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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:42:58 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Todsünden + +Author: Hermann Heiberg + +Release Date: October 20, 2004 [EBook #13805] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Todsünden *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Todsünden + + + +Roman + +von + +Hermann Heiberg + + + +Berlin + +Verlag des Vereins der Bücherfreunde + +1891 + + + + +Hermann Heiberg. + + +Unter den großen Verdiensten, die der Träger dieses vielgefeierten +Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen +drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer +schwächlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den +weiteren Kreisen des bis dahin gleichgültig gebliebenen Publikums Bahn +gebrochen zu haben. + +Es geschah dies durch seine Bücher „Plaudereien mit der Herzogin von +Seeland“ und „Apotheker Heinrich.“ + +Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger +ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne +geschrieben hatten. Er — so wenig wie Theodor Fontane — brach auch +keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten; +er — so wenig wie Theodor Fontane — stellte keine großartigen, langatmigen +und langweiligen Programme auf; er — so wenig wie Theodor +Fontane — spielte sich als Begründer einer ganz neuen, noch nie +dagewesenen Poesie auf. Dafür vollbrachten Theodor Fontane und Hermann +Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland, +welche die Wirklichkeitskunst begründeten. In den siebziger Jahren +erschien ganz im Stillen Fontanes „L'Adultera“; Heiberg schrieb 81 seine +graziösen, entzückenden Plaudereien und zwar nur, „um seine mißmutigen +Gedanken zu töten,“ keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstücke +zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun +sollten. + +Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heiße Kampf +entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den maß- und +geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet, +hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschärfter +Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er +hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein +reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfüllte buchstäblich +die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden +Brüder, welche sie aufstellten,) daß man erst vierzig Jahre zählen +müsse, bevor man sich Realist nennen dürfe. Aber Realist! Meines Wissens +hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Bücher nicht „die einzige +Berechtigung des Realismus“ beweisen wollten, da er sich nicht auf ein +einseitiges Dogmenverkünden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern +in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, nämlich die Sinne und die Seele +des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und +Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, füllen wollte — etwas, was +bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten —, so nahte +seinen Büchern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche +Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es nämlich in der That ja ganz +gleichgültig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist +oder was immer sei — als ob überhaupt die Wirklichkeit diese Gegensätze +so scharf begrenzt anseinanderhielte! — es will nur eins: es will +bezwungen sein; der Leser wünscht zu fühlen, daß der Künstler Gewalt +über ihn habe, er will sein Gefangener sein... + +Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in +seinen entzückenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Büchern — ich +denke hier besonders an den „Apotheker Heinrich“ — langte es mitunter +zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um +den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher +Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen +zwangen, bis langsam sich die Spannung löste und ein hinreißender Humor +uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust wälzte... Was sag' ich? in das +Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden +Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters +nachzulassen schien, steckte ein Element der Ursprünglichkeit, ein +naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht +vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fühlte sich so wohl bei Heiberg; +er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmännisches; bei ihm +vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer +schneidenden Satire. Auch seine berückendsten Schilderungen waren durch +einen goldechten Humor verklärt. Dieser Humor gerade ist das +Auszeichnende der schriftstellerischen Persönlichkeit Heibergs: nicht +viele Dichter der gegenwärtigen Zeit können sich zu diesem +Erlösungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den +schmerzvollsten Gegensätzen hin und her geschleudert, und erleichtert +seufzen sie auf, wenn ihnen ein Begünstigter begegnet, und horchen auf +ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt. + +Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo +kommt er her? Nicht müßige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn, +um es mit einem groben und beschränkten Wort zu sagen: Was Einer ißt, +das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine. + +Man erfuhr nach und nach folgendes. + +Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen +Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die +Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen +Stadt seit langem eine große Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt, +entstammt dem gräflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr +glückliche Jugend, man ließ ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war +ein frischer, fröhlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine +Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine +Bücher,... er ist einer der größten und naturwahrsten Kinderdarsteller +der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend +dahinfloß, meisterhaft zu vergegenwärtigen weiß. Nachdem Heiberg das +Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der +Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in +Schleswig-Holstein und andere Umstände die Ausführung dieses +Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhändler. Seine +Lehrjahre, die er später im „Januskopf“, diesem vortrefflichen +Buchhändlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann +übernahm er in Schleswig die selbständige Leitung einer von seinem Vater +begründeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die +er wenige Jahre später, nachdem er inzwischen ein Jahr in Köln gewesen, +als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein +aufblühendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschäft, um +nach Berlin zu übersiedeln. Hier ward er vorerst geschäftlicher Leiter +der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der +energische und tüchtige Mann in die Direktion der Preußischen +Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die +vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu häufigen und ausgedehnten +Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Dänemark, +Frankreich und England veranlaßte. Wo ist ein Schriftsteller mit einer +so eigentümlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der +als thätiger Mann im Leben stand, nicht es als müßiger Zuschauer +beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Füße und +beschäftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von +Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein +oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen — so war er z.B. +einmal vorübergehend Bevollmächtigter der chinesischen Regierung für +eine Finanzierung in London —, zog sich aber endlich doch, mehrfach um +die Früchte seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit gebracht und +grenzenlos angewidert von allem, was „Geschäft“ heißt, zurück. Im Jahre +1881 schrieb er dann, „um meine mißmutigen Gedanken zu töten,“ wie er +sagt, jene reizenden „Plaudereien mit der Herzogin von Seeland.“ Der +große Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte +ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als +Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswürdigen Frau, +mit der er sich 1865 vermählt hat, umgeben von einem blühenden +Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thätig. + +Hiermit legt der Verein der Bücherfreunde der deutschen Leserwelt sein +neuestes Werk vor. + + * * * * * + + + + +Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Bäume ihrer Blätter +entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Wälder +hatten doch ihr Aussehen bereits verändert: wundervolle kupferrote und +in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Grün, das der +Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner +Baum, der, hoch die andern überragend, emporstrebte aus einem +parkartigen Gehölz, welches das versteckt und düster gelegene Erbgut +Falsterhof rings umgab. + +An einem solchen Herbsttage, um die Dämmerung, wandte sich ein Mann, der +eben die Dreißig zurückgelegt hatte, in die zu dem Gute führende +Kastanienallee. + +Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe +hinüber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug, +änderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen +Gesicht bewegend, die Richtung, zwängte sich durch zwei eine stille, +große Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt +vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehöft zu. + +Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich +hinstreckendes, dichtes Gehölz erreicht, durchschritt es, bis er an +einen Gemüsegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen +begrenzenden Wirtschaftsgebäude entlang. Hier übersprang er, den +gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und +befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier +emporragenden Flügel des Gutshauses. + +Es war ein wohl über zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken +Backsteinen abgeführter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und +Schlinggewächsen, und dem Auge um so unfreundlicher und düsterer +erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und große Bäume ihn +beschatteten. + +Vor zwei Monaten war, über siebzig Jahre alt, der Besitzer von +Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen +kämpfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode. +Das wußte der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewißheit +verschaffen wollte über Verlauf oder Ende der Krankheit. + +Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit +seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebüsch +eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es +jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war +denn der Späher sicher, daß niemand ihn beobachten werde. + +Nun drückte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten +Feldstein und schaute ins Innere des Hauses. + +Eben fuhr der Abendwind durch Gebüsch und Bäume und fing sich stürmisch +in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kümmerte +sich nicht darum. + +Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In +einem hohen Bett mit verblichenen, grünseidenen Gardinen lag die alte +Frau mit gefalteten Händen; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im +Zimmer; daneben Medizinflaschen, Gläser, Leinewand, Schwämme und +Schachteln. + +Alte, schwere Möbel standen ringsum; ihr Äußeres bekundete Gediegenheit +und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfänden sie, +was sich hier abspielte, als hörten sie das Röcheln der Kranken, als +sähen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die +sich in einen großen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte +und nun schon seit zwei Tagen und Nächten von der Sterbenden, ihrer +Mutter, nicht gewichen war. + +Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen +Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren +Eltern nach Falsterhof zurückgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in +die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal für kurze +Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht +geleitet; als sehr spät geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie +nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung +gebracht, die, einem unbewußten Egoismus entspringend, mehr den Eltern +selbst als den Kindern zu gute kommt. + +Was sich jetzt diesem jungen Leben eröffnete, war schmerzlich genug. + +Theonie war zwar Erbin des großen Besitzes, aber stand völlig allein in +der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besaß, war Tankred von +Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spähte. Aber +schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte +sich ihrer eine unauslöschliche Abneigung gegen ihn bemächtigt. Tankred +war glatt, höflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an +die Züge eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in +einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil über seinen +Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu lösen vermochten. + +Tankred war der einzige Sohn eines jüngeren Bruders des verstorbenen +Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den +Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds +Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram über die Verkommenheit +ihres Sohnes, der früher als Schreiber auf adligen Gütern thätig gewesen +war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten können und sich +zuletzt — gleich nach dem Ableben seiner Mutter — auf Falsterhof +eingefunden hatte. Hier saß er nun schon seit Monaten umher, erklärte, +sich trotz seiner Bemühungen keine neue Thätigkeit verschaffen zu +können, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem +Wesen eingenommen war, genügenden Rückhalt, um sein Faulenzerleben +fortzusetzen. + +Ganz allmählich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu +machen gewußt; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn, +rauchte dessen zurückgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife +und schritt mit seinem Feldstock über das Gut. + +Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie +ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, daß ihm bei Tisch +nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und daß ihm +Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur älteren und besonders +geschätzten Personen verschafft. + +Tankred sprach mit solcher Offenheit über sein Vorleben, drückte eine +anscheinend so ehrliche Reue darüber aus, seinen Eltern Kummer bereitet +zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte, +schlechte Gewohnheiten zurückzuversinken, und wußte seine Tante in so +geschickter Weise zu umschmeicheln, daß die Frau sich völlig umgarnen +ließ und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes +zuflüsterte, gefangen gab. + +„Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen, +Theonie!“ hatte sie ihrer anfangs noch schüchterne Einwendungen +machenden Tochter gesagt. „Menschen können sich doch ändern! Diesen +jungen Mann haben die Lebenserfahrungen früh weise gemacht. Ich glaube +an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin überzeugt, daß er +fortan nur grade und gute Wege gehen wird.“ + +Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar +fallen lassen, daß es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum +Oberverwalter des Gutes und des Vermögens einzusetzen, ihm auf diese +Weise Thätigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natürlicher +Rücksicht gegen den einzigen Verwandten zu üben, den sie noch auf der +Welt besäßen. + +Mit allen Zeichen höchsten Schreckens hatte Theonie dem zugehört. + +„Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch +sechs Wochen vor ihrem Tode, daß Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen +Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in +welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu +machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, daß +man sich um so mehr vor ihm hüten müsse, als er ein großer Künstler in +der Verstellung sei, daß er die Herzen der Menschen umstricke, sich +ihnen füge und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge +habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch +erschrocken warst über sein plötzliches, unaufgefordertes Erscheinen +hier, schwörst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser +Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch +wäre erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir müßten eher große Opfer +bringen, um ihn für immer von uns zu entfernen, als daß wir darüber +sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weißt Du, was ich glaube? Nicht nur zu +Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er fähig, sondern unter +Umständen zu einem Verbrechen!“ + +„Theonie! Theonie!“ rief die alte Dame entsetzt und für ihren Neffen +Partei nehmend. „Welche Gedanken! Meine Schwägerin, Deine Tante, war +eine kalte, mißtrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus +Pflichtgefühl. Liebe empfand sie weder für ihn, noch für ihren +verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im +schlechten Sinn getrübt. Sie ließ überhaupt keinem etwas Gutes, sie sah +stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig +und genußsüchtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und +die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht +verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade +Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man +ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefühl erwacht dann, und sie +bestreben sich, zu zeigen, daß sie doch im Grunde etwas anderes sind, +als wofür man sie hält.“ — — + +Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine +belauscht hatte, wich er zurück und schien auf Grund der von ihm +gemachten Beobachtungen zu einem Entschluß gelangt zu sein. Aber rasch, +wie von einem plötzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um, +als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang +und ihn belehrte, daß in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes +zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spähte, daß seine +Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes über ihre +Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden +Greisin behülflich war, die Todesqual leichter zu überwinden. Das +Stöhnen und Ächzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich; +schrecklich verzerrten sich die Züge der Sterbenden, und kaum fünf +Minuten später hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben. + +Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit +wenigen Sätzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben +übersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehölz +einschlagend, abermals in der Allee. + + * * * * * + +Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war +Theonie von dem Begräbnis zurückgekehrt und sank nun in ihren oben im +Hause belegenen Gemächern an dem Tisch nieder und ließ das Haupt auf den +ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum +als der Schmerz, verstärkt durch das Gefühl einer grenzenlosen +Vereinsamung und — Furcht. + +Außer ihr wohnten in dem großen Hause nur zwei Mädchen und ein bejahrter +Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlässiger, aber eigentümlicher +alter Mann, der etwas schwerhörig war. Das Haus des Pächters von +Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der +Pächter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden +Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er +unverheiratet war, führte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und +auch sie war wenig zugänglich. + +Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen +Wohngemächer, die sich bis in den Flügel ausdehnten; zur Rechten lagen +die Räume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben +Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Flügel waren die Küche und +die Gesindezimmer. Man mußte eine breite, beschnittene Hecke +durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehölz +gelangen wollte, welches sich dort düster hinstreckte. Auch vorn standen +große, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch +Stakete eingefriedigte Gemüsegarten mit hohen Gebüschen. So drang denn +nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemächer, und das Herrenhaus machte +von außen und innen einen unheimlich düsteren, melancholischen Eindruck. + +„Was nun?“ drang's unwillkürlich und mit grenzenloser Schwermut aus +Theonies Munde, als sie nach Bekämpfung des ersten Schmerzes das Haupt +emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute. + +„Was nun?“ Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie, +niemand beschränkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in +die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fühlte sie sich +gehemmt, als befände sie sich in einem Gefängnis. + +Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt +verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, daß sie ihr ganzes +Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend über sie, aber +ebenso sehr schrak sie davor zurück, sich anderswo in der Welt +niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe für sie verloren. + +Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Nächstliegenden zuwandten, dem +Tag und seinen Bedürfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen +erschien, schüttelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen +richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn würde entfernen können. + +In den legten Tagen während der schweren, schon hoffnungslosen +Krankheit ihrer Mutter hatte er lügnerischer Weise erklärt, eine Reise +unternehmen zu müssen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine +Stellung eröffnet hätten. + +Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die +Kranke getröstet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte +sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert. +Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu müssen, ihr nicht +Gesellschaft leisten zu können, aber er halte es für seine Pflicht, eine +gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht vorübergehen zu +lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke +besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn. + +Und dann hatte er Theonie voll Zärtlichkeit umarmt, sie mit seinem +demütigen Blick gestreift und war abgefahren. + +Während sich die alte Dame in Lobsprüchen über ihn erging, dachte +Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Mißtrauen, ihre +Abneigung verschärften ihre natürliche Menschenkenntnis. Sie war +überzeugt, daß er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit +und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Rücksichten zu üben, +durch deren Vernachlässigung er sich in ein schlechtes Licht stellen +würde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles +vorüber wäre, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebürdet werden könnten. Er +wußte auch, daß sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde. + +Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu +thun, scheute er weder Lüge noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie +genieren konnte, suchte er möglichst aus dem Wege zu räumen. Und in der +That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche +bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine +Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war. + +Nun heuchelte er Überraschung, Trauer und Leid, so spät — zu spät +gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde später bemerkte ihn +Theonie, vergnüglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher hätte ihn das +Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr berührt als der Tod seiner +Verwandten und Wohlthäterin. + +Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu +begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die +Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht +Wochen vorüberzögen, würde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie +bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich +amüsieren, zu Fuß und Wagen Ausflüge unternehmen, Gutsbesitzer der +Umgegend besuchen und die übrige Zeit essen, trinken, schlafen, +faulenzen und den Herrn spielen. + +Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner +Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein +verstecktes Ziel. Nicht gleich — nicht überstürzt — er hatte Zeit zu +warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wünsche würde er +umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Lügen auftischen wie +ihrer verstorbenen Mutter: daß er sich um Thätigkeit und Verdienst +bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden. + +Und wenn sie dann erklärte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten, +wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen, +dann würde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und +dieses Gesicht hatte sie jüngst im Traume gesehen — es war die +Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen. + +Tankred hatte schreckliche Fäuste, — er zerbrach mit den Fingern einen +eisernen Ring, — er hatte fürchterliche Backenknochen, er besaß die +herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten +Momenten die Augen eines Raubvogels. + +Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit +einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloß hinter sich +die Thür in dem düsteren Raum und öffnete die Pultschublade der +Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wußte, hier liegende Testament +ihres Vaters an sich nehmen. Eine plötzliche Unruhe und Angst, daß es +von Tankred beiseite gebracht werden könne, daß es gar schon von ihm aus +der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen. + +Mit zitternden Händen und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das +Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre +Furcht schon bestätigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit, +hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Fächer neben anderen +wichtigen Papieren das Gesuchte fand. + +‚Mein letzter Wille‘ lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit +den Schriftzügen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und +sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem +Dahingeschiedenen bemächtigte sich ihrer. + +Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer. +Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und +neben ihm die Unvergeßliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit +gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten +Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr +Gedächtnis, und abermals kam's über sie wie Gewitterschwüle. Angst und +Grauen bemächtigten sich ihrer Seele und ließen sie nicht. + +Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Räume, der Geruch von +verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf +die Brust, und als nun die Thürglocke anschlug, und der Hund, der immer +bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut rührte, als sie wußte, daß +er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen +begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung +unter ihrem Mieder und schloß rasch das Pult. + +Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt. — Nichts — Tankred +schien sich in den Garten begeben, seine Gemächer nicht betreten zu +haben. + +Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald +auf die Thür, bald auf das nach dem Park sich öffnende Fenster. Und als +sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkürlich als +bewußt, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres +Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spähen und sie +beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als +ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten; +doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu +vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie +gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen +Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloß sie +die Thür des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemächern empor und +machte sich, nachdem sie einigermaßen ihre Ruhe zurückgewonnen, an die +Durchsicht des Testaments. — + +Theonie war groß und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besaß sehr +schöne, regelmäßige Züge, weiße Hände und schmale Füße und jenes +Zurückhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Männer reizt, in +das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt, +ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersönliche in ihrem +Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluß gelangen läßt, der +damit Behaftete sei nur mit sich beschäftigt, interesselos und hochmütig +oder so sehr durch anderes abgelenkt, daß vorliegende Dinge ihn nicht +fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberfläche Feuer und +Leidenschaft; diese Gleichgültigkeit ist dann der Schleier, den man +vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu können; vielfach ist's auch +ein Produkt der Erziehung, welche Zurückhaltung als ein Gebot der +Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht. +Das letztere war bei Theonie der Fall. + +Sie besaß eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam, +und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kräftigeren, +selbstbewußteren Seite hin bisher nur einmal bethätigen können, und zwar +nach dem Tode ihres Mannes. + +Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie +selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem +Willen und Wünschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmäßig +dahinfließendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen +unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil +gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschätzt, dafür hatten +sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt. + +Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die +Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, überwog bald den +Schmerz und machte sie weniger empfindlich für die Trauer, die Theonie +um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die +Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, fröhlicheres und der +Welt mehr zugewandtes Leben begrub. + +Daß sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde, +stand für sie außer Frage. Das Glück, das ihr kurze Zeit gelächelt, +hatte sie schnell wieder verlassen, denn daß sie noch einmal einen Mann +lieben könnte, hielt sie für undenkbar. — + +Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertönte, war Theonie eben mit dem +Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im +Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen. + +Als sie in die Thür trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer +Teilname auf sie zu und drückte wortlos einen Kuß auf ihre Hand. Sie +litt es nur halb; bei seiner Berührung war's ihr, als ob ein böses Tier +sich ihr genähert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens +vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen. + +„Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurück, Theonie,“ hub +Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, „weil Pastor Höppner noch +den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte, +um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wünschtest +Du auch allein zu fahren?“ + +Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat +trotz seiner gefügigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wußte seit +seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der +Wunsch, daß es anders sein möge, verwischte bisweilen sein klares +Urteil. So war es auch heute. + +„Ja,“ erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem +sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, „ich +hatte allerdings das Bedürfnis, mich abzuschließen, und hätte Dich sogar +gebeten, mich allein fahren zu lassen.“ + +Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er +mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend, +einschmeichelnd: „Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich würde ich +glücklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt hättest, in meiner Nähe zu +sein. Ich hätte dann doch einmal empfunden, daß Du ein etwas warmes +Gefühl für mich besitzest.“ + +„Nein, ich besitze es nicht!“ gab die Frau ehrlich zurück. + +Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets +ausgewichen, aber über ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die +auf Freundschaft oder Abneigung hätte schließen lassen können. + +Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte +gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten? +Wollte sie rasch und ohne Rücksicht das Band zwischen sich und ihm +durchschneiden? Er mußte es wissen, es drängte ihn heiß, und statt ihre +Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte +er unvermittelt: „Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begräbnistage +Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es +mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen.“ + +Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners, +und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner +Schwerhörigkeit begegnen mußte: + +„Es fehlt ein Löffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein.“ — + +Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet +mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige. + +„Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?“ + +Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem +Gesicht; deutlicher Haß spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie +rasch wieder glättete. + +Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klüger +sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende +Furcht kam über sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen +Ahnungen, daß sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und +zunächst den Löffel brachte. Sobald sich die Thür hinter ihm +geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort wägend, aber auch die +Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter über ihre Absichten nicht im +Unklaren zu lassen: + +„Den Haß, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu +empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns, +glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu +bleiben. + +Ich werde nicht vergessen, daß Du mein Verwandter bist, und werde die +sich daraus ergebenden Rücksichten so lange gegen Dich üben, wie Du sie +mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem späteren +Lebenswege günstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber +doch früher oder später der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus. +Ich werde Deine Wünsche zu erfüllen suchen, sofern sie meine Kräfte und +die Grenzen, die ich nur stecken muß, nicht überschreiten.“ + +Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem +gemischten Ausdruck schlecht unterdrückter Enttäuschung und dankbarer +Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: „Ich danke Dir für Deine +Gesinnungen. Daß Du jemals in die Lage geraten könntest, ‚meiner‘ zu +bedürfen, hältst Du wohl nicht für denkbar Theonie? Umfaßt der Reichtum +denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen hülfreich +erweisen kann?“ + +„Ich werde Dich nie um etwas bitten,“ entgegnete die Frau kalt, und von +der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Rücksicht, die sie +eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewußt +werdend, fügte sie rascher hinzu: „weil ich überhaupt niemandem etwas +schuldig sein möchte.“ + +In dem Gesicht des Mannes rührte sich nichts, obschon es in ihm wühlte. +„Du äußertest vorher, Theonie, daß wir nach Deiner Ansicht besser +thäten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluß zu +ziehen, daß Du wünschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so, +dann werde ich so bald wie möglich gehen, doch möchte ich Dich bitten, +mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewähren, bis ich eine Stellung +gefunden habe. Du wirst sagen, daß das nach den bisherigen Erfahrungen +lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn +ich die Mittel hätte,“ — jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange +auf den Lippen lag, — „würde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder +eine Pachtung zu übernehmen suchen, aber ich armer Teufel —“ + +„Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine +andere Flasche, bitte! — Ich möchte, um Deine Frage zu beantworten, +Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten +meines verstorbenen Mannes begeben. Natürlich werde ich Rücksicht auf +deine Wünsche nehmen,“ entgegnete Theonie, kühl ausweichend. + +„Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst +mir, noch acht Tage zu bleiben.“ + +Sie gab keine Erwiderung. + +„Ist das zu lange?“ + +„O — nein— “ Es kam sehr zögernd heraus, und diesmal wußte Theonie, was +sie sprach. Und doch, um seine Enttäuschung, die er nicht zu verbergen +vermochte, zu mildern, knüpfte sie rasch an den Schluß seiner vorherigen +Rede an und fügte hinzu: + +„Du sprachst von Mitteln, deren Du bedürftest. Auch ohne diesen Hinweis +hätte ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, über die +ich verfügen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines +Vaters alles so festgestellt, daß ich nur über die Zinsen zu disponieren +habe.“ + +Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil +angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach, — und er vertraute ihr, obschon +er als Gewohnheitslügner selten annahm, daß andere redlich +verfuhren, — so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen +erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und daß an eine solche nicht zu +denken, war ihm eben klar geworden. + +Es kam nun darauf an, zu erfahren, über welche Summe Theonie +testamentarisch verfügte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt +sei. Sicher würde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige +Sympathie, die sie für ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er +ihrem guten Willen alles anheim geben, so mußte er die Krallen auch +ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht +erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt —? Das mußte abgewartet +werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurück, zunächst aber wollte er +es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm +anbieten würde, wollte er sein Verfahren einrichten. + +„Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem +Herzen,“ hub Tankred an. „Jede Unterstützung ist natürlich für mich von +Wert, da ich nichts besitze. — Hoffentlich fandest Du durch das Testament +alle Deine Wünsche erfüllt?“ + +Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als +daß er sich etwas dabei gedacht hätte. Theonie aber nahm sie auf und +sagte: + +„Du meinst? Ich verstehe nicht —“ + +„Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhängigkeit, nach +der Du verlangst.“ + +Sie schüttelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser +Berechnung, stieß sie heraus: + +„Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Pächter, zahlt wie früher die +Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfügung über die Zinsen, +wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das +heißt, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu +machen, ist mein Eigentum, und ich kann darüber nach meinem Gutdünken +verfügen. Ich wollte Dir davon die Hälfte zuwenden, die andere den armen +Verwandten meines verstorbenen Mannes überweisen. Ich kann ja das Geld +entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag.“ + +„Wie hoch schätzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?“ fragte +lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank +ausdrückenden Kopfneigen bestätigt hatte, in einem äußerlich +uninteressierten Ton. + +„Ich weiß es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie +darum bekümmert. Ich freue mich nur, daß ich so viel habe, daß ich +sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft +ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt, +ist einsam und recht freudlos.“ + +Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um +seiner Kousine Sinn für Vermögensverhältnisse zu prüfen und danach +wieder die Wahrhaftigkeit ihrer übrigen Angaben zu bemessen. Er wußte, +daß für das Gut schon vor langen Jahren über viermalhunderttausend +Thaler geboten waren, und ihn ärgerte nur, daß sein verstorbener Onkel, +der pedantische Philister, die Hypotheken abgelöst hatte, statt Geld +anzusammeln. + +Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie groß die Summe sei, die +Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem +übrigen, damit nicht hervortrat, mußte er sich gedulden. Er sah keine +Möglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage bloßzustellen, dem, was +ihn beschäftigte, gesprächsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein +Entschluß verstärkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten +würde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein +Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine +geheimen Pläne zu verfolgen. + + * * * * * + +Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederließ und bei der +angesteckten Pfeife die gegenwärtigen und kommenden Dinge nochmals +überlegte, drängte sich ihm auch die Sorge für das Nächstliegende auf. +Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob +er Geld bedürfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast +ganz ausgegangen. Die Kosten für seine letzte Reise hatte Frege +bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war. +Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht +drückte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelüste bisher +in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen +seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel für das +Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der +Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlaß des alten Onkels ging auch +zu Ende. + +Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er +fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Bedürfnisse +regten sich in ihm, die er früher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte +unterdrücken müssen. + +Natürlich! Je früher er Theonie seinen Entschluß kund gab, Falsterhof +zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine +Genußsucht und seine Ungeduld überwogen häufig seine Klugheit und +Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn, +lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und +ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann überlegte er +wieder, wie groß der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen +werde, wenn er möglichst lange mit seiner Abreise zögerte, und dem, was +Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde. + +Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie +erfaßte, würde sie vielleicht die Abfindungssumme höher normieren. Also +warten, trotz allem warten! + +Als er sich später in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen +sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn plötzlich das +Mißtrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in +das Testament zu gewinnen. + +Dieser Gedanke beschäftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem +Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln ließ und einen Spazierritt +unternahm. + +In jedem Fall beschloß er, nachdem an diesem Abend sich alles in +Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und +nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schlüssel zum Inhalt +der Schublade gelangen könne, an der er Theonie heute hatte hantieren +sehen. + +Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, hielt er unwillkürlich sein Pferd +an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm — er befand sich auf einer +Anhöhe — lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen +gehörte. Die weißen Wände des Herrenhauses schauten malerisch aus dem +Grün hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende +Tannenwälder reizvoll von der übrigen Umgebung ab. + +Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante über die +Verhältnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentümlicher Art. Herr +von Tressen und seine Frau besaßen eigentlich nichts, alles gehörte der +Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der +Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl +existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des +ursprünglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen +Frau von Tressen, einmal heiraten würde. + +Während Tankred von Brecken noch auf der Höhe verharrte und nun eben +seinen nach den überhängenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs +wehrte, erklang hinter ihm das Geräusch von Schritten, und als er sich +zur Seite wandte, hörte er die Worte sagen: „Nicht wahr, es ist schön +hier? — Guten Abend.“ + +Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht, +ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, daß sie sich beim Sprechen +eingruben, als seien sie künstlich in die Haut gemeißelt. Der untere +Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber +die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das +Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters. +Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Pächter, und er war auch der +Verwalter von Holzwerder. + +„Ist wohl ein großer Besitz?“ hub Tankred, den Worten des Mannes durch +Kopfnicken beistimmend, an. „Ist dort unten am Fluß nicht die Scheide +zwischen Falsterhof und Holzwerder?“ + +„Ja, mein Herr — Ah —“ unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung +seines Namens den Hut lüftete und sein Pferd in Bewegung setzte, „sehr +angenehm — Haben schwere Trauer drüben gehabt? Ja, ja, alles fegt die +Zeit zuletzt weg. Drum und dran —.“ Dieselben Worte wiederholte der Mann +noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: „Aber um auf +Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor +langer Zeit gehörten die Güter zusammen, alles gehörte der Familie von +der Linden. + +„Dann hat also diese an die Breckens verkauft?“ + +„So ist es! Die Lindens besaßen noch mehr Güter. Es war die reichste +Familie — drum und dran — in der Umgegend: aber der Großvater des +Letztverstorbenen wußte schon nicht zu wirtschaften, und“ — nun +erschienen die tiefen Falten — „so hat sich's nach und nach +abgebröckelt.“ + +„Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein großes Gut?“ forschte +Tankred neugierig. + +Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und +sagte erst nach einer Pause ausweichend: + +„Ja, groß ist der Besitz — doch haben wir auch Lasten, — drum und +dran — ja, ja, gewiß, mancher würde die Finger lang ausstrecken, wenn er +Fräulein Grete von der Linden wäre.“ + +„Grete von der Linden?“ setzte Tankred an, als ob ihm die Verhältnisse +völlig fremd wären. + +„Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf +dem Gut. Übrigens, da kommt grade das gnädige Fräulein mit ihrer +Gesellschafterin her.“ + +In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine +schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fülle prangende Blondine. Grete +von der Linden, und eine etwas ältere Dame mit einem feinen, +geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich. + +Es erfolgte eine Begrüßung, doch Tankred, dem plötzlich ein berechnender +Gedanke durch den Kopf schoß, beschränkte sich nicht allein auf diese +Artigkeit, sondern ließ sich von dem Verwalter Hederich vorstellen. + +Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes +Gespräch entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner +Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren, +welches damit endete, daß sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen +Besuch abzustatten. + +„Meine Eltern,“ erklärte sie, „sind seit einigen Wochen verreist. Dies +ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begräbnis Ihrer Frau +Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurück und werden +sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ + +Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im +Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden, +ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte, +mißtrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, während ihm +Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schüttelte +und bat, daß Tankred auch ihm bei seinem demnächstigen Besuch nicht +vorbeigehen möge. — „Drum und dran — es wird mir eine große Ehre sein, +wenn Sie bei nur eingucken möchten, Herr von Brecken.“ + +Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht +errötende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab. + +„Ein eigenes Geschöpf,“ murmelte er im Weiterreiten. „Schön, sehr +selbständig und — klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das +unnatürlich ist für ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen — heute abend will +ich Theonie einmal über sie ausfragen.“ + +Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurückkehrte, fiel +ihm auf, wie einsam, düster und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz +belegen war: Der Pächterhof weit ab, in dem großen Hause die wenigen +Menschen, und außer ihnen nur in einem Katen neben dem Park der +zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gärtner Klaus. + +Und den Mann überfiel's, daß einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus +eindringen und stehlen und — morden könnten — ihn und Theonie —! Und bei +dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden würde, wenn man +Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette fände, wenn kein Glied der +Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei — außer ihm — —!? + +Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zügel +des Fuchses zu, öffnete die Hausthür und trat, begleitet von dem +impertinenten Klingelton und dem Bellen des „verfluchten Köters“ Max, +dem er einen Fußtritt versetzte, in den Flur. + +Die gnädige Frau hätten sich schon in ihr Zimmer zurückgezogen, sie +lassen sich entschuldigen, erklärte Frege, und leuchtete Tankred +zunächst in seine Gemächer und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den +Tisch für sich gedeckt fand. + +Als er sich niederließ, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen +Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschäftigte. + +Aber während er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf +ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und +Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten, +als ob sie durch nichts erregt werden könnten, als ob sie nur +Sehvermögen besäßen für den einschränkten Wirkungskreis, der ihrem +Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: „Einer +wacht über allem, was Du thust und thun wirst. Hüte Dich!“ Die Augen +gehörten dem alten Frege. + + * * * * * + +Als sich Theonie und Tankred am nächsten Tage beim zweiten Frühstück +zusammenfanden, — Theonie war beim ersten nicht erschienen, — brachte +letzterer nach flüchtiger Erkundigung über ihr Befinden das Gespräch auf +Grete von der Linden und die Familie von Tressen. + +„Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit +Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht. +Grete von der Linden kenne ich wenig; es heißt, daß sie herrschsüchtig +und für ihre Jahre überreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend +schön und auch liebenswürdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders.“ + +„Und ihre Eltern?“ + +„Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmütiger +Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden. +Sie gehört zu den Menschen, über deren wirkliches Wesen man sich +zeitlebens den Kopf zerbricht. + +In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amüsement +und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So +äußerte sich wiederholt meine Mutter, die übrigens Frau von Tressen +trotz ihrer Fehler sehr schätzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen +lobte.“ + +„Weißt Du etwas von den Geldverhältnissen drüben?“ + +„Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau +mitgebrachte Vermögen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide +lebten schon seit Jahren von Gretes Einkünften. Bis Grete ein bestimmtes +Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutznießerin +gewesen sein, seitdem aber keine Ansprüche mehr haben.“ + +„Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an. — Wie +beurteilt man ihn denn?“ + +„Man nennt ihn in der Umgegend ‚Drum und dran‘, weil er diese Worte +stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein +einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein +Vater hielt große Stücke auf ihn.“ + +Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darüber nach, wie geschäftsmäßig +Theonie das alles gesprochen habe, wie kühl und temperamentlos sie nicht +nur ihm begegne, sondern sich überhaupt gegen die Menschen zu verhalten +scheine. + +Ihn ergriff plötzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenüber +wärmer zu geben, oder er wollte ihr durch Kränkungen vergelten, daß sie +es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in +dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner +Eitelkeit so sehr, als daß andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte, +obgleich er die Selbsterkenntnis besaß, daß er keine Achtung verdiene, +doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber während bei +andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten +anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner übermäßigen, mit +Trägheit gepaarten Genuß- und Bequemlichkeitssucht. Mühelos materiell +genießen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu +erreichen, war ihm jedes Mittel recht. + +Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspänner der +Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um +Theonie zu trösten und ihr Beileid nachträglich noch an den Tag zu +legen. + +Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensgüte. In dem bartlosen +Gesicht glänzten unter einer großen, silbernen Brille ein Paar überaus +freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen +gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein +sagen konnte und das Wörtchen ‚ja‘ fortwährend gebrauchte. + +Sie dagegen war eine Frau von Energie, besaß Humor und Menschenkenntnis +und trat, mit ihres Mannes Schwächen rechnend, sehr häufig handelnd für +ihn ein. + +Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der +Gemeinde, hörte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner +Geschäfte. + +Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und +die freundlich gesinnten und schärfer beobachtenden Leute erzählten +allerlei rührende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene. + +Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den +Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, während +Theonie sich der Frau anschloß. + +Als die Männer außer Hörweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie +heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht +verratend: + +„Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er künftig die +Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend.“ + +„Das verhüte Gott!“ stieß Theonie herauf. Und „Nein, nein, keineswegs,“ +fügte sie hinzu. „Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein +Vetter verläßt mich demnächst.“ + +„Ich fragte nicht aus Neugierde — sondern — aus — andern Gründen, liebe +Frau Cromwell,“ fuhr die Pastorin in warmem Tone fort. + +„Nennen Sie mich doch wie früher, Theonie, ich bitte —“ fiel Theonie +ein. Der schwermütige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr +eigentliches Antlitz durchstrahlt von Güte und Menschlichkeit, kam zum +Vorschein. Und „Ja, bitte — Sie wollten sagen?“ schloß sie. + +„Hier!“ entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres +Kleides einen Brief hervor. „Dies fanden wir heut' mittag in meines +Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen +guten Höppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen.“ + +Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las: + +‚Da Sie die junge, gnädige Frau auf Falsterhof lieben und ihr +wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluß, Herr Pastor, +daß der Schurke, der sich bei ihr aufhält, daß Tankred von Brecken bald +das Herrenhaus verläßt. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches. + +Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere +zutrauen darf.‘ + +„Wer kann das sein?“ stieß die Pastorin im Übereifer ihres Gefühls +heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da +sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, daß Totenblässe auf ihre +Wangen trat. + +„Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu mißtrauen beste Theonie — liebe +Frau Theonie? Schrecklich! — Bitte, eröffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie +meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach +Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles +mit.“ + +„Ich kann nichts sagen — bis jetzt nichts sagen —“ gings zitternd aus +Theonies Munde, „aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und +Unruhe. Ich fürchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des +Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindrücken.“ + +„Können Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Rücksichten leiten Sie?“ + +„Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte. +Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung +seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon +davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hören +zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so +unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thür zu weisen, zumal er mir +bisher keinen direkten Anlaß gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben +nichts, was man ihm vorwerfen könnte. Mich leiten nur die Kenntnis +seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes +Mißtrauen gegen ihn erfüllt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern +hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim +Frühstück scheinen darauf hinzudeuten, daß er Absichten auf sie hat. +Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah! — ah — Wie werde ich +die Last von meiner Seele los!“ + +„Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben +kann?“ + +Theonie schüttelte den Kopf. + +„Keine! Und das ängstigt mich nun auch! Doch still. Ich höre Ihren Mann +und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir +vielleicht nützen —“ + +Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos +freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach, +gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zügen, wenn er zuhörte +und sich unbeobachtet glaubte. + +Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor ließ sich über +sein Töchterchen aus, über Lenes Vorzüge, und sagte mit seiner rollenden +Stimme: „Die Kinderseelen sind noch rein und unverfälscht. Sie haben +keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie +können, während wir ‚sie‘ zu erziehen suchen, ‚uns‘ ein Beispiel geben, +nach dieser Richtung ein — Beispiel geben —“ + +Tankred fand diese Ausführungen eben so sentimental wie geschmacklos und +zog gähnend den Mund. + +Gleich aber glätteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei +Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie +gehörte, wie er wußte, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten, +und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung +beizubringen. Auch fühlte Tankred instinktiv, daß die beiden Frauen von +ihm gesprochen hatten, und er wollte den ungünstigen Eindruck, den die +Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, möglichst zu verwischen +suchen. Es war ihm für seine Pläne von großem Wert, die Menschen ringsum +für sich zu gewinnen. + +„Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken? +oder verlassen Sie uns?“ hub die Pastorin mit Absicht an und forschte +unbemerkt in seinen Mienen. + +Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswürdigkeit an +Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen: + +„Wenn meine sehr gütige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht +zurückzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thätigkeit +gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne.“ + +„Ja, das Herumhocken ohne Beschäftigung ist niemandem gut, besonders +nicht jungen Leuten,“ bestätigte die Pastorin derb und kurz, Brecken +fest anschauend. „Na, aber nun wird's auch Zeit, zurückzukehren, lieber +Höppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald +einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?“ schloß sie und schritt, deren +Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran. + +„Auch — Sie — erweisen uns — hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?“ +ergänzte, seiner gewohnten Gutmütigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich +er wohl wußte, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert +hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer +zum guten und hatte auch heute hingeworfen, daß er auf anonyme Briefe +nichts gebe, daß ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund +vorhanden sei, ihm Übles zuzutrauen. + +Nachdem die Gäste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen, +noch ein Stündchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er hätte +sich gern Höppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken +zurück, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr mißfallen hatte. +Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet, +indem sie unter starker Betonung geäußert hatte, sie hoffe denn, daß er +in kürzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der +Arbeit, welche letztere allein glücklich mache, nicht verliere. — Solche +moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider. + +Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmöglich, weil er keinen +Groschen mehr besaß, und die absolute Notwendigkeit drängte sich ihm +auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloß, noch am selben Abend beim Thee +mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Sümmchen +anzugehen. + +Unterdessen näherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und +sah dem dort beschäftigten Kutscher Klaus zu. + +Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunächst um einen Thaler +anzusprechen, und sein Komödiantentum äußerst geschickt verwertend, +stieß er heraus: + +„Hebbt Se villich en beten Lüttgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?“ + +„Ja, Herr von Brecken, dat hev ick,“ entgegnete Klaus mit gutmütiger +Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen +schmutzigen ledernen Beutel hervor. + +Diesen breitete er fächerartig auf dem Futterkasten aus und holte +allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred +hinzählte. + +Aber während das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit +seinem verschlossenen Gesicht in der Thür, zog sich jedoch, als habe er +sich vergewissert, daß hier das von ihm Gewünschte nicht zu finden sei, +kurz nickend gleich wieder zurück. + +Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und über die Wiese den Weg +zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief +der Köter Max, der bei Tankreds Anblick ein wütendes Gebell ausstieß. + +Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so +unglücklich, daß nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen +wurde. + +In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von +Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er +ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich +fuchtelnd, auf abgekürztem Wege dem Kirchdorf zu. — + +Inzwischen überlegte Theonie, durch den Brief und das Gespräch mit der +Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich +noch heute mit Tankred endgültig auseinanderzusetzen. Sie vermochte +seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war +sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hören +vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr +Gewalt anzuthun. Im höchsten Grade auffallend war es ihr gewesen, daß +sie am Spätnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter öffnen +wollte, das Schloß verdreht fand. Daß Tankred versucht habe, das Innere +zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu +bringen, schon am nächsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie +abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervösen Angst +und Furcht, die sie beherrschten, erhöhte sich ihre Bereitwilligkeit zu +Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich +verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren +Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang, +Grete von der Linden heimzuführen, würde er immer in ihrer Nähe bleiben. +Der Aufenthalt auf Falsterhof würde für sie eine Qual werden; sie mußte +am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin +zurückkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her. + +Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie +auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm +gegenüber saß, Auge gegen Auge, war sie gefaßter, ja, dann empfand sie +kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall +ihr vielleicht günstig sein. + +So beruhigte Theonie sich denn endlich, ließ eins der Mädchen kommen und +befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett +aufschlagen. Sie wünsche, da sie sich nicht wohl fühle, nachts +Aufwartung zur Hand zu haben, erklärte sie, und dasselbe äußerte sie +gegen Frege, als er den Abendtisch deckte. + +„Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter,“ +schloß Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, daß Frege sich mit +dem einen Bein schwerfällig bewegte. + +Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentümlichen Blick +an. + +„Von ihm! — Er war's!“ stieß er dann finster und ganz gegen seine +Gewohnheit heftig heraus. + +„Er? Wer? Von wem sprechen Sie?“ + +Noch zögerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller, +die er eben verteilen wollte, absetzend: + +„O, liebe gnädige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muß +sprechen. — Es liegt etwas Schreckliches über Falsterhof — es kommt von +dem jungen Herrn. Ich bitte, hüten Sie sich. — Ja, ja, ich weiß, Sie +denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil +er kein Recht hatte zu reden über Sachen, die allein die Herrschaft +angehen.“ + +„Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?“ drang's in Todesschrecken aus +Theonies Munde. „Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie +wissen. — Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins +Wohnzimmer! So, nun — nun —“ hauchte Theonie und sank übermannt von den +Eindrücken in einen Lehnstuhl. + +Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen saß, über die +Lippen: Er habe gesehen, daß Tankred am Sterbetage der gnädigen Frau ins +Fenster gespäht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt +habe. Er habe ihn abermals gesehen, jüngst am Abend, als auch Theonie +seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzählte von den Geldanleihen, die +Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, daß er +während der Krankheit der Gnädigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt, +sich dort amüsiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu +gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit bösen Absichten um, +er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht täusche. + +Sie könnten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon +seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand +gehabt, um für alle Fälle bereit zu sein. + +Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen +Gnädigen schlüpfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er +dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von +dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen, +wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht. — + +Nun ertönte die Glocke draußen, Max schlug an — Herrin und Diener flogen +auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer. + +Fünf Minuten später trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel +getrunken, war äußerst gesprächig, und statt der demütigen +Zurückhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine +unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag. + +Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rückte ihrem +Vetter die Speisen näher und suchte seinen starken Redefluß zu dämpfen, +indem sie erklärte, sie fühle sich sehr angegriffen. + +„Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du +genießest ja auch nichts Ordentliches,“ entgegnete Tankred und schenkte +trotz Theonies Weigerung deren Glas voll. + +„Wozu, da ich doch nicht trinke —?“ wehrte sie herb und in deutlicher +Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab. + +„Na, es ist ja kein Unglück, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht +getrunken wird,“ entgegnete Tankred in absprechendem Ton. „Niemals habe +ich leiden können, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, daß man +ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird +oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das +Glas nicht füllen lassen zu wollen. Ich möchte sogar sagen, es ist ein +Stück guter Erziehung, daß eine Dame ihren Herrn darin gewähren läßt und +keine Einwendungen erhebt.“ + +„So bin ich denn nicht gut erzogen,“ entgegnete Theonie schroff. „Ich +finde es unrecht, etwas unnütz zu verthun, so lange es Darbende in der +Welt giebt.“ + +Tankred wollte eine hämische Bemerkung über Theonies ewig +moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu +sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes +Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hören: Lieber dafür +gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb +einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend: + +„Na, streiten wir uns nicht, Theonie, während der wenigen Tage, die wir +noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer. +Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und +mußte sogar schon den alten Klaus anpumpen —“ + +Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstoßen. +Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und +versöhnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen +und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige +Entfernung: + +„Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natürlich bereit, Dir +auszuhelfen. Übrigens können wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei +dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine — es +soll keine Aufforderung darin liegen — ich möcht's nur wissen.“ + +Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spätestens übermorgen, +erwidern. Er fürchtete, sie könne ihm abermals in dem ausweichen, was zu +erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er änderte doch seinen Plan und +sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend: + +„Von Deiner generösen Hand, beste Theonie, hängt alles ab. Wenn Du mir +kräftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine +Versuche fortsetzen. Freilich,“ schloß er, verliebt sprechend, und +verschlang, durch das hastige Weintrinken plötzlich in eine +leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt, +„Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein +schwerer, fast meine Kraft übersteigender Entschluß.“ + +Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, daß seine sinnliche +Natur ihr gegenüber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor +allem gefürchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken +insbesondere gerichtet gewesen. + +Zunächst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine +Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den +Kopf bewegend, eine Schale mit Obst. + +Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm +half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornüberbiegend und +sie mit seinen glühenden Augen bannend: + +„Höre, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, daß Du +mir nicht geneigt bist. Ich weiß, woher es kommt. Du denkst an mein +Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr haßte, +obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflußt. Aber ich bin ein +anderer geworden, ich möchte es sein, und Du könntest läuternd auf mich +einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und ließ mich von +meinen Leidenschaften fortreißen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine +Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatürlich, daß wir uns von +einander abschließen? Wäre es nicht vielmehr den Verhältnissen +entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim +ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine +Strenge und Zurückhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem +Schmerz, daß Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that +ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah während meines +Aufenthaltes hier etwas, was Dir mißfallen mußte? Gewiß, da ich kein +Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil +selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem +Vermögen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich +habe. Ich fände hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann +bin. Ich könnte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir +gemeinsam arbeiten und genießen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du +Dir auch von dem Mißratenen nichts aneignen könntest. Und doch +vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen +würde. Er wird Dich auf Händen tragen, denn er liebt Dich +leidenschaftlich, Theonie. — Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar +nichts zu erwidern?“ + +Aber sie antwortete nicht. Sie schüttelte sich in Grauen, und er sah es, +und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht mißzuverstehen waren, weil es +ihm klar wurde, daß sein Spiel verloren war, daß er trotz der +meisterhaften Maske sie nicht getäuscht hatte, daß sie ihn doch für das +hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein +brennender Haß, eine solche Leidenschaft, daß er sie am liebsten +ergriffen und geschüttelt und ihr zugerufen hätte: Warte, Du hochmütige +Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveränen Besserhalten über +mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussätziger +Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, daß ich +Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Fäusten! + +Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil +ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie +er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf +seine gemeinen Triebe. + +„Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred,“ entgegnete sie, +ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. „Nicht aus Motiven, wie +Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben +vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich, +fünfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder +pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfügung. — Nicht +wahr, Du zürnst mir nicht? Ich bitte Dich.“ + +Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der +Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib hätte töten +mögen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz, +umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fülle +sprossenden Leib und die jetzt so süß und demütig blickenden Augen. + +Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf +errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem +Zauberschrank? Hatte überhaupt jemals ein Mensch seinen Künsten auf die +Länge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen? + +„O, Süße!“ rief er aufspringend, sie mit kräftigen Armen umschlingend +und leidenschaftlich küssend, „sei hart und abweisend oder gütig gegen +mich — immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fühle an +meinen Küssen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhöre +mich!“ + +Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weiße Farben +traten auf ihre Wangen, dann aber riß sie sich mit schier +übermenschlicher Kraft von ihm los, stieß ihn vor die Brust und floh, +wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer. + + * * * * * + +Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf +wüst, und er fühlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die +Vorgänge des vergangenen Abends traten in sein Gedächtnis, und Ärger. +Unmut und Reue erfüllten sein Inneres. + +Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil +ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu +sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die üblen Folgen +tragen müssen. + +Er wußte, durch diesen Vorgang büßte er vieles ein, was schon gewonnen +war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts +geschehen, was sie ihm hätte vorwerfen können, denn daß er sie liebte, +konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch +seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das +Gastrecht in unerhörter Weise verletzt. + +Er stellte sich die Folgen vor. Zunächst hatte er sicher jede +Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person +verscherzt; von einer freiwilligen Annäherung ihrerseits konnte jetzt +nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich würde sie sogar Rache üben +und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke +kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben würde; er blieb jedoch +nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, daß sie nach diesem +Vorfall sich zu keinen größeren Opfern bereit finden würde, im guten +wenigstens nicht. Er überlegte nun, was weise und vorteilhaft für ihn +sein werde. + +Zunächst mußte er durch die Künste seiner Verstellung wieder ein +äußerlich gutes Verhältnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon +um seines vorläufigen Bleibens willen; dann aber hieß es, sondieren, was +nach dem Geschehenen zu erreichen war. + +Wenn er vor sie hintrat und demütig seine Unbesonnenheit eingestand, +ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklärte, er wolle Falsterhof +verlassen, dann würde er — das hielt er für ausgemacht — sie zu Opfern am +bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm +noch werden konnten, und schnitt sich die Möglichkeit ab, in Grete von +der Lindens Nähe zu bleiben. + +Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn +und Unmut vor den Kopf, verwünschte seine Leidenschaft und war schon, da +er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache +verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Frühstück servierte +und ihm einen Brief übergab. + +Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte. + +Nachdem Frege sich entfernt hatte, riß Tankred voll Ungeduld den Brief +auf und las: + + ‚Hochgeehrter Herr von Brecken! + + Sie haben unserer Tochter die liebenswürdige Zusage gemacht, uns + besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie + ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern + verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen möchten. + Wir würden darüber außerordentlich erfreut sein und bitten, gütigst + dem Überbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten dürfen. + + Ihr sehr ergebener + + Konrad von Treffen.‘ + +Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage +eine andere Richtung. + +Tressens kamen ihm in ungewöhnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf +Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit, +daß man ihn als Miterben von Falsterhof ansah. — Und er war es nicht! + +Empörend, daß der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen +lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante, +daß sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen +Gunsten in das Testament einzufügen. Gewiß hatte er das Theonie zu +verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern, +als sein Blut heiß gewesen, ihr Körper gereizt, obschon er sich +eingebildet hatte, er könne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese +langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch +schärferes Licht stellende äußerliche Bescheidenheit waren ihm in der +Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr +gegenüber ein. Von rechtswegen gehörte ihm die Hälfte von +Falsterhof! — Und plötzlich schoß es Tankred von Brecken durch den Sinn, +diese Hälfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher +der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel +sein! + +So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes +entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, während +dieser wartend an der Thür stand, eine Zusage: + + ‚Hochgeehrter Herr Baron! + + Ihre gütigen Zeilen haben mich ebenso überrascht wie erfreut. Sie + beschämen mich in der That durch die ungewöhnlich artige Form Ihrer + Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung + hinzufüge, daß ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen + Auszeichnung stets würdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck + größter Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen + + Ihr ganz ergebener + + Tankred von Brecken.‘ + +Nach eingenommenem Frühstück setzte sich dann Tankred abermals an den +Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie: + + ‚Liebe Theonie! + + Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. Laß mich es + Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns + wieder gegenübertreten. Niemals — dessen sei gewiß — wirst Du Dich + ferner über einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen + haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich + schätze, achte und verehre. — Genehmige, liebe Theonie, daß ich noch + acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen + finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so + gütiger Weise angeregten geschäftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu + bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in + Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen. + + Tankred.‘ + +„Tragen Sie dies der gnädigen Frau hinauf, die ich nicht stören will, da +sie sich gestern abend schon unwohl fühlte. Ich werde heute nicht bei +Tisch sein,“ erklärte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege. + +„Die gnädige Frau ist bereits in der Frühe nach Elsterhausen gefahren. +Sie ist nicht anwesend,“ ging's kurz aus des Dieners Munde. + +Tankred zog ein enttäuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder +beherrschend, warf er hin: + +„So — so? Und wann kehrt sie zurück?“ + +„Die gnädige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen +abend wiederzukommen.“ + +„Hm, schön!“ Damit war Frege entlassen. + + * * * * * + +Herr von Tressen warf eben noch einen prüfenden Blick auf die heute +reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der +Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete. + +„Bitte, sehr angenehm! Führe Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und +benachrichtige die gnädige Frau.“ + +Tankred schaute sich mit prüfendem Auge in dem Raume um, in den ihn der +Diener geführt hatte. Eine große Eleganz trat ihm entgegen. An den +Wänden hingen wertvolle Gemälde, die Polstermöbel waren mit Seide +bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Wände in Weiß und Gold +gemalt. + +Und nun öffnete sich die Thür, und Frau von Tressen, eine ungewöhnlich +stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch +geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender +Liebenswürdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein +anregendes Gespräch, an dem kurz darauf auch die übrigen Hausbewohner +teilnahmen. + +Herr von Tressen war ein starker Fünfziger, dem man die Spuren einer +flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die +Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtäußeres war, durch eine +gewählte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem +Major außer Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen +starken Schnurrbart. + +Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid +an, das vollendet saß, und ihren schlank geformten Hals umschloß ein +kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Züge waren auch heute kalt, +solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund +öffnete, und ein Lächeln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen +trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz. + +Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles +aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen. + +Halb freimütig, halb zurückhaltend, stets von ausgesucht zarter +Artigkeit, niemals mit Beifall zurückhaltend, immer seine Worte wägend, +verstand er es, durch sein Komödienspiel alle, bis auf die +Gesellschaftsdame, Fräulein Helge, zu täuschen. + +Die letztere blieb nicht nur zurückhaltend gegen ihn, sondern legte +sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen +Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch +für die übrigen erkennbar machten, daß sie ihn zu brüskieren trachte, +aber Tankred mit seinem scharfen Spürsinn wußte, daß sie sich gegen ihn +auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe. + +Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluß auszuüben. Tankred bemerkte +sogar einmal, daß etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen +aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke +fast erschreckte. In der Seele dieses Mädchens war nichts Nachgiebiges, +sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehörte sie nicht zu den vielen +sanftmütig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden +jungen Geschöpfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich +den später eintretenden Enttäuschungen geduldig fügten. + +Nach eingenommenem Kaffee mußte Tankred die Malereien der Frau des +Hauses, die nicht ohne Talent ausgeführt waren, in Augenschein nehmen; +man sprach mit Interesse und Verständnis über Politik, Litteratur und +Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was +sie ohne Einwendungen that. + +Ihre Stimme war schön, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem +fehlte doch die rechte Wärme. + +„Sie müssen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann +wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnädiges Fräulein,“ wagte +Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe +herausfordernd in die Augen, daß es ihn fast verwirrte. + +Sie besaß nichts von schüchterner Verlegenheit; vielmehr schien sie +sagen zu wollen: Prüfe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine +Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab +viele, die in solcher Weise zum Tändeln aufforderten, sich aber mit +sittlicher Entrüstung zurückzogen, sobald ein Mann ihnen besondere +Aufmerksamkeiten erwies. + +Solche Weiber reizt es, Herz und Gemüt der Männer zu beunruhigen, auch +haben sie Interesse für sie, und es steigert sich, solange jene +unempfindlich bleiben. Sobald die Männer aber an den Tag legen, daß ihre +Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgültig von ihnen zurück. + +Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit äußerster +Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach +zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich großer Begeisterung +von anderen Frauen und Mädchen sprach. + +„Es ist das schönste, geistreichste und klügste Geschöpf, das mir im +Leben vorgekommen ist,“ warf er, eine Äußerung einer gerade erwähnten +Dame geschickt in das Gespräch einflechtend, hin. „Ich hatte auch das +Glück, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genügte, +um mich verzichten zu lassen.“ + +„Und der war?“ fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein. + +Tankred machte eine ausweichende Bewegung und lächelte in überlegener +Weise. + +„Nun?“ drängte Grete, während sie, wie zufällig, einige Schritte ins +Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem +Gesichtskreis der übrigen entzog. + +„Sie mißhandelte,“ entgegnete Tankred, indem er eine kleine +Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in +seiner Hand drehte, „ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in +unerhörter Weise und verdoppelte noch die Züchtigung, als diese ihr +nachwies, daß nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr +vorgeworfenen Unterlassung schuld sei.“ + +„Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefällt niemandem,“ entgegnete +Grete, Partei nehmend. „Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in +dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwälzen.“ + +„Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nüchterne Auffassung der Dinge +an den Tag, gnädiges Fräulein. Das ist beneidenswert —“ + +„Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemüt bei einem nicht +mitspricht?“ Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme. + +„Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man +nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt. +Ah — tausendmal um Verzeihung —“ unterbrach sich Tankred, dem bei den +letzten Worten die Nippesfigur aus den Händen fiel, und der beim +Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, daß ihr ein Arm abgeschlagen +war. + +Er dachte, daß Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde, +aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruß und sagte: „Die +Figuren stammen noch von den Eltern meines Großvaters, sie sind sehr +wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Übergangsfarben +nicht mehr zu komponieren weiß.“ + +Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloß sie, +kaum hinhörend, die Kunstfigur in ein Schränkchen ein und sagte: „Sie +gehören zu den Menschen, die alles anfassen müssen. Man sagt, solchen +hafte ein Diebssinn an.“ Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer +lächelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe +machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und für Sekunden war +ihm Grete fast unheimlich. + +„Ich werde mich zu bessern suchen,“ stieß er mit einschmeichelnder +Artigkeit heraus. „Und Sie haben mir vergeben, gnädiges Fräulein? Nicht +wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?“ + +Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, flüsterte die +letzten Worte in doppelsinniger Betonung und preßte einen den Eindruck +derselben verstärkenden, weichen Kuß auf ihre Hand. + +Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurück, aber in ihren +Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender +Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen +verstanden hatte. — + +Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch +einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu nähern. + +Sie sprach davon, daß sie sich darauf freue, wieder einen Teil des +Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht +unbemerkten, interessierten Blick, ob er künftig auf Falsterhof wohnen +oder das Gut verlassen werde. + +„Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof +geworden,“ warf sie sondierend hin. + +Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte +durchaus keine Einwendung. + +Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine +Blume, die sie gepflückt, an sich zu nehmen. Auch lächelte sie mit einem +die Sinne anfachenden, reizenden Lächeln vor sich hin, als Tankred +trivial, aber überzeugend klingend, sagte: „Von allen Andenken, die ich +der Güte schöner und kluger Frauen verdanke, ist dies Blümchen das +wertvollste.“ + +Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des +Hauses, — es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muß +die Mutter erobern! — und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei +der Zigarre so ausschließlich mit Herrn von Tressen, daß die Damen eine +Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhörer fügten. Nur eine +nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das +sie gesehen. In ihm habe ein gefährlicher Mensch in die gute +Gesellschaft einzudringen gewußt und alle getäuscht, bis auf die +Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen +verhütet. + +„Und das Ende?“ fragte Grete, als sie eine Pause machte. + +„Das Ende war ein Totschlag —“ + +„Was verhandelt ihr da Schreckliches?“ fragte Herr von Tressen lachend. +„Es klingt ja entsetzlich —“ + +Tankred aber bestätigte Carins Erzählung mit gleißnerischer +Unbefangenheit und sagte — und sie verstand ihn —: „Sie vergessen, +gnädiges Fräulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stücke vor. +Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst +dem Schicksal.“ + +Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte, +gab Grete dem Gespräch eine andere Wendung und bat Tankred, einige +Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er +darin Meister war, erntete er großen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen +nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung. + +Es war für ländliche Verhältnisse schon spät, als der Stallknecht +Tankreds Fuchs vorführte. Unter einem „Auf Wiedersehen am Schluß der +Woche“ und einem „Vergessen Sie es nicht!“ von Grete, dem Frau von +Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied. + +Nach Falsterhof zurückgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall +und zäumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich +darüber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlägen, daß +nur sie sein Innerstes beherrschten. + +Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich +erst allmählich. Nun hallten Tankreds Schritte über die Steinfliesen, +und er öffnete die Thür seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf, +war ein weißes Kuwert, das auf dem Tisch lag. „Ah —! Sicher eine Antwort +von Theonie!“ Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels +zu entledigen, ungestüm danach und las: + + ‚Da ich morgen Falsterhof verlasse, mußt Du Dich bei Deinem Entschluß, + noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen. + Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast, — ich möchte sonst bitten, Dich + mit Justizrat Brix, der über alles orientiert ist, in Verbindung zu + setzen, — muß es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Frühstück + geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt. + + Theonie.‘ + +„Also doch!“ murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der +Inhalt dieser Zeilen außerordentlich. Sie räumte das Feld, und er konnte +nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm +die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Daß er sie trotz der +Entschiedenheit ihres Charakters allmählich würde einschüchtern können, +schien ihm zweifellos; er wußte, daß sie Furcht vor ihm empfand, und ihr +würde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er +nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die +Nacht, das Grauen mußte helfend einwirken. — Der Mann warf den Kopf +zurück. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mußte sie noch +bleiben. Alle seine Künste wollte er aufwenden. — Künste? Theonie +gegenüber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so +gänzlich, daß nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren +Gerechtigkeitssinn, unterstützt durch indirekte und gegebenenfalls +direkte Drohungen, konnte zum Ziel führen. — Daß er sich auch von seiner +Leidenschaft hatte hinreißen lassen, da er doch wußte, ein Werben, in +welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu +ohrfeigen! Wäre das nicht geschehen, so würde er jetzt eine Neigung zu +Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er könnte erklären, es sei +möglich, deren Hand zu erwerben, wenn er über ein Erbteil zu verfügen +habe. — + +Plötzlich schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal +jemand erzählt, daß der Beamte eines großen Hauses in Amsterdam bei der +Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort +erhalten habe: „Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind, +dann kommen Sie wieder, dann läßt sich über die Sache sprechen!“ Der +junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses +Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der +Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionär in +Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mädchens gelangt, +das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden. + +Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hörte er +draußen ein Geräusch, als ob jemand langsam an seine Thür schleiche; +auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf. — Dann aber +war's still, und von Träumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis +zum Morgen. + + * * * * * + +In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben +hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach. + +„Wann ist er nach Hause gekommen?“ fragte sie ohne Einleitung. + +„Es war zwischen zwölf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt. +Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der +gnädigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal über den Flur schlich +und durch das Schlüsselloch sah, verlöschte gerade das Licht.“ + +Theonie nickte. „Also Du weißt: wenn wir beim Frühstück sitzen, bleib in +der Nähe. Ich bin nicht sicher, daß er nicht abermals unverschämt gegen +mich wird. Da will ich Dich erreichen können. — Und berichte mir also +jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme +dann zurück — Ah,“ unterbrach sie sich, „er wird nicht freiwillig +gehen! — Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise +zu rächen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben. +Vor solchen Menschen schützt keinerlei Schloß und Gesetz, sie sind zu +allem fähig.“ + +Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, großen Kopf +mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentümlichen Ausdruck vor +sich hin, der den Schwerhörigen eigen ist. + +„Ich wüßte eins, gnädige Frau,“ schob er dann, das Wort nehmend, ein. +„Wenn er das Fräulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm +befreit für alle Zeiten. Das sollten Sie zu fördern suchen.“ + +„Wie kann ich das fördern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr +zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine +Nähe beunruhigt mich, flößt mir Furcht ein.“ + +Frege bewegte die Achseln. ‚Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man +das, was man finden kann‘ stand in seinem Gesicht geschrieben. + +Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herüber, und Theonie entließ Frege und +stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, daß ihr die +Kniee zitterten. + +Während dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang +hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben. +Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred +dem großen Tannenhügel näherte, der zur Linken einen Teil des Parkes +begrenzte, eröffnete sich ihm ein zauberhaft schönes Bild! Unzählige +Lichter irrten zwischen den Stämmen, versteckte kleine Sonnen blitzten +und durchleuchteten die dunkelgrünen Zweige der Fichten; breite Ströme +ergossen sich den Hügel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an +anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Höhe +hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den +würzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen. + +Die Schönheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr +noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt. + +Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln, +Wiesen, Felder und Waldungen umfaßte, die alle zu Falsterhof gehörten, +die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein +Blick nach dem Pachthof hinüberschweifte, und die Kuh- und Schafherden +vor ihm auftauchten, das Geräusch thätiger Menschenarbeit zu ihm +herüberdrang, die Wirtschaftsgebäude unter dem farbigen Laub +emporstiegen, und er im Geiste an sich vorüberziehen ließ, was alles sie +bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der +Meierei war, wie weit sich die Gemüsegärten ausstreckten, und wie endlos +auch noch östlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte +sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, daß sein Herz +klopfte, und seine Handflächen sich feuchteten. + +Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen, +ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's +schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wünschte. +Sie konnte es sich ja überlegen, seinen Vorschlag auf der Reise wägen +und ihm schreiben. — Ja, so sollte es sein. + +Und dann standen sie sich gegenüber. Theonie goß eben Wasser auf den +Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es +unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte: + +„Bitte, nimm Platz. — Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot +abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so +liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?“ + +Tankred ward aufs angenehmste berührt. Theonie ließ ihn die Vorfälle des +verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versöhnliche +Gesinnungen an den Tag. + +Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit. + +Als sie sich gegenüber saßen, sagte er: + +„Ich danke Dir für Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich +hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?“ + +„Ich reise zunächst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will. +Über die Länge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt.“ + +„Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?“ + +„Nein, schwerlich.“ + +Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang +heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die großen, tiefen Fenster ihre +Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte +doch das Gemach, als seien die Wände plötzlich in lichtdurchflutetes +Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Möbel glänzten, das weiße Leinen +der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte +rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das +Krystall und das Silber auf dem Frühstückstisch flimmerte und blitzte. +Eine Platte mit süß duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine +einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen +neben mehlig-hellen Kartoffeln. + +Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein +Glas goldfunkelnden Rheinweins ein. + +Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete +oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute +schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen +Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts +Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber +auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren +Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, +voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der +Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener +Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen. + +„Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen,“ begann +Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. „Wirf Deinen +hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die +Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß +ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu +beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte — Nein, nein, +fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an +den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde +ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in +guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave +Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du +mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem +Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen. +Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht +ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu +lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender +gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du +Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß, +daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest, +obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens +schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du +leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. +Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so +hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung +gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen +Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem +aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch +freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof +verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen +Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann +mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine +größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente +überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen +unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe +auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin +nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen +Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut +legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu +machen. — Nun, Theonie?“ schloß er und griff wieder nach Messer und +Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. „Was meinst Du? Willst Du +so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?“ + +Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre +Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am +Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters +Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt. +Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht +einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe +zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie +geleitet. + +Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge +schauend, erwiderte sie: + +„Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand +kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf +mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite — ich +spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung; +die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der +meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte — also, +ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne +Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von +gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner +Beurteilung unterliegen können.“ + +Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine +noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in +Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum +Aufstehen. + +„Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein,“ sagte sie, nach +einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. „Entschuldige mich, ich habe +oben noch etwas zu thun.“ + +Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurück. + +„Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, daß ich ohne Mittel sei, +Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Würdest Du wohl die Güte haben, +mir einiges Geld zurückzulassen?“ + +Sie nickte bereitwillig und sagte, die Börse ziehend, mit einem Anflug +von Verlegenheit: „Wie viel, bitte?“ + +„Ein paar hundert Thaler würden mir zunächst sehr gelegen kommen, da ich +einige Verpflichtungen habe.“ + +„Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da müßte ich erst an +Brix schreiben.“ + +„Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter,“ wandte Tankred ein. „Er ist +stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen.“ + +„An den Verwalter?“ wiederholte Theonie zögernd und pedantisch +überlegend. „Das würde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie +geschehen, alles geht durch Brix.“ + +„Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon +erklären —“ + +Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie +von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen. + +„Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier, +bitte — vorläufig,“ — entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, +die sich in ihrer Börse befanden, „für weiteres werde ich sorgen.“ + +Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um +ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten +und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie +ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich +auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte +alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, +wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er, +wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu +unterdrücken. + +„Nun — lebe wohl,“ — sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher +Unruhe. — „Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er +wird Dir das Nötige mitteilen.“ + +Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf +den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen +besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch +Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie +abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß: + +„Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise +anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du +meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll +ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine +Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm +zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch.“ + +Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem +starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen +zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, +zurück: + +„Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du +schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst.“ + +Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des +Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck. +Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein +zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes: + +„Nein, ich muß nicht und will nicht!“ drang wie ein Gewitter aus seinem +Munde. „Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe +an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch +an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts +zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann +die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, +aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten +begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld, +das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß +ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte, +weil ich es gleich gebrauchte und —“ hier schob Tankred einen +berechnenden Satz ein — „auch für meine Abreise desselben bedürftig war, +den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück +und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen +Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war.“ + +Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen +zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich +getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und +Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte +es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er +bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich +erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, +pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm +entgegen: + +„Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast +Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite +verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich +gehe, Du gehst —! Das ist mein letztes Wort.“ + +In diesem Augenblick erschien die dürre Gestalt Freges in der Thür, und +hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb +ängstlicher, halb entschlossener Miene. + +„Ah!“ drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur +Abwehr auf. „So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur +Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner +Gewalt! Muß ich ihr aber dennoch weichen, so hütet Euch!“ + +Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebärden +ausgestoßenen Worten trat er durch das anstoßende Gemach auf den Flur, +und die Zurückbleibenden hörten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloß. + +„O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du +mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches +zu verdienen?!“ hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren +Stuhl. — + +Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wäre er +eingesperrt und sänne darüber nach, wie er sich befreien könne. Aber +sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern +auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt, +abermals war er seinem Jähzorn unterlegen, und statt seine Sache zu +verbessern, hatte er sie gänzlich verfahren. + +Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen +Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend +bewiesen, daß sie recht hatte, wenn sie ihm aufs äußerste mißtraute. +Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung außer acht gelassen, sondern sich +auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar +Drohungen ausgestoßen, die nur zu gut verrieten, was sich in den +tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem +Vorgang ihm nicht wieder nähern, das Tuch zwischen ihnen war +zerschnitten. + +Unglaublich hatte er gehandelt! + +War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein über +alle Erwartungen günstiges Ergebnis gewesen? + +Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen +Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken +in den Sinn gekommen wäre. Es würde ihn nicht überrascht haben, wenn +Theonie ihm erwidert hätte: Ich weiß nicht, ob ich mehr über Deine +unverschämte Forderung mein Erstaunen ausdrücken soll, oder über deinen +Mut, sie mir vorzutragen. + +Statt dessen hatte sie seine Gründe angehört und unbefangen gewürdigt +und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren +nicht gefährden, bewährst Du Dich aber, dann soll die Hälfte Dein +Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber +auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zügelloser, +von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist. + +Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte +auszahlen wollen. Sicher würde Theonie jetzt wieder zu ihrem +Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie früher festgesetzt hatte, +und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von +Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse würden an die +Öffentlichkeit dringen, und er würde der Familie Treffen als das +erscheinen, was er wirklich war. + +Wie gut hatte er alles eingefädelt, und mit welcher Pfuscherarbeit +geendigt! Wäre er fügsam gewesen, so hätte er Tressens erklären können, +er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hälfte von +Falsterhof. Theonie würde, unter geschickter Behandlung der +Angelegenheit von seiner Seite, diese Begünstigung bestätigt, es würde +sich alles ohne Schwierigkeiten und Künste geregelt haben, während nun +schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lüge aufgewendet werden +mußte, um nur die üblen Eindrücke wieder zu verwischen. + +Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit +lag vor, daß alle Mühe umsonst gewesen. + +Nein! er war doch noch ein großer Stümper! Er mußte sich's zugestehen. +So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, daß er sogar auf +den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei, +tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemühen, ein ordentliches +Leben zu führen. Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die +Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht +durch Selbstbeherrschung zu unterstützen vermochte. Er hatte noch nicht +warten gelernt. Warten können! Was lag nicht alles in den Worten! Und er +besaß auch nicht hinreichenden Mut; seine Genußsucht und sein +Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlüsse und machten ihn +feige. + +In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner +schrankenlosen Selbstsucht überlegte er, ob er nicht lieber Theonie +nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwören solle, daß +das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn hätte +aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst. + +Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins +richtige Geleis bringen zu können, beschäftigte ihn plötzlich +solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und +dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drängte sich ihm so +stürmisch auf, daß er das Haupt zurückwarf, die Klingel zog und dem +stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er möge sofort den Fuchs +satteln. + +„Wohin ist meine Kousine gereist?“ fügte er erregt hinzu. „Es ist +wichtig, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe, +alles daran zu setzen, um unser Zerwürfnis zu beseitigen. Also, wohin +hat Klaus die gnädige Frau kutschiert?“ + +Frege befand sich in größter Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er am +besten zu Gunsten seiner Herrin handeln würde. + +„Ich weiß es nicht, Herr von Brecken. Zunächst wollte Frau Cromwell bei +Pastors vorsprechen und später Nachricht geben.“ + +So wand sich Frege heraus. + +Bei der Erwähnung der Pastorfamilie schoß Tankred ein Gedanke durch den +Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfällen durch Theonie unterrichtet +wurden, würden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jüngst +hatte die Familie bereits geäußert, daß sie Pastors, die sie sehr +schätzten, allernächstens mit Tankred zusammen einladen wollten. + +Das verstärkte des Mannes Entschluß, unter allen Umständen Theonie +nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht säumte; sicher +würde sie sich bei Höppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag +über aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte +durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem +Zeichen des Kreuzes zurückwich, so fühlte er seine Gewalt und Kraft +gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens. + +Kaum zehn Minuten später war Tankred unterwegs, er jagte dahin, daß der +Staub der Landstraße hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild +stürmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstraße belebenden +Fußgänger erregte. — + +Inzwischen saß Theonie bei Höppners im Gartenzimmer und berichtete mit +eben wieder zurückgewonnener Fassung von allem, was geschehen war. + +Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem +Ausdruck größter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und +abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, daß er +zugleich nach einer Entlastung für Tankred suchte, daß er die Hoffnung +nicht ausgab, die Herzen zu versöhnen. + +Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem +Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war. + +„Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenüberstehen, ich wollte ihm schon die +Seele mürbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht +zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen +Widerstand treffen; sehen sie, daß man ihnen die Zähne zeigt, ziehen sie +wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen? — Er könnte +Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus +Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in +Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen +Mißtrauen sich erhöht, weil er schlecht hört, hat Sie ängstlich gemacht. +Ich wette darauf, daß Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut +Wetter bittet.“ + +So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz +ihrer Überzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, daß +Tankred zu dem Schlimmsten fähig sei. + +Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu +beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung +entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte, +als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu +verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die +Pastorin rief: + +„So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen, +unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, +daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen, +wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein.“ + +Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach +sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich +aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem +sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf +Jahren an der Hand, in die Thür trat. + +„Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?“ rief die Frau +glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen +empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch. + +Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau +Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch +in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber +gehaltenen Garten. + +Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt +einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen +und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie +wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit +dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des +Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am +Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er +ihn! + +Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung +und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch +Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend +und gehorsam. + +Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit +denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes +Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder +Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend: + +„Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand +hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel +für ein Mädchen in den Jahren?“ Und Theonie pflichtete lächelnd bei, +obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht +fand. + +Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl. +Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben — glücklich zu +sein — ja — glücklich zu sein! + +Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die +Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und +Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere +Überzeugung sich fortreißen zu lassen. + +Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der +Pastor hatte gesagt: „Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte +zuzuschleudern, liebe gnädige Frau, sanft erklärend auf ihn +eingesprochen hätten, würde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn +auch ein wenig gereizt!“ + +Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre +Ansicht dargelegt. „Nein, ich hätte ebenso gehandelt wie Frau Theonie. +Der saubere Herr mußte fühlen, daß ihm ein Wille gegenüberstand, denn +nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach, +so wachsen seine Unverschämtheit und sein Übermut, und man hat das Spiel +verloren! Theonie muß auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine +Weichheit mehr, kein Nachgeben!“ + +Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fühlte +Theonie doch, daß der Pastor auch ein Recht für seine Ansicht habe. + +Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht +entrückt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten +Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche +Überlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle +Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof +entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner für immer zu +entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berührung zu kommen? + +Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos; +aber zwischen sich und ihm ein erträgliches Verhältnis herzustellen und +indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder +Gewähren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern, +den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines +Namens zu behüten. + +So kämpfte in ihr auf der einen Seite der ursprüngliche Entschluß, +Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm +zurückzuziehen und alle Folgen ihrer Überzeugung zu tragen, mit der ihr +innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer +Verständigung rieten. + +Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rüstete, die Frau vom Hause +eben noch in der Küche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich +gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiß und goldgelb +schimmernden Hälften auf einen Teller legte, trat das Kindermädchen ihr +näher und meldete, daß ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell +frage. + +„Wer denn?“ warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der +Hand, an die Küchenthür und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurück, +als sie Tankred von Brecken vor sich sah. + +„Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin,“ hub er, ehe sie +Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit +entgegen, „ich komme, um mit meiner Kousine ein versöhnendes Wort zu +sprechen, und möchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr, +Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher +stets bewiesene Güte.“ + +Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen +seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte. + +„Zunächst, bitte, treten Sie gefälligst in das Zimmer meines Mannes!“ +entgegnete sie höflich, aber durchaus kühl. „Ich werde Frau Cromwell +fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht, +und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden müssen. — Hier —“ +schloß sie ebenso kurz und entschieden und öffnete das Gemach ihres +Gatten, aus dem Tankred der dumpfsäuerliche Geruch der vielen Pfeifen, +die der Pastor den Tag über rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde, +dann hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen. Die Pastorin aber begab +sich, nachdem sie vorher noch in völliger Ruhe die Küchenangelegenheiten +erledigt, ins Gartenzimmer und verkündete ihrem dort mit dem Pastor +weilenden Besuch, was sich ereignet hatte. + +Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Körper, der Pastor aber, +bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr +wirkte wie die ihm angeborene rücksichtsvolle Höflichkeit, rief fast +ängstlich tadelnd: + +„Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draußen stehen lasten?“ + +Die resolute Pastorin schüttelte bloß den Kopf und sagte kurzhin: „I, +wie sollt ich wohl; er ist natürlich in Deinem Zimmer.“ + +„Nun, da will ich —“ + +„Nein, bitte, bleibe,“ entschied die Frau in einem Ton, der keinen +Widerspruch aufkommen ließ. „Erst müssen wir überlegen, gründlich +überlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklären +Sie, daß Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen könnten. +Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kühlt sich der Übermut des +sauberen Herrn noch weiter ab.“ + +Der Pastor schüttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie +aber schwankte. + +Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred +nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den +Ausschlag. Es war auch möglich, daß er, da er den ersten Schritt gethan, +erklärte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war +wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versöhnung aus dem Wege ging, und +was besonders maßgebend war: sie wünschte so rasch wie möglich Klarheit +zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, daß er +Falsterhof verlassen werde. + +So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor, +ihm sagen zu lassen, daß sie nach Beendigung des Abendessens, also nach +Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhören. + +„Ja — ja — aber — wir legen dadurch an den Tag, daß wir ihn nicht an +unserm Tisch sehen wollen; das — geht doch wohl nicht —“ schob wieder +der Pastor in seiner Gutmütigkeit ein. „Er hat unsere Gastfreundschaft +angerufen, indem er unser Haus betrat.“ + +„Ach was!“ entschied die Pastorin. „Laß ihn nur fühlen, wie wir über +sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der +Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man +behandeln als das, was er ist!“ + +So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies +Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat +Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr +angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen. + +„Sie sind wohl im Krug abgestiegen?“ + +Tankred nickte. + +„Werden Sie die Nacht hier zubringen?“ + +Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und +fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten +hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die +beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer +zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm +die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel. + +„Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert,“ hub sie +an, „ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den +Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des +göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser +Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel +und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken +stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für +die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger +unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit +Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die +eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen +möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung +stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern +übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!“ + +Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds +beschlossen habe. + +„Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin,“ entgegnete +Theonie. „Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!“ + +Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel +ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß +Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid +gegeben. + +„Ich würde Ihrem Vetter Folgendes erklären,“ erwiderte sie deshalb, +Theonies Wunsche willfahrend: „Vorbedingung sei, daß er Falsterhof +sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erkläre, daß er +niemals ohne Aufforderung dahin zurückkehren werde, auch keine Rechte +auf irgend einen Teil Ihres Vermögens habe. Nachdem dies geschehen, +würden ihm die einmal zugesagten fünfzigtausend Mark ausgezahlt werden.“ + +„Nun und dann?“ fragte Theonie, als die Pastorin schwieg. + +„Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas +zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwähnen. Sollte er auf ein +weiteres zurückkommen, so würde ich ihm erwidern, daß ich mich jetzt in +keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung +verscherzt.“ + +„Aber deswegen ist er doch hergekommen!“ schob der Pastor, diesmal +nicht nur seiner Gutmütigkeit, sondern einer richtigen Erwägung folgend, +ein. + +„Gewiß! Aber wer weiß, was geschieht!“ entgegnete die Pastorin. +„Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht +sie ihr elterliches Vermögen selbst.“ + +„Ich weiß, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht +entgegenkommender äußere,“ sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte +durch ein sanftes Kopfschütteln übergehend. + +„Sie erklären ihm ja nur, daß Sie sich nicht binden wollen; darin liegt +doch kein absolutes Nein.“ + +„Das ist sophistisch, Marie!“ schob der Pastor ein. + +„Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen +haben, und der andere bloß einen Helm, da ist kein Verstand drin.“ + +Während sie noch sprachen, entstand draußen ein Geräusch, und Theonie, +bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloße +Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenüber zu treten, erregte sie aufs +höchste. Das gab der Pastorin den Entschluß ein, Theonie vorzuschlagen, +sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln. + +„Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich +erkläre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu +gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar +machen.“ Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede. + +Fünf Minuten später meldete die Magd den Herrn von Brecken. + +„Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zünde Licht an!“ entschied +die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred +war nicht wenig enttäuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen, +aber er ließ sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter, +seine tiefe Verpflichtung ausdrückender Höflichkeit. + +„Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht +war, zu sprechen,“ hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte +eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. „Sie hat mich, um gleich +auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist +Frau Cromwells Wunsch, daß Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre +Aufforderung nicht dahin zurückkehren. Sie verpflichten sich dazu +schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklären Sie, keinerlei Rechte +auf das Breckensche Vermögen, das flüssige oder liegende, zu besitzen, +und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr +Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fünfzigtausend Mark +auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten +habe.“ + +„Über die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?“ brachte +Tankred, nur mühsam seine durch Enttäuschung hervorgerufene Erregung +verbergend, hervor. + +„Nein!“ + +„Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?“ + +„Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch +die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen +erledigt sein muß. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts +einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu +verlassen.“ + +„Und wenn ich es nicht thue?“ + +„Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen.“ + +„Haben Sie ihr diese Ratschläge erteilt, Frau Pastorin?“ + +„Gleichviel. — Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluß nicht ab.“ + +„Und wenn ich nun beschwören kann — ich kann es beschwören und habe nur +bisher nichts geäußert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden +wollte, — daß meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hälfte von +Falsterhof zugesagt hat?“ + +„So würden Sie einen falschen Eid schwören. So weit werden Sie es doch +wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von +Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit +solchen Mitteln durchdringen, daß es bloß eines solchen für Sie bequemen +Entschlusses bedarf, um mühelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei +Ansprüche können Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt, +daß Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfüllung und +Fleiß sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines +recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau +getragen. Statt sich Ihrer Kousine für ihre Hochherzigkeit dankbar zu +erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk +hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu +teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die +Mittel zur Verfügung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie +ausfallend und stoßen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bühne von +Bösewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hören gewohnt +ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen! +Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird +sonst schrecklich sein. Eine Weile begünstigt das Schicksal wohl +solcherlei Treiben, aber nur um den Übermut nachher um so schwerer zu +strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie +sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere +Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich +verschweigen, was eben über Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch +alles, was sonst geschehen, der Außenwelt vorenthalten bleiben. Im +anderen Falle aber seien Sie überzeugt, daß wir mit allen Mitteln Ihrem +ungesetzlichen, frivolen, ja, gefährlichen Treiben entgegentreten +werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, daß Sie uns Furcht einflößen +können, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, daß mit uns +nicht gut Kirschen essen ist. — So, nichts für ungut. Die meisten +Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken, +daß er auch nur zeitweise über Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn +auszutreiben!“ + +Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben +abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Ärger +zugehört. Mehr als einmal hatte er in seiner maßlosen Erregung den +Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hände ballten +sich unwillkürlich, und die Zähne preßten sich zusammen. + +Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren ließ, da sie +ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner +Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll +Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluß ihrer +Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem +Angesicht haften; offenbar trat die Überlegung bei ihm ein, ob es nicht +doch richtiger sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. + +„Gut denn,“ stieß er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen +heraus. „Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich +will die von Ihnen geforderte Erklärung geben, auch mich mit der +angebotenen Summe begnügen, wenn meine Kousine mir einen Brief des +Inhalts schreibt, daß sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von +meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie +mir schon vor unserm Zerwürfnis zugebilligt hatte. Auch muß sie +hinzufügen, daß sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich +nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, daß ich in ihren +Augen dessen würdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich +schwören würde, von meinen Charaktereigenschaften und von +Eventualitäten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner +Überzeugung nachgehe, will ich unberührt lassen. Als kluge Frau wissen +Sie am besten, daß bloße Behauptungen taube Nüsse sind, und daß wir die +Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle +eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, daß manches an +mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizuführen, +bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Überflusses. Was ist +ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung +hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel, +der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu +vertreiben.“ + +„Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch +Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und +durch Beschränkung seiner Bedürfnisse. Daß Ihre Kousine, die keine Liebe +für Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That +ein starkes Verlangen. Und daß jemand Glücksgüter fordert, um seine +Fehler abzulegen, beweist, daß er noch nicht das ABC sittlicher +Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende +Selbstüberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum +Schluß zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wünschen, +sie mag dann selbst entscheiden.“ + +„Also auf Ihre Befürwortung habe ich nicht zu rechnen?“ + +„Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts +weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage +gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich würde erst sehen +wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre träge Genußsucht in solcher +Weise zu unterstützen, halte ich fast für ein Verbrechen.“ + +Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiß war, da +er sah, daß er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu +erreichen, triumphierte er innerlich, überging die letzten Ausführungen +der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank für ihre Bemühungen aus. + +„Ich weiß, Sie werden Ihre schlechte Meinung über mich ändern, Frau +Pastorin! Sicher!“ schloß er mit künstlichem Ernst und suchte, indem er +sie trotz ihrer herben Begegnung gleißnerisch seiner Achtung und +Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei +zu erobern war. — + + * * * * * + +Grete von der Linden griff mit recht mürrischer Miene nach Umschlagtuch +und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre +Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespräch mit Carin +Helge gehabt hatte. + +Ihre frühere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geäußert, daß +Herr von Brecken ihr ein äußerst widerwärtiger Mensch sei, eine +Persönlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein müsse, und Grete +hatte sehr empfindlich entgegnet, daß sie es nicht passend finde, daß +Carin ein solches Urteil über Freunde des Hauses fälle. + +Darauf war wieder eine etwas schroffe Äußerung von Fräulein Carin +gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte +die erstere erklärt, daß es bei der geringen Übereinstimmung, die +neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser für sie sei, Holzwerder +zu verlassen. „Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es für gut befinden, +liebe Carin.“ Mit diesem kühl gesprochenen Wort war das Band zerrissen, +das die beiden seit Jahren verknüpft hatte. Aus der ursprünglichen +Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes +ausdrücklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als +Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat +hatte sich im letzten Jahr das Verhältnis schlechter gestaltet. Grete +waren die Flügel ungewöhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, über +alles sehr präzise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und +dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch über entgegengesetzte +Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten. + +Einige Ausflüge mit ihren Eltern in die große Welt hatten sie rasch +gezeitigt. Sie wußte, daß sie hübsch und klug war, und schmeichelnde +Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestätigt, aber sie wußte +auch, daß sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel +ein Mensch, den man für begütert hält, der Welt ohne Widerspruch bieten +kann. + +Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demütige Gebärden +selbst dann, wenn die den Nacken krümmenden Personen keiner Vorteile +gewärtig sein konnten. + +Grete hatte ein Interesse für Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die +Vorzüge einleuchteten, die erwachsen würden, wenn die beiden +aneinandergrenzenden, großen Güter unter eine Herrschaft kämen. +Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu +nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof +großen Respekt eingeflößt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider +Gesinnung und vornehmer Zurückhaltung; die alten Breckens ließen die +Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel +Grete, die Eindrücke der Jugend wirkten nach und übertrugen sich auf +Tankred. + +Er war ein stattlicher Mann, groß und geschmeidig und hatte etwas +Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besaß er etwas +Fortreißendes, wenn er liebenswürdig sein wollte. + +Daß sich nichts von Sentimentalität in seinem Wesen äußerte, war Grete +höchst willkommen; sie haßte alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon +nichts besaß. Und endlich und zuletzt — sie mochte ihn einmal, und durch +seine Vermögenslage würde sie imstande sein, um so leichter die +allerdings nur moralisch begründeten materiellen Ansprüche ihrer Eltern +zu befriedigen. Allerdings, auch das überdachte Grete; sie war durchaus +nicht geneigt, sich Einschränkungen aufzuerlegen. + +Freilich waren Tankreds Vermögensverhältnisse noch nicht völlig +aufgeklärt. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen +Groschen, andere dagegen, — sie wollten es aus seinem Munde gehört +haben, — daß er Miterbe von Falsterhof sei. + +Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf +Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er +hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet, +daß ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch für +seine Bemühungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der +Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen. + +Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte +sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem +Gast über dessen Vermögensverhältnisse zu sprechen. + +Frau von Tressen besaß die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau +von Brecken an ihr gerühmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch, +hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber +sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht +verstanden, sich einzurichten. Während ihr erster Mann noch gelebt +hatte, war er der verständige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode +hatte Frau von Tressen über ihre Verhältnisse gewirtschaftet und in +ihrem zweiten Mann keinerlei Stütze für bessere Entschlüsse gefunden. Im +Gegenteil, das ihr persönlich gebliebene Vermögen war schon längst +verthan. Bei der Feinfühligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher +noch niemals mit Grete über die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr +Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So +vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen +auch, daß ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen +wohlhabenden Mann heirate. + +Tankred gefiel ihnen aus denselben Gründen, die für Grete hauptsächlich +in die Wagschale fielen. + +Wohl wollte sich in der Frau — wie in Carin — bisweilen ein Mißtrauen +gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft +eingeschläfert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung +an Gretes deutlich hervortretende Wünsche und jene Flüchtigkeit, die +zunächst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge faßt, bestimmten sie, +sich für die Partie zu interessieren, — natürlich vorausgesetzt, daß +Tankred der vermögende Mann sei, als den sie ihn schätzten. + +Ihr künftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich +verpflichten, ihren Eltern jährlich eine festgesetzte Summe zu zahlen. +Aber wenn nun Tankred kein Vermögen besaß, oder wenn er oder ein anderer +Gatte Gretes sich weigerte, für ihre und ihres Mannes Existenz +aufzukommen? + +Zum erstenmal überfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben +überkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es könne dergleichen +geschehen oder später eintreten. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war +vollkommen erwerbsunfähig. Schon machten sich allerlei durch einen +raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn +plagten vorübergehend Gichtschmerzen; eigentümliche nervöse Beschwerden, +Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und +hatten das Herz der Frau mit Sorge erfüllt. Wenn er sich dann wieder +erholt und wohl gefühlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und +Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwärtig erschien ihr alles in +einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft +vor ihr auf, und sie beschloß, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf +bloße Eindrücke oder gar auf den Zufall zu verlassen. — + +Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurückkehrte, +begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknöpft hatte, und dem +ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut +geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der +nicht eben überintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das +Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsätzen verfuhr und +allgemeine Achtung genoß. + +Niemand übte einen so großen Einfluß auf Grete aus, wie er, ja, insofern +das junge Geschöpf überhaupt jemanden, einschließlich ihrer Mutter, zu +lieben vermochte, — ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine +durch unantastbare Verträge überkommene, friedfertige und unschädliche +Persönlichkeit, — empfand sie ein solches Gefühl für Hederich. So lange +sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets gütig und zugleich ehrerbietig +begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr +Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen +und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschüttet. Nicht Herr von Tressen, +der immer nur seine Amüsements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden +und Reisen ins Auge faßte, hatte ihr den früh verlorenen Vater ersetzt, +sondern der Junggeselle Hederich. + +Er kannte nichts von der Welt draußen, aber um so besser war er über +alle Gutsangelegenheiten und alle Persönlichkeiten in nächster und +weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr häufig in praktischen +Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft +betreffenden Dingen, über Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und +wußte eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Bäumen +zu, sagten die Leute von ihm. + +„Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fräulein. Drum und dran. Schon so +früh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen. — So, +so, das ist schön. — Ja, gewiß, gern. — Ich habe Zeit! Sollen wir hier den +Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fräulein, was ist, bitte?“ + +„Zuerst Hederich: Fräulein Carin verläßt uns. Sagen Sie, was halten Sie +eigentlich von ihr?“ + +„Viel, Fräulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht +erst ein Kreuz auf dem Rücken zu haben zum Zeichen, daß sie dienstfähig +ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt. +Aber drum und dran, warum fragen Sie?“ forschte der Alte mit seinem tief +eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen. + +„Nun ja, weil sie weggeht, und ich darüber nachdenke, an wem die Schuld +wohl liegt. Gewiß Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns +nicht mehr. Da ist es besser —“ + +„Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als daß Sie in Feindschaft +enden. Gewiß, das hat sie nicht um Sie verdient, Fräulein Grete!“ + +Grete schwieg, sie fühlte er hatte recht; gern würde sie aber gesehen +haben, daß er ihr bereitwillig zugestimmt hätte. + +„Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fräulein Grete, nichts für ungut, +wenn ich fragen darf?“ + +„Über Herrn von Brecken erzürnten wir uns. Apropos! Was halten Sie von +dem?“ unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespräch auf ihn +gebracht, während sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte. + +Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu +wollen. + +„Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?“ + +„Mit Verlaub, Fräulein Grete. Will Fräulein Carin etwas von ihm wissen?“ + +„Nicht viel eben! Sie verdächtigt seinen Charakter.“ + +Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte große +Augen. + +„Ja, sie versteht's —“ + +„Wieso? Mögen Sie ihn auch nicht? Hören Sie, Hederich! Ich frage nicht +umsonst. Ich — ich —“ + +„A — h —“ machte der Mann und sah Grete groß an. „Nun ja denn! Ich weiß +nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen +sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine +Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fräulein Grete, er hat was +im Auge — oft — man kann sich fürchten —“ + +„Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er +sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam +und solide werden.“ + +„Ja — ja — das ist wohl anzunehmen,“ bestätigte Hederich. „Aber ob er so +recht umgänglich werden wird — gegen Sie — ich meine — drum und dran — und +denn — und denn, Fräulein Grete — er hat, glaub' ich, gar nichts!“ stieß +Hederich zum Schluß heraus. + +„So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darüber?“ forschte Grete, den ersteren +Einwand umgehend. + +„Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber +auch bloß ein Versprechen, das an Bedingungen geknüpft ist.“ + +„In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?“ + +Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. +Zuletzt ließ er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und +erklärte, Frege traue Tankred nicht über den Weg. + +„Ja, aber weshalb mißtrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht,“ +betonte Grete, durch die Enttäuschung, die sie empfand, zum Widerstand +gedrängt. Sie wollte Gutes hören, und da sie es nicht vernahm, wollte +sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen. + +„Sie meinen — drum und dran —“ entgegnete Hederich ehrlich, — „daß er +wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Für andere +Menschen hat er nichts übrig.“ + +Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklärung regte sie +nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen hätte, wenn +Hederich von Tankred eingenommen gewesen wäre. + +„Na,“ schloß sie nüchtern. „Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn.“ + +„Ja, — ja — liebes Fräulein, aber es liegt — drum und dran — etwas +dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama — na ja, sie hat ja eine +sehr leichte Hand — aber die hat die schöne Mitte, klug und gut.“ + +Grete antwortete nicht. + +„Warten Sie, alter, guter Hederich —“ sagte sie und schob ihm das +Bändchen unter den Rockkragen, — „hier steckt was heraus.“ Und plötzlich +ganz unvermittelt: „Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie +viel unser Gut?“ + +Darauf mußte Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des +genau Unterrichteten überaus gut gefiel. + +„Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend +Mark jährlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal +weniger, so etwa sechzigtausend Mark.“ + +„Nicht mehr?“ fragte Grete enttäuscht. + +„Nein, mehr nicht, Fräulein, und dann sind da auch noch Zinsen +und — und — na, gleichviel —“ + +Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das, +von Epheu umsponnen und von schönen Bäumen umgeben, einen reizvollen +Anblick gewährte. + +„Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?“ fragte Grete +sinnend. + +„Ja, einmal. — Was jetzt die Frau Pastorin ist — unter uns gesagt — die +Pastorin Höppner, die hätt' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu +so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter +Mensch, bloß kein Mann. — Nein, drum und dran — kein Mann. Ich freue mich +noch immer, wenn ich sie sehe — ja, das thue ich!“ schloß Hederich, mehr +mit sich selbst als mit Grete redend. + +„Adieu! Danke, alter guter Hederich!“ sagte Grete. Was sie für ihn +empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder. + +Und er fühlte es und sagte: + +„Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen.“ + +„Nun?“ + +„Sie! Fräulein Grete,“ sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's über das +Angesicht des Mädchens, und sie drückte ihm gerührt die Hand. Bisweilen +sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heiße Quelle in ihr +auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie +stürmisch. — + +Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben +versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin +fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute +etwas ungeduldig nach der Thür. + +„Wo bleibt denn Carin? Weißt Du etwas von ihr, Grete?“ wandte sie sich +fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit +deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber +öffnete sich die Thür, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins +Gemach. + +Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die +Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang +gab. + +Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast +stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlaßte +Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten +schauenden Balkonzimmer saß, die Rede auf Fräulein Helge zu bringen. + +„Wir haben uns erzürnt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das +Fräulein verläßt morgen früh Holzwerder,“ entgegnete Grete kalt. + +Die Mitteilung überraschte, aber interessierte und erfreute zugleich +Tankred sehr. Die mißtrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht +mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine große Beruhigung. + +„Das sagen Sie so leicht hin, gnädiges Fräulein?“ knüpfte er, um mehr zu +hören, an. + +„Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb +dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich +nun eine andere Thätigkeit. Ein Bündnis fürs Leben habe ich doch nicht +mit ihr geschlossen.“ + +„Ließ die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die +Frage erlaubt ist?“ + +Statt zu antworten, lächelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb +verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend: + +„Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist. +Wenn Fräulein Helge uns verläßt, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man +kann sündigen, ohne es zu wissen,“ schloß sie, als Tankred große, +forschende Augen machte. + +„Ich?“ stieß er heraus. „Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich +natürlich ungemein.“ + +Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle. +Verriet sie ihm, daß Carins absprechendes Urteil über ihn sie geärgert +habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen +vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie über seine +äußeren Verhältnisse genau unterrichtet war. + +Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wünsche +unterstützten seine Annahme. + +Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich: + +„Ist es denkbar, daß Sie, mein Fräulein, für mich gegen Fräulein Helge +Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, daß ich Ihnen +nicht gleichgültig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir +gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und daß sie gegen mich +intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber +vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermögen, daß — daß —“ + +„Daß?“ forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreißen lassen +wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb +verdeckten Erklärungen liegt. + +„Nun, daß Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden könnten, und +daß sie, Fräulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken +sein würde.“ + +„Sollte es das sein?“ ging's rasch und fast gegen Gretes Willen über +ihre Lippen. Also Beweggründe egoistischer Natur hätten Carin geleitet! +Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr +paßte, da sich daraus die Gründe für Carins Abneigung gegen Tankred +erklären ließen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an. + +„Gewiß, ich bin dessen sicher, Fräulein von der Linden. Und nicht +wahr?“ fügte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zärtlich +sprechend, hinzu: „Ich darf annehmen, ich darf hoffen, daß Fräulein +Helge das Rechte traf —?“ + +Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen, +und sie ward unsicher und beängstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom +schoß durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kräfte +und wollten sie fortreißen. Aber dennoch siegte die überlegende +Vernunft. + +„Wir wollen über andere Dinge sprechen, Herr von Brecken,“ stieß sie, +sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine +Worte als ein übertriebenes Kompliment aufgefaßt hätte. Und zur besseren +Bestätigung ihrer Unempfindlichkeit fügte sie hinzu: + +„Es giebt ja interessantere Themata als Fräulein Helge. — Wie denken Sie +zum Beispiel über die Stellung des Jupiter zur Sonne?“ — + +Als später Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer saß — es +war kurz vor dem Abendessen — sagte der letztere: + +„Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehört? Wo hält sie sich jetzt +auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter +fortbleiben?“ + +„Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in +einigen Wochen nach Falsterhof zurückkehren.“ + +„Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof über? Oder welche +Pläne haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir +sagt, daß Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Nähe,“ +schloß Herr von Tressen artig. + +„Allerdings, ich möchte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber +nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen könnte —“ + +Unwillkürlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die +letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf +diese Weise das Gespräch auf Grete hinüberleiten? Im Augenblick fand +Herr von Tressen keine Anknüpfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke, +und er sagte: + +„Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich höre, Mitbesitzer +sind, würde Ihnen nicht konvenieren? Übrigens nachträglich meine +Gratulation! Es ist wohl die schönste Herrschaft in der Provinz.“ + +Diesen Worten war es unmöglich, auszuweichen. Tankred wußte auch, daß +sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und +wenn die Dinge nach ihren Wünschen ausfielen, stand einer Heirat mit +Grete nichts im Wege. + +Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden mußte, da Tankred je +eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken +beiseite und sagte: + +„Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen. +Ohnehin drängt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen. +Wollen Sie es mir gestatten?“ + +„Ich kann mich dadurch nur geehrt fühlen,“ entgegnete Gretes Stiefvater +verbindlich und zugleich mit größter Spannung. + +„Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber +sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Höhe zu +beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand +bereits ein bares Kapital überwiesen. Weiteres macht sie abhängig von +gewissen Bedingungen. Ohne Rückhalt gesprochen, sie will mich prüfen, ob +ich imstande bin, mit einem großen Vermögen umzugehen. Eine gewisse +Breckensche Pedanterie, übertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber +ich besitze ein Schriftstück, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt, +mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen. — Ich gelange nun auf den +anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fräulein Grete, hat +gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich +gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir +in so überaus liebenswürdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner +Besuche verstärkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der +meine sehr lebhaften Wünsche unterstützt. Unwillkürlich richtet ein +besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwählten seines +Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm +sympathisch sind, und da muß ich ohne Komplimente sagen, daß ich es als +das höchste Glück ansehen würde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer +Frau Gemahlin in nähere Berührung zu treten.“ + +Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimütig liebenswürdiges +Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so überzeugt klangen seine +Worte, daß sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt +hatte. + +Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die +vorausgegangenen Mitteilungen äußerst befriedigender Art zu sein +schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm +gewünschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was +seine Frau ihm eingeschärft hatte. Er sagte deshalb vorläufig noch mit +etwas Zurückhaltung: + +„Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken, +treten besondere Verhältnisse ein, die der Erörterung unterliegen +müssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich äußerst erfreuenden +Antrag — meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorläufig noch +nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, daß sie Ihnen, +wie Sie es voraussetzen, geneigt ist, — also wenn ich Ihren Antrag in +Überlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns +nötig. + +Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat +hören unsere rechtlichen Ansprüche auf, und wir sind angewiesen auf ihre +gütige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten +sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermögens +wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestätigung unserer moralischen +Ansprüche ist erforderlich, nachdem die Höhe der uns zu zahlenden +jährlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der +Grete einmal heimführen wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto +geneigter werden wir ihm selbstverständlich sein. Darin liegt keine +verwerfliche Geldsucht, sondern es begründet sich in der Natur der +Dinge. Von der Luft können wir nicht existieren, und ein anständiges +Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wünschen.“ + +Tankred hatte während Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig +beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorläufig noch nicht Gretes +Bräutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der +Wirkung seiner Antwort gewiß: + +„Ich würde, wenn mir das Glück werden könnte, Fräulein Grete heimführen, +es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen möglichst +ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglück in +erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualität, die in +eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so +freundlich und gütig sein wollen, zu unterstützen.“ — + +Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit +hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in +sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten +Unterredung. + +„Vortrefflich,“ sagte die Frau, nachdem er geendigt. „Aber nun wäre es +doch wünschenswert, daß wir das Schriftstück, von dem Brecken spricht, +einsähen, und daß Du auch an Frau Cromwell schriebest.“ + +„Meinst Du wirklich, daß letzteres notwendig ist? Ich denke, die +Einsicht in das Abkommen genügt; hoffentlich wird Brecken es uns von +selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich.“ + +„Nun, es wird sich ja finden! Vorläufig wollen wir Grete noch nichts +mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken +steht. Daß sie sich sehr für ihn interessiert, ist zweifellos. Übrigens, +wie ist sie kühl! Von der Helge trennt sie sich mit einer +Gleichgültigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mädchen! Sie war sehr +weich und rührte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit +ihr hatte, während Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussöhnung denkt +sie selbst nicht. Sie fühlt, daß Grete ihr Gehen will, Grete hat +begierig die Gelegenheit zur Herbeiführung der Verstimmung ergriffen.“ + +Aber Herr von Tressen hörte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzüge bewiesen, +daß er bereits dem Schlaf erlegen war. + + * * * * * + +Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von +neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von +Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt: + + ‚Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß + er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters + besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat, + diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter + empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die + Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe + meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen + versehen. + + Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte + des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch + will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf + Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe, + dazu in keiner Weise.‘ + +In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck, +und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft, +daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde. + +Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu +geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit +begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts! +Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande, +weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen. + +Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine +zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine +Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand +sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu +bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen. + +Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein +würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht +abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für +seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr +viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile +hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles, +was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang +viel, die Reisen und sonstiger Luxus. + +Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein +sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das +Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin. + +Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare +Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem +Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte +Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte. + +Hm! hm! — Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab. +Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb +lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las +schließlich, was vor ihm lag: + + ‚Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklärt hat, auf + Ansprüche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von + Brecken erwachsen sein mögen, verzichten zu wollen, bestätige ich + hierdurch meine Zusage: + + I. ihm zunächst fünfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die + Hälfte des Besitzanteils an Falsterhof überweisen zu wollen, wenn mir + nach fünf Jahren die Gewähr gegeben ist, daß er damit im Sinne meines + verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nützen und mehren wird. + Eine solche Einschränkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche + das Testament für mich selbst enthält, geboten und entspricht demnach + nur genau den mir selbst zustehenden Rechten. + + Theonie Cromwell.‘ + +„Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet +trotz der geschäftlichen Kürze und Form volles Wohlwollen,“ flüsterte +Tankred. „Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals +entsprechend, und daß sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben, +dafür werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei +Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen +Thatbestand handeln: fünfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hälfte +des Besitzanteils von Falsterhof nach fünf Jahren.“ + +Und so überzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, daß er +sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des +Originals täuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich +blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm überraschend. +Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin +Höppner, und sie zu veranlassen, daß sie ihm wenigstens keinen +Widerstand entgegenstellte, mußte jetzt seine Aufgabe sein. + +Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben, +vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde +zu befriedigen, teils um von Frege etwas über Theonie zu erfahren. + +Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich +in Elsterhausen für seine Reitausflüge gemietet hatte, in die Allee von +Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und +die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bäume, insbesondere die +kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach +auftauchten entzückten das Auge. + +Tankred befand sich in einer außerordentlich gehobenen Stimmung; je +mehr er über die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie +ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: daß +Grete von der Linden, die sehr genau wußte, was sie wollte, ihm am Ende +doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den +Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber — eine Möglichkeit war +doch vorhanden. + +Während er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hörte +er hinter sich das Geräusch eines dahineilenden Wagens, und als er den +Blick wandte, sah er zu seiner großen Überraschung Grete, die selbst das +Gefährt lenkte, vor sich. + +„Sie, mein hochverehrtes Fräulein?“ + +„Sie, — Herr von Brecken?“ ging's zugleich aus Gretes Munde. „Wohin? Nach +Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurück?“ + +„Nein,“ — erklärte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd +durch einen so mächtigen Druck, daß es sich fast überschlug und nun +bewegungslos verharrte. „Ich will nur einmal auf Wunsch meiner +Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben +hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen +zurückkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof +eigentlich? Möchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es +wird Sie, glaube ich, interessieren, den mächtigen Bau mit den schönen, +altertümlichen Möbeln in Augenschein zu nehmen.“ + +Einen Augenblick zögerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des +Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in +Tankreds Gesellschaft aufdrängte. Aber sie überwand das Bedenken, +nachdem Tankred ihr zugeredet und erklärt hatte, daß Frege sie +herumführen, und er sie sogleich wieder zurückgeleiten werde. + +Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschließende, mit Pelz +besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter +Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmütze. + +Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zähne in dem klugen, +fein geschnittenen Munde blitzten verführerisch. — + +Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich +anfangs nichts, nur Max erhob ein wütendes Gebell. Dann aber kam Klaus +aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in +Empfang. + +„Bitte, erlauben Sie!“ bat Tankred, der schnell von seinem Tier +herabgesprungen war, und streckte die Arme aus. + +„Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken,“ wehrte +Grete ab. Aber sie gestattete es doch, daß er ihre beiden Hände ergriff, +und ließ sich so von ihm beim Herabspringen helfen. + +Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen, +schritt er an Gretes Seite dem schloßartigen Gebäude zu, das wie immer +unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des großen Hofes +emporstieg. + +Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenräumen bellend auf dem Pflaster +erscholl das Geräusch der fortgeführten, und einmal übermütig hintenaus +schlagenden Gäule. Und dann ertönte dumpf die schwere Flurglocke, und +sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof. + +Zunächst drückte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber +da der nicht sogleich erschien, öffnete er selbst die Thür zur Linken +und bat Grete, in die Wohngemächer einzutreten. + +Ein überraschender Luxus trat ihnen entgegen; überall befanden sich +kostbare Teppiche, alte Möbel und Kunstgegenstände; faltige Gardinen und +Vorhänge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschützten Thüren und +Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den +Reichtum der früheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermütiger +Verlassenheit durchwehte die Gemächer, und erst als sie die nach dem +Parkgehölz zu liegenden Räume betraten, und hier die heller eindringende +Sonne den kostbaren Gegenständen ein heiteres Gepräge verlieh, die +eingelegten Schränke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die +Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fußteppichen in +farbenreicher Schönheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich +unwillkürlich auf Gretes Gemüt gelegt hatte, und ein Ruf der +Überraschung ging aus ihrem Munde. + +„So schön hätte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der +einen so ausgeprägten Sinn für kostbare Dinge und einen so feinen +Geschmack besaß?“ fragte sie. + +„Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verständnis dafür und Freude +daran,“ entgegnete Tankred. „Wenn es sich um ein schönes, altes Möbel +oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er +besaß eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten +Lebensjahre nach. Sie müssen nun aber erst mal seine eigenen Gemächer +sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich über den Flur auf die +andere Seite.“ + +Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein +ausgelegten Kästchen herab und ließ ihr Auge darauf ruhen. + +Wie so oft äußere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so +geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen +durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersüchtiges +Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all +das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete. + +Sie wünschte in diesem Augenblick, daß er ihr Komplimente sage, ihr den +Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that, +herbeiführen, was ihre Gedanken und Sinne beschäftigte. + +So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, daß sie, als er ihr näher +trat, den Kopf so zur Seite neigte, daß seine Wange ihr Haar streifte, +und ihre Häupter sich sanft berührten. Sie zog das ihrige auch nicht +zurück, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie +drängte, ließ sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen +sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurück. + +„Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen,“ stieß +Grete, nun den Weg zur Thür nehmend, heraus und seufzte begehrend auf. + +„Das sagen Sie?“ entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch +seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. „In Holzwerder strahlt doch +alles in Schönheit, dort weht eine reizvolle Gemütlichkeit, während +Falsterhof düster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemächer dringt +etwas Wärme und Licht.“ + +„Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe +ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich +unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die +viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge +ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für +Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die +Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren +Essen und teuren Weinen?“ + +„Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein,“ erwiderte +Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: „Ja, erwerben, +besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren +Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich +leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich +glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen +zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare +gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man +bequem nennt.“ + +Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er +holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte +oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr +gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit +der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen +besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf: + +„Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von +Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben, +wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest +halten, was Sie einmal ergriffen haben.“ + +„Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?“ gab Grete halb +geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. „Wollen Sie wissen, +daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke +dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin +oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch. +Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so, — leider! +Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner +Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine +so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig +ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich +werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht +weiter leben können, wenn ich einmal —“ + +Grete stockte. + +„Wenn Sie einmal?“ setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich +alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber +obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm +doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen +Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo +ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat. + +Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut +gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus +möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder +fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen. + +Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen +Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen. + +Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie +bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich +nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden. + +Sie besah die Räume, in die Tankred sie führte, flüchtiger und machte +eine hastig unruhige Bewegung zur Rückkehr, als sie in einer alten +Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand. + +„Schon zwei Uhr! Ich muß zurück, Herr von Brecken. Ein andermal den +Park.“ + +„O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fräulein,“ wandte Tankred schmeichelnd +ein. „Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!“ — Und +einen neckisch ernsten Ton annehmend, fügte er hinzu: „Hätten Sie, wie +ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse für Falsterhof und seinen +künftigen Besitzer — dann — dann —“ + +Aber schon während Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht +ungütige, aber entschieden abweisende Bewegung. + +„Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken,“ stieß sie +rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. „Aber, +bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mißtrauischen Augen des alten +Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen +uns dann, und — und —“ + +„O Grete, teures Mädchen —“ stieß Tankred, nicht Herr seiner durch den +Widerstand verschärften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm +nachzugeben, schüttelte sie das Haupt und verließ mit sanfter +Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach. + +Draußen angekommen, drückte Tankred den Dienern jedem ein Geldstück in +die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen. — + +„Hier,“ sagte Frege, als das Geräusch der Räder und Hufen verklungen +war, und gab Klaus die empfangene Münze. „Ich will von ihm kein Geld. — “ +Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurück. + + * * * * * + +Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner höchsten +Überraschung Fräulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich +auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das +Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort +angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei. + +„Ja, schon seit längerer Zeit. Das Fräulein, das früher auf Holzwerder +gewesen, befindet sich dort.“ + +Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, daß man ihm hier doch +Näheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen können. + +Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und +heute einen Besuch bei Höppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas +Gutes lag wieder darin. Sicher würden Pastors jetzt Tressens auf +Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, daß durch die +Aufnahme Fräulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes +Verhältnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin +sah es freilich ganz ähnlich, keine ängstlichen Rücksichten zu nehmen, +wenn sie von ihrer besseren Überzeugung geleitet ward. Ihr natürliches +Selbstgefühl wurde durch den Umstand verstärkt, daß sie ihrem übrigens +ziemlich viel älteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen in die Ehe +gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne daß der Pastor sich in +abhängiger Stellung mühte. + +Während Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich +Gedanken über den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezüglich seiner +Person. + +Die Pastorin würde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren +Eröffnungen zurückhalten, und die Helge würde triumphieren, daß sie ihn +so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch +wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an +Grete, ihre frühere Schülerin und Vertraute, eine Warnung ergehen ließ? + +Sein Schuldbewußtsein drängte ihm plötzlich alle möglichen +Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige +Personen mußte er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten +Frege und die Pastorin. Daß damals Frege den Brief an ihn geschrieben, +war ihm durch Vergleichung von Schriftstücken, die von dessen Hand +herrührten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, daß +er zu Theonie hielt. Um so mehr drängte es Tankred, sich nun so rasch +wie möglich Gretes zu versichern, und am nächsten Tage schon etwas +ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg +nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte. + +Ein eigentümlicher Zufall führte es mit sich, daß auf der ersten Station +zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Höppner, +welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte, +einstieg. Er begrüßte Tankred mit gewohnter Höflichkeit und Unterordnung +und gab sich auch in der Folge überaus beflissen und mit der ihn stets +auszeichnenden liebenswürdigen Gutmütigkeit in seinem Wesen. + +Tankred konnte sicherlich nichts erwünschter sein als diese Begegnung, +da Höppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wünschte. + +„Wir kennen,“ hub er an, „Fräulein Helge ja schon so viele Jahre, und +meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie +schätzt ihren Charakter außerordentlich und empfand gleich lebhaftes +Mitleid, als sie erfuhr, daß gewisse Umstände die Entfernung der Dame +von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung +erforderlich gemacht hätten.“ + +„Was war denn wohl die Veranlassung?“ schob Tankred, sich unwissend +stellend, ein. + +„Darüber bin ich nicht unterrichtet,“ entgegnete Höppner, langsam die +Worte dehnend und in gewohnter Rücksicht ausweichend. „Es wird wohl auf +beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ändert ja nicht die +Notwendigkeit, daß wir uns der uns befreundeten Dame annehmen.“ + +„Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und +Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend,“ schob +Tankred, glatt schmeichelnd, ein. „Wird Fräulein Helge länger bei Ihnen +verweilen? Übrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten +muß. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig +genähert haben.“ — Tankred wußte, daß der immer zum Friedenstiften +geneigte, gutherzige Höppner jedes Wort seiner Rede den Frauen +hinterbringen werde. + +„Fräulein Helge hat Aussicht, — ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr +interessieren, und da Sie sie so schätzen, auch freuen, Herr von +Brecken, — Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die +Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis +die Sache entschieden, bleibt sie bei uns.“ + +Tankred glaubte, daß ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem +Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten. + +Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschöpf mit dem +unerträglich affektierten Vornamen künftig zusammen auf Falsterhof! +Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie würden sie ihn alle +beobachten, und wie würden sie Buch führen, um nach fünf Jahren zu +erklären, daß er des Erbes nicht würdig sei! Und alle die Katzenbuckel, +die er den Dreien in so langer Zeit würde machen müssen, während er sie +am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wüste Insel +geschickt hätte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein +Blinder! Ungewöhnlich beschränkt war doch dieser Geistliche! + +So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kräftiger +Selbstbeherrschung wußte er gleichwohl seine Enttäuschung zu verstecken, +pflichtete vielmehr, hoch erfreut über solche Möglichkeit, dem Pastor +bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, daß er den Weg +nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der +in größerer Entfernung liegenden Güter erhalten zu haben. + +Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und +einen Fußpfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, daß +Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe +beschäftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu, +wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten +Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrüßung +wandten sich alle wieder der Thätigkeit der von Hederich angeleiteten +Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der +jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die +Beschäftigten inne. + +„Erlauben Sie mir!“ rief Tankred, welcher sah, daß die Damen den +Vorgängen mit großer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen +Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkräften den unter den +Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals +anzufassen und abwärts zu drücken, und brachte nun gleichsam spielend zu +wege, was allen Mühen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der +schweren Eisenmasse war er behülflich und stand, während die übrigen, +nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiß wischten, da, als ob +es sich um eine Kinderei gehandelt hätte. + +Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft +seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen +bisher nicht zu bändigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen +der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war, +als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden! + +Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Sätze, daß die +Umstehenden unwillkürlich aufschrieen und einen tödlichen Sturz schon +vor Augen sahen, aber Tankred riß den Hengst herab, als ob in die +schnaubenden Nüstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn +niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und über die Weichen und +flog dann wieder in solcher Karriere über den Hof, daß die Funken aus +dem Pflaster stoben. + +Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd +und bebend, der übermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fügend, da. + +„Herrlich! Wundervoll!“ riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred +abgestiegen war und sich ihnen näherte. + +Auch Hederich war ganz hin. + +„Drum und dran, das ist ein Stück, wie ich es noch nicht gesehen habe. +Alle Achtung, Herr von Brecken,“ stieß er heraus und bewegte in +unbeschränkter Bewunderung den Kopf. + +Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke +an, der mehr sprach als alle Worte. + +Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von +Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wußte, +daß nun das Schriftstück von Theonie zur Sprache kommen werde. + +Noch war er nicht so verdorben, daß er der Vorlage des gefälschten +Dokuments mit völliger Ruhe entgegen gesehen hätte; bisher hatte er +gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewußt, die +seinen Brotherrn geschädigt hatten, aber doch nicht als direkter +Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Fälschungen war er bisher doch +zurückgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung +jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berührung bringen konnte, und +so peinigte ihn außer dem Rest von Ehrgefühl, das noch in ihm war, +auch — die Furcht. Er sagte sich wie schon früher, daß er nicht dazu +veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, daß er +nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und für sie +erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn +das Schriftstück nicht in Tressens Händen blieb, wer konnte ihm dann +etwas nachweisen? Er würde im Fall mit kühner Stirn leugnen und Tressen +der falschen Verdächtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespräch +dazu Anlaß bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und überreichte +es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit. + +Tankred beobachtete des Lesenden Züge. Ohne Zweifel; er hatte seine +Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit +deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt +abgefaßtem Kommentar ebenfalls mit größter Genugthuung zuhörend, das +Papier neben sich auf den Tisch. + +Er schien das Schriftstück einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred +ließ seinen Zweck nicht aus dem Auge. „Der letzte Passus“ — schob er in +seine Rede ein, nahm die gefälschte Akte an sich und entfaltete sie, +„bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklärung. Gestatten +Sie. Es heißt da — —“ + +Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, ließ er das Papier, +nachdem er es noch eine Weile in den Händen gehalten, gleichsam +unwillkürlich in seine Brusttasche zurückgleiten. + +„Würden Sie erlauben, daß ich auch meine Frau mit dem Inhalt des +Schriftstückes bekanntmache?“ fiel Tressen ein und streckte mit +höflicher Bewegung die Rechte aus. „Ich lege es dann morgen dankend in +Ihre Hände zurück. Ich hoffe doch, daß Sie die Nacht noch bei uns +bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken können? Sie +wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit für Sie bereit!“ + +Tankred schwankte. Was Tressen ihm über sein Bleiben vorgeschlagen, +stimmte sehr mit seinen Wünschen überein, aber das Papier auch nur +zeitweilig von sich zu geben, hieß alles aufs Spiel setzen! Sie konnten, +ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie +vorlegen! Was er selbst gethan haben würde, mutete er anderen zu. + +„Natürlich! Mit Vergnügen,“ bestätigte er trotzdem. Aber mit der +Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fügte er hinzu: „Verzeihen Sie die +Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht möglich +wäre, daß wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die +ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen +bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich möchte etwas Gutes aus +dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hören; sie wird auch wissen, ob ich mir +bei Ihrem Fräulein Tochter Hoffnung machen kann. Später, wenn Gäste +eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung +abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewißheit raubt mir den Schlaf. Sie +lächeln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau +Gemahlin warben, das wird Sie für meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich +möchte für den Fall auch gern Ihre künftigen Angelegenheiten besprechen, +Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, daß ich das so +ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fühle mich — der +Himmel möge verhüten, daß ich in meinen Hoffnungen betrogen +werde — bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich würdig zu +zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde.“ + +Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermäßig das +Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau +herbei. — + + * * * * * + +Das Gespräch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von +Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen, +während Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fräulein Grete +unterhalten zu dürfen. + +Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewährt. Während im +Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte +Bleifeder immer mit demselben harten Geräusch aus Tressens Hand auf den +Spieltisch fiel, während Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl, +und Hederichs unvermeidliches „Drum und dran! das mußte Schlemm werden!“ +ertönte, saßen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflüster, und +endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch +seine Worte und Gebärden immer mehr erregten Mädchen zu: + +„Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fräulein Grete, zu sprechen. +Ich ging mit Gefühlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen. +Mir war, als ob Sie mir befohlen hätten, einen Tag und eine Nacht den +Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein +Gedanke beschäftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe +lag. Darf ich denn nun sprechen, — o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre +Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen, — Ihnen sagen, was, +was, — “ Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht. + +Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens, +und gerade weil es sie drängte, das sie berauschende Wort zu hören, fand +sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiß +strömende Quelle auf, das Gefühl überflutete alles: Verstand, Vernunft +und Überlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte, +ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nähe des Mannes durchströmte +sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach, +drängend, schmeichelnd, zärtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr +ihrer selbst; sie litt es, daß er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig +deutend, umfaßte, und plötzlich drängte sie selbst ihre Lippen zu den +seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen. + +Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefühl von Sättigung und Wonne, und +seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor +Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoßener auf +Falsterhof erschienen war, saß im Schloß von Holzwerder, und die Erbin +der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe. +Ja, sie würde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn, +Tankred von Brecken, von ihrer Brust hätte reißen wollen. — + + * * * * * + +Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach +Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über +die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der +Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr +seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von +Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu +sehen. „Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?“ hatte sie in +einem starken Gefühlsdrange gefragt. „Ich kann ohne Dich nicht sein. +Liebst Du mich weniger, als ich Dich?“ + +Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof +angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht +zu sprechen. + +Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe, +den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen +der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in +Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich +zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern +bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen +Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere +Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem +Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß +der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor +Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von +Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin, +hoffnungslos darnieder liege. Die „Person“ war ihm in der Seele +zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im +Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg. + +Als er den Hof erreichte, — es war gegen vier Uhr nachmittags, und er +wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach +Elsterhausen zurückkehren, — sah er Frege gerade mit langsamen Schritten +ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen, +finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild. +Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren, +kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein +gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem +ausgebreitet. + +Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es +legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob +seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu, +löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war, +selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die +Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu +ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen +Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher. + +Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred +ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit +allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz +gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt: + + ‚Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit + Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben, + nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen + hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf + Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier + ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.‘ + +Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen, +steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend +ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward —! + + ‚Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des + Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei + gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn + Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon + oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich + hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den + Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von + Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er + und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen + war. + + Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde + Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch + und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand. — ‘ + +Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur +hörte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den +Platz und faßte die Thürklinke. Als er hinaustrat, streifte er den +Alten, der mit einer Miene zurückprallte, als ob die Erscheinung eines +Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wäre. + +„Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie +nicht. Einen Augenblick! Ich möchte etwas von meiner Kousine hören. +Kommen Sie! Wir können nach vorn gehen!“ + +Der Alte, sichtlich aufs äußerste betroffen, aber sich beherrschend, +nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thür zu den Gemächern des +alten Herrn zu öffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: „Wo ist +Klaus?“ + +„Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine +Schwester besuchen —“ + +Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hörte, befriedigte ihn sehr. + +Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als +Tankred die Thür schloß, auf den Alten losstürzte, ihn an der Gurgel +packte und ihm zuraunte: „Wo ist die Abschrift des Schriftstücks, das Du +Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich töte +Dich, so wahr ich Brecken heiße!“ + +„A — h —“ drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber +die furchtbare Faust Breckens schnürte ihm Atem und Sprache ab. + +Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand, +stieß den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen. + +„Nun?“ zischte er mit furchtbaren Gebärden. + +„Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit,“ stieß Frege entschlossen +heraus. „Ein Bandit ist der, welcher —“ + +Aber Brecken ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ihn hinten am Rockkragen, +schob den Widerstrebenden zur Thür, entriegelte sie und stieß sein Opfer +bis in die Kammer. Hier ließ er ihn los und befahl ihm, den Brief an +sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern. + +Aber der Alte hob sich stöhnend in die Höhe, blickte den Mann fest an +und sagte: „Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch töten. +Früher oder später wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir +an!“ + +Brecken fletschte die Zähne, und so furchtbar war seine Wut, daß er +Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er +sich über ihn und schrie: „Gieb, oder Du bist eine Leiche!“ und als +Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf +schüttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlüssel und begab +sich selbst ans Suchen. Seine Bemühungen waren nicht umsonst; nach +wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das +Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den +Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte. + +Nachdem er es an sich genommen, näherte er sich Frege, der sich +inzwischen mühsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden +Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand, +und sagte, ihm die Schlüssel hinwerfend: „Diesmal ging's noch an Dir +vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hüte Dich! Trittst Du mir noch +einmal in den Weg, so weiß ich, was ich zu thun habe!“ + +Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp +auf der Straße nach Holzwerder zu. + + * * * * * + +Und wieder einen Tag später in der Dämmerungsstunde saß die Pastorin an +dem Bette ihres Mannes und hörte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus +seinem Munde drang. + +„Kräfte, Kräfte — Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck +Wasser.“ + +„Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?“ + +Der Kranke schüttelte den Kopf. „Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur +Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah,“ stieß er heraus und ließ +erschöpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das +Verlangte eingeflößt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich +streckte er zärtlich die Hand nach ihr aus. + +„Mein guter Mann!“ flüsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr +dargebotene Rechte. Schwere Thränen tropften aus ihren Augen. Eine +stumme Dankgebärde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang, +ihr seine Liebe an den Tag zu legen. + +Und später öffnete sich die Thür, und die kleine Lene schob sich, leise +auftretend, herein. + +„Papa Gute Nacht sagen,“ ging's aus dem Munde des Kindes. + +Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich +empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers. + +„Papa schläft, mein süßes Kind, wir dürfen ihn nicht wecken! Ich werde +ihm erzählen, daß Du da warst.“ + +Lene nickte. „Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen,“ klagte sie +traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie +von dem Schoß der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das +am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort: + +„Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?“ + +Da überkam die Frau der Schmerz. + +Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, daß er kaum verstehe, daß der +Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Höppner +nach einer Erkältung erfaßt, hatte alle seine Kräfte verzehrt und ihm +jegliche Widerstandsfähigkeit geraubt. + +„Weshalb weinst Du?“ forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und +schmiegte sich ängstlich an die Brust der Bedrückten. Und unter leisem +Schluchzen flüsterte die Pastorin: + +„Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein süßes Lenchen. Wir +wollen heut abend beten, daß ihn der liebe Gott bald wieder gesund +macht.“ + +Das Kind nickte eifrig. „Ja, ich will für Papa und für die weiße Henne +beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie +auf den Schoß nehmen wollte.“ + +Die Frau drückte in abermaliger, übermächtiger Rührung das Kind ans Herz +und setzte es sanft auf die Erde hinab. „Komm, ganz leise, geh nun +wieder nach vorn und bitte Fräulein Carin, daß sie Dir Deine Puppe +anziehen hilft, und nachdem mußt Du ein wenig lernen, Lenchen, das +Einmaleins!“ + +„Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?“ + +„Gewiß, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!“ + +Das Kind horchte vergnügt auf und trippelte aus dem Gemach. + +Nach einer Weile öffnete Fräulein Carin die Thür und fragte, ob Frau +Höppner ihren Mann verlassen könne. Es seien mehrere Personen da, die +sie zu sprechen wünschten. + +Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, daß er noch +schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe. + +Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden +fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer +entschiedenen, aber stets hülfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege +von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm länger zu sprechen wünschte, +rief sie ihm freundlich grüßend zu: „Gehen Sie nur in meines Mannes +Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir können dann in Ruhe reden.“ +Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die übrigen sich +entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwähnte Gemach. + +„Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?“ hub die Pastorin, nachdem beide +sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die +gefalteten Hände auf die Brust. „Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell +hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?“ + +„Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof +bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn +von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben +gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!“ + +„Na, was sind denn das wieder für Sachen,“ stieß die Pastorin +erschrocken heraus. „Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen +zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege —“ + +In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und +meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn +Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die +Frau Pastorin sprechen zu dürfen. + +Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen +ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur +machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine +natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie +sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten +abzufertigen. + +Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür +offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher +gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er +vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen +verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin +zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt, +äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies +geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß +Tankred wisse, wer bei ihr sei: + +„Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie +doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage: +Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt +haben? Man sagt so!“ + +Tankred nickte. „Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach +des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens, +Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben +Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof +zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen +Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie — und auch das +wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen, — der +Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich +ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von +allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen +in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner +Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte +Schriftstück — Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen +vorlegen wollte, — an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir +die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner +Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden +geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich +dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin +nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein +Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb +sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?“ + +Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte, +unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen +sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu +haben. „Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über +diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau +Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine +und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte +richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der +fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige +Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich +sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge +klarzustellen.“ + +In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen +um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief +eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte, +erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben, +als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar +nicht in den Sinn gekommen wäre. + +Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, daß die Pastorin, +unbekannt mit Freges Schlußfolgerungen, Partei für ihn zu nehmen schien +und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklärte, sie werde gern +Gelegenheit nehmen, falsche Gerüchte, wenn sie ihr begegneten, richtig +zu stellen. + +Mit den Worten: „Im übrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen +zurückkehren. Sie können dann selbst die Dinge mit ihr bereden,“ +verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann, +bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in +das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur: +„Ah, mein hochverehrtes Fräulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu +sehen,“ hub er unter vielen Komplimenten an. „Zu meiner großen Freude +höre ich, daß Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden. +Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glück wünschen, wie ich +bedauert habe, daß Sie sich von meiner Braut trennen mußten. — Meine +Braut! Allerdings. Das Gerücht bestätigt sich! — Ich danke sehr für Ihre +guten Wünsche,“ schloß Tankred, als Carin, der es war, als habe eine +giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige höfliche Worte nicht +umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach. + +Wenige Sekunden später hatte Tankred, sehr befriedigt über den Erfolg +seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen. — + +Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurückgekehrt war, ließ er sich +sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie: + + ‚Liebe Theonie! + + Zunächst melde ich Dir heute, daß ich mich mit Grete von der Linden + verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklärungen + einflocht, daß mich neben deiner Zuneigung für Dich besonders der + Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und + meine ehrlichen Vorsätze zu unterstützen, so kann ich Dir dies auch + jetzt als den wesentlichen Beweggrund für meinen Entschluß anführen. + + Nachdem ich auf den höchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen, + habe verzichten müssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald + wie möglich aus dem unthätigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt, + um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die künftigen + Lebensverhältnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser + Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir übergebene + Schriftstück vorgelegt, und da es meine Pläne wesentlich gefördert + hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von + ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfüllt mich umsomehr, als ich + mir bewußt bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du + es erwarten konntest. Jähzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riß + mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das + Geschehene ehrlich bereut. Beiläufig bemerke ich, daß Frege sich sehr + ungebührlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehändigte + Schriftstück, das er zufällig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als + ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als für fremde + Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich + zugleich in so unerhörten Ausdrücken, daß er eine ihm gewordene + Züchtigung durchaus verdiente. Ich erzähle Dir dies einmal, um den + wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um + Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwürdige Spionage zu + verbieten. Daß Du nicht damit einverstanden bist, weiß ich. + + Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut möchte mich natürlich + gern täglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der + Schicklichkeit. Würdest Du wohl gestatten, daß ich bis zu meiner + Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach + Falsterhof übersiedele? Ich weiß nicht, was ich Tressens und Grete als + Grund meines längeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst + gewiß auch nicht wollen, daß ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und + verstehen, daß ich nicht erklären möchte, Du habest mir den Aufenthalt + in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten + lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgänge ferner in Deinem + Dienste bleiben soll. Daß ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst + Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein + Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und + Gutes Deinem Dich herzlich grüßenden und Dir allzeit aufrichtig und + dankbar verpflichteten + + Tankred von Brecken.‘ + +Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er +sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, daß er dem +höchst ärgerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder +sogar dessen Stellung erschüttert habe. Auch die Pastorin war +gegenwärtig viel zu sehr mit ihrem Manne beschäftigt, um ihm +Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfältige Pastor starb, ward sie +erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu +mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu +befürchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch +noch unschädlich für ihn machen würde. + +Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukünftigen +Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame; +mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, daß er mit +dieser Frau in seinem zukünftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde +ausfechten müssen; ihren Vorteil würde sie nicht aus dem Auge verlieren. +Und gerade das paßte ihm gar nicht. Seine anfängliche Bereitwilligkeit, +Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu überweisen, hatte sich +nun, nachdem er festen Fuß gefaßt, schon sehr gemindert. Er fand, daß +eine Rente von fünfzehntausend Mark weitaus genug sei, und außerdem +mußte es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er +Grete erst heimgeführt hatte, war es ihm sehr gleichgültig, was aus +Tressens ward, und ob sie ihn haßten oder liebten. + +Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloß, vorläufig +alles ängstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher +hervorgerufen, irgendwie abschwächen könnte. — + +Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb: + + ‚Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kürze. + Zunächst meine Gratulation. Möge Dir in Zukunft werden, was Du + erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezüglich Deiner selbst + voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wünschen als ich. In den + Abmachungen möchte ich keine Änderungen eintreten lassen; ich ersuche + Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof überzusiedeln. Ich habe die + Absicht, allernächstens zurückzukehren, und hoffe dann auch Deine + Braut zu begrüßen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu + empfehlen bitte. + + Theonie.‘ + +Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kühl ausweichende und sogar die +Fregesche Angelegenheit gänzlich umgehende Antwort enttäuschte und +ärgerte Tankred aufs äußerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er +den „Wisch“ in die Ecke und murmelte böse Worte zwischen den Lippen. +Eine infam hochmütige Art hatte diese Theonie, eine Art, für die er sie +am liebsten gleich gezüchtigt haben würde! + +Und was sollte er nun auf Holzwerder erklären? Bisher hatte er noch +immer triftig klingende Auswege zu finden gewußt und in der Sicherheit, +daß Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklärt, daß er in den +nächsten Tagen nach Falsterhof übersiedeln wolle. Daß seine Verwandte +die Absicht ihrer Rückkehr bestätigte, paßte ihm auch nicht. Überhaupt +fand er es sehr überflüssig, daß sie wiederkam, weil es seine Pläne +durchkreuzte. Er fürchtete, daß Frau von Tressen ein offenes Wort mit +Theonie sprechen könne, bevor er Grete geheiratet habe. + +Es ging auch aus den Zeilen hervor, daß Theonie gar keine Furcht mehr +vor ihm empfand. Natürlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstück in +Händen. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mißfallen erregte, schädigte +er seine Zukunft. + +Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde, +das Feld zu räumen, sich mit seiner künftigen Frau ganz aus diesem +Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle +entrückt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nähe der ihm lästigen +Personen. Er wollte es überlegen und mit Grete darüber sprechen. + + * * * * * + +An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der +Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer. +Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene +Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick +ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an +die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten. + +Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung +aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf. +Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen +sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge +erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit +Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz. + +Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern +und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten +sämtlich einen geläuterten Geschmack. + +Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin +völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr +unterschieden. + +Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer +Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte +ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen +gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete +sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer +Besprechung unterzogen werden. + +Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob +etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei +ihr eintrat. + +„Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen. +Grete —“ + +„Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick —“ Und fortfahrend in ihrer +Beschäftigung: „Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie +nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die +Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da. — So, bitte, Mama! +Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden +eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!“ + +Frau von Treffen nickte. „Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich +und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also +einmal ruhig an. + +Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus +günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den +sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider +hatten wir — ich meine Dein Stiefvater und ich — viel Unglück. Papiere, in +denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und +einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen +hatte. + +Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit +gelebt und sind darauf auch für die Zukunft angewiesen, da dein +Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kränklichkeit wegen nicht +imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit +Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, daß +eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie +aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklären, liebe Grete, und ich möchte +Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben.“ + +„Ja, liebe Mama,“ ging's in ruhig kühlen Ton aus Gretes Munde. + +„Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung +durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil für +Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist für unsern gemeinsamen +Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft +haben, verbraucht worden. Tankred hat — natürlich unter Vorbehalt — mit +Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten würde, uns +zu überlassen. Ihr würdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr +auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts +kosten. Wenn es auch natürlich erscheint, daß diese Dinge zwischen +Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und +ich würde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rücksprache mit +Tankred das Resultat Eurer Überlegungen ohne abermalige Erörterungen in +einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater übergeben +wolltest. — Nun, was meinst Du?“ schloß die Frau, als Grete bei der +Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel. + +„Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine +Ahnung, wie viel wir für unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, daß +es ganz selbstverständlich ist, daß Ihr eine auskömmliche Rente bezieht, +zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden.“ + +Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluß +aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht +in den Sinn gekommen war, schwieg sie für Sekunden höchst betroffen und +ihre Enttäuschung malte sich deutlich in ihren Zügen. Dann aber nahm sie +mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte: + +„Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?“ + +„Na ja, ich meine,“ entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, „daß Ihr +doch — wohl in Zukunft —“ und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise +ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wünschen ihrer Mutter +entspräche, — „in der Stadt leben wollt!“ + +„Nein!“ gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurück, als ob +sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen +hatte, gar nicht herausgefühlt habe. „Wir behalten unsern Wohnsitz hier. +Ich denke, wir richten uns oben ein — auch darüber wollte ich mit Dir +reden — und Ihr herrscht unten. Natürlich bleibt Euch das Reich, und wir +bescheiden uns mit den kleineren Räumen.“ + +„So, so,“ meinte Grete, sich zwangsweise fügend. „Gewiß, ja, das läßt +sich ja auch machen! — Ich weiß nicht, wie Tankred darüber denkt. — Und +was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm +sprechen. Sei überzeugt, liebe Mama,“ schloß sie, noch mehr einlenkend, +da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, „daß die Dinge +sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen +Fällen entsprechen.“ + +„Es wird also doch nötig sein, daß wir noch einmal reden!? Das möchte +ich nicht. Es wäre mir —“ hier nahm Frau von Treffen schon deshalb +einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, daß sie vielleicht alles +verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht +wahrnahm, — „doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort über die Höhe der +Rente sprächen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, daß Du Dich +jetzt äußerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Erörterung +überhöbest.“ + +„Nun ja, Mama,“ entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als +Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: „Ich finde es, ehrlich +gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen +bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können +ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen +eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren +vermögen, — ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt, — und +dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns +im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen, +scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über +landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch +einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau, +was wir können und wollen!“ + +Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die +vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen +aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts +einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so +klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen +Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt +ward. + +Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie +schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn +Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen +überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen +Verbrauchs wolle sie geben. + +Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden +Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte: + +„Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes +Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in +den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind, +behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du +einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht +fand als am Herzen seiner Mutter! — Nicht wahr, Grete, Du versprichst +mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon +mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt +wieder!“ + +Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der +Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten +Entschlüssen zugleich. + +„Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig +zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein +sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal +innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die +Deine, — verzeih die Erwähnung, — und sorgfältig vorher prüfe, so liegt +doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine +und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten.“ + +Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie +sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen +ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene +Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu +handeln. + +Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben +werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß +kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine +Denk- und Handlungsweise gewinnen wird. + + * * * * * + +Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das +Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten +einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte: + +„Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die +Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!“ + +Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich +um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich +den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn +verlangte. + +Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter +gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise +die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: „Was meinst Du? Findest Du +nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas +einzuschränken wünsche?“ + +Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren +Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden +wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich. + +Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten +anknüpfen konnte. + +Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten +überschüttet hatte, erwiderte er: + +„Wäre es nicht überhaupt am besten, die Akte, wenn solche überhaupt +nötig ist, — Mißtrauen können Deine Eltern doch nicht in uns setzen! — so +zu fassen, daß wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen +Jahreserträgnisse zu überweisen, so lange beide leben, die Hälfte des +Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wäre es nicht +andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum +Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?“ + +Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend +ihrer nüchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches +Spekulieren auf eine sehr große Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger +an. Bis jetzt sträubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu +thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus +Rücksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite +abzugewinnen, und sagte lächelnd: + +„Da können wir ebenso gut die Forderung stellen, daß die Spatzen auf den +Dächern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfügung +stellen. — Ich meine,“ fügte sie, selbst gestört durch die Ironie und den +Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: „Auf diese Erklärung +können wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine +Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muß ich +Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mußt, um Deine +Zustimmung auszudrücken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat, +mag ich es ihr nicht abschlagen.“ + +„Und ich muß zustimmen, Grete?“ fiel Tankred schmeichelnd ein und küßte +seine Braut zärtlich. „Du willst also nicht nur Herz- und +Seelengemeinschaft, sondern auch Gütergemeinschaft mit mir schließen?“ + +„Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!“ + +„Ah — —“ stieß Tankred heraus und lächelte künstlich. + +Das junge Geschöpf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit +Kindesbeinen geläufig seien. Und sie gab wohl, wußte aber auch wieder zu +nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er +ließ nichts von seinen Eindrücken merken, stimmte ihr nur, um ihre +Vertrauensseligkeit zu bestärken, durch ein „Natürlich! natürlich, +liebster Schatz!“ bei und triumphierte, daß ihm solche seine Macht und +seinen Einfluß für die Zukunft sichernde Vergünstigung freiwillig +geboten ward. + +Über die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte, +dachte er auch schön günstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr +die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut +erzielte, abhängig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthüren +vorhanden, um Tressens später die Einkünfte zu schmälern. — Endlich +unterlag der künftige Wohnsitz der „Alten“ noch einer Erörterung +zwischen Tankred und Grete. + +„Ich meine allerdings, daß dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben mußt, +Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heißt, täglich +das Dach öffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, berühre diese +Sache vorläufig noch gar nicht. Wir werden sagen, daß wir nach der +Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wünsche sprechen wir +dann in sehr rücksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise +schriftlich aus. Mündliche Erörterungen sind peinlich, ihnen wollen wir +aus dem Wege gehen. Daß sie uns jährlich einmal besuchen, kann uns +natürlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das führt +zu nichts Gutem. Übrigens will ich zugeben, — “ hier trug Tankred der +Möglichkeit Rechnung, daß doch einmal das Gespräch über diesen +Gegenstand Tressens zu Ohren kommen könnte, — „daß für ein Zusammenleben +wenige Personen sich so eignen, wie Deine überaus treffliche Mutter und +Dein sehr liebenswürdiger Papa.“ + +Grete war sichtlich völlig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene +Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf, +aber sie überwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred +hervorgehobene Peinlichkeit einer mündlichen Erörterung in Betracht +zog. + +„Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof über, lieber Tankred?“ warf +dann noch Grete hin. „Woran liegt's eigentlich, daß Du nicht Ernst +machst? Die Gründe von früher sind doch nun hinfällig.“ + +Da schoß es Tankred von Brecken durch den Kopf, daß er das Ungünstige +für sich günstig nützen könne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene +mit Frege stattgefunden, auf eine frühere Zeit verschiebend, diesen +Vorfall als Grund für sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde +verstehen, wie ungemütlich es sei, einen solchen renitenten Menschen, +den er aber doch nicht fortschicken könne, um sich zu haben. Den +Gegenstand, wegen dessen er ihn gezüchtigt hatte, umging er; er erwähnte +nur, daß Frege sich höchst unverschämt betragen habe. Eine offene +Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefährlich; sie konnte doch +Mißtrauen erwecken. Gerade das Schriftstück hatte ja Tressens +Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefördert; +letztere selbst — Tankred bezweifelte es nicht — würde ohne die Aussicht, +die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eröffnet wurde, gezögert haben, ja +zu sagen. + +Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm +bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und +selbstsüchtig, aber das störte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhöhte +seinen Wert in ihren Augen. — + +Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen +nicht minder beschäftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig +vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so +sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, daß sie beschloß, einmal +vertraulich mit Hederich über den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie +werde durch eine Rücksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete +so lange und hatte sich auch ein Urteil über Tankred gebildet. Der +Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzulösen, trieb sie; es lag in +ihrer lebhaften Art, daß sie Dinge, die sie beschäftigten, nicht auf +sich beruhen lassen konnte. + +Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch über +Höppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr +gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe +zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Nähe ansässig +gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte, +schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz +besänftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn häufiger in die Nähe der +Pastorin. + +Hederich bewohnte ein mit allem möglichen Krimskrams vollgepacktes, zur +rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von +Tressen bei ihm eintrat, saß er in dem sehr heißen Gemach in Hemdsärmeln +und war mit der Prüfung von Gutsrechnungen beschäftigt. + +Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, mühte sich mit großer +Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunächst nicht +in den Ärmel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und räumte dann +einen mit Rechnungsbüchern bepackten Stuhl ab. + +„Hier, hier, bitte, gnädigste Frau. Daß Sie mich auch gerade so finden. +Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung.“ + +Frau von Tressen suchte ihm durch erhöhte Liebenswürdigkeit seine +Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie +teilte Hederich im Vertrauen mit, daß die Zukunft ihr große Sorge mache, +und daß sie das Bedürfnis habe, sich gegen ihn darüber auszusprechen. + +„Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun +wirklich vor dem, was ja einmal kommen mußte, und ich fühle, wie +notwendig es ist, den Augenblick zu nützen.“ + +„Gewiß, gewiß — drum und dran, jeder ist sich selbst der nächste,“ +bestätigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden +Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger über die +ausgekohlte Fläche fahrend. + +„Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Erörterungen +über den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, daß die +jungen Leute durchaus nicht zu wünschen scheinen, daß wir auf Holzwerder +bleiben.“ + +Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte +seufzend Atem. + +‚Ja, ja, das glaube ich wohl,‘ stand in seinem Wesen ausgedrückt. Dann +aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte +legend: + +„Was meinen Sie, gnädige Frau, wenn ich mal mit Fräulein Grete spräche? +Ich weiß, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate. +Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen, +wie viel das Gut abwürfe und anderes, drum und dran.“ + +„Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse — ich sage Besorgnisse, Hederich, +denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar +schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm — hm — Sagen Sie, guter +Hederich, — offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?“ + +„Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich,“ bestätigte +Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der +zerbissenen Zigarrenspitze. + +Hederich hatte mancherlei kleine üble Gewohnheiten, aber in seiner +Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig +schön es war, besaß eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die +Anlaß gab, daß Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten. +Überhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht +unter dem Reflex innerer Eindrücke allzu sehr auf- und abzog, sehr +sympathisch. + +Eine warme Empfindung durchdrang gegenwärtig auch Frau von Tressen; sie +liebte den Mann, sie fühlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr +Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das häufige Berühren des +Gesichts mit den Händen, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehörten +einmal zu ihm. + +„Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?“ fragte Frau von Tressen sehr +gespannt. + +„Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber +sonst hätte er wohl die ausgelassenen Tage im Rücken und würde sicher +künftig seinen Kram zusammenhalten.“ + +„Sie raten mir also auch, daß ich auf sehr präzisen Abmachungen bestehe? +Auf schriftliche!?“ + +„Na ob!“ stieß Hederich heraus. + +„So — so — hm — hm,“ machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch +stimmte das Geäußerte mit ihren eigenen, bisher nur zurückgedrängten +Gedanken überein. So sagte sie denn: + +„Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es +sei denn, daß sie selbst anfängt. Und bezüglich unseres Hierbleibens +habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige +treffen und meine Wünsche zur Geltung bringen. — Um übrigens etwas +anderes zu berühren, wie geht es Pastor Höppner?“ + +„Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Änderung +eingetreten,“ erklärte Hederich. „Er mag wieder essen, und der Doktor +sagt, nun wäre alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern, — ich saß an +seinem Bett, — als Fräulein, Fräulein — drum und dran — nun kann ich +wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen, — Fräulein Carin ihn ein bischen +neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das +kann ich Fräulein Grete nicht verzeihen, daß sie mit ihr so umgesprungen +ist.“ + +Bei Carins Erwähnung machte Hederich sehr eigentümliche Augen, so viel +Zärtliches drückte sich in seinen Mienen aus, daß Frau von Tressen +überrascht ihren Blick auf ihm ruhen ließ. Dann aber hellte es sich in +ihr auf. + +Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin! + +Auch das beschäftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam +über den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloß zuschritt. — + +Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend +nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag +ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten +die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmäßig erwärmten, +teppichbedeckten Räume im Schloß Holzwerder, und Hederich, der sich als +letzter Gast über den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den +Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von +Tressen bewillkommt, ausrief: + +„Drum und dran! Man wird überhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in +die Gemütlichkeit kommt!“ + +Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespräch zwischen +den Herren, und später ward eine neue, die Gutsverhältnisse betreffende +Regierungs-Verfügung in den Bereich der Erörterung gezogen, die auch +nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschäftigte, als sie die Damen +allein ließen und sich ins Rauchzimmer begaben. + +Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den +zurück gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die +Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr plötzlich etwas noch +notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und faßte des +alten Freundes Arm. + +„Kommen Sie, ich möchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!“ sagte sie +und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls +geöffnetes und erleuchtetes Kabinet. + +Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm für die in seiner Hand +befindliche, unangezündete Havannazigarre Feuer aufgedrängt und sich +neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort: + +„Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte +sie? Sprach sie über mich?“ + +„Drum und dran. — Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fräulein —“ + +„So — o, also doch!“ machte Grete langgezogen, „bitte, sagen Sie mir +alles. Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den +Inhalt des Gesprächs rückhaltlos mitteilen wollten.“ + +„Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?“ schob Hederich, sich in +seiner platten Weise ausdrückend, eigentlich nur um sich zu sammeln, +ein. „Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt —?“ + +Grete schüttelte den Kopf. „Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in +diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit +meinen Verlobten geredet, und da — da — fürchte ich doch, daß sich noch +allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich möchte nun gern +wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also +bitte, erzählen Sie.“ + +Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er faßte die Hand +des schönen, jungen Geschöpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und +das die Arme so oft zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und +sagte: + +„Hören Sie, liebe Grete — liebes Fräulein Grete. Ich möchte Sie, bevor +wir weiter sprechen, einmal erinnern dürfen an vergangene Zeiten. Ich +bin Ihr alter Freund, — Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute +halten — ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama. +Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich, +aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders, — und da drängt es +mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses +auch in Zukunft stört. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und +Ihren Bräutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer +Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen, +erziehen und glücklich machen könnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer +Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und +dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren +schon erwachsenen Söhnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas +zuzuwenden — es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen +fertig bringen! Aber die Kinder, — die Kinder!? Es ist wahr, was in der +Bibel steht! + +Sie aber, Fräulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten +nicht zu denen gehören. Gewiß, Sie sind einmal nicht weichmütig, der +liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines +Mädchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Äpfel, und +sprachen davon, daß man es brauchen könnte. Aber es giebt etwas, das +Anständigkeit in der Gesinnung heißt, — drum und dran — mißverstehen Sie +mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern +hier in Holzwerder die Wohnung lassen. + +Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie +könnte es nicht überleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes +Fräulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer, +wenn man so zusammenhockt, — gewiß, — aber bei jedem Menschen ist etwas, +was er wohl anders haben möchte, und — und — ich glaube auch, Ihre Mama +wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn +Sie gesehen hätten, wie bedrückt sie war —“ + +Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen +gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er +gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede +mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie aus Erfahrung +nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben +werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck +auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte. + +Sie drückte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast +schwermütig: + +„Es ist mir oft so, als wäre mein Herz geteilt, und die beiden Hälften +gehörten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefühl, und alles, +was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht +nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf +gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich +fühle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin. + +Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von +ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte +ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis, — daß ich sie wohl doch nicht +so geliebt habe, wie ich glaubte, — aber ich schämte mich meiner +Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ängstige mich +bisweilen. — Ich glaube — ich glaube —“ + +„Nun?“ setzte Hederich, weich sprechend, an. + +Das Mädchen richtete sich höher empor, sah Hederich fest in die Augen +und sagte, die Stimme dämpfend: „Ja, ich glaube eigentlich, daß ich +hätte einen Mann haben müssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz +hat, nicht mir so ganz ähnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin, +mache ich Pläne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will, — zwar +nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich — und wenn ich ihn +dann höre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz +andere Stimmen in mir. + +Nicht wahr, Sie sagen niemandem, daß ich je so mit Ihnen sprach, +Hederich! Sie aber sollen doch sehen, daß ich nicht so herzlos +bin, — schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der +Nachbarschaft; ja, ja, ich weiß wohl, wie sie über mich urteilen, — also, +daß ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens über mich zu +entschlagen.“ + +„Sie sagten eben,“ knüpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein +Funke, glühte plötzlich in ihm empor, „daß Sie fühlen, Sie müßten einen +weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heißt das, drum und +dran, daß Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch +Zeit ist. Ich bitte, ich beschwöre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne +sprechen, sind kurz, — nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und +wenn man dann nicht zu einander paßt, möchte man alles hingeben, um +wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte.“ + +Es flog durch den Körper des Mädchens, als ob ein Schauder sie erfaßte; +sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den +Fußboden. + +„Ach Hederich — ich weiß es nicht,“ drang's rasch und stöhnend aus ihrem +Munde, und ein hülfloser Ausdruck trat in ihre Züge. Aber es war nur für +Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schüttelte den Kopf, in +ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschäftsmäßig: + +„Das ist eben der Kampf bezüglich seiner. Aber es ist doch nicht das +Richtige. Ein Mensch muß wissen, was er will!“ + +Zum Unglück trat, als Hederich trotz ihrer Äußerungen noch einmal +anknüpfen wollte, — so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf +der Zunge, — Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward +unterbrochen. + +„Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich überall“ rief sie. Und neckend +fuhr sie fort: + +„Er wird sicher eifersüchtig werden, wenn er erfährt, daß Du so lange +mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!“ + +Grete aber sagte zur höchsten Überraschung beider sehr ernst, fast +finster: + +„Er hat wirklich auch Ursache, eifersüchtig zu sein! Ich kenne keinen +besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich hätte gleich ja +gesagt, wenn er um mich angehalten hätte.“ + +Nach diesen Worten eilte sie rasch fort. + +Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stieß +Hederich, dem's blutrot über das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung +von Gretes letzten Worten heraus: + +„Drum und dran, gnädige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber +freilich, er, — er wird's nicht ausbilden!“ Nun schritten sie beide +nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glättender Miene auf den +Kreis der Gäste zu. — + + * * * * * + +Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen, +und seit dem Vorerzählten hatte sich vieles verändert. + +Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgeführt und befand +sich, während Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten, +schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich +seiner alten Gesundheit, predigte wie früher von der Kanzel, hörte die +energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens süßes Geplauder, +und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rückkehr Tankreds halber +immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof +eingezogen. + +Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte +Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und +aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend +Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof übergesiedelt. Carin +schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjüngt. + +Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von +Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden +bei ihm bemerkbar, die ihn häufig auf längere Zeit ans Zimmer oder gar +ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von +Gästen im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft +mußten eingeschränkt werden. + +Gretes Mutter fühlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich +drängte es sich ihr auf, daß das Alter sich nahe, daß allerlei Verzicht +geboten erscheine, und statt des früheren raschen ein mehr beschauliches +und auf die Pflege des Körpers gerichtetes Leben notwendig und weise +sei. Aber noch etwas anderes drückte sie: Es war doch so ganz anders +geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten +abgeben müssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der +Wirtschaft; man fragte sie nicht wie früher, und sie trafen keine +Entscheidungen. + +Schon durch die Beschränkung auf die ihnen oben im Schloß eingeräumten +Zimmer wurden sie täglich an die eingetretene Veränderung erinnert. Die +Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust +stieg der Reiz. Wenn Hederich über Gutsgeschäfte sprach, so war es des +neuen Herrn Wille, dem er sich fügte. Hederich mußte Tankred +allwöchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm. + +Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurückgekehrt, weil Grete +neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen +ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der +Weiterreise erforderlich machte, daniederlag. + +Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade +übermäßige Wärme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen +auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kühl und +verstandesnüchtern. Über das Verhältnis zu ihrem Manne schrieb sie +nichts; ob sie glücklich sei, erwähnte sie mit keiner Silbe. Ihre +Berichte beschränkten sich auf Schilderungen der Länder, die sie +besuchten, auf Reiseeindrücke und auf ihr Befinden. + +Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch. +Ihre Heimat sei doch am schönsten, hatte sie geäußert, aber das war das +einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsäußerung +gegeben hatte. + +Seine lange Abwesenheit begründete das junge Paar durch den Umstand, daß +sie, abgesehen von Gretens Unpäßlichkeit, beide noch nie etwas von der +Welt gesehen hätten; sie wollten nun die Gelegenheit nützen. +Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie +auf kürzere oder längere Zeit berührt. + +Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend +kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen +zugetragen. + +Er hielt mit seinem kühlen Urteil über Tankred auch jetzt nicht zurück, +aber gestand zu, daß sein neuer Herr für vieles einen richtigen Blick +habe und gut zu disponieren verstehe. + +„Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen +Verwalter halten und bezahlen?“ hatte er schon hingeworfen und auf die +Einwände der beiden Tressens hinzugefügt: „Ja, ich sagte auch bezahlen, +gnädige Frau. Er ist wie das Fräulein, er sieht auf den Schilling.“ + +Tressens fühlten, daß Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der +Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur +wegen mangelnder Veranlassung früher nicht zum Ausdruck gelangt waren. +Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestört, aber gerade sie, die +es nicht verstanden, zu hüten, schätzten doch auch wieder deren +Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriß, sich +dagegen aufzulehnen. + +Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rückhaltslos +Ausdruck; Befürchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit +beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend. + +Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahreserträgnisse des +Gutes überwiesen und ihr Einverständnis erklärt, daß die Alten im Schloß +wohnen blieben. Wenn sich später herausstellte, daß doch ein so enges +Zusammenleben nicht zuträglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen +eine Wohnung in Elsterhausen für ihre Bedürfnisse einzurichten, ohne +allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen. + +Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred +aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabänderlichen Willen +unterbreitet, ja, das Aktenstück ihnen gleich unterschrieben auf den +Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten +Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch +möglicherweise auch in ihrem Interesse, daß eine Trennung stattfinde, +und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Überweisung +eines Drittels aus den Einkünften koulant zu nennen sei. — + +Es war mitten im Juni, an einem das Gemüt erheiternden, sehr schönen +Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr +verkündete, daß Breckens zurückkehren würden. + +Zufälligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie +vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt, +auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens +hatte sich aus naheliegenden Gründen ein freundschaftlicher Verkehr +entwickelt, und die Neigung, sich häufiger zu begegnen, war dadurch +verstärkt worden, daß Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging, +ein für die Herbeiführung einer Annäherung erprobtes Mittel fleißig zur +Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Günstige, was sie +übereinander geäußert hatten. + +Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil über Tankred +Tressens gegenüber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben +nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken über Nebenmenschen +auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflußt zu haben. +Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort über den +inzwischen der Familie Tressen so nahegerückten Mann. + +„Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!“ hatte Theonie nach +ihrer Rückkehr auch gegen letzteren geäußert. Sie fühlte, daß sie, wenn +sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht +gehandelt hatte, ihren Diener als Wächter und Berichterstatter über +Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende +Gerechtigkeitsgefühl kam immer wieder zum Ausdruck. + +Frau von Tressen hatte für die erwarteten Gäste im Garten in einer Laube +den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der +Gutsbote Gretes Brief brachte. + +„Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt,“ bat Herr von Tressen +seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstühle zurück. + +Sie nickte und sagte — schon hatte sie das Schreiben zur Hälfte +durchflogen —: „Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrückt, und wie +eigentümlich sie die Sätze formt!“ + +Dann begann sie: + + ‚Liebe Mama! + + Tankred meinte anders. Ich meinte aber, daß zu viel weniger sei. Er + dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben + schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir + wollen direkt reisen, aber es hält uns ein schöner Punkt, ein Wald, + eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs länger; dann später. Erst, + wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich + damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in + meinem Stübchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiß sie nicht. Wie + schön, daß Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wünscht sie + herbei, immer draußen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles + ist zu erzählen, aber zu viel läßt gar nicht reden. Man weiß nicht, wo + beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir + mündlich alles. Daß das Korn so schön steht, schreibt Hederich. Auch + eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschäftige ich mich + mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die + Funken anblasen. Wer sich immer recht verstände! Tankred ist klarer. + Wenn er nicht so rasches Blut hätte, ganz zielbewußt. — + + Lebt der große Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hörte ich ihn immer + krähen, und Hederich stand in Hemdsärmeln dabei und sagte: „Drum und + dran, er ruft Sie, Fräulein Grete!“ Grüß ihn besonders! + + Deine Grete.‘ + +Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und +meldete, daß die Damen und auch Höppners ihm auf dem Fuße folgten. + +„Welch angenehme Überraschung,“ stieß Frau von Tressen heraus und +eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gästen entgegen. Höppners hatten +auch Lene mitgebracht, die ihr Händchen gab und sich dann gleich einem +kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun +hervorkam, zuwandte. Während die Herrschaften gemütlich plaudernd beim +Kaffee saßen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begrüßt, +besonders aber von der Pastorin. + +„Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!“ hub +sie an. „Wie lange ist's her, daß Sie nicht in Breckendorf waren! Aber +ich weiß, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und +gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist +begreiflich, ich muß es zugestehen!“ schloß sie mit liebenswürdiger +Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend. + +Über Carins Gesicht flog ein Lächeln. Hederich aber erging sich, da er +sich getroffen fühlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den +gutmütigen Pastor zu dem Versuch veranlaßten, die Wirkung der Worte +seiner Frau abzuschwächen. + +„Ja, ja, gewiß die Entfernung!“ bestätigte er. „Breckendorf liegt so +weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschäftigt. Meine Frau sagt +immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei +ihr!“ + +„Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden,“ nahm nun auch +Theonie das Wort. „Das zieht ihn nach Falsterhof. Fräulein Carin ist +eine gute Lehrmeisterin —“ + +„Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie,“ lachte +Hederich. „Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer +Versetzung nach Prima war nicht die Rede.“ + +„Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!“ fiel +Carin ein. Und zu den übrigen gewendet, fuhr sie fort: „Es ist auch ganz +anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht +die Sache!“ + +Das Gespräch ging jetzt auf andere Gegenstände über. Der Pastor lobte +Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von +Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen +zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschäftigt. + +„Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fräulein Carin?“ +fragte Hederich nun die eifrig über eine Arbeit gebückte +Gesellschafterin Theonies. + +„Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schön dies Jahr?“ + +„Na ob!“ + +Es trat eine Pause ein. Früher, als Carin auf Holzwerder gewesen war, +hatten Hederich ihr gegenüber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein +Mitgefühl erwacht war, und später die Entbehrung, Carin nicht mehr +täglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm +aufgedrängt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mädchen und anderen, +hatte er all seine Unbefangenheit verloren. + +Und sie half ihm gar nicht. Sie saß stets da mit einem eigentümlich +still lächelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte, +über ihn stellte. + +Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn +anblickte, war der störende Zug fort. Dann mußte er an sich halten, um +ihr nicht gleich um den Hals zu fallen. + +Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu +heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, über +sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon über die Vierzig, +und sie höchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen +bestehende Mißverhältnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und +dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis +von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel +jüngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des +Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine, +weiße Finger und Handgelenke und hielt sich so überaus sauber, — ihre +Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wäsche +gekommen, — und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie. +Ihr Großvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch +besonders schwere Verhältnisse war sie veranlaßt worden, ihre Heimat zu +verlassen, sich für einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu +verdienen. + +Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten +schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse für sie durchschimmern +lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegönnt. Und nun +war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder +fortgegangen, so viel schöner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen +Augen strahlten lebhaft, während sie sich früher stets in sich selbst +zurückgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet. +Das Gesicht war voller, ebenmäßiger geworden. + +Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben, +weil sie ihn für gänzlich ungefährlich hielt. Ihr Zartgefühl hätte ihr +sonst solche Bemerkungen verboten. — + +Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich später, +nachdem man noch ein allgemeines Gespräch gepflogen hatte, doch näher +gerückt, als die Damen die Absicht äußerten, sich ein wenig Bewegung im +Garten zu machen. Sobald sich die übrigen erhoben, legte auch Carin ihre +Arbeit beiseite. + +„Sehen Sie hier, Fräulein Carin!“ bat nun Hederich, der sich zuerst mit +Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden +sitzenbleibenden Herren zu trennen gewußt hatte, bei einer Wegbiegung. +„Wollen Sie nicht einmal die Blütenpracht in Augenschein nehmen? Drum +und dran! So war's noch in keinem Jahre.“ + +Carin nickte unbefangen und trat, während die anderen in den Buchensteig +einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Höhe einen Ausblick zu +gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum +eingefaßte Rondell. + +Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: „Ich finde, daß der +Garten nicht mehr so schön gehalten wird, wie früher. Schade! Woran +liegt das?“ + +„Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen +kränkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fräulein Carin, es +ist doch nicht der frühere Zug drin. Die Alten dürfen sich in nichts +mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und +nun ist natürlich das Interesse für vieles nicht in alter Weise da.“ + +„Ich höre, Breckens haben heute geschrieben, daß sie die Rückreise +angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das führt dann +auch wohl für Sie manche Änderung mit sich, Herr Hederich?“ + +„Drum und dran! Ja gewiß! Wissen Sie, was ich glaube, Fräulein Carin?“ +Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders. + +„Nun, Herr Hederich?“ + +„Ich glaube, meine Tage sind hier überhaupt gezählt. Herr von Brecken +will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide. +Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken +gewöhnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte +ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz. — Aber, drum +und dran, — leicht wird's mir doch nicht werden — leicht schon nicht, +weil — weil —“ + +„Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange +fleißig wirkte und erfolgreich thätig war,“ fiel Carin ein. „Ja, das +begreife ich. Die Liebe für das hiesige Land und die Menschen waren ja +neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch für mich der Grund, zu +bleiben. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit +ausgesetzt, wieder mit Grete in Berührung zu treten. Wie leichten +Herzens hat sie mich gehen lassen!“ + +„Es hat sie viel beschäftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es +Ihnen schon, Fräulein Carin. Es war ja nur, weil sie über Herrn von +Brecken so abfällig urteilten. Sie mußten doch, drum und dran, merken, +daß sie ein Auge auf ihn hatte, da war es, — nichts für ungut, +unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Mißachtung zu +bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden +lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie +wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein.“ + +„Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei +Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den späteren Gesellschaften hier im +Hause fern bleiben zu dürfen. Sie denken noch immer viel zu gut über die +Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, daß Sie ein goldenes +Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttäuscht werden. Ich freue mich +nur, daß Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt +haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu +kündigen, damit er es nicht thut.“ + +„Sie meinen —?“ schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig +erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich +dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge. + +„Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit +unangenehme Empfindungen bereitet? Ah — ah — das thut mir weh!“ Und sanft +begütigend schloß sie: „Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!“ + +„Nein, das ist's nicht,“ sagte der Mann mit einfacher Würde. „Ich wurde +ein büschen weich, weil — weil — weil ich, nein, ne, ich kann's nicht +sagen, Sie könnten es falsch auslegen —“ + +„Ich lege gewiß nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es +beunruhigt mich, daß ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung +schon früher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es +nötig war. Übrigens einen Mann, wie Sie, wird man überall mit offenen +Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden +und sich dann auch glücklich fühlen; dessen bin ich sicher, und das ist +mir eine Beruhigung.“ + +„Wie Sie das so schön ausgedrückt haben, Fräulein Carin! Und wie viel +Teilnahme Sie für mich an den Tag legen! Wenn Sie wüßten, wie nur das +wohl thut, und wie ich überhaupt —“ Er brach ab, und seine Stimme +zitterte. + +In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe +getrennt hatte, herbeigelaufen, drängte sich an Hederichs Beine und +sprang an Carin empor. + +„Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', daß du wegkommst, Puffmann!“ rief +Hederich höchst ärgerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein +Auge mit dem früheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er +über ihr Angesicht ein leise spöttelndes Lächeln fliegen. Und das störte +ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, daß ihm das Wort erstarb, und daß +er mit einem „Drum und dran! dieser Köter, oft möchte man ihm den Hals +umdrehen!“ Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg +zur Laube zurücknahm. Als sie sich dem Platze näherten, drang lebhaftes +Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hörten sie der Frau Pastorin helle +Stimme. — + +Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise +Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen +zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der +Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte. + +Als bei dieser Gelegenheit erwähnt wurde, daß einer der von Theonie +erwarteten, in der Nähe von Breckendorf wohnenden Gäste die Gegend +verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung, +verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen: + +„Das wäre so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von +Holzwerder trennen müßte. Elsterhausen in einer Viertelstunde +erreichbar, und Breckendorf in nächster Nähe, die schöne Lage und das +wirklich splendid eingerichtete Haus — da läßt sich leben! Wem hat's +eigentlich ursprünglich gehört, Hederich?“ + +Aber schon nahm der Pastor zum Verdruß Hederichs, der nun einmal gern +für diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte +Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fügte einige Worte hinzu und +äußerte: „Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt +haben. Alle kamen später in Bedrängnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz +hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkünfte, sondern +kostet nur Geld. Höchstens ein paar Hühner und eine Kuh können da +gehalten werden.“ + +„Ja höchstens! Drum und dran, nur für reiche Leute bewohnbar,“ betätigte +Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen. + +„Wann treffen Ihre Kinder ein?“ fragte Theonie, sich zum Abschied +erhebend. „Ich möchte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen +senden.“ Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem +Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung. + +Wenig später hatten Theonie, Carin und auch Höppners, die in einem +flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen. + +„Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich,“ rief noch Herr von +Tressen, der unter Beihülfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloß +nahm und Hederichs höflichen Gruß durch das Lüften des Hutes erwiderte. +Und Hederich rief ein „Zu Befehl, Herr von Tressen“ zurück, obschon +seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren. + +Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er: +„Sie grüßte noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn +dieser verdammte Puffmann nicht gewesen wäre, dann, — dann, — drum und +dran! Ich hatte so schöne Gelegenheit, ihr ein büschen Andeutung zu +geben — —“ + + * * * * * + +Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon +nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloß bekränzen +lassen. Um die Fenster und Thüren waren Blumenguirlanden gesteckt, und +auch Hederich hatte sich gerührt. Die Knechte und Mägde waren in ihren +Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehörigen +standen mit Rosen in den Händen an der Schloßtreppe. Einem kleinen +Mädchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der +Schluß der von Hederich unter vielen Nöten gedichteten Willkommsworte +lautete: + + „Es wechselt Kälte, Sonnenschein und Regen! + Der Landmann braucht's, + Ihm ist's ein Segen, + Wenn's auch mal kalt und naß vom Himmel strömt! + Durch Eure Herzen aber möge strahlen + Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen + Auf Eure Wangen Lust und Fröhlichkeit! + Das wünschen alle, die hier sind vereinet, + Und seht, ein jedes Auge weinet + Vor Freud', daß Ihr zurückgekehret seid!“ + +Glücklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glänzte, umflutet von +der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit, +die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war +klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebüsche trugen noch +silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu +aufgeschüttet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den +Tressenschen Farben. + +Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt +umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drückte sie +Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten +und Mädchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostüm, +strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten +sich die Eindrücke in beider Zügen wieder. + +Bei Grete war's ein Anflug wahrer Rührung, sie verglich das wenige, was +an Gemüt in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche +Scham und dankbare Gefühle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's +dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, daß man ihm ohne Zwang +Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene +Hoffnung auf altes Glück stieg auch in Frau von Tressen empor, sie +glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und +Hederich ihre Voraussetzungen erfüllt. + +Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestörter +Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihülfe ihrer Mama +alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich über +die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches +gediehen war. + +Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt. +Die junge Frau übernahm nunmehr die Küche, das Mittag- und Abendessen +wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich, +wenn die Glocke ertönte, herab und nahmen daran teil. + +Dafür war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergüteten, +gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine +bestimmte Summe. + +Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das +Frühstück und sorgte auch in außergewöhnlichen Fällen für ihre und seine +Bedürfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie für +Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie +brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das +alles so bleiben konnte, oder Änderungen eintreten mußten. + +Zunächst spürten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der +Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder +für sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam, +trat auch das Bedürfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die +Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor, +und die Frauen beschäftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar +den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange +zu bleiben, und Tankred fügte sich entweder aus wirklichem Behagen oder +aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhältnisse. + +Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestört, und nach +Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand, +wurde nunmehr auch erörtert, wann die jungen Leute Besuche machen +wollten, und wer zunächst eingeladen werden sollte. + +„Es geht gar nicht mehr! Wir müssen sobald wie möglich nach Falsterhof,“ +erklärte Grete. „Noch haben wir nicht einmal für die Blumen gedankt, die +Theonie uns gesandt hat.“ + +Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich +aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal mußte er seiner Kousine ja +doch zum erstenmal wieder gegenübertreten, und schon hatte Hederich, der +inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzählt, daß Theonie +sich erkundigt hätte, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien. + +„Drum und dran! Sie wundert sich, daß Sie noch nicht da waren, Herr von +Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so.“ + +Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu +fahren und Theonie und Fräulein Carin zu einem Diner in der Mitte der +Woche einzuladen. + +Letzterer gegenüberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich +schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen +an den Tag gelegt hatten, überwand sie bald den Anflug ihrer +unbehaglichen Stimmung. + +Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die +Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich saß bei den +Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte +die Zügel. Während sie dahin fuhren, sagte Tankred: + +„Weißt Du, es wäre wirklich gar zu schön, wenn die beiden Besitzungen, +die ursprünglich zusammengehört haben, wieder vereint würden. Es hat +doch keinen Zweck, daß meine Kousine da allein auf Falsterhof +wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen früher einlöste, wäre es auch +leicht zu machen. Ich würde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und +ihr ihre Hälfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es +wäre eine fürstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird, +die Güter rationeller bewirtschaftet werden, können sie gegen +zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswürdig gegen +meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat großen Einfluß auf sie. +Sie kann uns im Fall alles verderben.“ + +„Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred,“ entgegnete +Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestätigend. „Dann +könnte sie am Ende an ihrer Zusage rütteln?“ + +„Gewiß. Und deshalb müßte man auch darauf hinzuwirken suchen, — ich denke +täglich daran, — daß sie schon früher Ernst macht. Sie will nach der +Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, daß der Besitz nicht +verschleudert wird, mit anderen Worten, daß wir ihn halten, mehren und +verbessern. Wenn sie die Überzeugung gewonnen hat, daß wir das thun, so +wird sie nicht zögern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man könnte +vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu +überlegen. Der thut nur, was er für richtig hält, und daß er auf dem +Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung könne nichts gedeihen, ist +ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er +seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd.“ + +„Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzählt. +Bitte, was war's?“ + +„Ich gehe stark mit der Absicht um, in größerem Maßstabe Rüben zu +pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzählte ich +ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie hätten alle bisher kein +Geschäft gemacht, meinte er.“ + +„Dann ist's doch auch klug, es zu lassen.“ + +„Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen. +Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil +sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa +erzählt, auch gegen die Branntweinbrennerei gesträubt? Und rentiert sie +nicht ausgezeichnet?“ + +„Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten +Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hört überall, +daß die Zuckerfabriken vorläufig nur von Hoffnungen leben. Die +Konkurrenz ist auch zu groß.“ + +„Nein, die Konkurrenz ist nicht zu groß, aber es ist noch ein Vorurteil +bei Händlern und Konsumenten zu überwinden. Aber das wird sich geben. +Der Rübenzucker stellt sich so viel billiger, daß man nach den +überseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die +bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital +war zu hoch. + +Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr +spätestens wird die Bahn von Elsterhausen über unser Gut gehen, und in +Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz +anders konkurrieren. + +Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schädel nicht hineingehen. +Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in +der Gegend dauernd niederlassen.“ + +Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die +Richtigkeit nicht prüfen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in +Zahlen vorlegen zu lassen, und im übrigen wurden ihre Gedanken +unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwärts auftauchte. + +Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veränderungen +vornehmen lassen. Die das Haus verdüsternden Bäume waren gefällt, auch +nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das früher so finster +beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da. + +Auch im Innern sah man die Thätigkeit einer neugestaltenden Hand. Der +Flur hatte weiße Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit +den dunkelrahmigen Ölgemälden einen äußerst imponierenden Eindruck. Vom +früheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thür ins +Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerückt +worden. + +Auf einem großen Rondell blühten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies +bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebüsches und des halb +eingefallenen Grabens das Auge. + +Frege begrüßte mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gäste +und führte sie in die hinteren Gemächer. + +„Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten,“ +erklärte er. „Gleich werde ich die Herrschaften melden.“ Dann eilte er +davon. + +Mit sehr eigentümlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die +Räume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das +Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal +freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen +hatte. Die im Hause vorgenommenen Veränderungen wirkten befremdend auf +sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu +sein, trat weit zurück. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder +Mitteilung nach ihrem Gutdünken. Natürlich, es war ihr Recht, aber +gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfülle +der Besitzerin. + +Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen +weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte. +Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und +umarmte Grete mit Wärme und Herzlichkeit. + +Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch +die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt, +und bald saßen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemütlich plaudernd, +beisammen. + +Der Fremde war der Eigentümer des vor Tagen erwähnten in der Nähe von +Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof. + +Er hatte früher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines +Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich, +da er vermögend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu +pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener, +aber keineswegs pedantischer Mann, und man rühmte seine große Frische, +seinen Geist und seine hohe Intelligenz. + +Herr von Streckwitz führte denn auch vornehmlich das Gespräch. Herr von +Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er +erwiderte, daß er sich bei seinem Interesse für Landwirtschaft nach +einem ihm mehr Beschäftigung bietenden Gütchen umzusehen die Absicht +habe. + +Hederich mischte sich hinein und machte Vorschläge, und Tankred, dem +Streckwitz gleich beim ersten Sehen höchst unsympathisch war, riet mit +vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend +anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Übergewicht nicht +in seiner Nähe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten, +die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem +Interesse zuhörte. + +„Es gefällt mir aber gerade hier ausnehmend,“ entgegnete Streckwitz. +„Mein bisheriges Einsiedlerleben möchte ich zudem vertauschen, aber mir +Thätigkeit und Verkehr nicht in einer großen Stadt suchen, sondern auf +dem Lande. Übrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir früher oder +später eine Gelegenheit zu anderer, größerer Wirksamkeit bietet, werde +ich sie wahrnehmen. Zunächst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu +suchen. Sie gestatten mir auch,“ schloß er, sich mit verbindlicher Miene +gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte +Auge ein wenig zusammenkneifend, „daß ich Ihnen meine Aufwartung machen +darf?“ + +„Es wird uns außerordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen,“ entgegnete +Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten. + +Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb +gegen Breckens verneigte, biß sich Tankred, in seiner Eitelkeit +verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter +demnächst einmal deutlich zu belehren, daß ihr kein Recht mehr zustehe, +eine derartige Erlaubnis zu erteilen. + +Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geräusch abgelenkt, da +Fräulein Carin ein Knäuel Seide fallen ließ, und Hederich, sich +übereifrig danach bückend, so unglücklich auf dem glatten Fußboden +ausrutschte, daß er knieend vor ihr liegen blieb. + +Um nun doch irgendwie seinen Ärger auszulassen, nahm sich Tankred +Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise +nachahmend: + +„Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist — drum und dran — ein zu schöner +Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fräulein Helge hingestreckt +zu sehen.“ + +Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die +Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, während Hederich, rot vor +Beschämung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb. + +Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft +stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf +Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen +Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er +sich sehr weh gethan habe: + +„Ich danke sehr für Ihre Güte, gnädige Frau, es ist schon vorüber. Ich +bitte nur um Entschuldigung, daß ich in Ihrem Hause — drum und dran — eine +so — lächerliche Rolle gespielt habe — —!“ + +Dieser auf Tankred gemünzte Satz mißfiel niemandem, und namentlich in +Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst +Hederich mit raschem freundlichen Blick und ließ dann ein auf Tankred +berechnetes verächtliches Zucken um ihre Lippen spielen. + +Tankred sah es. Er wußte, was in ihr vorging, und der alte Haß gegen das +‚Frauenzimmer‘ setzte sich von neuem in ihm fest. + +Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr +Abbruch, und das glatt fließende Gespräch setze sich nun so gezwungen +fort, daß Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu +unternehmen. + +Herr von Streckwitz, ein überaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart +und ernsten, einnehmenden Zügen, schritt mit den beiden Tressens voran, +ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen +hatte, und ein wenig später Hederich mit Carin. + +Sowie die letzteren aus der Hörweite der Voranschreitenden waren, sagte +Carin: + +„Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf +hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und +wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist +fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt. +Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der +Mittelpunkt des Gespräches ward. Dergleichen Zurücksetzungen kann er +absolut nicht vertragen. Stets muß er das Wort führen und bewundert +werden. Später ärgerte es ihn, daß Frau Cromwell sich so oft an den Gast +wendete. Am Ende interessiert sie sich für ihn! Das paßt Brecken +durchaus nicht; das durchkreuzt seine Pläne, und als Herr von Streckwitz +nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen größern Besitz +erwerben zu wollen, kannte sein Ärger keine Grenzen mehr! Den ließ er +dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empörend handelte er, in solcher Weise +von seinem Übergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat +mich auch wieder ausnehmend gefreut, daß Sie ihm nämlich eine solche +Antwort zu teil werden ließen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie +hätten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!“ + +Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehört. Als +Carin geendigt hatte, sagte er: + +„Sie gehen vielleicht etwas weit — aber — drum und dran — er ist kein +guter Mensch, wir wissen's alle längst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, +die kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene +Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lächerlich gemacht +werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!“ + +„Und wir haben recht!“ fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort: +„Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben, +und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch +wahrlich nur die Hand auszustrecken. — Ich weiß wohl, was Sie sagen +wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen! +Aber welcher Vorteil erwächst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie, +Herr Hederich,“ hier senkte Carin die Stimme, „was mir Frege neulich +mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau +Cromwell, worin auch des Schriftstücks — Sie wissen, der +Erbteilverschreibung — Erwähnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den +Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, könne darauf schwören, daß das von +ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders — natürlich viel günstiger +gelautet habe. Brecken hat also —“ hier schossen Carins Augen +unheimliche Blicke — „sicher eine Fälschung begangen!“ + +„O nein, nein, Fräulein Carin,“ fiel Hederich erschrocken ein und sprach +wieder das Wort Carin sehr breit. „Da gehen Sie doch wieder zu weit! So +schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist +schlau, und er wäre es noch mehr, wenn — drum und dran — ihn sein Blut +nicht oftmals fortreißen thäte.“ Und forschend schloß er: „Hat Frege +Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?“ + +Carin nickte. + +„Und was hat sie erwidert? + +„Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja überhaupt eine sehr +eigentümliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig +zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut. +Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens — denn ihre hervortretende +gelegentliche Kürze und Strenge sind auch nichts anderes als ein +Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur — und andererseits die Pietät, welche +sie für alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trägt, machen sie +ungewöhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, daß +er sich ändert, und ihr gegenüber spielt er ja auch eine recht gute +Komödie! — Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die +Jungen mit den Alten?“ + +„Drum und dran — ja —. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich +so ziemlich —“ entgegnete Hederich. „Frau von Tressen ist vorsichtig, +und Grete will Frieden, — bis jetzt wenigstens, — und das giebt den +Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube, +daß es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches +anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede.“ + +„Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie hängt mehr an Ihnen, als an ihrer +Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist überhaupt +noch nicht alles Gute erloschen, sie kämpft, glaube ich, einen ehrlichen +Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein +und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat.“ + +„Weshalb, Fräulein Carin,“ fiel Hederich milde ein, „hassen Sie Herrn +von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefügt?“ + +Carin zuckte die Achseln. „Weshalb hat man eine Abneigung gegen +Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man +sich zu anderen besonders hingezogen fühlt? Ich kann überhaupt nur +hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten +vertreten. Pastor Höppner kann überhaupt nicht hassen. Deshalb ist er +auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persönlichkeit gütig und +menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt +dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag — ihre Person +ausgenommen, die sie über alles liebt — weder zu lieben noch zu hassen! +Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, haßt aber jeden, +der ihm irgendwie in den Weg tritt, — und — Sie — Sie, Herr Hederich —“ + +„Nun, Fräulein Carin? —“ forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge +ging unruhig hin und her. + +„Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren +Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele.“ + +„Na — na — na! — Es ist schon zu viel Schönes, Fräulein Carin, aber — drum +und dran, — daß Sie das sagen, das — das — ist mir mehr wert als — als —“ +sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte. + +„Ach, Sie lieber Mensch! —“ unterbrach das Mädchen den Mann, sah ihm mit +einem seelenvollen Blick ins Auge, ließ ihn aber nicht weiter sprechen, +sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die übrigen Gäste zu, die +nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause +auftauchten. + +Nach einem kleinen Imbiß nahm man demnächst von Holzwerder Abschied. Nur +Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da. — + + * * * * * + +Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saßen die Pastorin und +Hederich einander gegenüber. + +Seit dem Vorerzählten waren fünf Monate verstrichen. Der Herbst war +bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzählen und +sehr viel zu hören. + +Zunächst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm +ihr Herz ausschüttete. + +„Was mich am meisten beschäftigt und mich geradezu traurig gemacht hat, +ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte, +Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle. +Aber sie! Doch nun hören Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war, +die mir sogleich fünfhundert Mark für das von mir geplante Armenhaus in +Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn +in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach +Holzwerder geführt hatte, erzählte, daß mein Mann und ich von meinem +Vermögen fünftausend Thaler als Grundlage für den Bau hergeben wollten, +legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn, +daß er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen möge. + +Erst äußerte er nichts, ließ mich niedersitzen und guckte auf das +Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spöttischen Ausdruck: + +‚Meine Schwiegermutter hat fünfhundert Mark gezeichnet? So — so — na ja, +wer's lang hat, läßt's lang hängen! Ich kann höchstens hundert Thaler +geben. Fast kein Tag geht vorüber, an dem nicht Ansprüche an mich +herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der +Antragsteller geben, müßte ich nachgerade auf Einnahmen für mich selbst +verzichten.‘ — Er zählte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf, +denen er angehöre, sprach von Erhöhung der Steuern und anderem und rief +seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie +beschwert sie seien. ‚Glauben Sie nur, daß es uns nicht so leicht +gemacht ist, wie Sie meinen,‘ versicherte er. ‚Jeden Monat die Rente an +meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen, +Neubauten, die gemacht werden müssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!‘ +Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern +zurück: natürlich, es müßte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei +Familien von den Einkünften von Holzwerder. + +Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhören, und ich habe denn +auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer größeren Gabe zu +bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht +selbst erzählt, daß sich dies Jahr ungemein günstig gestellt, daß das +Gut noch nie so viel abgeworfen hat?“ + +„Ja, es ist richtig, sie haben schöne Einnahmen, und was sie sagen von +der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkünften nicht gar so +schlimm. + +Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwächterposten ist eingezogen, +seine Arbeit muß jetzt der Parkwächter mit besorgen; er kriegt aber +nicht mehr dafür und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu +verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun +weggefallen. Die beiden Kutscher müssen mit im Garten helfen, und die +Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele +Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau +giebt selbst aus, verschließt alles und macht Szenen, wenn zu viel +gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei +mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafür nicht liefern +könnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt. + +Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich +nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Früher durften auch +die Arbeitsleute nach dem Pflücken das letzte Obst abschütteln, das ist +nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehölzen hat er durch Anschlag +verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafür anzusetzen. Und +nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel +neue Fenster nötig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind +und Regen hinein. + +Aber, drum und dran, für die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik +möchte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht für den +Rübenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen, +die Einnahmen vergrößern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der +Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen.“ + +„Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?“ + +„Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam überlegt. Neulich +sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen. +Neusilber thäte es auch. Sie hätte sich herausgerechnet, daß sie so viel +Kapital herauskriegte, daß sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine +neue Christofleeinrichtung anschaffen könnte. Ich muß daran denken, daß +wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie —“ + +„So? also damit hat sie Grund, sich zu beschäftigen? Das wußte ich noch +gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, daß Herr von +Streckwitz dort fast täglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es +neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die +Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen.“ + +„Meinen Sie wirklich?“ fragte Hederich erstaunt. Er gehörte zu den +Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen, +aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da +Carin, vielleicht aus Diskretion, die Möglichkeit eines tieferen +Interesses Theonies für Streckwitz nicht wieder berührt hatte, war auch +Hederich nichts aufgefallen. + +„So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute +Wäsche, und ich muß selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Nähschule +bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die +Ohren. — Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten +Sie — herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die müssen Sie +probieren.“ — Und während er, nachdem sie rasch den Branntwein und die +Speisen herbeischafft, aß, stand sie — sich zu setzen hatte sie keine +Zeit — vor ihm und erzählte noch von allerlei traurigen Ereignissen im +Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemüht gewesen, und +zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem +Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich. + +„Ja niedlich, niedlich,“ betätigte Hederich, während er das +Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten +von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen +lieber aus dem Wege. + +Als er schon in seinem Einspänner saß, sah er noch, daß Frau Höppner mit +einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thür stand und weinend ihren +Kummer erzählte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem +Schnupftuch die Thränen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen +über ihre Lippen: + +„Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte. +Dann wollen wir weiter sprechen,“ hörte er sie noch sagen, und „Drum und +dran, brave Frau!“ ging's über Hederichs Lippen, während er mit einem Hü +die Zügel ergriff und das Pferd antrieb. + +Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf +seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug. +Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, öffnete und las: + + (Privat) ‚Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die + eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich + sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muß Sie notwendig + sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind, + und gehen Sie hinten die Treppen hinauf. + + S. von Tressen.‘ + +Noch unter dem Eindruck des Gespräches, das er am Nachmittag mit der +Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich außerordentlich auf. +Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht +erwarten, daß sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich +dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthür des +Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte, +trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus +dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter +erblickend, sehr erstaunt: + +„Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurück? +Was wünschen Sie? Suchen Sie etwas?“ + +„Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich +für Frau von Tressen mitgebracht habe,“ entgegnete Hederich, sich +schnell fassend. „Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und +wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stören. + +Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergnügen! —“ + +Aber Tankred ließ sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben +ging, fand er Tressens; ohne Zweifel würden Sie ihn auffordern, zum Thee +zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge würden zur +Sprache kommen. Das paßte ihm nicht. + +So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: „Was wollen Sie +sich die Treppe hinaufbemühen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her. +Ich werde es meiner Schwiegermutter einhändigen.“ + +Die Situation war höchst peinlich. Wenn Hederich erklärte, daß er gar +kein Packet habe, stand er als Lügner da, und ablehnen konnte er füglich +Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand, +nicht nur für ihn, sondern auch für Tressens, nahm er seine ganze +Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die +seine Bereitwilligkeit ausdrückte, Tankreds Wunsch zu willfahren, +erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff: + +„Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in +meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen +Sie gütigst, daß ich der gnädigen Frau morgen das Gewünschte überreichen +würde. Und nun erlauben Sie, daß ich mich empfehle. Ich halte Sie auf! +Ihre Gäste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnügen.“ + +Nach diesen Worten zog er sich überhastig zurück und verwischte dadurch +wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck. + +Während Tankred die zwei Flaschen Aßmannshäuser wieder ergriff, murmelte +er: + +„Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt. +Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!“ + +Dann eilte er mit hämischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf, +und oben schalt er Peter, den Diener, daß er ganz unnötig so viele +Lichter angesteckt habe: + +„Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die +kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzünden.“ + +„So, dann habe ich den gnädigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den +Herrschaften mußte ich immer alles anstecken.“ + +„Ja, ja, die Herrschaften,“ entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine +Schwiegereltern preisgebend, „die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwärts, +löschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie +zu reinigen, — hören Sie? ohne sie zu reinigen, — ins Anrichtezimmer!“ + +Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine +Wohnung zurück. Er fand keinen Weg, Tressens über die Gründe seines +Nichterscheinens zu verständigen, noch weniger hielt er es für +möglich — und wenn doch etwa für möglich, nicht für rathsam, an diesem +Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen. +Wenigstens wollte er das vorher noch überlegen. Auch wenn er einen der +Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals +der Zufall sein Spiel treiben. Überhaupt war er gegen jede schriftliche +Äußerung. + +Es beschäftigte ihn zu alledem, daß er zu einer Lüge seine Zuflucht +genommen hatte. Seit seinen Jünglingsjahren war mit Bewußtsein kein +unwahres Wort über seine Lippen gekommen. + +Aber das war die Folge solcher Verhältnisse. Immer ungemütlicher wurde +es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen. +Während er, so nachdenkend, dasaß und aus der Pfeife die Rauchwolken +herausblies, — fast ein Stündchen mochte vergangen sein, — hörte er auf +dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er +Peter, den Diener, und seine Haushälterin Worte wechseln. + +„Na, was giebt's?“ rief Hederich die Thür öffnend. „Haben Sie eine +Bestellung an mich, Peter?“ + +Der Diener nickte verlegen, dann trat er näher. + +„Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnädige Frau von oben +ließe um das Packet Handschuhe bitten, und die gnädige Frau von +oben — sie faßte mich ab, als ich gerade weggehen wollte — läßt fragen, ob +Sie noch kommen thäten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich +soll nichts sagen — ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an +die unten von meiner Bestellung an Sie erzählen!“ + +„Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich +Ihnen auftrage, hören Sie? An Herrn von Brecken können Sie ausrichten, +ich hätte die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich könnte sie in +meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie +blos: Ich würde ihr morgen erzählen, weshalb ich nicht gekommen wäre, es +sei denn, daß sie so gut sein wollte, sich — drum und dran — heute abend +noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemühen. Es wäre +sehr gut, wenn sie es thäte. Sie ist doch noch oben und nicht bei der +Gesellschaft?“ + +Peter verneinte. + +„Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten,“ murmelte +Hederich. Und laut: „Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe +seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten. +Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!“ + +„Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon. +Ach — ach es ist —“ seufzte der Mann. + +„Was ist?“ + +Der Diener bewegte mißmutig den Kopf. + +„Nichts für ungut, Herr Verwalter, ich will kündigen. Keine Stunde hat +man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden, +und alles, was früher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die +Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute +nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hörte es, wie ich das +Silberzeug putzte.“ + +Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschäftigte ihn sehr. +Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung. + +„Diener müssen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und überall ist +etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter, +und mit dem Kündigen überlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch +nicht will, dann wissen Sie, — drum und dran, — wo Hederich zu sprechen +ist.“ + +„Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt. +Herr Verwalter wissen, daß ich nichts herumtrage, und wieviel ich von +den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen +auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie — sie ist ganz anders +geworden.“ + +„Ja, wie gesagt, Peter — es wird schon wieder besser werden. Thun Sie +Ihre Pflicht, — drum und dran, — für das andere lassen Sie den lieben +Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, daß Sie wieder hinkommen.“ — + +Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang öffnete sich die Thür der +Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln +Mantel gehüllt, trat zu Hederich ins Gemach. + +Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr +mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe. + +„Um so besser, daß wir uns noch heute abend sprechen!“ erklärte sie nach +seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme +dämpfend, fuhr sie fort: + +„Hören Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete +und Brecken eine sehr böse Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich +entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als +wir beim Kaffee zusammensaßen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Während +meine Tochter sich an das geschlossene Büffet begab, um ihn +herbeizuholen, sagte ich: ‚Ist es denn notwendig, daß Du sogar den +Zucker verschließest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben —‘ + +‚Sogar? Was meinst Du damit?‘ entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in +einem sehr schroffen Ton. + +Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich +sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gästen. Aber sie +antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In +diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine +Tochter, ihr die für den Abend nötigen Zuthaten auszugeben. + +‚Wie, Du wagst es?‘ rief Grete, gegen die Person auftrotzend. ‚Habe ich +Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?‘ + +Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte +und auf eine abermalige höchst provozierende Äußerung Gretes neben +anderen Erklärungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade +noch, daß sie in der Küche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet +meine Tochter in einen solchen Zorn, daß sie aufsprang und dem Mädchen +einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem +ich schon angesehen, daß er sich über meine Äußerung von vorhin geärgert +hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden +war, packte Anna am Arm und stieß sie in rohester Weise zur Thür hinaus. +Draußen befahl er der Mißhandelten, — ich hörte es, — sofort ihre Sachen +zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was +aus ihr werde, sei ihm gleichgültig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle +sie etwas, so könne sie klagen. Zu meinem Unglück nahm ich nach seiner +Rückkehr gerechter Weise Partei für das Mädchen. Ich hielt beiden in +sanfter Weise vor, daß sie durch die wenig gütige Art, in der sie mit +den Leuten verkehrten, durch ihr fortwährendes Verschließen und +Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse +für sich zu erwecken, und schloß mit der Bemerkung, daß ich doch stets +mit meinem Personal ausgekommen sei, während jetzt fast kein Tag ohne +Verdruß hingehe. + +Auf die Äußerung gab zunächst meine Tochter eine Antwort, indem sie in +einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich hätte +doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre +Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber täglich. Bald moniere +ich, daß der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald +mache ich Bemerkungen über ihre Anordnungen. So habe ich mich jüngst +über die Wäsche geäußert. Wenn zufällig mal Zucker auf dem Tische fehle, +halte ich ihr eine Strafpredigt über ihre Sparsamkeit, und daß ich in +diesem Falle Partei für das impertinente Geschöpf genommen habe, das sie +fortwährend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf +diese plumpe und unglaublich unverschämte Weise sich einen Vorteil zu +verschaffen, sei doch mehr als eigentümlich von meiner Seite! Sie habe +Beweise dafür, daß Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute +morgen von ihr ausgegeben. + +Mit dem größten Erstaunen hörte ich, was meine Tochter sprach. Ich war +ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen +und Vorschlägen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine +Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind +eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar +nicht in den Sinn gekommen, daß sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel +weniger, daß sie mich fortwährender Einmischungen in ihre +Angelegenheiten zeihen würde. + +Ich sah aus ihrer Rede, daß lange aufgestauter Groll einen Ausweg +suchte, und ich sah auch, daß ihr Mann ihr vollständig beistimmte. +Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsächlich +aber um mich noch mehr zu kränken, kam auch er mit allen möglichen +Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrückte, an sich nur +Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruß schon mehrfach +Veranlassung gegeben hätten. Wir hätten jüngst die Pferde ohne vorherige +Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, während sie hätten +ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, während wir doch +unsern eigenen Diener hätten. Der letztere habe neulich durch Umstoßen +des Tintenfasses den ganzen Fußboden verdorben, und mein Mann hätte ihn +sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getröstet. + +Und was den Fall mit dem Mädchen betreffe, so sei er zufällig dabei +gewesen, wie Grete für den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten +abgewogen habe. + +‚Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,‘ fügte ich, mich bemeisternd und +alles übrige übergehend, ein, ‚aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie +während ihrer Beschäftigung gerade vom Förster abgerufen worden, nachher +vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Küche zu stellen. Es ist +doch möglich, daß Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, daß ein +Mädchen ihrer Herrschaft unbegründeterweise mit solchen Behauptungen +gegenübertritt. Und ich habe nie früher eine Unehrlichkeit an Anna +bemerkt,‘ schloß ich. + +Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so höhnischen Miene auf und +erging sich in so verletzenden Anspielungen über unsere Verschwendung +und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, daß ich, nicht mehr Herr meiner +Empörung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da +sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten, +finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf +welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei +unter solchen Verhältnissen dann wohl besser, daß ich mit meinem Manne +Holzwerder verließe! Danach stand ich auf und begab mich auf mein +Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und ließ sagen, daß wir nicht +in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an, +daß Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts +davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie, +Hederich, sie _wollen_ einen Anlaß, um die ihnen lästigen Menschen, ihre +Eltern, aus dem Hause zu bringen.“ + +Bei diesem Schlußsatz brachen der Frau die Thränen stromweise aus den +Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, daß dem +braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn +nun da, was Carin schon oft und erst jüngst wieder als bevorstehend +prophezeit hatte: Ein böses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger +Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun würde auch bald sein, +Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit +seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen; +sie sollte hören, was er dachte! + +Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Überzeugung. Er +glaube selbst, es sei wohl das beste, äußerte er, daß sie sich in +Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten. + +Sicher würden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege +zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versöhnung auf +beiden Seiten vorhanden, später aber könne sich ein unheilvoller Bruch +daraus entwickeln. + +„Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben, +ist immer weise, wenn's auch hart, betrübend und schwer ist, sich auf +den Boden der Thatsachen zu stellen.“ + +„Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, daß wir wie +Überzählige aus dem Hause gehen, daß wir unser geliebtes Holzwerder +verlassen sollen, dann ist's mir, als überfiele mich eine unheilbare +Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemüt beschwert ist. Seit heute +nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!“ +stieß sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. „Ja, +ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermögen haben, die Kinder sollten +nur von uns abhängig sein! Wie ganz anders würde es dann aussehen!“ + +Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfaßte sie mit ganzer Gewalt, sie +war betrübt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung, +Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttäuschter +Mutterliebe. + +Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der göttliche Funke warmer +Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte +selbst der Funke zu verlöschen. — + + * * * * * + +Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner +Vormittagsgeschäfte mit seiner Frau beim zweiten Frühstück saß, +erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich hätten hören lassen. + +„Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe. +Ich kenne Mama —“ entgegnete Grete. + +„Und Du willst hinaufgehen?“ + +„Nein, aber ich habe mir gedacht, daß ich, wenn sie heut mittag auf das +Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen +lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen.“ + +„Und wenn sie nicht kommen?“ + +„Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben müssen. Ich habe +ja nur erreichen wollen, daß Mama sich nicht ferner in meine +Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles — verlasse Dich darauf — eine +längere Weile nach Wunsch gehen.“ + +Bei den letzten Worten glitt ein Lächeln über Gretes Gesicht. Es +belehrte Tankred, daß seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht +so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttäuschte ihn +zunächst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen +mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges +zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Möglichkeit anzueignen, so +nahm auch er einen leichten Ton an und sagte: + +„Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als +ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist +es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei +nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Übrigens +hast Du gehört? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg +kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet +gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder für eine ganz +überflüssige Sache so viel Geld auszugeben!“ + +„Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fußkalt, daß er es nicht +aushalten könne,“ schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab, +war überhaupt zurückhaltender über „die oben“ als gestern. + +„Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedürfnis. Hypochondrische Leute, +die nichts zu thun haben, kommen auf tausend überflüssige Geschichten. +Da fällt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und +Theonie zu werden. Frau von Bülow behauptete, sie seien sogar schon +verlobt. Wir müssen Hederich fragen. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob +der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er +wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen +hocken, um über uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein +richtiges Verhältnis, Grete. Sie intriguieren fortwährend gegen uns, und +der alte Schwäger trägt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach +Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wäre es +allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht +vom Übel, wenn die Eltern fort zögen. Streckwitz's Besitz könnten sie ja +pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein.“ + +Tankred hatte bei den letzten Sätzen, die ihm durch die Gelegenheit +aufgedrängt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder +ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer +Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran +gewöhnen. + +Daß sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefaßt hatte, ergab +sich jetzt. + +„Mama würde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort müßte, +Tankred. Ich muß gestehen, daß auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren +würde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas +vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen +wir vorläufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann — und dann —“ die +Frau errötete leicht — „wenn ich demnächst in der Krankenstube liege, +würde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden —“ + +Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwärterin beim Wochenbett +fortsenden, hieß nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter +als er! Sie war außerordentlich umsichtig und behielt stets ihren +Vorteil im Auge! + +Während dem Manne solche Gedanken über seine Frau aufstiegen, ward +geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen. + +Das Gespräch ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschäften +nach. + +Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor. +Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in +seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und +als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrückt, um die Erlaubnis +gebeten, sie ihr verehren zu dürfen. Er suche, wie er bei der +Überreichung hervorhob, nach einem Anlaß, sich ein wenig für die vielen +Liebenswürdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof +empfangen habe. Sie möge ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe +überreichen zu dürfen. + +Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die +sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen: + +„Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, daß Sie wieder eine Zeitlang +auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz, +und wann dürfen wir Sie zurückerwarten?“ + +„Nein —“ entgegnete Streckwitz. „Der Verkauf von Klementinenhof hat sich +zerschlagen; für den Fall der Veräußerung hätte ich mich ja zunächst +anderweitig einrichten müssen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich +bleibe nun aber den Winter über hier und will meine Bemühungen um einen +Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen.“ + +„Immer wieder wundere ich mich,“ wandte Theonie ein, „daß Sie bei Ihren +vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen +hier in der Einsamkeit?“ + +„Lieben Sie nicht auch das Land, gnädige Frau? Schätzen Sie nicht auch +die reine Luft, die einfachen, natürlichen Verhältnisse, den +unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit? +Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich +beschäftigt, überall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die +Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und +die Beschäftigung mit Stall, Acker und Vieh hat für mich etwas +außerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Städter nicht, ich +bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwährenden Bewegung, sie +müssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu +einem rechten, ruhigen Lebensgenuß vermögen sie nicht zu gelangen. +Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jährlich in die Berge, +ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch +heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust +und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein.“ + +„Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu +erwerben?“ knüpfte Theonie, die durch stumme Gebärden Streckwitz +beigepflichtet hatte, an. „Hederich sprach jüngst von Wankendorf. Aber +es liegt sehr nördlich, und der Preis soll hoch sein.“ + +Streckwitz schüttelte den Kopf. „Ich möchte am liebsten etwas hier in +der nächsten Umgebung finden. Ich möchte auch Ihnen“ — Streckwitz legte +einen nicht mißzuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte — „nahe +bleiben, gnädige Frau.“ + +Theonie errötete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mädchenhaftes +Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Männer zu +ermuntern. + +Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und +herflatterten, und suchte so dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. +Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich über Theonies Gefühle für +ihn Klarheit zu verschaffen. + +Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, daß +er nicht gestört werde, sagte er: + +„Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß ich mich hier, +wie Sie sich ausdrückten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe +ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnädige Frau. Durch Ihre Hand ist +zwar Falsterhof gelichtet und hat den früheren düstern Eindruck +verloren, aber grade für eine junge Frau — da für Ihr Geschlecht so enge +Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen +können, — scheint es mir hier recht einförmig. Haben Sie denn kein +Verlangen nach der Stadt?“ + +„Nein, keins! Ich könnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach +dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mußte, war ich sehr +unglücklich.“ + +„Sie mußten?“ + +„Ja — oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rückkehr +festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich +erfaßt hatte, abzustreifen.“ + +„Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich +recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jüngst auf +Holzwerder und habe höchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen +wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute.“ + +Theonie betätigte letzteres durch eine Bewegung, über Tankred aber +äußerte sie sich nicht. + +Diese stete, taktvolle Zurückhaltung war's aber eben gerade, die +Streckwitz, der das wenig günstige Urteil der Menge über Tankred kannte, +zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war +tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das +Bestreben, sich geltend zu machen, und besaß neben einem edlen +Selbstgefühl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem +Wesen. Da das Gespräch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen +liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer +direkten Anknüpfung, und plötzlich kam ihm ein Gedanke. + +„Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnädige +Frau,“ hub er nach geschicktem Übergang an. „Ich habe die Absicht, +allernächstens ein kleines Diner zu geben. Würden Sie und Fräulein Carin +wohl so liebenswürdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiß, daß ich +etwas erbitte, das ein wenig ungewöhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch +auf Ihre gütige Zusage, ja, ich darf sagen, daß ich das kleine Fest +vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen +zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen +fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist.“ + +Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton +gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht +aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, daß sie nicht gleich +Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den +ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpreßte. + +„Ich bitte, sprechen Sie — sagen Sie etwas —“ drängte Streckwitz, durch +die Ungewißheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner +Gefühle, „oder darf ich noch etwas hinzufügen, etwas von dem vielen, was +mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie, +liebste Frau Theonie? —“ wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und +Theonie näher trat. + +Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte +innerlich, und sein Atem ging rasch. + +Aber es war nur für Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit +einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lächelte sanft und +neigte ihre feine Gestalt zu ihm. + +„O komm, Du Liebe!“ flüsterte der Mann stürmisch und breitete seine Arme +aus. + +Durch ihren Körper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und +er hörte es aus ihrem Munde, als er nun glückberauscht sie fest und +fester an sich zog. + + * * * * * + +Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in +der Umgegend das Tagesgespräch. + +Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurücksetzung, Neid +und Mißgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen +für oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hieß es, sie paßten +vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte +Menschen, ein andermal dagegen, es könne nur ein Unglück daraus +entstehen, wenn zwei so selbstbewußte und absprechende Menschen sich +vereinigten. Und einmal paßte den Leuten Theonies Nase nicht, ein +andermal hielten sie sich über Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald +war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch +Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames +Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls — darin stimmten alle +überein — kam Geld zu Geld; für beide Teile war die Partie eine gute, und +mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war +nicht mehr als selbstverständlich. Ohne Nebengedanken stimmten +eigentlich nur Tressens und Höppners dieser Verbindung zu. Selbst in +Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spürchen Unbehaglichkeit. + +Hederich fürchtete, das Mädchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren. +Sie würde sich eine andere Stellung suchen müssen, und er sie nicht mehr +sehen; und Carin beschäftigte nicht minder der Gedanke, daß nun wohl +ihre Tage auf Falsterhof gezählt seien. + +Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mußte gleich etwas +thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte, +und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der +Verlobungsanzeige auf den Weg. + +„Sie müssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende +Amtsgeschäfte, sonst wäre er mitgekommen!“ erklärte sie nach ihrem aus +dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glückwunsch. +„Und gleich heute möchte ich von Ihnen hören, liebste Theonie, wann Sie +und Herr von Streckwitz uns beehren können. Wir möchten Ihnen ein recht +lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren +Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehört, wie die Dinge stehen? +Man erzählt sich, daß zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen +ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Übrigens, Ihr Vetter wird +nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie.“ + +So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluß und ward erst +unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen: + +„Sie meinen, liebe Pastorin?“ ins Wort fiel. + +„Nun, er wird natürlich fürchten, daß Sie jetzt an eine +Vermögensabtretung nicht mehr denken, daß er auf Falsterhof in Zukunft +keinerlei Aussicht hat.“ + +„Er irrt sich aber!“ entgegnete Theonie mit größter Ruhe. „Wenn er +während der Frist nichts thut, was ehrenrührig ist, und wenn er nicht +verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal +gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Daß mein Vetter +seinen Charakter nicht ändert, weiß ich, aber diese Forderung habe ich +auch nie an ihn gestellt.“ + +Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn +für Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort +waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr +verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses +sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, knüpfte sie +noch einmal an und sagte: + +„Ihre im übrigen sehr vorsichtig gefaßte und durchaus nicht bindende +Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um +Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein, +Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer +Handlungsweise, daß Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen +fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten +Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch näher, als +Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiß weigern, +die Hälfte von Falsterhof für nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn +wirklich würdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?“ + +„Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, daß Sie an einmal gegebenen Zusagen +rütteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?“ + +„Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund +darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermögenszuwachs +gönne.“ + +Und nun erzählte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete +sich dabei benommen, und daß er erklärt habe, höchstens hundert Thaler +zeichnen zu wollen. + +„Sehen Sie, das ist es!“ schloß sie. „Wenn Ihr Geld gute Früchte tragen +würde, auch andere Vorteil daraus ziehen könnten, wenn's nicht nur der +Gier dieses Geizhalses diente, dann würde ich gewiß keine Einsprache +erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie für +sich selbst die Möglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie +bisher Glück und Segen dadurch zu verbreiten. — Ja, ja, ich weiß sehr +wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein +Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen +sind die Namen derer nicht zu zählen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das +ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht, +viel zu haben. — Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein +gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und +nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am +Erwerben, der Sparsamkeitsdrang, — lasse ich gelten! Geld soll nur ein +Mittel zum Zweck sein, glücklich zu werden und andere glücklich zu +machen. Darin besteht jedes Vernünftigen Lebensaufgabe. — Wenn ich an +Ihrer Stelle wäre, würde ich Ihrem Vetter erklären, ich habe damals +verhüten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er +nicht, wie Sie jetzt sähen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und +Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Übrigens“ — brach die +Pastorin ab, da sie sah, daß ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht +hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden könnten, statt +nützen — „wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei +Ihnen?“ + +„Ich werde ihr nicht kündigen,“ erwiderte Theonie. „Wohin soll das arme, +verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen, +so ist es etwas anderes.“ + +„Auch das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich, Sie herrliches Menschenkind. +Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur +auf Ihren,“ schloß die Pastorin lebhaft und drückte der Freundin in +einem überströmenden Gefühl die Hand. — + +Während in solcher Weise die Pastorin Höppner, ihrem Unmut nachgebend, +in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in +Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon +wiederholt hatte er gefunden, daß es nicht nur weise sei, das Ungünstige +zu nützen, um Günstiges daraus zu ziehen, sondern daß dies bei +geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrönt wurde. + +Versteckte Pfade zum Glück lagen überall, aber man mußte Augen zum Sehen +haben. — + +In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau über Theonies +Verlobung stattfand, warf Grete ähnliche Zweifel hin, wie die Pastorin +sie geäußert hatte. + +„Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!“ begann sie und schnitt aus einem +großen Haufen weißer und bunter Leinwandstücke, die vor ihr lagen, eine +Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtücher machen wollte. „Herr von +Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig +zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Erörterungen oder gar zum +Prozeß wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon +jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine +Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer +selbst willen schon wollen wir es vermeiden.“ + +Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und +Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesäumtes Tuch glättend und in +genauer Anpassung auf ein Häufchen bereits fertig gewordener legend, zu +ihrem Manne empor. + +Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend: + +„Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt, +wo noch der Gedanke in Theonie kräftig ist, wo noch ihr Rechtsgefühl +nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir +nämlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar +nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige +Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie +hin und sage: Gieb mir einen größeren Teil, etwa zwei Drittel von dem +Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprüche verzichten. Thue +es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du +in die Ehe gehst. Ich glaube, ich würde reüssieren! Vielleicht könnten +wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?“ + +„Wie viel wird denn das ausmachen — ich meine an Kapital — ungefähr?“ warf +Grete forschend hin. + +„Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler. +Davon die Hälfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel +vierhunderttausend.“ + +„Ah —!“ machte Grete. „Aber,“ setzte sie gleich hinzu, „das ist doch ein +Unterschied von zweihunderttausend Mark.“ + +Sie schüttelte den Kopf. + +„Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Laß Dich nicht auf +Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut! +Sage ihr, sie solle fünfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch +noch hunderttausend.“ + +Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung. + +„Wir verfügen über eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das +geht nicht. Wenn sie nun überhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch +nicht. Ja, später klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?“ + +Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine +Fälschung dabei an den Tag kommen konnte. + +Und dann, während er noch nachdachte, kam's jäh wie ein Blitz über ihn, +daß es schon am besten wäre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gäbe, +wenn, wenn — auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des +Ganzen! + +Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und +heftig war ihr Angriff auf seine Seele, daß ihm die Kniee bebten, und in +dem Drange nach Ablösung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkürlich +ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich +schlossen. + +Grete erhob überrascht das Haupt. + +„Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?“ fragte sie betroffen. + +„Doch — doch. — Mich fröstelte nur ein wenig.“ Und dann: „Sag, Grete, wie +wär's, wenn Du mit Hederich sprächest, daß er Theonie sondierte? Dir +schlägt er nichts ab, im Gegenteil —“ + +Die Frau aber schüttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich +nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres sträubte sich dagegen, grade ihm +die Blößen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die +gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten. + +So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie +vorschiebend: + +„Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines +Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer +zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiß +auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren +Mund nie halten kann. Du mußt mit Theonie ohne Zeugen reden; sie +ist — das muß man ihr rühmend nachsagen — die personifizierte Diskretion.“ + +Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er +beschloß auch, gleich zu handeln und alle Künste aufzuwenden, um seinen +Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluß auf +Theonie gewonnen. Je länger er aber zögerte, um so ungünstiger wurden +seine Ansichten. + +Gleich nach Tisch ließ er sein Reitpferd satteln, hörte noch einmal +alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf +den Weg. + +Es war ein nebliger, aber ungewöhnlich milder Wintertag. Bald nach +Tankreds Fortreiten begann es vom düsteren Himmel herunter zu flocken, +und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem +Herabfallen in flüssiges Naß. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe +drangen tief in die schlüpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab +spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte +Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nässe, die seinen +ganzen Körper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte +Landschaft, die Bäume, Felder und Wiesen, er war nur beschäftigt mit +seinen Plänen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere +nur erst aus dem Hause gebracht hätte! Es stand fest in ihm, sobald +Grete ihrer Mutter Hülfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein +Ende machen. Aber während er sich ausmalte, daß sie wirklich von +Holzwerder Abschied nähmen, — er sah seinen Schwiegervater in den Wagen +steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor +sich —, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zügel gehalten, so +unglücklich, daß der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward. + +Das Tier aber mußte für seines Herrn Nachlässigkeit büßen; Tankred zog +dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schläge über den Rücken. Und +während der abergläubische Mann dahinsauste, überkam ihn die +Vorstellung, daß das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen +wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That! — So schloß er rasch einen +Kompromiß mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust. + +Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Höhe, und zu +seinen Füßen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem +Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie +eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel +inzwischen die Landschaft eingehüllt hatte. + +Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so +setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den +Hof erreicht hatte. + +„Die gnädige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?“ warf Tankred +hin, während Klaus das Tier abführte. + +Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank! + +Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mädchen, +welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene +hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem für ihre Arbeit +herangerückten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden. + +Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behüten eines Hausgegenstandes, +und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hälfte +Deines Vermögens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen +Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er +trat in das von der Abenddämmerung umhüllte Wohngemach. + +„Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen +Glückwunsch zu sagen,“ begann Tankred bei Theonies Eintritt. „Grete +schließt sich mir von Herzen an und bittet, Du mögest verzeihen, daß sie +nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkältung, die sie sich zugezogen, +und das schreckliche Wetter —“ + +Theonie machte eine liebenswürdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu +nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend: + +„Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?“ + +Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach: + +„So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im +Halbdunkel.“ + +Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's +dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch +über Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort +in seiner Angelegenheit: + +„Höre Theonie! Da wir nun einmal ungestört beisammen sitzen, möchte ich +Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiß, daß Du mich +nicht mißverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil +für Dich! Durch Deine Verlobung und demnächst stattfindende Heirat +verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezüglich Deines Vermögens. +Ich begreife das — begreife das vollkommen. Als Du mir damals die +schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch +einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich +nur durch Redensarten zu vertrösten, möchte ich Dir einen Vorschlag +unterbreiten, damit Du mit völlig klaren Verhältnissen in die Ehe gehst: +Entschließe Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde +Dich jetzt mit mir ab!“ + +Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dämmerung, um den Eindruck seiner +Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick +ab! + +Zu seiner Überraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu +seiner höchsten Enttäuschung auch sein Ansuchen äußerst kühl auf. + +Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton: + +„Zu meinem Bedauern muß ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fünf +Jahre müssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst, +die veränderten Verhältnisse meinen Entschluß beeinflussen, sondern die +Umstände für mich maßgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage +komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekürzt +werden —“ + +„Bitte, sage mir Theonie,“ fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all +seinen Himmeln gerissen, mit künstlicher Ruhe ein, „was soll ich denn +eigentlich erfüllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige! +Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem +Interesse, daß Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin +überzeugt, Dein Bräutigam wird anders über die Sache denken, als Du. +Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Überlegung ziehen, mit ihm +reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof +repräsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte, +zahle mir jetzt —“ + +Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem +„Entschuldige, bitte“ und hörte, was der nun doch mit einer brennenden +Lampe ins Zimmer tretende Frege „gehorsamst“ zu melden hatte. + +„Der Verwalter von Falsterhof läßt fragen, ob er morgen Vormittag zum +Vortrage kommen dürfe.“ + +„Ja, Frege, es paßt mir um elf Uhr!“ + +Nun schloß sich die Thür wieder. + +„Es nützt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich +wiederhole vorher Gesagtes,“ knüpfte Theonie mit der alten Ruhe an. +„Auch wenn Du fragst, was sich erfüllen soll, so kann ich Dir darauf nur +antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, daß alle +Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen +knüpfte. Ich erkläre Dir nochmals, daß die zwischen mir und Streckwitz +wahrscheinlich eintretende Gütergemeinschaft an dem Geist der Sache +nichts ändern wird. Nicht unser Geldvorteil soll maßgebend sein, sondern +Deine Würdigkeit.“ + +„Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen +Groschen auszuzahlen —“ stieß Tankred, kaum Herr seiner Erregung, +heraus. „Was heißt Würdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das +Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels für gutes +Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du +gestorben wärest, würde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um +eine bloße Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer +begründetes, natürliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder später +mit dem Gelde thun? Ich will es hüten und mehren, um meinem Nachkommen, +dem letzten männlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu +verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren +Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter +Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschädigt oder +geschändet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen? +Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen +Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That, +ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhältnis wenn Du Dich +jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stück Geld.“ + +„Ich will nicht sparen!“ entgegnete Theonie stolz. „Dir soll Dein Recht +werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und laß uns nun das peinliche +Gespräch schließen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit, +so werden mein Mann und ich prüfen und ohne Rücksicht auf unseren +Vorteil handeln.“ + +„Ich nehme den Fall, daß Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwürdig! +Meinst Du denn, ich müßte mich ohne weiteres darein finden? + +„Ich brauche doch keine Gründe für eine Weigerung anzugeben, also hast +Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!“ + +„Ah! so faßt Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge +stehen! Nur eins hätte ich nicht gedacht: daß Du Dich hinter Worten +verschanzen würdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet.“ + +„Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner +Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's +nicht so kommt, machst Du andere dafür verantwortlich, daß Du Dich +Illusionen hingegeben hast.“ + +„Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch für welche?“ +Höhnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines +Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur +ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Höhe, stellte sich vor +sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu: + +„Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weißt, daß ich nicht mit mir +spaßen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben — oder das Gegenteil! Wenn +Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprüche +verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die +mündlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld führen, nachweisen, daß +ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefügt habe, und auf sofortige +Erfüllung meiner Ansprüche klagen. Ich kann schwören, daß sie mir +versprach, mich zum Miterben einzusetzen.“ + +„Du lügst,“ rief Theonie, von Empörung und Ekel fortgerissen. „Du lügst +und fügst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas +versprochen hätte, würde es auch von uns gehalten worden sein. O, +verächtlich bist Du mir; so verächtlich, daß ich nichts in der Welt so +verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrückte ich, ich wollte sie nicht +Herr über mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen +Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir wäre geworden, was +Du wünschest, wenn Du geblieben wärest, was Du seit Deiner Heirat warst. +Aber diese Drohungen und diese Lüge reißen alles wieder in mir auf. Ich +fühle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick flüchtete. Aber keine +Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der +Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem +Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen, +jedes anderen Rechte mißachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren +Glückes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets +vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Haß, durch deren +Befürwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich, +Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst. +Ich zerreiße noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, daß ich +wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel +verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun +ließest.“ + +Der Mann hörte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine +Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, daß +sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut über sich +selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie würde ihr Wort gehalten haben, wenn +nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen wäre? Er hätte sich selbst +züchtigen mögen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn +gar keine Möglichkeit mehr gäbe, das Geschehene ungeschehen zu machen. +Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht +in ihm. + +Er sank stöhnend auf seinen Stuhl zurück, bedeckte sein Angesicht mit +den Händen und verharrte wie ein Zerschlagener. + +Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten +hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, daß sie ihm vergeben möge. +Er habe sich abermals vom Zorn hinreißen lassen, er wisse dann nicht, +was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der +Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angeführten Sinne wahr, +wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das +beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine +Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kämpfen. Sie sei ja +ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Güte und möge, gleichviel was sie +beschlossen, ihm verzeihen. „Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei +wieder die alte. Und mit meinen Vorschlägen meinte ich es ja wirklich +gut. Es ist doch verständig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst +Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal,“ schloß er, „vergiß +alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief.“ + +Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empörung wiederholt hatte +unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr +wußte, daß er durch sein Komödienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder +zu retten versuchen wolle, riß sich, als er zuletzt ihre Kleider +umfaßte, von ihm los, warf den Kopf zurück und rief, mit ausgestreckten +Händen ihn abwehrend: + +„O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der +Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn +ich überdenke, was ich je hörte oder las über die Schlechtigkeit +menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein +solches Bild. Lüge, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz +begegnen sich, sie alle reichen sich die Hände in Dir. Deine Seele ist +keiner vornehmen Regung fähig, sie ist niederträchtig und schmutzig; wo +anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und +Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, daß nur die +Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu fördern. Und ich +glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese +Wiederholung — Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter, +Du spielst eben eine über alle maßen ekelhafte Komödie — hat alles für +immer in mir getötet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen +uns für alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen +hoffen, daß diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein +schwerer Irrtum zu glauben, man könne in der Welt Niederträchtigkeit an +die Stelle von Tugend setzen. Auch für Dich werden Stunden kommen, wo Du +nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja, +fletsche nur die Zähne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen +Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn +Du nicht bald und völlig umkehrst!“ — + +Nach diesen Worten verließ Theonie, den zu wiederholten malen wie ein +Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend, +das Zimmer. + +Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zurücknahm, beschäftigte ihn die +eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die +Möglichkeit, daß Theonie sterben, und daß er dadurch dermaleinst noch in +den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurück. Aber sie konnte ja +steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles +denkbar!? — — + +Und was sollte er Grete berichten? Daß ein unheilbares Zerwürfnis +zwischen ihm und Theonie eingetreten sei? + +Wodurch? Sie würde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung! — Nein! Das +brachte er so nicht über die Lippen. Er mußte sie täuschen, sie +vorläufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch +einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demütigte, wenn auch Hederichs +Einfluß zu Hülfe genommen ward, ließ sich doch vielleicht noch alles zum +guten lenken, noch ein Vergleich schließen. + +Dieser Gedanke belebte vorübergehend wieder die Seele des Mannes, er +setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener +Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehüllt, saß +darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den +Gedanken ein, die Vermittlung des Bräutigams Theonies anzurufen. + +Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor +Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen +neun Uhr Holzwerder. + +Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie +nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint. + +„Nun? Was ist? Du erschreckst mich,“ stieß Tankred heraus. „Sprich, was +hat sich ereignet?“ + +Aber sie sagte nichts, sie ließ den Kopf sinken, und Thränen schossen +aus ihren Augen. + +„Ist wieder etwas mit denen oben?“ drängte Tankred. „Hat's eine Szene +gegeben?“ + +Nun hub sie schluchzend an: + +„Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem +furchtbar erregten Auftritt erklärt, daß sie beide Holzwerder verlassen +und nach Elsterhausen ziehen wollen.“ + +„Und die Veranlassung?“ fragte Tankred gespannt. + +Nun erschien der Diener Peter und meldete, daß das Abendessen +aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespräch der Eheleute zeitweilig +unterbrochen. + +„Beruhige Dich! — beruhige Dich!“ tröstete Brecken nach des Dieners +Fortgang seine Frau, faßte sie leicht um die Schultern und zog die +kopfschüttelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. „Es wird nichts +so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von +selbst wieder gut Wetter machen.“ + +„Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!“ entgegnete Grete rauh, sich gleichsam +trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach +sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen +ihre Mutter: „Du hättest nur hören sollen, was sie alles vorbrachte. Da +verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: ‚So geht doch, wenn +es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.‘ Das +schlug dem Faß den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt: +Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fühlten sie beide, wie lästig sie +uns seien: von Liebe, Rücksicht, Pietät sei nicht die Rede. Wir fänden +uns mit der Thatsache, daß sie auf der Welt seien, notgedrungen ab. — Am +Ende, es ist doch meine Mutter,“ schloß Grete abermals schluchzend und +schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich. + +„Aber was war es denn? Was hat Euch denn so maßlos aufgeregt?“ forschte +Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als +die Lästigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl +seiner Frau bedrückte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn +hervortretende Reizbarkeit. + +„Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gänsesauer sei +heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach +gefühlt. Soweit dürfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, daß ich +Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Küche gefragt, und +die Köchin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, daß die Kruke +schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie +mir dann wieder eine Rede über unsere, namentlich Deine Sparsamkeit +hielt, die schon sprichwörtlich geworden sei, verließ mich bereits die +Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen +und — und —“ + +„Nun?“ + +„Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich +einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach +Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen! +Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an +deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir +dann weniger beschämt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit +die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, daß bei +jeder Zahlung etwas fehlt, und daß er es auch nachträglich zu +berichtigen vergißt. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder +zwölf Mark gewesen. Das müsse bei einem korrekten Mann doch nicht +vorkommen. Ich sollte Dir natürlich von alledem nichts sagen, aber, +aber — jetzt muß es doch heraus —“ schloß Grete immer in demselben +Gemisch von Ärger über ihre Mutter und von halber Parteinahme für sie. + +„Und ganz ohne jeglichen Anlaß von Deiner Seite kamen alle diese +Invektiven zum Vorschein?“ + +„Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von +ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer für +hundertfünfzig Mark angeschafft, während sie schon die beiden +Prachtbauer besitzen. Darüber äußerte ich mich, und dann antwortete +Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es +wären. Und wir thäten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwürfen, +und erlaubten uns Bemerkungen über jegliches, was von ihnen ausginge. +Sie hätten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die +Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu +lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und +sich von mir Lehren zu holen!“ — + +Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stürmisch und erregt +herausgestoßen. Nun übermannte sie wieder ihre Bedrückung, und weinend +und schluchzend hielt sie inne. + +Tankred aber, obschon er zuhörte und auch den Sinn der Worte in sich +aufnahm, war schon längst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken +gingen, nachdem er gesehen, daß es sich nicht um einen besonderen +Streitgrund handelte, allein zu den Vorfällen in Falsterhof zurück. Er +konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch +von dem alten Thema ab und sagte: + +„Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's +wahrlich auch kein Unglück! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer, +weit schlimmerer Natur!“ + +Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte +Antlitz. + +Tankred berichtete sodann ausführlich über die stattgehabte Unterredung +und erzählte, daß Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und +eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Äußerung als Anlaß genommen +habe, um ihm in sehr wenig rücksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach +heftigem Streit und trotz seiner versöhnenden Worte habe sie die +Erklärung abgegeben, sie wolle ihm überhaupt nichts abtreten. Offenbar +suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr +gegebene Versprechen zurückzunehmen, und habe jetzt gleich die +Gelegenheit dazu ergriffen. + +Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie +war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt, +aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon während +seiner Erzählung an den Tag, daß sie weniger Theonie als ihm selbst die +Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob. + +Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes, +einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren, +halb vorwurfsvollen, halb mißtrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in +eine so gereizte Stimmung, daß er an sich halten mußte, um ihr nicht in +brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite +zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, daß er vielleicht die +Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hülfe. Das +schien von Wirkung zu sein. + +Grete überlegte; dann sagte sie: „Laß einmal sehen, was sie Dir damals +geschrieben hat. Es wäre ja möglich, daß man die Sache wieder ins Gleis +bringen könnte.“ + +Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er +unschlüssig, welches von den beiden Aktenstücken ihr einzuhändigen wäre, +das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung, +in die er dadurch geraten, daß Grete wieder eins mit ihm zu sein schien, +den Sieg über seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das +Falsifikat hervor und überreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch, +legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, daß +noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred +auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren +und mit Theonie zu sprechen, während er mit Streckwitz reden wollte. + +Nicht in der früheren, deutlich hervortretenden Übereinstimmung mit ihm, +aber, wie es schien, doch ruhiger und versöhnlicher als beim Eingang des +Gespräches, hörte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen +Mitternacht begaben sich beide — Grete unter einem schwermütigen „Gute +Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich +alles so trübe aus! —“ zur Ruhe. + +Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Frühstück wieder zusammen +saßen, erklärte aber Grete dennoch zu Tankreds äußerstem Verdruß, daß +sie bei nochmaliger Überlegung zu dem Entschluß gelangt sei, von einem +Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese +Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es +passe nicht für sie, ihr Gefühl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern +habe er drüben erklärt, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie +kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck +hervorrufen. Er müsse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie +habe, wenn es mit den Eltern nicht so stände, wohl Neigung, mit ihrer +Mutter die Sache zu besprechen, überhaupt wäre letztere geeigneter als +sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon könne keine Rede sein, +es sei ja alles mit den Eltern aus. — + +Tankred wollte anfänglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre +Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwähnung that, blitzte +es in ihm auf. + +Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen ließ, +auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war +im Grunde richtig: für Grete paßte es nicht; den Gedanken hatte Furcht +und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte: + +„Weißt Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich +handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen, +ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen könne. Ich äußere erst +mein Bedauern, daß gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und +lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir müssen alle Minen +springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und +Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir +müssen ihn und sie vorher abfangen.“ + +Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau +von Tressen ließe sagen, sie sei nicht wohl, sie müsse bedauern, heute +niemanden sehen zu können. + +Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen +jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und +sagte: + +„Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist. +Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache +über den Kopf.“ + +Grete äußerte kein Nein und kein Ja. + +„Versuch's!“ warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser +einen Angelegenheit beschäftigt, übersah ihr Wesen, schob es auf die mit +ihrem körperlichen Zustand zusammenhängende Unberechenbarkeit der +Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf. + +Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Frühstück erhoben, +als die Thür mit einem schmeichelnden „Guten Morgen, Mama! Guten Morgen, +Papa!“ von Tankred geöffnet ward. + +„Entschuldigt, daß ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam +nicht zurück! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile,“ fuhr er +kriechend fort. + +Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklärte er, +daß Grete sehr bedrückt sei, und daß der gestrige Zwist hoffentlich +der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu +geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rückte er mit der +Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausführlich und bat seine +Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie über eine Abfindung zu +verhandeln. + +Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen +pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, daß Frau von Tressen auf seine +Bitte eingehen werde. Er war daher aufs höchste betroffen und nicht +minder geärgert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schüttelte +und sagte: + +„Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir +durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei +der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefaßt werden, +und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von +deinem Schritt erzählte, gleich gedacht, daß das nichts werden würde. +Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschäft, bei dem es ihr von +Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere +Gesichtspunkte. In dem Schriftstück hat sie fünf Jahre ausbedungen und +würde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht +genommenen Vergünstigung würdig gezeigt hättest. Hat sie jetzt schon +nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluß, wie es ihre +ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde +ich nichts ändern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie +gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten +Anlaß haben. Begnügt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch +dessen, laßt jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach +Fremdem. Das ist mein Rat. Daß es uns natürlich angenehm gewesen wäre, +daß es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, daß auch +Du etwas in die Ehe bringen würdest, brauche ich nicht hervorzuheben. +Aber es ist überhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben, +daß es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren +Augen wenigstens nicht. Das schöne Glück, das wir erträumt haben, ist +dahin, und unser Entschluß, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es +ist ja sehr schön, daß Ihr das bedauert, es scheint mir auch natürlich, +aber es ändert nichts an der Einsicht, daß ein Zusammenleben zwischen +uns unmöglich ist! — So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und +nun lasse uns aus dem Spiel.“ + +„Nun, wie Du willst,“ entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen +Worten zugehört hatte, und in dem trotz aller höchst unliebsamen +Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche +Klugheit und Besonnenheit überwogen. „Ihr werdet es aber noch bereuen, +und ein für allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du +fortwährend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig +Geschmack. Sie eignen sich mehr für Schulkinder als für uns.“ + +Nach diesen Worten verließ er mit einer impertinenten Miene das Zimmer. + +„Nein, es ist nichts!“ rief er, als er zurückkehrte, und Grete fragend +und in sichtbar großer Erregung das Haupt erhob. „Und Du hast recht, es +ist überhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann +lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil! +Gott sei Dank, daß die Quälerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns +selbst genug, meine Grete?“ schloß er schmeichelnd und werbend und +umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie +aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen, +seinen Zärtlichkeiten, stieß ein rauhes: „Nein, nein, laß, ich mag jetzt +nicht!“ heraus und verließ das Gemach. + +Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterließ es doch. +Er würde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing +mit ihrem gegenwärtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs +Einflüsse, dem er aber jetzt kündigen wollte, und die Lamentationen von +denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht +beeinflußte überdies die Enttäuschung Grete, aber die würde bald wieder +einem anderen Gefühl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken +war wieder voll bester Hoffnungen. + + * * * * * + +Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich. +Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus führte, fragte +Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat, +deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz +abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach. + +Hederich stand, den Rücken der Thür zugewendet, über eine Kiste gebückt, +in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin +vermutend, und ohne sich umzuwenden. + +„Was ist — was ist? — Drum und dran — jetzt habe ich keine Zeit. — Wie? +Was? — Ah, ah — Sie, liebe Frau von Brecken? — Verzeihen Sie! Bitte, +nehmen Sie Platz. — Nein, es ist gar nichts. Es war nur — drum und dran +— Hier, hier sitzen Sie bequemer. — Ja, ich will gleich sagen, daß ich +nicht zu Hause bin, daß wir ganz ungestört bleiben.“ + +Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurück und nahm neben +Grete, die mit trüber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte, +Platz. + +„Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Böses?“ begann Hederich, +sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll +Teilnahme anblickend. + +Aber statt zu antworten, legte Grete plötzlich die Hände vor das +Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust. + +„Es ist aus, alles aus, Hederich,“ stieß sie, nachdem er zärtlich, wie +man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. „Ich bin +traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich — Mama und +Papa wollen unabänderlich fort. Und noch anderes: Ich fühle — o +Hederich! — es ist schrecklich — entsetzlich —, allmählich eine nicht zu +erklärende Abneigung gegen Brecken. — Und doch vielleicht sehr +erklärbar,“ fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. „Er ist +nicht gut, ich seh's, — er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich +gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rücksichtslos war, +aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen +Sie, Hederich, ich möchte wieder von ihm. Ich möchte meine Freiheit +zurück haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht über ihn +ausgesprochen, und ich jetzt sehe und höre, wie sie alle über ihn +denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesänderung bestärkt, alles +betätigt. Ich fühle, daß sein Einfluß auf mich nicht gut war, daß er +meine Fehler, meine Engherzigkeit förderte, daß er es gewesen, der mich +den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas +ganz Selbstverständliches ansehen ließ. Er bringt uns überhaupt mit +aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurück — ich +merke es wohl —, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir +erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht +uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben +jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun +auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie überworfen!“ + +„Wie? Mit Frau Cromwell auch?“ stieß Hederich, dem alles andere von +Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr +früher oder später hatte kommen sehen, auf den das Zerwürfnis mit +Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus. + +Und nun sagte sie ihm alles, was sie wußte, und wie sie trotz Tankreds +Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloß: +„Er hat's natürlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er +wünschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn +spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf. +Ach — ach — Hederich — ich weiß nicht, was werden soll. Hat mich Mama so +beeinflußt? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darüber +klar, daß ich nicht glücklich bin und mit Brecken nicht leben kann. + +Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken, +Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflußt mich durchaus nicht. +Ich schwöre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich +bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine +Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurückzugewinnen, mir die Achtung +anderer zurückzuerwerben, mich mit Mama auszusöhnen und meine Seelenruhe +wieder zu erlangen. O, ich möchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von +ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu +rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun +helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab? +Ich muß wieder frei sein!“ + +Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte +wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt +und sagte: + +„Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine +schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie +wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig, +und wenn er Sie wirklich läßt — passen Sie auf — dann verlangt er +womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum +einen Bettel hin. Ich sag's — drum und dran — offen, wie ich's mein. Und +erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm +geschlossen?“ + +„Ja — a —, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof +als sicher in Aussicht stellte. — Bitte vergessen Sie doch nicht, +Hederich,“ schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes +Kopfschütteln begegnete, „welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur +die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß +wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen, +als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich +hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich. +Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin +ein Weib und habe Fleisch und Blut —“ + +Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie +als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein +Vorgespräch darüber stattgefunden: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß +wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich. +Nun ja denn — ich will's versuchen, so lange es geht,“ schloß sie, dumpf +resigniert. „Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen +bleiben, ‚er‘ mag sich von uns separieren.“ + +Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch +eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab +auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so +plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei. + +„Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß +aufgerafft,“ entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton. +„Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen +Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte, +daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere, +statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte +zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast +ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen, +brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor +dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte. +Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich +konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und +sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles +berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und +meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein +Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn.“ + +Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und +überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es +herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort +haben solle. + +„Von Falsterhof? Von Theonie?“ Grete erbrach den Brief mit fieberhafter +Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie +mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen, +ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie +vernichtet in den Sessel zurück. + + * * * * * + +Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in +Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte, +zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er +das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem +in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu +reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für +seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen +erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte +sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über +die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme, +Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit +zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend +etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so +sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit +direkt oder indirekt für sich zu wirken. + +Frau Höppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des +Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzählte ihm +sogleich sehr besorgt, daß ihr Mann wieder einmal das Bett hüten müsse. +Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Während +sie ihr Gespräch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten, +schon deshalb, weil Tankred sah, daß die Gelegenheit, über seine Sache +zu reden, durchaus keine günstige war, meldete die Magd den Doktor, der +sogleich ins Zimmer trat und berichtete, daß er bereits bei dem nachts +vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei. + +Tankred stellte sich völlig unwissend und bat den Arzt, Näheres +mitzuteilen. + +Es könne eine sehr langwierige Sache werden, äußerte der Doktor Ernst, +ein etwas kurz und bündig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit +vielfach angegriffener, aber ungewöhnlich zuverlässiger Mann. Es seien +leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe +in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt. + +Die Pastorin hörte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid +für Theonie. + +Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am +Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklärte sie. + +Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich +bei diesen Worten aber noch einmal zurück und sagte: „Es wäre allerdings +sehr wünschenswert, daß Frau Cromwell zuverlässige Mitteilung in +schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorläufig nur +sagen lassen, daß er heute verhindert sei, sie zu besuchen.“ + +„So, so!“ stieß die Pastorin lebhaft heraus. „Ja, dann muß ich doch +wohl sehen, ob ich nicht — Aber halt! Würden Sie es nicht vielleicht +übernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?“ + +Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als +einziger Verwandter grade die richtige Persönlichkeit. Der Doktor +stimmte auch zu und sah, bereits in der Thür gehend, Tankred ermunternd +an. + +„Ja natürlich — gewiß — ich werde alles besorgen!“ gab Tankred, dem +plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, bereitwillig zurück. „Und +was meinen Sie, Herr Doktor, wäre es wünschenswert, daß meine Kousine +etwa zur Pflege hinüberkäme?“ + +„Nein — ich denke — wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine würde, +abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt +werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, daß etwas Erkältung und Fieber +vorhanden sei. Sie werde täglich Nachricht erhalten.“ — + +Wenige Minuten später hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred +war schon wieder auf dem zum Wirtshaus. + +Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt +schaffen wollte! dachte er, während er dahinschritt. Dann, dann konnte +alles noch gut werden! In ihrem Schmerz würde Theonie wieder weicher, +nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt. +Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil +nützen! + +Im Krug angekommen, ließ er sich Papier und Tinte geben und schrieb: + + ‚Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufällig bei Höppners war und dort + den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, daß Dein + Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen + zu können, daß Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann + Dich Dein Bräutigam in den nächsten Tagen nicht. Ich wähle diese Form + der Mitteilung, da ich persönlich ja nicht vor Dir erscheinen darf. + Ist es denn wirklich wahr, daß jedes Band zwischen uns zerrissen ist? + Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche + Natur stets nachher tief bereuenden + + T. v. Brecken?‘ + +So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an +sich, bestieg sein Pferd und ließ es, als er nach einem Stündchen das +Verwalterhaus von Falsterhof berührte, von dort aus Theonie hintragen. + +Nach einigen Umwegen über den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag +wieder nach Hause zurück und berichtete seiner ihm abermals mit einem +eigentümlich stillen und verschlossenen Wesen gegenübertretenden Frau, +weshalb er unverrichteter Sache zurückkehre. + +„Die Zeit muß es klären, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine +Hoffnung weniger!“ stieß sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und +bückte sich über ihre Handarbeit. + +„Was sagst Du? Du bist so sonderbar!“ forschte Tankred mit einem Anflug +von Ungeduld. Ihn ärgerte ihr Wesen. „War Mama unten?“ + +„Nein!“ + +„Sprachst Du niemanden?“ + +„Ich verstehe Dich nicht —“ + +Tankred fühlte, daß seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie +eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren +Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie. + +„Hederich war hier! Er sagte es mir doch —“ setzte er, seine +Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an. + +Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an. + +„Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du +das.“ + +„Oft thue ich das? Was soll das heißen? Was hast Du überhaupt? Du bist +so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflußt? Sprich!“ + +„Ach Tankred —“ ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe, +schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das +Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer +plötzlichen, unerklärlichen Unruhe vermischter Gefühlsdrang mahnte den +Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zärtlich und versöhnend auf +sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu +zügeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuß und wiederholte +ungeduldig, drohend und gebieterisch: + +„Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich +aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben +intriguiert? — Nun? Wirst Du antworten?“ + +Aber unwillkürlich trat Tankred zurück. Statt sich zu fügen, richtete +Grete plötzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine +Gestalt musternd, rief sie: + +„Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse +nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke +es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal. — A — h —“ stieß die Frau +langgezogen heraus und fiel in einen Sessel „Wie grenzenlos traurig +starrt mich das Leben an!“ + +Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so +unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte, +so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn +gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern +grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar +war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst, +Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur +Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und +ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu +sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch +die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm +vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre, +und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben +nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens, +das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt. + +Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei +Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie +eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin. + +Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe +zusammenfassenden Weise heraus: + +„Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That +überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!“ + +Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte +sie hinzu: + +„Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür +geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint +mehr, als daß es lacht — es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von +uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die +Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und +wer verschuldet das alles?“ + +„Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?“ + +Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er +war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde +erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr +keine Furcht ein. + +„Gleichviel — es ist so — und ich muß es tragen,“ — stieß sie mit finsterm +Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf +die Hand. + +Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos. + +„Ja, ja, Du mußt es tragen!“ betonte er roh und höhnisch. „Und das +Bündnis mit mir bereust Du jetzt natürlich, seitdem die Aussichten auf +Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kälte. +Jetzt bin ich Dir nichts mehr! — Natürlich, natürlich, Du kalte, +berechnende Natur!“ + +„O Du —!“ stieß die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den +Mann mit einem Ausdruck maßloser, mit Ekel und Weh vermischter +Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was +sie noch in ihrem Herzen für ihn fühlte. Und er wußte auch jetzt durch +ihren Blick, daß er sie verloren, daß sie ihn erkannt hatte als das, was +er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die +Personen, die Mißtrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu +solcher Flamme, sollten büßen. Zunächst jedoch noch einem anderen +Gedanken folgend, sagte er und drängte seinen Blick in ihre Augen: + +„Übrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als völlig nebensächlich +zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du +mich denn je geliebt?“ + +„Wozu — das —?“ + +„Gleichviel — sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle +ja nicht!“ + +„Ich glaubte Dich zu lieben, ja! —“ + +„Und nun liebst Du mich nicht mehr?“ + +„Nein!“ + +Sie sprach's mit grausamer Kälte. + +„Nein?“ + +Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes +Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern +bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich +dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn, +Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung +wirbelten in Tankreds Innerem zusammen. + +„Nein?“ wiederholte er. „Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir +Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren +trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun, +was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?“ + +„Besser, Du hättest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es +ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wärme, aber ich +mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres +enthüllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in +dieser Stunde geschehen, lötet doch kein Künstler wieder zusammen, und +hätte er eines Gottes Hand. Hier!“ fuhr sie fort, knöpfte ihr Mieder auf +und zog Papiere hervor. „Lies diese mir heute morgen von Theonie +zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage. +Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann +wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun höre und wisse: Als +ich mich entschloß, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler, +aber in ihnen zugleich Zeichen kräftiger Männlichkeit, die ich um so +höher schätzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermißt hatte! Sie +respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefühl, das ich +selbst für Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt, +sondern Ekel vor Dir. Gewiß, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig +Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt +meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie +schlecht. Ich hasse die Lüge, die Unehrlichkeit, die Maske, die +Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch +diesen einen Blick in Deinen Charakter plötzlich die Binde von meinen +Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt +habe? Hattest Du denn je für mich ein ehrliches Gefühl? Nein, Du hattest +nur Gefühl und Sinn für mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu +dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung über +mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O — welche Meinung! Ich bin +so beschämt, so bedrückt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern, +daß der Tod mir eine Erlösung wäre. Nach reiner Luft schreie ich; wie +verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphäre! Droben meine Mutter in +Thränen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu — selbst +Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst +bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir +fördernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei +ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, daß ich so +weit sank, daß mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und +Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand +gesagt hätte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer hätte +die Nachricht auf mich wirken können, als der Beweis, daß Du ein +Fälscher bist.“ — — + +Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann +regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zähne zusammenbissen, +ging unruhig hin und her. + +Dann aber raffte er sich auf, warf höhnisch den Kopf zurück und griff +nach Theonies Schreiben. Es lautete: + + ‚Sehr geehrte Frau von Brecken! + + Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, daß eine + Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat. + Ich habe sie nicht herbeigeführt, sondern er, und wenn er sich meiner + höflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich + die Erbangelegenheit zu ordnen, gefügt hätte, wenn er nicht abermals + Schuld auf Schuld gehäuft und an den Tag gelegt hätte, daß seine + Wandlung nur eine rein äußerliche geblieben, würde ich sicher das + Eventualversprechen später in ein definitives verwandelt haben. Er + aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses + verbieten mußte, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine + in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm + Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und + Verwandter, dem etwas zu gewähren ist, sondern wie einer, der etwas zu + fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will. + + Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklärte, daß er + durch sein empörendes Verhalten ein für allemal jeden Anspruch + verwirkt habe, spielte er eine widerwärtige Komödie und schob, statt + seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein + heißes Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhärtete + völlig meinen Entschluß, das Tuch zwischen uns zu zerreißen. + + Ich füge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein + inständiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren. + Aber ich will überdies, daß Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich + nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat, bedarf es zur richtigen + Schätzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen. + + Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluß unabänderlich, so + unabänderlich ist, daß ich bereits eine anderweitige unumstoßbare + Verfügung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklärung zur + Verfügung. + + Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen + werden, ich bitte, nicht allzu strenge über mich. Ich vermochte nicht + anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter + trägt die Schuld an diesem Ergebnis. + + Die Ihrige + + Theonie Cromwell geb. von Brecken.‘ — + +Zunächst begab sich Grete nach dem völligen Bruch mit ihrem Manne auf +ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen +Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich überhaupt auf der +Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die +Erde, alle Geschöpfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall +entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles +geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der +einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen +auch müßig war, deren Unlösbarkeit aber die Qual und den Lebensüberdruß, +der Grete erfaßt hatte, erhöhten. Und doch gingen allmählich ihre +Gedanken wieder zurück auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie +sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gänzlichen +Öde ihres Innern trat — wie umgekehrt dem Glücksrausch die Ernüchterung +zu folgen pflegt — ein Gefühl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit +der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemächtigte sich ihrer. + +War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so völlig zu +verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein! +Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, daß ihr Herz spröder +als dasjenige anderer war, daß ihr Ich sich vordrängte, sondern die +Harmonie ihres Innern zurück zu gewinnen, glücklich zu sein, darauf kam +es an! Und um glücklich zu sein, mußte man andere glücklich machen, das +hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwürfnis mit ihrer Mutter, +deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war +verderblicher, als vor dem Unglück den Nacken zu beugen. + +Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedächtnis +eingeprägt hatte: + + Feiger Gedanken + Bängliches Schwanken, + Ängstliches Zagen, + Weibisches Klagen + Wendet kein Elend, macht dich nicht frei. + Allen Gewalten + Zum Trotz sich erhalten, + Nimmer sich beugen, + Kräftig sich zeigen. + Rufet die Arme der Götter herbei! + +Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunächst zu ihrer +Mutter gehen und versuchen, sie zu versöhnen, und dann, nachdem das +geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu lösen. Es ging +doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es +Hederich gegenüber geäußert hatte. Halbe Verhältnisse waren von allem +das schlechteste. Sie wollte eine vollständige Scheidung herbeiführen, +und wenn sie darum kämpfen sollte mit den letzten, äußersten Kräften +und — Opfern. + +Opfern? — Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten +Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau +atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer. +Ihre guten Vorsätze stritten heiß mit ihrem Egoismus. — + +Einige Stunden später stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da +sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlüssig, was sie thun +sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, daß sie zauderte, +ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick öffnete Frau +von Tressen die Thür und rief über den Korridor nach dem Diener. + +„Ich suchte ihn auch, Mama —“ erklärte Grete. + +„Grete, Du?“ ging's in maßlosem Erstaunen aus dem Munde der Frau. + +Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stürmisch +ihrer Mutter Hand. + +„Ich möchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!“ +begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und ließ sich an dem +Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versöhnung +erbittenden, weichen Ausdruck nieder. + +„Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?“ fuhr sie drängend fort. „Ich +komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und +meinem Mann —“ + +Frau von Tressen, die mit größter Überraschung zugehört, fuhr bei dem +legten Satz unwillkürlich in die Höhe. + +„Ich will los von ihm!“ fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden +fort. „Ich habe eingesehen, daß wir nicht für einander passen. Wir +ergänzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmöglich +macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, daß ich mich wieder von ihm +trenne.“ + +Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Pläne. + +Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Süden abreisen, und ihre +Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht, +vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu +besprechen. Er sollte persönlich mit Tankred verhandeln. + +In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein +Sturm von Empfindungen. Dieser plötzliche Entschluß in so bestimmter +Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der +Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der +Nüchternheit ihrer Auffassung so außerordentlich, sie verrieten so +ungewöhnliche Vorgänge, daß Frau von Tressen vor allem in Grete drang, +sich ihr ganz anzuvertrauen. + +„Es war schon lange etwas in mir,“ entgegnete die Frau. „Ich wollte es +mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht +nur äußerlich, für Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder +auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir +stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kämpfe in +mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst +auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmählich den Gedanken in mir, daß +es so nicht weiter gehen könne. Ich war auch nicht blind für das, was +sonst um mich her vorging.“ + +In dieser und ähnlicher Weise erörterte Grete ihrer Mutter die einzelnen +Vorgänge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch +Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds +Fälschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine +furchtbare Aufregung. + +Am Schluß legte Grete, gedrängt von ihrem Gefühl, einen besonders +zärtlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der über ihre Wandlung +bewegten Mutter, daß nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem +Entschluß gelangt war, sondern daß auch die Liebe zu ihr einen Anteil +daran gehabt hatte. + +Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer +begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und +meldete seiner Herrin, daß Herr von Brecken bereits vor einer Stunde +fortgeritten sei und hinterlassen habe, daß er wahrscheinlich nicht zu +Tisch komme. + +Dies veranlaßte Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu +bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen. + +Als sie beisammen saßen, ward die Reise erörtert, und Grete erklärte, +daß sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle. + +„Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen früh gleich ab und +begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer +Rücksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg.“ + +Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein, +nichts zu überstürzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so +wichtiger Entschluß bedürfe der Überlegung; auch um der Menschen willen +sei es ratsam, es so einzurichten, daß nichts Auffälliges in ihrer +Abreise gefunden werden könne. + +„Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt +rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, daß sie sich schon vorher mit +unseren Angelegenheiten befaßt?“ + +Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie +doch bei ihrem Willen und fügte sich nur darin, sich nicht heute schon +in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal +der Anlaß zu Gesprächen entzogen werde. + +„Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir höre, die mir abmahnt,“ +sagte sie. „Übrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rückkehr +zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erkläre, wir wollten +uns auf Reisen begeben.“ + +„Thue auch das nicht,“ riet Frau von Tressen. „Er wird Dich zu hindern +suchen. Füge Dich heute scheinbar, und dann laß uns morgen ohne +Rücksicht handeln.“ — + +Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken. +Grete hörte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde +Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geräusch, +als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestürzt. + +Als sie erschrocken, aber auch gereizt über diesen Lärm, die Thür +öffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebärden am Treppenabsatz +stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem +Unglücklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich +packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen. + +„Nein, er bleibt!“ erklärte Grete in äußerster Empörung, und nur mit +Mühe sich bezwingend. „Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird, +und ich will nicht, daß der Mensch wie ein Hund davongejagt wird.“ + +Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der +Hautabschürfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien, +zu, er möge in sein Zimmer gehen, dort das Nötige für sich thun und +später zu ihr kommen. + +Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau. + +Er überschüttete sie, ohne Rücksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit +lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief: + +„Und nun in Dein Zimmer! Es wird überhaupt Zeit, daß ich hier ein +anderes Regiment einführe, den Durchstechereien, Sentimentalitäten und +Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und +unten gründlich aufräume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite +kennen lernen. — Nun, hörst Du nicht? Marsch, vorwärts, oder —“ + +Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz +bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thür. Und nun ertönte +ein furchtbarer, markerschütternder Aufschrei — und dann folgte etwas, +das allen Plänen und Reisegedanken für jetzt und immer ein Ende machte. + + * * * * * + +Drei Tage später war's. Ein neues lebendes Wesen und — eine Tote. + +Indem die Frau ihrem Kinde ein zu frühes Dasein gegeben, hatte sie ihr +eigenes eingebüßt, und unversöhnt mit dem Manne, dem sie einst in der +Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden +Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kämpfen +dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt. + +Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Räume, die Dienstboten +schlichen ängstlich flüsternd einher, und Frau von Tressen, die keinen +Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie +vernichtet. + +Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit +gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das +kleine Wesen zu kümmern. + +Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte +oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft +sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer +Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die +Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, daß sie wie +zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empörung aufschrie. + +Und Gedanken kamen und lösten sich ab, und ihre Seele weinte. + +Nein! Es war nicht möglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte +nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fürchterlich. +Jetzt erst fühlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber +auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, daß sie einer +Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte. + +Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, daß er +nicht erwarten konnte, daß die Leiche aus dem Hause kam, daß das +‚Gejammer‘ ein Ende nahm, daß er ganz allein Herr wurde im Hause und sie +verjagen konnte für immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Überlegung, +welchen Nutzen er für sich aus diesem Vorfall ziehen konnte. + +Kein Zweifel, er würde Holzwerder für seinen Sohn in Anspruch nehmen, +auf die Gütergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als früher +benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft. + +Seinen Schwiegervater hatte er während dieser Tage nicht einmal besucht, +mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten +Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe über seine Lippen gekommen. Nur +dem Arzt gegenüber hatte er eine widerliche Komödie gespielt, damit er +die Eindrücke hinaustrage in die Umgegend. + +Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung +der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die +Hände reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es +doch trotz allerlei Widerwärtigkeiten so gut mit ihm meinte. + +Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da +droben würden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er würde sie +kurz und bündig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den +Händen geben, hieß mit dem Feuer spielen. Gewiß, der Balg war ihm +unbequem, aber diese Gêne mußte er schon mit in den Kauf nehmen. + +Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhöht durch etwas sehr +Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag +fast aussichtslos darnieder; es schien jede Möglichkeit ausgeschlossen, +daß er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begräbnis +gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt. + +Und dann beschäftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem +Nächstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen würden, was die +Frau vorbringen, welche Vorschläge sie wegen des Kindes machen werde. + +Der nächste Tag mußte Entscheidendes herbeiführen. + +Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne daß die Schwiegereltern +sich rührten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Rücksprache mit +Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich, +war besorgt, sie ließ wie früher unten kochen und sich oben bedienen und +machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Änderung +herbeizuführen oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes +Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermaßen auf, daß er schon +wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem +Schlupfwinkel herauszutreiben. + +Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken, +ob es weise sei, noch mehr Anlaß zu Gesprächen zu geben. Er hatte eine +Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging, +daß man ihn für den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt +war, und daß sich Gerüchte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte +von Theonie in Verbindung standen. + +Die Worte: „So was mit Papieren soll nicht richtig sein“ waren an sein +Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck +in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht +für ihn gewesen, daß er im Fluge nach Hause geeilt war, um das +Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen +gehalten hatte, zu verbrennen. + +Wo kamen aber diese Gerüchte her? Entweder von Falsterhof oder von +Hederich. + +Dieser Hederich, wie er ihn haßte! Nur Rücksicht auf Grete hatte +verhindert, daß Tankred nicht längst seine Absicht, ihm den Laufpaß zu +geben, zur Ausführung gebracht hatte. + +Zunächst ließ er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen. +Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war +damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und +bei der Grabrede Höppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte +Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es +ihn geärgert. Auch die Pastorin Höppner hatte sich angestellt, als sei +der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschätzung, die +man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer +erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration. — + +Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrückter Miene zu +seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die +Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie +Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich +kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins. + +In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch für +Brecken übrig gehabt. Auch hatte ihn eine völlige Gleichgültigkeit +erfaßt, welche Meinung Brecken über ihn, den Untergebenen, habe, ob er +ihm gar die Thür weisen werde. + +Brecken ekelte ihn über die Maßen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin +lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Berührung kamen, +am Ende aufdrängte. + +Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte: + +„Sie wünschten mich zu sprechen?“ + +„Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!“ warf Tankred, den +diese kurze Art äußerst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und +trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer. + +Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten +seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines +zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch höflich gewesen. Tankred +aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da +plötzlich kam Hederich ein Entschluß, ein fester, unabänderlicher. + +Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er +geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen +war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rüden Habenichts, diesem +Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und +wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen für immer. + +Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da +mit stolzer Miene, als Brecken zurückkehrte. + +„Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine +Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter —“ + +„Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich heute meinen +Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Aufträge mehr von +Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen +hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, daß wir jeden Tag +gegenseitig das Recht haben, unser Verhältnis zu lösen. Von diesem Recht +mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!“ + +„So, das sind ja sehr hübsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur +so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was +ist denn der Grund, mein Geschätzter, daß Sie sich die Erlaubnis nehmen, +in solcher Weise jede Rücksicht außer acht zu lassen und mir zu +begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand +entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das +intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so +wenig hellen Kopf plötzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich +nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezüglich ihrer Vortrefflichkeit +sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hält sich für einen Gott, und, +bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisäerhaft an +die Brust schlagende, außerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber +dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter fröhnende Gesellschaft. Nun, +antworten Sie, welche Gründe haben Sie, sich plötzlich in die Brust zu +werfen, als wären Sie ein Cäsar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun +sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so +viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklärung!“ + +Diese in einem maßlos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese +Ausfälle, welche Hederich in solcher Stärke nicht im entferntesten +erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, daß +der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen +Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunächst ganz fassungslos. Auch +gaben sie seinem ursprünglichen Entschluß eine völlig andere Richtung. +Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit +Brecken einließ. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, +ernst und würdevoll: + +„Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der +Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kündigung und deren Ursachen, +für mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in +Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und +dran, in den Weg legen, so weiß ich, wo ich Schutz und Recht finden +kann, und werde davon sehr ausgiebig für mich und andere Gebrauch +machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von +Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!“ + +Nachdem Hederich gegangen war, zündete Tankred die ihm bei dem Gespräch +ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz +in die Kaminflamme hielt. Während er sich mit dem Anbrennen mühte, +überdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das +hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzählen, wie er, Brecken, +über die ganze Idiotengesellschaft dachte. + +Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu +einem völlig klaren Nachdenken über sich selbst. Während er da in seinem +Lehnsessel hockte, murmelte er: + +„Ich besitze Gaben, durch die ich Großes schaffen könnte, aber sie +bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs +stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil +sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jähzorn und Mangel an Mäßigung +verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Günstiges schafft, wird durch +mein Ungestüm meist wieder aufgehoben.“ + +Und eine ängstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die flüsterte, +es sei nur Schein, daß Gretes Tod, das Zerwürfnis mit Tressens, der +Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm förderlich werden +würden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder +beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die +Erfüllung seiner Wünsche? Und das Gute üben, war langweilig und öde, +und durch die Entäußerung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als +der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und +befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er +sich moralisierend in Sack und Asche hüllte. — + + * * * * * + +Am Abend dieses Tages saß Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war +gekommen, um Abschied zu nehmen; am nächsten Vormittag wollte er das Gut +verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach +Elsterhausen begeben. + +Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch +diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den +letzten Halt, und nun war es auch für sie nicht mehr zweifelhaft, daß +sie Holzwerder aufgeben müßten. In diesen Trauertagen hatten sie einen +Entschluß überhaupt nicht fassen können. Bei ihren Überlegungen sprach +bald alles für ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte +aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie +blieben, würde die Großmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und +eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre +zweifellos gefährdeten Rechte. Es stand ja alles für sie in Frage. Aber +dann drängte es sich ihnen wieder auf, daß es doch unmöglich sei, mit +einem solchen Menschen, einem Fälscher, ferner unter einem Dache zu +wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr +sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Berührung zu gelangen. + +Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach +Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher +hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage +Unschlüssigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der +jäh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die +Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen. + +„Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, gnädige +Frau!“ erklärte Hederich, nachdem er Bericht über seine Begegnung mit +Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht +hatte. „Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen +Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber +klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht +bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann müssen alle +Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behörde muß +gemacht werden, daß ihm als einer vertrauensunwürdigen Person die +Vormundschaft über das Kind genommen wird. Gern würde ich in Ihrem +Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr +anhören, und — drum und dran — ich halte, abgehen von meiner Abneigung, +jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits +auch für gänzlich aussichtslos.“ + +„Nun, so will ich mich selbst aufraffen,“ entschied Frau von Tressen mit +blitzendem Auge, und plötzlich wie verwandelt. „Morgen vormittag werden +wir im klaren darüber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden +dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbärmliche seine +Rolle weiter spielt!“ + + * * * * * + +Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in +Breckendorf dufteten die Blumen, die Bäume und Gebüsche prangten in +Kraft und Schönheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er +blütenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es +Zwitschern und Singen fröhlicher Vögel. Ein sanfter Regen, der über +nacht herabgefallen, hatte den durch längere Dürre hervorgerufenen Staub +verwischt und das müde Träumen der Natur in frisches Leben verwandelt, +in dem sich nun die neuen Triebe kräftig hervordrängten. Und freudiges +Leben erfüllte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau +Höppner lief in Haus, Hof, Küche und Keller umher und sah nach dem +Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stürmte jauchzend durch die +Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor +schien endlich mit aller Krankheit aufgeräumt zu haben; sein Aussehen +war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar. + +Die beiden Gatten ernteten die Früchte ihrer Herzensgüte durch +Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in +Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit +näherte, daß die Einweihung vor der Thür stand, durchströmte sie ein +Gefühl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein großes Fest bereitet. + +Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und +Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche +Sorgfalt retten können; noch einmal war das Glück wie eine helle Sonne +vor Theonies Thür erschienen, aber nur zu schnell war es wieder +verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen. +Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem großen +Hause oder wanderte todesbetrübt durch den Park. + +Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fülle +entfaltet. Die Vögel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute +ländlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal +fröhliches Singen. Aber die Frau hörte davon nichts, und wenn's ihr Auge +und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so +schmerzerregender an das, was sie verloren hatte. + +Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach +Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt. + +Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den +Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem +eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklärt, sich zu ferneren Raten +nicht mehr verstehen zu können. Falls Tressens es angebracht finden +sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die +gerichtliche Entscheidung erwarten. + +Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken +gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklärt, was sie wollte, und +ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei +waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen: + +Daß alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte +Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier +wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der +Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen +hätten, so wäre nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Daß +er die Schuld an ihrem Tode trage, sei lächerlich. Er habe allerdings +eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten +vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien +anderen schon viel schwerere Dinge zugestoßen, ohne daß sie üble Folgen +davon getragen hätten. Aber jede Krankheit schließe die Möglichkeit +eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein +Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein +natürlicher Vormund. + +In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles nötige +vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern +geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen +Fall Bedacht genommen wäre. Er sei indes als Nutznießer des Besitzes +nicht abgeneigt, ihnen bis zur Mündigkeit des Knaben eine monatliche +Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, daß Tressens sich den Bedingungen +unterwürfen, die er stellen müsse. + +Zu diesen Bedingungen gehörte in erster Linie, daß sie Holzwerder +räumten, und ferner, daß sie sich verpflichteten, in die Erziehung des +Kindes in keiner Weise einzugreifen. + +Sobald ihm aber je auf Tressens zurückzuführende Anschuldigungen und +Verleumdungen, beispielsweise, daß er an Gretes Tod Schuld trage, oder +der Unsinn, daß er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als +das von Theonie ausgefüllte vorgelegt habe, zu Ohren kämen, werde er +keinerlei Zahlung mehr leisten und überhaupt jede Erinnerung an einst +mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen auslöschen. Das sei sein +unabänderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte +er sich überhaupt zu nichts, sie besäßen keinerlei Rechte, sondern seien +lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen. + +Nach diesen kaltherzigen Erklärungen hatte er freilich auch wieder eine +versöhnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal +ohne Voreingenommenheit zu prüfen, ob's nicht besser sei, daß sie sich +trennten, ob er anders handeln könne bezüglich des eigenen Kindes; er +zeige doch jetzt, daß er wahrlich kein selbstsüchtiger Mensch sei. Es +habe sich die Mär gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte, +egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine +glückliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles +Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter +seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben, +und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur +daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er +niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred +hatte mit der Versicherung geschlossen, daß, wenn er auch nichts +schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so könne Frau von +Tressen doch darauf bauen, daß er schon um Gretes willen, die er so sehr +geliebt habe, sein Wort halten werde. — + +Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres +Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Großmutter hatte +das Kind in Tankreds Händen lassen müssen. Gegen einen solchen Menschen +gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine +solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines +Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen +Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein +Prozeß währen, und wovon sollten Tressens, die sehr verwöhnten Menschen, +in der Zwischenzeit leben? Eine Weile würde es wohl gehen, da sie Kredit +besaßen, so lange nicht bekannt wurde, daß sie mittellos geworden; aber +am Ende vermochte selbst der Genügsamste sich auf die Dauer ohne Geld +nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstützung +angehen zu müssen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie +Empörung darüber, daß der Schurke nun auch noch diesen Akt von +Niederträchtigkeit gegen sie ausgeübt hatte. + +Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat +nach Elsterhausen gefahren, um seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Er +hatte sich erboten, vorher noch einmal mündlich mit Brecken Rücksprache +zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits +klar zu machen, daß er einen Prozeß unmöglich gewinnen könne. + +Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein +gutes Wort geben, hieß sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefühl +bäumten sich dagegen auf. + +Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten +Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rückgrat. — + +Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf +den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem +Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein. + +Die seitdem eingetretenen Veränderungen fielen ihm sofort auf: von der +vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen +Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten, +war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nützlichkeit +gestellt. Dem Schönheitssinn waren keine Rechte mehr eingeräumt, denn zu +beiden Seiten der Wirtschaftsgebäude lagen jetzt Misthaufen, zwischen +dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die früher +sorgfältig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die +Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlässigten +Chaussee. + +Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden +waren verhängt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststürme von +den Wänden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die +Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der +Wirtschaftsgebäude kostete Geld, und Geldausgeben war dem völlig zum +Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel. + +Als Brix in das Schloß eintrat, hantierte Tankred in einem abgenützten +Hausrock im Flur und hämmerte selbst an einem wackelig gewordenen +Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergerät. Er +konnte sich nicht mehr entschließen, einen Handwerker auf den Hof kommen +zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, überlegte +er, ob er ihr nicht ausweichen könne. + +Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfänglich seine Züge, +dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und nötigte den +unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach. + +Hier zeigte sich noch die ursprüngliche Eleganz; der Fußteppich wies +zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten +überall dem Auge entgegen. + +Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub +zu entfernen war, da trachtete der Mann ängstlich, es zu erhalten. Der +Geiz äußert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert +Dinge, oft ist er blind. + +„Ich komme,“ hub Brix an, „um über das unseren gemeinsamen Freunden von +Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiß nicht, Herr von +Brecken, worauf sich Ihre Sinnesänderung stützt, aber ich weiß, daß Ihre +Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt +worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie müssen darben, wenn sie +nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen +Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig +wieder eintreten zu lassen.“ + +Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden +Worte eine Erwiderung. + +Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretär einige +Aktenstücke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus. + +„Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern +geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem +ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens +keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie +gefälligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?“ + +Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit +einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschäftlich zu +behandelnde Angelegenheit in Frage. + +„Meine Ansicht über die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente +von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des höchsten +Gerichtshofes nicht ändern, Herr von Brecken,“ entgegnete mit kühler +Abwehr der Justizrat. „Es ist daher wertlos, daß ich die Auffassung +meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht +deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefühl +zu appellieren. Ich möchte einen Vergleich anstreben, durch den das +wahrlich für die Außenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses +zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden +wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie +haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird +doch sicher einen höchst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man +erfährt, daß Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien +verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthätigkeit Fremder in +Anspruch zu nehmen.“ + +Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehört. Nachdem der Justizrat +aber geendet, stieß er, alle dessen Worte umgehend, heraus: + +„Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen! +Warum können die Leute sich nicht einschränken? Mit der Hälfte werden +sie auch leben können!“ + +Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte +die Sache lediglich aus Geiz eingefädelt. Er wollte durch dieses +Vorgehen die Hälfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann — nun +dann mochte es auf einen Prozeß ankommen! + +Aber daß er damit kein Glück haben werde, sah Brecken freilich sehr bald +ein. + +„Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken,“ erwiderte der Justizrat, „daß +Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen würden, so +muß ich Ihnen sofort erklären, daß davon nicht die Rede sein kann. Sie +denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, würden vielmehr, +wenn Sie auf dem — entschuldigen Sie — unmenschlichen Standpunkt beharren, +in der Klage beantragen, daß ihnen die Vormundschaft über Ihren Sohn +übertragen und die Nutznießung des Vermögens zugesprochen wird. Und +wenn wir das erstreiten sollten, wie würden dann die Sachen für Sie +stehen?“ + +Brecken lachte höhnisch. + +„Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit +Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Männer. Ich +lebte mit meiner Frau in Gütergemeinschaft, folglich gehört mir nach +ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen, +das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde für den Fall einer +Nachkommenschaft bestimmt, daß jeder von uns bis zur Mündigkeit unserer +Kinder die Nutznießung des Vermögens behalten, später aber Ansprüche auf +eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentümlichen Anschauungen +steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch +selbst die Verfügung über das Vermögen entzogen. Für die mir +eingeräumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte für ihre +Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem +Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft +absprechen will, der muß den klaren Verstand verloren haben.“ + +„So würde es allerdings auf den ersten Blick scheinen,“ warf Brix ein. +„Aber die Ansprüche Ihrer Schwiegereltern können nicht alteriert werden, +denn sie wurden ihnen eingeräumt, damit sie zu leben vermöchten. Und +ferner: Ihre Frau Gemahlin gewährte Ihnen die erwähnten Vorteile aus +zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die +Ehe zu bringen versprachen, und zweitens —“ + +„Nun?“ + +„Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, daß diese +Ihre Behauptung eine begründete sei!“ + +„Also — was wollen Sie denn weiter?“ + +„Was ich will? Sie besaßen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer +Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafür würden wir +Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen.“ + +Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Fälschung erblickte, +zuckte Brecken unwillkürlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem +Angesicht. Aber nur für Sekunden ward er eingeschüchtert. + +„Ich verstehe Sie nicht,“ warf er dann hin. „Wenn das eine Anspielung +auf ebenso gehässige wie unerhörte Anschuldigungen sein soll, so erwarte +ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind.“ + +„Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage +Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage — Sie gaben doch eine Zusage +betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern — festhalten +wollen oder auf deren Zurückziehung bestehen?“ + +„Ja, ich bestehe darauf. Höchstens würde ich mich bereit erklären, +Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das würde ich ihnen +dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genötigt bin, sondern +aus Rücksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag.“ + +Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles +nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, daß der Eigennutz +allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel +erfüllt, daß er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof +schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen. + +Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Nähe von +Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um +in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem +Vorhaben bestärkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den +Gutshof führende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begrüßung schloß er +sich ihm an, und zehn Minuten später saßen beide bereits in Theonies +Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte. +Während er dann auf die traurigen Verhältnisse der alten Tressens zu +sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr, +mit ihr in den Garten hinauszutreten. + +Er erzählte, daß er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den +Eindruck bekommen habe, daß ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in +Not befänden. + +„Sehen Sie, Fräulein Carin, ich komme eigentlich — drum und dran — mit +einer Bitte,“ erklärte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit +den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm +herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten +nicht gleich zu ihm aufblickte. + +„Ja, bitte, Herr Hederich!“ ermunterte Carin ihn nun weich und +freundlich. + +„Ich meine nämlich so, Fräulein Carin: Ich bringe es nicht über die +Lippen, Frau von Tressen zu bitten, daß sie ein Darlehn von mir +annimmt, nein — drum und dran — ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch +nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben +wollten — ich meine — ich meine — mit Frau von Tressen zu sprechen, daß +ich — ich — Sie verstehen, Fräulein Carin.“ + +„Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!“ entgegnete das junge Mädchen, +bewegt durch diese mit so großer Zartheit gepaarte Herzensgüte, und +schaute Hederich voll ins Antlitz. „Ich will auch gern Ihren Wunsch +erfüllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wäre es nicht richtiger, +wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form, +das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner +Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu +nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder +bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist.“ + +„Na ja, das ist wohl richtig — obgleich — obgleich, Fräulein Carin —“ +erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort: +„Glauben Sie, daß auch Frau Theonie etwas thun würde, wenn's nötig +wäre?“ + +„Ich weiß es nicht. Sie spricht über gewisse Dinge nie mit mir. Über +ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung +nicht anders als mit den Worten geäußert, sie habe jede Verbindung mit +ihm abgebrochen. Daß sie sich für Tressens interessiert, ist indes +zweifellos.“ + +„Sagen Sie, Fräulein Carin, es ist — drum und dran — hier jetzt wohl recht +öde und einsam für Sie?“ fuhr Hederich, abermals das Gesprächsthema +willkürlich ändernd, fort. „Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten.“ + +„Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von +Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, daß sie oft Tage lang +nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns.“ + +„Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fräulein Carin?“ + +Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem +Ernst: + +„Mich hält das Pflichtgefühl und — die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl +hin, Herr Hederich?“ + +Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhöhe im Park +gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Äckern, Waldungen, kleinen +glitzernden Flüssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Während sie +gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er: + +„Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu +kaufen. Elmenried heißt es, Fräulein Carin. Ich hätte es mir schon +zugelegt, wenn — drum und dran —“ + +„Nun?“ machte Carin verwundert. + +„Ach, Fräulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz +einsam, und möchte — drum und dran — einen festen Halt haben. Das ist es! +Das hält mich ab!“ + +„Sie müßten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!“ + +„Wer will mich? Und wenn ein Mädchen mich wirklich wollte, so möchte +ich sie wohl nicht. Eine, ja eine — die — die —“ + +Er senkte das Haupt und stöhnte. + +Durch das Innere der Verlassenen zog plötzlich ein nie gekanntes Gefühl; +diesem braven Manne anzugehören, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen, +nicht mehr abhängig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben! +Welch eine wunderbare Aussicht — welch ein Glück! + +Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit +einem warmen, zärtlichen Gefühl, erhob sie das Auge und sagte leise: + +„Eine, Hederich? — Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?“ + +Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge +so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stieß +heraus: + +„Ja — ich will ihn nennen — drum und dran — denn einmal muß es doch +heraus, und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht länger +bei mir behalten, weil es mir das Herz abdrückt. Sie sind es, Fräulein +Carin! Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht übel — bitte, Fräulein +Carin —“ + +„Übel nehmen? Kann sich ein Mädchen nicht nur geehrt fühlen, wenn ein +rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn +auch sie ihm — gut ist — wenn auch sie ihn lieb —“ + +„Ach — ah — Fräulein Carin!“ ging's stürmisch aus des Mannes Brust. „Ist's +wahr? Ist's möglich? Sie könnten? — Sie wollten wirklich —?“ + +Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren +Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar +wie ein Kind. + +Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend: + +„Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen +ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie +versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!“ + +Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber +selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des +Mannes Antlitz zogen. + +„Fräulein Carin — Fräulein Carin!“ rief er selig, nahm sie in seine Arme +und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber +ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich +und küßte ihn sanft auf den Mund. — + + * * * * * + +In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix +keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die +Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich +einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich +sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits +schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit +einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während +dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben, +weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten +konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken. +Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen +haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche +Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon +jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen. + +Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn +der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt +besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er — immer mit derselben +brennenden Gier — seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke +hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im +Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen +Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden +Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben +noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne. + +Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen +werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er +in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern. +Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte, +ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es +gab keine in dem gewöhnlichen Sinne. — Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann +— dann — den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen +vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines +Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden +Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut +ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder +bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen +Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in +der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend +verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie. + +Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof +betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurück, +betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lüftete den Vorhang von der +Wiege und versicherte sich, daß der Knabe atmete — daß er lebte. — — Lange +stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Züge. Es sah Grete +ähnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde +auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm +werde es gleichen. — — War's ein Glück für das Kind, zu leben? Nein! +Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf +eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht +höher achtete, als das einer Fliege, — und ob sie da war in der Schöpfung +oder nicht, welchen Wert hatte das? — wünschte er auch diesem jungen +Wesen den Tod. + +Ein Glück für den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurückzog in ihren +Schoß! Ja, die Erde — — aber kein gewaltsames Abschneiden des +Lebensfadens! — + +Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen +wäre? Brecken überlegte. — Am unauffälligsten geschah's jedenfalls durch +Ersticken; — Spuren einer gewaltthätigen Hand waren dann nicht sichtbar. + +Man mußte es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken über +sich. Ein Erstickungsanfall, befördert durch Husten! Ja, ja, dergleichen +kam vor! — Oder eine starke Dosis Opium — aber das war schon +gefährlicher. — Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon +wieder bei so furchtbaren Gedanken, während er doch zurückgeeilt war, um +sich zu vergewissern, daß das Kind lebte. — — + +Ein heißes Gefühl kam über ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der +Gefühl für dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und +unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich +Tankred von Brecken herab und küßte zum erstenmal seinen Knaben auf die +Stirn. Aber der den Säuglingen dumpfe Geruch stieß ihn ab, und die durch +dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das +Gefühl überhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte, +erlosch die zärtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder. + +Mit dem alten, gleichgültigen Blick sah Brecken den Knaben an und +verließ unter dem Gedanken, daß er es dem Schicksal anheim geben müsse, +ob es seine Pläne fördern wolle, das Gemach. + +Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den +Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit längerer Zeit +erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der +grauen Stute Liese beschäftigte Tankred in der nächsten Stunde mehr als +irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein. — — + +Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushälterin, — die männliche +Dienerschaft hatte Brecken entlassen und außer dieser Frau nur noch die +Kindeswärterin und ein Mädchen behalten, — daß Herr Pastor Höppner auf +dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wünsche. + +„Pastor Höppner?“ wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber +hinaus und nötigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer. + +„Welche besonderen Umstände verschaffen mir das Vergnügen, Sie einmal +wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?“ begann er +mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rückte einen Stuhl heran und griff +nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und +seinen Dank ausdrückenden Pastor anbot. + +Da Höppner schon glücklich war, wenn er überhaupt nur rauchen konnte, +von der Güte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken +aus der sogenannten ‚Leutekiste‘ angeboten; sich selbst aber hatte er +eine andere und bessere angezündet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer +bedient. + +Höppner begann mit der Erklärung, daß er in der Nähe zu thun gehabt und +die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu +sagen. Er fügte hinzu, daß auch seine Frau ihn ermuntert habe, in +Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beiläufig +eingestreuten Bemerkung sicher überzeugt, daß die Frau den Mann +abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Höppner +ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespräch +durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen +gehört habe. + +Nein, er sei durch sein zurückgezogenes Leben mit dem, was sich draußen +ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen +Erstaunen Ausdruck, als nun Höppner ihm die Verlobung Hederichs mit +Carin mitteilte. + +Dann freilich erging er sich in spöttischen Bemerkungen und äußerte, +ohne auf Höppners Zartgefühl irgend welche Rücksicht zu nehmen, diese +Verlobung komme ihm vor, als verbände sich ein Kameel mit einer +Bachstelze. + +„O, o — o —“ machte Höppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger +durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Übergang +zu der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte. Er sagte: + +„Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, möchte +ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten +Schwiegereltern anzuhören. Wie ich zu meinem großen Leidwesen gehört +habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift +mahnt uns Menschen —“ + +Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte +Tankred von Brecken zu hören; er unterbrach Pastor Höppner jäh und +sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend: + +„Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war +Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine +Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, daß sie nach wie vor auf +der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natürlich +werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerüchte ausgesprengt; aber das +Zutreffende ist allein, daß ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil +die übrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu groß sind.“ + +„So, so? In der That? — Das wäre ja etwas ganz anderes, als was uns +berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau —“ + +„Ja, das ist eben das Unglück, verehrter Herr Pastor, daß meine +Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr paßt, +so stellt sie es dar. Sie weiß sehr wohl, um was es sich handelt, +aber —“ + +„Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht,“ schob Höppner, arglos den +Worten des Mannes nachgehend, ein. „Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen +erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre +Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen —“ + +„Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von +einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem, +was ich bieten könnte, würden sie ja doch“ — Brecken betonte seine wie +beiläufig hingeworfenen Worte — „nicht zufrieden sein.“ + +„Man könnte doch hören!“ fiel Höppner eifrig ein. „Offen gesagt, Herr +von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten, +sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen. — Also, wie viel könnten Sie +zahlen?“ + +Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr +zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er +anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte +er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er +überwand sein Zaudern rasch und sagte: + +„Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und +das wäre schon das Äußerste.“ + +„Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von +Brecken!“ stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter +Enttäuschung den Kopf. + +Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts- +und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei +Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf +ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten: + +„Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die +Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!“ + +„Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen +zu befassen,“ entgegnete Brecken, brutal sprechend. „Nein, er mag seine +Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber +so! —“ + +„Herr von Brecken! Herr von Brecken!“ stieß Höppner, zum erstenmal die +Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den +Kopf. „Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege +gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme. +Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich +selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter +unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen; +der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie +stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der +Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen +seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung! +Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts +für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in +Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und +Seelenunruhe.“ + +„Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen +an, aber Sie vergessen, — ich sehe von Ihren religiösen Mahnungen +ab, — daß in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Können. Und +dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein! +Verunglimpfen, verdächtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie +streuen die infamsten Gerüchte über mich aus, reden von Fälschungen, und +was weiß ich; und ich soll das wie ein Lamm über mich ergehen lassen? +Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!“ + +Die legten Sätze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren, +ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen +ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand für seine Handlungsweise +heranzuziehen. + +Aus Höppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, daß sein +Mißtrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt +der Pastor über die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn +änderte das natürlich nicht, und er hielt auch den ‚langweiligen +Salbaderer‘ nicht zurück, als er endlich aufbrach und sich, äußerst +bedrückt über das Mißlingen seines Versuches, empfahl. + +Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, daß ja nun Carin +demnächst Falsterhof verlassen werde, daß dort dann zwei Augen weniger +seien, und daß nun doch vielleicht — Ja! was denn? Brecken griff in die +Zigarrenkiste und entzündete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine +Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei +der entsetzlichen Überlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer +Verkürzung der Lebensdauer Theonies zu Hülfe kommen könne — — + + * * * * * + +Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins +Land gezogen. + +Das von Höppner begründete Armenhaus hatte seine Pforten geöffnet, in +seinen Räumen befanden sich Kranke und Bedürftige, und wöchentlich +wenigstens einmal begab sich Frau Höppner, meist mit Lene an der Hand, +in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen. + +Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu +ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefühl, wenn sie leidende Menschen +sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsätze in sich auf, die ihre +Pflegemutter den Nebenmenschen gegenüber leiteten. + +Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm +vorläufig nur gepachteten kleinen Gütchen Elmenried. Die beiden Leute +genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von +einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber +bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen müssen, atmete beseligt +auf, und die täglichen Beweise von Liebe und Herzensgüte, die sie von +ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurück, denn sie liebte +ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemüt entspringt und auf Achtung +beruht. + +Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thätigkeit ausgefüllt +waren und durch frohen Lebensdrang einen erhöhten Wert empfingen, flogen +für Carin dahin; Haus, Hof, Küche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit +gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Höppner und +Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich +ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektüre und Musik +weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Höppner und +Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor +und Carins Mann fanden sich als Gemütsmenschen zusammen, und die beiden +Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung. +Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische +Gegner. + +Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse, +durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück +eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer +trauriger aus. + +Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin +angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin +selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie, +aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt. +Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch +das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von +Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die +Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in +einem halben Jahre entscheiden. + +Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit +wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt +Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material +herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben, +indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten +Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die +Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die +Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand. + +Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden +angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren +werde. — + +Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen. +Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und +gleich bei der ersten Berührung geäußert: + +„Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt +keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst, +den ich Ihnen nicht leisten würde.“ + +Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als +nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr +Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn +sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind +einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene +suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch +von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war, +etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht +gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen +bestimmt. + +Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen +Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des +Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch +dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um +dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es +nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen +den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine +Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten. + +Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die +Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht, +durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum +Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte, +befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich +während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen +werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit. + +Dennoch beschloß Frau von Tressen — es war acht Tage vor +Weihnachten — einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe +der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von +ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei +Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als +Kätnerin verbesserte. + +Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden, +daß die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushälterin +vom Schloß entfernen würde. Es war wahrscheinlich, daß sie kurz vor dem +Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermädchen +veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und +so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen. + +Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt früh +morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, daß ‚die vom +Schloß‘ am Nachmittag nicht anwesend sei, und daß das Mädchen zugesagt +habe, den ‚kleinen Herrn‘ zu ihr zu bringen. + +Während Frau von Tressen, in ihren Mantel gehüllt, dahinfuhr, kamen ihr +beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit +der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmütige Gedanken, auch die +Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, daß ihre Augen sich +wiederholt mit Thränen füllten. + +Wo war das Glück von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr; +sie, die Mutter, mußte sich versteckt ihrem früheren Eigentum nähern +und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefährt +benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwärtigen Lage schon ein +Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne +thatsächlich dem Nichts gegenüber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen +auflehnte, sie mußte jetzt Hülfe bei Freunden suchen. Es lag auch in +ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie +auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rückhaltlos anzuvertrauen. + +Eine Summe für den Unterhalt des nächsten halben Jahres wollte sie von +ihr erbitten. Dann endlich würde doch der Prozeß, und, wie sie annahm, +zu ihren Gunsten entschieden sein. + +Als sie an Falsterhof vorüberkam, forschte sie gespannt hinüber. In der +breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein +Wagen dort gefahren, und kein Fußgänger gegangen. Einsam und abgestorben +stieg das Herrenhaus aus der weißen Schneefläche über den kahlen Bäumen +empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht +umschneiten Schornsteinen drängte sich nicht einmal ein Leben +verratendes Rauchwölkchen. Es war richtig — die Betrachtung kam der +Frau — daß nicht Geld und Besitz das Glück bedingte. Theonie war die +reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie +konnte Feste geben, die Fürsten beschämten, und ihr Haus zu einem +Sammelplatz auserlesener Geister machen. + +Aber alles das hatte keinen Reiz für sie. Ihr Herz trug zu viel +blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl hätte auferwecken können +aus seinem Grabe, sie würde alles dafür hingegeben haben. + +Und wie häufig Vergleiche Lichter in sich schließen, aus denen sich eine +leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle. +Plötzlich kam's über die Frau mit Sicherheit, daß sie doch noch einmal +wieder auf Holzwerder herrschen, daß sie neben ihrem Enkel stehen und +sich nochmals das Glück des Lebens zurückerobern werde. + +Aber freilich, vorläufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten +Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen +Besitzung zu und mußte schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde +einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zärtlich in ihre Arme schließen +durfte. + +Als Frau von Tressen in die Nähe der Wohnung der alten Hanne gelangt +war, ließ sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuß in +die Kate. Es war ihr sehr auffallend, daß ihr auf ihr Klopfen nicht +gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstärkte sich, als sie beim +Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand. + +Während sie noch unschlüssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine +korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon +aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie, +näher gekommen, Worte fand, erklärte sie, daß der schon seit einiger +Zeit kränkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, daß die +Magd nicht wage, ihn in der Kälte nach der Kate zu bringen, und nichts +anderes übrig bleibe, als daß sich die gnädige Frau ins Schloß bemühe. +Freilich sei das — sie müsse selbst ihr Bedenken äußern — sehr gefährlich. +Man werde die gnädige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn +von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Böses daraus +erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rücksicht, sobald man sich ihm nicht +bedingungslos füge. Aber trotzdem solle die gnädige Frau selbst +entscheiden. + +Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der +Enttäuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was +ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder +absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis. + +Aber jählings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluß. Sie +wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen, +es mochte daraus entstehen, was wollte! + +So gab sie sich denn äußerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, daß +sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle +sich vielmehr allein aufs Schloß begeben, um ihr Enkelkind zu sehen. + +„Sie haben der Magd doch nicht gesagt, daß ich kommen würde? Sie weiß +nichts von meinem Hiersein?“ schloß sie fragend; und nachdem Hanne dies +verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte über den +Hof nach dem Herrenhause. + +Tief herabstimmend waren die Eindrücke, die sie dabei empfing. Was Brix +ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurück. +Eine völlige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte, +und insbesondere bei dem Anblick des vernachlässigten Herrenhauses +traten Frau von Tressen unwillkürlich die Thränen in die Augen. + +Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kälte, Öde und Kargheit +wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thür zur +Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die +Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und +machte sehr erstaunte Augen, plötzlich eine elegant gekleidete Dame vor +sich zu sehen. + +Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hörte sie +auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden +Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rührung ergriffen, +immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Händen des Mädchens und +drückte ihn weinend an die Brust. + +„Mein Kind — mein süßes, liebes Kind —“ schluchzte die Frau. + +Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe +sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es +nicht wieder. Es war undenkbar! + +Sie sprach auf die Magd ein, sie erklärte ihr, wer sie sei, welche +Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche +Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blaß, mager +und krank vor sich sehe. + +Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur +Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie +belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umständen ihr Verhalten +gutheißen! + +Für die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurücklassen und ihr darin +alles erklären. Sie werde sagen, daß sie sie gezwungen habe, ihr zu +folgen. + +Zu Frau von Tressens freudiger Überraschung machte die Magd keine +erheblichen Einwendungen. Entweder fühlte sie Mitleid mit der Frau und +dem Kinde, oder sie wünschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die +Langeweile drückte sie, und da ‚die Gnädige‘ die Verantwortung +übernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Großmutter Weisung einen +Widerstand entgegenzusetzen. + +In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre +Habseligkeiten und alles für das Kind Notwendige zusammengepackt und +lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen. +Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf +einem Seitenwege des Parks die Landstraße gewinnen. + +Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, schloß Frau von Tressen Tankreds +Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte +einige Worte an die Haushälterin auf. Sie erklärte ihr Vorgehen durch +den körperlichen Zustand des Kleinen. + +Als sie eben den Brief vollendet hatte, hörte sie draußen Schritte. Ihr +Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn +hatte sie ganz vergessen. + +Aber nur kurze Zeit kämpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie +sich, öffnete die Thür und sah hinaus. + +Ein wie ein Jägerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig +sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer, +wo er offenbar die Magd gesucht hatte. + +Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur +List vermochte etwas. + +„Ah! Da ist jemand!“ begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage +zuvorkommend. „Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich +suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn +nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen. +Einen Augenblick —“ + +Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die +Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte +sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie +und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern. + +„Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof. +Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht +kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen, +und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben, +ohne Antwort.“ + +„Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt +werden!“ bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und +machte sich rasch davon. + +Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel +sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber +sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von +Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und +suchte es zu beruhigen. + +Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe, +Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie +aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine, +und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein +Erlösungsschrei aus ihrer Brust. + +Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das +Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr +lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen +einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein. + +Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den +Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit +Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen +Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe +gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine +heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein +Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe, +so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt +habe?! + +Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch +das Gehirn der Frau. — Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins +Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor +fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder +beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie +den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen! + +Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers +alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst +vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu. + + * * * * * + +Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von +Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte. + +Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von +Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer +Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere +zur Ausführung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstützung von +Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen +solle, darüber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er +mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er würde +das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaßregel +war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hören! + +Von dem Warten auf eine günstige Entwicklung des Prozesses hatte sie +nachgerade genug. Nur in einem Punkte mußte sie doch Brix in Anspruch +nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zuständige +Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit +Anträgen vorgehen, nicht etwa abwarten, daß Tankred ihr zuvor kam. + +Sie hatte die Absicht, zu erklären, daß ihr Schwiegersohn das Leben +ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhärtung ihrer +Behauptung wollte sie ein ärztliches Gutachten beibringen; ferner auf +Grund der Fälschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne +beantragen, daß die Gütergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar +sofort für null und nichtig erklärt, und dementsprechend auch Tankred +jegliches materielle Verfügungsrecht über das Vermögen entzogen werde. + +Ihre Rückkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine +veränderte Entschließung hinstellen, zu der sie auf Grund früherer +Abmachung berechtigt sei. + +Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof +gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan, +erklärt, daß er mit den maßgebenden Personen auf Holzwerder sofort +sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet. + +Frau von Tressen befand sich in einer thatkräftigen und gehobenen +Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu +behalten, noch verstärkt ward. + +Als sie vor der Thür des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege, +der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim +Aussteigen behülflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen düster +melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung. +Ernst und stumm öffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thür zum +Wohnzimmer und erklärte, daß Frau Cromwell alsbald erscheinen werde. +Frau von Tressen überlief ein inneres Frösteln, als sie sich allein +befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles +starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das +einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geräusch, das Ticken einer +Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms. + +Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gütiger +Miene begrüßte, ward ihr Gemüt nicht entlastet, umsoweniger, da die +bleich und abgehärmt aussehende Frau berichtete, daß sie mit ihren +Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand, +sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe +der Hund fortwährend wütend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die +Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas +entdeckt zu haben. + +Natürlich wirke der Eindruck dieses nächtlichen Vorfalles nach und habe +ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt. + +Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzählung kam Theonie +dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn +von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespräch auf Holzwerder. + +Wohl eine Stunde währte die Unterredung. Frau von Tressen erzählte von +den gestrigen Vorfällen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie +bisher rätselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die +durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmählich unhaltbar gewordene +Lage. + +Theonie erklärte sich ohne Besinnen zur Hülfe bereit, und wenn sie auch, +ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Erörterung der +Zahlungsmodalitäten eine etwas pedantische Umständlichkeit an den Tag +legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel +Zartgefühl, daß Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward. + +Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur +getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine +gleichgültige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren +Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie +auszusprechen sichtlich Scheu empfand. + +Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig +ängstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrängt. + +„Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen möchten, +liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Könnte +ich Ihnen in irgend etwas dienen?“ + +Und da drängte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flüsterte, +des letzten Satzes Inhalt abwehrend: + +„Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Es ist +etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiß es nicht, ich habe keinen +greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, daß Tankred sich gar nicht +im Süden befindet, sondern sich in der Nähe aufhält, Unheil für uns +brütet und —“ + +Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit +furchtbarem Getöse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und +beide Frauen fuhren entsetzt zusammen. + +„Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe,“ stieß Theonie, zuerst wieder +Worte gewinnend, heraus. „Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und +so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine +Ahnung ist thöricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine +Möglichkeit vorliegt. In diesem Sinne — ich bitte — fassen Sie meine Worte +auf, liebe Frau von Tressen!“ + +Es sei oben ein Bild herabgestürzt, hörte noch Frau von Tressen eins der +hinaufgeeilten Mädchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von +einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten +später das düstere und einsame Falsterhof im Rücken hatte. — + +Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht über den ihm gewordenen +Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses +wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemächtigt, +und eben sei die Haushälterin im Begriff gewesen, darüber an Tankred zu +berichten. Dies sei vorläufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von +Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befänden +sich einem so außerordentlichen Vorfall gegenüber so gut wie ratlos, und +nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklärt, er sei +durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner früheren Herrschaft zurück +zu treten. + +Die letzten Nachrichten kräftigten Frau von Tressens Entschluß so sehr, +daß sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit +Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der +Justizrat besaß ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er +allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang +anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden ließ. Ohne lange +Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloß mit der +Erklärung, daß sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von +Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schärfe entwickelte +sie ihm ihren Standpunkt und schloß mit den Worten: + +„Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuß gefaßt haben? Mit +Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem +Abkommen mit unserer Tochter ausdrücklich die freie Wahl gestellt ist, +dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen +deponieren wir zu Händen des Gerichts, bis die Sache entschieden ist; +wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmäßiges Eingreifen in fremdes +Eigentum, erklären uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir +Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermögen abstreiten.“ + +Frau von Tressen ließ sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht +mehr irre machen; es war, als sei ein völlig anderer Mensch in sie +eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht +nur das Pflichtbewußtsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch +Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt. + +„Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden,“ erklärte sie +Brix, „aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben +für meinen Enkelsohn. Das Glück streckt die Hände nach mir aus, ich will +sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir +die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die +schlummernden Kräfte in mir von neuem anregt, zeigt es, daß es Gutes mit +mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze +ich um so mehr einem Schurken, dessen Stärke nur darin besteht, daß man +ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich +werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das +Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den +entferne ich mit Gewalt!“ + + * * * * * + +Es war an einem dunklen und stürmischen Wintertage im Anfang Januar, als +ein einzelner Fußgänger sich um die Nachtzeit Falsterhof näherte, am +Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich +unschlüssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um +sich blickte. Der Fußgänger war Tankred von Brecken, und was ihn heute +furchtbares beschäftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen +Wochen ausschließlich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder +verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum +Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflüsterte: Thu's, +und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentümer +einer halben Million! + +Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier, +daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, ihm wie ein Nichts +erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dünkten, als +alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann +wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austönte, und +seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher +gefälligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und +die Feigheit — nicht seine bessere Natur, weil sie überhaupt keine Stimme +in ihm besaß — riß ihn zurück und stürzte alle Pläne über den Haufen. Und +wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nüchternheit geredet und das Wort +behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und +flüsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann +sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof! +Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit +raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwürgt, war leise +hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen +Händen erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder +hinausgeschlichen, — noch immer besaß er von seinem damaligen Aufenthalt +den Schlüssel zur Hinterthür — und die Blätter hatten zwar im Park +geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder +hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon +wieder weit, weit fort, als die Hähne krähten, als im Hause alles wach +wurde, die Zofe oben über den Korridor schritt, um die gnädige Frau zu +wecken, das Frühstück unten aufgetragen ward, und doch keine gnädige +Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem +Halse stieß. — Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergängen und +Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im +Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fängst Du es +an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von +Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder! — Es lag ein +Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine +Harfenmusik, kein Orgelbrausen! + +Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer +Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis +ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für +jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf. + +Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so +schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem +Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der +überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie +Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben. — + +Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem +festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen +bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die +Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren, +wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte, +und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines +Sohnes. + +Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte +angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst +inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er +aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre. + +Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den +Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte +beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach +geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er +hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen. +Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein +Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das +Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht. + +So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins +Loch und drehte um. Nichts rührte sich! — Rasch entzündete er eine +Blendlaterne — aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch +ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle +Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der +Haut. — Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die +Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen, +wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine +furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an +nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach +dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich +nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an +wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte +die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als +ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus +dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den +Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht +hatte. + +Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis +zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut. — Ein +Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber +jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen! — Und alle Welt nahm +an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich +da! — Weshalb? — Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen, +westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die +letzten Tage aufgehalten hatte. + +Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort +einzutreffen. — So war denn abermals alles umsonst gewesen. — Alles +umsonst! + +Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto +fürchterlicher ward es. + +„Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?“ + +Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher +behandelt hatte wie ein Spielzeug? + +Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte — am Ende +gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen +gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter — —? + +Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er +zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte, +Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn +durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte. + +Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen +genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie +gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie +berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren. + +Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche +Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich +waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein +sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt +durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er +einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der +Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was +in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß +eben anderen zu, und nicht ihm. — Nun aber fühlte er sich plötzlich +betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging? +Nie hatte er von ihm gehört. — War's schon die Strafe des Himmels für +seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit +Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord +belastet. — Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort! — Wie? Hatte er +wirklich Theonie töten wollen? — Plötzlich griff der Mann sich an die +Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei. — Und dann begann +wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im +Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf +durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch +droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah —? + +Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld +und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser +Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben! + +So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein +Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen +Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen +mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich +bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und +der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem +besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder +Leben. + +Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen +gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war +nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an +Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den +Schöpfer anbeten. + +Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der +Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst, +öffnete die Poren und besänftigte den Reiz. + +Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich +veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war +sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L. +erreichte. Und was dann? Ja, was dann —? + +Er warf den Blick über die Gegend; schon begann's heller zu +werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf — und +dann — dann — plötzlich begann von neuem das Jucken, ein solches +kitzelndes Jucken, daß dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er +wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele +zuraste. — — + + * * * * * + +In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand +Frau von Tressen und hörte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer +getreten war, berichtete. + +Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mädchen; die Haushälterin +und der Diener aber wollten erst hören, welche Sicherheit die gnädige +Frau ihnen böte, daß sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur +Verantwortung gezogen würden. + +„Also Pflichtgefühl oder Anhänglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet +sie nicht?“ + +„Nein, gnädige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge +haben. Übrigens — drum und dran — wo wäre der Durchschnitt anders? Frau +von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich.“ + +Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie: + +„Ich bin dann dafür, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred +verleugnen, können sie auch Untreue gegen mich üben. Ich aber brauche +zuverlässige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, daß wir sie +abfinden können?“ + +Hederich zuckte die Achseln. + +„Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklären, daß die +Kündigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat.“ + +„Ja, ja, ganz richtig!“ bestätigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie +kurz entschlossen fort: + +„Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen +sprechen.“ + +Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte +Frau von Tressen: + +„Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Für ihn trete ich jetzt +ein und kündige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wünsche, daß Sie +zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt +auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?“ + +„Ja, ich bin's,“ sagte der Diener nach kurzem Besinnen, „wenn die +gnädige Frau mir schriftlich erklären, daß das so richtig ist, und Sie +für alles aufkommen.“ + +„Ja, ich will schriftlich betätigen, daß Ihr durch die Besitznahme des +Gutes meinerseits überflüssig geworden seid, und daß ich Euch auf Grund +meiner Rechte entlassen habe.“ + +„Dann bin auch ich damit zufrieden!“ erklärte die Haushälterin. „Wann +sollen wir abgehen?“ + +„Gleich! Ihr könnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder +verlassen.“ + +Die beiden nickten, verbeugten sich und verließen das Gemach. + +„So, das wäre ja gut und rasch erledigt!“ rief Frau von Tressen, +Hederich vergnügt anblickend. „Jetzt will ich mit Peter Wille das +weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, daß mein +Schwiegersohn zurückkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun +auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung +machen.“ — + +Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so +kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich +entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es +nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr +Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten. + +Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene +Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein +Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle +unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die +Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen +würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von +Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die +Gutsgeschäfte ein. + +Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende +Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit +und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu +übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen +befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen +Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren. + +Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei +sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und +die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören +lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen? +Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab. + +Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes +vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in +Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen? +Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil +unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe +an das Gericht abgehen lassen. + +Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser +Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den +Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte +sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von +Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen +Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die +Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren +hatte, zurückgekehrt war. + +Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen +Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag +ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und +Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über +die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu +beruhigen vermochte. — + +Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr +aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen +von Tankred eingetroffenen Brief überreichte. + +In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm +keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von +der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er +ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er +gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu +begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es: + +‚Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von +Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren, — das Wort +war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute, +nachträglich ausgestrichen, und statt dessen ‚schreiben‘ gesetzt, — wie +es dem Kleinen geht.‘ + +Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun +sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte, +sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen. + +Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand +an ihren Schwiegersohn: + + ‚Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von + demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder + befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer + jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß + wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes, + fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die + Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte + abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser + bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist, + einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber + lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an + niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten. + + Ergebenst + + A. von Tressen.‘ + +„So!“ rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung +ihres Mannes einem Diener zur Besorgung übergeben hatte. „Nun werden +wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief. +Von übermorgen ab können wir uns auf seinen Besuch gefaßt machen. Aber +alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er +durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so +werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklärungen geben. Aber +passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen.“ + +„Wer weiß!“ fiel Herr von Tressen ein. „Daß er sich nicht in gleicher +Weise fügen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube +doch, daß er irgend etwas Gewaltthätiges inszenieren wird.“ + +„Gewaltthätiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Daß ihm vielleicht solche +Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um +mehr handelt, als um schiefe Gesichter, faßt er nicht an. Wohl aber +halte ich es für möglich, daß er sich einmal wieder an Theonie +heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rücksicht auf alles +Vorgefallene eine seiner Komödien in Szene setzt. Da fällt mir ein: ich +will Theonie lieber in Kenntnis setzen, daß er aus Italien zurück ist. +Ich weiß, sie trifft dann Maßregeln, daß er sich ihr nicht zu nähern +vermag.“ + +Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die +klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat, +streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehülflich +klingendes „Omama!“ + +Da nahm die Frau das Kind in die Arme und küßte es in dem Überquellen +ihrer glückseligen Empfindungen lang und zärtlich. + + * * * * * + +In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in +Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in höchster Aufregung auf und +ab. + +Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen +völlig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse für die +Außendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und +Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstößlich +zwei Thatsachen: vorläufig war er von Holzwerder ausgestoßen, und wenn +das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle +Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem +Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit +seinem Rechtsanwalt Rücksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen +telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu +senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm +selbst an Schlußfolgerungen aufdrängte? Und das Telegraphieren war ja +überhaupt zwecklos. Nur durch persönliches, mündliches Eingreifen +vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen! + +Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des +ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag +völlig unerwartet. Eine solche Möglichkeit war ihm überhaupt nicht in +den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich höchstens in +mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg +in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet +oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des +Eigentümers vom Turme, aber jetzt? — — + +Und Gegenmaßregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war +sicher zwecklos. + +Tankred wußte, daß das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen +war, und ohne die näheren Umstände zu kennen, war es für ihn zweifellos, +daß ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente +stützte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig +gemachten Höhe war er mit einem jähen Schlage herabgestürzt. Das Bild +hatte sich völlig verändert. Er stand tief unten und mußte bittend die +Hände ausstrecken, mußte gute Worte geben. Und das war nicht nur +zeitweilig. Brecken sah, daß er durch diesen unerwarteten Zwischenfall +entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm für +später geplanten Vergleich zur Ausführung bringen müsse. Ja, das war +jetzt das einzige, was ihm übrig blieb, nur mit dem Unterschiede, daß, +da nicht Tressens mürbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre +Bedingungen vorschreiben würden. + +Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuß und biß die +unheimlich weißen Raubtierzähne in seinem Verbrechergesicht zusammen. +Und dann — dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein- +für allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der +That so furchtbar hatte büßen müssen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu +räumen —! Nein, nein, fort mit dem gräßlichen Gedanken! Ihm war's, als +stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fühle er die +Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht! — — Und doch, im +Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, daß solche +Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer +gestörten Blutzirkulation herrührten, und daß das heilbar war, hatte +sich ja nun herausstellt. + +Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war +mehr als Unsinn, deshalb konnte er — Ja, was? Nun war er doch abermals +bei Theonie! + +Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthür in Falsterhof, +drang ins Haus ein, erwürgte mit rascher Energie den Köter, schlich +hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Fäusten, ehe sie +überhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch +einmal, daß sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie +er gekommen war. — — Und dann und dann — Brecken reckte sich in die Höhe, +trat vor den Spiegel, maß seine Gestalt und betrachtete sein knochiges +Antlitz — dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder +entbehren. + +Entbehren? — Nun, soweit kam's überhaupt doch wohl nicht. Etwas würde man +ihm doch zubilligen. — Und plötzlich fiel der Mann wieder in einen der +roten Plüschsessel zurück und starrte vor sich hin, weil — weil — das doch +eben nur schöne Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie +vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und +Wirklichkeit ernüchterte und entmutigte ihn nur noch mehr. — Endlich +sprang er auf, und ein: „Ja, so soll es sein!“ ging aus seinem Munde. +Erst wollte er sich mit Tressens aussöhnen, zu erreichen suchen, was zu +erreichen war, und dann später endlich die Geschichte in Falsterhof +abmachen, nachdem er vorher — daß ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst +kam! — die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so +sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und +reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, daß er ihn +am kommenden Vormittag in Geschäften besuchen werde, nach Elsterhausen +ab. — + +Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter +langsamen Schrittes die beschneite Landstraße von Elsterhausen nach +Breckendorf durchmaß. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war +sehr bedrückt zu mute. Seine ungünstigsten Vorstellungen hatten sich +bestätigt. Von Brix war ihm erklärt worden, daß gerade an diesem Tage +auf seinen speziellen Antrag die Bestätigung einer vorläufigen Kuratel +über Gretes Vermögen eingetroffen sei, und daß Tressens jetzt zu irgend +welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermöge in der Sache +nicht nur nichts zu thun, sondern müsse auch eine Vermittlung ablehnen. +Zugleich erfuhr Brecken, daß die Akten zur Prüfung an den Staatsanwalt +gegangen seien, und die Möglichkeit vorliege, daß die Anklage wegen +Fälschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm +nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem +freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt +werden könne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern +des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen +worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der +definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten. + +Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg +einschlagen und der Pastorin Höppner Hülfe in Anspruch nehmen. + +Er fürchtete das Ergebnis der Fälschungsklage, in dieser Annahme +unterstützt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch +die Beweise! Aber die ganze übrige, seine Existenz und seine +Bequemlichkeit gefährdende Situation war ihm unerträglich. Ein Vergleich +hob die Streitigkeiten und den Prozeß wenigstens nach der einen Seite +hin auf; darum war's ihm zunächst zu thun. Die Diäten, welche ihm das +Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermögen zur +Verfügung stellen würde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in +ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld ließen ihm, da die Dinge sich nun +einmal so ungünstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen +Umständen, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute +Worte geben sollte, aus der Ungewißheit heraus. Das Spiel — er hatte es +sich klar gemacht — war völlig verloren, und damit wollte er rechnen. + +Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er +sich gegenwärtig selbst so charakterlos, feige und schwankend, daß die +Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wünschte, einen Kompromiß mit sich +und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu +schließen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal +noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal! — Und wenn der +Vergleich mit Tressens durch Frau Höppners Hülfe gelang, dann würde auch +Brix Rat wissen, das übrige zu beseitigen; dann war alles gut. — + +Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem ‚guten +Mann‘ im Zimmer. Sie saß mit umgebundener Küchenschürze auf der Lehne +des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem +Pulte den Rücken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die +Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschränkten +hoch emporziehend, aufmerksam zuhörend vor ihr. + +Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht über Lene, deren +Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres +Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloß: + +„Es ist das erste mal, daß ich das Kind bei einer Lüge ertappe! Aber +eben — sie versteht doch schon zu lügen und sich zu verstellen, und das +macht mich so unendlich traurig.“ + +Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort: + +„Ach nein, nein, es ist leider so, und Du mußt mit ihr reden und ihr +vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir dürfen die Sache nicht +leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster. +Ich muß immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er +schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet +werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser +Mensch —“ + +„Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu dürfen!“ ließ +sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thür öffnenden Magd +vernehmen, und fast gleichzeitig und höchst ungelegen erschien Tankred +unter tiefer, überhöflicher Verbeugung. + +Aber während der Pastor wie gewöhnlich dem Gutsherrn mit großer +Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte +Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit +zurückgeworfenem Haupt und äußerst steifer Miene. Auch machte sie +absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschäften zu ihrem Mann +gekommen, sogleich eine Wendung zur Thür. + +„Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!“ schmeichelte +nun Brecken unterwürfig. „Ich möchte gerade Sie gern sprechen und Ihren +freundlichen Rat erbitten. Würden Sie mir nicht einen Augenblick +schenken? Ich wäre sehr dankbar dafür —“ + +Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwärtig, +daß sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen +vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder +Platz. + +Um die unhöfliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der +Pastor mit der Entschuldigung, daß das Kraut zwar von sehr geringer Güte +sei und Breckens verwöhntem Gaumen kaum behagen dürfe, dem Gast eine +Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, daß er +durchaus nicht verwöhnt sei, und daß ihm des Pastors Zigarren — obschon +er sie höchst miserabel fand — stets vortrefflich schmeckten, entzündet +hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei +fast ausschließlich an die Frau. + +Er sprach in längerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwürfnissen +zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Güte der Frau +Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin +übernehmen zu wollen. + +Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die +Pastorin nahm gleich für ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit +demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds +Auseinandersetzungen zugehört hatte: + +„Wir müssen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre +Anregung hin einzugreifen, hieße an den Tag legen, daß bei uns doch noch +ein Rest von Sympathie für Sie vorhanden wäre. Gerade das Gegenteil aber +ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie +gethan, und ich für meinen Teil bin ein- für allemal mit Ihnen fertig. +Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen, +und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier überflüssig +geworden. Empfehle mich!“ + +Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf +den Pastor, seine Frau zurückzuhalten. Und so geschah es auch. Aber +nicht zum Vorteil Tankreds. + +Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten +Verstellungskünste anwandte, während doch seine Augen verrieten, daß er +am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht +hätte, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Lüge äußerst verstimmten +Pastorin ein solcher Tumult von Ärger und Widerstand, und ihr sittliches +Gefühl bäumte sich so gewaltsam auf, daß sie mit funkelnden Augen +hervorstieß: + +„Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thäten Sie, wenn Sie so +rasch wie möglich das Land ein- für allemal verließen! Hier nimmt kein +Hund ein Stück Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter mißtraut man aufs +äußerste, man hält Sie für fähig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich +um Vorteile für Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, daß +jemals ein Mensch allen, mit denen er in Berührung gekommen ist, einen +solchen Abscheu eingeflößt hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler +und Komödianten, und ich füge hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern +ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht +gestraft hat, weil er ihn später um so empfindlicher züchtigen will. +Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wünschen vielmehr, daß +unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen, +was sie erstreben! — So, und das war nun das letztemal, daß ich Ihnen im +Leben gegenübergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner +Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!“ + +Nach diesen Worten verließ die unerschrockene Frau das Gemach, und +bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemaßregelte da. + +Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an: + +„Lieber Herr von Brecken, es giebt für jeden, der fehlte, bei unserm +Herrn Jesus Christus —“ + +Aber weiter kam er nicht. + +„Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem — Ihrem —“ setzte Brecken, der vor +Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Höppner auf. + +Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und +wollte und konnte all das Geschwätz und all die ‚Salbaderei‘ nicht mehr +ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter +Stimme: + +„Sie begreifen wohl, daß ich nach einer solchen maßlosen Invektive es +nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches +und versöhnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau +scheinheiliger Überhebung! — Nein, nein, ich höre nichts mehr, und nie +werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!“ + +Nach diesen trotz seiner maßlosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor +sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stürmte Tankred auf +den Flur und aus dem Hause. + +Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurück, in das er seinen +Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wühlenden Gedanken +in seinem Innern besser Herr zu werden, zunächst einen einsamen +Nebenpfad. Er mußte allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen; +er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernünftigen Entschluß zu +gelangen. + +Einmal schoß es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu +begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst +zu führen. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so +sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies +Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende, +und es war nun auch für ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es +sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besaß keine +Mittel mehr zum Leben. Er mußte dann schon Anspruch auf Diäten erheben, +aber da er ohne Wohnung war, würden sie kaum zu seinem Unterhalt +ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und +zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhöhtem Maße die Gier +nach Besitz und Geld. + +Welch ein Augenblick, wenn er Eigentümer von Falsterhof sein würde, wenn +er mit stolzer, von Machtfülle getragener Geringschätzung herabblicken +könnte auf das ‚Gesindel‘, das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete +sich in Gedanken an ihrem Ärger und ihrer grenzenlosen Enttäuschung, daß +es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu drücken. Im +Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer nächsten +Nähe, und von genügenden Mitteln unterstützt, konnte er einen vorläufig +verlorenen Prozeß noch einmal wieder aufnehmen. + +Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die +Verhältnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Während er +dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines +Innern, waren seine Gedanken ausschließlich mit diesem Plan beschäftigt. +Abermals wollte er ausstreuen, daß er sich nach dem Süden begebe, bei +seinem Anwalt wollte er, um später sein Alibi nachweisen zu können, +seine Adresse an der Riviera niederlegen. + +Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals, +aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann +direkt nach Italien reisen und sich von dort zurückrufen lassen — als +Erbe von Falsterhof. + +Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen, +was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer +Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde. + +In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das +paßte ihm eben; er bestellte ein Glas heißen Grog und knüpfte ein +Gespräch an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange +Abwesenheit vorschützend, über Falsterhof aus; wie es seiner Kousine, +die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen könne, gehe, und ob der +Wirt etwas von ihr gehört habe. + +„Ja, die gnädige Frau will in diesen Tagen, so erzählte der alte Frege, +eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen +früh gehen sie schon ab. — Nicht wahr, Anna?“ rief der Mann seiner eben +eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung über die Mitteilung +geschickt unterdrückend, Zweifel hinwarf. „Sagte Frege nicht, daß die +Herrschaft von Falsterhof morgen früh abreisen wollte?“ + +„Nein, übermorgen mittag,“ berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig +begrüßend. „So sagte der Pächter Harms gestern abend.“ + +Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen +seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des +Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen. + +Mit schlecht verhehlter Hast ließ er sich sein Pferd wieder vorführen, +bezahlte die Zeche und warf hin, daß er noch heut seine Reise nach +Italien antreten wolle. Als er schon in der Thür stand, wagte der Wirt +nach dem Stande der Prozeßangelegenheit zu fragen, er gab sich den +Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse für Brecken. + +„Erst hatte ich die Oberhand,“ antwortete Tankred anscheinend gelassen, +„nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte +die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist. +Zunächst will ich noch mal etwas für meine Gesundheit thun. Adieu, +lieber Krüger! Adieu, Frau Krüger! Auf Wiedersehen!“ + +Damit trabte er davon, und der Wirt, getäuscht durch seine sorglose +Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zurücktretend und sich +an den warmen Ofen stellend: + +„He schien ja ganz vergnögt to sin. Am Enn steiht doch de Sak för de +Herrschaften up Holtwerder nich so günstig, as de glöwen. — Schall mi +Wunner nehm'n, woans dat aflöst! Na, ick mug nich mit em in Striet +kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann.“ + + * * * * * + +Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte +die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie +auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, daß +er Günstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit +heraus. + +Er wußte, daß Brecken bei Brix gewesen, und daß dieser jede Intervention +eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Höppner. Jedes Wort, das +letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und +gab es — ein Labsal für sich selbst — wieder. Endlich wußte er auch, daß +Brecken später noch im Krug gewesen war und dort geäußert hatte, daß er +sich gleich wieder nach dem Süden begeben wolle. + +„Was soll er denn auch hier thun?“ schloß Hederich eben so überzeugt wie +vergnügt und rieb sich die Hände. „Drum und dran — es war ein großartiger +Gedanke von Ihnen, gnädige Frau, den Spieß umzukehren und hier +einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist völlig entwaffnet und bittet +um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar +nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnädige Frau!“ + +„Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich könnte +gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Übrigens möchte +ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um +ihrem Vetter unter allen Umständen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht +ändert sie nun ihren Entschluß. Wie wär's, lieber Hederich, wenn Sie auf +der Rücktour einen Augenblick bei ihr vorsprächen und ihr Mitteilung +machten? Die Neuigkeiten würden sie auch um unseretwillen angenehm +berühren, ich weiß es!“ + +Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem +Frühstück nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach +Falsterhof. + +Wie immer öffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thür, wie +immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich +anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen +Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es +drängte sich dem Besucher unwillkürlich die Frage auf, wie die Menschen +es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag +ausfüllten, wie sie Herz und Sinne nährten. Alles war so freudeleer, so +eintönig, düster und bedrückend. — + +Hederichs Bericht nahm Theonie mit großer Spannung und sichtlicher +Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke +Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit über die +günstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend, +ob sie reisen solle, und äußerte sich in diesem Sinne gegen Hederich. + +„Sie begreifen nicht, daß ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!“ +sagte sie. „Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute +erinnert, das mir der Himmel während meines Lebens schenkte. Meine +Eltern, und was ich später liebte —“ + +Theonies Augen feuchteten sich, und für Augenblicke vermochte sie nicht +weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin +und bat, von einem raschen Entschluß beeinflußt, ob Hederichs nicht am +kommenden Tage mit Tressens und Höppners, die sie auch bitten wolle, zu +Tisch und Abendbrod kommen möchten. + +„Also wirklich, Sie geben die Reise auf?“ warf Hederich nach +ausgesprochener Zusage hin. + +„Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem +ich nun den schrecklichen Menschen fern weiß, atme ich wieder auf und +will mich meiner Ruhe von neuem freuen. — Hier, nehmen Sie das Ihrer +lieben Frau mit!“ schloß sie, als Hederich aufstand und sich zum +Abschied rüstete. „Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt, +und die ich für sie neu habe fassen lassen. — Nein, nein, keinen Dank, +ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise +den Schmuck doch zusenden!“ + +Nun kam auch Frege und meldete, daß Klaus den Schimmel vorgeführt habe, +und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen +Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg +zurück nach seinem kleinen Gütchen. + + * * * * * + +Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Frühlings regten sich. +Die Kälte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser späten +Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, daß die Schritte eines +sich Falsterhof nähernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der +Natur unterbrachen. Und das störte den Spätling. Er wünschte Sturm und +Finsternis statt dieses sanften Träumens der Natur, und als nun eben der +Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte, +auch vom Gehöft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang, +ging ein wilder Fluch über seine Lippen. + +„Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!“ murmelte er zähneknirschend. + +Doch ließ Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal +nahm er den Weg über das Feld durch das Gehölz und hielt erst inne, als +er die Rückseite des Hauses erreicht hatte. + +Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem +Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken +vordem gehört hatte. Das Tier befand sich also offenbar — vielleicht +durch einen Zufall — nicht im Hause; und die schwerste und zunächst +wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte, +daß dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen, +und nun schwankte er auch nicht länger. Im Nu drehte er den Schlüssel im +Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geräusch jemanden geweckt habe, +und entzündete, als alles still blieb, die Blendlaterne. + +Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten +Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfaßte mit seinem +Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemälde an den weißen Wänden, +horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung +nichts, als das regelmäßige, laut durch den eingeschlossenen Raum +dringende Ticken der großen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Für +Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken +Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm +auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom +Wohnzimmer aus in die Gemächer ihres Mannes begeben, dort nach dem +Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geöffneten Vorzimmer +nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr +gütiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich +strenge Miene seiner Mutter und zuletzt — seltsam, — der alte Frege. +Brecken war's, während er zum Dämpfen seiner Schritte ein paar +Filzsohlen unter die Stiefel knüpfte, als ob er ihn hinten aus seinem +Zimmer treten höre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun +beobachte. Thorheit! Vorwärts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell +empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das +Gesicht und schlich bis an die Thür. + +Ein Druck — sie gab nach — jetzt war sie angelehnt. — Er horchte — sein +Herz pochte — Nichts. — Langsam und vorsichtig erweiterte er die Öffnung +— nun war er im teppichbedeckten Vorzimmer. + +Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem +Theonie schlief, er hörte ihren regelmäßigen Atemzug. Noch einmal flog's +ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begönne. Er +wollte über sie hinstürzen, ihr mit der Linken den Mund verschließen und +sie mit der Rechten würgen — so lange würgen — bis — — + +Aber was war das? — Theonie regte sich — Tankred wich unhörbar zur +Seite. — Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock. — Wohl +zwei Minuten stand er regungslos da. — — Ohne zu sehen, war's ihm, als ob +Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken +durch das Dunkel spähe. — Endlich — endlich — war sie wieder +eingeschlafen — ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach. — — + +So, und nun vorwärts! — + + * * * * * + +Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf +der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er +mußte trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden +Gedankens der That sich an dem Geländer festhalten und stolperte +schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang +von drüben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben — er +vermochte nicht, es zu entscheiden — entstand ein Geräusch, und während +er, von Furcht gepackt, zur Hinterthür fliehen wollte, erschien — ja, es +war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit! — in Hemdsärmeln und mit in +der Eile ungeknöpften, an den Beinkleidern herabhängenden Tragbändern +der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole. +Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er +durchs Haus, daß die Wände bebten, stürzte vorwärts und sandte dem in +wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thür zu erreichen vermochte, +eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's +durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war, +so erreichte er doch das Freie. + +Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde +zugeschlagene Thür zurückstieß, sah er Brecken — er glaubte ihn sicher zu +erkennen an Größe, Haltung, Bewegungen — durch den Park fliehen. Einen +Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in +der Erregung unzusammenhängende Worte. Aber dann ward er aufgerüttelt. +Ein entsetzliches, markerschütterndes, nicht endenwollendes Geschrei +drang durch das Haus — — Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die +Treppe herab und rief dem wenige Minuten später schlotternd vor Angst +und Schrecken aus allen Winkeln herbeistürmenden Gesinde die Worte zu: + +„Die gnädige Frau! — Die gnädige — Frau — liegt tot im Bett — —“ + +Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und während eins der Mädchen sie +in ihren Armen auffing, stürzten die anderen empor, um selbst zu sehen, +was Gräßliches, Grausiges, Unerhörtes geschehen war. — + + * * * * * + +Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten +Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte, +Tankred von Brecken. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, die Glieder +flogen, die Brust hämmerte. — Vorwärts! Vorwärts! Zunächst weit weg aus +dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurück +nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage +nach dem Süden! + +Ja, wenn's ging! — Schon mußte er froh sein, wenn er sich mit der Wunde +bis dahin schleppte. Im Körper brannten die Schmerzen, und brennend +ging's auch durch sein Gehirn, denn während er dahin stürmte, erschien +wieder vor seinem inneren Auge das unglückliche Geschöpf in dem hohen +Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genähert +hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der +Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein +Ton, den er nicht vergessen würde, und sollte er tausend Jahre alt +werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden +Händen an die Gurgel gefaßt hatte, und wie im Sterben noch ihr halb +flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war! — Es war +grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so +fürchterlich gewesen, daß sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte +Mitleid mit dem armen, hülflosen Geschöpf empfunden — er hätte ihr lieber +vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder +Sterben. Aber schon war's zu spät gewesen. Die Augen waren verglast und +aus den Höhlen getreten, die Brust hatte aufgehört zu atmen, der in +Todeswahnsinn arbeitende, sich sträubende Körper hatte keine Kraft mehr +gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen +gehorcht. — Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als +er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Fäusten ihre Gurgel — — In +diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung +gerade dieser legten Vorstellung, — denn dann hatten ihn Grausen, +Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten hätte er gleich von oben aus +das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht +hatte sich seiner davor bemächtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen +zu müssen, über den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich +bewußtes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und +die den Urheber all des Fürchterlichen verraten würde — —! + +Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht, +hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen — Und +dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und +immer unerträglicher wurde, jetzt so unerträglich, daß Tankred von +Brecken den bisherigen, stürmenden Lauf hemmte, stille stand und in der +gräßlichen Qual aufbrüllte. + +Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch +trat dieser Schmerz zurück vor einem sich jählings seiner bemächtigenden +Gedanken, vor der sich zur Gewißheit steigernden Befürchtung, daß Frege +ihn erkannt habe! + +Ja, er mußte ihn erkannt, schon sein Instinkt mußte ihm die Wahrheit +eingegeben haben! Und die alte Kanaille würde gegen ihn zeugen, würde es +aller Welt verkünden, daß er, Tankred von Brecken, der Mörder sei — —! + +Und man würde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich, +wer, außer Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Städtchen, wohin +er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich +für einen in Dresden lebenden Hauptmann außer Dienst ausgegeben. +Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurückzugehen und auch +Hamburg zu vermeiden. + +Aber was beginnen —? + +Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kräfte fingen +an, ihn zu verlassen! + +Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten. +Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die +Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr über die Felder, +Wiesen, Äcker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kälte mit +sich. + +Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden +Kräften der Mörder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlöst +zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur +Raserei peinigten. + + * * * * * + +Der alte Frege saß in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die dürren +Kniee gestützt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und +starrte mit einem unbeschreiblich müden und verlassenen Blick vor sich +hin. Die mit der für die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen +Maßnahmen verbundene Tätigkeit hatte ihn seit der Frühe aufrecht +erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken, +und die Gedanken kamen und lösten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie +je zu einem Schluß gelangten, war's immer nur der: „Was sollst du noch +auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein +Leben gewidmet hattest?“ Frege hatte während seiner langen Dienstzeit +nie etwas anderes verlangt, als die Thätigkeit, in der er sich befand, +und die Ausübung seiner Pflicht, die ihm Bedürfnis geworden war. Andere +richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draußen besseres zu finden, +neben der Arbeit Zerstreuung, höheren Verdienst, und was sonst die Sinne +der Menschen fesselt. Er aber wußte, es sei thöricht, zu glauben, das +die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie +geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre +Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nächsten +Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die +Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre +Gebärden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt. + +Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjüngt, als +Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien +die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie +strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes +Auge, ihre glückseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal +jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder. + +Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in +den Tod gefolgt, und das große Erbe kam in fremde Hände. Wo sollte er +nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens würden ihn auf +Falsterhof lassen, alles würde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram +fraß an seinem Herzen; es war auch gleichgültig, wo er die letzten Jahre +noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst — Leben, ja! essen, +trinken, schlafen. — Aber welch ein leeres Dasein! — Gab's noch irgend +etwas, das ihm Hoffnung ins Herz träufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein +Gedanke vermochte ihn noch aufzurütteln: den Verbrecher unter den Händen +des Henkers zu sehen! — + +Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mörder stände ihm jetzt +gegenüber, dann verzerrten sich vor Haß und Wut seine Mienen. Er fiel +über ihn her, stieß ihm ein Messer in den Körper, wo es gerade traf, und +weidete sich an der Dual des Scheusals. — Und Gott würde ihm vergeben! +Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, würde +begreifen, daß man Rache übte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott +nicht selbst eine Hölle geschaffen mit Zittern und Zähneklappern für die +Bösen, und sollte sein Geschöpf, der Mensch, sich des natürlichen +Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entäußern? + +Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau, +die er wie ein höheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte +sich auf, schritt mit nassen Augen langsam über den stillen, hallenden +Flur, öffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet +hatte, und näherte sich ihrem Totenlager. + +Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fürchterlich waren +die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die +Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geöffnet, und +diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von +flehendem Entsetzen! + +Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken über das Antlitz; er konnte +ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrücken, er vermochte es nicht. +Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stöhnte. — Noch tags vor +ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend, +lange mit ihm gesprochen, Pläne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen +gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie für ihn besaß. Und da war +der feige Einbrecher erschienen und hatte — hatte — O Gott, o Höchster +über den Sternen! Es war nicht auszudenken, daß das wirklich alles +geschehen war! + +Der Hund hatte die ganze Nacht in Absätzen gebellt, durch ihn war Frege +geweckt worden — aber zu spät — — zu spät — — Und daß das Tier sich gerade +an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlaß findend, in +den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglücklicher Zufall +gewesen, das erschien als ein solches Bündnis des Teufels mit dem +dämonischen Plan des Verbrechers, daß es fast aussah, als habe Gott aus +für die Menschen unerfindbaren Gründen alles so geschehen lassen wollen! +Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen +gleich erscheinenden Schicksalen gewesen! — War darin Sinn und +Verstand? — Vielleicht doch! — Sie mußte fallen, damit jene auf Holzwerder +wieder zu ihrem Recht gelangten, für schwere Enttäuschungen um so höher +entschädigt würden. So ging's überall in der Welt zu; das waren geheime +Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte, +neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von +Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst +Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten. + +Wenn's nur nicht sein Sohn wäre! dachte der alte Mann. Nur nicht der +Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste! + +Endlich erhob er sich, die Thürglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war +Essenszeit. In der Gesindestube saßen schon die anderen Dienstboten zu +Tische, und draußen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden, +harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Stärkeren gegen +den Schwachen. — + +Am Nachmittag desselben Tages trafen Höppners, Tressens und Hederichs in +Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen +der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch +Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden +Bericht über die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten +Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft +unternommen hatte. + +Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blätter +hatten schon am Tage nach der That ausführliche Berichte gebracht und +Mutmaßungen über den Thäter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit +vollkommener Sicherheit die Erklärung abgegeben, daß er Brecken erkannt +habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das +bestimmteste behauptete, den Mörder verwundet zu haben, erschien die +Überführung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als +eine leichte. + +Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert, +daß er tags vorher in der Nähe gewesen und die Absicht geäußert hatte, +sich nach dem Süden zu begeben. Aber da er keinen großen Vorsprung +gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine +Ergreifung gesetzt hatte, mußte sich die Angelegenheit baldigst klären. + +In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die +mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschäftigten sie auf +das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, daß auf einem +solchen vorsätzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof +zu, und er wurde zugleich für alle Zeiten Einflüssen entzogen, die, wie +auch immer der Prozeß ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen +sein würden. + +Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste +Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache. + +Und wenn auch gegenüber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen +unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz +aufdrückte, Äußerungen der Freude über den wahrscheinlichen Ausgang der +Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von glücklichen +Vorstellungen erfüllt, und namentlich auch Hederich und Carin machten +Pläne, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurückzukehren. + +Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder +verwachsen. Er fühlte sich dort besonders heimisch und glücklich. Und +bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine +materiellen Verhältnisse wesentlich. + +Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes. +Wenn er in die alte Thätigkeit wieder eintrat, so waren sie +wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie +pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden +jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben +vermochte. + +Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg, +drückten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann +Vorbereitungen zur Abfahrt. + +Als sie bereits in der Thür standen und den letzten Händedruck +austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe, +wie sie gehört, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer +Überraschung keiner bedrückten Miene, sondern die Pastorin neigte mit +leuchtenden Augen den Kopf und sagte: „Ach, es ist ja ein herziges Ding! +Sie hat so tief bereut, daß mir die Seele schmolz. Sie kam +unaufgefordert zu mir, legte ihr Köpfchen an meine Schulter und +bettelte, daß ich ihr verzeihen möchte.“ + +Sie hatte nach diesem Bericht über Lene auch keine Zeit mehr, die +lebhafte Frau Pastorin. Sie drängte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen +und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmütigen Gesicht, +was sie wollte. + +Durch das Gespräch über Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen +Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaßten +sie. + +Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf +die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blühend +aussehendes junges Weib in die Arme und flüsterte zärtlich neckend: +„Aber mein kleines Frauchen, — drum und dran — mag keine Kinder —!“ Da +senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in +ihren Mienen die Glückseligkeit, die sie durchströmte über das, was auch +ihr bevorstand. — + + * * * * * + +Es war Spätabend. Abermals ein furchtbares Gewitter — gleichsam ein Kampf +der mächtig nach Verjüngung ringenden Natur — durchtobte den Himmel, und +meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der +vor einigen Tagen krank nach L. zurückgekehrte, unter dem Namen ‚von +Kaub‘ in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war. + +Ärztliche Hülfe war von ihm zurückgewiesen. Er hatte einen Barbier +angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte +linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mußte. Es sei eine sehr +böse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die +Frage des Wirtes erklärt, und viele Wochen würde es dauern, ehe der +Kranke das Zimmer wieder verlassen könne. + +Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant +verlassen, auch sämtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben, +und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen, +als noch an die Hausthür geklopft ward, und der Barbier, an dem +verschlafenen Hausdiener vorüberschreitend, in sichtlicher Erregung das +Gastzimmer betrat. + +„Nun?“ machte Helms, der Wirt, ein mittelgroßer Mann, der mit seinem +zwischen englischen Bartkoteletts überaus glattrasierten Kinn und der +übertrieben sorgfältig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als +ob er sofort als Schauspieler in einer Bühnenrolle aufzutreten habe, +verwundert und nicht eben angeheimelt. + +„Wo kommen Sie denn noch so spät her, und in dem, Wetter, Bartsch?“ + +Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute +sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fürchtet. Dann +sagte er: + +„Ist noch heiß Wasser da? Ich möchte einen halben +Grog, — und — dann — dann — muß ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr +wichtiges, das keinen Aufschub duldet!“ + +In Helms Gesicht drückte sich allerlei Mißbehagen aus, aber er ging doch +hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Höhe, ließ +den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett. + +„Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms,“ begann Bartsch, ein Mann, in seiner +Erscheinung mehr einem Küster als einem Barbier gleichend, mit ernstem, +zuverlässigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt, +eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor. + +Helms setzte ein Glas aufs Auge, und während er ein +Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit größter +Spannung seine Mienen. + +„Na? Und?“ setzte Helms arglos an und schnitt mit großer Umständlichkeit +die Spitze einer Zigarre ab. „Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu +verdienen —?“ + +„Wir!“, betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand +nach oben. + +Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht. + +„Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht +wird,“ hub Bartsch an. „Alles stimmt. Merken Sie auf!“ Und nun las er +einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein „Trifft +doch genau zu!“ ein. + +„Donnerwetter!“ sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verließ. + +Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluß. Einen solchen Menschen +im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, daß er sogleich +mit Bartsch überlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche +Anzeige erstatten und veranlassen sollten, daß eine Wache vor die +Stubenthür und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz +zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rückgrat, +scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr +weiße Zähne, große, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug! +Jedes Stück stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Überzieher. +Und ganz in der Frühe war er angekommen, verstört, totenbleich, mit +Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte +erzählt, daß er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt +habe. + +Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuß —! Während die +beiden noch zusammen überlegten, ertönte plötzlich ein Donnerschlag von +solcher Vehemenz, daß die Erde zu beben schien, und sie unwillkürlich +zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben +im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht +erklärte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub. + +Die beiden Männer sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von +Grauen erfaßte sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen, +und nun war's so gut wie erwiesen, daß der Thäter oben im Hotel +lag. — Entsetzlich! — Endlich gingen sie beide. — — + +Als sie das Zimmer öffneten, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick +dar. Der Kranke saß aufrecht im Bett und brüllte, man möge gleich den +Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er könne das +nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht +werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Mäuse und Ratten +sollten nicht an den Wänden kriechen und — und — + +Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie +ein Verzweifelter und schrie und tobte, er könne es vor Kitzeln nicht +aushalten! Und dazwischen kreischte er, daß die Frau, die Frau Theonie +mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde. — + +Fürchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Körper- und Seelenschmerzen +wirkten zusammen in dem Unglücklichen! + +Und was die Anwesenden sagten, hörte er nicht, er wußte schon nicht +mehr, daß sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das +Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genähert +hätten, und dann brüllte er wieder so markerschütternd auf, daß sie, wie +von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit ließen, die Thür von +außen zu verschließen. — + +Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer +auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht, +Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kämpften in ihnen. Aber dann gab's +einen schnellen Entschluß, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und +Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt +abzunehmen, sich noch verstärkt hatte, als ob alle Himmel droben +gegeneinander in Aufruhr geraten seien — — + + * * * * * + +Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der +Hauptstraße ab eine Anhöhe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt +sich fast in der Mitte des Hügels, und rings umher befinden sich die +vielfach von Bäumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Gräber, +herabreichend bis an die Gärten der die Straße flankierenden Häuser. +Ein stiller Ort, an dem die Vögel heimlich singen, an dem selbst der +Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Flügel erhebt. + +Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem +durch die Frühsonne verklärten Frieden. Überall junges Grün, wohin das +Auge blickt, Grün und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der +Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermählend, +unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt. + +Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfährt, begleiten nur drei +Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefährt her, und jeden leitet auf +diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und +Gedanke. + +Es ist die Verehrung für die Frau des Toten, das Interesse für sein noch +lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen geführt hat. + +Tankred von Brecken — über drei Wochen sind vergangen — war in dem +öffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanitätspolizei +und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und körperliche +Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis +er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres hätte ihn erwartet, +wenn es der Pflege gelungen wäre, ihn am Leben zu erhalten. Und das +hatte der Mann gewußt in den wenigen lichten Augenblicken seiner +Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer +Gewalt zum Durchbruch gekommen war. + +Aber er wußte noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er +alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken +hinauf, und die gefalteten Hände zitterten, und der Mund flehte +stöhnend: „Nimm mich fort, sende mir den Tod. Übe dein göttliches +Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst, +was die anderen als höchstes Gut erkennen: das Leben — —!“ + +Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kämpfen erlöst; an einem +Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht lähmte, war +er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers +beraubt. — + +Der Leichenzug war oben angelangt; die Träger hoben den Sarg, auf den +niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen +und schritten an die Gruft, an welcher der Küster mit seinen Gehülfen +harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos. + +Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen +einiger klebriger Erdstücke ein Geräusch. Sie fielen dumpftönend auf den +Deckel, aber sie störten den Schläfer nicht mehr — + +„Wir wollen ein Vaterunser beten,“ hub Höppner an. Aber er sprach noch +anderes. Seine verzeihende Seele drängte nach einem Wort: „Richtet +nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des +Unglücklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren +das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung +einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert +seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott möge ihm gnädig +sein!“ — + +Als die drei Männer, Herr von Tressen, Pastor Höppner und Hederich, +langsam den Weg zurücknahmen, zwitscherten über ihnen die Vögel mit +süßem, fröhlichen Gesang; von unten drang das Geräusch emsigen Lebens an +ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang überall! Und das Gefühl einer schweren +Last war auch von der Seele dieser Männer gewälzt und machte sie leicht +und hoffnungsfroh. + +Hier hinterließ der Tod keine Narben, hier war er eine Erlösung für die +Zurückbleibenden, wie er eine Erlösung gewesen für den Vernichteten, der +einst geglaubt hatte, der Mensch vermöge sein Schicksal zu lenken nach +seinen Wünschen und Vorstellungen. — + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Todsünden, by Hermann Heiberg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK Todsünden *** + +***** This file should be named 13805-0.txt or 13805-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/8/0/13805/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Todsünden + +Author: Hermann Heiberg + +Release Date: October 20, 2004 [EBook #13805] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSÜNDEN *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Todsünden + + + +Roman + +von + +Hermann Heiberg + + + +Berlin + +Verlag des Vereins der Bücherfreunde + +1891 + + + + +Hermann Heiberg. + + +Unter den großen Verdiensten, die der Träger dieses vielgefeierten +Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen +drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer +schwächlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den +weiteren Kreisen des bis dahin gleichgültig gebliebenen Publikums Bahn +gebrochen zu haben. + +Es geschah dies durch seine Bücher "Plaudereien mit der Herzogin von +Seeland" und "Apotheker Heinrich." + +Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger +ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne +geschrieben hatten. Er--so wenig wie Theodor Fontane--brach auch +keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten; +er--so wenig wie Theodor Fontane--stellte keine großartigen, langatmigen +und langweiligen Programme auf; er--so wenig wie Theodor +Fontane--spielte sich als Begründer einer ganz neuen, noch nie +dagewesenen Poesie auf. Dafür vollbrachten Theodor Fontane und Hermann +Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland, +welche die Wirklichkeitskunst begründeten. In den siebziger Jahren +erschien ganz im Stillen Fontanes "L'Adultera"; Heiberg schrieb 81 seine +graziösen, entzückenden Plaudereien und zwar nur, "um seine mißmutigen +Gedanken zu töten," keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstücke +zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun +sollten. + +Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heiße Kampf +entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den maß- und +geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet, +hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschärfter +Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er +hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein +reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfüllte buchstäblich +die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden +Brüder, welche sie aufstellten,) daß man erst vierzig Jahre zählen +müsse, bevor man sich Realist nennen dürfe. Aber Realist! Meines Wissens +hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Bücher nicht "die einzige +Berechtigung des Realismus" beweisen wollten, da er sich nicht auf ein +einseitiges Dogmenverkünden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern +in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, nämlich die Sinne und die Seele +des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und +Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, füllen wollte--etwas, was +bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten--, so nahte +seinen Büchern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche +Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es nämlich in der That ja ganz +gleichgültig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist +oder was immer sei--als ob überhaupt die Wirklichkeit diese Gegensätze +so scharf begrenzt anseinanderhielte!--es will nur eins: es will +bezwungen sein; der Leser wünscht zu fühlen, daß der Künstler Gewalt +über ihn habe, er will sein Gefangener sein... + +Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in +seinen entzückenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Büchern--ich +denke hier besonders an den "Apotheker Heinrich"--langte es mitunter +zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um +den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher +Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen +zwangen, bis langsam sich die Spannung löste und ein hinreißender Humor +uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust wälzte... Was sag' ich? in das +Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden +Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters +nachzulassen schien, steckte ein Element der Ursprünglichkeit, ein +naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht +vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fühlte sich so wohl bei Heiberg; +er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmännisches; bei ihm +vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer +schneidenden Satire. Auch seine berückendsten Schilderungen waren durch +einen goldechten Humor verklärt. Dieser Humor gerade ist das +Auszeichnende der schriftstellerischen Persönlichkeit Heibergs: nicht +viele Dichter der gegenwärtigen Zeit können sich zu diesem +Erlösungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den +schmerzvollsten Gegensätzen hin und her geschleudert, und erleichtert +seufzen sie auf, wenn ihnen ein Begünstigter begegnet, und horchen auf +ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt. + +Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo +kommt er her? Nicht müßige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn, +um es mit einem groben und beschränkten Wort zu sagen: Was Einer ißt, +das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine. + +Man erfuhr nach und nach folgendes. + +Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen +Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die +Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen +Stadt seit langem eine große Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt, +entstammt dem gräflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr +glückliche Jugend, man ließ ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war +ein frischer, fröhlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine +Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine +Bücher,... er ist einer der größten und naturwahrsten Kinderdarsteller +der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend +dahinfloß, meisterhaft zu vergegenwärtigen weiß. Nachdem Heiberg das +Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der +Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in +Schleswig-Holstein und andere Umstände die Ausführung dieses +Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhändler. Seine +Lehrjahre, die er später im "Januskopf", diesem vortrefflichen +Buchhändlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann +übernahm er in Schleswig die selbständige Leitung einer von seinem Vater +begründeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die +er wenige Jahre später, nachdem er inzwischen ein Jahr in Köln gewesen, +als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein +aufblühendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschäft, um +nach Berlin zu übersiedeln. Hier ward er vorerst geschäftlicher Leiter +der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der +energische und tüchtige Mann in die Direktion der Preußischen +Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die +vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu häufigen und ausgedehnten +Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Dänemark, +Frankreich und England veranlaßte. Wo ist ein Schriftsteller mit einer +so eigentümlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der +als thätiger Mann im Leben stand, nicht es als müßiger Zuschauer +beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Füße und +beschäftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von +Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein +oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen--so war er z.B. +einmal vorübergehend Bevollmächtigter der chinesischen Regierung für +eine Finanzierung in London--, zog sich aber endlich doch, mehrfach um +die Früchte seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit gebracht und +grenzenlos angewidert von allem, was "Geschäft" heißt, zurück. Im Jahre +1881 schrieb er dann, "um meine mißmutigen Gedanken zu töten," wie er +sagt, jene reizenden "Plaudereien mit der Herzogin von Seeland." Der +große Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte +ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als +Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswürdigen Frau, +mit der er sich 1865 vermählt hat, umgeben von einem blühenden +Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thätig. + +Hiermit legt der Verein der Bücherfreunde der deutschen Leserwelt sein +neuestes Werk vor. + + * * * * * + + + + +Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Bäume ihrer Blätter +entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Wälder +hatten doch ihr Aussehen bereits verändert: wundervolle kupferrote und +in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Grün, das der +Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner +Baum, der, hoch die andern überragend, emporstrebte aus einem +parkartigen Gehölz, welches das versteckt und düster gelegene Erbgut +Falsterhof rings umgab. + +An einem solchen Herbsttage, um die Dämmerung, wandte sich ein Mann, der +eben die Dreißig zurückgelegt hatte, in die zu dem Gute führende +Kastanienallee. + +Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe +hinüber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug, +änderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen +Gesicht bewegend, die Richtung, zwängte sich durch zwei eine stille, +große Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt +vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehöft zu. + +Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich +hinstreckendes, dichtes Gehölz erreicht, durchschritt es, bis er an +einen Gemüsegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen +begrenzenden Wirtschaftsgebäude entlang. Hier übersprang er, den +gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und +befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier +emporragenden Flügel des Gutshauses. + +Es war ein wohl über zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken +Backsteinen abgeführter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und +Schlinggewächsen, und dem Auge um so unfreundlicher und düsterer +erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und große Bäume ihn +beschatteten. + +Vor zwei Monaten war, über siebzig Jahre alt, der Besitzer von +Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen +kämpfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode. +Das wußte der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewißheit +verschaffen wollte über Verlauf oder Ende der Krankheit. + +Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit +seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebüsch +eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es +jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war +denn der Späher sicher, daß niemand ihn beobachten werde. + +Nun drückte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten +Feldstein und schaute ins Innere des Hauses. + +Eben fuhr der Abendwind durch Gebüsch und Bäume und fing sich stürmisch +in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kümmerte +sich nicht darum. + +Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In +einem hohen Bett mit verblichenen, grünseidenen Gardinen lag die alte +Frau mit gefalteten Händen; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im +Zimmer; daneben Medizinflaschen, Gläser, Leinewand, Schwämme und +Schachteln. + +Alte, schwere Möbel standen ringsum; ihr Äußeres bekundete Gediegenheit +und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfänden sie, +was sich hier abspielte, als hörten sie das Röcheln der Kranken, als +sähen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die +sich in einen großen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte +und nun schon seit zwei Tagen und Nächten von der Sterbenden, ihrer +Mutter, nicht gewichen war. + +Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen +Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren +Eltern nach Falsterhof zurückgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in +die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal für kurze +Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht +geleitet; als sehr spät geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie +nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung +gebracht, die, einem unbewußten Egoismus entspringend, mehr den Eltern +selbst als den Kindern zu gute kommt. + +Was sich jetzt diesem jungen Leben eröffnete, war schmerzlich genug. + +Theonie war zwar Erbin des großen Besitzes, aber stand völlig allein in +der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besaß, war Tankred von +Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spähte. Aber +schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte +sich ihrer eine unauslöschliche Abneigung gegen ihn bemächtigt. Tankred +war glatt, höflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an +die Züge eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in +einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil über seinen +Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu lösen vermochten. + +Tankred war der einzige Sohn eines jüngeren Bruders des verstorbenen +Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den +Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds +Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram über die Verkommenheit +ihres Sohnes, der früher als Schreiber auf adligen Gütern thätig gewesen +war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten können und sich +zuletzt--gleich nach dem Ableben seiner Mutter--auf Falsterhof +eingefunden hatte. Hier saß er nun schon seit Monaten umher, erklärte, +sich trotz seiner Bemühungen keine neue Thätigkeit verschaffen zu +können, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem +Wesen eingenommen war, genügenden Rückhalt, um sein Faulenzerleben +fortzusetzen. + +Ganz allmählich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu +machen gewußt; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn, +rauchte dessen zurückgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife +und schritt mit seinem Feldstock über das Gut. + +Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie +ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, daß ihm bei Tisch +nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und daß ihm +Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur älteren und besonders +geschätzten Personen verschafft. + +Tankred sprach mit solcher Offenheit über sein Vorleben, drückte eine +anscheinend so ehrliche Reue darüber aus, seinen Eltern Kummer bereitet +zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte, +schlechte Gewohnheiten zurückzuversinken, und wußte seine Tante in so +geschickter Weise zu umschmeicheln, daß die Frau sich völlig umgarnen +ließ und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes +zuflüsterte, gefangen gab. + +"Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen, +Theonie!" hatte sie ihrer anfangs noch schüchterne Einwendungen +machenden Tochter gesagt. "Menschen können sich doch ändern! Diesen +jungen Mann haben die Lebenserfahrungen früh weise gemacht. Ich glaube +an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin überzeugt, daß er +fortan nur grade und gute Wege gehen wird." + +Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar +fallen lassen, daß es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum +Oberverwalter des Gutes und des Vermögens einzusetzen, ihm auf diese +Weise Thätigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natürlicher +Rücksicht gegen den einzigen Verwandten zu üben, den sie noch auf der +Welt besäßen. + +Mit allen Zeichen höchsten Schreckens hatte Theonie dem zugehört. + +"Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch +sechs Wochen vor ihrem Tode, daß Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen +Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in +welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu +machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, daß +man sich um so mehr vor ihm hüten müsse, als er ein großer Künstler in +der Verstellung sei, daß er die Herzen der Menschen umstricke, sich +ihnen füge und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge +habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch +erschrocken warst über sein plötzliches, unaufgefordertes Erscheinen +hier, schwörst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser +Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch +wäre erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir müßten eher große Opfer +bringen, um ihn für immer von uns zu entfernen, als daß wir darüber +sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weißt Du, was ich glaube? Nicht nur zu +Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er fähig, sondern unter +Umständen zu einem Verbrechen!" + +"Theonie! Theonie!" rief die alte Dame entsetzt und für ihren Neffen +Partei nehmend. "Welche Gedanken! Meine Schwägerin, Deine Tante, war +eine kalte, mißtrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus +Pflichtgefühl. Liebe empfand sie weder für ihn, noch für ihren +verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im +schlechten Sinn getrübt. Sie ließ überhaupt keinem etwas Gutes, sie sah +stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig +und genußsüchtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und +die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht +verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade +Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man +ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefühl erwacht dann, und sie +bestreben sich, zu zeigen, daß sie doch im Grunde etwas anderes sind, +als wofür man sie hält."---- + +Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine +belauscht hatte, wich er zurück und schien auf Grund der von ihm +gemachten Beobachtungen zu einem Entschluß gelangt zu sein. Aber rasch, +wie von einem plötzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um, +als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang +und ihn belehrte, daß in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes +zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spähte, daß seine +Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes über ihre +Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden +Greisin behülflich war, die Todesqual leichter zu überwinden. Das +Stöhnen und Ächzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich; +schrecklich verzerrten sich die Züge der Sterbenden, und kaum fünf +Minuten später hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben. + +Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit +wenigen Sätzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben +übersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehölz +einschlagend, abermals in der Allee. + + * * * * * + +Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war +Theonie von dem Begräbnis zurückgekehrt und sank nun in ihren oben im +Hause belegenen Gemächern an dem Tisch nieder und ließ das Haupt auf den +ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum +als der Schmerz, verstärkt durch das Gefühl einer grenzenlosen +Vereinsamung und--Furcht. + +Außer ihr wohnten in dem großen Hause nur zwei Mädchen und ein bejahrter +Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlässiger, aber eigentümlicher +alter Mann, der etwas schwerhörig war. Das Haus des Pächters von +Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der +Pächter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden +Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er +unverheiratet war, führte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und +auch sie war wenig zugänglich. + +Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen +Wohngemächer, die sich bis in den Flügel ausdehnten; zur Rechten lagen +die Räume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben +Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Flügel waren die Küche und +die Gesindezimmer. Man mußte eine breite, beschnittene Hecke +durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehölz +gelangen wollte, welches sich dort düster hinstreckte. Auch vorn standen +große, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch +Stakete eingefriedigte Gemüsegarten mit hohen Gebüschen. So drang denn +nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemächer, und das Herrenhaus machte +von außen und innen einen unheimlich düsteren, melancholischen Eindruck. + +"Was nun?" drang's unwillkürlich und mit grenzenloser Schwermut aus +Theonies Munde, als sie nach Bekämpfung des ersten Schmerzes das Haupt +emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute. + +"Was nun?" Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie, +niemand beschränkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in +die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fühlte sie sich +gehemmt, als befände sie sich in einem Gefängnis. + +Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt +verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, daß sie ihr ganzes +Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend über sie, aber +ebenso sehr schrak sie davor zurück, sich anderswo in der Welt +niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe für sie verloren. + +Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Nächstliegenden zuwandten, dem +Tag und seinen Bedürfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen +erschien, schüttelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen +richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn würde entfernen können. + +In den legten Tagen während der schweren, schon hoffnungslosen +Krankheit ihrer Mutter hatte er lügnerischer Weise erklärt, eine Reise +unternehmen zu müssen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine +Stellung eröffnet hätten. + +Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die +Kranke getröstet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte +sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert. +Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu müssen, ihr nicht +Gesellschaft leisten zu können, aber er halte es für seine Pflicht, eine +gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht vorübergehen zu +lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke +besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn. + +Und dann hatte er Theonie voll Zärtlichkeit umarmt, sie mit seinem +demütigen Blick gestreift und war abgefahren. + +Während sich die alte Dame in Lobsprüchen über ihn erging, dachte +Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Mißtrauen, ihre +Abneigung verschärften ihre natürliche Menschenkenntnis. Sie war +überzeugt, daß er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit +und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Rücksichten zu üben, +durch deren Vernachlässigung er sich in ein schlechtes Licht stellen +würde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles +vorüber wäre, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebürdet werden könnten. Er +wußte auch, daß sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde. + +Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu +thun, scheute er weder Lüge noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie +genieren konnte, suchte er möglichst aus dem Wege zu räumen. Und in der +That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche +bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine +Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war. + +Nun heuchelte er Überraschung, Trauer und Leid, so spät--zu spät +gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde später bemerkte ihn +Theonie, vergnüglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher hätte ihn das +Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr berührt als der Tod seiner +Verwandten und Wohlthäterin. + +Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu +begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die +Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht +Wochen vorüberzögen, würde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie +bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich +amüsieren, zu Fuß und Wagen Ausflüge unternehmen, Gutsbesitzer der +Umgegend besuchen und die übrige Zeit essen, trinken, schlafen, +faulenzen und den Herrn spielen. + +Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner +Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein +verstecktes Ziel. Nicht gleich--nicht überstürzt--er hatte Zeit zu +warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wünsche würde er +umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Lügen auftischen wie +ihrer verstorbenen Mutter: daß er sich um Thätigkeit und Verdienst +bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden. + +Und wenn sie dann erklärte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten, +wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen, +dann würde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und +dieses Gesicht hatte sie jüngst im Traume gesehen--es war die +Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen. + +Tankred hatte schreckliche Fäuste,--er zerbrach mit den Fingern einen +eisernen Ring,--er hatte fürchterliche Backenknochen, er besaß die +herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten +Momenten die Augen eines Raubvogels. + +Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit +einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloß hinter sich +die Thür in dem düsteren Raum und öffnete die Pultschublade der +Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wußte, hier liegende Testament +ihres Vaters an sich nehmen. Eine plötzliche Unruhe und Angst, daß es +von Tankred beiseite gebracht werden könne, daß es gar schon von ihm aus +der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen. + +Mit zitternden Händen und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das +Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre +Furcht schon bestätigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit, +hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Fächer neben anderen +wichtigen Papieren das Gesuchte fand. + +'Mein letzter Wille' lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit +den Schriftzügen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und +sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem +Dahingeschiedenen bemächtigte sich ihrer. + +Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer. +Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und +neben ihm die Unvergeßliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit +gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten +Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr +Gedächtnis, und abermals kam's über sie wie Gewitterschwüle. Angst und +Grauen bemächtigten sich ihrer Seele und ließen sie nicht. + +Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Räume, der Geruch von +verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf +die Brust, und als nun die Thürglocke anschlug, und der Hund, der immer +bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut rührte, als sie wußte, daß +er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen +begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung +unter ihrem Mieder und schloß rasch das Pult. + +Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt.--Nichts--Tankred +schien sich in den Garten begeben, seine Gemächer nicht betreten zu +haben. + +Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald +auf die Thür, bald auf das nach dem Park sich öffnende Fenster. Und als +sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkürlich als +bewußt, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres +Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spähen und sie +beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als +ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten; +doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu +vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie +gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen +Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloß sie +die Thür des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemächern empor und +machte sich, nachdem sie einigermaßen ihre Ruhe zurückgewonnen, an die +Durchsicht des Testaments.-- + +Theonie war groß und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besaß sehr +schöne, regelmäßige Züge, weiße Hände und schmale Füße und jenes +Zurückhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Männer reizt, in +das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt, +ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersönliche in ihrem +Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluß gelangen läßt, der +damit Behaftete sei nur mit sich beschäftigt, interesselos und hochmütig +oder so sehr durch anderes abgelenkt, daß vorliegende Dinge ihn nicht +fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberfläche Feuer und +Leidenschaft; diese Gleichgültigkeit ist dann der Schleier, den man +vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu können; vielfach ist's auch +ein Produkt der Erziehung, welche Zurückhaltung als ein Gebot der +Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht. +Das letztere war bei Theonie der Fall. + +Sie besaß eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam, +und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kräftigeren, +selbstbewußteren Seite hin bisher nur einmal bethätigen können, und zwar +nach dem Tode ihres Mannes. + +Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie +selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem +Willen und Wünschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmäßig +dahinfließendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen +unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil +gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschätzt, dafür hatten +sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt. + +Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die +Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, überwog bald den +Schmerz und machte sie weniger empfindlich für die Trauer, die Theonie +um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die +Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, fröhlicheres und der +Welt mehr zugewandtes Leben begrub. + +Daß sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde, +stand für sie außer Frage. Das Glück, das ihr kurze Zeit gelächelt, +hatte sie schnell wieder verlassen, denn daß sie noch einmal einen Mann +lieben könnte, hielt sie für undenkbar.-- + +Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertönte, war Theonie eben mit dem +Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im +Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen. + +Als sie in die Thür trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer +Teilname auf sie zu und drückte wortlos einen Kuß auf ihre Hand. Sie +litt es nur halb; bei seiner Berührung war's ihr, als ob ein böses Tier +sich ihr genähert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens +vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen. + +"Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurück, Theonie," hub +Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, "weil Pastor Höppner noch +den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte, +um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wünschtest +Du auch allein zu fahren?" + +Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat +trotz seiner gefügigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wußte seit +seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der +Wunsch, daß es anders sein möge, verwischte bisweilen sein klares +Urteil. So war es auch heute. + +"Ja," erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem +sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, "ich +hatte allerdings das Bedürfnis, mich abzuschließen, und hätte Dich sogar +gebeten, mich allein fahren zu lassen." + +Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er +mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend, +einschmeichelnd: "Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich würde ich +glücklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt hättest, in meiner Nähe zu +sein. Ich hätte dann doch einmal empfunden, daß Du ein etwas warmes +Gefühl für mich besitzest." + +"Nein, ich besitze es nicht!" gab die Frau ehrlich zurück. + +Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets +ausgewichen, aber über ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die +auf Freundschaft oder Abneigung hätte schließen lassen können. + +Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte +gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten? +Wollte sie rasch und ohne Rücksicht das Band zwischen sich und ihm +durchschneiden? Er mußte es wissen, es drängte ihn heiß, und statt ihre +Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte +er unvermittelt: "Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begräbnistage +Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es +mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen." + +Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners, +und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner +Schwerhörigkeit begegnen mußte: + +"Es fehlt ein Löffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein."-- + +Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet +mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige. + +"Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?" + +Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem +Gesicht; deutlicher Haß spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie +rasch wieder glättete. + +Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klüger +sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende +Furcht kam über sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen +Ahnungen, daß sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und +zunächst den Löffel brachte. Sobald sich die Thür hinter ihm +geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort wägend, aber auch die +Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter über ihre Absichten nicht im +Unklaren zu lassen: + +"Den Haß, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu +empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns, +glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu +bleiben. + +Ich werde nicht vergessen, daß Du mein Verwandter bist, und werde die +sich daraus ergebenden Rücksichten so lange gegen Dich üben, wie Du sie +mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem späteren +Lebenswege günstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber +doch früher oder später der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus. +Ich werde Deine Wünsche zu erfüllen suchen, sofern sie meine Kräfte und +die Grenzen, die ich nur stecken muß, nicht überschreiten." + +Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem +gemischten Ausdruck schlecht unterdrückter Enttäuschung und dankbarer +Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: "Ich danke Dir für Deine +Gesinnungen. Daß Du jemals in die Lage geraten könntest, 'meiner' zu +bedürfen, hältst Du wohl nicht für denkbar Theonie? Umfaßt der Reichtum +denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen hülfreich +erweisen kann?" + +"Ich werde Dich nie um etwas bitten," entgegnete die Frau kalt, und von +der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Rücksicht, die sie +eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewußt +werdend, fügte sie rascher hinzu: "weil ich überhaupt niemandem etwas +schuldig sein möchte." + +In dem Gesicht des Mannes rührte sich nichts, obschon es in ihm wühlte. +"Du äußertest vorher, Theonie, daß wir nach Deiner Ansicht besser +thäten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluß zu +ziehen, daß Du wünschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so, +dann werde ich so bald wie möglich gehen, doch möchte ich Dich bitten, +mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewähren, bis ich eine Stellung +gefunden habe. Du wirst sagen, daß das nach den bisherigen Erfahrungen +lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn +ich die Mittel hätte,"--jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange +auf den Lippen lag,--"würde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder +eine Pachtung zu übernehmen suchen, aber ich armer Teufel--" + +"Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine +andere Flasche, bitte!--Ich möchte, um Deine Frage zu beantworten, +Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten +meines verstorbenen Mannes begeben. Natürlich werde ich Rücksicht auf +deine Wünsche nehmen," entgegnete Theonie, kühl ausweichend. + +"Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst +mir, noch acht Tage zu bleiben." + +Sie gab keine Erwiderung. + +"Ist das zu lange?" + +"O--nein--" Es kam sehr zögernd heraus, und diesmal wußte Theonie, was +sie sprach. Und doch, um seine Enttäuschung, die er nicht zu verbergen +vermochte, zu mildern, knüpfte sie rasch an den Schluß seiner vorherigen +Rede an und fügte hinzu: + +"Du sprachst von Mitteln, deren Du bedürftest. Auch ohne diesen Hinweis +hätte ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, über die +ich verfügen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines +Vaters alles so festgestellt, daß ich nur über die Zinsen zu disponieren +habe." + +Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil +angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach,--und er vertraute ihr, obschon +er als Gewohnheitslügner selten annahm, daß andere redlich +verfuhren,--so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen +erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und daß an eine solche nicht zu +denken, war ihm eben klar geworden. + +Es kam nun darauf an, zu erfahren, über welche Summe Theonie +testamentarisch verfügte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt +sei. Sicher würde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige +Sympathie, die sie für ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er +ihrem guten Willen alles anheim geben, so mußte er die Krallen auch +ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht +erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt--? Das mußte abgewartet +werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurück, zunächst aber wollte er +es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm +anbieten würde, wollte er sein Verfahren einrichten. + +"Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem +Herzen," hub Tankred an. "Jede Unterstützung ist natürlich für mich von +Wert, da ich nichts besitze.--Hoffentlich fandest Du durch das Testament +alle Deine Wünsche erfüllt?" + +Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als +daß er sich etwas dabei gedacht hätte. Theonie aber nahm sie auf und +sagte: + +"Du meinst? Ich verstehe nicht--" + +"Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhängigkeit, nach +der Du verlangst." + +Sie schüttelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser +Berechnung, stieß sie heraus: + +"Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Pächter, zahlt wie früher die +Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfügung über die Zinsen, +wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das +heißt, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu +machen, ist mein Eigentum, und ich kann darüber nach meinem Gutdünken +verfügen. Ich wollte Dir davon die Hälfte zuwenden, die andere den armen +Verwandten meines verstorbenen Mannes überweisen. Ich kann ja das Geld +entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag." + +"Wie hoch schätzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?" fragte +lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank +ausdrückenden Kopfneigen bestätigt hatte, in einem äußerlich +uninteressierten Ton. + +"Ich weiß es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie +darum bekümmert. Ich freue mich nur, daß ich so viel habe, daß ich +sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft +ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt, +ist einsam und recht freudlos." + +Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um +seiner Kousine Sinn für Vermögensverhältnisse zu prüfen und danach +wieder die Wahrhaftigkeit ihrer übrigen Angaben zu bemessen. Er wußte, +daß für das Gut schon vor langen Jahren über viermalhunderttausend +Thaler geboten waren, und ihn ärgerte nur, daß sein verstorbener Onkel, +der pedantische Philister, die Hypotheken abgelöst hatte, statt Geld +anzusammeln. + +Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie groß die Summe sei, die +Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem +übrigen, damit nicht hervortrat, mußte er sich gedulden. Er sah keine +Möglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage bloßzustellen, dem, was +ihn beschäftigte, gesprächsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein +Entschluß verstärkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten +würde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein +Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine +geheimen Pläne zu verfolgen. + + * * * * * + +Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederließ und bei der +angesteckten Pfeife die gegenwärtigen und kommenden Dinge nochmals +überlegte, drängte sich ihm auch die Sorge für das Nächstliegende auf. +Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob +er Geld bedürfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast +ganz ausgegangen. Die Kosten für seine letzte Reise hatte Frege +bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war. +Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht +drückte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelüste bisher +in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen +seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel für das +Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der +Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlaß des alten Onkels ging auch +zu Ende. + +Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er +fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Bedürfnisse +regten sich in ihm, die er früher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte +unterdrücken müssen. + +Natürlich! Je früher er Theonie seinen Entschluß kund gab, Falsterhof +zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine +Genußsucht und seine Ungeduld überwogen häufig seine Klugheit und +Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn, +lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und +ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann überlegte er +wieder, wie groß der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen +werde, wenn er möglichst lange mit seiner Abreise zögerte, und dem, was +Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde. + +Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie +erfaßte, würde sie vielleicht die Abfindungssumme höher normieren. Also +warten, trotz allem warten! + +Als er sich später in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen +sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn plötzlich das +Mißtrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in +das Testament zu gewinnen. + +Dieser Gedanke beschäftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem +Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln ließ und einen Spazierritt +unternahm. + +In jedem Fall beschloß er, nachdem an diesem Abend sich alles in +Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und +nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schlüssel zum Inhalt +der Schublade gelangen könne, an der er Theonie heute hatte hantieren +sehen. + +Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, hielt er unwillkürlich sein Pferd +an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm--er befand sich auf einer +Anhöhe--lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen +gehörte. Die weißen Wände des Herrenhauses schauten malerisch aus dem +Grün hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende +Tannenwälder reizvoll von der übrigen Umgebung ab. + +Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante über die +Verhältnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentümlicher Art. Herr +von Tressen und seine Frau besaßen eigentlich nichts, alles gehörte der +Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der +Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl +existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des +ursprünglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen +Frau von Tressen, einmal heiraten würde. + +Während Tankred von Brecken noch auf der Höhe verharrte und nun eben +seinen nach den überhängenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs +wehrte, erklang hinter ihm das Geräusch von Schritten, und als er sich +zur Seite wandte, hörte er die Worte sagen: "Nicht wahr, es ist schön +hier?--Guten Abend." + +Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht, +ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, daß sie sich beim Sprechen +eingruben, als seien sie künstlich in die Haut gemeißelt. Der untere +Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber +die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das +Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters. +Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Pächter, und er war auch der +Verwalter von Holzwerder. + +"Ist wohl ein großer Besitz?" hub Tankred, den Worten des Mannes durch +Kopfnicken beistimmend, an. "Ist dort unten am Fluß nicht die Scheide +zwischen Falsterhof und Holzwerder?" + +"Ja, mein Herr--Ah--" unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung +seines Namens den Hut lüftete und sein Pferd in Bewegung setzte, "sehr +angenehm--Haben schwere Trauer drüben gehabt? Ja, ja, alles fegt die +Zeit zuletzt weg. Drum und dran--." Dieselben Worte wiederholte der Mann +noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: "Aber um auf +Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor +langer Zeit gehörten die Güter zusammen, alles gehörte der Familie von +der Linden. + +"Dann hat also diese an die Breckens verkauft?" + +"So ist es! Die Lindens besaßen noch mehr Güter. Es war die reichste +Familie--drum und dran--in der Umgegend: aber der Großvater des +Letztverstorbenen wußte schon nicht zu wirtschaften, und"--nun +erschienen die tiefen Falten--"so hat sich's nach und nach +abgebröckelt." + +"Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein großes Gut?" forschte +Tankred neugierig. + +Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und +sagte erst nach einer Pause ausweichend: + +"Ja, groß ist der Besitz--doch haben wir auch Lasten,--drum und +dran--ja, ja, gewiß, mancher würde die Finger lang ausstrecken, wenn er +Fräulein Grete von der Linden wäre." + +"Grete von der Linden?" setzte Tankred an, als ob ihm die Verhältnisse +völlig fremd wären. + +"Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf +dem Gut. Übrigens, da kommt grade das gnädige Fräulein mit ihrer +Gesellschafterin her." + +In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine +schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fülle prangende Blondine. Grete +von der Linden, und eine etwas ältere Dame mit einem feinen, +geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich. + +Es erfolgte eine Begrüßung, doch Tankred, dem plötzlich ein berechnender +Gedanke durch den Kopf schoß, beschränkte sich nicht allein auf diese +Artigkeit, sondern ließ sich von dem Verwalter Hederich vorstellen. + +Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes +Gespräch entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner +Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren, +welches damit endete, daß sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen +Besuch abzustatten. + +"Meine Eltern," erklärte sie, "sind seit einigen Wochen verreist. Dies +ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begräbnis Ihrer Frau +Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurück und werden +sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen." + +Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im +Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden, +ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte, +mißtrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, während ihm +Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schüttelte +und bat, daß Tankred auch ihm bei seinem demnächstigen Besuch nicht +vorbeigehen möge.--"Drum und dran--es wird mir eine große Ehre sein, +wenn Sie bei nur eingucken möchten, Herr von Brecken." + +Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht +errötende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab. + +"Ein eigenes Geschöpf," murmelte er im Weiterreiten. "Schön, sehr +selbständig und--klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das +unnatürlich ist für ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen--heute abend will +ich Theonie einmal über sie ausfragen." + +Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurückkehrte, fiel +ihm auf, wie einsam, düster und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz +belegen war: Der Pächterhof weit ab, in dem großen Hause die wenigen +Menschen, und außer ihnen nur in einem Katen neben dem Park der +zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gärtner Klaus. + +Und den Mann überfiel's, daß einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus +eindringen und stehlen und--morden könnten--ihn und Theonie--! Und bei +dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden würde, wenn man +Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette fände, wenn kein Glied der +Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei--außer ihm------!? + +Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zügel +des Fuchses zu, öffnete die Hausthür und trat, begleitet von dem +impertinenten Klingelton und dem Bellen des "verfluchten Köters" Max, +dem er einen Fußtritt versetzte, in den Flur. + +Die gnädige Frau hätten sich schon in ihr Zimmer zurückgezogen, sie +lassen sich entschuldigen, erklärte Frege, und leuchtete Tankred +zunächst in seine Gemächer und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den +Tisch für sich gedeckt fand. + +Als er sich niederließ, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen +Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschäftigte. + +Aber während er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf +ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und +Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten, +als ob sie durch nichts erregt werden könnten, als ob sie nur +Sehvermögen besäßen für den einschränkten Wirkungskreis, der ihrem +Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: "Einer +wacht über allem, was Du thust und thun wirst. Hüte Dich!" Die Augen +gehörten dem alten Frege. + + * * * * * + +Als sich Theonie und Tankred am nächsten Tage beim zweiten Frühstück +zusammenfanden,--Theonie war beim ersten nicht erschienen,--brachte +letzterer nach flüchtiger Erkundigung über ihr Befinden das Gespräch auf +Grete von der Linden und die Familie von Tressen. + +"Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit +Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht. +Grete von der Linden kenne ich wenig; es heißt, daß sie herrschsüchtig +und für ihre Jahre überreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend +schön und auch liebenswürdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders." + +"Und ihre Eltern?" + +"Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmütiger +Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden. +Sie gehört zu den Menschen, über deren wirkliches Wesen man sich +zeitlebens den Kopf zerbricht. + +In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amüsement +und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So +äußerte sich wiederholt meine Mutter, die übrigens Frau von Tressen +trotz ihrer Fehler sehr schätzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen +lobte." + +"Weißt Du etwas von den Geldverhältnissen drüben?" + +"Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau +mitgebrachte Vermögen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide +lebten schon seit Jahren von Gretes Einkünften. Bis Grete ein bestimmtes +Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutznießerin +gewesen sein, seitdem aber keine Ansprüche mehr haben." + +"Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an.--Wie +beurteilt man ihn denn?" + +"Man nennt ihn in der Umgegend 'Drum und dran', weil er diese Worte +stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein +einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein +Vater hielt große Stücke auf ihn." + +Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darüber nach, wie geschäftsmäßig +Theonie das alles gesprochen habe, wie kühl und temperamentlos sie nicht +nur ihm begegne, sondern sich überhaupt gegen die Menschen zu verhalten +scheine. + +Ihn ergriff plötzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenüber +wärmer zu geben, oder er wollte ihr durch Kränkungen vergelten, daß sie +es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in +dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner +Eitelkeit so sehr, als daß andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte, +obgleich er die Selbsterkenntnis besaß, daß er keine Achtung verdiene, +doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber während bei +andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten +anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner übermäßigen, mit +Trägheit gepaarten Genuß- und Bequemlichkeitssucht. Mühelos materiell +genießen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu +erreichen, war ihm jedes Mittel recht. + +Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspänner der +Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um +Theonie zu trösten und ihr Beileid nachträglich noch an den Tag zu +legen. + +Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensgüte. In dem bartlosen +Gesicht glänzten unter einer großen, silbernen Brille ein Paar überaus +freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen +gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein +sagen konnte und das Wörtchen 'ja' fortwährend gebrauchte. + +Sie dagegen war eine Frau von Energie, besaß Humor und Menschenkenntnis +und trat, mit ihres Mannes Schwächen rechnend, sehr häufig handelnd für +ihn ein. + +Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der +Gemeinde, hörte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner +Geschäfte. + +Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und +die freundlich gesinnten und schärfer beobachtenden Leute erzählten +allerlei rührende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene. + +Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den +Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, während +Theonie sich der Frau anschloß. + +Als die Männer außer Hörweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie +heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht +verratend: + +"Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er künftig die +Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend." + +"Das verhüte Gott!" stieß Theonie herauf. Und "Nein, nein, keineswegs," +fügte sie hinzu. "Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein +Vetter verläßt mich demnächst." + +"Ich fragte nicht aus Neugierde--sondern--aus--andern Gründen, liebe +Frau Cromwell," fuhr die Pastorin in warmem Tone fort. + +"Nennen Sie mich doch wie früher, Theonie, ich bitte--" fiel Theonie +ein. Der schwermütige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr +eigentliches Antlitz durchstrahlt von Güte und Menschlichkeit, kam zum +Vorschein. Und "Ja, bitte--Sie wollten sagen?" schloß sie. + +"Hier!" entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres +Kleides einen Brief hervor. "Dies fanden wir heut' mittag in meines +Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen +guten Höppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen." + +Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las: + +'Da Sie die junge, gnädige Frau auf Falsterhof lieben und ihr +wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluß, Herr Pastor, +daß der Schurke, der sich bei ihr aufhält, daß Tankred von Brecken bald +das Herrenhaus verläßt. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches. + +Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere +zutrauen darf.' + +"Wer kann das sein?" stieß die Pastorin im Übereifer ihres Gefühls +heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da +sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, daß Totenblässe auf ihre +Wangen trat. + +"Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu mißtrauen beste Theonie--liebe +Frau Theonie? Schrecklich!--Bitte, eröffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie +meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach +Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles +mit." + +"Ich kann nichts sagen--bis jetzt nichts sagen--" gings zitternd aus +Theonies Munde, "aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und +Unruhe. Ich fürchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des +Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindrücken." + +"Können Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Rücksichten leiten Sie?" + +"Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte. +Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung +seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon +davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hören +zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so +unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thür zu weisen, zumal er mir +bisher keinen direkten Anlaß gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben +nichts, was man ihm vorwerfen könnte. Mich leiten nur die Kenntnis +seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes +Mißtrauen gegen ihn erfüllt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern +hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim +Frühstück scheinen darauf hinzudeuten, daß er Absichten auf sie hat. +Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah!--ah--Wie werde ich +die Last von meiner Seele los!" + +"Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben +kann?" + +Theonie schüttelte den Kopf. + +"Keine! Und das ängstigt mich nun auch! Doch still. Ich höre Ihren Mann +und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir +vielleicht nützen--" + +Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos +freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach, +gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zügen, wenn er zuhörte +und sich unbeobachtet glaubte. + +Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor ließ sich über +sein Töchterchen aus, über Lenes Vorzüge, und sagte mit seiner rollenden +Stimme: "Die Kinderseelen sind noch rein und unverfälscht. Sie haben +keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie +können, während wir 'sie' zu erziehen suchen, 'uns' ein Beispiel geben, +nach dieser Richtung ein--Beispiel geben--" + +Tankred fand diese Ausführungen eben so sentimental wie geschmacklos und +zog gähnend den Mund. + +Gleich aber glätteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei +Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie +gehörte, wie er wußte, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten, +und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung +beizubringen. Auch fühlte Tankred instinktiv, daß die beiden Frauen von +ihm gesprochen hatten, und er wollte den ungünstigen Eindruck, den die +Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, möglichst zu verwischen +suchen. Es war ihm für seine Pläne von großem Wert, die Menschen ringsum +für sich zu gewinnen. + +"Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken? +oder verlassen Sie uns?" hub die Pastorin mit Absicht an und forschte +unbemerkt in seinen Mienen. + +Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswürdigkeit an +Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen: + +"Wenn meine sehr gütige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht +zurückzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thätigkeit +gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne." + +"Ja, das Herumhocken ohne Beschäftigung ist niemandem gut, besonders +nicht jungen Leuten," bestätigte die Pastorin derb und kurz, Brecken +fest anschauend. "Na, aber nun wird's auch Zeit, zurückzukehren, lieber +Höppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald +einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?" schloß sie und schritt, deren +Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran. + +"Auch--Sie--erweisen uns--hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?" +ergänzte, seiner gewohnten Gutmütigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich +er wohl wußte, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert +hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer +zum guten und hatte auch heute hingeworfen, daß er auf anonyme Briefe +nichts gebe, daß ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund +vorhanden sei, ihm Übles zuzutrauen. + +Nachdem die Gäste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen, +noch ein Stündchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er hätte +sich gern Höppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken +zurück, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr mißfallen hatte. +Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet, +indem sie unter starker Betonung geäußert hatte, sie hoffe denn, daß er +in kürzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der +Arbeit, welche letztere allein glücklich mache, nicht verliere.--Solche +moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider. + +Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmöglich, weil er keinen +Groschen mehr besaß, und die absolute Notwendigkeit drängte sich ihm +auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloß, noch am selben Abend beim Thee +mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Sümmchen +anzugehen. + +Unterdessen näherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und +sah dem dort beschäftigten Kutscher Klaus zu. + +Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunächst um einen Thaler +anzusprechen, und sein Komödiantentum äußerst geschickt verwertend, +stieß er heraus: + +"Hebbt Se villich en beten Lüttgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?" + +"Ja, Herr von Brecken, dat hev ick," entgegnete Klaus mit gutmütiger +Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen +schmutzigen ledernen Beutel hervor. + +Diesen breitete er fächerartig auf dem Futterkasten aus und holte +allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred +hinzählte. + +Aber während das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit +seinem verschlossenen Gesicht in der Thür, zog sich jedoch, als habe er +sich vergewissert, daß hier das von ihm Gewünschte nicht zu finden sei, +kurz nickend gleich wieder zurück. + +Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und über die Wiese den Weg +zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief +der Köter Max, der bei Tankreds Anblick ein wütendes Gebell ausstieß. + +Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so +unglücklich, daß nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen +wurde. + +In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von +Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er +ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich +fuchtelnd, auf abgekürztem Wege dem Kirchdorf zu.-- + +Inzwischen überlegte Theonie, durch den Brief und das Gespräch mit der +Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich +noch heute mit Tankred endgültig auseinanderzusetzen. Sie vermochte +seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war +sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hören +vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr +Gewalt anzuthun. Im höchsten Grade auffallend war es ihr gewesen, daß +sie am Spätnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter öffnen +wollte, das Schloß verdreht fand. Daß Tankred versucht habe, das Innere +zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu +bringen, schon am nächsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie +abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervösen Angst +und Furcht, die sie beherrschten, erhöhte sich ihre Bereitwilligkeit zu +Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich +verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren +Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang, +Grete von der Linden heimzuführen, würde er immer in ihrer Nähe bleiben. +Der Aufenthalt auf Falsterhof würde für sie eine Qual werden; sie mußte +am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin +zurückkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her. + +Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie +auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm +gegenüber saß, Auge gegen Auge, war sie gefaßter, ja, dann empfand sie +kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall +ihr vielleicht günstig sein. + +So beruhigte Theonie sich denn endlich, ließ eins der Mädchen kommen und +befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett +aufschlagen. Sie wünsche, da sie sich nicht wohl fühle, nachts +Aufwartung zur Hand zu haben, erklärte sie, und dasselbe äußerte sie +gegen Frege, als er den Abendtisch deckte. + +"Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter," +schloß Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, daß Frege sich mit +dem einen Bein schwerfällig bewegte. + +Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentümlichen Blick +an. + +"Von ihm!--Er war's!" stieß er dann finster und ganz gegen seine +Gewohnheit heftig heraus. + +"Er? Wer? Von wem sprechen Sie?" + +Noch zögerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller, +die er eben verteilen wollte, absetzend: + +"O, liebe gnädige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muß +sprechen.--Es liegt etwas Schreckliches über Falsterhof--es kommt von +dem jungen Herrn. Ich bitte, hüten Sie sich.--Ja, ja, ich weiß, Sie +denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil +er kein Recht hatte zu reden über Sachen, die allein die Herrschaft +angehen." + +"Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?" drang's in Todesschrecken aus +Theonies Munde. "Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie +wissen.--Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins +Wohnzimmer! So, nun--nun--" hauchte Theonie und sank übermannt von den +Eindrücken in einen Lehnstuhl. + +Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen saß, über die +Lippen: Er habe gesehen, daß Tankred am Sterbetage der gnädigen Frau ins +Fenster gespäht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt +habe. Er habe ihn abermals gesehen, jüngst am Abend, als auch Theonie +seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzählte von den Geldanleihen, die +Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, daß er +während der Krankheit der Gnädigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt, +sich dort amüsiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu +gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit bösen Absichten um, +er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht täusche. + +Sie könnten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon +seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand +gehabt, um für alle Fälle bereit zu sein. + +Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen +Gnädigen schlüpfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er +dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von +dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen, +wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht.-- + +Nun ertönte die Glocke draußen, Max schlug an--Herrin und Diener flogen +auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer. + +Fünf Minuten später trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel +getrunken, war äußerst gesprächig, und statt der demütigen +Zurückhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine +unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag. + +Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rückte ihrem +Vetter die Speisen näher und suchte seinen starken Redefluß zu dämpfen, +indem sie erklärte, sie fühle sich sehr angegriffen. + +"Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du +genießest ja auch nichts Ordentliches," entgegnete Tankred und schenkte +trotz Theonies Weigerung deren Glas voll. + +"Wozu, da ich doch nicht trinke--?" wehrte sie herb und in deutlicher +Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab. + +"Na, es ist ja kein Unglück, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht +getrunken wird," entgegnete Tankred in absprechendem Ton. "Niemals habe +ich leiden können, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, daß man +ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird +oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das +Glas nicht füllen lassen zu wollen. Ich möchte sogar sagen, es ist ein +Stück guter Erziehung, daß eine Dame ihren Herrn darin gewähren läßt und +keine Einwendungen erhebt." + +"So bin ich denn nicht gut erzogen," entgegnete Theonie schroff. "Ich +finde es unrecht, etwas unnütz zu verthun, so lange es Darbende in der +Welt giebt." + +Tankred wollte eine hämische Bemerkung über Theonies ewig +moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu +sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes +Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hören: Lieber dafür +gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb +einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend: + +"Na, streiten wir uns nicht, Theonie, während der wenigen Tage, die wir +noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer. +Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und +mußte sogar schon den alten Klaus anpumpen--" + +Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstoßen. +Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und +versöhnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen +und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige +Entfernung: + +"Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natürlich bereit, Dir +auszuhelfen. Übrigens können wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei +dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine--es +soll keine Aufforderung darin liegen--ich möcht's nur wissen." + +Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spätestens übermorgen, +erwidern. Er fürchtete, sie könne ihm abermals in dem ausweichen, was zu +erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er änderte doch seinen Plan und +sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend: + +"Von Deiner generösen Hand, beste Theonie, hängt alles ab. Wenn Du mir +kräftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine +Versuche fortsetzen. Freilich," schloß er, verliebt sprechend, und +verschlang, durch das hastige Weintrinken plötzlich in eine +leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt, +"Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein +schwerer, fast meine Kraft übersteigender Entschluß." + +Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, daß seine sinnliche +Natur ihr gegenüber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor +allem gefürchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken +insbesondere gerichtet gewesen. + +Zunächst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine +Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den +Kopf bewegend, eine Schale mit Obst. + +Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm +half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornüberbiegend und +sie mit seinen glühenden Augen bannend: + +"Höre, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, daß Du +mir nicht geneigt bist. Ich weiß, woher es kommt. Du denkst an mein +Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr haßte, +obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflußt. Aber ich bin ein +anderer geworden, ich möchte es sein, und Du könntest läuternd auf mich +einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und ließ mich von +meinen Leidenschaften fortreißen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine +Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatürlich, daß wir uns von +einander abschließen? Wäre es nicht vielmehr den Verhältnissen +entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim +ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine +Strenge und Zurückhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem +Schmerz, daß Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that +ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah während meines +Aufenthaltes hier etwas, was Dir mißfallen mußte? Gewiß, da ich kein +Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil +selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem +Vermögen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich +habe. Ich fände hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann +bin. Ich könnte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir +gemeinsam arbeiten und genießen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du +Dir auch von dem Mißratenen nichts aneignen könntest. Und doch +vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen +würde. Er wird Dich auf Händen tragen, denn er liebt Dich +leidenschaftlich, Theonie.--Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar +nichts zu erwidern?" + +Aber sie antwortete nicht. Sie schüttelte sich in Grauen, und er sah es, +und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht mißzuverstehen waren, weil es +ihm klar wurde, daß sein Spiel verloren war, daß er trotz der +meisterhaften Maske sie nicht getäuscht hatte, daß sie ihn doch für das +hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein +brennender Haß, eine solche Leidenschaft, daß er sie am liebsten +ergriffen und geschüttelt und ihr zugerufen hätte: Warte, Du hochmütige +Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveränen Besserhalten über +mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussätziger +Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, daß ich +Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Fäusten! + +Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil +ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie +er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf +seine gemeinen Triebe. + +"Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred," entgegnete sie, +ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. "Nicht aus Motiven, wie +Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben +vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich, +fünfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder +pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfügung.--Nicht +wahr, Du zürnst mir nicht? Ich bitte Dich." + +Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der +Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib hätte töten +mögen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz, +umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fülle +sprossenden Leib und die jetzt so süß und demütig blickenden Augen. + +Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf +errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem +Zauberschrank? Hatte überhaupt jemals ein Mensch seinen Künsten auf die +Länge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen? + +"O, Süße!" rief er aufspringend, sie mit kräftigen Armen umschlingend +und leidenschaftlich küssend, "sei hart und abweisend oder gütig gegen +mich--immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fühle an +meinen Küssen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhöre +mich!" + +Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weiße Farben +traten auf ihre Wangen, dann aber riß sie sich mit schier +übermenschlicher Kraft von ihm los, stieß ihn vor die Brust und floh, +wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer. + + * * * * * + +Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf +wüst, und er fühlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die +Vorgänge des vergangenen Abends traten in sein Gedächtnis, und Ärger. +Unmut und Reue erfüllten sein Inneres. + +Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil +ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu +sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die üblen Folgen +tragen müssen. + +Er wußte, durch diesen Vorgang büßte er vieles ein, was schon gewonnen +war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts +geschehen, was sie ihm hätte vorwerfen können, denn daß er sie liebte, +konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch +seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das +Gastrecht in unerhörter Weise verletzt. + +Er stellte sich die Folgen vor. Zunächst hatte er sicher jede +Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person +verscherzt; von einer freiwilligen Annäherung ihrerseits konnte jetzt +nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich würde sie sogar Rache üben +und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke +kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben würde; er blieb jedoch +nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, daß sie nach diesem +Vorfall sich zu keinen größeren Opfern bereit finden würde, im guten +wenigstens nicht. Er überlegte nun, was weise und vorteilhaft für ihn +sein werde. + +Zunächst mußte er durch die Künste seiner Verstellung wieder ein +äußerlich gutes Verhältnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon +um seines vorläufigen Bleibens willen; dann aber hieß es, sondieren, was +nach dem Geschehenen zu erreichen war. + +Wenn er vor sie hintrat und demütig seine Unbesonnenheit eingestand, +ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklärte, er wolle Falsterhof +verlassen, dann würde er--das hielt er für ausgemacht--sie zu Opfern am +bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm +noch werden konnten, und schnitt sich die Möglichkeit ab, in Grete von +der Lindens Nähe zu bleiben. + +Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn +und Unmut vor den Kopf, verwünschte seine Leidenschaft und war schon, da +er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache +verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Frühstück servierte +und ihm einen Brief übergab. + +Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte. + +Nachdem Frege sich entfernt hatte, riß Tankred voll Ungeduld den Brief +auf und las: + + 'Hochgeehrter Herr von Brecken! + + Sie haben unserer Tochter die liebenswürdige Zusage gemacht, uns + besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie + ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern + verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen möchten. + Wir würden darüber außerordentlich erfreut sein und bitten, gütigst + dem Überbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten dürfen. + + Ihr sehr ergebener + + Konrad von Treffen.' + +Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage +eine andere Richtung. + +Tressens kamen ihm in ungewöhnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf +Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit, +daß man ihn als Miterben von Falsterhof ansah.--Und er war es nicht! + +Empörend, daß der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen +lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante, +daß sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen +Gunsten in das Testament einzufügen. Gewiß hatte er das Theonie zu +verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern, +als sein Blut heiß gewesen, ihr Körper gereizt, obschon er sich +eingebildet hatte, er könne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese +langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch +schärferes Licht stellende äußerliche Bescheidenheit waren ihm in der +Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr +gegenüber ein. Von rechtswegen gehörte ihm die Hälfte von +Falsterhof!--Und plötzlich schoß es Tankred von Brecken durch den Sinn, +diese Hälfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher +der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel +sein! + +So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes +entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, während +dieser wartend an der Thür stand, eine Zusage: + + 'Hochgeehrter Herr Baron! + + Ihre gütigen Zeilen haben mich ebenso überrascht wie erfreut. Sie + beschämen mich in der That durch die ungewöhnlich artige Form Ihrer + Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung + hinzufüge, daß ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen + Auszeichnung stets würdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck + größter Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen + + Ihr ganz ergebener + + Tankred von Brecken.' + +Nach eingenommenem Frühstück setzte sich dann Tankred abermals an den +Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie: + + 'Liebe Theonie! + + Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. Laß mich es + Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns + wieder gegenübertreten. Niemals--dessen sei gewiß--wirst Du Dich + ferner über einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen + haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich + schätze, achte und verehre.--Genehmige, liebe Theonie, daß ich noch + acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen + finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so + gütiger Weise angeregten geschäftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu + bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in + Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen. + + Tankred.' + +"Tragen Sie dies der gnädigen Frau hinauf, die ich nicht stören will, da +sie sich gestern abend schon unwohl fühlte. Ich werde heute nicht bei +Tisch sein," erklärte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege. + +"Die gnädige Frau ist bereits in der Frühe nach Elsterhausen gefahren. +Sie ist nicht anwesend," ging's kurz aus des Dieners Munde. + +Tankred zog ein enttäuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder +beherrschend, warf er hin: + +"So--so? Und wann kehrt sie zurück?" + +"Die gnädige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen +abend wiederzukommen." + +"Hm, schön!" Damit war Frege entlassen. + + * * * * * + +Herr von Tressen warf eben noch einen prüfenden Blick auf die heute +reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der +Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete. + +"Bitte, sehr angenehm! Führe Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und +benachrichtige die gnädige Frau." + +Tankred schaute sich mit prüfendem Auge in dem Raume um, in den ihn der +Diener geführt hatte. Eine große Eleganz trat ihm entgegen. An den +Wänden hingen wertvolle Gemälde, die Polstermöbel waren mit Seide +bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Wände in Weiß und Gold +gemalt. + +Und nun öffnete sich die Thür, und Frau von Tressen, eine ungewöhnlich +stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch +geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender +Liebenswürdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein +anregendes Gespräch, an dem kurz darauf auch die übrigen Hausbewohner +teilnahmen. + +Herr von Tressen war ein starker Fünfziger, dem man die Spuren einer +flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die +Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtäußeres war, durch eine +gewählte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem +Major außer Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen +starken Schnurrbart. + +Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid +an, das vollendet saß, und ihren schlank geformten Hals umschloß ein +kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Züge waren auch heute kalt, +solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund +öffnete, und ein Lächeln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen +trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz. + +Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles +aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen. + +Halb freimütig, halb zurückhaltend, stets von ausgesucht zarter +Artigkeit, niemals mit Beifall zurückhaltend, immer seine Worte wägend, +verstand er es, durch sein Komödienspiel alle, bis auf die +Gesellschaftsdame, Fräulein Helge, zu täuschen. + +Die letztere blieb nicht nur zurückhaltend gegen ihn, sondern legte +sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen +Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch +für die übrigen erkennbar machten, daß sie ihn zu brüskieren trachte, +aber Tankred mit seinem scharfen Spürsinn wußte, daß sie sich gegen ihn +auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe. + +Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluß auszuüben. Tankred bemerkte +sogar einmal, daß etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen +aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke +fast erschreckte. In der Seele dieses Mädchens war nichts Nachgiebiges, +sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehörte sie nicht zu den vielen +sanftmütig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden +jungen Geschöpfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich +den später eintretenden Enttäuschungen geduldig fügten. + +Nach eingenommenem Kaffee mußte Tankred die Malereien der Frau des +Hauses, die nicht ohne Talent ausgeführt waren, in Augenschein nehmen; +man sprach mit Interesse und Verständnis über Politik, Litteratur und +Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was +sie ohne Einwendungen that. + +Ihre Stimme war schön, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem +fehlte doch die rechte Wärme. + +"Sie müssen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann +wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnädiges Fräulein," wagte +Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe +herausfordernd in die Augen, daß es ihn fast verwirrte. + +Sie besaß nichts von schüchterner Verlegenheit; vielmehr schien sie +sagen zu wollen: Prüfe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine +Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab +viele, die in solcher Weise zum Tändeln aufforderten, sich aber mit +sittlicher Entrüstung zurückzogen, sobald ein Mann ihnen besondere +Aufmerksamkeiten erwies. + +Solche Weiber reizt es, Herz und Gemüt der Männer zu beunruhigen, auch +haben sie Interesse für sie, und es steigert sich, solange jene +unempfindlich bleiben. Sobald die Männer aber an den Tag legen, daß ihre +Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgültig von ihnen zurück. + +Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit äußerster +Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach +zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich großer Begeisterung +von anderen Frauen und Mädchen sprach. + +"Es ist das schönste, geistreichste und klügste Geschöpf, das mir im +Leben vorgekommen ist," warf er, eine Äußerung einer gerade erwähnten +Dame geschickt in das Gespräch einflechtend, hin. "Ich hatte auch das +Glück, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genügte, +um mich verzichten zu lassen." + +"Und der war?" fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein. + +Tankred machte eine ausweichende Bewegung und lächelte in überlegener +Weise. + +"Nun?" drängte Grete, während sie, wie zufällig, einige Schritte ins +Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem +Gesichtskreis der übrigen entzog. + +"Sie mißhandelte," entgegnete Tankred, indem er eine kleine +Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in +seiner Hand drehte, "ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in +unerhörter Weise und verdoppelte noch die Züchtigung, als diese ihr +nachwies, daß nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr +vorgeworfenen Unterlassung schuld sei." + +"Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefällt niemandem," entgegnete +Grete, Partei nehmend. "Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in +dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwälzen." + +"Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nüchterne Auffassung der Dinge +an den Tag, gnädiges Fräulein. Das ist beneidenswert--" + +"Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemüt bei einem nicht +mitspricht?" Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme. + +"Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man +nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt. +Ah--tausendmal um Verzeihung--" unterbrach sich Tankred, dem bei den +letzten Worten die Nippesfigur aus den Händen fiel, und der beim +Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, daß ihr ein Arm abgeschlagen +war. + +Er dachte, daß Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde, +aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruß und sagte: "Die +Figuren stammen noch von den Eltern meines Großvaters, sie sind sehr +wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Übergangsfarben +nicht mehr zu komponieren weiß." + +Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloß sie, +kaum hinhörend, die Kunstfigur in ein Schränkchen ein und sagte: "Sie +gehören zu den Menschen, die alles anfassen müssen. Man sagt, solchen +hafte ein Diebssinn an." Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer +lächelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe +machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und für Sekunden war +ihm Grete fast unheimlich. + +"Ich werde mich zu bessern suchen," stieß er mit einschmeichelnder +Artigkeit heraus. "Und Sie haben mir vergeben, gnädiges Fräulein? Nicht +wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?" + +Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, flüsterte die +letzten Worte in doppelsinniger Betonung und preßte einen den Eindruck +derselben verstärkenden, weichen Kuß auf ihre Hand. + +Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurück, aber in ihren +Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender +Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen +verstanden hatte.-- + +Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch +einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu nähern. + +Sie sprach davon, daß sie sich darauf freue, wieder einen Teil des +Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht +unbemerkten, interessierten Blick, ob er künftig auf Falsterhof wohnen +oder das Gut verlassen werde. + +"Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof +geworden," warf sie sondierend hin. + +Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte +durchaus keine Einwendung. + +Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine +Blume, die sie gepflückt, an sich zu nehmen. Auch lächelte sie mit einem +die Sinne anfachenden, reizenden Lächeln vor sich hin, als Tankred +trivial, aber überzeugend klingend, sagte: "Von allen Andenken, die ich +der Güte schöner und kluger Frauen verdanke, ist dies Blümchen das +wertvollste." + +Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des +Hauses,--es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muß +die Mutter erobern!--und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei +der Zigarre so ausschließlich mit Herrn von Tressen, daß die Damen eine +Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhörer fügten. Nur eine +nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das +sie gesehen. In ihm habe ein gefährlicher Mensch in die gute +Gesellschaft einzudringen gewußt und alle getäuscht, bis auf die +Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen +verhütet. + +"Und das Ende?" fragte Grete, als sie eine Pause machte. + +"Das Ende war ein Totschlag--" + +"Was verhandelt ihr da Schreckliches?" fragte Herr von Tressen lachend. +"Es klingt ja entsetzlich--" + +Tankred aber bestätigte Carins Erzählung mit gleißnerischer +Unbefangenheit und sagte--und sie verstand ihn--: "Sie vergessen, +gnädiges Fräulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stücke vor. +Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst +dem Schicksal." + +Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte, +gab Grete dem Gespräch eine andere Wendung und bat Tankred, einige +Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er +darin Meister war, erntete er großen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen +nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung. + +Es war für ländliche Verhältnisse schon spät, als der Stallknecht +Tankreds Fuchs vorführte. Unter einem "Auf Wiedersehen am Schluß der +Woche" und einem "Vergessen Sie es nicht!" von Grete, dem Frau von +Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied. + +Nach Falsterhof zurückgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall +und zäumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich +darüber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlägen, daß +nur sie sein Innerstes beherrschten. + +Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich +erst allmählich. Nun hallten Tankreds Schritte über die Steinfliesen, +und er öffnete die Thür seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf, +war ein weißes Kuwert, das auf dem Tisch lag. "Ah--! Sicher eine Antwort +von Theonie!" Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels +zu entledigen, ungestüm danach und las: + + 'Da ich morgen Falsterhof verlasse, mußt Du Dich bei Deinem Entschluß, + noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen. + Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast,--ich möchte sonst bitten, Dich + mit Justizrat Brix, der über alles orientiert ist, in Verbindung zu + setzen,--muß es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Frühstück + geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt. + + Theonie.' + +"Also doch!" murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der +Inhalt dieser Zeilen außerordentlich. Sie räumte das Feld, und er konnte +nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm +die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Daß er sie trotz der +Entschiedenheit ihres Charakters allmählich würde einschüchtern können, +schien ihm zweifellos; er wußte, daß sie Furcht vor ihm empfand, und ihr +würde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er +nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die +Nacht, das Grauen mußte helfend einwirken.--Der Mann warf den Kopf +zurück. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mußte sie noch +bleiben. Alle seine Künste wollte er aufwenden.--Künste? Theonie +gegenüber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so +gänzlich, daß nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren +Gerechtigkeitssinn, unterstützt durch indirekte und gegebenenfalls +direkte Drohungen, konnte zum Ziel führen.--Daß er sich auch von seiner +Leidenschaft hatte hinreißen lassen, da er doch wußte, ein Werben, in +welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu +ohrfeigen! Wäre das nicht geschehen, so würde er jetzt eine Neigung zu +Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er könnte erklären, es sei +möglich, deren Hand zu erwerben, wenn er über ein Erbteil zu verfügen +habe.-- + +Plötzlich schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal +jemand erzählt, daß der Beamte eines großen Hauses in Amsterdam bei der +Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort +erhalten habe: "Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind, +dann kommen Sie wieder, dann läßt sich über die Sache sprechen!" Der +junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses +Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der +Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionär in +Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mädchens gelangt, +das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden. + +Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hörte er +draußen ein Geräusch, als ob jemand langsam an seine Thür schleiche; +auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf.--Dann aber +war's still, und von Träumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis +zum Morgen. + + * * * * * + +In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben +hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach. + +"Wann ist er nach Hause gekommen?" fragte sie ohne Einleitung. + +"Es war zwischen zwölf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt. +Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der +gnädigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal über den Flur schlich +und durch das Schlüsselloch sah, verlöschte gerade das Licht." + +Theonie nickte. "Also Du weißt: wenn wir beim Frühstück sitzen, bleib in +der Nähe. Ich bin nicht sicher, daß er nicht abermals unverschämt gegen +mich wird. Da will ich Dich erreichen können.--Und berichte mir also +jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme +dann zurück--Ah," unterbrach sie sich, "er wird nicht freiwillig +gehen!--Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise +zu rächen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben. +Vor solchen Menschen schützt keinerlei Schloß und Gesetz, sie sind zu +allem fähig." + +Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, großen Kopf +mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentümlichen Ausdruck vor +sich hin, der den Schwerhörigen eigen ist. + +"Ich wüßte eins, gnädige Frau," schob er dann, das Wort nehmend, ein. +"Wenn er das Fräulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm +befreit für alle Zeiten. Das sollten Sie zu fördern suchen." + +"Wie kann ich das fördern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr +zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine +Nähe beunruhigt mich, flößt mir Furcht ein." + +Frege bewegte die Achseln. 'Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man +das, was man finden kann' stand in seinem Gesicht geschrieben. + +Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herüber, und Theonie entließ Frege und +stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, daß ihr die +Kniee zitterten. + +Während dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang +hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben. +Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred +dem großen Tannenhügel näherte, der zur Linken einen Teil des Parkes +begrenzte, eröffnete sich ihm ein zauberhaft schönes Bild! Unzählige +Lichter irrten zwischen den Stämmen, versteckte kleine Sonnen blitzten +und durchleuchteten die dunkelgrünen Zweige der Fichten; breite Ströme +ergossen sich den Hügel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an +anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Höhe +hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den +würzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen. + +Die Schönheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr +noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt. + +Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln, +Wiesen, Felder und Waldungen umfaßte, die alle zu Falsterhof gehörten, +die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein +Blick nach dem Pachthof hinüberschweifte, und die Kuh- und Schafherden +vor ihm auftauchten, das Geräusch thätiger Menschenarbeit zu ihm +herüberdrang, die Wirtschaftsgebäude unter dem farbigen Laub +emporstiegen, und er im Geiste an sich vorüberziehen ließ, was alles sie +bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der +Meierei war, wie weit sich die Gemüsegärten ausstreckten, und wie endlos +auch noch östlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte +sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, daß sein Herz +klopfte, und seine Handflächen sich feuchteten. + +Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen, +ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's +schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wünschte. +Sie konnte es sich ja überlegen, seinen Vorschlag auf der Reise wägen +und ihm schreiben.--Ja, so sollte es sein. + +Und dann standen sie sich gegenüber. Theonie goß eben Wasser auf den +Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es +unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte: + +"Bitte, nimm Platz.--Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot +abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so +liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?" + +Tankred ward aufs angenehmste berührt. Theonie ließ ihn die Vorfälle des +verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versöhnliche +Gesinnungen an den Tag. + +Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit. + +Als sie sich gegenüber saßen, sagte er: + +"Ich danke Dir für Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich +hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?" + +"Ich reise zunächst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will. +Über die Länge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt." + +"Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?" + +"Nein, schwerlich." + +Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang +heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die großen, tiefen Fenster ihre +Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte +doch das Gemach, als seien die Wände plötzlich in lichtdurchflutetes +Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Möbel glänzten, das weiße Leinen +der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte +rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das +Krystall und das Silber auf dem Frühstückstisch flimmerte und blitzte. +Eine Platte mit süß duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine +einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen +neben mehlig-hellen Kartoffeln. + +Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein +Glas goldfunkelnden Rheinweins ein. + +Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete +oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute +schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen +Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts +Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber +auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren +Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, +voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der +Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener +Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen. + +"Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen," begann +Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. "Wirf Deinen +hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die +Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß +ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu +beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte--Nein, nein, +fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an +den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde +ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in +guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave +Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du +mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem +Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen. +Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht +ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu +lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender +gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du +Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß, +daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest, +obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens +schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du +leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. +Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so +hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung +gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen +Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem +aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch +freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof +verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen +Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann +mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine +größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente +überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen +unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe +auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin +nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen +Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut +legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu +machen.--Nun, Theonie?" schloß er und griff wieder nach Messer und +Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. "Was meinst Du? Willst Du +so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?" + +Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre +Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am +Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters +Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt. +Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht +einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe +zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie +geleitet. + +Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge +schauend, erwiderte sie: + +"Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand +kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf +mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite--ich +spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung; +die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der +meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte--also, +ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne +Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von +gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner +Beurteilung unterliegen können." + +Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine +noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in +Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum +Aufstehen. + +"Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein," sagte sie, nach +einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. "Entschuldige mich, ich habe +oben noch etwas zu thun." + +Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurück. + +"Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, daß ich ohne Mittel sei, +Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Würdest Du wohl die Güte haben, +mir einiges Geld zurückzulassen?" + +Sie nickte bereitwillig und sagte, die Börse ziehend, mit einem Anflug +von Verlegenheit: "Wie viel, bitte?" + +"Ein paar hundert Thaler würden mir zunächst sehr gelegen kommen, da ich +einige Verpflichtungen habe." + +"Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da müßte ich erst an +Brix schreiben." + +"Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter," wandte Tankred ein. "Er ist +stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen." + +"An den Verwalter?" wiederholte Theonie zögernd und pedantisch +überlegend. "Das würde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie +geschehen, alles geht durch Brix." + +"Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon +erklären--" + +Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie +von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen. + +"Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier, +bitte--vorläufig,"--entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, +die sich in ihrer Börse befanden, "für weiteres werde ich sorgen." + +Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um +ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten +und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie +ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich +auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte +alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, +wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er, +wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu +unterdrücken. + +"Nun--lebe wohl,"--sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher +Unruhe.--"Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er +wird Dir das Nötige mitteilen." + +Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf +den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen +besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch +Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie +abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß: + +"Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise +anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du +meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll +ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine +Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm +zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch." + +Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem +starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen +zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, +zurück: + +"Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du +schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst." + +Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des +Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck. +Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein +zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes: + +"Nein, ich muß nicht und will nicht!" drang wie ein Gewitter aus seinem +Munde. "Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe +an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch +an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts +zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann +die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, +aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten +begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld, +das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß +ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte, +weil ich es gleich gebrauchte und--" hier schob Tankred einen +berechnenden Satz ein--"auch für meine Abreise desselben bedürftig war, +den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück +und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen +Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war." + +Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen +zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich +getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und +Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte +es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er +bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich +erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, +pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm +entgegen: + +"Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast +Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite +verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich +gehe, Du gehst--! Das ist mein letztes Wort." + +In diesem Augenblick erschien die dürre Gestalt Freges in der Thür, und +hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb +ängstlicher, halb entschlossener Miene. + +"Ah!" drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur +Abwehr auf. "So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur +Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner +Gewalt! Muß ich ihr aber dennoch weichen, so hütet Euch!" + +Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebärden +ausgestoßenen Worten trat er durch das anstoßende Gemach auf den Flur, +und die Zurückbleibenden hörten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloß. + +"O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du +mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches +zu verdienen?!" hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren +Stuhl.-- + +Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wäre er +eingesperrt und sänne darüber nach, wie er sich befreien könne. Aber +sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern +auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt, +abermals war er seinem Jähzorn unterlegen, und statt seine Sache zu +verbessern, hatte er sie gänzlich verfahren. + +Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen +Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend +bewiesen, daß sie recht hatte, wenn sie ihm aufs äußerste mißtraute. +Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung außer acht gelassen, sondern sich +auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar +Drohungen ausgestoßen, die nur zu gut verrieten, was sich in den +tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem +Vorgang ihm nicht wieder nähern, das Tuch zwischen ihnen war +zerschnitten. + +Unglaublich hatte er gehandelt! + +War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein über +alle Erwartungen günstiges Ergebnis gewesen? + +Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen +Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken +in den Sinn gekommen wäre. Es würde ihn nicht überrascht haben, wenn +Theonie ihm erwidert hätte: Ich weiß nicht, ob ich mehr über Deine +unverschämte Forderung mein Erstaunen ausdrücken soll, oder über deinen +Mut, sie mir vorzutragen. + +Statt dessen hatte sie seine Gründe angehört und unbefangen gewürdigt +und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren +nicht gefährden, bewährst Du Dich aber, dann soll die Hälfte Dein +Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber +auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zügelloser, +von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist. + +Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte +auszahlen wollen. Sicher würde Theonie jetzt wieder zu ihrem +Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie früher festgesetzt hatte, +und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von +Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse würden an die +Öffentlichkeit dringen, und er würde der Familie Treffen als das +erscheinen, was er wirklich war. + +Wie gut hatte er alles eingefädelt, und mit welcher Pfuscherarbeit +geendigt! Wäre er fügsam gewesen, so hätte er Tressens erklären können, +er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hälfte von +Falsterhof. Theonie würde, unter geschickter Behandlung der +Angelegenheit von seiner Seite, diese Begünstigung bestätigt, es würde +sich alles ohne Schwierigkeiten und Künste geregelt haben, während nun +schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lüge aufgewendet werden +mußte, um nur die üblen Eindrücke wieder zu verwischen. + +Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit +lag vor, daß alle Mühe umsonst gewesen. + +Nein! er war doch noch ein großer Stümper! Er mußte sich's zugestehen. +So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, daß er sogar auf +den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei, +tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemühen, ein ordentliches +Leben zu führen. Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die +Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht +durch Selbstbeherrschung zu unterstützen vermochte. Er hatte noch nicht +warten gelernt. Warten können! Was lag nicht alles in den Worten! Und er +besaß auch nicht hinreichenden Mut; seine Genußsucht und sein +Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlüsse und machten ihn +feige. + +In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner +schrankenlosen Selbstsucht überlegte er, ob er nicht lieber Theonie +nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwören solle, daß +das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn hätte +aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst. + +Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins +richtige Geleis bringen zu können, beschäftigte ihn plötzlich +solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und +dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drängte sich ihm so +stürmisch auf, daß er das Haupt zurückwarf, die Klingel zog und dem +stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er möge sofort den Fuchs +satteln. + +"Wohin ist meine Kousine gereist?" fügte er erregt hinzu. "Es ist +wichtig, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe, +alles daran zu setzen, um unser Zerwürfnis zu beseitigen. Also, wohin +hat Klaus die gnädige Frau kutschiert?" + +Frege befand sich in größter Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er am +besten zu Gunsten seiner Herrin handeln würde. + +"Ich weiß es nicht, Herr von Brecken. Zunächst wollte Frau Cromwell bei +Pastors vorsprechen und später Nachricht geben." + +So wand sich Frege heraus. + +Bei der Erwähnung der Pastorfamilie schoß Tankred ein Gedanke durch den +Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfällen durch Theonie unterrichtet +wurden, würden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jüngst +hatte die Familie bereits geäußert, daß sie Pastors, die sie sehr +schätzten, allernächstens mit Tankred zusammen einladen wollten. + +Das verstärkte des Mannes Entschluß, unter allen Umständen Theonie +nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht säumte; sicher +würde sie sich bei Höppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag +über aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte +durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem +Zeichen des Kreuzes zurückwich, so fühlte er seine Gewalt und Kraft +gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens. + +Kaum zehn Minuten später war Tankred unterwegs, er jagte dahin, daß der +Staub der Landstraße hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild +stürmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstraße belebenden +Fußgänger erregte.-- + +Inzwischen saß Theonie bei Höppners im Gartenzimmer und berichtete mit +eben wieder zurückgewonnener Fassung von allem, was geschehen war. + +Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem +Ausdruck größter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und +abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, daß er +zugleich nach einer Entlastung für Tankred suchte, daß er die Hoffnung +nicht ausgab, die Herzen zu versöhnen. + +Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem +Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war. + +"Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenüberstehen, ich wollte ihm schon die +Seele mürbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht +zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen +Widerstand treffen; sehen sie, daß man ihnen die Zähne zeigt, ziehen sie +wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen?--Er könnte +Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus +Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in +Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen +Mißtrauen sich erhöht, weil er schlecht hört, hat Sie ängstlich gemacht. +Ich wette darauf, daß Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut +Wetter bittet." + +So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz +ihrer Überzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, daß +Tankred zu dem Schlimmsten fähig sei. + +Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu +beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung +entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte, +als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu +verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die +Pastorin rief: + +"So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen, +unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, +daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen, +wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein." + +Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach +sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich +aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem +sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf +Jahren an der Hand, in die Thür trat. + +"Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?" rief die Frau +glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen +empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch. + +Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau +Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch +in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber +gehaltenen Garten. + +Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt +einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen +und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie +wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit +dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des +Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am +Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er +ihn! + +Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung +und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch +Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend +und gehorsam. + +Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit +denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes +Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder +Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend: + +"Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand +hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel +für ein Mädchen in den Jahren?" Und Theonie pflichtete lächelnd bei, +obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht +fand. + +Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl. +Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben--glücklich zu +sein--ja--glücklich zu sein! + +Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die +Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und +Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere +Überzeugung sich fortreißen zu lassen. + +Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der +Pastor hatte gesagt: "Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte +zuzuschleudern, liebe gnädige Frau, sanft erklärend auf ihn +eingesprochen hätten, würde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn +auch ein wenig gereizt!" + +Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre +Ansicht dargelegt. "Nein, ich hätte ebenso gehandelt wie Frau Theonie. +Der saubere Herr mußte fühlen, daß ihm ein Wille gegenüberstand, denn +nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach, +so wachsen seine Unverschämtheit und sein Übermut, und man hat das Spiel +verloren! Theonie muß auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine +Weichheit mehr, kein Nachgeben!" + +Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fühlte +Theonie doch, daß der Pastor auch ein Recht für seine Ansicht habe. + +Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht +entrückt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten +Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche +Überlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle +Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof +entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner für immer zu +entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berührung zu kommen? + +Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos; +aber zwischen sich und ihm ein erträgliches Verhältnis herzustellen und +indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder +Gewähren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern, +den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines +Namens zu behüten. + +So kämpfte in ihr auf der einen Seite der ursprüngliche Entschluß, +Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm +zurückzuziehen und alle Folgen ihrer Überzeugung zu tragen, mit der ihr +innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer +Verständigung rieten. + +Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rüstete, die Frau vom Hause +eben noch in der Küche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich +gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiß und goldgelb +schimmernden Hälften auf einen Teller legte, trat das Kindermädchen ihr +näher und meldete, daß ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell +frage. + +"Wer denn?" warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der +Hand, an die Küchenthür und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurück, +als sie Tankred von Brecken vor sich sah. + +"Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin," hub er, ehe sie +Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit +entgegen, "ich komme, um mit meiner Kousine ein versöhnendes Wort zu +sprechen, und möchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr, +Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher +stets bewiesene Güte." + +Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen +seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte. + +"Zunächst, bitte, treten Sie gefälligst in das Zimmer meines Mannes!" +entgegnete sie höflich, aber durchaus kühl. "Ich werde Frau Cromwell +fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht, +und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden müssen.--Hier--" +schloß sie ebenso kurz und entschieden und öffnete das Gemach ihres +Gatten, aus dem Tankred der dumpfsäuerliche Geruch der vielen Pfeifen, +die der Pastor den Tag über rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde, +dann hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen. Die Pastorin aber begab +sich, nachdem sie vorher noch in völliger Ruhe die Küchenangelegenheiten +erledigt, ins Gartenzimmer und verkündete ihrem dort mit dem Pastor +weilenden Besuch, was sich ereignet hatte. + +Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Körper, der Pastor aber, +bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr +wirkte wie die ihm angeborene rücksichtsvolle Höflichkeit, rief fast +ängstlich tadelnd: + +"Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draußen stehen lasten?" + +Die resolute Pastorin schüttelte bloß den Kopf und sagte kurzhin: "I, +wie sollt ich wohl; er ist natürlich in Deinem Zimmer." + +"Nun, da will ich--" + +"Nein, bitte, bleibe," entschied die Frau in einem Ton, der keinen +Widerspruch aufkommen ließ. "Erst müssen wir überlegen, gründlich +überlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklären +Sie, daß Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen könnten. +Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kühlt sich der Übermut des +sauberen Herrn noch weiter ab." + +Der Pastor schüttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie +aber schwankte. + +Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred +nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den +Ausschlag. Es war auch möglich, daß er, da er den ersten Schritt gethan, +erklärte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war +wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versöhnung aus dem Wege ging, und +was besonders maßgebend war: sie wünschte so rasch wie möglich Klarheit +zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, daß er +Falsterhof verlassen werde. + +So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor, +ihm sagen zu lassen, daß sie nach Beendigung des Abendessens, also nach +Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhören. + +"Ja--ja--aber--wir legen dadurch an den Tag, daß wir ihn nicht an unserm +Tisch sehen wollen; das--geht doch wohl nicht--" schob wieder der Pastor +in seiner Gutmütigkeit ein. "Er hat unsere Gastfreundschaft angerufen, +indem er unser Haus betrat." + +"Ach was!" entschied die Pastorin. "Laß ihn nur fühlen, wie wir über +sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der +Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man +behandeln als das, was er ist!" + +So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies +Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat +Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr +angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen. + +"Sie sind wohl im Krug abgestiegen?" + +Tankred nickte. + +"Werden Sie die Nacht hier zubringen?" + +Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und +fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten +hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die +beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer +zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm +die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel. + +"Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert," hub sie +an, "ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den +Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des +göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser +Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel +und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken +stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für +die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger +unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit +Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die +eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen +möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung +stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern +übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!" + +Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds +beschlossen habe. + +"Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin," entgegnete +Theonie. "Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!" + +Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel +ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß +Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid +gegeben. + +"Ich würde Ihrem Vetter Folgendes erklären," erwiderte sie deshalb, +Theonies Wunsche willfahrend: "Vorbedingung sei, daß er Falsterhof +sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erkläre, daß er +niemals ohne Aufforderung dahin zurückkehren werde, auch keine Rechte +auf irgend einen Teil Ihres Vermögens habe. Nachdem dies geschehen, +würden ihm die einmal zugesagten fünfzigtausend Mark ausgezahlt werden." + +"Nun und dann?" fragte Theonie, als die Pastorin schwieg. + +"Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas +zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwähnen. Sollte er auf ein +weiteres zurückkommen, so würde ich ihm erwidern, daß ich mich jetzt in +keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung +verscherzt." + +"Aber deswegen ist er doch hergekommen!" schob der Pastor, diesmal +nicht nur seiner Gutmütigkeit, sondern einer richtigen Erwägung folgend, +ein. + +"Gewiß! Aber wer weiß, was geschieht!" entgegnete die Pastorin. +"Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht +sie ihr elterliches Vermögen selbst." + +"Ich weiß, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht +entgegenkommender äußere," sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte +durch ein sanftes Kopfschütteln übergehend. + +"Sie erklären ihm ja nur, daß Sie sich nicht binden wollen; darin liegt +doch kein absolutes Nein." + +"Das ist sophistisch, Marie!" schob der Pastor ein. + +"Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen +haben, und der andere bloß einen Helm, da ist kein Verstand drin." + +Während sie noch sprachen, entstand draußen ein Geräusch, und Theonie, +bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloße +Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenüber zu treten, erregte sie aufs +höchste. Das gab der Pastorin den Entschluß ein, Theonie vorzuschlagen, +sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln. + +"Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich +erkläre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu +gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar +machen." Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede. + +Fünf Minuten später meldete die Magd den Herrn von Brecken. + +"Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zünde Licht an!" entschied +die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred +war nicht wenig enttäuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen, +aber er ließ sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter, +seine tiefe Verpflichtung ausdrückender Höflichkeit. + +"Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht +war, zu sprechen," hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte +eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. "Sie hat mich, um gleich +auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist +Frau Cromwells Wunsch, daß Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre +Aufforderung nicht dahin zurückkehren. Sie verpflichten sich dazu +schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklären Sie, keinerlei Rechte +auf das Breckensche Vermögen, das flüssige oder liegende, zu besitzen, +und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr +Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fünfzigtausend Mark +auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten +habe." + +"Über die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?" brachte +Tankred, nur mühsam seine durch Enttäuschung hervorgerufene Erregung +verbergend, hervor. + +"Nein!" + +"Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?" + +"Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch +die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen +erledigt sein muß. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts +einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu +verlassen." + +"Und wenn ich es nicht thue?" + +"Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen." + +"Haben Sie ihr diese Ratschläge erteilt, Frau Pastorin?" + +"Gleichviel.--Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluß nicht ab." + +"Und wenn ich nun beschwören kann--ich kann es beschwören und habe nur +bisher nichts geäußert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden +wollte,--daß meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hälfte von +Falsterhof zugesagt hat?" + +"So würden Sie einen falschen Eid schwören. So weit werden Sie es doch +wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von +Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit +solchen Mitteln durchdringen, daß es bloß eines solchen für Sie bequemen +Entschlusses bedarf, um mühelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei +Ansprüche können Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt, +daß Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfüllung und +Fleiß sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines +recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau +getragen. Statt sich Ihrer Kousine für ihre Hochherzigkeit dankbar zu +erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk +hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu +teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die +Mittel zur Verfügung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie +ausfallend und stoßen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bühne von +Bösewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hören gewohnt +ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen! +Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird +sonst schrecklich sein. Eine Weile begünstigt das Schicksal wohl +solcherlei Treiben, aber nur um den Übermut nachher um so schwerer zu +strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie +sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere +Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich +verschweigen, was eben über Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch +alles, was sonst geschehen, der Außenwelt vorenthalten bleiben. Im +anderen Falle aber seien Sie überzeugt, daß wir mit allen Mitteln Ihrem +ungesetzlichen, frivolen, ja, gefährlichen Treiben entgegentreten +werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, daß Sie uns Furcht einflößen +können, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, daß mit uns +nicht gut Kirschen essen ist.--So, nichts für ungut. Die meisten +Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken, +daß er auch nur zeitweise über Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn +auszutreiben!" + +Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben +abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Ärger +zugehört. Mehr als einmal hatte er in seiner maßlosen Erregung den +Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hände ballten +sich unwillkürlich, und die Zähne preßten sich zusammen. + +Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren ließ, da sie +ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner +Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll +Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluß ihrer +Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem +Angesicht haften; offenbar trat die Überlegung bei ihm ein, ob es nicht +doch richtiger sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. + +"Gut denn," stieß er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen +heraus. "Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich +will die von Ihnen geforderte Erklärung geben, auch mich mit der +angebotenen Summe begnügen, wenn meine Kousine mir einen Brief des +Inhalts schreibt, daß sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von +meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie +mir schon vor unserm Zerwürfnis zugebilligt hatte. Auch muß sie +hinzufügen, daß sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich +nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, daß ich in ihren +Augen dessen würdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich +schwören würde, von meinen Charaktereigenschaften und von +Eventualitäten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner +Überzeugung nachgehe, will ich unberührt lassen. Als kluge Frau wissen +Sie am besten, daß bloße Behauptungen taube Nüsse sind, und daß wir die +Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle +eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, daß manches an +mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizuführen, +bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Überflusses. Was ist +ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung +hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel, +der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu +vertreiben." + +"Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch +Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und +durch Beschränkung seiner Bedürfnisse. Daß Ihre Kousine, die keine Liebe +für Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That +ein starkes Verlangen. Und daß jemand Glücksgüter fordert, um seine +Fehler abzulegen, beweist, daß er noch nicht das ABC sittlicher +Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende +Selbstüberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum +Schluß zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wünschen, +sie mag dann selbst entscheiden." + +"Also auf Ihre Befürwortung habe ich nicht zu rechnen?" + +"Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts +weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage +gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich würde erst sehen +wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre träge Genußsucht in solcher +Weise zu unterstützen, halte ich fast für ein Verbrechen." + +Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiß war, da +er sah, daß er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu +erreichen, triumphierte er innerlich, überging die letzten Ausführungen +der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank für ihre Bemühungen aus. + +"Ich weiß, Sie werden Ihre schlechte Meinung über mich ändern, Frau +Pastorin! Sicher!" schloß er mit künstlichem Ernst und suchte, indem er +sie trotz ihrer herben Begegnung gleißnerisch seiner Achtung und +Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei +zu erobern war.-- + + * * * * * + +Grete von der Linden griff mit recht mürrischer Miene nach Umschlagtuch +und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre +Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespräch mit Carin +Helge gehabt hatte. + +Ihre frühere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geäußert, daß +Herr von Brecken ihr ein äußerst widerwärtiger Mensch sei, eine +Persönlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein müsse, und Grete +hatte sehr empfindlich entgegnet, daß sie es nicht passend finde, daß +Carin ein solches Urteil über Freunde des Hauses fälle. + +Darauf war wieder eine etwas schroffe Äußerung von Fräulein Carin +gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte +die erstere erklärt, daß es bei der geringen Übereinstimmung, die +neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser für sie sei, Holzwerder +zu verlassen. "Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es für gut befinden, +liebe Carin." Mit diesem kühl gesprochenen Wort war das Band zerrissen, +das die beiden seit Jahren verknüpft hatte. Aus der ursprünglichen +Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes +ausdrücklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als +Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat +hatte sich im letzten Jahr das Verhältnis schlechter gestaltet. Grete +waren die Flügel ungewöhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, über +alles sehr präzise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und +dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch über entgegengesetzte +Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten. + +Einige Ausflüge mit ihren Eltern in die große Welt hatten sie rasch +gezeitigt. Sie wußte, daß sie hübsch und klug war, und schmeichelnde +Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestätigt, aber sie wußte +auch, daß sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel +ein Mensch, den man für begütert hält, der Welt ohne Widerspruch bieten +kann. + +Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demütige Gebärden +selbst dann, wenn die den Nacken krümmenden Personen keiner Vorteile +gewärtig sein konnten. + +Grete hatte ein Interesse für Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die +Vorzüge einleuchteten, die erwachsen würden, wenn die beiden +aneinandergrenzenden, großen Güter unter eine Herrschaft kämen. +Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu +nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof +großen Respekt eingeflößt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider +Gesinnung und vornehmer Zurückhaltung; die alten Breckens ließen die +Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel +Grete, die Eindrücke der Jugend wirkten nach und übertrugen sich auf +Tankred. + +Er war ein stattlicher Mann, groß und geschmeidig und hatte etwas +Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besaß er etwas +Fortreißendes, wenn er liebenswürdig sein wollte. + +Daß sich nichts von Sentimentalität in seinem Wesen äußerte, war Grete +höchst willkommen; sie haßte alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon +nichts besaß. Und endlich und zuletzt--sie mochte ihn einmal, und durch +seine Vermögenslage würde sie imstande sein, um so leichter die +allerdings nur moralisch begründeten materiellen Ansprüche ihrer Eltern +zu befriedigen. Allerdings, auch das überdachte Grete; sie war durchaus +nicht geneigt, sich Einschränkungen aufzuerlegen. + +Freilich waren Tankreds Vermögensverhältnisse noch nicht völlig +aufgeklärt. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen +Groschen, andere dagegen,--sie wollten es aus seinem Munde gehört +haben,--daß er Miterbe von Falsterhof sei. + +Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf +Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er +hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet, +daß ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch für +seine Bemühungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der +Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen. + +Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte +sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem +Gast über dessen Vermögensverhältnisse zu sprechen. + +Frau von Tressen besaß die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau +von Brecken an ihr gerühmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch, +hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber +sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht +verstanden, sich einzurichten. Während ihr erster Mann noch gelebt +hatte, war er der verständige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode +hatte Frau von Tressen über ihre Verhältnisse gewirtschaftet und in +ihrem zweiten Mann keinerlei Stütze für bessere Entschlüsse gefunden. Im +Gegenteil, das ihr persönlich gebliebene Vermögen war schon längst +verthan. Bei der Feinfühligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher +noch niemals mit Grete über die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr +Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So +vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen +auch, daß ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen +wohlhabenden Mann heirate. + +Tankred gefiel ihnen aus denselben Gründen, die für Grete hauptsächlich +in die Wagschale fielen. + +Wohl wollte sich in der Frau--wie in Carin--bisweilen ein Mißtrauen +gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft +eingeschläfert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung +an Gretes deutlich hervortretende Wünsche und jene Flüchtigkeit, die +zunächst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge faßt, bestimmten sie, +sich für die Partie zu interessieren,--natürlich vorausgesetzt, daß +Tankred der vermögende Mann sei, als den sie ihn schätzten. + +Ihr künftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich +verpflichten, ihren Eltern jährlich eine festgesetzte Summe zu zahlen. +Aber wenn nun Tankred kein Vermögen besaß, oder wenn er oder ein anderer +Gatte Gretes sich weigerte, für ihre und ihres Mannes Existenz +aufzukommen? + +Zum erstenmal überfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben +überkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es könne dergleichen +geschehen oder später eintreten. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war +vollkommen erwerbsunfähig. Schon machten sich allerlei durch einen +raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn +plagten vorübergehend Gichtschmerzen; eigentümliche nervöse Beschwerden, +Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und +hatten das Herz der Frau mit Sorge erfüllt. Wenn er sich dann wieder +erholt und wohl gefühlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und +Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwärtig erschien ihr alles in +einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft +vor ihr auf, und sie beschloß, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf +bloße Eindrücke oder gar auf den Zufall zu verlassen.-- + +Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurückkehrte, +begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknöpft hatte, und dem +ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut +geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der +nicht eben überintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das +Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsätzen verfuhr und +allgemeine Achtung genoß. + +Niemand übte einen so großen Einfluß auf Grete aus, wie er, ja, insofern +das junge Geschöpf überhaupt jemanden, einschließlich ihrer Mutter, zu +lieben vermochte,--ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine +durch unantastbare Verträge überkommene, friedfertige und unschädliche +Persönlichkeit,--empfand sie ein solches Gefühl für Hederich. So lange +sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets gütig und zugleich ehrerbietig +begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr +Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen +und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschüttet. Nicht Herr von Tressen, +der immer nur seine Amüsements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden +und Reisen ins Auge faßte, hatte ihr den früh verlorenen Vater ersetzt, +sondern der Junggeselle Hederich. + +Er kannte nichts von der Welt draußen, aber um so besser war er über +alle Gutsangelegenheiten und alle Persönlichkeiten in nächster und +weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr häufig in praktischen +Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft +betreffenden Dingen, über Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und +wußte eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Bäumen +zu, sagten die Leute von ihm. + +"Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fräulein. Drum und dran. Schon so +früh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen.--So, +so, das ist schön.--Ja, gewiß, gern.--Ich habe Zeit! Sollen wir hier den +Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fräulein, was ist, bitte?" + +"Zuerst Hederich: Fräulein Carin verläßt uns. Sagen Sie, was halten Sie +eigentlich von ihr?" + +"Viel, Fräulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht +erst ein Kreuz auf dem Rücken zu haben zum Zeichen, daß sie dienstfähig +ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt. +Aber drum und dran, warum fragen Sie?" forschte der Alte mit seinem tief +eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen. + +"Nun ja, weil sie weggeht, und ich darüber nachdenke, an wem die Schuld +wohl liegt. Gewiß Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns +nicht mehr. Da ist es besser--" + +"Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als daß Sie in Feindschaft +enden. Gewiß, das hat sie nicht um Sie verdient, Fräulein Grete!" + +Grete schwieg, sie fühlte er hatte recht; gern würde sie aber gesehen +haben, daß er ihr bereitwillig zugestimmt hätte. + +"Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fräulein Grete, nichts für ungut, +wenn ich fragen darf?" + +"Über Herrn von Brecken erzürnten wir uns. Apropos! Was halten Sie von +dem?" unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespräch auf ihn +gebracht, während sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte. + +Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu +wollen. + +"Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?" + +"Mit Verlaub, Fräulein Grete. Will Fräulein Carin etwas von ihm wissen?" + +"Nicht viel eben! Sie verdächtigt seinen Charakter." + +Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte große +Augen. + +"Ja, sie versteht's--" + +"Wieso? Mögen Sie ihn auch nicht? Hören Sie, Hederich! Ich frage nicht +umsonst. Ich--ich--" + +"A--h--" machte der Mann und sah Grete groß an. "Nun ja denn! Ich weiß +nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen +sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine +Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fräulein Grete, er hat was +im Auge--oft--man kann sich fürchten--" + +"Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er +sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam +und solide werden." + +"Ja--ja--das ist wohl anzunehmen," bestätigte Hederich. "Aber ob er so +recht umgänglich werden wird--gegen Sie--ich meine--drum und dran--und +denn--und denn, Fräulein Grete--er hat, glaub' ich, gar nichts!" stieß +Hederich zum Schluß heraus. + +"So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darüber?" forschte Grete, den ersteren +Einwand umgehend. + +"Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber +auch bloß ein Versprechen, das an Bedingungen geknüpft ist." + +"In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?" + +Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. +Zuletzt ließ er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und +erklärte, Frege traue Tankred nicht über den Weg. + +"Ja, aber weshalb mißtrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht," +betonte Grete, durch die Enttäuschung, die sie empfand, zum Widerstand +gedrängt. Sie wollte Gutes hören, und da sie es nicht vernahm, wollte +sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen. + +"Sie meinen--drum und dran--" entgegnete Hederich ehrlich,--"daß er +wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Für andere +Menschen hat er nichts übrig." + +Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklärung regte sie +nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen hätte, wenn +Hederich von Tankred eingenommen gewesen wäre. + +"Na," schloß sie nüchtern. "Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn." + +"Ja,--ja--liebes Fräulein, aber es liegt--drum und dran--etwas +dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama--na ja, sie hat ja eine +sehr leichte Hand--aber die hat die schöne Mitte, klug und gut." + +Grete antwortete nicht. + +"Warten Sie, alter, guter Hederich--" sagte sie und schob ihm das +Bändchen unter den Rockkragen,--"hier steckt was heraus." Und plötzlich +ganz unvermittelt: "Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie +viel unser Gut?" + +Darauf mußte Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des +genau Unterrichteten überaus gut gefiel. + +"Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend +Mark jährlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal +weniger, so etwa sechzigtausend Mark." + +"Nicht mehr?" fragte Grete enttäuscht. + +"Nein, mehr nicht, Fräulein, und dann sind da auch noch Zinsen +und--und--na, gleichviel--" + +Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das, +von Epheu umsponnen und von schönen Bäumen umgeben, einen reizvollen +Anblick gewährte. + +"Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?" fragte Grete +sinnend. + +"Ja, einmal.--Was jetzt die Frau Pastorin ist--unter uns gesagt--die +Pastorin Höppner, die hätt' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu +so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter +Mensch, bloß kein Mann.--Nein, drum und dran--kein Mann. Ich freue mich +noch immer, wenn ich sie sehe--ja, das thue ich!" schloß Hederich, mehr +mit sich selbst als mit Grete redend. + +"Adieu! Danke, alter guter Hederich!" sagte Grete. Was sie für ihn +empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder. + +Und er fühlte es und sagte: + +"Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen." + +"Nun?" + +"Sie! Fräulein Grete," sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's über das +Angesicht des Mädchens, und sie drückte ihm gerührt die Hand. Bisweilen +sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heiße Quelle in ihr +auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie +stürmisch.-- + +Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben +versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin +fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute +etwas ungeduldig nach der Thür. + +"Wo bleibt denn Carin? Weißt Du etwas von ihr, Grete?" wandte sie sich +fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit +deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber +öffnete sich die Thür, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins +Gemach. + +Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die +Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang +gab. + +Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast +stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlaßte +Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten +schauenden Balkonzimmer saß, die Rede auf Fräulein Helge zu bringen. + +"Wir haben uns erzürnt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das +Fräulein verläßt morgen früh Holzwerder," entgegnete Grete kalt. + +Die Mitteilung überraschte, aber interessierte und erfreute zugleich +Tankred sehr. Die mißtrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht +mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine große Beruhigung. + +"Das sagen Sie so leicht hin, gnädiges Fräulein?" knüpfte er, um mehr zu +hören, an. + +"Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb +dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich +nun eine andere Thätigkeit. Ein Bündnis fürs Leben habe ich doch nicht +mit ihr geschlossen." + +"Ließ die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die +Frage erlaubt ist?" + +Statt zu antworten, lächelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb +verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend: + +"Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist. +Wenn Fräulein Helge uns verläßt, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man +kann sündigen, ohne es zu wissen," schloß sie, als Tankred große, +forschende Augen machte. + +"Ich?" stieß er heraus. "Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich +natürlich ungemein." + +Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle. +Verriet sie ihm, daß Carins absprechendes Urteil über ihn sie geärgert +habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen +vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie über seine +äußeren Verhältnisse genau unterrichtet war. + +Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wünsche +unterstützten seine Annahme. + +Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich: + +"Ist es denkbar, daß Sie, mein Fräulein, für mich gegen Fräulein Helge +Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, daß ich Ihnen +nicht gleichgültig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir +gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und daß sie gegen mich +intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber +vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermögen, daß--daß--" + +"Daß?" forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreißen lassen +wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb +verdeckten Erklärungen liegt. + +"Nun, daß Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden könnten, und +daß sie, Fräulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken +sein würde." + +"Sollte es das sein?" ging's rasch und fast gegen Gretes Willen über +ihre Lippen. Also Beweggründe egoistischer Natur hätten Carin geleitet! +Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr +paßte, da sich daraus die Gründe für Carins Abneigung gegen Tankred +erklären ließen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an. + +"Gewiß, ich bin dessen sicher, Fräulein von der Linden. Und nicht +wahr?" fügte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zärtlich +sprechend, hinzu: "Ich darf annehmen, ich darf hoffen, daß Fräulein +Helge das Rechte traf--?" + +Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen, +und sie ward unsicher und beängstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom +schoß durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kräfte +und wollten sie fortreißen. Aber dennoch siegte die überlegende +Vernunft. + +"Wir wollen über andere Dinge sprechen, Herr von Brecken," stieß sie, +sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine +Worte als ein übertriebenes Kompliment aufgefaßt hätte. Und zur besseren +Bestätigung ihrer Unempfindlichkeit fügte sie hinzu: + +"Es giebt ja interessantere Themata als Fräulein Helge.--Wie denken Sie +zum Beispiel über die Stellung des Jupiter zur Sonne?"-- + +Als später Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer saß--es +war kurz vor dem Abendessen--sagte der letztere: + +"Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehört? Wo hält sie sich jetzt +auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter +fortbleiben?" + +"Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in +einigen Wochen nach Falsterhof zurückkehren." + +"Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof über? Oder welche +Pläne haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir +sagt, daß Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Nähe," +schloß Herr von Tressen artig. + +"Allerdings, ich möchte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber +nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen könnte--" + +Unwillkürlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die +letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf +diese Weise das Gespräch auf Grete hinüberleiten? Im Augenblick fand +Herr von Tressen keine Anknüpfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke, +und er sagte: + +"Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich höre, Mitbesitzer +sind, würde Ihnen nicht konvenieren? Übrigens nachträglich meine +Gratulation! Es ist wohl die schönste Herrschaft in der Provinz." + +Diesen Worten war es unmöglich, auszuweichen. Tankred wußte auch, daß +sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und +wenn die Dinge nach ihren Wünschen ausfielen, stand einer Heirat mit +Grete nichts im Wege. + +Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden mußte, da Tankred je +eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken +beiseite und sagte: + +"Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen. +Ohnehin drängt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen. +Wollen Sie es mir gestatten?" + +"Ich kann mich dadurch nur geehrt fühlen," entgegnete Gretes Stiefvater +verbindlich und zugleich mit größter Spannung. + +"Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber +sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Höhe zu +beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand +bereits ein bares Kapital überwiesen. Weiteres macht sie abhängig von +gewissen Bedingungen. Ohne Rückhalt gesprochen, sie will mich prüfen, ob +ich imstande bin, mit einem großen Vermögen umzugehen. Eine gewisse +Breckensche Pedanterie, übertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber +ich besitze ein Schriftstück, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt, +mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen.--Ich gelange nun auf den +anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fräulein Grete, hat +gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich +gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir +in so überaus liebenswürdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner +Besuche verstärkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der +meine sehr lebhaften Wünsche unterstützt. Unwillkürlich richtet ein +besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwählten seines +Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm +sympathisch sind, und da muß ich ohne Komplimente sagen, daß ich es als +das höchste Glück ansehen würde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer +Frau Gemahlin in nähere Berührung zu treten." + +Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimütig liebenswürdiges +Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so überzeugt klangen seine +Worte, daß sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt +hatte. + +Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die +vorausgegangenen Mitteilungen äußerst befriedigender Art zu sein +schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm +gewünschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was +seine Frau ihm eingeschärft hatte. Er sagte deshalb vorläufig noch mit +etwas Zurückhaltung: + +"Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken, +treten besondere Verhältnisse ein, die der Erörterung unterliegen +müssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich äußerst erfreuenden +Antrag--meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorläufig noch +nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, daß sie Ihnen, +wie Sie es voraussetzen, geneigt ist,--also wenn ich Ihren Antrag in +Überlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns +nötig. + +Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat +hören unsere rechtlichen Ansprüche auf, und wir sind angewiesen auf ihre +gütige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten +sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermögens +wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestätigung unserer moralischen +Ansprüche ist erforderlich, nachdem die Höhe der uns zu zahlenden +jährlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der +Grete einmal heimführen wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto +geneigter werden wir ihm selbstverständlich sein. Darin liegt keine +verwerfliche Geldsucht, sondern es begründet sich in der Natur der +Dinge. Von der Luft können wir nicht existieren, und ein anständiges +Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wünschen." + +Tankred hatte während Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig +beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorläufig noch nicht Gretes +Bräutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der +Wirkung seiner Antwort gewiß: + +"Ich würde, wenn mir das Glück werden könnte, Fräulein Grete heimführen, +es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen möglichst +ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglück in +erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualität, die in +eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so +freundlich und gütig sein wollen, zu unterstützen."-- + +Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit +hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in +sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten +Unterredung. + +"Vortrefflich," sagte die Frau, nachdem er geendigt. "Aber nun wäre es +doch wünschenswert, daß wir das Schriftstück, von dem Brecken spricht, +einsähen, und daß Du auch an Frau Cromwell schriebest." + +"Meinst Du wirklich, daß letzteres notwendig ist? Ich denke, die +Einsicht in das Abkommen genügt; hoffentlich wird Brecken es uns von +selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich." + +"Nun, es wird sich ja finden! Vorläufig wollen wir Grete noch nichts +mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken +steht. Daß sie sich sehr für ihn interessiert, ist zweifellos. Übrigens, +wie ist sie kühl! Von der Helge trennt sie sich mit einer +Gleichgültigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mädchen! Sie war sehr +weich und rührte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit +ihr hatte, während Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussöhnung denkt +sie selbst nicht. Sie fühlt, daß Grete ihr Gehen will, Grete hat +begierig die Gelegenheit zur Herbeiführung der Verstimmung ergriffen." + +Aber Herr von Tressen hörte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzüge bewiesen, +daß er bereits dem Schlaf erlegen war. + + * * * * * + +Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von +neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von +Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt: + + 'Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß + er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters + besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat, + diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter + empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die + Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe + meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen + versehen. + + Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte + des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch + will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf + Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe, + dazu in keiner Weise.' + +In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck, +und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft, +daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde. + +Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu +geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit +begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts! +Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande, +weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen. + +Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine +zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine +Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand +sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu +bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen. + +Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein +würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht +abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für +seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr +viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile +hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles, +was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang +viel, die Reisen und sonstiger Luxus. + +Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein +sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das +Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin. + +Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare +Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem +Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte +Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte. + +Hm! hm!--Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab. +Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb +lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las +schließlich, was vor ihm lag: + + 'Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklärt hat, auf + Ansprüche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von + Brecken erwachsen sein mögen, verzichten zu wollen, bestätige ich + hierdurch meine Zusage: + + I. ihm zunächst fünfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die + Hälfte des Besitzanteils an Falsterhof überweisen zu wollen, wenn mir + nach fünf Jahren die Gewähr gegeben ist, daß er damit im Sinne meines + verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nützen und mehren wird. + Eine solche Einschränkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche + das Testament für mich selbst enthält, geboten und entspricht demnach + nur genau den mir selbst zustehenden Rechten. + + Theonie Cromwell.' + +"Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet +trotz der geschäftlichen Kürze und Form volles Wohlwollen," flüsterte +Tankred. "Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals +entsprechend, und daß sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben, +dafür werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei +Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen +Thatbestand handeln: fünfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hälfte +des Besitzanteils von Falsterhof nach fünf Jahren." + +Und so überzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, daß er +sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des +Originals täuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich +blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm überraschend. +Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin +Höppner, und sie zu veranlassen, daß sie ihm wenigstens keinen +Widerstand entgegenstellte, mußte jetzt seine Aufgabe sein. + +Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben, +vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde +zu befriedigen, teils um von Frege etwas über Theonie zu erfahren. + +Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich +in Elsterhausen für seine Reitausflüge gemietet hatte, in die Allee von +Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und +die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bäume, insbesondere die +kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach +auftauchten entzückten das Auge. + +Tankred befand sich in einer außerordentlich gehobenen Stimmung; je +mehr er über die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie +ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: daß +Grete von der Linden, die sehr genau wußte, was sie wollte, ihm am Ende +doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den +Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber--eine Möglichkeit war +doch vorhanden. + +Während er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hörte +er hinter sich das Geräusch eines dahineilenden Wagens, und als er den +Blick wandte, sah er zu seiner großen Überraschung Grete, die selbst das +Gefährt lenkte, vor sich. + +"Sie, mein hochverehrtes Fräulein?" + +"Sie,--Herr von Brecken?" ging's zugleich aus Gretes Munde. "Wohin? Nach +Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurück?" + +"Nein,"--erklärte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd +durch einen so mächtigen Druck, daß es sich fast überschlug und nun +bewegungslos verharrte. "Ich will nur einmal auf Wunsch meiner +Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben +hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen +zurückkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof +eigentlich? Möchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es +wird Sie, glaube ich, interessieren, den mächtigen Bau mit den schönen, +altertümlichen Möbeln in Augenschein zu nehmen." + +Einen Augenblick zögerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des +Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in +Tankreds Gesellschaft aufdrängte. Aber sie überwand das Bedenken, +nachdem Tankred ihr zugeredet und erklärt hatte, daß Frege sie +herumführen, und er sie sogleich wieder zurückgeleiten werde. + +Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschließende, mit Pelz +besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter +Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmütze. + +Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zähne in dem klugen, +fein geschnittenen Munde blitzten verführerisch.-- + +Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich +anfangs nichts, nur Max erhob ein wütendes Gebell. Dann aber kam Klaus +aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in +Empfang. + +"Bitte, erlauben Sie!" bat Tankred, der schnell von seinem Tier +herabgesprungen war, und streckte die Arme aus. + +"Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken," wehrte +Grete ab. Aber sie gestattete es doch, daß er ihre beiden Hände ergriff, +und ließ sich so von ihm beim Herabspringen helfen. + +Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen, +schritt er an Gretes Seite dem schloßartigen Gebäude zu, das wie immer +unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des großen Hofes +emporstieg. + +Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenräumen bellend auf dem Pflaster +erscholl das Geräusch der fortgeführten, und einmal übermütig hintenaus +schlagenden Gäule. Und dann ertönte dumpf die schwere Flurglocke, und +sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof. + +Zunächst drückte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber +da der nicht sogleich erschien, öffnete er selbst die Thür zur Linken +und bat Grete, in die Wohngemächer einzutreten. + +Ein überraschender Luxus trat ihnen entgegen; überall befanden sich +kostbare Teppiche, alte Möbel und Kunstgegenstände; faltige Gardinen und +Vorhänge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschützten Thüren und +Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den +Reichtum der früheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermütiger +Verlassenheit durchwehte die Gemächer, und erst als sie die nach dem +Parkgehölz zu liegenden Räume betraten, und hier die heller eindringende +Sonne den kostbaren Gegenständen ein heiteres Gepräge verlieh, die +eingelegten Schränke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die +Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fußteppichen in +farbenreicher Schönheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich +unwillkürlich auf Gretes Gemüt gelegt hatte, und ein Ruf der +Überraschung ging aus ihrem Munde. + +"So schön hätte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der +einen so ausgeprägten Sinn für kostbare Dinge und einen so feinen +Geschmack besaß?" fragte sie. + +"Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verständnis dafür und Freude +daran," entgegnete Tankred. "Wenn es sich um ein schönes, altes Möbel +oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er +besaß eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten +Lebensjahre nach. Sie müssen nun aber erst mal seine eigenen Gemächer +sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich über den Flur auf die +andere Seite." + +Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein +ausgelegten Kästchen herab und ließ ihr Auge darauf ruhen. + +Wie so oft äußere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so +geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen +durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersüchtiges +Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all +das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete. + +Sie wünschte in diesem Augenblick, daß er ihr Komplimente sage, ihr den +Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that, +herbeiführen, was ihre Gedanken und Sinne beschäftigte. + +So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, daß sie, als er ihr näher +trat, den Kopf so zur Seite neigte, daß seine Wange ihr Haar streifte, +und ihre Häupter sich sanft berührten. Sie zog das ihrige auch nicht +zurück, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie +drängte, ließ sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen +sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurück. + +"Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen," stieß +Grete, nun den Weg zur Thür nehmend, heraus und seufzte begehrend auf. + +"Das sagen Sie?" entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch +seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. "In Holzwerder strahlt doch +alles in Schönheit, dort weht eine reizvolle Gemütlichkeit, während +Falsterhof düster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemächer dringt +etwas Wärme und Licht." + +"Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe +ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich +unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die +viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge +ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für +Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die +Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren +Essen und teuren Weinen?" + +"Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein," erwiderte +Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: "Ja, erwerben, +besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren +Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich +leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich +glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen +zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare +gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man +bequem nennt." + +Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er +holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte +oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr +gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit +der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen +besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf: + +"Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von +Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben, +wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest +halten, was Sie einmal ergriffen haben." + +"Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?" gab Grete halb +geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. "Wollen Sie wissen, +daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke +dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin +oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch. +Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so,--leider! +Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner +Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine +so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig +ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich +werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht +weiter leben können, wenn ich einmal--" + +Grete stockte. + +"Wenn Sie einmal?" setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich +alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber +obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm +doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen +Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo +ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat. + +Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut +gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus +möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder +fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen. + +Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen +Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen. + +Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie +bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich +nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden. + +Sie besah die Räume, in die Tankred sie führte, flüchtiger und machte +eine hastig unruhige Bewegung zur Rückkehr, als sie in einer alten +Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand. + +"Schon zwei Uhr! Ich muß zurück, Herr von Brecken. Ein andermal den +Park." + +"O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fräulein," wandte Tankred schmeichelnd +ein. "Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!"--Und +einen neckisch ernsten Ton annehmend, fügte er hinzu: "Hätten Sie, wie +ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse für Falsterhof und seinen +künftigen Besitzer--dann--dann--" + +Aber schon während Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht +ungütige, aber entschieden abweisende Bewegung. + +"Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken," stieß sie +rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. "Aber, +bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mißtrauischen Augen des alten +Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen +uns dann, und--und--" + +"O Grete, teures Mädchen--" stieß Tankred, nicht Herr seiner durch den +Widerstand verschärften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm +nachzugeben, schüttelte sie das Haupt und verließ mit sanfter +Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach. + +Draußen angekommen, drückte Tankred den Dienern jedem ein Geldstück in +die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen.-- + +"Hier," sagte Frege, als das Geräusch der Räder und Hufen verklungen +war, und gab Klaus die empfangene Münze. "Ich will von ihm kein Geld.--" +Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurück. + + * * * * * + +Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner höchsten +Überraschung Fräulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich +auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das +Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort +angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei. + +"Ja, schon seit längerer Zeit. Das Fräulein, das früher auf Holzwerder +gewesen, befindet sich dort." + +Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, daß man ihm hier doch +Näheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen können. + +Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und +heute einen Besuch bei Höppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas +Gutes lag wieder darin. Sicher würden Pastors jetzt Tressens auf +Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, daß durch die +Aufnahme Fräulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes +Verhältnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin +sah es freilich ganz ähnlich, keine ängstlichen Rücksichten zu nehmen, +wenn sie von ihrer besseren Überzeugung geleitet ward. Ihr natürliches +Selbstgefühl wurde durch den Umstand verstärkt, daß sie ihrem übrigens +ziemlich viel älteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen in die Ehe +gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne daß der Pastor sich in +abhängiger Stellung mühte. + +Während Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich +Gedanken über den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezüglich seiner +Person. + +Die Pastorin würde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren +Eröffnungen zurückhalten, und die Helge würde triumphieren, daß sie ihn +so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch +wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an +Grete, ihre frühere Schülerin und Vertraute, eine Warnung ergehen ließ? + +Sein Schuldbewußtsein drängte ihm plötzlich alle möglichen +Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige +Personen mußte er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten +Frege und die Pastorin. Daß damals Frege den Brief an ihn geschrieben, +war ihm durch Vergleichung von Schriftstücken, die von dessen Hand +herrührten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, daß +er zu Theonie hielt. Um so mehr drängte es Tankred, sich nun so rasch +wie möglich Gretes zu versichern, und am nächsten Tage schon etwas +ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg +nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte. + +Ein eigentümlicher Zufall führte es mit sich, daß auf der ersten Station +zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Höppner, +welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte, +einstieg. Er begrüßte Tankred mit gewohnter Höflichkeit und Unterordnung +und gab sich auch in der Folge überaus beflissen und mit der ihn stets +auszeichnenden liebenswürdigen Gutmütigkeit in seinem Wesen. + +Tankred konnte sicherlich nichts erwünschter sein als diese Begegnung, +da Höppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wünschte. + +"Wir kennen," hub er an, "Fräulein Helge ja schon so viele Jahre, und +meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie +schätzt ihren Charakter außerordentlich und empfand gleich lebhaftes +Mitleid, als sie erfuhr, daß gewisse Umstände die Entfernung der Dame +von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung +erforderlich gemacht hätten." + +"Was war denn wohl die Veranlassung?" schob Tankred, sich unwissend +stellend, ein. + +"Darüber bin ich nicht unterrichtet," entgegnete Höppner, langsam die +Worte dehnend und in gewohnter Rücksicht ausweichend. "Es wird wohl auf +beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ändert ja nicht die +Notwendigkeit, daß wir uns der uns befreundeten Dame annehmen." + +"Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und +Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend," schob +Tankred, glatt schmeichelnd, ein. "Wird Fräulein Helge länger bei Ihnen +verweilen? Übrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten +muß. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig +genähert haben."--Tankred wußte, daß der immer zum Friedenstiften +geneigte, gutherzige Höppner jedes Wort seiner Rede den Frauen +hinterbringen werde. + +"Fräulein Helge hat Aussicht,--ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr +interessieren, und da Sie sie so schätzen, auch freuen, Herr von +Brecken,--Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die +Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis +die Sache entschieden, bleibt sie bei uns." + +Tankred glaubte, daß ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem +Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten. + +Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschöpf mit dem +unerträglich affektierten Vornamen künftig zusammen auf Falsterhof! +Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie würden sie ihn alle +beobachten, und wie würden sie Buch führen, um nach fünf Jahren zu +erklären, daß er des Erbes nicht würdig sei! Und alle die Katzenbuckel, +die er den Dreien in so langer Zeit würde machen müssen, während er sie +am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wüste Insel +geschickt hätte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein +Blinder! Ungewöhnlich beschränkt war doch dieser Geistliche! + +So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kräftiger +Selbstbeherrschung wußte er gleichwohl seine Enttäuschung zu verstecken, +pflichtete vielmehr, hoch erfreut über solche Möglichkeit, dem Pastor +bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, daß er den Weg +nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der +in größerer Entfernung liegenden Güter erhalten zu haben. + +Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und +einen Fußpfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, daß +Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe +beschäftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu, +wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten +Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrüßung +wandten sich alle wieder der Thätigkeit der von Hederich angeleiteten +Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der +jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die +Beschäftigten inne. + +"Erlauben Sie mir!" rief Tankred, welcher sah, daß die Damen den +Vorgängen mit großer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen +Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkräften den unter den +Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals +anzufassen und abwärts zu drücken, und brachte nun gleichsam spielend zu +wege, was allen Mühen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der +schweren Eisenmasse war er behülflich und stand, während die übrigen, +nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiß wischten, da, als ob +es sich um eine Kinderei gehandelt hätte. + +Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft +seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen +bisher nicht zu bändigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen +der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war, +als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden! + +Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Sätze, daß die +Umstehenden unwillkürlich aufschrieen und einen tödlichen Sturz schon +vor Augen sahen, aber Tankred riß den Hengst herab, als ob in die +schnaubenden Nüstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn +niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und über die Weichen und +flog dann wieder in solcher Karriere über den Hof, daß die Funken aus +dem Pflaster stoben. + +Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd +und bebend, der übermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fügend, da. + +"Herrlich! Wundervoll!" riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred +abgestiegen war und sich ihnen näherte. + +Auch Hederich war ganz hin. + +"Drum und dran, das ist ein Stück, wie ich es noch nicht gesehen habe. +Alle Achtung, Herr von Brecken," stieß er heraus und bewegte in +unbeschränkter Bewunderung den Kopf. + +Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke +an, der mehr sprach als alle Worte. + +Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von +Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wußte, +daß nun das Schriftstück von Theonie zur Sprache kommen werde. + +Noch war er nicht so verdorben, daß er der Vorlage des gefälschten +Dokuments mit völliger Ruhe entgegen gesehen hätte; bisher hatte er +gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewußt, die +seinen Brotherrn geschädigt hatten, aber doch nicht als direkter +Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Fälschungen war er bisher doch +zurückgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung +jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berührung bringen konnte, und +so peinigte ihn außer dem Rest von Ehrgefühl, das noch in ihm war, +auch--die Furcht. Er sagte sich wie schon früher, daß er nicht dazu +veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, daß er +nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und für sie +erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn +das Schriftstück nicht in Tressens Händen blieb, wer konnte ihm dann +etwas nachweisen? Er würde im Fall mit kühner Stirn leugnen und Tressen +der falschen Verdächtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespräch +dazu Anlaß bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und überreichte +es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit. + +Tankred beobachtete des Lesenden Züge. Ohne Zweifel; er hatte seine +Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit +deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt +abgefaßtem Kommentar ebenfalls mit größter Genugthuung zuhörend, das +Papier neben sich auf den Tisch. + +Er schien das Schriftstück einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred +ließ seinen Zweck nicht aus dem Auge. "Der letzte Passus"--schob er in +seine Rede ein, nahm die gefälschte Akte an sich und entfaltete sie, +"bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklärung. Gestatten +Sie. Es heißt da----" + +Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, ließ er das Papier, +nachdem er es noch eine Weile in den Händen gehalten, gleichsam +unwillkürlich in seine Brusttasche zurückgleiten. + +"Würden Sie erlauben, daß ich auch meine Frau mit dem Inhalt des +Schriftstückes bekanntmache?" fiel Tressen ein und streckte mit +höflicher Bewegung die Rechte aus. "Ich lege es dann morgen dankend in +Ihre Hände zurück. Ich hoffe doch, daß Sie die Nacht noch bei uns +bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken können? Sie +wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit für Sie bereit!" + +Tankred schwankte. Was Tressen ihm über sein Bleiben vorgeschlagen, +stimmte sehr mit seinen Wünschen überein, aber das Papier auch nur +zeitweilig von sich zu geben, hieß alles aufs Spiel setzen! Sie konnten, +ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie +vorlegen! Was er selbst gethan haben würde, mutete er anderen zu. + +"Natürlich! Mit Vergnügen," bestätigte er trotzdem. Aber mit der +Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fügte er hinzu: "Verzeihen Sie die +Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht möglich +wäre, daß wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die +ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen +bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich möchte etwas Gutes aus +dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hören; sie wird auch wissen, ob ich mir +bei Ihrem Fräulein Tochter Hoffnung machen kann. Später, wenn Gäste +eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung +abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewißheit raubt mir den Schlaf. Sie +lächeln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau +Gemahlin warben, das wird Sie für meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich +möchte für den Fall auch gern Ihre künftigen Angelegenheiten besprechen, +Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, daß ich das so +ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fühle mich--der +Himmel möge verhüten, daß ich in meinen Hoffnungen betrogen +werde--bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich würdig zu +zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde." + +Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermäßig das +Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau +herbei.-- + + * * * * * + +Das Gespräch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von +Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen, +während Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fräulein Grete +unterhalten zu dürfen. + +Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewährt. Während im +Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte +Bleifeder immer mit demselben harten Geräusch aus Tressens Hand auf den +Spieltisch fiel, während Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl, +und Hederichs unvermeidliches "Drum und dran! das mußte Schlemm werden!" +ertönte, saßen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflüster, und +endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch +seine Worte und Gebärden immer mehr erregten Mädchen zu: + +"Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fräulein Grete, zu sprechen. +Ich ging mit Gefühlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen. +Mir war, als ob Sie mir befohlen hätten, einen Tag und eine Nacht den +Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein +Gedanke beschäftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe +lag. Darf ich denn nun sprechen,--o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre +Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen,--Ihnen sagen, was, +was,--" Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht. + +Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens, +und gerade weil es sie drängte, das sie berauschende Wort zu hören, fand +sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiß +strömende Quelle auf, das Gefühl überflutete alles: Verstand, Vernunft +und Überlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte, +ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nähe des Mannes durchströmte +sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach, +drängend, schmeichelnd, zärtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr +ihrer selbst; sie litt es, daß er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig +deutend, umfaßte, und plötzlich drängte sie selbst ihre Lippen zu den +seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen. + +Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefühl von Sättigung und Wonne, und +seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor +Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoßener auf +Falsterhof erschienen war, saß im Schloß von Holzwerder, und die Erbin +der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe. +Ja, sie würde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn, +Tankred von Brecken, von ihrer Brust hätte reißen wollen.-- + + * * * * * + +Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach +Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über +die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der +Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr +seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von +Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu +sehen. "Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?" hatte sie in +einem starken Gefühlsdrange gefragt. "Ich kann ohne Dich nicht sein. +Liebst Du mich weniger, als ich Dich?" + +Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof +angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht +zu sprechen. + +Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe, +den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen +der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in +Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich +zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern +bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen +Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere +Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem +Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß +der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor +Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von +Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin, +hoffnungslos darnieder liege. Die "Person" war ihm in der Seele +zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im +Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg. + +Als er den Hof erreichte,--es war gegen vier Uhr nachmittags, und er +wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach +Elsterhausen zurückkehren,--sah er Frege gerade mit langsamen Schritten +ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen, +finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild. +Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren, +kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein +gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem +ausgebreitet. + +Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es +legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob +seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu, +löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war, +selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die +Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu +ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen +Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher. + +Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred +ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit +allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz +gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt: + + 'Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit + Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben, + nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen + hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf + Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier + ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.' + +Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen, +steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend +ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward--! + + 'Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des + Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei + gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn + Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon + oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich + hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den + Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von + Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er + und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen + war. + + Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde + Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch + und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand.--' + +Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur +hörte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den +Platz und faßte die Thürklinke. Als er hinaustrat, streifte er den +Alten, der mit einer Miene zurückprallte, als ob die Erscheinung eines +Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wäre. + +"Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie +nicht. Einen Augenblick! Ich möchte etwas von meiner Kousine hören. +Kommen Sie! Wir können nach vorn gehen!" + +Der Alte, sichtlich aufs äußerste betroffen, aber sich beherrschend, +nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thür zu den Gemächern des +alten Herrn zu öffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: "Wo ist +Klaus?" + +"Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine +Schwester besuchen--" + +Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hörte, befriedigte ihn sehr. + +Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als +Tankred die Thür schloß, auf den Alten losstürzte, ihn an der Gurgel +packte und ihm zuraunte: "Wo ist die Abschrift des Schriftstücks, das Du +Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich töte +Dich, so wahr ich Brecken heiße!" + +"A--h--" drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber +die furchtbare Faust Breckens schnürte ihm Atem und Sprache ab. + +Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand, +stieß den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen. + +"Nun?" zischte er mit furchtbaren Gebärden. + +"Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit," stieß Frege entschlossen +heraus. "Ein Bandit ist der, welcher--" + +Aber Brecken ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ihn hinten am Rockkragen, +schob den Widerstrebenden zur Thür, entriegelte sie und stieß sein Opfer +bis in die Kammer. Hier ließ er ihn los und befahl ihm, den Brief an +sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern. + +Aber der Alte hob sich stöhnend in die Höhe, blickte den Mann fest an +und sagte: "Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch töten. +Früher oder später wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir +an!" + +Brecken fletschte die Zähne, und so furchtbar war seine Wut, daß er +Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er +sich über ihn und schrie: "Gieb, oder Du bist eine Leiche!" und als +Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf +schüttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlüssel und begab +sich selbst ans Suchen. Seine Bemühungen waren nicht umsonst; nach +wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das +Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den +Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte. + +Nachdem er es an sich genommen, näherte er sich Frege, der sich +inzwischen mühsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden +Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand, +und sagte, ihm die Schlüssel hinwerfend: "Diesmal ging's noch an Dir +vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hüte Dich! Trittst Du mir noch +einmal in den Weg, so weiß ich, was ich zu thun habe!" + +Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp +auf der Straße nach Holzwerder zu. + + * * * * * + +Und wieder einen Tag später in der Dämmerungsstunde saß die Pastorin an +dem Bette ihres Mannes und hörte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus +seinem Munde drang. + +"Kräfte, Kräfte--Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck +Wasser." + +"Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?" + +Der Kranke schüttelte den Kopf. "Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur +Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah," stieß er heraus und ließ +erschöpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das +Verlangte eingeflößt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich +streckte er zärtlich die Hand nach ihr aus. + +"Mein guter Mann!" flüsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr +dargebotene Rechte. Schwere Thränen tropften aus ihren Augen. Eine +stumme Dankgebärde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang, +ihr seine Liebe an den Tag zu legen. + +Und später öffnete sich die Thür, und die kleine Lene schob sich, leise +auftretend, herein. + +"Papa Gute Nacht sagen," ging's aus dem Munde des Kindes. + +Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich +empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers. + +"Papa schläft, mein süßes Kind, wir dürfen ihn nicht wecken! Ich werde +ihm erzählen, daß Du da warst." + +Lene nickte. "Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen," klagte sie +traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie +von dem Schoß der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das +am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort: + +"Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?" + +Da überkam die Frau der Schmerz. + +Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, daß er kaum verstehe, daß der +Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Höppner +nach einer Erkältung erfaßt, hatte alle seine Kräfte verzehrt und ihm +jegliche Widerstandsfähigkeit geraubt. + +"Weshalb weinst Du?" forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und +schmiegte sich ängstlich an die Brust der Bedrückten. Und unter leisem +Schluchzen flüsterte die Pastorin: + +"Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein süßes Lenchen. Wir +wollen heut abend beten, daß ihn der liebe Gott bald wieder gesund +macht." + +Das Kind nickte eifrig. "Ja, ich will für Papa und für die weiße Henne +beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie +auf den Schoß nehmen wollte." + +Die Frau drückte in abermaliger, übermächtiger Rührung das Kind ans Herz +und setzte es sanft auf die Erde hinab. "Komm, ganz leise, geh nun +wieder nach vorn und bitte Fräulein Carin, daß sie Dir Deine Puppe +anziehen hilft, und nachdem mußt Du ein wenig lernen, Lenchen, das +Einmaleins!" + +"Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?" + +"Gewiß, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!" + +Das Kind horchte vergnügt auf und trippelte aus dem Gemach. + +Nach einer Weile öffnete Fräulein Carin die Thür und fragte, ob Frau +Höppner ihren Mann verlassen könne. Es seien mehrere Personen da, die +sie zu sprechen wünschten. + +Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, daß er noch +schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe. + +Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden +fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer +entschiedenen, aber stets hülfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege +von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm länger zu sprechen wünschte, +rief sie ihm freundlich grüßend zu: "Gehen Sie nur in meines Mannes +Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir können dann in Ruhe reden." +Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die übrigen sich +entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwähnte Gemach. + +"Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?" hub die Pastorin, nachdem beide +sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die +gefalteten Hände auf die Brust. "Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell +hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?" + +"Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof +bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn +von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben +gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!" + +"Na, was sind denn das wieder für Sachen," stieß die Pastorin +erschrocken heraus. "Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen +zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege--" + +In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und +meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn +Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die +Frau Pastorin sprechen zu dürfen. + +Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen +ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur +machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine +natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie +sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten +abzufertigen. + +Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür +offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher +gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er +vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen +verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin +zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt, +äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies +geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß +Tankred wisse, wer bei ihr sei: + +"Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie +doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage: +Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt +haben? Man sagt so!" + +Tankred nickte. "Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach +des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens, +Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben +Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof +zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen +Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie--und auch das +wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen,--der +Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich +ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von +allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen +in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner +Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte +Schriftstück--Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen +vorlegen wollte,--an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir +die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner +Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden +geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich +dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin +nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein +Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb +sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?" + +Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte, +unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen +sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu +haben. "Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über +diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau +Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine +und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte +richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der +fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige +Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich +sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge +klarzustellen." + +In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen +um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief +eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte, +erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben, +als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar +nicht in den Sinn gekommen wäre. + +Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, daß die Pastorin, +unbekannt mit Freges Schlußfolgerungen, Partei für ihn zu nehmen schien +und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklärte, sie werde gern +Gelegenheit nehmen, falsche Gerüchte, wenn sie ihr begegneten, richtig +zu stellen. + +Mit den Worten: "Im übrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen +zurückkehren. Sie können dann selbst die Dinge mit ihr bereden," +verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann, +bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in +das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur: +"Ah, mein hochverehrtes Fräulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu +sehen," hub er unter vielen Komplimenten an. "Zu meiner großen Freude +höre ich, daß Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden. +Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glück wünschen, wie ich +bedauert habe, daß Sie sich von meiner Braut trennen mußten.--Meine +Braut! Allerdings. Das Gerücht bestätigt sich!--Ich danke sehr für Ihre +guten Wünsche," schloß Tankred, als Carin, der es war, als habe eine +giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige höfliche Worte nicht +umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach. + +Wenige Sekunden später hatte Tankred, sehr befriedigt über den Erfolg +seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen.-- + +Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurückgekehrt war, ließ er sich +sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie: + + 'Liebe Theonie! + + Zunächst melde ich Dir heute, daß ich mich mit Grete von der Linden + verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklärungen + einflocht, daß mich neben deiner Zuneigung für Dich besonders der + Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und + meine ehrlichen Vorsätze zu unterstützen, so kann ich Dir dies auch + jetzt als den wesentlichen Beweggrund für meinen Entschluß anführen. + + Nachdem ich auf den höchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen, + habe verzichten müssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald + wie möglich aus dem unthätigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt, + um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die künftigen + Lebensverhältnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser + Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir übergebene + Schriftstück vorgelegt, und da es meine Pläne wesentlich gefördert + hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von + ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfüllt mich umsomehr, als ich + mir bewußt bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du + es erwarten konntest. Jähzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riß + mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das + Geschehene ehrlich bereut. Beiläufig bemerke ich, daß Frege sich sehr + ungebührlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehändigte + Schriftstück, das er zufällig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als + ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als für fremde + Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich + zugleich in so unerhörten Ausdrücken, daß er eine ihm gewordene + Züchtigung durchaus verdiente. Ich erzähle Dir dies einmal, um den + wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um + Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwürdige Spionage zu + verbieten. Daß Du nicht damit einverstanden bist, weiß ich. + + Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut möchte mich natürlich + gern täglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der + Schicklichkeit. Würdest Du wohl gestatten, daß ich bis zu meiner + Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach + Falsterhof übersiedele? Ich weiß nicht, was ich Tressens und Grete als + Grund meines längeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst + gewiß auch nicht wollen, daß ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und + verstehen, daß ich nicht erklären möchte, Du habest mir den Aufenthalt + in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten + lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgänge ferner in Deinem + Dienste bleiben soll. Daß ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst + Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein + Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und + Gutes Deinem Dich herzlich grüßenden und Dir allzeit aufrichtig und + dankbar verpflichteten + + Tankred von Brecken.' + +Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er +sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, daß er dem +höchst ärgerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder +sogar dessen Stellung erschüttert habe. Auch die Pastorin war +gegenwärtig viel zu sehr mit ihrem Manne beschäftigt, um ihm +Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfältige Pastor starb, ward sie +erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu +mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu +befürchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch +noch unschädlich für ihn machen würde. + +Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukünftigen +Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame; +mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, daß er mit +dieser Frau in seinem zukünftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde +ausfechten müssen; ihren Vorteil würde sie nicht aus dem Auge verlieren. +Und gerade das paßte ihm gar nicht. Seine anfängliche Bereitwilligkeit, +Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu überweisen, hatte sich +nun, nachdem er festen Fuß gefaßt, schon sehr gemindert. Er fand, daß +eine Rente von fünfzehntausend Mark weitaus genug sei, und außerdem +mußte es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er +Grete erst heimgeführt hatte, war es ihm sehr gleichgültig, was aus +Tressens ward, und ob sie ihn haßten oder liebten. + +Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloß, vorläufig +alles ängstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher +hervorgerufen, irgendwie abschwächen könnte.-- + +Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb: + + 'Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kürze. + Zunächst meine Gratulation. Möge Dir in Zukunft werden, was Du + erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezüglich Deiner selbst + voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wünschen als ich. In den + Abmachungen möchte ich keine Änderungen eintreten lassen; ich ersuche + Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof überzusiedeln. Ich habe die + Absicht, allernächstens zurückzukehren, und hoffe dann auch Deine + Braut zu begrüßen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu + empfehlen bitte. + + Theonie.' + +Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kühl ausweichende und sogar die +Fregesche Angelegenheit gänzlich umgehende Antwort enttäuschte und +ärgerte Tankred aufs äußerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er +den "Wisch" in die Ecke und murmelte böse Worte zwischen den Lippen. +Eine infam hochmütige Art hatte diese Theonie, eine Art, für die er sie +am liebsten gleich gezüchtigt haben würde! + +Und was sollte er nun auf Holzwerder erklären? Bisher hatte er noch +immer triftig klingende Auswege zu finden gewußt und in der Sicherheit, +daß Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklärt, daß er in den +nächsten Tagen nach Falsterhof übersiedeln wolle. Daß seine Verwandte +die Absicht ihrer Rückkehr bestätigte, paßte ihm auch nicht. Überhaupt +fand er es sehr überflüssig, daß sie wiederkam, weil es seine Pläne +durchkreuzte. Er fürchtete, daß Frau von Tressen ein offenes Wort mit +Theonie sprechen könne, bevor er Grete geheiratet habe. + +Es ging auch aus den Zeilen hervor, daß Theonie gar keine Furcht mehr +vor ihm empfand. Natürlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstück in +Händen. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mißfallen erregte, schädigte +er seine Zukunft. + +Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde, +das Feld zu räumen, sich mit seiner künftigen Frau ganz aus diesem +Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle +entrückt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nähe der ihm lästigen +Personen. Er wollte es überlegen und mit Grete darüber sprechen. + + * * * * * + +An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der +Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer. +Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene +Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick +ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an +die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten. + +Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung +aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf. +Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen +sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge +erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit +Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz. + +Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern +und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten +sämtlich einen geläuterten Geschmack. + +Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin +völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr +unterschieden. + +Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer +Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte +ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen +gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete +sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer +Besprechung unterzogen werden. + +Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob +etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei +ihr eintrat. + +"Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen. +Grete--" + +"Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick--" Und fortfahrend in ihrer +Beschäftigung: "Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie +nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die +Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da.--So, bitte, Mama! +Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden +eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!" + +Frau von Treffen nickte. "Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich +und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also +einmal ruhig an. + +Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus +günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den +sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider +hatten wir--ich meine Dein Stiefvater und ich--viel Unglück. Papiere, in +denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und +einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen +hatte. + +Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit +gelebt und sind darauf auch für die Zukunft angewiesen, da dein +Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kränklichkeit wegen nicht +imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit +Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, daß +eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie +aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklären, liebe Grete, und ich möchte +Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben." + +"Ja, liebe Mama," ging's in ruhig kühlen Ton aus Gretes Munde. + +"Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung +durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil für +Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist für unsern gemeinsamen +Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft +haben, verbraucht worden. Tankred hat--natürlich unter Vorbehalt--mit +Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten würde, uns +zu überlassen. Ihr würdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr +auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts +kosten. Wenn es auch natürlich erscheint, daß diese Dinge zwischen +Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und +ich würde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rücksprache mit +Tankred das Resultat Eurer Überlegungen ohne abermalige Erörterungen in +einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater übergeben +wolltest.--Nun, was meinst Du?" schloß die Frau, als Grete bei der +Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel. + +"Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine +Ahnung, wie viel wir für unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, daß +es ganz selbstverständlich ist, daß Ihr eine auskömmliche Rente bezieht, +zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden." + +Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluß +aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht +in den Sinn gekommen war, schwieg sie für Sekunden höchst betroffen und +ihre Enttäuschung malte sich deutlich in ihren Zügen. Dann aber nahm sie +mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte: + +"Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?" + +"Na ja, ich meine," entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, "daß Ihr +doch--wohl in Zukunft--" und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise +ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wünschen ihrer Mutter +entspräche,--"in der Stadt leben wollt!" + +"Nein!" gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurück, als ob +sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen +hatte, gar nicht herausgefühlt habe. "Wir behalten unsern Wohnsitz hier. +Ich denke, wir richten uns oben ein--auch darüber wollte ich mit Dir +reden--und Ihr herrscht unten. Natürlich bleibt Euch das Reich, und wir +bescheiden uns mit den kleineren Räumen." + +"So, so," meinte Grete, sich zwangsweise fügend. "Gewiß, ja, das läßt +sich ja auch machen!--Ich weiß nicht, wie Tankred darüber denkt.--Und +was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm +sprechen. Sei überzeugt, liebe Mama," schloß sie, noch mehr einlenkend, +da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, "daß die Dinge +sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen +Fällen entsprechen." + +"Es wird also doch nötig sein, daß wir noch einmal reden!? Das möchte +ich nicht. Es wäre mir--" hier nahm Frau von Treffen schon deshalb +einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, daß sie vielleicht alles +verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht +wahrnahm,--"doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort über die Höhe der +Rente sprächen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, daß Du Dich +jetzt äußerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Erörterung +überhöbest." + +"Nun ja, Mama," entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als +Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: "Ich finde es, ehrlich +gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen +bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können +ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen +eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren +vermögen,--ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt,--und +dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns +im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen, +scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über +landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch +einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau, +was wir können und wollen!" + +Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die +vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen +aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts +einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so +klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen +Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt +ward. + +Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie +schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn +Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen +überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen +Verbrauchs wolle sie geben. + +Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden +Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte: + +"Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes +Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in +den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind, +behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du +einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht +fand als am Herzen seiner Mutter!--Nicht wahr, Grete, Du versprichst +mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon +mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt +wieder!" + +Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der +Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten +Entschlüssen zugleich. + +"Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig +zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein +sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal +innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die +Deine,--verzeih die Erwähnung,--und sorgfältig vorher prüfe, so liegt +doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine +und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten." + +Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie +sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen +ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene +Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu +handeln. + +Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben +werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß +kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine +Denk- und Handlungsweise gewinnen wird. + + * * * * * + +Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das +Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten +einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte: + +"Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die +Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!" + +Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich +um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich +den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn +verlangte. + +Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter +gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise +die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: "Was meinst Du? Findest Du +nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas +einzuschränken wünsche?" + +Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren +Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden +wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich. + +Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten +anknüpfen konnte. + +Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten +überschüttet hatte, erwiderte er: + +"Wäre es nicht überhaupt am besten, die Akte, wenn solche überhaupt +nötig ist,--Mißtrauen können Deine Eltern doch nicht in uns setzen!--so +zu fassen, daß wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen +Jahreserträgnisse zu überweisen, so lange beide leben, die Hälfte des +Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wäre es nicht +andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum +Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?" + +Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend +ihrer nüchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches +Spekulieren auf eine sehr große Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger +an. Bis jetzt sträubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu +thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus +Rücksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite +abzugewinnen, und sagte lächelnd: + +"Da können wir ebenso gut die Forderung stellen, daß die Spatzen auf den +Dächern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfügung +stellen.--Ich meine," fügte sie, selbst gestört durch die Ironie und den +Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: "Auf diese Erklärung +können wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine +Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muß ich +Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mußt, um Deine +Zustimmung auszudrücken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat, +mag ich es ihr nicht abschlagen." + +"Und ich muß zustimmen, Grete?" fiel Tankred schmeichelnd ein und küßte +seine Braut zärtlich. "Du willst also nicht nur Herz- und +Seelengemeinschaft, sondern auch Gütergemeinschaft mit mir schließen?" + +"Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!" + +"Ah----" stieß Tankred heraus und lächelte künstlich. + +Das junge Geschöpf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit +Kindesbeinen geläufig seien. Und sie gab wohl, wußte aber auch wieder zu +nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er +ließ nichts von seinen Eindrücken merken, stimmte ihr nur, um ihre +Vertrauensseligkeit zu bestärken, durch ein "Natürlich! natürlich, +liebster Schatz!" bei und triumphierte, daß ihm solche seine Macht und +seinen Einfluß für die Zukunft sichernde Vergünstigung freiwillig +geboten ward. + +Über die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte, +dachte er auch schön günstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr +die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut +erzielte, abhängig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthüren +vorhanden, um Tressens später die Einkünfte zu schmälern.--Endlich +unterlag der künftige Wohnsitz der "Alten" noch einer Erörterung +zwischen Tankred und Grete. + +"Ich meine allerdings, daß dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben mußt, +Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heißt, täglich +das Dach öffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, berühre diese +Sache vorläufig noch gar nicht. Wir werden sagen, daß wir nach der +Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wünsche sprechen wir +dann in sehr rücksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise +schriftlich aus. Mündliche Erörterungen sind peinlich, ihnen wollen wir +aus dem Wege gehen. Daß sie uns jährlich einmal besuchen, kann uns +natürlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das führt +zu nichts Gutem. Übrigens will ich zugeben,--" hier trug Tankred der +Möglichkeit Rechnung, daß doch einmal das Gespräch über diesen +Gegenstand Tressens zu Ohren kommen könnte,--"daß für ein Zusammenleben +wenige Personen sich so eignen, wie Deine überaus treffliche Mutter und +Dein sehr liebenswürdiger Papa." + +Grete war sichtlich völlig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene +Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf, +aber sie überwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred +hervorgehobene Peinlichkeit einer mündlichen Erörterung in Betracht +zog. + +"Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof über, lieber Tankred?" warf +dann noch Grete hin. "Woran liegt's eigentlich, daß Du nicht Ernst +machst? Die Gründe von früher sind doch nun hinfällig." + +Da schoß es Tankred von Brecken durch den Kopf, daß er das Ungünstige +für sich günstig nützen könne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene +mit Frege stattgefunden, auf eine frühere Zeit verschiebend, diesen +Vorfall als Grund für sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde +verstehen, wie ungemütlich es sei, einen solchen renitenten Menschen, +den er aber doch nicht fortschicken könne, um sich zu haben. Den +Gegenstand, wegen dessen er ihn gezüchtigt hatte, umging er; er erwähnte +nur, daß Frege sich höchst unverschämt betragen habe. Eine offene +Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefährlich; sie konnte doch +Mißtrauen erwecken. Gerade das Schriftstück hatte ja Tressens +Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefördert; +letztere selbst--Tankred bezweifelte es nicht--würde ohne die Aussicht, +die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eröffnet wurde, gezögert haben, ja +zu sagen. + +Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm +bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und +selbstsüchtig, aber das störte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhöhte +seinen Wert in ihren Augen.-- + +Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen +nicht minder beschäftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig +vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so +sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, daß sie beschloß, einmal +vertraulich mit Hederich über den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie +werde durch eine Rücksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete +so lange und hatte sich auch ein Urteil über Tankred gebildet. Der +Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzulösen, trieb sie; es lag in +ihrer lebhaften Art, daß sie Dinge, die sie beschäftigten, nicht auf +sich beruhen lassen konnte. + +Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch über +Höppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr +gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe +zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Nähe ansässig +gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte, +schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz +besänftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn häufiger in die Nähe der +Pastorin. + +Hederich bewohnte ein mit allem möglichen Krimskrams vollgepacktes, zur +rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von +Tressen bei ihm eintrat, saß er in dem sehr heißen Gemach in Hemdsärmeln +und war mit der Prüfung von Gutsrechnungen beschäftigt. + +Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, mühte sich mit großer +Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunächst nicht +in den Ärmel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und räumte dann +einen mit Rechnungsbüchern bepackten Stuhl ab. + +"Hier, hier, bitte, gnädigste Frau. Daß Sie mich auch gerade so finden. +Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung." + +Frau von Tressen suchte ihm durch erhöhte Liebenswürdigkeit seine +Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie +teilte Hederich im Vertrauen mit, daß die Zukunft ihr große Sorge mache, +und daß sie das Bedürfnis habe, sich gegen ihn darüber auszusprechen. + +"Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun +wirklich vor dem, was ja einmal kommen mußte, und ich fühle, wie +notwendig es ist, den Augenblick zu nützen." + +"Gewiß, gewiß--drum und dran, jeder ist sich selbst der nächste," +bestätigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden +Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger über die +ausgekohlte Fläche fahrend. + +"Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Erörterungen +über den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, daß die +jungen Leute durchaus nicht zu wünschen scheinen, daß wir auf Holzwerder +bleiben." + +Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte +seufzend Atem. + +'Ja, ja, das glaube ich wohl,' stand in seinem Wesen ausgedrückt. Dann +aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte +legend: + +"Was meinen Sie, gnädige Frau, wenn ich mal mit Fräulein Grete spräche? +Ich weiß, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate. +Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen, +wie viel das Gut abwürfe und anderes, drum und dran." + +"Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse--ich sage Besorgnisse, Hederich, +denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar +schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm--hm--Sagen Sie, guter +Hederich,--offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?" + +"Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich," bestätigte +Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der +zerbissenen Zigarrenspitze. + +Hederich hatte mancherlei kleine üble Gewohnheiten, aber in seiner +Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig +schön es war, besaß eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die +Anlaß gab, daß Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten. +Überhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht +unter dem Reflex innerer Eindrücke allzu sehr auf- und abzog, sehr +sympathisch. + +Eine warme Empfindung durchdrang gegenwärtig auch Frau von Tressen; sie +liebte den Mann, sie fühlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr +Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das häufige Berühren des +Gesichts mit den Händen, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehörten +einmal zu ihm. + +"Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?" fragte Frau von Tressen sehr +gespannt. + +"Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber +sonst hätte er wohl die ausgelassenen Tage im Rücken und würde sicher +künftig seinen Kram zusammenhalten." + +"Sie raten mir also auch, daß ich auf sehr präzisen Abmachungen bestehe? +Auf schriftliche!?" + +"Na ob!" stieß Hederich heraus. + +"So--so--hm--hm," machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch +stimmte das Geäußerte mit ihren eigenen, bisher nur zurückgedrängten +Gedanken überein. So sagte sie denn: + +"Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es +sei denn, daß sie selbst anfängt. Und bezüglich unseres Hierbleibens +habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige +treffen und meine Wünsche zur Geltung bringen.--Um übrigens etwas +anderes zu berühren, wie geht es Pastor Höppner?" + +"Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Änderung +eingetreten," erklärte Hederich. "Er mag wieder essen, und der Doktor +sagt, nun wäre alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern,--ich saß an +seinem Bett,--als Fräulein, Fräulein--drum und dran--nun kann ich +wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen,--Fräulein Carin ihn ein bischen +neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das +kann ich Fräulein Grete nicht verzeihen, daß sie mit ihr so umgesprungen +ist." + +Bei Carins Erwähnung machte Hederich sehr eigentümliche Augen, so viel +Zärtliches drückte sich in seinen Mienen aus, daß Frau von Tressen +überrascht ihren Blick auf ihm ruhen ließ. Dann aber hellte es sich in +ihr auf. + +Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin! + +Auch das beschäftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam +über den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloß zuschritt.-- + +Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend +nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag +ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten +die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmäßig erwärmten, +teppichbedeckten Räume im Schloß Holzwerder, und Hederich, der sich als +letzter Gast über den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den +Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von +Tressen bewillkommt, ausrief: + +"Drum und dran! Man wird überhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in +die Gemütlichkeit kommt!" + +Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespräch zwischen +den Herren, und später ward eine neue, die Gutsverhältnisse betreffende +Regierungs-Verfügung in den Bereich der Erörterung gezogen, die auch +nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschäftigte, als sie die Damen +allein ließen und sich ins Rauchzimmer begaben. + +Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den +zurück gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die +Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr plötzlich etwas noch +notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und faßte des +alten Freundes Arm. + +"Kommen Sie, ich möchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!" sagte sie +und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls +geöffnetes und erleuchtetes Kabinet. + +Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm für die in seiner Hand +befindliche, unangezündete Havannazigarre Feuer aufgedrängt und sich +neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort: + +"Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte +sie? Sprach sie über mich?" + +"Drum und dran.--Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fräulein--" + +"So--o, also doch!" machte Grete langgezogen, "bitte, sagen Sie mir +alles. Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den +Inhalt des Gesprächs rückhaltlos mitteilen wollten." + +"Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?" schob Hederich, sich in +seiner platten Weise ausdrückend, eigentlich nur um sich zu sammeln, +ein. "Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt--?" + +Grete schüttelte den Kopf. "Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in +diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit +meinen Verlobten geredet, und da--da--fürchte ich doch, daß sich noch +allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich möchte nun gern +wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also +bitte, erzählen Sie." + +Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er faßte die Hand +des schönen, jungen Geschöpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und +das die Arme so oft zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und +sagte: + +"Hören Sie, liebe Grete--liebes Fräulein Grete. Ich möchte Sie, bevor +wir weiter sprechen, einmal erinnern dürfen an vergangene Zeiten. Ich +bin Ihr alter Freund,--Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute +halten--ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama. +Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich, +aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders,--und da drängt es +mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses +auch in Zukunft stört. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und +Ihren Bräutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer +Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen, +erziehen und glücklich machen könnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer +Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und +dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren +schon erwachsenen Söhnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas +zuzuwenden--es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen +fertig bringen! Aber die Kinder,--die Kinder!? Es ist wahr, was in der +Bibel steht! + +Sie aber, Fräulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten +nicht zu denen gehören. Gewiß, Sie sind einmal nicht weichmütig, der +liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines +Mädchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Äpfel, und +sprachen davon, daß man es brauchen könnte. Aber es giebt etwas, das +Anständigkeit in der Gesinnung heißt,--drum und dran--mißverstehen Sie +mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern +hier in Holzwerder die Wohnung lassen. + +Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie +könnte es nicht überleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes +Fräulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer, +wenn man so zusammenhockt,--gewiß,--aber bei jedem Menschen ist etwas, +was er wohl anders haben möchte, und--und--ich glaube auch, Ihre Mama +wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn +Sie gesehen hätten, wie bedrückt sie war--" + +Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen +gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er +gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede +mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie aus Erfahrung +nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben +werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck +auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte. + +Sie drückte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast +schwermütig: + +"Es ist mir oft so, als wäre mein Herz geteilt, und die beiden Hälften +gehörten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefühl, und alles, +was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht +nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf +gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich +fühle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin. + +Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von +ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte +ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis,--daß ich sie wohl doch nicht +so geliebt habe, wie ich glaubte,--aber ich schämte mich meiner +Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ängstige mich +bisweilen.--Ich glaube--ich glaube--" + +"Nun?" setzte Hederich, weich sprechend, an. + +Das Mädchen richtete sich höher empor, sah Hederich fest in die Augen +und sagte, die Stimme dämpfend: "Ja, ich glaube eigentlich, daß ich +hätte einen Mann haben müssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz +hat, nicht mir so ganz ähnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin, +mache ich Pläne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will,--zwar +nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich--und wenn ich ihn +dann höre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz +andere Stimmen in mir. + +Nicht wahr, Sie sagen niemandem, daß ich je so mit Ihnen sprach, +Hederich! Sie aber sollen doch sehen, daß ich nicht so herzlos +bin,--schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der +Nachbarschaft; ja, ja, ich weiß wohl, wie sie über mich urteilen,--also, +daß ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens über mich zu +entschlagen." + +"Sie sagten eben," knüpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein +Funke, glühte plötzlich in ihm empor, "daß Sie fühlen, Sie müßten einen +weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heißt das, drum und +dran, daß Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch +Zeit ist. Ich bitte, ich beschwöre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne +sprechen, sind kurz,--nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und +wenn man dann nicht zu einander paßt, möchte man alles hingeben, um +wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte." + +Es flog durch den Körper des Mädchens, als ob ein Schauder sie erfaßte; +sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den +Fußboden. + +"Ach Hederich--ich weiß es nicht," drang's rasch und stöhnend aus ihrem +Munde, und ein hülfloser Ausdruck trat in ihre Züge. Aber es war nur für +Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schüttelte den Kopf, in +ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschäftsmäßig: + +"Das ist eben der Kampf bezüglich seiner. Aber es ist doch nicht das +Richtige. Ein Mensch muß wissen, was er will!" + +Zum Unglück trat, als Hederich trotz ihrer Äußerungen noch einmal +anknüpfen wollte,--so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf +der Zunge,--Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward +unterbrochen. + +"Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich überall" rief sie. Und neckend +fuhr sie fort: + +"Er wird sicher eifersüchtig werden, wenn er erfährt, daß Du so lange +mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!" + +Grete aber sagte zur höchsten Überraschung beider sehr ernst, fast +finster: + +"Er hat wirklich auch Ursache, eifersüchtig zu sein! Ich kenne keinen +besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich hätte gleich ja +gesagt, wenn er um mich angehalten hätte." + +Nach diesen Worten eilte sie rasch fort. + +Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stieß +Hederich, dem's blutrot über das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung +von Gretes letzten Worten heraus: + +"Drum und dran, gnädige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber +freilich, er,--er wird's nicht ausbilden!" Nun schritten sie beide +nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glättender Miene auf den +Kreis der Gäste zu.-- + + * * * * * + +Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen, +und seit dem Vorerzählten hatte sich vieles verändert. + +Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgeführt und befand +sich, während Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten, +schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich +seiner alten Gesundheit, predigte wie früher von der Kanzel, hörte die +energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens süßes Geplauder, +und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rückkehr Tankreds halber +immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof +eingezogen. + +Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte +Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und +aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend +Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof übergesiedelt. Carin +schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjüngt. + +Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von +Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden +bei ihm bemerkbar, die ihn häufig auf längere Zeit ans Zimmer oder gar +ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von +Gästen im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft +mußten eingeschränkt werden. + +Gretes Mutter fühlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich +drängte es sich ihr auf, daß das Alter sich nahe, daß allerlei Verzicht +geboten erscheine, und statt des früheren raschen ein mehr beschauliches +und auf die Pflege des Körpers gerichtetes Leben notwendig und weise +sei. Aber noch etwas anderes drückte sie: Es war doch so ganz anders +geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten +abgeben müssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der +Wirtschaft; man fragte sie nicht wie früher, und sie trafen keine +Entscheidungen. + +Schon durch die Beschränkung auf die ihnen oben im Schloß eingeräumten +Zimmer wurden sie täglich an die eingetretene Veränderung erinnert. Die +Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust +stieg der Reiz. Wenn Hederich über Gutsgeschäfte sprach, so war es des +neuen Herrn Wille, dem er sich fügte. Hederich mußte Tankred +allwöchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm. + +Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurückgekehrt, weil Grete +neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen +ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der +Weiterreise erforderlich machte, daniederlag. + +Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade +übermäßige Wärme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen +auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kühl und +verstandesnüchtern. Über das Verhältnis zu ihrem Manne schrieb sie +nichts; ob sie glücklich sei, erwähnte sie mit keiner Silbe. Ihre +Berichte beschränkten sich auf Schilderungen der Länder, die sie +besuchten, auf Reiseeindrücke und auf ihr Befinden. + +Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch. +Ihre Heimat sei doch am schönsten, hatte sie geäußert, aber das war das +einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsäußerung +gegeben hatte. + +Seine lange Abwesenheit begründete das junge Paar durch den Umstand, daß +sie, abgesehen von Gretens Unpäßlichkeit, beide noch nie etwas von der +Welt gesehen hätten; sie wollten nun die Gelegenheit nützen. +Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie +auf kürzere oder längere Zeit berührt. + +Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend +kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen +zugetragen. + +Er hielt mit seinem kühlen Urteil über Tankred auch jetzt nicht zurück, +aber gestand zu, daß sein neuer Herr für vieles einen richtigen Blick +habe und gut zu disponieren verstehe. + +"Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen +Verwalter halten und bezahlen?" hatte er schon hingeworfen und auf die +Einwände der beiden Tressens hinzugefügt: "Ja, ich sagte auch bezahlen, +gnädige Frau. Er ist wie das Fräulein, er sieht auf den Schilling." + +Tressens fühlten, daß Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der +Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur +wegen mangelnder Veranlassung früher nicht zum Ausdruck gelangt waren. +Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestört, aber gerade sie, die +es nicht verstanden, zu hüten, schätzten doch auch wieder deren +Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriß, sich +dagegen aufzulehnen. + +Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rückhaltslos +Ausdruck; Befürchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit +beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend. + +Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahreserträgnisse des +Gutes überwiesen und ihr Einverständnis erklärt, daß die Alten im Schloß +wohnen blieben. Wenn sich später herausstellte, daß doch ein so enges +Zusammenleben nicht zuträglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen +eine Wohnung in Elsterhausen für ihre Bedürfnisse einzurichten, ohne +allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen. + +Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred +aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabänderlichen Willen +unterbreitet, ja, das Aktenstück ihnen gleich unterschrieben auf den +Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten +Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch +möglicherweise auch in ihrem Interesse, daß eine Trennung stattfinde, +und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Überweisung +eines Drittels aus den Einkünften koulant zu nennen sei.-- + +Es war mitten im Juni, an einem das Gemüt erheiternden, sehr schönen +Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr +verkündete, daß Breckens zurückkehren würden. + +Zufälligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie +vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt, +auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens +hatte sich aus naheliegenden Gründen ein freundschaftlicher Verkehr +entwickelt, und die Neigung, sich häufiger zu begegnen, war dadurch +verstärkt worden, daß Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging, +ein für die Herbeiführung einer Annäherung erprobtes Mittel fleißig zur +Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Günstige, was sie +übereinander geäußert hatten. + +Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil über Tankred +Tressens gegenüber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben +nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken über Nebenmenschen +auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflußt zu haben. +Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort über den +inzwischen der Familie Tressen so nahegerückten Mann. + +"Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!" hatte Theonie nach +ihrer Rückkehr auch gegen letzteren geäußert. Sie fühlte, daß sie, wenn +sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht +gehandelt hatte, ihren Diener als Wächter und Berichterstatter über +Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende +Gerechtigkeitsgefühl kam immer wieder zum Ausdruck. + +Frau von Tressen hatte für die erwarteten Gäste im Garten in einer Laube +den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der +Gutsbote Gretes Brief brachte. + +"Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt," bat Herr von Tressen +seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstühle zurück. + +Sie nickte und sagte--schon hatte sie das Schreiben zur Hälfte +durchflogen--: "Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrückt, und wie +eigentümlich sie die Sätze formt!" + +Dann begann sie: + + 'Liebe Mama! + + Tankred meinte anders. Ich meinte aber, daß zu viel weniger sei. Er + dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben + schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir + wollen direkt reisen, aber es hält uns ein schöner Punkt, ein Wald, + eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs länger; dann später. Erst, + wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich + damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in + meinem Stübchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiß sie nicht. Wie + schön, daß Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wünscht sie + herbei, immer draußen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles + ist zu erzählen, aber zu viel läßt gar nicht reden. Man weiß nicht, wo + beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir + mündlich alles. Daß das Korn so schön steht, schreibt Hederich. Auch + eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschäftige ich mich + mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die + Funken anblasen. Wer sich immer recht verstände! Tankred ist klarer. + Wenn er nicht so rasches Blut hätte, ganz zielbewußt.-- + + Lebt der große Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hörte ich ihn immer + krähen, und Hederich stand in Hemdsärmeln dabei und sagte: "Drum und + dran, er ruft Sie, Fräulein Grete!" Grüß ihn besonders! + + Deine Grete.' + +Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und +meldete, daß die Damen und auch Höppners ihm auf dem Fuße folgten. + +"Welch angenehme Überraschung," stieß Frau von Tressen heraus und +eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gästen entgegen. Höppners hatten +auch Lene mitgebracht, die ihr Händchen gab und sich dann gleich einem +kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun +hervorkam, zuwandte. Während die Herrschaften gemütlich plaudernd beim +Kaffee saßen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begrüßt, +besonders aber von der Pastorin. + +"Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!" hub +sie an. "Wie lange ist's her, daß Sie nicht in Breckendorf waren! Aber +ich weiß, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und +gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist +begreiflich, ich muß es zugestehen!" schloß sie mit liebenswürdiger +Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend. + +Über Carins Gesicht flog ein Lächeln. Hederich aber erging sich, da er +sich getroffen fühlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den +gutmütigen Pastor zu dem Versuch veranlaßten, die Wirkung der Worte +seiner Frau abzuschwächen. + +"Ja, ja, gewiß die Entfernung!" bestätigte er. "Breckendorf liegt so +weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschäftigt. Meine Frau sagt +immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei +ihr!" + +"Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden," nahm nun auch +Theonie das Wort. "Das zieht ihn nach Falsterhof. Fräulein Carin ist +eine gute Lehrmeisterin--" + +"Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie," lachte +Hederich. "Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer +Versetzung nach Prima war nicht die Rede." + +"Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!" fiel +Carin ein. Und zu den übrigen gewendet, fuhr sie fort: "Es ist auch ganz +anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht +die Sache!" + +Das Gespräch ging jetzt auf andere Gegenstände über. Der Pastor lobte +Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von +Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen +zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschäftigt. + +"Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fräulein Carin?" +fragte Hederich nun die eifrig über eine Arbeit gebückte +Gesellschafterin Theonies. + +"Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schön dies Jahr?" + +"Na ob!" + +Es trat eine Pause ein. Früher, als Carin auf Holzwerder gewesen war, +hatten Hederich ihr gegenüber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein +Mitgefühl erwacht war, und später die Entbehrung, Carin nicht mehr +täglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm +aufgedrängt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mädchen und anderen, +hatte er all seine Unbefangenheit verloren. + +Und sie half ihm gar nicht. Sie saß stets da mit einem eigentümlich +still lächelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte, +über ihn stellte. + +Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn +anblickte, war der störende Zug fort. Dann mußte er an sich halten, um +ihr nicht gleich um den Hals zu fallen. + +Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu +heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, über +sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon über die Vierzig, +und sie höchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen +bestehende Mißverhältnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und +dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis +von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel +jüngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des +Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine, +weiße Finger und Handgelenke und hielt sich so überaus sauber,--ihre +Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wäsche +gekommen,--und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie. +Ihr Großvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch +besonders schwere Verhältnisse war sie veranlaßt worden, ihre Heimat zu +verlassen, sich für einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu +verdienen. + +Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten +schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse für sie durchschimmern +lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegönnt. Und nun +war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder +fortgegangen, so viel schöner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen +Augen strahlten lebhaft, während sie sich früher stets in sich selbst +zurückgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet. +Das Gesicht war voller, ebenmäßiger geworden. + +Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben, +weil sie ihn für gänzlich ungefährlich hielt. Ihr Zartgefühl hätte ihr +sonst solche Bemerkungen verboten.-- + +Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich später, +nachdem man noch ein allgemeines Gespräch gepflogen hatte, doch näher +gerückt, als die Damen die Absicht äußerten, sich ein wenig Bewegung im +Garten zu machen. Sobald sich die übrigen erhoben, legte auch Carin ihre +Arbeit beiseite. + +"Sehen Sie hier, Fräulein Carin!" bat nun Hederich, der sich zuerst mit +Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden +sitzenbleibenden Herren zu trennen gewußt hatte, bei einer Wegbiegung. +"Wollen Sie nicht einmal die Blütenpracht in Augenschein nehmen? Drum +und dran! So war's noch in keinem Jahre." + +Carin nickte unbefangen und trat, während die anderen in den Buchensteig +einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Höhe einen Ausblick zu +gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum +eingefaßte Rondell. + +Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: "Ich finde, daß der +Garten nicht mehr so schön gehalten wird, wie früher. Schade! Woran +liegt das?" + +"Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen +kränkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fräulein Carin, es +ist doch nicht der frühere Zug drin. Die Alten dürfen sich in nichts +mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und +nun ist natürlich das Interesse für vieles nicht in alter Weise da." + +"Ich höre, Breckens haben heute geschrieben, daß sie die Rückreise +angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das führt dann +auch wohl für Sie manche Änderung mit sich, Herr Hederich?" + +"Drum und dran! Ja gewiß! Wissen Sie, was ich glaube, Fräulein Carin?" +Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders. + +"Nun, Herr Hederich?" + +"Ich glaube, meine Tage sind hier überhaupt gezählt. Herr von Brecken +will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide. +Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken +gewöhnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte +ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz.--Aber, drum +und dran,--leicht wird's mir doch nicht werden--leicht schon nicht, +weil--weil--" + +"Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange +fleißig wirkte und erfolgreich thätig war," fiel Carin ein. "Ja, das +begreife ich. Die Liebe für das hiesige Land und die Menschen waren ja +neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch für mich der Grund, zu +bleiben. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit +ausgesetzt, wieder mit Grete in Berührung zu treten. Wie leichten +Herzens hat sie mich gehen lassen!" + +"Es hat sie viel beschäftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es +Ihnen schon, Fräulein Carin. Es war ja nur, weil sie über Herrn von +Brecken so abfällig urteilten. Sie mußten doch, drum und dran, merken, +daß sie ein Auge auf ihn hatte, da war es,--nichts für ungut, +unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Mißachtung zu +bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden +lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie +wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein." + +"Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei +Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den späteren Gesellschaften hier im +Hause fern bleiben zu dürfen. Sie denken noch immer viel zu gut über die +Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, daß Sie ein goldenes +Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttäuscht werden. Ich freue mich +nur, daß Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt +haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu +kündigen, damit er es nicht thut." + +"Sie meinen--?" schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig +erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich +dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge. + +"Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit +unangenehme Empfindungen bereitet? Ah--ah--das thut mir weh!" Und sanft +begütigend schloß sie: "Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!" + +"Nein, das ist's nicht," sagte der Mann mit einfacher Würde. "Ich wurde +ein büschen weich, weil--weil--weil ich, nein, ne, ich kann's nicht +sagen, Sie könnten es falsch auslegen--" + +"Ich lege gewiß nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es +beunruhigt mich, daß ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung +schon früher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es +nötig war. Übrigens einen Mann, wie Sie, wird man überall mit offenen +Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden +und sich dann auch glücklich fühlen; dessen bin ich sicher, und das ist +mir eine Beruhigung." + +"Wie Sie das so schön ausgedrückt haben, Fräulein Carin! Und wie viel +Teilnahme Sie für mich an den Tag legen! Wenn Sie wüßten, wie nur das +wohl thut, und wie ich überhaupt--" Er brach ab, und seine Stimme +zitterte. + +In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe +getrennt hatte, herbeigelaufen, drängte sich an Hederichs Beine und +sprang an Carin empor. + +"Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', daß du wegkommst, Puffmann!" rief +Hederich höchst ärgerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein +Auge mit dem früheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er +über ihr Angesicht ein leise spöttelndes Lächeln fliegen. Und das störte +ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, daß ihm das Wort erstarb, und daß +er mit einem "Drum und dran! dieser Köter, oft möchte man ihm den Hals +umdrehen!" Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg +zur Laube zurücknahm. Als sie sich dem Platze näherten, drang lebhaftes +Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hörten sie der Frau Pastorin helle +Stimme.-- + +Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise +Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen +zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der +Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte. + +Als bei dieser Gelegenheit erwähnt wurde, daß einer der von Theonie +erwarteten, in der Nähe von Breckendorf wohnenden Gäste die Gegend +verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung, +verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen: + +"Das wäre so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von +Holzwerder trennen müßte. Elsterhausen in einer Viertelstunde +erreichbar, und Breckendorf in nächster Nähe, die schöne Lage und das +wirklich splendid eingerichtete Haus--da läßt sich leben! Wem hat's +eigentlich ursprünglich gehört, Hederich?" + +Aber schon nahm der Pastor zum Verdruß Hederichs, der nun einmal gern +für diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte +Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fügte einige Worte hinzu und +äußerte: "Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt +haben. Alle kamen später in Bedrängnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz +hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkünfte, sondern +kostet nur Geld. Höchstens ein paar Hühner und eine Kuh können da +gehalten werden." + +"Ja höchstens! Drum und dran, nur für reiche Leute bewohnbar," betätigte +Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen. + +"Wann treffen Ihre Kinder ein?" fragte Theonie, sich zum Abschied +erhebend. "Ich möchte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen +senden." Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem +Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung. + +Wenig später hatten Theonie, Carin und auch Höppners, die in einem +flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen. + +"Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich," rief noch Herr von +Tressen, der unter Beihülfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloß +nahm und Hederichs höflichen Gruß durch das Lüften des Hutes erwiderte. +Und Hederich rief ein "Zu Befehl, Herr von Tressen" zurück, obschon +seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren. + +Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er: +"Sie grüßte noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn +dieser verdammte Puffmann nicht gewesen wäre, dann,--dann,--drum und +dran! Ich hatte so schöne Gelegenheit, ihr ein büschen Andeutung zu +geben----" + + * * * * * + +Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon +nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloß bekränzen +lassen. Um die Fenster und Thüren waren Blumenguirlanden gesteckt, und +auch Hederich hatte sich gerührt. Die Knechte und Mägde waren in ihren +Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehörigen +standen mit Rosen in den Händen an der Schloßtreppe. Einem kleinen +Mädchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der +Schluß der von Hederich unter vielen Nöten gedichteten Willkommsworte +lautete: + + "Es wechselt Kälte, Sonnenschein und Regen! + Der Landmann braucht's, + Ihm ist's ein Segen, + Wenn's auch mal kalt und naß vom Himmel strömt! + Durch Eure Herzen aber möge strahlen + Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen + Auf Eure Wangen Lust und Fröhlichkeit! + Das wünschen alle, die hier sind vereinet, + Und seht, ein jedes Auge weinet + Vor Freud', daß Ihr zurückgekehret seid!" + +Glücklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glänzte, umflutet von +der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit, +die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war +klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebüsche trugen noch +silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu +aufgeschüttet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den +Tressenschen Farben. + +Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt +umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drückte sie +Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten +und Mädchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostüm, +strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten +sich die Eindrücke in beider Zügen wieder. + +Bei Grete war's ein Anflug wahrer Rührung, sie verglich das wenige, was +an Gemüt in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche +Scham und dankbare Gefühle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's +dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, daß man ihm ohne Zwang +Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene +Hoffnung auf altes Glück stieg auch in Frau von Tressen empor, sie +glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und +Hederich ihre Voraussetzungen erfüllt. + +Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestörter +Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihülfe ihrer Mama +alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich über +die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches +gediehen war. + +Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt. +Die junge Frau übernahm nunmehr die Küche, das Mittag- und Abendessen +wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich, +wenn die Glocke ertönte, herab und nahmen daran teil. + +Dafür war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergüteten, +gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine +bestimmte Summe. + +Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das +Frühstück und sorgte auch in außergewöhnlichen Fällen für ihre und seine +Bedürfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie für +Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie +brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das +alles so bleiben konnte, oder Änderungen eintreten mußten. + +Zunächst spürten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der +Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder +für sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam, +trat auch das Bedürfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die +Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor, +und die Frauen beschäftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar +den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange +zu bleiben, und Tankred fügte sich entweder aus wirklichem Behagen oder +aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhältnisse. + +Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestört, und nach +Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand, +wurde nunmehr auch erörtert, wann die jungen Leute Besuche machen +wollten, und wer zunächst eingeladen werden sollte. + +"Es geht gar nicht mehr! Wir müssen sobald wie möglich nach Falsterhof," +erklärte Grete. "Noch haben wir nicht einmal für die Blumen gedankt, die +Theonie uns gesandt hat." + +Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich +aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal mußte er seiner Kousine ja +doch zum erstenmal wieder gegenübertreten, und schon hatte Hederich, der +inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzählt, daß Theonie +sich erkundigt hätte, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien. + +"Drum und dran! Sie wundert sich, daß Sie noch nicht da waren, Herr von +Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so." + +Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu +fahren und Theonie und Fräulein Carin zu einem Diner in der Mitte der +Woche einzuladen. + +Letzterer gegenüberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich +schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen +an den Tag gelegt hatten, überwand sie bald den Anflug ihrer +unbehaglichen Stimmung. + +Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die +Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich saß bei den +Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte +die Zügel. Während sie dahin fuhren, sagte Tankred: + +"Weißt Du, es wäre wirklich gar zu schön, wenn die beiden Besitzungen, +die ursprünglich zusammengehört haben, wieder vereint würden. Es hat +doch keinen Zweck, daß meine Kousine da allein auf Falsterhof +wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen früher einlöste, wäre es auch +leicht zu machen. Ich würde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und +ihr ihre Hälfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es +wäre eine fürstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird, +die Güter rationeller bewirtschaftet werden, können sie gegen +zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswürdig gegen +meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat großen Einfluß auf sie. +Sie kann uns im Fall alles verderben." + +"Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred," entgegnete +Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestätigend. "Dann +könnte sie am Ende an ihrer Zusage rütteln?" + +"Gewiß. Und deshalb müßte man auch darauf hinzuwirken suchen,--ich denke +täglich daran,--daß sie schon früher Ernst macht. Sie will nach der +Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, daß der Besitz nicht +verschleudert wird, mit anderen Worten, daß wir ihn halten, mehren und +verbessern. Wenn sie die Überzeugung gewonnen hat, daß wir das thun, so +wird sie nicht zögern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man könnte +vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu +überlegen. Der thut nur, was er für richtig hält, und daß er auf dem +Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung könne nichts gedeihen, ist +ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er +seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd." + +"Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzählt. +Bitte, was war's?" + +"Ich gehe stark mit der Absicht um, in größerem Maßstabe Rüben zu +pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzählte ich +ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie hätten alle bisher kein +Geschäft gemacht, meinte er." + +"Dann ist's doch auch klug, es zu lassen." + +"Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen. +Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil +sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa +erzählt, auch gegen die Branntweinbrennerei gesträubt? Und rentiert sie +nicht ausgezeichnet?" + +"Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten +Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hört überall, +daß die Zuckerfabriken vorläufig nur von Hoffnungen leben. Die +Konkurrenz ist auch zu groß." + +"Nein, die Konkurrenz ist nicht zu groß, aber es ist noch ein Vorurteil +bei Händlern und Konsumenten zu überwinden. Aber das wird sich geben. +Der Rübenzucker stellt sich so viel billiger, daß man nach den +überseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die +bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital +war zu hoch. + +Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr +spätestens wird die Bahn von Elsterhausen über unser Gut gehen, und in +Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz +anders konkurrieren. + +Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schädel nicht hineingehen. +Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in +der Gegend dauernd niederlassen." + +Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die +Richtigkeit nicht prüfen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in +Zahlen vorlegen zu lassen, und im übrigen wurden ihre Gedanken +unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwärts auftauchte. + +Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veränderungen +vornehmen lassen. Die das Haus verdüsternden Bäume waren gefällt, auch +nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das früher so finster +beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da. + +Auch im Innern sah man die Thätigkeit einer neugestaltenden Hand. Der +Flur hatte weiße Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit +den dunkelrahmigen Ölgemälden einen äußerst imponierenden Eindruck. Vom +früheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thür ins +Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerückt +worden. + +Auf einem großen Rondell blühten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies +bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebüsches und des halb +eingefallenen Grabens das Auge. + +Frege begrüßte mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gäste +und führte sie in die hinteren Gemächer. + +"Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten," +erklärte er. "Gleich werde ich die Herrschaften melden." Dann eilte er +davon. + +Mit sehr eigentümlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die +Räume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das +Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal +freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen +hatte. Die im Hause vorgenommenen Veränderungen wirkten befremdend auf +sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu +sein, trat weit zurück. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder +Mitteilung nach ihrem Gutdünken. Natürlich, es war ihr Recht, aber +gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfülle +der Besitzerin. + +Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen +weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte. +Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und +umarmte Grete mit Wärme und Herzlichkeit. + +Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch +die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt, +und bald saßen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemütlich plaudernd, +beisammen. + +Der Fremde war der Eigentümer des vor Tagen erwähnten in der Nähe von +Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof. + +Er hatte früher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines +Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich, +da er vermögend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu +pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener, +aber keineswegs pedantischer Mann, und man rühmte seine große Frische, +seinen Geist und seine hohe Intelligenz. + +Herr von Streckwitz führte denn auch vornehmlich das Gespräch. Herr von +Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er +erwiderte, daß er sich bei seinem Interesse für Landwirtschaft nach +einem ihm mehr Beschäftigung bietenden Gütchen umzusehen die Absicht +habe. + +Hederich mischte sich hinein und machte Vorschläge, und Tankred, dem +Streckwitz gleich beim ersten Sehen höchst unsympathisch war, riet mit +vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend +anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Übergewicht nicht +in seiner Nähe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten, +die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem +Interesse zuhörte. + +"Es gefällt mir aber gerade hier ausnehmend," entgegnete Streckwitz. +"Mein bisheriges Einsiedlerleben möchte ich zudem vertauschen, aber mir +Thätigkeit und Verkehr nicht in einer großen Stadt suchen, sondern auf +dem Lande. Übrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir früher oder +später eine Gelegenheit zu anderer, größerer Wirksamkeit bietet, werde +ich sie wahrnehmen. Zunächst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu +suchen. Sie gestatten mir auch," schloß er, sich mit verbindlicher Miene +gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte +Auge ein wenig zusammenkneifend, "daß ich Ihnen meine Aufwartung machen +darf?" + +"Es wird uns außerordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen," entgegnete +Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten. + +Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb +gegen Breckens verneigte, biß sich Tankred, in seiner Eitelkeit +verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter +demnächst einmal deutlich zu belehren, daß ihr kein Recht mehr zustehe, +eine derartige Erlaubnis zu erteilen. + +Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geräusch abgelenkt, da +Fräulein Carin ein Knäuel Seide fallen ließ, und Hederich, sich +übereifrig danach bückend, so unglücklich auf dem glatten Fußboden +ausrutschte, daß er knieend vor ihr liegen blieb. + +Um nun doch irgendwie seinen Ärger auszulassen, nahm sich Tankred +Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise +nachahmend: + +"Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist--drum und dran--ein zu schöner +Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fräulein Helge hingestreckt +zu sehen." + +Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die +Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, während Hederich, rot vor +Beschämung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb. + +Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft +stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf +Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen +Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er +sich sehr weh gethan habe: + +"Ich danke sehr für Ihre Güte, gnädige Frau, es ist schon vorüber. Ich +bitte nur um Entschuldigung, daß ich in Ihrem Hause--drum und dran--eine +so--lächerliche Rolle gespielt habe----!" + +Dieser auf Tankred gemünzte Satz mißfiel niemandem, und namentlich in +Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst +Hederich mit raschem freundlichen Blick und ließ dann ein auf Tankred +berechnetes verächtliches Zucken um ihre Lippen spielen. + +Tankred sah es. Er wußte, was in ihr vorging, und der alte Haß gegen das +'Frauenzimmer' setzte sich von neuem in ihm fest. + +Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr +Abbruch, und das glatt fließende Gespräch setze sich nun so gezwungen +fort, daß Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu +unternehmen. + +Herr von Streckwitz, ein überaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart +und ernsten, einnehmenden Zügen, schritt mit den beiden Tressens voran, +ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen +hatte, und ein wenig später Hederich mit Carin. + +Sowie die letzteren aus der Hörweite der Voranschreitenden waren, sagte +Carin: + +"Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf +hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und +wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist +fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt. +Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der +Mittelpunkt des Gespräches ward. Dergleichen Zurücksetzungen kann er +absolut nicht vertragen. Stets muß er das Wort führen und bewundert +werden. Später ärgerte es ihn, daß Frau Cromwell sich so oft an den Gast +wendete. Am Ende interessiert sie sich für ihn! Das paßt Brecken +durchaus nicht; das durchkreuzt seine Pläne, und als Herr von Streckwitz +nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen größern Besitz +erwerben zu wollen, kannte sein Ärger keine Grenzen mehr! Den ließ er +dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empörend handelte er, in solcher Weise +von seinem Übergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat +mich auch wieder ausnehmend gefreut, daß Sie ihm nämlich eine solche +Antwort zu teil werden ließen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie +hätten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!" + +Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehört. Als +Carin geendigt hatte, sagte er: + +"Sie gehen vielleicht etwas weit--aber--drum und dran--er ist kein guter +Mensch, wir wissen's alle längst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, die +kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene +Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lächerlich gemacht +werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!" + +"Und wir haben recht!" fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort: +"Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben, +und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch +wahrlich nur die Hand auszustrecken.--Ich weiß wohl, was Sie sagen +wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen! +Aber welcher Vorteil erwächst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie, +Herr Hederich," hier senkte Carin die Stimme, "was mir Frege neulich +mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau +Cromwell, worin auch des Schriftstücks--Sie wissen, der +Erbteilverschreibung--Erwähnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den +Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, könne darauf schwören, daß das von +ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders--natürlich viel günstiger +gelautet habe. Brecken hat also--" hier schossen Carins Augen +unheimliche Blicke--"sicher eine Fälschung begangen!" + +"O nein, nein, Fräulein Carin," fiel Hederich erschrocken ein und sprach +wieder das Wort Carin sehr breit. "Da gehen Sie doch wieder zu weit! So +schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist +schlau, und er wäre es noch mehr, wenn--drum und dran--ihn sein Blut +nicht oftmals fortreißen thäte." Und forschend schloß er: "Hat Frege +Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?" + +Carin nickte. + +"Und was hat sie erwidert? + +"Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja überhaupt eine sehr +eigentümliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig +zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut. +Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens--denn ihre hervortretende +gelegentliche Kürze und Strenge sind auch nichts anderes als ein +Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur--und andererseits die Pietät, welche +sie für alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trägt, machen sie +ungewöhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, daß +er sich ändert, und ihr gegenüber spielt er ja auch eine recht gute +Komödie!--Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die +Jungen mit den Alten?" + +"Drum und dran--ja--. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich +so ziemlich--" entgegnete Hederich. "Frau von Tressen ist vorsichtig, +und Grete will Frieden,--bis jetzt wenigstens,--und das giebt den +Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube, +daß es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches +anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede." + +"Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie hängt mehr an Ihnen, als an ihrer +Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist überhaupt +noch nicht alles Gute erloschen, sie kämpft, glaube ich, einen ehrlichen +Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein +und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat." + +"Weshalb, Fräulein Carin," fiel Hederich milde ein, "hassen Sie Herrn +von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefügt?" + +Carin zuckte die Achseln. "Weshalb hat man eine Abneigung gegen +Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man +sich zu anderen besonders hingezogen fühlt? Ich kann überhaupt nur +hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten +vertreten. Pastor Höppner kann überhaupt nicht hassen. Deshalb ist er +auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persönlichkeit gütig und +menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt +dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag--ihre Person +ausgenommen, die sie über alles liebt--weder zu lieben noch zu hassen! +Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, haßt aber jeden, +der ihm irgendwie in den Weg tritt,--und--Sie--Sie, Herr Hederich--" + +"Nun, Fräulein Carin?--" forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge +ging unruhig hin und her. + +"Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren +Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele." + +"Na--na--na!--Es ist schon zu viel Schönes, Fräulein Carin, aber--drum +und dran,--daß Sie das sagen, das--das--ist mir mehr wert als--als--" +sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte. + +"Ach, Sie lieber Mensch!--" unterbrach das Mädchen den Mann, sah ihm mit +einem seelenvollen Blick ins Auge, ließ ihn aber nicht weiter sprechen, +sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die übrigen Gäste zu, die +nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause +auftauchten. + +Nach einem kleinen Imbiß nahm man demnächst von Holzwerder Abschied. Nur +Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da.-- + + * * * * * + +Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saßen die Pastorin und +Hederich einander gegenüber. + +Seit dem Vorerzählten waren fünf Monate verstrichen. Der Herbst war +bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzählen und +sehr viel zu hören. + +Zunächst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm +ihr Herz ausschüttete. + +"Was mich am meisten beschäftigt und mich geradezu traurig gemacht hat, +ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte, +Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle. +Aber sie! Doch nun hören Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war, +die mir sogleich fünfhundert Mark für das von mir geplante Armenhaus in +Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn +in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach +Holzwerder geführt hatte, erzählte, daß mein Mann und ich von meinem +Vermögen fünftausend Thaler als Grundlage für den Bau hergeben wollten, +legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn, +daß er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen möge. + +Erst äußerte er nichts, ließ mich niedersitzen und guckte auf das +Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spöttischen Ausdruck: + +'Meine Schwiegermutter hat fünfhundert Mark gezeichnet? So--so--na ja, +wer's lang hat, läßt's lang hängen! Ich kann höchstens hundert Thaler +geben. Fast kein Tag geht vorüber, an dem nicht Ansprüche an mich +herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der +Antragsteller geben, müßte ich nachgerade auf Einnahmen für mich selbst +verzichten.'--Er zählte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf, +denen er angehöre, sprach von Erhöhung der Steuern und anderem und rief +seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie +beschwert sie seien. 'Glauben Sie nur, daß es uns nicht so leicht +gemacht ist, wie Sie meinen,' versicherte er. 'Jeden Monat die Rente an +meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen, +Neubauten, die gemacht werden müssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!' +Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern +zurück: natürlich, es müßte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei +Familien von den Einkünften von Holzwerder. + +Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhören, und ich habe denn +auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer größeren Gabe zu +bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht +selbst erzählt, daß sich dies Jahr ungemein günstig gestellt, daß das +Gut noch nie so viel abgeworfen hat?" + +"Ja, es ist richtig, sie haben schöne Einnahmen, und was sie sagen von +der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkünften nicht gar so +schlimm. + +Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwächterposten ist eingezogen, +seine Arbeit muß jetzt der Parkwächter mit besorgen; er kriegt aber +nicht mehr dafür und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu +verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun +weggefallen. Die beiden Kutscher müssen mit im Garten helfen, und die +Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele +Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau +giebt selbst aus, verschließt alles und macht Szenen, wenn zu viel +gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei +mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafür nicht liefern +könnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt. + +Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich +nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Früher durften auch +die Arbeitsleute nach dem Pflücken das letzte Obst abschütteln, das ist +nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehölzen hat er durch Anschlag +verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafür anzusetzen. Und +nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel +neue Fenster nötig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind +und Regen hinein. + +Aber, drum und dran, für die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik +möchte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht für den +Rübenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen, +die Einnahmen vergrößern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der +Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen." + +"Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?" + +"Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam überlegt. Neulich +sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen. +Neusilber thäte es auch. Sie hätte sich herausgerechnet, daß sie so viel +Kapital herauskriegte, daß sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine +neue Christofleeinrichtung anschaffen könnte. Ich muß daran denken, daß +wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie--" + +"So? also damit hat sie Grund, sich zu beschäftigen? Das wußte ich noch +gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, daß Herr von +Streckwitz dort fast täglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es +neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die +Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen." + +"Meinen Sie wirklich?" fragte Hederich erstaunt. Er gehörte zu den +Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen, +aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da +Carin, vielleicht aus Diskretion, die Möglichkeit eines tieferen +Interesses Theonies für Streckwitz nicht wieder berührt hatte, war auch +Hederich nichts aufgefallen. + +"So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute +Wäsche, und ich muß selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Nähschule +bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die +Ohren.--Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten +Sie--herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die müssen Sie +probieren."--Und während er, nachdem sie rasch den Branntwein und die +Speisen herbeischafft, aß, stand sie--sich zu setzen hatte sie keine +Zeit--vor ihm und erzählte noch von allerlei traurigen Ereignissen im +Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemüht gewesen, und +zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem +Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich. + +"Ja niedlich, niedlich," betätigte Hederich, während er das +Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten +von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen +lieber aus dem Wege. + +Als er schon in seinem Einspänner saß, sah er noch, daß Frau Höppner mit +einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thür stand und weinend ihren +Kummer erzählte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem +Schnupftuch die Thränen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen +über ihre Lippen: + +"Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte. +Dann wollen wir weiter sprechen," hörte er sie noch sagen, und "Drum und +dran, brave Frau!" ging's über Hederichs Lippen, während er mit einem Hü +die Zügel ergriff und das Pferd antrieb. + +Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf +seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug. +Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, öffnete und las: + + (Privat) 'Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die + eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich + sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muß Sie notwendig + sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind, + und gehen Sie hinten die Treppen hinauf. + + S. von Tressen.' + +Noch unter dem Eindruck des Gespräches, das er am Nachmittag mit der +Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich außerordentlich auf. +Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht +erwarten, daß sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich +dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthür des +Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte, +trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus +dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter +erblickend, sehr erstaunt: + +"Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurück? +Was wünschen Sie? Suchen Sie etwas?" + +"Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich +für Frau von Tressen mitgebracht habe," entgegnete Hederich, sich +schnell fassend. "Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und +wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stören. + +Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergnügen!--" + +Aber Tankred ließ sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben +ging, fand er Tressens; ohne Zweifel würden Sie ihn auffordern, zum Thee +zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge würden zur +Sprache kommen. Das paßte ihm nicht. + +So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: "Was wollen Sie +sich die Treppe hinaufbemühen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her. +Ich werde es meiner Schwiegermutter einhändigen." + +Die Situation war höchst peinlich. Wenn Hederich erklärte, daß er gar +kein Packet habe, stand er als Lügner da, und ablehnen konnte er füglich +Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand, +nicht nur für ihn, sondern auch für Tressens, nahm er seine ganze +Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die +seine Bereitwilligkeit ausdrückte, Tankreds Wunsch zu willfahren, +erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff: + +"Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in +meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen +Sie gütigst, daß ich der gnädigen Frau morgen das Gewünschte überreichen +würde. Und nun erlauben Sie, daß ich mich empfehle. Ich halte Sie auf! +Ihre Gäste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnügen." + +Nach diesen Worten zog er sich überhastig zurück und verwischte dadurch +wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck. + +Während Tankred die zwei Flaschen Aßmannshäuser wieder ergriff, murmelte +er: + +"Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt. +Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!" + +Dann eilte er mit hämischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf, +und oben schalt er Peter, den Diener, daß er ganz unnötig so viele +Lichter angesteckt habe: + +"Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die +kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzünden." + +"So, dann habe ich den gnädigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den +Herrschaften mußte ich immer alles anstecken." + +"Ja, ja, die Herrschaften," entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine +Schwiegereltern preisgebend, "die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwärts, +löschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie +zu reinigen,--hören Sie? ohne sie zu reinigen,--ins Anrichtezimmer!" + +Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine +Wohnung zurück. Er fand keinen Weg, Tressens über die Gründe seines +Nichterscheinens zu verständigen, noch weniger hielt er es für +möglich--und wenn doch etwa für möglich, nicht für rathsam, an diesem +Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen. +Wenigstens wollte er das vorher noch überlegen. Auch wenn er einen der +Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals +der Zufall sein Spiel treiben. Überhaupt war er gegen jede schriftliche +Äußerung. + +Es beschäftigte ihn zu alledem, daß er zu einer Lüge seine Zuflucht +genommen hatte. Seit seinen Jünglingsjahren war mit Bewußtsein kein +unwahres Wort über seine Lippen gekommen. + +Aber das war die Folge solcher Verhältnisse. Immer ungemütlicher wurde +es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen. +Während er, so nachdenkend, dasaß und aus der Pfeife die Rauchwolken +herausblies,--fast ein Stündchen mochte vergangen sein,--hörte er auf +dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er +Peter, den Diener, und seine Haushälterin Worte wechseln. + +"Na, was giebt's?" rief Hederich die Thür öffnend. "Haben Sie eine +Bestellung an mich, Peter?" + +Der Diener nickte verlegen, dann trat er näher. + +"Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnädige Frau von oben +ließe um das Packet Handschuhe bitten, und die gnädige Frau von +oben--sie faßte mich ab, als ich gerade weggehen wollte--läßt fragen, ob +Sie noch kommen thäten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich +soll nichts sagen--ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an +die unten von meiner Bestellung an Sie erzählen!" + +"Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich +Ihnen auftrage, hören Sie? An Herrn von Brecken können Sie ausrichten, +ich hätte die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich könnte sie in +meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie +blos: Ich würde ihr morgen erzählen, weshalb ich nicht gekommen wäre, es +sei denn, daß sie so gut sein wollte, sich--drum und dran--heute abend +noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemühen. Es wäre +sehr gut, wenn sie es thäte. Sie ist doch noch oben und nicht bei der +Gesellschaft?" + +Peter verneinte. + +"Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten," murmelte +Hederich. Und laut: "Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe +seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten. +Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!" + +"Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon. +Ach--ach es ist--" seufzte der Mann. + +"Was ist?" + +Der Diener bewegte mißmutig den Kopf. + +"Nichts für ungut, Herr Verwalter, ich will kündigen. Keine Stunde hat +man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden, +und alles, was früher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die +Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute +nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hörte es, wie ich das +Silberzeug putzte." + +Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschäftigte ihn sehr. +Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung. + +"Diener müssen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und überall ist +etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter, +und mit dem Kündigen überlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch +nicht will, dann wissen Sie,--drum und dran,--wo Hederich zu sprechen +ist." + +"Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt. +Herr Verwalter wissen, daß ich nichts herumtrage, und wieviel ich von +den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen +auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie--sie ist ganz anders +geworden." + +"Ja, wie gesagt, Peter--es wird schon wieder besser werden. Thun Sie +Ihre Pflicht,--drum und dran,--für das andere lassen Sie den lieben +Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, daß Sie wieder hinkommen."-- + +Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang öffnete sich die Thür der +Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln +Mantel gehüllt, trat zu Hederich ins Gemach. + +Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr +mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe. + +"Um so besser, daß wir uns noch heute abend sprechen!" erklärte sie nach +seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme +dämpfend, fuhr sie fort: + +"Hören Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete +und Brecken eine sehr böse Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich +entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als +wir beim Kaffee zusammensaßen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Während +meine Tochter sich an das geschlossene Büffet begab, um ihn +herbeizuholen, sagte ich: 'Ist es denn notwendig, daß Du sogar den +Zucker verschließest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben--' + +'Sogar? Was meinst Du damit?' entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in +einem sehr schroffen Ton. + +Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich +sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gästen. Aber sie +antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In +diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine +Tochter, ihr die für den Abend nötigen Zuthaten auszugeben. + +'Wie, Du wagst es?' rief Grete, gegen die Person auftrotzend. 'Habe ich +Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?' + +Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte +und auf eine abermalige höchst provozierende Äußerung Gretes neben +anderen Erklärungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade +noch, daß sie in der Küche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet +meine Tochter in einen solchen Zorn, daß sie aufsprang und dem Mädchen +einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem +ich schon angesehen, daß er sich über meine Äußerung von vorhin geärgert +hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden +war, packte Anna am Arm und stieß sie in rohester Weise zur Thür hinaus. +Draußen befahl er der Mißhandelten,--ich hörte es,--sofort ihre Sachen +zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was +aus ihr werde, sei ihm gleichgültig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle +sie etwas, so könne sie klagen. Zu meinem Unglück nahm ich nach seiner +Rückkehr gerechter Weise Partei für das Mädchen. Ich hielt beiden in +sanfter Weise vor, daß sie durch die wenig gütige Art, in der sie mit +den Leuten verkehrten, durch ihr fortwährendes Verschließen und +Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse +für sich zu erwecken, und schloß mit der Bemerkung, daß ich doch stets +mit meinem Personal ausgekommen sei, während jetzt fast kein Tag ohne +Verdruß hingehe. + +Auf die Äußerung gab zunächst meine Tochter eine Antwort, indem sie in +einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich hätte +doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre +Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber täglich. Bald moniere +ich, daß der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald +mache ich Bemerkungen über ihre Anordnungen. So habe ich mich jüngst +über die Wäsche geäußert. Wenn zufällig mal Zucker auf dem Tische fehle, +halte ich ihr eine Strafpredigt über ihre Sparsamkeit, und daß ich in +diesem Falle Partei für das impertinente Geschöpf genommen habe, das sie +fortwährend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf +diese plumpe und unglaublich unverschämte Weise sich einen Vorteil zu +verschaffen, sei doch mehr als eigentümlich von meiner Seite! Sie habe +Beweise dafür, daß Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute +morgen von ihr ausgegeben. + +Mit dem größten Erstaunen hörte ich, was meine Tochter sprach. Ich war +ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen +und Vorschlägen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine +Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind +eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar +nicht in den Sinn gekommen, daß sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel +weniger, daß sie mich fortwährender Einmischungen in ihre +Angelegenheiten zeihen würde. + +Ich sah aus ihrer Rede, daß lange aufgestauter Groll einen Ausweg +suchte, und ich sah auch, daß ihr Mann ihr vollständig beistimmte. +Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsächlich +aber um mich noch mehr zu kränken, kam auch er mit allen möglichen +Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrückte, an sich nur +Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruß schon mehrfach +Veranlassung gegeben hätten. Wir hätten jüngst die Pferde ohne vorherige +Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, während sie hätten +ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, während wir doch +unsern eigenen Diener hätten. Der letztere habe neulich durch Umstoßen +des Tintenfasses den ganzen Fußboden verdorben, und mein Mann hätte ihn +sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getröstet. + +Und was den Fall mit dem Mädchen betreffe, so sei er zufällig dabei +gewesen, wie Grete für den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten +abgewogen habe. + +'Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,' fügte ich, mich bemeisternd und +alles übrige übergehend, ein, 'aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie +während ihrer Beschäftigung gerade vom Förster abgerufen worden, nachher +vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Küche zu stellen. Es ist +doch möglich, daß Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, daß ein +Mädchen ihrer Herrschaft unbegründeterweise mit solchen Behauptungen +gegenübertritt. Und ich habe nie früher eine Unehrlichkeit an Anna +bemerkt,' schloß ich. + +Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so höhnischen Miene auf und +erging sich in so verletzenden Anspielungen über unsere Verschwendung +und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, daß ich, nicht mehr Herr meiner +Empörung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da +sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten, +finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf +welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei +unter solchen Verhältnissen dann wohl besser, daß ich mit meinem Manne +Holzwerder verließe! Danach stand ich auf und begab mich auf mein +Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und ließ sagen, daß wir nicht +in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an, +daß Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts +davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie, +Hederich, sie _wollen_ einen Anlaß, um die ihnen lästigen Menschen, ihre +Eltern, aus dem Hause zu bringen." + +Bei diesem Schlußsatz brachen der Frau die Thränen stromweise aus den +Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, daß dem +braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn +nun da, was Carin schon oft und erst jüngst wieder als bevorstehend +prophezeit hatte: Ein böses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger +Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun würde auch bald sein, +Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit +seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen; +sie sollte hören, was er dachte! + +Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Überzeugung. Er +glaube selbst, es sei wohl das beste, äußerte er, daß sie sich in +Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten. + +Sicher würden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege +zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versöhnung auf +beiden Seiten vorhanden, später aber könne sich ein unheilvoller Bruch +daraus entwickeln. + +"Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben, +ist immer weise, wenn's auch hart, betrübend und schwer ist, sich auf +den Boden der Thatsachen zu stellen." + +"Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, daß wir wie +Überzählige aus dem Hause gehen, daß wir unser geliebtes Holzwerder +verlassen sollen, dann ist's mir, als überfiele mich eine unheilbare +Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemüt beschwert ist. Seit heute +nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!" +stieß sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. "Ja, +ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermögen haben, die Kinder sollten +nur von uns abhängig sein! Wie ganz anders würde es dann aussehen!" + +Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfaßte sie mit ganzer Gewalt, sie +war betrübt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung, +Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttäuschter +Mutterliebe. + +Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der göttliche Funke warmer +Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte +selbst der Funke zu verlöschen.-- + + * * * * * + +Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner +Vormittagsgeschäfte mit seiner Frau beim zweiten Frühstück saß, +erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich hätten hören lassen. + +"Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe. +Ich kenne Mama--" entgegnete Grete. + +"Und Du willst hinaufgehen?" + +"Nein, aber ich habe mir gedacht, daß ich, wenn sie heut mittag auf das +Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen +lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen." + +"Und wenn sie nicht kommen?" + +"Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben müssen. Ich habe +ja nur erreichen wollen, daß Mama sich nicht ferner in meine +Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles--verlasse Dich darauf--eine +längere Weile nach Wunsch gehen." + +Bei den letzten Worten glitt ein Lächeln über Gretes Gesicht. Es +belehrte Tankred, daß seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht +so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttäuschte ihn +zunächst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen +mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges +zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Möglichkeit anzueignen, so +nahm auch er einen leichten Ton an und sagte: + +"Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als +ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist +es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei +nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Übrigens +hast Du gehört? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg +kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet +gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder für eine ganz +überflüssige Sache so viel Geld auszugeben!" + +"Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fußkalt, daß er es nicht +aushalten könne," schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab, +war überhaupt zurückhaltender über "die oben" als gestern. + +"Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedürfnis. Hypochondrische Leute, +die nichts zu thun haben, kommen auf tausend überflüssige Geschichten. +Da fällt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und +Theonie zu werden. Frau von Bülow behauptete, sie seien sogar schon +verlobt. Wir müssen Hederich fragen. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob +der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er +wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen +hocken, um über uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein +richtiges Verhältnis, Grete. Sie intriguieren fortwährend gegen uns, und +der alte Schwäger trägt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach +Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wäre es +allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht +vom Übel, wenn die Eltern fort zögen. Streckwitz's Besitz könnten sie ja +pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein." + +Tankred hatte bei den letzten Sätzen, die ihm durch die Gelegenheit +aufgedrängt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder +ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer +Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran +gewöhnen. + +Daß sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefaßt hatte, ergab +sich jetzt. + +"Mama würde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort müßte, +Tankred. Ich muß gestehen, daß auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren +würde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas +vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen +wir vorläufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann--und dann--" die +Frau errötete leicht--"wenn ich demnächst in der Krankenstube liege, +würde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden--" + +Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwärterin beim Wochenbett +fortsenden, hieß nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter +als er! Sie war außerordentlich umsichtig und behielt stets ihren +Vorteil im Auge! + +Während dem Manne solche Gedanken über seine Frau aufstiegen, ward +geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen. + +Das Gespräch ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschäften +nach. + +Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor. +Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in +seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und +als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrückt, um die Erlaubnis +gebeten, sie ihr verehren zu dürfen. Er suche, wie er bei der +Überreichung hervorhob, nach einem Anlaß, sich ein wenig für die vielen +Liebenswürdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof +empfangen habe. Sie möge ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe +überreichen zu dürfen. + +Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die +sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen: + +"Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, daß Sie wieder eine Zeitlang +auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz, +und wann dürfen wir Sie zurückerwarten?" + +"Nein--" entgegnete Streckwitz. "Der Verkauf von Klementinenhof hat sich +zerschlagen; für den Fall der Veräußerung hätte ich mich ja zunächst +anderweitig einrichten müssen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich +bleibe nun aber den Winter über hier und will meine Bemühungen um einen +Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen." + +"Immer wieder wundere ich mich," wandte Theonie ein, "daß Sie bei Ihren +vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen +hier in der Einsamkeit?" + +"Lieben Sie nicht auch das Land, gnädige Frau? Schätzen Sie nicht auch +die reine Luft, die einfachen, natürlichen Verhältnisse, den +unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit? +Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich +beschäftigt, überall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die +Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und +die Beschäftigung mit Stall, Acker und Vieh hat für mich etwas +außerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Städter nicht, ich +bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwährenden Bewegung, sie +müssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu +einem rechten, ruhigen Lebensgenuß vermögen sie nicht zu gelangen. +Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jährlich in die Berge, +ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch +heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust +und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein." + +"Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu +erwerben?" knüpfte Theonie, die durch stumme Gebärden Streckwitz +beigepflichtet hatte, an. "Hederich sprach jüngst von Wankendorf. Aber +es liegt sehr nördlich, und der Preis soll hoch sein." + +Streckwitz schüttelte den Kopf. "Ich möchte am liebsten etwas hier in +der nächsten Umgebung finden. Ich möchte auch Ihnen"--Streckwitz legte +einen nicht mißzuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte--"nahe +bleiben, gnädige Frau." + +Theonie errötete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mädchenhaftes +Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Männer zu +ermuntern. + +Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und +herflatterten, und suchte so dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. +Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich über Theonies Gefühle für +ihn Klarheit zu verschaffen. + +Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, daß +er nicht gestört werde, sagte er: + +"Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß ich mich hier, +wie Sie sich ausdrückten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe +ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnädige Frau. Durch Ihre Hand ist +zwar Falsterhof gelichtet und hat den früheren düstern Eindruck +verloren, aber grade für eine junge Frau--da für Ihr Geschlecht so enge +Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen +können,--scheint es mir hier recht einförmig. Haben Sie denn kein +Verlangen nach der Stadt?" + +"Nein, keins! Ich könnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach +dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mußte, war ich sehr +unglücklich." + +"Sie mußten?" + +"Ja--oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rückkehr +festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich +erfaßt hatte, abzustreifen." + +"Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich +recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jüngst auf +Holzwerder und habe höchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen +wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute." + +Theonie betätigte letzteres durch eine Bewegung, über Tankred aber +äußerte sie sich nicht. + +Diese stete, taktvolle Zurückhaltung war's aber eben gerade, die +Streckwitz, der das wenig günstige Urteil der Menge über Tankred kannte, +zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war +tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das +Bestreben, sich geltend zu machen, und besaß neben einem edlen +Selbstgefühl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem +Wesen. Da das Gespräch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen +liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer +direkten Anknüpfung, und plötzlich kam ihm ein Gedanke. + +"Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnädige +Frau," hub er nach geschicktem Übergang an. "Ich habe die Absicht, +allernächstens ein kleines Diner zu geben. Würden Sie und Fräulein Carin +wohl so liebenswürdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiß, daß ich +etwas erbitte, das ein wenig ungewöhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch +auf Ihre gütige Zusage, ja, ich darf sagen, daß ich das kleine Fest +vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen +zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen +fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist." + +Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton +gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht +aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, daß sie nicht gleich +Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den +ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpreßte. + +"Ich bitte, sprechen Sie--sagen Sie etwas--" drängte Streckwitz, durch +die Ungewißheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner +Gefühle, "oder darf ich noch etwas hinzufügen, etwas von dem vielen, was +mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie, +liebste Frau Theonie?--" wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und +Theonie näher trat. + +Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte +innerlich, und sein Atem ging rasch. + +Aber es war nur für Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit +einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lächelte sanft und +neigte ihre feine Gestalt zu ihm. + +"O komm, Du Liebe!" flüsterte der Mann stürmisch und breitete seine Arme +aus. + +Durch ihren Körper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und +er hörte es aus ihrem Munde, als er nun glückberauscht sie fest und +fester an sich zog. + + * * * * * + +Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in +der Umgegend das Tagesgespräch. + +Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurücksetzung, Neid +und Mißgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen +für oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hieß es, sie paßten +vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte +Menschen, ein andermal dagegen, es könne nur ein Unglück daraus +entstehen, wenn zwei so selbstbewußte und absprechende Menschen sich +vereinigten. Und einmal paßte den Leuten Theonies Nase nicht, ein +andermal hielten sie sich über Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald +war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch +Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames +Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls--darin stimmten alle +überein--kam Geld zu Geld; für beide Teile war die Partie eine gute, und +mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war +nicht mehr als selbstverständlich. Ohne Nebengedanken stimmten +eigentlich nur Tressens und Höppners dieser Verbindung zu. Selbst in +Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spürchen Unbehaglichkeit. + +Hederich fürchtete, das Mädchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren. +Sie würde sich eine andere Stellung suchen müssen, und er sie nicht mehr +sehen; und Carin beschäftigte nicht minder der Gedanke, daß nun wohl +ihre Tage auf Falsterhof gezählt seien. + +Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mußte gleich etwas +thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte, +und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der +Verlobungsanzeige auf den Weg. + +"Sie müssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende +Amtsgeschäfte, sonst wäre er mitgekommen!" erklärte sie nach ihrem aus +dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glückwunsch. +"Und gleich heute möchte ich von Ihnen hören, liebste Theonie, wann Sie +und Herr von Streckwitz uns beehren können. Wir möchten Ihnen ein recht +lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren +Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehört, wie die Dinge stehen? +Man erzählt sich, daß zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen +ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Übrigens, Ihr Vetter wird +nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie." + +So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluß und ward erst +unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen: + +"Sie meinen, liebe Pastorin?" ins Wort fiel. + +"Nun, er wird natürlich fürchten, daß Sie jetzt an eine +Vermögensabtretung nicht mehr denken, daß er auf Falsterhof in Zukunft +keinerlei Aussicht hat." + +"Er irrt sich aber!" entgegnete Theonie mit größter Ruhe. "Wenn er +während der Frist nichts thut, was ehrenrührig ist, und wenn er nicht +verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal +gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Daß mein Vetter +seinen Charakter nicht ändert, weiß ich, aber diese Forderung habe ich +auch nie an ihn gestellt." + +Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn +für Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort +waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr +verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses +sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, knüpfte sie +noch einmal an und sagte: + +"Ihre im übrigen sehr vorsichtig gefaßte und durchaus nicht bindende +Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um +Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein, +Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer +Handlungsweise, daß Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen +fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten +Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch näher, als +Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiß weigern, +die Hälfte von Falsterhof für nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn +wirklich würdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?" + +"Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, daß Sie an einmal gegebenen Zusagen +rütteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?" + +"Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund +darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermögenszuwachs +gönne." + +Und nun erzählte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete +sich dabei benommen, und daß er erklärt habe, höchstens hundert Thaler +zeichnen zu wollen. + +"Sehen Sie, das ist es!" schloß sie. "Wenn Ihr Geld gute Früchte tragen +würde, auch andere Vorteil daraus ziehen könnten, wenn's nicht nur der +Gier dieses Geizhalses diente, dann würde ich gewiß keine Einsprache +erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie für +sich selbst die Möglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie +bisher Glück und Segen dadurch zu verbreiten.--Ja, ja, ich weiß sehr +wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein +Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen +sind die Namen derer nicht zu zählen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das +ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht, +viel zu haben.--Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein +gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und +nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am +Erwerben, der Sparsamkeitsdrang,--lasse ich gelten! Geld soll nur ein +Mittel zum Zweck sein, glücklich zu werden und andere glücklich zu +machen. Darin besteht jedes Vernünftigen Lebensaufgabe.--Wenn ich an +Ihrer Stelle wäre, würde ich Ihrem Vetter erklären, ich habe damals +verhüten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er +nicht, wie Sie jetzt sähen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und +Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Übrigens"--brach die +Pastorin ab, da sie sah, daß ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht +hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden könnten, statt +nützen--"wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei +Ihnen?" + +"Ich werde ihr nicht kündigen," erwiderte Theonie. "Wohin soll das arme, +verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen, +so ist es etwas anderes." + +"Auch das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich, Sie herrliches Menschenkind. +Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur +auf Ihren," schloß die Pastorin lebhaft und drückte der Freundin in +einem überströmenden Gefühl die Hand.-- + +Während in solcher Weise die Pastorin Höppner, ihrem Unmut nachgebend, +in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in +Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon +wiederholt hatte er gefunden, daß es nicht nur weise sei, das Ungünstige +zu nützen, um Günstiges daraus zu ziehen, sondern daß dies bei +geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrönt wurde. + +Versteckte Pfade zum Glück lagen überall, aber man mußte Augen zum Sehen +haben.-- + +In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau über Theonies +Verlobung stattfand, warf Grete ähnliche Zweifel hin, wie die Pastorin +sie geäußert hatte. + +"Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!" begann sie und schnitt aus einem +großen Haufen weißer und bunter Leinwandstücke, die vor ihr lagen, eine +Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtücher machen wollte. "Herr von +Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig +zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Erörterungen oder gar zum +Prozeß wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon +jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine +Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer +selbst willen schon wollen wir es vermeiden." + +Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und +Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesäumtes Tuch glättend und in +genauer Anpassung auf ein Häufchen bereits fertig gewordener legend, zu +ihrem Manne empor. + +Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend: + +"Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt, +wo noch der Gedanke in Theonie kräftig ist, wo noch ihr Rechtsgefühl +nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir +nämlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar +nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige +Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie +hin und sage: Gieb mir einen größeren Teil, etwa zwei Drittel von dem +Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprüche verzichten. Thue +es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du +in die Ehe gehst. Ich glaube, ich würde reüssieren! Vielleicht könnten +wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?" + +"Wie viel wird denn das ausmachen--ich meine an Kapital--ungefähr?" warf +Grete forschend hin. + +"Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler. +Davon die Hälfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel +vierhunderttausend." + +"Ah--!" machte Grete. "Aber," setzte sie gleich hinzu, "das ist doch ein +Unterschied von zweihunderttausend Mark." + +Sie schüttelte den Kopf. + +"Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Laß Dich nicht auf +Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut! +Sage ihr, sie solle fünfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch +noch hunderttausend." + +Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung. + +"Wir verfügen über eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das +geht nicht. Wenn sie nun überhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch +nicht. Ja, später klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?" + +Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine +Fälschung dabei an den Tag kommen konnte. + +Und dann, während er noch nachdachte, kam's jäh wie ein Blitz über ihn, +daß es schon am besten wäre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gäbe, +wenn, wenn--auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des +Ganzen! + +Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und +heftig war ihr Angriff auf seine Seele, daß ihm die Kniee bebten, und in +dem Drange nach Ablösung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkürlich +ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich +schlossen. + +Grete erhob überrascht das Haupt. + +"Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?" fragte sie betroffen. + +"Doch--doch.--Mich fröstelte nur ein wenig." Und dann: "Sag, Grete, wie +wär's, wenn Du mit Hederich sprächest, daß er Theonie sondierte? Dir +schlägt er nichts ab, im Gegenteil--" + +Die Frau aber schüttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich +nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres sträubte sich dagegen, grade ihm +die Blößen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die +gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten. + +So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie +vorschiebend: + +"Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines +Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer +zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiß +auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren +Mund nie halten kann. Du mußt mit Theonie ohne Zeugen reden; sie +ist--das muß man ihr rühmend nachsagen--die personifizierte Diskretion." + +Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er +beschloß auch, gleich zu handeln und alle Künste aufzuwenden, um seinen +Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluß auf +Theonie gewonnen. Je länger er aber zögerte, um so ungünstiger wurden +seine Ansichten. + +Gleich nach Tisch ließ er sein Reitpferd satteln, hörte noch einmal +alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf +den Weg. + +Es war ein nebliger, aber ungewöhnlich milder Wintertag. Bald nach +Tankreds Fortreiten begann es vom düsteren Himmel herunter zu flocken, +und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem +Herabfallen in flüssiges Naß. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe +drangen tief in die schlüpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab +spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte +Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nässe, die seinen +ganzen Körper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte +Landschaft, die Bäume, Felder und Wiesen, er war nur beschäftigt mit +seinen Plänen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere +nur erst aus dem Hause gebracht hätte! Es stand fest in ihm, sobald +Grete ihrer Mutter Hülfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein +Ende machen. Aber während er sich ausmalte, daß sie wirklich von +Holzwerder Abschied nähmen,--er sah seinen Schwiegervater in den Wagen +steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor +sich--, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zügel gehalten, so +unglücklich, daß der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward. + +Das Tier aber mußte für seines Herrn Nachlässigkeit büßen; Tankred zog +dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schläge über den Rücken. Und +während der abergläubische Mann dahinsauste, überkam ihn die +Vorstellung, daß das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen +wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That!--So schloß er rasch einen +Kompromiß mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust. + +Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Höhe, und zu +seinen Füßen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem +Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie +eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel +inzwischen die Landschaft eingehüllt hatte. + +Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so +setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den +Hof erreicht hatte. + +"Die gnädige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?" warf Tankred +hin, während Klaus das Tier abführte. + +Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank! + +Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mädchen, +welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene +hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem für ihre Arbeit +herangerückten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden. + +Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behüten eines Hausgegenstandes, +und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hälfte +Deines Vermögens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen +Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er +trat in das von der Abenddämmerung umhüllte Wohngemach. + +"Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen +Glückwunsch zu sagen," begann Tankred bei Theonies Eintritt. "Grete +schließt sich mir von Herzen an und bittet, Du mögest verzeihen, daß sie +nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkältung, die sie sich zugezogen, +und das schreckliche Wetter--" + +Theonie machte eine liebenswürdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu +nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend: + +"Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?" + +Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach: + +"So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im +Halbdunkel." + +Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's +dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch +über Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort +in seiner Angelegenheit: + +"Höre Theonie! Da wir nun einmal ungestört beisammen sitzen, möchte ich +Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiß, daß Du mich +nicht mißverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil +für Dich! Durch Deine Verlobung und demnächst stattfindende Heirat +verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezüglich Deines Vermögens. +Ich begreife das--begreife das vollkommen. Als Du mir damals die +schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch +einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich +nur durch Redensarten zu vertrösten, möchte ich Dir einen Vorschlag +unterbreiten, damit Du mit völlig klaren Verhältnissen in die Ehe gehst: +Entschließe Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde +Dich jetzt mit mir ab!" + +Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dämmerung, um den Eindruck seiner +Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick +ab! + +Zu seiner Überraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu +seiner höchsten Enttäuschung auch sein Ansuchen äußerst kühl auf. + +Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton: + +"Zu meinem Bedauern muß ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fünf +Jahre müssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst, +die veränderten Verhältnisse meinen Entschluß beeinflussen, sondern die +Umstände für mich maßgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage +komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekürzt +werden--" + +"Bitte, sage mir Theonie," fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all +seinen Himmeln gerissen, mit künstlicher Ruhe ein, "was soll ich denn +eigentlich erfüllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige! +Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem +Interesse, daß Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin +überzeugt, Dein Bräutigam wird anders über die Sache denken, als Du. +Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Überlegung ziehen, mit ihm +reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof +repräsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte, +zahle mir jetzt--" + +Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem +"Entschuldige, bitte" und hörte, was der nun doch mit einer brennenden +Lampe ins Zimmer tretende Frege "gehorsamst" zu melden hatte. + +"Der Verwalter von Falsterhof läßt fragen, ob er morgen Vormittag zum +Vortrage kommen dürfe." + +"Ja, Frege, es paßt mir um elf Uhr!" + +Nun schloß sich die Thür wieder. + +"Es nützt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich +wiederhole vorher Gesagtes," knüpfte Theonie mit der alten Ruhe an. +"Auch wenn Du fragst, was sich erfüllen soll, so kann ich Dir darauf nur +antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, daß alle +Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen +knüpfte. Ich erkläre Dir nochmals, daß die zwischen mir und Streckwitz +wahrscheinlich eintretende Gütergemeinschaft an dem Geist der Sache +nichts ändern wird. Nicht unser Geldvorteil soll maßgebend sein, sondern +Deine Würdigkeit." + +"Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen +Groschen auszuzahlen--" stieß Tankred, kaum Herr seiner Erregung, +heraus. "Was heißt Würdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das +Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels für gutes +Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du +gestorben wärest, würde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um +eine bloße Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer +begründetes, natürliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder später +mit dem Gelde thun? Ich will es hüten und mehren, um meinem Nachkommen, +dem letzten männlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu +verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren +Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter +Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschädigt oder +geschändet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen? +Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen +Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That, +ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhältnis wenn Du Dich +jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stück Geld." + +"Ich will nicht sparen!" entgegnete Theonie stolz. "Dir soll Dein Recht +werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und laß uns nun das peinliche +Gespräch schließen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit, +so werden mein Mann und ich prüfen und ohne Rücksicht auf unseren +Vorteil handeln." + +"Ich nehme den Fall, daß Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwürdig! +Meinst Du denn, ich müßte mich ohne weiteres darein finden? + +"Ich brauche doch keine Gründe für eine Weigerung anzugeben, also hast +Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!" + +"Ah! so faßt Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge +stehen! Nur eins hätte ich nicht gedacht: daß Du Dich hinter Worten +verschanzen würdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet." + +"Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner +Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's +nicht so kommt, machst Du andere dafür verantwortlich, daß Du Dich +Illusionen hingegeben hast." + +"Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch für welche?" +Höhnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines +Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur +ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Höhe, stellte sich vor +sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu: + +"Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weißt, daß ich nicht mit mir +spaßen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben--oder das Gegenteil! Wenn +Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprüche +verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die +mündlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld führen, nachweisen, daß +ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefügt habe, und auf sofortige +Erfüllung meiner Ansprüche klagen. Ich kann schwören, daß sie mir +versprach, mich zum Miterben einzusetzen." + +"Du lügst," rief Theonie, von Empörung und Ekel fortgerissen. "Du lügst +und fügst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas +versprochen hätte, würde es auch von uns gehalten worden sein. O, +verächtlich bist Du mir; so verächtlich, daß ich nichts in der Welt so +verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrückte ich, ich wollte sie nicht +Herr über mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen +Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir wäre geworden, was +Du wünschest, wenn Du geblieben wärest, was Du seit Deiner Heirat warst. +Aber diese Drohungen und diese Lüge reißen alles wieder in mir auf. Ich +fühle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick flüchtete. Aber keine +Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der +Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem +Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen, +jedes anderen Rechte mißachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren +Glückes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets +vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Haß, durch deren +Befürwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich, +Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst. +Ich zerreiße noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, daß ich +wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel +verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun +ließest." + +Der Mann hörte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine +Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, daß +sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut über sich +selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie würde ihr Wort gehalten haben, wenn +nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen wäre? Er hätte sich selbst +züchtigen mögen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn +gar keine Möglichkeit mehr gäbe, das Geschehene ungeschehen zu machen. +Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht +in ihm. + +Er sank stöhnend auf seinen Stuhl zurück, bedeckte sein Angesicht mit +den Händen und verharrte wie ein Zerschlagener. + +Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten +hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, daß sie ihm vergeben möge. +Er habe sich abermals vom Zorn hinreißen lassen, er wisse dann nicht, +was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der +Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angeführten Sinne wahr, +wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das +beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine +Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kämpfen. Sie sei ja +ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Güte und möge, gleichviel was sie +beschlossen, ihm verzeihen. "Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei +wieder die alte. Und mit meinen Vorschlägen meinte ich es ja wirklich +gut. Es ist doch verständig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst +Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal," schloß er, "vergiß +alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief." + +Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empörung wiederholt hatte +unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr +wußte, daß er durch sein Komödienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder +zu retten versuchen wolle, riß sich, als er zuletzt ihre Kleider +umfaßte, von ihm los, warf den Kopf zurück und rief, mit ausgestreckten +Händen ihn abwehrend: + +"O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der +Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn +ich überdenke, was ich je hörte oder las über die Schlechtigkeit +menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein +solches Bild. Lüge, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz +begegnen sich, sie alle reichen sich die Hände in Dir. Deine Seele ist +keiner vornehmen Regung fähig, sie ist niederträchtig und schmutzig; wo +anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und +Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, daß nur die +Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu fördern. Und ich +glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese +Wiederholung--Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter, +Du spielst eben eine über alle maßen ekelhafte Komödie--hat alles für +immer in mir getötet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen +uns für alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen +hoffen, daß diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein +schwerer Irrtum zu glauben, man könne in der Welt Niederträchtigkeit an +die Stelle von Tugend setzen. Auch für Dich werden Stunden kommen, wo Du +nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja, +fletsche nur die Zähne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen +Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn +Du nicht bald und völlig umkehrst!"-- + +Nach diesen Worten verließ Theonie, den zu wiederholten malen wie ein +Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend, +das Zimmer. + +Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zurücknahm, beschäftigte ihn die +eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die +Möglichkeit, daß Theonie sterben, und daß er dadurch dermaleinst noch in +den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurück. Aber sie konnte ja +steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles +denkbar!?---- + +Und was sollte er Grete berichten? Daß ein unheilbares Zerwürfnis +zwischen ihm und Theonie eingetreten sei? + +Wodurch? Sie würde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung!--Nein! Das +brachte er so nicht über die Lippen. Er mußte sie täuschen, sie +vorläufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch +einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demütigte, wenn auch Hederichs +Einfluß zu Hülfe genommen ward, ließ sich doch vielleicht noch alles zum +guten lenken, noch ein Vergleich schließen. + +Dieser Gedanke belebte vorübergehend wieder die Seele des Mannes, er +setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener +Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehüllt, saß +darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den +Gedanken ein, die Vermittlung des Bräutigams Theonies anzurufen. + +Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor +Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen +neun Uhr Holzwerder. + +Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie +nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint. + +"Nun? Was ist? Du erschreckst mich," stieß Tankred heraus. "Sprich, was +hat sich ereignet?" + +Aber sie sagte nichts, sie ließ den Kopf sinken, und Thränen schossen +aus ihren Augen. + +"Ist wieder etwas mit denen oben?" drängte Tankred. "Hat's eine Szene +gegeben?" + +Nun hub sie schluchzend an: + +"Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem +furchtbar erregten Auftritt erklärt, daß sie beide Holzwerder verlassen +und nach Elsterhausen ziehen wollen." + +"Und die Veranlassung?" fragte Tankred gespannt. + +Nun erschien der Diener Peter und meldete, daß das Abendessen +aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespräch der Eheleute zeitweilig +unterbrochen. + +"Beruhige Dich!--beruhige Dich!" tröstete Brecken nach des Dieners +Fortgang seine Frau, faßte sie leicht um die Schultern und zog die +kopfschüttelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. "Es wird nichts +so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von +selbst wieder gut Wetter machen." + +"Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!" entgegnete Grete rauh, sich gleichsam +trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach +sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen +ihre Mutter: "Du hättest nur hören sollen, was sie alles vorbrachte. Da +verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: 'So geht doch, wenn +es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.' Das +schlug dem Faß den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt: +Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fühlten sie beide, wie lästig sie +uns seien: von Liebe, Rücksicht, Pietät sei nicht die Rede. Wir fänden +uns mit der Thatsache, daß sie auf der Welt seien, notgedrungen ab.--Am +Ende, es ist doch meine Mutter," schloß Grete abermals schluchzend und +schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich. + +"Aber was war es denn? Was hat Euch denn so maßlos aufgeregt?" forschte +Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als +die Lästigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl +seiner Frau bedrückte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn +hervortretende Reizbarkeit. + +"Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gänsesauer sei +heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach +gefühlt. Soweit dürfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, daß ich +Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Küche gefragt, und +die Köchin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, daß die Kruke +schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie +mir dann wieder eine Rede über unsere, namentlich Deine Sparsamkeit +hielt, die schon sprichwörtlich geworden sei, verließ mich bereits die +Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen +und--und--" + +"Nun?" + +"Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich +einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach +Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen! +Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an +deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir +dann weniger beschämt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit +die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, daß bei +jeder Zahlung etwas fehlt, und daß er es auch nachträglich zu +berichtigen vergißt. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder +zwölf Mark gewesen. Das müsse bei einem korrekten Mann doch nicht +vorkommen. Ich sollte Dir natürlich von alledem nichts sagen, aber, +aber--jetzt muß es doch heraus--" schloß Grete immer in demselben +Gemisch von Ärger über ihre Mutter und von halber Parteinahme für sie. + +"Und ganz ohne jeglichen Anlaß von Deiner Seite kamen alle diese +Invektiven zum Vorschein?" + +"Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von +ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer für +hundertfünfzig Mark angeschafft, während sie schon die beiden +Prachtbauer besitzen. Darüber äußerte ich mich, und dann antwortete +Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es +wären. Und wir thäten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwürfen, +und erlaubten uns Bemerkungen über jegliches, was von ihnen ausginge. +Sie hätten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die +Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu +lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und +sich von mir Lehren zu holen!"-- + +Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stürmisch und erregt +herausgestoßen. Nun übermannte sie wieder ihre Bedrückung, und weinend +und schluchzend hielt sie inne. + +Tankred aber, obschon er zuhörte und auch den Sinn der Worte in sich +aufnahm, war schon längst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken +gingen, nachdem er gesehen, daß es sich nicht um einen besonderen +Streitgrund handelte, allein zu den Vorfällen in Falsterhof zurück. Er +konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch +von dem alten Thema ab und sagte: + +"Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's +wahrlich auch kein Unglück! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer, +weit schlimmerer Natur!" + +Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte +Antlitz. + +Tankred berichtete sodann ausführlich über die stattgehabte Unterredung +und erzählte, daß Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und +eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Äußerung als Anlaß genommen +habe, um ihm in sehr wenig rücksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach +heftigem Streit und trotz seiner versöhnenden Worte habe sie die +Erklärung abgegeben, sie wolle ihm überhaupt nichts abtreten. Offenbar +suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr +gegebene Versprechen zurückzunehmen, und habe jetzt gleich die +Gelegenheit dazu ergriffen. + +Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie +war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt, +aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon während +seiner Erzählung an den Tag, daß sie weniger Theonie als ihm selbst die +Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob. + +Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes, +einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren, +halb vorwurfsvollen, halb mißtrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in +eine so gereizte Stimmung, daß er an sich halten mußte, um ihr nicht in +brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite +zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, daß er vielleicht die +Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hülfe. Das +schien von Wirkung zu sein. + +Grete überlegte; dann sagte sie: "Laß einmal sehen, was sie Dir damals +geschrieben hat. Es wäre ja möglich, daß man die Sache wieder ins Gleis +bringen könnte." + +Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er +unschlüssig, welches von den beiden Aktenstücken ihr einzuhändigen wäre, +das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung, +in die er dadurch geraten, daß Grete wieder eins mit ihm zu sein schien, +den Sieg über seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das +Falsifikat hervor und überreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch, +legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, daß +noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred +auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren +und mit Theonie zu sprechen, während er mit Streckwitz reden wollte. + +Nicht in der früheren, deutlich hervortretenden Übereinstimmung mit ihm, +aber, wie es schien, doch ruhiger und versöhnlicher als beim Eingang des +Gespräches, hörte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen +Mitternacht begaben sich beide--Grete unter einem schwermütigen "Gute +Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich +alles so trübe aus!--" zur Ruhe. + +Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Frühstück wieder zusammen +saßen, erklärte aber Grete dennoch zu Tankreds äußerstem Verdruß, daß +sie bei nochmaliger Überlegung zu dem Entschluß gelangt sei, von einem +Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese +Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es +passe nicht für sie, ihr Gefühl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern +habe er drüben erklärt, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie +kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck +hervorrufen. Er müsse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie +habe, wenn es mit den Eltern nicht so stände, wohl Neigung, mit ihrer +Mutter die Sache zu besprechen, überhaupt wäre letztere geeigneter als +sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon könne keine Rede sein, +es sei ja alles mit den Eltern aus.-- + +Tankred wollte anfänglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre +Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwähnung that, blitzte +es in ihm auf. + +Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen ließ, +auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war +im Grunde richtig: für Grete paßte es nicht; den Gedanken hatte Furcht +und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte: + +"Weißt Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich +handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen, +ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen könne. Ich äußere erst +mein Bedauern, daß gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und +lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir müssen alle Minen +springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und +Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir +müssen ihn und sie vorher abfangen." + +Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau +von Tressen ließe sagen, sie sei nicht wohl, sie müsse bedauern, heute +niemanden sehen zu können. + +Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen +jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und +sagte: + +"Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist. +Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache +über den Kopf." + +Grete äußerte kein Nein und kein Ja. + +"Versuch's!" warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser +einen Angelegenheit beschäftigt, übersah ihr Wesen, schob es auf die mit +ihrem körperlichen Zustand zusammenhängende Unberechenbarkeit der +Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf. + +Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Frühstück erhoben, +als die Thür mit einem schmeichelnden "Guten Morgen, Mama! Guten Morgen, +Papa!" von Tankred geöffnet ward. + +"Entschuldigt, daß ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam +nicht zurück! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile," fuhr er +kriechend fort. + +Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklärte er, +daß Grete sehr bedrückt sei, und daß der gestrige Zwist hoffentlich +der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu +geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rückte er mit der +Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausführlich und bat seine +Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie über eine Abfindung zu +verhandeln. + +Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen +pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, daß Frau von Tressen auf seine +Bitte eingehen werde. Er war daher aufs höchste betroffen und nicht +minder geärgert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schüttelte +und sagte: + +"Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir +durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei +der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefaßt werden, +und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von +deinem Schritt erzählte, gleich gedacht, daß das nichts werden würde. +Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschäft, bei dem es ihr von +Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere +Gesichtspunkte. In dem Schriftstück hat sie fünf Jahre ausbedungen und +würde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht +genommenen Vergünstigung würdig gezeigt hättest. Hat sie jetzt schon +nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluß, wie es ihre +ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde +ich nichts ändern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie +gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten +Anlaß haben. Begnügt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch +dessen, laßt jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach +Fremdem. Das ist mein Rat. Daß es uns natürlich angenehm gewesen wäre, +daß es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, daß auch +Du etwas in die Ehe bringen würdest, brauche ich nicht hervorzuheben. +Aber es ist überhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben, +daß es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren +Augen wenigstens nicht. Das schöne Glück, das wir erträumt haben, ist +dahin, und unser Entschluß, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es +ist ja sehr schön, daß Ihr das bedauert, es scheint mir auch natürlich, +aber es ändert nichts an der Einsicht, daß ein Zusammenleben zwischen +uns unmöglich ist!--So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und +nun lasse uns aus dem Spiel." + +"Nun, wie Du willst," entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen +Worten zugehört hatte, und in dem trotz aller höchst unliebsamen +Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche +Klugheit und Besonnenheit überwogen. "Ihr werdet es aber noch bereuen, +und ein für allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du +fortwährend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig +Geschmack. Sie eignen sich mehr für Schulkinder als für uns." + +Nach diesen Worten verließ er mit einer impertinenten Miene das Zimmer. + +"Nein, es ist nichts!" rief er, als er zurückkehrte, und Grete fragend +und in sichtbar großer Erregung das Haupt erhob. "Und Du hast recht, es +ist überhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann +lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil! +Gott sei Dank, daß die Quälerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns +selbst genug, meine Grete?" schloß er schmeichelnd und werbend und +umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie +aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen, +seinen Zärtlichkeiten, stieß ein rauhes: "Nein, nein, laß, ich mag jetzt +nicht!" heraus und verließ das Gemach. + +Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterließ es doch. +Er würde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing +mit ihrem gegenwärtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs +Einflüsse, dem er aber jetzt kündigen wollte, und die Lamentationen von +denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht +beeinflußte überdies die Enttäuschung Grete, aber die würde bald wieder +einem anderen Gefühl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken +war wieder voll bester Hoffnungen. + + * * * * * + +Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich. +Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus führte, fragte +Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat, +deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz +abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach. + +Hederich stand, den Rücken der Thür zugewendet, über eine Kiste gebückt, +in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin +vermutend, und ohne sich umzuwenden. + +"Was ist--was ist?--Drum und dran--jetzt habe ich keine Zeit.--Wie? +Was?--Ah, ah--Sie, liebe Frau von Brecken?--Verzeihen Sie! Bitte, nehmen +Sie Platz.--Nein, es ist gar nichts. Es war nur--drum und dran--Hier, +hier sitzen Sie bequemer.--Ja, ich will gleich sagen, daß ich nicht zu +Hause bin, daß wir ganz ungestört bleiben." + +Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurück und nahm neben +Grete, die mit trüber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte, +Platz. + +"Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Böses?" begann Hederich, +sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll +Teilnahme anblickend. + +Aber statt zu antworten, legte Grete plötzlich die Hände vor das +Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust. + +"Es ist aus, alles aus, Hederich," stieß sie, nachdem er zärtlich, wie +man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. "Ich bin +traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich--Mama und +Papa wollen unabänderlich fort. Und noch anderes: Ich fühle--o +Hederich!--es ist schrecklich--entsetzlich--, allmählich eine nicht zu +erklärende Abneigung gegen Brecken.--Und doch vielleicht sehr +erklärbar," fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. "Er ist +nicht gut, ich seh's,--er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich +gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rücksichtslos war, +aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen +Sie, Hederich, ich möchte wieder von ihm. Ich möchte meine Freiheit +zurück haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht über ihn +ausgesprochen, und ich jetzt sehe und höre, wie sie alle über ihn +denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesänderung bestärkt, alles +betätigt. Ich fühle, daß sein Einfluß auf mich nicht gut war, daß er +meine Fehler, meine Engherzigkeit förderte, daß er es gewesen, der mich +den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas +ganz Selbstverständliches ansehen ließ. Er bringt uns überhaupt mit +aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurück--ich +merke es wohl--, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir +erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht +uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben +jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun +auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie überworfen!" + +"Wie? Mit Frau Cromwell auch?" stieß Hederich, dem alles andere von +Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr +früher oder später hatte kommen sehen, auf den das Zerwürfnis mit +Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus. + +Und nun sagte sie ihm alles, was sie wußte, und wie sie trotz Tankreds +Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloß: +"Er hat's natürlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er +wünschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn +spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf. +Ach--ach--Hederich--ich weiß nicht, was werden soll. Hat mich Mama so +beeinflußt? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darüber +klar, daß ich nicht glücklich bin und mit Brecken nicht leben kann. + +Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken, +Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflußt mich durchaus nicht. +Ich schwöre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich +bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine +Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurückzugewinnen, mir die Achtung +anderer zurückzuerwerben, mich mit Mama auszusöhnen und meine Seelenruhe +wieder zu erlangen. O, ich möchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von +ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu +rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun +helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab? +Ich muß wieder frei sein!" + +Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte +wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt +und sagte: + +"Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine +schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie +wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig, +und wenn er Sie wirklich läßt--passen Sie auf--dann verlangt er +womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum +einen Bettel hin. Ich sag's--drum und dran--offen, wie ich's mein. Und +erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm +geschlossen?" + +"Ja--a--, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof +als sicher in Aussicht stellte.--Bitte vergessen Sie doch nicht, +Hederich," schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes +Kopfschütteln begegnete, "welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur +die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß +wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen, +als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich +hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich. +Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin +ein Weib und habe Fleisch und Blut--" + +Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie +als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein +Vorgespräch darüber stattgefunden: "Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß +wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich. +Nun ja denn--ich will's versuchen, so lange es geht," schloß sie, dumpf +resigniert. "Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen +bleiben, 'er' mag sich von uns separieren." + +Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch +eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab +auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so +plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei. + +"Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß +aufgerafft," entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton. +"Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen +Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte, +daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere, +statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte +zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast +ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen, +brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor +dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte. +Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich +konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und +sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles +berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und +meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein +Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn." + +Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und +überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es +herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort +haben solle. + +"Von Falsterhof? Von Theonie?" Grete erbrach den Brief mit fieberhafter +Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie +mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen, +ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie +vernichtet in den Sessel zurück. + + * * * * * + +Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in +Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte, +zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er +das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem +in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu +reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für +seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen +erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte +sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über +die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme, +Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit +zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend +etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so +sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit +direkt oder indirekt für sich zu wirken. + +Frau Höppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des +Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzählte ihm +sogleich sehr besorgt, daß ihr Mann wieder einmal das Bett hüten müsse. +Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Während +sie ihr Gespräch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten, +schon deshalb, weil Tankred sah, daß die Gelegenheit, über seine Sache +zu reden, durchaus keine günstige war, meldete die Magd den Doktor, der +sogleich ins Zimmer trat und berichtete, daß er bereits bei dem nachts +vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei. + +Tankred stellte sich völlig unwissend und bat den Arzt, Näheres +mitzuteilen. + +Es könne eine sehr langwierige Sache werden, äußerte der Doktor Ernst, +ein etwas kurz und bündig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit +vielfach angegriffener, aber ungewöhnlich zuverlässiger Mann. Es seien +leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe +in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt. + +Die Pastorin hörte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid +für Theonie. + +Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am +Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklärte sie. + +Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich +bei diesen Worten aber noch einmal zurück und sagte: "Es wäre allerdings +sehr wünschenswert, daß Frau Cromwell zuverlässige Mitteilung in +schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorläufig nur +sagen lassen, daß er heute verhindert sei, sie zu besuchen." + +"So, so!" stieß die Pastorin lebhaft heraus. "Ja, dann muß ich doch +wohl sehen, ob ich nicht--Aber halt! Würden Sie es nicht vielleicht +übernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?" + +Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als +einziger Verwandter grade die richtige Persönlichkeit. Der Doktor +stimmte auch zu und sah, bereits in der Thür gehend, Tankred ermunternd +an. + +"Ja natürlich--gewiß--ich werde alles besorgen!" gab Tankred, dem +plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, bereitwillig zurück. "Und +was meinen Sie, Herr Doktor, wäre es wünschenswert, daß meine Kousine +etwa zur Pflege hinüberkäme?" + +"Nein--ich denke--wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine würde, +abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt +werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, daß etwas Erkältung und Fieber +vorhanden sei. Sie werde täglich Nachricht erhalten."-- + +Wenige Minuten später hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred +war schon wieder auf dem zum Wirtshaus. + +Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt +schaffen wollte! dachte er, während er dahinschritt. Dann, dann konnte +alles noch gut werden! In ihrem Schmerz würde Theonie wieder weicher, +nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt. +Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil +nützen! + +Im Krug angekommen, ließ er sich Papier und Tinte geben und schrieb: + + 'Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufällig bei Höppners war und dort + den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, daß Dein + Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen + zu können, daß Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann + Dich Dein Bräutigam in den nächsten Tagen nicht. Ich wähle diese Form + der Mitteilung, da ich persönlich ja nicht vor Dir erscheinen darf. + Ist es denn wirklich wahr, daß jedes Band zwischen uns zerrissen ist? + Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche + Natur stets nachher tief bereuenden + + T. v. Brecken?' + +So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an +sich, bestieg sein Pferd und ließ es, als er nach einem Stündchen das +Verwalterhaus von Falsterhof berührte, von dort aus Theonie hintragen. + +Nach einigen Umwegen über den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag +wieder nach Hause zurück und berichtete seiner ihm abermals mit einem +eigentümlich stillen und verschlossenen Wesen gegenübertretenden Frau, +weshalb er unverrichteter Sache zurückkehre. + +"Die Zeit muß es klären, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine +Hoffnung weniger!" stieß sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und +bückte sich über ihre Handarbeit. + +"Was sagst Du? Du bist so sonderbar!" forschte Tankred mit einem Anflug +von Ungeduld. Ihn ärgerte ihr Wesen. "War Mama unten?" + +"Nein!" + +"Sprachst Du niemanden?" + +"Ich verstehe Dich nicht--" + +Tankred fühlte, daß seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie +eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren +Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie. + +"Hederich war hier! Er sagte es mir doch--" setzte er, seine +Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an. + +Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an. + +"Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du +das." + +"Oft thue ich das? Was soll das heißen? Was hast Du überhaupt? Du bist +so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflußt? Sprich!" + +"Ach Tankred--" ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe, +schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das +Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer +plötzlichen, unerklärlichen Unruhe vermischter Gefühlsdrang mahnte den +Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zärtlich und versöhnend auf +sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu +zügeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuß und wiederholte +ungeduldig, drohend und gebieterisch: + +"Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich +aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben +intriguiert?--Nun? Wirst Du antworten?" + +Aber unwillkürlich trat Tankred zurück. Statt sich zu fügen, richtete +Grete plötzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine +Gestalt musternd, rief sie: + +"Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse +nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke +es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal.--A--h--" stieß die Frau +langgezogen heraus und fiel in einen Sessel "Wie grenzenlos traurig +starrt mich das Leben an!" + +Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so +unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte, +so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn +gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern +grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar +war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst, +Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur +Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und +ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu +sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch +die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm +vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre, +und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben +nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens, +das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt. + +Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei +Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie +eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin. + +Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe +zusammenfassenden Weise heraus: + +"Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That +überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!" + +Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte +sie hinzu: + +"Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür +geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint +mehr, als daß es lacht--es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von +uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die +Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und +wer verschuldet das alles?" + +"Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?" + +Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er +war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde +erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr +keine Furcht ein. + +"Gleichviel--es ist so--und ich muß es tragen,"--stieß sie mit finsterm +Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf +die Hand. + +Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos. + +"Ja, ja, Du mußt es tragen!" betonte er roh und höhnisch. "Und das +Bündnis mit mir bereust Du jetzt natürlich, seitdem die Aussichten auf +Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kälte. +Jetzt bin ich Dir nichts mehr!--Natürlich, natürlich, Du kalte, +berechnende Natur!" + +"O Du--!" stieß die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den +Mann mit einem Ausdruck maßloser, mit Ekel und Weh vermischter +Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was +sie noch in ihrem Herzen für ihn fühlte. Und er wußte auch jetzt durch +ihren Blick, daß er sie verloren, daß sie ihn erkannt hatte als das, was +er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die +Personen, die Mißtrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu +solcher Flamme, sollten büßen. Zunächst jedoch noch einem anderen +Gedanken folgend, sagte er und drängte seinen Blick in ihre Augen: + +"Übrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als völlig nebensächlich +zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du +mich denn je geliebt?" + +"Wozu--das--?" + +"Gleichviel--sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle +ja nicht!" + +"Ich glaubte Dich zu lieben, ja!--" + +"Und nun liebst Du mich nicht mehr?" + +"Nein!" + +Sie sprach's mit grausamer Kälte. + +"Nein?" + +Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes +Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern +bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich +dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn, +Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung +wirbelten in Tankreds Innerem zusammen. + +"Nein?" wiederholte er. "Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir +Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren +trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun, +was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?" + +"Besser, Du hättest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es +ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wärme, aber ich +mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres +enthüllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in +dieser Stunde geschehen, lötet doch kein Künstler wieder zusammen, und +hätte er eines Gottes Hand. Hier!" fuhr sie fort, knöpfte ihr Mieder auf +und zog Papiere hervor. "Lies diese mir heute morgen von Theonie +zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage. +Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann +wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun höre und wisse: Als +ich mich entschloß, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler, +aber in ihnen zugleich Zeichen kräftiger Männlichkeit, die ich um so +höher schätzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermißt hatte! Sie +respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefühl, das ich +selbst für Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt, +sondern Ekel vor Dir. Gewiß, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig +Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt +meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie +schlecht. Ich hasse die Lüge, die Unehrlichkeit, die Maske, die +Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch +diesen einen Blick in Deinen Charakter plötzlich die Binde von meinen +Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt +habe? Hattest Du denn je für mich ein ehrliches Gefühl? Nein, Du hattest +nur Gefühl und Sinn für mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu +dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung über +mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O--welche Meinung! Ich bin +so beschämt, so bedrückt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern, +daß der Tod mir eine Erlösung wäre. Nach reiner Luft schreie ich; wie +verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphäre! Droben meine Mutter in +Thränen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu--selbst +Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst +bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir +fördernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei +ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, daß ich so +weit sank, daß mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und +Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand +gesagt hätte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer hätte +die Nachricht auf mich wirken können, als der Beweis, daß Du ein +Fälscher bist."---- + +Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann +regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zähne zusammenbissen, +ging unruhig hin und her. + +Dann aber raffte er sich auf, warf höhnisch den Kopf zurück und griff +nach Theonies Schreiben. Es lautete: + + 'Sehr geehrte Frau von Brecken! + + Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, daß eine + Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat. + Ich habe sie nicht herbeigeführt, sondern er, und wenn er sich meiner + höflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich + die Erbangelegenheit zu ordnen, gefügt hätte, wenn er nicht abermals + Schuld auf Schuld gehäuft und an den Tag gelegt hätte, daß seine + Wandlung nur eine rein äußerliche geblieben, würde ich sicher das + Eventualversprechen später in ein definitives verwandelt haben. Er + aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses + verbieten mußte, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine + in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm + Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und + Verwandter, dem etwas zu gewähren ist, sondern wie einer, der etwas zu + fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will. + + Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklärte, daß er + durch sein empörendes Verhalten ein für allemal jeden Anspruch + verwirkt habe, spielte er eine widerwärtige Komödie und schob, statt + seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein + heißes Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhärtete + völlig meinen Entschluß, das Tuch zwischen uns zu zerreißen. + + Ich füge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein + inständiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren. + Aber ich will überdies, daß Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich + nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat, bedarf es zur richtigen + Schätzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen. + + Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluß unabänderlich, so + unabänderlich ist, daß ich bereits eine anderweitige unumstoßbare + Verfügung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklärung zur + Verfügung. + + Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen + werden, ich bitte, nicht allzu strenge über mich. Ich vermochte nicht + anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter + trägt die Schuld an diesem Ergebnis. + + Die Ihrige + + Theonie Cromwell geb. von Brecken.'-- + +Zunächst begab sich Grete nach dem völligen Bruch mit ihrem Manne auf +ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen +Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich überhaupt auf der +Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die +Erde, alle Geschöpfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall +entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles +geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der +einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen +auch müßig war, deren Unlösbarkeit aber die Qual und den Lebensüberdruß, +der Grete erfaßt hatte, erhöhten. Und doch gingen allmählich ihre +Gedanken wieder zurück auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie +sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gänzlichen +Öde ihres Innern trat--wie umgekehrt dem Glücksrausch die Ernüchterung +zu folgen pflegt--ein Gefühl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit +der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemächtigte sich ihrer. + +War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so völlig zu +verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein! +Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, daß ihr Herz spröder +als dasjenige anderer war, daß ihr Ich sich vordrängte, sondern die +Harmonie ihres Innern zurück zu gewinnen, glücklich zu sein, darauf kam +es an! Und um glücklich zu sein, mußte man andere glücklich machen, das +hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwürfnis mit ihrer Mutter, +deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war +verderblicher, als vor dem Unglück den Nacken zu beugen. + +Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedächtnis +eingeprägt hatte: + + Feiger Gedanken + Bängliches Schwanken, + Ängstliches Zagen, + Weibisches Klagen + Wendet kein Elend, macht dich nicht frei. + Allen Gewalten + Zum Trotz sich erhalten, + Nimmer sich beugen, + Kräftig sich zeigen. + Rufet die Arme der Götter herbei! + +Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunächst zu ihrer +Mutter gehen und versuchen, sie zu versöhnen, und dann, nachdem das +geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu lösen. Es ging +doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es +Hederich gegenüber geäußert hatte. Halbe Verhältnisse waren von allem +das schlechteste. Sie wollte eine vollständige Scheidung herbeiführen, +und wenn sie darum kämpfen sollte mit den letzten, äußersten Kräften +und--Opfern. + +Opfern?--Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten +Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau +atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer. +Ihre guten Vorsätze stritten heiß mit ihrem Egoismus.-- + +Einige Stunden später stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da +sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlüssig, was sie thun +sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, daß sie zauderte, +ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick öffnete Frau +von Tressen die Thür und rief über den Korridor nach dem Diener. + +"Ich suchte ihn auch, Mama--" erklärte Grete. + +"Grete, Du?" ging's in maßlosem Erstaunen aus dem Munde der Frau. + +Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stürmisch +ihrer Mutter Hand. + +"Ich möchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!" +begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und ließ sich an dem +Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versöhnung +erbittenden, weichen Ausdruck nieder. + +"Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?" fuhr sie drängend fort. "Ich +komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und +meinem Mann--" + +Frau von Tressen, die mit größter Überraschung zugehört, fuhr bei dem +legten Satz unwillkürlich in die Höhe. + +"Ich will los von ihm!" fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden +fort. "Ich habe eingesehen, daß wir nicht für einander passen. Wir +ergänzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmöglich +macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, daß ich mich wieder von ihm +trenne." + +Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Pläne. + +Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Süden abreisen, und ihre +Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht, +vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu +besprechen. Er sollte persönlich mit Tankred verhandeln. + +In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein +Sturm von Empfindungen. Dieser plötzliche Entschluß in so bestimmter +Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der +Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der +Nüchternheit ihrer Auffassung so außerordentlich, sie verrieten so +ungewöhnliche Vorgänge, daß Frau von Tressen vor allem in Grete drang, +sich ihr ganz anzuvertrauen. + +"Es war schon lange etwas in mir," entgegnete die Frau. "Ich wollte es +mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht +nur äußerlich, für Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder +auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir +stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kämpfe in +mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst +auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmählich den Gedanken in mir, daß +es so nicht weiter gehen könne. Ich war auch nicht blind für das, was +sonst um mich her vorging." + +In dieser und ähnlicher Weise erörterte Grete ihrer Mutter die einzelnen +Vorgänge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch +Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds +Fälschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine +furchtbare Aufregung. + +Am Schluß legte Grete, gedrängt von ihrem Gefühl, einen besonders +zärtlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der über ihre Wandlung +bewegten Mutter, daß nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem +Entschluß gelangt war, sondern daß auch die Liebe zu ihr einen Anteil +daran gehabt hatte. + +Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer +begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und +meldete seiner Herrin, daß Herr von Brecken bereits vor einer Stunde +fortgeritten sei und hinterlassen habe, daß er wahrscheinlich nicht zu +Tisch komme. + +Dies veranlaßte Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu +bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen. + +Als sie beisammen saßen, ward die Reise erörtert, und Grete erklärte, +daß sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle. + +"Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen früh gleich ab und +begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer +Rücksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg." + +Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein, +nichts zu überstürzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so +wichtiger Entschluß bedürfe der Überlegung; auch um der Menschen willen +sei es ratsam, es so einzurichten, daß nichts Auffälliges in ihrer +Abreise gefunden werden könne. + +"Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt +rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, daß sie sich schon vorher mit +unseren Angelegenheiten befaßt?" + +Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie +doch bei ihrem Willen und fügte sich nur darin, sich nicht heute schon +in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal +der Anlaß zu Gesprächen entzogen werde. + +"Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir höre, die mir abmahnt," +sagte sie. "Übrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rückkehr +zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erkläre, wir wollten +uns auf Reisen begeben." + +"Thue auch das nicht," riet Frau von Tressen. "Er wird Dich zu hindern +suchen. Füge Dich heute scheinbar, und dann laß uns morgen ohne +Rücksicht handeln."-- + +Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken. +Grete hörte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde +Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geräusch, +als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestürzt. + +Als sie erschrocken, aber auch gereizt über diesen Lärm, die Thür +öffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebärden am Treppenabsatz +stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem +Unglücklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich +packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen. + +"Nein, er bleibt!" erklärte Grete in äußerster Empörung, und nur mit +Mühe sich bezwingend. "Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird, +und ich will nicht, daß der Mensch wie ein Hund davongejagt wird." + +Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der +Hautabschürfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien, +zu, er möge in sein Zimmer gehen, dort das Nötige für sich thun und +später zu ihr kommen. + +Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau. + +Er überschüttete sie, ohne Rücksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit +lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief: + +"Und nun in Dein Zimmer! Es wird überhaupt Zeit, daß ich hier ein +anderes Regiment einführe, den Durchstechereien, Sentimentalitäten und +Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und +unten gründlich aufräume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite +kennen lernen.--Nun, hörst Du nicht? Marsch, vorwärts, oder--" + +Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz +bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thür. Und nun ertönte +ein furchtbarer, markerschütternder Aufschrei--und dann folgte etwas, +das allen Plänen und Reisegedanken für jetzt und immer ein Ende machte. + + * * * * * + +Drei Tage später war's. Ein neues lebendes Wesen und--eine Tote. + +Indem die Frau ihrem Kinde ein zu frühes Dasein gegeben, hatte sie ihr +eigenes eingebüßt, und unversöhnt mit dem Manne, dem sie einst in der +Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden +Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kämpfen +dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt. + +Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Räume, die Dienstboten +schlichen ängstlich flüsternd einher, und Frau von Tressen, die keinen +Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie +vernichtet. + +Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit +gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das +kleine Wesen zu kümmern. + +Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte +oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft +sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer +Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die +Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, daß sie wie +zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empörung aufschrie. + +Und Gedanken kamen und lösten sich ab, und ihre Seele weinte. + +Nein! Es war nicht möglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte +nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fürchterlich. +Jetzt erst fühlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber +auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, daß sie einer +Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte. + +Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, daß er +nicht erwarten konnte, daß die Leiche aus dem Hause kam, daß das +'Gejammer' ein Ende nahm, daß er ganz allein Herr wurde im Hause und sie +verjagen konnte für immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Überlegung, +welchen Nutzen er für sich aus diesem Vorfall ziehen konnte. + +Kein Zweifel, er würde Holzwerder für seinen Sohn in Anspruch nehmen, +auf die Gütergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als früher +benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft. + +Seinen Schwiegervater hatte er während dieser Tage nicht einmal besucht, +mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten +Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe über seine Lippen gekommen. Nur +dem Arzt gegenüber hatte er eine widerliche Komödie gespielt, damit er +die Eindrücke hinaustrage in die Umgegend. + +Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung +der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die +Hände reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es +doch trotz allerlei Widerwärtigkeiten so gut mit ihm meinte. + +Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da +droben würden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er würde sie +kurz und bündig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den +Händen geben, hieß mit dem Feuer spielen. Gewiß, der Balg war ihm +unbequem, aber diese Gêne mußte er schon mit in den Kauf nehmen. + +Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhöht durch etwas sehr +Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag +fast aussichtslos darnieder; es schien jede Möglichkeit ausgeschlossen, +daß er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begräbnis +gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt. + +Und dann beschäftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem +Nächstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen würden, was die +Frau vorbringen, welche Vorschläge sie wegen des Kindes machen werde. + +Der nächste Tag mußte Entscheidendes herbeiführen. + +Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne daß die Schwiegereltern +sich rührten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Rücksprache mit +Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich, +war besorgt, sie ließ wie früher unten kochen und sich oben bedienen und +machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Änderung +herbeizuführen oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes +Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermaßen auf, daß er schon +wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem +Schlupfwinkel herauszutreiben. + +Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken, +ob es weise sei, noch mehr Anlaß zu Gesprächen zu geben. Er hatte eine +Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging, +daß man ihn für den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt +war, und daß sich Gerüchte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte +von Theonie in Verbindung standen. + +Die Worte: "So was mit Papieren soll nicht richtig sein" waren an sein +Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck +in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht +für ihn gewesen, daß er im Fluge nach Hause geeilt war, um das +Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen +gehalten hatte, zu verbrennen. + +Wo kamen aber diese Gerüchte her? Entweder von Falsterhof oder von +Hederich. + +Dieser Hederich, wie er ihn haßte! Nur Rücksicht auf Grete hatte +verhindert, daß Tankred nicht längst seine Absicht, ihm den Laufpaß zu +geben, zur Ausführung gebracht hatte. + +Zunächst ließ er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen. +Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war +damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und +bei der Grabrede Höppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte +Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es +ihn geärgert. Auch die Pastorin Höppner hatte sich angestellt, als sei +der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschätzung, die +man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer +erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration.-- + +Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrückter Miene zu +seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die +Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie +Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich +kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins. + +In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch für +Brecken übrig gehabt. Auch hatte ihn eine völlige Gleichgültigkeit +erfaßt, welche Meinung Brecken über ihn, den Untergebenen, habe, ob er +ihm gar die Thür weisen werde. + +Brecken ekelte ihn über die Maßen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin +lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Berührung kamen, +am Ende aufdrängte. + +Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte: + +"Sie wünschten mich zu sprechen?" + +"Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!" warf Tankred, den +diese kurze Art äußerst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und +trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer. + +Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten +seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines +zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch höflich gewesen. Tankred +aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da +plötzlich kam Hederich ein Entschluß, ein fester, unabänderlicher. + +Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er +geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen +war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rüden Habenichts, diesem +Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und +wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen für immer. + +Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da +mit stolzer Miene, als Brecken zurückkehrte. + +"Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine +Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter--" + +"Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich heute meinen +Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Aufträge mehr von +Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen +hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, daß wir jeden Tag +gegenseitig das Recht haben, unser Verhältnis zu lösen. Von diesem Recht +mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!" + +"So, das sind ja sehr hübsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur +so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was +ist denn der Grund, mein Geschätzter, daß Sie sich die Erlaubnis nehmen, +in solcher Weise jede Rücksicht außer acht zu lassen und mir zu +begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand +entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das +intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so +wenig hellen Kopf plötzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich +nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezüglich ihrer Vortrefflichkeit +sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hält sich für einen Gott, und, +bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisäerhaft an +die Brust schlagende, außerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber +dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter fröhnende Gesellschaft. Nun, +antworten Sie, welche Gründe haben Sie, sich plötzlich in die Brust zu +werfen, als wären Sie ein Cäsar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun +sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so +viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklärung!" + +Diese in einem maßlos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese +Ausfälle, welche Hederich in solcher Stärke nicht im entferntesten +erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, daß +der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen +Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunächst ganz fassungslos. Auch +gaben sie seinem ursprünglichen Entschluß eine völlig andere Richtung. +Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit +Brecken einließ. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, +ernst und würdevoll: + +"Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der +Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kündigung und deren Ursachen, +für mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in +Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und +dran, in den Weg legen, so weiß ich, wo ich Schutz und Recht finden +kann, und werde davon sehr ausgiebig für mich und andere Gebrauch +machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von +Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!" + +Nachdem Hederich gegangen war, zündete Tankred die ihm bei dem Gespräch +ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz +in die Kaminflamme hielt. Während er sich mit dem Anbrennen mühte, +überdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das +hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzählen, wie er, Brecken, +über die ganze Idiotengesellschaft dachte. + +Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu +einem völlig klaren Nachdenken über sich selbst. Während er da in seinem +Lehnsessel hockte, murmelte er: + +"Ich besitze Gaben, durch die ich Großes schaffen könnte, aber sie +bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs +stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil +sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jähzorn und Mangel an Mäßigung +verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Günstiges schafft, wird durch +mein Ungestüm meist wieder aufgehoben." + +Und eine ängstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die flüsterte, +es sei nur Schein, daß Gretes Tod, das Zerwürfnis mit Tressens, der +Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm förderlich werden +würden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder +beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die +Erfüllung seiner Wünsche? Und das Gute üben, war langweilig und öde, +und durch die Entäußerung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als +der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und +befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er +sich moralisierend in Sack und Asche hüllte.-- + + * * * * * + +Am Abend dieses Tages saß Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war +gekommen, um Abschied zu nehmen; am nächsten Vormittag wollte er das Gut +verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach +Elsterhausen begeben. + +Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch +diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den +letzten Halt, und nun war es auch für sie nicht mehr zweifelhaft, daß +sie Holzwerder aufgeben müßten. In diesen Trauertagen hatten sie einen +Entschluß überhaupt nicht fassen können. Bei ihren Überlegungen sprach +bald alles für ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte +aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie +blieben, würde die Großmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und +eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre +zweifellos gefährdeten Rechte. Es stand ja alles für sie in Frage. Aber +dann drängte es sich ihnen wieder auf, daß es doch unmöglich sei, mit +einem solchen Menschen, einem Fälscher, ferner unter einem Dache zu +wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr +sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Berührung zu gelangen. + +Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach +Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher +hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage +Unschlüssigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der +jäh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die +Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen. + +"Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, gnädige +Frau!" erklärte Hederich, nachdem er Bericht über seine Begegnung mit +Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht +hatte. "Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen +Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber +klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht +bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann müssen alle +Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behörde muß +gemacht werden, daß ihm als einer vertrauensunwürdigen Person die +Vormundschaft über das Kind genommen wird. Gern würde ich in Ihrem +Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr +anhören, und--drum und dran--ich halte, abgehen von meiner Abneigung, +jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits +auch für gänzlich aussichtslos." + +"Nun, so will ich mich selbst aufraffen," entschied Frau von Tressen mit +blitzendem Auge, und plötzlich wie verwandelt. "Morgen vormittag werden +wir im klaren darüber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden +dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbärmliche seine +Rolle weiter spielt!" + + * * * * * + +Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in +Breckendorf dufteten die Blumen, die Bäume und Gebüsche prangten in +Kraft und Schönheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er +blütenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es +Zwitschern und Singen fröhlicher Vögel. Ein sanfter Regen, der über +nacht herabgefallen, hatte den durch längere Dürre hervorgerufenen Staub +verwischt und das müde Träumen der Natur in frisches Leben verwandelt, +in dem sich nun die neuen Triebe kräftig hervordrängten. Und freudiges +Leben erfüllte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau +Höppner lief in Haus, Hof, Küche und Keller umher und sah nach dem +Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stürmte jauchzend durch die +Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor +schien endlich mit aller Krankheit aufgeräumt zu haben; sein Aussehen +war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar. + +Die beiden Gatten ernteten die Früchte ihrer Herzensgüte durch +Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in +Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit +näherte, daß die Einweihung vor der Thür stand, durchströmte sie ein +Gefühl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein großes Fest bereitet. + +Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und +Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche +Sorgfalt retten können; noch einmal war das Glück wie eine helle Sonne +vor Theonies Thür erschienen, aber nur zu schnell war es wieder +verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen. +Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem großen +Hause oder wanderte todesbetrübt durch den Park. + +Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fülle +entfaltet. Die Vögel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute +ländlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal +fröhliches Singen. Aber die Frau hörte davon nichts, und wenn's ihr Auge +und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so +schmerzerregender an das, was sie verloren hatte. + +Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach +Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt. + +Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den +Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem +eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklärt, sich zu ferneren Raten +nicht mehr verstehen zu können. Falls Tressens es angebracht finden +sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die +gerichtliche Entscheidung erwarten. + +Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken +gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklärt, was sie wollte, und +ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei +waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen: + +Daß alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte +Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier +wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der +Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen +hätten, so wäre nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Daß +er die Schuld an ihrem Tode trage, sei lächerlich. Er habe allerdings +eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten +vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien +anderen schon viel schwerere Dinge zugestoßen, ohne daß sie üble Folgen +davon getragen hätten. Aber jede Krankheit schließe die Möglichkeit +eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein +Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein +natürlicher Vormund. + +In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles nötige +vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern +geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen +Fall Bedacht genommen wäre. Er sei indes als Nutznießer des Besitzes +nicht abgeneigt, ihnen bis zur Mündigkeit des Knaben eine monatliche +Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, daß Tressens sich den Bedingungen +unterwürfen, die er stellen müsse. + +Zu diesen Bedingungen gehörte in erster Linie, daß sie Holzwerder +räumten, und ferner, daß sie sich verpflichteten, in die Erziehung des +Kindes in keiner Weise einzugreifen. + +Sobald ihm aber je auf Tressens zurückzuführende Anschuldigungen und +Verleumdungen, beispielsweise, daß er an Gretes Tod Schuld trage, oder +der Unsinn, daß er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als +das von Theonie ausgefüllte vorgelegt habe, zu Ohren kämen, werde er +keinerlei Zahlung mehr leisten und überhaupt jede Erinnerung an einst +mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen auslöschen. Das sei sein +unabänderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte +er sich überhaupt zu nichts, sie besäßen keinerlei Rechte, sondern seien +lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen. + +Nach diesen kaltherzigen Erklärungen hatte er freilich auch wieder eine +versöhnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal +ohne Voreingenommenheit zu prüfen, ob's nicht besser sei, daß sie sich +trennten, ob er anders handeln könne bezüglich des eigenen Kindes; er +zeige doch jetzt, daß er wahrlich kein selbstsüchtiger Mensch sei. Es +habe sich die Mär gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte, +egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine +glückliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles +Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter +seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben, +und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur +daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er +niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred +hatte mit der Versicherung geschlossen, daß, wenn er auch nichts +schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so könne Frau von +Tressen doch darauf bauen, daß er schon um Gretes willen, die er so sehr +geliebt habe, sein Wort halten werde.-- + +Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres +Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Großmutter hatte +das Kind in Tankreds Händen lassen müssen. Gegen einen solchen Menschen +gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine +solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines +Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen +Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein +Prozeß währen, und wovon sollten Tressens, die sehr verwöhnten Menschen, +in der Zwischenzeit leben? Eine Weile würde es wohl gehen, da sie Kredit +besaßen, so lange nicht bekannt wurde, daß sie mittellos geworden; aber +am Ende vermochte selbst der Genügsamste sich auf die Dauer ohne Geld +nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstützung +angehen zu müssen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie +Empörung darüber, daß der Schurke nun auch noch diesen Akt von +Niederträchtigkeit gegen sie ausgeübt hatte. + +Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat +nach Elsterhausen gefahren, um seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Er +hatte sich erboten, vorher noch einmal mündlich mit Brecken Rücksprache +zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits +klar zu machen, daß er einen Prozeß unmöglich gewinnen könne. + +Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein +gutes Wort geben, hieß sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefühl +bäumten sich dagegen auf. + +Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten +Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rückgrat.-- + +Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf +den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem +Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein. + +Die seitdem eingetretenen Veränderungen fielen ihm sofort auf: von der +vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen +Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten, +war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nützlichkeit +gestellt. Dem Schönheitssinn waren keine Rechte mehr eingeräumt, denn zu +beiden Seiten der Wirtschaftsgebäude lagen jetzt Misthaufen, zwischen +dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die früher +sorgfältig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die +Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlässigten +Chaussee. + +Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden +waren verhängt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststürme von +den Wänden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die +Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der +Wirtschaftsgebäude kostete Geld, und Geldausgeben war dem völlig zum +Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel. + +Als Brix in das Schloß eintrat, hantierte Tankred in einem abgenützten +Hausrock im Flur und hämmerte selbst an einem wackelig gewordenen +Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergerät. Er +konnte sich nicht mehr entschließen, einen Handwerker auf den Hof kommen +zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, überlegte +er, ob er ihr nicht ausweichen könne. + +Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfänglich seine Züge, +dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und nötigte den +unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach. + +Hier zeigte sich noch die ursprüngliche Eleganz; der Fußteppich wies +zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten +überall dem Auge entgegen. + +Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub +zu entfernen war, da trachtete der Mann ängstlich, es zu erhalten. Der +Geiz äußert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert +Dinge, oft ist er blind. + +"Ich komme," hub Brix an, "um über das unseren gemeinsamen Freunden von +Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiß nicht, Herr von +Brecken, worauf sich Ihre Sinnesänderung stützt, aber ich weiß, daß Ihre +Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt +worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie müssen darben, wenn sie +nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen +Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig +wieder eintreten zu lassen." + +Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden +Worte eine Erwiderung. + +Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretär einige +Aktenstücke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus. + +"Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern +geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem +ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens +keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie +gefälligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?" + +Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit +einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschäftlich zu +behandelnde Angelegenheit in Frage. + +"Meine Ansicht über die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente +von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des höchsten +Gerichtshofes nicht ändern, Herr von Brecken," entgegnete mit kühler +Abwehr der Justizrat. "Es ist daher wertlos, daß ich die Auffassung +meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht +deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefühl +zu appellieren. Ich möchte einen Vergleich anstreben, durch den das +wahrlich für die Außenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses +zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden +wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie +haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird +doch sicher einen höchst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man +erfährt, daß Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien +verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthätigkeit Fremder in +Anspruch zu nehmen." + +Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehört. Nachdem der Justizrat +aber geendet, stieß er, alle dessen Worte umgehend, heraus: + +"Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen! +Warum können die Leute sich nicht einschränken? Mit der Hälfte werden +sie auch leben können!" + +Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte +die Sache lediglich aus Geiz eingefädelt. Er wollte durch dieses +Vorgehen die Hälfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann--nun +dann mochte es auf einen Prozeß ankommen! + +Aber daß er damit kein Glück haben werde, sah Brecken freilich sehr bald +ein. + +"Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken," erwiderte der Justizrat, "daß +Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen würden, so +muß ich Ihnen sofort erklären, daß davon nicht die Rede sein kann. Sie +denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, würden vielmehr, +wenn Sie auf dem--entschuldigen Sie--unmenschlichen Standpunkt beharren, +in der Klage beantragen, daß ihnen die Vormundschaft über Ihren Sohn +übertragen und die Nutznießung des Vermögens zugesprochen wird. Und +wenn wir das erstreiten sollten, wie würden dann die Sachen für Sie +stehen?" + +Brecken lachte höhnisch. + +"Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit +Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Männer. Ich +lebte mit meiner Frau in Gütergemeinschaft, folglich gehört mir nach +ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen, +das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde für den Fall einer +Nachkommenschaft bestimmt, daß jeder von uns bis zur Mündigkeit unserer +Kinder die Nutznießung des Vermögens behalten, später aber Ansprüche auf +eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentümlichen Anschauungen +steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch +selbst die Verfügung über das Vermögen entzogen. Für die mir +eingeräumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte für ihre +Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem +Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft +absprechen will, der muß den klaren Verstand verloren haben." + +"So würde es allerdings auf den ersten Blick scheinen," warf Brix ein. +"Aber die Ansprüche Ihrer Schwiegereltern können nicht alteriert werden, +denn sie wurden ihnen eingeräumt, damit sie zu leben vermöchten. Und +ferner: Ihre Frau Gemahlin gewährte Ihnen die erwähnten Vorteile aus +zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die +Ehe zu bringen versprachen, und zweitens--" + +"Nun?" + +"Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, daß diese +Ihre Behauptung eine begründete sei!" + +"Also--was wollen Sie denn weiter?" + +"Was ich will? Sie besaßen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer +Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafür würden wir +Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen." + +Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Fälschung erblickte, +zuckte Brecken unwillkürlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem +Angesicht. Aber nur für Sekunden ward er eingeschüchtert. + +"Ich verstehe Sie nicht," warf er dann hin. "Wenn das eine Anspielung +auf ebenso gehässige wie unerhörte Anschuldigungen sein soll, so erwarte +ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind." + +"Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage +Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage--Sie gaben doch eine Zusage +betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern--festhalten +wollen oder auf deren Zurückziehung bestehen?" + +"Ja, ich bestehe darauf. Höchstens würde ich mich bereit erklären, +Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das würde ich ihnen +dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genötigt bin, sondern +aus Rücksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag." + +Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles +nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, daß der Eigennutz +allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel +erfüllt, daß er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof +schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen. + +Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Nähe von +Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um +in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem +Vorhaben bestärkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den +Gutshof führende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begrüßung schloß er +sich ihm an, und zehn Minuten später saßen beide bereits in Theonies +Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte. +Während er dann auf die traurigen Verhältnisse der alten Tressens zu +sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr, +mit ihr in den Garten hinauszutreten. + +Er erzählte, daß er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den +Eindruck bekommen habe, daß ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in +Not befänden. + +"Sehen Sie, Fräulein Carin, ich komme eigentlich--drum und dran--mit +einer Bitte," erklärte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit +den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm +herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten +nicht gleich zu ihm aufblickte. + +"Ja, bitte, Herr Hederich!" ermunterte Carin ihn nun weich und +freundlich. + +"Ich meine nämlich so, Fräulein Carin: Ich bringe es nicht über die +Lippen, Frau von Tressen zu bitten, daß sie ein Darlehn von mir +annimmt, nein--drum und dran--ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch +nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben +wollten--ich meine--ich meine--mit Frau von Tressen zu sprechen, daß +ich--ich--Sie verstehen, Fräulein Carin." + +"Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!" entgegnete das junge Mädchen, +bewegt durch diese mit so großer Zartheit gepaarte Herzensgüte, und +schaute Hederich voll ins Antlitz. "Ich will auch gern Ihren Wunsch +erfüllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wäre es nicht richtiger, +wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form, +das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner +Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu +nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder +bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist." + +"Na ja, das ist wohl richtig--obgleich--obgleich, Fräulein Carin--" +erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort: +"Glauben Sie, daß auch Frau Theonie etwas thun würde, wenn's nötig +wäre?" + +"Ich weiß es nicht. Sie spricht über gewisse Dinge nie mit mir. Über +ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung +nicht anders als mit den Worten geäußert, sie habe jede Verbindung mit +ihm abgebrochen. Daß sie sich für Tressens interessiert, ist indes +zweifellos." + +"Sagen Sie, Fräulein Carin, es ist--drum und dran--hier jetzt wohl recht +öde und einsam für Sie?" fuhr Hederich, abermals das Gesprächsthema +willkürlich ändernd, fort. "Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten." + +"Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von +Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, daß sie oft Tage lang +nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns." + +"Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fräulein Carin?" + +Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem +Ernst: + +"Mich hält das Pflichtgefühl und--die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl +hin, Herr Hederich?" + +Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhöhe im Park +gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Äckern, Waldungen, kleinen +glitzernden Flüssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Während sie +gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er: + +"Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu +kaufen. Elmenried heißt es, Fräulein Carin. Ich hätte es mir schon +zugelegt, wenn--drum und dran--" + +"Nun?" machte Carin verwundert. + +"Ach, Fräulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz +einsam, und möchte--drum und dran--einen festen Halt haben. Das ist es! +Das hält mich ab!" + +"Sie müßten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!" + +"Wer will mich? Und wenn ein Mädchen mich wirklich wollte, so möchte +ich sie wohl nicht. Eine, ja eine--die--die--" + +Er senkte das Haupt und stöhnte. + +Durch das Innere der Verlassenen zog plötzlich ein nie gekanntes Gefühl; +diesem braven Manne anzugehören, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen, +nicht mehr abhängig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben! +Welch eine wunderbare Aussicht--welch ein Glück! + +Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit +einem warmen, zärtlichen Gefühl, erhob sie das Auge und sagte leise: + +"Eine, Hederich?--Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?" + +Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge +so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stieß +heraus: + +"Ja--ich will ihn nennen--drum und dran--denn einmal muß es doch heraus, +und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht länger bei mir +behalten, weil es mir das Herz abdrückt. Sie sind es, Fräulein Carin! +Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht übel--bitte, Fräulein Carin--" + +"Übel nehmen? Kann sich ein Mädchen nicht nur geehrt fühlen, wenn ein +rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn +auch sie ihm--gut ist--wenn auch sie ihn lieb--" + +"Ach--ah--Fräulein Carin!" ging's stürmisch aus des Mannes Brust. "Ist's +wahr? Ist's möglich? Sie könnten?--Sie wollten wirklich--?" + +Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren +Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar +wie ein Kind. + +Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend: + +"Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen +ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie +versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!" + +Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber +selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des +Mannes Antlitz zogen. + +"Fräulein Carin--Fräulein Carin!" rief er selig, nahm sie in seine Arme +und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber +ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich +und küßte ihn sanft auf den Mund.-- + + * * * * * + +In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix +keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die +Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich +einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich +sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits +schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit +einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während +dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben, +weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten +konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken. +Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen +haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche +Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon +jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen. + +Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn +der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt +besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er--immer mit derselben +brennenden Gier--seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke +hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im +Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen +Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden +Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben +noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne. + +Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen +werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er +in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern. +Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte, +ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es +gab keine in dem gewöhnlichen Sinne.--Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann +--dann--den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen +vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines +Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden +Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut +ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder +bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen +Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in +der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend +verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie. + +Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof +betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurück, +betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lüftete den Vorhang von der +Wiege und versicherte sich, daß der Knabe atmete--daß er lebte.----Lange +stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Züge. Es sah Grete +ähnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde +auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm +werde es gleichen.----War's ein Glück für das Kind, zu leben? Nein! +Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf +eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht +höher achtete, als das einer Fliege,--und ob sie da war in der Schöpfung +oder nicht, welchen Wert hatte das?--wünschte er auch diesem jungen +Wesen den Tod. + +Ein Glück für den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurückzog in ihren +Schoß! Ja, die Erde----aber kein gewaltsames Abschneiden des +Lebensfadens!-- + +Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen +wäre? Brecken überlegte.--Am unauffälligsten geschah's jedenfalls durch +Ersticken;--Spuren einer gewaltthätigen Hand waren dann nicht sichtbar. + +Man mußte es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken über +sich. Ein Erstickungsanfall, befördert durch Husten! Ja, ja, dergleichen +kam vor!--Oder eine starke Dosis Opium--aber das war schon +gefährlicher.--Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon +wieder bei so furchtbaren Gedanken, während er doch zurückgeeilt war, um +sich zu vergewissern, daß das Kind lebte.---- + +Ein heißes Gefühl kam über ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der +Gefühl für dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und +unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich +Tankred von Brecken herab und küßte zum erstenmal seinen Knaben auf die +Stirn. Aber der den Säuglingen dumpfe Geruch stieß ihn ab, und die durch +dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das +Gefühl überhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte, +erlosch die zärtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder. + +Mit dem alten, gleichgültigen Blick sah Brecken den Knaben an und +verließ unter dem Gedanken, daß er es dem Schicksal anheim geben müsse, +ob es seine Pläne fördern wolle, das Gemach. + +Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den +Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit längerer Zeit +erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der +grauen Stute Liese beschäftigte Tankred in der nächsten Stunde mehr als +irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein.---- + +Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushälterin,--die männliche +Dienerschaft hatte Brecken entlassen und außer dieser Frau nur noch die +Kindeswärterin und ein Mädchen behalten,--daß Herr Pastor Höppner auf +dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wünsche. + +"Pastor Höppner?" wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber +hinaus und nötigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer. + +"Welche besonderen Umstände verschaffen mir das Vergnügen, Sie einmal +wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?" begann er +mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rückte einen Stuhl heran und griff +nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und +seinen Dank ausdrückenden Pastor anbot. + +Da Höppner schon glücklich war, wenn er überhaupt nur rauchen konnte, +von der Güte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken +aus der sogenannten 'Leutekiste' angeboten; sich selbst aber hatte er +eine andere und bessere angezündet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer +bedient. + +Höppner begann mit der Erklärung, daß er in der Nähe zu thun gehabt und +die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu +sagen. Er fügte hinzu, daß auch seine Frau ihn ermuntert habe, in +Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beiläufig +eingestreuten Bemerkung sicher überzeugt, daß die Frau den Mann +abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Höppner +ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespräch +durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen +gehört habe. + +Nein, er sei durch sein zurückgezogenes Leben mit dem, was sich draußen +ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen +Erstaunen Ausdruck, als nun Höppner ihm die Verlobung Hederichs mit +Carin mitteilte. + +Dann freilich erging er sich in spöttischen Bemerkungen und äußerte, +ohne auf Höppners Zartgefühl irgend welche Rücksicht zu nehmen, diese +Verlobung komme ihm vor, als verbände sich ein Kameel mit einer +Bachstelze. + +"O, o--o--" machte Höppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger +durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Übergang +zu der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte. Er sagte: + +"Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, möchte +ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten +Schwiegereltern anzuhören. Wie ich zu meinem großen Leidwesen gehört +habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift +mahnt uns Menschen--" + +Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte +Tankred von Brecken zu hören; er unterbrach Pastor Höppner jäh und +sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend: + +"Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war +Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine +Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, daß sie nach wie vor auf +der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natürlich +werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerüchte ausgesprengt; aber das +Zutreffende ist allein, daß ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil +die übrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu groß sind." + +"So, so? In der That?--Das wäre ja etwas ganz anderes, als was uns +berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau--" + +"Ja, das ist eben das Unglück, verehrter Herr Pastor, daß meine +Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr paßt, +so stellt sie es dar. Sie weiß sehr wohl, um was es sich handelt, +aber--" + +"Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht," schob Höppner, arglos den +Worten des Mannes nachgehend, ein. "Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen +erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre +Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen--" + +"Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von +einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem, +was ich bieten könnte, würden sie ja doch"--Brecken betonte seine wie +beiläufig hingeworfenen Worte--"nicht zufrieden sein." + +"Man könnte doch hören!" fiel Höppner eifrig ein. "Offen gesagt, Herr +von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten, +sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen.--Also, wie viel könnten Sie +zahlen?" + +Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr +zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er +anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte +er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er +überwand sein Zaudern rasch und sagte: + +"Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und +das wäre schon das Äußerste." + +"Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von +Brecken!" stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter +Enttäuschung den Kopf. + +Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts- +und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei +Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf +ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten: + +"Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die +Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!" + +"Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen +zu befassen," entgegnete Brecken, brutal sprechend. "Nein, er mag seine +Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber +so!--" + +"Herr von Brecken! Herr von Brecken!" stieß Höppner, zum erstenmal die +Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den +Kopf. "Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege +gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme. +Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich +selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter +unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen; +der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie +stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der +Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen +seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung! +Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts +für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in +Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und +Seelenunruhe." + +"Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen +an, aber Sie vergessen,--ich sehe von Ihren religiösen Mahnungen +ab,--daß in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Können. Und +dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein! +Verunglimpfen, verdächtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie +streuen die infamsten Gerüchte über mich aus, reden von Fälschungen, und +was weiß ich; und ich soll das wie ein Lamm über mich ergehen lassen? +Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!" + +Die legten Sätze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren, +ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen +ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand für seine Handlungsweise +heranzuziehen. + +Aus Höppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, daß sein +Mißtrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt +der Pastor über die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn +änderte das natürlich nicht, und er hielt auch den 'langweiligen +Salbaderer' nicht zurück, als er endlich aufbrach und sich, äußerst +bedrückt über das Mißlingen seines Versuches, empfahl. + +Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, daß ja nun Carin +demnächst Falsterhof verlassen werde, daß dort dann zwei Augen weniger +seien, und daß nun doch vielleicht--Ja! was denn? Brecken griff in die +Zigarrenkiste und entzündete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine +Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei +der entsetzlichen Überlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer +Verkürzung der Lebensdauer Theonies zu Hülfe kommen könne---- + + * * * * * + +Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins +Land gezogen. + +Das von Höppner begründete Armenhaus hatte seine Pforten geöffnet, in +seinen Räumen befanden sich Kranke und Bedürftige, und wöchentlich +wenigstens einmal begab sich Frau Höppner, meist mit Lene an der Hand, +in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen. + +Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu +ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefühl, wenn sie leidende Menschen +sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsätze in sich auf, die ihre +Pflegemutter den Nebenmenschen gegenüber leiteten. + +Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm +vorläufig nur gepachteten kleinen Gütchen Elmenried. Die beiden Leute +genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von +einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber +bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen müssen, atmete beseligt +auf, und die täglichen Beweise von Liebe und Herzensgüte, die sie von +ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurück, denn sie liebte +ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemüt entspringt und auf Achtung +beruht. + +Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thätigkeit ausgefüllt +waren und durch frohen Lebensdrang einen erhöhten Wert empfingen, flogen +für Carin dahin; Haus, Hof, Küche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit +gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Höppner und +Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich +ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektüre und Musik +weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Höppner und +Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor +und Carins Mann fanden sich als Gemütsmenschen zusammen, und die beiden +Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung. +Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische +Gegner. + +Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse, +durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück +eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer +trauriger aus. + +Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin +angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin +selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie, +aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt. +Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch +das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von +Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die +Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in +einem halben Jahre entscheiden. + +Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit +wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt +Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material +herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben, +indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten +Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die +Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die +Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand. + +Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden +angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren +werde.-- + +Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen. +Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und +gleich bei der ersten Berührung geäußert: + +"Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt +keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst, +den ich Ihnen nicht leisten würde." + +Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als +nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr +Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn +sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind +einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene +suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch +von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war, +etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht +gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen +bestimmt. + +Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen +Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des +Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch +dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um +dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es +nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen +den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine +Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten. + +Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die +Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht, +durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum +Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte, +befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich +während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen +werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit. + +Dennoch beschloß Frau von Tressen--es war acht Tage vor +Weihnachten--einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe +der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von +ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei +Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als +Kätnerin verbesserte. + +Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden, +daß die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushälterin +vom Schloß entfernen würde. Es war wahrscheinlich, daß sie kurz vor dem +Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermädchen +veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und +so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen. + +Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt früh +morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, daß 'die vom +Schloß' am Nachmittag nicht anwesend sei, und daß das Mädchen zugesagt +habe, den 'kleinen Herrn' zu ihr zu bringen. + +Während Frau von Tressen, in ihren Mantel gehüllt, dahinfuhr, kamen ihr +beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit +der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmütige Gedanken, auch die +Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, daß ihre Augen sich +wiederholt mit Thränen füllten. + +Wo war das Glück von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr; +sie, die Mutter, mußte sich versteckt ihrem früheren Eigentum nähern +und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefährt +benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwärtigen Lage schon ein +Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne +thatsächlich dem Nichts gegenüber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen +auflehnte, sie mußte jetzt Hülfe bei Freunden suchen. Es lag auch in +ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie +auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rückhaltlos anzuvertrauen. + +Eine Summe für den Unterhalt des nächsten halben Jahres wollte sie von +ihr erbitten. Dann endlich würde doch der Prozeß, und, wie sie annahm, +zu ihren Gunsten entschieden sein. + +Als sie an Falsterhof vorüberkam, forschte sie gespannt hinüber. In der +breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein +Wagen dort gefahren, und kein Fußgänger gegangen. Einsam und abgestorben +stieg das Herrenhaus aus der weißen Schneefläche über den kahlen Bäumen +empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht +umschneiten Schornsteinen drängte sich nicht einmal ein Leben +verratendes Rauchwölkchen. Es war richtig--die Betrachtung kam der +Frau--daß nicht Geld und Besitz das Glück bedingte. Theonie war die +reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie +konnte Feste geben, die Fürsten beschämten, und ihr Haus zu einem +Sammelplatz auserlesener Geister machen. + +Aber alles das hatte keinen Reiz für sie. Ihr Herz trug zu viel +blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl hätte auferwecken können +aus seinem Grabe, sie würde alles dafür hingegeben haben. + +Und wie häufig Vergleiche Lichter in sich schließen, aus denen sich eine +leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle. +Plötzlich kam's über die Frau mit Sicherheit, daß sie doch noch einmal +wieder auf Holzwerder herrschen, daß sie neben ihrem Enkel stehen und +sich nochmals das Glück des Lebens zurückerobern werde. + +Aber freilich, vorläufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten +Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen +Besitzung zu und mußte schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde +einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zärtlich in ihre Arme schließen +durfte. + +Als Frau von Tressen in die Nähe der Wohnung der alten Hanne gelangt +war, ließ sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuß in +die Kate. Es war ihr sehr auffallend, daß ihr auf ihr Klopfen nicht +gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstärkte sich, als sie beim +Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand. + +Während sie noch unschlüssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine +korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon +aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie, +näher gekommen, Worte fand, erklärte sie, daß der schon seit einiger +Zeit kränkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, daß die +Magd nicht wage, ihn in der Kälte nach der Kate zu bringen, und nichts +anderes übrig bleibe, als daß sich die gnädige Frau ins Schloß bemühe. +Freilich sei das--sie müsse selbst ihr Bedenken äußern--sehr gefährlich. +Man werde die gnädige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn +von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Böses daraus +erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rücksicht, sobald man sich ihm nicht +bedingungslos füge. Aber trotzdem solle die gnädige Frau selbst +entscheiden. + +Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der +Enttäuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was +ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder +absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis. + +Aber jählings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluß. Sie +wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen, +es mochte daraus entstehen, was wollte! + +So gab sie sich denn äußerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, daß +sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle +sich vielmehr allein aufs Schloß begeben, um ihr Enkelkind zu sehen. + +"Sie haben der Magd doch nicht gesagt, daß ich kommen würde? Sie weiß +nichts von meinem Hiersein?" schloß sie fragend; und nachdem Hanne dies +verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte über den +Hof nach dem Herrenhause. + +Tief herabstimmend waren die Eindrücke, die sie dabei empfing. Was Brix +ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurück. +Eine völlige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte, +und insbesondere bei dem Anblick des vernachlässigten Herrenhauses +traten Frau von Tressen unwillkürlich die Thränen in die Augen. + +Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kälte, Öde und Kargheit +wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thür zur +Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die +Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und +machte sehr erstaunte Augen, plötzlich eine elegant gekleidete Dame vor +sich zu sehen. + +Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hörte sie +auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden +Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rührung ergriffen, +immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Händen des Mädchens und +drückte ihn weinend an die Brust. + +"Mein Kind--mein süßes, liebes Kind--" schluchzte die Frau. + +Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe +sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es +nicht wieder. Es war undenkbar! + +Sie sprach auf die Magd ein, sie erklärte ihr, wer sie sei, welche +Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche +Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blaß, mager +und krank vor sich sehe. + +Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur +Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie +belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umständen ihr Verhalten +gutheißen! + +Für die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurücklassen und ihr darin +alles erklären. Sie werde sagen, daß sie sie gezwungen habe, ihr zu +folgen. + +Zu Frau von Tressens freudiger Überraschung machte die Magd keine +erheblichen Einwendungen. Entweder fühlte sie Mitleid mit der Frau und +dem Kinde, oder sie wünschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die +Langeweile drückte sie, und da 'die Gnädige' die Verantwortung +übernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Großmutter Weisung einen +Widerstand entgegenzusetzen. + +In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre +Habseligkeiten und alles für das Kind Notwendige zusammengepackt und +lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen. +Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf +einem Seitenwege des Parks die Landstraße gewinnen. + +Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, schloß Frau von Tressen Tankreds +Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte +einige Worte an die Haushälterin auf. Sie erklärte ihr Vorgehen durch +den körperlichen Zustand des Kleinen. + +Als sie eben den Brief vollendet hatte, hörte sie draußen Schritte. Ihr +Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn +hatte sie ganz vergessen. + +Aber nur kurze Zeit kämpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie +sich, öffnete die Thür und sah hinaus. + +Ein wie ein Jägerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig +sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer, +wo er offenbar die Magd gesucht hatte. + +Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur +List vermochte etwas. + +"Ah! Da ist jemand!" begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage +zuvorkommend. "Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich +suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn +nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen. +Einen Augenblick--" + +Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die +Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte +sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie +und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern. + +"Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof. +Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht +kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen, +und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben, +ohne Antwort." + +"Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt +werden!" bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und +machte sich rasch davon. + +Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel +sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber +sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von +Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und +suchte es zu beruhigen. + +Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe, +Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie +aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine, +und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein +Erlösungsschrei aus ihrer Brust. + +Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das +Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr +lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen +einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein. + +Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den +Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit +Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen +Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe +gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine +heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein +Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe, +so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt +habe?! + +Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch +das Gehirn der Frau.--Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins +Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor +fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder +beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie +den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen! + +Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers +alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst +vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu. + + * * * * * + +Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von +Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte. + +Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von +Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer +Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere +zur Ausführung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstützung von +Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen +solle, darüber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er +mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er würde +das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaßregel +war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hören! + +Von dem Warten auf eine günstige Entwicklung des Prozesses hatte sie +nachgerade genug. Nur in einem Punkte mußte sie doch Brix in Anspruch +nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zuständige +Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit +Anträgen vorgehen, nicht etwa abwarten, daß Tankred ihr zuvor kam. + +Sie hatte die Absicht, zu erklären, daß ihr Schwiegersohn das Leben +ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhärtung ihrer +Behauptung wollte sie ein ärztliches Gutachten beibringen; ferner auf +Grund der Fälschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne +beantragen, daß die Gütergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar +sofort für null und nichtig erklärt, und dementsprechend auch Tankred +jegliches materielle Verfügungsrecht über das Vermögen entzogen werde. + +Ihre Rückkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine +veränderte Entschließung hinstellen, zu der sie auf Grund früherer +Abmachung berechtigt sei. + +Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof +gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan, +erklärt, daß er mit den maßgebenden Personen auf Holzwerder sofort +sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet. + +Frau von Tressen befand sich in einer thatkräftigen und gehobenen +Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu +behalten, noch verstärkt ward. + +Als sie vor der Thür des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege, +der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim +Aussteigen behülflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen düster +melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung. +Ernst und stumm öffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thür zum +Wohnzimmer und erklärte, daß Frau Cromwell alsbald erscheinen werde. +Frau von Tressen überlief ein inneres Frösteln, als sie sich allein +befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles +starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das +einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geräusch, das Ticken einer +Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms. + +Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gütiger +Miene begrüßte, ward ihr Gemüt nicht entlastet, umsoweniger, da die +bleich und abgehärmt aussehende Frau berichtete, daß sie mit ihren +Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand, +sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe +der Hund fortwährend wütend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die +Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas +entdeckt zu haben. + +Natürlich wirke der Eindruck dieses nächtlichen Vorfalles nach und habe +ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt. + +Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzählung kam Theonie +dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn +von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespräch auf Holzwerder. + +Wohl eine Stunde währte die Unterredung. Frau von Tressen erzählte von +den gestrigen Vorfällen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie +bisher rätselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die +durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmählich unhaltbar gewordene +Lage. + +Theonie erklärte sich ohne Besinnen zur Hülfe bereit, und wenn sie auch, +ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Erörterung der +Zahlungsmodalitäten eine etwas pedantische Umständlichkeit an den Tag +legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel +Zartgefühl, daß Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward. + +Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur +getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine +gleichgültige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren +Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie +auszusprechen sichtlich Scheu empfand. + +Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig +ängstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrängt. + +"Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen möchten, +liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Könnte +ich Ihnen in irgend etwas dienen?" + +Und da drängte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flüsterte, +des letzten Satzes Inhalt abwehrend: + +"Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Es ist +etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiß es nicht, ich habe keinen +greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, daß Tankred sich gar nicht +im Süden befindet, sondern sich in der Nähe aufhält, Unheil für uns +brütet und--" + +Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit +furchtbarem Getöse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und +beide Frauen fuhren entsetzt zusammen. + +"Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe," stieß Theonie, zuerst wieder +Worte gewinnend, heraus. "Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und +so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine +Ahnung ist thöricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine +Möglichkeit vorliegt. In diesem Sinne--ich bitte--fassen Sie meine Worte +auf, liebe Frau von Tressen!" + +Es sei oben ein Bild herabgestürzt, hörte noch Frau von Tressen eins der +hinaufgeeilten Mädchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von +einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten +später das düstere und einsame Falsterhof im Rücken hatte.-- + +Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht über den ihm gewordenen +Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses +wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemächtigt, +und eben sei die Haushälterin im Begriff gewesen, darüber an Tankred zu +berichten. Dies sei vorläufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von +Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befänden +sich einem so außerordentlichen Vorfall gegenüber so gut wie ratlos, und +nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklärt, er sei +durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner früheren Herrschaft zurück +zu treten. + +Die letzten Nachrichten kräftigten Frau von Tressens Entschluß so sehr, +daß sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit +Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der +Justizrat besaß ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er +allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang +anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden ließ. Ohne lange +Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloß mit der +Erklärung, daß sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von +Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schärfe entwickelte +sie ihm ihren Standpunkt und schloß mit den Worten: + +"Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuß gefaßt haben? Mit +Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem +Abkommen mit unserer Tochter ausdrücklich die freie Wahl gestellt ist, +dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen +deponieren wir zu Händen des Gerichts, bis die Sache entschieden ist; +wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmäßiges Eingreifen in fremdes +Eigentum, erklären uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir +Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermögen abstreiten." + +Frau von Tressen ließ sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht +mehr irre machen; es war, als sei ein völlig anderer Mensch in sie +eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht +nur das Pflichtbewußtsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch +Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt. + +"Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden," erklärte sie +Brix, "aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben +für meinen Enkelsohn. Das Glück streckt die Hände nach mir aus, ich will +sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir +die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die +schlummernden Kräfte in mir von neuem anregt, zeigt es, daß es Gutes mit +mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze +ich um so mehr einem Schurken, dessen Stärke nur darin besteht, daß man +ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich +werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das +Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den +entferne ich mit Gewalt!" + + * * * * * + +Es war an einem dunklen und stürmischen Wintertage im Anfang Januar, als +ein einzelner Fußgänger sich um die Nachtzeit Falsterhof näherte, am +Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich +unschlüssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um +sich blickte. Der Fußgänger war Tankred von Brecken, und was ihn heute +furchtbares beschäftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen +Wochen ausschließlich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder +verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum +Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflüsterte: Thu's, +und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentümer +einer halben Million! + +Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier, +daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, ihm wie ein Nichts +erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dünkten, als +alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann +wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austönte, und +seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher +gefälligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und +die Feigheit--nicht seine bessere Natur, weil sie überhaupt keine Stimme +in ihm besaß--riß ihn zurück und stürzte alle Pläne über den Haufen. Und +wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nüchternheit geredet und das Wort +behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und +flüsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann +sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof! +Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit +raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwürgt, war leise +hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen +Händen erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder +hinausgeschlichen,--noch immer besaß er von seinem damaligen Aufenthalt +den Schlüssel zur Hinterthür--und die Blätter hatten zwar im Park +geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder +hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon +wieder weit, weit fort, als die Hähne krähten, als im Hause alles wach +wurde, die Zofe oben über den Korridor schritt, um die gnädige Frau zu +wecken, das Frühstück unten aufgetragen ward, und doch keine gnädige +Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem +Halse stieß.--Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergängen und +Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im +Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fängst Du es +an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von +Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder!--Es lag ein +Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine +Harfenmusik, kein Orgelbrausen! + +Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer +Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis +ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für +jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf. + +Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so +schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem +Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der +überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie +Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben.-- + +Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem +festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen +bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die +Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren, +wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte, +und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines +Sohnes. + +Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte +angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst +inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er +aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre. + +Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den +Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte +beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach +geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er +hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen. +Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein +Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das +Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht. + +So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins +Loch und drehte um. Nichts rührte sich!--Rasch entzündete er eine +Blendlaterne--aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch +ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle +Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der +Haut.--Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die +Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen, +wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine +furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an +nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach +dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich +nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an +wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte +die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als +ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus +dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den +Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht +hatte. + +Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis +zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut.--Ein +Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber +jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen!--Und alle Welt nahm +an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich +da!--Weshalb?--Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen, +westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die +letzten Tage aufgehalten hatte. + +Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort +einzutreffen.--So war denn abermals alles umsonst gewesen.--Alles +umsonst! + +Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto +fürchterlicher ward es. + +"Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?" + +Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher +behandelt hatte wie ein Spielzeug? + +Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte--am Ende +gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen +gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter----? + +Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er +zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte, +Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn +durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte. + +Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen +genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie +gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie +berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren. + +Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche +Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich +waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein +sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt +durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er +einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der +Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was +in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß +eben anderen zu, und nicht ihm.--Nun aber fühlte er sich plötzlich +betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging? +Nie hatte er von ihm gehört.--War's schon die Strafe des Himmels für +seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit +Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord +belastet.--Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort!--Wie? Hatte er +wirklich Theonie töten wollen?--Plötzlich griff der Mann sich an die +Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei.--Und dann begann +wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im +Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf +durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch +droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah--? + +Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld +und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser +Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben! + +So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein +Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen +Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen +mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich +bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und +der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem +besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder +Leben. + +Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen +gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war +nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an +Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den +Schöpfer anbeten. + +Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der +Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst, +öffnete die Poren und besänftigte den Reiz. + +Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich +veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war +sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L. +erreichte. Und was dann? Ja, was dann--? + +Er warf den Blick über die Gegend; schon begann's heller zu +werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf--und +dann--dann--plötzlich begann von neuem das Jucken, ein solches +kitzelndes Jucken, daß dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er +wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele +zuraste.---- + + * * * * * + +In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand +Frau von Tressen und hörte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer +getreten war, berichtete. + +Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mädchen; die Haushälterin +und der Diener aber wollten erst hören, welche Sicherheit die gnädige +Frau ihnen böte, daß sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur +Verantwortung gezogen würden. + +"Also Pflichtgefühl oder Anhänglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet +sie nicht?" + +"Nein, gnädige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge +haben. Übrigens--drum und dran--wo wäre der Durchschnitt anders? Frau +von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich." + +Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie: + +"Ich bin dann dafür, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred +verleugnen, können sie auch Untreue gegen mich üben. Ich aber brauche +zuverlässige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, daß wir sie +abfinden können?" + +Hederich zuckte die Achseln. + +"Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklären, daß die +Kündigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat." + +"Ja, ja, ganz richtig!" bestätigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie +kurz entschlossen fort: + +"Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen +sprechen." + +Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte +Frau von Tressen: + +"Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Für ihn trete ich jetzt +ein und kündige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wünsche, daß Sie +zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt +auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?" + +"Ja, ich bin's," sagte der Diener nach kurzem Besinnen, "wenn die +gnädige Frau mir schriftlich erklären, daß das so richtig ist, und Sie +für alles aufkommen." + +"Ja, ich will schriftlich betätigen, daß Ihr durch die Besitznahme des +Gutes meinerseits überflüssig geworden seid, und daß ich Euch auf Grund +meiner Rechte entlassen habe." + +"Dann bin auch ich damit zufrieden!" erklärte die Haushälterin. "Wann +sollen wir abgehen?" + +"Gleich! Ihr könnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder +verlassen." + +Die beiden nickten, verbeugten sich und verließen das Gemach. + +"So, das wäre ja gut und rasch erledigt!" rief Frau von Tressen, +Hederich vergnügt anblickend. "Jetzt will ich mit Peter Wille das +weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, daß mein +Schwiegersohn zurückkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun +auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung +machen."-- + +Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so +kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich +entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es +nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr +Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten. + +Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene +Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein +Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle +unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die +Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen +würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von +Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die +Gutsgeschäfte ein. + +Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende +Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit +und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu +übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen +befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen +Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren. + +Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei +sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und +die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören +lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen? +Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab. + +Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes +vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in +Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen? +Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil +unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe +an das Gericht abgehen lassen. + +Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser +Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den +Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte +sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von +Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen +Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die +Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren +hatte, zurückgekehrt war. + +Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen +Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag +ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und +Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über +die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu +beruhigen vermochte.-- + +Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr +aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen +von Tankred eingetroffenen Brief überreichte. + +In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm +keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von +der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er +ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er +gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu +begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es: + +'Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von +Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren,--das Wort +war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute, +nachträglich ausgestrichen, und statt dessen 'schreiben' gesetzt,--wie +es dem Kleinen geht.' + +Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun +sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte, +sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen. + +Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand +an ihren Schwiegersohn: + + 'Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von + demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder + befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer + jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß + wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes, + fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die + Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte + abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser + bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist, + einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber + lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an + niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten. + + Ergebenst + + A. von Tressen.' + +"So!" rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung +ihres Mannes einem Diener zur Besorgung übergeben hatte. "Nun werden +wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief. +Von übermorgen ab können wir uns auf seinen Besuch gefaßt machen. Aber +alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er +durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so +werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklärungen geben. Aber +passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen." + +"Wer weiß!" fiel Herr von Tressen ein. "Daß er sich nicht in gleicher +Weise fügen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube +doch, daß er irgend etwas Gewaltthätiges inszenieren wird." + +"Gewaltthätiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Daß ihm vielleicht solche +Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um +mehr handelt, als um schiefe Gesichter, faßt er nicht an. Wohl aber +halte ich es für möglich, daß er sich einmal wieder an Theonie +heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rücksicht auf alles +Vorgefallene eine seiner Komödien in Szene setzt. Da fällt mir ein: ich +will Theonie lieber in Kenntnis setzen, daß er aus Italien zurück ist. +Ich weiß, sie trifft dann Maßregeln, daß er sich ihr nicht zu nähern +vermag." + +Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die +klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat, +streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehülflich +klingendes "Omama!" + +Da nahm die Frau das Kind in die Arme und küßte es in dem Überquellen +ihrer glückseligen Empfindungen lang und zärtlich. + + * * * * * + +In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in +Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in höchster Aufregung auf und +ab. + +Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen +völlig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse für die +Außendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und +Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstößlich +zwei Thatsachen: vorläufig war er von Holzwerder ausgestoßen, und wenn +das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle +Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem +Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit +seinem Rechtsanwalt Rücksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen +telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu +senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm +selbst an Schlußfolgerungen aufdrängte? Und das Telegraphieren war ja +überhaupt zwecklos. Nur durch persönliches, mündliches Eingreifen +vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen! + +Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des +ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag +völlig unerwartet. Eine solche Möglichkeit war ihm überhaupt nicht in +den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich höchstens in +mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg +in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet +oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des +Eigentümers vom Turme, aber jetzt?---- + +Und Gegenmaßregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war +sicher zwecklos. + +Tankred wußte, daß das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen +war, und ohne die näheren Umstände zu kennen, war es für ihn zweifellos, +daß ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente +stützte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig +gemachten Höhe war er mit einem jähen Schlage herabgestürzt. Das Bild +hatte sich völlig verändert. Er stand tief unten und mußte bittend die +Hände ausstrecken, mußte gute Worte geben. Und das war nicht nur +zeitweilig. Brecken sah, daß er durch diesen unerwarteten Zwischenfall +entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm für +später geplanten Vergleich zur Ausführung bringen müsse. Ja, das war +jetzt das einzige, was ihm übrig blieb, nur mit dem Unterschiede, daß, +da nicht Tressens mürbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre +Bedingungen vorschreiben würden. + +Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuß und biß die +unheimlich weißen Raubtierzähne in seinem Verbrechergesicht zusammen. +Und dann--dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein- +für allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der +That so furchtbar hatte büßen müssen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu +räumen--! Nein, nein, fort mit dem gräßlichen Gedanken! Ihm war's, als +stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fühle er die +Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht!----Und doch, im +Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, daß solche +Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer +gestörten Blutzirkulation herrührten, und daß das heilbar war, hatte +sich ja nun herausstellt. + +Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war +mehr als Unsinn, deshalb konnte er--Ja, was? Nun war er doch abermals +bei Theonie! + +Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthür in Falsterhof, +drang ins Haus ein, erwürgte mit rascher Energie den Köter, schlich +hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Fäusten, ehe sie +überhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch +einmal, daß sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie +er gekommen war.----Und dann und dann--Brecken reckte sich in die Höhe, +trat vor den Spiegel, maß seine Gestalt und betrachtete sein knochiges +Antlitz--dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder +entbehren. + +Entbehren?--Nun, soweit kam's überhaupt doch wohl nicht. Etwas würde man +ihm doch zubilligen.--Und plötzlich fiel der Mann wieder in einen der +roten Plüschsessel zurück und starrte vor sich hin, weil--weil--das doch +eben nur schöne Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie +vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und +Wirklichkeit ernüchterte und entmutigte ihn nur noch mehr.--Endlich +sprang er auf, und ein: "Ja, so soll es sein!" ging aus seinem Munde. +Erst wollte er sich mit Tressens aussöhnen, zu erreichen suchen, was zu +erreichen war, und dann später endlich die Geschichte in Falsterhof +abmachen, nachdem er vorher--daß ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst +kam!--die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so +sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und +reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, daß er ihn +am kommenden Vormittag in Geschäften besuchen werde, nach Elsterhausen +ab.-- + +Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter +langsamen Schrittes die beschneite Landstraße von Elsterhausen nach +Breckendorf durchmaß. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war +sehr bedrückt zu mute. Seine ungünstigsten Vorstellungen hatten sich +bestätigt. Von Brix war ihm erklärt worden, daß gerade an diesem Tage +auf seinen speziellen Antrag die Bestätigung einer vorläufigen Kuratel +über Gretes Vermögen eingetroffen sei, und daß Tressens jetzt zu irgend +welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermöge in der Sache +nicht nur nichts zu thun, sondern müsse auch eine Vermittlung ablehnen. +Zugleich erfuhr Brecken, daß die Akten zur Prüfung an den Staatsanwalt +gegangen seien, und die Möglichkeit vorliege, daß die Anklage wegen +Fälschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm +nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem +freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt +werden könne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern +des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen +worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der +definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten. + +Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg +einschlagen und der Pastorin Höppner Hülfe in Anspruch nehmen. + +Er fürchtete das Ergebnis der Fälschungsklage, in dieser Annahme +unterstützt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch +die Beweise! Aber die ganze übrige, seine Existenz und seine +Bequemlichkeit gefährdende Situation war ihm unerträglich. Ein Vergleich +hob die Streitigkeiten und den Prozeß wenigstens nach der einen Seite +hin auf; darum war's ihm zunächst zu thun. Die Diäten, welche ihm das +Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermögen zur +Verfügung stellen würde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in +ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld ließen ihm, da die Dinge sich nun +einmal so ungünstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen +Umständen, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute +Worte geben sollte, aus der Ungewißheit heraus. Das Spiel--er hatte es +sich klar gemacht--war völlig verloren, und damit wollte er rechnen. + +Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er +sich gegenwärtig selbst so charakterlos, feige und schwankend, daß die +Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wünschte, einen Kompromiß mit sich +und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu +schließen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal +noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal!--Und wenn der +Vergleich mit Tressens durch Frau Höppners Hülfe gelang, dann würde auch +Brix Rat wissen, das übrige zu beseitigen; dann war alles gut.-- + +Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem 'guten +Mann' im Zimmer. Sie saß mit umgebundener Küchenschürze auf der Lehne +des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem +Pulte den Rücken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die +Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschränkten +hoch emporziehend, aufmerksam zuhörend vor ihr. + +Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht über Lene, deren +Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres +Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloß: + +"Es ist das erste mal, daß ich das Kind bei einer Lüge ertappe! Aber +eben--sie versteht doch schon zu lügen und sich zu verstellen, und das +macht mich so unendlich traurig." + +Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort: + +"Ach nein, nein, es ist leider so, und Du mußt mit ihr reden und ihr +vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir dürfen die Sache nicht +leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster. +Ich muß immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er +schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet +werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser +Mensch--" + +"Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu dürfen!" ließ +sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thür öffnenden Magd +vernehmen, und fast gleichzeitig und höchst ungelegen erschien Tankred +unter tiefer, überhöflicher Verbeugung. + +Aber während der Pastor wie gewöhnlich dem Gutsherrn mit großer +Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte +Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit +zurückgeworfenem Haupt und äußerst steifer Miene. Auch machte sie +absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschäften zu ihrem Mann +gekommen, sogleich eine Wendung zur Thür. + +"Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!" schmeichelte +nun Brecken unterwürfig. "Ich möchte gerade Sie gern sprechen und Ihren +freundlichen Rat erbitten. Würden Sie mir nicht einen Augenblick +schenken? Ich wäre sehr dankbar dafür--" + +Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwärtig, +daß sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen +vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder +Platz. + +Um die unhöfliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der +Pastor mit der Entschuldigung, daß das Kraut zwar von sehr geringer Güte +sei und Breckens verwöhntem Gaumen kaum behagen dürfe, dem Gast eine +Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, daß er +durchaus nicht verwöhnt sei, und daß ihm des Pastors Zigarren--obschon +er sie höchst miserabel fand--stets vortrefflich schmeckten, entzündet +hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei +fast ausschließlich an die Frau. + +Er sprach in längerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwürfnissen +zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Güte der Frau +Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin +übernehmen zu wollen. + +Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die +Pastorin nahm gleich für ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit +demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds +Auseinandersetzungen zugehört hatte: + +"Wir müssen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre +Anregung hin einzugreifen, hieße an den Tag legen, daß bei uns doch noch +ein Rest von Sympathie für Sie vorhanden wäre. Gerade das Gegenteil aber +ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie +gethan, und ich für meinen Teil bin ein- für allemal mit Ihnen fertig. +Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen, +und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier überflüssig +geworden. Empfehle mich!" + +Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf +den Pastor, seine Frau zurückzuhalten. Und so geschah es auch. Aber +nicht zum Vorteil Tankreds. + +Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten +Verstellungskünste anwandte, während doch seine Augen verrieten, daß er +am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht +hätte, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Lüge äußerst verstimmten +Pastorin ein solcher Tumult von Ärger und Widerstand, und ihr sittliches +Gefühl bäumte sich so gewaltsam auf, daß sie mit funkelnden Augen +hervorstieß: + +"Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thäten Sie, wenn Sie so +rasch wie möglich das Land ein- für allemal verließen! Hier nimmt kein +Hund ein Stück Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter mißtraut man aufs +äußerste, man hält Sie für fähig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich +um Vorteile für Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, daß +jemals ein Mensch allen, mit denen er in Berührung gekommen ist, einen +solchen Abscheu eingeflößt hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler +und Komödianten, und ich füge hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern +ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht +gestraft hat, weil er ihn später um so empfindlicher züchtigen will. +Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wünschen vielmehr, daß +unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen, +was sie erstreben!--So, und das war nun das letztemal, daß ich Ihnen im +Leben gegenübergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner +Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!" + +Nach diesen Worten verließ die unerschrockene Frau das Gemach, und +bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemaßregelte da. + +Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an: + +"Lieber Herr von Brecken, es giebt für jeden, der fehlte, bei unserm +Herrn Jesus Christus--" + +Aber weiter kam er nicht. + +"Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem--Ihrem--" setzte Brecken, der vor +Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Höppner auf. + +Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und +wollte und konnte all das Geschwätz und all die 'Salbaderei' nicht mehr +ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter +Stimme: + +"Sie begreifen wohl, daß ich nach einer solchen maßlosen Invektive es +nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches +und versöhnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau +scheinheiliger Überhebung!--Nein, nein, ich höre nichts mehr, und nie +werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!" + +Nach diesen trotz seiner maßlosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor +sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stürmte Tankred auf +den Flur und aus dem Hause. + +Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurück, in das er seinen +Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wühlenden Gedanken +in seinem Innern besser Herr zu werden, zunächst einen einsamen +Nebenpfad. Er mußte allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen; +er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernünftigen Entschluß zu +gelangen. + +Einmal schoß es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu +begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst +zu führen. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so +sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies +Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende, +und es war nun auch für ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es +sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besaß keine +Mittel mehr zum Leben. Er mußte dann schon Anspruch auf Diäten erheben, +aber da er ohne Wohnung war, würden sie kaum zu seinem Unterhalt +ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und +zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhöhtem Maße die Gier +nach Besitz und Geld. + +Welch ein Augenblick, wenn er Eigentümer von Falsterhof sein würde, wenn +er mit stolzer, von Machtfülle getragener Geringschätzung herabblicken +könnte auf das 'Gesindel', das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete +sich in Gedanken an ihrem Ärger und ihrer grenzenlosen Enttäuschung, daß +es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu drücken. Im +Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer nächsten +Nähe, und von genügenden Mitteln unterstützt, konnte er einen vorläufig +verlorenen Prozeß noch einmal wieder aufnehmen. + +Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die +Verhältnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Während er +dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines +Innern, waren seine Gedanken ausschließlich mit diesem Plan beschäftigt. +Abermals wollte er ausstreuen, daß er sich nach dem Süden begebe, bei +seinem Anwalt wollte er, um später sein Alibi nachweisen zu können, +seine Adresse an der Riviera niederlegen. + +Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals, +aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann +direkt nach Italien reisen und sich von dort zurückrufen lassen--als +Erbe von Falsterhof. + +Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen, +was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer +Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde. + +In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das +paßte ihm eben; er bestellte ein Glas heißen Grog und knüpfte ein +Gespräch an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange +Abwesenheit vorschützend, über Falsterhof aus; wie es seiner Kousine, +die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen könne, gehe, und ob der +Wirt etwas von ihr gehört habe. + +"Ja, die gnädige Frau will in diesen Tagen, so erzählte der alte Frege, +eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen +früh gehen sie schon ab.--Nicht wahr, Anna?" rief der Mann seiner eben +eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung über die Mitteilung +geschickt unterdrückend, Zweifel hinwarf. "Sagte Frege nicht, daß die +Herrschaft von Falsterhof morgen früh abreisen wollte?" + +"Nein, übermorgen mittag," berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig +begrüßend. "So sagte der Pächter Harms gestern abend." + +Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen +seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des +Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen. + +Mit schlecht verhehlter Hast ließ er sich sein Pferd wieder vorführen, +bezahlte die Zeche und warf hin, daß er noch heut seine Reise nach +Italien antreten wolle. Als er schon in der Thür stand, wagte der Wirt +nach dem Stande der Prozeßangelegenheit zu fragen, er gab sich den +Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse für Brecken. + +"Erst hatte ich die Oberhand," antwortete Tankred anscheinend gelassen, +"nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte +die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist. +Zunächst will ich noch mal etwas für meine Gesundheit thun. Adieu, +lieber Krüger! Adieu, Frau Krüger! Auf Wiedersehen!" + +Damit trabte er davon, und der Wirt, getäuscht durch seine sorglose +Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zurücktretend und sich +an den warmen Ofen stellend: + +"He schien ja ganz vergnögt to sin. Am Enn steiht doch de Sak för de +Herrschaften up Holtwerder nich so günstig, as de glöwen.--Schall mi +Wunner nehm'n, woans dat aflöst! Na, ick mug nich mit em in Striet +kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann." + + * * * * * + +Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte +die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie +auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, daß +er Günstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit +heraus. + +Er wußte, daß Brecken bei Brix gewesen, und daß dieser jede Intervention +eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Höppner. Jedes Wort, das +letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und +gab es--ein Labsal für sich selbst--wieder. Endlich wußte er auch, daß +Brecken später noch im Krug gewesen war und dort geäußert hatte, daß er +sich gleich wieder nach dem Süden begeben wolle. + +"Was soll er denn auch hier thun?" schloß Hederich eben so überzeugt wie +vergnügt und rieb sich die Hände. "Drum und dran--es war ein großartiger +Gedanke von Ihnen, gnädige Frau, den Spieß umzukehren und hier +einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist völlig entwaffnet und bittet +um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar +nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnädige Frau!" + +"Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich könnte +gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Übrigens möchte +ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um +ihrem Vetter unter allen Umständen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht +ändert sie nun ihren Entschluß. Wie wär's, lieber Hederich, wenn Sie auf +der Rücktour einen Augenblick bei ihr vorsprächen und ihr Mitteilung +machten? Die Neuigkeiten würden sie auch um unseretwillen angenehm +berühren, ich weiß es!" + +Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem +Frühstück nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach +Falsterhof. + +Wie immer öffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thür, wie +immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich +anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen +Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es +drängte sich dem Besucher unwillkürlich die Frage auf, wie die Menschen +es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag +ausfüllten, wie sie Herz und Sinne nährten. Alles war so freudeleer, so +eintönig, düster und bedrückend.-- + +Hederichs Bericht nahm Theonie mit großer Spannung und sichtlicher +Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke +Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit über die +günstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend, +ob sie reisen solle, und äußerte sich in diesem Sinne gegen Hederich. + +"Sie begreifen nicht, daß ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!" +sagte sie. "Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute +erinnert, das mir der Himmel während meines Lebens schenkte. Meine +Eltern, und was ich später liebte--" + +Theonies Augen feuchteten sich, und für Augenblicke vermochte sie nicht +weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin +und bat, von einem raschen Entschluß beeinflußt, ob Hederichs nicht am +kommenden Tage mit Tressens und Höppners, die sie auch bitten wolle, zu +Tisch und Abendbrod kommen möchten. + +"Also wirklich, Sie geben die Reise auf?" warf Hederich nach +ausgesprochener Zusage hin. + +"Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem +ich nun den schrecklichen Menschen fern weiß, atme ich wieder auf und +will mich meiner Ruhe von neuem freuen.--Hier, nehmen Sie das Ihrer +lieben Frau mit!" schloß sie, als Hederich aufstand und sich zum +Abschied rüstete. "Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt, +und die ich für sie neu habe fassen lassen.--Nein, nein, keinen Dank, +ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise +den Schmuck doch zusenden!" + +Nun kam auch Frege und meldete, daß Klaus den Schimmel vorgeführt habe, +und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen +Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg +zurück nach seinem kleinen Gütchen. + + * * * * * + +Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Frühlings regten sich. +Die Kälte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser späten +Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, daß die Schritte eines +sich Falsterhof nähernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der +Natur unterbrachen. Und das störte den Spätling. Er wünschte Sturm und +Finsternis statt dieses sanften Träumens der Natur, und als nun eben der +Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte, +auch vom Gehöft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang, +ging ein wilder Fluch über seine Lippen. + +"Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!" murmelte er zähneknirschend. + +Doch ließ Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal +nahm er den Weg über das Feld durch das Gehölz und hielt erst inne, als +er die Rückseite des Hauses erreicht hatte. + +Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem +Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken +vordem gehört hatte. Das Tier befand sich also offenbar--vielleicht +durch einen Zufall--nicht im Hause; und die schwerste und zunächst +wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte, +daß dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen, +und nun schwankte er auch nicht länger. Im Nu drehte er den Schlüssel im +Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geräusch jemanden geweckt habe, +und entzündete, als alles still blieb, die Blendlaterne. + +Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten +Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfaßte mit seinem +Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemälde an den weißen Wänden, +horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung +nichts, als das regelmäßige, laut durch den eingeschlossenen Raum +dringende Ticken der großen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Für +Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken +Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm +auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom +Wohnzimmer aus in die Gemächer ihres Mannes begeben, dort nach dem +Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geöffneten Vorzimmer +nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr +gütiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich +strenge Miene seiner Mutter und zuletzt--seltsam,--der alte Frege. +Brecken war's, während er zum Dämpfen seiner Schritte ein paar +Filzsohlen unter die Stiefel knüpfte, als ob er ihn hinten aus seinem +Zimmer treten höre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun +beobachte. Thorheit! Vorwärts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell +empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das +Gesicht und schlich bis an die Thür. + +Ein Druck--sie gab nach--jetzt war sie angelehnt.--Er horchte--sein Herz +pochte--Nichts.--Langsam und vorsichtig erweiterte er die Öffnung--nun +war er im teppichbedeckten Vorzimmer. + +Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem +Theonie schlief, er hörte ihren regelmäßigen Atemzug. Noch einmal flog's +ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begönne. Er +wollte über sie hinstürzen, ihr mit der Linken den Mund verschließen und +sie mit der Rechten würgen--so lange würgen--bis---- + +Aber was war das?--Theonie regte sich--Tankred wich unhörbar zur +Seite.--Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock.--Wohl +zwei Minuten stand er regungslos da.----Ohne zu sehen, war's ihm, als ob +Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken +durch das Dunkel spähe.--Endlich--endlich--war sie wieder +eingeschlafen--ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach.---- + +So, und nun vorwärts!-- + + * * * * * + +Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf +der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er +mußte trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden +Gedankens der That sich an dem Geländer festhalten und stolperte +schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang +von drüben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben--er +vermochte nicht, es zu entscheiden--entstand ein Geräusch, und während +er, von Furcht gepackt, zur Hinterthür fliehen wollte, erschien--ja, es +war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit!--in Hemdsärmeln und mit in +der Eile ungeknöpften, an den Beinkleidern herabhängenden Tragbändern +der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole. +Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er +durchs Haus, daß die Wände bebten, stürzte vorwärts und sandte dem in +wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thür zu erreichen vermochte, +eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's +durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war, +so erreichte er doch das Freie. + +Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde +zugeschlagene Thür zurückstieß, sah er Brecken--er glaubte ihn sicher zu +erkennen an Größe, Haltung, Bewegungen--durch den Park fliehen. Einen +Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in +der Erregung unzusammenhängende Worte. Aber dann ward er aufgerüttelt. +Ein entsetzliches, markerschütterndes, nicht endenwollendes Geschrei +drang durch das Haus----Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die +Treppe herab und rief dem wenige Minuten später schlotternd vor Angst +und Schrecken aus allen Winkeln herbeistürmenden Gesinde die Worte zu: + +"Die gnädige Frau!--Die gnädige--Frau--liegt tot im Bett----" + +Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und während eins der Mädchen sie +in ihren Armen auffing, stürzten die anderen empor, um selbst zu sehen, +was Gräßliches, Grausiges, Unerhörtes geschehen war.-- + + * * * * * + +Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten +Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte, +Tankred von Brecken. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, die Glieder +flogen, die Brust hämmerte.--Vorwärts! Vorwärts! Zunächst weit weg aus +dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurück +nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage +nach dem Süden! + +Ja, wenn's ging!--Schon mußte er froh sein, wenn er sich mit der Wunde +bis dahin schleppte. Im Körper brannten die Schmerzen, und brennend +ging's auch durch sein Gehirn, denn während er dahin stürmte, erschien +wieder vor seinem inneren Auge das unglückliche Geschöpf in dem hohen +Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genähert +hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der +Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein +Ton, den er nicht vergessen würde, und sollte er tausend Jahre alt +werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden +Händen an die Gurgel gefaßt hatte, und wie im Sterben noch ihr halb +flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war!--Es war +grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so +fürchterlich gewesen, daß sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte +Mitleid mit dem armen, hülflosen Geschöpf empfunden--er hätte ihr lieber +vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder +Sterben. Aber schon war's zu spät gewesen. Die Augen waren verglast und +aus den Höhlen getreten, die Brust hatte aufgehört zu atmen, der in +Todeswahnsinn arbeitende, sich sträubende Körper hatte keine Kraft mehr +gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen +gehorcht.--Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als +er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Fäusten ihre Gurgel----In +diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung +gerade dieser legten Vorstellung,--denn dann hatten ihn Grausen, +Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten hätte er gleich von oben aus +das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht +hatte sich seiner davor bemächtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen +zu müssen, über den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich +bewußtes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und +die den Urheber all des Fürchterlichen verraten würde----! + +Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht, +hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen--Und +dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und +immer unerträglicher wurde, jetzt so unerträglich, daß Tankred von +Brecken den bisherigen, stürmenden Lauf hemmte, stille stand und in der +gräßlichen Qual aufbrüllte. + +Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch +trat dieser Schmerz zurück vor einem sich jählings seiner bemächtigenden +Gedanken, vor der sich zur Gewißheit steigernden Befürchtung, daß Frege +ihn erkannt habe! + +Ja, er mußte ihn erkannt, schon sein Instinkt mußte ihm die Wahrheit +eingegeben haben! Und die alte Kanaille würde gegen ihn zeugen, würde es +aller Welt verkünden, daß er, Tankred von Brecken, der Mörder sei----! + +Und man würde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich, +wer, außer Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Städtchen, wohin +er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich +für einen in Dresden lebenden Hauptmann außer Dienst ausgegeben. +Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurückzugehen und auch +Hamburg zu vermeiden. + +Aber was beginnen--? + +Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kräfte fingen +an, ihn zu verlassen! + +Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten. +Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die +Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr über die Felder, +Wiesen, Äcker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kälte mit +sich. + +Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden +Kräften der Mörder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlöst +zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur +Raserei peinigten. + + * * * * * + +Der alte Frege saß in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die dürren +Kniee gestützt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und +starrte mit einem unbeschreiblich müden und verlassenen Blick vor sich +hin. Die mit der für die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen +Maßnahmen verbundene Tätigkeit hatte ihn seit der Frühe aufrecht +erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken, +und die Gedanken kamen und lösten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie +je zu einem Schluß gelangten, war's immer nur der: "Was sollst du noch +auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein +Leben gewidmet hattest?" Frege hatte während seiner langen Dienstzeit +nie etwas anderes verlangt, als die Thätigkeit, in der er sich befand, +und die Ausübung seiner Pflicht, die ihm Bedürfnis geworden war. Andere +richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draußen besseres zu finden, +neben der Arbeit Zerstreuung, höheren Verdienst, und was sonst die Sinne +der Menschen fesselt. Er aber wußte, es sei thöricht, zu glauben, das +die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie +geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre +Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nächsten +Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die +Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre +Gebärden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt. + +Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjüngt, als +Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien +die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie +strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes +Auge, ihre glückseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal +jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder. + +Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in +den Tod gefolgt, und das große Erbe kam in fremde Hände. Wo sollte er +nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens würden ihn auf +Falsterhof lassen, alles würde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram +fraß an seinem Herzen; es war auch gleichgültig, wo er die letzten Jahre +noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst--Leben, ja! essen, +trinken, schlafen.--Aber welch ein leeres Dasein!--Gab's noch irgend +etwas, das ihm Hoffnung ins Herz träufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein +Gedanke vermochte ihn noch aufzurütteln: den Verbrecher unter den Händen +des Henkers zu sehen!-- + +Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mörder stände ihm jetzt +gegenüber, dann verzerrten sich vor Haß und Wut seine Mienen. Er fiel +über ihn her, stieß ihm ein Messer in den Körper, wo es gerade traf, und +weidete sich an der Dual des Scheusals.--Und Gott würde ihm vergeben! +Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, würde +begreifen, daß man Rache übte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott +nicht selbst eine Hölle geschaffen mit Zittern und Zähneklappern für die +Bösen, und sollte sein Geschöpf, der Mensch, sich des natürlichen +Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entäußern? + +Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau, +die er wie ein höheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte +sich auf, schritt mit nassen Augen langsam über den stillen, hallenden +Flur, öffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet +hatte, und näherte sich ihrem Totenlager. + +Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fürchterlich waren +die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die +Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geöffnet, und +diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von +flehendem Entsetzen! + +Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken über das Antlitz; er konnte +ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrücken, er vermochte es nicht. +Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stöhnte.--Noch tags vor +ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend, +lange mit ihm gesprochen, Pläne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen +gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie für ihn besaß. Und da war +der feige Einbrecher erschienen und hatte--hatte--O Gott, o Höchster +über den Sternen! Es war nicht auszudenken, daß das wirklich alles +geschehen war! + +Der Hund hatte die ganze Nacht in Absätzen gebellt, durch ihn war Frege +geweckt worden--aber zu spät----zu spät----Und daß das Tier sich gerade +an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlaß findend, in +den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglücklicher Zufall +gewesen, das erschien als ein solches Bündnis des Teufels mit dem +dämonischen Plan des Verbrechers, daß es fast aussah, als habe Gott aus +für die Menschen unerfindbaren Gründen alles so geschehen lassen wollen! +Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen +gleich erscheinenden Schicksalen gewesen!--War darin Sinn und +Verstand?--Vielleicht doch!--Sie mußte fallen, damit jene auf Holzwerder +wieder zu ihrem Recht gelangten, für schwere Enttäuschungen um so höher +entschädigt würden. So ging's überall in der Welt zu; das waren geheime +Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte, +neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von +Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst +Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten. + +Wenn's nur nicht sein Sohn wäre! dachte der alte Mann. Nur nicht der +Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste! + +Endlich erhob er sich, die Thürglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war +Essenszeit. In der Gesindestube saßen schon die anderen Dienstboten zu +Tische, und draußen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden, +harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Stärkeren gegen +den Schwachen.-- + +Am Nachmittag desselben Tages trafen Höppners, Tressens und Hederichs in +Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen +der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch +Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden +Bericht über die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten +Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft +unternommen hatte. + +Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blätter +hatten schon am Tage nach der That ausführliche Berichte gebracht und +Mutmaßungen über den Thäter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit +vollkommener Sicherheit die Erklärung abgegeben, daß er Brecken erkannt +habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das +bestimmteste behauptete, den Mörder verwundet zu haben, erschien die +Überführung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als +eine leichte. + +Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert, +daß er tags vorher in der Nähe gewesen und die Absicht geäußert hatte, +sich nach dem Süden zu begeben. Aber da er keinen großen Vorsprung +gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine +Ergreifung gesetzt hatte, mußte sich die Angelegenheit baldigst klären. + +In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die +mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschäftigten sie auf +das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, daß auf einem +solchen vorsätzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof +zu, und er wurde zugleich für alle Zeiten Einflüssen entzogen, die, wie +auch immer der Prozeß ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen +sein würden. + +Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste +Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache. + +Und wenn auch gegenüber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen +unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz +aufdrückte, Äußerungen der Freude über den wahrscheinlichen Ausgang der +Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von glücklichen +Vorstellungen erfüllt, und namentlich auch Hederich und Carin machten +Pläne, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurückzukehren. + +Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder +verwachsen. Er fühlte sich dort besonders heimisch und glücklich. Und +bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine +materiellen Verhältnisse wesentlich. + +Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes. +Wenn er in die alte Thätigkeit wieder eintrat, so waren sie +wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie +pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden +jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben +vermochte. + +Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg, +drückten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann +Vorbereitungen zur Abfahrt. + +Als sie bereits in der Thür standen und den letzten Händedruck +austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe, +wie sie gehört, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer +Überraschung keiner bedrückten Miene, sondern die Pastorin neigte mit +leuchtenden Augen den Kopf und sagte: "Ach, es ist ja ein herziges Ding! +Sie hat so tief bereut, daß mir die Seele schmolz. Sie kam +unaufgefordert zu mir, legte ihr Köpfchen an meine Schulter und +bettelte, daß ich ihr verzeihen möchte." + +Sie hatte nach diesem Bericht über Lene auch keine Zeit mehr, die +lebhafte Frau Pastorin. Sie drängte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen +und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmütigen Gesicht, +was sie wollte. + +Durch das Gespräch über Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen +Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaßten +sie. + +Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf +die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blühend +aussehendes junges Weib in die Arme und flüsterte zärtlich neckend: +"Aber mein kleines Frauchen,--drum und dran--mag keine Kinder--!" Da +senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in +ihren Mienen die Glückseligkeit, die sie durchströmte über das, was auch +ihr bevorstand.-- + + * * * * * + +Es war Spätabend. Abermals ein furchtbares Gewitter--gleichsam ein Kampf +der mächtig nach Verjüngung ringenden Natur--durchtobte den Himmel, und +meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der +vor einigen Tagen krank nach L. zurückgekehrte, unter dem Namen 'von +Kaub' in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war. + +Ärztliche Hülfe war von ihm zurückgewiesen. Er hatte einen Barbier +angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte +linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mußte. Es sei eine sehr +böse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die +Frage des Wirtes erklärt, und viele Wochen würde es dauern, ehe der +Kranke das Zimmer wieder verlassen könne. + +Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant +verlassen, auch sämtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben, +und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen, +als noch an die Hausthür geklopft ward, und der Barbier, an dem +verschlafenen Hausdiener vorüberschreitend, in sichtlicher Erregung das +Gastzimmer betrat. + +"Nun?" machte Helms, der Wirt, ein mittelgroßer Mann, der mit seinem +zwischen englischen Bartkoteletts überaus glattrasierten Kinn und der +übertrieben sorgfältig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als +ob er sofort als Schauspieler in einer Bühnenrolle aufzutreten habe, +verwundert und nicht eben angeheimelt. + +"Wo kommen Sie denn noch so spät her, und in dem, Wetter, Bartsch?" + +Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute +sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fürchtet. Dann +sagte er: + +"Ist noch heiß Wasser da? Ich möchte einen halben +Grog,--und--dann--dann--muß ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr +wichtiges, das keinen Aufschub duldet!" + +In Helms Gesicht drückte sich allerlei Mißbehagen aus, aber er ging doch +hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Höhe, ließ +den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett. + +"Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms," begann Bartsch, ein Mann, in seiner +Erscheinung mehr einem Küster als einem Barbier gleichend, mit ernstem, +zuverlässigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt, +eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor. + +Helms setzte ein Glas aufs Auge, und während er ein +Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit größter +Spannung seine Mienen. + +"Na? Und?" setzte Helms arglos an und schnitt mit großer Umständlichkeit +die Spitze einer Zigarre ab. "Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu +verdienen--?" + +"Wir!", betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand +nach oben. + +Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht. + +"Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht +wird," hub Bartsch an. "Alles stimmt. Merken Sie auf!" Und nun las er +einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein "Trifft +doch genau zu!" ein. + +"Donnerwetter!" sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verließ. + +Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluß. Einen solchen Menschen +im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, daß er sogleich +mit Bartsch überlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche +Anzeige erstatten und veranlassen sollten, daß eine Wache vor die +Stubenthür und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz +zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rückgrat, +scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr +weiße Zähne, große, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug! +Jedes Stück stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Überzieher. +Und ganz in der Frühe war er angekommen, verstört, totenbleich, mit +Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte +erzählt, daß er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt +habe. + +Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuß--! Während die +beiden noch zusammen überlegten, ertönte plötzlich ein Donnerschlag von +solcher Vehemenz, daß die Erde zu beben schien, und sie unwillkürlich +zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben +im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht +erklärte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub. + +Die beiden Männer sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von +Grauen erfaßte sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen, +und nun war's so gut wie erwiesen, daß der Thäter oben im Hotel +lag.--Entsetzlich!--Endlich gingen sie beide.---- + +Als sie das Zimmer öffneten, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick +dar. Der Kranke saß aufrecht im Bett und brüllte, man möge gleich den +Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er könne das +nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht +werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Mäuse und Ratten +sollten nicht an den Wänden kriechen und--und-- + +Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie +ein Verzweifelter und schrie und tobte, er könne es vor Kitzeln nicht +aushalten! Und dazwischen kreischte er, daß die Frau, die Frau Theonie +mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde.-- + +Fürchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Körper- und Seelenschmerzen +wirkten zusammen in dem Unglücklichen! + +Und was die Anwesenden sagten, hörte er nicht, er wußte schon nicht +mehr, daß sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das +Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genähert +hätten, und dann brüllte er wieder so markerschütternd auf, daß sie, wie +von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit ließen, die Thür von +außen zu verschließen.-- + +Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer +auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht, +Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kämpften in ihnen. Aber dann gab's +einen schnellen Entschluß, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und +Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt +abzunehmen, sich noch verstärkt hatte, als ob alle Himmel droben +gegeneinander in Aufruhr geraten seien---- + + * * * * * + +Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der +Hauptstraße ab eine Anhöhe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt +sich fast in der Mitte des Hügels, und rings umher befinden sich die +vielfach von Bäumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Gräber, +herabreichend bis an die Gärten der die Straße flankierenden Häuser. +Ein stiller Ort, an dem die Vögel heimlich singen, an dem selbst der +Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Flügel erhebt. + +Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem +durch die Frühsonne verklärten Frieden. Überall junges Grün, wohin das +Auge blickt, Grün und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der +Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermählend, +unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt. + +Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfährt, begleiten nur drei +Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefährt her, und jeden leitet auf +diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und +Gedanke. + +Es ist die Verehrung für die Frau des Toten, das Interesse für sein noch +lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen geführt hat. + +Tankred von Brecken--über drei Wochen sind vergangen--war in dem +öffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanitätspolizei +und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und körperliche +Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis +er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres hätte ihn erwartet, +wenn es der Pflege gelungen wäre, ihn am Leben zu erhalten. Und das +hatte der Mann gewußt in den wenigen lichten Augenblicken seiner +Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer +Gewalt zum Durchbruch gekommen war. + +Aber er wußte noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er +alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken +hinauf, und die gefalteten Hände zitterten, und der Mund flehte +stöhnend: "Nimm mich fort, sende mir den Tod. Übe dein göttliches +Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst, +was die anderen als höchstes Gut erkennen: das Leben----!" + +Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kämpfen erlöst; an einem +Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht lähmte, war +er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers +beraubt.-- + +Der Leichenzug war oben angelangt; die Träger hoben den Sarg, auf den +niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen +und schritten an die Gruft, an welcher der Küster mit seinen Gehülfen +harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos. + +Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen +einiger klebriger Erdstücke ein Geräusch. Sie fielen dumpftönend auf den +Deckel, aber sie störten den Schläfer nicht mehr-- + +"Wir wollen ein Vaterunser beten," hub Höppner an. Aber er sprach noch +anderes. Seine verzeihende Seele drängte nach einem Wort: "Richtet +nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des +Unglücklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren +das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung +einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert +seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott möge ihm gnädig +sein!"-- + +Als die drei Männer, Herr von Tressen, Pastor Höppner und Hederich, +langsam den Weg zurücknahmen, zwitscherten über ihnen die Vögel mit +süßem, fröhlichen Gesang; von unten drang das Geräusch emsigen Lebens an +ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang überall! Und das Gefühl einer schweren +Last war auch von der Seele dieser Männer gewälzt und machte sie leicht +und hoffnungsfroh. + +Hier hinterließ der Tod keine Narben, hier war er eine Erlösung für die +Zurückbleibenden, wie er eine Erlösung gewesen für den Vernichteten, der +einst geglaubt hatte, der Mensch vermöge sein Schicksal zu lenken nach +seinen Wünschen und Vorstellungen.-- + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Todsünden, by Hermann Heiberg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSÜNDEN *** + +***** This file should be named 13805-8.txt or 13805-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/8/0/13805/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/13805-8.zip b/old/13805-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..677bac4 --- /dev/null +++ b/old/13805-8.zip diff --git a/old/13805.txt b/old/13805.txt new file mode 100644 index 0000000..8a5269d --- /dev/null +++ b/old/13805.txt @@ -0,0 +1,11272 @@ +The Project Gutenberg EBook of Todsuenden, by Hermann Heiberg + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Todsuenden + +Author: Hermann Heiberg + +Release Date: October 20, 2004 [EBook #13805] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSUeNDEN *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders + + + + + +Todsuenden + + + +Roman + +von + +Hermann Heiberg + + + +Berlin + +Verlag des Vereins der Buecherfreunde + +1891 + + + + +Hermann Heiberg. + + +Unter den grossen Verdiensten, die der Traeger dieses vielgefeierten +Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen +drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer +schwaechlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den +weiteren Kreisen des bis dahin gleichgueltig gebliebenen Publikums Bahn +gebrochen zu haben. + +Es geschah dies durch seine Buecher "Plaudereien mit der Herzogin von +Seeland" und "Apotheker Heinrich." + +Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger +ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne +geschrieben hatten. Er--so wenig wie Theodor Fontane--brach auch +keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten; +er--so wenig wie Theodor Fontane--stellte keine grossartigen, langatmigen +und langweiligen Programme auf; er--so wenig wie Theodor +Fontane--spielte sich als Begruender einer ganz neuen, noch nie +dagewesenen Poesie auf. Dafuer vollbrachten Theodor Fontane und Hermann +Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland, +welche die Wirklichkeitskunst begruendeten. In den siebziger Jahren +erschien ganz im Stillen Fontanes "L'Adultera"; Heiberg schrieb 81 seine +grazioesen, entzueckenden Plaudereien und zwar nur, "um seine missmutigen +Gedanken zu toeten," keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstuecke +zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun +sollten. + +Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heisse Kampf +entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den mass- und +geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet, +hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschaerfter +Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er +hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein +reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfuellte buchstaeblich +die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden +Brueder, welche sie aufstellten,) dass man erst vierzig Jahre zaehlen +muesse, bevor man sich Realist nennen duerfe. Aber Realist! Meines Wissens +hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Buecher nicht "die einzige +Berechtigung des Realismus" beweisen wollten, da er sich nicht auf ein +einseitiges Dogmenverkuenden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern +in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, naemlich die Sinne und die Seele +des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und +Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, fuellen wollte--etwas, was +bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten--, so nahte +seinen Buechern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche +Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es naemlich in der That ja ganz +gleichgueltig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist +oder was immer sei--als ob ueberhaupt die Wirklichkeit diese Gegensaetze +so scharf begrenzt anseinanderhielte!--es will nur eins: es will +bezwungen sein; der Leser wuenscht zu fuehlen, dass der Kuenstler Gewalt +ueber ihn habe, er will sein Gefangener sein... + +Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in +seinen entzueckenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Buechern--ich +denke hier besonders an den "Apotheker Heinrich"--langte es mitunter +zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um +den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher +Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen +zwangen, bis langsam sich die Spannung loeste und ein hinreissender Humor +uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust waelzte... Was sag' ich? in das +Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden +Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters +nachzulassen schien, steckte ein Element der Urspruenglichkeit, ein +naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht +vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fuehlte sich so wohl bei Heiberg; +er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmaennisches; bei ihm +vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer +schneidenden Satire. Auch seine berueckendsten Schilderungen waren durch +einen goldechten Humor verklaert. Dieser Humor gerade ist das +Auszeichnende der schriftstellerischen Persoenlichkeit Heibergs: nicht +viele Dichter der gegenwaertigen Zeit koennen sich zu diesem +Erloesungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den +schmerzvollsten Gegensaetzen hin und her geschleudert, und erleichtert +seufzen sie auf, wenn ihnen ein Beguenstigter begegnet, und horchen auf +ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt. + +Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo +kommt er her? Nicht muessige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn, +um es mit einem groben und beschraenkten Wort zu sagen: Was Einer isst, +das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine. + +Man erfuhr nach und nach folgendes. + +Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen +Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die +Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen +Stadt seit langem eine grosse Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt, +entstammt dem graeflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr +glueckliche Jugend, man liess ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war +ein frischer, froehlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine +Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine +Buecher,... er ist einer der groessten und naturwahrsten Kinderdarsteller +der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend +dahinfloss, meisterhaft zu vergegenwaertigen weiss. Nachdem Heiberg das +Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der +Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in +Schleswig-Holstein und andere Umstaende die Ausfuehrung dieses +Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhaendler. Seine +Lehrjahre, die er spaeter im "Januskopf", diesem vortrefflichen +Buchhaendlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann +uebernahm er in Schleswig die selbstaendige Leitung einer von seinem Vater +begruendeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die +er wenige Jahre spaeter, nachdem er inzwischen ein Jahr in Koeln gewesen, +als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein +aufbluehendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschaeft, um +nach Berlin zu uebersiedeln. Hier ward er vorerst geschaeftlicher Leiter +der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der +energische und tuechtige Mann in die Direktion der Preussischen +Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die +vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu haeufigen und ausgedehnten +Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Daenemark, +Frankreich und England veranlasste. Wo ist ein Schriftsteller mit einer +so eigentuemlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der +als thaetiger Mann im Leben stand, nicht es als muessiger Zuschauer +beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Fuesse und +beschaeftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von +Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein +oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen--so war er z.B. +einmal voruebergehend Bevollmaechtigter der chinesischen Regierung fuer +eine Finanzierung in London--, zog sich aber endlich doch, mehrfach um +die Fruechte seines Fleisses und seiner Geschicklichkeit gebracht und +grenzenlos angewidert von allem, was "Geschaeft" heisst, zurueck. Im Jahre +1881 schrieb er dann, "um meine missmutigen Gedanken zu toeten," wie er +sagt, jene reizenden "Plaudereien mit der Herzogin von Seeland." Der +grosse Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte +ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als +Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswuerdigen Frau, +mit der er sich 1865 vermaehlt hat, umgeben von einem bluehenden +Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thaetig. + +Hiermit legt der Verein der Buecherfreunde der deutschen Leserwelt sein +neuestes Werk vor. + + * * * * * + + + + +Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Baeume ihrer Blaetter +entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Waelder +hatten doch ihr Aussehen bereits veraendert: wundervolle kupferrote und +in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Gruen, das der +Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner +Baum, der, hoch die andern ueberragend, emporstrebte aus einem +parkartigen Gehoelz, welches das versteckt und duester gelegene Erbgut +Falsterhof rings umgab. + +An einem solchen Herbsttage, um die Daemmerung, wandte sich ein Mann, der +eben die Dreissig zurueckgelegt hatte, in die zu dem Gute fuehrende +Kastanienallee. + +Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe +hinueber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug, +aenderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen +Gesicht bewegend, die Richtung, zwaengte sich durch zwei eine stille, +grosse Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt +vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehoeft zu. + +Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich +hinstreckendes, dichtes Gehoelz erreicht, durchschritt es, bis er an +einen Gemuesegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen +begrenzenden Wirtschaftsgebaeude entlang. Hier uebersprang er, den +gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und +befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier +emporragenden Fluegel des Gutshauses. + +Es war ein wohl ueber zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken +Backsteinen abgefuehrter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und +Schlinggewaechsen, und dem Auge um so unfreundlicher und duesterer +erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und grosse Baeume ihn +beschatteten. + +Vor zwei Monaten war, ueber siebzig Jahre alt, der Besitzer von +Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen +kaempfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode. +Das wusste der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewissheit +verschaffen wollte ueber Verlauf oder Ende der Krankheit. + +Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit +seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebuesch +eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es +jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war +denn der Spaeher sicher, dass niemand ihn beobachten werde. + +Nun drueckte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten +Feldstein und schaute ins Innere des Hauses. + +Eben fuhr der Abendwind durch Gebuesch und Baeume und fing sich stuermisch +in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kuemmerte +sich nicht darum. + +Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In +einem hohen Bett mit verblichenen, gruenseidenen Gardinen lag die alte +Frau mit gefalteten Haenden; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im +Zimmer; daneben Medizinflaschen, Glaeser, Leinewand, Schwaemme und +Schachteln. + +Alte, schwere Moebel standen ringsum; ihr Aeusseres bekundete Gediegenheit +und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfaenden sie, +was sich hier abspielte, als hoerten sie das Roecheln der Kranken, als +saehen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die +sich in einen grossen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte +und nun schon seit zwei Tagen und Naechten von der Sterbenden, ihrer +Mutter, nicht gewichen war. + +Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen +Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren +Eltern nach Falsterhof zurueckgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in +die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal fuer kurze +Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht +geleitet; als sehr spaet geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie +nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung +gebracht, die, einem unbewussten Egoismus entspringend, mehr den Eltern +selbst als den Kindern zu gute kommt. + +Was sich jetzt diesem jungen Leben eroeffnete, war schmerzlich genug. + +Theonie war zwar Erbin des grossen Besitzes, aber stand voellig allein in +der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besass, war Tankred von +Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spaehte. Aber +schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte +sich ihrer eine unausloeschliche Abneigung gegen ihn bemaechtigt. Tankred +war glatt, hoeflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an +die Zuege eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in +einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil ueber seinen +Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu loesen vermochten. + +Tankred war der einzige Sohn eines juengeren Bruders des verstorbenen +Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den +Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds +Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram ueber die Verkommenheit +ihres Sohnes, der frueher als Schreiber auf adligen Guetern thaetig gewesen +war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten koennen und sich +zuletzt--gleich nach dem Ableben seiner Mutter--auf Falsterhof +eingefunden hatte. Hier sass er nun schon seit Monaten umher, erklaerte, +sich trotz seiner Bemuehungen keine neue Thaetigkeit verschaffen zu +koennen, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem +Wesen eingenommen war, genuegenden Rueckhalt, um sein Faulenzerleben +fortzusetzen. + +Ganz allmaehlich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu +machen gewusst; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn, +rauchte dessen zurueckgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife +und schritt mit seinem Feldstock ueber das Gut. + +Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie +ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, dass ihm bei Tisch +nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und dass ihm +Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur aelteren und besonders +geschaetzten Personen verschafft. + +Tankred sprach mit solcher Offenheit ueber sein Vorleben, drueckte eine +anscheinend so ehrliche Reue darueber aus, seinen Eltern Kummer bereitet +zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte, +schlechte Gewohnheiten zurueckzuversinken, und wusste seine Tante in so +geschickter Weise zu umschmeicheln, dass die Frau sich voellig umgarnen +liess und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes +zufluesterte, gefangen gab. + +"Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen, +Theonie!" hatte sie ihrer anfangs noch schuechterne Einwendungen +machenden Tochter gesagt. "Menschen koennen sich doch aendern! Diesen +jungen Mann haben die Lebenserfahrungen frueh weise gemacht. Ich glaube +an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin ueberzeugt, dass er +fortan nur grade und gute Wege gehen wird." + +Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar +fallen lassen, dass es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum +Oberverwalter des Gutes und des Vermoegens einzusetzen, ihm auf diese +Weise Thaetigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natuerlicher +Ruecksicht gegen den einzigen Verwandten zu ueben, den sie noch auf der +Welt besaessen. + +Mit allen Zeichen hoechsten Schreckens hatte Theonie dem zugehoert. + +"Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch +sechs Wochen vor ihrem Tode, dass Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen +Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in +welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu +machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, dass +man sich um so mehr vor ihm hueten muesse, als er ein grosser Kuenstler in +der Verstellung sei, dass er die Herzen der Menschen umstricke, sich +ihnen fuege und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge +habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch +erschrocken warst ueber sein ploetzliches, unaufgefordertes Erscheinen +hier, schwoerst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser +Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch +waere erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir muessten eher grosse Opfer +bringen, um ihn fuer immer von uns zu entfernen, als dass wir darueber +sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weisst Du, was ich glaube? Nicht nur zu +Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er faehig, sondern unter +Umstaenden zu einem Verbrechen!" + +"Theonie! Theonie!" rief die alte Dame entsetzt und fuer ihren Neffen +Partei nehmend. "Welche Gedanken! Meine Schwaegerin, Deine Tante, war +eine kalte, misstrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus +Pflichtgefuehl. Liebe empfand sie weder fuer ihn, noch fuer ihren +verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im +schlechten Sinn getruebt. Sie liess ueberhaupt keinem etwas Gutes, sie sah +stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig +und genusssuechtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und +die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht +verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade +Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man +ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefuehl erwacht dann, und sie +bestreben sich, zu zeigen, dass sie doch im Grunde etwas anderes sind, +als wofuer man sie haelt."---- + +Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine +belauscht hatte, wich er zurueck und schien auf Grund der von ihm +gemachten Beobachtungen zu einem Entschluss gelangt zu sein. Aber rasch, +wie von einem ploetzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um, +als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang +und ihn belehrte, dass in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes +zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spaehte, dass seine +Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes ueber ihre +Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden +Greisin behuelflich war, die Todesqual leichter zu ueberwinden. Das +Stoehnen und Aechzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich; +schrecklich verzerrten sich die Zuege der Sterbenden, und kaum fuenf +Minuten spaeter hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben. + +Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit +wenigen Saetzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben +uebersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehoelz +einschlagend, abermals in der Allee. + + * * * * * + +Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war +Theonie von dem Begraebnis zurueckgekehrt und sank nun in ihren oben im +Hause belegenen Gemaechern an dem Tisch nieder und liess das Haupt auf den +ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum +als der Schmerz, verstaerkt durch das Gefuehl einer grenzenlosen +Vereinsamung und--Furcht. + +Ausser ihr wohnten in dem grossen Hause nur zwei Maedchen und ein bejahrter +Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlaessiger, aber eigentuemlicher +alter Mann, der etwas schwerhoerig war. Das Haus des Paechters von +Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der +Paechter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden +Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er +unverheiratet war, fuehrte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und +auch sie war wenig zugaenglich. + +Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen +Wohngemaecher, die sich bis in den Fluegel ausdehnten; zur Rechten lagen +die Raeume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben +Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Fluegel waren die Kueche und +die Gesindezimmer. Man musste eine breite, beschnittene Hecke +durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehoelz +gelangen wollte, welches sich dort duester hinstreckte. Auch vorn standen +grosse, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch +Stakete eingefriedigte Gemuesegarten mit hohen Gebueschen. So drang denn +nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemaecher, und das Herrenhaus machte +von aussen und innen einen unheimlich duesteren, melancholischen Eindruck. + +"Was nun?" drang's unwillkuerlich und mit grenzenloser Schwermut aus +Theonies Munde, als sie nach Bekaempfung des ersten Schmerzes das Haupt +emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute. + +"Was nun?" Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie, +niemand beschraenkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in +die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fuehlte sie sich +gehemmt, als befaende sie sich in einem Gefaengnis. + +Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt +verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, dass sie ihr ganzes +Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend ueber sie, aber +ebenso sehr schrak sie davor zurueck, sich anderswo in der Welt +niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe fuer sie verloren. + +Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Naechstliegenden zuwandten, dem +Tag und seinen Beduerfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen +erschien, schuettelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen +richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn wuerde entfernen koennen. + +In den legten Tagen waehrend der schweren, schon hoffnungslosen +Krankheit ihrer Mutter hatte er luegnerischer Weise erklaert, eine Reise +unternehmen zu muessen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine +Stellung eroeffnet haetten. + +Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die +Kranke getroestet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte +sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert. +Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu muessen, ihr nicht +Gesellschaft leisten zu koennen, aber er halte es fuer seine Pflicht, eine +gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht voruebergehen zu +lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke +besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn. + +Und dann hatte er Theonie voll Zaertlichkeit umarmt, sie mit seinem +demuetigen Blick gestreift und war abgefahren. + +Waehrend sich die alte Dame in Lobspruechen ueber ihn erging, dachte +Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Misstrauen, ihre +Abneigung verschaerften ihre natuerliche Menschenkenntnis. Sie war +ueberzeugt, dass er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit +und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Ruecksichten zu ueben, +durch deren Vernachlaessigung er sich in ein schlechtes Licht stellen +wuerde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles +vorueber waere, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebuerdet werden koennten. Er +wusste auch, dass sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde. + +Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu +thun, scheute er weder Luege noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie +genieren konnte, suchte er moeglichst aus dem Wege zu raeumen. Und in der +That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche +bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine +Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war. + +Nun heuchelte er Ueberraschung, Trauer und Leid, so spaet--zu spaet +gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde spaeter bemerkte ihn +Theonie, vergnueglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher haette ihn das +Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr beruehrt als der Tod seiner +Verwandten und Wohlthaeterin. + +Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu +begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die +Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht +Wochen vorueberzoegen, wuerde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie +bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich +amuesieren, zu Fuss und Wagen Ausfluege unternehmen, Gutsbesitzer der +Umgegend besuchen und die uebrige Zeit essen, trinken, schlafen, +faulenzen und den Herrn spielen. + +Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner +Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein +verstecktes Ziel. Nicht gleich--nicht ueberstuerzt--er hatte Zeit zu +warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wuensche wuerde er +umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Luegen auftischen wie +ihrer verstorbenen Mutter: dass er sich um Thaetigkeit und Verdienst +bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden. + +Und wenn sie dann erklaerte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten, +wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen, +dann wuerde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und +dieses Gesicht hatte sie juengst im Traume gesehen--es war die +Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen. + +Tankred hatte schreckliche Faeuste,--er zerbrach mit den Fingern einen +eisernen Ring,--er hatte fuerchterliche Backenknochen, er besass die +herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten +Momenten die Augen eines Raubvogels. + +Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit +einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloss hinter sich +die Thuer in dem duesteren Raum und oeffnete die Pultschublade der +Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wusste, hier liegende Testament +ihres Vaters an sich nehmen. Eine ploetzliche Unruhe und Angst, dass es +von Tankred beiseite gebracht werden koenne, dass es gar schon von ihm aus +der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen. + +Mit zitternden Haenden und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das +Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre +Furcht schon bestaetigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit, +hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Faecher neben anderen +wichtigen Papieren das Gesuchte fand. + +'Mein letzter Wille' lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit +den Schriftzuegen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und +sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem +Dahingeschiedenen bemaechtigte sich ihrer. + +Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer. +Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und +neben ihm die Unvergessliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit +gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten +Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr +Gedaechtnis, und abermals kam's ueber sie wie Gewitterschwuele. Angst und +Grauen bemaechtigten sich ihrer Seele und liessen sie nicht. + +Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Raeume, der Geruch von +verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf +die Brust, und als nun die Thuerglocke anschlug, und der Hund, der immer +bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut ruehrte, als sie wusste, dass +er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen +begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung +unter ihrem Mieder und schloss rasch das Pult. + +Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt.--Nichts--Tankred +schien sich in den Garten begeben, seine Gemaecher nicht betreten zu +haben. + +Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald +auf die Thuer, bald auf das nach dem Park sich oeffnende Fenster. Und als +sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkuerlich als +bewusst, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres +Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spaehen und sie +beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als +ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten; +doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu +vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie +gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen +Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloss sie +die Thuer des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemaechern empor und +machte sich, nachdem sie einigermassen ihre Ruhe zurueckgewonnen, an die +Durchsicht des Testaments.-- + +Theonie war gross und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besass sehr +schoene, regelmaessige Zuege, weisse Haende und schmale Fuesse und jenes +Zurueckhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Maenner reizt, in +das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt, +ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersoenliche in ihrem +Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluss gelangen laesst, der +damit Behaftete sei nur mit sich beschaeftigt, interesselos und hochmuetig +oder so sehr durch anderes abgelenkt, dass vorliegende Dinge ihn nicht +fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberflaeche Feuer und +Leidenschaft; diese Gleichgueltigkeit ist dann der Schleier, den man +vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu koennen; vielfach ist's auch +ein Produkt der Erziehung, welche Zurueckhaltung als ein Gebot der +Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht. +Das letztere war bei Theonie der Fall. + +Sie besass eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam, +und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kraeftigeren, +selbstbewussteren Seite hin bisher nur einmal bethaetigen koennen, und zwar +nach dem Tode ihres Mannes. + +Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie +selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem +Willen und Wuenschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmaessig +dahinfliessendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen +unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil +gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschaetzt, dafuer hatten +sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt. + +Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die +Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, ueberwog bald den +Schmerz und machte sie weniger empfindlich fuer die Trauer, die Theonie +um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die +Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, froehlicheres und der +Welt mehr zugewandtes Leben begrub. + +Dass sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde, +stand fuer sie ausser Frage. Das Glueck, das ihr kurze Zeit gelaechelt, +hatte sie schnell wieder verlassen, denn dass sie noch einmal einen Mann +lieben koennte, hielt sie fuer undenkbar.-- + +Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertoente, war Theonie eben mit dem +Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im +Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen. + +Als sie in die Thuer trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer +Teilname auf sie zu und drueckte wortlos einen Kuss auf ihre Hand. Sie +litt es nur halb; bei seiner Beruehrung war's ihr, als ob ein boeses Tier +sich ihr genaehert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens +vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen. + +"Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurueck, Theonie," hub +Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, "weil Pastor Hoeppner noch +den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte, +um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wuenschtest +Du auch allein zu fahren?" + +Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat +trotz seiner gefuegigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wusste seit +seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der +Wunsch, dass es anders sein moege, verwischte bisweilen sein klares +Urteil. So war es auch heute. + +"Ja," erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem +sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, "ich +hatte allerdings das Beduerfnis, mich abzuschliessen, und haette Dich sogar +gebeten, mich allein fahren zu lassen." + +Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er +mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend, +einschmeichelnd: "Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich wuerde ich +gluecklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt haettest, in meiner Naehe zu +sein. Ich haette dann doch einmal empfunden, dass Du ein etwas warmes +Gefuehl fuer mich besitzest." + +"Nein, ich besitze es nicht!" gab die Frau ehrlich zurueck. + +Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets +ausgewichen, aber ueber ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die +auf Freundschaft oder Abneigung haette schliessen lassen koennen. + +Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte +gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten? +Wollte sie rasch und ohne Ruecksicht das Band zwischen sich und ihm +durchschneiden? Er musste es wissen, es draengte ihn heiss, und statt ihre +Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte +er unvermittelt: "Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begraebnistage +Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es +mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen." + +Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners, +und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner +Schwerhoerigkeit begegnen musste: + +"Es fehlt ein Loeffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein."-- + +Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet +mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige. + +"Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?" + +Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem +Gesicht; deutlicher Hass spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie +rasch wieder glaettete. + +Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klueger +sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende +Furcht kam ueber sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen +Ahnungen, dass sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und +zunaechst den Loeffel brachte. Sobald sich die Thuer hinter ihm +geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort waegend, aber auch die +Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter ueber ihre Absichten nicht im +Unklaren zu lassen: + +"Den Hass, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu +empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns, +glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu +bleiben. + +Ich werde nicht vergessen, dass Du mein Verwandter bist, und werde die +sich daraus ergebenden Ruecksichten so lange gegen Dich ueben, wie Du sie +mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem spaeteren +Lebenswege guenstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber +doch frueher oder spaeter der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus. +Ich werde Deine Wuensche zu erfuellen suchen, sofern sie meine Kraefte und +die Grenzen, die ich nur stecken muss, nicht ueberschreiten." + +Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem +gemischten Ausdruck schlecht unterdrueckter Enttaeuschung und dankbarer +Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: "Ich danke Dir fuer Deine +Gesinnungen. Dass Du jemals in die Lage geraten koenntest, 'meiner' zu +beduerfen, haeltst Du wohl nicht fuer denkbar Theonie? Umfasst der Reichtum +denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen huelfreich +erweisen kann?" + +"Ich werde Dich nie um etwas bitten," entgegnete die Frau kalt, und von +der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Ruecksicht, die sie +eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewusst +werdend, fuegte sie rascher hinzu: "weil ich ueberhaupt niemandem etwas +schuldig sein moechte." + +In dem Gesicht des Mannes ruehrte sich nichts, obschon es in ihm wuehlte. +"Du aeussertest vorher, Theonie, dass wir nach Deiner Ansicht besser +thaeten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluss zu +ziehen, dass Du wuenschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so, +dann werde ich so bald wie moeglich gehen, doch moechte ich Dich bitten, +mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewaehren, bis ich eine Stellung +gefunden habe. Du wirst sagen, dass das nach den bisherigen Erfahrungen +lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn +ich die Mittel haette,"--jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange +auf den Lippen lag,--"wuerde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder +eine Pachtung zu uebernehmen suchen, aber ich armer Teufel--" + +"Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine +andere Flasche, bitte!--Ich moechte, um Deine Frage zu beantworten, +Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten +meines verstorbenen Mannes begeben. Natuerlich werde ich Ruecksicht auf +deine Wuensche nehmen," entgegnete Theonie, kuehl ausweichend. + +"Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst +mir, noch acht Tage zu bleiben." + +Sie gab keine Erwiderung. + +"Ist das zu lange?" + +"O--nein--" Es kam sehr zoegernd heraus, und diesmal wusste Theonie, was +sie sprach. Und doch, um seine Enttaeuschung, die er nicht zu verbergen +vermochte, zu mildern, knuepfte sie rasch an den Schluss seiner vorherigen +Rede an und fuegte hinzu: + +"Du sprachst von Mitteln, deren Du beduerftest. Auch ohne diesen Hinweis +haette ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, ueber die +ich verfuegen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines +Vaters alles so festgestellt, dass ich nur ueber die Zinsen zu disponieren +habe." + +Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil +angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach,--und er vertraute ihr, obschon +er als Gewohnheitsluegner selten annahm, dass andere redlich +verfuhren,--so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen +erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und dass an eine solche nicht zu +denken, war ihm eben klar geworden. + +Es kam nun darauf an, zu erfahren, ueber welche Summe Theonie +testamentarisch verfuegte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt +sei. Sicher wuerde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige +Sympathie, die sie fuer ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er +ihrem guten Willen alles anheim geben, so musste er die Krallen auch +ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht +erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt--? Das musste abgewartet +werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurueck, zunaechst aber wollte er +es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm +anbieten wuerde, wollte er sein Verfahren einrichten. + +"Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem +Herzen," hub Tankred an. "Jede Unterstuetzung ist natuerlich fuer mich von +Wert, da ich nichts besitze.--Hoffentlich fandest Du durch das Testament +alle Deine Wuensche erfuellt?" + +Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als +dass er sich etwas dabei gedacht haette. Theonie aber nahm sie auf und +sagte: + +"Du meinst? Ich verstehe nicht--" + +"Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhaengigkeit, nach +der Du verlangst." + +Sie schuettelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser +Berechnung, stiess sie heraus: + +"Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Paechter, zahlt wie frueher die +Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfuegung ueber die Zinsen, +wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das +heisst, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu +machen, ist mein Eigentum, und ich kann darueber nach meinem Gutduenken +verfuegen. Ich wollte Dir davon die Haelfte zuwenden, die andere den armen +Verwandten meines verstorbenen Mannes ueberweisen. Ich kann ja das Geld +entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag." + +"Wie hoch schaetzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?" fragte +lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank +ausdrueckenden Kopfneigen bestaetigt hatte, in einem aeusserlich +uninteressierten Ton. + +"Ich weiss es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie +darum bekuemmert. Ich freue mich nur, dass ich so viel habe, dass ich +sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft +ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt, +ist einsam und recht freudlos." + +Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um +seiner Kousine Sinn fuer Vermoegensverhaeltnisse zu pruefen und danach +wieder die Wahrhaftigkeit ihrer uebrigen Angaben zu bemessen. Er wusste, +dass fuer das Gut schon vor langen Jahren ueber viermalhunderttausend +Thaler geboten waren, und ihn aergerte nur, dass sein verstorbener Onkel, +der pedantische Philister, die Hypotheken abgeloest hatte, statt Geld +anzusammeln. + +Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie gross die Summe sei, die +Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem +uebrigen, damit nicht hervortrat, musste er sich gedulden. Er sah keine +Moeglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage blosszustellen, dem, was +ihn beschaeftigte, gespraechsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein +Entschluss verstaerkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten +wuerde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein +Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine +geheimen Plaene zu verfolgen. + + * * * * * + +Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederliess und bei der +angesteckten Pfeife die gegenwaertigen und kommenden Dinge nochmals +ueberlegte, draengte sich ihm auch die Sorge fuer das Naechstliegende auf. +Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob +er Geld beduerfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast +ganz ausgegangen. Die Kosten fuer seine letzte Reise hatte Frege +bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war. +Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht +drueckte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelueste bisher +in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen +seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel fuer das +Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der +Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlass des alten Onkels ging auch +zu Ende. + +Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er +fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Beduerfnisse +regten sich in ihm, die er frueher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte +unterdruecken muessen. + +Natuerlich! Je frueher er Theonie seinen Entschluss kund gab, Falsterhof +zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine +Genusssucht und seine Ungeduld ueberwogen haeufig seine Klugheit und +Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn, +lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und +ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann ueberlegte er +wieder, wie gross der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen +werde, wenn er moeglichst lange mit seiner Abreise zoegerte, und dem, was +Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde. + +Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie +erfasste, wuerde sie vielleicht die Abfindungssumme hoeher normieren. Also +warten, trotz allem warten! + +Als er sich spaeter in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen +sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn ploetzlich das +Misstrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in +das Testament zu gewinnen. + +Dieser Gedanke beschaeftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem +Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln liess und einen Spazierritt +unternahm. + +In jedem Fall beschloss er, nachdem an diesem Abend sich alles in +Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und +nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schluessel zum Inhalt +der Schublade gelangen koenne, an der er Theonie heute hatte hantieren +sehen. + +Als er diesen Entschluss gefasst hatte, hielt er unwillkuerlich sein Pferd +an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm--er befand sich auf einer +Anhoehe--lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen +gehoerte. Die weissen Waende des Herrenhauses schauten malerisch aus dem +Gruen hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende +Tannenwaelder reizvoll von der uebrigen Umgebung ab. + +Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante ueber die +Verhaeltnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentuemlicher Art. Herr +von Tressen und seine Frau besassen eigentlich nichts, alles gehoerte der +Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der +Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl +existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des +urspruenglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen +Frau von Tressen, einmal heiraten wuerde. + +Waehrend Tankred von Brecken noch auf der Hoehe verharrte und nun eben +seinen nach den ueberhaengenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs +wehrte, erklang hinter ihm das Geraeusch von Schritten, und als er sich +zur Seite wandte, hoerte er die Worte sagen: "Nicht wahr, es ist schoen +hier?--Guten Abend." + +Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht, +ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, dass sie sich beim Sprechen +eingruben, als seien sie kuenstlich in die Haut gemeisselt. Der untere +Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber +die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das +Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters. +Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Paechter, und er war auch der +Verwalter von Holzwerder. + +"Ist wohl ein grosser Besitz?" hub Tankred, den Worten des Mannes durch +Kopfnicken beistimmend, an. "Ist dort unten am Fluss nicht die Scheide +zwischen Falsterhof und Holzwerder?" + +"Ja, mein Herr--Ah--" unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung +seines Namens den Hut lueftete und sein Pferd in Bewegung setzte, "sehr +angenehm--Haben schwere Trauer drueben gehabt? Ja, ja, alles fegt die +Zeit zuletzt weg. Drum und dran--." Dieselben Worte wiederholte der Mann +noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: "Aber um auf +Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor +langer Zeit gehoerten die Gueter zusammen, alles gehoerte der Familie von +der Linden. + +"Dann hat also diese an die Breckens verkauft?" + +"So ist es! Die Lindens besassen noch mehr Gueter. Es war die reichste +Familie--drum und dran--in der Umgegend: aber der Grossvater des +Letztverstorbenen wusste schon nicht zu wirtschaften, und"--nun +erschienen die tiefen Falten--"so hat sich's nach und nach +abgebroeckelt." + +"Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein grosses Gut?" forschte +Tankred neugierig. + +Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und +sagte erst nach einer Pause ausweichend: + +"Ja, gross ist der Besitz--doch haben wir auch Lasten,--drum und +dran--ja, ja, gewiss, mancher wuerde die Finger lang ausstrecken, wenn er +Fraeulein Grete von der Linden waere." + +"Grete von der Linden?" setzte Tankred an, als ob ihm die Verhaeltnisse +voellig fremd waeren. + +"Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf +dem Gut. Uebrigens, da kommt grade das gnaedige Fraeulein mit ihrer +Gesellschafterin her." + +In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine +schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fuelle prangende Blondine. Grete +von der Linden, und eine etwas aeltere Dame mit einem feinen, +geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich. + +Es erfolgte eine Begruessung, doch Tankred, dem ploetzlich ein berechnender +Gedanke durch den Kopf schoss, beschraenkte sich nicht allein auf diese +Artigkeit, sondern liess sich von dem Verwalter Hederich vorstellen. + +Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes +Gespraech entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner +Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren, +welches damit endete, dass sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen +Besuch abzustatten. + +"Meine Eltern," erklaerte sie, "sind seit einigen Wochen verreist. Dies +ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begraebnis Ihrer Frau +Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurueck und werden +sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen." + +Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im +Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden, +ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte, +misstrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, waehrend ihm +Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schuettelte +und bat, dass Tankred auch ihm bei seinem demnaechstigen Besuch nicht +vorbeigehen moege.--"Drum und dran--es wird mir eine grosse Ehre sein, +wenn Sie bei nur eingucken moechten, Herr von Brecken." + +Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht +erroetende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab. + +"Ein eigenes Geschoepf," murmelte er im Weiterreiten. "Schoen, sehr +selbstaendig und--klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das +unnatuerlich ist fuer ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen--heute abend will +ich Theonie einmal ueber sie ausfragen." + +Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurueckkehrte, fiel +ihm auf, wie einsam, duester und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz +belegen war: Der Paechterhof weit ab, in dem grossen Hause die wenigen +Menschen, und ausser ihnen nur in einem Katen neben dem Park der +zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gaertner Klaus. + +Und den Mann ueberfiel's, dass einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus +eindringen und stehlen und--morden koennten--ihn und Theonie--! Und bei +dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden wuerde, wenn man +Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette faende, wenn kein Glied der +Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei--ausser ihm------!? + +Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zuegel +des Fuchses zu, oeffnete die Hausthuer und trat, begleitet von dem +impertinenten Klingelton und dem Bellen des "verfluchten Koeters" Max, +dem er einen Fusstritt versetzte, in den Flur. + +Die gnaedige Frau haetten sich schon in ihr Zimmer zurueckgezogen, sie +lassen sich entschuldigen, erklaerte Frege, und leuchtete Tankred +zunaechst in seine Gemaecher und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den +Tisch fuer sich gedeckt fand. + +Als er sich niederliess, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen +Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschaeftigte. + +Aber waehrend er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf +ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und +Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten, +als ob sie durch nichts erregt werden koennten, als ob sie nur +Sehvermoegen besaessen fuer den einschraenkten Wirkungskreis, der ihrem +Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: "Einer +wacht ueber allem, was Du thust und thun wirst. Huete Dich!" Die Augen +gehoerten dem alten Frege. + + * * * * * + +Als sich Theonie und Tankred am naechsten Tage beim zweiten Fruehstueck +zusammenfanden,--Theonie war beim ersten nicht erschienen,--brachte +letzterer nach fluechtiger Erkundigung ueber ihr Befinden das Gespraech auf +Grete von der Linden und die Familie von Tressen. + +"Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit +Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht. +Grete von der Linden kenne ich wenig; es heisst, dass sie herrschsuechtig +und fuer ihre Jahre ueberreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend +schoen und auch liebenswuerdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders." + +"Und ihre Eltern?" + +"Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmuetiger +Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden. +Sie gehoert zu den Menschen, ueber deren wirkliches Wesen man sich +zeitlebens den Kopf zerbricht. + +In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amuesement +und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So +aeusserte sich wiederholt meine Mutter, die uebrigens Frau von Tressen +trotz ihrer Fehler sehr schaetzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen +lobte." + +"Weisst Du etwas von den Geldverhaeltnissen drueben?" + +"Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau +mitgebrachte Vermoegen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide +lebten schon seit Jahren von Gretes Einkuenften. Bis Grete ein bestimmtes +Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutzniesserin +gewesen sein, seitdem aber keine Ansprueche mehr haben." + +"Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an.--Wie +beurteilt man ihn denn?" + +"Man nennt ihn in der Umgegend 'Drum und dran', weil er diese Worte +stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein +einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein +Vater hielt grosse Stuecke auf ihn." + +Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darueber nach, wie geschaeftsmaessig +Theonie das alles gesprochen habe, wie kuehl und temperamentlos sie nicht +nur ihm begegne, sondern sich ueberhaupt gegen die Menschen zu verhalten +scheine. + +Ihn ergriff ploetzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenueber +waermer zu geben, oder er wollte ihr durch Kraenkungen vergelten, dass sie +es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in +dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner +Eitelkeit so sehr, als dass andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte, +obgleich er die Selbsterkenntnis besass, dass er keine Achtung verdiene, +doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber waehrend bei +andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten +anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner uebermaessigen, mit +Traegheit gepaarten Genuss- und Bequemlichkeitssucht. Muehelos materiell +geniessen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu +erreichen, war ihm jedes Mittel recht. + +Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspaenner der +Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um +Theonie zu troesten und ihr Beileid nachtraeglich noch an den Tag zu +legen. + +Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensguete. In dem bartlosen +Gesicht glaenzten unter einer grossen, silbernen Brille ein Paar ueberaus +freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen +gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein +sagen konnte und das Woertchen 'ja' fortwaehrend gebrauchte. + +Sie dagegen war eine Frau von Energie, besass Humor und Menschenkenntnis +und trat, mit ihres Mannes Schwaechen rechnend, sehr haeufig handelnd fuer +ihn ein. + +Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der +Gemeinde, hoerte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner +Geschaefte. + +Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und +die freundlich gesinnten und schaerfer beobachtenden Leute erzaehlten +allerlei ruehrende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene. + +Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den +Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, waehrend +Theonie sich der Frau anschloss. + +Als die Maenner ausser Hoerweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie +heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht +verratend: + +"Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er kuenftig die +Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend." + +"Das verhuete Gott!" stiess Theonie herauf. Und "Nein, nein, keineswegs," +fuegte sie hinzu. "Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein +Vetter verlaesst mich demnaechst." + +"Ich fragte nicht aus Neugierde--sondern--aus--andern Gruenden, liebe +Frau Cromwell," fuhr die Pastorin in warmem Tone fort. + +"Nennen Sie mich doch wie frueher, Theonie, ich bitte--" fiel Theonie +ein. Der schwermuetige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr +eigentliches Antlitz durchstrahlt von Guete und Menschlichkeit, kam zum +Vorschein. Und "Ja, bitte--Sie wollten sagen?" schloss sie. + +"Hier!" entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres +Kleides einen Brief hervor. "Dies fanden wir heut' mittag in meines +Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen +guten Hoeppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen." + +Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las: + +'Da Sie die junge, gnaedige Frau auf Falsterhof lieben und ihr +wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluss, Herr Pastor, +dass der Schurke, der sich bei ihr aufhaelt, dass Tankred von Brecken bald +das Herrenhaus verlaesst. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches. + +Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere +zutrauen darf.' + +"Wer kann das sein?" stiess die Pastorin im Uebereifer ihres Gefuehls +heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da +sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, dass Totenblaesse auf ihre +Wangen trat. + +"Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu misstrauen beste Theonie--liebe +Frau Theonie? Schrecklich!--Bitte, eroeffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie +meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach +Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles +mit." + +"Ich kann nichts sagen--bis jetzt nichts sagen--" gings zitternd aus +Theonies Munde, "aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und +Unruhe. Ich fuerchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des +Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindruecken." + +"Koennen Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Ruecksichten leiten Sie?" + +"Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte. +Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung +seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon +davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hoeren +zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so +unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thuer zu weisen, zumal er mir +bisher keinen direkten Anlass gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben +nichts, was man ihm vorwerfen koennte. Mich leiten nur die Kenntnis +seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes +Misstrauen gegen ihn erfuellt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern +hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim +Fruehstueck scheinen darauf hinzudeuten, dass er Absichten auf sie hat. +Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah!--ah--Wie werde ich +die Last von meiner Seele los!" + +"Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben +kann?" + +Theonie schuettelte den Kopf. + +"Keine! Und das aengstigt mich nun auch! Doch still. Ich hoere Ihren Mann +und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir +vielleicht nuetzen--" + +Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos +freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach, +gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zuegen, wenn er zuhoerte +und sich unbeobachtet glaubte. + +Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor liess sich ueber +sein Toechterchen aus, ueber Lenes Vorzuege, und sagte mit seiner rollenden +Stimme: "Die Kinderseelen sind noch rein und unverfaelscht. Sie haben +keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie +koennen, waehrend wir 'sie' zu erziehen suchen, 'uns' ein Beispiel geben, +nach dieser Richtung ein--Beispiel geben--" + +Tankred fand diese Ausfuehrungen eben so sentimental wie geschmacklos und +zog gaehnend den Mund. + +Gleich aber glaetteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei +Artigkeiten und Liebenswuerdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie +gehoerte, wie er wusste, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten, +und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung +beizubringen. Auch fuehlte Tankred instinktiv, dass die beiden Frauen von +ihm gesprochen hatten, und er wollte den unguenstigen Eindruck, den die +Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, moeglichst zu verwischen +suchen. Es war ihm fuer seine Plaene von grossem Wert, die Menschen ringsum +fuer sich zu gewinnen. + +"Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken? +oder verlassen Sie uns?" hub die Pastorin mit Absicht an und forschte +unbemerkt in seinen Mienen. + +Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswuerdigkeit an +Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen: + +"Wenn meine sehr guetige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht +zurueckzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thaetigkeit +gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne." + +"Ja, das Herumhocken ohne Beschaeftigung ist niemandem gut, besonders +nicht jungen Leuten," bestaetigte die Pastorin derb und kurz, Brecken +fest anschauend. "Na, aber nun wird's auch Zeit, zurueckzukehren, lieber +Hoeppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald +einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?" schloss sie und schritt, deren +Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran. + +"Auch--Sie--erweisen uns--hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?" +ergaenzte, seiner gewohnten Gutmuetigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich +er wohl wusste, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert +hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer +zum guten und hatte auch heute hingeworfen, dass er auf anonyme Briefe +nichts gebe, dass ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund +vorhanden sei, ihm Uebles zuzutrauen. + +Nachdem die Gaeste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen, +noch ein Stuendchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er haette +sich gern Hoeppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken +zurueck, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr missfallen hatte. +Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet, +indem sie unter starker Betonung geaeussert hatte, sie hoffe denn, dass er +in kuerzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der +Arbeit, welche letztere allein gluecklich mache, nicht verliere.--Solche +moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider. + +Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmoeglich, weil er keinen +Groschen mehr besass, und die absolute Notwendigkeit draengte sich ihm +auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloss, noch am selben Abend beim Thee +mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Suemmchen +anzugehen. + +Unterdessen naeherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und +sah dem dort beschaeftigten Kutscher Klaus zu. + +Da schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunaechst um einen Thaler +anzusprechen, und sein Komoediantentum aeusserst geschickt verwertend, +stiess er heraus: + +"Hebbt Se villich en beten Luettgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?" + +"Ja, Herr von Brecken, dat hev ick," entgegnete Klaus mit gutmuetiger +Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen +schmutzigen ledernen Beutel hervor. + +Diesen breitete er faecherartig auf dem Futterkasten aus und holte +allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred +hinzaehlte. + +Aber waehrend das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit +seinem verschlossenen Gesicht in der Thuer, zog sich jedoch, als habe er +sich vergewissert, dass hier das von ihm Gewuenschte nicht zu finden sei, +kurz nickend gleich wieder zurueck. + +Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und ueber die Wiese den Weg +zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief +der Koeter Max, der bei Tankreds Anblick ein wuetendes Gebell ausstiess. + +Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so +ungluecklich, dass nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen +wurde. + +In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von +Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er +ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich +fuchtelnd, auf abgekuerztem Wege dem Kirchdorf zu.-- + +Inzwischen ueberlegte Theonie, durch den Brief und das Gespraech mit der +Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich +noch heute mit Tankred endgueltig auseinanderzusetzen. Sie vermochte +seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war +sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hoeren +vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr +Gewalt anzuthun. Im hoechsten Grade auffallend war es ihr gewesen, dass +sie am Spaetnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter oeffnen +wollte, das Schloss verdreht fand. Dass Tankred versucht habe, das Innere +zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu +bringen, schon am naechsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie +abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervoesen Angst +und Furcht, die sie beherrschten, erhoehte sich ihre Bereitwilligkeit zu +Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich +verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren +Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang, +Grete von der Linden heimzufuehren, wuerde er immer in ihrer Naehe bleiben. +Der Aufenthalt auf Falsterhof wuerde fuer sie eine Qual werden; sie musste +am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin +zurueckkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her. + +Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie +auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm +gegenueber sass, Auge gegen Auge, war sie gefasster, ja, dann empfand sie +kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall +ihr vielleicht guenstig sein. + +So beruhigte Theonie sich denn endlich, liess eins der Maedchen kommen und +befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett +aufschlagen. Sie wuensche, da sie sich nicht wohl fuehle, nachts +Aufwartung zur Hand zu haben, erklaerte sie, und dasselbe aeusserte sie +gegen Frege, als er den Abendtisch deckte. + +"Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter," +schloss Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, dass Frege sich mit +dem einen Bein schwerfaellig bewegte. + +Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentuemlichen Blick +an. + +"Von ihm!--Er war's!" stiess er dann finster und ganz gegen seine +Gewohnheit heftig heraus. + +"Er? Wer? Von wem sprechen Sie?" + +Noch zoegerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller, +die er eben verteilen wollte, absetzend: + +"O, liebe gnaedige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muss +sprechen.--Es liegt etwas Schreckliches ueber Falsterhof--es kommt von +dem jungen Herrn. Ich bitte, hueten Sie sich.--Ja, ja, ich weiss, Sie +denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil +er kein Recht hatte zu reden ueber Sachen, die allein die Herrschaft +angehen." + +"Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?" drang's in Todesschrecken aus +Theonies Munde. "Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie +wissen.--Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins +Wohnzimmer! So, nun--nun--" hauchte Theonie und sank uebermannt von den +Eindruecken in einen Lehnstuhl. + +Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen sass, ueber die +Lippen: Er habe gesehen, dass Tankred am Sterbetage der gnaedigen Frau ins +Fenster gespaeht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt +habe. Er habe ihn abermals gesehen, juengst am Abend, als auch Theonie +seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzaehlte von den Geldanleihen, die +Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, dass er +waehrend der Krankheit der Gnaedigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt, +sich dort amuesiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu +gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit boesen Absichten um, +er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht taeusche. + +Sie koennten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon +seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand +gehabt, um fuer alle Faelle bereit zu sein. + +Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen +Gnaedigen schluepfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er +dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von +dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen, +wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht.-- + +Nun ertoente die Glocke draussen, Max schlug an--Herrin und Diener flogen +auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer. + +Fuenf Minuten spaeter trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel +getrunken, war aeusserst gespraechig, und statt der demuetigen +Zurueckhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine +unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag. + +Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rueckte ihrem +Vetter die Speisen naeher und suchte seinen starken Redefluss zu daempfen, +indem sie erklaerte, sie fuehle sich sehr angegriffen. + +"Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du +geniessest ja auch nichts Ordentliches," entgegnete Tankred und schenkte +trotz Theonies Weigerung deren Glas voll. + +"Wozu, da ich doch nicht trinke--?" wehrte sie herb und in deutlicher +Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab. + +"Na, es ist ja kein Unglueck, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht +getrunken wird," entgegnete Tankred in absprechendem Ton. "Niemals habe +ich leiden koennen, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, dass man +ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird +oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das +Glas nicht fuellen lassen zu wollen. Ich moechte sogar sagen, es ist ein +Stueck guter Erziehung, dass eine Dame ihren Herrn darin gewaehren laesst und +keine Einwendungen erhebt." + +"So bin ich denn nicht gut erzogen," entgegnete Theonie schroff. "Ich +finde es unrecht, etwas unnuetz zu verthun, so lange es Darbende in der +Welt giebt." + +Tankred wollte eine haemische Bemerkung ueber Theonies ewig +moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu +sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes +Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hoeren: Lieber dafuer +gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb +einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend: + +"Na, streiten wir uns nicht, Theonie, waehrend der wenigen Tage, die wir +noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer. +Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und +musste sogar schon den alten Klaus anpumpen--" + +Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstossen. +Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und +versoehnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen +und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige +Entfernung: + +"Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natuerlich bereit, Dir +auszuhelfen. Uebrigens koennen wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei +dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine--es +soll keine Aufforderung darin liegen--ich moecht's nur wissen." + +Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spaetestens uebermorgen, +erwidern. Er fuerchtete, sie koenne ihm abermals in dem ausweichen, was zu +erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er aenderte doch seinen Plan und +sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend: + +"Von Deiner generoesen Hand, beste Theonie, haengt alles ab. Wenn Du mir +kraeftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine +Versuche fortsetzen. Freilich," schloss er, verliebt sprechend, und +verschlang, durch das hastige Weintrinken ploetzlich in eine +leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt, +"Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein +schwerer, fast meine Kraft uebersteigender Entschluss." + +Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, dass seine sinnliche +Natur ihr gegenueber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor +allem gefuerchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken +insbesondere gerichtet gewesen. + +Zunaechst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine +Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den +Kopf bewegend, eine Schale mit Obst. + +Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm +half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornueberbiegend und +sie mit seinen gluehenden Augen bannend: + +"Hoere, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, dass Du +mir nicht geneigt bist. Ich weiss, woher es kommt. Du denkst an mein +Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr hasste, +obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflusst. Aber ich bin ein +anderer geworden, ich moechte es sein, und Du koenntest laeuternd auf mich +einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und liess mich von +meinen Leidenschaften fortreissen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine +Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatuerlich, dass wir uns von +einander abschliessen? Waere es nicht vielmehr den Verhaeltnissen +entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim +ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine +Strenge und Zurueckhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem +Schmerz, dass Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that +ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah waehrend meines +Aufenthaltes hier etwas, was Dir missfallen musste? Gewiss, da ich kein +Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil +selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem +Vermoegen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich +habe. Ich faende hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann +bin. Ich koennte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir +gemeinsam arbeiten und geniessen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du +Dir auch von dem Missratenen nichts aneignen koenntest. Und doch +vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen +wuerde. Er wird Dich auf Haenden tragen, denn er liebt Dich +leidenschaftlich, Theonie.--Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar +nichts zu erwidern?" + +Aber sie antwortete nicht. Sie schuettelte sich in Grauen, und er sah es, +und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht misszuverstehen waren, weil es +ihm klar wurde, dass sein Spiel verloren war, dass er trotz der +meisterhaften Maske sie nicht getaeuscht hatte, dass sie ihn doch fuer das +hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein +brennender Hass, eine solche Leidenschaft, dass er sie am liebsten +ergriffen und geschuettelt und ihr zugerufen haette: Warte, Du hochmuetige +Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveraenen Besserhalten ueber +mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussaetziger +Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, dass ich +Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Faeusten! + +Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil +ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie +er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf +seine gemeinen Triebe. + +"Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred," entgegnete sie, +ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. "Nicht aus Motiven, wie +Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben +vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich, +fuenfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder +pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfuegung.--Nicht +wahr, Du zuernst mir nicht? Ich bitte Dich." + +Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der +Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib haette toeten +moegen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz, +umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fuelle +sprossenden Leib und die jetzt so suess und demuetig blickenden Augen. + +Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf +errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem +Zauberschrank? Hatte ueberhaupt jemals ein Mensch seinen Kuensten auf die +Laenge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen? + +"O, Suesse!" rief er aufspringend, sie mit kraeftigen Armen umschlingend +und leidenschaftlich kuessend, "sei hart und abweisend oder guetig gegen +mich--immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fuehle an +meinen Kuessen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhoere +mich!" + +Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weisse Farben +traten auf ihre Wangen, dann aber riss sie sich mit schier +uebermenschlicher Kraft von ihm los, stiess ihn vor die Brust und floh, +wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer. + + * * * * * + +Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf +wuest, und er fuehlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die +Vorgaenge des vergangenen Abends traten in sein Gedaechtnis, und Aerger. +Unmut und Reue erfuellten sein Inneres. + +Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil +ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu +sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die ueblen Folgen +tragen muessen. + +Er wusste, durch diesen Vorgang buesste er vieles ein, was schon gewonnen +war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts +geschehen, was sie ihm haette vorwerfen koennen, denn dass er sie liebte, +konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch +seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das +Gastrecht in unerhoerter Weise verletzt. + +Er stellte sich die Folgen vor. Zunaechst hatte er sicher jede +Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person +verscherzt; von einer freiwilligen Annaeherung ihrerseits konnte jetzt +nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich wuerde sie sogar Rache ueben +und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke +kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben wuerde; er blieb jedoch +nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, dass sie nach diesem +Vorfall sich zu keinen groesseren Opfern bereit finden wuerde, im guten +wenigstens nicht. Er ueberlegte nun, was weise und vorteilhaft fuer ihn +sein werde. + +Zunaechst musste er durch die Kuenste seiner Verstellung wieder ein +aeusserlich gutes Verhaeltnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon +um seines vorlaeufigen Bleibens willen; dann aber hiess es, sondieren, was +nach dem Geschehenen zu erreichen war. + +Wenn er vor sie hintrat und demuetig seine Unbesonnenheit eingestand, +ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklaerte, er wolle Falsterhof +verlassen, dann wuerde er--das hielt er fuer ausgemacht--sie zu Opfern am +bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm +noch werden konnten, und schnitt sich die Moeglichkeit ab, in Grete von +der Lindens Naehe zu bleiben. + +Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn +und Unmut vor den Kopf, verwuenschte seine Leidenschaft und war schon, da +er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache +verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Fruehstueck servierte +und ihm einen Brief uebergab. + +Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte. + +Nachdem Frege sich entfernt hatte, riss Tankred voll Ungeduld den Brief +auf und las: + + 'Hochgeehrter Herr von Brecken! + + Sie haben unserer Tochter die liebenswuerdige Zusage gemacht, uns + besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie + ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern + verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen moechten. + Wir wuerden darueber ausserordentlich erfreut sein und bitten, guetigst + dem Ueberbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten duerfen. + + Ihr sehr ergebener + + Konrad von Treffen.' + +Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage +eine andere Richtung. + +Tressens kamen ihm in ungewoehnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf +Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit, +dass man ihn als Miterben von Falsterhof ansah.--Und er war es nicht! + +Empoerend, dass der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen +lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante, +dass sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen +Gunsten in das Testament einzufuegen. Gewiss hatte er das Theonie zu +verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern, +als sein Blut heiss gewesen, ihr Koerper gereizt, obschon er sich +eingebildet hatte, er koenne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese +langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch +schaerferes Licht stellende aeusserliche Bescheidenheit waren ihm in der +Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr +gegenueber ein. Von rechtswegen gehoerte ihm die Haelfte von +Falsterhof!--Und ploetzlich schoss es Tankred von Brecken durch den Sinn, +diese Haelfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher +der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel +sein! + +So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes +entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, waehrend +dieser wartend an der Thuer stand, eine Zusage: + + 'Hochgeehrter Herr Baron! + + Ihre guetigen Zeilen haben mich ebenso ueberrascht wie erfreut. Sie + beschaemen mich in der That durch die ungewoehnlich artige Form Ihrer + Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung + hinzufuege, dass ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen + Auszeichnung stets wuerdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck + groesster Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen + + Ihr ganz ergebener + + Tankred von Brecken.' + +Nach eingenommenem Fruehstueck setzte sich dann Tankred abermals an den +Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie: + + 'Liebe Theonie! + + Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. Lass mich es + Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns + wieder gegenuebertreten. Niemals--dessen sei gewiss--wirst Du Dich + ferner ueber einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen + haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich + schaetze, achte und verehre.--Genehmige, liebe Theonie, dass ich noch + acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen + finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so + guetiger Weise angeregten geschaeftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu + bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in + Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen. + + Tankred.' + +"Tragen Sie dies der gnaedigen Frau hinauf, die ich nicht stoeren will, da +sie sich gestern abend schon unwohl fuehlte. Ich werde heute nicht bei +Tisch sein," erklaerte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege. + +"Die gnaedige Frau ist bereits in der Fruehe nach Elsterhausen gefahren. +Sie ist nicht anwesend," ging's kurz aus des Dieners Munde. + +Tankred zog ein enttaeuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder +beherrschend, warf er hin: + +"So--so? Und wann kehrt sie zurueck?" + +"Die gnaedige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen +abend wiederzukommen." + +"Hm, schoen!" Damit war Frege entlassen. + + * * * * * + +Herr von Tressen warf eben noch einen pruefenden Blick auf die heute +reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der +Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete. + +"Bitte, sehr angenehm! Fuehre Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und +benachrichtige die gnaedige Frau." + +Tankred schaute sich mit pruefendem Auge in dem Raume um, in den ihn der +Diener gefuehrt hatte. Eine grosse Eleganz trat ihm entgegen. An den +Waenden hingen wertvolle Gemaelde, die Polstermoebel waren mit Seide +bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Waende in Weiss und Gold +gemalt. + +Und nun oeffnete sich die Thuer, und Frau von Tressen, eine ungewoehnlich +stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch +geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender +Liebenswuerdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein +anregendes Gespraech, an dem kurz darauf auch die uebrigen Hausbewohner +teilnahmen. + +Herr von Tressen war ein starker Fuenfziger, dem man die Spuren einer +flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die +Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtaeusseres war, durch eine +gewaehlte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem +Major ausser Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen +starken Schnurrbart. + +Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid +an, das vollendet sass, und ihren schlank geformten Hals umschloss ein +kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Zuege waren auch heute kalt, +solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund +oeffnete, und ein Laecheln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen +trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz. + +Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles +aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen. + +Halb freimuetig, halb zurueckhaltend, stets von ausgesucht zarter +Artigkeit, niemals mit Beifall zurueckhaltend, immer seine Worte waegend, +verstand er es, durch sein Komoedienspiel alle, bis auf die +Gesellschaftsdame, Fraeulein Helge, zu taeuschen. + +Die letztere blieb nicht nur zurueckhaltend gegen ihn, sondern legte +sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen +Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch +fuer die uebrigen erkennbar machten, dass sie ihn zu brueskieren trachte, +aber Tankred mit seinem scharfen Spuersinn wusste, dass sie sich gegen ihn +auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe. + +Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluss auszuueben. Tankred bemerkte +sogar einmal, dass etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen +aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke +fast erschreckte. In der Seele dieses Maedchens war nichts Nachgiebiges, +sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehoerte sie nicht zu den vielen +sanftmuetig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden +jungen Geschoepfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich +den spaeter eintretenden Enttaeuschungen geduldig fuegten. + +Nach eingenommenem Kaffee musste Tankred die Malereien der Frau des +Hauses, die nicht ohne Talent ausgefuehrt waren, in Augenschein nehmen; +man sprach mit Interesse und Verstaendnis ueber Politik, Litteratur und +Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was +sie ohne Einwendungen that. + +Ihre Stimme war schoen, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem +fehlte doch die rechte Waerme. + +"Sie muessen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann +wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnaediges Fraeulein," wagte +Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe +herausfordernd in die Augen, dass es ihn fast verwirrte. + +Sie besass nichts von schuechterner Verlegenheit; vielmehr schien sie +sagen zu wollen: Pruefe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine +Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab +viele, die in solcher Weise zum Taendeln aufforderten, sich aber mit +sittlicher Entruestung zurueckzogen, sobald ein Mann ihnen besondere +Aufmerksamkeiten erwies. + +Solche Weiber reizt es, Herz und Gemuet der Maenner zu beunruhigen, auch +haben sie Interesse fuer sie, und es steigert sich, solange jene +unempfindlich bleiben. Sobald die Maenner aber an den Tag legen, dass ihre +Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgueltig von ihnen zurueck. + +Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit aeusserster +Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach +zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich grosser Begeisterung +von anderen Frauen und Maedchen sprach. + +"Es ist das schoenste, geistreichste und kluegste Geschoepf, das mir im +Leben vorgekommen ist," warf er, eine Aeusserung einer gerade erwaehnten +Dame geschickt in das Gespraech einflechtend, hin. "Ich hatte auch das +Glueck, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genuegte, +um mich verzichten zu lassen." + +"Und der war?" fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein. + +Tankred machte eine ausweichende Bewegung und laechelte in ueberlegener +Weise. + +"Nun?" draengte Grete, waehrend sie, wie zufaellig, einige Schritte ins +Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem +Gesichtskreis der uebrigen entzog. + +"Sie misshandelte," entgegnete Tankred, indem er eine kleine +Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in +seiner Hand drehte, "ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in +unerhoerter Weise und verdoppelte noch die Zuechtigung, als diese ihr +nachwies, dass nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr +vorgeworfenen Unterlassung schuld sei." + +"Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefaellt niemandem," entgegnete +Grete, Partei nehmend. "Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in +dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwaelzen." + +"Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nuechterne Auffassung der Dinge +an den Tag, gnaediges Fraeulein. Das ist beneidenswert--" + +"Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemuet bei einem nicht +mitspricht?" Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme. + +"Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man +nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt. +Ah--tausendmal um Verzeihung--" unterbrach sich Tankred, dem bei den +letzten Worten die Nippesfigur aus den Haenden fiel, und der beim +Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, dass ihr ein Arm abgeschlagen +war. + +Er dachte, dass Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde, +aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruss und sagte: "Die +Figuren stammen noch von den Eltern meines Grossvaters, sie sind sehr +wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Uebergangsfarben +nicht mehr zu komponieren weiss." + +Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloss sie, +kaum hinhoerend, die Kunstfigur in ein Schraenkchen ein und sagte: "Sie +gehoeren zu den Menschen, die alles anfassen muessen. Man sagt, solchen +hafte ein Diebssinn an." Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer +laechelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe +machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und fuer Sekunden war +ihm Grete fast unheimlich. + +"Ich werde mich zu bessern suchen," stiess er mit einschmeichelnder +Artigkeit heraus. "Und Sie haben mir vergeben, gnaediges Fraeulein? Nicht +wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?" + +Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, fluesterte die +letzten Worte in doppelsinniger Betonung und presste einen den Eindruck +derselben verstaerkenden, weichen Kuss auf ihre Hand. + +Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurueck, aber in ihren +Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender +Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen +verstanden hatte.-- + +Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch +einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu naehern. + +Sie sprach davon, dass sie sich darauf freue, wieder einen Teil des +Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht +unbemerkten, interessierten Blick, ob er kuenftig auf Falsterhof wohnen +oder das Gut verlassen werde. + +"Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof +geworden," warf sie sondierend hin. + +Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte +durchaus keine Einwendung. + +Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine +Blume, die sie gepflueckt, an sich zu nehmen. Auch laechelte sie mit einem +die Sinne anfachenden, reizenden Laecheln vor sich hin, als Tankred +trivial, aber ueberzeugend klingend, sagte: "Von allen Andenken, die ich +der Guete schoener und kluger Frauen verdanke, ist dies Bluemchen das +wertvollste." + +Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des +Hauses,--es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muss +die Mutter erobern!--und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei +der Zigarre so ausschliesslich mit Herrn von Tressen, dass die Damen eine +Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhoerer fuegten. Nur eine +nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das +sie gesehen. In ihm habe ein gefaehrlicher Mensch in die gute +Gesellschaft einzudringen gewusst und alle getaeuscht, bis auf die +Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen +verhuetet. + +"Und das Ende?" fragte Grete, als sie eine Pause machte. + +"Das Ende war ein Totschlag--" + +"Was verhandelt ihr da Schreckliches?" fragte Herr von Tressen lachend. +"Es klingt ja entsetzlich--" + +Tankred aber bestaetigte Carins Erzaehlung mit gleissnerischer +Unbefangenheit und sagte--und sie verstand ihn--: "Sie vergessen, +gnaediges Fraeulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stuecke vor. +Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst +dem Schicksal." + +Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte, +gab Grete dem Gespraech eine andere Wendung und bat Tankred, einige +Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er +darin Meister war, erntete er grossen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen +nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung. + +Es war fuer laendliche Verhaeltnisse schon spaet, als der Stallknecht +Tankreds Fuchs vorfuehrte. Unter einem "Auf Wiedersehen am Schluss der +Woche" und einem "Vergessen Sie es nicht!" von Grete, dem Frau von +Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied. + +Nach Falsterhof zurueckgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall +und zaeumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich +darueber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlaegen, dass +nur sie sein Innerstes beherrschten. + +Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich +erst allmaehlich. Nun hallten Tankreds Schritte ueber die Steinfliesen, +und er oeffnete die Thuer seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf, +war ein weisses Kuwert, das auf dem Tisch lag. "Ah--! Sicher eine Antwort +von Theonie!" Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels +zu entledigen, ungestuem danach und las: + + 'Da ich morgen Falsterhof verlasse, musst Du Dich bei Deinem Entschluss, + noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen. + Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast,--ich moechte sonst bitten, Dich + mit Justizrat Brix, der ueber alles orientiert ist, in Verbindung zu + setzen,--muss es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Fruehstueck + geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt. + + Theonie.' + +"Also doch!" murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der +Inhalt dieser Zeilen ausserordentlich. Sie raeumte das Feld, und er konnte +nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm +die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Dass er sie trotz der +Entschiedenheit ihres Charakters allmaehlich wuerde einschuechtern koennen, +schien ihm zweifellos; er wusste, dass sie Furcht vor ihm empfand, und ihr +wuerde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er +nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die +Nacht, das Grauen musste helfend einwirken.--Der Mann warf den Kopf +zurueck. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche musste sie noch +bleiben. Alle seine Kuenste wollte er aufwenden.--Kuenste? Theonie +gegenueber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so +gaenzlich, dass nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren +Gerechtigkeitssinn, unterstuetzt durch indirekte und gegebenenfalls +direkte Drohungen, konnte zum Ziel fuehren.--Dass er sich auch von seiner +Leidenschaft hatte hinreissen lassen, da er doch wusste, ein Werben, in +welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu +ohrfeigen! Waere das nicht geschehen, so wuerde er jetzt eine Neigung zu +Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er koennte erklaeren, es sei +moeglich, deren Hand zu erwerben, wenn er ueber ein Erbteil zu verfuegen +habe.-- + +Ploetzlich schoss Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal +jemand erzaehlt, dass der Beamte eines grossen Hauses in Amsterdam bei der +Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort +erhalten habe: "Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind, +dann kommen Sie wieder, dann laesst sich ueber die Sache sprechen!" Der +junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses +Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der +Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionaer in +Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Maedchens gelangt, +das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden. + +Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hoerte er +draussen ein Geraeusch, als ob jemand langsam an seine Thuer schleiche; +auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf.--Dann aber +war's still, und von Traeumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis +zum Morgen. + + * * * * * + +In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben +hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach. + +"Wann ist er nach Hause gekommen?" fragte sie ohne Einleitung. + +"Es war zwischen zwoelf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt. +Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der +gnaedigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal ueber den Flur schlich +und durch das Schluesselloch sah, verloeschte gerade das Licht." + +Theonie nickte. "Also Du weisst: wenn wir beim Fruehstueck sitzen, bleib in +der Naehe. Ich bin nicht sicher, dass er nicht abermals unverschaemt gegen +mich wird. Da will ich Dich erreichen koennen.--Und berichte mir also +jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme +dann zurueck--Ah," unterbrach sie sich, "er wird nicht freiwillig +gehen!--Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise +zu raechen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben. +Vor solchen Menschen schuetzt keinerlei Schloss und Gesetz, sie sind zu +allem faehig." + +Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, grossen Kopf +mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentuemlichen Ausdruck vor +sich hin, der den Schwerhoerigen eigen ist. + +"Ich wuesste eins, gnaedige Frau," schob er dann, das Wort nehmend, ein. +"Wenn er das Fraeulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm +befreit fuer alle Zeiten. Das sollten Sie zu foerdern suchen." + +"Wie kann ich das foerdern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr +zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine +Naehe beunruhigt mich, floesst mir Furcht ein." + +Frege bewegte die Achseln. 'Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man +das, was man finden kann' stand in seinem Gesicht geschrieben. + +Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herueber, und Theonie entliess Frege und +stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, dass ihr die +Kniee zitterten. + +Waehrend dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang +hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben. +Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred +dem grossen Tannenhuegel naeherte, der zur Linken einen Teil des Parkes +begrenzte, eroeffnete sich ihm ein zauberhaft schoenes Bild! Unzaehlige +Lichter irrten zwischen den Staemmen, versteckte kleine Sonnen blitzten +und durchleuchteten die dunkelgruenen Zweige der Fichten; breite Stroeme +ergossen sich den Huegel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an +anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Hoehe +hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den +wuerzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen. + +Die Schoenheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr +noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt. + +Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln, +Wiesen, Felder und Waldungen umfasste, die alle zu Falsterhof gehoerten, +die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein +Blick nach dem Pachthof hinueberschweifte, und die Kuh- und Schafherden +vor ihm auftauchten, das Geraeusch thaetiger Menschenarbeit zu ihm +herueberdrang, die Wirtschaftsgebaeude unter dem farbigen Laub +emporstiegen, und er im Geiste an sich vorueberziehen liess, was alles sie +bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der +Meierei war, wie weit sich die Gemuesegaerten ausstreckten, und wie endlos +auch noch oestlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte +sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, dass sein Herz +klopfte, und seine Handflaechen sich feuchteten. + +Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen, +ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's +schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wuenschte. +Sie konnte es sich ja ueberlegen, seinen Vorschlag auf der Reise waegen +und ihm schreiben.--Ja, so sollte es sein. + +Und dann standen sie sich gegenueber. Theonie goss eben Wasser auf den +Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es +unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte: + +"Bitte, nimm Platz.--Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot +abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so +liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?" + +Tankred ward aufs angenehmste beruehrt. Theonie liess ihn die Vorfaelle des +verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versoehnliche +Gesinnungen an den Tag. + +Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit. + +Als sie sich gegenueber sassen, sagte er: + +"Ich danke Dir fuer Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich +hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?" + +"Ich reise zunaechst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will. +Ueber die Laenge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt." + +"Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?" + +"Nein, schwerlich." + +Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang +heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die grossen, tiefen Fenster ihre +Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte +doch das Gemach, als seien die Waende ploetzlich in lichtdurchflutetes +Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Moebel glaenzten, das weisse Leinen +der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte +rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das +Krystall und das Silber auf dem Fruehstueckstisch flimmerte und blitzte. +Eine Platte mit suess duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine +einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen +neben mehlig-hellen Kartoffeln. + +Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein +Glas goldfunkelnden Rheinweins ein. + +Sie verstand es, die Dinge gemuetlich zu machen; wenn sie etwas bereitete +oder die Hand darueber hielt, war's stets tadellos, und auch heute +schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzuege sorglosen +Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts +Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber +auf dem Tisch, die Gemaecher waren mit allen nur denkbaren +Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage, +voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der +Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener +Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen. + +"Hoere mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen," begann +Tankred unter solchen Eindruecken in gehobener Stimmung. "Wirf Deinen +hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die +Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, dass +ich in meinen Entschluessen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu +beginnen, gefoerdert werden wuerde, wenn ich heiraten koennte--Nein, nein, +fuerchte nicht, dass ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an +den Tag gelegt, dass Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde +ich Dich wieder belaestigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in +guten, geordneten Verhaeltnissen waere, koennte ich sicher auch eine brave +Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du +mir guetigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhaeltnissen einem +Landmann keine Moeglichkeit, sich eine Selbstaendigkeit zu verschaffen. +Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht +ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu +lassen? Waere es den natuerlichen Verhaeltnissen nicht entsprechender +gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden waere, zumal Du +Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiss, +dass Du mich nicht liebst. Ich fuehle sogar, dass Du mich nicht achtest, +obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens +schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du +leicht nachgesehen haben wuerdest, wenn Du meine Neigung erwidertest. +Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter misstraust, so +hast Du doch als eine Brecken und vermoege Deiner ganzen Veranlagung +gewiss den Wunsch, dass ich fortan einen soliden und rechtschaffenen +Lebenswandel fuehre, dass ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem +aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch +freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof +verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen +Faehigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann +mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns fluessig, indem Du eine +groessere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Haelfte der Rente +ueberweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es ueber die massen +unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe +auch zu, dass mein Verlangen sehr ungewoehnlicher Art ist. Aber ich bin +nuechtern veranlagt und setze anderseits ein grosses Vertrauen in Deinen +Gerechtigkeitssinn, auch weiss ich, dass Du geringen Wert auf Hab und Gut +legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu +machen.--Nun, Theonie?" schloss er und griff wieder nach Messer und +Gabel, die waehrend seiner Rede geruht hatten. "Was meinst Du? Willst Du +so freundlich sein, zu ueberlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?" + +Theonie hatte bei den letzten Saetzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre +Gedanken beherrschten sie so, dass sie nur halb vernommen, was er am +Schluss gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters +Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefasst. +Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht +einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe +zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefuehl, nicht aber ein Pflichtzwang sie +geleitet. + +Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge +schauend, erwiderte sie: + +"Ich weise Deine Vorschlaege durchaus nicht zurueck. Aber vor der Hand +kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf +mich rechnen. Ich will einen Entschluss von solcher Tragweite--ich +spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilueberweisung; +die Verwaltung des Gutes moechte ich dem Manne nicht entziehen, der +meines Vaters ganzes Vertrauen besass und es stets rechtfertigte--also, +ich will einen Entschluss von solcher Tragweite nicht fassen, ohne +Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhaengig machen von +gewissen Umstaenden, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner +Beurteilung unterliegen koennen." + +Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, dass seine Kousine +noch etwas fuer ihn Guenstiges hinzufuegen werde. Aber sie neigte nur in +Bestaetigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum +Aufstehen. + +"Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein," sagte sie, nach +einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. "Entschuldige mich, ich habe +oben noch etwas zu thun." + +Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurueck. + +"Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, dass ich ohne Mittel sei, +Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Wuerdest Du wohl die Guete haben, +mir einiges Geld zurueckzulassen?" + +Sie nickte bereitwillig und sagte, die Boerse ziehend, mit einem Anflug +von Verlegenheit: "Wie viel, bitte?" + +"Ein paar hundert Thaler wuerden mir zunaechst sehr gelegen kommen, da ich +einige Verpflichtungen habe." + +"Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da muesste ich erst an +Brix schreiben." + +"Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter," wandte Tankred ein. "Er ist +stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen." + +"An den Verwalter?" wiederholte Theonie zoegernd und pedantisch +ueberlegend. "Das wuerde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie +geschehen, alles geht durch Brix." + +"Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon +erklaeren--" + +Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie +von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen. + +"Nein, ich moechte es doch nicht. Aber hier, +bitte--vorlaeufig,"--entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, +die sich in ihrer Boerse befanden, "fuer weiteres werde ich sorgen." + +Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er musste an sich halten, um +ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten +und Ueberlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie +ihr Eigentum fluessig machte, Millionaerin war, brachte ihn schon an sich +auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im hoechsten Grade. Es musste +alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, +wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wusste er, +wenigstens fuer den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu +unterdruecken. + +"Nun--lebe wohl,"--sagte Theonie, vom Reisefieber erfasst, mit deutlicher +Unruhe.--"Moege es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er +wird Dir das Noetige mitteilen." + +Ploetzlich kam Tankred der Gedanke, dass dieser fortwaehrende Hinweis auf +den Rechtsbeistand und Vermoegensverwalter der Familie noch einen +besonderen Grund habe. Theonie wuerde ihm am Ende noch Bedingungen durch +Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, dass er sie +abermals zurueckhielt und die Worte hervorstiess: + +"Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise +anzutreten, und wendest dabei grosse Umstaendlichkeiten an, waehrend Du +meine Angelegenheit behandelst wie eine laestige Nebensache. Weshalb soll +ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine +Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm +zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch." + +Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem +starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen +zeigend, dass sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, +zurueck: + +"Es muss aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten musst Du +schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst." + +Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des +Menschen, der ihr gegenueber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck. +Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein +zaehneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes: + +"Nein, ich muss nicht und will nicht!" drang wie ein Gewitter aus seinem +Munde. "Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe +an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefuehl, aber auch +an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen laestigen Habenichts +zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann +die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, +aber sich wohl auf meinen zukuenftigen Lebenswandel beziehenden Worten +begleitetest, schwieg ich und fuegte mich. Dann bat ich um etwas Geld, +das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wusstest, dass +ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besass, und machte, +weil ich es gleich gebrauchte und--" hier schob Tankred einen +berechnenden Satz ein--"auch fuer meine Abreise desselben beduerftig war, +den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurueck +und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen +Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war." + +Aber nun unterbrach Theonie, die anfaenglich mit Angst und Herzklopfen +zugehoert hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich +getroffen fuehlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und +Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte +es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er +bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich +erworben?! Dasselbe ungestuem tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, +pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm +entgegen: + +"Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast +Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite +verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich +gehe, Du gehst--! Das ist mein letztes Wort." + +In diesem Augenblick erschien die duerre Gestalt Freges in der Thuer, und +hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb +aengstlicher, halb entschlossener Miene. + +"Ah!" drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur +Abwehr auf. "So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur +Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner +Gewalt! Muss ich ihr aber dennoch weichen, so huetet Euch!" + +Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebaerden +ausgestossenen Worten trat er durch das anstossende Gemach auf den Flur, +und die Zurueckbleibenden hoerten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloss. + +"O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du +mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches +zu verdienen?!" hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren +Stuhl.-- + +Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als waere er +eingesperrt und saenne darueber nach, wie er sich befreien koenne. Aber +sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern +auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt, +abermals war er seinem Jaehzorn unterlegen, und statt seine Sache zu +verbessern, hatte er sie gaenzlich verfahren. + +Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen +Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend +bewiesen, dass sie recht hatte, wenn sie ihm aufs aeusserste misstraute. +Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung ausser acht gelassen, sondern sich +auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar +Drohungen ausgestossen, die nur zu gut verrieten, was sich in den +tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem +Vorgang ihm nicht wieder naehern, das Tuch zwischen ihnen war +zerschnitten. + +Unglaublich hatte er gehandelt! + +War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein ueber +alle Erwartungen guenstiges Ergebnis gewesen? + +Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen +Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken +in den Sinn gekommen waere. Es wuerde ihn nicht ueberrascht haben, wenn +Theonie ihm erwidert haette: Ich weiss nicht, ob ich mehr ueber Deine +unverschaemte Forderung mein Erstaunen ausdruecken soll, oder ueber deinen +Mut, sie mir vorzutragen. + +Statt dessen hatte sie seine Gruende angehoert und unbefangen gewuerdigt +und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren +nicht gefaehrden, bewaehrst Du Dich aber, dann soll die Haelfte Dein +Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber +auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zuegelloser, +von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist. + +Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte +auszahlen wollen. Sicher wuerde Theonie jetzt wieder zu ihrem +Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie frueher festgesetzt hatte, +und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von +Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse wuerden an die +Oeffentlichkeit dringen, und er wuerde der Familie Treffen als das +erscheinen, was er wirklich war. + +Wie gut hatte er alles eingefaedelt, und mit welcher Pfuscherarbeit +geendigt! Waere er fuegsam gewesen, so haette er Tressens erklaeren koennen, +er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Haelfte von +Falsterhof. Theonie wuerde, unter geschickter Behandlung der +Angelegenheit von seiner Seite, diese Beguenstigung bestaetigt, es wuerde +sich alles ohne Schwierigkeiten und Kuenste geregelt haben, waehrend nun +schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Luege aufgewendet werden +musste, um nur die ueblen Eindruecke wieder zu verwischen. + +Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit +lag vor, dass alle Muehe umsonst gewesen. + +Nein! er war doch noch ein grosser Stuemper! Er musste sich's zugestehen. +So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, dass er sogar auf +den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei, +tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemuehen, ein ordentliches +Leben zu fuehren. Ihm kamen ploetzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die +Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht +durch Selbstbeherrschung zu unterstuetzen vermochte. Er hatte noch nicht +warten gelernt. Warten koennen! Was lag nicht alles in den Worten! Und er +besass auch nicht hinreichenden Mut; seine Genusssucht und sein +Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschluesse und machten ihn +feige. + +In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner +schrankenlosen Selbstsucht ueberlegte er, ob er nicht lieber Theonie +nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwoeren solle, dass +das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn haette +aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst. + +Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins +richtige Geleis bringen zu koennen, beschaeftigte ihn ploetzlich +solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und +dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, draengte sich ihm so +stuermisch auf, dass er das Haupt zurueckwarf, die Klingel zog und dem +stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er moege sofort den Fuchs +satteln. + +"Wohin ist meine Kousine gereist?" fuegte er erregt hinzu. "Es ist +wichtig, dass Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe, +alles daran zu setzen, um unser Zerwuerfnis zu beseitigen. Also, wohin +hat Klaus die gnaedige Frau kutschiert?" + +Frege befand sich in groesster Verlegenheit. Er wusste nicht, wie er am +besten zu Gunsten seiner Herrin handeln wuerde. + +"Ich weiss es nicht, Herr von Brecken. Zunaechst wollte Frau Cromwell bei +Pastors vorsprechen und spaeter Nachricht geben." + +So wand sich Frege heraus. + +Bei der Erwaehnung der Pastorfamilie schoss Tankred ein Gedanke durch den +Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfaellen durch Theonie unterrichtet +wurden, wuerden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Juengst +hatte die Familie bereits geaeussert, dass sie Pastors, die sie sehr +schaetzten, allernaechstens mit Tankred zusammen einladen wollten. + +Das verstaerkte des Mannes Entschluss, unter allen Umstaenden Theonie +nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht saeumte; sicher +wuerde sie sich bei Hoeppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag +ueber aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte +durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem +Zeichen des Kreuzes zurueckwich, so fuehlte er seine Gewalt und Kraft +gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens. + +Kaum zehn Minuten spaeter war Tankred unterwegs, er jagte dahin, dass der +Staub der Landstrasse hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild +stuermende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstrasse belebenden +Fussgaenger erregte.-- + +Inzwischen sass Theonie bei Hoeppners im Gartenzimmer und berichtete mit +eben wieder zurueckgewonnener Fassung von allem, was geschehen war. + +Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem +Ausdruck groesster Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und +abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, dass er +zugleich nach einer Entlastung fuer Tankred suchte, dass er die Hoffnung +nicht ausgab, die Herzen zu versoehnen. + +Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem +Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war. + +"Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenueberstehen, ich wollte ihm schon die +Seele muerbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht +zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen +Widerstand treffen; sehen sie, dass man ihnen die Zaehne zeigt, ziehen sie +wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen?--Er koennte +Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus +Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in +Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen +Misstrauen sich erhoeht, weil er schlecht hoert, hat Sie aengstlich gemacht. +Ich wette darauf, dass Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut +Wetter bittet." + +So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz +ihrer Ueberzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, dass +Tankred zu dem Schlimmsten faehig sei. + +Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu +beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung +entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte, +als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu +verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die +Pastorin rief: + +"So, liebste Frau Theonie! Nun muessen Sie doch auch unsere Lene sehen, +unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, +dass wir uns erst ungestoert ausspraechen. Gleich will ich mal umschauen, +wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurueck sein." + +Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach +sich aber, da eben die Thuer sich oeffnete, und ein freundlich +aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmaedchen mit blossen Armen, in einem +sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Maedchen von fuenf +Jahren an der Hand, in die Thuer trat. + +"Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, suesses Lenchen?" rief die Frau +glueckselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen +empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch. + +Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau +Hoeppner besass viele Voegel, die sie Theonie zeigte; sie fuehrte sie auch +in den trotz der Herbstzeit noch sorgfaeltig geharkten und sauber +gehaltenen Garten. + +Den Huehnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt +einherschreitenden Hahn musste Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen +und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie +wieder ueber den Flur schritten, sah Theonie dass sich eben ein Bauer mit +dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des +Geistlichen Auge, so geduldig hoerte er auch noch zu, als der Mann am +Schluss wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entliess er +ihn! + +Und ueberall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung +und Schoenheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch +Beispiel geleitet, bescheiden und ruehrig, selbst der Hund anschmiegend +und gehorsam. + +Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit +denen sie fuer Lenchen beschaeftigt war. Auch des Kindes erstes +Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte gluecklich, und ihr sonst jeder +Ueberschaetzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend: + +"Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschoepf fuer eine sichere Hand +hat, wie talentvoll sie ueberhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel +fuer ein Maedchen in den Jahren?" Und Theonie pflichtete laechelnd bei, +obschon sie das unbehuelfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht +fand. + +Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsuechtiges Gefuehl. +Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben--gluecklich zu +sein--ja--gluecklich zu sein! + +Sie verwuenschte fast das grosse Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die +Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und +Qual verursacht und sie selbst verfuehrt hatte, gegen ihre bessere +Ueberzeugung sich fortreissen zu lassen. + +Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der +Pastor hatte gesagt: "Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte +zuzuschleudern, liebe gnaedige Frau, sanft erklaerend auf ihn +eingesprochen haetten, wuerde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn +auch ein wenig gereizt!" + +Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre +Ansicht dargelegt. "Nein, ich haette ebenso gehandelt wie Frau Theonie. +Der saubere Herr musste fuehlen, dass ihm ein Wille gegenueberstand, denn +nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach, +so wachsen seine Unverschaemtheit und sein Uebermut, und man hat das Spiel +verloren! Theonie muss auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine +Weichheit mehr, kein Nachgeben!" + +Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fuehlte +Theonie doch, dass der Pastor auch ein Recht fuer seine Ansicht habe. + +Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht +entrueckt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten +Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche +Ueberlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle +Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof +entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner fuer immer zu +entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Beruehrung zu kommen? + +Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos; +aber zwischen sich und ihm ein ertraegliches Verhaeltnis herzustellen und +indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder +Gewaehren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern, +den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines +Namens zu behueten. + +So kaempfte in ihr auf der einen Seite der urspruengliche Entschluss, +Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm +zurueckzuziehen und alle Folgen ihrer Ueberzeugung zu tragen, mit der ihr +innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer +Verstaendigung rieten. + +Als man sich zum Abendessen im Pastorhause ruestete, die Frau vom Hause +eben noch in der Kueche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich +gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiss und goldgelb +schimmernden Haelften auf einen Teller legte, trat das Kindermaedchen ihr +naeher und meldete, dass ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell +frage. + +"Wer denn?" warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der +Hand, an die Kuechenthuer und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurueck, +als sie Tankred von Brecken vor sich sah. + +"Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin," hub er, ehe sie +Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit +entgegen, "ich komme, um mit meiner Kousine ein versoehnendes Wort zu +sprechen, und moechte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr, +Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher +stets bewiesene Guete." + +Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen +seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte. + +"Zunaechst, bitte, treten Sie gefaelligst in das Zimmer meines Mannes!" +entgegnete sie hoeflich, aber durchaus kuehl. "Ich werde Frau Cromwell +fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht, +und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden muessen.--Hier--" +schloss sie ebenso kurz und entschieden und oeffnete das Gemach ihres +Gatten, aus dem Tankred der dumpfsaeuerliche Geruch der vielen Pfeifen, +die der Pastor den Tag ueber rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde, +dann hatte sich hinter ihm die Thuer geschlossen. Die Pastorin aber begab +sich, nachdem sie vorher noch in voelliger Ruhe die Kuechenangelegenheiten +erledigt, ins Gartenzimmer und verkuendete ihrem dort mit dem Pastor +weilenden Besuch, was sich ereignet hatte. + +Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Koerper, der Pastor aber, +bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr +wirkte wie die ihm angeborene ruecksichtsvolle Hoeflichkeit, rief fast +aengstlich tadelnd: + +"Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draussen stehen lasten?" + +Die resolute Pastorin schuettelte bloss den Kopf und sagte kurzhin: "I, +wie sollt ich wohl; er ist natuerlich in Deinem Zimmer." + +"Nun, da will ich--" + +"Nein, bitte, bleibe," entschied die Frau in einem Ton, der keinen +Widerspruch aufkommen liess. "Erst muessen wir ueberlegen, gruendlich +ueberlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklaeren +Sie, dass Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen koennten. +Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kuehlt sich der Uebermut des +sauberen Herrn noch weiter ab." + +Der Pastor schuettelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie +aber schwankte. + +Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred +nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den +Ausschlag. Es war auch moeglich, dass er, da er den ersten Schritt gethan, +erklaerte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war +wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versoehnung aus dem Wege ging, und +was besonders massgebend war: sie wuenschte so rasch wie moeglich Klarheit +zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, dass er +Falsterhof verlassen werde. + +So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor, +ihm sagen zu lassen, dass sie nach Beendigung des Abendessens, also nach +Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhoeren. + +"Ja--ja--aber--wir legen dadurch an den Tag, dass wir ihn nicht an unserm +Tisch sehen wollen; das--geht doch wohl nicht--" schob wieder der Pastor +in seiner Gutmuetigkeit ein. "Er hat unsere Gastfreundschaft angerufen, +indem er unser Haus betrat." + +"Ach was!" entschied die Pastorin. "Lass ihn nur fuehlen, wie wir ueber +sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Ueberhaupt ist Zartheit der +Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muss man +behandeln als das, was er ist!" + +So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schaedigte Theonies +Angelegenheit durch sein gewohntes hoefliches Entgegenkommen und bat +Tankred, unter dem Hinweis, dass sich seine Kousine gerade sehr +angegriffen fuehle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen. + +"Sie sind wohl im Krug abgestiegen?" + +Tankred nickte. + +"Werden Sie die Nacht hier zubringen?" + +Nein, er wolle nach Falsterhof zurueckkehren, entgegnete Tankred und +fuegte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten +hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemuet die +beabsichtigte Wirkung uebten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer +zurueckkehrte und ueber seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm +die Pastorin das Wort und erging sich ueber ihn in scharfem Tadel. + +"Solche Gutmuetigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert," hub sie +an, "ist Schwaeche. Wo bleibt der Vorteil fuer die Guten, wenn man den +Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des +goettlichen Wesens, dem Du nacheifern moechtest. Wenn Du aber nicht dieser +Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel +und Hoelle, von Guten, die zur Rechten, und von Boesen, die zur Linken +stehen sollen. Dann verheisse ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute fuer +die Guten, das Schlechte fuer die Schlechten. Wenn Du nicht strenger +unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmaennlich schelten, und mit +Recht! Gewiss, das Herz soll sprechen, die Erwaegung, dass man fuer die +eigenen Schwaechen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen +moechte, soll ihre Stimme haben, aber erst heisst's, die Forderung +stellen: Lege an den Tag, dass Du das Gute nicht nur willst, sondern +uebst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!" + +Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds +beschlossen habe. + +"Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin," entgegnete +Theonie. "Ich moechte gern hoeren, ob wir uebereinstimmen!" + +Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel +ihr, dass sie schon einen Entschluss gefasst hatte, sie fand auch, dass +Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid +gegeben. + +"Ich wuerde Ihrem Vetter Folgendes erklaeren," erwiderte sie deshalb, +Theonies Wunsche willfahrend: "Vorbedingung sei, dass er Falsterhof +sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erklaere, dass er +niemals ohne Aufforderung dahin zurueckkehren werde, auch keine Rechte +auf irgend einen Teil Ihres Vermoegens habe. Nachdem dies geschehen, +wuerden ihm die einmal zugesagten fuenfzigtausend Mark ausgezahlt werden." + +"Nun und dann?" fragte Theonie, als die Pastorin schwieg. + +"Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas +zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwaehnen. Sollte er auf ein +weiteres zurueckkommen, so wuerde ich ihm erwidern, dass ich mich jetzt in +keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung +verscherzt." + +"Aber deswegen ist er doch hergekommen!" schob der Pastor, diesmal +nicht nur seiner Gutmuetigkeit, sondern einer richtigen Erwaegung folgend, +ein. + +"Gewiss! Aber wer weiss, was geschieht!" entgegnete die Pastorin. +"Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht +sie ihr elterliches Vermoegen selbst." + +"Ich weiss, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht +entgegenkommender aeussere," sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte +durch ein sanftes Kopfschuetteln uebergehend. + +"Sie erklaeren ihm ja nur, dass Sie sich nicht binden wollen; darin liegt +doch kein absolutes Nein." + +"Das ist sophistisch, Marie!" schob der Pastor ein. + +"Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen +haben, und der andere bloss einen Helm, da ist kein Verstand drin." + +Waehrend sie noch sprachen, entstand draussen ein Geraeusch, und Theonie, +bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der blosse +Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenueber zu treten, erregte sie aufs +hoechste. Das gab der Pastorin den Entschluss ein, Theonie vorzuschlagen, +sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln. + +"Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich +erklaere ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu +gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar +machen." Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede. + +Fuenf Minuten spaeter meldete die Magd den Herrn von Brecken. + +"Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zuende Licht an!" entschied +die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred +war nicht wenig enttaeuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen, +aber er liess sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter, +seine tiefe Verpflichtung ausdrueckender Hoeflichkeit. + +"Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht +war, zu sprechen," hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte +eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. "Sie hat mich, um gleich +auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist +Frau Cromwells Wunsch, dass Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre +Aufforderung nicht dahin zurueckkehren. Sie verpflichten sich dazu +schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklaeren Sie, keinerlei Rechte +auf das Breckensche Vermoegen, das fluessige oder liegende, zu besitzen, +und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr +Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fuenfzigtausend Mark +auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten +habe." + +"Ueber die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?" brachte +Tankred, nur muehsam seine durch Enttaeuschung hervorgerufene Erregung +verbergend, hervor. + +"Nein!" + +"Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?" + +"Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch +die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen +erledigt sein muss. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts +einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu +verlassen." + +"Und wenn ich es nicht thue?" + +"Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen." + +"Haben Sie ihr diese Ratschlaege erteilt, Frau Pastorin?" + +"Gleichviel.--Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluss nicht ab." + +"Und wenn ich nun beschwoeren kann--ich kann es beschwoeren und habe nur +bisher nichts geaeussert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden +wollte,--dass meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Haelfte von +Falsterhof zugesagt hat?" + +"So wuerden Sie einen falschen Eid schwoeren. So weit werden Sie es doch +wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von +Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, dass Sie mit +solchen Mitteln durchdringen, dass es bloss eines solchen fuer Sie bequemen +Entschlusses bedarf, um muehelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei +Ansprueche koennen Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt, +dass Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfuellung und +Fleiss sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines +recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau +getragen. Statt sich Ihrer Kousine fuer ihre Hochherzigkeit dankbar zu +erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk +hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu +teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die +Mittel zur Verfuegung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie +ausfallend und stossen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Buehne von +Boesewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hoeren gewohnt +ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen! +Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird +sonst schrecklich sein. Eine Weile beguenstigt das Schicksal wohl +solcherlei Treiben, aber nur um den Uebermut nachher um so schwerer zu +strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie +sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere +Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich +verschweigen, was eben ueber Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch +alles, was sonst geschehen, der Aussenwelt vorenthalten bleiben. Im +anderen Falle aber seien Sie ueberzeugt, dass wir mit allen Mitteln Ihrem +ungesetzlichen, frivolen, ja, gefaehrlichen Treiben entgegentreten +werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, dass Sie uns Furcht einfloessen +koennen, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, dass mit uns +nicht gut Kirschen essen ist.--So, nichts fuer ungut. Die meisten +Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken, +dass er auch nur zeitweise ueber Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn +auszutreiben!" + +Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben +abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Aerger +zugehoert. Mehr als einmal hatte er in seiner masslosen Erregung den +Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Haende ballten +sich unwillkuerlich, und die Zaehne pressten sich zusammen. + +Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren liess, da sie +ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner +Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll +Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluss ihrer +Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem +Angesicht haften; offenbar trat die Ueberlegung bei ihm ein, ob es nicht +doch richtiger sei, gute Miene zum boesen Spiel zu machen. + +"Gut denn," stiess er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen +heraus. "Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich +will die von Ihnen geforderte Erklaerung geben, auch mich mit der +angebotenen Summe begnuegen, wenn meine Kousine mir einen Brief des +Inhalts schreibt, dass sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von +meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie +mir schon vor unserm Zerwuerfnis zugebilligt hatte. Auch muss sie +hinzufuegen, dass sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich +nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, dass ich in ihren +Augen dessen wuerdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich +schwoeren wuerde, von meinen Charaktereigenschaften und von +Eventualitaeten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner +Ueberzeugung nachgehe, will ich unberuehrt lassen. Als kluge Frau wissen +Sie am besten, dass blosse Behauptungen taube Nuesse sind, und dass wir die +Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle +eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, dass manches an +mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizufuehren, +bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Ueberflusses. Was ist +ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung +hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel, +der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu +vertreiben." + +"Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch +Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und +durch Beschraenkung seiner Beduerfnisse. Dass Ihre Kousine, die keine Liebe +fuer Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That +ein starkes Verlangen. Und dass jemand Gluecksgueter fordert, um seine +Fehler abzulegen, beweist, dass er noch nicht das ABC sittlicher +Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende +Selbstueberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum +Schluss zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wuenschen, +sie mag dann selbst entscheiden." + +"Also auf Ihre Befuerwortung habe ich nicht zu rechnen?" + +"Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts +weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage +gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich wuerde erst sehen +wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre traege Genusssucht in solcher +Weise zu unterstuetzen, halte ich fast fuer ein Verbrechen." + +Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiss war, da +er sah, dass er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu +erreichen, triumphierte er innerlich, ueberging die letzten Ausfuehrungen +der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank fuer ihre Bemuehungen aus. + +"Ich weiss, Sie werden Ihre schlechte Meinung ueber mich aendern, Frau +Pastorin! Sicher!" schloss er mit kuenstlichem Ernst und suchte, indem er +sie trotz ihrer herben Begegnung gleissnerisch seiner Achtung und +Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei +zu erobern war.-- + + * * * * * + +Grete von der Linden griff mit recht muerrischer Miene nach Umschlagtuch +und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre +Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespraech mit Carin +Helge gehabt hatte. + +Ihre fruehere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geaeussert, dass +Herr von Brecken ihr ein aeusserst widerwaertiger Mensch sei, eine +Persoenlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein muesse, und Grete +hatte sehr empfindlich entgegnet, dass sie es nicht passend finde, dass +Carin ein solches Urteil ueber Freunde des Hauses faelle. + +Darauf war wieder eine etwas schroffe Aeusserung von Fraeulein Carin +gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte +die erstere erklaert, dass es bei der geringen Uebereinstimmung, die +neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser fuer sie sei, Holzwerder +zu verlassen. "Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es fuer gut befinden, +liebe Carin." Mit diesem kuehl gesprochenen Wort war das Band zerrissen, +das die beiden seit Jahren verknuepft hatte. Aus der urspruenglichen +Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes +ausdruecklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als +Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat +hatte sich im letzten Jahr das Verhaeltnis schlechter gestaltet. Grete +waren die Fluegel ungewoehnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, ueber +alles sehr praezise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und +dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch ueber entgegengesetzte +Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten. + +Einige Ausfluege mit ihren Eltern in die grosse Welt hatten sie rasch +gezeitigt. Sie wusste, dass sie huebsch und klug war, und schmeichelnde +Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestaetigt, aber sie wusste +auch, dass sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel +ein Mensch, den man fuer beguetert haelt, der Welt ohne Widerspruch bieten +kann. + +Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demuetige Gebaerden +selbst dann, wenn die den Nacken kruemmenden Personen keiner Vorteile +gewaertig sein konnten. + +Grete hatte ein Interesse fuer Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die +Vorzuege einleuchteten, die erwachsen wuerden, wenn die beiden +aneinandergrenzenden, grossen Gueter unter eine Herrschaft kaemen. +Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu +nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof +grossen Respekt eingefloesst. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider +Gesinnung und vornehmer Zurueckhaltung; die alten Breckens liessen die +Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel +Grete, die Eindruecke der Jugend wirkten nach und uebertrugen sich auf +Tankred. + +Er war ein stattlicher Mann, gross und geschmeidig und hatte etwas +Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besass er etwas +Fortreissendes, wenn er liebenswuerdig sein wollte. + +Dass sich nichts von Sentimentalitaet in seinem Wesen aeusserte, war Grete +hoechst willkommen; sie hasste alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon +nichts besass. Und endlich und zuletzt--sie mochte ihn einmal, und durch +seine Vermoegenslage wuerde sie imstande sein, um so leichter die +allerdings nur moralisch begruendeten materiellen Ansprueche ihrer Eltern +zu befriedigen. Allerdings, auch das ueberdachte Grete; sie war durchaus +nicht geneigt, sich Einschraenkungen aufzuerlegen. + +Freilich waren Tankreds Vermoegensverhaeltnisse noch nicht voellig +aufgeklaert. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen +Groschen, andere dagegen,--sie wollten es aus seinem Munde gehoert +haben,--dass er Miterbe von Falsterhof sei. + +Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf +Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er +hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet, +dass ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch fuer +seine Bemuehungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der +Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen. + +Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte +sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem +Gast ueber dessen Vermoegensverhaeltnisse zu sprechen. + +Frau von Tressen besass die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau +von Brecken an ihr geruehmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch, +hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber +sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht +verstanden, sich einzurichten. Waehrend ihr erster Mann noch gelebt +hatte, war er der verstaendige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode +hatte Frau von Tressen ueber ihre Verhaeltnisse gewirtschaftet und in +ihrem zweiten Mann keinerlei Stuetze fuer bessere Entschluesse gefunden. Im +Gegenteil, das ihr persoenlich gebliebene Vermoegen war schon laengst +verthan. Bei der Feinfuehligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher +noch niemals mit Grete ueber die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr +Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So +vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen +auch, dass ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen +wohlhabenden Mann heirate. + +Tankred gefiel ihnen aus denselben Gruenden, die fuer Grete hauptsaechlich +in die Wagschale fielen. + +Wohl wollte sich in der Frau--wie in Carin--bisweilen ein Misstrauen +gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft +eingeschlaefert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung +an Gretes deutlich hervortretende Wuensche und jene Fluechtigkeit, die +zunaechst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge fasst, bestimmten sie, +sich fuer die Partie zu interessieren,--natuerlich vorausgesetzt, dass +Tankred der vermoegende Mann sei, als den sie ihn schaetzten. + +Ihr kuenftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich +verpflichten, ihren Eltern jaehrlich eine festgesetzte Summe zu zahlen. +Aber wenn nun Tankred kein Vermoegen besass, oder wenn er oder ein anderer +Gatte Gretes sich weigerte, fuer ihre und ihres Mannes Existenz +aufzukommen? + +Zum erstenmal ueberfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben +ueberkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es koenne dergleichen +geschehen oder spaeter eintreten. Ihr Mann, ein frueherer Offizier, war +vollkommen erwerbsunfaehig. Schon machten sich allerlei durch einen +raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn +plagten voruebergehend Gichtschmerzen; eigentuemliche nervoese Beschwerden, +Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und +hatten das Herz der Frau mit Sorge erfuellt. Wenn er sich dann wieder +erholt und wohl gefuehlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und +Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwaertig erschien ihr alles in +einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft +vor ihr auf, und sie beschloss, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf +blosse Eindruecke oder gar auf den Zufall zu verlassen.-- + +Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurueckkehrte, +begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknoepft hatte, und dem +ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut +geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der +nicht eben ueberintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das +Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsaetzen verfuhr und +allgemeine Achtung genoss. + +Niemand uebte einen so grossen Einfluss auf Grete aus, wie er, ja, insofern +das junge Geschoepf ueberhaupt jemanden, einschliesslich ihrer Mutter, zu +lieben vermochte,--ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine +durch unantastbare Vertraege ueberkommene, friedfertige und unschaedliche +Persoenlichkeit,--empfand sie ein solches Gefuehl fuer Hederich. So lange +sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets guetig und zugleich ehrerbietig +begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr +Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen +und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschuettet. Nicht Herr von Tressen, +der immer nur seine Amuesements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden +und Reisen ins Auge fasste, hatte ihr den frueh verlorenen Vater ersetzt, +sondern der Junggeselle Hederich. + +Er kannte nichts von der Welt draussen, aber um so besser war er ueber +alle Gutsangelegenheiten und alle Persoenlichkeiten in naechster und +weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr haeufig in praktischen +Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft +betreffenden Dingen, ueber Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und +wusste eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Baeumen +zu, sagten die Leute von ihm. + +"Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fraeulein. Drum und dran. Schon so +frueh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen.--So, +so, das ist schoen.--Ja, gewiss, gern.--Ich habe Zeit! Sollen wir hier den +Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fraeulein, was ist, bitte?" + +"Zuerst Hederich: Fraeulein Carin verlaesst uns. Sagen Sie, was halten Sie +eigentlich von ihr?" + +"Viel, Fraeulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht +erst ein Kreuz auf dem Ruecken zu haben zum Zeichen, dass sie dienstfaehig +ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt. +Aber drum und dran, warum fragen Sie?" forschte der Alte mit seinem tief +eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen. + +"Nun ja, weil sie weggeht, und ich darueber nachdenke, an wem die Schuld +wohl liegt. Gewiss Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns +nicht mehr. Da ist es besser--" + +"Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als dass Sie in Feindschaft +enden. Gewiss, das hat sie nicht um Sie verdient, Fraeulein Grete!" + +Grete schwieg, sie fuehlte er hatte recht; gern wuerde sie aber gesehen +haben, dass er ihr bereitwillig zugestimmt haette. + +"Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fraeulein Grete, nichts fuer ungut, +wenn ich fragen darf?" + +"Ueber Herrn von Brecken erzuernten wir uns. Apropos! Was halten Sie von +dem?" unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespraech auf ihn +gebracht, waehrend sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte. + +Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu +wollen. + +"Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?" + +"Mit Verlaub, Fraeulein Grete. Will Fraeulein Carin etwas von ihm wissen?" + +"Nicht viel eben! Sie verdaechtigt seinen Charakter." + +Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte grosse +Augen. + +"Ja, sie versteht's--" + +"Wieso? Moegen Sie ihn auch nicht? Hoeren Sie, Hederich! Ich frage nicht +umsonst. Ich--ich--" + +"A--h--" machte der Mann und sah Grete gross an. "Nun ja denn! Ich weiss +nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen +sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine +Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fraeulein Grete, er hat was +im Auge--oft--man kann sich fuerchten--" + +"Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er +sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam +und solide werden." + +"Ja--ja--das ist wohl anzunehmen," bestaetigte Hederich. "Aber ob er so +recht umgaenglich werden wird--gegen Sie--ich meine--drum und dran--und +denn--und denn, Fraeulein Grete--er hat, glaub' ich, gar nichts!" stiess +Hederich zum Schluss heraus. + +"So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darueber?" forschte Grete, den ersteren +Einwand umgehend. + +"Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber +auch bloss ein Versprechen, das an Bedingungen geknuepft ist." + +"In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?" + +Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus. +Zuletzt liess er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und +erklaerte, Frege traue Tankred nicht ueber den Weg. + +"Ja, aber weshalb misstrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht," +betonte Grete, durch die Enttaeuschung, die sie empfand, zum Widerstand +gedraengt. Sie wollte Gutes hoeren, und da sie es nicht vernahm, wollte +sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen. + +"Sie meinen--drum und dran--" entgegnete Hederich ehrlich,--"dass er +wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Fuer andere +Menschen hat er nichts uebrig." + +Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklaerung regte sie +nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen haette, wenn +Hederich von Tankred eingenommen gewesen waere. + +"Na," schloss sie nuechtern. "Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn." + +"Ja,--ja--liebes Fraeulein, aber es liegt--drum und dran--etwas +dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama--na ja, sie hat ja eine +sehr leichte Hand--aber die hat die schoene Mitte, klug und gut." + +Grete antwortete nicht. + +"Warten Sie, alter, guter Hederich--" sagte sie und schob ihm das +Baendchen unter den Rockkragen,--"hier steckt was heraus." Und ploetzlich +ganz unvermittelt: "Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie +viel unser Gut?" + +Darauf musste Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des +genau Unterrichteten ueberaus gut gefiel. + +"Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreissigtausend +Mark jaehrlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal +weniger, so etwa sechzigtausend Mark." + +"Nicht mehr?" fragte Grete enttaeuscht. + +"Nein, mehr nicht, Fraeulein, und dann sind da auch noch Zinsen +und--und--na, gleichviel--" + +Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das, +von Epheu umsponnen und von schoenen Baeumen umgeben, einen reizvollen +Anblick gewaehrte. + +"Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?" fragte Grete +sinnend. + +"Ja, einmal.--Was jetzt die Frau Pastorin ist--unter uns gesagt--die +Pastorin Hoeppner, die haett' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu +so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter +Mensch, bloss kein Mann.--Nein, drum und dran--kein Mann. Ich freue mich +noch immer, wenn ich sie sehe--ja, das thue ich!" schloss Hederich, mehr +mit sich selbst als mit Grete redend. + +"Adieu! Danke, alter guter Hederich!" sagte Grete. Was sie fuer ihn +empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder. + +Und er fuehlte es und sagte: + +"Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen." + +"Nun?" + +"Sie! Fraeulein Grete," sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's ueber das +Angesicht des Maedchens, und sie drueckte ihm geruehrt die Hand. Bisweilen +sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heisse Quelle in ihr +auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie +stuermisch.-- + +Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben +versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin +fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute +etwas ungeduldig nach der Thuer. + +"Wo bleibt denn Carin? Weisst Du etwas von ihr, Grete?" wandte sie sich +fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit +deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber +oeffnete sich die Thuer, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins +Gemach. + +Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die +Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang +gab. + +Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast +stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlasste +Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten +schauenden Balkonzimmer sass, die Rede auf Fraeulein Helge zu bringen. + +"Wir haben uns erzuernt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das +Fraeulein verlaesst morgen frueh Holzwerder," entgegnete Grete kalt. + +Die Mitteilung ueberraschte, aber interessierte und erfreute zugleich +Tankred sehr. Die misstrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht +mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine grosse Beruhigung. + +"Das sagen Sie so leicht hin, gnaediges Fraeulein?" knuepfte er, um mehr zu +hoeren, an. + +"Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb +dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich +nun eine andere Thaetigkeit. Ein Buendnis fuers Leben habe ich doch nicht +mit ihr geschlossen." + +"Liess die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die +Frage erlaubt ist?" + +Statt zu antworten, laechelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb +verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend: + +"Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist. +Wenn Fraeulein Helge uns verlaesst, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man +kann suendigen, ohne es zu wissen," schloss sie, als Tankred grosse, +forschende Augen machte. + +"Ich?" stiess er heraus. "Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich +natuerlich ungemein." + +Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle. +Verriet sie ihm, dass Carins absprechendes Urteil ueber ihn sie geaergert +habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen +vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie ueber seine +aeusseren Verhaeltnisse genau unterrichtet war. + +Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wuensche +unterstuetzten seine Annahme. + +Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich: + +"Ist es denkbar, dass Sie, mein Fraeulein, fuer mich gegen Fraeulein Helge +Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, dass ich Ihnen +nicht gleichgueltig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir +gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und dass sie gegen mich +intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber +vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermoegen, dass--dass--" + +"Dass?" forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreissen lassen +wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb +verdeckten Erklaerungen liegt. + +"Nun, dass Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden koennten, und +dass sie, Fraeulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken +sein wuerde." + +"Sollte es das sein?" ging's rasch und fast gegen Gretes Willen ueber +ihre Lippen. Also Beweggruende egoistischer Natur haetten Carin geleitet! +Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr +passte, da sich daraus die Gruende fuer Carins Abneigung gegen Tankred +erklaeren liessen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an. + +"Gewiss, ich bin dessen sicher, Fraeulein von der Linden. Und nicht +wahr?" fuegte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zaertlich +sprechend, hinzu: "Ich darf annehmen, ich darf hoffen, dass Fraeulein +Helge das Rechte traf--?" + +Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen, +und sie ward unsicher und beaengstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom +schoss durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kraefte +und wollten sie fortreissen. Aber dennoch siegte die ueberlegende +Vernunft. + +"Wir wollen ueber andere Dinge sprechen, Herr von Brecken," stiess sie, +sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine +Worte als ein uebertriebenes Kompliment aufgefasst haette. Und zur besseren +Bestaetigung ihrer Unempfindlichkeit fuegte sie hinzu: + +"Es giebt ja interessantere Themata als Fraeulein Helge.--Wie denken Sie +zum Beispiel ueber die Stellung des Jupiter zur Sonne?"-- + +Als spaeter Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer sass--es +war kurz vor dem Abendessen--sagte der letztere: + +"Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehoert? Wo haelt sie sich jetzt +auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter +fortbleiben?" + +"Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in +einigen Wochen nach Falsterhof zurueckkehren." + +"Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof ueber? Oder welche +Plaene haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir +sagt, dass Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Naehe," +schloss Herr von Tressen artig. + +"Allerdings, ich moechte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber +nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen koennte--" + +Unwillkuerlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die +letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf +diese Weise das Gespraech auf Grete hinueberleiten? Im Augenblick fand +Herr von Tressen keine Anknuepfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke, +und er sagte: + +"Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich hoere, Mitbesitzer +sind, wuerde Ihnen nicht konvenieren? Uebrigens nachtraeglich meine +Gratulation! Es ist wohl die schoenste Herrschaft in der Provinz." + +Diesen Worten war es unmoeglich, auszuweichen. Tankred wusste auch, dass +sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und +wenn die Dinge nach ihren Wuenschen ausfielen, stand einer Heirat mit +Grete nichts im Wege. + +Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden musste, da Tankred je +eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken +beiseite und sagte: + +"Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen. +Ohnehin draengt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen. +Wollen Sie es mir gestatten?" + +"Ich kann mich dadurch nur geehrt fuehlen," entgegnete Gretes Stiefvater +verbindlich und zugleich mit groesster Spannung. + +"Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber +sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Hoehe zu +beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand +bereits ein bares Kapital ueberwiesen. Weiteres macht sie abhaengig von +gewissen Bedingungen. Ohne Rueckhalt gesprochen, sie will mich pruefen, ob +ich imstande bin, mit einem grossen Vermoegen umzugehen. Eine gewisse +Breckensche Pedanterie, uebertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber +ich besitze ein Schriftstueck, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt, +mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen.--Ich gelange nun auf den +anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fraeulein Grete, hat +gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich +gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir +in so ueberaus liebenswuerdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner +Besuche verstaerkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der +meine sehr lebhaften Wuensche unterstuetzt. Unwillkuerlich richtet ein +besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwaehlten seines +Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm +sympathisch sind, und da muss ich ohne Komplimente sagen, dass ich es als +das hoechste Glueck ansehen wuerde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer +Frau Gemahlin in naehere Beruehrung zu treten." + +Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimuetig liebenswuerdiges +Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so ueberzeugt klangen seine +Worte, dass sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt +hatte. + +Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die +vorausgegangenen Mitteilungen aeusserst befriedigender Art zu sein +schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm +gewuenschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was +seine Frau ihm eingeschaerft hatte. Er sagte deshalb vorlaeufig noch mit +etwas Zurueckhaltung: + +"Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken, +treten besondere Verhaeltnisse ein, die der Eroerterung unterliegen +muessen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich aeusserst erfreuenden +Antrag--meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorlaeufig noch +nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, dass sie Ihnen, +wie Sie es voraussetzen, geneigt ist,--also wenn ich Ihren Antrag in +Ueberlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns +noetig. + +Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat +hoeren unsere rechtlichen Ansprueche auf, und wir sind angewiesen auf ihre +guetige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten +sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermoegens +wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestaetigung unserer moralischen +Ansprueche ist erforderlich, nachdem die Hoehe der uns zu zahlenden +jaehrlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der +Grete einmal heimfuehren wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto +geneigter werden wir ihm selbstverstaendlich sein. Darin liegt keine +verwerfliche Geldsucht, sondern es begruendet sich in der Natur der +Dinge. Von der Luft koennen wir nicht existieren, und ein anstaendiges +Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wuenschen." + +Tankred hatte waehrend Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig +beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorlaeufig noch nicht Gretes +Braeutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der +Wirkung seiner Antwort gewiss: + +"Ich wuerde, wenn mir das Glueck werden koennte, Fraeulein Grete heimfuehren, +es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen moeglichst +ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglueck in +erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualitaet, die in +eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so +freundlich und guetig sein wollen, zu unterstuetzen."-- + +Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit +hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in +sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten +Unterredung. + +"Vortrefflich," sagte die Frau, nachdem er geendigt. "Aber nun waere es +doch wuenschenswert, dass wir das Schriftstueck, von dem Brecken spricht, +einsaehen, und dass Du auch an Frau Cromwell schriebest." + +"Meinst Du wirklich, dass letzteres notwendig ist? Ich denke, die +Einsicht in das Abkommen genuegt; hoffentlich wird Brecken es uns von +selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich." + +"Nun, es wird sich ja finden! Vorlaeufig wollen wir Grete noch nichts +mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken +steht. Dass sie sich sehr fuer ihn interessiert, ist zweifellos. Uebrigens, +wie ist sie kuehl! Von der Helge trennt sie sich mit einer +Gleichgueltigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Maedchen! Sie war sehr +weich und ruehrte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit +ihr hatte, waehrend Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussoehnung denkt +sie selbst nicht. Sie fuehlt, dass Grete ihr Gehen will, Grete hat +begierig die Gelegenheit zur Herbeifuehrung der Verstimmung ergriffen." + +Aber Herr von Tressen hoerte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzuege bewiesen, +dass er bereits dem Schlaf erlegen war. + + * * * * * + +Tankred sass in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von +neuem ein Schriftstueck. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von +Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt: + + 'Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklaert hat, dass + er keinerlei rechtliche Erbansprueche an den Nachlass meines Vaters + besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat, + diesbezuegliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter + empfangen zu haben, bestaetige ich hierdurch meine Zusage, ihm die + Summe von fuenfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe + meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen + versehen. + + Weitere Zuwendungen, groessere oder kleinere bis eventuell zur Haelfte + des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch + will ich mich darueber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fuenf + Jahren aeussern und verpflichte mich, wie ich ausdruecklich hervorhebe, + dazu in keiner Weise.' + +In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck, +und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Buergschaft, +dass Tankred einmal Miterbe von Falsterhof wuerde. + +Er konnte das Schriftstueck Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu +geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit +begnuegen wuerden. Was bedeuteten fuenfzigtausend Mark? So viel wie nichts! +Und waehrend der naechsten fuenf Jahre wenigstens war er nicht imstande, +weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen. + +Es blieb also nur uebrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine +zweifellos guenstige Erklaerung abzufassen, mit anderen Worten, eine +Faelschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand +sich alles leicht. Aber in ihren Besitz musste er erst gelangen, und dazu +bedurfte es staerkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen. + +Tankred ueberlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein +wuerde. Unter zwanzigtausend Mark jaehrlich waren sie sicherlich nicht +abzufinden, dann blieben noch dreissig- bis vierzigtausend Mark fuer +seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht uebermaessig viel, aber doch sehr +viel, wenn man nichts besass. Auch waren noch die Vorteile +hinzuzurechnen, die ihnen wuerden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles, +was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang +viel, die Reisen und sonstiger Luxus. + +Und die Alten wuerden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein +sehr gutes Geschaeft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das +Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionaerin. + +Auch des Erfolges war Brecken gewiss, wenn nicht noch unberechenbare +Zwischenfaelle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem +Justizrat mit sehr wenig Ruecksicht auf seine Wuensche abgefasste +Schriftstueck jede Hoffnung wieder zerstoerte. + +Hm! hm!--Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab. +Dann aber liess er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb +lange, aenderte, fuegte hinzu, ueberlegte, aenderte nochmals und las +schliesslich, was vor ihm lag: + + 'Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklaert hat, auf + Ansprueche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von + Brecken erwachsen sein moegen, verzichten zu wollen, bestaetige ich + hierdurch meine Zusage: + + I. ihm zunaechst fuenfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die + Haelfte des Besitzanteils an Falsterhof ueberweisen zu wollen, wenn mir + nach fuenf Jahren die Gewaehr gegeben ist, dass er damit im Sinne meines + verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nuetzen und mehren wird. + Eine solche Einschraenkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche + das Testament fuer mich selbst enthaelt, geboten und entspricht demnach + nur genau den mir selbst zustehenden Rechten. + + Theonie Cromwell.' + +"Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet +trotz der geschaeftlichen Kuerze und Form volles Wohlwollen," fluesterte +Tankred. "Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals +entsprechend, und dass sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben, +dafuer werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei +Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen +Thatbestand handeln: fuenfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Haelfte +des Besitzanteils von Falsterhof nach fuenf Jahren." + +Und so ueberzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, dass er +sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des +Originals taeuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich +blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm ueberraschend. +Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin +Hoeppner, und sie zu veranlassen, dass sie ihm wenigstens keinen +Widerstand entgegenstellte, musste jetzt seine Aufgabe sein. + +Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben, +vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde +zu befriedigen, teils um von Frege etwas ueber Theonie zu erfahren. + +Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich +in Elsterhausen fuer seine Reitausfluege gemietet hatte, in die Allee von +Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und +die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Baeume, insbesondere die +kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach +auftauchten entzueckten das Auge. + +Tankred befand sich in einer ausserordentlich gehobenen Stimmung; je +mehr er ueber die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie +ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: dass +Grete von der Linden, die sehr genau wusste, was sie wollte, ihm am Ende +doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den +Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber--eine Moeglichkeit war +doch vorhanden. + +Waehrend er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hoerte +er hinter sich das Geraeusch eines dahineilenden Wagens, und als er den +Blick wandte, sah er zu seiner grossen Ueberraschung Grete, die selbst das +Gefaehrt lenkte, vor sich. + +"Sie, mein hochverehrtes Fraeulein?" + +"Sie,--Herr von Brecken?" ging's zugleich aus Gretes Munde. "Wohin? Nach +Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurueck?" + +"Nein,"--erklaerte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd +durch einen so maechtigen Druck, dass es sich fast ueberschlug und nun +bewegungslos verharrte. "Ich will nur einmal auf Wunsch meiner +Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswuerdigen Brief geschrieben +hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen +zurueckkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof +eigentlich? Moechten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es +wird Sie, glaube ich, interessieren, den maechtigen Bau mit den schoenen, +altertuemlichen Moebeln in Augenschein zu nehmen." + +Einen Augenblick zoegerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des +Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in +Tankreds Gesellschaft aufdraengte. Aber sie ueberwand das Bedenken, +nachdem Tankred ihr zugeredet und erklaert hatte, dass Frege sie +herumfuehren, und er sie sogleich wieder zurueckgeleiten werde. + +Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschliessende, mit Pelz +besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter +Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmuetze. + +Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zaehne in dem klugen, +fein geschnittenen Munde blitzten verfuehrerisch.-- + +Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich +anfangs nichts, nur Max erhob ein wuetendes Gebell. Dann aber kam Klaus +aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in +Empfang. + +"Bitte, erlauben Sie!" bat Tankred, der schnell von seinem Tier +herabgesprungen war, und streckte die Arme aus. + +"Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken," wehrte +Grete ab. Aber sie gestattete es doch, dass er ihre beiden Haende ergriff, +und liess sich so von ihm beim Herabspringen helfen. + +Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen, +schritt er an Gretes Seite dem schlossartigen Gebaeude zu, das wie immer +unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des grossen Hofes +emporstieg. + +Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenraeumen bellend auf dem Pflaster +erscholl das Geraeusch der fortgefuehrten, und einmal uebermuetig hintenaus +schlagenden Gaeule. Und dann ertoente dumpf die schwere Flurglocke, und +sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof. + +Zunaechst drueckte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber +da der nicht sogleich erschien, oeffnete er selbst die Thuer zur Linken +und bat Grete, in die Wohngemaecher einzutreten. + +Ein ueberraschender Luxus trat ihnen entgegen; ueberall befanden sich +kostbare Teppiche, alte Moebel und Kunstgegenstaende; faltige Gardinen und +Vorhaenge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschuetzten Thueren und +Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den +Reichtum der frueheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermuetiger +Verlassenheit durchwehte die Gemaecher, und erst als sie die nach dem +Parkgehoelz zu liegenden Raeume betraten, und hier die heller eindringende +Sonne den kostbaren Gegenstaenden ein heiteres Gepraege verlieh, die +eingelegten Schraenke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die +Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fussteppichen in +farbenreicher Schoenheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich +unwillkuerlich auf Gretes Gemuet gelegt hatte, und ein Ruf der +Ueberraschung ging aus ihrem Munde. + +"So schoen haette ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der +einen so ausgepraegten Sinn fuer kostbare Dinge und einen so feinen +Geschmack besass?" fragte sie. + +"Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verstaendnis dafuer und Freude +daran," entgegnete Tankred. "Wenn es sich um ein schoenes, altes Moebel +oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er +besass eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten +Lebensjahre nach. Sie muessen nun aber erst mal seine eigenen Gemaecher +sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich ueber den Flur auf die +andere Seite." + +Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein +ausgelegten Kaestchen herab und liess ihr Auge darauf ruhen. + +Wie so oft aeussere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so +geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen +durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersuechtiges +Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all +das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete. + +Sie wuenschte in diesem Augenblick, dass er ihr Komplimente sage, ihr den +Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that, +herbeifuehren, was ihre Gedanken und Sinne beschaeftigte. + +So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, dass sie, als er ihr naeher +trat, den Kopf so zur Seite neigte, dass seine Wange ihr Haar streifte, +und ihre Haeupter sich sanft beruehrten. Sie zog das ihrige auch nicht +zurueck, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie +draengte, liess sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen +sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurueck. + +"Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen," stiess +Grete, nun den Weg zur Thuer nehmend, heraus und seufzte begehrend auf. + +"Das sagen Sie?" entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch +seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. "In Holzwerder strahlt doch +alles in Schoenheit, dort weht eine reizvolle Gemuetlichkeit, waehrend +Falsterhof duester und einsam ist. Nur in diese beiden Gemaecher dringt +etwas Waerme und Licht." + +"Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fuelle, und das liebe +ich. Ich gestehe, dass mich das Besitzen an sich reizt, und ich +unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die +viel fuer Ueberfluessiges, fuer gelegentliche Genuesse und fuer Dinge +ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Fuer +Kunstsachen moechte ich auch ein wenig verschwenden, sie koennen durch die +Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren +Essen und teuren Weinen?" + +"Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen ueberein," erwiderte +Tankred. Und mit brennendem Blick fuegte er hinzu: "Ja, erwerben, +besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch fuer mich einen unnennbaren +Reiz. Frueher war das nicht so. So lange ich nichts besass, war ich +leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich +glaube, dass wir auch sonst mancherlei Aehnlichkeiten haben. Wir hassen +zum Beispiel die Sentimentalitaet, besitzen einen auf das Greifbare +gerichteten Sinn und einen uebereinstimmenden Geschmack in dem, was man +bequem nennt." + +Grete nickte lebhaft, er wusste ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er +holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit uebereinstimmte +oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wusste, dass es ihr +gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit +der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluss wusste er noch einen +besonderen Druck auf sie auszuueben, indem er berechnend hinwarf: + +"Gluecklich ist derjenige, der Ihnen im Leben naeher treten darf, der von +Ihrer Freundschaft beruehrt wird, gluecklich, weil Sie sich ganz so geben, +wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefuehl, und sicher fest +halten, was Sie einmal ergriffen haben." + +"Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?" gab Grete halb +geschmeichelt, halb in ehrlicher Ueberzeugung zurueck. "Wollen Sie wissen, +dass ich oft sehr traurig bin, mich sehr ungluecklich fuehle? Ich denke +dann, dass ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin +oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefuegig und sehr egoistisch. +Ich bin nicht gut, wie man sein muesste. Die Natur schuf mich so,--leider! +Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner +Charakterveranlagung mein Glueck. Es ist wirklich von Uebel, wenn man eine +so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmuetig +ist. Was haetten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht waere? Natuerlich +werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht +weiter leben koennen, wenn ich einmal--" + +Grete stockte. + +"Wenn Sie einmal?" setzte Tankred leise an und trat Grete, ploetzlich +alles wagend, mit zaertlich werbenden Mienen und Blicken naeher. Aber +obgleich ihre Augen verrieten, dass sie bei ihm war, entwich sie ihm +doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hoerten sie draussen +Schritte, und, ihre Verwirrung bekaempfend, gingen sie auf den Flur, wo +ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenuebertrat. + +Tankred verstaendigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut +gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus +moechte den Wagen und das Pferd vorfuehren, sie wollten gleich wieder +fort, er wuenschte dem Fraeulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen. + +Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemaechern des verstorbenen +Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen. + +Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie +bereute, dass sie sich hatte fortreissen lassen, oder sie wuenschte sich +nicht der Moeglichkeit auszusetzen, von Frege ueberrascht zu werden. + +Sie besah die Raeume, in die Tankred sie fuehrte, fluechtiger und machte +eine hastig unruhige Bewegung zur Rueckkehr, als sie in einer alten +Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand. + +"Schon zwei Uhr! Ich muss zurueck, Herr von Brecken. Ein andermal den +Park." + +"O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fraeulein," wandte Tankred schmeichelnd +ein. "Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!"--Und +einen neckisch ernsten Ton annehmend, fuegte er hinzu: "Haetten Sie, wie +ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse fuer Falsterhof und seinen +kuenftigen Besitzer--dann--dann--" + +Aber schon waehrend Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht +unguetige, aber entschieden abweisende Bewegung. + +"Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken," stiess sie +rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. "Aber, +bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den misstrauischen Augen des alten +Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen +uns dann, und--und--" + +"O Grete, teures Maedchen--" stiess Tankred, nicht Herr seiner durch den +Widerstand verschaerften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm +nachzugeben, schuettelte sie das Haupt und verliess mit sanfter +Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach. + +Draussen angekommen, drueckte Tankred den Dienern jedem ein Geldstueck in +die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen.-- + +"Hier," sagte Frege, als das Geraeusch der Raeder und Hufen verklungen +war, und gab Klaus die empfangene Muenze. "Ich will von ihm kein Geld.--" +Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurueck. + + * * * * * + +Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner hoechsten +Ueberraschung Fraeulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich +auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das +Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort +angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei. + +"Ja, schon seit laengerer Zeit. Das Fraeulein, das frueher auf Holzwerder +gewesen, befindet sich dort." + +Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, dass man ihm hier doch +Naeheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen koennen. + +Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und +heute einen Besuch bei Hoeppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas +Gutes lag wieder darin. Sicher wuerden Pastors jetzt Tressens auf +Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, dass durch die +Aufnahme Fraeulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes +Verhaeltnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin +sah es freilich ganz aehnlich, keine aengstlichen Ruecksichten zu nehmen, +wenn sie von ihrer besseren Ueberzeugung geleitet ward. Ihr natuerliches +Selbstgefuehl wurde durch den Umstand verstaerkt, dass sie ihrem uebrigens +ziemlich viel aelteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermoegen in die Ehe +gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne dass der Pastor sich in +abhaengiger Stellung muehte. + +Waehrend Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich +Gedanken ueber den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezueglich seiner +Person. + +Die Pastorin wuerde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren +Eroeffnungen zurueckhalten, und die Helge wuerde triumphieren, dass sie ihn +so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch +wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an +Grete, ihre fruehere Schuelerin und Vertraute, eine Warnung ergehen liess? + +Sein Schuldbewusstsein draengte ihm ploetzlich alle moeglichen +Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige +Personen musste er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten +Frege und die Pastorin. Dass damals Frege den Brief an ihn geschrieben, +war ihm durch Vergleichung von Schriftstuecken, die von dessen Hand +herruehrten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, dass +er zu Theonie hielt. Um so mehr draengte es Tankred, sich nun so rasch +wie moeglich Gretes zu versichern, und am naechsten Tage schon etwas +ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg +nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte. + +Ein eigentuemlicher Zufall fuehrte es mit sich, dass auf der ersten Station +zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Hoeppner, +welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte, +einstieg. Er begruesste Tankred mit gewohnter Hoeflichkeit und Unterordnung +und gab sich auch in der Folge ueberaus beflissen und mit der ihn stets +auszeichnenden liebenswuerdigen Gutmuetigkeit in seinem Wesen. + +Tankred konnte sicherlich nichts erwuenschter sein als diese Begegnung, +da Hoeppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wuenschte. + +"Wir kennen," hub er an, "Fraeulein Helge ja schon so viele Jahre, und +meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie +schaetzt ihren Charakter ausserordentlich und empfand gleich lebhaftes +Mitleid, als sie erfuhr, dass gewisse Umstaende die Entfernung der Dame +von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung +erforderlich gemacht haetten." + +"Was war denn wohl die Veranlassung?" schob Tankred, sich unwissend +stellend, ein. + +"Darueber bin ich nicht unterrichtet," entgegnete Hoeppner, langsam die +Worte dehnend und in gewohnter Ruecksicht ausweichend. "Es wird wohl auf +beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das aendert ja nicht die +Notwendigkeit, dass wir uns der uns befreundeten Dame annehmen." + +"Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und +Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend," schob +Tankred, glatt schmeichelnd, ein. "Wird Fraeulein Helge laenger bei Ihnen +verweilen? Uebrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten +muss. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig +genaehert haben."--Tankred wusste, dass der immer zum Friedenstiften +geneigte, gutherzige Hoeppner jedes Wort seiner Rede den Frauen +hinterbringen werde. + +"Fraeulein Helge hat Aussicht,--ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr +interessieren, und da Sie sie so schaetzen, auch freuen, Herr von +Brecken,--Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die +Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis +die Sache entschieden, bleibt sie bei uns." + +Tankred glaubte, dass ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem +Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten. + +Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschoepf mit dem +unertraeglich affektierten Vornamen kuenftig zusammen auf Falsterhof! +Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie wuerden sie ihn alle +beobachten, und wie wuerden sie Buch fuehren, um nach fuenf Jahren zu +erklaeren, dass er des Erbes nicht wuerdig sei! Und alle die Katzenbuckel, +die er den Dreien in so langer Zeit wuerde machen muessen, waehrend er sie +am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wueste Insel +geschickt haette. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein +Blinder! Ungewoehnlich beschraenkt war doch dieser Geistliche! + +So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kraeftiger +Selbstbeherrschung wusste er gleichwohl seine Enttaeuschung zu verstecken, +pflichtete vielmehr, hoch erfreut ueber solche Moeglichkeit, dem Pastor +bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, dass er den Weg +nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der +in groesserer Entfernung liegenden Gueter erhalten zu haben. + +Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und +einen Fusspfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, dass +Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe +beschaeftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu, +wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten +Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begruessung +wandten sich alle wieder der Thaetigkeit der von Hederich angeleiteten +Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der +jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die +Beschaeftigten inne. + +"Erlauben Sie mir!" rief Tankred, welcher sah, dass die Damen den +Vorgaengen mit grosser Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen +Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkraeften den unter den +Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals +anzufassen und abwaerts zu druecken, und brachte nun gleichsam spielend zu +wege, was allen Muehen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der +schweren Eisenmasse war er behuelflich und stand, waehrend die uebrigen, +nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiss wischten, da, als ob +es sich um eine Kinderei gehandelt haette. + +Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft +seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen +bisher nicht zu baendigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen +der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war, +als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden! + +Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Saetze, dass die +Umstehenden unwillkuerlich aufschrieen und einen toedlichen Sturz schon +vor Augen sahen, aber Tankred riss den Hengst herab, als ob in die +schnaubenden Nuestern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn +niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und ueber die Weichen und +flog dann wieder in solcher Karriere ueber den Hof, dass die Funken aus +dem Pflaster stoben. + +Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd +und bebend, der uebermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fuegend, da. + +"Herrlich! Wundervoll!" riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred +abgestiegen war und sich ihnen naeherte. + +Auch Hederich war ganz hin. + +"Drum und dran, das ist ein Stueck, wie ich es noch nicht gesehen habe. +Alle Achtung, Herr von Brecken," stiess er heraus und bewegte in +unbeschraenkter Bewunderung den Kopf. + +Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke +an, der mehr sprach als alle Worte. + +Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von +Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wusste, +dass nun das Schriftstueck von Theonie zur Sprache kommen werde. + +Noch war er nicht so verdorben, dass er der Vorlage des gefaelschten +Dokuments mit voelliger Ruhe entgegen gesehen haette; bisher hatte er +gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewusst, die +seinen Brotherrn geschaedigt hatten, aber doch nicht als direkter +Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Faelschungen war er bisher doch +zurueckgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung +jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Beruehrung bringen konnte, und +so peinigte ihn ausser dem Rest von Ehrgefuehl, das noch in ihm war, +auch--die Furcht. Er sagte sich wie schon frueher, dass er nicht dazu +veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, dass er +nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und fuer sie +erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn +das Schriftstueck nicht in Tressens Haenden blieb, wer konnte ihm dann +etwas nachweisen? Er wuerde im Fall mit kuehner Stirn leugnen und Tressen +der falschen Verdaechtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespraech +dazu Anlass bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und ueberreichte +es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit. + +Tankred beobachtete des Lesenden Zuege. Ohne Zweifel; er hatte seine +Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit +deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt +abgefasstem Kommentar ebenfalls mit groesster Genugthuung zuhoerend, das +Papier neben sich auf den Tisch. + +Er schien das Schriftstueck einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred +liess seinen Zweck nicht aus dem Auge. "Der letzte Passus"--schob er in +seine Rede ein, nahm die gefaelschte Akte an sich und entfaltete sie, +"bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklaerung. Gestatten +Sie. Es heisst da----" + +Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, liess er das Papier, +nachdem er es noch eine Weile in den Haenden gehalten, gleichsam +unwillkuerlich in seine Brusttasche zurueckgleiten. + +"Wuerden Sie erlauben, dass ich auch meine Frau mit dem Inhalt des +Schriftstueckes bekanntmache?" fiel Tressen ein und streckte mit +hoeflicher Bewegung die Rechte aus. "Ich lege es dann morgen dankend in +Ihre Haende zurueck. Ich hoffe doch, dass Sie die Nacht noch bei uns +bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken koennen? Sie +wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit fuer Sie bereit!" + +Tankred schwankte. Was Tressen ihm ueber sein Bleiben vorgeschlagen, +stimmte sehr mit seinen Wuenschen ueberein, aber das Papier auch nur +zeitweilig von sich zu geben, hiess alles aufs Spiel setzen! Sie konnten, +ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie +vorlegen! Was er selbst gethan haben wuerde, mutete er anderen zu. + +"Natuerlich! Mit Vergnuegen," bestaetigte er trotzdem. Aber mit der +Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fuegte er hinzu: "Verzeihen Sie die +Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht moeglich +waere, dass wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die +ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen +bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich moechte etwas Gutes aus +dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hoeren; sie wird auch wissen, ob ich mir +bei Ihrem Fraeulein Tochter Hoffnung machen kann. Spaeter, wenn Gaeste +eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung +abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewissheit raubt mir den Schlaf. Sie +laecheln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau +Gemahlin warben, das wird Sie fuer meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich +moechte fuer den Fall auch gern Ihre kuenftigen Angelegenheiten besprechen, +Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, dass ich das so +ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fuehle mich--der +Himmel moege verhueten, dass ich in meinen Hoffnungen betrogen +werde--bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich wuerdig zu +zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde." + +Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermaessig das +Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau +herbei.-- + + * * * * * + +Das Gespraech war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von +Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen, +waehrend Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fraeulein Grete +unterhalten zu duerfen. + +Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewaehrt. Waehrend im +Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte +Bleifeder immer mit demselben harten Geraeusch aus Tressens Hand auf den +Spieltisch fiel, waehrend Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl, +und Hederichs unvermeidliches "Drum und dran! das musste Schlemm werden!" +ertoente, sassen nebenan Tankred und Grete in stillem Gefluester, und +endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch +seine Worte und Gebaerden immer mehr erregten Maedchen zu: + +"Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fraeulein Grete, zu sprechen. +Ich ging mit Gefuehlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen. +Mir war, als ob Sie mir befohlen haetten, einen Tag und eine Nacht den +Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein +Gedanke beschaeftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe +lag. Darf ich denn nun sprechen,--o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre +Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen,--Ihnen sagen, was, +was,--" Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht. + +Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens, +und gerade weil es sie draengte, das sie berauschende Wort zu hoeren, fand +sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiss +stroemende Quelle auf, das Gefuehl ueberflutete alles: Verstand, Vernunft +und Ueberlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte, +ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Naehe des Mannes durchstroemte +sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach, +draengend, schmeichelnd, zaertlich und feurig, war sie nicht mehr Herr +ihrer selbst; sie litt es, dass er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig +deutend, umfasste, und ploetzlich draengte sie selbst ihre Lippen zu den +seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen. + +Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefuehl von Saettigung und Wonne, und +seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor +Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestossener auf +Falsterhof erschienen war, sass im Schloss von Holzwerder, und die Erbin +der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe. +Ja, sie wuerde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn, +Tankred von Brecken, von ihrer Brust haette reissen wollen.-- + + * * * * * + +Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach +Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes ueber +die Rueckkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der +Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestuermt worden, nunmehr +seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von +Elsterhausen sei zu gross. Grete hatte den Wunsch, Tankred taeglich zu +sehen. "Weshalb willst Du meine Wuensche nicht erfuellen?" hatte sie in +einem starken Gefuehlsdrange gefragt. "Ich kann ohne Dich nicht sein. +Liebst Du mich weniger, als ich Dich?" + +Der Grund, den Tankred frueher fuer seine Entfernung von Falsterhof +angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wuenschte er nicht +zu sprechen. + +Er wollte heute von Frege hoeren, ob Theonie vielleicht die Absicht habe, +den Winter ueber fortzubleiben, und ihr dann schreiben, dass sie ihm wegen +der veraenderten Verhaeltnisse erlauben moege, die Raeume, die er in +Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich +zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, dass sie ihrem Besitz fern +bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, dass die Dinge sich nach seinen +Wuenschen gestalten moechten, legte er ihnen auch eine groessere +Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem +Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederliess, dass +der Pastor erkrankt, und man in grosser Sorge um ihn sei. Da der Pastor +Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von +Bedauern; viel lieber haette er gehoert, dass sie, die Pastorin, +hoffnungslos darnieder liege. Die "Person" war ihm in der Seele +zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, dass Carin nach wie vor im +Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg. + +Als er den Hof erreichte,--es war gegen vier Uhr nachmittags, und er +wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach +Elsterhausen zurueckkehren,--sah er Frege gerade mit langsamen Schritten +ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen, +finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein duester gemaltes Bild. +Ringsum nichts Lebendiges. Die Baeume streckten regungslos ihre duerren, +kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Oede und ein +gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag ueber allem +ausgebreitet. + +Brecken ueberkam ein Gefuehl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es +legte sich ihm ploetzlich auf die Brust, als ob er fliehen muesse, als ob +seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu, +loeste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war, +selbst Haecksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die +Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu +ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen +Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, naeher. + +Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred +ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit +allerlei nebensaechlichen Dingen. Nach Erwaehnung dieser war ein Absatz +gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt: + + 'Und nun die Hauptsache, gnaedige Frau. Herr von Brecken hat sich mit + Fraeulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben, + nachdem er durch ein Schriftstueck von der gnaedigen Frau nachgewiesen + hat, dass er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fuenf + Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, dass es das richtige Papier + ist, und schicke der gnaedigen Frau Abschrift davon.' + +Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges grossen, +steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoss ihm tobend +ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestoert ward--! + + 'Die gnaedige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des + Schriftstuecks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwuerdig dabei + gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon frueh bei Herrn + Hederich in Holzwerder, der, wie ich wusste, zur Stadt wollte und schon + oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich + hinter dem grossen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den + Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von + Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er + und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen + war. + + Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde + Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch + und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand.--' + +Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur +hoerte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den +Platz und fasste die Thuerklinke. Als er hinaustrat, streifte er den +Alten, der mit einer Miene zurueckprallte, als ob die Erscheinung eines +Verstorbenen vor ihm aufgestiegen waere. + +"Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie +nicht. Einen Augenblick! Ich moechte etwas von meiner Kousine hoeren. +Kommen Sie! Wir koennen nach vorn gehen!" + +Der Alte, sichtlich aufs aeusserste betroffen, aber sich beherrschend, +nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thuer zu den Gemaechern des +alten Herrn zu oeffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: "Wo ist +Klaus?" + +"Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine +Schwester besuchen--" + +Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hoerte, befriedigte ihn sehr. + +Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als +Tankred die Thuer schloss, auf den Alten losstuerzte, ihn an der Gurgel +packte und ihm zuraunte: "Wo ist die Abschrift des Schriftstuecks, das Du +Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich toete +Dich, so wahr ich Brecken heisse!" + +"A--h--" drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber +die furchtbare Faust Breckens schnuerte ihm Atem und Sprache ab. + +Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand, +stiess den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen. + +"Nun?" zischte er mit furchtbaren Gebaerden. + +"Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit," stiess Frege entschlossen +heraus. "Ein Bandit ist der, welcher--" + +Aber Brecken liess ihn nicht ausreden. Er fasste ihn hinten am Rockkragen, +schob den Widerstrebenden zur Thuer, entriegelte sie und stiess sein Opfer +bis in die Kammer. Hier liess er ihn los und befahl ihm, den Brief an +sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern. + +Aber der Alte hob sich stoehnend in die Hoehe, blickte den Mann fest an +und sagte: "Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch toeten. +Frueher oder spaeter wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir +an!" + +Brecken fletschte die Zaehne, und so furchtbar war seine Wut, dass er +Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er +sich ueber ihn und schrie: "Gieb, oder Du bist eine Leiche!" und als +Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf +schuettelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schluessel und begab +sich selbst ans Suchen. Seine Bemuehungen waren nicht umsonst; nach +wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das +Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den +Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte. + +Nachdem er es an sich genommen, naeherte er sich Frege, der sich +inzwischen muehsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden +Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand, +und sagte, ihm die Schluessel hinwerfend: "Diesmal ging's noch an Dir +vorbei, Du schleichender Schuft. Aber huete Dich! Trittst Du mir noch +einmal in den Weg, so weiss ich, was ich zu thun habe!" + +Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp +auf der Strasse nach Holzwerder zu. + + * * * * * + +Und wieder einen Tag spaeter in der Daemmerungsstunde sass die Pastorin an +dem Bette ihres Mannes und hoerte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus +seinem Munde drang. + +"Kraefte, Kraefte--Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck +Wasser." + +"Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?" + +Der Kranke schuettelte den Kopf. "Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur +Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah," stiess er heraus und liess +erschoepft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das +Verlangte eingefloesst. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich +streckte er zaertlich die Hand nach ihr aus. + +"Mein guter Mann!" fluesterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr +dargebotene Rechte. Schwere Thraenen tropften aus ihren Augen. Eine +stumme Dankgebaerde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang, +ihr seine Liebe an den Tag zu legen. + +Und spaeter oeffnete sich die Thuer, und die kleine Lene schob sich, leise +auftretend, herein. + +"Papa Gute Nacht sagen," ging's aus dem Munde des Kindes. + +Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich +empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers. + +"Papa schlaeft, mein suesses Kind, wir duerfen ihn nicht wecken! Ich werde +ihm erzaehlen, dass Du da warst." + +Lene nickte. "Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen," klagte sie +traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie +von dem Schoss der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das +am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort: + +"Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?" + +Da ueberkam die Frau der Schmerz. + +Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, dass er kaum verstehe, dass der +Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Hoeppner +nach einer Erkaeltung erfasst, hatte alle seine Kraefte verzehrt und ihm +jegliche Widerstandsfaehigkeit geraubt. + +"Weshalb weinst Du?" forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und +schmiegte sich aengstlich an die Brust der Bedrueckten. Und unter leisem +Schluchzen fluesterte die Pastorin: + +"Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein suesses Lenchen. Wir +wollen heut abend beten, dass ihn der liebe Gott bald wieder gesund +macht." + +Das Kind nickte eifrig. "Ja, ich will fuer Papa und fuer die weisse Henne +beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie +auf den Schoss nehmen wollte." + +Die Frau drueckte in abermaliger, uebermaechtiger Ruehrung das Kind ans Herz +und setzte es sanft auf die Erde hinab. "Komm, ganz leise, geh nun +wieder nach vorn und bitte Fraeulein Carin, dass sie Dir Deine Puppe +anziehen hilft, und nachdem musst Du ein wenig lernen, Lenchen, das +Einmaleins!" + +"Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?" + +"Gewiss, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!" + +Das Kind horchte vergnuegt auf und trippelte aus dem Gemach. + +Nach einer Weile oeffnete Fraeulein Carin die Thuer und fragte, ob Frau +Hoeppner ihren Mann verlassen koenne. Es seien mehrere Personen da, die +sie zu sprechen wuenschten. + +Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, dass er noch +schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe. + +Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden +fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer +entschiedenen, aber stets huelfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege +von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm laenger zu sprechen wuenschte, +rief sie ihm freundlich gruessend zu: "Gehen Sie nur in meines Mannes +Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir koennen dann in Ruhe reden." +Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die uebrigen sich +entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwaehnte Gemach. + +"Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?" hub die Pastorin, nachdem beide +sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die +gefalteten Haende auf die Brust. "Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell +hoeren? Oder haben Sie selbst Nachricht?" + +"Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof +bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn +von Brecken, gegenueber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben +gleich waere, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!" + +"Na, was sind denn das wieder fuer Sachen," stiess die Pastorin +erschrocken heraus. "Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen +zur Ruhe kommen? Erzaehlen Sie, was geschehen ist, Frege--" + +In diesem Augenblick erfolgte eine Stoerung. Die Magd erschien und +meldete, dass Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn +Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die +Frau Pastorin sprechen zu duerfen. + +Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen +ungehoert abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur +machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine +natuerliche Neugierde, Naeheres von Frege zu erfahren. So entschied sie +sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten +abzufertigen. + +Waehrend sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thuer +offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher +gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er +vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen +verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin +zu und richtete, schon waehrend sie ihm in die Wohnstube voranschritt, +aeusserst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies +geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, dass +Tankred wisse, wer bei ihr sei: + +"Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie +doch fuer einige Minuten wenigstens empfangen. Zunaechst eine Frage: +Bestaetigt es sich, dass Sie sich mit Fraeulein von der Linden verlobt +haben? Man sagt so!" + +Tankred nickte. "Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach +des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens, +Ihnen persoenlich das fuer mich so glueckliche Ereignis mitzuteilen. Haben +Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof +zurueckkehrt? Ich war gestern dort, aber kam ueber einen aergerlichen +Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie--und auch das +wollte ich zur Vermeidung thoerichter Aussprengungen Ihnen sagen,--der +Mensch lehnte sich in so ungebuehrlicher Weise gegen mich auf, dass ich +ihn zuechtigen musste. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von +allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhoerten Eingreifen +in meine persoenlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner +Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefuellte +Schriftstueck--Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen +vorlegen wollte,--an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir +die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner +Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden +geschlossen, dass ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich +dabei den Anschein giebt, als ob es fuer das Wohl und Wehe seiner Herrin +noetig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein +Schriftstueck ueberhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb +sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?" + +Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte, +unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen +sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu +haben. "Verzeihen Sie, dass ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch ueber +diese Angelegenheit mich noch aeusserte. Aber da Sie, verehrte Frau +Pastorin, doch gerade die guetige Vermittlerin zwischen meiner Kousine +und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte +richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der +fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige +Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, koennte mir wahrlich +sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge +klarzustellen." + +In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Dass es sich bei Freges Vorgehen +um etwas ganz anderes gehandelt, dass er eben bei seinem tief +eingewurzelten Misstrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte, +erwaehnte Tankred natuerlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben, +als ob die Moeglichkeit einer solchen Unterstellung ihm ueberhaupt gar +nicht in den Sinn gekommen waere. + +Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, dass die Pastorin, +unbekannt mit Freges Schlussfolgerungen, Partei fuer ihn zu nehmen schien +und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklaerte, sie werde gern +Gelegenheit nehmen, falsche Geruechte, wenn sie ihr begegneten, richtig +zu stellen. + +Mit den Worten: "Im uebrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen +zurueckkehren. Sie koennen dann selbst die Dinge mit ihr bereden," +verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann, +bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in +das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur: +"Ah, mein hochverehrtes Fraeulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu +sehen," hub er unter vielen Komplimenten an. "Zu meiner grossen Freude +hoere ich, dass Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden. +Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glueck wuenschen, wie ich +bedauert habe, dass Sie sich von meiner Braut trennen mussten.--Meine +Braut! Allerdings. Das Geruecht bestaetigt sich!--Ich danke sehr fuer Ihre +guten Wuensche," schloss Tankred, als Carin, der es war, als habe eine +giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige hoefliche Worte nicht +umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach. + +Wenige Sekunden spaeter hatte Tankred, sehr befriedigt ueber den Erfolg +seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen.-- + +Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurueckgekehrt war, liess er sich +sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie: + + 'Liebe Theonie! + + Zunaechst melde ich Dir heute, dass ich mich mit Grete von der Linden + verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklaerungen + einflocht, dass mich neben deiner Zuneigung fuer Dich besonders der + Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und + meine ehrlichen Vorsaetze zu unterstuetzen, so kann ich Dir dies auch + jetzt als den wesentlichen Beweggrund fuer meinen Entschluss anfuehren. + + Nachdem ich auf den hoechsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen, + habe verzichten muessen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald + wie moeglich aus dem unthaetigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt, + um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die kuenftigen + Lebensverhaeltnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser + Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir uebergebene + Schriftstueck vorgelegt, und da es meine Plaene wesentlich gefoerdert + hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von + ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfuellt mich umsomehr, als ich + mir bewusst bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du + es erwarten konntest. Jaehzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riss + mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das + Geschehene ehrlich bereut. Beilaeufig bemerke ich, dass Frege sich sehr + ungebuehrlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehaendigte + Schriftstueck, das er zufaellig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als + ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als fuer fremde + Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich + zugleich in so unerhoerten Ausdruecken, dass er eine ihm gewordene + Zuechtigung durchaus verdiente. Ich erzaehle Dir dies einmal, um den + wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um + Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwuerdige Spionage zu + verbieten. Dass Du nicht damit einverstanden bist, weiss ich. + + Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut moechte mich natuerlich + gern taeglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der + Schicklichkeit. Wuerdest Du wohl gestatten, dass ich bis zu meiner + Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach + Falsterhof uebersiedele? Ich weiss nicht, was ich Tressens und Grete als + Grund meines laengeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst + gewiss auch nicht wollen, dass ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und + verstehen, dass ich nicht erklaeren moechte, Du habest mir den Aufenthalt + in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten + lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgaenge ferner in Deinem + Dienste bleiben soll. Dass ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst + Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein + Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und + Gutes Deinem Dich herzlich gruessenden und Dir allzeit aufrichtig und + dankbar verpflichteten + + Tankred von Brecken.' + +Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er +sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, dass er dem +hoechst aergerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder +sogar dessen Stellung erschuettert habe. Auch die Pastorin war +gegenwaertig viel zu sehr mit ihrem Manne beschaeftigt, um ihm +Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfaeltige Pastor starb, ward sie +erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu +mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu +befuerchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch +noch unschaedlich fuer ihn machen wuerde. + +Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukuenftigen +Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame; +mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, dass er mit +dieser Frau in seinem zukuenftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde +ausfechten muessen; ihren Vorteil wuerde sie nicht aus dem Auge verlieren. +Und gerade das passte ihm gar nicht. Seine anfaengliche Bereitwilligkeit, +Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu ueberweisen, hatte sich +nun, nachdem er festen Fuss gefasst, schon sehr gemindert. Er fand, dass +eine Rente von fuenfzehntausend Mark weitaus genug sei, und ausserdem +musste es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er +Grete erst heimgefuehrt hatte, war es ihm sehr gleichgueltig, was aus +Tressens ward, und ob sie ihn hassten oder liebten. + +Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloss, vorlaeufig +alles aengstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher +hervorgerufen, irgendwie abschwaechen koennte.-- + +Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb: + + 'Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kuerze. + Zunaechst meine Gratulation. Moege Dir in Zukunft werden, was Du + erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezueglich Deiner selbst + voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wuenschen als ich. In den + Abmachungen moechte ich keine Aenderungen eintreten lassen; ich ersuche + Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof ueberzusiedeln. Ich habe die + Absicht, allernaechstens zurueckzukehren, und hoffe dann auch Deine + Braut zu begruessen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu + empfehlen bitte. + + Theonie.' + +Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kuehl ausweichende und sogar die +Fregesche Angelegenheit gaenzlich umgehende Antwort enttaeuschte und +aergerte Tankred aufs aeusserste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er +den "Wisch" in die Ecke und murmelte boese Worte zwischen den Lippen. +Eine infam hochmuetige Art hatte diese Theonie, eine Art, fuer die er sie +am liebsten gleich gezuechtigt haben wuerde! + +Und was sollte er nun auf Holzwerder erklaeren? Bisher hatte er noch +immer triftig klingende Auswege zu finden gewusst und in der Sicherheit, +dass Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklaert, dass er in den +naechsten Tagen nach Falsterhof uebersiedeln wolle. Dass seine Verwandte +die Absicht ihrer Rueckkehr bestaetigte, passte ihm auch nicht. Ueberhaupt +fand er es sehr ueberfluessig, dass sie wiederkam, weil es seine Plaene +durchkreuzte. Er fuerchtete, dass Frau von Tressen ein offenes Wort mit +Theonie sprechen koenne, bevor er Grete geheiratet habe. + +Es ging auch aus den Zeilen hervor, dass Theonie gar keine Furcht mehr +vor ihm empfand. Natuerlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstueck in +Haenden. Wenn er irgend etwas that, was ihr Missfallen erregte, schaedigte +er seine Zukunft. + +Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde, +das Feld zu raeumen, sich mit seiner kuenftigen Frau ganz aus diesem +Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle +entrueckt und brachte sich aus dem Verkehr und der Naehe der ihm laestigen +Personen. Er wollte es ueberlegen und mit Grete darueber sprechen. + + * * * * * + +An einem der dem Vorerzaehlten folgenden Tage begab sich in der +Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer. +Grete bewohnte zwei sehr huebsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene +Gemaecher im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick +ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitlaeufigen, sich bis an +die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten. + +Eine grosse Ordnung zeichnete die Raeume neben ihrer reichen Einrichtung +aus, zugleich aber fiel die Anhaeufung von zahlreichen Gegenstaenden auf. +Hier konnte sich die Behauptung, dass aus der Umgebung eines Menschen +sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschaerftes Auge +erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Raeume, sich mit +Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behueten von Besitz. + +Auch fehlte ihr der Schoenheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern +und fuellten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstaende bekundeten +saemtlich einen gelaeuterten Geschmack. + +Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin +voellig, waehrend ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr +unterschieden. + +Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer +Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte +ihr mitgeteilt, dass er bei Brecken ein uneingeschraenktes Entgegenkommen +gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete +sich einverstanden erklaerte; auch musste die Hoehe der Rente einer +Besprechung unterzogen werden. + +Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob +etwas ueberrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei +ihr eintrat. + +"Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich moechte etwas mit Dir besprechen. +Grete--" + +"Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick--" Und fortfahrend in ihrer +Beschaeftigung: "Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie +nun wieder etwas abgestossen. Gerade an dem alten Krug! Man muesste die +Dinge einschliessen, und dazu sind sie doch nicht da.--So, bitte, Mama! +Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden +eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weisst doch!" + +Frau von Treffen nickte. "Gerade ueber ihn und Dich, aber auch ueber mich +und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Hoere mich also +einmal ruhig an. + +Als Dein Vater starb, lagen die Verhaeltnis sehr einfach, weil ueberaus +guenstig! Ich hatte selbst ein Vermoegen, und Dein Vater ueberliess Dir den +sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider +hatten wir--ich meine Dein Stiefvater und ich--viel Unglueck. Papiere, in +denen mein Vermoegen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und +einmal angebroeckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen +hatte. + +Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit +gelebt und sind darauf auch fuer die Zukunft angewiesen, da dein +Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kraenklichkeit wegen nicht +imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit +Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, dass +eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie +aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklaeren, liebe Grete, und ich moechte +Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben." + +"Ja, liebe Mama," ging's in ruhig kuehlen Ton aus Gretes Munde. + +"Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung +durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil fuer +Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist fuer unsern gemeinsamen +Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft +haben, verbraucht worden. Tankred hat--natuerlich unter Vorbehalt--mit +Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten wuerde, uns +zu ueberlassen. Ihr wuerdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr +auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts +kosten. Wenn es auch natuerlich erscheint, dass diese Dinge zwischen +Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und +ich wuerde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Ruecksprache mit +Tankred das Resultat Eurer Ueberlegungen ohne abermalige Eroerterungen in +einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater uebergeben +wolltest.--Nun, was meinst Du?" schloss die Frau, als Grete bei der +Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel. + +"Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine +Ahnung, wie viel wir fuer unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, dass +es ganz selbstverstaendlich ist, dass Ihr eine auskoemmliche Rente bezieht, +zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden." + +Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluss +aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht +in den Sinn gekommen war, schwieg sie fuer Sekunden hoechst betroffen und +ihre Enttaeuschung malte sich deutlich in ihren Zuegen. Dann aber nahm sie +mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte: + +"Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?" + +"Na ja, ich meine," entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, "dass Ihr +doch--wohl in Zukunft--" und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise +ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wuenschen ihrer Mutter +entspraeche,--"in der Stadt leben wollt!" + +"Nein!" gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurueck, als ob +sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen +hatte, gar nicht herausgefuehlt habe. "Wir behalten unsern Wohnsitz hier. +Ich denke, wir richten uns oben ein--auch darueber wollte ich mit Dir +reden--und Ihr herrscht unten. Natuerlich bleibt Euch das Reich, und wir +bescheiden uns mit den kleineren Raeumen." + +"So, so," meinte Grete, sich zwangsweise fuegend. "Gewiss, ja, das laesst +sich ja auch machen!--Ich weiss nicht, wie Tankred darueber denkt.--Und +was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm +sprechen. Sei ueberzeugt, liebe Mama," schloss sie, noch mehr einlenkend, +da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, "dass die Dinge +sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen +Faellen entsprechen." + +"Es wird also doch noetig sein, dass wir noch einmal reden!? Das moechte +ich nicht. Es waere mir--" hier nahm Frau von Treffen schon deshalb +einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, dass sie vielleicht alles +verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht +wahrnahm,--"doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort ueber die Hoehe der +Rente spraechen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, dass Du Dich +jetzt aeusserst, der Peinlichkeit einer abermaligen Eroerterung +ueberhoebest." + +"Nun ja, Mama," entgegnete Grete, die nicht minder selbstsuechtig war als +Tankred, aber die Tugend der Offenheit besass: "Ich finde es, ehrlich +gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen +bei vier Prozent einem Kapital von fuenfhunderttausend Mark. Es koennen +ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen +eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren +vermoegen,--ja, gewiss, Hederich hat mir das frueher einmal gesagt,--und +dann ist das Verhaeltnis doch zu unguenstig. Wir muessen rechnen, was uns +im unguenstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu ueberweisen, +scheint mir gerecht und billig. Bitte, lass mich mit Tankred, der ja ueber +landwirtschaftliche Verhaeltnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch +einmal mit Hederich Ruecksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau, +was wir koennen und wollen!" + +Die verwoehnte Frau, die bisher allein geherrscht und ueber die +vorhandenen Mittel mit unbeschraenkter Hand verfuegt hatte, biss die Lippen +aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, liess sich nichts +einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so +klaren Blick in die Verhaeltnisse, dass die Frau von der unangenehmen +Ueberraschung, dass sie so benachteiligt werden sollte, ganz ueberwaeltigt +ward. + +Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart liess sie +schweigen neben der Erwaegung, dass sie ja ohnehin machtlos war, wenn +Grete erklaerte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen +ueberhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen +Verbrauchs wolle sie geben. + +Aber unter dem schmerzlichen Gefuehl ueber den unnatuerlich berechnenden +Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte: + +"Wir waren bisher so gluecklich mit einander, Grete. Lass unser gutes +Einvernehmen nicht erschuettert werden durch Geldfragen, die leider in +den meisten Faellen Zerwuerfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind, +behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, dass Du +einst ein huelfloses Geschoepf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht +fand als am Herzen seiner Mutter!--Nicht wahr, Grete, Du versprichst +mir, dass Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon +mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward truebe. Er ist es jetzt +wieder!" + +Bei den legten Worten draengten sich schwere Thraenen aus den Augen der +Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Ruehrung und guten +Entschluessen zugleich. + +"Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlass, so traurig +zu sein, habe ich nicht als selbstverstaendlich betont, dass Euch ein +sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal +innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die +Deine,--verzeih die Erwaehnung,--und sorgfaeltig vorher pruefe, so liegt +doch zugleich eine groessere Gewaehr fuer Dich darin, dass ich es ernst meine +und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kraeften zu halten." + +Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fuehlte, was sie +sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreissen +liess, sondern ueber den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene +Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu +handeln. + +Freilich vergass sie, dass in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben +werde, vergass, dass Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frisst, und dass +kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluss ein anderer auf seine +Denk- und Handlungsweise gewinnen wird. + + * * * * * + +Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurueckzogen und das +Recht ausuebten, das man den nach Alleinsein draengenden Verlobten +einraeumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte: + +"Bitte, lass, lieber Tankred! Ich moechte heute einmal mit Dir ueber die +Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!" + +Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich +um diese Angelegenheit handelte, ueberwand er den Verdruss, dass sie sich +den Zaertlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn +verlangte. + +Grete berichtete sodann ueber das zwischen ihr und ihrer Mutter +gepflogene Gespraech und schloss, nachdem sie in ihrer ueberlegenen Weise +die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: "Was meinst Du? Findest Du +nicht, dass ich recht habe, wenn ich die Ansprueche der Eltern etwas +einzuschraenken wuensche?" + +Tankred nickte lebhaft. Dass Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren +Konjunkturen koennten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden +wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz ausserordentlich. + +Hier fand sich der Punkt, an dem er fuer seine geheimen Absichten +anknuepfen konnte. + +Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten +ueberschuettet hatte, erwiderte er: + +"Waere es nicht ueberhaupt am besten, die Akte, wenn solche ueberhaupt +noetig ist,--Misstrauen koennen Deine Eltern doch nicht in uns setzen!--so +zu fassen, dass wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen +Jahresertraegnisse zu ueberweisen, so lange beide leben, die Haelfte des +Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und waere es nicht +andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum +Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?" + +Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend +ihrer nuechternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches +Spekulieren auf eine sehr grosse Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger +an. Bis jetzt straeubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu +thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus +Ruecksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite +abzugewinnen, und sagte laechelnd: + +"Da koennen wir ebenso gut die Forderung stellen, dass die Spatzen auf den +Daechern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfuegung +stellen.--Ich meine," fuegte sie, selbst gestoert durch die Ironie und den +Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: "Auf diese Erklaerung +koennen wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine +Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muss ich +Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du musst, um Deine +Zustimmung auszudruecken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat, +mag ich es ihr nicht abschlagen." + +"Und ich muss zustimmen, Grete?" fiel Tankred schmeichelnd ein und kuesste +seine Braut zaertlich. "Du willst also nicht nur Herz- und +Seelengemeinschaft, sondern auch Guetergemeinschaft mit mir schliessen?" + +"Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!" + +"Ah----" stiess Tankred heraus und laechelte kuenstlich. + +Das junge Geschoepf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit +Kindesbeinen gelaeufig seien. Und sie gab wohl, wusste aber auch wieder zu +nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er +liess nichts von seinen Eindruecken merken, stimmte ihr nur, um ihre +Vertrauensseligkeit zu bestaerken, durch ein "Natuerlich! natuerlich, +liebster Schatz!" bei und triumphierte, dass ihm solche seine Macht und +seinen Einfluss fuer die Zukunft sichernde Verguenstigung freiwillig +geboten ward. + +Ueber die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte, +dachte er auch schoen guenstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr +die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut +erzielte, abhaengig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthueren +vorhanden, um Tressens spaeter die Einkuenfte zu schmaelern.--Endlich +unterlag der kuenftige Wohnsitz der "Alten" noch einer Eroerterung +zwischen Tankred und Grete. + +"Ich meine allerdings, dass dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben musst, +Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heisst, taeglich +das Dach oeffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, beruehre diese +Sache vorlaeufig noch gar nicht. Wir werden sagen, dass wir nach der +Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wuensche sprechen wir +dann in sehr ruecksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise +schriftlich aus. Muendliche Eroerterungen sind peinlich, ihnen wollen wir +aus dem Wege gehen. Dass sie uns jaehrlich einmal besuchen, kann uns +natuerlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das fuehrt +zu nichts Gutem. Uebrigens will ich zugeben,--" hier trug Tankred der +Moeglichkeit Rechnung, dass doch einmal das Gespraech ueber diesen +Gegenstand Tressens zu Ohren kommen koennte,--"dass fuer ein Zusammenleben +wenige Personen sich so eignen, wie Deine ueberaus treffliche Mutter und +Dein sehr liebenswuerdiger Papa." + +Grete war sichtlich voellig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene +Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf, +aber sie ueberwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred +hervorgehobene Peinlichkeit einer muendlichen Eroerterung in Betracht +zog. + +"Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof ueber, lieber Tankred?" warf +dann noch Grete hin. "Woran liegt's eigentlich, dass Du nicht Ernst +machst? Die Gruende von frueher sind doch nun hinfaellig." + +Da schoss es Tankred von Brecken durch den Kopf, dass er das Unguenstige +fuer sich guenstig nuetzen koenne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene +mit Frege stattgefunden, auf eine fruehere Zeit verschiebend, diesen +Vorfall als Grund fuer sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde +verstehen, wie ungemuetlich es sei, einen solchen renitenten Menschen, +den er aber doch nicht fortschicken koenne, um sich zu haben. Den +Gegenstand, wegen dessen er ihn gezuechtigt hatte, umging er; er erwaehnte +nur, dass Frege sich hoechst unverschaemt betragen habe. Eine offene +Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefaehrlich; sie konnte doch +Misstrauen erwecken. Gerade das Schriftstueck hatte ja Tressens +Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefoerdert; +letztere selbst--Tankred bezweifelte es nicht--wuerde ohne die Aussicht, +die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eroeffnet wurde, gezoegert haben, ja +zu sagen. + +Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm +bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und +selbstsuechtig, aber das stoerte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhoehte +seinen Wert in ihren Augen.-- + +Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen +nicht minder beschaeftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig +vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so +sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, dass sie beschloss, einmal +vertraulich mit Hederich ueber den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie +werde durch eine Ruecksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete +so lange und hatte sich auch ein Urteil ueber Tankred gebildet. Der +Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzuloesen, trieb sie; es lag in +ihrer lebhaften Art, dass sie Dinge, die sie beschaeftigten, nicht auf +sich beruhen lassen konnte. + +Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch ueber +Hoeppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr +gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe +zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Naehe ansaessig +gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte, +schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz +besaenftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn haeufiger in die Naehe der +Pastorin. + +Hederich bewohnte ein mit allem moeglichen Krimskrams vollgepacktes, zur +rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von +Tressen bei ihm eintrat, sass er in dem sehr heissen Gemach in Hemdsaermeln +und war mit der Pruefung von Gutsrechnungen beschaeftigt. + +Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, muehte sich mit grosser +Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunaechst nicht +in den Aermel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und raeumte dann +einen mit Rechnungsbuechern bepackten Stuhl ab. + +"Hier, hier, bitte, gnaedigste Frau. Dass Sie mich auch gerade so finden. +Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung." + +Frau von Tressen suchte ihm durch erhoehte Liebenswuerdigkeit seine +Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie +teilte Hederich im Vertrauen mit, dass die Zukunft ihr grosse Sorge mache, +und dass sie das Beduerfnis habe, sich gegen ihn darueber auszusprechen. + +"Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun +wirklich vor dem, was ja einmal kommen musste, und ich fuehle, wie +notwendig es ist, den Augenblick zu nuetzen." + +"Gewiss, gewiss--drum und dran, jeder ist sich selbst der naechste," +bestaetigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden +Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger ueber die +ausgekohlte Flaeche fahrend. + +"Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Eroerterungen +ueber den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, dass die +jungen Leute durchaus nicht zu wuenschen scheinen, dass wir auf Holzwerder +bleiben." + +Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte +seufzend Atem. + +'Ja, ja, das glaube ich wohl,' stand in seinem Wesen ausgedrueckt. Dann +aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte +legend: + +"Was meinen Sie, gnaedige Frau, wenn ich mal mit Fraeulein Grete spraeche? +Ich weiss, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate. +Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen, +wie viel das Gut abwuerfe und anderes, drum und dran." + +"Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse--ich sage Besorgnisse, Hederich, +denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar +schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm--hm--Sagen Sie, guter +Hederich,--offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?" + +"Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich," bestaetigte +Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der +zerbissenen Zigarrenspitze. + +Hederich hatte mancherlei kleine ueble Gewohnheiten, aber in seiner +Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig +schoen es war, besass eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die +Anlass gab, dass Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten. +Ueberhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht +unter dem Reflex innerer Eindruecke allzu sehr auf- und abzog, sehr +sympathisch. + +Eine warme Empfindung durchdrang gegenwaertig auch Frau von Tressen; sie +liebte den Mann, sie fuehlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr +Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das haeufige Beruehren des +Gesichts mit den Haenden, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehoerten +einmal zu ihm. + +"Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?" fragte Frau von Tressen sehr +gespannt. + +"Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber +sonst haette er wohl die ausgelassenen Tage im Ruecken und wuerde sicher +kuenftig seinen Kram zusammenhalten." + +"Sie raten mir also auch, dass ich auf sehr praezisen Abmachungen bestehe? +Auf schriftliche!?" + +"Na ob!" stiess Hederich heraus. + +"So--so--hm--hm," machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch +stimmte das Geaeusserte mit ihren eigenen, bisher nur zurueckgedraengten +Gedanken ueberein. So sagte sie denn: + +"Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es +sei denn, dass sie selbst anfaengt. Und bezueglich unseres Hierbleibens +habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige +treffen und meine Wuensche zur Geltung bringen.--Um uebrigens etwas +anderes zu beruehren, wie geht es Pastor Hoeppner?" + +"Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Aenderung +eingetreten," erklaerte Hederich. "Er mag wieder essen, und der Doktor +sagt, nun waere alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern,--ich sass an +seinem Bett,--als Fraeulein, Fraeulein--drum und dran--nun kann ich +wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen,--Fraeulein Carin ihn ein bischen +neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das +kann ich Fraeulein Grete nicht verzeihen, dass sie mit ihr so umgesprungen +ist." + +Bei Carins Erwaehnung machte Hederich sehr eigentuemliche Augen, so viel +Zaertliches drueckte sich in seinen Mienen aus, dass Frau von Tressen +ueberrascht ihren Blick auf ihm ruhen liess. Dann aber hellte es sich in +ihr auf. + +Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin! + +Auch das beschaeftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam +ueber den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloss zuschritt.-- + +Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend +nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag +ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten +die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmaessig erwaermten, +teppichbedeckten Raeume im Schloss Holzwerder, und Hederich, der sich als +letzter Gast ueber den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den +Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von +Tressen bewillkommt, ausrief: + +"Drum und dran! Man wird ueberhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in +die Gemuetlichkeit kommt!" + +Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespraech zwischen +den Herren, und spaeter ward eine neue, die Gutsverhaeltnisse betreffende +Regierungs-Verfuegung in den Bereich der Eroerterung gezogen, die auch +nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschaeftigte, als sie die Damen +allein liessen und sich ins Rauchzimmer begaben. + +Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den +zurueck gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die +Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr ploetzlich etwas noch +notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und fasste des +alten Freundes Arm. + +"Kommen Sie, ich moechte Sie etwas fragen, lieber Hederich!" sagte sie +und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls +geoeffnetes und erleuchtetes Kabinet. + +Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm fuer die in seiner Hand +befindliche, unangezuendete Havannazigarre Feuer aufgedraengt und sich +neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort: + +"Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte +sie? Sprach sie ueber mich?" + +"Drum und dran.--Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fraeulein--" + +"So--o, also doch!" machte Grete langgezogen, "bitte, sagen Sie mir +alles. Ich waere Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den +Inhalt des Gespraechs rueckhaltlos mitteilen wollten." + +"Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?" schob Hederich, sich in +seiner platten Weise ausdrueckend, eigentlich nur um sich zu sammeln, +ein. "Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt--?" + +Grete schuettelte den Kopf. "Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in +diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit +meinen Verlobten geredet, und da--da--fuerchte ich doch, dass sich noch +allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich moechte nun gern +wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also +bitte, erzaehlen Sie." + +Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er fasste die Hand +des schoenen, jungen Geschoepfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und +das die Arme so oft zaertlich um seinen Hals geschlungen hatte, und +sagte: + +"Hoeren Sie, liebe Grete--liebes Fraeulein Grete. Ich moechte Sie, bevor +wir weiter sprechen, einmal erinnern duerfen an vergangene Zeiten. Ich +bin Ihr alter Freund,--Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute +halten--ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama. +Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich, +aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders,--und da draengt es +mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses +auch in Zukunft stoert. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und +Ihren Braeutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer +Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen, +erziehen und gluecklich machen koennte. Verdient das nicht Dank von Ihrer +Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und +dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren +schon erwachsenen Soehnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas +zuzuwenden--es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen +fertig bringen! Aber die Kinder,--die Kinder!? Es ist wahr, was in der +Bibel steht! + +Sie aber, Fraeulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten +nicht zu denen gehoeren. Gewiss, Sie sind einmal nicht weichmuetig, der +liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines +Maedchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Aepfel, und +sprachen davon, dass man es brauchen koennte. Aber es giebt etwas, das +Anstaendigkeit in der Gesinnung heisst,--drum und dran--missverstehen Sie +mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern +hier in Holzwerder die Wohnung lassen. + +Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie +koennte es nicht ueberleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes +Fraeulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer, +wenn man so zusammenhockt,--gewiss,--aber bei jedem Menschen ist etwas, +was er wohl anders haben moechte, und--und--ich glaube auch, Ihre Mama +wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn +Sie gesehen haetten, wie bedrueckt sie war--" + +Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen +gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er +gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede +mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie aus Erfahrung +nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben +werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck +auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte. + +Sie drueckte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast +schwermuetig: + +"Es ist mir oft so, als waere mein Herz geteilt, und die beiden Haelften +gehoerten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefuehl, und alles, +was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht +nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf +gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich +fuehle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin. + +Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von +ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte +ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis,--dass ich sie wohl doch nicht +so geliebt habe, wie ich glaubte,--aber ich schaemte mich meiner +Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich aengstige mich +bisweilen.--Ich glaube--ich glaube--" + +"Nun?" setzte Hederich, weich sprechend, an. + +Das Maedchen richtete sich hoeher empor, sah Hederich fest in die Augen +und sagte, die Stimme daempfend: "Ja, ich glaube eigentlich, dass ich +haette einen Mann haben muessen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz +hat, nicht mir so ganz aehnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin, +mache ich Plaene, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will,--zwar +nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich--und wenn ich ihn +dann hoere, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz +andere Stimmen in mir. + +Nicht wahr, Sie sagen niemandem, dass ich je so mit Ihnen sprach, +Hederich! Sie aber sollen doch sehen, dass ich nicht so herzlos +bin,--schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der +Nachbarschaft; ja, ja, ich weiss wohl, wie sie ueber mich urteilen,--also, +dass ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens ueber mich zu +entschlagen." + +"Sie sagten eben," knuepfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein +Funke, gluehte ploetzlich in ihm empor, "dass Sie fuehlen, Sie muessten einen +weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heisst das, drum und +dran, dass Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch +Zeit ist. Ich bitte, ich beschwoere Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne +sprechen, sind kurz,--nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und +wenn man dann nicht zu einander passt, moechte man alles hingeben, um +wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte." + +Es flog durch den Koerper des Maedchens, als ob ein Schauder sie erfasste; +sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den +Fussboden. + +"Ach Hederich--ich weiss es nicht," drang's rasch und stoehnend aus ihrem +Munde, und ein huelfloser Ausdruck trat in ihre Zuege. Aber es war nur fuer +Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schuettelte den Kopf, in +ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschaeftsmaessig: + +"Das ist eben der Kampf bezueglich seiner. Aber es ist doch nicht das +Richtige. Ein Mensch muss wissen, was er will!" + +Zum Unglueck trat, als Hederich trotz ihrer Aeusserungen noch einmal +anknuepfen wollte,--so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf +der Zunge,--Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward +unterbrochen. + +"Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich ueberall" rief sie. Und neckend +fuhr sie fort: + +"Er wird sicher eifersuechtig werden, wenn er erfaehrt, dass Du so lange +mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!" + +Grete aber sagte zur hoechsten Ueberraschung beider sehr ernst, fast +finster: + +"Er hat wirklich auch Ursache, eifersuechtig zu sein! Ich kenne keinen +besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich haette gleich ja +gesagt, wenn er um mich angehalten haette." + +Nach diesen Worten eilte sie rasch fort. + +Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stiess +Hederich, dem's blutrot ueber das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung +von Gretes letzten Worten heraus: + +"Drum und dran, gnaedige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber +freilich, er,--er wird's nicht ausbilden!" Nun schritten sie beide +nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glaettender Miene auf den +Kreis der Gaeste zu.-- + + * * * * * + +Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen, +und seit dem Vorerzaehlten hatte sich vieles veraendert. + +Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgefuehrt und befand +sich, waehrend Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten, +schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich +seiner alten Gesundheit, predigte wie frueher von der Kanzel, hoerte die +energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens suesses Geplauder, +und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rueckkehr Tankreds halber +immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof +eingezogen. + +Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte +Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und +aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend +Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof uebergesiedelt. Carin +schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjuengt. + +Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von +Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden +bei ihm bemerkbar, die ihn haeufig auf laengere Zeit ans Zimmer oder gar +ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von +Gaesten im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft +mussten eingeschraenkt werden. + +Gretes Mutter fuehlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich +draengte es sich ihr auf, dass das Alter sich nahe, dass allerlei Verzicht +geboten erscheine, und statt des frueheren raschen ein mehr beschauliches +und auf die Pflege des Koerpers gerichtetes Leben notwendig und weise +sei. Aber noch etwas anderes drueckte sie: Es war doch so ganz anders +geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten +abgeben muessen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der +Wirtschaft; man fragte sie nicht wie frueher, und sie trafen keine +Entscheidungen. + +Schon durch die Beschraenkung auf die ihnen oben im Schloss eingeraeumten +Zimmer wurden sie taeglich an die eingetretene Veraenderung erinnert. Die +Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust +stieg der Reiz. Wenn Hederich ueber Gutsgeschaefte sprach, so war es des +neuen Herrn Wille, dem er sich fuegte. Hederich musste Tankred +allwoechentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm. + +Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurueckgekehrt, weil Grete +neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen +ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der +Weiterreise erforderlich machte, daniederlag. + +Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade +uebermaessige Waerme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen +auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kuehl und +verstandesnuechtern. Ueber das Verhaeltnis zu ihrem Manne schrieb sie +nichts; ob sie gluecklich sei, erwaehnte sie mit keiner Silbe. Ihre +Berichte beschraenkten sich auf Schilderungen der Laender, die sie +besuchten, auf Reiseeindruecke und auf ihr Befinden. + +Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch. +Ihre Heimat sei doch am schoensten, hatte sie geaeussert, aber das war das +einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsaeusserung +gegeben hatte. + +Seine lange Abwesenheit begruendete das junge Paar durch den Umstand, dass +sie, abgesehen von Gretens Unpaesslichkeit, beide noch nie etwas von der +Welt gesehen haetten; sie wollten nun die Gelegenheit nuetzen. +Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie +auf kuerzere oder laengere Zeit beruehrt. + +Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend +kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen +zugetragen. + +Er hielt mit seinem kuehlen Urteil ueber Tankred auch jetzt nicht zurueck, +aber gestand zu, dass sein neuer Herr fuer vieles einen richtigen Blick +habe und gut zu disponieren verstehe. + +"Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen +Verwalter halten und bezahlen?" hatte er schon hingeworfen und auf die +Einwaende der beiden Tressens hinzugefuegt: "Ja, ich sagte auch bezahlen, +gnaedige Frau. Er ist wie das Fraeulein, er sieht auf den Schilling." + +Tressens fuehlten, dass Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der +Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur +wegen mangelnder Veranlassung frueher nicht zum Ausdruck gelangt waren. +Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestoert, aber gerade sie, die +es nicht verstanden, zu hueten, schaetzten doch auch wieder deren +Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriss, sich +dagegen aufzulehnen. + +Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rueckhaltslos +Ausdruck; Befuerchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit +beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend. + +Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahresertraegnisse des +Gutes ueberwiesen und ihr Einverstaendnis erklaert, dass die Alten im Schloss +wohnen blieben. Wenn sich spaeter herausstellte, dass doch ein so enges +Zusammenleben nicht zutraeglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen +eine Wohnung in Elsterhausen fuer ihre Beduerfnisse einzurichten, ohne +allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen. + +Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred +aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabaenderlichen Willen +unterbreitet, ja, das Aktenstueck ihnen gleich unterschrieben auf den +Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten +Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch +moeglicherweise auch in ihrem Interesse, dass eine Trennung stattfinde, +und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Ueberweisung +eines Drittels aus den Einkuenften koulant zu nennen sei.-- + +Es war mitten im Juni, an einem das Gemuet erheiternden, sehr schoenen +Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr +verkuendete, dass Breckens zurueckkehren wuerden. + +Zufaelligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie +vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt, +auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens +hatte sich aus naheliegenden Gruenden ein freundschaftlicher Verkehr +entwickelt, und die Neigung, sich haeufiger zu begegnen, war dadurch +verstaerkt worden, dass Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging, +ein fuer die Herbeifuehrung einer Annaeherung erprobtes Mittel fleissig zur +Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Guenstige, was sie +uebereinander geaeussert hatten. + +Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil ueber Tankred +Tressens gegenueber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben +nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken ueber Nebenmenschen +auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflusst zu haben. +Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort ueber den +inzwischen der Familie Tressen so nahegerueckten Mann. + +"Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!" hatte Theonie nach +ihrer Rueckkehr auch gegen letzteren geaeussert. Sie fuehlte, dass sie, wenn +sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht +gehandelt hatte, ihren Diener als Waechter und Berichterstatter ueber +Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende +Gerechtigkeitsgefuehl kam immer wieder zum Ausdruck. + +Frau von Tressen hatte fuer die erwarteten Gaeste im Garten in einer Laube +den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der +Gutsbote Gretes Brief brachte. + +"Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt," bat Herr von Tressen +seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstuehle zurueck. + +Sie nickte und sagte--schon hatte sie das Schreiben zur Haelfte +durchflogen--: "Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrueckt, und wie +eigentuemlich sie die Saetze formt!" + +Dann begann sie: + + 'Liebe Mama! + + Tankred meinte anders. Ich meinte aber, dass zu viel weniger sei. Er + dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben + schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir + wollen direkt reisen, aber es haelt uns ein schoener Punkt, ein Wald, + eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs laenger; dann spaeter. Erst, + wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich + damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in + meinem Stuebchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiss sie nicht. Wie + schoen, dass Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wuenscht sie + herbei, immer draussen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles + ist zu erzaehlen, aber zu viel laesst gar nicht reden. Man weiss nicht, wo + beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir + muendlich alles. Dass das Korn so schoen steht, schreibt Hederich. Auch + eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschaeftige ich mich + mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die + Funken anblasen. Wer sich immer recht verstaende! Tankred ist klarer. + Wenn er nicht so rasches Blut haette, ganz zielbewusst.-- + + Lebt der grosse Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hoerte ich ihn immer + kraehen, und Hederich stand in Hemdsaermeln dabei und sagte: "Drum und + dran, er ruft Sie, Fraeulein Grete!" Gruess ihn besonders! + + Deine Grete.' + +Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und +meldete, dass die Damen und auch Hoeppners ihm auf dem Fusse folgten. + +"Welch angenehme Ueberraschung," stiess Frau von Tressen heraus und +eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gaesten entgegen. Hoeppners hatten +auch Lene mitgebracht, die ihr Haendchen gab und sich dann gleich einem +kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun +hervorkam, zuwandte. Waehrend die Herrschaften gemuetlich plaudernd beim +Kaffee sassen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begruesst, +besonders aber von der Pastorin. + +"Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!" hub +sie an. "Wie lange ist's her, dass Sie nicht in Breckendorf waren! Aber +ich weiss, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und +gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist +begreiflich, ich muss es zugestehen!" schloss sie mit liebenswuerdiger +Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend. + +Ueber Carins Gesicht flog ein Laecheln. Hederich aber erging sich, da er +sich getroffen fuehlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den +gutmuetigen Pastor zu dem Versuch veranlassten, die Wirkung der Worte +seiner Frau abzuschwaechen. + +"Ja, ja, gewiss die Entfernung!" bestaetigte er. "Breckendorf liegt so +weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschaeftigt. Meine Frau sagt +immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei +ihr!" + +"Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden," nahm nun auch +Theonie das Wort. "Das zieht ihn nach Falsterhof. Fraeulein Carin ist +eine gute Lehrmeisterin--" + +"Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie," lachte +Hederich. "Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer +Versetzung nach Prima war nicht die Rede." + +"Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!" fiel +Carin ein. Und zu den uebrigen gewendet, fuhr sie fort: "Es ist auch ganz +anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht +die Sache!" + +Das Gespraech ging jetzt auf andere Gegenstaende ueber. Der Pastor lobte +Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von +Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen +zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschaeftigt. + +"Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fraeulein Carin?" +fragte Hederich nun die eifrig ueber eine Arbeit gebueckte +Gesellschafterin Theonies. + +"Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schoen dies Jahr?" + +"Na ob!" + +Es trat eine Pause ein. Frueher, als Carin auf Holzwerder gewesen war, +hatten Hederich ihr gegenueber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein +Mitgefuehl erwacht war, und spaeter die Entbehrung, Carin nicht mehr +taeglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm +aufgedraengt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Maedchen und anderen, +hatte er all seine Unbefangenheit verloren. + +Und sie half ihm gar nicht. Sie sass stets da mit einem eigentuemlich +still laechelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte, +ueber ihn stellte. + +Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn +anblickte, war der stoerende Zug fort. Dann musste er an sich halten, um +ihr nicht gleich um den Hals zu fallen. + +Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu +heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, ueber +sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon ueber die Vierzig, +und sie hoechstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen +bestehende Missverhaeltnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und +dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis +von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel +juengst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des +Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine, +weisse Finger und Handgelenke und hielt sich so ueberaus sauber,--ihre +Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Waesche +gekommen,--und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie. +Ihr Grossvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch +besonders schwere Verhaeltnisse war sie veranlasst worden, ihre Heimat zu +verlassen, sich fuer einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu +verdienen. + +Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten +schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse fuer sie durchschimmern +lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegoennt. Und nun +war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder +fortgegangen, so viel schoener geworden; alle fanden es. Ihre dunklen +Augen strahlten lebhaft, waehrend sie sich frueher stets in sich selbst +zurueckgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet. +Das Gesicht war voller, ebenmaessiger geworden. + +Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben, +weil sie ihn fuer gaenzlich ungefaehrlich hielt. Ihr Zartgefuehl haette ihr +sonst solche Bemerkungen verboten.-- + +Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich spaeter, +nachdem man noch ein allgemeines Gespraech gepflogen hatte, doch naeher +gerueckt, als die Damen die Absicht aeusserten, sich ein wenig Bewegung im +Garten zu machen. Sobald sich die uebrigen erhoben, legte auch Carin ihre +Arbeit beiseite. + +"Sehen Sie hier, Fraeulein Carin!" bat nun Hederich, der sich zuerst mit +Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden +sitzenbleibenden Herren zu trennen gewusst hatte, bei einer Wegbiegung. +"Wollen Sie nicht einmal die Bluetenpracht in Augenschein nehmen? Drum +und dran! So war's noch in keinem Jahre." + +Carin nickte unbefangen und trat, waehrend die anderen in den Buchensteig +einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Hoehe einen Ausblick zu +gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum +eingefasste Rondell. + +Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: "Ich finde, dass der +Garten nicht mehr so schoen gehalten wird, wie frueher. Schade! Woran +liegt das?" + +"Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen +kraenkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fraeulein Carin, es +ist doch nicht der fruehere Zug drin. Die Alten duerfen sich in nichts +mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und +nun ist natuerlich das Interesse fuer vieles nicht in alter Weise da." + +"Ich hoere, Breckens haben heute geschrieben, dass sie die Rueckreise +angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das fuehrt dann +auch wohl fuer Sie manche Aenderung mit sich, Herr Hederich?" + +"Drum und dran! Ja gewiss! Wissen Sie, was ich glaube, Fraeulein Carin?" +Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders. + +"Nun, Herr Hederich?" + +"Ich glaube, meine Tage sind hier ueberhaupt gezaehlt. Herr von Brecken +will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide. +Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken +gewoehnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte +ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz.--Aber, drum +und dran,--leicht wird's mir doch nicht werden--leicht schon nicht, +weil--weil--" + +"Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange +fleissig wirkte und erfolgreich thaetig war," fiel Carin ein. "Ja, das +begreife ich. Die Liebe fuer das hiesige Land und die Menschen waren ja +neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch fuer mich der Grund, zu +bleiben. Sonst haette ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit +ausgesetzt, wieder mit Grete in Beruehrung zu treten. Wie leichten +Herzens hat sie mich gehen lassen!" + +"Es hat sie viel beschaeftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es +Ihnen schon, Fraeulein Carin. Es war ja nur, weil sie ueber Herrn von +Brecken so abfaellig urteilten. Sie mussten doch, drum und dran, merken, +dass sie ein Auge auf ihn hatte, da war es,--nichts fuer ungut, +unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Missachtung zu +bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden +lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie +wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein." + +"Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei +Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den spaeteren Gesellschaften hier im +Hause fern bleiben zu duerfen. Sie denken noch immer viel zu gut ueber die +Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, dass Sie ein goldenes +Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttaeuscht werden. Ich freue mich +nur, dass Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt +haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu +kuendigen, damit er es nicht thut." + +"Sie meinen--?" schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig +erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich +dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge. + +"Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit +unangenehme Empfindungen bereitet? Ah--ah--das thut mir weh!" Und sanft +beguetigend schloss sie: "Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!" + +"Nein, das ist's nicht," sagte der Mann mit einfacher Wuerde. "Ich wurde +ein bueschen weich, weil--weil--weil ich, nein, ne, ich kann's nicht +sagen, Sie koennten es falsch auslegen--" + +"Ich lege gewiss nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es +beunruhigt mich, dass ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung +schon frueher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es +noetig war. Uebrigens einen Mann, wie Sie, wird man ueberall mit offenen +Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden +und sich dann auch gluecklich fuehlen; dessen bin ich sicher, und das ist +mir eine Beruhigung." + +"Wie Sie das so schoen ausgedrueckt haben, Fraeulein Carin! Und wie viel +Teilnahme Sie fuer mich an den Tag legen! Wenn Sie wuessten, wie nur das +wohl thut, und wie ich ueberhaupt--" Er brach ab, und seine Stimme +zitterte. + +In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe +getrennt hatte, herbeigelaufen, draengte sich an Hederichs Beine und +sprang an Carin empor. + +"Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', dass du wegkommst, Puffmann!" rief +Hederich hoechst aergerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein +Auge mit dem frueheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er +ueber ihr Angesicht ein leise spoettelndes Laecheln fliegen. Und das stoerte +ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, dass ihm das Wort erstarb, und dass +er mit einem "Drum und dran! dieser Koeter, oft moechte man ihm den Hals +umdrehen!" Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg +zur Laube zuruecknahm. Als sie sich dem Platze naeherten, drang lebhaftes +Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hoerten sie der Frau Pastorin helle +Stimme.-- + +Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswuerdigen Weise +Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen +zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der +Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte. + +Als bei dieser Gelegenheit erwaehnt wurde, dass einer der von Theonie +erwarteten, in der Naehe von Breckendorf wohnenden Gaeste die Gegend +verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung, +verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen: + +"Das waere so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von +Holzwerder trennen muesste. Elsterhausen in einer Viertelstunde +erreichbar, und Breckendorf in naechster Naehe, die schoene Lage und das +wirklich splendid eingerichtete Haus--da laesst sich leben! Wem hat's +eigentlich urspruenglich gehoert, Hederich?" + +Aber schon nahm der Pastor zum Verdruss Hederichs, der nun einmal gern +fuer diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte +Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fuegte einige Worte hinzu und +aeusserte: "Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt +haben. Alle kamen spaeter in Bedraengnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz +hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkuenfte, sondern +kostet nur Geld. Hoechstens ein paar Huehner und eine Kuh koennen da +gehalten werden." + +"Ja hoechstens! Drum und dran, nur fuer reiche Leute bewohnbar," betaetigte +Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen. + +"Wann treffen Ihre Kinder ein?" fragte Theonie, sich zum Abschied +erhebend. "Ich moechte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen +senden." Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem +Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung. + +Wenig spaeter hatten Theonie, Carin und auch Hoeppners, die in einem +flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen. + +"Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich," rief noch Herr von +Tressen, der unter Beihuelfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloss +nahm und Hederichs hoeflichen Gruss durch das Lueften des Hutes erwiderte. +Und Hederich rief ein "Zu Befehl, Herr von Tressen" zurueck, obschon +seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren. + +Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er: +"Sie gruesste noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn +dieser verdammte Puffmann nicht gewesen waere, dann,--dann,--drum und +dran! Ich hatte so schoene Gelegenheit, ihr ein bueschen Andeutung zu +geben----" + + * * * * * + +Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon +nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloss bekraenzen +lassen. Um die Fenster und Thueren waren Blumenguirlanden gesteckt, und +auch Hederich hatte sich geruehrt. Die Knechte und Maegde waren in ihren +Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehoerigen +standen mit Rosen in den Haenden an der Schlosstreppe. Einem kleinen +Maedchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der +Schluss der von Hederich unter vielen Noeten gedichteten Willkommsworte +lautete: + + "Es wechselt Kaelte, Sonnenschein und Regen! + Der Landmann braucht's, + Ihm ist's ein Segen, + Wenn's auch mal kalt und nass vom Himmel stroemt! + Durch Eure Herzen aber moege strahlen + Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen + Auf Eure Wangen Lust und Froehlichkeit! + Das wuenschen alle, die hier sind vereinet, + Und seht, ein jedes Auge weinet + Vor Freud', dass Ihr zurueckgekehret seid!" + +Gluecklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glaenzte, umflutet von +der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit, +die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war +klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebuesche trugen noch +silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu +aufgeschuettet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den +Tressenschen Farben. + +Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt +umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drueckte sie +Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten +und Maedchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostuem, +strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten +sich die Eindruecke in beider Zuegen wieder. + +Bei Grete war's ein Anflug wahrer Ruehrung, sie verglich das wenige, was +an Gemuet in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche +Scham und dankbare Gefuehle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's +dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, dass man ihm ohne Zwang +Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene +Hoffnung auf altes Glueck stieg auch in Frau von Tressen empor, sie +glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und +Hederich ihre Voraussetzungen erfuellt. + +Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestoerter +Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihuelfe ihrer Mama +alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich ueber +die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches +gediehen war. + +Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt. +Die junge Frau uebernahm nunmehr die Kueche, das Mittag- und Abendessen +wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich, +wenn die Glocke ertoente, herab und nahmen daran teil. + +Dafuer war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergueteten, +gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine +bestimmte Summe. + +Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das +Fruehstueck und sorgte auch in aussergewoehnlichen Faellen fuer ihre und seine +Beduerfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie fuer +Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie +brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das +alles so bleiben konnte, oder Aenderungen eintreten mussten. + +Zunaechst spuerten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der +Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder +fuer sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam, +trat auch das Beduerfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die +Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor, +und die Frauen beschaeftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar +den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange +zu bleiben, und Tankred fuegte sich entweder aus wirklichem Behagen oder +aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhaeltnisse. + +Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestoert, und nach +Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand, +wurde nunmehr auch eroertert, wann die jungen Leute Besuche machen +wollten, und wer zunaechst eingeladen werden sollte. + +"Es geht gar nicht mehr! Wir muessen sobald wie moeglich nach Falsterhof," +erklaerte Grete. "Noch haben wir nicht einmal fuer die Blumen gedankt, die +Theonie uns gesandt hat." + +Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich +aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal musste er seiner Kousine ja +doch zum erstenmal wieder gegenuebertreten, und schon hatte Hederich, der +inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzaehlt, dass Theonie +sich erkundigt haette, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien. + +"Drum und dran! Sie wundert sich, dass Sie noch nicht da waren, Herr von +Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so." + +Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu +fahren und Theonie und Fraeulein Carin zu einem Diner in der Mitte der +Woche einzuladen. + +Letzterer gegenueberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich +schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen +an den Tag gelegt hatten, ueberwand sie bald den Anflug ihrer +unbehaglichen Stimmung. + +Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die +Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich sass bei den +Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte +die Zuegel. Waehrend sie dahin fuhren, sagte Tankred: + +"Weisst Du, es waere wirklich gar zu schoen, wenn die beiden Besitzungen, +die urspruenglich zusammengehoert haben, wieder vereint wuerden. Es hat +doch keinen Zweck, dass meine Kousine da allein auf Falsterhof +wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen frueher einloeste, waere es auch +leicht zu machen. Ich wuerde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und +ihr ihre Haelfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es +waere eine fuerstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird, +die Gueter rationeller bewirtschaftet werden, koennen sie gegen +zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswuerdig gegen +meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat grossen Einfluss auf sie. +Sie kann uns im Fall alles verderben." + +"Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred," entgegnete +Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestaetigend. "Dann +koennte sie am Ende an ihrer Zusage ruetteln?" + +"Gewiss. Und deshalb muesste man auch darauf hinzuwirken suchen,--ich denke +taeglich daran,--dass sie schon frueher Ernst macht. Sie will nach der +Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, dass der Besitz nicht +verschleudert wird, mit anderen Worten, dass wir ihn halten, mehren und +verbessern. Wenn sie die Ueberzeugung gewonnen hat, dass wir das thun, so +wird sie nicht zoegern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man koennte +vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu +ueberlegen. Der thut nur, was er fuer richtig haelt, und dass er auf dem +Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung koenne nichts gedeihen, ist +ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er +seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd." + +"Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzaehlt. +Bitte, was war's?" + +"Ich gehe stark mit der Absicht um, in groesserem Massstabe Rueben zu +pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzaehlte ich +ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie haetten alle bisher kein +Geschaeft gemacht, meinte er." + +"Dann ist's doch auch klug, es zu lassen." + +"Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen. +Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil +sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa +erzaehlt, auch gegen die Branntweinbrennerei gestraeubt? Und rentiert sie +nicht ausgezeichnet?" + +"Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten +Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hoert ueberall, +dass die Zuckerfabriken vorlaeufig nur von Hoffnungen leben. Die +Konkurrenz ist auch zu gross." + +"Nein, die Konkurrenz ist nicht zu gross, aber es ist noch ein Vorurteil +bei Haendlern und Konsumenten zu ueberwinden. Aber das wird sich geben. +Der Ruebenzucker stellt sich so viel billiger, dass man nach den +ueberseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die +bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital +war zu hoch. + +Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr +spaetestens wird die Bahn von Elsterhausen ueber unser Gut gehen, und in +Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz +anders konkurrieren. + +Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schaedel nicht hineingehen. +Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in +der Gegend dauernd niederlassen." + +Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die +Richtigkeit nicht pruefen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in +Zahlen vorlegen zu lassen, und im uebrigen wurden ihre Gedanken +unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwaerts auftauchte. + +Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veraenderungen +vornehmen lassen. Die das Haus verduesternden Baeume waren gefaellt, auch +nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das frueher so finster +beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da. + +Auch im Innern sah man die Thaetigkeit einer neugestaltenden Hand. Der +Flur hatte weisse Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit +den dunkelrahmigen Oelgemaelden einen aeusserst imponierenden Eindruck. Vom +frueheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thuer ins +Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerueckt +worden. + +Auf einem grossen Rondell bluehten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies +bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebuesches und des halb +eingefallenen Grabens das Auge. + +Frege begruesste mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gaeste +und fuehrte sie in die hinteren Gemaecher. + +"Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten," +erklaerte er. "Gleich werde ich die Herrschaften melden." Dann eilte er +davon. + +Mit sehr eigentuemlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die +Raeume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das +Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal +freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen +hatte. Die im Hause vorgenommenen Veraenderungen wirkten befremdend auf +sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu +sein, trat weit zurueck. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder +Mitteilung nach ihrem Gutduenken. Natuerlich, es war ihr Recht, aber +gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfuelle +der Besitzerin. + +Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen +weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte. +Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und +umarmte Grete mit Waerme und Herzlichkeit. + +Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch +die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt, +und bald sassen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemuetlich plaudernd, +beisammen. + +Der Fremde war der Eigentuemer des vor Tagen erwaehnten in der Naehe von +Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof. + +Er hatte frueher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines +Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich, +da er vermoegend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu +pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener, +aber keineswegs pedantischer Mann, und man ruehmte seine grosse Frische, +seinen Geist und seine hohe Intelligenz. + +Herr von Streckwitz fuehrte denn auch vornehmlich das Gespraech. Herr von +Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er +erwiderte, dass er sich bei seinem Interesse fuer Landwirtschaft nach +einem ihm mehr Beschaeftigung bietenden Guetchen umzusehen die Absicht +habe. + +Hederich mischte sich hinein und machte Vorschlaege, und Tankred, dem +Streckwitz gleich beim ersten Sehen hoechst unsympathisch war, riet mit +vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend +anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Uebergewicht nicht +in seiner Naehe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten, +die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem +Interesse zuhoerte. + +"Es gefaellt mir aber gerade hier ausnehmend," entgegnete Streckwitz. +"Mein bisheriges Einsiedlerleben moechte ich zudem vertauschen, aber mir +Thaetigkeit und Verkehr nicht in einer grossen Stadt suchen, sondern auf +dem Lande. Uebrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir frueher oder +spaeter eine Gelegenheit zu anderer, groesserer Wirksamkeit bietet, werde +ich sie wahrnehmen. Zunaechst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu +suchen. Sie gestatten mir auch," schloss er, sich mit verbindlicher Miene +gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte +Auge ein wenig zusammenkneifend, "dass ich Ihnen meine Aufwartung machen +darf?" + +"Es wird uns ausserordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen," entgegnete +Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten. + +Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb +gegen Breckens verneigte, biss sich Tankred, in seiner Eitelkeit +verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter +demnaechst einmal deutlich zu belehren, dass ihr kein Recht mehr zustehe, +eine derartige Erlaubnis zu erteilen. + +Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geraeusch abgelenkt, da +Fraeulein Carin ein Knaeuel Seide fallen liess, und Hederich, sich +uebereifrig danach bueckend, so ungluecklich auf dem glatten Fussboden +ausrutschte, dass er knieend vor ihr liegen blieb. + +Um nun doch irgendwie seinen Aerger auszulassen, nahm sich Tankred +Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise +nachahmend: + +"Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist--drum und dran--ein zu schoener +Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fraeulein Helge hingestreckt +zu sehen." + +Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die +Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, waehrend Hederich, rot vor +Beschaemung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb. + +Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft +stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf +Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen +Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er +sich sehr weh gethan habe: + +"Ich danke sehr fuer Ihre Guete, gnaedige Frau, es ist schon vorueber. Ich +bitte nur um Entschuldigung, dass ich in Ihrem Hause--drum und dran--eine +so--laecherliche Rolle gespielt habe----!" + +Dieser auf Tankred gemuenzte Satz missfiel niemandem, und namentlich in +Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst +Hederich mit raschem freundlichen Blick und liess dann ein auf Tankred +berechnetes veraechtliches Zucken um ihre Lippen spielen. + +Tankred sah es. Er wusste, was in ihr vorging, und der alte Hass gegen das +'Frauenzimmer' setzte sich von neuem in ihm fest. + +Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr +Abbruch, und das glatt fliessende Gespraech setze sich nun so gezwungen +fort, dass Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu +unternehmen. + +Herr von Streckwitz, ein ueberaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart +und ernsten, einnehmenden Zuegen, schritt mit den beiden Tressens voran, +ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen +hatte, und ein wenig spaeter Hederich mit Carin. + +Sowie die letzteren aus der Hoerweite der Voranschreitenden waren, sagte +Carin: + +"Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf +hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und +wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist +fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt. +Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der +Mittelpunkt des Gespraeches ward. Dergleichen Zuruecksetzungen kann er +absolut nicht vertragen. Stets muss er das Wort fuehren und bewundert +werden. Spaeter aergerte es ihn, dass Frau Cromwell sich so oft an den Gast +wendete. Am Ende interessiert sie sich fuer ihn! Das passt Brecken +durchaus nicht; das durchkreuzt seine Plaene, und als Herr von Streckwitz +nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen groessern Besitz +erwerben zu wollen, kannte sein Aerger keine Grenzen mehr! Den liess er +dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empoerend handelte er, in solcher Weise +von seinem Uebergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat +mich auch wieder ausnehmend gefreut, dass Sie ihm naemlich eine solche +Antwort zu teil werden liessen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie +haetten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!" + +Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehoert. Als +Carin geendigt hatte, sagte er: + +"Sie gehen vielleicht etwas weit--aber--drum und dran--er ist kein guter +Mensch, wir wissen's alle laengst. Und es ist wahr, es giebt Dinge, die +kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene +Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will laecherlich gemacht +werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!" + +"Und wir haben recht!" fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort: +"Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben, +und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch +wahrlich nur die Hand auszustrecken.--Ich weiss wohl, was Sie sagen +wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen! +Aber welcher Vorteil erwaechst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie, +Herr Hederich," hier senkte Carin die Stimme, "was mir Frege neulich +mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau +Cromwell, worin auch des Schriftstuecks--Sie wissen, der +Erbteilverschreibung--Erwaehnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den +Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, koenne darauf schwoeren, dass das von +ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders--natuerlich viel guenstiger +gelautet habe. Brecken hat also--" hier schossen Carins Augen +unheimliche Blicke--"sicher eine Faelschung begangen!" + +"O nein, nein, Fraeulein Carin," fiel Hederich erschrocken ein und sprach +wieder das Wort Carin sehr breit. "Da gehen Sie doch wieder zu weit! So +schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist +schlau, und er waere es noch mehr, wenn--drum und dran--ihn sein Blut +nicht oftmals fortreissen thaete." Und forschend schloss er: "Hat Frege +Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?" + +Carin nickte. + +"Und was hat sie erwidert? + +"Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja ueberhaupt eine sehr +eigentuemliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig +zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut. +Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens--denn ihre hervortretende +gelegentliche Kuerze und Strenge sind auch nichts anderes als ein +Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur--und andererseits die Pietaet, welche +sie fuer alles an den Tag legt, was den Namen Brecken traegt, machen sie +ungewoehnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, dass +er sich aendert, und ihr gegenueber spielt er ja auch eine recht gute +Komoedie!--Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die +Jungen mit den Alten?" + +"Drum und dran--ja--. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich +so ziemlich--" entgegnete Hederich. "Frau von Tressen ist vorsichtig, +und Grete will Frieden,--bis jetzt wenigstens,--und das giebt den +Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube, +dass es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches +anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede." + +"Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie haengt mehr an Ihnen, als an ihrer +Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist ueberhaupt +noch nicht alles Gute erloschen, sie kaempft, glaube ich, einen ehrlichen +Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein +und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat." + +"Weshalb, Fraeulein Carin," fiel Hederich milde ein, "hassen Sie Herrn +von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefuegt?" + +Carin zuckte die Achseln. "Weshalb hat man eine Abneigung gegen +Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man +sich zu anderen besonders hingezogen fuehlt? Ich kann ueberhaupt nur +hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten +vertreten. Pastor Hoeppner kann ueberhaupt nicht hassen. Deshalb ist er +auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persoenlichkeit guetig und +menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt +dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag--ihre Person +ausgenommen, die sie ueber alles liebt--weder zu lieben noch zu hassen! +Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, hasst aber jeden, +der ihm irgendwie in den Weg tritt,--und--Sie--Sie, Herr Hederich--" + +"Nun, Fraeulein Carin?--" forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge +ging unruhig hin und her. + +"Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren +Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele." + +"Na--na--na!--Es ist schon zu viel Schoenes, Fraeulein Carin, aber--drum +und dran,--dass Sie das sagen, das--das--ist mir mehr wert als--als--" +sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte. + +"Ach, Sie lieber Mensch!--" unterbrach das Maedchen den Mann, sah ihm mit +einem seelenvollen Blick ins Auge, liess ihn aber nicht weiter sprechen, +sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die uebrigen Gaeste zu, die +nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause +auftauchten. + +Nach einem kleinen Imbiss nahm man demnaechst von Holzwerder Abschied. Nur +Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da.-- + + * * * * * + +Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf sassen die Pastorin und +Hederich einander gegenueber. + +Seit dem Vorerzaehlten waren fuenf Monate verstrichen. Der Herbst war +bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzaehlen und +sehr viel zu hoeren. + +Zunaechst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm +ihr Herz ausschuettete. + +"Was mich am meisten beschaeftigt und mich geradezu traurig gemacht hat, +ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte, +Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle. +Aber sie! Doch nun hoeren Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war, +die mir sogleich fuenfhundert Mark fuer das von mir geplante Armenhaus in +Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn +in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach +Holzwerder gefuehrt hatte, erzaehlte, dass mein Mann und ich von meinem +Vermoegen fuenftausend Thaler als Grundlage fuer den Bau hergeben wollten, +legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn, +dass er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen moege. + +Erst aeusserte er nichts, liess mich niedersitzen und guckte auf das +Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spoettischen Ausdruck: + +'Meine Schwiegermutter hat fuenfhundert Mark gezeichnet? So--so--na ja, +wer's lang hat, laesst's lang haengen! Ich kann hoechstens hundert Thaler +geben. Fast kein Tag geht vorueber, an dem nicht Ansprueche an mich +herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der +Antragsteller geben, muesste ich nachgerade auf Einnahmen fuer mich selbst +verzichten.'--Er zaehlte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf, +denen er angehoere, sprach von Erhoehung der Steuern und anderem und rief +seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie +beschwert sie seien. 'Glauben Sie nur, dass es uns nicht so leicht +gemacht ist, wie Sie meinen,' versicherte er. 'Jeden Monat die Rente an +meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen, +Neubauten, die gemacht werden muessen. Ich kann's nicht mehr gut machen!' +Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern +zurueck: natuerlich, es muesste ja sein, aber jetzt lebten doch zwei +Familien von den Einkuenften von Holzwerder. + +Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhoeren, und ich habe denn +auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer groesseren Gabe zu +bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht +selbst erzaehlt, dass sich dies Jahr ungemein guenstig gestellt, dass das +Gut noch nie so viel abgeworfen hat?" + +"Ja, es ist richtig, sie haben schoene Einnahmen, und was sie sagen von +der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkuenften nicht gar so +schlimm. + +Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwaechterposten ist eingezogen, +seine Arbeit muss jetzt der Parkwaechter mit besorgen; er kriegt aber +nicht mehr dafuer und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu +verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun +weggefallen. Die beiden Kutscher muessen mit im Garten helfen, und die +Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele +Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau +giebt selbst aus, verschliesst alles und macht Szenen, wenn zu viel +gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei +mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafuer nicht liefern +koennten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt. + +Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich +nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Frueher durften auch +die Arbeitsleute nach dem Pfluecken das letzte Obst abschuetteln, das ist +nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehoelzen hat er durch Anschlag +verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafuer anzusetzen. Und +nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel +neue Fenster noetig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind +und Regen hinein. + +Aber, drum und dran, fuer die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik +moechte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht fuer den +Ruebenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen, +die Einnahmen vergroessern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der +Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen." + +"Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?" + +"Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam ueberlegt. Neulich +sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen. +Neusilber thaete es auch. Sie haette sich herausgerechnet, dass sie so viel +Kapital herauskriegte, dass sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine +neue Christofleeinrichtung anschaffen koennte. Ich muss daran denken, dass +wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie--" + +"So? also damit hat sie Grund, sich zu beschaeftigen? Das wusste ich noch +gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, dass Herr von +Streckwitz dort fast taeglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es +neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die +Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen." + +"Meinen Sie wirklich?" fragte Hederich erstaunt. Er gehoerte zu den +Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen, +aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da +Carin, vielleicht aus Diskretion, die Moeglichkeit eines tieferen +Interesses Theonies fuer Streckwitz nicht wieder beruehrt hatte, war auch +Hederich nichts aufgefallen. + +"So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute +Waesche, und ich muss selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Naehschule +bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die +Ohren.--Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten +Sie--herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die muessen Sie +probieren."--Und waehrend er, nachdem sie rasch den Branntwein und die +Speisen herbeischafft, ass, stand sie--sich zu setzen hatte sie keine +Zeit--vor ihm und erzaehlte noch von allerlei traurigen Ereignissen im +Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemueht gewesen, und +zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem +Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich. + +"Ja niedlich, niedlich," betaetigte Hederich, waehrend er das +Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten +von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen +lieber aus dem Wege. + +Als er schon in seinem Einspaenner sass, sah er noch, dass Frau Hoeppner mit +einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thuer stand und weinend ihren +Kummer erzaehlte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem +Schnupftuch die Thraenen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen +ueber ihre Lippen: + +"Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte. +Dann wollen wir weiter sprechen," hoerte er sie noch sagen, und "Drum und +dran, brave Frau!" ging's ueber Hederichs Lippen, waehrend er mit einem Hue +die Zuegel ergriff und das Pferd antrieb. + +Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf +seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug. +Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, oeffnete und las: + + (Privat) 'Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die + eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich + sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muss Sie notwendig + sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind, + und gehen Sie hinten die Treppen hinauf. + + S. von Tressen.' + +Noch unter dem Eindruck des Gespraeches, das er am Nachmittag mit der +Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich ausserordentlich auf. +Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht +erwarten, dass sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich +dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthuer des +Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte, +trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus +dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter +erblickend, sehr erstaunt: + +"Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurueck? +Was wuenschen Sie? Suchen Sie etwas?" + +"Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich +fuer Frau von Tressen mitgebracht habe," entgegnete Hederich, sich +schnell fassend. "Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und +wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stoeren. + +Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergnuegen!--" + +Aber Tankred liess sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben +ging, fand er Tressens; ohne Zweifel wuerden Sie ihn auffordern, zum Thee +zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge wuerden zur +Sprache kommen. Das passte ihm nicht. + +So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: "Was wollen Sie +sich die Treppe hinaufbemuehen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her. +Ich werde es meiner Schwiegermutter einhaendigen." + +Die Situation war hoechst peinlich. Wenn Hederich erklaerte, dass er gar +kein Packet habe, stand er als Luegner da, und ablehnen konnte er fueglich +Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand, +nicht nur fuer ihn, sondern auch fuer Tressens, nahm er seine ganze +Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die +seine Bereitwilligkeit ausdrueckte, Tankreds Wunsch zu willfahren, +erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff: + +"Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in +meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen +Sie guetigst, dass ich der gnaedigen Frau morgen das Gewuenschte ueberreichen +wuerde. Und nun erlauben Sie, dass ich mich empfehle. Ich halte Sie auf! +Ihre Gaeste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnuegen." + +Nach diesen Worten zog er sich ueberhastig zurueck und verwischte dadurch +wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck. + +Waehrend Tankred die zwei Flaschen Assmannshaeuser wieder ergriff, murmelte +er: + +"Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt. +Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!" + +Dann eilte er mit haemischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf, +und oben schalt er Peter, den Diener, dass er ganz unnoetig so viele +Lichter angesteckt habe: + +"Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die +kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzuenden." + +"So, dann habe ich den gnaedigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den +Herrschaften musste ich immer alles anstecken." + +"Ja, ja, die Herrschaften," entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine +Schwiegereltern preisgebend, "die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwaerts, +loeschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie +zu reinigen,--hoeren Sie? ohne sie zu reinigen,--ins Anrichtezimmer!" + +Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine +Wohnung zurueck. Er fand keinen Weg, Tressens ueber die Gruende seines +Nichterscheinens zu verstaendigen, noch weniger hielt er es fuer +moeglich--und wenn doch etwa fuer moeglich, nicht fuer rathsam, an diesem +Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen. +Wenigstens wollte er das vorher noch ueberlegen. Auch wenn er einen der +Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals +der Zufall sein Spiel treiben. Ueberhaupt war er gegen jede schriftliche +Aeusserung. + +Es beschaeftigte ihn zu alledem, dass er zu einer Luege seine Zuflucht +genommen hatte. Seit seinen Juenglingsjahren war mit Bewusstsein kein +unwahres Wort ueber seine Lippen gekommen. + +Aber das war die Folge solcher Verhaeltnisse. Immer ungemuetlicher wurde +es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen. +Waehrend er, so nachdenkend, dasass und aus der Pfeife die Rauchwolken +herausblies,--fast ein Stuendchen mochte vergangen sein,--hoerte er auf +dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er +Peter, den Diener, und seine Haushaelterin Worte wechseln. + +"Na, was giebt's?" rief Hederich die Thuer oeffnend. "Haben Sie eine +Bestellung an mich, Peter?" + +Der Diener nickte verlegen, dann trat er naeher. + +"Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnaedige Frau von oben +liesse um das Packet Handschuhe bitten, und die gnaedige Frau von +oben--sie fasste mich ab, als ich gerade weggehen wollte--laesst fragen, ob +Sie noch kommen thaeten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich +soll nichts sagen--ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an +die unten von meiner Bestellung an Sie erzaehlen!" + +"Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich +Ihnen auftrage, hoeren Sie? An Herrn von Brecken koennen Sie ausrichten, +ich haette die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich koennte sie in +meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie +blos: Ich wuerde ihr morgen erzaehlen, weshalb ich nicht gekommen waere, es +sei denn, dass sie so gut sein wollte, sich--drum und dran--heute abend +noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemuehen. Es waere +sehr gut, wenn sie es thaete. Sie ist doch noch oben und nicht bei der +Gesellschaft?" + +Peter verneinte. + +"Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten," murmelte +Hederich. Und laut: "Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe +seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten. +Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!" + +"Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon. +Ach--ach es ist--" seufzte der Mann. + +"Was ist?" + +Der Diener bewegte missmutig den Kopf. + +"Nichts fuer ungut, Herr Verwalter, ich will kuendigen. Keine Stunde hat +man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden, +und alles, was frueher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die +Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute +nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hoerte es, wie ich das +Silberzeug putzte." + +Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschaeftigte ihn sehr. +Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung. + +"Diener muessen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und ueberall ist +etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter, +und mit dem Kuendigen ueberlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch +nicht will, dann wissen Sie,--drum und dran,--wo Hederich zu sprechen +ist." + +"Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt. +Herr Verwalter wissen, dass ich nichts herumtrage, und wieviel ich von +den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen +auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie--sie ist ganz anders +geworden." + +"Ja, wie gesagt, Peter--es wird schon wieder besser werden. Thun Sie +Ihre Pflicht,--drum und dran,--fuer das andere lassen Sie den lieben +Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, dass Sie wieder hinkommen."-- + +Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang oeffnete sich die Thuer der +Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln +Mantel gehuellt, trat zu Hederich ins Gemach. + +Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr +mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe. + +"Um so besser, dass wir uns noch heute abend sprechen!" erklaerte sie nach +seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme +daempfend, fuhr sie fort: + +"Hoeren Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete +und Brecken eine sehr boese Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich +entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als +wir beim Kaffee zusammensassen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Waehrend +meine Tochter sich an das geschlossene Bueffet begab, um ihn +herbeizuholen, sagte ich: 'Ist es denn notwendig, dass Du sogar den +Zucker verschliessest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben--' + +'Sogar? Was meinst Du damit?' entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in +einem sehr schroffen Ton. + +Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich +sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gaesten. Aber sie +antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In +diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine +Tochter, ihr die fuer den Abend noetigen Zuthaten auszugeben. + +'Wie, Du wagst es?' rief Grete, gegen die Person auftrotzend. 'Habe ich +Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?' + +Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte +und auf eine abermalige hoechst provozierende Aeusserung Gretes neben +anderen Erklaerungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade +noch, dass sie in der Kueche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet +meine Tochter in einen solchen Zorn, dass sie aufsprang und dem Maedchen +einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem +ich schon angesehen, dass er sich ueber meine Aeusserung von vorhin geaergert +hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden +war, packte Anna am Arm und stiess sie in rohester Weise zur Thuer hinaus. +Draussen befahl er der Misshandelten,--ich hoerte es,--sofort ihre Sachen +zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was +aus ihr werde, sei ihm gleichgueltig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle +sie etwas, so koenne sie klagen. Zu meinem Unglueck nahm ich nach seiner +Rueckkehr gerechter Weise Partei fuer das Maedchen. Ich hielt beiden in +sanfter Weise vor, dass sie durch die wenig guetige Art, in der sie mit +den Leuten verkehrten, durch ihr fortwaehrendes Verschliessen und +Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse +fuer sich zu erwecken, und schloss mit der Bemerkung, dass ich doch stets +mit meinem Personal ausgekommen sei, waehrend jetzt fast kein Tag ohne +Verdruss hingehe. + +Auf die Aeusserung gab zunaechst meine Tochter eine Antwort, indem sie in +einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich haette +doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre +Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber taeglich. Bald moniere +ich, dass der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald +mache ich Bemerkungen ueber ihre Anordnungen. So habe ich mich juengst +ueber die Waesche geaeussert. Wenn zufaellig mal Zucker auf dem Tische fehle, +halte ich ihr eine Strafpredigt ueber ihre Sparsamkeit, und dass ich in +diesem Falle Partei fuer das impertinente Geschoepf genommen habe, das sie +fortwaehrend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf +diese plumpe und unglaublich unverschaemte Weise sich einen Vorteil zu +verschaffen, sei doch mehr als eigentuemlich von meiner Seite! Sie habe +Beweise dafuer, dass Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute +morgen von ihr ausgegeben. + +Mit dem groessten Erstaunen hoerte ich, was meine Tochter sprach. Ich war +ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen +und Vorschlaegen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine +Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind +eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar +nicht in den Sinn gekommen, dass sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel +weniger, dass sie mich fortwaehrender Einmischungen in ihre +Angelegenheiten zeihen wuerde. + +Ich sah aus ihrer Rede, dass lange aufgestauter Groll einen Ausweg +suchte, und ich sah auch, dass ihr Mann ihr vollstaendig beistimmte. +Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsaechlich +aber um mich noch mehr zu kraenken, kam auch er mit allen moeglichen +Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrueckte, an sich nur +Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruss schon mehrfach +Veranlassung gegeben haetten. Wir haetten juengst die Pferde ohne vorherige +Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, waehrend sie haetten +ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, waehrend wir doch +unsern eigenen Diener haetten. Der letztere habe neulich durch Umstossen +des Tintenfasses den ganzen Fussboden verdorben, und mein Mann haette ihn +sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getroestet. + +Und was den Fall mit dem Maedchen betreffe, so sei er zufaellig dabei +gewesen, wie Grete fuer den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten +abgewogen habe. + +'Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,' fuegte ich, mich bemeisternd und +alles uebrige uebergehend, ein, 'aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie +waehrend ihrer Beschaeftigung gerade vom Foerster abgerufen worden, nachher +vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Kueche zu stellen. Es ist +doch moeglich, dass Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, dass ein +Maedchen ihrer Herrschaft unbegruendeterweise mit solchen Behauptungen +gegenuebertritt. Und ich habe nie frueher eine Unehrlichkeit an Anna +bemerkt,' schloss ich. + +Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so hoehnischen Miene auf und +erging sich in so verletzenden Anspielungen ueber unsere Verschwendung +und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, dass ich, nicht mehr Herr meiner +Empoerung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da +sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten, +finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf +welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei +unter solchen Verhaeltnissen dann wohl besser, dass ich mit meinem Manne +Holzwerder verliesse! Danach stand ich auf und begab mich auf mein +Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und liess sagen, dass wir nicht +in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an, +dass Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts +davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie, +Hederich, sie _wollen_ einen Anlass, um die ihnen laestigen Menschen, ihre +Eltern, aus dem Hause zu bringen." + +Bei diesem Schlusssatz brachen der Frau die Thraenen stromweise aus den +Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, dass dem +braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn +nun da, was Carin schon oft und erst juengst wieder als bevorstehend +prophezeit hatte: Ein boeses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger +Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun wuerde auch bald sein, +Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit +seiner Meinung nicht zurueckzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen; +sie sollte hoeren, was er dachte! + +Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Ueberzeugung. Er +glaube selbst, es sei wohl das beste, aeusserte er, dass sie sich in +Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten. + +Sicher wuerden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege +zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versoehnung auf +beiden Seiten vorhanden, spaeter aber koenne sich ein unheilvoller Bruch +daraus entwickeln. + +"Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben, +ist immer weise, wenn's auch hart, betruebend und schwer ist, sich auf +den Boden der Thatsachen zu stellen." + +"Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, dass wir wie +Ueberzaehlige aus dem Hause gehen, dass wir unser geliebtes Holzwerder +verlassen sollen, dann ist's mir, als ueberfiele mich eine unheilbare +Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemuet beschwert ist. Seit heute +nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!" +stiess sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. "Ja, +ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermoegen haben, die Kinder sollten +nur von uns abhaengig sein! Wie ganz anders wuerde es dann aussehen!" + +Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfasste sie mit ganzer Gewalt, sie +war betruebt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung, +Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttaeuschter +Mutterliebe. + +Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der goettliche Funke warmer +Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte +selbst der Funke zu verloeschen.-- + + * * * * * + +Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner +Vormittagsgeschaefte mit seiner Frau beim zweiten Fruehstueck sass, +erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich haetten hoeren lassen. + +"Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe. +Ich kenne Mama--" entgegnete Grete. + +"Und Du willst hinaufgehen?" + +"Nein, aber ich habe mir gedacht, dass ich, wenn sie heut mittag auf das +Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen +lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen." + +"Und wenn sie nicht kommen?" + +"Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben muessen. Ich habe +ja nur erreichen wollen, dass Mama sich nicht ferner in meine +Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles--verlasse Dich darauf--eine +laengere Weile nach Wunsch gehen." + +Bei den letzten Worten glitt ein Laecheln ueber Gretes Gesicht. Es +belehrte Tankred, dass seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht +so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttaeuschte ihn +zunaechst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen +mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges +zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Moeglichkeit anzueignen, so +nahm auch er einen leichten Ton an und sagte: + +"Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als +ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist +es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei +nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Uebrigens +hast Du gehoert? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg +kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet +gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder fuer eine ganz +ueberfluessige Sache so viel Geld auszugeben!" + +"Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fusskalt, dass er es nicht +aushalten koenne," schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab, +war ueberhaupt zurueckhaltender ueber "die oben" als gestern. + +"Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Beduerfnis. Hypochondrische Leute, +die nichts zu thun haben, kommen auf tausend ueberfluessige Geschichten. +Da faellt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und +Theonie zu werden. Frau von Buelow behauptete, sie seien sogar schon +verlobt. Wir muessen Hederich fragen. Uebrigens moechte ich wohl wissen, ob +der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er +wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen +hocken, um ueber uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein +richtiges Verhaeltnis, Grete. Sie intriguieren fortwaehrend gegen uns, und +der alte Schwaeger traegt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach +Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern waere es +allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht +vom Uebel, wenn die Eltern fort zoegen. Streckwitz's Besitz koennten sie ja +pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein." + +Tankred hatte bei den letzten Saetzen, die ihm durch die Gelegenheit +aufgedraengt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder +ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer +Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran +gewoehnen. + +Dass sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefasst hatte, ergab +sich jetzt. + +"Mama wuerde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort muesste, +Tankred. Ich muss gestehen, dass auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren +wuerde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas +vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen +wir vorlaeufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann--und dann--" die +Frau erroetete leicht--"wenn ich demnaechst in der Krankenstube liege, +wuerde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden--" + +Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwaerterin beim Wochenbett +fortsenden, hiess nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter +als er! Sie war ausserordentlich umsichtig und behielt stets ihren +Vorteil im Auge! + +Waehrend dem Manne solche Gedanken ueber seine Frau aufstiegen, ward +geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen. + +Das Gespraech ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschaeften +nach. + +Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor. +Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in +seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und +als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrueckt, um die Erlaubnis +gebeten, sie ihr verehren zu duerfen. Er suche, wie er bei der +Ueberreichung hervorhob, nach einem Anlass, sich ein wenig fuer die vielen +Liebenswuerdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof +empfangen habe. Sie moege ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe +ueberreichen zu duerfen. + +Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die +sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen: + +"Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, dass Sie wieder eine Zeitlang +auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz, +und wann duerfen wir Sie zurueckerwarten?" + +"Nein--" entgegnete Streckwitz. "Der Verkauf von Klementinenhof hat sich +zerschlagen; fuer den Fall der Veraeusserung haette ich mich ja zunaechst +anderweitig einrichten muessen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich +bleibe nun aber den Winter ueber hier und will meine Bemuehungen um einen +Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen." + +"Immer wieder wundere ich mich," wandte Theonie ein, "dass Sie bei Ihren +vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen +hier in der Einsamkeit?" + +"Lieben Sie nicht auch das Land, gnaedige Frau? Schaetzen Sie nicht auch +die reine Luft, die einfachen, natuerlichen Verhaeltnisse, den +unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit? +Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich +beschaeftigt, ueberall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die +Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und +die Beschaeftigung mit Stall, Acker und Vieh hat fuer mich etwas +ausserordentlich Anziehendes. Ich beneide die Staedter nicht, ich +bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwaehrenden Bewegung, sie +muessen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu +einem rechten, ruhigen Lebensgenuss vermoegen sie nicht zu gelangen. +Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jaehrlich in die Berge, +ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch +heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust +und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein." + +"Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu +erwerben?" knuepfte Theonie, die durch stumme Gebaerden Streckwitz +beigepflichtet hatte, an. "Hederich sprach juengst von Wankendorf. Aber +es liegt sehr noerdlich, und der Preis soll hoch sein." + +Streckwitz schuettelte den Kopf. "Ich moechte am liebsten etwas hier in +der naechsten Umgebung finden. Ich moechte auch Ihnen"--Streckwitz legte +einen nicht misszuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte--"nahe +bleiben, gnaedige Frau." + +Theonie erroetete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr maedchenhaftes +Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Maenner zu +ermuntern. + +Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und +herflatterten, und suchte so dem Gespraech eine andere Wendung zu geben. +Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich ueber Theonies Gefuehle fuer +ihn Klarheit zu verschaffen. + +Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, dass +er nicht gestoert werde, sagte er: + +"Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darueber aus, dass ich mich hier, +wie Sie sich ausdrueckten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe +ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnaedige Frau. Durch Ihre Hand ist +zwar Falsterhof gelichtet und hat den frueheren duestern Eindruck +verloren, aber grade fuer eine junge Frau--da fuer Ihr Geschlecht so enge +Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen +koennen,--scheint es mir hier recht einfoermig. Haben Sie denn kein +Verlangen nach der Stadt?" + +"Nein, keins! Ich koennte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach +dem Tode meiner Mutter von hier entfernen musste, war ich sehr +ungluecklich." + +"Sie mussten?" + +"Ja--oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rueckkehr +festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich +erfasst hatte, abzustreifen." + +"Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich +recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war juengst auf +Holzwerder und habe hoechst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen +wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute." + +Theonie betaetigte letzteres durch eine Bewegung, ueber Tankred aber +aeusserte sie sich nicht. + +Diese stete, taktvolle Zurueckhaltung war's aber eben gerade, die +Streckwitz, der das wenig guenstige Urteil der Menge ueber Tankred kannte, +zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war +tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das +Bestreben, sich geltend zu machen, und besass neben einem edlen +Selbstgefuehl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem +Wesen. Da das Gespraech sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen +liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer +direkten Anknuepfung, und ploetzlich kam ihm ein Gedanke. + +"Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnaedige +Frau," hub er nach geschicktem Uebergang an. "Ich habe die Absicht, +allernaechstens ein kleines Diner zu geben. Wuerden Sie und Fraeulein Carin +wohl so liebenswuerdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiss, dass ich +etwas erbitte, das ein wenig ungewoehnlich erscheint. Aber ich hoffe doch +auf Ihre guetige Zusage, ja, ich darf sagen, dass ich das kleine Fest +vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen +zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen +fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist." + +Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton +gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht +aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, dass sie nicht gleich +Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den +ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpresste. + +"Ich bitte, sprechen Sie--sagen Sie etwas--" draengte Streckwitz, durch +die Ungewissheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner +Gefuehle, "oder darf ich noch etwas hinzufuegen, etwas von dem vielen, was +mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie, +liebste Frau Theonie?--" wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und +Theonie naeher trat. + +Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte +innerlich, und sein Atem ging rasch. + +Aber es war nur fuer Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit +einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, laechelte sanft und +neigte ihre feine Gestalt zu ihm. + +"O komm, Du Liebe!" fluesterte der Mann stuermisch und breitete seine Arme +aus. + +Durch ihren Koerper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und +er hoerte es aus ihrem Munde, als er nun glueckberauscht sie fest und +fester an sich zog. + + * * * * * + +Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in +der Umgegend das Tagesgespraech. + +Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zuruecksetzung, Neid +und Missgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen +fuer oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hiess es, sie passten +vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte +Menschen, ein andermal dagegen, es koenne nur ein Unglueck daraus +entstehen, wenn zwei so selbstbewusste und absprechende Menschen sich +vereinigten. Und einmal passte den Leuten Theonies Nase nicht, ein +andermal hielten sie sich ueber Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald +war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch +Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames +Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls--darin stimmten alle +ueberein--kam Geld zu Geld; fuer beide Teile war die Partie eine gute, und +mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war +nicht mehr als selbstverstaendlich. Ohne Nebengedanken stimmten +eigentlich nur Tressens und Hoeppners dieser Verbindung zu. Selbst in +Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spuerchen Unbehaglichkeit. + +Hederich fuerchtete, das Maedchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren. +Sie wuerde sich eine andere Stellung suchen muessen, und er sie nicht mehr +sehen; und Carin beschaeftigte nicht minder der Gedanke, dass nun wohl +ihre Tage auf Falsterhof gezaehlt seien. + +Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und musste gleich etwas +thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte, +und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der +Verlobungsanzeige auf den Weg. + +"Sie muessen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende +Amtsgeschaefte, sonst waere er mitgekommen!" erklaerte sie nach ihrem aus +dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glueckwunsch. +"Und gleich heute moechte ich von Ihnen hoeren, liebste Theonie, wann Sie +und Herr von Streckwitz uns beehren koennen. Wir moechten Ihnen ein recht +lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren +Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehoert, wie die Dinge stehen? +Man erzaehlt sich, dass zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen +ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Uebrigens, Ihr Vetter wird +nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie." + +So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluss und ward erst +unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen: + +"Sie meinen, liebe Pastorin?" ins Wort fiel. + +"Nun, er wird natuerlich fuerchten, dass Sie jetzt an eine +Vermoegensabtretung nicht mehr denken, dass er auf Falsterhof in Zukunft +keinerlei Aussicht hat." + +"Er irrt sich aber!" entgegnete Theonie mit groesster Ruhe. "Wenn er +waehrend der Frist nichts thut, was ehrenruehrig ist, und wenn er nicht +verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal +gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Dass mein Vetter +seinen Charakter nicht aendert, weiss ich, aber diese Forderung habe ich +auch nie an ihn gestellt." + +Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn +fuer Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort +waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr +verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses +sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefasst hatte, knuepfte sie +noch einmal an und sagte: + +"Ihre im uebrigen sehr vorsichtig gefasste und durchaus nicht bindende +Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um +Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein, +Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer +Handlungsweise, dass Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen +fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten +Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch naeher, als +Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiss weigern, +die Haelfte von Falsterhof fuer nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn +wirklich wuerdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?" + +"Es sieht Ihnen gar nicht aehnlich, dass Sie an einmal gegebenen Zusagen +ruetteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?" + +"Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund +darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermoegenszuwachs +goenne." + +Und nun erzaehlte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete +sich dabei benommen, und dass er erklaert habe, hoechstens hundert Thaler +zeichnen zu wollen. + +"Sehen Sie, das ist es!" schloss sie. "Wenn Ihr Geld gute Fruechte tragen +wuerde, auch andere Vorteil daraus ziehen koennten, wenn's nicht nur der +Gier dieses Geizhalses diente, dann wuerde ich gewiss keine Einsprache +erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie fuer +sich selbst die Moeglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie +bisher Glueck und Segen dadurch zu verbreiten.--Ja, ja, ich weiss sehr +wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein +Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen +sind die Namen derer nicht zu zaehlen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das +ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht, +viel zu haben.--Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein +gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und +nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am +Erwerben, der Sparsamkeitsdrang,--lasse ich gelten! Geld soll nur ein +Mittel zum Zweck sein, gluecklich zu werden und andere gluecklich zu +machen. Darin besteht jedes Vernuenftigen Lebensaufgabe.--Wenn ich an +Ihrer Stelle waere, wuerde ich Ihrem Vetter erklaeren, ich habe damals +verhueten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er +nicht, wie Sie jetzt saehen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und +Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Uebrigens"--brach die +Pastorin ab, da sie sah, dass ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht +hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden koennten, statt +nuetzen--"wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei +Ihnen?" + +"Ich werde ihr nicht kuendigen," erwiderte Theonie. "Wohin soll das arme, +verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen, +so ist es etwas anderes." + +"Auch das sieht Ihnen wieder ganz aehnlich, Sie herrliches Menschenkind. +Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur +auf Ihren," schloss die Pastorin lebhaft und drueckte der Freundin in +einem ueberstroemenden Gefuehl die Hand.-- + +Waehrend in solcher Weise die Pastorin Hoeppner, ihrem Unmut nachgebend, +in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in +Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon +wiederholt hatte er gefunden, dass es nicht nur weise sei, das Unguenstige +zu nuetzen, um Guenstiges daraus zu ziehen, sondern dass dies bei +geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekroent wurde. + +Versteckte Pfade zum Glueck lagen ueberall, aber man musste Augen zum Sehen +haben.-- + +In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau ueber Theonies +Verlobung stattfand, warf Grete aehnliche Zweifel hin, wie die Pastorin +sie geaeussert hatte. + +"Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!" begann sie und schnitt aus einem +grossen Haufen weisser und bunter Leinwandstuecke, die vor ihr lagen, eine +Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtuecher machen wollte. "Herr von +Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig +zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Eroerterungen oder gar zum +Prozess wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon +jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine +Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer +selbst willen schon wollen wir es vermeiden." + +Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und +Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesaeumtes Tuch glaettend und in +genauer Anpassung auf ein Haeufchen bereits fertig gewordener legend, zu +ihrem Manne empor. + +Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend: + +"Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt, +wo noch der Gedanke in Theonie kraeftig ist, wo noch ihr Rechtsgefuehl +nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir +naemlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar +nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige +Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie +hin und sage: Gieb mir einen groesseren Teil, etwa zwei Drittel von dem +Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprueche verzichten. Thue +es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du +in die Ehe gehst. Ich glaube, ich wuerde reuessieren! Vielleicht koennten +wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?" + +"Wie viel wird denn das ausmachen--ich meine an Kapital--ungefaehr?" warf +Grete forschend hin. + +"Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler. +Davon die Haelfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel +vierhunderttausend." + +"Ah--!" machte Grete. "Aber," setzte sie gleich hinzu, "das ist doch ein +Unterschied von zweihunderttausend Mark." + +Sie schuettelte den Kopf. + +"Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Lass Dich nicht auf +Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut! +Sage ihr, sie solle fuenfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch +noch hunderttausend." + +Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung. + +"Wir verfuegen ueber eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das +geht nicht. Wenn sie nun ueberhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch +nicht. Ja, spaeter klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?" + +Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine +Faelschung dabei an den Tag kommen konnte. + +Und dann, waehrend er noch nachdachte, kam's jaeh wie ein Blitz ueber ihn, +dass es schon am besten waere, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gaebe, +wenn, wenn--auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des +Ganzen! + +Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und +heftig war ihr Angriff auf seine Seele, dass ihm die Kniee bebten, und in +dem Drange nach Abloesung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkuerlich +ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich +schlossen. + +Grete erhob ueberrascht das Haupt. + +"Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?" fragte sie betroffen. + +"Doch--doch.--Mich froestelte nur ein wenig." Und dann: "Sag, Grete, wie +waer's, wenn Du mit Hederich spraechest, dass er Theonie sondierte? Dir +schlaegt er nichts ab, im Gegenteil--" + +Die Frau aber schuettelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich +nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres straeubte sich dagegen, grade ihm +die Bloessen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die +gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten. + +So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie +vorschiebend: + +"Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines +Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer +zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiss +auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren +Mund nie halten kann. Du musst mit Theonie ohne Zeugen reden; sie +ist--das muss man ihr ruehmend nachsagen--die personifizierte Diskretion." + +Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er +beschloss auch, gleich zu handeln und alle Kuenste aufzuwenden, um seinen +Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluss auf +Theonie gewonnen. Je laenger er aber zoegerte, um so unguenstiger wurden +seine Ansichten. + +Gleich nach Tisch liess er sein Reitpferd satteln, hoerte noch einmal +alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf +den Weg. + +Es war ein nebliger, aber ungewoehnlich milder Wintertag. Bald nach +Tankreds Fortreiten begann es vom duesteren Himmel herunter zu flocken, +und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem +Herabfallen in fluessiges Nass. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe +drangen tief in die schluepfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab +spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte +Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Naesse, die seinen +ganzen Koerper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte +Landschaft, die Baeume, Felder und Wiesen, er war nur beschaeftigt mit +seinen Plaenen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere +nur erst aus dem Hause gebracht haette! Es stand fest in ihm, sobald +Grete ihrer Mutter Huelfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein +Ende machen. Aber waehrend er sich ausmalte, dass sie wirklich von +Holzwerder Abschied naehmen,--er sah seinen Schwiegervater in den Wagen +steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor +sich--, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zuegel gehalten, so +ungluecklich, dass der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward. + +Das Tier aber musste fuer seines Herrn Nachlaessigkeit buessen; Tankred zog +dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schlaege ueber den Ruecken. Und +waehrend der aberglaeubische Mann dahinsauste, ueberkam ihn die +Vorstellung, dass das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen +wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That!--So schloss er rasch einen +Kompromiss mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust. + +Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Hoehe, und zu +seinen Fuessen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem +Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie +eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel +inzwischen die Landschaft eingehuellt hatte. + +Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so +setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den +Hof erreicht hatte. + +"Die gnaedige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?" warf Tankred +hin, waehrend Klaus das Tier abfuehrte. + +Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank! + +Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Maedchen, +welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene +hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem fuer ihre Arbeit +herangerueckten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden. + +Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behueten eines Hausgegenstandes, +und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Haelfte +Deines Vermoegens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen +Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er +trat in das von der Abenddaemmerung umhuellte Wohngemach. + +"Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen +Glueckwunsch zu sagen," begann Tankred bei Theonies Eintritt. "Grete +schliesst sich mir von Herzen an und bittet, Du moegest verzeihen, dass sie +nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkaeltung, die sie sich zugezogen, +und das schreckliche Wetter--" + +Theonie machte eine liebenswuerdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu +nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend: + +"Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?" + +Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach: + +"So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im +Halbdunkel." + +Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's +dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch +ueber Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort +in seiner Angelegenheit: + +"Hoere Theonie! Da wir nun einmal ungestoert beisammen sitzen, moechte ich +Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiss, dass Du mich +nicht missverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil +fuer Dich! Durch Deine Verlobung und demnaechst stattfindende Heirat +verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezueglich Deines Vermoegens. +Ich begreife das--begreife das vollkommen. Als Du mir damals die +schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch +einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich +nur durch Redensarten zu vertroesten, moechte ich Dir einen Vorschlag +unterbreiten, damit Du mit voellig klaren Verhaeltnissen in die Ehe gehst: +Entschliesse Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde +Dich jetzt mit mir ab!" + +Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Daemmerung, um den Eindruck seiner +Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick +ab! + +Zu seiner Ueberraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu +seiner hoechsten Enttaeuschung auch sein Ansuchen aeusserst kuehl auf. + +Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton: + +"Zu meinem Bedauern muss ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fuenf +Jahre muessen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst, +die veraenderten Verhaeltnisse meinen Entschluss beeinflussen, sondern die +Umstaende fuer mich massgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage +komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekuerzt +werden--" + +"Bitte, sage mir Theonie," fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all +seinen Himmeln gerissen, mit kuenstlicher Ruhe ein, "was soll ich denn +eigentlich erfuellen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige! +Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem +Interesse, dass Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin +ueberzeugt, Dein Braeutigam wird anders ueber die Sache denken, als Du. +Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Ueberlegung ziehen, mit ihm +reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof +repraesentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte, +zahle mir jetzt--" + +Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem +"Entschuldige, bitte" und hoerte, was der nun doch mit einer brennenden +Lampe ins Zimmer tretende Frege "gehorsamst" zu melden hatte. + +"Der Verwalter von Falsterhof laesst fragen, ob er morgen Vormittag zum +Vortrage kommen duerfe." + +"Ja, Frege, es passt mir um elf Uhr!" + +Nun schloss sich die Thuer wieder. + +"Es nuetzt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich +wiederhole vorher Gesagtes," knuepfte Theonie mit der alten Ruhe an. +"Auch wenn Du fragst, was sich erfuellen soll, so kann ich Dir darauf nur +antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, dass alle +Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen +knuepfte. Ich erklaere Dir nochmals, dass die zwischen mir und Streckwitz +wahrscheinlich eintretende Guetergemeinschaft an dem Geist der Sache +nichts aendern wird. Nicht unser Geldvorteil soll massgebend sein, sondern +Deine Wuerdigkeit." + +"Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen +Groschen auszuzahlen--" stiess Tankred, kaum Herr seiner Erregung, +heraus. "Was heisst Wuerdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das +Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels fuer gutes +Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du +gestorben waerest, wuerde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um +eine blosse Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer +begruendetes, natuerliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder spaeter +mit dem Gelde thun? Ich will es hueten und mehren, um meinem Nachkommen, +dem letzten maennlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu +verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren +Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter +Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschaedigt oder +geschaendet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen? +Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen +Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That, +ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhaeltnis wenn Du Dich +jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stueck Geld." + +"Ich will nicht sparen!" entgegnete Theonie stolz. "Dir soll Dein Recht +werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und lass uns nun das peinliche +Gespraech schliessen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit, +so werden mein Mann und ich pruefen und ohne Ruecksicht auf unseren +Vorteil handeln." + +"Ich nehme den Fall, dass Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwuerdig! +Meinst Du denn, ich muesste mich ohne weiteres darein finden? + +"Ich brauche doch keine Gruende fuer eine Weigerung anzugeben, also hast +Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!" + +"Ah! so fasst Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge +stehen! Nur eins haette ich nicht gedacht: dass Du Dich hinter Worten +verschanzen wuerdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet." + +"Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner +Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's +nicht so kommt, machst Du andere dafuer verantwortlich, dass Du Dich +Illusionen hingegeben hast." + +"Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch fuer welche?" +Hoehnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines +Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur +ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Hoehe, stellte sich vor +sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu: + +"Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weisst, dass ich nicht mit mir +spassen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben--oder das Gegenteil! Wenn +Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprueche +verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die +muendlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld fuehren, nachweisen, dass +ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefuegt habe, und auf sofortige +Erfuellung meiner Ansprueche klagen. Ich kann schwoeren, dass sie mir +versprach, mich zum Miterben einzusetzen." + +"Du luegst," rief Theonie, von Empoerung und Ekel fortgerissen. "Du luegst +und fuegst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas +versprochen haette, wuerde es auch von uns gehalten worden sein. O, +veraechtlich bist Du mir; so veraechtlich, dass ich nichts in der Welt so +verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrueckte ich, ich wollte sie nicht +Herr ueber mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen +Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir waere geworden, was +Du wuenschest, wenn Du geblieben waerest, was Du seit Deiner Heirat warst. +Aber diese Drohungen und diese Luege reissen alles wieder in mir auf. Ich +fuehle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick fluechtete. Aber keine +Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der +Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem +Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen, +jedes anderen Rechte missachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren +Glueckes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets +vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Hass, durch deren +Befuerwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich, +Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst. +Ich zerreisse noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, dass ich +wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel +verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun +liessest." + +Der Mann hoerte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine +Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, dass +sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut ueber sich +selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie wuerde ihr Wort gehalten haben, wenn +nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen waere? Er haette sich selbst +zuechtigen moegen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn +gar keine Moeglichkeit mehr gaebe, das Geschehene ungeschehen zu machen. +Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht +in ihm. + +Er sank stoehnend auf seinen Stuhl zurueck, bedeckte sein Angesicht mit +den Haenden und verharrte wie ein Zerschlagener. + +Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten +hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, dass sie ihm vergeben moege. +Er habe sich abermals vom Zorn hinreissen lassen, er wisse dann nicht, +was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der +Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angefuehrten Sinne wahr, +wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das +beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine +Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kaempfen. Sie sei ja +ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Guete und moege, gleichviel was sie +beschlossen, ihm verzeihen. "Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei +wieder die alte. Und mit meinen Vorschlaegen meinte ich es ja wirklich +gut. Es ist doch verstaendig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst +Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal," schloss er, "vergiss +alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief." + +Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empoerung wiederholt hatte +unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr +wusste, dass er durch sein Komoedienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder +zu retten versuchen wolle, riss sich, als er zuletzt ihre Kleider +umfasste, von ihm los, warf den Kopf zurueck und rief, mit ausgestreckten +Haenden ihn abwehrend: + +"O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der +Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn +ich ueberdenke, was ich je hoerte oder las ueber die Schlechtigkeit +menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein +solches Bild. Luege, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz +begegnen sich, sie alle reichen sich die Haende in Dir. Deine Seele ist +keiner vornehmen Regung faehig, sie ist niedertraechtig und schmutzig; wo +anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und +Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, dass nur die +Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu foerdern. Und ich +glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese +Wiederholung--Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter, +Du spielst eben eine ueber alle massen ekelhafte Komoedie--hat alles fuer +immer in mir getoetet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen +uns fuer alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen +hoffen, dass diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein +schwerer Irrtum zu glauben, man koenne in der Welt Niedertraechtigkeit an +die Stelle von Tugend setzen. Auch fuer Dich werden Stunden kommen, wo Du +nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja, +fletsche nur die Zaehne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen +Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn +Du nicht bald und voellig umkehrst!"-- + +Nach diesen Worten verliess Theonie, den zu wiederholten malen wie ein +Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend, +das Zimmer. + +Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zuruecknahm, beschaeftigte ihn die +eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die +Moeglichkeit, dass Theonie sterben, und dass er dadurch dermaleinst noch in +den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurueck. Aber sie konnte ja +steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles +denkbar!?---- + +Und was sollte er Grete berichten? Dass ein unheilbares Zerwuerfnis +zwischen ihm und Theonie eingetreten sei? + +Wodurch? Sie wuerde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung!--Nein! Das +brachte er so nicht ueber die Lippen. Er musste sie taeuschen, sie +vorlaeufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch +einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demuetigte, wenn auch Hederichs +Einfluss zu Huelfe genommen ward, liess sich doch vielleicht noch alles zum +guten lenken, noch ein Vergleich schliessen. + +Dieser Gedanke belebte voruebergehend wieder die Seele des Mannes, er +setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener +Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehuellt, sass +darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den +Gedanken ein, die Vermittlung des Braeutigams Theonies anzurufen. + +Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor +Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen +neun Uhr Holzwerder. + +Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie +nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint. + +"Nun? Was ist? Du erschreckst mich," stiess Tankred heraus. "Sprich, was +hat sich ereignet?" + +Aber sie sagte nichts, sie liess den Kopf sinken, und Thraenen schossen +aus ihren Augen. + +"Ist wieder etwas mit denen oben?" draengte Tankred. "Hat's eine Szene +gegeben?" + +Nun hub sie schluchzend an: + +"Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem +furchtbar erregten Auftritt erklaert, dass sie beide Holzwerder verlassen +und nach Elsterhausen ziehen wollen." + +"Und die Veranlassung?" fragte Tankred gespannt. + +Nun erschien der Diener Peter und meldete, dass das Abendessen +aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespraech der Eheleute zeitweilig +unterbrochen. + +"Beruhige Dich!--beruhige Dich!" troestete Brecken nach des Dieners +Fortgang seine Frau, fasste sie leicht um die Schultern und zog die +kopfschuettelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. "Es wird nichts +so heiss gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von +selbst wieder gut Wetter machen." + +"Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!" entgegnete Grete rauh, sich gleichsam +trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach +sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen +ihre Mutter: "Du haettest nur hoeren sollen, was sie alles vorbrachte. Da +verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: 'So geht doch, wenn +es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.' Das +schlug dem Fass den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt: +Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fuehlten sie beide, wie laestig sie +uns seien: von Liebe, Ruecksicht, Pietaet sei nicht die Rede. Wir faenden +uns mit der Thatsache, dass sie auf der Welt seien, notgedrungen ab.--Am +Ende, es ist doch meine Mutter," schloss Grete abermals schluchzend und +schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich. + +"Aber was war es denn? Was hat Euch denn so masslos aufgeregt?" forschte +Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als +die Laestigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl +seiner Frau bedrueckte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn +hervortretende Reizbarkeit. + +"Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gaensesauer sei +heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach +gefuehlt. Soweit duerfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, dass ich +Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Kueche gefragt, und +die Koechin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, dass die Kruke +schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie +mir dann wieder eine Rede ueber unsere, namentlich Deine Sparsamkeit +hielt, die schon sprichwoertlich geworden sei, verliess mich bereits die +Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen +und--und--" + +"Nun?" + +"Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich +einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach +Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen! +Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an +deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir +dann weniger beschaemt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit +die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, dass bei +jeder Zahlung etwas fehlt, und dass er es auch nachtraeglich zu +berichtigen vergisst. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder +zwoelf Mark gewesen. Das muesse bei einem korrekten Mann doch nicht +vorkommen. Ich sollte Dir natuerlich von alledem nichts sagen, aber, +aber--jetzt muss es doch heraus--" schloss Grete immer in demselben +Gemisch von Aerger ueber ihre Mutter und von halber Parteinahme fuer sie. + +"Und ganz ohne jeglichen Anlass von Deiner Seite kamen alle diese +Invektiven zum Vorschein?" + +"Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von +ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer fuer +hundertfuenfzig Mark angeschafft, waehrend sie schon die beiden +Prachtbauer besitzen. Darueber aeusserte ich mich, und dann antwortete +Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es +waeren. Und wir thaeten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwuerfen, +und erlaubten uns Bemerkungen ueber jegliches, was von ihnen ausginge. +Sie haetten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die +Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu +lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und +sich von mir Lehren zu holen!"-- + +Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stuermisch und erregt +herausgestossen. Nun uebermannte sie wieder ihre Bedrueckung, und weinend +und schluchzend hielt sie inne. + +Tankred aber, obschon er zuhoerte und auch den Sinn der Worte in sich +aufnahm, war schon laengst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken +gingen, nachdem er gesehen, dass es sich nicht um einen besonderen +Streitgrund handelte, allein zu den Vorfaellen in Falsterhof zurueck. Er +konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch +von dem alten Thema ab und sagte: + +"Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's +wahrlich auch kein Unglueck! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer, +weit schlimmerer Natur!" + +Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte +Antlitz. + +Tankred berichtete sodann ausfuehrlich ueber die stattgehabte Unterredung +und erzaehlte, dass Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und +eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Aeusserung als Anlass genommen +habe, um ihm in sehr wenig ruecksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach +heftigem Streit und trotz seiner versoehnenden Worte habe sie die +Erklaerung abgegeben, sie wolle ihm ueberhaupt nichts abtreten. Offenbar +suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr +gegebene Versprechen zurueckzunehmen, und habe jetzt gleich die +Gelegenheit dazu ergriffen. + +Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie +war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt, +aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon waehrend +seiner Erzaehlung an den Tag, dass sie weniger Theonie als ihm selbst die +Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob. + +Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes, +einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren, +halb vorwurfsvollen, halb misstrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in +eine so gereizte Stimmung, dass er an sich halten musste, um ihr nicht in +brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite +zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, dass er vielleicht die +Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Huelfe. Das +schien von Wirkung zu sein. + +Grete ueberlegte; dann sagte sie: "Lass einmal sehen, was sie Dir damals +geschrieben hat. Es waere ja moeglich, dass man die Sache wieder ins Gleis +bringen koennte." + +Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er +unschluessig, welches von den beiden Aktenstuecken ihr einzuhaendigen waere, +das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung, +in die er dadurch geraten, dass Grete wieder eins mit ihm zu sein schien, +den Sieg ueber seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das +Falsifikat hervor und ueberreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch, +legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, dass +noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred +auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren +und mit Theonie zu sprechen, waehrend er mit Streckwitz reden wollte. + +Nicht in der frueheren, deutlich hervortretenden Uebereinstimmung mit ihm, +aber, wie es schien, doch ruhiger und versoehnlicher als beim Eingang des +Gespraeches, hoerte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen +Mitternacht begaben sich beide--Grete unter einem schwermuetigen "Gute +Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich +alles so truebe aus!--" zur Ruhe. + +Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Fruehstueck wieder zusammen +sassen, erklaerte aber Grete dennoch zu Tankreds aeusserstem Verdruss, dass +sie bei nochmaliger Ueberlegung zu dem Entschluss gelangt sei, von einem +Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese +Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es +passe nicht fuer sie, ihr Gefuehl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern +habe er drueben erklaert, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie +kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck +hervorrufen. Er muesse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie +habe, wenn es mit den Eltern nicht so staende, wohl Neigung, mit ihrer +Mutter die Sache zu besprechen, ueberhaupt waere letztere geeigneter als +sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon koenne keine Rede sein, +es sei ja alles mit den Eltern aus.-- + +Tankred wollte anfaenglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre +Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwaehnung that, blitzte +es in ihm auf. + +Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen liess, +auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war +im Grunde richtig: fuer Grete passte es nicht; den Gedanken hatte Furcht +und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte: + +"Weisst Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich +handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen, +ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen koenne. Ich aeussere erst +mein Bedauern, dass gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und +lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir muessen alle Minen +springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und +Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir +muessen ihn und sie vorher abfangen." + +Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau +von Tressen liesse sagen, sie sei nicht wohl, sie muesse bedauern, heute +niemanden sehen zu koennen. + +Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen +jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und +sagte: + +"Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist. +Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache +ueber den Kopf." + +Grete aeusserte kein Nein und kein Ja. + +"Versuch's!" warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser +einen Angelegenheit beschaeftigt, uebersah ihr Wesen, schob es auf die mit +ihrem koerperlichen Zustand zusammenhaengende Unberechenbarkeit der +Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf. + +Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Fruehstueck erhoben, +als die Thuer mit einem schmeichelnden "Guten Morgen, Mama! Guten Morgen, +Papa!" von Tankred geoeffnet ward. + +"Entschuldigt, dass ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam +nicht zurueck! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile," fuhr er +kriechend fort. + +Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklaerte er, +dass Grete sehr bedrueckt sei, und dass der gestrige Zwist hoffentlich +der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu +geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rueckte er mit der +Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausfuehrlich und bat seine +Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie ueber eine Abfindung zu +verhandeln. + +Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen +pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, dass Frau von Tressen auf seine +Bitte eingehen werde. Er war daher aufs hoechste betroffen und nicht +minder geaergert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schuettelte +und sagte: + +"Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir +durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei +der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefasst werden, +und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von +deinem Schritt erzaehlte, gleich gedacht, dass das nichts werden wuerde. +Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschaeft, bei dem es ihr von +Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere +Gesichtspunkte. In dem Schriftstueck hat sie fuenf Jahre ausbedungen und +wuerde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht +genommenen Verguenstigung wuerdig gezeigt haettest. Hat sie jetzt schon +nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluss, wie es ihre +ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde +ich nichts aendern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie +gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten +Anlass haben. Begnuegt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch +dessen, lasst jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach +Fremdem. Das ist mein Rat. Dass es uns natuerlich angenehm gewesen waere, +dass es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, dass auch +Du etwas in die Ehe bringen wuerdest, brauche ich nicht hervorzuheben. +Aber es ist ueberhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben, +dass es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren +Augen wenigstens nicht. Das schoene Glueck, das wir ertraeumt haben, ist +dahin, und unser Entschluss, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es +ist ja sehr schoen, dass Ihr das bedauert, es scheint mir auch natuerlich, +aber es aendert nichts an der Einsicht, dass ein Zusammenleben zwischen +uns unmoeglich ist!--So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und +nun lasse uns aus dem Spiel." + +"Nun, wie Du willst," entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen +Worten zugehoert hatte, und in dem trotz aller hoechst unliebsamen +Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche +Klugheit und Besonnenheit ueberwogen. "Ihr werdet es aber noch bereuen, +und ein fuer allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du +fortwaehrend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig +Geschmack. Sie eignen sich mehr fuer Schulkinder als fuer uns." + +Nach diesen Worten verliess er mit einer impertinenten Miene das Zimmer. + +"Nein, es ist nichts!" rief er, als er zurueckkehrte, und Grete fragend +und in sichtbar grosser Erregung das Haupt erhob. "Und Du hast recht, es +ist ueberhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann +lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil! +Gott sei Dank, dass die Quaelerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns +selbst genug, meine Grete?" schloss er schmeichelnd und werbend und +umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie +aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen, +seinen Zaertlichkeiten, stiess ein rauhes: "Nein, nein, lass, ich mag jetzt +nicht!" heraus und verliess das Gemach. + +Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterliess es doch. +Er wuerde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing +mit ihrem gegenwaertigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs +Einfluesse, dem er aber jetzt kuendigen wollte, und die Lamentationen von +denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht +beeinflusste ueberdies die Enttaeuschung Grete, aber die wuerde bald wieder +einem anderen Gefuehl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken +war wieder voll bester Hoffnungen. + + * * * * * + +Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich. +Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus fuehrte, fragte +Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat, +deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz +abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach. + +Hederich stand, den Ruecken der Thuer zugewendet, ueber eine Kiste gebueckt, +in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin +vermutend, und ohne sich umzuwenden. + +"Was ist--was ist?--Drum und dran--jetzt habe ich keine Zeit.--Wie? +Was?--Ah, ah--Sie, liebe Frau von Brecken?--Verzeihen Sie! Bitte, nehmen +Sie Platz.--Nein, es ist gar nichts. Es war nur--drum und dran--Hier, +hier sitzen Sie bequemer.--Ja, ich will gleich sagen, dass ich nicht zu +Hause bin, dass wir ganz ungestoert bleiben." + +Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurueck und nahm neben +Grete, die mit trueber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte, +Platz. + +"Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Boeses?" begann Hederich, +sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll +Teilnahme anblickend. + +Aber statt zu antworten, legte Grete ploetzlich die Haende vor das +Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust. + +"Es ist aus, alles aus, Hederich," stiess sie, nachdem er zaertlich, wie +man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. "Ich bin +traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich--Mama und +Papa wollen unabaenderlich fort. Und noch anderes: Ich fuehle--o +Hederich!--es ist schrecklich--entsetzlich--, allmaehlich eine nicht zu +erklaerende Abneigung gegen Brecken.--Und doch vielleicht sehr +erklaerbar," fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. "Er ist +nicht gut, ich seh's,--er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich +gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und ruecksichtslos war, +aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen +Sie, Hederich, ich moechte wieder von ihm. Ich moechte meine Freiheit +zurueck haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht ueber ihn +ausgesprochen, und ich jetzt sehe und hoere, wie sie alle ueber ihn +denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesaenderung bestaerkt, alles +betaetigt. Ich fuehle, dass sein Einfluss auf mich nicht gut war, dass er +meine Fehler, meine Engherzigkeit foerderte, dass er es gewesen, der mich +den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas +ganz Selbstverstaendliches ansehen liess. Er bringt uns ueberhaupt mit +aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurueck--ich +merke es wohl--, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir +erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht +uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben +jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun +auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie ueberworfen!" + +"Wie? Mit Frau Cromwell auch?" stiess Hederich, dem alles andere von +Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr +frueher oder spaeter hatte kommen sehen, auf den das Zerwuerfnis mit +Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus. + +Und nun sagte sie ihm alles, was sie wusste, und wie sie trotz Tankreds +Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloss: +"Er hat's natuerlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er +wuenschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn +spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf. +Ach--ach--Hederich--ich weiss nicht, was werden soll. Hat mich Mama so +beeinflusst? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darueber +klar, dass ich nicht gluecklich bin und mit Brecken nicht leben kann. + +Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken, +Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflusst mich durchaus nicht. +Ich schwoere es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich +bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine +Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurueckzugewinnen, mir die Achtung +anderer zurueckzuerwerben, mich mit Mama auszusoehnen und meine Seelenruhe +wieder zu erlangen. O, ich moechte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von +ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu +rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun +helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab? +Ich muss wieder frei sein!" + +Der Mann, der Grete durch besaenftigende Einschaltungen und Trostworte +wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt +und sagte: + +"Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine +schwere, sehr schwere Sache, und das muessen Sie selbst wissen. Wie +wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er laesst Sie nicht gutwillig, +und wenn er Sie wirklich laesst--passen Sie auf--dann verlangt er +womoeglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum +einen Bettel hin. Ich sag's--drum und dran--offen, wie ich's mein. Und +erlauben Sie die Frage: Haben Sie Guetergemeinschaft mit ihm +geschlossen?" + +"Ja--a--, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof +als sicher in Aussicht stellte.--Bitte vergessen Sie doch nicht, +Hederich," schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes +Kopfschuetteln begegnete, "welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur +die beste Meinung von ihm fassen! Er wusste sich so einzuschmeicheln, dass +wir die abfaelligen Urteile anderer bloss als Neid und Missgunst ansahen, +als das Ergebnis seines haeufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich +hervorbrechenden jaehzornigen Natur. Gewiss, ich weiss, Sie warnten mich. +Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin +ein Weib und habe Fleisch und Blut--" + +Die Frau brach ploetzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie +als Resultat ihrer raschen Ueberlegungen, aber auch so, als habe ein +Vorgespraech darueber stattgefunden: "Ja, das waere eine Moeglichkeit, dass +wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder fuer sich. +Nun ja denn--ich will's versuchen, so lange es geht," schloss sie, dumpf +resigniert. "Dann koennen die Eltern bleiben, und gerade sie sollen +bleiben, 'er' mag sich von uns separieren." + +Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch +eindringlicher auf sie ein, bat, dass sie sich beruhigen moege, und gab +auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, dass sie so +ploetzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenueber gelangt sei. + +"Nicht ploetzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluss +aufgerafft," entgegnete sie mit einer eigentuemlichen Weichheit im Ton. +"Und wissen Sie nicht, dass mir schon waehrend meiner Verlobung bisweilen +Zweifel kamen, dass ich fuehlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte, +dass ich aeusserte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz foerdere, +statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiss, ich hatte +zeitweilig alle Sehkraft verloren, waehrend unserer langen Reise fast +ganz, aber die letzten Gespraeche mit Mama, zusammen mit allen Vorgaengen, +brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor +dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rueckhaltlos entrollte. +Das Gefuehl fuer Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich +konnte meinen Mann ploetzlich nicht sehen; ueber alles, was er that und +sagte, stieg Aerger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles +berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich beruehrte, und +meine Gelassenheit und Ruhe waren schon laengst kuenstlich oder ein +Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen fuer ihn." + +Waehrend Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und +ueberbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloss abgegeben; Peter habe es +heruebergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort +haben solle. + +"Von Falsterhof? Von Theonie?" Grete erbrach den Brief mit fieberhafter +Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie +mit grossen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen, +liess sie die Schriftstuecke aus der Hand fallen und sank stoehnend und wie +vernichtet in den Sessel zurueck. + + * * * * * + +Als Tankred, waehrend dies bei Hederich geschah, auf den in +Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte, +zog ein eben dem Stall sich naehernder Diener den Hut und fragte, ob er +das Vergnuegen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem +in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu +reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag fuer +seinen Besuch zu waehlen. Nicht wenig ueberrascht, aber auch von Misstrauen +erfasst, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte +sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners ueber +die Krankheit klang so ueberzeugend, dass Tankred von der Annahme, +Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit +zu ihm vermeiden, sogleich zurueck kam. Aber die Ungeduld, doch irgend +etwas seinen Plaenen Foerderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so +sehr, dass er beschloss, Hoeppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit +direkt oder indirekt fuer sich zu wirken. + +Frau Hoeppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des +Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzaehlte ihm +sogleich sehr besorgt, dass ihr Mann wieder einmal das Bett hueten muesse. +Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Waehrend +sie ihr Gespraech in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten, +schon deshalb, weil Tankred sah, dass die Gelegenheit, ueber seine Sache +zu reden, durchaus keine guenstige war, meldete die Magd den Doktor, der +sogleich ins Zimmer trat und berichtete, dass er bereits bei dem nachts +vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei. + +Tankred stellte sich voellig unwissend und bat den Arzt, Naeheres +mitzuteilen. + +Es koenne eine sehr langwierige Sache werden, aeusserte der Doktor Ernst, +ein etwas kurz und buendig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit +vielfach angegriffener, aber ungewoehnlich zuverlaessiger Mann. Es seien +leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe +in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt. + +Die Pastorin hoerte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid +fuer Theonie. + +Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am +Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklaerte sie. + +Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich +bei diesen Worten aber noch einmal zurueck und sagte: "Es waere allerdings +sehr wuenschenswert, dass Frau Cromwell zuverlaessige Mitteilung in +schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorlaeufig nur +sagen lassen, dass er heute verhindert sei, sie zu besuchen." + +"So, so!" stiess die Pastorin lebhaft heraus. "Ja, dann muss ich doch +wohl sehen, ob ich nicht--Aber halt! Wuerden Sie es nicht vielleicht +uebernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?" + +Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als +einziger Verwandter grade die richtige Persoenlichkeit. Der Doktor +stimmte auch zu und sah, bereits in der Thuer gehend, Tankred ermunternd +an. + +"Ja natuerlich--gewiss--ich werde alles besorgen!" gab Tankred, dem +ploetzlich ein Gedanke durch den Kopf schoss, bereitwillig zurueck. "Und +was meinen Sie, Herr Doktor, waere es wuenschenswert, dass meine Kousine +etwa zur Pflege hinueberkaeme?" + +"Nein--ich denke--wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine wuerde, +abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt +werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, dass etwas Erkaeltung und Fieber +vorhanden sei. Sie werde taeglich Nachricht erhalten."-- + +Wenige Minuten spaeter hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred +war schon wieder auf dem zum Wirtshaus. + +Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt +schaffen wollte! dachte er, waehrend er dahinschritt. Dann, dann konnte +alles noch gut werden! In ihrem Schmerz wuerde Theonie wieder weicher, +nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt. +Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil +nuetzen! + +Im Krug angekommen, liess er sich Papier und Tinte geben und schrieb: + + 'Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufaellig bei Hoeppners war und dort + den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, dass Dein + Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen + zu koennen, dass Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann + Dich Dein Braeutigam in den naechsten Tagen nicht. Ich waehle diese Form + der Mitteilung, da ich persoenlich ja nicht vor Dir erscheinen darf. + Ist es denn wirklich wahr, dass jedes Band zwischen uns zerrissen ist? + Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche + Natur stets nachher tief bereuenden + + T. v. Brecken?' + +So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an +sich, bestieg sein Pferd und liess es, als er nach einem Stuendchen das +Verwalterhaus von Falsterhof beruehrte, von dort aus Theonie hintragen. + +Nach einigen Umwegen ueber den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag +wieder nach Hause zurueck und berichtete seiner ihm abermals mit einem +eigentuemlich stillen und verschlossenen Wesen gegenuebertretenden Frau, +weshalb er unverrichteter Sache zurueckkehre. + +"Die Zeit muss es klaeren, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine +Hoffnung weniger!" stiess sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und +bueckte sich ueber ihre Handarbeit. + +"Was sagst Du? Du bist so sonderbar!" forschte Tankred mit einem Anflug +von Ungeduld. Ihn aergerte ihr Wesen. "War Mama unten?" + +"Nein!" + +"Sprachst Du niemanden?" + +"Ich verstehe Dich nicht--" + +Tankred fuehlte, dass seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie +eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren +Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie. + +"Hederich war hier! Er sagte es mir doch--" setzte er, seine +Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an. + +Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an. + +"Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du +das." + +"Oft thue ich das? Was soll das heissen? Was hast Du ueberhaupt? Du bist +so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflusst? Sprich!" + +"Ach Tankred--" ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe, +schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das +Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer +ploetzlichen, unerklaerlichen Unruhe vermischter Gefuehlsdrang mahnte den +Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zaertlich und versoehnend auf +sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu +zuegeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuss und wiederholte +ungeduldig, drohend und gebieterisch: + +"Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich +aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben +intriguiert?--Nun? Wirst Du antworten?" + +Aber unwillkuerlich trat Tankred zurueck. Statt sich zu fuegen, richtete +Grete ploetzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine +Gestalt musternd, rief sie: + +"Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse +nur von niemandem ausser Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke +es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal.--A--h--" stiess die Frau +langgezogen heraus und fiel in einen Sessel "Wie grenzenlos traurig +starrt mich das Leben an!" + +Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so +unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte, +so tief erschuettert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, dass ihn +gegenwaertig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern +grenzenlose Ueberraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar +war, dass sich inzwischen etwas Ausserordentliches zugetragen, Angst, +Feigheit und der brennende Drang nach Aufklaerung. Und da griff er zur +Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und +ergab sich einer lamentierenden Weichmuetigkeit. Er begann, von sich zu +sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrueckt er sei, da doch +die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm +voruebergingen, wie entschuldbar es sei, dass er erregt und reizbar waere, +und dass, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht uebe, das Leben +nicht mehr lebenswert fuer ihn sei. Und reden koenne sie doch wenigstens, +das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt. + +Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei +Zerwuerfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie sass da wie +eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin. + +Dann stiess sie in ihrer eigentuemlichen, eine ganze Gedankenreihe +zusammenfassenden Weise heraus: + +"Ja, ja! Jeder sucht sich den Ruecken zu decken. Aber nur die That +ueberzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!" + +Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck fuer sich sprechend, fuegte +sie hinzu: + +"Was handelte ich ein fuer das, was ich hingab? Was ist mir dafuer +geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint +mehr, als dass es lacht--es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von +uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die +Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn aendern. Und +wer verschuldet das alles?" + +"Nun? Wer, wenn's wahr waere? Bin ich's?" + +Tankred sprach's mit wilder Gebaerde und sah seine Frau drohend an. Er +war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geoeffneten Munde +erschienen seine Zaehne wie die eines Raubtieres. Aber er floesste ihr +keine Furcht ein. + +"Gleichviel--es ist so--und ich muss es tragen,"--stiess sie mit finsterm +Trotz heraus und stuetzte den Kopf mit dem schoenen, kalten Antlitz auf +die Hand. + +Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos. + +"Ja, ja, Du musst es tragen!" betonte er roh und hoehnisch. "Und das +Buendnis mit mir bereust Du jetzt natuerlich, seitdem die Aussichten auf +Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kaelte. +Jetzt bin ich Dir nichts mehr!--Natuerlich, natuerlich, Du kalte, +berechnende Natur!" + +"O Du--!" stiess die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den +Mann mit einem Ausdruck massloser, mit Ekel und Weh vermischter +Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was +sie noch in ihrem Herzen fuer ihn fuehlte. Und er wusste auch jetzt durch +ihren Blick, dass er sie verloren, dass sie ihn erkannt hatte als das, was +er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die +Personen, die Misstrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu +solcher Flamme, sollten buessen. Zunaechst jedoch noch einem anderen +Gedanken folgend, sagte er und draengte seinen Blick in ihre Augen: + +"Uebrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als voellig nebensaechlich +zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du +mich denn je geliebt?" + +"Wozu--das--?" + +"Gleichviel--sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle +ja nicht!" + +"Ich glaubte Dich zu lieben, ja!--" + +"Und nun liebst Du mich nicht mehr?" + +"Nein!" + +Sie sprach's mit grausamer Kaelte. + +"Nein?" + +Es drang tobend und stoehnend, fast wie ein Gebruell aus des Mannes +Brust. Was sein Gefuehl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nuechtern +bestaetigt. Aber was war denn geschehen, dass im Lauf weniger Tage sich +dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn, +Enttaeuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefuehl grenzenloser Unbefriedigung +wirbelten in Tankreds Innerem zusammen. + +"Nein?" wiederholte er. "Und da es nicht die Enttaeuschung ist, die Dir +Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren +trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun, +was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?" + +"Besser, Du haettest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es +ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Waerme, aber ich +mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres +enthuellt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in +dieser Stunde geschehen, loetet doch kein Kuenstler wieder zusammen, und +haette er eines Gottes Hand. Hier!" fuhr sie fort, knoepfte ihr Mieder auf +und zog Papiere hervor. "Lies diese mir heute morgen von Theonie +zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage. +Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann +wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun hoere und wisse: Als +ich mich entschloss, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler, +aber in ihnen zugleich Zeichen kraeftiger Maennlichkeit, die ich um so +hoeher schaetzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermisst hatte! Sie +respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefuehl, das ich +selbst fuer Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt, +sondern Ekel vor Dir. Gewiss, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig +Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt +meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie +schlecht. Ich hasse die Luege, die Unehrlichkeit, die Maske, die +Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch +diesen einen Blick in Deinen Charakter ploetzlich die Binde von meinen +Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt +habe? Hattest Du denn je fuer mich ein ehrliches Gefuehl? Nein, Du hattest +nur Gefuehl und Sinn fuer mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu +dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung ueber +mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O--welche Meinung! Ich bin +so beschaemt, so bedrueckt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern, +dass der Tod mir eine Erloesung waere. Nach reiner Luft schreie ich; wie +verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphaere! Droben meine Mutter in +Thraenen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu--selbst +Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst +bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir +foerdernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei +ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, dass ich so +weit sank, dass mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und +Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand +gesagt haette, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer haette +die Nachricht auf mich wirken koennen, als der Beweis, dass Du ein +Faelscher bist."---- + +Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann +regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zaehne zusammenbissen, +ging unruhig hin und her. + +Dann aber raffte er sich auf, warf hoehnisch den Kopf zurueck und griff +nach Theonies Schreiben. Es lautete: + + 'Sehr geehrte Frau von Brecken! + + Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, dass eine + Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat. + Ich habe sie nicht herbeigefuehrt, sondern er, und wenn er sich meiner + hoeflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich + die Erbangelegenheit zu ordnen, gefuegt haette, wenn er nicht abermals + Schuld auf Schuld gehaeuft und an den Tag gelegt haette, dass seine + Wandlung nur eine rein aeusserliche geblieben, wuerde ich sicher das + Eventualversprechen spaeter in ein definitives verwandelt haben. Er + aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses + verbieten musste, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine + in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm + Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und + Verwandter, dem etwas zu gewaehren ist, sondern wie einer, der etwas zu + fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will. + + Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklaerte, dass er + durch sein empoerendes Verhalten ein fuer allemal jeden Anspruch + verwirkt habe, spielte er eine widerwaertige Komoedie und schob, statt + seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein + heisses Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhaertete + voellig meinen Entschluss, das Tuch zwischen uns zu zerreissen. + + Ich fuege Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein + instaendiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren. + Aber ich will ueberdies, dass Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich + nicht weiss, was er Ihnen erzaehlt hat, bedarf es zur richtigen + Schaetzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen. + + Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluss unabaenderlich, so + unabaenderlich ist, dass ich bereits eine anderweitige unumstossbare + Verfuegung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklaerung zur + Verfuegung. + + Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen + werden, ich bitte, nicht allzu strenge ueber mich. Ich vermochte nicht + anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter + traegt die Schuld an diesem Ergebnis. + + Die Ihrige + + Theonie Cromwell geb. von Brecken.'-- + +Zunaechst begab sich Grete nach dem voelligen Bruch mit ihrem Manne auf +ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen +Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich ueberhaupt auf der +Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die +Erde, alle Geschoepfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall +entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles +geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der +einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen +auch muessig war, deren Unloesbarkeit aber die Qual und den Lebensueberdruss, +der Grete erfasst hatte, erhoehten. Und doch gingen allmaehlich ihre +Gedanken wieder zurueck auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie +sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gaenzlichen +Oede ihres Innern trat--wie umgekehrt dem Gluecksrausch die Ernuechterung +zu folgen pflegt--ein Gefuehl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit +der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemaechtigte sich ihrer. + +War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so voellig zu +verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein! +Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, dass ihr Herz sproeder +als dasjenige anderer war, dass ihr Ich sich vordraengte, sondern die +Harmonie ihres Innern zurueck zu gewinnen, gluecklich zu sein, darauf kam +es an! Und um gluecklich zu sein, musste man andere gluecklich machen, das +hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwuerfnis mit ihrer Mutter, +deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war +verderblicher, als vor dem Unglueck den Nacken zu beugen. + +Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedaechtnis +eingepraegt hatte: + + Feiger Gedanken + Baengliches Schwanken, + Aengstliches Zagen, + Weibisches Klagen + Wendet kein Elend, macht dich nicht frei. + Allen Gewalten + Zum Trotz sich erhalten, + Nimmer sich beugen, + Kraeftig sich zeigen. + Rufet die Arme der Goetter herbei! + +Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunaechst zu ihrer +Mutter gehen und versuchen, sie zu versoehnen, und dann, nachdem das +geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu loesen. Es ging +doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es +Hederich gegenueber geaeussert hatte. Halbe Verhaeltnisse waren von allem +das schlechteste. Sie wollte eine vollstaendige Scheidung herbeifuehren, +und wenn sie darum kaempfen sollte mit den letzten, aeussersten Kraeften +und--Opfern. + +Opfern?--Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten +Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau +atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer. +Ihre guten Vorsaetze stritten heiss mit ihrem Egoismus.-- + +Einige Stunden spaeter stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da +sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschluessig, was sie thun +sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, dass sie zauderte, +ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick oeffnete Frau +von Tressen die Thuer und rief ueber den Korridor nach dem Diener. + +"Ich suchte ihn auch, Mama--" erklaerte Grete. + +"Grete, Du?" ging's in masslosem Erstaunen aus dem Munde der Frau. + +Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stuermisch +ihrer Mutter Hand. + +"Ich moechte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!" +begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und liess sich an dem +Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versoehnung +erbittenden, weichen Ausdruck nieder. + +"Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?" fuhr sie draengend fort. "Ich +komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und +meinem Mann--" + +Frau von Tressen, die mit groesster Ueberraschung zugehoert, fuhr bei dem +legten Satz unwillkuerlich in die Hoehe. + +"Ich will los von ihm!" fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden +fort. "Ich habe eingesehen, dass wir nicht fuer einander passen. Wir +ergaenzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmoeglich +macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, dass ich mich wieder von ihm +trenne." + +Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Plaene. + +Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Sueden abreisen, und ihre +Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht, +vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu +besprechen. Er sollte persoenlich mit Tankred verhandeln. + +In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein +Sturm von Empfindungen. Dieser ploetzliche Entschluss in so bestimmter +Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der +Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der +Nuechternheit ihrer Auffassung so ausserordentlich, sie verrieten so +ungewoehnliche Vorgaenge, dass Frau von Tressen vor allem in Grete drang, +sich ihr ganz anzuvertrauen. + +"Es war schon lange etwas in mir," entgegnete die Frau. "Ich wollte es +mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht +nur aeusserlich, fuer Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder +auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir +stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kaempfe in +mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst +auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmaehlich den Gedanken in mir, dass +es so nicht weiter gehen koenne. Ich war auch nicht blind fuer das, was +sonst um mich her vorging." + +In dieser und aehnlicher Weise eroerterte Grete ihrer Mutter die einzelnen +Vorgaenge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch +Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds +Faelschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine +furchtbare Aufregung. + +Am Schluss legte Grete, gedraengt von ihrem Gefuehl, einen besonders +zaertlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der ueber ihre Wandlung +bewegten Mutter, dass nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem +Entschluss gelangt war, sondern dass auch die Liebe zu ihr einen Anteil +daran gehabt hatte. + +Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer +begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und +meldete seiner Herrin, dass Herr von Brecken bereits vor einer Stunde +fortgeritten sei und hinterlassen habe, dass er wahrscheinlich nicht zu +Tisch komme. + +Dies veranlasste Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu +bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen. + +Als sie beisammen sassen, ward die Reise eroertert, und Grete erklaerte, +dass sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle. + +"Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen frueh gleich ab und +begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer +Ruecksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg." + +Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein, +nichts zu ueberstuerzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so +wichtiger Entschluss beduerfe der Ueberlegung; auch um der Menschen willen +sei es ratsam, es so einzurichten, dass nichts Auffaelliges in ihrer +Abreise gefunden werden koenne. + +"Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt +rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, dass sie sich schon vorher mit +unseren Angelegenheiten befasst?" + +Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie +doch bei ihrem Willen und fuegte sich nur darin, sich nicht heute schon +in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal +der Anlass zu Gespraechen entzogen werde. + +"Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir hoere, die mir abmahnt," +sagte sie. "Uebrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rueckkehr +zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erklaere, wir wollten +uns auf Reisen begeben." + +"Thue auch das nicht," riet Frau von Tressen. "Er wird Dich zu hindern +suchen. Fuege Dich heute scheinbar, und dann lass uns morgen ohne +Ruecksicht handeln."-- + +Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken. +Grete hoerte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde +Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geraeusch, +als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestuerzt. + +Als sie erschrocken, aber auch gereizt ueber diesen Laerm, die Thuer +oeffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebaerden am Treppenabsatz +stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem +Ungluecklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich +packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen. + +"Nein, er bleibt!" erklaerte Grete in aeusserster Empoerung, und nur mit +Muehe sich bezwingend. "Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird, +und ich will nicht, dass der Mensch wie ein Hund davongejagt wird." + +Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der +Hautabschuerfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien, +zu, er moege in sein Zimmer gehen, dort das Noetige fuer sich thun und +spaeter zu ihr kommen. + +Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau. + +Er ueberschuettete sie, ohne Ruecksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit +lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief: + +"Und nun in Dein Zimmer! Es wird ueberhaupt Zeit, dass ich hier ein +anderes Regiment einfuehre, den Durchstechereien, Sentimentalitaeten und +Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und +unten gruendlich aufraeume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite +kennen lernen.--Nun, hoerst Du nicht? Marsch, vorwaerts, oder--" + +Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz +bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thuer. Und nun ertoente +ein furchtbarer, markerschuetternder Aufschrei--und dann folgte etwas, +das allen Plaenen und Reisegedanken fuer jetzt und immer ein Ende machte. + + * * * * * + +Drei Tage spaeter war's. Ein neues lebendes Wesen und--eine Tote. + +Indem die Frau ihrem Kinde ein zu fruehes Dasein gegeben, hatte sie ihr +eigenes eingebuesst, und unversoehnt mit dem Manne, dem sie einst in der +Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden +Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kaempfen +dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt. + +Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Raeume, die Dienstboten +schlichen aengstlich fluesternd einher, und Frau von Tressen, die keinen +Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie +vernichtet. + +Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit +gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das +kleine Wesen zu kuemmern. + +Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte +oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft +sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer +Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die +Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, dass sie wie +zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empoerung aufschrie. + +Und Gedanken kamen und loesten sich ab, und ihre Seele weinte. + +Nein! Es war nicht moeglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte +nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fuerchterlich. +Jetzt erst fuehlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber +auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, dass sie einer +Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte. + +Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, dass er +nicht erwarten konnte, dass die Leiche aus dem Hause kam, dass das +'Gejammer' ein Ende nahm, dass er ganz allein Herr wurde im Hause und sie +verjagen konnte fuer immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Ueberlegung, +welchen Nutzen er fuer sich aus diesem Vorfall ziehen konnte. + +Kein Zweifel, er wuerde Holzwerder fuer seinen Sohn in Anspruch nehmen, +auf die Guetergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als frueher +benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft. + +Seinen Schwiegervater hatte er waehrend dieser Tage nicht einmal besucht, +mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten +Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe ueber seine Lippen gekommen. Nur +dem Arzt gegenueber hatte er eine widerliche Komoedie gespielt, damit er +die Eindruecke hinaustrage in die Umgegend. + +Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung +der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die +Haende reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es +doch trotz allerlei Widerwaertigkeiten so gut mit ihm meinte. + +Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da +droben wuerden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er wuerde sie +kurz und buendig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den +Haenden geben, hiess mit dem Feuer spielen. Gewiss, der Balg war ihm +unbequem, aber diese Gene musste er schon mit in den Kauf nehmen. + +Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhoeht durch etwas sehr +Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag +fast aussichtslos darnieder; es schien jede Moeglichkeit ausgeschlossen, +dass er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begraebnis +gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt. + +Und dann beschaeftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem +Naechstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen wuerden, was die +Frau vorbringen, welche Vorschlaege sie wegen des Kindes machen werde. + +Der naechste Tag musste Entscheidendes herbeifuehren. + +Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne dass die Schwiegereltern +sich ruehrten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Ruecksprache mit +Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich, +war besorgt, sie liess wie frueher unten kochen und sich oben bedienen und +machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Aenderung +herbeizufuehren oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes +Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermassen auf, dass er schon +wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem +Schlupfwinkel herauszutreiben. + +Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken, +ob es weise sei, noch mehr Anlass zu Gespraechen zu geben. Er hatte eine +Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging, +dass man ihn fuer den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt +war, und dass sich Geruechte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte +von Theonie in Verbindung standen. + +Die Worte: "So was mit Papieren soll nicht richtig sein" waren an sein +Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck +in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht +fuer ihn gewesen, dass er im Fluge nach Hause geeilt war, um das +Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen +gehalten hatte, zu verbrennen. + +Wo kamen aber diese Geruechte her? Entweder von Falsterhof oder von +Hederich. + +Dieser Hederich, wie er ihn hasste! Nur Ruecksicht auf Grete hatte +verhindert, dass Tankred nicht laengst seine Absicht, ihm den Laufpass zu +geben, zur Ausfuehrung gebracht hatte. + +Zunaechst liess er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen. +Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war +damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und +bei der Grabrede Hoeppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte +Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es +ihn geaergert. Auch die Pastorin Hoeppner hatte sich angestellt, als sei +der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschaetzung, die +man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer +erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration.-- + +Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrueckter Miene zu +seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die +Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie +Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich +kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins. + +In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch fuer +Brecken uebrig gehabt. Auch hatte ihn eine voellige Gleichgueltigkeit +erfasst, welche Meinung Brecken ueber ihn, den Untergebenen, habe, ob er +ihm gar die Thuer weisen werde. + +Brecken ekelte ihn ueber die Massen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin +lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Beruehrung kamen, +am Ende aufdraengte. + +Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte: + +"Sie wuenschten mich zu sprechen?" + +"Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!" warf Tankred, den +diese kurze Art aeusserst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und +trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer. + +Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten +seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines +zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch hoeflich gewesen. Tankred +aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da +ploetzlich kam Hederich ein Entschluss, ein fester, unabaenderlicher. + +Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er +geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen +war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rueden Habenichts, diesem +Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und +wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen fuer immer. + +Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da +mit stolzer Miene, als Brecken zurueckkehrte. + +"Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine +Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter--" + +"Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, dass ich heute meinen +Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Auftraege mehr von +Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen +hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, dass wir jeden Tag +gegenseitig das Recht haben, unser Verhaeltnis zu loesen. Von diesem Recht +mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!" + +"So, das sind ja sehr huebsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur +so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was +ist denn der Grund, mein Geschaetzter, dass Sie sich die Erlaubnis nehmen, +in solcher Weise jede Ruecksicht ausser acht zu lassen und mir zu +begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand +entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das +intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so +wenig hellen Kopf ploetzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich +nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezueglich ihrer Vortrefflichkeit +sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder haelt sich fuer einen Gott, und, +bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisaeerhaft an +die Brust schlagende, ausserordentlich wenig, fast nichts leistende, aber +dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter froehnende Gesellschaft. Nun, +antworten Sie, welche Gruende haben Sie, sich ploetzlich in die Brust zu +werfen, als waeren Sie ein Caesar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun +sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so +viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklaerung!" + +Diese in einem masslos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese +Ausfaelle, welche Hederich in solcher Staerke nicht im entferntesten +erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, dass +der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen +Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunaechst ganz fassungslos. Auch +gaben sie seinem urspruenglichen Entschluss eine voellig andere Richtung. +Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit +Brecken einliess. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, +ernst und wuerdevoll: + +"Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der +Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kuendigung und deren Ursachen, +fuer mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in +Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und +dran, in den Weg legen, so weiss ich, wo ich Schutz und Recht finden +kann, und werde davon sehr ausgiebig fuer mich und andere Gebrauch +machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von +Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!" + +Nachdem Hederich gegangen war, zuendete Tankred die ihm bei dem Gespraech +ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz +in die Kaminflamme hielt. Waehrend er sich mit dem Anbrennen muehte, +ueberdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das +hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzaehlen, wie er, Brecken, +ueber die ganze Idiotengesellschaft dachte. + +Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu +einem voellig klaren Nachdenken ueber sich selbst. Waehrend er da in seinem +Lehnsessel hockte, murmelte er: + +"Ich besitze Gaben, durch die ich Grosses schaffen koennte, aber sie +bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs +stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil +sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jaehzorn und Mangel an Maessigung +verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Guenstiges schafft, wird durch +mein Ungestuem meist wieder aufgehoben." + +Und eine aengstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die fluesterte, +es sei nur Schein, dass Gretes Tod, das Zerwuerfnis mit Tressens, der +Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm foerderlich werden +wuerden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder +beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die +Erfuellung seiner Wuensche? Und das Gute ueben, war langweilig und oede, +und durch die Entaeusserung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als +der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und +befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er +sich moralisierend in Sack und Asche huellte.-- + + * * * * * + +Am Abend dieses Tages sass Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war +gekommen, um Abschied zu nehmen; am naechsten Vormittag wollte er das Gut +verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach +Elsterhausen begeben. + +Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch +diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den +letzten Halt, und nun war es auch fuer sie nicht mehr zweifelhaft, dass +sie Holzwerder aufgeben muessten. In diesen Trauertagen hatten sie einen +Entschluss ueberhaupt nicht fassen koennen. Bei ihren Ueberlegungen sprach +bald alles fuer ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte +aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie +blieben, wuerde die Grossmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und +eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre +zweifellos gefaehrdeten Rechte. Es stand ja alles fuer sie in Frage. Aber +dann draengte es sich ihnen wieder auf, dass es doch unmoeglich sei, mit +einem solchen Menschen, einem Faelscher, ferner unter einem Dache zu +wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr +sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Beruehrung zu gelangen. + +Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach +Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher +hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage +Unschluessigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der +jaeh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die +Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen. + +"Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst, gnaedige +Frau!" erklaerte Hederich, nachdem er Bericht ueber seine Begegnung mit +Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht +hatte. "Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen +Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber +klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht +bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann muessen alle +Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behoerde muss +gemacht werden, dass ihm als einer vertrauensunwuerdigen Person die +Vormundschaft ueber das Kind genommen wird. Gern wuerde ich in Ihrem +Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr +anhoeren, und--drum und dran--ich halte, abgehen von meiner Abneigung, +jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits +auch fuer gaenzlich aussichtslos." + +"Nun, so will ich mich selbst aufraffen," entschied Frau von Tressen mit +blitzendem Auge, und ploetzlich wie verwandelt. "Morgen vormittag werden +wir im klaren darueber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden +dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbaermliche seine +Rolle weiter spielt!" + + * * * * * + +Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in +Breckendorf dufteten die Blumen, die Baeume und Gebuesche prangten in +Kraft und Schoenheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er +bluetenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es +Zwitschern und Singen froehlicher Voegel. Ein sanfter Regen, der ueber +nacht herabgefallen, hatte den durch laengere Duerre hervorgerufenen Staub +verwischt und das muede Traeumen der Natur in frisches Leben verwandelt, +in dem sich nun die neuen Triebe kraeftig hervordraengten. Und freudiges +Leben erfuellte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau +Hoeppner lief in Haus, Hof, Kueche und Keller umher und sah nach dem +Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stuermte jauchzend durch die +Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor +schien endlich mit aller Krankheit aufgeraeumt zu haben; sein Aussehen +war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar. + +Die beiden Gatten ernteten die Fruechte ihrer Herzensguete durch +Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in +Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit +naeherte, dass die Einweihung vor der Thuer stand, durchstroemte sie ein +Gefuehl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein grosses Fest bereitet. + +Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und +Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche +Sorgfalt retten koennen; noch einmal war das Glueck wie eine helle Sonne +vor Theonies Thuer erschienen, aber nur zu schnell war es wieder +verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen. +Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem grossen +Hause oder wanderte todesbetruebt durch den Park. + +Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fuelle +entfaltet. Die Voegel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute +laendlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal +froehliches Singen. Aber die Frau hoerte davon nichts, und wenn's ihr Auge +und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so +schmerzerregender an das, was sie verloren hatte. + +Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach +Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt. + +Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den +Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem +eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklaert, sich zu ferneren Raten +nicht mehr verstehen zu koennen. Falls Tressens es angebracht finden +sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die +gerichtliche Entscheidung erwarten. + +Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken +gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklaert, was sie wollte, und +ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei +waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen: + +Dass alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte +Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier +wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der +Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen +haetten, so waere nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Dass +er die Schuld an ihrem Tode trage, sei laecherlich. Er habe allerdings +eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten +vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien +anderen schon viel schwerere Dinge zugestossen, ohne dass sie ueble Folgen +davon getragen haetten. Aber jede Krankheit schliesse die Moeglichkeit +eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein +Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein +natuerlicher Vormund. + +In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles noetige +vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern +geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen +Fall Bedacht genommen waere. Er sei indes als Nutzniesser des Besitzes +nicht abgeneigt, ihnen bis zur Muendigkeit des Knaben eine monatliche +Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, dass Tressens sich den Bedingungen +unterwuerfen, die er stellen muesse. + +Zu diesen Bedingungen gehoerte in erster Linie, dass sie Holzwerder +raeumten, und ferner, dass sie sich verpflichteten, in die Erziehung des +Kindes in keiner Weise einzugreifen. + +Sobald ihm aber je auf Tressens zurueckzufuehrende Anschuldigungen und +Verleumdungen, beispielsweise, dass er an Gretes Tod Schuld trage, oder +der Unsinn, dass er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als +das von Theonie ausgefuellte vorgelegt habe, zu Ohren kaemen, werde er +keinerlei Zahlung mehr leisten und ueberhaupt jede Erinnerung an einst +mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen ausloeschen. Das sei sein +unabaenderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte +er sich ueberhaupt zu nichts, sie besaessen keinerlei Rechte, sondern seien +lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen. + +Nach diesen kaltherzigen Erklaerungen hatte er freilich auch wieder eine +versoehnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal +ohne Voreingenommenheit zu pruefen, ob's nicht besser sei, dass sie sich +trennten, ob er anders handeln koenne bezueglich des eigenen Kindes; er +zeige doch jetzt, dass er wahrlich kein selbstsuechtiger Mensch sei. Es +habe sich die Maer gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte, +egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine +glueckliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles +Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter +seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben, +und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur +daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er +niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred +hatte mit der Versicherung geschlossen, dass, wenn er auch nichts +schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so koenne Frau von +Tressen doch darauf bauen, dass er schon um Gretes willen, die er so sehr +geliebt habe, sein Wort halten werde.-- + +Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres +Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Grossmutter hatte +das Kind in Tankreds Haenden lassen muessen. Gegen einen solchen Menschen +gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine +solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines +Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen +Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein +Prozess waehren, und wovon sollten Tressens, die sehr verwoehnten Menschen, +in der Zwischenzeit leben? Eine Weile wuerde es wohl gehen, da sie Kredit +besassen, so lange nicht bekannt wurde, dass sie mittellos geworden; aber +am Ende vermochte selbst der Genuegsamste sich auf die Dauer ohne Geld +nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstuetzung +angehen zu muessen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie +Empoerung darueber, dass der Schurke nun auch noch diesen Akt von +Niedertraechtigkeit gegen sie ausgeuebt hatte. + +Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat +nach Elsterhausen gefahren, um seine Huelfe in Anspruch zu nehmen. Er +hatte sich erboten, vorher noch einmal muendlich mit Brecken Ruecksprache +zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits +klar zu machen, dass er einen Prozess unmoeglich gewinnen koenne. + +Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein +gutes Wort geben, hiess sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefuehl +baeumten sich dagegen auf. + +Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten +Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rueckgrat.-- + +Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf +den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem +Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein. + +Die seitdem eingetretenen Veraenderungen fielen ihm sofort auf: von der +vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen +Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten, +war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nuetzlichkeit +gestellt. Dem Schoenheitssinn waren keine Rechte mehr eingeraeumt, denn zu +beiden Seiten der Wirtschaftsgebaeude lagen jetzt Misthaufen, zwischen +dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die frueher +sorgfaeltig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die +Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlaessigten +Chaussee. + +Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden +waren verhaengt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststuerme von +den Waenden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die +Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der +Wirtschaftsgebaeude kostete Geld, und Geldausgeben war dem voellig zum +Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel. + +Als Brix in das Schloss eintrat, hantierte Tankred in einem abgenuetzten +Hausrock im Flur und haemmerte selbst an einem wackelig gewordenen +Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergeraet. Er +konnte sich nicht mehr entschliessen, einen Handwerker auf den Hof kommen +zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, ueberlegte +er, ob er ihr nicht ausweichen koenne. + +Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfaenglich seine Zuege, +dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und noetigte den +unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach. + +Hier zeigte sich noch die urspruengliche Eleganz; der Fussteppich wies +zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten +ueberall dem Auge entgegen. + +Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub +zu entfernen war, da trachtete der Mann aengstlich, es zu erhalten. Der +Geiz aeussert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert +Dinge, oft ist er blind. + +"Ich komme," hub Brix an, "um ueber das unseren gemeinsamen Freunden von +Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiss nicht, Herr von +Brecken, worauf sich Ihre Sinnesaenderung stuetzt, aber ich weiss, dass Ihre +Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt +worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie muessen darben, wenn sie +nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen +Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig +wieder eintreten zu lassen." + +Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden +Worte eine Erwiderung. + +Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretaer einige +Aktenstuecke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus. + +"Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern +geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem +ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens +keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie +gefaelligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?" + +Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit +einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschaeftlich zu +behandelnde Angelegenheit in Frage. + +"Meine Ansicht ueber die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente +von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des hoechsten +Gerichtshofes nicht aendern, Herr von Brecken," entgegnete mit kuehler +Abwehr der Justizrat. "Es ist daher wertlos, dass ich die Auffassung +meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht +deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefuehl +zu appellieren. Ich moechte einen Vergleich anstreben, durch den das +wahrlich fuer die Aussenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses +zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden +wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie +haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird +doch sicher einen hoechst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man +erfaehrt, dass Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien +verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthaetigkeit Fremder in +Anspruch zu nehmen." + +Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehoert. Nachdem der Justizrat +aber geendet, stiess er, alle dessen Worte umgehend, heraus: + +"Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen! +Warum koennen die Leute sich nicht einschraenken? Mit der Haelfte werden +sie auch leben koennen!" + +Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte +die Sache lediglich aus Geiz eingefaedelt. Er wollte durch dieses +Vorgehen die Haelfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann--nun +dann mochte es auf einen Prozess ankommen! + +Aber dass er damit kein Glueck haben werde, sah Brecken freilich sehr bald +ein. + +"Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken," erwiderte der Justizrat, "dass +Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen wuerden, so +muss ich Ihnen sofort erklaeren, dass davon nicht die Rede sein kann. Sie +denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, wuerden vielmehr, +wenn Sie auf dem--entschuldigen Sie--unmenschlichen Standpunkt beharren, +in der Klage beantragen, dass ihnen die Vormundschaft ueber Ihren Sohn +uebertragen und die Nutzniessung des Vermoegens zugesprochen wird. Und +wenn wir das erstreiten sollten, wie wuerden dann die Sachen fuer Sie +stehen?" + +Brecken lachte hoehnisch. + +"Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit +Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Maenner. Ich +lebte mit meiner Frau in Guetergemeinschaft, folglich gehoert mir nach +ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen, +das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde fuer den Fall einer +Nachkommenschaft bestimmt, dass jeder von uns bis zur Muendigkeit unserer +Kinder die Nutzniessung des Vermoegens behalten, spaeter aber Ansprueche auf +eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentuemlichen Anschauungen +steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch +selbst die Verfuegung ueber das Vermoegen entzogen. Fuer die mir +eingeraeumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte fuer ihre +Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem +Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft +absprechen will, der muss den klaren Verstand verloren haben." + +"So wuerde es allerdings auf den ersten Blick scheinen," warf Brix ein. +"Aber die Ansprueche Ihrer Schwiegereltern koennen nicht alteriert werden, +denn sie wurden ihnen eingeraeumt, damit sie zu leben vermoechten. Und +ferner: Ihre Frau Gemahlin gewaehrte Ihnen die erwaehnten Vorteile aus +zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die +Ehe zu bringen versprachen, und zweitens--" + +"Nun?" + +"Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, dass diese +Ihre Behauptung eine begruendete sei!" + +"Also--was wollen Sie denn weiter?" + +"Was ich will? Sie besassen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer +Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafuer wuerden wir +Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen." + +Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Faelschung erblickte, +zuckte Brecken unwillkuerlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem +Angesicht. Aber nur fuer Sekunden ward er eingeschuechtert. + +"Ich verstehe Sie nicht," warf er dann hin. "Wenn das eine Anspielung +auf ebenso gehaessige wie unerhoerte Anschuldigungen sein soll, so erwarte +ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind." + +"Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage +Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage--Sie gaben doch eine Zusage +betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern--festhalten +wollen oder auf deren Zurueckziehung bestehen?" + +"Ja, ich bestehe darauf. Hoechstens wuerde ich mich bereit erklaeren, +Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das wuerde ich ihnen +dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genoetigt bin, sondern +aus Ruecksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag." + +Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles +nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, dass der Eigennutz +allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel +erfuellt, dass er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof +schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen. + +Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Naehe von +Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um +in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem +Vorhaben bestaerkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den +Gutshof fuehrende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begruessung schloss er +sich ihm an, und zehn Minuten spaeter sassen beide bereits in Theonies +Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte. +Waehrend er dann auf die traurigen Verhaeltnisse der alten Tressens zu +sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr, +mit ihr in den Garten hinauszutreten. + +Er erzaehlte, dass er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den +Eindruck bekommen habe, dass ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in +Not befaenden. + +"Sehen Sie, Fraeulein Carin, ich komme eigentlich--drum und dran--mit +einer Bitte," erklaerte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit +den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm +herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten +nicht gleich zu ihm aufblickte. + +"Ja, bitte, Herr Hederich!" ermunterte Carin ihn nun weich und +freundlich. + +"Ich meine naemlich so, Fraeulein Carin: Ich bringe es nicht ueber die +Lippen, Frau von Tressen zu bitten, dass sie ein Darlehn von mir +annimmt, nein--drum und dran--ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch +nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben +wollten--ich meine--ich meine--mit Frau von Tressen zu sprechen, dass +ich--ich--Sie verstehen, Fraeulein Carin." + +"Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!" entgegnete das junge Maedchen, +bewegt durch diese mit so grosser Zartheit gepaarte Herzensguete, und +schaute Hederich voll ins Antlitz. "Ich will auch gern Ihren Wunsch +erfuellen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber waere es nicht richtiger, +wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form, +das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner +Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu +nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder +bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist." + +"Na ja, das ist wohl richtig--obgleich--obgleich, Fraeulein Carin--" +erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort: +"Glauben Sie, dass auch Frau Theonie etwas thun wuerde, wenn's noetig +waere?" + +"Ich weiss es nicht. Sie spricht ueber gewisse Dinge nie mit mir. Ueber +ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung +nicht anders als mit den Worten geaeussert, sie habe jede Verbindung mit +ihm abgebrochen. Dass sie sich fuer Tressens interessiert, ist indes +zweifellos." + +"Sagen Sie, Fraeulein Carin, es ist--drum und dran--hier jetzt wohl recht +oede und einsam fuer Sie?" fuhr Hederich, abermals das Gespraechsthema +willkuerlich aendernd, fort. "Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten." + +"Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von +Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, dass sie oft Tage lang +nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns." + +"Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fraeulein Carin?" + +Das Maedchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem +Ernst: + +"Mich haelt das Pflichtgefuehl und--die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl +hin, Herr Hederich?" + +Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhoehe im Park +gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Aeckern, Waldungen, kleinen +glitzernden Fluessen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Waehrend sie +gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er: + +"Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu +kaufen. Elmenried heisst es, Fraeulein Carin. Ich haette es mir schon +zugelegt, wenn--drum und dran--" + +"Nun?" machte Carin verwundert. + +"Ach, Fraeulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz +einsam, und moechte--drum und dran--einen festen Halt haben. Das ist es! +Das haelt mich ab!" + +"Sie muessten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!" + +"Wer will mich? Und wenn ein Maedchen mich wirklich wollte, so moechte +ich sie wohl nicht. Eine, ja eine--die--die--" + +Er senkte das Haupt und stoehnte. + +Durch das Innere der Verlassenen zog ploetzlich ein nie gekanntes Gefuehl; +diesem braven Manne anzugehoeren, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen, +nicht mehr abhaengig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben! +Welch eine wunderbare Aussicht--welch ein Glueck! + +Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit +einem warmen, zaertlichen Gefuehl, erhob sie das Auge und sagte leise: + +"Eine, Hederich?--Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?" + +Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge +so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stiess +heraus: + +"Ja--ich will ihn nennen--drum und dran--denn einmal muss es doch heraus, +und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht laenger bei mir +behalten, weil es mir das Herz abdrueckt. Sie sind es, Fraeulein Carin! +Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht uebel--bitte, Fraeulein Carin--" + +"Uebel nehmen? Kann sich ein Maedchen nicht nur geehrt fuehlen, wenn ein +rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn +auch sie ihm--gut ist--wenn auch sie ihn lieb--" + +"Ach--ah--Fraeulein Carin!" ging's stuermisch aus des Mannes Brust. "Ist's +wahr? Ist's moeglich? Sie koennten?--Sie wollten wirklich--?" + +Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren +Haenden, kuesste sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar +wie ein Kind. + +Sie aber schuettelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend: + +"Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, dass Sie das arme Maedchen +ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie +versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!" + +Die Sonne legte sich eben voll und glaenzend ueber die Landschaft, aber +selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die ueber des +Mannes Antlitz zogen. + +"Fraeulein Carin--Fraeulein Carin!" rief er selig, nahm sie in seine Arme +und legte kindlich seinen runden, grossen Kopf an ihre Brust. Sie aber +ergriff mit beiden Haenden des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich +und kuesste ihn sanft auf den Mund.-- + + * * * * * + +In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix +keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die +Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstaerkt. Er sagte sich +einerseits, dass man ihm keine guten Worte geben wuerde, wenn man sich +sicher fuehlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits +schaetzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozess konnte er mit +einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und waehrend +dessen wuerden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben, +weich und fuegsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten +konnte er benutzen, um ihre Ansprueche moeglichst herabzudruecken. +Natuerlich, am liebsten wuerde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen +haben, aber da er selbst keineswegs ueberzeugt war, dass die richterliche +Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon +jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen. + +Waehrend seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, ueberfiel ihn +der draengende Reiz, sich vor Augen zu fuehren, wie viel er ueberhaupt +besitze, und nicht zum erstenmal oeffnete er--immer mit derselben +brennenden Gier--seinen Schreibtisch, zog Buecher und Schriftstuecke +hervor, rechnete und zaehlte und weidete seine Augen an den im +Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen +Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden +Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben +noch mehr ermaessigen und die Einnahmen erhoehen koenne. + +Und dann ploetzlich fiel es ihm auf die Seele, dass eine Zeit kommen +werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er +in eine aehnliche Lage geraten koenne, wie jetzt seine Schwiegereltern. +Und das regte ihn solchergestalt auf, dass er emporsprang und ueberdachte, +ob er darin nicht doch eine Aenderung herbei zu fuehren vermoege. Nein, es +gab keine in dem gewoehnlichen Sinne.--Nur, wenn Gretes Kind stuerbe, dann +--dann--den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen +vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, dass Theonie und sein Sohn eines +Tages sterben koennten, erregte sein Inneres, aber dass diesen beiden +Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden koenne, das trieb ihm das Blut +ans Herz. Dass doch immer solche Gedanken sich seiner wieder +bemaechtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloss hastig seinen +Schreibtisch, drehte den Schluessel an dem Geldschrank ab und eilte, in +der Sicherheit, dass draussen andere Eindruecke die ihn peinigend +verfolgenden Gedanken verwischen wuerden, ins Freie. + +Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof +betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurueck, +betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lueftete den Vorhang von der +Wiege und versicherte sich, dass der Knabe atmete--dass er lebte.----Lange +stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Zuege. Es sah Grete +aehnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde +auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm +werde es gleichen.----War's ein Glueck fuer das Kind, zu leben? Nein! +Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf +eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht +hoeher achtete, als das einer Fliege,--und ob sie da war in der Schoepfung +oder nicht, welchen Wert hatte das?--wuenschte er auch diesem jungen +Wesen den Tod. + +Ein Glueck fuer den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurueckzog in ihren +Schoss! Ja, die Erde----aber kein gewaltsames Abschneiden des +Lebensfadens!-- + +Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen +waere? Brecken ueberlegte.--Am unauffaelligsten geschah's jedenfalls durch +Ersticken;--Spuren einer gewaltthaetigen Hand waren dann nicht sichtbar. + +Man musste es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken ueber +sich. Ein Erstickungsanfall, befoerdert durch Husten! Ja, ja, dergleichen +kam vor!--Oder eine starke Dosis Opium--aber das war schon +gefaehrlicher.--Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon +wieder bei so furchtbaren Gedanken, waehrend er doch zurueckgeeilt war, um +sich zu vergewissern, dass das Kind lebte.---- + +Ein heisses Gefuehl kam ueber ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der +Gefuehl fuer dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und +unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich +Tankred von Brecken herab und kuesste zum erstenmal seinen Knaben auf die +Stirn. Aber der den Saeuglingen dumpfe Geruch stiess ihn ab, und die durch +dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das +Gefuehl ueberhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte, +erlosch die zaertliche Empfindung des Mannes im Nu wieder. + +Mit dem alten, gleichgueltigen Blick sah Brecken den Knaben an und +verliess unter dem Gedanken, dass er es dem Schicksal anheim geben muesse, +ob es seine Plaene foerdern wolle, das Gemach. + +Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den +Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit laengerer Zeit +erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der +grauen Stute Liese beschaeftigte Tankred in der naechsten Stunde mehr als +irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein.---- + +Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushaelterin,--die maennliche +Dienerschaft hatte Brecken entlassen und ausser dieser Frau nur noch die +Kindeswaerterin und ein Maedchen behalten,--dass Herr Pastor Hoeppner auf +dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wuensche. + +"Pastor Hoeppner?" wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber +hinaus und noetigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer. + +"Welche besonderen Umstaende verschaffen mir das Vergnuegen, Sie einmal +wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?" begann er +mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rueckte einen Stuhl heran und griff +nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und +seinen Dank ausdrueckenden Pastor anbot. + +Da Hoeppner schon gluecklich war, wenn er ueberhaupt nur rauchen konnte, +von der Guete einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken +aus der sogenannten 'Leutekiste' angeboten; sich selbst aber hatte er +eine andere und bessere angezuendet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer +bedient. + +Hoeppner begann mit der Erklaerung, dass er in der Naehe zu thun gehabt und +die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu +sagen. Er fuegte hinzu, dass auch seine Frau ihn ermuntert habe, in +Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beilaeufig +eingestreuten Bemerkung sicher ueberzeugt, dass die Frau den Mann +abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Hoeppner +ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespraech +durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen +gehoert habe. + +Nein, er sei durch sein zurueckgezogenes Leben mit dem, was sich draussen +ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen +Erstaunen Ausdruck, als nun Hoeppner ihm die Verlobung Hederichs mit +Carin mitteilte. + +Dann freilich erging er sich in spoettischen Bemerkungen und aeusserte, +ohne auf Hoeppners Zartgefuehl irgend welche Ruecksicht zu nehmen, diese +Verlobung komme ihm vor, als verbaende sich ein Kameel mit einer +Bachstelze. + +"O, o--o--" machte Hoeppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger +durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Uebergang +zu der Angelegenheit, die ihn hergefuehrt hatte. Er sagte: + +"Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, moechte +ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten +Schwiegereltern anzuhoeren. Wie ich zu meinem grossen Leidwesen gehoert +habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift +mahnt uns Menschen--" + +Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte +Tankred von Brecken zu hoeren; er unterbrach Pastor Hoeppner jaeh und +sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend: + +"Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war +Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine +Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, dass sie nach wie vor auf +der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natuerlich +werden da wieder die ungeheuerlichsten Geruechte ausgesprengt; aber das +Zutreffende ist allein, dass ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil +die uebrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu gross sind." + +"So, so? In der That?--Das waere ja etwas ganz anderes, als was uns +berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau--" + +"Ja, das ist eben das Unglueck, verehrter Herr Pastor, dass meine +Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr passt, +so stellt sie es dar. Sie weiss sehr wohl, um was es sich handelt, +aber--" + +"Nein, ich versichere Sie, sie weiss es nicht," schob Hoeppner, arglos den +Worten des Mannes nachgehend, ein. "Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen +erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre +Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen--" + +"Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von +einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nuetzen, denn mit dem, +was ich bieten koennte, wuerden sie ja doch"--Brecken betonte seine wie +beilaeufig hingeworfenen Worte--"nicht zufrieden sein." + +"Man koennte doch hoeren!" fiel Hoeppner eifrig ein. "Offen gesagt, Herr +von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten, +sich mit Ihren Schwiegereltern auszusoehnen.--Also, wie viel koennten Sie +zahlen?" + +Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr +zweifelte, dass der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er +anfaenglich von der Haelfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte +er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er +ueberwand sein Zaudern rasch und sagte: + +"Mit fuenf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und +das waere schon das Aeusserste." + +"Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von +Brecken!" stiess Hoeppner erschrocken heraus und schuettelte in groesster +Enttaeuschung den Kopf. + +Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts- +und Vernunftgruende oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei +Brecken haetten verfangen koennen, auch sonst alles, was etwa guenstig auf +ihn haette wirken koennen, hervor und schloss mit den Worten: + +"Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die +Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verstaendigung bieten!" + +"Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen +zu befassen," entgegnete Brecken, brutal sprechend. "Nein, er mag seine +Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber +so!--" + +"Herr von Brecken! Herr von Brecken!" stiess Hoeppner, zum erstenmal die +Devotion in Ton und Miene ausser acht lassend, heraus und schuettelte den +Kopf. "Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versoehnung aus dem Wege +gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme. +Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so muessen Sie das mit sich +selbst abmachen und mit dem, der ueber uns allen thront als ein Richter +unserer Handlungen. Ich weiss, Sie glauben nicht an ein hoeheres Wesen; +der Gottesbegriff ist fuer Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie +stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der +Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen +seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung! +Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts +fuer ungut, aber ich moechte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in +Klementinenhof dienen; ich moechte Sie bewahren vor Reue und +Seelenunruhe." + +"Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen +an, aber Sie vergessen,--ich sehe von Ihren religioesen Mahnungen +ab,--dass in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Koennen. Und +dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein! +Verunglimpfen, verdaechtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie +streuen die infamsten Geruechte ueber mich aus, reden von Faelschungen, und +was weiss ich; und ich soll das wie ein Lamm ueber mich ergehen lassen? +Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!" + +Die legten Saetze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren, +ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen +ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand fuer seine Handlungsweise +heranzuziehen. + +Aus Hoeppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, dass sein +Misstrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt +der Pastor ueber die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn +aenderte das natuerlich nicht, und er hielt auch den 'langweiligen +Salbaderer' nicht zurueck, als er endlich aufbrach und sich, aeusserst +bedrueckt ueber das Misslingen seines Versuches, empfahl. + +Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, dass ja nun Carin +demnaechst Falsterhof verlassen werde, dass dort dann zwei Augen weniger +seien, und dass nun doch vielleicht--Ja! was denn? Brecken griff in die +Zigarrenkiste und entzuendete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine +Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei +der entsetzlichen Ueberlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer +Verkuerzung der Lebensdauer Theonies zu Huelfe kommen koenne---- + + * * * * * + +Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins +Land gezogen. + +Das von Hoeppner begruendete Armenhaus hatte seine Pforten geoeffnet, in +seinen Raeumen befanden sich Kranke und Beduerftige, und woechentlich +wenigstens einmal begab sich Frau Hoeppner, meist mit Lene an der Hand, +in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen. + +Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu +ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefuehl, wenn sie leidende Menschen +sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsaetze in sich auf, die ihre +Pflegemutter den Nebenmenschen gegenueber leiteten. + +Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm +vorlaeufig nur gepachteten kleinen Guetchen Elmenried. Die beiden Leute +genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von +einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber +bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen muessen, atmete beseligt +auf, und die taeglichen Beweise von Liebe und Herzensguete, die sie von +ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurueck, denn sie liebte +ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemuet entspringt und auf Achtung +beruht. + +Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thaetigkeit ausgefuellt +waren und durch frohen Lebensdrang einen erhoehten Wert empfingen, flogen +fuer Carin dahin; Haus, Hof, Kueche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit +gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Hoeppner und +Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich +ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektuere und Musik +weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Hoeppner und +Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor +und Carins Mann fanden sich als Gemuetsmenschen zusammen, und die beiden +Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung. +Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische +Gegner. + +Aber waehrend sich bei ihnen durch guenstige materielle Verhaeltnisse, +durch weise Beschraenkung im Lebensgenuss und durch Sparsamkeit das Glueck +eine feste Staette bereitete, sah es bei Tressens allmaehlich immer +trauriger aus. + +Die Huelfe Hederichs, die ihnen durch Brix und spaeter auch durch Carin +angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin +selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Guete und Freundschaft ruehre sie, +aber sie wuerden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklaert. +Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch +das Leben bezwungen, lieber Ueberfluessiges entbehren, als den Druck von +Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die +Hoffnung! Der Prozess war sogleich angestrengt worden, er musste sich in +einem halben Jahre entscheiden. + +Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens ausser acht gelassen, mit +wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt +Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material +herbeizuschaffen sei, dann wieder wusste er die Termine hinauszuschieben, +indem er Krankheit vorschuetzte. Einen Formfehler in dem ersten +Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die +Folge von alledem war, dass die Sache nach einem halben Jahre, zumal die +Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand. + +Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Sueden +angetreten, und es hiess, dass er nicht vor dem ersten Maerz zurueckkehren +werde.-- + +Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen. +Mit waermster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genaehert und +gleich bei der ersten Beruehrung geaeussert: + +"Wenn ich Ihnen irgend wie nuetzen kann, verfuegen Sie ueber mich. Es giebt +keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst, +den ich Ihnen nicht leisten wuerde." + +Gegenwaertig aber beschaeftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als +nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr +Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn +sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken fuer sie: Gretes Kind +einmal an ihr Herz zu druecken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene +suchte nach einer Abloesung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch +von Sorge erfuellt, dass dem Knaben, der fremden Haenden anvertraut war, +etwas zustossen koenne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht +gekommen zu sein, oder voellige Gleichgueltigkeit hatte seine Handlungen +bestimmt. + +Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persoenlichen +Empfindungen zurueckgedraengt und sich der Grossmutter als Pflegerin des +Kindes waehrend seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch +dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um +dessen willen schaedlichen Zufaelligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es +nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen +den Eintritt ins Schloss zu verweigern, ihr unter keinen Umstaenden eine +Beruehrung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten. + +Die Waerterin war ein braves, mitleidiges Geschoepf, aber die +Haushaelterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht, +durch den deren bisherige weibliche Stuetze abgeloest war, und der zum +Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen musste, +befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich +waehrend seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen +werde, zu ihm in voelliger Abhaengigkeit. + +Dennoch beschloss Frau von Tressen--es war acht Tage vor +Weihnachten--einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Huelfe +der frueheren Haushaelterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von +ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei +Huelfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre duerftige Lage als +Kaetnerin verbesserte. + +Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden, +dass die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushaelterin +vom Schloss entfernen wuerde. Es war wahrscheinlich, dass sie kurz vor dem +Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermaedchen +veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und +so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen. + +Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt frueh +morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, dass 'die vom +Schloss' am Nachmittag nicht anwesend sei, und dass das Maedchen zugesagt +habe, den 'kleinen Herrn' zu ihr zu bringen. + +Waehrend Frau von Tressen, in ihren Mantel gehuellt, dahinfuhr, kamen ihr +beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit +der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmuetige Gedanken, auch die +Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, dass ihre Augen sich +wiederholt mit Thraenen fuellten. + +Wo war das Glueck von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr; +sie, die Mutter, musste sich versteckt ihrem frueheren Eigentum naehern +und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefaehrt +benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwaertigen Lage schon ein +Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne +thatsaechlich dem Nichts gegenueber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen +auflehnte, sie musste jetzt Huelfe bei Freunden suchen. Es lag auch in +ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie +auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rueckhaltlos anzuvertrauen. + +Eine Summe fuer den Unterhalt des naechsten halben Jahres wollte sie von +ihr erbitten. Dann endlich wuerde doch der Prozess, und, wie sie annahm, +zu ihren Gunsten entschieden sein. + +Als sie an Falsterhof vorueberkam, forschte sie gespannt hinueber. In der +breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein +Wagen dort gefahren, und kein Fussgaenger gegangen. Einsam und abgestorben +stieg das Herrenhaus aus der weissen Schneeflaeche ueber den kahlen Baeumen +empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht +umschneiten Schornsteinen draengte sich nicht einmal ein Leben +verratendes Rauchwoelkchen. Es war richtig--die Betrachtung kam der +Frau--dass nicht Geld und Besitz das Glueck bedingte. Theonie war die +reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie +konnte Feste geben, die Fuersten beschaemten, und ihr Haus zu einem +Sammelplatz auserlesener Geister machen. + +Aber alles das hatte keinen Reiz fuer sie. Ihr Herz trug zu viel +blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl haette auferwecken koennen +aus seinem Grabe, sie wuerde alles dafuer hingegeben haben. + +Und wie haeufig Vergleiche Lichter in sich schliessen, aus denen sich eine +leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle. +Ploetzlich kam's ueber die Frau mit Sicherheit, dass sie doch noch einmal +wieder auf Holzwerder herrschen, dass sie neben ihrem Enkel stehen und +sich nochmals das Glueck des Lebens zurueckerobern werde. + +Aber freilich, vorlaeufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten +Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen +Besitzung zu und musste schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde +einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zaertlich in ihre Arme schliessen +durfte. + +Als Frau von Tressen in die Naehe der Wohnung der alten Hanne gelangt +war, liess sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuss in +die Kate. Es war ihr sehr auffallend, dass ihr auf ihr Klopfen nicht +gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstaerkte sich, als sie beim +Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand. + +Waehrend sie noch unschluessig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine +korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon +aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie, +naeher gekommen, Worte fand, erklaerte sie, dass der schon seit einiger +Zeit kraenkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, dass die +Magd nicht wage, ihn in der Kaelte nach der Kate zu bringen, und nichts +anderes uebrig bleibe, als dass sich die gnaedige Frau ins Schloss bemuehe. +Freilich sei das--sie muesse selbst ihr Bedenken aeussern--sehr gefaehrlich. +Man werde die gnaedige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn +von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Boeses daraus +erwachsen. Der Herr kenne ja keine Ruecksicht, sobald man sich ihm nicht +bedingungslos fuege. Aber trotzdem solle die gnaedige Frau selbst +entscheiden. + +Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der +Enttaeuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was +ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder +absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis. + +Aber jaehlings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluss. Sie +wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen, +es mochte daraus entstehen, was wollte! + +So gab sie sich denn aeusserlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, dass +sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle +sich vielmehr allein aufs Schloss begeben, um ihr Enkelkind zu sehen. + +"Sie haben der Magd doch nicht gesagt, dass ich kommen wuerde? Sie weiss +nichts von meinem Hiersein?" schloss sie fragend; und nachdem Hanne dies +verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte ueber den +Hof nach dem Herrenhause. + +Tief herabstimmend waren die Eindruecke, die sie dabei empfing. Was Brix +ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurueck. +Eine voellige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte, +und insbesondere bei dem Anblick des vernachlaessigten Herrenhauses +traten Frau von Tressen unwillkuerlich die Thraenen in die Augen. + +Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kaelte, Oede und Kargheit +wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thuer zur +Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die +Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und +machte sehr erstaunte Augen, ploetzlich eine elegant gekleidete Dame vor +sich zu sehen. + +Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hoerte sie +auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden +Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Ruehrung ergriffen, +immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Haenden des Maedchens und +drueckte ihn weinend an die Brust. + +"Mein Kind--mein suesses, liebes Kind--" schluchzte die Frau. + +Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe +sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es +nicht wieder. Es war undenkbar! + +Sie sprach auf die Magd ein, sie erklaerte ihr, wer sie sei, welche +Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche +Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blass, mager +und krank vor sich sehe. + +Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur +Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie +belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umstaenden ihr Verhalten +gutheissen! + +Fuer die Wirtschafterin werde sie einen Brief zuruecklassen und ihr darin +alles erklaeren. Sie werde sagen, dass sie sie gezwungen habe, ihr zu +folgen. + +Zu Frau von Tressens freudiger Ueberraschung machte die Magd keine +erheblichen Einwendungen. Entweder fuehlte sie Mitleid mit der Frau und +dem Kinde, oder sie wuenschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die +Langeweile drueckte sie, und da 'die Gnaedige' die Verantwortung +uebernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Grossmutter Weisung einen +Widerstand entgegenzusetzen. + +In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre +Habseligkeiten und alles fuer das Kind Notwendige zusammengepackt und +lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen. +Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf +einem Seitenwege des Parks die Landstrasse gewinnen. + +Sobald das Maedchen sich entfernt hatte, schloss Frau von Tressen Tankreds +Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte +einige Worte an die Haushaelterin auf. Sie erklaerte ihr Vorgehen durch +den koerperlichen Zustand des Kleinen. + +Als sie eben den Brief vollendet hatte, hoerte sie draussen Schritte. Ihr +Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn +hatte sie ganz vergessen. + +Aber nur kurze Zeit kaempfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie +sich, oeffnete die Thuer und sah hinaus. + +Ein wie ein Jaegerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig +sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer, +wo er offenbar die Magd gesucht hatte. + +Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur +List vermochte etwas. + +"Ah! Da ist jemand!" begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage +zuvorkommend. "Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich +suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn +nicht finde, moechte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen. +Einen Augenblick--" + +Und waehrend der Angeredete noch in Ueberraschung dastand und durch die +Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschuechtert verharrte, steckte +sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, ueberschrieb es an Theonie +und ueberreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern. + +"Sie muessen aber sofort hinuebereilen! Nehmen Sie den Weg ueber den Hof. +Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht +kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muss jeden Augenblick eintreffen, +und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben, +ohne Antwort." + +"Zu Befehl! Zu Befehl, gnaedige Frau! Soll alles bestens besorgt +werden!" bestaetigte der Mann ebenso arglos wie unterthaenig, dienerte und +machte sich rasch davon. + +Mit einem tiefen Atemzug liess sich Frau von Tressen in einen Sessel +sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung ueber sie; aber +sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von +Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zaertlichkeit an sich und +suchte es zu beruhigen. + +Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe, +Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie +aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine, +und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein +Erloesungsschrei aus ihrer Brust. + +Aber seltsam! Waehrend ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das +Gegenwaertige richteten, wurden andere Vorstellungen ploetzlich in ihr +lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen +einst und jetzt drangen ueberwaeltigend auf sie ein. + +Wie waere es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den +Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit +Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen +Besitzstoerung trotzig abwartete und dem Richter erklaerte, sie habe +gehandelt als natuerlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine +heiligsten Pflichten gegen das Kind ausser acht gelassen, da er zudem ein +Faelscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe, +so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemasst +habe?! + +Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch +das Gehirn der Frau.--Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins +Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor +fungierenden Grossknecht, der schon in frueheren Zeiten auf Holzwerder +beschaeftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie +den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen! + +Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Huelfe des Kutschers +alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunaechst +vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu. + + * * * * * + +Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von +Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte. + +Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von +Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer +Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere +zur Ausfuehrung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstuetzung von +Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen +solle, darueber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er +mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er wuerde +das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmassregel +war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hoeren! + +Von dem Warten auf eine guenstige Entwicklung des Prozesses hatte sie +nachgerade genug. Nur in einem Punkte musste sie doch Brix in Anspruch +nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zustaendige +Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit +Antraegen vorgehen, nicht etwa abwarten, dass Tankred ihr zuvor kam. + +Sie hatte die Absicht, zu erklaeren, dass ihr Schwiegersohn das Leben +ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhaertung ihrer +Behauptung wollte sie ein aerztliches Gutachten beibringen; ferner auf +Grund der Faelschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne +beantragen, dass die Guetergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar +sofort fuer null und nichtig erklaert, und dementsprechend auch Tankred +jegliches materielle Verfuegungsrecht ueber das Vermoegen entzogen werde. + +Ihre Rueckkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine +veraenderte Entschliessung hinstellen, zu der sie auf Grund frueherer +Abmachung berechtigt sei. + +Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof +gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan, +erklaert, dass er mit den massgebenden Personen auf Holzwerder sofort +sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet. + +Frau von Tressen befand sich in einer thatkraeftigen und gehobenen +Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu +behalten, noch verstaerkt ward. + +Als sie vor der Thuer des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege, +der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim +Aussteigen behuelflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen duester +melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung. +Ernst und stumm oeffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thuer zum +Wohnzimmer und erklaerte, dass Frau Cromwell alsbald erscheinen werde. +Frau von Tressen ueberlief ein inneres Froesteln, als sie sich allein +befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles +starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das +einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geraeusch, das Ticken einer +Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms. + +Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch guetiger +Miene begruesste, ward ihr Gemuet nicht entlastet, umsoweniger, da die +bleich und abgehaermt aussehende Frau berichtete, dass sie mit ihren +Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand, +sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe +der Hund fortwaehrend wuetend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die +Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas +entdeckt zu haben. + +Natuerlich wirke der Eindruck dieses naechtlichen Vorfalles nach und habe +ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt. + +Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzaehlung kam Theonie +dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn +von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespraech auf Holzwerder. + +Wohl eine Stunde waehrte die Unterredung. Frau von Tressen erzaehlte von +den gestrigen Vorfaellen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie +bisher raetselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die +durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmaehlich unhaltbar gewordene +Lage. + +Theonie erklaerte sich ohne Besinnen zur Huelfe bereit, und wenn sie auch, +ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Eroerterung der +Zahlungsmodalitaeten eine etwas pedantische Umstaendlichkeit an den Tag +legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel +Zartgefuehl, dass Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward. + +Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur +getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine +gleichgueltige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren +Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie +auszusprechen sichtlich Scheu empfand. + +Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig +aengstlichen Augen und ward zum Sprechen gedraengt. + +"Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen moechten, +liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Koennte +ich Ihnen in irgend etwas dienen?" + +Und da draengte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und fluesterte, +des letzten Satzes Inhalt abwehrend: + +"Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen fuer Ihre Guete. Es ist +etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiss es nicht, ich habe keinen +greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, dass Tankred sich gar nicht +im Sueden befindet, sondern sich in der Naehe aufhaelt, Unheil fuer uns +bruetet und--" + +Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit +furchtbarem Getoese ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und +beide Frauen fuhren entsetzt zusammen. + +"Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe," stiess Theonie, zuerst wieder +Worte gewinnend, heraus. "Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und +so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine +Ahnung ist thoericht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine +Moeglichkeit vorliegt. In diesem Sinne--ich bitte--fassen Sie meine Worte +auf, liebe Frau von Tressen!" + +Es sei oben ein Bild herabgestuerzt, hoerte noch Frau von Tressen eins der +hinaufgeeilten Maedchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von +einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten +spaeter das duestere und einsame Falsterhof im Ruecken hatte.-- + +Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht ueber den ihm gewordenen +Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses +wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemaechtigt, +und eben sei die Haushaelterin im Begriff gewesen, darueber an Tankred zu +berichten. Dies sei vorlaeufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von +Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befaenden +sich einem so ausserordentlichen Vorfall gegenueber so gut wie ratlos, und +nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklaert, er sei +durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner frueheren Herrschaft zurueck +zu treten. + +Die letzten Nachrichten kraeftigten Frau von Tressens Entschluss so sehr, +dass sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit +Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der +Justizrat besass ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er +allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang +anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden liess. Ohne lange +Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloss mit der +Erklaerung, dass sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von +Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schaerfe entwickelte +sie ihm ihren Standpunkt und schloss mit den Worten: + +"Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuss gefasst haben? Mit +Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem +Abkommen mit unserer Tochter ausdruecklich die freie Wahl gestellt ist, +dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen +deponieren wir zu Haenden des Gerichts, bis die Sache entschieden ist; +wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmaessiges Eingreifen in fremdes +Eigentum, erklaeren uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir +Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermoegen abstreiten." + +Frau von Tressen liess sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht +mehr irre machen; es war, als sei ein voellig anderer Mensch in sie +eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht +nur das Pflichtbewusstsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch +Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt. + +"Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden," erklaerte sie +Brix, "aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben +fuer meinen Enkelsohn. Das Glueck streckt die Haende nach mir aus, ich will +sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir +die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die +schlummernden Kraefte in mir von neuem anregt, zeigt es, dass es Gutes mit +mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze +ich um so mehr einem Schurken, dessen Staerke nur darin besteht, dass man +ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich +werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das +Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den +entferne ich mit Gewalt!" + + * * * * * + +Es war an einem dunklen und stuermischen Wintertage im Anfang Januar, als +ein einzelner Fussgaenger sich um die Nachtzeit Falsterhof naeherte, am +Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich +unschluessig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um +sich blickte. Der Fussgaenger war Tankred von Brecken, und was ihn heute +furchtbares beschaeftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen +Wochen ausschliesslich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder +verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum +Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zufluesterte: Thu's, +und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentuemer +einer halben Million! + +Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier, +dass die Schwierigkeiten, die zu ueberwinden waren, ihm wie ein Nichts +erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders duenkten, als +alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann +wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austoente, und +seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher +gefaelligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und +die Feigheit--nicht seine bessere Natur, weil sie ueberhaupt keine Stimme +in ihm besass--riss ihn zurueck und stuerzte alle Plaene ueber den Haufen. Und +wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nuechternheit geredet und das Wort +behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und +fluesterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann +sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof! +Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit +raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwuergt, war leise +hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen +Haenden erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder +hinausgeschlichen,--noch immer besass er von seinem damaligen Aufenthalt +den Schluessel zur Hinterthuer--und die Blaetter hatten zwar im Park +geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder +hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon +wieder weit, weit fort, als die Haehne kraehten, als im Hause alles wach +wurde, die Zofe oben ueber den Korridor schritt, um die gnaedige Frau zu +wecken, das Fruehstueck unten aufgetragen ward, und doch keine gnaedige +Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem +Halse stiess.--Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergaengen und +Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im +Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie faengst Du es +an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von +Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder!--Es lag ein +Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine +Harfenmusik, kein Orgelbrausen! + +Das Gehirn des Mannes arbeitete unermuedlich wie der Kolben einer +Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausfuehrung und Flucht waren bis +ins kleinste ueberlegt; jeder Zufaelligkeit war Rechnung getragen, fuer +jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf. + +Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so +schlecht gemacht, dass er um eines Haares Breite erwischt waere. An dem +Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der +ueberhaupt nicht da waere, dann wuerde es ein Kinderspiel sein, Theonie +Cromwell ein fuer allemal des Atems zu berauben.-- + +Endlich nach viertelstuendigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem +festen Entschluss gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen +bleiben, hiess mit den quaelerischen Gedanken von neuem beginnen, die +Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren, +wegwerfen und die Hauptsache vergessen, dass naemlich Theonie weiterlebte, +und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermoegens seines +Sohnes. + +Fast ueberhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte +angelangt, den bekannten Weg ueber das Feld in den Park und hielt erst +inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunaechst lauschte er +aufmerksam, ob sich irgend etwas ruehre. + +Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den +Flur betreten, aber sich dann so wuetend gebaerdet, dass er ihm nicht hatte +beikommen koennen; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach +geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er +hatte sich geuebt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschaedlich wachen. +Der alte Frege hoerte bei seiner Schwerhoerigkeit sicher nichts; ein +Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das +Maedchen und die Zofe fuerchtete er nicht. + +So trat Tankred denn an die Thuer, steckte vorsichtig den Schluessel ins +Loch und drehte um. Nichts ruehrte sich!--Rasch entzuendete er eine +Blendlaterne--aber ein scharfer Stosswind loeschte sie wieder aus; auch +ging's ihm ploetzlich eisig ueber den Nacken, ueber den Ruecken, durch alle +Glieder, und er fuehlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der +Haut.--Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die +Kaelte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder voruebergehen, +wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine +furchtbare innere Angst, eine solche Angst, dass der Mann zunaechst an +nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach +dem Schluessel und ruettelte ruecksichtslos an dem Schloss, als es sich +nicht gleich loesen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an +wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschaerfte +die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als +ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus +dem Park ueber das Feld und erreichte stoehnend, keuchend, atemlos den +Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schluessig gemacht +hatte. + +Aber dies alles liess nur blitzartig verschwindende Eindruecke zurueck. Bis +zur Verruecktheit jedoch quaelte ihn das Kitzeln unter der Haut.--Ein +Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der naechste wohnte in Elsterhausen. Aber +jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen!--Und alle Welt nahm +an, dass er sich im Sueden aufhalte, und nun war er ploetzlich +da!--Weshalb?--Nein, das ging nicht. Er musste zurueck nach dem kleinen, +westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die +letzten Tage aufgehalten hatte. + +Zunaechst aber war es noetig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort +einzutreffen.--So war denn abermals alles umsonst gewesen.--Alles +umsonst! + +Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto +fuerchterlicher ward es. + +"Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?" + +Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher +behandelt hatte wie ein Spielzeug? + +Am Ende gab's doch ein hoeheres Wesen, das belohnte und strafte--am Ende +gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen +gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Boese unter----? + +Ploetzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er +zuletzt gehoert hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte, +Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn +durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte. + +Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen +genommen, mit seinem fruehreifen Verstande hatte er durchschaut, wie +gleichgueltig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie +berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren. + +Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche +Seele und ein fuer Eindruecke empfaengliches Herz besessen, aber allmaehlich +waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm fuer Regungen, die auf sein +sich immer widerwaertiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstuetzt +durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glueck war er +einhergegangen, als koenne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der +Gedanke an die Moeglichkeit einer Aenderung war ihm gekommen. Er sah, was +in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stiess +eben anderen zu, und nicht ihm.--Nun aber fuehlte er sich ploetzlich +betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging? +Nie hatte er von ihm gehoert.--War's schon die Strafe des Himmels fuer +seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit +Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord +belastet.--Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort!--Wie? Hatte er +wirklich Theonie toeten wollen?--Ploetzlich griff der Mann sich an die +Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei.--Und dann begann +wieder das rasende Kitzeln, und er haette sich am liebsten nackt im +Schnee gewaelzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal bruellte er auf +durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch +droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah--? + +Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nuetzten nun Holzwerder und Geld +und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser +Krankheit, dafuer wollte der Mann alles hingeben! + +So klein, so demuetig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein +Rasender dahin jagte, dass er begann, allen alles abzubitten, seinen +Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heissen +mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich +bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und +der Feigheit schaelte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem +besseren Gefuehle entspross. Das kalte Herz erhielt allmaehlich wieder +Leben. + +Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen +gewichen waren? Er dachte selbst darueber nach. Nein! Die Mahnung war +nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an +Gott, er haette niederstuerzen koennen auf die schneebedeckte Flur und den +Schoepfer anbeten. + +Und nun allmaehlich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der +Schweiss, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst, +oeffnete die Poren und besaenftigte den Reiz. + +Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich +veraenderten! Welcher Schwaechling er doch war, gleich zu verzagen! Es war +sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's voellig vorueber, wenn er L. +erreichte. Und was dann? Ja, was dann--? + +Er warf den Blick ueber die Gegend; schon begann's heller zu +werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf--und +dann--dann--ploetzlich begann von neuem das Jucken, ein solches +kitzelndes Jucken, dass dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er +wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele +zuraste.---- + + * * * * * + +In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand +Frau von Tressen und hoerte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer +getreten war, berichtete. + +Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Maedchen; die Haushaelterin +und der Diener aber wollten erst hoeren, welche Sicherheit die gnaedige +Frau ihnen boete, dass sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur +Verantwortung gezogen wuerden. + +"Also Pflichtgefuehl oder Anhaenglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet +sie nicht?" + +"Nein, gnaedige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge +haben. Uebrigens--drum und dran--wo waere der Durchschnitt anders? Frau +von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich." + +Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie: + +"Ich bin dann dafuer, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred +verleugnen, koennen sie auch Untreue gegen mich ueben. Ich aber brauche +zuverlaessige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, dass wir sie +abfinden koennen?" + +Hederich zuckte die Achseln. + +"Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklaeren, dass die +Kuendigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat." + +"Ja, ja, ganz richtig!" bestaetigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie +kurz entschlossen fort: + +"Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen +sprechen." + +Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte +Frau von Tressen: + +"Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Fuer ihn trete ich jetzt +ein und kuendige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wuensche, dass Sie +zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt +auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?" + +"Ja, ich bin's," sagte der Diener nach kurzem Besinnen, "wenn die +gnaedige Frau mir schriftlich erklaeren, dass das so richtig ist, und Sie +fuer alles aufkommen." + +"Ja, ich will schriftlich betaetigen, dass Ihr durch die Besitznahme des +Gutes meinerseits ueberfluessig geworden seid, und dass ich Euch auf Grund +meiner Rechte entlassen habe." + +"Dann bin auch ich damit zufrieden!" erklaerte die Haushaelterin. "Wann +sollen wir abgehen?" + +"Gleich! Ihr koennt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder +verlassen." + +Die beiden nickten, verbeugten sich und verliessen das Gemach. + +"So, das waere ja gut und rasch erledigt!" rief Frau von Tressen, +Hederich vergnuegt anblickend. "Jetzt will ich mit Peter Wille das +weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, dass mein +Schwiegersohn zurueckkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun +auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung +machen."-- + +Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so +kuehner Entschlossenheit gefassten Plaenen getroffen, griff sie in gleich +entschiedener Weise auch in die uebrigen Verhaeltnisse ein und brachte es +nach wenigen Wochen dahin, dass der Umzug bewirkt war, und sie und ihr +Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten. + +Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus frueherer Zeit ergebene +Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein +Waechter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle +unterwerfen musste. Hof, Garten und Gebaeude wurden, so weit die +Witterung es erlaubte, und es gegenwaertig bereits von Wert war, in einen +wuerdigen Zustand zurueck versetzt, und endlich griff auch Frau von +Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die +Gutsgeschaefte ein. + +Durch diese alles umgestaltende und neue Verhaeltnisse anstrebende +Thaetigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit +und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu +uebertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen +befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen +Lebensweise wohler und kraeftiger als seit vielen Jahren. + +Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Hoeppners und Theonie wieder bei +sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und +die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hoeren +lassen, traten allmaehlich ganz zurueck. Was konnte er machen? Klagen? +Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab. + +Wuerde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes +vernachlaessigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Faelschung in +Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestaetigen? +Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrueckender Natur, zum Teil +unanfechtbar. Von ihnen unterstuetzt, hatte Brix inzwischen die Eingabe +an das Gericht abgehen lassen. + +Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren waehrend dieser +Zeit Hoeppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den +Tag, als sei ihnen selbst ein grosses Glueck zugefallen; Hederich fuehlte +sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von +Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen +Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die +Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz ueber Gretes Tod verloren +hatte, zurueckgekehrt war. + +Mit tiefem Kummer aber erfuellte die Freunde das Aussehen und Wesen +Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag +ein so herzzerreissender Ausdruck von Verzicht auf Glueck und +Lebensfreude, dass Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich ueber +die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindruecke gar nicht zu +beruhigen vermochte.-- + +Es war gegen Ende der Woche in der Fruehe, als der Inspektor in sehr +aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen +von Tankred eingetroffenen Brief ueberreichte. + +In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darueber Ausdruck, dass ihm +keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von +der Haushaelterin. Er verlangte solche umgehend und fuegte hinzu, dass er +ehestens nach Holzwerder zurueckzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er +gezwungen worden, den Sueden zu verlassen und sich nach Hamburg zu +begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hiess es: + +'Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von +Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren,--das Wort +war, weil der Schreiber vielleicht die groesseren Kosten scheute, +nachtraeglich ausgestrichen, und statt dessen 'schreiben' gesetzt,--wie +es dem Kleinen geht.' + +Der Inspektor bat um Verhaltungsmassregeln; er wusste nicht, was er thun +sollte, und fuehlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklaerte, +sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Massnahmen treffen. + +Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand +an ihren Schwiegersohn: + + 'Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von + demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder + befindet, uebergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer + jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, dass + wir unser kleines, durch schlechte Pflege aeusserst vernachlaessigtes, + fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die + Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte + abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, dass unser + bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist, + einlaufende Gelder zwar wie frueher in Empfang zu nehmen, aber + lediglich zur Verfuegung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an + niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten. + + Ergebenst + + A. von Tressen.' + +"So!" rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung +ihres Mannes einem Diener zur Besorgung uebergeben hatte. "Nun werden +wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief. +Von uebermorgen ab koennen wir uns auf seinen Besuch gefasst machen. Aber +alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er +durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so +werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklaerungen geben. Aber +passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen." + +"Wer weiss!" fiel Herr von Tressen ein. "Dass er sich nicht in gleicher +Weise fuegen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube +doch, dass er irgend etwas Gewaltthaetiges inszenieren wird." + +"Gewaltthaetiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Dass ihm vielleicht solche +Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um +mehr handelt, als um schiefe Gesichter, fasst er nicht an. Wohl aber +halte ich es fuer moeglich, dass er sich einmal wieder an Theonie +heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Ruecksicht auf alles +Vorgefallene eine seiner Komoedien in Szene setzt. Da faellt mir ein: ich +will Theonie lieber in Kenntnis setzen, dass er aus Italien zurueck ist. +Ich weiss, sie trifft dann Massregeln, dass er sich ihr nicht zu naehern +vermag." + +Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die +klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat, +streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehuelflich +klingendes "Omama!" + +Da nahm die Frau das Kind in die Arme und kuesste es in dem Ueberquellen +ihrer glueckseligen Empfindungen lang und zaertlich. + + * * * * * + +In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in +Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in hoechster Aufregung auf und +ab. + +Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen +voellig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse fuer die +Aussendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und +Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstoesslich +zwei Thatsachen: vorlaeufig war er von Holzwerder ausgestossen, und wenn +das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle +Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem +Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit +seinem Rechtsanwalt Ruecksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen +telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu +senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm +selbst an Schlussfolgerungen aufdraengte? Und das Telegraphieren war ja +ueberhaupt zwecklos. Nur durch persoenliches, muendliches Eingreifen +vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen! + +Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des +ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag +voellig unerwartet. Eine solche Moeglichkeit war ihm ueberhaupt nicht in +den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich hoechstens in +mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg +in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet +oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des +Eigentuemers vom Turme, aber jetzt?---- + +Und Gegenmassregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war +sicher zwecklos. + +Tankred wusste, dass das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen +war, und ohne die naeheren Umstaende zu kennen, war es fuer ihn zweifellos, +dass ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente +stuetzte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig +gemachten Hoehe war er mit einem jaehen Schlage herabgestuerzt. Das Bild +hatte sich voellig veraendert. Er stand tief unten und musste bittend die +Haende ausstrecken, musste gute Worte geben. Und das war nicht nur +zeitweilig. Brecken sah, dass er durch diesen unerwarteten Zwischenfall +entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm fuer +spaeter geplanten Vergleich zur Ausfuehrung bringen muesse. Ja, das war +jetzt das einzige, was ihm uebrig blieb, nur mit dem Unterschiede, dass, +da nicht Tressens muerbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre +Bedingungen vorschreiben wuerden. + +Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuss und biss die +unheimlich weissen Raubtierzaehne in seinem Verbrechergesicht zusammen. +Und dann--dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein- +fuer allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der +That so furchtbar hatte buessen muessen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu +raeumen--! Nein, nein, fort mit dem graesslichen Gedanken! Ihm war's, als +stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fuehle er die +Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht!----Und doch, im +Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass solche +Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer +gestoerten Blutzirkulation herruehrten, und dass das heilbar war, hatte +sich ja nun herausstellt. + +Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war +mehr als Unsinn, deshalb konnte er--Ja, was? Nun war er doch abermals +bei Theonie! + +Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthuer in Falsterhof, +drang ins Haus ein, erwuergte mit rascher Energie den Koeter, schlich +hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Faeusten, ehe sie +ueberhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch +einmal, dass sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie +er gekommen war.----Und dann und dann--Brecken reckte sich in die Hoehe, +trat vor den Spiegel, mass seine Gestalt und betrachtete sein knochiges +Antlitz--dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder +entbehren. + +Entbehren?--Nun, soweit kam's ueberhaupt doch wohl nicht. Etwas wuerde man +ihm doch zubilligen.--Und ploetzlich fiel der Mann wieder in einen der +roten Plueschsessel zurueck und starrte vor sich hin, weil--weil--das doch +eben nur schoene Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie +vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und +Wirklichkeit ernuechterte und entmutigte ihn nur noch mehr.--Endlich +sprang er auf, und ein: "Ja, so soll es sein!" ging aus seinem Munde. +Erst wollte er sich mit Tressens aussoehnen, zu erreichen suchen, was zu +erreichen war, und dann spaeter endlich die Geschichte in Falsterhof +abmachen, nachdem er vorher--dass ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst +kam!--die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so +sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und +reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, dass er ihn +am kommenden Vormittag in Geschaeften besuchen werde, nach Elsterhausen +ab.-- + +Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter +langsamen Schrittes die beschneite Landstrasse von Elsterhausen nach +Breckendorf durchmass. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war +sehr bedrueckt zu mute. Seine unguenstigsten Vorstellungen hatten sich +bestaetigt. Von Brix war ihm erklaert worden, dass gerade an diesem Tage +auf seinen speziellen Antrag die Bestaetigung einer vorlaeufigen Kuratel +ueber Gretes Vermoegen eingetroffen sei, und dass Tressens jetzt zu irgend +welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermoege in der Sache +nicht nur nichts zu thun, sondern muesse auch eine Vermittlung ablehnen. +Zugleich erfuhr Brecken, dass die Akten zur Pruefung an den Staatsanwalt +gegangen seien, und die Moeglichkeit vorliege, dass die Anklage wegen +Faelschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm +nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem +freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt +werden koenne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern +des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen +worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der +definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten. + +Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg +einschlagen und der Pastorin Hoeppner Huelfe in Anspruch nehmen. + +Er fuerchtete das Ergebnis der Faelschungsklage, in dieser Annahme +unterstuetzt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch +die Beweise! Aber die ganze uebrige, seine Existenz und seine +Bequemlichkeit gefaehrdende Situation war ihm unertraeglich. Ein Vergleich +hob die Streitigkeiten und den Prozess wenigstens nach der einen Seite +hin auf; darum war's ihm zunaechst zu thun. Die Diaeten, welche ihm das +Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermoegen zur +Verfuegung stellen wuerde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in +ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld liessen ihm, da die Dinge sich nun +einmal so unguenstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen +Umstaenden, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute +Worte geben sollte, aus der Ungewissheit heraus. Das Spiel--er hatte es +sich klar gemacht--war voellig verloren, und damit wollte er rechnen. + +Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er +sich gegenwaertig selbst so charakterlos, feige und schwankend, dass die +Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wuenschte, einen Kompromiss mit sich +und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu +schliessen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal +noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal!--Und wenn der +Vergleich mit Tressens durch Frau Hoeppners Huelfe gelang, dann wuerde auch +Brix Rat wissen, das uebrige zu beseitigen; dann war alles gut.-- + +Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem 'guten +Mann' im Zimmer. Sie sass mit umgebundener Kuechenschuerze auf der Lehne +des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem +Pulte den Ruecken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die +Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschraenkten +hoch emporziehend, aufmerksam zuhoerend vor ihr. + +Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht ueber Lene, deren +Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres +Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloss: + +"Es ist das erste mal, dass ich das Kind bei einer Luege ertappe! Aber +eben--sie versteht doch schon zu luegen und sich zu verstellen, und das +macht mich so unendlich traurig." + +Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort: + +"Ach nein, nein, es ist leider so, und Du musst mit ihr reden und ihr +vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir duerfen die Sache nicht +leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster. +Ich muss immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er +schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet +werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser +Mensch--" + +"Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu duerfen!" liess +sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thuer oeffnenden Magd +vernehmen, und fast gleichzeitig und hoechst ungelegen erschien Tankred +unter tiefer, ueberhoeflicher Verbeugung. + +Aber waehrend der Pastor wie gewoehnlich dem Gutsherrn mit grosser +Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte +Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit +zurueckgeworfenem Haupt und aeusserst steifer Miene. Auch machte sie +absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschaeften zu ihrem Mann +gekommen, sogleich eine Wendung zur Thuer. + +"Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!" schmeichelte +nun Brecken unterwuerfig. "Ich moechte gerade Sie gern sprechen und Ihren +freundlichen Rat erbitten. Wuerden Sie mir nicht einen Augenblick +schenken? Ich waere sehr dankbar dafuer--" + +Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwaertig, +dass sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen +vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder +Platz. + +Um die unhoefliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der +Pastor mit der Entschuldigung, dass das Kraut zwar von sehr geringer Guete +sei und Breckens verwoehntem Gaumen kaum behagen duerfe, dem Gast eine +Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, dass er +durchaus nicht verwoehnt sei, und dass ihm des Pastors Zigarren--obschon +er sie hoechst miserabel fand--stets vortrefflich schmeckten, entzuendet +hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei +fast ausschliesslich an die Frau. + +Er sprach in laengerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwuerfnissen +zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Guete der Frau +Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin +uebernehmen zu wollen. + +Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die +Pastorin nahm gleich fuer ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit +demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds +Auseinandersetzungen zugehoert hatte: + +"Wir muessen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre +Anregung hin einzugreifen, hiesse an den Tag legen, dass bei uns doch noch +ein Rest von Sympathie fuer Sie vorhanden waere. Gerade das Gegenteil aber +ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie +gethan, und ich fuer meinen Teil bin ein- fuer allemal mit Ihnen fertig. +Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen, +und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier ueberfluessig +geworden. Empfehle mich!" + +Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf +den Pastor, seine Frau zurueckzuhalten. Und so geschah es auch. Aber +nicht zum Vorteil Tankreds. + +Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten +Verstellungskuenste anwandte, waehrend doch seine Augen verrieten, dass er +am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht +haette, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Luege aeusserst verstimmten +Pastorin ein solcher Tumult von Aerger und Widerstand, und ihr sittliches +Gefuehl baeumte sich so gewaltsam auf, dass sie mit funkelnden Augen +hervorstiess: + +"Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thaeten Sie, wenn Sie so +rasch wie moeglich das Land ein- fuer allemal verliessen! Hier nimmt kein +Hund ein Stueck Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter misstraut man aufs +aeusserste, man haelt Sie fuer faehig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich +um Vorteile fuer Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, dass +jemals ein Mensch allen, mit denen er in Beruehrung gekommen ist, einen +solchen Abscheu eingefloesst hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler +und Komoedianten, und ich fuege hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern +ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht +gestraft hat, weil er ihn spaeter um so empfindlicher zuechtigen will. +Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wuenschen vielmehr, dass +unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen, +was sie erstreben!--So, und das war nun das letztemal, dass ich Ihnen im +Leben gegenuebergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner +Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!" + +Nach diesen Worten verliess die unerschrockene Frau das Gemach, und +bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemassregelte da. + +Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an: + +"Lieber Herr von Brecken, es giebt fuer jeden, der fehlte, bei unserm +Herrn Jesus Christus--" + +Aber weiter kam er nicht. + +"Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem--Ihrem--" setzte Brecken, der vor +Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Hoeppner auf. + +Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und +wollte und konnte all das Geschwaetz und all die 'Salbaderei' nicht mehr +ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter +Stimme: + +"Sie begreifen wohl, dass ich nach einer solchen masslosen Invektive es +nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches +und versoehnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau +scheinheiliger Ueberhebung!--Nein, nein, ich hoere nichts mehr, und nie +werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!" + +Nach diesen trotz seiner masslosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor +sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stuermte Tankred auf +den Flur und aus dem Hause. + +Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurueck, in das er seinen +Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wuehlenden Gedanken +in seinem Innern besser Herr zu werden, zunaechst einen einsamen +Nebenpfad. Er musste allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen; +er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernuenftigen Entschluss zu +gelangen. + +Einmal schoss es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu +begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst +zu fuehren. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so +sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies +Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende, +und es war nun auch fuer ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es +sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besass keine +Mittel mehr zum Leben. Er musste dann schon Anspruch auf Diaeten erheben, +aber da er ohne Wohnung war, wuerden sie kaum zu seinem Unterhalt +ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und +zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhoehtem Masse die Gier +nach Besitz und Geld. + +Welch ein Augenblick, wenn er Eigentuemer von Falsterhof sein wuerde, wenn +er mit stolzer, von Machtfuelle getragener Geringschaetzung herabblicken +koennte auf das 'Gesindel', das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete +sich in Gedanken an ihrem Aerger und ihrer grenzenlosen Enttaeuschung, dass +es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu druecken. Im +Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer naechsten +Naehe, und von genuegenden Mitteln unterstuetzt, konnte er einen vorlaeufig +verlorenen Prozess noch einmal wieder aufnehmen. + +Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die +Verhaeltnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Waehrend er +dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines +Innern, waren seine Gedanken ausschliesslich mit diesem Plan beschaeftigt. +Abermals wollte er ausstreuen, dass er sich nach dem Sueden begebe, bei +seinem Anwalt wollte er, um spaeter sein Alibi nachweisen zu koennen, +seine Adresse an der Riviera niederlegen. + +Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals, +aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann +direkt nach Italien reisen und sich von dort zurueckrufen lassen--als +Erbe von Falsterhof. + +Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen, +was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer +Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde. + +In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das +passte ihm eben; er bestellte ein Glas heissen Grog und knuepfte ein +Gespraech an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange +Abwesenheit vorschuetzend, ueber Falsterhof aus; wie es seiner Kousine, +die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen koenne, gehe, und ob der +Wirt etwas von ihr gehoert habe. + +"Ja, die gnaedige Frau will in diesen Tagen, so erzaehlte der alte Frege, +eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen +frueh gehen sie schon ab.--Nicht wahr, Anna?" rief der Mann seiner eben +eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung ueber die Mitteilung +geschickt unterdrueckend, Zweifel hinwarf. "Sagte Frege nicht, dass die +Herrschaft von Falsterhof morgen frueh abreisen wollte?" + +"Nein, uebermorgen mittag," berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig +begruessend. "So sagte der Paechter Harms gestern abend." + +Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen +seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des +Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen. + +Mit schlecht verhehlter Hast liess er sich sein Pferd wieder vorfuehren, +bezahlte die Zeche und warf hin, dass er noch heut seine Reise nach +Italien antreten wolle. Als er schon in der Thuer stand, wagte der Wirt +nach dem Stande der Prozessangelegenheit zu fragen, er gab sich den +Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse fuer Brecken. + +"Erst hatte ich die Oberhand," antwortete Tankred anscheinend gelassen, +"nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte +die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist. +Zunaechst will ich noch mal etwas fuer meine Gesundheit thun. Adieu, +lieber Krueger! Adieu, Frau Krueger! Auf Wiedersehen!" + +Damit trabte er davon, und der Wirt, getaeuscht durch seine sorglose +Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zuruecktretend und sich +an den warmen Ofen stellend: + +"He schien ja ganz vergnoegt to sin. Am Enn steiht doch de Sak foer de +Herrschaften up Holtwerder nich so guenstig, as de gloewen.--Schall mi +Wunner nehm'n, woans dat afloest! Na, ick mug nich mit em in Striet +kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann." + + * * * * * + +Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte +die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie +auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, dass +er Guenstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit +heraus. + +Er wusste, dass Brecken bei Brix gewesen, und dass dieser jede Intervention +eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Hoeppner. Jedes Wort, das +letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und +gab es--ein Labsal fuer sich selbst--wieder. Endlich wusste er auch, dass +Brecken spaeter noch im Krug gewesen war und dort geaeussert hatte, dass er +sich gleich wieder nach dem Sueden begeben wolle. + +"Was soll er denn auch hier thun?" schloss Hederich eben so ueberzeugt wie +vergnuegt und rieb sich die Haende. "Drum und dran--es war ein grossartiger +Gedanke von Ihnen, gnaedige Frau, den Spiess umzukehren und hier +einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist voellig entwaffnet und bittet +um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar +nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnaedige Frau!" + +"Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich koennte +gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Uebrigens moechte +ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um +ihrem Vetter unter allen Umstaenden aus dem Wege zu gehen. Vielleicht +aendert sie nun ihren Entschluss. Wie waer's, lieber Hederich, wenn Sie auf +der Ruecktour einen Augenblick bei ihr vorspraechen und ihr Mitteilung +machten? Die Neuigkeiten wuerden sie auch um unseretwillen angenehm +beruehren, ich weiss es!" + +Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem +Fruehstueck nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach +Falsterhof. + +Wie immer oeffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thuer, wie +immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich +anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen +Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es +draengte sich dem Besucher unwillkuerlich die Frage auf, wie die Menschen +es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag +ausfuellten, wie sie Herz und Sinne naehrten. Alles war so freudeleer, so +eintoenig, duester und bedrueckend.-- + +Hederichs Bericht nahm Theonie mit grosser Spannung und sichtlicher +Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke +Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit ueber die +guenstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend, +ob sie reisen solle, und aeusserte sich in diesem Sinne gegen Hederich. + +"Sie begreifen nicht, dass ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!" +sagte sie. "Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute +erinnert, das mir der Himmel waehrend meines Lebens schenkte. Meine +Eltern, und was ich spaeter liebte--" + +Theonies Augen feuchteten sich, und fuer Augenblicke vermochte sie nicht +weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin +und bat, von einem raschen Entschluss beeinflusst, ob Hederichs nicht am +kommenden Tage mit Tressens und Hoeppners, die sie auch bitten wolle, zu +Tisch und Abendbrod kommen moechten. + +"Also wirklich, Sie geben die Reise auf?" warf Hederich nach +ausgesprochener Zusage hin. + +"Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem +ich nun den schrecklichen Menschen fern weiss, atme ich wieder auf und +will mich meiner Ruhe von neuem freuen.--Hier, nehmen Sie das Ihrer +lieben Frau mit!" schloss sie, als Hederich aufstand und sich zum +Abschied ruestete. "Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt, +und die ich fuer sie neu habe fassen lassen.--Nein, nein, keinen Dank, +ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise +den Schmuck doch zusenden!" + +Nun kam auch Frege und meldete, dass Klaus den Schimmel vorgefuehrt habe, +und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen +Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg +zurueck nach seinem kleinen Guetchen. + + * * * * * + +Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Fruehlings regten sich. +Die Kaelte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser spaeten +Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, dass die Schritte eines +sich Falsterhof naehernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der +Natur unterbrachen. Und das stoerte den Spaetling. Er wuenschte Sturm und +Finsternis statt dieses sanften Traeumens der Natur, und als nun eben der +Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte, +auch vom Gehoeft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang, +ging ein wilder Fluch ueber seine Lippen. + +"Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!" murmelte er zaehneknirschend. + +Doch liess Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal +nahm er den Weg ueber das Feld durch das Gehoelz und hielt erst inne, als +er die Rueckseite des Hauses erreicht hatte. + +Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem +Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken +vordem gehoert hatte. Das Tier befand sich also offenbar--vielleicht +durch einen Zufall--nicht im Hause; und die schwerste und zunaechst +wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte, +dass dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen, +und nun schwankte er auch nicht laenger. Im Nu drehte er den Schluessel im +Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geraeusch jemanden geweckt habe, +und entzuendete, als alles still blieb, die Blendlaterne. + +Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten +Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfasste mit seinem +Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemaelde an den weissen Waenden, +horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung +nichts, als das regelmaessige, laut durch den eingeschlossenen Raum +dringende Ticken der grossen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Fuer +Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken +Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm +auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom +Wohnzimmer aus in die Gemaecher ihres Mannes begeben, dort nach dem +Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geoeffneten Vorzimmer +nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr +guetiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich +strenge Miene seiner Mutter und zuletzt--seltsam,--der alte Frege. +Brecken war's, waehrend er zum Daempfen seiner Schritte ein paar +Filzsohlen unter die Stiefel knuepfte, als ob er ihn hinten aus seinem +Zimmer treten hoere, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun +beobachte. Thorheit! Vorwaerts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell +empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das +Gesicht und schlich bis an die Thuer. + +Ein Druck--sie gab nach--jetzt war sie angelehnt.--Er horchte--sein Herz +pochte--Nichts.--Langsam und vorsichtig erweiterte er die Oeffnung--nun +war er im teppichbedeckten Vorzimmer. + +Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem +Theonie schlief, er hoerte ihren regelmaessigen Atemzug. Noch einmal flog's +ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begoenne. Er +wollte ueber sie hinstuerzen, ihr mit der Linken den Mund verschliessen und +sie mit der Rechten wuergen--so lange wuergen--bis---- + +Aber was war das?--Theonie regte sich--Tankred wich unhoerbar zur +Seite.--Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock.--Wohl +zwei Minuten stand er regungslos da.----Ohne zu sehen, war's ihm, als ob +Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken +durch das Dunkel spaehe.--Endlich--endlich--war sie wieder +eingeschlafen--ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach.---- + +So, und nun vorwaerts!-- + + * * * * * + +Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf +der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er +musste trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden +Gedankens der That sich an dem Gelaender festhalten und stolperte +schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang +von drueben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben--er +vermochte nicht, es zu entscheiden--entstand ein Geraeusch, und waehrend +er, von Furcht gepackt, zur Hinterthuer fliehen wollte, erschien--ja, es +war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit!--in Hemdsaermeln und mit in +der Eile ungeknoepften, an den Beinkleidern herabhaengenden Tragbaendern +der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole. +Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er +durchs Haus, dass die Waende bebten, stuerzte vorwaerts und sandte dem in +wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thuer zu erreichen vermochte, +eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's +durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war, +so erreichte er doch das Freie. + +Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde +zugeschlagene Thuer zurueckstiess, sah er Brecken--er glaubte ihn sicher zu +erkennen an Groesse, Haltung, Bewegungen--durch den Park fliehen. Einen +Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in +der Erregung unzusammenhaengende Worte. Aber dann ward er aufgeruettelt. +Ein entsetzliches, markerschuetterndes, nicht endenwollendes Geschrei +drang durch das Haus----Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die +Treppe herab und rief dem wenige Minuten spaeter schlotternd vor Angst +und Schrecken aus allen Winkeln herbeistuermenden Gesinde die Worte zu: + +"Die gnaedige Frau!--Die gnaedige--Frau--liegt tot im Bett----" + +Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und waehrend eins der Maedchen sie +in ihren Armen auffing, stuerzten die anderen empor, um selbst zu sehen, +was Graessliches, Grausiges, Unerhoertes geschehen war.-- + + * * * * * + +Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten +Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte, +Tankred von Brecken. Der Schweiss rann ihm von der Stirn, die Glieder +flogen, die Brust haemmerte.--Vorwaerts! Vorwaerts! Zunaechst weit weg aus +dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurueck +nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage +nach dem Sueden! + +Ja, wenn's ging!--Schon musste er froh sein, wenn er sich mit der Wunde +bis dahin schleppte. Im Koerper brannten die Schmerzen, und brennend +ging's auch durch sein Gehirn, denn waehrend er dahin stuermte, erschien +wieder vor seinem inneren Auge das unglueckliche Geschoepf in dem hohen +Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genaehert +hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der +Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein +Ton, den er nicht vergessen wuerde, und sollte er tausend Jahre alt +werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden +Haenden an die Gurgel gefasst hatte, und wie im Sterben noch ihr halb +flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war!--Es war +grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so +fuerchterlich gewesen, dass sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte +Mitleid mit dem armen, huelflosen Geschoepf empfunden--er haette ihr lieber +vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder +Sterben. Aber schon war's zu spaet gewesen. Die Augen waren verglast und +aus den Hoehlen getreten, die Brust hatte aufgehoert zu atmen, der in +Todeswahnsinn arbeitende, sich straeubende Koerper hatte keine Kraft mehr +gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen +gehorcht.--Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als +er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Faeusten ihre Gurgel----In +diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung +gerade dieser legten Vorstellung,--denn dann hatten ihn Grausen, +Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten haette er gleich von oben aus +das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht +hatte sich seiner davor bemaechtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen +zu muessen, ueber den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich +bewusstes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und +die den Urheber all des Fuerchterlichen verraten wuerde----! + +Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht, +hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen--Und +dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und +immer unertraeglicher wurde, jetzt so unertraeglich, dass Tankred von +Brecken den bisherigen, stuermenden Lauf hemmte, stille stand und in der +graesslichen Qual aufbruellte. + +Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch +trat dieser Schmerz zurueck vor einem sich jaehlings seiner bemaechtigenden +Gedanken, vor der sich zur Gewissheit steigernden Befuerchtung, dass Frege +ihn erkannt habe! + +Ja, er musste ihn erkannt, schon sein Instinkt musste ihm die Wahrheit +eingegeben haben! Und die alte Kanaille wuerde gegen ihn zeugen, wuerde es +aller Welt verkuenden, dass er, Tankred von Brecken, der Moerder sei----! + +Und man wuerde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich, +wer, ausser Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Staedtchen, wohin +er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich +fuer einen in Dresden lebenden Hauptmann ausser Dienst ausgegeben. +Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurueckzugehen und auch +Hamburg zu vermeiden. + +Aber was beginnen--? + +Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kraefte fingen +an, ihn zu verlassen! + +Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten. +Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die +Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr ueber die Felder, +Wiesen, Aecker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kaelte mit +sich. + +Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden +Kraeften der Moerder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erloest +zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur +Raserei peinigten. + + * * * * * + +Der alte Frege sass in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die duerren +Kniee gestuetzt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und +starrte mit einem unbeschreiblich mueden und verlassenen Blick vor sich +hin. Die mit der fuer die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen +Massnahmen verbundene Taetigkeit hatte ihn seit der Fruehe aufrecht +erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken, +und die Gedanken kamen und loesten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie +je zu einem Schluss gelangten, war's immer nur der: "Was sollst du noch +auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein +Leben gewidmet hattest?" Frege hatte waehrend seiner langen Dienstzeit +nie etwas anderes verlangt, als die Thaetigkeit, in der er sich befand, +und die Ausuebung seiner Pflicht, die ihm Beduerfnis geworden war. Andere +richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draussen besseres zu finden, +neben der Arbeit Zerstreuung, hoeheren Verdienst, und was sonst die Sinne +der Menschen fesselt. Er aber wusste, es sei thoericht, zu glauben, das +die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie +geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre +Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der naechsten +Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die +Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre +Gebaerden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt. + +Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjuengt, als +Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien +die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie +strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes +Auge, ihre glueckseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal +jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder. + +Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in +den Tod gefolgt, und das grosse Erbe kam in fremde Haende. Wo sollte er +nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens wuerden ihn auf +Falsterhof lassen, alles wuerde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram +frass an seinem Herzen; es war auch gleichgueltig, wo er die letzten Jahre +noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst--Leben, ja! essen, +trinken, schlafen.--Aber welch ein leeres Dasein!--Gab's noch irgend +etwas, das ihm Hoffnung ins Herz traeufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein +Gedanke vermochte ihn noch aufzuruetteln: den Verbrecher unter den Haenden +des Henkers zu sehen!-- + +Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Moerder staende ihm jetzt +gegenueber, dann verzerrten sich vor Hass und Wut seine Mienen. Er fiel +ueber ihn her, stiess ihm ein Messer in den Koerper, wo es gerade traf, und +weidete sich an der Dual des Scheusals.--Und Gott wuerde ihm vergeben! +Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, wuerde +begreifen, dass man Rache uebte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott +nicht selbst eine Hoelle geschaffen mit Zittern und Zaehneklappern fuer die +Boesen, und sollte sein Geschoepf, der Mensch, sich des natuerlichen +Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entaeussern? + +Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau, +die er wie ein hoeheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte +sich auf, schritt mit nassen Augen langsam ueber den stillen, hallenden +Flur, oeffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet +hatte, und naeherte sich ihrem Totenlager. + +Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fuerchterlich waren +die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die +Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geoeffnet, und +diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von +flehendem Entsetzen! + +Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken ueber das Antlitz; er konnte +ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudruecken, er vermochte es nicht. +Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stoehnte.--Noch tags vor +ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend, +lange mit ihm gesprochen, Plaene gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen +gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie fuer ihn besass. Und da war +der feige Einbrecher erschienen und hatte--hatte--O Gott, o Hoechster +ueber den Sternen! Es war nicht auszudenken, dass das wirklich alles +geschehen war! + +Der Hund hatte die ganze Nacht in Absaetzen gebellt, durch ihn war Frege +geweckt worden--aber zu spaet----zu spaet----Und dass das Tier sich gerade +an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlass findend, in +den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so ungluecklicher Zufall +gewesen, das erschien als ein solches Buendnis des Teufels mit dem +daemonischen Plan des Verbrechers, dass es fast aussah, als habe Gott aus +fuer die Menschen unerfindbaren Gruenden alles so geschehen lassen wollen! +Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen +gleich erscheinenden Schicksalen gewesen!--War darin Sinn und +Verstand?--Vielleicht doch!--Sie musste fallen, damit jene auf Holzwerder +wieder zu ihrem Recht gelangten, fuer schwere Enttaeuschungen um so hoeher +entschaedigt wuerden. So ging's ueberall in der Welt zu; das waren geheime +Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte, +neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von +Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst +Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten. + +Wenn's nur nicht sein Sohn waere! dachte der alte Mann. Nur nicht der +Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste! + +Endlich erhob er sich, die Thuerglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war +Essenszeit. In der Gesindestube sassen schon die anderen Dienstboten zu +Tische, und draussen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden, +harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Staerkeren gegen +den Schwachen.-- + +Am Nachmittag desselben Tages trafen Hoeppners, Tressens und Hederichs in +Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen +der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch +Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden +Bericht ueber die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten +Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft +unternommen hatte. + +Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blaetter +hatten schon am Tage nach der That ausfuehrliche Berichte gebracht und +Mutmassungen ueber den Thaeter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit +vollkommener Sicherheit die Erklaerung abgegeben, dass er Brecken erkannt +habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das +bestimmteste behauptete, den Moerder verwundet zu haben, erschien die +Ueberfuehrung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als +eine leichte. + +Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert, +dass er tags vorher in der Naehe gewesen und die Absicht geaeussert hatte, +sich nach dem Sueden zu begeben. Aber da er keinen grossen Vorsprung +gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine +Ergreifung gesetzt hatte, musste sich die Angelegenheit baldigst klaeren. + +In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die +mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschaeftigten sie auf +das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, dass auf einem +solchen vorsaetzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof +zu, und er wurde zugleich fuer alle Zeiten Einfluessen entzogen, die, wie +auch immer der Prozess ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen +sein wuerden. + +Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste +Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache. + +Und wenn auch gegenueber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen +unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz +aufdrueckte, Aeusserungen der Freude ueber den wahrscheinlichen Ausgang der +Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von gluecklichen +Vorstellungen erfuellt, und namentlich auch Hederich und Carin machten +Plaene, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurueckzukehren. + +Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder +verwachsen. Er fuehlte sich dort besonders heimisch und gluecklich. Und +bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine +materiellen Verhaeltnisse wesentlich. + +Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes. +Wenn er in die alte Thaetigkeit wieder eintrat, so waren sie +wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie +pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden +jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben +vermochte. + +Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg, +drueckten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann +Vorbereitungen zur Abfahrt. + +Als sie bereits in der Thuer standen und den letzten Haendedruck +austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe, +wie sie gehoert, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer +Ueberraschung keiner bedrueckten Miene, sondern die Pastorin neigte mit +leuchtenden Augen den Kopf und sagte: "Ach, es ist ja ein herziges Ding! +Sie hat so tief bereut, dass mir die Seele schmolz. Sie kam +unaufgefordert zu mir, legte ihr Koepfchen an meine Schulter und +bettelte, dass ich ihr verzeihen moechte." + +Sie hatte nach diesem Bericht ueber Lene auch keine Zeit mehr, die +lebhafte Frau Pastorin. Sie draengte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen +und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmuetigen Gesicht, +was sie wollte. + +Durch das Gespraech ueber Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen +Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfassten +sie. + +Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf +die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein bluehend +aussehendes junges Weib in die Arme und fluesterte zaertlich neckend: +"Aber mein kleines Frauchen,--drum und dran--mag keine Kinder--!" Da +senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in +ihren Mienen die Glueckseligkeit, die sie durchstroemte ueber das, was auch +ihr bevorstand.-- + + * * * * * + +Es war Spaetabend. Abermals ein furchtbares Gewitter--gleichsam ein Kampf +der maechtig nach Verjuengung ringenden Natur--durchtobte den Himmel, und +meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der +vor einigen Tagen krank nach L. zurueckgekehrte, unter dem Namen 'von +Kaub' in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war. + +Aerztliche Huelfe war von ihm zurueckgewiesen. Er hatte einen Barbier +angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte +linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern musste. Es sei eine sehr +boese Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die +Frage des Wirtes erklaert, und viele Wochen wuerde es dauern, ehe der +Kranke das Zimmer wieder verlassen koenne. + +Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant +verlassen, auch saemtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben, +und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen, +als noch an die Hausthuer geklopft ward, und der Barbier, an dem +verschlafenen Hausdiener vorueberschreitend, in sichtlicher Erregung das +Gastzimmer betrat. + +"Nun?" machte Helms, der Wirt, ein mittelgrosser Mann, der mit seinem +zwischen englischen Bartkoteletts ueberaus glattrasierten Kinn und der +uebertrieben sorgfaeltig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als +ob er sofort als Schauspieler in einer Buehnenrolle aufzutreten habe, +verwundert und nicht eben angeheimelt. + +"Wo kommen Sie denn noch so spaet her, und in dem, Wetter, Bartsch?" + +Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute +sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fuerchtet. Dann +sagte er: + +"Ist noch heiss Wasser da? Ich moechte einen halben +Grog,--und--dann--dann--muss ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr +wichtiges, das keinen Aufschub duldet!" + +In Helms Gesicht drueckte sich allerlei Missbehagen aus, aber er ging doch +hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Hoehe, liess +den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett. + +"Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms," begann Bartsch, ein Mann, in seiner +Erscheinung mehr einem Kuester als einem Barbier gleichend, mit ernstem, +zuverlaessigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt, +eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor. + +Helms setzte ein Glas aufs Auge, und waehrend er ein +Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit groesster +Spannung seine Mienen. + +"Na? Und?" setzte Helms arglos an und schnitt mit grosser Umstaendlichkeit +die Spitze einer Zigarre ab. "Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu +verdienen--?" + +"Wir!", betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand +nach oben. + +Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht. + +"Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht +wird," hub Bartsch an. "Alles stimmt. Merken Sie auf!" Und nun las er +einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein "Trifft +doch genau zu!" ein. + +"Donnerwetter!" sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verliess. + +Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluss. Einen solchen Menschen +im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, dass er sogleich +mit Bartsch ueberlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche +Anzeige erstatten und veranlassen sollten, dass eine Wache vor die +Stubenthuer und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz +zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rueckgrat, +scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr +weisse Zaehne, grosse, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug! +Jedes Stueck stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Ueberzieher. +Und ganz in der Fruehe war er angekommen, verstoert, totenbleich, mit +Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte +erzaehlt, dass er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt +habe. + +Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuss--! Waehrend die +beiden noch zusammen ueberlegten, ertoente ploetzlich ein Donnerschlag von +solcher Vehemenz, dass die Erde zu beben schien, und sie unwillkuerlich +zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben +im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht +erklaerte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub. + +Die beiden Maenner sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von +Grauen erfasste sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen, +und nun war's so gut wie erwiesen, dass der Thaeter oben im Hotel +lag.--Entsetzlich!--Endlich gingen sie beide.---- + +Als sie das Zimmer oeffneten, bot sich ihnen ein fuerchterlicher Anblick +dar. Der Kranke sass aufrecht im Bett und bruellte, man moege gleich den +Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er koenne das +nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht +werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Maeuse und Ratten +sollten nicht an den Waenden kriechen und--und-- + +Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie +ein Verzweifelter und schrie und tobte, er koenne es vor Kitzeln nicht +aushalten! Und dazwischen kreischte er, dass die Frau, die Frau Theonie +mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde.-- + +Fuerchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Koerper- und Seelenschmerzen +wirkten zusammen in dem Ungluecklichen! + +Und was die Anwesenden sagten, hoerte er nicht, er wusste schon nicht +mehr, dass sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das +Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genaehert +haetten, und dann bruellte er wieder so markerschuetternd auf, dass sie, wie +von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit liessen, die Thuer von +aussen zu verschliessen.-- + +Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer +auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht, +Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kaempften in ihnen. Aber dann gab's +einen schnellen Entschluss, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und +Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt +abzunehmen, sich noch verstaerkt hatte, als ob alle Himmel droben +gegeneinander in Aufruhr geraten seien---- + + * * * * * + +Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der +Hauptstrasse ab eine Anhoehe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt +sich fast in der Mitte des Huegels, und rings umher befinden sich die +vielfach von Baeumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Graeber, +herabreichend bis an die Gaerten der die Strasse flankierenden Haeuser. +Ein stiller Ort, an dem die Voegel heimlich singen, an dem selbst der +Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Fluegel erhebt. + +Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem +durch die Fruehsonne verklaerten Frieden. Ueberall junges Gruen, wohin das +Auge blickt, Gruen und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der +Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermaehlend, +unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt. + +Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfaehrt, begleiten nur drei +Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefaehrt her, und jeden leitet auf +diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und +Gedanke. + +Es ist die Verehrung fuer die Frau des Toten, das Interesse fuer sein noch +lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen gefuehrt hat. + +Tankred von Brecken--ueber drei Wochen sind vergangen--war in dem +oeffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanitaetspolizei +und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und koerperliche +Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis +er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres haette ihn erwartet, +wenn es der Pflege gelungen waere, ihn am Leben zu erhalten. Und das +hatte der Mann gewusst in den wenigen lichten Augenblicken seiner +Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer +Gewalt zum Durchbruch gekommen war. + +Aber er wusste noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er +alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken +hinauf, und die gefalteten Haende zitterten, und der Mund flehte +stoehnend: "Nimm mich fort, sende mir den Tod. Uebe dein goettliches +Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst, +was die anderen als hoechstes Gut erkennen: das Leben----!" + +Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kaempfen erloest; an einem +Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht laehmte, war +er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers +beraubt.-- + +Der Leichenzug war oben angelangt; die Traeger hoben den Sarg, auf den +niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen +und schritten an die Gruft, an welcher der Kuester mit seinen Gehuelfen +harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos. + +Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen +einiger klebriger Erdstuecke ein Geraeusch. Sie fielen dumpftoenend auf den +Deckel, aber sie stoerten den Schlaefer nicht mehr-- + +"Wir wollen ein Vaterunser beten," hub Hoeppner an. Aber er sprach noch +anderes. Seine verzeihende Seele draengte nach einem Wort: "Richtet +nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des +Ungluecklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren +das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung +einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert +seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott moege ihm gnaedig +sein!"-- + +Als die drei Maenner, Herr von Tressen, Pastor Hoeppner und Hederich, +langsam den Weg zuruecknahmen, zwitscherten ueber ihnen die Voegel mit +suessem, froehlichen Gesang; von unten drang das Geraeusch emsigen Lebens an +ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang ueberall! Und das Gefuehl einer schweren +Last war auch von der Seele dieser Maenner gewaelzt und machte sie leicht +und hoffnungsfroh. + +Hier hinterliess der Tod keine Narben, hier war er eine Erloesung fuer die +Zurueckbleibenden, wie er eine Erloesung gewesen fuer den Vernichteten, der +einst geglaubt hatte, der Mensch vermoege sein Schicksal zu lenken nach +seinen Wuenschen und Vorstellungen.-- + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Todsuenden, by Hermann Heiberg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TODSUeNDEN *** + +***** This file should be named 13805.txt or 13805.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/8/0/13805/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/13805.zip b/old/13805.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5107b33 --- /dev/null +++ b/old/13805.zip |
