNanchor_790"></a><a href="#Footnote_790"><sup>790</sup></a> +Die Stufenleiter ist im übrigen folgende:<a name= +"FNanchor_791"></a><a href="#Footnote_791"><sup>791</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Mädchen für Alles</td> +<td align="center">erhalten</td> +<td align="center">einen</td> +<td align="center">Jahreslohn</td> +<td align="center">von</td> +<td align="center">6-17 £</td> +</tr> + +<tr> +<td>Küchenmädchen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">5-21 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Einfache Hausmädchen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">7-24 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stubenmädchen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">14-24 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Köchinnen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">11-28 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kinderwärterinnen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">6-30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kammerjungfern</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">19-30 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wirtschafterinnen</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">"</td> +<td align="center">34-52 "</td> +</tr> +</table> + +<p>Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu +kommen, ist es notwendig, auch die Durchschnittslöhne +festzustellen, die aus der Untersuchung der Lohnverhältnisse +von 5338 weiblichen Dienstboten gewonnen wurden. Sie betrugen +für</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Mädchen für Alles</td> +<td>16 £</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kinderwärterinnen</td> +<td>16 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hausmädchen</td> +<td>16 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stubenmädchen</td> +<td>20 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Köchinnen</td> +<td>20 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kammerjungfern</td> +<td>24 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wirtschafterinnen</td> +<td>34 "</td> +</tr> +</table> + +<p>Das Kindermädchen rangiert also auch hier, was den Lohn +betrifft, hinter der Köchin. Noch drastischer tritt dieses +Verhältnis in Frankreich, der Hochburg kulinarischer +Genüsse hervor, wo die Löhne der Köchinnen zwischen +50, 100 bis 120 frs. und darüber schwanken, während +Kindermädchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur +30 bis 40 zu bekommen pflegen. Ungewöhnlich hoch sind hier die +Löhne der Ammen, die häufig bis zu 150 frs. monatlich +einnehmen sollen. Hohe Löhne, im Vergleich zu Deutschland, +werden auch in den Vereinigten Staaten gezahlt. Nach einer Enquete +beträgt der durchschnittliche Lohn der Dienstmädchen 3,23 +$ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 % ebensoviel oder +weniger, so daß sich daraus ein Jahreseinkommen von +durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die +Mädchen für alles, die am wenigsten +bekommen,—durchschnittlich 2,88 $ wöchentlich,—und +die Köchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am besten +stehen.<a name="FNanchor_792"></a><a href= +"#Footnote_792"><sup>792</sup></a></p> + +<p>Nach alledem scheint festzustehen, daß nicht die +Quantität, sondern die Qualität der geleisteten Arbeit am +höchsten bezahlt wird, und zwar ist die Ursache davon nicht +die, daß die Nachfrage nach der qualitativen +Leistungsfähigkeit absolut eine besonders starke +ist,—könnte man es zahlenmäßig nachweisen, so +würden zweifellos die Mädchen für Alles als die am +meisten begehrten erscheinen,—sondern weil sie im +Verhältnis zum Angebot gelernter Arbeiterinnen überall +hoch erscheint, und von den zahlungsfähigsten Kreisen ausgeht. +Aus denselben Gründen sind die Löhne der männlichen +Dienstboten unverhältnismäßig höher als die +der weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr dürfte kaum ein +deutscher Diener, unter 38 £ kein englischer zu haben sein. +Ein deutscher Privatkoch verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, +ein englischer hat durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 +£.</p> + +<p>Als Ergänzung des Lohns kann das Trinkgeld und das +häufig im Geldwert bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder +Neujahrsgeschenk angesehen werden. In Familien, die einen +ausgedehnten Verkehr haben und viele Gesellschaften geben, erreicht +die Einnahme aus den Trinkgeldern eine oft respektable Höhe. +So ist mir bekannt, daß ein Stubenmädchen in der Familie +eines höheren Offiziers, das den geladenen Gästen beim +Aus- und Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 +Mk. einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht +in dem Maße das Odium des Entehrenden an, weil es +thatsächlich nur als Belohnung für +außergewöhnliche Dienste auftritt und die Höhe des +Lohns durch die Aussicht darauf nicht beeinflußt wird. Anders +steht es, soweit die Stubenmädchen der Hotels und Pensionen in +Betracht kommen. Sie werden in den weitaus meisten Fällen mit +einem sehr geringen Lohn angestellt und sind auf die Trinkgelder +der Fremden angewiesen. Für ihre harte Arbeit müssen sie +auch noch in der beschämenden Haltung der Bittenden vor die +Fremden hintreten, müssen ihnen, wie die Strauchritter am +Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt +ihres guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig +gegebenes Almosen entgegennehmen, an das noch dazu häufig +genug beleidigende Anforderungen geknüpft werden.</p> + +<p>In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die +Höhe des Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. +Dasselbe Prinzip läßt sich in Bezug auf die Dienstboten +nur schwer anwenden, ja es scheint fast als müßte ihr +Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein, weil sie nicht +selbst für Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird +stets außer acht gelassen, daß allein an die Kleidung +des Dienstmädchens ganz andere Ansprüche gestellt werden, +als etwa an die Fabrikarbeiterin, und daß gerade bei der +häuslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur in reichen +Häusern Englands und Frankreichs, sehr selten in +Deutschland,—wo man sich auf das weiße Häubchen +als Abzeichen der Dienstbarkeit beschränkt,—wird die +Kleidung, die dann immer eine Art Uniform ist, den +Dienstmädchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist +müssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen +noch schmaler werden läßt. In sehr vielen Fällen +aber haben sie von ihrem Lohn alte Eltern und Geschwister zu +unterstützen. Wie oft sind mir Mädchen begegnet, die +über die Hälfte ihres Geldes nach Hause schickten. Noch +häufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu +ernähren, wofür sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin +geben müssen—meist den größten Teil ihres +Verdienstes! Diese Unglücklichen sind die Bedauernswertesten +von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und peinigen, sie +halten überall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wäre +die Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie können keine +Ersparnisse machen, um ihr Alter zu sichern,—dienen, dienen +ist ihr Los, solange der müde Rücken es aushält, +solange man sie nicht hinauswirft, wie ein verbrauchtes +Hausgerät. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die für +niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug +drücken kann: die Dienstvermittlungsgebühren.</p> + +<p>Die Dienstvermittlung ruht fast ausschließlich in den +Händen privater Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in +Preußen gab es hier allein 5216 Stellenvermittler, von denen +3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft waren, was auf den Charakter +derjenigen, in deren Händen das Los der Dienstmädchen +liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre möglichste Ausbeutung +liegt natürlich im Interesse der Vermittler und so müssen +die Dienstmädchen für jede Stelle entweder eine bestimmte +Summe, in Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom +Jahresgehalt, oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die +großstädtischen Dienstmädchen zweimal im Jahr den +Dienst zu wechseln pflegen, so kommen dabei Summen zusammen, die +eines besseren Zweckes würdig wären. In Wien allein +wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus +eingenommen.<a name="FNanchor_793"></a><a href= +"#Footnote_793"><sup>793</sup></a> Bei dieser Steuer, die die armen +Mädchen zu tragen haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr +häufig nehmen die Vermittlerinnen sie während der Zeit +der Stellenlosigkeit in Kost und Wohnung; sie üben dadurch, +daß sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der Stellung +bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es +überdies in der Hand, die Mädchen möglichst lange +bei sich festzuhalten. Die unerfahrenen Mädchen, die vom Lande +in die Stadt kommen, sind stets ihre leichte Beute, und da sie es +verstehen, sie durch Versprechungen, durch Schmeicheleien und wohl +auch durch häusliche Feste,—wobei die Mädchen +natürlich die Zeche bezahlen müssen,—an sich zu +fesseln, so ist das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner +Fliegen. Ein Blick in das Wartezimmer einer +großstädtischen Vermieterin enthüllt für den, +der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des +Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrängt die Mädchen, +vor ihnen die feilschenden "Gnädigen" mit prüfenden +Blicken und Fragen, die eines Untersuchungsrichters würdig +wären,—ein Sklavenmarkt mit all seinen Schrecken! Jedes +deutsche und österreichische Mädchen hat überdies +noch ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, +das ihren ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthält, +die alles vermuten und erraten lassen. Wagt es das +Dienstmädchen seinerseits nach den Arbeitsbedingungen zu +fragen, die seiner warten, so gilt es für frech und +unverschämt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse +daran hat, zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in +ein Kreuzverhör nimmt.</p> + +<p>Und was wartet seiner?</p> + +<p>Zur Entlohnung der häuslichen Dienstboten gehört, +außer dem Lohn, Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der +Herrschaft ist allgemein üblich; die vollständige +Abhängigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in der sich der +Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch zu +deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfährt sie +Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen +Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist +auch, wo mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen +Wohnraum, wo sie ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre +Freunde empfangen können.<a name="FNanchor_794"></a><a href= +"#Footnote_794"><sup>794</sup></a> Daß es sich dabei nur um +die Dienstboten wohlhabender Familien handeln kann, liegt auf der +Hand. In Frankreich und ebenso in Süddeutschland und +Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten in den +Mietshäusern immer im obersten Stockwerk. Sehr häufig +sind sie nicht zu heizen, so daß die Kälte im Winter +sehr empfindlich ist, aber noch empfindlicher vielleicht ist die +Sommerhitze unter dem glühenden Dach. In solchem Raum, der oft +kaum das Nötigste zu fassen vermag, hausen meist zwei, oft +auch drei Dienstmädchen zusammen. Thür an Thür +führt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt +und jung, Mädchen und Männer, Verdorbene und Unverdorbene +wohnen hier oben nebeneinander. Und doch sind diese +Unterkunftsräume noch als gute zu bezeichnen im Vergleich mit +denen, die der größten Mehrzahl der weiblichen +Dienstboten in den norddeutschen Städten geboten werden. Die +Hängeböden sind hierfür besonders charakteristisch. +Man versteht darunter Räume, die auf halber Höhe +über dem Badezimmer, dem Kloset, dem Flur oder einem +Küchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur mittelst +einer Leiter oder einer steilen Hühnerstiege zu erreichen +sind. Meist sind sie so niedrig, daß ein normal gewachsener +Mensch nicht aufrecht darin stehen kann, und so klein, daß +neben dem Bett kaum Platz genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein +Fenster,—klein ist es natürlich stets,—wird auch +oft zu den Luxusgegenständen gerechnet, die nach der +Küche oder dem Flur hinausmündende Thür ist dann das +einzige Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft +führt der Kamin der Küche direkt daran entlang, so +daß eine unerträgliche Hitze sich der schlechten Luft +zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine förmliche +Brutstätte hier findet. Noch häufiger liegt Badezimmer +und Kloset unter dem Hängeboden, den infolgedessen eine wahre +Typhusatmosphäre erfüllt. Einen solchen Wohnraum für +Dienstmädchen habe ich in einem der vornehmsten Häuser +Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen kleinen +Waschtisch enthielt, dabei selbst für kleine Menschen zu +niedrig war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, +erklärte stolz, daß er geräumig genug sei, um zwei +Mädchen zu beherbergen! Natürlich besaß sie einen +Salon, der nur für Gesellschaftszwecke geöffnet wurde und +ein Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe +des Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer +eleganten Pension des Berliner Westens fand ich ein +Dienstmädchen, das während der Wintermonate in einem +Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner zu passieren +hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug. Stillichs +Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhältnisse kommen zu +denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder +Dachkammern, Kellerräume, Abteilungen des Badezimmers, in dem +sich zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von +seinen Expertinnen als ihre Schlafräume angegeben, und zwar +sind es nicht weniger als 48 % aller, die in dieser Weise +untergebracht wurden. Wenn 24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als +notwendig erscheinen, so entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner +Dienstmädchen nur 93 diesen Anforderungen; etwa die +Hälfte sind in Bezug auf die sanitären Bedingungen ihrer +Wohnung ungünstiger daran als die Gefangenen in +preußischen Zuchthäusern.<a name="FNanchor_795"></a><a +href="#Footnote_795"><sup>795</sup></a></p> + +<p>In einigen Städten, unter anderem in Berlin, hat man das +erwachende Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu +beschwichtigen gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter +zu erreichenden Hängeböden als Schlafraum wurde verboten; +der Bau von Hängeböden, außer von solchen mit +fester Treppe, festgesetzter Höhe und bestimmtem Luftraum +untersagt. Natürlich steht all dergleichen fast nur auf dem +Papier, denn die Wohnungsverhältnisse der Dienstboten sind +nicht etwa nur der Ausfluß ausgesuchter Bosheit der +Herrschaft, sondern die Folge der allgemeinen ökonomischen +Verhältnisse. Mit den gesteigerten Lebensansprüchen haben +die Einnahmen des weitaus größten Teils der Aristokratie +und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie reichen +zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr aus. +Infolgedessen wird überall dort gespart, wo das Auge des +Fremden nicht hindringen kann, und die großstädtischen +Wohnungen sind der Ausdruck dieser Entwicklung: das Eßzimmer, +der Salon sind geräumig und glänzen in falscher Pracht; +die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel, der Raum für das +Dienstmädchen ist eine Art Höhle. Wer weiß, in +welchem Maße von der Aufrechterhaltung des äußeren +Scheins das Ansehen, der Kredit, ja die Existenz der Familien +abhängt, wer dabei die furchtbare Macht der Gewohnheit kennt, +die ganz zu überwinden nur Auserwählten gelingt, der wird +sich auch sagen müssen, daß die Wohnungsmisère +der Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder +Sittenpredigten beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art +hervor, wie die neuen Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der +Hängeböden tritt nämlich nunmehr in den mittleren +Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein schwer zu +öffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer +erhellt, aufweist und ebenso wie die Hängeböden, nicht +Raum genug bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen +Einrichtungsgegenstände unterzubringen. In den seltensten +Fällen, in Privathäusern, bei reichen oder kinderlosen +Leuten, hat das Dienstmädchen ein Zimmer, in das es sich +abends, nach der Arbeit, gern zurückzieht, wo es aufatmen, +sich selbständig und unbeaufsichtigt fühlen kann. +Wohnräume für Dienstboten, wo ihre Freunde sie besuchen +können, gehören auf dem Kontinent zu den +größten Seltenheiten, die nur in sehr reichen +Häusern zu finden sind. Die Küche ist fast immer ihr +Wohn-, Eß- und Empfangszimmer.</p> + +<p>Wie der Lohn, so ist die Beköstigung der Dienstboten die +verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualität, als was die Art +der Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller +Länder, die über eine Schar dienstbarer Geister +verfügen, ist es üblich, daß für sie extra +gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an +gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des +"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist für die +Herstellung der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber +ausreichend und nicht gerade schlecht zu sein; um so +erträglicher ist die Ernährung, als sie mit einer +bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer +eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen +Begünstigten die Masse der Mädchen ins Auge, die im +Dienste des kleinen und des mäßig begüterten +Bürger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein +völlig verändertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, +um den Hunger zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, +wenigstens was die Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und +unappetitlichen Ueberresten des Mittagstisches der Arbeitgeber. +Ohne eine bestimmte Essenspause muß sie in der Küche, +zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel des Tisches, +der notdürftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden. Sehr +häufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre +Quantität betrifft: das Mädchen darf sich nicht nach +Gefallen satt essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin +zugeteilt. In Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren +Haushaltungen besonders geformte tiefe Teller, ähnlich den +Näpfen, in denen man den Haushunden das Fressen vorzusetzen +pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin zusammengeworfen. Man +hält es vielfach für selbstverständlich, daß +das schwer arbeitende junge Dienstmädchen durch das geringste +Maß an Kost, durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein +muß: eine Tasse dünnen Kaffees mit einer dünn +gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter Mittagsreste, ein +Butterbrot mit schlechter Wurst und gewärmtem +Kaffee—darin besteht nur zu oft die tägliche Nahrung. +Trotzdem wird das Los des Dienstmädchens gegenüber dem +der Fabrikarbeiterin als ein glänzendes gepriesen und +unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost betrifft häufig +kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost durch +einen bestimmten Geldbetrag abzulösen; in Deutschland, England +und Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld üblich, +das in Deutschland kaum über 6 Mk. monatlich steigt, in +Frankreich dagegen 15 bis 25 frs. erreicht. In großen +englischen Haushaltungen wird manchmal für die ganze +Beköstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die +für Mädchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. täglich zu betragen +pflegt. Für das Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. +gezahlt. Alle diese Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege +einer Verselbständigung der Dienstboten, sie entspringen aber +zunächst der Bequemlichkeit der Herrschaften, die sich dadurch +einer lästigen Kontrolle enthoben fühlen und der +gefürchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben. +Thatsächlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das +Dienstmädchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn +bekommt, das legt sie am liebsten zurück, oder giebt es +für etwas anderes aus, als die Nahrung; sie wird also entweder +zur Unterernährung veranlaßt, indem sie von ihrem ersten +Frühstück oder ihrem Mittagbrot noch etwas zum Abend sich +aufspart, oder sie ißt trotzdem aus der Speisekammer der +Herrschaft. Es heißt auch die Modernisierung des +Dienstbotenwesens bei einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem +Mädchen, das unsere Wohnung und unser Leben teilt, unsere +Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von unserem Brote zu essen. +Die patriarchalische Ordnung, die man auf der einen Seite, soweit +es den Herrschenden nämlich zum Vorteil gereicht, durchaus +aufrecht erhalten will, läßt sich auf der anderen nicht +willkürlich durchbrechen. Nur das Gewähren von Geld als +Ersatz für alkoholische Getränke scheint mir +entschuldbar, weil diese zu den notwendigen Nahrungsmitteln nicht +gehören und man dadurch,—eine Wirkung, die in England +zum Beispiel schon beobachtet wurde,—ihrem Genuß +entgegenwirkt.</p> + +<p>Während Löhne, Wohnung und Kost die verschiedensten +Abstufungen aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es +allein richtig ist, darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft +verstehen, sich im allgemeinen ziemlich gleich. Es war das +Charakteristikum des Sklaventums, daß der Herr die Person des +Sklaven, seine ganze Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und +das ist heute das Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der +Arbeiter verkauft einen, wenn auch den allergrößten Teil +seiner Arbeitskraft, der Dienstbote verkauft seine Person; er hat +Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu folgen, jeder Widerstand +dagegen gilt als Unbotmäßigkeit. "Mit welchem +Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der +Gegenwart auf die ungemessenen Fronden früherer Jahrhunderte +zurück, ohne zu bedenken, daß sie zu ihren Dienstboten +in einem ganz ähnlichen Rechtsverhältnisse stehen. Denn +wenn man das Wesen des Dienstvertrags darin erblickt, daß der +Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft für eine +bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfügung +stellt, so haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen +Normalarbeitstag von 24 Stunden."<a name="FNanchor_796"></a><a +href="#Footnote_796"><sup>796</sup></a> Je nach dem Dienst in +begüterten oder minder begüterten Familien ändert +sich nur die Intensität der Arbeit; die Arbeitszeit, die sich +durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhängigkeit vom +Willen anderer und der der freien Verfügung über die +eigene Person kennzeichnen läßt, bleibt stets dieselbe, +d.h. eine ununterbrochene. Der höchste Grad der +Arbeitsintensität findet sich bei den am niedrigsten +Entlohnten: den Kindermädchen und den Mädchen für +Alles. Die Mutter erfreut sich der ungestörten Nachtruhe, das +Kindermädchen aber opfert ihrem Sprößling die ihre, +sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder für das Kind +beschäftigt, denn während es schläft, wird die +Kinderwäsche gewaschen, gebügelt, geflickt; während +es wacht, wird es genährt, angekleidet, unterhalten, spazieren +gefahren oder getragen. Zwar wird der gesundheitliche Nachteil +starker Arbeitsüberlastung dadurch vielfach aufgewogen, +daß das Kindermädchen sich stundenlang mit ihrem +Schützling in frischer Luft aufhalten muß, aber der +Zwang, die Kinder tragen zu müssen,—aus falsch +verstandenen Gesundheitsrücksichten auf sie ist er besonders +in Frankreich weit verbreitet,—verwandelt den Vorteil wieder +in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mädchen sind +dadurch allen Gefahren der Rückgratsverkrümmungen und +Unterleibsleiden ausgesetzt. Können die Kinder laufen, so ist +die körperliche Anstrengung zwar geringer, die der Nerven aber +um so größer. Ununterbrochen Kinder zu hüten, +gehört thatsächlich, so leicht es den Fernstehenden +erscheint, die sogar geneigt sind, das Leben eines +Kindermädchens für ein wahres Faulenzerleben zu +erklären, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mütter +aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um +sich haben, können trotzdem nicht genug über die Roheit +und Schlechtigkeit der Kindermädchen klagen, die um so eher +die Geduld verlieren, als sie meist selbst jung, ungebildet und +undiszipliniert sind. Kaum geringer, dabei der Gesundheit +nachteiliger ist die Arbeitsintensität der Mädchen +für Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die +Anforderungen, die an sie gestellt werden, oft unerfüllbare: +Kochen und einkaufen, waschen und plätten, Kleider putzen und +Zimmer reinigen, nähen und flicken, die Familie bedienen, den +Gästen aufwarten,—das alles und noch mehr ist ihre +Aufgabe. Von früh bis in die Nacht ist ihre Zeit +ausgefüllt; oft muß sie bis ein, zwei Uhr und +länger thätig sein, weil Gesellschaft im Hause ist und +kann des Morgens nicht ausschlafen, weil für die +schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frühstück +zur gewöhnlichen Zeit bereit stehen muß. Spät in +der Nacht hat sie wohl auch die gnädige Frau oder das +gnädige Fräulein vom Ball oder vom Theater heimzuholen. +Niemandem fällt es ein, welchen Gefahren ein junges +Mädchen bei weiten nächtlichen Wegen sich dabei aussetzt, +denjenigen am wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren +willen. Wehe aber dem armen Ding, wenn es Müdigkeit oder +Mißmut fühlen läßt; auch die +gleichmäßige gute Laune gehört zu den ausbedungenen +Pflichten eines Dienstmädchens. Die Arbeitszeit der +Köchin ist vielfach weniger ausgefüllt als die des +Mädchens für Alles; auf sie dürfte im allgemeinen +zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der +Gasthausköchinnen ergeben hat, die während vierzehn bis +sechzehn Stunden durchschnittlich zu thun haben.<a name= +"FNanchor_797"></a><a href="#Footnote_797"><sup>797</sup></a> Was +ihre Situation jedoch besonders verschlechtert, sind die +gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen +verursacht Krampfadern und geschwollene Füße, das +Einatmen der Speisenausdünstungen bewirkt Magenstörungen, +die oft chronisch werden, das beständige Hantieren am +glühenden Herd zerrüttet die Nerven. Die Klagen über +launenhafte cholerische Köchinnen, denen es doch "so gut" +geht, sind nur allzu bekannt!</p> + +<p>Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und +doch ist ihre Nachtruhe oft mehr beeinträchtigt als die des +Kindermädchens. In der Zeit der geselligen Hochflut, die +für viele Damen der großen Welt, deren Leben sich +zwischen der Großstadt und den Modebädern abspielt, nur +durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine +ausreichende und ungestörte Nachtruhe. Was es aber für +ein junges Mädchen heißt, ihre oft viel ältere +Herrin Tag für Tag in glänzender Toilette von einem Fest +zum andern eilen zu sehen, während es, das junge, +hübsche, lebenslustige Mädchen, zu gleicher Zeit allein +in seiner Kammer sitzen und bei trübem Lampenlicht +allnächtlich auf die Heimkehr der "Gnädigen" warten +muß,—das macht sich selten jemand klar. Wer wird denn +auch die Gefühle eines Dienstmädchens mit demselben +Maße messen, wie die eigenen!</p> + +<p>Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die +Stubenmädchen in den Hotels, in Pensionen. Um einen +möglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird so wenig als +möglich Personal angestellt. Es kommt vor, daß ein +Mädchen die Bedienung von 30 bis 40 Gästen, die +Instandhaltung von 20 bis 25 Zimmern zu übernehmen hat.<a +name="FNanchor_798"></a><a href="#Footnote_798"><sup>798</sup></a> +Die Nachtruhe währt oft kaum fünf bis sechs Stunden, weil +der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und nach der +Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine +Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden dürfte kaum zu +den Ausnahmen gehören.<a name="FNanchor_799"></a><a href= +"#Footnote_799"><sup>799</sup></a> Stillichs Untersuchung der +Berliner Dienstbotenverhältnisse bestätigt nur alle +unsere Angaben. Von 547 Mädchen arbeitet die +Hälfte,—51,5%,—länger als 16 Stunden +täglich. Die andere Hälfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und +nur 2% weniger als 12 Stunden. Und zwar sind es die am +schlechtesten Entlohnten, die Mädchen für Alles, die am +längsten arbeiten müssen; für 59% dauert der +Arbeitstag über 16 Stunden.<a name="FNanchor_800"></a><a href= +"#Footnote_800"><sup>800</sup></a> Unter den fortgeschrittenen +Verhältnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die +Arbeitszeit der Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die +zweifelhafte Art ihrer Berechnung,—ob nämlich die Zeit +der Arbeitsbereitschaft als Grundlage diente, oder etwaige Pausen +abgerechnet wurden,—ein falsches Bild hervorrufen kann. 38% +der nordamerikanischen Dienstmädchen sollen 10 Stunden, 37% +mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thätig sein.<a +name="FNanchor_801"></a><a href= +"#Footnote_801"><sup>801</sup></a></p> + +<p>Die freie Zeit der Dienstmädchen beschränkt sich in +Deutschland, Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben +Sonntag alle zwei Wochen. Für Berlin hat sich herausgestellt, +daß 69% der Dienstmädchen innerhalb eines halben Monats +nur fünf bis sechs Stunden für sich haben.<a name= +"FNanchor_802"></a><a href="#Footnote_802"><sup>802</sup></a> Denn +der vierzehntägige Ausgang schrumpft noch +außerordentlich zusammen, weil das Mädchen erst nach +beendeter Arbeit fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends +zurück sein muß. Nur selten und ungern wird ihm in der +Woche eine Zeit gewährt, in der es seine eigenen Besorgungen +machen oder etwa daheim seine Kleidung in Ordnung bringen kann. Es +sind wieder nur die reichen Häuser, wo die Arbeit eines +Dienstboten leicht von einem anderen übernommen werden kann, +ohne daß es die Bequemlichkeit der Herrschaft stört. In +den begüterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, +daß jeder halbe Sonntag, ein Abend in der Woche und ein +voller Tag im Monat den Dienstboten freigegeben wird, häufig +bekommen sie sogar vierzehn Tage Sommerurlaub, oder es wird einem +jeden gestattet, an einem Abend in der Woche den Besuch von +Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen Mittelstand hat sich +die Sitte des einen freien Tags im Monat und des freien Abends in +der Woche nach und nach eingebürgert.<a name= +"FNanchor_803"></a><a href="#Footnote_803"><sup>803</sup></a> Auf +dem Kontinent wird solch eine Forderung seitens der +Dienstmädchen als eine unerhörte Frechheit, als ein +"neues Zeichen des Rückgangs alter Zucht und Ordnung" +angesehen. Daß das Dienstmädchen Zeit für sich +braucht, wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, +daß es ein Bedürfnis nach Unterhaltung, oder am Ende gar +nach geistiger Fortbildung haben könnte, das kommt den guten +Hausfrauen nicht in den Sinn und am wenigsten denen, die selbst im +Winter fast täglich in Gesellschaften gehen, oder Theater, +Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fällt ihnen aber auch +nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmädchen zu erhöhen, wenn +sie sehen, daß die überlange Arbeitszeit sie +nötigt, ihre Kleidung von Lohnarbeiterinnen ändern und +herstellen zu lassen.</p> + +<p>Die Folgen der niedrigen Löhne, der schlechten Wohnung und +ungenügenden Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des +Mangels an freier Zeit sind in ihrer Mehrzahl identisch mit den +Fehlern, die die Hausfrauen an ihren Dienstmädchen nicht +scharf genug rügen können. So wurde von jeher +darüber geklagt, daß die Dienstmädchen die +Herrschaften dadurch übervorteilen, daß sie die Waren +billiger einkaufen, als anrechnen, daß sie den sogenannten +Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese alte Gewohnheit, +die Einnahmen ein wenig zu erhöhen, wird heute von den +Dienstboten und den Verkäufern als ein +selbstverständliches Recht angesehen. In Frankreich bekommt +das Dienstmädchen für jeden Einkauf vom Händler +einen Sou (fünf Centimes) für den bezahlten Franc. In +Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es +liegt also in seinem Interesse, die Herrschaft zu möglichst +vielen Ausgaben zu veranlassen, oder selbst recht teuer +einzukaufen. Der niedrige Lohn ist demnach, wenn nicht die +Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so doch ein Mittel, den +Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu +besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel eines eigenen +Zimmers, durch den jedes persönliche Leben unmöglich +gemacht wird, führt andererseits dazu, daß die +Dienstmädchen sich nicht heimisch fühlen im fremden Haus, +wie man die Stirn hat, es angesichts der Hängeböden von +ihnen zu verlangen. Die Unmöglichkeit, mit seinesgleichen zu +verkehren, ohne unter der ständigen Kontrolle auch der +wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mädchen auf die +Straße, in den Grünkramkeller, in die Portierloge<a +name="FNanchor_804"></a><a href="#Footnote_804"><sup>804</sup></a>, +und ihre Herrinnen jammern dann über ihre "Schwatzhaftigkeit, +Pflichtvergessenheit, Faulheit und Liederlichkeit".</p> + +<p>Das gilt besonders für jene Mädchen für Alles, +die keine Gefährtin im Haushalt haben. Den Typus eines solchen +Mädchens, dessen Sehnsucht nach dem Verkehr mit ihresgleichen +durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit zu einem +unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem +Verderben in die Arme treibt, haben die Brüder Goncourt mit +vollendeter Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie +verstanden auch darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und +Diener sich selbst durch Wohlwollen auf der einen und +Anhänglichkeit auf der anderen Seite nicht +überbrücken läßt.<a name="FNanchor_805"></a><a +href="#Footnote_805"><sup>805</sup></a> Selbst der Versuch, den +gutmütige, aber unverständige Frauen zuweilen machen, +indem sie das Mädchen zur Familie heranziehen, es +womöglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit ihnen am +selben Platz nähen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz +für den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, +der unsere geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der +Dorfkate in unser Haus verschlagenen Kinder materieller und +geistiger Armut trennt. Zieht nun aber solch ein Mädchen den +Küchenwinkel dem Platz am Herrschaftstische vor, so spricht +man wohl von Undankbarkeit und sieht darin den Beweis dafür, +daß die Dienstboten sich gar nicht aus der Einöde ihres +Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen jedoch +zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die +Ueberbürdung und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen +all jene viel bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur +Arbeit, Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt +deprimierender als das graue Einerlei unaufhörlicher +Werkeltage und die Unmöglichkeit, sich selbst zu gehören. +Aber noch ein Resultat rufen diese Zustände zusammen hervor, +das für den Charakter der Herren wie der Diener gleich +schädlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die +antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte +ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes +gegenüber. Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote +verfügen über kein anderes Mittel, sich Freiheit zu +verschaffen, als indem sie den Gebieter hintergehen und +belügen, das Dienstmädchen, das im Grünkramkeller +mit ihren Freundinnen zusammentrifft, muß für ihr langes +Ausbleiben nach einer anderen Ausrede suchen; heimlich +verläßt sie abends das Haus, will sie sich +amüsieren, heimlich empfängt sie ihre Besuche; ihre, +durch die äußeren Verhältnisse großgezogenen +Untugenden sind wieder die Ursache jenes tiefgewurzelten +Mißtrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie wittern auch +dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und Lüge. +Sie beleidigen dadurch unaufhörlich das Ehrgefühl der +Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft +zwischen Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, +und der Octave Mirbeaus Kammerjungfer Célestine<a name= +"FNanchor_806"></a><a href="#Footnote_806"><sup>806</sup></a> +treffenden Ausdruck giebt, wenn sie sagt: "Man behauptet, die +Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn! Und die Dienstboten, was +sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in der That, mit allem +was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an Korruption, an +rebellischen, von Haß erzeugten Gefühlen in sich +schließt.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle +Resignation, alle Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die +der Eitelkeit unserer Herren schmeicheln: all das im Eintausch +gegen Verachtung und Lohn. Und leben wir dabei nicht in dauerndem +Kampf, in dauernder Angst zwischen einem vorübergehenden +Schein von Wohlleben und dem Elend der Stellungslosigkeit; werden +wir nicht dauernd von kränkendem Mißtrauen verfolgt, das +die Thüren, die Schränke, die Schlösser vor uns +verschließt und das ohne Aufhören über unsere +Hände, in unsere Taschen, unsere Koffer die Schmach +spürender Blicke gleiten läßt.... Und dann die Qual +jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller +Familiaritäten, alles Lächelns, aller Geschenke zwischen +uns und unsere Gebieterinnen unübersteigbare Felsen, eine +ganze Welt von unterdrücktem Haß und quälendem Neid +auftürmt."</p> + +<p>Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenüber, als in +der Häuslichkeit. Es gehört der ganze Stumpfsinn +niedergedrückter, von der frischen Luft der neuen Zeit +künstlich abgeschlossener Volksschichten dazu, um es +erklärlich zu machen, daß die Dienstboten angesichts +dieser krassen Gegensätze bisher noch nicht revoltierten. Sie +stammen ihrer großen Mehrzahl nach aus sozial und +ökonomisch tief stehenden Schichten der Bevölkerung, aus +Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berührt wurden. Der +Stadt gehen sie mit der größten Erwartung entgegen, in +ihr atmen sie, im Vergleich zu den Verhältnissen, denen sie +auf dem Lande meist entronnen sind, Freiheitsluft und fügen +sich daher ohne Murren in harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin +neben 9010 geborenen Berlinerinnen, 49849 ortsfremde +Dienstmädchen<a name="FNanchor_807"></a><a href= +"#Footnote_807"><sup>807</sup></a>, und in einem Jahr, 1898, zogen +allein 42418 aus den Provinzen zu.<a name="FNanchor_808"></a><a +href="#Footnote_808"><sup>808</sup></a> Von ihren +Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von außerhalb.<a name= +"FNanchor_809"></a><a href="#Footnote_809"><sup>809</sup></a> In +Amerika sind die meisten Dienstmädchen arme +Ausländerinnen, deren Ansprüche weit geringere sind, als +die der Eingeborenen. In Frankreich und England bevorzugt man +neuerdings mehr und mehr das deutsche Mädchen,—eine +Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur +zu schämen haben, denn überall im Ausland tritt der +deutsche Dienstbote als Lohndrücker auf. Dazu kommt ferner, +daß die sozialen Schichten, aus denen die Dienstmädchen +hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner Dienstmädchen +z.B. stammen ab von<a name="FNanchor_810"></a><a href= +"#Footnote_810"><sup>810</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Handwerkern</td> +<td>27 Proz.</td> +</tr> + +<tr> +<td>Arbeitern</td> +<td>24 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleinen Landwirten</td> +<td>17 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kleinen Beamten</td> +<td>12 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Anderen Gewerbetreibenden</td> +<td> 7 "</td> +</tr> + +<tr> +<td>Ungenau</td> +<td>13 "</td> +</tr> +</table> + +<p>Die große Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau +angeben oder angeben konnten, findet darin ihre Erklärung, +daß es gerade unter den Dienstmädchen sehr viele Waisen +oder uneheliche Kinder giebt, die von früh an im Dienst +fremder Leute herumgestoßen werden.<a name= +"FNanchor_811"></a><a href="#Footnote_811"><sup>811</sup></a> Die +meisten von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr früh. Von den +österreichischen Dienstmädchen waren nach der letzten +Zählung 28 % 11 bis 20 Jahre alt<a name="FNanchor_812"></a><a +href="#Footnote_812"><sup>812</sup></a>; in Deutschland wurden 1895 +allein 32653 Dienstmädchen gefunden, die das 14. Lebensjahr +noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18 Jahr waren 348712, 18 bis 20 +Jahr 204225.<a name="FNanchor_813"></a><a href= +"#Footnote_813"><sup>813</sup></a> Ohne Gelegenheit gehabt zu +haben, die Außenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von +früh an vor der Berührung mit ihr sorgfältig +abgeschlossen. Nicht nur, daß sie ihre besten Jahre der +härtesten Fron opfern und durch sie verbraucht werden, sie +haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und Vereinzelung, am +schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen +zusammenzuschließen.<a name="FNanchor_814"></a><a href= +"#Footnote_814"><sup>814</sup></a> Aus all diesen Gründen sind +sie so rückständig und fangen erst langsam an, das +Unerträgliche ihrer Lage zu empfinden. Nicht auf den +äußeren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein +beruht es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich +gefallen lassen müssen. Man verlangt von ihnen die +ununterbrochene Ausübung der schwersten Tugenden, und bietet +ihnen im besten Fall kühle Gleichgültigkeit. Sie sollen +trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit unserer Freude, sie +sollen Rücksicht nehmen auf unsere Nerven, uns pflegen, wenn +wir krank sind,—daß auch ihr Leben Schmerz und Freude +kennt, daß auch sie Nerven haben und krank sein können, +das fällt den guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es +bemerken, so schelten sie über Launenhaftigkeit, Mangel an +Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie beklagen sich bitter über +die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer Mädchen, ohne auch +nur einen Augenblick daran zu denken, daß solch ein armes +Geschöpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die +dürftigsten Verhältnisse und nun plötzlich den +bürgerlichen Haushalt und die bürgerlichen Gewohnheiten +mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie viele Hausfrauen zeigen +ihren Mädchen niemals ein freundliches Gesicht; keine Bitte, +kein Dank kommt über ihre Lippen, Scheltworte statt dessen um +jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thätlichkeiten fehlt es +nicht, wie zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre +beweisen. Das Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: +ihr Benehmen gegenüber den Dienstboten spottet oft jeder +Beschreibung. Was bei den Kleinen Unart ist, wird bei den +Heranwachsenden Frechheit, bei den großen Gemeinheit. Wie oft +wird das Dienstmädchen das Opfer der Begierden der früh +verdorbenen Söhne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau begegnet, +die das Verhältnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmädchen +mit der Begründung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! +Aber auch die Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in +vielen Fällen die Verführer ihrer Angestellten zu sein, +sicher ebensowenig freizusprechen, wie die Fabrikanten und +Geschäftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die Begriffe von +Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in die +humoristische Presse. Sie beschäftigt sich in wahrem +Wohlbehagen mit den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem +Rücken der Gattin mit den Dienstmädchen anspinnt. +Zeitschriften, wie die Münchener Fliegenden Blätter, die +jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder frivol, +wie die stärker auftragenden französischen Journale.</p> + +<p>Die größten sittlichen Gefahren drohen den +Stubenmädchen in den Hotels und Pensionen der Badeorte. Die +Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu den persönlichen +Diensten, die für ein Trinkgeld geleistet werden müssen, +die Befriedigung ihrer Lüste oft wie etwas +Selbstverständliches zählt, übersteigt häufig +alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen Vergewaltigung.<a name= +"FNanchor_815"></a><a href="#Footnote_815"><sup>815</sup></a> Nun +wäre es freilich übertrieben, die große Zahl +unverheirateter Mütter unter den Dienstmädchen,—in +Berlin haben 33 % aller unehelichen Kinder Dienstmädchen zu +Müttern,—allein auf die Verführung ihrer Herren und +deren Söhne zurückzuführen. Die Ursache davon liegt +aber zweifellos nicht in der ursprünglichen Liederlichkeit der +Mädchen, über die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, +sondern in den Verhältnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen +nicht gestattet, offen mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben +nicht einmal einen anständigen Raum dafür, sie haben zu +harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so empfangen sie denn +heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und verstecken sie hastig +in der engen Kammer, die oft nichts enthält, als das Bett; sie +gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht mehr zu +fürchten sind, auf nächtliche Vergnügungen. Haben +sie nicht etwa dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen +danach, wie die Töchter ihrer Gnädigen? Die +bürgerliche Gesellschaft treibt sie zum Fall; es gehört +große sittliche Festigkeit dazu, unberührt zu bleiben, +die von den Mädchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir +aus der Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, +zumeist einem Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert +genug ist. Die meisten Dienstmädchen kehren aus den +Städten mit einem Kinde aufs Land zurück.<a name= +"FNanchor_816"></a><a href="#Footnote_816"><sup>816</sup></a> Sehr +viele fallen schließlich der Prostitution in die Arme. So +konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, daß von +100 Prostituierten 36 ehemalige Dienstmädchen waren<a name= +"FNanchor_817"></a><a href="#Footnote_817"><sup>817</sup></a>, eine +amerikanische Berechnung zählt sogar 47 auf 100.<a name= +"FNanchor_818"></a><a href="#Footnote_818"><sup>818</sup></a></p> + +<p>Aber noch andere indirekte Einflüsse kommen hinzu, um die +weiblichen Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. +Man sagt mit Recht, daß vor seinem Bedienten der +Größte klein wird; das heißt mit anderen Worten: +kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille, keiner wird +so vertraut mit den häßlichen, gemeinen, niedrigen +Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und +durch wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte +unberührt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und +Verschwendungssucht, Frivolität und Liederlichkeit, daneben +oft die ganze Verlogenheit äußeren Glanzes, der den +inneren Zusammenbruch decken soll, umgeben ihn, wie die Luft, die +er atmet. Man müßte ein gereifter, moralisch gefestigter +Mensch sein, um aus dieser Atmosphäre rein hervorzugehen, +nicht aber ein junges Mädchen, das aus dem Dunkel kommt und +geblendet wird von all dem gleißenden Schein. "Der Dienstbote +ist kein normales Wesen mehr", sagt Célestine<a name= +"FNanchor_819"></a><a href="#Footnote_819"><sup>819</sup></a>, "... +er gehört nicht mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und +nicht zur Bourgeoisie, in deren Mitte er lebt und zu der er +hinneigt.... Den gerechten Sinn und die naive Kraft des Volkes hat +er verloren; die Neigungen und Laster der Bourgeoisie hat er sich +angeeignet, ohne die Möglichkeit zu haben, sie zu +befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese +anständige bürgerliche Welt und durch nichts als durch +die Thatsache, daß er den tödlichen Dunst, der aus +diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet hat, verliert er die +Sicherheit seines Geistes bis zur völligen Aufgabe seiner +Persönlichkeit." Wie sehr rügen die braven +Bürgerfrauen die Putzsucht ihrer Dienstmädchen, ihr +Bestreben, es den Herrinnen gleich zu thun; als ob sie selbst nicht +häufig genug durch ihren Luxus und ihre Sucht, die reiche +Nachbarin womöglich in der Kleiderpracht noch zu +übertreffen, den Ruin der Familie herbeiführen helfen. +Wie kommen sie dazu, von ihrem armen Dienstmädchen mehr +Bescheidenheit und Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu +verlangen, als von sich selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, +so sind es nicht die Fehler, sondern die vielen Tugenden unserer +Dienstmädchen: sie härmen sich mehr an unserem +Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen häufig innigeren +Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrückt; sie +verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit +größerem Interesse unser Schicksal, als wir das ihre; +sie pflegen unsere Kinder vielfach mit größter, gradezu +mütterlicher Sorgfalt.<a name="FNanchor_820"></a><a href= +"#Footnote_820"><sup>820</sup></a> Statt daß ihre +Klatschsucht Empörung hervorruft, sollten die Herrschaften +sich vielmehr über ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich +kannte einen jungen, begabten Diener, den ich veranlaßte, +seine Erinnerungen niederzuschreiben; er hatte schon viele Seiten +gefüllt, da zerriß er sein Manuskript, aus Angst, nach +seiner Veröffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen. +Selbst die Anonymität, glaubte er, könne ihn nicht +schützen. Wenn der Mund dieser Stummen sich erst einmal +furchtlos öffnen kann, so wird die Welt sich vor dem +entsetzen, was sie dann wird hören müssen. Ein Mensch mit +niedriger kriechender Gesinnung wird verächtlich eine +Bedientennatur genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstärke +gegenüber Höherstehenden wird als Bedientenhaftigkeit +bezeichnet,—die beginnende Revolte der Einzelnen, wie der +organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche Zeichen dafür, +daß das beschämende Bewußtsein des eigenen +physischen und seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht +und sie an den entehrenden Ketten zu rütteln beginnen.</p> + +<p>Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des +Dienstbotenelends, das die bürgerliche Gesellschaft auch mit +dem buntesten Tand und Flitter nicht zu verdecken vermag: das +Ammenwesen. Rousseaus glühende Ansprachen an die Mütter +sind längst verhallt, beinahe zu einer litterarischen +Merkwürdigkeit geworden; die Degeneration der +bürgerlichen Gesellschaft hat seitdem rapide Fortschritte +gemacht, die Brüste ihrer Mütter sind immer häufiger +leer, teils, weil die Sünden der Vorfahren sich an ihnen +rächen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie +ihrer Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch +Vergnügungssucht und Eitelkeit stärker als das +Bewußtsein der Mutterpflichten, und statt dem Kinde zu geben, +was die gütige Natur für es geschaffen hat, wird ein +Ersatz dafür gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser +besten der Welten, auch die Muttermilch, und so ist die +Ernährung fremder Kinder mit der dem eigenen entzogenen Milch +zu einer Lohnarbeit geworden! Dieselbe Gesellschaft, die +verächtlich auf ein gefallenes Mädchen herabsieht, die +die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt, züchtet +künstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, +vernichtet das einfachste Ehrgefühl, zerstört die +Familien, denen sie die Mütter entreißt, opfert das +Leben tausender vielleicht physisch und geistig gesunderer Kinder, +ihren so oft durch und durch degenerierten Sprößlingen. +Der ganze Spreewald Preußens lebt von dem Verdienste der +Ammen; häufig gehen die Mädchen viele Jahre lang ihrem +"Berufe" nach, bis sie genug verdient haben, um zur begehrten +Partie zu werden oder bis ihre Gebärfähigkeit versagt. +Der Bauer der Bretagne wählt seine Frau je nach der +Fähigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine +Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, +seinem eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag +womöglich zu versaufen und zu verprassen.<a name= +"FNanchor_821"></a><a href="#Footnote_821"><sup>821</sup></a> Die +kräftige Nahrung, die oft kostbare Kleidung, die gute +Behandlung, die den Ammen gewährt wird,—nicht aus +Mitleid und Dankbarkeit natürlich, sondern nur aus +Rücksicht auf den Säugling,—bietet keinen Ersatz +für das unendliche Elend, die um sich fressende Korruption, +die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe dem Verbrechen +zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen nicht mehr +aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nähren, die +Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepäppelt +wurde, wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr +Los sich gestalten, wenn ihre Mutter sie genährt hat, nachdem +sie früher ahnungslos ein syphilitisches Bürgerkind an +ihren gesunden Brüsten groß zog; ihre eigene +Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das das fremde +Kind ihr einimpfte. Vielleicht überträgt die lebendige +Nährmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren +eigene Mütter währenddessen stolz die nicht entstellten +gesunden Brüste beim strahlenden Licht der elektrischen Lampen +und rauschenden Klang der Geigen den Blicken ihrer Verehrer +preisgeben.</p> + +<p>Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick +der jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch +über sie unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? +Es ist ein Zeichen gesunden Gefühls und kräftigen +Aufstrebens breiter Volksschichten, daß diese Not +ständig zunimmt. Nach einem Bericht der städtischen +Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein +läßt, ihre Zöglinge für den Hausdienst +vorzubereiten und in ihm festzuhalten, waren von 51 Waisen, die im +Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6 Jahren nur noch 23 im +Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden, sie hatten die +persönliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und Not +erkauft werden muß, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft +die Allüren des Herrentums annimmt, vorgezogen.</p> + +<p>Für viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie +von dem Elend der Fabrikarbeiterin hören, zum Schlagwort +geworden, womit sie aller Not zu begegnen, alles Ungemach +abzuwenden glauben: werdet Dienstmädchen! Selbst die +Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte +Ernährung der Arbeiterfamilie wird darauf +zurückgeführt, daß die Frauen nicht vor der Ehe +Dienstmädchen waren, und es giebt Leute genug, die nicht nur +sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu nützen glauben, +wenn sie für die jungen Mädchen eine Art Dienstzwang +einführen möchten.</p> + +<p>Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter +600 Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu +lernen, warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben +dafür übereinstimmend folgende Gründe an: 1) Mangel +an Freiheit und unaufhörliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung +der Selbstachtung durch das Unterthänigkeitsverhältnis. +3) Endlose Arbeitszeit. 4) Kränkende Behandlung besonders von +seiten der Herren und Söhne des Hauses. 5) Kein eigenes +Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine +Möglichkeit, Freunde zu empfangen, außer in der +Küche unter Aufsicht der Herrschaft.<a name= +"FNanchor_822"></a><a href="#Footnote_822"><sup>822</sup></a></p> + +<p>Diesseits des Oceans sind die Gründe dieselben wie +jenseits. Es fragt sich nur, ob die bürgerliche Familie mit +ihrer gegenwärtig bestehenden Privathaushaltung im stände +ist, sie aus der Welt zu räumen. Eine verneinende Antwort +scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der Dienstmädchen +ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem +schlechten Charakter und bösen Willen der Arbeitgeber und der +Arbeitnehmer, sondern der ökonomischen und sozialen Seite des +persönlichen Dienstverhältnisses und seiner +jahrtausendlangen Tradition.</p> + +<p>Wir haben gesehen, daß in den Häusern der oberen +Zehntausend, wo infolge eines zahlreichen Personals eine bestimmte +Arbeitsteilung neben hohem Lohn, gutem Unterkommen und +anständiger Kost gewährt zu werden pflegt und nebenbei +auch, bei der persönlichen Distanz zwischen Herrn und Diener, +die Reibungsmöglichkeiten seltener sind und das sogenannte +patriarchalische Verhältnis ganz ausgelöscht ist, die +Lage der häuslichen Bediensteten sich am günstigsten +gestaltet. Je kleiner der Haushalt und je beschränkter die +Mittel, desto unerträglicher wird sie. Da nun aber die +große Masse des Bürgertums, teils infolge direkter +Vermögensverluste, teils infolge des zunehmenden +Mißverhältnisses zwischen Einnahmen und Ansprüchen, +sich pekuniär keinesfalls in aufsteigender Linie bewegt, so +ist für eine Hebung der Lage der Dienstboten von dieser Seite +nichts zu erwarten. Immer mehr wird das Mädchen für Alles +zur begehrtesten Persönlichkeit werden; weder ihr Unterkommen, +noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit können eine wesentliche +Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben, die +sich in dem Glauben wiegen, die bürgerliche Welt, wie sie +heute geworden ist, wäre insgesamt im stande, die eigenen +Bedürfnisse den Dienstboten zu Liebe erheblich +einzuschränken, sich etwa mit einem Zimmer weniger zu +begnügen, um es dafür dem Dienstmädchen +einzuräumen, Vergnügungen und Luxus aller Art, vielleicht +sogar liebe Gewohnheiten aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und +reichlichere Kost gewähren zu können? Selbst wohlwollende +Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung volles Verständnis +entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, +außer stände, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber +auch die sittlichen Mißstände und die Divergenz der +Interessen können sich mit der zunehmenden Aufklärung der +Dienstboten und dem Widerstand der Herrschaften dagegen nur +verschärfen. Denn mit der Abnahme der Dienstboten wird es sich +immer deutlicher zeigen, daß damit die Aufrechterhaltung der +Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage steht, und der +vielfach wütende Fanatismus, mit dem die große Mehrzahl +der Hausfrauen, von der bürgerlichen Presse lebhaft +unterstützt, gegen die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist +auf das freilich gegenwärtig meist noch unklare Gefühl +davon zurückzuführen.</p> + +<p>Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast +unbemerkt, hat sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den +Mangel an Dienstboten nur rascher vorwärts getrieben werden +wird, schon seit geraumer Zeit angebahnt. Nicht nur, daß die +Produktion für den Haushalt schon längst nicht mehr durch +ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der +häuslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von außer +dem Hause wohnenden Arbeitskräften übernommen. Schon an +der zunehmenden Zahl der Aufwartefrauen läßt sich das +ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen und Witwen zu sein, die +gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder erhalten zu helfen. +Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen und die +Flickerinnen, die ins Haus kommen.</p> + +<p>Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch +diese Arbeiten außer das Haus verlegte. In den +Großstädten wird es besonders mehr und mehr üblich, +die Wäsche in Wäschereien reinigen und plätten zu +lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten +Betriebszählung 73766 Wäschereien. Von diesen sind nur +7084 Gehilfenbetriebe, und zwar entfallen auf 5800 davon kaum je +drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber werden 66662 gezählt.<a +name="FNanchor_823"></a><a href="#Footnote_823"><sup>823</sup></a> +Die sanitären Verhältnisse sind überall höchst +bedenkliche: In den Großbetrieben, meist +Dampfwäschereien, herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu +35° R. erreicht und in der die meist jungen Arbeiterinnen elf +und mehr Stunden aushalten müssen, die Atmosphäre wird +aber zu einer noch bedeutend gefährlicheren in den +Plättereien, wo die Gasdünste der Plätteisen die +Luft verpesten. Trotz aller dahingehenden Bestimmungen ist die +Ventilation dabei eine höchst mangelhafte, weil die +Rücksicht auf die Wäsche, die durch den eindringenden +Staub beschmutzt werden könnte, der Rücksicht auf die +Arbeiterinnen vorangeht.<a name="FNanchor_824"></a><a href= +"#Footnote_824"><sup>824</sup></a> Aber immerhin sind diese +großen Wäschereien im Vergleich zu den kleinen fast +ideale Arbeitsstätten, denn alle Schrecken der Heimarbeit +konzentrieren sich in diesen. Die arme Waschfrau, die vielleicht +allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines Mädchens die +Arbeit übernimmt, pflegt zunächst die abgeholte +schmutzige Wäsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der +Familie zu sortieren, nachzuzählen und mit Zeichen zu +versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr anhaften, werden auf diese +Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem engen Raum fest, wo +kleine Kinder in nächster Nähe schlafen, oder zwischen +der schmutzigen Wäsche spielend auf der Erde herumkriechen. +Oft kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen für die +Familie bereitet wird, in großen Kesseln die Wäsche; der +daraus aufsteigende Dunst erfüllt das ganze Zimmer. +Häufig genug wird selbst ein Teil der Wäsche im Wohnraum +zum Trocknen aufgehängt, womöglich über den Betten +der Kinder und der Kranken. Die Plätterei steigert noch die +Gefahren für die Arbeiterinnen wie für die übrigen +Bewohner des Raumes. Sommer und Winter ist der Plättplatz +dicht neben dem glühenden Ofen, um möglichst schnell die +Eisen aus dem Feuer ziehen zu können. Und in dieser Umgebung, +inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur +die ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den +Kinderschuhen entwachsene Mädchen bis zur Entkräftung +darin. Zum Schluß wird die sauber zusammengelegte Wäsche +zum Nachzählen abermals im Zimmer ausgebreitet. Oft genug +kommt es vor, daß bei den engen Räumlichkeiten fertige +Wäschestücke auf den Betten masern- und scharlachkranker +Kinder liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wäsche +reicher Leute in die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen +heraus in die Häuser der Reichen getragen.<a name= +"FNanchor_825"></a><a href="#Footnote_825"><sup>825</sup></a> Das +Idyll der "alten Waschfrau" löst sich eben, in der Nähe +betrachtet, ebenso in trübe Elendsbilder auf, wie das Idyll +der "lustigen Nähmamsell". Würden nicht die Hausfrauen +mit einer Zähigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen +entspringen kann, an den kleinen Wäschereien festhalten, weil +die Dampfwäschereien angeblich die Wäsche mehr verderben, +sie wären schneller, als es jetzt schon geschieht, dem +verdienten Untergang geweiht.</p> + +<p>Mehr noch als die Vergebung häuslicher Arbeiten an +Außenstehende hat die rapide Ausbreitung der Pensionen und +Wirtshäuser die bisherige Form des Familienlebens, das sich +wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu erschüttern +vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben allein in +Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und die +Zahl der darin beschäftigten Personen um 295713, d.h. um 132 % +zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Männer eine +alte Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine +Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas +und Englands in wachsendem Maße zur Auflösung des +privaten Haushalts führt.</p> + +<p>Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen +Häuslichkeit betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in +Küche und Keller oder bei der Bedienung der Gäste +beschäftigt, galten für häusliche Dienstboten, und +wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale Untersuchung +und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe von +Mißständen schroff zu Tage trat und man anfing, +besonders im Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr für die +männliche Tugend zu erblicken, entschloß man sich, die +Zustände einmal in der Nähe zu betrachten. Durch die +Königliche Arbeitskommission geschah es in England, durch die +Kommission für Arbeiterstatistik in Deutschland, eine Anzahl +von Privatuntersuchungen trat ergänzend hinzu. Nur ein sehr +kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den +Enqueten erfaßt,—in Deutschland z.B. von 37121 +Kellnerinnen nur der neunte Teil, 4093,—und, wie es +gewöhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am +niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberührt. +Kellnerinnen aus Cafés, Café-Restaurants, +Gastwirtschaften und Bierkellern wurden befragt, die Angestellten +der sogenannten, in Norddeutschland sich, trauriger +Berühmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen. +Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr mißliches; man war +ausgezogen, bereit, den Bannstrahl über Scharen von +Sünderinnen zu schleudern, und fand schwer um ihre Existenz +ringende, jeder Art der Ausbeutung schutzlos preisgegebene +Arbeiterinnen.</p> + +<p>Betrachten wir zunächst die Anforderungen, die an sie +gestellt, und sodann die Entschädigungen, die ihnen dafür +geboten werden. Als ein junges, schmächtiges Ding von vierzehn +bis sechzehn Jahren tritt die angehende Kellnerin, wenn sie nicht +etwa schon zu Hause die nötigen Fertigkeiten sich aneignen +konnte, in den Dienst. Sie wird Wassermädchen, d.h. sie hat +den Gästen nur das Wasser zu bringen und steht +gewissermaßen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die +unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr +abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine +ungewöhnlich lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre +Arbeit beginnen muß und sie oft erst nachher verlassen kann. +Es kommen sechzehn-bis achtzehnstündige Arbeitszeiten vor<a +name="FNanchor_826"></a><a href="#Footnote_826"><sup>826</sup></a>, +ja zur Karnevalszeit werden oft noch schulpflichtige Mädchen +ganze Nächte durch aushilfsweise beschäftigt.<a name= +"FNanchor_827"></a><a href="#Footnote_827"><sup>827</sup></a> Den +ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu sein, sie befinden +sich in einer fast ständigen Hast, als Sündenbock von +jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie +hübsch und verfügt sie über eine chike Toilette, so +hat sie Aussicht, bald eine Staffel empor zu rücken. Die +Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch private Bureaus besorgt, +die ihr Ausbeutungssystem noch schärfer handhaben, als die +für häusliche Dienstboten. Gebühren von 10 bis 30 +Mark sind an der Tagesordnung<a name="FNanchor_828"></a><a href= +"#Footnote_828"><sup>828</sup></a>; vielfach wird von vornherein +ein Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurückbehalten +wird, wenn die Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine +Stellung gefunden, so wird sie in den weitaus meisten Fällen +ohne schriftliche Vertragsschließung angetreten und von einer +Kündigungsfrist ist, unter Umgehung der gesetzlichen +Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede, weil die Kellnerin es +sich gefallen lassen muß "auf Probe" angestellt zu werden<a +name="FNanchor_829"></a><a href="#Footnote_829"><sup>829</sup></a>; +vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich, vielleicht +gefällt sie den Gästen nicht, dann fliegt sie hinaus von +einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, +der sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie +aufhetzt, um recht viel an ihr zu verdienen.<a name= +"FNanchor_830"></a><a href="#Footnote_830"><sup>830</sup></a></p> + +<p>Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto +früher. In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich +Dienstmädchen und ehe sie Gäste bedient, hat sie den +Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der Gastzimmer, der Gläser +und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so hat sie das +für diese Arbeiten angestellte Personal zum großen Teil +aus eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit +beginnt mit dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie +immer auf den Füßen; immer lächelnd, immer +zuvorkommend, der gröbsten wie der gemeinsten Behandlung +gegenüber, hat sie die Getränke und Gerichte +heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebäder wurde fast +durchweg konstatiert, daß die Kellnerinnen von sieben Uhr +früh bis zwei Uhr nachts thätig sind; in den +Restaurant-Waggons wurde eine wöchentliche Arbeitszeit von +achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger Ruhetag +unterbricht.<a name="FNanchor_831"></a><a href= +"#Footnote_831"><sup>831</sup></a> Von den etwa 4000 befragten +deutschen Kellnerinnen haben eine regelmäßige +tägliche Arbeitszeit von</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>12 und weniger Stunden</td> +<td align="center">5,0 Proz.</td> +</tr> + +<tr> +<td>12 bis 14 Stunden</td> +<td align="center">19,3 Proz.</td> +</tr> + +<tr> +<td>14 bis 16 Stunden</td> +<td align="center">51,8 Proz.</td> +</tr> + +<tr> +<td>16 bis 18 Stunden</td> +<td align="center">23,4 Proz.</td> +</tr> + +<tr> +<td>mehr als 18 Stunden</td> +<td align="center">0,5 Proz.<a name="FNanchor_832"></a><a href= +"#Footnote_832"><sup>832</sup></a></td> +</tr> +</table> + +<p>Die überwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von +vierzehn bis sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang +der Gäste steigert sich diese Arbeitszeit willkürlich. +Während des Karnevals in München kommt es vor, daß +Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistündiger Pause +während vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden +hintereinander Dienst thaten.<a name="FNanchor_833"></a><a href= +"#Footnote_833"><sup>833</sup></a> Von regelmäßigen +Pausen ist überhaupt nur selten die Rede; sie richten sich +lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die Wirtsstube leer, +so kann das müde Mädchen vielleicht auf kurze Zeit des +Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heißt es +geschäftig aufspringen und seine Wünsche befriedigen. In +zahlreichen Wirtshäusern wird den Kellnerinnen sogar, auch +wenn sie unbeschäftigt sind, das Sitzen verboten, weil das +einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden machen könnte. +Nur beim Essen können sich auf kurze Zeit die matten Glieder +ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie Zeit +bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der +Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, für +die glücklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In +München wird vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag +in der Woche gewährt<a name="FNanchor_834"></a><a href= +"#Footnote_834"><sup>834</sup></a>, aber auch nur unter der +Bedingung, daß ein Ersatz von der Kellnerin selbst beschafft +und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der Kommission für +Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die Angestellten +regelmäßig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % +zwölfmal, in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % +noch öfter im Jahr. In der Hälfte der Betriebe wurden +Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber immer nur auf Stunden +ausdehnen.<a name="FNanchor_835"></a><a href= +"#Footnote_835"><sup>835</sup></a> In den allermeisten +Wirtshäusern giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen +freien Tag und in der Hälfte giebt es nicht einmal freie +Stunden!</p> + +<p>Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren +Wirtschaften, die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen +Augenblick des Ausruhens zugestehen<a name="FNanchor_836"></a><a +href="#Footnote_836"><sup>836</sup></a>, und sich dann, +ähnlich wie die Hausfrauen den Dienstboten gegenüber, +darauf berufen, daß ihre Angestellten einen leichten Dienst +hätten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie Zeit, in +der der Mensch einmal ganz sich selbst gehören kann, zu +ersetzen im stände wäre! Diese lange, ununterbrochene +Arbeitszeit wird nun aber auch in der größten Anzahl der +Fälle in Räumen zugebracht, die allen hygienischen +Ansprüchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube vermischt +sich darin mit den Speisengerüchen und den Ausdünstungen +der Menschen. Wo gelüftet wird, entsteht eine Zugluft, die die +erhitzten Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte +Luft, Uebermüdung und Erhitzung rufen aber auch ein +ständiges Durstgefühl hervor, das in Bier, Wein und +Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit folgenden +Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch nicht +nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit +Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, +gehört es zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu +animieren, indem sie mit ihm trinkt und so eine möglichst hohe +Zeche erzielt. Zum Entgegenkommen gegenüber dem Gast, auch +wenn es nicht im Bescheidthun beim Trinken besteht, ist sie +überhaupt immer gezwungen; mehr als von ihrer +Arbeitstüchtigkeit hängt hiervon ihre gesicherte Stellung +ab. Um die Gäste möglichst zufrieden zu stellen, sieht +sie sich häufig genug genötigt, die beliebtesten +Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur in je einem Exemplar +aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende Summe monatlich +ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zündhölzchen und dergl. +hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.<a name= +"FNanchor_837"></a><a href="#Footnote_837"><sup>837</sup></a> Bis +auf ihre äußere Erscheinung erstrecken sich +schließlich noch die Dienstvorschriften: in großen +Lokalen ist eine bestimmte Toilette, selbst eine bestimmte Frisur, +durch die die Mädchen veranlaßt werden, sich +täglich vom Friseur die Haare machen lassen zu müssen, +Vorschrift.<a name="FNanchor_838"></a><a href= +"#Footnote_838"><sup>838</sup></a> In den Animierkneipen werden die +Kostüme häufig geliefert; Mädchen aber, die etwas +auf sich halten und nicht anziehen mögen, was so und so viele +mehr oder weniger fragwürdige Vorgängerinnen schon +getragen haben, müssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung +einer dieser verschiedenartigen Pflichten, Müdigkeit, +Unfreundlichkeit gegen einen gar zu frechen Gesellen, der +vielleicht ein gut zahlender Stammgast ist, kostet der Kellnerin +ihre Stellung. Ja, es bedarf gar keines solchen Vorwandes; sie +braucht nur durch ihr Aeußeres Mißfallen zu erregen, so +muß sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn eine +Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heißt +es bei den Gästen: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen +ein anderes Gesicht", wird aus Dresden berichtet<a name= +"FNanchor_839"></a><a href="#Footnote_839"><sup>839</sup></a>; nur +um den Gästen durch den Wechsel einen Gefallen zu thun, +kündigen die Wirte den Kellnerinnen, lautet das Urteil an +einer anderen Stelle.<a name="FNanchor_840"></a><a href= +"#Footnote_840"><sup>840</sup></a> So kommt es, daß über +die Hälfte der von der deutschen Kommission befragten +Kellnerinnen nur drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel +aller über ein Jahr in ihrer Stellung waren.<a name= +"FNanchor_841"></a><a href="#Footnote_841"><sup>841</sup></a></p> + +<p>Je älter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. +Sie, die vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines +großstädtischen Lokals war, muß schließlich +zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein armseliges +Dasein zu führen. Die Gäste wollen nur von jungen, +hübschen Mädchen bedient werden.<a name= +"FNanchor_842"></a><a href="#Footnote_842"><sup>842</sup></a> Nach +der deutschen Berufsstatistik von 1895 giebt es daher unter 37121 +Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die über 30 Jahre alt sind. +Schließlich stellt selbst das geringste Wirtshaus die alt +gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann +sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer +schmaler werden. Im besten Fall fristet sie noch als +Wäscherin, Geschirrputzerin oder Reinemachefrau ihren elenden +Lebensrest; nur selten vermag sie sich empor zu arbeiten, nur allzu +oft endet sie auf der Straße, als die verachtetste aller +Frauen.<a name="FNanchor_843"></a><a href= +"#Footnote_843"><sup>843</sup></a></p> + +<p>Und doch strömen dem Kellnerinnenberuf jährlich +Tausende zu; immer wieder sind Junge da, um die Alternden zu +ersetzen. Sind die Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so +glänzend, um diesen Zudrang zu rechtfertigen? Die Kommission +für Arbeiterstatistik stellte fest, daß von den +befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch +Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergänzt wird. 21 % +bekommen demnach gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten +Lohn erhielten, war die eine Hälfte auf ein Einkommen von 10 +bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk. und weniger angewiesen. Je nach +den Landesteilen bieten die Lohnverhältnisse ein anderes Bild: +in Norddeutschland haben nur die Hälfte der Kellnerinnen einen +Bargehalt; in den Großstädten, wo die Animierkneipen +eine große Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, +daß sie überhaupt eins beziehen,—in Berlin z.B. +nur 0,5 %, in Hannover nur 8 % der Kellnerinnen,—in Mittel- +und Süddeutschland steigt dagegen der Prozentsatz der +entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %<a name= +"FNanchor_844"></a><a href="#Footnote_844"><sup>844</sup></a> Aber +auch hier machen die Großstädte eine Ausnahme. In +München, wo allein gegen 3000 Kellnerinnen gezählt +wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz abgekommen.<a name= +"FNanchor_845"></a><a href="#Footnote_845"><sup>845</sup></a> Aber +dabei allein bleibt es nicht. Wie es in großen Restaurants +fast durchweg Sitte ist, daß der Oberkellner dafür, +daß er bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, +so kommt es auch immer häufiger vor, daß von den +weiblichen Angestellten dasselbe verlangt wird. Bei der Pariser +Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies System von dem bekannten +Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen beschäftigt, zum +erstenmal eingeführt, und hat sich seitdem überall hin +verbreitet.<a name="FNanchor_846"></a><a href= +"#Footnote_846"><sup>846</sup></a> In Oesterreich, vor allem in den +großen Bädern, wie in Karlsbad, Marienbad etc., soll es +besonders üblich sein, jedenfalls ist dort der feste Lohn so +gut wie vollständig abgekommen. Sein Ersatz ist das +Trinkgeld.</p> + +<p>In der Anerkennung außergewöhnlicher Dienstleistungen +ist sein Ursprung zu suchen<a name="FNanchor_847"></a><a href= +"#Footnote_847"><sup>847</sup></a>, als solche hatte es nichts +Demütigendes an sich. Es bildete jedoch den Ansporn für +die profitgierigen Wirte, die Verpflichtung der Lohnzahlung an die +Bedienenden mehr und mehr von sich auf den Gast abzuwälzen. +Aus einem freiwilligen Geschenk für besondere Fälle ist +es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu tragen +hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner +halb bittend, halb fordernd verlangen, für dessen Erreichung +besonders die Kellnerin sich nur zu oft demütigen und ihre +Würde preisgeben muß. Es ist gewissermaßen der +äußerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems: jede +Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der +sie bezahlt, durch irgend etwas mißfällt, die Kellnerin +setzt ebenso ihre Existenz aufs Spiel, nur daß sie sich die +Entlohnung ihrer Arbeit groschenweise zusammenbetteln muß. Im +allgemeinen hat der Arbeitgeber nur ein Recht auf die Arbeitskraft +seiner Angestellten, der trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum +mindesten die Aufmerksamkeit und Freundlichkeit der Kellnerin, +nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen bestehende Arbeit, und +verlangt für jeden Groschen einen Dank. Zu dem +Herabwürdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch +seine vollständige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der +Ausgaben auf Grund der Einnahmen ist für die Kellnerin ganz +ausgeschlossen. Sie wird, und wäre sie ein noch so +gewissenhafter Charakter, förmlich zur unordentlichen und +leichtsinnigen Wirtschaftsführung dressiert, denn sie +weiß von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen +wird. Außerordentlich schwer läßt sich die +Höhe der Trinkgelder bestimmen; die Wirte werden stets geneigt +sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu niedrig anzugeben. In +besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es vorkommen, +daß die abendliche Abrechnung einen Ueberschuß von 6 +bis 7 Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger +dürften in nicht so bevorzugten Plätzen weit +häufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen hatten nur 21, +also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.<a name= +"FNanchor_848"></a><a href="#Footnote_848"><sup>848</sup></a> Sei +es nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen +Gewinn. Die Wassermädchen, die kein Trinkgeld bekommen, und +die Putzerinnen werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine +Ausgabe, die bis 360 Mk. jährlich steigen kann; die +Strafgelder bilden einen weiteren großen Posten in ihren +Ausgabebudgets, kommt es doch vor, daß jeder Kellnerin +für zerbrochenes Geschirr täglich ein für allemal 20 +Pf. angerechnet werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze +Strafgeldersystem ist dabei stets vom Wirt willkürlich +zusammengestellt, ohne daß die Neueintretenden auch nur +Kenntnis davon bekommen. Selbst für die Lieferung der +Kostüme werden den Kellnerinnen häufig 30 Pf. bis 1 Mk. +vom Wirt abgezogen.<a name="FNanchor_849"></a><a href= +"#Footnote_849"><sup>849</sup></a> Ihr Verdienst muß demnach +schon ein ganz guter sein, ehe sie für sich einen Pfennig +erwerben. Neben dem Trinkgeld besteht ihr Einkommen besonders in +norddeutschen Kneipen aus bestimmten Prozenten der verkauften +Getränke,—ein System, das die armen Mädchen dazu +zwingt, durch möglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben +zu verlocken.</p> + +<p>Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht +die Existenz der Kellnerin. Sie ist vollständig von ihm +abhängig. Wer begreifen will, was das bedeutet, der beobachte +nur einmal das Benehmen der Männer in einem Wirtshaus mit +weiblicher Bedienung. Besonders der Deutsche, der sonst so gern mit +seiner ritterlichen Verehrung der Frauen prahlt, zeigt sich hier +von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf sein Trinkgeld +angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede käufliche +Dirne. Daß die schmutzigsten Gespräche ungeniert vor ihr +geführt werden, ist das geringste der Uebel; man +belästigt sie aber mit zweideutigen Redensarten, und von da +bis zu Handgreiflichkeiten ist dann nur ein Schritt. Jeder +ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf die Duldung +seiner Zärtlichkeiten zu haben; der Widerstand der +Gequälten aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die +Entlassung. Eine Beschwerde des Gastes beim Wirt über die +"Unfreundlichkeit" der Kellnerin genügt, um die "dumme Gans" +hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies ebenso für die +anständigen Wirte, wie für die der Animierkneipen. Hier +allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter +zu gehen. Wenn auch in den meisten Städten Polizeiverordnungen +bestehen, die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu +leisten, so steht, bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast +immer nur auf dem Papier, und es giebt beinahe überall in +dieser Art Wirtschaften sogenannte Weinzimmer nach hinten heraus, +in die das Auge des Gesetzes nur selten dringt, und wo die +Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die Staffel zur +Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, daß kein +völlig unbescholtenes Mädchen sich als Kellnerin in eine +Kneipe dieser Art verlieren wird. Thatsächlich wurde +konstatiert, daß die meisten Berliner Kellnerinnen in irgend +einer Weise gescheiterte Existenzen sind<a name= +"FNanchor_850"></a><a href="#Footnote_850"><sup>850</sup></a>, +aber, ganz abgesehen davon, daß diese stets mehr +Unglücklichen als Schuldigen,—verführte +Dienstmädchen, verlassene Frauen und dergleichen,—fast +immer noch emporsteigen könnten, statt hier unterzugehen, kann +im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn eine Herde +gewissenloser Agenten ist stets auf dem Pürschgang nach +flüchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von +ihnen solchen Kneipen nur zu oft zugeführt. Können sie +die Vermittlungsgebühr nicht gleich bezahlen, so hält +allein die Notwendigkeit, diese Schuld nach und nach abzutragen, +sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr vielen Fällen +der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten giebt, so +giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer +Lüste sehen und dann noch dem Gast gegenüber +Kupplerdienste leisten.<a name="FNanchor_851"></a><a href= +"#Footnote_851"><sup>851</sup></a></p> + +<p>Sehr oft sieht sich die Kellnerin genötigt, auch für +Kost und Wohnung selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in +Süddeutschland, ihr beides zusichert.<a name= +"FNanchor_852"></a><a href="#Footnote_852"><sup>852</sup></a> Er +sorgt aber meist dafür, das die oft einzige Entschädigung +für ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In unheizbaren, +schlecht zu lüftenden Dachkammern, häufig zu zweien in +einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, +daß eine Lüftung überhaupt unmöglich ist, oder +daß die Bettwäsche nicht einmal beim Einzug neuen +Personals gewechselt wird.<a name="FNanchor_853"></a><a href= +"#Footnote_853"><sup>853</sup></a> Oft haust das ganze +Küchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.<a +name="FNanchor_854"></a><a href="#Footnote_854"><sup>854</sup></a> +Da ist es nicht zu verwundern, daß sie, wenn es irgend geht, +eine eigene Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige +beurteilen, der weiß, welch eine Mühe es überhaupt +einzelnen Frauen kostet, ein Unterkommen zu finden, und nun gar +einer Kellnerin, der von vornherein das Odium der Liederlichkeit +anhaftet. Sie muß für ihre Wohnung doppelt und dreifach +zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder ähnlichem +Gelichter in die Hände zu fallen. Nicht besser als die Wohnung +ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem +als in aufgewärmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, +oder gar von den Gästen auf den Tellern übrig gelassen, +an Zwirnsfäden aufgereiht und aufs neue gekocht wurden! Der +Ekel zwingt die Kellnerin nur zu häufig, sich selbst das Essen +zu besorgen.<a name="FNanchor_855"></a><a href= +"#Footnote_855"><sup>855</sup></a> Dabei hat sie nicht einmal +bestimmte Essenszeiten; sie muß es hinunterschlingen, wenn +gerade wenig zu thun ist, oft muß sie sich bis spät +abends mit Kaffee, Bier oder sonstigen Getränken aufrecht +erhalten.</p> + +<p>Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch +schlechte Wohnung und Kost, im übrigen fast allein +begründet auf dem groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der +Gäste.</p> + +<p>Und die Folgen?—Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf +Grund seiner eingehenden Untersuchungen festgestellt, daß die +Erkrankungsgefahr und die Krankheitsdauer der Kellnerinnen +größer sind, als für den Durchschnitt +sämtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten +Personen; die übermäßig lange Arbeitszeit ist die +Ursache. Es hat ferner gefunden, daß die Lungenschwindsucht +besonders stark unter ihnen wütet und sie in frühem +Lebensalter dahinrafft<a name="FNanchor_856"></a><a href= +"#Footnote_856"><sup>856</sup></a>; der dauernde Aufenthalt in +schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkräftung ist +ihr Nährboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie +außerdem noch ausgesetzt: Krampfaderentzündungen, +geschwollenen Füßen, Bleichsucht, Unterleibs- und +Nierenleiden<a name="FNanchor_857"></a><a href= +"#Footnote_857"><sup>857</sup></a>; das andauernde Stehen und +Laufen, die unzureichende Ernährung, als Ergänzung der +starke Genuß von alkoholischen Getränken rufen sie +hervor. Das ist aber noch nicht alles: nach dem Bericht der +Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die Kellnerinnen +weitaus die Hälfte aller Geschlechtskranken aus; in badischen +Krankenhäusern setzt sich der größte Teil der +syphilitisch kranken Mädchen aus Kellnerinnen zusammen<a name= +"FNanchor_858"></a><a href="#Footnote_858"><sup>858</sup></a>; die +Münchener Kassenärzte der Ortskrankenkasse IV, deren +Mitglieder hauptsächlich dem Beherbergungs- und +Erquickungsgewerbe angehören, vertreten die Ansicht, daß +80 % der Erkrankungen der Mädchen auf Geschlechtskrankheiten +zurückzuführen<a name="FNanchor_859"></a><a href= +"#Footnote_859"><sup>859</sup></a>, und die Hamburger +Kassenärzte gehen so weit, zu behaupten, daß von 100 +Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.<a name= +"FNanchor_860"></a><a href="#Footnote_860"><sup>860</sup></a> Diese +physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen +Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos überliefert +werden. Das ist die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber +keineswegs die Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat +zweifellos viele ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie +ihre Ehre im Kampfe gegen tägliche Versuchungen gewahrt haben. +Auch besteht zwischen den Kellnerinnen der süddeutschen +Kaffee- und Bierhäuser und denen der norddeutschen Kneipen ein +erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre Sittlichkeit. Es ist aber +vielfach nur ein Gradunterschied. Jede Kellnerin, sei es wo es auch +sei, ist infolge ihrer ökonomischen Abhängigkeit vom +Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner +Verführungskunst und ihrer eigenen natürlichen Jugendlust +und Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem +häßlichen Ausdruck "fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so +wenig es mir in den Sinn kommt, Liebesverhältnisse, die zwei +junge warmblütige Menschenkinder ohne die standesamtliche +Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu verurteilen, so +steht doch das Eine fest, daß in den weitaus meisten +Fällen die Mädchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer +sind. Und die Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind +zu erhalten, die Entwöhnung von dem grauen Einerlei der +Arbeit,—das alles treibt nur zu leicht die Verlassene von +Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre Arbeitskraft, es ist +ihr Körper, den sie nun zu Markte trägt.</p> + +<p>Einen langen, öden Weg haben wir durchschritten. Bald +sengte die Sonne, bald troff der Regen, bald brauste der +Sturm—kein Dach, kein Baum bot Schutz. Und immer dasselbe +Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und junge, die durch den +Staub und Schmutz dieser Lebensstraße die Last ihrer Arbeit +schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die Fiebersonne +der pontinischen Sümpfe, die sie ins Verderben zieht mit ihrem +Kuß. Nicht ein notwendiges Lebensbedürfnis, kein +Genuß, kein Luxus, an dem nicht der Schweiß dieser +Scharen klebte. Aus ihrem Fleiß wächst die Muße +der Glücklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus ihrem Leid +ihre Freude.</p> + +<p>Die Alten hielten die körperliche Arbeit für eine +Schmach; wir glauben darüber erhaben zu sein und messen ihr +denselben sittlichen Wert bei, als der geistigen. Die proletarische +Frauenarbeit steht aber thatsächlich, was Bewertung und +Ansehen betrifft, nicht höher als Sklavenarbeit; die +Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht für einen Ehrentitel. Ein +Fabrikmädel—eine Nähmamsell—eine +Kellnerin,—welch eine Flut von cynischer Verachtung +drückt sich in diesen Worten aus! Die schmutzigste und +schwerste und niedrigste Arbeit—das ist Frauenarbeit. Die +schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste +Lohn—das ist der Preis dafür. Und die Schande, das ist +seine Ergänzung.</p> + +<p>Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem +Wege verfolgten, drängt sich ein Heer kleiner, blutleerer +Gestalten: ihre Kinder. Aus müden, alten Augen blicken schon +die kleinsten in das Leben, das ihnen Kraft und Freude, das ihnen +ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und sie rächen sich an ihm: +Krankheit und sittliche Entartung ist ihre Gegengabe für +Hunger und Schmerz.</p> + +<p>In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit +lebenslänglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und +Kindeskinder tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind +Knute und Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur +Arbeit getrieben wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem +Schoße der Erde entriß, hat die bürgerliche +Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die fürchterlicher ist +als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die +Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rücken und schwieligen +Händen immer weiter und weiter für den Herrscher nach +Gold zu graben. Vor der Gier danach zerstoben all die Tugenden, die +ihre Prediger, ihre Dichter und Denker preisen: Großmut, +Barmherzigkeit, Nächstenliebe, und die Ehrfurcht vor allem vor +denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden Menschheit +schlägt. Mit dem Fuß auf dem Nacken der Frau ragt der +Koloß der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. +Jahrhundert hinein.</p> + +<p>Während die bürgerliche Frau die Arbeit als die +große Befreierin sucht, ist sie für die Proletarierin zu +einem Mittel der Knechtung geworden; und während das Recht auf +Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte ist, ist die Verdammung +zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber eine +Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der +Entwürdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden +aufbaut, ist das Todesurteil gesprochen.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="7_Die_Arbeiterinnenbewegung" />7. Die +Arbeiterinnenbewegung.</h2> + +<p>Als den Ausgangspunkt der bürgerlichen Frauenbewegung haben +wir den Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf +gegen den Mann, weil es galt, in seine Berufssphären +einzudringen. Die proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst +ein, als dieser Kampf durch den massenhaften Eintritt der +Arbeiterinnen in die Industrie mit ihrem Siege geendet hatte. Die +Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt und Fabrik erobert, als die +bürgerliche Frau noch schwer um den Platz im Hörsaal und +auf dem Katheder ringen mußte. Die bürgerliche +Gegnerschaft gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der +proletarischen Genossenschaft mit dem Mann.</p> + +<p>Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender +Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nächstes Ziel ist: die +Lage des Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem +Zweck drei verschiedener Mittel: der politischen Partei, als +desjenigen Mittels, durch das politisch Gleichgesinnte auf +Gesetzgebung und Staat Einfluß zu gewinnen suchen, der +Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von Lohnarbeitern +zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer +Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen +wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher +Thätigkeit. Bedingung ist in allen drei Fällen die +Organisation. Sie muß daher gesetzlich gewährleistet und +gesichert sein, wenn an ein erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter +gedacht werden kann.</p> + +<p>Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des +Gesetzes den weiblichen wie den männlichen Arbeitern nirgends +untersagt. In der Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor +allem der Mehrzahl der deutschen Frauen, sehr erschwert, weil +ihnen, nach einer Anzahl deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in +politische Vereine verboten ist, und die Grenzlinien zwischen +wirtschaftlichen und politischen Fragen außerordentlich +schwankende sind. Für die gesamte weibliche Arbeiterschaft +kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht, der sich +ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Während +nämlich die Vereinigung von Männern und Frauen innerhalb +der einzelnen Berufe die selbstverständliche Konsequenz ihrer +gemeinsamen Arbeit sein sollte, scheitert sie vielfach an dem alten +Vorurteil der Männer, die sich der Aufnahme weiblicher +Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der Männer +verschaffte der für die weiblichen Lohnarbeiter völlig +falschen, irreführenden Auffassung der bürgerlichen +Frauenbewegung von der Notwendigkeit des organisierten Kampfes der +Frauen als Frauen um ihre Rechte Eingang bei ihnen, und so +gründeten sie zunächst gewerkschaftliche Frauenvereine +mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern.</p> + +<p>In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon +Anfang der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die +aber ein schnelles Ende nahmen. Erst dem großen +Organisationstalent einer ehemaligen Setzerin, Miß Emma +Smith, später Mrs. Paterson, gelang es, System in die ganze +Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's Protective and +Provident League ins Leben rief und als das Ziel der Vereinigung +die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und zwar in +Männergewerkschaften, soweit sie Zulassung fänden, in +Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe +handelt, oder die Männer die Frauen ausschließen.<a +name="FNanchor_861"></a><a href="#Footnote_861"><sup>861</sup></a> +Unter dem Einfluß bürgerlicher Elemente wurde jedoch im +Anfang der Bewegung auf die Gründung von Frauengewerkschaften +der größte Nachdruck gelegt: die Londoner +Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wäscherinnen und +Schneiderinnen wurden organisiert<a name="FNanchor_862"></a><a +href="#Footnote_862"><sup>862</sup></a>, aber die kleinen Vereine +konnten eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht +erringen. Nur zwei von ihnen bestehen noch<a name= +"FNanchor_863"></a><a href="#Footnote_863"><sup>863</sup></a>, ohne +an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im selben Jahr versuchten Pariser +Näherinnen ein Syndikat zu gründen, das nur 100 +Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflöste.<a +name="FNanchor_864"></a><a href="#Footnote_864"><sup>864</sup></a> +In Deutschland, wo der bürgerliche Einfluß hemmend +gewirkt hatte, fing man erst viel später an, +Arbeiterinnenvereine mit einem annähernd gewerkschaftlichen +Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder eingingen, ohne +Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein äußerer +Anlaß trennte mit einem scharfen Schnitt die +Arbeiterinnenbewegung von der bürgerlichen Frauenbewegung und +machte sie lebensfähig. 1882 kam Gräfin Guillaume-Schack +nach Berlin, um für die Ideen der englischen Föderation +zur Bekämpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der +Kulturbund, den sie gründete, rief aber nicht, wie sie gehofft +hatte, eine der englischen ähnliche große Bewegung zu +Gunsten der Abschaffung der staatlichen Regulierung und +Beaufsichtigung der Prostitution hervor, es entstanden nur drei +Vereine rein philanthropischer Natur, die die Erziehung +verwahrloster Mädchen, die Gründung von Heimstätten +und ähnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich +auch an die Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie nötig +ihre sittliche Hebung sei. Aber die Zeiten der Abhängigkeit +waren vorbei: sie wiesen die Hand der Wohlthäter zurück +und erklärten, daß wer der Arbeiterklasse helfen wolle, +zuerst dafür sorgen müsse, ihre materielle Lage zu +verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit: +"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlössen sich sofort 500 +Frauen und Mädchen zu einem selbständigen +Arbeiterinnenverein zusammen<a name="FNanchor_865"></a><a href= +"#Footnote_865"><sup>865</sup></a>, der an Bedeutung alle +bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung bei weitem +übertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der +Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die +Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen +nahm sie in ihre Statuten auf; ein Rest bürgerlicher +Auffassungsweise zeigte sich aber nicht nur in der Vereinigung +ausschließlich weiblicher Arbeiter, sondern auch in ihrer +ablehnenden Stellung gegenüber dem Arbeiterinnenschutz. Sie +war im wesentlichen dem Einfluß der Gräfin +Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurückgestoßen +von der jämmerlichen Haltung der bürgerlichen +Frauenbewegung, auf die Seite der Arbeiterinnen stellte, aber +selbst noch im Ideenkreis der englischen Feministen befangen +war.</p> + +<p>Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. +Der von der Regierung projektierte Nähgarnzoll, der die armen +Näherinnen, die das Garn selbst zu liefern hatten, stark +belastet haben würde, gab den Anstoß zum ersten +erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge Verein und +zwei neue, ausschließlich von Arbeiterinnen gegründete +und geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der +Fachverein der Mäntelnäherinnen, gaben den Ton an; Frau +Guillaume-Schack unterstützte sie durch die von ihr +gegründete Zeitschrift "Die Staatsbürgerin", in der die +traurige Lage der Arbeiterinnen rücksichtslos aufgedeckt +wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und Lebensverhältnisse durch +diese Vereine förderten dann noch ein Material zu Tage, das +selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrütteln +mußte. Im Anschluß daran kam es zu einer +Reichstagsdebatte und endlich zur amtlichen Untersuchung der +Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der +Wäschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur +bestätigen und ergänzen konnte, was jene erste private +Erhebung bekundet hatte. Die Verschärfung der Truckgesetze war +die weitere Folge und zugleich das erste Resultat der deutschen +Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen durch ihr Eintreten +für den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von dem letzten +Rest bürgerlicher Tradition frei gemacht hatte.<a name= +"FNanchor_866"></a><a href="#Footnote_866"><sup>866</sup></a> Aber +in dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem +kräftigen Leben führen sollte, wurde die +"Staatsbürgerin" polizeilich verboten, sämtliche Vereine, +auch die außerhalb Berlins, aufgelöst und ihre +Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr für +Deutschland" sahen die Behörden in dem ersten Aufstreben der +weiblichen Arbeiterschaft. Aber eine aus den Bedürfnissen der +Massen entspringende Bewegung mußte selbst der zähesten +Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen die Verfolgungen +des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die +gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das +Solidaritätsgefühl der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu +gestärkt hervor.</p> + +<p>Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schärfster +Unterdrückung, die Energie, mit der die Frauen ihr Trotz +geboten hatten, ihre selbstbewußten Organisierungsversuche +und die wachsende Erkenntnis, daß es einer gefürchteten +Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zuführen hieß, wenn +man sie von den männlichen Berufsvereinen ausschloß, +führten in der Haltung der Männer nach und nach einen +Umschwung herbei. 1890 wurde in Deutschland die Zentralkommission +der Gewerkschaften Deutschlands gegründet, die schon durch die +Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren Standpunkt kennzeichnete. +Sie veranlaßte sofort bei sämtlichen Vorständen der +Vereine, daß, soweit Frauen von der Mitgliedschaft +ausgeschlossen waren, Anträge auf Statutenänderung +gestellt wurden, die in den meisten Fällen zur Annahme +gelangten. Unter ihrer Leitung entwickelte sich eine rege Agitation +unter den Arbeiterinnen zu Gunsten der Gewerkschaften. Frauen, mit +einem Opfermut und einer Ausdauer, wie sie nur im Proletariat zu +finden sind, reisen unermüdlich im Auftrage der +Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend, +denen sie in ausdehntestem Maße ausgesetzt sind; in engen, +dumpfigen Lokalen sprechen sie oft Abend für Abend, um ihren +Zuhörerinnen klar zu machen, daß sie ihre Lage nur dann +verbessern können, wenn sie sich mit den Genossen ihrer Arbeit +zusammenschließen und der Profitgier und der Ausbeutungssucht +des Unternehmers die Macht vereinter Kräfte +gegenüberstellen. Der Erfolg dieser Bemühungen, die durch +massenhafte Verbreitung von Flugblättern und Broschüren +noch unterstützt wird, ist bisher noch kein großer. Aus +folgender Zusammenstellung geht das langsame Wachstum der +weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der +Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zählten +weibliche Mitglieder:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>1892:</td> +<td align="right">4355</td> +</tr> + +<tr> +<td>1893:</td> +<td align="right">5384</td> +</tr> + +<tr> +<td>1894:</td> +<td align="right">5251</td> +</tr> + +<tr> +<td>1895:</td> +<td align="right">6697</td> +</tr> + +<tr> +<td>1896:</td> +<td align="right">15295</td> +</tr> + +<tr> +<td>1897:</td> +<td align="right">14644</td> +</tr> + +<tr> +<td>1898:</td> +<td align="right">13009</td> +</tr> + +<tr> +<td>1899:</td> +<td align="right">19280</td> +</tr> + +<tr> +<td>1900:</td> +<td align="right">22844</td> +</tr> +</table> + +<p>In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das +Fünffache gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die +hier allein in Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen +Arbeiterinnen und die Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, +sind immerhin erst 2,30 % organisiert und von den +achtundfünfzig zentralisierten Gewerkschaften weisen nach der +letzten Zählung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder auf. +Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:<a +name="FNanchor_867"></a><a href= +"#Footnote_867"><sup>867</sup></a></p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Organisation</th> +<th>Zahl der weiblichen<br /> +Mitglieder 1900</th> +<th>Von 100 Arbeiterinnen<br /> +des betreffenden Berufs<br /> +sind organisiert</th> +</tr> + +<tr> +<td>Buchbinder</td> +<td align="right">3046</td> +<td align="right">22,50</td> +</tr> + +<tr> +<td>Buchdruckereihilfsarbeiter</td> +<td align="right">698</td> +<td align="right">12,15</td> +</tr> + +<tr> +<td>Fabrikarbeiter</td> +<td align="right">2889</td> +<td align="right">4,97</td> +</tr> + +<tr> +<td>Glasarbeiter</td> +<td align="right">33</td> +<td align="right">1,02</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handlungsgehilfen</td> +<td align="right">80</td> +<td rowspan="2" align="right">0,10</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lagerhalter</td> +<td align="right">9</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handschuhmacher</td> +<td align="right">105</td> +<td align="right">6,65</td> +</tr> + +<tr> +<td>Holzarbeiter</td> +<td align="right">726</td> +<td align="right">6,62</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hutmacher</td> +<td align="right">121</td> +<td align="right">2,81</td> +</tr> + +<tr> +<td>Konditoren</td> +<td align="right">15</td> +<td align="right">0,76</td> +</tr> + +<tr> +<td>Masseure</td> +<td align="right">46</td> +<td align="right">--</td> +</tr> + +<tr> +<td>Metallarbeiter</td> +<td align="right">2693</td> +<td align="right">11,37</td> +</tr> + +<tr> +<td>Porzellanarbeiter</td> +<td align="right">357</td> +<td align="right">4,40</td> +</tr> + +<tr> +<td>Sattler</td> +<td align="right">31</td> +<td align="right">2,04</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schneider</td> +<td align="right">758</td> +<td align="right">1,19</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schuhmacher</td> +<td align="right">1916</td> +<td align="right">20,31</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakarbeiter</td> +<td align="right">3922</td> +<td rowspan="2" align="right">6,58</td> +</tr> + +<tr> +<td>Cigarrensortierer</td> +<td align="right">80</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tapezierer</td> +<td align="right">37</td> +<td align="right">10,57</td> +</tr> + +<tr> +<td>Textilarbeiter</td> +<td align="right">5254</td> +<td align="right">1,16</td> +</tr> + +<tr> +<td>Vergolder</td> +<td align="right">28</td> +<td align="right">4,45</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">22844</td> +<td align="right">2,76</td> +</tr> +</table> + +<p>Außerhalb dieser durch die Generalkommission +zusammengehaltenen Verbände, stehen eine ganze Anzahl +sogenannter Lokalorganisationen, die aber zumeist keine Frauen +aufnehmen können, weil sie einen ausgesprochen politischen +Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche Frauenvereine, die +nur ein kümmerliches Dasein fristen. Etwas bedeutungsvoller +ist die Teilnahme der Frauen an den 1868 gegründeten +Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmäßig +sozialdemokratische Arbeiter ausschließen, und, von +bürgerlich-liberaler Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch +geleitet, bis zum Jahre 1895 der Organisation der Frauen ablehnend +gegenüber standen. Auf dem Verbandstage jenes Jahres jedoch +wurde eine Resolution zu Gunsten der Frauen angenommen, und nach +dem Bericht für das Jahr 1901 sind infolgedessen 3392 den +Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen sind +Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung +ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische +und eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit +1882, zählt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden +Frauenvereine sind ausschließlich religiöser Art und +haben keinerlei gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische +Richtung hat ihren Ursprung in dem Gewerkverein christlicher +Bergleute, der im Jahre 1894 gegründet wurde. Mit den +Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die entschieden feindliche +Stellung gegenüber der Sozialdemokratie, betont aber nebenbei +noch die religiös-christliche Gesinnung. Von Anfang an hatte +sie ein gewisses sympathisches Verständnis für die +weiblichen Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen +fußend, die jede Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib +ablehnen, trat sie nicht für eine gemeinsame Organisation +beider Geschlechter, sondern für gesonderte +Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der männlichen +Berufsgenossen anzugliedern sind und als "Schutzverbände der +Arbeiterinnen" unter ihrer Leitung und Oberaufsicht stehen, damit +im Falle von Arbeitseinstellungen trotz der Sonderung ein +gemeinsames Vorgehen gesichert ist.<a name="FNanchor_868"></a><a +href="#Footnote_868"><sup>868</sup></a> Wir finden hier jenes +Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknüpfung mit +Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie +sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,—und um +eines ihrer Schoßkinder handelt es sich +dabei,—aufweisen. An einer genaueren Statistik der +organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen Verbänden +die männlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezählt +wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbände,—der eine +in Aachen, der andere in Eupen,—mit zusammen 430 Mitgliedern, +werden besonders genannt.<a name="FNanchor_869"></a><a href= +"#Footnote_869"><sup>869</sup></a> Alles in allem dürften in +Deutschland, von den Gründungen der bürgerlichen +Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen +gewerkschaftlich organisiert sein.</p> + +<p>In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch +außerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, +1899 9206 organisierte Frauen gezählt. Die +verhältnismäßig starke Zunahme in den letzten drei +Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thätigkeit der +Arbeiterinnen selbst zurückzuführen. Sie gründeten +in Wien ein Frauenreichskomitee, an das sich in den +Provinzstädten Sektionen angliedern, und deren Hauptzweck die +Organisierung der Arbeiterinnen ist. Sie leiten eine systematische +Agitation über ganz Oesterreich und werden zweifellos bald +noch größere Erfolge aufweisen können. Immerhin +erfährt auch die letzte Zählung der Organisierten +insofern eine Einschränkung, als von den 9206 angegebenen +Vereinsmitgliedern nur 5556 wirklichen Berufsvereinen +angehören. Sie verteilen sich folgendermaßen<a name= +"FNanchor_870"></a><a href="#Footnote_870"><sup>870</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Organisation</th> +<th>Weibliche<br /> +Mitglieder</th> +</tr> + +<tr> +<td>Baugewerbe</td> +<td align="right">104</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bekleidungsindustrie</td> +<td align="right">433</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bergbau</td> +<td align="right">187</td> +</tr> + +<tr> +<td>Chemische Industrie</td> +<td align="right">94</td> +</tr> + +<tr> +<td>Eisen- und Metallindustrie</td> +<td align="right">105</td> +</tr> + +<tr> +<td>Galanterie</td> +<td align="right">52</td> +</tr> + +<tr> +<td>Glas- und keramische Industrie</td> +<td align="right">949</td> +</tr> + +<tr> +<td>Graphische Gewerbe</td> +<td align="right">1147</td> +</tr> + +<tr> +<td>Holzindustrie</td> +<td align="right">36</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handel</td> +<td align="right">58</td> +</tr> + +<tr> +<td>Nahrungs- und Genußmittel</td> +<td align="right">310</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lederindustrie</td> +<td align="right">76</td> +</tr> + +<tr> +<td>Textilindustrie</td> +<td align="right">1950</td> +</tr> + +<tr> +<td>Verschiedene Gewerbe</td> +<td align="right">55</td> +</tr> +</table> + +<p>Aehnlich wie in Deutschland entschloß sich in England erst +1889 der Gewerkvereinskongreß zu Dundee dazu, die +Notwendigkeit der Organisation der Arbeiterinnen grundsätzlich +anzuerkennen und seine Unterstützung zuzusagen. Trotzdem +entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur 111 dazu, +weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie +festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft +beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die älteste und +die größte ist. Außer diesen 111 gemischten +Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine nur mit weiblichen +Mitgliedern.<a name="FNanchor_871"></a><a href= +"#Footnote_871"><sup>871</sup></a> Die Gesamtzahl der Organisierten +betrug in den Jahren</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>1896:</td> +<td>117888</td> +</tr> + +<tr> +<td>1897:</td> +<td>120254</td> +</tr> + +<tr> +<td>1898:</td> +<td>116048</td> +</tr> + +<tr> +<td>1899:</td> +<td>120448</td> +</tr> +</table> + +<p>Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in stärkerem +Maße an der gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die +deutschen. Der Wert dieser höheren Zahlen verliert aber an +Bedeutung, wenn wir nicht nur das Alter der gewerkschaftlichen +Bewegung in Betracht ziehen,—schon 1824 waren viele +Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins und zu +Owen's Grand National strömten 1833—34 die Frauen<a +name="FNanchor_872"></a><a href= +"#Footnote_872"><sup>872</sup></a>,—sondern uns auch +erinnern, daß der Organisation der Frauen von seiten des +Staats und der Behörden keinerlei Schwierigkeiten gemacht +werden; selbst die Landarbeiter und die Dienstboten, die in +Deutschland vom Koalitionsrecht so gut wie ausgeschlossen sind, +können sich zu Gewerkvereinen zusammenthun. Im Verhältnis +zu sämtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der Organisierten +demnach sehr gering, sie beträgt nur 0,39%, im Verhältnis +allein zu den Industriearbeiterinnen beträgt sie dagegen +8,22%. Was die Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an +der Organisation betrifft, so stellt sie sich folgendermaßen +dar:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td></td> +<th>Anzahl der<br /> +Gewerkvereine</th> +<th>Anzahl der<br /> +Mitglieder</th> +<th>Von 100 Arbeiterinnen<br /> +sind organisiert</th> +</tr> + +<tr> +<td>Textilindustrie:</td> +<td align="right">88</td> +<td align="right">109076</td> +<td align="right">19,70</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schuh- und Stiefelproduktion:</td> +<td align="right">2</td> +<td align="right">618</td> +<td align="right">1,42</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bekleidungsindustrie:</td> +<td align="right">11</td> +<td align="right">1128</td> +<td align="right">0,26</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hut- und Mützenindustrie:</td> +<td align="right">2</td> +<td align="right">2330</td> +<td align="right">14,21</td> +</tr> + +<tr> +<td>Druckerei, Papierfabrikation u. ähnl.:</td> +<td align="right">7</td> +<td align="right">763</td> +<td align="right">1,51</td> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakindustrie:</td> +<td align="right">4</td> +<td align="right">2403</td> +<td align="right">19,11</td> +</tr> + +<tr> +<td>Andere Industrien:</td> +<td align="right">25</td> +<td align="right">4130</td> +<td align="right">1,33</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">139</td> +<td align="right">120448</td> +<td align="right">8,22</td> +</tr> +</table> + +<p>Wir sehen aus vorstehender Tabelle, daß gegenüber der +starken Organisation der Textilarbeiterinnen,—sie machen fast +91 % aller Organisierten aus,—sämtliche andere fast +verschwinden. Außerordentlich gering ist die Zahl der +Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier finden wir auch +unter 9 Gewerkvereinen fünf mit nur weiblichen Mitgliedern, +deren kleinster 18 und deren größter 120 Mitglieder hat. +Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei +landwirtschaftlichen Vereinen angehörten und den Dienstboten, +die 1897 noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaßen, ist +heute keine einzige mehr organisiert.</p> + +<p>In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr +spät ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre +männlichen Berufsgenossen überließen sie +gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher Vereinigungen. +Auch eine, überdies sehr mangelhafte Statistik der +Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst für das Jahr +1900.<a name="FNanchor_873"></a><a href= +"#Footnote_873"><sup>873</sup></a> Dabei stellte es sich heraus, +daß 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder angehören. Da +aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbände und +diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern +angehören, verstanden werden, so ist es für unsere Zwecke +notwendig, sie auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur +Arbeiterorganisationen anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben +30975 weibliche Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften +übrig; von diesen sind 17 nur Frauengewerkschaften. Nach der +Zahl der in den verschiedenen Berufen Organisierten ist ihre +Zusammensetzung folgende<a name="FNanchor_874"></a><a href= +"#Footnote_874"><sup>874</sup></a>:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufsarten</th> +<th>Zahl der Mitglieder</th> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakindustrie</td> +<td align="right">10194</td> +</tr> + +<tr> +<td>Textilindustrie</td> +<td align="right">6802</td> +</tr> + +<tr> +<td>Handelsgewerbe</td> +<td align="right">4376</td> +</tr> + +<tr> +<td>Eisenbahnangestellte</td> +<td align="right">1611</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bekleidung</td> +<td align="right">1597</td> +</tr> + +<tr> +<td>Gärtnerei, Obstzucht</td> +<td align="right">1000</td> +</tr> + +<tr> +<td>Lederbearbeitung</td> +<td align="right">746</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">26326</td> +</tr> +</table> + +<p>Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, +z.T. winzigen Gewerkschaften, deren häufig +außerordentlich geringer Umfang ein Charakteristikum des +französischen, jeder Zentralisierung entbehrenden +Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind +folgende:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th>Berufsarten</th> +<th>Zahl der<br /> +Gewerkschaften</th> +<th>Zahl der<br /> +Mitglieder</th> +</tr> + +<tr> +<td>Tabakarbeiterinnen</td> +<td align="right">4</td> +<td align="right">1760</td> +</tr> + +<tr> +<td>Federnschmückerinnen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">300</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dienstboten</td> +<td align="right">2</td> +<td align="right">220</td> +</tr> + +<tr> +<td>Typographen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">210</td> +</tr> + +<tr> +<td>Wäscherinnen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">100</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stenographen</td> +<td align="right">2</td> +<td align="right">94</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kravattennäherinnen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">89</td> +</tr> + +<tr> +<td>Schneiderinnen</td> +<td align="right">3</td> +<td align="right">62</td> +</tr> + +<tr> +<td>Blumenmacherinnen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">53</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stickerinnen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">36</td> +</tr> + +<tr> +<td>Korsettnäherinnen</td> +<td align="right">1</td> +<td align="right">30</td> +</tr> + +<tr> +<td rowspan="2"> </td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +<td align="right"> +<hr style="width: 100%; margin-top: auto; margin-bottom: auto;" /> +</td> +</tr> + +<tr> +<td align="right">18</td> +<td align="right">2954</td> +</tr> +</table> + +<p>Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende +Vereine, die nur mühsam ihr Leben fristen, meist mit +Unterstützung der Damen der bürgerlichen Frauenbewegung, +denen einige auch ihre Gründung verdanken. Da die +französischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit +den Männern und allein verbinden können, so ist das +Ergebnis in jeder Beziehung ein klägliches: von 3-1/2 +Millionen kaum 31000 organisiert!</p> + +<p>Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der +Vereinigten Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste +große Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die +Knights of Labour, der 1870 ins Leben trat, nahm nach +zehnjährigem Bestehen weibliche Mitglieder auf, und stellte +sie den männlichen nicht nur völlig gleich, er +eröffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine +wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.<a name= +"FNanchor_875"></a><a href="#Footnote_875"><sup>875</sup></a> Schon +nach wenigen Jahren zählte allein der Zweigverein von +Massachusetts 6000 weibliche Mitglieder.<a name= +"FNanchor_876"></a><a href="#Footnote_876"><sup>876</sup></a> Dem +Einflüsse der Knights of Labour ist es wohl auch +zuzuschreiben, daß die Gewerkschaften sich den Frauen +gegenüber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von +Anfang an in den großen Unionen der Typographen und der +Cigarrenarbeiter zugelassen und nur sehr selten kommt es daher vor, +daß sie selbständige Frauenvereine gründen.<a name= +"FNanchor_877"></a><a href="#Footnote_877"><sup>877</sup></a> Wo es +geschieht, ist es meist nur das Resultat bürgerlichen +Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen Gewerben +organisierten Frauen städtische Ausschüsse +gegründet, in denen jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten +ist und die speziellen Fraueninteressen beraten werden. Auch ein +allgemeiner amerikanischer Arbeitsverband der Frauen besteht, der +den Zweck verfolgt, die Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder +zu vertreten und Klagen über Arbeitsverhältnisse zu +untersuchen. Trotz der günstigen Lage aber, in der die +amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Möglichkeit +gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in +sehr geringem Maße organisiert.<a name="FNanchor_878"></a><a +href="#Footnote_878"><sup>878</sup></a> Die beständige +Einwanderung niedrig stehender Volkselemente, die die Sprache des +Landes nicht kennen, die schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig +acceptieren, und aus denen sich ein großer Teil der +weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die wesentliche Ursache +hiervon.</p> + +<p>Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche +Organisation scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt +zu haben. Weil dem überall so ist, müssen die Gründe +dafür auch überall die gleichen sein. Wir haben sie +zunächst in dem Widerstand der Männer und in der Jugend +der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafür ist +der verhältnismäßig hohe Prozentsatz der englischen +organisierten Textilarbeiterinnen: hier war der männliche +Widerstand schon Anfang des 19. Jahrhunderts gebrochen; fast +hundert Jahre ist demnach auch die Bewegung hier alt. Aber diese +Gründe können unmöglich die einzigen sein, schon +weil das späte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf +selten der Frauen selbst der Begründung bedarf. Ein Blick auf +die gewerkschaftliche Bewegung der Männer dient schon zur +Erklärung: teils ist sie eine moderne Fortsetzung der alten +Gesellenverbände und ähnlicher Vereinigungen, an denen +Frauen fast niemals teilnahmen, teils ist sie den Bedürfnissen +der in der Großindustrie zusammengedrängten Arbeiter +entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der +Großindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den +Männern zurück, und nehmen eine beherrschende Stellung +nur in wenigen Industrien ein. Wo sie es thun, wie in der +Textilindustrie, in der französischen Tabakindustrie, die +infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf diesem Gebiet fast +ganz verdrängt hat, sind sie, wie wir gesehen haben, +gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten +ist es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie +vorherrscht, z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die +Arbeiterin vereinzelt arbeitet, wie im häuslichen Dienst, und +zum Teil in der Landwirtschaft. Nicht nur, daß die Arbeiterin +hier abgeschnitten ist von dem Einfluß sozialer Bewegungen, +daß sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmädchen schwer +zu dem Bewußtsein solidarischer Verbindung mit ihren +Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch—und das ist ein +Moment, das nie genügend hervorgehoben wird—in fast +völliger Abgeschlossenheit von dem männlichen Arbeiter, +dem Hauptvermittler politischer und gewerkschaftlicher +Aufklärung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in der +Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto +schwerer wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der +Stellung der Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie +bei weitem nicht so organisationsfähig als der Mann. Die +Arbeit ist für ihn der einzige Beruf; die Frau ist zwar +gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem Erwerbe nachzujagen, +aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen, daß sie +nicht nur hinter ihm zurückbleibt und früh erlahmt, +sondern auch nicht die mindeste Zeit hat, über ihre Lage und +die Bedingungen ihrer Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht +nur Arbeiterin geworden, sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch +Mutter. Während der Mann sich in Versammlungen aufklärt, +sich mit seinen Kameraden verständigt, Bücher und +Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nähen, zu flicken, +Kinder zu pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der +Kinder willen wird sie sogar häufig zu einer heftigen Gegnerin +der Gewerkschaft, die Beiträge von ihr fordert, die sie so +notwendig für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse braucht, +die sie sogar zur Arbeitseinstellung nötigen kann. Und ebenso +wie sie die alte Hausfrauenthätigkeit in ihr modernes +Erwerbsleben mit hinübernahm, so hat sie auch alte Träume +und Traditionen nicht abzuschütteln vermocht. Fast jedes junge +Mädchen erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben +ausfüllen und in Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin +bildet darin keine Ausnahme: ihre Arbeit ist für sie kein +Lebensberuf, sondern nur die Durchgangsstation zu dem eigentlichen +Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat sie kein Interesse an der +Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den Beiträgen angelegt +werden müßte, lieber für ein wenig Putz und Tand +aus, um ihre Person vor dem Erlöser, den Mann, möglichst +verführerisch zu gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, +die der Organisierung der Frauen entgegenstehen, aber noch nicht +erschöpft.</p> + +<p>Wir haben gesehen, daß die Frauen infolge ihrer schlechten +Ausbildung und ihrer körperlichen Veranlagung sehr häufig +nach Qualität oder Quantität geringwertigere Arbeit +leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber von ihren Mitgliedern +Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des Lohntarifs, der +jedoch wieder seinerseits eine gewisse Höhe der +Leistungsfähigkeit voraussetzt. So entschloß sich der +Verein Londoner Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen +wie Männer, infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches +Mitglied, weil die anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen +zu erfüllen. Ebenso erklärten die französischen +Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen, wenn sie den Lohntarif +acceptierten,—es fand sich keine einzige, die das vermochte, +teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils weil die +Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen. Wenn +daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschließen, wie +der der englischen Bürstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter +oder der Kettenaufbäumer und Zwirner, so geschieht es in der +Annahme, daß der Eintritt der Frauen ein Herunterdrücken +der Gewerkschaftsbedingungen notwendig nach sich ziehen +müsse.<a name="FNanchor_879"></a><a href= +"#Footnote_879"><sup>879</sup></a> Wie berechtigt das ist, sehen +wir daran, daß die Lohnsätze der Industrien mit starker +Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlöhnen und nicht nach +den Männerlöhnen zu regeln pflegen.</p> + +<p>Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist +überhaupt Aussicht vorhanden, daß unter den herrschenden +wirtschaftlichen Verhältnissen eine nennenswerte Organisation +der Arbeiterinnen sich wird ermöglichen lassen? Das sind die +Fragen, die uns zunächst aufstoßen. Die Geschichte der +Gewerkschaftsbewegung hilft sie beantworten. Die Entwicklung zur +Großindustrie war die Grundlage, auf der die Organisationen +der Männer entstehen und erstarken konnten. Die Frauen stehen +aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den die +Männer vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer +wesentlich großindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in +jeder Form zu unterdrücken, ist daher eine der wichtigsten +Voraussetzungen zur Organisierung der Arbeiterinnen.</p> + +<p>Was aber ferner die männlichen Arbeiter antreibt, sich zur +Erkämpfung besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, +ist der Umstand, daß ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer +Existenz bildet, deren schlechtere oder bessere Gestaltung allein +von ihm abhängt. Will man die Frau organisationsfähig +machen, so gilt es, ihre Selbständigkeit im Erwerbsleben +sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu fördern. +Unterdrückung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, +denn sie unterstützt die Unselbständigkeit, indem sie den +Frauen ermöglicht, als Haustöchter und Hausfrauen einem +Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere Leistungsfähigkeit der +Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer Organisierung. Da +gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch ausreichende +Vorbildung zu einer möglichst vollkommenen zu gestalten, +sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch +zurückbleibende Differenz zwischen der ihrigen und der des +Mannes möglichst auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben +dieser Schwierigkeit gegenüber häufig die Ansicht +vertreten, daß für Frauen besondere Lohntarife +aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege der +Nur-Frauengewerkschaften führen würde. Annehmbarer schon +erscheint die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach +die Frauen die leichten Maschinen, die Männer die schweren zu +bedienen hätten, und jede Konkurrenz dadurch im Keime erstickt +würde. Es liegt aber zugleich eine Ungerechtigkeit in diesem +Beschluß, da die Arbeit an den leichten Stühlen geringer +entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen sind, die +über ausreichende Kräfte zur Bedienung der schweren +verfügen. Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, +die eine feste, für Männer und Frauen +gleichmäßig gültige Stücklohnpreisliste +aufstellten. Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst +eine Sonderung der Geschlechter ein, indem die Frauen an den +schmalen, die Männer an den breiten Stühlen arbeiteten. +Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich aber nicht nach dem +Geschlecht, sondern nach der Stärke und der Geschicklichkeit; +eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie ein schwacher +Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.<a name= +"FNanchor_880"></a><a href="#Footnote_880"><sup>880</sup></a> Die +Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher +die schädigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst +aufheben und den Eintritt der Frauen ermöglichen +können.</p> + +<p>Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, daß +die gut bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten +organisieren, während die sozial tiefstehenden, geistig +rückständigen diejenigen sind, die durch völligen +Mangel an Solidaritätsgefühl vereinzelt bleiben und jeder +für sich versuchen, dem Höherstehenden Schmutzkonkurrenz +zu machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht +entlohnten Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre +demütig-stumpfsinnige Bedürfnislosigkeit, die sie nicht +weiter sehen läßt, als über den engen Horizont +ihrer eigenen vier Wände und der Befriedigung des rein +physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekämpfen, +gehört zu den weiteren wichtigen Aufgaben der +gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber aufzuklären, +muß zunächst die Möglichkeit gegeben sein, +daß diese Aufklärung sie überhaupt erreicht, d.h. +sie müssen Zeit haben, um Versammlungen zu besuchen, Zeitungen +und Bücher zu lesen. Die Entlastung der erwerbsthätigen +Frau von der häuslichen Arbeit, die Verkürzung ihrer +Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte +Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in +die Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber muß +auch die Möglichkeit dazu durch ein gesichertes +Koalitionsrecht ihnen gegeben sein.</p> + +<p>Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nächst +dem der Gewerkschaft beschreiten können, ist der der +Genossenschaft. In dem einen Fall ist die Erhöhung des +Einkommens eines der wichtigsten Ziele, in dem anderen die +billigere Beschaffung der Lebens- und Wirtschaftsbedürfnisse. +Unter den vielen Arten der Genossenschaften kommen für die +Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in erster Linie in +Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,—arme englische +Weber,—die die Bahnbrecher der großen englischen +Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie +hervortretende, oder gar führende Rolle haben die Frauen nicht +darin gespielt, obwohl sie als Konsumenten, als Hausfrauen, +wesentlich daran interessiert sein sollten. Erst 1883 wurde in +England ein Verein weiblicher Genossenschafter gegründet, +dessen Zweige mit den Konsumvereinen in Verbindung stehen, und der +lediglich den Zweck hat, die Frauen für die Genossenschaften +zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine ins Leben +zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo die +Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine +ähnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur +nichts dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den +Genossenschaften selbst ist eine äußerst matte. +Lassalles Ansicht, daß die Konsumvereine eine +Lohnherabsetzung zur Folge haben würden, spukt, obwohl sie +längst durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den +Köpfen, vor allem aber zeigt sich auch hier, was wir bei der +Gewerkschaftsbewegung gesehen haben, daß sozial tiefstehende, +schlecht entlohnte Arbeiter für sie nicht zu haben sind, und +daß deshalb die Frauen im großen und ganzen ihr fern +bleiben und ihr verständnislos und mißtrauisch +gegenüberstehen. Nur wo sie durch höheren Lohn und +kürzere Arbeitszeit eine gewisse soziale Höhe erreicht +haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der Selbsthilfe +zu beschreiten.</p> + +<p>Wir sehen also, daß zwei der wichtigsten Ziele der +Organisierung zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie +für die Frauen weit entscheidender ins Gewicht als für +die Männer, weil die weibliche Arbeit noch im Anfangsstadium +ihrer Entwicklung steht und durch tief eingreifende, mit dem +mütterlichen und dem häuslichen Beruf der Frau +zusammenhängende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann +eine bloße gewerkschaftliche Agitation und Aufklärung +bei den Frauen nicht annähernd den Erfolg haben, wie bei den +Männern, es müssen ihr vielmehr gesetzliche Reformen +vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von Lancashire +waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und +organisationsunfähig, wie heute die Mehrzahl der +Arbeiterinnen. Erst nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, +auf schlechte Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den +Gewerkschaften und Genossenschaften beizutreten.<a name= +"FNanchor_881"></a><a href="#Footnote_881"><sup>881</sup></a></p> + +<p>Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die +politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer +Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre männlichen +Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem +praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der +Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der bürgerlichen +Begriffswelt angehört hatte und überzeugt gewesen war, +daß alle Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen +Lebens von außen willkürlich gemacht werden, konnte er +des Glaubens sein, daß die Frauenarbeit sich einfach wieder +aus der Welt schaffen ließe; dem modernen wissenschaftlichen +Sozialismus, wie Marx und Engels ihn begründeten, blieb es +vorbehalten, die ökonomischen Ursachen und Zusammenhänge +alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, daß auch die +Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden +kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als +mit einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum +handelt, "die Stellung der Weiber als bloßer +Produktionsinstrumente aufzuheben"<a name="FNanchor_882"></a><a +href="#Footnote_882"><sup>882</sup></a>, d.h. sie ebenso wie den +Arbeiter nicht von der Arbeit, sondern von der Lohnsklaverei zu +befreien. Vom Standpunkt des Sozialismus aus haben die Frauen den +Kampf um ihre Interessen nicht mehr als Geschlechtsgenossinnen zu +führen, sondern als Genossinnen der unterdrückten und +beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich solidarisch +fühlen müssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und +Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung +aufeinander angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des +Geschlechts, ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest +schließt: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es +war der erste klare Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die +zwischen den Interessen der bürgerlichen Gesellschaft und dem +des Proletariats eine ungeheuere Kluft gegraben hat, es war aber +auch die erste öffentliche Mündigkeitserklärung der +Frau, die durch Arbeit und Not mündig geworden war.</p> + +<p>In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller +Länder nimmt die Emanzipation der Frau daher einen breiten +Raum ein, und in den Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die +Gesetze es zulassen, volle Gleichberechtigung eingeräumt +worden. Sie haben Sitz und Stimme in den Kongressen, sie sind +Mitglieder der Vorstände, sie teilen sich mit den Männern +auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen +weitgehenden Einfluß auf die Haltung der Partei gewonnen.</p> + +<p>Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebührt der Ruhm, sich +zuerst und mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie +angeschlossen zu haben. Daß es in so unzweideutiger Weise +geschah, war nicht zum wenigsten den polizeilichen Verfolgungen und +Vereinsauflösungen zu verdanken, die, wie wir gesehen haben, +die ersten, zunächst rein wirtschaftlichen Bestrebungen der +Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrücken suchten. Die Frauen +sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten und +selbst öffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der +allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre +natürlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem +Arbeiterkongreß in Eisenach, kam es zu einer längeren +Erörterung der Frauenarbeit, und die damals noch allgemein +herrschende Feindschaft der Männer gegen die weiblichen +Konkurrenten äußerte sich in einem Antrag, der die +Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen +wollte. Er wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, +daß das Ziel, das er im Auge habe, nicht erreicht werden +könne, und jede Unterdrückung der Frauenarbeit die auf +den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der Prostitution in +die Arme treiben würde. Die gefährliche Konkurrenz der +Frauen aber ließe sich beseitigen: durch ihre Organisation +mit den Männern, durch die Erweckung des +Klassenbewußtseins in ihnen und die Erhebung des Weibes zur +gleichstehenden Genossin. Diesen Grundsätzen ist die Partei +treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist wesentlich +der Teilnahme der Frauen an ihrer Thätigkeit und ihrer +Entwicklung zu verdanken.</p> + +<p>Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in völliger +Unkenntnis der Handhabung der Gesetze ihnen gegenüber sich +ziemlich eng an die Partei anschlossen, entstanden Anfang der +siebziger Jahre. Ihre Mitglieder waren zugleich die ersten Frauen +Deutschlands, die sich 1874 an der Wahlbewegung durch +unermüdliche, opferfreudige Agitation beteiligten. Die +Behörden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflösung +sämtlicher Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre +wachsende Stärke auch ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten +ausführlichen Antrag zur Abänderung der Gewerbeordnung, +den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und der zur Hebung der Lage +der Arbeiterinnen Beschränkung der Arbeitszeit, Schutz der +Wöchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der +Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen +Maschinen forderte.<a name="FNanchor_883"></a><a href= +"#Footnote_883"><sup>883</sup></a> Die sozialdemokratischen Frauen +erweiterten diese Vorschläge, indem sie die zuerst von ihnen +allein aufrecht erhaltene Forderung der Anstellung weiblicher +Fabrikinspektoren erhoben. Die Reichstagsfraktion ihrer Partei +machte sie zu der ihren und verlangte demgemäß 1884 die +Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht. Das Wahlrecht +zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der +Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen +Gesetzentwurf zur Abänderung der Gewerbeordnung dem Reichstag +vorlegte, stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen +gegenüber, der für die Frauen das Wahlrecht zu den von +ihr geplanten Arbeitskammern in Aussicht nahm. Nach der Ablehnung +ihres Entwurfs beantragte sie noch in derselben Session, daß +den Arbeiterinnen das aktive und das passive Wahlrecht zu den +Gewerbegerichten zuerkannt werde.</p> + +<p>Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den +sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu +befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und +der Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der +Statistik wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der +Frauenfrage mit der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, +daß erst die wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre +Emanzipation vollenden könne. Die Wirkung dieses Buchs ging +bald über Deutschlands Grenzen weit hinaus und hat nicht nur +die Frauenfrage in ein neues Licht gerückt, sondern +allmählich die Ansichten über ihre Lösung von Grund +aus umwandeln helfen.</p> + +<p>Die durch alle diese Einflüsse immer mehr erstarkende +Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie +an dem politischen Vereinsleben der Männer infolge der +gesetzlichen Beschränkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden +1891 allerorten sogenannte Agitationskommissionen gegründet, +deren Aufgabe es war, die Agitation unter dem weiblichen +Proletariat zu einer einheitlichen und planmäßigen zu +gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre der Bewegung +ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde und +später unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hände von +Frau Klara Zetkin überging. Der steigende Einfluß der +Frauen drückte sich in den Beschlüssen des Erfurter +Parteitags aus. In dem Programm, das er aufstellte, und das bis +jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist, wurde die +Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen +für den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung +aller Gesetze, welche die Frau in öffentlich-und +privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen +und die freie Meinungsäußerung und das Recht der +Vereinigung und Versammlung einschränken oder +unterdrücken, der rechtlichen Gleichstellung der +landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den +gewerblichen Arbeitern, der Abschaffung der Gesindeordnungen. +Gleichsam ein Echo dieser Beschlüsse war es, wenn im selben +Jahre seitens der Behörden eine wahre Razzia unter den neu +entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in Frankfurt +und in Halle wurden sie zuerst aufgelöst. Das war jedoch nur +ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die +Arbeiterinnenbewegung, die ganz dazu angethan war, +revolutionierende Ideen bis in den Schoß der Familie zu +tragen, war den Behörden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die +Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenüber +Stellung nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die +unter dem Zeichen der Militärvorlage standen, eine fast +fieberhafte Thätigkeit entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein +erschien ihnen verdächtig, am verdächtigsten aber die +Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie und sämtliche +Vereine aufgelöst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt und +bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine über +ganz Deutschland sich erstreckende Agitation für die Reform +des Vereins- und Versammlungsrechts, das für die Frauen, +soweit sie sozialistischer Gesinnung verdächtig sind, nichts +als ein großes Unrecht ist. Die politischen Vertreter der +Partei waren auch jetzt die Vertreter der Arbeiterinnen, indem sie +im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit für die Frauen +forderten.</p> + +<p>Um die Arbeiterinnenbewegung nicht völlig dem Zufall zu +überlassen, kam man nach der Vernichtung der +Agitationskommissionen zu dem Ausweg, weibliche Vertrauenspersonen +zu wählen, die nunmehr die Leitung und das systematische +Vorgehen bei der Agitation in Händen haben. Es stehen ihnen +eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der +Arbeiterinnen selbst zur Verfügung, die mit großer +Ausdauer fast ständig auf Reisen sind, um bis in die fernsten +und kleinsten Winkel des Reichs die Ideen des Sozialismus zu +tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehärtete Körper, der +von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung für ihre +Sache erfüllte Geist hebt sie über alle Chikanen und +Verfolgungen der Behörden, über alle Gehässigkeit +und alle Verachtung der bürgerlichen Gesellschaft hinweg. +Weniger als früher haben ihre Reden allgemeine politische +Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, daß es +gilt, alle Kräfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn +etwas erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 +und der zu Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. +Die Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nächste Aufgabe +den Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover +aufgestellten Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden<a +name="FNanchor_884"></a><a href= +"#Footnote_884"><sup>884</sup></a>:</p> + +<p>1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit für Frauen. 2) Verbot +der Verwendung von Frauen bei allen Beschäftigungsarten, +welche dem weiblichen Organismus besonders schädlich sind. 3) +Einführung des gesetzlichen Achtstundentages für die +Arbeiterinnen. 4) Freigabe des Sonnabendnachmittags für die +Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der Schutzbestimmungen für +Schwangere und Wöchnerinnen auf mindestens einen Monat vor und +zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der +Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines +ärztlichen Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen +Schutzbestimmungen auf die Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher +Fabrikinspektoren. 8) Sicherung völliger Koalitionsfreiheit +für die Arbeiterinnen. 9) Aktives und passives Wahlrecht der +Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten.</p> + +<p>In der Frauenkonferenz, die im Anschluß an den Mainzer +Parteitag stattfand, wurde diesen Beschlüssen noch der +hinzugefügt, neben der mündlichen, auch eine schriftliche +Agitation für den Arbeiterinnenschutz durch Flugblätter +und Broschüren zu entfalten. In derselben Versammlung wurde +das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine +Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch +Bestimmungen über die Art ihrer Thätigkeit noch +einheitlicher ausgebaut und der wichtige Beschluß +gefaßt, daß überall dort, wo die Vereinsgesetze +dem nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den +Organen der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen +hinzuzuziehen sind.<a name="FNanchor_885"></a><a href= +"#Footnote_885"><sup>885</sup></a></p> + +<p>Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen +Arbeiterinnenbewegung, so läßt sich eine +zahlenmäßige Antwort, wie bei der Erörterung ihrer +gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann weder die ihren +Ideen gewonnenen Frauen zählen, wie die bürgerliche +Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die +männlichen Genossen durch die bei der Reichstagwahl +abgegebenen Stimmen. Der einzig richtige Maßstab, an dem sie +gemessen werden können, ist die Gesetzgebung und die +öffentliche Meinung. Dabei sei zunächst an folgende +Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der +Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nähgarnzoll; die +Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die +Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustände +in der Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur +Verschärfung der Truckgesetze führte. Wenige Jahre +später leiteten Berliner Sozialdemokratinnen die erste +Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine Entsetzen über das was +sie zu Tage förderte, führte zu der sich durch Jahre +hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die +Kommission für Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur +Beratung stehenden Vorschlägen für eine +Schutzgesetzgebung. Der große Konfektionsarbeiterstreik 1896, +der die bürgerliche Gesellschaft zwang, in Tiefen des Elends +einen Blick zu thun, über die sie bisher achtlos +fortgeschritten war, nötigte abermals zu eingehenden +Untersuchungen und zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der +Hausindustrie. Aber mehr noch: da die Arbeiterinnenbewegung +Deutschlands durchaus identisch ist mit der Arbeiterbewegung und +ihr Einfluß auf die Haltung der sozialdemokratischen Partei +unverkennbar ist, so sind die Fortschritte gesetzlichen +Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mögen, mit ein +Erfolg ihrer agitatorischen Thätigkeit. Die Anträge, die +die Fraktion 1877 nach dieser Richtung stellte und die mit +überwältigender Majorität abgelehnt wurden, +erschienen 13 Jahre später zum großen Teil in der +Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Fürst +Bismarck gesagt hat, daß wir ohne die Sozialdemokratie auch +das bißchen Sozialreform nicht hätten, was wir besitzen, +so können wir hinzufügen, daß wir einen Teil von +ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht haben würden.</p> + +<p>Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie +der Lage der Arbeiterinnen gegenüberstellen: sie erscheinen +nicht viel anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer +eines ungeheuren dunklen Schlosses. Und vergegenwärtigen wir +uns weiter, welch eine Macht die Millionen proletarischer +Arbeiterinnen ausüben könnten, wie sie im stande +wären, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages +zu tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen +stünden,—so erkennen wir, daß wir überhaupt +erst am Anfang der Bewegung stehen, und es drängt sich uns die +Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um vorwärts zu +kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art. +Betrachten wir zunächst die negativen.</p> + +<p>Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die +Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im +bürgerlichen Sinne annimmt. Soweit sie eine selbständige +Existenz neben der Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der +Entwicklung der Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in +der bürgerlichen Welt, sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie +vielfach durch die rechtliche Stellung, besonders der deutschen +Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter Zwang nicht vorliegt, ist +jede Nur-Frauenorganisation in der Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. +Dahin gehören z.B. die vielen in Deutschland und Oesterreich +entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine, dahin gehören die +selbständigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie in +Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehören vor +allem die Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von +den radikalen französischen Frauenrechtlerinnen angestrebt +werden. Eine sich ihrer Grundlagen und ihrer Ziele klar +bewußte Arbeiterinnenbewegung hat diese Art der Organisierung +nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften um +ausschließliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um +solche Orte handelt, wo überhaupt gar kein anderer, den +Arbeiterinnen zugänglicher Verein besteht. Grundsätzlich +aber sollte sie sich ihnen gegenüber stets ablehnend +verhalten, denn sie können am letzten Ende nur verwirrend +wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt groß ziehen, +der das Solidaritätsgefühl zwischen Arbeiter und +Arbeiterin, die wichtigste Voraussetzung für einen +erfolgreichen Kampf des Proletariats, nicht aufkommen +läßt. Die selbstverständliche Konsequenz dieses +Standpunktes ist natürlich auch die Ablehnung jeder +gemeinsamen Arbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung. +Darunter verstehe ich den Eintritt in oder den Zusammenschluß +mit bürgerlichen Frauenvereinen einerseits, oder die Zulassung +bürgerlicher Frauenrechtler in Arbeiterinnenvereine +andererseits. Wie reaktionär beides wirkt, dafür liefert +England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von Damen +der bürgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs, +Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen +für die politische Rückständigkeit der englischen +Arbeiterinnen, ebenso wie die Einmischung der französischen +Frauenrechtler in die Arbeiterinnenbewegung fast einer +Zerstörung gleichkommt. Völlig abzulehnen ist daher auch +die Thätigkeit bürgerlicher Frauen in Gewerkschaften, die +man vielfach selbst in Arbeiterkreisen für unbedenklich +hält. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die +deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der +bürgerlichen Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. +Aber weder deren Feindseligkeit gegenüber den +sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie sich bei Gelegenheit +der Gründung des Bundes deutscher Frauenvereine dokumentierte, +noch ihre Gleichgültigkeit, die am drastischsten in dem +Auflösungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die +behauptete Solidarität mit den "ärmeren Schwestern" in +der Form energischer Proteste einmal durch die That zu beweisen, +bot die Veranlassung dazu, sondern vielmehr die klare Erkenntnis +der völligen Differenz der beiden Bewegungen zu Grunde +liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit ihrer +Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.<a name= +"FNanchor_886"></a><a href="#Footnote_886"><sup>886</sup></a> Diese +Differenz fand in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen +Resolution ihren prägnanten Ausdruck, in der es unter anderem +heißt<a name="FNanchor_887"></a><a href= +"#Footnote_887"><sup>887</sup></a>:</p> + +<p>"Als Kämpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin +ebenso der rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem +Manne, als die Klein- und Mittelbürgerin und die Frau der +bürgerlichen Intelligenz. Als selbständige Arbeiterin +bedarf sie ebenso der freien Verfügung über ihr Einkommen +(Lohn) und ihre Person als die Frau der großen Bourgeoisie. +Aber trotz aller Berührungspunkte in rechtlichen und +politischen Reformforderungen hat die Proletarierin in den +entscheidenden ökonomischen Interessen nichts Gemeinsames mit +den Frauen der anderen Klassen. Die Emanzipation der proletarischen +Frau kann deshalb nicht das Werk sein der Frauen aller Klassen, +sondern ist allein das Werk des gesamten Proletariats ohne +Unterschied des Geschlechts."</p> + +<p>Kommen wir nun, im Anschluß hieran, zu den positiven +Mitteln, deren sich die Arbeiterinnenbewegung bedienen muß, +so ist eines der wichtigsten, die Ausbreitung ihrer +propagandistischen Thätigkeit über alle Kreise weiblicher +Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung +befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunächst +in sich zu konsolidieren, sich über die eigenen Zwecke und +Ziele klar zu werden, jede Berührung mit einem fremden Element +unbedingt auszuschließen. Die sozialdemokratische Partei ist +nicht anders verfahren und der Erfolg beweist, daß ein Zuviel +nach dieser Richtung immer besser ist als ein Zuwenig. Es ist wie +mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen ihn erst dann, +wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt erscheint, +daß man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen +lassen zu können, ohne fürchten zu müssen, daß +sie ihn zu Grunde richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die +Kinderschuhe ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr +verändern, wohl aber vermag sie es anderen aufzuprägen; +sie steht fest auf eigenen Füßen, sie bedarf keiner +Hilfe Außenstehender, um vorwärts zu kommen. Aus diesem +Gefühl ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren +Einfluß überall, wo die Wege dazu offen stehen, zur +Geltung zu bringen suchen. Auch in der bürgerlichen +Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer Hilfe +bedürften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung +erreicht hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht +genug, große Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu +ziehen, sie hat Bedeutung genug, sich im öffentlichen Leben +Einfluß zu verschaffen. Es ist eine Unterlassungssünde, +die sich schon gerächt hat, und ein Mangel an Selbstvertrauen, +wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit +vorübergehen läßt, wo sie dem Sozialismus einen +Fuß breit Erde gewinnen kann, wenn sie für sie nicht +Propaganda macht für die Vereinigung auch derjenigen +Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen Lohnarbeiterinnen +fast alle, im Banne bürgerlicher Anschauungsweise stehen, wenn +sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausübt. Diese +Beeinflussung der Glieder der bürgerlichen Frauenbewegung +steht durchaus nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit +mit ihr, denn es handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und +Einreihen. Ein Beispiel illustriere das Gesagte: Der große +liberale Frauenverband Englands, der schroffste Gegner jedes +gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit kurzem eine +merkwürdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes +durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen +überzeugten Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den +Versammlungen des Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. +Kein Frauenkongreß, keine die Interessen der Arbeiterinnen +berührende Versammlung sollte vorübergehen, ohne +daß der sozialistische Standpunkt propagiert worden +wäre.</p> + +<p>Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von +ihr, der die Frauen umfaßt, ist wie ein junger Riese, der +sich seiner Kräfte nicht recht bewußt ist und die +mächtigen Glieder noch nicht vollkommen zu beherrschen +weiß. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um sich +dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle +diejenigen, die marsch- und kampffähig sind, in seine +Gefolgschaft zu zwingen.</p> + +<p>Aber der Bethätigungskreis der Arbeiterinnenbewegung +müßte sich auch noch in anderer Richtung entwickeln: in +der genossenschaftlichen nämlich. Sie müßte bei den +Frauen das Interesse für die Konsumgenossenschaften zu +erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer Lage bedeutet einen +Schritt näher zur gewerkschaftlichen Organisation und zur +politischen Aufklärung. Und ebenso wie billigere und bessere +Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie +die Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer +Lage. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist dabei der +erzieherische Einfluß der Genossenschaften: sie fördern +die Solidarität und das Klassenbewußtsein, weil sie sich +selbstbewußt dem kapitalistischen Unternehmertum +gegenüberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur +Geschäftskenntnisse, sie machen sie auch fähig zur +Leitung geschäftlicher Unternehmungen,—eine Erziehung, +die sich in der Zukunft als außerordentlich wichtig erweisen +dürfte. Neben die sehr vernachlässigte Propaganda +für die bestehenden, sollte jedoch auch noch die für eine +neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den Frauen zu +Gute kommen.</p> + +<p>Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, +wie bei der Erörterung der Organisationsschwierigkeiten im +Hinblick auf die Frauen haben wir gesehen, daß die doppelte +Arbeitslast,—die Hausarbeit neben der +Erwerbsarbeit,—sie besonders schädigt und ihren +Fortschritt hemmt. Es müßten daher Mittel und Wege +gefunden werden, um sie von der Hauswirtschaft möglichst zu +befreien. In der genossenschaftlichen Hauswirtschaft, wie ich sie +bereits als eines der Mittel schilderte, um die Erwerbsarbeit der +bürgerlichen Frauen zu ermöglichen, glaube ich es auch +für die Proletarierinnen gefunden zu haben.<a name= +"FNanchor_888"></a><a href="#Footnote_888"><sup>888</sup></a> Die +Grundidee, die Frauen zu entlasten, die Kosten für die +Hauswirtschaft durch den Ersatz der verschwenderischen +Kleinbetriebe durch Großbetriebe zu verringern, die +Lebenshaltung durch bessere, weil verständiger zubereitete +Nahrung zu erhöhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und +hat verschiedene Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum +Teil in der von mir vertretenen Weise der Verwirklichung +entgegengeführt<a name="FNanchor_889"></a><a href= +"#Footnote_889"><sup>889</sup></a>, zum Teil versucht man, die +Frauen dadurch zu entlasten, daß möglichst alle Speisen +außer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.<a name= +"FNanchor_890"></a><a href="#Footnote_890"><sup>890</sup></a> In +England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche +Verteilungsküchen zu gründen, die die fertigen Mahlzeiten +ins Haus liefern, und in Frankreich entstehen +Arbeitergenossenschaften, die Restaurants ins Leben rufen, aus +denen das Essen auch nach Hause geholt werden kann. Jedenfalls +liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung, wenn an die Stelle +des innerlich schon überwundenen Einzelhaushalts der +genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehört um so mehr +zur Aufgabe der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche +Gemäuer vollends umzustoßen, wenn Frauen in Gefahr +kommen, darin zu Grunde zu gehen.<a name="FNanchor_891"></a><a +href="#Footnote_891"><sup>891</sup></a></p> + +<p>Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, +ohne die alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine +immer festere Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu +suchen, die Proletarierinnen politisch aufzuklären und ihr +zuzuführen. Die Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz +richtig:</p> + +<p>"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne +ihrer Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese +Gleichstellung bedeutet, daß sie, wie der Proletarier, nur +härter als er, vom Kapitalisten ausgebeutet wird. Der +Emanzipationskampf der Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf +gegen die Männer der eigenen Klasse, sondern ein Kampf im +Verein mit den Männern ihrer Klasse gegen die +Kapitalistenklasse. Das nächste Ziel dieses Kampfes ist die +Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein +Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke +der Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeiführung +der sozialistischen Gesellschaft."</p> + +<p>Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch +nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, auch die +Männer stehen ihr zum Teil gleichgültig gegenüber. +Mag die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in der +gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung noch so +allgemein und offiziell anerkannt sein, mögen die +Parteiprogramme aller Länder sich noch so feierlich zu ihr +bekennen, in sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die +Frauenfrage noch der alte reaktionäre Philister. In einer +Variation des Napoleonischen Ausspruchs heißt es bei ihnen: +<i>Tout pour la femme, mais rien avec elle</i>,—wir wollen +der Frau alle Rechte erkämpfen, aber wir wollen nicht, +daß sie mit uns kämpft. Die Zunahme der weiblichen +Arbeiter hat diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark +erschüttert, denn die Organisierung der Frauen wird mehr und +mehr zu einer Lebensbedingung für sie: die unorganisierten +Arbeiterinnen vermögen den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen +zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen Bewegung aber +liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die +gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der +Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die +Bewegung zu Gunsten der Bürgerrechte der Frau an Boden +gewinnt,—und sie hat in Amerika, in Australien und in England +bereits große Siege zu verzeichnen—desto dringender +wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht politisch +aufzuklären und zu erziehen, denn es können einmal die +Stimmen der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle +Errungenschaften eines jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den +Fortschritt hemmen, wie das Eis im Winter die Wellen des Stromes. +Aber noch ein anderes kommt hinzu: das Weib ist die Mutter derer, +in deren Händen die künftigen Geschicke der Menschheit +ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was sie ihnen +aufprägte, ist fast unzerstörbar. Gewinnt der Sozialismus +die Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die +Arbeiterinnenbewegung zu fördern, sie immer enger an sich zu +schließen, die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, +überall in die That zu übersetzen, ist daher nichts, was +von den Sozialisten gefordert wird, wie man etwa einst von den +Rittern den Frauendienst forderte, es gehört vielmehr zu den +Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im Interesse ihrer +selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die Arbeiterinnenbewegung +gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr vollkommenes Aufgehen +in der Arbeiterbewegung gestatten.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"8_Die_burgerliche_Frauenbewegung_in_ihrer_Stellung_zur" />8. Die +bürgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur +Arbeiterinnenfrage.</h2> + +<p>Während die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren +einheitlichen Klassengefühl getragen und bestimmt war, ist das +Verhalten der bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der +Arbeiterinnenfrage ein unklares und zwiespältiges. In der +Vergangenheit überwiegt das philanthropische Moment jedes +andere, und der kindliche Glaube beherrscht die Frauen, daß +Wohlthätigkeit, Armenpflege und allseitiger guter Wille die +Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen. Dieser +durch Religion und Sitte in den Frauen groß gezogene +Gefühlsstandpunkt und seine Bethätigung haben, so +schön sie vielfach erscheinen mögen, die traurigsten +Folgen gehabt: sie haben sowohl auf seiten der Wohlthäter, wie +auf der ihrer Schützlinge die Empfindung für +Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle +setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, daß +Wohlthätigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute +vielfach für identisch gehalten werden. Sie haben das +Verständnis dafür unterdrückt, daß jeder +arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat und es +zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Kränkung +fügen heißt, wenn man ihn, in welcher Form immer, mit +Almosen abspeisen will. Sie haben die Entwicklung zu tieferer +Erkenntnis der sozialen Probleme vielfach aufgehalten und nur die +eine fruchtbringende Folge gezeitigt, daß den Frauen der +Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte Begriffe +blieben.</p> + +<p>In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische +Frauen an der Armenpflege. Und ihrer unermüdlichen Agitation +ist ihre Reorganisation und die große Rolle, die die Frauen +in ihr spielen, zu verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule +für soziale Arbeit. Den meisten Bestrebungen, die mit diesem +Namen bezeichnet werden können, klebt allerdings bis heute die +Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind immer noch Wohlthaten, die +von selten der Begüterten den Armen freiwillig gespendet +werden. Hierher gehören z.B. die Speisehäuser und +Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie +gegründeten und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den +Alleinstehenden ein Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind +zweifellos von größtem Nutzen für sie, aber ebenso +zweifellos ist es, daß sie ein gewisses Abhängigkeits- +und Unterthänigkeitsgefühl befestigen oder +großziehen, das das Klassenbewußtsein der Arbeiterin +unterdrückt und ihren Befreiungskampf aufhält. In viel +höherem Maße gilt das noch für die vielen in allen +Kulturländern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen +gegründeten und erhaltenen Mädchen- und +Arbeiterinnenheime, die für wenig Geld Wohnung und Nahrung +bieten, die geistige und physische Freiheit der Bewohner aber in +jeder Weise beschränken. Nur wenige unabhängige Heime, so +z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs nachgeahmt ist +und die Selbständigkeit der Arbeiterin möglichst zu +wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die +Settlements, jene Niederlassungen bürgerlicher Männer und +Frauen inmitten der Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in +beträchtlicher Zahl aufweist, stehen schon eine Stufe +höher, weil diejenigen, die ihr Geld, ihre Zeit und ihre Kraft +den Proletariern zur Verfügung stellen, auch mit ihnen leben, +wodurch die Stellung des Wohlthäters gegenüber dem +Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird, +erniedrigt den Empfänger nicht: es ist Teilnahme, Rat, +Bildung. Die zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mädchen, +die Stellenvermittlungen und Rechtsbeistände gehören +hierher. Auch jener erste deutsche Arbeiterinnenverein, den Luise +Otto-Peters in Berlin 1869 gründete<a name= +"FNanchor_892"></a><a href="#Footnote_892"><sup>892</sup></a>, +lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und +belehrende Vorträge auf eine höhere geistige Stufe zu +heben, und die versuchte Einführung des unentgeltlichen +Rechtsschutzes für Arbeiterinnen durch den Allgemeinen +deutschen Frauenverein in den achtziger Jahren<a name= +"FNanchor_893"></a><a href="#Footnote_893"><sup>893</sup></a> +können in das Gebiet sozialer Hilfsthätigkeit,—wie +man die Erweiterung oder Wohlthätigkeit mit Recht +benennt,—gerechnet werden.<a name="FNanchor_894"></a><a href= +"#Footnote_894"><sup>894</sup></a> In dieselbe Kategorie +gehört die Universitäts-Ausdehnungs-Bewegung, die in +England ihren Ausgang nahm und sich in Amerika, Frankreich, +Oesterreich, Deutschland, Dänemark, Finland mit mehr oder +weniger Erfolg ausbreitete, gehören die dänischen +Volkshochschulen, die der vernachlässigten +Landbevölkerung Bildung zutragen, gehört die aufopfernde +Thätigkeit der russischen Lehrerinnen, die die Fackel der +Aufklärung in das Dunkel geistigen und physischen Elends +tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie die +Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst überwinden +konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die +geistigen Almosen—eben nur Almosen! Das Gebotene ist +Stückwerk und muß Stückwerk bleiben; es vermittelt +einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt, um sie +untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und +befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es +immer nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und +Ausgebeutetsten,—dazu gehören, wie wir wissen, die Masse +der Arbeiterinnen,—nicht die Zeit und die physischen und +geistigen Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher +Gaben nötig sind. Der Bankerotterklärung,—d.h. dem +Eingeständnis der Unfähigkeit, die Masse der Proletarier +in nennenswerter Weise aus materieller und geistiger Not zu +befreien,—der materiellen Wohlthätigkeit wird daher die +der ideellen folgen müssen.</p> + +<p>Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren +zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser +Untersuchung sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun +haben und nur insofern für uns von Interesse sind, als sie die +Stellung der bürgerlichen Frauen gegenüber der +Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist aber auch die +selbständige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los ihrer +"ärmeren Schwestern",—wie sie mit so viel sentimentalem +Pathos zu sagen pflegen,—fast erschöpft. Sobald das +Gebiet der Wohlthätigkeit im weiteren Sinn verlassen und das +des Rechts betreten wurde, lehnten sich die Frauen der Bourgeoisie +teils an eine der politischen Parteien und deren Anschauungsweisen +an, teils übertrugen sie, rein mechanisch, in naiver +Unkenntnis der thatsächlichen Verhältnisse, die Theorien +der bürgerlichen Frauenbewegung auf die +Arbeiterinnenfrage.</p> + +<p>So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden +Einfluß jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur +immer eine schwache Kopie gesehen haben, dessen die +öffentliche Meinung beherrschende Stellung aber um so +stärker auf die Frauen wirkte, als ihre Interessen schon seit +langem im wesentlichen politische waren. Sein Einfluß +bestimmte auch ihre Stellung gegenüber der Arbeiterinnenfrage. +Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem +frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der +Geschlechter beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: +infolgedessen kämpften sie mit einer Heftigkeit, die jetzt +erst nachzulassen beginnt, gegen jede gesetzliche Beschränkung +der Frauenarbeit. Was für die bürgerlichen Frauen vollste +Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann sich erst +erringen mußten, das sollte auch für die +Proletarierinnen gelten, die längst schon Seite an Seite mit +den männlichen Arbeitsgenossen sich körperlich und +geistig zu Grunde richteten. Die liberalen Frauen gingen dabei von +der Ansicht aus, daß jede gesetzliche Verkürzung der +Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein Anwendung +findet, jeder Ausschluß der Frauen aus bestimmten +Arbeitszweigen die Arbeitsmöglichkeit für sie +beschränkt und sie den Männern gegenüber +benachteiligt. In naivem Unverständnis für die +thatsächlichen Verhältnisse, befangen durch abstrakte +Theorien, zogen sie im Namen der persönlichen Freiheit die +Ausbeutung der Arbeiterin dem gesetzlichen Schutze vor. Ihre +Ansichten gewannen um so größere Bedeutung, seit sie +offiziell durch die Women's Liberal Federation vertreten wurden, +die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet, und über +100000 Mitglieder zählt. Im Jahre 1893 erhob die +Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den +gesetzlichen Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines +völlig gleichen Schutzes für Männer und Frauen zum +Beschluß,—ein Beweis, wie die Idee der rein +mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Köpfe +verwirrt hatte. Als die Regierung dann 1895 dem Parlament +Abänderungen des Fabrikgesetzes und Zusätze dazu +vorlegte, die eine Erweiterung des Arbeiterinnenschutzes zum Ziele +hatten, entfaltete der Verband eine fieberhafte Agitation dagegen, +die selbst davor nicht zurückscheute, die Ausdehnung der +Schutzzeit für Schwangere und Wöchnerinnen zu +bekämpfen, und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der +Arbeiterinnen im besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im +allgemeinen Stellung nahm.<a name="FNanchor_895"></a><a href= +"#Footnote_895"><sup>895</sup></a> Die Gegner der +Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem Vorgehen einen starken +Rückhalt, und es gelang den vereinten Kräften der Frauen, +die für Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der +Männer, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, +eine Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, +wohl aber bedeutend abzuschwächen. Indessen ist nach und nach +ein leiser Umschwung in den Ansichten des Verbandes eingetreten, +der dadurch zum Ausdruck kam, daß er in seiner +Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals gegen jeden +besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit einer +schwachen Majorität von 33 Stimmen. Seitdem verficht die +Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten +frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu +stützen, daß sie alle diejenigen Fälle ihren Lesern +vorführt, aus denen hervorgeht, daß der gesetzliche +Arbeiterinnenschutz auf die Erwerbsverhältnisse nachteilig +gewirkt hat. Daß solche Fälle in Zeiten des Uebergangs +zahlreich sind, daß es Arbeiterinnen infolge der +Beschränkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder +gar des Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschädlichen +Berufen schwer fällt, neue Stellungen sich zu verschaffen, ist +zweifellos. Und es ist eine aus der ganzen Erziehung, vor allem +aber aus der intensiven Beschäftigung mit der +Wohlthätigkeit erklärliche Eigenschaft der Frauen, +über der Härte des Einzelfalls den Vorteil für das +Ganze vollständig zu übersehen. Sie sind gewohnt, den +Kindern, den Kranken, den Arbeitsunfähigen, kurz den Schwachen +helfend und schützend zur Seite zu stehen und sie schrecken, +ganz vom Gefühlsstandpunkt beherrscht, vor dem grausamen aber +leider unvermeidlichen Weg zurück, um der Gesamtheit willen +das Schicksal Einzelner zu gefährden. So verwirft ein sehr +großer Teil frei denkender Engländerinnen unter dem +tönenden Kampfruf "Free Labour Defense" den +Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht mehr ins Endlose +arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot mangelt, weil das +Fabrikmädchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr findet und +der Schande in die Arme fällt. Um so erstaunlicher war es, +daß der liberale Frauenverband sich prinzipiell für +einen gesetzlichen Schutz der Heimarbeit erklärte. Begreiflich +wird das nur, wenn man sich klar macht, daß es sich dabei +nicht um den Ausdruck erweiterter Erkenntnis, sondern im +wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung und des +persönlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der +Arbeiterin vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz +der Konsumenten vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, +wie groß diese thatsächlich sind, und sowohl in England +wie in Amerika wird der Kampf gegen die Hausindustrie, von +bürgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem Gesichtspunkt aus +geführt.</p> + +<p>Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der +Geschlechter in Bezug auf die Erwerbsmöglichkeiten sind es +auch, die die Haltung der deutschen bürgerlichen +Frauenbewegung gegenüber der Arbeiterinnenfrage beeinflussen. +Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche Frauenverein an den +Kongreß der volkswirtschaftlichen Vereine, der in Hamburg +tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, daß darauf +hingewirkt werden möge, "die weibliche Arbeitskraft von der +Verkümmerung, in der sie sich gegenwärtig befindet, zu +retten und zu einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt +heranzuziehen", und an den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre +zusammentrat, wurde gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine +Unterstützung der Frauenarbeit forderte.<a name= +"FNanchor_896"></a><a href="#Footnote_896"><sup>896</sup></a> Der +Gedanke des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes mußte in jener +Zeit den Frauen um so ferner liegen, als thatsächlich +überall der Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie durch +die Arbeiter mit allen Mitteln bekämpft wurde. Was damals aber +begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, während deren +alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft +fielen, nur als ein Ausfluß blinder Prinzipienreiterei und +mangelhafter Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse. So +allein ist es zu erklären, daß die französische +Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongreß im +Jahre 1900,—der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr +ein nationaler war,—mit großem Nachdruck gegen jeden +besonderen Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die +Art wie es geschah einen Fortschritt.</p> + +<p>In den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts war +jene große Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an +deren Spitze Marx, Engels und Lassalle standen. Der Sozialismus, +wütend bekämpft von der bürgerlichen Gesellschaft, +drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen, durch geschlossene und +verbarrikadierte Thüren und Fenster hinein. In vielen seiner +Züge war er geradezu prädestiniert, die Frauen zu +gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jüngerinnen an +sich zog, weil es an das Gefühl appellierte, weil es den +"Mühseligen und Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die +Gefühlsseite des Sozialismus, die heute so stark auf die +Frauen wirkt, oft ohne daß sie es wissen und meist ohne +daß sie es eingestehen wollen. Wo es sich um bürgerliche +Frauen handelt, hört ihr Verständnis und ihre Zustimmung +meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des +gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder +den Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu +verfolgen. Aber ihre Gefühlswelt ist durch ihn befangen; +kürzere Arbeitszeit, höherer Lohn, Schutz den Frauen und +Kindern—das sind Ideen, die ihnen, denen die Armut in jeder +Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein müssen. +Auch die Form der Beschlüsse des französischen Kongresses +von 1900 ist auf den wachsenden Einfluß des +französischen Sozialismus zurückzuführen. Sie lehnen +zwar den gesetzlichen Schutz für weibliche Arbeiter +ab,—eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,—aber sie +verlangen ihn in ausgedehntem Maße für beide +Geschlechter, indem sie die grundlegende Forderung der +organisierten Arbeiterschaft,—den Achtstundentag,—an +die Spitze stellen.<a name="FNanchor_897"></a><a href= +"#Footnote_897"><sup>897</sup></a></p> + +<p>Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich +der Einfluß der Arbeiterbewegung auf die Haltung der +deutschen bürgerlichen Frauenbewegung gegenüber der +Arbeiterinnenfrage. daß es ihr möglich war, mit +bestimmten ihrer Ideen in ihr Fuß zu fassen, ist die +natürliche Folge der völligen Vernachlässigung der +Frauenfrage durch die bürgerlichen Parteien Deutschlands. +Indem der englische Liberalismus die Forderungen der Frauen nicht +nur ernst nahm, sondern auch vielfach acceptierte, und er ebenso +wie die konservative Partei den Drang der Frauen zu politischer +Thätigkeit geschickt für sich ausnutzte, sie +gewissermaßen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine +kluge Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten +einen Rückhalt, eine Stütze an ihnen, während die +deutschen Frauen bis vor kurzem von allen bürgerlichen +Parteien gleichmäßig geächtet waren.</p> + +<p>Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche bürgerliche +Frauenbewegung vollzog sich natürlich außerordentlich +langsam und setzte äußerlich bemerkbar erst dann ein, +als der Bannfluch, der mit dem Sozialistengesetz den Sozialismus +und seine Vertreter in den Augen der bürgerlichen Welt +getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872 erklärte +Fräulein Auguste Schmidt, die eigentliche Führerin des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die +Frauenbewegung repräsentierte, die Bildung für den +eigentlichen Kern- und Schwerpunkt der Frauenfrage.<a name= +"FNanchor_898"></a><a href="#Footnote_898"><sup>898</sup></a> +Wenige Jahre später, angesichts des Sozialistengesetzes, hielt +sie sich für verpflichtet, die deutsche Frauenbewegung gegen +jeden Verdacht revolutionärer Bestrebungen öffentlich zu +verwahren.<a name="FNanchor_899"></a><a href= +"#Footnote_899"><sup>899</sup></a> Erst 1881, zum ersten Male +wieder seit der Gründung des längst eingegangenen +Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869 durch Luise Otto, +beschäftigte sich die Generalversammlung des Vereins, infolge +eines Referats von Fräulein Marianne Menzzer, mit der +traurigen Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn +für gleiche Arbeit", die in England und Frankreich längst +aufgestellt worden war und durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs +ist, fand lebhaften Widerhall.<a name="FNanchor_900"></a><a href= +"#Footnote_900"><sup>900</sup></a> Als dann zwei Jahre später +dieselbe Frage zur Beratung stand, zeigte sich die ganze +Einsichtslosigkeit der Versammlung darin, daß sie in erster +Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die moralische +Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu unterstützen, +daß die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen +Geschäften zu kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. +Ein Fortschritt jedoch trat damals schon hervor: einige wenige +Frauen, unter Leitung von Frau Guillaume-Schack, befürworteten +statt dessen die Gründung von Arbeiterinnen- und +Gewerkvereinen,<a name="FNanchor_901"></a><a href= +"#Footnote_901"><sup>901</sup></a> Frau Guillaume-Schack war die +erste ausgesprochene Sozialistin in der bürgerlichen +Frauenbewegung. Als sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen +konnte und der bürgerlichen Frauenbewegung den Rücken +wandte, schien es, als ob damit das Interesse an der +Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es +fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, +unter denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach +unter Leitung von Frau Minna Cauer und unter dem Einfluß von +Frau Jeanette Schwerin zu dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging +die Agitation für Anstellung weiblicher Gewerbeinspektoren +aus, sie versuchte mit aller Energie die Frauenbewegung aus der +Bahn der Wohlthätigkeit in die sozialer Hilfsarbeit +hineinzulenken. Dieser ganzen Strömung entstand im Jahre 1894 +ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegründeten +"Frauenbewegung".</p> + +<p>Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier +geleistet wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der +bürgerlichen Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so +daß selbst die ruhige Vernunft dadurch unterdrückt +wurde, das beweist die in demselben Jahr erfolgte Gründung des +Bundes deutscher Frauenvereine.<a name="FNanchor_902"></a><a href= +"#Footnote_902"><sup>902</sup></a> Seine Entstehung verdankte er +der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich des internationalen +Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen nationalen +Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von vornherein +kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die +Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den +Einfluß aller Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" +zuwenden wollte, "zu denen alle von Herzen ihre Zustimmung geben +können".<a name="FNanchor_903"></a><a href= +"#Footnote_903"><sup>903</sup></a> Von, diesem Bündnis nun, +das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach +dem Ausspruch der Vorsitzenden der Gründungsversammlung, +Fräulein Auguste Schmidt, "die sozialistischen +Arbeiterinnenvereine selbstverständlich" ausgeschlossen, und +in diesem Sinne stimmte die überwiegende Majorität der +Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an der Sitzung +teilnahmen, fanden sich nur fünf, die auf meine Initiative hin +gegen diese engherzige, die ganze Gründung von vornherein +brandmarkende Auffassung öffentlichen Protest erhoben. Als +Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens +erklärte der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner +offiziellen Schriften<a name="FNanchor_904"></a><a href= +"#Footnote_904"><sup>904</sup></a>, daß die betreffenden +Vereine zum Beitritt nicht hätten aufgefordert werden +können, weil das Gesetz das in Verbindung treten politischer +Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine anzusehen, +unmöglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den +meisten Staaten Deutschlands die Gründung politischer Vereine +durch Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab +demnach in diesem Sinn überhaupt keine "sozialistischen" +Arbeiterinnenvereine und die ganze Beweisführung des Bundes +soll nur noch heute die Angst, sich öffentlich zu +kompromittieren, verschleiern. Thatsächlich haben inzwischen +soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der +bürgerlichen Frauenbewegung mehr an Einfluß gewonnen, +als im deutschen Bunde. Schüchtern setzten sie ein mit der +Forderung an die Kommunen, Kinderhorte einzurichten und an die +Regierungen, weibliche Gewerbeinspektoren anzustellen, und +innerhalb sechs Jahren haben sie sich soweit entwickelt, daß +der Bund von sich sagen kann: "In der Frage des +Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie +die organisierten deutschen Arbeiterinnen"<a name= +"FNanchor_905"></a><a href="#Footnote_905"><sup>905</sup></a>, d.h. +wie die Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen +Ungestüm aller derer, die eine Wahrheit plötzlich erkannt +haben, petitionierte er bei den Volksvertretungen und Regierungen +um die Ausdehnung des Wahlrechts und der Wählbarkeit zu den +Gewerbegerichten auf weibliche Arbeitgeber und Arbeiter, um den +Achtuhrladenschluß, zweistündige Mittags-, je eine +viertelstündige Frühstücks- und Vesperpause, den +achtstündigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang für +jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der +Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die +Einführung obligatorischer Fortbildungsschulen für +Mädchen, um die Schaffung eines einheitlichen Reichsvereins- +und Versammlungsrechts und Gewährung gleicher Rechte für +die Frauen wie für die Männer. Zugleich regte die 1899 +gegründete Kommission für Arbeiterinnenschutz an, +Enquêten der Lage der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. +Dementsprechend hat in Leipzig der Allgemeine deutsche Frauenverein +Untersuchungen der Frauenarbeit im Kürschnergewerbe, und in +Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim- und Fabrikarbeit +der Strohhutnäherinnen veranstaltet. Die Bedeutung aller +dieser Maßnahmen läßt sich nicht nur am Vergleich +mit der nach anderen Richtungen so vorgeschrittenen +französischen und englischen Frauenbewegung ermessen, sondern +vor allem daran, daß sie von 137 Vereinen ausgehen, deren +71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem +rückständigen, antisozialistischen deutschen +Bürgertum zusammensetzen. Wahrlich, ein deutliches Zeichen +für die Macht sozialer Ideen! Auch abseits vom Bunde, in +kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im evangelisch-sozialen +Kongreß durch den Einfluß zweier mit der Lage der +Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Kühne +und Fräulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in +dem orthodoxen evangelischen Frauenbund durchzudringen.</p> + +<p>Selbstverständlich lehnt die bürgerliche +Frauenbewegung nach wie vor jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus +ab, und dokumentiert das vielfach durch Unterlassungssünden, +durch Worte und Thaten. Als die proletarischen Frauenorganisationen +im Jahre 1895 unter dem Zeichen des drohenden Umsturzgesetzes in +der schlimmsten Weise verfolgt und geschädigt wurden und die +Gelegenheit geboten gewesen wäre, die Solidarität mit den +Arbeiterinnen zu beweisen, hüllte die offizielle Vertretung +der bürgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine +Protesterklärung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, +die ich veröffentlicht hatte, fand nur +verhältnismäßig wenig Unterschriften. Und bei +Gelegenheit der großen Agitation gegen das bürgerliche +Gesetzbuch seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine +Flut von Reden, Artikeln, Broschüren und Petitionen mit sich +führte, blieben die für die Proletarierin so wichtigen +Fragen des Rechts auf dem Gebiete des Arbeitsvertrags, der +Gesindeordnungen, der Stellung der ländlichen Arbeiter von +alledem völlig unberührt. Wie vorsichtig und +zurückhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen +Deutschlands der Arbeiterinnenbewegung gegenübersteht, +dafür noch folgendes Beispiel: Unter der Leitung des Vereins +"Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes ein Verband +fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen +Bestrebungen,—sie decken sich fast ganz mit denen des +Bundes,—als in ihrer energischen Betonung und radikalen +Färbung von ihm abweicht. Er stellte den Antrag, der Bund +möge eine Verständigung zwischen der sozialistischen und +bürgerlichen Frauenbewegung für wünschenswert +erklären, wurde aber damit zurückgewiesen und es trat +eine äußerst matte Erklärung an seine Stelle, +wonach "die Möglichkeit einer Verständigung von Fall zu +Fall in Betracht" gezogen werden sollte.</p> + +<p>Am deutlichsten aber trat der bürgerliche Klassencharakter +der Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die häuslichen +Dienstboten anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und +sich gegen die unwürdige Lage, in der sie sich befinden, +aufzulehnen. Bis ins innerste Herz wurde die ganze bürgerliche +Gesellschaft dadurch getroffen; solange die Arbeiterinnenbewegung +sich außerhalb der eignen vier Wände abspielte, konnte +sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den Frauen, die +keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen glaubten +fürchten zu müssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich +in ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie +verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von +wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja +vielfach in Haß, der alle diejenigen in Acht und Bann +erklärte, die mit der Dienstbotenbewegung sympathisirten. +Schon die Haltung des Berliner Internationalen Frauenkongresses war +charakteristisch; für lange Berichte über +Wohlthätigkeitsorganisationen war Zeit in Fülle +vorhanden, als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage +erörtern wollte, konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand +ging in der Diskussion darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten +des Berliner Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina +Morgenstern: um das "Verlieren" der in Deutschland üblichen, +mit Zeugnissen versehenen Dienstbücher wirkungslos zu machen, +verlangte er die direkte Einreichung dieser Zeugnisse an die +Polizei, damit die Herrschaften hier stets Einsicht von ihnen +nehmen könnten.</p> + +<p>Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunächst +die Zunge gelähmt zu haben. Erst allmählich +entschloß man sich, sie vorsichtig und zurückhaltend zu +erörtern; persönlichen Anteil daran nahmen aber nur +wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen +Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu +nichts weiter entschließen als zu einer Petition um +Einführung der Unfallversicherung für das häusliche +Gesinde, und eine Anzahl Vereine erklärten mit großem +Pathos, die Mißachtung, unter der die Dienstboten zu leiden +haben, dadurch zu beseitigen, daß sie von nun an nicht mehr +Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das +für den Hängeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als +ein ausreichendes Aequivalent erscheint?! Etwas energischer +äußerte sich eine der Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza +Ichenhäuser, indem sie noch den Ersatz des Dienstbuches durch +ein fakultatives Arbeitszeugnis und die gesetzliche Festlegung +eines Wochenminimums an Freiheit forderte.<a name= +"FNanchor_906"></a><a href="#Footnote_906"><sup>906</sup></a> Der +Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng +thatsächlich die Grenzen für seine sogenannt radikalen +Anschauungen gezogen sind, indem er sich in seiner +Generalversammlung im Oktober 1901 nicht einmal zu dieser Forderung +entschließen konnte, sondern sich nur darauf +beschränkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die +Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, +und die Zuständigkeit der Gewerbegerichte für +Rechtsstreitigkeiten, die aus dem Dienstverhältnis sich +ergeben, zu verlangen.</p> + +<p>Das Haus und seine Ordnung ist thatsächlich vor allem +für die deutsche Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie +bisher von der primitiven Art ihrer Haushaltung und +Wirtschaftsführung abzugehen, und wie es eine alte Erfahrung +ist, daß das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen +geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst +willen eingeführt werden, ein äußerer Zwang sie +vielmehr zur Notwendigkeit machen muß, so wird eine Aenderung +dieser Verhältnisse, die die traurige Lage der Dienstboten +bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an häuslichen +Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafür ist die Haltung der +bürgerlichen Frauen gegenüber der Dienstbotenfrage im +Ausland, wo es mehr und mehr an Kräften fehlt, die sich dem +Hausdienst zur Verfügung stellen. Nicht nur, daß die +Arbeits- und Lebensbedingungen überall bessere sind als in +Deutschland, daß Einrichtungen aller Art den Dienst +erleichtern, daß weder Dienstbücher, noch +Ausnahmerechte, wie unsere und die österreichischen +Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch das +Dienstverhältnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der +Pariser Frauenkongreß von 1900 lehnte zwar die +Beschränkung der Arbeitszeit ab, er verlangte aber eine +Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der Praxis als ziemlich +dasselbe herausstellen dürfte. Auf dem Londoner +Frauenkongreß ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter +lebhaftem Beifall die Ansicht vertreten, für alle +häuslichen Dienste, außer dem Hause wohnende +Arbeitskräfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach +geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwärterinnen, Lohndiener +beschäftigt werden.<a name="FNanchor_907"></a><a href= +"#Footnote_907"><sup>907</sup></a> In Amerika hat sich zu diesem +Zweck ein besonderer Frauenverein gebildet, der für den +häuslichen Dienst die Arbeitsvermittlung in Händen hat, +und bei dem die Hausfrauen für jede Art Arbeit stunden- und +tageweise Mädchen engagieren können. Eine andere Art, dem +Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu +entlasten,—wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der +bürgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, daß es in +erster Linie das persönliche Interesse ist, das zu Reformen +zwingt,—wurde auf der Konferenz der englischen Gesellschaft +für Frauenarbeit im Jahre 1899 vorgeschlagen: "Ein +spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin, "sollte hier der +Pionier sein, indem er Mietshäuser mit je einer +Zentralküche und einer Zentralwaschküche baut.... Man hat +berechnet, daß man halb so viel für Nahrung ausgeben +würde, wenn die Verschwendung an Materialien und +Arbeitskräften, die unzweckmäßige Kochart +wegfielen.... Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines +genügt, warum hundert Küchengeräte abwaschen, wenn +nur eines nötig gewesen wäre.... Was finden wir denn +heute in den berühmten, poetisch verherrlichten englischen +Häusern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wäschedunst und +abgearbeitete Frauen."<a name="FNanchor_908"></a><a href= +"#Footnote_908"><sup>908</sup></a> Genau denselben Standpunkt +vertritt eine Amerikanerin, wenn sie sagt<a name= +"FNanchor_909"></a><a href="#Footnote_909"><sup>909</sup></a>: +"Während jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten den ganzen +Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungenügend +erfüllen, könnte dieselbe Arbeit besser und in +kürzerer Zeit durch wenige Spezialisten ausgeführt +werden."</p> + +<p>Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als +Mittel zu ihrer Befreiung hat die bürgerliche Frauenbewegung +am spätesten erkannt. Selbstverständlich: Denn das +bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der alten Anschauungsweise, +die darauf beruht, daß die Armen Wohlthätigkeit und +Recht aus den Händen der Herrschenden entgegen zu nehmen +haben. Sich durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen +der meisten heute noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch +gilt hier, was bei den Fragen der Gesetzgebung gilt, daß die +Initiative niemals von den Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten +erst dann als Organisatorinnen und Agitatorinnen der Gewerkschaften +auf den Plan, als die Proletarier selbst die schwerste Arbeit, die +Erringung der gesetzlichen Anerkennung hinter sich hatten, und eine +Gefahr für Staat und Gesellschaft nicht mehr in ihnen erblickt +wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der bürgerlichen +Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte Jahrzehnt des +19. Jahrhunderts fällt, war ihr Einfluß ein direkt +nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kämpfe um den +Arbeiterschutz, frauenrechtlerische Ideen hinein und statt +daß die Solidarität der Arbeiterin mit dem Arbeiter +sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde die ursprünglich +frauenrechtlerische Männerfeindschaft dadurch propagiert, +daß man Gewerkschaften mit ausschließlich weiblichen +Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische +Women's Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres +Bestehens unter die Leitung von Damen der hohen Aristokratie +geriet, und es daher geraume Zeit dauerte und erst die Folge vieler +bitterer Erfahrungen und harter Enttäuschungen war, ehe die +Propaganda für Nur-Frauen-Gewerkschaften der für +gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis +der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu +verdanken, daß heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady +Dilke an der Spitze, einsehen, daß nicht das Geschlecht, +sondern die Klasse das Bindemittel der Solidarität sein +muß. In Frankreich tritt gerade in dieser Richtung der +frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor, weil die +Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung erst in +allerjüngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation +der Arbeiterinnen zu beschäftigen und ihnen nicht, wie in +Deutschland, eine kräftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung +gegenübersteht. Sie haben in Paris in rascher Folge die +verschiedensten Frauengewerkschaften geschaffen, für die +diejenige der weiblichen Typographen,—von der "Fronde" und +ihrer Direktorin ausgehend,—besonders charakteristisch ist: +sie steht in schroffem Gegensatz zu den männlichen Kollegen, +und kämpft, entgegen dem Gesetz und den Grundsätzen der +gesamten Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit für +Frauen, wenigstens in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso +schädigend für die Interessen der Arbeiterinnen, kommt in +den Organisationen zum Ausdruck, die kirchliche Kreise schufen und +erhalten. Sie umfassen, wie das Syndikat l'Aiguille in Paris, +Unternehmer und Angestellte, wodurch die Möglichkeit des +Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein ausgeschlossen +ist, oder sie sind, wie die Société de Secours +mutuel, die Gesellschaften La Couturière, La +Mutualité maternelle, l'Avenir fast ausschließlich +Wohlthätigkeitsvereine, die unter strengem kirchlichen +Regimente stehen.</p> + +<p>Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften +als sozialer Kampforganisationen durch den Einfluß +bürgerlicher Elemente tritt aber nirgends so deutlich zu Tage +als in Deutschland. Sehr spät erst, von einzelnen fruchtlosen +Bemühungen abgesehen, ist die bürgerliche Frauenbewegung +der gewerkschaftlichen Frage näher getreten und zwar zuerst in +einem Berufskreis, der ihr persönlich am nächsten stand: +in dem der Handelsangestellten. In vollständiger Verkennung +der Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur +durch Zusammenschluß der Arbeiter allein erreichen und die +Schmutzkonkurrenz der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den +männlichen Arbeitsgenossen beseitigen kann, gründete der +Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den Hilfsverein für +weibliche Angestellte, der nicht ausschließlich die Frauen +organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfaßt. In +verschiedenen Großstädten Deutschlands wurden +ähnliche Vereine geschaffen und die Handelsangestellten +strömten ihnen um so eher zu, als ihnen nicht nur Vorteile +aller Art,—deren Wert für sie wir gewiß nicht +verkennen wollen,—geboten werden, sondern der +ursprüngliche Standesdünkel der Töchter der kleinen +Bourgeoisie hier genährt wird. Die Zahlen der auf diese Weise +organisierten Frauen sind folgende:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<td>Berlin</td> +<td align="right">13000</td> +</tr> + +<tr> +<td>Frankfurt a. M.</td> +<td align="right">800</td> +</tr> + +<tr> +<td>Breslau</td> +<td align="right">950</td> +</tr> + +<tr> +<td>Königsberg i. Pr.</td> +<td align="right">600</td> +</tr> + +<tr> +<td>Kassel</td> +<td align="right">210</td> +</tr> + +<tr> +<td>Köln</td> +<td align="right">400</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stuttgart</td> +<td align="right">345</td> +</tr> + +<tr> +<td>Leipzig</td> +<td align="right">700</td> +</tr> + +<tr> +<td>Magdeburg</td> +<td align="right">160</td> +</tr> + +<tr> +<td>Bromberg</td> +<td align="right">120</td> +</tr> + +<tr> +<td>Danzig</td> +<td align="right">240</td> +</tr> + +<tr> +<td>München</td> +<td align="right">210</td> +</tr> + +<tr> +<td>Thorn</td> +<td align="right">60</td> +</tr> + +<tr> +<td>Stettin</td> +<td align="right">150</td> +</tr> + +<tr> +<td>Mainz</td> +<td align="right">115</td> +</tr> + +<tr> +<td>Mannheim</td> +<td align="right">210</td> +</tr> + +<tr> +<td>Posen</td> +<td align="right">150</td> +</tr> + +<tr> +<td>Hamburg</td> +<td align="right">600</td> +</tr> + +<tr> +<td>Dresden</td> +<td align="right">120</td> +</tr> + +<tr> +<td>Im ganzen</td> +<td>19140</td> +</tr> +</table> + +<p>Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu +unterschätzen, wenn auch angenommen werden kann, daß von +den Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen +angehören. Aber alles, was sie, infolge ihrer numerischen +Stärke, ihren Mitgliedern bieten, kaufmännische +Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek, Vorträge, Theater, +Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung, Krankenversicherung u.s.w., +wird durch den großen Schaden aufgewogen, den sie ihnen +zufügen, indem sie das Abhängigkeitsgefühl von den +Arbeitgebern und dem bürgerlichen Element in ihrer Mitte in +den an sich schon rückständigen Mitgliedern befestigen, +das Aufkommen des Solidaritätsgefühls mit den +Lohnarbeitern aller Berufe unterdrücken, und die Kräfte, +die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen +lassen.</p> + +<p>Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage +völlig verkennende Standpunkt der bürgerlichen +Frauenbewegung in dem ersten Versuch einer Dienstbotenorganisation +hervor, wie ihn Mathilde Weber 1894 durch die Gründung des +Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.<a name="FNanchor_910"></a><a +href="#Footnote_910"><sup>910</sup></a> Auch sie dachte dabei +allein an die Töchter der eigenen Klasse: die +Gesellschafterinnen, Stützen der Hausfrau, Wirtschafterinnen, +Kindergärtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung +sich von dem einfachen Dienstmädchen meist nur durch den Titel +"Fräulein" unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt +ausschließlich in den Händen der Herrschaften und die +Mitglieder haben so wenig zu sagen, daß die +Generalversammlung sich auch dann für beschlußfähig +erklärt, wenn nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenüber +bedeutete der fünf Jahre später gegründete Verein +Berliner Dienstherrschaften und Dienstangestellter immerhin einen +leisen Fortschritt, indem er zwar, wie die Vereine der +Handelsangestellten auf dem unmöglichen Harmoniestandpunkt +zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem doch dieselben +Rechte einräumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und +Unterdrückung des Solidaritätsgefühls, des allein +zum Selbstbewußtsein erziehenden Klassenbewußtseins ist +aber überall gleich groß. So auch in den Versuchen der +Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die +Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899 +gegründete Verein etwa 200 Mitglieder zählt. Sie laufen +im wesentlichen auf Wohlthätigkeit hinaus und nähren in +den Proletarierinnen jenen verderblichen Sklavensinn, der von +Rechten nichts weiß, sondern alles, was ihm geboten wird, +demütig und dankbar aus der Hand des Herrn entgegennimmt.</p> + +<p>Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer +reiferen Erkenntnis bildet der von Münchener +Frauenrechtlerinnen gegründete Kellnerinnenverein: er ist, +auch was seine Leitung betrifft, ein reiner Arbeiterinnenverein, +der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen Unternehmern und +Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht +zurückhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Gründer +gemahnt, ist die Thatsache, daß der Verein +ausschließlich auf weibliche Mitglieder zugeschnitten ist, +dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwächt wird, +daß in München männliche Kellner zu den Ausnahmen +gehören. Von den 2 bis 3000 Münchener Kellnerinnen sind +230 Vereinsmitglieder.</p> + +<p>Die Zurückgebliebenheit der bürgerlichen +Frauenbewegung in Bezug auf die gewerkschaftliche Organisation ist +auf Grund ihres Ursprungs vollkommen verständlich; die +wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschluß der weiblichen +Arbeitskraft aus allen bürgerlichen Arbeitsgebieten +ausdrückte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein +mehr oder weniger gewaltsames Vordringen in seine +Berufssphären war die Folge. Die bürgerliche Frauenwelt +bildete gewissermaßen eine gegen den Unterdrücker +solidarisch verbundene Klasse der Unterdrückten, und sie lebte +des Glaubens, daß ihre Interessen die Interessen des gesamten +weiblichen Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am +meisten eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der +zäheste Widerstand entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung +geringschätzt, wo sie noch nicht den mindesten politischen +Einfluß haben. Dahin gehört vor allem Deutschland. Hier +fühlen sie sich als eine Partei für sich, und es ist nur +die idealistische Verbrämung einer traurigen Thatsache, wenn +sie nicht müde werden, zu erklären: wir stehen +"über" den Parteien; ihr naives Selbstgefühl und ihr +völliger Mangel an Einsicht in die sozialen und +wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es +möglich zu machen, daß sie in dem Kampf zwischen Kapital +und Arbeit nur das künstliche Produkt politischer Parteiungen +sehen und auch hier Frieden zu stiften glauben, wenn sie die +"ärmeren Schwestern" in ihre Arme ziehen. Sie verstehen nicht, +oder wollen nicht verstehen, daß ihre Wege sich völlig +voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der +Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie +äußert sich nicht im Ausschluß der weiblichen +Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten durch den Mann, sondern in der +übermäßigen Ausbeutung der Arbeitskräfte +beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie +daher nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren +Arbeits- und Leidensgenossen. Wo die bürgerliche +Frauenbewegung dieses Interesse nicht aufkommen läßt, +wie durch zahlreiche ihrer Wohlthätigkeitsinstitutionen, wo +sie an seine Stelle die Interessengemeinschaft mit den Vertretern +des Kapitalismus zu setzen sucht, wo sie das Gefühl der +Solidarität der weiblichen mit den männlichen Arbeitern +bewußt oder unbewußt erschüttert und +unterdrückt, wie fast durchweg in ihren +Organisationsversuchen, wo sie sich endlich der Hebung der +Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung der +Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefährliche +Feindin der Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur +Lösung der Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, +die sie ihr gegenüber einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie +stiften kann, ist die Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der +Notlage des weiblichen Proletariats und die Propagierung der +Arbeiterschutzgesetze im Sinne der Arbeiter selbst. Nicht zu einer +unmöglichen Harmonie zwischen den Klassen, wohl aber zu einer +schließlichen Aufhebung der Klassengegensätze würde +sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege ebnen helfen.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name= +"9_Die_sozialpolitische_Gesetzgebung_und_ihre_Aufgaben" />9. Die +sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben.</h2> + +<a name="9_1" /> +<h3>Der Arbeiterinnenschutz.</h3> + +<p>Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das +Resultat eines zähen Kampfes der Unterdrückten gegen die +Unterdrücker und entsprang viel weniger ethischer Einsicht +oder humanitären Bestrebungen, als dem Selbsterhaltungstrieb +der herrschenden Klasse. Diese charakteristischen Züge tragen +bereits die ersten Anfänge der englischen +Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die +verheerenden Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands +entwickelten und die kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften, +nötigten zu dem ersten Schutzgesetz des Jahres 1802. Die +nationale Gefahr eines frühzeitigen Verbrauches des +Menschenmaterials wurde aber schließlich auch von allen +anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schwächlichen +Versuchen eines gesetzlichen Kinderschutzes entschloß man +sich indessen erst, als die grauenhaftesten Zustände mit nicht +zu übersehender Deutlichkeit an das Licht des Tages traten und +die öffentliche Meinung in starke Erregung versetzt worden +war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten die +schrankenlose Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie +beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das +durch den Eingriff des Staates in das Verhältnis zwischen +Unternehmern und Arbeitern verletzt würde und wurden darin +durch die manchesterliche Nationalökonomie unterstützt. +Aber wie einerseits die moderne Produktionsweise ihnen zu Macht und +Reichtum verhalf, so entwickelte sich andererseits mit ihr jener +wichtige Faktor, der der Ausbreitung ihrer Machtsphäre einen +Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne Arbeiterbewegung. Wie +sie Schritt für Schritt vordrang, immer wieder +zurückgestoßen von denen, die in ihr mit Recht den +einzigen Feind fürchteten, der ihre Herrschaft +erschüttern könnte, wie sie schließlich, am Ende +des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest +gefügter Phalanx gegenübersteht,—das ist ein +Werdegang, der auch in der Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen +hat.</p> + +<p>Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man +durchsetzte. Natürlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf +sie, die immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung +nicht so schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab, +den Müttern des Volkes, ob auf kommende Generationen +arbeitsfähiger Menschen zu rechnen sei. Aber selbst diese, vom +Standpunkt der Fabrikanten aus einleuchtenden Gründe blieben +lange Zeit hindurch völlig unbeachtet. Es waren der +Arbeitsuchenden zu viele, als daß man aus egoistischen +Motiven den Schutz der Einzelnen für nötig gehalten +hätte: mochten die Frauen mit 25 Jahren arbeitsunfähig +sein, mochten die Kinder in Scharen zu Grunde gehen, es gab noch +tausendfältigen Ersatz für sie. Eines langen und +erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten +Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschloß.</p> + +<p>Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die +Zehnstundenbewegung, an deren Spitze bürgerliche Philanthropen +standen, die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der +Geknechteten gegen ihre Unterdrücker zum Ausdruck +kam,—waren die beiden großen Feldzüge, die mit den +ersten spärlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der +Zehnstundentag für die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz. +Ihm zur Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf für +sich, den die Arbeiter mit Unterstützung der ersten +aufopferungsvollen Fabrikinspektoren zu führen hatten. Durch +die Einführung schichtweiser Beschäftigung suchten die +Fabrikanten zunächst das Gesetz zu umgehen, bis eine neue +Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allmählich wurden auch +andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre +wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der +physischen und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug +das blödeste Auge, die Fabrikanten selbst, denen die +gesetzliche Schranke und Regel des Arbeitstages durch +halbhundertjährigen Bürgerkrieg Schritt für Schritt +abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch +'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.<a name= +"FNanchor_911"></a><a href="#Footnote_911"><sup>911</sup></a> Mit +der Erkenntnis aber, daß der Arbeiterschutz ihnen selbst zum +Vorteil gereichte, war der Widerstand der Fabrikanten dagegen +gebrochen.</p> + +<p>Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen, +wie in seiner politischen Entwicklung die Erklärung findet, +war für den Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem +relativ langsam vollzog und alle vorwärts treibenden +Kräfte sich auf den Kampf gegen die politische Reaktion +konzentrieren mußten, kein anfeuerndes Beispiel. Selbst jener +erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge französische +Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die +Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte +keinerlei praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die +Durchführung des Gesetzes zu gewährleisten. Erst 1874, +nach endlosen heftigen Streitigkeiten, gelangte der erste +schüchterne Versuch eines besonderen Arbeiterinnenschutzes in +der Nationalversammlung zur Annahme. Er beschränkte sich auf +das Verbot der Nachtarbeit Minderjähriger und das Verbot der +Arbeit unter Tage für Frauen jeden Alters. Aber selbst diese +kläglichen Bestimmungen stießen auf den heftigsten +Widerstand der Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen, +oder ihre Abschaffung durchzusetzen,—ein Zustand des Kampfes +und des vielfach fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz +schützen wollte, der achtzehn Jahre andauerte.</p> + +<p>Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in +Oesterreich, denn vor 1885 war überhaupt kaum eine Spur von +ihm vorhanden: sowohl die Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage +wurde den Frauen nicht verwehrt. Dann aber nahm er einen +Aufschwung, durch den er Frankreich überflügelte: der +Elfstundentag, der vierwöchentliche Wöchnerinnenschutz +wurde eingeführt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht +verboten.</p> + +<p>Deutschlands Anfänge auf dem Gebiete des +Arbeiterinnenschutzes fallen ziemlich genau mit dem Erstarken der +sozialdemokratischen Partei zusammen, deren mit immer +größerem Nachdruck vorgebrachte Forderungen das +treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins +hinzu, dessen Wichtigkeit nicht unterschätzt werden darf, und +dessen Träger die politische Vertretung des deutschen +Katholizismus, das Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten +Standpunkten ausgehend, grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen +beide Parteien in ihren praktischen Forderungen gelegentlich zu +ähnlichen Resultaten. Aber während die Sozialdemokratie +im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und Arbeiterinnen nur ein +Mittel sah, sie körperlich und geistig für den +Klassenkampf zu stärken und fähig zu machen, glaubte das +Centrum durch ihn die Entwicklung zurückzuschrauben. Es +propagierte an erster Stelle die Sonntagsruhe, nicht aus +hygienischen, sondern aus religiösen Gründen, es forderte +einen Arbeiterinnenschutz, der den völligen Ausschluß +der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie in +ihrer alten Form zu erhalten und den Einfluß der +Arbeitsgenossen auf die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die +Ihren, statt dessen wieder unter den Einfluß der Kirche zu +zwingen. Von diesem Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im +Verein mit manchen Konservativen sogar vielfach zum Beschützer +der Hausindustrie und der Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei, +Thatsache ist, daß die Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes +in Deutschland mit unter dem Einfluß des Centrums vor sich +ging.</p> + +<p>Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag +des Reichstags folgend, eine Enquete über die Lage der +kindlichen und weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle +zur Gewerbeordnung hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte. +Sie enthielt in Bezug auf den Arbeiterinnenschutz einige +Bestimmungen,—so das Verbot der Beschäftigung von +Wöchnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der Niederkunft und +das der Frauenarbeit unter Tage,—und erteilte dem Bundesrat +die Ermächtigung, die Beschäftigung von Frauen und +jugendlichen Arbeitern aus Gründen der Gesundheit und +Sittlichkeit in bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung +selbst dieser schwächlichen Verbesserungen der +Schutzvorschriften wurde dadurch im Keime erstickt, daß sie +nicht mit der obligatorischen Einführung der Fabrikaufsicht +Hand in Hand gingen. Mit denselben Gründen, durch die die +englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen +die Schutzgesetzgebung gestützt hatten, kämpfte in +Deutschland die Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die +Gewerbeaufsicht<a name="FNanchor_912"></a><a href= +"#Footnote_912"><sup>912</sup></a>, und noch zehn Jahre später +verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit durchgreifenden +Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte, seine +Zustimmung, weil er ein Bedürfnis dafür nicht +anzuerkennen vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der +Frauenarbeit in unbeschränktem Maße, und die +Arbeiterfamilien, so fügte er hinzu, um sich nicht die +Blöße einseitiger Interessen zu geben, bedürfen +ihrer nicht minder.</p> + +<p>Schließlich aber sah sich die Regierung gezwungen, den +Wünschen des Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie, +durch soziale Reformen die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu +erschüttern. Das theatralische Schaustück einer +internationalen Arbeiterschutzkonferenz wurde insceniert, und war +im stande auch ernsten Leuten Sand in die Augen zu streuen. +Thatsächlich war ihre Bedeutung lediglich eine symptomatische, +indem sie bewies, daß das Bestreben der Arbeiter nach +Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu +teilweisem Siege zu führen schien, und eine informierende, +indem sich zeigte, wie weit der Gedanke eines erweiterten +Arbeiterinnenschutzes,—denn neben der Frage der Sonntagsruhe +und der Kinderarbeit beschäftigte man sich lediglich mit der +Fabrikarbeit der Frauen,—in den einzelnen Staaten bereits +Fuß gefaßt hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit +berührt wurde, war geringfügig genug. Deutschland, +Oesterreich, England und die Schweiz einigten sich über +folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe für alle +Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit für jugendliche +Arbeiter und für Frauen, Zehnstundentag für Jugendliche, +Elfstundentag für Frauen, vierwöchentliche +Arbeitsunterbrechung für Wöchnerinnen, Verbot der +Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den +Arbeiterinnenschutz zu den zurückgebliebensten Ländern +gehört, und Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten +bei den meisten Punkten Vorbehalte oder sie erklärten sich +direkt dagegen. Ohne zu positiven Resultaten gelangt zu sein, ging +die Konferenz auseinander und es blieb jedem einzelnen Staat wieder +überlassen, den Arbeiterschutz nach seinem Gutdünken +auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, an +dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem grenzenlosen Jammer +gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine stumme Qual und +Ausbrüche wütender Verzweiflung verdüstert wurde, +bot den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen +von seiner üppigen Tafel. Sie kamen, nächst den Kindern, +wesentlich den Frauen zu gute.</p> + +<p>Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die +Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten].</p> + +<p>Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen +Arbeiterinnen und er schließt sowohl die näheren +Bestimmungen über Hausindustrie und Heimarbeit als alle +diejenigen Gesetze aus, die sich mit den Handelsangestellten, den +Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und Dienstboten +beschäftigen.</p> + +<p>Betrachten wir zunächst die Frage der Arbeitszeit. Der +Normalarbeitstag war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung +gewesen. In England und mehr noch in Australien hatten sich die +Gewerkschaften die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit +erkämpft und vielfach ihr Ziel, den Achtstundentag, durch +kollektive Vertragschließung erreicht. Sie hatten, belehrt +durch ihre Lebenslage, die nur durch Verkürzung der +Arbeitszeit eine menschenwürdige werden konnte, den Standpunkt +des einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die +Persönlichkeit, jede Einschränkung des freien Willens +ablehnt, längst aufgegeben und erstrebten überall auch +die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um so heftiger +sträubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge +um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu +verkleiden suchten, daß es niemanden verwehrt sein +dürfe, für seine Familie, für seine Kinder so lange +zu arbeiten als er wolle. Aber ihre Berufung auf die Freiheit des +Individuums im allgemeinen und die Freiheit des Arbeitsvertrags im +besonderen,—eine der wichtigsten Grundsätze des +Liberalismus,—kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter in +Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze +bürgerliche Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem +ihre Existenz zum Teil beruht: der Erhaltung der Familie und des +Familienlebens in seiner alten Form, als deren Trägerin die +Frau erscheint. Und so war es der indirekte Einfluß der +weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der +Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege +zum Normalarbeitstag gehen ließ. In allen fünf Staaten +unserer Tabelle ist die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch +Rußland, Australien und Nordamerika sind in ähnlicher +Weise vorgegangen, während Belgien, Holland, die +skandinavischen Länder und Italien die gesetzliche +Beschränkung des Arbeitstages nur für Kinder und junge +Leute eingeführt haben. Was aber die Bestimmungen der +einzelnen Länder wesentlich voneinander unterscheidet ist vor +allem der Umstand, daß sie sich nur noch zum Teil allein auf +die weiblichen Arbeiter beziehen: Frankreich—mit einer +gewissen Modifikation—, Oesterreich, die Schweiz, einige +Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschränken die +Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Maß wie +die erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die natürliche +Erwägung, daß die Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei +Geschlechts nebeneinander arbeiten, eine außerordentliche +Störung erleiden, wenn der eine Teil zehn oder elf, der andere +zwölf oder dreizehn Stunden beschäftigt ist, hat dazu den +Anlaß gegeben. Die Notwendigkeit der Beschränkung der +Arbeitszeit der Frauen führte daher die viel und heiß +umstrittene Frage des Maximalarbeitstages der Männer ihrer +Lösung entgegen. Das zeigt sich noch deutlicher in den +Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der Männerarbeit noch +nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen +Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der +Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit +zuzuwenden. Während sie im Jahr 1885, vor der Regelung der +Frauenarbeit, noch eine zwölf-, dreizehn- und +mehrstündige Arbeitszeit der Männer feststellten, +schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung, zwischen neun +und elf Stunden.<a name="FNanchor_913"></a><a href= +"#Footnote_913"><sup>913</sup></a> In England, wo die Macht der +Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt +sich dasselbe Bild.<a name="FNanchor_914"></a><a href= +"#Footnote_914"><sup>914</sup></a> Angesichts dessen und der uns +bekannten Thatsache der rapiden Zunahme der Frauenarbeit +beantwortet sich die Frage nach dem Nutzen oder Schaden ihrer +gesetzlichen Beschränkung von selbst, und es zeugt nur von +großem Mangel an Einsicht, wenn man über die +Entscheidung im Zweifel sein kann. Die Beschränkung der +Arbeitszeit weiblicher Arbeiter ist nicht nur für sie selbst +von größter Bedeutung, sie ist es auch im Interesse +ihrer männlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch, und das +ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung vielfach +übersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven +Arbeitszeit der Männer entfernt, zum Nachteil der Frauen +ausschlagen, besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen +dann die Frauen durch Männer ersetzt werden würden. +Für deutsche Verhältnisse z.B. wäre eine Reduktion +der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden +gegenwärtig schon ohne Schaden für sie durchführbar, +weil auch die Männer in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl +immer näher kommen. Den Achtstundentag aber für die +Frauen allein heute schon erkämpfen zu wollen, hieße +ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger wäre es gegenwärtig +auch für die Frauen mit größtem Nachdruck für +den gesetzlichen Maximalarbeitstag der Männer einzutreten, wie +ihn Frankreich durch den in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden +Zehnstundentag zum Gesetz erhoben hat. Selbstverständlich +bleibt der Achtstundentag das weitere Ziel, aber, wohl gemerkt, +für Männer und Frauen. Er ist die Voraussetzung für +die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und geistiger +Knechtschaft, er ermöglicht erst ihre lebendige Teilnahme an +den Errungenschaften der modernen Kultur. Für die Frau aber, +vor allem für die Mutter und Hausfrau, würde er von noch +größerem Werte sein, und daraus erklärt es sich, +daß die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein für ihr +Geschlecht erringen wollen.</p> + +<p>Wir kommen damit zur Kritik der Länge des Arbeitstags, wie +er gesetzlich für die Frauen festgelegt wurde. Ist die +Reduzierung der Arbeit auf zehn oder elf Stunden wirklich +ausreichend, um die Körperkräfte der Frau nicht zu +überbürden, ihre Gesundheit nicht zu gefährden und +sie ihrer Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen, +wie wir sie kennen lernten, erübrigt eine Antwort.</p> + +<p>So groß der Fortschritt ist gegenüber der +unbegrenzten Arbeitszeit, so gering ist er gegenüber den +notwendigsten Bedürfnissen; für das junge Mädchen, +die werdende Mutter, vor allem aber für die Mutter kleiner +Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer +zu den traurigsten Resultaten führt. Die Erkenntnis, daß +besonders die verheiratete Frau zur Führung ihres Haushalts +mehr freier Zeit bedarf, hat zur Festsetzung der Mittagspause +geführt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu dauern pflegt. Es wirkt +wie Ironie, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in dieser +Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der Familie +eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden +muß, und die Arbeiterin meist für den Weg hin und her +von der Fabrik den größten Teil der verfügbaren +Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die deutsche Gesetzgebung hat +überdies nicht einmal die anderthalb Stunden festgelegt, +sondern nur eine, und bestimmt, daß die weitere halbe Stunde +der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche +Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer +Arbeitsgelegenheit zittert, entschließt sich zu solcher +Bitte? Thatsächlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten +wiederholt, daß Arbeiterinnen, die den Wunsch danach +aussprachen, mit Entlassung bedroht wurden. Es ist daher nur +natürlich, wenn der Wunsch nicht allzu häufig laut wird. +Die halbe Stunde ist auch oft nicht der Mühe wert. Es fragt +sich nun, ob demgegenüber eine Verlängerung der +Mittagspause wünschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen +werden, daß eine ausreichende Erweiterung,—auf drei +Stunden etwa,—undurchführbar ist, weil die +Betriebsstörung zu groß und die Differenz mit der Arbeit +der Männer eine zu tiefgehende wäre. Viel vorteilhafter +für die Frau und die Arbeiterfamilie wäre es, wenn sie, +neben einer etwa einstündigen Pause, die Arbeit am Abend +früher verlassen könnte, womöglich gemeinsam mit dem +Mann. An Stelle der mittäglichen Hetze würde eine +ununterbrochene Zeit treten, durch die auch für den Arbeiter +eine Spur häuslicher Gemütlichkeit zuweilen erobert +werden könnte. Man pflegt diese Tageseinteilung als die +Einführung der englischen Tischzeit zu bezeichnen, weil sie in +England vielfach durchgeführt worden ist. In Verbindung aber +mit dem zehn- oder elfstündigen Arbeitstag wird das Ideal, die +Sicherung des Familienlebens, die Möglichkeit der +Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht. +Wohlwollende, aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit +reaktionären Politikern, wie das Centrum sie aufweist, sind +daher auf den Gedanken gekommen, daß die Fabrikarbeit +verheirateter Frauen überhaupt verboten werden müsse, die +Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten +habe.<a name="FNanchor_915"></a><a href= +"#Footnote_915"><sup>915</sup></a> Auch in Arbeiterkreisen fehlt es +nicht an Stimmen, die für diese Maßregel eintreten; die +Kongresse der christlichen Arbeiter von Rheinland und Westfalen +forderten schon seit 1873 die Unterdrückung der eheweiblichen +Fabrikarbeit<a name="FNanchor_916"></a><a href= +"#Footnote_916"><sup>916</sup></a>; eine große Gruppe lediger +Fabrikarbeiterinnen Englands kämpft mit aller Energie gegen +die verheirateten Arbeitsgenossinnen.<a name="FNanchor_917"></a><a +href="#Footnote_917"><sup>917</sup></a> Auf verschiedene Motive ist +diese Stellungnahme zurückzuführen: auf den +uneigennützigen Wunsch, die Mutter den Kindern +zurückzugeben und auf das eigennützige Verlangen, eine +lästige, meist lohndrückende Konkurrenz los zu +werden.</p> + +<p>Abzuleugnen, daß die Fabrikarbeit der verheirateten Frau +ihr und ihren Kindern durch ihre große Ausdehnung empfindlich +schadet, wäre, angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit. +Es fragt sich nur, ob die zwangsweise Ausschließung davon ihr +nutzen würde. Für Deutschland ist es durch die Berichte +der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, daß die +übergroße Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik +getrieben wird. Einer der Befürworter des Ausschlusses +definiert den Begriff Not, indem er erklärt, nur dort +dürfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst der Frau +"unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben +könne.<a name="FNanchor_918"></a><a href= +"#Footnote_918"><sup>918</sup></a> Um solche Not handelt es sich +zumeist; wir sehen aber Not auch dort, wo zwar der momentane Hunger +gestillt wird, aber die Angst um die Zukunft nie weicht und alle +Freuden des Lebens entbehrt werden müssen. Auch in diesem Fall +hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu arbeiten. +Schließen sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die +Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie +aufnehmen, und man wird die Zersetzung rückständiger +Betriebsformen dadurch noch länger aufhalten. Der vorhin +zitierte Gegner der eheweiblichen Fabrikarbeit sieht darin +allerdings einen glücklichen Ausweg für wirklich +notleidende Ehefrauen; sie können, so sagt er "in der +Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel +Beschäftigung suchen, oder Aufwartungen übernehmen, als +Kochfrau oder Pflegerinnen gehen etc."<a name="FNanchor_919"></a><a +href="#Footnote_919"><sup>919</sup></a> Alle diese +Beschäftigungen also, die sich fast sämtlich des Vorzugs +erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle und Einschränkung +unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren Familienpflichten +weniger entziehen als die gesetzlich geregelte Fabrikarbeit! Zur +Durchführung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur Zeit einer +wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der +Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind<a name= +"FNanchor_920"></a><a href="#Footnote_920"><sup>920</sup></a>; d.h. +er will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit +gerade dann entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er +ist naiv genug, von den Unternehmern zu erwarten, daß sie +gerade dann sich ihrer billigsten Arbeitskräfte gutwillig +berauben werden.</p> + +<p>Aber nicht nur, daß der Erwerbszwang die verheirateten +Frauen in die sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete drängen +würde, er würde, da ihre Arbeitskraft ihre Mitgift +bedeutet und unerläßlich ist zur Erhaltung der Familie, +an Stelle der Eheschließung in erweitertem Umfang das +Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind, +an dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Anstoß zu +nehmen, so gewiß ist es doch, daß das Konkubinat unter +den heutigen Verhältnissen die Frau und ihre Kinder der +Willkür des Mannes erbarmungslos aussetzt und beide dem +tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber noch +andere Gründe hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur +unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen +aus der Fabrik führen müssen: Die Fabrikarbeit ist die +einzige Form der Arbeit, durch die die Frauen in engere Verbindung +mit ihren Klassengenossen gebracht werden, davon aber hängt +ihre Aufklärung, ihre Organisationsfähigkeit ab, und ihre +stärkere oder geringere Organisationsfähigkeit wieder +beeinflußt die raschere oder langsamere Entwicklung der +sozialpolitischen Gesetzgebung.</p> + +<p>Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der +Ausschluß der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen +Gewerbeinspektorenberichte für 1899 haben das interessante +Resultat ergeben, daß nach der Aussage der Mehrzahl der +Fabrikanten teils nicht genug ledige Arbeiterinnen zur +Verfügung stehen<a name="FNanchor_921"></a><a href= +"#Footnote_921"><sup>921</sup></a>, vor allem aber die +verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.<a name= +"FNanchor_922"></a><a href="#Footnote_922"><sup>922</sup></a> Die +Gründe dafür sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen +meist um ältere, erfahrene Arbeiterinnen, die überdies, +weil sie ihren Beruf nicht mehr, wie die meisten ledigen, nur als +einen Uebergang zur Ehe betrachten, besonders eifrig und strebsam +sind. Also auch das Interesse der Unternehmer spricht gegen ihren +Ausschluß. Wer die furchtbaren Schäden der Fabrikarbeit +verheirateter Frauen ausmerzen will, muß zu anderen Mitteln +greifen. Er muß sie in stärkerem Maße als bisher +der Fabrikarbeit zuführen und der Hausindustrie und der +Heimarbeit entreißen. Die Einrichtung von Schulkantinen und +Kinderhorten durch die Kommunen und die allmähliche +Herabsetzung der Arbeitszeit muß damit Hand in Hand +gehen.</p> + +<p>Schon die gegenwärtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit +für Frauen würde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn +sie thatsächlich ein Maximalarbeitstag wäre. Unsere +Tabelle zeigt aber, daß nicht nur Ueberstunden in +ausgedehntem Maß bewilligt werden können, sondern +daß sogar allgemeine Dispensationen für bestimmte +Fabrikationszweige im Bereiche der Möglichkeit liegen. +Besonders die Saison- und Campagneindustrien spielen dabei eine +große Rolle, d.h. alle diejenigen Arbeitszweige, die der Mode +im hohen Maß unterworfen sind, oder die von Jahreszeiten und +Festtagen abhängen. Dazu gehört vor allem die Herstellung +der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und in Paris +der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest +beeinflußt werden. Die Ausnahmebewilligungen und +Dispensationen sind hier so groß, daß die gesetzlich +vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur Ausnahme wird, und zwar um so +mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne besondere Erlaubnis +möglichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen dieser Art +kommen, wie die Fabrikinspektoren aller Länder +übereinstimmend berichten, am häufigsten vor. Wo ein +ausgeprägtes Solidaritätsgefühl fehlt, wo die +Organisation nicht hinter der Arbeiterin steht, ist sie nicht nur +willenlos gegenüber den Wünschen des Unternehmers, sie +bietet womöglich selbst die Hand zu ihrer Erfüllung. So +wird der zehn- oder elfstündige Arbeitstag in der Praxis +vielfach zu einem zwölf- und dreizehnstündigen.</p> + +<p>Aehnlich liegen die Verhältnisse in Bezug auf die +Nachtarbeit: sie ist im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von +Ausnahmen öffnen der Uebertretung der Vorschriften Thür +und Thor. Nur England und die Schweiz erfreuen sich eines absoluten +Verbots. In Deutschland wird unter bestimmten Bedingungen eine +Verlängerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts, ein Beginn +zwischen 4-1/2 und 5 Uhr früh gestattet, aber auch die +Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der +Einschränkung, daß Tag- und Nachtschichten +wöchentlich wechseln müssen, kann durch den Bundesrat +erlaubt werden. Für Molkereien und Konservenfabriken, für +Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, für Ziegeleien und +schließlich auch für Konfektionswerkstätten wurden +Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der +Gewährung von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit +auch in der Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Feß- +und Zuckerfabrikation, sowie in zahlreichen Zweigen der +Textilindustrie gestattet. Das französische Gesetz wird in +gleicher Weise durchlöchert, nur daß es den Vorteil +bietet, an Stelle der zulässigen zehnstündigen +Nachtarbeit Deutschlands und der elfstündigen Oesterreichs die +siebenstündige festgesetzt zu haben.<a name= +"FNanchor_923"></a><a href="#Footnote_923"><sup>923</sup></a></p> + +<p>Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und +Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bezügliche +Verordnung auch, hauptsächlich aus religiösen +Gründen, straffer gehandhabt wird, und Frankreich die +Bestimmung getroffen hat, daß für die notwendig +gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche +gewährt werden muß.</p> + +<p>Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach +alledem durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn +nicht annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen, +daß der Segen, den sie verbreiten sollte, sehr +fragwürdig erscheint. Und doch ist diese Zwiespältigkeit +des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge des Standpunkts, den +die Regierungen der Arbeiterfrage gegenüber einnehmen und der +sich dadurch kennzeichnet, daß die Interessen der Arbeiter +zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den +Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter +Arbeiterschutz ist aber nur dann durchführbar, wenn man bei +seiner Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen +hat. Der Fortschritt des Arbeiterschutzes hängt darum +hauptsächlich von dem Einfluß und der Macht der +Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der Verkürzung der +Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das Wohl der +Arbeiter in erster Linie beruht, ist der größte +Nachdruck gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und +der Schweiz beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil +für die Industrie die Durchführung der Nacht- und +Sonntagsruhe möglich, und zwar, bestimmte Ausnahmen +abgerechnet, auch für Männer. Was die Ueberstunden +betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, daß ihre +völlige Aufhebung auch möglich ist, denn sie hat sich +trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, so großartig +entwickelt. Die Unternehmer, die auf die Höhe ihres Profits +nicht verzichten wollten, sahen sich eben genötigt, die +fehlenden Menschenkräfte durch schneller produzierende +Maschinen zu ersetzen,—ein Prozeß, der stets bei der +Verkürzung der Arbeitszeit eintreten muß, so daß +der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten Mittel zur +Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung erweist. +Auch für Saison- und Campagneindustrien könnten die +Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschränkt und der Ausfall +durch Mehreinstellung von Arbeitskräften wett gemacht werden. +Eine künstliche Einschränkung der in wilder Hetzjagd +einander folgenden Modethorheiten wäre auch für die +Konsumenten nicht vom Uebel. Zunächst freilich dürfte die +Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen +womöglich blos auf solche Fälle, wo +Unglücksfälle oder Naturereignisse sie unbedingt +notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf dem +Boden internationaler Vereinbarungen auf Erfüllung rechnen +kann. Selbst die vielfach ans Märchenhafte grenzende +Entwicklung des Maschinenwesens, die geradezu prädestiniert +erscheint, die Arbeitszeit immer mehr zu verkürzen, hat unter +der gegenwärtig herrschenden schrankenlosen Konkurrenz nur +dazu dienen müssen, den Profit zu erhöhen. Erfindungen, +die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei Vorteil +bringen, ja ihm womöglich nur Kosten verursachen, werden ohne +äußeren Zwang nirgends eingeführt. Der Staat und +die Kommunen, die zwar solche Einrichtungen gesetzlich +einführen können, die direkt Leben und Gesundheit der +Arbeiter schützen, aber nicht die Befugnis haben, die +Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen, +müßten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen +Betrieben darin mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es +müßte zu den Aufgaben der Arbeiterorganisationen +gehören, überall für ihre Einführung +einzutreten. Verbände sich diese Agitation mit einer +jedesmaligen Revidierung der Lohntarife, so daß durch neue +Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter verringert würden, +so wäre sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur Erreichung +des Normalarbeitstags.</p> + +<p>Erwägungen ähnlicher Art drängen sich auf, wenn +wir die Betriebe betrachten, aus denen die Frauen in Rücksicht +auf ihre Gesundheit entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen +worden sind. Mit Ausnahme derjenigen Beschäftigungsarten, die, +wie die Arbeit unter Tage, der Transport von Rohmaterial in +Ziegeleien u.s.w., ihrer körperlichen Konstitution nicht +entsprechen, sind es entweder solche, die Vergiftungsgefahren mit +sich führen, wie die Herstellung elektrischer Akkumulatoren +aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von Arsenik, +Nitrobenzin, Bleiweiß u.s.w., oder solche, die die +Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die +Arbeit in Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien +u.s.w. Frankreich ist in diesen Verboten besonders weit gegangen +und hat die Frauen fast aus der ganzen chemischen Industrie +entfernt. Nun haben wir aber bei der Betrachtung der Lage der +Fabrikarbeiterinnen gesehen, daß Vergiftungen durch Blei und +Bleiweiß z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen, der +Ausschluß von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und +seiner Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir +haben ferner gefunden, daß die schwersten körperlichen +Leiden die Folgen aller Arten von Arbeiten sein können. +Müssen wir demnach fordern, daß alle diese +Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewiß +nicht! Die einzige vernünftige Folgerung wird vielmehr die +sein, die Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es +durchführbar ist, die Herstellung gewisser Stoffe ganz zu +verbieten. An Mitteln und Wegen dazu fehlt es nicht, wohl aber an +der nötigen Initiative, sie zu ergreifen und diejenigen, die +sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen. Ein +glücklicher Anfang dazu ist kürzlich in Frankreich +gemacht worden, wo die Benutzung von Bleiweiß bei +Anstreicherarbeiten durch einen Erlaß des Handelsministers +verboten wurde, und Zinkweiß,—das allerdings teuerer +ist,—an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken, +besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur, +der Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird +überall Bleiweiß verwandt, obwohl es ebenso leicht +verhindert werden könnte und auch dann verhindert werden +müßte, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an Glanz +und Weiße verlören.</p> + +<p>Gewiß muß die Frauenarbeit für bestimmte, die +Kräfte der Frau übersteigende Arbeiten verboten werden, +dies Verbot aber systematisch immer weiter auszudehnen ist ein +gefährliches Beginnen und zwar gefährlich sowohl im +Interesse der Frauen als in dem der Männer. Wenn die Frauen +nämlich prinzipiell aus allen gesundheitsgefährlichen +Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze für +dieses Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man +gewissermaßen durch den Ausschluß der Frauen sein +Gewissen und überläßt nunmehr die Männer ruhig +den gefährlichen Einflüssen der Gifte, der hohen +Temperaturen u.s.w., als ob sie völlig unempfänglich +dafür wären! Der richtige Weg wäre vielmehr der, +durch Herabsetzung der Arbeitszeit, durch genaue Vorschriften in +Betreff der Kleidung, durch Schutzeinrichtungen aller Art, durch +Ventilation, Staubabsaugung, gründliche Reinigung, zwangsweise +Einführung aller derjenigen Maschinen, die die Gefahr +verringern, schließlich auch durch Verbot der Herstellung +entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.<a name="FNanchor_924"></a><a +href="#Footnote_924"><sup>924</sup></a> Auch hier hätten +kräftige Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der +Thätigkeit vor sich, indem sie die Arbeit in +gefährlichen, nicht genügend geschützten Betrieben +und die Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten.</p> + +<p>Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche +Schädlichkeiten ist kein ursprüngliches Charakteristikum +ihres Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen +künstlich gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung, +unhygienische Kleidung, schlechte Ernährung,—viel +schlechter als die der Männer,—doppelte Arbeitslast, +sobald es sich um Verheiratete handelt, vor allem aber durch +Hungerlöhne. An die Wurzeln des Uebels ist daher auch hier die +Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den Schutz +der Arbeiterin auch während der Menstruation für +notwendig zu erklären. Sehen wir einmal von der +Undurchführbarkeit solcher Maßregel ab, so haben wir +schon einmal betont, daß diese Funktion der weiblichen +Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die +Leistungsfähigkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird, +so sind die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der +Entwicklungszeit gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will +sie zur Kräftigung der Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die +Arbeitszeit jugendlicher Arbeiterinnen auf das äußerste +zu beschränken, wenn nicht die Erwerbsarbeit der Mädchen +unter sechzehn Jahren überhaupt zu verbieten. Das könnte +für die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen, +weil sich erwiesenermaßen ein Knabe zwischen vierzehn und +sechzehn Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der +Zeit lebhaftesten Wachstums befindet, und ebenso der Schonung +bedarf, wie das Mädchen. Eine gesunde Arbeiterin, die nicht +schon in der frühsten Jugend all ihre Kraft dem Erwerb hat +opfern müssen, wird dann, wenn sie in das Berufsleben +eintritt, von der Menstruation nicht mehr spüren, als ein Mann +vom Schnupfen.</p> + +<p>Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und +Wöchnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der +Schwangeren kennt nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn +Dänemark, wo er sich sogar auf vier Wochen ausdehnen soll, +einzuführen.<a name="FNanchor_925"></a><a href= +"#Footnote_925"><sup>925</sup></a> Ueber seine Berechtigung +dürfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob +mit einem bloßen Arbeitsverbot für eine kurze Zeit vor +der Entbindung genug geschehen ist. Hirt verlangt, daß die +Thätigkeit der Frauen während der zweiten Hälfte der +Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten werden soll; +dazu gehört die Näherei, die Färberei und +Stoffdruckerei, die Fabrikation vom gefärbtem Papier, +künstlichen Blumen, Spitzen und Phosphorstreichhölzern. +Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der Erörterung des +Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgefährlichen +Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine +ganze Anzahl anderer,—ich erinnere nur an die +Tabakindustrie,—für die Schwangere und den Fötus +ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in diesem Fall um die +kommende Generation handelt, so genügt zu ihrem Schutz die +Erfüllung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit +aufstellten, nicht, und es wäre zweifellos das Beste nicht nur +für die zweite Hälfte der +Schwangerschaft,—bekanntlich bringt die erste schwere +Gefahren mit sich,—sondern für die ganze Zeit der +Schwangerschaft überhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten. +Dadurch aber würde den Frauen unter den gegenwärtigen +Verhältnissen viel mehr geschadet als genutzt werden, denn sie +würden sich scharenweise der Hausindustrie und der Heimarbeit +zuwenden müssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der +Entbindung ist daher das äußerste, was im Augenblick von +der Gesetzgebung verlangt werden kann.</p> + +<p>Die Wöchnerin erfreut sich jetzt schon fast überall +eines Schutzes, Frankreich macht beinahe allein eine +unrühmliche Ausnahme hiervon, aber die Schutzzeit ist nur in +der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf diejenige Zeit festgesetzt, +in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes die Rückbildung +der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das gleichfalls sechs +Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die Gestattung von +Ausnahmen die Regel so gut wie umgestoßen. Aber selbst eine +sechswöchentliche Schutzzeit ist nur für vollständig +gesunde Frauen und nur für diese allein ausreichend, das Kind, +dem die Mutterbrust und die mütterliche Pflege nach dieser +Frist schon entzogen wird, hat eine nicht viel größere +Aussicht das erste Jahr zu überleben, oder, wenn es geschieht, +sich zu einem kräftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die +Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen hätte. Angesichts +dieser Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer +längeren Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich +ausdehnen? Die deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion +fordert acht Wochen, erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale +und erstrebenswerteste Zustand ist es freilich, wenn die Mutter +ebenso wie neun Monate vor so neun Monate nach der Geburt von der +Erwerbsarbeit befreit ist und den Säugling so lange +nähren kann, als es sich möglich und notwendig erweist. +Aber wir haben leider mit sehr realen Verhältnissen zu +rechnen. Schon heute sehen sich viele Mütter, denen die Thore +der Fabrik noch geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen, +als Heimarbeiterin, Aufwärterin u. dergl. dem Verdienst +nachzugehen. Ein auf Monate ausgedehnter Schutz würde +überall zu diesem Resultat führen und jeder Art nicht +oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung +verhelfen, während es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade +diese aus dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier +für die Gegenwart bescheiden müssen, und den +achtwöchentlichen Schutz als die äußerste Forderung +aufstellen. Im Interesse der Kinder aber muß sie mit der +Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen +Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang +beschäftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu +errichten, und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den +Müttern die Zeit gewährt wird, dort ihre Kinder zu +nähren. Aber auch hier, wie für das ganze Gebiet des +Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden Fortschritts +die allmähliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum +Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen +dieser einen gegenüber in zweiter Linie. Gerade für die +Frau als Mutter ist die Beschränkung der Arbeitszeit von der +allergrößten Wichtigkeit; auf ihr beruht die +Möglichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und +Entwicklungsfähigkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer +Kinder.</p> + +<p>Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, über das die +Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf +den ersten Blick, daß es ein sehr beschränktes ist. Sie +finden in allen Ländern nur auf die Fabrikarbeiter eine +gleichmäßige, allgemeine Anwendung, die Arbeiter in der +Landwirtschaft und die Dienstboten sind ganz davon ausgeschlossen, +die Handelsgehilfen, die Kellner und die Heimarbeiter fast ganz, +nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie genießen +scheinbar relativ am meisten die Segnungen des Arbeiterschutzes. +Der Grund für die Zaghaftigkeit der europäischen +Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegenüber der +Heimarbeit äußert, ist einerseits die Rücksicht auf +die Geschlossenheit der Einzelfamilie, und andererseits die Angst, +eine der Stützen unserer industriellen Entwicklung zu +untergraben.</p> + +<p>Die gesetzgeberischen Maßregeln, die die +<i>Hausindustrie</i> berühren, lassen sich in drei Kategorien +einteilen: eine, von den Grundsätzen des Arbeiterschutzes +ausgehende, die gegenüber den Hausindustriellen in +ähnlicher Weise verfährt, wie gegenüber den +Fabrikarbeitern, die Schwachen also gegen die allzu +rücksichtslose Ausbeutung der Starken zu schützen und den +wirtschaftlichen Egoismus einzudämmen sucht; eine zweite, die +den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und sich +auf sanitäre Vorschriften beschränkt, und eine dritte +endlich, deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdrücken. +Von diesen drei Gesichtspunkten aus werden wir die +einschlägige Gesetzgebung und ihre Wirkungen zu betrachten +haben.</p> + +<p>Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist +die landläufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene +Forderung, durch deren Erfüllung man ihren schädlichen +Auswüchsen wirksam zu begegnen glaubt. Sie ist denn auch +teilweise verwirklicht worden, indem sie aber in den +europäischen Staaten und auch in einem Teil der +außereuropäischen vor der Heimarbeit und der +Familienwerkstatt Halt machte. In England, Frankreich und +Oesterreich sind die Werkstätten in Bezug auf den +Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die +scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu überschreiten, +sofern Kinder und junge Leute in ihr beschäftigt werden; +Frankreich unterwirft auch Werkstätten religiöser +Kongregationen und solche, die von Wohlthätigkeitsanstalten +abhängen, dem Gesetz, während Oesterreich sie nicht mit +einschließt. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle +Werkstätten aus, die mehr als 6 Personen beschäftigen, +und auf alle ohne Unterschied, in denen ein gefährliches +Gewerbe betrieben wird. Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch +auf die Familienwerkstätten, in dem einen Fall, soweit 2, in +dem anderen, soweit 4 Personen darin beschäftigt sind, den +Arbeiterschutz ausgedehnt.</p> + +<p>Vergegenwärtigen wir uns dem gegenüber einmal die +äußere Situation der Hausindustrie: sie breitet sich +über die großen Städte, wie über die kleinen, +über das flache Land und das einsame Dörfchen, wie +über die unzugänglichsten Thäler und Hochplateaus +der Gebirge aus. Sie haust im Kellerwinkel und in der Dachkammer, +sie versteckt sich hinter dem Glanz besserer Tage im Salon der +Damen der bürgerlichen Welt. Sie hat in den +Großstädten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer +bewegliche Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die +Scholle, ihre Werkstätten sind ebenso schnell aufgeschlagen, +wie abgebrochen. Hat der gesetzliche Arbeiterschutz dem +gegenüber irgend eine Aussicht zur Wirksamkeit? Selbst ein +Heer von Beamten könnte ihm nicht dazu verhelfen. Es ist wohl +mit diese Erwägung, die in den Ländern, wo die +Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die +Familienwerkstätte außerhalb des Gesetzes stellen +hieß. Dadurch beschränkt sich der der Aufsicht +unterstehende Kreis natürlich bedeutend, die Elendesten und +Unglücklichsten, zu denen die Frauen und Kinder das +größte Kontingent stellen, werden damit schutzlos der +Ausbeutung preisgegeben, ohne daß den Werkstattarbeitern +wesentlich geholfen wäre. Denn die Schwierigkeit der +ausreichenden Beaufsichtigung wird noch durch die Stumpfheit der zu +Schützenden gesteigert. Die Existenz der Hausindustrie beruht +im wesentlichen auf der Thatsache, daß die menschliche +Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die notwendige +Ergänzung aber der niedrigen Löhne ist die lange +Arbeitszeit. Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen +Bedingungen bisher immer unterworfen waren, sind nicht +einsichtsvoll genug, um die Durchführung der Gesetze zu +unterstützen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen Kreisen +aufgeklärter großstädtischer Arbeiter abgesehen, in +der Beschränkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene +Verminderung ihrer an sich schon kärglichen Einnahmen sehen +und die Bestimmungen des Gesetzes zu umgehen suchen. Dabei ist ihre +Organisationsfähigkeit nicht nur infolge ihrer niedrigen +Lebenshaltung und ihrer Arbeitsüberlastung, sondern auch +infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so daß auch +hier nur in seltenen Fällen an die Stelle des einzelnen +Schwachen die durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten +kann.</p> + +<p>Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben. +Sie haben daher verschiedene Versuche gemacht, zunächst einmal +den Kreis der Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung +finden soll, festzustellen. Soweit es sich um Werkstätten +handelt, haben die australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland +für sie die alljährlich zu wiederholende Registrierung +vorgeschrieben und verfügt, daß eine Werkstatt erst dann +als solche benutzt werden darf, wenn der Gewerbeinspektor, dem ihre +Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis dazu erteilt hat. Durch +diese Maßregel sollen einerseits die Werkstätten zur +Kenntnis der Behörden kommen, andererseits die +sanitätspolizeiliche Kontrolle von Anfang an ermöglicht +werden. Was aber in einem kleinen Staate möglich ist, wird in +einem großen mit ausgedehnter Hausindustrie fast +undurchführbar. Denn im Grunde müßte wieder eine +Kontrolle notwendig sein, um festzustellen, ob die +vorschriftsmäßige Anmeldung zur Kontrolle auch +durchgängig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat im +Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigentümer, +eventuell auch den Verleger für die rechtzeitige Anmeldung +haftbar zu machen.<a name="FNanchor_926"></a><a href= +"#Footnote_926"><sup>926</sup></a> Aber selbst wenn die Kontrolle +dadurch gesichert würde, bliebe ein großer Nachteil +bestehen: nicht immer könnte der Gewerbeinspektor zur +Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch notwendig werdende +Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen Ausfall am +Verdienst.</p> + +<p>Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu +erfassen, haben eine Anzahl nordamerikanischer und australischer +Staaten den Verlegern die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer +Arbeiter zu führen, die auf Verlangen dem Gewerbeinspektor +vorzulegen sind, und England ist noch einen Schritt weiter +gegangen, indem es, allerdings nur für eine beschränkte, +Zahl von Gewerben, verlangte, daß die Werkstattinhaber und +Liefermeister jährlich zweimal die Namen und Adressen ihrer +Arbeiter dem Gewerbeinspektor einzureichen haben.<a name= +"FNanchor_927"></a><a href="#Footnote_927"><sup>927</sup></a> Diese +Bestimmung ist gewiß eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung +verdient; einen wirklichen Wert aber hat sie nur dann, wenn die +Beamten auch im stände sind, sämtliche Arbeiter +ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der Sache, +völlig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die +Durchführung der Schutzgesetze zu gewährleisten, scheint +demnach der zu sein, die Verantwortlichkeit dafür auf eine +Reihe von Personen auszudehnen und so eine Art freiwillige +Inspektion zu schaffen, die die staatliche unterstützt. Die +englische Gesetzgebung hat für bestimmte Gewerbe +demgemäß entschieden und den Unternehmer für +haftbar erklärt, wenn seine Arbeiter unter +gesundheitsgefährlichen Bedingungen beschäftigt werden. +Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es +sich etwa um die Beschaffenheit der Werkstätten in +sanitärer Hinsicht handelt. Das Wichtigste aber, die +Sicherstellung der Arbeitszeit, der Pausen, des +Wöchnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht +gewährleistet werden, weil auch der Unternehmer keine +ständige Kontrolle ausüben kann und sich kaum dazu +gezwungen sieht, denn er weiß viel zu genau, wie selten die +Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden würde. Was +Thun von einem rheinischen Industriellen erzählt, der, als er +wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe +verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder +aus den Kindern heraus"<a name="FNanchor_928"></a><a href= +"#Footnote_928"><sup>928</sup></a>, würde sich hier mit +einigen Variationen wiederholen; die Verantwortlichkeit +müßte daher nicht nur von dem Unternehmer getragen +werden. Beatrice Webb schlägt vor, daß auch der Hausherr +und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden +müßte.<a name="FNanchor_929"></a><a href= +"#Footnote_929"><sup>929</sup></a> In New-York ist diese Forderung +teilweise zum Gesetz erhoben worden, und der Hausherr muß +für bestimmte Gewerbe dafür einstehen, daß die +Waren erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der +Werkstätte bei der Aufsichtsbehörde erfolgte. Ueber diese +Bestimmung hinaus scheint mir die Haftbarmachung praktischerweise +auch nicht gehen zu können, weil andernfalls eine für den +Werkstattinhaber und seine Familie unerträgliche Chikanierung +seitens des Hausherrn daraus entstehen würde. Hat der Hausherr +oder sein Vertreter,—und man mache sich einmal klar, welche +Art Menschen das häufig sind, und wie sie von Anfang an dem +armen Arbeiter mißtrauisch gegenüberstehen,—die +Berechtigung, seine Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein +derjenigen, die ihm aus irgend einem Grunde mißliebig sind, +zu einem qualvollen gestalten, von Uebergriffen aller Art zu +geschweigen, die die Folge sein müßten. Diese Art +Kontrolle könnte außerdem immer nur im Weichbild der +Städte möglich sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf +dem Lande und im Gebirge nicht nur häufig Besitzer ihrer +armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab vom Verleger +wohnen.</p> + +<p>Noch ein Mittel bleibt zu erwähnen, das für einen +begrenzten Kreis von Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene +Arbeitszeit sichern helfen soll. Es besteht in dem Verbot, den +Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach Ablauf der Arbeitszeit noch +Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist in dieser Weise +vorgegangen, hat aber ausdrücklich bestimmt, daß nur +dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn +die Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit +beschäftigt wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen +Thür und Thor geöffnet, weil unmöglich festgestellt +werden kann, ob man ihr für den ihr gesetzlich zur +Verfügung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit +nach Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des +Gesetzes auf die Frauen Rücksicht nehmen zu müssen, die, +weil sie Kinder zu hüten und ein Hauswesen zu leiten haben, +nur stundenweise in der Werkstatt arbeiten können; ihnen +wollte man nicht die Möglichkeit rauben, durch häusliche +Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erhöhen, und opferte +dieser Rücksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer +Frauen, denen dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit +aufgebürdet werden kann, daß sie zwar zu Hause bis in +die Nacht hinein arbeiten müssen, aber weder Zeit finden, +für ihre Kinder, noch für ihr Hauswesen zu sorgen. Soll, +wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche +Arbeiterin vor Ausbeutung geschützt werden, so muß das +Verbot, Arbeit mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein.</p> + +<p>Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf +die Hausindustrie läuft darauf hinaus, daß alle +Bemühungen, sie in vollem Umfang durchzusetzen, fruchtlose +bleiben. Der wesentliche Grund dafür ist der, daß die +Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte Rinnsale +auseinanderfließen, die sich notwendigerweise der Aufsicht +entziehen. In dem schmerzlichen Gefühl der Resignation +angesichts dieser Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf +beschränkt, die Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine +sanitäre Vorschriften abzuschwächen. Sie gingen dabei +ursprünglich nicht vom Interesse der Arbeiter, sondern von dem +der Konsumenten aus, die sie vor dem Einfluß der unter +gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu +schützen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union +ist dieses System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren +Herd die Schwitzhöhlen der Hausindustrie waren, gaben den +Anstoß dazu. Man verfügte, um die gefährliche +Ueberfüllung der kleineren Arbeitsstuben zu vermeiden, +daß in den Zimmern der Mietshäuser, die zugleich zum +Essen und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskräfte zur +Herstellung verkäuflicher Waren nicht beschäftigt werden +dürfen. Es war dies zugleich ein erster, +vielverheißender Schritt zur zwangsweisen Einrichtung +abgesonderter Werkstätten, es war aber auch zugleich eine +indirekte Unterstützung der Familienwerkstätten, in denen +die Ausbeutung ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer +der billigsten Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine +Ausbreitung der Heimarbeit eher fördern als hindern helfen.<a +name="FNanchor_930"></a><a href="#Footnote_930"><sup>930</sup></a> +Um aber auch die Familienwerkstatt und ihre +Gesundheitsverhältnisse unter Aufsicht halten zu können, +wurde ihre Anmeldepflicht bei der Sanitätspolizei und ihre +Lizenzierung durch sie eingeführt. Für die Befolgung +dieser Vorschrift machte man in New-York den Hausherrn, in +Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese Weise werden die +Arbeitsräume, zum Teil nur soweit sie der Konfektionsindustrie +dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit überhaupt Waren +darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der +Sanitätsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das +Verbot, Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten +herrschen, das auch England erlassen hat, sind die natürliche +Folge hiervon. Man ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter +gegangen, In New-York, Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das +Gesetz, daß Waren, von denen in Erfahrung gebracht wird, +daß sie Werkstätten oder Familienbetrieben entstammen, +die einer Lizenz ermangeln, oder daß sie sonst unter +ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanitäts- oder +Gewerbeinspektor mit einer Marke versehen werden müssen, die +die Bezeichnung Tenement made enthält, also sowohl +Händler wie Konsumenten vor dem Kauf abschreckt. Waren, die in +Räumen verfertigt wurden, in denen ansteckende Krankheiten +herrschen, müssen nach der Markierung desinfiziert werden und +zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von +auswärts eingeführte Verkaufsgegenstände. Diese +ganze, in der Idee gut gemeinte Einrichtung trägt aber den +Stempel völliger Unzulänglichkeit schon an der Stirn, ja +sie führt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer +vermöchte dafür einzustehen, daß jedes +Kinderjäckchen, das im Zimmer des Typhuskranken entstand, jede +Cigarre, die neben dem Bett des Schwindsüchtigen gearbeitet +wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am Bett ihres +diphtheritiskranken Kindes nähte, kontrolliert und markiert +werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und +Blusen, die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen +versandt werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder +nicht? Die Angst vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt +die Heimarbeiter aber auch zu einem förmlichen System der +Verheimlichung und Vertuschung. Noch später als bisher werden +sie sich entschließen, den Arzt zu holen oder ansteckende +Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die +verhängnisvolle Marke an den Waren hängt, wird sie auf +der großen Reise, die sie antritt, trotz aller auf ihre +Beschädigung oder Entfernung verhängten Strafen, daran +bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, daß ein +gesäumtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem +Entstehungsort bis zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden +können! Haftet aber die Marke trotz alledem, so wird die +traurige Scheidung zwischen Reich und Arm noch in erweitertem +Maße als bisher sich vollziehen: es werden Kreise von +Händlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und +sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf +nehmen, wenn sie dafür weniger zu bezahlen brauchen. Also +selbst die Durchführbarkeit der Markierungsvorschriften +vorausgesetzt, würden sie nur dem Schütze der +begüterten Käufer dienen.</p> + +<p>Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die +Hausindustrie-Gesetzgebung zu kämpfen hat, und an denen sie +nach jeder Richtung hin scheitern muß, vergegenwärtigen, +so zeigt es sich, daß sie sich alle unter dem einen Wort +Heimarbeit zusammenfassen lassen,—Heimarbeit im weitesten +Sinn, die sowohl die Arbeit der einzelnen Frau in ihrem +Stübchen, als die Familienwerkstatt und die kleine Werkstatt +der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten Räumen in sich +begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die +Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu überbrücken +vermochte, in den sie vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen +hinabstößt, vor allem die schwächsten, die Kinder +und die Frauen. Um den Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die +Kosten der Fabrikanlagen zu ersparen und das Risiko der stillen +Zeiten und der Krisen auf die Arbeiter abzuwälzen, hat das +Unternehmertum die Hausindustrie großgezogen. Wird sie von +der Gesetzgebung gleichfalls erfaßt, so wirft sich die +Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so +geringfügige Vorschrift wie die deutsche +Konfektionsverordnung, hat vielfach schon eine Zunahme der +Heimarbeiter zur Folge gehabt<a name="FNanchor_931"></a><a href= +"#Footnote_931"><sup>931</sup></a>, und die Einführung des +achtstündigen Normalarbeitstages für Fabriken und +Werkstätten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins +Leben gerufen.<a name="FNanchor_932"></a><a href= +"#Footnote_932"><sup>932</sup></a> Vor ihr aber steht, unter dem +Banne geheiligter Traditionen der europäische Gesetzgeber +still, der die Schwelle des Hauses nicht zu überschreiten +wagt, auch wenn sie längst nicht mehr zu den heimlichen +Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die düstere +Werkstatt der Familienausbeutung führt. Vielleicht hält +ihn auch eine unbestimmte Furcht zurück, die Grenzen seiner +Macht, der für grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der +Amerikaner und der Australier, den sentimentale Rücksichten +nicht mehr in dem Maße beherrschen, hat sich den Eintritt +erzwungen, aber all seine Pillen und Tränke, die er gegen die +große Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos +geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist +eine Krankheit, die rettungslos zum Tode führt. Viele +verschließen sich der Richtigkeit dieser Diagnose, andere +erkennen sie an, aber nach dem Beispiel der Aerzte am menschlichen +Totenbett suchen sie das entfliehende Leben mit allen Mitteln der +Kunst aufzuhalten, und nur sehr wenige sehen darin die ärgste +Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar erleichtern, den +Auflösungsprozeß aber beschleunigen. Es kann nach allem +bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir +uns zu stellen haben.</p> + +<p>Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der +Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bemühung um +bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der +organisationsunfähigen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung +der Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die +Schneider führten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer, +um sie zu zwingen, alle Arbeiter nur in eigenen Werkstätten zu +beschäftigen. Die Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel +durch Arbeitseinstellungen, die Schneider blieben fast ganz +erfolglos, auch ihr Appell an die Konsumenten, nur in solchen +Geschäften zu kaufen, die in Betriebswerkstätten arbeiten +lassen, fand nicht das Gehör, das notwendig gewesen wäre, +wenn es hätte Eindruck machen sollen.<a name= +"FNanchor_933"></a><a href="#Footnote_933"><sup>933</sup></a> Ein +Teil der englischen Sozialdemokratie, die auf dem Züricher +Arbeiterschutzkongreß vertreten war, sprach sich im Sinne der +Arbeiter aus und befürwortete eine Resolution, die die +Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der notwendigen, +gesetzgeberischen Maßregeln hinstellte. Aber selbst vor +diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung, +Betriebswerkstätten einzurichten, traten auch die deutschen +Arbeiter 1895 vor die Konfektionäre, und legten, um den Streit +auszufechten, im Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das völlig +ungenügende Gesetz, das die Werkstattarbeiter der Konfektion +der Arbeiterschutzgesetzgebung unterstellte, war die Folge ihres +Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der er ausging, geschah +nichts.<a name="FNanchor_934"></a><a href= +"#Footnote_934"><sup>934</sup></a></p> + +<p>Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung +von Betriebswerkstätten, die noch dazu, wo der Wunsch danach +bisher auftauchte, von keinem Parlament befürwortet wurden, +ist von ihrem Standpunkt aus vollkommen erklärlich: die +Errichtung oder Miete von Räumen für die +Werkstätten, die Anschaffung von Maschinen, die Anstellung von +Werkführern, und nicht zum mindesten die schließlich +folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und +der Arbeiterversicherung, denen sie bei der Beschäftigung von +Hausindustriellen fast ganz entgehen, würde eine Kapitalanlage +erfordern und den Profit zunächst so beschneiden, daß +auch für die Zukunft an ein Nachgeben der Unternehmer um so +weniger zu denken ist, als die in Betracht kommenden Arbeiter unter +den gegenwärtigen Verhältnissen zu einer geschlossenen +starken Organisation, die ihren Wünschen den nötigen +Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen +sind einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe +geschritten. In Genf und Lausanne, in Bern und in Zürich waren +es die Schneider, die sich mit Unterstützung ihrer +Gewerkschaft eigene Werkstätten einrichteten, in Wien thaten +die Meerschaumschnitzer das gleiche.<a name="FNanchor_935"></a><a +href="#Footnote_935"><sup>935</sup></a> Die ganze Bewegung +beschränkte sich aber auf kleine Kreise, weil einerseits +keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das +nötige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen +und Anwendung motorischer Kräfte schnellere und bessere Arbeit +zu liefern, und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden +abzugraben. Die Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich +um Unterstützung wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer +Bestrebungen an, glaubte aber, in Rücksicht auf den +Stadtsäckel, keinen Präzedenzfall schaffen zu +dürfen.</p> + +<p>Ein anderes Mittel, die Heimarbeit möglichst +einzuschränken, forderte ein Gesetzentwurf, den der Minister +Peacock 1895 dem Parlament von Viktoria vorlegte, der sich aber +auch nur auf die Konfektionsindustrie bezog. Er enthielt die +Bestimmung, daß Heimarbeiter nur gegen Erlaubnisscheine +beschäftigt werden dürften, und zwar sollten nur +diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und +dabei aus irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf +Anspruch erheben können; diese Einschränkung aber +hätte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit getreten wäre, +seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und durchgreifender +erscheint daher der Vorschlag eines deutschen Sozialpolitikers, der +gleichfalls in der schließlichen Unterdrückung der +Heimarbeit die einzige Lösung der brennenden Frage sieht, und +zwar den gegenwärtig beschäftigten Heimarbeitern ihre +Arbeit im eigenen Haus gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch +gestatten, neu eintretende aber davon ausschließen will, so +daß die Heimarbeit dadurch auf den Aussterbeetat gesetzt +wird.<a name="FNanchor_936"></a><a href= +"#Footnote_936"><sup>936</sup></a> Die hier gekennzeichneten +Forderungen und Wünsche sind, jede für sich, berechtigt, +aber sie sind entweder in der angegebenen Form unerfüllbar, +oder sie würden sich, wenn sie verwirklicht wären, der +großen Aufgabe gegenüber als viel zu schwach erweisen. +Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer +grausamen Härte werden, nur das Resultat einer systematischen +Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen, +das Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster +Schritt zu diesem Ziel wäre die Verbindung von Wohnung und +Werkstatt allen denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei +sich beschäftigen, und die Mitgabe von Arbeit nach Hause +ausnahmslos zu untersagen; die Gewerbeinspektoren, deren Zahl um +ein beträchtliches erhöht werden müßte, +hätten die Durchführung der Vorschrift zu beaufsichtigen, +während die Verantwortung dafür auch vom Verleger zu +tragen wäre. Um aber zu gleicher Zeit die Zwischenmeister, +häufig selbst nur wenig besser gestellte Proletarier, nicht zu +ruinieren, müßten alle Gemeinden, in deren Bereich sich +hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet werden unter +Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere, allen +Anforderungen der Hygiene entsprechende Räume, womöglich +eigens für den Zweck erbaute fabrikähnliche Gebäude +mit Motorbetrieb, den Hausindustriellen gegen eine Miete, die die +früher dafür aufgewendeten Mittel nicht übersteigen +dürfte, zur Verfügung zu stellen. Auf alle diese +Werkstätten wären sodann sämtliche Vorschriften der +Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und +Kommunalverwaltungen hätten die Verpflichtung einzugehen, ihre +Aufträge nur von solchen Werkstätten ausführen zu +lassen.<a name="FNanchor_937"></a><a href= +"#Footnote_937"><sup>937</sup></a></p> + +<p>Bliebe man aber hierbei stehen, so würden die +Familienwerkstätten selbstverständlich, den Erfahrungen +in anderen Ländern entsprechend, enorm zunehmen. Dem +müßte die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr das +Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die +Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in +Rücksicht auf zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege +alter Angehöriger oder durch eigene Gebrechlichkeit gezwungen +sind, daheim zu bleiben, wären zunächst Erlaubnisscheine +für die Ausübung ihres Berufes im Hause zu erteilen. Nach +dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen hätte die kommunale +Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen +Heimarbeitern zuzuwenden und nach Maßgabe des +Bedürfnisses, Kinderkrippen und Kinderhorte, Heimstätten +und Siechenhäuser zu schaffen oder zu erweitern, oder durch +direkte Unterstützung da einzugreifen, wo es not thut, so +daß nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit sämtliche +Heimarbeiter in die Werkstätten übergeführt werden +könnten, und die Kinder, die Alten und Leidenden versorgt +sind. Die selbstverständliche Voraussetzung für den +Eingriff der Armenpflege wäre natürlich, daß alle, +die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des +Wahlrechts, in Fortfall kämen. Die Pflege der Kranken, Alten +und Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren +Erfüllung sie Anspruch haben, und die Armut +gewissermaßen zu bestrafen, ist ein trauriges Zeichen +für die völlige Verwirrung klarer Begriffe.</p> + +<p>Nachdem alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, +könnte gegen die Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen +wird, mit größerem Nachdruck vorgegangen werden. Die +Näherei in all ihren verschiedenen Zweigen käme +zunächst in Betracht, weil sie sich am leichtesten +überall zu verbergen vermag. Hier müßte eine neue +Maßregel einsetzen: das Verbot des Antriebs der Maschinen +durch menschliche Kraft überall dort, wo nicht für den +Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, daß nach +Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einführung des +Dampfbetriebs in der Näherei mehr als manches andere zur +Hebung der Gesundheit beitragen würde<a name= +"FNanchor_938"></a><a href="#Footnote_938"><sup>938</sup></a>, +wäre diese Vorschrift leicht durchführbar, weil das +Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert, um so mehr, wenn in +diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede industrielle +Arbeit in Miets- und Wohnhäusern, sowohl für die Arbeiter +als für die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen +würde.<a name="FNanchor_939"></a><a href= +"#Footnote_939"><sup>939</sup></a></p> + +<p>Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer +allmählichen Entwicklung, immer nur in den Städten, wo +die Arbeiter sich zusammendrängen und die Aufsicht leichter +möglich ist, durchführbar. Sind sie aber hier in +Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der modernen +Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskräfte +aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung, +der in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das +Land, in die einsamen Thäler, auf die fernen Höhen +werfen. Um hier denselben Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung +zu verschaffen, muß die Verkehrspolitik in ihren Dienst +gestellt werden.<a name="FNanchor_940"></a><a href= +"#Footnote_940"><sup>940</sup></a> Jede Eisenbahn, jede gute +Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte +Thatsache, über die Naturfreunde nicht genug klagen +können, daß der Fabrikschornstein überall +emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die Vereinigung der +ländlichen Hausindustriellen in Werkstätten wird sich mit +dieser Unterstützung allmählich auch durchsetzen lassen. +Zur Schaffung der Werkstätten könnten die Arbeitgeber um +so straffer herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren +Löhne, gegenüber den Arbeitgebern der städtischen +Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind.</p> + +<p>Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In +New-York und Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer +strengen Regelung unterliegt, haben die Konfektionäre sich ihr +dadurch zu entziehen gewußt, daß sie ihre Waren aus +anderen Staaten beziehen, die solche Gesetze noch nicht kennen, und +in die die Schwitzmeister von New York und Massachusetts massenhaft +übersiedelten. Dasselbe würde sich in Europa wiederholen, +wenn die Gesetzgebung zur Bekämpfung der Hausindustrie sich +auf ein oder zwei Länder beschränken würde. Die +Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends +stärker hervor als hier, und es wäre an der Zeit, +daß wenigstens zunächst einmal die internationalen +Gesellschaften für Arbeiterschutz sich eingehend mit dieser +Frage beschäftigen möchten, statt daß sie ihre +Universalität durch eine oberflächliche Vielseitigkeit +beweisen zu müssen glauben. Vor allem aber sollte die +Arbeiterschaft aller Länder, ihr ein thatkräftiges +Interesse zuwenden, und in den Parlamenten einmütig ihr +gegenüber Stellung nehmen, denn von der Unterdrückung der +Hausindustrie hängt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die +Vereinigung der männlichen und weiblichen Arbeiter in den +Werkstätten wird ihre Aufklärung fördern und ihre +gewerkschaftliche Organisation ermöglichen. Solange sie wie +die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den organisierten +Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder streitig machen. +Lohnerhöhungen insbesondere, vor allem feste Lohntarife, jene +wichtige Aufgabe der Arbeiterverbände, von deren Erreichung +die Sicherheit der Existenz vielfach abhängt, werden, solange +die Hausindustrie besteht, nur selten zu erkämpfen und noch +seltener festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt +es noch Leute genug, die zwar die Schäden der Hausindustrie +anerkennen, trotzdem aber vor durchgreifenden Maßnahmen +zurückscheuen, weil sie die Familie und die Freiheit des +Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch zweifellos, +daß es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die +Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne Härten +nicht abgehen wird. Wo aber in der Welt wäre der Fortschritt +leicht erkauft worden? Gegenüber allen Arbeiterschutzgesetzen +hat es Menschen gegeben, die sich in ihrer Freiheit +beschränkt, in ihrem Verdienst geschmälert sahen. Die +allmähliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat +gewiß schwere Wunden geschlagen und schlägt sie noch +heute, für die Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der +Sozialreformer aber und der Gesetzgeber dürfen nach den +Gefühlen Einzelner nicht ihre Handlungen einrichten, sie haben +vielmehr die Aufgabe, den Entwicklungstendenzen nachzuspüren +und diejenigen zu fördern, durch die die Menschheit im +allgemeinen zu höheren Daseinsformen gehoben werden wird. Die +Hausindustrie hält sie auf der Stufe physischer und geistiger +Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen +Verhältnissen, darum muß auch hier das sentimentale +Mitleid von der ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden +Menschenliebe überwunden werden.</p> + +<p>Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit +hindurch auch die <i>Handelsgehilfen</i>. Und sie selbst, die den +Unterschied zwischen sich und den Fabrikarbeitern stets scharf +betonten, wünschten auch auf diesem Gebiet keine +Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842 gegründete +englische Verein zur Erkämpfung des frühen +Ladenschlusses, nach fast fünfzigjährigen vergeblichen +Bemühungen einsah, daß auf dem Wege der Selbsthilfe +nichts zu erreichen war, trat er für gesetzliche +Maßregeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die +kaufmännischen Vereine Deutschlands bestimmte Forderungen an +die Gesetzgebung. Die Entstehung der Großbetriebe auf dem +Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung vorgearbeitet, denn +sie verwandelte langsam die Masse der jungen Kaufleute, die ihre +Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur eignen +Selbständigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in +abhängiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines +gesetzlichen Schutzes bedürfen. Der erste Schritt hierzu war +die gesetzliche Fixierung einer wöchentlichen +Maximalarbeitszeit von 74 Stunden für Ladengehilfen unter 18 +Jahren in England, der aber über ein Jahrzehnt hindurch nur +zur Ausfüllung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle +über seine Ausführung vorhanden war. Der Londoner +Grafschaftsrat entschloß sich erst vor wenigen Jahren zur +Anstellung von Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine +große Zahl von Gesetzesübertretungen konstatieren +konnten. Die einzige Bestimmung, die diesem vielverheißenden +Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die Vorschrift, in +allen Läden, wo weibliche Verkäufer thätig sind, +Sitze für sie aufzustellen,—eine Vorschrift, betreff +deren eine Anzahl nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel +vorangegangen war und die auch von Deutschland und Frankreich +neuerdings erlassen wurde. Die schweren Schäden aber, mit der +die Arbeit im Handel die Angestellten bedroht, sind damit noch kaum +berührt, und doch schien es, als ob die wichtigste Reform, die +Verkürzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen wäre. +Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erkämpfen; aber sie +blieb problematisch und besteht im Grunde nur in einer +Beschränkung der Sonntagsarbeit, denn nicht nur, daß +alle Handelsgehilfen in Deutschland eine fünf-, in Oesterreich +sogar eine sechsstündige Sonntagsarbeit haben, für eine +Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch zuungunsten der +Angestellten aufgehoben. daß nach dieser Erfahrung die +Verkürzung der täglichen Arbeitszeit noch auf +größere Schwierigkeiten stoßen würde, war +vorauszusehen.</p> + +<p>Als die deutsche Kommission für Arbeiterstatistik auf Grund +der Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen +stellte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung in der +Handelswelt. Eine ganze Anzahl von Arbeitgeberverbänden und +Handelskammern hielt die vorgeschlagene Festsetzung des +Achtuhrladenschlusses nicht nur für den Anfang ihres Ruins, +sondern auch für verderblich für die Angestellten, die +dadurch zur mißbräuchlichen Verwendung der freien Zeit, +zu Leichtsinn und Unsittlichkeit verführt werden würden. +Der "Eingriff des Staates in die Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie +einst die gesetzliche Regelung der Fabrikarbeit schroff +zurückgewiesen und für eine Kränkung der Berufsehre +angesehen.<a name="FNanchor_941"></a><a href= +"#Footnote_941"><sup>941</sup></a> Trotzdem gelangte +schließlich der Neunuhrladenschluß zur Annahme. Im +weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die +Gewährung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden +und die Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald +die Mahlzeit außer dem Hause eingenommen wird, obligatorisch +gemacht. Aber wie bei der Arbeiterschutzgesetzgebung +überhaupt, so wurden diese Bestimmungen durch die Zulassung +einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn nicht nur, +daß sie auf Arbeiten, die zur Verhütung des Verderbens +von Waren sofort vorgenommen werden müssen, auf die Aufnahme +der Inventur, sowie bei Neueinrichtungen und Umzügen keine +Anwendung finden, die Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10 +Uhr abends verlängert, die an sich schon spärliche +Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten vollends fast ganz +aufgehoben werden. Unberührt von irgend welchen +durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafräume der +Angestellten, die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des +Chefs sich befinden, viel zu wünschen übrig lassen. +Selbst über die Einrichtung der Geschäftsräume +bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings durch +Verordnung des Bundesrats genauer präzisiert werden +können. Bisher ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit +der Verkäuferinnen geschehen. Alle diese Reformen haben blos +den Wert erster Versuche, um so mehr, als keine besondere Kontrolle +ihnen Nachdruck verleiht, ihre Durchführung vielmehr nur unter +Aufsicht der Ortspolizeibehörden gestellt ist.</p> + +<p>Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung +äußerst vorsichtig vorgegangen. Das gilt im besonderen +in Bezug auf die Lehrlingszüchterei. Wie die Erhebungen der +Kommission für Arbeiterstatistik ergaben, besteht sie in +ausgedehntem Maß im deutschen Handel. Je kleiner die +Geschäfte, desto mehr suchen sie sich mit den billigsten +Arbeitskräften zu behelfen, es zeigte sich sogar, daß +von 8235 Betrieben 671 mehr Lehrlinge als Gehilfen und 659 +überhaupt nur Lehrlinge beschäftigen; die Konkurrenz, die +dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung jugendlicher +Arbeitskräfte, die daraus klar genug hervorgeht, hätten +eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begnügte man +sich mit der allgemeinen Bestimmung, daß der Lehrherr nur +soviel Lehrlinge halten darf, als im Verhältnis zum Umfang und +der Art seines Betriebes steht und ihre Ausbildung dadurch nicht +gefährdet wird. Allerdings wurde auch hier für den +Bundesrat eine Thür offen gelassen, der befugt ist, durch +besondere Vorschriften einzugreifen,—das bekannte deutsche +Mittel, womit man glaubt, dem Reformbedürfnis Genüge zu +thun.</p> + +<p>Nicht anders verhält es sich in Bezug auf einen anderen +Uebergriff der Geschäftsleiter, der geeignet ist, den +Handelsgehilfen in seinem ganzen Fortkommen zu behindern: der +sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht darin, daß sich +der Gehilfe dem Chef gegenüber verpflichtet, falls er seine +Stellung verläßt, im Verlauf einer gewissen Zeit +entweder in der Nähe kein eigenes ähnliches Geschäft +zu gründen, oder eine geraume Zeit hindurch, die zuweilen bis +zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein ähnliches +Geschäft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele +Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den +Klassencharakter an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm +verlangen, daß er selbst über sein persönliches +Abhängigkeitsverhältnis hinaus, auf die Interessen und +den Profit des Chefs Rücksicht nimmt. Und die Gesetzgeber +haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der +Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen +Bestimmung haben sie sich entschließen können: daß +solche Vereinbarungen zwischen Unternehmern und Angestellten nur +dann verbindlich sind, wenn sie nicht die Grenzen +überschreiten, durch welche "eine unbillige" Erschwerung ihres +Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit Minderjährigen sind +sie überhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz im Handel +erschöpft: er läßt eine zwölf-, dreizehn-, ja +selbst eine vierzehnstündige Arbeitszeit zu, die bestenfalls +durch eine Pause von 1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet +die Ausbeutung jugendlicher Arbeitskräfte und erlaubt, +daß der Gehilfe in seinem berechtigten Streben nach sozialem +Fortkommen gehindert wird! Und doch repräsentiert die deutsche +Gesetzgebung den Fortschritt auf dem europäischen +Kontinent.</p> + +<p>In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar +in ähnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist +noch weniger sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf +jede Weise durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie +besteht, ist sie ebenso wie der Ladenschluß die Folge +langjähriger Kämpfe der Organisationen der +Handelsangestellten, die sich um so kräftiger entwickeln +konnten, als das Uebergewicht der großen Warenhäuser +gegenüber den kleinen schon früh in Erscheinung trat. Die +fortgeschrittenste Gesetzgebung repräsentiert Australien und +Neu-Seeland. Die Ladenschlußstunde ist teilweise schon auf +sechs Uhr und nur an einem oder zwei Wochentagen auf spätere +Abendstunden festgesetzt. Außer der vollen Sonntagsruhe wird +den Angestellten ein halber freier Wochentag gewährleistet. +Für jugendliche und weibliche Gehilfen besteht vielfach der +acht- oder neunstündige Arbeitstag. Wie es heißt, haben +diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich +geführt. Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht, +wie die Gegner gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe +verlangen.<a name="FNanchor_942"></a><a href= +"#Footnote_942"><sup>942</sup></a></p> + +<p>Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch +die Rücksicht auf das Publikum, die man immer zu haben +vorgiebt, wenn man eine Verkürzung der Arbeitszeit für +undurchführbar erklärt, nicht hintangehalten werden. Vor +allem aber müßten besondere Organe, sowohl eine Handels- +als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer Durchführung +Sorge tragen. Eine Ergänzung müßte sie durch +Bestimmungen finden, die je nach der Größe und der Art +des Betriebs die Minimalzahl der Anzustellenden festsetzen. Was +helfen die schönsten Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders +in den großen Warenhäusern der Fall ist, die +Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden, die jede +Möglichkeit zum Ausruhen ausschließt. Wie auf anderen +Gebieten, so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen +Entwicklung, die zum Großbetrieb drängt, und mehr und +mehr einen Arbeiterstand im Handel schaffen hilft, die Bahn frei zu +machen. Denn die Durchführung des Arbeiterschutzes und sein +Ausbau wird im Handel ebenso wie in der Industrie durch das mehr +oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der großen über +die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng damit +zusammenhängende Organisationsfähigkeit der Arbeiter und +ihre Unterstützung gewährleistet werden.</p> + +<p>Für alle bisher berührten Arbeitsgebiete ist der +Arbeiterschutz unter bestimmten Voraussetzungen bis zu einer +gewissen Grenze durchführbar, und man hat überall +wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollständig unberührt +von ihm blieb die <i>Landwirtschaft</i>. Die Ursache davon beruht +nicht nur auf der Meinung, daß der Landarbeiter eines +Schutzes nicht bedürfe,—sie ist durch offizielle und +private Untersuchungen schon gar zu oft erschüttert +worden,—sondern mehr noch darauf, daß die +landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen +läßt wie die industrielle und kommerzielle, und die +Bedingungen ihrer Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des +Arbeiterschutzes, wie wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in +Bezug auf wenige Bestimmungen möglich. Aber auch die +Durchführung jedes besonderen Landarbeiterschutzes hängt +so eng mit den Problemen der agrarischen Fragen zusammen, daß +es eines Werkes für sich bedürfen würde, um ihn +theoretisch zu erörtern und praktisch festzusetzen. Nur +allgemeine Gesichtspunkte können im Rahmen dieser Arbeit +beleuchtet werden.</p> + +<p>Wir haben bisher gesehen, daß der Grad der +Durchführbarkeit des Arbeiterschutzes wesentlich davon +abhängt, in welchem Maße die zu schützenden +Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit vorgeschritten +und wie weit sie infolgedessen im stande sind, für die Wahrung +ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber tritt +in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte +Saisonarbeiten,—z.B. die Frühjahrsbestellung, die Ernte, +der Zuckerrübenbau,—die Heranziehung einer +größeren Menge von Arbeitern nötig machen. Zur +Förderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine schon viel +beigetragen; die Einführung anderer Maschinen, womöglich +mit Hilfe elektrischer Motoren, müßte weiter +revolutionierend wirken. Um dem Arbeiterschutz eine Grundlage zu +schaffen, wäre es demnach notwendig, diese Entwicklung auf +jede Weise zu fördern. Eines der wichtigsten Mittel dazu ist +die Unterstützung der landwirtschaftlichen Genossenschaften, +die allein im stande sind, die Nachteile des Kleinbetriebs durch +gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum Großbetrieb zu +fördern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der +landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen +Tagelöhner, gefördert werden. Sie wird in der Gegenwart +als eine die Interessen der einheimischen Arbeiter schädigende +betrachtet. Und mit Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden +Arbeiter sozial tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat +die Sozialpolitik zunächst einmal hier einzugreifen. Das kann +auf dreierlei Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug +auf die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter und die Schaffung +einer ländlichen Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder +Saisonarbeit besonders angepaßte Beschränkung des +Arbeitstags, und durch direkte Förderung der Organisation der +Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer landwirtschaftlichen +Betriebsinspektion wäre im Anschluß hieran notwendig, +aber, bei dem großen Umfang des ihr unterstehenden Gebiets, +wäre zunächst an einschneidende direkte Folgen ihrer +Thätigkeit ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung +der Schutzgesetze selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der +staatlichen Verwaltung ihre Durchführung sicherte. Ihre +Bedeutung wäre für den Anfang wesentlich eine +erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer Arbeit in +ihre Heimat zurückkehren, kämen mit anderen Begriffen und +Bedürfnissen heim, als sie gegangen sind, und würden auf +die Zurückgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so +daß eine allmähliche Hebung ganzer Volksschichten +ermöglicht würde. Sie müßte aber auch noch von +anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot +der ländlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit für +junge Leute unter achtzehn Jahren. Wenn in Rücksicht auf die +Gefährdung der Sittlichkeit durch die Wanderarbeit zuweilen +gefordert wird, daß dies Verbot auf alle minderjährigen +Mädchen ausgedehnt werden soll<a name="FNanchor_943"></a><a +href="#Footnote_943"><sup>943</sup></a>, so scheint mir das zu weit +zu gehen. Von diesem Standpunkt aus müßte man sie +überhaupt alle zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur +Genüge gesehen haben, kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre +Sittlichkeit nicht gefährdet wird. Hielte man sie aber nur von +der Wanderarbeit zurück, so wären sie gezwungen, sich +einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr scheint mir +dagegen für beide Geschlechter eine angemessene Grenze +darzustellen. Die notwendige Ergänzung des Arbeitsverbots +müßte die Erweiterung des Schulzwangs und die +Einrichtung ländlicher Fortbildungsschulen sein, deren Besuch +obligatorisch wäre. Aber die Wanderarbeiter rekrutieren sich +nicht nur aus der einheimischen Bevölkerung. Nach Deutschland +kommen sie aus Rußland, nach Frankreich aus Belgien, selbst +die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach schon als eine +Möglichkeit zur Steuerung der ländlichen Arbeiternot +hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche +Besserung der Zustände auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt +doch auch hier, was für die Hausindustrie gilt, daß eine +internationale Regelung erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen +sein kann. Immerhin aber werden die nationalen Reformen auch auf +die ausländische Arbeiterschaft ihren erzieherischen +Einfluß nicht verfehlen.</p> + +<p>Auf viel größere Schwierigkeiten stößt der +Schutz der ortseingesessenen landwirtschaftlichen Arbeiter infolge +ihrer Vereinzelung und des Mangels an Aufklärung, der +besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine Ursache hat. +Trotzdem müßte auch hier die grundlegende Bestimmung +jedes Arbeiterschutzes, die Beschränkung der Arbeitszeit, der +keine technischen Schwierigkeiten gegenüberstehen, zur +Durchführung gelangen, und durch eine ausreichende staatliche +Aufsicht unterstützt werden. Alle Verordnungen ferner, die das +Koalitionsrecht der Landarbeiter einschränken oder ganz +illusorisch machen, müßten aufgehoben werden, auch wenn +zunächst noch nicht erwartet werden könnte, daß sie +sich als fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen +gewährten Recht den für sie vorteilhaftesten Gebrauch zu +machen. Die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse durch eine +Wohnungsinspektion, das Verbot, die öffentliche Stellung eines +Amtmanns oder Landlords mit der privaten des Arbeitgebers in einer +Person zu vereinigen, wären geeignet, manche +Unzuträglichkeiten aus dem Wege zu räumen. Denn jedes +Mittel zur Hebung der sozialen Lage und zur Unterdrückung +persönlicher Abhängigkeit, wäre zugleich ein Mittel +zur Durchführung des Arbeiterschutzes; daher ist auch jeder +Rest feudaler Arbeitsverhältnisse, wie das Insten- und +Deputantentum zu bekämpfen.<a name="FNanchor_944"></a><a href= +"#Footnote_944"><sup>944</sup></a> Für die Frauen aber gilt es +mit allem Nachdruck auf die Durchführung einer +Arbeiterschutzvorschrift hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf +die Landarbeit von größter Bedeutung ist: das +Arbeitsverbot für Schwangere und Wöchnerinnen. Wie es +möglich ist, zu behaupten, daß die Lohnarbeit der +verheirateten Frau und der Mädchen auf dem Lande "wenig +Anlaß zu einer besonderen Schutzgesetzgebung" giebt<a name= +"FNanchor_945"></a><a href="#Footnote_945"><sup>945</sup></a>, wird +jedem unbegreiflich erscheinen, der nur einmal gesehen hat, wie +eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld hackt, oder eine erst +kürzlich Entbundene beim Heuaufladen beschäftigt ist. Das +frühe Altern der Landarbeiterinnen, ihre Kränklichkeit +und die Schwächlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten +darauf zurückzuführen. Soweit es daher im Bereiche der +Möglichkeit liegt, sollte kein Mittel unversucht gelassen +werden, um den Schutz der Schwangeren vier Wochen vor und der +Wöchnerin acht Wochen nach der Entbindung für die +ländliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell wäre +die Verantwortung dafür auf sämtliche Vorgesetzte der +Arbeiterin,—Inspektoren u.s.w.,—auszudehnen, und die +Hebammen zur Anzeige der Gesetzesübertretungen zu +verpflichten.</p> + +<p>All diesen Einzelforderungen gegenüber darf jedoch nicht +vergessen werden, daß die Voraussetzung für ihre +Durchführung die Mitarbeit der zu Schützenden selber ist. +Nicht nur, daß sie im Besitze eines gesicherten +Koalitionsrechts sich befinden müssen, sie müssen auch +lernen, es zu gebrauchen. Die Berührung mit dem organisierten, +aufgeklärten Industriearbeiter ist dazu eines der besten +Mittel; deshalb muß sowohl die Freizügigkeit des +Landarbeiters eine unbeschränkte sein, als auch dafür +gesorgt werden muß, daß im Hinblick auf sein Interesse, +wie auf das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des +Eisenbahnnetzes und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg +in die Städte ihm erleichtert, andererseits aber die Anlage +von Fabriken auf dem Lande dadurch ermöglicht wird. Es liegt +nun aber nahe, anzunehmen, daß die Folge mancher dieser +Maßnahmen nur eine Verstärkung der Landflucht sein +würde. In gewissem Umfang, der durch einen gut +funktionierenden öffentlichen Arbeitsnachweis allmählich +geregelt werden könnte, halte ich das gleichfalls für +wahrscheinlich. Selbst hohe Löhne und bessere +Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf +dem Lande zu fesseln vermögen, weil die Stadt mit ihrem Glanz +und ihrer Abwechselung und weil die relative Freiheit der +industriellen Arbeiter einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle +ausübt, die nicht in ihr zu leben gewohnt sind. Auch die +Ueberführung städtischer Kultur auf das Land, z.B. durch +Wanderbibliotheken, wie in England, durch ländliche +Hochschulkurse u.A.m., wie in Dänemark, würde nicht viel +dagegen ausrichten, weil die Aufnahmefähigkeit gerade +hierfür bei dem Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es +läßt sich aber aus der Psychologie des modernen +Industriearbeiters, dessen Bedürfnis nach ländlicher Ruhe +und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, daß, wenn +die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich +einmal denen in der Industrie angenähert haben, die +Möglichkeit für ein Zurückfluten des +städtischen Proletariats auf das Land gegeben ist. +Industrielle Krisen werden es befördern helfen.</p> + +<p>Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt für die +Landwirtschaft zu konstatieren, die auf dem Wege gesunden +Fortschritts vor sich gehen: die Landflucht einheimischer Arbeiter +und die Einwanderung fremder Saisonarbeiter, durch die beide +Kategorien höheren sozialen Kulturstufen zugeführt +werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die Bedingungen +der Landarbeit es möglich machen, und kann dann für die +Industriebevölkerung eine physische Regeneration anbahnen. +Auch hier gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung +meistern zu wollen, sondern sie bewußt in ihren Dienst zu +stellen.</p> + +<p>Ein unbekanntes Land für den Arbeiterschutz fast aller +Staaten war bisher das große Gebiet des <i>persönlichen +und häuslichen Dienstes</i>. Die ersten Reformbestrebungen +nach dieser Richtung gingen von Schweizer Kantonen aus. Basel +machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in Gastwirtschaften +vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte, daß +Mädchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der Töchter des +Wirts, nicht zur Bedienung der Gäste zu verwenden sind, und +allen Kellnerinnen eine Mindestruhezeit von 7 Stunden täglich +zu gewähren ist. Diesem Beispiel folgte Glarus, St. Gallen und +Zürich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden und, als Ersatz der +Sonntagsruhe, einen wöchentlichen freien Nachmittag von 6 +Stunden festsetzten. Da es aber an der nötigen Kontrolle +für die Durchführung selbst dieser geringen Reformen +fehlte,—lassen sie doch sämtlich eine Arbeitszeit von +16-17 Stunden zu!—und von seiten der Kellnerinnen auf keine +Unterstützung zu rechnen ist, so blieben sie fast ganz +wirkungslos.<a name="FNanchor_946"></a><a href= +"#Footnote_946"><sup>946</sup></a> Trotz dieser Erfahrung hat das +Vorgehen der Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der +Gesetzentwurf, der die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht +nur in wenigen Punkten über sein Vorbild hinaus. An Stelle der +Festsetzung der Arbeitszeit, einer selbstverständlichen +Forderung, sobald man anerkennt, daß das menschliche Leben +noch einen höheren Inhalt haben soll als Lohnarbeit und +Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestmaßes von Ruhe, +das in Deutschland in Kleinstädten 8 und in +Großstädten, wo der Hin- und Herweg von der +Arbeitsstätte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden +betragen soll; ein wöchentlicher Freinachmittag von 6 Stunden, +ein vollständiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen +kommen ergänzend hinzu. Das heißt mit anderen Worten, +daß die Kellnerin täglich 15 bis 16 Stunden auf den +Beinen sein muß und wöchentlich 99-106 Stunden +Arbeitszeit hat! Im Laufe der täglichen Arbeit, die mindestens +ebenso anstrengend und noch um vier bis fünf Stunden +länger ist, als die in der Fabrik, wird der Kellnerin nicht +einmal eine Mittagspause sichergestellt, statt dessen kann ihre +Ruhezeit an nicht weniger als sechzig Tagen im Jahr noch +verkürzt werden. Außerdem steht es nach wie vor im +Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren +Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat. +Angesichts der bestehenden Verhältnisse und der völligen +Schutzlosigkeit, die bisher herrschte, würden diese +Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt bedeuten, wenn auf +ihre strikte Anwendung gerechnet werden könnte. Aber davon +wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an +entsprechende Vorschriften über die Schaffung einer +ausreichenden Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist. +Trotzdem sträuben sich die Wirte jetzt schon aufs +äußerste gegen den Entwurf, der, so behaupten sie, +sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gefährden im +stande ist.<a name="FNanchor_947"></a><a href= +"#Footnote_947"><sup>947</sup></a> Sie scheint demnach nur durch +eine mehr als 16stündige Arbeitszeit der Angestellten +gesichert zu sein! Entspräche dies den Thatsachen, so +wäre man versucht, auszurufen, wie der preußische +Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der +Kinder erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!"</p> + +<p>Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck +einer wirklichen Schutzvorschrift macht, enthält der Entwurf; +sie besagt, daß Mädchen unter 18 Jahren nicht zur +Bedienung der Gäste verwendet werden dürfen. Angesichts +der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen, die gerade +dieser Beruf an die Körperkräfte stellt, erscheint dieser +Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur +nicht allein auf die Bedienung beschränken möchte! Darin +zeigt sich deutlich, daß es sich hier nicht um +Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der Sittlichkeit im Sinne der +deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese sind in ihrer +Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis auf das +21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug, von +dieser Maßregel zu erwarten, daß sie der "Unkeuschheit +im Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu +den Todesstoß versetzen" wird!<a name="FNanchor_948"></a><a +href="#Footnote_948"><sup>948</sup></a> Während also der +Entwurf das 18. Lebensjahr als Grenze für den Eintritt in den +Kellnerinnenberuf festsetzt, läßt er gleichzeitig die +15-16stündige Ausbeutung der Mädchen unter 18 Jahren, +also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und +16jährigen, in der Gasthofsküche ohne Bedenken zu.</p> + +<p>Daß der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten +würde rechnen können, war von vornherein anzunehmen. +Freilich waren es nur Wenige, die ihre Wünsche laut werden +ließen. Die Meisten, die unter ihrer traurigen Lage seufzen, +sind noch gar nicht so weit, darüber nachzudenken, wie man sie +bessern könnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte +dem Entwurf diese Forderungen gegenüber: 1) Bestimmungen +über Zahlung eines auskömmlichen Lohnes. 2) Festsetzung +bestimmter Arbeitspausen, insbesondere einer ununterbrochenen +zehnstündigen Ruhezeit nach jedem Arbeitstag. 3) Ausdehnung +der Gewerbeinspektion auf das Gastwirtsgewerbe, +einschließlich der Beaufsichtigung der Wohn- und +Schlafräume der Angestellten; und der Münchener +Kellnerinnenverein verlangte: 1) Eine ununterbrochene +Mindestruhezeit von zehn Stunden täglich. 2) Einen +wöchentlichen vierundzwanzigstündigen Ruhetag. 3) +Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um +den Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. 4) Festsetzung +der Altersgrenze für die Zulassung junger Mädchen zur +Bedienung von Gästen auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer +zweijährigen Lehrzeit, während welcher die +Lehrmädchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs Uhr +morgens nicht beschäftigt werden dürfen. 6) +Ueberschreitung der täglichen Arbeitszeit nur an dreißig +Tagen des Jahres.</p> + +<p>Aber all diese Maßnahmen wären angesichts der +herrschenden Zustände im Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend +und legen nur von der Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis +ab.</p> + +<p>Jeder wirksame Arbeiterschutz muß einerseits von der +Verkürzung der Arbeitszeit ausgehen, andererseits für +seine Durchführung auf die Unterstützung der Beteiligten +rechnen können. Sowohl der fünfzehn- bis +sechzehnstündige Arbeitstag des Entwurfs als der +vierzehnstündige, den die Kellnerinnen fordern, kann +unmöglich die Bedeutung haben, die er als Ausgangspunkt aller +anderen Reformen haben muß; der Fortbestand des +Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer +möglichsten Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie +daran, geschlossen für seine Herabsetzung einzutreten, und sie +zu sichern, falls sie gesetzlich eingeführt wird. Will man die +Lage der Kellnerinnen verbessern und sie zunächst zum +Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der +für sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten würde, so +muß der Hebel zu gleicher Zeit an beiden Punkten, der +Arbeitszeit und dem Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das +könnte zunächst in der Weise geschehen, daß neben +der ununterbrochenen zehnstündigen Nachtruhe, eine +zusammenhängende zweistündige Tagespause festgelegt +würde, so daß eine effektive Arbeitszeit von zwölf +Stunden die Folge wäre. Jeder Gasthofsbetrieb hat im Laufe des +Tages eine ruhige Zeit,—das haben die Wirte selbst +erklärt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung +nahmen,—in der es möglich gemacht werden kann, den +größten Teil der Angestellten, auch der männlichen, +zu entbehren. Jedenfalls muß es zu ermöglichen sein, da +schon eine zwölfstündige Arbeitszeit das +äußerste Maß bezeichnete.</p> + +<p>Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der bloßen +Bestimmung, daß die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben, +ist ihr nicht beizukommen und bis zur Schaffung starker +Organisationen der Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen +könnten, ist noch ein weiter Weg. Noch weniger ist auf das +Publikum zu rechnen, von dem man manchmal erwartete, es würde +sich im Kampf gegen das Trinkgeld solidarisch fühlen. Dagegen +böte ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg: die Bestimmung +nämlich, daß die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu +erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird +dadurch zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, aber doch +fast ganz, da der Gast sich meist in dem Augenblick dazu +aufgefordert fühlt, wo er der Bedienung die Zeche bezahlt, und +sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein anderes Mittel, das wohl noch +mehr dem Gang der Entwicklung entspricht, aber zunächst nur in +größeren Lokalen Anwendung finden könnte, wäre +die durchgängige Bezahlung der Zeche, die im Verhältnis +zu der Gesamtausgabe einen bestimmten Prozentsatz für die +Bedienung in Anrechnung bringen müßte, an den +Zahlkellner, der zum selbständigen Unternehmer +würde,—was er heute schon vielfach ist,—und den +bedienenden Kellnern einen festen Lohn zu zahlen hätte. Ist +das erreicht, so hat die Kellnerin kein Interesse mehr an der +Länge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die gesetzlich +vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allmählich, +wenn Geist und Körper unter der Erschöpfung durch endlose +Arbeitszeit nicht mehr zu leiden haben, organisationsfähig +werden. Ein vierundzwanzigstündiger Ruhetag im Laufe von je +sieben Tagen, die Sicherung guter Unterkunftsräume durch die +Aufsicht der Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter +sechzehn Jahren überhaupt und unter achtzehn länger als +acht Stunden täglich zu beschäftigen, die Verfügung +endlich, daß sämtliche Schutzvorschriften auch auf die +Familie des Wirts auszudehnen sind,—der Entwurf +schließt sie ausdrücklich aus, ohne sich auch nur +über den Grad der Familienzugehörigkeit näher +auszulassen, —und die Einsetzung einer besonderen Inspektion +für das Gastwirtsgewerbe,—denn man kann es den wenigen +schon stark überlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten +doch nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu +beaufsichtigen,—das alles sind Bestimmungen, die die Grenzen +des Notwendigen noch nicht einmal erreichen, und die Ergänzung +der Beschränkung der Arbeitszeit für Erwachsene und des +Trinkgelderwesens bilden müßten. Soweit die Sittlichkeit +von den Arbeitsbedingungen abhängt, wird sie durch ein Gesetz +dieses Inhalts auch nur gefördert werden. Sie darüber +hinaus "schützen" zu wollen, ist überhaupt nicht Aufgabe +der Gesetzgebung. Sie hat allein die Grundlage zu sichern, auf der +eine menschenwürdige Existenz sich aufbauen kann, und die +äußeren Bedingungen zu regeln, die die +Unabhängigkeit jedes Einzelnen zu gewährleisten +vermögen.</p> + +<p>Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat, +daß der gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen +Arbeitsgebieten durchführbar ist, so scheint sie jetzt an den +Punkt angelangt zu sein, wo die angewandte Methode nicht mehr zum +Ziele führen kann: am <i>häuslichen Dienst</i>. Die +Dienstboten stehen außerhalb der Gewerbeordnung; nur von +Neu-Südwales heißt es, daß der achtstündige +Arbeitstag auch für sie Geltung haben soll; alle übrigen +Staaten haben entweder keinerlei besondere Vorschriften, die die +häusliche Lohnarbeit regeln, oder sie besitzen sie in der Form +von Gesindeordnungen, wie Deutschland und Oesterreich. Aber auch +hierbei handelt es sich nicht um einheitliche Rechtsvorschriften, +sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen voneinander abweichende +Einzelbestimmungen—Deutschland allein zählt ihrer gegen +60—, die dadurch schon den Stempel einer überwundenen +Epoche, der die Freizügigkeit noch unbekannt war, an der +Stirne tragen; denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem +Juristen schwer fällt, kann von dem von Ort zu Ort und von +Land zu Land wandernden Dienstboten unmöglich verlangt werden. +Was sie aber in noch viel drastischerer Weise als Reste der +Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr Inhalt, der zu jeder modernen +Auffassung des Arbeitsvertrags und des Dienstverhältnisses in +scharfem Gegensatz steht.</p> + +<p>Einige Beispiele mögen das Gesagte erhärten: Nach der +deutschen Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in +die Arbeitsbücher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die +meisten Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen +über das persönliche Verhalten des Dienstboten den +Arbeitgebern zur Pflicht. Auf Grund derselben Gewerbeordnung ist +die Aufrechnung von irgend welchen Forderungen des Arbeitgebers +gegen die Lohnforderungen des Arbeiters unzulässig, die +Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugefügten Schaden +nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann sogar, +falls dieser nicht ausreicht, eine Vergütung durch +unentgeltliche Dienstleistung von ihm fordern,—eine neue Form +für die mittelalterliche Schuldknechtschaft! Auf Grund des +Bürgerlichen Gesetzbuches und des Handelsgesetzbuchs für +das Deutsche Reich kann das Dienstverhältnis von jedem Teil +ohne Einhaltung der Kündigungsfrist gekündigt werden, +wenn ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe +Recht nach den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er +mißhandelt wird mit Gefahr für Leib und Leben", wenn die +Herrschaft ihn "mit ausschweifender und ungewöhnlicher +Härte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und unmoralischen +Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt, oder die +Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die +Thüre setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause +hervorruft", "beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich +Veruntreuungen zu schulden kommen läßt", "ohne Vorwissen +und Erlaubnis nachts aus dem Hause bleibt", "seines Vergnügens +wegen ausläuft, über die erlaubte Zeit hinaus fortbleibt, +mutwillig den Dienst vernachlässigt", ja selbst "wenn ihm die +Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen +vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen, +wenn er den Dienstboten ohne Entschädigung los werden will, +während der Dienstbote erst körperliche oder moralische +Mißhandlungen nachweisen muß, um ohne Einhaltung der +Kündigungsfrist den Dienst aufgeben zu können. Der +gewerbliche Arbeiter kann gegenüber unerträglichen +Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne Kündigung verlassen, +ohne daß er sich dadurch ehrenrührige Strafen zuzieht; +der Kontraktbruch beim Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt, +und jedes Dienstmädchen, das davonläuft, kann von +uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher, wieder in die +alte Stellung zurücktransportiert werden. Um jeden Weg zur +Selbsthilfe endgültig abzuschneiden, steht das +Gesinde,—und unter dieser Bezeichnung ist in Deutschland und +Oesterreich nicht nur das häusliche, sondern auch das +landwirtschaftliche zu verstehen,—auch in Bezug auf das +verfassungsmäßig jedem Staatsbürger +gewährleistete freie Vereins- und Versammlungsrecht unter +Sondergesetzen. Das heute noch gültige Gesetz vom Jahr 1854 +bestimmt, daß das Gesinde mit Gefängnisstrafe bis zu +einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum Zweck der Erlangung +besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt, sich mit anderen +dazu verabredet, oder sie dazu auffordert.</p> + +<p>Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen +in Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des +Verhältnisses zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine +ganze Reihe von Geboten und Verboten schnüren noch +außerdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten ein, ohne +daß ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu +teil würde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige +Reden", "unfleißiges Verhalten", "ungebührliches +Benehmen" in verschiedenen deutschen Gesindeordnungen unter Strafe +gestellt. Ja selbst die Prügelstrafe kann von den Herrschaften +den Dienstboten gegenüber noch in Anwendung gebracht werden, +denn die Gesindeordnungen von Braunschweig, Pommern, Sachsen, +Reuß und Meiningen erkennen den Dienstgebern das +Züchtigungsrecht ausdrücklich zu, und in Preußen +können sie sich straflos der "Beleidigung und leichten +Körperverletzung" schuldig machen.</p> + +<p>Man hoffte, daß das Bürgerliche Gesetzbuch diesen +Bestimmungen, die das Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die +Hände liefern, ein Ende machen würde. Und es +erklärte thatsächlich, daß ein +Züchtigungsrecht der Herrschaft nicht zustehe; nur daß +diese Erklärung für die Praxis dadurch jede Bedeutung +verlor, daß Art. 95 des Einführungsgesetzes zum +Bürgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen +ausdrücklich bestehen läßt, und,—um +darüber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,—eine +preußische Ministerialverordnung folgendes bestimmte<a name= +"FNanchor_949"></a><a href="#Footnote_949"><sup>949</sup></a>: "Was +die in dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung +anbelangt, wonach dem Dienstberechtigten gegenüber dem Gesinde +ein Züchtigungsrecht nicht zusteht, so werden dadurch die in +Preußen bestehenden landesgesetzlichen Vorschriften nicht +berührt, da keine der letzteren ein solches Recht statuiert, +auch der § 77 der Gesindeordnung nicht, indem derselbe nur +geringe Thätlichkeiten der Herrschaft unbestraft +läßt, welche durch ungebührliches, zum Zorn +reizendes Betragen des Gesindes veranlaßt werden." Die +Erlaubnis zu geringen Thätlichkeiten ist also, nach der Logik +preußischer Minister, kein Züchtigungsrecht und das +Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden!</p> + +<p>Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen +Richtung der sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht, +konnte auch den Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn +man sich schon scheute, die Familienwerkstatt und den +Familiengasthofsbetrieb unter gesetzliche Regeln und gesetzliche +Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr mußte man sich davor +scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen. Jeder +Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels +95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So +beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893 +die Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895 +aber stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden +Absatzes im Bürgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der +Gesindeordnungen. Das Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit +derselben Beratung die Unterstellung des Gesindes unter die +Gewerbeordnung durchzusetzen; ein Jahr später im Plenum aber +erklärte es sich dagegen. 1897 nahm dann der Reichstag eine +Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging, und die +Regierung aufforderte, die Rechtsverhältnisse des Gesindes +reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast fünf Jahren, ist +es aber immer noch bei dem bloßen Wunsch geblieben, obwohl +inzwischen die Dienstboten angefangen haben, für ihre Rechte +einzutreten. Ihr konsequenter Vorkämpfer ist bisher allein die +sozialdemokratische Partei gewesen, die nicht nur durch ihr +Programm, das die rechtliche Gleichstellung der Dienstboten mit den +gewerblichen Arbeitern fordert, sondern durch eine Reihe dahin +zielender Anträge im Plenum des Reichstages diese notwendige +Reform durchzusetzen versuchte, vor allem für die Abschaffung +der Gesindeordnungen und des jede Organisation verhindernden +Gesetzes von 1854 eintrat. Natürlich ohne jeden Erfolg.</p> + +<p>Vorwärts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von +den Vereinigten Staaten ausging und über die skandinavischen +Länder den Weg nach Deutschland nahm, fühlten sich auch, +wie wir gesehen haben, einzelne Gruppen der bürgerlichen +Frauenbewegung zu Reformvorschlägen genötigt, die in der +Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in Bezug auf die +Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich entweder +vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen stellen. +Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete über die +Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt +insofern noch hinter ihnen zurück, als die Freigabe des +Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden, +sondern das Dienstmädchen nur zur Arbeit während dieser +Zeit nicht "verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen +Standpunkt gegenüber der Dienstbotenfrage nehmen einige +amerikanische und englische Frauenrechtlerinnen ein,—denn von +einer allgemeinen feststehenden Stellung der Frauenbewegung zu +diesem Problem ist auch hier keine Rede. Sie fordern die +Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allmählich die im +Hause wohnenden Dienstboten durch außer dem Hause wohnende +organisierte und für jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen +ersetzen sollen und glauben, daß die Ausdehnung des +Arbeiterinnenschutzes auf sie erst unter diesen Voraussetzungen +ermöglicht werden kann.</p> + +<p>Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden +Reform, aber sie haben jeder für sich nur den Wert +vorbereitender Arbeit. Erst ihre Zusammenfassung und organische +Ausbildung kann zu einer Regelung des Verhältnisses der +häuslichen Arbeiter führen. Vor allem haben wir uns auch +hier zunächst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne +bei der nüchternen Ueberlegung dem Einfluß subjektiver +Gefühle zu viel Spielraum zu gewähren. Gerade hier ist +diese Gefahr groß, denn so trivial es auch klingen mag, so +wahr ist es doch, daß der Gedanke an die Familie, an die +stillen Freuden der Häuslichkeit bei den Angehörigen der +bürgerlichen Welt eng mit dem Gedanken an die eigene +Köchin in der eigenen Küche zusammenhängt, und man +mit der Preisgabe des einen das andere zu erschüttern glaubt. +Der objektive Beobachter aber wird sich der Erkenntnis nicht +verschließen können, daß Alles—die wachsende +Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme +der Frauenerwerbsarbeit in bürgerlichen Kreisen, die sich +rapide ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals +privater, häuslicher Thätigkeiten,—eine +fundamentale Umwandlung des häuslichen Lebens vorbereitet. +Dieser Entwicklung könnte auch dann nicht mit dauerndem Erfolg +in die Zügel gefallen werden, wenn sie, wie viele behaupten +wollen, eine nur schädliche Tendenz in sich trüge. Sie +muß aber um so mehr gefördert werden, als sie +thatsächlich glücklicheren Zuständen die Wege +bahnt.</p> + +<p>Der Kreis der bürgerlichen Familie umschloß +früher den großen Hausstand mit all seinen Mägden +und Knechten; von einem intimen Zusammenleben zwischen Mann und +Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die häusliche +Atmosphäre war der Ausfluß so vieler verschiedener +Individualitäten, daß ihr Einfluß auf die Kinder +nicht als der der Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt +zusammenschrumpfte, desto mehr stieg die Möglichkeit +häuslicher Intimität, desto inniger konnten seine wenigen +Glieder sich zusammenschließen, und endlich wird die +Entwicklung auf der höheren Kulturstufe da anlangen, von wo +sie auf der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen +Familiendreieinigkeit,—Mann, Weib und Kinder. Der +Ausschluß jeden fremden Elements aus dem persönlichen +Leben des Menschen liegt aber in der Richtung der Steigerung und +Vertiefung des persönlichen Glücks. Durch ihn wird die +Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der Kinder, die sie +auch mit der Milch ihres Geistes wird nähren können. +Für die Dienstboten aber ist die Auflösung des +persönlichen Dienstverhältnisses der einzige Weg zu ihrer +Befreiung. Wir haben uns daher auch in den Dienst dieser +Entwicklung zu stellen.</p> + +<p>Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des +Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und +der Einwand, daß infolgedessen immer weniger Menschen im +stande sein würden, sich Dienstboten zu halten, verwandelt +sich in eine Befürwortung der Maßregel. Die einzelnen +Forderungen an die Gesetzgebung, die natürlich mit der +Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen müßte, lassen +sich kurz zusammenfassen: der elf- bis zwölfstündige +Arbeitstag für über Achtzehnjährige könnte den +Anfang bilden, seine Ergänzung wäre die +1-1/2stündige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und, +als Entschädigung für die halbe Sonntagsarbeit, ein +freier halber Wochentag; Ueberstunden und Extraarbeiten, die in +bestimmtem Umfang erlaubt sein müssen, wären +selbstverständlich besonders zu vergüten. Die Arbeitszeit +selbst könnte zwischen 7 Uhr früh und 9 Uhr abends zu +verteilen sein. Strenge Vorschriften in Bezug auf die +Wohnungsverhältnisse der Dienstboten müßten durch +eine energische Wohnungsinspektion und die Haftbarmachung jedes +Hauswirts noch verschärft werden.</p> + +<p>Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, daß diese +Bestimmungen unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben +würden, selbst wenn man in jedes Haus einen Inspektor setzte. +Ihre erzieherische Wirkung aber wäre um so bedeutsamer: die +Dienstmädchen würden infolge der freien Zeit, über +die sie zu verfügen hätten, der Aufklärung leichter +zugänglich sein, organisationsfähiger werden und lernen, +ihre Rechte selber zu schützen; die Hausfrauen andererseits +würden schnell genug einsehen, daß sich der Kleinbetrieb +unter solchen Umständen nicht mehr lohnt. Alle neuen +Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute infolge des +bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast unbenutzt +bleiben, würden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in +Anwendung gebracht werden. Da das aber für den Einzelhaushalt +ebenso verschwenderisch wäre, als wenn man einen elektrischen +Motor zum Antrieb eines einzigen Webstuhls anschaffte, so +würde naturgemäß allmählich der +genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte +Wirtschaftsführung die Funktionen der einzelnen Haushalte +aufsaugen. Die Dienstboten aber würden sich in freie Arbeiter +verwandeln, die ebenso wie diese in die Fabrik, in die +Zentralküchen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa die +Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre +Angestellten zu bestimmten häuslichen Verrichtungen, wie +Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und +Teppichklopfanstalten der großen Städte, wie die +Household economic Associations Amerikas werden sich infolgedessen +immer weiter verbreiten, die Zentralisierung der Heizung, der +Beleuchtung wird sich ausbilden, kurz, alles das, was jetzt oft nur +ein kümmerliches Dasein fristet, weil die Sonne der Gunst des +Publikums ihm fehlt, wird sich durch den Antrieb praktischer +Bedürfnisse rasch entwickeln. Je mehr es aber geschieht, desto +energischer kann und muß die Arbeiterinnenschutzgesetzgebung +auf die Dienstmädchen Anwendung finden. Auf einer anderen +Basis, als auf der der Loslösung des Gesindes aus dem +persönlichen Dienstverhältnis, auf eine Reform des +Gesindewesens zu rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr +losmachen, je rascher wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar +sich entwickelnden Verhältnissen anzupassen, desto +schmerzloser wird sich der allmähliche Prozeß der +Umwandlung vollziehen, wie er sich schon früher, für +viele fast unbemerkt, vollzogen hat.</p> + +<p>Die ökonomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und +Unternehmer führt mit Notwendigkeit zu den staatlichen +Maßregeln des Arbeiterschutzes. Der rechtlich freie +Arbeitsvertrag würde niemals ein faktisch freier sein, weil er +die schwächere soziale und wirtschaftliche Stellung des +Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien +Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen. +Jeder Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet für den +Unternehmer eine Einschränkung seines Verfügungsrechts +über die von ihm gekaufte Arbeitskraft und für den +Arbeiter größere persönliche Freiheit und +Sicherheit. Das Recht darauf und das Bedürfnis danach ist +für beide Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den +Frauen in Bezug auf die Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu +teil werden läßt, als den Männern, so hat das keine +prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der notwendige erste +Schritt zu allgemeiner, gleichmäßiger Regelung. Nur +soweit die Frau die Verantwortung für die Existenz und die +Gesundheit eines anderen Menschen, ihres Kindes trägt, hat sie +Anspruch auf besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung +nach, weniger als Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz +charakterisiert. Aber in dem Schutz von Leben und Gesundheit, in +der Schaffung von Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische +Existenz des Arbeiters zu einer erträglichen gestalten, +sondern auch die Grundlage zu geistiger Fortentwicklung legen +helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, die +einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie hat sich nicht +mit dem äußeren Schutz zu begnügen, vielmehr die +ernste und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen +zum Siege zu verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial +höhere Stufen erreichen kann: sie muß die Hausindustrie +und den häuslichen Dienst einer tiefgehenden Umwandlung +entgegenführen, sie muß den Großbetrieb in Gewerbe +und Handel fördern.</p> + +<p>Die Voraussetzung aber für die Wirksamkeit und den +Fortschritt des Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der +Zunächstbeteiligten an seiner Durchführung und seinem +Ausbau. Alle öffentlichen Einrichtungen und alle Gesetze, die +sie dazu fähig zu machen vermögen, sind als notwendige +Ergänzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie +bilden gewissermaßen die Vollendung der Erziehung, die nicht +darin allein besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern +ihnen die Waffen in die Hand zu geben, mit denen sie sich selber +schützen können. In diesem Sinne werden die Frauen noch +immer als kleine Kinder behandelt.</p> + +<p>Wir haben gesehen, daß die niedrige Entlohnung der +Frauenarbeit meist auf ihre geringere qualitative oder quantitative +Leistungsfähigkeit zurückzuführen ist. Es läge +demnach sowohl im Interesse der Frauen, als in dem der Männer, +denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen zu +erhöhen, d.h. ihnen eine der männlichen gleichwertige +Ausbildung zu teil werden zu lassen. Der Besuch der +<i>Fortbildungsschulen</i>, zu dem nach der deutschen +Gewerbeordnung die Kommunalbehörden lediglich die +männlichen Arbeiter verpflichten können, und der von +Reichswegen nur für männliche und weibliche +Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, müßte demnach +für alle, der Volksschule entwachsenen Mädchen +obligatorisch werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken. +Die Voraussetzung wäre, daß sämtliche Fortbildungs- +und Fachschulen, die gegenwärtig häufig wohlthätigen +Vereinen ihre Existenz verdanken und eine gründliche +Ausbildung nicht zu geben vermögen, von den Gemeinden oder dem +Staat eingerichtet und geleitet würden, wie es in Oesterreich +z.B. vielfach geschehen ist, vor allem aber, daß sie, wo es +sich nicht um spezifisch weibliche oder männliche Arbeiten +handelt, die gemeinsame Erziehung der Geschlechter +grundsätzlich durchzuführen hätten. Erst dadurch +würden die Kräfte der männlichen und weiblichen +Schüler sich aneinander messen können und die notwendige +Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie der Wettbewerb auf +gleichen Arbeitsgebieten.</p> + +<p>Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs für +Mädchen sich aus dem wachsenden Erwerbszwang von selbst +ergiebt, so ist es nur die selbstverständliche Konsequenz der +Zunahme der Lohnarbeit verheirateter Frauen, wenn nicht nur jedes +gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege steht, beseitigt, sondern +ihre <i>freie Verfügung über ihren Arbeitsertrag</i> +gesichert werden muß. Bisher ist das keineswegs der Fall; in +Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur +Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein +Vertrag, der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch +seinen Einspruch ohne Einhaltung der Kündigungsfrist +gelöst werden, in Deutschland bedarf der Ehemann dazu die +Ermächtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst der durch +eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte +persönliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem +Mann in Gütergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch +Ehevertrag ausdrücklich ausgesondert worden, so kann der Mann +ihn in Besitz nehmen und darüber verfügen; in Frankreich +und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer Stelle den Lohn +für sich einfordern. Daß dadurch unter Umständen +ganze Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Fleißes +der Mutter, bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und +Arbeitsscheue hat das Recht, den mühsam erworbenen Lohn der +Frau, durch den sie ihre Kinder ernähren wollte, zu +verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat diesen +Verhältnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die +selbständige Schließung von Arbeitsverträgen +ermöglichte und ihren Erwerb für sie sicher stellte. Der +Schutz der verheirateten Arbeiterin ist ohne diese zivilrechtliche +Ergänzung jedenfalls ein unvollständiger. Angesichts der +Entwicklung der Frauenarbeit muß sie nicht nur über ihre +Arbeitskraft frei verfügen können, sondern sich auch im +uneingeschränkten Genuß ihres Erwerbs befinden. Die +wirtschaftliche Unabhängigkeit, die dadurch geschaffen wird, +ist eine der Grundlagen für die soziale und politische +Emanzipation der Frau.</p> + +<p>Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der +sich gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt, +ist das <i>Wahlrecht zu den Gewerbegerichten</i>, denen die Aufgabe +zufällt, Streitigkeiten zwischen den selbständigen +Gewerbetreibenden und ihren Angestellten zu untersuchen und zum +Austrag zu bringen. Die Mitglieder dieser Gerichte, die Frankreich +als Conseils des prud'hommes, Italien als Collegio dei probi viri +kennt, werden in gleicher Zahl und mit gleichen Rechten von den +Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte gewählt; da es +nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter ebenso wie +männliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen und +Unternehmern ebenso häufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern +und ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor, +warum den Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den +Männern. Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt, +als es die Frauen zum aktiven Wahlrecht zuließ, Italien +gewährte ihnen auch das passive; in Frankreich stimmte die +Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der Frauen, der Senat +aber hat dem Beschluß seine Zustimmung versagt, indem er +erklärte, die Interessen der Frauen seien auf das +Familienleben zu beschränken! In Deutschland ist die Mehrheit +des Reichstags noch derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare +Thatsache der 5-1/2 Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch +immer nicht davon zu überzeugen, daß dem Familienleben +durch den Wahlzettel die geringste Gefahr droht.</p> + +<p>Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der +Frauen zu den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die +Gesetzgebung in Bezug auf das <i>Koalitionsrecht</i>. Das +preußische Vereinsgesetz und mit ihm eine ganze Anzahl von +den übrigen 26 verschiedenen deutschen Vereinsgesetzen, +verbietet "Frauen, Schülern und Lehrlingen" ausdrücklich +die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung solcher +Vereine. Das österreichische Gesetz steht auf demselben +Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche" +Ziele verfolgen, können auch weibliche Mitglieder +angehören. Durch diese Bestimmungen kennzeichnet sich das +Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung, die durch die wirtschaftliche +Entwicklung einerseits und den Fortschritt der sozialpolitischen +Gesetzgebung andererseits längst überholt wurde. Seitdem +die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb nachgeht, +und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung wurde, ist +es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme zu +verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der +wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche +Grenzlinie festzuhalten. Für die daraus folgende Verwirrung +der Begriffe liefert die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen; +Arbeiterinnenvereinen und Gewerkschaften gegenüber +erklärte sie wiederholt Fragen für politisch, und +begründete damit Auflösungen und Maßregelungen, +die, sobald sie von bürgerlichen Vereinen behandelt wurden, +unbeanstandet als wirtschaftliche passierten. Das preußische +Kammergericht sprach sich in einem Urteil sogar +folgendermaßen aus<a name="FNanchor_950"></a><a href= +"#Footnote_950"><sup>950</sup></a>: "Zu den politischen +Gegenständen im Sinne des Vereinsgesetzes gehören solche, +welche Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der +Arbeitszeit betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor +allem aber die, an der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf +Gnade und Ungnade der Willkür der Behörden +überliefert.</p> + +<p>Die Durchführung des Arbeiterschutzes aber und sein +weiterer Ausbau hängt, wie wir gesehen haben, wesentlich von +den Arbeitern und ihrer thatkräftigen Unterstützung +selbst ab, und die traurige Lage, in der vor allem die weibliche +Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten dadurch in +ihrer schrecklichen Gleichmäßigkeit erhalten, daß +den Frauen die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der +Charakter der Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die +Arbeiterin zu beschützen, nicht aber so weit, sie fähig +zu machen, daß sie sich selbst beschützen kann, kommt +nirgends so deutlich zum Ausdruck als im Vereinsrecht Deutschlands +und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt kennt Aehnliches. Von +einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die Rede sein, als bis +dieser Stein, der ihre Straße versperrt, aus dem Weg +geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber würde die bloße +Gleichstellung der Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden +Rechts nicht genügen, es müßte vielmehr ein den +modernen Verhältnissen, der Entwicklung und den +Ansprüchen der Arbeiterklasse angepaßtes, einheitliches, +neues Recht an dessen Stelle treten, das für die volle +Koalitionsfreiheit die Gewähr böte, und von dessen +unbeschränkten Genuß keine Arbeiterkategorie +auszuschließen wäre.—</p> + +<p>So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht +lediglich als eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als +ein System verschiedener gesetzlichen Maßnahmen, die +organisch ineinander greifen, und gegenseitig bedingt werden. +Sozialreform, in diesem Sinne aufgefaßt, ist nicht ein in +sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die Quintessenz +der Gesetzgebung überhaupt.</p> + +<p>Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung.</p> + +<p>Deutschland</p> + +<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, Werkstätten +der Kleider- und Wäschekonfektion, ausgenommen diejenigen, in +denen nur Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen, +Aufbereitungsanstalten, Brüche und Gruben, Zimmerplätze, +Bauhöfe, Werften, Hüttenwerke, Ziegeleien.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and +nachmittags.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1 +Stunde Mittagspause; für die, welche ein Hauswesen zu besorgen +haben und einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde.</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet.</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Auf 2 Wochen nicht über 13 Stunden täglich, im Jahr +nicht mehr als 40 Tage gestattet. Länger als 2 Wochen durch +Erlaubnis der höheren Verwaltungsbehörde, aber auch dann +dürfen 40 Tage im Jahr nicht überschritten werden. +Außerdem kann der Bundesrat für ganze Fabrikationszweige +Dispensation erteilen: für Fabriken mit ununterbrochenem +Feuer, für Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten +beschränkt sind, für Saisonindustrien.</p> +</div> + +<p><b>Nachtarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die +höhere Verwaltungsbehörde und den Reichskanzler Ausnahmen +gestattet, unter denselben Voraussetzungen wie bei den +Ueberstunden.</p> +</div> + +<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Verboten. Durch die höhere Verwaltungsbehörde und den +Bundesrat sind Ausnahmen gestattet: Bei Bedürfnisgewerben, +Saisongewerben und aus technischen Gründen, sowie bei +besonderen Notlagen oder Unglücksfällen.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitsbeschränkung:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist +ermächtigt durch besondere Verordnungen die Arbeit in +gesundheitsgefährlichen Betrieben gleichfalls zu verbieten +oder einzuschränken.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Keine.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Wöchnerinnen:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand ärztlichen Attestes +um 14 Tage verkürzt werden.</p> +</div> + +<p>Oesterreich</p> + +<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Fabriken, handwerksmäßige Betriebe, Werkstätten, +außer denjenigen, in denen nur Familienmitglieder +arbeiten.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>—</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben.</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>—</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im +ganzen nicht mehr als während 15 Wochen im Jahr.</p> + +<p>Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in +Deutschland zulässig.</p> +</div> + +<p><b>Nachtarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Nur für Fabrikbetriebe soweit Frauen über 16 Jahre alt +von 8-1/2 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in +Deutschland zugelassen, für Jugendliche auch im +Gewerbebetriebe.</p> +</div> + +<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Verboten, Ausnahmen ähnlich wie in Deutschland +gestattet.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitsbeschränkung:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen +können Arbeiten in gesundheitsgefährlichen Betrieben +gleichfalls verboten werden.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Keine.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Wöchnerinnen:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>4 Wochen. Bei Arbeiten über Tage im Bergbau 6 Wochen.</p> +</div> + +<p>Frankreich</p> + +<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Fabriken, Bergwerke, Steinbrüche, Bauplätze, +Werkstätten, außer denjenigen, in denen nur +Familienmitglieder arbeiten, und alle damit in Zusammenhang +stehenden industriellen Betriebe, öffentliche, private, +religiöse.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<p>--</p> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden. +Vom Jahre 1904 ab 10 Stunden für Fabriken, in denen +Männer und Frauen zusammen arbeiten.</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Verboten.</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>In einzelnen Industriezweigen dürfen Frauen bis 11 Uhr +abends beschäftigt werden, doch nicht öfter als +während 60 Tagen im Jahr, bei besonderen Anlässen auch +sonst noch Ausnahmen zugelassen.</p> + +<p>Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in +Deutschland zulässig.</p> +</div> + +<p><b>Nachtarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen +ähnlich wie in Deutschland zugelassen.</p> +</div> + +<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Verboten. Ausnahmen für besondere Industrien zeitweise +gestattet, doch muß als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein +anderer vollständiger Ruhetag gewährt werden.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitsbeschränkung:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Wie in Deutschland und Oesterreich.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Keine.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Wöchnerinnen:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Keine.</p> +</div> + +<p>Schweiz</p> + +<p><b>Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Fabriken, Werkstätten mit Motorbetrieb, die mehr als 5 +Personen, alle industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen, +und alle gefährlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen +beschäftigen, mit Ausnahme der Werkstätten, in denen nur +Familienmitglieder arbeiten und in denen ungefährliche Gewerbe +betrieben werden.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>—</p> +</div> + +<p><b>Arbeitszeit:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1 +Stunde Pause. Für Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, +1-1/2 Stunde.</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> a) Der jungen Leute.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>—</p> +</div> + +<p><b>Ueberstunden:</b> b) Der Frauen.</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Für nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere +Erlaubnis der Behörden gestattet.</p> + +<p>Dispensationen für ganze Fabrikationszweige wie in +Deutschland zulässig.</p> +</div> + +<p><b>Nachtarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten.</p> +</div> + +<p><b>Sonntagsarbeit:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Verboten.</p> +</div> + +<p><b>Arbeitsbeschränkung:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>Wie in Deutschland und Oesterreich.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Schwangeren:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten.</p> +</div> + +<p><b>Schutzzeit der Wöchnerinnen:</b></p> + +<div class="blockquot"> +<p>6 Wochen.</p> +</div> + +<p>[Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein +Teil. (Daten für mindestens ein weiteres Land.)]</p> + +<a name="9_2" /> +<h3>Die Arbeiterinnenversicherung.</h3> + +<p>Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte +große Errungenschaft der Arbeiterklasse, die +Arbeiterversicherung. Der Gedanke, daß der arme Arbeiter sich +vor den Wechselfällen seines Lebens auf irgend eine Weise +schützen müsse, war durchaus kein neuer: die englischen +Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich schon +früh auch nach dieser Richtung zu großartigen +Organisationen, die ihren Mitgliedern vor allem +Krankenunterstützung und Begräbnisgelder gewährten. +Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten in +ähnlicher Weise für die ihr Zugehörigen, ebenso die +modernen freien Hilfskassen, deren Anfänge bis in das +Revolutionsjahr zurückreichen. Die französischen +Societés de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen +vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen +Notfällen des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die +verschiedenen Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber +dieses ganze freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben +großen Uebel: es umfaßte immer nur einen +äußerst beschränkten Kreis von Arbeitern und +überließ gerade die Hilfsbedürftigsten der +bittersten Not. Zu ihnen gehörten aber die Frauen. Nicht nur, +daß sie schwer sich entschließen konnten, von ihrem +geringen Einkommen regelmäßige Beiträge zu den +verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie +wir schon gesehen haben, äußerst schwer zu organisieren. +Die Unverheirateten sehen die Fürsorge für Alter und +Gebrechlichkeit als überflüssig an, weil sie meinen, +daß die Ehe ihnen beides sichern wird, die Verheirateten +darben sich jeden Pfennig lieber für ihre Kinder ab. In +England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in +größerem Umfang den Friendly Societies bei oder +gründeten für sich allein selbständige freie +Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste Kasse der Art auf +Anregung der Gräfin Guillaume-Schack erst im Jahre 1884 in +Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein +derselben Art, während seine Unterstützungs- und +Versicherungsvereine entweder nur wenige weibliche Mitglieder +hatten oder sie sogar statutenmäßig ausschlossen. Nur in +Bezug auf Witwenunterstützung geschah hie und da etwas +Nennenswertes für die Frauen.</p> + +<p>Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung für alle +Arbeiter, wie er sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher, +vom Standpunkt der weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein +außerordentlich fruchtbarer. Daran ändert die für +die Geschichte der Arbeiterversicherung bezeichnende Thatsache +nichts, daß ihre Urheber, wie es die kaiserliche Botschaft +vom 17. November 1881 erklärte, die Schaffung der +Arbeiterversicherung lediglich als eine Ergänzung zur +"Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des +Sozialistengesetzes, betrachteten.</p> + +<p>Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die +Unfallversicherung und schließlich die Alters- und +Invaliditätsversicherung eingeführt. Oesterreich, +Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel +Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so +weit auszudehnen.</p> + +<p>Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die +Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende +Tabelle.</p> + +<p>Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische +Arbeiterversicherung in Deutschland, dem Mutterland der Idee, am +ausgiebigsten zur Durchführung gekommen. Aber wie es bei der +Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen jeglichen Vorbilds und der +Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen nicht anders +möglich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an Mängeln +sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich +ihrer Ausdehnung.</p> + +<p>Zuerst wurde die <i>Krankenversicherung</i> geordnet und +für Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer +obligatorischen gemacht. So segensreich sie sich aber auch im +Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie selbst als private und +freiwillige Versicherung nur für kleine Gruppen von Arbeitern +existierte, so stellte sie sich doch bald als unzulänglich +heraus. Eine ihrer schwächsten Seiten ist die Frage der +Geldunterstützung. Wenn eine kranke Arbeiterin +wöchentlich zwischen 4 und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der +Lohnausfall für die Familie natürlich nicht gedeckt, noch +weniger aber ist sie in den Stand gesetzt, sich gehörig zu +pflegen und gut zu ernähren. Dazu kommt, daß die +schlecht bezahlten, überanstrengten Kassenärzte sie nur +schablonenhaft behandeln können, und diesen dabei in jeder +Hinsicht die Hände gebunden sind, weil die +Kassenvorstände Verordnungen von Milch, Bädern, Wein etc. +der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines +Erachtens müßte das Krankengeld bis zur Höhe des +vollen Lohnes erhoben werden können, vor allem aber +müßte die Krankenhauspflege in erweitertem Maße +als bisher in Anwendung gebracht werden.</p> + +<p>Diese Forderung stößt zunächst auf den +Widerstand der Arbeiterinnen selbst und man pflegt sich nicht genug +darüber zu empören, daß sie sich so energisch gegen +die Aufnahme im Krankenhaus sträuben. Wer aber einmal die +Säle und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich +erzählen ließ, wie Frauen und Mädchen zu +Studienzwecken einer ganzen Reihe von Studenten sich darbieten +müssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche Arbeiterin an +das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren +Stöhnen und Jammern ihre Nächte zu qualvollen macht, +zurückdenkt, der wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus +berechtigt finden. An der Reorganisation der Krankenhäuser und +der Krankenpflege muß daher der Hebel angesetzt werden, +sollen sie wirklich der arbeitenden Bevölkerung zum Heil +gereichen.</p> + +<p>Die Krankenkassen haben aber auch nächst der Sorge für +die Erkrankten die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die +Möglichkeit hierzu zu gewinnen, müßten sie +zunächst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder kennen lernen +und im Auge behalten, was einerseits durch enge Fühlung mit +den Gewerkschaften unterstützt werden könnte, +andererseits dadurch am leichtesten geschähe, daß ihnen +das Recht zustände, Sanitäts- oder Wohnungsinspektoren +männlichen und weiblichen Geschlechts zu erwählen. Die +Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre +Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen +gemacht. Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider +überall mangelt, könnte durch diese Organe der +Krankenkassen verbreitet werden. Oft genügt ja ein +verständiger Wink, um arme Arbeiterfrauen über +Kinderpflege und Ernährung, über Lüftung, +Alkoholgenuß etc. aufzuklären. In den weitaus meisten +Fällen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von +Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschläge und +Arzneien nichts helfen können, aber wenigstens sollte versucht +werden, die Kinder von diesen Einflüssen einigermaßen +frei zu machen: die Einrichtung von Ferienaufenthalten, die +Gründung von Kinderasylen wäre eine weitere Aufgabe der +Krankenkassen, deren Thätigkeitskreis sich mit Erfolg nach +allen Richtungen erweitern ließe. Eine vernünftige +Regierung sollte ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen +nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Verwaltung der +Krankenkassen könnten in Deutschland die Arbeiterinnen +gewinnen, wenn sie eines der wenigen Rechte, das sie besitzen, das +aktive und passive Wahlrecht für die +Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher +benutzen wollten. Es wäre das zugleich eine Erziehung zum +besseren Verständnis öffentlicher Angelegenheiten.</p> + +<p>Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger, +als die Krankenkassen auch die Trägerinnen der +Wöchnerinnenunterstützungen sind. Der ganze +Wöchnerinnenschutz wäre eine Phrase oder eine +Grausamkeit, wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu +gleicher Zeit mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die +deutsche Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen +ähnlicher Art im Auslande, haben die Bestimmung getroffen, +daß Wöchnerinnen bis auf die Dauer von sechs Wochen +durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit mindestens sechs +Monaten angehören, eine Geldunterstützung erhalten +müssen, die mindestens die Hälfte, oder auch bis zu drei +Viertel des durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze +Halbheit der Maßregel ist auf den ersten Blick einleuchtend. +Schon unter normalen Verhältnissen reicht der volle Lohn der +Arbeiterin nicht aus, um die notwendigsten Bedürfnisse zu +decken, wie viel weniger kann die Hälfte oder drei Viertel +davon sich als genügend erweisen, wenn nicht nur die +Wöchnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll. +Ist schon eine größere Familie vorhanden, für die +gesorgt werden muß, so wird der Wöchnerinnenschutz und +die Wöchnerinnenversicherung völlig illusorisch, weil die +geringe Unterstützung nicht dazu ausreicht, für die +Führung des Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme +Mutter gezwungen ist, so schnell als möglich das Bett zu +verlassen, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Das ist um so +häufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt sind, die +Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der +Wöchnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im +Sinne des Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als +Krankheit, und freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den +Kranken zugesichert. Die völlige Unzulänglichkeit der +Wöchnerinnenversicherung ist im wesentlichen auf ihre +Verquickung mit der Krankenversicherung zurückzuführen, +mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde nichts zu +thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf +längstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder +entsprechende Behandlung im Krankenhaus gewährt, die ferner +berechtigt ist, die Krankenunterstützung bis auf ein Jahr zu +verlängern, oder die Kranken in Reconvalescentenheimen +unterzubringen, ging bei der Festsetzung der Höhe der +Geldunterstützung von der Rücksicht auf eine +mögliche starke Zunahme der Simulanten aus und sah sich +deshalb verhindert, über den üblichen Lohn hinauszugehen, +oder ihn auch nur zu erreichen.</p> + +<p>Diese Besorgnis fällt bei der Frage der +Wöchnerinnenunterstützung fort. Trotzdem sie nun aber +eine, wie wir gesehen haben, völlig ungenügende ist, +belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den +Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im +Jahre 1900 die Einnahmen pro Kopf der männlichen Mitglieder um +6,09 Mk. höher als die Ausgaben, während die Ausgaben pro +Kopf der weiblichen Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk. +überstiegen. Die Ursache hiervon liegt nun zwar wesentlich in +der allgemeinen traurigen Lage der weiblichen Arbeiter, zum +großen Teil aber auch in der Vernachlässigung und +mangelhaften Pflege der Schwangeren und Wöchnerinnen, die +zahllose Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die +Kassen auf der einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen +wieder zu. Der Schutz der Frau als Mutter stellt an die +Versicherungsgesetzgebung so weitreichende Anforderungen, daß +sie im Rahmen der Krankenversicherung unmöglich erfüllt +werden können. Sie müßten einer besonderen +<i>Mutterschaftsversicherung</i> übertragen werden.</p> + +<p>Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher +müßte der Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz +stellen und allen bedürftigen Müttern des Volks die beste +Pflege in weitestem Maße zusichern. Dazu gehört eine +Geldunterstützung während vier Wochen vor und acht Wochen +nach der Entbindung in der vollen Höhe des durchschnittlichen +Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie Wochenpflege +einschließlich der Pflege des Säuglings und der Sorge +für den Haushalt, die Errichtung von Asylen für +Schwangere und Wöchnerinnen und von Entbindungsanstalten, +eventuell auch die Errichtung von Krippen, wie wir sie im Interesse +der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel hierzu +müßten, neben den Beiträgen der Versicherten, aus +einer allgemein zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht +die Unverheirateten und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen +werden könnten. Das entbehrt nicht eines komischen +Beigeschmacks, weil es an die Hagestolzensteuer erinnert, die +vielfach gewissermaßen als Strafe für das Ledigbleiben +vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten Hintergrund, da +die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen +Verhältnissen thatsächlich ein weit sorgenloseres Leben +führen, als die Verheirateten und Kinderreichen.<a name= +"FNanchor_951"></a><a href="#Footnote_951"><sup>951</sup></a> +Jedenfalls sollte die Frage der Aufbringung der Mittel bei einer +Sache von so weittragender Bedeutung keine Rolle spielen. Ein Blick +auf die Proletarierinnen und ihre Kinder müßte +genügen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden +Maßregel jedem vor Augen zu führen, daß sie noch +nirgends in der hier befürworteten Ausdehnung zur +Durchführung kam, beruht einmal auf der Neuheit des ganzen +Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und +Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre +persönlichen Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu +bringen.</p> + +<p>Auf die Krankenversicherung folgte die Einführung der +<i>Unfallversicherung</i>, die in Deutschland, Oesterreich, der +Schweiz, Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von +den Unternehmern aufgebracht, und hat daher den großen +Vorteil gehabt, zur Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen +und so die Unfälle möglichst zu verhüten. Da aber +der Begriff der Betriebsunfälle durchaus kein feststehender +ist und auch ihre "vorsätzliche" Herbeiführung, die die +Entschädigung ausschließt, sich nicht immer mit +unbedingter Sicherheit feststellen läßt, die Renten +überdies ganz unzureichende sind, so werden ihre Vorteile +dadurch erheblich eingeschränkt. Das gilt in noch höherem +Maße für die <i>Invaliditäts- und +Altersversicherung</i>.</p> + +<p>Deutschland gebührt der Ruhm den wahrhaft großen +Gedanken, den Arbeiter, der im Dienst der Allgemeinheit seine +Arbeitskraft verlor oder ein Alter erreichte, das ihm Ruhe +gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu lassen, sondern ihm +das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen. Nur traurig, +daß die praktische Ausführung des Gedankens so weit +hinter dem Ideal zurückblieb. Zunächst hat nur derjenige +auf Invalidenrente Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner +normalen Erwerbsfähigkeit besitzt. Eine Arbeiterin also, die +in gesunden Zeiten etwa 700 Mk. jährlich zu verdienen +vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk. verdienen +kann,—denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch +jahrelanges Maschinennähen ihre Arbeitskraft soweit +einbüßen,—hat, auch wenn sie dem +größten Elend gegenübersteht, keinerlei Anspruch +auf eine Rente. Sie muß nach wie vor, sei es durch Betteln +oder durch die Schande der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich +zu verschaffen suchen, wenn sie nicht verhungern will. Ist aber +ihre Erwerbsfähigkeit so weit vermindert, daß sie zum +Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so ist sie dadurch weder +von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um +Armenunterstützung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten +betragen nämlich:</p> + +<table border="1" align="center" summary=""> +<tr> +<th rowspan="3">Nach Beitragswochen</th> +<th colspan="5">In Lohnklasse</th> +</tr> + +<tr> +<th>I</th> +<th>II</th> +<th>III</th> +<th>IV</th> +<th>V</th> +</tr> + +<tr> +<th>Mk.</th> +<th>Mk.</th> +<th>Mk.</th> +<th>Mk.</th> +<th>Mk.</th> +</tr> + +<tr> +<td align="center">200</td> +<td>116</td> +<td>132</td> +<td>146</td> +<td>160</td> +<td>174</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">300</td> +<td>119</td> +<td>138</td> +<td>154</td> +<td>170</td> +<td>186</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">500</td> +<td>125</td> +<td>150</td> +<td>170</td> +<td>190</td> +<td>210</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1000</td> +<td>140</td> +<td>180</td> +<td>210</td> +<td>240</td> +<td>270</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">1500</td> +<td>155</td> +<td>210</td> +<td>250</td> +<td>290</td> +<td>330</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">2000</td> +<td>170</td> +<td>240</td> +<td>290</td> +<td>340</td> +<td>390</td> +</tr> + +<tr> +<td align="center">2500</td> +<td>185</td> +<td>270</td> +<td>330</td> +<td>390</td> +<td>450</td> +</tr> +</table> + +<p>Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenlöhne wird die dritte +Lohnklasse (550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im +allgemeinen die höchste sein, für die Einzahlungen durch +die Frauen geleistet werden können. Und nach fünfzig +arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330 Mk. erreicht! Wie +aber, wenn die Invalidität früher und für +Angehörige einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein +armes, vom Kampf ums Dasein vorzeitig zerriebenes Geschöpf mit +116, 150, 220 Mk. leben können?! Man hat bei der Festsetzung +der Invalidenrente vielfach gefürchtet, die Arbeiter +würden den Empfang dieses Goldregens gar nicht abwarten wollen +und sich auf alle Weise die erforderliche Invalidität +künstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese Sätze wird +das selbst der ärmsten Näherin nicht einfallen. Man +glaubte ferner darauf Rücksicht nehmen zu müssen, +daß durch die Gewährung der Renten nicht etwa die +Verpflichtung der Familienangehörigen, sich gegenseitig zu +unterstützen, aufgehoben würde, und hat nicht daran +gedacht, daß die Möglichkeit dazu in der +Arbeiterbevölkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es +um die Altersrenten. Siebzig Jahre muß die Arbeiterin alt +werden, ehe sie auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat +sie das Glück, bei ihren Kindern wohnen zu können, so +bedeutet die Summe immerhin eine erfreuliche Erleichterung für +die meist trostlose Abhängigkeit der Alten von den Jungen, +steht sie allein, so genügt sie auch nicht, um davon in irgend +einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing +ihr Leben an, mit Darben und Betteln hört es auf.</p> + +<p>Ein für die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig, +dessen erste schüchterne Ansätze im deutschen +Versicherungswesen zu finden sind, ist die <i>Witwen- und +Waisenversorgung</i>. Während auf Grund der +Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht +und die Invalidenversicherung zur Rückerstattung der +Hälfte der für den verstorbenen Versicherten gezahlten +Markenbeiträge an die Witwe oder die Waisen verpflichtet +ist,—eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk. +beträgt,—gewährt die Unfallversicherung ihnen eine +Rente bis zu 60% des Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz, +der um so mehr als billig anerkannt werden muß, als er durch +die etwaige Erwerbsfähigkeit der Witwe nicht geschmälert +werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in den Genuß der +Rente gelangen, ist ein äußerst geringer. Die +große Masse der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und +hat, nach dem Tode des Haupternährers, unter den schwierigsten +Umständen für sich selbst zu sorgen. Zu dem notwendigsten +Ausbau der Arbeiterversicherung würde daher eine allgemeine +Witwen-und Waisenversicherung gehören, die durch allgemeine +Steuern gedeckt werden müßte. Es scheint mir wenigstens +eine selbstverständliche Forderung zu sein, daß die +gesamte Gesellschaft überall dort einzutreten hat, wo die +Interessen der Kinder, auf denen die Zukunft des Staates beruht, +auf dem Spiele stehen.<a name="FNanchor_952"></a><a href= +"#Footnote_952"><sup>952</sup></a></p> + +<p>Krankheit und Unfall, Erwerbsunfähigkeit und Alter sind +aber nicht die einzigen finsteren Mächte, die das durch +niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen schon genug +gefährdete Leben der Arbeiterin bedrohen. Denn selbst auf die +Zeiten gewinnbringender Thätigkeit fällt verdüsternd +der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder +gerät, der <i>Arbeitslosigkeit</i>. Die Gewalt, die sie +besitzt, der Schrecken, den sie verbreitet, ist zuerst von den +Gewerkschaften anerkannt worden; durch Unterstützung der +arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis für sie suchten +sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der Verband der +Gewerkschaften,—die Confédération +générale du Travail,—und der Verband der +Arbeitsbörsen,—die Föderation des Bourses du +Travail,—die sich um die Organisation der Stellenvermittlung +verdient gemacht haben. Der Gedanke aber, daß die +Arbeitsvermittlung eine öffentliche Angelegenheit von +höchster Wichtigkeit ist und daher vom Staat und von den +Kommunen geregelt werden müsse, hat sich erst seit kurzem +Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die +durch Gründung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten +Beispiel vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem +süddeutsche Städte, die sich schließlich zu einem +"Verband deutscher Arbeitsnachweise" untereinander verbunden haben, +um eine noch regere Arbeitsvermittlung zu ermöglichen.<a name= +"FNanchor_953"></a><a href="#Footnote_953"><sup>953</sup></a> Mit +Unterstützung der Arbeitsbörsen hat der französische +Handelsminister die Einrichtung eines Zentralarbeitsnachweises +unternommen, der die Bestimmung hat, alle Börsen miteinander +in Verbindung zu bringen, also ungefähr dasselbe Ziel +verfolgt, wie der deutsche Verband. Für die brennende Frage +der Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von +größter Bedeutung und diejenigen, die sie am +nächsten angeht, müßten sie besonders lebhaft +unterstützen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation +des Arbeitsnachweises kann zu ersprießlichen Resultaten +führen, kann zu einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen +und Angebot und Nachfrage, soweit es möglich ist, miteinander +in Einklang bringen. Die notwendige Voraussetzung dafür aber +ist die völlige Unterdrückung der privaten +Stellenvermittlung. Sie ist, besonders für die Arbeiterin, +eine Quelle der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher +Fäulnis. Von ihrer Vernichtung sollte man sich nicht durch +sentimentale Rücksichten auf die Inhaber der privaten Bureaus +abhalten lassen, die, soweit sie sich tüchtig genug erwiesen +haben, im Bureaudienst der öffentlichen Vermittlung vielfache +Verwendung finden können. Vor allem die arbeitsuchenden Frauen +werden, bei der Beschränktheit ihres Gesichtskreises und ihrer +Scheu vor jeder Berührung mit Organen der öffentlichen +Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern aller +Art in die Hände fallen, und niemals zum Genuß +kommunaler oder staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine +private Vermittlung daneben besteht. Daß diese Forderung +keine utopische ist, beweist nicht nur die uns etwas weit +abliegende und daher schwer kontrollierbare staatliche +Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen +Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der +französischen Kammer angenommene Gesetz, das die +allmähliche Beseitigung der privaten Stellenvermittlung zum +Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von unentgeltlichen +Arbeitsnachweisen über das ganze Land verbreiten will. Ob der +Senat es bestätigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. +Seine Durchführung würde jedenfalls für die ganze +Frage des Arbeitsnachweises einen großen Fortschritt +bedeuten.</p> + +<p>Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis könnte die +Arbeitslosigkeit nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das +Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ganz ohne +Einfluß bleiben wird. Je mehr der Saisoncharakter der +Industrien sich entwickelt, desto häufiger werden die Arbeiter +wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede +wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der +Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in +erweitertem Maße durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei +aber vor allem die Männer Berücksichtigung finden. Wo man +den Frauen helfen wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch +Einführung von Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie +mit der Anfertigung von Kinderkleidern beschäftigt, die in +kleineren Geschäften ihre Abnehmer fanden. Als ausreichend +erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends. Die Versicherung +gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit muß daher die +Ergänzung des geregelten Arbeitsnachweises sein.</p> + +<p>Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den +ersten Anfängen stecken geblieben, wie die fakultativen +Winterversicherungen der Städte Bern und Köln, oder +völlig fehl geschlagen, wie die obligatorische allgemeine +Versicherung von St. Gallen. Diese Mißerfolge auf einem so +schwierigen Gebiet dürften Sozialpolitiker und Gesetzgeber +aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, +um die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der +Armenpflege und der Privatwohlthätigkeit zu +überlassen.</p> + +<p>Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum +mindesten darauf, daß der Begriff des Almosens durch sie +immer mehr eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an +Boden gewinnt, daß jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner +Existenz ein Anrecht hat. Um ihn zum herrschenden zu machen, bedarf +es aber nicht nur der Versicherung gegen jede drohende Not und +Gefahr, sondern vor allem der Ausdehnung der Zwangsversicherung auf +das ganze Volk, zunächst wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie +es durch die deutsche Invaliditätsversicherung bereits +geschehen ist. Diese Ausdehnung würde neben den direkten +Vorteilen, indirekte von großer Tragweite mit sich +führen. So wäre sie eines der Mittel, die Heimarbeit +einzuschränken, da der Unternehmer, der die Heimarbeiter +versichern muß, weniger Ersparnisse als bisher durch ihre +Beschäftigung machen und der Zwang zur Unfallversicherung ihn +geneigter machen dürfte, eigene Werkstätten einzurichten. +Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung haben ihre +Wirkungslosigkeit überall erwiesen. Hat doch z.B. die Berliner +Hausindustrie, deren traurige Zustände durch eine Reihe von +Untersuchungen und nicht zuletzt durch den großen +Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein +Jahrzehnt warten müssen, ehe auch nur die Krankenversicherung +auf sie ausgedehnt wurde. Und die Dienstboten, für die zwar +die Herrschaften auf die Dauer von 6 Wochen zur Verpflegung und +ärztlichen Behandlung,—sofern nicht "grobe +Fahrlässigkeit" die Krankheitsursache ist,—verpflichtet +sind, spüren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar +nichts.</p> + +<p>Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung.</p> + +<p>Deutschland</p> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Zwangsversicherung: für Arbeiter und Angestellte in Gewerbe +und Handel.</p> + +<p>Statutarisch: für Landwirtschaft und Hausindustrie.</p> + +<p>Freiwillig: für Dienstboten.</p> +</div> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freie ärztliche Behandlung und Arznei längstens +für 13 Wochen oder Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu +legenden Lohns. Wochenbettunterstützung: bis auf die Dauer von +6 Wochen. Sterbegeld: das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns +(letzteres beides nur durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder +Innungskassen). Rekonvalescentenfürsorge bis auf die Dauer +eines Jahrs.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Zwangsversicherung für: Arbeiter und Betriebsbeamte in +Gewerbe und Landwirtschaft. Statutarisch: für Betriebsbeamte +mit Jahresgehalt über 2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe +und Landwirtschaft. Freiwillig für Unternehmer und nicht +versicherungspflichtiges Personal.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder +freie Anstaltspflege nebst Angehörigenrente von der 13. Woche +an bis 60% des Jahreslohns. Sterbegeld in der Höhe des +zwanzigfachen Tagelohns, Hinterbliebenenrente bis 60% des +Jahreslohns. Schadenersatz bei Verletzungen.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Zwangsversicherung für alle Lohnarbeiter und Angestellte. +Durch Beschluß des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer +und Hausindustrielle.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freie Kur nebst Angehörigenunterstützung zur +Verhütung der Invalidität. Beitragserstattung bei Tod +oder Heirat. Nach vollendetem 70. Lebensjahr eine Altersrente nach +Lohnklassen abgestuft von 110 bis 230 Mk. jährlich. Nach +eingetretener Invalidität eine nach der Zahl der +Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren unterste +Grenze 116,40 Mk. beträgt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50 +Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen +kann.</p> +</div> + +<p>Oesterreich</p> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte im +Gewerbe.</p> + +<p>Freiwillig: für Landwirtschaft und Hausindustrie.</p> +</div> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Wie in Deutschland aber: Unterstützungsdauer bis zu 20 +Wochen. Krankengeld 60% des ortsüblichen Lohns.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Zwangsversicherung für Arbeiter und Betriebsbeamte in der +Industrie, im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der +Landwirtschaft. Freiwillig für Unternehmer und nicht +versicherungspflichtiges Personal.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab. +Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld. +Schadenersatz wie in Deutschland.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Zwangsversicherung nur für Bergarbeiterinnen, Witwen- und +Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in +Vorbereitung.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>—</p> +</div> + +<p>Frankreich</p> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige.</p> +</div> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis +66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns für +Hinterbliebene. Begräbniskosten.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig für alle Staatsbürger, Zwangsversicherung +in Vorbereitung.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Altersrente für mindeste Fünfzigjährige; +Invalidenrente für Erwerbsunfähige, Beitragserstattung im +Todesfall.</p> +</div> + +<p>Großbritannien</p> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig für Arbeiter aller Berufszweige.</p> +</div> + +<p><b>Krankenversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig für Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe. +Haftpflichtgesetz.</p> +</div> + +<p><b>Unfallversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder +Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen, +Jahreslohn an die Hinterbliebenen.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Umfang:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Freiwillig für alle Staatsbürger.</p> +</div> + +<p><b>Invaliden- und Altersversicherung</b>: Leistungen:</p> + +<div class="blockquot"> +<p>Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk.</p> +</div> + +<a name="9_3" /> +<h3>Die Grenzen der Gesetzgebung.</h3> + +<p>Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung +aller Länder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus +denen sie hervorwächst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren +ersten Anfängen fast unbewußt, gegenwärtig aber mit +vollem Bewußtsein geführten Interessenkampfes zwischen +der Arbeiterklasse und der Klasse der Unternehmer. Der Ursprung +dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen Produktionsweise +selbst, die jene beiden Klassen,—die Besitzer der +Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf +der anderen Seite,—zur Voraussetzung hat. Aus den +verschiedenen Phasen des Kampfes, aus den Schwankungen der +Machtverhältnisse der Kämpfenden, erklären sich die +unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und seine tastenden +Versuche nach allen Richtungen hin. Das Übergewicht aber, das +die Unternehmer besitzen, kommt in der äußerst +mangelhaften Durchführung der geltenden Gesetzgebung zu +drastischem Ausdruck.</p> + +<p>Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die +unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen +Fortschrittes gelegen ist, wächst die Masse des Proletariats, +d.h. der von den Unternehmern abhängigen Lohnarbeiter, bringt +beide Geschlechter mehr und mehr in eine übereinstimmende +Klassenlage und verstärkt infolgedessen ihre Macht und ihren +Einfluß. Die Weiterentwicklung der sozialpolitischen +Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in +größerem Maß als bisher der rücksichtslosen +Geltendmachung kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das +Abhängigkeitsverhältnis der Arbeiter von den Unternehmern +mildern, aber darüber hinaus wird ihre Wirksamkeit sich selbst +dann nicht erstrecken können, wenn sie ihre Aufgaben in +weitestem Maße zu erfüllen im stande wäre. Nehmen +wir an, die Arbeitszeit wäre so niedrig als möglich +festgesetzt, ein Minimallohn gesichert, die Koalitionsfreiheit +gewährleistet, durch staatliche Versicherung die traurigen +Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit beseitigt, +so bliebe als ungelöster Rest der Ausgangspunkt der +Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine Folge, die +Abhängigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische +Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die +wirtschaftlichen Krisen, auf denen die Unsicherheit der +proletarischen Existenz beruht.</p> + +<p>Wenn somit auch die optimistische Anschauung des möglichen +Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit +anerkennen muß, und ich selbst außer stände war, +in meinen Forderungen über bestimmte Grenzen hinauszugehen, +weil sie an den gegebenen Machtverhältnissen eine Schranke +fänden, so werden sie sich in Wirklichkeit noch viel enger +gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert nicht zuletzt an dem +Problem der Frauenarbeit.</p> + +<p>Wir wissen, daß die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu, +allen Zeiten in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer +gegenwärtigen Form ein Produkt der großindustriellen +Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit unverrückbarer +Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr dem +Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in +steigendem Maße auf alle Frauen, auch auf die verheirateten, +auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir +die Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer +mütterlichen Kräfte, der Fähigkeit, gesunde Kinder +zur Welt zu bringen und sie zu nähren, in dem frühen +Altern ausdrückt, die Degeneration der Kinder, die in ihrer +höheren und früheren Sterblichkeit, ihrer Schwäche +und Kränklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als +unausbleibliches Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die +Prostitution entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue +Erscheinung ist, in dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des +Erwerbes eines supplementären Lohnes für ganze Schichten +der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die moderne Frauenarbeit +selbst, das Ergebnis der kapitalistischen Produktionsweise. Das +beweist, mehr als irgend etwas anderes, die Thatsache, daß +wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in innigem +Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen +Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches +Moment genährt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte, +wie die unsere: die Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit +der Unternehmerklasse auf die in Armut und Abhängigkeit +lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der Reichtum früherer +Zeiten zog sich vornehm in Paläste und Patrizierhäuser +zurück, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz +der Kaufhäuser, der Pracht der Hotels, er wird in den +Luxuszügen und Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt +verbinden, in den Modebädern und durch die Presse mit allen +Mitteln der Vervielfältigungskunst den Massen vor Augen +geführt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur Prostitution +zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser +Verführungskünste den armen Mädchen Glück und +Freiheit vor.</p> + +<p>Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen +Problemen. Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und +Kinder abzuschwächen, wie sie durch Herabsetzung der +Arbeitszeit, Sicherung von Minimallöhnen, Auflösung der +Heimarbeit, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit den +äußeren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer +Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter +nicht wiedergeben und kann nicht verhindern, daß die Frau, um +die Not zu lindern, ihren Körper verkauft, wie ihre +Arbeitskraft.</p> + +<p>Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit +voller Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist. +Je weiter die kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto +schwieriger wird die Lösung ihres Sphinxrätsels. Desto +entschiedener aber wird auch die Frauenarbeit nicht nur zu seiner +Lösung hindrängen, sondern sie auch vorbereiten helfen. +Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der Produktionsweise +zu verdanken, sie trägt alle Elemente in sich, diese +Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an +einem ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann +und Weib und Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei +keinem der historischen Klassen- und Machtkämpfe geschehen +ist. Das konservativste Element in der Menschheit, das weibliche, +wird zur Triebkraft des radikalsten Fortschritts.</p> + +<p>Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische +Wirtschaftsordnung nicht bestehen und wird immer weniger ohne sie +bestehen können. Die Frauenarbeit aber untergräbt die +alte Form der Familie, erschüttert die Begriffe der +Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der bürgerlichen +Gesellschaft aufbaut, und gefährdet die Existenz des +Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mütter sind. Will +die Menschheit schließlich nicht sich selbst aufgeben, so +wird sie die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben +müssen.</p> + +<p>Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem +Ziel. Und das ist ihre größte, wenn auch unbeabsichtigte +Aufgabe. Sie macht die Männer und Frauen der +Lohnarbeiterklasse fähig, sich ihres solidarischen +Zusammenhanges bewußt zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle +der Almosen und zerstört den unterwürfigen +Sklavencharakter, der die Arbeiter der vorkapitalistischen Zeit +noch kennzeichnete. Sie schweißt die Massen noch fester +zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine Interessen +gegen die ihren ausspielt.</p> + +<p>So wirkt, bewußt und unbewußt, alles zusammen, um an +Stelle der alten Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager +spaltete, eine neue aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der +ökonomischen Unabhängigkeit Platz machen, in der die +Arbeit der Frau sie nicht schädigen und schänden, sondern +zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der sie ihre +höchste Bestimmung erfüllen kann, wie nie zuvor, und ein +starkes, frohes Geschlecht dafür zeugen wird, daß ihm +die Mutter niemals fehlte.</p> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Anmerkungen" />Anmerkungen:</h2> + +<a name="Footnote_1"></a><a href="#FNanchor_1">[1]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10.</p> +</div> + +<a name="Footnote_2"></a><a href="#FNanchor_2">[2]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K. Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. +Tübingen 1898, S. 13.</p> +</div> + +<a name="Footnote_3"></a><a href="#FNanchor_3">[3]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart +1887, II. Bd. S. 23 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_4"></a><a href="#FNanchor_4">[4]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_5"></a><a href="#FNanchor_5">[5]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bücher, a.a.O., S., 14 u. 37.</p> +</div> + +<a name="Footnote_6"></a><a href="#FNanchor_6">[6]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S. +28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_7"></a><a href="#FNanchor_7">[7]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage. +Stuttgart 1896, S. 52 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_8"></a><a href="#FNanchor_8">[8]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition privée de la +femme. Paris 1885, S. 37.</p> +</div> + +<a name="Footnote_9"></a><a href="#FNanchor_9">[9]</a> + +<div class="note"> +<p>Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide, +a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_10"></a><a href="#FNanchor_10">[10]</a> + +<div class="note"> +<p>Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen Übersetzung des Sir +W. Jone ins Deutsche übertragen von Th. Chr. Hüttner. +Weimar 1797, S. 74 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_11"></a><a href="#FNanchor_11">[11]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Buch Mose, 16. Kapitel.</p> +</div> + +<a name="Footnote_12"></a><a href="#FNanchor_12">[12]</a> + +<div class="note"> +<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325.</p> +</div> + +<a name="Footnote_13"></a><a href="#FNanchor_13">[13]</a> + +<div class="note"> +<p>5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10.</p> +</div> + +<a name="Footnote_14"></a><a href="#FNanchor_14">[14]</a> + +<div class="note"> +<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315.</p> +</div> + +<a name="Footnote_15"></a><a href="#FNanchor_15">[15]</a> + +<div class="note"> +<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318.</p> +</div> + +<a name="Footnote_16"></a><a href="#FNanchor_16">[16]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Legouvé, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_17"></a><a href="#FNanchor_17">[17]</a> + +<div class="note"> +<p>Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355.</p> +</div> + +<a name="Footnote_18"></a><a href="#FNanchor_18">[18]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide.</p> +</div> + +<a name="Footnote_19"></a><a href="#FNanchor_19">[19]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_20"></a><a href="#FNanchor_20">[20]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Platos Gastmahl in der Übersetzung von Schleiermacher. +Berlin 1824, S. 416.</p> +</div> + +<a name="Footnote_21"></a><a href="#FNanchor_21">[21]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II.</p> +</div> + +<a name="Footnote_22"></a><a href="#FNanchor_22">[22]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. Übersetzt von +Kämpf. S. 167.</p> +</div> + +<a name="Footnote_23"></a><a href="#FNanchor_23">[23]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. über die Stellung der griechischen Frauen den Artikel +On femal society in Greece im 22. Band der Saturday Review und +Rainneville, La femme dans l'antiquité. Paris 1865.</p> +</div> + +<a name="Footnote_24"></a><a href="#FNanchor_24">[24]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798.</p> +</div> + +<a name="Footnote_25"></a><a href="#FNanchor_25">[25]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. Übersetzt von +Dr. H. Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_26"></a><a href="#FNanchor_26">[26]</a> + +<div class="note"> +<p>Platos Staat, übersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S. +274 u. 281.</p> +</div> + +<a name="Footnote_27"></a><a href="#FNanchor_27">[27]</a> + +<div class="note"> +<p>Plato, a.a.O., S. 281.</p> +</div> + +<a name="Footnote_28"></a><a href="#FNanchor_28">[28]</a> + +<div class="note"> +<p>Plato, a.a.O., S. 283.</p> +</div> + +<a name="Footnote_29"></a><a href="#FNanchor_29">[29]</a> + +<div class="note"> +<p>Plato, a.a.O., S. 282.</p> +</div> + +<a name="Footnote_30"></a><a href="#FNanchor_30">[30]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Aristoteles' Politik, übersetzt von Garve. Breslau +1799, S. 38.</p> +</div> + +<a name="Footnote_31"></a><a href="#FNanchor_31">[31]</a> + +<div class="note"> +<p>Aristoteles, a.a.O., S. 4.</p> +</div> + +<a name="Footnote_32"></a><a href="#FNanchor_32">[32]</a> + +<div class="note"> +<p>Aristoteles, a.a.O., S. 635.</p> +</div> + +<a name="Footnote_33"></a><a href="#FNanchor_33">[33]</a> + +<div class="note"> +<p>Aristoteles, a.a.O., S. 200.</p> +</div> + +<a name="Footnote_34"></a><a href="#FNanchor_34">[34]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Platos Timaeus, übersetzt von B.E.Chr. Schneider. +Breslau 1874, S. 105 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_35"></a><a href="#FNanchor_35">[35]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_36"></a><a href="#FNanchor_36">[36]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gajus, Institutionen, übersetzt von Backhaus. Bonn +1857, S. 12 f. und 71 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_37"></a><a href="#FNanchor_37">[37]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und +Thaten, übersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8, +Kap. III, S. 494.</p> +</div> + +<a name="Footnote_38"></a><a href="#FNanchor_38">[38]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495.</p> +</div> + +<a name="Footnote_39"></a><a href="#FNanchor_39">[39]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Th. Mommsen, Römische Geschichte. 8. Aufl. Berlin +1889, Bd. III S. 510 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_40"></a><a href="#FNanchor_40">[40]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834.</p> +</div> + +<a name="Footnote_41"></a><a href="#FNanchor_41">[41]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bücher, a.a.O., S. 68 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_42"></a><a href="#FNanchor_42">[42]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, übersetzt von Friedr. Richter. +Leipzig, I, 41.</p> +</div> + +<a name="Footnote_43"></a><a href="#FNanchor_43">[43]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sueton, Biographien, übersetzt von Sarrazin. Stuttgart +1883, und Tacitus, Annalen, übersetzt von Roth. Berlin +1888.</p> +</div> + +<a name="Footnote_44"></a><a href="#FNanchor_44">[44]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Titus Livius, Römische Geschichte, übersetzt von +Hausinger. Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215.</p> +</div> + +<a name="Footnote_45"></a><a href="#FNanchor_45">[45]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_46"></a><a href="#FNanchor_46">[46]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874.</p> +</div> + +<a name="Footnote_47"></a><a href="#FNanchor_47">[47]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte +Roms. 7. Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen +und Martials Epigramme.</p> +</div> + +<a name="Footnote_48"></a><a href="#FNanchor_48">[48]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Horaz, Satiren, übersetzt von H. Düntzer.</p> +</div> + +<a name="Footnote_49"></a><a href="#FNanchor_49">[49]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404.</p> +</div> + +<a name="Footnote_50"></a><a href="#FNanchor_50">[50]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_51"></a><a href="#FNanchor_51">[51]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwürdiger Reden und +Thaten, Buch VIII, Kap. 3, § 3, S. 495.</p> +</div> + +<a name="Footnote_52"></a><a href="#FNanchor_52">[52]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht, +übersetzt von Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140.</p> +</div> + +<a name="Footnote_53"></a><a href="#FNanchor_53">[53]</a> + +<div class="note"> +<p>Ostrogorski, a.a.O., S. 141</p> +</div> + +<a name="Footnote_54"></a><a href="#FNanchor_54">[54]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12.</p> +</div> + +<a name="Footnote_55"></a><a href="#FNanchor_55">[55]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_56"></a><a href="#FNanchor_56">[56]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs Bücher vom Staat, +übersetzt von J. Christ. F. Bähr. Berlin, +Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S. 198 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_57"></a><a href="#FNanchor_57">[57]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G. +Roße. Aschersleben 1880. Vorrede.</p> +</div> + +<a name="Footnote_58"></a><a href="#FNanchor_58">[58]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften, +übersetzt von J. Christ. F. Bähr. Stuttgart 1830, S. +744-802.</p> +</div> + +<a name="Footnote_59"></a><a href="#FNanchor_59">[59]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Tacitus, Germania, übersetzt von M. Oberbreyer. +Leipzig, S. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_60"></a><a href="#FNanchor_60">[60]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen +1862, Bd. I S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S. +325.</p> +</div> + +<a name="Footnote_61"></a><a href="#FNanchor_61">[61]</a> + +<div class="note"> +<p>Galater 3, V. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_62"></a><a href="#FNanchor_62">[62]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Korinther 14, V. 34.</p> +</div> + +<a name="Footnote_63"></a><a href="#FNanchor_63">[63]</a> + +<div class="note"> +<p>Galater 3, V. 26-28.—Vgl. auch Römer 10, V. +12.—I. Korinther 12, V. 13.</p> +</div> + +<a name="Footnote_64"></a><a href="#FNanchor_64">[64]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Korinther 7, V. 1-8.</p> +</div> + +<a name="Footnote_65"></a><a href="#FNanchor_65">[65]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Korinther 7, V. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_66"></a><a href="#FNanchor_66">[66]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Johannis 8, V. 6-11.</p> +</div> + +<a name="Footnote_67"></a><a href="#FNanchor_67">[67]</a> + +<div class="note"> +<p>Matthäi 19, V. 6.</p> +</div> + +<a name="Footnote_68"></a><a href="#FNanchor_68">[68]</a> + +<div class="note"> +<p>Kolosser 3, V. 19.—Epheser 5, V. 25-31.</p> +</div> + +<a name="Footnote_69"></a><a href="#FNanchor_69">[69]</a> + +<div class="note"> +<p>Apostelgeschichte 2, V. 17, 18.</p> +</div> + +<a name="Footnote_70"></a><a href="#FNanchor_70">[70]</a> + +<div class="note"> +<p>Epheser 5, V. 22.—Kolosser 3, V. 18.—I. Korinther +11, V. 3.—I. Petri 3, V. 1 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_71"></a><a href="#FNanchor_71">[71]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Timotheus 2, V. 12.—Titus 2, V. 4-5.</p> +</div> + +<a name="Footnote_72"></a><a href="#FNanchor_72">[72]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Timotheus 2, V. 12.—I. Korinther 14, V. 34-35.</p> +</div> + +<a name="Footnote_73"></a><a href="#FNanchor_73">[73]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Timotheus 2, V. 15.</p> +</div> + +<a name="Footnote_74"></a><a href="#FNanchor_74">[74]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25.</p> +</div> + +<a name="Footnote_75"></a><a href="#FNanchor_75">[75]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Korinther 7, V. 1.</p> +</div> + +<a name="Footnote_76"></a><a href="#FNanchor_76">[76]</a> + +<div class="note"> +<p>I. Timotheus 2, V. 14.</p> +</div> + +<a name="Footnote_77"></a><a href="#FNanchor_77">[77]</a> + +<div class="note"> +<p>Tertullians sämtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner. +Köln 1882, I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185.</p> +</div> + +<a name="Footnote_78"></a><a href="#FNanchor_78">[78]</a> + +<div class="note"> +<p>Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai +sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43.</p> +</div> + +<a name="Footnote_79"></a><a href="#FNanchor_79">[79]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen +Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183.</p> +</div> + +<a name="Footnote_80"></a><a href="#FNanchor_80">[80]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. hierfür das für die Auffassung der Frauenfrage +durch die katholische Kirche höchst interessante Buch des +Redemptoristenpaters A. Rößler: Die Frauenfrage. Wien +1893.</p> +</div> + +<a name="Footnote_81"></a><a href="#FNanchor_81">[81]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard. +Freiburg 1879.</p> +</div> + +<a name="Footnote_82"></a><a href="#FNanchor_82">[82]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. München +1891.</p> +</div> + +<a name="Footnote_83"></a><a href="#FNanchor_83">[83]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Martin Luther, Gründliche und erbauliche Auslegung des +ersten Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther über +die Ehe. S. 176.</p> +</div> + +<a name="Footnote_84"></a><a href="#FNanchor_84">[84]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Martin Luther, Sämtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom +ehelichen Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl.</p> +</div> + +<a name="Footnote_85"></a><a href="#FNanchor_85">[85]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von +Förstemann u. Bindseil. IV. Abt. S. 121 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_86"></a><a href="#FNanchor_86">[86]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. hierfür die charakteristische Schrift des Stuttgarter +Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892.</p> +</div> + +<a name="Footnote_87"></a><a href="#FNanchor_87">[87]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer. 3. Aufl. +Göttingen 1881. S. 461.</p> +</div> + +<a name="Footnote_88"></a><a href="#FNanchor_88">[88]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23.</p> +</div> + +<a name="Footnote_89"></a><a href="#FNanchor_89">[89]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_90"></a><a href="#FNanchor_90">[90]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rößlin, Abhandlung von besonderen weiblichen +Rechten. Mannheim 1775. S. 16</p> +</div> + +<a name="Footnote_91"></a><a href="#FNanchor_91">[91]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O. S. 21.</p> +</div> + +<a name="Footnote_92"></a><a href="#FNanchor_92">[92]</a> + +<div class="note"> +<p>Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition +civile et politique des femmes. Paris 1842. S. 320.</p> +</div> + +<a name="Footnote_93"></a><a href="#FNanchor_93">[93]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhöfe. Erlangen +1862. Bd. III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498.</p> +</div> + +<a name="Footnote_94"></a><a href="#FNanchor_94">[94]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327.</p> +</div> + +<a name="Footnote_95"></a><a href="#FNanchor_95">[95]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206.</p> +</div> + +<a name="Footnote_96"></a><a href="#FNanchor_96">[96]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S. +387 f., Bd. III S. 325.</p> +</div> + +<a name="Footnote_97"></a><a href="#FNanchor_97">[97]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung +in deutscher Vorzeit. Schriften der Görres-Gesellschaft. +Köln 1880. S. 40.</p> +</div> + +<a name="Footnote_98"></a><a href="#FNanchor_98">[98]</a> + +<div class="note"> +<p>In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die +hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender +Beredsamkeit.</p> +</div> + +<a name="Footnote_99"></a><a href="#FNanchor_99">[99]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltertümer. S. 350 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_100"></a><a href="#FNanchor_100">[100]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_101"></a><a href="#FNanchor_101">[101]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. De la Curne de St. Palaye, Mémoires sur l'ancienne +Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_102"></a><a href="#FNanchor_102">[102]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205.</p> +</div> + +<a name="Footnote_103"></a><a href="#FNanchor_103">[103]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle Édition. +Paris 1787. T. IV, p. 93 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_104"></a><a href="#FNanchor_104">[104]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Maurer, Geschichte der Städteverfassung. Erlangen +1870. Bd. III S. 103 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_105"></a><a href="#FNanchor_105">[105]</a> + +<div class="note"> +<p>Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und Sünden der +Sittenpolizei. Leipzig 1897. S. 56.</p> +</div> + +<a name="Footnote_106"></a><a href="#FNanchor_106">[106]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in +Straßburg. Straßburg 1879. S. 521.</p> +</div> + +<a name="Footnote_107"></a><a href="#FNanchor_107">[107]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gießen 1874. S. 58.</p> +</div> + +<a name="Footnote_108"></a><a href="#FNanchor_108">[108]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52.</p> +</div> + +<a name="Footnote_109"></a><a href="#FNanchor_109">[109]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81.</p> +</div> + +<a name="Footnote_110"></a><a href="#FNanchor_110">[110]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, Soziale Kämpfe vor dreihundert Jahren. +Leipzig 1894. S. 50.</p> +</div> + +<a name="Footnote_111"></a><a href="#FNanchor_111">[111]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44.</p> +</div> + +<a name="Footnote_112"></a><a href="#FNanchor_112">[112]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter. Tübingen +1882, S. 12 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_113"></a><a href="#FNanchor_113">[113]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bücher, a.a.O., S. 14-15.</p> +</div> + +<a name="Footnote_114"></a><a href="#FNanchor_114">[114]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67.</p> +</div> + +<a name="Footnote_115"></a><a href="#FNanchor_115">[115]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274.</p> +</div> + +<a name="Footnote_116"></a><a href="#FNanchor_116">[116]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277.</p> +</div> + +<a name="Footnote_117"></a><a href="#FNanchor_117">[117]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50.</p> +</div> + +<a name="Footnote_118"></a><a href="#FNanchor_118">[118]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58.</p> +</div> + +<a name="Footnote_119"></a><a href="#FNanchor_119">[119]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bücher, a.a.O., S. 4 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_120"></a><a href="#FNanchor_120">[120]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40.</p> +</div> + +<a name="Footnote_121"></a><a href="#FNanchor_121">[121]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78.</p> +</div> + +<a name="Footnote_122"></a><a href="#FNanchor_122">[122]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_123"></a><a href="#FNanchor_123">[123]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Brüssel. Paris 1897 S. 61 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_124"></a><a href="#FNanchor_124">[124]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt Köln. Bd. II, S. 623.</p> +</div> + +<a name="Footnote_125"></a><a href="#FNanchor_125">[125]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_126"></a><a href="#FNanchor_126">[126]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_127"></a><a href="#FNanchor_127">[127]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144.</p> +</div> + +<a name="Footnote_128"></a><a href="#FNanchor_128">[128]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91.</p> +</div> + +<a name="Footnote_129"></a><a href="#FNanchor_129">[129]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins +für Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_130"></a><a href="#FNanchor_130">[130]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns +Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S. +113.</p> +</div> + +<a name="Footnote_131"></a><a href="#FNanchor_131">[131]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX. +siècle. Paris 1873. p. 21 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_132"></a><a href="#FNanchor_132">[132]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. +Aufl. Stuttgart 1892, S. 6 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_133"></a><a href="#FNanchor_133">[133]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des +Handwörterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S. +643.</p> +</div> + +<a name="Footnote_134"></a><a href="#FNanchor_134">[134]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvrières en France +depuis 1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7.</p> +</div> + +<a name="Footnote_135"></a><a href="#FNanchor_135">[135]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93.</p> +</div> + +<a name="Footnote_136"></a><a href="#FNanchor_136">[136]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115.</p> +</div> + +<a name="Footnote_137"></a><a href="#FNanchor_137">[137]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6. +Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_138"></a><a href="#FNanchor_138">[138]</a> + +<div class="note"> +<p>Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_139"></a><a href="#FNanchor_139">[139]</a> + +<div class="note"> +<p>Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O. +II. Bd. S. 111 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_140"></a><a href="#FNanchor_140">[140]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das +interessante Einzelheiten über die Bildung der Frauen +enthält.</p> +</div> + +<a name="Footnote_141"></a><a href="#FNanchor_141">[141]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_142"></a><a href="#FNanchor_142">[142]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Thomas, Essay sur le caractère, les moeurs et +l'esprit des femmes. Paris 1772. S. 82.</p> +</div> + +<a name="Footnote_143"></a><a href="#FNanchor_143">[143]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_144"></a><a href="#FNanchor_144">[144]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881.</p> +</div> + +<a name="Footnote_145"></a><a href="#FNanchor_145">[145]</a> + +<div class="note"> +<p>Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen Mönch, der in zwei +Quartbänden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16. +Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch +seine Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen +lächerlich erschien.</p> +</div> + +<a name="Footnote_146"></a><a href="#FNanchor_146">[146]</a> + +<div class="note"> +<p>Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595) +über die Vorzüge des weiblichen vor dem männlichen +Geschlecht, und von Lucretia Marinelli, hundert Jahre später, +über die Vortrefflichkeit der Frauen und die Fehler der +Männer.</p> +</div> + +<a name="Footnote_147"></a><a href="#FNanchor_147">[147]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83.</p> +</div> + +<a name="Footnote_148"></a><a href="#FNanchor_148">[148]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer +1882.</p> +</div> + +<a name="Footnote_149"></a><a href="#FNanchor_149">[149]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Miß Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra. +London 1855 und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page +451.</p> +</div> + +<a name="Footnote_150"></a><a href="#FNanchor_150">[150]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887 +und Brantome, a.a.O., p. 376.</p> +</div> + +<a name="Footnote_151"></a><a href="#FNanchor_151">[151]</a> + +<div class="note"> +<p>Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem +Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre +1721 in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges +und curieuses Tractätgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem +männlichen Geschlecht.</p> +</div> + +<a name="Footnote_152"></a><a href="#FNanchor_152">[152]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und +Süd", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_153"></a><a href="#FNanchor_153">[153]</a> + +<div class="note"> +<p>Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten +Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66.</p> +</div> + +<a name="Footnote_154"></a><a href="#FNanchor_154">[154]</a> + +<div class="note"> +<p>Zu erwähnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren +astronomische Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs +erfreuten, und die Philosophin Katharina Erxleben in Halle.</p> +</div> + +<a name="Footnote_155"></a><a href="#FNanchor_155">[155]</a> + +<div class="note"> +<p>Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens +Curieuse Schaubühne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs +Lobwürdige Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und +Wohlgelehrtes teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des +gelehrten Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das +gelehrte Frauenzimmer".</p> +</div> + +<a name="Footnote_156"></a><a href="#FNanchor_156">[156]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697.</p> +</div> + +<a name="Footnote_157"></a><a href="#FNanchor_157">[157]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. +78.</p> +</div> + +<a name="Footnote_158"></a><a href="#FNanchor_158">[158]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_159"></a><a href="#FNanchor_159">[159]</a> + +<div class="note"> +<p>Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious +proposal to the Ladies for the advancement of their true and +greatest interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre +1700 folgte die bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage.</p> +</div> + +<a name="Footnote_160"></a><a href="#FNanchor_160">[160]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv +für soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_161"></a><a href="#FNanchor_161">[161]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_162"></a><a href="#FNanchor_162">[162]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London +1875.</p> +</div> + +<a name="Footnote_163"></a><a href="#FNanchor_163">[163]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. et J. de Goncourt, Les maîtresses de Louis XV. +Paris 1860. Bd. I, S. 52.</p> +</div> + +<a name="Footnote_164"></a><a href="#FNanchor_164">[164]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mémoires du maréchal duc de Richelieu. Paris +1793.</p> +</div> + +<a name="Footnote_165"></a><a href="#FNanchor_165">[165]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl, Mémoires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und +Théâtre à l'usage des jeunes personnes par +madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La Colombe.</p> +</div> + +<a name="Footnote_166"></a><a href="#FNanchor_166">[166]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huitième +siècle. Paris 1862. p. 322.</p> +</div> + +<a name="Footnote_167"></a><a href="#FNanchor_167">[167]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_168"></a><a href="#FNanchor_168">[168]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Barthélemy, Mémoires secrets de madame de +Tencin. Grenoble 1790.</p> +</div> + +<a name="Footnote_169"></a><a href="#FNanchor_169">[169]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2.</p> +</div> + +<a name="Footnote_170"></a><a href="#FNanchor_170">[170]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.J. Rousseau, Émile. Francfort s.M. 1855. Livre V, +P. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_171"></a><a href="#FNanchor_171">[171]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29.</p> +</div> + +<a name="Footnote_172"></a><a href="#FNanchor_172">[172]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_173"></a><a href="#FNanchor_173">[173]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240.</p> +</div> + +<a name="Footnote_174"></a><a href="#FNanchor_174">[174]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_175"></a><a href="#FNanchor_175">[175]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit +politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9.</p> +</div> + +<a name="Footnote_176"></a><a href="#FNanchor_176">[176]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Tocqueville, L'ancien régime et la +révolution. Paris 1856. S. 9 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_177"></a><a href="#FNanchor_177">[177]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mémoires de Madame Roland, publiés par C.A. +Dauban. Paris 1864. S. 16 und 66.</p> +</div> + +<a name="Footnote_178"></a><a href="#FNanchor_178">[178]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_179"></a><a href="#FNanchor_179">[179]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Michelet, Les femmes de la révolution. Paris 1898. +S. 5 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_180"></a><a href="#FNanchor_180">[180]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Staël, Considérations sur la révolution +française. Paris 1818. Bd. I, S. 380 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_181"></a><a href="#FNanchor_181">[181]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.A. de Ségur, Les femmes, leurs conditions et leurs +influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_182"></a><a href="#FNanchor_182">[182]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman +suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_183"></a><a href="#FNanchor_183">[183]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_184"></a><a href="#FNanchor_184">[184]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl, Ch.L. Chassin, Le génie de la révolution. +Paris 1863. Bd. I, S. 298 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_185"></a><a href="#FNanchor_185">[185]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. de Talleyrand-Périgord, Rapport sur l'instruction +publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_186"></a><a href="#FNanchor_186">[186]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire générale. T. +VIII. La révolution française. Paris 1896. S. 532 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_187"></a><a href="#FNanchor_187">[187]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_188"></a><a href="#FNanchor_188">[188]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Louis Blanc, Histoire de la révolution +française. Paris 1847. Bd. I, S. 498.</p> +</div> + +<a name="Footnote_189"></a><a href="#FNanchor_189">[189]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegensätze von 1789. Stuttgart +1889. S. 60.</p> +</div> + +<a name="Footnote_190"></a><a href="#FNanchor_190">[190]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489.</p> +</div> + +<a name="Footnote_191"></a><a href="#FNanchor_191">[191]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la société +française pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_192"></a><a href="#FNanchor_192">[192]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 227.</p> +</div> + +<a name="Footnote_193"></a><a href="#FNanchor_193">[193]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_194"></a><a href="#FNanchor_194">[194]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_195"></a><a href="#FNanchor_195">[195]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476.</p> +</div> + +<a name="Footnote_196"></a><a href="#FNanchor_196">[196]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la révolution. S. +122. Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im öffentlichen Recht. +Uebersetzt von Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31.</p> +</div> + +<a name="Footnote_197"></a><a href="#FNanchor_197">[197]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255.</p> +</div> + +<a name="Footnote_198"></a><a href="#FNanchor_198">[198]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56.</p> +</div> + +<a name="Footnote_199"></a><a href="#FNanchor_199">[199]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ségur, a.a.O., S. 19 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_200"></a><a href="#FNanchor_200">[200]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27.</p> +</div> + +<a name="Footnote_201"></a><a href="#FNanchor_201">[201]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la révolution. Paris +1900. p. 11 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_202"></a><a href="#FNanchor_202">[202]</a> + +<div class="note"> +<p>Ihren größten Triumph nach dieser Richtung feierte +sie durch die im Théâtre Italien veranstaltete +Gedächtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo l'Ombre de Mirabeau aux +Champs-Elysées von ihr zur Aufführung kam.</p> +</div> + +<a name="Footnote_203"></a><a href="#FNanchor_203">[203]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Lairtullier, Les femmes célèbres de la +révolution. Paris 1840. Bd. II, S. 137 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_204"></a><a href="#FNanchor_204">[204]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_205"></a><a href="#FNanchor_205">[205]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. für ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. +49 ff.—Michelet, a.a.O., S. 111 ff.—Blanc, a.a.O., Bd. +VII, S. 450 f.—L. Lacour, a.a.O., p. 3 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_206"></a><a href="#FNanchor_206">[206]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Léopold Lacour, a.a.O., p. 337 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_207"></a><a href="#FNanchor_207">[207]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_208"></a><a href="#FNanchor_208">[208]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L. +Frank, Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. +317 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_209"></a><a href="#FNanchor_209">[209]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_210"></a><a href="#FNanchor_210">[210]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_211"></a><a href="#FNanchor_211">[211]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Oeuvres de Condorcet, publiées par A. +Condorcet-O'Connor et M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_212"></a><a href="#FNanchor_212">[212]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130.</p> +</div> + +<a name="Footnote_213"></a><a href="#FNanchor_213">[213]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover +1788. Bd. I, S. 1.</p> +</div> + +<a name="Footnote_214"></a><a href="#FNanchor_214">[214]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S. +35.</p> +</div> + +<a name="Footnote_215"></a><a href="#FNanchor_215">[215]</a> + +<div class="note"> +<p>Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann +ins Deutsche übersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry +Fawcett eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche +Uebersetzung von P. Berthold folgte.</p> +</div> + +<a name="Footnote_216"></a><a href="#FNanchor_216">[216]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to +Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien +1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_217"></a><a href="#FNanchor_217">[217]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die bürgerliche +Verbesserung der Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_218"></a><a href="#FNanchor_218">[218]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym +erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben.</p> +</div> + +<a name="Footnote_219"></a><a href="#FNanchor_219">[219]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Fénelon, Éducation des filles. Nouvelle +édition, Paris 1884.</p> +</div> + +<a name="Footnote_220"></a><a href="#FNanchor_220">[220]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. von Sallwürck, Fénelon und die Litteratur +der weiblichen Bildung in Frankreich. Langensalza 1886.</p> +</div> + +<a name="Footnote_221"></a><a href="#FNanchor_221">[221]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des +deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_222"></a><a href="#FNanchor_222">[222]</a> + +<div class="note"> +<p>Einen Beweis dafür, wenn auch einen unbeabsichtigten, +liefert Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Fleiß, mit +dem er alle die Damen der verdienten Vergessenheit entrissen +hat.</p> +</div> + +<a name="Footnote_223"></a><a href="#FNanchor_223">[223]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch für Väter und +Mütter, Familien und Völker. Altona 1770. S. 324 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_224"></a><a href="#FNanchor_224">[224]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karoline Rudolphi, Gemälde weiblicher Erziehung. +Heidelberg 1815. Vorrede, S. XLVI.</p> +</div> + +<a name="Footnote_225"></a><a href="#FNanchor_225">[225]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Madame de Genlis, Adèle et Théodore, ou +lettre sur l'éducation. Paris 1782. I. p. 30 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_226"></a><a href="#FNanchor_226">[226]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. von Sallwürck, a.a.O., S. 307.</p> +</div> + +<a name="Footnote_227"></a><a href="#FNanchor_227">[227]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stephan Waetzholdt, Das höhere Mädchenschulwesen +des Auslandes. Im Handbuch des höheren +Mädchenschulwesens. Herausg. von Dr. Wychgram. Leipzig 1897. +S. 66 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_228"></a><a href="#FNanchor_228">[228]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Abbé de St. Pierre, Projet pour multiplier les +collèges de filles. Paris 1730.</p> +</div> + +<a name="Footnote_229"></a><a href="#FNanchor_229">[229]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Comtesse de Rémusat, Essai sur l'éducation +des femmes. Paris 1825. p. 23 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_230"></a><a href="#FNanchor_230">[230]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement féministe aux +États-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5. +Jahrg. Nr. 50. Paris 1898. p. 160.</p> +</div> + +<a name="Footnote_231"></a><a href="#FNanchor_231">[231]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Natorp, Grundriß zur Organisation allgemeiner +Stadtschulen. Duisburg-Essen 1804.</p> +</div> + +<a name="Footnote_232"></a><a href="#FNanchor_232">[232]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_233"></a><a href="#FNanchor_233">[233]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff. +u. S. 180 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_234"></a><a href="#FNanchor_234">[234]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des höheren +Mädchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_235"></a><a href="#FNanchor_235">[235]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. R. Gneist, Ueber die Universitätsbildung der Frauen +nach den neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten. +Berlin 1873.</p> +</div> + +<a name="Footnote_236"></a><a href="#FNanchor_236">[236]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891. +p. 147 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_237"></a><a href="#FNanchor_237">[237]</a> + +<div class="note"> +<p>Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March +1888.</p> +</div> + +<a name="Footnote_238"></a><a href="#FNanchor_238">[238]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York +1900. p. 38.</p> +</div> + +<a name="Footnote_239"></a><a href="#FNanchor_239">[239]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286.</p> +</div> + +<a name="Footnote_240"></a><a href="#FNanchor_240">[240]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and +Wages. Boston 1869-70.</p> +</div> + +<a name="Footnote_241"></a><a href="#FNanchor_241">[241]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II. +p. 139</p> +</div> + +<a name="Footnote_242"></a><a href="#FNanchor_242">[242]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K.H. Schaible, Die höhere Frauenbildung in +Großbritannien, Karlsruhe 1894. S. 97 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_243"></a><a href="#FNanchor_243">[243]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London +1884, p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859.</p> +</div> + +<a name="Footnote_244"></a><a href="#FNanchor_244">[244]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144.</p> +</div> + +<a name="Footnote_245"></a><a href="#FNanchor_245">[245]</a> + +<div class="note"> +<p>Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium +uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel tüchtiger +Aerzte litten.</p> +</div> + +<a name="Footnote_246"></a><a href="#FNanchor_246">[246]</a> + +<div class="note"> +<p>Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus, +daß nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende +nehmen werde! Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin +1867, S. 441 f., veröffentlichte Rede.</p> +</div> + +<a name="Footnote_247"></a><a href="#FNanchor_247">[247]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167.</p> +</div> + +<a name="Footnote_248"></a><a href="#FNanchor_248">[248]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women +of 1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_249"></a><a href="#FNanchor_249">[249]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_250"></a><a href="#FNanchor_250">[250]</a> + +<div class="note"> +<p>Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr später unter dem +Titel: Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten +Dokumente der Frauenfrage.</p> +</div> + +<a name="Footnote_251"></a><a href="#FNanchor_251">[251]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jeanne Chauvin, Étude historique sur les professions +accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_252"></a><a href="#FNanchor_252">[252]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.V. Daubié, La femme pauvre au XIX. siècle. +Paris 1866. S. 135 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_253"></a><a href="#FNanchor_253">[253]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_254"></a><a href="#FNanchor_254">[254]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX. +siècle. Paris 1874. p. 327.</p> +</div> + +<a name="Footnote_255"></a><a href="#FNanchor_255">[255]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes médecins. Bordeaux 1889. p. +11.</p> +</div> + +<a name="Footnote_256"></a><a href="#FNanchor_256">[256]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14.</p> +</div> + +<a name="Footnote_257"></a><a href="#FNanchor_257">[257]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. von Marenholtz-Bülow, Erinnerungen an Friedrich +Fröbel. Berlin 1876. S. 132.</p> +</div> + +<a name="Footnote_258"></a><a href="#FNanchor_258">[258]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. V. Heft der vom königl. statistischen Bureau +herausgegebenen preußischen Statistik. Berlin 1864.</p> +</div> + +<a name="Footnote_259"></a><a href="#FNanchor_259">[259]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adolph Lette, Denkschrift über die Erwerbsquellen +für das weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg. +1865, S. 354 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_260"></a><a href="#FNanchor_260">[260]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_261"></a><a href="#FNanchor_261">[261]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_262"></a><a href="#FNanchor_262">[262]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. +S. 80.</p> +</div> + +<a name="Footnote_263"></a><a href="#FNanchor_263">[263]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Vorwort, S.V.</p> +</div> + +<a name="Footnote_264"></a><a href="#FNanchor_264">[264]</a> + +<div class="note"> +<p>Fanny Lewald-Stahr, Für und wider die deutschen Frauen. +Berlin 1896. S. 10 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_265"></a><a href="#FNanchor_265">[265]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York +1900. p. 43 u. 50.</p> +</div> + +<a name="Footnote_266"></a><a href="#FNanchor_266">[266]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to +1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57.</p> +</div> + +<a name="Footnote_267"></a><a href="#FNanchor_267">[267]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hugo Münsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in +Kirchhoff, Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343.</p> +</div> + +<a name="Footnote_268"></a><a href="#FNanchor_268">[268]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hugo Münsterberg, a.a.O., S. 345.</p> +</div> + +<a name="Footnote_269"></a><a href="#FNanchor_269">[269]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p. +20.</p> +</div> + +<a name="Footnote_270"></a><a href="#FNanchor_270">[270]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress, +a.a.O., p. 154 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_271"></a><a href="#FNanchor_271">[271]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_272"></a><a href="#FNanchor_272">[272]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866, +und Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_273"></a><a href="#FNanchor_273">[273]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p. +1 ff. u. 105 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_274"></a><a href="#FNanchor_274">[274]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement féministe en +Australie. Revue politique et parlamentaire. 5. année. Nr. +45. p. 520 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_275"></a><a href="#FNanchor_275">[275]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_276"></a><a href="#FNanchor_276">[276]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post +Office, p. 2, 42 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_277"></a><a href="#FNanchor_277">[277]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_278"></a><a href="#FNanchor_278">[278]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles +1893. p. 49 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_279"></a><a href="#FNanchor_279">[279]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en Médecine. +Paris 1901.</p> +</div> + +<a name="Footnote_280"></a><a href="#FNanchor_280">[280]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Otto Neustätter, Das Frauenstudium im Ausland. +München 1899. Seite 9 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_281"></a><a href="#FNanchor_281">[281]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p. +58.</p> +</div> + +<a name="Footnote_282"></a><a href="#FNanchor_282">[282]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Ingelbrecht, Le Féminisme et la Femme +Témoin. Revue politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68 +u. Nr. 69. p. 367 ff. u. 601 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_283"></a><a href="#FNanchor_283">[283]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_284"></a><a href="#FNanchor_284">[284]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement féministe en Italie. +Revue politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_285"></a><a href="#FNanchor_285">[285]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_286"></a><a href="#FNanchor_286">[286]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Der Internationale Kongreß für Frauenwerke und +Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59.</p> +</div> + +<a name="Footnote_287"></a><a href="#FNanchor_287">[287]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 26 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_288"></a><a href="#FNanchor_288">[288]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Otto Neustätter, a.a.O., S. 6 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_289"></a><a href="#FNanchor_289">[289]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund, +5. Jahrg. 1867. S. 337 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_290"></a><a href="#FNanchor_290">[290]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21.</p> +</div> + +<a name="Footnote_291"></a><a href="#FNanchor_291">[291]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25jährigen Wirksamkeit +des Lettevereins. Berlin 1891. S. 59.</p> +</div> + +<a name="Footnote_292"></a><a href="#FNanchor_292">[292]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn +1870.</p> +</div> + +<a name="Footnote_293"></a><a href="#FNanchor_293">[293]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage. +Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr).</p> +</div> + +<a name="Footnote_294"></a><a href="#FNanchor_294">[294]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Büchner, Die Frauen und ihr Beruf. Fünfte +Auflage. Berlin 1884.</p> +</div> + +<a name="Footnote_295"></a><a href="#FNanchor_295">[295]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session +1890/91.</p> +</div> + +<a name="Footnote_296"></a><a href="#FNanchor_296">[296]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50. +Sitzung und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86. +Sitzung.</p> +</div> + +<a name="Footnote_297"></a><a href="#FNanchor_297">[297]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665.</p> +</div> + +<a name="Footnote_298"></a><a href="#FNanchor_298">[298]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des +Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760.</p> +</div> + +<a name="Footnote_299"></a><a href="#FNanchor_299">[299]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen +deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45.</p> +</div> + +<a name="Footnote_300"></a><a href="#FNanchor_300">[300]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des höheren +Mädchenschulwesens in Deutschland. Im Handbuch des +höheren Mädchenschulwesens. Herausgegeben von Dr. J. +Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_301"></a><a href="#FNanchor_301">[301]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. z.B. die Broschüre von Professor Albert, Die Frauen +und das Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem +sagt, daß von 1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen +wurden, während thatsächlich 260 Studentinnen bis 1895 +das medizinische Staatsexamen bestanden.</p> +</div> + +<a name="Footnote_302"></a><a href="#FNanchor_302">[302]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4. +Auflage. Herborn 1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_303"></a><a href="#FNanchor_303">[303]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der +Krankenpflegerinnen. Dresden 1901.</p> +</div> + +<a name="Footnote_304"></a><a href="#FNanchor_304">[304]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur +Lösung der Frauenfrage. Berlin 1894.</p> +</div> + +<a name="Footnote_305"></a><a href="#FNanchor_305">[305]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eliza Ichenhäuser, Erwerbsmöglichkeiten für +Frauen. 2. Aufl. Berlin 1898.</p> +</div> + +<a name="Footnote_306"></a><a href="#FNanchor_306">[306]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der Nationalökonomie. +Berlin 1899. Sonderabdruck aus dem Archiv für soziale +Gesetzgebung und Statistik.</p> +</div> + +<a name="Footnote_307"></a><a href="#FNanchor_307">[307]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd. +Freiburg i.B. 1897. S. 70 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_308"></a><a href="#FNanchor_308">[308]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Bücher, Ueber die Verteilung der beiden +Geschlechter auf der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem +statistischen Archiv, 2. Jahrg. Tübingen 1892. S. 369 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_309"></a><a href="#FNanchor_309">[309]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Bertillon, De la dépopulation de la France et des +remèdes à y apporter. Im Journal de la +Société de Statistique. 1895. p. 416 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_310"></a><a href="#FNanchor_310">[310]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Goldstein, Bevölkerungsprobleme und +Berufsgliederung in Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_311"></a><a href="#FNanchor_311">[311]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Arthur Geißler, Beiträge zur Frage des +Geschlechtsverhältnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des +Königl. sächsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg. +Dresden 1889.</p> +</div> + +<a name="Footnote_312"></a><a href="#FNanchor_312">[312]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71.</p> +</div> + +<a name="Footnote_313"></a><a href="#FNanchor_313">[313]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und +Auswanderungspolitik, in G.v. Schönbergs Handbuch der +politischen Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband. +Tübingen 1898. S. 498.</p> +</div> + +<a name="Footnote_314"></a><a href="#FNanchor_314">[314]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle +angeführten Tabelle berechnet.</p> +</div> + +<a name="Footnote_315"></a><a href="#FNanchor_315">[315]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_316"></a><a href="#FNanchor_316">[316]</a> + +<div class="note"> +<p>Diese, wie alle anderen Berechnungen, für die keine Quellen +angegeben werden, sind aus den offiziellen Volkszählungen der +betreffenden Länder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir +benutzt: Für die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880, +Washington 1883-1889, Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington +1890 bis 1895, Vol. I-III und Compendium Vol. I; XI'th Annual +Report of the Commissioner of Labor 1895-96, Washington +1897.—Für England: Census of England and Wales 1881, +London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London +1893, Vol. III und IV und General Report.—Für +Frankreich: Résultats statistiques du Dénombrement de +1881, Paris 1883; Résultats statistiques du +Dénombrement de 1891, Paris 1894.—Für +Oesterreich: Oesterreichische Statistik nach den Ergebnissen der +Volkszählung vom 31. Dezember 1880, Wien 1882-1884, Bd. I bis +V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890, Wien +1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.—Für Deutschland: +Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik +nach der Berufszählung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs- +und Gewerbezählung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102, +103 und 111.</p> +</div> + +<a name="Footnote_317"></a><a href="#FNanchor_317">[317]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsthätigkeit der +eheschließenden Personen. Zeitschrift des kgl. +preußischen statistischen Bureaus. Berlin 1889.</p> +</div> + +<a name="Footnote_318"></a><a href="#FNanchor_318">[318]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen +1874. S. 40 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_319"></a><a href="#FNanchor_319">[319]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. hierfür unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68 +ff.—K. Bücher, Die Bevölkerung des Kantons +Basel-Stadt. Basel 1890. S. 19.—Derselbe, Ueber die +Verteilung der beiden Geschlechter auf der Erde, a.a.O., S. 388 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_320"></a><a href="#FNanchor_320">[320]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230.</p> +</div> + +<a name="Footnote_321"></a><a href="#FNanchor_321">[321]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384.</p> +</div> + +<a name="Footnote_322"></a><a href="#FNanchor_322">[322]</a> + +<div class="note"> +<p>Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche +Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut.</p> +</div> + +<a name="Footnote_323"></a><a href="#FNanchor_323">[323]</a> + +<div class="note"> +<p>Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erwähnte +preußische Statistik der Eheschließungen nach dem Beruf +hätte darüber Aufschluß geben können, wenn man +die berufslosen Haustöchter, die fast die Hälfte der +heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern +klassifiziert hätte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und +überdies mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G. +von Mayr, a.a.O., S. 411 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_324"></a><a href="#FNanchor_324">[324]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890. +Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle +dadurch gewonnen worden, daß ich Gruppe I—Männer +in liberalen Berufen, größere Kaufleute, Fabrikanten, +Bankiers—mit Gruppe III—Lehrer, Musiker, Kontoristen, +Handelskommis, Angestellte in öffentlichen +Kontoren—zusammenberechnete und den Gruppen II, IV, +V—Kleinhändler, Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister; +Ausläufer, Kellner, Dienstboten; Arbeiter, Taglöhner, +Matrosen—gegenüberstellte.</p> +</div> + +<a name="Footnote_325"></a><a href="#FNanchor_325">[325]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin +1895.</p> +</div> + +<a name="Footnote_326"></a><a href="#FNanchor_326">[326]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386.</p> +</div> + +<a name="Footnote_327"></a><a href="#FNanchor_327">[327]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Fircks Taschenkalender für das Heer. Berlin 1900. S. +379.</p> +</div> + +<a name="Footnote_328"></a><a href="#FNanchor_328">[328]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O, S. 96 und 128.</p> +</div> + +<a name="Footnote_329"></a><a href="#FNanchor_329">[329]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers +Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. +Neue Folge. Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401.</p> +</div> + +<a name="Footnote_330"></a><a href="#FNanchor_330">[330]</a> + +<div class="note"> +<p>Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung +"Direktions-und ärztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den +Hebammen zusammen, während sie als "Wartepersonal" alle Arten +Pflegerinnen und Wärterinnen bezeichnet. Die anderen +Länder dagegen rechnen die Aerzte besonders, zählen +dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher +gezwungen, um einen Vergleich zu ermöglichen, alle drei Berufe +für alle Länder unter die bürgerliche Frauenarbeit +mitzuzählen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_331"></a><a href="#FNanchor_331">[331]</a> + +<div class="note"> +<p>Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet.</p> +</div> + +<a name="Footnote_332"></a><a href="#FNanchor_332">[332]</a> + +<div class="note"> +<p>Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen +sind, muß diese Zahl auf einem Irrtum bei der Zählung +beruhen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_333"></a><a href="#FNanchor_333">[333]</a> + +<div class="note"> +<p>Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen +dürften sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden.</p> +</div> + +<a name="Footnote_334"></a><a href="#FNanchor_334">[334]</a> + +<div class="note"> +<p>Die französische Statistik von 1891 zählt nur +Handelsangestellte im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die +große Zahl erklärt sich daher daraus, daß die +Verkäuferinnen mit einbegriffen sind.</p> +</div> + +<a name="Footnote_335"></a><a href="#FNanchor_335">[335]</a> + +<div class="note"> +<p>Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser, +Missionare und Prediger.</p> +</div> + +<a name="Footnote_336"></a><a href="#FNanchor_336">[336]</a> + +<div class="note"> +<p>Diese Rubrik kann für Amerika nicht ausgefüllt werden, +weil die Statistik die selbständigen Landwirte mit Aufsehern +und Verwaltern zusammenwirft.</p> +</div> + +<a name="Footnote_337"></a><a href="#FNanchor_337">[337]</a> + +<div class="note"> +<p>Auch für diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller +Feststellung.</p> +</div> + +<a name="Footnote_338"></a><a href="#FNanchor_338">[338]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. +Washington 1897. p. 22 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_339"></a><a href="#FNanchor_339">[339]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères des +Femmes. Paris 1900. p. 132 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_340"></a><a href="#FNanchor_340">[340]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr. +9, S. 292 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_341"></a><a href="#FNanchor_341">[341]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p. +15.</p> +</div> + +<a name="Footnote_342"></a><a href="#FNanchor_342">[342]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_343"></a><a href="#FNanchor_343">[343]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work. +London 1894. p. 10 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_344"></a><a href="#FNanchor_344">[344]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry. +Lond. 1898. p. 65.</p> +</div> + +<a name="Footnote_345"></a><a href="#FNanchor_345">[345]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl a.a.O., p. 42 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_346"></a><a href="#FNanchor_346">[346]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20.</p> +</div> + +<a name="Footnote_347"></a><a href="#FNanchor_347">[347]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Auguste Sprengel, Die äußere Lage der +Lehrerinnen in Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_348"></a><a href="#FNanchor_348">[348]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten +Konversationslexikon der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55.</p> +</div> + +<a name="Footnote_349"></a><a href="#FNanchor_349">[349]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und +Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_350"></a><a href="#FNanchor_350">[350]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408.</p> +</div> + +<a name="Footnote_351"></a><a href="#FNanchor_351">[351]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der +Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18.</p> +</div> + +<a name="Footnote_352"></a><a href="#FNanchor_352">[352]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien. +II. Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_353"></a><a href="#FNanchor_353">[353]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_354"></a><a href="#FNanchor_354">[354]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_355"></a><a href="#FNanchor_355">[355]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_356"></a><a href="#FNanchor_356">[356]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. I. Nr. 1. März 1899. S. 10 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_357"></a><a href="#FNanchor_357">[357]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_358"></a><a href="#FNanchor_358">[358]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Käthe Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau. +In Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_359"></a><a href="#FNanchor_359">[359]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. hierfür: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7. +Juli 1900. S. 236 ff.—Konversationslexikon der Frau, a.a.O., +Artikel: Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.—Women in Professions. +London Congress, a.a.O., Vol. III. p. 188 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_360"></a><a href="#FNanchor_360">[360]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_361"></a><a href="#FNanchor_361">[361]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche +Ausgabe von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_362"></a><a href="#FNanchor_362">[362]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Ploß, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. +5. Aufl. Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_363"></a><a href="#FNanchor_363">[363]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O., +S. 112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der +"allmonatlich eintretenden Beschränkung der körperlichen +und geistigen Leistungsfähigkeit" als von etwas +Selbstverständlichem sprechen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_364"></a><a href="#FNanchor_364">[364]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 4, 33 u. 91.</p> +</div> + +<a name="Footnote_365"></a><a href="#FNanchor_365">[365]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_366"></a><a href="#FNanchor_366">[366]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance +maternelle, Bruxelles-Paris 1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_367"></a><a href="#FNanchor_367">[367]</a> + +<div class="note"> +<p>Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_368"></a><a href="#FNanchor_368">[368]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 186.</p> +</div> + +<a name="Footnote_369"></a><a href="#FNanchor_369">[369]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 187 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_370"></a><a href="#FNanchor_370">[370]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of +Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_371"></a><a href="#FNanchor_371">[371]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124.</p> +</div> + +<a name="Footnote_372"></a><a href="#FNanchor_372">[372]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage. +Hamburg 1890. S. 346 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_373"></a><a href="#FNanchor_373">[373]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London +1894. p. 319.</p> +</div> + +<a name="Footnote_374"></a><a href="#FNanchor_374">[374]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. +London 1898. p. 97 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_375"></a><a href="#FNanchor_375">[375]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_376"></a><a href="#FNanchor_376">[376]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX. +Siècle. Paris 1874. p. 29.</p> +</div> + +<a name="Footnote_377"></a><a href="#FNanchor_377">[377]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und +ihre Arbeiter. Straßburg 1887. S. 116 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_378"></a><a href="#FNanchor_378">[378]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner +Wäsche-Industrie im 19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch +für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft +2. 1896. S. 250.</p> +</div> + +<a name="Footnote_379"></a><a href="#FNanchor_379">[379]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296.</p> +</div> + +<a name="Footnote_380"></a><a href="#FNanchor_380">[380]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in +England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237</p> +</div> + +<a name="Footnote_381"></a><a href="#FNanchor_381">[381]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292.</p> +</div> + +<a name="Footnote_382"></a><a href="#FNanchor_382">[382]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 291.</p> +</div> + +<a name="Footnote_383"></a><a href="#FNanchor_383">[383]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_384"></a><a href="#FNanchor_384">[384]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_385"></a><a href="#FNanchor_385">[385]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_386"></a><a href="#FNanchor_386">[386]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_387"></a><a href="#FNanchor_387">[387]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_388"></a><a href="#FNanchor_388">[388]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425.</p> +</div> + +<a name="Footnote_389"></a><a href="#FNanchor_389">[389]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33.</p> +</div> + +<a name="Footnote_390"></a><a href="#FNanchor_390">[390]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 41.</p> +</div> + +<a name="Footnote_391"></a><a href="#FNanchor_391">[391]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224.</p> +</div> + +<a name="Footnote_392"></a><a href="#FNanchor_392">[392]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62.</p> +</div> + +<a name="Footnote_393"></a><a href="#FNanchor_393">[393]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_394"></a><a href="#FNanchor_394">[394]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. Erster Teil. +Jena 1882. S. 15.</p> +</div> + +<a name="Footnote_395"></a><a href="#FNanchor_395">[395]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53.</p> +</div> + +<a name="Footnote_396"></a><a href="#FNanchor_396">[396]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen +Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S. +373.</p> +</div> + +<a name="Footnote_397"></a><a href="#FNanchor_397">[397]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., I. Bd., S. 354 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_398"></a><a href="#FNanchor_398">[398]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_399"></a><a href="#FNanchor_399">[399]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.V. Daubié, La Femme pauvre du XIX. Siècle. +Paris 1866. p. 51.</p> +</div> + +<a name="Footnote_400"></a><a href="#FNanchor_400">[400]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXV. +Untersuchungen über die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil. +1895. S. 120.</p> +</div> + +<a name="Footnote_401"></a><a href="#FNanchor_401">[401]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126.</p> +</div> + +<a name="Footnote_402"></a><a href="#FNanchor_402">[402]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139.</p> +</div> + +<a name="Footnote_403"></a><a href="#FNanchor_403">[403]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_404"></a><a href="#FNanchor_404">[404]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437.</p> +</div> + +<a name="Footnote_405"></a><a href="#FNanchor_405">[405]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen +Generalversammlung des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig +1900, S. 93, und die ähnliche Ansicht Stiedas in Litteratur, +heutige Zustände und Entstehung der deutschen Hausindustrie, +Leipzig 1889, S. 22.</p> +</div> + +<a name="Footnote_406"></a><a href="#FNanchor_406">[406]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., +S. 16.</p> +</div> + +<a name="Footnote_407"></a><a href="#FNanchor_407">[407]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handwörterbuch der +Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141.</p> +</div> + +<a name="Footnote_408"></a><a href="#FNanchor_408">[408]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_409"></a><a href="#FNanchor_409">[409]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_410"></a><a href="#FNanchor_410">[410]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_411"></a><a href="#FNanchor_411">[411]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon, +L'Ouvrière, 2ième édition. Paris 1861. p. 248 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_412"></a><a href="#FNanchor_412">[412]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_413"></a><a href="#FNanchor_413">[413]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46.</p> +</div> + +<a name="Footnote_414"></a><a href="#FNanchor_414">[414]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_415"></a><a href="#FNanchor_415">[415]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 42 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_416"></a><a href="#FNanchor_416">[416]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_417"></a><a href="#FNanchor_417">[417]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvrières en France +pendant l'Année 1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_418"></a><a href="#FNanchor_418">[418]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women +and Girls. London 1898. p. 7 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_419"></a><a href="#FNanchor_419">[419]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvrières en France. +Paris 1867. Vol. II. p. 150.</p> +</div> + +<a name="Footnote_420"></a><a href="#FNanchor_420">[420]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubié, +a.a.O., p. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_421"></a><a href="#FNanchor_421">[421]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O., +S. 129 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_422"></a><a href="#FNanchor_422">[422]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31.</p> +</div> + +<a name="Footnote_423"></a><a href="#FNanchor_423">[423]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 126.</p> +</div> + +<a name="Footnote_424"></a><a href="#FNanchor_424">[424]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_425"></a><a href="#FNanchor_425">[425]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_426"></a><a href="#FNanchor_426">[426]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_427"></a><a href="#FNanchor_427">[427]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Villermé, Tableau de l'Etat physique et moral des +Ouvriers dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris +1840. Vol. I. p. 86 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_428"></a><a href="#FNanchor_428">[428]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_429"></a><a href="#FNanchor_429">[429]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_430"></a><a href="#FNanchor_430">[430]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_431"></a><a href="#FNanchor_431">[431]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_432"></a><a href="#FNanchor_432">[432]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in +Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_433"></a><a href="#FNanchor_433">[433]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.—A. Thun, a.a.O., S. +176 ff.—H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_434"></a><a href="#FNanchor_434">[434]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Villermé, a.a.O., p. 164 f.—Daubié, +a.a.O., p. 56 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_435"></a><a href="#FNanchor_435">[435]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_436"></a><a href="#FNanchor_436">[436]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120.</p> +</div> + +<a name="Footnote_437"></a><a href="#FNanchor_437">[437]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_438"></a><a href="#FNanchor_438">[438]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. von Schultze-Gävernitz, Der Großbetrieb. Leipzig +1892. S. 40.</p> +</div> + +<a name="Footnote_439"></a><a href="#FNanchor_439">[439]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_440"></a><a href="#FNanchor_440">[440]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_441"></a><a href="#FNanchor_441">[441]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_442"></a><a href="#FNanchor_442">[442]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit +in den Fabriken auf Beschluß des Bundesrats angestellten +Erhebungen. Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S. +24 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_443"></a><a href="#FNanchor_443">[443]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 24.</p> +</div> + +<a name="Footnote_444"></a><a href="#FNanchor_444">[444]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_445"></a><a href="#FNanchor_445">[445]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Daubié, a.a.O., p. 63.</p> +</div> + +<a name="Footnote_446"></a><a href="#FNanchor_446">[446]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children, +young Persons and Women in Agriculture. London 1868.</p> +</div> + +<a name="Footnote_447"></a><a href="#FNanchor_447">[447]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., XIII.</p> +</div> + +<a name="Footnote_448"></a><a href="#FNanchor_448">[448]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., XI.</p> +</div> + +<a name="Footnote_449"></a><a href="#FNanchor_449">[449]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit. +Deutsch von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_450"></a><a href="#FNanchor_450">[450]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p. +291.</p> +</div> + +<a name="Footnote_451"></a><a href="#FNanchor_451">[451]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216.</p> +</div> + +<a name="Footnote_452"></a><a href="#FNanchor_452">[452]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_453"></a><a href="#FNanchor_453">[453]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_454"></a><a href="#FNanchor_454">[454]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Martin Luthers sämtliche Werke. Erlanger Ausgabe. +Bd. 20, S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389; +Bd. 36, S. 298 ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen +Dienstboten in Berlin. 1901.</p> +</div> + +<a name="Footnote_455"></a><a href="#FNanchor_455">[455]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und +dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich, +a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_456"></a><a href="#FNanchor_456">[456]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kränitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_457"></a><a href="#FNanchor_457">[457]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des +Gesindewesens. Danzig 1873. S. 22.</p> +</div> + +<a name="Footnote_458"></a><a href="#FNanchor_458">[458]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu höherer +Geistesbildung. 1802.</p> +</div> + +<a name="Footnote_459"></a><a href="#FNanchor_459">[459]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S. +22.</p> +</div> + +<a name="Footnote_460"></a><a href="#FNanchor_460">[460]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_461"></a><a href="#FNanchor_461">[461]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J.V. Daubié, a.a.O., p. 89 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_462"></a><a href="#FNanchor_462">[462]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. W. Kähler, a.a.O., S. 34 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_463"></a><a href="#FNanchor_463">[463]</a> + +<div class="note"> +<p>Die männliche Bevölkerung hat um 9703 Personen +abgenommen, die weibliche um 135 626 zugenommen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_464"></a><a href="#FNanchor_464">[464]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of +Women and Girls. London 1894. p. 71 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_465"></a><a href="#FNanchor_465">[465]</a> + +<div class="note"> +<p>Für die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die +Arbeiter gerechnet worden, für die beiden letzten Arbeiter und +Angestellte.</p> +</div> + +<a name="Footnote_466"></a><a href="#FNanchor_466">[466]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbezählung im +Deutschen Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv für +soziale Gesetzgebung und Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und +Derselbe, Die Bevölkerung Oesterreichs. Wien 1895. S. 15.</p> +</div> + +<a name="Footnote_467"></a><a href="#FNanchor_467">[467]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der +Gewerbeaufsichtsbeamten für 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin +1896, 1897, 1898, 1899, und Jahresberichte der +Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr 1899. 4. Bd. Berlin +1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_468"></a><a href="#FNanchor_468">[468]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Rapports sur L'Application des Lois réglementant le +Travail. 1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_469"></a><a href="#FNanchor_469">[469]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des +Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die +Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. +Neue Folge. Bd. 112. Berlin 1898.</p> +</div> + +<a name="Footnote_470"></a><a href="#FNanchor_470">[470]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. für meine Zusammenstellung: Für Deutschland: +Berufsstatistik für das Reich im ganzen. Erster Teil. +Statistik des Deutschen Reiches. Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897. +S. 13 ff.—Für Oesterreich: Oesterreichische +Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895. XXXIII. Bd. S. 38 +ff.—Für England und Wales: Census of England and Wales +1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.—Für de Vereinigten +Staaten: XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S. +304, ff.—Für Frankreich: Die vorläufige +Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie nach der +Berufszählung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail, +Juin 1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte +Darstellung der Berufsarten, wie sie eigentlich für die +vorliegende Tabelle notwendig gewesen wäre, liegt bis jetzt +nur für Paris und das Seine-Departement vor.—Für +Belgien: Recensement général des Industries et des +Metiers (31 Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles +1900. S. 30 ff. Die Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt +auch hier.</p> +</div> + +<a name="Footnote_471"></a><a href="#FNanchor_471">[471]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. hierfür wie für das Folgende die +Ausführungen Werner Sombarts über Hausindustrie im +Handwörterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV, 2. Aufl. S. +1138 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_472"></a><a href="#FNanchor_472">[472]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs +nach der Berufs- und Gewerbezählung. Schriften des Vereins +für Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108.</p> +</div> + +<a name="Footnote_473"></a><a href="#FNanchor_473">[473]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung. +Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. +25.</p> +</div> + +<a name="Footnote_474"></a><a href="#FNanchor_474">[474]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion über die Heimarbeit +in Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_475"></a><a href="#FNanchor_475">[475]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148.</p> +</div> + +<a name="Footnote_476"></a><a href="#FNanchor_476">[476]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157.</p> +</div> + +<a name="Footnote_477"></a><a href="#FNanchor_477">[477]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Recensement général des Industries et des +Métiers. 31 Octobre 1896. Analyse des Vols. I et II. +Bruxelles 1900. p. 11 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_478"></a><a href="#FNanchor_478">[478]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895 +to 1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington +1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_479"></a><a href="#FNanchor_479">[479]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Miß Collet, Report on the Statistics of Employment of +Women and Girls. London 1894.</p> +</div> + +<a name="Footnote_480"></a><a href="#FNanchor_480">[480]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns +Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S. +682 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_481"></a><a href="#FNanchor_481">[481]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen +aus der Fabrik. Tübingen 1897. S. 41. Der Verfasser +stützt sich unter anderem auf Miß Collets +Untersuchungen, nach denen, wie schon erwähnt wurde, die +Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben +wurde.</p> +</div> + +<a name="Footnote_482"></a><a href="#FNanchor_482">[482]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken. +Nach den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für das +Jahr 1899 bearbeitet vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_483"></a><a href="#FNanchor_483">[483]</a> + +<div class="note"> +<p>Ergebnisse der über die Frauen- und Kinderarbeit in den +Fabriken auf Beschluß des Bundesrats angestellten Erhebungen. +Berlin 1877. S. 76 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_484"></a><a href="#FNanchor_484">[484]</a> + +<div class="note"> +<p>A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218.</p> +</div> + +<a name="Footnote_485"></a><a href="#FNanchor_485">[485]</a> + +<div class="note"> +<p>Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart +1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_486"></a><a href="#FNanchor_486">[486]</a> + +<div class="note"> +<p>Elis. Gnauck-Kühne, Die Lage der Arbeiterinnen in der +Berliner Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32.</p> +</div> + +<a name="Footnote_487"></a><a href="#FNanchor_487">[487]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Wiener +Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der +Enquête über Frauenarbeit. Wien 1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_488"></a><a href="#FNanchor_488">[488]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Singer, Untersuchungen über die sozialen +Zustände in den Fabrikbezirken des nordöstlichen +Böhmens. Leipzig 1885. S. 117.</p> +</div> + +<a name="Footnote_489"></a><a href="#FNanchor_489">[489]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans +L'Industrie française, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_490"></a><a href="#FNanchor_490">[490]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p. +12 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_491"></a><a href="#FNanchor_491">[491]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London +1893. p. 35 ff., 68 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_492"></a><a href="#FNanchor_492">[492]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women +in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_493"></a><a href="#FNanchor_493">[493]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, Die oberelsässische Baumwollindustrie und +ihre Arbeiter. Straßburg i.E. 1887. S. 308.</p> +</div> + +<a name="Footnote_494"></a><a href="#FNanchor_494">[494]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. F. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in +Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_495"></a><a href="#FNanchor_495">[495]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. +London 1898. p. 48.</p> +</div> + +<a name="Footnote_496"></a><a href="#FNanchor_496">[496]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Elis. Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_497"></a><a href="#FNanchor_497">[497]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das +Jahr 1899, Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_498"></a><a href="#FNanchor_498">[498]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306.</p> +</div> + +<a name="Footnote_499"></a><a href="#FNanchor_499">[499]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail dans +L'Industrie française. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_500"></a><a href="#FNanchor_500">[500]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work +and Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_501"></a><a href="#FNanchor_501">[501]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52.</p> +</div> + +<a name="Footnote_502"></a><a href="#FNanchor_502">[502]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics +of the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_503"></a><a href="#FNanchor_503">[503]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298.</p> +</div> + +<a name="Footnote_504"></a><a href="#FNanchor_504">[504]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und +Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. +26.</p> +</div> + +<a name="Footnote_505"></a><a href="#FNanchor_505">[505]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear, +Die Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins +für Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251.</p> +</div> + +<a name="Footnote_506"></a><a href="#FNanchor_506">[506]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London +1894. p. 290 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_507"></a><a href="#FNanchor_507">[507]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 281.</p> +</div> + +<a name="Footnote_508"></a><a href="#FNanchor_508">[508]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 285.</p> +</div> + +<a name="Footnote_509"></a><a href="#FNanchor_509">[509]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 135.</p> +</div> + +<a name="Footnote_510"></a><a href="#FNanchor_510">[510]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 100.</p> +</div> + +<a name="Footnote_511"></a><a href="#FNanchor_511">[511]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_512"></a><a href="#FNanchor_512">[512]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Elisabeth Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 55.</p> +</div> + +<a name="Footnote_513"></a><a href="#FNanchor_513">[513]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Großherzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale +Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u. +116.</p> +</div> + +<a name="Footnote_514"></a><a href="#FNanchor_514">[514]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und +Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste +Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war +klug genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen +Gewerbeaufsichtsberichte für 1899 zu thun, sonst hätte er +seine ganze Arbeit im Papierkorb verschwinden lassen +müssen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_515"></a><a href="#FNanchor_515">[515]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das +Jahr 1899. Berlin 1900. 4 Bände.</p> +</div> + +<a name="Footnote_516"></a><a href="#FNanchor_516">[516]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. +III, S. 906 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_517"></a><a href="#FNanchor_517">[517]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. Salaires et Durée du Travail +etc., a.a.O., t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handwörterbuch +der Staatswissenschaften. Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734.</p> +</div> + +<a name="Footnote_518"></a><a href="#FNanchor_518">[518]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara +Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_519"></a><a href="#FNanchor_519">[519]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in +Berlin. Berlin 1897. S. 229 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_520"></a><a href="#FNanchor_520">[520]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener +Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim.</p> +</div> + +<a name="Footnote_521"></a><a href="#FNanchor_521">[521]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misères de Femmes. +Paris 1900. p. 29.</p> +</div> + +<a name="Footnote_522"></a><a href="#FNanchor_522">[522]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvrières de l'Aiguille à +Paris, Paris 1895. p. 106.</p> +</div> + +<a name="Footnote_523"></a><a href="#FNanchor_523">[523]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wörishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in +Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 230.</p> +</div> + +<a name="Footnote_524"></a><a href="#FNanchor_524">[524]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 60. Die +soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. +155.</p> +</div> + +<a name="Footnote_525"></a><a href="#FNanchor_525">[525]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener +Arbeiterinnen, passim.</p> +</div> + +<a name="Footnote_526"></a><a href="#FNanchor_526">[526]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_527"></a><a href="#FNanchor_527">[527]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2. +S. 206.</p> +</div> + +<a name="Footnote_528"></a><a href="#FNanchor_528">[528]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 342 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_529"></a><a href="#FNanchor_529">[529]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196.</p> +</div> + +<a name="Footnote_530"></a><a href="#FNanchor_530">[530]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der +Kommission für Arbeitsstatistik. Verhältnisse in der +Wäschekonfektion. Verhandlungen Nr. 11, S. 13.</p> +</div> + +<a name="Footnote_531"></a><a href="#FNanchor_531">[531]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, +a.a.O., S. 113.</p> +</div> + +<a name="Footnote_532"></a><a href="#FNanchor_532">[532]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 114.</p> +</div> + +<a name="Footnote_533"></a><a href="#FNanchor_533">[533]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90; +Gnauck-Kühne, a.a.O., S. 64; Die Beschäftigung +verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 119.</p> +</div> + +<a name="Footnote_534"></a><a href="#FNanchor_534">[534]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wörishoffer, a.a.O., S. 227 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_535"></a><a href="#FNanchor_535">[535]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das +Jahr 1899, passim.</p> +</div> + +<a name="Footnote_536"></a><a href="#FNanchor_536">[536]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für +Arbeiterinnen und deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. +I. Teil. S. 85 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_537"></a><a href="#FNanchor_537">[537]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, +a.a.O. S. 64 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_538"></a><a href="#FNanchor_538">[538]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87.</p> +</div> + +<a name="Footnote_539"></a><a href="#FNanchor_539">[539]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der +Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_540"></a><a href="#FNanchor_540">[540]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen über die +Gesundheitsverhältnisse in der Schweiz. Archiv für +Hygiene. 1894. 2. Bd.</p> +</div> + +<a name="Footnote_541"></a><a href="#FNanchor_541">[541]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_542"></a><a href="#FNanchor_542">[542]</a> + +<div class="note"> +<p>Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_543"></a><a href="#FNanchor_543">[543]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_544"></a><a href="#FNanchor_544">[544]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Singer, a.a.O., S. 81.</p> +</div> + +<a name="Footnote_545"></a><a href="#FNanchor_545">[545]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53.</p> +</div> + +<a name="Footnote_546"></a><a href="#FNanchor_546">[546]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 151 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_547"></a><a href="#FNanchor_547">[547]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der +Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_548"></a><a href="#FNanchor_548">[548]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Deborah Bernson, Nécessite d'une Loi protectrice +pour la Femme ouvrière. Lille 1899. p. 41 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_549"></a><a href="#FNanchor_549">[549]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helbig, Phosphor und Zündwaren. Weyls Handbuch, a.a.O. +S. 768 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_550"></a><a href="#FNanchor_550">[550]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_551"></a><a href="#FNanchor_551">[551]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther +Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. +256 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_552"></a><a href="#FNanchor_552">[552]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvrière en France. Paris +1901. p. 105.</p> +</div> + +<a name="Footnote_553"></a><a href="#FNanchor_553">[553]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316.</p> +</div> + +<a name="Footnote_554"></a><a href="#FNanchor_554">[554]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. P. Straßmann, Die Einwirkung der +Nähmaschinenarbeit auf die weiblichen Genitalorgane. +Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S. 343 +ff.—Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Beschäftigung +verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_555"></a><a href="#FNanchor_555">[555]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.—Die Beschäftigung +verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.—Die +soziale Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_556"></a><a href="#FNanchor_556">[556]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden +1892. S. 107 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_557"></a><a href="#FNanchor_557">[557]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik +deutscher Großstädte. Leipzig 1886.</p> +</div> + +<a name="Footnote_558"></a><a href="#FNanchor_558">[558]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverhältnisse. +Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7. +1894. S 215 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_559"></a><a href="#FNanchor_559">[559]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. +I, S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_560"></a><a href="#FNanchor_560">[560]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57.</p> +</div> + +<a name="Footnote_561"></a><a href="#FNanchor_561">[561]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72.</p> +</div> + +<a name="Footnote_562"></a><a href="#FNanchor_562">[562]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. +IV. S. 283 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_563"></a><a href="#FNanchor_563">[563]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, +a.a.O, S. 36 f. u. 122 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_564"></a><a href="#FNanchor_564">[564]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Porak, Du Passage des Substances étrangères +à l'Organisme à travers le placenta. Archives de +Médecine expérimentale et d'Anatomie pathologique +1894. p. 203 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_565"></a><a href="#FNanchor_565">[565]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Fürsorge für +Arbeiterinnen und deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. +I. Teil. S. 92.</p> +</div> + +<a name="Footnote_566"></a><a href="#FNanchor_566">[566]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_567"></a><a href="#FNanchor_567">[567]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67.</p> +</div> + +<a name="Footnote_568"></a><a href="#FNanchor_568">[568]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91.</p> +</div> + +<a name="Footnote_569"></a><a href="#FNanchor_569">[569]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82.</p> +</div> + +<a name="Footnote_570"></a><a href="#FNanchor_570">[570]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd. +II. S. 857.</p> +</div> + +<a name="Footnote_571"></a><a href="#FNanchor_571">[571]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. R. Martin, Die Ausschließung der verheirateten Frauen +aus der Fabrik. Tübingen 1897. S. 69 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_572"></a><a href="#FNanchor_572">[572]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. El. Gnauck-Kühne, a.a.O, S. 34.</p> +</div> + +<a name="Footnote_573"></a><a href="#FNanchor_573">[573]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hirt, Die gewerbliche Thätigkeit der Frauen vom +hygienischen Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_574"></a><a href="#FNanchor_574">[574]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41.</p> +</div> + +<a name="Footnote_575"></a><a href="#FNanchor_575">[575]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bruno Schönlank, Die Fürther +Quecksilberspiegelbelegen und ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. +259.</p> +</div> + +<a name="Footnote_576"></a><a href="#FNanchor_576">[576]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche +Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2. +Abschnitt. S. 91 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_577"></a><a href="#FNanchor_577">[577]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion über die +Heimarbeit in Oesterreich. Herausgegeben vom k.k. +Handelsministerium. Wien 1900. I. Bd. S. 271 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_578"></a><a href="#FNanchor_578">[578]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 264.</p> +</div> + +<a name="Footnote_579"></a><a href="#FNanchor_579">[579]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 233.</p> +</div> + +<a name="Footnote_580"></a><a href="#FNanchor_580">[580]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 273.</p> +</div> + +<a name="Footnote_581"></a><a href="#FNanchor_581">[581]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 257.</p> +</div> + +<a name="Footnote_582"></a><a href="#FNanchor_582">[582]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 277 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_583"></a><a href="#FNanchor_583">[583]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 277.</p> +</div> + +<a name="Footnote_584"></a><a href="#FNanchor_584">[584]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 244 und 250 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_585"></a><a href="#FNanchor_585">[585]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 253.</p> +</div> + +<a name="Footnote_586"></a><a href="#FNanchor_586">[586]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 236 und 257.</p> +</div> + +<a name="Footnote_587"></a><a href="#FNanchor_587">[587]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 259.</p> +</div> + +<a name="Footnote_588"></a><a href="#FNanchor_588">[588]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 235.</p> +</div> + +<a name="Footnote_589"></a><a href="#FNanchor_589">[589]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 241.</p> +</div> + +<a name="Footnote_590"></a><a href="#FNanchor_590">[590]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 239.</p> +</div> + +<a name="Footnote_591"></a><a href="#FNanchor_591">[591]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 241.</p> +</div> + +<a name="Footnote_592"></a><a href="#FNanchor_592">[592]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. Les Industries à Domicile en +Belgique. Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_593"></a><a href="#FNanchor_593">[593]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 72 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_594"></a><a href="#FNanchor_594">[594]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 94.</p> +</div> + +<a name="Footnote_595"></a><a href="#FNanchor_595">[595]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 145.</p> +</div> + +<a name="Footnote_596"></a><a href="#FNanchor_596">[596]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_597"></a><a href="#FNanchor_597">[597]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises à Domicile. +Lyon 1896, p. 15 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_598"></a><a href="#FNanchor_598">[598]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 75.</p> +</div> + +<a name="Footnote_599"></a><a href="#FNanchor_599">[599]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_600"></a><a href="#FNanchor_600">[600]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 340.</p> +</div> + +<a name="Footnote_601"></a><a href="#FNanchor_601">[601]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVI. 2. +Bd.—Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise +Saarburg. S. 343 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_602"></a><a href="#FNanchor_602">[602]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76.</p> +</div> + +<a name="Footnote_603"></a><a href="#FNanchor_603">[603]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93.</p> +</div> + +<a name="Footnote_604"></a><a href="#FNanchor_604">[604]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Bein, Die Industrie des sächsischen Vogtlands. +Leipzig 1884. 2. Tl. S. 419 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_605"></a><a href="#FNanchor_605">[605]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_606"></a><a href="#FNanchor_606">[606]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_607"></a><a href="#FNanchor_607">[607]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. Degreef, L'Ouvrière dentellière en +Belgique. Bruxelles 1886. p. 86 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_608"></a><a href="#FNanchor_608">[608]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 51 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_609"></a><a href="#FNanchor_609">[609]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_610"></a><a href="#FNanchor_610">[610]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. +220.—Degreef, a.a.O, p. 88 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_611"></a><a href="#FNanchor_611">[611]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_612"></a><a href="#FNanchor_612">[612]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_613"></a><a href="#FNanchor_613">[613]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 42 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_614"></a><a href="#FNanchor_614">[614]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thüringen. I. Teil. Jena +1882. S. 112 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_615"></a><a href="#FNanchor_615">[615]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Les Industries á Domicile en Belgique, a.a.O., Vol. +II, p. 59 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_616"></a><a href="#FNanchor_616">[616]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren für das Jahr +1899. Bd. III. S. 414.</p> +</div> + +<a name="Footnote_617"></a><a href="#FNanchor_617">[617]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Jaffé, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der +deutschen Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik. +LXXXVI. 3. Bd. S. 314 u. 322.</p> +</div> + +<a name="Footnote_618"></a><a href="#FNanchor_618">[618]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 312 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_619"></a><a href="#FNanchor_619">[619]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 322 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_620"></a><a href="#FNanchor_620">[620]</a> + +<div class="note"> +<p>Helen Campbell, a.a.O., p. 225.</p> +</div> + +<a name="Footnote_621"></a><a href="#FNanchor_621">[621]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_622"></a><a href="#FNanchor_622">[622]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 43.</p> +</div> + +<a name="Footnote_623"></a><a href="#FNanchor_623">[623]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 51.</p> +</div> + +<a name="Footnote_624"></a><a href="#FNanchor_624">[624]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57.</p> +</div> + +<a name="Footnote_625"></a><a href="#FNanchor_625">[625]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger +Oberlands. Jena 1899. S. 14.</p> +</div> + +<a name="Footnote_626"></a><a href="#FNanchor_626">[626]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 55 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_627"></a><a href="#FNanchor_627">[627]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 66.</p> +</div> + +<a name="Footnote_628"></a><a href="#FNanchor_628">[628]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 10 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_629"></a><a href="#FNanchor_629">[629]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 19 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_630"></a><a href="#FNanchor_630">[630]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in Nürnberg und +Fürth. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXIV. +I. Bd. S. 155 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_631"></a><a href="#FNanchor_631">[631]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen über die +Lohnverhältnisse in der Wäschefabrikation und der +Konfektionsbranche sowie über den Verkauf oder die Lieferung +von Arbeitsmaterial (Nähfaden u.s.w.) seitens der Arbeitgeber +an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht über die +Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session, +1887. Bd. III.</p> +</div> + +<a name="Footnote_632"></a><a href="#FNanchor_632">[632]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion. +Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg.</p> +</div> + +<a name="Footnote_633"></a><a href="#FNanchor_633">[633]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Nr. 10-13. Berlin 1896.</p> +</div> + +<a name="Footnote_634"></a><a href="#FNanchor_634">[634]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in +der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schürzen- und +Trikotfabrikation. Leipzig 1898.</p> +</div> + +<a name="Footnote_635"></a><a href="#FNanchor_635">[635]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd.</p> +</div> + +<a name="Footnote_636"></a><a href="#FNanchor_636">[636]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion. Schriften d. +Vereins f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.</p> +</div> + +<a name="Footnote_637"></a><a href="#FNanchor_637">[637]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd.</p> +</div> + +<a name="Footnote_638"></a><a href="#FNanchor_638">[638]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189.</p> +</div> + +<a name="Footnote_639"></a><a href="#FNanchor_639">[639]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik, +a.a.O, Nr. 10, S. 205.</p> +</div> + +<a name="Footnote_640"></a><a href="#FNanchor_640">[640]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196.</p> +</div> + +<a name="Footnote_641"></a><a href="#FNanchor_641">[641]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S. +194 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_642"></a><a href="#FNanchor_642">[642]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_643"></a><a href="#FNanchor_643">[643]</a> + +<div class="note"> +<p>Hans Grandke, a.a.O, S. 383.</p> +</div> + +<a name="Footnote_644"></a><a href="#FNanchor_644">[644]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 247 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_645"></a><a href="#FNanchor_645">[645]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 251.</p> +</div> + +<a name="Footnote_646"></a><a href="#FNanchor_646">[646]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion. +Leipzig 1896. S. 51.</p> +</div> + +<a name="Footnote_647"></a><a href="#FNanchor_647">[647]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_648"></a><a href="#FNanchor_648">[648]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Jaffé, a.a.O, S. 163 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_649"></a><a href="#FNanchor_649">[649]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner +Wäscheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_650"></a><a href="#FNanchor_650">[650]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59.</p> +</div> + +<a name="Footnote_651"></a><a href="#FNanchor_651">[651]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_652"></a><a href="#FNanchor_652">[652]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_653"></a><a href="#FNanchor_653">[653]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener +Arbeiterinnen, a.a.O, S. 163, 604.</p> +</div> + +<a name="Footnote_654"></a><a href="#FNanchor_654">[654]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435.</p> +</div> + +<a name="Footnote_655"></a><a href="#FNanchor_655">[655]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le +Vêtement à Paris. Paris 1896. p. 495 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_656"></a><a href="#FNanchor_656">[656]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 503 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_657"></a><a href="#FNanchor_657">[657]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_658"></a><a href="#FNanchor_658">[658]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 70 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_659"></a><a href="#FNanchor_659">[659]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. +526 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_660"></a><a href="#FNanchor_660">[660]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_661"></a><a href="#FNanchor_661">[661]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_662"></a><a href="#FNanchor_662">[662]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_663"></a><a href="#FNanchor_663">[663]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_664"></a><a href="#FNanchor_664">[664]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Second Report from the select Committee of the House of +Lords on the Sweating System. London 1888. p. 585 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_665"></a><a href="#FNanchor_665">[665]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I. +p. 1 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_666"></a><a href="#FNanchor_666">[666]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893. +Vol. IV. p. 50 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_667"></a><a href="#FNanchor_667">[667]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 271.</p> +</div> + +<a name="Footnote_668"></a><a href="#FNanchor_668">[668]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 55 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_669"></a><a href="#FNanchor_669">[669]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten +Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_670"></a><a href="#FNanchor_670">[670]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p. +33 ff. u. 82 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_671"></a><a href="#FNanchor_671">[671]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 37.</p> +</div> + +<a name="Footnote_672"></a><a href="#FNanchor_672">[672]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_673"></a><a href="#FNanchor_673">[673]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625.</p> +</div> + +<a name="Footnote_674"></a><a href="#FNanchor_674">[674]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68.</p> +</div> + +<a name="Footnote_675"></a><a href="#FNanchor_675">[675]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_676"></a><a href="#FNanchor_676">[676]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45.</p> +</div> + +<a name="Footnote_677"></a><a href="#FNanchor_677">[677]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_678"></a><a href="#FNanchor_678">[678]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_679"></a><a href="#FNanchor_679">[679]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629.</p> +</div> + +<a name="Footnote_680"></a><a href="#FNanchor_680">[680]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkung der +Heimarbeit in Nordamerika. Schriften des Vereins für +Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig 1899. 4. Bd. S. 213.</p> +</div> + +<a name="Footnote_681"></a><a href="#FNanchor_681">[681]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45.</p> +</div> + +<a name="Footnote_682"></a><a href="#FNanchor_682">[682]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_683"></a><a href="#FNanchor_683">[683]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_684"></a><a href="#FNanchor_684">[684]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.—Kuno Frankenstein, +a.a.O., S. 13 f.—Ergebnisse der Ermittlungen über die +Lohnverhältnisse in der Konfektion, a.a.O., S. 701 +ff.—Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_685"></a><a href="#FNanchor_685">[685]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der +großstädtischen Frauenhausindustrie. Schriften des +Vereins für Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd. S. XXXIX ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_686"></a><a href="#FNanchor_686">[686]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der +Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft. +Leipzig 1901. S. 23.</p> +</div> + +<a name="Footnote_687"></a><a href="#FNanchor_687">[687]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Jaffé, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116 +ff.—J. Timm, a.a.O., S. 294.—Working Women in large +Cities, a.a.O., p. 26.</p> +</div> + +<a name="Footnote_688"></a><a href="#FNanchor_688">[688]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p. +666.—Alfr. Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S. +XXXVI.</p> +</div> + +<a name="Footnote_689"></a><a href="#FNanchor_689">[689]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.—Feig, a.a.O., S. 51 +ff.—G. Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.—E. Jaffé, +a.a.O., S. 151.</p> +</div> + +<a name="Footnote_690"></a><a href="#FNanchor_690">[690]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I—XVII.—Home Industries +of Women in London, p. 12 ff.—Charles Booth, a.a.O., Vol. I, +p. 61.—Hans Grandke, a.a.O., S. 267.—Gustav Lange, +a.a.O., S. 136 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_691"></a><a href="#FNanchor_691">[691]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +269.—Charles Booth, a.a.O., p. 295.—Working Women in +large Cities, a.a.O., p. 15 f.—Ergebnisse der Ermittelungen +über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der +Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.—Verhandlungen der Kommission +für Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.—E. +Jaffé, a.a.O., S. 118 ff.—E. Neubert, Hausindustrie in +den Regierungsbezirken Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins +für Sozialpolitik. XXXIX. I. Bd. S. 118 ff.—Gertrud +Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.—Alfred Weber, Das Sweating-System +in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S. 518.</p> +</div> + +<a name="Footnote_692"></a><a href="#FNanchor_692">[692]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Feig, a.a.O., S. 112.</p> +</div> + +<a name="Footnote_693"></a><a href="#FNanchor_693">[693]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. Schnapper-Arndt, Fünf Dorfgemeinden auf dem Hohen +Taunus. Leipzig 1889. S. 72 ff.—Alfred Weber, Die +Hausindustrie und ihre gesetzliche Regelung, Verhandlungen des +Vereins für Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 13.</p> +</div> + +<a name="Footnote_694"></a><a href="#FNanchor_694">[694]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gemäß +den Erhebungen der Kommission für Arbeiterstatistik. Stuttgart +1900. S. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_695"></a><a href="#FNanchor_695">[695]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers +Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416.</p> +</div> + +<a name="Footnote_696"></a><a href="#FNanchor_696">[696]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418.</p> +</div> + +<a name="Footnote_697"></a><a href="#FNanchor_697">[697]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 1441.</p> +</div> + +<a name="Footnote_698"></a><a href="#FNanchor_698">[698]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig. +Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_699"></a><a href="#FNanchor_699">[699]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der +Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II.</p> +</div> + +<a name="Footnote_700"></a><a href="#FNanchor_700">[700]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 18.</p> +</div> + +<a name="Footnote_701"></a><a href="#FNanchor_701">[701]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_702"></a><a href="#FNanchor_702">[702]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18.</p> +</div> + +<a name="Footnote_703"></a><a href="#FNanchor_703">[703]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff., +234 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_704"></a><a href="#FNanchor_704">[704]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 85 ff., 234 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_705"></a><a href="#FNanchor_705">[705]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35</p> +</div> + +<a name="Footnote_706"></a><a href="#FNanchor_706">[706]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Erhebungen über Arbeitszeit, Kündigungsfristen +und Lehrlingsverhältnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober +1892. Berlin 1893. Tabelle X.</p> +</div> + +<a name="Footnote_707"></a><a href="#FNanchor_707">[707]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women, +a.a.O., p. 3 ff., 85 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_708"></a><a href="#FNanchor_708">[708]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII.</p> +</div> + +<a name="Footnote_709"></a><a href="#FNanchor_709">[709]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85.</p> +</div> + +<a name="Footnote_710"></a><a href="#FNanchor_710">[710]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. a.a.O.—Vernehmungen von Auskunftspersonen über +Arbeitszeit, Kündigungsfristen und Lehrlingsverhältnisse +im Handelsgewerbe. 9. bis 10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_711"></a><a href="#FNanchor_711">[711]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_712"></a><a href="#FNanchor_712">[712]</a> + +<div class="note"> +<p>Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London +1884. p. 38 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_713"></a><a href="#FNanchor_713">[713]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_714"></a><a href="#FNanchor_714">[714]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_715"></a><a href="#FNanchor_715">[715]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of +Labour, a.a.O., p. 3 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_716"></a><a href="#FNanchor_716">[716]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III.</p> +</div> + +<a name="Footnote_717"></a><a href="#FNanchor_717">[717]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 79.</p> +</div> + +<a name="Footnote_718"></a><a href="#FNanchor_718">[718]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104.</p> +</div> + +<a name="Footnote_719"></a><a href="#FNanchor_719">[719]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_720"></a><a href="#FNanchor_720">[720]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287 +f.—Sutherst, a.a.O., p. 20 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_721"></a><a href="#FNanchor_721">[721]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243 +f.—Julius Meyer, a.a.O., S. 22.</p> +</div> + +<a name="Footnote_722"></a><a href="#FNanchor_722">[722]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_723"></a><a href="#FNanchor_723">[723]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 141.</p> +</div> + +<a name="Footnote_724"></a><a href="#FNanchor_724">[724]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420.</p> +</div> + +<a name="Footnote_725"></a><a href="#FNanchor_725">[725]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.—Vernehmungen, a.a.O., S. +94.</p> +</div> + +<a name="Footnote_726"></a><a href="#FNanchor_726">[726]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f., +318.—Sutherst, a.a.O., p. 128.—J. Silbermann, Die Lage +der deutschen Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S. +363.</p> +</div> + +<a name="Footnote_727"></a><a href="#FNanchor_727">[727]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138.</p> +</div> + +<a name="Footnote_728"></a><a href="#FNanchor_728">[728]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. +Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42.</p> +</div> + +<a name="Footnote_729"></a><a href="#FNanchor_729">[729]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen +Deutschland. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LV. 3. +Bd. S. 18 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_730"></a><a href="#FNanchor_730">[730]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Die +Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1. +Bd. S. 3.</p> +</div> + +<a name="Footnote_731"></a><a href="#FNanchor_731">[731]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166.</p> +</div> + +<a name="Footnote_732"></a><a href="#FNanchor_732">[732]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der +ostelbischen Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2 +ff.—G. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. +210.</p> +</div> + +<a name="Footnote_733"></a><a href="#FNanchor_733">[733]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_734"></a><a href="#FNanchor_734">[734]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Von der Goltz, Die ländliche Arbeiterklasse und der +preußische Staat. Jena 1893. S. 5 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_735"></a><a href="#FNanchor_735">[735]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 1. Bd., +S. 40 f. 110 ff., 177 ff. und 261 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_736"></a><a href="#FNanchor_736">[736]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_737"></a><a href="#FNanchor_737">[737]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., Bd. 1, S. 261 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_738"></a><a href="#FNanchor_738">[738]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris +1885. t. I. p. 337 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_739"></a><a href="#FNanchor_739">[739]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen +Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21.</p> +</div> + +<a name="Footnote_740"></a><a href="#FNanchor_740">[740]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., +S. 367 ff. K. Kaerger, Die Sachsengängerei. Berlin 1890. S. +165.</p> +</div> + +<a name="Footnote_741"></a><a href="#FNanchor_741">[741]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd. +S. 440.</p> +</div> + +<a name="Footnote_742"></a><a href="#FNanchor_742">[742]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 94 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_743"></a><a href="#FNanchor_743">[743]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Goltz, Die Lage der ländlichen Arbeiter im Deutschen +Reich. Berlin 1875. S. 448.</p> +</div> + +<a name="Footnote_744"></a><a href="#FNanchor_744">[744]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322.</p> +</div> + +<a name="Footnote_745"></a><a href="#FNanchor_745">[745]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_746"></a><a href="#FNanchor_746">[746]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., t. III, p. 443.</p> +</div> + +<a name="Footnote_747"></a><a href="#FNanchor_747">[747]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers. +London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_748"></a><a href="#FNanchor_748">[748]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184.</p> +</div> + +<a name="Footnote_749"></a><a href="#FNanchor_749">[749]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257.</p> +</div> + +<a name="Footnote_750"></a><a href="#FNanchor_750">[750]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 43.</p> +</div> + +<a name="Footnote_751"></a><a href="#FNanchor_751">[751]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_752"></a><a href="#FNanchor_752">[752]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, Bd. I, +S. 134.</p> +</div> + +<a name="Footnote_753"></a><a href="#FNanchor_753">[753]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 98.</p> +</div> + +<a name="Footnote_754"></a><a href="#FNanchor_754">[754]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59.</p> +</div> + +<a name="Footnote_755"></a><a href="#FNanchor_755">[755]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 58 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_756"></a><a href="#FNanchor_756">[756]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_757"></a><a href="#FNanchor_757">[757]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41.</p> +</div> + +<a name="Footnote_758"></a><a href="#FNanchor_758">[758]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43.</p> +</div> + +<a name="Footnote_759"></a><a href="#FNanchor_759">[759]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55.</p> +</div> + +<a name="Footnote_760"></a><a href="#FNanchor_760">[760]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_761"></a><a href="#FNanchor_761">[761]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269.</p> +</div> + +<a name="Footnote_762"></a><a href="#FNanchor_762">[762]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_763"></a><a href="#FNanchor_763">[763]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnissen +der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895. +Bd. I. S. 46</p> +</div> + +<a name="Footnote_764"></a><a href="#FNanchor_764">[764]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Weber, Die Verhältnisse der Landarbeiter im +ostelbischen Deutschland. Leipzig 1892. S. 143.</p> +</div> + +<a name="Footnote_765"></a><a href="#FNanchor_765">[765]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220.</p> +</div> + +<a name="Footnote_766"></a><a href="#FNanchor_766">[766]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_767"></a><a href="#FNanchor_767">[767]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Weber, a.a.O., S. 192.</p> +</div> + +<a name="Footnote_768"></a><a href="#FNanchor_768">[768]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, a.a.O., 1. +Bd. S. 121.</p> +</div> + +<a name="Footnote_769"></a><a href="#FNanchor_769">[769]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251.</p> +</div> + +<a name="Footnote_770"></a><a href="#FNanchor_770">[770]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ascher, Die ländlichen Arbeiterwohnungen in +Preußen. Berlin 1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_771"></a><a href="#FNanchor_771">[771]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Weber, a.a.O., S. 553.</p> +</div> + +<a name="Footnote_772"></a><a href="#FNanchor_772">[772]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_773"></a><a href="#FNanchor_773">[773]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205.</p> +</div> + +<a name="Footnote_774"></a><a href="#FNanchor_774">[774]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., p. 608 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_775"></a><a href="#FNanchor_775">[775]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., t. III, p. 200.</p> +</div> + +<a name="Footnote_776"></a><a href="#FNanchor_776">[776]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44.</p> +</div> + +<a name="Footnote_777"></a><a href="#FNanchor_777">[777]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., I, S. 81.</p> +</div> + +<a name="Footnote_778"></a><a href="#FNanchor_778">[778]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., I, S. 45 u. 73.</p> +</div> + +<a name="Footnote_779"></a><a href="#FNanchor_779">[779]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., II, S. 309.</p> +</div> + +<a name="Footnote_780"></a><a href="#FNanchor_780">[780]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., I, S. 46.</p> +</div> + +<a name="Footnote_781"></a><a href="#FNanchor_781">[781]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198.</p> +</div> + +<a name="Footnote_782"></a><a href="#FNanchor_782">[782]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., I, S. 32.</p> +</div> + +<a name="Footnote_783"></a><a href="#FNanchor_783">[783]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209.</p> +</div> + +<a name="Footnote_784"></a><a href="#FNanchor_784">[784]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., +S. 484 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_785"></a><a href="#FNanchor_785">[785]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23.</p> +</div> + +<a name="Footnote_786"></a><a href="#FNanchor_786">[786]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24.</p> +</div> + +<a name="Footnote_787"></a><a href="#FNanchor_787">[787]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, LIII, S. 265, +280, 322, 323, 411, 427.</p> +</div> + +<a name="Footnote_788"></a><a href="#FNanchor_788">[788]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstmädchen in Berlin. +Berlin 1901.</p> +</div> + +<a name="Footnote_789"></a><a href="#FNanchor_789">[789]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Miß +Collet on the Money Wages of indoor Domestic Servants. London +1899.</p> +</div> + +<a name="Footnote_790"></a><a href="#FNanchor_790">[790]</a> + +<div class="note"> +<p>Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217.</p> +</div> + +<a name="Footnote_791"></a><a href="#FNanchor_791">[791]</a> + +<div class="note"> +<p>Miß Collet, a.a.O., p. 14 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_792"></a><a href="#FNanchor_792">[792]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition. +New-York 1901. p. 96.</p> +</div> + +<a name="Footnote_793"></a><a href="#FNanchor_793">[793]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588.</p> +</div> + +<a name="Footnote_794"></a><a href="#FNanchor_794">[794]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219.</p> +</div> + +<a name="Footnote_795"></a><a href="#FNanchor_795">[795]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. O. Stillich, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_796"></a><a href="#FNanchor_796">[796]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Anton Menger, Das bürgerliche Recht und die +besitzlosen Volksklassen. In Brauns Archiv für soziale +Gesetzgebung u. Statistik. Bd. II. 1889. S. 463.</p> +</div> + +<a name="Footnote_797"></a><a href="#FNanchor_797">[797]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Erhebungen Nr. 9. Erhebung über die Arbeits- und +Gehaltsverhältnisse der Kellner und Kellnerinnen. 2. Teil. +Berlin 1895. S. 77.</p> +</div> + +<a name="Footnote_798"></a><a href="#FNanchor_798">[798]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663.</p> +</div> + +<a name="Footnote_799"></a><a href="#FNanchor_799">[799]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_800"></a><a href="#FNanchor_800">[800]</a> + +<div class="note"> +<p>A. a. O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_801"></a><a href="#FNanchor_801">[801]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_802"></a><a href="#FNanchor_802">[802]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_803"></a><a href="#FNanchor_803">[803]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_804"></a><a href="#FNanchor_804">[804]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. hierfür die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs +Roman: Das tägliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde.</p> +</div> + +<a name="Footnote_805"></a><a href="#FNanchor_805">[805]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle +édition. Paris 1896.</p> +</div> + +<a name="Footnote_806"></a><a href="#FNanchor_806">[806]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris +1901. p. 347 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_807"></a><a href="#FNanchor_807">[807]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596.</p> +</div> + +<a name="Footnote_808"></a><a href="#FNanchor_808">[808]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158.</p> +</div> + +<a name="Footnote_809"></a><a href="#FNanchor_809">[809]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585.</p> +</div> + +<a name="Footnote_810"></a><a href="#FNanchor_810">[810]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_811"></a><a href="#FNanchor_811">[811]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Stillich, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_812"></a><a href="#FNanchor_812">[812]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586.</p> +</div> + +<a name="Footnote_813"></a><a href="#FNanchor_813">[813]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S. +141</p> +</div> + +<a name="Footnote_814"></a><a href="#FNanchor_814">[814]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_815"></a><a href="#FNanchor_815">[815]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.</p> +</div> + +<a name="Footnote_816"></a><a href="#FNanchor_816">[816]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.</p> +</div> + +<a name="Footnote_817"></a><a href="#FNanchor_817">[817]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75.</p> +</div> + +<a name="Footnote_818"></a><a href="#FNanchor_818">[818]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch für Volkswirtschaft. +Berlin 1874.</p> +</div> + +<a name="Footnote_819"></a><a href="#FNanchor_819">[819]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_820"></a><a href="#FNanchor_820">[820]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler +Kongreß für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in +Berlin, 19.-26. September 1896. Berlin 1897. S. 405.</p> +</div> + +<a name="Footnote_821"></a><a href="#FNanchor_821">[821]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Remplaçantes, Paris +1901, das mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit diese +Zustände schildert.</p> +</div> + +<a name="Footnote_822"></a><a href="#FNanchor_822">[822]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_823"></a><a href="#FNanchor_823">[823]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des +Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30.</p> +</div> + +<a name="Footnote_824"></a><a href="#FNanchor_824">[824]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +17 und 21 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_825"></a><a href="#FNanchor_825">[825]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_826"></a><a href="#FNanchor_826">[826]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Erhebungen Nr. 6. Erhebung über die Arbeits- und +Gehaltsverhältnisse der Kellner und Kellnerinnen. Berlin 1894. +S. 132 f.—Royal Commission on Labour. Employment of Women. p. +288.</p> +</div> + +<a name="Footnote_827"></a><a href="#FNanchor_827">[827]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Referat des Münchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in +der Sitzung der königlichen Lokalschulkommission am 22. 3. +1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_828"></a><a href="#FNanchor_828">[828]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse +der Münchener Kellnerinnen. Brauns Archiv für soziale +Gesetzgebung und Statistik. V. Bd. 1892. S. 129.</p> +</div> + +<a name="Footnote_829"></a><a href="#FNanchor_829">[829]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 117.</p> +</div> + +<a name="Footnote_830"></a><a href="#FNanchor_830">[830]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin +1893. S. 28.</p> +</div> + +<a name="Footnote_831"></a><a href="#FNanchor_831">[831]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +197 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_832"></a><a href="#FNanchor_832">[832]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_833"></a><a href="#FNanchor_833">[833]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in München. Stuttgart 1899. +S. 210.</p> +</div> + +<a name="Footnote_834"></a><a href="#FNanchor_834">[834]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110.</p> +</div> + +<a name="Footnote_835"></a><a href="#FNanchor_835">[835]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Erhebungen Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_836"></a><a href="#FNanchor_836">[836]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208.</p> +</div> + +<a name="Footnote_837"></a><a href="#FNanchor_837">[837]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112.</p> +</div> + +<a name="Footnote_838"></a><a href="#FNanchor_838">[838]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216.</p> +</div> + +<a name="Footnote_839"></a><a href="#FNanchor_839">[839]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 16. Protokolle über die Verhandlungen und +die Vernehmung von Auskunftspersonen über die +Verhältnisse der in Gast- und Schankwirtschaften +beschäftigten Personen. Berlin 1899. S. 89.</p> +</div> + +<a name="Footnote_840"></a><a href="#FNanchor_840">[840]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66.</p> +</div> + +<a name="Footnote_841"></a><a href="#FNanchor_841">[841]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Erhebungen Nr. 6, S. 136.</p> +</div> + +<a name="Footnote_842"></a><a href="#FNanchor_842">[842]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 16, S. 72.</p> +</div> + +<a name="Footnote_843"></a><a href="#FNanchor_843">[843]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197.</p> +</div> + +<a name="Footnote_844"></a><a href="#FNanchor_844">[844]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69.</p> +</div> + +<a name="Footnote_845"></a><a href="#FNanchor_845">[845]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203.</p> +</div> + +<a name="Footnote_846"></a><a href="#FNanchor_846">[846]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204.</p> +</div> + +<a name="Footnote_847"></a><a href="#FNanchor_847">[847]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24 +ff., und Cohen, a.a.O., S. 121.</p> +</div> + +<a name="Footnote_848"></a><a href="#FNanchor_848">[848]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17.</p> +</div> + +<a name="Footnote_849"></a><a href="#FNanchor_849">[849]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38.</p> +</div> + +<a name="Footnote_850"></a><a href="#FNanchor_850">[850]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_851"></a><a href="#FNanchor_851">[851]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_852"></a><a href="#FNanchor_852">[852]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Erhebungen Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. +81.</p> +</div> + +<a name="Footnote_853"></a><a href="#FNanchor_853">[853]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_854"></a><a href="#FNanchor_854">[854]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218.</p> +</div> + +<a name="Footnote_855"></a><a href="#FNanchor_855">[855]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113.</p> +</div> + +<a name="Footnote_856"></a><a href="#FNanchor_856">[856]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59.</p> +</div> + +<a name="Footnote_857"></a><a href="#FNanchor_857">[857]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. +199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die +Beschäftigung von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv für +soziale Gesetzgebung und Statistik. 17. Bd. 1901.</p> +</div> + +<a name="Footnote_858"></a><a href="#FNanchor_858">[858]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S. +119.</p> +</div> + +<a name="Footnote_859"></a><a href="#FNanchor_859">[859]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_860"></a><a href="#FNanchor_860">[860]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Drucksachen der Kommission für Arbeiterstatistik. +Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52.</p> +</div> + +<a name="Footnote_861"></a><a href="#FNanchor_861">[861]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's +Trade-Union-League. Ohne Datum.</p> +</div> + +<a name="Footnote_862"></a><a href="#FNanchor_862">[862]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen +Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_863"></a><a href="#FNanchor_863">[863]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter +den englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S. +166 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_864"></a><a href="#FNanchor_864">[864]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Office du Travail.—La petite Industrie, a.a.O., t. +II, p. 669.</p> +</div> + +<a name="Footnote_865"></a><a href="#FNanchor_865">[865]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen +Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_866"></a><a href="#FNanchor_866">[866]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigjährige +Arbeiterinnenbewegung Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889.</p> +</div> + +<a name="Footnote_867"></a><a href="#FNanchor_867">[867]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften +Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542.</p> +</div> + +<a name="Footnote_868"></a><a href="#FNanchor_868">[868]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche +Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Thätigkeit. M.-Gladbach 1900. +S. 40 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_869"></a><a href="#FNanchor_869">[869]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 54.</p> +</div> + +<a name="Footnote_870"></a><a href="#FNanchor_870">[870]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_871"></a><a href="#FNanchor_871">[871]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on +Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_872"></a><a href="#FNanchor_872">[872]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen +Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. +124.</p> +</div> + +<a name="Footnote_873"></a><a href="#FNanchor_873">[873]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels, +commerciaux et agricoles. Paris 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_874"></a><a href="#FNanchor_874">[874]</a> + +<div class="note"> +<p>Ein Vergleich der Organisierten mit sämtlichen +Arbeiterinnen der einzelnen Berufe läßt sich nicht +ziehen, weil die Einteilungen nicht übereinstimmen.</p> +</div> + +<a name="Footnote_875"></a><a href="#FNanchor_875">[875]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_876"></a><a href="#FNanchor_876">[876]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington +1888. p. 144.</p> +</div> + +<a name="Footnote_877"></a><a href="#FNanchor_877">[877]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_878"></a><a href="#FNanchor_878">[878]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten +Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715.</p> +</div> + +<a name="Footnote_879"></a><a href="#FNanchor_879">[879]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen +Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_880"></a><a href="#FNanchor_880">[880]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_881"></a><a href="#FNanchor_881">[881]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. +90 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_882"></a><a href="#FNanchor_882">[882]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin, +1891, S. 22.</p> +</div> + +<a name="Footnote_883"></a><a href="#FNanchor_883">[883]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte +Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung.</p> +</div> + +<a name="Footnote_884"></a><a href="#FNanchor_884">[884]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im +Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_885"></a><a href="#FNanchor_885">[885]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der +sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom +17. bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_886"></a><a href="#FNanchor_886">[886]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der +Gegenwart, Berlin 1894, und meine Broschüre: Frauenfrage und +Sozialdemokratie, Berlin 1896.</p> +</div> + +<a name="Footnote_887"></a><a href="#FNanchor_887">[887]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der +sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896. +Berlin 1896. S. 174.</p> +</div> + +<a name="Footnote_888"></a><a href="#FNanchor_888">[888]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. meine Broschüre: Frauenarbeit und Hauswirtschaft. +Berlin 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_889"></a><a href="#FNanchor_889">[889]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London +1899. p. 242 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_890"></a><a href="#FNanchor_890">[890]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition. +New-York 1901. p. 212 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_891"></a><a href="#FNanchor_891">[891]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl. +Stuttgart 1895. S. 422 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_892"></a><a href="#FNanchor_892">[892]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des +Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18.</p> +</div> + +<a name="Footnote_893"></a><a href="#FNanchor_893">[893]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 62.</p> +</div> + +<a name="Footnote_894"></a><a href="#FNanchor_894">[894]</a> + +<div class="note"> +<p>Für alle Bestrebungen der Art vergl. für Deutschland: +Lina Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin +1893.—Für England: Emily Janes, The English Woman's +Yearbook. London 1901.—Für Frankreich: Camille Pert, Le +Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte d'Haussonville, a.a.O., S. +46, 61, 64 ff.—Für Amerika: Working Women in large +Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_895"></a><a href="#FNanchor_895">[895]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. +83.</p> +</div> + +<a name="Footnote_896"></a><a href="#FNanchor_896">[896]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16.</p> +</div> + +<a name="Footnote_897"></a><a href="#FNanchor_897">[897]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. die stenographischen Kongreßberichte in der Zeitung: +"La Fronde" vom 6. und 7. September 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_898"></a><a href="#FNanchor_898">[898]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22.</p> +</div> + +<a name="Footnote_899"></a><a href="#FNanchor_899">[899]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 51.</p> +</div> + +<a name="Footnote_900"></a><a href="#FNanchor_900">[900]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 55.</p> +</div> + +<a name="Footnote_901"></a><a href="#FNanchor_901">[901]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 61 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_902"></a><a href="#FNanchor_902">[902]</a> + +<div class="note"> +<p>Für die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des +Bundes deutscher Frauenvereine, begründet von Jeanette +Schwerin. Herausgeben von Marie Stritt. 3 Jahrgänge und Marie +Stritt und Ika Freudenberg, Der Bund deutscher Frauenvereine. +Frankenberg 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_903"></a><a href="#FNanchor_903">[903]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will +und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9.</p> +</div> + +<a name="Footnote_904"></a><a href="#FNanchor_904">[904]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9.</p> +</div> + +<a name="Footnote_905"></a><a href="#FNanchor_905">[905]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13.</p> +</div> + +<a name="Footnote_906"></a><a href="#FNanchor_906">[906]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eliza Ichenhäuser, Die Dienstbotenfrage und ihre +Reform., Berlin 1900.</p> +</div> + +<a name="Footnote_907"></a><a href="#FNanchor_907">[907]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86 +ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_908"></a><a href="#FNanchor_908">[908]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women +Workers, London 1900. p. 177.</p> +</div> + +<a name="Footnote_909"></a><a href="#FNanchor_909">[909]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245.</p> +</div> + +<a name="Footnote_910"></a><a href="#FNanchor_910">[910]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895.</p> +</div> + +<a name="Footnote_911"></a><a href="#FNanchor_911">[911]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259.</p> +</div> + +<a name="Footnote_912"></a><a href="#FNanchor_912">[912]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_913"></a><a href="#FNanchor_913">[913]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der +Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim.</p> +</div> + +<a name="Footnote_914"></a><a href="#FNanchor_914">[914]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages +and Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende +Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London +1901. p. 116 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_915"></a><a href="#FNanchor_915">[915]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. die Verhandlungen des Züricher +Arbeiterschutzkongresses 1897.—Rudolf Martin, Die +Ausschließung der verheirateten Frauen aus der Fabrik. +Tübingen 1897.—Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und +Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.—Massachusetts Bureau of +Labour Statistics 1875. p. 183 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_916"></a><a href="#FNanchor_916">[916]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_917"></a><a href="#FNanchor_917">[917]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London +1894. p. 102.</p> +</div> + +<a name="Footnote_918"></a><a href="#FNanchor_918">[918]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43.</p> +</div> + +<a name="Footnote_919"></a><a href="#FNanchor_919">[919]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 47.</p> +</div> + +<a name="Footnote_920"></a><a href="#FNanchor_920">[920]</a> + +<div class="note"> +<p>A.a.O., S. 27.</p> +</div> + +<a name="Footnote_921"></a><a href="#FNanchor_921">[921]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Die Beschäftigung verheirateter Frauen in Fabriken, +a.a.O., S. 63.</p> +</div> + +<a name="Footnote_922"></a><a href="#FNanchor_922">[922]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten für das Jahr +1899. Bd. I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S. +165, 238, 413, 659.</p> +</div> + +<a name="Footnote_923"></a><a href="#FNanchor_923">[923]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvrières de +l'Industrie dans les Pays étrangers. Bruxelles 1898.</p> +</div> + +<a name="Footnote_924"></a><a href="#FNanchor_924">[924]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Henrotte, La Réglementation internationale du +Travail. Congrès international de Législation du +Travail à Bruxelles 1897. Bruxelles 1898. p. 129 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_925"></a><a href="#FNanchor_925">[925]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Soziale Rundschau, Wien. März 1900. S. 426.</p> +</div> + +<a name="Footnote_926"></a><a href="#FNanchor_926">[926]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I. +London 1894. pag. 108.</p> +</div> + +<a name="Footnote_927"></a><a href="#FNanchor_927">[927]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der +Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_928"></a><a href="#FNanchor_928">[928]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21.</p> +</div> + +<a name="Footnote_929"></a><a href="#FNanchor_929">[929]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract +Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating +System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963 +f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_930"></a><a href="#FNanchor_930">[930]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschränkung der +Heimarbeit. Schriften des Vereins für Sozialpolitik. LXXXVII. +4. Bd. Leipzig 1899. S. 224.</p> +</div> + +<a name="Footnote_931"></a><a href="#FNanchor_931">[931]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. E. Jaffé, a.a.O., S. 113.</p> +</div> + +<a name="Footnote_932"></a><a href="#FNanchor_932">[932]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. G. Ruhland, Der achtstündige Arbeitstag und die +Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Schäffles +Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. Tübingen +1891. 2. Heft. S. 350 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_933"></a><a href="#FNanchor_933">[933]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90.</p> +</div> + +<a name="Footnote_934"></a><a href="#FNanchor_934">[934]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen +Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die +Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff., +sowie Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_935"></a><a href="#FNanchor_935">[935]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_936"></a><a href="#FNanchor_936">[936]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in +Brauns Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd, +Berlin 1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins für +Sozialpolitik im September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S. +35.</p> +</div> + +<a name="Footnote_937"></a><a href="#FNanchor_937">[937]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat +und Reichstage überreicht vom Verband der Schneider und +Schneiderinnen. Stuttgart 1901. S. 130.</p> +</div> + +<a name="Footnote_938"></a><a href="#FNanchor_938">[938]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O., +p. 36.</p> +</div> + +<a name="Footnote_939"></a><a href="#FNanchor_939">[939]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschränkungen etc., +a.a.O., S. 225.</p> +</div> + +<a name="Footnote_940"></a><a href="#FNanchor_940">[940]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_941"></a><a href="#FNanchor_941">[941]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und +ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv für soziale +Gesetzgebung und Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_942"></a><a href="#FNanchor_942">[942]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_943"></a><a href="#FNanchor_943">[943]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371.</p> +</div> + +<a name="Footnote_944"></a><a href="#FNanchor_944">[944]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222.</p> +</div> + +<a name="Footnote_945"></a><a href="#FNanchor_945">[945]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f.</p> +</div> + +<a name="Footnote_946"></a><a href="#FNanchor_946">[946]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen über die +Beschäftigung der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17. +Bd.</p> +</div> + +<a name="Footnote_947"></a><a href="#FNanchor_947">[947]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. A. Cohen, a.a.O.</p> +</div> + +<a name="Footnote_948"></a><a href="#FNanchor_948">[948]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Henning, Denkschrift über das Kellnerinnenwesen. +Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19.</p> +</div> + +<a name="Footnote_949"></a><a href="#FNanchor_949">[949]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ministerialblatt für die gesamte innere Verwaltung, +1898. S. 201.</p> +</div> + +<a name="Footnote_950"></a><a href="#FNanchor_950">[950]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in +Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35.</p> +</div> + +<a name="Footnote_951"></a><a href="#FNanchor_951">[951]</a> + +<div class="note"> +<p>Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle. +Bruxelles-Paris 1897.</p> +</div> + +<a name="Footnote_952"></a><a href="#FNanchor_952">[952]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen +Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin +1892. S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der +Arbeiterwitwen und -Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10. +Bd. Berlin 1897. S. 466 ff.</p> +</div> + +<a name="Footnote_953"></a><a href="#FNanchor_953">[953]</a> + +<div class="note"> +<p>Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der +Arbeitslosen-Versicherung und der Bekämpfung der +Arbeitslosigkeit. Berlin 1901.</p> +</div> + +<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14075 ***</div> +</body> +</html> + diff --git a/14075-h/images/brace.png b/14075-h/images/brace.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ddc8516 --- /dev/null +++ b/14075-h/images/brace.png |
