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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13659 ***
+
+Der Todesgruß der Legionen
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Dritter Band.
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+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
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+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+Der Kaiser Napoleon ging in heftiger Bewegung in seinem Cabinet auf
+und nieder; die krankhafte Abgespanntheit, welche sonst auf seinem
+Gesicht zu liegen pflegte, war verschwunden, an deren Stelle war eine
+lebhafte Aufregung getreten, seine Lippen zuckten, seine Augen blickten
+unruhig hin und her, und sein sonst so wohl geordneter Bart war durch
+das Spiel seiner zitternden Finger aus der Ordnung gebracht.
+
+Auf seinem Schreibtisch lag eine große Anzahl von Telegrammen über
+einander geworfen. Er hielt eine Photographie in Cabinetformat in der
+Hand, die er, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, aufmerksam betrachtete.
+
+„Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung,“ sagte er mit einem
+tiefem Athemzug, „die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre
+allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle
+Nervenerregung zu versetzen, — da muß noch dieses Complott hinzutreten,
+das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute
+gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben
+handelt, — diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein
+Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so
+abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien
+und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so
+liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten
+Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich
+dem Aufstande. Und,“ sprach er dumpf, vor sich hin starrend, „bin ich
+denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was
+heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann.“
+
+Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt
+und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes.
+
+„Dieser Mensch,“ sagte er dann, „ist kein Fanatiker, — das ist kein
+exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für
+eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird, — dies Gesicht ist gemein und
+gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug — und wenn er
+unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall
+wiederfinden, — und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand
+dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit,
+wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That
+in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen
+Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht
+Diejenigen doch Recht,“ sagte er in tiefem Gedanken, „welche mir rathen,
+durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem
+Kaiserthum zu verbinden.“
+
+Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken
+gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im
+Zimmer auf und nieder.
+
+„Eine glänzende Action,“ sagte er dann — „ja — aber wenn sie nicht
+glänzend wäre — wenn das launenhafte Glück _nicht_ über meinen Fahnen
+schwebte — was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der
+Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen
+würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen — warum aber
+soll das Glück sich von mir wenden?“ rief er dann stehen bleibend und
+den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine
+Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines
+Schreibtisches stand. „War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer,
+dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer
+fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus
+erbaute, — warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben — wenn
+dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der
+ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich
+es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich
+dem kühnen Muth und dem festen Entschluß, — aber wenn das Plebiscit
+ungünstig ausfällt,“ sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit
+dumpfem traurigem Ton. „Doch nein,“ rief er dann, „nein, das ist
+unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über
+den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig.“
+
+Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden
+Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und
+addirte dieselben.
+
+„Paris,“ sagte er, „Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten
+Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden
+Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für
+„Ja“ und nur 200,000 für „Nein.“ Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg
+gewiß.“
+
+Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Groß-Siegelbewahrer.
+
+„Er ist willkommen,“ rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der
+Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt
+eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des
+Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die
+Anrede seines Souverains abzuwarten:
+
+„Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von
+hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen
+Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und
+432,000 mit Nein. So eben,“ fuhr er fort, „habe ich dieses zweite
+Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig
+Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten
+hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der
+Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht
+mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis
+zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits
+gesichert.“
+
+Der Kaiser athmete tief auf und drückte noch einmal herzlich die Hand
+seines Ministers.
+
+„Das Glück steht mir noch zur Seite,“ sagte er halblaut, mehr seinem
+frühern Gedankengang folgend, als zu Herrn Ollivier sprechend. „Dies
+glänzende Resultat,“ sagte er dann mit unendlich liebenswürdiger
+Verbindlichkeit, „habe ich zum großen Theil meinen Ministern und Ihnen
+ins Besondere, mein lieber Herr Ollivier, zu verdanken, da Sie es
+verstanden haben, die Sympathien des ganzen Volkes um die kaiserliche
+Regierung zu vereinigen, und vielleicht war dieses unglückliche traurige
+Complott, das man entdeckt hat, ebenfalls eine glückliche Fügung, da
+gerade dadurch dem ganzen Lande klar geworden ist, von welchen Gefahren
+die Ordnung des Staats und der Gesellschaft bedroht wird, von Gefahren,
+gegen welche nur ein freisinniges und kraftvolles kaiserliches Regiment
+Schutz und Rettung bieten kann. Seien Sie überzeugt, daß ich die
+Dienste, welche Sie dem Lande, mir und meinem Hause geleistet haben,
+niemals vergessen werde.“
+
+Herr Ollivier verneigte sich mit zufriedenem Lächeln.
+
+„Eure Majestät haben ganz mit Recht bemerkt,“ sagte er dann, „daß das
+verbrecherische Complott, welches die Wachsamkeit der Polizei vor
+einigen Tagen entdeckt, sehr günstig auf die Theilnahme der gut
+gesinnten Bevölkerung auf die Abstimmungen gewirkt hat, — dessen
+ungeachtet“ fuhr er fort, „bleibt die Sache sehr zu beklagen, denn
+Alles, was man bis jetzt ermittelt hat, zeigt deutlich, daß man es hier
+mit einem tief angelegten Plan unversöhnlicher Verschwörer zu thun hat,
+und ich bitte Eure Majestät zu genehmigen, daß nicht wie in frühern
+ähnlichen Fällen die Angelegenheit mit der Ihnen persönlich so nahe
+liegenden Milde behandelt, sondern daß hier mit der äußersten Strenge
+vorgegangen werde, um ein für allemal ernstlich und nachdrücklich von
+ähnlichen Unternehmungen abzuschrecken.
+
+„Es widerstrebt mir,“ sagte der Kaiser mit einem sanften weichen
+Ausdruck, „Unternehmungen, welche gegen meine Person und mein Leben
+gerichtet sind, mit äußerster Strenge zu verfolgen. Nach meinem Gefühl
+möchte ich Wahnsinnige, die derartiges versuchen, am liebsten völlig
+ungestraft lassen, und das um so mehr in einem Augenblick, in welchem
+mir das ganze Volk auf eine so glänzende Weise sein Vertrauen bezeigt.
+Doch,“ fuhr er ernster fort, „es handelt sich hier nicht allein um mich,
+man hat nicht nur mich bedroht, sondern zugleich die Sicherheit des
+ganzen Staatsgebäudes, wie ich dasselbe unter Mitwirkung der besten
+Kräfte des Landes und der Acclamation des ganzen Volkes errichtet habe;
+hier darf keine Milde walten! Was hat man weiter entdeckt,“ fuhr er
+fort. „Ich bin sehr gespannt auf die Ermittelung des Zusammenhangs der
+Verschwörung.“
+
+„Der Polizeipräfect befindet sich in Eurer Majestät Vorzimmer,“
+erwiderte Herr Ollivier, „und wenn Sie es erlauben, kann er hier
+sogleich seinen Bericht erstatten, und Eure Majestät können die
+Maßregeln genehmigen, welche ich zur gerichtlichen Verfolgung der
+Verbrecher und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit vorschlagen
+möchte.“
+
+Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.
+
+Herr Ollivier ging hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem
+Polizeipräfecten Pietri zurück, dessen bleiches, scharfes Gesicht
+unbeweglich und kalt wie immer war und dessen scharfe Augen fast noch
+stechender als gewöhnlich unter dem tiefen Schatten der vorspringenden
+Stirn hervorblickten.
+
+Auf den Wink des Kaisers nahmen der Justizminister und der
+Polizeipräfect neben dem Schreibtisch Platz, während Napoleon sich in
+seinen Lehnstuhl niedersinken ließ, — den Ellenbogen auf das Knie
+gestützt blickte er Herrn Pietri fragend und erwartungsvoll an.
+
+„Eurer Majestät,“ begann dieser, indem er eine kleine Mappe öffnete und
+mehrere Papiere aus derselben hervorzog, „erlaube ich mir mitzutheilen,
+daß der frühere Corporal Beaury in seiner Wohnung in der Rue St. Maur,
+die er nach seiner Ankunft aus London bezogen hatte, verhaftet wurde.
+Man hat bei ihm einen Dolch und einen Revolver, eine Summe von etwas
+über dreihundert Francs gefunden, zugleich aber auch vor allen Dingen
+Briefe von Gustav Flourens aus London, welche zweifellos beweisen, daß
+Beaury den Auftrag erhalten und angenommen hatte, Eure Majestät durch
+die Bomben zu tödten, von denen ich Ihnen bereits eine Probe zu
+überreichen die Ehre gehabt habe.“
+
+„Die Sprengbomben sind vortrefflich construirt,“ sagte der Kaiser — „ich
+würde ihrer Wirkung nicht entgangen sein,“ fügte er lächelnd hinzu.
+
+„Die Briefe von Flourens,“ fuhr Pietri fort, „welche ich Eurer Majestät
+hier vorzulegen die Ehre habe“ — er legte mehrere beschmutzte Papiere auf
+den Tisch vor dem Kaiser nieder, beweisen aber zugleich, daß es sich
+nicht nur um ein Attentat gegen Allerhöchst Ihre Person handelte,
+sondern daß zu gleicher Zeit die Tuilerien und die sämmtlichen
+öffentlichen Gebäude, in welchen die leitenden Organe der öffentlichen
+Regierung ihren Sitz haben, zerstört werden sollten. Man hat auf die
+Aussage Beaury's gestützt, welcher sogleich nach seiner Verhaftung
+umfassende Geständnisse ablegte, Nachforschungen gehalten und bei einem
+Kunsttischler Roussel, dessen die Agenten leider bis jetzt noch nicht
+habhaft geworden sind, eine weitere größere Anzahl von Bomben, Massen
+von Nitroglycerin, so wie bedeutende Quantitäten Petroleum gefunden;
+auch steht nach den Aussagen Beaury's die Theilnahme der Internationale
+an der ganzen Verschwörung außer Zweifel, was zugleich beweist, daß
+diese Verbindung, welche sich nur mit der Erörterung socialer Fragen und
+mit der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes zu beschäftigen
+vorgiebt, die eigentliche Triebfeder aller Attentate gegen die
+bestehende Staatsordnung ist.“
+
+„Haben Sie alle diese Beweisstücke da,“ fragte der Kaiser.
+
+„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Pietri, indem er mehrere Briefe und
+Protokolle dem Kaiser überreichte.
+
+Dieser legte sie auf seinen Tisch.
+
+„Ich werde das Alles später prüfen,“ sagte er. „Es ist eine schmerzliche
+Erfahrung für mich,“ fuhr er fort, „daß gerade diese internationale
+Arbeiterassociation, welcher ich, so weit sie sich mit dem Interesse
+der Arbeiter beschäftigte, stets wo das mit den Gesetzen vereinbar war,
+mein Wohlwollen bewiesen, und meinen Schutz gewährt habe, sich jetzt zu
+solchen Zwecken mißbrauchen läßt.“
+
+„Ich habe Eure Majestät stets darauf aufmerksam gemacht,“ sagte Pietri,
+„daß diese Organisation selbst unter ihren früheren gemäßigten, so zu
+sagen philosophischen Führern eine große Gefahr für den Staat und die
+Gesellschaft in sich schloß, und daß es nothwendig sei, mit der
+äußersten Strenge gegen dieselbe vorzugehen, um sie und ihren weit
+verzweigten Einfluß zu zerstören. Nachdem nun ihre gefährlichen und
+verbrecherischen Ziele so klar an's Tageslicht getreten sind, möchte ich
+Eure Majestät um die Erlaubniß bitten, die ganze Internationale mit
+einem Schlage zu zertrümmern, und in allen Städten Frankreichs ihre
+Führer, die mir sehr wohl bekannt sind, verhaften zu lassen.“
+
+Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.
+
+„Ich erkenne die Nothwendigkeit energischer Maßregeln vollkommen an,“
+sagte er, „doch weiß ich nicht, ob die Verhaftung der Führer von einigem
+Nutzen sein wird. So weit mir aus früheren Berichten die Organisation
+jener Gesellschaft bekannt ist, hat jeder Führer einen Substitut, und
+die Verhaftung der ersten Leiter würde also für die Unterdrückung der
+Sache selbst nicht viel nützen, außerdem gehört dieser Internationale
+eine Menge von Arbeitern an, die im Grunde gut gesinnt sind und die
+verbrecherischen Absichten der Häupter weder kennen, noch billigen. Ich
+glaube deshalb, daß es klug wäre, den Maßregeln, welche gegen die
+Internationale getroffen werden müssen, jeden polizeilichen Character zu
+nehmen und sie lediglich als die Folgen richterlichen Verfahrens
+erscheinen zu lassen.“
+
+Er richtete den Blick fragend auf Herrn Ollivier.
+
+„Ich theile vollkommen die Ansicht Eurer Majestät,“ sagte dieser. „Und
+es sind in diesem Sinne alle Einleitungen getroffen, der
+Generalprocurator Grandperret soll einen Bericht an mich erstatten,
+welcher das Complott in seinem ganzen Zusammenhange darstellt und die
+Einberufung des hohen Gerichtshofes beantragt. Ich werde diesen Bericht
+des Generalprocurators, der bereits morgen in meinen Händen sein soll,
+Eurer Majestät überreichen und zugleich den Entwurf eines Decrets
+beilegen, welcher die Einberufung des hohen Gerichtshofes anordnet.
+Sobald das geschehen, werden alle Verhaftungen, welche auf Grund der von
+dem Generalprocurator Grandperret anzustellenden Anklageacte
+vorgenommen werden müssen, gerichtliche und nicht mehr polizeiliche
+Maßregeln sein.“
+
+„Sehr gut,“ sagte der Kaiser, „ich erwarte Ihren Bericht, mein lieber
+Herr Ollivier, und ich hoffe,“ fügte er sich zu Pietri wendend hinzu,
+„daß Ihre Agenten geschickt genug sein werden, um keinen der Schuldigen
+entwischen zu lassen.“
+
+„Eure Majestät können überzeugt sein,“ erwiderte der Polizeipräfect,
+„daß in meinem Ressort geschehen wird, was nur irgend zu thun möglich
+ist, dennoch aber möchte ich bitten, einige Personen welche ich dem
+Herrn Generalprocurator bezeichnen werde, von der Verhaftung
+auszuschließen. Es sind die Personen welche wir genau zu überwachen in
+der Lage sind, und durch welche wir in Folge dieser Überwachung
+fortwährend Kunde von den Fäden erhalten, durch welche die revolutionäre
+Bewegung im ganzen Lande geleitet wird. Würden diese Personen verhaftet
+werden, so würde uns sich eine Quelle sehr wichtiger Nachrichten
+verschließen, und wir würden gezwungen sein, viele Zeit aufzuwenden, um
+neue Netze zu knüpfen.“
+
+Der Kaiser lächelte.
+
+„Ich verstehe,“ sagte er — „nicht wahr, mein lieber Herr Ollivier, Sie
+finden den Wunsch des Herrn Pietri gerechtfertigt —“
+
+„So fern dadurch,“ sagte der Justizminister, „der gerichtlichen
+Verfolgung keine Beweise entzogen werden.“
+
+„Sie können sicher sein,“ sagte Herr Pietri, „daß diejenigen Personen,
+um welche es sich handelt, — und zu denen in erster Linie der eitle
+Schwätzer Raoul Rigault gehört, so vollständig umstellt sind, daß keine
+ihrer Bewegungen, keines ihrer Worte uns entgeht, und daß ihre
+Verhaftung, wenn sie jemals nothwendig werden sollte, jeden Augenblick
+stattfinden kann. Es ist aber eine alte Regel der polizeilichen Praxis,“
+fügte er hinzu, „in großen und besonders bedeutungsvollen Fällen immer
+einige der betreffenden Personen in scheinbarer Freiheit zu lassen, um,
+wenn es nöthig ist, durch sie das herstellen zu können, was man mit dem
+technischen Ausdruck eine „Mausefalle“ nennt. Hat man einmal alle
+Personen, von denen man irgend etwas weiß, im Gefängniß eingeschlossen,
+so ist es kaum möglich, irgend etwas Weiteres und Neues zu erfahren.“
+
+„Ich bitte Sie also,“ sagte Herr Ollivier, „sich mit dem
+Generalprocurator Grandperret über diesen Punkt zu verständigen.“
+
+„Der Herr Marschall Kriegsminister,“ meldete der Kammerdiener.
+
+„Ich bitte den Marschall einzutreten,“ erwiderte der Kaiser.
+
+Der Marschall Leboeuf trat in das Cabinet, die militairische Haltung
+seiner großen vollen Gestalt, der martialische Ausdruck seines starken
+Gesichts mit dem großen, dichten Schnurrbart ließen in ihm trotz des
+Civilüberrocks, den er trug, den Soldaten erkennen.
+
+„Nun, mein lieber Marschall,“ rief ihm der Kaiser entgegen. „Sie bringen
+das Resultat der Abstimmungen der Armee.“
+
+„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte der Marschall. „Leider aber habe ich
+Eurer Majestät mitzutheilen, daß nach den Mittheilungen, welche nunmehr
+beinahe abgeschlossen sind dreißigtausend Ihrer Soldaten mit „Nein“
+gestimmt haben.“
+
+Der Kaiser ließ einen Augenblick das Haupt auf die Brust sinken, ein
+trüber, trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.
+
+„So großen Einfluß,“ sagte er, „haben die Feinde meiner Regierung also
+auch in den Reihen meiner Armee gewonnen, daß dreißigtausend kaiserliche
+Soldaten es wagen, ein Mißtrauensvotum gegen mich auszusprechen.“
+
+„Ich habe Eure Majestät,“ sagte Herr Pietri, „bereits seit lange darauf
+aufmerksam gemacht, daß es vom polizeilichen Gesichtspunkt aus nicht
+zweckmäßig sei, die Soldaten so lange, wie das jetzt geschehen ist, oft
+über drei Jahre lang in denselben Garnisonen zu lassen, sie
+fraternisiren dadurch zu sehr mit der Bevölkerung, und es sind gerade
+die revolutionären Elemente, welche in kluger Berechnung und mit großem
+Geschick stets danach streben, in den Reihen der Armee Propaganda zu
+machen, — wenn Eure Majestät Ihre Regimenter öfter die Garnisonen
+wechseln ließen, so würde so etwas nicht vorkommen.“
+
+„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte der Kaiser, sich zum Marschall
+Leboeuf wendend. „Wo sind denn besonders Stimmen mit Nein abgegeben
+worden,“ fragte er, augenscheinlich noch immer sehr peinlich durch die
+Mittheilung des Marschalls berührt.
+
+„Vor allen Dingen hier in Paris,“ erwiderte der Marschall Leboeuf,
+„bei dem siebenzehnten Jägerbataillon und dem siebenzehnten
+Linienregiment. — In der Kaserne Prinz Eugene,“ fuhr er fort, „hatte
+sich, wie man mir meldete, die Garnison bei der Abstimmung in zwei, fast
+ganz gleiche Theile gespalten. Ich bin selbst dorthin gegangen, habe die
+Truppen antreten lassen und eine Ansprache an sie gehalten, in welcher
+ich ihnen auseinandersetzte, daß gerade in diesem Augenblick, in
+welchem die Revolution es versucht habe, die bestehende Staatsordnung
+umzustürzen, die feste Treue der Armee gegen den Kaiser eine hohe
+patriotische Pflicht sei.“
+
+„Und,“ fragte der Kaiser.
+
+„Ein einstimmiges, laut schallendes Vive l'Empereur war die Antwort,“
+erwiderte der Marschall. „Ich glaube,“ fuhr er fort, „daß bei dem
+negativen Votum der einzelnen Soldaten mehr der Reiz maßgebend gewesen
+ist, einmal ungestraft und unbeengt durch Disciplinarvorschriften ein
+wenig Opposition machen können. Ich glaube aber nicht, daß diese
+Opposition gefährlich ist, und daß irgend ein Theil der Armee es an
+Energie in der Bekämpfung der Revolution fehlen lassen würde, wenn es
+jemals dazu käme.“
+
+Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.
+
+„Der Faubourg du Temple ist unruhig, wie Sie mir heute gemeldet haben,“
+sagte er zu Pietri gewendet.
+
+„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte dieser. „Es finden dort
+Zusammenrottungen statt. Bis jetzt ist noch nichts Ernstes geschehen,
+als daß einige Laternen umgeworfen wurden, indessen ist zu besorgen, daß
+mit dem Eintritt der Dunkelheit dort ernstere Unruhen stattfinden
+möchten, und meine Agenten haben mir bereits berichtet, daß
+Vorbereitungen zum Barrikadenbau getroffen wurden.“
+
+„Commandiren Sie, mein lieber Marschall, das siebenzehnte Jägerbataillon
+und das siebente Linienregiment heute Abend nach dem Faubourg du Temple,
+um gegen die Ruhestörungen, welche man dort versuchen möchte,
+einzuschreiten. Ich will den Truppen zeigen, daß ich ihr Recht des
+freien Votums achte, und das mein Vertrauen in die Erfüllung ihrer
+Dienstpflicht durch den Gebrauch ihres Stimmrechts auch gegen mich nicht
+erschüttert werden kann. Nun aber,“ fuhr er fort, indem er sich in einer
+kräftigeren Bewegung als sonst erhob und den Blick stolz und frei über
+die in seinem Cabinet befindlichen Personen gleiten ließ, „ist es
+nothwendig, zu der Verfolgung der Verschwörer durch die Gerichte
+Maßregeln zu treffen, um den Staat gegen alle Attentate zu schützen,
+welche vielleicht dennoch von denen versucht werden könnten, die sich
+bisher der Wachsamkeit der Behörden zu entziehen wußten. Lassen Sie,
+mein lieber Marschall,“ sprach er im festen Ton des Befehls, der keine
+Erörterung und keinen Widerspruch duldet, „die Truppen sämmtlich in den
+Kasernen consigniren, die Truppen sollen scharfe Patronen erhalten und
+jeden Augenblick marschbereit sein. Commandiren Sie ferner nach allen
+öffentlichen Gebäuden wenigstens zwei Bataillone, welche vor Allem den
+Befehl erhalten müssen, jeden Eintritt unbekannter Personen
+zurückzuweisen und die Keller und Souterrainräume zu überwachen.
+Sodann,“ fuhr er fort, „sollen die Voltigeurs der Garde sämmtlich in die
+Gallerien commandirt werden, welche den Pavillon des kaiserlichen
+Prinzen mit dem Neubau vereinigen. Ich werde dem General Frossard den
+Befehl schicken, daß der Prinz seine Wohnung nicht verläßt, man könnte
+seinen Wagen für den Meinigen halten, und er könnte das Opfer eines
+gegen mich gerichteten Attentats werden. Das darf nicht geschehen, denn
+auf seinem Leben beruht die Zukunft Frankreichs. Jeder Unruhe,“ fuhr er
+immer in demselben festen Ton fort, „welche heute Abend in den Straßen
+von Paris stattfinden könnte, soll sofort mit scharfer Waffe und ohne
+jede Schonung entgegen getreten werden. Die Corpsführer sind mir
+verantwortlich dafür, daß keine Barricade länger als eine halbe Stunde
+stehen bleibt, — vor Allem,“ fügte er noch hinzu, „sollen starke Posten
+in das Erdgeschoß des Pavillons des kaiserlichen Prinzen gelegt werden
+und Niemand dort zugelassen werden, der sich nicht durch seinen Dienst
+oder durch einen besonderen Erlaubnißschein legitimiren kann. Außerdem
+werden Sie, mein lieber Pietri,“ sagte er, sich an den Polizeipräfecten
+wendend, „den Pavillon des Prinzen ringsum mit Ihren zuverlässigen
+Agenten umgeben lassen, mit dem bestimmten Befehl, Niemand die
+Annäherung an denselben zu gestatten.“
+
+Herr Ollivier sah ganz erstaunt den Kaiser an, der Ton desselben,
+welcher an die Zeit des unumschränkten persönlichen Regiments erinnerte,
+schien ihn zu befremden.
+
+„Und welche Sicherheitsmaßregeln befehlen Eure Majestät,“ sagte Herr
+Pietri, „für den Pavillon de l'Horloge, — für Eurer Majestät eigene
+Wohnung?“
+
+„Keine,“ sagte der Kaiser stolz lächelnd, „ich habe die Pflicht, für die
+Sicherheit des Staates und des Erben meines Thrones zu sorgen. Was mich
+betrifft, — ich vertraue meinem Stern! — Gehen Sie, meine Herren,“ sagte
+er mit freundlicher Würde und Hoheit, „und sorgen Sie für die pünktliche
+Ausführung meiner Befehle. Sie, mein lieber Ollivier, bitte ich, noch zu
+bleiben, ich habe noch weiter mit Ihnen zu sprechen.“
+
+Der Marschall Leboeuf und Herr Pietri zogen sich zurück.
+
+„Sie wissen,“ sagte der Kaiser, als er mit dem Großsiegelbewahrer
+allein war, „daß die Kaiserin nach der Verfassung des Reichs zur
+Regentin bestimmt ist, für den Fall meiner Abwesenheit oder meines Todes
+während der Minderjährigkeit des Prinzen. Dieser Beaury ist gefangen,“
+fuhr er fort, „aber man könnte einen Zweiten und einen Dritten absenden,
+und irgend ein plötzliches Ereigniß könnte meinem Leben ein Ende
+machen.“
+
+„Sire,“ rief Ollivier, die Hand auf die Brust legend, „die Vorsehung
+wird verhüten —“
+
+„Ich hoffe das,“ sagte der Kaiser kalt und ruhig, „indessen muß ich für
+den Fall eines verhängnißvollen Ereignisses meine Bestimmung treffen,
+als ob es sich um eine dritte Person handelte. Sollte ich,“ fuhr er
+fort, „das Opfer eines Dolches, eines Revolvers oder einer Bombe werden,
+so werden Sie unverzüglich die ganze Garnison von Paris unter die Waffen
+treten lassen, meinen Sohn zum Kaiser proclamiren und die Truppen ihm
+und der Regentin den Eid der Treue schwören lassen. Sie werden jeden
+Versuch einer Bewegung in der Hauptstadt mit rücksichtsloser Strenge
+niederwerfen und die Regierung genau so fortführen, als ob sich Nichts
+geändert habe — Nichts,“ fügte er mit einem Anklang leiser Wehmuth hinzu,
+„als daß neben dem Namen des Kaisers eine IV statt einer III steht.
+Besprechen Sie mir das, geben Sie mir Ihr Wort darauf.“
+
+Er streckte Ollivier mit einer Bewegung voll Hoheit und liebenswürdiger
+Herzlichkeit zugleich die Hand hin.
+
+„Ich schwöre es Eurer Majestät,“ rief Ollivier mit einer von innerer
+Bewegung erstickten Stimme, indem er seine Hand in die des Kaisers
+legte.
+
+„So haben wir Vorsorge getroffen,“ sprach Napoleon im ruhigen, heiteren
+Ton weiter, „für den Fall eines unglücklichen Verhängnisses, jetzt
+lassen Sie uns an die Gegenwart und ihre Forderungen herantreten.
+Nachdem das Plebiscit dem Kaiserreich von Neuem die feste Grundlage des
+Nationalwillens gesichert hat, müssen wir darauf denken, die Regierung,
+selbst wenn sie sich in einem provisorischen Stadium befindet, wieder zu
+consolidiren. Das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten vor allen
+Dingen, welches Sie seit dem Rücktritt des Grafen Daru mit so großer
+Opferbereitwilligkeit neben der Last aller Ihrer übrigen Arbeiten
+geführt haben, muß, wie es mir scheint, definitiv besetzt werden.“
+
+Herr Ollivier schien durch diese Bemerkung des Kaisers nicht besonders
+angenehm berührt zu werden.
+
+„Es ist mir eine Freude gewesen, meine Arbeitskraft auch in diesem
+erhöhten Maße dem Dienste Eurer Majestät zu widmen. Und bis zu diesem
+Augenblick,“ fügte er mit einem gewissen selbstbewußten Lächeln hinzu,
+„ist mir diese Last nicht zu schwer geworden. Nicht, um mich den
+vermehrten Arbeiten zu entziehen, möchte ich Eure Majestät zur Besetzung
+des auswärtigen Portefeuille drängen.“
+
+„Ich weiß, mein lieber Minister,“ sagte der Kaiser verbindlich, „daß Sie
+keine Mühe scheuen, und daß Ihre eminente Kraft auch die schwerste Last
+leicht zu ertragen im Stande ist. Indessen wird die gesammte politische
+Leitung der Regierung Sie in der nächsten Zeit, in welcher alles jetzt
+Geschaffene befestigt werden muß, so sehr in Anspruch nehmen, daß ich
+nicht die Detailarbeiten Ihnen auch noch aufbürden möchte. Es kommt
+darauf an,“ fuhr er fort, „einen Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten zu finden, welcher die für den internationalen Verkehr
+erforderliche Geschmeidigkeit mit dem festen Willen und der Kraft
+vereint, die Würde und die Interessen Frankreichs nach außen hin
+energisch zu vertreten, und welcher zugleich mit den Grundsätzen, nach
+welchen Sie zu meiner großen Freude meine Regierung führen, völlig
+übereinstimmt. Ich habe geglaubt, daß Drouyn de L'huys, welcher bereits
+mehrere Male die auswärtige Politik Frankreichs geführt hat, im
+wesentlichen die erforderlichen Eigenschaften besitzt, es würde nur
+darauf ankommen, ob Sie glauben, mit demselben in inniger und
+aufrichtiger Uebereinstimmung zusammen arbeiten zu können.“
+
+Herr Ollivier schien noch immer unter dem Eindruck einer gewissen
+Verstimmung sich zu befinden.
+
+„Ich achte Herrn Drouyn de L'huys hoch,“ sagte er mit einiger
+Zurückhaltung, „er ist ein Mann von großer und ausgedehnter Erfahrung,
+von tiefen Kenntnissen und großer Charakterfestigkeit. Freilich,“ fuhr
+er fort, „sagt man, daß diese Charakterfestigkeit zuweilen ein wenig die
+Grenzen des Eigensinns streifen soll, —“
+
+„Man hat nicht ganz Unrecht,“ fiel Napoleon, leicht das Haupt neigend,
+ein. „Indeß glaube ich, daß es Ihnen bei Ihrer Gewandtheit, Andere zu
+überzeugen, nicht schwer werden würde“ —
+
+Die Flügel der Thür des kaiserlichen Cabinets wurden geöffnet. Der
+Huissier meldete die Kaiserin.
+
+Unmittelbar darauf trat Ihre Majestät schnell ein, ihre Hand leicht auf
+den Arm des kaiserlichen Prinzen gelegt. Das schöne Gesicht der Kaiserin
+leuchtete vor freudiger, innerer Erregung, ihre Augen strahlten, ein
+triumphirendes Lächeln lag auf ihren Lippen, hoch und stolz trug sie das
+Haupt auf dem wunderbar schönen, schlanken Halse.
+
+Der kaiserliche Prinz war damals vierzehn Jahre alt, seine Gestalt war
+schlank und schmächtig, seine Haltung elegant und sicher, sein bleiches
+Gesicht mit dem dichten, dunkel glänzenden Haar, schien älter als seine
+Jahre, frühzeitige körperliche Leiden hatten ihm einen gewissen Ausdruck
+von fast melancholischer Weichheit gegeben. Seine Stirn zeigte eine
+auffallende Ähnlichkeit mit derjenigen des Kaisers, während der untere
+Theil des Gesichts, die Nase und der Mund lebhaft an seine Mutter
+erinnerten. Seine dunklen, sinnigen Augen blickten aufmerksam forschend,
+es lag in denselben neben einer gewissen, kindlichen, wohlwollenden
+Offenheit, doch auch ein gewisses prüfendes Mißtrauen.
+
+Der Prinz trug einen einfachen schwarzen Civilanzug und küßte, nachdem
+die Kaiserin den Kaiser begrüßt, mit liebevoller Ehrerbietung die Hand
+seines Vaters.
+
+„Ich komme mit unserm Louis,“ rief die Kaiserin, „um die Erste zu sein,
+welche Ihnen zu dem so glänzenden Ausfall des Plebiscits von ganzem
+Herzen Glück wünscht, und zugleich,“ sagte sie, mit anmuthiger Bewegung
+sich zu Ollivier wendend, „dem geistvollen und treuen Rathgeber, dessen
+eifriger Thätigkeit wir vor allen Dingen dieses glückliche Resultat zu
+verdanken haben, auch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank zu
+sagen.“
+
+Sie reichte Ollivier ihre Hand, auf welche dieser seine Lippen drückte.
+
+„Es scheint,“ sagte der Kaiser, „als ob gerade in diesem Augenblick, in
+welchem das Glück uns lächelt, die finsteren Dämonen der Revolution von
+Neuem ihr Haupt erheben, hoffentlich zum letzten Mal. Ich habe,“ fuhr er
+fort, „soeben, obgleich mir das gerade in diesem Augenblick mehr als je
+widerstrebt, die Befehle zur energischen Verfolgung der Schuldigen
+gegeben und zugleich zum Schutz des Staats und der Dynastie die
+Voltigeurs der Garde in den Pavillon des Prinzen gelegt. Und Du, mein
+lieber Louis,“ sagte er, leicht mit der Hand über das Haar seines Sohnes
+streichend, „wirst in den nächsten Tagen Dir gefallen lassen müssen, die
+Tuilerien nicht zu verlassen, so lange wenigstens, bis das Complott in
+allen seinen Verzweigungen entdeckt und unschädlich gemacht sein wird.“
+
+„Oh, Papa,“ rief der junge Prinz mit blitzenden Augen, „ich fürchte mich
+nicht, mögen sie nur kommen, ich werde mich zu vertheidigen wissen,
+und“ fügte er hinzu, den glänzenden Blick aufwärts gerichtet, „Gott wird
+nicht erlauben, daß die ruchlosen Pläne dieser Verschwörer gelingen.“
+
+„Ich bin überzeugt, daß Du Dich nicht fürchtest, mein Sohn,“ sagte der
+Kaiser, indem er seinen Blick voll stolzer Freude auf dem Prinzen ruhen
+ließ — „Du würdest sonst nicht im Stande sein, Frankreich zu beherrschen,
+aber Dein Leben gehört der Zukunft Deines Landes, Du darfst es wohl in
+der Schlacht für die Ehre und den Ruhm Frankreichs einsetzen, aber es
+soll nicht die Beute heimtückischer Meuchelmörder werden. Wo ist der
+General Frossard?“ fragte er.
+
+„Der General hat den Prinzen hierher begleitet,“ erwiderte die Kaiserin,
+„er befindet sich im Vorzimmer.“
+
+Napoleon öffnete selbst die Thür seines Cabinets und rief den General.
+Dieser, ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit einem länglichen, ernst und
+streng blickenden Gesicht trat ein und erwartete schweigend die Befehle
+des Kaisers.
+
+„Mein lieber General,“ sagte Napoleon, „ich bitte Sie, dafür Sorge zu
+tragen, daß der Prinz bis auf weitere Befehle sein Zimmer nicht verläßt,
+und daß er keine Audienzen ertheilt, welche ich nicht vorher genehmigt
+habe. Gehe mit dem General, mein Sohn,“ fuhr er fort, dem Prinzen
+freundlich auf die Schulter klopfend, „und beschäftige Dich ein wenig
+mit Deinen Studien, ich werde später zu Dir kommen und ein wenig sehen,
+was Du treibst.“
+
+Der Prinz zögerte einen Augenblick, ein leichter Anflug von Unmuth
+erschien auf seinem Gesicht, er küßte die Hand seines Vaters, umarmte
+zärtlich die Kaiserin und verließ, vom General Frossard gefolgt, das
+Cabinet.
+
+„Ich habe soeben einen Brief von Gramont erhalten,“ sagte die
+Kaiserin — „er sendet uns seine aufrichtigsten Wünsche für den
+glücklichen Ausfall des Plebiscits und ist entzückt über die ersten
+Nachrichten, welche der Telegraph nach Wien gebracht hat, und welche
+bereits erwarten lassen, was sich inzwischen vollzogen hat. Ich würde
+Dir den Brief vorlesen,“ sagte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf
+Ollivier, „wenn ich nicht fürchten müßte, den Herrn Großsiegelbewahrer
+in Verlegenheit zu setzen. Der Herzog ist in der That einer seiner
+glühendsten Bewunderer, er preist Frankreich und das Kaiserreich
+glücklich, einen solchen Mann zu den ihrigen zu zählen.
+
+Es ist nur zu bedauern,“ fügte sie mit einem leichten Seufzer hinzu,
+„daß der Herzog so fern von hier auf entlegenem Posten in Wien sich
+befindet, er wäre ein vortrefflicher Bundesgenosse des Herrn Ollivier,
+er würde keinen anderen Ehrgeiz haben, als dessen Leitung zu folgen und
+mit seinem Eifer und seiner Energie die Ideen auszuführen, an denen
+dieser so reich und so fruchtbar ist,“ sagte sie, mit einem reizenden
+Lächeln sich gegen den Justizminister verbeugend, der einen schnellen,
+forschenden Blick auf den Kaiser richtete.
+
+Napoleon hatte den Kopf ein wenig niedergesenkt, sein verschleierter
+Blick richtete sich ausdruckslos zu Boden.
+
+„Euer Majestät hatten so eben die Gnade,“ sagte Ollivier, indem er sich
+halb zur Kaisern wendete, „mit mir über die Besetzung des auswärtigen
+Ministeriums zu sprechen und den Namen des Herrn Drouyn de L'huys zu
+nennen“ — ein finsterer Schatten flog einen Augenblick über die Züge der
+Kaiserin, aber unmittelbar nahmen dieselben wieder ihren ruhig
+lächelnden, fast gleichgültigen Ausdruck an.
+
+„Drouyn de L'huys,“ sagte sie, „würde reiche Erfahrungen für diesen
+Posten mitbringen, — er ist ja auch, so weit ich davon gehört habe, im
+Ganzen vollkommen einverstanden mit der gegenwärtigen Richtung der
+Regierung. Ich bedaure nur Herrn Ollivier,“ fügte sie in heiterem Tone
+hinzu, „er wird ein wenig Mühe haben, mit Herrn Drouyn de L'huys fertig
+zu werden, derselbe hält viel auf seinen eigenen Willen. Aber,“ sagte
+sie, „es wird ja am Ende nicht schwer sein, sich ihm zu accommodiren, er
+ist ein Mann von vielem Geist und so viel älter als Herr Ollivier —“
+
+Sie schwieg abbrechend.
+
+Der Justizminister schien einen Augenblick mit seinen Gedanken
+beschäftigt, dann wandte er sich, wie einem schnellen Entschluß folgend,
+zum Kaiser und sagte:
+
+„Ich habe Eure Majestät, vorhin die Meinung ausgesprochen, welche ich
+über Herrn Drouyn de L'huys hege. Ich kann indeß eine Bemerkung nicht
+unterdrücken, welche ein wenig gegen die Übertragung des auswärtigen
+Ministeriums an ihn sprechen möchte. Herr Drouyn de L'huys gilt in Folge
+der Verhältnisse, unter denen er das Portefeuille im Jahre 1866
+abgegeben, für einen großen Gegner Preußens und für einen Fürsprecher
+kriegerischer Unternehmungen.“
+
+„Drouyn de L'huys will durchaus den Frieden aufrecht erhalten wissen,“
+sagte der Kaiser schnell.
+
+Der Blick der Kaiserin flammte auf, sie machte eine leichte Wendung und
+führte einen Augenblick ihr Taschentuch an die Lippen.
+
+„Ich glaube, daß Herr Drouyn de L'huys den Frieden will,“ erwiderte
+Ollivier, „indessen die Welt und namentlich das Ausland glaubt einmal
+das Gegentheil von ihm, es wäre vielleicht zu befürchten, daß seine
+Ernennung von den fremden Mächten, in's Besondere von dem Berliner
+Cabinet mit Mißtrauen aufgenommen werden möchte, und in diesem
+Augenblick, in welchem wir so sehr mit den inneren Fragen beschäftigt
+sind, würde eine Trübung der auswärtigen Beziehungen die Erfüllung der
+Aufgaben, welche wir dem Willen Eurer Majestät gemäß uns gesteckt haben,
+sehr erschweren. Es wäre vielleicht gut, das auswärtige Ministerium
+einem Manne zu übertragen, welcher seit längerer Zeit dem Mittelpunkt
+der Politik fern gestanden hat, und aus dessen Vergangenheit man keine
+beunruhigenden Schlüsse zu ziehen im Stande ist. Ihre Majestät die
+Kaiserin,“ fuhr er fort, „hatten so eben die Güte gehabt, mitzutheilen,
+daß der Herzog von Gramont sehr freundliche Gesinnungen für meine
+geringe Person hegt. Ich bin gewiß, Eure Majestät wissen, daß ich weit
+davon entfernt bin, mich durch persönliche Eindrücke leiten zu lassen,
+um so mehr als ich in diesem Falle glaube, daß die Sympathie des
+Herzogs von Gramont vor allen Dingen den Prinzipien gilt, welche ich in
+Uebereinstimmung mit Eurer Majestät auszuführen unternommen habe, und in
+dieser Beziehung würde ich allerdings ein Zusammenwirken mit einem
+Manne, der vollständig von denselben Grundsätzen durchdrungen ist, nur
+für sehr nützlich halten können.“
+
+„Würden Sie nicht,“ fragte die Kaiserin lächelnd, — „Sie, der bürgerliche
+Stoiker, Scheu haben, durch den Herzog von Gramont sich dem Faubourg St.
+Germain zu sehr zu nähern?“
+
+„Ich achte alle Klassen der Gesellschaft,“ sagte Ollivier in
+pathetischem Ton, „wenn sie sich den Ideen, welche den Staat in unseren
+Tagen leiten müssen, unterwerfen, und wenn der alte historische Adel
+Frankreichs sich entschließen könnte, den Wegen des Kaisers und seiner
+Regierung zu folgen, so würde die ganze Nation dabei gewinnen.“
+
+„Sie nehmen die Sache ernst“, sagte die Kaiserin leicht hin — „ich habe
+gar keine Ansicht aussprechen und am wenigsten den Erwägungen vorgreifen
+wollen.“
+
+„Die Andeutungen Eurer Majestät,“ sagte Ollivier, während der Kaiser
+fortwährend unbeweglich schwieg, „verdienen indeß die höchste Beachtung
+und vielleicht hat — Euer Majestät verzeihen mir,“ fügte er, sich leicht
+verneigend hinzu, „hier der weibliche Instinct schneller das Richtige
+getroffen, als es die ernsthaftesten und tiefsten Erwägungen hätten
+finden können. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr will es mir
+scheinen, als ob der Herzog von Gramont in der That eine sehr geeignete
+Persönlichkeit für das auswärtige Ministerium wäre.“
+
+Der Kaiser stand auf.
+
+„Wir wollen darüber nachdenken,“ sagte er in einem Tone, der jede
+weitere Unterredung darüber abschnitt, „sobald das Plebiscit beendet
+sein wird. Für jetzt bitte ich Sie,“ fuhr er zu Ollivier gewendet fort,
+„mich zu begleiten, wenn Ihre Zeit es erlaubt, ich will einen Augenblick
+auf der Terrasse des Tuileriengartens spazieren gehen.“
+
+„Um Gottes Willen,“ rief die Kaiserin erschrocken, „ganz Paris ist in
+unruhiger Bewegung, noch hat man nicht die Tiefe der Beschwörung
+ergründet, noch sind nicht alle Mitschuldige ermittelt und gefangen — ich
+bitte Sie, Louis, setzen Sie Sich einer solchen Gefahr nicht aus! Wie
+leicht könnte eine jener entsetzlichen Bomben Sie treffen, bleiben Sie
+im reservirten Garten.“
+
+Der Kaiser lächelte.
+
+„Sie können Sich überzeugen, Eugenie,“ sagte er, „daß ich für die
+Sicherheit des Prinzen gesorgt habe, — ich selbst will meinen Feinden und
+allen Franzosen zeigen, daß wenn es ihnen vielleicht gelingen kann, mich
+zu tödten, sie doch nicht dahin kommen werden, mich einzuschüchtern.“
+
+Er bewegte schnell die Glocke auf seinem Schreibtisch und nahm seinen
+Hut und sein spanisches Rohr. Der Huissier öffnete die Thürflügel. Der
+Kaiser gab seiner Gemahlin den Arm und führte sie durch das Vorzimmer,
+in welchem der Dienst thuende Adjutant und der Kammerherr der Kaiserin,
+wartete, bis zum Eingang zu ihren Appartements.
+
+Dann stützte er seinen Arm auf den des Herrn Ollivier, stieg mit ihm die
+Treppe herab und schritt langsam nach der reservirten Terrasse des
+Tuileriengartens, indem er dem Adjutanten befahl, zurückzubleiben.
+
+Langsam schritt er unmittelbar an der Rampe dieser Terrasse nach der
+Place de la Concorde hin auf und nieder, indem er sich stets so wandte,
+daß er an der dem Platze zugekehrten Seite ging.
+
+Bald hatte man ihn erkannt, eine ziemlich dichte Menge sammelte sich
+unterhalb der Terrasse an und laute Rufe begrüßten den Kaiser.
+
+Napoleon dankte mit der Hand, trat dicht an den Rand der Terrasse und
+blickte lange auf die immer mehr anwachsende Menge herab.
+
+„Sie sehen,“ sagte er lächelnd, sich zu Ollivier wendend, „daß das
+Schicksal noch nicht mit mir enden will. Es gehört wahrlich wenig dazu,
+um mich von dort unten her zu treffen.“
+
+„Je näher Euer Majestät Ihrem Volke treten,“ sagte Ollivier, „um so
+sicherer werden Sie vor allen Angriffen sein — auch ich gehörte einst zu
+Ihren Gegnern; es hat nichts weiter bedurft, als daß Euer Majestät mir
+erlaubten, in Ihre Nähe zu treten, um mich zu Ihrem treuesten und
+ergebenden Diener zu machen.“
+
+Der Kaiser dankte mit einer leichten Neigung des Hauptes für diese in
+etwas rhetorischem Tone ausgesprochene Schmeichelei, legte wieder seinen
+Arm in den des Ministers und setzte noch eine halbe Stunde lang seinen
+Spaziergang fort, indem er mit der ihm eigentümlichen bezaubernden
+Liebenswürdigkeit von allen möglichen Dingen plauderte, aber trotz aller
+Anspielungen Olliviers es vermied, das Thema der Besetzung des
+auswärtigen Ministeriums wieder zu berühren.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+
+Es war ungefähr um die neunte Abendstunde desselben Tages, als der
+Geheimsecretair Pietri durch den besonderen Eingang aus seinem Bureau in
+das Cabinet des Kaisers trat.
+
+Napoleon saß ernst und gedankenvoll in seinem Lehnstuhl, er trug den
+Campagneüberrock der Generalsuniform und rauchte eine jener kleinen
+Cigarretten von türkischem Taback, welche er sich selbst bereitete,
+träumerisch den kleinen Rauchwolken nachblickend, welche durch das von
+einer großen, auf dem Schreibtisch stehenden Lampe nur matt erleuchtete
+Zimmer dahinzogen.
+
+Er richtete sich beim Eintritt Pietris leicht empor und sagte, indem er
+seinen Vertrauten mit freundlichem Lächeln grüßte.
+
+„Haben Sie nach der Rue de Bondy gesendet?“
+
+„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Herr Pietri, „die Dame ist hier und
+wartet in meinem Zimmer.“
+
+Der Kaiser stand auf.
+
+„Es wäre doch wohl besser gewesen, unerkannt dort hinzugehen. Ich
+erleichtere ihr Metier zu sehr, wenn sie weiß, mit wem sie es zu thun
+hat.“
+
+„Aber, Sire,“ sagte Pietri, „in diesen Tagen in jene Gegenden sich zu
+begeben, das wäre nicht mehr Verachtung der Gefahr, das wäre
+Tollkühnheit, und wenn Euer Majestät dort erkannt worden wären, wenn
+irgend ein Unglück sich ereignet hätte, so würde man mit Recht ein
+solches Unternehmen als verbrecherisch verurtheilen.“
+
+„Sie haben vielleicht Recht,“ sagte der Kaiser —
+
+ — „auch kann man ja hier die Allwissenheit der Priesterin des Pietismus
+prüfen, lassen Sie die Dame kommen — Mademoiselle — ?“ versetzte er
+fragend.
+
+„Mademoiselle Lesueur,“ erwiderte Pietri.
+
+Der Kaiser nickte mit dem Kopfe.
+
+Pietri ging hinaus und führte nach wenigen Augenblicken durch die
+Portiere eine junge Dame von achtzehn bis neunzehn Jahren in das
+Cabinet, während er selbst einen ganz einfachen Tisch von leichtem
+unpolirten Holz in der Hand trug und in die Mitte des Zimmers
+niedersetzte.
+
+Der Kaiser grüßte die junge Dame mit verbindlicher Artigkeit und
+betrachtete sie mit forschendem Blick.
+
+Mademoiselle Lesueur war eine äußerst elegante und sympathische
+Erscheinung, sie trug ein dunkles, einfaches Seidenkleid um den Hals mit
+einer kleinen Spitzenkrause geschlossen. Ihr dunkelbraunes Haar war in
+leichten Flechten um den Kopf gewunden, ihr zartes Gesicht dessen
+durchsichtige Blässe von einer feinen Röthe auf den Wangen belebt wurde,
+war von klassischer Schönheit, ihre dunklen Augen mit den auffallend
+langen Wimpern waren voll Geist, Lebendigkeit und Sanftmuth zugleich,
+und um ihren zierlichen und frischen Mund lag ein Zug von fast
+kindlicher Harmlosigkeit und Naivität.
+
+Sie verneigte sich ohne alle Befangenheit mit den Manieren der besten
+Gesellschaft vor dem Kaiser, welcher ganz erstaunt schien, die berühmte
+Sybille in der Gestalt eines so anmuthigen, jungen Mädchens zu
+erblicken.
+
+„Man hat mir viel erzählt,“ sagte der Kaiser, „von der besonderen,
+eigentümlichen Kraft, welche Sie besitzen, das Reich der Geister zu
+öffnen. Und da ich mich für alle solche Dinge interessire, durch welche
+man versucht, den Schleier der Geheimnisse zu lüften, welche unser Leben
+umgeben, so habe ich gewünscht, eine Probe Ihrer Kunst zu sehen.“
+
+„Es macht mich glücklich,“ erwiderte Fräulein Lesueur mit einer ungemein
+wohltönenden, etwas tiefen Stimme, „Euer Majestät Wunsch zu erfüllen. Es
+ist keine geheimnißvolle Kunst dabei,“ fuhr sie fort, „meine Mutter
+hatte die Kraft, durch das Medium dieses kleinen Tisches eine Verbindung
+mit dem unsichtbaren Reich der Geister herzustellen. Diese ihre Kraft
+ist auf mich übergegangen, und nach ihrem Tode habe ich es versucht, wie
+sie die Geister sprechen zu lassen, — es ist mir in vielen Fällen
+gelungen, und ich hoffe, daß es mir auch Euer Majestät gegenüber
+gelingen wird.“
+
+„So beginnen wir,“ sagte der Kaiser.
+
+Pietri stellte zwei Stühle einander gegenüber an den kleinen Tisch.
+
+Mademoiselle Lesueur setzte sich auf den einen, zog ihre Handschuhe
+aus, — legte die Spitzen ihrer zierlichen Finger leicht auf die
+Tischplatte und sagte:
+
+„Wollen Euer Majestät die Gnade haben, mir gegenüber Platz zu nehmen.“
+
+Der Kaiser setzte sich mit einem fast unwillkürlichen Lächeln an die
+andere Seite des Tisches.
+
+„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Fräulein Lesueur, „Ihre Hände ebenso
+wie ich auf die Platte legen zu wollen.“
+
+Der Kaiser that es.
+
+Fräulein Lesueur schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie ihre dunklen
+Augen mit schwärmerischem Ausdruck empor und sprach mit halb lauter
+Stimme:
+
+„Allmächtiger, dreieiniger Gott, der Du herrschest auf der Erde, wie in
+den Höhen des Himmels und in den Tiefen der Hölle, ich bitte Dich den
+Geistern, die ich in Deinem Namen rufe, zu erlauben, daß sie aus ihren
+Wohnungen herabsteigen und auf meine Fragen antworten, zu verkündigen,
+was sie wissen und was Du ihnen erlaubst, zu sagen.“
+
+Der Kaiser hörte ganz erstaunt diesen im Ton des inbrünstigen Gebets
+gesprochenen Worten zu.
+
+„Befehlen Euer Majestät,“ sagte die junge Dame sodann, „daß ich einen
+bestimmten Geist rufen soll, oder wollen Sie den mir persönlich
+befreundeten Geist hören.“
+
+Abermals konnte der Kaiser ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.
+
+„Ich bitte Sie zunächst Ihren Geist kommen zu lassen, Mademoiselle,“
+sagte er.
+
+„Es ist der Geist meiner Mutter,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur, „und
+er wird sogleich erscheinen.“
+
+Sie beugte sich ein wenig nieder und flüsterte eine unverständliche
+Formel leise vor sich hin.
+
+Wenige Augenblicke darauf begann der Tisch leise zu zittern.
+
+Der Kaiser drückte die Hände stärker auf die Platte, allein die
+unruhige, beinahe wellenförmige Bewegung des Holzes vermehrte sich immer
+mehr und mehr. Nach kurzer Zeit hob sich der Tisch auf der Seite des
+Kaisers ein wenig in die Höhe und blieb in dieser schwebenden Stellung
+stehen.
+
+„Der Geist ist da,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „und bereit, Euer
+Majestät zu antworten. Ich bitte, Euer Majestät, zu fragen, — es ist aber
+nicht nöthig, daß Sie die Frage aussprechen, Sie können Sie in Gedanken
+stellen, die Geister haben die Kraft, die Gedanken zu lesen.“
+
+Der Kaiser dachte einen Augenblick nach.
+
+„Kann mir der Geist,“ fragte er, „den Namen nennen, an welchen ich in
+diesem Augenblick denke?“
+
+„Wie heißt der Name?“ fragte Mademoiselle Lesueur mit gesenktem Haupt
+und leiser Stimme.
+
+Der Tisch setzte sich sogleich in eine lebhafte Bewegung. Er schwankte
+einige Male stark hin und her, dann senkten sich die beiden erhobenen
+Füße desselben nieder, und in rascher Folge begann er scharf und
+vernehmbar auf das Parquet zu klopfen, immer nach einer gewissen Zahl
+von Schlägen inne haltend.
+
+Mademoiselle Lesueur folgte aufmerksam diesen Schlägen, mit leiser
+Stimme sagte sie: B-e-a-u-r-y.
+
+„Der Name, an den Euer Majestät gedacht, heißt Beaury,“ sprach sie dann
+ruhig und bestimmt, den Blick fest auf den Kaiser richtend.
+
+Napoleon zuckte zusammen, erschrocken blickte er in das lächelnde
+Gesicht der jungen Dame.
+
+„Sie haben Recht,“ sagte er, „der Geist hat den Namen richtig gelesen.“
+
+Er bog sich einen Augenblick zurück und blickte unter den Tisch, dessen
+Füße unmittelbar an der Platte befestigt waren.
+
+Die vier Füße standen vollkommen frei, auf dem Boden, Mademoiselle
+Lesueur etwas vorgebeugt, saß so weit zurück, daß nicht einmal der Saum
+ihres Kleides die Füße des Tisches berührte.
+
+Der Kaiser schüttelte den Kopf und legte die Hände wieder auf den Tisch.
+
+„Da Ihr Geist,“ sagte er, „den Namen gelesen hat, an welchen ich
+gedacht, so wird er mir auch eine andere Frage beantworten können,
+welche sich an diesen Namen knüpft.“
+
+„Ich bitte Euer Majestät,“ sagte Mademoiselle Lesueur, „die Frage in
+Ihren Gedanken zu formuliren —“
+
+Abermals begann der Tisch zu schwingen und zu zittern, diesmal stärker
+als vorher.
+
+Nach kurzer Zeit schlugen die Füße abermals regelmäßig und schnell
+hinter einander auf das Parquet.
+
+„Wollen Sie die Güte haben, zu schreiben,“ sagte Mademoiselle Lesueur,
+sich zu Pietri wendend, welcher schnell ein Blatt Papier und einen
+Bleistift nahm und die Buchstaben notirte, welche Mademoiselle Lesueur
+in schneller Folge ihm sagte.
+
+Der Tisch hielt an.
+
+„Wollen Sie die Antwort lesen,“ sagte die junge Dame, zu Herrn Pietri
+gewendet.
+
+Pietri las.
+
+„Der Kaiser wird ruhig im Kreise der Seinen sterben, keine Waffe weder
+in der Schlacht noch in der Hand des Meuchelmörders wird seinem Leben
+Gefahr bringen.“
+
+„Diese Antwort paßt allerdings auf meine Frage,“ sagte der Kaiser, „aber
+sagt sie die Wahrheit?“
+
+„Es steht Eurer Majestät frei, zu glauben oder nicht,“ erwiderte
+Mademoiselle Lesueur, „ich für meine Person bin davon überzeugt, daß die
+Geister die Wahrheit sagen, wenn sie sie kennen — sie sind nicht
+allwissend — das ist Gott allein — aber sie wissen viel, und namentlich
+ist ihnen die Macht gegeben, das Schicksal derer zu lesen, mit denen
+ihre körperliche Hülle einst durch die Bande des Blutes verbunden war.
+
+„Noch eine Frage,“ sagte der Kaiser, „wer ist mein bester Freund?“
+
+„Euer Majestät hätten nicht nöthig gehabt, die Frage auszusprechen,“
+sagte Mademoiselle Lesueur.
+
+Der Tisch begann seine Schwingungen, die Schläge ertönten auf dem Boden.
+
+Mademoiselle Lesueur flüsterte die Buchstaben vor sich hin, dann sagte
+sie.
+
+„Die Antwort des Geistes heißt: Napoleon.“
+
+Der Kaiser ließ den Kopf auf die Brust sinken, in tiefem Schweigen saß
+er einen Augenblick da.
+
+„Der Geist hat Rechte,“ sagte er halblaut, „Niemand ist der Freund eines
+Souverains, als er selbst, und aus mir allein muß ich die Entschlüsse
+schöpfen, in mir allein die Kraft suchen, zu erfüllen, was ich mir
+vorgesteckt.“
+
+„Doch,“ rief er, indem er den brennend aus den Schleiern seiner
+Augenlider hervortretenden Blick auf Mademoiselle Lesueur richtete,
+„kann Ihr Geist mir sagen, wer mein größter und gefährlichster Feind
+ist?“
+
+Abermals bewegte sich der Tisch und Mademoiselle Lesueur buchstabirte:
+
+„Orleans.“
+
+„Wunderbar,“ rief der Kaiser, indem er finster vor sich niederblickte.
+„Es ist, als ob der Geist in den schwarzen Gedanken lesen könnte, welche
+Tag und Nacht auf dem Grunde meiner Seele einher ziehen,“ flüsterte er
+leise vor sich hin. „Noch eins,“ fragte er dann laut, „kann mir Ihr
+Geist den Namen nennen, welcher bestimmt ist, die Stelle auszufüllen,
+über welche ich in diesem Augenblick nachdenke.“
+
+Das Spiel des Tisches begann wieder, und Mademoiselle Lesueur sagte, die
+einzelnen Buchstaben verfolgend:
+
+„Gramont.“
+
+Betroffen zuckte der Kaiser zusammen.
+
+„Sind Sie schon einmal hier in den Tuilerien gewesen,“ fragte er rasch.
+„Haben Sie irgend Jemand aus dem Schlosse gesprochen? Ich bitte Sie, mir
+die Wahrheit zu sagen, — die zu erfahren ich in jedem Fall im Stande
+bin,“ fügte er in strengem Tone hinzu.
+
+„Ich war niemals hier im Schlosse,“ sagte Mademoiselle Lesueur mit
+offenem, freiem Blick und unbefangenem Lächeln, „ich habe Niemanden von
+hier jemals gesehen, bis dieser Herr hier,“ sie deutete auf Pietri,
+„heute zu mir kam und mich ersuchte, ihm hierher zu folgen.“
+
+„Seltsam — sehr seltsam“ sagte der Kaiser, augenscheinlich tief bewegt
+durch die Antworten, welche er erhalten.
+
+„Sie haben mir vorhin gesagt, sprach er dann — ein wenig zögernd, indem
+er die junge Dame scharf anblickte, daß die Geister besonders klar über
+das Schicksal derjenigen zu antworten im Stande sind, mit denen sie
+durch besonders nahe Bande verbunden sind?“ —
+
+„So ist es, Sire,“ erwiderte Mademoiselle Lesueur. — „Der Geist meiner
+Mutter sieht in allen Dingen, die mich betreffen, klarer als in den
+Angelegenheiten über welche andere Personen Fragen stellen.“
+
+„Können Sie einen Geist citiren,“ fragte der Kaiser, „den ich Ihnen
+bezeichnen würde.“
+
+„Eure Majestät haben nicht nöthig, den Geist zu nennen,“ sagte Fräulein
+Lesueur, — „Sie dürfen nur Ihre Gedanken fest auf denselben richten, — das
+genügt.“
+
+„Wie kann ich aber wissen, ob wirklich der Geist spricht, den ich zu
+hören wünsche,“ fragte der Kaiser.
+
+„Eure Majestät werden nur nöthig haben, ihn nach seinem Namen zu
+fragen,“ erwiderte die junge Dame.
+
+„So beginnen Sie,“ sagte der Kaiser, indem ein tiefer Ernst sich auf
+seine Züge legte.
+
+„Erlauben Eure Majestät,“ sprach die junge Dame, „daß ich zunächst den
+Geist, der Ihnen bisher geantwortet hat, entlasse.“
+
+Sie beugte den Kopf nieder und flüsterte eine Zeitlang leise vor sich
+hin.
+
+Der Tisch zitterte, hob und senkte sich in leiser Schwankung, — dann
+stellte er sich fest auf seine vier Füße.
+
+„Nun Sire,“ sagte Fräulein Lesueur, „dann bitte ich Eure Majestät, Ihre
+Gedanken sehr scharf auf die Person zu richten, deren Geist Sie zu
+citiren wünschen.“
+
+Der Kaiser nickte mit dem Kopf, immer tieferer Ernst erfüllte sein
+Gesicht indem er die beiden Hände fest auf den Tisch legte.
+
+Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel.
+
+Einige Augenblicke herrschte eine so tiefe Stille im Zimmer, daß man den
+Herzschlag der drei anwesenden Personen hätte hören können.
+
+Da krachte es in dem Holz der Tischplatte, — diese Platte schien zu
+zucken, hoch richtete sich der Tisch auf der Seite des Kaisers empor und
+mit mächtigem hallenden Schlag sank er wieder auf das Parquet nieder.
+
+Der Kaiser fuhr zusammen. Fast schien es als wolle er aufspringen und
+seinen Platz verlassen.
+
+„Der Geist ist da und bereit Eurer Majestät zu antworten,“ sagte
+Mademoiselle Lesueur in ruhigem Tone.
+
+„Will der Geist mir seinen Namen sagen?“ fragte der Kaiser.
+
+Der Tisch begann rasch sich zu bewegen, — er schlug auf das
+Parquet — Mademoiselle Lesueur zählte, — und sagte dann sich gegen den
+Kaiser verneigend:
+
+„Der Geist antwortet:
+
+„Napoleon.“
+
+Die Bewegung, welche der Kaiser machte indem er den Kopf auf die Brust
+sinken ließ, war fast eine ehrfurchtsvolle Verneigung.
+
+Er schwieg einige Augenblicke, während Fräulein Lesueur ihn mit ihren
+klaren Augen erwartungsvoll anblickte.
+
+„Will der Geist, wenn er hier anwesend ist, mir eine Frage beantworten?“
+sagte er dann mit einer beinahe demüthigen Stimme.
+
+Der Tisch begann sich schnell zu bewegen.
+
+„Schreiben Sie, mein Herr,“ sagte Mademoiselle Lesueur zu Herrn Pietri
+gewendet, und dieser nahm schnell Bleistift und Papier, um die
+Buchstaben zu notiren, welche Mademoiselle Lesueur in rascher
+Reihenfolge ihm nannte.
+
+„Die Antwort?“ rief der Kaiser, als der Tisch mit einem starken Schlage
+seine Bewegung beendete.
+
+Herr Pietri las:
+
+„Mir ist nicht vergönnt, auf einzelne kleine Fragen zu antworten; — wer
+auf dem Throne von Frankreich sitzt und Napoleon heißt, der sollte nicht
+mit vorsichtiger Neugier einzelne Blicke hinter den Schleier zu werfen
+suchen, welcher die Zukunft verhüllt, — er sollte mit kühner Hand diesen
+Schleier selbst heben, indem er die Zukunft sich nach seinem Willen zu
+gestalten zwingt. Denn dem festen und klaren Willen gehört die Zukunft;
+aber frage, — ich werde antworten, soweit es mir erlaubt ist, — wenn Deine
+Fragen das Schicksal des Hauses betreffen, das meinen Namen trägt, und
+wenn Du keine einzelnen und besonderen Dinge zu wissen verlangst.“
+
+Pietri schwieg.
+
+Der Kaiser starrte einen Augenblick vor sich hin, — brennend richtete
+sich sein Blick in das Leere, — er schien nach einer sichtbaren Spur des
+Geistes zu forschen, dessen Worte ihm dieses ruhige und freundlich
+lächelnde junge Mädchen verdollmetschte.
+
+Dann beugte er sich vor, blickte Mademoiselle Lesueur durchdringend an
+und öffnete die Lippen.
+
+„Ich bitte Eure Majestät, sich erinnern zu wollen,“ sagte die junge
+Dame, „daß es nicht erforderlich ist, die Frage laut zu stellen, — der
+Geist kann Ihre Gedanken lesen.“
+
+„Gut denn,“ sagte der Kaiser, — „ich frage.“
+
+Und schweigend blickte er voll Spannung auf den Tisch, welcher sich
+unter seinen Händen zu bewegen begann.
+
+Fräulein Lesueur nannte diesmal schneller als sonst die
+Buchstaben — Pietri schrieb.
+
+„Napoleon IV wird Kaiser der Franzosen sein, — er wird neuen Ruhm und
+neuen Glanz an den Namen knüpfen, den er trägt.“
+
+Der Kaiser athmete tief auf. Es leuchtete wie ein dankbares Gebet aus
+seinen Augen, die er mit unbeschreiblich glücklichem Ausdruck
+emporschlug.
+
+Dann rief er mit dumpfem Ton, wie aus den Tiefen seiner Brust heraus:
+
+„O könnte ich wissen, ob dies die Wahrheit ist.“
+
+Der Tisch zuckte — er hob sich hoch empor und schlug zweimal schallend
+auf den Boden.
+
+„Es ist die Wahrheit Sire,“ sagte Mademoiselle Lesueur ernst und
+überzeugungsvoll.
+
+„Werde ich die Armeen Frankreichs noch einmal zum Kriege führen müssen?“
+fragte der Kaiser schnell.
+
+Der Tisch schlug abermals laut und fest auf.
+
+„Der Geist bejaht die Frage Eurer Majestät,“ sagte die junge Dame.
+
+„Und welches wird das Schicksal dieses Krieges sein?“ fragte der Kaiser
+in athemloser Spannung.
+
+Einige Augenblicke vergingen, — dann bewegte sich der Tisch
+wieder, — Pietri schrieb die Buchstaben nieder welche Mademoiselle
+Lesueur ihm angab.
+
+„Wie heißt die Antwort?“ rief der Kaiser, welcher vergebens versucht
+hatte, den schnell gesprochenen Buchstaben zu folgen.
+
+Pietri las:
+
+„Ave Caesar, morituri te salutant!“
+
+Napoleon erbleichte und drückte die Hände an die Stirn.
+
+„Was ist der Sinn der dunkeln Antwort?“ flüsterte er vor sich hin — und
+schnell sich aufrichtend fragte er mit lauter dringender Stimme:
+
+„Wird der Todesgruß der Sterbenden dem _siegreichen_ Cäsar ertönen?“
+
+Mehrere Minuten vergingen, — der Tisch blieb unbeweglich.
+
+„Der Geist antwortet nicht mehr,“ sagte Mademoiselle Lesueur, — „es würde
+vergeblich sein, ihn weiter zu fragen. — Erlauben Eure Majestät, daß ich
+ihm danke und ihn entlasse?“
+
+Der Kaiser neigte tief sinnend das Haupt.
+
+Mademoiselle Lesueur sprach ihre leise Formel, — der Kaiser faltete die
+Hände in andächtigem Schweigen.
+
+„Wünschen Eure Majestät noch eine weitere Citation?“ fragte die junge
+Dame.
+
+„Ich danke Ihnen, mein Fräulein,“ erwiderte Napoleon aufstehend, indem
+sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen ruhigen Ausdruck annahm. — „Ihr
+Experiment hat mich in hohem Grade interessirt, — ich hatte viel von dem
+Spiritismus gehört, — aber noch nie einen Versuch gesehen, bei welchem so
+durchaus kein Apparat angewendet wurde,“ — fügte er mit einem leichten
+Lächeln hinzu, das aber mehr verbindlich und artig als ironisch war.
+
+Mademoiselle Lesueur hatte sich erhoben und verneigte sich tief bei den
+Worten des Kaisers.
+
+„Ich bin glücklich, Sire“ sagte sie, „daß Eure Majestät zufrieden sind,
+und hoffe, — oder vielmehr,“ — fügte sie mit sicherem Ausdruck hinzu, „ich
+bin gewiß, daß Alles Gute, was die Geister Eurer Majestät verkündet
+haben, sich erfüllen werde.“
+
+„Alles Gute?“ sprach der Kaiser sinnend — „aber war es gut? — was war
+es? —
+
+Morituri te salutant!“ flüsterte er leise.
+
+Dann wendete er sich zu Pietri und blickte ihn fragend an.
+
+Dieser reichte ihm ein kleines Etui.
+
+Der Kaiser nahm es und sagte mit liebenswürdiger Freundlichkeit zu
+Mademoiselle Lesueur:
+
+„Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen
+an diese Stunde zu geben,“ — er öffnete das Etui ein wenig, — die Facetten
+eines schönen Solitärs funkelten farbenspielend im Licht der Lampe.
+
+Mit der naiven Freude eines jungen Mädchens ergriff Fräulein Lesueur den
+Ring und indem sie das Regenbogenspiel der Lichtreflexe entzückt
+betrachtete, sagte sie:
+
+„Ich werde Gott unablässig bitten, daß er alle seine guten Geister zum
+Schutz Eurer Majestät und Frankreichs aussende.“
+
+Sie verneigte sich tief vor dem Kaiser und zog sich von Pietri geleitet,
+der den kleinen Tisch forttrug, durch die Portiere zurück, durch welche
+sie in das Cabinet eingeführt worden war.
+
+Napoleon ging in tiefem Sinnen auf und nieder.
+
+„Giebt es einen Zusammenhang mit jener Welt der abgeschiedenen Geister,“
+sprach er leise vor sich hin, — „und kann es ihnen erlaubt sein, auf
+irgend welche Weise uns Mittheilungen zu machen über das, was ihrem
+Blicke sich öffnet?
+
+„Dieses junge Mädchen scheint aufrichtig von ihrer Sache überzeugt,“
+sprach er gedankenvoll, — „ich wüßte nicht, wie sie den Tisch in Bewegung
+setzen könnte, — und wenn dieses Kind von kaum neunzehn Jahren aus sich
+selbst heraus die Antworten auf die Fragen construirt hat, die ich ihr
+stellte, so ist sie ein Phänomen an Menschenkenntniß und Geist! —
+
+„Welch eine treffende Antwort, die mich selbst als meinen besten Freund
+bezeichnete, — und wie wahr — alles, was mir feindlich ist, in diesen
+einen Namen Orleans zusammenzufassen.“
+
+Er ging langsam, die Hände auf dem Rücken gekreuzt auf und nieder.
+
+„Und Drouyn de L'huys,“ sagte er kaum hörbar, — „er war der Freund dieser
+Orleans, — er ist es noch — kann jemand mein Freund sein — der zugleich
+der Freund meiner Feinde ist? — Gramont“ fuhr er fort, — „der Geist
+nannte Gramont als den künftigen Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten, — Gramont war Legitimist, — die Legitimität hat keine
+Möglichkeit einer Zukunft, — sie ist eine fromme Erinnerung, — eine
+Erinnerung, vor der ich selbst hohe Achtung habe, an die ich
+anknüpfen, — deren edle Traditionen ich fortsetzen möchte. —
+
+„Seltsam,“ rief er, — „sehr seltsam ist das Alles, — oder sollte auch hier
+eine Intrigue“ —
+
+Pietri trat wieder ein.
+
+Der Kaiser näherte sich ihm; dicht vor ihm stehen bleibend, legte er den
+Arm auf seine Schulter und blickte ihn scharf und durchdringend in die
+Augen.
+
+„Pietri“ sagte er, — „haben Sie mit diesem jungen Mädchen über die
+Politik — über irgend Etwas gesprochen, was auf die gegenwärtige Lage
+bezug hat?“
+
+„Sire,“ erwiderte Pietri in ernstem und traurigem Ton, — „Eure
+Majestät sind zum Mißtrauen gegen Jedermann berechtigt, fast
+verpflichtet, — dennoch schmerzt mich dasselbe, — ich schwöre Eurer
+Majestät,“ fuhr er fort, den Blick des Kaisers frei und offen erwidernd,
+„daß ich mit Fräulein Lesueur nichts Anderes gesprochen habe, als was
+nothwendig war, um den Auftrag Eurer Majestät auszurichten und sie
+hieher zu führen.“
+
+„Und was denken Sie davon?“ fragte der Kaiser.
+
+Pietri lächelte ein wenig.
+
+„Ich denke, daß dieses junge Mädchen sehr viel Geist hat,“ erwiderte
+er, — „und daß sie manchen Diplomaten in der scharfen Erkenntniß der
+Verhältnisse beschämen würde.“
+
+Der Kaiser schüttelte langsam den Kopf.
+
+„Wie dunkel, wie mystisch die Antworten über meine Zukunft waren,“ sagte
+er. —
+
+„Glauben denn Eure Majestät ernsthaft an solche Dinge?“ fragte Pietri.
+
+„Denken Sie sich,“ erwiderte der Kaiser ernst, — „eine Welt von
+Blindgebornen, — würde nicht ein Sehender, der unter sie träte, der den
+Sinn besäße, der ihnen allen fehlte, Wunder unter ihnen
+verrichten, — würde er ihnen nicht als ein übernatürlicher Prophet
+erscheinen, — oder als ein Narr verlacht werden, — und das bloß weil er
+einen Sinn mehr hätte als sie und durch diesen Sinn eine Welt wahrnehmen
+könnte, welche da ist, welche die andern Alle umgiebt wie ihn, — welche
+aber ihrer Wahrnehmung sich entzieht, weil ihnen das Medium dazu
+fehlt. — Können denn nicht auch uns solche Welten umgeben, für welche
+unser Organismus keinen Sinn besitzt, — und ist es unmöglich, daß
+Einzelnen dieser Sinn gegeben ist, der sie das erblicken läßt, was uns
+verschlossen bleibt und was wir deshalb in selbstgenügsamer
+Beschränktheit für nicht vorhanden erklären?“ —
+
+„Und wenn dem so wäre,“ sagte Pietri, — „Eure Majestät können mit der
+Perspective, welche Fräulein Lesueur geöffnet, zufrieden sein — Napoleon
+IV wird Kaiser der Franzosen sein — hat sie ihren Geist antworten
+lassen, — und“ sprach er mit herzlichem und aufrichtigem Tone, — „ich habe
+dazu nur den Wunsch hinzuzufügen, daß das recht spät und nach einer noch
+recht langen und glücklichen Regierung Eurer Majestät eintreten möge.“
+
+„Nun,“ rief der Kaiser mit freudigem Ausdruck, — „wenn nur diese
+Verkündigung sich erfüllt, so will ich darauf verzichten, das Dunkel zu
+lichten, welches in den Antworten der Geister meine Zukunft
+verhüllt, — ein Fürst darf keine Person sein, — er ist ein Glied in einer
+großen Kette, welche die Epochen der fortschreitenden Weltgeschichte
+aneinander knüpft — ob, wann und wie ich untergehe, — was liegt daran,
+wenn nur meine Dynastie erhalten bleibt, um die Vergangenheit und die
+Zukunft Frankreichs mit einander zu verbinden.“
+
+Er schwieg und blickte wie träumend vor sich hin.
+
+„Gehen Sie zum Prinzen,“ sagte er dann, — „er soll seine Uniform anlegen
+und sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich will die Kaiserin
+abholen, um jene braven Truppen zu besuchen, welche in den Galerien
+Wache halten und die Zukunft Frankreichs beschützen.“
+
+Pietri eilte hinaus.
+
+Der Kaiser ergriff das rothe goldgestickte Käppi der Generalsuniform,
+steckte den neben seinem Tische stehenden Degen an und ging, selbst die
+Thür öffnend, in das Vorzimmer.
+
+Er nahm den Arm des Generals Castelnau, welcher hier, ebenfalls in der
+Campagne-Uniform wartete, und schritt mit ihm nach den Appartements der
+Kaiserin.
+
+Am Eingang der Gemächer Ihrer Majestät öffnete der Huissier schnell die
+Flügelthüren und eilte den Kaiser ankündigend durch die Vorzimmer in den
+kleinen Salon, in welchem die Kaiserin mit der Baronin de Pierres, der
+Vicomtesse Aguado und der Gräfin de la Poëze saß.
+
+„Der Kaiser!“ rief der Huissier.
+
+Die Damen standen auf, die Kaiserin ging ihrem Gemahl bis zur
+Eingangsthür des Salons entgegen, Napoleon küßte ihre Hand und grüßte
+die Damen verbindlich.
+
+„Sie sind in militärischer Tenne,“ fragte Eugenie, erstaunt den Kaiser
+und den Grafen Castelnau anblickend, — „zu so später Stunde, — ist denn
+etwas Außergewöhnliches geschehen?“ fügte sie unruhig hinzu, — „sind die
+Unruhen in Paris bedenklicher geworden?“ „Seien Sie unbesorgt,“
+erwiderte der Kaiser lächelnd, — „es ist nichts Besonderes
+geschehen, — aber die Truppen sind consignirt — und da muß auch der Kaiser
+der Consigne folgen und im Dienst sein, — außerdem wollte ich mit Ihnen
+und Louis die Voltigeurs der Garde besuchen, denen ich die Bewachung der
+Tuilerien und den Schutz des kaiserlichen Prinzen anvertraut habe.“
+
+Die Kaiserin schlug freudig bewegt die Hände zusammen.
+
+„Das ist ein vortrefflicher Gedanke,“ rief sie lebhaft, „je fester und
+lebendiger wir die Verbindung mit unseren Truppen erhalten, um so
+sicherer werden wir über alle unsere Feinde triumphiren. Ich bin
+sogleich bereit,“ sagte sie, indem sie sich schnell zu dem Tisch wendete
+und eine kleine, goldene Glocke bewegte, welche auf demselben stand.
+
+Eine Kammerfrau trat ein.
+
+Die Kaiserin warf einen raschen Blick auf einen großen Spiegel, welcher
+ihr fast ihre ganze Gestalt zeigte. Sie trug eine einfache Robe von
+blauer Seide.
+
+„Bringen Sie mir eine weiße Mantille und ein rothes Band.“
+
+Nach wenigen Augenblicken, während welcher der Kaiser sich mit den Damen
+seiner Gemahlin unterhielt, erschien die Kammerfrau wieder. Sie trug
+eine Mantille von weißem Atlas und ein breites schärpenartiges Band von
+rother Seide.
+
+Die Kaiserin ließ die Mantille über ihre Schultern legen, näherte sich
+dann der Gräfin von Poëze und sagte:
+
+„Wollen Sie die Güte haben, meine liebe Gräfin, mir aus diesem Bande
+eine große Schleife hier zu befestigen.“
+
+Sie deutete mit dem Finger auf den Halsausschnitt ihrer Robe.
+
+Die Gräfin von Poëze machte mit geschickter Hand eine breite Schleife
+mit langen herabhängenden Enden und befestigte sie dann auf der Robe der
+Kaiserin.
+
+„Jetzt trage ich die Farben Frankreichs,“ rief Eugenie mit einem Blick
+auf den Spiegel, „lassen Sie uns gehen,“ fuhr sie zum Kaiser gewendet
+fort.
+
+„Sie werden,“ sagte Napoleon, indem er seiner Gemahlin den Arm reichte,
+„diese Farben ebenso unwiderstehlich machen, wie es die Tapferkeit
+unserer Soldaten auf allen Schlachtfeldern gethan hat.“
+
+Er ging langsam mit der Kaiserin durch das Vorzimmer und wandte sich
+nach dem Pavillon des kaiserlichen Prinzen; der Graf von Castelnau und
+die Damen folgten.
+
+Im Vorzimmer seiner Wohnung erwartete der Prinz bereits mit dem General
+Frossard seine Eltern. Der Prinz trug die Uniform eines Souslieutenants,
+der General Frossord war ebenfalls in Uniform. Der kaiserliche Prinz
+trat auf die rechte Seite seines Vaters, der General Frossard schritt
+voraus und führte den Kaiser und die Kaiserin nach der unmittelbar an
+den Pavillon stoßenden Gallerie.
+
+Als die Thüre derselben geöffnet wurde, bot sich ein wunderbar belebtes
+Schauspiel dar, — die weithin ausgedehnten Gallerien strahlten in
+hellster Beleuchtung, alle Kerzen auf den Lustres und Wandleuchtern
+brannten, der Marmor und die Vergoldungen glänzten, an den Wänden her
+standen kleine, mit weißen Leintüchern bedeckte Tische, auf welchen
+kalte Speisen und rothe und weiße Weine in geschliffenen
+Crystallcaraffen aufgestellt waren.
+
+An diesen Tischen saßen die Voltigeurs der Garde in vollständiger
+Feldausrüstung, ihre Waffen neben sich, die Käppis auf den Köpfen,
+essend, trinkend und fröhlich plaudernd.
+
+In gewissen Zwischenräumen befanden sich kleinere elegant servirte
+Tische, an welchen die Officiere soupirten.
+
+Als die große Eingangsthür sich öffnete, und im Rahmen derselben der
+Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz erschienen, erhoben sich
+die langen Reihen der Soldaten. Die Officiere eilten rasch heran und im
+lauten, einstimmigen Rufen begrüßte diese Elite-Truppe den Kaiser.
+
+Napoleon erhob dankend die Hand, die Kaiserin neigte grüßend das Haupt
+nach allen Seiten, indem ihr strahlender Blick freudig und stolz über
+diese muthigen und begeisterten Soldaten hinglitt. Der kaiserliche Prinz
+hielt sein Käppi in der Hand und verneigte sich ehrerbietig gegen den
+Commandeur des Regiments, welcher herantrat, um dem Kaiser zu melden,
+das alle Wachen nach seinen Befehlen bezogen worden seien.
+
+„Lassen Sie die Leute häufig ablösen,“ sagte der Kaiser, „damit ihnen
+der Dienst nicht zu schwer wird und damit sie Gelegenheit finden, sich
+hier im Kreise ihrer Kameraden wieder zu erfrischen.“
+
+Er trat an den nächsten Tisch, ergriff eines der dort stehenden Gläser,
+füllte es aus einer Crystallcaraffe mit rothem Wein und rief mit lauter
+Stimme:
+
+„Ich trinke auf das Wohl meiner Voltigeurs, auf das Wohl der Garde, auf
+das Wohl der ganzen Armee, welche die Blüthe des französischen Volkes
+ist!“ In raschen Zügen leerte er das Glas bis auf den letzten Tropfen.
+
+„Es lebe der Kaiser. Es lebe der kaiserliche Prinz!“ brauste ihm der Ruf
+der Soldaten entgegen.
+
+„Ich danke Euch, meine Tapferen,“ sagte der Kaiser, als nach einigen
+Minuten die Rufe der nahe herandrängenden Soldaten verstummt waren, „ich
+kenne Eure Ergebenheit für mich, ich weiß, daß Ihr gegen jeden Feind
+Frankreich und das Kaiserreich vertheidigen werdet. Frankreich und das
+Kaiserreich,“ fügte er hinzu, der Kaiserin die Hand reichend, „deren
+edle und ruhmvolle Farben meine Gemahlin, die Mutter des kaiserlichen
+Prinzen, Eures Kameraden trägt.“
+
+„Es lebe die Kaiserin!“ riefen die Officiere, und die Soldaten stimmten
+in den Ruf ein.
+
+Dann gab Napoleon seiner Gemahlin wieder den Arm, die Officiere
+schlossen sich dem Gefolge an und umringten den kaiserlichen Prinzen,
+der ganz stolz und freudig in ihrer Mitte dahinschritt. Und so bewegte
+sich der Zug langsam durch die weiten Gallerien hin, — oft blieb der
+Kaiser stehen und redete diesen oder jenen mit der Tapferkeitsmedaille
+und dem Orden der Ehrenlegion decorirten Soldaten an, ihn fragend, wo er
+diese Ehrenzeichen erworben habe, und mit liebenswürdigster Geduld den
+zuweilen etwas breiten und ausführlichen Erzählungen der Soldaten
+zuhörend. Fast eine Stunde dauerte der Umgang durch die Gallerien, immer
+fester wurde der Schritt des Kaisers, immer stolzer sein Blick, immer
+willenskräftiger der Ausdruck seiner Gesichtszüge. Dicht umdrängt von
+den Soldaten, grüßte er endlich am Eingang der Gallerie noch einmal.
+
+Ein gewaltiges Vive l'Empereur durchzitterte die weiten Räume, die
+Officiere verabschiedeten sich vom Kaiser, die Thüren schlossen sich,
+Napoleon entließ den kaiserlichen Prinzen, welcher sich mit dem General
+Frossard in seine Wohnung zurückzog, und führte dann die Kaiserin nach
+ihren Appartements zurück.
+
+„Wenn Marie Antoinette es verstanden hätte,“ sagte die Kaiserin leise zu
+ihrem Gemahl, „die Begeisterung der Soldaten zu erhalten und zu
+benutzen, so hätte sie niemals den dornenvollen Weg vom Thron zum
+Schaffot zu gehen nöthig gehabt.“
+
+„Man muß aus den Beispielen der Geschichte lernen,“ erwiderte der
+Kaiser, „und die Fehler vermeiden, welche unsere Vorgänger begangen
+haben.“
+
+Am Eingang der Appartements der Kaiserin küßte er seiner Gemahlin die
+Hand, grüßte mit artiger Verbeugung die Damen und begab sich mit dem
+General Castelnau nach seinem Cabinet zurück.
+
+Als er dort angekommen war, rief er Pietri.
+
+Der Geheimsecretair trat schnell durch die Portiere, welche der Kaiser
+erhoben hatte, in das Cabinet ein.
+
+Napoleon ging einige Augenblicke nachdenkend auf und nieder.
+
+„Schreiben Sie sogleich an Gramont,“ sagte er dann, „sagen Sie ihm in
+kurzen Worten, daß ich entschlossen sei, ihm das Ministerium der
+auswärtigen Angelegenheiten zu übertragen, und daß ich ihn bitte,
+sogleich hierher zu kommen. Ich wünsche, daß er vor seiner Abreise sich
+noch ausführlich und definitiv mit dem Grafen Beust unterhalte und
+dessen Anschauungen über die verschiedenen Fragen und Eventualitäten der
+europäischen Politik möglichst bestimmt constatire.“
+
+Pietri verneigte sich.
+
+„Eure Majestät sind also entschlossen?“ fragte er.
+
+„Ich bin entschlossen,“ erwiderte der Kaiser, — „legen Sie mir morgen
+früh den Brief zur Unterschrift vor, — jetzt will ich ruhen. Wenn irgend
+Etwas Außergewöhnliches in Paris vorfällt, soll man mich rufen. Gute
+Nacht,“ sagte er freundlich, indem er Pietri die Hand reichte.
+
+Dann bewegte er die Glocke.
+
+Sein Kammerdiener trat ein, folgte dem Kaiser, welcher sich in sein
+Schlafzimmer begab.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+Der junge Cappei hatte sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts im
+Hause seines Oheims zu Bodenfeld ganz den Erinnerungen seiner Jugend
+hingegeben, welche diese Umgebung so lebhaft in ihm erweckte. Er hatte
+in liebevoller Pietät alle die Orte besucht, welche in dem Leben seiner
+Kindheit vorzugsweise bedeutungsvoll gewesen waren, und war erstaunt
+gewesen, wie klein und einfach ihm diese Plätze alle erschienen, die
+doch in den Bildern seiner Erinnerung so groß und so schön gewesen
+waren. Dennoch aber hatten alle diese Orte auch jetzt noch ihren Zauber
+auf ihn ausgeübt, sie hatten die Empfindungen wieder erregt, welche
+seine kindliche Seele einst erfüllten, und welche, wenn sie nach langer
+Abwesenheit und selbst im hohen Alter wieder geweckt werden, immer ihre
+wunderbare und unvergängliche Jugendfrische behalten.
+
+Er hatte einzelne seiner alten Gespielen besucht und war der Gegenstand
+der Neugier des ganzen Dorfes gewesen, denn die hannöversche Legion in
+Frankreich, von welcher man so wenig regelmäßige und bestimmte
+Nachrichten erhielt, war in den Vorstellungen dieser einfachen Bauern
+fast zu einer Mythe geworden, von der nur geheimnißvolle und beinahe
+märchenhafte Nachrichten herüber gedrungen waren, über welche man nun
+von dem in Fleisch und Blut hier erschienenen Mitgliede der Legion
+Näheres zu hören hoffte.
+
+Cappei war sehr zurückhaltend und vorsichtig in seinen Aeußerungen
+gewesen und hatte nur das Eine bestimmt bestätigt, daß Alles zu Ende und
+die Sache des Königs nunmehr ein für allemal aufgegeben sei. Eine
+Mittheilung, welche bei den Meisten zwar eine gewisse wehmüthige Trauer,
+doch aber auch zu gleicher Zeit ein Gefühl der Beruhigung verursachte,
+denn die das Land durchziehenden Agitatoren hatten selbst in den Kreisen
+dieser einfachen Landbevölkerung eine unbehagliche Unsicherheit erzeugt
+und den Wunsch hervorgerufen, daß so oder so nun einmal ein Ende werden
+möge, damit man wisse, woran man sei.
+
+Der junge Cappei war mit seinem Oheim dann auf das Feld hinausgegangen,
+hatte sich von dem vortrefflichen Zustande der Felder überzeugt und
+gesehen, daß in den Zeiten seiner Abwesenheit die Wirthschaft bedeutende
+Fortschritte gemacht und das Besitzthum einen erhöhten Werth erhalten
+habe.
+
+Abends hatte er sich dann zu seiner Mutter und den alten Bauern
+hingesetzt und ihnen, die nicht müde wurden, zuzuhören, immer von Neuem
+von dem Leben in Frankreich erzählt — von dem Leben der Offiziere in
+Paris, wo er einige Male gewesen war, von dem Leben auf dem Lande, von
+den französischen Soldaten, von der französischen Feldwirthschaft. Und
+immer hatte er bei diesen Erzählungen den einen Punkt umgangen, der sein
+Herz erfüllte, der die Neugier seiner Mutter erregte und von dem sein
+Oheim in seinem einfachen practischen Sinn nicht das Geringste bemerkte.
+Dennoch beschäftigte gerade dieser Punkt den jungen Mann auf das
+Lebhafteste und versetzte sein ganzes inneres Wesen in eine peinliche
+und schwankende Unruhe.
+
+Er hatte sich gleich am Tage nach seiner Ankunft unter dem Vorwande sich
+nach Mittag auszuruhen, in seinem Zimmer eingeschlossen und mit großer
+Mühe einen nicht immer ganz orthographisch gehaltenen Brief an Fräulein
+Luise Challier geschrieben, um ihr seine glückliche Ankunft in der
+Heimath anzuzeigen und ihr zu sagen, daß er mit aller Liebe seines
+Herzens ihrer gedächte und mit heißer Sehnsucht den Tag erwarte, an
+welchem er nach Ordnung seiner Angelegenheiten zu ihr zurückkehren
+würde.
+
+Konnte er sich auch ganz geläufig mündlich in französischer Sprache
+ausdrücken, so fand er seinen Brief, als er ihn geschrieben hatte,
+dennoch sehr ungenügend, sehr kalt und steif, indeß er hoffte, daß seine
+Geliebte zwischen den Zeilen das Alles lesen würde, was der Mangel an
+Gewandtheit des Ausdrucks ihn zu sagen verhinderte. Er hatte diese
+Hoffnung in einem Postscriptum ausgesprochen, dann seinen Brief
+sorgfältig verschlossen und sich am Abend mit einiger Mühe von seinem
+Oheim und seiner Mutter entfernt, um den Brief in den Kasten der
+Landpostexpedition zu werfen, welcher sich an dem Hause des
+Gewürzkrämers des Dorfes befand, wobei er zu seinem Verdruß von mehreren
+Bekannten aufgehalten und beobachtet wurde.
+
+Von einem Tage zum andern hatte er sich dann vorgenommen, über seine
+Liebe und seine Zukunft zunächst mit seiner Mutter und dann mit seinem
+Oheim zu sprechen. Indeß immer wieder war er nicht dazu gekommen, immer
+wieder waren die Worte auf seinen Lippen stecken geblieben, obgleich er
+doch sonst nicht zu denen gehörte, welche sich scheuen, das
+auszusprechen, was sie für nothwendig und richtig erkannt haben. Aber er
+fühlte in seinem Innern einen Widerspruch streitender Empfindungen und
+sagte sich, daß das, was ihn schmerzlich und peinlich bewegte, seiner
+Mutter und seinem Oheim noch viel mehr Kummer bereiten müßte.
+
+Die alte Heimath, diese Erde, auf der er erwachsen war, dieses Haus,
+dieser Garten, diese Felder, um welche sich alle seine Erinnerungen
+rankten, zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht an sich und schmerzlich
+schnürte sich sein Herz bei dem Gedanken zusammen, daß er hierher
+zurückgekehrt sei, nur um das Alles wieder zu verlassen. Es war, als ob
+jeder Baum, jede Blume ihn mit stillem Vorwurf anblickte, daß er dies
+ihm bestimmte Besitzthum, an welches sein Oheim, um es ihm reicher und
+blühender zu hinterlassen, so viel Mühe und Fleiß gewendet habe, fremden
+Händen überlassen solle, um im fernen Lande eine neue Heimath zu suchen.
+
+Auf der andern Seite fühlte er in der Entfernung noch lebhafter und
+mächtiger die Macht der Liebe, welche ihn zu dem jungen Mädchen hinzog,
+dessen Umgang seine Verbannung so freundlich verklärt hatte; — wenn er
+die Augen schloß, so sah er ihr Bild vor sich in lebendiger Frische, er
+sah ihren seelenvollen Blick, es schien ihm, daß sie die Arme
+sehnsüchtig nach ihm ausstreckte und ihn fragte, wann er zu ihr
+zurückkehren werde, um sie nicht mehr zu verlassen.
+
+Dieser Kampf zwischen der Anhänglichkeit an die Heimath und die Liebe
+seines Herzens, der sich in seinem Innern bereits so schmerzlich fühlbar
+machte, mußte ja viel heftiger und peinlicher die Seele seiner Mutter
+bewegen, wenn sie erfahren würde, was mit ihrem Sohn vorgegangen und was
+für Zukunftspläne er in sich trüge; und erst sein Oheim, der alte Mann
+mit dem eigenwilligen Bauernsinn, der so fest mit der Scholle verwachsen
+war, auf welcher er geboren, die er gepflegt und gehütet und welche ihm
+so reiche und dankbare Frucht für seine Mühe und Arbeit gegeben hat. Was
+würde er sagen bei dem Gedanken seines Neffen, dies Besitzthum, das ein
+Theil seines Selbst war, zu verlassen und in der Fremde sich eine
+Existenz zu gründen. Die Grundlage der ganzen Lebensfassung des alten
+Bauern war. „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich“ — schon der Gedanke,
+eine Fremde, welche die Sprache der Heimath nicht verstände, als
+Hausfrau in diesen Bauernhof einziehen zu sehen, mußte dem Gefühl des
+alten Bauern widersprechen. Was aber sollte er erst sagen, wenn er
+erführe, daß sein Neffe, den er mit so viel Stolz und Liebe wieder in
+den wirtschaftlichen Betrieb einführte, nun um nimmer wiederzukehren,
+abermals in die weite Welt hinausziehen wolle.
+
+Alle diese Gedanken versetzten den jungen Mann in eine fieberhafte
+Unruhe. Er mußte Klarheit in die Verhältnisse bringen, er mußte das
+entscheidende Wort sprechen, und doch wußte er, daß dieses Wort die
+beiden Menschen, welche ihm durch die nächsten Bande auf Erden verknüpft
+waren, mit Schmerz und Bekümmerniß erfüllen würde.
+
+So hatte er von einem Tage zum andern die Erklärung hinausgeschoben.
+Seine peinliche Unruhe war noch vermehrt worden, als die Zeit
+vorübergegangen war, in welcher er eine Antwort auf seinen Brief an
+seine Geliebte erwarten konnte, ohne daß eine solche eingetroffen wäre.
+Mit zitternder Ungeduld sah er dem Landbriefträger entgegen, wenn
+derselbe erschien, um die wenig zahlreichen Postsendungen an die
+Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Einige Male hatte er es über sich
+vermocht, denselben zu fragen, ob er nichts für ihn habe, aber immer
+hatte er eine verneinende Antwort erhalten und in quälender Sorge, in
+einer steigenden bangen Unruhe fragte er sich, welches der Grund dieses
+unerklärlichen Schweigens seiner Geliebten sein könnte, die doch so fest
+versprochen hatte, ihm sogleich zu schreiben, sobald er sie von seiner
+Ankunft in der Heimath benachrichtigt haben würde. Endlich konnte er
+diesen Zustand widerstreitender Gefühle und quälender Sorge und Unruhe
+nicht länger ertragen.
+
+Seine Mutter hatte ihn bereits mehrere Male mit freundlicher Theilnahme
+gefragt, was ihm fehle und ihn gebeten, es ihr zu sagen, wenn ihn ein
+Kummer bedrücke, — er hatte zum zweiten und dritten Male an Luise
+geschrieben, sie beschworen, ihm zu antworten oder durch ihren Vater ihm
+mitteilen zu lassen, wenn sie krank sei, — aber immer erfolglos. Der alte
+Briefträger hatte nur immer dieselbe Antwort auf seine Fragen, — daß
+nichts für ihn angekommen sei.
+
+Eines Morgens war sein Oheim allein auf das Feld gegangen, er war unter
+dem Vorwand einer notwendigen häuslichen Arbeit zu Hause
+zurückgeblieben, — fast ängstlich, mit ähnlichen Gefühlen, wie einst als
+Knabe, wenn er irgend einen Fehltritt einzugestehen hatte, trat er in
+das Wohnzimmer, setzte sich neben den Lehnstuhl seiner Mutter und
+ergriff die Hand der alten Frau, indem er ihr halb fragend, halb
+bittend in die Augen sah, die Worte suchend, um die Gefühle seines
+unruhigen, gedrückten Herzens auszusprechen.
+
+Die alte Frau sah ihren Sohn freundlich und liebevoll mit ihren großen,
+klaren Augen an. Sie hatte ruhig gewartet, sie wußte, daß der Tag kommen
+mußte, an welchem sein Herz sich seiner Mutter öffnen würde, die Stunde
+war da, sie war bereit, ihn anzuhören und sein Vertrauen mit all der
+selbstlosen Liebe zu erwidern, an welcher das mütterliche Herz so
+unerschöpflich reich ist.
+
+„Meine Mutter,“ sagte der junge Mann mit leicht zitternder Stimme, „ich
+bin überaus glücklich gewesen, daß ich Sie und den Oheim, unser Dorf und
+das alte Haus wiedergesehen habe.“
+
+Er hielt einen Augenblick inne.
+
+„Und wir nicht minder, mein Sohn,“ sagte die alte Frau, „daß wir Dich
+nach so langer Trennung hier wieder bei uns haben.“
+
+Der junge Cappei schwieg einige Augenblicke, indem er sanft die welke
+Hand der alten Frau streichelte.
+
+„Ich bin aber doch,“ sagte er dann, „nicht glücklich, wie ich es sonst
+bei Euch war, ich bin unruhig und habe lange die Gelegenheit gesucht,
+mit Euch allein zu sprechen, denn ich muß Euch Alles sagen, bevor ich
+mit dem Oheim darüber rede, der gleich so heftig und aufbrausend ist.“
+
+Die alte Frau sah ihn mit glänzenden, liebevollen Blicken an, sie
+fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, in welchem das Räthsel
+sich lösen müsse, sie sah die Befangenheit ihres Sohnes mit dem feinen
+Tact, welcher das Eigenthum der Frauen aller Stände ist, — sie mußte ihm
+entgegenkommen.
+
+„Du hast liebe Freunde in Frankreich zurückgelassen?“ sagte sie.
+
+„Ach ja, Mutter,“ erwiderte er, „sehr liebe Freunde, sie sind Alle immer
+so gut gegen mich gewesen, und es wurde mir recht schwer, mich von ihnen
+zu trennen,“ fügte er seufzend hinzu.
+
+„Sind es bloß Deine Freunde,“ fragte die Alte mit einem freundlichen,
+beinahe neckischen Lächeln, „oder hast Du auch Dein Herz dort gelassen,
+hast Du eine Geliebte in dem fernen Lande gefunden, — Du der Du hier so
+gleichgültig gegen die hübschesten Mädchen unseres Dorfes warst?“
+
+Und mit mütterlichem Stolz strich sie das Haar aus der erröthenden Stirn
+ihres Sohnes, der halb verlegen, halb glücklich darüber, daß seine
+Mutter ihm auf halbem Wege entgegenkam, zu ihr aufsah.
+
+„Ja,“ rief er, indem er ihre Hand so heftig drückte, daß sie leise
+zusammenzuckte, „ja, ich habe dort eine Geliebte gefunden, sie ist so
+gut und so treu, wie nur irgend ein Mädchen aus der Heimath es sein kann
+und dabei ist sie doch so anders wie sie hier sind. Und so schön,
+Mutter, oh, so schön,“ rief er schnell aufbringend, die alte Frau
+stürmisch umarmend, „so schön, wenn Sie sie sehen würden, Sie würden sie
+auch lieben, und sie ist so sanft, sie würde Ihnen eine zärtliche und
+gehorsame Tochter sein, — sie, die selbst keine Mutter mehr hat, bei
+ihrem Vater aufgewachsen ist, die leitende Hand der Mutter schmerzlich
+entbehrend, wie sie mir so oft gesagt hat.“
+
+Die alte Frau ordnete die Bänder ihrer Haube, welche durch die
+stürmische Umarmung ihres Sohnes etwas zerknittert waren. Mit
+freundlichem, zufriedenem Schmunzeln sah sie den glühend erregten jungen
+Mann an und sagte:
+
+„Nun das ist ja eine gute Nachricht, und ich begreife nicht, warum Du
+mir das nicht früher mitgetheilt hast; Du bist ja längst in dem Alter,
+Dich zu verheirathen, Du kannst eine Frau ernähren, — daß Deine Wahl auf
+keine Unwürdige gefallen, davon bin ich überzeugt. Ich werde älter und
+älter, und der Hof hier bedarf einer jungen und rüstigen Hausfrau.“
+
+Ihr Sohn blickte trübe zu Boden.
+
+„Das ist es ja eben, Mutter,“ sagte er mit leiser Stimme, „was mir so
+viele Sorge gemacht und mir so lange den Mund verschlossen hat. Ich
+weiß, wie Sie und namentlich der Oheim an dem Hof und an der Heimath
+hängen und nun — sehen Sie, meine Braut hängt eben so sehr an ihrer
+Heimath, sie ist die einzige Tochter ihres Vaters, die Erbin seines
+Geschäfts, eines großen Holzhandels, und sie wünscht so dringend, daß
+ich zu ihr nach Frankreich kommen möchte, um dort das Geschäft ihres
+Vaters zu übernehmen und fortzuführen, — ich habe ihr das auch
+versprochen,“ fuhr er ohne aufzublicken fort, — „als ich bei ihr war,
+schien mir das so leicht, und nun ich wieder hierher gekommen bin, nun
+ich wieder unter Euch lebe, nun ich wieder den alten Garten und die
+alten Felder sehe, da fühle ich,“ sagte er mit zitternder Stimme, „wie
+schwer es Ihnen werden müßte, mit mir fortzuziehen in ein fremdes Land
+oder hier zu bleiben, — durch weite Entfernungen von mir getrennt.“
+
+Die Alte sah einen Augenblick schmerzlich bewegt vor sich nieder, sie
+strich langsam die Falten ihrer weißen Schürze glatt, als wolle sie
+ihre Gedanken und Gefühle ordnen und glätten wie diese Falten. Dann
+legte sich ein heiteres und ruhiges Lächeln um ihre Lippen, freundlich,
+beinahe stolz und glücklich sah sie ihren Sohn an und sagte.
+
+„Gott fügt die Schicksale der Menschen nach seinem Wohlgefallen und hat
+schon Manchen aus dem Lande seiner Väter fort geführt, um ihn sein Glück
+in der Ferne finden zu lassen. Es steht geschrieben, daß der Mann Vater
+und Mutter verlassen wird, um seinem Weibe zu folgen, zu dem sein Herz
+ihn hinzieht, aber,“ fuhr sie fort, ihm die Hand reichend, „Deine Mutter
+wird ihren Sohn nicht verlassen, und wenn Du eine alte schwache Frau mit
+Dir nehmen willst, die wenn sie nichts mehr für Dich thun kann doch Tag
+und Nacht für Dein Glück beten wird, so bin ich bereit, mit Dir in die
+Ferne zu ziehen, da wo Du glücklich bist, wo Du Deine Heimath findest,
+da werde ich auch in fremder Erde sanft ruhen. Gott segne Dich, mein
+Sohn, und Diejenige, zu welcher Dein Herz Dich hinzieht.“
+
+„Oh, Mutter,“ rief der junge Mann, indem er zu den Füßen der alten Frau
+auf die Knie niedersank und wie in der fernen glücklichen Kinderzeit
+sein Haupt auf ihren Schooß legte, „wie danke ich Ihnen für dieses
+Wort, das eine schwere, schwere Last von meinem Herzen nimmt.“
+
+Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie
+mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann
+erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.
+
+„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“
+
+„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den
+Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so
+leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath
+verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des
+Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie
+seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung
+Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen.
+Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu
+behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise
+nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich
+Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange
+er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich
+dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner
+Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch
+Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß
+die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den
+Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem
+lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß
+mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner
+Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“
+
+„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer
+Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen,
+das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure
+liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er
+fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich
+habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine
+Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem
+Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine
+Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber
+nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was
+kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch
+ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon
+sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu.
+
+„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte,
+„kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir
+irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein
+könnte, Dir Nachricht zu geben.“
+
+„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender
+Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie
+meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser
+bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit
+ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben,
+sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“
+sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller
+meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen
+sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht,
+mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“
+
+„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung
+kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren
+gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und
+ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe
+aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle
+Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim
+sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt,
+„erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung
+Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte
+sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer
+zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht
+geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch
+nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“
+
+„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre
+möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten
+Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und
+nieder.
+
+„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem
+Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und
+geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner
+Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl
+einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das
+Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige
+freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht
+deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und
+dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird
+ihr erlauben, mir zu antworten.“
+
+Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und
+dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte
+von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme,
+von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der
+Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so
+glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm
+leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen
+Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz
+sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte.
+
+ * * * * *
+
+Wieder waren dann mehrere Wochen vergangen, er hatte seinen Brief mit
+der Nachschrift seiner Mutter abgesendet.
+
+Die Alte hatte dann mit ihrem Bruder über die Sache gesprochen. Es
+hatte einen großen Sturm gegeben. Der alte Niemeyer war einige Tage in
+finsterm Brüten schweigend einher gegangen, dann hatte er heftig
+gescholten über junge Leute, die auf Abenteuer hinauszögen in ferne
+Länder und den Sinn und die Liebe für die Heimath verlören, — der junge
+Cappei hatte, dem Rath und dem Wink seiner Mutter folgend, das Alles
+schweigend und ohne Erwiderung mit angehört; er hatte Abends die beiden
+alten Leute allein gelassen, und dann hatte seine Mutter in ihrer Weise
+mit ihrem Bruder gesprochen, sicher daß trotz seines Scheltens und
+Grollens ihre Worte den Weg zu seinem Herzen fanden. Endlich hatte er
+seinen Neffen gerufen, ihn ausführlich und scharf inquirirt über die
+Familie seiner Geliebten, über das Geschäft und Vermögen ihres Vaters,
+und die klaren, scharfen und bestimmten Antworten des jungen Mannes,
+welche ihm über das Alles so befriedigende Auskunft gaben, hatten
+augenscheinlich dazu beigetragen, ihn zu beruhigen und ihn die ganze
+Sache in einem freundlicheren und milderen Licht ansehen zu lassen.
+
+Dann als nochmals einige Tage vergangen waren, hatte er allmählig
+angefangen, — wenn auch noch immer murrend und scheltend, — über die
+Zukunftspläne des jungen Mannes zu sprechen. Er hatte sogar die Absicht
+angedeutet, trotz seines Alters und seiner Schwerfälligkeit, die Reise
+nach Frankreich zu machen und mit dem alten Herrn Challier, vor dessen
+ausgedehntem Geschäft ihm die Mittheilungen seines Neffen einen großen
+Respect eingeflößt hatten, selbst über die Angelegenheit sich zu
+berathen.
+
+So weit war Alles gut, und die alte Frau lebte und webte schon in dem
+Gedanken an die glückliche Zukunft ihres Sohnes und ihrer künftigen
+Schwiegertochter, welche sie bereits mit aller mütterlichen Zärtlichkeit
+liebte, obgleich sie sie nie gesehen.
+
+Aber der junge Cappei wurde immer ernster und trauriger, denn auch auf
+den Brief, welchen er mit der Unterschrift seiner Mutter abgesandt
+hatte, war keine Antwort erfolgt, und mit jedem Tage wurde die Qual des
+dumpfen Wartens angstvoller und peinlicher, und immer tiefer schnitten
+die mißtrauischen Fragen seines Oheims in sein von banger Unruhe
+gequältes Herz.
+
+Endlich konnte er diesen Zustand nicht länger ertragen, und er kündigte
+den beiden alten Leuten seinen Entschluß an, selbst nach Frankreich zu
+reisen und den Grund dieses unerklärlichen Schweigens zu erforschen.
+Seine Mutter billigte den Entschluß, denn das Leiden ihres Sohnes
+erfüllte sie mit tiefem Mitgefühl, — auch der alte Niemeyer hatte nichts
+dagegen einzuwenden, sein practischer Sinn verlangte eine Abänderung
+dieses Zustandes der Ungewißheit, und im Stillen hoffte er, daß sein
+Neffe an Ort und Stelle irgend ein Hinderniß fände, welches diese Sache,
+die so störend in seinen Lebenskreis eintrat, ein für allemal beenden
+möchte.
+
+Der junge Cappei traf also seine Vorbereitungen zur Abreise, welche nur
+in der Ordnung seines geringen Gepäcks bestanden und begab sich eines
+Morgens auf das Amtshaus, um der von ihm übernommenen Verpflichtung
+gemäß dort um die Erlaubniß zu seiner Reise nachzusuchen und sich einen
+Urlaubspaß zu erbitten.
+
+Der Amtsverwalter empfing den jungen Mann sehr ernst und hörte
+schweigend sein Gesuch an.
+
+„Sie wollen nach Frankreich gehen,“ sagte er — „welchen Zweck hat Ihre
+Reise.“
+
+Cappei zögerte einen Augenblick.
+
+„Ich bitte Sie, ganz aufrichtig zu sein,“ sagte der Beamte, — „Sie
+befinden sich in einer besonderen Lage, und jede ausweichende Antwort
+könnte Ihnen nur nachtheilig sein.“
+
+„Ich habe keinen Grund, meine Absicht zu verheimlichen,“ sagte der
+junge Mann — „ich habe eine Braut in Frankreich und wünsche dort die zu
+unserer Verbindung nöthigen Vorbereitungen persönlich zu besprechen.“
+
+„Sie sind landwehrpflichtig,“ sagte der Amtsverwalter, „und es thut mir
+leid, daß ich im Hinblick auf ihre Vergangenheit Ihnen die nachgesuchte
+Erlaubniß nicht ertheilen kann.“
+
+„Ich verspreche,“ sagte der junge Mann erbleichend, „meine Adresse hier
+zu lassen und jedem Ruf sofort Folge zu leisten. Auch wird ohnehin meine
+Abwesenheit nicht lange dauern, ich werde in spätestens vierzehn Tagen
+wieder hier sein.“
+
+„Ich kann,“ erwiderte der Beamte, „auch trotz dieses Versprechens Ihnen
+die Erlaubniß zur Reise und einen Paß nicht geben, — jedenfalls nicht
+ohne höhere Genehmigung.“
+
+Ein Ausdruck finsterer Entschlossenheit erschien auf dem Gesicht
+Cappei's, es schien, daß er etwas sagen wollte, doch schwieg er und
+wandte sich mit kurzer Verbeugung um, um das Zimmer zu verlassen.
+
+Der Amtsverwalter hatte ihn forschend angeblickt.
+
+„Bleiben Sie,“ rief er in strengem Ton.
+
+Cappei wendete sich erstaunt um und wartete.
+
+„Da Sie mir den Wunsch ausgesprochen haben, den Ort zu verlassen,“
+sagte der Beamte, „und da ich befürchten muß, daß Sie bei der
+Verweigerung des Urlaubs heimlich abreisen möchten, so sehe ich mich
+gezwungen, Sie zu verhaften.“
+
+„Mich zu verhaften,“ rief Cappei mit bebenden Lippen, indem eine
+tödliche Bläße sein Gesicht überzog, „und warum?“
+
+Der Beamte klingelte, ein Amtsdiener trat herein.
+
+„Der frühere Dragoner Cappei ist Arrestant, er wird einstweilen hier im
+Amtsgefängniß bleiben, bis weitere Bestimmung über ihn getroffen ist.
+Ich will sogleich ein erstes und vorläufiges Verhör mit ihm vornehmen.“
+
+Der junge Mann stand wie niederschmettert da, seine Gedanken verwirrten
+sich, er konnte keine Erklärung für diesen Schlag finden, der ihn so
+unerwartet traf.
+
+Der Beamte zog ein Actenstück aus seinem Schreibtisch hervor, öffnete
+dasselbe, faltete dann einen Bogen Papier und ergriff eine Feder, bereit
+das Protocoll aufzunehmen.
+
+„Haben Sie,“ fragte er, sich an Cappei wendend, „seit ihrem Aufenthalt
+hier mit Personen in Frankreich in Verbindung gestanden und mit
+demselben correspondirt?“
+
+„Ich habe keine Verbindung dort,“ erwiderte Cappei, „als diejenige mit
+meiner Braut, welche besuchen zu dürfen, ich soeben um Erlaubniß bat,
+ich habe mit Niemanden correspondirt, als mit ihr, aber zu meiner tiefen
+Betrübniß keine Nachricht von ihr erhalten.“
+
+Der Beamte nahm mehrere beschriebene Blätter aus dem ihm vorliegenden
+Actenstück und fragte, indem er Cappei winkte, näher heranzutreten.
+
+„Kennen Sie diese Briefe?“
+
+Der junge Mann warf einen Blick auf die Papiere, er zuckte zusammen, ein
+fast convulsivisches Zittern erschütterte seine Gestalt.
+
+„Es sind die Briefe, welche ich an meine Braut geschrieben,“ rief er mit
+bebender Stimme.
+
+„Sie erkennen also an, daß diese Briefe von Ihrer Hand geschrieben
+sind?“
+
+„Gewiß,“ rief Cappei, den starren Blick fortwährend auf die Briefe
+gerichtet, welchen er einen nach dem andern glaubte abgesendet zu haben,
+und in welchem er immer dringender und sehnsuchtsvoller um Nachrichten
+gebeten hatte.
+
+„Sie behaupten also,“ fuhr der Beamte fort, „daß diese Briefe wirklich
+an ein junges Mädchen gerichtet sind, und daß der Inhalt derselben
+keinen anderen Sinn hat, als den, welchen die Worte ausdrücken.“
+
+„Welchen anderen Sinn könnte er haben?“ rief Cappei, entsetzt vor diesem
+Räthsel stehend, das sich da so plötzlich vor ihm erhob.
+
+„Man hat Beispiele,“ sagte der Beamte, „daß scheinbar unverfängliche
+Worte eine andere vorher verabredete Bedeutung haben, oder daß sie durch
+darauf gelegte Papierausschnitte in anderer Reihenfolge erscheinen. Doch
+das wird sich finden,“ fuhr er fort.
+
+Dann nahm er einige andere Blätter und hielt dieselben dem jungen Manne
+vor.
+
+„Kennen Sie diese Handschrift?“
+
+„Nein,“ rief Cappei, auf die ihm völlig fremden Schriftstücke blickend.
+
+„Dennoch,“ sagte der Beamte, „sind diese Briefe hier unter Ihrer Adresse
+angekommen, und sie enthalten sehr bestimmte und compromittirende
+Fragen, Aufträge über Truppendislocationen und politische Verhältnisse
+Nachricht zu geben. Sie werden einsehen, daß das Alles sehr verdächtig
+ist und daß der auf Ihnen ruhende Verdacht durch Ihren Wunsch, jetzt
+nach Frankreich zu reisen, nur verstärkt werden kann. Ich muß das
+Resultat meiner polizeilichen Beobachtung, zu welcher meine Pflicht mich
+Ihnen gegenüber zwang, nunmehr an die Untersuchungsrichter übergeben und
+kann Sie nur noch darauf aufmerksam machen, daß ein offenes Geständniß
+Ihre Lage nur verbessern kann, — wenn Sie nicht im Stande sind, sogleich
+eine genügende Erklärung zu geben.“
+
+Der junge Mann starrte noch immer unbeweglich auf die ihm vorgelegten
+Papiere.
+
+„Tragen diese Briefe eine Unterschrift?“ fragte er.
+
+„Nein,“ sagte der Beamte, „solche Correspondenzen pflegt man nicht zu
+unterschreiben, da der Absender dem Empfänger doch genügend bekannt
+ist,“ fügte er mit leichtem ironischen Lächeln hinzu.
+
+„Mein Gott, sollte es möglich sein,“ rief Cappei, indem eine glühende
+Röthe sein Gesicht überflog, „ich erinnere mich, einmal ein Billet von
+diesem Vergier gelesen zu haben, — sollte es möglich sein, — sollte er —“
+
+„Junger Mann,“ sagte der Beamte mit ernstem Ton, durch welchen ein
+gewisses Mitleid hindurchklang, ich will glauben, daß Sie irre geleitet
+sind, und daß Ihre Ergebenheit für Ihren König von gewissenlosen Agenten
+gemißbraucht ist. Sagen Sie offen und ehrlich Alles, was Sie über die
+Sache wissen, — ich wiederhole Ihnen, es ist der einzige Weg, um Sie vor
+scharfer Strafe zu schützen.
+
+„Herr Amtmann,“ rief Cappei in verzweiflungsvollem Ton, „ich muß
+glauben, daß hier eine niederträchtige Bosheit verübt worden ist, um
+mich von meiner Geliebten zu trennen. Ich schwöre Ihnen, ich weiß von
+nichts, — ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich habe keine Ahnung von
+diesen Briefen, und die Schreiben von mir, welche Sie da vor sich haben,
+enthalten keinen verborgenen Sinn.“
+
+Der Beamte schien betroffen von dem Ton der Wahrheit in den Worten des
+jungen Mannes.
+
+„Ich will in Ihrem Interesse wünschen,“ sagte er, „daß es so ist, wie
+Sie sagen, und daß Sie Ihre Unschuld beweisen können. Indeß die Indicien
+erscheinen zu gravirend, und die Agitationen, um die es sich hier
+handelt, sind zu staatsgefährlich, als daß ich es verantworten kann, Sie
+in Freiheit zu lassen. Ich will indeß Anordnungen treffen, daß Sie gut
+behandelt werden, und dafür sorgen, daß Ihre Sache so schnell als
+möglich untersucht wird. Denken Sie genau über Alles nach und bedenken
+Sie, daß die größte Offenherzigkeit in Ihrer Lage das Beste ist.
+
+Führen Sie den Arrestanten ab,“ sagte er, zu dem Amtsdiener gewendet.
+
+In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach dem in einem
+Seitenflügel des Amtshauses befindlichen Arrestlocal führen. Er bat den
+Amtsdiener nur noch, seinem Oheim und seiner Mutter Nachricht von seiner
+Verhaftung zu geben und warf sich dann in dumpfer Verzweiflung auf das
+einfache Bett mit einer Strohmatratze, welche nebst einem hölzernen
+Tisch das ganze Ameublement des Zimmers ausmachte, dessen Fenster mit
+Eisenstäben vergittert waren und vor dessen Thür sich klirrend der
+schwere Riegel schob, der ihn von der Freiheit und von allen seinen
+Zukunftsträumen und Hoffnungen trennte.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+
+Wochen waren seit dem Plebiscit verflossen, die große Mehrzahl des
+französischen Volkes hatte sich in ihrem Votum aufs Neue für das
+Kaiserreich und die neue Verfassung desselben erklärt, — die Elemente des
+Aufruhrs, welche einen Augenblick ihr Haupt aus den finsteren Vorstädten
+von Paris erhoben, hatten sich wieder in ihre dunklen Schlupfwinkel
+zurückgezogen, die unbequemen Mitglieder des Cabinets waren entfernt,
+der Herzog von Gramont war von Wien gekommen und hatte das Portefeuille
+der auswärtigen Angelegenheiten übernommen, und der Kaiser sah sich
+umgeben von lauter Männern, welche sowohl dem Prinzip seiner Regierung,
+als ihm persönlich vollkommen ergeben waren, und welche er, wenn er sich
+die Mühe geben wollte, leicht und vollständig nach seinem Willen zu
+lenken im Stande war.
+
+Alles schien vortrefflich geordnet und glänzend befestigt. Der
+kaiserliche Hof hatte sich nach Fontainebleau begeben, es fanden dort
+jene reizenden, kleinen Gartenfeste Statt, welche die Kaiserin mit ihrem
+intimen Cirkel so ausgezeichnet zu arrangiren verstand. Die Zeitungen
+beschäftigten sich im Ganzen wenig mit der Politik. Sie berichteten über
+die Toiletten der Damen bei den Soiréen à la Watteau, welche unter dem
+tiefen Schatten der Bäume des Parks von St. Cloud Statt fanden. Sie
+erzählten mit hoher Befriedigung, daß die Gesundheit des Kaisers ganz
+vortrefflich sei und daß Seine Majestät Napoleon III in seinem kleinen
+Privatgarten in St. Cloud mit ganz besonderem Eifer sich mit der Cultur
+der Rosen beschäftige und nahe daran sei, das große Problem der
+Horticultur zu lösen und eine schwarze Rose zu erzielen.
+
+Die Zeit der Villeggiaturen begann, Graf Bismarck ritt in Varzin
+spazieren, Seine Majestät der König Wilhelm badete in Ems, und der
+Kaiser Napoleon mit einer blauen Schürze und einer großen Scheere in der
+Hand, pflegte seine Rosen im Garten von St. Cloud.
+
+Der Genius des tiefen Friedens hatte sich über Europa herabgesenkt, die
+Zeitungsredacteure und Correspondenten in allen Hauptstädten der Welt
+konnten trotz des sorgfältigsten Spürens an dem blauen Sonnenhimmel der
+Politik kein Wölkchen entdecken, aus welchem sich irgend eine
+meteorologische Combination hätte machen lassen, — und die Berichte der
+Zeitungen waren wahr. Denn an einem schönen, glänzenden Sommermorgen
+hätten diejenigen, welche in das abgeschlossene Innere der
+Sommerresidenz von St. Cloud zu blicken im Stande gewesen wären, den
+Kaiser Napoleon in der That sehen können, wie er, einen breiten Strohhut
+auf dem Kopf, von seinem Gärtner begleitet, zwischen den Rosenbeeten
+umherging, und mit liebevoller Sorgfalt alle diese Sträucher und Stämme
+musterte, auf denen so viel gestaltig und verschieden farbig die Königin
+der Blumen ihre Blüthen entfaltete. Er prüfte genau jeden Stock und
+jeden Zweig, er schnitt jede welkende Blüthe und jedes trocknende Blatt
+ab, Alles in ein Körbchen werfend, das der Gärtner trug und sorgfältig
+darüber wachend, daß kein gelbes Blatt auf den reinen Kies der Gänge
+fiel. Er forschte sorgfältig nach dem Mehlthau, diesem bösen Feinde der
+Rosen und blies, wenn er etwas davon entdeckte, den Dampf seiner großen
+braunen Havannacigarre auf die kleinen Milben, vergnügt zusehend, wie
+dieselben betäubt zu Boden fielen.
+
+Bei allen diesen Operationen mußte er sich oft zu den kleinen
+Sträuchern herunterbücken, oft sich neben den hohen und schlanken
+Stämmen auf die Spitzen der Zehen erheben, wodurch zuweilen sehr
+complicirte und schwierige Stellungen hervorgerufen wurden, in denen die
+kleine, von dem großen Panamastrohhut überdachte Gestalt des Kaisers für
+alle Diejenigen einen sehr befremdenden und erstaunlichen Eindruck
+gemacht haben würde, welche gewohnt waren, ihn von den Hundertgarden
+umgeben bei den großen Truppenrevuen oder bei den großen Empfängen in
+den Tuilerien inmitten der Großwürdenträger unter dem kaiserlichen
+Thronhimmel stehen zu sehen. Aber das Gesicht des Kaisers war hier, wenn
+er klein zusammengebückt vor einer Zwergrose saß, oder wenn er sich mit
+Mühe zu einer hochstämmigen Centifolie emporhob, unendlich heiterer und
+glücklicher, als in jenen Augenblicken der glänzenden, kaiserlichen
+Repräsentation, sein sonst so undurchdringlich verschleierter Blick
+ruhte hier frei und klar auf den Pflanzen und Blüthen, diesen ewig
+jungen Kindern der stets sich erneuenden Natur, seine Lippen lächelten
+und auf seinem welken, von den Linien des Alters bereits tief
+durchfurchten Gesicht lag der Schimmer einer natürlichen, fast
+kindlichen Heiterkeit. Er war hier der Mensch, der seine Freude hatte an
+dem, was alle Menschenherzen erfreut hat, seit das Schöpfungswort
+Gottes allerlei Kräuter und Blumen auf der zwischen Licht und Finsterniß
+gestellten Erde erwachsen ließ, und alle Diejenigen, welche den Kaiser
+haßten und bekämpften im großen Ringen des politischen Lebens, sie wären
+hier vor dem Menschen entwaffnet gewesen, — denn nur ein guter Mensch
+kann sich in seinem Herzen die kindlich reine Freude an der einfachen
+Natur bewahren.
+
+Der Kaiser blieb vor einem mittelgroßen Stamm stehen, aus dessen
+dunkelgrünen Blättern Knospen mit tief dunklen Spitzen hervorragten. Der
+Kaiser betrachtete sorgfältig prüfend diese Knospen, die alle noch
+geschlossen waren, vorsichtig die Zweige auseinander biegend, suchte er
+nach, ob nicht irgend eine sich bereits geöffnet habe.
+
+Plötzlich stieß er einen leichten Schrei aus. An der anderen Seite des
+kleinen Baumes, welche dem Morgensonnenlicht zugewendet war, entdeckte
+er eine halb erschlossene Blüthe, deren tief dunkle Blätter so eben die
+Umhüllung gesprengt hatten.
+
+„Ah,“ sagte er, indem er mit der Hand dem Gärtner winkte, welcher rasch
+herzutrat, „da ist die Lösung meines Problems, die Blüthe ist
+erschlossen und“ — er blickte ganz enttäuscht und niedergeschlagen auf
+die Blume.
+
+Die dunklen Blätter derselben, welche beim ersten Anblick schwarz
+erschienen waren, schimmerten im Strahl des darüber hin streifenden
+Sonnenlichts in einem sehr deutlichen Purpurblau.
+
+„Die Rose ist blau,“ sagte der Kaiser, indem er vorsichtig die Blüthe
+erfaßte und sie hin und her wendete.
+
+Aber von welcher Seite auch der Strahl der Sonne darauf fallen mochte,
+immer zeigte sich der blaue Glanz.
+
+Der Gärtner lächelte mit einer gewissen Miene der Ueberlegenheit.
+
+„Ich habe es Eurer Majestät immer gesagt,“ sprach er, „daß es Ihnen
+niemals gelingen wird eine schwarze Rose zu ziehen. Die Natur hat die
+schwarze Farbe nicht, und so sehr sich auch die verschiedenen Farben
+immer mehr und mehr verdunkeln mögen, es wird Ihnen doch niemals
+gelingen, sie bis zum wirklichen Schwarz zu bringen.“
+
+„Aber man hat doch die schwarze Farbe in der Thierwelt,“ sagte der
+Kaiser. „Das Haar des Menschen ist schwarz, das Gefieder so manchen
+Vogels“ —
+
+„Ich glaube, daß Eure Majestät sich täuschen,“ sagte der Gärtner
+kopfschüttelnd, „Alles das ist nicht schwarz, — es sind nur tiefe
+Schattirungen irgend einer anderen Farbe, deren Grundton Sie im
+Sonnenlicht leicht erkennen können. Die wirklich schwarze Farbe kommt in
+der Natur nicht vor, sie kann nur von Menschen künstlich geschaffen
+werden.“
+
+Der Kaiser ließ die Blüthe los. Sein bisher so heiteres Gesicht wurde
+ernst, seine Augen verschleierten sich, trübe blickte er vor sich
+nieder.
+
+„Die Natur schafft die schwarze Farbe nicht,“ sagte er — „das menschliche
+Herz ist auch eine Schöpfung dieser Natur, und doch ist die Sorge so
+schwarz, welche dieses Menschenherz erfüllt, — die Menschen müssen
+künstlich die schwarze Farbe schaffen, — — sind alle die Sorgen, die uns
+quälen, nicht auch künstliche Schöpfungen einer der reinen und heiteren
+Natur entfremdeten Welt, — aus den wir uns dennoch nicht losmachen
+können,“ fügte er seufzend hinzu, „um wieder zur Reinheit und Freiheit
+der Natur zurückzukehren, — einer Welt, aus der uns nur der Tod
+hinausführt, der uns mit dem letzten und tiefsten Schwarz
+bedeckt — — werden wir dahinter,“ sprach er tief sinnend weiter, „eine
+neue Welt voll Licht und Farbenglanz finden, oder wird dieser letzte
+schwarze Grund für immer alles Licht und alle Farben aufsaugen?“
+
+Er stand noch einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken, dann nahm
+er seine blaue Schürze ab, reichte dieselbe mit der Scheere, deren er
+sich zum Schneiden der Zweige bedient hatte, dem Gärtner, — grüßte
+denselben freundlich mit der Hand und warf noch einen langen wehmüthigen
+Blick über seinen blühenden Rosengarten, — dann wandte er sich schnell um
+und stieg die Stufen hinauf, welche ihn in sein Zimmer führten.
+
+All das helle Licht, welches ihn im Garten umgeben hatte, all die
+freundliche Heiterkeit, welche ihn dort erfüllt hatte, schien wie
+verschwunden zu sein. Ernst und sorgenvoll trat er zu seinem
+Schreibtisch, auf welchem Pietri am Morgen die zu des Kaisers eigener
+Durchsicht bestimmten Correspondenzen gelegt hatte und ließ sich in dem
+davor flehenden tiefen Lehnstuhl von Rohrgeflecht mit einem länglich
+runden Sitzkissen nieder.
+
+„Die glücklichen Augenblicke des Tages sind vorüber,“ sagte er, „die
+Sorge tritt wieder in ihr Recht und trotz des Anscheins von Ruhe und
+Sicherheit, welche Frankreich und die Welt heute darbietet, stehe ich
+heute mehr als je vor ungelösten Fragen der Zukunft. Dieses Deutschland
+consolidirt sich,“ sagte er, „Österreich schwankt und trotz aller guten
+Dispositionen des Königs Victor Emanuel wendet sich die öffentliche
+Stimmung in Italien mehr und mehr von mir ab, so daß es schwer sein
+wird, eine Allianz mit dieser Macht, welche ich geschaffen habe, zu
+schließen. Und selbst wenn es gelänge,“ fuhr er fort, „würde eine solche
+Allianz im Augenblick einer entscheidenden Action — im Augenblick der
+Gefahr vielleicht — gehalten werden? Die meisten Sorgen aber,“ sagte er
+nach einigen Augenblicken, „machen mir diese spanischen Angelegenheiten,
+die Candidatur des Herzogs von Montpensier wird eifrig betrieben und
+trotz der geringen persönlichen Popularität des Herzogs kann sie
+urplötzlich mir entgegentreten, denn schließlich wird man dort nach
+jedem Auskunftsmittel greifen, um nur wieder zu geordneten Zuständen zu
+gelangen, und die Orleans verstehen sich auf die Agitationen und die
+Intriguen. Aber ich muß Alles aufbieten, um ein orleanistisches
+Königthum in Spanien zu verhindern. Ich habe soeben den Einfluß
+gebrochen, welchen diese erbittertsten und gefährlichsten Feinde meiner
+Regierung und meiner Dynastie hier in Frankreich wieder zu erringen
+begannen, und würden sie jemals in Spanien festen Fuß fassen, so würde
+ihre Agitation trotz der Pyrenäen mit erneuter Kraft Frankreich
+durchziehen. Der Erbprinz von Hohenzollern wäre vielleicht eine Lösung
+gewesen, — und ich will diesen Faden nicht ganz aus der Hand lassen,
+aber das Erste und Nächstliegende ist doch die Wiederherstellung der
+Dynastie der Königin Isabella unter dem Prinzen von Asturien. Meine
+Einleitungen sind getroffen: Olozaga ist der Combination günstig, und
+dieser eitle Serrano wird lieber der Majordomus des unmündigen Don
+Alphonso sein, als einfacher General unter dem Herzog von Montpensier,
+der sich seiner wahrscheinlich bald entledigen würde — was vielleicht
+Prim auch thun wird,“ fügte er mit einem leichten Lächeln hinzu — „den
+ich vorläufig ganz aus dem Spiel lassen muß, um ihn mir für jene
+hohenzollersche Eventualität im äußersten Falle zu reserviren.“
+
+Er beugte sich über seinen Schreibtisch und ergriff die auf demselben
+zurecht gelegten Briefe. Nach flüchtigem Überblick warf er mehrere
+derselben bei Seite, dann ergriff er lebhaft einen andern und lehnte
+sich, denselben in der Hand haltend, in seinen Stuhl zurück.
+
+„Von meinem Agenten in Spanien,“ rief er, — „vielleicht nähert sich diese
+Sache ihrem Ende.“
+
+Er durchflog rasch die ersten Zeilen des Briefes.
+
+„Alles ist vorbereitet,“ las er dann, den Zeilen folgend, „die
+maßgebenden Personen sind der Proclamation des Prinzen von Asturien
+günstig. Das Volk im Ganzen mit Ausnahme einiger unterwühlten großen
+Städte würde jede feste Regierung, welche Ruhe und Stabilität verbürgt,
+mit Freuden begrüßen. Die Armee ist zum großen Theil ganz alphonsistisch
+gesinnt und die Proklamation des Prinzen, namentlich wenn derselbe die
+unmittelbare und bestimmte Anerkennung Frankreichs fände, würde nirgends
+ernsten Schwierigkeiten begegnen. Vor allen Dingen aber ist es nöthig,
+daß die Königin Isabella so schnell als möglich feierlich abdicirt und
+alle ihre Rechte auf ihren Sohn überträgt, zugleich auch jeden Anspruch
+auf die Regentschaft ausdrücklich aufgiebt und sich verpflichtet, auch
+nach der etwaigen Thronbesteigung ihres Sohnes im Auslande zu leben und
+nicht nach Spanien zurückzukehren. Dies Document ist unerläßlich für
+jede weitere Thätigkeit, denn Niemand, die Alphonsisten ebenso wenig,
+wie alle Andern, will die Rückkehr der Königin, und man fürchtet, daß
+selbst bei ihrer persönlichen Anwesenheit in Spanien sie und ihre
+Umgebung auf die Regierung von Neuem einen Einfluß ausüben würden, den
+man mit Recht oder Unrecht für verderblich hält. Wenn Eure Majestät die
+Abdication der Königin in der oben angedeuteten Weise erreichen können,
+so scheint die Thronbesteigung des Prinzen von Asturien sicher zu sein.“
+
+Der Kaiser warf den Brief zurück.
+
+„Ich kann mich auf diese Mittheilung verlassen,“ sagte er, — „das Glück
+scheint mir zu lächeln. Die Regierung des Prinzen von Asturien, mag sie
+in seinem Namen geführt werden, durch wen sie wolle, wird Frankreich
+günstig sein und in der auswärtigen Politik im Großen und Ganzen
+derjenigen der Königin Isabella sich anschließen. Vor allen Dingen aber
+wird sie dem Herzog von Montpensier und den Orleans unversöhnlich
+feindlich sein — vielleicht ließe sich dann doch noch auf jene
+Combination zurückkommen, welche durch diese unglückliche Revolution in
+Spanien vereitelt wurde. —
+
+Die Königin wird sich freilich schwer zur Abdankung entschließen. Das
+Document darüber ist schon aufgesetzt und befindet sich in ihren Händen.
+Sie hat bis jetzt die Unterzeichnung verweigert, weil sie Bürgschaft
+verlangte, daß nach ihrer Abdication die Thronbesteigung ihres Sohnes
+wirklich gesichert sei. Ich glaube ihr nach dieser Nachricht, welche
+durch die Mittheilungen Olozaga's vollständig bestätigt wird, jede
+Garantie geben zu können.“
+
+Er sann einige Minuten nach.
+
+„In Augenblicken wie dieser,“ sagte er dann, „kommt es auf schnelles und
+entschiedenes Handeln an. Günstige Situationen muß man benutzen und zu
+rascher Entscheidung führen, — man weiß niemals, wie lange sie dauern
+können. Ich will sogleich zur Königin, um womöglich gleich die Sache mit
+einem Schlage zu erledigen.“ Er klingelte.
+
+„Meinen Wagen,“ befahl er dem eintretenden Kammerdiener, „große
+Attelage, ich will nach Paris fahren. General Favé soll mich begleiten.“
+
+Er stand auf und ging in sein Toilettenzimmer.
+
+ * * * * *
+
+An der Avenue du Roi de Rome liegt das prachtvolle Hotel Basilensky,
+welches die Königin Isabella gekauft und eingerichtet hatte und über
+dessen vergoldeten Gitterthoren der Lilienschild des königlichen Wappens
+von Spanien glänzte.
+
+Die innere Eingangsthür dieses Hotels stand weit offen und ließ durch
+die Gitter des äußeren Hofes den Blick in die prachtvolle weite Halle
+dringen, in deren Hintergrund die breite Marmortreppe nach den obern
+Gemächern emporführt.
+
+In dieser Halle war die Dienerschaft der Königin in ihrer dunkelblauen
+goldgestickten Livrée mit den rothen Strümpfen aufgestellt, und am Fuß
+der Treppe stand der Graf von Ezpeleta, der Oberhofmeister der Königin,
+ein alter Mann mit grauem Haar, mit dem großen blauen Bande des Ordens
+Karls III. geschmückt; neben ihm der Kammerherr Albacete, ein noch
+junger, schöner Mann mit schwarzem gelocktem Haar, kleinem schwarzem
+Schnurrbart und dunklen Augen, mit dem Cordon des Ordens Isabella der
+Katholischen.
+
+Bereits eine Viertelstunde standen die beiden Herren hier, von Zeit zu
+Zeit einige Worte mit einander wechselnd und oft ungeduldig durch die
+Thür nach dem Vorhof hinaus blickend, zu welchem wenige Stufen
+hinabführten.
+
+Endlich fuhr ein einfaches Coupé mit dunkler Livrée durch das Gitterthor
+in den Hof und hielt vor dem Haupteingang des Hotels.
+
+Graf Ezpeleta eilte schnell an den Schlag des Wagens, den der vom Bock
+herabspringende Diener bereits geöffnet hatte. Herr von Albacete folgte
+ihm, den Hut in der Hand; beide Herren verbeugten sich tief vor einem
+jungen Manne von etwa zwei und zwanzig Jahren, der hoch und schlank
+gewachsen war und leicht und gewandt aus seinem Wagen auf den Boden
+sprang.
+
+Dieser junge Mann hatte ein blasses längliches Gesicht von vornehm
+strengem, aber ein wenig apathischem Ausdruck. Seine Nase war lang und
+etwas stark, die von Natur weichen Linien seines Mundes waren durch
+feste und energische Willenskraft zusammengezogen, — aus seinen kleinen
+Augen leuchtete ein hoher unbeugsamer Stolz. Er trug einen schwarzen
+Salonanzug, einen Cylinderhut auf dem Kopf, das goldene Vließ am rothen
+Bande um den Hals.
+
+Mit einer leichten Neigung des Kopfes, ohne den Hut zu berühren,
+erwiderte er die ehrfurchtsvollen Begrüßungen des Grafen Ezpeleta und
+des Herrn von Albacete. Dann stieg er, ohne ein Wort an die Herren zu
+richten, die Stufen des Eingangs hinauf und schritt durch die Reihen der
+sich tief verneigenden Lakaien zu der großen Treppe hin, während Herr
+von Albacete halb rückwärts gewendet, einige Schritte vor ihm herging,
+und der Graf Ezpeleta ehrerbietig ihm folgte. Der junge Mann stieg mit
+leichtem elastischem Schritt die Stufen der Treppe hinauf.
+
+Am obern Ende derselben vor dem Eingang in ihre Gemächer stand die
+Königin Isabella. Sie trug eine weite Robe von dunkelblauer Seide, das
+rothe Band des goldenen Vließes um den Hals.
+
+Ihr zur Seite befand sich die Gräfin Ezpeleta und einige Hofdamen.
+
+Der junge Mann, welchen die Cavaliere der Königin mit so viel Ehrfurcht
+begrüßt hatten, stieg ruhig die letzte Stufe der Treppe hinauf, und erst
+als er unmittelbar vor der Königin stand, nahm er mit einer Bewegung
+voll ritterlicher Höflichkeit, aber ohne jeden Ausdruck von Ehrerbietung
+oder Unterwürfigkeit den Hut ab, ergriff die Hand, welche die Königin
+ihm entgegenstreckte und führte sie leicht an die Lippen.
+
+„Ich danke Ihnen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „daß sie gekommen
+sind, und ich bitte Gott, daß er unsere Begegnung und unsere Unterredung
+segnen möge zum Wohle Spaniens und zum Wohl unseres Hauses.“
+
+Der Infant Don Carlos, welchem man bei seiner Geburt den Namen des
+Herzogs von Madrid gegeben, welcher in der Verbannung den Titel eines
+Grafen von Monte Molin führte, und welchen die spanischen Legitimisten
+den König Carlos VII nannten, erwiderte nichts auf diese Worte.
+Schweigend reichte er der Königin den Arm und führte sie durch einen
+großen, mit reich vergoldeten Meubeln ausstatteten Salon, in welchem
+über den Fenstern und Thüren, so wie über dem großen prachtvollen Kamin
+die Lilien des königlichen Hauses von Bourbon auf blauem Grunde
+glänzten, nach dem Cabinet der Königin, welches von dem vordern Salon
+durch eine einzige große Glaswand aus mächtigen Spiegelscheiben getrennt
+war, so daß man aus dem einen Raum vollständig den andern übersehen
+konnte.
+
+Dies Cabinet, in welchem die Königin ihre Audienzen zu ertheilen
+pflegte, war mit weißem Marmor ausgelegt, neben dem Kamin, welcher der
+Glaswand sich gegenüber befand, standen einander gegenüber einige große
+Fauteuils mit vergoldeter Lehne und mit purpurrothem Seidendamast
+überzogen.
+
+Die Königin nahm auf einem dieser Lehnstühle Platz. Don Carlos setzte
+sich, immer schweigend und kalt, ihr gegenüber.
+
+„Erlauben Sie, mein Vetter,“ sagte Isabella, absichtlich jede Titulatur
+in ihrer Anrede vermeidend, „daß ich Ihnen die Infanten, meine Kinder,
+vorstelle?“
+
+Der Graf von Monte Molin neigte artig das Haupt.
+
+Die Königin winkte durch die Glaswand nach dem andern Zimmer hin, in
+welchem ihr Gefolge zurückgeblieben war, und kurze Zeit darauf führte
+die Gräfin Ezpeleta den dreizehnjährigen Prinzen Alphons von Asturien
+und seine drei jüngeren Schwestern in das Cabinet, worauf sie sich
+wieder in das Vorzimmer zurückzog.
+
+Der Prinz von Asturien, ein bleicher, zarter Knabe mit sanftem und
+kränklichem, aber intelligentem Gesicht, in einen Anzug von schwarzem
+Sammet gekleidet, welcher die zarte Farbe seines Gesichts noch mehr
+hervorhob, näherte sich mit offenem und unbefangenem Anstand dem Grafen
+von Monte Molin. Er küßte seinem Oheim die Hand, während die drei
+Infantinnen sich in einer gewissen kindlichen Befangenheit neben den
+Stuhl ihrer Mutter stellten.
+
+„Don Alphonso,“ sagte die Königin, ihren Sohn vorfallend, „Donna Maria
+del Pilar — Donna Maria della Pay, — Donna Eulalia,“ — fuhr sie fort, die
+kleinen Prinzessinnen bezeichnend, welche sich nach der Reihe ihrem
+Oheim näherten und ihre Lippen auf seine Hand drückten.
+
+Das bisher so ernste, strenge und unbewegliche Gesicht des Grafen von
+Monte Molin wurde einen Augenblick von einem feuchten Schimmer
+überstrahlt. Ein weiches und inniges Gefühl leuchtete aus seinen Augen,
+wie in unwillkürlicher Bewegung umarmte er den Prinzen von Asturien, zog
+dann die kleinen Infantinnen an sich heran und küßte sie eine nach der
+andern auf die Stirn.
+
+„Die lieben Kinder,“ sagte er, — „die Glücklichen, die noch allen Sorgen
+des Lebens — und der Politik fern stehen, — Gott segne sie.“
+
+Die Königin hatte mit bewegtem Ausdruck diese Scene mit angesehen, eine
+tiefe, mächtige Rührung zuckte über ihr Gesicht, ein feuchter Schimmer
+verhüllte ihren Blick. Dann winkte sie mit der Hand, die Gräfin
+Ezpeleta erschien wieder und führte, sich tief und ceremoniell
+verneigend, die Kinder hinaus.
+
+„Ich habe Sie gebeten, zu nur zu kommen, mein Vetter,“ sagte die
+Königin, „um mit Ihnen über die Lage Spaniens zu sprechen und mit Ihnen
+zu berathen, was wir, die wir durch unser Blut mit dem Geschick der
+spanischen Nation verknüpft sind, thun können, um das edle Volk aus
+seiner traurigen Lage zu befreien und um auch in unserm Hause den
+Frieden wieder herzustellen.“
+
+Das Gesicht des Grafen von Monte Molin nahm wieder seinen früheren,
+kalten und strengen Ausdruck an.
+
+„Über die spanische Nation,“ sagte er, „ist das Strafgericht
+hereingebrochen, dem kein Volk entgehen kann, das sich von Gott abwendet
+und das heilige Recht seiner Könige verleugnet. Spanien wird durch
+dieses Strafgericht geläutert und so Gott will, einer glücklichen
+Zukunft zugeführt werden.“
+
+„Sie haben Recht, mein Vetter,“ sagte die Königin mit sanfter Stimme.
+„Indeß,“ fuhr sie fort, „ist das spanische Volk vielleicht entschuldbar,
+wenn es sich über das Recht seiner Fürsten täuscht, da ja bei den
+Trägern dieses Rechts selbst zwei verschiedene Anschauungen über
+dasselbe bestehen.“
+
+„Es giebt nur ein Recht,“ erwiderte Don Carlos, „und wenn zwei
+verschiedene Anschauungen darüber bestehen, so trifft die Schuld
+denjenigen Fürsten unseres Hauses, welcher in unverzeihlicher Weise die
+alten, die heiligsten Satzungen nach seiner persönlichen Willkür zu
+ändern unternommen hat. Und Ruhe und Frieden,“ fuhr er in klangvoller
+Stimme fort, „wird in Spanien nicht eher wieder herrschen, als bis das
+alte, gottgeheiligte Recht wieder zur vollen Geltung gekommen ist.“
+
+„Ich will darüber nicht mit Ihnen streiten, mein Vetter,“ sagte die
+Königin, „wo das wahre Recht liegt. Sie müssen mir aber zugeben,“ fuhr
+sie fort, indem sie ihn mit weichem Blick ansah und die Hand wie bittend
+gegen ihn erhob, „daß ich unschuldig bin an dem, was vor mir — was zu
+meinen Gunsten geschah. Ich habe im guten Glauben meinen Thron
+bestiegen, überzeugt, daß das Gesetz, welches mich auf denselben berief,
+ein im Rechte begründetes gewesen sei.“
+
+„Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine Cousine,“ sagte Don Carlos, in
+sanftem Tone, „es ist Ihre Schuld nicht, daß Sie die Vertreterin eines
+Prinzips geworden sind, welchem dem wahren Königthum und der von Gott
+eingesetzten Monarchie ebenso feindlich gegenüber steht, als es diese
+Revolution thut, welche heute unser armes Spanien zerrüttet.“
+
+„Wenn Sie das anerkennen, mein Vetter,“ sagte die Königin, „so werden
+Sie mit mir auch den Wunsch theilen, daß das traurige Zerwürfniß,
+welches die Linien unseres königlichen Hauses von einander trennt, und
+welches uns unsern Gegnern gegenüber schwächt und lähmt, beendet werde.
+Sie werden gewiß die Hand dazu bieten, daß wieder das Königthum in
+Spanien einig und in geschlossener Macht den Elementen des Unglaubens
+und Aufruhrs gegenüber gestellt werde.“
+
+Und in lebhafter, offener Bewegung reichte sie dem Infanten ihre Hand,
+dieser berührte dieselbe sich artig verbeugend, einen Augenblick und
+sprach dann, indem er die Königin gerade und fest ansah:
+
+„Sobald sich das ganze königliche Haus von Spanien unter meiner Fahne
+vereinigt, wird jene traurige Spaltung verschwunden sein, und wir werden
+kräftiger und erfolgreicher als bisher der Revolution gegenüber treten
+können.“
+
+Die Königin schwieg einen Augenblick.
+
+„Ich schwöre es Ihnen bei Gott, mein Vetter,“ sagte sie dann, „daß ich
+mich wahrlich nicht nach der Herrschaft und nach dem Throne sehne, — sie
+haben mir kein Glück in meinem Leben gebracht. Unruhe, Sorge und Kummer
+ist mein Loos gewesen, und auch das Glück meines Herzens ist diesem
+traurigen Glanz der Krone zum Opfer gefallen. Aber,“ fuhr sie fort, „ich
+habe die Rechte meines Sohnes zu vertreten, und man sagt mir, daß die
+monarchische Partei in Spanien zu einem großen Theil auf ihn seine
+Hoffnungen setzt und durch seinen Namen zusammengehalten werde.“
+
+Don Carlos hörte ruhig und unbeweglich zu.
+
+„Ich setze voraus,“ fuhr die Königin fort, „daß in Ihrem Herzen, wie in
+dem meinen das Wohl Spaniens, die Größe und der Glanz unseres Hauses
+weit über allen persönlichen Rücksichten und Wünschen stehen — wenn dies
+der Fall ist, wenn wir uns darüber verständigen könnten, die
+Vergangenheit und die Gegenwart einer besseren und glücklicheren Zukunft
+zu opfern, so würde es vielleicht in unsere Hände gegeben sein, das
+Schicksal Spaniens und unseres Hauses neuem Glück und neuem Glanz
+entgegen zu führen.“
+
+„Mein Volk und mein Haus stehen mir wahrlich höher, als meine Person,“
+erwiderte Don Carlos, „und für das Wohl Beider bin ich jeden Augenblick
+bereit, mich zum Opfer zu bringen.“
+
+„Oh,“ rief die Königin lebhaft, „dann werden Sie gewiß auf die Idee
+eingehen, die ich Ihnen aussprechen möchte, — eine Idee, von der mir so
+viele einsichtsvolle Personen sagen, daß durch sie Spanien aus seinem
+jetzigen, traurigen Zustand gerettet werden könne.“
+
+Don Carlos sah die Königin fragend an.
+
+„Mein Vetter,“ fuhr Isabella fort, „Sie sind der Vertreter des Rechts
+der einen Linie unseres Hauses; ich stehe an der Spitze der andern. Sie
+haben zahlreiche opferbereite Anhänger in Spanien, und auch an mir hängt
+noch ein großer Theil des Volkes und der Armee. Könnten wir diese Alle
+vereinigen zu gemeinsamem Kampf, der Sieg müßte unser sein. Und dazu
+gehört,“ fuhr sie fort, „nichts weiter, als daß wir, Sie und ich auf den
+Thron verzichten, daß wir die Selbstverleugnung haben, unsere eigenen
+persönlichen Rechte aufzugeben, um diejenigen unserer Kinder sicher zu
+stellen. Mein Vetter, vereinigen wir unsere beiden Linien und deren
+Rechte, beschließen wir die Verbindung meines Sohnes, den Sie so eben
+gesehen, mit der Infantin, Ihrer Tochter. Wenn ich dann auf die Krone
+verzichte, die ich getragen und welche die Revolution mir vom Haupte
+gerissen hat, wenn Sie Ihre persönlichen Ansprüche auf die älteren
+Rechte Ihrer Linie aufgeben, so wird Don Alphonso der allein berechtigte
+und allseitig anerkannte König von Spanien werden, Ihre Tochter wird
+dereinst seinen Thron mit ihm theilen, und in Zukunft wird das
+vereinigte Blut beider Linien unseres Hauses das ungetheilte
+monarchische Prinzip aufrecht erhalten.“
+
+Don Carlos sah die Königin, welche immer bewegter gesprochen hatte, mit
+einem gewissen Erstaunen an.
+
+„Eine Verbindung des Infanten Don Alphonso,“ sagte er, „mit meiner
+Tochter ist ein Gegenstand, der wohl ernste Erwägung verdient und der
+allerdings dazu beitragen möchte, die so beklagenswerte Spaltung des
+königlichen Hauses von Spanien auszugleichen. Doch begreife ich nicht,
+Madame,“ fuhr er fort, „wie durch eine solche Verbindung Don Alphonso
+unmittelbare Rechte auf den spanischen Thron erwerben sollte, selbst
+wenn ich auf die meinigen verzichten würde, was nach meiner Überzeugung
+kein Fürst, den Gott zum Throne hat geboren werden lassen, thun darf.“
+
+„Wenn Sie, mein Vetter,“ erwiderte die Königin „zugleich mit der
+besprochenen Verbindung Don Alphonso adoptiren würden, so wären, wie mir
+scheint, alle Schwierigkeiten gelöst, der Infant würde in seiner Person
+die Rechte Ihrer und meiner Linie vereinigen und der einzige Mittelpunkt
+für alle Anhänger und Vertheidiger der Monarchie in Spanien sein.“
+
+Don Carlos richtete sich hoch empor.
+
+„Ich bewundere, Madame,“ sagte er mit schneidendem Hohn, „die Klugheit
+Ihrer Rathgeber, welche die Schwierigkeiten auf so einfache Weise lösen
+wollen, auf die so unendlich einfache Weise, daß sie das hohe und
+unveräußerliche Recht, welches Gott mir und meinen Nachkommen gegeben,
+einfach wegwerfen und alle die Rechtswidrigkeiten anerkennen, durch
+welche Spanien in sein gegenwärtiges Unglück gestürzt ist.“
+
+„Aber, mein Gott,“ sagte die Königin erstaunt über die plötzliche
+Veränderung in dem Gesichtsausdruck und Ton des Grafen von Monte Molin,
+„der Vorschlag, den ich so eben gemacht, beruht ja auf der Anerkennung
+Ihres Rechtes, denn mein Sohn soll ja den spanischen Thron gerade
+gestützt auf unsere beiden bisher sich entgegen stehenden Rechte in
+Anspruch nehmen.“
+
+„Das heißt mit andern Worten,“ fiel Don Carlos ein, „ich soll mit
+meinem königlichen Siegel legalisiren, was zur Verletzung des legitimen
+Rechts geschehen ist. Ich soll aufgeben alle Ansprüche, welche Gottes
+Willen mir gegeben und soll das alte heilige Recht in den Dienst treten
+lassen der willkürlichen Verfügungen, welche die unumstößlichen
+Satzungen des spanischen Königshauses verändert haben. Und wenn ich für
+meine Person dies Opfer bringen wollte, wenn ich auf mein Recht
+verzichten wollte, um das Unrecht zu sanctioniren, wie könnte ich eine
+solche That vertreten meinen Nachkommen gegenüber, das darf ich Sie wohl
+fragen, — Sie, Madame, die Sie von mir verlangen, daß ich Ihrem Sohn den
+Anspruch opfern soll auf die Krone der edelsten und vornehmsten Nation
+der Welt.“
+
+„Aber, mein Vetter,“ sagte die Königin, „Sie haben nur eine Tochter und
+wenn Sie heute König von Spanien werden, so wäre ja Don Alphonso Ihr
+legitimer Erbe.“
+
+„Sie vergessen, Madame,“ rief Don Carlos, „daß in den nächsten Tagen
+vielleicht die Gnade der Vorsehung mir einen neuen Nachkommen schenken
+wird. Wenn ich heute mit Ihnen diesen Kauf abschlösse,“ rief er lebhaft,
+„über die Rechte und die Zukunft meines Hauses, und wenn dann dieses
+Kind, das ich erwarte, ein Sohn wäre, müßte ich nicht erröthend die
+Augen niederschlagen vor der Wiege des Säuglings, den ich um sein
+königliches Recht vor seiner Geburt betrogen hätte. Nein, Madame,“ sagte
+er kalt und ruhig, jedes Wort scharf und nachdrücklich betonend, „seien
+Sie überzeugt, daß niemals, niemals von mir ein solcher Pact geschlossen
+werden wird, und selbst wenn ich heute ein Greis wäre, der keine
+Nachkommenschaft mehr zu erwarten hat — selbst dann würde ich meine
+persönlichen Rechte nicht veräußern, — versagt mir Gott einen Sohn, so
+ist der Infant Don Alphonso mein natürlicher und berechtigter
+Nachfolger, ich werde ihn als solchen lieben und dahin arbeiten, ihm ein
+großes und ruhmreiches Erbe zu hinterlassen, — aber so lange ich lebe,“
+fuhr er fort, indem er aufstand, und die Hand wie zur feierlichen
+Bekräftigung seiner Worte emporhob, „so lange ich lebe, giebt es in
+meinen Augen auf Erden keinen anderen König von Spanien als mich — in
+Gottes Hand steht es, ob ich mein Recht erringen werde, oder ob mir das
+hohe Ziel um der Sünden meiner Väter und um der meinigen willen versagt
+bleiben soll — ich aber werde nichts unterlassen, um den Thron, zu dem
+mich Gott hat geboren werden lassen, mir und meinem Hause wieder zu
+erobern, mit Niemandem in der Welt werde ich über dieses mein höchstes
+Recht, das zugleich meine heiligste Pflicht ist, handeln oder Verträge
+schließen, — und eine innere Stimme sagt mir, daß dereinst noch die alte
+Fahne des reinen legitimen Rechts siegreich in Spanien wehen wird. Dann,
+Madame,“ fuhr er mit mildem Tone sich zur Königin wendend fort, „werde
+ich Sie willkommen heißen im Escurial, Ihr Sohn wird der erste Prinz
+meines Hauses — und vielleicht mein Nachfolger und Erbe sein. Ich werde
+Gott bitten, daß er Sie und die Ihrigen erleuchten möge, Sich seinen
+ewigen Ordnungen zu fügen, ich kann meinerseits von denselben nicht
+abgehen.“
+
+Die Königin erhob sich ebenfalls.
+
+„Ich bitte Sie, mein Vetter,“ sagte sie, „lassen Sie unsere Unterredung
+nicht so enden, ich habe so große Hoffnungen auf unsere persönliche
+Begegnung gebaut, bedenken Sie, daß die Spaltungen zwischen den beiden
+Linien unseres Hauses ja nur unseren gemeinschaftlichen Feinden
+nützt.“ —
+
+„Ich darf nichts bedenken,“ erwiderte Don Carlos, „als daß Gott mir das
+Recht zu bewahren gegeben, das ich aufrecht halten und vertheidigen
+werde bis zu meinem letzten Athemzuge.“
+
+Er näherte sich der Königin, welche unschlüssig und verwirrt da stand,
+küßte ihr die Hand und sprach:
+
+„Gott segne Sie, Madame, und die Ihrigen; — wie auch das Schicksal der
+Zukunft sich wende, ich werde niemals vergessen, daß das gleiche Blut in
+unsern Adern rollt.“
+
+Die Königin schien sprechen zu wollen. Don Carlos bot ihr mit einer
+entschiedenen Bewegung seinen Arm, sie legte schweigend mit einem tiefen
+Seufzer ihre Hand in denselben und geleitete den Infanten durch das
+Vorzimmer nach der Treppe, wo er mit einer artigen Verbeugung seinen Hut
+aufsetzte und, von dem Grafen Ezpeleta und dem Herrn von Albacete
+begleitet, langsam und ruhig die Stufen hinabstieg. Sein Coupé fuhr vor,
+er winkte leicht grüßend mit der Hand und fuhr durch das Gitterthor des
+Hofes hinaus.
+
+„Alles vergebens,“ rief die Königin, als der Graf von Ezpeleta zu ihr
+zurückgekehrt war und fragenden Blickes in ihr Cabinet eintrat, — „Alles
+vergebens! Er ist unbeugsam! Er steht unerschütterlich fest auf dem
+Boden seines Rechts. Und es wäre doch so schön gewesen,“ rief sie, „wenn
+diese Verständigung gelungen wäre. Er hat mächtige Anhänger, wenn sie
+sich mit den meinigen vereinigten, sie hätten die größten Aussichten auf
+Erfolg gehabt. Aber so,“ fuhr sie fort, indem sie ihr Taschentuch heftig
+zusammendrückte, „ist Alles in Frage gestellt. Man verlangt von mir die
+Abdankung. Aber was wird dadurch gewonnen, wenn nicht zu Gunsten meines
+Sohnes eine große, monarchische Partei gebildet werden kann? — ich würde
+mein Recht aufgeben, ohne ihm dadurch die Nachfolge sichern zu können —“
+
+Eine Bewegung machte sich im Vorzimmer bemerkbar.
+
+Eiligst trat Herr von Albacete durch die Thür der großen Glaswand in das
+Cabinet der Königin.
+
+„Seine Majestät der Kaiser ist so eben in den Hof gefahren!“ rief er und
+eilte schnell wieder hinweg, um den Kaiser zu begrüßen.
+
+Der Graf Ezpeleta folgte ihm, und die Königin ging mit ihren Damen
+abermals nach dem Ausgang der großen Treppe, an welcher sie sich kurz
+vorher von dem Grafen von Monte Molin verabschiedet hatte.
+
+Langsam und etwas schwerfälligen Schrittes stieg Napoleon die Stufen
+hinauf.
+
+Er trug einen schwarzen Überrock und hielt seinen Hut und ein spanisches
+Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Mit tiefer Verbeugung küßte er der
+Königin die Hand und führte sie in das Cabinet zurück.
+
+„Ich habe Ihnen gute Nachrichten zu bringen, Madame,“ sagte er, nachdem
+er ihr gegenüber vor dem Kamin Platz genommen. „Wie befinden sich die
+Infanten?“
+
+„Ich danke, Eure Majestät,“ erwiderte die Königin, auf deren Gesicht bei
+den ersten Worten des Kaisers der Ausdruck gespannter Erwartung
+erschienen war, „sie befinden sich vortrefflich in dieser schönen Luft
+des gastfreien Frankreichs, welche für sie nur den einzigen Fehler hat,
+daß sie die Luft des Exils ist.“
+
+„Und der König Don Franzesco,“ fragte der Kaiser, indem er leicht mit
+der Hand über seinen Schnurrbart fuhr.
+
+„Er ist in München,“ sagte die Königin, „und braucht dort eine Kur,“
+fügte sie mit einem leichten unwillkürlichen Lächeln hinzu, „welche ihm
+statt seines feinen Organs eine tiefe Stimme geben soll. Vielleicht wird
+er nicht wieder zurückkehren,“ sagte sie ernst mit blitzenden Augen, „es
+wäre in der That nicht —“
+
+„Erlauben Eure Majestät,“ fiel der Kaiser ein, „daß ich so schnell als
+möglich auf den ernsten Gegenstand meines Besuches kommen darf. Ich habe
+so eben,“ fuhr er fort, „gute und zuverlässige Nachrichten erhalten, daß
+in der spanischen Armee und in einem großen Theil der Bevölkerung die
+monarchische Restauration immer mehr Boden gewinnt, und daß sich diese
+Restauration an den Namen des Prinzen von Asturien knüpft. Der
+Proclamirung des Prinzen würde, wie ich Eurer Majestät ebenfalls
+versichern kann, Olozaga und Serrano günstig sein. Es ist also nunmehr
+die Bedingung eingetreten, welche Eure Majestät, und wie ich glaube mit
+Recht, stets als unerläßlich für Ihre Abdication bezeichneten. In diesem
+Augenblick würden Sie durch die Übertragung Ihrer Rechte auf Ihren Sohn
+demselben nach aller wahrscheinlichen Berechnung wirklich die Nachfolge
+auf den Thron zu sichern im Stande sein. Ich werde in der Lage mich
+befinden, viel dafür zu thun, wenn Eure Majestät schleunigst das
+Document vollziehen, welches den Prinzen von Asturien zum Vertreter
+Ihrer Rechte macht. Ich habe mir erlaubt, schon vor einiger Zeit Eurer
+Majestät den Sinn der Erklärung mittheilen zu lassen, welche eine solche
+Abdankungsurkunde enthalten müßte.“
+
+„Ich weiß es,“ sagte die Königin mit einem bittern Lächeln, „sie soll
+nicht nur die Übertragung meiner königlichen Rechte, sondern auch die
+Verpflichtung enthalten, daß ich auch nach der Thronbesteigung meines
+Sohnes niemals wieder den spanischen Boden betrete.“
+
+„Eure Majestät,“ sagte der Kaiser, „werden überzeugt sein, wie tief ich
+die unglücklichen Ereignisse beklage, welche sich in Spanien zugetragen
+haben, und wie dringend und lebhaft ich gewünscht hätte, Sie selbst
+wieder den spanischen Thron besteigen zu sehen. Allein,“ fuhr er fort,
+„Eure Majestät werden auch ebenso wie ich die Zukunft Ihres Hauses höher
+stellen, als persönliche Wünsche, — man muß im politischen Leben stets
+mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und Schweres thun, um ein großes
+Ziel zu erreichen, — was heute eine Nothwendigkeit ist, um Ihrem Hause
+seine Krone wieder zu gewinnen, wird nach einiger Zeit verschwinden.
+Diejenigen, welche sich in so schmählicher Undankbarkeit gegen Eure
+Majestät erhoben haben, fürchten heute natürlich den Einfluß, den Sie
+bei Ihrer Anwesenheit in Spanien auf Ihren Sohn und dessen Regierung
+gewinnen würden. Lassen Sie einige Zeit vorüber gehen — Jene werden
+ohnehin ihrem Verhängniß verfallen, — und ich sehe den Tag kommen und
+sollte er auch bis zur Großjährigkeit Ihres Sohnes hinausgeschoben
+bleiben, an welchem Sie, Madame, unter dem Jubel des Volkes von Spanien
+als die Mutter seines Königs wieder in Madrid einziehen werden.“
+
+Die Königin blickte nachdenkend vor sich nieder.
+
+„Bedenken Eure Majestät,“ sagte der Kaiser nach einigen Augenblicken,
+„daß in großen politischen Entscheidungsmomenten jede Zögerung
+gefährlich werden kann — zögern Sie daher nicht, durch Ihre Abdankung die
+Action derer zu ermöglichen, welche Ihren Sohn auf den Thron führen
+wollen. Bedenken Sie, daß gewandte und unermüdliche Gegner ihm gegenüber
+stehen. Würden Sie Sich je verzeihen können, wenn durch die Verzögerung
+des Opfers, welches die Verhältnisse von Ihnen verlangen, jener Herzog
+von Montpensier dennoch endlich an das Ziel seiner Intriguen gelangen
+sollte.“
+
+„Er,“ rief die Königin mit flammenden Blicken, indem sie den Kopf empor
+warf, „er, der falsche Heuchler, den ich wie die Andern Alle mit
+Wohlthaten überschüttet habe! Niemals! Niemals! Und dieser stolze,
+hochmüthige Graf von Monte Molin,“ fuhr sie fort, „der jede
+Verständigung zurückwies, der mich behandelt hat, wie ein König eine
+Infantin seines Hauses — Keiner von ihnen soll triumphiren — ich will
+jedes Opfer bringen,“ sagte sie mit entschlossenem Ton, „wenn Eure
+Majestät mir versichern können, daß dadurch wirklich meinem armen Kinde
+die Krone gesichert wird.“
+
+Sie blickte den Kaiser scharf und forschend an.
+
+„Ich bin weder allwissend, Madame,“ sagte Napoleon, „noch
+allmächtig, — indeß so weit menschliche Berechnung reicht, stehen in
+diesem Augenblick die Chancen Ihres Sohnes unendlich günstig, sobald
+Ihre Abdankung seine Freunde in den Stand setzt, offen für ihn
+aufzutreten und zu handeln, und sobald den gegenwärtigen Machthabern
+Garantien geboten werden können, daß sie unter der wieder hergestellten
+Monarchie die gesicherte Stellung finden, welche ihnen selbst bei der
+Fortdauer der republikanischen Verwirrung immer zweifelhafter zu werden
+scheint; — aber, ich wiederhole es,“ fuhr er fort, „es muß schnell
+gehandelt werden, damit man allen gegenseitigen Intriguen zuvorkommt.“
+
+„Ich werde die Urkunde vollziehen,“ sagte die Königin, indem sie sich
+mit einem tiefen Athemzug erhob, „man soll von mir nicht sagen können,
+daß ich es an irgend Etwas habe fehlen lassen, um den Rechten meines
+Hauses Geltung zu verschaffen.“
+
+„Seien Sie meiner ganzen Unterstützung dafür sicher,“ sagte der Kaiser,
+indem er ebenfalls aufstand, „und genehmigen Sie den Ausdruck meiner
+aufrichtigen Dankbarkeit, denn Sie haben durch diesen Entschluß nicht
+nur Ihrem Hause, sondern auch mir und Frankreich einen großen Dienst
+geleistet, — Sie wissen, wie viel auch mir daran liegen muß, jenseits der
+Pyrenäen geordnete Zustände und eine befreundete Regierung zu sehen. Ich
+darf Eure Majestät bitten,“ fuhr er fort, „sobald die Urkunde vollzogen
+ist, mir ein Exemplar derselben zugehen zu lassen, damit ich meinerseits
+alle die Schritte thue, die die Umstände erheischen.“
+
+Er kehrte der Königin den Arm reichend, in das Vorzimmer zurück, sprach
+mit jedem der Herren und Damen des Gefolges einige höfliche Worte und
+verließ von den Cavalieren der Königin bis zum Wagen geleitet, das
+Hotel.
+
+Die Königin rief den Grafen Ezpeleta in ihr Cabinet.
+
+„Lassen Sie sogleich Ihre Majestät die Königin, meine Mutter, bitten,
+sich in einer wichtigen Angelegenheit hierher bemühen zu wollen. Lassen
+Sie auch den Herzog von Sesto und den Marquis von Miraflores rufen. In
+zwei Stunden soll mein ganzer Hof in Gala sich versammeln. Haben Sie
+das Document in Bereitschaft, das ich Ihnen übergab?“
+
+„Zu Befehl, Eure Majestät,“ erwiderte der Graf von Ezpeleta.
+
+„Ich werde es unterzeichnen,“ sagte die Königin seufzend. „Heute Abend
+wird Ihr König Don Alphonso heißen.“
+
+ * * * * *
+
+Am Abend desselben Tages war in dem Empfangssaal des Hotel Basilensky
+der Hof der Königin Isabella versammelt.
+
+Der Graf von Ezpeleta, der Kammerherr von Albacete und die übrigen
+Cavaliere der Königin trugen die Uniformen ihrer Grade. Die Gräfin
+Ezpeleta, welche als Camerera-Major fungirte und die Damen der Königin
+waren in großer Toilette.
+
+Die Kerzen brannten auf den Lustres, in der Mitte des Saales stand ein
+großer runder Tisch mit einer purpurnen Sammetdecke behängt, auf welchem
+in einer großen Mappe mehrere Papiere lagen, dabei ein kostbares
+Schreibzeug und einige große Schwanenfedern. In einiger Entfernung von
+diesem Tisch standen drei mit rothem Sammet überzogene Lehnstühle, an
+deren Rücklehne sich das königliche Wappen von Spanien befand.
+
+In dem Saal hörte man jenes leise Flüstern, welches an den Höfen dem
+Eintritt der Souveraine vorauszugehen pflegt.
+
+Die Stunde war gekommen, zu welcher Ihre Majestät die verschiedenen
+Personen befohlen hatte. Die Eingangsthür öffnete sich — aber noch war es
+nicht die Königin, sondern es erschien ebenfalls in großem Galacostüm
+der Herzog von Sesto, der Gemahl der Wittwe des Grafen von Morny und der
+Marquis von Miraflores. Ihnen folgte der Marschall Bazaine in der großen
+Uniform der Marschälle von Frankreich und der Präsident des
+Civilgerichts Herr Benoist-Champy in der Hofgalatracht der
+Justizbeamten.
+
+Abermals verging eine kurze Zeit in schweigender Erwartung. Dann
+sprangen die Flügelthüren auf. Graf Ezpeleta eilte in die anstoßenden
+Gemächer Ihrer Majestät und trat bald darauf in den Saal zurück, mit dem
+Stabe auf das Parquet stoßend und die Königin ankündigend.
+
+Unmittelbar darauf trat die Königin in den Saal, sie trug eine faltige
+Robe von schwarzem Sammet, ein Diadem von Brillanten auf dem Haupte,
+den Hermelin um die Schultern, das goldene Vließ an der Kette um den
+Hals und das große Band vom Orden Karl's III. über der Brust.
+
+An der rechten Seite der Königin, einen Schritt zurück, folgte die
+Königin Christine, ebenfalls in schwarzen Sammet gekleidet, ebenfalls
+mit dem goldenem Vließ und dem Orden Karl III. decorirt. Die hohe
+Gestalt der Königin Christine, ihre scharf geschnittenen, harten und
+etwas starren Züge zeigten wenig Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, deren
+sanfte, weiche Augen von Thränen geröthet erschienen, und deren großer
+Mund mit den starken, vollen Lippen, durch den Ausdruck trauriger und
+stiller Resignation, welcher auf demselben lag, schöner und anmuthiger
+als sonst erschien.
+
+Zur linken Seite der Königin ebenfalls einen Schritt zurück trat der
+Prinz von Asturien in den Saal. Er trug einen Knabenanzug von schwarzem
+Sammet, ebenfalls das goldene Vließ um den Hals, das blaue Band von dem
+Orden Karl's III. über der Brust, den Stern an dem kleinen Jaquet.
+
+Der Prinz war bleich und blickte voll liebevoller Theilnahme auf seine
+Mutter hin. Seine ganze Erscheinung war unendlich anmuthig und
+sympathisch, und als er mit einem halb kindlich verlegenen, halb
+fürstlich stolzen Kopfnicken, die sich tief verneigende Versammlung
+begrüßte, bot er ein ungemein interessantes und anziehendes Bild dar.
+
+Der alte Infant Don Sebastian, ein Mann mit grauem Haar und ruhigen,
+gleichgültigen Gesichtszügen in der großen spanischen Generalsuniform
+folgte.
+
+Die Königin durchschritt mit dem fürstlichen Anstande, welcher ihr trotz
+ihrer corpulenten und kleinen Figur eigenthümlich war, den Saal und
+setzte sich in den mittelsten der drei Lehnstühle.
+
+Die Königin Christine nahm ihr zur Rechten Platz.
+
+Don Alphonso stellte sich neben den dritten Lehnstuhl und der Infant Don
+Sebastian hinter den Fauteuil der Königin.
+
+Die Königin winkte dem Grafen Ezpeleta.
+
+Dieser trat an den Tisch, nahm ein großes Pergament aus der dort
+liegenden Mappe und trat vor den Sessel der Königin.
+
+„Ich, die Königin,“ sprach Donna Isabella, „habe in Erwägung der
+Interessen meines Landes und meines königlichen Hauses beschlossen,
+meine königliche Autorität und alle meine politischen Rechte aus freiem
+Willen und lediglich aus eigenem Antriebe auf meinen viel geliebten Sohn
+Don Alphonso, Prinzen von Asturien, zu übertragen. Ich habe zugleich
+beschlossen,“ fuhr sie mit etwas zitternder Stimme fort, „um allen
+Parteistreitigkeiten vorzubeugen und den innern Frieden meines geliebten
+spanischen Volkes zu gewährleisten und zu erhalten so viel an mir liegt,
+für meine Person den spanischen Boden nicht mehr zu betreten; auch wenn
+mein Sohn durch die Cortes, die das rechtmäßige Votum der Nation
+vertreten, auf den Thron berufen werden wird. Bis dies geschieht, und so
+lange mein Sohn außer seinem Vaterlande weilen wird, behalte ich meinen
+Sohn unter meinem Schutz und meiner Vormundschaft.
+
+Don Alphonso XII. ist also von heute an Euer wahrer König, ein
+spanischer König, der König der Spanier, nicht der König einer Partei.
+Ich werde zugleich mit dieser Urkunde über meine Abdankung durch ein
+Manifest an die spanische Nation dieselbe verkündigen und mir wird nur
+noch übrig bleiben, in glühenden Gebeten lange Tage des Friedens und des
+Gedeihens für Spanien zu erflehen und für meinen Sohn, dem ich meinen
+mütterlichen Segen ertheile, — Weisheit und Vorsicht und mehr Glück auf
+dem Thron als seine unglückliche Mutter fand, welche bis heute Eure
+Königin war.“
+
+Die letzten Worte der Königin wurden fast unverständlich durch das
+Schluchzen, welches ihre Stimme erstickte.
+
+Der junge Prinz von Asturien näherte sich seiner Mutter und kniete
+weinend vor ihr nieder.
+
+Die Königin legte die Hände auf sein Haupt und sprach, während große
+Thränen über ihre Wangen rannen, mit lauter Stimme:
+
+„Gott erhöre mein Gebet und segne Dich, mein Sohn, mit seinem reichsten
+Segen!“
+
+Sie machte über seinem Haupte das Zeichen des Kreuzes und erhob sich
+dann. Don Alphonso und die Königin Christine standen gleichfalls auf.
+
+Isabella näherte sich dem Tisch, auf welchem der Graf von Ezpeleta die
+Abdicationsurkunde niedergelegt hatte. Der Herzog von Sesto reichte der
+Königin die Feder und mit einem raschen, kräftigen Zug unterzeichnete
+sie das Dokument. Dann wandte sie sich um, ergriff den Prinzen von
+Asturien bei der Hand und führte ihn zu dem mittleren Lehnstuhl, welchen
+sie vorhin eingenommen hatte. Sie neigte sich leicht gegen ihren Sohn
+und setzte sich in den Sessel zu seiner Linken.
+
+Der Hof trat heran, alle anwesenden Spanier defilirten an dem jungen
+Prinzen, der hier in der Verbannung zum König von Spanien proclamirt
+war, vorüber, beugten das Knie vor ihm und drückten die Lippen auf seine
+Hand, die er Jedem reichte.
+
+Nachdem die Ceremonie vorüber war, wandte sich die Königin Isabella an
+ihren Sohn.
+
+„Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß,“ sagte sie in französischer
+Sprache mit starkem spanischem Guttural-Accent, „in Ihrer Gegenwart noch
+ein Document aufnehmen zu dürfen, welches nicht die Politik betrifft,
+sondern nur die Privatangelegenheiten unseres Hauses ordnet. Es ist mein
+Testament, das ich für den Fall der Rathschluß Gottes die
+Wiederherstellung des Thrones unseres Hauses nicht gestatten sollte,
+nach französischem Recht habe aufnehmen lassen, und welches der Herr
+Präsident des Civilgerichtshofes und der erlauchte Marschall, der uns
+die Freude seiner Gegenwart macht, als Zeugen unterzeichnen sollen.“
+
+Don Alphonso wandte sich in rascher Bewegung zu seiner Mutter, umarmte
+sie zärtlich und küßte ihr ehrerbietig die Hand.
+
+Herr Benoist-Champy trat an den Tisch, nahm ein ziemlich umfangreiches
+Dokument aus der Mappe und sagte:
+
+„Eure Majestät erklären also hier vor dem Herrn Francois Achille
+Bazaine, Marschall von Frankreich, und vor mir, daß dieses Document,
+dessen Inhalt Ihnen wohl bekannt ist, Ihre letztwillige Verfügung über
+Ihr Privatvermögen enthält, und daß alle darin enthaltenen Bestimmungen
+im Falle Ihres Todes gültig und unantastbar sein sollen, und wollen in
+unserer Gegenwart aus völlig freiem Willen und eigenem Entschluß dies
+durch Ihre Namensunterschrift bekräftigen?“
+
+„Ich will es,“ sagte die Königin, trat an den Tisch und unterzeichnete
+die Testamentsurkunde.
+
+Der Marschall Bazaine und Herr Benoist-Champy setzten ihre Namen unter
+denjenigen der Königin.
+
+„Ich bitte nun Eure Majestät, zu befehlen,“ sagte die Königin Isabella,
+sich abermals an ihren Sohn wendend, „daß von der Abdankungsurkunde
+ebenso wie von meinem Testamente drei beglaubigte Abschriften genommen
+werden mögen, und daß von denselben eine dem Herzog von Sesto, eine dem
+Marquis von Miraflores und eine Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen
+übergeben werde.“
+
+Don Alphonso neigte mit einer gewissen, kindlichen Verlegenheit
+bestätigend das Haupt, dann blickte er fragend auf die Königin.
+
+Diese trat zu ihm hin und legte ihren Arm in den seinigen und Beide
+verließen unter Vortritt des Grafen Ezpeleta den Saal, um sich in ihre
+Gemächer zurückzuziehen. Die Königin Christine und der Infant Don
+Sebastian folgten.
+
+Schweigend ging die Versammlung auseinander, — Herr von Albacete
+begleitete den Marschall Bazaine und Herrn Benoist-Champy bis zum Fuß
+der Treppe des Hotels.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+Der Kaiser Napoleon kehrte nach einer Spazierfahrt durch das Bois de
+Boulogne nach St. Cloud zurück. Als er durch das Gitterthor in den Hof
+des alten erinnerungsreichen Schlosses eingefahren war, welches die
+schönen Tage von Marie Antoinette, die weithin glänzende
+Siegesherrlichkeit Napoleon I. und die letzten Tage des Königthums Carls
+X. gesehen hatte, und sich auf den Arm des Generals Favé gestützt, nach
+seinen Gemächern begeben hatte, meldete ihm der Dienst thuende
+Kammerdiener, der ihm die Thür des Vorzimmers öffnete, daß der Herzog
+von Gramont angekommen sei und Seine Majestät bitte, ihm in einer
+dringenden Angelegenheit sogleich nach seiner Rückkehr Gehör zu
+schenken.
+
+Der Kaiser, welcher sich während der Fahrt heiter und lebhaft mit dem
+General Favé unterhalten hatte und dessen Gesicht den Ausdruck einer
+frohen, zufriedenen Stimmung trug, wurde bei dieser Mittheilung ernst
+und blickte fast finster vor sich nieder.
+
+„Ist es denn nicht möglich,“ sagte er leise, „einen Tag von diesen
+ewigen Sorgen und Qualen der Politik befreit zu bleiben, die uns wie mit
+eisernen Klammern festhält, so bald sie uns einmal erfaßt hat und die
+alles friedliche, menschliche Glück zerstört.“
+
+Seufzend reichte er dem Kammerdiener seinen Hut und seinen Stock und
+befahl, den Herzog von Gramont einzuführen, welcher wenige Augenblick
+darauf in das Cabinet seines Souverains trat.
+
+Der Herzog war bleich, sein sonst so ruhiges, gleichmäßiges und
+lächelndes Gesicht zeigte die Spuren tiefer innerer Erregung. Er hielt
+einige Papiere in der Hand und erwiderte hastig und ohne seine sonstige
+etwas ceremonielle und doch anmuthige, verbindliche Höflichkeit die
+freundliche Begrüßung des Kaisers.
+
+„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte er schnell sprechend, „eine ebenso
+überraschende, als unangenehme Nachricht mitzutheilen, eine Nachricht,
+welche Eure Majestät ebenso sehr befremden und ebenso peinlich berühren
+muß, als dies bei mir der Fall gewesen ist.“
+
+Ein Ausdruck von Ermüdung und von Widerwillen erschien auf dem Gesicht
+des Kaisers. Abermals tief seufzend ließ er sich in einen Lehnstuhl
+sinken und sagte, indem er dem Herzog einen Sessel neben sich
+bezeichnete mit matter, tonloser Stimme:
+
+„Sprechen Sie, mein lieber Herzog — Sie wissen,“ fügte er mit einem
+gezwungenen Lächeln hinzu, „mein großer Oheim pflegte zu sagen, daß die
+Mittheilung böser Nachrichten niemals aufgeschoben werden müsse, — die
+guten erfährt man immer früh genug. Leider,“ sagte er ganz leise vor
+sich hin, „kommen sie nicht häufig.“
+
+„Ich erhielt bereits gestern, Sire,“ sprach der Herzog von Gramont, der
+vor dem Kaiser stehen geblieben war, „den Wortlaut einer Rede, welche
+der Marschall Prim in den Cortes gehalten hat, und welche mich auf das
+Peinlichste berührt. Eure Majestät wissen, wie große Bereitwilligkeit
+überall gezeigt worden ist, um die Restauration des Prinzen von Asturien
+einzuleiten und zu unterstützen. Ich mußte daher auf das Höchste
+erstaunt sein, zu erfahren, daß der Marschall Prim den Cortes gegenüber
+auf das aller Bestimmteste erklärt hat, daß die bisherigen Negotiationen
+einen König für Spanien zu finden, sich nach allen Richtungen hin
+zerschlagen hätten.“
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser lächelnd, „das wissen wir ja, das ist vollkommen
+wahr und sehr zufriedenstellend. Wenn man keinen andern König finden
+kann, wird man endlich wohl auf den kleinen Don Alphonso zurückkommen
+müssen.“
+
+„Aber, Sire,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „nachdem der Marschall
+diese Mittheilung gemacht, hat er hinzugefügt, er werde nicht für das
+Werk der Restauration arbeiten und zur Zurückführung Don Alphonso's
+niemals die Hand bieten, und dieses Niemals, Sire, hat er dreimal
+betont.“
+
+Der Kaiser lächelte abermals.
+
+„Es giebt Fälle,“ sagte er, die Spitzen seines Schnurrbarts drehend, „in
+denen man Dasjenige am entschiedensten und bestimmtesten zurückweist,
+was man zu thun entschlossen ist und dessen Ausführung man vorbereitet.“
+
+„Eure Majestät haben vollkommen Recht,“ erwiderte der Herzog von
+Gramont, „und gerade von diesem Gedanken ausgehend, bin ich dahin
+gekommen, der Rede des Marschall Prim keinen besonderen Werth
+beizulegen, obgleich es mich immerhin befremdete, ihn eine Combination,
+über welche er ja füglich hätte schweigen können, so bestimmt ablehnen
+zu sehen, während dieselbe doch von Olozaga und Serrano durchaus nicht
+so absolut zurückgewiesen ist. Die Rede des Marschalls fand aber,“ fuhr
+er fort, „eine sehr unerfreuliche Ergänzung und Erklärung in einem
+Bericht des Herrn Mercier de Lostende, Eurer Majestät Botschafter in
+Madrid. Schon gestern Abend erhielt ich ein Telegramm des Botschafters,
+in welchem er mir sagt, daß die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern
+sehr weit fortgeschritten zu sein scheint, — wenn sie nicht schon
+entschieden sei. Der General Prim selbst habe es ihm gesagt und er habe
+sogleich Herrn Bartholdy abgesendet, um seinen detaillirten Bericht zu
+überbringen, denselben durch mündliche Mittheilung zu ergänzen und die
+Befehle Ihrer kaiserlichen Majestät einzuholen.“
+
+„Die Candidatur Hohenzollerns,“ sagte der Kaiser, — „mein Gott, diese
+Sache hielt ich ja seit einem Jahre fast für abgethan. Woher ist denn
+dieselbe jetzt wieder auf die Tagesordnung gekommen,“ fragte er, den
+Blick scharf und forschend auf den Herzog von Gramont richtend, „und
+woher kommt es, daß ich garnichts davon erfahren habe? Man hätte sich
+darüber verständigen können, da sie jetzt so plötzlich hervortritt, ist
+die Sache in der That sehr unangenehm — ich habe mich der Königin
+gegenüber,“ fügte er leiser hinzu, „einigermaßen engagirt, sie hat ihre
+Abdankung unterzeichnet.“
+
+„Es scheint,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß der Marschall Prim hier
+ganz eigenmächtig und hinter dem Rücken seiner Collegen und aller
+spanischen Staatsmänner gehandelt hat, denn Herr Olozaga, den ich
+sogleich befragte, erklärte mir, daß er von der ganzen Angelegenheit
+nichts wisse und sprach sich zugleich in den aller entschiedensten und
+stärksten Ausdrücken gegen diese ganze Combination aus, von welcher er
+vollkommen einsah, daß sie nur geeignet sein könne, große Verwirrungen
+hervorzurufen.“
+
+„Wäre die Sache früher herangetreten,“ sagte der Kaiser, immer noch halb
+zu sich selbst sprechend, — „man hätte sich darüber verständigen
+können — in diesem Augenblick als fait accompli setzt es mich in der That
+in die äußerste Verlegenheit. — — Es scheint, daß der Marschall Prim den
+Spaniern einen König geben möchte, welcher ihm allein seinen Thron zu
+verdanken hätte. Er commandirt die Armee und unter einem Könige seiner
+Erfindung wird er allerdings auf lange hinaus der allmächtige Minister
+sein. Aber ich begreife in der That nicht, daß Serrano und die Uebrigen
+darauf haben eingehen können.“
+
+„Es scheint, daß sie überrumpelt sind,“ sagte der Herzog von Gramont,
+„und daß sie sich in keiner Weise die Consequenzen klar gemacht haben,
+welche diese Candidatur nach sich ziehen muß, — denn,“ fuhr er fort,
+„wenn ein preußischer Prinz auf den spanischen Thron steigt, während
+zugleich der König von Preußen schon jetzt die fast unbestrittene
+Hegemonie in Deutschland hat, so ist das Reich Carl V. wieder
+hergestellt und in jedem Kampf mit Deutschland würden unsere Grenzen an
+den Pyrenäen bedroht sein. Die traditionelle Politik Frankreichs
+erfordert es, daß wir uns einer solchen Combination auf das Aeußerste
+und Entschiedenste widersetzen, um so mehr als in der Person des Prinzen
+von Hohenzollern durch seine Verwandschaftsbeziehungen mit dem
+portugiesischen Königshause auch die Idee der iberischen Einheit ihren
+Ausdruck findet.“
+
+Napoleon lächelte ein wenig bei den lebhaft und erregt gesprochenen
+Worten des Herzogs.
+
+„Nun,“ sagte er, „der Prinz Leopold wird wohl so bald nicht in der Lage
+sein, mit der unumschränkten Autorität Carl V. und Philipp II. über die
+Armeen Spaniens verfügen zu können, und das spanische Nationalgefühl
+würde es ihm wohl ein wenig schwer machen, im Fall einer Verwickelung
+mit Deutschland unsere Grenzen zu bedrohen, um so mehr da mit der
+Herstellung der Monarchie auch der Einfluß Roms auf die spanische
+Politik wieder erheblich mächtiger werden muß. Allein,“ fuhr er fort,
+„die Sache ist immerhin unangenehm und berührt mich besonders in diesem
+Augenblick sehr peinlich. Auch ist die Art und Weise der plötzlichen
+Mittheilung eines im Stillen vorbereiteten fait accompli durch den
+Marschall Prim geradezu eine Beleidigung Frankreichs. Man muß auf der
+Stelle in Madrid erklären lassen, daß Frankreich diese Candidatur nicht
+annehmen könne. Der Marschall Prim,“ sagte er, „soll fühlen, daß er noch
+nicht der Mann ist, um ohne mich auch nur zu fragen, Dinge von solcher
+Wichtigkeit zum Abschluß zu bringen. Wir werden Mercier sofort anweisen
+müssen, eine sehr energische Sprache zu führen ich glaube, das wird die
+Sache sehr schnell erledigen.“
+
+„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „ich stimme mit Eurer Majestät
+vollkommen darin überein, daß sich hier eine vortreffliche Gelegenheit
+bietet, um das so tief gesunkene Prestige Frankreichs in Europa wieder
+herzustellen. Dies Prestige muß allerdings tief gesunken sein, wenn der
+Marschall Prim, noch dazu ohne Einverständniß seiner Collegen in der
+Regierung, es wagt, in einer so rücksichtslosen Weise über Frankreich
+vollkommen hinweg zu gehen. Und es hat sich in Folge dessen auch,“ fuhr
+er fort, „die öffentliche Meinung in Paris bei der ersten Nachricht über
+diese neueste Wendung der spanischen Verhältnisse auf das Aeußerste
+erregt gezeigt. Die Journale führen eine sehr heftige Sprache und
+verlangen von der Regierung Eurer Majestät, daß dieselbe den Beweis
+liefere, Frankreich sei noch nicht aus der Reihe der europäischen
+Großmächte ausgestrichen.“
+
+Der Kaiser trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Lehne seines
+Fauteuils. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer tiefen Mißstimmung.
+
+„So sehr ich nun auch,“ fuhr der Herzog von Gramont fort, „die
+Nothwendigkeit anerkenne, schnell und energisch zu handeln, so vermag
+ich noch nicht die Ansicht zu der meinigen zu machen, daß unsere Action
+sich gegen Spanien zu richten habe.“
+
+Der Kaiser blickte befremdet auf.
+
+„Aber wohin denn,“ fragte er.
+
+„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem ein zufriedenes und fast
+überlegenes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund spielte, „das
+Prinzip der Regierung Eurer Majestät beruht auf der unbedingten
+Anerkennung des souverainen Selbstbestimmungsrechts der Nation. Eure
+Majestät nennen sich mit berechtigtem Stolz den Kaiser durch die Gnade
+Gottes und durch den Willen der Nation — diesem Prinzip gemäß hat
+Frankreich stets das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf das
+Sorgfältigste geachtet und vertreten, und auch den spanischen
+Angelegenheiten gegenüber vom ersten Augenblick an officiell erklärt,
+daß es sich jeder Einmischung in das Recht der spanischen Nation sich
+nach ihrem eigenen Willen und Belieben zu constituiren, auf das
+Gewissenhafteste enthalten werde. Würde Eurer Majestät Regierung nun den
+Spaniern verbieten wollen, sich irgend einen König, der ihnen passend
+erscheint, zu erwählen, so würde damit einem Prinzip scharf
+entgegengetreten werden, welches Frankreich so wohl im Innern wie nach
+außen hin, bis jetzt proclamirt hat. Der Eindruck einer solchen
+Erklärung müßte beim französischen Volke ein sehr ungünstiger sein, und
+könnte bei dem großen Nationalstolz der Spanier dahin führen, daß die
+ganze Nation die Partei des Prinzen von Hohenzollern ergriffe, nur um
+ihr souveraines Selbstbestimmungsrecht zu wahren, und daß gerade das,
+was wir vermeiden wollen, vielleicht um so sicherer geschähe. Auch
+richtet sich der Unwille der öffentlichen Meinung, die sich in den
+Artikeln der Journale kund giebt, nicht gegen Spanien —“
+
+„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog
+fragend ansah.
+
+„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die
+spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt,
+liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des
+preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge
+dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher
+Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden
+wird.“
+
+Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der
+Hand über das Kinn.
+
+„Ich verstehe,“ sagte er leise.
+
+„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern
+verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns
+an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom
+Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von
+Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“
+
+Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.
+
+„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung
+der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale
+Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in
+Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich
+gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von
+Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben
+außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man
+in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten
+Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu,
+„wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens
+gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der
+öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach
+Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik
+in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung
+Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies
+wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder
+herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des
+Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der
+Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht
+oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der
+vergebliche Versuch gemacht wurde.“
+
+Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.
+
+Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder
+und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete
+hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung
+gestützt, zum Herzog zurück und sprach:
+
+„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen
+haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu
+verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im
+Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die
+öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt,
+und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne
+ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor
+solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen
+nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen
+Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher
+und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen
+Preis heraufbeschwören möchte.“
+
+Der Herzog von Gramont richtete sich noch gerader empor als sonst, mit
+einem stolzen Lächeln kräuselte er leicht seinen Schnurrbart und sagte:
+
+„Darüber bin ich ganz sicher, man wird es nicht wagen, ernstlichen
+Widerstand in Berlin zu leisten, wenn wir nur fest und energisch
+auftreten, — wie ich überzeugt bin,“ fuhr er fort, „daß man es auch bei
+früheren Gelegenheiten nicht gewagt haben würde, wenn wir bestimmt auf
+unserer Forderung bestanden hätten. Man hat in Berlin mit so vielen
+inneren Schwierigkeiten zu kämpfen, die Haltung der süddeutschen Staaten
+ist höchst widerstrebend, — Oesterreich steht auf unserer Seite und der
+General Fleury erhält unausgesetzt die zweifellosesten Beweise der
+Sympathie des Kaisers Alexander für Eure Majestät und für Frankreich.
+Ich bin sicher, daß man nachgeben wird und zwar um so leichter und
+schneller, als man die ehrgeizigen Absichten, welche nach meiner Ansicht
+im Hintergrunde dieser Combination liegen, nicht wird eingestehen
+wollen.“
+
+„Dessen müßte man aber,“ sagte der Kaiser, „sicher sein, denn die
+sympathischen Aeußerungen gegen den General Fleury vermag ich für
+nichts anderes anzusehen, als für Worte und Ausdrücke persönlicher
+Gesinnungen, welche der Kaiser Alexander gewiß hegt, aber welche kaum
+jemals irgend einen Einfluß auf die Politik Rußlands ausüben
+werden, — und was Oesterreich betrifft,“ fügte er achselzuckend
+hinzu, — „Sie sehen die Verhältnisse dort günstiger an, mein lieber
+Herzog, als ich es zu thun im Stande bin.“
+
+Er schwieg abermals einige Augenblicke nachdenklich.
+
+„Auch weiß ich nicht,“ sagte er dann, „ob unsere Armee so schlagfertig
+ist, daß man die Möglichkeit eines ernsten Conflikts in's Auge fassen
+darf, — Niel ist todt,“ sagte er düster, „und seine sichere und
+energische Hand ist bis heute noch unersetzt geblieben.
+
+„Doch,“ sprach er dann, „unthätig dürfen wir nicht bleiben, und ich
+komme immer mehr dahin, mich Ihrem Ideengang anzuschließen. Die
+Situation ist äußerst günstig, Graf Bismarck ist in Barzin, — mit ihm
+würde man vielleicht nicht so leichten Kaufs fertig werden. Der König
+Wilhelm ist in Ems allein, — so sehr er Soldat ist, so hegt er doch eine
+tiefe Scheu vor einem ernsten Conflikt, der seine Armee, welche sein
+ganzes Volk repräsentirt, auf die Schlachtfelder führen könnte. Außerdem
+glaube ich nicht, daß er nach seiner persönlichen Auffassung einen
+seinem Hause nahe stehenden Prinzen gern das Abenteuer dieses spanischen
+Königsversuchs wird bestehen lassen. Die Sache kann in Ems vielleicht
+ganz leicht und glatt erledigt werden, und Ihrer und Olliviers
+Geschicklichkeit,“ sagte er lächelnd, „wird es dann überlassen sein, das
+Resultat als einen Triumph unserer Energie der öffentlichen Meinung in
+Frankreich darzustellen.
+
+„Benedetti ist in Wildbad?“ fragte er.
+
+„Zu Befehl, Majestät,“ sagte der Herzog von Gramont, „er muß seit
+einigen Tagen dort sein, der Botschafts-Secretair Le Sourd führt die
+Geschäfte in Berlin, welche ohne diesen Zwischenfall im jetzigen
+Augenblick fast gänzlich bedeutungslos wären.“
+
+„Geben Sie Benedetti den Auftrag,“ sagte der Kaiser, „sich sogleich nach
+Ems zum König Wilhelm zu begeben und dort so schnell als möglich und
+thunlichst ohne jedes Aufsehen die Zurückziehung der Candidatur des
+Prinzen von Hohenzollern zu erreichen. Er kann dabei auf das Beispiel
+Griechenlands hinweisen. Damals wurde ebenfalls bestimmt, daß die Wahl
+des Königs auf keinen Prinzen aus den regierenden Häusern der
+Schutzmächte fallen dürfe, auch an das Beispiel Neapels, wo ich selbst
+dem Prinzen Murat die Aufstellung seiner Candidatur untersagt
+habe, — Benedetti ist unendlich geschmeidig und insinuant, auch dem
+Könige Wilhelm eine angenehme und sympathische Person, er wird dort
+unter den einfachen und zwanglosen Verhältnissen des Badelebens, welche
+ihm auch eine leichtere Annäherung an den König und einen freieren und
+natürlicheren Verkehr mit ihm gestatten, ohne Zweifel sehr leicht
+erreichen können, daß die Candidatur des Erbprinzen zurückgezogen wird.
+Lassen Sie Benedetti wissen, daß er auf meine höchste Dankbarkeit
+rechnen kann, wenn er diese Angelegenheit schnell und glücklich zu Ende
+führt und unterlassen Sie vorläufig jeden officiellen Schritt in Berlin,
+der verletzen und das Resultat der Unterhandlungen in Ems in Frage
+stellen könnte.“
+
+Der Herzog verneigte sich.
+
+„Ich werde sofort den Befehl an Benedetti abgehen lassen, Sire,“ sagte
+er.
+
+Napoleon rieb sich mit heiterem Lächeln die Hände.
+
+„Wenn Benedetti reussirt,“ sagte er, „so wird Alles vortrefflich gehen.
+Der König Wilhelm wird die ganze Sache als einen Act freundlicher
+Höflichkeit ansehen und gern entgegenkommen, und mein Freund, der Graf
+Bismarck,“ fügte er mit eigenthümlicher Betonung hinzu, „wird in seiner
+ländlichen Einsamkeit zu Barzin nun auch einmal meinerseits eine jener
+kleinen Ueberraschungen empfinden, die er mir so oft bereitet hat. Vor
+allen Dingen aber,“ fuhr er fort, „schärfen Sie Benedetti die äußerste
+Geschmeidigkeit und Rücksicht ein, — handeln Sie schnell und senden Sie
+mir alle eingehenden Berichte und Telegramme sofort hierher. Wenn wir
+nach dem Plebiscit dem französischen Nationalgefühl diesen Erfolg
+vorführen können, so werden wir viel gewonnen haben. Wenn,“ fuhr er nach
+einem augenblicklichen Nachdenken fort, „Sie dahin wirken können, daß
+durch Olozaga und Serrano auch von den Spaniern die Candidatur des
+Prinzen Leopold aufgegeben wird, so wird das um so besser sein, doch muß
+jeder Schein eine Pression vermieden werden.“
+
+Der Herzog von Gramont ergriff mit ehrerbietiger Verneigung die Hand,
+welche der Kaiser ihm zum Abschied reichte und ging hinaus.
+
+„Fast scheint es dennoch,“ sagte der Kaiser, „daß das Glück sich mir
+zuwendet. Diese Candidatur des Prinzen Leopold, dem ich,“ sprach er
+lächelnd, „diesen zweifelhaften Glanz des spanischen Thrones wirklich
+gern gegönnt hätte, wird die Handhabe bieten, auch den äußeren Nimbus
+des Kaiserreichs wieder herzustellen, nachdem dessen nationale
+Grundlagen wieder durch das Plebiscit befestigt sind, und so wird es mir
+vielleicht erspart bleiben in die entsetzliche kriegerische Catastrophe,
+welche seit vier Jahren wie ein Damoklesschwert über meinem Haupte
+schwebt, hineingerissen zu werden.“
+
+Er zündete eine seiner großen braunen Havannacigarren an, setzte den
+breitrandigen Strohhut auf und stieg langsam über die, aus seinen
+Gemächern herabführende Treppe in seinen Rosengarten hinab.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+Die Morgenpromenade am Kursaal in Ems war äußerst belebt und eine
+zahlreiche und glänzende Gesellschaft bewegte sich in der großen Allee
+hin und her. Die Damen in einfachen eleganten Sommertoiletten hielten je
+nach ihrem Range und der Stellung, die sie sich durch ihre persönlichen
+Eigenschaften in der Gesellschaft erworben, eine Art von Cercle, indem
+sie in kurzer Unterhaltung die Herren ihrer Bekanntschaft begrüßten,
+bald stehen bleibend, bald mit Diesem oder Jenem einige Schritte auf der
+Promenade machend.
+
+Daneben sah man alte mürrische Herren, welche hierher gekommen waren, um
+den während des Jahres angesammelten Staub der Bureaux aus ihren Kehlen
+und ihren Lungen fortzuspülen; Diplomaten, welche hier ihre
+Sommervilleggiatur hielten, weniger um der Heilkraft der Quellen willen,
+als weil die Anwesenheit des Königs von Preußen, wenn derselbe auch
+ganz ausschließlich seiner Badekur lebte, dennoch in dieser Zeit der
+absoluten Stagnation in der Politik hier noch die meiste Gelegenheit
+bot, um ein wenig zu hören und zu sehen, was in der Welt vorging oder
+sich vorbereitete.
+
+In den letzten Tagen war in das Stillleben des Badeaufenthalts ein wenig
+mehr Leben und Bewegung gekommen; man hatte gelesen, daß der Erbprinz
+von Hohenzollern als Candidat für den spanischen Thron aufgestellt sei,
+und daß derselbe diese Candidatur angenommen habe. Man wußte, daß dieses
+Ereigniß, welches an sich von keiner besondern Bedeutung zu sein schien,
+eine große Aufregung in der französischen Presse erregt hatte. Im Corps
+legislatif war eine Interpellation erfolgt, und der Herzog von Gramont
+hatte eine sehr kategorische und sogar etwas verletzende Erklärung
+abgegeben; auch war der Botschafter des Norddeutschen Bundes Baron von
+Werther in Ems angekommen. Das Alles ließ darauf schließen, daß die
+spanische Thronfrage und die Candidatur des Prinzen Leopold Gegenstand
+der Verhandlungen zwischen dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon
+geworden sei oder werden würde und namentlich unter den sich im
+Ferienaufenthalt hier befindenden Diplomaten war dadurch eine gewiße
+neugierige Spannung hervorgerufen, doch nahm im Ganzen die Gesellschaft
+wenig Theil daran. Man war seit einigen Jahren ja gewöhnt, daß hier und
+da kleine Differenzen zwischen Frankreich und Preußen entstanden, und da
+dieselben jeder Zeit mit der äußersten Courtoisie von beiden Seiten
+wieder ausgeglichen waren, so legte man auch diesmal der so plötzlich
+aufgetauchten Frage keine große Bedeutung bei, und um so weniger als ja
+die ganze Sache Preußen und Deutschland so unendlich wenig anzugehen
+schien.
+
+So war denn die ganze Gesellschaft auf der Brunnenpromenade in Ems
+ebenso heiter, als der blaue sonnige Himmel, welcher sich über dem
+reizenden Bergthal ausspannte. Es waren nur Worte leichter und
+fröhlicher Conversation, welche man unter den Klängen der Badecapelle
+miteinander wechselte.
+
+Bereits war der Prinz Georg von Preußen auf der Promenade erschienen und
+hatte sich in liebenswürdigster Weise mit den ihm bekannten Damen und
+Herren der Badegesellschaft unterhalten, und mit allgemeiner Spannung
+erwartete man den König Wilhelm, welchen man pünktlich zur festgesetzten
+Stunde auf der Promenade erscheinen zu sehen gewohnt war, um seinen
+Kränchen-Brunnen zu trinken.
+
+„Ich habe gestern Abend die neuesten Zeitungen mit Nachrichten aus
+Frankreich gelesen,“ sagte der Präsident des evangelischen
+Oberkirchenraths Dr. Matthis, eine hagere, trockene Gestalt mit
+bureaukratisch faltigem, kränklichem Gesicht, indem er sich zu dem
+Regierungspräsidenten von Bernuth, einem schlanken, hoch blonden Mann
+mit starkem Schnurrbart, welcher in militairischer kräftiger Haltung
+neben ihm ging, wandte, „es scheint mir doch ein wenig bunt in
+Frankreich auszusehen. Wenn ich dazu die plötzliche Ankunft des Baron
+von Werther nehme, so kommt mir die Lage der Dinge doch etwas
+beunruhigend vor. Mir scheint die öffentliche Meinung in Paris sehr
+montirt zu sein, und die Erklärung des Herzogs von Gramont im Corps
+legislatif beweist, daß die Regierung sich ein wenig unter dem Druck
+dieser öffentlichen Meinung befindet. Es wäre doch entsetzlich,“ sagte
+er seufzend, „wenn wir hier aus unserm ruhigen Badeleben durch ernste
+und gefährliche Catastrophen aufgeschreckt werden sollten.“
+
+„Ich glaube nicht daran, Excellenz,“ sagte Herr von Bernuth, „dieses
+Spiel hat sich ja seit 1866 schon oftmals wiederholt, — erinnern Sie sich
+nur an Luxemburg. Damals schrieben die französischen Journale flammende
+Artikel, und so viel man davon erfuhr, führte auch die französische
+Diplomatie eine sehr hochmüthige Sprache, so daß Jedermann damals an den
+Ausbruch des Krieges glaubte. Die ruhige kaltblütige Heftigkeit des
+Kaisers und des Grafen Bismarck haben damals dem Sturm getrotzt und
+derselbe hat keine gefährlichen Wetterwolken empor getrieben, — so wird
+es auch diesmal wieder sein, man wird sich wohl jetzt ebenso wenig
+einschüchtern lassen, wie damals und die ganze Sache hat ja auch für
+beide Theile lange nicht die Bedeutung wie die Luxemburger Affaire.“
+
+Der Geheimrath Matthis schüttelte bedenklich den Kopf.
+
+„Mir will das nicht recht geheuer vorkommen,“ sagte er, — „es wäre
+wirklich traurig, wenn die Kur, die mir so gut bekommt, unterbrochen
+werden sollte.“
+
+Sie waren an die Quelle gekommen, Herr Matthis füllte seinen Becher und
+schlürfte vorsichtig in kleinen Zügen das Heil bringende Wasser ein,
+während Herr von Bernuth rasch in kräftigen Zügen seinen Becher leerte.
+
+„Sehen Sie, Exzellenz,“ sagte er dann, „dort kommt Seine Majestät. Ich
+bitte, sehen Sie den Herrn an, so lange dies Gesicht so heiter und
+ruhig blickt, haben wir nichts für den europäischen Frieden zu
+fürchten.“
+
+Der Geheimrath Matthis hatte bei den Worten des Präsidenten hastig
+seinen Becher geleert, von der schnell in seine Kehle dringenden
+Flüssigkeit gereizt, begann er heftig zu husten, und sein Taschentuch
+vor den Mund haltend, blickte er nach dem Eingang der Allee hin, wo so
+eben der König Wilhelm in einem einfachen dunklen Civilanzug, einen
+Cylinderhut auf dem Kopf, einen Stock in der Hand erschien, begleitet
+von dem Flügeladjutanten, Grafen Lehndorf, einem schönen, hoch
+gewachsenen Mann mit starkem dunklem Bart, der ebenfalls in Civil
+erschienen war.
+
+Der Präsident von Bernuth hatte Recht; der König ging so frisch, so
+leichten und kräftigen Schritts einher; sein Gesicht strahlte von einer
+so ruhigen milden Heiterkeit, daß man unmöglich dem Gedanken Raum geben
+konnte, daß ernste Sorgen um den Frieden der Welt ihn erfüllen könnten.
+
+Der König schritt rasch durch die Allee nach der Quelle hin und
+erwiderte rechts und links freundlich mit der Hand winkend die
+ehrerbietigen Begrüßungen der bei seinem Vorbeischreiten tief sich
+verneigenden Badegäste. Der König begrüßte schnell, aber herzlich den
+Prinzen Georg, welcher ihm entgegentrat und wandte sich dann zu seinem
+Leibarzt Dr. von Lauer, der den Becher Seiner Majestät aus dem
+Kränchen-Brunnen füllen ließ.
+
+„Ich habe vortrefflich geschlafen, mein lieber Lauer,“ sagte der König,
+indem er den Becher ergriff, „überhaupt bekommt mir diesmal die Kur ganz
+ausgezeichnet. Es ist eine vortreffliche Quelle, die Sie mir verordnet
+haben, sie bringt meine Natur für ein Jahr immer wieder in Ordnung.“
+
+Er leerte mit langen Zügen seinen Becher und athmete dann tief auf, als
+fühle er die wohlthätige Wirkung des Getränks.
+
+„Eure Majestät sehen in der That in den letzten Tagen und heute
+besonders ganz ausnehmend wohl und kräftig aus,“ sagte Herr von Lauer,
+indem er den scharfen Blick seines klugen und geistvollen Auges auf der
+kräftigen Gestalt des Königs ruhen ließ. „Aber ich würde, um die Quelle
+zur vollen Wirksamkeit zu bringen, am liebsten sehen, daß Eure Majestät
+Ihr Militair- und Civilcabinet zu Hause gelassen hätten, denn die
+Enthaltung von allen Arbeiten, von aller geistigen Unruhe ist die erste
+Bedingung einer guten Wirkung des Bades, und leider halten Eure Majestät
+diese nothwendige geistige Diät nicht mit eben der Sorgfalt, mit
+welcher Sie die materiellen Diätvorschriften beobachten.“
+
+„Leider ist das nicht so ganz möglich,“ erwiderte der König, „indeß kann
+ich Sie versichern, daß ich auch in dieser Beziehung so viel als es
+angeht, Ihren Vorschriften nachkomme, und namentlich habe ich keine
+aufregenden und beunruhigenden Arbeiten,“ fügte er hinzu, während es wie
+ein leiser vorübergehender Schatten über sein Gesicht flog.
+
+„Ich fürchte doch, daß Eure Majestät als Bade-Patient immer noch zu viel
+arbeiten, denn nach der Anzahl von Depeschen, welche einlaufen —“
+
+„Controliren Sie meine Depeschen?“ fragte der König lächelnd.
+
+„Als Eurer Majestät Leibarzt,“ sagte Herr von Lauer, „müßte ich hier im
+Bade eigentlich Alles controliren, was in Eurer Majestät Leben
+eingreift; aber zu der Bemerkung, welche ich so eben zu machen mir
+erlaubte, bin ich auf zufällige Weise gekommen; ich wohne im steinernen
+Hause neben dem Zimmer des Hofraths St. Blanquart“ —
+
+„Nun,“ fragte der König.
+
+ — „der Geheimrath Abeken, Majestät, kommt nun sehr häufig von seiner
+Wohnung in Huyns Gartenhaus zu St. Blanquart, um von den Depeschen nach
+ihrer Dechiffrirung sofort Kenntniß zu nehmen, und seit einigen Tagen
+höre ich bis tief in die Nacht hinein fortwährend das Vorlesen der
+Zahlen der Chiffres. Diese ruhig und monoton ausgesprochenen Zahlen
+tönen in meinen Schlaf hinein, und wenn ich morgens früh aufwache, so
+höre ich bereits wieder, wie sich Zahl an Zahl in der Arbeit des
+Dechiffrirens an einander reiht; — ob man in der Nacht überhaupt
+aufgehört hat, weiß ich nicht. Und alle diese unendlichen Zahlenreihen,“
+fuhr er fort, „haben doch einen Inhalt, dieser Inhalt muß endlich zu
+Eurer Majestät gelangen und ist jedenfalls der Feind meiner Kur. Ich bin
+mehrmals schon sehr böse gewesen und möchte am liebsten das ganze
+Dechiffrirbureau von Eurer Majestät durch eine chinesische Mauer
+trennen, so lange bis mein Brunnen seine Wirkung gethan.“
+
+Der König lachte herzlich.
+
+„Nun,“ sagte er, „Abeken und der arme St. Blanquart werden wohl nicht so
+gefährliche Feinde meiner Gesundheit sein, lassen Sie sie nur immerhin,
+ich verspreche Ihnen, ich werde mich nicht zu sehr anstrengen.“
+
+Und freundlich den Kopf neigend, wandte er sich zur Seite.
+
+Der Geheimrath Matthis hatte den Hustenanfall überwunden, und der König
+winkte ihn freundlich heran, fragte ihn nach der Wirkung der Kur und
+wandte sich dann zu dem Präsidenten von Bernuth.
+
+„Wenn ich hier die Badegesellschaft in Ems ansehe,“ sagte er heiter, so
+muß ich glauben, daß dies Wasser ein Lebenselixir ist, welches meine
+ganze Regierungsmaschine durchdringt und verjüngt, meine
+Kirchenverwaltung, meine Administration, meine Diplomatie und selbst
+meine Officierscorps suchen sich hier Kraft und Stärkung, und so dringt
+diese Quelle von Ems in alle Adern des preußischen Staatslebens.“
+
+„Wenn die Quelle Eurer Majestät Kraft und Gesundheit stärkt,“ erwiderte
+Herr von Bernuth, „so durchdringt sie ja ohnehin schon den Organismus
+des preußischen Staats mit neuer Lebenskraft und verdient die
+Dankbarkeit aller Ihrer Unterthanen.“
+
+Der König nickte freundlich mit dem Kopf und trat dann zu dem in der
+Nähe stehenden Botschafter am Pariser Hofe, Freiherrn von Werther, einem
+schlanken eleganten Mann mit bleichem Gesicht und militairisch
+geschnittenem Haar und Bart.
+
+„Benedetti ist diese Nacht angekommen,“ sagte der König mit etwas
+gedämpfter Stimme, indem er durch einen Wink der Hand Herrn von Werther
+aufforderte, ihn auf seiner Promenade zu begleiten. „Er hat mich um eine
+Audienz gebeten, ich habe ihm sagen lassen, daß ich ihn erst Mittags
+empfangen könne, da ich morgens mit meiner Kur zu thun habe und auch am
+Vormittage mehrere Geschäfte zu erledigen muß. Er ist jedenfalls nicht
+zufällig hier, denn er war erst vor wenigen Tagen auf Urlaub nach
+Wildbad gegangen und hatte so eben seine Kur begonnen. Jedenfalls kommt
+er in dieser Hohenzollerschen Angelegenheit, welche in Frankreich
+täglich mehr Staub aufwirbelt. Es würde mir lieb sein, wenn ich bevor
+ich ihn empfange, über den Gegenstand seiner Mission unterrichtet wäre.
+Wollen Sie ihn besuchen, und wenn Sie es in der Unterredung mit ihm
+erfahren können, mir ungefähr mittheilen, was er will. Ich wünsche aber
+nicht,“ fuhr er fort, „daß Sie in eigentliche Discussion mit ihm
+eintreten, — wenn er über die Angelegenheit spricht, so sagen Sie ihm
+einfach, daß der Prinz Leopold mich um Rath gefragt habe, und daß ich
+nicht im Stande gewesen sei, seinem Wunsch, die spanische Krone
+anzunehmen, ein Hinderniß entgegenzustellen.“
+
+„Ich zweifle nicht, Majestät,“ sagte Herr von Werther, „daß der Graf
+Benedetti hierher gesendet ist, um Eurer Majestät dasselbe zu sagen, was
+mir bereits der Herzog von Gramont und Herr Ollivier in ziemlich
+allgemeiner Weise ausgesprochen haben, daß nämlich Frankreich die
+Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern, den man dort hartnäckig
+für einen preußischen Prinzen erklärt, nicht dulden könne, und daß man
+verlangen müsse, daß Eure Majestät den Prinzen zur Verzichtleistung
+veranlasse.“
+
+„Ich begreife nicht, was sie wollen,“ sagte der König einen Augenblick
+stehen bleibend, „ich kann mir unmöglich denken, daß der Kaiser
+Napoleon, dessen Gesundheit in der letzten Zeit immer weniger fest
+gewesen ist, darauf ausgehen sollte, einen Conflict zu suchen, und doch
+erscheint diese ganze Behandlung der Hohenzollerschen Candidatur wie
+eine Provocation, denn einen politischen Grund, sich so sehr darüber zu
+echauffiren, sehe ich in der That nicht. Der Prinz Leopold ist kein
+preußischer Prinz — und wenn er es wäre, glaubt man denn, daß er in
+diesem von Parteien zerrissenen spanischen Lande preußische Politik
+machen könnte? Jeder König, der dort auf den Thron steigt, wird genug zu
+thun haben, um sich auf demselben zu erhalten und der inneren
+Verwirrungen Herr zu werden. Ich begreife die ganze Sache nicht,“ fuhr
+er fort, — „ich hoffe, daß das Alles nur ein kleines Strohfeuer sein
+wird, wie man sie in Frankreich von Zeit zu Zeit anzuzünden liebt, und
+daß der Kaiser Napoleon auch diesmal wie bei der Luxemburger
+Angelegenheit, die doch eigentlich ernsterer Natur war, das Feuer der
+Kriegspartei ein wenig dämpfen wird.“
+
+„Auch ich bin davon überzeugt, Majestät,“ erwiderte Herr von Werther,
+„denn nach all den Eindrücken, die ich habe, wünscht der Kaiser wirklich
+aufrichtig die Erhaltung des europäischen Friedens und guter Beziehungen
+zu Eurer Majestät. Indeß läßt sich nicht verkennen,“ fuhr er fort, „daß
+diese Hohenzollersche Frage die öffentliche Meinung im hohen Grade
+aufgeregt hat, allerdings unter Vorgang der Regierungsjournale — doch bei
+meiner Abreise von Paris war diese Aufregung sehr groß, und nach dem,
+was ich aus den Zeitungen sehe, steigt sie von Tage zu Tage. Ollivier
+ist äußerst abhängig von der öffentlichen Meinung, der Herzog von
+Gramont folgt Ollivier, und der Kaiser steht, je mehr sein Körper und
+seine Nerven schwach werden, immer mehr unter dem Einfluß seiner
+Minister und seiner Umgebung.“
+
+„Nun,“ sagte der König, „ich werde wahrhaftig nichts dazu thun, um die
+Situation zu verschlimmern, ich werde ein freundliches Entgegenkommen
+zeigen, da ich wahrlich kein Interesse daran habe, den Prinzen Leopold
+zu diesem spanischen Abenteuer zu treiben, aber ebenso wenig kann ich
+ihm auch dasselbe verbieten, ich würde ja auch dazu eigentlich gar kein
+Recht haben. Wenn er mich um Rath fragt, so ist das eine
+Courtoisie, — wenn er aber meinen Rath nicht befolgen will, so kann ich
+ihn kaum dazu zwingen — jedenfalls bin ich als König von Preußen der
+ganzen Angelegenheit völlig fremd, meine Regierung hat mit derselben
+garnichts zu thun. Nun wir werden ja sehen,“ sagte er, „gehen Sie
+inzwischen zu Benedetti und erklären Sie ihm zugleich nochmals, warum
+ich ihn erst am Nachmittag empfangen kann, er wohnt in der Stadt
+Brüssel.“
+
+Mit freundlichem Kopfnicken entließ der König den Baron Werther und
+wendete sich zu dem Oberpräsidenten von Möller, einem Mann von etwa fünf
+und fünfzig Jahren, dessen kluges und offenes Gesicht mit den frischen
+Farben und den hellen Augen sein Alter weniger verrieth als das bereits
+stark ergraute, ziemlich lang zurückgestrichene Haar.
+
+„Guten Morgen, mein lieber Möller,“ sagte der König, „es freut mich, Sie
+hier zu sehen. Ich bin begierig, von Ihnen zu erfahren, wie es in Hessen
+steht, und ob meine neuen Unterthanen dort noch immer so unzufrieden
+sind, daß sie Preußen geworden sind.“
+
+„Majestät,“ sagte Herr von Möller, „die allgemeine Stimmung in der
+Provinz, deren Leitung Allerhöchst dieselben mir übertragen haben,
+söhnt sich immer mehr mit der neuen Ordnung der Dinge aus. Alle
+Vernünftigen, namentlich auch die Vertreter des Handels und der
+Industrie empfinden immer mehr die Vorzüge einem großen Staatswesen
+anzugehören, und ich gebe mir die größte Mühe überall auf die mildeste
+Weise die alten Verhältnisse mit den neuen Zuständen zu versöhnen.“ —
+
+„Ganz recht, ganz recht,“ fiel der König ein, „Sie handeln darin ganz in
+meinem Sinn. Man muß alle berechtigten Eigenthümlichkeiten schonen, alle
+Erinnerungen an die Vergangenheit achten —“
+
+„Die Erinnerungen an die Vergangenheit, Majestät, stehen uns bei der
+Bevölkerung von Kurhessen vielleicht weniger entgegen, als bei
+derjenigen von Hannover. Die Hessen haben viele Anhänglichkeit an die
+Traditionen ihrer Vergangenheit, aber gerade durch die Persönlichkeit
+des letzten Kurfürsten, der ja überall wenig Sympathie hatte, haben jene
+Erinnerungen an Intensivität und Einfluß verloren. Den nachdrücklichsten
+und hartnäckigen Widerstand findet die Regierung leider bei den
+Geistlichen, welche befürchten, daß die Einverleibung in Preußen dem
+lutherischen Bekenntniß Gefahr bringen, und daß die Einführung der Union
+beabsichtigt werden könnte.“
+
+Der König blieb einen Augenblick stehen und blickte sinnend vor sich
+hin.
+
+„Mein Gott,“ fuhr er fort, „daß doch gerade die Priester des
+Christenthums sich so wenig zu den Ideen der Liebe und Duldung erheben
+können, welche den Erlöser selbst erfüllten. Was ist denn die Union,
+dieses Werk meines unvergeßlichen Vaters, anders, als der Ausdruck der
+wahrhaft christlichen Toleranz, um alle Bekenner des evangelischen
+Glaubens zu einer evangelischen Kirche zu vereinigen.
+
+„Nun ich hoffe,“ sprach er weiter, „der gesunde Sinn der Gemeinden wird
+kräftiger sein, als der eigensinnige Zelotismus der Geglichen. Uebrigens
+liegt es mir ja unendlich fern, den Gewissen irgend welchen Zwang anthun
+zu wollen und einen Druck zur Einführung der Union auszuüben. Sie werden
+mir über das Alles noch ausführlich berichten,“ sagte er, „sobald ich
+eine Stunde freie Zeit habe.“
+
+Er grüßte Herrn von Möller und wendete sich zu zwei Damen, welche in
+einfacher Morgentoilette an der Seite der Promenade stehen bleibend,
+sich tief verneigten.
+
+Es waren die berliner Künstlerinnen, Fräulein Marie Keßler mit dem
+anmuthig gedankenvollen Ausdruck in den weichen sinnenden Augen und
+Fräulein Anna Schramm, deren lebhafte Blicke von Geist und Laune
+funkelten.
+
+„Nun, meine Damen,“ sagte der König, „ich hoffe, daß die Vorstellung,
+welche Sie mit Herrn Bethge und Herren Behrend zum Besten der
+Abgebrannten in Pera veranstaltet haben, einen recht günstigen Ertrag
+für die armen Opfer jener unglücklichen Catastrophe erzielt hat.“
+
+„Die Rechnungen sind noch nicht abgeschlossen, Majestät,“ erwiderte
+Fräulein Keßler, „doch hoffen wir, daß nach der Gesammteinnahme ein
+erheblicher Ueberschuß sich ergeben wird.“
+
+„Ich habe mich sehr über Ihr Unternehmen gefreut,“ sagte der König „und
+spreche Ihnen nochmals meinen Dank dafür aus. Es ist ein schöner Zug des
+immer mehr erstarkenden und erwachenden Nationalgefühls, daß wenn auch
+im fernsten Auslande Deutsche von dem Schlage des Unglücks getroffen
+werden, die besten Kräfte der Nation sich vereinigen, um ihnen
+beizustehen, und es hat mich hoch erfreut, daß meine berliner Künstler
+und Künstlerinnen auch in dieser Beziehung mit edlem Beispiel
+vorangegangen.“
+
+Mit ritterlich artigem Gruß gegen die beiden Damen schritt er weiter,
+begrüßte noch die verschiedenen Bekannten auf der Promenade, während er
+die vorgeschriebene Anzahl von Bechern an der Quelle leerte und kehrte
+dann, vom Grafen Lehndorf gefolgt, nach seiner Wohnung im Badehause
+zurück.
+
+Rüstigen und leichten Schrittes stieg er die Treppe hinauf, trat durch
+das Wohnzimmer in den einfachen Raum, welcher ihm als Arbeitscabinet
+diente; an dem Fenster dieses Zimmers stand der breite Schreibtisch; ein
+Sopha und einige Lehnstühle mit rothem Plüsch überzogen, bildeten das
+ganze Ameublement dieses anspruchslosen Aufenthalts des mächtigen
+Monarchen.
+
+Der Flügeladjudant war im Vorzimmer zurückgeblieben. Der König reichte
+seinen Hut und seinen Stock seinem Leibkammerdiener Engel, welcher in
+ernster ruhiger Haltung, in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen
+fast an einen hohen Staatsbeamten erinnernd, seinem königlichen Herrn
+entgegengetreten war.
+
+„Ich lasse den Geheimrath Abeken bitten,“ sagte der König, setzte sich,
+während der Kammerdiener hinausging, an seinen Schreibtisch und öffnete
+einige für ihn dort hingelegte Privatbriefe.
+
+Nach kurzer Zeit trat der Geheime Legationsrath Abeken, seine
+Vortragsmappe unter dem Arm in das Zimmer.
+
+Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze
+Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung
+noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich
+in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner
+blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen
+lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher
+Frische.
+
+„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem
+Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als
+vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen
+begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit,
+was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte
+er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und
+seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“
+
+Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an.
+
+„Ich wüßte nicht, Majestät.“
+
+„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton
+fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen
+schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der
+Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“
+
+„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich
+Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle
+gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das
+Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“
+
+„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der
+König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da
+einige Weitläufigkeiten geben wird.“
+
+„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken,
+indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen
+hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst
+scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die
+französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des
+Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des
+Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von
+Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten
+Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke
+bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem
+Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und
+demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen
+Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“
+
+„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so
+nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die
+er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die
+Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft
+werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich
+kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische
+Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum
+abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick.
+
+„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er.
+
+„Abgesehen von dieser spanischen Frage, Majestät,“ sagte der Geheimrath
+Abeken, „ist in der auswärtigen Politik völliger Stillstand. Was Eure
+Majestät vielleicht besonders interessiren wird, ist ein Bericht über
+die Zustände in Rumänien.“
+
+Der König nickte leicht mit dem Kopf.
+
+„Es sieht dort bunt aus,“ sagte er.
+
+„Sehr bunt, Majestät,“ erwiderte der Geheimrath Abeken, „die Lage ist
+dort so verworren, daß bereits in den Parteien sich Stimmen erheben,
+welche das Einschreiten der Schutzmächte gegen die Verfassung von 1860
+für dringend nöthig erachten. Es scheint, daß die Zustände in Rumänien
+keine freie Verfassung ertragen. In allen Schichten der Bevölkerung
+fehlt es an Vertretern, welche die nötige Einsicht zur Ausübung
+verfassungsmäßiger Rechte besitzen. Die Verfassung dient nur dem Ehrgeiz
+der Parteien und legt der Thätigkeit des Fürsten, und wenn er persönlich
+die größte Energie hätte, überall hemmende Ketten an. Gerade diejenigen
+welche den Regierungsantritt des Fürsten begünstigten, die Führer der
+radicalen Partei, sind am wenigsten geneigt seine Autorität zu stärken.
+Sie wollen ihn zu einem lenkbaren Zögling machen und erschweren ihm das
+Leben in jeder Weise, Senat und Deputirtenkammer sind seit den vier
+Jahren der Regierung des Fürsten Carl schon dreimal ausgelöst, und der
+Auflösung folgte jedes Mal eine Agitation durch das ganze Land, die das
+öffentliche Leben aufs tiefste erschüttert.“
+
+„Lassen Sie mir den Bericht hier,“ sagte der König, „der arme Carl von
+Hohenzollern thut mir leid, daß er sich in diese Verwirrung hinein
+begeben hat, welche zu lösen ihm kaum gelingen möchte. Es ist
+merkwürdig,“ sagte er, während Herr Abeken den Bericht auf den
+Schreibtisch des Königs legte, „daß das Beispiel in der Familie, den
+Prinzen Leopold nicht abhält, auch seinerseits sich auf den Weg
+ähnlicher Abenteuer zu begeben, die vielleicht noch unangenehmer und
+verhängnißvoller werden können. Der Fürst Anton hat an diesem kleinen
+rumänischen Thron schon genügend empfunden, was solche Expeditionen
+kosten. Das spanische Unternehmen möchte wohl leicht noch etwas theurer
+werden können. Wenn keine eiligen Sachen mehr da sind,“ sagte er dann,
+„so bitte ich Sie das Uebrige für morgen zu vertagen. Ich möchte noch
+hören, ob Wilmowsky etwas Dringendes vorzutragen hat und einige Briefe
+lesen, die ich so eben erhalten, bevor ich Benedetti empfange,“ sagte er
+mit leichtem Seufzer. „Der Kronprinz hat mir sehr ausführlich über seine
+Begegnung mit dem Kaiser Alexander in Breslau geschrieben, und es ist
+mir eine rechte Herzensfreude gewesen, zu sehen, daß auch dort wieder
+die mir so lieben Familienbeziehungen den innigsten Ausdruck gefunden
+haben. Der Kaiser hat dem Kronprinzen selbst den St. Georgsorden zweiter
+Klasse an die Brust geheftet und zugleich an Fritz Carl denselben Orden
+geschickt, wozu er mich schon früher um die Erlaubniß gebeten hatte. Das
+Alles freut mich ungemein, die Beziehungen zu dem russischen Hause hege
+und pflege ich wie ein theures Vermächtniß meines Vaters und wünsche
+von Herzen, daß dieselben Beziehungen in der künftigen Generation auch
+fort leben mögen.“
+
+„Abgesehen von diesen Traditionen,“ sagte der Geheimrath Abeken, welcher
+sich erhoben und seine Mappe unter den Arm genommen hatte, „welche ja in
+der glorreichsten Geschichte Preußens wurzeln, sind die guten
+Beziehungen mit Rußland auch im Hinblick auf die politischen
+Verhältnisse der Gegenwart von der äußersten Wichtigkeit, und gerade in
+Augenblicken wie der gegenwärtige, in welchem nach anderer Seite hin die
+Keime zu Verwickelungen sich zeigen, tritt mir so recht lebhaft die
+Nothwendigkeit entgegen, mit dem mächtigen Nachbar im Osten in fester
+Einigkeit zu leben, damit für alle Eventualitäten nach dorthin uns der
+Rücken gedeckt ist.“
+
+„Nun,“ sagte der König lächelnd, „dafür ist ja gesorgt, in dieser
+Beziehung dürfen wir keine Bedenken haben, nötigenfalls unsere ganze
+Kraft nach der andern Seite hinzurichten. Auf Wiedersehen, mein lieber
+Abeken,“ sagte der König, „wollen Sie veranlassen, daß Benedetti zum
+Diner eingeladen wird. Senden Sie mir Wilmowsky und,“ fügte er lächelnd
+mit dem Finger drohend hinzu, „stören Sie mir Lauer nicht wieder im
+Schlaf.“
+
+Der Geheime Legationsrath verließ das Cabinet.
+
+Kurze Zeit darauf während welcher der König noch einige der für ihn
+persönlich angekommenen Briefe geöffnet und durchflogen hatte, trat der
+Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky ein, auf seinem länglichen Gesicht,
+dessen unterer Theil von einem kurzen weichen Bart umgeben war, lag
+ruhige Heiterkeit und ein fast humoristischer Zug umgab die klaren und
+scharf blickenden Augen, seine breite, von vollem ergrautem Haar
+umgebene Stirn war zugleich hoch und schön gewölbt, und in seiner
+Haltung zeigte er die ruhige und klare Sicherheit des Hofmannes.
+
+„Sind die Bestimmungen über die Feier des dritten August nunmehr
+vollständig getroffen,“ fragte der König, nachdem er seinen Cabinetsrath
+freundlich begrüßt und derselbe ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Es
+liegt mir diese Feier ganz besonders am Herzen. Die Aufrichtung eines
+Denkmals für den hochseligen König ist eine Pflicht der Dankbarkeit,
+welche ich schon lange empfunden und welche ich mich besonders freue,
+noch während meines Lebens abtragen zu können.“
+
+„Eure Majestät hatten befohlen,“ sagte der Geheime Cabinetsrath, „daß
+von den Civilbehörden außer den Deputationen sämmtlicher in Berlin
+bestehenden Behörden und der Regierung in Potsdam nur die
+Oberpräsidenten der Provinzen eingeladen werden sollten.“
+
+„Ganz recht,“ sagte der König, „einfach und schlicht wie der Sinn meines
+Vaters war, soll auch die Feier der Enthüllung des Denkmals sein, auch
+wenn kein großer Pomp entfaltet wird, so wird das Gefühl des preußischen
+Volkes und seine frommen Erinnerungen dennoch diesem Act seine schöne
+und hohe Bedeutung geben.“
+
+„Von den Rittern des eisernen Kreuzes,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath
+fort, „sollen wie Eure Majestät bestimmten, nur diejenigen von Berlin,
+Potsdam und Spandau zugezogen werden —“
+
+„Die Ritter des eisernen Kreuzes,“ sagte der König sinnend — „um das
+Denkmal des verewigten Herrn, dessen einfacher frommer Sinn dieses
+eiserne Denkzeichen an eine eiserne Zeit stiftete! Sie werden immer
+weniger,“ fuhr er mit weicher Stimme fort, „diese alten Kämpfer für die
+Befreiung Deutschlands — noch einige Jahre und das edle Zeichen wird aus
+meiner Armee verschwunden sein, — sie werden dann dort oben Alle
+versammelt sein um meinen Vater und meine Mutter — und ich auch! — So Gott
+will aber soll der Geist nicht verloren gehen, welcher in jenem Zeichen
+lebt, der Geist der frommen und treuen Hingebung an das Vaterland, der
+Geist, der uns lehrt, das eiserne Schwert nur zu gebrauchen für eine
+Sache, auf welcher der Segen des heiligen Kreuzes ruht.“
+
+„Uebrigens,“ fuhr der Geheime Cabinetsrath von Wilmowsky nach einigen
+Augenblicken fort, „wird eine umfassende Repräsentation der Stadt Berlin
+bei der Feier statt finden, worüber der Polizeipräsident von Wurmb, der
+heute oder morgen hier eintrifft, Eurer Majestät noch nähere
+Mittheilungen machen wird. Auch von allen Großstädten der Monarchie sind
+Deputationen angemeldet, ebenso von Seiten der Provinzial-Stände.“
+
+„Wenn es nur nicht zu groß und geräuschvoll wird,“ sagte der König.
+„Nun,“ fuhr er fort, „Jedermann in Preußen kennt ja den Sinn meines
+Vaters, und man wird verstehen, daß auch in diesem Sinne die Feier
+gehalten werden muß. Es sollen Deputationen der russischen Armee
+erscheinen,“ fuhr er dann fort, „ich will darüber noch mit Treskow das
+nähere besprechen. Diese Aufmerksamkeit des Kaisers Alexanders freut
+mich ganz besonders, der hochselige Herr legte ja stets so hohen Werth
+auf die russische Freundschaft und lächelte stets so still glücklich,
+wenn es im Palais hieß, die Russen kommen. Es wird ein schöner, aber
+tief ergreifender Tag werden,“ sagte er, „und ich werde so recht ruhig
+und zufrieden sein, wenn ich erst das liebe und so schön gelungene
+Erzbild meines Vaters als ein Denkmal der großen und unvergeßlichen Zeit
+werde aufgerichtet haben. Lassen Sie mir das ganze Programm hier,“ sagte
+er dann, „ich will Alles genau noch prüfen, und wenn ich Wurmb gehört
+habe, Alles definitiv feststellen. Was haben Sie sonst noch?“
+
+Der Geheime Cabinetsrath nahm seine Papiere zur Hand und begann den
+Vortrag über die laufenden Geschäftssachen, welche der König hier im
+Bade mit derselben Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit erledigte, als in
+Berlin.
+
+ * * * * *
+
+Um drei Uhr Nachmittags erschien im Badehause der französische
+Botschafter Graf Benedetti. Er war bereits zum Diner angekleidet und
+trug unter dem schwarzen Frack das breite Orangeband des Ordens vom
+schwarzen Adler, den Stern dieses höchsten preußischen Ordens und das
+Großkreuz der Ehrenlegion auf der Brust. Sein blasses, glattes und
+bartloses Gesicht, dessen runde Stirn von dünnem ergrauendem Haar
+umgeben war, zeigte die vollkommenste gleichgültige Ruhe. Ein heiteres,
+freundlich höfliches Lächeln lag auf seinen Lippen, und seine klaren
+grauen Augen, welche selten einen bestimmten Ausdruck zeigten, blickten
+so völlig unbefangen umher, daß Niemand, der den Botschafter in die
+Wohnung des Königs eintreten sah, an das Vorhandensein irgend einer,
+auch nur einigermaßen ernsten politischen Frage hätte glauben können.
+
+Der Flügeladjutant vom Dienst meldete den Botschafter sofort Seiner
+Majestät und führte ihn unmittelbar darauf in das königliche
+Arbeitscabinet.
+
+König Wilhelm hatte sich erhoben, trat dem Grafen Benedetti einen
+Schritt entgegen und reichte ihm mit freundlicher Bewegung die Hand,
+welche dieser, sich tief verneigend, ehrerbietig ergriff.
+
+„Ich glaube zu wissen, weßwegen Sie kommen,“ sagte der König, — „wir
+werden uns leicht darüber verständigen und aus dieser Sache wird kein
+Conflikt entstehen.“
+
+Er deutete, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf einen
+Sessel, welcher neben demselben stand.
+
+„Eure Majestät,“ sagte Benedetti, indem er sich niederließ, „haben die
+Gnade, dieselbe Ueberzeugung auszusprechen, in welcher ich hierher
+gekommen bin, — ich bin gewiß, daß es unendlich leicht sein wird, den
+Gegenstand der Beunruhigung verschwinden zu lassen, welcher in den
+letzten Tagen aufgetaucht ist, und welcher die Regierung des Kaisers,
+meines allergnädigsten Herrn, sehr lebhaft beschäftigt.“
+
+Der König blickte ruhig und erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht
+des Botschafters.
+
+„Die öffentliche Meinung in Frankreich, Majestät,“ fuhr dieser fort,
+„erblickt in der Annahme der spanischen Throncandidatur von Seiten des
+Erbprinzen Leopold von Hohenzollern eine ernste Gefährdung der
+französischen Interessen, und die Regierung des Kaisers, welche,“ fügte
+er hinzu, „mehr als irgend eine andere Veranlassung hat, der
+öffentlichen Meinung in ausgedehnter Weise Rechnung zu tragen, kann
+sich, wenn sie auch weit entfernt von der allgemeinen Aufregung ist,
+dennoch diesem Einfluß nicht verschließen. Eure Majestät wissen, wie
+hohen Werth der Kaiser persönlich und alle Mitglieder seiner Regierung
+darauf legen, daß in den Beziehungen zwischen Preußen und Frankreich
+keine Trübung entstehe, und daß kein Mißverständniß die aufrichtige
+Freundschaft und das Vertrauen stören, welches zum Wohl beider Nationen
+besteht und zu dessen Erhaltung ich nach meinen Kräften mitzuwirken
+seit Jahren den ehrenvollen und erfreulichen Beruf habe.“
+
+Der König nickte wie die letzten Worte betätigend leicht mit dem Kopf,
+ohne etwas zu erwidern.
+
+„Die Candidatur des Prinzen von Hohenzollern,“ sprach Benedetti weiter,
+„muß abgesehen von der Irritation in Frankreich, wie die Regierung des
+Kaisers glaubt und wie auch Eure Majestät gewiß nicht verkennen werden,
+auch in Spanien selbst eine große Aufregung hervorrufen und wird
+unausbleiblich dort die Ursache oder wenigstens der Vorwand großer
+Unruhen und Unordnungen werden. Auch in anderen Ländern, Majestät,“ fuhr
+er mit fast unmerklich erhöhter Betonung fort, „hat die Sache eine
+lebhafte Beunruhigung erzeugt, — wenn man den übereinstimmenden
+Aeußerungen der englischen Presse Glauben schenken darf, so ist auch die
+öffentliche Meinung in England einig darin, eine Combination zu
+beklagen, welche die Ruhe Spaniens ebenso sehr zu bedrohen scheint, als
+die guten Beziehungen, die in diesem Augenblick die großen europäischen
+Mächte miteinander verbinden. Die Regierung des Kaisers hat keinen
+andern Wunsch, als allen diesen Beunruhigungen so schnell als möglich
+ein Ziel zu setzen, und in den Händen Eurer Majestät liegt es, diese
+Wünsche, diese lebhaften und innigen Wünsche zu erfüllen. Eure Majestät
+können mit einem Wort alle diese Gefahren beschwören und den Ausbruch
+eines Bürgerkrieges in der pyrenäischen Halbinsel verhüten, für welche
+ein Mitglied Ihres Hauses die Verantwortung tragen würde. Der Prinz von
+Hohenzollern kann die spanische Königskrone nicht annehmen, ohne dazu
+von Eurer Majestät autorisirt zu werden. Sobald Eure Majestät ihn von
+diesem auch für ihn selbst gefährlichen Unternehmen, abzuhalten die
+Gnade haben, so werden die Beunruhigungen, welche jetzt alle Welt
+erfüllen, in einem Augenblick aufhören. Die hohe Weisheit Eurer Majestät
+und die großherzigen Gefühle, welche Sie erfüllen, werden Ihren
+Entschluß bestimmen. Ich beschwöre Eure Majestät, Europa diesen
+neuen Beweis von den edlen Gesinnungen zu geben, in welchen
+Allerhöchstdieselben bei jeder Gelegenheit beigetragen haben, den
+allgemeinen Frieden zu erhalten und zu befestigen. Die Regierung des
+Kaisers,“ fügte er hinzu, „wird in einem solchen Entschluß Eurer
+Majestät eine neue und innige Befestigung der guten Beziehungen zwischen
+Frankreich und Preußen erblicken und wird einen solchen Entschluß, wie
+ich versichern darf, mit hoher Freude und dankbarer Anerkennung
+entgegennehmen, ebenso wie sie überzeugt ist, daß derselbe in ganz
+Europa allgemeine Befriedigung erregen wird.“
+
+Der König hatte vollkommen ruhig und ohne ein äußeres Zeichen seiner
+Gedanken die Worte des Botschafters angehört, er sah einen Augenblick
+schweigend zu Boden und richtete dann den klaren Blick seines offenen,
+freien Auges fest auf Benedetti.
+
+„Mein lieber Graf,“ sagte er, „es ist vor allen Dingen nothwendig, jedes
+Mißverständniß und jede falsche Auslegung über die Art meiner
+Intervention in dieser ganzen Angelegenheit auszuschließen. Alle
+Verhandlungen, welche über den Gegenstand geführt wurden, haben sich
+ganz ausschließlich zwischen der spanischen Regierung und dem Prinzen
+von Hohenzollern bewegt. Die preußische Regierung ist allen diesen
+Verhandlungen nicht nur vollkommen fern geblieben, dieselbe war ihr
+sogar gänzlich unbekannt, auch ich persönlich habe in keiner Weise in
+dieselbe eingegriffen. Ich habe es sogar entschieden verweigert, einen
+Agenten des Marschall Prim zu empfangen, welcher in dieser Sache nach
+Berlin geschickt wurde und habe mich zum ersten Male über die ganze
+Frage überhaupt geäußert, als der Prinz Leopold bereits ganz entschieden
+war, die ihm gemachten Vorschläge anzunehmen und meine Erklärung
+darüber erbat. Dies fand bei meiner Ankunft in Ems statt, und ich habe
+mich einfach darauf beschränkt, dem Prinzen zu erklären, daß ich nicht
+glaubte, seinen Absichten ein Hinderniß in den Weg legen zu sollen. Die
+ganze, an sich schon sehr unbedeutende Einwirkung, welche ich
+meinerseits auf die Sache habe üben können, ist also rein passiver Natur
+gewesen und hat sich ganz ausschließlich auf meine Stellung als Chef des
+Gesammthauses Hohenzollern bezogen. Lediglich in dieser Eigenschaft und
+nicht in derjenigen als König von Preußen bin ich von dem Entschluß des
+Prinzen unterrichtet worden, auch habe ich meinem Ministerrath in keiner
+Weise die Frage vorgelegt, und die preußische Regierung als solche, ist
+außer Stande eine Interpellation über die Sache zu beantworten, die ihr
+vollkommen unbekannt geblieben ist, und für welche sie ebenso wenig
+verantwortlich sein kann, als irgend ein europäisches Cabinet.“
+
+Der König schwieg.
+
+Benedetti, welcher mit schärfster, ehrerbietigster Aufmerksamkeit seinen
+Worten gefolgt war, verneigte sich, wie um anzudeuten, daß er den Sinn
+derselben vollkommen erfaßt habe.
+
+„Eure Majestät wollen mir erlauben,“ sprach er mit seiner sanften,
+geschmeidigen Stimme, „ehrfurchtsvoll zu bemerken, daß die öffentliche
+Meinung, namentlich diejenige in Frankreich den Sinn und die Bedeutung
+des scharfen Unterschiedes in der Stellung Eurer Majestät, welche
+Allerhöchstdieselben so eben hervorzuheben die Gnade hatten, nach meiner
+Ueberzeugung nicht zu erfassen im Stande sein wird. Die öffentliche
+Meinung sieht in dem Erbprinzen von Hohenzollern nichts anderes als ein
+Mitglied der in Preußen regierenden Familie und kann sich, wie ich
+glaube, von der Auffassung nicht los machen, daß der Prinz, indem er die
+spanische Königskrone annimmt, in einer und derselben Dynastie zwei
+Throne vereinigt. Man wird sich vergebens bemühen, diese Auffassung zu
+zerstören, das Nationalgefühl Frankreichs ist vollkommen einig in dieser
+Auffassung, und Eure Majestät werden die Gnade haben, anzuerkennen, daß
+es der Regierung des Kaisers unmöglich ist, dieser Auffassung gegenüber
+gleichgültig zu bleiben. Die Regierung des Kaisers befindet sich in der
+Nothwendigkeit — und ist entschlossen, jener Auffassung der öffentlichen
+Meinung mit vollem Ernst Rechnung zu tragen.“
+
+„Wenn man die Sache,“ sagte der König, „von einer andern Seite auffaßt,
+so wird doch aber die Regierung des Kaisers nicht verkennen wollen, daß
+die gegenwärtige Regierung in Spanien von allen Mächten anerkannt und in
+ihren Entschließungen vollkommen souverain ist. Ich vermag nicht
+einzusehen,“ fuhr er fort, „mit welchem Recht eine europäische Macht
+sich der Thronbesteigung eines Königs widersetzen könnte, welcher durch
+die Vertreter des spanischen Volkes frei gewählt werden würde. Wie der
+spanische Gesandte in Berlin mitgetheilt hat,“ fuhr er fort, — „und dies
+ist,“ fügte er mit Betonung hinzu, „die erste und einzige Mittheilung,
+welche die preußische Regierung überhaupt in der ganzen Angelegenheit
+erhalten hat, — werden die spanischen Cortes auf den zwanzigsten dieses
+Monats zusammen berufen werden. Wenn wirklich für die innere Ruhe
+Spaniens aus der Candidatur des Prinzen Leopold diejenigen Gefahren zu
+besorgen sein sollten, auf welche Sie, mein lieber Graf, vorhin
+aufmerksam gemacht haben, so wird es Sache der Cortes sein, jede
+Candidatur zurückzuweisen und damit die ganze Sache zu beendigen.“
+
+„Ich bitte um die Erlaubniß, Eurer Majestät bemerken zu dürfen,“
+erwiderte Graf Benedetti, „daß die Regierung des Kaisers weit entfernt
+ist, das freie Selbstbestimmungsrecht des spanischen Volkes beschränken
+zu wollen. Die kaiserliche Regierung hat nur die Ueberzeugung, daß die
+Combination, welche eigentlich persönlich von dem Marschall Prim
+ausgegangen ist, die Quelle großer und trauriger Verwickelungen sein
+würde. Solchen Verwickelungen gegenüber werden Eure Majestät gewiß
+selbst ein Mitglied Ihrer hohen Familie nicht zur Annahme der Krone
+autorisiren wollen. Eure Majestät halten allein das Mittel in Händen, um
+einer so gefahrvollen Lage ein Ende zu machen; und ich bin beauftragt,
+mich mit der dringenden Bitte an die Weisheit Eurer Majestät zu wenden,
+von diesem Mittel Gebrauch zu machen.“
+
+„Die Parteien in Spanien,“ sagte der König „sind so zahlreich und so
+viel gespalten, daß auch die Verzichtleistung des Prinzen von
+Hohenzollern kaum im Stande sein würde, dort einen Bürgerkrieg zu
+vermeiden. Die Parteien sind es dort gewohnt, sich dem Beschluß der
+Majorität nicht zu fügen und mit den Waffen in der Hand, ihre Rechte
+oder ihre Ansichten zu vertreten.“
+
+„Ich erkenne vollkommen die Wahrheit der Bemerkung Eurer königlichen
+Majestät an,“ erwiderte Benedetti, indem seine schlanke Gestalt sich
+etwas zusammenbog — „indessen würde jedenfalls, wenn es trotz der
+Verzichtleistung des Prinzen Leopold in Spanien zu Unruhe und Kämpfen
+kommen sollte ein Mitglied Ihres Hauses nicht die Verantwortung für
+vergossenes Blut zu tragen haben.“
+
+Der König senkte einen Augenblick nachdenklich den Blick zu Boden.
+
+„Mein lieber Graf,“ sagte er dann, „Sie können überzeugt sein, daß ich
+den aufrichtigen Wunsch hege, eine Situation verschwinden zu lassen,
+welche zu Verwickelungen und Mißverständnissen Veranlassung giebt. Ich
+muß indeß noch einmal darauf zurückkommen, daß meine ganze persönliche
+Stellung zu der Frage eine rein negative, wenigstens vollkommen passive
+ist. Ich habe wahrlich in keiner Weise den Prinzen Leopold irgend wie
+zur Annahme der ihm angetragenen Candidatur ermuntert, ich habe mich
+lediglich darauf beschränkt, seinen Entschlüssen kein Hinderniß in den
+Weg zu legen. Von diesem Standpunkt würde ich mich auch jetzt nur sehr
+schwer entfernen können, ich kann den Prinzen eben so wenig, wie ich ihn
+zu seinem Entschluß ermuthigt habe, auch jetzt nicht zwingen, von
+demselben zurückzukommen. Mir scheint, daß die Regierung des Kaisers,
+wenn sie wirklich in dieser Sache so große Gefahren erblickt, die ich
+noch nicht zu sehen im Stande bin, allen ihren Einfluß in Madrid
+aufwenden sollte, um die dortige Regierung zu bestimmen, daß sie auf das
+Projekt verzichte.“
+
+„Ich habe bereits die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu bemerken,
+daß die Regierung des Kaisers in keiner Weise in das freie
+Selbstbestimmungsrecht der spanischen Nation eingreifen möchte. Sie
+würde die Schwierigkeit der ganzen Lage nur unendlich vergrößern, die
+kaiserliche Regierung hat vielmehr geglaubt, daß der leichteste und
+einfachste Weg zur Erledigung der ganzen Angelegenheit der sei, wenn
+Eure Majestät Allerhöchst Ihre mächtige Autorität gebrauchen, um durch
+die Verzichtleistung des Prinzen diese Candidatur verschwinden zu
+lassen. Ich darf mir erlauben, Eure Majestät auf die Präcedenzfälle in
+Betreff Griechenlands und Neapels aufmerksam zu machen, in welchen
+ebenfalls das Prinzip festgestellt wurde, daß Prinzen, welche der
+Dynastie einer Großmacht angehören, nicht zu gleicher Zeit Souveraine
+eines anderen Landes sein sollen, und auch der Kaiser, mein
+allergnädigster Herr, hat persönlich dies Prinzip anerkannt, indem er
+dem Prinzen Murat die Bewerbung um den neapolitanischen Thron
+untersagte. Eure Majestät werden sich um so mehr in diesem Sinne
+entscheiden können, als ja Preußen und Deutschland keinen Antheil an den
+bisherigen Versammlungen genommen haben, also auch keine Concessionen zu
+machen haben würden, während für Frankreich sehr ernste Interessen auf
+dem Spiel stehen und während dort, wie ich mir zu wiederholen erlauben
+muß, die öffentliche Meinung sich in einer sehr bedenklichen Aufregung
+befindet, einer Aufregung, welche auch der Baron Werther vor seiner
+Abreise hat wahrnehmen können, und über welche er, wie ich nicht
+zweifle, Eurer Majestät Bericht erstattet haben wird.“
+
+„Diese Aufregung der öffentlichen Meinung in Frankreich ist mir
+bekannt,“ sagte der König, „die Thatsache ihrer Existenz beweist aber
+noch nichts für ihre Berechtigung und dann muß ich Ihnen aufrichtig
+sagen, daß die Erklärung, welche der Herzog von Gramont im Corps
+legislatif abgegeben hat, mir weit eher dazu geneigt scheint, die
+öffentliche Meinung noch mehr zu echauffiren, als sie zu beruhigen. Der
+erste Theil der Erklärung des Herzogs,“ fuhr der König fort, „ist sehr
+richtig und sehr correct. Indessen muß ich Ihnen gestehen, daß der
+Schlußsatz derselben mich allerdings sehr peinlich berührt hat. Die
+Worte, welche der Herzog über die Absichten einer fremden Macht
+gesprochen hat, können doch nur auf Preußen bezogen werden. Wie ich
+Ihnen gesagt, hat die preußische Regierung an der ganzen Sache nicht den
+geringsten Antheil gehabt. Jene Worte machen daher fast den Eindruck
+einer Provokation, und wenn ich auch eine solche in denselben nicht
+finden will, so wird doch dieser Eindruck in Deutschland vorhanden sein,
+und er kann dazu beitragen, daß auch in Deutschland die öffentliche
+Meinung sich aufzuregen beginnt, wodurch dann allerdings die ganze
+Situation sehr erheblich verschlimmert werden würde.“
+
+Der König hatte die letzten Worte mit etwas erhöhtem Tone gesprochen,
+ohne daß indeß von seinem Gesicht der Ausdruck ruhiger und freundlicher
+Höflichkeit verschwunden war.
+
+„Ich möchte Eure Majestät bitten, zu berücksichtigen,“ erwiderte
+Benedetti, „daß der Herzog von Gramont sich in einer auf's höchste
+aufgeregten Versammlung befand und daß es ihm vor allen Dingen darauf
+ankommen mußte, jede aufreizende und gefährliche Discussion
+abzuschneiden und deshalb eine Erklärung abzugeben, welche dieser
+Versammlung versicherte, daß für den Fall einer Gefährdung der Ehre und
+der Interessen Frankreichs die Haltung der kaiserlichen Regierung eine
+feste und entschiedene sein werde. Eure Majestät werden anerkennen, daß
+die Erklärung des Herzogs von Gramont ihm nur durch den dringenden
+Wunsch dictirt sein kann, die ganze Frage offen zu halten und alle
+Erörterungen auszuschließen, welche den guten Beziehungen zu Preußen,
+auf welche der Kaiser und seine Regierung einen so hohen Werth legen,
+hätten gefährlich werden können.“
+
+Der König schüttelte langsam den Kopf, als verstehe er diese
+Argumentationen des Botschafters nicht.
+
+„Ich begreife nicht,“ sagte er, „wie die Ehre und die Interessen
+Frankreichs durch den Entschluß des Prinzen von Hohenzollern berührt
+werden können. Die Verhandlungen, welche zu diesem Entschluß geführt
+haben, sind ja durch die Regierung in Madrid aus freiem Antriebe
+begonnen. Keine Regierung hat an denselben irgend welchen Antheil
+genommen, ich begreife nicht, wie daraus irgend ein Conflikt entstehen
+kann. Und ich will nicht annehmen,“ fügte er mit scharfer Betonung
+hinzu, indem er voll Würde und Hoheit den Kopf emporhob, „daß der Krieg
+aus einem Fall sich entwickeln könne, bei welchem gar keine europäische
+Macht betheiligt ist.“
+
+Ein leichtes Zucken zeigte sich in den Augenwinkeln Benedetti's, wie
+abwehrend hob er ein wenig die Hand empor und rief:
+
+„An eine solche Eventualität, Majestät, auch nur zu denken, kann mir
+nicht in den Sinn kommen. Meine Anwesenheit hier in Ems allein beweist
+schon, wie dringend die Regierung des Kaisers eine versöhnliche und
+allgemein befriedigende Lösung der so plötzlich entstandenen
+Schwierigkeiten ersehnt, gerade um zu einer solchen Lösung zu gelangen,
+bin ich beauftragt worden, Eurer Majestät alle diejenigen Gesichtspunkte
+darzulegen, welche uns zwingen, die Verzichtleistung des Prinzen von
+Hohenzollern dringend zu wünschen.“
+
+„Ich kann Ihnen nur nochmal wiederholen,“ sagte der König, „daß es mir
+unendlich fern liegt, den Prinzen Leopold zur Annahme der spanischen
+Königskrone zu ermuthigen oder auch eine solche Annahme seinerseits nur
+zu wünschen, indeß muß ich ihm schon deßhalb, weil er nicht unmittelbar
+zu meinem königlichen Hause gehört und kein preußischer Prinz ist, die
+volle Freiheit seines Entschlusses lassen, seine Annahme zurückzuziehen.
+Indeß,“ fügte er hinzu, „um Ihnen zu beweisen, wie sehr auch ich eine
+allseitig befriedigende Lösung wünsche, kann ich Ihnen mittheilen, daß
+ich sogleich, als ich von der großen Aufregung in Frankreich
+unterrichtet worden bin, mich mit dem Fürsten Anton, der sich in
+Sigmaringen befindet, in Verbindung gesetzt habe, um ihn über seine und
+des Prinzen Leopold Ansichten zu befragen und zu erfahren, wie sie über
+die in Frankreich durch den Entschluß des Prinzen Leopold
+hervorgerufenen Aufregung dächten.
+
+Wenn der Prinz Leopold und sein Vater die ganze Erörterung über den
+Gegenstand zu beseitigen geneigt wären, so würden ja dadurch alle
+Schwierigkeiten gehoben, — einen Einfluß auf ihre Entschlüsse auszuüben,
+aber halte ich mich nicht für berechtigt, und Sie begreifen, mein lieber
+Graf, daß ich erst dann in der Lage sein werde, unsere heutige
+Unterredung fortzusetzen, wenn ich genaue Mittheilungen über die
+Beschlüsse des Fürsten Anton und seines Sohnes haben werde.“
+
+Der König sagte die letzten Worte in einem Ton, welcher andeutete, daß
+er die Unterredung für beendet halte.
+
+Benedetti verneigte sich tief, ohne indeß aufzustehen und sagte:
+
+„Ich muß mir erlauben Eurer Majestät ehrerbietigst zu bemerken, daß die
+Regierung des Kaisers sich der stets wachsenden Aufregung der Kammer und
+der Presse gegenüber, in großer Verlegenheit befindet und dringend
+wünschen muß, so bald als irgend möglich bestimmte Erklärungen über die
+endgültige Erledigung dieses Incidenzfalles abgeben zu können. Eure
+Majestät würden mir daher eine besondere Gnade erweisen, wenn Sie mir
+ungefähr den Zeitpunkt bezeichnen könnten, bis zu welchem Sie im Besitz
+der zu erwartenden Nachricht sein können.“
+
+Der König sann einen Augenblick nach.
+
+„Ich kann den Telegraphen nicht benutzen,“ sagte er dann, „ich habe hier
+in Ems keinen Chiffre, durch den ich mit dem Prinzen Anton
+correspondiren kann. Ich weiß auch nicht ganz genau, wo der Prinz
+Leopold sich in diesem Augenblick befindet, — indeß kann es unmöglich
+lange dauern. Ich hoffe, sehr bald genau unterrichtet zu sein und werde
+Sie dann sofort benachrichtigen.“
+
+Benedetti erhob sich.
+
+„Ich stehe zu Eurer Majestät Befehl,“ sagte er, „und habe nur noch den
+dringenden Wunsch auszusprechen, daß Allerhöchstdieselben mich bald in
+die Lage setzen möchten, meiner Regierung die glückliche und
+befriedigende Beseitigung der ganzen Angelegenheit mittheilen zu
+können.“
+
+„Ich sehe Sie noch bei der Tafel, mein lieber Graf,“ sagte der Kaiser,
+indem er Benedetti die Hand reichte, „und hoffe, daß Ihr Aufenthalt hier
+in Ems, so gern ich Sie hier auch sehe, sich nicht zu sehr verlängere,
+und daß Sie bald Ihre unterbrochene Kur in Wildbad wieder aufnehmen
+können.“
+
+Mit tiefer Verneigung verließ Benedetti das Cabinet, begab sich durch
+das Vorzimmer in den länglichen einfenstrigen Raum, in welchem bereits
+die zum Diner befohlenen Personen sich versammelten.
+
+Der König klingelte. Sein Kammerdiener Engel erschien und in kurzer Zeit
+hatte Seine Majestät die Toilette für das Diner beendet.
+
+„Rufen Sie mir Abeken noch einmal,“ sagte der König.
+
+Wenige Minuten darauf trat der Geheime Legationsrath Abeken ebenfalls
+zum Diner angekleidet in das Zimmer.
+
+Ernst und sinnend sagte der König:
+
+„Sie verlangen von mir die Verzichtleistung des Prinzen von
+Hohenzollern, sie wollen sich nicht nach Spanien wenden, — es ist in dem
+Allen ein Hintergedanke, ich fühle das an dem ganzen Wesen Benedetti's,
+er macht mir den Eindruck, daß er schärfere Instructionen hat, als seine
+Worte erkennen lassen. Diese fast absichtliche Mühe, die man sich giebt,
+um die Sache zu einer Frage zwischen Deutschland und Frankreich zu
+machen, was sie doch nicht ist, kommt mir ein wenig bedenklich vor — und
+je mehr man sie zu einer deutschen Frage macht, um so weniger bin ich
+meinerseits im Stande, irgend eine Concession zu gewähren. Jedenfalls
+telegraphiren Sie nach Berlin, daß Bismarck hierher kommen möge; wenn
+die Sache irgend eine ernstere Dimension annimmt, muß ich ihn doch bei
+mir haben. Auch wäre es gut,“ fügte er hinzu, „wenn Moltke von seinem
+Urlaub zurückkäme, es ist immer besser, für alle Fälle vorbereitet zu
+sein, als überrascht zu werden. Nach dem Diner theilen Sie mir sogleich
+alle Nachrichten mit, die weiter von Berlin gekommen sind.“
+
+Der Geheime Legationsrath ging hinaus.
+
+„Sollte es möglich sein,“ sprach der König mit tiefem Sinnen an das
+Fenster tretend, „daß auch dieser Kampf mir noch beschieden wäre? Die
+Mahnung an das Standbild meines Vaters — an das eiserne Kreuz ließen so
+lebhaft in mir die Bilder jener alten vergangenen Zeiten
+heraufsteigen, — nun,“ sagte er den Blick über die grünen Bäume hin zum
+Himmel richtend, „in dieser Mahnung liegt auch die Bürgschaft für die
+Zukunft Preußens und Deutschlands, — wenn Gott den Kampf beschlossen, so
+wird auch Gott mit uns sein in diesem Kampf!“
+
+Die Thür des Cabinets wurde geöffnet, der Hofmarschall Graf Perponcher
+trat ein, meldete Seiner Majestät, daß das Diner servirt sei und schritt
+dann dem Könige voran in den kleinen Versammlungssaal, in welchem das
+Gefolge und die zur Tafel befohlenen etwa vierzehn Personen versammelt
+waren.
+
+Der König grüßte die Anwesenden huldvoll und heiter und schritt in den
+Speisesaal voran, in welchem die königlichen Jäger in ihrer
+geschmackvollen grünen und silbernen Livree zum Service bereit standen.
+
+Graf Benedetti nahm neben Seiner Majestät Platz, der König unterhielt
+sich mit ihm während des ganzen Diners in so liebenswürdig, freundlicher
+und unbefangener Weise, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung gewannen,
+es könnten keine ernsthaften drohenden Wolken am politischen Horizont
+bestehen, und daß diese Ueberzeugung in schnell sich fortpflanzender
+Mittheilung am Abend die ganze Badegesellschaft von Ems durchdrungen
+hatte.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Die Sonne sank bereits unter den Horizont und der alte Park von St.
+Cloud mit fernen gewaltigen Riesenbäumen hüllte sich in dunkle Schatten,
+als der Wagen des Herzogs von Gramont in das kaiserliche Schloß einfuhr.
+
+Der Herzog stieg aus und schritt eiligst die Treppe zu den Appartements
+des Kaisers hinauf, in welche er nach der Meldung des Dienst thuenden
+Adjutanten unmittelbar eingeführt wurde.
+
+Auf dem Tisch des Kaisers brannte bereits eine hohe Lampe mit großem
+flachem Schirm von bläulichem Glas, während durch das geöffnete Fenster
+mit den Düften der blühenden Rosenbeete die letzten Strahlen des
+sinkenden Tages hineindrangen.
+
+Der Kaiser, welcher sich nach dem Familiendiner so eben zurückgezogen
+und den Frack mit einem leichten weiten Sommerrock vertauscht hatte,
+lag halb in einem jener großen amerikanischen Schaukelstühle von feinen
+elastischen Holzstreifen, den Kopf auf eine an der Lehne des Stuhls
+hängende Schlummerrolle gestützt und in ruhiger Träumerei seine Cigarre
+rauchend. Mit einem leisen Seufzer über die Störung seines Dolce far
+niente erhob er sich mit einiger Mühe und ging dem Minister einige
+Schritte entgegen, welcher sich in einer gewissen Erregung zu befinden
+schien.
+
+„Ich habe Eurer Majestät eine günstige und wichtige Nachricht
+mitzutheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „und Ihre Befehle zu
+erbitten, wie die durch dieselbe geschaffene neue Situation behandelt
+werden soll.“
+
+Der Kaiser athmete wie erleichtert auf.
+
+„Hat der König Wilhelm die Forderung Benedetti's erfüllt,“ fragte er.
+„Ist dieser unangenehme und peinliche Fall erledigt?“
+
+„Der Prinz von Hohenzollern, Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, „hat
+seine Candidatur zurückgezogen. Olozaga ist so eben bei mir gewesen, um
+mir dies mitzutheilen und nach einem Telegramm von Benedetti hat der
+König Wilhelm ihm ebenfalls die Verzichtleistung des Prinzen durch einen
+Adjutanten mittheilen und erklären lassen, daß er diese
+Verzichtleistung autorisire.“
+
+„Ah,“ sagte der Kaiser mit zufriedenem Lächeln, „unser energisches
+Auftreten hat also schnell seine Früchte getragen.“
+
+„Wie immer, Sire,“ sagte der Herzog mit dem Ausdruck stolzer
+Befriedigung, „für eine Macht wie Frankreich ist Energie und Festigkeit
+immer die beste Politik, und ich freue mich von ganzem Herzen, daß durch
+unser Auftreten in dieser Sache nicht nur vor der Nation, sondern vor
+ganz Europa der Beweis geliefert worden ist, daß das Wort Frankreichs
+noch nicht ungehört verhalle, und daß die Zeit beendet sei, in welcher
+man glaubte, ohne unsere Zustimmung die großen und wichtigen
+europäischen Fragen entscheiden zu können. Das einfache Wort Eurer
+Majestät hat genügt, um diese Combination des Grafen von Bismarck
+scheitern zu lassen. Die Situation hat sich ungemein günstig für uns
+verändert, denn wir haben alle europäischen Cabinette für uns, welche
+sämmtlich in der Thronbesteigung eines Hohenzollerschen Prinzen in
+Spanien eine bedenkliche Gefahr für die Ruhe und das Gleichgewicht
+Europas erblickten. Es kommt nun nur darauf an, den Erfolg, den wir
+errungen haben, vor den Kammern und der öffentlichen Meinung in das
+richtige Licht zu stellen, damit alle die Feinde der Regierung sich
+überzeugen, daß das Kaiserthum noch groß und glänzend da steht, und daß
+Frankreich nach der langen Zurückhaltung, welche auf die Schlacht von
+Sadowa folgte, wieder entschlossen ist, mit entscheidender Hand in die
+Politik einzugreifen.“
+
+„Sehr gut, sehr gut,“ sagte der Kaiser, „das wird einen vortrefflichen
+Eindruck machen. Wir haben da einen großen Schlag gethan, und zwar ohne
+alle heftigen Verwickelungen und ohne daß selbst unsere Beziehungen zu
+Preußen irgend wie getrübt werden, denn Benedetti berichtet ja, daß er
+mit der größten Auszeichnung vom Könige Wilhelm behandelt worden sei.
+Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herzog, zu diesem ersten Debut als
+Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Es ist ein Triumph ohne Opfer,
+und ich bin überzeugt, daß einem solchen vortrefflichen Anfang immer
+glänzendere Resultate folgen werden.“
+
+Er reichte dem Herzog die Hand, welche dieser, sich verbeugend, mit
+strahlendem Lächeln ergriff.
+
+„Es kommt nun darauf an,“ fuhr der Kaiser fort, „die Fassung der
+Mittheilungen dieses so erfreulichen Ereignisses für die Kammer und die
+Journale fest zu stellen. Es thut mir leid, Sie wieder fort zu
+schicken, aber ich glaube, Sie müssen sogleich nach Paris zurückkehren,
+sich mit Ollivier darüber zu verständigen. Er ist ja Meister in der
+Redewendung, setzen Sie mit ihm eine Erklärung auf, welche in solenner
+Weise die ganze Angelegenheit beendet und ohne Preußen zu verletzen, im
+Gegentheil mit anerkennendem Ausdruck für die Weisheit und das
+Entgegenkommen des Königs Wilhelm, dennoch unsern Sieg in helles Licht
+stellt.“
+
+„Ollivier,“ erwiderte der Herzog, „hat die Nachricht bereits privatim im
+Corps legislatif verschiedenen Deputirten mitgetheilt, die Befriedigung
+darüber war allgemein.“
+
+„Um so besser,“ sagte der Kaiser, „wird morgen die feierliche Erklärung
+aufgenommen werden. Ich bitte Sie also, dieselbe aufzusetzen und sie
+mir, so bald Sie sie redigirt haben, mittheilen zu lassen — auf
+Wiedersehen, lieber Herzog. Nachdem wir diesen Sturm beschworen haben,“
+fügte er lächelnd hinzu, „hoffe ich, Sie auf einige Tage hier zu sehen,
+um sich in ländlicher Ruhe von den Aufregungen der letzten Tage etwas zu
+erholen.“
+
+Der Herzog empfahl sich Seiner Majestät und verließ immer das stolze
+zufriedene Lächeln auf den Lippen das Cabinet.
+
+Der Kaiser athmete erleichtert auf, blickte einen Augenblick schweigend
+nach dem in immer tiefere Schatten versinkenden Park hinaus und ergriff
+dann eine neue Cigarre, um sie anzuzünden und sich abermals der durch
+den Besuch seines Ministers unterbrochenen Träumerei zu überlassen.
+
+Da öffnete sich schnell die Thür, General Favé erschien und sagte:
+
+„Der österreichische Botschafter bittet Eure Majestät, ihn empfangen zu
+wollen.“
+
+Verwundert blickte der Kaiser auf.
+
+„Metternich,“ sagte er, „zu dieser Stunde? Was kann er bringen? — bitten
+Sie ihn, einzutreten.“
+
+Indem er seufzend seine Cigarre wieder fortlegte, ging er einige
+Schritte dem Fürsten Richard Metternich entgegen, den der General in das
+Cabinet führte.
+
+Der Sohn des großen Staatsmannes, welcher einst so lange die Geschicke
+der österreichischen Monarchie und ein wenig diejenigen von ganz Europa
+in seinen Händen gehalten hatte, war damals ungefähr zwei und vierzig
+Jahre alt. Er war eine angenehme, sympathisch anmuthende Erscheinung,
+die Fülle seiner Gestalt that der elastischen Eleganz seiner Bewegungen
+keinen Eintrag, sein etwas bleiches Gesicht, auf dessen hohe Stirn die
+leicht gelockten, dünn gewordenen Haare herabfielen, war von einem
+starken, lang hinab hängenden Backenbart umrahmt; seine edel
+geschnittenen Züge zeigten den Ausdruck ruhiger und sorgloser
+Heiterkeit, während seine geistvollen Augen zugleich scharf beobachtend
+umher blickten. Heute aber lag auf diesem Gesicht eine gewisse unruhige
+Aufregung — ernst erwiderte er die Begrüßung des Kaisers und sprach,
+indem er sich auf den Wink desselben ihm gegenüber setzte, mit leicht
+erregter Stimme:
+
+„Ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich es wage, noch in so
+vorgerückter Abendstunde um Gehör zu bitten; aber die beunruhigenden
+Nachrichten, welche die ganze politische Welt erfüllen, machen es mir
+zur Pflicht, mich unverzüglich des Auftrages zu entledigen, welchen der
+Graf Beust, der seine Badekur in Gastein verschoben hat, mir so eben
+ertheilte.“
+
+Der Kaiser lächelte ein wenig, neigte leicht das Haupt und sprach:
+
+„Sie wissen, lieber Fürst, daß Ihr Besuch mir zu jeder Zeit angenehm und
+erfreulich ist, auch wenn Sie mir keine Mittheilung des Grafen Beust zu
+machen hätten. Der Besuch eines Freundes ist immer willkommen, und zu
+meinen Freunden gehört der Fürst Metternich ebenso sehr als der
+Botschafter des Kaisers von Oesterreich.“
+
+Der Fürst dankte durch eine ehrerbietige Verneigung für die freundlichen
+Worte des Kaisers und fuhr dann in demselben ernsten Ton wie vorher
+fort:
+
+„Das gütige Wohlwollen Eurer Majestät, von welchem ich schon so viele
+Beweise erhalten habe, und welches Sie so eben von Neuem auszusprechen
+die Gnade haben, giebt mir die Hoffnung, daß Sie auch dem, was ich Ihnen
+zu sagen habe, ein gnädiges und aufmerksames Ohr schenken werden. Sire,“
+sprach er weiter, „die Regierung meines allergnädigsten Herrn kann sich
+der Besorgniß nicht erwehren, daß die Erörterungen, welche zwischen
+Frankreich und Preußen in diesem Augenblick über die Hohenzollersche
+Candidatur Statt finden, bei der hoch gehenden Aufregung der
+Volksstimmung in Frankreich und bei dem Beginn einer ähnlichen Aufregung
+in Deutschland zu ernsten Conflicten und gefährlichen Catastrophen
+führen möchte. Ich habe zu verschiedenen Zeiten zu meiner großen
+Genugthuung Gelegenheit gehabt, Eurer Majestät gegenüber zu constatiren,
+daß die politischen Interessen Frankreichs und Oesterreichs in allen
+großen Fragen die gleichen seien, und daß eine gleichmäßige Behandlung
+aller dieser Fragen im Interesse beider Staaten liege. Die gleiche
+Versicherung hat auch der Herzog von Gramont während seines Aufenthalts
+in Wien bei jeder Gelegenheit von dem Reichskanzler selbst erhalten.“
+
+Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.
+
+„Graf Beust hat aber bei allen solchen Gelegenheiten,“ fuhr der Fürst
+Metternich fort, „dem Herzog gegenüber auch ganz bestimmt betont, daß
+Oesterreich noch auf lange hinaus nicht in der Lage sei, an irgend einer
+militairischen Action, selbst wenn dieselbe in seinem Interesse liegen
+könnte, Theil zu nehmen, ohne dadurch die ruhige Entwickelung und damit
+die Zukunft der österreichischen Monarchie auf das Höchste zu gefährden,
+und daß es deßhalb für die österreichische Politik geboten sei, überall
+und zu jeder Zeit zur Vermeidung von Conflicten beizutragen, welche
+geeignet wären, kriegerische Consequenzen herbeizuführen. Der
+_gegenwärtige_ Augenblick und die zwischen Frankreich und Preußen
+schwebende Frage scheinen nun, wie ich zu bemerken die Ehre hatte, die
+Befürchtung solcher Consequenzen sehr nahe zu legen, und ich bin deßhalb
+beauftragt, Eurer Majestät bestimmt zu erklären, daß Oesterreich, wenn
+aus dieser Hohenzollerschen Candidatur kriegerische Entwickelungen
+entstehen sollten, nicht im Stande sei, in denselben irgend eine active
+Rolle zu spielen und sich auf die Seite Frankreichs zu stellen.“
+
+Der Kaiser blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder, dann
+sagte er.
+
+„Mein lieber Fürst, die Erklärung, welche Herr von Beust mir da durch
+Sie abgeben läßt, überrascht mich in ihrem allgemeinen Inhalt nicht,
+dennoch scheint mir ihre bestimmte Wiederholung gerade in diesem
+Augenblick nicht vollkommen mit der auch vom Grafen Beust anerkannten
+Identität der politischen Interessen Oesterreichs und Frankreichs
+übereinzustimmen. Sollte ich jemals in einen ernsten Conflict mit
+Preußen gerathen, so würde, scheint es mir, der Augenblick gekommen
+sein, in welchem jene Identität der Interessen sich practisch zu
+bethätigen hätte, — wenn sie überhaupt irgend eine Bedeutung haben
+soll, — und Oesterreich müßte doch in der That mit Freuden eine solche
+Gelegenheit begrüßen, welche ihm die Möglichkeit bietet, ohne große
+eigene Gefahr das im Jahre 1866 Verlorene wieder zu gewinnen; von vorn
+herein eine solche Gelegenheit ausschließen zu wollen, scheint mir nicht
+im Interesse Oesterreichs zu liegen, und wenn eine solche Erklärung
+öffentlich abgegeben wird, — wenn sie auch andern Cabinetten bekannt
+wird,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu, „so wird das sehr wenig
+dazu beitragen können, die nachdrückliche Vertretung der Interessen
+Frankreichs zu unterstützen.“
+
+„Sire,“ erwiderte der Fürst Metternich, „nach meiner Ueberzeugung,
+welche wie ich glaube auch diejenige des Grafen Beust ist, würde es
+allerdings Eventualitäten geben, unter denen es für Oesterreich
+vortheilhaft, ja geboten erscheinen könnte, im Verein mit Frankreich
+Preußen von der 1866 eroberten Stellung zurückzuwerfen, — eine solche
+Eventualität könnte aber nur dann eintreten, wenn einmal der _Grund_ des
+Conflicts Oesterreich das Recht und die Möglichkeit gebe, in demselben
+Stellung zu nehmen und wenn sodann die Aussichten des Erfolges
+einigermaßen sicher sind. In diesem Augenblick ist aber beides nicht der
+Fall. Der einzige Kriegsgrund für Oesterreich könnte in einem Eingriff
+Preußens in die unabhängige Selbstständigkeit der Süddeutschen Staaten
+liegen; bei einem solchen Kriegsgrund würde ein großer Theil der
+deutschen Nation auf Oesterreichs Seite stehen, und der Kampf würde die
+großen Fragen von 1866 wieder aufnehmen unter der Mitwirkung
+Frankreichs, welche damals die Verhältnisse Eurer Majestät unmöglich
+machten. Gegenwärtig ist aber von einem solchen Kriegsgrunde nicht die
+Rede, der Erbprinz von Hohenzollern ist ein deutscher Fürst, und wenn
+Preußen einen Krieg annehmen sollte, weil Frankreich sich der
+Thronbesteigung eines deutschen Prinzen in Spanien widersetzt, so würde
+das Nationalgefühl sich auf die Seite Preußens stellen, und eine
+Alliance Oesterreichs mit Frankreich würde in diesem Falle nur dazu
+beitragen, Oesterreich als den Nationalfeind Deutschlands vor dem Volk
+erscheinen zu lassen, das heißt, uns jede moralische Unterstützung zu
+rauben, welche in einem solchen Kampf unumgänglich nothwendig ist.
+Außerdem aber, Sire,“ fuhr er fort, „sind die Chancen des Erfolges, wie
+es mir scheint, äußerst unsicher. Unsere militairischen Vorbereitungen
+sind nicht beendet, unsere Finanzen sind noch nicht geordnet, schon aus
+diesem Grunde würde Oesterreich zu einer nachdrücklichen Kriegführung
+kaum im Stande sein —“
+
+„Man würde aber doch,“ fiel der Kaiser ein, „lediglich durch eine
+drohende Haltung große preußische Truppenmassen absorbiren.“
+
+„Auch das ist nicht möglich, Sire,“ sagte Fürst Metternich seufzend,
+„denn leider muß ich Eurer Majestät mittheilen, daß von Seiten Rußlands
+uns deutlich zu verstehen gegeben worden, jede feindliche Bewegung
+gegen Preußen werde sofort gleiche Schritte Rußlands gegen unsere
+Grenzen zur Folge haben. Damit würde also unsere Drohung wirkungslos
+gemacht und wir gezwungen werden, unsere disponiblen Truppen zur
+Selbstvertheidigung an die russische Grenze zu schicken.“
+
+„Der Kaiser Alexander,“ fiel Napoleon ein, „hat sich aber doch
+entschieden gegen die Hohenzollersche Kandidatur erklärt und versichert
+außerdem den General Fleury unausgesetzt seiner Freundschaft und seiner
+Sympathien gegen Frankreich.“
+
+„Das Alles wird nicht hindern, Sire,“ sagte der Fürst Metternich, „daß
+wenn es wirklich zum Conflict kommt, Rußland sehr entschieden auf die
+Seite Preußens treten und wenigstens ganz bestimmt Oesterreich
+verhindern wird, irgend etwas zu unternehmen. Ich beschwöre also Eure
+Majestät,“ fiel er lebhafter sprechend fort, „glauben zu wollen, daß
+Oesterreich sich von der Liga der Neutralen nicht wird trennen
+können — ich bitte Eure Majestät inständigst, in dieser ganzen Sache
+keinen Schritt zu thun, der zu unheilbaren Conflicten führen kann, denn
+Eure Majestät würden ganz isolirt sein und sich dem hoch aufgeregten
+deutschen Nationalgefühl gegenüber befinden, welches, von Preußen
+organisirt, ein furchtbar gefährlicher Gegner sein wird.“
+
+„Glauben Sie,“ sagte der Kaiser, den Blick scharf und forschend auf
+Metternich richtend, „daß das deutsche Nationalgefühl in Baiern und
+Würtemberg sich jemals für Preußen wird erheben können, da man dort doch
+einsehen muß, daß wenn man unter preußischer Führung gegen Frankreich zu
+Felde zieht, man für immer die eigene Selbstständigkeit aufgiebt. Man
+hat mir berichtet,“ sagte er, „daß die Stimmung in jenen Staaten sehr
+preußenfeindlich ist und Sie selbst, lieber Fürst, haben mir früher
+Aehnliches mitgetheilt. Sollte das Alles sich schnell ändern können?“
+
+„Es wird sich ändern, Sire,“ sagte der Fürst, „und hat sich zum Theil
+schon geändert, und von Berlin aus wird mit großer Geschicklichkeit
+gearbeitet, um der öffentlichen Meinung die Haltung Frankreichs
+gegenüber der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern als eine der
+ganzen Nation angethane Beleidigung darzustellen. Glauben mir Eure
+Majestät, die Süddeutschen Staaten werden in dieser Frage mit Preußen
+gehen — die Süddeutschen Fürsten zunächst, sie haben im Jahre 1866
+gesehen, wie unerbittlich Preußen mit seinen Feinden verfährt, und um
+sich von Neuem in einen Kampf einzulassen, müßten sie eine große
+Coalition auf ihrer Seite sehen, welche ihnen Gewißheit des Sieges oder
+wenigstens des Schutzes ihrer Throne gewährt.“
+
+Der Kaiser versank in schweigendes Nachdenken.
+
+Fürst Metternich sah ihn in tiefer Bewegung an. Seine großen, klaren und
+ausdrucksvollen Augen verschleierten sich mit einem leichten
+Thränenschimmer und mit dem Ausdruck inniger Ueberzeugung sprach er:
+
+„Eure Majestät haben die Gnade gehabt, die Gefühle der tiefen
+persönlichen Ergebenheit, welche ich für Allerhöchstdieselben hege,
+anzuerkennen und mich Ihren Freund zu nennen. Erlauben Sie mir, Sire,
+jetzt nachdem der Botschafter von Oesterreich gesprochen, auch als
+treuer und ergebener Freund zu sprechen. Ich weiß sehr gut,“ fuhr er
+fort, „daß die Strömung der öffentlichen Meinung Frankreichs in diesem
+Augenblick zum Kriege treibt, und ich weiß ebenso gut, Sire, daß viele
+Personen in Ihrer Umgebung — in Ihrer nächsten und unmittelbaren
+Umgebung,“ fügte er mit Betonung hinzu, „sich die angelegentlichste Mühe
+geben, jene Richtung der öffentlichen Meinung zu unterstützen und Eure
+Majestät in gefährliche Unternehmungen hineinzudrängen, welche nach
+meiner innigsten Ueberzeugung in diesem Augenblick nur zum Unglück
+Frankreichs und zum Unglück Eurer Majestät ausschlagen können. Preußen
+ist furchtbar gerüstet, Deutschland wird in dieser Hohenzollernschen
+Frage hinter Preußen stehen und die Eurer Majestät feindlichen Parteien
+in Frankreich, welche sich augenblicklich vor dem Plebiscit
+zurückgezogen haben, warten nur auf den Augenblick eines Mißerfolges im
+Kriege, um sich von Neuem zu erheben und einen entscheidenden Schlag
+gegen das Kaiserreich zu führen. Ebenso wie man in Italien nur darauf
+wartet, sich Roms zu bemächtigen. Allen diesen Gefahren gegenüber werden
+Eure Majestät isolirt da stehen, keine der europäischen Mächte wird sich
+Frankreich in dieser Frage zur Seite stellen, und ich bitte Eure
+Majestät, zu glauben, daß die Erklärung, die ich Ihnen als Botschafter
+gegeben, unbedingte Wahrheit ist. Der Fürst Metternich giebt Ihnen sein
+Wort darauf. Oesterreich wird nicht für Eure Majestät Partei nehmen,
+weil es das nicht thun kann, in dieser Frage am allerwenigsten thun
+kann, und selbst wenn der Graf Beust, selbst wenn der Kaiser dazu
+geneigt sein sollten, wie der Herzog von Gramont vorauszusetzen scheint,
+so wird diese Neigung vor dem Widerstande des Grafen Andrassy erfolglos
+bleiben. Der Graf Andrassy vertritt Ungarn, und Ungarn will keinen Krieg
+mit Deutschland, da auch der günstige Ausgang desselben nur dahin
+führen könnte, die dominirende Stellung des deutschen Elements im
+Kaiserstaate wieder zu befestigen, ohne Ungarn aber, ohne diese
+wichtigste militairische Hülfsquelle Oesterreichs ist jede Action für
+uns unmöglich — ich bitte Eure Majestät,“ fuhr er fort, „dies als ganz
+gewiß anzunehmen, — Graf Andrassy hat hohe Verehrung vor Eurer Majestät
+und tiefe Sympathie für Frankreich. Täuschen sich aber Eure Majestät
+nicht über die Bedeutung von Aeußerungen, welche diese seine Gefühle ihm
+eingegeben haben können. Unter andern Umständen, wenn Frankreich
+vielleicht mit Italien in Conflikt geriethe, würde Oesterreich bei einer
+französischen Alliance auf die Unterstützung Ungarns rechnen
+können, — gegen Deutschland niemals, — am allerwenigsten in einer Frage,
+in welcher kein Vertragsrecht Oesterreichs Intervention zur Seite steht.
+Eure Majestät,“ fuhr er mit tief, eindringendem Tone fort, „kennen meine
+aufrichtige und liebevolle Ergebenheit für Ihre Person, Eure Majestät
+haben mir Gelegenheit gegeben, die edlen Eigenschaften Ihres Herzens
+ebenso sehr zu erkennen und zu bewundern, als die Klarheit und die
+überlegene Schärfe Ihres Geistes — es ist die tiefe Ergebenheit, die
+aufrichtige Liebe für Eure Majestät, welche mir die Worte in den Mund
+legt, die ich Ihnen jetzt zu sagen mir erlaube. Hören Eure Majestät die
+Bitte eines Freundes, welche ich ohne Rücksicht auf meine Eigenschaft
+als Botschafter Oesterreichs aus treu besorgtem Herzen an Sie richte.
+Treiben Sie, Sire, diese Sache nicht weiter, betreten Sie den
+gefahrvollen Weg nicht, auf welchen man Sie drängen möchte und an dessen
+Ende kaum ein glücklicher Ausgang zu erwarten ist.“
+
+Der Fürst schwieg.
+
+Der Kaiser beugte sich vor, reichte ihm mit einem liebenswürdigen
+Lächeln die Hand, indem zugleich ein warmer Strahl seinen freien Blick
+erleuchtete.
+
+„Ich danke Ihnen, mein lieber Fürst,“ sagte er, „für die Aufrichtigkeit
+und den Eifer, mit welchem Sie mir Ihre Ueberzeugung ausgesprochen und
+Ihren Rath ertheilt haben. Ihre Gesinnungen für mich machen mich
+stolz, — doch,“ sagte er dann, „Sie beunruhigen sich ohne Noth, die
+Besorgnisse, welche gestern noch bestehen konnten, existiren heute nicht
+mehr, der Prinz von Hohenzollern hat seine Candidatur zurückgezogen.“
+
+Fürst Metternich athmete erleichtert auf.
+
+„Ich hörte davon im Augenblick meiner Abfahrt in Paris,“ sagte er. „Ist
+die Nachricht bereits offiziell angekommen?“
+
+„Olozaga,“ sagte der Kaiser, „hat die Mittheilung im Auftrage der
+spanischen Regierung an den Herzog von Gramont gemacht, und somit
+scheint mir die Angelegenheit erledigt. Die Verzichtleistung des Prinzen
+wird morgen in den Kammern mitgetheilt werden, und die europäische
+Diplomatie,“ fügte er lächelnd hinzu, „kann wieder ruhig baden und
+Brunnen trinken.“
+
+Der Fürst Metternich schwieg einen Augenblick, als zögerte er, einen
+Gedanken auszusprechen, der ihn beschäftigte.
+
+„Sire,“ sagte er dann, „die extreme Kriegspartei wird vielleicht nach
+Andeutungen, die ich hier und da gehört habe, mit der Lösung der Frage
+noch nicht zufrieden sein, da sie gehofft hat, jetzt endlich mit ihren
+Ideen durchzudringen. Man wird von Neuem die Stimmung zu reizen und
+aufzuregen suchen, und da, wie ich weiß, auch in Deutschland bereits die
+Geister sich zu entflammen beginnen, so könnte leicht irgend ein
+Incidenzfall eintreten, der die Beruhigung Europa's von Neuem in Frage
+stellt. Ich bitte, Eure Majestät, aus der Erklärung, welche den Kammern
+gegeben werden soll, jede provocirende und verletzende Aeußerung gegen
+Preußen fern halten zu lassen, damit ein für allemal alle
+Auseinandersetzungen über den Gegenstand aufhören. Graf Bismarck,“ fuhr
+er fort, „hat bis jetzt alle Conflikte zu vermeiden gesucht, einen
+günstigeren Kriegsfall als in diesem Augenblick könnte er aber kaum
+finden, und man muß ihn nicht in die Versuchung führen, durch einen
+großen Aufschwung des Nationalgefühls aus der Waffenbrüderschaft aller
+deutschen Staaten ein neues deutsches Reich zusammen zu schmieden.“
+
+Der Kaiser lächelte.
+
+„Seien Sie ganz ruhig, mein lieber Fürst,“ sagte er, „ich habe Gramont
+den Auftrag ertheilt, mit Ollivier eine definitive Erklärung über die
+Beendigung der ganzen Sache an die Kammer zu redigiren, und morgen um
+diese Stunde wird jede Besorgniß für die Störung des Friedens
+verschwunden sein.“
+
+Fürst Metternich stand auf.
+
+„Ich verlasse Eure Majestät mit erleichtertem Herzen und bitte um die
+Erlaubniß, sogleich nach Paris zurückkehren zu dürfen, um das so
+erfreuliche Resultat dieser Unterredung nach Wien melden zu können.“
+
+„Meine herzlichsten Empfehlungen der Fürstin,“ sagte der Kaiser, „ich
+hoffe, Sie Beide in den nächsten Tagen hier zu sehen.“
+
+Er drückte dem Fürsten die Hand und begleitete ihn einige Schritte nach
+der Thür hin.
+
+„Durch die Beseitigung der Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern,“
+sprach er leise, als er allein war „soll das Prestige Frankreichs wieder
+hergestellt sein, sagt man mir, — sehr gut, wenn die öffentliche Meinung
+dies glaubt. Leider,“ fuhr er seufzend fort, „ist es nicht der Fall,
+jenes Prestige besteht in Wahrheit nicht mehr. Denn wenn es bestände, so
+würde Österreich nicht zögern, in diesem Augenblick frei und offen auf
+die Seite Frankreichs zu treten und die Suprematie des Hauses Habsburg
+in Deutschland wieder zu erringen. Man glaubt nicht mehr an die Macht
+Frankreichs, und auch meine besten Freunde nicht, — auch Metternich
+nicht, der wirklich mein Freund ist. Das Ansehen Frankreichs, so wie es
+früher war, wieder herzustellen, gäbe es nur ein Mittel, und dies Mittel
+wäre der Sieg — aber,“ sagte er düster vor sich hin starrend, „wo ist die
+Hand, welche den Sieg mit Sicherheit erkämpfen könnte, — — wenn er mir
+entginge — —“
+
+Er versank, die Augenbrauen finster zusammengezogen, in tiefes Sinnen.
+
+„Meine Gemahlin wird nicht zufrieden sein,“ sagte er dann, „über die so
+friedliche Lösung — sie glaubt an den Sieg — ich will ihr selbst die Sache
+sogleich mitteilen, damit sie vorsichtig in ihren Äußerungen ist und die
+Kriegspartei nicht durch hingeworfene Worte ermuthigt.“
+
+Er verließ sein Cabinet und begab sich nach den Gemächern der Kaiserin.
+
+Der Huissier öffnete die Thür.
+
+Der Kaiser durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon, an dessen
+Schwelle ihn die Kaiserin empfing.
+
+Napoleon blieb einen Augenblick erstaunt stehen, denn hinter seiner
+Gemahlin, deren Gesichtszüge eine lebhafte Erregung ausdrückten, sah er
+neben dem, von großen Fauteuils umgebenen, mit Albums aller Art
+bedeckten Tisch in der Mitte des Salons den Baron Jérome David und den
+Herzog von Gramont.
+
+Der Baron Jérome David, der Führer der entschiedensten Anhänger des
+Kaiserreichs im Corps legislatif, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren
+von kräftiger, schlanker Gestalt; sein auf einem kurzen Halse sich
+erhebender Kopf hatte scharf markirte, von energischer Willenskraft und
+etwas colerischem Temperament zeugende Gesichtszüge; das dunkle volle
+Haar war über der niedrigen Stirn leicht gekräuselt; unter
+hochgeschwungenen Augenbrauen blickten große, etwas hervorstehende Augen
+hervor, deren etwas stechender Blick fast immer den Ausdruck zorniger
+und unruhiger Erregung hatte; die etwas abgestumpfte starke Nase, die
+hoch aufgedrehten Spitzen des dunklen Schnurrbarts und das mächtig
+hervorspringende Kinn ließen seinen Gesichtsausdruck in der Erregung
+einer lebhaften Conversation fast herausfordernd erscheinen.
+
+Der Kaiser trat langsam in den Salon und wandte sich mit einer Miene, in
+welcher eben so viel Erstaunen, als Unzufriedenheit lag, an den Herzog
+von Gramont.
+
+„Ich hätte nicht erwartet, Sie noch hier zu finden, Herr Herzog,“ sagte
+er, ohne die Höflichkeit und den verbindlichen Ton, die ihm sonst eigen
+war.
+
+„Ich glaubte Sie schon in Paris, um mit Ollivier jene Erklärung zu
+verabreden, über welche wir vorher gesprochen haben.“
+
+„Der Herzog,“ fiel die Kaiserin schnell ein, „wollte vor seiner Rückkehr
+mich begrüßen, und mir zugleich die Nachricht von der Verzichtleistung
+des Prinzen von Hohenzollern bringen. Ich habe ihn noch zurückgehalten,
+um ihm Gelegenheit zu geben, die Mittheilungen anzuhören, welche der
+Baron Jérome David mir so eben über die Stimmung in Paris und in den
+Kreisen der Deputirten gemacht hat, und welche vielleicht von einigem
+Einfluß auf die Entschließungen sein könnten, die man in diesem
+Augenblick zu fassen hat.“
+
+Der Kaiser verneigte sich leicht gegen den Baron Jérome David und sagte
+immer noch in demselben strengen Ton seiner Stimme.
+
+„Und welche Mittheilungen haben Sie der Kaiserin gemacht, Baron?“
+
+Er reichte seiner Gemahlin die Hand, führte sie zu einem der neben dem
+Tisch stehenden Sessel und setzte sich an ihre Seite, den Blick mit
+gespannter Aufmerksamkeit auf den Baron richtend.
+
+„Sire,“ sagte dieser, „ich habe mir erlaubt, der Kaiserin
+mitzutheilen, — und würde im nächsten Augenblick mich bei Eurer Majestät
+haben melden lassen, um auch Ihnen mitzutheilen, — daß die Nachricht von
+der Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf seine Candidatur
+in Spanien, welche heute Abend in Paris bekannt wurde, unter den
+Deputirten und in den journalistischen Kreisen durchaus nicht den
+befriedigenden und beruhigenden Eindruck gemacht hat, welchen ich bei
+dem Herzog von Gramont gefunden, also auch bei Eurer Majestät
+voraussetzen muß.“
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser, den Baron fragend und erstaunt anblickend, „die
+Sache ist doch erledigt, jene Candidatur ist verschwunden, — — vor der
+Intervention Frankreichs verschwunden, — ich begreife nicht, — —“
+
+„Niemand in Frankreich, Sire,“ fiel der Baron Jérome David rasch und
+lebhaft ein, „hat jemals dem jungen Prinzen von Hohenzollern es
+verdacht, daß er ein Abenteuer unternehmen wollte, bei welchem der
+Ehrgeiz eines thatkräftigen Mannes seine Rechnung finden
+könnte. — Niemandem ist es eingefallen, die spanische Nation in der
+freien Wahl ihres Königs zu beschränken, die Besorgniß und die
+Entrüstung Frankreichs über diese Combination hatte nur darin ihren
+Grund, daß die Hohenzollernsche Candidatur ein Werk der preußischen
+Politik war, daß diese Combination in Berlin vorbereitet und vom Könige
+von Preußen feierlich genehmigt wurde, ohne daß man sich mit Frankreich,
+das doch so nahe und so unmittelbar dabei interessirt ist, auch nur
+darüber in Vernehmen gesetzt hätte. Das ist eine Nichtachtung der
+französischen Würde und außerdem eine Bedrohung unserer Interessen durch
+die offen kund gegebene Absicht an unserer Südgrenze eine Macht
+aufzurichten, welche bei jeder Gelegenheit die preußische Politik gegen
+uns zu unterstützen bestimmt sein sollte. Wenn nun der Prinz von
+Hohenzollern einfach seine Candidatur zurückzieht, so ist Frankreich
+dadurch keine Genugtuung gegeben, vor allen Dingen aber auch keine
+Sicherheit, daß die Combination, welche heute gescheitert ist, nicht
+jeden Augenblick wieder aufgenommen werden könne, wenn die europäische
+Constellation derselben vielleicht günstiger sein möchte und Preußen die
+Aussicht hätte, Alliirte in einem Conflikt mit uns zu finden. — Ohne eine
+Genugthuung für unsere Würde, ohne eine Sicherstellung unserer
+Interessen für die Zukunft aber,“ — fuhr er laut mit entschiedenem Tone
+fort, „wird die öffentliche Meinung sich nicht beruhigen die bloße
+einfache Anzeige der Zurückziehung der Candidatur des Prinzen Leopold
+wird im Corps legislatif eine sehr ungünstige Aufnahme finden, und wenn
+die Regierung sich damit begnügt, so wird man das allgemein als ein
+Zeichen großer Schwäche ansehen, und das so lebhaft erregte
+Nationalgefühl wird sich auf das Entschiedenste gegen Eure Majestät
+wenden, zum großen Schaden für den Nimbus des Kaiserreichs, welcher erst
+so eben durch das Plebiscit wieder hergestellt worden ist.“
+
+„Aber welche Genugthuung, welche Garantien,“ fragte der Kaiser,
+„könnten denn gegeben werden?“
+
+Die Kaiserin unterdrückte mühsam ihre innere Erregung, während sie ihr
+Spitzentaschentuch in der Hand zusammenpreßte.
+
+„Sire,“ antwortete Jérome David, „die Beleidigung Frankreichs bestand
+darin, daß über die Hohenzollernsche Combination von Preußen keine
+Mittheilung an Frankreich gemacht wurde. Die Frage für die Zukunft
+besteht darin, daß jene heut zurückgezogene Candidatur jeden Augenblick
+wieder aufgenommen werden kann, — dem entsprechend muß die Genugtuung und
+diese Garantie gefordert werden. Die Genugthuung muß meiner Überzeugung
+darin bestehen, daß der König von Preußen Eurer Majestät anzeigt, er
+habe dem Prinzen befohlen und — zwar mit Rücksicht auf die Intervention
+Frankreichs — von seiner Bewerbung um den spanischen Königsthron Abstand
+zu nehmen. Die Garantie muß darin bestehen, daß der König weiter
+erklärt, er werde auch in der Zukunft niemals erlauben, daß der Prinz
+auf jene Candidatur zurückkomme. Wenn der Kammer eine solche Erklärung
+vorgelegt wird, so wird der Eindruck ein tiefer und befriedigender sein,
+jeder andere Abschluß der Sache wird dem Nationalgefühl nicht genügen
+und dasselbe, wie ich wiederholen muß, gegen Eure Majestät und die
+kaiserliche Regierung richten.“
+
+Der Kaiser strich langsam mit der Hand über seinen Bart, dann richtete
+er den Blick fragend auf den Herzog von Gramont.
+
+„Sire,“ sagte dieser, „ich kann den Bemerkungen des Herrn Baron David
+die innere Berechtigung nicht absprechen, vor Allem aber muß derselbe
+die Stimmung im Corps legislatif am allerbesten und genauer kennen, als
+ich; und das Ziel, nach welchem bei der Behandlung dieser ganzen
+Angelegenheit gestrebt werden muß, ist ja doch jedenfalls die Bestärkung
+des Ansehens der kaiserlichen Regierung. Nachdem die Sache so weit
+gediehen ist, dürfen wir nach meiner Ansicht mit keiner Halbheit
+abschließen, sondern müssen wirklich den als vollgültig anerkannten
+Beweis liefern, daß man die Würde Frankreichs nicht ungestraft
+beleidigen, seine Interessen nicht ungestraft gefährden könne.“
+
+„Nur ein solcher Beweis, über alle Zweifel und Mißdeutungen erhaben,“
+fiel der Baron Jérome David lebhaft ein, „wird das Corps legislatif und
+die öffentliche Meinung von ganz Frankreich beruhigen.“
+
+Der Kaiser sank seufzend in sich zusammen.
+
+„Ich war so zufrieden, diese Angelegenheit endlich beendet zu wissen,“
+sagte er leise.
+
+Die Kaiserin zuckte fast unmerklich die Achseln, ein Blitz sprühte aus
+ihren Augen.
+
+„Glauben Sie denn,“ sagte Napoleon sich zum Herzog von Gramont wendend,
+„daß eine solche Erklärung, wie sie der Baron für nöthig hält, zu
+erreichen und schnell zu erreichen möglich sei, damit diese Sache nicht
+noch mehr in die Länge gezogen werde und die öffentliche Meinung sich
+immer mehr echauffire.“
+
+„Ich bin überzeugt, Sire,“ sagte der Herzog, „daß nichts leichter sein
+wird, als eine solche definitive Erklärung zu erlangen, um so mehr, wenn
+man die Form wählt, welche der Baron David so eben schon angedeutet hat,
+die Form eines persönlichen Briefes des Königs Wilhelm an Eure Majestät
+und sich damit gewißermassen auf den vom Könige selbst eingenommenen
+Standpunkt stellt, daß diese ganze Angelegenheit ihn nur persönlich als
+Chef seines Hauses berühre und die preußische Regierung als solche
+nichts angehe. Wenn Benedetti, der ja dem Könige eine angenehme und
+sympathische Person ist, in der ihm eigenen geschickten Weise die Sache
+dort darstellt, so bin ich überzeugt, daß der König keinen Augenblick
+zögern wird, einen Brief an Eure Majestät zu schreiben, der die
+geforderte Erklärung enthält und den man ja dann nachher der
+öffentlichen Meinung in Frankreich dennoch als einen Act der preußischen
+Regierung wird darstellen können. Denn,“ fügte er lächelnd hinzu, „diese
+öffentliche Meinung kann sich nicht zu dem subtilen Unterschied erheben,
+welchen Seine preußische Majestät zwischen seinen beiden Eigenschaften
+als Familienchef und Staatsoberhaupt zu machen sich gefällt.“
+
+„Die Sache müßte aber durchaus,“ sagte der Kaiser, „in aller
+vorsichtigster und versöhnlichster Weise behandelt werden, damit ja kein
+ernster Conflict daraus entsteht.“
+
+„Und wenn ein solcher Conflict daraus entstünde,“ rief die Kaiserin,
+welche ihre innere Erregung nicht länger bemeistern konnte, „wollen wir
+davor zurückschrecken? Soll Frankreich, welches in der Krim und in
+Italien gesiegt hat, welches die Adler des großen Kaisers auf seinen
+Fahnen trägt, sich von einem Wege abschrecken lassen, welchen das Recht
+und die Ehre, die Klugheit, ja die politische Nothwendigkeit
+vorschreibt, aus Besorgniß, daß der Widerstand der Gegner auf diesem
+Wege kriegerische Verwickelungen entstehen lassen könnte? Unsere Armee
+ist im herrlichsten Zustand, sie brennt vor Ungeduld, zu zeigen, daß sie
+noch immer die erste in Europa ist.“
+
+„Was sagt der Marschall Leboeuf,“ fragte der Kaiser den sinnenden,
+sorgenvollen, nachdenklichen Blick auf den Herzog von Gramont gerichtet.
+
+„Der Marschall erklärt, so bereit zu sein, als nur immer möglich,“
+erwiderte der Herzog, „er wird Eurer Majestät ohne Zweifel den Beweis
+darüber liefern —“
+
+„Auch sind wir der thätigen Mitwirkung Österreichs sicher,“ rief die
+Kaiserin, „um dieses übermüthige Preußen von zwei Seiten zu fassen und
+ihm zu zeigen, was es heißt, Frankreich zu beleidigen.“
+
+„Österreich,“ sagte der Kaiser, abermals fragend den Blick auf den
+Herzog von Gramont richtend, „glauben Sie, daß wir auf Österreich
+rechnen können — Fürst Metternich sagt das Gegentheil wie Sie wissen
+werden,“ fügte er mit scharfer Betonung hinzu.
+
+„Sire,“ sagte der Herzog lächelnd, „Fürst Metternich sagt, was er sagen
+soll, und was man für die offizielle Constatirung der Haltung
+Österreichs nöthig zu haben glaubt. Wenn wirklich, was ich in keiner
+Weise glaube, aus der Behandlung der schwebenden Angelegenheit ein
+ernster Conflict erwachsen sollte, so wird allerdings Österreich im
+ersten Augenblick eine neutrale abwartende Stellung einnehmen, schon
+weil der russische Einfluß lähmend auf seinen Entschlüssen lastet. Nach
+den ersten Niederlagen der preußischen Armee aber“ —
+
+„Die sehr schnell kommen werden,“ rief die Kaiserin.
+
+„Nach diesen ersten Niederlagen, Sire,“ fuhr der Herzog fort, „wird
+Österreich aus seiner Reserve hervortreten. Dann wird auch in Rußland
+die ganze französisch gesinnte Partei mächtig werden, und der
+vorsichtige Fürst Gortschakoff wird nicht wagen, sich diese Partei und
+das siegreich vorschreitende Frankreich zu gleicher Zeit zu Feinden zu
+machen. Dann, Sire, wird der Augenblick gekommen sein, in welchem
+Preußen isolirt von zwei Seiten gefaßt, von seiner Höhe herabgestürzt
+werden wird. Das Werk von 1866 wird in Trümmer sinken, und wir werden es
+in unserer Hand haben, Deutschlands politische Organisation so zu
+construiren, wie es für unsere Interessen genehm ist, und zugleich für
+Frankreich diejenigen Gebiete zurück zu nehmen, welche man uns in der
+Zeit des großen nationalen Unglücks entrissen hat.“
+
+Die Augen des Kaisers leuchteten einen Augenblick in freudigem Stolz
+auf. Er erhob sein Haupt, als sähe er die Bilder der Zukunft, welche der
+Herzog andeutete, vor seinem Blick aufzeigen. Dann aber ließ er den Kopf
+wieder matt herabsinken und sprach:
+
+„Dazu gehören zwei gewonnene Schlachten — und wer giebt mir die
+Bürgschaft, daß sie gewonnen werden? Gewonnen über eine Armee, von
+welcher mir der Oberst Stoffel schreibt, daß keine andere in Europa ihr
+gleich kommt an innerer moralischer Kraft, an Intelligenz und an
+einheitlicher Organisation.“
+
+„Der Oberst Stoffel,“ sagte der Herzog von Gramont, während die Kaiserin
+zornig mit den schönen Zähnen auf die Lippen biß, „ist ein wenig
+geblendet durch die persönlichen Eigenschaften des Grafen Bismarck,
+durch die Liebenswürdigkeit, mit welcher man ihn dort behandelt — er
+sieht außerdem nur die Garde und nicht die Linien und die Milizen in den
+Provinzen, welche nur zögernd und widerwillig in den Krieg ziehen —“
+
+„Das hat das Jahr 1866 nicht bewiesen,“ sagte Napoleon, — „auch beweisen
+die Berichte des Oberst Stoffel, daß er sehr genau über die ganze
+militairische Organisation in Preußen unterrichtet ist, daß er
+namentlich auch die Landwehrorganisation und die ausgezeichneten
+Eigenschaften des preußischen Generalstabs sehr genau kennt —“
+
+„Vielleicht aber hat er vergessen,“ sagte die Kaiserin heftig, „daß dem
+Allen gegenüber die feurige und unwiderstehliche Tapferkeit der
+französischen Armee steht —“
+
+„Und das,“ fiel der Baron Jérome David ein, „in einem solchen Kriege der
+gewaltig aufflammende Nationalgeist Frankreichs hinter seiner Armee
+stehen würde, ebenso wie dies in den großen Kriegen Napoleon's I der
+Fall war. Dieser Geist des Volks ist unbeweglich und,“ fügte er hinzu,
+„wenn er richtig geleitet wird, so wird bei dieser Gelegenheit eine neue
+gewaltige Macht zur Alliirten des Kaiserthums gemacht werden können.“
+
+Der Kaiser sah ihn fragend an.
+
+„Diese Macht, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „ist die
+Marseillaise, die Marseillaise, Sire, welche man verboten hat, weil sie
+ein Gesang des Aufruhrs geworden, die man aber darum nicht aus dem
+Herzen der Franzosen hat reißen können. Würde man bewirken können, daß
+die Marseillaise aufhörte, ein Gesang der Revolution zu sein, daß sie
+das Kriegslied der französischen Nation würde, daß unter ihren Klängen
+die kaiserlichen Adler den Feinden entgegen getragen würden, so würde
+das Kaiserreich und Eurer Majestät Dynastie von dem zauberisch
+gewaltigen Hauch dieses großen Nationalhymnus auf eine vorher nie
+geahnte Höhe empor getragen werden. Eine französische Armee, Sire,
+welche unter den Klängen der Marseillaise ins Feld rückte, würde alle
+Combinationen des preußischen Generalstabs zertrümmern und die
+preußischen Landwehren in unaufhaltsamer Flucht vor sich her fegen.“
+
+Die Kaiserin blickte gespannt auf ihren Gemahl.
+
+Napoleon schüttelte langsam und schweigend das Haupt.
+
+„Und wenn dann, Sire,“ fuhr der Baron David fort, „die französische
+Armee siegreich zurückkehrte, so wäre der Revolution ihre Zauberformel
+genommen, und die Marseillaise würde aus einem wilden Revolutionsgesang
+ein kaiserlicher Siegeshymnus geworden sein.“
+
+Abermals leuchteten die Augen des Kaisers auf, seine Brust dehnte sich
+mit einem tiefen Athemzug aus, und er sprach nach einem Augenblick:
+
+„Wir debattiren da über den Krieg, zu dem es nicht kommen wird — zu dem
+es nicht kommen soll,“ fügte er mit fester Stimme hinzu. „Doch in Ihrer
+Bemerkung, mein lieber Baron, liegt eine tiefe Wahrheit, und ich danke
+Ihnen für die Idee, welche Sie mir gegeben. Je mehr man in Frankreich an
+die Möglichkeit eines Krieges glaubt, um so höher wird der Triumph
+sein, wenn man ohne denselben dem Nationalgefühl volle Genugtuung
+schafft. Die Gelegenheit ist günstig, um die Zaubermacht der
+Marseillaise über die Franzosen, welche ich kenne und nach ihrem vollen
+Werth schätze, zu einer mächtigen Waffe des Kaiserreichs zu machen. Ich
+werde den Befehl geben, daß man die Marseillaise erlaubt, bewirken Sie,
+daß man sie singt, daß man sie in den Theatern verlangt — das Plebiscit,
+die Marseillaise und ein diplomatischer Erfolg gegen Preußen — das wird
+ein festes Fundament für den Thron Napoleon's IV — das wird die Krönung
+meines Gebäudes sein. Senden Sie also sogleich,“ sagte er zum Herzog von
+Gramont gewendet, „den Befehl an Benedetti, die besprochene Erklärung
+vom Könige von Preußen zu erbitten, aber in der geschmeidigsten und
+sanftesten Form; er muß sie zu erreichen suchen, ohne daß man dort der
+Sache eine zu große Bedeutung beilegt. Er wird das können, wenn er den
+Schritt, den wir vom Könige von Preußen verlangen, demselben als eine
+Unterstützung darstellt, die er mir zur Beruhigung der öffentlichen
+Meinung gewährt — dann wird sich Alles leicht erledigen.“
+
+Die Kaiserin trat leicht mit dem Fuß auf den Boden, ein Zug fast
+höhnischen Unmuths erschien auf ihrem Gesicht, dann aber lächelte sie
+wieder und lehnte sich schweigend in ihren Fauteuil zurück.
+
+„Der Baron Werther kommt heute von Ems zurück, Sire,“ sagte der Herzog
+von Gramont, „ich werde ihm, nachdem ich die Instructionen an Benedetti
+abgesendet, die Sache ganz in dem von Eurer Majestät gegebenen Sinn
+darstellen, und er wird gewiß dazu beitragen, die so wünschenswerthe,
+baldige und befriedigende Erledigung der Sache zu erreichen.“
+
+„Thun Sie das, Herr Herzog,“ sagte der Kaiser, „und vergessen Sie nicht,
+Benedetti die äußerste Vorsicht und die höflichste Geschmeidigkeit
+anzuempfehlen.“
+
+„Und ich, Sire,“ sagte der Baron Jérome David, „werde dafür sorgen, daß
+morgen in Paris die Marseillaise erklingt, — man wird sich in Berlin
+erinnern, daß es gefährlich ist, Frankreich entgegenzutreten, wenn
+dieses Lied über seinen Heeren schwebt, und wenn die Tricolore und die
+kaiserlichen Adler seinen Regimentern vorangetragen werden.“
+
+Beide Herren verließen nach ehrerbietigem Gruß gegen die Majestäten das
+Cabinet.
+
+„Nun,“ sagte der Kaiser, indem er aufstand und sich lächelnd zur
+Kaiserin wandte, „Sie werden jetzt zufrieden sein, Eugenie, wir werden
+einen großen Triumph erleben, ohne uns der Gefahr eines Krieges
+auszusetzen, und Sie werden endlich die Genugthuung haben, die Politik
+dieses Grafen Bismarck ein wenig gedemüthigt zu sehen. Werden Sie heute
+Abend noch empfangen?“
+
+„Nur meinen kleinen Cirkel,“ antwortete die Kaiserin leicht hin und
+etwas zerstreut, als folge sie Gedanken, die unausgesprochen ihr Inneres
+erfüllten.
+
+„Ich bin ermüdet,“ sagte der Kaiser, „und bitte Sie, mich zu
+entschuldigen, ich möchte ein wenig meine Privatcorrespondenz ordnen,
+die ich in den letzten Tagen etwas vernachlässigt habe.“
+
+Er küßte seiner Gemahlin die Hand und kehrte langsam in seine Gemächer
+zurück.
+
+„Welche Schwäche, welche Unschlüssigkeit!“ rief die Kaiserin, als sie
+allein war. „Er möchte die Früchte des Sieges genießen und will doch den
+Kampf nicht wagen. Nun,“ fuhr sie mit flammendem Blick und einem
+stolzen, fast höhnischen Lächeln fort, „die Verhältnisse werden
+mächtiger sein, als er; sie werden ihn über den Rubicon drängen, den er
+nicht wie Cäsar zu überschreiten wagt. So sehr der König von Preußen
+auch den Frieden zu erhalten wünschen mag, seine Geduld wird sich
+endlich erschöpfen, wenn Forderung auf Forderung an ihn gestellt wird,
+und wenn man in Paris erst die Marseillaise singt, wenn die Presse und
+die Tribüne in immer steigendem Maß das Nationalgefühl erhitzen, so wird
+trotz aller Unschlüssigkeit der Krieg kommen — dieser Krieg, der mein
+Krieg ist, den man mir einst danken wird, der mich in den Augen von ganz
+Frankreich zur wahren Französin machen wird, der nothwendig ist, um
+meinem Sohn den Thron zu sichern, meinem Sohn, den ich hinaus senden
+werde, um auf den Schlachtfeldern gegenwärtig zu sein, — wo man ihn
+niemals gesehen hat, diesen anmaßenden Prinzen Napoleon, welcher es zu
+behaupten wagt, daß in den Adern seiner Nachkommenschaft allein das Blut
+des großen Kaisers fließe, und welcher so stolz darauf ist, daß seine
+Mutter und die Mutter seiner Kinder purpurgeborne Prinzessinnen
+waren. — Die Stunde der Entscheidung naht — sie wird den Sieg bringen — und
+dieser Sieg wird Mein sein!“
+
+Sie stand noch einige Augenblicke schweigend, den strahlenden Blick
+auswärts gerichtet, die schönen Züge verklärt von stolzer Zuversicht.
+
+Dann bewegte sie die Glocke.
+
+„Man soll den Thee serviren,“ befahl sie dem Kammerdiener, „ich lasse
+meine Damen und die Herren vom Dienst bitten, einzutreten.“
+
+
+
+
+Achtes Capitel.
+
+
+Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich
+kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück.
+
+Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen.
+Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn
+erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und
+öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt,
+um die Depeschen zu dechiffriren.
+
+Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene
+gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche
+sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt
+schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser
+Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen
+blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin.
+
+„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er,
+„ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man
+ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist
+ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt
+einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das
+heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter,
+welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.
+
+Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn
+legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den
+Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er
+hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt
+die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den
+Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und
+undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare
+Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er
+erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen
+Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer
+klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem
+würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“
+sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße
+hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das
+erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen
+Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive
+die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande
+wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu
+führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft
+eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben
+werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht
+zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich
+größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte,
+wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in
+Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen
+Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade
+gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn
+sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so
+starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist
+der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum
+verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen
+und Plan zu demselben hingetrieben werden.
+
+Was telegraphirt der Herzog?“
+
+Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem
+Botschafter.
+
+Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie
+auf den Tisch.
+
+„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht
+dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn
+in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem
+Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in
+unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann
+doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte,
+welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch
+machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den
+Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht
+entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in
+Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers
+wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“
+
+Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs
+von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz
+Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch
+geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.
+
+Das Gesicht des Grafen Benedetti hatte seine glatte und
+undurchdringliche Ruhe wieder angenommen, er trat dem Prinzen mit
+verbindlicher Höflichkeit entgegen.
+
+„Seine Majestät der König,“ sagte dieser im artigen Ton, „hat mich
+beauftragt, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich nicht in der Lage
+befinde, von einer neuen Unterredung ein Resultat voraussehen zu können,
+da seine Entschließungen vollkommen fest ständen. Der König hat mir
+zugleich befohlen, Eurer Excellenz in seinem Namen zu erklären, daß
+Seine Majestät die Verzichtleistung des Prinzen Leopold approbirte und
+zwar in demselben Sinne und demselben Geist, wie er seine Zustimmung zu
+der Annahme dieser Candidatur ertheilt habe. Was den zweiten Punkt
+betrifft, eine Verpachtung für die Zukunft zu übernehmen, so könne sich
+Seine Majestät nur auf diejenige ablehnende Erklärung zurück beziehen,
+welche er heute Morgen Eurer Excellenz persönlich gegeben habe.“
+
+Keine Muskel bewegte sich im Gesicht Benedetti's, und mit ruhiger,
+klarer Stimme sprach er:
+
+„Ich bin dem Könige unendlich dankbar, daß er die Gnade gehabt hat, mir
+diese Erklärung durch Eure Durchlaucht zugehen zu lassen, und ich werde
+dieselbe sogleich meiner Regierung mittheilen. Doch muß ich,“ fuhr er in
+demselben ruhigen Ton fort, „Eurer Durchlaucht sagen, daß ich betreffs
+des zweiten Punktes soeben noch sehr bestimmte Instructionen vom Herzog
+von Gramont erhalten habe. Ich muß daher meine Bitte um eine neue
+Unterredung mit Seiner Majestät nochmals wiederholen, um so mehr, als
+ich dem Könige vielleicht einige neue, noch nicht erwogene
+Gesichtspunkte mittheilen könnte. Ich muß nach den Instructionen, die
+ich erhalten, den größten Werth auf die gnädige Gewährung meiner Bitte
+um eine nochmalige Audienz legen, sei es auch nur, um nochmal von Seiner
+Majestät die Erklärung wiederholen zu hören, welche er mir heute Morgen
+gegeben hat. Ich bitte Eure Durchlaucht deshalb, den Wunsch, welchen ich
+aussprechen muß, nochmal Seiner Majestät mittheilen zu wollen.“
+
+„Ich werde nicht unterlassen, Eurer Excellenz Auftrag sogleich Seiner
+Majestät auszurichten,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „und werde nicht
+verfehlen, Eurer Excellenz die Allerhöchste Antwort mitzuteilen.“
+
+Mit ausgesuchter Höflichkeit, in welcher jedoch eine gewisse, kalte und
+stolze Zurückhaltung lag, verneigte er sich und verließ von dem
+Botschafter bis zur Thür geleitet, das Zimmer.
+
+„Der Krieg liegt in der Luft,“ sagte er dann, indem er sich seufzend an
+seinen Secretair wandte. „Ich kenne die Höfe, ich fühle, — ich weiß, was
+geschehen wird. Der König wird mich nicht mehr empfangen — er hat sein
+letztes Wort gesprochen.“
+
+„Wenn der König den Botschafter Frankreichs zu empfangen verweigert,“
+rief der Secretair mit blitzenden Augen, „so ist das allein ein Grund
+des Krieges, dessen Gerechtigkeit das Gefühl der ganzen Nation
+anerkennen wird.“
+
+„Sollte es das sein?“ sagte Benedetti leise, indem er nachdenklich den
+Kopf schüttelte, „das würde freilich die nationale Entrüstung
+entflammen. Aber,“ fuhr er fort, „würde darum der Kriegsgrund besser
+werden, der Erfolg gesicherter sein? Doch ich bin erschöpft,“ sagte er
+dann, „und Sie werden es auch sein, können wir auch die Entbehrung des
+Schlafs ertragen, so fordert doch die körperliche Natur ihr Recht auf
+Ergänzung der Substanz, lassen Sie uns frühstücken.“ — Er ließ das
+Frühstück in seinem Zimmer serviren und beide Herren setzten sich
+schweigend und gedankenvoll zu Tisch. —
+
+ * * * * *
+
+Mehrere Stunden waren verstrichen voll unruhiger Erwartung für den
+Grafen Benedetti, welcher sich in seinem Zimmer auf ein Canapé
+niedergelegt hatte, um nach all der Aufregung der letzten Tage wenn
+nicht Schlaf, so doch wenigstens Ruhe für seine erschöpften und
+abgespannten Nerven zu finden.
+
+Endlich, es war bereits Abend — die Zeit des Diners des Königs war
+vorüber — wurde dem Botschafter abermals der Fürst Radziwill gemeldet.
+
+Rasch sprang Benedetti empor und kaum gelang es ihm, den Ausdruck
+unruhiger Spannung von seinem Gesicht verschwinden zu lassen, als er dem
+Adjutanten des Königs entgegentrat.
+
+Noch kälter, noch zurückhaltender als vorher war der Ton, in welchem
+dieser dem Botschafter sagte:
+
+„Der König hat mir befohlen, Eurer Excellenz mitzutheilen, daß er sich
+verpflichtet sähe, eine neue Discussion über den zweiten, von Ihnen
+angeregten Punkt — betreffend die Verpflichtungen und Garantien für die
+Zukunft ganz bestimmt und kategorisch abzulehnen. Was Seine Majestät
+Eurer Excellenz heute Morgen zugesagt hat, ist des Königs letztes Wort
+in dieser Angelegenheit, und der König bittet Eure Excellenz sich
+lediglich und ausschließlich an jenes Wort zu halten.“
+
+Das Gesicht des Grafen Benedetti wurde bei diesen mit äußerster
+Artigkeit, aber auch mit entschiedenster Festigkeit gesprochenen Worten
+des Fürsten Radziwill noch um eine Nüance bleicher. Er ließ einen
+Augenblick die Augenlider herabfallen, wie um den Ausdruck seines
+Blickes zu verhüllen, und ein leichtes Nervenzucken zeigte sich eine
+Secunde um seinen Mund. Schweigend neigte er den Kopf und sprach dann
+mit ruhiger Stimme, in deren Ton keine Aufregung bemerkbar war.
+
+„Ich danke Eurer Durchlaucht für diese Mittheilung und möchte Sie nur
+noch bitten, mir zu sagen, ob die Ankunft des Grafen Bismarck hier, von
+welcher in diesen Tagen gesprochen wurde, heute oder morgen zu erwarten
+ist.“
+
+„Soviel mir bekannt geworden,“ erwiderte der Fürst Radziwill, „hat der
+Graf Bismarck seine Reise hierher aufgeschoben und morgen jedenfalls
+wird seine Ankunft hier nicht zu erwarten sein.“
+
+„Dann bitte ich Eure Durchlaucht,“ sagte Benedetti, „Seiner Majestät zu
+sagen, daß ich nicht weiter auf meiner Bitte bestehe und mich bei den
+Erklärungen des Königs beruhigen wolle.“
+
+Der Fürst verabschiedete sich. Graf Benedetti begleitete ihn zur Thür
+und blieb dann einige Augenblicke schweigend in tiefen Gedanken stehen.
+
+„Der Würfel ist gefallen,“ sagte er mit düsterem Ton, „das Verderben ist
+entfesselt! Wen wird der Blitz treffen, der noch verborgen im Schoß der
+Wolken ruht, welche den Himmel des europäischen Friedens überziehen.“
+
+Er öffnete die Thür des Nebenzimmers und rief seinen Secretair.
+
+„Bereiten Sie Alles zur Abreise vor,“ sagte er im ernsten Ton, „meine
+Mission hier ist zu Ende. Doch,“ fuhr er fort, „ich will bis zum letzten
+Augenblick alle Pflichten der Höflichkeit erfüllen. Wenn es das
+Schicksal will, kann sich vielleicht doch noch eine Gelegenheit bieten,
+das Verhängniß zu beschwören. Gehen Sie zum Hause des Königs und sagen
+Sie dem Adjutanten vom Dienst, daß ich um die Erlaubniß bäte, mich von
+Seiner Majestät verabschieden zu dürfen. Damit verletze ich keine Form
+und kann zugleich meinen persönlichen Wunsch erfüllen, von dem
+Monarchen, der mir soviel Gnade und Wohlwollen bewiesen hat, und von
+dem ich in so verhängnißvollem Augenblick scheiden muß, einen
+freundlichen Abschied zu nehmen.“
+
+ * * * * *
+
+Die Aufregung unter den Badegästen in Ems, welche die ersten Nachrichten
+von den Differenzen über die Hohenzollersche Candidatur erregt hatten,
+war fast vollständig wieder verschwunden. Man hatte zwar die heftigen
+Artikel der französischen Journale gelesen, die nationale Entrüstung,
+welche ganz Deutschland bei diesen Provocationen erfaßte, war auch
+dorthin in die stillen Kreise des Badelebens gedrungen, aber man hatte
+auch wieder Gelegenheit gehabt, hier in unmittelbarer Nähe den so
+freundlichen Verkehr des Könige mit dem französischen Botschafter zu
+sehen. Man hatte gesehen, wie Seine Majestät den Grafen Benedetti
+täglich auf der Promenade auf das huldvollste anredete und einige Zeit
+in lebhafter Conversation mit ihm auf- und niederging. Das Lächeln
+verschwand keinen Augenblick von dem glatten Gesicht des Botschafters
+und der König war ruhig und heiter wie immer.
+
+Baron Werther war wieder nach Paris zurückgereist; der Minister des
+Innern, welchen der Graf Bismarck, der von Barzin kommend, in Berlin
+leicht erkrankt war, zum Könige nach Ems entsendet hatte, war wieder
+nach Berlin zurückgekehrt; der Finanzminister war angekommen, um wie man
+erzählte, Seiner Majestät über Angelegenheiten seines Ressorts Vortrag
+zu halten, und Alles schien wieder in das gewohnte Geleis
+zurückzukehren.
+
+Als nun gar der Telegraph die Nachricht brachte, daß der Prinz Leopold
+von Hohenzollern auf seine Candidatur Verzicht geleistet, und daß Graf
+Bismarck, darin die vollständige Erledigung der ganzen Angelegenheit
+erblickend, seine Reise nach Ems aufgegeben habe, da verschwanden
+vollends die letzten Besorgnisse, und man sah auf der Brunnenpromenade
+nur heitere und lächelnde Gesichter, man verabredete Partien in die
+Berge, und die Unterhaltung, welche so lange von den ernsten
+Gegenständen der Politik in Anspruch genommen war, wandte sich wieder
+den kleinen Ereignissen des Tages zu.
+
+Man sprach von den Toiletten der Herzogin von Ossuna, welche soeben mit
+ihrem Gemahl angekommen war und Alles durch ihren Geschmack und ihre
+Eleganz in den Schatten stellte. Man wiederholte die märchenhaften
+Erzählungen über den Reichthum dieses spanischen Granden, welcher die
+Königin Isabella am Hofe von St. Petersburg vertreten und an diesem
+prachtvollsten Hof Europas einen Glanz entwickelt hatte, der selbst
+dort noch nicht gesehen worden war.
+
+Da plötzlich drang am Nachmittag des 14. Juli in diese wieder zu
+sorgloser, heiterer Geselligkeit sich zusammenschließenden Kreise wie
+ein unvorbereiteter Wetterschlag die Nachricht, daß der König, den man,
+wie er öfter that, nach Coblenz zu seiner Gemahlin hatte fahren sehen,
+der am Abend zurückerwartet wurde, schon in der Frühe des nächsten
+Morgens nach Berlin abreisen werde, daß alle Verhandlungen abgebrochen
+seien, daß Seine Majestät sogar jede weitere Unterredung mit dem
+Botschafter abgelehnt habe, und daß der Krieg unvermeidlich scheine.
+
+Die tiefste Bestürzung verbreitete sich überall. Diejenigen, welche mit
+dem einen oder dem andern Herrn aus der Umgebung des Königs bekannt
+waren, suchten sich demselben zu nähern, um Ausführliches zu
+erfahren — die Umgebung des Königs vermied es zwar, sich in lange
+Gespräche über die Situation einzulassen, doch der ernste, fast
+feierliche Eindruck, welcher auf den Gesichtern aller dieser Herren lag,
+einzelne hingeworfene Bemerkungen und die Bestätigung der für den
+nächsten Morgen feststehenden Abreise des Königs zeigten deutlich genug,
+daß die Befürchtungen, welche überall erregt waren, vollkommen begründet
+seien.
+
+Der französische Botschafter war noch nicht abgereist, aber er hielt
+sich in seiner Wohnung und erschien nicht auf der Abendpromenade.
+
+Bis spät in die Nacht hinein waren alle Straßen mit Menschen gefüllt,
+und die ganze Nacht über dauerte die Unruhe in allen Häusern, denn fast
+alle fremden Badegäste trafen Anstalten zur schnellen Abreise, und die
+Bewohner von Ems sahen mit Bekümmerniß dem plötzlichen Ende einer so
+glänzend begonnenen Saison entgegen.
+
+Schon lange vor acht Uhr am nächsten Morgen, zu welcher Stunde die
+Abreise des Königs befohlen war, hatte der Bahnhof sich dicht gefüllt
+mit einem zahlreichen Publikum, unter welchem die Damen und Herren aus
+dem Kreise der Badegäste, die dem König persönlich bekannt waren, die
+ersten Reihen am Perron einnahmen, der in der Nacht mit Blumenguirlanden
+geschmückt worden war.
+
+Allmälig erschien die Umgebung des Königs, welche den Monarchen nach
+Berlin begleitete. Die Waggons fuhren heran und das zahlreiche Gepäck
+wurde in den bereits vorgefahrenen Zug, in dessen Mitte man den großen
+königlichen Salonwagen erblickte, eingeladen.
+
+Zum Erstaunen aller Anwesenden erschien auch der französische
+Botschafter Graf Benedetti am Bahnhof und begab sich mit unbefangen
+heiterer Miene, Einen oder den Andern aus der Badegesellschaft begrüßend
+auf den Perron, wo er seinen Ueberrock ablegte und im schwarzen Anzug,
+das Band des schwarzen Adlerordens über der Brust, ruhig dastand, mit
+den Andern den König erwartend, ohne die erstaunten und wenig
+freundlichen Blicke zu beachten, mit welchen man ihn von allen Seiten
+ansah.
+
+Die Wagen waren bepackt; die Locomotive war schnaubend herangefahren und
+hatte sich an die Spitze des Zuges gestellt; die Lakaien in Reiselivreen
+standen an den Thürschlägen.
+
+Da ertönten vom Badehause einzelne, sich schnell fortpflanzende
+Hochrufe. Wenige Augenblicke darauf fuhr der König an den Perron heran,
+er trug Militair-Rock und Mütze. Der Flügel-Adjutant Fürst Radziwill
+begleitete ihn, der Hofmarschall Graf Perponcher ging dem Könige
+entgegen und meldete, daß Alles bereit sei.
+
+Der König sah frisch und kräftig aus, seine Haltung war stolz und fest,
+und trotz des tiefen Ernstes, der auf seinen Zügen lag, blickten seine
+Augen doch in milder Heiterkeit auf die zu seiner Begrüßung Versammelten
+hin. Er richtete, schnell die Reihe herabschreitend, mit freundlichem
+Kopfnicken alle diese ehrerbietigen Grüße erwidernd, an einzelne
+Bekannte einige Worte. Bei dem Polizei-Präsidenten von Wurmb, welcher im
+Reiseanzug gegenwärtig war, blieb der König einen Augenblick stehen.
+
+„Ich habe Sie gebeten mit mir abzureisen,“ sagte er. „Sie werden viel zu
+thun finden, — unsere Vorbereitungen für die Enthüllung des Denkmals des
+hochseligen Königs,“ fügte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, „werden nun
+wohl für längere Zeit vertagt bleiben.“
+
+„Möge die Errichtung des ehernen Denkmals auch noch hinausgeschoben
+werden, Majestät,“ erwiderte Herr von Wurmb mit bewegter Stimme, „das
+lebendige Denkmal an die große Zeit des hochseligen Herrn, welches in
+jedem Preußenherzen fest begründet ist, wird in diesen Tagen mit
+lebendigen Kränzen der Erinnerung und neuer Hoffnung geschmückt. Wieder
+durchdringt das ganze Volk wie damals der heilige Ruf aus der Zeit des
+eisernen Kreuzes „Mit Gott für König und Vaterland.“
+
+Der König neigte das Haupt, sein Blick fiel auf das schwarz-weiße Band
+des eisernen Kreuzes, das er trug, und indem er dasselbe leicht mit der
+Hand berührte, sagte er halb laut:
+
+„In diesem Zeichen werden wir siegen.“
+
+Er ging weiter. Raschen und festen Schrittes trat er zu dem sich tief
+verneigenden Grafen Benedetti.
+
+„Sie haben gewünscht, Herr Graf,“ sagte der König mit freundlicher
+Höflichkeit, „sich von mir zu verabschieden — leben Sie wohl.“
+
+Trotz der Gewalt, mit welcher der französische Diplomat den Ausdruck
+seiner Züge beherrschte, zeigte sich doch einen Augenblick eine mächtige
+Bewegung auf seinem Gesicht.
+
+„Ich danke Eurer Majestät,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „daß
+Sie mir Gelegenheit geben, von Ihnen Abschied zu nehmen, und ich danke
+Ihnen auch in diesem Augenblick noch einmal für die Gnade und das
+Wohlwollen, welches Sie mir während der Zeit meiner Beglaubigung an
+Ihrem Hofe bewiesen haben. Möchte die Zukunft Alles zum Guten wenden.“
+
+„Die Zukunft liegt in Gottes Hand,“ sagte der König mit fester Stimme,
+und indem er freundlich den Kopf neigte, wandte er sich zur Thür des
+Salonwagens, an welcher der Hofmarschall und die übrigen Herren des
+Gefolges ihn erwarteten.
+
+„Kommen Sie zu mir, lieber Abeken,“ sagte der König, „wir haben
+unterwegs viel zu arbeiten und nehmen Sie St. Blanquart mit, damit alle
+ankommenden Depeschen sogleich dechiffrirt werden können.“
+
+Der Geheime Legationsrath nahm aus der Hand eines Dieners die große
+Mappe, welche seine Papiere enthielt, winkte den Hofrath St. Blanquart,
+welcher in einiger Entfernung von dem königlichen Gefolge stand, heran,
+und beide folgten dem Könige, welcher bereits eingestiegen war, in den
+Salonwagen, während die übrigen Herren ihre Plätze in den Coupés vor und
+hinter demselben einnahmen.
+
+Die Locomotive pfiff, der König trat noch einmal an das Fenster und
+winkte grüßend mit der Hand.
+
+Ein brausender Hochruf ertönte als Antwort auf den königlichen
+Abschiedsgruß und wiederholte sich mit wachsender Begeisterung, während
+der immer schneller dahin rollende Zug den Monarchen aus dem stillen,
+friedlichen Badeort nach seiner Residenz zurückführte, von wo er bald
+hinausziehen sollte an der Spitze des waffengerüsteten Deutschlands, um
+von Neuem den Kampf aufzunehmen gegen den alten Feind seines Hauses und
+seines Landes.
+
+Der König hatte an dem Fenster des Salonwagens Platz genommen und
+blickte durch die hellen Glasscheiben in die lachende Gegend hinaus,
+während der Geheimrath Abeken ihm gegenüber Platz genommen hatte, um
+ihm die verschiedenen eingegangenen Depeschen vorzutragen.
+
+Der Hofrath St. Blanquart saß am Ende des Salons, den Chiffre vor sich,
+eine nach der andern die Depeschen dechiffrirend, welche unmittelbar vor
+der Abreise eingegangen waren und bereit, diejenigen in Empfang zu
+nehmen, welche man auf den einzelnen Stationen erwarten mußte.
+
+„Ich habe Eurer Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, „sogleich zu
+Anfang eine wichtige und erfreuliche Nachricht mitzutheilen. Aus München
+ist gemeldet, daß der König auf den Vorschlag des Ministeriums erklärt
+hat den Casus foederis für gegeben zu erachten, auch hat seine Majestät
+die vorgelegte Mobilisirungsordre genehmigt.“
+
+Der Blick des Königs leuchtete freudig auf.
+
+„Das deutsche Blut der Wittelsbacher verläugnet sich nicht,“ sagte er,
+„sie haben gegen uns gestanden im Kriege von 1866, und sie lieben dort
+vielleicht Preußen nicht zu sehr — aber jetzt wo Deutschland in den Kampf
+tritt, zweifelt dieser junge König nicht, wo sein Platz ist. Nun
+Deutschland wird ihm das nicht vergessen und ich auch nicht, denn von
+nun an, wenn Gott uns in diesem Kampfe beisteht, wird ja die Geschichte
+Preußens und Deutschlands für immer die gleiche sein. Künftig wird die
+deutsche Armee ins Feld ziehen —“
+
+„Wie Brandenburg Preußen wurde, Majestät,“ sagte der Geheime
+Legationsrath, „so wird Preußen Deutschland werden und damit seine große
+Mission vollenden.“
+
+Der König blickte schweigend weit hinaus nach dem Horizont, an welchem
+die an der Bahn liegenden Bäume schnell vorüberflogen.
+
+„Der feste und patriotische Entschluß des Königs Ludwig,“ sagte er nach
+einigen Augenblicken, „ist um so höher anzuerkennen, als es in Baiern in
+allen Kreisen nicht an eifrigen Bemühungen gefehlt hat, die Gelegenheit
+zu benutzen, um eine Sonderpolitik zu machen. Nun ist Deutschland einig,
+und jede Hoffnung Napoleons, die Südstaaten zu sich herüber zu ziehen,
+gescheitert. Von Würtemberg sind noch keine Nachrichten da?“
+
+„Noch nicht,“ sagte der Geheime Legationsrath Abeken, „doch hat Herr von
+Rosenberg berichtet, daß an der patriotischen Haltung Würtembergs nicht
+zu zweifeln sei.“
+
+„So ist denn Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich
+einig,“ sagte der König, „die Zeit ist gekommen, in welcher jener alte
+Spottname der Reichsarmee verschwinden wird, und in welcher die
+deutschen Heere, von Preußen geführt, den alten Kriegsruhm der Nation zu
+neuem Glanz erheben sollen.“
+
+„Alles vereinigt sich,“ sagte der Geheime Legationsrath, „um die
+Zuversicht auf den Sieg, welche ich fest in dem Herzen trage, zu
+bestärken. Auch die Besorgnisse, welche die Haltung Österreichs
+einflößen könnte, sind beseitigt durch die Gewißheit von der
+freundlichen Haltung Rußlands, welche Graf Bismarck meldet. Der
+Ministerpräsident wird Eurer Majestät darüber persönlich ausführlicher
+berichten, doch ist als gesichert zu betrachten, daß jeder feindlichen
+Bewegung Österreichs energisch entgegengetreten werden wird, daß der
+Handel der Ostsee keiner Gefahr ausgesetzt werden soll, alle früheren
+Besprechungen über diese Eventualität sind von Neuem bestätigt worden
+und es ist die volle Sicherheit vorhanden, die ganze ungeschwächte und
+ungetheilte Militairkraft nach der französischen Grenze hin verwenden zu
+können.“
+
+„Der Kaiser Alexander ist ein treuer Freund,“ sagte der König. „Er
+erkennt wie ich auch die politische Notwendigkeit, daß Deutschland und
+Rußland fest zusammenhalten, um gegenseitig ihre Aufgabe zu erfüllen
+und ihre Zielpunkte zu erreichen. Möchten diese beiden Mächte immer
+einig bleiben, dann wird Frankreich die übermüthige Prätension aufgeben
+müssen, die dominirende Rolle in Europa zu spielen.“
+
+Der Zug hielt in Coblenz. Der König trat an das Fenster, nahm die
+Meldung der Generalität entgegen und begrüßte freundlich die zahlreiche
+Menge, welche ihm ihr jubelndes Hurrah entgegen rief. Nach wenigen
+Minuten fuhr man weiter. Depeschen auf Depeschen kamen an. Der Hofrath
+St. Blanquart entzifferte unermüdlich mit lang geübter Sicherheit deren
+Inhalt aus den langen Zahlenreihen und der Geheime Legationsrath Abeken
+trug dem Könige immer neue Nachrichten vor, welche Kunde brachten von
+der immer mächtiger aufflammenden Begeisterung des deutschen Volkes in
+allen Gebieten des weiten Vaterlandes.
+
+Nach einigen Stunden wurde im Salonwagen das einfache Frühstück des
+Königs servirt, der Leibjäger brachte Körbe mit kalter Küche und das
+einfache Reiseservice.
+
+Und einen Augenblick den Vortrag unterbrechend, aß Seine Majestät etwas
+kalten Hummer und trank ein Glas Wein, während er zugleich den Geheimen
+Legationsrath Abeken aufforderte, die ermatteten Kräfte nach so langer
+Arbeit wieder zu ergänzen.
+
+Dann winkte der König noch einmal dem Leibjäger und ließ sich den Korb
+reichen. Er nahm ein Butterbrod und etwas kaltes Fleisch und legte es
+auf einen kleinen Teller.
+
+„Ein Glas Wein,“ befahl er dann.
+
+Der Leibjäger servirte ein Glas Bordeaux.
+
+Der König nahm es in die Hand, den kleinen Teller in die andere und so
+ging er durch den Salon zum Hofrath St. Blanquart hin, der noch immer
+eifrig und unermüdlich eine Zahlenreihe nach der andern dechiffrirte.
+
+„Halten Sie einen Augenblick ein,“ sagte der König mit freundlichem
+Lächeln, „mein lieber St. Blanquart, von Chiffrezahlen kann kein Mensch
+leben. Nehmen Sie hier, was ich Ihnen bringe, wir müssen uns schon ein
+wenig an das Campagneleben gewöhnen.“
+
+St. Blanquart stand ganz erschrocken auf.
+
+„Majestät,“ sagte er, „welche Gnade — Eure Majestät denken selbst an
+mich —“
+
+„Soll ich denn nicht an meine Diener denken,“ sagte der König, „die Tag
+und Nacht für mich arbeiten — nehmen Sie schnell, wir haben nicht viel
+Zeit zur Ruhe.“
+
+Er stellte den Teller vor den Hofrath hin, gab ihm das Glas Wein in die
+Hand und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Fenster zurück, wo er
+gedankenvoll hinaus in die Ebene schaute, wartend, bis die beiden Herren
+ihr Frühstück vollendet hatten, dann erst ließ er den Korb und das
+Service hinaustragen und die Arbeiten wieder aufnehmen.
+
+Weiter und weiter brauste der Zug. An allen Bahnhöfen wurde der König
+von dichten Menschenmassen begrüßt, deren jubelnde Zurufe immer
+lebhafter und begeisterter wurden.
+
+„Krieg! Krieg gegen Frankreich!“ hörte man fast überall.
+
+Dazwischen ertönten einzelne Stimmen:
+
+„Nach Paris! Nieder mit Napoleon!“
+
+Auf jede Weise documentirte sich die patriotische Begeisterung des
+Volkes.
+
+Bei allen solchen Rufen blickte der König tief ernst über die
+Menschenmenge hin.
+
+„Sie rufen nach Krieg,“ sprach er leise, „sie bewegt die patriotische
+Begeisterung und hebt sie über alle Sorgen der Zukunft hinweg. Aber
+Niemand kennt so genau wie ich die Opfer, welche die nächste Zeit dem
+gesammten Vaterlande auflegen wird, und ich muß ja doch das
+entscheidende Wort sprechen. Nun, Gott weiß, daß dies entscheidende Wort
+mir abgerungen ist, und daß nicht Ehrgeiz und Übermuth mich zum Kampfe
+treibt, darum wird mir Gott seinen Segen geben, an dem Alles gelegen
+ist. Eine solche Hingebung, eine solche Begeisterung des Volkes ist ja
+der beste Segen Gottes!“
+
+Nachdem in Cassel ein schnelles Diner eingenommen war, nachdem in
+Magdeburg auf dem geschmückten Bahnhof der König mit hohem Enthusiasmus
+begrüßt worden, hielt der Zug in Burg. Auch hier war eine Kopf an Kopf
+gedrängte Menschenmenge versammelt, und ein donnerndes Hurrahrufen
+begrüßte die Abfahrt des königlichen Salonwagens.
+
+Der König trat abermals an das Fenster und winkte mit der Hand über den
+Platz hin.
+
+Da mit einem Mal verstummten die jubelnden Stimmen, eine tiefe Stille
+trat ein, und ein an der Seite des Perrons aufgestelltes Musikcorps
+begann eine voll anklingende ergreifende Melodie zu spielen.
+
+Der König lauschte den Tönen, welche hier an Stelle des „Heil Dir im
+Sieger-Kranz“, das ihn sonst überall begrüßt hatte, ertönten. Er schien
+in seiner Erinnerung zu suchen nach diesen Tönen und blickte wie
+fragend auf den Legationsrath Abeken hin, welcher rückwärts vom Fenster
+neben seinem Sessel stand.
+
+„Es ist die Wacht am Rhein, Majestät,“ sagte der Geheime Legationsrath.
+
+Still schweigend blickte der König vor sich hin.
+
+„Die Wacht am Rhein, — die Wacht am Rhein,“ sagte er tief sinnend,
+während die Melodie draußen weiter klang, und erst einzelne Stimmen,
+dann ein immer vollerer Chor die Musik zu begleiten begann. —
+
+„Die Wacht am Rhein, — ja, ja, das ist es, das ist schön — das ist sehr
+schön, das ist das wahre Wort, welches einfach, herrlich und groß den
+tiefen Gedanken ausdrückt, der diese Tage bewegt, und der das ganze Volk
+zusammenführt zur Abwehr des verwegenen Angriffs.“
+
+Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber
+die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll
+und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle
+diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden
+Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus
+der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem
+Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.
+
+So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch
+den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der
+Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten.
+
+Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof
+der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort
+versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf
+dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als
+kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den
+Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an
+seine Lippen führte.
+
+Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen
+Augenblick schweigend an die Brust.
+
+„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend
+meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft
+Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott
+hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk
+nochmals zum Siege zu führen.“
+
+Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich
+wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs
+fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck
+und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief
+bewegt entgegentraten.
+
+„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit
+aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte
+Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel
+zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser
+großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu
+vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den
+europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so
+großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei
+Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen
+werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“
+
+Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann
+wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach
+mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die
+Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath
+St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem
+Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.
+
+„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung
+gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich
+glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und
+Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen
+müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im
+Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er
+hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den
+Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins
+Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den
+alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme
+kämpfen mußte.“
+
+„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im
+heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern.
+Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand
+ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen
+Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns,
+sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen,
+und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite
+hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten
+Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist
+vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg
+zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge
+Neutralität Österreichs überwachen.“
+
+Der König nickte mit dem Kopf.
+
+„Wir werden weiter darüber sprechen,“ sagte er. — „Süddeutschland steht
+ohne Rückhalt und ohne Schwanken zu uns?“
+
+„Zu Befehl, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „trotz aller Agitationen
+der feindlichen Parteien werden die Könige von Baiern und Würtemberg
+fest an ihren Verträgen halten, und die Stimmung der Bevölkerung hebt
+sich nach Allem, was mir berichtet wird, immer mehr zu einmüthiger
+nationaler Begeisterung. Ich denke meinerseits noch ein wenig dazu
+beizutragen, die ganze öffentliche Meinung in Deutschland und in den
+übrigen Ländern von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen und
+den eigentlichen Kernpunkt des französischen Angriffs klar zu legen.“
+
+Der König blickte den Minister fragend an.
+
+„Eure Majestät erinnern sich,“ sagte Graf Bismarck, „der schmählichen
+Propositionen, welche von Frankreich uns bei wiederholten Gelegenheiten
+gemacht worden sind, und welche uns einen unwürdigen Handel um die
+nationale Entwickelung Deutschlands anboten, indem wir durch Raub an
+Dritten das erkaufen sollten, was das selbstständige Recht Deutschlands
+ist. Eure Majestät erinnern sich des Vertragsentwurfs, welchen mir
+Benedetti einst gegeben hat, und in welchem für die Eroberung Belgiens
+die Süddeutschen Staaten, über deren Selbständigkeit und Unabhängigkeit
+man in Paris so viel gesprochen hat, uns von Frankreich überliefert
+werden sollten.“
+
+„Ich erinnere mich,“ sagte der König.
+
+„Nun, nun, Majestät,“ fuhr Graf Bismarck fort, „der innere, der wahre
+Grund dieses jetzt so vermessen heraufbeschworenen Krieges liegt darin,
+daß wir jenen Handel alle Zeit fest und entschieden zurückgewiesen
+haben. Man will jetzt versuchen mit Gewalt zu nehmen, was wir nicht
+verkaufen wollten. Ich habe über alle jene Vorschläge bisher das tiefste
+Stillschweigen beobachtet, damit von unserer Seite nichts geschehe, um
+einen so verhängnißvollen Bruch herbeizuführen. Nun aber, Majestät, ist
+wie ich glaube der Augenblick gekommen, um die wahren Absichten und
+Pläne Frankreichs vor aller Welt zu enthüllen, und wenn Eure Majestät es
+erlauben, werde ich jenen Vertragsentwurf, den Benedetti und der Kaiser
+Napoleon nicht ableugnen können, den Vertretern der Mächte und der
+öffentlichen Meinung Europas mittheilen. Die Süddeutschen werden sehen,
+wohin sie mit der hier und da gehegten Hoffnung auf Frankreich gekommen
+wären. England wird sehen, was die Verträge über Belgien in Frankreichs
+Augen zu bedeuten haben und abgesehen von der äußeren Form dieser
+unerhörten Provocation wird auch die innere Gerechtigkeit unserer Sache
+vor den Augen aller Welt klar werden. Damit wird eine große moralische
+Macht uns zugeführt werden.“
+
+Der König nickte zustimmend mit dem Kopfe.
+
+„Ja, ja, darin liegt der wahre Grund dieses so lang zurückgehaltenen
+Krieges, und es kann nur nützlich sein, wenn alle Welt das klar
+erkennt. — Ich habe auch,“ sagte er nach einigen Augenblicken, während
+eine tiefe Bewegung aus seinen Augen leuchtete, „ich habe auch daran
+gedacht, unsere Waffenmacht durch eine moralische Kraft zu verstärken
+und der Begeisterung des Volkes einen idealen Halt, ein heiliges Zeichen
+zu geben, zu dessen siegreichem Einfluß ich ein gläubiges Vertrauen
+habe.“
+
+Der Kronprinz und die andern Herren blickten erwartungsvoll in das
+bewegte Gesicht des Königs.
+
+„Ich will das eiserne Kreuz wieder herstellen,“ sagte der König, indem
+er wie unwillkürlich die Hände faltete und einen Augenblick die Augen
+niederschlug, um den feuchten Schimmer zu verbergen, der an seinen
+Wimpern erglänzte — „das wird die großen, frommen Erinnerungen wach rufen
+und die Begeisterung jener vergangenen Zeit auch der Gegenwart wieder
+erwecken. Die Ritter des eisernen Kreuzes sterben aus, ich will das edle
+Zeichen auch für Dich und Deine Generation,“ sagte er zum Kronprinzen
+gewendet, „erhalten als ein Vermächtniß der Erinnerung an mich und
+meinen Vater.“
+
+„Und ich verspreche Dir,“ rief der Kronprinz in mächtiger Erregung, „daß
+ich nicht ruhen und rasten will, bis ich dies heilige Zeichen mir
+erkämpft habe.“
+
+Schweigend, voll Liebe und Bewunderung blickten die Minister auf den
+König, der noch einige Augenblicke in stillem Sinnen da saß.
+
+Ein langer Pfiff der Lokomotive ertönte. Man fuhr in den provisorischen
+Potsdamer Bahnhof ein. Bereits war die Dunkelheit des späten Abends
+herabgesunken, der mit Blumenguirlanden geschmückte Bahnhof war
+erleuchtet, ein einfacher Kronleuchter hing an der Decke des
+provisorisch hergestellten königlichen Wartezimmers.
+
+Auf dem Perron erwarteten den König die Spitzen der Behörden, der
+Magistrat, die Generalität, die Hofchargen und zahlreiche Damen mit
+prachtvollen Blumenbouquets in der Hand.
+
+Ein mächtiger Hurrahruf erschallte über den ganzen Bahnhofsplatz hin als
+der königliche Zug am Perron vorfuhr. Auf dem Perron entblößten sich
+alle Häupter, die Hüte wurden in die Luft erhoben, die Damen wehten mit
+den Tüchern.
+
+Der König und der Kronprinz stiegen aus.
+
+In der vordersten Reihe stand der greise Feldmarschall Wrangel.
+
+Rasch schritt der König zu demselben hin und reichte ihm die Hand, in
+tiefer Bewegung beugte sich der Feldmarschall nieder und drückte seine
+Lippen auf die königliche Rechte.
+
+„Ich begrüße in Ihnen, mein lieber General-Feldmarschall, meine Armee,
+die von Neuem zeigen wird, daß sie ihrer Veteranen würdig ist.“
+
+Der Feldmarschall wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm einige
+Augenblicke.
+
+„Oh warum, Majestät,“ sagte er endlich in abgebrochenen Worten, „warum
+gehöre ich heute zu diesen Veteranen, warum wollen die alten Glieder
+heute nicht so vorwärts wie das Herz, das noch immer nicht alt wird.“
+
+„Nun,“ sagte der König, die Hand leicht auf die Schulter des
+Feldmarschalls legend, „wenn Sie auch heute nicht mehr ins Feld ziehen
+können, Ihr Geist und Alles, was Sie für meine Armee gethan, das zieht
+doch mit hinaus und das wird ebenso schwer bei der Entscheidung wiegen,
+ja schwerer, als die Kraft der jungen Arme, denn der ruhmvolle Geist der
+Vergangenheit, der in meiner Armee weht, ist es, der sie zum Siege
+führen wird. Ich werde,“ fügte er freundlich zu dem Feldmarschall
+gewendet, hinzu, „das eiserne Kreuz wieder herstellen, damit die
+Veteranen der künftigen Generation auch dasselbe schöne Zeichen tragen
+können, das wir Alten uns in den großen Tagen der Vergangenheit erworben
+haben.“
+
+„Das freut mir von ganzem Herzen,“ sagte der Feldmarschall, indem sein
+altes, treuherziges Gesicht von Glück und Freude strahlte. „Das haben
+Eure Majestät recht gemacht, das wird unseren Jungens wieder den Geist
+von 1813 einhauchen. Dieser Geist fängt schon an zu wehen, ich habe da
+gestern ein Witzblatt gesehen, worüber ich mir sonst geärgert habe, die
+Berliner Wespen, die haben einen preußischen Soldaten gemalt, der dem
+Napoleon die Faust unter die Nase hält und ihm sagt: „Dir hat wohl lange
+nicht die Nase geblutet.“ Das ist richtiger preußischer Geist, Majestät,
+und ich habe mir auch gleich hingesetzt und dem Schreiber von diesem
+Wespenblatt über sein Bild meinen Glückwunsch gesagt.“
+
+Der König lächelte.
+
+„Sie haben Recht, lieber Feldmarschall, je ernster die Zeit, um so
+weniger darf dem Soldaten der Humor ausgehen, und damit hat es bei uns
+Berlinern noch gute Wege.“
+
+Er wandte sich um und begrüßte freundlich die Damen, deren dargereichte
+Bouquets er entgegennahm, sich entschuldigend, daß er sie nicht alle
+halten könne und sie dem Adjutanten zur Aufbewahrung übergeben müsse.
+Dann trat er in das Wartezimmer, wohin ihm die Deputationen der
+städtischen Behörden, die Generale und die Hofchargen folgten.
+
+Der Unterstaatssecretair von Thiele war unterdessen an den Grafen
+Bismarck herangetreten und hatte ihm ein für ihn angekommenes Telegramm
+übergeben.
+
+Graf Bismarck durchflog es, dann trat er mit blitzenden Augen in das
+Wartezimmer zum König, der so eben die Begrüßung des Magistrats
+entgegennahm.
+
+„Majestät,“ rief der Graf, „ich habe so eben ein Telegramm des
+Wolf'schen Bureaus erhalten. Die Entscheidung ist da.“
+
+„Ist der Krieg erklärt?“ fragte der König.
+
+„Die Kriegserklärung ist hier noch nicht übergeben,“ erwiderte Graf
+Bismarck, „aber die Erklärung, welche Ollivier im Corps legislatif
+abgegeben hat, ist so gut, wie die formelle Erklärung.
+
+„Ich bitte Sie, zu lesen.“
+
+Graf Bismarck trat, die Depesche in der Hand in den Lichtkreis des
+Kronleuchters und begann mit lauter Stimme zu lesen. Das Telegramm
+enthielt die Darstellung, welche der Großsiegelbewahrer im
+Gesetzgebenden Körper über die Verhandlungen in Ems gegeben hat.
+
+„Der König weigert sich,“ las Graf Bismarck in erhöhtem Ton, „die von
+uns geforderten Verpflichtungen einzugehen und erklärte Benedetti, er
+wolle sich für diesen, wie für jeden andern Fall vorbehalten, die
+Verhältnisse zu Rathe zu ziehen.“
+
+„Richtig,“ sagte der König leise vor sich hin.
+
+„Trotzdem,“ fuhr Graf Bismarck zu lesen fort, „brachen wir aus
+Friedensliebe die Verhandlungen nicht ab, um so größer war unsere
+Überraschung, als wir erfuhren, der König von Preußen habe sich
+geweigert, Benedetti zu empfangen, und die preußische Regierung habe
+das amtlich mitgeteilt.“
+
+„Ist das geschehen,“ fragte der König.
+
+„Nein, Majestät,“ erwiderte Graf Bismarck, „ein Telegramm darüber ist in
+den Zeitungen erschienen. Darüber werden die Vertreter Eurer Majestät an
+den Höfen, bei denen sie beglaubigt sind, gesprochen haben. Es ist eine
+der Verdrehungen der Wahrheit, welche den Zweck haben, uns die Schuld
+des Friedensbruchs aufzuladen und die öffentliche Meinung in Frankreich
+zu erhitzen, vielleicht den Kaiser zum Äußersten zu reizen.“
+
+Finster blickte der König vor sich nieder, und biß die Zähne auf
+einander, ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.
+
+„Unter diesen Umständen,“ las Graf Bismarck weiter, „wäre es ein
+Vergessen unserer Würde und eine Unklugheit gewesen, keine
+Vorbereitungen zu treffen. Wir haben uns bereitet den Krieg, den man uns
+anbietet, anzunehmen, indem wir Jedem seinen Antheil an der
+Verantwortlichkeit hierfür überlassen.“
+
+Zornig trat der König mit dem Fuß auf den Boden, mit dem etwas
+verkürzten Finger seiner rechten Hand fuhr er mehrfach von oben herab
+über den Schnurrbart, wie es in Augenblicken heftiger Erregung seine
+Gewohnheit war.
+
+„General von Roon,“ rief er dann, als Graf Bismarck die Depesche
+zusammenfaltete, zum Zeichen, daß er zu Ende gelesen.
+
+Der Kriegsminister trat heran.
+
+„Ich befehle die Mobilmachung der ganzen Armee,“ sagte der König im
+festen Ton, „sorgen Sie für die unmittelbare Ausführung meiner Befehle.“
+
+„Hurrah!“ rief der General-Feldmarschall von Wrangel. „Es lebe der
+König!“
+
+Die Umstehenden wiederholten diesen Ruf, brausend setzte sich derselbe
+weithin über den Platz und durch die Menschen gefüllten Straßen fort.
+
+„Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir, Graf Bismarck und auch Sie,
+General von Moltke, um alles weiter Erforderliche zu beschließen,“ sagte
+der König.
+
+Dann grüßte er mit freundlichem Ernst die Anwesenden und bestieg mit dem
+Kronprinzen seinen Wagen, in welchen bereits in dichter Menge die ihm
+überreichten Blumenbouquets gelegt waren. Langsam fuhr er durch die
+jubelnden Menschenmassen nach seinem Palais, von neuen, immer lauter
+anschwellenden Hurrahrufen begrüßt, stieg er hier aus, trat noch einmal
+auf die Rampe vor und winkte mit der Hand über den Platz hin.
+
+„Bei einer solchen Begeisterung meines Volkes ist uns der Sieg sicher,
+wir können der Zukunft ohne Furcht entgegen gehen,“ sagte er dann mit
+bewegter Stimme, indem er sich langsam abwandte und in sein Palais
+eintrat.
+
+Lange noch blieb die Menge dicht gedrängt auf dem Platz versammelt,
+immer nach dem Fenster hinblickend und jedesmal, so oft die Gestalt des
+Königs oder auch nur ein vorübergehender Schatten dort sichtbar wurde,
+in erneute Rufe ausbrechend.
+
+Endlich trat ein Leibjäger des Königs auf die Rampe hinaus, winkte einen
+der dort aufgestellten Schutzmänner heran und sprach einige Worte mit
+ihm.
+
+Der Schutzmann näherte sich den Ersten in seiner Nähe.
+
+„Meine Herren,“ sagte er, „Seine Majestät läßt bitten, nach Hause zu
+gehen, der König hat diese Nacht noch viel zu arbeiten.“
+
+„Der König will Ruhe,“ ertönte es unmittelbar durch die Massen hin.
+„Nach Hause! Nach Hause!“
+
+Einen Augenblick legte sich eine tiefe Stille über den ganzen Platz.
+Dann begannen einige Stimmen die feierliche, allbekannte Melodie des
+„Heil Dir im Siegerkranz“ zu intoniren.
+
+Mit gewaltigem Klang stieg dies Lied, das in so einfach großer Weise den
+Geist der unvergeßlichsten Zeit der preußischen Geschichte ausdrückte,
+zum nächtlichen Himmel auf, — dann wurde wieder Alles still.
+
+Leise und ruhig nur in flüsternden Gesprächen sich unterhaltend,
+zerstreute sich diese ganze unabsehbare Menschenmenge, um dem Könige
+Ruhe zu lassen für seine Arbeit, welche dem deutschen Volk in den großen
+nationalen Entscheidungskämpfen den Sieg sichern sollte.
+
+Bald lag der ganze weite Platz im schweigenden nächtlichen Dunkel, nur
+in den Zimmern des Königs brannte bis zum Morgen hin das Licht, welches
+die Arbeit beleuchtete, in die der unermüdliche Monarch sich mit seinem
+Minister und seinem Heerführer vertiefte, und durch die Scheiben des
+Fensters fiel der Strahl dieses Lichts in die Nacht hinaus, auf das aus
+der Dunkelheit in riesigen Umrissen hervortretende Denkmal des großen
+Königs hin, — die Sterne des Himmels blickten in ewiger lichter Ruhe
+herab auf die schlummernde Residenzstadt, welche im täuschenden Schein
+friedlicher Stille da lag, während sie schon in den nächsten Tagen
+Tausende ihre Söhne hinaussenden sollte, um auf blutigen Schlachtfeldern
+von Neuem ihre opferfreudige Treue für den König und das Vaterland zu
+beweisen.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel.
+
+
+Ernst und still saß Fräulein Luise Challier in dem Wohnzimmer des
+alten Hauses in St. Dizier. Traurige Wochen und Monate waren verflossen,
+seit ihr Geliebter sie voll freudiger Hoffnung und Zuversicht verlassen
+hatte. So schwer auch der Abschied von ihm sie erschüttert hatte, so
+hatte sie doch in den ersten Tagen glücklich und froh seiner gedacht;
+sie hatte die Tage gezählt, welche er zu seiner Reise bedurfte, sie
+hatte ausgerechnet, wie lange ein Brief von Hannover gehen müsse, um zu
+ihr zu gelangen und hatte nach Verlauf dieser Zeit mit zweifelloser
+Gewißheit, ungeduldig die Augenblicke zählend, einer Nachricht von ihrem
+Geliebten entgegengesehen.
+
+Als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß eine solche
+Nachricht eintraf, hatte sie dann alle Möglichkeiten der Verzögerung
+sich klar gemacht, sie hatte auch wohl mit einem leichten Gefühl von
+Traurigkeit sich oft gesagt, daß der junge Mann unter dem Eindruck der
+Rückkehr in seine alte Heimath erfüllt von den lebhaften Gefühlen des
+Wiedersehens seiner Mutter gezögert habe, ihr zu schreiben. Ja sie hatte
+sich sogar in eine freudige Stimmung hinein gedacht, indem sie sich
+sagte, daß ihm die Ordnung seiner Verhältnisse und die Erlangung der
+Einwilligung seiner Mutter und seines Oheims zu der neuen Wendung seines
+Schicksals vielleicht schneller gelungen wäre, als er selbst es gehofft,
+und daß er ihr mit der ersten Nachricht vielleicht zugleicht seine
+Wiederkehr nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten anzeigen wolle — damit
+war wieder eine Reihe von Tagen vergangen, bis endlich auch dieser Grund
+nicht mehr zur Beruhigung ihrer immer banger werdenden Unruhe genügen
+wollte. Dann war jene entsetzliche, das ganze innere Wesen des Menschen
+zerstörende Zeit des Wartens gekommen, welche in ihrer dumpfen,
+bleiernen Schwere auf die Seele und den Geist vernichtender wirkt, als
+der härteste, aber bestimmt und klar eintretende Unglücksfall.
+
+Wie die Blume vor dem mächtig niederrauschenden Wetter ihr Haupt senkt,
+um es später wieder frisch und duftig erheben, wie sie, wenn die Blüthe
+gebrochen wird, neue Blüthen treibt, so kann ein mächtiger Wetterschlag
+des Schicksals das menschliche Herz und den menschlichen Geist schwer
+und gewaltig erschüttern; aber nach dieser Erschütterung richtet sich
+der Muth wieder empor, die Kraft kehrt zurück, und neues Glück, neue
+Freude können unter wiederkehrendem Sonnenschein freundlicher
+Schicksalswendungen erwachsen.
+
+Aber wie die Pflanze, der in dürrer Erde das Wasser entzogen wird,
+langsam erstirbt, vergeblich lechzend nach frischer erquickender
+Lebenskraft, und wie die vertrockneten Blüthen die verdorrten Blätter,
+langsam erstarrt und gestorben, sich niemals wieder zu neuem Leben
+aufrichten können, so tödtet und erstarrt das langsame erbarmungslose
+Verschwinden der Hoffnung den Glauben des menschlichen Herzens, und wenn
+es auch mechanisch in regelmäßigem Pulsschlag das Blut durch die Adern
+treibt, sein inneres Leben, der Duft und die Farben kehren ihm nie
+wieder zurück, und es ist todt, lange, lange, bevor es aufhört, zu
+schlagen.
+
+So erstarb langsam und qualvoll die Freude und das Glück und endlich die
+Hoffnung und der Glaube in dem Herzen des jungen Mädchens, und wenn auch
+die Liebe, diese Tochter des Himmels, welche in dem geschaffenen
+Menschen Alles überlebt, weil sie unsterblich ist, wie der Schöpfer, der
+sie in sein Geschöpf legte, — wenn auch diese Liebe nicht aus ihrem
+Herzen verschwand, so erfüllte sie doch das Herz nicht mehr mit Licht
+und Wärme. Es war nur noch eine traurige Flamme frommer Erinnerung wie
+die ewige Lampe in einem Grabgewölbe.
+
+Luise hatte sich zuerst in ihrer feurigen und kräftigen Natur lebhaft
+aufgebäumt gegen den Gedanken, daß der, den sie so sehr liebte und an
+dem ihr Herz mit so vollem und hingebendem Vertrauen hing, sie so
+schnell habe vergessen können.
+
+Qualvolle Unruhe, Zorn, Erbitterung hatten sie erfüllt, immer und immer
+wieder hatte sie Gründe für sein Verstummen gesucht, und von Neuem hatte
+sie ihre Hoffnungen wieder aufgerichtet, um sie immer wieder von Neuem
+zusammen sinken zu sehen. Und alle diese Kämpfe, alle diese Qualen und
+Leiden hatte sie tief in sich selbst verschlossen.
+
+Mit lächelnder Miene hatte sie, als ihr Vater anfing, seine Verwunderung
+über das Schweigen des jungen Mannes auszusprechen, Gründe aufgesucht,
+an welche sie selbst nicht glaubte. Mit Anstrengung aller Willenskraft
+hatte sie sich den Tag über aufrecht erhalten, um vor den Augen ihres
+Vaters und ihrer Hausgenossen ruhig und heiter zu erscheinen;
+sorgfältig hatte sie am Morgen ihre von Thränen und Nachtwachen
+gerötheten Augen gekühlt, um die Spuren ihres innern Leidens zu
+verbergen, und stolz und kalt hatte sie Herrn Vergier, wenn derselbe sie
+zuweilen mit dem Anschein freundlicher Theilnahme nach dem jungen Cappei
+fragte, geantwortet, daß derselbe sich vortrefflich befinde, und daß sie
+hoffe, er werde bald zurückkehren.
+
+Endlich aber war das Alles über ihre Kräfte gegangen, alle Gründe, die
+sie für sich selbst und ihren Vater aufsuchen mochte, konnten nicht mehr
+ausreichen, um dies wochenlange Schweigen des jungen Hannoveraners zu
+erklären, und als endlich eines Tages der alte Challier deutlicher und
+bestimmter seine Besorgnisse und seine Unruhe über das Benehmen des
+jungen Mannes, zu dem er so großes Vertrauen gehabt, aussprach, da war
+sie wie gebrochen in sich zusammen gesunken, zu schwach, den Kampf
+länger auszuhalten und ihre inneren Qualen unter lächelnder Miene zu
+verbergen.
+
+Ein Strom heißer Thränen stürzte aus ihren Augen und laut schluchzend
+warf sie sich in die Arme ihres Vaters.
+
+„Oh, er hat mich verlassen!“ rief sie. „Er hat mich vergessen! Er hat
+sein Spiel mir getrieben hier in der Verbannung, — nun er zurückgekehrt
+ist zu den Seinen in sein Vaterland und in seine alte Heimath, da
+gedenkt er meiner nicht mehr. Und,“ fuhr sie heftiger weinend fort, „da
+hält er es nicht einmal für nöthig, einen Vorwand zu suchen — mir ein
+Wort des Abschieds zu sagen! Nein, er läßt mich langsam vergehen in
+vergeblicher Erwartung! Oh, das ist schlecht,“ rief sie, den Kopf
+emporhebend und mit fast verwirrtem Blick im Zimmer umher starrend — „das
+ist schlecht, das habe ich nicht um ihn verdient! Ich habe ihn doch so
+sehr geliebt, und auch jetzt noch liebe ich ihn,“ rief sie. „Ich zürne,
+mir selbst, fast möchte ich mich verachten, daß ich ihn noch lieben
+kann. Aber dann wieder, wenn sein Bild vor mich hintritt, wenn ich an
+seine Augen denke, die so gut und treu blicken, an alle seine Worte so
+voll Wahrheit und tiefen Gefühls — dann kann ich es nicht glauben, kann
+ich es nicht für möglich halten, daß er mich so vergessen, so unwürdig
+bei Seite werfen sollte, dann erfaßt mich eine namenlose Angst, daß ihm
+ein Unglück widerfahren sei, daß er todt sein möchte. Oh, mein Gott,
+mein Gott,“ rief sie laut aufschreiend, „gieb mir ein Ende dieser
+Qualen, ein Ende dieser Angst, nur einen Lichtblick der Gewißheit, und
+wäre es die traurigste, die schmerzlichste, sie wäre ein Glück gegen
+diesen Zustand.“
+
+Ernst und traurig hatte der alte Herr Challier diesen so plötzlichen
+Ausbruch des Jammers seiner Tochter mit angehört. Voll tiefen,
+liebevollen Mitgefühls sah er auf das junge Mädchen herab, welches
+zitternd in sich zusammen geschmiegt vor ihm stand, die Hände gefaltet
+und den brennenden Blick fragend auf ihn gerichtet, als erwarte sie von
+ihm das Licht und die Aufklärung nach denen ihre Seele dürstete.
+
+„Meine Tochter,“ sagte er, „gieb Dich nicht der Verzweiflung hin. Das
+Leben bietet harte und schwere Schicksalsschläge genug, es muß immer in
+unserm Herzen etwas leben, das uns über das Unglück erhebt, und wäre es
+nur der Stolz und das muthige Selbstgefühl, welches eine Tochter der
+Bragars niemals verlassen soll.“
+
+„Oh, mein Vater,“ rief sie, „ich würde Muth und Kraft haben, Alles zu
+ertragen, wenn er mir gestorben wäre, wenn die Hand der Vorsehung mit
+unwiderstehlicher übermächtiger Gewalt in meine Hoffnungen und in die
+Träume meines Glücks eingegriffen hätte; aber daß es so enden soll, daß
+er mich vergißt, daß er aus dem Kreise meines Lebens verschwindet, ohne
+daß ich weiß wodurch und warum. Das, mein Vater, zerstört meinen Geist,
+das zerbricht meinen Willen und meine Kraft, das untergräbt mein
+Vertrauen an die Gerechtigkeit Gottes.“
+
+„Wenn er sich unwürdig gegen Dich betragen hat, mein Kind, wenn er Dich
+so leicht vergessen konnte, so sollte Dein Stolz sich um so höher
+erheben und Dir den Willen und die Kraft Deiner Seele wiedergeben,“
+sagte Herr Challier mit ernstem, fast vorwurfsvollem Ton. „Aber,“ fuhr
+er fort, „noch ist es so weit nicht, noch kann irgend ein Mißverständniß
+vorliegen. Er kann krank geworden sein, — wenn ich an den jungen Mann
+zurückdenke, wie ich ihn gekannt habe, als er unter uns lebte, wenn ich
+mir sein ganzes Wesen, seinen Charakter vergegenwärtige, so kann ich es
+kaum glauben, daß er Dich so leicht vergessen und verlassen hat; und ich
+muß fast an irgend ein äußeres Hinderniß glauben, das diesem
+unerklärlichen Schweigen zu Grunde liegt.“
+
+„Das sagt auch mir mein Herz,“ rief Luise, indem sie mit einem dankbaren
+und hoffnungsvollen Ausdruck zugleich ihren Vater ansah, „eine Stimme in
+meinem Innern ruft mir zu, er kann nicht so niedrig, so schlecht und
+undankbar sein, um, selbst wenn das Schicksal unserer Verbindung
+unübersteigliche Hindernisse in den Weg entgegenstellte, sich so von mir
+zu trennen.“
+
+„Wenn Du das glaubst,“ sagte der alte Challier, „so mußt Du an ihn
+schreiben und Erklärung von ihm verlangen. Ist er krank, was ja möglich
+ist, so wird der Brief in die Hände der Seinigen kommen, und Alles wird
+klar werden.“
+
+„Ich soll ihm zuerst schreiben,“ rief Luise, indem eine dunkle Röthe ihr
+Gesicht überflog, „ich soll ihn mit meiner Liebe verfolgen — wenn er mich
+vergessen hätte.“
+
+„Wenn Du ihn liebst,“ sagte Herr Challier, „wenn Du Vertrauen zu ihm
+hast, so bist Du ihm und Dir selber schuldig, jenen Schritt zu thun, der
+Dir Aufklärung über ein Mißverständniß oder die unleugbare Gewißheit
+seiner Unwürdigkeit giebt. Es mag ihm widerfahren sein, was da wolle, so
+wird Dein Brief in die Hände seiner Angehörigen kommen und Du wirst
+irgend eine Nachricht erhalten. Und nur wenn er Dich wirklich verlassen
+will, oder wenn er uns eine falsche Adresse gegeben hätte, um seine Spur
+verschwinden zu lassen, wirst Du ohne Antwort bleiben.“
+
+„Du hast Recht, mein Vater,“ sagte Luise, „ich will den Glauben und das
+Vertrauen nicht so leicht aufgeben. Ich will ihm schreiben.“
+
+Sie ging sogleich in ihr Zimmer und schrieb in fliegender Eile Alles,
+was ihr Herz ihr eingab, und als sie geendet hatte und den Brief nochmal
+überlas, sprach sie hoch aufathmend zu sich selbst:
+
+„Wenn dieser Brief in die Hände seiner Mutter gelangt, wenn er nur von
+einem Menschen gelesen wird, der ein fühlendes Herz hat, so werde ich
+erfahren, was ihm begegnet ist, und warum ich keine Nachricht von ihm
+erhalten habe.“
+
+Ihr Vater las den Brief, den sie geschrieben, mit wehmüthigem Blick,
+voll inniger Theilnahme sah er sein Kind an. Die ganze Qual ihres
+Herzens lag zwischen den Zeilen.
+
+Er siegelte den Brief und versah ihn mit der Adresse, welche Cappei
+zurückgelassen hatte und brachte ihn selbst zur Post.
+
+Abermals begann nun jene Zeit der unruhigen Erwartung, des bangen
+Zweifelns zwischen Furcht und Hoffen. Abermals zählte das junge Mädchen
+die Tage, welche ihr eine Antwort bringen konnten. Abermals aber
+verflossen diese Tage, ohne daß die ersehnte Nachricht kam, abermals
+arbeitete sich ihr gemartertes Herz durch alle Fasern dieses
+entsetzlichen Wartens hindurch, dessen Pein keine Ruhe und Rast, keinen
+Unterschied zwischen Tag und Nacht kennt.
+
+Bleicher und bleicher wurden die Züge dieses sonst so lebensfrischen
+Gesichts, aber es war diesmal nicht die zitternde, sehnsuchtsvolle
+Unruhe, nicht die schmerzvoll ringende Verzweiflung, welche sich in
+diesen Zügen malte. Kalt, finster und stolz wurde der Blick des jungen
+Mädchens, oft lächelten ihre Lippen bitter oder preßten sich mit dem
+Ausdruck düsterer Resignation auf einander. Kalt und ruhig ging sie
+einher, verrichtete genau und pünktlich ihre häuslichen Besorgungen, und
+sorgfältig wich sie jedem Gespräch mit ihrem Vater aus, welcher mit
+kummervollen Blicken ihr Treiben beobachtete.
+
+Es waren fast drei Wochen vergangen, seit sie ihren Brief abgesendet, da
+trat sie eines Tages ernst und ruhig vor ihren Vater hin, als derselbe
+nach dem Diner in seinem Lehnstuhl saß und mit klarem Blick und mit
+fester Stimme sprach sie zu ihm:
+
+„Es ist jetzt vorbei, mein Vater, der Traum, welcher eine Zeit lang mein
+Leben erfüllte, ist ausgeträumt. Die Liebe, welche mein ganzes Wesen
+durchdrang, ist in meinem Herzen gestorben, ich habe sie ausgerissen mit
+den letzten Wurzeln, ich habe sie verachten gelernt und will sie nun
+auch vergessen können. Du hast Recht gehabt, mein Vater, der Stolz
+giebt die Kraft, sich aus dem Bann leidenden Jammers zu erheben und im
+Gefühl der eigenen Würde die Niedrigkeit und Schlechtigkeit derer zu
+vergessen, die unser Herz mit Füßen traten. Ich habe ein Jahr meines
+Lebens verloren — das ist Alles,“ sagte sie bitter und hart, „vielleicht
+habe ich dabei gewonnen, denn ich habe die Menschen verachten und die
+eigene Kraft schätzen gelernt. Nimm mich hin, mein Vater, es ist Alles,
+wie es früher war, Deine Tochter gehört wieder Dir und Dir ganz allein.“
+
+Sie schlang ihre Arme um die Schultern ihres Vaters und ließ ihren Kopf
+an seine Brust sinken. Ein leises Zittern flog durch ihre Gestalt wie
+eine letzte Regung des tief schneidenden Schmerzes, der so lange ihr
+innerstes Wesen erschüttert hatte.
+
+Dann aber hob sie den Kopf empor und blickte ihren Vater fest an, wie um
+zu zeigen, daß ihre Kraft größer sei, als ihr Schmerz. Ihre Gesichtszüge
+waren ruhig und unbeweglich, ihre Augen klar und trocken.
+
+Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf.
+
+„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen
+gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du
+darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt
+hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird
+heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du
+wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich
+dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so
+jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie
+ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er
+hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines
+edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für
+das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich
+Dir Ersatz bieten.“
+
+Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich
+empor und sprach stolzen, flammenden Blickes.
+
+„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will,
+glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den
+Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat.
+Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben
+treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde
+ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit
+einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball
+unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte
+Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der
+die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er
+wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen
+bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“
+
+Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging
+hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen.
+
+Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache
+nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause
+seinen Weg.
+
+Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen
+lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft,
+sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik,
+welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und
+aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er
+schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu
+lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das
+Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er
+hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen
+Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern
+gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte
+darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn
+Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein
+immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.
+
+Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich
+freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche
+den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein
+Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die
+Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er
+früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie
+ausgesprochen hatte.
+
+Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend
+gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und
+Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr
+Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn
+Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben
+brachte.
+
+Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige
+Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu
+ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig
+abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller
+dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den
+Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des
+Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger
+eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs
+aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses
+deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen
+König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den
+entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden
+hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und
+der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen,
+die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu
+ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.
+
+Die vollste Übereinstimmung zwischen ihren Anschauungen und Gefühlen
+herrschte zwischen Herrn Challier und Herrn Vergier, und wenn die
+Abendzeitungen die neuesten Nachrichten über die Vorgänge in Paris und
+in Ems brachten, so ergingen sich Beide in gleichen und einander
+ergänzenden Ausdrücken der Entrüstung gegen die deutsche Anmaßung und
+der begeisterten Hoffnung auf einen siegreichen Krieg Frankreichs; und
+mit leuchtenden Blicken hörte Luise diesem Gespräch zu, — jedes Wort fand
+einen Wiederhall in ihrem Herzen. Zum ersten Mal nach langer Zeit schlug
+dies Herz wieder in höherer Wallung auf, die Erinnerung an ihre
+verlorene Liebe verschwand fast vor dem Gefühl des nationalen Stolzes,
+der sie erfüllte.
+
+Eines Abends trat Herr Vergier hastig und von heftiger Aufregung
+zitternd in das Wohnzimmer, in welchem der alte Challier mit seiner
+Tochter saß.
+
+„Die Entscheidung ist da,“ rief er, dem alten Herrn ein Zeitungsblatt
+hinreichend, „alle diplomatischen Künste können diesmal den Krieg, nach
+welchem Frankreich dürstet, nicht aufhalten. Unsere Ehre ist engagirt,
+und wenn die Regierung jetzt nicht unmittelbar handelt, so wird das
+Nationalgefühl dies nicht länger ertragen. Der König von Preußen,“
+sagte er, zu Luise gewendet, während Herr Challier das Zeitungsblatt
+durchlas, „hat es verweigert, den Botschafter Frankreichs anzuhören, ja
+nur zu empfangen. Das ist eine Beleidigung, wie sie im Verkehr der
+Nationen noch nicht vorgekommen ist, und zum Überfluß hat die preußische
+Regierung diese unerhörte Thatsache noch in der schroffsten und
+verletzendsten Form allen übrigen Cabinetten Europa's mitgetheilt. Die
+unmittelbare Kriegserklärung ist die einzige mögliche Antwort auf diese
+Provocation. Bereits sind Eisenbahnzüge angemeldet,“ fuhr er fort,
+„welche die Truppen nach den Grenzen führen, die Commando's sind
+vertheilt, und in vierzehn Tagen vielleicht schon können wir die
+Nachricht von den ersten Siegen unserer Armeen erhalten.“
+
+Einen Augenblick zuckte es schmerzlich über das Gesicht Luisens, dann
+aber leuchteten ihre Augen in hoher Begeisterung auf, fragend richtete
+sie den Blick auf ihren Vater.
+
+Dieser hatte das Zeitungsblatt langsam durchgelesen.
+
+„Ja,“ sagte er ernst, „das ist der Krieg. Ein Krieg, der die Welt
+erschüttern wird, und der hoffentlich alles Unrecht wieder gut machen
+wird, welches das coalirte Europa uns einst gethan. Gott segne
+Frankreich!“ fügte er hinzu, die Hände gefaltet.
+
+„Ja, Gott segne Frankreich,“ flüsterte Luise leise, indem ihr Blick sich
+mit dem Ausdruck innigsten Gebets auswärts richtete.
+
+Herr Vergier schlug einen Moment die Augen zu Boden, dann trat er zu
+Luise hin und sprach nach einem leichten Zögern:
+
+„Fräulein Luise, ich habe nie wieder dessen erwähnt, was früher zwischen
+uns vorgegangen, obgleich die schmerzliche Erinnerung daran mich keinen
+Augenblick verlassen hat. Verzeihen Sie, wenn ich Sie heute daran
+erinnere, aber in einem Augenblick wie dieser, in welchem alle Kinder
+Frankreichs in gemeinsamen Wünschen und Hoffnungen sich begegnen, soll
+es auch zwischen uns klar werden. Sie haben mir einst schwer gezürnt,
+als ich dem bitteren Schmerz Worte verlieh, den mein Herz darüber
+empfand, daß Sie Ihre Liebe einem Fremden, einem Feinde Frankreichs,
+zugewendet. Fräulein Luise, mein treues und tiefes Gefühl für Sie hat in
+seinem Instinct das Richtige erkannt, jener Fremde hat Sie verlassen,
+Ihre Liebe verachtet, — ich habe das nie erwähnt, aber ich habe es wohl
+gesehen, und ich habe auch gesehen, was Sie gelitten haben. Ich will
+heute nicht noch einmal den Verdacht aussprechen, den ich gegen jenen
+Fremden gehegt; die Ereignisse haben jenen Verdacht nicht entkräftet,
+und vielleicht werden auch Sie heute meine damaligen Besorgnisse anders
+beurtheilen, als Sie es zu jener Zeit gethan. Ich kann mir,“ fuhr er
+fort, „nicht denken, daß heute noch in Ihrem Herzen ein Rest von Liebe
+gegen Denjenigen bestehen soll, der vielleicht in diesem Augenblick
+schon mit der Waffe in der Hand gegen die Grenzen unseres heiligen
+Vaterlandes heranzieht —“
+
+Mit stolz blitzenden Augen schüttelte Luise schweigend den Kopf.
+
+„Ich will mir auch nicht anmaßen,“ fuhr Herr Vergier fort, indem bei der
+Bewegung des jungen Mädchens ein freudiger Strahl in seinen dunklen
+Augen aufleuchtete, „ich will mir auch nicht anmaßen, daß es mir möglich
+sei, so schnell in Ihrem Herzen die Gefühle erwecken zu können, welche
+Sie mir früher versagten, aber Freundschaft und Vertrauen werden Sie mir
+heute hoffentlich nicht mehr verweigern können, heute, wo alle Franzosen
+nur eine große Familie bilden.“
+
+Luise reichte ihm mit einer Bewegung voll aufrichtiger Herzlichkeit die
+Hand.
+
+„In Zeiten wie die heutigen, in denen wir großen und vielleicht
+langwierigen Entscheidungskämpfen entgegengehen, bedarf eine Frau mehr
+als je des Schutzes und der Gewißheit einer sichern und ruhigen Zukunft.
+Sie wissen, Fräulein Luise, daß ich mein Glück nur an Ihrer Seite finden
+kann, Sie wissen auch, daß Sie in mir eine treue und feste Stütze für
+das ganze Leben finden werden, Sie wissen, daß Ihr Vater unsere
+Verbindung einst wünschte, und daß er sie vielleicht jetzt wieder
+wünscht. Erlauben Sie mir in diesem großen Augenblick die Frage an Sie
+zu richten, ob Sie in Erwiderung meiner tiefen und glühenden Liebe mir
+Vertrauen und Freundschaft schenken, mir Ihr Leben anvertrauen wollen.“
+
+Luise sah ihn klar und frei an.
+
+„Ich danke Ihnen, Herr Vergier,“ sagte sie, „dafür, daß Sie all des
+Schmerzlichen, das zwischen uns liegt, bisher niemals erwähnt haben, — ob
+in meinem Herzen Dasjenige jemals wieder erwachen kann, was man die
+Liebe nennt,“ fuhr sie mit traurigem Ton, durch welchen eine gewisse
+Bitterkeit hindurchklang, fort, „weiß ich nicht. Freundschaft und
+Vertrauen glaube ich Ihnen geben zu können, und in dieser Freundschaft
+und in diesem Vertrauen antworte ich Ihnen frei und offen. Ja, ich will
+Ihren Antrag annehmen und ich will versuchen, Ihrem Leben soviel Freude
+und Glück zu geben, als aus meinem Herzen noch erblühen kann.“
+
+Mit ruhigem, freundlichem Lächeln reichte sie ihm die Hand, welche er,
+seine leidenschaftliche Bewegung bemeisternd, ehrerbietig an die Lippen
+drückte.
+
+„Aber,“ fuhr Luise fort, „Sie müssen mir versprechen, daß über diesen
+Gegenstand jetzt nicht weiter gesprochen wird. In diesem Augenblick, in
+welchem das Vaterland in Gefahr ist, in welchem Frankreich sich zu einem
+gewaltigen Kampf rüstet, schickt es sich nicht, an etwas Anderes zu
+denken, als an die Zukunft unseres Landes. An dem Tage, an welchem
+unsere Heere wieder siegreich in Paris einziehen, will ich Ihnen meine
+Hand reichen, an jenem Tage soll unsere Verbindung vor dem Altar den
+Segen des Himmels erhalten.“
+
+„Das ist brav gesprochen,“ rief der alte Challier, „gesprochen wie eine
+Französin, wie eine Tochter der alten Bragars.“
+
+„Und damit bin ich von Herzen einverstanden,“ rief Herr Vergier, „und
+wenn es möglich ist, werden nun meine Wünsche noch glühender die Waffen
+Frankreichs begleiten, denn der stolze Tag des großen Nationalsieges
+wird zugleich mit der erneuten herrlichen Größe des Vaterlandes das
+Glück meines Lebens begründen.“
+
+Luise stand langsam auf und trat an ein Pianino, welches zur Seite des
+Fensters stand, sie öffnete dasselbe, setzte sich auf den davorstehenden
+Sessel und schlug in einfachen kräftigen Accorden die ergreifende
+Melodie des Chant du départ an, welche so mächtig und gewaltig alle
+französischen Herzen erfaßt und die Erinnerung an jene von Begeisterung
+glühenden Freiwilligen aufsteigen läßt, die voll Muth und
+Todesverachtung nach den Grenzen hinauszogen, um dort Zeugniß abzulegen
+für die edlen und großen Gedanken, welche in der Revolution lebten und
+welche in dem blutigen Schlamme von Paris untergingen.
+
+Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr
+Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel
+glühenden Abendhimmel hinausblickend.
+
+„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er
+fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste
+französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast
+das Glück meines Lebens zerstört hätte.“
+
+
+
+
+Zehntes Capitel.
+
+
+Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris
+auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten,
+Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und
+lebhaft gesticulirende Gruppen.
+
+Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der
+König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu
+empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch
+eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.
+
+Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris
+hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch
+alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem
+Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des
+Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man
+niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach
+nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch
+von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung
+richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von
+Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das
+unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im
+Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken
+die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von
+Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den
+ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden
+gegen dieselben geführt.
+
+Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man
+las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen
+wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der
+Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern
+in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.
+
+Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud
+kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.
+
+Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum
+politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in
+dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde
+und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.
+
+Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und
+bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche
+der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der
+Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.
+
+Der Kaiser hatte keine militairische Escorte, er saß in Civil gekleidet,
+mit dem General Favé allein im Wagen, der langsam über den
+Eintrachtsplatz fuhr, der so von Menschen angefüllt war, daß nur mit
+Mühe ein Weg für die kaiserliche Equipage frei gemacht werden konnte.
+
+Der Kaiser sah wohler und heiterer aus, als man ihn in den letzten Tagen
+zu sehen gewohnt gewesen war. Er saß gerade aufgerichtet da, ein
+heiteres stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht und mit offenen klaren
+Blicken sah er über diese Menschenmassen hin, welche ihn mit einem
+Enthusiasmus, den er in solchem Maße lange nicht mehr gewohnt war, mit
+unausgesetzten Hurrahrufen begrüßten.
+
+Napoleon dankte wiederholt mit der Hand winkend und wendete sich
+zuweilen mit heiterer Miene zu dem General, um demselben einige Worte zu
+sagen.
+
+Als der Wagen dem alten Hotel Talleyrands gegenüber in die Rue Rivoli
+bog, stimmte eine dort stehende Gruppe junger Leute, die Hüte dem Kaiser
+entgegen schwenkend mit lauter Stimme die Marseillaise an.
+
+Napoleon wandte schnell den Kopf nach der Seite hin, woher diese so
+lange in Frankreich verpönten Töne erklangen, — er hätte auf alle Grüße
+bisher nur mit freundlichen Handbewegungen gedankt. Jetzt nahm er den
+Hut ab und hielt denselben, den Kopf nach jener Gruppe hinneigend, so
+lange in der Hand, bis der Wagen sich der Eingangsthür des innern Hofes
+der Tuilerien näherte.
+
+Ein betäubender Jubelruf, welcher sich bis auf den Carousselplatz
+fortsetzte, dankte dem Kaiser für diese dem wieder erwachten
+Nationalhymnus dargebrachte Huldigung, und immer heiterer und stolzer
+wurde das Gesicht des Kaisers, der nun im schnellen Trabe durch den
+innern Hof am großen Portal des Pavillon de l'Horloge vorfuhr; indem er
+sich nur ganz leicht auf den Arm des General Favé stützte, stieg er mit
+elastischen Schritten die Treppe hinauf und trat in sein Cabinet.
+
+„Sind die Minister hier,“ fragte er den Huissier, der ihm die Thür
+öffnete.
+
+„Zu Befehl, Sire.“
+
+„Ich lasse Sie bitten sogleich einzutreten.“ Wenige Augenblicke darauf
+traten der Herzog von Gramont, Herr Emil Ollivier und der Marschall Le
+Boeuf in das Cabinet des Kaisers.
+
+Trotz seiner vornehmen, ruhigen Sicherheit zeigte der Herzog von Gramont
+eine gewisse Präoccupation, ein wenig unruhig und leicht befangen
+blickte er auf den Kaiser, der stolz aufgerichtet, die Hand auf die
+Lehne seines Sessels gestützt, neben dem runden Tisch in der Mitte des
+Cabinets stand und mit freundlichem Kopfneigen die drei Minister
+begrüßte.
+
+Herr Ollivier befand sich in zitternder, nervöser Erregung. Sein Gesicht
+war bleicher als sonst, seine Lippen zuckten und sein unsicheres Auge
+blickte fast fieberhaft brennend unter der schmalen Brille hervor.
+
+Die schwere markige Gestalt des Marschall Le Boeuf stand fest und ruhig
+da wie immer, sein martialisches Gesicht mit den etwas starr blickenden
+Augen und dem mächtigen Schnurrbart zeigte keinen anderen Ausdruck als
+den einer ruhigen, sorglosen Sicherheit.
+
+Auf einen Wink des Kaisers nahmen die drei Herren um den Tisch Platz, an
+dessen Mitte Napoleon sich niederließ.
+
+„Die Lage ist ernst, meine Herren,“ sagte der Kaiser mit fester voll
+klingender Stimme und ohne jenen Ausdruck unschlüssigen Zögerns, der
+sonst auf seinem Gesicht zu liegen pflegte. „Preußen hat die
+Verhandlungen, welche ich in dem versöhnlichsten Sinne begonnen,
+abgebrochen, und wir werden demgemäß unsere Entschlüsse zu fassen haben.
+Sie haben mir mitgetheilt, Herr Herzog, daß der König von Preußen in
+beleidigender Weise Benedetti zu empfangen, verweigert habe.“
+
+Der Herzog hustete leicht.
+
+„Die Beleidigung, welche Preußen gegen uns begangen, Sire,“ sagte er,
+„liegt nicht so sehr in der Weigerung des Königs mit Benedetti über
+diesen Gegenstand nicht mehr sprechen zu wollen, da er ihm bereits seine
+Meinung bestimmt und endgültig mitgetheilt hatte, als in der Thatsache,
+daß die Weigerung von Berlin aus den übrigen europäischen Mächten
+mitgetheilt wurde.“
+
+Ein sprühendes Feuer blitzte in den groß geöffneten Augen des Kaisers
+auf.
+
+„Das hat man gethan?“ rief er.
+
+„Ich habe heute morgen von allen Seiten,“ erwiderte der Herzog von
+Gramont, „die Mittheilung darüber durch unsere Vertreter erhalten,
+überall ist das Factum durch die preußischen Diplomaten mitgetheilt
+worden, und hierin, Sire, erblicke ich das letzte Glied in jener Kette
+von Nichtachtung, Provokationen und Beleidigungen gegen uns, welche
+Preußen seit langer Zeit an einander gefügt hat. Mein französisches
+Gefühl, Sire, empört sich, das Maß der Geduld und Langmuth ist voll. War
+es schon sachlich, nachdem der König von Preußen die verlangte
+Genugthuung und Garantie für die Zukunft verweigert, sehr schwer, eine
+friedliche Lösung für die vorliegende Differenz zu finden, so ist dies
+nach meiner Überzeugung, welche von meinen Collegen getheilt wird,
+nunmehr ganz unmöglich. Die öffentliche Meinung ist in einer Weise
+aufgeregt, daß wenn nicht die energischste und festeste Antwort auf
+diese preußische Beleidigung erfolgt, der ganze Zorn des empörten
+Nationalgefühls sich gegen die Regierung wenden wird. Nach meiner
+Überzeugung kann diese Antwort nur eine einzige sein. Der Würfel ist
+gefallen, Sire! Wir müssen den Krieg erklären!“
+
+Der Kaiser blickte auf Ollivier und den Marschall Leboeuf.
+
+Auf ihren Zügen lag deutlich die Zustimmung zu den Worten des Collegen.
+
+Napoleon erhob das Haupt und sagte ruhig und fest:
+
+„Ihre Ansicht, Herzog, ist die meinige. Ich habe soeben selbst die
+mächtige Erregung der Bevölkerung wahrgenommen, und eine Regierung, die
+wie die meinige auf dem Willen des Volkes beruht, muß einer so
+gewaltigen und einmüthigen Strömung des Nationalgefühls folgen. Ich
+konnte in den diplomatischen Fragen der Erhaltung des Friedens
+Zugeständnisse machen, und ich habe dies gethan seit einer Reihe von
+Jahren, ich habe die Ansprüche, welche Frankreich machen konnte und
+vielleicht noch entschiedener hätte machen sollen, um das gestörte
+Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen, vertagt, bis dieselben
+vielleicht durch günstige diplomatische Constellationen ohne
+kriegerische Conflicte hätten durchgeführt werden können. Ich habe
+Vorschläge auf Vorschläge nach Berlin gehen lassen, um durch Erlangung
+von Compensationen die Freundschaft mit Preußen zu erhalten und
+vielleicht auch zu einer Allianz mit demselben zu kommen. Man hat das
+Alles zurückgewiesen und ich habe geschwiegen, — immer wartend, immer
+noch hoffend, endlich doch ein Arrangement zu erreichen. Jetzt aber
+handelt es sich nicht mehr um das europäische Gleichgewicht, es handelt
+sich nicht mehr um diese oder jene politischen Arrangements, — Frankreich
+ist beleidigt! Die Ehre Frankreichs ist engagirt! — Es giebt für mich nur
+einen Weg, und diesen Weg bin ich um so fester und um so ruhiger zu
+gehen entschlossen, als die hohe nationale Begeisterung mir die
+Bürgschaft giebt, daß selbst im Falle unglücklicher Zwischenfälle das
+ganze Volk um so einmüthiger und fester hinter mir stehen wird.“
+
+Der Herzog von Gramont athmete auf, seine anfängliche Befangenheit
+schwand bei den Worten des Kaisers, stolze Freude lag auf seinem
+Gesicht.
+
+„Ich glaube an den Sieg, Sire,“ rief Ollivier mit einer gewissen,
+ungeduldigen Hast das Wort ergreifend, als der Kaiser schwieg. „Denn wir
+sind stark und gerüstet nach allen Seiten. Aber sollte auch ein
+augenblicklicher Mißerfolg uns treffen, so wird dies die nationale
+Begeisterung noch mehr und mehr entflammen, und das Kaiserreich wird
+sich in diesem heiligen Feuer immer fester und unauflöslicher mit dem
+Blut und Leben der Nation verbinden. Eure Majestät wissen, wie ich den
+Frieden gewünscht habe, wie die Erhaltung des Friedens meine Bedingung
+bei Übernahme des Portefeuilles war, wenn ich jetzt sage: Der Krieg ist
+nothwendig, sofortige Kriegserklärung ist eine nationale Pflicht für
+Eure Majestät, dann werden Sie überzeugt sein, daß kaum Jemand in
+Frankreich in diesem Augenblick den Frieden wünschen kann, wenn er nicht
+zu gleicher Zeit der Feind Eurer Majestät und des Kaiserreichs ist, wenn
+er nicht wünscht, daß das Kaiserreich sich von dem nationalen Aufschwung
+trennen und damit den ersten Schritt zu seinem Untergang thun soll.“
+
+„Herr Thiers wünscht den Frieden,“ sagte der Kaiser leicht lächelnd, „er
+hat sich im Corps legislatif und auch sonst so öffentlich als möglich
+dafür ausgesprochen.“
+
+„Die öffentliche Meinung, Sire,“ erwiderte Herr Ollivier, „hat ihm
+sogleich darauf die Antwort gegeben, man hat vor seinem Hotel sehr
+lebhafte Demonstrationen gemacht und ihm zugerufen. „Nieder mit dem
+kleinen Preußen!“
+
+„Herr Thiers sollte nicht vergessen,“ sagte der Kaiser, „daß sein König
+Louis Philippe gefallen ist, weil er einen Krieg nicht führen wollte,
+den das Nationalgefühl verlangte, und weil er die Demüthigung
+Frankreichs weiter trieb, als der französische Stolz es ertragen kann.
+Vielleicht möchte Herr Thiers wünschen daß ich denselben Fehler begehe,
+um demselben Schicksal zu verfallen, — sein Wunsch soll nicht erfüllt
+werden. Wollen Sie, mein lieber Herzog, mit Herrn Ollivier die
+Kriegserklärung entwerfen? Ich werde morgen wieder hereinkommen, da ich
+Sie in dieser viel bewegten Zeit, nicht durch eine Fahrt nach St. Cloud
+ihren Geschäften entziehen darf, um dann im gesammten Ministerrath die
+Erklärung fest zu stellen. Bereiten Sie die Pässe für den Baron Werther
+vor.“
+
+„Der Baron, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ist heute bereits
+bei mir gewesen, um mir anzuzeigen, daß er sich auf Urlaub begebe. Es
+sind,“ fuhr er fort, „vor seinem Hotel einige unangenehme
+Demonstrationen vorgekommen.“
+
+„Man soll dort sogleich starke Polizeimacht, — wenn es nöthig ist,
+Truppen aufstellen,“ rief der Kaiser, „und den Botschafter gegen jede
+feindliche Kundgebung auf das Entschiedenste schützen. Die nationale
+Entrüstung darf die Grenzen der völkerrechtlichen Pflichten und des
+Anstandes, den die civilisirten Nationen unter allen Umständen einander
+schuldig sind, nicht überschreiten. Nun aber, meine Herren,“ sagte er
+dann, „nachdem der entscheidende Entschluß gefaßt ist, haben wir nicht
+mehr rückwärts, sondern vorwärts zu blicken. Wir müssen uns klar machen,
+auf welche Weise wir alle Chancen des Erfolges auf unserer Seite
+vereinigen. Wie stehen unsere Beziehungen zu den Mächten? Haben wir
+Aussichten auf Allianzen und directe Unterstützungen?“ fragte er, zum
+Herzog von Gramont gewendet, — „unsere ganze Diplomatie muß die höchste
+Anstrengung entwickeln, um der militairischen Action zur Seite zu
+stehen.“
+
+„Alle Mächte, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „haben die
+Gerechtigkeit unserer Forderung auf Beseitigung der Hohenzollernschen
+Candidatur anerkannt, und es liegt in der Natur der Sache, daß
+Österreich, Schweden und Dänemark schon zu Anfang eine uns freundliche
+Neutralität beobachten werden. Auch rechne ich auf die Preußen so
+äußerst feindliche Stimmung in Süddeutschland, so wie auf die
+unterwühlten Zustände in den annectirten Provinzen.“
+
+„Alles das ist gut,“ sagte der Kaiser mit einer leichten Nüance von
+Ungeduld im Ton, „aber wir haben keine bestimmten Thatsachen, keine
+bestimmten Erklärungen.“
+
+„Ich kann die vielfachen Versicherungen des Herrn von Beust über die
+Identität der Interessen Frankreichs und Österreichs,“ erwiderte der
+Herzog, „nur als die Grundlage der bestimmten Erwartung ansehen, daß
+Österreich mindestens bei den ersten günstigen Erfolgen unserer Waffen
+activ auf unsere Seite treten werde. Noch gestern habe ich eine Depesche
+des Herrn von Beust erhalten, in welcher jene Versicherungen wiederholt
+werden und zugleich ausgesprochen ist, daß Österreich für den Erfolg
+unserer Waffen Alles in den Grenzen der Möglichkeit Liegende thun
+werde, — ich habe Eurer Majestät diese Depeschen sofort zugehen lassen —“
+
+„Ich habe sie gelesen,“ sagte Napoleon die Achseln zuckend, „die Grenzen
+der österreichischen Möglichkeiten sind sehr weit gezogen, — Fürst
+Metternich hat mich beschworen, den Conflict zu vermeiden.“
+
+„Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „ich gebe auf die officiellen
+Schritte Österreichs wenig, sie werden gethan, um nach allen Seiten hin
+sich zu decken und die neutrale Haltung constatiren zu können. Ich lege
+das Hauptgewicht auf meine Kenntnisse der dortigen Verhältnisse und auf
+den natürlichen und nothwendigen Wunsch, von dem sowohl der Kaiser als
+Herr von Beust beseelt sein müssen, jede Gelegenheit zu benutzen, um die
+Niederlage von 1866 wieder gut zu machen.“
+
+„Ich rechne nicht auf Österreich,“ sagte der Kaiser, „seit Jahren habe
+ich dort nichts gefunden, als ohnmächtige Wünsche und schwankendes
+Zögern, das sich nach keiner Seite compromittiren möchte. Etwas Anderes
+ist es mit den Sympathien, die wir in Deutschland selbst finden könnten.
+Baiern und Würtemberg sind durch Frankreich auf ihre heutige Stellung
+erhoben, sie werden sich hoffentlich daran erinnern, und in Baiern hat
+ja die ultramontane Partei eifrig in diesem Sinne gearbeitet. Auf die
+annectirten Provinzen rechne ich weniger, — höchstens bei einem Rückzug
+der preußischen Armee könnte uns dort ein Aufstand unterstützen.“
+
+„Ich muß Eurer Majestät mittheilen,“ sagte der Herzog von Gramont, „daß
+sich ein Graf Breda auf dem auswärtigen Ministerium gemeldet hat,
+welcher Propositionen zu einem Bündniß mit dem König von Hannover zu
+machen beauftragt sein will.“
+
+„Graf Breda?“ fragte der Kaiser, „derselbe, der früher bei unserer
+Gesandtschaft in Stockholm war und dort —“
+
+„Derselbe, Sire,“ erwiderte der Herzog von Gramont, „er scheint jetzt
+im Dienste der Depossedirten seine unterbrochene diplomatische Carriere
+fortsetzen zu wollen.“
+
+Der Kaiser zuckte die Achseln.
+
+„Was proponirt er,“ fragte er.
+
+„Ein hannöversches Corps von zwanzigtausend Mann, wogegen im Fall des
+Sieges die früheren Besitzungen des Welfenhauses zu einem
+Niedersächsischen Königreich wieder vereinigt werden sollen.“
+
+Napoleon lächelte mitleidig.
+
+„Ein Corps von zwanzigtausend Mann,“ sagte er, — „nachdem der König seine
+Legion, die ihm vielleicht die Möglichkeit hätte geben können, in die
+Entwickelung der Action einzugreifen, nach allen vier Winden zerstreut
+hat. Der arme König,“ fuhr er fort, „welch ein trauriges Schicksal, — in
+welche Hände ist dieser arme Fürst gefallen, — ich bitte Sie, mein lieber
+Herzog, diesen Grafen Breda nicht zu empfangen. Der beste Dienst, den
+ich dem unglücklichen König von Hannover leisten kann, ist der, daß ich
+solche Propositionen von Personen, die sich für seine Agenten ausgeben,
+vollständig ignorire. Wollen die Hannoveraner sich zu seinen Gunsten
+erheben, so mögen sie es thun, ich kann mich mit dieser Sache nicht
+weiter befassen und ohne jeden Nutzen und Beistand den Kampf mit Preußen
+nicht auf das Äußerste verbittern, — übrigens bin ich überzeugt, daß der
+arme König von solchen abenteuerlichen Propositionen selbst garnichts
+weiß und daß er mir dankbar sein wird, wenn ich dieselben der
+Vergessenheit übergebe.
+
+„Ich habe ein Programm an die deutschen Völker entworfen,“ sagte er nach
+einer kurzen Pause, „in welchem ich ihnen sage, daß ich nicht die
+Grenzen überschreite, um Deutschland den Krieg zu erklären, daß ich im
+Gegentheil Deutschland befreien will von einer übermächtigen und
+übermüthigen Gewalt, welche die freie Autonomie und Selbstbestimmung der
+deutschen Stämme vernichtet, und daß ich vor allen Dingen keine
+Eroberung auf deutschem Boden machen will —“
+
+„Eine solche Proclamation, Sire,“ fiel Herr Ollivier lebhaft ein, „ist
+vortrefflich und wird unendlich dazu beitragen, daß Preußen in
+Deutschland selbst jede moralische Unterstützung verliert. Wenn ich in
+demselben Sinne eine Rede im Corps legislatif hielte —“
+
+„Das französische Nationalgefühl, Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf,
+indem er seinen großen starken Schnurrbart an beiden Enden heraufdrehte,
+„wird einen solchen platonischen Krieg nicht verstehen. Der
+öffentlichen Meinung in Frankreich im Allgemeinen,“ fuhr er fort, „ist
+es sehr gleichgültig, wie Deutschland sich constituirt, ob es unter
+preußischer Suprematie steht oder nicht, wenn nur Frankreich den Rhein
+besitzt, so mag dann auf der andern Seite desselben geschehen, was da
+will.“
+
+Der Kaiser blickte fragend auf den Herzog von Gramont.
+
+„Was der Herr Marschall so eben bemerkt, Sire,“ sagte dieser, „scheint
+mir nicht unbegründet, auf der andern Seite aber erkenne ich die Wirkung
+einer Proclamation, wie Eure Majestät die Gnade hatten, sie anzudeuten
+im hohen Grade an, sowohl in Betreff ihrer Wirkung auf die süddeutsche
+Bevölkerung, als auch auf die übrigen europäischen Cabinette. Denn durch
+eine solche Proclamation würde der Vorwurf eines Eroberungskrieges von
+Frankreich zurückgewiesen werden. Es käme nur darauf an, durch eine
+geschickte Fassung der Worte beiden Gesichtspunkten gerecht zu werden,
+und die Proclamation so zu redigiren, daß sie sowohl in Frankreich, als
+auch in Deutschland eine günstige Wirkung erzielt.“
+
+„Eine solche Redaction wird sich finden lassen,“ rief Herr Ollivier,
+„wenn Eure Majestät —“
+
+„So ganz platonisch,“ sagte der Kaiser lächelnd, „würde übrigens der
+Krieg nicht sein. Zunächst wird Jedermann erkennen, daß wenn wir siegen
+und wenn dadurch die Constituirung eines politisch und militairisch
+geeinigten Deutschlands unter preußischer Führung definitiv verhindert
+wird, die Erwerbung von Compensationen auf deutschem oder anderem Gebiet
+weit weniger nothwendig wird, als sie es wäre, wenn wir uns mit dem
+preußischen Deutschland in Güte verständigen wollten, — sodann aber wird
+wohl Niemand in ganz Europa dem siegreichen Frankreich das Recht
+streitig machen wollen, diejenigen Grenzen zurückzufordern, welche man
+ihm im Jahre 1814 zugestand, als es von der europäischen Coalition
+besiegt darniederlag, und Niemand wird in der Wiederherstellung dieser
+damals von ganz Europa sanctionirten Grenzen eine Eroberung erblicken
+können.“
+
+Der Geheimsecretair Pietri trat durch den besondern, für ihn bestimmten
+Eingang in das Cabinet.
+
+„Sire,“ sagte er, „es sind zwei Depeschen vom auswärtigen Amt so eben
+gebracht worden, um dieselben dem Herrn Herzog von Gramont zu
+übergeben —“
+
+„Ich habe die Anweisung hinterlassen, Sire,“ fiel der Herzog ein, „alle
+ankommenden Depeschen sofort hierherzubringen, da sie für die von Eurer
+Majestät zu fassenden Entschlüsse von Einfluß sein könnten.“
+
+Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf und auf seinen Wink reichte Pietri
+die beiden Depeschen, welche er in der Hand hielt, dem Herzog von
+Gramont, der sie schnell eröffnete und ihren Inhalt überflog.
+
+Er erbleichte und eine unruhige, zornige Erregung trat an die Stelle der
+heitern, sorglosen Zuversicht, welche bisher auf seinen Zügen gelegen
+hatte.
+
+„Nun,“ fragte der Kaiser, forschend in das so schnell veränderte Gesicht
+des Herzogs blickend.
+
+„Sire,“ sagte der Herzog von Gramont, indem die Depeschen in seinen
+Händen leise zitterten, „eine ebenso unerwartete als unangenehme
+Nachricht! Aus München und Stuttgart wird gemeldet, daß man dort an dem
+Bündniß mit Preußen festhält, die Armee mobil gemacht und unter den
+Befehl des Königs von Preußen gestellt hat, — unsere Gesandten sehen
+jeden Augenblick der Zustellung ihrer Pässe entgegen.“
+
+Ollivier blickte ganz erstaunt und unruhig umher.
+
+Der Marschall Leboeuf strich lächelnd über seinen dichten, mächtig
+hervorspringenden Kinnbart, — der Kaiser blickte einen Augenblick in
+düsterm Schweigen vor sich nieder, dann hob er mit klarem, stolzem Blick
+das Haupt wieder empor und sagte.
+
+„So weit wie die Dinge jetzt gekommen sind, darf uns keine
+fehlgeschlagene Erwartung erschüttern. Das Schicksal will den
+Entscheidungskampf, und wir müssen mit festem und ungebeugtem Muth in
+denselben eintreten. Die Geschichte unseres Landes lehrt uns, daß die
+eigene Kraft Frankreichs die beste und kräftigste Bürgschaft für unseren
+Erfolg ist. Wir haben,“ fügte er mit erhobener Stimme hinzu, „öfter
+durch unsere Siege Bundesgenossen gefunden, als durch unsere
+Bundesgenossen Siege erfochten. Der Gegenstand, über den wir soeben
+sprachen, ist durch diese Mittheilung erledigt,“ fuhr er fort, indem er
+einen vor ihm liegenden, ganz mit seiner kleinen zierlichen Handschrift
+beschriebenen Bogen zusammenfaltete. „Da ganz Deutschland es für gut
+findet, sich unter die Führung und Botmäßigkeit Preußens zu stellen, so
+haben wir nicht nöthig, uns für die Ausnutzung unseres Sieges Schranken
+aufzulegen. Die Proclamation, von der wir sprachen, ist überflüssig
+geworden. Frankreich wird sich die volle Freiheit erhalten, Alles das zu
+nehmen und zu behalten, was seine Interessen ihm nothwendig und
+wünschenswerth machen. Finden wir aber keine Alliirte in Deutschland
+selbst,“ sagte er dann, „so müssen wir uns um so mehr Diejenigen zu
+sichern suchen, welche außerhalb Deutschlands durch ihre eigenen
+Interessen auf uns angewiesen sind. Dänemark hat seine Neutralität
+erklärt, — das mag gut sein für den Beginn des Krieges; aber ich lege
+einen großen Werth darauf, daß nach den ersten Erfolgen dort eine für
+uns freundschaftliche Action eintrete, welche preußische Kräfte
+absorbirt und uns die Möglichkeit einer Landung erleichtert. Ich will
+den Herzog von Cadorn in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen
+schicken, damit er den dortigen Hof veranlasse, bei der ersten sich
+darbietenden Gelegenheit, aus seiner Neutralität herauszutreten, — ich
+hoffe, das wird nicht schwer sein, und das Vorgehen Dänemarks wird
+dasjenige Schwedens auf der Stelle nach sich ziehen, — würde damit auch
+nichts weiter erreicht, als daß Rußlands Kräfte nach dem Norden gezogen
+und von einer Pression auf Österreich abgezogen werden, so wird das
+schon von großer Bedeutung sein. Wollen Sie, mein lieber Herzog die
+Instructionen und Creditive für Cadorn so schnell als möglich bereit
+stellen lassen.“
+
+„Zu Befehl, Sire,“ sagte der Herzog sich verneigend, „ich bewundre den
+Gedanken Eurer Majestät und die vortreffliche Wahl der Person —“
+
+„Zugleich aber,“ fuhr der Kaiser fort, „ist es nothwendig, eine
+energische, diplomatische Action in Wien eintreten zu lassen, um auch
+dort den ersten günstigen Augenblick zu benutzen und Alles aufzubieten,
+einen schnellen Entschluß hervorzurufen. Der Fürst Latour d'Auvergne muß
+sogleich seine Thätigkeit beginnen, und ich bitte Sie, auch in dieser
+Beziehung das Nöthige zu veranlassen, mein lieber Herzog. Man muß auf
+der Basis derjenigen Unterhandlungen wieder beginnen, welche der General
+Türr eingeleitet hatte und deren Ziel die im Princip bereits approbirte
+Vertragsskizze sein wird, nach welcher gegen Abtretung von Welsch-Tyrol
+Italien im Fall einer russischen Intercession sich zur activen
+Unterstützung Österreichs und zum Anmarsch gegen die Süddeutschen
+Grenzen verpflichtet. Herr von Beust hat dem Abschluß dieses Vertrages
+einst Schwierigkeiten entgegen gestellt, der erste Erfolg unserer Waffen
+muß benutzt werden, um unter dem dadurch hervorgebrachten Eindruck den
+unmittelbaren Abschluß jenes Vertrages kategorisch zu fordern.“
+
+Der Herzog von Gramont hatte sich mit einem Crayon einige Notizen auf
+einem vor ihm liegenden Blatt Papier gemacht und verneigte sich zum
+Zeichen seines Einverständnisses mit den Anordnungen des Kaisers.
+
+„Nun, mein Herr Marschall,“ sagte Napoleon, sich zum Kriegsminister
+wendend, — „Sie sehen, daß die Vorbereitungen der Diplomatie getroffen
+sind, wie steht es mit den Ihrigen?“
+
+„Alles ist bereit, Sire,“ erwiderte der Marschall Leboeuf mit seiner
+starken rauhen Stimme, „es fehlt nicht ein Knopf an der Ausrüstung der
+Armee, nicht eine Bajonettspitze an ihrer Bewaffnung. Unsere Magazine
+sind gefüllt, in Toulon liegen sieben Transportschiffe bereit, um die
+Armee von Algier herüberzuschaffen. Alle Vorbereitungen sind getroffen,
+um die Truppen von Châlons in sechszehn Stunden an die Grenze zu
+bringen. Heute sind zwölftausend Eisenbahnwagen mit Mehl und Zwieback
+nach den Ostgrenzen abgegangen, und in wenigen Tagen wird Eurer Majestät
+Armee bereit sein, in Deutschland einzurücken.“
+
+Der Kaiser nickte bei den Mittheilungen des Marschalls mit dem Kopfe.
+
+„Und der Generalstab,“ fragte er dann.
+
+„Der Generalstab, Sire, wie Eurer Majestät Hauptquartier,“ erwiderte
+der Marschall, „für welches Sie mich zu Ihrem Major-General zu bestimmen
+die Gnade gehabt haben, ist formirt aus den besten Officieren, die ich
+habe finden können, und in kürzester Frist werden auch die Generalstäbe
+der einzelnen Corps mit tüchtigen Kräften besetzt sein.“
+
+„Und hat man genügend Karten von Deutschland,“ fragte der Kaiser, „nicht
+nur für den Generalstab, sondern auch für die übrigen Officiere?“
+
+„Sire,“ erwiderte der Marschall, sich martialisch aufrichtend, „jeder
+Officier Ihrer Armee hat eine Karte, welche ihm den sichersten und
+geradesten Weg nach Berlin zeigen wird, und ich habe die Meinige bei
+mir.“
+
+Er schlug schallend an seinen Degen, indem er zugleich mit der andern
+Hand die Spitzen seines Schnurrbarts emporkräuselte.
+
+Der Kaiser sah ihn einen Augenblick ganz betroffen an, während Herr
+Ollivier sich ebenfalls mit kriegerisch stolzer Miene aufrichtete, und
+der Herzog von Gramont noch einige Notizen niederschrieb.
+
+„Die Vortrefflichkeit Ihrer Karten,“ sagte Napoleon lächelnd, „hat sich
+in den verschiedenen Feldzügen Frankreichs mehrfach bewährt, indessen
+wäre es doch gut, wenn die Officiere daneben auch noch andere Karten
+zur Verfügung hätten und nicht bloß auf die magnetische Anziehungskraft
+angewiesen blieben, welche die feindliche Hauptstadt auf die Spitze
+ihres Degens ausübt, ich hoffe daß Sie dafür Sorge tragen werden,“ fügte
+er mit festem und bestimmtem Ton hinzu.
+
+Der Marschall verneigte sich, jedoch zeigte seine Miene dabei deutlich,
+daß er auf die Hülfsmittel der geographischen Wissenschaft von seinem
+soldatischen Gesichtspunkt aus einen nicht eben allzugroßen Werth zu
+legen geneigt sei.
+
+„Ich erwarte Sie morgen in St. Cloud, Herr Marschall,“ fuhr Napoleon
+fort, „um mir die Bestimmungen über die einzelnen Corps der Armee zur
+definitiven Entscheidung vorzulegen, — eine Anweisung darüber habe ich
+Ihnen schon zugehen lassen. Und nun bleibt Ihnen noch überlassen, mein
+lieber Herr Ollivier,“ fuhr er dann fort, „das große Agens aller Kriege
+herbeizuschaffen, nämlich das Geld. Wir bedürfen nach den angestellten
+Berechnungen einen Credit von dreißig Millionen für die Armee und einen
+weitern Credit von sechzig Millionen für die Marine. Die Vorlage muß so
+schnell als möglich im Corps legislatif gemacht werden.“
+
+„Und sie wird mit jubelnder Acclamation aufgenommen werden, Sire,“ rief
+Herr Ollivier, „und wenn Eure Majestät das Doppelte und Dreifache
+fordern würden, — in diesem Augenblick würde Frankreich Ihnen nichts
+verweigern.“
+
+„Also, meine Herren,“ sagte Napoleon aufstehend, „ich erwarte die
+Vorlage der Kriegserklärung, sowie die schnelle und pünktliche
+Ausführung aller eben besprochenen Maßregeln.
+
+„So treten wir denn nun,“ fügte er ernst hinzu, „der großen Entscheidung
+entgegen, welche so lange wie ein schwüles Wetter über unsern Häuptern
+geschwebt hat, und es bleibt uns nur noch die Bitte übrig: Gott schütze
+Frankreich!“
+
+Er sprach diese Worte tief aus der Brust heraus, während er die Augen
+wie fragend emporschlug.
+
+„Gott schütze Frankreich!“ wiederholten die drei Minister —
+
+Vom Carousselplatz herauf ertönte in diesem Augenblick die Melodie der
+Marseillaise, welche ein vorüberziehendes Musikkorps intonirte, und in
+welche die versammelte Menge sogleich laut und kräftig einfiel.
+
+Der Marschall Leboeuf blickte ganz erstaunt auf, Herr Ollivier hob die
+Hand empor und rief mit pathetischem Ton:
+
+„Der Geist Frankreichs, Sire, spricht aus diesen Tönen zu Euer
+Majestät, der Geist der Freiheit und der Civilisation, vor welchem diese
+preußischen Armeen schnell werden zersprengt werden.“
+
+Der Kaiser lauschte einen Augenblick schweigend den immer mächtiger
+anschwellenden Klängen.
+
+„Möchten sie,“ sprach er leise, „die Dämonen der Revolution hinausführen
+auf die Schlachtfelder des nationalen Ruhms, damit ihre gewaltige Kraft
+sich zu immer festerer Erstarkung des Kaiserthums entwickele.“
+
+Er schwieg noch einige Augenblicke — sein brennender Blick schien den
+Schleier der Zukunft durchdringen zu wollen.
+
+Dann sprach er mit liebenswürdiger Artigkeit.
+
+„Nun, meine Herren Minister, schicke ich Sie fort — Jeder von uns muß an
+seine Arbeit, und die nächste Zeit wird uns deren viele bringen.“
+
+Er reichte den Herren die Hand.
+
+Dieselben verließen ernst und schweigend das Cabinet.
+
+Unmittelbar darauf meldete der Kammerdiener Herrn Rouher, den früheren
+Staatsminister und gegenwärtigen Senatspräsidenten.
+
+Auf den zustimmenden Wink Napoleons trat dieser langjährige Leiter der
+kaiserlichen Regierung langsam und in fast feierlicher Haltung ein.
+
+Der Kaiser ging ihm heiter lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand,
+welche Herr Rouher ehrerbietig ergriff und einen Augenblick in der
+Seinen hielt, während er mit einem traurigen Ausdruck den Kaiser ansah.
+
+„Nun, mein lieber Rouher,“ sagte Napoleon, „wir stehen an der großen
+Entscheidung, und ich hoffe, daß es nunmehr gelingen wird, die Krönung
+des Gebäudes zu vollenden, dessen Grundmauern Sie mit so viel Eifer und
+Beharrlichkeit aufgeführt haben.“
+
+Das volle Gesicht des Herrn Rouher mit dem feinen beredten Munde und den
+klaren, scharf blickenden Augen zeigte eine Bewegung, welche diesem
+scharf berechnenden Meister der Dialektik und der parlamentarischen
+Debatte sonst nicht eigentümlich war.
+
+„Sire,“ sagte er, „Eure Majestät wissen, mit welcher Mühe ich Jahre lang
+daran gearbeitet habe, die Krönung des kaiserlichen Gebäudes auf andere
+Weise und ohne eine kriegerische Catastrophe abzuschließen. Eure
+Majestät haben die Führung Ihrer Regierung andern Händen anzuvertrauen
+für gut befunden, und mir bleibt nur zu hoffen übrig, daß der Erfolg den
+Erwartungen Eurer Majestät und den heißen Wünschen entsprechen möge,
+welche ich für denselben im Herzen trage.“
+
+Der Kaiser blickte seinen langjährigen Rathgeber einen Augenblick
+nachdenklich an.
+
+„Sie sind nicht einverstanden, mein lieber Rouher,“ sagte er dann mit
+einer gewissen unsichern Befangenheit in der Stimme, „mit dem Gange der
+Ereignisse und doch müssen Sie zugeben, daß es jetzt unmöglich ist, die
+Dinge auf einen andern Weg zu lenken.“
+
+„Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „ich würde niemals das Verfahren
+desjenigen billigen können, der durch sichere und ruhige Unternehmungen
+ein großes Vermögen zu gründen und zu erhalten im Stande ist und der,
+statt diese Unternehmungen mit Consequenz zu verfolgen, sich auf ein
+Hazardspiel einläßt, das ihn in einem Augenblick zum Millionair
+machen, — aber verzeihen Eure Majestät — auch den Verlust vieler
+erworbenen Güter herbei führen kann. Ebenso —“
+
+„Ebenso,“ fiel der Kaiser ein, „finden Sie, daß der Krieg in der Politik
+ein Hazardspiel sei, das man nicht unternehmen müsse und das vieles
+bereits Erreichte in Frage stellen könne. Aber mein Gott,“ fuhr er
+lebhafter fort, „wenn die ganze Nation den Krieg will, — ich bin der
+Erwählte der Nation, — ich muß dem Nationalwillen mehr Rechnung tragen,
+als irgend ein andrer Regent, Sie müssen zugeben, daß ganz Frankreich
+zum Kriege drängt, daß Ollivier, dieser Mann des Friedens, und die ganze
+hinter ihm stehende liberale Partei von der Notwendigkeit des Krieges
+durchdrungen sind und denselben mit Enthusiasmus aufnehmen.“
+
+Herr Rouher schüttelte langsam den Kopf.
+
+„Ollivier, Sire,“ sagte er dann achselzuckend, „wird Alles wollen, was
+ihm Gelegenheit giebt, eine jener pathetischen Reden zu halten, in denen
+er sich so sehr gefällt. Wenn Ollivier Eurer Majestät übrigens,“ fuhr er
+fort, „von der liberalen Partei spricht, welche hinter ihm steht, so
+möchte ich mir eine abweichende Ansicht auszusprechen erlauben — hinter
+Ollivier steht Niemand. Eure Majestät haben mit ihm nicht seine früheren
+Gesinnungsgenossen gewonnen, Eure Majestät haben ihn isolirt und nur
+einen einzelnen Mann auf Ihre Seite gebracht. Den Werth dieses Gewinns,“
+sagte er mit einem leisen Anklang von Ironie, „wird die Zukunft zeigen.
+Eure Majestät haben ferner,“ sprach er dann weiter, „von der
+öffentlichen Meinung Frankreichs gesprochen, welche den Krieg verlangt,
+Eure Majestät haben Recht, die öffentliche Meinung verlangt den Krieg.
+Aber hat man sie denn nicht dahin gebracht, ihn zu verlangen? — und
+dann, Sire, die öffentliche Meinung ist ein wunderbares Ding. Sollte
+dieser Krieg, was Gott verhüten wolle, unglücklich für Frankreich
+ausfallen, so wird jeder Einzelne aus dieser Menge, deren zusammen
+tönender Ruf jetzt die öffentliche Meinung bildet, seine Urheberschaft
+an dem Krieg verleugnen, auf Eure Majestät und Ihre Regierung allein
+wird man die Schuld desselben werfen.“
+
+„Aber halten Sie es denn für möglich,“ fragte der Kaiser, „jetzt noch
+den Krieg zu vermeiden?“
+
+„Nein, Majestät,“ erwiderte Herr Rouher, „jetzt nicht mehr. Vor wenigen
+Tagen vielleicht wäre das noch möglich gewesen. Man konnte die
+Zurücknahme der Hohenzollernschen Candidatur als einen großen Triumph
+der französischen Intercession darstellen, und wenn dies von allen
+Organen der Regierung und der ihr zu Gebote stehenden Presse geschehen
+wäre, so würde ganz Frankreich in diesem Augenblick ebenso befriedigt
+sein und ebenso stolz auf das wieder hergestellte Prestige des
+Kaiserreichs blicken, als es nun nach der Entscheidung durch die Waffen
+ruft. Wenn diese unglückliche Frage der Garantie für die Zukunft, welche
+ja doch practisch kaum eine Bedeutung gehabt hätte, nicht gestellt wäre,
+wenn man der Kammer und der ganzen französischen Nation die
+Zurückweisung einer fernern Discussion von Seiten des Königs von Preußen
+nicht als eine Beleidigung des Vertreters Frankreichs dargestellt hätte,
+dann, Sire, wäre es noch möglich gewesen, dieses gefahrvolle Spiel mit
+den eisernen Würfeln des Krieges zu vermeiden — jetzt, Sire, ist es nicht
+mehr möglich! Unter den Umständen, welche jetzt geschaffen sind, können
+wir nur noch von Gott und unserm Muthe den Triumph des französischen
+Degens erwarten. Und meine Aufgabe wird es sein, Sire, mit allen
+Mitteln, die mir zu Gebote stehen, durch den Einfluß der Körperschaft,
+an deren Spitze Eure Majestät mich gestellt haben, ganz Frankreich mit
+dem Muthe und der Begeisterung zu erfüllen, deren wir in dieser
+Katastrophe bedürfen. Ich bitte Eure Majestät um die Erlaubniß, morgen
+mit einer Deputation des Senats vor Ihnen erscheinen zu dürfen, um die
+Gefühle auszusprechen, welche in diesem Augenblick ganz Frankreich
+beseelen müssen. Ich bitte Gott, daß die Befürchtungen, welche ich nicht
+ganz unterdrücken kann, welche ich aber in die verborgensten Tiefen
+meines Herzens zu verschließen für heilige Pflicht halte, niemals
+Wirklichkeiten werden mögen.“
+
+Der Kaiser hatte ernst und sinnend den im Ton tiefer Überzeugung
+gesprochenen Worten des Herrn Rouher zugehört. Mit einer Bewegung voll
+herzlicher Freundlichkeit reichte er ihm die Hand und sprach.
+
+„Der Würfel rollt, so bleibt nichts anderes übrig, als muthig zu
+erwarten, auf welche Seite er fallen wird. Das Unglück nicht zu
+fürchten, ist das beste Mittel, uns das Glück dienstbar zu machen.“
+
+Herr Rouher verneigte sich schweigend und ging hinaus.
+
+Napoleon blickte ihm lange sinnend nach.
+
+„Vielleicht hat er Recht,“ sagte er, träumerisch vor sich
+hinblickend, „vielleicht hätte ich versuchen sollen, das Verhängniß
+aufzuhalten, — nun,“ sagte er tiefaufathmend, „vielleicht findet sich
+dazu noch der günstige Augenblick, vielleicht ist diese kalte
+Zurückweisung aller meiner Anerbietungen nur hervorgegangen aus der
+Voraussetzung, daß ich den letzten und entscheidenden Schritt zu thun
+nicht wagen würde. Wenn meine Armee schlagfertig an den Grenzen steht,
+wenn man sieht, daß ich zum vollen Ernst entschlossen bin, dann wird
+sich vielleicht noch einmal der Augenblick finden, um auf die Frage der
+Compensationen zurückzukommen, und ich werde dann in der günstigen Lage
+sein, daß nicht ich es bin, der Vorschläge macht und Anträge stellt.“
+
+Er ging noch einige Augenblicke schweigend und tief nachdenkend auf und
+nieder; dann klingelte er und befahl seinen Wagen, um nach St. Cloud
+zurückzufahren.
+
+Langsam fuhr er aus dem Hof der Tuilerien heraus und über den Place la
+Concorde nach den Champs Elysées hin. Überall wogten dichte
+Menschenmassen, und bis nach dem Bois de Boulogne hin wurde der Kaiser
+mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.
+
+„Nieder mit Preußen!“ rief man ihm aus allen Gruppen entgegen.
+
+„Nach Berlin!“
+
+Am Arc de Triomphe begegnete der Kaiser einem Bataillon der Voltigeurs
+der Garde, welches von einer Feldübung zurückkehrte und bestimmt war, in
+den nächsten Tagen nach Metz abzugehen.
+
+Der Kaiser fuhr langsam im Schritt an den Soldaten vorbei, welche bei
+seinem Anblick ihre Käppis auf die Spitze der Bajonette steckten und
+laut sangen:
+
+ „Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc à la lanterne,
+ Ça ira, ça ira, ça ira — Bismarc on le pendra.“
+
+Napoleon legte lächelnd die Hand an den Hut und lange noch klang seinem
+Wagen diese alte Melodie aus der Schreckenszeit der Revolution nach,
+welche der Soldatenwitz mit diesem neuen Text versehen hatte.
+
+Der Arc de Triomphe glänzte im Licht der Abendsonne, ruhig blickte das
+steinerne Antlitz des großen Kaisers von dem stolzen Bau herab.
+
+Die jubelnde Menge begleitete die Soldaten, in ihren Gesang einfallend,
+während der Kaiser in den frischen, zierlich gepflegten Park einfuhr, in
+welchem die elegante Welt von Paris ihre Abendpromenade machte, und über
+welchem am Horizont die gewaltigen Umrisse des Mont Valerien
+emporragten.
+
+Alles war Freude, Jubel und stolze Siegeszuversicht, und kein Auge
+durchdrang den Schleier der Zukunft, hinter welchem unmittelbar das
+furchtbare Bild sich erhob, das die siegreichen deutschen Truppen
+zeigte, wie sie in geschlossenen Reihen durch diesen Triumphbogen des
+französischen Ruhmes einzogen, während aus den Tiefen von Paris jene
+finstern Mächte heraufstiegen, um die Denkmäler der Jahrhunderte in
+Schutt und Asche zu verwandeln.
+
+ * * * * *
+
+Um dieselbe Zeit, während ganz Paris in jubelnder Aufregung sich befand,
+waren in einem bescheidenen Restaurant der Passage Jeouffroi die
+Officiere der früheren hannöverschen Legion versammelt.
+
+Sie saßen finster um den Tisch, auf welchem der Kellner mit der großen
+weißen Schürze soeben ihr Diner zu serviren begann. Auf allen diesen
+jugendlichen kräftigen Gesichtern war keine Spur von der Heiterkeit
+ihres Alters zu entdecken, und Sorge und Kummer blickten aus Aller
+Augen.
+
+Der Lieutenant von Tschirschnitz strich den vollen blonden Schnurrbart
+zur Seite und sprach, finster die Zähne zusammenbeißend, indem er sich
+zu dem neben ihm sitzenden Kriegscommissair Ebers, dem einzigen älteren
+Manne von der Gesellschaft wandte.
+
+„Wie lange kann unsere Kasse noch reichen?“
+
+„Vierzehn Tage vielleicht,“ erwiderte der Commissair Ebers
+achselzuckend, „wenn wir uns auf das Äußerste einschränken, und wenn wir
+alle unsere nothwendigsten Kleidungsstücke verkaufen, so können wir
+vielleicht noch weitere vierzehn Tage gewinnen, dann aber ist es
+jedenfalls aus.“
+
+„Wer uns das gesagt hätte,“ rief der Lieutenant Götz von Ohlenhusen,
+indem er einen tiefen Zug aus einem vor ihm stehenden Seidel Dreherschen
+Bieres that, „als wir von Hannover auszogen und Alles im Stich ließen,
+um uns dem Dienst des Königs zu erhalten —“
+
+„Der hätte uns jedenfalls einen großen Dienst geleistet,“ sagte Herr von
+Tschirschnitz, „ich hätte jetzt meine Kompagnie in Sachsen, eine
+ehrenvolle Stellung und eine schöne Carriere vor mir, während wir uns
+jetzt hier in einer Lage befinden, die in Wahrheit geeignet ist, selbst
+unserem bisher unzerstörbaren Humor den Todesstoß zu geben. Hier im
+fremden Lande ohne Mittel, ohne Stütze, ohne Anhalt — in Deutschland als
+Hochverräther verurtheilt! — Wir werden bald in der Lage sein, daß kein
+Fuß breit Erde, kein Athemzug Luft mehr in dieser Welt für uns übrig
+ist.“
+
+„Was bleibt uns übrig,“ sagte Herr von Götz finster, „als uns irgendwo
+anwerben zu lassen. Man denkt ja daran, eine Fremdenlegion zu bilden.“
+
+„Ein Glück für uns wäre es gewesen, wenn uns bei Langensalza eine Kugel
+getroffen hätte,“ rief der Lieutenant von Dinklage, indem er ein großes
+Glas Rothwein herunterstürzte und das leere Glas dann heftig auf den
+Tisch stieß, „dann wären wir doch in Ehren aus der Welt gekommen, in
+welcher wir doch keinen Raum mehr für ein anständiges Leben finden.“
+
+Durch die Reihen der hier zahlreich versammelten Gäste trat schnell der
+Major von Düring an den Tisch der Offiziere heran. Ihm folgte der
+Regierungsrath Meding im Reiseanzug.
+
+Die Offiziere erhoben sich.
+
+„Mein Gott, Sie hier,“ rief Herr von Tschirschnitz, indem er dem
+Regierungsrath Meding die Hand reichte, „was führt Sie aus der Schweiz
+hierher? Will der König uns rufen? Will er irgend etwas unternehmen — in
+diesem Augenblick?“
+
+„Nein, meine Herren,“ sagte der Regierungsrath, indem er die übrigen
+Offiziere herzlich begrüßte und mit Herrn von Düring an deren Tisch
+Platz nahm. „Ich komme nicht vom Könige, ich habe keine Verbindung mit
+Hietzing und erfahre nur zufällig und auf Umwegen, was dort vorgeht. Ich
+bin nur hergekommen, weil unser Schicksal uns so lange Zeit mit einander
+verbunden hat, und weil ich dringend wünschte, in diesem Augenblick der
+schwersten Krisis, die die Welt seit lange erlebt hat, als Ihr alter
+Freund und Ihr Genosse der Verbannung, Sie zu warnen und Sie auf das
+dringendste zu bitten, sich um Gottes Willen in keine gefährlichen und
+bedenklichen Unternehmungen einzulassen und allen Lockungen und
+Anforderungen zu widerstehen, sie mögen kommen, woher sie wollen.“
+
+„Wir haben eben darüber gesprochen, was aus uns werden soll,“ erwiderte
+Herr von Tschirschnitz, „unsere Bezüge von Hietzing sind uns, wie Sie
+wissen, seit lange entzogen. Wir haben Alle unsere Baarschaft
+zusammengeschossen und damit diese Zeit her unter den äußerten
+Einschränkungen gelebt — der Augenblick ist sehr nahe, in welchem wir
+sämmtlich nichts mehr besitzen werden —“
+
+„und in welchem uns nichts mehr übrig bleiben wird,“ rief Herr von Götz,
+„als uns, wenn es sein muß, als gemeine Soldaten anwerben zu lassen.“
+
+„Um Gottes Willen, meine Herren,“ rief der Regierungsrath
+Meding, — „bedenken Sie, was Sie thun. Bedenken Sie, daß es sich in
+diesem Augenblick nicht um eine erneute Aufnahme des Kampfes von 1866
+handelt. Bedenken Sie, daß in diesem Krieg das ganze Deutschland vereint
+gegen Frankreich steht. Bedenken Sie, daß jeder Deutsche, der in diesem
+Augenblick in irgend einer Weise auf der Seite der Feinde unseres
+gesammten Vaterlandes stünde, ewiger Schande verfallen müßte; daß die
+Verachtung der Franzosen selbst ihn treffen würde, und daß selbst im
+Falle eines französischen Sieges die deutsche Erde niemals wieder Raum
+für ihn haben würde. Deshalb bin ich hierher gekommen, um Sie auf das
+dringendste vor allen übereilten und verzweiflungsvollen Entschlüssen zu
+warnen. Ich bitte und beschwöre Sie, verlassen Sie Frankreich, gehen Sie
+nach der Schweiz und warten Sie dort die Ereignisse ab. Ich habe gehört,
+daß hier durch den Grafen Breda Versuche gemacht werden, die Trümmer
+der auseinander gesprengten Legion wieder zu vereinigen.“
+
+Herr von Tschirschnitz lachte laut und höhnisch auf.
+
+„Dieser Graf Breda,“ rief er, „ist ein Franzose, ein Agent des
+dunkelsten Ultramontanismus — daß er sich als Vertreter des Königs von
+Hannover gerirt und eine hannöversche Legion formiren will, das ist
+allerdings die Krone von allem, was bis jetzt geschehen.“
+
+„Aber,“ fiel Herr von Düring ein, indem er sich zu dem Regierungsrath
+Meding wendete, „Sie kennen unsere Lage und ich kann Ihnen nur
+wiederholen, was ich Ihnen schon sagte, als ich Sie vom Bahnhof
+hierherbrachte, was bleibt uns denn anders übrig, als uns irgendwo auf
+die möglichst anständige Weise todtschießen zu lassen. Wir haben keine
+andere Rettung aus unserer Lage.“
+
+Der Regierungsrath Meding blickte sinnend vor sich nieder.
+
+„Jedes Schicksal ist besser,“ sagte er, „als in den Reihen der Feinde
+des vereinigten Deutschlands zu fallen, und noch ist ja nicht jede
+Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen. Lassen Sie mich handeln. Ich
+kann Ihnen nichts versprechen — aber es giebt vielleicht noch einen Weg,
+der Sie alle mit Ehren vom Rande des Abgrundes zurückführt und Ihnen
+eine freundliche Zukunft öffnen kann — lassen Sie mich meinen Weg gehen,
+ich habe ein Gefühl, das mir sagt, er werde zum guten Ende führen.
+Versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie sich in keine Unternehmungen
+gegen Deutschland hineinziehen lassen, und daß Sie auch in der
+verzweiflungsvollsten Lage des Augenblicks nicht den Muth verlieren — den
+Sie sich ja so lange erhalten haben — versprechen Sie mir das, meine
+Herren, und wenn es sein kann, verlassen Sie Frankreich so schnell als
+möglich und geben Sie mir Nachricht, wo Sie zu finden sind — ich hoffe,
+daß Sie von mir hören sollen. Ich muß Sie wieder verlassen,“ fuhr er
+fort, „ich muß noch mit dem nächsten Zug wieder abreisen. Ich bin nur
+gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe und bitte Sie
+nochmals um Ihr Versprechen, nichts gegen Deutschland zu unternehmen.“
+
+Er reichte Herrn von Tschirschnitz die Hand.
+
+Dieser schlug kräftig ein und sagte mit bewegter Stimme:
+
+„Ich verspreche es, möge kommen, was da wolle.“
+
+Die übrigen Herren wiederholten die Worte.
+
+„Und ich, meine Herren,“ rief der Regierungsrath Meding, „verspreche
+Ihnen, daß ich nicht ruhen und rasten will, bis es mir gelungen ist,
+einen Weg der Rettung zu finden. Leben Sie wohl, und so Gott will, auf
+baldiges Wiedersehen.“
+
+Er wandte sich tief ergriffen ab, verließ mit Herrn von Düring das Local
+und stieg mit demselben an der Ecke der Passage in einen dort bereit
+stehenden Fiaker, in welchem sich bereits sein Diener mit dem kleinen
+Reisegepäck befand.
+
+Sie kamen auf dem Ostbahnhof eine Viertelstunde vor Abgang nach Basel
+an. Ernst und schmerzlich bewegt, ging der Regierungsrath Meding mit dem
+Major von Düring in der großen Vorhalle auf und nieder, von welchem man
+den großen Platz vor dem Bahnhof und die weite Reihe der neuen
+Boulevards überblickte, welche bereits im Schein der Gaslaternen
+schimmerten und auf denen sich eine zahlreiche jubelnde und lärmende
+Menschenmenge hin und her bewegte.
+
+„Der Anblick dieses Paris,“ sagte der Regierungsrath Meding, „in seinem
+trunkenen Rausch ist mir tief schmerzlich. Ich liebe Frankreich, und
+diese Stadt Paris ist mir fast zu einer lieben Heimath geworden. Und ich
+sehe eine furchtbare Zeit über dies Land und diese schöne Stadt mit
+ihrem wunderbar reichen Leben heraufziehen, eine Zeit, welche alle diese
+Jubelklänge, die da jetzt zu uns herübertönen, in Jammer und Wehklage
+verwandeln wird.“
+
+„Sie glauben an die Niederlage Frankreich,“ fragte Herr von Düring, „an
+eine so schwere Niederlage?“
+
+„Ich bin von derselben überzeugt,“ erwiderte der Regierungsrath. „Ich
+bin gestern von Basel herauf bis hierher durch die nach der Grenze hin
+sich bewegenden Truppen gefahren, aber was ich gesehen habe, läßt mich
+nur das Traurigste für Frankreich erwarten. Überall habe ich Truppen der
+verschiedensten Waffen ohne Officiere, Cavallerie ohne Pferde, Geschütze
+auf den Eisenbahnwagen ohne Bespannung gesehen. Alle diese Leute waren
+im Zustande der unnatürlichen Aufregung, die meisten berauscht, und wenn
+ich sie fragte, wohin sie gingen, zu welchem Corps sie gehörten, so
+konnten sie mir keine genügende Antwort geben, die Meisten antworteten
+mit dem fanatisch stereotypen Ruf „nach Berlin“. Mit solchen Truppen
+schlägt man die preußische Armee nicht und der Elan, von dem man so viel
+spricht, wird wie ein vorübergehender Rausch schnell vor der ruhigen und
+sichern Taktik der deutschen Heeresleitung verfliegen. Glauben Sie mir,“
+fuhr er fort, indem er noch einmal wehmüthig über die glänzenden Reihen
+der Boulevards hinblickte, „Frankreich wird einen furchtbaren Schlag zu
+erleiden haben, und das Kaiserreich mit allem seinem Glanz wird
+vielleicht unter diesem Schlage zusammenbrechen — ich habe hier lange
+die Elemente beobachtet, welche in der Tiefe der Gesellschaft sich
+organisirt haben und sie werden nicht zögern, heraufzusteigen, um von
+unten her das Gebäude zu zersprengen, wenn dessen Zinnen unter den
+Schlägen der deutschen Waffen fallen werden.“
+
+Das Signal zur Abfahrt des Zuges ertönte.
+
+„Noch einmal, lieber Düring,“ sagte der Regierungsrath Meding, indem er
+sich am Eingang des Wartezimmers von dem Major verabschiedete, „halten
+Sie den Muth unserer Freunde aufrecht und sorgen Sie dafür, daß auf
+unsere, so lange mit Ehren vertheidigte Sache kein Flecken falle.“
+
+Mit Thränen in den Augen trennten sich die beiden mehrjährigen Genossen
+der Verbannung. Der Regierungsrath Meding stieg in das Coupé und fuhr
+unter dem gellenden Pfeifen der Locomotive in die Nacht hinaus, während
+der Major von Düring ernst und traurig über die hellen Boulevards hin zu
+seinen Kameraden zurückkehrte, um in den Herzen dieser tapfern und
+treuen Diener einer untergegangenen Sache, welche Heimath und Vaterland,
+Vergangenheit und Zukunft verloren hatten, die letzten Funken der
+Hoffnung und des Muthes wieder anzufachen.
+
+
+
+
+Elftes Capitel.
+
+
+Die Verlobung der Tochter des Commerzienrath Cohnheim mit dem jungen
+Baron von Rantow war wenige Tage nach der Erledigung der zwischen ihm
+und dem Lieutenant von Büchenfeld entstandenen Differenz proclamirt
+worden.
+
+Der Commerzienrath hatte es sich nicht nehmen lassen, bei dieser
+Gelegenheit ein großes Fest zu veranstalten, bei welchem die zahlreichen
+Bekannten des Barons zu seiner und seiner Gemahlin höchsten Befriedigung
+eine Menge hoch aristokratischer Namen und Erscheinungen in seine Salons
+führten.
+
+Der kleine Commerzienrath schwamm in Entzücken. Noch behaglicher als
+sonst eilte er hin und her, indem er in gelegentlichen Gesprächen seinem
+alten Freunde aus der Finanzwelt auf alle diese Elemente der ersten
+Gesellschaft aufmerksam machte, die sich jetzt bei ihm vereinigten.
+
+Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch
+unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre
+Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener
+Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen
+gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte
+sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die
+Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so
+schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln
+habe, als die glückliche Freude der Braut.
+
+Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths
+erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit,
+welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und
+freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den
+beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem
+Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von
+Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren
+Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die
+Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig
+anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem
+Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.
+
+Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit
+war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die
+Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem
+Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen
+Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das
+Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.
+
+Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein,
+welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und
+Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in
+den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die
+Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna
+Cohnheim.
+
+Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub
+des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn
+bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch
+zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die
+Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten
+natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben
+werden.
+
+Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das
+militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne
+unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen
+unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte
+daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden.
+Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem
+Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte
+und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit
+nicht denken wolle.
+
+So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.
+
+Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem
+der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand
+sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner
+Gemahlin.
+
+Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen
+des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der
+Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit
+Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow
+anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung
+dieser patriotischen Aufgabe.
+
+Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation
+der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte
+mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag
+in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des
+Vereins ihr überreichte.
+
+Die beiden Damen sprachen eifrig über die zweckmäßigste Herstellung von
+Charpie und Verbandzeug, während der Baron sich mit Fräulein Anna
+unterhielt, für welche er eine besonders sympathische Zuneigung gefaßt
+hatte, und welcher er stets mit um so größerer Herzlichkeit begegnete,
+je weniger es ihm möglich war sich dem Commerzienrath und seiner
+Gemahlin, deren ganzes Wesen von seinen Lebensanschauungen so tief
+verschieden war, zu nähern.
+
+„Wir sind glücklicher,“ sagte er, „als so viele andere Familien, deren
+Söhne zu den Gefahren des Krieges hinausziehen müssen, und doch macht es
+mich fast traurig, daß in einem Augenblick, wo die ganze Jugend des
+Landes unter den Fahnen des Königs ins Feld zieht, der Name der Rantows
+in den Reihen der Armee nicht vertreten ist. Das Gefühl des Vaters und
+des Patrioten streiten in mir mit einander, und oft möchte ich fast
+wünschen, daß auch mein Sohn berufen wäre zu dem großen nationalen
+Kampf.“
+
+„Es bleibt ja auch hier noch genug zu thun,“ erwiderte Fräulein Anna in
+einem ziemlich kalten und gleichgültigen Ton. „Der Staat braucht ja auch
+während des Krieges Beamte, vielleicht wäre es gut, wenn Ihr Sohn
+wenigstens bis zur Beendigung des Krieges seine Carriere wieder
+aufnehmen würde. Für uns Frauen,“ fuhr sie lebhafter fort, „bildet ja
+die Zeit ein reiches Feld der Thätigkeit, und ich fühle den lebhaftesten
+Wunsch, hinauszugehen, um als Pflegerin der Kranken in dieser großen
+Zeit meine Pflicht zu erfüllen.“
+
+„Sie, mein Kind,“ rief der Baron erstaunt, „Sie, gewöhnt an alle
+Bequemlichkeiten des Lebens, fast ein wenig verwöhnt, Sie wollten sich
+einer so mühevollen angreifenden Thätigkeit widmen, welche Ihre zarten
+Kräfte vielleicht bald aufreiben möchte.“
+
+„Meine zarten Kräfte?“ — sagte Fräulein Anna, die Achseln zuckend, „und
+wären sie es, — der feste Wille und die Begeisterung für eine große Sache
+sind im Stande, auch die schwächste Kraft stark zu machen. Und wofür
+könnte ein Frauenherz sich höher begeistern, als dafür, die Leiden
+Derjenigen zu erleichtern, welche heldenmüthig ihr Blut und Leben zum
+Schutz des Vaterlandes, zu unserm Schutz dahin geben. Glauben Sie mir,
+Herr Baron, ich würde nicht ermatten in einem so hohen und heiligen
+Beruf. Und wenn der Krieg fortschreitet,“ fuhr sie ernst mit dem
+Ausdruck eines festen Entschlusses fort, „wenn die Lazarethe sich füllen
+werden und das Bedürfniß nach weiblicher Pflege immer größer und größer
+werden wird, dann werde ich doch noch die Erlaubniß meiner Eltern
+erhalten, dem Zuge meines Gefühls zu folgen, und ich bin überzeugt, daß
+viele Frauen denken und handeln werden, wie ich.“
+
+Der junge Herr von Rantow trat ein. Er war ernster als sonst, der
+gleichgültige, oberflächliche Ausdruck, welcher gewöhnlich auf seinem
+Gesicht lag, war verschwunden. Eine gewisse stolze Befriedigung blickte
+aus seinen Augen.
+
+„Ich habe einen Entschluß gefaßt,“ sagte er, nachdem er die Damen
+begrüßt hatte, „einen Entschluß, den meine theure Anna gewiß billigen
+wird und mit dem auch Du, mein Vater, zufrieden sein wirst.“
+
+Fragend blickte Fräulein Cohnheim auf ihren Verlobten.
+
+„Ich habe,“ fuhr dieser fort, „mich zur Aufnahme in den Johanniterorden
+gemeldet. Du wünschtest das früher, mein Vater, um mir eine ehrenvolle
+Decoration zu verschaffen, in dieser Zeit gewinnt das Zeichen des
+Johanniterordens, zu welchem meine Geburt mich berechtigte, eine höhere
+und ernstere Bedeutung. Ich habe so eben die Mittheilung erhalten, daß
+meine Bewerbung angenommen werden wird und habe zugleich die Bitte
+gestellt, wenn eine Annahme erfolgen sollte, mich einer der Deputationen
+beizuordnen, welche die Armee zur Leitung der Krankenpflege begleiten
+werden. So werde auch ich im Stande sein, das Meinige in dem Kampf zu
+thun und die Pflicht zu erfüllen, welche mein Name mir auflegt und zu
+welcher mein Gefühl mich treibt.“
+
+Der Baron neigte zustimmend den Kopf.
+
+Fräulein Anna erhob sich schnell und reichte ihrem Verlobten die Hand,
+indem aus ihrem Blick ein warmes Gefühl leuchtete, wie sie es bisher
+noch nie dem jungen Manne gegenüber gezeigt hatte.
+
+„Ich danke Ihnen von Herzen für diesen Entschluß,“ sagte sie mit
+herzlichem Ton, „und da Sie ihn gefaßt haben, darf ich Ihnen sagen, daß
+mich der Gedanke betrübt hat, Sie in dieser Zeit hier zurückbleiben zu
+sehen — Sie werden das nicht mißverstehen,“ fügte sie hinzu, „meine
+treuesten und aufrichtigen Wünsche werden Sie begleiten.“
+
+Herr von Rantow küßte die Hand seiner Braut, seine Mutter blickte
+liebevoll zu ihm hinüber, und die Commerzienräthin richtete sich hoch
+auf, indem sie mit feierlicher Stimme sagte:
+
+„Das ist ein sehr edler Entschluß, ganz meines vortrefflichen
+Schwiegersohns würdig.“
+
+Der Diener trat ein, meldete den Oberstlieutenant und den Lieutenant von
+Büchenfeld.
+
+Schnell erhob sich der Baron, um den Herren entgegen zu gehen.
+
+Die Commerzienräthin warf einen scharfen und strengen Blick auf ihre
+Tochter.
+
+Fräulein Anna zuckte zusammen und machte eine Bewegung, als wolle sie
+das Zimmer verlassen, dann aber faßte sie sich, tief erbleichend stützte
+sie die Hand auf die Lehne eines neben ihr stehenden Sessels. Kalte und
+stolze Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht.
+
+Der Oberstlieutenant und sein Sohn traten ein. Der alte Herr trug
+Uniform, sein Gesicht strahlte vor freudiger Aufregung. Der Lieutenant
+folgte ihm ernst und still, als er Fräulein Anna und den jungen Herrn
+von Rantow erblickte, flog eine dunkle Röthe über sein Gesicht. Dann
+näherte er sich Frau von Rantow, begrüßte dieselbe ehrerbietig und
+verneigte sich mit kalter Höflichkeit gegen die Übrigen.
+
+Die Commerzienräthin saß gerade und steif da und erwiderte den Gruß der
+eintretenden Herren mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes.
+
+„Ich bringe Ihnen noch einmal meinen Sohn, gnädige Frau,“ sagte der
+Oberstlieutenant, „er muß noch heute zu seinem Regiment abgehen, um in
+die beste Kriegsschule hinauszuziehen, — draußen im Felde, wo man in
+einem Monat mehr lernt, als in Jahren hinter den Büchern. Er wollte in
+der Eile gar keine Besuche machen, aber hier von den alten Freunden
+seines Vaters muß er sich doch verschieden, bevor er auszieht, um sich
+den Feldmarschallstab zu erkämpfen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Er hat es
+glücklich getroffen, mir wurde es in meiner Jugend nicht so gut, ich
+habe mich während meiner besten Jahre durch den ewigen Garnisonsdienst
+hindurch schleppen müssen, in welchem Körper und Geist müde werden.“
+
+„Unsere herzlichsten Wünsche werden Sie begleiten,“ sagte Frau von
+Rantow zu dem jungen Officier. „Aber Sie, lieber Büchenfeld,“ fuhr sie
+lächelnd fort, „tragen ja auch wieder Uniform, Sie wollen doch nicht
+etwa auch mit hinausziehen —“
+
+„Wollte Gott, ich könnte es,“ sagte der Oberstlieutenant traurig, „doch
+mein Podagra sorgt schon dafür, daß ich hier bleiben muß. Aber,“ fuhr
+er, sich militairisch aufrichtend, fort, „ich habe mich um ein
+Etappencommando beworben und es erhalten und so habe ich doch wenigstens
+das Herzeleid nicht, daß ich in dieser Zeit unthätig im Civilrock
+einhergehen muß. Ich kann wenigstens die alte Uniform tragen und dem
+Könige dienen, so gut es mir noch möglich ist.“
+
+Der Oberstlieutenant und sein Sohn blieben etwa eine Viertelstunde lang,
+während welcher die Unterhaltung fast ausschließlich von dem alten Herrn
+und dem Baron geführt wurde.
+
+Der Oberstlieutenant war in sprudelnd heiterer Laune, im Herzen des
+alten Soldaten fand der Gedanke an die Gefahren, denen sein Sohn
+entgegen ging, keinen Platz, für ihn war der Krieg der Beruf des
+Officiers, er dachte nur an die Hoffnung auf Ruhm und Ehre, welche
+dieser Krieg in sich schloß und fühlte sich neu geboren in dem Gedanken,
+daß auch er in dieser großen Zeit noch einmal in der Lage sei, Dienst zu
+thun und den Rock des Königs zu tragen.
+
+„Wir müssen aufbrechen,“ sagte er endlich, „ich weiß noch nicht, wo
+meine Bestimmung sein wird und erwarte dieselbe stündlich, — mein Sohn
+hat nur noch kurze Zeit bis zu seiner Abreise.“
+
+Er küßte mit ritterlicher, etwas altmodischer Galanterie der Frau von
+Rantow die Hand und drückte lange und herzlich die Rechte des Barons.
+
+Der Lieutenant, welcher während der ganzen Zeit ernst und stumm mit
+niedergeschlagenem Blick da gesessen hatte, erhob sich, in rascher
+Bewegung trat der junge Herr von Rantow auf ihn zu.
+
+„Lebe wohl, Büchenfeld,“ sprach er, — „in einer Zeit, wie die jetzige,
+muß jeder vergangene Groll vergessen werden. Gott schütze Dich! Ich
+werde mit den Johannitern der Armee folgen und sollte Dir ein Unglück
+begegnen, so hoffe ich, daß ein gütiges Schicksal mich zu Dir führen
+wird, um Dir beizustehen.“
+
+Der Lieutenant hatte bei den Worten des Barons eine unwillkürliche
+Bewegung gemacht, als wolle er von demselben zurücktreten. Abermals
+färbte sich sein Gesicht mit dunklem Roth, er schlug die Augen auf und
+richtete seine Blicke an dem Baron vorbei, mit bitterem, feindlichem
+Ausdruck auf Fräulein Anna.
+
+Das junge Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Aus diesen Augen
+strahlte es wunderbar und eigenthümlich zu ihm hin, es lag darin wie
+eine Bitte, wie eine Frage, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
+sprechen, aber nur ein leiser Hauch drang aus denselben hervor und wie
+unwillkürlich streckte sie zitternd die Hand nach ihm aus.
+
+Ein tiefer Athemzug hob die Brust des Lieutenants, sein kalter, harter
+Blick wurde weicher und weicher. Kräftig drückte er die Hand des Herrn
+von Rantow und sagte mit fast erstickter Stimme:
+
+„Vergessen und vergeben!“
+
+Dann trat er rasch, wie einem übermächtigen Zuge folgend, zu Fräulein
+Anna hin, deren Hand noch immer leicht erhoben, sich gegen ihn
+ausstreckte und deren Augen mit immer tieferer Innigkeit auf ihm ruhten.
+Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, drückte seine Lippen auf
+dieselbe und fast unhörbar, nur ihr verständlich, hauchten seine Lippen
+nochmal die Worte:
+
+„Vergessen und vergeben!“
+
+Dann wandte er sich schnell um und mit kurzer rascher Verbeugung eilte
+er seinem Vater nach, welcher, von dem Baron geleitet, bereits das
+Zimmer verlassen hatte, während Fräulein Anna, die Hände faltend, auf
+einen Stuhl niedersank und ihm mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer
+nachsah.
+
+ * * * * *
+
+König Wilhelm stand an seinem Schreibtisch neben dem Fenster seines
+Arbeitszimmers. Der König trug den Militairüberrock und blickte mit
+tiefem Ernst auf den Ministerpräsidenten Grafen Bismarck, welcher in der
+Uniform des Magdeburgischen Cürassierregiments No. 7 vor Seiner Majestät
+stand und die letzten noch vor der Abreise zu erledigenden
+Vortragssachen beendet hatte.
+
+„So ist denn,“ sagte der König, „Alles vorbereitet, was menschliche
+Berechnung vermag, um nach allen Seiten hin in ungehemmter Spannung
+unsere Kräfte entfalten zu können, — unser Haus ist bestellt, die Armee
+ist in ordnungsmäßiger Bewegung und es ist nun an unserem Alliirten da
+oben, mit uns hinauszuziehen in den Kampf, an dem wir wahrlich
+unschuldig sind und uns den Sieg zu verleihen, wie er ihn uns schon
+einmal gab gegen den Übermuth desselben Feindes.“
+
+„Und dieser Sieg wird nicht fehlen, Majestät,“ rief Graf Bismarck, indem
+seine linke Hand sich fest um den Griff seines Pallaschs spannte, — „er
+wird schneller und entscheidender kommen, als die Welt ihn erwartet und
+er wird Alles, was sich im deutschen Nationalleben in diesen Jahren
+vorbereitet hat, zu herrlicher Erfüllung bringen. Meine Zuversicht steht
+fest — in diesem Kampfe wird Deutschlands glänzende Zukunft entschieden
+werden!“
+
+Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger
+Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige
+Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu
+seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.
+
+„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend,
+welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden
+gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem
+Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für
+die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten
+liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein
+Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des
+Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt,
+daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer
+schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich
+wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er
+mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In
+diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen
+Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich,
+wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und
+ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen
+und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir
+zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick,
+in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir
+den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“
+
+Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den
+König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine
+Gedanken, sagte:
+
+„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen,
+manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich
+meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen
+Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland
+einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen
+Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo
+ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich
+auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der
+Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht
+gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb
+zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und
+Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit
+wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“
+
+Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:
+
+„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für
+Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen,
+will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine
+Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“
+
+„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem
+Sinne zu unterbreiten.
+
+„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig
+nicht auf unserer Seite waren.
+
+„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und
+in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des
+Vaterlandes.“
+
+Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten,
+dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.
+
+„Majestät,“ sagte er, auf die stumme Frage des Königs antwortend, „an
+diesem Erlaß darf kein Titelchen geändert werden. Es ist das
+königlichste Wort, das ein christlicher Fürst zu seinen Unterthanen
+sprechen kann, einfach und groß, wie die Zeit. Und dies königliche Wort
+wird einen mächtigen Wiederhall finden in allen Herzen.“
+
+Der König neigte den Kopf, wandte sich dann zu seinem Schreibtisch,
+ergriff eine Feder und setzte mit kräftigen Zügen seinen Namen unter das
+Papier, das er dem Ministerpräsidenten reichte.
+
+„Sorgen Sie für die Veröffentlichung und für die schleunige Vorlegung
+des Amnestieerlasses. Nun sind die Geschäfte hier beendet,“ sprach er
+mit tiefem Athemzug, „ich habe für die Meinigen das Werk des Friedens
+und der Liebe gethan. Jetzt soll die Spitze unseres Schwertes sich gegen
+die Feinde richten.“
+
+„Noch möchte ich,“ sagte der Ministerpräsident, „eine Bitte an Eure
+Majestät richten, eine Bitte, deren Erfüllung ein schöner Nachklang zu
+dem großen Wort ist, das Eure Majestät soeben gesprochen. Eure Majestät
+wissen,“ fuhr er fort, als der König ihn fragend ansah, „daß wir von der
+früher so weit verbreiteten Agitation in Hannover nichts mehr zu
+befürchten haben, die früheren Führer derselben sind vom Könige Georg
+getrennt und entschlossen, in diesem Nationalkampf nichts gegen
+Deutschland zu thun. Einzelne Personen in Hannover, welche vielleicht zu
+gefährlichen Unternehmungen irre geleitet werden könnten, sind in
+Sicherheit gebracht, um sie vor sich selbst zu schützen, und um sie
+durch eine kurze Haft der Möglichkeit zu entziehen, Dinge zu
+unternehmen, für welche sie in der gegenwärtigen Zeit mit der ganzen
+Schwere des Gesetzes gestraft werden müßten.“
+
+„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König — „auch der Verdacht gegen den
+Grafen Wedell hat sich nicht betätigt? —“
+
+„Nein, Majestät,“ sagte der Ministerpräsident, „Graf Wedell steht mit
+der Agitation in keiner Verbindung mehr, und es freut mich das um so
+mehr, da seine ganze Familie ohnehin durch die Ereignisse schwer
+getroffen ist — doch,“ fuhr er dann fort, „wovon ich Eurer Majestät
+sprechen wollte, das ist das Schicksal aller hannöverschen Officiere,
+welche mit der Emigration nach Frankreich gegangen waren und dort die
+sogenannte Welfenlegion commandirten.“
+
+„Nun?“ fragte der König.
+
+„Diese Officiere, Majestät,“ sprach Graf Bismarck weiter, „befinden
+sich, wie ich höre, in einer verzweiflungsvollen Lage. Sie waren in
+Deutschland geächtet, — das ist durch Eurer Majestät großmüthige Amnestie
+beseitigt — aber sie sind ohne Subsistenzmittel, sie sind sogar der
+französischen Regierung verdächtigt, und ihre Lage ist derartig, daß
+nach den Äußerungen Einzelner, die mir mitgetheilt sind — ihnen nichts
+übrig bliebe, als sich irgendwo mit Anstand todtschießen zu lassen.“
+
+„Die armen, jungen Leute,“ sagte der König — „sie haben sich schwer
+vergangen, aber es sind doch brave junge Männer und ihre Handlungsweise
+ist doch nur hervorgegangen aus einem irre geführten, aber innerlich
+edlen und richtigen Gefühl der Anhänglichkeit an ihren frühern
+Herrn — was kann ich für sie thun?“ fragte er mit weicher, milder Stimme.
+
+„Majestät,“ sagte Graf Bismarck, „politisch liegt kein Grund vor, ihnen
+zu Hülfe zu kommen, sie können nicht gefährlich werden, und wenn sie
+wirklich, durch die Noth gedrängt, sich zu irgend einer strafbaren
+Handlung hinreißen ließen, so würde dadurch in den Augen von ganz
+Deutschland die welfische Agitation und alle etwa für dieselbe noch
+begehende Sympathie vollkommen und für immer vernichtet werden. Aber ich
+glaube nicht, Majestät,“ fuhr er im wärmeren Ton fort, „daß jenen armen
+jungen Leuten gegenüber politische Betrachtungen in diesem Augenblick
+maßgebend sein können. Jene Unglücklichen sind von aller Welt verlassen,
+sie sind die Opfer ihrer irregeleiteten, aber doch immerhin edlen Treue
+geworden, und ich möchte Eure Majestät bitten, ihnen zu helfen und ihnen
+eine Grundlage für ein neues Leben zu gewähren.“
+
+„Mit Freuden,“ rief König Wilhelm lebhaft, „schlagen Sie mir vor, was
+ich thun soll.“
+
+„Majestät,“ erwiderte Bismarck, „es befinden sich unter diesen
+Emigranten frühere Offiziere verschiedener Grade, darnach aber zwischen
+ihnen einen Unterschied zu machen, ist nicht möglich, — der König Georg
+hat im Exil noch Ernennungen vorgenommen, die doch nicht in Betracht
+gezogen werden können. Ich würde daher Eurer Majestät unterthänigst
+vorschlagen, sie Alle gleich zu behandeln und Jedem von ihnen eine
+lebenslängliche Pension von zwölfhundert Thalern zu geben, damit haben
+sie eine Basis für ihre Existenz und einen Ersatz für ihre zerbrochene
+Carriere.“
+
+„Genehmigt,“ rief der König, „genehmigt, mein lieber Graf, es thut mir
+unendlich wohl, diesen armen jungen Leuten helfen zu können, und ich
+danke Ihnen, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht und mir Gelegenheit
+gegeben, noch vor meiner Abreise dies gute Werk zu thun.“
+
+Und leise die Lippen bewegend, flüsterte er vor sich hin:
+
+„Thut wohl denen, die Euch verfolgen.“ — —
+
+„Es müßte dann,“ sagte Graf Bismarck, „eine Garantie von ihnen gegeben
+werden, daß sie nicht etwa abermals mißleitet werden —“
+
+„Sie sollen ihr Ehrenwort geben, nichts gegen mich zu unternehmen, das
+genügt,“ sagte der König, „sie haben die Gesetze verletzt, aber ihre
+Ehre trifft kein Vorwurf und ihrem Ehrenwort will ich glauben.“
+
+„Eure Majestät haben durch diesen Entschluß,“ sagte Graf Bismarck,
+„einer Anzahl junger und hoffnungsvoller Herzen Leben und Zukunft wieder
+gegeben, und auch das wird zum Segen unserer Waffen werden. So ist denn
+auch diese letzte schmerzliche Dissonanz des Jahres 1866 im schönen und
+wohlthuenden Accord geendet und nun, Majestät, —
+
+Vorwärts mit Gott für König und Vaterland.“
+
+„Auf Wiedersehen am Bahnhof, mein lieber Graf,“ sagte der König, „wir
+werden hier wohl lange nicht wieder zusammen arbeiten —“
+
+„Dann aber, Majestät,“ rief Graf Bismarck mit leuchtendem Blick, „wird
+der preußische Adler seinen höchsten Siegesflug vollendet haben, und
+eine neue, strahlende Krone wird über seinem Haupte glänzen.“
+
+Er ergriff seinen Stahlhelm, der neben ihm auf einem Stuhl lag, richtete
+sich hoch empor und verließ mit militairischem Gruß das Cabinet.
+
+Der König trat an's Fenster und richtete den sinnenden Blick auf das
+Standbild Friedrich des Großen. Er bewegte leise die Lippen, ohne daß
+hörbare Worte aus denselben hervordrangen.
+
+War es ein Gebet, das er sprach, — oder verkehrten seine Gedanken mit dem
+Geiste seines großen Ahnherrn, der zuerst das alte Brandenburg in
+Wahrheit zu einer Großmacht Preußens erhoben, der der Königskrone
+Friedrich I. das schneidige siegreiche Schwert hinzugefügt hatte und der
+wieder seinen Nachkommen die hohe Aufgabe hinterlassen hatte, durch
+preußischen Geist und preußische Kraft einst das zerbröckelte
+Deutschland zu einiger Macht und Herrlichkeit wieder aufzurichten?
+
+Die auf dem Platz vor dem königlichen Palais versammelte Menge erhob
+beim Anblick des Königs die Hüte und laute Rufe grüßten den Monarchen.
+
+Der König dankte freundlich mit dem Kopfe nickend. Ein Ausdruck
+heiterer, ruhiger Zuversicht erschien auf seinem Gesicht. Langsam wandte
+er sich ab, um zur Königin zu gehen und mit seiner Gemahlin das letzte
+Diner vor seiner Abreise zur Armee einzunehmen.
+
+ * * * * *
+
+Es war halb sechs Uhr Abends. Dicht gedrängt standen die Menschenmassen
+die Linden entlang, vom Thiergarten her bis zum Anhalter Bahnhof. Die
+sonst so lauten und unruhigen Berliner hatten diesmal ihre gewöhnliche
+Natur verleugnet, und eine fast lautlose Stille herrschte auf den dicht
+belebten Straßen.
+
+Da kam vom königlichen Palais her ein einfacher zweispänniger Wagen mit
+offenem Verdeck dahergefahren. Der König, im Überrock und Helm, fuhr,
+von seiner Gemahlin begleitet, nach dem Bahnhof und blickte zum letzten
+Mal ernst und gedankenvoll auf diese Straße seiner Residenz hin, welche
+bereits so viele Herrscher seines Hauses gesehen hatte in den Tagen des
+Glücks und des Unglücks, in den Tagen des Leidens und der Demüthigung,
+wie in den stolzen Triumphzügen nach gewaltigen Siegen — immer aber in
+gegenseitiger Liebe und Treue innig vereint mit ihrem Volk, welches das
+Unglück mit ihnen getragen und opferfreudig sein Blut vergossen hatte
+zur Erringung der Triumphe und Siege.
+
+Kein lauter Ruf ertönte, still und schweigend entblößten sich alle
+Häupter und durch diese schweigenden, feierlichen Grüße hin fuhr der
+königliche Wagen hinaus, während der König freundlich ernst mit der Hand
+winkte und die Königin, von Bewegung überwältigt, ihr Taschentuch vor
+die Augen drückte.
+
+Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der
+Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von
+Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz
+Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin
+Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen
+Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden
+Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von
+Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die
+Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel;
+die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren
+mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine
+Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben
+dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen
+Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen
+Minister und der Hofchargen waren anwesend.
+
+Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der
+Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des
+preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.
+
+Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte
+dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann
+blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum
+letzten Gruß die Hand.
+
+Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen,
+wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft
+erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob
+wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den
+scheidenden König begrüßte.
+
+Dann trat abermals tiefe Stille ein.
+
+Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und
+wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen
+Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die
+Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen
+Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen
+Hände gegen ihn ausstreckte.
+
+Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den
+jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit
+seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus
+seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen
+empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:
+
+„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“
+
+„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die
+Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und
+das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in
+diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben
+dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre,
+werden neue Helden schaffen.“
+
+„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter
+Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“
+
+Der König drückte dem armen Invaliden noch einmal herzlich die Hand und
+trat dann in den Wartesaal. Nur wenige Worte sprach er mit den dort
+Versammelten. Alle Damen reichten ihm Blumensträuße entgegen.
+
+„Ich kann sie nicht alle mitnehmen,“ sagte der König freundlich
+lächelnd, indem er einen schönen Strauß aus den Händen der Gräfin
+Itzenplitz entgegennahm. „Diese Blumen sollen mir eine Erinnerung an Sie
+Alle und an Ihre guten Wünsche sein.“
+
+Kein Auge blieb trocken, Alle drängten dem scheidenden König nach, der
+an der Thür des Wartesaals die Königin umarmte und dann mit den Herren
+des Gefolges schnell in das Coupé stieg.
+
+Dahin brauste der Zug nach dem Westen, nach dem Schauplatz des noch von
+den dunklen Wolken der Zukunft verhüllten Krieges.
+
+
+
+
+Zwölftes Capitel.
+
+
+Der junge Cappei hatte in einem fast bewußtlosen Zustand stumpfer
+Resignation die ersten Tage nach seiner Verhaftung in dem Amtsgefängniß
+zu Bodenfeld zugebracht. Vergebens strengte er sich an, um die Fäden des
+Netzes zu entdecken, das ihn so geheimnißvoll und unerklärlich umsponnen
+hatte. Seine Gedanken verwirrten sich, das fortwährende Schweigen seiner
+Geliebten, dieser so plötzliche und unerwartet gegen ihn erhobene
+Vorwurf staatsgefährlicher Verbindungen, das Alles vermochte er in
+keinen klaren Zusammenhang zu bringen, und nur wenn er auf den Verdacht
+zurückkam, welchen die Handschrift des ihm vorgelegten Schreibens in ihm
+erweckte, so erfaßte ihn ein heftiger Paroxismus des Zornes und der
+Verzweiflung.
+
+Oft war er nahe daran nach Mitteln zu suchen, seinem so plötzlich von
+der Höhe der glücklichsten Hoffnungen in die Tiefe eines vernichtenden
+Schmerzes herabgestürzten Leben ein gewaltsames Ende zu machen, und nur
+die von früher Jugend in ihm gepflegte gläubige Frömmigkeit gab ihm die
+Kraft, diese traurige Existenz zu ertragen und ließ ihn die Hoffnung
+nicht verlieren, daß die Vorsehung Wege finden würde, das Dunkel zu
+erhellen, welches ihn umgab und seine Unschuld dem wider ihn erhobenen
+Verdacht gegenüber an das Licht zu bringen.
+
+In dieser qualvollen Ungewißheit, allein mit seinen in demselben Kreise
+sich stets bewegenden Gedanken brachte er drei furchtbare Tage zu, ohne
+das Geringste von der Außenwelt zu hören oder zu sehen, als ein kleines
+Stück des Himmels, das über eine hohe Mauer durch das vergitterte
+Fenster seines Gefängnisses hereinsah.
+
+Dann wurde er zum ersten Verhör vorgeführt. Ein Untersuchungsrichter aus
+der nächsten Stadt war in Bodenfeld erschienen, um in Gegenwart des
+Amtmanns die Vernehmung des jungen Menschen vorzunehmen.
+
+Cappei antwortete auf alle an ihn gestellten Fragen im vollen Bewußtsein
+seiner Schuldlosigkeit, und der günstige Eindruck, den seine klaren und
+bestimmten Angaben, die sich in keinem Punkt widersprachen, auf den
+Richter und den Amtsverwalter machten, war unverkennbar.
+
+Schon begann die Hoffnung in ihm aufzuleben, daß das Alles sich als ein
+Mißverständniß herausstellen werde, da legte der Untersuchungsrichter
+ihm aus den beim Amte geführten Acten eine Reihe von Briefen vor mit der
+Frage, ob er die Handschrift kenne, und ob diese an ihn adressirten
+Briefe unter ihren scheinbar unverfänglichen Worten einen andern Sinn
+verbärgen.
+
+Der Richter sprach dabei zugleich nochmal die Ermahnung aus, durch ein
+offenes Geständniß eine mildere Beurtheilung seiner Handlungen zu
+ermöglichen, zu denen eine irre geleitete Anhänglichkeit an die frühere
+Regierung seines Landes ihn bestimmt haben möchte.
+
+Der junge Cappei trat ruhig und unbefangen an den Tisch heran, um die
+ihm vorgelegten Papiere näher zu betrachten und vielleicht durch
+dieselben einen Anhalt zur Aufklärung des Mißverständnisses zu gewinnen.
+
+Kaum hatte er indeß einen Blick auf die Briefe geworfen, als eine
+schnelle fliegende Röthe auf seinem Gesicht erschien. Seine kräftige
+Gestalt zitterte und bebte, und wie zusammenbrechend stützte er sich mit
+beiden Händen auf den Tisch, während seine groß geöffneten Augen mit dem
+starren Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens auf den Papieren
+hafteten.
+
+Er erkannte Luisens Handschrift, und als er sich so weit gesammelt
+hatte, um die im ersten Augenblick vor seinen Augen hin und her
+schwirrenden Buchstaben festhalten zu können, las er, in fliegender Hast
+die Blätter umwendend, immer dringendere, immer sehnsuchtsvollere Bitten
+um Nachricht, Besorgnisse, daß er krank sein möge, und voll Schmerz und
+Verzweiflung sah er zwischen den Zeilen dieses Briefes das Bild seiner
+Geliebten erscheinen, welche in gleicher Ungewißheit und Bangigkeit wie
+er, gewartet und immer wieder gewartet und vergebens um Antwort und
+Nachricht gefleht hatte.
+
+Ein dämonischer Einfluß hatte hier die Hand im Spiele gehabt, ein wohl
+durchdachter Plan voll Hinterlist und Bosheit hatte sich zwischen diese
+beiden liebenden Herzen gestellt, um nicht nur ihre äußere Verbindung zu
+unterbrechen, sondern sie auch mit Mißtrauen gegen einander zu erfüllen
+und ihre Liebe zu zerstören.
+
+Als er die Briefe sämmtlich durchflogen hatte, wurde ihm Alles
+klar; — wie er schon beim ersten Verhör geglaubt hatte in dem ihm damals
+vorgelegten an ihn gerichteten compromittirenden Brief die Hand des
+Herrn Vergier zu erkennen, so wurde ihm jetzt vollkommen deutlich, daß
+dieser und kein anderer der Urheber dieses Werkes finsterer Heimtücke
+sei. Und eine wilde, wüthende Verzweiflung, ein brennender Durst nach
+Rache bemächtigte sich seines ganzen Wesens.
+
+Schweigend starrte er fortwährend auf die vor ihm liegenden Briefe, als
+sei plötzlich ein drohendes Gespenst vor ihm aufgestiegen, dessen kalte
+Hand sich todtbringend nach seinem Herzen ausstreckte.
+
+Betroffen blickte ihn der Untersuchungsrichter an. Der ganze bisherige
+Verlauf des Verhörs hatte einen günstigen Eindruck für den jungen Mann
+in ihm hervorgebracht, dessen plötzliche, so sichtbar tiefe Bestürzung
+jedoch schien jenen Eindruck wieder zu verwischen.
+
+„Kennen Sie diese Briefe?“ fragte er mit strengem Ton.
+
+Der junge Cappei fuhr bei dieser Frage, die ihn aus seiner Betäubung
+aufschreckte, empor und erwiderte, indem seine Stimme vor mächtiger
+innerer Erregung zitterte:
+
+„Ja, ich kenne sie, sie sind an mich gerichtet, — es sind Briefe meiner
+Braut, sie haben mir die Augen geöffnet über den ganzen heillosen Plan,
+welchen eifersüchtiger Haß gesponnen, um uns von einander zu reißen.
+Diese Briefe haben keinen verborgenen Sinn, sie bedeuten nur das, was
+mit klaren Worten in ihnen geschrieben steht. Oh, mein Gott,“ rief er,
+den brennenden Blick aufwärts richtend, „wie ist es möglich, daß so viel
+Schlechtigkeit auf Erden wohnen kann.“
+
+„Sie behaupten also,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „daß dies
+wirklich Briefe eines jungen Mädchens sind, und daß dieselben keine
+Bedeutung haben? — Ich muß Ihnen sagen,“ fügte er hinzu, „daß Ihre so
+heftige und sichtbare Bestürzung beim Anblick dieser Papiere nicht zu
+Ihren Gunsten spricht, um so weniger als unmittelbar nach Ihrer Ankunft
+ein Schreiben an Sie hierher gekommen ist, in welchem Ihnen die
+mündliche Verabredung in's Gedächtniß zurückgerufen wird, die
+Nachrichten, welche man von Ihnen erwartet und die Fragen, welche man an
+Sie stellen würde, in die Form von einfachen Liebesbriefen zu kleiden.“
+
+„Welch ein Abgrund, — welch ein Abgrund,“ rief der junge Cappei
+verzweiflungsvoll. „Und kann ich jenen Brief sehen?“ fragte er dann.
+
+Der Untersuchungsrichter nahm ein Papier und legte es ihm vor.
+
+„Ja, ja,“ rief Cappei heftig auffahrend, „es ist dieselbe Handschrift.
+Es ist die Handschrift jenes Elenden, der mich um mein Glück betrügen
+will, der es gewagt hat, mich in Frankreich als preußischen Spion zu
+verdächtigen, und der nun durch seine teuflischen Künste mich hier als
+Verschwörer verfolgen läßt. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, das Alles
+ist schändlicher Betrug, ich bin das Opfer der Hinterlist eines
+Todfeindes, der mich verderben will. Ich bitte Sie um Gottes Willen,
+lassen Sie mich einmal hier in Ihrer Gegenwart einen Brief an meine
+Braut schreiben. Sie werden die Antwort sehen, Sie werden sehen, daß
+nichts Geheimnißvolles, nichts Verfängliches dahinter steckt —“
+
+„Die Antwort würde vielleicht ebenso unverfänglich sein, als diese
+Briefe es sämmtlich zu sein scheinen,“ sagte der Untersuchungsrichter
+den Kopf schüttelnd. „Ich will zu Ihrem Besten hoffen, junger Mann, daß
+Ihre Angaben die Wahrheit seien, indessen kann ich Ihnen nicht
+verbergen, daß das Alles sehr unwahrscheinlich scheint, — ich will für
+heute das Verhör schließen, um Ihnen Zeit zu lassen, wenn Sie etwas
+auszusagen haben, durch ein umfassendes und aufrichtiges Geständniß Ihre
+Lage zu erleichtern.“
+
+„Darf ich nicht,“ fragte der junge Mann im Ton dringendster Bitte, „darf
+ich nicht zwei Worte nur an meine Braut schreiben?“
+
+„Es würde zu nichts führen,“ sagte der Untersuchungsrichter, „denn eine
+gleichgültige Antwort würde noch nichts zu Ihren Gunsten beweisen, — wenn
+diese Briefe wirklich nur der Deckmantel einer geheimen Correspondenz
+sind, so würde ohne den Schlüssel derselben, ohne Kenntniß der
+chemischen Mittel,“ fuhr er fort, den Blick scharf auf den jungen Mann
+richtend, „durch welche etwa andere geheime Schriftzeichen auf dem
+Papier sichtbar werden, noch immer keine Klarheit in die Sache kommen.
+Ich wünsche nochmals,“ sprach er dann, „daß Ihre Schuldlosigkeit an den
+Tag kommen möge, denn ich habe hier über Sie und Ihre Familie nur Gutes
+gehört. Wenn Sie jetzt unter dem auf Ihren Schultern ruhenden Verdacht
+bleiben müssen, so trifft die Schuld zunächst davon Diejenigen, welche
+nicht aufhören durch fortwährende Agitationen das Land zu beunruhigen,
+und welche uns dadurch zwingen, mit den schärfsten Mitteln den
+verborgenen Fäden nachzuspüren, durch die jene Agitation geleitet
+wird.“
+
+In dumpfem Schweigen ließ sich der junge Mann nach seiner Gefängnißzelle
+zurückführen. Es war eine Art von Ermattung über ihn gekommen, der
+vernichtende Erfolg, welchen die vor seinen Augen jetzt klar liegende,
+gegen ihn gespielte Intrigue gehabt, beraubte ihn fast des Glaubens an
+die ewige Gerechtigkeit, und in stumpfer Resignation brachte er die dem
+Verhör folgenden Tage zu, ohne sich von seinem Lager zu erheben, nur die
+nothwendigsten Nahrungsmittel zu sich nehmend. Im Schmerz um sein
+zerstörtes Liebesglück, um alle seine gebrochenen Lebenshoffnungen,
+versank er in eine Art von dumpfer Lethargie, aus welcher nur die
+brennende Sehnsucht emporflammte, sich an demjenigen zu rächen, dessen
+Hand aus feiger Verborgenheit heraus ihn so tödtlich getroffen hatte.
+
+ * * * * *
+
+Kaum hatte er die Tage gezählt, welche in diesem Zustande an ihm
+vorübergegangen waren, seine ewig auf ein und denselben Punkt
+gerichteten Gedanken erfüllten sein Gehirn und sein Blut mit Fieber,
+seine Kräfte begannen sich zu erschöpfen, — zuweilen dachte er fast mit
+Wonne daran, daß eine tödliche Krankheit ihn ergreifen und seinen Leiden
+ein Ende machen könnte. Dann wieder versuchte er mit aller
+Willenskraft, sich aufrecht zu erhalten, um das Ziel seines Lebens, die
+Rache, nicht zu verlieren.
+
+Da trat eines Morgens der Amtsdiener in sein Zimmer und forderte ihn
+auf, ihn zum Amtsverwalter zu begleiten.
+
+Cappei sprang auf, ein leiser Hoffnungsschimmer erfüllte ihn, vielleicht
+war es doch möglich, daß man von seiner Unschuld sich überzeugt,
+jedenfalls konnte ihm ein neues Verhör Gelegenheit geben, die gegen ihn
+erhobenen Anklagen zu entkräften, und mühsam zwang er sich, seinen
+schwankenden Schritten Festigkeit zu geben, als er dem Diener in das
+Bureauzimmer folgte.
+
+Der Amtmann blickte erschrocken auf den jungen Mann, welcher sich in
+kurzer Zeit in entsetzlicher Weise verändert hatte.
+
+Seine Augen blickten hohl und trübe, seine Wangen waren eingefallen,
+sein Mund zuckte fast convulsivisch, sein Haar hing wirr und ungeordnet
+über die Stirn herab, kaum konnte er sich aufrecht halten und
+unwillkürlich griff seine Hand nach der Lehne des Sessels.
+
+„Setzen Sie sich,“ sagte der Amtmann freundlich. „Sie sind angegriffen.
+Ich hoffe, Ihnen Ihre Kraft und Ihren Muth wiedergeben zu können, denn
+ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu geben.“
+
+Wie erstaunt blickte Cappei auf den Beamten. Die Leiden, welche er
+ausgehalten, hatten ihn fast unfähig gemacht, das Gefühl der Hoffnung zu
+empfinden.
+
+„Der Krieg mit Frankreich ist ausgebrochen,“ sagte der Beamte ernst, „in
+wenigen Tagen wird das ganze deutsche Volk in Waffen den frevelhaften
+Übermuth seiner Erbfeinde zurückweisen. Beim Beginn dieses großen
+nationalen Kampfes hat Seine Majestät der König eine allgemeine Amnestie
+für politische Vergehen erlassen, welche vor der Kriegserklärung gegen
+Frankreich begangen sind. Auch Sie fallen unter diese Amnestie, die
+Untersuchung gegen Sie ist daher beendet. Sie sind frei.“
+
+Cappei sprang auf. Seine Muskeln spannten sich, seine Gestalt richtete
+sich kräftig und elastisch empor und mit leuchtenden Blicken rief er:
+
+„Frei! Frei! Oh! mein Gott, vergieb mir, daß ich an Deiner Gerechtigkeit
+gezweifelt habe. Es war ja unmöglich, daß das Werk finsterer Bosheit
+triumphiren konnte. Ich darf also zu meiner Mutter zurückkehren, ich
+darf —“
+
+„Sie sind frei und außer aller Verfolgung,“ sagte der Beamte, „aber Sie
+stehen in der allgemeinen Landwehrpflicht, hier ist eine
+Einberufungsordre für Sie, welche Ihnen befiehlt, sich sogleich in
+Hannover zu stellen, um dem Regiment, für welches Sie bestimmt sind,
+zugetheilt zu werden. Sind Sie bereit,“ fuhr er mit einem forschenden
+Blick auf den jungen Mann fort, „diese Pflicht zu erfüllen?“
+
+„Bereit?“ rief Cappei, indem ein Blitz aus seinen Augen zuckte, „bereit?
+Oh, Herr Amtmann,“ fuhr er fort, den Arm erhebend, „geben Sie mir eine
+Waffe in die Hand, um hinaus zu ziehen in den Kampf gegen jenes Land,
+dessen Erde den Elenden trägt, der mich verderben wollte, und der das
+Glück und die Hoffnung meines Lebens zerstört hat — er wird auch dort
+nicht müßig gewesen sein,“ fügte er mit bitterm Lachen hinzu, „und
+nachdem er meiner Luise den Glauben an mich geraubt hat, wird er ihrem
+leidenden Herzen sich als tröstender Freund genähert haben — aber die
+rächende Gerechtigkeit wird mich führen, daß ich auf den Wegen dieses
+Krieges ihm begegne, um ihn zu vernichten und, wenn es Gott will,
+vielleicht noch seine Pläne zu durchkreuzen.“
+
+„Sie sind also bereit, sich sofort Ihrer Ordre gemäß zu stellen und den
+Fahneneid zu leisten, den man natürlich nochmals von Ihnen verlangen
+wird, da Sie früher dem Könige von Hannover geschworen haben.“
+
+„Ich bin bereit,“ sagte Cappei.
+
+„Sie dürfen nicht vergessen,“ fuhr der Beamte ernst fort, „daß wenn Sie
+den Versuch machen sollten, Ihre Freiheit zu benutzen, um sich Ihrer
+Landwehrpflicht zu entziehen, Sie damit das Verbrechen der Desertion
+begehen würden, welches im gegenwärtigen Kriegszustande unfehlbar die
+Todesstrafe nach sich zieht.“
+
+„Seien Sie unbesorgt, Herr Amtmann,“ rief Cappei, „ich werde mich
+pünktlich stellen, und ich wünsche nur, daß mein Regiment das erste sei,
+welches die französischen Grenzen überschreitet. Darf ich vorher meine
+Mutter und meinen Oheim besuchen?“ fragte er dann.
+
+„Sie sind vollkommen frei zu thun, was Sie wollen,“ sagte der Beamte,
+„vorausgesetzt, daß Sie sich pünktlich zur rechten Zeit zur Einstellung
+melden. Leben Sie wohl. Ich freue mich, daß Ihre Angelegenheit dies Ende
+genommen hat, und ich wünsche, daß Sie gesund und wohl behalten aus dem
+Kriege zurückkehren mögen.“
+
+Er neigte freundlich den Kopf.
+
+Cappei grüßte in militairischer Haltung und verließ kräftigen und festen
+Schrittes das Zimmer.
+
+Groß war die Freude bei seinem Erscheinen in dem Hause seines Oheims,
+wo seit seiner Verhaftung tiefe Trauer und Bekümmerniß geherrscht hatte.
+
+Groß aber auch war der Schmerz der alten Frau, als sie vernahm, daß sie
+ihren Sohn nur wiedersehen sollte, um ihn sogleich wieder zu verlieren
+und ihn hinausziehen zu sehen in die Todesgefahr eines furchtbaren
+Krieges.
+
+Ernst und feierlich saßen die drei Menschen bei dem letzten Wahl
+zusammen, welches nach alter Bauernsitte reichlich für den Scheidenden
+aufgetragen wurde, und welches fast Keiner von ihnen berührte.
+
+Mit thränenden Augen blickte die alte Frau auf den Sohn, der ihr so
+schnell wieder entrissen werden sollte, nachdem Verbannung und
+Gefangenschaft ihn getroffen, um noch größeren Gefahren
+entgegenzugehen — finster saß der alte Niemeyer da.
+
+Er sah zwar lieber den jungen Menschen mit der Waffe in der Hand nach
+Frankreich hinausziehen, als daß dieser sich eine Heimath gesucht hätte
+in dem Lande, das er den alten Traditionen nach, doch immer als den
+Feind Deutschlands ansah, aber die drohende Todesgefahr des Sohnes
+seiner Schwester, den er wie sein Kind liebte, bewegte ihn tief.
+
+Doch endlich tröstete ihn das glaubensstarke Vertrauen auf die Alles
+zum Besten kehrende Vorsehung, dies Vertrauen, das in all' den alten
+markigen Niedersachsen so fest und unerschütterlich lebt und auch in den
+schwersten Prüfungen ihren Muth aufrecht erhält.
+
+„Gott erhalte Dich, mein Junge,“ sagte er einfach, indem er kräftig die
+Hand des Scheidenden schüttelte und obwohl seine Stimme leicht zitterte,
+so klang doch die ruhig vertrauensvolle Ergebung in den göttlichen
+Willen in diesen Worten wieder.
+
+Die Mutter hatte den Ränzel ihres Sohnes mit Brod, kaltem Fleisch und
+Branntwein gefüllt, der Oheim fügte eine mit harten Thalern
+wohlgespickte Börse hinzu und dann beugte sich der junge Mann tief vor
+der alten Frau nieder.
+
+„Segne mich, meine Mutter,“ sagte er leise.
+
+Die Alte legte ihre zitternden Hände auf das Haupt des Sohnes und
+bewegte ihre Lippen, ohne daß laute Worte aus denselben hervordrangen,
+aber die Thränen, welche voll und heiß in diesem letzten Augenblick des
+Scheidens aus ihren Augen strömten, fielen über das Haar des jungen
+Mannes herab. Er fühlte, wie diese Tropfen seine Stirne benetzten, und
+heilige Rührung durchzitterte sein Herz, — er empfand all' den reichen
+Segen, all' die heißen Gebete, all' die frommen Wünsche, welche die
+Abschiedsthräne aus dem Mutterauge in sich schließt.
+
+Dann wandte er sich rasch ab und schritt fest und kräftig über den Hof
+hinaus, vom Thor her sich noch einmal umblickend nach dem alten
+niedersächsischen Glauben, der an einen letzten Rückblick auf das
+heimathliche Haus eine frohe und glückliche Heimkehr knüpft.
+
+Bald hatte er die nächste Eisenbahnstation erreicht, wo schon eine
+Anzahl anderer Einberufener wartete, und nach wenig Augenblicken führte
+ihn der dahinrollende Zug fort, einer dunklen Zukunft voll Kampf und
+Gefahr entgegen, während in seinem Herzen alle anderen Gefühle
+zurücktraten vor der glühenden Sehnsucht, Rache zu nehmen für die
+Frevelthat an seiner Liebe.
+
+
+
+
+Dreizehntes Capitel.
+
+
+Ein buntes und lärmendes Treiben herrschte in den Straßen und der
+Umgebung von Metz. Die Wälle der alten Festungsstadt waren von den
+weißen Zelten des Lagers der französischen Armee umgeben und Truppen
+aller Waffengattungen durchzogen die Straßen der Stadt und des Lagers.
+
+Man sah die riesigen Cürassiere ernst und ruhig einherschreiten, — man
+sah die bunten afrikanischen Truppen, — die leichtfüßigen Voltigeurs und
+Jäger und all' dies Leben war von fröhlicher Heiterkeit und
+Siegeszuversicht getragen, — die Truppen im Lager sangen, tranken und
+spielten, Polichinelbuden waren vorhanden und Alles erwartete mit
+Ungeduld den Aufbruch gegen den Feind, überzeugt, daß es nur eines
+Vorstoßes dieser berühmten französischen Armee bedürfe, um siegreich und
+unüberwindlich bis zum Herzen Deutschlands vorzudringen.
+
+Der Kaiser war seit einigen Tagen von St. Cloud angekommen und hatte
+mit dem kaiserlichen Prinzen in der Präfectur Wohnung genommen. Vor dem
+Präfecturgebäude schilderten die Cavallerie-Doppelposten, und die
+glänzende Generalität mit ihrem Gefolge, die Adjutanten und
+Ordonnanzofficiere des Kaisers, welcher den ganzen Pomp seines
+militairischen Hofes entfaltete, gingen aus und ein.
+
+Inmitten all' dieses Lärms und all' dieses Glanzes saß der Kaiser in der
+Generalscampagneuniform trübe und niederschlagen in seinem Zimmer,
+dessen Fenster durch dichte Vorhänge beschattet waren, um die heißen
+Strahlen der Sonne abzuhalten und der Imperator, welcher hier in der
+Mitte seiner siegesgewissen Truppen sich befand, blickte finster mit
+einem gramvollen, resignirten Ausdruck vor sich nieder.
+
+Er hielt einige Depeschen in der Hand, welche er eben durchlesen hatte,
+und die Nachrichten, welche dieselben brachten, schienen nicht
+erfreulicher Natur zu sein, denn mit einem unwillkürlichen Griff hatten
+die Hände des Kaisers das Papier zerknittert.
+
+„Welch ein entsetzlicher Zustand in dieser Armee,“ sagte er, „welch ein
+Chaos unter dieser glänzenden Außenseite — oh, warum habe ich nicht
+vorher das Alles klar gesehen, was sich jetzt so furchtbar und
+unerbittlich vor meinem Blick öffnet, — jetzt wo keine Umkehr, kein
+Einhalt des Verhängnisses mehr möglich ist. Ich habe eine Verständigung
+im letzten Augenblick noch gehofft, ich habe irgend ein Entgegenkommen
+von Berlin aus erwartet, um noch an der Spitze der gegenüberstehenden
+Armeen das drohende Unheil beschwören zu können und die Concessionen zu
+erreichen, nach denen ich so lange gestrebt. Alles ist vergebens, man
+ist dort entschlossen, das Äußerste zu wagen. Diese Veröffentlichung des
+Benedettischen Vertragsentwurfs, diese Depesche des Grafen Bismarck an
+die Mächte, das Alles beweist mir, daß alle Brücken abgebrochen sind,
+und daß das furchtbare Verhängniß des Krieges seinen Weg gehen muß. Und
+welche Hoffnungen bleiben mir,“ sprach er mit dumpfer Stimme, „mir, der
+ich schon vor dem Beginn des Kampfes ein zerbrochenes Schwert in der
+Hand halte.“
+
+Er starrte im finstern Schweigen vor sich hin.
+
+Die dienstthuende Ordonnanz trat ein und meldete den Prinzen Napoleon,
+welcher unmittelbar der Meldung folgend, in das Zimmer trat. Der Prinz
+trug die Uniform eines Divisionsgenerals und in dieser militairischen
+Tenue trat seine Ähnlichkeit mit dem großen Kaiser noch mehr als sonst
+hervor, wenn dieselbe auch immerhin jetzt noch einen gewissen Anflug
+von Carricatur hatte durch die weit stärkere Corpulenz des Prinzen,
+durch seine unruhige Haltung und durch die nervösen zuckenden Bewegungen
+seines Gesichts. Die Augen des Prinzen flammten, eine dunkle Zornesröthe
+bedeckte seine Stirn, mit hastigen Schritten trat er bis dicht vor den
+Kaiser hin und die dunklen Augen groß auf seinen wie gebrochen da
+sitzenden Vetter richtend, rief er, hastig die Worte hervorstoßend:
+
+„Weißt Du, mein Vetter, in welchem Zustande die Armee ist?“
+
+Der Kaiser senkte schweigend das Haupt auf die Brust.
+
+„Ich habe,“ fuhr der Prinz fort, „schon als ich von den Haiden Norwegens
+nach Paris zurückkehrte, um die erste Entwickelung dieses unseligen
+Krieges mit anzusehen, Dir gesagt, was ich über dieses Abenteuer
+denke — das gefährlichste und verhängnißvollste, welches Du seit Deiner
+Regierung unternommen, — was ich jetzt aber hier täglich, stündlich sehe
+und erfahre, das übersteigt die Grenzen alles dessen, was ich mir als
+möglich gedacht habe. Ich sehe einen ungeordneten Haufen Soldaten ohne
+Organisation, ohne Führung, ohne gesicherte Verpflegung, und wenn jeder
+dieser Soldaten für sich den alten Paladinen Karl's des Großen an
+Tapferkeit gleichkäme, so ist es unmöglich, daß sie etwas ausrichten
+können gegen die Tactik und die Ordnung des preußischen Generalstabes.
+Wahrlich, mein Vetter, der Marschall Leboeuf muß ein Interesse haben,
+Dich und uns Alle zu verderben. Selbst die gewaltigste menschliche
+Dummheit kann ein Verfahren, wie das Seinige, nicht erklären.“
+
+Der Kaiser schwieg noch immer.
+
+„Was denkst Du zu thun? Kannst Du noch Frieden machen?“
+
+„Der Frieden jetzt,“ sagte der Kaiser, „käme der Streichung des
+französischen Namens aus der Reihe der Großmächte, käme der Abdankung
+unserer Dynastie gleich,“ fügte er mit leiser, tonloser Stimme hinzu.
+
+„Was aber denkst Du zu thun,“ rief der Prinz, „willst Du Dich, willst Du
+uns Alle zu den Todten werfen lassen? Willst Du Dich nicht entschließen,
+an Rigault de Genouilly den Befehl einer unmittelbaren Expedition in der
+Ostsee zu übergeben. Ich bitte Dich, übertrage mir das Commando der
+Landungstruppen, wir werden dort die Gegner zwingen, zahlreiche
+Streitkräfte hinzusenden, um wenigstens uns hier vor einem
+überwältigenden Angriff zu schützen.“
+
+„Ich darf Rußland nicht verletzen,“ sagte der Kaiser, wie zögernd,
+„auch England hat sich sehr entschieden gegen eine Bedrohung des
+preußischen Handels ausgesprochen —“
+
+„Willst Du nach Rußland fragen,“ rief der Prinz, zornig mit dem Fuß auf
+den Boden stoßend, „nach England, in dem Augenblick, wo es sich um die
+Ehre, um die Existenz Frankreichs handelt und um die Existenz unseres
+Hauses?“
+
+„Der Marschall Leboeuf,“ meldete die dienstthuende Ordonnanz.
+
+„Dein böser Genius,“ sagte Prinz Napoleon und wandte sich zum Fenster
+hin, ohne den Gruß des eintretenden Marschalls zu erwidern, welcher mit
+ruhig heiterer Miene in das Zimmer trat und mit seiner vollen, langsamen
+Stimme sagte:
+
+„Die Regimenter, welche Eure Majestät heute zu mustern befahl, stehen an
+dem Eingang der Straße nach Thionville bereit, wenn Eure Majestät die
+Gnade haben wollen, hinauszureiten.“
+
+„Der Kaiser sollte lieber die Commandos, die Arsenale und die
+Feldzugspläne besichtigen, als diese armen unglücklichen Truppen, die
+verlorenen Schlachtopfer einer entsetzlichen Vernachlässigung, in
+Augenschein zu nehmen,“ rief der Prinz Napoleon, sich schnell umwendend.
+
+Der Marschall Leboeuf richtete sich hoch auf und blickte mit seinen
+großen, etwas vorstehenden Augen den Prinzen starr an.
+
+„Das Alles ist von mir geordnet,“ sprach er, „und der Kriegsplan
+sichert, wie ich glaube, so gut als das möglich ist, den Erfolg.“
+
+„Der Kriegsplan,“ rief der Prinz, „das nennen Sie einen Kriegsplan, Herr
+Marschall, einen Plan, der darin besteht, auf dieser ganzen weiten Linie
+von Straßburg bis Thionville die Armeecorps wie einen Zoll-Cordon
+auszustreuen, so daß sie sich weder einzeln behaupten, noch gegenseitig
+unterstützen können. Der Vorstoß der preußischen Armee wird das Alles
+aufrollen und zerbröckeln, ehe man überhaupt noch zum Nachdenken
+gekommen ist, und all' die Tapferkeit dieser braven Soldaten wird
+vergebens sein. Wenn der Krieg,“ fuhr er immer heftiger fort, „in dem
+Gehirn einzelner Menschen seit Monaten beschlossen war, wenn er seit
+vierzehn Tagen erklärt ist, so verstehe ich nicht, daß während die
+deutsche Armee in erdrückenden Massen auf uns losrückt, man da nicht ein
+einziges Corps mit dem Nöthigen versehen, vollständig hat hinstellen
+können.“
+
+Bevor der Marschall antworten konnte, erhob sich der Kaiser, faltete die
+zerknitterten Depeschen in seiner Hand auseinander, richte sie dem
+Marschall und sprach mit kaltem, strengem Ton:
+
+„Ich bitte Sie, Herr Marschall, diese Depeschen zu lesen, welche ich so
+eben aus Paris erhalten habe.“
+
+Der Marschall nahm die Depeschen eine nach der andern und las:
+
+„General Ducrot an das Kriegsministerium in Paris.
+
+Morgen werden wir kaum fünfzig Mann haben, um den Platz Neu-Breisach zu
+halten und Mortier, Schlettstadt, Lichtenberg sind in gleicher Weise
+entblößt. Die Preußen sind Herren aller Defileen des Schwarzwaldes.“
+
+„Lesen Sie weiter,“ sprach der Kaiser, während der Prinz Napoleon die
+Hände zusammenschlug.
+
+Der Marschall Leboeuf las:
+
+„Der General-Commandant des vierten Corps an das Kriegs-Ministerium in
+Paris.
+
+Das vierte Corps hat weder Cantinen, Ambulancen noch
+Ausrüstungsgegenstände. Alles ist vollständig entblößt.“
+
+„Weiter,“ sprach der Kaiser kalt und kurz.
+
+Der Marschall las die folgende Depesche:
+
+„Der Intendant des sechsten Corps an das Kriegs-Ministerium in Paris.
+
+Ich erhalte von dem Chef der Rheinarmee das Verlangen nach vierhundert
+tausend Rationen Zwieback. Ich habe nicht eine einzige Ration.“
+
+„Immer weiter,“ sagte der Kaiser.
+
+Der Marschall fuhr fort, die nächste Depesche ergreifend.
+
+„Marschall Canrobert an das Kriegs-Ministerium in Paris.
+
+Ich habe weder Kochtöpfe, noch Näpfe, die Kranken sind von Allem
+entblößt. Wir haben weder Betten, noch Hemden, noch Schuhe.“
+
+„Endlich die letzte,“ sagte der Kaiser, indem er dem Marschall eine
+Depesche reichte, die er noch zurückbehalten hatte.
+
+Marschall Leboeuf las immer in demselben ruhigen, gleichmäßigen Ton:
+
+„General Michel an das Kriegs-Ministerium in Paris.
+
+Angekommen zu Belfort, meine Brigade nicht gefunden, Divisionsgeneral
+nicht gefunden. Was soll ich machen? Ich weiß nicht, wo meine Regimenter
+sind.“
+
+Mit einem Satz sprang der Prinz zu dem Kaiser heran.
+
+„Dieser General,“ rief er, „welcher im Angesicht des Feindes seine
+Armee sucht, das ist das Schlußwort aller dieser Lächerlichkeit, einer
+Lächerlichkeit, welche aber zugleich die furchtbarste Tragödie in sich
+schließt, da sie der Untergang Frankreichs und des Kaiserreichs sein
+wird. Ich will hier nichts mehr sehen und hören, ich verlasse die Stadt
+und beziehe mein Zelt im Lager; wenn ich länger in diesem Hauptquartier
+bleibe, so wird der Wahnsinn mein Gehirn erfassen.“
+
+Und ohne ein Wort zu sagen, stürmte er hinaus.
+
+„Sire,“ sagte der Marschall Leboeuf im ruhigen Tone, „solche kleine
+Unordnungen kommen jedesmal vor, wenn eine große Armee sich
+zusammenzieht. In wenigen Tagen wird sich das Alles von selbst ordnen.“
+
+„Ich glaube nicht, Herr Marschall,“ sagte der Kaiser kalt, „daß ähnliche
+Unordnungen auf der Seite unserer Feinde vorkommen, und ich wünsche, daß
+dieselben in der That in wenigen Tagen geordnet sein mögen. Sie werden
+Ihre ganze Thätigkeit und Energie entwickeln, damit das geschehe, — denn,
+Herr Marschall, die Verantwortung für die Folgen solcher Unordnungen
+wird eine große und schwere sein und in voller Wucht auf Ihrem Haupte
+lasten. Jetzt will ich hinaus, um die Truppen zu sehen.“
+
+Und mit einer stolzen Neigung des Hauptes, welche andeutete, daß er kein
+Wort weiter zu hören wünsche, wandte er sich von dem ganz erstaunt
+dastehenden Marschall ab. Indem er sich der Thür näherte, öffnete sich
+dieselbe schnell und mit Freude strahlendem Gesicht trat der kaiserliche
+Prinz in seiner kleinen, zierlichen Lieutenantsuniform herein.
+
+Er hielt einen Brief in der Hand, küßte schnell seines Vaters Hand und
+rief mit fröhlichem Tone:
+
+„Ein Brief von Mama, den man mir so eben gebracht. Alles ist wohl und
+voll Siegeshoffnungen in Paris. Die kleine Malakoff hat zwei Stück
+vierblättrigen Klee gefunden, welche Mama mir sendet und welche mir
+Glück bringen werden. Ich werde die Blätter in ein Medaillon fassen
+lassen und stets bei mir tragen.“
+
+Er zog den Brief der Kaiserin aus der Enveloppe und hielt die beiden
+vierblättrigen Kleeblätter ganz stolz dem Kaiser entgegen.
+
+Napoleon antwortete nicht. Mit einem wunderbaren Ausdruck aus Liebe und
+schmerzlicher Wehmuth gemischt, sah er einige Augenblicke seinen Sohn
+an, dann beugte er sich zu demselben nieder, drückte seine Lippen auf
+die reine Stirn und sagte:
+
+„Ich will zu den Truppen hinausreiten, Du sollst mich begleiten.“
+
+Der Prinz steckte die Enveloppe mit den Kleeblättern, ganz überrascht,
+daß sein Vater dieselben so wenig beachtete, in seine Uniform und ging
+mit dem Kaiser hinaus.
+
+Der Marschall Leboeuf folgte ihnen. Man stieg zu Pferde.
+
+An der Spitze seines glänzenden Generalstabes ritt der Kaiser hinaus
+durch die belebten Straßen der Stadt nach dem Felde.
+
+Auf der Straße von Thionville, wo zwei Brigaden der Garde aufgestellt
+waren, begrüßten diese prächtigen Elitetruppen in ihrer musterhaften
+Haltung den Kaiser mit jubelnden Hochrufen, in welche die in dichten
+Massen umherstehenden einzelnen Soldaten laut und begeistert mit
+einstimmten. Aber das Gesicht Napoleons erhellte sich nicht beim Anblick
+dieser herrlichen Regimenter. Schweigend ritt er die Front ab,
+schweigend ließ er die Truppen an sich vorbei defiliren und immer
+schweigend wandte er nach kurzem Gruß, den Hut erhebend, sein Pferd, um
+nach der Stadt zurückzureiten.
+
+Noch einmal brauste das vive l'empereur donnernd durch das Lager hin,
+die Strahlen der Sonne funkelten auf allen diesen Waffenspitzen, auf
+allen diesen Gold schimmernden Uniformen des Generalstabes, an dessen
+Spitze der Kaiser gebeugt auf seinem Pferde sitzend, im langsamen
+Schritt nach der Stadt zurückritt, während der kaiserliche Prinz
+ungeduldig sein Pferd zügelte, um an der Seite seines Vaters zu bleiben.
+
+Überall grüßten erneute Hochrufe und die Klänge der Musikkorps, welche
+partant pour la Syrie und die Marseillaise spielten.
+
+Der Kaiser schien von Allem dem nichts zu hören und zu sehen.
+Ausdruckslos starrten seine Augen in's Leere und leise die Lippen
+bewegend, sprach er:
+
+ „Ave, Caesar, morituri te salutant!“
+
+
+
+
+Ende des dritten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen, Dritter
+Band, by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13659 ***