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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:42:58 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13805 ***
+
+Todsünden
+
+
+
+Roman
+
+von
+
+Hermann Heiberg
+
+
+
+Berlin
+
+Verlag des Vereins der Bücherfreunde
+
+1891
+
+
+
+
+Hermann Heiberg.
+
+
+Unter den großen Verdiensten, die der Träger dieses vielgefeierten
+Namens sich erworben, steht nicht in letzter Linie das: in jenen
+drangvollen Zeiten, als eine kraftvolle Gegenwartskunst mit einer
+schwächlichen Nachklangskunst zusammenprallte, der neuen Dichtung in den
+weiteren Kreisen des bis dahin gleichgültig gebliebenen Publikums Bahn
+gebrochen zu haben.
+
+Es geschah dies durch seine Bücher „Plaudereien mit der Herzogin von
+Seeland“ und „Apotheker Heinrich.“
+
+Aber wie, Heiberg ein Bahnbrecher? Er war allerdings sehr viel weniger
+ein solcher, als die, welche das Wort Realismus auf ihre Fahne
+geschrieben hatten. Er — so wenig wie Theodor Fontane — brach auch
+keineswegs so ganz mit der Vergangenheit, wie jene es zu thun meinten;
+er — so wenig wie Theodor Fontane — stellte keine großartigen, langatmigen
+und langweiligen Programme auf; er — so wenig wie Theodor
+Fontane — spielte sich als Begründer einer ganz neuen, noch nie
+dagewesenen Poesie auf. Dafür vollbrachten Theodor Fontane und Hermann
+Heiberg realistische Thaten; sie waren unter den ersten in Deutschland,
+welche die Wirklichkeitskunst begründeten. In den siebziger Jahren
+erschien ganz im Stillen Fontanes „L'Adultera“; Heiberg schrieb 81 seine
+graziösen, entzückenden Plaudereien und zwar nur, „um seine mißmutigen
+Gedanken zu töten,“ keineswegs aber, am allerwenigsten, um Belegstücke
+zu liefern, welche die einzige Berechtigung des neuen Dogmas darthun
+sollten.
+
+Er schrieb sie freilich gerade in der Zeit, als jener heiße Kampf
+entbrannte; doch hat das vielleicht nicht so sehr den maß- und
+geschmackvollen Realismus, der seine Dichtungen kennzeichnet,
+hervorgerufen, als sein durch seine Vergangenheit geschärfter
+Wirklichkeitssinn. Er _war_ Realist, er wurd' es nicht erst. Denn er
+hatte gelebt, und er hatte erlebt, eh' er die Feder ergriff; er war ein
+reifer Mann, als er sein erstes Buch schrieb; er erfüllte buchstäblich
+die Forderung der Concourts, (wenn ich nicht irre, waren es die beiden
+Brüder, welche sie aufstellten,) daß man erst vierzig Jahre zählen
+müsse, bevor man sich Realist nennen dürfe. Aber Realist! Meines Wissens
+hat sich Heiberg nie so genannt, und da seine Bücher nicht „die einzige
+Berechtigung des Realismus“ beweisen wollten, da er sich nicht auf ein
+einseitiges Dogmenverkünden und Dogmenbeweisen kapriziert hatte, sondern
+in Wahrheit nichts anderes als _wirken_, nämlich die Sinne und die Seele
+des Lesers nach seinem Willen regieren, sie mit den Bildern und
+Vorstellungen, welche seine Ideen forderten, füllen wollte — etwas, was
+bis jetzt alle Dichter seit Homer, ohne Ausnahme, erstrebten —, so nahte
+seinen Büchern das Publikum sich unbefangen und ohne jegliche
+Voreingenommenheit. Dem Publikum ist es nämlich in der That ja ganz
+gleichgültig, wer vor ihm steht, ob es ein Idealist, Romantiker, Realist
+oder was immer sei — als ob überhaupt die Wirklichkeit diese Gegensätze
+so scharf begrenzt anseinanderhielte! — es will nur eins: es will
+bezwungen sein; der Leser wünscht zu fühlen, daß der Künstler Gewalt
+über ihn habe, er will sein Gefangener sein...
+
+Heiberg bezwang das Publikum; er fesselte es mit Rosenguirlanden in
+seinen entzückenden Plaudereien; aber aus seinen folgenden Büchern — ich
+denke hier besonders an den „Apotheker Heinrich“ — langte es mitunter
+zugleich wie ein Paar grauer Schattenarme, die sich Einem unvermerkt um
+den Hals schlangen, fester und fester... und die uns mit unheimlicher
+Gewalt tiefer und tiefer in das Buch und seine Geschichten hineinzusehen
+zwangen, bis langsam sich die Spannung löste und ein hinreißender Humor
+uns den Alp von der tiefaufatmenden Brust wälzte... Was sag' ich? in das
+Buch? In das Leben, in das Leben, wie es ist! In allen seinen folgenden
+Arbeiten, wenn auch in einzelnen bisweilen die Kraft des Dichters
+nachzulassen schien, steckte ein Element der Ursprünglichkeit, ein
+naives, leidenschaftliches Ergreifen der Dinge, wie es Einem lange nicht
+vorgekommen. Und dabei doch wieder: man fühlte sich so wohl bei Heiberg;
+er hat etwas Aristokratisches, Vornehmes, Weltmännisches; bei ihm
+vereinigte sich Weltton mit Frische, heitere Laune mit einer
+schneidenden Satire. Auch seine berückendsten Schilderungen waren durch
+einen goldechten Humor verklärt. Dieser Humor gerade ist das
+Auszeichnende der schriftstellerischen Persönlichkeit Heibergs: nicht
+viele Dichter der gegenwärtigen Zeit können sich zu diesem
+Erlösungsmittel durchringen, sie werden immer zwischen den
+schmerzvollsten Gegensätzen hin und her geschleudert, und erleichtert
+seufzen sie auf, wenn ihnen ein Begünstigter begegnet, und horchen auf
+ihn, um zu lernen, wie man das schwere Leben leicht nimmt.
+
+Und dringender wurde nun allgemach das Fragen: Wer ist dieser Mann? Wo
+kommt er her? Nicht müßige Neugierde blos war es, die so forschte. Denn,
+um es mit einem groben und beschränkten Wort zu sagen: Was Einer ißt,
+das ist er. Meine Leser verstehen sicher, was ich meine.
+
+Man erfuhr nach und nach folgendes.
+
+Hermann Heiberg ist am 17. November 1840 in Schleswig, der jetzigen
+Provinzialhauptstadt, als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Die
+Heibergs, eine angesehene Patrizierfamilie, spielten in der kleinen
+Stadt seit langem eine große Rolle. Heibergs Mutter, die noch lebt,
+entstammt dem gräflichen Hause Baudissin-Knoop. Er verlebte eine sehr
+glückliche Jugend, man ließ ihm als Knaben Luft und Licht ... und er war
+ein frischer, fröhlicher Junge, kein Stuben- und Ofenhocker. Seine
+Jugend wirft denn auch einen lichten, lachenden Schein in all seine
+Bücher,... er ist einer der größten und naturwahrsten Kinderdarsteller
+der Gegenwart, ebenso wie er die Kleinstadt, in der eben seine Jugend
+dahinfloß, meisterhaft zu vergegenwärtigen weiß. Nachdem Heiberg das
+Gymnasium seiner Vaterstadt durchlaufen hatte, wollte er das Studium der
+Rechte ergreifen; doch verhinderten die damaligen Wirrnisse in
+Schleswig-Holstein und andere Umstände die Ausführung dieses
+Entschlusses. Heiberg ward Kaufmann und zwar Buchhändler. Seine
+Lehrjahre, die er später im „Januskopf“, diesem vortrefflichen
+Buchhändlerroman, geschildert hat, absolvierte er in Kiel. Dann
+übernahm er in Schleswig die selbständige Leitung einer von seinem Vater
+begründeten, aber bisher von fremder Hand verwalteten Buchhandlung, die
+er wenige Jahre später, nachdem er inzwischen ein Jahr in Köln gewesen,
+als Eigentum an sich brachte. Nach dem Krieg von 1866 verkaufte er sein
+aufblühendes und mit einer eigenen Druckerei versehenes Geschäft, um
+nach Berlin zu übersiedeln. Hier ward er vorerst geschäftlicher Leiter
+der Nordd. Allg. Ztg., dann der Spenerschen Zeitung, doch bald wurde der
+energische und tüchtige Mann in die Direktion der Preußischen
+Bankanstalt berufen. In seiner neuen Stellung sammelte er die
+vielseitigsten Erfahrungen, zumal sie ihn zu häufigen und ausgedehnten
+Reisen durch Deutschland, die Schweiz, Holland, Belgien, Dänemark,
+Frankreich und England veranlaßte. Wo ist ein Schriftsteller mit einer
+so eigentümlichen und bewegten Vergangenheit, ein Schriftsteller, der
+als thätiger Mann im Leben stand, nicht es als müßiger Zuschauer
+beobachtete?... Die Bank liquidierte; er stellte sich auf eigne Füße und
+beschäftigte sich vorwiegend mit der Einleitung zur Finanzierung von
+Eisenbahn- und Tramway-Unternehmungen; erhielt auch einige male allein
+oder im Verein mit anderen bedeutsame Vertretungen — so war er z.B.
+einmal vorübergehend Bevollmächtigter der chinesischen Regierung für
+eine Finanzierung in London —, zog sich aber endlich doch, mehrfach um
+die Früchte seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit gebracht und
+grenzenlos angewidert von allem, was „Geschäft“ heißt, zurück. Im Jahre
+1881 schrieb er dann, „um meine mißmutigen Gedanken zu töten,“ wie er
+sagt, jene reizenden „Plaudereien mit der Herzogin von Seeland.“ Der
+große Erfolg, den dieses anmutige und originelle Buch fand, ermunterte
+ihn zum Weiterschaffen, und so lebt er denn noch jetzt als
+Schriftsteller in Berlin W., an der Seite einer liebenswürdigen Frau,
+mit der er sich 1865 vermählt hat, umgeben von einem blühenden
+Kinderkreis, rastlos und erfolgreich thätig.
+
+Hiermit legt der Verein der Bücherfreunde der deutschen Leserwelt sein
+neuestes Werk vor.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Es war Herbstzeit, doch bisher hatte kein Sturm die Bäume ihrer Blätter
+entkleidet. Wohin das Auge blickte, sah es noch Laub, aber die Wälder
+hatten doch ihr Aussehen bereits verändert: wundervolle kupferrote und
+in scharfem Eiergelb prangende Farben tauchten neben dem Grün, das der
+Sommer gezeigt, auf, und wie mit Silber bedeckt erschien ein einzelner
+Baum, der, hoch die andern überragend, emporstrebte aus einem
+parkartigen Gehölz, welches das versteckt und düster gelegene Erbgut
+Falsterhof rings umgab.
+
+An einem solchen Herbsttage, um die Dämmerung, wandte sich ein Mann, der
+eben die Dreißig zurückgelegt hatte, in die zu dem Gute führende
+Kastanienallee.
+
+Aber bald hemmte er seine Schritte und horchte gespannt nach dem Hofe
+hinüber. Als von dort das Gebell eines Hundes an sein Ohr schlug,
+änderte er, den unheimlich klugen Mund in dem scharfknochigen, bartlosen
+Gesicht bewegend, die Richtung, zwängte sich durch zwei eine stille,
+große Wiese flankierende Feldsteine hindurch und ging, wiederholt
+vorsichtig um sich schauend, auf einem Umwege dem Gehöft zu.
+
+Nach zehn Minuten hatte er ein zur Linken des Herrenhauses sich
+hinstreckendes, dichtes Gehölz erreicht, durchschritt es, bis er an
+einen Gemüsegarten gelangte, und schlich dann an einem diesen
+begrenzenden Wirtschaftsgebäude entlang. Hier übersprang er, den
+gebahnten Weg verlassend, einen mit Brennesseln bestandenen Graben und
+befand sich zuletzt nur noch wenige Schritte entfernt von einem hier
+emporragenden Flügel des Gutshauses.
+
+Es war ein wohl über zwei Jahrhunderte alter, aus breiten, starken
+Backsteinen abgeführter, verwitterter Bau, umrankt von Epheu und
+Schlinggewächsen, und dem Auge um so unfreundlicher und düsterer
+erscheinend, als die Fenster tief eingeladen waren, und große Bäume ihn
+beschatteten.
+
+Vor zwei Monaten war, über siebzig Jahre alt, der Besitzer von
+Falsterhof, Klaus von Brecken, gestorben, und seit vierzehn Tagen
+kämpfte seine ebenso alte Frau Marianne, geborene Sand, mit dem Tode.
+Das wußte der Mann, der hier horchend still stand und sich so Gewißheit
+verschaffen wollte über Verlauf oder Ende der Krankheit.
+
+Das Schlafzimmer der Greisin lag nach hinten hinaus; es schaute mit
+seinen Fenstern auf einen jetzt von dem Fremden betretenen, von Gebüsch
+eingefriedigten kleinen Rasenfleck. Monate konnten vergehen, bevor es
+jemandem einfiel, diesen abgeschiedenen Winkel zu beschreiten; so war
+denn der Späher sicher, daß niemand ihn beobachten werde.
+
+Nun drückte er sich hart an die Mauer, bestieg einen an sie gelehnten
+Feldstein und schaute ins Innere des Hauses.
+
+Eben fuhr der Abendwind durch Gebüsch und Bäume und fing sich stürmisch
+in dieser Ecke. Aber Tankred von Brecken, der Besitzerin Neffe, kümmerte
+sich nicht darum.
+
+Mit Luchsaugen beobachtete er, was drinnen im Krankenzimmer vorging. In
+einem hohen Bett mit verblichenen, grünseidenen Gardinen lag die alte
+Frau mit gefalteten Händen; eine Lampe brannte auf dem Tisch mitten im
+Zimmer; daneben Medizinflaschen, Gläser, Leinewand, Schwämme und
+Schachteln.
+
+Alte, schwere Möbel standen ringsum; ihr Äußeres bekundete Gediegenheit
+und Wohlhabenheit; so ernsthaft schauten sie drein, als empfänden sie,
+was sich hier abspielte, als hörten sie das Röcheln der Kranken, als
+sähen sie das blasse, schmerzverzehrte Angesicht einer jungen Frau, die
+sich in einen großen, seidenbezogenen Lehnsessel niedergelassen hatte
+und nun schon seit zwei Tagen und Nächten von der Sterbenden, ihrer
+Mutter, nicht gewichen war.
+
+Vor einigen Jahren hatte Theonie Cromwell ihren Mann, einen jungen
+Ingenieur, nach dreimonatlicher Ehe verloren und war dann zu ihren
+Eltern nach Falsterhof zurückgekehrt. Sie hatte kaum je einen Blick in
+die Welt gethan, denn seit ihrer Geburt war sie nur zweimal für kurze
+Zeit vom Gute fortgewesen. Gouvernanten hatten ihren Unterricht
+geleitet; als sehr spät geborenes, einziges Kind hatten ihre Eltern sie
+nicht missen wollen und jene Methode der Erziehung zur Anwendung
+gebracht, die, einem unbewußten Egoismus entspringend, mehr den Eltern
+selbst als den Kindern zu gute kommt.
+
+Was sich jetzt diesem jungen Leben eröffnete, war schmerzlich genug.
+
+Theonie war zwar Erbin des großen Besitzes, aber stand völlig allein in
+der Welt da. Der einzige Verwandte, den sie besaß, war Tankred von
+Brecken, derselbe, der eben versteckt ins Krankenzimmer spähte. Aber
+schon bei der ersten, vor vier Monaten erfolgten Begegnung mit ihm hatte
+sich ihrer eine unauslöschliche Abneigung gegen ihn bemächtigt. Tankred
+war glatt, höflich und zuvorkommend, aber sein Antlitz, das Theonie an
+die Züge eines Verbrechers erinnerte, von dem sie einmal ein Bild in
+einem Buche gesehen hatte, schuf in ihr ein Urteil über seinen
+Charakter, von dem sich ihre Vorstellungen nicht zu lösen vermochten.
+
+Tankred war der einzige Sohn eines jüngeren Bruders des verstorbenen
+Herrn von Brecken, der alles durchgebracht und zuletzt von den
+Wohlthaten des Besitzers von Falsterhof gelebt hatte. Auch Tankreds
+Mutter lag unter der Erde, man sagte, aus Gram über die Verkommenheit
+ihres Sohnes, der früher als Schreiber auf adligen Gütern thätig gewesen
+war, aber nirgend seine Stellung hatte behaupten können und sich
+zuletzt — gleich nach dem Ableben seiner Mutter — auf Falsterhof
+eingefunden hatte. Hier saß er nun schon seit Monaten umher, erklärte,
+sich trotz seiner Bemühungen keine neue Thätigkeit verschaffen zu
+können, und fand in Theonies Mutter, die ganz von seiner Art und seinem
+Wesen eingenommen war, genügenden Rückhalt, um sein Faulenzerleben
+fortzusetzen.
+
+Ganz allmählich hatte er sich zum Herrn der Situation in Falsterhof zu
+machen gewußt; er bewohnte die Zimmer des verstorbenen Hausherrn,
+rauchte dessen zurückgelassene Zigarren, bediente sich seiner Pfeife
+und schritt mit seinem Feldstock über das Gut.
+
+Taschengeld steckte ihm die Tante zu, und bevor ihre Krankheit sie
+ergriffen, hatte sie sogar darauf Bedacht genommen, daß ihm bei Tisch
+nichts vorgesetzt wurde, was er nicht mochte, und daß ihm
+Bequemlichkeiten zu teil wurden, wie man sie nur älteren und besonders
+geschätzten Personen verschafft.
+
+Tankred sprach mit solcher Offenheit über sein Vorleben, drückte eine
+anscheinend so ehrliche Reue darüber aus, seinen Eltern Kummer bereitet
+zu haben, legte einen solchen Abscheu davor an den Tag, in alte,
+schlechte Gewohnheiten zurückzuversinken, und wußte seine Tante in so
+geschickter Weise zu umschmeicheln, daß die Frau sich völlig umgarnen
+ließ und alle ihre Vernunft, die ihr doch bisweilen etwas anderes
+zuflüsterte, gefangen gab.
+
+„Du bist nun einmal durch Tankreds Vorleben gegen ihn eingenommen,
+Theonie!“ hatte sie ihrer anfangs noch schüchterne Einwendungen
+machenden Tochter gesagt. „Menschen können sich doch ändern! Diesen
+jungen Mann haben die Lebenserfahrungen früh weise gemacht. Ich glaube
+an seinen ehrlichen Willen und an sein Herz und bin überzeugt, daß er
+fortan nur grade und gute Wege gehen wird.“
+
+Am Tage vor dem Eintritt ihrer Krankheit hatte Frau von Brecken sogar
+fallen lassen, daß es vielleicht ein guter Plan sei, Tankred zum
+Oberverwalter des Gutes und des Vermögens einzusetzen, ihm auf diese
+Weise Thätigkeit und Erwerb zu geben und die Pflichten natürlicher
+Rücksicht gegen den einzigen Verwandten zu üben, den sie noch auf der
+Welt besäßen.
+
+Mit allen Zeichen höchsten Schreckens hatte Theonie dem zugehört.
+
+„Mutter, ich bitte Dich, welch ein Gedanke! Schrieb uns nicht Tante noch
+sechs Wochen vor ihrem Tode, daß Tankred wegen Veruntreuung vom Grafen
+Thorley auf Rinteln entlassen sei? Soll ich den Brief hervorholen, in
+welchem sie, daran verzweifelnd, jemals einen braven Menschen aus ihm zu
+machen, seinen Charakter schildert? Steht es dort nicht geschrieben, daß
+man sich um so mehr vor ihm hüten müsse, als er ein großer Künstler in
+der Verstellung sei, daß er die Herzen der Menschen umstricke, sich
+ihnen füge und anbequeme, aber stets ein verstecktes Ziel dabei im Auge
+habe? So lautet das Urteil der eigenen Mutter, und Du, die Du doch
+erschrocken warst über sein plötzliches, unaufgefordertes Erscheinen
+hier, schwörst nun auf seine Tugend und denkst sogar daran, unser
+Eigentum seiner Hand anzuvertrauen? Ich wollte, der schreckliche Mensch
+wäre erst aus dem Hause, ja, mir scheint, wir müßten eher große Opfer
+bringen, um ihn für immer von uns zu entfernen, als daß wir darüber
+sinnen, ihn an uns zu fesseln. Weißt Du, was ich glaube? Nicht nur zu
+Unehrlichkeiten, zu leichtfertigen Streichen ist er fähig, sondern unter
+Umständen zu einem Verbrechen!“
+
+„Theonie! Theonie!“ rief die alte Dame entsetzt und für ihren Neffen
+Partei nehmend. „Welche Gedanken! Meine Schwägerin, Deine Tante, war
+eine kalte, mißtrauische Natur. Sie erzog ihren Sohn lediglich aus
+Pflichtgefühl. Liebe empfand sie weder für ihn, noch für ihren
+verstorbenen Mann. Obgleich sie seine Mutter war, war ihr Urteil im
+schlechten Sinn getrübt. Sie ließ überhaupt keinem etwas Gutes, sie sah
+stets nur die Schattenseiten der Menschen. Tankred wurde leichtsinnig
+und genußsüchtig, weil sein Vater ihm ein trauriges Beispiel gab, und
+die Mutter ihm nie einen Funken Liebe zeigte, aber er ist nicht
+verdorben, nicht schlecht, berechnend oder gar verbrecherisch. Grade
+Menschen wie Tankred bringt man oft am sichersten zur Umkehr, wenn man
+ihnen Vertrauen schenkt. Ihr ersticktes Ehrgefühl erwacht dann, und sie
+bestreben sich, zu zeigen, daß sie doch im Grunde etwas anderes sind,
+als wofür man sie hält.“ — —
+
+Nachdem Tankred fast eine Viertelstunde seine Tante und Kousine
+belauscht hatte, wich er zurück und schien auf Grund der von ihm
+gemachten Beobachtungen zu einem Entschluß gelangt zu sein. Aber rasch,
+wie von einem plötzlichen Anruf umgestimmt, wandte er sich wieder um,
+als nun eben ein Schrei aus dem Innern durch Fenster und Mauern drang
+und ihn belehrte, daß in diesem Augenblick sich etwas Entscheidendes
+zugetragen habe. Er sah, als er wieder ins Gemach spähte, daß seine
+Kousine sich mit allen Anzeichen des Schreckens und Schmerzes über ihre
+Mutter herabbeugte und der offenbar ihre letzten Seufzer aushauchenden
+Greisin behülflich war, die Todesqual leichter zu überwinden. Das
+Stöhnen und Ächzen, das Tankred aufgescheucht hatte, wiederholte sich;
+schrecklich verzerrten sich die Züge der Sterbenden, und kaum fünf
+Minuten später hatte Frau von Brecken ihren Geist aufgegeben.
+
+Rasch wie der Blitz verschwand nun der Kopf Tankreds vom Fenster. Mit
+wenigen Sätzen hatte er den kleinen Wiesenplan und den Graben
+übersprungen, und bald befand er sich, wieder den Weg durch das Gehölz
+einschlagend, abermals in der Allee.
+
+ * * * * *
+
+Vor einer Stunde war die alte Frau von Brecken beerdigt. Eben war
+Theonie von dem Begräbnis zurückgekehrt und sank nun in ihren oben im
+Hause belegenen Gemächern an dem Tisch nieder und ließ das Haupt auf den
+ausgestreckten Armen ruhen. In ihrem Innern hatte nichts anderes Raum
+als der Schmerz, verstärkt durch das Gefühl einer grenzenlosen
+Vereinsamung und — Furcht.
+
+Außer ihr wohnten in dem großen Hause nur zwei Mädchen und ein bejahrter
+Diener ihres verstorbenen Vaters, ein zuverlässiger, aber eigentümlicher
+alter Mann, der etwas schwerhörig war. Das Haus des Pächters von
+Falsterhof lag fast eine Viertelstunde entfernt hinter dem Park, und der
+Pächter selbst war einer jener streng redlichen, aber plump graden
+Menschen, die man respektiert, aber nicht eben liebt. Da er
+unverheiratet war, führte ihm seine alte Schwester die Wirtschaft, und
+auch sie war wenig zugänglich.
+
+Im Herrenhaus befanden sich zur Linken im Parterre die gemeinsamen
+Wohngemächer, die sich bis in den Flügel ausdehnten; zur Rechten lagen
+die Räume, in denen jetzt Tankred sich breit machte, und oben
+Fremdengelasse und Theonies Zimmer. Im andern Flügel waren die Küche und
+die Gesindezimmer. Man mußte eine breite, beschnittene Hecke
+durchschreiten, wenn man von der Hinterfront des Hauses in das Gehölz
+gelangen wollte, welches sich dort düster hinstreckte. Auch vorn standen
+große, die Zimmer verdunkelnde Linden, und den Hof begrenzte der durch
+Stakete eingefriedigte Gemüsegarten mit hohen Gebüschen. So drang denn
+nie Licht, kaum Helle in die unteren Gemächer, und das Herrenhaus machte
+von außen und innen einen unheimlich düsteren, melancholischen Eindruck.
+
+„Was nun?“ drang's unwillkürlich und mit grenzenloser Schwermut aus
+Theonies Munde, als sie nach Bekämpfung des ersten Schmerzes das Haupt
+emporrichtete und, ihre Gestalt dehnend, sich im Zimmer umschaute.
+
+„Was nun?“ Weit lag die Welt vor ihr, nichts fesselte, hinderte sie,
+niemand beschränkte ihre Freiheit, und doch erschien ihr die Ferne, in
+die sie schaute, von allen Seiten begrenzt, doch fühlte sie sich
+gehemmt, als befände sie sich in einem Gefängnis.
+
+Die Freude am Dasein war ihr, da sie nun den letzten Familienanhalt
+verloren hatte, erloschen. Wenn sie sich vorstellte, daß sie ihr ganzes
+Leben in Falsterhof verbringen sollte, kam's verzagend über sie, aber
+ebenso sehr schrak sie davor zurück, sich anderswo in der Welt
+niederzulassen. Alles hatte Reiz und Farbe für sie verloren.
+
+Als zuletzt ihre Gedanken sich wieder dem Nächstliegenden zuwandten, dem
+Tag und seinen Bedürfnissen, und auch Tankred vor ihren geistigen Augen
+erschien, schüttelte sie sich in Grauen, und all ihr Denken und Sinnen
+richtete sich darauf, in welcher Weise sie ihn würde entfernen können.
+
+In den legten Tagen während der schweren, schon hoffnungslosen
+Krankheit ihrer Mutter hatte er lügnerischer Weise erklärt, eine Reise
+unternehmen zu müssen, da sich ihm unerwartet Ansichten auf eine
+Stellung eröffnet hätten.
+
+Vor seinem Fortgang hatte er in seiner schmeichlerischen Weise die
+Kranke getröstet: wenn er wiederkomme, werde sie schon ganz die alte
+sein, sie sehe bereits wohler aus, viele Jahre seien ihr noch beschert.
+Er bedaure, grade jetzt Falsterhof verlassen zu müssen, ihr nicht
+Gesellschaft leisten zu können, aber er halte es für seine Pflicht, eine
+gute Gelegenheit zur Erlangung einer Stelle nicht vorübergehen zu
+lassen. Unter einer Pflege, wie Theonie sie ihr biete, sei die Kranke
+besser aufgehoben als unter irgend einer andern; das beruhige ihn.
+
+Und dann hatte er Theonie voll Zärtlichkeit umarmt, sie mit seinem
+demütigen Blick gestreift und war abgefahren.
+
+Während sich die alte Dame in Lobsprüchen über ihn erging, dachte
+Theonie ihr Teil. Sie durchschaute ihren Vetter; ihr Mißtrauen, ihre
+Abneigung verschärften ihre natürliche Menschenkenntnis. Sie war
+überzeugt, daß er nur ging, weil es ihn langweilte, bei der Krankheit
+und dem Ende der alten Frau zugegen zu sein und Rücksichten zu üben,
+durch deren Vernachlässigung er sich in ein schlechtes Licht stellen
+würde. Er werde, sie war dessen sicher, erst wiederkehren, wenn alles
+vorüber wäre, wenn ihm keine Lasten mehr aufgebürdet werden könnten. Er
+wußte auch, daß sie, Theonie, ihn nicht herbeirufen werde.
+
+Tankred kannte nur sich; um seiner Behaglichkeit keinen Abbruch zu
+thun, scheute er weder Lüge noch Verstellung. Alles, was ihn irgendwie
+genieren konnte, suchte er möglichst aus dem Wege zu räumen. Und in der
+That war er erst wieder in Falsterhof eingetroffen, nachdem die Leiche
+bereits aus dem Hause geschafft und in der Kirchhofkapelle des eine
+Stunde entfernten Gutsdorfes Breckendorf niedergesetzt war.
+
+Nun heuchelte er Überraschung, Trauer und Leid, so spät — zu spät
+gekommen zu sein! Aber schon eine Viertelstunde später bemerkte ihn
+Theonie, vergnüglich eine Pfeife rauchend, im Park. Sicher hätte ihn das
+Herabfallen eines Spatzen vom Dach nicht mehr berührt als der Tod seiner
+Verwandten und Wohlthäterin.
+
+Theonie sah alles kommen. Die Stelle hatte er nicht erhalten; nur zu
+begreiflich, weil gar keine in Aussicht gestanden, und er auch nicht die
+Absicht gehabt hatte, eine anzunehmen. Wenn vier Wochen, wenn acht
+Wochen vorüberzögen, würde er sich noch auf Falsterhof befinden, wie
+bisher zweimal die Woche in die Stadt Elsterhausen fahren und sich
+amüsieren, zu Fuß und Wagen Ausflüge unternehmen, Gutsbesitzer der
+Umgegend besuchen und die übrige Zeit essen, trinken, schlafen,
+faulenzen und den Herrn spielen.
+
+Und Theonie erwartete mit Sicherheit einen Heiratsantrag von seiner
+Seite. Sie und damit Falsterhof zu seinem Eigentum zu machen, war sein
+verstecktes Ziel. Nicht gleich — nicht überstürzt — er hatte Zeit zu
+warten! Ihre Fragen, ihre Anspielungen, ihre deutlichen Wünsche würde er
+umgehen, wohl aber dann und wann ihr dieselben Lügen auftischen wie
+ihrer verstorbenen Mutter: daß er sich um Thätigkeit und Verdienst
+bewerbe und Aussicht habe, sie zu finden.
+
+Und wenn sie dann erklärte, eher sterben zu wollen, als ihn heiraten,
+wenn sie zulegt die Forderung an ihn stellte, Falsterhof zu verlassen,
+dann würde die Maske fallen, und sein wahres Gesicht zu Tage treten. Und
+dieses Gesicht hatte sie jüngst im Traume gesehen — es war die
+Physiognomie eines beutehungrigen Schakals gewesen.
+
+Tankred hatte schreckliche Fäuste, — er zerbrach mit den Fingern einen
+eisernen Ring, — er hatte fürchterliche Backenknochen, er besaß die
+herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten
+Momenten die Augen eines Raubvogels.
+
+Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit
+einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloß hinter sich
+die Thür in dem düsteren Raum und öffnete die Pultschublade der
+Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wußte, hier liegende Testament
+ihres Vaters an sich nehmen. Eine plötzliche Unruhe und Angst, daß es
+von Tankred beiseite gebracht werden könne, daß es gar schon von ihm aus
+der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen.
+
+Mit zitternden Händen und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das
+Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre
+Furcht schon bestätigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit,
+hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Fächer neben anderen
+wichtigen Papieren das Gesuchte fand.
+
+‚Mein letzter Wille‘ lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit
+den Schriftzügen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und
+sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem
+Dahingeschiedenen bemächtigte sich ihrer.
+
+Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer.
+Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und
+neben ihm die Unvergeßliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit
+gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten
+Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr
+Gedächtnis, und abermals kam's über sie wie Gewitterschwüle. Angst und
+Grauen bemächtigten sich ihrer Seele und ließen sie nicht.
+
+Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Räume, der Geruch von
+verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf
+die Brust, und als nun die Thürglocke anschlug, und der Hund, der immer
+bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut rührte, als sie wußte, daß
+er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen
+begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung
+unter ihrem Mieder und schloß rasch das Pult.
+
+Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt. — Nichts — Tankred
+schien sich in den Garten begeben, seine Gemächer nicht betreten zu
+haben.
+
+Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald
+auf die Thür, bald auf das nach dem Park sich öffnende Fenster. Und als
+sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkürlich als
+bewußt, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres
+Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spähen und sie
+beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als
+ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten;
+doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu
+vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie
+gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen
+Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloß sie
+die Thür des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemächern empor und
+machte sich, nachdem sie einigermaßen ihre Ruhe zurückgewonnen, an die
+Durchsicht des Testaments. —
+
+Theonie war groß und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besaß sehr
+schöne, regelmäßige Züge, weiße Hände und schmale Füße und jenes
+Zurückhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Männer reizt, in
+das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt,
+ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersönliche in ihrem
+Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluß gelangen läßt, der
+damit Behaftete sei nur mit sich beschäftigt, interesselos und hochmütig
+oder so sehr durch anderes abgelenkt, daß vorliegende Dinge ihn nicht
+fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberfläche Feuer und
+Leidenschaft; diese Gleichgültigkeit ist dann der Schleier, den man
+vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu können; vielfach ist's auch
+ein Produkt der Erziehung, welche Zurückhaltung als ein Gebot der
+Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht.
+Das letztere war bei Theonie der Fall.
+
+Sie besaß eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam,
+und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kräftigeren,
+selbstbewußteren Seite hin bisher nur einmal bethätigen können, und zwar
+nach dem Tode ihres Mannes.
+
+Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie
+selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem
+Willen und Wünschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmäßig
+dahinfließendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen
+unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil
+gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschätzt, dafür hatten
+sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt.
+
+Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die
+Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, überwog bald den
+Schmerz und machte sie weniger empfindlich für die Trauer, die Theonie
+um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die
+Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, fröhlicheres und der
+Welt mehr zugewandtes Leben begrub.
+
+Daß sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde,
+stand für sie außer Frage. Das Glück, das ihr kurze Zeit gelächelt,
+hatte sie schnell wieder verlassen, denn daß sie noch einmal einen Mann
+lieben könnte, hielt sie für undenkbar. —
+
+Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertönte, war Theonie eben mit dem
+Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im
+Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen.
+
+Als sie in die Thür trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer
+Teilname auf sie zu und drückte wortlos einen Kuß auf ihre Hand. Sie
+litt es nur halb; bei seiner Berührung war's ihr, als ob ein böses Tier
+sich ihr genähert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens
+vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen.
+
+„Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurück, Theonie,“ hub
+Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, „weil Pastor Höppner noch
+den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte,
+um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wünschtest
+Du auch allein zu fahren?“
+
+Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat
+trotz seiner gefügigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wußte seit
+seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der
+Wunsch, daß es anders sein möge, verwischte bisweilen sein klares
+Urteil. So war es auch heute.
+
+„Ja,“ erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem
+sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, „ich
+hatte allerdings das Bedürfnis, mich abzuschließen, und hätte Dich sogar
+gebeten, mich allein fahren zu lassen.“
+
+Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er
+mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend,
+einschmeichelnd: „Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich würde ich
+glücklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt hättest, in meiner Nähe zu
+sein. Ich hätte dann doch einmal empfunden, daß Du ein etwas warmes
+Gefühl für mich besitzest.“
+
+„Nein, ich besitze es nicht!“ gab die Frau ehrlich zurück.
+
+Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets
+ausgewichen, aber über ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die
+auf Freundschaft oder Abneigung hätte schließen lassen können.
+
+Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte
+gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten?
+Wollte sie rasch und ohne Rücksicht das Band zwischen sich und ihm
+durchschneiden? Er mußte es wissen, es drängte ihn heiß, und statt ihre
+Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte
+er unvermittelt: „Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begräbnistage
+Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es
+mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen.“
+
+Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners,
+und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner
+Schwerhörigkeit begegnen mußte:
+
+„Es fehlt ein Löffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein.“ —
+
+Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet
+mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige.
+
+„Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?“
+
+Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem
+Gesicht; deutlicher Haß spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie
+rasch wieder glättete.
+
+Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klüger
+sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende
+Furcht kam über sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen
+Ahnungen, daß sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und
+zunächst den Löffel brachte. Sobald sich die Thür hinter ihm
+geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort wägend, aber auch die
+Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter über ihre Absichten nicht im
+Unklaren zu lassen:
+
+„Den Haß, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu
+empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns,
+glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu
+bleiben.
+
+Ich werde nicht vergessen, daß Du mein Verwandter bist, und werde die
+sich daraus ergebenden Rücksichten so lange gegen Dich üben, wie Du sie
+mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem späteren
+Lebenswege günstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber
+doch früher oder später der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus.
+Ich werde Deine Wünsche zu erfüllen suchen, sofern sie meine Kräfte und
+die Grenzen, die ich nur stecken muß, nicht überschreiten.“
+
+Als Theonie mit ihrer Rede innehielt, neigte Tankred mit einem
+gemischten Ausdruck schlecht unterdrückter Enttäuschung und dankbarer
+Erkenntlichkeit kurz das Haupt und sagte: „Ich danke Dir für Deine
+Gesinnungen. Daß Du jemals in die Lage geraten könntest, ‚meiner‘ zu
+bedürfen, hältst Du wohl nicht für denkbar Theonie? Umfaßt der Reichtum
+denn allein die Mittel, mit dem sich ein Mensch dem anderen hülfreich
+erweisen kann?“
+
+„Ich werde Dich nie um etwas bitten,“ entgegnete die Frau kalt, und von
+der klug beobachteten Grenze zwischen Offenheit und Rücksicht, die sie
+eben noch inne gehalten, abweichend. Aber sich ihres Fehlers bewußt
+werdend, fügte sie rascher hinzu: „weil ich überhaupt niemandem etwas
+schuldig sein möchte.“
+
+In dem Gesicht des Mannes rührte sich nichts, obschon es in ihm wühlte.
+„Du äußertest vorher, Theonie, daß wir nach Deiner Ansicht besser
+thäten, uns fern von einander zu halten. Habe ich daraus den Schluß zu
+ziehen, daß Du wünschest, ich solle Falsterhof verlassen? Ist dem so,
+dann werde ich so bald wie möglich gehen, doch möchte ich Dich bitten,
+mir noch so lange Aufenthalt bei Dir zu gewähren, bis ich eine Stellung
+gefunden habe. Du wirst sagen, daß das nach den bisherigen Erfahrungen
+lange dauern kann, aber endlich wird sich doch wohl etwas aufthun. Wenn
+ich die Mittel hätte,“ — jetzt kam Tankred auf das, was ihm schon lange
+auf den Lippen lag, — „würde ich mir selbst ein Eigentum erwerben oder
+eine Pachtung zu übernehmen suchen, aber ich armer Teufel —“
+
+„Du hast keinen Wein mehr. Darf ich Dir einschenken? Nein, hier ist eine
+andere Flasche, bitte! — Ich möchte, um Deine Frage zu beantworten,
+Falsterhof bald verlassen und mich auf einige Zeit zu den Verwandten
+meines verstorbenen Mannes begeben. Natürlich werde ich Rücksicht auf
+deine Wünsche nehmen,“ entgegnete Theonie, kühl ausweichend.
+
+„Das ist eine deutliche Antwort, Theonie. Sagen wir also, Du erlaubst
+mir, noch acht Tage zu bleiben.“
+
+Sie gab keine Erwiderung.
+
+„Ist das zu lange?“
+
+„O — nein— “ Es kam sehr zögernd heraus, und diesmal wußte Theonie, was
+sie sprach. Und doch, um seine Enttäuschung, die er nicht zu verbergen
+vermochte, zu mildern, knüpfte sie rasch an den Schluß seiner vorherigen
+Rede an und fügte hinzu:
+
+„Du sprachst von Mitteln, deren Du bedürftest. Auch ohne diesen Hinweis
+hätte ich Dich noch vor Deinem Fortgang gebeten, eine Summe, über die
+ich verfügen kann, von mir anzunehmen. Sonst ist in dem Testament meines
+Vaters alles so festgestellt, daß ich nur über die Zinsen zu disponieren
+habe.“
+
+Tankred horchte auf. Was er vernahm, klang seinem Ohr nur zum Teil
+angenehm. Wenn sie die Wahrheit sprach, — und er vertraute ihr, obschon
+er als Gewohnheitslügner selten annahm, daß andere redlich
+verfuhren, — so konnte ihm nur aus einer Heirat mit Theonie ein Nutzen
+erwachsen, wie er ihn im Auge hatte, und daß an eine solche nicht zu
+denken, war ihm eben klar geworden.
+
+Es kam nun darauf an, zu erfahren, über welche Summe Theonie
+testamentarisch verfügte, und wie viel sie ihm davon zuzuwenden geneigt
+sei. Sicher würde die Gabe um so geringer ausfallen, als er die wenige
+Sympathie, die sie für ihn empfand, noch weiter verscherzte. Wollte er
+ihrem guten Willen alles anheim geben, so mußte er die Krallen auch
+ferner einziehen und sie geschickt umschmeicheln. Freilich, vielleicht
+erlangte er mehr durch Drohung, durch Gewalt —? Das mußte abgewartet
+werden. Vor keinem Mittel schreckte er zurück, zunächst aber wollte er
+es im guten versuchen. Je nach dem Umfange der Schenkung, die sie ihm
+anbieten würde, wollte er sein Verfahren einrichten.
+
+„Du bist sehr freundlich, Theonie, und ich danke Dir nochmals von ganzem
+Herzen,“ hub Tankred an. „Jede Unterstützung ist natürlich für mich von
+Wert, da ich nichts besitze. — Hoffentlich fandest Du durch das Testament
+alle Deine Wünsche erfüllt?“
+
+Die letzten Worte sprach der Mann mehr, um glatte Reden zu machen, als
+daß er sich etwas dabei gedacht hätte. Theonie aber nahm sie auf und
+sagte:
+
+„Du meinst? Ich verstehe nicht —“
+
+„Nun, ich wollte sagen, Du erhieltest dadurch die Unabhängigkeit, nach
+der Du verlangst.“
+
+Sie schüttelte den Kopf, und scheinbar arglos, aber diesmal mit leiser
+Berechnung, stieß sie heraus:
+
+„Alles bleibt, wie es war. Kunth, der Pächter, zahlt wie früher die
+Pacht an unsern Advokaten, und ich habe die Verfügung über die Zinsen,
+wie zuletzt meine Mutter. Was mein Vater an barem Gelde erspart hat, das
+heißt, das, was er nicht dazu verwandte, um Falsterhof schuldenfrei zu
+machen, ist mein Eigentum, und ich kann darüber nach meinem Gutdünken
+verfügen. Ich wollte Dir davon die Hälfte zuwenden, die andere den armen
+Verwandten meines verstorbenen Mannes überweisen. Ich kann ja das Geld
+entbehren, da ich mich mit den Zinsen reichlich einzurichten vermag.“
+
+„Wie hoch schätzt man eigentlich den Wert von Falsterhof?“ fragte
+lauernd Tankred, nachdem er ihre Rede mit leichtem, seinen Dank
+ausdrückenden Kopfneigen bestätigt hatte, in einem äußerlich
+uninteressierten Ton.
+
+„Ich weiß es nicht. Ich verstehe von dergleichen wenig und habe mich nie
+darum bekümmert. Ich freue mich nur, daß ich so viel habe, daß ich
+sorgenfrei leben und anderen Gutes erweisen kann. Darin wird in Zukunft
+ein Teil meiner Lebensaufgabe bestehen. Denn was sonst vor mir liegt,
+ist einsam und recht freudlos.“
+
+Tankred hatte die Frage nach dem Wert von Falsterhof nur aufgeworfen, um
+seiner Kousine Sinn für Vermögensverhältnisse zu prüfen und danach
+wieder die Wahrhaftigkeit ihrer übrigen Angaben zu bemessen. Er wußte,
+daß für das Gut schon vor langen Jahren über viermalhunderttausend
+Thaler geboten waren, und ihn ärgerte nur, daß sein verstorbener Onkel,
+der pedantische Philister, die Hypotheken abgelöst hatte, statt Geld
+anzusammeln.
+
+Er brannte vor Neugierde, zu erfahren, wie groß die Summe sei, die
+Theonie zugefallen war. Aber da sie, trotz ihrer Offenheit in allem
+übrigen, damit nicht hervortrat, mußte er sich gedulden. Er sah keine
+Möglichkeit, ohne sich durch eine direkte Frage bloßzustellen, dem, was
+ihn beschäftigte, gesprächsweise auf die Spur zu kommen. Aber sein
+Entschluß verstärkte sich: Wenn die Abfindung, die Theonie ihm bieten
+würde, bedeutend war, wollte er Falsterhof verlassen, war's aber ein
+Bettel in seinen Augen, so blieb er, um mit List oder Gewalt seine
+geheimen Pläne zu verfolgen.
+
+ * * * * *
+
+Als Tankred sich nach Tisch in des Onkels niederließ und bei der
+angesteckten Pfeife die gegenwärtigen und kommenden Dinge nochmals
+überlegte, drängte sich ihm auch die Sorge für das Nächstliegende auf.
+Seine Tante hatte seit Beginn ihrer Krankheit nicht wieder gefragt, ob
+er Geld bedürfe, und sein Barvorrat war ihm schon seit acht Tagen fast
+ganz ausgegangen. Die Kosten für seine letzte Reise hatte Frege
+bestritten, den er mit Hinweis auf die alte Dame um Geld angegangen war.
+Abgesehen von dieser Schuld, die ihn an sich zwar durchaus nicht
+drückte, denn er hatte die Mittel zur Befriedigung seiner Gelüste bisher
+in der Welt stets genommen, wo er sie gefunden, die ihm aber wegen
+seiner Stellung im Hause peinlich war, fehlten ihm die Mittel für das
+Notwendigste. Er konnte nicht einmal ins Dorf in den Krug gehen, und der
+Vorrat an Tabak und Zigarren aus dem Nachlaß des alten Onkels ging auch
+zu Ende.
+
+Die letzten Monate auf Falsterhof hatten ihn anspruchsvoller gemacht, er
+fand manches an seiner Toilette auszusetzen, und allerlei Bedürfnisse
+regten sich in ihm, die er früher aus Mangel an Geld notgedrungen hatte
+unterdrücken müssen.
+
+Natürlich! Je früher er Theonie seinen Entschluß kund gab, Falsterhof
+zu verlassen, desto eher gelangte er in Besitz von Geld. Seine
+Genußsucht und seine Ungeduld überwogen häufig seine Klugheit und
+Selbstbeherrschung; auch in diesem Falle ging's ihm durch den Sinn,
+lieber rasch zu nehmen, was er bekommen konnte, als den langen und
+ungewissen Weg der Intrigue einzuschlagen. Aber dann überlegte er
+wieder, wie groß der Unterschied sei zwischen dem, was er erreichen
+werde, wenn er möglichst lange mit seiner Abreise zögerte, und dem, was
+Theonie ihm jetzt wahrscheinlich bieten werde.
+
+Er glaubte, seine Kousine ganz zu durchschauen. Wenn die Ungeduld sie
+erfaßte, würde sie vielleicht die Abfindungssumme höher normieren. Also
+warten, trotz allem warten!
+
+Als er sich später in den Park hinaus begab und dort gegen seinen Willen
+sein Gehirn wieder zu arbeiten begann, packte ihn plötzlich das
+Mißtrauen, und ihn ergriff ein ungeduldiges Verlangen, einen Einblick in
+das Testament zu gewinnen.
+
+Dieser Gedanke beschäftigte ihn auch noch, als er sich im Stall von dem
+Kutscher Klaus des alten Onkels Pferd satteln ließ und einen Spazierritt
+unternahm.
+
+In jedem Fall beschloß er, nachdem an diesem Abend sich alles in
+Falsterhof zur Ruhe begeben, in der Tante Wohnzimmer zu schleichen und
+nachzuforschen, ob er nicht etwa mit einem seiner Schlüssel zum Inhalt
+der Schublade gelangen könne, an der er Theonie heute hatte hantieren
+sehen.
+
+Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, hielt er unwillkürlich sein Pferd
+an und warf einen Blick in die Gegend. Vor ihm — er befand sich auf einer
+Anhöhe — lag im Thal das Gut Holzwerder, das einem Herrn von Treffen
+gehörte. Die weißen Wände des Herrenhauses schauten malerisch aus dem
+Grün hervor, und namentlich hoben sich links und rechts emporsteigende
+Tannenwälder reizvoll von der übrigen Umgebung ab.
+
+Tankred erinnerte sich der Mitteilungen seiner Tante über die
+Verhältnisse der Familie Tressen. Diese waren eigentümlicher Art. Herr
+von Tressen und seine Frau besaßen eigentlich nichts, alles gehörte der
+Tochter. Von deren Gelde lebten sie, und schon oft war in der
+Nachbarschaft die Frage ausgeworfen worden, wovon Tressens wohl
+existieren sollten, wenn Grete von der Linden, die Tochter des
+ursprünglichen Besitzers von Holzwerder und ersten Gatten der jetzigen
+Frau von Tressen, einmal heiraten würde.
+
+Während Tankred von Brecken noch auf der Höhe verharrte und nun eben
+seinen nach den überhängenden Zweigen eines Knickes schnappenden Fuchs
+wehrte, erklang hinter ihm das Geräusch von Schritten, und als er sich
+zur Seite wandte, hörte er die Worte sagen: „Nicht wahr, es ist schön
+hier? — Guten Abend.“
+
+Der Mann, der sie sprach, hatte ein breites, ausdrucksvolles Gesicht,
+ja, zwei Linien um den Mund waren so scharf, daß sie sich beim Sprechen
+eingruben, als seien sie künstlich in die Haut gemeißelt. Der untere
+Teil des Gesichts erhielt dadurch fast das Aussehen einer Maske, aber
+die buschigen Augen blickten ruhig, und die energische Stirn, an die das
+Haar schon etwas grau sich anschmiegte, zeigte keine Spur des Alters.
+Der Fremde trug sich wie ein Verwalter oder Pächter, und er war auch der
+Verwalter von Holzwerder.
+
+„Ist wohl ein großer Besitz?“ hub Tankred, den Worten des Mannes durch
+Kopfnicken beistimmend, an. „Ist dort unten am Fluß nicht die Scheide
+zwischen Falsterhof und Holzwerder?“
+
+„Ja, mein Herr — Ah —“ unterbrach er sich, als Tankred unter Nennung
+seines Namens den Hut lüftete und sein Pferd in Bewegung setzte, „sehr
+angenehm — Haben schwere Trauer drüben gehabt? Ja, ja, alles fegt die
+Zeit zuletzt weg. Drum und dran —.“ Dieselben Worte wiederholte der Mann
+noch mehrmals, ohne Beziehung zu seiner Rede und fuhr fort: „Aber um auf
+Ihre Frage zu kommen, Herr von Brecken. Ja, da ist die Grenzscheide. Vor
+langer Zeit gehörten die Güter zusammen, alles gehörte der Familie von
+der Linden.
+
+„Dann hat also diese an die Breckens verkauft?“
+
+„So ist es! Die Lindens besaßen noch mehr Güter. Es war die reichste
+Familie — drum und dran — in der Umgegend: aber der Großvater des
+Letztverstorbenen wußte schon nicht zu wirtschaften, und“ — nun
+erschienen die tiefen Falten — „so hat sich's nach und nach
+abgebröckelt.“
+
+„Aber immerhin ist wohl Holzwerder noch ein großes Gut?“ forschte
+Tankred neugierig.
+
+Der Mann zog die Nase und den Mund, er antwortete auch nicht gleich und
+sagte erst nach einer Pause ausweichend:
+
+„Ja, groß ist der Besitz — doch haben wir auch Lasten, — drum und
+dran — ja, ja, gewiß, mancher würde die Finger lang ausstrecken, wenn er
+Fräulein Grete von der Linden wäre.“
+
+„Grete von der Linden?“ setzte Tankred an, als ob ihm die Verhältnisse
+völlig fremd wären.
+
+„Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf
+dem Gut. Übrigens, da kommt grade das gnädige Fräulein mit ihrer
+Gesellschafterin her.“
+
+In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine
+schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fülle prangende Blondine. Grete
+von der Linden, und eine etwas ältere Dame mit einem feinen,
+geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich.
+
+Es erfolgte eine Begrüßung, doch Tankred, dem plötzlich ein berechnender
+Gedanke durch den Kopf schoß, beschränkte sich nicht allein auf diese
+Artigkeit, sondern ließ sich von dem Verwalter Hederich vorstellen.
+
+Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes
+Gespräch entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner
+Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren,
+welches damit endete, daß sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen
+Besuch abzustatten.
+
+„Meine Eltern,“ erklärte sie, „sind seit einigen Wochen verreist. Dies
+ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begräbnis Ihrer Frau
+Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurück und werden
+sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
+
+Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im
+Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden,
+ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte,
+mißtrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, während ihm
+Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schüttelte
+und bat, daß Tankred auch ihm bei seinem demnächstigen Besuch nicht
+vorbeigehen möge. — „Drum und dran — es wird mir eine große Ehre sein,
+wenn Sie bei nur eingucken möchten, Herr von Brecken.“
+
+Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht
+errötende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab.
+
+„Ein eigenes Geschöpf,“ murmelte er im Weiterreiten. „Schön, sehr
+selbständig und — klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das
+unnatürlich ist für ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen — heute abend will
+ich Theonie einmal über sie ausfragen.“
+
+Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurückkehrte, fiel
+ihm auf, wie einsam, düster und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz
+belegen war: Der Pächterhof weit ab, in dem großen Hause die wenigen
+Menschen, und außer ihnen nur in einem Katen neben dem Park der
+zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gärtner Klaus.
+
+Und den Mann überfiel's, daß einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus
+eindringen und stehlen und — morden könnten — ihn und Theonie —! Und bei
+dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden würde, wenn man
+Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette fände, wenn kein Glied der
+Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei — außer ihm — —!?
+
+Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zügel
+des Fuchses zu, öffnete die Hausthür und trat, begleitet von dem
+impertinenten Klingelton und dem Bellen des „verfluchten Köters“ Max,
+dem er einen Fußtritt versetzte, in den Flur.
+
+Die gnädige Frau hätten sich schon in ihr Zimmer zurückgezogen, sie
+lassen sich entschuldigen, erklärte Frege, und leuchtete Tankred
+zunächst in seine Gemächer und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den
+Tisch für sich gedeckt fand.
+
+Als er sich niederließ, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen
+Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschäftigte.
+
+Aber während er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf
+ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und
+Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten,
+als ob sie durch nichts erregt werden könnten, als ob sie nur
+Sehvermögen besäßen für den einschränkten Wirkungskreis, der ihrem
+Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: „Einer
+wacht über allem, was Du thust und thun wirst. Hüte Dich!“ Die Augen
+gehörten dem alten Frege.
+
+ * * * * *
+
+Als sich Theonie und Tankred am nächsten Tage beim zweiten Frühstück
+zusammenfanden, — Theonie war beim ersten nicht erschienen, — brachte
+letzterer nach flüchtiger Erkundigung über ihr Befinden das Gespräch auf
+Grete von der Linden und die Familie von Tressen.
+
+„Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit
+Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht.
+Grete von der Linden kenne ich wenig; es heißt, daß sie herrschsüchtig
+und für ihre Jahre überreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend
+schön und auch liebenswürdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders.“
+
+„Und ihre Eltern?“
+
+„Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmütiger
+Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden.
+Sie gehört zu den Menschen, über deren wirkliches Wesen man sich
+zeitlebens den Kopf zerbricht.
+
+In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amüsement
+und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So
+äußerte sich wiederholt meine Mutter, die übrigens Frau von Tressen
+trotz ihrer Fehler sehr schätzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen
+lobte.“
+
+„Weißt Du etwas von den Geldverhältnissen drüben?“
+
+„Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau
+mitgebrachte Vermögen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide
+lebten schon seit Jahren von Gretes Einkünften. Bis Grete ein bestimmtes
+Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutznießerin
+gewesen sein, seitdem aber keine Ansprüche mehr haben.“
+
+„Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an. — Wie
+beurteilt man ihn denn?“
+
+„Man nennt ihn in der Umgegend ‚Drum und dran‘, weil er diese Worte
+stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein
+einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein
+Vater hielt große Stücke auf ihn.“
+
+Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darüber nach, wie geschäftsmäßig
+Theonie das alles gesprochen habe, wie kühl und temperamentlos sie nicht
+nur ihm begegne, sondern sich überhaupt gegen die Menschen zu verhalten
+scheine.
+
+Ihn ergriff plötzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenüber
+wärmer zu geben, oder er wollte ihr durch Kränkungen vergelten, daß sie
+es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in
+dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner
+Eitelkeit so sehr, als daß andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte,
+obgleich er die Selbsterkenntnis besaß, daß er keine Achtung verdiene,
+doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber während bei
+andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten
+anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner übermäßigen, mit
+Trägheit gepaarten Genuß- und Bequemlichkeitssucht. Mühelos materiell
+genießen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu
+erreichen, war ihm jedes Mittel recht.
+
+Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspänner der
+Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um
+Theonie zu trösten und ihr Beileid nachträglich noch an den Tag zu
+legen.
+
+Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensgüte. In dem bartlosen
+Gesicht glänzten unter einer großen, silbernen Brille ein Paar überaus
+freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen
+gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein
+sagen konnte und das Wörtchen ‚ja‘ fortwährend gebrauchte.
+
+Sie dagegen war eine Frau von Energie, besaß Humor und Menschenkenntnis
+und trat, mit ihres Mannes Schwächen rechnend, sehr häufig handelnd für
+ihn ein.
+
+Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der
+Gemeinde, hörte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner
+Geschäfte.
+
+Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und
+die freundlich gesinnten und schärfer beobachtenden Leute erzählten
+allerlei rührende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene.
+
+Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den
+Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, während
+Theonie sich der Frau anschloß.
+
+Als die Männer außer Hörweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie
+heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht
+verratend:
+
+„Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er künftig die
+Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend.“
+
+„Das verhüte Gott!“ stieß Theonie herauf. Und „Nein, nein, keineswegs,“
+fügte sie hinzu. „Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein
+Vetter verläßt mich demnächst.“
+
+„Ich fragte nicht aus Neugierde — sondern — aus — andern Gründen, liebe
+Frau Cromwell,“ fuhr die Pastorin in warmem Tone fort.
+
+„Nennen Sie mich doch wie früher, Theonie, ich bitte —“ fiel Theonie
+ein. Der schwermütige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr
+eigentliches Antlitz durchstrahlt von Güte und Menschlichkeit, kam zum
+Vorschein. Und „Ja, bitte — Sie wollten sagen?“ schloß sie.
+
+„Hier!“ entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres
+Kleides einen Brief hervor. „Dies fanden wir heut' mittag in meines
+Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen
+guten Höppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen.“
+
+Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las:
+
+‚Da Sie die junge, gnädige Frau auf Falsterhof lieben und ihr
+wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluß, Herr Pastor,
+daß der Schurke, der sich bei ihr aufhält, daß Tankred von Brecken bald
+das Herrenhaus verläßt. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches.
+
+Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere
+zutrauen darf.‘
+
+„Wer kann das sein?“ stieß die Pastorin im Übereifer ihres Gefühls
+heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da
+sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, daß Totenblässe auf ihre
+Wangen trat.
+
+„Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu mißtrauen beste Theonie — liebe
+Frau Theonie? Schrecklich! — Bitte, eröffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie
+meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach
+Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles
+mit.“
+
+„Ich kann nichts sagen — bis jetzt nichts sagen —“ gings zitternd aus
+Theonies Munde, „aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und
+Unruhe. Ich fürchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des
+Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindrücken.“
+
+„Können Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Rücksichten leiten Sie?“
+
+„Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte.
+Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung
+seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon
+davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hören
+zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so
+unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thür zu weisen, zumal er mir
+bisher keinen direkten Anlaß gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben
+nichts, was man ihm vorwerfen könnte. Mich leiten nur die Kenntnis
+seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes
+Mißtrauen gegen ihn erfüllt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern
+hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim
+Frühstück scheinen darauf hinzudeuten, daß er Absichten auf sie hat.
+Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah! — ah — Wie werde ich
+die Last von meiner Seele los!“
+
+„Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben
+kann?“
+
+Theonie schüttelte den Kopf.
+
+„Keine! Und das ängstigt mich nun auch! Doch still. Ich höre Ihren Mann
+und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir
+vielleicht nützen —“
+
+Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos
+freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach,
+gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zügen, wenn er zuhörte
+und sich unbeobachtet glaubte.
+
+Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor ließ sich über
+sein Töchterchen aus, über Lenes Vorzüge, und sagte mit seiner rollenden
+Stimme: „Die Kinderseelen sind noch rein und unverfälscht. Sie haben
+keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie
+können, während wir ‚sie‘ zu erziehen suchen, ‚uns‘ ein Beispiel geben,
+nach dieser Richtung ein — Beispiel geben —“
+
+Tankred fand diese Ausführungen eben so sentimental wie geschmacklos und
+zog gähnend den Mund.
+
+Gleich aber glätteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei
+Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie
+gehörte, wie er wußte, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten,
+und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung
+beizubringen. Auch fühlte Tankred instinktiv, daß die beiden Frauen von
+ihm gesprochen hatten, und er wollte den ungünstigen Eindruck, den die
+Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, möglichst zu verwischen
+suchen. Es war ihm für seine Pläne von großem Wert, die Menschen ringsum
+für sich zu gewinnen.
+
+„Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken?
+oder verlassen Sie uns?“ hub die Pastorin mit Absicht an und forschte
+unbemerkt in seinen Mienen.
+
+Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswürdigkeit an
+Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen:
+
+„Wenn meine sehr gütige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht
+zurückzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thätigkeit
+gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne.“
+
+„Ja, das Herumhocken ohne Beschäftigung ist niemandem gut, besonders
+nicht jungen Leuten,“ bestätigte die Pastorin derb und kurz, Brecken
+fest anschauend. „Na, aber nun wird's auch Zeit, zurückzukehren, lieber
+Höppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald
+einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?“ schloß sie und schritt, deren
+Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran.
+
+„Auch — Sie — erweisen uns — hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?“
+ergänzte, seiner gewohnten Gutmütigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich
+er wohl wußte, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert
+hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer
+zum guten und hatte auch heute hingeworfen, daß er auf anonyme Briefe
+nichts gebe, daß ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund
+vorhanden sei, ihm Übles zuzutrauen.
+
+Nachdem die Gäste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen,
+noch ein Stündchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er hätte
+sich gern Höppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken
+zurück, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr mißfallen hatte.
+Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet,
+indem sie unter starker Betonung geäußert hatte, sie hoffe denn, daß er
+in kürzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der
+Arbeit, welche letztere allein glücklich mache, nicht verliere. — Solche
+moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider.
+
+Aber auch der Gang in den Krug wurde deshalb unmöglich, weil er keinen
+Groschen mehr besaß, und die absolute Notwendigkeit drängte sich ihm
+auf, Geld herbeizuschaffen. Er beschloß, noch am selben Abend beim Thee
+mit Theonie zu sprechen und sie in geschickter Weise um ein Sümmchen
+anzugehen.
+
+Unterdessen näherte er sich umherschlendernd dem Stall, trat hinein und
+sah dem dort beschäftigten Kutscher Klaus zu.
+
+Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, ihn zunächst um einen Thaler
+anzusprechen, und sein Komödiantentum äußerst geschickt verwertend,
+stieß er heraus:
+
+„Hebbt Se villich en beten Lüttgeld to Hand, Klaus? So wat en Dahler?“
+
+„Ja, Herr von Brecken, dat hev ick,“ entgegnete Klaus mit gutmütiger
+Bereitwilligkeit und griff eilig in die Hosentasche und zog einen
+schmutzigen ledernen Beutel hervor.
+
+Diesen breitete er fächerartig auf dem Futterkasten aus und holte
+allerlei Kleingeld hervor, das er, es einzeln betastend, vor Tankred
+hinzählte.
+
+Aber während das geschah, erschien, als ob er etwas suche, Frege mit
+seinem verschlossenen Gesicht in der Thür, zog sich jedoch, als habe er
+sich vergewissert, daß hier das von ihm Gewünschte nicht zu finden sei,
+kurz nickend gleich wieder zurück.
+
+Als Tankred den Parkausgang erreicht hatte und über die Wiese den Weg
+zum Kirchdorf nehmen wollte, sah er abermals Frege, und hinterher lief
+der Köter Max, der bei Tankreds Anblick ein wütendes Gebell ausstieß.
+
+Da hob Tankred einen Stein auf und warf nach der Bestie, aber so
+unglücklich, daß nicht der Hund, sondern der Alte am Bein getroffen
+wurde.
+
+In Freges Gesicht erschien ein Ausdruck von Schmerz und dann ein Zug von
+Rachsucht, vor dem man erschrecken konnte. Aber Tankred sah es nicht, er
+ging pfeifend und mit dem Feldstock des verstorbenen Onkels um sich
+fuchtelnd, auf abgekürztem Wege dem Kirchdorf zu. —
+
+Inzwischen überlegte Theonie, durch den Brief und das Gespräch mit der
+Pastorin von neuem erregt und beunruhigt, ob es nicht richtig sei, sich
+noch heute mit Tankred endgültig auseinanderzusetzen. Sie vermochte
+seine Gegenwart nicht mehr zu ertragen. Schon in der letzten Nacht war
+sie wiederholt aus dem Schlafe aufgeschreckt, weil sie Schritte zu hören
+vermeint und angenommen hatte, es sei ihr Vetter, der komme, um ihr
+Gewalt anzuthun. Im höchsten Grade auffallend war es ihr gewesen, daß
+sie am Spätnachmittag, als sie den Schreibtisch ihrer Mutter öffnen
+wollte, das Schloß verdreht fand. Daß Tankred versucht habe, das Innere
+zu untersuchen, war ihr zweifellos. Gelang es nicht, ihn dazu zu
+bringen, schon am nächsten Tage Falsterhof zu verlassen, so wollte sie
+abreisen und sich zu ihren Verwandten begeben. Unter der nervösen Angst
+und Furcht, die sie beherrschten, erhöhte sich ihre Bereitwilligkeit zu
+Opfern. Sie wollte ihm alles vorhandene Kapital ausliefern, wenn er sich
+verpflichtete, nie wiederzukehren! Aber freilich, was waren
+Versprechungen und Zusagen bei diesem Menschen! Und wenn es ihm gelang,
+Grete von der Linden heimzuführen, würde er immer in ihrer Nähe bleiben.
+Der Aufenthalt auf Falsterhof würde für sie eine Qual werden; sie mußte
+am Ende das Erbteil ihrer Eltern verkaufen oder konnte nie dahin
+zurückkehren! So gingen ihre Gedanken hin und her.
+
+Und die Einleitung und Form, ihm ihre Absicht kund zu geben, fand sie
+auch nicht, so sehr sie ihr Gehirn anstrengte. Freilich, wenn sie ihm
+gegenüber saß, Auge gegen Auge, war sie gefaßter, ja, dann empfand sie
+kaum einmal Furcht und war nie um Worte verlegen. Auch konnte der Zufall
+ihr vielleicht günstig sein.
+
+So beruhigte Theonie sich denn endlich, ließ eins der Mädchen kommen und
+befahl denselben, in einem Raume neben ihrem Schlafzimmer ein Bett
+aufschlagen. Sie wünsche, da sie sich nicht wohl fühle, nachts
+Aufwartung zur Hand zu haben, erklärte sie, und dasselbe äußerte sie
+gegen Frege, als er den Abendtisch deckte.
+
+„Aber was ist denn, Frege? Ich sehe, Sie hinken ja, mein guter Alter,“
+schloß Theonie mitleidig als sie nun erst bemerkte, daß Frege sich mit
+dem einen Bein schwerfällig bewegte.
+
+Der wortkarge Mann sah seine Gebieterin mit einem eigentümlichen Blick
+an.
+
+„Von ihm! — Er war's!“ stieß er dann finster und ganz gegen seine
+Gewohnheit heftig heraus.
+
+„Er? Wer? Von wem sprechen Sie?“
+
+Noch zögerte Frege, aber dann holte er tief Atem und sagte, die Teller,
+die er eben verteilen wollte, absetzend:
+
+„O, liebe gnädige Frau, ich kann es nicht mehr bei mir behalten. Ich muß
+sprechen. — Es liegt etwas Schreckliches über Falsterhof — es kommt von
+dem jungen Herrn. Ich bitte, hüten Sie sich. — Ja, ja, ich weiß, Sie
+denken wie der alte Frege, der bisher nur nicht zu sprechen wagte, weil
+er kein Recht hatte zu reden über Sachen, die allein die Herrschaft
+angehen.“
+
+„Um Gotteswillen Frege, also Sie auch?“ drang's in Todesschrecken aus
+Theonies Munde. „Sprechen Sie! Sagen Sie mir alles, was Sie
+wissen. — Aber nicht hier, er kann jeden Augenblick kommen! Gehen wir ins
+Wohnzimmer! So, nun — nun —“ hauchte Theonie und sank übermannt von den
+Eindrücken in einen Lehnstuhl.
+
+Und da brachte Frege alles, alles, was ihm auf dem Herzen saß, über die
+Lippen: Er habe gesehen, daß Tankred am Sterbetage der gnädigen Frau ins
+Fenster gespäht und sich dann heimlich wie ein Dieb wieder entfernt
+habe. Er habe ihn abermals gesehen, jüngst am Abend, als auch Theonie
+seinen Kopf am Fenster bemerkt. Er erzählte von den Geldanleihen, die
+Tankred bei ihm gemacht; er wisse auch aus sichrer Quelle, daß er
+während der Krankheit der Gnädigen in Hamburg in einem Hotel gewohnt,
+sich dort amüsiert habe und gar nicht in der Ost-Priegnitz, wohin er zu
+gehen vorgegeben, gewesen sei. Sicher, er gehe mit bösen Absichten um,
+er habe etwas Furchtbares im Blick, das nicht täusche.
+
+Sie könnten sich alle des Schrecklichsten von ihm versehen, und schon
+seit den letzten Wochen habe er, Frege, stets nachts ein Gewehr zur Hand
+gehabt, um für alle Fälle bereit zu sein.
+
+Er habe ihn auch in der vorigen Nacht in das Zimmer der verstorbenen
+Gnädigen schlüpfen sehen, und wohl eine halbe Stunde sei er
+dringeblieben. Er, der Alte, aber habe sich hinausgeschlichen und von
+dem Beobachtungsposten aus, den er ihm selbst abgelauscht, wahrgenommen,
+wie Tankred sich am Schreibtisch zu schaffen gemacht. —
+
+Nun ertönte die Glocke draußen, Max schlug an — Herrin und Diener flogen
+auseinander, und Theonie eilte wieder ins Speisezimmer.
+
+Fünf Minuten später trat auch Tankred ein. Er hatte sichtlich sehr viel
+getrunken, war äußerst gesprächig, und statt der demütigen
+Zurückhaltung, mit der er sich sonst zu geben pflegte, legte er eine
+unheimliche Lebhaftigkeit an den Tag.
+
+Theonie besorgte mit der gewohnten, ernsten Ruhe den Thee, rückte ihrem
+Vetter die Speisen näher und suchte seinen starken Redefluß zu dämpfen,
+indem sie erklärte, sie fühle sich sehr angegriffen.
+
+„Trink einmal ein Glas Wein! Das giebt Kraft und andere Gedanken. Du
+genießest ja auch nichts Ordentliches,“ entgegnete Tankred und schenkte
+trotz Theonies Weigerung deren Glas voll.
+
+„Wozu, da ich doch nicht trinke —?“ wehrte sie herb und in deutlicher
+Auflehnung gegen seine zudringliche und laute Art ab.
+
+„Na, es ist ja kein Unglück, wenn ein Glas eingeschenkt und doch nicht
+getrunken wird,“ entgegnete Tankred in absprechendem Ton. „Niemals habe
+ich leiden können, wenn Damen sich so heftig dagegen wehren, daß man
+ihnen Wem einschenkt! Ist's nicht vollkommen gleich, ob er genossen wird
+oder nicht? Es liegt etwas Kleinliches und Ungeselliges darin, sich das
+Glas nicht füllen lassen zu wollen. Ich möchte sogar sagen, es ist ein
+Stück guter Erziehung, daß eine Dame ihren Herrn darin gewähren läßt und
+keine Einwendungen erhebt.“
+
+„So bin ich denn nicht gut erzogen,“ entgegnete Theonie schroff. „Ich
+finde es unrecht, etwas unnütz zu verthun, so lange es Darbende in der
+Welt giebt.“
+
+Tankred wollte eine hämische Bemerkung über Theonies ewig
+moralisierendes Wesen machen, ja, es brannte ihm auf der Zunge, zu
+sagen: Ihr Breckens seid ein kleinliches, filziges, philisterhaftes
+Geschlecht! Aber er glaubte schon ihre Erwiderung zu hören: Lieber dafür
+gescholten werden, als aus den Taschen anderer leben. Er sagte deshalb
+einlenkend und das Wort Darbende im humoristischen Sinne aufgreifend:
+
+„Na, streiten wir uns nicht, Theonie, während der wenigen Tage, die wir
+noch beisammen sind. Und da Du von Darbenden sprichst, ich bin einer.
+Schon seit acht Tagen habe ich keinen Pfennig mehr in der Tasche und
+mußte sogar schon den alten Klaus anpumpen —“
+
+Wie? Auch Klaus bist Du um Geld angegangen? wollte Theonie herausstoßen.
+Aber auch sie beherrschte sich und sagte, hoffnungsvoll und
+versöhnlicher gestimmt durch den von Tankred absichtlich eingeschobenen
+und von ihr im Augenblick ernsthaft genommenen Hinweis auf seine baldige
+Entfernung:
+
+„Warum hast Du nicht eher gesprochen? Ich bin natürlich bereit, Dir
+auszuhelfen. Übrigens können wir vielleicht unsere ganze Geldaffaire bei
+dieser Gelegenheit erledigen. Wann gedenkst Du abzureisen? ich meine — es
+soll keine Aufforderung darin liegen — ich möcht's nur wissen.“
+
+Tankred wollte mit einem raschen: Morgen, spätestens übermorgen,
+erwidern. Er fürchtete, sie könne ihm abermals in dem ausweichen, was zu
+erfahren er nicht erwarten konnte. Aber er änderte doch seinen Plan und
+sagte, seine Absicht unter einem plumpen Scherz versteckend:
+
+„Von Deiner generösen Hand, beste Theonie, hängt alles ab. Wenn Du mir
+kräftig unter die Arme greifst, kann ich ja von anderer Stelle aus meine
+Versuche fortsetzen. Freilich,“ schloß er, verliebt sprechend, und
+verschlang, durch das hastige Weintrinken plötzlich in eine
+leidenschaftliche Erregung geratend, mit seinen Blicken ihre Gestalt,
+„Dich nicht mehr zu sehen, Dich lassen zu sollen, Theonie, ist ein
+schwerer, fast meine Kraft übersteigender Entschluß.“
+
+Entsetzt sah Theonie empor. Es war das erstemal, daß seine sinnliche
+Natur ihr gegenüber zum Ausbruch kam. Diesen Augenblick hatte sie vor
+allem gefürchtet, und ihm zu entgehen, darauf waren ihre Gedanken
+insbesondere gerichtet gewesen.
+
+Zunächst suchte sie seiner Rede Einhalt zu thun, indem sie seine
+Gedanken abzulenken trachtete. Sie reichte ihm, mit kurzer Abwehr den
+Kopf bewegend, eine Schale mit Obst.
+
+Aber er setzte sie rasch beiseite, und alles wagend, da der Wein ihm
+half, jegliche Scheu abzustreifen, sagte er, sich vornüberbiegend und
+sie mit seinen glühenden Augen bannend:
+
+„Höre, Theonie, was ich Dir zu sagen habe. Ich erfuhr von Dir, daß Du
+mir nicht geneigt bist. Ich weiß, woher es kommt. Du denkst an mein
+Vorleben. Meine Mutter, die mich nicht nur nicht liebte, vielmehr haßte,
+obgleich ich doch ihr Sohn war, hat Dich beeinflußt. Aber ich bin ein
+anderer geworden, ich möchte es sein, und Du könntest läuternd auf mich
+einwirken. Ich bin wohl oft leichtsinnig gewesen und ließ mich von
+meinen Leidenschaften fortreißen, aber ich bin nicht schlecht, wie meine
+Mutter mich schilderte. Ist es nicht unnatürlich, daß wir uns von
+einander abschließen? Wäre es nicht vielmehr den Verhältnissen
+entsprechend, wenn wir zusammen hielten? Ich liebe Dich, Theonie. Beim
+ersten Sehen hatte ich schon mein Herz an Dich verloren. Aber Deine
+Strenge und Zurückhaltung schreckten mich ab, mir ahnte zu meinem
+Schmerz, daß Du gegen mich voreingenommen seiest. Sage ehrlich: Was that
+ich Dir? Bin ich Dir nicht ehrerbietig begegnet? Geschah während meines
+Aufenthaltes hier etwas, was Dir mißfallen mußte? Gewiß, da ich kein
+Geld besitze, mir bisher kein Eigentum erwarb, bin ich im Nachteil
+selbst bei denen, die sonst den Wert eines Menschen nicht nach seinem
+Vermögen bemessen, selbst bei meiner Verwandten, der einzigen, die ich
+habe. Ich fände hier auf Falsterhof einen Wirkungskreis, da ich Landmann
+bin. Ich könnte es verwalten, den Besitz erhalten und vermehren, mit Dir
+gemeinsam arbeiten und genießen, von Dir lernen und empfangen, wenn Du
+Dir auch von dem Mißratenen nichts aneignen könntest. Und doch
+vielleicht etwas, da er mit so gutem Willen sein neues Leben beginnen
+würde. Er wird Dich auf Händen tragen, denn er liebt Dich
+leidenschaftlich, Theonie. — Nun, Theonie? Was sagst Du? Hast Du mir gar
+nichts zu erwidern?“
+
+Aber sie antwortete nicht. Sie schüttelte sich in Grauen, und er sah es,
+und weil ihre Mienen und Bewegungen nicht mißzuverstehen waren, weil es
+ihm klar wurde, daß sein Spiel verloren war, daß er trotz der
+meisterhaften Maske sie nicht getäuscht hatte, daß sie ihn doch für das
+hielt, was er wirklich war, ergriff ihn eine wilde Rachsucht, ein
+brennender Haß, eine solche Leidenschaft, daß er sie am liebsten
+ergriffen und geschüttelt und ihr zugerufen hätte: Warte, Du hochmütige
+Kreatur, die Du es wagst, Dich mit Deinem souveränen Besserhalten über
+mich zu stellen, und mir begegnest, als sei ich ein aussätziger
+Vagabund! Ich will Dich lehren! Hinab auf die Kniee und bitte, daß ich
+Dich zu meinem Weibe mache, oder ich erdrossele Dich mit meinen Fäusten!
+
+Und weil sie solche Gedanken aufblitzen sah in seinen Augen, und weil
+ihr ahnte, was er dachte, griff sie in ihrer Angst und Verzweiflung, wie
+er, zu List und Verstellung und machte in ihrer Not einen Anlauf auf
+seine gemeinen Triebe.
+
+„Es geht nicht, ich kann Dich nicht heiraten, Tankred,“ entgegnete sie,
+ihn zum erstenmal bei seinem Vornamen nennend. „Nicht aus Motiven, wie
+Du sie hinstellst, sondern weil ich nie wieder einen Mann zu lieben
+vermag. Aber gehen wir in Frieden auseinander. Ich bitte Dich,
+fünfzigtausend Mark von mir anzunehmen, damit Du Dir etwas kaufen oder
+pachten kannst. Sie stehen Dir beim Justizrat Brix zur Verfügung. — Nicht
+wahr, Du zürnst mir nicht? Ich bitte Dich.“
+
+Sie sah ihn an. Aber ihr Blick war ihr Verderben. In dem Wechsel der
+Leidenschaft packte denselben Mann, der eben noch das Weib hätte töten
+mögen, wieder eine wahnsinnige Begierde. Er sah ihr stilles Antlitz,
+umrahmt von dem schwarzen Haar, ihren reizenden, in sanfter Fülle
+sprossenden Leib und die jetzt so süß und demütig blickenden Augen.
+
+Und das sollte er fortwerfen, weil er's nicht gleich beim ersten Anlauf
+errungen hatte? Blieben ihm nicht noch tausend Mittelchen in seinem
+Zauberschrank? Hatte überhaupt jemals ein Mensch seinen Künsten auf die
+Länge widerstanden? Hatte er nicht alle, wenn er wollte, bezwungen?
+
+„O, Süße!“ rief er aufspringend, sie mit kräftigen Armen umschlingend
+und leidenschaftlich küssend, „sei hart und abweisend oder gütig gegen
+mich — immer liebe ich Dich gleich heftig. Wehre Dich nicht, fühle an
+meinen Küssen, was ich Dir entgegen bringe. Theonie, Theonie, erhöre
+mich!“
+
+Theonie wollte in Ohnmacht sinken, sie schwankte, und weiße Farben
+traten auf ihre Wangen, dann aber riß sie sich mit schier
+übermenschlicher Kraft von ihm los, stieß ihn vor die Brust und floh,
+wie von Furien gepackt, hinauf in ihr Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Als sich Tankred von Brecken am kommenden Morgen erhob, war ihm der Kopf
+wüst, und er fühlte eine grenzenlose Unbefriedigung in sich. Die
+Vorgänge des vergangenen Abends traten in sein Gedächtnis, und Ärger.
+Unmut und Reue erfüllten sein Inneres.
+
+Von dem ruhigen Wege, den er sich vorgezeichnet, war er abgewichen, weil
+ihn seine Sinne bemeistert hatten. Schon so oft, wenn er dem Wein zu
+sehr zugesprochen, hatte er Unbesonnenes gethan und die üblen Folgen
+tragen müssen.
+
+Er wußte, durch diesen Vorgang büßte er vieles ein, was schon gewonnen
+war. Theonie hatte nun eine Handhabe gegen ihn. Bisher war nichts
+geschehen, was sie ihm hätte vorwerfen können, denn daß er sie liebte,
+konnte kein Verbrechen sein; aber durch die Form seiner Werbung, durch
+seine Leidenschaft hatte er seinen Charakter offenbart, hatte er das
+Gastrecht in unerhörter Weise verletzt.
+
+Er stellte sich die Folgen vor. Zunächst hatte er sicher jede
+Geneigtheit Theonies zu einer milderen Beurteilung seiner Person
+verscherzt; von einer freiwilligen Annäherung ihrerseits konnte jetzt
+nicht mehr die Rede sein, und wahrscheinlich würde sie sogar Rache üben
+und ihm die Auszahlung eines Kapitals verweigern. Der letztere Gedanke
+kam dem Manne, weil er selbst so gehandelt haben würde; er blieb jedoch
+nicht in ihm haften; wohl aber war er sicher, daß sie nach diesem
+Vorfall sich zu keinen größeren Opfern bereit finden würde, im guten
+wenigstens nicht. Er überlegte nun, was weise und vorteilhaft für ihn
+sein werde.
+
+Zunächst mußte er durch die Künste seiner Verstellung wieder ein
+äußerlich gutes Verhältnis zwischen sich und Theonie herstellen, schon
+um seines vorläufigen Bleibens willen; dann aber hieß es, sondieren, was
+nach dem Geschehenen zu erreichen war.
+
+Wenn er vor sie hintrat und demütig seine Unbesonnenheit eingestand,
+ihre Verzeihung erflehte und zugleich erklärte, er wolle Falsterhof
+verlassen, dann würde er — das hielt er für ausgemacht — sie zu Opfern am
+bereitwilligsten finden. Aber damit gab er alle Vorteile auf, die ihm
+noch werden konnten, und schnitt sich die Möglichkeit ab, in Grete von
+der Lindens Nähe zu bleiben.
+
+Bei diesem Ende seiner Gedankenreihe angelangt, schlug er sich voll Zorn
+und Unmut vor den Kopf, verwünschte seine Leidenschaft und war schon, da
+er deren Folgen nicht ausweichen konnte, im Begriff, seine Sache
+verloren zu geben, als Frege ins Zimmer trat, das Frühstück servierte
+und ihm einen Brief übergab.
+
+Das Schreiben komme vom Baron von Treffen, der Bote warte.
+
+Nachdem Frege sich entfernt hatte, riß Tankred voll Ungeduld den Brief
+auf und las:
+
+ ‚Hochgeehrter Herr von Brecken!
+
+ Sie haben unserer Tochter die liebenswürdige Zusage gemacht, uns
+ besuchen zu wollen. Darauf hin bin ich so frei, Sie zu fragen, ob Sie
+ ohne das Zeremoniell einer Antrittsvisite, auf die wir gern
+ verzichten, im engen Familienkreise bei uns eine Suppe essen möchten.
+ Wir würden darüber außerordentlich erfreut sein und bitten, gütigst
+ dem Überbringer zu sagen, ob wir Sie um drei Uhr erwarten dürfen.
+
+ Ihr sehr ergebener
+
+ Konrad von Treffen.‘
+
+Der artige Inhalt dieser Zeilen gab Tankreds Gedanken mit einem Schlage
+eine andere Richtung.
+
+Tressens kamen ihm in ungewöhnlicher Weise entgegen. Sicher hatte er auf
+Grete einen guten Eindruck gemacht, auch wirkte der Umstand wohl mit,
+daß man ihn als Miterben von Falsterhof ansah. — Und er war es nicht!
+
+Empörend, daß der filzige Philister, sein Onkel, ihn hatte leer ausgehen
+lassen! Und nicht minder unverzeihlich war's von der verstorbenen Tante,
+daß sie nicht einen Augenblick gefunden hatte, um eine Klausel zu seinen
+Gunsten in das Testament einzufügen. Gewiß hatte er das Theonie zu
+verdanken! Ja, sie war ihm in der Seele zuwider, obschon ihn gestern,
+als sein Blut heiß gewesen, ihr Körper gereizt, obschon er sich
+eingebildet hatte, er könne sie lieben. Diese sentimentale Tugend, diese
+langweilige Resignation und diese ihren geistigen Hochmut nur in noch
+schärferes Licht stellende äußerliche Bescheidenheit waren ihm in der
+Seele zuwider. Er nahm auch einen ganz verkehrten Standpunkt ihr
+gegenüber ein. Von rechtswegen gehörte ihm die Hälfte von
+Falsterhof! — Und plötzlich schoß es Tankred von Brecken durch den Sinn,
+diese Hälfte im Fall mit Gewalt von ihr zu erzwingen und dadurch sicher
+der Mann Grete von der Lindens zu werden. Das sollte fortan sein Ziel
+sein!
+
+So trat er denn Frege bei seinem Wiedereintritt gehobenen Hauptes
+entgegen, befahl, den Boten hereinkommen zu lassen, und schrieb, während
+dieser wartend an der Thür stand, eine Zusage:
+
+ ‚Hochgeehrter Herr Baron!
+
+ Ihre gütigen Zeilen haben mich ebenso überrascht wie erfreut. Sie
+ beschämen mich in der That durch die ungewöhnlich artige Form Ihrer
+ Einladung, die ich dankend annehme. Indem ich die Versicherung
+ hinzufüge, daß ich bestrebt sein werde, mich der mir gewordenen
+ Auszeichnung stets würdig zu erweisen, bin ich mit dem Ausdruck
+ größter Verehrung und unter gehorsamen Empfehlungen an Ihre Damen
+
+ Ihr ganz ergebener
+
+ Tankred von Brecken.‘
+
+Nach eingenommenem Frühstück setzte sich dann Tankred abermals an den
+Schreibtisch und richtete die nachstehenden Zeilen an Theonie:
+
+ ‚Liebe Theonie!
+
+ Ich bedaure und bereue den gestrigen Vorfall aufs tiefste. Laß mich es
+ Dir auf diesem Wege sagen und Deine Verzeihung einholen, bevor wir uns
+ wieder gegenübertreten. Niemals — dessen sei gewiß — wirst Du Dich
+ ferner über einen Mangel an Ehrerbietung meinerseits zu beklagen
+ haben, vielmehr aus meiner Begegnung erkennen, wie hoch ich Dich
+ schätze, achte und verehre. — Genehmige, liebe Theonie, daß ich noch
+ acht Tage auf Falsterhof bleibe. Dann reise ich ab, und inzwischen
+ finden wir Gelegenheit, uns auszusprechen und die von Dir in so
+ gütiger Weise angeregten geschäftlichen Angelegenheiten zum Austrag zu
+ bringen. Heute mittag und den Rest des Tages bin ich nicht in
+ Falsterhof und bitte, mich bei der Mahlzeit zu entschuldigen.
+
+ Tankred.‘
+
+„Tragen Sie dies der gnädigen Frau hinauf, die ich nicht stören will, da
+sie sich gestern abend schon unwohl fühlte. Ich werde heute nicht bei
+Tisch sein,“ erklärte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege.
+
+„Die gnädige Frau ist bereits in der Frühe nach Elsterhausen gefahren.
+Sie ist nicht anwesend,“ ging's kurz aus des Dieners Munde.
+
+Tankred zog ein enttäuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder
+beherrschend, warf er hin:
+
+„So — so? Und wann kehrt sie zurück?“
+
+„Die gnädige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen
+abend wiederzukommen.“
+
+„Hm, schön!“ Damit war Frege entlassen.
+
+ * * * * *
+
+Herr von Tressen warf eben noch einen prüfenden Blick auf die heute
+reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der
+Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete.
+
+„Bitte, sehr angenehm! Führe Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und
+benachrichtige die gnädige Frau.“
+
+Tankred schaute sich mit prüfendem Auge in dem Raume um, in den ihn der
+Diener geführt hatte. Eine große Eleganz trat ihm entgegen. An den
+Wänden hingen wertvolle Gemälde, die Polstermöbel waren mit Seide
+bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Wände in Weiß und Gold
+gemalt.
+
+Und nun öffnete sich die Thür, und Frau von Tressen, eine ungewöhnlich
+stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch
+geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender
+Liebenswürdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein
+anregendes Gespräch, an dem kurz darauf auch die übrigen Hausbewohner
+teilnahmen.
+
+Herr von Tressen war ein starker Fünfziger, dem man die Spuren einer
+flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die
+Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtäußeres war, durch eine
+gewählte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem
+Major außer Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen
+starken Schnurrbart.
+
+Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid
+an, das vollendet saß, und ihren schlank geformten Hals umschloß ein
+kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Züge waren auch heute kalt,
+solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund
+öffnete, und ein Lächeln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen
+trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz.
+
+Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles
+aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen.
+
+Halb freimütig, halb zurückhaltend, stets von ausgesucht zarter
+Artigkeit, niemals mit Beifall zurückhaltend, immer seine Worte wägend,
+verstand er es, durch sein Komödienspiel alle, bis auf die
+Gesellschaftsdame, Fräulein Helge, zu täuschen.
+
+Die letztere blieb nicht nur zurückhaltend gegen ihn, sondern legte
+sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen
+Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch
+für die übrigen erkennbar machten, daß sie ihn zu brüskieren trachte,
+aber Tankred mit seinem scharfen Spürsinn wußte, daß sie sich gegen ihn
+auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe.
+
+Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluß auszuüben. Tankred bemerkte
+sogar einmal, daß etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen
+aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke
+fast erschreckte. In der Seele dieses Mädchens war nichts Nachgiebiges,
+sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehörte sie nicht zu den vielen
+sanftmütig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden
+jungen Geschöpfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich
+den später eintretenden Enttäuschungen geduldig fügten.
+
+Nach eingenommenem Kaffee mußte Tankred die Malereien der Frau des
+Hauses, die nicht ohne Talent ausgeführt waren, in Augenschein nehmen;
+man sprach mit Interesse und Verständnis über Politik, Litteratur und
+Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was
+sie ohne Einwendungen that.
+
+Ihre Stimme war schön, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem
+fehlte doch die rechte Wärme.
+
+„Sie müssen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann
+wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnädiges Fräulein,“ wagte
+Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe
+herausfordernd in die Augen, daß es ihn fast verwirrte.
+
+Sie besaß nichts von schüchterner Verlegenheit; vielmehr schien sie
+sagen zu wollen: Prüfe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine
+Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab
+viele, die in solcher Weise zum Tändeln aufforderten, sich aber mit
+sittlicher Entrüstung zurückzogen, sobald ein Mann ihnen besondere
+Aufmerksamkeiten erwies.
+
+Solche Weiber reizt es, Herz und Gemüt der Männer zu beunruhigen, auch
+haben sie Interesse für sie, und es steigert sich, solange jene
+unempfindlich bleiben. Sobald die Männer aber an den Tag legen, daß ihre
+Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgültig von ihnen zurück.
+
+Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit äußerster
+Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach
+zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich großer Begeisterung
+von anderen Frauen und Mädchen sprach.
+
+„Es ist das schönste, geistreichste und klügste Geschöpf, das mir im
+Leben vorgekommen ist,“ warf er, eine Äußerung einer gerade erwähnten
+Dame geschickt in das Gespräch einflechtend, hin. „Ich hatte auch das
+Glück, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genügte,
+um mich verzichten zu lassen.“
+
+„Und der war?“ fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein.
+
+Tankred machte eine ausweichende Bewegung und lächelte in überlegener
+Weise.
+
+„Nun?“ drängte Grete, während sie, wie zufällig, einige Schritte ins
+Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem
+Gesichtskreis der übrigen entzog.
+
+„Sie mißhandelte,“ entgegnete Tankred, indem er eine kleine
+Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in
+seiner Hand drehte, „ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in
+unerhörter Weise und verdoppelte noch die Züchtigung, als diese ihr
+nachwies, daß nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr
+vorgeworfenen Unterlassung schuld sei.“
+
+„Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefällt niemandem,“ entgegnete
+Grete, Partei nehmend. „Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in
+dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwälzen.“
+
+„Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nüchterne Auffassung der Dinge
+an den Tag, gnädiges Fräulein. Das ist beneidenswert —“
+
+„Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemüt bei einem nicht
+mitspricht?“ Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme.
+
+„Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man
+nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt.
+Ah — tausendmal um Verzeihung —“ unterbrach sich Tankred, dem bei den
+letzten Worten die Nippesfigur aus den Händen fiel, und der beim
+Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, daß ihr ein Arm abgeschlagen
+war.
+
+Er dachte, daß Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde,
+aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruß und sagte: „Die
+Figuren stammen noch von den Eltern meines Großvaters, sie sind sehr
+wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Übergangsfarben
+nicht mehr zu komponieren weiß.“
+
+Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloß sie,
+kaum hinhörend, die Kunstfigur in ein Schränkchen ein und sagte: „Sie
+gehören zu den Menschen, die alles anfassen müssen. Man sagt, solchen
+hafte ein Diebssinn an.“ Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer
+lächelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe
+machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und für Sekunden war
+ihm Grete fast unheimlich.
+
+„Ich werde mich zu bessern suchen,“ stieß er mit einschmeichelnder
+Artigkeit heraus. „Und Sie haben mir vergeben, gnädiges Fräulein? Nicht
+wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?“
+
+Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, flüsterte die
+letzten Worte in doppelsinniger Betonung und preßte einen den Eindruck
+derselben verstärkenden, weichen Kuß auf ihre Hand.
+
+Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurück, aber in ihren
+Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender
+Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen
+verstanden hatte. —
+
+Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch
+einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu nähern.
+
+Sie sprach davon, daß sie sich darauf freue, wieder einen Teil des
+Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht
+unbemerkten, interessierten Blick, ob er künftig auf Falsterhof wohnen
+oder das Gut verlassen werde.
+
+„Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof
+geworden,“ warf sie sondierend hin.
+
+Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte
+durchaus keine Einwendung.
+
+Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine
+Blume, die sie gepflückt, an sich zu nehmen. Auch lächelte sie mit einem
+die Sinne anfachenden, reizenden Lächeln vor sich hin, als Tankred
+trivial, aber überzeugend klingend, sagte: „Von allen Andenken, die ich
+der Güte schöner und kluger Frauen verdanke, ist dies Blümchen das
+wertvollste.“
+
+Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des
+Hauses, — es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muß
+die Mutter erobern! — und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei
+der Zigarre so ausschließlich mit Herrn von Tressen, daß die Damen eine
+Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhörer fügten. Nur eine
+nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das
+sie gesehen. In ihm habe ein gefährlicher Mensch in die gute
+Gesellschaft einzudringen gewußt und alle getäuscht, bis auf die
+Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen
+verhütet.
+
+„Und das Ende?“ fragte Grete, als sie eine Pause machte.
+
+„Das Ende war ein Totschlag —“
+
+„Was verhandelt ihr da Schreckliches?“ fragte Herr von Tressen lachend.
+„Es klingt ja entsetzlich —“
+
+Tankred aber bestätigte Carins Erzählung mit gleißnerischer
+Unbefangenheit und sagte — und sie verstand ihn —: „Sie vergessen,
+gnädiges Fräulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stücke vor.
+Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst
+dem Schicksal.“
+
+Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte,
+gab Grete dem Gespräch eine andere Wendung und bat Tankred, einige
+Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er
+darin Meister war, erntete er großen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen
+nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung.
+
+Es war für ländliche Verhältnisse schon spät, als der Stallknecht
+Tankreds Fuchs vorführte. Unter einem „Auf Wiedersehen am Schluß der
+Woche“ und einem „Vergessen Sie es nicht!“ von Grete, dem Frau von
+Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied.
+
+Nach Falsterhof zurückgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall
+und zäumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich
+darüber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlägen, daß
+nur sie sein Innerstes beherrschten.
+
+Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich
+erst allmählich. Nun hallten Tankreds Schritte über die Steinfliesen,
+und er öffnete die Thür seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf,
+war ein weißes Kuwert, das auf dem Tisch lag. „Ah —! Sicher eine Antwort
+von Theonie!“ Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels
+zu entledigen, ungestüm danach und las:
+
+ ‚Da ich morgen Falsterhof verlasse, mußt Du Dich bei Deinem Entschluß,
+ noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen.
+ Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast, — ich möchte sonst bitten, Dich
+ mit Justizrat Brix, der über alles orientiert ist, in Verbindung zu
+ setzen, — muß es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Frühstück
+ geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt.
+
+ Theonie.‘
+
+„Also doch!“ murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der
+Inhalt dieser Zeilen außerordentlich. Sie räumte das Feld, und er konnte
+nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm
+die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Daß er sie trotz der
+Entschiedenheit ihres Charakters allmählich würde einschüchtern können,
+schien ihm zweifellos; er wußte, daß sie Furcht vor ihm empfand, und ihr
+würde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er
+nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die
+Nacht, das Grauen mußte helfend einwirken. — Der Mann warf den Kopf
+zurück. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mußte sie noch
+bleiben. Alle seine Künste wollte er aufwenden. — Künste? Theonie
+gegenüber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so
+gänzlich, daß nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren
+Gerechtigkeitssinn, unterstützt durch indirekte und gegebenenfalls
+direkte Drohungen, konnte zum Ziel führen. — Daß er sich auch von seiner
+Leidenschaft hatte hinreißen lassen, da er doch wußte, ein Werben, in
+welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu
+ohrfeigen! Wäre das nicht geschehen, so würde er jetzt eine Neigung zu
+Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er könnte erklären, es sei
+möglich, deren Hand zu erwerben, wenn er über ein Erbteil zu verfügen
+habe. —
+
+Plötzlich schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal
+jemand erzählt, daß der Beamte eines großen Hauses in Amsterdam bei der
+Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort
+erhalten habe: „Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind,
+dann kommen Sie wieder, dann läßt sich über die Sache sprechen!“ Der
+junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses
+Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der
+Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionär in
+Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mädchens gelangt,
+das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden.
+
+Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hörte er
+draußen ein Geräusch, als ob jemand langsam an seine Thür schleiche;
+auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf. — Dann aber
+war's still, und von Träumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis
+zum Morgen.
+
+ * * * * *
+
+In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben
+hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach.
+
+„Wann ist er nach Hause gekommen?“ fragte sie ohne Einleitung.
+
+„Es war zwischen zwölf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt.
+Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der
+gnädigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal über den Flur schlich
+und durch das Schlüsselloch sah, verlöschte gerade das Licht.“
+
+Theonie nickte. „Also Du weißt: wenn wir beim Frühstück sitzen, bleib in
+der Nähe. Ich bin nicht sicher, daß er nicht abermals unverschämt gegen
+mich wird. Da will ich Dich erreichen können. — Und berichte mir also
+jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme
+dann zurück — Ah,“ unterbrach sie sich, „er wird nicht freiwillig
+gehen! — Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise
+zu rächen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben.
+Vor solchen Menschen schützt keinerlei Schloß und Gesetz, sie sind zu
+allem fähig.“
+
+Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, großen Kopf
+mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentümlichen Ausdruck vor
+sich hin, der den Schwerhörigen eigen ist.
+
+„Ich wüßte eins, gnädige Frau,“ schob er dann, das Wort nehmend, ein.
+„Wenn er das Fräulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm
+befreit für alle Zeiten. Das sollten Sie zu fördern suchen.“
+
+„Wie kann ich das fördern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr
+zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine
+Nähe beunruhigt mich, flößt mir Furcht ein.“
+
+Frege bewegte die Achseln. ‚Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man
+das, was man finden kann‘ stand in seinem Gesicht geschrieben.
+
+Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herüber, und Theonie entließ Frege und
+stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, daß ihr die
+Kniee zitterten.
+
+Während dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang
+hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben.
+Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred
+dem großen Tannenhügel näherte, der zur Linken einen Teil des Parkes
+begrenzte, eröffnete sich ihm ein zauberhaft schönes Bild! Unzählige
+Lichter irrten zwischen den Stämmen, versteckte kleine Sonnen blitzten
+und durchleuchteten die dunkelgrünen Zweige der Fichten; breite Ströme
+ergossen sich den Hügel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an
+anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Höhe
+hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den
+würzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen.
+
+Die Schönheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr
+noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt.
+
+Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln,
+Wiesen, Felder und Waldungen umfaßte, die alle zu Falsterhof gehörten,
+die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein
+Blick nach dem Pachthof hinüberschweifte, und die Kuh- und Schafherden
+vor ihm auftauchten, das Geräusch thätiger Menschenarbeit zu ihm
+herüberdrang, die Wirtschaftsgebäude unter dem farbigen Laub
+emporstiegen, und er im Geiste an sich vorüberziehen ließ, was alles sie
+bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der
+Meierei war, wie weit sich die Gemüsegärten ausstreckten, und wie endlos
+auch noch östlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte
+sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, daß sein Herz
+klopfte, und seine Handflächen sich feuchteten.
+
+Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen,
+ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's
+schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wünschte.
+Sie konnte es sich ja überlegen, seinen Vorschlag auf der Reise wägen
+und ihm schreiben. — Ja, so sollte es sein.
+
+Und dann standen sie sich gegenüber. Theonie goß eben Wasser auf den
+Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es
+unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte:
+
+„Bitte, nimm Platz. — Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot
+abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so
+liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?“
+
+Tankred ward aufs angenehmste berührt. Theonie ließ ihn die Vorfälle des
+verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versöhnliche
+Gesinnungen an den Tag.
+
+Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit.
+
+Als sie sich gegenüber saßen, sagte er:
+
+„Ich danke Dir für Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich
+hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?“
+
+„Ich reise zunächst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will.
+Über die Länge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt.“
+
+„Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?“
+
+„Nein, schwerlich.“
+
+Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang
+heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die großen, tiefen Fenster ihre
+Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte
+doch das Gemach, als seien die Wände plötzlich in lichtdurchflutetes
+Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Möbel glänzten, das weiße Leinen
+der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte
+rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das
+Krystall und das Silber auf dem Frühstückstisch flimmerte und blitzte.
+Eine Platte mit süß duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine
+einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen
+neben mehlig-hellen Kartoffeln.
+
+Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein
+Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.
+
+Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete
+oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute
+schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen
+Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts
+Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber
+auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren
+Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage,
+voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der
+Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener
+Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.
+
+„Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen,“ begann
+Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. „Wirf Deinen
+hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die
+Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß
+ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu
+beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte — Nein, nein,
+fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an
+den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde
+ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in
+guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave
+Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du
+mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem
+Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen.
+Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht
+ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu
+lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender
+gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du
+Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß,
+daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest,
+obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens
+schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du
+leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest.
+Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so
+hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung
+gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen
+Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem
+aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch
+freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof
+verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen
+Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann
+mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine
+größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente
+überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen
+unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe
+auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin
+nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen
+Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut
+legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu
+machen. — Nun, Theonie?“ schloß er und griff wieder nach Messer und
+Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. „Was meinst Du? Willst Du
+so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?“
+
+Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre
+Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am
+Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters
+Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt.
+Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht
+einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe
+zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie
+geleitet.
+
+Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge
+schauend, erwiderte sie:
+
+„Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand
+kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf
+mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite — ich
+spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung;
+die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der
+meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte — also,
+ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne
+Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von
+gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner
+Beurteilung unterliegen können.“
+
+Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine
+noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in
+Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum
+Aufstehen.
+
+„Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein,“ sagte sie, nach
+einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. „Entschuldige mich, ich habe
+oben noch etwas zu thun.“
+
+Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurück.
+
+„Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, daß ich ohne Mittel sei,
+Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Würdest Du wohl die Güte haben,
+mir einiges Geld zurückzulassen?“
+
+Sie nickte bereitwillig und sagte, die Börse ziehend, mit einem Anflug
+von Verlegenheit: „Wie viel, bitte?“
+
+„Ein paar hundert Thaler würden mir zunächst sehr gelegen kommen, da ich
+einige Verpflichtungen habe.“
+
+„Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da müßte ich erst an
+Brix schreiben.“
+
+„Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter,“ wandte Tankred ein. „Er ist
+stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen.“
+
+„An den Verwalter?“ wiederholte Theonie zögernd und pedantisch
+überlegend. „Das würde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie
+geschehen, alles geht durch Brix.“
+
+„Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon
+erklären —“
+
+Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie
+von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen.
+
+„Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier,
+bitte — vorläufig,“ — entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine,
+die sich in ihrer Börse befanden, „für weiteres werde ich sorgen.“
+
+Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um
+ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten
+und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie
+ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich
+auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte
+alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten,
+wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er,
+wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu
+unterdrücken.
+
+„Nun — lebe wohl,“ — sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher
+Unruhe. — „Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er
+wird Dir das Nötige mitteilen.“
+
+Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf
+den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen
+besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch
+Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie
+abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß:
+
+„Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise
+anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du
+meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll
+ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine
+Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm
+zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch.“
+
+Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem
+starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen
+zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse,
+zurück:
+
+„Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du
+schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst.“
+
+Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des
+Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck.
+Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein
+zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:
+
+„Nein, ich muß nicht und will nicht!“ drang wie ein Gewitter aus seinem
+Munde. „Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe
+an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch
+an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts
+zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann
+die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden,
+aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten
+begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld,
+das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß
+ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte,
+weil ich es gleich gebrauchte und —“ hier schob Tankred einen
+berechnenden Satz ein — „auch für meine Abreise desselben bedürftig war,
+den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück
+und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen
+Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war.“
+
+Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen
+zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich
+getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und
+Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte
+es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er
+bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich
+erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte,
+pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm
+entgegen:
+
+„Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast
+Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite
+verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich
+gehe, Du gehst —! Das ist mein letztes Wort.“
+
+In diesem Augenblick erschien die dürre Gestalt Freges in der Thür, und
+hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb
+ängstlicher, halb entschlossener Miene.
+
+„Ah!“ drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur
+Abwehr auf. „So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur
+Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner
+Gewalt! Muß ich ihr aber dennoch weichen, so hütet Euch!“
+
+Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebärden
+ausgestoßenen Worten trat er durch das anstoßende Gemach auf den Flur,
+und die Zurückbleibenden hörten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloß.
+
+„O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du
+mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches
+zu verdienen?!“ hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren
+Stuhl. —
+
+Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wäre er
+eingesperrt und sänne darüber nach, wie er sich befreien könne. Aber
+sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern
+auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt,
+abermals war er seinem Jähzorn unterlegen, und statt seine Sache zu
+verbessern, hatte er sie gänzlich verfahren.
+
+Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen
+Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend
+bewiesen, daß sie recht hatte, wenn sie ihm aufs äußerste mißtraute.
+Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung außer acht gelassen, sondern sich
+auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar
+Drohungen ausgestoßen, die nur zu gut verrieten, was sich in den
+tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem
+Vorgang ihm nicht wieder nähern, das Tuch zwischen ihnen war
+zerschnitten.
+
+Unglaublich hatte er gehandelt!
+
+War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein über
+alle Erwartungen günstiges Ergebnis gewesen?
+
+Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen
+Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken
+in den Sinn gekommen wäre. Es würde ihn nicht überrascht haben, wenn
+Theonie ihm erwidert hätte: Ich weiß nicht, ob ich mehr über Deine
+unverschämte Forderung mein Erstaunen ausdrücken soll, oder über deinen
+Mut, sie mir vorzutragen.
+
+Statt dessen hatte sie seine Gründe angehört und unbefangen gewürdigt
+und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren
+nicht gefährden, bewährst Du Dich aber, dann soll die Hälfte Dein
+Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber
+auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zügelloser,
+von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist.
+
+Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte
+auszahlen wollen. Sicher würde Theonie jetzt wieder zu ihrem
+Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie früher festgesetzt hatte,
+und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von
+Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse würden an die
+Öffentlichkeit dringen, und er würde der Familie Treffen als das
+erscheinen, was er wirklich war.
+
+Wie gut hatte er alles eingefädelt, und mit welcher Pfuscherarbeit
+geendigt! Wäre er fügsam gewesen, so hätte er Tressens erklären können,
+er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hälfte von
+Falsterhof. Theonie würde, unter geschickter Behandlung der
+Angelegenheit von seiner Seite, diese Begünstigung bestätigt, es würde
+sich alles ohne Schwierigkeiten und Künste geregelt haben, während nun
+schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lüge aufgewendet werden
+mußte, um nur die üblen Eindrücke wieder zu verwischen.
+
+Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit
+lag vor, daß alle Mühe umsonst gewesen.
+
+Nein! er war doch noch ein großer Stümper! Er mußte sich's zugestehen.
+So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, daß er sogar auf
+den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei,
+tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemühen, ein ordentliches
+Leben zu führen. Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die
+Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht
+durch Selbstbeherrschung zu unterstützen vermochte. Er hatte noch nicht
+warten gelernt. Warten können! Was lag nicht alles in den Worten! Und er
+besaß auch nicht hinreichenden Mut; seine Genußsucht und sein
+Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlüsse und machten ihn
+feige.
+
+In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner
+schrankenlosen Selbstsucht überlegte er, ob er nicht lieber Theonie
+nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwören solle, daß
+das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn hätte
+aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst.
+
+Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins
+richtige Geleis bringen zu können, beschäftigte ihn plötzlich
+solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und
+dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drängte sich ihm so
+stürmisch auf, daß er das Haupt zurückwarf, die Klingel zog und dem
+stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er möge sofort den Fuchs
+satteln.
+
+„Wohin ist meine Kousine gereist?“ fügte er erregt hinzu. „Es ist
+wichtig, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe,
+alles daran zu setzen, um unser Zerwürfnis zu beseitigen. Also, wohin
+hat Klaus die gnädige Frau kutschiert?“
+
+Frege befand sich in größter Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er am
+besten zu Gunsten seiner Herrin handeln würde.
+
+„Ich weiß es nicht, Herr von Brecken. Zunächst wollte Frau Cromwell bei
+Pastors vorsprechen und später Nachricht geben.“
+
+So wand sich Frege heraus.
+
+Bei der Erwähnung der Pastorfamilie schoß Tankred ein Gedanke durch den
+Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfällen durch Theonie unterrichtet
+wurden, würden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jüngst
+hatte die Familie bereits geäußert, daß sie Pastors, die sie sehr
+schätzten, allernächstens mit Tankred zusammen einladen wollten.
+
+Das verstärkte des Mannes Entschluß, unter allen Umständen Theonie
+nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht säumte; sicher
+würde sie sich bei Höppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag
+über aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte
+durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem
+Zeichen des Kreuzes zurückwich, so fühlte er seine Gewalt und Kraft
+gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens.
+
+Kaum zehn Minuten später war Tankred unterwegs, er jagte dahin, daß der
+Staub der Landstraße hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild
+stürmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstraße belebenden
+Fußgänger erregte. —
+
+Inzwischen saß Theonie bei Höppners im Gartenzimmer und berichtete mit
+eben wieder zurückgewonnener Fassung von allem, was geschehen war.
+
+Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem
+Ausdruck größter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und
+abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, daß er
+zugleich nach einer Entlastung für Tankred suchte, daß er die Hoffnung
+nicht ausgab, die Herzen zu versöhnen.
+
+Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem
+Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war.
+
+„Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenüberstehen, ich wollte ihm schon die
+Seele mürbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht
+zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen
+Widerstand treffen; sehen sie, daß man ihnen die Zähne zeigt, ziehen sie
+wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen? — Er könnte
+Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus
+Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in
+Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen
+Mißtrauen sich erhöht, weil er schlecht hört, hat Sie ängstlich gemacht.
+Ich wette darauf, daß Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut
+Wetter bittet.“
+
+So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz
+ihrer Überzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, daß
+Tankred zu dem Schlimmsten fähig sei.
+
+Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu
+beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung
+entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte,
+als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu
+verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die
+Pastorin rief:
+
+„So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen,
+unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte,
+daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen,
+wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein.“
+
+Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach
+sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich
+aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem
+sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf
+Jahren an der Hand, in die Thür trat.
+
+„Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?“ rief die Frau
+glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen
+empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.
+
+Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau
+Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch
+in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber
+gehaltenen Garten.
+
+Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt
+einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen
+und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie
+wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit
+dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des
+Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am
+Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er
+ihn!
+
+Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung
+und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch
+Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend
+und gehorsam.
+
+Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit
+denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes
+Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder
+Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:
+
+„Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand
+hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel
+für ein Mädchen in den Jahren?“ Und Theonie pflichtete lächelnd bei,
+obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht
+fand.
+
+Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl.
+Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben — glücklich zu
+sein — ja — glücklich zu sein!
+
+Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die
+Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und
+Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere
+Überzeugung sich fortreißen zu lassen.
+
+Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der
+Pastor hatte gesagt: „Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte
+zuzuschleudern, liebe gnädige Frau, sanft erklärend auf ihn
+eingesprochen hätten, würde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn
+auch ein wenig gereizt!“
+
+Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre
+Ansicht dargelegt. „Nein, ich hätte ebenso gehandelt wie Frau Theonie.
+Der saubere Herr mußte fühlen, daß ihm ein Wille gegenüberstand, denn
+nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach,
+so wachsen seine Unverschämtheit und sein Übermut, und man hat das Spiel
+verloren! Theonie muß auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine
+Weichheit mehr, kein Nachgeben!“
+
+Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fühlte
+Theonie doch, daß der Pastor auch ein Recht für seine Ansicht habe.
+
+Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht
+entrückt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten
+Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche
+Überlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle
+Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof
+entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner für immer zu
+entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berührung zu kommen?
+
+Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos;
+aber zwischen sich und ihm ein erträgliches Verhältnis herzustellen und
+indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder
+Gewähren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern,
+den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines
+Namens zu behüten.
+
+So kämpfte in ihr auf der einen Seite der ursprüngliche Entschluß,
+Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm
+zurückzuziehen und alle Folgen ihrer Überzeugung zu tragen, mit der ihr
+innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer
+Verständigung rieten.
+
+Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rüstete, die Frau vom Hause
+eben noch in der Küche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich
+gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiß und goldgelb
+schimmernden Hälften auf einen Teller legte, trat das Kindermädchen ihr
+näher und meldete, daß ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell
+frage.
+
+„Wer denn?“ warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der
+Hand, an die Küchenthür und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurück,
+als sie Tankred von Brecken vor sich sah.
+
+„Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin,“ hub er, ehe sie
+Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit
+entgegen, „ich komme, um mit meiner Kousine ein versöhnendes Wort zu
+sprechen, und möchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr,
+Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher
+stets bewiesene Güte.“
+
+Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen
+seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte.
+
+„Zunächst, bitte, treten Sie gefälligst in das Zimmer meines Mannes!“
+entgegnete sie höflich, aber durchaus kühl. „Ich werde Frau Cromwell
+fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht,
+und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden müssen. — Hier —“
+schloß sie ebenso kurz und entschieden und öffnete das Gemach ihres
+Gatten, aus dem Tankred der dumpfsäuerliche Geruch der vielen Pfeifen,
+die der Pastor den Tag über rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde,
+dann hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen. Die Pastorin aber begab
+sich, nachdem sie vorher noch in völliger Ruhe die Küchenangelegenheiten
+erledigt, ins Gartenzimmer und verkündete ihrem dort mit dem Pastor
+weilenden Besuch, was sich ereignet hatte.
+
+Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Körper, der Pastor aber,
+bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr
+wirkte wie die ihm angeborene rücksichtsvolle Höflichkeit, rief fast
+ängstlich tadelnd:
+
+„Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draußen stehen lasten?“
+
+Die resolute Pastorin schüttelte bloß den Kopf und sagte kurzhin: „I,
+wie sollt ich wohl; er ist natürlich in Deinem Zimmer.“
+
+„Nun, da will ich —“
+
+„Nein, bitte, bleibe,“ entschied die Frau in einem Ton, der keinen
+Widerspruch aufkommen ließ. „Erst müssen wir überlegen, gründlich
+überlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklären
+Sie, daß Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen könnten.
+Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kühlt sich der Übermut des
+sauberen Herrn noch weiter ab.“
+
+Der Pastor schüttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie
+aber schwankte.
+
+Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred
+nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den
+Ausschlag. Es war auch möglich, daß er, da er den ersten Schritt gethan,
+erklärte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war
+wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versöhnung aus dem Wege ging, und
+was besonders maßgebend war: sie wünschte so rasch wie möglich Klarheit
+zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, daß er
+Falsterhof verlassen werde.
+
+So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor,
+ihm sagen zu lassen, daß sie nach Beendigung des Abendessens, also nach
+Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhören.
+
+„Ja — ja — aber — wir legen dadurch an den Tag, daß wir ihn nicht an
+unserm Tisch sehen wollen; das — geht doch wohl nicht —“ schob wieder
+der Pastor in seiner Gutmütigkeit ein. „Er hat unsere Gastfreundschaft
+angerufen, indem er unser Haus betrat.“
+
+„Ach was!“ entschied die Pastorin. „Laß ihn nur fühlen, wie wir über
+sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der
+Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man
+behandeln als das, was er ist!“
+
+So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies
+Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat
+Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr
+angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.
+
+„Sie sind wohl im Krug abgestiegen?“
+
+Tankred nickte.
+
+„Werden Sie die Nacht hier zubringen?“
+
+Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und
+fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten
+hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die
+beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer
+zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm
+die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel.
+
+„Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert,“ hub sie
+an, „ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den
+Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des
+göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser
+Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel
+und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken
+stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für
+die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger
+unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit
+Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die
+eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen
+möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung
+stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern
+übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!“
+
+Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds
+beschlossen habe.
+
+„Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin,“ entgegnete
+Theonie. „Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!“
+
+Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel
+ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß
+Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid
+gegeben.
+
+„Ich würde Ihrem Vetter Folgendes erklären,“ erwiderte sie deshalb,
+Theonies Wunsche willfahrend: „Vorbedingung sei, daß er Falsterhof
+sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erkläre, daß er
+niemals ohne Aufforderung dahin zurückkehren werde, auch keine Rechte
+auf irgend einen Teil Ihres Vermögens habe. Nachdem dies geschehen,
+würden ihm die einmal zugesagten fünfzigtausend Mark ausgezahlt werden.“
+
+„Nun und dann?“ fragte Theonie, als die Pastorin schwieg.
+
+„Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas
+zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwähnen. Sollte er auf ein
+weiteres zurückkommen, so würde ich ihm erwidern, daß ich mich jetzt in
+keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung
+verscherzt.“
+
+„Aber deswegen ist er doch hergekommen!“ schob der Pastor, diesmal
+nicht nur seiner Gutmütigkeit, sondern einer richtigen Erwägung folgend,
+ein.
+
+„Gewiß! Aber wer weiß, was geschieht!“ entgegnete die Pastorin.
+„Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht
+sie ihr elterliches Vermögen selbst.“
+
+„Ich weiß, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht
+entgegenkommender äußere,“ sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte
+durch ein sanftes Kopfschütteln übergehend.
+
+„Sie erklären ihm ja nur, daß Sie sich nicht binden wollen; darin liegt
+doch kein absolutes Nein.“
+
+„Das ist sophistisch, Marie!“ schob der Pastor ein.
+
+„Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen
+haben, und der andere bloß einen Helm, da ist kein Verstand drin.“
+
+Während sie noch sprachen, entstand draußen ein Geräusch, und Theonie,
+bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloße
+Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenüber zu treten, erregte sie aufs
+höchste. Das gab der Pastorin den Entschluß ein, Theonie vorzuschlagen,
+sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln.
+
+„Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich
+erkläre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu
+gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar
+machen.“ Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede.
+
+Fünf Minuten später meldete die Magd den Herrn von Brecken.
+
+„Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zünde Licht an!“ entschied
+die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred
+war nicht wenig enttäuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen,
+aber er ließ sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter,
+seine tiefe Verpflichtung ausdrückender Höflichkeit.
+
+„Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht
+war, zu sprechen,“ hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte
+eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. „Sie hat mich, um gleich
+auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist
+Frau Cromwells Wunsch, daß Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre
+Aufforderung nicht dahin zurückkehren. Sie verpflichten sich dazu
+schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklären Sie, keinerlei Rechte
+auf das Breckensche Vermögen, das flüssige oder liegende, zu besitzen,
+und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr
+Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fünfzigtausend Mark
+auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten
+habe.“
+
+„Über die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?“ brachte
+Tankred, nur mühsam seine durch Enttäuschung hervorgerufene Erregung
+verbergend, hervor.
+
+„Nein!“
+
+„Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?“
+
+„Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch
+die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen
+erledigt sein muß. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts
+einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu
+verlassen.“
+
+„Und wenn ich es nicht thue?“
+
+„Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen.“
+
+„Haben Sie ihr diese Ratschläge erteilt, Frau Pastorin?“
+
+„Gleichviel. — Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluß nicht ab.“
+
+„Und wenn ich nun beschwören kann — ich kann es beschwören und habe nur
+bisher nichts geäußert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden
+wollte, — daß meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hälfte von
+Falsterhof zugesagt hat?“
+
+„So würden Sie einen falschen Eid schwören. So weit werden Sie es doch
+wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von
+Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit
+solchen Mitteln durchdringen, daß es bloß eines solchen für Sie bequemen
+Entschlusses bedarf, um mühelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei
+Ansprüche können Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt,
+daß Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfüllung und
+Fleiß sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines
+recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau
+getragen. Statt sich Ihrer Kousine für ihre Hochherzigkeit dankbar zu
+erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk
+hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu
+teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die
+Mittel zur Verfügung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie
+ausfallend und stoßen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bühne von
+Bösewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hören gewohnt
+ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen!
+Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird
+sonst schrecklich sein. Eine Weile begünstigt das Schicksal wohl
+solcherlei Treiben, aber nur um den Übermut nachher um so schwerer zu
+strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie
+sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere
+Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich
+verschweigen, was eben über Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch
+alles, was sonst geschehen, der Außenwelt vorenthalten bleiben. Im
+anderen Falle aber seien Sie überzeugt, daß wir mit allen Mitteln Ihrem
+ungesetzlichen, frivolen, ja, gefährlichen Treiben entgegentreten
+werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, daß Sie uns Furcht einflößen
+können, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, daß mit uns
+nicht gut Kirschen essen ist. — So, nichts für ungut. Die meisten
+Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken,
+daß er auch nur zeitweise über Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn
+auszutreiben!“
+
+Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben
+abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Ärger
+zugehört. Mehr als einmal hatte er in seiner maßlosen Erregung den
+Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hände ballten
+sich unwillkürlich, und die Zähne preßten sich zusammen.
+
+Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren ließ, da sie
+ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner
+Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll
+Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluß ihrer
+Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem
+Angesicht haften; offenbar trat die Überlegung bei ihm ein, ob es nicht
+doch richtiger sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
+
+„Gut denn,“ stieß er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen
+heraus. „Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich
+will die von Ihnen geforderte Erklärung geben, auch mich mit der
+angebotenen Summe begnügen, wenn meine Kousine mir einen Brief des
+Inhalts schreibt, daß sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von
+meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie
+mir schon vor unserm Zerwürfnis zugebilligt hatte. Auch muß sie
+hinzufügen, daß sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich
+nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, daß ich in ihren
+Augen dessen würdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich
+schwören würde, von meinen Charaktereigenschaften und von
+Eventualitäten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner
+Überzeugung nachgehe, will ich unberührt lassen. Als kluge Frau wissen
+Sie am besten, daß bloße Behauptungen taube Nüsse sind, und daß wir die
+Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle
+eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, daß manches an
+mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizuführen,
+bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Überflusses. Was ist
+ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung
+hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel,
+der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu
+vertreiben.“
+
+„Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch
+Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und
+durch Beschränkung seiner Bedürfnisse. Daß Ihre Kousine, die keine Liebe
+für Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That
+ein starkes Verlangen. Und daß jemand Glücksgüter fordert, um seine
+Fehler abzulegen, beweist, daß er noch nicht das ABC sittlicher
+Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende
+Selbstüberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum
+Schluß zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wünschen,
+sie mag dann selbst entscheiden.“
+
+„Also auf Ihre Befürwortung habe ich nicht zu rechnen?“
+
+„Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts
+weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage
+gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich würde erst sehen
+wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre träge Genußsucht in solcher
+Weise zu unterstützen, halte ich fast für ein Verbrechen.“
+
+Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiß war, da
+er sah, daß er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu
+erreichen, triumphierte er innerlich, überging die letzten Ausführungen
+der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank für ihre Bemühungen aus.
+
+„Ich weiß, Sie werden Ihre schlechte Meinung über mich ändern, Frau
+Pastorin! Sicher!“ schloß er mit künstlichem Ernst und suchte, indem er
+sie trotz ihrer herben Begegnung gleißnerisch seiner Achtung und
+Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei
+zu erobern war. —
+
+ * * * * *
+
+Grete von der Linden griff mit recht mürrischer Miene nach Umschlagtuch
+und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre
+Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespräch mit Carin
+Helge gehabt hatte.
+
+Ihre frühere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geäußert, daß
+Herr von Brecken ihr ein äußerst widerwärtiger Mensch sei, eine
+Persönlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein müsse, und Grete
+hatte sehr empfindlich entgegnet, daß sie es nicht passend finde, daß
+Carin ein solches Urteil über Freunde des Hauses fälle.
+
+Darauf war wieder eine etwas schroffe Äußerung von Fräulein Carin
+gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte
+die erstere erklärt, daß es bei der geringen Übereinstimmung, die
+neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser für sie sei, Holzwerder
+zu verlassen. „Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es für gut befinden,
+liebe Carin.“ Mit diesem kühl gesprochenen Wort war das Band zerrissen,
+das die beiden seit Jahren verknüpft hatte. Aus der ursprünglichen
+Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes
+ausdrücklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als
+Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat
+hatte sich im letzten Jahr das Verhältnis schlechter gestaltet. Grete
+waren die Flügel ungewöhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, über
+alles sehr präzise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und
+dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch über entgegengesetzte
+Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten.
+
+Einige Ausflüge mit ihren Eltern in die große Welt hatten sie rasch
+gezeitigt. Sie wußte, daß sie hübsch und klug war, und schmeichelnde
+Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestätigt, aber sie wußte
+auch, daß sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel
+ein Mensch, den man für begütert hält, der Welt ohne Widerspruch bieten
+kann.
+
+Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demütige Gebärden
+selbst dann, wenn die den Nacken krümmenden Personen keiner Vorteile
+gewärtig sein konnten.
+
+Grete hatte ein Interesse für Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die
+Vorzüge einleuchteten, die erwachsen würden, wenn die beiden
+aneinandergrenzenden, großen Güter unter eine Herrschaft kämen.
+Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu
+nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof
+großen Respekt eingeflößt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider
+Gesinnung und vornehmer Zurückhaltung; die alten Breckens ließen die
+Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel
+Grete, die Eindrücke der Jugend wirkten nach und übertrugen sich auf
+Tankred.
+
+Er war ein stattlicher Mann, groß und geschmeidig und hatte etwas
+Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besaß er etwas
+Fortreißendes, wenn er liebenswürdig sein wollte.
+
+Daß sich nichts von Sentimentalität in seinem Wesen äußerte, war Grete
+höchst willkommen; sie haßte alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon
+nichts besaß. Und endlich und zuletzt — sie mochte ihn einmal, und durch
+seine Vermögenslage würde sie imstande sein, um so leichter die
+allerdings nur moralisch begründeten materiellen Ansprüche ihrer Eltern
+zu befriedigen. Allerdings, auch das überdachte Grete; sie war durchaus
+nicht geneigt, sich Einschränkungen aufzuerlegen.
+
+Freilich waren Tankreds Vermögensverhältnisse noch nicht völlig
+aufgeklärt. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen
+Groschen, andere dagegen, — sie wollten es aus seinem Munde gehört
+haben, — daß er Miterbe von Falsterhof sei.
+
+Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf
+Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er
+hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet,
+daß ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch für
+seine Bemühungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der
+Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen.
+
+Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte
+sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem
+Gast über dessen Vermögensverhältnisse zu sprechen.
+
+Frau von Tressen besaß die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau
+von Brecken an ihr gerühmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch,
+hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber
+sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht
+verstanden, sich einzurichten. Während ihr erster Mann noch gelebt
+hatte, war er der verständige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode
+hatte Frau von Tressen über ihre Verhältnisse gewirtschaftet und in
+ihrem zweiten Mann keinerlei Stütze für bessere Entschlüsse gefunden. Im
+Gegenteil, das ihr persönlich gebliebene Vermögen war schon längst
+verthan. Bei der Feinfühligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher
+noch niemals mit Grete über die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr
+Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So
+vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen
+auch, daß ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen
+wohlhabenden Mann heirate.
+
+Tankred gefiel ihnen aus denselben Gründen, die für Grete hauptsächlich
+in die Wagschale fielen.
+
+Wohl wollte sich in der Frau — wie in Carin — bisweilen ein Mißtrauen
+gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft
+eingeschläfert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung
+an Gretes deutlich hervortretende Wünsche und jene Flüchtigkeit, die
+zunächst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge faßt, bestimmten sie,
+sich für die Partie zu interessieren, — natürlich vorausgesetzt, daß
+Tankred der vermögende Mann sei, als den sie ihn schätzten.
+
+Ihr künftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich
+verpflichten, ihren Eltern jährlich eine festgesetzte Summe zu zahlen.
+Aber wenn nun Tankred kein Vermögen besaß, oder wenn er oder ein anderer
+Gatte Gretes sich weigerte, für ihre und ihres Mannes Existenz
+aufzukommen?
+
+Zum erstenmal überfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben
+überkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es könne dergleichen
+geschehen oder später eintreten. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war
+vollkommen erwerbsunfähig. Schon machten sich allerlei durch einen
+raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn
+plagten vorübergehend Gichtschmerzen; eigentümliche nervöse Beschwerden,
+Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und
+hatten das Herz der Frau mit Sorge erfüllt. Wenn er sich dann wieder
+erholt und wohl gefühlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und
+Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwärtig erschien ihr alles in
+einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft
+vor ihr auf, und sie beschloß, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf
+bloße Eindrücke oder gar auf den Zufall zu verlassen. —
+
+Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurückkehrte,
+begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknöpft hatte, und dem
+ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut
+geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der
+nicht eben überintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das
+Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsätzen verfuhr und
+allgemeine Achtung genoß.
+
+Niemand übte einen so großen Einfluß auf Grete aus, wie er, ja, insofern
+das junge Geschöpf überhaupt jemanden, einschließlich ihrer Mutter, zu
+lieben vermochte, — ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine
+durch unantastbare Verträge überkommene, friedfertige und unschädliche
+Persönlichkeit, — empfand sie ein solches Gefühl für Hederich. So lange
+sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets gütig und zugleich ehrerbietig
+begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr
+Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen
+und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschüttet. Nicht Herr von Tressen,
+der immer nur seine Amüsements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden
+und Reisen ins Auge faßte, hatte ihr den früh verlorenen Vater ersetzt,
+sondern der Junggeselle Hederich.
+
+Er kannte nichts von der Welt draußen, aber um so besser war er über
+alle Gutsangelegenheiten und alle Persönlichkeiten in nächster und
+weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr häufig in praktischen
+Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft
+betreffenden Dingen, über Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und
+wußte eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Bäumen
+zu, sagten die Leute von ihm.
+
+„Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fräulein. Drum und dran. Schon so
+früh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen. — So,
+so, das ist schön. — Ja, gewiß, gern. — Ich habe Zeit! Sollen wir hier den
+Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fräulein, was ist, bitte?“
+
+„Zuerst Hederich: Fräulein Carin verläßt uns. Sagen Sie, was halten Sie
+eigentlich von ihr?“
+
+„Viel, Fräulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht
+erst ein Kreuz auf dem Rücken zu haben zum Zeichen, daß sie dienstfähig
+ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt.
+Aber drum und dran, warum fragen Sie?“ forschte der Alte mit seinem tief
+eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen.
+
+„Nun ja, weil sie weggeht, und ich darüber nachdenke, an wem die Schuld
+wohl liegt. Gewiß Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns
+nicht mehr. Da ist es besser —“
+
+„Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als daß Sie in Feindschaft
+enden. Gewiß, das hat sie nicht um Sie verdient, Fräulein Grete!“
+
+Grete schwieg, sie fühlte er hatte recht; gern würde sie aber gesehen
+haben, daß er ihr bereitwillig zugestimmt hätte.
+
+„Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fräulein Grete, nichts für ungut,
+wenn ich fragen darf?“
+
+„Über Herrn von Brecken erzürnten wir uns. Apropos! Was halten Sie von
+dem?“ unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespräch auf ihn
+gebracht, während sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte.
+
+Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu
+wollen.
+
+„Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?“
+
+„Mit Verlaub, Fräulein Grete. Will Fräulein Carin etwas von ihm wissen?“
+
+„Nicht viel eben! Sie verdächtigt seinen Charakter.“
+
+Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte große
+Augen.
+
+„Ja, sie versteht's —“
+
+„Wieso? Mögen Sie ihn auch nicht? Hören Sie, Hederich! Ich frage nicht
+umsonst. Ich — ich —“
+
+„A — h —“ machte der Mann und sah Grete groß an. „Nun ja denn! Ich weiß
+nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen
+sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine
+Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fräulein Grete, er hat was
+im Auge — oft — man kann sich fürchten —“
+
+„Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er
+sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam
+und solide werden.“
+
+„Ja — ja — das ist wohl anzunehmen,“ bestätigte Hederich. „Aber ob er so
+recht umgänglich werden wird — gegen Sie — ich meine — drum und dran — und
+denn — und denn, Fräulein Grete — er hat, glaub' ich, gar nichts!“ stieß
+Hederich zum Schluß heraus.
+
+„So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darüber?“ forschte Grete, den ersteren
+Einwand umgehend.
+
+„Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber
+auch bloß ein Versprechen, das an Bedingungen geknüpft ist.“
+
+„In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?“
+
+Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus.
+Zuletzt ließ er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und
+erklärte, Frege traue Tankred nicht über den Weg.
+
+„Ja, aber weshalb mißtrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht,“
+betonte Grete, durch die Enttäuschung, die sie empfand, zum Widerstand
+gedrängt. Sie wollte Gutes hören, und da sie es nicht vernahm, wollte
+sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen.
+
+„Sie meinen — drum und dran —“ entgegnete Hederich ehrlich, — „daß er
+wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Für andere
+Menschen hat er nichts übrig.“
+
+Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklärung regte sie
+nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen hätte, wenn
+Hederich von Tankred eingenommen gewesen wäre.
+
+„Na,“ schloß sie nüchtern. „Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn.“
+
+„Ja, — ja — liebes Fräulein, aber es liegt — drum und dran — etwas
+dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama — na ja, sie hat ja eine
+sehr leichte Hand — aber die hat die schöne Mitte, klug und gut.“
+
+Grete antwortete nicht.
+
+„Warten Sie, alter, guter Hederich —“ sagte sie und schob ihm das
+Bändchen unter den Rockkragen, — „hier steckt was heraus.“ Und plötzlich
+ganz unvermittelt: „Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie
+viel unser Gut?“
+
+Darauf mußte Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des
+genau Unterrichteten überaus gut gefiel.
+
+„Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend
+Mark jährlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal
+weniger, so etwa sechzigtausend Mark.“
+
+„Nicht mehr?“ fragte Grete enttäuscht.
+
+„Nein, mehr nicht, Fräulein, und dann sind da auch noch Zinsen
+und — und — na, gleichviel —“
+
+Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das,
+von Epheu umsponnen und von schönen Bäumen umgeben, einen reizvollen
+Anblick gewährte.
+
+„Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?“ fragte Grete
+sinnend.
+
+„Ja, einmal. — Was jetzt die Frau Pastorin ist — unter uns gesagt — die
+Pastorin Höppner, die hätt' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu
+so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter
+Mensch, bloß kein Mann. — Nein, drum und dran — kein Mann. Ich freue mich
+noch immer, wenn ich sie sehe — ja, das thue ich!“ schloß Hederich, mehr
+mit sich selbst als mit Grete redend.
+
+„Adieu! Danke, alter guter Hederich!“ sagte Grete. Was sie für ihn
+empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder.
+
+Und er fühlte es und sagte:
+
+„Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen.“
+
+„Nun?“
+
+„Sie! Fräulein Grete,“ sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's über das
+Angesicht des Mädchens, und sie drückte ihm gerührt die Hand. Bisweilen
+sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heiße Quelle in ihr
+auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie
+stürmisch. —
+
+Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben
+versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin
+fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute
+etwas ungeduldig nach der Thür.
+
+„Wo bleibt denn Carin? Weißt Du etwas von ihr, Grete?“ wandte sie sich
+fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit
+deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber
+öffnete sich die Thür, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins
+Gemach.
+
+Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die
+Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang
+gab.
+
+Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast
+stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlaßte
+Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten
+schauenden Balkonzimmer saß, die Rede auf Fräulein Helge zu bringen.
+
+„Wir haben uns erzürnt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das
+Fräulein verläßt morgen früh Holzwerder,“ entgegnete Grete kalt.
+
+Die Mitteilung überraschte, aber interessierte und erfreute zugleich
+Tankred sehr. Die mißtrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht
+mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine große Beruhigung.
+
+„Das sagen Sie so leicht hin, gnädiges Fräulein?“ knüpfte er, um mehr zu
+hören, an.
+
+„Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb
+dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich
+nun eine andere Thätigkeit. Ein Bündnis fürs Leben habe ich doch nicht
+mit ihr geschlossen.“
+
+„Ließ die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die
+Frage erlaubt ist?“
+
+Statt zu antworten, lächelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb
+verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend:
+
+„Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist.
+Wenn Fräulein Helge uns verläßt, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man
+kann sündigen, ohne es zu wissen,“ schloß sie, als Tankred große,
+forschende Augen machte.
+
+„Ich?“ stieß er heraus. „Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich
+natürlich ungemein.“
+
+Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle.
+Verriet sie ihm, daß Carins absprechendes Urteil über ihn sie geärgert
+habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen
+vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie über seine
+äußeren Verhältnisse genau unterrichtet war.
+
+Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wünsche
+unterstützten seine Annahme.
+
+Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich:
+
+„Ist es denkbar, daß Sie, mein Fräulein, für mich gegen Fräulein Helge
+Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, daß ich Ihnen
+nicht gleichgültig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir
+gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und daß sie gegen mich
+intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber
+vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermögen, daß — daß —“
+
+„Daß?“ forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreißen lassen
+wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb
+verdeckten Erklärungen liegt.
+
+„Nun, daß Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden könnten, und
+daß sie, Fräulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken
+sein würde.“
+
+„Sollte es das sein?“ ging's rasch und fast gegen Gretes Willen über
+ihre Lippen. Also Beweggründe egoistischer Natur hätten Carin geleitet!
+Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr
+paßte, da sich daraus die Gründe für Carins Abneigung gegen Tankred
+erklären ließen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an.
+
+„Gewiß, ich bin dessen sicher, Fräulein von der Linden. Und nicht
+wahr?“ fügte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zärtlich
+sprechend, hinzu: „Ich darf annehmen, ich darf hoffen, daß Fräulein
+Helge das Rechte traf —?“
+
+Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen,
+und sie ward unsicher und beängstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom
+schoß durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kräfte
+und wollten sie fortreißen. Aber dennoch siegte die überlegende
+Vernunft.
+
+„Wir wollen über andere Dinge sprechen, Herr von Brecken,“ stieß sie,
+sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine
+Worte als ein übertriebenes Kompliment aufgefaßt hätte. Und zur besseren
+Bestätigung ihrer Unempfindlichkeit fügte sie hinzu:
+
+„Es giebt ja interessantere Themata als Fräulein Helge. — Wie denken Sie
+zum Beispiel über die Stellung des Jupiter zur Sonne?“ —
+
+Als später Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer saß — es
+war kurz vor dem Abendessen — sagte der letztere:
+
+„Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehört? Wo hält sie sich jetzt
+auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter
+fortbleiben?“
+
+„Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in
+einigen Wochen nach Falsterhof zurückkehren.“
+
+„Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof über? Oder welche
+Pläne haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir
+sagt, daß Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Nähe,“
+schloß Herr von Tressen artig.
+
+„Allerdings, ich möchte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber
+nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen könnte —“
+
+Unwillkürlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die
+letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf
+diese Weise das Gespräch auf Grete hinüberleiten? Im Augenblick fand
+Herr von Tressen keine Anknüpfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke,
+und er sagte:
+
+„Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich höre, Mitbesitzer
+sind, würde Ihnen nicht konvenieren? Übrigens nachträglich meine
+Gratulation! Es ist wohl die schönste Herrschaft in der Provinz.“
+
+Diesen Worten war es unmöglich, auszuweichen. Tankred wußte auch, daß
+sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und
+wenn die Dinge nach ihren Wünschen ausfielen, stand einer Heirat mit
+Grete nichts im Wege.
+
+Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden mußte, da Tankred je
+eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken
+beiseite und sagte:
+
+„Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen.
+Ohnehin drängt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen.
+Wollen Sie es mir gestatten?“
+
+„Ich kann mich dadurch nur geehrt fühlen,“ entgegnete Gretes Stiefvater
+verbindlich und zugleich mit größter Spannung.
+
+„Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber
+sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Höhe zu
+beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand
+bereits ein bares Kapital überwiesen. Weiteres macht sie abhängig von
+gewissen Bedingungen. Ohne Rückhalt gesprochen, sie will mich prüfen, ob
+ich imstande bin, mit einem großen Vermögen umzugehen. Eine gewisse
+Breckensche Pedanterie, übertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber
+ich besitze ein Schriftstück, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt,
+mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen. — Ich gelange nun auf den
+anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fräulein Grete, hat
+gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich
+gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir
+in so überaus liebenswürdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner
+Besuche verstärkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der
+meine sehr lebhaften Wünsche unterstützt. Unwillkürlich richtet ein
+besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwählten seines
+Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm
+sympathisch sind, und da muß ich ohne Komplimente sagen, daß ich es als
+das höchste Glück ansehen würde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer
+Frau Gemahlin in nähere Berührung zu treten.“
+
+Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimütig liebenswürdiges
+Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so überzeugt klangen seine
+Worte, daß sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt
+hatte.
+
+Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die
+vorausgegangenen Mitteilungen äußerst befriedigender Art zu sein
+schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm
+gewünschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was
+seine Frau ihm eingeschärft hatte. Er sagte deshalb vorläufig noch mit
+etwas Zurückhaltung:
+
+„Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken,
+treten besondere Verhältnisse ein, die der Erörterung unterliegen
+müssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich äußerst erfreuenden
+Antrag — meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorläufig noch
+nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, daß sie Ihnen,
+wie Sie es voraussetzen, geneigt ist, — also wenn ich Ihren Antrag in
+Überlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns
+nötig.
+
+Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat
+hören unsere rechtlichen Ansprüche auf, und wir sind angewiesen auf ihre
+gütige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten
+sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermögens
+wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestätigung unserer moralischen
+Ansprüche ist erforderlich, nachdem die Höhe der uns zu zahlenden
+jährlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der
+Grete einmal heimführen wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto
+geneigter werden wir ihm selbstverständlich sein. Darin liegt keine
+verwerfliche Geldsucht, sondern es begründet sich in der Natur der
+Dinge. Von der Luft können wir nicht existieren, und ein anständiges
+Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wünschen.“
+
+Tankred hatte während Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig
+beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorläufig noch nicht Gretes
+Bräutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der
+Wirkung seiner Antwort gewiß:
+
+„Ich würde, wenn mir das Glück werden könnte, Fräulein Grete heimführen,
+es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen möglichst
+ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglück in
+erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualität, die in
+eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so
+freundlich und gütig sein wollen, zu unterstützen.“ —
+
+Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit
+hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in
+sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten
+Unterredung.
+
+„Vortrefflich,“ sagte die Frau, nachdem er geendigt. „Aber nun wäre es
+doch wünschenswert, daß wir das Schriftstück, von dem Brecken spricht,
+einsähen, und daß Du auch an Frau Cromwell schriebest.“
+
+„Meinst Du wirklich, daß letzteres notwendig ist? Ich denke, die
+Einsicht in das Abkommen genügt; hoffentlich wird Brecken es uns von
+selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich.“
+
+„Nun, es wird sich ja finden! Vorläufig wollen wir Grete noch nichts
+mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken
+steht. Daß sie sich sehr für ihn interessiert, ist zweifellos. Übrigens,
+wie ist sie kühl! Von der Helge trennt sie sich mit einer
+Gleichgültigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mädchen! Sie war sehr
+weich und rührte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit
+ihr hatte, während Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussöhnung denkt
+sie selbst nicht. Sie fühlt, daß Grete ihr Gehen will, Grete hat
+begierig die Gelegenheit zur Herbeiführung der Verstimmung ergriffen.“
+
+Aber Herr von Tressen hörte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzüge bewiesen,
+daß er bereits dem Schlaf erlegen war.
+
+ * * * * *
+
+Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von
+neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von
+Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:
+
+ ‚Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß
+ er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters
+ besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat,
+ diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter
+ empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die
+ Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe
+ meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen
+ versehen.
+
+ Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte
+ des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch
+ will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf
+ Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe,
+ dazu in keiner Weise.‘
+
+In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck,
+und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft,
+daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde.
+
+Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu
+geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit
+begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts!
+Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande,
+weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.
+
+Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine
+zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine
+Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand
+sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu
+bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.
+
+Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein
+würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht
+abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für
+seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr
+viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile
+hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles,
+was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang
+viel, die Reisen und sonstiger Luxus.
+
+Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein
+sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das
+Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin.
+
+Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare
+Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem
+Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte
+Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte.
+
+Hm! hm! — Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab.
+Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb
+lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las
+schließlich, was vor ihm lag:
+
+ ‚Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklärt hat, auf
+ Ansprüche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von
+ Brecken erwachsen sein mögen, verzichten zu wollen, bestätige ich
+ hierdurch meine Zusage:
+
+ I. ihm zunächst fünfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die
+ Hälfte des Besitzanteils an Falsterhof überweisen zu wollen, wenn mir
+ nach fünf Jahren die Gewähr gegeben ist, daß er damit im Sinne meines
+ verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nützen und mehren wird.
+ Eine solche Einschränkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche
+ das Testament für mich selbst enthält, geboten und entspricht demnach
+ nur genau den mir selbst zustehenden Rechten.
+
+ Theonie Cromwell.‘
+
+„Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet
+trotz der geschäftlichen Kürze und Form volles Wohlwollen,“ flüsterte
+Tankred. „Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals
+entsprechend, und daß sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben,
+dafür werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei
+Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen
+Thatbestand handeln: fünfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hälfte
+des Besitzanteils von Falsterhof nach fünf Jahren.“
+
+Und so überzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, daß er
+sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des
+Originals täuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich
+blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm überraschend.
+Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin
+Höppner, und sie zu veranlassen, daß sie ihm wenigstens keinen
+Widerstand entgegenstellte, mußte jetzt seine Aufgabe sein.
+
+Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben,
+vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde
+zu befriedigen, teils um von Frege etwas über Theonie zu erfahren.
+
+Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich
+in Elsterhausen für seine Reitausflüge gemietet hatte, in die Allee von
+Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und
+die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bäume, insbesondere die
+kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach
+auftauchten entzückten das Auge.
+
+Tankred befand sich in einer außerordentlich gehobenen Stimmung; je
+mehr er über die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie
+ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: daß
+Grete von der Linden, die sehr genau wußte, was sie wollte, ihm am Ende
+doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den
+Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber — eine Möglichkeit war
+doch vorhanden.
+
+Während er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hörte
+er hinter sich das Geräusch eines dahineilenden Wagens, und als er den
+Blick wandte, sah er zu seiner großen Überraschung Grete, die selbst das
+Gefährt lenkte, vor sich.
+
+„Sie, mein hochverehrtes Fräulein?“
+
+„Sie, — Herr von Brecken?“ ging's zugleich aus Gretes Munde. „Wohin? Nach
+Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurück?“
+
+„Nein,“ — erklärte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd
+durch einen so mächtigen Druck, daß es sich fast überschlug und nun
+bewegungslos verharrte. „Ich will nur einmal auf Wunsch meiner
+Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben
+hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen
+zurückkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof
+eigentlich? Möchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es
+wird Sie, glaube ich, interessieren, den mächtigen Bau mit den schönen,
+altertümlichen Möbeln in Augenschein zu nehmen.“
+
+Einen Augenblick zögerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des
+Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in
+Tankreds Gesellschaft aufdrängte. Aber sie überwand das Bedenken,
+nachdem Tankred ihr zugeredet und erklärt hatte, daß Frege sie
+herumführen, und er sie sogleich wieder zurückgeleiten werde.
+
+Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschließende, mit Pelz
+besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter
+Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmütze.
+
+Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zähne in dem klugen,
+fein geschnittenen Munde blitzten verführerisch. —
+
+Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich
+anfangs nichts, nur Max erhob ein wütendes Gebell. Dann aber kam Klaus
+aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in
+Empfang.
+
+„Bitte, erlauben Sie!“ bat Tankred, der schnell von seinem Tier
+herabgesprungen war, und streckte die Arme aus.
+
+„Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken,“ wehrte
+Grete ab. Aber sie gestattete es doch, daß er ihre beiden Hände ergriff,
+und ließ sich so von ihm beim Herabspringen helfen.
+
+Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen,
+schritt er an Gretes Seite dem schloßartigen Gebäude zu, das wie immer
+unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des großen Hofes
+emporstieg.
+
+Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenräumen bellend auf dem Pflaster
+erscholl das Geräusch der fortgeführten, und einmal übermütig hintenaus
+schlagenden Gäule. Und dann ertönte dumpf die schwere Flurglocke, und
+sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof.
+
+Zunächst drückte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber
+da der nicht sogleich erschien, öffnete er selbst die Thür zur Linken
+und bat Grete, in die Wohngemächer einzutreten.
+
+Ein überraschender Luxus trat ihnen entgegen; überall befanden sich
+kostbare Teppiche, alte Möbel und Kunstgegenstände; faltige Gardinen und
+Vorhänge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschützten Thüren und
+Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den
+Reichtum der früheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermütiger
+Verlassenheit durchwehte die Gemächer, und erst als sie die nach dem
+Parkgehölz zu liegenden Räume betraten, und hier die heller eindringende
+Sonne den kostbaren Gegenständen ein heiteres Gepräge verlieh, die
+eingelegten Schränke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die
+Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fußteppichen in
+farbenreicher Schönheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich
+unwillkürlich auf Gretes Gemüt gelegt hatte, und ein Ruf der
+Überraschung ging aus ihrem Munde.
+
+„So schön hätte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der
+einen so ausgeprägten Sinn für kostbare Dinge und einen so feinen
+Geschmack besaß?“ fragte sie.
+
+„Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verständnis dafür und Freude
+daran,“ entgegnete Tankred. „Wenn es sich um ein schönes, altes Möbel
+oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er
+besaß eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten
+Lebensjahre nach. Sie müssen nun aber erst mal seine eigenen Gemächer
+sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich über den Flur auf die
+andere Seite.“
+
+Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein
+ausgelegten Kästchen herab und ließ ihr Auge darauf ruhen.
+
+Wie so oft äußere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so
+geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen
+durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersüchtiges
+Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all
+das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete.
+
+Sie wünschte in diesem Augenblick, daß er ihr Komplimente sage, ihr den
+Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that,
+herbeiführen, was ihre Gedanken und Sinne beschäftigte.
+
+So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, daß sie, als er ihr näher
+trat, den Kopf so zur Seite neigte, daß seine Wange ihr Haar streifte,
+und ihre Häupter sich sanft berührten. Sie zog das ihrige auch nicht
+zurück, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie
+drängte, ließ sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen
+sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurück.
+
+„Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen,“ stieß
+Grete, nun den Weg zur Thür nehmend, heraus und seufzte begehrend auf.
+
+„Das sagen Sie?“ entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch
+seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. „In Holzwerder strahlt doch
+alles in Schönheit, dort weht eine reizvolle Gemütlichkeit, während
+Falsterhof düster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemächer dringt
+etwas Wärme und Licht.“
+
+„Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe
+ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich
+unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die
+viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge
+ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für
+Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die
+Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren
+Essen und teuren Weinen?“
+
+„Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein,“ erwiderte
+Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: „Ja, erwerben,
+besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren
+Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich
+leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich
+glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen
+zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare
+gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man
+bequem nennt.“
+
+Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er
+holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte
+oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr
+gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit
+der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen
+besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf:
+
+„Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von
+Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben,
+wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest
+halten, was Sie einmal ergriffen haben.“
+
+„Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?“ gab Grete halb
+geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. „Wollen Sie wissen,
+daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke
+dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin
+oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch.
+Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so, — leider!
+Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner
+Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine
+so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig
+ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich
+werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht
+weiter leben können, wenn ich einmal —“
+
+Grete stockte.
+
+„Wenn Sie einmal?“ setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich
+alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber
+obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm
+doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen
+Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo
+ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat.
+
+Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut
+gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus
+möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder
+fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.
+
+Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen
+Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.
+
+Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie
+bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich
+nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden.
+
+Sie besah die Räume, in die Tankred sie führte, flüchtiger und machte
+eine hastig unruhige Bewegung zur Rückkehr, als sie in einer alten
+Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand.
+
+„Schon zwei Uhr! Ich muß zurück, Herr von Brecken. Ein andermal den
+Park.“
+
+„O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fräulein,“ wandte Tankred schmeichelnd
+ein. „Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!“ — Und
+einen neckisch ernsten Ton annehmend, fügte er hinzu: „Hätten Sie, wie
+ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse für Falsterhof und seinen
+künftigen Besitzer — dann — dann —“
+
+Aber schon während Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht
+ungütige, aber entschieden abweisende Bewegung.
+
+„Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken,“ stieß sie
+rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. „Aber,
+bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mißtrauischen Augen des alten
+Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen
+uns dann, und — und —“
+
+„O Grete, teures Mädchen —“ stieß Tankred, nicht Herr seiner durch den
+Widerstand verschärften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm
+nachzugeben, schüttelte sie das Haupt und verließ mit sanfter
+Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach.
+
+Draußen angekommen, drückte Tankred den Dienern jedem ein Geldstück in
+die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen. —
+
+„Hier,“ sagte Frege, als das Geräusch der Räder und Hufen verklungen
+war, und gab Klaus die empfangene Münze. „Ich will von ihm kein Geld. — “
+Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurück.
+
+ * * * * *
+
+Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner höchsten
+Überraschung Fräulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich
+auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das
+Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort
+angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei.
+
+„Ja, schon seit längerer Zeit. Das Fräulein, das früher auf Holzwerder
+gewesen, befindet sich dort.“
+
+Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, daß man ihm hier doch
+Näheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen können.
+
+Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und
+heute einen Besuch bei Höppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas
+Gutes lag wieder darin. Sicher würden Pastors jetzt Tressens auf
+Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, daß durch die
+Aufnahme Fräulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes
+Verhältnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin
+sah es freilich ganz ähnlich, keine ängstlichen Rücksichten zu nehmen,
+wenn sie von ihrer besseren Überzeugung geleitet ward. Ihr natürliches
+Selbstgefühl wurde durch den Umstand verstärkt, daß sie ihrem übrigens
+ziemlich viel älteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen in die Ehe
+gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne daß der Pastor sich in
+abhängiger Stellung mühte.
+
+Während Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich
+Gedanken über den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezüglich seiner
+Person.
+
+Die Pastorin würde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren
+Eröffnungen zurückhalten, und die Helge würde triumphieren, daß sie ihn
+so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch
+wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an
+Grete, ihre frühere Schülerin und Vertraute, eine Warnung ergehen ließ?
+
+Sein Schuldbewußtsein drängte ihm plötzlich alle möglichen
+Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige
+Personen mußte er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten
+Frege und die Pastorin. Daß damals Frege den Brief an ihn geschrieben,
+war ihm durch Vergleichung von Schriftstücken, die von dessen Hand
+herrührten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, daß
+er zu Theonie hielt. Um so mehr drängte es Tankred, sich nun so rasch
+wie möglich Gretes zu versichern, und am nächsten Tage schon etwas
+ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg
+nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte.
+
+Ein eigentümlicher Zufall führte es mit sich, daß auf der ersten Station
+zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Höppner,
+welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte,
+einstieg. Er begrüßte Tankred mit gewohnter Höflichkeit und Unterordnung
+und gab sich auch in der Folge überaus beflissen und mit der ihn stets
+auszeichnenden liebenswürdigen Gutmütigkeit in seinem Wesen.
+
+Tankred konnte sicherlich nichts erwünschter sein als diese Begegnung,
+da Höppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wünschte.
+
+„Wir kennen,“ hub er an, „Fräulein Helge ja schon so viele Jahre, und
+meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie
+schätzt ihren Charakter außerordentlich und empfand gleich lebhaftes
+Mitleid, als sie erfuhr, daß gewisse Umstände die Entfernung der Dame
+von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung
+erforderlich gemacht hätten.“
+
+„Was war denn wohl die Veranlassung?“ schob Tankred, sich unwissend
+stellend, ein.
+
+„Darüber bin ich nicht unterrichtet,“ entgegnete Höppner, langsam die
+Worte dehnend und in gewohnter Rücksicht ausweichend. „Es wird wohl auf
+beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ändert ja nicht die
+Notwendigkeit, daß wir uns der uns befreundeten Dame annehmen.“
+
+„Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und
+Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend,“ schob
+Tankred, glatt schmeichelnd, ein. „Wird Fräulein Helge länger bei Ihnen
+verweilen? Übrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten
+muß. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig
+genähert haben.“ — Tankred wußte, daß der immer zum Friedenstiften
+geneigte, gutherzige Höppner jedes Wort seiner Rede den Frauen
+hinterbringen werde.
+
+„Fräulein Helge hat Aussicht, — ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr
+interessieren, und da Sie sie so schätzen, auch freuen, Herr von
+Brecken, — Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die
+Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis
+die Sache entschieden, bleibt sie bei uns.“
+
+Tankred glaubte, daß ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem
+Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten.
+
+Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschöpf mit dem
+unerträglich affektierten Vornamen künftig zusammen auf Falsterhof!
+Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie würden sie ihn alle
+beobachten, und wie würden sie Buch führen, um nach fünf Jahren zu
+erklären, daß er des Erbes nicht würdig sei! Und alle die Katzenbuckel,
+die er den Dreien in so langer Zeit würde machen müssen, während er sie
+am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wüste Insel
+geschickt hätte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein
+Blinder! Ungewöhnlich beschränkt war doch dieser Geistliche!
+
+So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kräftiger
+Selbstbeherrschung wußte er gleichwohl seine Enttäuschung zu verstecken,
+pflichtete vielmehr, hoch erfreut über solche Möglichkeit, dem Pastor
+bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, daß er den Weg
+nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der
+in größerer Entfernung liegenden Güter erhalten zu haben.
+
+Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und
+einen Fußpfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, daß
+Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe
+beschäftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu,
+wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten
+Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrüßung
+wandten sich alle wieder der Thätigkeit der von Hederich angeleiteten
+Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der
+jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die
+Beschäftigten inne.
+
+„Erlauben Sie mir!“ rief Tankred, welcher sah, daß die Damen den
+Vorgängen mit großer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen
+Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkräften den unter den
+Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals
+anzufassen und abwärts zu drücken, und brachte nun gleichsam spielend zu
+wege, was allen Mühen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der
+schweren Eisenmasse war er behülflich und stand, während die übrigen,
+nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiß wischten, da, als ob
+es sich um eine Kinderei gehandelt hätte.
+
+Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft
+seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen
+bisher nicht zu bändigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen
+der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war,
+als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden!
+
+Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Sätze, daß die
+Umstehenden unwillkürlich aufschrieen und einen tödlichen Sturz schon
+vor Augen sahen, aber Tankred riß den Hengst herab, als ob in die
+schnaubenden Nüstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn
+niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und über die Weichen und
+flog dann wieder in solcher Karriere über den Hof, daß die Funken aus
+dem Pflaster stoben.
+
+Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd
+und bebend, der übermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fügend, da.
+
+„Herrlich! Wundervoll!“ riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred
+abgestiegen war und sich ihnen näherte.
+
+Auch Hederich war ganz hin.
+
+„Drum und dran, das ist ein Stück, wie ich es noch nicht gesehen habe.
+Alle Achtung, Herr von Brecken,“ stieß er heraus und bewegte in
+unbeschränkter Bewunderung den Kopf.
+
+Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke
+an, der mehr sprach als alle Worte.
+
+Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von
+Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wußte,
+daß nun das Schriftstück von Theonie zur Sprache kommen werde.
+
+Noch war er nicht so verdorben, daß er der Vorlage des gefälschten
+Dokuments mit völliger Ruhe entgegen gesehen hätte; bisher hatte er
+gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewußt, die
+seinen Brotherrn geschädigt hatten, aber doch nicht als direkter
+Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Fälschungen war er bisher doch
+zurückgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung
+jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berührung bringen konnte, und
+so peinigte ihn außer dem Rest von Ehrgefühl, das noch in ihm war,
+auch — die Furcht. Er sagte sich wie schon früher, daß er nicht dazu
+veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, daß er
+nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und für sie
+erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn
+das Schriftstück nicht in Tressens Händen blieb, wer konnte ihm dann
+etwas nachweisen? Er würde im Fall mit kühner Stirn leugnen und Tressen
+der falschen Verdächtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespräch
+dazu Anlaß bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und überreichte
+es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit.
+
+Tankred beobachtete des Lesenden Züge. Ohne Zweifel; er hatte seine
+Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit
+deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt
+abgefaßtem Kommentar ebenfalls mit größter Genugthuung zuhörend, das
+Papier neben sich auf den Tisch.
+
+Er schien das Schriftstück einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred
+ließ seinen Zweck nicht aus dem Auge. „Der letzte Passus“ — schob er in
+seine Rede ein, nahm die gefälschte Akte an sich und entfaltete sie,
+„bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklärung. Gestatten
+Sie. Es heißt da — —“
+
+Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, ließ er das Papier,
+nachdem er es noch eine Weile in den Händen gehalten, gleichsam
+unwillkürlich in seine Brusttasche zurückgleiten.
+
+„Würden Sie erlauben, daß ich auch meine Frau mit dem Inhalt des
+Schriftstückes bekanntmache?“ fiel Tressen ein und streckte mit
+höflicher Bewegung die Rechte aus. „Ich lege es dann morgen dankend in
+Ihre Hände zurück. Ich hoffe doch, daß Sie die Nacht noch bei uns
+bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken können? Sie
+wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit für Sie bereit!“
+
+Tankred schwankte. Was Tressen ihm über sein Bleiben vorgeschlagen,
+stimmte sehr mit seinen Wünschen überein, aber das Papier auch nur
+zeitweilig von sich zu geben, hieß alles aufs Spiel setzen! Sie konnten,
+ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie
+vorlegen! Was er selbst gethan haben würde, mutete er anderen zu.
+
+„Natürlich! Mit Vergnügen,“ bestätigte er trotzdem. Aber mit der
+Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fügte er hinzu: „Verzeihen Sie die
+Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht möglich
+wäre, daß wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die
+ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen
+bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich möchte etwas Gutes aus
+dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hören; sie wird auch wissen, ob ich mir
+bei Ihrem Fräulein Tochter Hoffnung machen kann. Später, wenn Gäste
+eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung
+abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewißheit raubt mir den Schlaf. Sie
+lächeln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau
+Gemahlin warben, das wird Sie für meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich
+möchte für den Fall auch gern Ihre künftigen Angelegenheiten besprechen,
+Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, daß ich das so
+ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fühle mich — der
+Himmel möge verhüten, daß ich in meinen Hoffnungen betrogen
+werde — bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich würdig zu
+zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde.“
+
+Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermäßig das
+Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau
+herbei. —
+
+ * * * * *
+
+Das Gespräch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von
+Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen,
+während Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fräulein Grete
+unterhalten zu dürfen.
+
+Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewährt. Während im
+Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte
+Bleifeder immer mit demselben harten Geräusch aus Tressens Hand auf den
+Spieltisch fiel, während Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl,
+und Hederichs unvermeidliches „Drum und dran! das mußte Schlemm werden!“
+ertönte, saßen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflüster, und
+endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch
+seine Worte und Gebärden immer mehr erregten Mädchen zu:
+
+„Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fräulein Grete, zu sprechen.
+Ich ging mit Gefühlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen.
+Mir war, als ob Sie mir befohlen hätten, einen Tag und eine Nacht den
+Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein
+Gedanke beschäftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe
+lag. Darf ich denn nun sprechen, — o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre
+Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen, — Ihnen sagen, was,
+was, — “ Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht.
+
+Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens,
+und gerade weil es sie drängte, das sie berauschende Wort zu hören, fand
+sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiß
+strömende Quelle auf, das Gefühl überflutete alles: Verstand, Vernunft
+und Überlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte,
+ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nähe des Mannes durchströmte
+sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach,
+drängend, schmeichelnd, zärtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr
+ihrer selbst; sie litt es, daß er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig
+deutend, umfaßte, und plötzlich drängte sie selbst ihre Lippen zu den
+seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen.
+
+Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefühl von Sättigung und Wonne, und
+seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor
+Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoßener auf
+Falsterhof erschienen war, saß im Schloß von Holzwerder, und die Erbin
+der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe.
+Ja, sie würde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn,
+Tankred von Brecken, von ihrer Brust hätte reißen wollen. —
+
+ * * * * *
+
+Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach
+Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über
+die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der
+Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr
+seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von
+Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu
+sehen. „Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?“ hatte sie in
+einem starken Gefühlsdrange gefragt. „Ich kann ohne Dich nicht sein.
+Liebst Du mich weniger, als ich Dich?“
+
+Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof
+angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht
+zu sprechen.
+
+Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe,
+den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen
+der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in
+Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich
+zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern
+bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen
+Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere
+Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem
+Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß
+der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor
+Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von
+Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin,
+hoffnungslos darnieder liege. Die „Person“ war ihm in der Seele
+zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im
+Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.
+
+Als er den Hof erreichte, — es war gegen vier Uhr nachmittags, und er
+wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach
+Elsterhausen zurückkehren, — sah er Frege gerade mit langsamen Schritten
+ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen,
+finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild.
+Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren,
+kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein
+gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem
+ausgebreitet.
+
+Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es
+legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob
+seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu,
+löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war,
+selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die
+Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu
+ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen
+Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher.
+
+Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred
+ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit
+allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz
+gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:
+
+ ‚Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit
+ Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben,
+ nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen
+ hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf
+ Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier
+ ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.‘
+
+Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen,
+steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend
+ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward —!
+
+ ‚Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des
+ Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei
+ gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn
+ Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon
+ oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich
+ hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den
+ Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von
+ Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er
+ und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen
+ war.
+
+ Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde
+ Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch
+ und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand. — ‘
+
+Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur
+hörte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den
+Platz und faßte die Thürklinke. Als er hinaustrat, streifte er den
+Alten, der mit einer Miene zurückprallte, als ob die Erscheinung eines
+Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wäre.
+
+„Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie
+nicht. Einen Augenblick! Ich möchte etwas von meiner Kousine hören.
+Kommen Sie! Wir können nach vorn gehen!“
+
+Der Alte, sichtlich aufs äußerste betroffen, aber sich beherrschend,
+nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thür zu den Gemächern des
+alten Herrn zu öffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: „Wo ist
+Klaus?“
+
+„Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine
+Schwester besuchen —“
+
+Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hörte, befriedigte ihn sehr.
+
+Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als
+Tankred die Thür schloß, auf den Alten losstürzte, ihn an der Gurgel
+packte und ihm zuraunte: „Wo ist die Abschrift des Schriftstücks, das Du
+Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich töte
+Dich, so wahr ich Brecken heiße!“
+
+„A — h —“ drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber
+die furchtbare Faust Breckens schnürte ihm Atem und Sprache ab.
+
+Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand,
+stieß den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen.
+
+„Nun?“ zischte er mit furchtbaren Gebärden.
+
+„Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit,“ stieß Frege entschlossen
+heraus. „Ein Bandit ist der, welcher —“
+
+Aber Brecken ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ihn hinten am Rockkragen,
+schob den Widerstrebenden zur Thür, entriegelte sie und stieß sein Opfer
+bis in die Kammer. Hier ließ er ihn los und befahl ihm, den Brief an
+sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern.
+
+Aber der Alte hob sich stöhnend in die Höhe, blickte den Mann fest an
+und sagte: „Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch töten.
+Früher oder später wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir
+an!“
+
+Brecken fletschte die Zähne, und so furchtbar war seine Wut, daß er
+Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er
+sich über ihn und schrie: „Gieb, oder Du bist eine Leiche!“ und als
+Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf
+schüttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlüssel und begab
+sich selbst ans Suchen. Seine Bemühungen waren nicht umsonst; nach
+wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das
+Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den
+Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte.
+
+Nachdem er es an sich genommen, näherte er sich Frege, der sich
+inzwischen mühsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden
+Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand,
+und sagte, ihm die Schlüssel hinwerfend: „Diesmal ging's noch an Dir
+vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hüte Dich! Trittst Du mir noch
+einmal in den Weg, so weiß ich, was ich zu thun habe!“
+
+Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp
+auf der Straße nach Holzwerder zu.
+
+ * * * * *
+
+Und wieder einen Tag später in der Dämmerungsstunde saß die Pastorin an
+dem Bette ihres Mannes und hörte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus
+seinem Munde drang.
+
+„Kräfte, Kräfte — Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck
+Wasser.“
+
+„Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?“
+
+Der Kranke schüttelte den Kopf. „Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur
+Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah,“ stieß er heraus und ließ
+erschöpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das
+Verlangte eingeflößt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich
+streckte er zärtlich die Hand nach ihr aus.
+
+„Mein guter Mann!“ flüsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr
+dargebotene Rechte. Schwere Thränen tropften aus ihren Augen. Eine
+stumme Dankgebärde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang,
+ihr seine Liebe an den Tag zu legen.
+
+Und später öffnete sich die Thür, und die kleine Lene schob sich, leise
+auftretend, herein.
+
+„Papa Gute Nacht sagen,“ ging's aus dem Munde des Kindes.
+
+Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich
+empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers.
+
+„Papa schläft, mein süßes Kind, wir dürfen ihn nicht wecken! Ich werde
+ihm erzählen, daß Du da warst.“
+
+Lene nickte. „Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen,“ klagte sie
+traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie
+von dem Schoß der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das
+am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort:
+
+„Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?“
+
+Da überkam die Frau der Schmerz.
+
+Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, daß er kaum verstehe, daß der
+Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Höppner
+nach einer Erkältung erfaßt, hatte alle seine Kräfte verzehrt und ihm
+jegliche Widerstandsfähigkeit geraubt.
+
+„Weshalb weinst Du?“ forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und
+schmiegte sich ängstlich an die Brust der Bedrückten. Und unter leisem
+Schluchzen flüsterte die Pastorin:
+
+„Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein süßes Lenchen. Wir
+wollen heut abend beten, daß ihn der liebe Gott bald wieder gesund
+macht.“
+
+Das Kind nickte eifrig. „Ja, ich will für Papa und für die weiße Henne
+beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie
+auf den Schoß nehmen wollte.“
+
+Die Frau drückte in abermaliger, übermächtiger Rührung das Kind ans Herz
+und setzte es sanft auf die Erde hinab. „Komm, ganz leise, geh nun
+wieder nach vorn und bitte Fräulein Carin, daß sie Dir Deine Puppe
+anziehen hilft, und nachdem mußt Du ein wenig lernen, Lenchen, das
+Einmaleins!“
+
+„Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?“
+
+„Gewiß, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!“
+
+Das Kind horchte vergnügt auf und trippelte aus dem Gemach.
+
+Nach einer Weile öffnete Fräulein Carin die Thür und fragte, ob Frau
+Höppner ihren Mann verlassen könne. Es seien mehrere Personen da, die
+sie zu sprechen wünschten.
+
+Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, daß er noch
+schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe.
+
+Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden
+fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer
+entschiedenen, aber stets hülfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege
+von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm länger zu sprechen wünschte,
+rief sie ihm freundlich grüßend zu: „Gehen Sie nur in meines Mannes
+Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir können dann in Ruhe reden.“
+Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die übrigen sich
+entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwähnte Gemach.
+
+„Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?“ hub die Pastorin, nachdem beide
+sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die
+gefalteten Hände auf die Brust. „Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell
+hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?“
+
+„Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof
+bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn
+von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben
+gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!“
+
+„Na, was sind denn das wieder für Sachen,“ stieß die Pastorin
+erschrocken heraus. „Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen
+zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege —“
+
+In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und
+meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn
+Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die
+Frau Pastorin sprechen zu dürfen.
+
+Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen
+ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur
+machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine
+natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie
+sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten
+abzufertigen.
+
+Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür
+offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher
+gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er
+vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen
+verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin
+zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt,
+äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies
+geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß
+Tankred wisse, wer bei ihr sei:
+
+„Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie
+doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage:
+Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt
+haben? Man sagt so!“
+
+Tankred nickte. „Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach
+des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens,
+Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben
+Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof
+zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen
+Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie — und auch das
+wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen, — der
+Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich
+ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von
+allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen
+in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner
+Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte
+Schriftstück — Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen
+vorlegen wollte, — an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir
+die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner
+Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden
+geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich
+dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin
+nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein
+Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb
+sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?“
+
+Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte,
+unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen
+sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu
+haben. „Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über
+diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau
+Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine
+und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte
+richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der
+fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige
+Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich
+sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge
+klarzustellen.“
+
+In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen
+um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief
+eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte,
+erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben,
+als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar
+nicht in den Sinn gekommen wäre.
+
+Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, daß die Pastorin,
+unbekannt mit Freges Schlußfolgerungen, Partei für ihn zu nehmen schien
+und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklärte, sie werde gern
+Gelegenheit nehmen, falsche Gerüchte, wenn sie ihr begegneten, richtig
+zu stellen.
+
+Mit den Worten: „Im übrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen
+zurückkehren. Sie können dann selbst die Dinge mit ihr bereden,“
+verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann,
+bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in
+das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur:
+„Ah, mein hochverehrtes Fräulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu
+sehen,“ hub er unter vielen Komplimenten an. „Zu meiner großen Freude
+höre ich, daß Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden.
+Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glück wünschen, wie ich
+bedauert habe, daß Sie sich von meiner Braut trennen mußten. — Meine
+Braut! Allerdings. Das Gerücht bestätigt sich! — Ich danke sehr für Ihre
+guten Wünsche,“ schloß Tankred, als Carin, der es war, als habe eine
+giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige höfliche Worte nicht
+umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach.
+
+Wenige Sekunden später hatte Tankred, sehr befriedigt über den Erfolg
+seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen. —
+
+Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurückgekehrt war, ließ er sich
+sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie:
+
+ ‚Liebe Theonie!
+
+ Zunächst melde ich Dir heute, daß ich mich mit Grete von der Linden
+ verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklärungen
+ einflocht, daß mich neben deiner Zuneigung für Dich besonders der
+ Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und
+ meine ehrlichen Vorsätze zu unterstützen, so kann ich Dir dies auch
+ jetzt als den wesentlichen Beweggrund für meinen Entschluß anführen.
+
+ Nachdem ich auf den höchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen,
+ habe verzichten müssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald
+ wie möglich aus dem unthätigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt,
+ um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die künftigen
+ Lebensverhältnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser
+ Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir übergebene
+ Schriftstück vorgelegt, und da es meine Pläne wesentlich gefördert
+ hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von
+ ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfüllt mich umsomehr, als ich
+ mir bewußt bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du
+ es erwarten konntest. Jähzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riß
+ mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das
+ Geschehene ehrlich bereut. Beiläufig bemerke ich, daß Frege sich sehr
+ ungebührlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehändigte
+ Schriftstück, das er zufällig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als
+ ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als für fremde
+ Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich
+ zugleich in so unerhörten Ausdrücken, daß er eine ihm gewordene
+ Züchtigung durchaus verdiente. Ich erzähle Dir dies einmal, um den
+ wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um
+ Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwürdige Spionage zu
+ verbieten. Daß Du nicht damit einverstanden bist, weiß ich.
+
+ Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut möchte mich natürlich
+ gern täglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der
+ Schicklichkeit. Würdest Du wohl gestatten, daß ich bis zu meiner
+ Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach
+ Falsterhof übersiedele? Ich weiß nicht, was ich Tressens und Grete als
+ Grund meines längeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst
+ gewiß auch nicht wollen, daß ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und
+ verstehen, daß ich nicht erklären möchte, Du habest mir den Aufenthalt
+ in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten
+ lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgänge ferner in Deinem
+ Dienste bleiben soll. Daß ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst
+ Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein
+ Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und
+ Gutes Deinem Dich herzlich grüßenden und Dir allzeit aufrichtig und
+ dankbar verpflichteten
+
+ Tankred von Brecken.‘
+
+Nachdem Tankred das Geschriebene noch einmal durchgelesen, bewegte er
+sehr befriedigt das Haupt. Er stand unter dem Eindruck, daß er dem
+höchst ärgerlichen Zwischenfalle mit Frege die Spitze abgebrochen oder
+sogar dessen Stellung erschüttert habe. Auch die Pastorin war
+gegenwärtig viel zu sehr mit ihrem Manne beschäftigt, um ihm
+Ungelegenheiten zu bereiten. Wenn der einfältige Pastor starb, ward sie
+erst recht davon abgelenkt, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu
+mischen. So hatte er denn von dieser Seite schwerlich etwas zu
+befürchten, und es blieb nur die Helge, die der Himmel hoffentlich auch
+noch unschädlich für ihn machen würde.
+
+Aber Tankreds Gedanken gingen an diesem Tage auch zu seinen zukünftigen
+Schwiegereltern. Frau von Tressen war doch eine sehr dezidierte Dame;
+mit ihr war nicht so leicht fertig zu werden. Ihm ahnte, daß er mit
+dieser Frau in seinem zukünftigen Lebenslaufe noch manchen Kampf werde
+ausfechten müssen; ihren Vorteil würde sie nicht aus dem Auge verlieren.
+Und gerade das paßte ihm gar nicht. Seine anfängliche Bereitwilligkeit,
+Tressens eine Rente in dem geplanten Umfange zu überweisen, hatte sich
+nun, nachdem er festen Fuß gefaßt, schon sehr gemindert. Er fand, daß
+eine Rente von fünfzehntausend Mark weitaus genug sei, und außerdem
+mußte es sein Ziel sein, keine schriftlichen Zusagen zu geben. Wenn er
+Grete erst heimgeführt hatte, war es ihm sehr gleichgültig, was aus
+Tressens ward, und ob sie ihn haßten oder liebten.
+
+Aber Vorsicht! Die Frau guckte durch die Wand. Er beschloß, vorläufig
+alles ängstlich zu vermeiden, was den guten Eindruck, den er bisher
+hervorgerufen, irgendwie abschwächen könnte. —
+
+Nach einigen Tagen traf die Antwort von Theonie ein. Sie schrieb:
+
+ ‚Deinen Brief, den ich gestern erhielt, beantworte ich in aller Kürze.
+ Zunächst meine Gratulation. Möge Dir in Zukunft werden, was Du
+ erwartest, und insbesondere auch das, was Du bezüglich Deiner selbst
+ voraussetzest. Niemand kann es aufrichtiger wünschen als ich. In den
+ Abmachungen möchte ich keine Änderungen eintreten lassen; ich ersuche
+ Dich, davon abzustehen, nach Falsterhof überzusiedeln. Ich habe die
+ Absicht, allernächstens zurückzukehren, und hoffe dann auch Deine
+ Braut zu begrüßen, der ich mich, sowie der Familie Tressen, bestens zu
+ empfehlen bitte.
+
+ Theonie.‘
+
+Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kühl ausweichende und sogar die
+Fregesche Angelegenheit gänzlich umgehende Antwort enttäuschte und
+ärgerte Tankred aufs äußerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er
+den „Wisch“ in die Ecke und murmelte böse Worte zwischen den Lippen.
+Eine infam hochmütige Art hatte diese Theonie, eine Art, für die er sie
+am liebsten gleich gezüchtigt haben würde!
+
+Und was sollte er nun auf Holzwerder erklären? Bisher hatte er noch
+immer triftig klingende Auswege zu finden gewußt und in der Sicherheit,
+daß Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklärt, daß er in den
+nächsten Tagen nach Falsterhof übersiedeln wolle. Daß seine Verwandte
+die Absicht ihrer Rückkehr bestätigte, paßte ihm auch nicht. Überhaupt
+fand er es sehr überflüssig, daß sie wiederkam, weil es seine Pläne
+durchkreuzte. Er fürchtete, daß Frau von Tressen ein offenes Wort mit
+Theonie sprechen könne, bevor er Grete geheiratet habe.
+
+Es ging auch aus den Zeilen hervor, daß Theonie gar keine Furcht mehr
+vor ihm empfand. Natürlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstück in
+Händen. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mißfallen erregte, schädigte
+er seine Zukunft.
+
+Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde,
+das Feld zu räumen, sich mit seiner künftigen Frau ganz aus diesem
+Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle
+entrückt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nähe der ihm lästigen
+Personen. Er wollte es überlegen und mit Grete darüber sprechen.
+
+ * * * * *
+
+An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der
+Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer.
+Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene
+Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick
+ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an
+die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.
+
+Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung
+aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf.
+Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen
+sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge
+erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit
+Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz.
+
+Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern
+und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten
+sämtlich einen geläuterten Geschmack.
+
+Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin
+völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr
+unterschieden.
+
+Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer
+Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte
+ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen
+gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete
+sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer
+Besprechung unterzogen werden.
+
+Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob
+etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei
+ihr eintrat.
+
+„Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen.
+Grete —“
+
+„Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick —“ Und fortfahrend in ihrer
+Beschäftigung: „Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie
+nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die
+Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da. — So, bitte, Mama!
+Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden
+eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!“
+
+Frau von Treffen nickte. „Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich
+und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also
+einmal ruhig an.
+
+Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus
+günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den
+sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider
+hatten wir — ich meine Dein Stiefvater und ich — viel Unglück. Papiere, in
+denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und
+einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen
+hatte.
+
+Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit
+gelebt und sind darauf auch für die Zukunft angewiesen, da dein
+Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kränklichkeit wegen nicht
+imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit
+Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, daß
+eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie
+aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklären, liebe Grete, und ich möchte
+Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben.“
+
+„Ja, liebe Mama,“ ging's in ruhig kühlen Ton aus Gretes Munde.
+
+„Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung
+durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil für
+Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist für unsern gemeinsamen
+Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft
+haben, verbraucht worden. Tankred hat — natürlich unter Vorbehalt — mit
+Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten würde, uns
+zu überlassen. Ihr würdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr
+auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts
+kosten. Wenn es auch natürlich erscheint, daß diese Dinge zwischen
+Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und
+ich würde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rücksprache mit
+Tankred das Resultat Eurer Überlegungen ohne abermalige Erörterungen in
+einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater übergeben
+wolltest. — Nun, was meinst Du?“ schloß die Frau, als Grete bei der
+Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel.
+
+„Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine
+Ahnung, wie viel wir für unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, daß
+es ganz selbstverständlich ist, daß Ihr eine auskömmliche Rente bezieht,
+zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden.“
+
+Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluß
+aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht
+in den Sinn gekommen war, schwieg sie für Sekunden höchst betroffen und
+ihre Enttäuschung malte sich deutlich in ihren Zügen. Dann aber nahm sie
+mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte:
+
+„Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?“
+
+„Na ja, ich meine,“ entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, „daß Ihr
+doch — wohl in Zukunft —“ und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise
+ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wünschen ihrer Mutter
+entspräche, — „in der Stadt leben wollt!“
+
+„Nein!“ gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurück, als ob
+sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen
+hatte, gar nicht herausgefühlt habe. „Wir behalten unsern Wohnsitz hier.
+Ich denke, wir richten uns oben ein — auch darüber wollte ich mit Dir
+reden — und Ihr herrscht unten. Natürlich bleibt Euch das Reich, und wir
+bescheiden uns mit den kleineren Räumen.“
+
+„So, so,“ meinte Grete, sich zwangsweise fügend. „Gewiß, ja, das läßt
+sich ja auch machen! — Ich weiß nicht, wie Tankred darüber denkt. — Und
+was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm
+sprechen. Sei überzeugt, liebe Mama,“ schloß sie, noch mehr einlenkend,
+da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, „daß die Dinge
+sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen
+Fällen entsprechen.“
+
+„Es wird also doch nötig sein, daß wir noch einmal reden!? Das möchte
+ich nicht. Es wäre mir —“ hier nahm Frau von Treffen schon deshalb
+einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, daß sie vielleicht alles
+verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht
+wahrnahm, — „doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort über die Höhe der
+Rente sprächen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, daß Du Dich
+jetzt äußerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Erörterung
+überhöbest.“
+
+„Nun ja, Mama,“ entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als
+Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: „Ich finde es, ehrlich
+gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen
+bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können
+ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen
+eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren
+vermögen, — ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt, — und
+dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns
+im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen,
+scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über
+landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch
+einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau,
+was wir können und wollen!“
+
+Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die
+vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen
+aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts
+einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so
+klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen
+Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt
+ward.
+
+Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie
+schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn
+Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen
+überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen
+Verbrauchs wolle sie geben.
+
+Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden
+Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:
+
+„Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes
+Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in
+den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind,
+behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du
+einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht
+fand als am Herzen seiner Mutter! — Nicht wahr, Grete, Du versprichst
+mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon
+mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt
+wieder!“
+
+Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der
+Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten
+Entschlüssen zugleich.
+
+„Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig
+zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein
+sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal
+innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die
+Deine, — verzeih die Erwähnung, — und sorgfältig vorher prüfe, so liegt
+doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine
+und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten.“
+
+Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie
+sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen
+ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene
+Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu
+handeln.
+
+Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben
+werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß
+kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine
+Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.
+
+ * * * * *
+
+Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das
+Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten
+einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:
+
+„Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die
+Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!“
+
+Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich
+um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich
+den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn
+verlangte.
+
+Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter
+gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise
+die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: „Was meinst Du? Findest Du
+nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas
+einzuschränken wünsche?“
+
+Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren
+Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden
+wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich.
+
+Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten
+anknüpfen konnte.
+
+Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten
+überschüttet hatte, erwiderte er:
+
+„Wäre es nicht überhaupt am besten, die Akte, wenn solche überhaupt
+nötig ist, — Mißtrauen können Deine Eltern doch nicht in uns setzen! — so
+zu fassen, daß wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen
+Jahreserträgnisse zu überweisen, so lange beide leben, die Hälfte des
+Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wäre es nicht
+andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum
+Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?“
+
+Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend
+ihrer nüchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches
+Spekulieren auf eine sehr große Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger
+an. Bis jetzt sträubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu
+thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus
+Rücksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite
+abzugewinnen, und sagte lächelnd:
+
+„Da können wir ebenso gut die Forderung stellen, daß die Spatzen auf den
+Dächern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfügung
+stellen. — Ich meine,“ fügte sie, selbst gestört durch die Ironie und den
+Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: „Auf diese Erklärung
+können wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine
+Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muß ich
+Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mußt, um Deine
+Zustimmung auszudrücken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat,
+mag ich es ihr nicht abschlagen.“
+
+„Und ich muß zustimmen, Grete?“ fiel Tankred schmeichelnd ein und küßte
+seine Braut zärtlich. „Du willst also nicht nur Herz- und
+Seelengemeinschaft, sondern auch Gütergemeinschaft mit mir schließen?“
+
+„Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!“
+
+„Ah — —“ stieß Tankred heraus und lächelte künstlich.
+
+Das junge Geschöpf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit
+Kindesbeinen geläufig seien. Und sie gab wohl, wußte aber auch wieder zu
+nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er
+ließ nichts von seinen Eindrücken merken, stimmte ihr nur, um ihre
+Vertrauensseligkeit zu bestärken, durch ein „Natürlich! natürlich,
+liebster Schatz!“ bei und triumphierte, daß ihm solche seine Macht und
+seinen Einfluß für die Zukunft sichernde Vergünstigung freiwillig
+geboten ward.
+
+Über die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte,
+dachte er auch schön günstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr
+die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut
+erzielte, abhängig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthüren
+vorhanden, um Tressens später die Einkünfte zu schmälern. — Endlich
+unterlag der künftige Wohnsitz der „Alten“ noch einer Erörterung
+zwischen Tankred und Grete.
+
+„Ich meine allerdings, daß dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben mußt,
+Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heißt, täglich
+das Dach öffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, berühre diese
+Sache vorläufig noch gar nicht. Wir werden sagen, daß wir nach der
+Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wünsche sprechen wir
+dann in sehr rücksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise
+schriftlich aus. Mündliche Erörterungen sind peinlich, ihnen wollen wir
+aus dem Wege gehen. Daß sie uns jährlich einmal besuchen, kann uns
+natürlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das führt
+zu nichts Gutem. Übrigens will ich zugeben, — “ hier trug Tankred der
+Möglichkeit Rechnung, daß doch einmal das Gespräch über diesen
+Gegenstand Tressens zu Ohren kommen könnte, — „daß für ein Zusammenleben
+wenige Personen sich so eignen, wie Deine überaus treffliche Mutter und
+Dein sehr liebenswürdiger Papa.“
+
+Grete war sichtlich völlig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene
+Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf,
+aber sie überwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred
+hervorgehobene Peinlichkeit einer mündlichen Erörterung in Betracht
+zog.
+
+„Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof über, lieber Tankred?“ warf
+dann noch Grete hin. „Woran liegt's eigentlich, daß Du nicht Ernst
+machst? Die Gründe von früher sind doch nun hinfällig.“
+
+Da schoß es Tankred von Brecken durch den Kopf, daß er das Ungünstige
+für sich günstig nützen könne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene
+mit Frege stattgefunden, auf eine frühere Zeit verschiebend, diesen
+Vorfall als Grund für sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde
+verstehen, wie ungemütlich es sei, einen solchen renitenten Menschen,
+den er aber doch nicht fortschicken könne, um sich zu haben. Den
+Gegenstand, wegen dessen er ihn gezüchtigt hatte, umging er; er erwähnte
+nur, daß Frege sich höchst unverschämt betragen habe. Eine offene
+Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefährlich; sie konnte doch
+Mißtrauen erwecken. Gerade das Schriftstück hatte ja Tressens
+Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefördert;
+letztere selbst — Tankred bezweifelte es nicht — würde ohne die Aussicht,
+die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eröffnet wurde, gezögert haben, ja
+zu sagen.
+
+Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm
+bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und
+selbstsüchtig, aber das störte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhöhte
+seinen Wert in ihren Augen. —
+
+Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen
+nicht minder beschäftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig
+vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so
+sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, daß sie beschloß, einmal
+vertraulich mit Hederich über den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie
+werde durch eine Rücksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete
+so lange und hatte sich auch ein Urteil über Tankred gebildet. Der
+Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzulösen, trieb sie; es lag in
+ihrer lebhaften Art, daß sie Dinge, die sie beschäftigten, nicht auf
+sich beruhen lassen konnte.
+
+Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch über
+Höppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr
+gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe
+zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Nähe ansässig
+gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte,
+schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz
+besänftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn häufiger in die Nähe der
+Pastorin.
+
+Hederich bewohnte ein mit allem möglichen Krimskrams vollgepacktes, zur
+rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von
+Tressen bei ihm eintrat, saß er in dem sehr heißen Gemach in Hemdsärmeln
+und war mit der Prüfung von Gutsrechnungen beschäftigt.
+
+Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, mühte sich mit großer
+Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunächst nicht
+in den Ärmel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und räumte dann
+einen mit Rechnungsbüchern bepackten Stuhl ab.
+
+„Hier, hier, bitte, gnädigste Frau. Daß Sie mich auch gerade so finden.
+Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung.“
+
+Frau von Tressen suchte ihm durch erhöhte Liebenswürdigkeit seine
+Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie
+teilte Hederich im Vertrauen mit, daß die Zukunft ihr große Sorge mache,
+und daß sie das Bedürfnis habe, sich gegen ihn darüber auszusprechen.
+
+„Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun
+wirklich vor dem, was ja einmal kommen mußte, und ich fühle, wie
+notwendig es ist, den Augenblick zu nützen.“
+
+„Gewiß, gewiß — drum und dran, jeder ist sich selbst der nächste,“
+bestätigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden
+Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger über die
+ausgekohlte Fläche fahrend.
+
+„Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Erörterungen
+über den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, daß die
+jungen Leute durchaus nicht zu wünschen scheinen, daß wir auf Holzwerder
+bleiben.“
+
+Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte
+seufzend Atem.
+
+‚Ja, ja, das glaube ich wohl,‘ stand in seinem Wesen ausgedrückt. Dann
+aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte
+legend:
+
+„Was meinen Sie, gnädige Frau, wenn ich mal mit Fräulein Grete spräche?
+Ich weiß, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate.
+Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen,
+wie viel das Gut abwürfe und anderes, drum und dran.“
+
+„Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse — ich sage Besorgnisse, Hederich,
+denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar
+schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm — hm — Sagen Sie, guter
+Hederich, — offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?“
+
+„Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich,“ bestätigte
+Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der
+zerbissenen Zigarrenspitze.
+
+Hederich hatte mancherlei kleine üble Gewohnheiten, aber in seiner
+Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig
+schön es war, besaß eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die
+Anlaß gab, daß Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten.
+Überhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht
+unter dem Reflex innerer Eindrücke allzu sehr auf- und abzog, sehr
+sympathisch.
+
+Eine warme Empfindung durchdrang gegenwärtig auch Frau von Tressen; sie
+liebte den Mann, sie fühlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr
+Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das häufige Berühren des
+Gesichts mit den Händen, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehörten
+einmal zu ihm.
+
+„Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?“ fragte Frau von Tressen sehr
+gespannt.
+
+„Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber
+sonst hätte er wohl die ausgelassenen Tage im Rücken und würde sicher
+künftig seinen Kram zusammenhalten.“
+
+„Sie raten mir also auch, daß ich auf sehr präzisen Abmachungen bestehe?
+Auf schriftliche!?“
+
+„Na ob!“ stieß Hederich heraus.
+
+„So — so — hm — hm,“ machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch
+stimmte das Geäußerte mit ihren eigenen, bisher nur zurückgedrängten
+Gedanken überein. So sagte sie denn:
+
+„Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es
+sei denn, daß sie selbst anfängt. Und bezüglich unseres Hierbleibens
+habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige
+treffen und meine Wünsche zur Geltung bringen. — Um übrigens etwas
+anderes zu berühren, wie geht es Pastor Höppner?“
+
+„Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Änderung
+eingetreten,“ erklärte Hederich. „Er mag wieder essen, und der Doktor
+sagt, nun wäre alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern, — ich saß an
+seinem Bett, — als Fräulein, Fräulein — drum und dran — nun kann ich
+wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen, — Fräulein Carin ihn ein bischen
+neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das
+kann ich Fräulein Grete nicht verzeihen, daß sie mit ihr so umgesprungen
+ist.“
+
+Bei Carins Erwähnung machte Hederich sehr eigentümliche Augen, so viel
+Zärtliches drückte sich in seinen Mienen aus, daß Frau von Tressen
+überrascht ihren Blick auf ihm ruhen ließ. Dann aber hellte es sich in
+ihr auf.
+
+Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin!
+
+Auch das beschäftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam
+über den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloß zuschritt. —
+
+Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend
+nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag
+ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten
+die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmäßig erwärmten,
+teppichbedeckten Räume im Schloß Holzwerder, und Hederich, der sich als
+letzter Gast über den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den
+Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von
+Tressen bewillkommt, ausrief:
+
+„Drum und dran! Man wird überhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in
+die Gemütlichkeit kommt!“
+
+Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespräch zwischen
+den Herren, und später ward eine neue, die Gutsverhältnisse betreffende
+Regierungs-Verfügung in den Bereich der Erörterung gezogen, die auch
+nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschäftigte, als sie die Damen
+allein ließen und sich ins Rauchzimmer begaben.
+
+Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den
+zurück gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die
+Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr plötzlich etwas noch
+notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und faßte des
+alten Freundes Arm.
+
+„Kommen Sie, ich möchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!“ sagte sie
+und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls
+geöffnetes und erleuchtetes Kabinet.
+
+Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm für die in seiner Hand
+befindliche, unangezündete Havannazigarre Feuer aufgedrängt und sich
+neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort:
+
+„Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte
+sie? Sprach sie über mich?“
+
+„Drum und dran. — Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fräulein —“
+
+„So — o, also doch!“ machte Grete langgezogen, „bitte, sagen Sie mir
+alles. Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den
+Inhalt des Gesprächs rückhaltlos mitteilen wollten.“
+
+„Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?“ schob Hederich, sich in
+seiner platten Weise ausdrückend, eigentlich nur um sich zu sammeln,
+ein. „Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt —?“
+
+Grete schüttelte den Kopf. „Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in
+diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit
+meinen Verlobten geredet, und da — da — fürchte ich doch, daß sich noch
+allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich möchte nun gern
+wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also
+bitte, erzählen Sie.“
+
+Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er faßte die Hand
+des schönen, jungen Geschöpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und
+das die Arme so oft zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und
+sagte:
+
+„Hören Sie, liebe Grete — liebes Fräulein Grete. Ich möchte Sie, bevor
+wir weiter sprechen, einmal erinnern dürfen an vergangene Zeiten. Ich
+bin Ihr alter Freund, — Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute
+halten — ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama.
+Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich,
+aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders, — und da drängt es
+mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses
+auch in Zukunft stört. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und
+Ihren Bräutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer
+Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen,
+erziehen und glücklich machen könnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer
+Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und
+dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren
+schon erwachsenen Söhnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas
+zuzuwenden — es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen
+fertig bringen! Aber die Kinder, — die Kinder!? Es ist wahr, was in der
+Bibel steht!
+
+Sie aber, Fräulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten
+nicht zu denen gehören. Gewiß, Sie sind einmal nicht weichmütig, der
+liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines
+Mädchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Äpfel, und
+sprachen davon, daß man es brauchen könnte. Aber es giebt etwas, das
+Anständigkeit in der Gesinnung heißt, — drum und dran — mißverstehen Sie
+mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern
+hier in Holzwerder die Wohnung lassen.
+
+Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie
+könnte es nicht überleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes
+Fräulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer,
+wenn man so zusammenhockt, — gewiß, — aber bei jedem Menschen ist etwas,
+was er wohl anders haben möchte, und — und — ich glaube auch, Ihre Mama
+wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn
+Sie gesehen hätten, wie bedrückt sie war —“
+
+Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen
+gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er
+gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede
+mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie aus Erfahrung
+nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben
+werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck
+auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte.
+
+Sie drückte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast
+schwermütig:
+
+„Es ist mir oft so, als wäre mein Herz geteilt, und die beiden Hälften
+gehörten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefühl, und alles,
+was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht
+nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf
+gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich
+fühle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin.
+
+Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von
+ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte
+ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis, — daß ich sie wohl doch nicht
+so geliebt habe, wie ich glaubte, — aber ich schämte mich meiner
+Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ängstige mich
+bisweilen. — Ich glaube — ich glaube —“
+
+„Nun?“ setzte Hederich, weich sprechend, an.
+
+Das Mädchen richtete sich höher empor, sah Hederich fest in die Augen
+und sagte, die Stimme dämpfend: „Ja, ich glaube eigentlich, daß ich
+hätte einen Mann haben müssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz
+hat, nicht mir so ganz ähnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin,
+mache ich Pläne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will, — zwar
+nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich — und wenn ich ihn
+dann höre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz
+andere Stimmen in mir.
+
+Nicht wahr, Sie sagen niemandem, daß ich je so mit Ihnen sprach,
+Hederich! Sie aber sollen doch sehen, daß ich nicht so herzlos
+bin, — schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der
+Nachbarschaft; ja, ja, ich weiß wohl, wie sie über mich urteilen, — also,
+daß ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens über mich zu
+entschlagen.“
+
+„Sie sagten eben,“ knüpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein
+Funke, glühte plötzlich in ihm empor, „daß Sie fühlen, Sie müßten einen
+weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heißt das, drum und
+dran, daß Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch
+Zeit ist. Ich bitte, ich beschwöre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne
+sprechen, sind kurz, — nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und
+wenn man dann nicht zu einander paßt, möchte man alles hingeben, um
+wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte.“
+
+Es flog durch den Körper des Mädchens, als ob ein Schauder sie erfaßte;
+sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den
+Fußboden.
+
+„Ach Hederich — ich weiß es nicht,“ drang's rasch und stöhnend aus ihrem
+Munde, und ein hülfloser Ausdruck trat in ihre Züge. Aber es war nur für
+Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schüttelte den Kopf, in
+ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschäftsmäßig:
+
+„Das ist eben der Kampf bezüglich seiner. Aber es ist doch nicht das
+Richtige. Ein Mensch muß wissen, was er will!“
+
+Zum Unglück trat, als Hederich trotz ihrer Äußerungen noch einmal
+anknüpfen wollte, — so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf
+der Zunge, — Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward
+unterbrochen.
+
+„Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich überall“ rief sie. Und neckend
+fuhr sie fort:
+
+„Er wird sicher eifersüchtig werden, wenn er erfährt, daß Du so lange
+mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!“
+
+Grete aber sagte zur höchsten Überraschung beider sehr ernst, fast
+finster:
+
+„Er hat wirklich auch Ursache, eifersüchtig zu sein! Ich kenne keinen
+besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich hätte gleich ja
+gesagt, wenn er um mich angehalten hätte.“
+
+Nach diesen Worten eilte sie rasch fort.
+
+Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stieß
+Hederich, dem's blutrot über das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung
+von Gretes letzten Worten heraus:
+
+„Drum und dran, gnädige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber
+freilich, er, — er wird's nicht ausbilden!“ Nun schritten sie beide
+nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glättender Miene auf den
+Kreis der Gäste zu. —
+
+ * * * * *
+
+Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen,
+und seit dem Vorerzählten hatte sich vieles verändert.
+
+Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgeführt und befand
+sich, während Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten,
+schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich
+seiner alten Gesundheit, predigte wie früher von der Kanzel, hörte die
+energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens süßes Geplauder,
+und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rückkehr Tankreds halber
+immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof
+eingezogen.
+
+Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte
+Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und
+aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend
+Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof übergesiedelt. Carin
+schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjüngt.
+
+Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von
+Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden
+bei ihm bemerkbar, die ihn häufig auf längere Zeit ans Zimmer oder gar
+ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von
+Gästen im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft
+mußten eingeschränkt werden.
+
+Gretes Mutter fühlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich
+drängte es sich ihr auf, daß das Alter sich nahe, daß allerlei Verzicht
+geboten erscheine, und statt des früheren raschen ein mehr beschauliches
+und auf die Pflege des Körpers gerichtetes Leben notwendig und weise
+sei. Aber noch etwas anderes drückte sie: Es war doch so ganz anders
+geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten
+abgeben müssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der
+Wirtschaft; man fragte sie nicht wie früher, und sie trafen keine
+Entscheidungen.
+
+Schon durch die Beschränkung auf die ihnen oben im Schloß eingeräumten
+Zimmer wurden sie täglich an die eingetretene Veränderung erinnert. Die
+Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust
+stieg der Reiz. Wenn Hederich über Gutsgeschäfte sprach, so war es des
+neuen Herrn Wille, dem er sich fügte. Hederich mußte Tankred
+allwöchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm.
+
+Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurückgekehrt, weil Grete
+neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen
+ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der
+Weiterreise erforderlich machte, daniederlag.
+
+Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade
+übermäßige Wärme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen
+auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kühl und
+verstandesnüchtern. Über das Verhältnis zu ihrem Manne schrieb sie
+nichts; ob sie glücklich sei, erwähnte sie mit keiner Silbe. Ihre
+Berichte beschränkten sich auf Schilderungen der Länder, die sie
+besuchten, auf Reiseeindrücke und auf ihr Befinden.
+
+Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch.
+Ihre Heimat sei doch am schönsten, hatte sie geäußert, aber das war das
+einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsäußerung
+gegeben hatte.
+
+Seine lange Abwesenheit begründete das junge Paar durch den Umstand, daß
+sie, abgesehen von Gretens Unpäßlichkeit, beide noch nie etwas von der
+Welt gesehen hätten; sie wollten nun die Gelegenheit nützen.
+Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie
+auf kürzere oder längere Zeit berührt.
+
+Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend
+kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen
+zugetragen.
+
+Er hielt mit seinem kühlen Urteil über Tankred auch jetzt nicht zurück,
+aber gestand zu, daß sein neuer Herr für vieles einen richtigen Blick
+habe und gut zu disponieren verstehe.
+
+„Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen
+Verwalter halten und bezahlen?“ hatte er schon hingeworfen und auf die
+Einwände der beiden Tressens hinzugefügt: „Ja, ich sagte auch bezahlen,
+gnädige Frau. Er ist wie das Fräulein, er sieht auf den Schilling.“
+
+Tressens fühlten, daß Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der
+Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur
+wegen mangelnder Veranlassung früher nicht zum Ausdruck gelangt waren.
+Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestört, aber gerade sie, die
+es nicht verstanden, zu hüten, schätzten doch auch wieder deren
+Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriß, sich
+dagegen aufzulehnen.
+
+Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rückhaltslos
+Ausdruck; Befürchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit
+beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend.
+
+Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahreserträgnisse des
+Gutes überwiesen und ihr Einverständnis erklärt, daß die Alten im Schloß
+wohnen blieben. Wenn sich später herausstellte, daß doch ein so enges
+Zusammenleben nicht zuträglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen
+eine Wohnung in Elsterhausen für ihre Bedürfnisse einzurichten, ohne
+allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen.
+
+Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred
+aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabänderlichen Willen
+unterbreitet, ja, das Aktenstück ihnen gleich unterschrieben auf den
+Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten
+Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch
+möglicherweise auch in ihrem Interesse, daß eine Trennung stattfinde,
+und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Überweisung
+eines Drittels aus den Einkünften koulant zu nennen sei. —
+
+Es war mitten im Juni, an einem das Gemüt erheiternden, sehr schönen
+Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr
+verkündete, daß Breckens zurückkehren würden.
+
+Zufälligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie
+vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt,
+auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens
+hatte sich aus naheliegenden Gründen ein freundschaftlicher Verkehr
+entwickelt, und die Neigung, sich häufiger zu begegnen, war dadurch
+verstärkt worden, daß Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging,
+ein für die Herbeiführung einer Annäherung erprobtes Mittel fleißig zur
+Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Günstige, was sie
+übereinander geäußert hatten.
+
+Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil über Tankred
+Tressens gegenüber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben
+nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken über Nebenmenschen
+auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflußt zu haben.
+Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort über den
+inzwischen der Familie Tressen so nahegerückten Mann.
+
+„Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!“ hatte Theonie nach
+ihrer Rückkehr auch gegen letzteren geäußert. Sie fühlte, daß sie, wenn
+sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht
+gehandelt hatte, ihren Diener als Wächter und Berichterstatter über
+Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende
+Gerechtigkeitsgefühl kam immer wieder zum Ausdruck.
+
+Frau von Tressen hatte für die erwarteten Gäste im Garten in einer Laube
+den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der
+Gutsbote Gretes Brief brachte.
+
+„Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt,“ bat Herr von Tressen
+seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstühle zurück.
+
+Sie nickte und sagte — schon hatte sie das Schreiben zur Hälfte
+durchflogen —: „Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrückt, und wie
+eigentümlich sie die Sätze formt!“
+
+Dann begann sie:
+
+ ‚Liebe Mama!
+
+ Tankred meinte anders. Ich meinte aber, daß zu viel weniger sei. Er
+ dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben
+ schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir
+ wollen direkt reisen, aber es hält uns ein schöner Punkt, ein Wald,
+ eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs länger; dann später. Erst,
+ wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich
+ damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in
+ meinem Stübchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiß sie nicht. Wie
+ schön, daß Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wünscht sie
+ herbei, immer draußen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles
+ ist zu erzählen, aber zu viel läßt gar nicht reden. Man weiß nicht, wo
+ beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir
+ mündlich alles. Daß das Korn so schön steht, schreibt Hederich. Auch
+ eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschäftige ich mich
+ mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die
+ Funken anblasen. Wer sich immer recht verstände! Tankred ist klarer.
+ Wenn er nicht so rasches Blut hätte, ganz zielbewußt. —
+
+ Lebt der große Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hörte ich ihn immer
+ krähen, und Hederich stand in Hemdsärmeln dabei und sagte: „Drum und
+ dran, er ruft Sie, Fräulein Grete!“ Grüß ihn besonders!
+
+ Deine Grete.‘
+
+Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und
+meldete, daß die Damen und auch Höppners ihm auf dem Fuße folgten.
+
+„Welch angenehme Überraschung,“ stieß Frau von Tressen heraus und
+eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gästen entgegen. Höppners hatten
+auch Lene mitgebracht, die ihr Händchen gab und sich dann gleich einem
+kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun
+hervorkam, zuwandte. Während die Herrschaften gemütlich plaudernd beim
+Kaffee saßen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begrüßt,
+besonders aber von der Pastorin.
+
+„Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!“ hub
+sie an. „Wie lange ist's her, daß Sie nicht in Breckendorf waren! Aber
+ich weiß, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und
+gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist
+begreiflich, ich muß es zugestehen!“ schloß sie mit liebenswürdiger
+Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend.
+
+Über Carins Gesicht flog ein Lächeln. Hederich aber erging sich, da er
+sich getroffen fühlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den
+gutmütigen Pastor zu dem Versuch veranlaßten, die Wirkung der Worte
+seiner Frau abzuschwächen.
+
+„Ja, ja, gewiß die Entfernung!“ bestätigte er. „Breckendorf liegt so
+weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschäftigt. Meine Frau sagt
+immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei
+ihr!“
+
+„Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden,“ nahm nun auch
+Theonie das Wort. „Das zieht ihn nach Falsterhof. Fräulein Carin ist
+eine gute Lehrmeisterin —“
+
+„Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie,“ lachte
+Hederich. „Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer
+Versetzung nach Prima war nicht die Rede.“
+
+„Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!“ fiel
+Carin ein. Und zu den übrigen gewendet, fuhr sie fort: „Es ist auch ganz
+anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht
+die Sache!“
+
+Das Gespräch ging jetzt auf andere Gegenstände über. Der Pastor lobte
+Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von
+Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen
+zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschäftigt.
+
+„Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fräulein Carin?“
+fragte Hederich nun die eifrig über eine Arbeit gebückte
+Gesellschafterin Theonies.
+
+„Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schön dies Jahr?“
+
+„Na ob!“
+
+Es trat eine Pause ein. Früher, als Carin auf Holzwerder gewesen war,
+hatten Hederich ihr gegenüber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein
+Mitgefühl erwacht war, und später die Entbehrung, Carin nicht mehr
+täglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm
+aufgedrängt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mädchen und anderen,
+hatte er all seine Unbefangenheit verloren.
+
+Und sie half ihm gar nicht. Sie saß stets da mit einem eigentümlich
+still lächelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte,
+über ihn stellte.
+
+Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn
+anblickte, war der störende Zug fort. Dann mußte er an sich halten, um
+ihr nicht gleich um den Hals zu fallen.
+
+Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu
+heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, über
+sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon über die Vierzig,
+und sie höchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen
+bestehende Mißverhältnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und
+dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis
+von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel
+jüngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des
+Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine,
+weiße Finger und Handgelenke und hielt sich so überaus sauber, — ihre
+Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wäsche
+gekommen, — und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie.
+Ihr Großvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch
+besonders schwere Verhältnisse war sie veranlaßt worden, ihre Heimat zu
+verlassen, sich für einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu
+verdienen.
+
+Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten
+schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse für sie durchschimmern
+lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegönnt. Und nun
+war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder
+fortgegangen, so viel schöner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen
+Augen strahlten lebhaft, während sie sich früher stets in sich selbst
+zurückgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet.
+Das Gesicht war voller, ebenmäßiger geworden.
+
+Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben,
+weil sie ihn für gänzlich ungefährlich hielt. Ihr Zartgefühl hätte ihr
+sonst solche Bemerkungen verboten. —
+
+Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich später,
+nachdem man noch ein allgemeines Gespräch gepflogen hatte, doch näher
+gerückt, als die Damen die Absicht äußerten, sich ein wenig Bewegung im
+Garten zu machen. Sobald sich die übrigen erhoben, legte auch Carin ihre
+Arbeit beiseite.
+
+„Sehen Sie hier, Fräulein Carin!“ bat nun Hederich, der sich zuerst mit
+Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden
+sitzenbleibenden Herren zu trennen gewußt hatte, bei einer Wegbiegung.
+„Wollen Sie nicht einmal die Blütenpracht in Augenschein nehmen? Drum
+und dran! So war's noch in keinem Jahre.“
+
+Carin nickte unbefangen und trat, während die anderen in den Buchensteig
+einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Höhe einen Ausblick zu
+gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum
+eingefaßte Rondell.
+
+Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: „Ich finde, daß der
+Garten nicht mehr so schön gehalten wird, wie früher. Schade! Woran
+liegt das?“
+
+„Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen
+kränkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fräulein Carin, es
+ist doch nicht der frühere Zug drin. Die Alten dürfen sich in nichts
+mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und
+nun ist natürlich das Interesse für vieles nicht in alter Weise da.“
+
+„Ich höre, Breckens haben heute geschrieben, daß sie die Rückreise
+angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das führt dann
+auch wohl für Sie manche Änderung mit sich, Herr Hederich?“
+
+„Drum und dran! Ja gewiß! Wissen Sie, was ich glaube, Fräulein Carin?“
+Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders.
+
+„Nun, Herr Hederich?“
+
+„Ich glaube, meine Tage sind hier überhaupt gezählt. Herr von Brecken
+will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide.
+Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken
+gewöhnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte
+ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz. — Aber, drum
+und dran, — leicht wird's mir doch nicht werden — leicht schon nicht,
+weil — weil —“
+
+„Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange
+fleißig wirkte und erfolgreich thätig war,“ fiel Carin ein. „Ja, das
+begreife ich. Die Liebe für das hiesige Land und die Menschen waren ja
+neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch für mich der Grund, zu
+bleiben. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit
+ausgesetzt, wieder mit Grete in Berührung zu treten. Wie leichten
+Herzens hat sie mich gehen lassen!“
+
+„Es hat sie viel beschäftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es
+Ihnen schon, Fräulein Carin. Es war ja nur, weil sie über Herrn von
+Brecken so abfällig urteilten. Sie mußten doch, drum und dran, merken,
+daß sie ein Auge auf ihn hatte, da war es, — nichts für ungut,
+unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Mißachtung zu
+bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden
+lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie
+wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein.“
+
+„Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei
+Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den späteren Gesellschaften hier im
+Hause fern bleiben zu dürfen. Sie denken noch immer viel zu gut über die
+Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, daß Sie ein goldenes
+Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttäuscht werden. Ich freue mich
+nur, daß Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt
+haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu
+kündigen, damit er es nicht thut.“
+
+„Sie meinen —?“ schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig
+erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich
+dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge.
+
+„Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit
+unangenehme Empfindungen bereitet? Ah — ah — das thut mir weh!“ Und sanft
+begütigend schloß sie: „Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!“
+
+„Nein, das ist's nicht,“ sagte der Mann mit einfacher Würde. „Ich wurde
+ein büschen weich, weil — weil — weil ich, nein, ne, ich kann's nicht
+sagen, Sie könnten es falsch auslegen —“
+
+„Ich lege gewiß nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es
+beunruhigt mich, daß ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung
+schon früher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es
+nötig war. Übrigens einen Mann, wie Sie, wird man überall mit offenen
+Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden
+und sich dann auch glücklich fühlen; dessen bin ich sicher, und das ist
+mir eine Beruhigung.“
+
+„Wie Sie das so schön ausgedrückt haben, Fräulein Carin! Und wie viel
+Teilnahme Sie für mich an den Tag legen! Wenn Sie wüßten, wie nur das
+wohl thut, und wie ich überhaupt —“ Er brach ab, und seine Stimme
+zitterte.
+
+In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe
+getrennt hatte, herbeigelaufen, drängte sich an Hederichs Beine und
+sprang an Carin empor.
+
+„Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', daß du wegkommst, Puffmann!“ rief
+Hederich höchst ärgerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein
+Auge mit dem früheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er
+über ihr Angesicht ein leise spöttelndes Lächeln fliegen. Und das störte
+ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, daß ihm das Wort erstarb, und daß
+er mit einem „Drum und dran! dieser Köter, oft möchte man ihm den Hals
+umdrehen!“ Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg
+zur Laube zurücknahm. Als sie sich dem Platze näherten, drang lebhaftes
+Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hörten sie der Frau Pastorin helle
+Stimme. —
+
+Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise
+Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen
+zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der
+Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte.
+
+Als bei dieser Gelegenheit erwähnt wurde, daß einer der von Theonie
+erwarteten, in der Nähe von Breckendorf wohnenden Gäste die Gegend
+verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung,
+verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen:
+
+„Das wäre so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von
+Holzwerder trennen müßte. Elsterhausen in einer Viertelstunde
+erreichbar, und Breckendorf in nächster Nähe, die schöne Lage und das
+wirklich splendid eingerichtete Haus — da läßt sich leben! Wem hat's
+eigentlich ursprünglich gehört, Hederich?“
+
+Aber schon nahm der Pastor zum Verdruß Hederichs, der nun einmal gern
+für diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte
+Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fügte einige Worte hinzu und
+äußerte: „Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt
+haben. Alle kamen später in Bedrängnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz
+hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkünfte, sondern
+kostet nur Geld. Höchstens ein paar Hühner und eine Kuh können da
+gehalten werden.“
+
+„Ja höchstens! Drum und dran, nur für reiche Leute bewohnbar,“ betätigte
+Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen.
+
+„Wann treffen Ihre Kinder ein?“ fragte Theonie, sich zum Abschied
+erhebend. „Ich möchte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen
+senden.“ Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem
+Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung.
+
+Wenig später hatten Theonie, Carin und auch Höppners, die in einem
+flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen.
+
+„Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich,“ rief noch Herr von
+Tressen, der unter Beihülfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloß
+nahm und Hederichs höflichen Gruß durch das Lüften des Hutes erwiderte.
+Und Hederich rief ein „Zu Befehl, Herr von Tressen“ zurück, obschon
+seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren.
+
+Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er:
+„Sie grüßte noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn
+dieser verdammte Puffmann nicht gewesen wäre, dann, — dann, — drum und
+dran! Ich hatte so schöne Gelegenheit, ihr ein büschen Andeutung zu
+geben — —“
+
+ * * * * *
+
+Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon
+nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloß bekränzen
+lassen. Um die Fenster und Thüren waren Blumenguirlanden gesteckt, und
+auch Hederich hatte sich gerührt. Die Knechte und Mägde waren in ihren
+Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehörigen
+standen mit Rosen in den Händen an der Schloßtreppe. Einem kleinen
+Mädchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der
+Schluß der von Hederich unter vielen Nöten gedichteten Willkommsworte
+lautete:
+
+ „Es wechselt Kälte, Sonnenschein und Regen!
+ Der Landmann braucht's,
+ Ihm ist's ein Segen,
+ Wenn's auch mal kalt und naß vom Himmel strömt!
+ Durch Eure Herzen aber möge strahlen
+ Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen
+ Auf Eure Wangen Lust und Fröhlichkeit!
+ Das wünschen alle, die hier sind vereinet,
+ Und seht, ein jedes Auge weinet
+ Vor Freud', daß Ihr zurückgekehret seid!“
+
+Glücklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glänzte, umflutet von
+der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit,
+die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war
+klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebüsche trugen noch
+silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu
+aufgeschüttet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den
+Tressenschen Farben.
+
+Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt
+umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drückte sie
+Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten
+und Mädchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostüm,
+strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten
+sich die Eindrücke in beider Zügen wieder.
+
+Bei Grete war's ein Anflug wahrer Rührung, sie verglich das wenige, was
+an Gemüt in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche
+Scham und dankbare Gefühle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's
+dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, daß man ihm ohne Zwang
+Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene
+Hoffnung auf altes Glück stieg auch in Frau von Tressen empor, sie
+glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und
+Hederich ihre Voraussetzungen erfüllt.
+
+Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestörter
+Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihülfe ihrer Mama
+alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich über
+die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches
+gediehen war.
+
+Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt.
+Die junge Frau übernahm nunmehr die Küche, das Mittag- und Abendessen
+wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich,
+wenn die Glocke ertönte, herab und nahmen daran teil.
+
+Dafür war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergüteten,
+gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine
+bestimmte Summe.
+
+Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das
+Frühstück und sorgte auch in außergewöhnlichen Fällen für ihre und seine
+Bedürfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie für
+Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie
+brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das
+alles so bleiben konnte, oder Änderungen eintreten mußten.
+
+Zunächst spürten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der
+Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder
+für sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam,
+trat auch das Bedürfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die
+Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor,
+und die Frauen beschäftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar
+den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange
+zu bleiben, und Tankred fügte sich entweder aus wirklichem Behagen oder
+aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhältnisse.
+
+Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestört, und nach
+Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand,
+wurde nunmehr auch erörtert, wann die jungen Leute Besuche machen
+wollten, und wer zunächst eingeladen werden sollte.
+
+„Es geht gar nicht mehr! Wir müssen sobald wie möglich nach Falsterhof,“
+erklärte Grete. „Noch haben wir nicht einmal für die Blumen gedankt, die
+Theonie uns gesandt hat.“
+
+Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich
+aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal mußte er seiner Kousine ja
+doch zum erstenmal wieder gegenübertreten, und schon hatte Hederich, der
+inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzählt, daß Theonie
+sich erkundigt hätte, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien.
+
+„Drum und dran! Sie wundert sich, daß Sie noch nicht da waren, Herr von
+Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so.“
+
+Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu
+fahren und Theonie und Fräulein Carin zu einem Diner in der Mitte der
+Woche einzuladen.
+
+Letzterer gegenüberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich
+schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen
+an den Tag gelegt hatten, überwand sie bald den Anflug ihrer
+unbehaglichen Stimmung.
+
+Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die
+Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich saß bei den
+Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte
+die Zügel. Während sie dahin fuhren, sagte Tankred:
+
+„Weißt Du, es wäre wirklich gar zu schön, wenn die beiden Besitzungen,
+die ursprünglich zusammengehört haben, wieder vereint würden. Es hat
+doch keinen Zweck, daß meine Kousine da allein auf Falsterhof
+wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen früher einlöste, wäre es auch
+leicht zu machen. Ich würde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und
+ihr ihre Hälfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es
+wäre eine fürstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird,
+die Güter rationeller bewirtschaftet werden, können sie gegen
+zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswürdig gegen
+meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat großen Einfluß auf sie.
+Sie kann uns im Fall alles verderben.“
+
+„Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred,“ entgegnete
+Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestätigend. „Dann
+könnte sie am Ende an ihrer Zusage rütteln?“
+
+„Gewiß. Und deshalb müßte man auch darauf hinzuwirken suchen, — ich denke
+täglich daran, — daß sie schon früher Ernst macht. Sie will nach der
+Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, daß der Besitz nicht
+verschleudert wird, mit anderen Worten, daß wir ihn halten, mehren und
+verbessern. Wenn sie die Überzeugung gewonnen hat, daß wir das thun, so
+wird sie nicht zögern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man könnte
+vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu
+überlegen. Der thut nur, was er für richtig hält, und daß er auf dem
+Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung könne nichts gedeihen, ist
+ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er
+seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd.“
+
+„Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzählt.
+Bitte, was war's?“
+
+„Ich gehe stark mit der Absicht um, in größerem Maßstabe Rüben zu
+pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzählte ich
+ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie hätten alle bisher kein
+Geschäft gemacht, meinte er.“
+
+„Dann ist's doch auch klug, es zu lassen.“
+
+„Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen.
+Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil
+sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa
+erzählt, auch gegen die Branntweinbrennerei gesträubt? Und rentiert sie
+nicht ausgezeichnet?“
+
+„Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten
+Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hört überall,
+daß die Zuckerfabriken vorläufig nur von Hoffnungen leben. Die
+Konkurrenz ist auch zu groß.“
+
+„Nein, die Konkurrenz ist nicht zu groß, aber es ist noch ein Vorurteil
+bei Händlern und Konsumenten zu überwinden. Aber das wird sich geben.
+Der Rübenzucker stellt sich so viel billiger, daß man nach den
+überseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die
+bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital
+war zu hoch.
+
+Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr
+spätestens wird die Bahn von Elsterhausen über unser Gut gehen, und in
+Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz
+anders konkurrieren.
+
+Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schädel nicht hineingehen.
+Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in
+der Gegend dauernd niederlassen.“
+
+Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die
+Richtigkeit nicht prüfen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in
+Zahlen vorlegen zu lassen, und im übrigen wurden ihre Gedanken
+unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwärts auftauchte.
+
+Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veränderungen
+vornehmen lassen. Die das Haus verdüsternden Bäume waren gefällt, auch
+nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das früher so finster
+beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da.
+
+Auch im Innern sah man die Thätigkeit einer neugestaltenden Hand. Der
+Flur hatte weiße Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit
+den dunkelrahmigen Ölgemälden einen äußerst imponierenden Eindruck. Vom
+früheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thür ins
+Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerückt
+worden.
+
+Auf einem großen Rondell blühten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies
+bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebüsches und des halb
+eingefallenen Grabens das Auge.
+
+Frege begrüßte mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gäste
+und führte sie in die hinteren Gemächer.
+
+„Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten,“
+erklärte er. „Gleich werde ich die Herrschaften melden.“ Dann eilte er
+davon.
+
+Mit sehr eigentümlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die
+Räume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das
+Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal
+freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen
+hatte. Die im Hause vorgenommenen Veränderungen wirkten befremdend auf
+sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu
+sein, trat weit zurück. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder
+Mitteilung nach ihrem Gutdünken. Natürlich, es war ihr Recht, aber
+gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfülle
+der Besitzerin.
+
+Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen
+weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte.
+Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und
+umarmte Grete mit Wärme und Herzlichkeit.
+
+Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch
+die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt,
+und bald saßen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemütlich plaudernd,
+beisammen.
+
+Der Fremde war der Eigentümer des vor Tagen erwähnten in der Nähe von
+Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof.
+
+Er hatte früher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines
+Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich,
+da er vermögend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu
+pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener,
+aber keineswegs pedantischer Mann, und man rühmte seine große Frische,
+seinen Geist und seine hohe Intelligenz.
+
+Herr von Streckwitz führte denn auch vornehmlich das Gespräch. Herr von
+Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er
+erwiderte, daß er sich bei seinem Interesse für Landwirtschaft nach
+einem ihm mehr Beschäftigung bietenden Gütchen umzusehen die Absicht
+habe.
+
+Hederich mischte sich hinein und machte Vorschläge, und Tankred, dem
+Streckwitz gleich beim ersten Sehen höchst unsympathisch war, riet mit
+vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend
+anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Übergewicht nicht
+in seiner Nähe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten,
+die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem
+Interesse zuhörte.
+
+„Es gefällt mir aber gerade hier ausnehmend,“ entgegnete Streckwitz.
+„Mein bisheriges Einsiedlerleben möchte ich zudem vertauschen, aber mir
+Thätigkeit und Verkehr nicht in einer großen Stadt suchen, sondern auf
+dem Lande. Übrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir früher oder
+später eine Gelegenheit zu anderer, größerer Wirksamkeit bietet, werde
+ich sie wahrnehmen. Zunächst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu
+suchen. Sie gestatten mir auch,“ schloß er, sich mit verbindlicher Miene
+gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte
+Auge ein wenig zusammenkneifend, „daß ich Ihnen meine Aufwartung machen
+darf?“
+
+„Es wird uns außerordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen,“ entgegnete
+Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten.
+
+Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb
+gegen Breckens verneigte, biß sich Tankred, in seiner Eitelkeit
+verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter
+demnächst einmal deutlich zu belehren, daß ihr kein Recht mehr zustehe,
+eine derartige Erlaubnis zu erteilen.
+
+Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geräusch abgelenkt, da
+Fräulein Carin ein Knäuel Seide fallen ließ, und Hederich, sich
+übereifrig danach bückend, so unglücklich auf dem glatten Fußboden
+ausrutschte, daß er knieend vor ihr liegen blieb.
+
+Um nun doch irgendwie seinen Ärger auszulassen, nahm sich Tankred
+Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise
+nachahmend:
+
+„Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist — drum und dran — ein zu schöner
+Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fräulein Helge hingestreckt
+zu sehen.“
+
+Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die
+Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, während Hederich, rot vor
+Beschämung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb.
+
+Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft
+stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf
+Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen
+Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er
+sich sehr weh gethan habe:
+
+„Ich danke sehr für Ihre Güte, gnädige Frau, es ist schon vorüber. Ich
+bitte nur um Entschuldigung, daß ich in Ihrem Hause — drum und dran — eine
+so — lächerliche Rolle gespielt habe — —!“
+
+Dieser auf Tankred gemünzte Satz mißfiel niemandem, und namentlich in
+Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst
+Hederich mit raschem freundlichen Blick und ließ dann ein auf Tankred
+berechnetes verächtliches Zucken um ihre Lippen spielen.
+
+Tankred sah es. Er wußte, was in ihr vorging, und der alte Haß gegen das
+‚Frauenzimmer‘ setzte sich von neuem in ihm fest.
+
+Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr
+Abbruch, und das glatt fließende Gespräch setze sich nun so gezwungen
+fort, daß Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu
+unternehmen.
+
+Herr von Streckwitz, ein überaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart
+und ernsten, einnehmenden Zügen, schritt mit den beiden Tressens voran,
+ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen
+hatte, und ein wenig später Hederich mit Carin.
+
+Sowie die letzteren aus der Hörweite der Voranschreitenden waren, sagte
+Carin:
+
+„Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf
+hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und
+wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist
+fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt.
+Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der
+Mittelpunkt des Gespräches ward. Dergleichen Zurücksetzungen kann er
+absolut nicht vertragen. Stets muß er das Wort führen und bewundert
+werden. Später ärgerte es ihn, daß Frau Cromwell sich so oft an den Gast
+wendete. Am Ende interessiert sie sich für ihn! Das paßt Brecken
+durchaus nicht; das durchkreuzt seine Pläne, und als Herr von Streckwitz
+nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen größern Besitz
+erwerben zu wollen, kannte sein Ärger keine Grenzen mehr! Den ließ er
+dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empörend handelte er, in solcher Weise
+von seinem Übergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat
+mich auch wieder ausnehmend gefreut, daß Sie ihm nämlich eine solche
+Antwort zu teil werden ließen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie
+hätten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!“
+
+Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehört. Als
+Carin geendigt hatte, sagte er:
+
+„Sie gehen vielleicht etwas weit — aber — drum und dran — er ist kein
+guter Mensch, wir wissen's alle längst. Und es ist wahr, es giebt Dinge,
+die kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene
+Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lächerlich gemacht
+werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!“
+
+„Und wir haben recht!“ fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort:
+„Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben,
+und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch
+wahrlich nur die Hand auszustrecken. — Ich weiß wohl, was Sie sagen
+wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen!
+Aber welcher Vorteil erwächst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie,
+Herr Hederich,“ hier senkte Carin die Stimme, „was mir Frege neulich
+mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau
+Cromwell, worin auch des Schriftstücks — Sie wissen, der
+Erbteilverschreibung — Erwähnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den
+Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, könne darauf schwören, daß das von
+ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders — natürlich viel günstiger
+gelautet habe. Brecken hat also —“ hier schossen Carins Augen
+unheimliche Blicke — „sicher eine Fälschung begangen!“
+
+„O nein, nein, Fräulein Carin,“ fiel Hederich erschrocken ein und sprach
+wieder das Wort Carin sehr breit. „Da gehen Sie doch wieder zu weit! So
+schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist
+schlau, und er wäre es noch mehr, wenn — drum und dran — ihn sein Blut
+nicht oftmals fortreißen thäte.“ Und forschend schloß er: „Hat Frege
+Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?“
+
+Carin nickte.
+
+„Und was hat sie erwidert?
+
+„Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja überhaupt eine sehr
+eigentümliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig
+zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut.
+Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens — denn ihre hervortretende
+gelegentliche Kürze und Strenge sind auch nichts anderes als ein
+Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur — und andererseits die Pietät, welche
+sie für alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trägt, machen sie
+ungewöhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, daß
+er sich ändert, und ihr gegenüber spielt er ja auch eine recht gute
+Komödie! — Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die
+Jungen mit den Alten?“
+
+„Drum und dran — ja —. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich
+so ziemlich —“ entgegnete Hederich. „Frau von Tressen ist vorsichtig,
+und Grete will Frieden, — bis jetzt wenigstens, — und das giebt den
+Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube,
+daß es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches
+anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede.“
+
+„Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie hängt mehr an Ihnen, als an ihrer
+Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist überhaupt
+noch nicht alles Gute erloschen, sie kämpft, glaube ich, einen ehrlichen
+Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein
+und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat.“
+
+„Weshalb, Fräulein Carin,“ fiel Hederich milde ein, „hassen Sie Herrn
+von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefügt?“
+
+Carin zuckte die Achseln. „Weshalb hat man eine Abneigung gegen
+Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man
+sich zu anderen besonders hingezogen fühlt? Ich kann überhaupt nur
+hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten
+vertreten. Pastor Höppner kann überhaupt nicht hassen. Deshalb ist er
+auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persönlichkeit gütig und
+menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt
+dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag — ihre Person
+ausgenommen, die sie über alles liebt — weder zu lieben noch zu hassen!
+Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, haßt aber jeden,
+der ihm irgendwie in den Weg tritt, — und — Sie — Sie, Herr Hederich —“
+
+„Nun, Fräulein Carin? —“ forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge
+ging unruhig hin und her.
+
+„Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren
+Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele.“
+
+„Na — na — na! — Es ist schon zu viel Schönes, Fräulein Carin, aber — drum
+und dran, — daß Sie das sagen, das — das — ist mir mehr wert als — als —“
+sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte.
+
+„Ach, Sie lieber Mensch! —“ unterbrach das Mädchen den Mann, sah ihm mit
+einem seelenvollen Blick ins Auge, ließ ihn aber nicht weiter sprechen,
+sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die übrigen Gäste zu, die
+nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause
+auftauchten.
+
+Nach einem kleinen Imbiß nahm man demnächst von Holzwerder Abschied. Nur
+Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da. —
+
+ * * * * *
+
+Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saßen die Pastorin und
+Hederich einander gegenüber.
+
+Seit dem Vorerzählten waren fünf Monate verstrichen. Der Herbst war
+bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzählen und
+sehr viel zu hören.
+
+Zunächst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm
+ihr Herz ausschüttete.
+
+„Was mich am meisten beschäftigt und mich geradezu traurig gemacht hat,
+ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte,
+Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle.
+Aber sie! Doch nun hören Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war,
+die mir sogleich fünfhundert Mark für das von mir geplante Armenhaus in
+Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn
+in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach
+Holzwerder geführt hatte, erzählte, daß mein Mann und ich von meinem
+Vermögen fünftausend Thaler als Grundlage für den Bau hergeben wollten,
+legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn,
+daß er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen möge.
+
+Erst äußerte er nichts, ließ mich niedersitzen und guckte auf das
+Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spöttischen Ausdruck:
+
+‚Meine Schwiegermutter hat fünfhundert Mark gezeichnet? So — so — na ja,
+wer's lang hat, läßt's lang hängen! Ich kann höchstens hundert Thaler
+geben. Fast kein Tag geht vorüber, an dem nicht Ansprüche an mich
+herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der
+Antragsteller geben, müßte ich nachgerade auf Einnahmen für mich selbst
+verzichten.‘ — Er zählte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf,
+denen er angehöre, sprach von Erhöhung der Steuern und anderem und rief
+seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie
+beschwert sie seien. ‚Glauben Sie nur, daß es uns nicht so leicht
+gemacht ist, wie Sie meinen,‘ versicherte er. ‚Jeden Monat die Rente an
+meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen,
+Neubauten, die gemacht werden müssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!‘
+Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern
+zurück: natürlich, es müßte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei
+Familien von den Einkünften von Holzwerder.
+
+Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhören, und ich habe denn
+auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer größeren Gabe zu
+bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht
+selbst erzählt, daß sich dies Jahr ungemein günstig gestellt, daß das
+Gut noch nie so viel abgeworfen hat?“
+
+„Ja, es ist richtig, sie haben schöne Einnahmen, und was sie sagen von
+der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkünften nicht gar so
+schlimm.
+
+Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwächterposten ist eingezogen,
+seine Arbeit muß jetzt der Parkwächter mit besorgen; er kriegt aber
+nicht mehr dafür und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu
+verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun
+weggefallen. Die beiden Kutscher müssen mit im Garten helfen, und die
+Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele
+Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau
+giebt selbst aus, verschließt alles und macht Szenen, wenn zu viel
+gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei
+mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafür nicht liefern
+könnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt.
+
+Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich
+nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Früher durften auch
+die Arbeitsleute nach dem Pflücken das letzte Obst abschütteln, das ist
+nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehölzen hat er durch Anschlag
+verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafür anzusetzen. Und
+nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel
+neue Fenster nötig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind
+und Regen hinein.
+
+Aber, drum und dran, für die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik
+möchte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht für den
+Rübenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen,
+die Einnahmen vergrößern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der
+Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen.“
+
+„Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?“
+
+„Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam überlegt. Neulich
+sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen.
+Neusilber thäte es auch. Sie hätte sich herausgerechnet, daß sie so viel
+Kapital herauskriegte, daß sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine
+neue Christofleeinrichtung anschaffen könnte. Ich muß daran denken, daß
+wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie —“
+
+„So? also damit hat sie Grund, sich zu beschäftigen? Das wußte ich noch
+gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, daß Herr von
+Streckwitz dort fast täglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es
+neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die
+Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen.“
+
+„Meinen Sie wirklich?“ fragte Hederich erstaunt. Er gehörte zu den
+Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen,
+aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da
+Carin, vielleicht aus Diskretion, die Möglichkeit eines tieferen
+Interesses Theonies für Streckwitz nicht wieder berührt hatte, war auch
+Hederich nichts aufgefallen.
+
+„So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute
+Wäsche, und ich muß selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Nähschule
+bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die
+Ohren. — Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten
+Sie — herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die müssen Sie
+probieren.“ — Und während er, nachdem sie rasch den Branntwein und die
+Speisen herbeischafft, aß, stand sie — sich zu setzen hatte sie keine
+Zeit — vor ihm und erzählte noch von allerlei traurigen Ereignissen im
+Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemüht gewesen, und
+zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem
+Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich.
+
+„Ja niedlich, niedlich,“ betätigte Hederich, während er das
+Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten
+von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen
+lieber aus dem Wege.
+
+Als er schon in seinem Einspänner saß, sah er noch, daß Frau Höppner mit
+einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thür stand und weinend ihren
+Kummer erzählte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem
+Schnupftuch die Thränen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen
+über ihre Lippen:
+
+„Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte.
+Dann wollen wir weiter sprechen,“ hörte er sie noch sagen, und „Drum und
+dran, brave Frau!“ ging's über Hederichs Lippen, während er mit einem Hü
+die Zügel ergriff und das Pferd antrieb.
+
+Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf
+seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug.
+Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, öffnete und las:
+
+ (Privat) ‚Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die
+ eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich
+ sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muß Sie notwendig
+ sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind,
+ und gehen Sie hinten die Treppen hinauf.
+
+ S. von Tressen.‘
+
+Noch unter dem Eindruck des Gespräches, das er am Nachmittag mit der
+Pastorin gehabt hatte, regten die Zeilen Hederich außerordentlich auf.
+Sicher war etwas sehr Bedeutsames vorgekommen. Er konnte es nicht
+erwarten, daß sich der Zeiger der Uhr auf acht schob, und begab sich
+dann, einen versteckten Umweg nehmend, durch die Hinterthür des
+Souterrains ins Haus. Aber als er eben die Treppe hinaufeilen wollte,
+trat ihm Tankred mit einigen bestaubten Flaschen Wein, die er selbst aus
+dem Keller geholt hatte, entgegen und sagte, seinen Verwalter
+erblickend, sehr erstaunt:
+
+„Sie hier? Ich denke, Sie sind nach Elsterhausen gefahren? Schon zurück?
+Was wünschen Sie? Suchen Sie etwas?“
+
+„Drum und dran, ich wollte oben ein Packet Handschuhe abgeben, die ich
+für Frau von Tressen mitgebracht habe,“ entgegnete Hederich, sich
+schnell fassend. „Ich vermutete die Herrschaften unten bei Ihnen und
+wollte vorn wegen der Gesellschaft nicht stören.
+
+Guten Abend, Herr von Brecken! Viel Vergnügen! —“
+
+Aber Tankred ließ sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben
+ging, fand er Tressens; ohne Zweifel würden Sie ihn auffordern, zum Thee
+zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge würden zur
+Sprache kommen. Das paßte ihm nicht.
+
+So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: „Was wollen Sie
+sich die Treppe hinaufbemühen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her.
+Ich werde es meiner Schwiegermutter einhändigen.“
+
+Die Situation war höchst peinlich. Wenn Hederich erklärte, daß er gar
+kein Packet habe, stand er als Lügner da, und ablehnen konnte er füglich
+Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand,
+nicht nur für ihn, sondern auch für Tressens, nahm er seine ganze
+Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die
+seine Bereitwilligkeit ausdrückte, Tankreds Wunsch zu willfahren,
+erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff:
+
+„Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in
+meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen
+Sie gütigst, daß ich der gnädigen Frau morgen das Gewünschte überreichen
+würde. Und nun erlauben Sie, daß ich mich empfehle. Ich halte Sie auf!
+Ihre Gäste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnügen.“
+
+Nach diesen Worten zog er sich überhastig zurück und verwischte dadurch
+wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck.
+
+Während Tankred die zwei Flaschen Aßmannshäuser wieder ergriff, murmelte
+er:
+
+„Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt.
+Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!“
+
+Dann eilte er mit hämischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf,
+und oben schalt er Peter, den Diener, daß er ganz unnötig so viele
+Lichter angesteckt habe:
+
+„Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die
+kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzünden.“
+
+„So, dann habe ich den gnädigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den
+Herrschaften mußte ich immer alles anstecken.“
+
+„Ja, ja, die Herrschaften,“ entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine
+Schwiegereltern preisgebend, „die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwärts,
+löschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie
+zu reinigen, — hören Sie? ohne sie zu reinigen, — ins Anrichtezimmer!“
+
+Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine
+Wohnung zurück. Er fand keinen Weg, Tressens über die Gründe seines
+Nichterscheinens zu verständigen, noch weniger hielt er es für
+möglich — und wenn doch etwa für möglich, nicht für rathsam, an diesem
+Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen.
+Wenigstens wollte er das vorher noch überlegen. Auch wenn er einen der
+Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals
+der Zufall sein Spiel treiben. Überhaupt war er gegen jede schriftliche
+Äußerung.
+
+Es beschäftigte ihn zu alledem, daß er zu einer Lüge seine Zuflucht
+genommen hatte. Seit seinen Jünglingsjahren war mit Bewußtsein kein
+unwahres Wort über seine Lippen gekommen.
+
+Aber das war die Folge solcher Verhältnisse. Immer ungemütlicher wurde
+es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen.
+Während er, so nachdenkend, dasaß und aus der Pfeife die Rauchwolken
+herausblies, — fast ein Stündchen mochte vergangen sein, — hörte er auf
+dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er
+Peter, den Diener, und seine Haushälterin Worte wechseln.
+
+„Na, was giebt's?“ rief Hederich die Thür öffnend. „Haben Sie eine
+Bestellung an mich, Peter?“
+
+Der Diener nickte verlegen, dann trat er näher.
+
+„Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnädige Frau von oben
+ließe um das Packet Handschuhe bitten, und die gnädige Frau von
+oben — sie faßte mich ab, als ich gerade weggehen wollte — läßt fragen, ob
+Sie noch kommen thäten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich
+soll nichts sagen — ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an
+die unten von meiner Bestellung an Sie erzählen!“
+
+„Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich
+Ihnen auftrage, hören Sie? An Herrn von Brecken können Sie ausrichten,
+ich hätte die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich könnte sie in
+meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie
+blos: Ich würde ihr morgen erzählen, weshalb ich nicht gekommen wäre, es
+sei denn, daß sie so gut sein wollte, sich — drum und dran — heute abend
+noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemühen. Es wäre
+sehr gut, wenn sie es thäte. Sie ist doch noch oben und nicht bei der
+Gesellschaft?“
+
+Peter verneinte.
+
+„Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten,“ murmelte
+Hederich. Und laut: „Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe
+seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten.
+Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!“
+
+„Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon.
+Ach — ach es ist —“ seufzte der Mann.
+
+„Was ist?“
+
+Der Diener bewegte mißmutig den Kopf.
+
+„Nichts für ungut, Herr Verwalter, ich will kündigen. Keine Stunde hat
+man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden,
+und alles, was früher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die
+Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute
+nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hörte es, wie ich das
+Silberzeug putzte.“
+
+Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschäftigte ihn sehr.
+Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung.
+
+„Diener müssen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und überall ist
+etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter,
+und mit dem Kündigen überlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch
+nicht will, dann wissen Sie, — drum und dran, — wo Hederich zu sprechen
+ist.“
+
+„Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt.
+Herr Verwalter wissen, daß ich nichts herumtrage, und wieviel ich von
+den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen
+auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie — sie ist ganz anders
+geworden.“
+
+„Ja, wie gesagt, Peter — es wird schon wieder besser werden. Thun Sie
+Ihre Pflicht, — drum und dran, — für das andere lassen Sie den lieben
+Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, daß Sie wieder hinkommen.“ —
+
+Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang öffnete sich die Thür der
+Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln
+Mantel gehüllt, trat zu Hederich ins Gemach.
+
+Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr
+mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe.
+
+„Um so besser, daß wir uns noch heute abend sprechen!“ erklärte sie nach
+seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme
+dämpfend, fuhr sie fort:
+
+„Hören Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete
+und Brecken eine sehr böse Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich
+entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als
+wir beim Kaffee zusammensaßen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Während
+meine Tochter sich an das geschlossene Büffet begab, um ihn
+herbeizuholen, sagte ich: ‚Ist es denn notwendig, daß Du sogar den
+Zucker verschließest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben —‘
+
+‚Sogar? Was meinst Du damit?‘ entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in
+einem sehr schroffen Ton.
+
+Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich
+sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gästen. Aber sie
+antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In
+diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine
+Tochter, ihr die für den Abend nötigen Zuthaten auszugeben.
+
+‚Wie, Du wagst es?‘ rief Grete, gegen die Person auftrotzend. ‚Habe ich
+Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?‘
+
+Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte
+und auf eine abermalige höchst provozierende Äußerung Gretes neben
+anderen Erklärungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade
+noch, daß sie in der Küche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet
+meine Tochter in einen solchen Zorn, daß sie aufsprang und dem Mädchen
+einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem
+ich schon angesehen, daß er sich über meine Äußerung von vorhin geärgert
+hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden
+war, packte Anna am Arm und stieß sie in rohester Weise zur Thür hinaus.
+Draußen befahl er der Mißhandelten, — ich hörte es, — sofort ihre Sachen
+zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was
+aus ihr werde, sei ihm gleichgültig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle
+sie etwas, so könne sie klagen. Zu meinem Unglück nahm ich nach seiner
+Rückkehr gerechter Weise Partei für das Mädchen. Ich hielt beiden in
+sanfter Weise vor, daß sie durch die wenig gütige Art, in der sie mit
+den Leuten verkehrten, durch ihr fortwährendes Verschließen und
+Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse
+für sich zu erwecken, und schloß mit der Bemerkung, daß ich doch stets
+mit meinem Personal ausgekommen sei, während jetzt fast kein Tag ohne
+Verdruß hingehe.
+
+Auf die Äußerung gab zunächst meine Tochter eine Antwort, indem sie in
+einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich hätte
+doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre
+Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber täglich. Bald moniere
+ich, daß der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald
+mache ich Bemerkungen über ihre Anordnungen. So habe ich mich jüngst
+über die Wäsche geäußert. Wenn zufällig mal Zucker auf dem Tische fehle,
+halte ich ihr eine Strafpredigt über ihre Sparsamkeit, und daß ich in
+diesem Falle Partei für das impertinente Geschöpf genommen habe, das sie
+fortwährend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf
+diese plumpe und unglaublich unverschämte Weise sich einen Vorteil zu
+verschaffen, sei doch mehr als eigentümlich von meiner Seite! Sie habe
+Beweise dafür, daß Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute
+morgen von ihr ausgegeben.
+
+Mit dem größten Erstaunen hörte ich, was meine Tochter sprach. Ich war
+ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen
+und Vorschlägen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine
+Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind
+eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar
+nicht in den Sinn gekommen, daß sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel
+weniger, daß sie mich fortwährender Einmischungen in ihre
+Angelegenheiten zeihen würde.
+
+Ich sah aus ihrer Rede, daß lange aufgestauter Groll einen Ausweg
+suchte, und ich sah auch, daß ihr Mann ihr vollständig beistimmte.
+Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsächlich
+aber um mich noch mehr zu kränken, kam auch er mit allen möglichen
+Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrückte, an sich nur
+Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruß schon mehrfach
+Veranlassung gegeben hätten. Wir hätten jüngst die Pferde ohne vorherige
+Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, während sie hätten
+ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, während wir doch
+unsern eigenen Diener hätten. Der letztere habe neulich durch Umstoßen
+des Tintenfasses den ganzen Fußboden verdorben, und mein Mann hätte ihn
+sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getröstet.
+
+Und was den Fall mit dem Mädchen betreffe, so sei er zufällig dabei
+gewesen, wie Grete für den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten
+abgewogen habe.
+
+‚Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,‘ fügte ich, mich bemeisternd und
+alles übrige übergehend, ein, ‚aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie
+während ihrer Beschäftigung gerade vom Förster abgerufen worden, nachher
+vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Küche zu stellen. Es ist
+doch möglich, daß Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, daß ein
+Mädchen ihrer Herrschaft unbegründeterweise mit solchen Behauptungen
+gegenübertritt. Und ich habe nie früher eine Unehrlichkeit an Anna
+bemerkt,‘ schloß ich.
+
+Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so höhnischen Miene auf und
+erging sich in so verletzenden Anspielungen über unsere Verschwendung
+und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, daß ich, nicht mehr Herr meiner
+Empörung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da
+sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten,
+finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf
+welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei
+unter solchen Verhältnissen dann wohl besser, daß ich mit meinem Manne
+Holzwerder verließe! Danach stand ich auf und begab mich auf mein
+Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und ließ sagen, daß wir nicht
+in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an,
+daß Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts
+davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie,
+Hederich, sie _wollen_ einen Anlaß, um die ihnen lästigen Menschen, ihre
+Eltern, aus dem Hause zu bringen.“
+
+Bei diesem Schlußsatz brachen der Frau die Thränen stromweise aus den
+Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, daß dem
+braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn
+nun da, was Carin schon oft und erst jüngst wieder als bevorstehend
+prophezeit hatte: Ein böses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger
+Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun würde auch bald sein,
+Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit
+seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen;
+sie sollte hören, was er dachte!
+
+Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Überzeugung. Er
+glaube selbst, es sei wohl das beste, äußerte er, daß sie sich in
+Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten.
+
+Sicher würden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege
+zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versöhnung auf
+beiden Seiten vorhanden, später aber könne sich ein unheilvoller Bruch
+daraus entwickeln.
+
+„Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben,
+ist immer weise, wenn's auch hart, betrübend und schwer ist, sich auf
+den Boden der Thatsachen zu stellen.“
+
+„Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, daß wir wie
+Überzählige aus dem Hause gehen, daß wir unser geliebtes Holzwerder
+verlassen sollen, dann ist's mir, als überfiele mich eine unheilbare
+Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemüt beschwert ist. Seit heute
+nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!“
+stieß sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. „Ja,
+ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermögen haben, die Kinder sollten
+nur von uns abhängig sein! Wie ganz anders würde es dann aussehen!“
+
+Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfaßte sie mit ganzer Gewalt, sie
+war betrübt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung,
+Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttäuschter
+Mutterliebe.
+
+Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der göttliche Funke warmer
+Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte
+selbst der Funke zu verlöschen. —
+
+ * * * * *
+
+Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner
+Vormittagsgeschäfte mit seiner Frau beim zweiten Frühstück saß,
+erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich hätten hören lassen.
+
+„Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe.
+Ich kenne Mama —“ entgegnete Grete.
+
+„Und Du willst hinaufgehen?“
+
+„Nein, aber ich habe mir gedacht, daß ich, wenn sie heut mittag auf das
+Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen
+lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen.“
+
+„Und wenn sie nicht kommen?“
+
+„Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben müssen. Ich habe
+ja nur erreichen wollen, daß Mama sich nicht ferner in meine
+Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles — verlasse Dich darauf — eine
+längere Weile nach Wunsch gehen.“
+
+Bei den letzten Worten glitt ein Lächeln über Gretes Gesicht. Es
+belehrte Tankred, daß seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht
+so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttäuschte ihn
+zunächst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen
+mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges
+zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Möglichkeit anzueignen, so
+nahm auch er einen leichten Ton an und sagte:
+
+„Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als
+ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist
+es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei
+nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Übrigens
+hast Du gehört? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg
+kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet
+gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder für eine ganz
+überflüssige Sache so viel Geld auszugeben!“
+
+„Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fußkalt, daß er es nicht
+aushalten könne,“ schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab,
+war überhaupt zurückhaltender über „die oben“ als gestern.
+
+„Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedürfnis. Hypochondrische Leute,
+die nichts zu thun haben, kommen auf tausend überflüssige Geschichten.
+Da fällt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und
+Theonie zu werden. Frau von Bülow behauptete, sie seien sogar schon
+verlobt. Wir müssen Hederich fragen. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob
+der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er
+wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen
+hocken, um über uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein
+richtiges Verhältnis, Grete. Sie intriguieren fortwährend gegen uns, und
+der alte Schwäger trägt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach
+Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wäre es
+allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht
+vom Übel, wenn die Eltern fort zögen. Streckwitz's Besitz könnten sie ja
+pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein.“
+
+Tankred hatte bei den letzten Sätzen, die ihm durch die Gelegenheit
+aufgedrängt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder
+ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer
+Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran
+gewöhnen.
+
+Daß sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefaßt hatte, ergab
+sich jetzt.
+
+„Mama würde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort müßte,
+Tankred. Ich muß gestehen, daß auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren
+würde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas
+vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen
+wir vorläufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann — und dann —“ die
+Frau errötete leicht — „wenn ich demnächst in der Krankenstube liege,
+würde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden —“
+
+Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwärterin beim Wochenbett
+fortsenden, hieß nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter
+als er! Sie war außerordentlich umsichtig und behielt stets ihren
+Vorteil im Auge!
+
+Während dem Manne solche Gedanken über seine Frau aufstiegen, ward
+geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen.
+
+Das Gespräch ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschäften
+nach.
+
+Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor.
+Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in
+seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und
+als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrückt, um die Erlaubnis
+gebeten, sie ihr verehren zu dürfen. Er suche, wie er bei der
+Überreichung hervorhob, nach einem Anlaß, sich ein wenig für die vielen
+Liebenswürdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof
+empfangen habe. Sie möge ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe
+überreichen zu dürfen.
+
+Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die
+sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen:
+
+„Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, daß Sie wieder eine Zeitlang
+auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz,
+und wann dürfen wir Sie zurückerwarten?“
+
+„Nein —“ entgegnete Streckwitz. „Der Verkauf von Klementinenhof hat sich
+zerschlagen; für den Fall der Veräußerung hätte ich mich ja zunächst
+anderweitig einrichten müssen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich
+bleibe nun aber den Winter über hier und will meine Bemühungen um einen
+Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen.“
+
+„Immer wieder wundere ich mich,“ wandte Theonie ein, „daß Sie bei Ihren
+vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen
+hier in der Einsamkeit?“
+
+„Lieben Sie nicht auch das Land, gnädige Frau? Schätzen Sie nicht auch
+die reine Luft, die einfachen, natürlichen Verhältnisse, den
+unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit?
+Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich
+beschäftigt, überall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die
+Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und
+die Beschäftigung mit Stall, Acker und Vieh hat für mich etwas
+außerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Städter nicht, ich
+bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwährenden Bewegung, sie
+müssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu
+einem rechten, ruhigen Lebensgenuß vermögen sie nicht zu gelangen.
+Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jährlich in die Berge,
+ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch
+heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust
+und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein.“
+
+„Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu
+erwerben?“ knüpfte Theonie, die durch stumme Gebärden Streckwitz
+beigepflichtet hatte, an. „Hederich sprach jüngst von Wankendorf. Aber
+es liegt sehr nördlich, und der Preis soll hoch sein.“
+
+Streckwitz schüttelte den Kopf. „Ich möchte am liebsten etwas hier in
+der nächsten Umgebung finden. Ich möchte auch Ihnen“ — Streckwitz legte
+einen nicht mißzuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte — „nahe
+bleiben, gnädige Frau.“
+
+Theonie errötete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mädchenhaftes
+Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Männer zu
+ermuntern.
+
+Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und
+herflatterten, und suchte so dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
+Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich über Theonies Gefühle für
+ihn Klarheit zu verschaffen.
+
+Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, daß
+er nicht gestört werde, sagte er:
+
+„Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß ich mich hier,
+wie Sie sich ausdrückten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe
+ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnädige Frau. Durch Ihre Hand ist
+zwar Falsterhof gelichtet und hat den früheren düstern Eindruck
+verloren, aber grade für eine junge Frau — da für Ihr Geschlecht so enge
+Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen
+können, — scheint es mir hier recht einförmig. Haben Sie denn kein
+Verlangen nach der Stadt?“
+
+„Nein, keins! Ich könnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach
+dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mußte, war ich sehr
+unglücklich.“
+
+„Sie mußten?“
+
+„Ja — oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rückkehr
+festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich
+erfaßt hatte, abzustreifen.“
+
+„Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich
+recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jüngst auf
+Holzwerder und habe höchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen
+wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute.“
+
+Theonie betätigte letzteres durch eine Bewegung, über Tankred aber
+äußerte sie sich nicht.
+
+Diese stete, taktvolle Zurückhaltung war's aber eben gerade, die
+Streckwitz, der das wenig günstige Urteil der Menge über Tankred kannte,
+zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war
+tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das
+Bestreben, sich geltend zu machen, und besaß neben einem edlen
+Selbstgefühl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem
+Wesen. Da das Gespräch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen
+liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer
+direkten Anknüpfung, und plötzlich kam ihm ein Gedanke.
+
+„Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnädige
+Frau,“ hub er nach geschicktem Übergang an. „Ich habe die Absicht,
+allernächstens ein kleines Diner zu geben. Würden Sie und Fräulein Carin
+wohl so liebenswürdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiß, daß ich
+etwas erbitte, das ein wenig ungewöhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch
+auf Ihre gütige Zusage, ja, ich darf sagen, daß ich das kleine Fest
+vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen
+zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen
+fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist.“
+
+Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton
+gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht
+aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, daß sie nicht gleich
+Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den
+ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpreßte.
+
+„Ich bitte, sprechen Sie — sagen Sie etwas —“ drängte Streckwitz, durch
+die Ungewißheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner
+Gefühle, „oder darf ich noch etwas hinzufügen, etwas von dem vielen, was
+mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie,
+liebste Frau Theonie? —“ wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und
+Theonie näher trat.
+
+Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte
+innerlich, und sein Atem ging rasch.
+
+Aber es war nur für Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit
+einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lächelte sanft und
+neigte ihre feine Gestalt zu ihm.
+
+„O komm, Du Liebe!“ flüsterte der Mann stürmisch und breitete seine Arme
+aus.
+
+Durch ihren Körper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und
+er hörte es aus ihrem Munde, als er nun glückberauscht sie fest und
+fester an sich zog.
+
+ * * * * *
+
+Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in
+der Umgegend das Tagesgespräch.
+
+Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurücksetzung, Neid
+und Mißgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen
+für oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hieß es, sie paßten
+vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte
+Menschen, ein andermal dagegen, es könne nur ein Unglück daraus
+entstehen, wenn zwei so selbstbewußte und absprechende Menschen sich
+vereinigten. Und einmal paßte den Leuten Theonies Nase nicht, ein
+andermal hielten sie sich über Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald
+war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch
+Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames
+Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls — darin stimmten alle
+überein — kam Geld zu Geld; für beide Teile war die Partie eine gute, und
+mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war
+nicht mehr als selbstverständlich. Ohne Nebengedanken stimmten
+eigentlich nur Tressens und Höppners dieser Verbindung zu. Selbst in
+Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spürchen Unbehaglichkeit.
+
+Hederich fürchtete, das Mädchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren.
+Sie würde sich eine andere Stellung suchen müssen, und er sie nicht mehr
+sehen; und Carin beschäftigte nicht minder der Gedanke, daß nun wohl
+ihre Tage auf Falsterhof gezählt seien.
+
+Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mußte gleich etwas
+thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte,
+und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der
+Verlobungsanzeige auf den Weg.
+
+„Sie müssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende
+Amtsgeschäfte, sonst wäre er mitgekommen!“ erklärte sie nach ihrem aus
+dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glückwunsch.
+„Und gleich heute möchte ich von Ihnen hören, liebste Theonie, wann Sie
+und Herr von Streckwitz uns beehren können. Wir möchten Ihnen ein recht
+lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren
+Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehört, wie die Dinge stehen?
+Man erzählt sich, daß zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen
+ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Übrigens, Ihr Vetter wird
+nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie.“
+
+So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluß und ward erst
+unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen:
+
+„Sie meinen, liebe Pastorin?“ ins Wort fiel.
+
+„Nun, er wird natürlich fürchten, daß Sie jetzt an eine
+Vermögensabtretung nicht mehr denken, daß er auf Falsterhof in Zukunft
+keinerlei Aussicht hat.“
+
+„Er irrt sich aber!“ entgegnete Theonie mit größter Ruhe. „Wenn er
+während der Frist nichts thut, was ehrenrührig ist, und wenn er nicht
+verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal
+gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Daß mein Vetter
+seinen Charakter nicht ändert, weiß ich, aber diese Forderung habe ich
+auch nie an ihn gestellt.“
+
+Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn
+für Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort
+waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr
+verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses
+sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, knüpfte sie
+noch einmal an und sagte:
+
+„Ihre im übrigen sehr vorsichtig gefaßte und durchaus nicht bindende
+Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um
+Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein,
+Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer
+Handlungsweise, daß Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen
+fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten
+Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch näher, als
+Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiß weigern,
+die Hälfte von Falsterhof für nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn
+wirklich würdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?“
+
+„Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, daß Sie an einmal gegebenen Zusagen
+rütteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?“
+
+„Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund
+darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermögenszuwachs
+gönne.“
+
+Und nun erzählte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete
+sich dabei benommen, und daß er erklärt habe, höchstens hundert Thaler
+zeichnen zu wollen.
+
+„Sehen Sie, das ist es!“ schloß sie. „Wenn Ihr Geld gute Früchte tragen
+würde, auch andere Vorteil daraus ziehen könnten, wenn's nicht nur der
+Gier dieses Geizhalses diente, dann würde ich gewiß keine Einsprache
+erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie für
+sich selbst die Möglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie
+bisher Glück und Segen dadurch zu verbreiten. — Ja, ja, ich weiß sehr
+wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein
+Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen
+sind die Namen derer nicht zu zählen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das
+ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht,
+viel zu haben. — Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein
+gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und
+nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am
+Erwerben, der Sparsamkeitsdrang, — lasse ich gelten! Geld soll nur ein
+Mittel zum Zweck sein, glücklich zu werden und andere glücklich zu
+machen. Darin besteht jedes Vernünftigen Lebensaufgabe. — Wenn ich an
+Ihrer Stelle wäre, würde ich Ihrem Vetter erklären, ich habe damals
+verhüten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er
+nicht, wie Sie jetzt sähen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und
+Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Übrigens“ — brach die
+Pastorin ab, da sie sah, daß ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht
+hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden könnten, statt
+nützen — „wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei
+Ihnen?“
+
+„Ich werde ihr nicht kündigen,“ erwiderte Theonie. „Wohin soll das arme,
+verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen,
+so ist es etwas anderes.“
+
+„Auch das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich, Sie herrliches Menschenkind.
+Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur
+auf Ihren,“ schloß die Pastorin lebhaft und drückte der Freundin in
+einem überströmenden Gefühl die Hand. —
+
+Während in solcher Weise die Pastorin Höppner, ihrem Unmut nachgebend,
+in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in
+Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon
+wiederholt hatte er gefunden, daß es nicht nur weise sei, das Ungünstige
+zu nützen, um Günstiges daraus zu ziehen, sondern daß dies bei
+geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrönt wurde.
+
+Versteckte Pfade zum Glück lagen überall, aber man mußte Augen zum Sehen
+haben. —
+
+In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau über Theonies
+Verlobung stattfand, warf Grete ähnliche Zweifel hin, wie die Pastorin
+sie geäußert hatte.
+
+„Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!“ begann sie und schnitt aus einem
+großen Haufen weißer und bunter Leinwandstücke, die vor ihr lagen, eine
+Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtücher machen wollte. „Herr von
+Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig
+zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Erörterungen oder gar zum
+Prozeß wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon
+jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine
+Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer
+selbst willen schon wollen wir es vermeiden.“
+
+Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und
+Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesäumtes Tuch glättend und in
+genauer Anpassung auf ein Häufchen bereits fertig gewordener legend, zu
+ihrem Manne empor.
+
+Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend:
+
+„Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt,
+wo noch der Gedanke in Theonie kräftig ist, wo noch ihr Rechtsgefühl
+nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir
+nämlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar
+nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige
+Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie
+hin und sage: Gieb mir einen größeren Teil, etwa zwei Drittel von dem
+Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprüche verzichten. Thue
+es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du
+in die Ehe gehst. Ich glaube, ich würde reüssieren! Vielleicht könnten
+wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?“
+
+„Wie viel wird denn das ausmachen — ich meine an Kapital — ungefähr?“ warf
+Grete forschend hin.
+
+„Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler.
+Davon die Hälfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel
+vierhunderttausend.“
+
+„Ah —!“ machte Grete. „Aber,“ setzte sie gleich hinzu, „das ist doch ein
+Unterschied von zweihunderttausend Mark.“
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+„Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Laß Dich nicht auf
+Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut!
+Sage ihr, sie solle fünfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch
+noch hunderttausend.“
+
+Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung.
+
+„Wir verfügen über eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das
+geht nicht. Wenn sie nun überhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch
+nicht. Ja, später klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?“
+
+Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine
+Fälschung dabei an den Tag kommen konnte.
+
+Und dann, während er noch nachdachte, kam's jäh wie ein Blitz über ihn,
+daß es schon am besten wäre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gäbe,
+wenn, wenn — auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des
+Ganzen!
+
+Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und
+heftig war ihr Angriff auf seine Seele, daß ihm die Kniee bebten, und in
+dem Drange nach Ablösung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkürlich
+ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich
+schlossen.
+
+Grete erhob überrascht das Haupt.
+
+„Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?“ fragte sie betroffen.
+
+„Doch — doch. — Mich fröstelte nur ein wenig.“ Und dann: „Sag, Grete, wie
+wär's, wenn Du mit Hederich sprächest, daß er Theonie sondierte? Dir
+schlägt er nichts ab, im Gegenteil —“
+
+Die Frau aber schüttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich
+nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres sträubte sich dagegen, grade ihm
+die Blößen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die
+gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten.
+
+So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie
+vorschiebend:
+
+„Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines
+Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer
+zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiß
+auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren
+Mund nie halten kann. Du mußt mit Theonie ohne Zeugen reden; sie
+ist — das muß man ihr rühmend nachsagen — die personifizierte Diskretion.“
+
+Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er
+beschloß auch, gleich zu handeln und alle Künste aufzuwenden, um seinen
+Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluß auf
+Theonie gewonnen. Je länger er aber zögerte, um so ungünstiger wurden
+seine Ansichten.
+
+Gleich nach Tisch ließ er sein Reitpferd satteln, hörte noch einmal
+alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf
+den Weg.
+
+Es war ein nebliger, aber ungewöhnlich milder Wintertag. Bald nach
+Tankreds Fortreiten begann es vom düsteren Himmel herunter zu flocken,
+und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem
+Herabfallen in flüssiges Naß. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe
+drangen tief in die schlüpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab
+spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte
+Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nässe, die seinen
+ganzen Körper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte
+Landschaft, die Bäume, Felder und Wiesen, er war nur beschäftigt mit
+seinen Plänen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere
+nur erst aus dem Hause gebracht hätte! Es stand fest in ihm, sobald
+Grete ihrer Mutter Hülfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein
+Ende machen. Aber während er sich ausmalte, daß sie wirklich von
+Holzwerder Abschied nähmen, — er sah seinen Schwiegervater in den Wagen
+steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor
+sich —, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zügel gehalten, so
+unglücklich, daß der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward.
+
+Das Tier aber mußte für seines Herrn Nachlässigkeit büßen; Tankred zog
+dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schläge über den Rücken. Und
+während der abergläubische Mann dahinsauste, überkam ihn die
+Vorstellung, daß das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen
+wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That! — So schloß er rasch einen
+Kompromiß mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust.
+
+Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Höhe, und zu
+seinen Füßen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem
+Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie
+eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel
+inzwischen die Landschaft eingehüllt hatte.
+
+Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so
+setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den
+Hof erreicht hatte.
+
+„Die gnädige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?“ warf Tankred
+hin, während Klaus das Tier abführte.
+
+Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank!
+
+Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mädchen,
+welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene
+hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem für ihre Arbeit
+herangerückten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden.
+
+Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behüten eines Hausgegenstandes,
+und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hälfte
+Deines Vermögens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen
+Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er
+trat in das von der Abenddämmerung umhüllte Wohngemach.
+
+„Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen
+Glückwunsch zu sagen,“ begann Tankred bei Theonies Eintritt. „Grete
+schließt sich mir von Herzen an und bittet, Du mögest verzeihen, daß sie
+nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkältung, die sie sich zugezogen,
+und das schreckliche Wetter —“
+
+Theonie machte eine liebenswürdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu
+nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend:
+
+„Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?“
+
+Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach:
+
+„So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im
+Halbdunkel.“
+
+Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's
+dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch
+über Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort
+in seiner Angelegenheit:
+
+„Höre Theonie! Da wir nun einmal ungestört beisammen sitzen, möchte ich
+Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiß, daß Du mich
+nicht mißverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil
+für Dich! Durch Deine Verlobung und demnächst stattfindende Heirat
+verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezüglich Deines Vermögens.
+Ich begreife das — begreife das vollkommen. Als Du mir damals die
+schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch
+einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich
+nur durch Redensarten zu vertrösten, möchte ich Dir einen Vorschlag
+unterbreiten, damit Du mit völlig klaren Verhältnissen in die Ehe gehst:
+Entschließe Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde
+Dich jetzt mit mir ab!“
+
+Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dämmerung, um den Eindruck seiner
+Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick
+ab!
+
+Zu seiner Überraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu
+seiner höchsten Enttäuschung auch sein Ansuchen äußerst kühl auf.
+
+Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton:
+
+„Zu meinem Bedauern muß ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fünf
+Jahre müssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst,
+die veränderten Verhältnisse meinen Entschluß beeinflussen, sondern die
+Umstände für mich maßgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage
+komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekürzt
+werden —“
+
+„Bitte, sage mir Theonie,“ fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all
+seinen Himmeln gerissen, mit künstlicher Ruhe ein, „was soll ich denn
+eigentlich erfüllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige!
+Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem
+Interesse, daß Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin
+überzeugt, Dein Bräutigam wird anders über die Sache denken, als Du.
+Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Überlegung ziehen, mit ihm
+reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof
+repräsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte,
+zahle mir jetzt —“
+
+Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem
+„Entschuldige, bitte“ und hörte, was der nun doch mit einer brennenden
+Lampe ins Zimmer tretende Frege „gehorsamst“ zu melden hatte.
+
+„Der Verwalter von Falsterhof läßt fragen, ob er morgen Vormittag zum
+Vortrage kommen dürfe.“
+
+„Ja, Frege, es paßt mir um elf Uhr!“
+
+Nun schloß sich die Thür wieder.
+
+„Es nützt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich
+wiederhole vorher Gesagtes,“ knüpfte Theonie mit der alten Ruhe an.
+„Auch wenn Du fragst, was sich erfüllen soll, so kann ich Dir darauf nur
+antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, daß alle
+Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen
+knüpfte. Ich erkläre Dir nochmals, daß die zwischen mir und Streckwitz
+wahrscheinlich eintretende Gütergemeinschaft an dem Geist der Sache
+nichts ändern wird. Nicht unser Geldvorteil soll maßgebend sein, sondern
+Deine Würdigkeit.“
+
+„Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen
+Groschen auszuzahlen —“ stieß Tankred, kaum Herr seiner Erregung,
+heraus. „Was heißt Würdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das
+Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels für gutes
+Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du
+gestorben wärest, würde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um
+eine bloße Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer
+begründetes, natürliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder später
+mit dem Gelde thun? Ich will es hüten und mehren, um meinem Nachkommen,
+dem letzten männlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu
+verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren
+Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter
+Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschädigt oder
+geschändet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen?
+Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen
+Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That,
+ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhältnis wenn Du Dich
+jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stück Geld.“
+
+„Ich will nicht sparen!“ entgegnete Theonie stolz. „Dir soll Dein Recht
+werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und laß uns nun das peinliche
+Gespräch schließen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit,
+so werden mein Mann und ich prüfen und ohne Rücksicht auf unseren
+Vorteil handeln.“
+
+„Ich nehme den Fall, daß Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwürdig!
+Meinst Du denn, ich müßte mich ohne weiteres darein finden?
+
+„Ich brauche doch keine Gründe für eine Weigerung anzugeben, also hast
+Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!“
+
+„Ah! so faßt Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge
+stehen! Nur eins hätte ich nicht gedacht: daß Du Dich hinter Worten
+verschanzen würdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet.“
+
+„Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner
+Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's
+nicht so kommt, machst Du andere dafür verantwortlich, daß Du Dich
+Illusionen hingegeben hast.“
+
+„Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch für welche?“
+Höhnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines
+Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur
+ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Höhe, stellte sich vor
+sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu:
+
+„Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weißt, daß ich nicht mit mir
+spaßen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben — oder das Gegenteil! Wenn
+Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprüche
+verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die
+mündlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld führen, nachweisen, daß
+ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefügt habe, und auf sofortige
+Erfüllung meiner Ansprüche klagen. Ich kann schwören, daß sie mir
+versprach, mich zum Miterben einzusetzen.“
+
+„Du lügst,“ rief Theonie, von Empörung und Ekel fortgerissen. „Du lügst
+und fügst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas
+versprochen hätte, würde es auch von uns gehalten worden sein. O,
+verächtlich bist Du mir; so verächtlich, daß ich nichts in der Welt so
+verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrückte ich, ich wollte sie nicht
+Herr über mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen
+Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir wäre geworden, was
+Du wünschest, wenn Du geblieben wärest, was Du seit Deiner Heirat warst.
+Aber diese Drohungen und diese Lüge reißen alles wieder in mir auf. Ich
+fühle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick flüchtete. Aber keine
+Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der
+Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem
+Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen,
+jedes anderen Rechte mißachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren
+Glückes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets
+vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Haß, durch deren
+Befürwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich,
+Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst.
+Ich zerreiße noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, daß ich
+wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel
+verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun
+ließest.“
+
+Der Mann hörte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine
+Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, daß
+sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut über sich
+selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie würde ihr Wort gehalten haben, wenn
+nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen wäre? Er hätte sich selbst
+züchtigen mögen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn
+gar keine Möglichkeit mehr gäbe, das Geschehene ungeschehen zu machen.
+Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht
+in ihm.
+
+Er sank stöhnend auf seinen Stuhl zurück, bedeckte sein Angesicht mit
+den Händen und verharrte wie ein Zerschlagener.
+
+Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten
+hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, daß sie ihm vergeben möge.
+Er habe sich abermals vom Zorn hinreißen lassen, er wisse dann nicht,
+was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der
+Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angeführten Sinne wahr,
+wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das
+beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine
+Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kämpfen. Sie sei ja
+ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Güte und möge, gleichviel was sie
+beschlossen, ihm verzeihen. „Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei
+wieder die alte. Und mit meinen Vorschlägen meinte ich es ja wirklich
+gut. Es ist doch verständig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst
+Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal,“ schloß er, „vergiß
+alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief.“
+
+Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empörung wiederholt hatte
+unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr
+wußte, daß er durch sein Komödienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder
+zu retten versuchen wolle, riß sich, als er zuletzt ihre Kleider
+umfaßte, von ihm los, warf den Kopf zurück und rief, mit ausgestreckten
+Händen ihn abwehrend:
+
+„O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der
+Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn
+ich überdenke, was ich je hörte oder las über die Schlechtigkeit
+menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein
+solches Bild. Lüge, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz
+begegnen sich, sie alle reichen sich die Hände in Dir. Deine Seele ist
+keiner vornehmen Regung fähig, sie ist niederträchtig und schmutzig; wo
+anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und
+Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, daß nur die
+Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu fördern. Und ich
+glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese
+Wiederholung — Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter,
+Du spielst eben eine über alle maßen ekelhafte Komödie — hat alles für
+immer in mir getötet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen
+uns für alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen
+hoffen, daß diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein
+schwerer Irrtum zu glauben, man könne in der Welt Niederträchtigkeit an
+die Stelle von Tugend setzen. Auch für Dich werden Stunden kommen, wo Du
+nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja,
+fletsche nur die Zähne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen
+Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn
+Du nicht bald und völlig umkehrst!“ —
+
+Nach diesen Worten verließ Theonie, den zu wiederholten malen wie ein
+Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend,
+das Zimmer.
+
+Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zurücknahm, beschäftigte ihn die
+eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die
+Möglichkeit, daß Theonie sterben, und daß er dadurch dermaleinst noch in
+den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurück. Aber sie konnte ja
+steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles
+denkbar!? — —
+
+Und was sollte er Grete berichten? Daß ein unheilbares Zerwürfnis
+zwischen ihm und Theonie eingetreten sei?
+
+Wodurch? Sie würde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung! — Nein! Das
+brachte er so nicht über die Lippen. Er mußte sie täuschen, sie
+vorläufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch
+einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demütigte, wenn auch Hederichs
+Einfluß zu Hülfe genommen ward, ließ sich doch vielleicht noch alles zum
+guten lenken, noch ein Vergleich schließen.
+
+Dieser Gedanke belebte vorübergehend wieder die Seele des Mannes, er
+setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener
+Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehüllt, saß
+darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den
+Gedanken ein, die Vermittlung des Bräutigams Theonies anzurufen.
+
+Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor
+Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen
+neun Uhr Holzwerder.
+
+Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie
+nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint.
+
+„Nun? Was ist? Du erschreckst mich,“ stieß Tankred heraus. „Sprich, was
+hat sich ereignet?“
+
+Aber sie sagte nichts, sie ließ den Kopf sinken, und Thränen schossen
+aus ihren Augen.
+
+„Ist wieder etwas mit denen oben?“ drängte Tankred. „Hat's eine Szene
+gegeben?“
+
+Nun hub sie schluchzend an:
+
+„Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem
+furchtbar erregten Auftritt erklärt, daß sie beide Holzwerder verlassen
+und nach Elsterhausen ziehen wollen.“
+
+„Und die Veranlassung?“ fragte Tankred gespannt.
+
+Nun erschien der Diener Peter und meldete, daß das Abendessen
+aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespräch der Eheleute zeitweilig
+unterbrochen.
+
+„Beruhige Dich! — beruhige Dich!“ tröstete Brecken nach des Dieners
+Fortgang seine Frau, faßte sie leicht um die Schultern und zog die
+kopfschüttelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. „Es wird nichts
+so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von
+selbst wieder gut Wetter machen.“
+
+„Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!“ entgegnete Grete rauh, sich gleichsam
+trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach
+sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen
+ihre Mutter: „Du hättest nur hören sollen, was sie alles vorbrachte. Da
+verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: ‚So geht doch, wenn
+es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.‘ Das
+schlug dem Faß den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt:
+Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fühlten sie beide, wie lästig sie
+uns seien: von Liebe, Rücksicht, Pietät sei nicht die Rede. Wir fänden
+uns mit der Thatsache, daß sie auf der Welt seien, notgedrungen ab. — Am
+Ende, es ist doch meine Mutter,“ schloß Grete abermals schluchzend und
+schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich.
+
+„Aber was war es denn? Was hat Euch denn so maßlos aufgeregt?“ forschte
+Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als
+die Lästigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl
+seiner Frau bedrückte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn
+hervortretende Reizbarkeit.
+
+„Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gänsesauer sei
+heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach
+gefühlt. Soweit dürfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, daß ich
+Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Küche gefragt, und
+die Köchin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, daß die Kruke
+schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie
+mir dann wieder eine Rede über unsere, namentlich Deine Sparsamkeit
+hielt, die schon sprichwörtlich geworden sei, verließ mich bereits die
+Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen
+und — und —“
+
+„Nun?“
+
+„Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich
+einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach
+Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen!
+Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an
+deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir
+dann weniger beschämt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit
+die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, daß bei
+jeder Zahlung etwas fehlt, und daß er es auch nachträglich zu
+berichtigen vergißt. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder
+zwölf Mark gewesen. Das müsse bei einem korrekten Mann doch nicht
+vorkommen. Ich sollte Dir natürlich von alledem nichts sagen, aber,
+aber — jetzt muß es doch heraus —“ schloß Grete immer in demselben
+Gemisch von Ärger über ihre Mutter und von halber Parteinahme für sie.
+
+„Und ganz ohne jeglichen Anlaß von Deiner Seite kamen alle diese
+Invektiven zum Vorschein?“
+
+„Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von
+ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer für
+hundertfünfzig Mark angeschafft, während sie schon die beiden
+Prachtbauer besitzen. Darüber äußerte ich mich, und dann antwortete
+Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es
+wären. Und wir thäten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwürfen,
+und erlaubten uns Bemerkungen über jegliches, was von ihnen ausginge.
+Sie hätten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die
+Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu
+lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und
+sich von mir Lehren zu holen!“ —
+
+Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stürmisch und erregt
+herausgestoßen. Nun übermannte sie wieder ihre Bedrückung, und weinend
+und schluchzend hielt sie inne.
+
+Tankred aber, obschon er zuhörte und auch den Sinn der Worte in sich
+aufnahm, war schon längst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken
+gingen, nachdem er gesehen, daß es sich nicht um einen besonderen
+Streitgrund handelte, allein zu den Vorfällen in Falsterhof zurück. Er
+konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch
+von dem alten Thema ab und sagte:
+
+„Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's
+wahrlich auch kein Unglück! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer,
+weit schlimmerer Natur!“
+
+Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte
+Antlitz.
+
+Tankred berichtete sodann ausführlich über die stattgehabte Unterredung
+und erzählte, daß Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und
+eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Äußerung als Anlaß genommen
+habe, um ihm in sehr wenig rücksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach
+heftigem Streit und trotz seiner versöhnenden Worte habe sie die
+Erklärung abgegeben, sie wolle ihm überhaupt nichts abtreten. Offenbar
+suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr
+gegebene Versprechen zurückzunehmen, und habe jetzt gleich die
+Gelegenheit dazu ergriffen.
+
+Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie
+war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt,
+aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon während
+seiner Erzählung an den Tag, daß sie weniger Theonie als ihm selbst die
+Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob.
+
+Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes,
+einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren,
+halb vorwurfsvollen, halb mißtrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in
+eine so gereizte Stimmung, daß er an sich halten mußte, um ihr nicht in
+brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite
+zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, daß er vielleicht die
+Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hülfe. Das
+schien von Wirkung zu sein.
+
+Grete überlegte; dann sagte sie: „Laß einmal sehen, was sie Dir damals
+geschrieben hat. Es wäre ja möglich, daß man die Sache wieder ins Gleis
+bringen könnte.“
+
+Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er
+unschlüssig, welches von den beiden Aktenstücken ihr einzuhändigen wäre,
+das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung,
+in die er dadurch geraten, daß Grete wieder eins mit ihm zu sein schien,
+den Sieg über seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das
+Falsifikat hervor und überreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch,
+legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, daß
+noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred
+auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren
+und mit Theonie zu sprechen, während er mit Streckwitz reden wollte.
+
+Nicht in der früheren, deutlich hervortretenden Übereinstimmung mit ihm,
+aber, wie es schien, doch ruhiger und versöhnlicher als beim Eingang des
+Gespräches, hörte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen
+Mitternacht begaben sich beide — Grete unter einem schwermütigen „Gute
+Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich
+alles so trübe aus! —“ zur Ruhe.
+
+Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Frühstück wieder zusammen
+saßen, erklärte aber Grete dennoch zu Tankreds äußerstem Verdruß, daß
+sie bei nochmaliger Überlegung zu dem Entschluß gelangt sei, von einem
+Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese
+Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es
+passe nicht für sie, ihr Gefühl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern
+habe er drüben erklärt, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie
+kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck
+hervorrufen. Er müsse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie
+habe, wenn es mit den Eltern nicht so stände, wohl Neigung, mit ihrer
+Mutter die Sache zu besprechen, überhaupt wäre letztere geeigneter als
+sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon könne keine Rede sein,
+es sei ja alles mit den Eltern aus. —
+
+Tankred wollte anfänglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre
+Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwähnung that, blitzte
+es in ihm auf.
+
+Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen ließ,
+auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war
+im Grunde richtig: für Grete paßte es nicht; den Gedanken hatte Furcht
+und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte:
+
+„Weißt Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich
+handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen,
+ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen könne. Ich äußere erst
+mein Bedauern, daß gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und
+lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir müssen alle Minen
+springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und
+Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir
+müssen ihn und sie vorher abfangen.“
+
+Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau
+von Tressen ließe sagen, sie sei nicht wohl, sie müsse bedauern, heute
+niemanden sehen zu können.
+
+Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen
+jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und
+sagte:
+
+„Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist.
+Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache
+über den Kopf.“
+
+Grete äußerte kein Nein und kein Ja.
+
+„Versuch's!“ warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser
+einen Angelegenheit beschäftigt, übersah ihr Wesen, schob es auf die mit
+ihrem körperlichen Zustand zusammenhängende Unberechenbarkeit der
+Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf.
+
+Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Frühstück erhoben,
+als die Thür mit einem schmeichelnden „Guten Morgen, Mama! Guten Morgen,
+Papa!“ von Tankred geöffnet ward.
+
+„Entschuldigt, daß ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam
+nicht zurück! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile,“ fuhr er
+kriechend fort.
+
+Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklärte er,
+daß Grete sehr bedrückt sei, und daß der gestrige Zwist hoffentlich
+der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu
+geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rückte er mit der
+Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausführlich und bat seine
+Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie über eine Abfindung zu
+verhandeln.
+
+Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen
+pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, daß Frau von Tressen auf seine
+Bitte eingehen werde. Er war daher aufs höchste betroffen und nicht
+minder geärgert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schüttelte
+und sagte:
+
+„Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir
+durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei
+der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefaßt werden,
+und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von
+deinem Schritt erzählte, gleich gedacht, daß das nichts werden würde.
+Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschäft, bei dem es ihr von
+Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere
+Gesichtspunkte. In dem Schriftstück hat sie fünf Jahre ausbedungen und
+würde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht
+genommenen Vergünstigung würdig gezeigt hättest. Hat sie jetzt schon
+nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluß, wie es ihre
+ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde
+ich nichts ändern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie
+gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten
+Anlaß haben. Begnügt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch
+dessen, laßt jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach
+Fremdem. Das ist mein Rat. Daß es uns natürlich angenehm gewesen wäre,
+daß es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, daß auch
+Du etwas in die Ehe bringen würdest, brauche ich nicht hervorzuheben.
+Aber es ist überhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben,
+daß es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren
+Augen wenigstens nicht. Das schöne Glück, das wir erträumt haben, ist
+dahin, und unser Entschluß, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es
+ist ja sehr schön, daß Ihr das bedauert, es scheint mir auch natürlich,
+aber es ändert nichts an der Einsicht, daß ein Zusammenleben zwischen
+uns unmöglich ist! — So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und
+nun lasse uns aus dem Spiel.“
+
+„Nun, wie Du willst,“ entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen
+Worten zugehört hatte, und in dem trotz aller höchst unliebsamen
+Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche
+Klugheit und Besonnenheit überwogen. „Ihr werdet es aber noch bereuen,
+und ein für allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du
+fortwährend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig
+Geschmack. Sie eignen sich mehr für Schulkinder als für uns.“
+
+Nach diesen Worten verließ er mit einer impertinenten Miene das Zimmer.
+
+„Nein, es ist nichts!“ rief er, als er zurückkehrte, und Grete fragend
+und in sichtbar großer Erregung das Haupt erhob. „Und Du hast recht, es
+ist überhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann
+lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil!
+Gott sei Dank, daß die Quälerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns
+selbst genug, meine Grete?“ schloß er schmeichelnd und werbend und
+umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie
+aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen,
+seinen Zärtlichkeiten, stieß ein rauhes: „Nein, nein, laß, ich mag jetzt
+nicht!“ heraus und verließ das Gemach.
+
+Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterließ es doch.
+Er würde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing
+mit ihrem gegenwärtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs
+Einflüsse, dem er aber jetzt kündigen wollte, und die Lamentationen von
+denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht
+beeinflußte überdies die Enttäuschung Grete, aber die würde bald wieder
+einem anderen Gefühl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken
+war wieder voll bester Hoffnungen.
+
+ * * * * *
+
+Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich.
+Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus führte, fragte
+Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat,
+deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz
+abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach.
+
+Hederich stand, den Rücken der Thür zugewendet, über eine Kiste gebückt,
+in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin
+vermutend, und ohne sich umzuwenden.
+
+„Was ist — was ist? — Drum und dran — jetzt habe ich keine Zeit. — Wie?
+Was? — Ah, ah — Sie, liebe Frau von Brecken? — Verzeihen Sie! Bitte,
+nehmen Sie Platz. — Nein, es ist gar nichts. Es war nur — drum und dran
+— Hier, hier sitzen Sie bequemer. — Ja, ich will gleich sagen, daß ich
+nicht zu Hause bin, daß wir ganz ungestört bleiben.“
+
+Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurück und nahm neben
+Grete, die mit trüber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte,
+Platz.
+
+„Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Böses?“ begann Hederich,
+sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll
+Teilnahme anblickend.
+
+Aber statt zu antworten, legte Grete plötzlich die Hände vor das
+Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust.
+
+„Es ist aus, alles aus, Hederich,“ stieß sie, nachdem er zärtlich, wie
+man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. „Ich bin
+traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich — Mama und
+Papa wollen unabänderlich fort. Und noch anderes: Ich fühle — o
+Hederich! — es ist schrecklich — entsetzlich —, allmählich eine nicht zu
+erklärende Abneigung gegen Brecken. — Und doch vielleicht sehr
+erklärbar,“ fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. „Er ist
+nicht gut, ich seh's, — er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich
+gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rücksichtslos war,
+aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen
+Sie, Hederich, ich möchte wieder von ihm. Ich möchte meine Freiheit
+zurück haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht über ihn
+ausgesprochen, und ich jetzt sehe und höre, wie sie alle über ihn
+denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesänderung bestärkt, alles
+betätigt. Ich fühle, daß sein Einfluß auf mich nicht gut war, daß er
+meine Fehler, meine Engherzigkeit förderte, daß er es gewesen, der mich
+den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas
+ganz Selbstverständliches ansehen ließ. Er bringt uns überhaupt mit
+aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurück — ich
+merke es wohl —, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir
+erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht
+uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben
+jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun
+auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie überworfen!“
+
+„Wie? Mit Frau Cromwell auch?“ stieß Hederich, dem alles andere von
+Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr
+früher oder später hatte kommen sehen, auf den das Zerwürfnis mit
+Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus.
+
+Und nun sagte sie ihm alles, was sie wußte, und wie sie trotz Tankreds
+Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloß:
+„Er hat's natürlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er
+wünschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn
+spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf.
+Ach — ach — Hederich — ich weiß nicht, was werden soll. Hat mich Mama so
+beeinflußt? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darüber
+klar, daß ich nicht glücklich bin und mit Brecken nicht leben kann.
+
+Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken,
+Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflußt mich durchaus nicht.
+Ich schwöre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich
+bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine
+Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurückzugewinnen, mir die Achtung
+anderer zurückzuerwerben, mich mit Mama auszusöhnen und meine Seelenruhe
+wieder zu erlangen. O, ich möchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von
+ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu
+rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun
+helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab?
+Ich muß wieder frei sein!“
+
+Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte
+wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt
+und sagte:
+
+„Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine
+schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie
+wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig,
+und wenn er Sie wirklich läßt — passen Sie auf — dann verlangt er
+womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum
+einen Bettel hin. Ich sag's — drum und dran — offen, wie ich's mein. Und
+erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm
+geschlossen?“
+
+„Ja — a —, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof
+als sicher in Aussicht stellte. — Bitte vergessen Sie doch nicht,
+Hederich,“ schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes
+Kopfschütteln begegnete, „welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur
+die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß
+wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen,
+als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich
+hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich.
+Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin
+ein Weib und habe Fleisch und Blut —“
+
+Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie
+als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein
+Vorgespräch darüber stattgefunden: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß
+wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich.
+Nun ja denn — ich will's versuchen, so lange es geht,“ schloß sie, dumpf
+resigniert. „Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen
+bleiben, ‚er‘ mag sich von uns separieren.“
+
+Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch
+eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab
+auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so
+plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei.
+
+„Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß
+aufgerafft,“ entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton.
+„Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen
+Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte,
+daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere,
+statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte
+zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast
+ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen,
+brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor
+dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte.
+Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich
+konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und
+sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles
+berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und
+meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein
+Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn.“
+
+Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und
+überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es
+herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort
+haben solle.
+
+„Von Falsterhof? Von Theonie?“ Grete erbrach den Brief mit fieberhafter
+Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie
+mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen,
+ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie
+vernichtet in den Sessel zurück.
+
+ * * * * *
+
+Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in
+Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte,
+zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er
+das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem
+in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu
+reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für
+seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen
+erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte
+sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über
+die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme,
+Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit
+zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend
+etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so
+sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit
+direkt oder indirekt für sich zu wirken.
+
+Frau Höppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des
+Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzählte ihm
+sogleich sehr besorgt, daß ihr Mann wieder einmal das Bett hüten müsse.
+Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Während
+sie ihr Gespräch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten,
+schon deshalb, weil Tankred sah, daß die Gelegenheit, über seine Sache
+zu reden, durchaus keine günstige war, meldete die Magd den Doktor, der
+sogleich ins Zimmer trat und berichtete, daß er bereits bei dem nachts
+vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei.
+
+Tankred stellte sich völlig unwissend und bat den Arzt, Näheres
+mitzuteilen.
+
+Es könne eine sehr langwierige Sache werden, äußerte der Doktor Ernst,
+ein etwas kurz und bündig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit
+vielfach angegriffener, aber ungewöhnlich zuverlässiger Mann. Es seien
+leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe
+in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt.
+
+Die Pastorin hörte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid
+für Theonie.
+
+Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am
+Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklärte sie.
+
+Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich
+bei diesen Worten aber noch einmal zurück und sagte: „Es wäre allerdings
+sehr wünschenswert, daß Frau Cromwell zuverlässige Mitteilung in
+schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorläufig nur
+sagen lassen, daß er heute verhindert sei, sie zu besuchen.“
+
+„So, so!“ stieß die Pastorin lebhaft heraus. „Ja, dann muß ich doch
+wohl sehen, ob ich nicht — Aber halt! Würden Sie es nicht vielleicht
+übernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?“
+
+Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als
+einziger Verwandter grade die richtige Persönlichkeit. Der Doktor
+stimmte auch zu und sah, bereits in der Thür gehend, Tankred ermunternd
+an.
+
+„Ja natürlich — gewiß — ich werde alles besorgen!“ gab Tankred, dem
+plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, bereitwillig zurück. „Und
+was meinen Sie, Herr Doktor, wäre es wünschenswert, daß meine Kousine
+etwa zur Pflege hinüberkäme?“
+
+„Nein — ich denke — wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine würde,
+abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt
+werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, daß etwas Erkältung und Fieber
+vorhanden sei. Sie werde täglich Nachricht erhalten.“ —
+
+Wenige Minuten später hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred
+war schon wieder auf dem zum Wirtshaus.
+
+Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt
+schaffen wollte! dachte er, während er dahinschritt. Dann, dann konnte
+alles noch gut werden! In ihrem Schmerz würde Theonie wieder weicher,
+nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt.
+Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil
+nützen!
+
+Im Krug angekommen, ließ er sich Papier und Tinte geben und schrieb:
+
+ ‚Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufällig bei Höppners war und dort
+ den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, daß Dein
+ Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen
+ zu können, daß Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann
+ Dich Dein Bräutigam in den nächsten Tagen nicht. Ich wähle diese Form
+ der Mitteilung, da ich persönlich ja nicht vor Dir erscheinen darf.
+ Ist es denn wirklich wahr, daß jedes Band zwischen uns zerrissen ist?
+ Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche
+ Natur stets nachher tief bereuenden
+
+ T. v. Brecken?‘
+
+So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an
+sich, bestieg sein Pferd und ließ es, als er nach einem Stündchen das
+Verwalterhaus von Falsterhof berührte, von dort aus Theonie hintragen.
+
+Nach einigen Umwegen über den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag
+wieder nach Hause zurück und berichtete seiner ihm abermals mit einem
+eigentümlich stillen und verschlossenen Wesen gegenübertretenden Frau,
+weshalb er unverrichteter Sache zurückkehre.
+
+„Die Zeit muß es klären, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine
+Hoffnung weniger!“ stieß sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und
+bückte sich über ihre Handarbeit.
+
+„Was sagst Du? Du bist so sonderbar!“ forschte Tankred mit einem Anflug
+von Ungeduld. Ihn ärgerte ihr Wesen. „War Mama unten?“
+
+„Nein!“
+
+„Sprachst Du niemanden?“
+
+„Ich verstehe Dich nicht —“
+
+Tankred fühlte, daß seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie
+eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren
+Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie.
+
+„Hederich war hier! Er sagte es mir doch —“ setzte er, seine
+Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an.
+
+Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an.
+
+„Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du
+das.“
+
+„Oft thue ich das? Was soll das heißen? Was hast Du überhaupt? Du bist
+so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflußt? Sprich!“
+
+„Ach Tankred —“ ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe,
+schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das
+Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer
+plötzlichen, unerklärlichen Unruhe vermischter Gefühlsdrang mahnte den
+Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zärtlich und versöhnend auf
+sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu
+zügeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuß und wiederholte
+ungeduldig, drohend und gebieterisch:
+
+„Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich
+aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben
+intriguiert? — Nun? Wirst Du antworten?“
+
+Aber unwillkürlich trat Tankred zurück. Statt sich zu fügen, richtete
+Grete plötzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine
+Gestalt musternd, rief sie:
+
+„Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse
+nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke
+es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal. — A — h —“ stieß die Frau
+langgezogen heraus und fiel in einen Sessel „Wie grenzenlos traurig
+starrt mich das Leben an!“
+
+Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so
+unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte,
+so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn
+gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern
+grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar
+war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst,
+Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur
+Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und
+ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu
+sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch
+die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm
+vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre,
+und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben
+nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens,
+das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.
+
+Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei
+Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie
+eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.
+
+Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe
+zusammenfassenden Weise heraus:
+
+„Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That
+überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!“
+
+Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte
+sie hinzu:
+
+„Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür
+geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint
+mehr, als daß es lacht — es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von
+uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die
+Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und
+wer verschuldet das alles?“
+
+„Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?“
+
+Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er
+war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde
+erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr
+keine Furcht ein.
+
+„Gleichviel — es ist so — und ich muß es tragen,“ — stieß sie mit finsterm
+Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf
+die Hand.
+
+Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos.
+
+„Ja, ja, Du mußt es tragen!“ betonte er roh und höhnisch. „Und das
+Bündnis mit mir bereust Du jetzt natürlich, seitdem die Aussichten auf
+Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kälte.
+Jetzt bin ich Dir nichts mehr! — Natürlich, natürlich, Du kalte,
+berechnende Natur!“
+
+„O Du —!“ stieß die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den
+Mann mit einem Ausdruck maßloser, mit Ekel und Weh vermischter
+Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was
+sie noch in ihrem Herzen für ihn fühlte. Und er wußte auch jetzt durch
+ihren Blick, daß er sie verloren, daß sie ihn erkannt hatte als das, was
+er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die
+Personen, die Mißtrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu
+solcher Flamme, sollten büßen. Zunächst jedoch noch einem anderen
+Gedanken folgend, sagte er und drängte seinen Blick in ihre Augen:
+
+„Übrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als völlig nebensächlich
+zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du
+mich denn je geliebt?“
+
+„Wozu — das —?“
+
+„Gleichviel — sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle
+ja nicht!“
+
+„Ich glaubte Dich zu lieben, ja! —“
+
+„Und nun liebst Du mich nicht mehr?“
+
+„Nein!“
+
+Sie sprach's mit grausamer Kälte.
+
+„Nein?“
+
+Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes
+Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern
+bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich
+dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn,
+Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung
+wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.
+
+„Nein?“ wiederholte er. „Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir
+Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren
+trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun,
+was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?“
+
+„Besser, Du hättest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es
+ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wärme, aber ich
+mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres
+enthüllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in
+dieser Stunde geschehen, lötet doch kein Künstler wieder zusammen, und
+hätte er eines Gottes Hand. Hier!“ fuhr sie fort, knöpfte ihr Mieder auf
+und zog Papiere hervor. „Lies diese mir heute morgen von Theonie
+zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage.
+Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann
+wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun höre und wisse: Als
+ich mich entschloß, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler,
+aber in ihnen zugleich Zeichen kräftiger Männlichkeit, die ich um so
+höher schätzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermißt hatte! Sie
+respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefühl, das ich
+selbst für Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt,
+sondern Ekel vor Dir. Gewiß, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig
+Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt
+meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie
+schlecht. Ich hasse die Lüge, die Unehrlichkeit, die Maske, die
+Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch
+diesen einen Blick in Deinen Charakter plötzlich die Binde von meinen
+Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt
+habe? Hattest Du denn je für mich ein ehrliches Gefühl? Nein, Du hattest
+nur Gefühl und Sinn für mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu
+dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung über
+mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O — welche Meinung! Ich bin
+so beschämt, so bedrückt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern,
+daß der Tod mir eine Erlösung wäre. Nach reiner Luft schreie ich; wie
+verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphäre! Droben meine Mutter in
+Thränen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu — selbst
+Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst
+bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir
+fördernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei
+ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, daß ich so
+weit sank, daß mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und
+Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand
+gesagt hätte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer hätte
+die Nachricht auf mich wirken können, als der Beweis, daß Du ein
+Fälscher bist.“ — —
+
+Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann
+regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zähne zusammenbissen,
+ging unruhig hin und her.
+
+Dann aber raffte er sich auf, warf höhnisch den Kopf zurück und griff
+nach Theonies Schreiben. Es lautete:
+
+ ‚Sehr geehrte Frau von Brecken!
+
+ Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, daß eine
+ Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat.
+ Ich habe sie nicht herbeigeführt, sondern er, und wenn er sich meiner
+ höflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich
+ die Erbangelegenheit zu ordnen, gefügt hätte, wenn er nicht abermals
+ Schuld auf Schuld gehäuft und an den Tag gelegt hätte, daß seine
+ Wandlung nur eine rein äußerliche geblieben, würde ich sicher das
+ Eventualversprechen später in ein definitives verwandelt haben. Er
+ aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses
+ verbieten mußte, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine
+ in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm
+ Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und
+ Verwandter, dem etwas zu gewähren ist, sondern wie einer, der etwas zu
+ fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will.
+
+ Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklärte, daß er
+ durch sein empörendes Verhalten ein für allemal jeden Anspruch
+ verwirkt habe, spielte er eine widerwärtige Komödie und schob, statt
+ seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein
+ heißes Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhärtete
+ völlig meinen Entschluß, das Tuch zwischen uns zu zerreißen.
+
+ Ich füge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein
+ inständiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren.
+ Aber ich will überdies, daß Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich
+ nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat, bedarf es zur richtigen
+ Schätzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen.
+
+ Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluß unabänderlich, so
+ unabänderlich ist, daß ich bereits eine anderweitige unumstoßbare
+ Verfügung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklärung zur
+ Verfügung.
+
+ Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen
+ werden, ich bitte, nicht allzu strenge über mich. Ich vermochte nicht
+ anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter
+ trägt die Schuld an diesem Ergebnis.
+
+ Die Ihrige
+
+ Theonie Cromwell geb. von Brecken.‘ —
+
+Zunächst begab sich Grete nach dem völligen Bruch mit ihrem Manne auf
+ihr Schlafzimmer und suchte die Einsamkeit. Sie warf sich in einen
+Sessel und starrte vor sich hin. Wozu befand sie sich überhaupt auf der
+Welt? Welchen Zweck hatten Leben und Dasein? Waren das Weltall, die
+Erde, alle Geschöpfe, die darauf wohnten, nur durch einen Zufall
+entstanden? Und wenn nicht, wenn ein umfassender Geist das alles
+geschaffen, welche Absicht verfolgte er mit dem Ganzen und mit der
+einzelnen Kreatur? Fragen, auf die es keine Antwort gab, die zu stellen
+auch müßig war, deren Unlösbarkeit aber die Qual und den Lebensüberdruß,
+der Grete erfaßt hatte, erhöhten. Und doch gingen allmählich ihre
+Gedanken wieder zurück auf das, was greifbar war, auf das, mit dem sie
+sich nun einmal abgefunden hatte, und an die Stelle dieser gänzlichen
+Öde ihres Innern trat — wie umgekehrt dem Glücksrausch die Ernüchterung
+zu folgen pflegt — ein Gefühl von Sehnsucht und Hoffnung, eine Weichheit
+der Seele. Aber auch eine gewisse Kraft bemächtigte sich ihrer.
+
+War denn schon alles verloren, hatte sie ein Recht gehabt, so völlig zu
+verzweifeln, selbst ihr Bild im Spiegel mit Abscheu zu betrachten? Nein!
+Und nicht zu untersuchen galt es, wer schuld sei, daß ihr Herz spröder
+als dasjenige anderer war, daß ihr Ich sich vordrängte, sondern die
+Harmonie ihres Innern zurück zu gewinnen, glücklich zu sein, darauf kam
+es an! Und um glücklich zu sein, mußte man andere glücklich machen, das
+hatte sie als notwendig erkannt aus dem Zerwürfnis mit ihrer Mutter,
+deren Leid und Kummer auch sie elend machte. Und ferner: Nichts war
+verderblicher, als vor dem Unglück den Nacken zu beugen.
+
+Ein Vers fiel ihr ein, den sie einst gelesen, der sich ihrem Gedächtnis
+eingeprägt hatte:
+
+ Feiger Gedanken
+ Bängliches Schwanken,
+ Ängstliches Zagen,
+ Weibisches Klagen
+ Wendet kein Elend, macht dich nicht frei.
+ Allen Gewalten
+ Zum Trotz sich erhalten,
+ Nimmer sich beugen,
+ Kräftig sich zeigen.
+ Rufet die Arme der Götter herbei!
+
+Ja, das war das Richtige! Und zweierlei wollte sie: zunächst zu ihrer
+Mutter gehen und versuchen, sie zu versöhnen, und dann, nachdem das
+geschehen, alles aufbieten, um die Ehe mit Tankred zu lösen. Es ging
+doch nicht in der Weise, wie sie es sich vorgestellt, wie sie es
+Hederich gegenüber geäußert hatte. Halbe Verhältnisse waren von allem
+das schlechteste. Sie wollte eine vollständige Scheidung herbeiführen,
+und wenn sie darum kämpfen sollte mit den letzten, äußersten Kräften
+und — Opfern.
+
+Opfern? — Da regte sich doch wieder ein Teufel in ihr. Opfer bedeuteten
+Geld! Von ihrem Besitz hergeben? Bequemlichkeiten entbehren? Die Frau
+atmete tief auf. Ein abermaliger Kampf begann, ein unendlich schwerer.
+Ihre guten Vorsätze stritten heiß mit ihrem Egoismus. —
+
+Einige Stunden später stieg Grete die Treppe zu ihrer Mutter hinauf. Da
+sie den Diener nicht oben fand, ward sie unschlüssig, was sie thun
+sollte. So fremd war sie ihren Eltern schon geworden, daß sie zauderte,
+ohne Anmeldung bei ihnen einzutreten. In diesem Augenblick öffnete Frau
+von Tressen die Thür und rief über den Korridor nach dem Diener.
+
+„Ich suchte ihn auch, Mama —“ erklärte Grete.
+
+„Grete, Du?“ ging's in maßlosem Erstaunen aus dem Munde der Frau.
+
+Statt zu antworten, nickte die Angeredete und ergriff fast stürmisch
+ihrer Mutter Hand.
+
+„Ich möchte Dich sprechen, in wichtiger Angelegenheit sprechen, Mama!“
+begann sie, schritt neben ihr ins Wohnzimmer und ließ sich an dem
+Fenster, an welchem ihre Mutter zu sitzen pflege, mit einem Versöhnung
+erbittenden, weichen Ausdruck nieder.
+
+„Nicht wahr, Ihr geht nicht? Ihr bleibt?“ fuhr sie drängend fort. „Ich
+komme, um Euch darum zu bitten. Sieh, es ist alles aus zwischen mir und
+meinem Mann —“
+
+Frau von Tressen, die mit größter Überraschung zugehört, fuhr bei dem
+legten Satz unwillkürlich in die Höhe.
+
+„Ich will los von ihm!“ fuhr Grete von Brecken kurz und entschieden
+fort. „Ich habe eingesehen, daß wir nicht für einander passen. Wir
+ergänzen uns nicht, es ist auch etwas geschehen, was es mir unmöglich
+macht, ferner neben ihm zu leben. Helft nur, daß ich mich wieder von ihm
+trenne.“
+
+Und nun entwickelte Grete Frau von Tressen ihre Pläne.
+
+Sie wollte bereits am folgenden Tage nach dem Süden abreisen, und ihre
+Eltern sollten sie begleiten. In Elsterhausen hatte sie die Absicht,
+vorher mit dem Rechtsbeistand die Form der Scheidungsklage zu
+besprechen. Er sollte persönlich mit Tankred verhandeln.
+
+In Frau von Tressens Brust erhob sich bei all diesen Mitteilungen ein
+Sturm von Empfindungen. Dieser plötzliche Entschluß in so bestimmter
+Form, diese Wandlung erschien ihr bei Gretes ganzer Veranlagung, bei der
+Stellung, die sie bisher zu Tankred eingenommen, und bei der
+Nüchternheit ihrer Auffassung so außerordentlich, sie verrieten so
+ungewöhnliche Vorgänge, daß Frau von Tressen vor allem in Grete drang,
+sich ihr ganz anzuvertrauen.
+
+„Es war schon lange etwas in mir,“ entgegnete die Frau. „Ich wollte es
+mir aber nicht eingestehen; und weil dem so war, zwang ich mich nicht
+nur äußerlich, für Brecken Partei zu nehmen. Oft war's mir denn wieder
+auch, als sei dies das Rechte. Aber wenn eine Szene zwischen Dir und mir
+stattgefunden, hatte ich, trotzdem es anders erschien, heftige Kämpfe in
+mir zu bestehen, ich lehnte mich halb gegen Dich, halb gegen mich selbst
+auf. Diese Zwistigkeiten zeitigten allmählich den Gedanken in mir, daß
+es so nicht weiter gehen könne. Ich war auch nicht blind für das, was
+sonst um mich her vorging.“
+
+In dieser und ähnlicher Weise erörterte Grete ihrer Mutter die einzelnen
+Vorgänge, die Empfindungen, die sie dabei gehabt, und zuletzt die durch
+Theonies Schreiben an den Tag gebrachte Entdeckung von Tankreds
+Fälschung. Die letzte Mitteilung versetzte Frau von Tressen in eine
+furchtbare Aufregung.
+
+Am Schluß legte Grete, gedrängt von ihrem Gefühl, einen besonders
+zärtlichen Ausdruck in ihre Worte. Sie zeigte der über ihre Wandlung
+bewegten Mutter, daß nicht nur ihr Ich gesprochen, als sie zu dem
+Entschluß gelangt war, sondern daß auch die Liebe zu ihr einen Anteil
+daran gehabt hatte.
+
+Als die Mittagsstunde herannahte, und Grete sich in das Speisezimmer
+begab, um noch einmal Umschau zu halten, trat ihr Peter entgegen und
+meldete seiner Herrin, daß Herr von Brecken bereits vor einer Stunde
+fortgeritten sei und hinterlassen habe, daß er wahrscheinlich nicht zu
+Tisch komme.
+
+Dies veranlaßte Grete, sich zu ihren Eltern hinaufzubegeben, um sie zu
+bitten, gleich heute wieder das Mittagsessen unten einzunehmen.
+
+Als sie beisammen saßen, ward die Reise erörtert, und Grete erklärte,
+daß sie bereits an diesem Abend oben im Hause schlafen wolle.
+
+„Am besten, wir packen schon heute, fahren morgen früh gleich ab und
+begeben uns nach Elsterhausen und dann nach Erledigung unserer
+Rücksprache mit dem Rechtsanwalt nach Hamburg.“
+
+Frau von Tressen, weniger eilfertig, redete auf die junge Frau ein,
+nichts zu überstürzen, vielmehr noch einige Tage abzuwarten. Ein so
+wichtiger Entschluß bedürfe der Überlegung; auch um der Menschen willen
+sei es ratsam, es so einzurichten, daß nichts Auffälliges in ihrer
+Abreise gefunden werden könne.
+
+„Ist dann Eure Trennung nachher eine Thatsache, findet sich die Welt
+rasch damit ab. Weshalb nicht vermeiden, daß sie sich schon vorher mit
+unseren Angelegenheiten befaßt?“
+
+Aber obgleich Grete ihrer Mutter nicht unrecht geben konnte, blieb sie
+doch bei ihrem Willen und fügte sich nur darin, sich nicht heute schon
+in auffallender Weise von Brecken zu trennen, damit dem Dienstpersonal
+der Anlaß zu Gesprächen entzogen werde.
+
+„Ich thu's, obgleich ich eine Stimme in mir höre, die mir abmahnt,“
+sagte sie. „Übrigens bin ich begierig, wie er sich bei seiner Rückkehr
+zu mir stellen, was er erwidern wird, wenn ich ihm erkläre, wir wollten
+uns auf Reisen begeben.“
+
+„Thue auch das nicht,“ riet Frau von Tressen. „Er wird Dich zu hindern
+suchen. Füge Dich heute scheinbar, und dann laß uns morgen ohne
+Rücksicht handeln.“ —
+
+Es war sechs Uhr, als Brecken nach Hause kam. Er hatte stark getrunken.
+Grete hörte schon bei seinem Eintritt ins Haus seine roh polternde
+Stimme und bald nachher ein Schreien und Toben und zuletzt ein Geräusch,
+als sei ein Mensch die Treppe hinuntergestürzt.
+
+Als sie erschrocken, aber auch gereizt über diesen Lärm, die Thür
+öffnete, sah sie ihren Mann mit wutentstellten Gebärden am Treppenabsatz
+stehen. Er hatte Peter die Treppe hinabgeworfen und rief dem
+Unglücklichen noch schwere Drohworte nach: Augenblicklich solle er sich
+packen, das Haus verlassen, oder er werde ihn fortpeitschen lassen.
+
+„Nein, er bleibt!“ erklärte Grete in äußerster Empörung, und nur mit
+Mühe sich bezwingend. „Hier ist keine Spelunke, in der gerauft wird,
+und ich will nicht, daß der Mensch wie ein Hund davongejagt wird.“
+
+Nach diesen Worten beugte sie sich hinab und rief Peter, der
+Hautabschürfungen und Knochenverletzungen davongetragen zu haben schien,
+zu, er möge in sein Zimmer gehen, dort das Nötige für sich thun und
+später zu ihr kommen.
+
+Aber nun wandte sich Tankreds Wut gegen seine Frau.
+
+Er überschüttete sie, ohne Rücksicht auf die Hausbewohner zu nehmen, mit
+lauten, kreischenden Worten und erhob zuletzt die Hand und rief:
+
+„Und nun in Dein Zimmer! Es wird überhaupt Zeit, daß ich hier ein
+anderes Regiment einführe, den Durchstechereien, Sentimentalitäten und
+Auflehnungen ein Ende mache, kurz mit der Weiberwirtschaft oben und
+unten gründlich aufräume. Ihr sollt mich jetzt von einer anderen Seite
+kennen lernen. — Nun, hörst Du nicht? Marsch, vorwärts, oder —“
+
+Und als Grete nicht that, was er wollte, vielmehr furchtlos ihm Trotz
+bot, ergriff er sie und schleuderte sie gegen die Thür. Und nun ertönte
+ein furchtbarer, markerschütternder Aufschrei — und dann folgte etwas,
+das allen Plänen und Reisegedanken für jetzt und immer ein Ende machte.
+
+ * * * * *
+
+Drei Tage später war's. Ein neues lebendes Wesen und — eine Tote.
+
+Indem die Frau ihrem Kinde ein zu frühes Dasein gegeben, hatte sie ihr
+eigenes eingebüßt, und unversöhnt mit dem Manne, dem sie einst in der
+Leidenschaft der Sinne und unter den Einwirkungen ihrer berechnenden
+Natur die Hand gereicht, war sie nach furchtbaren Leiden und Kämpfen
+dahin gegangen, wo es kein Erwachen mehr giebt.
+
+Grauen, Schrecken und Entsetzen durchwehte die Räume, die Dienstboten
+schlichen ängstlich flüsternd einher, und Frau von Tressen, die keinen
+Augenblick von dem Krankenlager ihrer Tochter gewichen war, schien wie
+vernichtet.
+
+Sie schleppte sich treppauf treppab, um entweder oben nach ihrem mit
+gichtischen Schmerzen behafteten Mann zu sehen oder unten sich um das
+kleine Wesen zu kümmern.
+
+Und wenn sie dann mit ihrem Blick das starre Antlitz der Toten streifte
+oder Brecken nicht ausweichen konnte, der ihr begegnete, als ob sie Luft
+sei, aber an das Totenbett der von ihm Gemordeten mit heuchlerischer
+Miene herantrat, dann ergriff sie ein so wahnsinniger Schmerz, und die
+Leidenschaften regten sich in ihr mit solcher Gewalt, daß sie wie
+zerschmettert zusammensank und in Angst, Kummer und Empörung aufschrie.
+
+Und Gedanken kamen und lösten sich ab, und ihre Seele weinte.
+
+Nein! Es war nicht möglich! Ihr Kind konnte nicht tot sein, es durfte
+nicht Wahrheit sein. Die Qual, der Lebensjammer waren zu fürchterlich.
+Jetzt erst fühlte sie, wie grenzenlos sie ihre Grete geliebt hatte, aber
+auch mit welcher Blindheit sie geschlagen gewesen, daß sie einer
+Verbindung ihrer Tochter mit Brecken Vorschub geleistet hatte.
+
+Ohne jegliche Empfindung war dieser Mensch. Sie sah's ihm an, daß er
+nicht erwarten konnte, daß die Leiche aus dem Hause kam, daß das
+‚Gejammer‘ ein Ende nahm, daß er ganz allein Herr wurde im Hause und sie
+verjagen konnte für immer. Und sein Gehirn arbeitete in der Überlegung,
+welchen Nutzen er für sich aus diesem Vorfall ziehen konnte.
+
+Kein Zweifel, er würde Holzwerder für seinen Sohn in Anspruch nehmen,
+auf die Gütergemeinschaft hinweisen und sich mehr noch als früher
+benehmen, als sei er alleiniger Inhaber der Herrschaft.
+
+Seinen Schwiegervater hatte er während dieser Tage nicht einmal besucht,
+mit Frau von Tressen hatte er kein Wort geredet, selbst in der ersten
+Stunde nach Gretes Tod war keine Silbe über seine Lippen gekommen. Nur
+dem Arzt gegenüber hatte er eine widerliche Komödie gespielt, damit er
+die Eindrücke hinaustrage in die Umgegend.
+
+Und die Frau hatte recht in all ihren Annahmen. Nachdem die Beisetzung
+der Leiche in Breckendorf stattgefunden hatte, ging Brecken, sich die
+Hände reibend, im Zimmer auf und ab und dankte dem Schicksal, das es
+doch trotz allerlei Widerwärtigkeiten so gut mit ihm meinte.
+
+Nur eins machte ihm Sorge: wem er das Kind anvertrauen sollte. Die da
+droben würden es wahrscheinlich in Anspruch nehmen, aber er würde sie
+kurz und bündig abweisen. Dieses Kind war sein Kapital, und es aus den
+Händen geben, hieß mit dem Feuer spielen. Gewiß, der Balg war ihm
+unbequem, aber diese Gêne mußte er schon mit in den Kauf nehmen.
+
+Und Breckens gute Stimmung wurde noch erhöht durch etwas sehr
+Erfreuliches, das an sein Ohr gedrungen war. Herr von Streckwitz lag
+fast aussichtslos darnieder; es schien jede Möglichkeit ausgeschlossen,
+daß er am Leben blieb. Theonie war nicht einmal bei dem Begräbnis
+gewesen, sie hatte sich bei Frau von Tressen entschuldigt.
+
+Und dann beschäftigten sich die Gedanken des Mannes auch mit dem
+Nächstkommenden: wann nun die oben Holzwerder verlassen würden, was die
+Frau vorbringen, welche Vorschläge sie wegen des Kindes machen werde.
+
+Der nächste Tag mußte Entscheidendes herbeiführen.
+
+Aber die ganze folgende Woche verging noch, ohne daß die Schwiegereltern
+sich rührten. Frau von Tressen hatte das Kind ohne jede Rücksprache mit
+Tankred zu sich hinaufgenommen, eine Amme, und was sonst erforderlich,
+war besorgt, sie ließ wie früher unten kochen und sich oben bedienen und
+machte keinerlei Miene, in ihren bisherigen Gewohnheiten eine Änderung
+herbeizuführen oder gar Vorbereitungen zu ihrem und ihres Mannes
+Fortgang zu treffen. Das regte Brecken dermaßen auf, daß er schon
+wiederholt einen Brief aufgesetzt hatte, um damit die Alten aus ihrem
+Schlupfwinkel herauszutreiben.
+
+Aber wenn er ihn hinaufschicken wollte, kamen ihm doch wieder Bedenken,
+ob es weise sei, noch mehr Anlaß zu Gesprächen zu geben. Er hatte eine
+Unterredung zwischen zwei Holzaufsehern belauscht, aus der hervorging,
+daß man ihn für den Tod seiner Frau verantwortlich zu machen geneigt
+war, und daß sich Gerüchte verbreitet hatten, die mit der Erbschaftsakte
+von Theonie in Verbindung standen.
+
+Die Worte: „So was mit Papieren soll nicht richtig sein“ waren an sein
+Ohr gedrungen, und besonders letzteres hatte doch einen solchen Eindruck
+in ihm hervorgerufen und war zugleich eine solche Mahnung zur Vorsicht
+für ihn gewesen, daß er im Fluge nach Hause geeilt war, um das
+Falsifikat, das er bis jetzt noch immer in seinem Schreibtisch verborgen
+gehalten hatte, zu verbrennen.
+
+Wo kamen aber diese Gerüchte her? Entweder von Falsterhof oder von
+Hederich.
+
+Dieser Hederich, wie er ihn haßte! Nur Rücksicht auf Grete hatte
+verhindert, daß Tankred nicht längst seine Absicht, ihm den Laufpaß zu
+geben, zur Ausführung gebracht hatte.
+
+Zunächst ließ er ihn nun am Ende der Woche in sein Privatzimmer rufen.
+Seit Gretes Beisetzung hatten sie einander nicht gesehen. Hederich war
+damals sichtlich tief ergriffen, seine Mienen kummervoll gewesen, und
+bei der Grabrede Höppners hatte er geweint wie ein Kind. Das hatte
+Brecken einerseits sehr geschmacklos gefunden, und andrerseits hatte es
+ihn geärgert. Auch die Pastorin Höppner hatte sich angestellt, als sei
+der Weltuntergang gekommen. Durch diese Beweise der Wertschätzung, die
+man Grete entgegentrug, sah er sich selbst herabgesetzt. Diese Trauer
+erschien ihm wie eine gegen ihn gerichtete Demonstration. —
+
+Es war eine Stunde vor Mittag, als Hederich mit bedrückter Miene zu
+seinem Herrn ins Zimmer trat. Er war noch tief bewegt durch die
+Geschehnisse: Gretes Tod, die Trauer und den Schmerz der Familie
+Tressen, Theonies Sorge, sowie auch durch das infolge der Sachlage sich
+kund thuende niedergeschlagene Wesen Carins.
+
+In Hederich war inzwischen alles erloschen, was er bisher noch für
+Brecken übrig gehabt. Auch hatte ihn eine völlige Gleichgültigkeit
+erfaßt, welche Meinung Brecken über ihn, den Untergebenen, habe, ob er
+ihm gar die Thür weisen werde.
+
+Brecken ekelte ihn über die Maßen an; es ging ihm jetzt, wie es Carin
+lange ergangen, wie es sich allen, die mit dem Manne in Berührung kamen,
+am Ende aufdrängte.
+
+Anders als sonst klang deshalb auch der Ton, in dem Hederich sagte:
+
+„Sie wünschten mich zu sprechen?“
+
+„Ja, allerdings, setzen Sie sich und warten Sie!“ warf Tankred, den
+diese kurze Art äußerst reizte, mit verletzender Nichtachtung hin und
+trat, als ob er noch etwas zu besorgen habe, ins Nebenzimmer.
+
+Hederich stiegen die Blutwellen zum Kopf. Nicht mit dem geringsten
+seiner Arbeiter hatte er jemals so gesprochen. Wenn er sich auch keines
+zuvorkommenden Tones bedient hatte, war er doch höflich gewesen. Tankred
+aber behandelte ihn wie einen zur Rede zu stellenden Bedienten. Und da
+plötzlich kam Hederich ein Entschluß, ein fester, unabänderlicher.
+
+Er war es sich selbst schuldig und schuldig dem Andenken Gretes, die er
+geliebt hatte, und die der Rohheit dieses Menschen zum Opfer gefallen
+war, er war es auch der Welt schuldig, diesem rüden Habenichts, diesem
+Ehe- und Erbschleicher einmal zu sagen, was er von ihm dachte, und
+wenn's geschehen war, das Haus zu verlassen für immer.
+
+Unter solchen Gedanken setzte er sich nicht, sondern stand aufrecht da
+mit stolzer Miene, als Brecken zurückkehrte.
+
+„Nun? Setzen Sie sich doch! Haben Sie denn solche Eile? Ich denke, meine
+Angelegenheiten haben den Ihrigen vorzugehen, Herr Verwalter —“
+
+„Ohne Zweifel! Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich heute meinen
+Posten verlassen will, und da habe ich wohl keine Aufträge mehr von
+Ihnen entgegen zu nehmen. Ein Vertrag zwischen mir und Herrn von Tressen
+hat nie existiert, wohl aber ist die Abrede getroffen, daß wir jeden Tag
+gegenseitig das Recht haben, unser Verhältnis zu lösen. Von diesem Recht
+mache ich nun, und zwar in dieser Stunde, Gebrauch!“
+
+„So, das sind ja sehr hübsche Dinge! Und Sie meinen, das ginge alles nur
+so, wie Sie sich das ausdenken: Ich mag nicht mehr, und damit basta! Was
+ist denn der Grund, mein Geschätzter, daß Sie sich die Erlaubnis nehmen,
+in solcher Weise jede Rücksicht außer acht zu lassen und mir zu
+begegnen, als habe ich bisher ein Gnadenbrod aus Ihrer Hand
+entgegengenommen? Ist es die saubere Gesellschaft da oben, oder das
+intrigante Frauenzimmer Carin auf Falsterhof, die Ihren sonst doch so
+wenig hellen Kopf plötzlich erleuchtet hat? Ja, ja! Es ist wirklich
+nicht zu glauben, welchen Einbildungen bezüglich ihrer Vortrefflichkeit
+sich dieser ganze Kreis hingiebt. Jeder hält sich für einen Gott, und,
+bei Licht besehen, ist's nichts weiter, als eine sich pharisäerhaft an
+die Brust schlagende, außerordentlich wenig, fast nichts leistende, aber
+dem Klatsch und dem zu Gerichtsitzen munter fröhnende Gesellschaft. Nun,
+antworten Sie, welche Gründe haben Sie, sich plötzlich in die Brust zu
+werfen, als wären Sie ein Cäsar? Wissen Sie, lieber Herr, was Sie thun
+sollten? Ihren Klatschweibermund im Zaum halten, mit dem Sie schon so
+viel Unheil angerichtet haben. So, und nun erwarte ich Ihre Erklärung!“
+
+Diese in einem maßlos impertinenten Ton gesprochenen Worte, diese
+Ausfälle, welche Hederich in solcher Stärke nicht im entferntesten
+erwartet hatte, die Brecken aber nach dem Grundsatz angewandt hatte, daß
+der Angreifer im Kampfe stets im Vorteil ist, machten den mit seinen
+Fehlern sehr ernst zu Rate gehenden Mann zunächst ganz fassungslos. Auch
+gaben sie seinem ursprünglichen Entschluß eine völlig andere Richtung.
+Er konnte, wie er sah, nur verlieren, wenn er sich noch irgendwie mit
+Brecken einließ. Er sagte deshalb, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend,
+ernst und würdevoll:
+
+„Nach Ihren Auseinandersetzungen ist es, ganz abgesehen von der
+Berechtigung oder Nichtberechtigung meiner Kündigung und deren Ursachen,
+für mich absolut ausgeschlossen, ferner auch nur einen Augenblick in
+Ihren Diensten zu bleiben. Sollten Sie mir aber irgend etwas, drum und
+dran, in den Weg legen, so weiß ich, wo ich Schutz und Recht finden
+kann, und werde davon sehr ausgiebig für mich und andere Gebrauch
+machen. Das wollen Sie festhalten. So, und nun Gott befohlen, Herr von
+Brecken. Mich sehen Sie auf Holzwerder nicht wieder!“
+
+Nachdem Hederich gegangen war, zündete Tankred die ihm bei dem Gespräch
+ausgegangene Zigarre an, indem er ein bereits gebrauchtes Schwefelholz
+in die Kaminflamme hielt. Während er sich mit dem Anbrennen mühte,
+überdachte er das eben Geschehene. Was er dem Manne hingeschleudert, das
+hatte doch gut gesessen! Nun konnte Hederich erzählen, wie er, Brecken,
+über die ganze Idiotengesellschaft dachte.
+
+Aber seltsam! Durch diese Gedanken gelangte der Mann zum erstenmal zu
+einem völlig klaren Nachdenken über sich selbst. Während er da in seinem
+Lehnsessel hockte, murmelte er:
+
+„Ich besitze Gaben, durch die ich Großes schaffen könnte, aber sie
+bleiben wirkungslos, da ich sie nur in den Dienst meines eigenen Ichs
+stelle. Mein Egoismus bringt mir Vorteile, aber auch Nachteile, weil
+sich mit meiner Eigenliebe Eitelkeit, Jähzorn und Mangel an Mäßigung
+verbinden. Was meine Verstellungskunst mir Günstiges schafft, wird durch
+mein Ungestüm meist wieder aufgehoben.“
+
+Und eine ängstliche Stimme erhob sich in seinem Innern, die flüsterte,
+es sei nur Schein, daß Gretes Tod, das Zerwürfnis mit Tressens, der
+Fortgang Hederichs, die Krankheit Streckwitz's ihm förderlich werden
+würden. Freilich schoben seine Hoffnungen solchen Gedanken rasch wieder
+beiseite. Was konnte ihm anderes aus alle dem entstehen, als die
+Erfüllung seiner Wünsche? Und das Gute üben, war langweilig und öde,
+und durch die Entäußerung seines Ichs ward der Mensch nichts weiter, als
+der Sklave seiner Umgebung. Er aber wollte nicht nur herrschen und
+befehlen, sondern auch besitzen. Und das war nicht zu erreichen, wenn er
+sich moralisierend in Sack und Asche hüllte. —
+
+ * * * * *
+
+Am Abend dieses Tages saß Hederich bei Tressens im Wohnzimmer. Er war
+gekommen, um Abschied zu nehmen; am nächsten Vormittag wollte er das Gut
+verlassen, unterwegs auf Falsterhof vorgucken und sich dann nach
+Elsterhausen begeben.
+
+Der Rest der Ruhe, die ihnen noch geblieben war, wurde Tressens durch
+diese Nachricht genommen. Mit Hederichs Fortgang verloren sie den
+letzten Halt, und nun war es auch für sie nicht mehr zweifelhaft, daß
+sie Holzwerder aufgeben müßten. In diesen Trauertagen hatten sie einen
+Entschluß überhaupt nicht fassen können. Bei ihren Überlegungen sprach
+bald alles für ihren Fortzug, und bald wieder alles dagegen. Was sollte
+aus dem Kinde werden, dem lebendigen Andenken an die Tochter? Wenn sie
+blieben, würde die Großmutter in seinem Anblick wenigstens Trost und
+eine Ablenkung von der Trauer finden, und sie behaupteten auch eher ihre
+zweifellos gefährdeten Rechte. Es stand ja alles für sie in Frage. Aber
+dann drängte es sich ihnen wieder auf, daß es doch unmöglich sei, mit
+einem solchen Menschen, einem Fälscher, ferner unter einem Dache zu
+wohnen. Ihnen graute beiden bei seinem Anblick, und es war ihr
+sehnlicher Wunsch, nie wieder mit ihm in Berührung zu gelangen.
+
+Herr von Tressen wollte vor einem entscheidenden Schritt nach
+Elsterhausen fahren, um mit dem Rechtsanwalt zu sprechen, aber bisher
+hatte ihn sein Leiden noch immer daran verhindert. So schuf die Lage
+Unschlüssigkeit und Zweifel, und nicht nur das furchtbare Ereignis, der
+jäh eingetretene Tod Gretes, machte ihre Herzen krank, sondern auch die
+Zukunft lastete mit ihren furchtbaren Sorgen auf ihnen.
+
+„Drum und dran, machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt, gnädige
+Frau!“ erklärte Hederich, nachdem er Bericht über seine Begegnung mit
+Brecken erteilt und dann Tressens Angelegenheiten zur Sprache gebracht
+hatte. „Ich rate, verlassen Sie Holzwerder. Machen Sie gar keinen
+Versuch, den Knaben mit sich zu nehmen; es ist doch vergeblich; aber
+klagen Sie, sobald Ihr Schwiegersohn die Ihnen zugesicherte Rente nicht
+bezahlt. Er wird sie Ihnen sicher vorenthalten, aber dann müssen alle
+Mittel in Bewegung gesetzt, und auch eine Eingabe an die Behörde muß
+gemacht werden, daß ihm als einer vertrauensunwürdigen Person die
+Vormundschaft über das Kind genommen wird. Gern würde ich in Ihrem
+Interesse mit ihm geredet haben, aber jetzt wird er mich gar nicht mehr
+anhören, und — drum und dran — ich halte, abgehen von meiner Abneigung,
+jemals wieder mit dem Schurken zu sprechen, eine Einmischung meinerseits
+auch für gänzlich aussichtslos.“
+
+„Nun, so will ich mich selbst aufraffen,“ entschied Frau von Tressen mit
+blitzendem Auge, und plötzlich wie verwandelt. „Morgen vormittag werden
+wir im klaren darüber sein, was wir zu erwarten haben, aber wir werden
+dann auch wissen, was wir zu thun haben, wenn dieser Erbärmliche seine
+Rolle weiter spielt!“
+
+ * * * * *
+
+Der Sommer war schon eine Weile ins Land gekommen. In dem Pfarrgarten in
+Breckendorf dufteten die Blumen, die Bäume und Gebüsche prangten in
+Kraft und Schönheit, und wohin der Blick sich wandte, sah er
+blütenschwere Zweige, und wohin das Ohr sich neigte, vernahm es
+Zwitschern und Singen fröhlicher Vögel. Ein sanfter Regen, der über
+nacht herabgefallen, hatte den durch längere Dürre hervorgerufenen Staub
+verwischt und das müde Träumen der Natur in frisches Leben verwandelt,
+in dem sich nun die neuen Triebe kräftig hervordrängten. Und freudiges
+Leben erfüllte auch die Herzen der Bewohner des Pfarrhauses; Frau
+Höppner lief in Haus, Hof, Küche und Keller umher und sah nach dem
+Rechten, und neben ihr trippelte Lene oder stürmte jauchzend durch die
+Gartenwege, und hinter ihr her sprang bellend der Hausspitz. Der Pastor
+schien endlich mit aller Krankheit aufgeräumt zu haben; sein Aussehen
+war frisch, und seine guten Augen schauten hell und klar.
+
+Die beiden Gatten ernteten die Früchte ihrer Herzensgüte durch
+Zufriedenheit und Wohlbefinden, und da nun auch das auf ihre Anregung in
+Breckendorf erbaute Armen-Krankenhaus sich seiner Vollendung soweit
+näherte, daß die Einweihung vor der Thür stand, durchströmte sie ein
+Gefühl der Freude und Ungeduld, als sei ihnen ein großes Fest bereitet.
+
+Das Jahr hatte sonst viel trauriges gebracht, Sorge, Krankheit und
+Sterben ringsum. Auch Herrn von Streckwitz hatte keine menschliche
+Sorgfalt retten können; noch einmal war das Glück wie eine helle Sonne
+vor Theonies Thür erschienen, aber nur zu schnell war es wieder
+verschwunden. Der Tod hatte der Frau das Liebste vom Herzen gerissen.
+Nun hockte sie wieder einsam und in Schmerz versunken in ihrem großen
+Hause oder wanderte todesbetrübt durch den Park.
+
+Auch in ihm haltender Sommer seine Reize in verschwenderischer Fülle
+entfaltet. Die Vögel sangen, und aus der Ferne erklangen Laute
+ländlichen Lebens: Wiehern der Pferde, Peitschenknallen und einmal
+fröhliches Singen. Aber die Frau hörte davon nichts, und wenn's ihr Auge
+und ihr Ohr einmal ausnahmen, so mahnte es sie nur um so
+schmerzerregender an das, was sie verloren hatte.
+
+Auch auf Gretes Eltern, die alten Tressens, die inzwischen nach
+Klementinenhof gezogen waren, hatte sich von neuem das Ungemach gesenkt.
+
+Am verflossenen Ersten des Monats war die Zahlung, die Brecken den
+Schwiegereltern zu leisten hatte, ausgeblieben. In einem
+eingeschriebenen Briefe hatte er ihnen erklärt, sich zu ferneren Raten
+nicht mehr verstehen zu können. Falls Tressens es angebracht finden
+sollten, dagegen Einspruch zu erheben, werde er mit Ruhe die
+gerichtliche Entscheidung erwarten.
+
+Frau von Treffen hatte nach jenem Besuche Hederichs mit Brecken
+gesprochen. Kurz und entschieden hatte sie erklärt, was sie wollte, und
+ebenso kurz und entschieden ablehnend hatte er geantwortet, und dabei
+waren sogar furchtbare Worte von seiner Seite gefallen:
+
+Daß alles so gekommen, daran sei sie ganz allein schuld. Die alte
+Geschichte von der Unfrieden stiftenden Schwiegermutter habe sich hier
+wieder einmal bewahrheitet. Wenn sie und ihr Mann gleich nach der
+Wiederkehr des jungen Paares von der Hochzeitsreise Holzwerder verlassen
+hätten, so wäre nie Streit entstanden, und Grete lebte heute noch. Daß
+er die Schuld an ihrem Tode trage, sei lächerlich. Er habe allerdings
+eine Szene mit ihr gehabt, wie sie aber hundertmal zwischen Eheleuten
+vorkomme, und daran sterbe keine Frau. In gleichem Zustande seien
+anderen schon viel schwerere Dinge zugestoßen, ohne daß sie üble Folgen
+davon getragen hätten. Aber jede Krankheit schließe die Möglichkeit
+eines traurigen Ausganges in sich, und so sei es hier gekommen. Sein
+Kind gebe er nicht her. Er behalte es bei sich, denn er sei sein
+natürlicher Vormund.
+
+In dem Vertrage, den er mit Grete getroffen, sei alles nötige
+vorgesehen; dagegen finde sich in dem zwischen ihr und ihren Eltern
+geschlossenen Abkommen kein Passus, in dem auf den jetzt eingetretenen
+Fall Bedacht genommen wäre. Er sei indes als Nutznießer des Besitzes
+nicht abgeneigt, ihnen bis zur Mündigkeit des Knaben eine monatliche
+Rente auszuzahlen, vorausgesetzt, daß Tressens sich den Bedingungen
+unterwürfen, die er stellen müsse.
+
+Zu diesen Bedingungen gehörte in erster Linie, daß sie Holzwerder
+räumten, und ferner, daß sie sich verpflichteten, in die Erziehung des
+Kindes in keiner Weise einzugreifen.
+
+Sobald ihm aber je auf Tressens zurückzuführende Anschuldigungen und
+Verleumdungen, beispielsweise, daß er an Gretes Tod Schuld trage, oder
+der Unsinn, daß er ihnen und Grete seinerzeit ein anderes Dokument als
+das von Theonie ausgefüllte vorgelegt habe, zu Ohren kämen, werde er
+keinerlei Zahlung mehr leisten und überhaupt jede Erinnerung an einst
+mit den Schwiegereltern gepflogene Beziehungen auslöschen. Das sei sein
+unabänderlicher Wille und sein letztes Wort. Und schriftlich verpflichte
+er sich überhaupt zu nichts, sie besäßen keinerlei Rechte, sondern seien
+lediglich auf seine freigebige Hand angewiesen.
+
+Nach diesen kaltherzigen Erklärungen hatte er freilich auch wieder eine
+versöhnliche Stimmung geheuchelt und Frau von Tressen ersucht, einmal
+ohne Voreingenommenheit zu prüfen, ob's nicht besser sei, daß sie sich
+trennten, ob er anders handeln könne bezüglich des eigenen Kindes; er
+zeige doch jetzt, daß er wahrlich kein selbstsüchtiger Mensch sei. Es
+habe sich die Mär gebildet, er sei eine unaufrichtige, harte,
+egoistische Natur. Was er denn gethan habe? Seine Ehe mit Grete sei eine
+glückliche gewesen, bis sie, Frau von Tressen, durch ihr vieles
+Hineinreden die Gedanken und das Herz der Frau verwirrt habe. Unter
+seiner Verwaltung habe sich Holzwerder nach jeder Richtung hin gehoben,
+und wenn er nicht allen Leuten sympathisch sei, so komme das doch nur
+daher, weil er seinen eigenen Weg gehe; zu nahe getreten sei er
+niemandem. Freilich, wie man ihn anrufe, so antworte er. Und Tankred
+hatte mit der Versicherung geschlossen, daß, wenn er auch nichts
+schriftlich geben wolle, wenigstens jetzt nicht, so könne Frau von
+Tressen doch darauf bauen, daß er schon um Gretes willen, die er so sehr
+geliebt habe, sein Wort halten werde. —
+
+Und so war es denn gekommen. Tressens hatten, dem Rat ihres
+Rechtsanwaltes folgend, Holzwerder verlassen, und die Großmutter hatte
+das Kind in Tankreds Händen lassen müssen. Gegen einen solchen Menschen
+gab's eben keine anderen Waffen, als richterliche Entscheidung, und eine
+solche hatte der Justizrat geraten aufzuschieben, bis sich Brecken eines
+Bruchs seiner Zusage schuldig mache. Mit dem Ausbleiben der monatlichen
+Zahlung war nun dieser Augenblick gekommen. Aber wie lange konnte ein
+Prozeß währen, und wovon sollten Tressens, die sehr verwöhnten Menschen,
+in der Zwischenzeit leben? Eine Weile würde es wohl gehen, da sie Kredit
+besaßen, so lange nicht bekannt wurde, daß sie mittellos geworden; aber
+am Ende vermochte selbst der Genügsamste sich auf die Dauer ohne Geld
+nicht einzurichten. Der Gedanke, andere Menschen um Unterstützung
+angehen zu müssen, trieb Tressens eben so sehr das Blut zum Herzen, wie
+Empörung darüber, daß der Schurke nun auch noch diesen Akt von
+Niederträchtigkeit gegen sie ausgeübt hatte.
+
+Mit Tankreds Absagebrief in der Hand war Frau von Tressen zum Justizrat
+nach Elsterhausen gefahren, um seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Er
+hatte sich erboten, vorher noch einmal mündlich mit Brecken Rücksprache
+zu nehmen, ihm einerseits ins Gewissen zu reden und ihm andrerseits
+klar zu machen, daß er einen Prozeß unmöglich gewinnen könne.
+
+Freilich willigten Tressens nur ungern darein. Dem Menschen noch ein
+gutes Wort geben, hieß sich erniedrigen; ihr Stolz und ihr Selbstgefühl
+bäumten sich dagegen auf.
+
+Aber leben! Dieses Wort beugt die stolzesten Seelen, die starrsten
+Nacken. Die Notwendigkeit ist ein Weib mit eisernem Rückgrat. —
+
+Es war mitten im Juli, als Rechtsanwalt Brix sich nach Holzwerder auf
+den Weg machte, und gegen die elfte Stunde vormittags traf er auf dem
+Gutshofe, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen, ein.
+
+Die seitdem eingetretenen Veränderungen fielen ihm sofort auf: von der
+vornehmen Sauberkeit, der peinlichen Ordnung und dem herrschaftlichen
+Anstrich, die Holzwerder in der Tressenschen Zeit ausgezeichnet hatten,
+war nichts mehr zu entdecken. Alles war in den Dienst der Nützlichkeit
+gestellt. Dem Schönheitssinn waren keine Rechte mehr eingeräumt, denn zu
+beiden Seiten der Wirtschaftsgebäude lagen jetzt Misthaufen, zwischen
+dem Pflaster des Auffahrtsweges wucherte das Unkraut, und die früher
+sorgfältig geharkt und mit Kies bestreut gewesenen Wege zeigten die
+Radspuren schwerer Wagen und glichen einer seit Jahren vernachlässigten
+Chaussee.
+
+Die Fenster des Schlosses bis auf die zur Linken im Parterre liegenden
+waren verhängt, und die Farbe, welche die Winter- und Herbststürme von
+den Wänden gewaschen hatten, war nicht erneuert worden. Die
+Instandhaltung des Hofes, des Gartens, des Parks und der
+Wirtschaftsgebäude kostete Geld, und Geldausgeben war dem völlig zum
+Geizhals gewordenen Brecken ein Greuel.
+
+Als Brix in das Schloß eintrat, hantierte Tankred in einem abgenützten
+Hausrock im Flur und hämmerte selbst an einem wackelig gewordenen
+Tischbein; neben ihm stand ein Leimtopf und sonstiges Tischlergerät. Er
+konnte sich nicht mehr entschließen, einen Handwerker auf den Hof kommen
+zu lassen; sobald auch nur die geringste Ausgabe in Frage kam, überlegte
+er, ob er ihr nicht ausweichen könne.
+
+Beim Anblick des Justizrats verfinsterten sich anfänglich seine Züge,
+dann aber nahm er rasch eine zuvorkommende Miene an und nötigte den
+unerwarteten Gast in sein Arbeitsgemach.
+
+Hier zeigte sich noch die ursprüngliche Eleganz; der Fußteppich wies
+zwar starke Spuren des Gebrauches auf, aber Ordnung und Kunstsinn traten
+überall dem Auge entgegen.
+
+Denn bei dem, was einmal solid und reich ausgestattet, wo nur der Staub
+zu entfernen war, da trachtete der Mann ängstlich, es zu erhalten. Der
+Geiz äußert sich eben auf verschiedene Weisen; oft sieht er hundert
+Dinge, oft ist er blind.
+
+„Ich komme,“ hub Brix an, „um über das unseren gemeinsamen Freunden von
+Ihnen zugesandte Schreiben zu sprechen. Ich weiß nicht, Herr von
+Brecken, worauf sich Ihre Sinnesänderung stützt, aber ich weiß, daß Ihre
+Schwiegereltern durch Sie bereits in die allerpeinlichste Lage versetzt
+worden sind. Noch einige Wochen weiter, und sie müssen darben, wenn sie
+nicht ihre Schmuck- und Silbersachen verkaufen sollen. Ich richte einen
+Appell an Ihre Einsicht und bitte Sie, den alten Status freiwillig
+wieder eintreten zu lassen.“
+
+Brix hielt inne und erwartete auf diese kurzen, die Sachlage darlegenden
+Worte eine Erwiderung.
+
+Statt deren erhob sich Brecken, zog aus seinem Sekretär einige
+Aktenstücke hervor und breitete sie auf dem Tisch aus.
+
+„Hier ist das Abkommen, das meine verstorbene Frau mit ihren Eltern
+geschlossen hat, und hier das Gutachten eines Hamburger Advokaten, dem
+ich die Sache vorgelegt habe. Dem letzteren zufolge besitzen Tressens
+keine, auch nicht die geringsten Rechte auf eine Rente. Wollen Sie
+gefälligst durchlesen, was Ihr Kollege hier niedergeschrieben hat?“
+
+Nach diesen Worten sah Brecken den Justizrat mit kaltem Blick und mit
+einem Ausdruck an, als stehe hier eben nur eine rein geschäftlich zu
+behandelnde Angelegenheit in Frage.
+
+„Meine Ansicht über die Berechtigung Ihrer Schwiegereltern, die Rente
+von Ihnen zu fordern, kann selbst eine Entscheidung des höchsten
+Gerichtshofes nicht ändern, Herr von Brecken,“ entgegnete mit kühler
+Abwehr der Justizrat. „Es ist daher wertlos, daß ich die Auffassung
+meines Kollegen in dieser Sache studiere. Ich komme ja auch nicht
+deshalb, sondern um an Ihr menschliches und verwandtschaftliches Gefühl
+zu appellieren. Ich möchte einen Vergleich anstreben, durch den das
+wahrlich für die Außenwelt nicht erhebende Schauspiel eines Prozesses
+zwischen Ihnen und den Eltern Ihrer verdorbenen Frau Gemahlin vermieden
+wird. Wie nun, wenn Sie Ihre Sache vor den Gerichten verlieren? Sie
+haben dann eine Unsumme von Kosten noch drauf zu zahlen! Und es wird
+doch sicher einen höchst peinlichen Eindruck hervorrufen, wenn man
+erfährt, daß Sie Ihren Schwiegereltern die notwendigsten Subsidien
+verweigert, ja, sie gezwungen haben, die Mildthätigkeit Fremder in
+Anspruch zu nehmen.“
+
+Brecken hatte mit unbeweglichem Gesicht zugehört. Nachdem der Justizrat
+aber geendet, stieß er, alle dessen Worte umgehend, heraus:
+
+„Es ist ja nicht zu erschwingen, monatlich eine solche Summe zu zahlen!
+Warum können die Leute sich nicht einschränken? Mit der Hälfte werden
+sie auch leben können!“
+
+Ah! Das war's also! Dem Justizrat wurde alles klar. Der Schurke hatte
+die Sache lediglich aus Geiz eingefädelt. Er wollte durch dieses
+Vorgehen die Hälfte sparen, und wenn man darauf nicht einging, dann — nun
+dann mochte es auf einen Prozeß ankommen!
+
+Aber daß er damit kein Glück haben werde, sah Brecken freilich sehr bald
+ein.
+
+„Wenn Sie annehmen, Herr von Brecken,“ erwiderte der Justizrat, „daß
+Herr und Frau von Tressen sich in diesem Sinne vergleichen würden, so
+muß ich Ihnen sofort erklären, daß davon nicht die Rede sein kann. Sie
+denken nicht daran, etwas von ihren Rechten aufzugeben, würden vielmehr,
+wenn Sie auf dem — entschuldigen Sie — unmenschlichen Standpunkt beharren,
+in der Klage beantragen, daß ihnen die Vormundschaft über Ihren Sohn
+übertragen und die Nutznießung des Vermögens zugesprochen wird. Und
+wenn wir das erstreiten sollten, wie würden dann die Sachen für Sie
+stehen?“
+
+Brecken lachte höhnisch.
+
+„Was Sie da sagen, glauben Sie ja selbst nicht, Herr Justizrat. Mit
+Gespenstern schreckt man Kinder und Feiglinge, aber keine Männer. Ich
+lebte mit meiner Frau in Gütergemeinschaft, folglich gehört mir nach
+ihrem Ableben Holzwerder. In dem zwischen uns geschlossenen Abkommen,
+das Ihnen ja sehr wohl bekannt ist, wurde für den Fall einer
+Nachkommenschaft bestimmt, daß jeder von uns bis zur Mündigkeit unserer
+Kinder die Nutznießung des Vermögens behalten, später aber Ansprüche auf
+eine Rente haben sollte. Meine Frau, die in eigentümlichen Anschauungen
+steckte, wollte das so, und ich gab ihr nach, obgleich wir uns dadurch
+selbst die Verfügung über das Vermögen entzogen. Für die mir
+eingeräumten Rechte stipulierte sie auch besondere Rechte für ihre
+Kinder. Gleichviel, es wurde so abgemacht. Wer mir aber bei diesem
+Sachverhalt mein Recht auf Besitz, Verwaltung und Vormundschaft
+absprechen will, der muß den klaren Verstand verloren haben.“
+
+„So würde es allerdings auf den ersten Blick scheinen,“ warf Brix ein.
+„Aber die Ansprüche Ihrer Schwiegereltern können nicht alteriert werden,
+denn sie wurden ihnen eingeräumt, damit sie zu leben vermöchten. Und
+ferner: Ihre Frau Gemahlin gewährte Ihnen die erwähnten Vorteile aus
+zweierlei Ursachen; erstens, weil Sie das Erbe von Falsterhof mit in die
+Ehe zu bringen versprachen, und zweitens —“
+
+„Nun?“
+
+„Weil aus dem von Ihnen vorgelegten Dokument ersichtlich war, daß diese
+Ihre Behauptung eine begründete sei!“
+
+„Also — was wollen Sie denn weiter?“
+
+„Was ich will? Sie besaßen ja gar keine Anwartschaft auf das Gut Ihrer
+Frau Kousine in der von Ihnen vorgelegten Form, und dafür würden wir
+Frau Cromwell, Frege und Ihre Schwiegereltern zu Zeugen aufrufen.“
+
+Bei Freges Namen, in dem er eine Anspielung auf die Fälschung erblickte,
+zuckte Brecken unwillkürlich zusammen, und die Farbe wich aus seinem
+Angesicht. Aber nur für Sekunden ward er eingeschüchtert.
+
+„Ich verstehe Sie nicht,“ warf er dann hin. „Wenn das eine Anspielung
+auf ebenso gehässige wie unerhörte Anschuldigungen sein soll, so erwarte
+ich Beweise. Behauptungen sind vor Gericht leerer Wind.“
+
+„Aber nicht der Eid, Herr von Brecken! Indes lassen wir das. Ich frage
+Sie noch einmal, ob Sie an Ihrer Zusage — Sie gaben doch eine Zusage
+betreffs der monatlichen Zahlungen an Ihre Schwiegereltern — festhalten
+wollen oder auf deren Zurückziehung bestehen?“
+
+„Ja, ich bestehe darauf. Höchstens würde ich mich bereit erklären,
+Tressens statt des Ganzen ein Drittel zu zahlen, und das würde ich ihnen
+dann schriftlich geben. Aber nicht, weil ich dazu genötigt bin, sondern
+aus Rücksicht auf ihre Lage, die ja allerdings schwierig werden mag.“
+
+Noch einmal sprach Brix eindringlich auf Brecken ein. Als aber alles
+nichts half, als sich unzweifelhaft herausstellte, daß der Eigennutz
+allein in der Seele dieses Menschen Raum hatte, ward er so sehr von Ekel
+erfüllt, daß er sich mit kurzer Verbeugung empfahl und auf den Hof
+schritt, um dort seinen Wagen wieder zu besteigen.
+
+Als der Justizrat auf dem Heimwege nach Elsterhausen in die Nähe von
+Falsterhof gelangte, kam ihm der Gedanke, gleich dort vorzusprechen, um
+in Tressens Interesse mit Theonie zu sprechen. Er ward in diesem
+Vorhaben bestärkt, als er gerade Hederich herantraben und in die auf den
+Gutshof führende Allee einlenken sah. Nach erfolgter Begrüßung schloß er
+sich ihm an, und zehn Minuten später saßen beide bereits in Theonies
+Wohnzimmer, und Brix berichtete, was er auf Holzwerder erlebt hatte.
+Während er dann auf die traurigen Verhältnisse der alten Tressens zu
+sprechen kam, erschien Carin, und Hederich nahm die Gelegenheit wahr,
+mit ihr in den Garten hinauszutreten.
+
+Er erzählte, daß er schon am Vormittag bei Tressens gewesen sei und den
+Eindruck bekommen habe, daß ihre gemeinsamen Freunde sich geradezu in
+Not befänden.
+
+„Sehen Sie, Fräulein Carin, ich komme eigentlich — drum und dran — mit
+einer Bitte,“ erklärte Hederich und erhob das glattrasierte Gesicht mit
+den treuherzigen Augen zu seiner mit ernster Miene neben ihm
+herschreitenden Begleiterin. Doch stockte er, als sie bei seinen Worten
+nicht gleich zu ihm aufblickte.
+
+„Ja, bitte, Herr Hederich!“ ermunterte Carin ihn nun weich und
+freundlich.
+
+„Ich meine nämlich so, Fräulein Carin: Ich bringe es nicht über die
+Lippen, Frau von Tressen zu bitten, daß sie ein Darlehn von mir
+annimmt, nein — drum und dran — ich kann es nicht. Und Schreiben ist auch
+nicht das Richtige. Wenn Sie vielleicht die Freundlichkeit haben
+wollten — ich meine — ich meine — mit Frau von Tressen zu sprechen, daß
+ich — ich — Sie verstehen, Fräulein Carin.“
+
+„Ja, ich verstehe, lieber Herr Hederich!“ entgegnete das junge Mädchen,
+bewegt durch diese mit so großer Zartheit gepaarte Herzensgüte, und
+schaute Hederich voll ins Antlitz. „Ich will auch gern Ihren Wunsch
+erfüllen, gleich morgen, wenn Sie wollen. Aber wäre es nicht richtiger,
+wenn Sie den Justizrat damit betrauten? Ich gestehe, die rechte Form,
+das vorzubringen, ist schwer zu finden, und gerade ich in meiner
+Stellung habe weniger das Recht, in einer so delikaten Sache das Wort zu
+nehmen, als ein anderer, der den Herrschaften mehr gleichsteht oder
+bereits von ihnen ins Vertrauen gezogen ist.“
+
+„Na ja, das ist wohl richtig — obgleich — obgleich, Fräulein Carin —“
+erwiderte Hederich und fuhr, einem neuen Gedanken folgend, fort:
+„Glauben Sie, daß auch Frau Theonie etwas thun würde, wenn's nötig
+wäre?“
+
+„Ich weiß es nicht. Sie spricht über gewisse Dinge nie mit mir. Über
+ihren Vetter hat sie sich selbst nach der letzten Auseinandersetzung
+nicht anders als mit den Worten geäußert, sie habe jede Verbindung mit
+ihm abgebrochen. Daß sie sich für Tressens interessiert, ist indes
+zweifellos.“
+
+„Sagen Sie, Fräulein Carin, es ist — drum und dran — hier jetzt wohl recht
+öde und einsam für Sie?“ fuhr Hederich, abermals das Gesprächsthema
+willkürlich ändernd, fort. „Oft wundere ich mich, wie Sie es aushalten.“
+
+„Ja, es ist auch schwer, Herr Hederich. Seit dem Tode des Herrn von
+Streckwitz ist Frau Cromwell so melancholisch, daß sie oft Tage lang
+nicht spricht, und wir sehen fast niemanden mehr bei uns.“
+
+„Da sehnen Sie sich denn wohl fort von hier, Fräulein Carin?“
+
+Das Mädchen antwortete nicht gleich, dann aber sagte sie mit tiefem
+Ernst:
+
+„Mich hält das Pflichtgefühl und — die Notwendigkeit. Wo sollte ich wohl
+hin, Herr Hederich?“
+
+Hierauf fand Hederich keine Worte. Sie waren eben auf die Anhöhe im Park
+gelangt, und vor ihnen lag die mit Wiesen, Äckern, Waldungen, kleinen
+glitzernden Flüssen und Ortschaften bedeckte, weite Ebene. Während sie
+gedankenvoll ins herrliche Land schauten, sagte er:
+
+„Da unten links, wo gerade der Rauch aufsteigt, ist ein kleines Gut zu
+kaufen. Elmenried heißt es, Fräulein Carin. Ich hätte es mir schon
+zugelegt, wenn — drum und dran —“
+
+„Nun?“ machte Carin verwundert.
+
+„Ach, Fräulein Carin, es geht mir wie Ihnen, ich bin auch einsam, ganz
+einsam, und möchte — drum und dran — einen festen Halt haben. Das ist es!
+Das hält mich ab!“
+
+„Sie müßten sich eine Frau nehmen, Herr Hederich!“
+
+„Wer will mich? Und wenn ein Mädchen mich wirklich wollte, so möchte
+ich sie wohl nicht. Eine, ja eine — die — die —“
+
+Er senkte das Haupt und stöhnte.
+
+Durch das Innere der Verlassenen zog plötzlich ein nie gekanntes Gefühl;
+diesem braven Manne anzugehören, ein eigenes Haus und Heim zu besitzen,
+nicht mehr abhängig zu sein, ein Ziel, ein rechtes Dasein zu haben!
+Welch eine wunderbare Aussicht — welch ein Glück!
+
+Und ergriffen von diesem Gedanken, auch ihm innerlich zugewendet mit
+einem warmen, zärtlichen Gefühl, erhob sie das Auge und sagte leise:
+
+„Eine, Hederich? — Also doch eine? Darf man ihren Namen wissen?“
+
+Nun wendete auch er das Antlitz zu ihr, und als ihr liebes, gutes Auge
+so freundlich auf ihm ruhte, brach endlich die Scheu, und er stieß
+heraus:
+
+„Ja — ich will ihn nennen — drum und dran — denn einmal muß es doch
+heraus, und wenn es dann auch nichts damit ist. Ich kann es nicht länger
+bei mir behalten, weil es mir das Herz abdrückt. Sie sind es, Fräulein
+Carin! Bitte, bitte, nehmen Sie es blos nicht übel — bitte, Fräulein
+Carin —“
+
+„Übel nehmen? Kann sich ein Mädchen nicht nur geehrt fühlen, wenn ein
+rechtschaffener Mann ihr seine Hand reichen will, und besonders, wenn
+auch sie ihm — gut ist — wenn auch sie ihn lieb —“
+
+„Ach — ah — Fräulein Carin!“ ging's stürmisch aus des Mannes Brust. „Ist's
+wahr? Ist's möglich? Sie könnten? — Sie wollten wirklich —?“
+
+Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren
+Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar
+wie ein Kind.
+
+Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:
+
+„Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen
+ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie
+versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!“
+
+Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber
+selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des
+Mannes Antlitz zogen.
+
+„Fräulein Carin — Fräulein Carin!“ rief er selig, nahm sie in seine Arme
+und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber
+ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich
+und küßte ihn sanft auf den Mund. —
+
+ * * * * *
+
+In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix
+keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die
+Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich
+einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich
+sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits
+schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit
+einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während
+dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben,
+weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten
+konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken.
+Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen
+haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche
+Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon
+jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.
+
+Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn
+der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt
+besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er — immer mit derselben
+brennenden Gier — seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke
+hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im
+Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen
+Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden
+Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben
+noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne.
+
+Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen
+werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er
+in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern.
+Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte,
+ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es
+gab keine in dem gewöhnlichen Sinne. — Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann
+— dann — den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen
+vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines
+Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden
+Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut
+ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder
+bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen
+Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in
+der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend
+verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie.
+
+Tief sog Tankred von Brecken die Luft ein, aber als er eben den Hof
+betreten hatte, wandte er doch noch einmal die Schritte ins Haus zurück,
+betrat das Gemach, in dem sein Kind schlief, lüftete den Vorhang von der
+Wiege und versicherte sich, daß der Knabe atmete — daß er lebte. — — Lange
+stand er vor seinem Kinde und schaute in dessen Züge. Es sah Grete
+ähnlich; es hatte denselben scharf geschnittenen, kalten Mund; es werde
+auch ihren Charakter haben und das Geld lieben, dachte er. Aber auch ihm
+werde es gleichen. — — War's ein Glück für das Kind, zu leben? Nein!
+Tankred verachtete das unvollkommene Dasein. Und da er das Leben auf
+eine Zufallslaune der Natur schob, da er eines Menschen Existenz nicht
+höher achtete, als das einer Fliege, — und ob sie da war in der Schöpfung
+oder nicht, welchen Wert hatte das? — wünschte er auch diesem jungen
+Wesen den Tod.
+
+Ein Glück für den Knaben, wenn die Erde ihn wieder zurückzog in ihren
+Schoß! Ja, die Erde — — aber kein gewaltsames Abschneiden des
+Lebensfadens! —
+
+Wie wohl einem solchen Wiegenkinde am leichtesten der Garaus zu machen
+wäre? Brecken überlegte. — Am unauffälligsten geschah's jedenfalls durch
+Ersticken; — Spuren einer gewaltthätigen Hand waren dann nicht sichtbar.
+
+Man mußte es am Morgen finden, die in der Nacht verschobenen Decken über
+sich. Ein Erstickungsanfall, befördert durch Husten! Ja, ja, dergleichen
+kam vor! — Oder eine starke Dosis Opium — aber das war schon
+gefährlicher. — Der Mann schrak entsetzt zusammen. Nun war er schon
+wieder bei so furchtbaren Gedanken, während er doch zurückgeeilt war, um
+sich zu vergewissern, daß das Kind lebte. — —
+
+Ein heißes Gefühl kam über ihn! Es war, als sei die einzige Ader, in der
+Gefühl für dieses junge Leben vorhanden war, in ihm aufgesprungen. Und
+unter dem starken Drange seines rasch pulsierenden Herzens beugte sich
+Tankred von Brecken herab und küßte zum erstenmal seinen Knaben auf die
+Stirn. Aber der den Säuglingen dumpfe Geruch stieß ihn ab, und die durch
+dieses Unbehagen hervorgerufene Reizung der Geruchsnerven, oder weil das
+Gefühl überhaupt nur die kurze Kraft eines raschen Blitzes gehabt hatte,
+erlosch die zärtliche Empfindung des Mannes im Nu wieder.
+
+Mit dem alten, gleichgültigen Blick sah Brecken den Knaben an und
+verließ unter dem Gedanken, daß er es dem Schicksal anheim geben müsse,
+ob es seine Pläne fördern wolle, das Gemach.
+
+Nachdem er kurze Umschau auf dem Hofe gehalten, trat er in den
+Pferdestall, wo in einem gesonderten Raum ein bereits seit längerer Zeit
+erkranktes Wagenpferd vom Tierarzt behandelt wurde, und das Befinden der
+grauen Stute Liese beschäftigte Tankred in der nächsten Stunde mehr als
+irgend eines sonstigen lebendigen Wesens Sein oder Nichtsein. — —
+
+Bald nach dem Mittagsschlaf meldete ihm die Haushälterin, — die männliche
+Dienerschaft hatte Brecken entlassen und außer dieser Frau nur noch die
+Kindeswärterin und ein Mädchen behalten, — daß Herr Pastor Höppner auf
+dem Flur warte und den Herrn zu sprechen wünsche.
+
+„Pastor Höppner?“ wiederholte Brecken, wenig angeheimelt, schritt aber
+hinaus und nötigte den unerwarteten Besuch in sein Arbeitszimmer.
+
+„Welche besonderen Umstände verschaffen mir das Vergnügen, Sie einmal
+wieder auf Holzwerder zu sehen, sehr geehrter Herr Pastor?“ begann er
+mit schmeichlerischer Freundlichkeit, rückte einen Stuhl heran und griff
+nach einer Kiste Zigarren, von denen er dem vielfach dienernden und
+seinen Dank ausdrückenden Pastor anbot.
+
+Da Höppner schon glücklich war, wenn er überhaupt nur rauchen konnte,
+von der Güte einer Zigarre aber nichts verstand, so hatte ihm Brecken
+aus der sogenannten ‚Leutekiste‘ angeboten; sich selbst aber hatte er
+eine andere und bessere angezündet, nachdem er den Gast vorher mit Feuer
+bedient.
+
+Höppner begann mit der Erklärung, daß er in der Nähe zu thun gehabt und
+die Gelegenheit ergriffen habe, Herrn von Brecken einmal Guten Tag zu
+sagen. Er fügte hinzu, daß auch seine Frau ihn ermuntert habe, in
+Holzwerder vorzugucken, und Brecken war nach dieser beiläufig
+eingestreuten Bemerkung sicher überzeugt, daß die Frau den Mann
+abgesandt habe, um ihm wegen Tressens ins Gewissen zu reden. Höppner
+ging aber doch nicht gleich aufs Ziel los, sondern leitete das Gespräch
+durch die Frage ein, ob Herr von Brecken bereits das Neueste vom Neuen
+gehört habe.
+
+Nein, er sei durch sein zurückgezogenes Leben mit dem, was sich draußen
+ereigne, wenig bekannt, erwiderte Brecken, gab aber seinem unverhohlenen
+Erstaunen Ausdruck, als nun Höppner ihm die Verlobung Hederichs mit
+Carin mitteilte.
+
+Dann freilich erging er sich in spöttischen Bemerkungen und äußerte,
+ohne auf Höppners Zartgefühl irgend welche Rücksicht zu nehmen, diese
+Verlobung komme ihm vor, als verbände sich ein Kameel mit einer
+Bachstelze.
+
+„O, o — o —“ machte Höppner abwehrend und strich mit dem Mittelfinger
+durch den ihm unter dem Kinn sitzenden Bart, fand aber dann den Übergang
+zu der Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte. Er sagte:
+
+„Da wir nun einmal zusammensitzen und plaudern, Herr von Brecken, möchte
+ich Sie bitten, mich einmal einen Augenblick wegen Ihrer verehrten
+Schwiegereltern anzuhören. Wie ich zu meinem großen Leidwesen gehört
+habe, sind schwere Differenzen zwischen Ihnen ausgebrochen. Die Schrift
+mahnt uns Menschen —“
+
+Aber weder von dem, was in der Schrift stand, noch von anderem begehrte
+Tankred von Brecken zu hören; er unterbrach Pastor Höppner jäh und
+sagte, seine starkknochige Hand auf dessen Rechte legend:
+
+„Es hilft da kein Intervenieren, verehrter Herr Pastor. Schon war
+Justizrat Brix bei mir, um einen Vergleich anzubahnen, aber da meine
+Schwiegereltern einen solchen dahin auffassen, daß sie nach wie vor auf
+der ganzen Rente bestehen, so ist eben nichts zu machen. Natürlich
+werden da wieder die ungeheuerlichsten Gerüchte ausgesprengt; aber das
+Zutreffende ist allein, daß ich einfach nicht so viel zahlen kann, weil
+die übrigen Lasten, die auf dem Gute liegen, zu groß sind.“
+
+„So, so? In der That? — Das wäre ja etwas ganz anderes, als was uns
+berichtet ist. Frau von Tressen hat meiner Frau —“
+
+„Ja, das ist eben das Unglück, verehrter Herr Pastor, daß meine
+Schwiegermutter eine so ausgiebige Phantasie besitzt. Wie es ihr paßt,
+so stellt sie es dar. Sie weiß sehr wohl, um was es sich handelt,
+aber —“
+
+„Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht,“ schob Höppner, arglos den
+Worten des Mannes nachgehend, ein. „Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen
+erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre
+Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen —“
+
+„Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von
+einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem,
+was ich bieten könnte, würden sie ja doch“ — Brecken betonte seine wie
+beiläufig hingeworfenen Worte — „nicht zufrieden sein.“
+
+„Man könnte doch hören!“ fiel Höppner eifrig ein. „Offen gesagt, Herr
+von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten,
+sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen. — Also, wie viel könnten Sie
+zahlen?“
+
+Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr
+zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er
+anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte
+er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er
+überwand sein Zaudern rasch und sagte:
+
+„Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und
+das wäre schon das Äußerste.“
+
+„Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von
+Brecken!“ stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter
+Enttäuschung den Kopf.
+
+Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts-
+und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei
+Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf
+ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten:
+
+„Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die
+Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!“
+
+„Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen
+zu befassen,“ entgegnete Brecken, brutal sprechend. „Nein, er mag seine
+Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber
+so! —“
+
+„Herr von Brecken! Herr von Brecken!“ stieß Höppner, zum erstenmal die
+Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den
+Kopf. „Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege
+gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme.
+Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich
+selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter
+unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen;
+der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie
+stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der
+Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen
+seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung!
+Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts
+für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in
+Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und
+Seelenunruhe.“
+
+„Ja, ja, ganz gut, bester Herr Pastor; ich erkenne Ihren guten Willen
+an, aber Sie vergessen, — ich sehe von Ihren religiösen Mahnungen
+ab, — daß in Geldsachen nicht der Wille spricht, sondern das Können. Und
+dann, welche Stellung nehmen meine Schwiegereltern gegen mich ein!
+Verunglimpfen, verdächtigen Sie mich nicht bei jeder Gelegenheit? Sie
+streuen die infamsten Gerüchte über mich aus, reden von Fälschungen, und
+was weiß ich; und ich soll das wie ein Lamm über mich ergehen lassen?
+Zuletzt schwillt doch jedem der Kamm!“
+
+Die legten Sätze hatte Brecken gesprochen einerseits, um zu sondieren,
+ob seine Schwiegereltern bereits entschlossen seien, gerichtlich gegen
+ihn vorzugehen, andererseits, um einen Vorwand für seine Handlungsweise
+heranzuziehen.
+
+Aus Höppners Antwort und Verteidigung Tressens sah er, daß sein
+Mißtrauen ungerechtfertigt gewesen; auch entging ihm nicht, wie erstaunt
+der Pastor über die Motivierung seines Vorgehens war. Aber seinen Sinn
+änderte das natürlich nicht, und er hielt auch den ‚langweiligen
+Salbaderer‘ nicht zurück, als er endlich aufbrach und sich, äußerst
+bedrückt über das Mißlingen seines Versuches, empfahl.
+
+Nachdem er aber gegangen, erinnerte sich Brecken, daß ja nun Carin
+demnächst Falsterhof verlassen werde, daß dort dann zwei Augen weniger
+seien, und daß nun doch vielleicht — Ja! was denn? Brecken griff in die
+Zigarrenkiste und entzündete sich eine neue Havanna, um den ihn wie eine
+Krankheit verfolgenden Gedanken zu bannen. Abermals hatte er sich bei
+der entsetzlichen Überlegung ertappt, wie er dem Schicksal bei einer
+Verkürzung der Lebensdauer Theonies zu Hülfe kommen könne — —
+
+ * * * * *
+
+Eine geraume Zeit war verflossen, und mit ihr wiederum der Winter ins
+Land gezogen.
+
+Das von Höppner begründete Armenhaus hatte seine Pforten geöffnet, in
+seinen Räumen befanden sich Kranke und Bedürftige, und wöchentlich
+wenigstens einmal begab sich Frau Höppner, meist mit Lene an der Hand,
+in das Asyl, um nach dem Rechten zu sehen.
+
+Das Kind kannte alle Insassen und nahm wie ihre Mutter Stellung zu
+ihnen; sein Herz regte sich in Mitgefühl, wenn sie leidende Menschen
+sah, und ohne es zu wissen, nahm es die Grundsätze in sich auf, die ihre
+Pflegemutter den Nebenmenschen gegenüber leiteten.
+
+Hederich hatte seine Carin geheiratet und wohnte auf dem von ihm
+vorläufig nur gepachteten kleinen Gütchen Elmenried. Die beiden Leute
+genossen das Behagen des Lebens; die junge Frau, endlich befreit von
+einem Zwange, der ihrer Natur so sehr widerstand, dem sie sich aber
+bereits seit jungen Jahren hatte unterwerfen müssen, atmete beseligt
+auf, und die täglichen Beweise von Liebe und Herzensgüte, die sie von
+ihrem Manne empfing, gab sie aus innerem Drange zurück, denn sie liebte
+ihn mit jener warmen Liebe, die dem Gemüt entspringt und auf Achtung
+beruht.
+
+Die vierundzwanzig Stunden des Tages, die durch Thätigkeit ausgefüllt
+waren und durch frohen Lebensdrang einen erhöhten Wert empfingen, flogen
+für Carin dahin; Haus, Hof, Küche und Keller waren ihrer Aufmerksamkeit
+gewidmet, aber sie gab auch, in allen ihren Vorbildern Frau Höppner und
+Theonie folgend, ihrem Leben noch einen volleren Inhalt, indem sie sich
+ihrer Mitmenschen sorgend annahm und ihren Geist durch Lektüre und Musik
+weiter zu bilden suchte. Zwischen den beiden Familien Höppner und
+Hederich fand ein sehr lebhafter und inniger Verkehr statt; der Pastor
+und Carins Mann fanden sich als Gemütsmenschen zusammen, und die beiden
+Frauen begegneten sich durch die Gemeinsamkeit ihrer Lebensanschauung.
+Sie waren dem Guten ehrliche Freunde und dem Schlechten energische
+Gegner.
+
+Aber während sich bei ihnen durch günstige materielle Verhältnisse,
+durch weise Beschränkung im Lebensgenuß und durch Sparsamkeit das Glück
+eine feste Stätte bereitete, sah es bei Tressens allmählich immer
+trauriger aus.
+
+Die Hülfe Hederichs, die ihnen durch Brix und später auch durch Carin
+angeboten worden war, hatten sie ebenso abgewiesen, wie der Pastorin
+selbstlose Dienstwilligkeit. So viel Güte und Freundschaft rühre sie,
+aber sie würden sich auch so einzurichten wissen, hatten sie erklärt.
+Frau von Tressen hatte ihren Schmuck bereits verkauft. Sie wollte, durch
+das Leben bezwungen, lieber Überflüssiges entbehren, als den Druck von
+Verpflichtungen auf sich laden. Und in ihren Stolz mischte sich auch die
+Hoffnung! Der Prozeß war sogleich angestrengt worden, er mußte sich in
+einem halben Jahre entscheiden.
+
+Aber bei dieser Voraussetzung hatten Tressens außer acht gelassen, mit
+wem sie zu thun hatten. Einmal beantragte Brecken durch seinen Anwalt
+Aussetzen des Verfahrens, weil von seiner Seite noch Material
+herbeizuschaffen sei, dann wieder wußte er die Termine hinauszuschieben,
+indem er Krankheit vorschützte. Einen Formfehler in dem ersten
+Klageantrag des Justizrats Brix benutzte er zu einem Protest, und die
+Folge von alledem war, daß die Sache nach einem halben Jahre, zumal die
+Gerichtsferien dazwischen gekommen, fast noch auf demselben Fleck stand.
+
+Jetzt eben, kurz vor Weihnachten, hatte er eine Reise nach dem Süden
+angetreten, und es hieß, daß er nicht vor dem ersten März zurückkehren
+werde. —
+
+Eng und enger hatten sich Tressens inzwischen an Theonie angeschlossen.
+Mit wärmster Teilnahme hatte letztere sich ihren Verwandten genähert und
+gleich bei der ersten Berührung geäußert:
+
+„Wenn ich Ihnen irgend wie nützen kann, verfügen Sie über mich. Es giebt
+keine Grenzen meiner Bereitwilligkeit und keinen Freundschaftsdienst,
+den ich Ihnen nicht leisten würde.“
+
+Gegenwärtig aber beschäftigte Frau von Tressen noch etwas anderes als
+nur die materielle Sorge. Seit dem Abschied von Holzwerder hatte sie ihr
+Enkelkind nicht wieder gesehen, und da sie nun erfuhr, ihr Schwiegersohn
+sei auf Monate verreist, gab's nur einen Gedanken für sie: Gretes Kind
+einmal an ihr Herz zu drücken. Der furchtbare Schmerz um die Verstorbene
+suchte nach einer Ablösung, nach einem Ausgleich. Aber die Frau war auch
+von Sorge erfüllt, daß dem Knaben, der fremden Händen anvertraut war,
+etwas zustoßen könne. Dem Vater schien ein solcher Gedanke nicht
+gekommen zu sein, oder völlige Gleichgültigkeit hatte seine Handlungen
+bestimmt.
+
+Nicht einmal bei Gelegenheit seiner Reise hatte er seine persönlichen
+Empfindungen zurückgedrängt und sich der Großmutter als Pflegerin des
+Kindes während seiner Abwesenheit erinnert. Das kleine Wesen stand doch
+dem Streit und Unfrieden fern; es war mehr als grausam, das Kind um
+dessen willen schädlichen Zufälligkeiten auszusetzen. Aber er wollte es
+nicht; er hatte sogar den strengen Befehl hinterlassen, Frau von Tressen
+den Eintritt ins Schloß zu verweigern, ihr unter keinen Umständen eine
+Berührung mit ihrem Enkelkinde zu gestatten.
+
+Die Wärterin war ein braves, mitleidiges Geschöpf, aber die
+Haushälterin, die jetzt allein in Holzwerder waltete, und ein Knecht,
+durch den deren bisherige weibliche Stütze abgelöst war, und der zum
+Schutze der Frauen und des Kindes im Herrenhause schlafen mußte,
+befanden sich, da Brecken ihnen Belohnungen zugesagt hatte, wenn sich
+während seiner Abwesenheit alles nach seinen Voraussetzungen vollziehen
+werde, zu ihm in völliger Abhängigkeit.
+
+Dennoch beschloß Frau von Tressen — es war acht Tage vor
+Weihnachten — einen Versuch zu machen. Sie konnte sich dabei der Hülfe
+der früheren Haushälterin Hederichs bedienen, die in einer kleinen, von
+ihr erworbenen Kate nahe bei Holzwerder wohnte und sich durch allerlei
+Hülfsleistungen auf dem Gute und durch Handarbeit ihre dürftige Lage als
+Kätnerin verbesserte.
+
+Durch Hederich, der den Vermittler gemacht hatte, war verabredet worden,
+daß die alte Hanne Nachricht geben solle, sobald sich die Haushälterin
+vom Schloß entfernen würde. Es war wahrscheinlich, daß sie kurz vor dem
+Fest nach Elsterhausen fuhr. Dann wollte Hanne das Kindermädchen
+veranlassen, sie mit dem kleinen Tankred in ihrer Kate zu besuchen und
+so Frau von Tressen Gelegenheit zu geben, ihr Enkelkind zu sehen.
+
+Es vollzog sich auch alles nach Abrede. Frau von Tressen erhielt früh
+morgens einen Brief von der Alten, in dem diese meldete, daß ‚die vom
+Schloß‘ am Nachmittag nicht anwesend sei, und daß das Mädchen zugesagt
+habe, den ‚kleinen Herrn‘ zu ihr zu bringen.
+
+Während Frau von Tressen, in ihren Mantel gehüllt, dahinfuhr, kamen ihr
+beim Anblick der Landschaft, bei dem Wiedersehen der vielen, ihr seit
+der Jugend vertrauten Einzelheiten so wehmütige Gedanken, auch die
+Erinnerung an Grete ward so lebendig in ihr wach, daß ihre Augen sich
+wiederholt mit Thränen füllten.
+
+Wo war das Glück von Holzwerder geblieben? Es gab keine Grete mehr;
+sie, die Mutter, mußte sich versteckt ihrem früheren Eigentum nähern
+und, statt im eigenen Fuhrwerk dahin zu fahren, ein fremdes Gefährt
+benutzen, das zu bezahlen ihr in ihrer gegenwärtigen Lage schon ein
+Opfer auferlegte. Mit Beginn des Jahres stand sie mit ihrem Manne
+thatsächlich dem Nichts gegenüber, und so sehr sich ihr Inneres dagegen
+auflehnte, sie mußte jetzt Hülfe bei Freunden suchen. Es lag auch in
+ihrer Absicht, nachdem sie den kleinen Tankred wiedergesehen, Theonie
+auf Falsterhof aufzusuchen und sich ihr rückhaltlos anzuvertrauen.
+
+Eine Summe für den Unterhalt des nächsten halben Jahres wollte sie von
+ihr erbitten. Dann endlich würde doch der Prozeß, und, wie sie annahm,
+zu ihren Gunsten entschieden sein.
+
+Als sie an Falsterhof vorüberkam, forschte sie gespannt hinüber. In der
+breiten Kastanienallee lag so tiefer Schnee, als sei seit Monaten kein
+Wagen dort gefahren, und kein Fußgänger gegangen. Einsam und abgestorben
+stieg das Herrenhaus aus der weißen Schneefläche über den kahlen Bäumen
+empor. Nirgends ein menschliches Wesen, und selbst aus den dicht
+umschneiten Schornsteinen drängte sich nicht einmal ein Leben
+verratendes Rauchwölkchen. Es war richtig — die Betrachtung kam der
+Frau — daß nicht Geld und Besitz das Glück bedingte. Theonie war die
+reichste Frau der Umgegend, jede Laune vermochte sie zu befriedigen; sie
+konnte Feste geben, die Fürsten beschämten, und ihr Haus zu einem
+Sammelplatz auserlesener Geister machen.
+
+Aber alles das hatte keinen Reiz für sie. Ihr Herz trug zu viel
+blutende Wunden. Wenn sie den Mann ihrer Wahl hätte auferwecken können
+aus seinem Grabe, sie würde alles dafür hingegeben haben.
+
+Und wie häufig Vergleiche Lichter in sich schließen, aus denen sich eine
+leuchtende Hoffnungssonne entwickelt, so war's auch in diesem Falle.
+Plötzlich kam's über die Frau mit Sicherheit, daß sie doch noch einmal
+wieder auf Holzwerder herrschen, daß sie neben ihrem Enkel stehen und
+sich nochmals das Glück des Lebens zurückerobern werde.
+
+Aber freilich, vorläufig fuhr sie im verdeckten Wagen, bekannten
+Gesichtern vorsichtig ausweichend, wie ein Dieb ihrer einstigen
+Besitzung zu und mußte schon froh sein, wenn sie von ihrem Enkelkinde
+einen kurzen Blick erhaschen, es einmal zärtlich in ihre Arme schließen
+durfte.
+
+Als Frau von Tressen in die Nähe der Wohnung der alten Hanne gelangt
+war, ließ sie den Wagen seitab vom Wege halten und begab sich zu Fuß in
+die Kate. Es war ihr sehr auffallend, daß ihr auf ihr Klopfen nicht
+gleich aufgethan wurde, und ihre Unruhe verstärkte sich, als sie beim
+Betreten des Wohngemaches niemanden anwesend fand.
+
+Während sie noch unschlüssig dastand, kam die alte Hanne, eine kleine
+korpulente Person mit watschelnden Bewegungen, atemlos angelaufen. Schon
+aus der Ferne winkte sie mit Verzeihung erbittenden Gesten, und als sie,
+näher gekommen, Worte fand, erklärte sie, daß der schon seit einiger
+Zeit kränkelnde Kleine in der Nacht sehr unwohl geworden sei, daß die
+Magd nicht wage, ihn in der Kälte nach der Kate zu bringen, und nichts
+anderes übrig bleibe, als daß sich die gnädige Frau ins Schloß bemühe.
+Freilich sei das — sie müsse selbst ihr Bedenken äußern — sehr gefährlich.
+Man werde die gnädige Frau sehen, ihre Anwesenheit werde sicher Herrn
+von Brecken hinterbracht werden, und allen beteiligten Böses daraus
+erwachsen. Der Herr kenne ja keine Rücksicht, sobald man sich ihm nicht
+bedingungslos füge. Aber trotzdem solle die gnädige Frau selbst
+entscheiden.
+
+Frau von Tressen geriet in eine gewaltige Erregung; neben der
+Enttäuschung drang die Sorge um den Kleinen auf sie ein. Sie fragte, was
+ihm fehle, und als Hanne keine Antwort zu geben imstande war oder
+absichtlich auswich, stiegen noch ihre Angst und Besorgnis.
+
+Aber jählings entwickelte sich in ihr ein verzweifelter Entschluß. Sie
+wollte das Kind, wenn sein Zustand die Fahrt erlaubte, mit sich nehmen,
+es mochte daraus entstehen, was wollte!
+
+So gab sie sich denn äußerlich ein ruhiges Ansehen und befahl Hanne, daß
+sie, um jeglichem Gerede auszuweichen, ihr nicht folgen solle; sie wolle
+sich vielmehr allein aufs Schloß begeben, um ihr Enkelkind zu sehen.
+
+„Sie haben der Magd doch nicht gesagt, daß ich kommen würde? Sie weiß
+nichts von meinem Hiersein?“ schloß sie fragend; und nachdem Hanne dies
+verneint hatte, nahm sie Abschied und richtete ihre Schritte über den
+Hof nach dem Herrenhause.
+
+Tief herabstimmend waren die Eindrücke, die sie dabei empfing. Was Brix
+ihr gemeldet hatte, blieb noch weit hinter der Beschreibung zurück.
+Eine völlige Verwahrlosung trat ihr entgegen, wohin sie das Auge wandte,
+und insbesondere bei dem Anblick des vernachlässigten Herrenhauses
+traten Frau von Tressen unwillkürlich die Thränen in die Augen.
+
+Als sie den Flur beschritt, zeigte sich niemand; Kälte, Öde und Kargheit
+wehten sie an, das Haus war wie ausgestorben; auch fand sie die Thür zur
+Linken geschlossen. Erst als sie dann zur Rechten pochte, erschien die
+Kindesmagd mit dem kranken, mageren, abgezehrten Knaben auf dem Arm und
+machte sehr erstaunte Augen, plötzlich eine elegant gekleidete Dame vor
+sich zu sehen.
+
+Frau von Tressen aber sah weder ihre fragenden Mienen, noch hörte sie
+auf ihre Worte; sie flog auf den Kleinen zu, blickte ihn voll zehrenden
+Mitleids an, streichelte und herzte ihn, von tiefer Rührung ergriffen,
+immer von neuem und nahm ihn zulegt aus den Händen des Mädchens und
+drückte ihn weinend an die Brust.
+
+„Mein Kind — mein süßes, liebes Kind —“ schluchzte die Frau.
+
+Ihr war bei dem Anblick, als sei Grete noch einmal geboren, als habe
+sie, wie einst, ihr eigenes Kind in den Armen. Und lassen konnte sie es
+nicht wieder. Es war undenkbar!
+
+Sie sprach auf die Magd ein, sie erklärte ihr, wer sie sei, welche
+Anrechte sie an den Kleinen habe, welche Qual sie erduldet, und welche
+Verantwortung auf ihr laste, da sie nun ihres Kindes Kind so blaß, mager
+und krank vor sich sehe.
+
+Sie solle mit ihr gehen, in ihren Dienst treten; keine Nachteile, nur
+Vorteile folgten ihr daraus erwachsen, und jetzt gleich wolle sie sie
+belohnen. Ihr Schwiegersohn werde unter solchen Umständen ihr Verhalten
+gutheißen!
+
+Für die Wirtschafterin werde sie einen Brief zurücklassen und ihr darin
+alles erklären. Sie werde sagen, daß sie sie gezwungen habe, ihr zu
+folgen.
+
+Zu Frau von Tressens freudiger Überraschung machte die Magd keine
+erheblichen Einwendungen. Entweder fühlte sie Mitleid mit der Frau und
+dem Kinde, oder sie wünschte selbst, Holzwerder zu verlassen. Die
+Langeweile drückte sie, und da ‚die Gnädige‘ die Verantwortung
+übernehmen wollte, so sah sie keinen Grund, der Großmutter Weisung einen
+Widerstand entgegenzusetzen.
+
+In kaum einer halben Stunde hatte sie auch bereits alle ihre
+Habseligkeiten und alles für das Kind Notwendige zusammengepackt und
+lief dann nach Frau von Tressens Anweisung fort, um den Wagen zu holen.
+Er sollte hinten am Hause halten. Dort wollten sie einsteigen und auf
+einem Seitenwege des Parks die Landstraße gewinnen.
+
+Sobald das Mädchen sich entfernt hatte, schloß Frau von Tressen Tankreds
+Arbeitszimmer auf, fand hier Papier und einen Rest Tinte und setzte
+einige Worte an die Haushälterin auf. Sie erklärte ihr Vorgehen durch
+den körperlichen Zustand des Kleinen.
+
+Als sie eben den Brief vollendet hatte, hörte sie draußen Schritte. Ihr
+Herz pochte; wahrscheinlich war's der im Hause wohnende Knecht; ihn
+hatte sie ganz vergessen.
+
+Aber nur kurze Zeit kämpfte sie mit Unentschlossenheit, dann erhob sie
+sich, öffnete die Thür und sah hinaus.
+
+Ein wie ein Jägerbursche gekleideter Mensch mit einem sehr wenig
+sympathischen Gesicht stand vor ihr; eben kam er aus dem Kinderzimmer,
+wo er offenbar die Magd gesucht hatte.
+
+Nun galt's! Gewalt, Widerstand konnten zu keinem Resultat verhelfen, nur
+List vermochte etwas.
+
+„Ah! Da ist jemand!“ begann Frau von Tressen, des Knechtes Frage
+zuvorkommend. „Wollen Sie, guter Freund, ein paar Thaler verdienen? Ich
+suchte Herrn von Brecken, ich wollte ihm einen Besuch machen. Da ich ihn
+nicht finde, möchte ich ein Billet nach Falsterhof gebracht wissen.
+Einen Augenblick —“
+
+Und während der Angeredete noch in Überraschung dastand und durch die
+Sicherheit des Auftretens der Fremden eingeschüchtert verharrte, steckte
+sie einen leeren Briefbogen in ein Kouvert, überschrieb es an Theonie
+und überreichte dem Manne das Schreiben zugleich mit zwei Thalern.
+
+„Sie müssen aber sofort hinübereilen! Nehmen Sie den Weg über den Hof.
+Ich habe die Magd fortgesandt, da mein Wagen, den ich erwartete, nicht
+kam. Sorgen Sie sich nicht um mich. Er muß jeden Augenblick eintreffen,
+und inzwischen sehe ich nach dem Kleinen. Der Brief ist nur abzugeben,
+ohne Antwort.“
+
+„Zu Befehl! Zu Befehl, gnädige Frau! Soll alles bestens besorgt
+werden!“ bestätigte der Mann ebenso arglos wie unterthänig, dienerte und
+machte sich rasch davon.
+
+Mit einem tiefen Atemzug ließ sich Frau von Tressen in einen Sessel
+sinken. Nach der ungeheuren Erregung kam die Abspannung über sie; aber
+sie raffte sich wieder auf und flog zu dem weinenden, offenbar eben von
+Schmerzen gepeinigten Kinde, nahm es voll Zärtlichkeit an sich und
+suchte es zu beruhigen.
+
+Und dann folgten noch zwanzig Minuten schrecklicher Angst und Unruhe,
+Minuten, die der Frau wie Stunden vorkamen. Immer von neuem schaute sie
+aus dem Balkongemach auf den Park, ob der Wagen noch nicht erscheine,
+und als er endlich an der Ecke sichtbar ward, rang sich ein
+Erlösungsschrei aus ihrer Brust.
+
+Aber seltsam! Während ihre Gedanken sich so mit aller Anspannung auf das
+Gegenwärtige richteten, wurden andere Vorstellungen plötzlich in ihr
+lebendig, und das Widersinnige der Situation und der Gegensatz zwischen
+einst und jetzt drangen überwältigend auf sie ein.
+
+Wie wäre es, wenn sie sich in den Besitz des Gutes, nicht nur in den
+Besitz des Kindes setzte; wenn sie Brecken bei seiner Wiederkehr mit
+Gewalt von Holzwerder entfernte; wenn sie seine Klage wegen
+Besitzstörung trotzig abwartete und dem Richter erklärte, sie habe
+gehandelt als natürlicher Anwalt ihres Enkelkindes? Da der Vater seine
+heiligsten Pflichten gegen das Kind außer acht gelassen, da er zudem ein
+Fälscher sei, der sich als solcher in den Besitz des Gutes gesetzt habe,
+so beantrage sie die Aberkennung aller Rechte, die er sich angemaßt
+habe?!
+
+Ja, das konnte gehen! Wie ein flammend aufhellender Blitz zog's durch
+das Gehirn der Frau. — Wen hatte sie zu gewinnen, um ihr Vorhaben ins
+Werk zu setzen? Die Menschen im Hause und einen als Inspektor
+fungierenden Großknecht, der schon in früheren Zeiten auf Holzwerder
+beschäftigt gewesen. Und das konnte nicht fehlen! Wenigstens wollte sie
+den Versuch machen! Hederich sollte ihr helfen!
+
+Unter solchen Gedanken bestieg sie, nachdem mit Hülfe des Kutschers
+alles aufgepackt war, den Wagen und fuhr, den Hauptweg zunächst
+vermeidend, mit dem Kinde in raschem Trabe Klementinenhof zu.
+
+ * * * * *
+
+Es war am kommenden Tage bald nach der Tischzeit, als sich Frau von
+Tressen zu dem verschobenen Besuch bei Theonie auf den Weg machte.
+
+Der Kleine war inzwischen in Klementinenhof untergebracht, und Herr von
+Tressen von allem unterrichtet, ja, sogar schon mit dem Gedanken einer
+Besitzergreifung Holzwerders vertraut gemacht. Aber gerade um letztere
+zur Ausführung zu bringen, bedurfte es um so mehr der Unterstützung von
+Freunden. Ob und wie Frau von Tressen den Justizrat zu Rate ziehen
+solle, darüber war sie noch nicht ganz mit sich einig. Wie konnte er
+mehr sagen, als was eigener Menschenverstand ihr klar machte? Er würde
+das Vorhaben doch vielleicht widerraten, weil's eben eine Gewaltmaßregel
+war, und Frau von Tressen wollte keine abmahnende Stimme hören!
+
+Von dem Warten auf eine günstige Entwicklung des Prozesses hatte sie
+nachgerade genug. Nur in einem Punkte mußte sie doch Brix in Anspruch
+nehmen: sie war selbst nicht imstande, eine Eingabe an das zuständige
+Gericht aufzusetzen, sie wollte aber auf Grund der Thatsachen sofort mit
+Anträgen vorgehen, nicht etwa abwarten, daß Tankred ihr zuvor kam.
+
+Sie hatte die Absicht, zu erklären, daß ihr Schwiegersohn das Leben
+ihres Enkelkindes in Gefahr gebracht habe, und zur Erhärtung ihrer
+Behauptung wollte sie ein ärztliches Gutachten beibringen; ferner auf
+Grund der Fälschung ein beschleunigtes Verfahren in dem Sinne
+beantragen, daß die Gütergemeinschaft zwischen dem Breckenschen Ehepaar
+sofort für null und nichtig erklärt, und dementsprechend auch Tankred
+jegliches materielle Verfügungsrecht über das Vermögen entzogen werde.
+
+Ihre Rückkehr nach Holzwerder endlich wollte sie lediglich als eine
+veränderte Entschließung hinstellen, zu der sie auf Grund früherer
+Abmachung berechtigt sei.
+
+Hederich war zufolge ihrer Bitte schon am Morgen nach Klementinenhof
+gekommen, und er hatte, nachdem sie ihm ihre Absicht kund gethan,
+erklärt, daß er mit den maßgebenden Personen auf Holzwerder sofort
+sprechen wolle. Also auch das war schon eingeleitet.
+
+Frau von Tressen befand sich in einer thatkräftigen und gehobenen
+Stimmung, die durch die Aussicht, ihr Enkelkind fortan bei sich zu
+behalten, noch verstärkt ward.
+
+Als sie vor der Thür des Herrenhauses in Falsterhof hielt, trat Frege,
+der den Wagen hatte ankommen sehen, sogleich heraus und war ihr beim
+Aussteigen behülflich. Wie eben alles auf Falsterhof einen düster
+melancholischen Eindruck machte, so auch wieder seine Erscheinung.
+Ernst und stumm öffnete der in tiefe Trauer gekleidete Mann die Thür zum
+Wohnzimmer und erklärte, daß Frau Cromwell alsbald erscheinen werde.
+Frau von Tressen überlief ein inneres Frösteln, als sie sich allein
+befand. So unheimlich still und lichtlos war's in dem Raum, alles
+starrte sie so stumm und doch zugleich so furchterregend an. Das
+einzige, die lautlose Ruhe unterbrechende Geräusch, das Ticken einer
+Uhr, klang ihr wie das Pochen eines Totenwurms.
+
+Auch als Theonie kam und sie mit schmerzerregter, wenn auch gütiger
+Miene begrüßte, ward ihr Gemüt nicht entlastet, umsoweniger, da die
+bleich und abgehärmt aussehende Frau berichtete, daß sie mit ihren
+Hausbewohnern eine furchtbare Nacht verlebt habe. Es sei jemand,
+sicherlich ein Dieb oder Einbrecher, im Hause gewesen; wenigstens habe
+der Hund fortwährend wütend, wie zum Angriff vorgehend, gebellt, und die
+Dienerschaft sei aufgeschreckt aus den Betten gestoben, ohne indes etwas
+entdeckt zu haben.
+
+Natürlich wirke der Eindruck dieses nächtlichen Vorfalles nach und habe
+ihre ohnehin erregten Nerven noch mehr in Aufruhr versetzt.
+
+Nach dieser Frau von Tressen sehr beunruhigenden Erzählung kam Theonie
+dann auf deren Angelegenheit, erkundigte sich voll Teilnahme nach Herrn
+von Tressens Befinden und lenkte zuletzt das Gespräch auf Holzwerder.
+
+Wohl eine Stunde währte die Unterredung. Frau von Tressen erzählte von
+den gestrigen Vorfällen, gedachte ihrer in der Not abgelassenen, Theonie
+bisher rätselhaft gebliebenen Botschaft und gelangte zuletzt auf die
+durch Brecken hervorgerufene, schwere und allmählich unhaltbar gewordene
+Lage.
+
+Theonie erklärte sich ohne Besinnen zur Hülfe bereit, und wenn sie auch,
+ihrer Eigenart entsprechend, bei der dann erfolgenden Erörterung der
+Zahlungsmodalitäten eine etwas pedantische Umständlichkeit an den Tag
+legte, so behandelte sie doch die ganze Angelegenheit mit so viel
+Zartgefühl, daß Frau von Tressen jeder Peinlichkeit enthoben ward.
+
+Als sie nach wiederholten warmen Dankesworten zum Fortgehen auf den Flur
+getreten war, kam ihr Theonie noch einmal nachgegangen und stellte eine
+gleichgültige Frage. Aber es war ihr offenbar nicht um deren
+Beantwortung zu thun; etwas anderes bewegte Theonie, das sie
+auszusprechen sichtlich Scheu empfand.
+
+Frau von Tressen sah auf die blasse, dunkle Frau mit den unruhig
+ängstlichen Augen und ward zum Sprechen gedrängt.
+
+„Es ist irgend etwas, das Sie beschwert, das Sie mir mitteilen möchten,
+liebe, verehrte Frau Theonie. Bitte, vertrauen Sie sich mir an. Könnte
+ich Ihnen in irgend etwas dienen?“
+
+Und da drängte sich Theonie dicht an die Sprechende heran und flüsterte,
+des letzten Satzes Inhalt abwehrend:
+
+„Nein, nein, ich bedarf nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Es ist
+etwas anderes, Sie Betreffendes. Ich weiß es nicht, ich habe keinen
+greifbaren Anhalt, aber eine Ahnung sagt mir, daß Tankred sich gar nicht
+im Süden befindet, sondern sich in der Nähe aufhält, Unheil für uns
+brütet und —“
+
+Aber Theonie kam nicht weiter. In demselben Augenblick fiel mit
+furchtbarem Getöse ein schwerer Gegenstand oben im Hause zu Boden, und
+beide Frauen fuhren entsetzt zusammen.
+
+„Unsagbar, wie ich mich erschrocken habe,“ stieß Theonie, zuerst wieder
+Worte gewinnend, heraus. „Sie sehen, wie sehr mich alles alteriert! Und
+so wird auch bei Tankred nur meine Phantasie im Spiele sein. Meine
+Ahnung ist thöricht. Aber es trieb mich, Sie zu warnen, da doch eine
+Möglichkeit vorliegt. In diesem Sinne — ich bitte — fassen Sie meine Worte
+auf, liebe Frau von Tressen!“
+
+Es sei oben ein Bild herabgestürzt, hörte noch Frau von Tressen eins der
+hinaufgeeilten Mädchen berichten, dann nahm sie Abschied, und wie von
+einem unheimlichen Druck befreit, atmete sie auf, als sie einige Minuten
+später das düstere und einsame Falsterhof im Rücken hatte. —
+
+Am kommenden Tage stattete Hederich Bericht über den ihm gewordenen
+Auftrag ab. Es habe sich, wie er meldete, der Insassen des Schlosses
+wegen der Entfernung des Kindes eine ungeheuere Aufregung bemächtigt,
+und eben sei die Haushälterin im Begriff gewesen, darüber an Tankred zu
+berichten. Dies sei vorläufig unterblieben, aber Neigung, sich Frau von
+Tressen unterzuordnen, sei aus Angst nicht vorhanden. Die Leute befänden
+sich einem so außerordentlichen Vorfall gegenüber so gut wie ratlos, und
+nur der als Inspektor fungierende Peter Wille habe erklärt, er sei
+durchaus bereit, wieder in den Dienst seiner früheren Herrschaft zurück
+zu treten.
+
+Die letzten Nachrichten kräftigten Frau von Tressens Entschluß so sehr,
+daß sie, auch durch ihren Mann ermuntert, noch an demselben Mittag mit
+Hederich nach Elsterhausen fuhr, um mit Justizrat Brix zu reden. Der
+Justizrat besaß ein altes, am Markt belegenes Patrizierhaus, das er
+allein bewohnte, und war eben im Begriff, seinen Nachmittagsspaziergang
+anzutreten, als sich die energische Frau bei ihm melden ließ. Ohne lange
+Einleitung berichtete sie von allem, was geschehen, und schloß mit der
+Erklärung, daß sie die Absicht habe, schon am folgenden Tage von
+Holzwerder Besitz zu ergreifen. Mit erstaunlicher Schärfe entwickelte
+sie ihm ihren Standpunkt und schloß mit den Worten:
+
+„Was kann uns geschehen, wenn wir dort erst festen Fuß gefaßt haben? Mit
+Gewalt kann man uns schon deshalb nicht vertreiben, weil uns nach dem
+Abkommen mit unserer Tochter ausdrücklich die freie Wahl gestellt ist,
+dort oder anderswo unseren Wohnsitz zu nehmen. Die Gutseinnahmen
+deponieren wir zu Händen des Gerichts, bis die Sache entschieden ist;
+wir entgehen dadurch der Klage auf ungesetzmäßiges Eingreifen in fremdes
+Eigentum, erklären uns aber zu unserem Vorgehen befugt, indem wir
+Brecken irgend welche Besitzrechte an Gretes Vermögen abstreiten.“
+
+Frau von Tressen ließ sich auch durch Einwendungen des Justizrats nicht
+mehr irre machen; es war, als sei ein völlig anderer Mensch in sie
+eingezogen. Durch die Wiedervereinigung mit ihrem Enkelkinde war nicht
+nur das Pflichtbewußtsein bei ihr zum Durchbruch gekommen, sondern auch
+Mut und Entschlossenheit hatten sich ihm zugesellt.
+
+„Ich hatte mich schon in die Rolle des Ambos gefunden,“ erklärte sie
+Brix, „aber jetzt will ich wieder der Hammer sein und will es bleiben
+für meinen Enkelsohn. Das Glück streckt die Hände nach mir aus, ich will
+sie ergreifen. Nur deshalb stehen wir so oft frierend am Wege, weil wir
+die Winke des Schicksals nicht richtig zu deuten verstehen. Indem es die
+schlummernden Kräfte in mir von neuem anregt, zeigt es, daß es Gutes mit
+mir vor hat. Und da ich nun auch Mittel und Wege dazu besitze, trotze
+ich um so mehr einem Schurken, dessen Stärke nur darin besteht, daß man
+ihm bisher niemals energischen Widerstand entgegen gesetzt hat. Ich
+werde eine Schutzwache auf Holzwerder aufstellen, niemand betritt das
+Gut ohne meine Erlaubnis, und wer den Eintritt erzwingen will, den
+entferne ich mit Gewalt!“
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem dunklen und stürmischen Wintertage im Anfang Januar, als
+ein einzelner Fußgänger sich um die Nachtzeit Falsterhof näherte, am
+Eingange der Gutsallee angekommen, stille stand und sichtlich
+unschlüssig, ob er sie betreten oder weiter schreiten solle, ruhelos um
+sich blickte. Der Fußgänger war Tankred von Brecken, und was ihn heute
+furchtbares beschäftigte, hatte seine Gedanken schon seit vielen, vielen
+Wochen ausschließlich in Anspruch genommen. Er hatte Holzwerder
+verlassen, weil er endlich die Stimme des Teufels in seinem Inneren zum
+Schweigen bringen wollte, die ihm immer von neuem zuflüsterte: Thu's,
+und Du wirst Besitzer von Falsterhof! Thu's, und Du wirst Eigentümer
+einer halben Million!
+
+Und wenn er sich dies ausmalte, ergriff ihn eine so wahnsinnige Gier,
+daß die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, ihm wie ein Nichts
+erschienen, und die That und deren Folgen ihm nicht anders dünkten, als
+alles, was die Tageswelle sonst an den Strand wirft. Aber wenn dann
+wieder zu anderer Zeit das Wort Totschlag in seinem Innern austönte, und
+seine Phantasie sich zu regen begann, dann nahmen statt solcher
+gefälligen Vorstellungen Angst, Furcht und Grauen von ihm Besitz, und
+die Feigheit — nicht seine bessere Natur, weil sie überhaupt keine Stimme
+in ihm besaß — riß ihn zurück und stürzte alle Pläne über den Haufen. Und
+wiederum, wenn am Morgen Feigheit und Nüchternheit geredet und das Wort
+behalten hatten, fand um mittag die Habgier sich schon wieder ein und
+flüsterte, und ihre Stimme wuchs, und sie sprach so lange, bis der Mann
+sich abermals da fand, wo er nicht sein wollte, bei ihr in Falsterhof!
+Hundertmal war er in Gedanken schon in das Haus eingedrungen, hatte mit
+raschem Griff den in der Schlinge gefangenen Hund erwürgt, war leise
+hinaufgeschlichen in Theonies Gemach und hatte auch sie mit seinen
+Händen erdrosselt. Und dann war er eben so leise wieder
+hinausgeschlichen, — noch immer besaß er von seinem damaligen Aufenthalt
+den Schlüssel zur Hinterthür — und die Blätter hatten zwar im Park
+geraschelt, aber der Mond hatte geschienen wie sonst, und die Felder
+hatten tot und empfindungslos dagelegen wie immer, und er war schon
+wieder weit, weit fort, als die Hähne krähten, als im Hause alles wach
+wurde, die Zofe oben über den Korridor schritt, um die gnädige Frau zu
+wecken, das Frühstück unten aufgetragen ward, und doch keine gnädige
+Frau erschien, und der blanke Theekessel umsonst den Dampf aus seinem
+Halse stieß. — Morgens, mittags und abends, bei den Spaziergängen und
+Zerstreuungen, beim Essen, im Theater und in Konzerten, zuletzt auch im
+Traume verfolgte Brecken immer nur der eine Gedanke: wie fängst Du es
+an, die aus der Welt zu schaffen, durch deren Tod Du Besitzer von
+Falsterhof wirst? Besitzer von Falsterhof und Holzwerder! — Es lag ein
+Klang in diesen Worten, dem kein anderer vergleichbar war, keine
+Harfenmusik, kein Orgelbrausen!
+
+Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer
+Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis
+ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für
+jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.
+
+Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so
+schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem
+Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der
+überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie
+Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben. —
+
+Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem
+festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen
+bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die
+Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren,
+wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte,
+und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines
+Sohnes.
+
+Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte
+angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst
+inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er
+aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre.
+
+Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den
+Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte
+beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach
+geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er
+hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen.
+Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein
+Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das
+Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht.
+
+So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins
+Loch und drehte um. Nichts rührte sich! — Rasch entzündete er eine
+Blendlaterne — aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch
+ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle
+Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der
+Haut. — Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die
+Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen,
+wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine
+furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an
+nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach
+dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich
+nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an
+wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte
+die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als
+ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus
+dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den
+Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht
+hatte.
+
+Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis
+zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut. — Ein
+Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber
+jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen! — Und alle Welt nahm
+an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich
+da! — Weshalb? — Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen,
+westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die
+letzten Tage aufgehalten hatte.
+
+Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort
+einzutreffen. — So war denn abermals alles umsonst gewesen. — Alles
+umsonst!
+
+Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto
+fürchterlicher ward es.
+
+„Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?“
+
+Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher
+behandelt hatte wie ein Spielzeug?
+
+Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte — am Ende
+gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen
+gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter — —?
+
+Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er
+zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte,
+Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn
+durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.
+
+Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen
+genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie
+gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie
+berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.
+
+Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche
+Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich
+waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein
+sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt
+durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er
+einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der
+Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was
+in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß
+eben anderen zu, und nicht ihm. — Nun aber fühlte er sich plötzlich
+betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging?
+Nie hatte er von ihm gehört. — War's schon die Strafe des Himmels für
+seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit
+Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord
+belastet. — Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort! — Wie? Hatte er
+wirklich Theonie töten wollen? — Plötzlich griff der Mann sich an die
+Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei. — Und dann begann
+wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im
+Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf
+durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch
+droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah —?
+
+Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld
+und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser
+Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben!
+
+So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein
+Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen
+Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen
+mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich
+bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und
+der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem
+besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder
+Leben.
+
+Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen
+gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war
+nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an
+Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den
+Schöpfer anbeten.
+
+Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der
+Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst,
+öffnete die Poren und besänftigte den Reiz.
+
+Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich
+veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war
+sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L.
+erreichte. Und was dann? Ja, was dann —?
+
+Er warf den Blick über die Gegend; schon begann's heller zu
+werden, der Morgen regte sich. Er hielt inne und atmete auf — und
+dann — dann — plötzlich begann von neuem das Jucken, ein solches
+kitzelndes Jucken, daß dem Manne der Schaum vor den Mund trat, und er
+wieder wie ein mit Stacheln gepeitschtes Tier weiter seinem Ziele
+zuraste. — —
+
+ * * * * *
+
+In ihrem einstigen Wohngemach im Parterre des Schlosses Holzwerder stand
+Frau von Tressen und hörte, was ihr Hederich, der eben ins Zimmer
+getreten war, berichtete.
+
+Der Inspektor sei zu allem bereit, ebenso das Mädchen; die Haushälterin
+und der Diener aber wollten erst hören, welche Sicherheit die gnädige
+Frau ihnen böte, daß sie nicht wegen ihrer Fahnenflucht zur
+Verantwortung gezogen würden.
+
+„Also Pflichtgefühl oder Anhänglichkeit an meinen Schwiegersohn leitet
+sie nicht?“
+
+„Nein, gnädige Frau! Beide sind Kreaturen, die nur ihren Vorteil im Auge
+haben. Übrigens — drum und dran — wo wäre der Durchschnitt anders? Frau
+von Tressen kennen doch die Welt so gut wie ich.“
+
+Die Frau bewegte zustimmend den Kopf; dann sagte sie:
+
+„Ich bin dann dafür, beide abzulohnen. So gut wie sie Tankred
+verleugnen, können sie auch Untreue gegen mich üben. Ich aber brauche
+zuverlässige Menschen. Mit welcher Summe glauben Sie, daß wir sie
+abfinden können?“
+
+Hederich zuckte die Achseln.
+
+„Sie werden, wenn Sie sie nicht in Dienst nehmen, erklären, daß die
+Kündigung nur von dem ausgehen kann, der sie verpflichtet hat.“
+
+„Ja, ja, ganz richtig!“ bestätigte Frau von Tressen. Und dann fuhr sie
+kurz entschlossen fort:
+
+„Ich bitte, lassen Sie sie herunterkommen. Ich werde mit ihnen
+sprechen.“
+
+Als die Dienstboten, von Hederich geleitet, in das Zimmer traten, sagte
+Frau von Tressen:
+
+„Mein Schwiegersohn hat Sie in Dienst genommen. Für ihn trete ich jetzt
+ein und kündige Ihnen Ihre Stellung sofort. Aber ich wünsche, daß Sie
+zufrieden von hier gehen, und will Ihnen deshalb ein volles Jahresgehalt
+auszahlen. Sind Sie damit einverstanden?“
+
+„Ja, ich bin's,“ sagte der Diener nach kurzem Besinnen, „wenn die
+gnädige Frau mir schriftlich erklären, daß das so richtig ist, und Sie
+für alles aufkommen.“
+
+„Ja, ich will schriftlich betätigen, daß Ihr durch die Besitznahme des
+Gutes meinerseits überflüssig geworden seid, und daß ich Euch auf Grund
+meiner Rechte entlassen habe.“
+
+„Dann bin auch ich damit zufrieden!“ erklärte die Haushälterin. „Wann
+sollen wir abgehen?“
+
+„Gleich! Ihr könnt noch heute den Lohn empfangen und Holzwerder
+verlassen.“
+
+Die beiden nickten, verbeugten sich und verließen das Gemach.
+
+„So, das wäre ja gut und rasch erledigt!“ rief Frau von Tressen,
+Hederich vergnügt anblickend. „Jetzt will ich mit Peter Wille das
+weitere bereden, namentlich auch den Fall ins Auge fassen, daß mein
+Schwiegersohn zurückkehrt. Ich bitte, lieber Hederich, rufen Sie nun
+auch ihn, und dann wollen wir uns gleich weiter an die Einrichtung
+machen.“ —
+
+Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so
+kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich
+entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es
+nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr
+Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.
+
+Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene
+Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein
+Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle
+unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die
+Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen
+würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von
+Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die
+Gutsgeschäfte ein.
+
+Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende
+Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit
+und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu
+übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen
+befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen
+Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren.
+
+Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei
+sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und
+die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören
+lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen?
+Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.
+
+Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes
+vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in
+Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen?
+Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil
+unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe
+an das Gericht abgehen lassen.
+
+Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser
+Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den
+Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte
+sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von
+Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen
+Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die
+Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren
+hatte, zurückgekehrt war.
+
+Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen
+Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag
+ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und
+Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über
+die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu
+beruhigen vermochte. —
+
+Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr
+aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen
+von Tankred eingetroffenen Brief überreichte.
+
+In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm
+keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von
+der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er
+ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er
+gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu
+begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es:
+
+‚Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von
+Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren, — das Wort
+war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute,
+nachträglich ausgestrichen, und statt dessen ‚schreiben‘ gesetzt, — wie
+es dem Kleinen geht.‘
+
+Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun
+sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte,
+sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen.
+
+Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand
+an ihren Schwiegersohn:
+
+ ‚Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von
+ demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder
+ befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer
+ jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß
+ wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes,
+ fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die
+ Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte
+ abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser
+ bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist,
+ einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber
+ lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an
+ niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.
+
+ Ergebenst
+
+ A. von Tressen.‘
+
+„So!“ rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung
+ihres Mannes einem Diener zur Besorgung übergeben hatte. „Nun werden
+wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief.
+Von übermorgen ab können wir uns auf seinen Besuch gefaßt machen. Aber
+alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er
+durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so
+werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklärungen geben. Aber
+passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen.“
+
+„Wer weiß!“ fiel Herr von Tressen ein. „Daß er sich nicht in gleicher
+Weise fügen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube
+doch, daß er irgend etwas Gewaltthätiges inszenieren wird.“
+
+„Gewaltthätiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Daß ihm vielleicht solche
+Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um
+mehr handelt, als um schiefe Gesichter, faßt er nicht an. Wohl aber
+halte ich es für möglich, daß er sich einmal wieder an Theonie
+heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rücksicht auf alles
+Vorgefallene eine seiner Komödien in Szene setzt. Da fällt mir ein: ich
+will Theonie lieber in Kenntnis setzen, daß er aus Italien zurück ist.
+Ich weiß, sie trifft dann Maßregeln, daß er sich ihr nicht zu nähern
+vermag.“
+
+Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die
+klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat,
+streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehülflich
+klingendes „Omama!“
+
+Da nahm die Frau das Kind in die Arme und küßte es in dem Überquellen
+ihrer glückseligen Empfindungen lang und zärtlich.
+
+ * * * * *
+
+In einem Parterrezimmer des Streitschen Hotels am Jungfernstieg in
+Hamburg ging der Baron Tankred von Brecken in höchster Aufregung auf und
+ab.
+
+Ein Brief, den er vor einer Stunde empfangen, versetzte ihn in einen
+völlig fassungslosen Zustand, raubte ihm jedes Interesse für die
+Außendinge und schuf ein Heer von widerstreitenden Gedanken und
+Empfindungen in seinem Inneren. Aus dem Briefe ergaben sich unumstößlich
+zwei Thatsachen: vorläufig war er von Holzwerder ausgestoßen, und wenn
+das Bankhaus in Elsterhausen die Weisung des Gerichts abwartete und alle
+Zahlungen an ihn sistierte, so war er auch geradezu in seinem
+Lebensunterhalt bedroht. Breckens erste Idee war gewesen, sogleich mit
+seinem Rechtsanwalt Rücksprache zu nehmen und die Firma in Elsterhausen
+telegraphisch anzuweisen, ihm den gesamten Kassenbestand nach Hamburg zu
+senden. Aber was konnte ihm sein Anwalt anderes sagen, als was sich ihm
+selbst an Schlußfolgerungen aufdrängte? Und das Telegraphieren war ja
+überhaupt zwecklos. Nur durch persönliches, mündliches Eingreifen
+vermochte er vielleicht, etwas zu erreichen!
+
+Eben von der furchtbaren Krankheit genesen und aus der Privatklinik des
+ihn behandelnden Arztes entlassen, traf ihn nun dieser neue Schlag
+völlig unerwartet. Eine solche Möglichkeit war ihm überhaupt nicht in
+den Sinn gekommen. Das waren Dinge, wie sie sich höchstens in
+mittelalterlichen Zeiten vollzogen hatten. Damals ward wohl eine Burg
+in der Abwesenheit des Besitzers belagert, die Mannschaft entwaffnet
+oder bestochen, und die Fahne des Feindes flatterte statt der des
+Eigentümers vom Turme, aber jetzt? — —
+
+Und Gegenmaßregeln? Eine Zwangsvollstreckung? Sie zu beantragen, war
+sicher zwecklos.
+
+Tankred wußte, daß das alles nicht ohne Brix' Einwilligung geschehen
+war, und ohne die näheren Umstände zu kennen, war es für ihn zweifellos,
+daß ein solches Vorgehen sich auf besonders schwerwiegende Argumente
+stützte. Von der bisherigen, weil durch keinen Widerstand streitig
+gemachten Höhe war er mit einem jähen Schlage herabgestürzt. Das Bild
+hatte sich völlig verändert. Er stand tief unten und mußte bittend die
+Hände ausstrecken, mußte gute Worte geben. Und das war nicht nur
+zeitweilig. Brecken sah, daß er durch diesen unerwarteten Zwischenfall
+entweder das Spiel ganz verloren habe oder schon jetzt den von ihm für
+später geplanten Vergleich zur Ausführung bringen müsse. Ja, das war
+jetzt das einzige, was ihm übrig blieb, nur mit dem Unterschiede, daß,
+da nicht Tressens mürbe gemacht waren, sondern er, sie ihm nun ihre
+Bedingungen vorschreiben würden.
+
+Verdammt! Verflucht! Er stampfte wie rasend mit dem Fuß und biß die
+unheimlich weißen Raubtierzähne in seinem Verbrechergesicht zusammen.
+Und dann — dann blitzte wieder in seinem Gehirn auf, was er endlich ein-
+für allemal begraben glaubte, schon deshalb, weil er bereits vor der
+That so furchtbar hatte büßen müssen: Theonie gewaltsam aus dem Wege zu
+räumen —! Nein, nein, fort mit dem gräßlichen Gedanken! Ihm war's, als
+stelle sich das entsetzliche Kitteln wieder ein, als fühle er die
+Wiederkehr der Krankheit. Nein, alles, nur das nicht! — — Und doch, im
+Grunde war's ja Thorheit. Der Arzt hatte ihm gesagt, daß solche
+Hautreize, als welche er die Krankheit bezeichnet hatte, nur aus einer
+gestörten Blutzirkulation herrührten, und daß das heilbar war, hatte
+sich ja nun herausstellt.
+
+Also Dinge in Verbindung setzen, die gar keinen Zusammenhang hatten, war
+mehr als Unsinn, deshalb konnte er — Ja, was? Nun war er doch abermals
+bei Theonie!
+
+Wie so oft stand er wieder im Gedanken vor der Hinterthür in Falsterhof,
+drang ins Haus ein, erwürgte mit rascher Energie den Köter, schlich
+hinauf zu ihr, packte und erdrosselte sie mit seinen Fäusten, ehe sie
+überhaupt einen Ton von sich zu geben vermochte, versicherte sich noch
+einmal, daß sie nicht mehr lebe, und entwich darauf eben so leise, wie
+er gekommen war. — — Und dann und dann — Brecken reckte sich in die Höhe,
+trat vor den Spiegel, maß seine Gestalt und betrachtete sein knochiges
+Antlitz — dann war er Erbe von Falsterhof und konnte zur Not Holzwerder
+entbehren.
+
+Entbehren? — Nun, soweit kam's überhaupt doch wohl nicht. Etwas würde man
+ihm doch zubilligen. — Und plötzlich fiel der Mann wieder in einen der
+roten Plüschsessel zurück und starrte vor sich hin, weil — weil — das doch
+eben nur schöne Wahnbilder gewesen waren. Die Wirklichkeit bestand wie
+vorher, und der Gegensatz zwischen gehobener Vorstellung und
+Wirklichkeit ernüchterte und entmutigte ihn nur noch mehr. — Endlich
+sprang er auf, und ein: „Ja, so soll es sein!“ ging aus seinem Munde.
+Erst wollte er sich mit Tressens aussöhnen, zu erreichen suchen, was zu
+erreichen war, und dann später endlich die Geschichte in Falsterhof
+abmachen, nachdem er vorher — daß ihm dieser gute Gedanke doch jetzt erst
+kam! — die Bestie, den Hund, beseitigt hatte. Ja, so war's gut, und so
+sollte es bleiben. Unter solcher Stimmung packte er seinen Koffer und
+reiste, nachdem er vorher noch an Brix telegraphiert hatte, daß er ihn
+am kommenden Vormittag in Geschäften besuchen werde, nach Elsterhausen
+ab. —
+
+Es war zwei Tage darauf in der Vormittagsstunde, als ein Reiter
+langsamen Schrittes die beschneite Landstraße von Elsterhausen nach
+Breckendorf durchmaß. Der Reiter war Tankred von Brecken, und ihm war
+sehr bedrückt zu mute. Seine ungünstigsten Vorstellungen hatten sich
+bestätigt. Von Brix war ihm erklärt worden, daß gerade an diesem Tage
+auf seinen speziellen Antrag die Bestätigung einer vorläufigen Kuratel
+über Gretes Vermögen eingetroffen sei, und daß Tressens jetzt zu irgend
+welchem Vergleiche um so weniger geneigt seien. Er vermöge in der Sache
+nicht nur nichts zu thun, sondern müsse auch eine Vermittlung ablehnen.
+Zugleich erfuhr Brecken, daß die Akten zur Prüfung an den Staatsanwalt
+gegangen seien, und die Möglichkeit vorliege, daß die Anklage wegen
+Fälschung gegen ihn erhoben werde. Mit dieser konnte, wie der Anwalt ihm
+nicht verhehlte, der Antrag auf Freiheitsentziehung verbunden sein, dem
+freilich, wie Brecken hoffte, durch eine Kautionsstellung vorgebeugt
+werden könne. Endlich war auch Tankreds Unterredung mit den Besitzern
+des Bankhauses resultatlos verlaufen; sie waren soeben angewiesen
+worden, keinerlei Zahlungen ohne Befehl des Gerichts, respektive vor der
+definitiven Entscheidung des obersten Gerichtshofes mehr zu leisten.
+
+Nun wollte Brecken den schon einmal mit so gutem Erfolg betretenen Weg
+einschlagen und der Pastorin Höppner Hülfe in Anspruch nehmen.
+
+Er fürchtete das Ergebnis der Fälschungsklage, in dieser Annahme
+unterstützt von seinem Rechtsanwalt, nicht eben sehr; es fehlten ja doch
+die Beweise! Aber die ganze übrige, seine Existenz und seine
+Bequemlichkeit gefährdende Situation war ihm unerträglich. Ein Vergleich
+hob die Streitigkeiten und den Prozeß wenigstens nach der einen Seite
+hin auf; darum war's ihm zunächst zu thun. Die Diäten, welche ihm das
+Gericht auf Antrag seines Anwaltes aus dem beschlagnahmten Vermögen zur
+Verfügung stellen würde, retteten ihn wohl vor Lebensnot, aber die in
+ihm zehrende Herrschsucht und Ungeduld ließen ihm, da die Dinge sich nun
+einmal so ungünstig gewendet hatten, keine Ruhe. Er wollte unter allen
+Umständen, und wenn er sich selbst nach Holzwerder begeben und dort gute
+Worte geben sollte, aus der Ungewißheit heraus. Das Spiel — er hatte es
+sich klar gemacht — war völlig verloren, und damit wollte er rechnen.
+
+Bei den Blitzen der Selbsterkenntnis, die in ihm aufleuchteten, fand er
+sich gegenwärtig selbst so charakterlos, feige und schwankend, daß die
+Reue ihn mit ganzer Gewalt packte. Er wünschte, einen Kompromiß mit sich
+und dem in der Not immer doch wieder von ihm angerufenen Gott zu
+schließen, er wollte friedfertig und ehrbar werden, wenn nur diesmal
+noch der Himmel ihm beistehen wollte! Nur dies eine mal! — Und wenn der
+Vergleich mit Tressens durch Frau Höppners Hülfe gelang, dann würde auch
+Brix Rat wissen, das übrige zu beseitigen; dann war alles gut. —
+
+Die Pastorin befand sich, als Brecken das Haus betrat, bei ihrem ‚guten
+Mann‘ im Zimmer. Sie saß mit umgebundener Küchenschürze auf der Lehne
+des Sofas, er aber hatte, die Arbeit an der Predigt unterbrechend, dem
+Pulte den Rücken zugewandt und stand, die lange Pfeife im Munde und die
+Stirn in dem freundlich-arglosen Gesicht nach der Art der Beschränkten
+hoch emporziehend, aufmerksam zuhörend vor ihr.
+
+Und die Pastorin weinte, indem sie einen Bericht über Lene, deren
+Angelegenheiten sie zu so ungewohnter Zeit in das Studierzimmer ihres
+Mannes getrieben hatten, mit den Worten schloß:
+
+„Es ist das erste mal, daß ich das Kind bei einer Lüge ertappe! Aber
+eben — sie versteht doch schon zu lügen und sich zu verstellen, und das
+macht mich so unendlich traurig.“
+
+Und als der Pastor beruhigend auf sie einsprach, fuhr sie fort:
+
+„Ach nein, nein, es ist leider so, und Du mußt mit ihr reden und ihr
+vorstellen, wie unrecht sie gehandelt hat. Wir dürfen die Sache nicht
+leicht nehmen. Es ist sicher, sie neigt zu diesem furchtbaren Laster.
+Ich muß immer denken, was aus einem Menschen werden kann, wenn er
+schlecht erzogen wird, wenn nicht gleich die Fehler in ihm ausgerottet
+werden. Sieh nur Tankred von Brecken an! Welch ein Scheusal ist dieser
+Mensch —“
+
+„Herr von Brecken bittet, den Herrschaften aufwarten zu dürfen!“ ließ
+sich in diesem Augenblick die Stimme der die Thür öffnenden Magd
+vernehmen, und fast gleichzeitig und höchst ungelegen erschien Tankred
+unter tiefer, überhöflicher Verbeugung.
+
+Aber während der Pastor wie gewöhnlich dem Gutsherrn mit großer
+Zuvorkommenheit begegnete, verhehlte die Pastorin ihre schlechte
+Stimmung gegen ihn durchaus nicht und bewillkommnete den Gast mit
+zurückgeworfenem Haupt und äußerst steifer Miene. Auch machte sie
+absichtlich, als ob sie annehme, Brecken sei in Geschäften zu ihrem Mann
+gekommen, sogleich eine Wendung zur Thür.
+
+„Ich bitte einen Augenblick, sehr verehrte Frau Pastorin!“ schmeichelte
+nun Brecken unterwürfig. „Ich möchte gerade Sie gern sprechen und Ihren
+freundlichen Rat erbitten. Würden Sie mir nicht einen Augenblick
+schenken? Ich wäre sehr dankbar dafür —“
+
+Die Pastorin sagte nichts; schon sein Anblick war ihr so widerwärtig,
+daß sie sich zu einem entgegenkommenden Worte nicht zu zwingen
+vermochte; sie bewegte nur mit kaltem Ausdruck den Kopf und nahm wieder
+Platz.
+
+Um die unhöfliche Begegnung seiner Frau auszugleichen, bot nun der
+Pastor mit der Entschuldigung, daß das Kraut zwar von sehr geringer Güte
+sei und Breckens verwöhntem Gaumen kaum behagen dürfe, dem Gast eine
+Zigarre an. Und nachdem Brecken sie unter der Erwiderung, daß er
+durchaus nicht verwöhnt sei, und daß ihm des Pastors Zigarren — obschon
+er sie höchst miserabel fand — stets vortrefflich schmeckten, entzündet
+hatte, begann er sogleich mit seinem Anliegen und wendete sich dabei
+fast ausschließlich an die Frau.
+
+Er sprach in längerer Rede mit tiefem Bedauern von den Zerwürfnissen
+zwischen ihm und Tressens und wagte an die nie versiegende Güte der Frau
+Pastorin zu appellieren, noch einmal die Rolle der Vermittlerin
+übernehmen zu wollen.
+
+Aber die Antwort fiel keineswegs nach seiner Erwartung aus, ja, die
+Pastorin nahm gleich für ihren Mann mit das Wort und entgegnete mit
+demselben ausdruckslos kalten Gesicht, mit dem sie Tankreds
+Auseinandersetzungen zugehört hatte:
+
+„Wir müssen bedauern, Herr von Brecken! In dieser Sache auf Ihre
+Anregung hin einzugreifen, hieße an den Tag legen, daß bei uns doch noch
+ein Rest von Sympathie für Sie vorhanden wäre. Gerade das Gegenteil aber
+ist der Fall. Wir empfinden nur tiefsten Abscheu vor dem, was Sie
+gethan, und ich für meinen Teil bin ein- für allemal mit Ihnen fertig.
+Das mag Ihnen nicht angenehm klingen, aber ich kann mir nicht helfen,
+und somit ist denn auch meine fernere Anwesenheit hier überflüssig
+geworden. Empfehle mich!“
+
+Brecken warf einen von der Pastorin nicht gesehenen, bittenden Blick auf
+den Pastor, seine Frau zurückzuhalten. Und so geschah es auch. Aber
+nicht zum Vorteil Tankreds.
+
+Als er nochmals auf die Pastorin einsprach und dabei die alten
+Verstellungskünste anwandte, während doch seine Augen verrieten, daß er
+am liebsten der Frau, die ihm so zu begegnen gewagt, den Garaus gemacht
+hätte, erhob sich in der ohnehin durch Lenes Lüge äußerst verstimmten
+Pastorin ein solcher Tumult von Ärger und Widerstand, und ihr sittliches
+Gefühl bäumte sich so gewaltsam auf, daß sie mit funkelnden Augen
+hervorstieß:
+
+„Wissen Sie was, Herr von Brecken? Am besten thäten Sie, wenn Sie so
+rasch wie möglich das Land ein- für allemal verließen! Hier nimmt kein
+Hund ein Stück Brod mehr von Ihnen! Ihrem Charakter mißtraut man aufs
+äußerste, man hält Sie für fähig, das Schlechteste zu thun, wenn es sich
+um Vorteile für Sie handelt, und ich kann mich nicht erinnern, daß
+jemals ein Mensch allen, mit denen er in Berührung gekommen ist, einen
+solchen Abscheu eingeflößt hat, wie Sie. Man nennt Sie einen Heuchler
+und Komödianten, und ich füge hinzu, Sie sind nicht das allein, sondern
+ein grundschlechter Mensch, den der gerechte Gott nur deshalb noch nicht
+gestraft hat, weil er ihn später um so empfindlicher züchtigen will.
+Nichts, gar nichts thun wir in der Sache. Wir wünschen vielmehr, daß
+unsere so hochgeachteten und lieben Tressens alles vollauf erreichen,
+was sie erstreben! — So, und das war nun das letztemal, daß ich Ihnen im
+Leben gegenübergestanden habe. Ich will nichts, gar nichts, unter keiner
+Bedingung mehr mit Ihnen zu schaffen haben!“
+
+Nach diesen Worten verließ die unerschrockene Frau das Gemach, und
+bleich, zitternd und verzehrt von Wut stand der Gemaßregelte da.
+
+Noch einmal aber nahm der Pastor das Wort und hub an:
+
+„Lieber Herr von Brecken, es giebt für jeden, der fehlte, bei unserm
+Herrn Jesus Christus —“
+
+Aber weiter kam er nicht.
+
+„Ach was! Schweigen Sie doch mit Ihrem — Ihrem —“ setzte Brecken, der vor
+Zorn jede Besinnung verloren hatte, an und fuhr gegen Höppner auf.
+
+Er sah in des Pastors Worten einen neuen Angriff in anderer Form und
+wollte und konnte all das Geschwätz und all die ‚Salbaderei‘ nicht mehr
+ertragen. Er ergriff deshalb seinen Hut und sagte mit wuterstickter
+Stimme:
+
+„Sie begreifen wohl, daß ich nach einer solchen maßlosen Invektive es
+nicht erwarten kann, das Haus zu verlassen, das sich ein christliches
+und versöhnendes nennt, aber nichts anderes ist, als ein nichtiger Bau
+scheinheiliger Überhebung! — Nein, nein, ich höre nichts mehr, und nie
+werden Sie mich wieder unter Ihrem Dache sehen!“
+
+Nach diesen trotz seiner maßlosen Leidenschaft berechnenden, den Pastor
+sicher gerade im tiefsten Herzen verwundenden Worten stürmte Tankred auf
+den Flur und aus dem Hause.
+
+Brecken nahm nicht gleich den Weg ins Wirtshaus zurück, in das er seinen
+Rappen eingestellt hatte, sondern beschritt, um der wühlenden Gedanken
+in seinem Innern besser Herr zu werden, zunächst einen einsamen
+Nebenpfad. Er mußte allein sein; jetzt konnte er keinen Menschen sehen;
+er bedurfte der Sammlung, um zu einem vernünftigen Entschluß zu
+gelangen.
+
+Einmal schoß es ihm durch den Sinn, sich direkt nach Holzwerder zu
+begeben, vor seine Schwiegereltern hinzutreten und seine Sache selbst
+zu führen. Aber das Zwecklose dieses Schrittes leuchtete ihm eben so
+sehr ein, wie die Nichtigkeit eines nochmaligen Versuchs, Theonies
+Verzeihung zu erringen. Nein, einmal hatte alles in der Welt ein Ende,
+und es war nun auch für ihn gekommen, aber weit schlimmer, als er es
+sich je vorgestellt hatte. Noch eine Woche weiter, und er besaß keine
+Mittel mehr zum Leben. Er mußte dann schon Anspruch auf Diäten erheben,
+aber da er ohne Wohnung war, würden sie kaum zu seinem Unterhalt
+ausreichen. Wieder ergriff den Mann eine an Raserei grenzende Wut. Und
+zu der Wut gesellte sich die Rachsucht und in erhöhtem Maße die Gier
+nach Besitz und Geld.
+
+Welch ein Augenblick, wenn er Eigentümer von Falsterhof sein würde, wenn
+er mit stolzer, von Machtfülle getragener Geringschätzung herabblicken
+könnte auf das ‚Gesindel‘, das ihn hatte vernichten wollen. Er weidete
+sich in Gedanken an ihrem Ärger und ihrer grenzenlosen Enttäuschung, daß
+es ihnen nun doch nicht gelungen war, ihn in den Staub zu drücken. Im
+Gegenteil! Ihnen allen zum Trotz blieb er dann doch in ihrer nächsten
+Nähe, und von genügenden Mitteln unterstützt, konnte er einen vorläufig
+verlorenen Prozeß noch einmal wieder aufnehmen.
+
+Und fest entschlossen war er nun, dem Zaudern ein Ende zu machen. Die
+Verhältnisse trieben ihn dazu. Er wollte Theonie beseitigen. Während er
+dahinschritt, bald rasch, bald langsam, je nach den Regungen seines
+Innern, waren seine Gedanken ausschließlich mit diesem Plan beschäftigt.
+Abermals wollte er ausstreuen, daß er sich nach dem Süden begebe, bei
+seinem Anwalt wollte er, um später sein Alibi nachweisen zu können,
+seine Adresse an der Riviera niederlegen.
+
+Und dann galt's noch einmal denselben Gang zu unternehmen wie damals,
+aber fest und ohne Schwanken. Und nach geschehener That wollte er dann
+direkt nach Italien reisen und sich von dort zurückrufen lassen — als
+Erbe von Falsterhof.
+
+Nach solcher Auseinandersetzung mit sich selbst und Klarstellung dessen,
+was er wollte, schlug Brecken wieder die Richtung nach dem Breckendorfer
+Wirtshaus ein und erreichte es nach einer halben Stunde.
+
+In der Gaststube fand er den Besitzer allein hinter dem Schenktisch; das
+paßte ihm eben; er bestellte ein Glas heißen Grog und knüpfte ein
+Gespräch an. Im Verlauf dessen fragte er den Wirt, seine lange
+Abwesenheit vorschützend, über Falsterhof aus; wie es seiner Kousine,
+die er, so warf er hin, diesmal nicht aufsuchen könne, gehe, und ob der
+Wirt etwas von ihr gehört habe.
+
+„Ja, die gnädige Frau will in diesen Tagen, so erzählte der alte Frege,
+eine Zeit lang verreisen. Nach Dresden und Berlin. Ich glaube morgen
+früh gehen sie schon ab. — Nicht wahr, Anna?“ rief der Mann seiner eben
+eintretenden Frau zu, als Brecken, seine Erregung über die Mitteilung
+geschickt unterdrückend, Zweifel hinwarf. „Sagte Frege nicht, daß die
+Herrschaft von Falsterhof morgen früh abreisen wollte?“
+
+„Nein, übermorgen mittag,“ berichtigte die Wirtin, Brecken ehrerbietig
+begrüßend. „So sagte der Pächter Harms gestern abend.“
+
+Brecken fiel ein Stein vom Herzen. Wenn keine Spanne Zeit zwischen
+seinem Hiersein und seiner Abreise lag, so fiel leicht der Verdacht des
+Mordes auf ihn. Ohnehin war die Zeit schon kurz bemessen.
+
+Mit schlecht verhehlter Hast ließ er sich sein Pferd wieder vorführen,
+bezahlte die Zeche und warf hin, daß er noch heut seine Reise nach
+Italien antreten wolle. Als er schon in der Thür stand, wagte der Wirt
+nach dem Stande der Prozeßangelegenheit zu fragen, er gab sich den
+Anschein, als leite ihn nicht Neugierde, sondern Interesse für Brecken.
+
+„Erst hatte ich die Oberhand,“ antwortete Tankred anscheinend gelassen,
+„nun haben die sie zeitweilig. Das Gericht wird entscheiden! Ich warte
+die Sache mit Ruhe ab, da der Ausgang mir nicht zweifelhaft ist.
+Zunächst will ich noch mal etwas für meine Gesundheit thun. Adieu,
+lieber Krüger! Adieu, Frau Krüger! Auf Wiedersehen!“
+
+Damit trabte er davon, und der Wirt, getäuscht durch seine sorglose
+Miene, sagte, langsam neben seiner Frau ins Haus zurücktretend und sich
+an den warmen Ofen stellend:
+
+„He schien ja ganz vergnögt to sin. Am Enn steiht doch de Sak för de
+Herrschaften up Holtwerder nich so günstig, as de glöwen. — Schall mi
+Wunner nehm'n, woans dat aflöst! Na, ick mug nich mit em in Striet
+kamm'n. He hett wat int Oog, dat man dat Gruseln krieg'n kann.“
+
+ * * * * *
+
+Am Vormittag desselben Tages traf Hederich in Holzwerder ein. Er hatte
+die Tasche voll Neuigkeiten und konnte es nicht erwarten, sie
+auszukramen. Schon an seinen leuchtenden Augen erkannten Tressens, daß
+er Günstiges zu melden habe, und er platzte denn auch gleich damit
+heraus.
+
+Er wußte, daß Brecken bei Brix gewesen, und daß dieser jede Intervention
+eben so entschieden abgelehnt hatte wie Frau Höppner. Jedes Wort, das
+letztere Tankred entgegengeschleudert, hatte er in der Erinnerung und
+gab es — ein Labsal für sich selbst — wieder. Endlich wußte er auch, daß
+Brecken später noch im Krug gewesen war und dort geäußert hatte, daß er
+sich gleich wieder nach dem Süden begeben wolle.
+
+„Was soll er denn auch hier thun?“ schloß Hederich eben so überzeugt wie
+vergnügt und rieb sich die Hände. „Drum und dran — es war ein großartiger
+Gedanke von Ihnen, gnädige Frau, den Spieß umzukehren und hier
+einzuziehen. Wir sehen es ja jetzt. Er ist völlig entwaffnet und bittet
+um gut Wetter. Aber nicht wahr, Sie lassen sich auf nichts, auf gar
+nichts ein? Jetzt nur nicht noch einmal weich werden, gnädige Frau!“
+
+„Sie kennen mich nicht, lieber Hederich, wenn Sie glauben, ich könnte
+gutwillig diesem Menschen jemals wieder die Hand bieten. Übrigens möchte
+ich Theonie gleich benachrichtigen. Sie will reisen, vorzugsweise um
+ihrem Vetter unter allen Umständen aus dem Wege zu gehen. Vielleicht
+ändert sie nun ihren Entschluß. Wie wär's, lieber Hederich, wenn Sie auf
+der Rücktour einen Augenblick bei ihr vorsprächen und ihr Mitteilung
+machten? Die Neuigkeiten würden sie auch um unseretwillen angenehm
+berühren, ich weiß es!“
+
+Diesem Ersuchen stimmte Hederich bereitwillig zu; nach eingenommenem
+Frühstück nahm er von den Herrschaften Abschied und ritt nach
+Falsterhof.
+
+Wie immer öffnete stumm, ernst und gelassen der alte Frege die Thür, wie
+immer bellte in dem dumpfhallenden Flur der bald sich wieder freundlich
+anschmiegende Hund, und wie immer erschien Theonie mit ihren ruhigen
+Bewegungen und ihrem ernsten Antlitz und reichte Hederich die Hand. Es
+drängte sich dem Besucher unwillkürlich die Frage auf, wie die Menschen
+es in ihrer abgeschlossenen Einsamkeit aushielten, womit sie den Tag
+ausfüllten, wie sie Herz und Sinne nährten. Alles war so freudeleer, so
+eintönig, düster und bedrückend. —
+
+Hederichs Bericht nahm Theonie mit großer Spannung und sichtlicher
+Befriedigung entgegen. Sie hatte sich um Tressens sehr gesorgt, starke
+Konflikte, gar Gewaltakte erwartet, und nun war alles weit über die
+günstigste Voraussetzung verlaufen. Sie wurde auch wirklich schwankend,
+ob sie reisen solle, und äußerte sich in diesem Sinne gegen Hederich.
+
+„Sie begreifen nicht, daß ich es in der Einsamkeit aushalte, Hederich!“
+sagte sie. „Aber hier werde ich durch die Umgebung auch an das Gute
+erinnert, das mir der Himmel während meines Lebens schenkte. Meine
+Eltern, und was ich später liebte —“
+
+Theonies Augen feuchteten sich, und für Augenblicke vermochte sie nicht
+weiter zu sprechen. Sie brach auch von dem Thema ab, fragte nach Carin
+und bat, von einem raschen Entschluß beeinflußt, ob Hederichs nicht am
+kommenden Tage mit Tressens und Höppners, die sie auch bitten wolle, zu
+Tisch und Abendbrod kommen möchten.
+
+„Also wirklich, Sie geben die Reise auf?“ warf Hederich nach
+ausgesprochener Zusage hin.
+
+„Ja, Hederich! Ich war mit meinem Herzen durchaus nicht dabei. Nachdem
+ich nun den schrecklichen Menschen fern weiß, atme ich wieder auf und
+will mich meiner Ruhe von neuem freuen. — Hier, nehmen Sie das Ihrer
+lieben Frau mit!“ schloß sie, als Hederich aufstand und sich zum
+Abschied rüstete. „Es ist eine Brosche, die aus der Erbschaft stammt,
+und die ich für sie neu habe fassen lassen. — Nein, nein, keinen Dank,
+ich liebe ja Ihre Frau wie eine Schwester und wollte ihr vor der Abreise
+den Schmuck doch zusenden!“
+
+Nun kam auch Frege und meldete, daß Klaus den Schimmel vorgeführt habe,
+und Hederich, der heute besonders gut gelaunt war und dem Alten einen
+Thaler in die Hand schob, nahm in schnellerem Tempo als sonst den Weg
+zurück nach seinem kleinen Gütchen.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein Uhr nachts. Die ersten Vorboten des Frühlings regten sich.
+Die Kälte war gewichen, die Luft war lind selbst in dieser späten
+Stunde, und solche windstille Ruhe herrschte, daß die Schritte eines
+sich Falsterhof nähernden Wanderers unheimlich laut das Schweigen der
+Natur unterbrachen. Und das störte den Spätling. Er wünschte Sturm und
+Finsternis statt dieses sanften Träumens der Natur, und als nun eben der
+Mond durch die Wolken brach, und zu der Ruhe sich die Helle gesellte,
+auch vom Gehöft her das laute Gebell eines Hundes an sein Ohr drang,
+ging ein wilder Fluch über seine Lippen.
+
+„Ah, die Bestie! Immer diese Bestie!“ murmelte er zähneknirschend.
+
+Doch ließ Tankred von Brecken sich nicht abschrecken. Wie das letztemal
+nahm er den Weg über das Feld durch das Gehölz und hielt erst inne, als
+er die Rückseite des Hauses erreicht hatte.
+
+Nun schlug abermals der Hund an, das Gebell kam indes nicht aus dem
+Hause, sondern aus dem Stall, und doch war's derselbe Ton, den Brecken
+vordem gehört hatte. Das Tier befand sich also offenbar — vielleicht
+durch einen Zufall — nicht im Hause; und die schwerste und zunächst
+wichtigste Arbeit, es zu beseitigen, fiel dadurch fort. Brecken hoffte,
+daß dem so sein werde, und sein Mut wuchs. Der Himmel kam ihm entgegen,
+und nun schwankte er auch nicht länger. Im Nu drehte er den Schlüssel im
+Schlosse um, horchte gespannt, ob das Geräusch jemanden geweckt habe,
+und entzündete, als alles still blieb, die Blendlaterne.
+
+Und dann, nach einer Sekunde, stand er in dem Flur des alten
+Falsterhofhauses, leuchtete atemlos rings umher, umfaßte mit seinem
+Blick die hochschmalen, steifgerahmten Gemälde an den weißen Wänden,
+horchte noch einmal gespannt auf und vernahm zu seiner Erleichterung
+nichts, als das regelmäßige, laut durch den eingeschlossenen Raum
+dringende Ticken der großen, alten, aufrechtstehenden Wanduhr. Für
+Augenblicke weckte der in dem Flur herrschende dumpfe Geruch in Brecken
+Erinnerungen, ja, mehr noch, Bilder stiegen greifbar deutlich vor ihm
+auf. Er sah die alte Tante, wie sie in ihren guten Zeiten sich vom
+Wohnzimmer aus in die Gemächer ihres Mannes begeben, dort nach dem
+Rechten gesehen und mit vorgebeugtem Kopfe aus dem geöffneten Vorzimmer
+nach den Dienstboten gerufen hatte. Und vor seinem Auge erschien ihr
+gütiges Antlitz, die hohe Gestalt seines Vaters, die unerbittlich
+strenge Miene seiner Mutter und zuletzt — seltsam, — der alte Frege.
+Brecken war's, während er zum Dämpfen seiner Schritte ein paar
+Filzsohlen unter die Stiefel knüpfte, als ob er ihn hinten aus seinem
+Zimmer treten höre, und jetzt, als ob er dastehe und all sein Thun
+beobachte. Thorheit! Vorwärts! Und wirklich klomm Tankred katzenschnell
+empor, legte, bevor er Theonies Zimmer betrat, eine Maske vor das
+Gesicht und schlich bis an die Thür.
+
+Ein Druck — sie gab nach — jetzt war sie angelehnt. — Er horchte — sein
+Herz pochte — Nichts. — Langsam und vorsichtig erweiterte er die Öffnung
+— nun war er im teppichbedeckten Vorzimmer.
+
+Er leuchtete vor sich hin. Er sah im Nebengemach das Himmelbett, in dem
+Theonie schlief, er hörte ihren regelmäßigen Atemzug. Noch einmal flog's
+ihm durchs Gehirn, bevor er zur That schritt, wie er's begönne. Er
+wollte über sie hinstürzen, ihr mit der Linken den Mund verschließen und
+sie mit der Rechten würgen — so lange würgen — bis — —
+
+Aber was war das? — Theonie regte sich — Tankred wich unhörbar zur
+Seite. — Blitzschnell verschwand die Laterne unter seinem Rock. — Wohl
+zwei Minuten stand er regungslos da. — — Ohne zu sehen, war's ihm, als ob
+Theonie sich emporgerichtet habe und mit angstvoll entsetzten Blicken
+durch das Dunkel spähe. — Endlich — endlich — war sie wieder
+eingeschlafen — ihr ruhiger, tiefer Atem ging durchs Gemach. — —
+
+So, und nun vorwärts! —
+
+ * * * * *
+
+Es war geschehen! Bleich, mit schlotternden Knieen, erschien oben auf
+der Treppe Tankred von Brecken. Die Laterne zitterte in seiner Hand, er
+mußte trotz des ihn beherrschenden, alle Sinne gefangen nehmenden
+Gedankens der That sich an dem Geländer festhalten und stolperte
+schwankend die Stufen hinab. Und als er die letzte erreicht hatte, drang
+von drüben Hundegebell an sein Ohr, und unten im Hause oder oben — er
+vermochte nicht, es zu entscheiden — entstand ein Geräusch, und während
+er, von Furcht gepackt, zur Hinterthür fliehen wollte, erschien — ja, es
+war keine Vorstellung, sondern Wirklichkeit! — in Hemdsärmeln und mit in
+der Eile ungeknöpften, an den Beinkleidern herabhängenden Tragbändern
+der alte Frege, in der einen Hand ein Licht, in der andern eine Pistole.
+Und als er den Eindringling mit der schwarzen Maske sah, schrie er
+durchs Haus, daß die Wände bebten, stürzte vorwärts und sandte dem in
+wahnsinniger Angst Fliehenden, bevor er die Thür zu erreichen vermochte,
+eine Ladung aus der Pistole nach. Tosend, wie ein Donnerschlag, klang's
+durch das Haus. Aber wenn der Verbrecher auch vielleicht getroffen war,
+so erreichte er doch das Freie.
+
+Als Frege hinter ihm die aufgerissene und mit krachendem Laut vom Winde
+zugeschlagene Thür zurückstieß, sah er Brecken — er glaubte ihn sicher zu
+erkennen an Größe, Haltung, Bewegungen — durch den Park fliehen. Einen
+Augenblick stand er ratlos da. Seine Lippen bebten, der Mund murmelte in
+der Erregung unzusammenhängende Worte. Aber dann ward er aufgerüttelt.
+Ein entsetzliches, markerschütterndes, nicht endenwollendes Geschrei
+drang durch das Haus — — Die Zofe flog, mit einem Licht in der Hand, die
+Treppe herab und rief dem wenige Minuten später schlotternd vor Angst
+und Schrecken aus allen Winkeln herbeistürmenden Gesinde die Worte zu:
+
+„Die gnädige Frau! — Die gnädige — Frau — liegt tot im Bett — —“
+
+Weiter vermochte sie nicht zu sprechen, und während eins der Mädchen sie
+in ihren Armen auffing, stürzten die anderen empor, um selbst zu sehen,
+was Gräßliches, Grausiges, Unerhörtes geschehen war. —
+
+ * * * * *
+
+Und durch die Nacht jagte mit einem wahnsinnigen Schmerz an der rechten
+Schulter, da, wo ihn die Kugel aus Freges Pistole getroffen hatte,
+Tankred von Brecken. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, die Glieder
+flogen, die Brust hämmerte. — Vorwärts! Vorwärts! Zunächst weit weg aus
+dem Gutsbereich, in eine andere Gegend, wo man ihn nicht kannte, zurück
+nach L. und von dort nach Hamburg. Und von Hamburg am folgenden Tage
+nach dem Süden!
+
+Ja, wenn's ging! — Schon mußte er froh sein, wenn er sich mit der Wunde
+bis dahin schleppte. Im Körper brannten die Schmerzen, und brennend
+ging's auch durch sein Gehirn, denn während er dahin stürmte, erschien
+wieder vor seinem inneren Auge das unglückliche Geschöpf in dem hohen
+Himmelbett. Wie sie die Augen aufgeschlagen, als er sich ihr genähert
+hatte; wie ihre Mienen sich angstvoll verzerrt hatten; wie trotz der
+Schnelligkeit, mit der er sie gepackt, doch ein wimmernder Klageton, ein
+Ton, den er nicht vergessen würde, und sollte er tausend Jahre alt
+werden, aus ihrem Munde gedrungen war! Und wie er sie dann mit beiden
+Händen an die Gurgel gefaßt hatte, und wie im Sterben noch ihr halb
+flehender, halb entsetzter Blick auf ihn gerichtet gewesen war! — Es war
+grausig noch in der Erinnerung. In der Wirklichkeit aber war's so
+fürchterlich gewesen, daß sein Herz fast erweicht worden war. Er hatte
+Mitleid mit dem armen, hülflosen Geschöpf empfunden — er hätte ihr lieber
+vorher noch die Wahl gelassen zwischen freiwilliger Besitzabtretung oder
+Sterben. Aber schon war's zu spät gewesen. Die Augen waren verglast und
+aus den Höhlen getreten, die Brust hatte aufgehört zu atmen, der in
+Todeswahnsinn arbeitende, sich sträubende Körper hatte keine Kraft mehr
+gehabt. Und rasch hatte er ihr Gewand herabgerissen und an ihrem Herzen
+gehorcht. — Nein! Es schlug nicht mehr, und schlug sicher nicht mehr, als
+er noch einmal, zum letztenmal mit seinen Fäusten ihre Gurgel — — In
+diesem Augenblick stolperte Brecken; er stolperte unter der Wirkung
+gerade dieser legten Vorstellung, — denn dann hatten ihn Grausen,
+Entsetzen und Angst gepackt. Am liebsten hätte er gleich von oben aus
+das Freie gewonnen: eine unbeschreibliche, wahnsinnig beklemmende Furcht
+hatte sich seiner davor bemächtigt, den Weg unten durch das Haus nehmen
+zu müssen, über den Flur an der tickenden Uhr vorbei, in der sich
+bewußtes Leben zu verbergen, die ihm offene Augen zu haben schien, und
+die den Urheber all des Fürchterlichen verraten würde — —!
+
+Und als er unten angelangt, war wirklich Frege vor ihm aufgetaucht,
+hatte ihn angestarrt mit entsetzten und doch entschlossenen Mienen — Und
+dann ein dumpfer Knall und ein Schmerz an der Schulter, der zunahm und
+immer unerträglicher wurde, jetzt so unerträglich, daß Tankred von
+Brecken den bisherigen, stürmenden Lauf hemmte, stille stand und in der
+gräßlichen Qual aufbrüllte.
+
+Es drang unheimlich, ihn selbst erschreckend durch die Nacht! Und doch
+trat dieser Schmerz zurück vor einem sich jählings seiner bemächtigenden
+Gedanken, vor der sich zur Gewißheit steigernden Befürchtung, daß Frege
+ihn erkannt habe!
+
+Ja, er mußte ihn erkannt, schon sein Instinkt mußte ihm die Wahrheit
+eingegeben haben! Und die alte Kanaille würde gegen ihn zeugen, würde es
+aller Welt verkünden, daß er, Tankred von Brecken, der Mörder sei — —!
+
+Und man würde auf ihn fahnden, ihn suchen, bis man ihn fand. Freilich,
+wer, außer Frege, hatte ihn gesehen? Niemand! In dem Städtchen, wohin
+er eilte, war er unter einem anderen Namen bekannt, dort hatte er sich
+für einen in Dresden lebenden Hauptmann außer Dienst ausgegeben.
+Freilich, sicherer war's schon, nicht nach dort zurückzugehen und auch
+Hamburg zu vermeiden.
+
+Aber was beginnen —?
+
+Er konnte, selbst wenn er wollte, nicht weiter kommen. Die Kräfte fingen
+an, ihn zu verlassen!
+
+Und seit kurzem war auch ein Umschwung in der Witterung eingetreten.
+Immer schwereres Unwetter kam auf, der Mond verschwand vom Himmel, die
+Wolken jagten sich, ein heftiger Sturm brach los, fuhr über die Felder,
+Wiesen, Äcker und brachte Finsternis und zuletzt frostige Kälte mit
+sich.
+
+Und durch die Nacht und den Sturm floh mit den letzten ersterbenden
+Kräften der Mörder, jetzt nur von dem einen Gedanken beherrscht, erlöst
+zu werden von den furchtbaren, qualvollen Schmerzen, die ihn bis zur
+Raserei peinigten.
+
+ * * * * *
+
+Der alte Frege saß in seinem Hinterzimmer, hatte die Arme auf die dürren
+Kniee gestützt und das greise Haupt auf die Brust herabsinken lassen und
+starrte mit einem unbeschreiblich müden und verlassenen Blick vor sich
+hin. Die mit der für die Beerdigung seiner Gebieterin notwendigen
+Maßnahmen verbundene Tätigkeit hatte ihn seit der Frühe aufrecht
+erhalten; jetzt war er, wie von aller Kraft verlassen, zusammengesunken,
+und die Gedanken kamen und lösten sich in seinem Kopfe ab, und wenn sie
+je zu einem Schluß gelangten, war's immer nur der: „Was sollst du noch
+auf der Welt, da nun die letzte von denen dahingegangen, welchen du dein
+Leben gewidmet hattest?“ Frege hatte während seiner langen Dienstzeit
+nie etwas anderes verlangt, als die Thätigkeit, in der er sich befand,
+und die Ausübung seiner Pflicht, die ihm Bedürfnis geworden war. Andere
+richteten ihren Sinn hinaus, sie glaubten draußen besseres zu finden,
+neben der Arbeit Zerstreuung, höheren Verdienst, und was sonst die Sinne
+der Menschen fesselt. Er aber wußte, es sei thöricht, zu glauben, das
+die Fremde besseres biete. Breckens waren gleichsam seine Familie
+geworden, nachdem er vor langen Jahren seine Eltern verloren hatte. Ihre
+Freude war die seinige, ihr Leid empfand er wie eigenes. In der nächsten
+Umgegend war er geboren; so hielten ihn denn auch die Heimat, die
+Landschaft, die Luft, die Menschen, ihre Sprache, ihr Wesen und ihre
+Gebärden. Schon Elsterhausen schien ihm eine andere, fremde Welt.
+
+Einmal hatte er noch gehofft, und seine Seele hatte sich verjüngt, als
+Theonie zum zweitenmal ihr Herz einem Manne zu eigen gegeben. Da schien
+die Sonne ihm nicht nur am Himmel, sie flutete durchs ganze Haus, sie
+strahlte in seinem Herzen, und wenn er seiner Gebieterin leuchtendes
+Auge, ihre glückseligen Mienen sah, dann ward er selbst noch einmal
+jung, und seine Phantasie schuf ihm reizvolle Zukunftsbilder.
+
+Jetzt war alles unwiederbringlich dahin! Sie war dem Manne ihrer Wahl in
+den Tod gefolgt, und das große Erbe kam in fremde Hände. Wo sollte er
+nun bleiben? Hederich hatte ihm gesagt, Tressens würden ihn auf
+Falsterhof lassen, alles würde beim Alten bleiben. Beim Alten!? Der Gram
+fraß an seinem Herzen; es war auch gleichgültig, wo er die letzten Jahre
+noch sein Haupt hinlegte. Er konnte leben ohne Dienst — Leben, ja! essen,
+trinken, schlafen. — Aber welch ein leeres Dasein! — Gab's noch irgend
+etwas, das ihm Hoffnung ins Herz träufeln konnte!? Nichts! Ja, doch! Ein
+Gedanke vermochte ihn noch aufzurütteln: den Verbrecher unter den Händen
+des Henkers zu sehen! —
+
+Wenn sich der alte Mann vorstellte, der Mörder stände ihm jetzt
+gegenüber, dann verzerrten sich vor Haß und Wut seine Mienen. Er fiel
+über ihn her, stieß ihm ein Messer in den Körper, wo es gerade traf, und
+weidete sich an der Dual des Scheusals. — Und Gott würde ihm vergeben!
+Der Gott, der selbst ein zorniger und eifriger Gott war, würde
+begreifen, daß man Rache übte! Mitleid? Vergebung? Nachsicht? Hatte Gott
+nicht selbst eine Hölle geschaffen mit Zittern und Zähneklappern für die
+Bösen, und sollte sein Geschöpf, der Mensch, sich des natürlichen
+Triebes, des Hasses und der Vergeltung, entäußern?
+
+Und bei diesem Gedanken kam dem Manne wieder die Erinnerung an die Frau,
+die er wie ein höheres Wesen verehrt und geliebt hatte, und er raffte
+sich auf, schritt mit nassen Augen langsam über den stillen, hallenden
+Flur, öffnete die Zimmer des alten Herrn, wo man die Leiche gebettet
+hatte, und näherte sich ihrem Totenlager.
+
+Aber nein! Er konnte den Anblick nicht ertragen. Zu fürchterlich waren
+die nachwirkenden Spuren des Todes auf dem Gesicht der Erdrosselten. Die
+Augen hatten sich, vielleicht bei der Umbettung, wieder geöffnet, und
+diese Augen schauten ihn an mit einem so grausigen Ausdruck von
+flehendem Entsetzen!
+
+Der alte Mann deckte rasch ein Leinenlaken über das Antlitz; er konnte
+ihr wenigstens jetzt nicht die Lider zudrücken, er vermochte es nicht.
+Er sank neben der Leiche nieder und weinte und stöhnte. — Noch tags vor
+ihrem Tode hatte seine Herrin, wieder ein wenig Lebensmut gewinnend,
+lange mit ihm gesprochen, Pläne gemacht, und ihm durch ihr Vertrauen
+gezeigt, welche guten Empfindungen auch sie für ihn besaß. Und da war
+der feige Einbrecher erschienen und hatte — hatte — O Gott, o Höchster
+über den Sternen! Es war nicht auszudenken, daß das wirklich alles
+geschehen war!
+
+Der Hund hatte die ganze Nacht in Absätzen gebellt, durch ihn war Frege
+geweckt worden — aber zu spät — — zu spät — — Und daß das Tier sich gerade
+an diesem Abend vom Hofe entfernt hatte und, keinen Einlaß findend, in
+den Stall gekrochen war zu Klaus, das war ein so unglücklicher Zufall
+gewesen, das erschien als ein solches Bündnis des Teufels mit dem
+dämonischen Plan des Verbrechers, daß es fast aussah, als habe Gott aus
+für die Menschen unerfindbaren Gründen alles so geschehen lassen wollen!
+Seltsam! Das ganze Leben Theonie von Breckens war eine Kette von Strafen
+gleich erscheinenden Schicksalen gewesen! — War darin Sinn und
+Verstand? — Vielleicht doch! — Sie mußte fallen, damit jene auf Holzwerder
+wieder zu ihrem Recht gelangten, für schwere Enttäuschungen um so höher
+entschädigt würden. So ging's überall in der Welt zu; das waren geheime
+Gesetze. Der alte Mann, der viel gelesen und viel nachgedacht hatte,
+neigte stumpf ergeben das Haupt. Und nun war der kleine Tankred von
+Brecken Erbe von Falsterhof! Nun kam wieder in eine Hand, was einst
+Leichtsinn und Unverstand verschleudert hatten.
+
+Wenn's nur nicht sein Sohn wäre! dachte der alte Mann. Nur nicht der
+Sohn dessen, der, ein Teufel in Menschengestalt, auf der Erde hauste!
+
+Endlich erhob er sich, die Thürglocke ging, Klaus trat ins Haus. Es war
+Essenszeit. In der Gesindestube saßen schon die anderen Dienstboten zu
+Tische, und draußen bellte laut der Hund und haschte nach den pickenden,
+harmlosen Spatzen. Auch hier Verfolgung und Kampf des Stärkeren gegen
+den Schwachen. —
+
+Am Nachmittag desselben Tages trafen Höppners, Tressens und Hederichs in
+Falsterhof ein, um Theonie noch einmal zu sehen, und um gemeinsam wegen
+der auf den folgenden Mittag angesetzten Bestattung zu beraten. Auch
+Justizrat Brix hatte sich eingefunden und erteilte den Anwesenden
+Bericht über die Schritte, die er auf Grund der von Frege gemachten
+Aussagen zur Ergreifung Tankred von Breckens bei der Staatsanwaltschaft
+unternommen hatte.
+
+Die Ermordung Theonies hielt das ganze Land in Aufregung. Die Blätter
+hatten schon am Tage nach der That ausführliche Berichte gebracht und
+Mutmaßungen über den Thäter ausgesprochen. Die Aussage Freges, der mit
+vollkommener Sicherheit die Erklärung abgegeben, daß er Brecken erkannt
+habe, hatte sich blitzschnell verbreitet, und da er zugleich auf das
+bestimmteste behauptete, den Mörder verwundet zu haben, erschien die
+Überführung des Verbrechers, sobald man seiner habhaft geworden, als
+eine leichte.
+
+Aber noch hatte man keine Spur von Brecken entdeckt. Es war konstatiert,
+daß er tags vorher in der Nähe gewesen und die Absicht geäußert hatte,
+sich nach dem Süden zu begeben. Aber da er keinen großen Vorsprung
+gewonnen haben konnte, auch die Staatsanwaltschaft einen Preis auf seine
+Ergreifung gesetzt hatte, mußte sich die Angelegenheit baldigst klären.
+
+In einer namenlosen Spannung und Aufregung befanden sich Tressens. Die
+mit dem Ereignis verbundenen, bedeutsamen Folgen beschäftigten sie auf
+das lebhafteste. Wenn Justizrat Brix darin recht hatte, daß auf einem
+solchen vorsätzlichen Mord der Tod stand, so fiel ihrem Enkel Falsterhof
+zu, und er wurde zugleich für alle Zeiten Einflüssen entzogen, die, wie
+auch immer der Prozeß ausfallen mochte, verderblichster Natur gewesen
+sein würden.
+
+Auf Nacht und Dunkel folgten Sonne und Licht; was die hoffnungsvollste
+Phantasie nicht auszudenken gewagt, wurde Thatsache.
+
+Und wenn auch gegenüber der Toten, deren Anblick den Anwesenden einen
+unheimlichen, freie Gedanken nicht aufkommen lassenden Schmerz
+aufdrückte, Äußerungen der Freude über den wahrscheinlichen Ausgang der
+Dinge nicht laut wurden, so waren doch aller Herzen von glücklichen
+Vorstellungen erfüllt, und namentlich auch Hederich und Carin machten
+Pläne, die darauf hinzielten, nach Holzwerder zurückzukehren.
+
+Hederich war einmal mit seinem ganzen Sinn und Wesen mit Holzwerder
+verwachsen. Er fühlte sich dort besonders heimisch und glücklich. Und
+bei einer Wiederaufnahme seiner Stellung verbesserten sich auch seine
+materiellen Verhältnisse wesentlich.
+
+Hederichs hatten wohl ihr Auskommen, aber es war nur ein bescheidenes.
+Wenn er in die alte Thätigkeit wieder eintrat, so waren sie
+wohlsituiert, und der Verkehr mit Tressens, sowie der Umgang, den sie
+pflogen, bot der aufgeweckten, nach geistiger Anregung verlangenden
+jungen Frau weit mehr, als die jetzige Einsamkeit ihr zu geben
+vermochte.
+
+Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg,
+drückten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann
+Vorbereitungen zur Abfahrt.
+
+Als sie bereits in der Thür standen und den letzten Händedruck
+austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe,
+wie sie gehört, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer
+Überraschung keiner bedrückten Miene, sondern die Pastorin neigte mit
+leuchtenden Augen den Kopf und sagte: „Ach, es ist ja ein herziges Ding!
+Sie hat so tief bereut, daß mir die Seele schmolz. Sie kam
+unaufgefordert zu mir, legte ihr Köpfchen an meine Schulter und
+bettelte, daß ich ihr verzeihen möchte.“
+
+Sie hatte nach diesem Bericht über Lene auch keine Zeit mehr, die
+lebhafte Frau Pastorin. Sie drängte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen
+und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmütigen Gesicht,
+was sie wollte.
+
+Durch das Gespräch über Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen
+Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaßten
+sie.
+
+Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf
+die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blühend
+aussehendes junges Weib in die Arme und flüsterte zärtlich neckend:
+„Aber mein kleines Frauchen, — drum und dran — mag keine Kinder —!“ Da
+senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in
+ihren Mienen die Glückseligkeit, die sie durchströmte über das, was auch
+ihr bevorstand. —
+
+ * * * * *
+
+Es war Spätabend. Abermals ein furchtbares Gewitter — gleichsam ein Kampf
+der mächtig nach Verjüngung ringenden Natur — durchtobte den Himmel, und
+meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der
+vor einigen Tagen krank nach L. zurückgekehrte, unter dem Namen ‚von
+Kaub‘ in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war.
+
+Ärztliche Hülfe war von ihm zurückgewiesen. Er hatte einen Barbier
+angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte
+linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mußte. Es sei eine sehr
+böse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die
+Frage des Wirtes erklärt, und viele Wochen würde es dauern, ehe der
+Kranke das Zimmer wieder verlassen könne.
+
+Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant
+verlassen, auch sämtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben,
+und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen,
+als noch an die Hausthür geklopft ward, und der Barbier, an dem
+verschlafenen Hausdiener vorüberschreitend, in sichtlicher Erregung das
+Gastzimmer betrat.
+
+„Nun?“ machte Helms, der Wirt, ein mittelgroßer Mann, der mit seinem
+zwischen englischen Bartkoteletts überaus glattrasierten Kinn und der
+übertrieben sorgfältig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als
+ob er sofort als Schauspieler in einer Bühnenrolle aufzutreten habe,
+verwundert und nicht eben angeheimelt.
+
+„Wo kommen Sie denn noch so spät her, und in dem, Wetter, Bartsch?“
+
+Statt zu antworten, machte Bartsch eine geheimnisvolle Miene und schaute
+sich um wie jemand, der sich durch Sprechen zu verraten fürchtet. Dann
+sagte er:
+
+„Ist noch heiß Wasser da? Ich möchte einen halben
+Grog, — und — dann — dann — muß ich Ihnen etwas mitteilen, etwas sehr
+wichtiges, das keinen Aufschub duldet!“
+
+In Helms Gesicht drückte sich allerlei Mißbehagen aus, aber er ging doch
+hinter das Buffet, drehte selbst das Gas noch einmal in die Höhe, ließ
+den Theekessel singen und schickte den Kellner ins Bett.
+
+„Hier! Lesen Sie mal, Herr Helms,“ begann Bartsch, ein Mann, in seiner
+Erscheinung mehr einem Küster als einem Barbier gleichend, mit ernstem,
+zuverlässigem Ausdruck und zog, nachdem der Wirt sich zu ihm gesetzt,
+eine Nummer der Hamburger Nachrichten hervor.
+
+Helms setzte ein Glas aufs Auge, und während er ein
+Steckbriefsignalement studierte, beobachtete Bartsch mit größter
+Spannung seine Mienen.
+
+„Na? Und?“ setzte Helms arglos an und schnitt mit großer Umständlichkeit
+die Spitze einer Zigarre ab. „Haben Sie Aussicht, die tausend Mark zu
+verdienen —?“
+
+„Wir!“, betonte Bartsch mit ruhiger Sicherheit und zeigte mit der Hand
+nach oben.
+
+Helms zuckte die Achseln. Er verstand nicht.
+
+„Der von Kaub ist der Herr von Brecken, der in dem Steckbrief gesucht
+wird,“ hub Bartsch an. „Alles stimmt. Merken Sie auf!“ Und nun las er
+einzeln das Signalement vor, und bei jedem Satz schob er ein „Trifft
+doch genau zu!“ ein.
+
+„Donnerwetter!“ sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verließ.
+
+Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluß. Einen solchen Menschen
+im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, daß er sogleich
+mit Bartsch überlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche
+Anzeige erstatten und veranlassen sollten, daß eine Wache vor die
+Stubenthür und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz
+zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rückgrat,
+scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr
+weiße Zähne, große, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug!
+Jedes Stück stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Überzieher.
+Und ganz in der Frühe war er angekommen, verstört, totenbleich, mit
+Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte
+erzählt, daß er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt
+habe.
+
+Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuß —! Während die
+beiden noch zusammen überlegten, ertönte plötzlich ein Donnerschlag von
+solcher Vehemenz, daß die Erde zu beben schien, und sie unwillkürlich
+zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben
+im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht
+erklärte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub.
+
+Die beiden Männer sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von
+Grauen erfaßte sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen,
+und nun war's so gut wie erwiesen, daß der Thäter oben im Hotel
+lag. — Entsetzlich! — Endlich gingen sie beide. — —
+
+Als sie das Zimmer öffneten, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick
+dar. Der Kranke saß aufrecht im Bett und brüllte, man möge gleich den
+Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er könne das
+nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht
+werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Mäuse und Ratten
+sollten nicht an den Wänden kriechen und — und —
+
+Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie
+ein Verzweifelter und schrie und tobte, er könne es vor Kitzeln nicht
+aushalten! Und dazwischen kreischte er, daß die Frau, die Frau Theonie
+mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde. —
+
+Fürchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Körper- und Seelenschmerzen
+wirkten zusammen in dem Unglücklichen!
+
+Und was die Anwesenden sagten, hörte er nicht, er wußte schon nicht
+mehr, daß sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das
+Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genähert
+hätten, und dann brüllte er wieder so markerschütternd auf, daß sie, wie
+von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit ließen, die Thür von
+außen zu verschließen. —
+
+Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer
+auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht,
+Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kämpften in ihnen. Aber dann gab's
+einen schnellen Entschluß, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und
+Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt
+abzunehmen, sich noch verstärkt hatte, als ob alle Himmel droben
+gegeneinander in Aufruhr geraten seien — —
+
+ * * * * *
+
+Man geht, um den Kirchhof in Elsterhausen zu erreichen, rechts von der
+Hauptstraße ab eine Anhöhe hinauf. Eine alte, schmucke Kirche erhebt
+sich fast in der Mitte des Hügels, und rings umher befinden sich die
+vielfach von Bäumen beschatteten und meist sorgsam gehaltenen Gräber,
+herabreichend bis an die Gärten der die Straße flankierenden Häuser.
+Ein stiller Ort, an dem die Vögel heimlich singen, an dem selbst der
+Wind sanfter zu rauschen scheint, wenn er seine Flügel erhebt.
+
+Es ist morgens um die zehnte Stunde; die gesamte Natur liegt da in einem
+durch die Frühsonne verklärten Frieden. Überall junges Grün, wohin das
+Auge blickt, Grün und Gold, und die Erde haucht jenen gleichsam aus der
+Tiefe quellenden Atem aus, der, sich mit dem Duft der Blumen vermählend,
+unsere Sinne halb anregt, halb in eine sanfte Erschlaffung versetzt.
+
+Den Sarg, welchen der Leichenwagen heranfährt, begleiten nur drei
+Personen. Sie gehen wortlos hinter dem Gefährt her, und jeden leitet auf
+diesem Gange ein nicht auf den Verstorbenen gerichteter Beweggrund und
+Gedanke.
+
+Es ist die Verehrung für die Frau des Toten, das Interesse für sein noch
+lebendes Kind, was sie nach Elsterhausen geführt hat.
+
+Tankred von Brecken — über drei Wochen sind vergangen — war in dem
+öffentlichen Krankenhause, in das er auf Anordnung der Sanitätspolizei
+und der Gerichte gebracht worden, verschieden. Geistige und körperliche
+Qualen, wie sie selten einen Menschen heimsuchen, hatte er erduldet, bis
+er seine Seele ausgehaucht. Aber noch Schlimmeres hätte ihn erwartet,
+wenn es der Pflege gelungen wäre, ihn am Leben zu erhalten. Und das
+hatte der Mann gewußt in den wenigen lichten Augenblicken seiner
+Krankheit, in denen endlich auch das Gewissen mit ganzer, furchtbarer
+Gewalt zum Durchbruch gekommen war.
+
+Aber er wußte noch mehr. Er hatte vom Himmel nichts zu erflehen, da er
+alles Erbarmen verwirkt, und dennoch richteten sich seine Gedanken
+hinauf, und die gefalteten Hände zitterten, und der Mund flehte
+stöhnend: „Nimm mich fort, sende mir den Tod. Übe dein göttliches
+Mitleid an der von Dir erschaffenen Kreatur, indem Du ihr das nimmst,
+was die anderen als höchstes Gut erkennen: das Leben — —!“
+
+Und das Schicksal hatte ihn nach entsetzlichen Kämpfen erlöst; an einem
+Hirnschlag, der sein krankhaft vibrierendes Nervengeflecht lähmte, war
+er gestorben, und Staatsanwalt, Richter und Henker wurden ihres Opfers
+beraubt. —
+
+Der Leichenzug war oben angelangt; die Träger hoben den Sarg, auf den
+niemand eine Blume oder gar einen Kranz niedergelegt hatte, vom Wagen
+und schritten an die Gruft, an welcher der Küster mit seinen Gehülfen
+harrte. Es ward nicht gesprochen, alles vollzog sich stumm und tonlos.
+
+Nur als der Sarg eingesenkt wurde, entstand durch das Hinabrollen
+einiger klebriger Erdstücke ein Geräusch. Sie fielen dumpftönend auf den
+Deckel, aber sie störten den Schläfer nicht mehr —
+
+„Wir wollen ein Vaterunser beten,“ hub Höppner an. Aber er sprach noch
+anderes. Seine verzeihende Seele drängte nach einem Wort: „Richtet
+nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet! Die Fehler und Vergehen des
+Unglücklichen, Verirrten, den wir eben in die Erde gebettet haben, waren
+das Ergebnis einer verkehrten Erziehung; er hatte durch Naturveranlagung
+einen schwereren Kampf mit sich zu bestehen als andere. Das mildert
+seine Schuld in den Augen der Barmherzigen. Gott möge ihm gnädig
+sein!“ —
+
+Als die drei Männer, Herr von Tressen, Pastor Höppner und Hederich,
+langsam den Weg zurücknahmen, zwitscherten über ihnen die Vögel mit
+süßem, fröhlichen Gesang; von unten drang das Geräusch emsigen Lebens an
+ihr Ohr. Leben und Daseinsdrang überall! Und das Gefühl einer schweren
+Last war auch von der Seele dieser Männer gewälzt und machte sie leicht
+und hoffnungsfroh.
+
+Hier hinterließ der Tod keine Narben, hier war er eine Erlösung für die
+Zurückbleibenden, wie er eine Erlösung gewesen für den Vernichteten, der
+einst geglaubt hatte, der Mensch vermöge sein Schicksal zu lenken nach
+seinen Wünschen und Vorstellungen. —
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Todsünden, by Hermann Heiberg
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13805 ***